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Erster Band - -Author: Franz Marc - -Release Date: December 31, 2016 [EBook #53845] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive. - - - - - - - Franz Marc / Briefe - - - Franz Marc - - - - - Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen - - - Erster Band - - - 1920 - Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin - - - - - Alle Rechte vorbehalten - Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin - - - - - Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14 - Herbst - - L...., - -habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr -stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles -anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der -Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als -möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevölkerung -äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr franzosenfreundlich -ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist -offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung _Saales_; -wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß -mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur -Kommißbrot aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und -spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel -spätere Zeiten; wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe -immer noch auf _Belfort_ über _Épinal_. - -Gruß Euch beiden, N's -- -- -- -- -- - - - In _Sâles_, 2. Sept. Nachm. - -Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 -Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so -etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant *** zusammen (der -Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten -nach Frankreich hinein bis _Remomeix_ (vor _Dié_), vor uns eine riesige -Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen -schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg -stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße _Saales-Dié_ ein -unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich -immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben -wir auf unserm Ritt auch bekommen; in _Sâles_ gibt es gar nichts mehr. -Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am -Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel -installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man -ruft mich dazu in's Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar -Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in _Sâles_ -beobachten; »Wallensteins Lager«, aber in echt. Unsre weitere -Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon -aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf -dem wir biwakieren. - -Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. --- -- -- -- -- -- - - - 6. Sept. 14. - _La croix aux mines_ - bei _Laveline_ - -Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und -schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in -meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, -das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den -kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf's allermöglichste auszunutzen. Im -Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in -die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas -zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des -ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit -entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele -Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger -vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe -haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr -wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich -nicht mehr. - - -- -- -- - -- Fz. - - - 10. Sept. 14. - -_p. L._ Eben las ich an diesem stillen Tage _L'histoire des Girondins -(Lamartine)_, das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch -kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt. - - - 11. Sept. Früh. - - L. M. - -gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. -Der bedeutete offenbar den _Schluß des 1. Kapitels_ meines Feldzuges. -Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel _Laveline-La -croix_ (_Col du Bonhomme_) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr -könnt Euch das Bild auf den Heeresstraßen (Richtung _Saales_) -ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt -dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden. -Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in _Colroy_ in einem -Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen -glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von -Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im -europäischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine -Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von _Colroy_ sein. Schickt jetzt -natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen. - - - Grube, Samstag, 12. Sept. 14. - - L...., - -Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das -Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen -sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt -sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir -zogen von _Lubine_ über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von _St. -Dié_ nach _Urbais_ 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg), -ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs- -und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges. -Wir gingen über _Urbais_ hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den -Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern -was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, -ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, -Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß -solcher -- Selbstverständlichkeiten -- _d'autrefois_. Ob wir nun nach -Schlettstadt-_Belfort_ kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach -Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir -blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! -Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem -Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen? - - - Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914. - - L.... M...., - -heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben; - --- -- -- -- -- - -Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; -wahrscheinlich, weil die »Ereignisse« mir den Horizont versperren. Man -kommt nicht über die »Aktion« hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. -Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, -- im -Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder -Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz -verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so -mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre -Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, -chiffriert, -- oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die -wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist -unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch -Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden -Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir -direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der's doch noch am -besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch -besser, -- aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! -Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den -Kriegsfreiwilligen weg bin, -- ich glaube doch hier in unsrer -Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als -die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird's wohl werden! Ich glaube -an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht's doch noch eher! Wenn -diese Engländer nur nicht alles verschlampen. - -Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, -- -- -- -- -- - - - 22. IX. 14. - -L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die -3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die -blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer -Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die -Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt -der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte -ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst -wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar -nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.'s und von Dir) vor -cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die -Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter -klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt -zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann -zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, -- -bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was -schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben -(Tintenstift, Meldekarten etc. -- ich werde solche Dinge selbst besorgen -können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige -Zigarren, -- man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, -ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber -sonst sind wir für alles _äußerst empfänglich_. - -Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir! - - - Aus Straßburg, 24. Sept. 14. - -Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht -gefahren von _Saales_ aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum -Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen -dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so -merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in -einem »Löwenbräu-Ausschank« und esse mich an großen Butterbroden und -Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im »Roten Hahn« in -München säße -- und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir -kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne -Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen -Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung -fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine -Selbstverständlichkeit geworden! - -Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; -im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; -Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar -merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, -wie ich mich aufs Malen freue. - -Sei du und Maman herzlich umarmt von - - Eurem Fz. - -Streichle Russi und die Rehe von mir. - - - _Lubine_, 30. Sept. 14. - - Liebe Maria, - -heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der -Thüre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine -Darmgeschichte ist recht übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur -drei weiche Eier und paar Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich -etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist -gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich -nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und -elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer mit grauen -Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich sie -den Berg bei _Lubine_ ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten -gezeigt haben! Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. -Wieviel gesunde Männer mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir -halten uns hier nur mit Mühe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe -umgewandelt; ob wir uns dauernd auf französischem Boden werden halten -können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind -ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig. -Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in -meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden -Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man -ist hier natürlich überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und -kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man -tagsüber zu Hause bleibt und sich krank fühlt. - -Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich -bin zu müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch -deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht -kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch -keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, da ich beständig Durst -habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. -- Also _Saales_ brennt -an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in _Bowy-Bruche_. Alles muß -nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen -nicht zu verraten und der Beschießung durch französische Fußartillerie -zu entgehen. - -Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt -immer, sie drücke auf _St. Dié_ und _Épinal_ herunter, um den uns hier -bedrängenden französischen Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus -alledem scheint nichts zu werden, ebensowenig als aus der raschen -Entscheidung vor Paris. Wie lange mag das noch dauern! -- Meine Lektüre -sind hier alte französische Journale (Juli 14, ohne die leiseste -Vorahnung des Krieges; -- es ist tragisch, an das ahnungslose schöne -Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich -Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese. --- - -So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von _dem_ Herbst, den man -sich vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein -Herbst in Ried sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich -verzweifle schon Weihnachten heimzukommen, ich glaub es nicht. - -Ist die Hanni wieder ausgerissen? - --- -- -- - -Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl -interessanter, sobald ich wieder gesund bin. - - - 2. Okt. 14. - -L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in -sorgfältige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht -mehr Jägerkaserne, sondern _Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9_. -Es war ganz nett, daß ich gestern in dem originellen Städtchen (noch -viel mehr die Stadt »Perle« als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich -fühlte mich nachts wieder so schlecht, daß ich mich heute einfach -selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt -vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand um mich, -ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte -Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus -unter beständiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder -hinauszugehen, muß ich mich _ganz_ gesund fühlen, sonst thu ich es -nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt über meine Pflege und -Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schöne -Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal der Herbsttag auf. -Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den -Frostnächten springen sie auf und fallen ab. - - - 4. Okt. Sonntag. - -Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen -Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, -daß _unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden_!!! -(näheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, -was wir dort erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich -jeder, daß er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun -sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird -lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nämlich nicht so -einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle mich heute im Magen -um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und ich habe kein -chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre. - -Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen. - -Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen -und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett -beginnen. - - - 8. Okt. 14. - -L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht -ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich -fühle mich unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt -allmählich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch -wenn ich wieder draußen bin, nicht mehr abreißen; ich werde »hinter der -Front« arbeiten; das bißchen Schreiben und die Ruhe haben mir gut -gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von größerem -Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem -Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das -Wetter ist himmlisch schön. - - - 11. X. 14 Schlettstadt. - -Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, -- sechs Wochen bin ich nun -schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht -es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, -_bouc-aigle_, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in -Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen -»Nachessen, mit Rotwein«. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld -kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine -glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer -hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich -sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, -Vogesenausflug, -- Straßburg etc. -- Paris? Vielleicht finde ich Zeit, -in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu -sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die -verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich -bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im -Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, -sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch -verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. _Das -Ungesagte wird im Beschauer zum Wort._ Mantegna und Bellini haben es ja -noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in -London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, -- ist es -nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das -gemalt, -- gebaut ist. - -[Fußnote 1: Filippo Mazzola, Auferstehung -- und Straßburger Meister, d. -Hl. Konrad von Konstanz.] - - - 11. Okt. 14. - --- Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt -für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich -will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich -sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel -schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, -leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch -tausendmal schöner. - -Also von nun an wieder Truppenadresse. - - - Schlettstadt, 13. X. 14. - - Liebste, - -siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte -ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von _Lubine_) reiste und war -ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn -erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem _ich_ ihn zeigte, -mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch -zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als -der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des -Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich! - --- -- -- -- -- - -Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl -ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz -anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die -Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die »exakten Wissenschaften« -denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen -neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf. - -Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint -man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie -schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen -mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite -stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und -fand sogar _Ried_ darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf --- Aidling, Riegsee -- Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!! -Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky -über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute -eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit -Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, -- heute bedeutet das -für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, -er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort -predigen; oder in der Schweiz, -- ich selbst bin aber mehr Deutscher -geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber -_kein Maler_! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich -ihn habe. Das sind _meine_ Sorgen! - -Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha -von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist's ja gut, aber -es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme -Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst -Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem -Schrecklichen, -- es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten. -Bleib nur jetzt recht lang in Ried. - -Seid beide herzlichst gegrüßt .... - - - Schlettstadt, 15. X. 14. - -L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel -stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze -möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich -milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist -symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen. -Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die »Wissenschaft« -denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen -moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er _muß_ -aber gefunden werden und nicht _au détriment des sciences_, sondern in -voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, -- sie ist -das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst -haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben. - -Schicke Exemplar der »Vossischen« an Köhler (mit ein paar Worten, daß -ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute -einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er -möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky -sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir -mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. -Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute. - -Morgen geht's wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und -zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte -aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen -will, -- ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht -kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich -Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie -soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und -Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide, -sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und -graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht -unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und -Schwaben, -- ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das -Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des -Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich -die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als -daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und -ungeheuer _sicheres_; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten -hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm -wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte -längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. -- -- -- -- -- -- -- - -Ich warte hier _jedenfalls_ Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst -Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. -- Heut saß ich -genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im -Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum, -ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage -hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von -hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100 -Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß -doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob -sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein -Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals -weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich -bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne -werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich -andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich -über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen, -wo ich weggehe. - - - 17. X. (Sonntag). - -L...., bin heute bis _Gorze_ gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein -Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse -Nebel. _Gorze_ ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche -heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung -_Chamblay_. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch -geschrieben. -- Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht -vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt. - - - _Buxières_ 19. X. Montag. - -Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach _St. -Bénoit-Vigneulles_, von da aus mit Fouragewägen südlich bis _Buxières_, -wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. -Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo -der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen -soll. - -In Eile! - - - _Gorze_, 17. 10. Sonntag. - -Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach _St. Bénoit_, wo das -Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit -bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in -dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin -froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf -zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und -Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen -getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz -herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, -pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich -Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß. - -Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es -ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich -jedenfalls darauf. -- Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines -Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der -Schlacht bei _Gorze_ 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. -- Hier -in _Gorze_ liegen _frische_ Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz -unthätig, -- ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie -sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache -unbedingt, die deutsche Sache steht gut! - - - _Hagéville_, 20. X. 14. - -Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! -Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre -Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien -sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein, -irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial -ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese -tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt. -Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen -Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, -- -so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es -mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise -schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens -auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und -Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist -blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas -revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie- -und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich -jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, _gute leichte_ Zigarren (die -Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich -etwas von _Deinen_ Likören. -- Man redet jetzt viel vom nahen Ende des -französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es -ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht -in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so -ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause -geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren! - - - _Hagéville_, 23. X. 14. - - Ach Liebste, - -Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und -mich äußerlich dazu stellen soll, -- letzteres ganz wörtlich: die nackte -Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten -Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte -in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, -- und heute, wo ich -von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und -stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu -einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in -einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August -hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; -Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu _allem_ -reif, zu _jedem_ Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! -Wahrscheinlich _ganz_ allein. Gewiß hast Du mit *** recht. Die Not des -Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche -_Erstlingsthat_, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. -Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und »auf gut deutsch« -mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur -westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist -würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so -»fernen« Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu -_durchschauen_. Du schreibst ja auch ganz richtig über *** und ihn -- -Slaven; aber bei *** darf man seine That nie vergessen. - --- -- -- -- -- -- - -Grüße und streichle die Rehkinder - - -- -- -- -- - -- Frz. - - - Sonntag 25. X. 14. - -Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer -fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen -Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das -Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr -interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen -Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den -feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die -Batteriebereiche zu drängen. - -Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt -verloren zu sein, und zwar beim Brand von _Saales_, bei dem 8 große -Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, -daß französische schwere Geschütze _Saales_ plötzlich in Brand -geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in _Buxières_, wo -der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das -sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden. -Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen -Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die -aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung -jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich -behandelt. -- - -Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde -Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; -ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des -Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich -darunter. - - - _H...._, 30. 10. 14. - -L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich -bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es -Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen -Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim -nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten -Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues; -wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von -Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das -Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es -geht mir famos. - - - _Hagéville_, 1. Nov. 14. - -Liebe Maman, heut an »Allerheiligen im Felde« schicke ich Dir einen -kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und -nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der -»Altweibersommer«, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von -einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen -Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der -Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren -Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute -war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf -der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus -eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem -Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die -fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und -früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas -kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und -hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier -ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd -(einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst -schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten -auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen; -letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst -ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf -ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken -sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist -merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; -- --- -- -- -- Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von -D. Frz. - - - _Hagéville_, 11. XI. 14. - -Liebe Maman, jetzt wird's allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, -kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, -wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen -und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie -die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der -Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt -wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im -September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu -schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien, -Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß -Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist -wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie -ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche -zu erleben, -- nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner -träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt -sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich -empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, -sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein -von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für -verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure -seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere -Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf -alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man -wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, -sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues -europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer -dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen -waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und -Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht -weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich -viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne -Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, _kann_ -es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. -So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner -Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu -Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich -werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir -Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier -kein Soldat. -- -- -- -- -- - - - _Hagéville_, 16. XI. 14. - - L...., - -heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel -Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn -ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu -ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, -die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. -Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben -darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch -einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht. --- Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist -- meines Wissens -wenigstens -- unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf -jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch -merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte -nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, -- und mit den Jahren -wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig -genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten -laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen -mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf -wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch. -Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.'s in Pflege zu geben, damit die -Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.'s, oder wo Ihr -ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im -Hause und Garten, und Welf, den wir _brauchen_, wird nicht ganz närrisch -und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur -Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich -ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen -darf, hat er _genügend_ Bewegung. - --- -- -- -- -- - -Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 »Züge« _à_ 3 Wagen. Ich bin als Unt. -Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da -ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten -Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen -will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei -anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, -die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut -haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird -angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen -rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab -und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn's -hell wird, gehe ich _vis-à-vis_ ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich -eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte -Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von -K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen -Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen, -je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. -Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. -- - -Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein -Schokoladepaket von Münter. -- -- -- -- -- - -Mit dem *** bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den -Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da -ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch -nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur -jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der -Geist der Stunde ist es wert. - - - _Hagéville_ 18. XI. 14. - - L...., - -unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder -jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie -übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, -- kein Vergleich -mit den Vogesen!). - -Das in den amtlichen Berichten angegebene »langsame Vorrücken«, kleine -Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist -buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser -Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht; -alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger -sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir -dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können. - -Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz -weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren -und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. -In den Dörfern dampfen die Misthäufen, -- Du kennst ja die Stimmung. -Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem -französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das -Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch. -Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein, -meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische -Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl -beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen -vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und -der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist -der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt! - -Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn ***, den -ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er -ist seit einigen Wochen hier, als »Schreiber« bei der Abteilung. Er ist -ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große -Wohltat ist. - --- -- -- -- -- - -Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen -zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, --- ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, -- so -wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen -Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre. - -Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch -am meisten die -- Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz -verzehrt! _Ausgezeichnet_ mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann -den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des -Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin -froh, daß er mir widersteht, -- um so größere Wohlthat war mir Euer -Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht -probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben -durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich -sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles -fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von -Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund --- -- -- -- -- - - - _Hagéville_, 23. XI. 14. - -L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt -und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, -Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze -Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu -sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in -dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen -denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur -Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine -Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens _möglich_ sind, -- letzteres -wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich -schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses -Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den -reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt -unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder -anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im -übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; -Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern. - -Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die -Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher _geringer_, als als -Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die -doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die -artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, -- man muß einfach Glück -haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den -Kolonnen, selbst den _schweren_ Artillerie-Kolonnen weit größer als -jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so -geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden, -man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns -so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei -panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. -- Sehr -nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht ***'s Antwort. --- Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt? -Thut es bitte. -- Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! _via_ -Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich -fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach -der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich -immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne -Störung. - -Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur -Backwerk und dergl. -- Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und -macht mich gesund. - - - 5. Dez. 14. - - L. M., - -heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber -ich denke wohl aus gutem Zinn, -- (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint -es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich's -mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel -klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt. - -Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen -Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen -Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man -doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand -französisch kann als ich, hab ich's gern übernommen. _Hagéville_ kann -sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! -- Ich bin -nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen; -allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in -den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös -- ungeduldig. Ruhe zum -Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche _Thätigkeit_ -fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und -Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich -übrigens _gar keine_, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen -Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine -Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf -Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich -»unnötig« hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine -Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine -Arbeit und an's Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng -angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, -nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante -zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und -hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges -Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht -mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht -sein. - - - _Hagéville_ 11. Dez. 14. - -L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung -einer angegriffenen Stellung bei _Pont-à-Mousson_ (südlich Metz, -lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit -größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in -den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die -voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser _Hagév._ Quartier -zurückkehren und ich -- soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit -zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant ***, der immer sehr nett zu mir -ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir -diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt -hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im -Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein; -ich dachte auch an Dich, -- Du wolltest sicher lieber, daß ich im -stillen _Hagéville_ bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für -mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; -denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort -erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab _Mars-la-Tour_ -verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als -Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem -Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, -daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße -einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab -bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier. -Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die -Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die -Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf -diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar -Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, -- die -sind froh, wenn wir ihnen nichts thun. - -Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster -zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit -unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich -wieder alles in Ruhe in _Hagéville_ versammelt! Wir sind in den letzten -8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm -in einem Veteranenverein, -- alte Leute, die sich nicht gern in ihrer -Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! -- Also sei nicht -ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, -- -vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, -- -vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen! - -Gute Weihnachten! -- -- -- -- -- - - - H, den 13. Dez. 1914. - -L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz -traumhafte Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß -draußen, am Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm. -Ich sitze viel in meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder -an einem neuen Aufsatz. Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der -Aufsätze nicht das Autorrecht verliere, sie nachher gesammelt -herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, wird auch -Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch -vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei ***, der sich -wohl darin auskennen wird. - -Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich -sehne mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer -bleiben. Monate zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann -ist alles gut. -- Draußen ist ein elendes Schweinewetter; meine -Kameraden haben's nicht gut. Und ich sitz hier gemütlich im Trocknen; -ich hab halt »Glück«, wird Maman sagen. - - - H, den 15. Dez. 1914. - -L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem -Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen -ziehen wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie -füllt ein kleines halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen! -Meine harmlose Aufgabe hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus, -zum mindesten zu einem Transportproblem und Kunststück. Die Armeeabt. -Gaede, der wir jetzt angehören, resp. die Division Fuchs, ist eine -Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst Du Dich _gar nicht_. Ich -sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu können; denn am -ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden. - -Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher -- zurück -- kommt, also -alles beim alten bleibt. Ich glaub's nicht; warte jedenfalls bestimmte -Nachricht ab, ehe Du _Briefe_ mit neuer Adresse schreibst. - - - Metz 16. Dez. 14. - -L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h -alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde -etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war -dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon -gemütlich auf der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren. -Die Adresse wird nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. -- -- Wir -haben ca. 800 Weihnachtspakete als Transportgut!! Deines ist leider -nicht dabei, kommt also am Postweg nach -- aber wann?! - -Gute Weihnachtstage! - - - Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend. - - L., - -nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und -Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat -natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen -bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es -wäre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen -dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natürlich jetzt schon kräftig -an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um nicht sofort damit -anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise sehr -anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher -Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln. -Von Koehler kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles -andere, eine sehr männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen -freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß -auch in Deine Hände! Verlebe Weihnachten nur recht fröhlich und -zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber daß es -verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das -glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von -Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung -hinauszuzögern, nachdem Rußland so versagt hat und die Kosten für -Frankreich ins Ungemeßne steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten -Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch -der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen Umschwung der -ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz -Marc. - -Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist -wie am Anfang in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl -wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was »Kaserne« -ist, wirst Du etwas nachfühlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II. -warst; _ça pue_, man ist völlig unfrei durch das Milieu, durch den -Mangel an Originalität und Intimität des Milieus. Das Einzige, was mich -freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins -Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In -den Ställen in _Hagéville_ konnte man die armen Tiere kaum im Stall -satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches -Stroh; es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung -mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in -der Dreckluft und Staub der Ställe sich immer neu infizierten. Mir -blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser -Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzählt, -nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde _gelegt_ und im -trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde -versöhnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens -nicht, daß unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in -Stellung war und _glänzend_ geschossen hat, kehrt morgen schon wieder -siegreich nach Mühlhausen zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch -dieses kurze »scharf schießen« dieser Batterie einen neuen Lorbeer -errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, auch Metz, -Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man glaubt -kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen -den Ausschlag gegeben haben. - -Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen -Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich -drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt, -das ich bei vielen seiner merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für -das _eau de Cologne_, das mir recht wohlthun wird. Also den -Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und unsrer sehnsüchtig -aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur -um August werden wir zwei immer trauern. - -Ich habe in den 3 stillen _Hagéviller_ Tagen scharf an meinem -Gedankengang gearbeitet, -- nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen -und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäuel. - -Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und -das kleine Bäumchen von Lasker. -- -- -- -- -- - - - Mühlhausen, 22. XII. 14. - -L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter -Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig -erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, -was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine -Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt -arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges -enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die -Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe -Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch -erklärt, -- es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen -will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in -Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer -kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen, -wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis -würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung -setzte. Daran denke ich gar nicht. -- -- -- -- -- - -Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit -zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich -selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und -soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie -die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner -Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig -ist, -- solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! -- -Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden -durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen -lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren -den Maler Helmuth ansahen, -- ist es nicht komisch? -- -- -- -- -- - - - M., 23. XII. 14. - -L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, -- -Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, -Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr -liberal die Kolonne versorgte. -- Wir hatten gestern ein kleines -Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General -F., der sehr entzückt schien über »die Bayern«. Es scheint mir sehr -sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist's ganz -recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß -die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen -aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird -mir -- politisch gedacht -- immer rätselhafter, der selbstmörderische -Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu -sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines -tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser -tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten »Fehler« in der Politik. -Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, -wenn auch unsere »Interessen« ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr -ich's verlange! - -Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt -einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte -Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen -Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute, -zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich. -Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel -aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich -immer und kann mir kein Bild davon machen. - -Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk -an mich, an uns beide. -- -- -- -- - - - Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube. - - L., - -ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht -über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber -nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an -mein Leben und unsre Zukunft -- und Vergangenheit denken. Vergangen ist -so viel in diesem Jahre! Das Haus »Hinter der katholischen Kirche«, das -Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, -- die Frauen sind -überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich -sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem -Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns -und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage -sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar -nicht heim -- schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so -gesund geworden zu sein, daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue -auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wäre in München -stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und hätte für mein -Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen, -was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und -melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, -- Du wirst es auch -sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie -früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre, -viel seltener sogar. -- Was mir das Soldatenleben schwer machte, (-- es -wäre in München das Gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst -hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst -immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß. -Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein -brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und beschäftigt werden -als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie. -Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, will -es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten -Gespräche denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und -Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das -Ohr und Auge bekommen hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge! -Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu -sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen, -meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes -vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja -eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und -Schwere, -- wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die -wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser noch wieder eine -und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist -mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt -erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf -ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem! -An solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig -Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist -wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schluß sein wird? Ich glaube -immer noch an ein _plötzliches_ Nachgeben der Franzosen, an das »Wunder« -auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist übrigens -Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden -plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die -Engländer haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und -Frankreich sich gegenseitig verbeißen und bis zur Verblutung schwächen. -Ein ganz geschwächtes Frankreich ist das gefügigste Werkzeug der -späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer den Krieg auch so in die -Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, denn -hier liegen englische strategische Interessen. Am _Anfang_ war das -anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die -Russen und Franzosen in der _Offensive_ versagt haben, ist der Plan und -die Politik der Triple-Entente längst dahin; sie besteht nicht mehr. -England kämpft nur mehr für sich und profitiert von der Schwächung -_aller_ Staaten. Die letzte große Offensive der Franzosen seit dem 16. -Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor Verdun -sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte _genau_ mit den -Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es -wohl auch so sein. Frankreich _kann_ nicht mehr lange standhalten. Ich -glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche -Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der französischen Frontlinie von -Norden her scheint unmöglich. Freilich hab ich immer gedacht, daß die -Ereignisse schneller kommen würden; aber _kommen_ werden sie und mit -ihnen der Tag, wo man »_das Ganze halt!!_« blasen wird. Dann komm ich -wieder! - -Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo -ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt -gesund und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues -Jahr uns allen! - - - 27. Dez. 14. - Bertschweiler (südlich Gebweiler) - - L., - -ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges -zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit -verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute -Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den -Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit -viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in -dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter -Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man, -wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich -unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der -Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als -ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der -Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für -Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch -das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande -Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend -besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo -aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf -vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald -wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da -schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in -tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen -Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch -an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den -Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der -Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher -Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch -ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen. -Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich -um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine -Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist -notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen -Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen -und Städtchen, die man kennen lernt, der »Impressionismus«. Wir glauben -nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen -an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr -traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch. -Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf -das Wiedersehen harre. - - - Neujahr 1915. - -Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als -ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind -alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir -tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und -taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich -jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich -bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in -Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im -Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz -neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins -Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch -der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer -Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: »leicht und -unter schweren Verlusten für den Feind«) zurückgewiesen. So war es vor -Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im -Osten. Die 42 stehen _alle_ an der Küste, dort oben wird die -Entscheidung fallen, -- wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die -ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner -Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit -Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder -besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird. - -Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so -geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich -einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und _heim_komme! Um -unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- Fr. - - - 2. Jan. 15. - -L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist -alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war -gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich -sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine -Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem -systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist -lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß -herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die -»Gänge des Duells!«, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld -reißt und er »Ruhe haben will« und er, nach Erkundigung der feindlichen -Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen -Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen -Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der -Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir -zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als »Strafe« -schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem -wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht -zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier -kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in -warmer Stube und schreib an meinem Artikel! -- Alles Liebe und Gute -- --- -- -- -- - - - Bertschweiler, 3. Jan. 15. - - L., - --- -- -- -- -- -- Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend -schnell, und während sie eilt, »steht« der Krieg; man fühlt nur das -furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der -furchtbarste Moment des Krieges. -- Wie geht es wohl Euch? Ich denk so -viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von -meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft -lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, -- es kann nicht -mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das -_Wie_ des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund -- -- --- - - - 7. Jan. 15, abends. - - L., - -endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner -Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt -jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und -doch wußte ich's nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders -schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit -geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon -lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht -und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den -Krieg wären alle diese Gedanken nicht »denk«bar, z. T. noch gar nicht -vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und -Klee. - --- -- -- -- -- Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der -Luft, aber es ist immer wie im März. - - - 11. II. 15. - - L., - -hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst -nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, -so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser -gebrauchen. - -Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. -Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, -vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf -diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese -kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes -Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine -Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger -bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer -kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für _alle_ Teile; der -ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was -man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. -Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der _ganze_ Leib unter der -Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird -bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist -mir nie bang, -- aber was wir am _äußeren_ Reich erleben werden, das -können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die -kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen! - -Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle -Sehnsucht hinein, aber auch allen _Mut_. - -Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine -oft, ich bin auf der Alm! - --- -- -- -- -- Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich -noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. -- -- -- - - - 20. Februar 15. - -L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß -schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich -habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die -Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja -natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind -zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen -Photographie von außen, Fenster _rechts_ der Türe, ich beilege, in dem -es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das -Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der -Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und -die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar -lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel -korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich -müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre -natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene -ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn _Du_ es -abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite -einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen -setzen könnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, -das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern --- _tant mieux_! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist, -sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht -mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das -Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, -wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, -das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und -nicht als »Literatur«. -- -- -- -- -- - -Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, -neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige -Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach -einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, -- -aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler -bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren -überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von -vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _muß_ es eben. Ich -schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu -reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich -überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der -Ergänzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder »Stoff« -zum Leben. - -Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das -Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in -seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift. - - - 21. Februar 1915. - - L., - -morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war -ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und -nachkorrigiert, -- ich möchte das lieber nach einer gewissen Pause -machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. -- Von Lasker bekam -ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, daß ihr die Menschen immer -»Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen«. Sie war sehr krank. -- --- -- -- -- - - - 14. III. 15. - - L...., - -heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen -Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, -wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben -schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon -Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles -recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was -macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan -wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen -Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern, -wenn der Schnee weg ist! -- Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken -willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur -nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart -nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden -Zeiten; es sind keine _schöpferischen_ Menschen. Mein Hauptgedanke ist -jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, _vor sich_ arbeiten. - - -- -- - Fz. M. - - - 17. III. 15. - -L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner -»Tierschicksale«. