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-The Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen.
-Erster Band, by Franz Marc
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band
-
-Author: Franz Marc
-
-Release Date: December 31, 2016 [EBook #53845]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive.
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- Franz Marc / Briefe
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- Franz Marc
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- Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen
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- Erster Band
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- 1920
- Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin
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- Alle Rechte vorbehalten
- Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin
-
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-
- Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14
- Herbst
-
- L....,
-
-habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr
-stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles
-anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der
-Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als
-möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevölkerung
-äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr franzosenfreundlich
-ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist
-offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung _Saales_;
-wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß
-mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur
-Kommißbrot aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und
-spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel
-spätere Zeiten; wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe
-immer noch auf _Belfort_ über _Épinal_.
-
-Gruß Euch beiden, N's -- -- -- -- --
-
-
- In _Sâles_, 2. Sept. Nachm.
-
-Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30
-Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so
-etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant *** zusammen (der
-Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten
-nach Frankreich hinein bis _Remomeix_ (vor _Dié_), vor uns eine riesige
-Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen
-schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg
-stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße _Saales-Dié_ ein
-unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich
-immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben
-wir auf unserm Ritt auch bekommen; in _Sâles_ gibt es gar nichts mehr.
-Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am
-Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel
-installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man
-ruft mich dazu in's Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar
-Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in _Sâles_
-beobachten; »Wallensteins Lager«, aber in echt. Unsre weitere
-Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon
-aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf
-dem wir biwakieren.
-
-Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f.
--- -- -- -- -- --
-
-
- 6. Sept. 14.
- _La croix aux mines_
- bei _Laveline_
-
-Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und
-schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in
-meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille,
-das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den
-kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf's allermöglichste auszunutzen. Im
-Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in
-die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas
-zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des
-ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit
-entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele
-Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger
-vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe
-haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr
-wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich
-nicht mehr.
-
- -- -- --
- -- Fz.
-
-
- 10. Sept. 14.
-
-_p. L._ Eben las ich an diesem stillen Tage _L'histoire des Girondins
-(Lamartine)_, das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch
-kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.
-
-
- 11. Sept. Früh.
-
- L. M.
-
-gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm.
-Der bedeutete offenbar den _Schluß des 1. Kapitels_ meines Feldzuges.
-Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel _Laveline-La
-croix_ (_Col du Bonhomme_) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr
-könnt Euch das Bild auf den Heeresstraßen (Richtung _Saales_)
-ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt
-dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden.
-Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in _Colroy_ in einem
-Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen
-glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von
-Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im
-europäischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine
-Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von _Colroy_ sein. Schickt jetzt
-natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen.
-
-
- Grube, Samstag, 12. Sept. 14.
-
- L....,
-
-Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das
-Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen
-sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt
-sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir
-zogen von _Lubine_ über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von _St.
-Dié_ nach _Urbais_ 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg),
-ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs-
-und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges.
-Wir gingen über _Urbais_ hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den
-Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern
-was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt,
-ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h,
-Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß
-solcher -- Selbstverständlichkeiten -- _d'autrefois_. Ob wir nun nach
-Schlettstadt-_Belfort_ kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach
-Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir
-blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten!
-Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem
-Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen?
-
-
- Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.
-
- L.... M....,
-
-heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben;
-
--- -- -- -- --
-
-Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat;
-wahrscheinlich, weil die »Ereignisse« mir den Horizont versperren. Man
-kommt nicht über die »Aktion« hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen.
-Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, -- im
-Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder
-Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz
-verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so
-mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre
-Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit,
-chiffriert, -- oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die
-wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist
-unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch
-Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden
-Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir
-direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der's doch noch am
-besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch
-besser, -- aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders!
-Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den
-Kriegsfreiwilligen weg bin, -- ich glaube doch hier in unsrer
-Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als
-die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird's wohl werden! Ich glaube
-an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht's doch noch eher! Wenn
-diese Engländer nur nicht alles verschlampen.
-
-Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, -- -- -- -- --
-
-
- 22. IX. 14.
-
-L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die
-3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die
-blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer
-Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die
-Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt
-der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte
-ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst
-wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar
-nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.'s und von Dir) vor
-cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die
-Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter
-klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt
-zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann
-zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, --
-bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was
-schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben
-(Tintenstift, Meldekarten etc. -- ich werde solche Dinge selbst besorgen
-können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige
-Zigarren, -- man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht,
-ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber
-sonst sind wir für alles _äußerst empfänglich_.
-
-Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!
-
-
- Aus Straßburg, 24. Sept. 14.
-
-Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht
-gefahren von _Saales_ aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum
-Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen
-dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so
-merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in
-einem »Löwenbräu-Ausschank« und esse mich an großen Butterbroden und
-Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im »Roten Hahn« in
-München säße -- und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir
-kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne
-Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen
-Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung
-fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine
-Selbstverständlichkeit geworden!
-
-Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt;
-im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck;
-Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar
-merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen,
-wie ich mich aufs Malen freue.
-
-Sei du und Maman herzlich umarmt von
-
- Eurem Fz.
-
-Streichle Russi und die Rehe von mir.
-
-
- _Lubine_, 30. Sept. 14.
-
- Liebe Maria,
-
-heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der
-Thüre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine
-Darmgeschichte ist recht übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur
-drei weiche Eier und paar Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich
-etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist
-gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich
-nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und
-elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer mit grauen
-Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich sie
-den Berg bei _Lubine_ ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten
-gezeigt haben! Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig.
-Wieviel gesunde Männer mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir
-halten uns hier nur mit Mühe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe
-umgewandelt; ob wir uns dauernd auf französischem Boden werden halten
-können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind
-ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig.
-Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in
-meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden
-Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man
-ist hier natürlich überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und
-kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man
-tagsüber zu Hause bleibt und sich krank fühlt.
-
-Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich
-bin zu müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch
-deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht
-kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch
-keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, da ich beständig Durst
-habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. -- Also _Saales_ brennt
-an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in _Bowy-Bruche_. Alles muß
-nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen
-nicht zu verraten und der Beschießung durch französische Fußartillerie
-zu entgehen.
-
-Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt
-immer, sie drücke auf _St. Dié_ und _Épinal_ herunter, um den uns hier
-bedrängenden französischen Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus
-alledem scheint nichts zu werden, ebensowenig als aus der raschen
-Entscheidung vor Paris. Wie lange mag das noch dauern! -- Meine Lektüre
-sind hier alte französische Journale (Juli 14, ohne die leiseste
-Vorahnung des Krieges; -- es ist tragisch, an das ahnungslose schöne
-Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich
-Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese.
---
-
-So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von _dem_ Herbst, den man
-sich vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein
-Herbst in Ried sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich
-verzweifle schon Weihnachten heimzukommen, ich glaub es nicht.
-
-Ist die Hanni wieder ausgerissen?
-
--- -- --
-
-Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl
-interessanter, sobald ich wieder gesund bin.
-
-
- 2. Okt. 14.
-
-L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in
-sorgfältige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht
-mehr Jägerkaserne, sondern _Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9_.
-Es war ganz nett, daß ich gestern in dem originellen Städtchen (noch
-viel mehr die Stadt »Perle« als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich
-fühlte mich nachts wieder so schlecht, daß ich mich heute einfach
-selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt
-vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand um mich,
-ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte
-Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus
-unter beständiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder
-hinauszugehen, muß ich mich _ganz_ gesund fühlen, sonst thu ich es
-nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt über meine Pflege und
-Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schöne
-Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal der Herbsttag auf.
-Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den
-Frostnächten springen sie auf und fallen ab.
-
-
- 4. Okt. Sonntag.
-
-Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen
-Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet,
-daß _unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden_!!!
-(näheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen,
-was wir dort erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich
-jeder, daß er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun
-sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird
-lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nämlich nicht so
-einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle mich heute im Magen
-um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und ich habe kein
-chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre.
-
-Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen.
-
-Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen
-und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett
-beginnen.
-
-
- 8. Okt. 14.
-
-L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht
-ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich
-fühle mich unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt
-allmählich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch
-wenn ich wieder draußen bin, nicht mehr abreißen; ich werde »hinter der
-Front« arbeiten; das bißchen Schreiben und die Ruhe haben mir gut
-gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von größerem
-Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem
-Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das
-Wetter ist himmlisch schön.
-
-
- 11. X. 14 Schlettstadt.
-
-Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, -- sechs Wochen bin ich nun
-schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht
-es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt,
-_bouc-aigle_, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in
-Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen
-»Nachessen, mit Rotwein«. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld
-kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine
-glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer
-hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich
-sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt,
-Vogesenausflug, -- Straßburg etc. -- Paris? Vielleicht finde ich Zeit,
-in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu
-sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die
-verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich
-bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im
-Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe,
-sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch
-verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. _Das
-Ungesagte wird im Beschauer zum Wort._ Mantegna und Bellini haben es ja
-noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in
-London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, -- ist es
-nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das
-gemalt, -- gebaut ist.
-
-[Fußnote 1: Filippo Mazzola, Auferstehung -- und Straßburger Meister, d.
-Hl. Konrad von Konstanz.]
-
-
- 11. Okt. 14.
-
--- Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt
-für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich
-will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich
-sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel
-schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer,
-leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch
-tausendmal schöner.
-
-Also von nun an wieder Truppenadresse.
-
-
- Schlettstadt, 13. X. 14.
-
- Liebste,
-
-siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte
-ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von _Lubine_) reiste und war
-ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn
-erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem _ich_ ihn zeigte,
-mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch
-zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als
-der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des
-Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich!
-
--- -- -- -- --
-
-Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl
-ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz
-anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die
-Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die »exakten Wissenschaften«
-denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen
-neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf.
-
-Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint
-man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie
-schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen
-mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite
-stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und
-fand sogar _Ried_ darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf
--- Aidling, Riegsee -- Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!!
-Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky
-über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute
-eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit
-Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, -- heute bedeutet das
-für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte,
-er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort
-predigen; oder in der Schweiz, -- ich selbst bin aber mehr Deutscher
-geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber
-_kein Maler_! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich
-ihn habe. Das sind _meine_ Sorgen!
-
-Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha
-von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist's ja gut, aber
-es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme
-Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst
-Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem
-Schrecklichen, -- es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten.
-Bleib nur jetzt recht lang in Ried.
-
-Seid beide herzlichst gegrüßt ....
-
-
- Schlettstadt, 15. X. 14.
-
-L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel
-stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze
-möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich
-milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist
-symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen.
-Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die »Wissenschaft«
-denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen
-moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er _muß_
-aber gefunden werden und nicht _au détriment des sciences_, sondern in
-voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, -- sie ist
-das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst
-haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.
-
-Schicke Exemplar der »Vossischen« an Köhler (mit ein paar Worten, daß
-ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute
-einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er
-möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky
-sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir
-mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee.
-Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute.
-
-Morgen geht's wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und
-zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte
-aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen
-will, -- ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht
-kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich
-Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie
-soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und
-Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide,
-sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und
-graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht
-unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und
-Schwaben, -- ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das
-Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des
-Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich
-die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als
-daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und
-ungeheuer _sicheres_; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten
-hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm
-wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte
-längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich warte hier _jedenfalls_ Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst
-Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. -- Heut saß ich
-genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im
-Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum,
-ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage
-hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von
-hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100
-Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß
-doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob
-sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein
-Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals
-weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich
-bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne
-werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich
-andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich
-über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen,
-wo ich weggehe.
-
-
- 17. X. (Sonntag).
-
-L...., bin heute bis _Gorze_ gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein
-Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
-Nebel. _Gorze_ ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche
-heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung
-_Chamblay_. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch
-geschrieben. -- Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht
-vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.
-
-
- _Buxières_ 19. X. Montag.
-
-Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach _St.
-Bénoit-Vigneulles_, von da aus mit Fouragewägen südlich bis _Buxières_,
-wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein.
-Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo
-der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen
-soll.
-
-In Eile!
-
-
- _Gorze_, 17. 10. Sonntag.
-
-Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach _St. Bénoit_, wo das
-Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit
-bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in
-dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin
-froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf
-zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und
-Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen
-getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz
-herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken,
-pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich
-Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß.
-
-Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es
-ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich
-jedenfalls darauf. -- Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines
-Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der
-Schlacht bei _Gorze_ 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. -- Hier
-in _Gorze_ liegen _frische_ Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz
-unthätig, -- ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie
-sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache
-unbedingt, die deutsche Sache steht gut!
-
-
- _Hagéville_, 20. X. 14.
-
-Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt!
-Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre
-Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien
-sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein,
-irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial
-ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese
-tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt.
-Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen
-Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, --
-so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es
-mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise
-schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens
-auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und
-Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist
-blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas
-revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie-
-und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich
-jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, _gute leichte_ Zigarren (die
-Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich
-etwas von _Deinen_ Likören. -- Man redet jetzt viel vom nahen Ende des
-französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es
-ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht
-in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so
-ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause
-geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren!
-
-
- _Hagéville_, 23. X. 14.
-
- Ach Liebste,
-
-Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und
-mich äußerlich dazu stellen soll, -- letzteres ganz wörtlich: die nackte
-Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten
-Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte
-in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, -- und heute, wo ich
-von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und
-stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu
-einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in
-einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August
-hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos;
-Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu _allem_
-reif, zu _jedem_ Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde!
-Wahrscheinlich _ganz_ allein. Gewiß hast Du mit *** recht. Die Not des
-Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche
-_Erstlingsthat_, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist.
-Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und »auf gut deutsch«
-mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur
-westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist
-würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so
-»fernen« Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu
-_durchschauen_. Du schreibst ja auch ganz richtig über *** und ihn --
-Slaven; aber bei *** darf man seine That nie vergessen.
-
--- -- -- -- -- --
-
-Grüße und streichle die Rehkinder
-
- -- -- -- --
- -- Frz.
-
-
- Sonntag 25. X. 14.
-
-Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer
-fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen
-Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das
-Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr
-interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen
-Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den
-feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die
-Batteriebereiche zu drängen.
-
-Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt
-verloren zu sein, und zwar beim Brand von _Saales_, bei dem 8 große
-Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals,
-daß französische schwere Geschütze _Saales_ plötzlich in Brand
-geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in _Buxières_, wo
-der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das
-sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden.
-Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen
-Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die
-aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung
-jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich
-behandelt. --
-
-Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde
-Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord;
-ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des
-Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich
-darunter.
-
-
- _H...._, 30. 10. 14.
-
-L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich
-bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es
-Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen
-Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim
-nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten
-Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues;
-wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von
-Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das
-Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es
-geht mir famos.
-
-
- _Hagéville_, 1. Nov. 14.
-
-Liebe Maman, heut an »Allerheiligen im Felde« schicke ich Dir einen
-kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und
-nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der
-»Altweibersommer«, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von
-einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen
-Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der
-Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren
-Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute
-war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf
-der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus
-eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem
-Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die
-fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und
-früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas
-kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und
-hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier
-ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd
-(einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst
-schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten
-auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen;
-letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst
-ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf
-ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken
-sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist
-merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; --
--- -- -- -- Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von
-D. Frz.
-
-
- _Hagéville_, 11. XI. 14.
-
-Liebe Maman, jetzt wird's allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns,
-kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier,
-wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen
-und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie
-die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der
-Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt
-wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im
-September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu
-schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien,
-Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß
-Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist
-wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie
-ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche
-zu erleben, -- nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner
-träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt
-sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich
-empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit,
-sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein
-von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für
-verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure
-seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere
-Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf
-alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man
-wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl,
-sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues
-europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer
-dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen
-waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und
-Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht
-weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich
-viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne
-Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, _kann_
-es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege.
-So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner
-Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu
-Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich
-werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir
-Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier
-kein Soldat. -- -- -- -- --
-
-
- _Hagéville_, 16. XI. 14.
-
- L....,
-
-heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel
-Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn
-ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu
-ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde,
-die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah.
-Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben
-darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch
-einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht.
--- Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist -- meines Wissens
-wenigstens -- unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf
-jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch
-merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte
-nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, -- und mit den Jahren
-wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig
-genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten
-laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen
-mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf
-wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch.
-Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.'s in Pflege zu geben, damit die
-Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.'s, oder wo Ihr
-ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im
-Hause und Garten, und Welf, den wir _brauchen_, wird nicht ganz närrisch
-und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur
-Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich
-ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen
-darf, hat er _genügend_ Bewegung.
-
--- -- -- -- --
-
-Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 »Züge« _à_ 3 Wagen. Ich bin als Unt.
-Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da
-ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten
-Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen
-will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei
-anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett,
-die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut
-haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird
-angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen
-rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab
-und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn's
-hell wird, gehe ich _vis-à-vis_ ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich
-eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte
-Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von
-K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen
-Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen,
-je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt.
-Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. --
-
-Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein
-Schokoladepaket von Münter. -- -- -- -- --
-
-Mit dem *** bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den
-Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da
-ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch
-nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur
-jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der
-Geist der Stunde ist es wert.
-
-
- _Hagéville_ 18. XI. 14.
-
- L....,
-
-unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder
-jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie
-übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, -- kein Vergleich
-mit den Vogesen!).
-
-Das in den amtlichen Berichten angegebene »langsame Vorrücken«, kleine
-Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist
-buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser
-Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht;
-alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger
-sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir
-dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können.
-
-Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz
-weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren
-und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst.
-In den Dörfern dampfen die Misthäufen, -- Du kennst ja die Stimmung.
-Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem
-französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das
-Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch.
-Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein,
-meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische
-Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl
-beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen
-vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und
-der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist
-der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!
-
-Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn ***, den
-ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er
-ist seit einigen Wochen hier, als »Schreiber« bei der Abteilung. Er ist
-ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große
-Wohltat ist.
-
--- -- -- -- --
-
-Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen
-zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt,
--- ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, -- so
-wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen
-Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre.
-
-Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch
-am meisten die -- Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz
-verzehrt! _Ausgezeichnet_ mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann
-den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des
-Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin
-froh, daß er mir widersteht, -- um so größere Wohlthat war mir Euer
-Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht
-probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben
-durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich
-sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles
-fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von
-Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund
--- -- -- -- --
-
-
- _Hagéville_, 23. XI. 14.
-
-L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt
-und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe,
-Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze
-Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu
-sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in
-dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen
-denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur
-Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine
-Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens _möglich_ sind, -- letzteres
-wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich
-schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses
-Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den
-reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt
-unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder
-anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im
-übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen;
-Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.
-
-Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die
-Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher _geringer_, als als
-Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die
-doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die
-artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, -- man muß einfach Glück
-haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den
-Kolonnen, selbst den _schweren_ Artillerie-Kolonnen weit größer als
-jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so
-geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden,
-man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns
-so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei
-panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. -- Sehr
-nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht ***'s Antwort.
--- Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt?
-Thut es bitte. -- Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! _via_
-Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich
-fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach
-der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich
-immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne
-Störung.
-
-Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur
-Backwerk und dergl. -- Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und
-macht mich gesund.
-
-
- 5. Dez. 14.
-
- L. M.,
-
-heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber
-ich denke wohl aus gutem Zinn, -- (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint
-es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich's
-mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel
-klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt.
-
-Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen
-Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen
-Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man
-doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand
-französisch kann als ich, hab ich's gern übernommen. _Hagéville_ kann
-sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! -- Ich bin
-nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen;
-allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in
-den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös -- ungeduldig. Ruhe zum
-Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche _Thätigkeit_
-fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und
-Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich
-übrigens _gar keine_, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen
-Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine
-Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf
-Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich
-»unnötig« hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine
-Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine
-Arbeit und an's Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng
-angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen,
-nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante
-zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und
-hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges
-Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht
-mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht
-sein.
-
-
- _Hagéville_ 11. Dez. 14.
-
-L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung
-einer angegriffenen Stellung bei _Pont-à-Mousson_ (südlich Metz,
-lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit
-größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in
-den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die
-voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser _Hagév._ Quartier
-zurückkehren und ich -- soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit
-zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant ***, der immer sehr nett zu mir
-ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir
-diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt
-hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im
-Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein;
-ich dachte auch an Dich, -- Du wolltest sicher lieber, daß ich im
-stillen _Hagéville_ bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für
-mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten;
-denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort
-erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab _Mars-la-Tour_
-verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als
-Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem
-Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren,
-daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße
-einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab
-bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier.
-Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die
-Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die
-Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf
-diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar
-Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, -- die
-sind froh, wenn wir ihnen nichts thun.
-
-Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster
-zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit
-unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich
-wieder alles in Ruhe in _Hagéville_ versammelt! Wir sind in den letzten
-8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm
-in einem Veteranenverein, -- alte Leute, die sich nicht gern in ihrer
-Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! -- Also sei nicht
-ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, --
-vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, --
-vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen!
-
-Gute Weihnachten! -- -- -- -- --
-
-
- H, den 13. Dez. 1914.
-
-L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz
-traumhafte Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß
-draußen, am Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm.
-Ich sitze viel in meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder
-an einem neuen Aufsatz. Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der
-Aufsätze nicht das Autorrecht verliere, sie nachher gesammelt
-herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, wird auch
-Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch
-vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei ***, der sich
-wohl darin auskennen wird.
-
-Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich
-sehne mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer
-bleiben. Monate zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann
-ist alles gut. -- Draußen ist ein elendes Schweinewetter; meine
-Kameraden haben's nicht gut. Und ich sitz hier gemütlich im Trocknen;
-ich hab halt »Glück«, wird Maman sagen.
-
-
- H, den 15. Dez. 1914.
-
-L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem
-Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen
-ziehen wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie
-füllt ein kleines halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen!
-Meine harmlose Aufgabe hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus,
-zum mindesten zu einem Transportproblem und Kunststück. Die Armeeabt.
-Gaede, der wir jetzt angehören, resp. die Division Fuchs, ist eine
-Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst Du Dich _gar nicht_. Ich
-sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu können; denn am
-ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden.
-
-Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher -- zurück -- kommt, also
-alles beim alten bleibt. Ich glaub's nicht; warte jedenfalls bestimmte
-Nachricht ab, ehe Du _Briefe_ mit neuer Adresse schreibst.
-
-
- Metz 16. Dez. 14.
-
-L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h
-alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde
-etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war
-dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon
-gemütlich auf der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren.
-Die Adresse wird nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. -- -- Wir
-haben ca. 800 Weihnachtspakete als Transportgut!! Deines ist leider
-nicht dabei, kommt also am Postweg nach -- aber wann?!
-
-Gute Weihnachtstage!
-
-
- Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend.
-
- L.,
-
-nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und
-Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat
-natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen
-bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es
-wäre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen
-dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natürlich jetzt schon kräftig
-an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um nicht sofort damit
-anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise sehr
-anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher
-Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln.
-Von Koehler kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles
-andere, eine sehr männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen
-freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß
-auch in Deine Hände! Verlebe Weihnachten nur recht fröhlich und
-zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber daß es
-verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das
-glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von
-Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung
-hinauszuzögern, nachdem Rußland so versagt hat und die Kosten für
-Frankreich ins Ungemeßne steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten
-Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch
-der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen Umschwung der
-ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz
-Marc.
-
-Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist
-wie am Anfang in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl
-wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was »Kaserne«
-ist, wirst Du etwas nachfühlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II.
-warst; _ça pue_, man ist völlig unfrei durch das Milieu, durch den
-Mangel an Originalität und Intimität des Milieus. Das Einzige, was mich
-freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins
-Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In
-den Ställen in _Hagéville_ konnte man die armen Tiere kaum im Stall
-satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches
-Stroh; es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung
-mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in
-der Dreckluft und Staub der Ställe sich immer neu infizierten. Mir
-blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser
-Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzählt,
-nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde _gelegt_ und im
-trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde
-versöhnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens
-nicht, daß unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in
-Stellung war und _glänzend_ geschossen hat, kehrt morgen schon wieder
-siegreich nach Mühlhausen zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch
-dieses kurze »scharf schießen« dieser Batterie einen neuen Lorbeer
-errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, auch Metz,
-Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man glaubt
-kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen
-den Ausschlag gegeben haben.
-
-Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen
-Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich
-drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt,
-das ich bei vielen seiner merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für
-das _eau de Cologne_, das mir recht wohlthun wird. Also den
-Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und unsrer sehnsüchtig
-aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur
-um August werden wir zwei immer trauern.
-
-Ich habe in den 3 stillen _Hagéviller_ Tagen scharf an meinem
-Gedankengang gearbeitet, -- nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen
-und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäuel.
-
-Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und
-das kleine Bäumchen von Lasker. -- -- -- -- --
-
-
- Mühlhausen, 22. XII. 14.
-
-L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter
-Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig
-erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem,
-was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine
-Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt
-arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges
-enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die
-Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe
-Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch
-erklärt, -- es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen
-will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in
-Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer
-kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen,
-wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis
-würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung
-setzte. Daran denke ich gar nicht. -- -- -- -- --
-
-Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit
-zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich
-selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und
-soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie
-die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner
-Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig
-ist, -- solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! --
-Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden
-durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen
-lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren
-den Maler Helmuth ansahen, -- ist es nicht komisch? -- -- -- -- --
-
-
- M., 23. XII. 14.
-
-L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, --
-Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter,
-Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr
-liberal die Kolonne versorgte. -- Wir hatten gestern ein kleines
-Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General
-F., der sehr entzückt schien über »die Bayern«. Es scheint mir sehr
-sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist's ganz
-recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß
-die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen
-aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird
-mir -- politisch gedacht -- immer rätselhafter, der selbstmörderische
-Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu
-sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines
-tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser
-tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten »Fehler« in der Politik.
-Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen,
-wenn auch unsere »Interessen« ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr
-ich's verlange!
-
-Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt
-einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte
-Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen
-Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute,
-zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich.
-Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel
-aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich
-immer und kann mir kein Bild davon machen.
-
-Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk
-an mich, an uns beide. -- -- -- --
-
-
- Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube.
-
- L.,
-
-ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht
-über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber
-nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an
-mein Leben und unsre Zukunft -- und Vergangenheit denken. Vergangen ist
-so viel in diesem Jahre! Das Haus »Hinter der katholischen Kirche«, das
-Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, -- die Frauen sind
-überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich
-sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem
-Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns
-und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage
-sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar
-nicht heim -- schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so
-gesund geworden zu sein, daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue
-auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wäre in München
-stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und hätte für mein
-Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen,
-was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und
-melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, -- Du wirst es auch
-sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie
-früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre,
-viel seltener sogar. -- Was mir das Soldatenleben schwer machte, (-- es
-wäre in München das Gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst
-hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst
-immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß.
-Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein
-brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und beschäftigt werden
-als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie.
-Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, will
-es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten
-Gespräche denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und
-Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das
-Ohr und Auge bekommen hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge!
-Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu
-sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen,
-meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes
-vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja
-eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und
-Schwere, -- wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die
-wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser noch wieder eine
-und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist
-mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt
-erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf
-ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem!
-An solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig
-Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist
-wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schluß sein wird? Ich glaube
-immer noch an ein _plötzliches_ Nachgeben der Franzosen, an das »Wunder«
-auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist übrigens
-Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden
-plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die
-Engländer haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und
-Frankreich sich gegenseitig verbeißen und bis zur Verblutung schwächen.
-Ein ganz geschwächtes Frankreich ist das gefügigste Werkzeug der
-späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer den Krieg auch so in die
-Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, denn
-hier liegen englische strategische Interessen. Am _Anfang_ war das
-anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die
-Russen und Franzosen in der _Offensive_ versagt haben, ist der Plan und
-die Politik der Triple-Entente längst dahin; sie besteht nicht mehr.
-England kämpft nur mehr für sich und profitiert von der Schwächung
-_aller_ Staaten. Die letzte große Offensive der Franzosen seit dem 16.
-Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor Verdun
-sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte _genau_ mit den
-Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es
-wohl auch so sein. Frankreich _kann_ nicht mehr lange standhalten. Ich
-glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche
-Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der französischen Frontlinie von
-Norden her scheint unmöglich. Freilich hab ich immer gedacht, daß die
-Ereignisse schneller kommen würden; aber _kommen_ werden sie und mit
-ihnen der Tag, wo man »_das Ganze halt!!_« blasen wird. Dann komm ich
-wieder!
-
-Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo
-ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt
-gesund und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues
-Jahr uns allen!
-
-
- 27. Dez. 14.
- Bertschweiler (südlich Gebweiler)
-
- L.,
-
-ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges
-zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit
-verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute
-Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den
-Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit
-viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in
-dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter
-Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man,
-wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich
-unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der
-Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als
-ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der
-Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für
-Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch
-das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande
-Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend
-besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo
-aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf
-vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald
-wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da
-schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in
-tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen
-Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch
-an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den
-Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der
-Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher
-Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch
-ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen.
-Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich
-um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine
-Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist
-notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen
-Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen
-und Städtchen, die man kennen lernt, der »Impressionismus«. Wir glauben
-nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen
-an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr
-traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch.
-Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf
-das Wiedersehen harre.
-
-
- Neujahr 1915.
-
-Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als
-ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind
-alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir
-tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und
-taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich
-jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich
-bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in
-Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im
-Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz
-neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins
-Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch
-der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer
-Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: »leicht und
-unter schweren Verlusten für den Feind«) zurückgewiesen. So war es vor
-Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im
-Osten. Die 42 stehen _alle_ an der Küste, dort oben wird die
-Entscheidung fallen, -- wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die
-ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner
-Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit
-Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder
-besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.
-
-Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so
-geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich
-einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und _heim_komme! Um
-unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- Fr.
-
-
- 2. Jan. 15.
-
-L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist
-alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war
-gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich
-sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine
-Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem
-systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist
-lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß
-herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die
-»Gänge des Duells!«, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld
-reißt und er »Ruhe haben will« und er, nach Erkundigung der feindlichen
-Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen
-Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen
-Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der
-Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir
-zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als »Strafe«
-schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem
-wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht
-zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier
-kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in
-warmer Stube und schreib an meinem Artikel! -- Alles Liebe und Gute --
--- -- -- --
-
-
- Bertschweiler, 3. Jan. 15.
-
- L.,
-
--- -- -- -- -- -- Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend
-schnell, und während sie eilt, »steht« der Krieg; man fühlt nur das
-furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der
-furchtbarste Moment des Krieges. -- Wie geht es wohl Euch? Ich denk so
-viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von
-meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft
-lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, -- es kann nicht
-mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das
-_Wie_ des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund -- --
---
-
-
- 7. Jan. 15, abends.