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. -Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; -ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der -verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir -ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche -Bilder _vor_ dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem -Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine -Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. -Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein -muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal -ihre Auferstehung feiern. - -Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an -Dich und Ried und die Rehe -- über Euch allen stand sie auch, so fein -und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so -sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken; -die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung -steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen -Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis -zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im -Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich. - - -- -- - Dein Frz. - - - 27. III. 15. - -Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf -einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft -alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich -periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die --- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen -europäischen Dramas; die Unberührtheit ***'s!! usw. mache ich freilich -nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so -wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; -buchtechnisch und als »Klang« _äußerlich_ ganz verfehlt und innerlich -verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im -Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun -haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den -Plänen von ***) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge -»bilden«. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton -möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil -ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im -toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, -die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hörer_ nicht braucht, -- im -Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im _Zuhörer_ lebt und -auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; -Dürers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind -ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch, -wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig -begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, -selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu -angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, -ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich -glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren -Bildes. - -Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe -ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. -Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du -verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen -etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die -Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch -meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das -beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal -einen Komponisten spielen zu hören. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- - Dein - Frz. - - - 28. III. 15. Palmsonntag! - -Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. -Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung -vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und -heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr -bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen -Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein -auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus -den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst -wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der -Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir -ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was -Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es -erlebt haben. - -Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die -ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es -ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von -menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei -mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier -Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg -vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße -»Situationen«, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie -»sieht«. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen -Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches -ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn -bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger -Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen -Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. -Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule -Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_) -Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon -einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich -ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes _Erlebnis_, keine -Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden; -vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig -möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache -auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den -ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich -gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die -Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander -sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch -des Lebens, der »möglichen Situationen«. Ich verstehe jetzt auch die -vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube -oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, -die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die -Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und -Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe. - -In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glücklich. -Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in -diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei -Dir und allem was zu _unserm Leben gehört_ sein. -- - -Mit liebem Osterkuß - - Dein - Fz. - - - 29. III. 15. - -L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. -Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese -kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig -über Deinen Widerspruch bin, sondern nur _dankbar_. Über Kunst kann man -nicht »reden«, höchstens über die _Mittel_. Es wird gewiß mein Fehler in -den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und -Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren, -während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es -Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite -und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber -daß die »Form« von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen -hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, -beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft, -neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, -- ohne das geht's -nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten -wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst. -Das _Werk_ freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der -Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn -nichts an, auch unsre »Mittel« nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß -ich die Aphorismen eigentlich _nur für mich_ geschrieben habe, und Du -errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von -meiner »Romantik«, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie -als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin _sehr_ neugierig auf Tolstoi. -Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer _Zweck_ in -der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase -empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch -viel über alles schreiben: -- Schreib mir einmal: ist *** _produktiv_? -_schafft_ er wirklich oder _lebt er nur rein_? Ist er ein mehr passiver -oder aktiver Geist? - - -- - Dein Frz. - - - 30. III. 15. - -L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und -machen mich _sehr glücklich_. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich -immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden -und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und -mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht -verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit -dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen -Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege -sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche -Verbindung mit dem Ziel; einer der _nur_ lebt, und in Reinheit wie ein -Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des -Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein _produzierender_ d. h. -»_sich quälender_« Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin -mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B. -auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust -Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu -gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von _Kunst_; ich habe bei meinem -Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine -»Sünde wider den heiligen Geist« ist, über die Form nachzudenken, -- das -ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird -mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich -an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des -Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die -_Form_ gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst -wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr -tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht. -Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir -in ihren _reinen_ Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien -Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein -Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu -machen getraue (ich will es auch gar nicht), -- während mir sentimentale -oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine -Musik sentimental gespielt, _gar keine_ Freude macht, schon aus dem -Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher -gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch -noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das -was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich -noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest -damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner, -unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich -nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade -_deswegen_ unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist -und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht, -wie ein Rokokozierat, _sehr reines Kunstgewerbe_. Das gibt es freilich -heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt -den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und -darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen -Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es -chinesisch, wenn ich 1915 lebe, -- 1915. Das ist so wahr, aber leichter -gesagt als gethan, _nämlich das »1915 leben«_! Dazu muß man vielleicht -die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig -_viel umfassen_; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der -Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein -frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und -vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum -_Schaffen_ kommen, weil sie vielleicht _zu rein_ und keusch sind), -sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich: -daß der »Betrieb« meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und -ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. _Der Gedanke an ihn ist -mir gräßlich._ -- - -Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für -Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher -sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was -kostet; das macht nichts. - -Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute -ist, -- das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in -meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und -Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird. -Gerade _reine_ Kunst denkt so wenig an die »andern«, hat so wenig den -_»Zweck«, die Menschen zu einigen_ wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt -keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und -ganz »für sich«! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber; -verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi'scher Gedanken; ich -verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach -jahrelanger Pause; aber lies _Du_ jetzt einmal -- Nietzsche: Jenseits -von Böse und Gut -- Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte -(bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später -einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief -soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe, -sondern zunächst und vor allem meine _freudige Zustimmung_ zu dem -künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen -erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein _Weckruf_; und dann kurze -verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind. -Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. -- -- -- -- -- - - - Ostersonntag 15. - -L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die -Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an -die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle -kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden -beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem -fruchtbaren »Osterwasser«, das doch auch von jeher als besonders -heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden -Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu -erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich -immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als -Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung -heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen, -so gründlich und feiertägig, als wir nur können. -- Was ist wohl mit -Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links -stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich -- unten, -(Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt -doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind -und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig -preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn -doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben, -wie es damit steht. - -Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr -benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für -Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein -paar Blümchen hinein. - - - 6. IV. 15. - -L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir -gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und -besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, -daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz, -vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen -habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser -Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst -_dachte_ ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich -handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen -muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege -gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr -Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich -umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen _Fühlen_ kommen und mich -immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir -leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles -gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen -schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt -mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein -zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden -Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir »äußerlich«; wörtlich genommen ist -es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch -nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des -Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier -viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit -Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das »lebendige Gefühl«, von dem Du -immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben -und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu -kurz, um sie an die »Welt« zu verschwenden. Was ich in Artikel I -schrieb, scheint mir noch immer nicht »ein unwahrer Trost«, wie Du ihn -zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz -allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird, -beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem -Leidensopfer und der _Reinigung_. K. hat wohl insofern recht, daß der -Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; -was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; -aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr -aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr -Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um -»ins Reine« zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist -gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die -sterbenden Krieger sind _nicht häßlich_. Da trügt Dich _Dein_ Gefühl, -weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut -es Dir möglich ist, wenn Du sein »Bild« nicht ertragen kannst, aber -erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg -ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar -etwas sehr Großes und Furchtbares. - -Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief -von Lisbeth. -- -- -- -- -- - -Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett. -Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? -Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr -neugierig. - - - 7. IV. 15. - -L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel -klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; -im Grunde drückst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz -klar und erschöpfend aus und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen -daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den -Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, was ich geschrieben habe; das -_muß_ ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der -Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch ausführlicher; -diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden -zurückziehe; mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht -ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber -vielleicht noch einmal arbeiten zu können, gerade auf Grund Deiner -Briefe. Aber jetzt _noch nicht_. Sie sind für mich schon eine Art -»Werk«, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens -Dank für den _famosen_ Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was -ich wollte. -- -- -- -- -- - -Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, -- -das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der -vergiftenden Krankheit des Individualitätskultus zugrunde, am -Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, davon muß man gänzlich -loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich. - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - Fortsetzung am 8. IV. 15. - -Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, -was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir -meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich -immer noch dahin verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, -was gewiß falsch ist. Form ist die natürliche Folge eines Gefühls wie -die Haltung und Gebärde die Folge und Äußerung eines Charakters ist. Ein -wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß mich so oder so -halten, benehmen, kleiden, -- er thut es eben. Das ist für ihn -Selbstverständlichkeit, sogar _Unbewußtheit_. Im Ursinn und Prinzip ist -es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven -Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen -usw. Mit der modernen Kunst (der »modernen Menschheit«), ich denke mir -sie ungefähr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte »Fortschritt«, ein -ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach -Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern -Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es -gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig _reine_ Bilder. -Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der -rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: -das Allzupersönliche (was sich in früheren Jahrhunderten in der -sogenannten »Schule« ausdrückte, das Meisteratelier). Die »keusche -Majestät«, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen -Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr von einer -formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor sich -gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf -dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen; -z. B. den Aphorismus über das _Was_ und Wie. Deutlich genug rede ich -hier, daß nur der _Inhalt_ (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das _Wie_ -ganz gleichgültig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes -(Gefühles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf -diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen Bildern; ich -hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen -z. B. die Tiere zu malen, »wie _ich_ sie ansehe«, sondern wie sie -_sind_, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles -in mir kommt Deinen Ideen entgegen, _auch in den Aphorismen_; nur hab -ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der -innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar -geworden, wie ich alles sagen müßte. - -Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der _ganz -das ist, was ich wollte_. Schönen Dank. -- - -Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir -einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu -nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, -wenn er _nicht_ gedruckt wird. Die Gedanken über das Europäertum sind -halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem -europäischen Zaun, und eigentlich _nicht meine Sache_. Das ist mir der -Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. -- - -Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl -»unpersönlich« und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden -Gefühls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da -dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schöpfungen abgeleitet -ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefühlswert. -Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. -- - -Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, -- Du wirst es an -der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine -tiefe _Zustimmung_ ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese -»Erneuerung im Geiste« mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem -möchte ich Dir einmal über die »Natur« schreiben (die letzten -Aphorismen). Hier handelt es sich mir _nur_ um das Lebensgefühl, das -_Wie_ ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, -- es wird kommen, -wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage kommen, -versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann, -gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt -der armen Natur gegenüber. - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 12. 4. 15. - - L., - -Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender -erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den -Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das »Eigentliche«, -Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des -Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist, -kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind, -um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es -_nicht_ der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser -gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die -reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren -abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten -europäischen Kunst _äußerst wenig übrig_! Der entwicklungseitle Geist -der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu -abhold. »Kunst ist nur ganz selten da«. Ich denke viel über meine eigene -Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht -schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der -Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl -für das Animalische, den »reinen Tieren« wegleitete. Der unfromme -Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren -Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute -in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum -Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz -indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich -empfand schon _sehr_ früh den Menschen als »häßlich«; das Tier schien -mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel -gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, -aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, -Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche, -gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der -Natur, ihre _Unreinheit_ voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser -europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich -ja von einem neuen Europa, -- aber lassen wir Europa aus dem Spiele; -Hauptsache ist _mein Gefühl_, mein _Gewissen_, wie Du sagst. Mein -Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen -richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl -ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines -Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die _Dichtung_ selbst -stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie -ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten, -sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen -gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er -gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder -verloren worden! »Nichts konnten wir _zwingen_ damit«, -- das wollte ich -sagen, die _relative Erfolglosigkeit_ jenes frühen Sieges wollte ich mit -jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit -nah auf der Spur, -- darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben, -daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle -nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse, -romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll -einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich -jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, -abstrakte Form _nachdenke_; ich suche im Gegenteil sehr _gefühlsmäßig_ -zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und -kühl, sehr _durch_schauend, sodaß das _Interesse_ sich nicht in ihr -verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem -reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben. -Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren; -das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab -oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der -Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und -befühle es zuweilen von außen. -- - -Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch. - - -- -- -- - Dein Frz. M. - - - 13. 4. 15. - -L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist -sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, -besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt -sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem -jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder -nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das -Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob -wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich -sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist -ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen -der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als -je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, -irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum; -man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: »wir verstehen uns -schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr -und kehren einst zu ihr zurück«. Mit Menschen kann man fast nie so -verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht -noch bei Klee; -- -- -- -- --. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu -sein; aber ich muß erst etwas von seiner _eigenen_ Musik hören, auf die -ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr -produzierender Charakter (-- es steckt wie eine Krankheit in mir), daß -mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und -ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als -Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, -- -dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn -sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um -*** gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit -Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz -allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht -mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch -innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich -jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August's Tod ist eine unersetzliche -Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir -herüber, -- aber der Mensch!! Er war meine »Erholung« im Jahr. Wenn er -da war, hatte man »Ferien«! Was wohl aus Lisbeth wird? -- -- -- -- -- -Wenn nur *** glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich -sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige -Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie -heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses -Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das -Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen -Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen -Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg -kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine -mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber -ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß -ich ihn nicht anders sehen _will_ oder _kann_; beim Anblick dieses -Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur -ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht -kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach -dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist. - -Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird -hier nicht mehr lange dauern. - --- -- -- -- -- - - - 18. IV. 15. - -L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum -letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in -dem Buche »die Wahrheit« oder wollen wir sagen: »eine große Wahrheit -liegt«. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die -»Allgemeinheit« fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine -ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch -sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch -ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde -selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der -ihm _niemand_ geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner -zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu -persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar -nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich -habe, um einen _Maßstab_ für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das -Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B. -einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.) -und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge -oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den -Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese -Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig -soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das »Reich -Gottes« merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch -mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten -ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen -andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber »die Welt -ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht«. Das ist nicht Mystizismus -von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko -- ich denke an die paar -ganz ernsten Sachen von »uns«), sondern das ist unser heiligstes -Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß -ihre Kunst »nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so -einen Kitzel bezahlen«, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an -sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den -_Ursachen_ der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem -Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir »verbildet« sind, -Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt -viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell -und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß »exklusive« -Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen -Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen -Sucher, durch das »Abstrakte« allgemein Gültiges, Einigendes -auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern, -_die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen -gewöhnt waren_, so rätselhaften Werken), -- das ist vielleicht eine -ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden -auf die Melodie von »stille Nacht, heilige Nacht« oder die rührenden -Volkslegenden und Märchen. - -Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen -Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens -sein kann, und nicht das Resultat des »gesunden Menschenverstandes«, an -den Tolstoi immer wieder appelliert. - -Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr, -unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S. -245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. (»Jede Melodie ist -frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer -gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur -Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich -usw.«) Oder: »nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die -Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?« Das gleiche ist von den -Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie -und nicht auf das _Was_. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch -mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir -_müssen_ es uns aber in _jedem_ Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke -wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und -fremde Arbeit beherrschen. - -Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist -und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh -gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh -ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich -unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß -alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch -ist kein einmal _festgelegter Typus_, mit dem man so einheitlich und -über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung -und der _Rangordnung_, die die physikalische Natur in allen ihren -»Betrieben, Werkstätten« anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu -können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der -Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber -nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das -christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und -herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist -richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco, -Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in -ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese -Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei -Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit _gleichem_ Maßstab -mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten, -all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele -Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt -wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung -und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so -thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung. -Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin, -Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach -Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine -Spatzen anführen, -- _er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon_. - -In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig -gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da -besonders das berühmte _cis_-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von -Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es -jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das -erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das -zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist -inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite -gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um -mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den -erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert, -Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so -hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das -Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch _krankhaft_ von seiner -Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen -Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit -aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der -_Gesundheit_ Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die -erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des -menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man -nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren _kann_ und _darf_ -und _soll_. - -_A propos_: ich bin Vizewachtmeister -- nichts anderes. Deine übrigen -Befürchtungen sind ganz grundlos. *** bat um äußersten Preis von gelber -Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich -unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es -mich für diesen Preis nur freuen. - -Gute Nacht, mit einem Kuß - - D. F. - - - 27. 