-
- L.,
-
-endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner
-Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt
-jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und
-doch wußte ich's nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders
-schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit
-geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon
-lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht
-und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den
-Krieg wären alle diese Gedanken nicht »denk«bar, z. T. noch gar nicht
-vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und
-Klee.
-
--- -- -- -- -- Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der
-Luft, aber es ist immer wie im März.
-
-
- 11. II. 15.
-
- L.,
-
-hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst
-nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt,
-so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser
-gebrauchen.
-
-Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft.
-Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen,
-vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf
-diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese
-kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes
-Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine
-Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger
-bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer
-kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für _alle_ Teile; der
-ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was
-man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt.
-Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der _ganze_ Leib unter der
-Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird
-bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist
-mir nie bang, -- aber was wir am _äußeren_ Reich erleben werden, das
-können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die
-kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen!
-
-Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle
-Sehnsucht hinein, aber auch allen _Mut_.
-
-Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine
-oft, ich bin auf der Alm!
-
--- -- -- -- -- Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich
-noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. -- -- --
-
-
- 20. Februar 15.
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-L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß
-schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich
-habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die
-Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja
-natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind
-zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen
-Photographie von außen, Fenster _rechts_ der Türe, ich beilege, in dem
-es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das
-Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der
-Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und
-die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar
-lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel
-korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich
-müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre
-natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene
-ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn _Du_ es
-abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite
-einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen
-setzen könnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube,
-das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern
--- _tant mieux_! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist,
-sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht
-mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das
-Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können,
-wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein,
-das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und
-nicht als »Literatur«. -- -- -- -- --
-
-Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig,
-neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige
-Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach
-einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, --
-aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler
-bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren
-überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von
-vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _muß_ es eben. Ich
-schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu
-reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich
-überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der
-Ergänzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder »Stoff«
-zum Leben.
-
-Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das
-Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in
-seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.
-
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- 21. Februar 1915.
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- L.,
-
-morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war
-ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und
-nachkorrigiert, -- ich möchte das lieber nach einer gewissen Pause
-machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. -- Von Lasker bekam
-ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, daß ihr die Menschen immer
-»Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen«. Sie war sehr krank. --
--- -- -- --
-
-
- 14. III. 15.
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- L....,
-
-heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen
-Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken,
-wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben
-schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon
-Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles
-recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was
-macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan
-wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen
-Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern,
-wenn der Schnee weg ist! -- Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken
-willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur
-nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart
-nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden
-Zeiten; es sind keine _schöpferischen_ Menschen. Mein Hauptgedanke ist
-jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, _vor sich_ arbeiten.
-
- -- --
- Fz. M.
-
-
- 17. III. 15.
-
-L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner
-»Tierschicksale«. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt.
-Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend;
-ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der
-verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir
-ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche
-Bilder _vor_ dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem
-Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine
-Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf.
-Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein
-muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal
-ihre Auferstehung feiern.
-
-Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an
-Dich und Ried und die Rehe -- über Euch allen stand sie auch, so fein
-und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so
-sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken;
-die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung
-steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen
-Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis
-zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im
-Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.
-
- -- --
- Dein Frz.
-
-
- 27. III. 15.
-
-Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf
-einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft
-alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich
-periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die
--- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen
-europäischen Dramas; die Unberührtheit ***'s!! usw. mache ich freilich
-nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so
-wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht;
-buchtechnisch und als »Klang« _äußerlich_ ganz verfehlt und innerlich
-verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im
-Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun
-haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den
-Plänen von ***) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge
-»bilden«. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton
-möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil
-ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im
-toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild,
-die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hörer_ nicht braucht, -- im
-Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im _Zuhörer_ lebt und
-auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer;
-Dürers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind
-ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch,
-wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig
-begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime,
-selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu
-angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek,
-ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich
-glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren
-Bildes.
-
-Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe
-ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist.
-Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du
-verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen
-etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die
-Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch
-meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das
-beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal
-einen Komponisten spielen zu hören. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 28. III. 15. Palmsonntag!
-
-Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet.
-Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung
-vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und
-heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr
-bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen
-Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein
-auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus
-den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst
-wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der
-Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir
-ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was
-Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es
-erlebt haben.
-
-Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die
-ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es
-ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von
-menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei
-mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier
-Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg
-vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße
-»Situationen«, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie
-»sieht«. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen
-Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches
-ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn
-bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger
-Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen
-Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung.
-Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule
-Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_)
-Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon
-einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich
-ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes _Erlebnis_, keine
-Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden;
-vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig
-möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache
-auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den
-ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich
-gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die
-Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander
-sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch
-des Lebens, der »möglichen Situationen«. Ich verstehe jetzt auch die
-vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube
-oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken,
-die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die
-Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und
-Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe.
-
-In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glücklich.
-Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in
-diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei
-Dir und allem was zu _unserm Leben gehört_ sein. --
-
-Mit liebem Osterkuß
-
- Dein
- Fz.
-
-
- 29. III. 15.
-
-L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen.
-Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese
-kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig
-über Deinen Widerspruch bin, sondern nur _dankbar_. Über Kunst kann man
-nicht »reden«, höchstens über die _Mittel_. Es wird gewiß mein Fehler in
-den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und
-Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren,
-während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es
-Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite
-und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber
-daß die »Form« von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen
-hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form,
-beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft,
-neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, -- ohne das geht's
-nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten
-wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst.
-Das _Werk_ freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der
-Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn
-nichts an, auch unsre »Mittel« nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß
-ich die Aphorismen eigentlich _nur für mich_ geschrieben habe, und Du
-errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von
-meiner »Romantik«, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie
-als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin _sehr_ neugierig auf Tolstoi.
-Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer _Zweck_ in
-der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase
-empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch
-viel über alles schreiben: -- Schreib mir einmal: ist *** _produktiv_?
-_schafft_ er wirklich oder _lebt er nur rein_? Ist er ein mehr passiver
-oder aktiver Geist?
-
- --
- Dein Frz.
-
-
- 30. III. 15.
-
-L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und
-machen mich _sehr glücklich_. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich
-immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden
-und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und
-mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht
-verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit
-dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen
-Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege
-sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche
-Verbindung mit dem Ziel; einer der _nur_ lebt, und in Reinheit wie ein
-Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des
-Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein _produzierender_ d. h.
-»_sich quälender_« Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin
-mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B.
-auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust
-Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu
-gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von _Kunst_; ich habe bei meinem
-Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine
-»Sünde wider den heiligen Geist« ist, über die Form nachzudenken, -- das
-ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird
-mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich
-an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des
-Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die
-_Form_ gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst
-wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr
-tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht.
-Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir
-in ihren _reinen_ Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien
-Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein
-Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu
-machen getraue (ich will es auch gar nicht), -- während mir sentimentale
-oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine
-Musik sentimental gespielt, _gar keine_ Freude macht, schon aus dem
-Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher
-gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch
-noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das
-was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich
-noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest
-damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner,
-unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich
-nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade
-_deswegen_ unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist
-und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht,
-wie ein Rokokozierat, _sehr reines Kunstgewerbe_. Das gibt es freilich
-heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt
-den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und
-darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen
-Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es
-chinesisch, wenn ich 1915 lebe, -- 1915. Das ist so wahr, aber leichter
-gesagt als gethan, _nämlich das »1915 leben«_! Dazu muß man vielleicht
-die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig
-_viel umfassen_; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der
-Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein
-frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und
-vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum
-_Schaffen_ kommen, weil sie vielleicht _zu rein_ und keusch sind),
-sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich:
-daß der »Betrieb« meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und
-ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. _Der Gedanke an ihn ist
-mir gräßlich._ --
-
-Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für
-Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher
-sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was
-kostet; das macht nichts.
-
-Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute
-ist, -- das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in
-meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und
-Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird.
-Gerade _reine_ Kunst denkt so wenig an die »andern«, hat so wenig den
-_»Zweck«, die Menschen zu einigen_ wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt
-keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und
-ganz »für sich«! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber;
-verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi'scher Gedanken; ich
-verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach
-jahrelanger Pause; aber lies _Du_ jetzt einmal -- Nietzsche: Jenseits
-von Böse und Gut -- Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte
-(bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später
-einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief
-soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe,
-sondern zunächst und vor allem meine _freudige Zustimmung_ zu dem
-künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen
-erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein _Weckruf_; und dann kurze
-verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind.
-Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. -- -- -- -- --
-
-
- Ostersonntag 15.
-
-L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die
-Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an
-die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle
-kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden
-beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem
-fruchtbaren »Osterwasser«, das doch auch von jeher als besonders
-heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden
-Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu
-erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich
-immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als
-Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung
-heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen,
-so gründlich und feiertägig, als wir nur können. -- Was ist wohl mit
-Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links
-stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich -- unten,
-(Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt
-doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind
-und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig
-preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn
-doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben,
-wie es damit steht.
-
-Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr
-benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für
-Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein
-paar Blümchen hinein.
-
-
- 6. IV. 15.
-
-L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir
-gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und
-besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst,
-daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz,
-vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen
-habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser
-Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst
-_dachte_ ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich
-handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen
-muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege
-gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr
-Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich
-umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen _Fühlen_ kommen und mich
-immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir
-leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles
-gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen
-schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt
-mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein
-zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden
-Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir »äußerlich«; wörtlich genommen ist
-es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch
-nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des
-Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier
-viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit
-Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das »lebendige Gefühl«, von dem Du
-immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben
-und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu
-kurz, um sie an die »Welt« zu verschwenden. Was ich in Artikel I
-schrieb, scheint mir noch immer nicht »ein unwahrer Trost«, wie Du ihn
-zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz
-allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird,
-beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem
-Leidensopfer und der _Reinigung_. K. hat wohl insofern recht, daß der
-Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege;
-was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten;
-aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr
-aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr
-Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um
-»ins Reine« zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist
-gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die
-sterbenden Krieger sind _nicht häßlich_. Da trügt Dich _Dein_ Gefühl,
-weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut
-es Dir möglich ist, wenn Du sein »Bild« nicht ertragen kannst, aber
-erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg
-ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar
-etwas sehr Großes und Furchtbares.
-
-Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief
-von Lisbeth. -- -- -- -- --
-
-Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett.
-Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei?
-Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr
-neugierig.
-
-
- 7. IV. 15.
-
-L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel
-klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut;
-im Grunde drückst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz
-klar und erschöpfend aus und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen
-daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den
-Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, was ich geschrieben habe; das
-_muß_ ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der
-Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch ausführlicher;
-diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden
-zurückziehe; mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht
-ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber
-vielleicht noch einmal arbeiten zu können, gerade auf Grund Deiner
-Briefe. Aber jetzt _noch nicht_. Sie sind für mich schon eine Art
-»Werk«, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens
-Dank für den _famosen_ Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was
-ich wollte. -- -- -- -- --
-
-Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, --
-das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der
-vergiftenden Krankheit des Individualitätskultus zugrunde, am
-Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, davon muß man gänzlich
-loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich.
-
- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- Fortsetzung am 8. IV. 15.
-
-Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt,
-was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir
-meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich
-immer noch dahin verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll,
-was gewiß falsch ist. Form ist die natürliche Folge eines Gefühls wie
-die Haltung und Gebärde die Folge und Äußerung eines Charakters ist. Ein
-wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß mich so oder so
-halten, benehmen, kleiden, -- er thut es eben. Das ist für ihn
-Selbstverständlichkeit, sogar _Unbewußtheit_. Im Ursinn und Prinzip ist
-es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven
-Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen
-usw. Mit der modernen Kunst (der »modernen Menschheit«), ich denke mir
-sie ungefähr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte »Fortschritt«, ein
-ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach
-Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern
-Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es
-gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig _reine_ Bilder.
-Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der
-rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten:
-das Allzupersönliche (was sich in früheren Jahrhunderten in der
-sogenannten »Schule« ausdrückte, das Meisteratelier). Die »keusche
-Majestät«, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen
-Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr von einer
-formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor sich
-gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf
-dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen;
-z. B. den Aphorismus über das _Was_ und Wie. Deutlich genug rede ich
-hier, daß nur der _Inhalt_ (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das _Wie_
-ganz gleichgültig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes
-(Gefühles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf
-diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen Bildern; ich
-hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen
-z. B. die Tiere zu malen, »wie _ich_ sie ansehe«, sondern wie sie
-_sind_, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles
-in mir kommt Deinen Ideen entgegen, _auch in den Aphorismen_; nur hab
-ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der
-innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar
-geworden, wie ich alles sagen müßte.
-
-Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der _ganz
-das ist, was ich wollte_. Schönen Dank. --
-
-Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir
-einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu
-nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden,
-wenn er _nicht_ gedruckt wird. Die Gedanken über das Europäertum sind
-halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem
-europäischen Zaun, und eigentlich _nicht meine Sache_. Das ist mir der
-Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. --
-
-Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl
-»unpersönlich« und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden
-Gefühls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da
-dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schöpfungen abgeleitet
-ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefühlswert.
-Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. --
-
-Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, -- Du wirst es an
-der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine
-tiefe _Zustimmung_ ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese
-»Erneuerung im Geiste« mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem
-möchte ich Dir einmal über die »Natur« schreiben (die letzten
-Aphorismen). Hier handelt es sich mir _nur_ um das Lebensgefühl, das
-_Wie_ ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, -- es wird kommen,
-wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage kommen,
-versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann,
-gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt
-der armen Natur gegenüber.
-
- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 12. 4. 15.
-
- L.,
-
-Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender
-erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den
-Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das »Eigentliche«,
-Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des
-Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist,
-kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind,
-um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es
-_nicht_ der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser
-gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die
-reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren
-abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten
-europäischen Kunst _äußerst wenig übrig_! Der entwicklungseitle Geist
-der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu
-abhold. »Kunst ist nur ganz selten da«. Ich denke viel über meine eigene
-Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht
-schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der
-Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl
-für das Animalische, den »reinen Tieren« wegleitete. Der unfromme
-Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren
-Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute
-in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum
-Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz
-indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich
-empfand schon _sehr_ früh den Menschen als »häßlich«; das Tier schien
-mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel
-gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv,
-aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume,
-Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche,
-gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der
-Natur, ihre _Unreinheit_ voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser
-europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich
-ja von einem neuen Europa, -- aber lassen wir Europa aus dem Spiele;
-Hauptsache ist _mein Gefühl_, mein _Gewissen_, wie Du sagst. Mein
-Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen
-richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl
-ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines
-Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die _Dichtung_ selbst
-stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie
-ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten,
-sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen
-gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er
-gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder
-verloren worden! »Nichts konnten wir _zwingen_ damit«, -- das wollte ich
-sagen, die _relative Erfolglosigkeit_ jenes frühen Sieges wollte ich mit
-jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit
-nah auf der Spur, -- darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben,
-daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle
-nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse,
-romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll
-einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich
-jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche,
-abstrakte Form _nachdenke_; ich suche im Gegenteil sehr _gefühlsmäßig_
-zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und
-kühl, sehr _durch_schauend, sodaß das _Interesse_ sich nicht in ihr
-verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem
-reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben.
-Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren;
-das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab
-oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der
-Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und
-befühle es zuweilen von außen. --
-
-Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch.
-
- -- -- --
- Dein Frz. M.
-
-
- 13. 4. 15.
-
-L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist
-sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen,
-besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt
-sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem
-jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder
-nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das
-Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob
-wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich
-sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist
-ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen
-der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als
-je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an,
-irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum;
-man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: »wir verstehen uns
-schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr
-und kehren einst zu ihr zurück«. Mit Menschen kann man fast nie so
-verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht
-noch bei Klee; -- -- -- -- --. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu
-sein; aber ich muß erst etwas von seiner _eigenen_ Musik hören, auf die
-ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr
-produzierender Charakter (-- es steckt wie eine Krankheit in mir), daß
-mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und
-ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als
-Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, --
-dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn
-sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um
-*** gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit
-Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz
-allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht
-mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch
-innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich
-jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August's Tod ist eine unersetzliche
-Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir
-herüber, -- aber der Mensch!! Er war meine »Erholung« im Jahr. Wenn er
-da war, hatte man »Ferien«! Was wohl aus Lisbeth wird? -- -- -- -- --
-Wenn nur *** glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich
-sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige
-Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie
-heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses
-Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das
-Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen
-Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen
-Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg
-kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine
-mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber
-ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß
-ich ihn nicht anders sehen _will_ oder _kann_; beim Anblick dieses
-Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur
-ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht
-kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach
-dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist.
-
-Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird
-hier nicht mehr lange dauern.
-
--- -- -- -- --
-
-
- 18. IV. 15.
-
-L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum
-letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in
-dem Buche »die Wahrheit« oder wollen wir sagen: »eine große Wahrheit
-liegt«. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die
-»Allgemeinheit« fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine
-ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch
-sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch
-ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde
-selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der
-ihm _niemand_ geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner
-zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu
-persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar
-nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich
-habe, um einen _Maßstab_ für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das
-Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B.
-einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.)
-und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge
-oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den
-Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese
-Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig
-soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das »Reich
-Gottes« merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch
-mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten
-ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen
-andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber »die Welt
-ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht«. Das ist nicht Mystizismus
-von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko -- ich denke an die paar
-ganz ernsten Sachen von »uns«), sondern das ist unser heiligstes
-Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß
-ihre Kunst »nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so
-einen Kitzel bezahlen«, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an
-sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den
-_Ursachen_ der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem
-Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir »verbildet« sind,
-Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt
-viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell
-und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß »exklusive«
-Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen
-Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen
-Sucher, durch das »Abstrakte« allgemein Gültiges, Einigendes
-auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern,
-_die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen
-gewöhnt waren_, so rätselhaften Werken), -- das ist vielleicht eine
-ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden
-auf die Melodie von »stille Nacht, heilige Nacht« oder die rührenden
-Volkslegenden und Märchen.
-
-Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen
-Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens
-sein kann, und nicht das Resultat des »gesunden Menschenverstandes«, an
-den Tolstoi immer wieder appelliert.
-
-Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr,
-unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S.
-245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. (»Jede Melodie ist
-frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer
-gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur
-Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich
-usw.«) Oder: »nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die
-Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?« Das gleiche ist von den
-Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie
-und nicht auf das _Was_. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch
-mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir
-_müssen_ es uns aber in _jedem_ Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke
-wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und
-fremde Arbeit beherrschen.
-
-Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist
-und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh
-gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh
-ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich
-unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß
-alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch
-ist kein einmal _festgelegter Typus_, mit dem man so einheitlich und
-über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung
-und der _Rangordnung_, die die physikalische Natur in allen ihren
-»Betrieben, Werkstätten« anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu
-können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der
-Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber
-nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das
-christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und
-herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist
-richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco,
-Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in
-ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese
-Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei
-Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit _gleichem_ Maßstab
-mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten,
-all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele
-Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt
-wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung
-und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so
-thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung.
-Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin,
-Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach
-Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine
-Spatzen anführen, -- _er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon_.
-
-In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig
-gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da
-besonders das berühmte _cis_-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von
-Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es
-jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das
-erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das
-zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist
-inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite
-gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um
-mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den
-erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert,
-Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so
-hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das
-Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch _krankhaft_ von seiner
-Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen
-Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit
-aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der
-_Gesundheit_ Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die
-erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des
-menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man
-nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren _kann_ und _darf_
-und _soll_.
-
-_A propos_: ich bin Vizewachtmeister -- nichts anderes. Deine übrigen
-Befürchtungen sind ganz grundlos. *** bat um äußersten Preis von gelber
-Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich
-unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es
-mich für diesen Preis nur freuen.
-
-Gute Nacht, mit einem Kuß
-
- D. F.
-
-
- 27. 4. 15.
-
-Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt _muß_
-es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich
-meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg
-ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige
-wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst
-entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die
-schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand
-wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, -- heute hat das
-Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt
-den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu
-Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine
-Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine
-Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit
-herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden
-praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige
-Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer
-wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner
-logischen Schlüsse streifen, ohne _inneren_ Zusammenhang. Du wirst mich
-schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest.
--- Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, --
-vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an.
-
-Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel
-durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev.
-wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand
-gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen,
-Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll
-Zuversicht.
-
- Mit liebem Kuß
- Dein
- F.
-
-Grüße allseits!
-
-
- 16. V. 15.
-
- L., -- -- -- -- -- -- -- --
-
--- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein verändertes
-mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder
-ausgleichen wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten
-Elastizität und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervös. Von irgend
-welchen Störungen, wie bei *** ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es
-allerdings einer scharfen Selbstzucht (die ***, wie ich ihn beurteile,
-sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen
-Herbstzustand so erholt habe. -- Ein anderes Thema: -- --
-
--- -- -- -- --
-
-Vieles geht mir ab; am meisten aber _Du_; und dann die Musik. Ich bin
-äußerst neugierig auf die »einfachen Stücke«, die Dir K. zum spielen
-gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als früher.
-Musik und Malerei sind doch ganz gleich, -- man muß nur das _Organ_
-haben, das diese Gleichheit mißt und erkennt; es ist auch nicht
-notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfaßt hat,
-daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los.
-Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der _Vereinigung_ der
-beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das
-grundverschiedene äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste
-zusammenzuschweißen, ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und
-einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar
-von den grundverschiedenen Materialien ein Stück von da und eins von
-dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu
-verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthäuspassion
-oder ein vertontes Lied, -- das ist genau dasselbe wie ein
-gegenständliches Bild; es bleibt ganz »Bild«, wie Musik ganz Musik
-bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft
-unausgesprochen, -- Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es
-abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt _immer_ drin, ganz klar und
-eindeutig, nur braucht er nicht immer äußerlich da und augenfällig zu
-sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie sind im Grunde so
-einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es gibt da
-gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den
-Schaffensgrund in sich finden.
-
-Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. -- -- --
--- --
-
- -- -- --
-
-
- 18. V. 15. Nachts.
-
- L....
-
-Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die
-mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz
-überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über
-Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz
-erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (-- es gehört nicht mir,
-schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch
-ganz armselig, -- aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des
-wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht
-seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich
-möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones
-lesen, -- allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor
-allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones
-enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf
-es und schenke es Maman von mir aus, -- später will ich es dann auch
-lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem _wahren
-Tolstoi_ wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und »Poesie durch
-sich«; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so
-klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der
-»offenen Wunde der Welt« oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da
-kann man von einer That reden. _Wir alle faulenzen._ Man muß sich
-_gänzlich opfern_; nicht: »sich an die Säule seiner Idee lehnen,« wie
-ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz
-tragen, an dem man für die Welt stirbt, -- dann nur könnte einst auf
-unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich
-geopfert: »Ihr seid teuer erkauft, -- werdet nicht der Menschen
-Knechte.« (1. Corinth. 7, 23.)
-
-
- Fortsetzung 22. V. 15.!
-
-Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im
-Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend
-wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter
-ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir
-hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten
-nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante's Inferno; ich
-fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein
-ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau _wo_; ich bin jetzt so
-oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man
-merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl
-ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger
-selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das
-Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit
-von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist. _Der Geist kann
-unbedingt auch ohne Körper leben._ -- -- -- -- --
-
-
- 25. V. 15.
-
-L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe »man sollte um der Sache
-willen, -- um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört« und
-daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht,
-daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem
-ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird.
-Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des
-Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich
-beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen
-unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, -- das
-ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, -- ich »sehe« uns
-plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch
-die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach
-dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine _Erlebnisse_ mehr für
-mich; ich _sehe_ mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten,
-sprechen usw.
-
-Das zweite Leben ist schon eher »Erlebnis«, die Gedanken an Europa,
-Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken
-an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die
-Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, --
-in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens
-zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden
-Füßen und _anwesend_ fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei
-verliere, daß dies alles für mich nicht _wesentlich_ ist, nur Wege,
-Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und »um sich zu fühlen« und
-um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause
-zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares »_Heim_«. Und das
-ist das _dritte_ Leben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel;
-das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht
-vorwitzig berühren darf. _Alles_ andre wird für mich unwesentlich und
-gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie
-der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, --
-und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir.
-Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, -- vielleicht
-ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur
-wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in
-seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht
-wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie
-sind ganz spontane Erkenntnis, -- im übrigen eine Erkenntnis, die durch
-alle Religionen geht.
-
-Diese Trennung ist keine _Bedingung_; in einem harmonischen Erdendasein
-wird sie überhaupt kaum fühlbar, -- wenn ich nach Ried und zu Dir
-zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei
-Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen
-sie einzeln!
-
-Wie geht's mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich?
-Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. -- -- -- -- --
-
-Du bist enttäuscht -- -- -- -- --, -- laß Dich davon nicht zu sehr in
-Deiner _offenen_ Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen
-und »vorsichtig sein« kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig
-sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können,
-auch im Leben und _nie_ etwas nachzutragen, (-- eine ganz unnötige Last,
-die man da »nachträgt«). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.
-
-Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, --
-wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und
-vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die
-guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd
-ich immer neugieriger. --
-
--- -- -- -- --
-
- Nun gute Nacht!
- Dein Frz.
-
-
- 21. VI. 15.
-
- L....
-
-Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- Aber niemand darf sich im Glauben, dem »Wesentlichen« näher zu
-sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als
-gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du
-denkst, ich sei da und dort »festgefahren«. Ich irre und finde das
-Gleichgewicht nicht, -- das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel
-größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du
-immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was
-es mit meiner Scheu, -- sagen wir: vor »Penzberg« oder vor »fremden
-Stuben« auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit,
-das »Gewissen« siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares
-Problem sehe? Das nennt man nicht »festgefahren«, -- das ist etwas ganz
-anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein
-ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch
-aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus
-tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, -- aber nicht praktischer
-Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel
-darüber reden.
-
-Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des
-tiefsten Friedens; der schönste Friede war _immer_ nur ein latenter
-Krieg; aber der _Einzelne_ kann sich befreien und anderen dazu helfen --
-das ist der Sinn des _persönlichen_ Christentums und Buddhismus und
-aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel
-zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man
-bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine
-solche scheint mir auch Deine »Menschenliebe«; was ist das? geht sie auf
-Kosten der »Naturliebe«? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, _wo_ der
-Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze
-Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht
-und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus
-zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto
-vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und
-wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies
-Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch
-immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende
-Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst
-belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren
-Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich.
-Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz
-der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
- 23. VI. 15.
-
- L....
-
-heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere
-Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich
-langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher
-Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht
-leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich
-interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und
-ihn hassen wie Du, -- als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem
-Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als
-der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form;
-statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf
-Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist
-kein _wesentlicher_ Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben
-die Seele nicht. Den Tod als _Zerstörung_ erkenne ich überhaupt nicht
-an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und
-erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das
-verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft
-wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle
-hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich
-schon immer früher über den Tod sprach: er ist absolut _Erlösung_. Dazu
-braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens
-Christ. »Tod, wo ist Dein Stachel?« -- Es ist nicht einmal wahr, daß ich
-mich »an den Krieg gewöhne«, wie Du annimmst; aber ich taste immer
-ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der
-Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die »menschenwürdigeren Zeiten«, von
-denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, -- aber
-_immer_, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das
-kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten
-bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung
-beeinflußt werden kann. »Mein Nerv wurde hart in mancher roten
-schöpferischen Stunde«, -- vielleicht ist es das; denn ich bin sonst,
-als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; _Du kennst mich ja_.
-Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem
-Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß
-meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, -- nicht aber als
-Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel
-über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi,
-Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner
-Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über
-Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger
-Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen
-ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den
-Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht
-denken, daß ich die Bibel »poetisch« lese; ich lese sie als _Wahrheit_,
-wie ich Bach als _Wahrheit_ höre und reine Kunst als _Wahrheit_ sehe.
-_Kannst Du_ mich verstehen? Ach könntest Du doch!
-
-_A propos_: zum Leben zurück: -- -- -- -- -- Ja, das Leben! und die
-Menschen! sie können einem _sehr_ leid thun, aber man kann sie nicht
-bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das
-läuternde Fegefeuer schon hienieden -- hoffentlich gehören wir zwei
-unter diese -- manche und die meisten leider -- spüren hienieden davon
-noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so
-oft! _Dich_ glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige,
-nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu
-vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich
-möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum
-_Wesentlichen_ wenden.
-
-Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob
-ich's erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar,
-gestammelt.
-
- -- -- -- -- --
- -- --
- Frz.
-
-
-
-
- Nach dem ersten Urlaub.
-
-
- Straßburg, 17. VII. 15.
-
-L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage
-innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt
-auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen,
--- die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt.
-Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat
-mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig,
-daß ich in vielem so schweigsam war, -- ich konnte nicht anders. Ich
-konnte mich nicht hingeben und _frei fühlen_ -- auf Widerruf! Erst wenn
-ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen
-besseren) wieder ganz haben.
-
- Mit tiefem Kuß
- Dein
- Frz.
-
-
- 21. VII. 15.
-
-L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue
-reine Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal
-wieder so gut haben wird, an solchem Orte und _mit Dir_, ohne fremden
-Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand
-in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, -- tiefer,
-als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung
-konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. München
-interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in seiner Trauer; aber
-im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht
-und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei Wolfskehl
-fühlte ich etwas _Liebe_, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.)
-Und _ganz Liebe_ fühlte und fühle ich für _Dich_, mein gutes liebes
-Lieb. Ich weiß, ich war so schweigsam, -- Du frugst mich so oft; ich
-konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; -- später fiel mir's
-auf die Seele, Du könntest am Ende traurig sein; leb nur fröhlich in
-Gedanken an mich und an unser kommendes Leben.
-
-Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es
-schon nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches
-Dasein, dem man gehorcht. »Der gute Soldat wider Willen« wäre kein
-schlechtes Thema für einen, der philosophisch genug wäre, die ganze
-Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen Zustandes zu begreifen.
-Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, daß der Deutsche sein _Land_
-und seine _Arbeit_ verteidigt, seine Mission fühlt, aber den Frieden im
-Herzen trägt, -- keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester
-Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in
-diesem Kriege persönlich und als Volk »sühnt«. -- Wir sind wirklich
-_alle_ schuld an diesem Krieg; -- das ist auch der eigentliche Grund,
-warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut,
-als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er
-dem bedrängten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer
-Sühne entzieht; das »verstockte Herz« des Evangeliums. Ich lese hier
-Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause.
-Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, laß es; dann
-bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las
-Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur
-aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit
-deutschen Typen gespielt würde gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei
-Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Aufführung aus der
-Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war
-sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die Übersetzung ist ganz
-miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre jedenfalls die
-Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was macht
-der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und
-thut.
-
-
- 29. VII. 15.
-
-L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das
-»Pferd« ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen
-(gebunden). Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist).
-Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin
-von der prähistorischen Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich
-jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in
-einem neuen Quartier, näher dem alten Herbstquartier, landschaftlich
-ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gänzlich unkriegerisch.
-Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, -- Felderbau! Ich bin
-über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett
-vermisse; hier ist es äußerst primitiv.
-
-Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in
-Menschennähe. --
-
-Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die
-sich schon sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, --
-man guckt die ganze Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel.
-
-Schreib mir von Euch und Ried.
-
-
- 30. VII. 15.
-
- L.,
-
-Was ist *** für eine merkwürdige Seele; wie _verschieden_ sind überhaupt
-die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem
-letzten tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (-- Du nennst
-diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert
-ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; während des Lebens ist
-er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle
-gerückt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser
-Punkt keine Ruhe; _niemand kann ihn genau ins Auge fassen_; und die es
-sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! Ich
-bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, -- denn es gibt mir eben
-das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und _arbeiten_ muß,
-unaufhörlich, gegen das Ungefähr, bis wir sterben.
-
--- -- -- -- --
-
-Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt _Haumont_; an den Etangs von _La
-Chaussée_ gelegen; ein Stündchen von _Hagéville_; zwischen _Hagéville_
-und _St. Bénoit_. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir
-sind ja auch um ein Stück weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei
-Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es
-ist beständig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen,
-wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den Feldern und Sümpfen.
-Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem
-Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz
-verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen,
-Parks von _St. Bénoit_ waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein
-bißchen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne
-Mückenschleier ist hier natürlich kaum zu schlafen; der meine ist famos,
-wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich möchte sie Kameraden
-schenken.
-
-Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang;
-keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika
-nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute
-innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen
-die »Regierenden«. Was heute alles geschieht, werden die Völker nie
-vergessen; der Boden für die großartigste Bewegung des vierten Standes
-wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch diese Vorgänge
-nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf denken
-kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas
-trunken. Ich ersehne nichts als die _Heimkehr_.
-
-Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- --
-
-
- 29. VIII. 15.
-
-L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, -- weißt Du noch, wie ich in
-der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit dem
-Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und
-Vorwürfen viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt
-die Schuld in der _Gesamtheit_, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten
-_jedes Einzelnen_ zu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker
-gesetzt, sondern die Völker haben sich Regierungen geschaffen, die das
-Verhalten des Einzelnen autoritativ decken. Du hörst ja unser Volk!
-Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken muß man mit der Arbeit
-einsetzen, nicht an der Politik. -- Ich schreib Dir nächstens
-ausführlich. -- Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben doch
-einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der
-Mäuse? Welf wird ihm nichts thun. -- Spielst Du? Mir geht es jetzt
-wirklich gut. Du kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken.
-Heute schrieb Deine Mutter eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des
-Gutes, -- das hat mich auch tief wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das
-alles? Wo sind die Jahre? -- -- -- --
-
- -- -- --
- Frz.
-
-
- 4. Sept. 15.
-
-L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du
-auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden
-Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann
-man nicht reden; ich sehe trübe, -- andre sind äußerst optimistisch;
-alles Reden ist aber zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist
-man sicher nicht normal, -- _keiner_ von uns; aber ich denke: die
-Anormalität des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumständen
-aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon wird sich dessen auch
-kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt.
-Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man
-im späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und
-_Regie_, _Betrieb_ und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den
-heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst.
-
-
- 9. IX. 15.
-
-L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht.
-Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere.
-Letzthin zogen viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel.
--- Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer
-noch an und beschäftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen
-der Gesellschaft nur angenehm. Wie schön muß es jetzt bei Euch sein!
-Hier ist es schließlich auch schön, aber man fühlt alles nur halb und
-unrein.
-
-
- 12. IX. 15.
-
-L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit
-einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir
-den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, -- wir
-sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran
-anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und
-Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September
-soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die
-Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß
-mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und
-unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles
-interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als
-peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder
-auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert.
-Du sprichst von fehlenden »Verbindungen«; das ist natürlich sehr
-richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin:
-schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann
-man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern
-abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie ***
-und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich,
-bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.
-
-Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal:
-ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder
-Großfürst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen
-wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die _wirkliche Lage_!
-Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es
-nicht zu können! Mein Ausdruck »Thema«, als ich vom Krieg als Folge des
-deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen
-schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland
-fähig gewesen wäre, ein »geistiges Gegengewicht« zu halten, erledigt
-sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies
-eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19.
-Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer
-das alles _haßt_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_
-nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher
-im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und
-Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin
-und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die
-Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Führung der
-Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in
-kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar
-verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher
-begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. -- -- -- --
--- Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung
-nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße
-Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- --
-
-
- 18. IX. 15.
-
-L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht
-mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt
-nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu
-sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das
-wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an
-die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; »denn es ist ja --
-Krieg!« Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das
-menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht
-_aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul
-Rohrbach »Bismarck und wir«, -- merkwürdig ungeistig; einfachste
-Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht:
-die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!!
-Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch -- _homo
-sapiens_ -- englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen
-Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als
-_menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder
-türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine
-schönsten Blüten treibt.
-
-Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit
-ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber
-sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre
-Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und
-aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen
-leitete.
-
-Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anständig. Und Deine
-Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz
-unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen
-läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von
-Ungeist Gewinn ziehen und »leben«, nur wo der Ungeist, die Dummheit und
-die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ möglich. Traurig.
-Ich schäme mich. Nun für heute genug. -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- --
- Dein Frz.
-
-Gruß an Maman.
-
-Streichle Hanni und die Kleinen.
-
-
- 23. IX. 15.
-
-L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet.
-Ich zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns
-sein Tod auch tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir
-wohl wieder den Eindruck einer _sehr_ begrenzten Begabung; aber
-innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens eine großartige
-Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder
-Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke oder Stephan
-George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor,
-den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er _war schon
-am richtigen Wege_. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch
-eines Größeren.
-
-Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr
-Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören,
-als letzte sehr reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver,
-weniger abgeschlossen. Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal
-und Besseres schafft; und daß es um so urwüchsige und ehrliche Naturen
-wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohl _Schicksal_
-ist. -- -- -- -- --
-
-Und nun für heute Schluß! Mir geht's famos. Gruß an Deine Mutter,
-Niedmanns, K. und meine Tierlein.
-
- -- -- -- -- --
- Dein Frz.
-
-
- 24. IX. 15.
-
-L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr
-von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein;
-was Rußland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen
-Friedensverhandlungen glaub ich _nicht_; aber ich glaub, ich schrieb Dir
-schon einmal: ich laß mich gern -- überraschen. Von der Stimmung im
-Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben -- »Belagerungszustand«, --
-Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, -- alles. Verlier nur die
-Freude am Garten etc. _nicht_ -- das hat doch auch _keinen_ Sinn. Gegen
-Mäuseplage im Garten streut man am besten _Giftweizen_. Ein Hund rührt
-ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran
-kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin
-entschieden dafür, Welf wegzugeben.
-
-
- 30. IX. 15.
-
- L.,
-
-der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es
-doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt,
-so daß es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit
-schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel
-gestreichelt und getröstet werden müssen für sein Kinderleiden.
-Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich könnte auch nicht
-mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor
-dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz
-dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz
-richtig. Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff
-der Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. -- Heut kam auch Dein Paketchen
-mit den Socken, Handschuhen und einem Paar _ganz famoser_ Pulswärmer,
-die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer
-halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb;
-solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt,
-und da ich ja fast nichts trinke, genügt mir meine Löhnung so ziemlich.
-Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in
-diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust.
-Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (***
-und ***) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die beiden
-mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen
-Übungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu _einer_ auf die
-Dauer _bis_ zu acht Wochen (-- -- -- -- --). Ob wir nun vorerst
-Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prüfung wird
-wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaube _nicht_, daß man mich
-eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht für dauernd. Unsre
-Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und _muß_ noch einen
-Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr
-recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese
-Beförderungsgeschichte schon _sehr_ angenehm.
-
-Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre
-Stellungen da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß,
-aber _werfen_ können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind
-immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er
-stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle.
-
-Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg.
--- -- -- Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien
-heut auch eine lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es
-ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder
-selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen.
-_Behalte_ diese ganzen Besprechungen. *** braucht sie nicht, glaub ich;
-oder wirf alles weg. -- Du sollst keine Kopfschmerzen haben! -- Das
-Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese Worte hören! Dieser
-Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig schwer; ich
-werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist
-wenigstens eine _abstrakte_ Beschäftigung wie das Schach,
-
- -- -- -- -- --
- Dein Frz.
-
-
- 1. Okt. 15.
-
- L.,
-
-von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders
-auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen
-Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer
-mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir
-schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum
-Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das
-Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die
-ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das
-Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche
-weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag
-vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß
-Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) -- Schick mir mal den
-Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. -- Als Offiz.stellv. habe ich
-monatlich -- -- -- -- -- viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen
-kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial
-und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München
-fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch ***'s aus, wenn sie es nötig
-haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das
-Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst
-Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch
-die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und
-sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember
-kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls.
-Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr
-so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein
-Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht
-beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan ist
-_jeder_ Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie
-lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als
-Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine
-Bitte: bestelle -- -- -- -- -- Nun genug von diesem Militärzeug!
-
-Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen.
-Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und
-Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr
-energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich
-mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und
-kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese
-eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die
-Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus
-und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen
-Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man
-macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den
-kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles
-Angepflanzte _immer Gewinn_. Wir müssen unser Leben in Ried so
-einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir
-können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die
-Tierchen nicht stören können.
-
-Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand.
-Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die
-Offensive endlich ausgebrochen ist, -- die Hoffnung, daß sie die
-Kriegs_entscheidung_ bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die
-Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht
-einen anderen Ausweg; der _Einzelne_ natürlich, aber nicht als
-Volks_ganzes_; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von
-heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser
-Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, -- aber wie
-eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig
-und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem
-rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen
-wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur _Quelle_
-des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück.
-
-Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft.
--- -- -- -- --
-
- Dein
- Frz.
-
-
- 2. X. 15.
-
-Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie
-ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie _ganz_ gefesselt, ich
-weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter
-Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen
-zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis
-interessant? -- Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange,
-lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu
-sagen, keine sanften pastoralen Klänge. -- Grüße alle! Mit liebem Kuß
-
- Dein
- Frz.
-
-
- 5. X. 15.
-
- L.,
-
-wenn sich die Rehchen _strecken_, ist es ein _sicheres_
-Gesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im
-Kot _nachweisbar_; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor
-Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der
-Frankfurter Zeitung. -- Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich
-lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige,
-Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu
-überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen
-gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen
-Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller
-als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder
-Kokoschka, -- selbst wenn mir letztere _vorübergehend_ genußreicher und
-lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst ***
-direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim _Versuch_ bliebe.
-Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch
-ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und
-Gewinn ist.
-
-
- Fortsetzung. 6. X. 15.
-
-Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies
-es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme
-Journalistik; aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist
-und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr
-interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das weiß,
-was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt werden, um
-einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der
-Mensch ist, »_la bête humaine_«, wie Zola so gut sagte. Schick mir das
-Buch zurück, es gehört ***.
-
-Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, -- am Balkan!!
-Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug
-waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die
-Welt zu erklären. Wir haben Himmel und Hölle entvölkert,
-bilderstürmerisch, -- aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben
-Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst
-wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird mit
-dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig.
-
-Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. -- -- -- -- --
-
- Dein
- Frz.
-
-
- 9. X. 15.
-
- L.,
-
-ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst,
-mit ihrem Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen
-Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für
-mein Gemüt nichts Fürchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten,
-über alle Vorstellung vereinsamten Greise und Großmütter Frankreichs.
-Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts
-Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und kommt
-durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es
-hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den
-paar Regierungsmännern die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu
-wollen. _Jeder einzelne ist genau so schuldig._ Was versteht der
-einzelne unter »Frieden«?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben
-friedenswidrigen sündlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand
-erzeugt. Die Axt muß an die _Wurzel_ gelegt werden. Ich finde, Du redest
-Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen
-Demokratismus hinein.
-
-Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, --
-ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in
-Berlin!!! Das würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn --
-vielleicht; erholen würdest Du Dich auch dort kaum. -- -- -- -- --
-
-Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal
-wieder die Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich
-werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht -- etc.
-
-Nun Schluß.
-
-Mit vieler, vieler Sehnsucht
-
- Dein tr.
- Frz.
-
-
- 13. X. 15.
-
- L.,
-
-wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod;
-sie ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre
-großen Schwächen triumphiert. -- Symptomatisch interessant ist der jetzt
-(im selben Blatt) lanzierte Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen
-vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, -- das Ende des
-Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das seh ich jetzt voraus. Ich
-bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom
-deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet,
-genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. -- -- -- --
---. Ich halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das
-Ende erleben werden, -- wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit
-der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. -- Bei uns
-hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende
-dieses Krieges schön gemütlich in _Haumont_ abwarten! Ich reite jetzt
-viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und
-Buchenwäldern, die sich zwischen _Haumont_ und _Hattonchâtel_ und _St.
-Mihiel_ ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie
-einst am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd
-herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute »Eva«. Ich kann jetzt gottlob
-ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck
-des stündlichen Angebundenseins bin ich jetzt doch _etwas_ los, --
-angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn _Du_ Dir mein Leben
-vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch
-die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von
-Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine
-Hanni mit 2 Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 _Kraniche_ hier!
-Hauptsache _grau_, weiße Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was
-es für Kraniche sein könnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art.
-Reiher sind es nicht; Reiher und Störche tragen im Flug den Hals anders.
-
-Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr
-prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich _jetzt_ mehr
-als genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit _warmen_ Sachen bin ich
-jetzt überhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also
-mit anderen Worten: etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du
-nichts mehr findest, kaufe nichts, -- ich besorge es mir ganz einfach in
-Metz. Morgen -- übermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl.
-
- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 16. X. 15.
-
-L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische
-Schattenspiel, das »Krokodilspiel«, -- sehr anregend; ich bin eigentlich
-sonst zum Lesen ganz unfähig, höchstens so ganz ausgefallene,
-unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal
-bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, »ohne Not«. Ich müßte
-jetzt bald arbeiten können, -- das Lesen hat jetzt keinen Sinn für mich.
-Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein
-Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen
-Möglichkeiten. Über meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter
-gehört; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen,
-schon um des wunderbaren Herbstes willen, -- das Reiten ist jetzt zu
-schön! -- die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir
-bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut.
-
- -- -- --
- Frz.
-
-
- 19. od. 20. X. 15.
-
-L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So
-lange Pausen hab ich _nie_ gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein
-falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst
-Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen
-mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese
-»Zeit-einteilung«; ich empfinde sehr zeitlos und fühle mich dabei weit
-wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zählte! -- -- -- -- --
-
-Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich
-Niestlé nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren
-Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat
-man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mir
-_gar nichts_ an ihnen, nur der Fall an sich wäre interessant.