4. 15. - -Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt _muß_ -es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich -meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg -ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige -wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst -entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die -schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand -wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, -- heute hat das -Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt -den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu -Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine -Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine -Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit -herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden -praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige -Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer -wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner -logischen Schlüsse streifen, ohne _inneren_ Zusammenhang. Du wirst mich -schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest. --- Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, -- -vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an. - -Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel -durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. -wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand -gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, -Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll -Zuversicht. - - Mit liebem Kuß - Dein - F. - -Grüße allseits! - - - 16. V. 15. - - L., -- -- -- -- -- -- -- -- - --- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein verändertes -mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder -ausgleichen wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten -Elastizität und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervös. Von irgend -welchen Störungen, wie bei *** ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es -allerdings einer scharfen Selbstzucht (die ***, wie ich ihn beurteile, -sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen -Herbstzustand so erholt habe. -- Ein anderes Thema: -- -- - --- -- -- -- -- - -Vieles geht mir ab; am meisten aber _Du_; und dann die Musik. Ich bin -äußerst neugierig auf die »einfachen Stücke«, die Dir K. zum spielen -gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. -Musik und Malerei sind doch ganz gleich, -- man muß nur das _Organ_ -haben, das diese Gleichheit mißt und erkennt; es ist auch nicht -notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfaßt hat, -daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los. -Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der _Vereinigung_ der -beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das -grundverschiedene äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste -zusammenzuschweißen, ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und -einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar -von den grundverschiedenen Materialien ein Stück von da und eins von -dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu -verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthäuspassion -oder ein vertontes Lied, -- das ist genau dasselbe wie ein -gegenständliches Bild; es bleibt ganz »Bild«, wie Musik ganz Musik -bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft -unausgesprochen, -- Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es -abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt _immer_ drin, ganz klar und -eindeutig, nur braucht er nicht immer äußerlich da und augenfällig zu -sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie sind im Grunde so -einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es gibt da -gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den -Schaffensgrund in sich finden. - -Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. -- -- -- --- -- - - -- -- -- - - - 18. V. 15. Nachts. - - L.... - -Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die -mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz -überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über -Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz -erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (-- es gehört nicht mir, -schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch -ganz armselig, -- aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des -wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht -seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich -möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones -lesen, -- allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor -allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones -enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf -es und schenke es Maman von mir aus, -- später will ich es dann auch -lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem _wahren -Tolstoi_ wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und »Poesie durch -sich«; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so -klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der -»offenen Wunde der Welt« oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da -kann man von einer That reden. _Wir alle faulenzen._ Man muß sich -_gänzlich opfern_; nicht: »sich an die Säule seiner Idee lehnen,« wie -ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz -tragen, an dem man für die Welt stirbt, -- dann nur könnte einst auf -unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich -geopfert: »Ihr seid teuer erkauft, -- werdet nicht der Menschen -Knechte.« (1. Corinth. 7, 23.) - - - Fortsetzung 22. V. 15.! - -Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im -Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend -wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter -ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir -hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten -nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante's Inferno; ich -fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein -ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau _wo_; ich bin jetzt so -oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man -merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl -ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger -selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das -Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit -von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist. _Der Geist kann -unbedingt auch ohne Körper leben._ -- -- -- -- -- - - - 25. V. 15. - -L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe »man sollte um der Sache -willen, -- um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört« und -daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, -daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem -ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. -Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des -Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich -beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen -unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, -- das -ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, -- ich »sehe« uns -plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch -die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach -dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine _Erlebnisse_ mehr für -mich; ich _sehe_ mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten, -sprechen usw. - -Das zweite Leben ist schon eher »Erlebnis«, die Gedanken an Europa, -Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken -an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die -Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, -- -in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens -zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden -Füßen und _anwesend_ fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei -verliere, daß dies alles für mich nicht _wesentlich_ ist, nur Wege, -Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und »um sich zu fühlen« und -um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause -zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares »_Heim_«. Und das -ist das _dritte_ Leben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel; -das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht -vorwitzig berühren darf. _Alles_ andre wird für mich unwesentlich und -gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie -der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, -- -und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. -Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, -- vielleicht -ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur -wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in -seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht -wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie -sind ganz spontane Erkenntnis, -- im übrigen eine Erkenntnis, die durch -alle Religionen geht. - -Diese Trennung ist keine _Bedingung_; in einem harmonischen Erdendasein -wird sie überhaupt kaum fühlbar, -- wenn ich nach Ried und zu Dir -zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei -Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen -sie einzeln! - -Wie geht's mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? -Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. -- -- -- -- -- - -Du bist enttäuscht -- -- -- -- --, -- laß Dich davon nicht zu sehr in -Deiner _offenen_ Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen -und »vorsichtig sein« kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig -sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können, -auch im Leben und _nie_ etwas nachzutragen, (-- eine ganz unnötige Last, -die man da »nachträgt«). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus. - -Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, -- -wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und -vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die -guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd -ich immer neugieriger. -- - --- -- -- -- -- - - Nun gute Nacht! - Dein Frz. - - - 21. VI. 15. - - L.... - -Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- Aber niemand darf sich im Glauben, dem »Wesentlichen« näher zu -sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als -gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du -denkst, ich sei da und dort »festgefahren«. Ich irre und finde das -Gleichgewicht nicht, -- das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel -größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du -immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was -es mit meiner Scheu, -- sagen wir: vor »Penzberg« oder vor »fremden -Stuben« auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, -das »Gewissen« siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares -Problem sehe? Das nennt man nicht »festgefahren«, -- das ist etwas ganz -anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein -ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch -aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus -tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, -- aber nicht praktischer -Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel -darüber reden. - -Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des -tiefsten Friedens; der schönste Friede war _immer_ nur ein latenter -Krieg; aber der _Einzelne_ kann sich befreien und anderen dazu helfen -- -das ist der Sinn des _persönlichen_ Christentums und Buddhismus und -aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel -zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man -bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine -solche scheint mir auch Deine »Menschenliebe«; was ist das? geht sie auf -Kosten der »Naturliebe«? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, _wo_ der -Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze -Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht -und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus -zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto -vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und -wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies -Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch -immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende -Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst -belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren -Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. -Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz -der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - 23. VI. 15. - - L.... - -heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere -Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich -langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher -Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht -leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich -interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und -ihn hassen wie Du, -- als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem -Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als -der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form; -statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf -Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist -kein _wesentlicher_ Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben -die Seele nicht. Den Tod als _Zerstörung_ erkenne ich überhaupt nicht -an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und -erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das -verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft -wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle -hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich -schon immer früher über den Tod sprach: er ist absolut _Erlösung_. Dazu -braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens -Christ. »Tod, wo ist Dein Stachel?« -- Es ist nicht einmal wahr, daß ich -mich »an den Krieg gewöhne«, wie Du annimmst; aber ich taste immer -ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der -Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die »menschenwürdigeren Zeiten«, von -denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, -- aber -_immer_, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das -kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten -bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung -beeinflußt werden kann. »Mein Nerv wurde hart in mancher roten -schöpferischen Stunde«, -- vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, -als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; _Du kennst mich ja_. -Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem -Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß -meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, -- nicht aber als -Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel -über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi, -Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner -Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über -Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger -Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen -ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den -Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht -denken, daß ich die Bibel »poetisch« lese; ich lese sie als _Wahrheit_, -wie ich Bach als _Wahrheit_ höre und reine Kunst als _Wahrheit_ sehe. -_Kannst Du_ mich verstehen? Ach könntest Du doch! - -_A propos_: zum Leben zurück: -- -- -- -- -- Ja, das Leben! und die -Menschen! sie können einem _sehr_ leid thun, aber man kann sie nicht -bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das -läuternde Fegefeuer schon hienieden -- hoffentlich gehören wir zwei -unter diese -- manche und die meisten leider -- spüren hienieden davon -noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so -oft! _Dich_ glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, -nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu -vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich -möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum -_Wesentlichen_ wenden. - -Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob -ich's erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, -gestammelt. - - -- -- -- -- -- - -- -- - Frz. - - - - - Nach dem ersten Urlaub. - - - Straßburg, 17. VII. 15. - -L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage -innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt -auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, --- die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt. -Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat -mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig, -daß ich in vielem so schweigsam war, -- ich konnte nicht anders. Ich -konnte mich nicht hingeben und _frei fühlen_ -- auf Widerruf! Erst wenn -ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen -besseren) wieder ganz haben. - - Mit tiefem Kuß - Dein - Frz. - - - 21. VII. 15. - -L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue -reine Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal -wieder so gut haben wird, an solchem Orte und _mit Dir_, ohne fremden -Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand -in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, -- tiefer, -als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung -konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. München -interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in seiner Trauer; aber -im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht -und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei Wolfskehl -fühlte ich etwas _Liebe_, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.) -Und _ganz Liebe_ fühlte und fühle ich für _Dich_, mein gutes liebes -Lieb. Ich weiß, ich war so schweigsam, -- Du frugst mich so oft; ich -konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; -- später fiel mir's -auf die Seele, Du könntest am Ende traurig sein; leb nur fröhlich in -Gedanken an mich und an unser kommendes Leben. - -Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es -schon nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches -Dasein, dem man gehorcht. »Der gute Soldat wider Willen« wäre kein -schlechtes Thema für einen, der philosophisch genug wäre, die ganze -Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen Zustandes zu begreifen. -Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, daß der Deutsche sein _Land_ -und seine _Arbeit_ verteidigt, seine Mission fühlt, aber den Frieden im -Herzen trägt, -- keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester -Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in -diesem Kriege persönlich und als Volk »sühnt«. -- Wir sind wirklich -_alle_ schuld an diesem Krieg; -- das ist auch der eigentliche Grund, -warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, -als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er -dem bedrängten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer -Sühne entzieht; das »verstockte Herz« des Evangeliums. Ich lese hier -Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause. -Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, laß es; dann -bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las -Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur -aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit -deutschen Typen gespielt würde gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei -Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Aufführung aus der -Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war -sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die Übersetzung ist ganz -miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre jedenfalls die -Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was macht -der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und -thut. - - - 29. VII. 15. - -L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das -»Pferd« ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen -(gebunden). Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). -Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin -von der prähistorischen Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich -jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in -einem neuen Quartier, näher dem alten Herbstquartier, landschaftlich -ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gänzlich unkriegerisch. -Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, -- Felderbau! Ich bin -über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett -vermisse; hier ist es äußerst primitiv. - -Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in -Menschennähe. -- - -Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die -sich schon sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, -- -man guckt die ganze Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel. - -Schreib mir von Euch und Ried. - - - 30. VII. 15. - - L., - -Was ist *** für eine merkwürdige Seele; wie _verschieden_ sind überhaupt -die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem -letzten tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (-- Du nennst -diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert -ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; während des Lebens ist -er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle -gerückt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser -Punkt keine Ruhe; _niemand kann ihn genau ins Auge fassen_; und die es -sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! Ich -bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, -- denn es gibt mir eben -das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und _arbeiten_ muß, -unaufhörlich, gegen das Ungefähr, bis wir sterben. - --- -- -- -- -- - -Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt _Haumont_; an den Etangs von _La -Chaussée_ gelegen; ein Stündchen von _Hagéville_; zwischen _Hagéville_ -und _St. Bénoit_. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir -sind ja auch um ein Stück weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei -Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es -ist beständig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen, -wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den Feldern und Sümpfen. -Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem -Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz -verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen, -Parks von _St. Bénoit_ waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein -bißchen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne -Mückenschleier ist hier natürlich kaum zu schlafen; der meine ist famos, -wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich möchte sie Kameraden -schenken. - -Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang; -keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika -nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute -innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen -die »Regierenden«. Was heute alles geschieht, werden die Völker nie -vergessen; der Boden für die großartigste Bewegung des vierten Standes -wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch diese Vorgänge -nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf denken -kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas -trunken. Ich ersehne nichts als die _Heimkehr_. - -Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- - - - 29. VIII. 15. - -L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, -- weißt Du noch, wie ich in -der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit dem -Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und -Vorwürfen viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt -die Schuld in der _Gesamtheit_, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten -_jedes Einzelnen_ zu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker -gesetzt, sondern die Völker haben sich Regierungen geschaffen, die das -Verhalten des Einzelnen autoritativ decken. Du hörst ja unser Volk! -Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken muß man mit der Arbeit -einsetzen, nicht an der Politik. -- Ich schreib Dir nächstens -ausführlich. -- Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben doch -einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der -Mäuse? Welf wird ihm nichts thun. -- Spielst Du? Mir geht es jetzt -wirklich gut. Du kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken. -Heute schrieb Deine Mutter eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des -Gutes, -- das hat mich auch tief wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das -alles? Wo sind die Jahre? -- -- -- -- - - -- -- -- - Frz. - - - 4. Sept. 15. - -L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du -auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden -Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann -man nicht reden; ich sehe trübe, -- andre sind äußerst optimistisch; -alles Reden ist aber zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist -man sicher nicht normal, -- _keiner_ von uns; aber ich denke: die -Anormalität des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumständen -aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon wird sich dessen auch -kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt. -Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man -im späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und -_Regie_, _Betrieb_ und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den -heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst. - - - 9. IX. 15. - -L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. -Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. -Letzthin zogen viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. --- Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer -noch an und beschäftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen -der Gesellschaft nur angenehm. Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! -Hier ist es schließlich auch schön, aber man fühlt alles nur halb und -unrein. - - - 12. IX. 15. - -L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit -einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir -den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, -- wir -sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran -anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und -Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September -soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die -Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß -mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und -unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles -interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als -peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder -auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert. -Du sprichst von fehlenden »Verbindungen«; das ist natürlich sehr -richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin: -schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann -man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern -abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie *** -und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, -bis dieser unglaubliche Krieg herum ist. - -Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal: -ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder -Großfürst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen -wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die _wirkliche Lage_! -Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es -nicht zu können! Mein Ausdruck »Thema«, als ich vom Krieg als Folge des -deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen -schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland -fähig gewesen wäre, ein »geistiges Gegengewicht« zu halten, erledigt -sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies -eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19. -Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer -das alles _haßt_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_ -nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher -im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und -Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin -und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die -Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Führung der -Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in -kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar -verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher -begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. -- -- -- -- --- Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung -nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße -Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- -- - - - 18. IX. 15. - -L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht -mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt -nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu -sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das -wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an -die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; »denn es ist ja -- -Krieg!« Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das -menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht -_aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul -Rohrbach »Bismarck und wir«, -- merkwürdig ungeistig; einfachste -Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht: -die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!! -Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch -- _homo -sapiens_ -- englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen -Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als -_menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder -türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine -schönsten Blüten treibt. - -Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit -ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber -sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre -Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und -aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen -leitete. - -Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anständig. Und Deine -Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz -unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen -läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von -Ungeist Gewinn ziehen und »leben«, nur wo der Ungeist, die Dummheit und -die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ möglich. Traurig. -Ich schäme mich. Nun für heute genug. -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- - Dein Frz. - -Gruß an Maman. - -Streichle Hanni und die Kleinen. - - - 23. IX. 15. - -L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet. -Ich zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns -sein Tod auch tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir -wohl wieder den Eindruck einer _sehr_ begrenzten Begabung; aber -innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens eine großartige -Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder -Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke oder Stephan -George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor, -den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er _war schon -am richtigen Wege_. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch -eines Größeren. - -Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr -Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören, -als letzte sehr reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver, -weniger abgeschlossen. Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal -und Besseres schafft; und daß es um so urwüchsige und ehrliche Naturen -wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohl _Schicksal_ -ist. -- -- -- -- -- - -Und nun für heute Schluß! Mir geht's famos. Gruß an Deine Mutter, -Niedmanns, K. und meine Tierlein. - - -- -- -- -- -- - Dein Frz. - - - 24. IX. 15. - -L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr -von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; -was Rußland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen -Friedensverhandlungen glaub ich _nicht_; aber ich glaub, ich schrieb Dir -schon einmal: ich laß mich gern -- überraschen. Von der Stimmung im -Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben -- »Belagerungszustand«, -- -Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, -- alles. Verlier nur die -Freude am Garten etc. _nicht_ -- das hat doch auch _keinen_ Sinn. Gegen -Mäuseplage im Garten streut man am besten _Giftweizen_. Ein Hund rührt -ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran -kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin -entschieden dafür, Welf wegzugeben. - - - 30. IX. 15. - - L., - -der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es -doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, -so daß es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit -schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel -gestreichelt und getröstet werden müssen für sein Kinderleiden. -Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich könnte auch nicht -mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor -dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz -dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz -richtig. Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff -der Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. -- Heut kam auch Dein Paketchen -mit den Socken, Handschuhen und einem Paar _ganz famoser_ Pulswärmer, -die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer -halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; -solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, -und da ich ja fast nichts trinke, genügt mir meine Löhnung so ziemlich. -Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in -diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust. -Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (*** -und ***) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die beiden -mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen -Übungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu _einer_ auf die -Dauer _bis_ zu acht Wochen (-- -- -- -- --). Ob wir nun vorerst -Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prüfung wird -wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaube _nicht_, daß man mich -eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht für dauernd. Unsre -Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und _muß_ noch einen -Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr -recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese -Beförderungsgeschichte schon _sehr_ angenehm. - -Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre -Stellungen da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, -aber _werfen_ können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind -immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er -stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle. - -Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. --- -- -- Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien -heut auch eine lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es -ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder -selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen. -_Behalte_ diese ganzen Besprechungen. *** braucht sie nicht, glaub ich; -oder wirf alles weg. -- Du sollst keine Kopfschmerzen haben! -- Das -Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese Worte hören! Dieser -Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig schwer; ich -werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist -wenigstens eine _abstrakte_ Beschäftigung wie das Schach, - - -- -- -- -- -- - Dein Frz. - - - 1. Okt. 15. - - L., - -von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders -auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen -Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer -mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir -schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum -Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das -Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die -ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das -Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche -weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag -vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß -Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) -- Schick mir mal den -Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. -- Als Offiz.stellv. habe ich -monatlich -- -- -- -- -- viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen -kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial -und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München -fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch ***'s aus, wenn sie es nötig -haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das -Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst -Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch -die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und -sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember -kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. -Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr -so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein -Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht -beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan ist -_jeder_ Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie -lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als -Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine -Bitte: bestelle -- -- -- -- -- Nun genug von diesem Militärzeug! - -Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen. -Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und -Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr -energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich -mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und -kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese -eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die -Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus -und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen -Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man -macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den -kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles -Angepflanzte _immer Gewinn_. Wir müssen unser Leben in Ried so -einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir -können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die -Tierchen nicht stören können. - -Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand. -Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die -Offensive endlich ausgebrochen ist, -- die Hoffnung, daß sie die -Kriegs_entscheidung_ bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die -Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht -einen anderen Ausweg; der _Einzelne_ natürlich, aber nicht als -Volks_ganzes_; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von -heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser -Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, -- aber wie -eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig -und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem -rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen -wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur _Quelle_ -des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück. - -Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft. --- -- -- -- -- - - Dein - Frz. - - - 2. X. 15. - -Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie -ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie _ganz_ gefesselt, ich -weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter -Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen -zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis -interessant? -- Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange, -lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu -sagen, keine sanften pastoralen Klänge. -- Grüße alle! Mit liebem Kuß - - Dein - Frz. - - - 5. X. 15. - - L., - -wenn sich die Rehchen _strecken_, ist es ein _sicheres_ -Gesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im -Kot _nachweisbar_; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor -Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der -Frankfurter Zeitung. -- Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich -lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige, -Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu -überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen -gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen -Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller -als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder -Kokoschka, -- selbst wenn mir letztere _vorübergehend_ genußreicher und -lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst *** -direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim _Versuch_ bliebe. -Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch -ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und -Gewinn ist. - - - Fortsetzung. 6. X. 15. - -Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies -es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme -Journalistik; aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist -und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr -interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das weiß, -was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt werden, um -einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der -Mensch ist, »_la bête humaine_«, wie Zola so gut sagte. Schick mir das -Buch zurück, es gehört ***. - -Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, -- am Balkan!! -Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug -waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die -Welt zu erklären. Wir haben Himmel und Hölle entvölkert, -bilderstürmerisch, -- aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben -Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst -wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird mit -dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig. - -Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. -- -- -- -- -- - - Dein - Frz. - - - 9. X. 15. - - L., - -ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, -mit ihrem Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen -Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für -mein Gemüt nichts Fürchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten, -über alle Vorstellung vereinsamten Greise und Großmütter Frankreichs. -Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts -Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und kommt -durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es -hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den -paar Regierungsmännern die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu -wollen. _Jeder einzelne ist genau so schuldig._ Was versteht der -einzelne unter »Frieden«?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben -friedenswidrigen sündlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand -erzeugt. Die Axt muß an die _Wurzel_ gelegt werden. Ich finde, Du redest -Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen -Demokratismus hinein. - -Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, -- -ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in -Berlin!!! Das würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn -- -vielleicht; erholen würdest Du Dich auch dort kaum. -- -- -- -- -- - -Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal -wieder die Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich -werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht -- etc. - -Nun Schluß. - -Mit vieler, vieler Sehnsucht - - Dein tr. - Frz. - - - 13. X. 15. - - L., - -wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; -sie ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre -großen Schwächen triumphiert. -- Symptomatisch interessant ist der jetzt -(im selben Blatt) lanzierte Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen -vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, -- das Ende des -Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das seh ich jetzt voraus. Ich -bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom -deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet, -genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. -- -- -- -- ---. Ich halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das -Ende erleben werden, -- wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit -der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. -- Bei uns -hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende -dieses Krieges schön gemütlich in _Haumont_ abwarten! Ich reite jetzt -viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und -Buchenwäldern, die sich zwischen _Haumont_ und _Hattonchâtel_ und _St. -Mihiel_ ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie -einst am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd -herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute »Eva«. Ich kann jetzt gottlob -ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck -des stündlichen Angebundenseins bin ich jetzt doch _etwas_ los, -- -angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn _Du_ Dir mein Leben -vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch -die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von -Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine -Hanni mit 2 Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 _Kraniche_ hier! -Hauptsache _grau_, weiße Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was -es für Kraniche sein könnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art. -Reiher sind es nicht; Reiher und Störche tragen im Flug den Hals anders. - -Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr -prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich _jetzt_ mehr -als genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit _warmen_ Sachen bin ich -jetzt überhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also -mit anderen Worten: etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du -nichts mehr findest, kaufe nichts, -- ich besorge es mir ganz einfach in -Metz. Morgen -- übermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl. - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 16. X. 15. - -L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische -Schattenspiel, das »Krokodilspiel«, -- sehr anregend; ich bin eigentlich -sonst zum Lesen ganz unfähig, höchstens so ganz ausgefallene, -unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal -bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, »ohne Not«. Ich müßte -jetzt bald arbeiten können, -- das Lesen hat jetzt keinen Sinn für mich. -Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein -Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen -Möglichkeiten. Über meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter -gehört; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen, -schon um des wunderbaren Herbstes willen, -- das Reiten ist jetzt zu -schön! -- die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir -bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut. - - -- -- -- - Frz. - - - 19. od. 20. X. 15. - -L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So -lange Pausen hab ich _nie_ gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein -falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst -Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen -mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese -»Zeit-einteilung«; ich empfinde sehr zeitlos und fühle mich dabei weit -wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zählte! -- -- -- -- -- - -Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich -Niestlé nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren -Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat -man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mir -_gar nichts_ an ihnen, nur der Fall an sich wäre interessant. - -Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört; -vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät -mir leid. Aber ich rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich -lass _alles an mich herankommen_, wie's kommt. Willensbestimmung hat man -ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste -Interesse am Kriegführen und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht, -daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich schlechte -Psychologen, -- vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man sich auf -mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung -geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken -willst; wer weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird -mir gegebenenfalls doch alles! - -Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir! - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 20. X. 15. - - L., - -heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um -ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird -es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle -Veränderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die -Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: -erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit größeren -Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich -außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß -die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den -Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es -ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre -etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge und über 200 Pferde! In -Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit hatten wir -ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen -sogar noch mehr!), -- heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf -Etatsstärke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was -ich hörte, sehr unwahrscheinlich, daß wir verstärkt wurden, um uns -irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen -langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine -Gefechttätigkeit, -- aber Abwechslung, Berührung mit neuen Menschen und -andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine -riesige Wohlthat. - -Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen -lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden -deutschen Hirngespinst reden, -- laß Dich davon nicht täuschen. Dies -Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, -- mein Optimismus ist ganz -unerschüttert. Was sagst Du zu dem »opfernden Großgrundbesitzer« im -beiliegenden Zeitungsabschnitt, -- ist der nicht köstlich? Geradezu -unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post. - - Kuß und Liebe von - Deinem - Frz. - -Koehler hat sich _sehr_ über Deinen Obstgruß gefreut. - -_p. s._ Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee -und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, -(hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, -rund um und das Dach mit _Schilf_ bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl -als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen -Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen -probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die -Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen -Optimismus. Es freut mich _sehr_, daß Du ein bißchen Kleiderluxus -treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu -thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck -findet! Um Gottes willen! - - - 23. X. 15. - - L., - -hast Du den letzten »Sturm« (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges -betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner -Holzschnittgedanken durch ***. -- Dann der Briefwechsel zwischen *** und -***, der sein Verhältnis zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames -Gefühl; man traut's sich immer nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder -»wirken«, rücksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern -gehen mag, die _ihr_ Leben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar -nicht gemeint hat, -- und doch stammen sie von ihm. In dem Verhältnis -von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. -- Und drittens regte -mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. Wie immer gerate ich -beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem Fall _rein -kubistische_) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk -literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in -Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du -wirst mir gewiß sofort entgegnen, daß ich hier wieder die Form suche und -nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefühl zu suchen, -das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen. -Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl in dem Werk, könnte -seine Form mich doch auch nicht erregen, -- denn erregt wird doch -zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck -gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen -Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des -Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. -Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. Über das -Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es nun vielen oder allen oder -wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht sorgen; das müssen -wir dem »Weltgeist« überlassen. -- - -Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen -wieder beschnitten und eingeschränkt wird; -- -- -- -- -- ich bin froh, -daß Du momentan bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst -Du Dir manches extra leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß -verwundern, wenn Du unsern täglichen Frühstückstisch sähest: -prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit Weinbeeren drin und -Zuckerguß wie beim »beehrens uns ferner«! Wir leiden keinen Mangel; mein -Magen hat sich aber auch _erstaunlich erholt_. -- -- -- -- -- - - Dein Frz. - - - 28. X. 15. - - L., - -Du schreibst mir ein Klagekärtchen, daß ich mich gegen das tägliche -Schreiben sträube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleißig -geschrieben und meist auch recht gern; für die Unregelmäßigkeiten der -Post kann ich natürlich nichts. Es ist für mich oft schwer zu schreiben, -_jeder_ äußere Anlaß hier fehlt, denn ich bring es nicht über mich, von -»hier« zu erzählen; von Ried kann man erzählen, aber der Krieg heraußen -macht _stumm_, -- wenigstens mich. Sei froh, daß ich so bin. Paul ist -nun in nicht ganz harmlose Situationen gekommen, -- hoffentlich hat er -Glück wie ich im Elsaß, für sich und seine Leute; denn das war mir immer -ein schrecklicher Gedanke, daß Leute, die meiner Führung anvertraut -sind, verwundet würden oder fallen könnten. Denn man kann _so viel_ an -Fährnissen durch geschickte Führung der Munitionswagen vermeiden. An -Pauls plötzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles im Felde -ist; das ist natürlich kein Trost für Dich; -- das weiß ich schon, -- -aber eigentlich sollte es _doch_ einer sein, denn _das Schicksal ist -Herr über unseren Leib, nicht der Krieg_. - --- -- -- -- --. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glück, mein -Lieb, und laß diese Sorgen und Ängste; daß Du traurig bist, verstehe ich -schon, ich bin's auch. _Aber Angst ist nicht würdig._ Gefahr gibt es -nicht, sondern nur _Bestimmung_. - -Einen Mordsspaß macht es mir, daß sowohl Du als Maman seelenruhig -»Offiz.-Stellvertr.« schreibt, während Ihr mir selber die -Leutnantsernennung aus der Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der -Ernennung nichts zu thun. Es stand doch in der Zeitung am Anfang: -zufolge »Allerhöchster Entschließung«, -- auf was wartet Ihr eigentlich -noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der Reserve, aber -jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fühl mich -jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister. - -Daß nicht einmal so ein anständiges Quartett wie Wendling oder Rosée -oder meinetwegen die Münchener die Front abreisen und uns einmal -heraußen einen Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg -wäre das so anstandslos zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, -- -überhaupt!! Ich glaube, wir heraußen haben doch noch ein bißchen mehr -Anlaß zum »trübsinnig werden« als Ihr daheim und auch Du in Ried, -- und -wenn meine Briefe matt und trüb sind, -- an meinem Herzen liegt es -nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. -- -- - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 29. 10. 15. Metz. - -L., einen Stadtgruß von hier. Es ist ein höchst merkwürdiges Gefühl für -mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese -Trauer!! Ich verstehe gar nicht, daß das, wie es scheint, so wenige -merken, auch von meinen Kameraden. Ich fühle die Legende dieses Krieges, -der jetzt schon Mythos und Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz -erschütternd. Ich empfinde ihn doch noch ganz anders als Du; wir werden -noch viel darüber reden! -- - -Ich hab mir rohseidene Wäsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose -usw. In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach -Deinem Geschmack verändert haben! - - - 2. XI. 15. - -L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist. -Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre -dienen. Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß -mein Antwerpener Kommando auch erst später trifft, hat mit den -Kriegsaussichten etc. gar nichts zu tun. Diese Schießkommandos sind ja -gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch während des Krieges -abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen Schema alle -tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando aus -der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von -meinem Gleichmut, -- nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner -neuen) Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder -als Batterieoffizier verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es _kann_ mir -gar nichts geschehen, was mir nicht notwendig geschehen _muß_. Es gibt -keinen dummen Tod oder ein dummes Unglück oder Glück; ich las wieder -viel im Evangelium, -- _wie kannst Du eigentlich im Evangelium lesen und -doch Angst haben_? Thatsächlich: mir ist das gänzlich unverständlich. -Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, da _müssen_ sie doch ruhig -werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden. - -Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr, -daß es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also -wenn ich telegraphiere, erschrick nicht. -- -- -- -- -- - - - 3. XI. 15. - -L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen. -Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand -zu halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen -Reitstock machen, -- ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen -zu können. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn -befürwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen, -wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung maßgebend ist. Ich fahre -dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder übermorgen, -- ich glaube -nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt natürlich bei Maman, wenn ich -Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt -natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen -meine Liebe mündlich zu sagen! - -Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein »sehen der Musik und Literatur« -nicht ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige -Eigentümlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und -literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für ausgeschlossen -(jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle -Kunstarten ein gleich _reines Art_verständnis hätte. Ich habe -literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben -als Dichter und literarisch werten und genießen zu können. Dabei blieb -ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens in der Malerei!). -Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich -es seit langem vor Musik bin. Ich _sehe_ alles, alles ist in meiner -Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel -z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab, -sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde -daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können. - -Nun, diesmal nicht _addio_, sondern auf baldiges Wiedersehen. - - - - - Nach dem letzten Urlaub. - - - 19. XI. 15. - -L.... - --- -- -- -- -- - -Es ist ein sonderbares Gefühl, plötzlich wieder in dies wie erstarrt -stehen gebliebene Stellungskriegsleben zurückzukehren; daheim war ich in -_Bewegung_, -- an jedem Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte -gethan, Gedanken gesandt und gefördert und aufgenommen, -- hier steht -alles wie im verzauberten Märchen still. Immer wieder dieselben -stereotypen Flieger über dem Land, dasselbe langweilige Schießen, das -man schon nicht mehr hört; das Leben ist erstarrt. Ich machte einen -schönen Spazierritt, -- das ist das Einzige was mich freut. Der innere -Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwärtige -Kriegsform im Westen. - -In Liebe und neuer Sehnsucht. - - - 20. XI. 15. - -L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel -Quint, -- Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in -unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehr -_Wortkunst_ wie in der Versunkenen Glocke und »Literatur« erwartet, aber -niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft, -die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher -zutraute, -- ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich -stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch -glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h. -_ohne Laune und ohne Willkür_, sondern gänzlich episch, logisch -notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektüre für -einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie -natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich -hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu -bereden, -- ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, -- alles -was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie -kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der -menschliche Sinn verstiegen! - -Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich -interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in -letzter Zeit in die Hände bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi, -Strindberg usw.), fesselte mich nur _zeilenweise_, -- eben nur da, wo -sie genial sind, -- das andere ist alles langweilig. -- -- -- -- -- - -Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag's Hanni -gehn? - - - 21. XI. 15. - -L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint -lese. Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung -des Christentums, -- nämlich ihrer prinzipiellen _Gegensätzlichkeit -gegen pazifistische Organisationen_ (wie in den Neuen Wegen), -sozialistischen Kommunismus, der ein Erlahmen der Seele und des -christlichen Opfer- und Überwindergedankens bedeutet. Bestimmend ist -immer der Eine Gedanke: die Welt, das »leibliche Wallen« berührt uns -nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das -Unsichtbare. Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrung _eine -symbolische Handlung_. Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens -ist gerade das Prächtige, Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen -Erniedrigung vor der Welt und damit seiner Befreiung; er _will_ den -Menschen gar nicht körperlich helfen und sie leiblich satt und gesund -machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele schrickt -schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen, -zu seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große -Mißverständnis der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen -fortgeführt wird, spricht er das furchtbare, schneidende Wort: »nach mir -aber fraget niemanden fortan«! - -In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, -- -ich freu mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als -ausbildender Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren -würde; das Leben hier ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe -jetzt jeden Nachmittag meinem Chef theoretischen Artillerie-Unterricht; -er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber nur ziemlich mangelhafte -Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes Theater- und -Traumleben! - -Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan -des Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe -hier Gelegenheit, mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine -Installation ungefähr kostet; ich möchte diese unverbindliche -Gelegenheit benutzen, um für später eine Handhabe zu besitzen, und -spätere Voranschläge zu beurteilen. - -Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, -- der Krieg -dauert nun keine Ewigkeit mehr. -- -- -- - - Frz. - - - 24. XI. 15. - -L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm -und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel -von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte, -weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und -Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine -Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch -liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen -Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, weil immer -sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, daß -Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d. -h. in seiner _Logik eitel_; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn -lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein. -Und ebenso d. h. in viel größerem Maß unrein sind die »Neuen Wege«. Die -liegen voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab. -Ich verstehe jetzt natürlich auch K.'s Wesen viel besser, da ich sein -greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hüten haben, -daß er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit -gerät. - -Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige -Aufnahmefähigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden -tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, -- -wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist -unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es für möglich; -denn wir kannten Kandinsky selbst _sehr wenig_. Kennt es Kubin, Klee und -Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen von _mir -aus_ zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann -kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien. -Die Erklärung, warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur -in der Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch -sicher gründlich, nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen -Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer -inneren Güte und einem Mitleids- und Schamgefühl heraus leicht, ihn -mißzuverstehen. Grade darin liegt ein unglaublich feiner geistiger Takt -in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, als wären es -Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die -Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir -diesen Geist so vertrauenswürdig. - -Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief -noch wegkommt. - - Dein - Frz. - - - Samstag 27. XI. 15. - -L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in -Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef -Oberleutnant *** (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der -rückwärts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant *** der Schwager -des Dürnhauser Barons. - -Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger, -trockener Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg -läßt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so -unwahrscheinlich Glückhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser -ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, -- es liegt für -mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten -durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft -erhält und durch das Eingreifen des »jungen Bulgariens« als _Deus ex -machina_. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch -derartiger romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg -denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung. -Ich sag das nicht leichtsinnig, -- es gibt im Gegenteil _sehr_ zu -denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite -des Lebens und des Menschengeistes. - -Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig -sternenklar; wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt -mich eine ähnliche Empfindung als beim Anblick des reinen -Sternenhimmels, der mir in diesen Kriegsjahren ein solcher Freund -geworden ist. Durch Quints Leben geht jene abstrakt reine Linie des -Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich auch immer im Geist -durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich fast nie, -sie mit dem Leben zu verknoten, -- wenigstens nie mit dem Menschenleben, -(-- _darum kann ich keine Menschen malen_). Quint hat wohl seine reine -Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben -ist, darin liegt seine göttliche Größe. - -In tiefer Liebe - - Dein - Fz. - - - 1. Dez. 15. - -L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus -München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen -mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so -sehr gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze -Zusammensein mich Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung -noch halten möchtest. Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von -Emanuel Quint befestigte in mir diese neue Sicherheit der Seele. Du -schreibst in einem Brief, ich soll Dir noch mehr über mein Lesen im -Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das momentan kann. Da -gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; es kennt -kein _à peu près_, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht -den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu -aufrichtig und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem -Gewissen zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und -Erneuerung: wenigstens _jedes Ungefähr_, jede _Konzession nach -gleichviel welcher Seite_ aus meinem Werk zu bannen; den Begriff Quints -von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat auch keiner seiner Jünger, -nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht getötet; denn -damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt -sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; -- es wäre -dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der -Reinheit in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein -Bild mehr zu malen (= »nicht mehr zu leben«). Man darf nicht aus Furcht, -doch wieder in Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß -legen; ich verstehe heute zum erstenmal, warum eigentlich auf den -Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; es ist zweifellos der Gedanke, -daß man der Verantwortung nicht selbständig -- selbstsüchtig vorgreifen -darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar Büchsen zurück. - -Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum -Arbeiten hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher -nur denkbar wäre, wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme, -zu dessen Ausführung ich Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch -ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß, den ich doch nicht eingehe. -Warne nur ***, daß er sich keine Blamage mit mir einbrockt und einen -offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen muß. -Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis. - -Ich freu mich so, daß die gute Hanni wieder gesund ist; -- -- -- -- -- - - - 1. Dez. 1915. - -Liebe Maman, dank vielmals für Deinen guten Brief 117 -- -- -- -- --. - -Wenn *** die Musik von _Schönberg_ im Blauen Reiter meint, so kannst Du -ihr sagen, daß sich meine Beurteilung der Schönbergschen Musik auch -gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt -aber doch im Sentimentalen stecken. Mehr würde es mich interessieren, -wenn sie Kulbin (einen russischen Musiker) kennen sollte, -- von dem -müßte sie mir einiges erzählen. Ich kann gar nicht ruhig von diesen -Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe ich nach meiner Arbeit, die mir -immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird doch dieses geistige -Leben wieder kommen, in dem man früh und spät keinen anderen Gedanken -hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde liegen, zu -suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere -Fühlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten, -haben diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; heraußen fühl ich mich als -Larve; der Krieg hat sich längst selber überdauert und ist sinnlos -geworden; auch die Opfer, die er fordert, sind sinnlos geworden. Etwas -Gewissenloseres und Traurigeres als das nutzlose Blut, das am Isonzo -vergeudet wird, läßt sich in menschlichen Gehirnen nicht mehr ausdenken. - -Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, -- sie -denkt doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl -bald Advent, -- diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett -stecken, das wir in friedlichen Jahren so -- oft vergessen haben! So -denkt man jetzt oft zurück, was man früher alles hätte tun können! - - - 2. XII. 15. - - L., -- -- -- -- -- -- - -Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch -richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja -auch nicht. Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es -sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine -neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, -- wir sind nur noch -nicht zur klaren Entscheidung reif, _welche_ es sind und wo die besten -Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut möglich; denn wir übersehen -heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem Europa steckt, durchaus -noch nicht die _wahren_ Linien und Formen. Vielleicht sind die Ansätze -in der Malerei prominenter als in der Musik, -- aber auch _da_ werden -sie sein; man muß nur sehr scharf _horchen_, -- nicht in Konzerten, -sondern nach _innen_ horchen, sowie man die neue Malerei nicht in -Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der -Nacht. Ich _sehe_ sogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen -Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir können heute unser Geschick und -die Wahrheit in den Sternen lesen, -- es kommt nur darauf an, wie man -sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher -mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und -Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der -Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind -hören, -- es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer, -unzerstörter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man -einmal drin _sehen_ gelernt hat (für Musiker z. B. das _Tempo_, in dem -die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man -hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im -Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten -Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich -nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses -gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, -- das -»Unmögliche« liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so -empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle -denken, ich müßte doch auch irgendwie ein bißchen wie sie empfinden; sie -wundern sich dann immer, daß ich mich über dies und jenes »nicht -ärgere«. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar nicht da bin, -- -noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe. -Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre -Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen -und sich dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein -ganzes Bestreben geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses -Verhältnis zwischen uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und -die bewußte Täuschung des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und -nicht das: »die Wahrheit sagen«, jene fürchterliche, seelenkränkende -Manie mancher Wahrheitsfanatiker. - -Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was -Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete -vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe -meine. - -Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte. -Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet -sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt -bei Artillerie- und Minenkämpfen, -- die Infanterie wird nicht -eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ, -Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende -taktische Absichten. - -Baron *** hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie -in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte -mich recht auf seine Gesellschaft gefreut. - -Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden -zu sein; bei diesem elenden Wetter, -- _Haumont_ schwimmt schier weg -- -wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch -gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren -muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten -selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung -bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich -nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs -meinen innerlichen Spaß hatte. - -Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die -Zeiten, die für uns noch blühen werden. - --- -- -- -- -- -- - -Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: -von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger -Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein -_Gewissen_ fühle: meine _Arbeit_; nicht mein Leben als solches; ich kann -gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des -Lebens überwinden, als indem ich den _Sinn_ meines Daseins ins Geistige -hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib _Unabhängige_, d. h. -Abstrakte hinüberrette. Es ist _nicht_ eigentlich das _spätere_ Leben, -das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin -allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, -- er erscheint mir sehr -natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß -ich doch auch vorher einmal gestorben sein, -- denk an die Blumen! Es -ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem -Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der -Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich -werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, -- das -Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner, -enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr -aufmerksam im Quint, -- da steht alles außerordentlich fein und tief -gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre -Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das »letzte Wort -zu reden«; -- Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu -suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, -- die -gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann -schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über -die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen -Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir -unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie -ich das alles meine, -- es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz -unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit -geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren -Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung -gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl -und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum -Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen. - - - 5. XII. 15. - -L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche -über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern -kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken -Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die -Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei -doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -- Das Verrückteste -an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher _St. Mihiel_. Die Stadt -liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg! -Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein -einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische -Kanonade unsrerseits auf _Commercy_ u. a. Orte aus, daß die Franzosen es -auch vorziehen, uns das Vergnügen an _Mihiel_ mit seinem Kaffeehaus usw. -zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen -Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt, -vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit -_Damen_bedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach -Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel -unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er -eigentlich ruhig arbeiten könne. »O ja«, hieß es, »der wohnt ja in der -_rue_ soundso nach >hinten< naus.« Hinten ist nämlich bei uns so viel -wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt »Perle« bleibt ja weit -hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in _St. M._ ist sonst -vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber -dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in »Perle«; selbst -dieses traumhafte »nicht Fort-Können« für die dort in Unterkunft -befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen -solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben -ist über seine Phantasie gestiegen. - -Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich -gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. -Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, als _müßte_ sie in -Fetzen gehen. -- - -Beiliegend Brief von ***. -- -- -- Vielleicht freut sie mich wieder -mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden -oder verstehen wollen; das thut mir um *** leid, den ich eigentlich sehr -gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch -so altklug, menschenkennerhaft und »langweilte« mich überall. Meine -Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, -- -ich machte im Gegensatz zu *** höchstens eine kleine Zeichnung pro -Monat! Aber es ist etwas in ***'s Gesicht, was mich und meine -Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm -liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, -philosophische Mensch! Und *** hat gar keinen Vater!! - - - 6. XII. 15. - -L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum -ausgeträumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein -kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl -nicht los, daß es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein -andermal ein Menschentraum; aber das, was träumt, _das_ Wesen, das ist -immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so -merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste und -dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger -Schimmel, ein richtiges _Pegasuspferd_ der Sage, ist plötzlich an einer -Blinddarmentzündung (es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam -ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden -hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte -dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem -lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich -verfallender Pferdeleib vor mir, -- der Pegasus war fort, -- man hatte -nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, -- -da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: -»Laß die Toten ihre Toten begraben!« - - - 7. u. 8. XII. 15. - -L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest -verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen -diesmal »rechtzeitig« ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder »auf -Reisen« gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer -Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es -schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und -unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne führt, bin ich -sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden -wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten. - -Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, -Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), -- so lies Fabre, -Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und -Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen -dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und -Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), -Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen -Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als -Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge, -geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem -Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die -zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir -längst aus dem Kurs; es gibt höchstens »Gesetz-mäßigkeiten«; die -Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern -Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft -ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch -nur »Anschauung«. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und -immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man -der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein -will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der -Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im _Leben_ -zeigen, _muß_ es ja. -- -- -- -- - - - Gemütlich-Leiningen, - 16. XII. 15. - -L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die -uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens -schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. -Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natürlich -unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen -Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird, -eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn -gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau. -_Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, -- -denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich -Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen -stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum können wir zusammen gar nicht -über _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch -gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über -mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen -zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, -bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für *** -chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene -bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, -- aber -für *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal: -man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts -Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft -bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen, -_Gültiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich -der Kunst geschehen und da heißt es: »wer es fassen kann, der fasse es«. -Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit -der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer -wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's -Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert -wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen -wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes -bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_, -der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag -ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch -bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden -Dingen, die er dann als »Ideen« in Kurs setzt. Man sollte viel weniger -reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können -ihre Stimme erheben und »reden«, -- die haben ihre Sprache für sich, die -prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche -Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit -der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen -das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne »_Tendenz_« gebraucht, -ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für -unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_. - -Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das -unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, -- wie war -es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich -weiß wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine -Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir -keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals -wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir -ein: schick mir doch französisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und -ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80 -Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen. - -Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Kälte nicht -ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem -Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, -- so Leute wissen -immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du -ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurückkomme, -würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein. -Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch -Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jäger; und setz -ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du -könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, -- da hätte -die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das -_Mutterschaf_ sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. -wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und -schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.) - -Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen -Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am -Schluß geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern -seelig-glücklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im -Brahms auf mich, während ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung -habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie -zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte -Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Frz. - - - Straßburg 20/21. XII. 15. - -L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als -Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster -wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist -recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von -Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in -Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und -träumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist -etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine -Großstadt versetzt zu werden; (-- München wirkt nicht so unmittelbar auf -mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein -bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit -spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft -auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen -Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz -infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, -unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. -All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich -ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre -dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten -Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut! -Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders -melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber -in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich -gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich -hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden; -aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf -dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur -kleinsten Kleinigkeit entschließen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes -schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken -und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die -Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Tröste wir uns beide! -Es wird schon wieder alles gut für uns! - -Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich -wieder ein Wägelchen erwartet! - - In Liebe - Dein - Fz. - - - 29. XII. 15. - -Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, -- ich war -Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein -Weihnachten am 24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein -ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, -das ein paar Opernsänger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und -Andante von Händel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und -voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter -Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat -mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, -- vermutlich -Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Laß Dich _nie_ von der Traurigkeit überwältigen, -- traurig sein und -sehnsüchtig wie ein Adagio ja, -- aber Form muß man im Inneren behalten. - -Der Brief muß weg, darum schnell Schluß! - - -- -- -- -- - Fz. M. - - - Neujahr 16! - - Liebste, gutes liebes neues Jahr! - -Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist -um das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es -ist fürchterlich dran zu denken; und das alles um _nichts_, um eines -Mißverständnisses willen, aus Mangel, sich dem Nächsten menschlich -_verständlich_ machen zu können! Und das in Europa!! Man muß wirklich -alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen _Psychologie -der That_ fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen -und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen und --- _Gegengedanken_ zu bilden. - -Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der -die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht -ungern in dieses Jahr, -- mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an -Optimismus ist Mangel an _Wunschkraft_ und Mangel an _Wille_. - -Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, -- und -eins besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde! -(Zither, Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein -großes Fest geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer -tanzen. Du kannst es Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich -bestimmt darauf rechne. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - - - 10. I. 16. - - L., - -gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner -Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war -das gleiche öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man -gar nicht existieren. - -Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen -heute. Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und -sorgfältig gelesen habe, schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt -sich ja vieles, was er sagt, fast wörtlich mit meinen Aussagen, die ich -schon früher August gegenüber gemacht habe: daß die technischen -Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die -Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im -Gegenteil stets auf _Kosten_ einer intuitiven, primären Fähigkeit sich -entwickeln. Früher _fühlte_ man, wie es einem Freund geht, -- heut -telefoniert man ihn an; früher konnte man seine Dichterwerke auswendig, --- heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bücherschrank. Die -Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensität ab. -Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit »abnehmen« sollen!! -Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges: -Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen -Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben! - -Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur -aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre -chemischen Vorgänge nach, -- aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie -böse Geister gegen uns selbst, -- wir fallen von unsern eigenen Waffen, -wie ein böses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem -Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine verbotene Geisterwelt (die es -gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen inneren Halt -verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß unser -Kulturleben nicht mehr »_leibliche Funktion_« ist, sondern willkürliches -Spiel mit organischen Kräften, die man in ihrem _Wesen_ nicht versteht, -sondern nur experimentell benützt. Insofern wollte ich auch _nie_ den -_Leib_ und das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum -Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst -Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und _wie_ er alles meint, --- dann schreib ich Dir mehr. -- - -Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, -- sie kommen schon -noch; ich freue mich _sehr_ auf dies Büchlein, -- dank voraus Liebe; ich -hatte gar nicht mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht -hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich -sehr darauf. Dank für die Blümchen, -- jetzt schon Leberblümchen!! -- -Ich glaube doch, daß Hanni's Geschwulst mit Wiederkäuen zusammenhängt -- -ich bin mir _fast sicher_; -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 12. I. 16. - - L., - -ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich -kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man -kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er -begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen -Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage -ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie -abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies -alles so klar, -- _der Krieg hat alles so klar gemacht_. (Es ist -wirklich traurig, -- man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) -Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das -schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem -erkannten Mangel (wie z. B. Strauß'sche Musik und auch ***'s Arbeiten. -Bei *** denk ich oft: ja, ganz schön, -- wohin gehören wohl die Sachen? -Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie -denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, -- Lebensausstrahlung.) - -Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir -nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte -überraschend weit ausstrahlen (Eigenart _slavischer_ Genies), ohne darum -ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; -- -er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine -_Toleranz_ nicht mißverstehen; -- ich habe aus den angestrichenen -Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und -Wichtignahme nicht _wesentlicher_ Erscheinungen) das thust. Es kommt wie -immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas -geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von -ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem _Reichtum_. -Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen -meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich -achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen -verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie -speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein -kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein -ganzes Innere in Bewegung bringen, -- ich _beginne daran zu arbeiten_. -Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky's »Verstehen«. Die Menschen, -die nur am Besten, am »schlechthin Gültigen« sich entzünden können, sind -unproduktive, nicht aus der »eigenen Mitte« lebende, sondern -nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. -13) meint: »Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der -zudringenden Materie.« - -Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert -(Seite 32 u. f.), wo er über das _Volk_ schreibt. Ich wurde mir ja nie -ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es -gibt eben den Begriff _Volk_ in Europa nicht mehr; man muß sich nolens -volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit -natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal -mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die -wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und -restlos in dieser Kriegszeit begriffen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- - -Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf. - -Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen -Peripheriemenschen treffen, -- hab nur keine Angst davor. -- -- -- -- -- - -Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das -Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt -anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato. - -Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den _Sonetten_ von Shakespeare -zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, --- es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine -andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal -zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich -bin allerdings _sehr_ skeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch -Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel -für Shakespeare alles vorweggenommen, -- meinetwegen eigenmächtig -vergewaltigt, -- aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später -über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann -einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit -den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung -war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt -als die jetzige Purifizierung. - -Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs »Normal« (Seite 31). -Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, -überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten -»Normal und Volk«. - -Über den Kern des Artikels: »Leib« kann ich Dir heute noch nicht -schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich -einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht -alles gesagt. Askese als »Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine -Aufhebung«, -- das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig, -drückt aber nicht den _geistigen Sinn_ der christlichen Entsagung aus; -es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und _Rationalismus_ -in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als -Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: »Das Schöne ist ein Urphänomen -und besteht als Überfluß«. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß -(und bis dato weiß noch _niemand_ etwas darüber zu sagen), -- wozu leere -Worte gebrauchen? - -Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, --- also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. -Ich war _nie frühreif_, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren -Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, -oft viele Stunden. - - Dein - Frz. - - - 14. I. 16. - -L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto -zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach -nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform -vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber -formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus -meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich -bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor -allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen -Wissenschaften, die sich zur »angewandten Wissenschaft« mißbrauchen -ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der -Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er -zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung -nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren, -umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal. - -Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des [Griechisch: -agôn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und -betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor -ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese -merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht »erklären«, aber -auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an, -seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, -_Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des -Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der -christlichen Religion machten, -- das war auch »angewandte Religion«!) -Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der -demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der -Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr -der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen -Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen: -wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die -Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich -hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein, -»wo's fehlt«, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus, -und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei. -Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir -»verstanden« werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht -auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, -- nur so kann -man seiner Zeit oder einigen Seelen »vorangehen«. - -Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser -Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, -hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort -gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst -nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft -machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren -wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum -Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, -- insofern behältst Du -betreff *** wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu -Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch -verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in -unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt -wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr -_loszulösen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg -nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres -wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten -bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es -anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen -Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner -Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies -Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff. - -Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- köstlich!! Er ist das -schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte -des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte -Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther -berückend stark und klar. - - * * * * * - -Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich -wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab -Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so -dringend bald wieder haben wolltest. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - - - 24. I. 16. - -L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die -erwachende Lebensfroheit wieder etwas heraus. - --- -- -- -- -- -- - -Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, -- ein strahlender -Tag. Ich sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, -- -Lothringen ist ja reich an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich -hab das Gefühl, daß alles Land, Wege, Häuser, Wälder so ganz -vorübergehender Besitz sind, -- ich verstehe die Wanderer, die -»Habenichtse aus Überzeugung«. - -Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt, -daß die alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als -einwandfrei gegoltene Bestimmung einer Sache nach seiner kubischen -Dimension als wissenschaftlich unhaltbar anzusehen sei, solange die -vierte Dimension der _Zeit_, des _Zeitpunktes_, nicht noch hinzugenommen -wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz mit -einzustellen, -- _wie_ ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte -Mathematik über den Haufen. Man steht vor einem _novum_. Ich weiß nicht, -ob Du da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge -sehr. Ich habe in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast -Algebraunterricht gegeben, bei dem ich mir lauter solche Sachen allein -ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau so wenig _praktisches_ -Talent wie zur Musik. -- -- -- -- -- -- Über Deine Stickerei hab ich -immer noch nichts gehört. - - -- -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 2. II. 16. - -L., recht gefreut hab ich mich über ***'s Meldung, daß wieder was -verkauft ist, das neue Schafbild -- -- -- -- und 2 Holzschnitte, also -- --- -- -- -- Du hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, -- von -mir kommen auch wieder -- -- -- in den nächsten Tagen; ich sende sie der -Einfachheit halber _direkt an Muttchen_, damit ja keine Schwierigkeiten -mit dem Geldempfang entstehen. - -Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm's nicht zu tragisch, wenn -ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja -klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch -zu sehen. Ich dränge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer -tapferen Fröhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem -pocht, muß man an's Leben glauben und sich nicht mißtrauisch separieren; -und Dein Wort: »ich kann nicht« ist schließlich graduell wie alles im -Leben; etwas weniger -- etwas mehr, -- das ist das Geheimnis des -Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der _Stolz_ muß im Menschen -siegen über alle Dinge, nicht die indische _Trauer_. - -Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) -Krankheit ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg -nicht als solchen angreifen und vertilgen möchte, sondern seine -_Ursachen_. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an -dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht zu überwinden vermag. Auch -darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben. -Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit, -den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer -Seele. -- Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, -sondern gegen sich, und _sofort_ damit anfangen. Nichts ist -selbstverständlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht -das, -- wenigstens keiner will's _an sich_ selbst sehen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - - - 3. II. 16. - -L., was magst Du bei ***'s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß -natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem -gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und -seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu -büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg -das _erstere_ gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn -und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand -in's Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie *** nach dem -Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen -wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, -wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf -den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, _auf -sich selbst_ zurückzugreifen, -- mit denen paktiere ich nicht. Du sagst -ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, die _Konsequenzen_ zu -ziehen imstande sind, -- darin liegt's. -- - --- -- -- -- -- -- -- -- - -Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. --- ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer -nicht am _gegenwärtigen_ Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr -gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir -nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden. - - - 4. II. 16. - -L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über -den Krieg gesagt habe, (Krieg als natürliche _Folge_ und insofern als -gerechte, unausbleibliche Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge -im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin -sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide -identisch sind oder zum mindesten gleich, sodaß man sie auch vertauschen -kann. Was sie voneinander _scheidet_, ist vielleicht nur der Begriff der -Zeit, die zwischen ihnen liegt, -- und das nennt man fälschlich -»Unterschied« und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr -im Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu -»leiden« als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das -Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß -der Krieg für mich, für mein Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit -pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, -mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedanken _kann_ man warten -ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu werden an der -Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine Freunde wissen. -»Meine Freunde«, -- auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich -unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der -Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu -erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir -den Verlag der Jahrbücher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder -heimgeschickt und will nun *** auf sie aufmerksam machen, kann mich aber -des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name. - -Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen -Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen -Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da -- d. -h. ich darf ordnungshalber nichts darüber schreiben und will diese -Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen. - --- -- -- -- -- -- - - - 5. Februar 16. - -L., ich las nochmals Deinen Bericht über -- -- -- -- -- ich kann ihn mir -einfach nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so -aufrichtig, wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung -wurde, das der Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der -Krieg ist einer Ernüchterung durch -- -- -- -- -- zuvorgekommen. Daß Du -Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch -ich wäre nicht in der Stimmung, die Gesellschaft _komisch_ zu nehmen; -man kann sich nur _fern_halten und _ohne Ärger_ schweigen; denn es geht -mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im großen: man soll nicht -über einen Zustand, über das »Zustandekommen« eines Blödsinns schmähen -oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis blicken, auf -eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn -stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch -Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor -sich, und was fröhlich bewußt vor sich sieht, nicht trauernd nach allen -Seiten oder wehklagend rückwärts. - -Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, -den Du, weil er »zu« traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du -keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreißen, -- Du kannst an ihnen -doch nur das Papier zerreißen, nicht die »einmal gewesene und in alle -Ewigkeit seiende Thatsache« dieses Briefes, und zweitens soll ein -solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm einen -freudigeren Gegenbrief nachzujagen, -- statt beides bleiben zu lassen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - - - 6. II. 16. - -L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der -»Wirklichkeit« verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem -riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf -Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die -Sache ist allerdings harmloser, -- die »_Kunst_« war bei dieser -Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die -Überzeugung der anderen, -- ich selbst hatte sonderbare -Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: -Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie -unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die -nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten -Naturschutzfarbe (_mimicry_) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen -man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, -- -_sehr_ viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die -photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu -Hause stark vergrößert, -- dabei entdeckt man meistens die eckigen -Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen -zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild -so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die -Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch -photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die -Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung -»von Monet bis Kandinsky«! - -Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja -nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine -solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts -eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch -zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk. - -Jetzt ist schon der 6. Februar, -- ein alter Kirchweihjahrestag! Ich -erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock -und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, -- ich -»rieche« noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und -Kaulbachstraße! - -Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz -unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben -wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - - - 7. II. 16. - -L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie -Russl _weg_gibt, an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie -soll ihm dann ab und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den -guten alten Kerl eine kleine Pension. Behalten soll sie ihn auf _keinen_ -Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit, ihn in Pension zu geben, dann -soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, -- besser, es geschieht, -wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn das letztemal -so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit -ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd -schlechter Vaterlandsbazillen. Ein dritter Winterfeldzug? _Glaub ich -nie!_ - -Das zu denken ist einfach _unorganisch_. Dieser Sommer entscheidet. Daß -ich je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich -unwahrscheinlich. Der General wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel -Jüngere da. - - - 7. II. 16. - - Liebe Lina, - -meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht über den Russl und seine ewige -Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und über die gute Hanni. Zunächst -lassen Sie sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen für die -Treue, mit der Sie die Tiere und mein Haus versorgen. Ich weiß sehr gut, -daß das gar nicht so leicht ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehört. -Aber die Hauptsache ist natürlich, daß man dabei gesund bleibt und wird. -So gern ich meinen alten weißen Russl habe, so bin ich doch dafür, daß -Sie ihn unter _allen Umständen_ fortgeben, und zwar wenn sich eine -Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. Ich -will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern -Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann -berechnen, was er ihnen kostet. Sie können ihm ja ab und zu einen -Leckerbissen bringen, daß er Sie nicht ganz vergißt; findet sich aber -niemand, der ihn in Kost nehmen kann, bitten Sie Herrn Bauer in meinem -Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel den Schritt ins Jenseits zu -erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwar _sogleich_ auf die -eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einen _guten_ -Platz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschießen. Aber _fortgeben_ -müssen Sie ihn auf alle Fälle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal -ordentlich aus. Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn -der Russl nicht mehr im Garten ist. -- Daß jetzt genug Futter für Hanni -da ist, freut mich. Sorgen Sie nur immer hübsch im _voraus_ dafür, damit -es nie ausgeht; und bringen Sie ihr recht oft Haselnuß- und -Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten Gerbsäure, die für -die Tiere sehr notwendig ist. - -Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe, --- ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich -auch nicht. Ich bin fest überzeugt, daß er in diesem Sommer zu Ende -geht. Dann gibt's auch wieder vergnügtere Zeiten in Ried. - -Gute Besserung und herzlichen Gruß - - Frz. Marc - - _p. s._ - -Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Büchsen -zurück. - - - Nachschrift vom 8. II. - -Mir geht immer noch mein Entschluß mit Russi im Kopf herum, -- ich kann -aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl kränkelnd in der fernen -Rehhütte, während der Welf scharwenzelnd ums Haus läuft; früher hat -Russl doch wenigstens mit seinen Blicken das Küchenfenster beherrscht. -Und andrerseits der schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen -kaputten Magen etc. hin. Glaub mir: es ist das Beste für ihn, wenn er -von einem zu traurigen Alter erlöst wird. Ich schrieb es auch Maman. -- -Wenn Du wieder daheim bist und mußt es dann schließlich doch selber -anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir auch. Ich -werde ihn auf unsrer Hausthüre, _ihm_ und _Hanni_ ein Gedenkschild aus -Messing treiben. Ich weiß jetzt ganz genau, wie unsere Hausthüre einmal -später aussehen wird. Die alte muß weg. - - - 19. II. 16. - - Liebe Maman, - -ich weiß nicht, ob Du von meinen kleinen häuslichen Traurigkeiten gehört -hast; die gute kleine Hanni ist plötzlich eingegangen. Sie litt ja schon -seit November an einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere -Beschwerden davon zu haben, -- nun ist sie ziemlich plötzlich, während -Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben. - -Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persönlich viel tiefer berühren -wird. Dein guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem -Bedenken mich doch entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem -kleinen Trimm) zu verkürzen. Im November erschrak ich ja schon über sein -Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen Nahrung zum Skelett -abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trübe Augen. Lina hat ihn -gewiß ordentlich gepflegt, auch während Marias Abwesenheit; sie schrieb -mir sehr nette ausführliche Berichte über ihn und Hanni; sie hat ihn -auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn für sehr alt und schwer -nierenleidend erklärte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die -Hütte und der Platz wo er war, floß immer in seinem Wasser; er hatte -natürlich auch Würmer wie alle kranken Tiere; nach dem allen fand ich es -würdiger und mitleidiger, ihm seinen Eingang in den Hundehimmel zu -erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten Tier, sind qualvoll und -nicht zu heilen. Höchstens haben die Herrn Veterinäre noch einen Gewinn -davon, -- der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme, werd ich -ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen, -- vergessen wird der -eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie -es scheint und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als -sehr ordentliches Mädchen bewährt, hat sich alle erdenkliche Mühe -gegeben, den Russl zu pflegen, aber schließlich doch ohne Erfolg; er -wurde immer hinfälliger und elender und der Geruch immer schlimmer. - -Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer -Stimmung. Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so -grundverschieden sie auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen. -Das kleine Waltherchen ist jetzt schon 5 Jahre! Er soll _genau_ wie sein -Vater sein, fast unheimlich. An ihm und an dem kleinen Wolfgang (3 -Jahre) hat Lisbeth natürlich ihren größten Trost. - -Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und -natürlich ziemlich viel zu thun. - - -- -- -- -- -- - -- -- -- -- - - - 13. II. 16. - -L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir -sitzen und manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung -auf dem Couvert: - - An Frl. Zenzi Duffner - zum Köpferl in der Wis - Post Miesbach - -und dergleichen. Und manches ist so reizend und rührend ausgedrückt; -oder so lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i -ungemütlich. Daß Niestlé diese Briefe nicht lesen kann! - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Heute erzählte jemand, daß wenn der deutsche Tagesbericht -funkentelegraphisch über ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft -grob dazwischen diktiert: »ist gelogen«, »Prahlerei« usw. Ist das -nicht unglaublich? Diese Vorstellung, daß der Eiffelturm so -dazwischenschimpft! - - * * * * * - -Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen -Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir -gleichzeitig. Zu helfen war da natürlich nicht mehr. Sie ist wenigstens -nicht allein gestorben und hat die pflegenden Hände sicher wohltätig -gespürt. Ich leg Dir Linas Brief bei. Ob nur die Schwächung durch die -Geburt und schwache Ernährung schuld ist, möchte ich sehr bezweifeln. -Wild _darf nicht_ stark gefüttert werden; Heu bekam es ja wohl, soviel -es wollte. Schon die Drüsenanschwellung ist das Symptom irgendeiner -inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik endete. Ich -kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches, -liebes Leben bei uns gehabt, -- so denke ich auch nicht weh an Hanni -zurück, -- und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, daß ihn Bauer -unbedingt schmerzlos in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im -November war mir klar, daß er an einer schweren Alterskrankheit leidet; -Linas Brief schildert sie ja so gut, daß ich mich sofort entschieden -habe. Es wäre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen Rehhüttchen -und überhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn. Halte Dir, wenn -Du heimkommst und kein Lämmchen halten willst, ein Vögelchen. - -Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern -das Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern -auszubeuten, ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu -geben, daß es zu einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im -Großen, der Bazillus und die Krankheit sind für mich dasselbe. -- -Februar-Urlaub ist unmöglich; ich führe ja noch immer die Kolonne ganz -allein und kann nicht weg. - -Aber es geht mir famos. - - - 22. II. 16. - -L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank für die köstliche Tunisaufnahme -von August, -- wie besonnt und harmlos glücklich reitet da der gute -schwere August auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch -der Jünger Moilliet; im Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner -Malapparate in der Hand? ich freu mich recht über diese kleine Aufnahme; -sie zeigt denselben vergnügten August wie wir ihn in Paris um uns -hatten. - -Was Du von August's hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich -riesig. Freilich erfüllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh -über den Weggang dieses Menschen; aber der jähe Weggang durch eine -feindliche, fast möchte man sagen: befreundete Kugel, -- denn es war -eine französische -- scheint mir doch nicht ungereimter als der Tod von -M.'s Frau oder irgendein anderes, »natürliches« Unglück. Auch der Krieg -ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer thust, den Krieg -gänzlich außerhalb des natürlichen Geschehens zu stellen. Die -Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so -gut wie die Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich -_längst ganz vom Krieg abgewendet_. Mein Wesen sucht allerdings nicht -die Indifferenz von *** und *** zu gewinnen, sondern ist nur ein für -allemal _belehrt_, geheilt und zurückgeschleudert von den Peripherien -früherer Interessiertheit in's alte verlassene Zentrum der reinen -_Funktion_. August ist diesem Zentrum von jeher näher gestanden; er war -keine ausgreifende, immer fragende, unerlöste Natur wie ich. - -Wie freut es mich, daß Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in -Ried vornimmst, -- führ es wirklich durch und führ Dein Wesen ins -Fruchtbare statt in die Wüste des ewigen Jammerns und womöglich Hasses, -_der nie was gutes erzeugen kann_. - -Du willst später mehr Sachen von mir aufhängen? Meinethalben, -- wenn -Dir dann nicht mein lebendiger Leib genügt! Was mich früher immer -abgehalten hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist -eine scharf gefühlte -- Scham vor der eignen Produktion; dies Gefühl ist -schwer erklärbar, -- es geht auf den Moment der Schöpfung zurück, in dem -an Stelle des persönlichen Willens der rätselhafte Zwang einer Eingebung -trat. Ich weiß von so vielen und gerade meinen stärkeren Sachen absolut -nicht mehr _wie_ sie entstanden sind; ich wundre mich, daß ich sie -gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblättern meiner -Skizzenbücher erschrecke ich zuweilen förmlich. - -Heut war ein strahlend schöner Tag, voll Anmut und Farbe und voll -Heimweh! Seid beide umarmt und lieb gegrüßt und geküßt von Eurem Frz. - -Empfiehl mich bitte bei den schön stickenden Müttern, -- dies im Geiste -August's Arbeiten ist rührend. - - - 17. II. 1916. - - Liebe Maman. - -Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was -Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man's ja -an sich erproben können, -- eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst -selten bietet, da man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht -sieht und zum mindesten an sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege -nie eingefallen, die Gefahr und den Tod zu suchen wie ich es in früheren -Jahren des öfteren gethan habe, -- damals ist der Tod mir ausgewichen, -nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute würde ich ihn sehr -wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe vor ihm, -- -nichts ist beruhigender als die Aussicht auf _Todesruhe_ -- sondern weil -ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes -Sinnen ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille. -Sonst aber hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das _allen_ -Gemeinsame und führt uns zurück in das normale »Sein«. Die Strecke -zwischen Geburt und Tod ist der Ausnahmezustand, in dem es viel zu -fürchten und zu leiden gibt, -- der einzige wirkliche, konstante, -philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand -vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz -unzulängliche »Ich-Bewußtsein« wieder in seine wundervolle Ruhe vor der -Geburt zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun -pantheistisch wie Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im -alten geistvollen Japan) oder christlich wie Pascal ausdrückt, -- das -_Wesentliche_ des Gedankens über Leben und Tod ist immer dasselbe -geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte Verwaltung seines -biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens stören -könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer -schlecht thut und wer nichts thut -- der hat die Strafe schon im Leben -davon, in seinem Gewissen und in seiner -- Todesfurcht. Diese Leute -können das Leben nicht rein genießen (so sehr sie sich auch den Anschein -geben), weil sie viel zu viel Angst vor dem Tode haben, der ihnen -»alles« nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis strebt, dem kommt -der Tod immer als Erlöser. - -Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war's eigentlich nicht -gemeint. Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker -nicht verdenken. Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund -wiedersehen! - - - 25. II. 16. - - L., - -großer Reise- und Truppenbetrieb, aber bis jetzt ziemlich harmlos. Immer -noch im alten gleichen Zirkel; wir kleben an den alten Plätzen, als ob's -gar keinen andern Kriegsschauplatz gäbe. Mir ist's ja gleich, wo ich -bin. Das Wetter ist auch schon wieder mild. -- Ich bin aber von unserm -zehnstündigen Ritt so hundsmüde, daß ich zu nichts anderem fähig bin als -zum Schlafen. Hab auch gutes Zimmer und Bett. Schlaf süß, mein liebes -Lieb, mit Küssen und sehnsüchtigen Gedanken - - Dein - Fz. - -Gruß an Lisbeth und Walter. - - - 27. II. 16. - - L., - -nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage. -Die ganzen französischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen -Wut und Gewalt des deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen -Begriff machen, der das nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen -Verfolgungstruppen. Die armen Pferde! Aber einmal mußte dieser Moment ja -kommen, in dem alles eingesetzt wird; aber daß es gelang (und es wird -sicher noch weiter gelingen) und zwar gerade am _stärksten_ Punkt der -franz. Front: Verdun, -- das hätte niemand geahnt, das ist das -_Unglaubliche_. Einliegendes Bild ist noch in Leiningen gemacht St. und -ich. - - Mit Küssen - Dein - Fz. - -Ich bin sehr frisch und guter Dinge voll, Gruß an Lisbeth. - - - 28. II. 16. - - L., - -es geht mir gut. Wetter leidlich. Wir sind freilich wieder zur -Primitivität der ersten Kriegswochen zurückgekehrt. Aber ich fühl mich -ganz frisch und bin guter Stimmung. Bleib's Du auch. - -Grüße. In Liebe - - - 29. II. 16. - -L., eben habe ich eine ruhige Minute in einem französischen Unterstand -um Dich zu grüßen, was ich so hundertmal im Tage thue. Sei versichert, -es geht mir nicht schlecht. Es ist halt doch was anderes, als Offizier -einen Bewegungsfeldzug mitmachen wie ehemals als U.-Off.! Aber die -Arbeit und Verantwortung ist natürlich oft riesig. Wir sind jetzt zu -zweit, Lt. M. und ich und haben doch zuweilen kaum die Kraft, unsrer -Riesenkolonne die innere Organisation zu erhalten. Ich kann allerdings -nicht leugnen, daß diese Arbeit, die viel moralische Kraft erfordert, -für mich nicht ohne Reiz ist. Solange der Manöverbetrieb in L. war, war -es mir oft innerlich sehr peinlich. Jetzt aber weiß man, wozu man -Offizier ist und auf seinem Posten steht. Über das Eine freu ich mich: -daß meine Nerven von einer wirklich erstaunlichen Unberührtheit sind. -Von meiner Verwendung als Artilleriebeobachter kann jetzt natürlich gar -keine Rede sein, -- Du brauchst Dich in keiner Weise zu ängstigen. Ich -bin neugierig wie diese ganze Operation noch hinausgeht, -- wir sind -gänzlich ohne Nachrichten. Von München kam etwas Post, von Dir leider -nichts. Man muß sich gedulden. Ob Du wohl noch in Bonn bist? Ich -schreibe Dir gleichzeitig ein Kärtchen nach Ried für alle Fälle. Dieser -tiefbeschämende schmachvolle Krieg muß ja jetzt bald ein Ende nehmen. -Ich bin ganz vertrauensvoll. Mit Küssen und Streicheln - - Dein guter alter - Franz. - - - 29. II. 16. - -L., ich schrieb Dir gleichzeitig nach Bonn, -- ich hab von Dir lang -keine Post mehr bekommen. Ich kann Dir nur beruhigendes von mir -berichten; ich fühl mich körperlich sehr frisch und erhalte mir auch -mitten in diesem Kriegsgetümmel mein inneres Gleichgewicht. Immer kaut -man an dem immer rätselvolleren Rätsel herum, wie dieser Krieg nur -möglich ist! Europäer! Es ist schrecklich. -- Aber alle Dinge haben ihr -Ende, auch die schlechtesten und furchtbarsten. Man hat natürlich so -viel zu thun, daß an ein wirkliches Schreiben nicht zu denken ist. Nun -kommt schon bald richtiges Frühjahr nach Ried! Ich denke immer daran! - - - 2. III. 16. - -L., gestern Abend kam Dein Kärtchen vom Rautenstrauchmuseum und -Lisbeth's lieber Brief mit Deinem Zusatz. Es freut mich so, daß Ihr -beide Euch zusammen wohl fühlt und Anregungen austauscht. Laß mich nur -wieder da sein, dann soll das Leben schon wieder seinen alten Schimmer -bekommen. Wir sind heraußen wohl genau wie Ihr fiebrig gespannt auf den -Ausgang dieses riesigen Kampfes, den Worte nie werden schildern können. -Ich zweifle keine Minute an dem Fall von Verdun und dem darauffolgenden -Einbruch in das Herz des Landes, wohl von einem andern Platze. Aber wie -furchtbar ist das! Ich bin wohlauf und verliere meine gepanzerte Ruhe -nicht. Seid beide und die Kinder vielmals herzlich gegrüßt und Du tief -geküßt von Deinem - - tr. - Fr. - -_p. S._ Wir sind heut Nacht wieder in festes Quartier gekommen, -natürlich Ruinen aber _völlig_ außer Schießentfernung; Pferde zum -erstenmal im Stall! Dein Geburtstagsbrief ist gefunden! Denk Dir!! Auf -welche Weise, schreibe ich Dir noch! - - - 2. III. 16. - - L., - -ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem -Wege sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natürlich -Postsperre. Wir stehen natürlich mit in der Riesengeschichte im Westen, -schauerlich und ungeheuerlich wie es Worte nie werden schildern können. -Ich führe mit Lt. M. zusammen unsre Kolonne unter schwierigsten -Umständen; aber es geht alles. Und gottlob geht es bis jetzt auch gut. -Wir sind 10 Kilom. durch die französische Front durch. Wir hausen nachts -in den französischen Unterständen. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch -(25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen. - -Ich selbst fühle mich wohl und frisch, -- meine Nerven sind unberührt, -daß ich oft selbst staunen muß; Dinge, die mein eigentliches wahres -Wesen nichts angehen, berühren mich überhaupt nicht mehr. Jetzt ist -übrigens der Moment gekommen, in dem ab und zu ein gutes Päckchen -(Schokol. Gilka, Stück Hartwurst u. dergl.) hochwillkommen sein wird. -Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich zweifle nicht, daß -Verdun fallen wird, -- aber ob es dann gelingt, den grausamen Stoß in's -Herz des armen Frankreich zu führen! Seit Tagen sehe ich nichts als das -Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können. - -Ich freute mich gestern über eine Karte von Dir und Lisbeth's Brief, in -dem Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend für mich, Euch jetzt -beisammen zu wissen und zu hören, daß Ihr Beide Euch Menschliches und -Künstlerisches zu sagen habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich -komme Dir wieder. -- Der Krieg geht in diesem Jahr zu Ende. - -Ich muß schließen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht -fort. Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und laß Dich küssen und laß -uns in Gedanken immer beisammen sein. Grüß Lisbeth und die Kinder. - - - 4. III. 16. - -L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in -Maxstadt (Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte -ihn doch, trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden! -Ich hab mich schon ein bißchen geschämt aber auch doppelt gefreut, daß -ich ihn nun doch habe: Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde -ich auch zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu -meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der -Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke -einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist. -Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib -und alles was mir gehört, zu mir gehört! - -Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten -Schloßbesitz, über den die ehemalige französische Frontlinie ging. Als -Bett hab ich einen Hasenstall auf den Rücken gelegt, das Gitter weg und -mit Heu ausgefüllt und so in ein noch regensicheres Zimmer gestellt! -Natürlich hab ich genug Decken und Kissen dabei, so daß sich ganz gut -drin schläft. Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch -gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank -viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief! - - -- -- -- - -- - - Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen! - - - - - Aufzeichnungen - - - Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich - 1911-12. - -Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie -sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein -Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, -seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die -unsern Augen zugehört statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um -dessen Bildkreis zu erraten. - - * * * * * - -In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine -Kristallisationskraft zu prüfen. - -Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, -in dem wir Maler uns bewegen. - - * * * * * - -Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf -er liegt? - -Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das -Problem auf »Kugel und Fläche« stellt, so fällt der Begriff Apfel im -Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns -wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den -schönen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche? - - * * * * * - -Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es -irgendwelchen vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu -malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil -wir die Welt kubistisch fühlen? - -Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als -»Reh«, die Landschaft muß also »Reh« sein. Das ist ihr Prädikat. Die -künstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist -vollkommen und einwandfrei; sie »sehen« das Reh gar nicht und kümmern -sich nicht darum; sie gaben »ihre« innerliche Welt, -- das Subjekt im -Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das -Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem -Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. Das Objekt -ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert. -Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann -aber auch ein Bild malen wollen: »Das Reh fühlt«. - -Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die -Ägypter haben es gemacht. Die »Rose«. Manet hat sie gemalt. Die Rose -»blüht«, wer hat das »Blühen« der Rose gemalt? Die Inder. Das -_Prädikat_. - - * * * * * - -Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man -gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit -gebe ich seine äußere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt, -nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch -den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist, -sein Prädikat. - -Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das -Subjekt, sondern von dem Raum etwas »ausgesagt haben«, das Prädikat des -Subjekts gegeben haben. - -Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die -sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen. - - * * * * * - -Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu -geben, bleibt ungelöstes Problem. - - * * * * * - -Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum -Schemen, um zur großen künstlerischen Form zu kommen. - - * * * * * - -Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer -kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker). - - * * * * * - -Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende -Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten -Schluß ziehen, ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen -Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein -eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft. - - * * * * * - -Das Groteske: - -aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat -das Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt, -wie Märchen. - -Größer ist die _naive Darstellung_, die die Wirkung des Grotesken (das -oft ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht. - - - 1912? - Einzelne Blätter. - - - 3. - -Was wir unter »abstrakter Kunst« verstehen. - -Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das -Existierende ist Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt -unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen. -Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler stellte die Welt -künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte; -der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich -befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, -- er hat aber auch -alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den -Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Präparat zu ersetzen, -Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer nach. Selbst die -Kunst zwang er zu Handlangerdiensten. - -Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch -nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der »anderen Seite«, auf -der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können -und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins -redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: die Befreiung der -Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den -Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen. - -Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein. -Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir -werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen -oder scheinen, sondern _wie sie wirklich sind_, wie sich der Wald oder -das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein -lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns -gelingt, die traditionelle »Logik« von Jahrtausenden beim künstlerischen -Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist alogisch. Es -gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen -unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie -getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an -sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der »anderen Seite«. - - - 4. - -Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu -beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das -ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, -- oh des -glücklichen Tages! -- vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat _seine_ -Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern -plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade -fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk -bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, -- aber -glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb -suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind -hinter dem Schein? - - - 5. - Die absolute Malerei. - -Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir -dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir -nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden, -je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung -vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, -ganz aus eurem Geiste weg, -- denkt euch fort samt eurem Weltbild, -- -die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese -Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in -Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt. - - - Grenzen der Kunst. - --- -- -- Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen -Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum -durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man -darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber -lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf -den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z. -B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent »Pegasus« -darunter schreiben. - - - Religiöses. - -Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen. -Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie -könnten _alles_ daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine -große und reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto -künstlerischer war, je religiöser sie gewesen (und umso künstlicher, je -unreligiöser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen, -daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit -unvereinbar ist, -- nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß die -Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik -zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der -Taumel über unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird -wieder zum großen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden -wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschütterten -Herzen einziehen. - -Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über -den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas -Beschränkteres und Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle -Religionen überwunden zu haben? Das glauben sie nämlich, die »guten -Mitteleuropäer«. Auf was stützen sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen. -Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die nicht schlechteste Imitation -vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist -verhungert. Eisenbahn -- die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine, --- kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A nach -B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil -höchst plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer -gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten, -_Geist zu sparen_. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen -Verkehrsstörung in Haft genommen oder überfahren. Es wird aber eine Zeit -kommen, in Bälde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft -grenzenlos langweilig finden; man wird sie _vollkommen liegen_ lassen, -ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen -Gütern handeln wird. - - - Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht. - Geschrieben Anfang 1915 im Felde. - - - 1. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - -Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und -Wahrheit. Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß -wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die -Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, -- -was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge? - - - 9. - -Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf -gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich -verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu -sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht -blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der -Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen. - -Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das -erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal, -wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen -fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus »wider Willen«. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - 15. - -Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich -verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und -20. Jahrhunderts zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen -Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte. - -Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer -Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen, -um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren. - -Alles, das Größte ist heute in den Anfängen. - --- -- -- -- -- - - - 23. - -Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung -des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen -und Müden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille -bestimmt das weiße Schicksal. - - - 25. - -Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern -und unerhörten Klängen leben. - -Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen -als eine Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den -Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und -die Welt hat Zeit. - - - 30. - -Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen -die Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches, -Unmögliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo -ein Bedürfnis, eine Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon -keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr. - - - 31. - --- -- -- -- -- - -Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen, -nicht von Traditionen leben. - - - 32. - -Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den -Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten -in der Tradition; sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr -dauerhaft erwiesen. Die großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im -Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten -Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können sie ihre Formen aufrichten. - -Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische -Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar -wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der -Oberfläche, niemals im Vordergrund. - -Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt, -sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt: -das »Wissen um das Heil«, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der -»Kultur« vorausgeht. - - - 35. - -Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, -- die wenigen -Europäer, die es erst geben wird, -- der große Schmerz seiner -Gestaltlosigkeit überfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre -Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der -Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, in der stilisierten Fassade -der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen -Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in -Weltdurchschauung verwandelt hat. - -Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen -Überzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere -Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung, -Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat. - - - 38. - -Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um -die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen -Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen -dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die -Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre -Jenseitigkeit zu zeigen, -- wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen, -da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet. - -Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen -Kurven vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch -weiter vor in Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind. - -Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein -Ärgernis zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben -und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und -an seiner Würde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir -seine Zukunftsart. - - - 39. - -Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen -läßt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie -wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren -ihr »Vermögen« dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das -naive Vermögen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging. - - - 45. - -Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch -ein Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen -Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute für unser Auge die -»neue Buntheit der Welt« ausmachen. - -Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz, -eine Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und -Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und -Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze. - -Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, -- -wir werden sie mit voller Sicherheit finden -- werden wir vielleicht das -dritte Gesicht haben. - - - 55. - -Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem -»Jenseits« zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch -in die Formen der sichtbaren Welt. Heute träumen wir nicht mehr -eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu -jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen. - -Gott kam einst in einer Krippe »zur Welt«. Heute steht sie leer. Wir -suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären, -in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur. - -Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische -Kraft wandeln. - - - 70. - -Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres -Geistes. - - - 78. - -An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das -religiöse Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird -zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst längstvergangener, -primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annäherung an -diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos -wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die ihrerseits -wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im -Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer -Zeit. - - - 79. - -Den Menschen graut vor Leichen und Moder, -- warum thut er so vertraut -und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die -einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung -und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen -Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur »ihre« Bazillen. - - - 80. - -Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und -Bazillenträger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das -Paradigma des Geistes ist. - -Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der -Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft -anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurückstehenden, murmelnden -Menge. Man frägt die Mediziner nicht einmal, wie unmöglich dieses sei -und wie gewiß sein Gegenteil. - -Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist -Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist -verseucht und erkrankt. - -Wer lebt heute zwischen frischen Dingen? - -Was ist _Reinheit_? - - - 82. - -Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es -untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das -Blau der flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte -Auftauchen an einem andern Ort, -- erkennt, meine Freunde, was Bilder -sind: das Auftauchen an einem andern Ort. - - - 83. - -Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz. - -Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen. - -Das Aufblühen des Unbekannten. - - - 85. - -Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz -einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen -Pochen wieder langsam aufzuhämmern der Zukunft entgegen. - -Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit. - -Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig? - -Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg -nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben. - - - 87. - -Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine -hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen -gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte -liebten wie wir. - -In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht -uns mit seltsamen Augen an. - -Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten -möglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen -Möglichkeiten des abstrakten Denkens? - -Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als -unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des -_sentimentalen Geistes_. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen -noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte. - - - 89. - -So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche -Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als -hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens. - -Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen -alternd dieser Krankheit. - -Der Europäer als Arzt und Wiederverkünder alter Wahrheit -- - -Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender. - - - 90. - -Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben -kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten. - -Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht. - -Ich singe mit Mombert: - - »Nur einen Flügelschlag möcht ich thun, - Einen einzigen!« - - - - - Briefe an Frau Lisbeth Macke - - - _Hagéville_, 23. X. 1914. - - Liebste Freundin, - -gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon -schreibt mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren -haben. Ich bin so traurig und beklommen davon, daß Du es August's und -Deinem Freunde schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte -nicht mehr schreibe, als daß ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn -trauern werde, so lange ich noch lebe und male! Vergiß uns, Maria und -mich, nicht über dem Leid. Wir haben ein Häuschen und möchten Kinder -sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du nur magst. Was Dir die -Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein -- aber das andere, was Dir -und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet hat, die Malerei -von August, das Erbe seiner Ideen -- dies Leben sollst Du bei uns -weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen -streicheln von - - Deinem treuen Franz - -Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut? - - - _Hagéville_, 5. XI. 1914. - - Liebe Lisbeth, - -ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht »nichts-sagende« -Zeilen lieb sind -- aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es -nur, um Dir ein bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine -traurige Karte mit der ungewissen Nachricht über den armen August, ich -wußte inzwischen schon durch Maria und Koehler, daß doch noch eine -kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, -- möchte es doch sein! -An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube ich absolut -nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang -des Krieges herrschte -- übrigens auch bei uns, ich war in _Saales_ -selbst Zeuge -- ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen, -männlicheren Überlegung gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders -sein. Der Postverkehr ist andrerseits so gänzlich abgeschnitten, daß er -vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, vor allem, wenn er in -einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer noch ein -bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin. Ich -denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben, -gemeinsamen Erinnerungen, an August's Atelier und was aus unsrer -Freundschaft und gemeinsamen Arbeit noch hätte werden können! - -Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben -Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir -den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige -Gedanke, daß ich sie ganz allein zurücklasse, wenn ich nicht -wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde fürchtet man den -Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem -fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke, -kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt, -zurückzulassen, ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im -allgemeinen wenig exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht -zurückzukehren; aber ebenso felsenfest hab ich an August's Stern -geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß man verzweifeln -möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert -als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen -ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer -fühle, was ich und wir alle an ihm verlieren würden. -- - -Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor -allem unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den -Vogesenkämpfen kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen; -ich hab viel ruhige Stunden für mich und arbeite für mich an meinen -Gedanken, die der Krieg in ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich -finden, mit dem ich über das alles reden kann, wenn ich August nicht -mehr habe? Du kannst es mit noch größerem Recht sagen, aber was Dir -Freunde sein können, das sollst und wirst Du an uns finden. Grüße Deinen -lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich riesig, daß er sich -wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen und laß Dir -einen Freundeskuß geben von Deinem treuen - - Franz. - - - Bertschweiler, Südvogesen - 7. I. 1915 - - Liebe Lisbeth, - -Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22. -XII. hab ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von -Koehler, der mir von seinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und -auch die näheren Umstände von August's Tode schilderte. Nun sind wir -wirklich allein, ohne unseren August, Du und Koehler und ich, und mit -uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand geben in seinem -Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben davon -umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei. -Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig -helfen. Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder -bei uns in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie -nicht geben kann. Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen, -kannst Du mir schon glauben, vor allem auch für die Kinder. Und von Dir -möchte ich noch viel über August hören und erfahren, vor allem über -seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, als wenn schon bald Friede -wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere Geschütze! Wir sind -seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen). Statt des -erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze -Weihnachtsnacht am Pferd! - -Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im -Westen. Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere! - -Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt -ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als -Infanterist doppelt und zehnfach. - -Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine -Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten -unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August. -Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du -auch einen von Deinem treuen - - Franz Marc. - - - 29. I. 1915. - - Liebe Lisbeth, - -wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im -Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar -die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide -weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges -verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm -Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt -merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre -Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die »Neutralen« im Lande! - -Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und -Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem -melancholischen _Hagéville_ geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem -Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher -Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor -dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in -»Kunst und Künstler« habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo -Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K. -gerne einverstanden bin, -- vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall -die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir -und unserm Freundeskreis von August's Wert und unserer gemeinsamen Liebe -erzählen soll. - -Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht -mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas -über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von -seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn, -er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich -denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen -machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August's -Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen -lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa -aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als -derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm -durchschüttelt. - -Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß -melancholisch und ernst drein -- so verändern sich die Dinge!! - -Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten -und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze -Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen -kameradschaftlichen Gruß von mir bei. -- - -Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung -Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé'schen Mädchen -- auf solche -köstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich! - - Von Herzen Dein Franz Marc. - - - 22. II. 15. - - Liebe Lisbeth, - -umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria -schrieb mir, daß sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die -Geschichte mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, daß mir letzthin -gar nicht recht klar wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir -und der Redaktion bestehe. Jetzt erinnerte ich mich plötzlich an alles, -und wundere mich auch nicht über die Anfrage. _Vive la bagatelle!_ Meine -Gedanken sind heute wo ganz anders -- es ist alles so lange lange her, -als wären's Jahre. - -Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam -dann Dein gutes Schokoladepaketchen, schönen Dank! Bleibt alle gesund, -Ihr lieben Drei. Mit herzlichem Händedruck - - Dein - Franz Marc. - - - 12. V. 1915. - - Liebe Lisbeth, - -Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an -August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm -Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte -mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus -- da mußte ich so an Euch -denken. Ich blieb dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas -schweren Herzens zurück. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der -mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen -Entschluß wieder über den Rhein zurück nach Westen zu reiten! Wann -werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren dürfen?! Daß -Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht -sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge -- auch -eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen -und fremden Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches -andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn -Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen -Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine große Freude -machen; und ich hoffe so sehr, daß er für Dich selbst eine kleine -seelische Erholung wäre --. - -Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff *** ist lustig; ich wunderte -mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht -anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei -***. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Außer *** käme eine -Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich -von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen; -vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte -trotzdem die Bezeichnung »Von seinen Freunden veranstaltet« tragen. Ich -schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht -in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die -Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz -glücklich -- es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal -Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August's Kunst in seiner Galerie -einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt -ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und -dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches -Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und -ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante -Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein -glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die -Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein -unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache -stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die -freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August's -Bilder bleiben immer jung, -- nichts, was Wert hat, hat Eile; im -Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser. - -Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen -Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle -herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und -W. Gerhardt mit Frau. - - Dein Franz Marc. - - - 6. VIII. 1915. - - Liebe Lisbeth, - -jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer -Abschied genommen hast -- rückte er damals gleich ab? Und nun liegt -Helmuth verwundet -- hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige -Tage nach seiner Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div. -Westen; ich schrieb ihm sofort wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine -Antwort, was mich etwas beunruhigt. Es war ein Granatsplitter im -Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, die glücklich verlaufen -sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt sein -Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig, -wenn es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth -weißt und besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar -ist. Es ist ja auch die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch -allen; wo ist Dein Bruder? Grüß alle von mir und laß Dir die Hand -drücken - - von Deinem - Franz. - - - 5. X. 15. - - Meine liebe, gute Lisbeth, - -wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin -sehr schreibeunlustig geworden -- die Welt, die Arbeit und die Liebe, -alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich -schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter, -aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät, -unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand -besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer -- Soldat! Ich -kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges -Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir -Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und -Kinderleben! -- Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in -gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts -klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier -sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die -geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch -»dicker«. Dabei »genieße« ich den unbestrittenen Ruf eines -»vorzüglichen« Soldaten. Ich bin es sogar. -- Das ist das Groteske -meines jetzigen Lebens. - -Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes, -ruhigeres zu sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und -Wolfgängchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch -solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs, -dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle -Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du Ärmste hast das größte Opfer -gebracht, -- Deine Ruhe kann ich verstehen -- aber so viele andere?? -Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich -sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg -aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich -bin zu keinem anderen fähig. - -Mit herzlichem Händedruck - - Dein Franz. - - - 23. XII. 15. - - Liebe Lisbeth, - -was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank -für alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und -Sendungen spricht. Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr -Qual und Wehmut bringen als Freude, -- wenn Dir nicht die strahlenden -Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh überstrahlen. Ich habe -zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, ähnlich -wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub kürzlich so -gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das -manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine -Photographie von Walterchen und Wolfgang -- ich war ganz ergriffen von -der Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft -klein ist zur Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es -werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden -Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln -- dann muß eben -Walterchen auf August's Stuhl sitzen und mitmachen. - -Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu -kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt -gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden -und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber -vielleicht hält sie auch anderes zurück, -- die Sorge das Haus zu lang -allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde -und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch -und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich -besucht, aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich -heute schon: daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg -zuweilen bei uns sehen! - -Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich -ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist. - -Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat -zurückgezogen worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz -gemütliches Weihnachten richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich -von mir; gib Walter und Wolfgang einen Kuß von ihrem Onkel. In -herzlicher Liebe - - Dein - Franz Marc. - -Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos -grauenvolle Jetzt! - - - _Hagéville_, 25. X. 14. - - _August Macke_ +. - -Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen -abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung. - -Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter -Siegesklängen den Verlust. - -Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt -in der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten -hinter den Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht -sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so. - -Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das -grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in -denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt. - -Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder -tötlichen Kugel das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt -und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend -Braven trifft eine Kugel einen _Unersetzlichen_. Mit seinem Tode wird -der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht. -Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg -unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag -gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug. - -Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! -- - - August Macke, der »junge Macke« ist tot. - -Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche -Kunst gesorgt hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte, -der kannte Macke. Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir -wußten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit -seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unsrer -deutschen, künstlerischen Entwicklung jäh ab; keiner von uns ist -imstande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir -uns begegnen werden, wird er immer fehlen. - -Wir Maler wissen gut, daß mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die -_Farbe_ in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und -einen stumpferen, trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen -der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie -sein ganzes Wesen war. Gewiß ahnt das Deutschland von heute nicht, was -alles es diesem jungen, toten Maler schon verdankt, wieviel er gewirkt -und wieviel ihm geglückt ist. Alles, was seine geschickten Hände -anfaßten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie und am -meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog. -Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach außen gesät, -wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, daß sie -nicht heimlich bleibt. - -Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige -Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen -Helden ärmer geworden. - - Franz Marc. - - - - - Das Buch enthält Franz Marcs Briefe aus - dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen und - Aphorismen. Der Tafelband stellt die - originalgetreue Wiedergabe des letzten - Skizzenbuches aus dem Felde in Lichtdruck - dar. Der Textband der vorliegenden - Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der - Offizin W. Drugulin in Leipzig gedruckt. - Er enthält, gleichfalls in Lichtdruck, - eine farbige Beilage nach dem Aquarell - »Tierschicksale« von Franz Marc. Eine - Vorzugsausgabe mit weiteren fünf farbigen - Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz - Marc wurde in 320 in der Presse - numerierten Exemplaren, von denen 300 in - den Handel kommen, auf Büttenpapier - gedruckt und in Halbleder gebunden - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Die Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend -normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden -Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich -den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist. - -Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische -Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen -des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft, -Garnisondienst) wurden unverändert übernommen. - -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 12]: - ... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant - entdeckt, bonc-aigle, Bock-Adler, ... - ... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant - entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, ... - - [S. 13]: - ... Mazola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist - aber der Straßburger ... - ... Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist - aber der Straßburger ... - - [S. 16]: - ... L...., bin heute bis Corze gekommen, wo ich mir bei Kameraden - ein Strohlager ... - ... L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden - ein Strohlager ... - - [S. 16]: - ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse - Nebel. Corze ... - ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse - Nebel. Gorze ... - - [S. 17]: - ... Liebe M., Heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe - angelangt! Sie ... - ... Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe - angelangt! Sie ... - - [S. 41]: - ... heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz - unerwartet. Ich war ... - ... Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz - unerwartet. Ich war ... - - [S. 46]: - ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, das ich nicht - fabuliere mit dem Leidensopfer ... - ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht - fabuliere mit dem Leidensopfer ... - - [S. 56]: - ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bischen ab. Mein - verändertes ... - ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein - verändertes ... - - [S. 58]: - ... inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder - wie im Herbst; siehe ... - ... Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder - wie im Herbst; siehe ... - - [S. 59]: - ... verliere, daß dies alles für mich nicht Wesentlich ist, nur - Wege, Spaziergänge ... - ... verliere, daß dies alles für mich nicht wesentlich ist, nur - Wege, Spaziergänge ... - - [S. 62]: - ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem - Nächstbestem christliche ... - ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem - Nächstbesten christliche ... - - [S. 76]: - ... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und - Hatonchâtel und ... - ... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und - Hattonchâtel und ... - - [S. 90]: - ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Hautmont schwimmt schier - weg -- wäre es ... - ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Haumont schwimmt schier - weg -- wäre es ... - - [S. 91]: - ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsumiert - unter das Unwesentliche ... - ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke - subsummiert unter das Unwesentliche ... - - [S. 93]: - ... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspacketchen - diesmal »rechtzeitig« ... - ... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen - diesmal »rechtzeitig« ... - - [S. 97]: - ... Daß das liebe Amuletchen etwas später kam, macht gar nichts, - -- ich war Weihnachten ... - ... Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, - -- ich war Weihnachten ... - - [S. 101]: - ... Lies einmal in Hildebrands Artikel Seite 98 das wundervolle - Bild, das Goethe ... - ... Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle - Bild, das Goethe ... - - [S. 107]: - ... Ausdruck »9 Kadinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings - harmloser, -- die ... - ... Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings - harmloser, -- die ... - - [S. 107]: - ... überdacht, die nach grob pointilistischem System und den - Erfahrungen der bunten ... - ... überdacht, die nach grob pointillistischem System und den - Erfahrungen der bunten ... - - [S. 110]: - ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputen Magen - etc. hin. Glaub ... - ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputten - Magen etc. hin. Glaub ... - - [S. 111]: - ... L., Ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle - neben mir sitzen und ... - ... L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle - neben mir sitzen und ... - - [S. 112]: - ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der - Jünger Moillet; im ... - ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der - Jünger Moilliet; im ... - - [S. 121]: - ... Es zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum - Bewußtsein, in dem ... - ... Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum - Bewußtsein, in dem ... - - [S. 121]: - ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljick etc. ist - vollkommen und einwandfrei; ... - ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist - vollkommen und einwandfrei; ... - - [S. 123]: - ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und - das existierende ist ... - ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und - das Existierende ist ... - - [S. 123]: - ... allogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, - mit Menschenwissen unbeweisbar; ... - ... alogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, - mit Menschenwissen unbeweisbar; ... - - [S. 139]: - ... mit Herrn Scheffler so komplet vergessen, daß mir letzthin - gar nicht recht klar ... - ... mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, daß mir letzthin - gar nicht recht klar ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. -Erster Band, by Franz Marc - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 53845-8.txt or 53845-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/8/4/53845/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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