-
-Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört;
-vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät
-mir leid. Aber ich rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich
-lass _alles an mich herankommen_, wie's kommt. Willensbestimmung hat man
-ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste
-Interesse am Kriegführen und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht,
-daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich schlechte
-Psychologen, -- vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man sich auf
-mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung
-geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken
-willst; wer weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird
-mir gegebenenfalls doch alles!
-
-Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir!
-
- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 20. X. 15.
-
- L.,
-
-heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um
-ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird
-es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle
-Veränderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die
-Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten:
-erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit größeren
-Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich
-außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß
-die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den
-Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es
-ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre
-etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge und über 200 Pferde! In
-Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit hatten wir
-ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen
-sogar noch mehr!), -- heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf
-Etatsstärke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was
-ich hörte, sehr unwahrscheinlich, daß wir verstärkt wurden, um uns
-irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen
-langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine
-Gefechttätigkeit, -- aber Abwechslung, Berührung mit neuen Menschen und
-andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine
-riesige Wohlthat.
-
-Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen
-lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden
-deutschen Hirngespinst reden, -- laß Dich davon nicht täuschen. Dies
-Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, -- mein Optimismus ist ganz
-unerschüttert. Was sagst Du zu dem »opfernden Großgrundbesitzer« im
-beiliegenden Zeitungsabschnitt, -- ist der nicht köstlich? Geradezu
-unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post.
-
- Kuß und Liebe von
- Deinem
- Frz.
-
-Koehler hat sich _sehr_ über Deinen Obstgruß gefreut.
-
-_p. s._ Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee
-und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen,
-(hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist,
-rund um und das Dach mit _Schilf_ bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl
-als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen
-Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen
-probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die
-Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen
-Optimismus. Es freut mich _sehr_, daß Du ein bißchen Kleiderluxus
-treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu
-thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck
-findet! Um Gottes willen!
-
-
- 23. X. 15.
-
- L.,
-
-hast Du den letzten »Sturm« (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges
-betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner
-Holzschnittgedanken durch ***. -- Dann der Briefwechsel zwischen *** und
-***, der sein Verhältnis zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames
-Gefühl; man traut's sich immer nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder
-»wirken«, rücksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern
-gehen mag, die _ihr_ Leben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar
-nicht gemeint hat, -- und doch stammen sie von ihm. In dem Verhältnis
-von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. -- Und drittens regte
-mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. Wie immer gerate ich
-beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem Fall _rein
-kubistische_) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk
-literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in
-Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du
-wirst mir gewiß sofort entgegnen, daß ich hier wieder die Form suche und
-nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefühl zu suchen,
-das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen.
-Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl in dem Werk, könnte
-seine Form mich doch auch nicht erregen, -- denn erregt wird doch
-zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck
-gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen
-Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des
-Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute.
-Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. Über das
-Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es nun vielen oder allen oder
-wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht sorgen; das müssen
-wir dem »Weltgeist« überlassen. --
-
-Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen
-wieder beschnitten und eingeschränkt wird; -- -- -- -- -- ich bin froh,
-daß Du momentan bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst
-Du Dir manches extra leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß
-verwundern, wenn Du unsern täglichen Frühstückstisch sähest:
-prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit Weinbeeren drin und
-Zuckerguß wie beim »beehrens uns ferner«! Wir leiden keinen Mangel; mein
-Magen hat sich aber auch _erstaunlich erholt_. -- -- -- -- --
-
- Dein Frz.
-
-
- 28. X. 15.
-
- L.,
-
-Du schreibst mir ein Klagekärtchen, daß ich mich gegen das tägliche
-Schreiben sträube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleißig
-geschrieben und meist auch recht gern; für die Unregelmäßigkeiten der
-Post kann ich natürlich nichts. Es ist für mich oft schwer zu schreiben,
-_jeder_ äußere Anlaß hier fehlt, denn ich bring es nicht über mich, von
-»hier« zu erzählen; von Ried kann man erzählen, aber der Krieg heraußen
-macht _stumm_, -- wenigstens mich. Sei froh, daß ich so bin. Paul ist
-nun in nicht ganz harmlose Situationen gekommen, -- hoffentlich hat er
-Glück wie ich im Elsaß, für sich und seine Leute; denn das war mir immer
-ein schrecklicher Gedanke, daß Leute, die meiner Führung anvertraut
-sind, verwundet würden oder fallen könnten. Denn man kann _so viel_ an
-Fährnissen durch geschickte Führung der Munitionswagen vermeiden. An
-Pauls plötzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles im Felde
-ist; das ist natürlich kein Trost für Dich; -- das weiß ich schon, --
-aber eigentlich sollte es _doch_ einer sein, denn _das Schicksal ist
-Herr über unseren Leib, nicht der Krieg_.
-
--- -- -- -- --. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glück, mein
-Lieb, und laß diese Sorgen und Ängste; daß Du traurig bist, verstehe ich
-schon, ich bin's auch. _Aber Angst ist nicht würdig._ Gefahr gibt es
-nicht, sondern nur _Bestimmung_.
-
-Einen Mordsspaß macht es mir, daß sowohl Du als Maman seelenruhig
-»Offiz.-Stellvertr.« schreibt, während Ihr mir selber die
-Leutnantsernennung aus der Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der
-Ernennung nichts zu thun. Es stand doch in der Zeitung am Anfang:
-zufolge »Allerhöchster Entschließung«, -- auf was wartet Ihr eigentlich
-noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der Reserve, aber
-jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fühl mich
-jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister.
-
-Daß nicht einmal so ein anständiges Quartett wie Wendling oder Rosée
-oder meinetwegen die Münchener die Front abreisen und uns einmal
-heraußen einen Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg
-wäre das so anstandslos zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, --
-überhaupt!! Ich glaube, wir heraußen haben doch noch ein bißchen mehr
-Anlaß zum »trübsinnig werden« als Ihr daheim und auch Du in Ried, -- und
-wenn meine Briefe matt und trüb sind, -- an meinem Herzen liegt es
-nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. -- --
-
- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 29. 10. 15. Metz.
-
-L., einen Stadtgruß von hier. Es ist ein höchst merkwürdiges Gefühl für
-mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese
-Trauer!! Ich verstehe gar nicht, daß das, wie es scheint, so wenige
-merken, auch von meinen Kameraden. Ich fühle die Legende dieses Krieges,
-der jetzt schon Mythos und Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz
-erschütternd. Ich empfinde ihn doch noch ganz anders als Du; wir werden
-noch viel darüber reden! --
-
-Ich hab mir rohseidene Wäsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose
-usw. In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach
-Deinem Geschmack verändert haben!
-
-
- 2. XI. 15.
-
-L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist.
-Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre
-dienen. Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß
-mein Antwerpener Kommando auch erst später trifft, hat mit den
-Kriegsaussichten etc. gar nichts zu tun. Diese Schießkommandos sind ja
-gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch während des Krieges
-abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen Schema alle
-tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando aus
-der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von
-meinem Gleichmut, -- nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner
-neuen) Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder
-als Batterieoffizier verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es _kann_ mir
-gar nichts geschehen, was mir nicht notwendig geschehen _muß_. Es gibt
-keinen dummen Tod oder ein dummes Unglück oder Glück; ich las wieder
-viel im Evangelium, -- _wie kannst Du eigentlich im Evangelium lesen und
-doch Angst haben_? Thatsächlich: mir ist das gänzlich unverständlich.
-Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, da _müssen_ sie doch ruhig
-werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden.
-
-Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr,
-daß es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also
-wenn ich telegraphiere, erschrick nicht. -- -- -- -- --
-
-
- 3. XI. 15.
-
-L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen.
-Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand
-zu halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen
-Reitstock machen, -- ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen
-zu können. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn
-befürwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen,
-wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung maßgebend ist. Ich fahre
-dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder übermorgen, -- ich glaube
-nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt natürlich bei Maman, wenn ich
-Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt
-natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen
-meine Liebe mündlich zu sagen!
-
-Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein »sehen der Musik und Literatur«
-nicht ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige
-Eigentümlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und
-literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für ausgeschlossen
-(jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle
-Kunstarten ein gleich _reines Art_verständnis hätte. Ich habe
-literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben
-als Dichter und literarisch werten und genießen zu können. Dabei blieb
-ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens in der Malerei!).
-Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich
-es seit langem vor Musik bin. Ich _sehe_ alles, alles ist in meiner
-Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel
-z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab,
-sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde
-daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können.
-
-Nun, diesmal nicht _addio_, sondern auf baldiges Wiedersehen.
-
-
-
-
- Nach dem letzten Urlaub.
-
-
- 19. XI. 15.
-
-L....
-
--- -- -- -- --
-
-Es ist ein sonderbares Gefühl, plötzlich wieder in dies wie erstarrt
-stehen gebliebene Stellungskriegsleben zurückzukehren; daheim war ich in
-_Bewegung_, -- an jedem Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte
-gethan, Gedanken gesandt und gefördert und aufgenommen, -- hier steht
-alles wie im verzauberten Märchen still. Immer wieder dieselben
-stereotypen Flieger über dem Land, dasselbe langweilige Schießen, das
-man schon nicht mehr hört; das Leben ist erstarrt. Ich machte einen
-schönen Spazierritt, -- das ist das Einzige was mich freut. Der innere
-Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwärtige
-Kriegsform im Westen.
-
-In Liebe und neuer Sehnsucht.
-
-
- 20. XI. 15.
-
-L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel
-Quint, -- Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in
-unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehr
-_Wortkunst_ wie in der Versunkenen Glocke und »Literatur« erwartet, aber
-niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft,
-die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher
-zutraute, -- ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich
-stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch
-glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h.
-_ohne Laune und ohne Willkür_, sondern gänzlich episch, logisch
-notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektüre für
-einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie
-natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich
-hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu
-bereden, -- ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, -- alles
-was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie
-kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der
-menschliche Sinn verstiegen!
-
-Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich
-interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in
-letzter Zeit in die Hände bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi,
-Strindberg usw.), fesselte mich nur _zeilenweise_, -- eben nur da, wo
-sie genial sind, -- das andere ist alles langweilig. -- -- -- -- --
-
-Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag's Hanni
-gehn?
-
-
- 21. XI. 15.
-
-L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint
-lese. Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung
-des Christentums, -- nämlich ihrer prinzipiellen _Gegensätzlichkeit
-gegen pazifistische Organisationen_ (wie in den Neuen Wegen),
-sozialistischen Kommunismus, der ein Erlahmen der Seele und des
-christlichen Opfer- und Überwindergedankens bedeutet. Bestimmend ist
-immer der Eine Gedanke: die Welt, das »leibliche Wallen« berührt uns
-nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das
-Unsichtbare. Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrung _eine
-symbolische Handlung_. Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens
-ist gerade das Prächtige, Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen
-Erniedrigung vor der Welt und damit seiner Befreiung; er _will_ den
-Menschen gar nicht körperlich helfen und sie leiblich satt und gesund
-machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele schrickt
-schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen,
-zu seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große
-Mißverständnis der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen
-fortgeführt wird, spricht er das furchtbare, schneidende Wort: »nach mir
-aber fraget niemanden fortan«!
-
-In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, --
-ich freu mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als
-ausbildender Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren
-würde; das Leben hier ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe
-jetzt jeden Nachmittag meinem Chef theoretischen Artillerie-Unterricht;
-er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber nur ziemlich mangelhafte
-Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes Theater- und
-Traumleben!
-
-Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan
-des Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe
-hier Gelegenheit, mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine
-Installation ungefähr kostet; ich möchte diese unverbindliche
-Gelegenheit benutzen, um für später eine Handhabe zu besitzen, und
-spätere Voranschläge zu beurteilen.
-
-Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, -- der Krieg
-dauert nun keine Ewigkeit mehr. -- -- --
-
- Frz.
-
-
- 24. XI. 15.
-
-L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm
-und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel
-von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte,
-weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und
-Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine
-Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch
-liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen
-Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, weil immer
-sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, daß
-Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d.
-h. in seiner _Logik eitel_; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn
-lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein.
-Und ebenso d. h. in viel größerem Maß unrein sind die »Neuen Wege«. Die
-liegen voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab.
-Ich verstehe jetzt natürlich auch K.'s Wesen viel besser, da ich sein
-greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hüten haben,
-daß er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit
-gerät.
-
-Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige
-Aufnahmefähigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden
-tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, --
-wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist
-unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es für möglich;
-denn wir kannten Kandinsky selbst _sehr wenig_. Kennt es Kubin, Klee und
-Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen von _mir
-aus_ zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann
-kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien.
-Die Erklärung, warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur
-in der Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch
-sicher gründlich, nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen
-Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer
-inneren Güte und einem Mitleids- und Schamgefühl heraus leicht, ihn
-mißzuverstehen. Grade darin liegt ein unglaublich feiner geistiger Takt
-in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, als wären es
-Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die
-Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir
-diesen Geist so vertrauenswürdig.
-
-Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief
-noch wegkommt.
-
- Dein
- Frz.
-
-
- Samstag 27. XI. 15.
-
-L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in
-Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef
-Oberleutnant *** (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der
-rückwärts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant *** der Schwager
-des Dürnhauser Barons.
-
-Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger,
-trockener Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg
-läßt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so
-unwahrscheinlich Glückhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser
-ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, -- es liegt für
-mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten
-durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft
-erhält und durch das Eingreifen des »jungen Bulgariens« als _Deus ex
-machina_. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch
-derartiger romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg
-denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung.
-Ich sag das nicht leichtsinnig, -- es gibt im Gegenteil _sehr_ zu
-denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite
-des Lebens und des Menschengeistes.
-
-Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig
-sternenklar; wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt
-mich eine ähnliche Empfindung als beim Anblick des reinen
-Sternenhimmels, der mir in diesen Kriegsjahren ein solcher Freund
-geworden ist. Durch Quints Leben geht jene abstrakt reine Linie des
-Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich auch immer im Geist
-durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich fast nie,
-sie mit dem Leben zu verknoten, -- wenigstens nie mit dem Menschenleben,
-(-- _darum kann ich keine Menschen malen_). Quint hat wohl seine reine
-Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben
-ist, darin liegt seine göttliche Größe.
-
-In tiefer Liebe
-
- Dein
- Fz.
-
-
- 1. Dez. 15.
-
-L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus
-München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen
-mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so
-sehr gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze
-Zusammensein mich Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung
-noch halten möchtest. Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von
-Emanuel Quint befestigte in mir diese neue Sicherheit der Seele. Du
-schreibst in einem Brief, ich soll Dir noch mehr über mein Lesen im
-Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das momentan kann. Da
-gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; es kennt
-kein _à peu près_, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht
-den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu
-aufrichtig und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem
-Gewissen zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und
-Erneuerung: wenigstens _jedes Ungefähr_, jede _Konzession nach
-gleichviel welcher Seite_ aus meinem Werk zu bannen; den Begriff Quints
-von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat auch keiner seiner Jünger,
-nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht getötet; denn
-damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt
-sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; -- es wäre
-dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der
-Reinheit in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein
-Bild mehr zu malen (= »nicht mehr zu leben«). Man darf nicht aus Furcht,
-doch wieder in Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß
-legen; ich verstehe heute zum erstenmal, warum eigentlich auf den
-Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; es ist zweifellos der Gedanke,
-daß man der Verantwortung nicht selbständig -- selbstsüchtig vorgreifen
-darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar Büchsen zurück.
-
-Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum
-Arbeiten hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher
-nur denkbar wäre, wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme,
-zu dessen Ausführung ich Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch
-ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß, den ich doch nicht eingehe.
-Warne nur ***, daß er sich keine Blamage mit mir einbrockt und einen
-offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen muß.
-Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis.
-
-Ich freu mich so, daß die gute Hanni wieder gesund ist; -- -- -- -- --
-
-
- 1. Dez. 1915.
-
-Liebe Maman, dank vielmals für Deinen guten Brief 117 -- -- -- -- --.
-
-Wenn *** die Musik von _Schönberg_ im Blauen Reiter meint, so kannst Du
-ihr sagen, daß sich meine Beurteilung der Schönbergschen Musik auch
-gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt
-aber doch im Sentimentalen stecken. Mehr würde es mich interessieren,
-wenn sie Kulbin (einen russischen Musiker) kennen sollte, -- von dem
-müßte sie mir einiges erzählen. Ich kann gar nicht ruhig von diesen
-Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe ich nach meiner Arbeit, die mir
-immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird doch dieses geistige
-Leben wieder kommen, in dem man früh und spät keinen anderen Gedanken
-hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde liegen, zu
-suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere
-Fühlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten,
-haben diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; heraußen fühl ich mich als
-Larve; der Krieg hat sich längst selber überdauert und ist sinnlos
-geworden; auch die Opfer, die er fordert, sind sinnlos geworden. Etwas
-Gewissenloseres und Traurigeres als das nutzlose Blut, das am Isonzo
-vergeudet wird, läßt sich in menschlichen Gehirnen nicht mehr ausdenken.
-
-Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, -- sie
-denkt doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl
-bald Advent, -- diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett
-stecken, das wir in friedlichen Jahren so -- oft vergessen haben! So
-denkt man jetzt oft zurück, was man früher alles hätte tun können!
-
-
- 2. XII. 15.
-
- L., -- -- -- -- -- --
-
-Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch
-richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja
-auch nicht. Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es
-sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine
-neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, -- wir sind nur noch
-nicht zur klaren Entscheidung reif, _welche_ es sind und wo die besten
-Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut möglich; denn wir übersehen
-heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem Europa steckt, durchaus
-noch nicht die _wahren_ Linien und Formen. Vielleicht sind die Ansätze
-in der Malerei prominenter als in der Musik, -- aber auch _da_ werden
-sie sein; man muß nur sehr scharf _horchen_, -- nicht in Konzerten,
-sondern nach _innen_ horchen, sowie man die neue Malerei nicht in
-Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der
-Nacht. Ich _sehe_ sogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen
-Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir können heute unser Geschick und
-die Wahrheit in den Sternen lesen, -- es kommt nur darauf an, wie man
-sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher
-mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und
-Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der
-Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind
-hören, -- es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer,
-unzerstörter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man
-einmal drin _sehen_ gelernt hat (für Musiker z. B. das _Tempo_, in dem
-die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man
-hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im
-Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten
-Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich
-nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses
-gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, -- das
-»Unmögliche« liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so
-empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle
-denken, ich müßte doch auch irgendwie ein bißchen wie sie empfinden; sie
-wundern sich dann immer, daß ich mich über dies und jenes »nicht
-ärgere«. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar nicht da bin, --
-noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe.
-Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre
-Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen
-und sich dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein
-ganzes Bestreben geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses
-Verhältnis zwischen uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und
-die bewußte Täuschung des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und
-nicht das: »die Wahrheit sagen«, jene fürchterliche, seelenkränkende
-Manie mancher Wahrheitsfanatiker.
-
-Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was
-Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete
-vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe
-meine.
-
-Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte.
-Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet
-sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt
-bei Artillerie- und Minenkämpfen, -- die Infanterie wird nicht
-eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ,
-Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende
-taktische Absichten.
-
-Baron *** hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie
-in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte
-mich recht auf seine Gesellschaft gefreut.
-
-Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden
-zu sein; bei diesem elenden Wetter, -- _Haumont_ schwimmt schier weg --
-wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch
-gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren
-muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten
-selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung
-bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich
-nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs
-meinen innerlichen Spaß hatte.
-
-Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die
-Zeiten, die für uns noch blühen werden.
-
--- -- -- -- -- --
-
-Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so:
-von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger
-Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein
-_Gewissen_ fühle: meine _Arbeit_; nicht mein Leben als solches; ich kann
-gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des
-Lebens überwinden, als indem ich den _Sinn_ meines Daseins ins Geistige
-hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib _Unabhängige_, d. h.
-Abstrakte hinüberrette. Es ist _nicht_ eigentlich das _spätere_ Leben,
-das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin
-allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, -- er erscheint mir sehr
-natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß
-ich doch auch vorher einmal gestorben sein, -- denk an die Blumen! Es
-ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem
-Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der
-Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich
-werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, -- das
-Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner,
-enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr
-aufmerksam im Quint, -- da steht alles außerordentlich fein und tief
-gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre
-Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das »letzte Wort
-zu reden«; -- Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu
-suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, -- die
-gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann
-schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über
-die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen
-Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir
-unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie
-ich das alles meine, -- es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz
-unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit
-geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren
-Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung
-gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl
-und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum
-Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.
-
-
- 5. XII. 15.
-
-L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche
-über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern
-kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken
-Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die
-Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei
-doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -- Das Verrückteste
-an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher _St. Mihiel_. Die Stadt
-liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg!
-Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein
-einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische
-Kanonade unsrerseits auf _Commercy_ u. a. Orte aus, daß die Franzosen es
-auch vorziehen, uns das Vergnügen an _Mihiel_ mit seinem Kaffeehaus usw.
-zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen
-Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt,
-vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit
-_Damen_bedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach
-Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel
-unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er
-eigentlich ruhig arbeiten könne. »O ja«, hieß es, »der wohnt ja in der
-_rue_ soundso nach >hinten< naus.« Hinten ist nämlich bei uns so viel
-wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt »Perle« bleibt ja weit
-hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in _St. M._ ist sonst
-vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber
-dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in »Perle«; selbst
-dieses traumhafte »nicht Fort-Können« für die dort in Unterkunft
-befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen
-solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben
-ist über seine Phantasie gestiegen.
-
-Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich
-gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen.
-Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, als _müßte_ sie in
-Fetzen gehen. --
-
-Beiliegend Brief von ***. -- -- -- Vielleicht freut sie mich wieder
-mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden
-oder verstehen wollen; das thut mir um *** leid, den ich eigentlich sehr
-gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch
-so altklug, menschenkennerhaft und »langweilte« mich überall. Meine
-Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, --
-ich machte im Gegensatz zu *** höchstens eine kleine Zeichnung pro
-Monat! Aber es ist etwas in ***'s Gesicht, was mich und meine
-Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm
-liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige,
-philosophische Mensch! Und *** hat gar keinen Vater!!
-
-
- 6. XII. 15.
-
-L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum
-ausgeträumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein
-kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl
-nicht los, daß es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein
-andermal ein Menschentraum; aber das, was träumt, _das_ Wesen, das ist
-immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so
-merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste und
-dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger
-Schimmel, ein richtiges _Pegasuspferd_ der Sage, ist plötzlich an einer
-Blinddarmentzündung (es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam
-ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden
-hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte
-dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem
-lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich
-verfallender Pferdeleib vor mir, -- der Pegasus war fort, -- man hatte
-nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, --
-da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein:
-»Laß die Toten ihre Toten begraben!«
-
-
- 7. u. 8. XII. 15.
-
-L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest
-verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen
-diesmal »rechtzeitig« ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder »auf
-Reisen« gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer
-Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es
-schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und
-unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne führt, bin ich
-sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden
-wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.
-
-Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare,
-Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), -- so lies Fabre,
-Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und
-Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen
-dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und
-Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders),
-Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen
-Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als
-Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge,
-geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem
-Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die
-zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir
-längst aus dem Kurs; es gibt höchstens »Gesetz-mäßigkeiten«; die
-Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern
-Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft
-ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch
-nur »Anschauung«. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und
-immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man
-der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein
-will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der
-Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im _Leben_
-zeigen, _muß_ es ja. -- -- -- --
-
-
- Gemütlich-Leiningen,
- 16. XII. 15.
-
-L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die
-uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens
-schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen.
-Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natürlich
-unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen
-Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird,
-eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn
-gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau.
-_Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, --
-denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich
-Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen
-stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum können wir zusammen gar nicht
-über _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch
-gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über
-mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen
-zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht,
-bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für ***
-chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene
-bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, -- aber
-für *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal:
-man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts
-Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft
-bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen,
-_Gültiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich
-der Kunst geschehen und da heißt es: »wer es fassen kann, der fasse es«.
-Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit
-der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer
-wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's
-Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert
-wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen
-wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes
-bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_,
-der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag
-ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch
-bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden
-Dingen, die er dann als »Ideen« in Kurs setzt. Man sollte viel weniger
-reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können
-ihre Stimme erheben und »reden«, -- die haben ihre Sprache für sich, die
-prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche
-Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit
-der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen
-das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne »_Tendenz_« gebraucht,
-ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für
-unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_.
-
-Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das
-unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, -- wie war
-es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich
-weiß wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine
-Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir
-keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals
-wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir
-ein: schick mir doch französisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und
-ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80
-Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.
-
-Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Kälte nicht
-ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem
-Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, -- so Leute wissen
-immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du
-ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurückkomme,
-würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein.
-Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch
-Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jäger; und setz
-ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du
-könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, -- da hätte
-die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das
-_Mutterschaf_ sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B.
-wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und
-schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)
-
-Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen
-Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am
-Schluß geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern
-seelig-glücklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im
-Brahms auf mich, während ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung
-habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie
-zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte
-Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Frz.
-
-
- Straßburg 20/21. XII. 15.
-
-L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als
-Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster
-wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist
-recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von
-Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in
-Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und
-träumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist
-etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine
-Großstadt versetzt zu werden; (-- München wirkt nicht so unmittelbar auf
-mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein
-bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit
-spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft
-auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen
-Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz
-infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch,
-unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da.
-All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich
-ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre
-dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten
-Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut!
-Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders
-melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber
-in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich
-gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich
-hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden;
-aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf
-dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur
-kleinsten Kleinigkeit entschließen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes
-schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken
-und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die
-Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Tröste wir uns beide!
-Es wird schon wieder alles gut für uns!
-
-Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich
-wieder ein Wägelchen erwartet!
-
- In Liebe
- Dein
- Fz.
-
-
- 29. XII. 15.
-
-Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, -- ich war
-Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein
-Weihnachten am 24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein
-ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet,
-das ein paar Opernsänger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und
-Andante von Händel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und
-voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter
-Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat
-mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, -- vermutlich
-Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Laß Dich _nie_ von der Traurigkeit überwältigen, -- traurig sein und
-sehnsüchtig wie ein Adagio ja, -- aber Form muß man im Inneren behalten.
-
-Der Brief muß weg, darum schnell Schluß!
-
- -- -- -- --
- Fz. M.
-
-
- Neujahr 16!
-
- Liebste, gutes liebes neues Jahr!
-
-Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist
-um das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es
-ist fürchterlich dran zu denken; und das alles um _nichts_, um eines
-Mißverständnisses willen, aus Mangel, sich dem Nächsten menschlich
-_verständlich_ machen zu können! Und das in Europa!! Man muß wirklich
-alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen _Psychologie
-der That_ fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen
-und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen und
--- _Gegengedanken_ zu bilden.
-
-Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der
-die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht
-ungern in dieses Jahr, -- mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an
-Optimismus ist Mangel an _Wunschkraft_ und Mangel an _Wille_.
-
-Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, -- und
-eins besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde!
-(Zither, Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein
-großes Fest geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer
-tanzen. Du kannst es Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich
-bestimmt darauf rechne.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- --
-
-
- 10. I. 16.
-
- L.,
-
-gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner
-Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war
-das gleiche öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man
-gar nicht existieren.
-
-Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen
-heute. Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und
-sorgfältig gelesen habe, schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt
-sich ja vieles, was er sagt, fast wörtlich mit meinen Aussagen, die ich
-schon früher August gegenüber gemacht habe: daß die technischen
-Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die
-Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im
-Gegenteil stets auf _Kosten_ einer intuitiven, primären Fähigkeit sich
-entwickeln. Früher _fühlte_ man, wie es einem Freund geht, -- heut
-telefoniert man ihn an; früher konnte man seine Dichterwerke auswendig,
--- heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bücherschrank. Die
-Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensität ab.
-Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit »abnehmen« sollen!!
-Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges:
-Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen
-Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben!
-
-Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur
-aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre
-chemischen Vorgänge nach, -- aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie
-böse Geister gegen uns selbst, -- wir fallen von unsern eigenen Waffen,
-wie ein böses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem
-Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine verbotene Geisterwelt (die es
-gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen inneren Halt
-verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß unser
-Kulturleben nicht mehr »_leibliche Funktion_« ist, sondern willkürliches
-Spiel mit organischen Kräften, die man in ihrem _Wesen_ nicht versteht,
-sondern nur experimentell benützt. Insofern wollte ich auch _nie_ den
-_Leib_ und das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum
-Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst
-Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und _wie_ er alles meint,
--- dann schreib ich Dir mehr. --
-
-Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, -- sie kommen schon
-noch; ich freue mich _sehr_ auf dies Büchlein, -- dank voraus Liebe; ich
-hatte gar nicht mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht
-hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich
-sehr darauf. Dank für die Blümchen, -- jetzt schon Leberblümchen!! --
-Ich glaube doch, daß Hanni's Geschwulst mit Wiederkäuen zusammenhängt --
-ich bin mir _fast sicher_; -- -- --
-
- -- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 12. I. 16.
-
- L.,
-
-ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich
-kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man
-kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er
-begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen
-Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage
-ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie
-abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies
-alles so klar, -- _der Krieg hat alles so klar gemacht_. (Es ist
-wirklich traurig, -- man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!)
-Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das
-schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem
-erkannten Mangel (wie z. B. Strauß'sche Musik und auch ***'s Arbeiten.
-Bei *** denk ich oft: ja, ganz schön, -- wohin gehören wohl die Sachen?
-Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie
-denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, -- Lebensausstrahlung.)
-
-Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir
-nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte
-überraschend weit ausstrahlen (Eigenart _slavischer_ Genies), ohne darum
-ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; --
-er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine
-_Toleranz_ nicht mißverstehen; -- ich habe aus den angestrichenen
-Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und
-Wichtignahme nicht _wesentlicher_ Erscheinungen) das thust. Es kommt wie
-immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas
-geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von
-ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem _Reichtum_.
-Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen
-meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich
-achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen
-verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie
-speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein
-kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein
-ganzes Innere in Bewegung bringen, -- ich _beginne daran zu arbeiten_.
-Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky's »Verstehen«. Die Menschen,
-die nur am Besten, am »schlechthin Gültigen« sich entzünden können, sind
-unproduktive, nicht aus der »eigenen Mitte« lebende, sondern
-nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u.
-13) meint: »Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der
-zudringenden Materie.«
-
-Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert
-(Seite 32 u. f.), wo er über das _Volk_ schreibt. Ich wurde mir ja nie
-ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es
-gibt eben den Begriff _Volk_ in Europa nicht mehr; man muß sich nolens
-volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit
-natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal
-mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die
-wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und
-restlos in dieser Kriegszeit begriffen.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- --
-
-Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.
-
-Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen
-Peripheriemenschen treffen, -- hab nur keine Angst davor. -- -- -- -- --
-
-Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das
-Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt
-anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato.
-
-Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den _Sonetten_ von Shakespeare
-zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen,
--- es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine
-andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal
-zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich
-bin allerdings _sehr_ skeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch
-Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel
-für Shakespeare alles vorweggenommen, -- meinetwegen eigenmächtig
-vergewaltigt, -- aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später
-über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann
-einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit
-den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung
-war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt
-als die jetzige Purifizierung.
-
-Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs »Normal« (Seite 31).
-Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische,
-überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten
-»Normal und Volk«.
-
-Über den Kern des Artikels: »Leib« kann ich Dir heute noch nicht
-schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich
-einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht
-alles gesagt. Askese als »Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine
-Aufhebung«, -- das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig,
-drückt aber nicht den _geistigen Sinn_ der christlichen Entsagung aus;
-es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und _Rationalismus_
-in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als
-Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: »Das Schöne ist ein Urphänomen
-und besteht als Überfluß«. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß
-(und bis dato weiß noch _niemand_ etwas darüber zu sagen), -- wozu leere
-Worte gebrauchen?
-
-Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen,
--- also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht.
-Ich war _nie frühreif_, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren
-Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher,
-oft viele Stunden.
-
- Dein
- Frz.
-
-
- 14. I. 16.
-
-L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto
-zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach
-nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform
-vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber
-formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus
-meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich
-bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor
-allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen
-Wissenschaften, die sich zur »angewandten Wissenschaft« mißbrauchen
-ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der
-Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er
-zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung
-nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren,
-umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.
-
-Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des [Griechisch:
-agôn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und
-betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor
-ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese
-merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht »erklären«, aber
-auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an,
-seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren,
-_Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des
-Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der
-christlichen Religion machten, -- das war auch »angewandte Religion«!)
-Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der
-demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der
-Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr
-der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen
-Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen:
-wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die
-Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich
-hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein,
-»wo's fehlt«, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus,
-und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei.
-Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir
-»verstanden« werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht
-auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, -- nur so kann
-man seiner Zeit oder einigen Seelen »vorangehen«.
-
-Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser
-Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen,
-hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort
-gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst
-nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft
-machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren
-wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum
-Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, -- insofern behältst Du
-betreff *** wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu
-Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch
-verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in
-unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt
-wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr
-_loszulösen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg
-nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres
-wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten
-bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es
-anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen
-Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner
-Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies
-Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.
-
-Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- köstlich!! Er ist das
-schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte
-des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte
-Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther
-berückend stark und klar.
-
- * * * * *
-
-Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich
-wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab
-Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so
-dringend bald wieder haben wolltest.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- --
-
-
- 24. I. 16.
-
-L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die
-erwachende Lebensfroheit wieder etwas heraus.
-
--- -- -- -- -- --
-
-Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, -- ein strahlender
-Tag. Ich sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, --
-Lothringen ist ja reich an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich
-hab das Gefühl, daß alles Land, Wege, Häuser, Wälder so ganz
-vorübergehender Besitz sind, -- ich verstehe die Wanderer, die
-»Habenichtse aus Überzeugung«.
-
-Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt,
-daß die alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als
-einwandfrei gegoltene Bestimmung einer Sache nach seiner kubischen
-Dimension als wissenschaftlich unhaltbar anzusehen sei, solange die
-vierte Dimension der _Zeit_, des _Zeitpunktes_, nicht noch hinzugenommen
-wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz mit
-einzustellen, -- _wie_ ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte
-Mathematik über den Haufen. Man steht vor einem _novum_. Ich weiß nicht,
-ob Du da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge
-sehr. Ich habe in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast
-Algebraunterricht gegeben, bei dem ich mir lauter solche Sachen allein
-ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau so wenig _praktisches_
-Talent wie zur Musik. -- -- -- -- -- -- Über Deine Stickerei hab ich
-immer noch nichts gehört.
-
- -- -- -- -- -- --
- Dein
- Frz.
-
-
- 2. II. 16.
-
-L., recht gefreut hab ich mich über ***'s Meldung, daß wieder was
-verkauft ist, das neue Schafbild -- -- -- -- und 2 Holzschnitte, also --
--- -- -- -- Du hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, -- von
-mir kommen auch wieder -- -- -- in den nächsten Tagen; ich sende sie der
-Einfachheit halber _direkt an Muttchen_, damit ja keine Schwierigkeiten
-mit dem Geldempfang entstehen.
-
-Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm's nicht zu tragisch, wenn
-ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja
-klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch
-zu sehen. Ich dränge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer
-tapferen Fröhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem
-pocht, muß man an's Leben glauben und sich nicht mißtrauisch separieren;
-und Dein Wort: »ich kann nicht« ist schließlich graduell wie alles im
-Leben; etwas weniger -- etwas mehr, -- das ist das Geheimnis des
-Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der _Stolz_ muß im Menschen
-siegen über alle Dinge, nicht die indische _Trauer_.
-
-Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste)
-Krankheit ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg
-nicht als solchen angreifen und vertilgen möchte, sondern seine
-_Ursachen_. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an
-dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht zu überwinden vermag. Auch
-darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben.
-Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit,
-den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer
-Seele. -- Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten,
-sondern gegen sich, und _sofort_ damit anfangen. Nichts ist
-selbstverständlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht
-das, -- wenigstens keiner will's _an sich_ selbst sehen.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- --
-
-
- 3. II. 16.
-
-L., was magst Du bei ***'s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß
-natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem
-gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und
-seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu
-büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg
-das _erstere_ gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn
-und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand
-in's Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie *** nach dem
-Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen
-wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil,
-wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf
-den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, _auf
-sich selbst_ zurückzugreifen, -- mit denen paktiere ich nicht. Du sagst
-ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, die _Konsequenzen_ zu
-ziehen imstande sind, -- darin liegt's. --
-
--- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw.
--- ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer
-nicht am _gegenwärtigen_ Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr
-gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir
-nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden.
-
-
- 4. II. 16.
-
-L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über
-den Krieg gesagt habe, (Krieg als natürliche _Folge_ und insofern als
-gerechte, unausbleibliche Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge
-im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin
-sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide
-identisch sind oder zum mindesten gleich, sodaß man sie auch vertauschen
-kann. Was sie voneinander _scheidet_, ist vielleicht nur der Begriff der
-Zeit, die zwischen ihnen liegt, -- und das nennt man fälschlich
-»Unterschied« und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr
-im Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu
-»leiden« als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das
-Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß
-der Krieg für mich, für mein Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit
-pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe,
-mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedanken _kann_ man warten
-ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu werden an der
-Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine Freunde wissen.
-»Meine Freunde«, -- auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich
-unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der
-Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu
-erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir
-den Verlag der Jahrbücher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder
-heimgeschickt und will nun *** auf sie aufmerksam machen, kann mich aber
-des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name.
-
-Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen
-Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen
-Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da -- d.
-h. ich darf ordnungshalber nichts darüber schreiben und will diese
-Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen.
-
--- -- -- -- -- --
-
-
- 5. Februar 16.
-
-L., ich las nochmals Deinen Bericht über -- -- -- -- -- ich kann ihn mir
-einfach nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so
-aufrichtig, wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung
-wurde, das der Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der
-Krieg ist einer Ernüchterung durch -- -- -- -- -- zuvorgekommen. Daß Du
-Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch
-ich wäre nicht in der Stimmung, die Gesellschaft _komisch_ zu nehmen;
-man kann sich nur _fern_halten und _ohne Ärger_ schweigen; denn es geht
-mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im großen: man soll nicht
-über einen Zustand, über das »Zustandekommen« eines Blödsinns schmähen
-oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis blicken, auf
-eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn
-stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch
-Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor
-sich, und was fröhlich bewußt vor sich sieht, nicht trauernd nach allen
-Seiten oder wehklagend rückwärts.
-
-Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief,
-den Du, weil er »zu« traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du
-keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreißen, -- Du kannst an ihnen
-doch nur das Papier zerreißen, nicht die »einmal gewesene und in alle
-Ewigkeit seiende Thatsache« dieses Briefes, und zweitens soll ein
-solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm einen
-freudigeren Gegenbrief nachzujagen, -- statt beides bleiben zu lassen.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
---
-
-
- 6. II. 16.
-
-L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der
-»Wirklichkeit« verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem
-riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf
-Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die
-Sache ist allerdings harmloser, -- die »_Kunst_« war bei dieser
-Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die
-Überzeugung der anderen, -- ich selbst hatte sonderbare
-Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck:
-Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie
-unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die
-nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten
-Naturschutzfarbe (_mimicry_) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen
-man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, --
-_sehr_ viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die
-photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu
-Hause stark vergrößert, -- dabei entdeckt man meistens die eckigen
-Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen
-zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild
-so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die
-Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch
-photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die
-Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung
-»von Monet bis Kandinsky«!
-
-Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja
-nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine
-solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts
-eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch
-zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.
-
-Jetzt ist schon der 6. Februar, -- ein alter Kirchweihjahrestag! Ich
-erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock
-und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, -- ich
-»rieche« noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und
-Kaulbachstraße!
-
-Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz
-unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben
-wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
---
-
-
- 7. II. 16.
-
-L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie
-Russl _weg_gibt, an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie
-soll ihm dann ab und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den
-guten alten Kerl eine kleine Pension. Behalten soll sie ihn auf _keinen_
-Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit, ihn in Pension zu geben, dann
-soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, -- besser, es geschieht,
-wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn das letztemal
-so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit
-ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd
-schlechter Vaterlandsbazillen. Ein dritter Winterfeldzug? _Glaub ich
-nie!_
-
-Das zu denken ist einfach _unorganisch_. Dieser Sommer entscheidet. Daß
-ich je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich
-unwahrscheinlich. Der General wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel
-Jüngere da.
-
-
- 7. II. 16.
-
- Liebe Lina,
-
-meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht über den Russl und seine ewige
-Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und über die gute Hanni. Zunächst
-lassen Sie sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen für die
-Treue, mit der Sie die Tiere und mein Haus versorgen. Ich weiß sehr gut,
-daß das gar nicht so leicht ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehört.
-Aber die Hauptsache ist natürlich, daß man dabei gesund bleibt und wird.
-So gern ich meinen alten weißen Russl habe, so bin ich doch dafür, daß
-Sie ihn unter _allen Umständen_ fortgeben, und zwar wenn sich eine
-Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. Ich
-will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern
-Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann
-berechnen, was er ihnen kostet. Sie können ihm ja ab und zu einen
-Leckerbissen bringen, daß er Sie nicht ganz vergißt; findet sich aber
-niemand, der ihn in Kost nehmen kann, bitten Sie Herrn Bauer in meinem
-Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel den Schritt ins Jenseits zu
-erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwar _sogleich_ auf die
-eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einen _guten_
-Platz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschießen. Aber _fortgeben_
-müssen Sie ihn auf alle Fälle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal
-ordentlich aus. Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn
-der Russl nicht mehr im Garten ist. -- Daß jetzt genug Futter für Hanni
-da ist, freut mich. Sorgen Sie nur immer hübsch im _voraus_ dafür, damit
-es nie ausgeht; und bringen Sie ihr recht oft Haselnuß- und
-Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten Gerbsäure, die für
-die Tiere sehr notwendig ist.
-
-Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe,
--- ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich
-auch nicht. Ich bin fest überzeugt, daß er in diesem Sommer zu Ende
-geht. Dann gibt's auch wieder vergnügtere Zeiten in Ried.
-
-Gute Besserung und herzlichen Gruß
-
- Frz. Marc
-
- _p. s._
-
-Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Büchsen
-zurück.
-
-
- Nachschrift vom 8. II.
-
-Mir geht immer noch mein Entschluß mit Russi im Kopf herum, -- ich kann
-aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl kränkelnd in der fernen
-Rehhütte, während der Welf scharwenzelnd ums Haus läuft; früher hat
-Russl doch wenigstens mit seinen Blicken das Küchenfenster beherrscht.
-Und andrerseits der schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen
-kaputten Magen etc. hin. Glaub mir: es ist das Beste für ihn, wenn er
-von einem zu traurigen Alter erlöst wird. Ich schrieb es auch Maman. --
-Wenn Du wieder daheim bist und mußt es dann schließlich doch selber
-anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir auch. Ich
-werde ihn auf unsrer Hausthüre, _ihm_ und _Hanni_ ein Gedenkschild aus
-Messing treiben. Ich weiß jetzt ganz genau, wie unsere Hausthüre einmal
-später aussehen wird. Die alte muß weg.
-
-
- 19. II. 16.
-
- Liebe Maman,
-
-ich weiß nicht, ob Du von meinen kleinen häuslichen Traurigkeiten gehört
-hast; die gute kleine Hanni ist plötzlich eingegangen. Sie litt ja schon
-seit November an einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere
-Beschwerden davon zu haben, -- nun ist sie ziemlich plötzlich, während
-Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben.
-
-Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persönlich viel tiefer berühren
-wird. Dein guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem
-Bedenken mich doch entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem
-kleinen Trimm) zu verkürzen. Im November erschrak ich ja schon über sein
-Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen Nahrung zum Skelett
-abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trübe Augen. Lina hat ihn
-gewiß ordentlich gepflegt, auch während Marias Abwesenheit; sie schrieb
-mir sehr nette ausführliche Berichte über ihn und Hanni; sie hat ihn
-auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn für sehr alt und schwer
-nierenleidend erklärte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die
-Hütte und der Platz wo er war, floß immer in seinem Wasser; er hatte
-natürlich auch Würmer wie alle kranken Tiere; nach dem allen fand ich es
-würdiger und mitleidiger, ihm seinen Eingang in den Hundehimmel zu
-erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten Tier, sind qualvoll und
-nicht zu heilen. Höchstens haben die Herrn Veterinäre noch einen Gewinn
-davon, -- der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme, werd ich
-ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen, -- vergessen wird der
-eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie
-es scheint und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als
-sehr ordentliches Mädchen bewährt, hat sich alle erdenkliche Mühe
-gegeben, den Russl zu pflegen, aber schließlich doch ohne Erfolg; er
-wurde immer hinfälliger und elender und der Geruch immer schlimmer.
-
-Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer
-Stimmung. Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so
-grundverschieden sie auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen.
-Das kleine Waltherchen ist jetzt schon 5 Jahre! Er soll _genau_ wie sein
-Vater sein, fast unheimlich. An ihm und an dem kleinen Wolfgang (3
-Jahre) hat Lisbeth natürlich ihren größten Trost.
-
-Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und
-natürlich ziemlich viel zu thun.
-
- -- -- -- -- --
- -- -- -- --
-
-
- 13. II. 16.
-
-L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir
-sitzen und manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung
-auf dem Couvert:
-
- An Frl. Zenzi Duffner
- zum Köpferl in der Wis
- Post Miesbach
-
-und dergleichen. Und manches ist so reizend und rührend ausgedrückt;
-oder so lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i
-ungemütlich. Daß Niestlé diese Briefe nicht lesen kann!
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Heute erzählte jemand, daß wenn der deutsche Tagesbericht
-funkentelegraphisch über ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft
-grob dazwischen diktiert: »ist gelogen«, »Prahlerei« usw. Ist das
-nicht unglaublich? Diese Vorstellung, daß der Eiffelturm so
-dazwischenschimpft!
-
- * * * * *
-
-Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen
-Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir
-gleichzeitig. Zu helfen war da natürlich nicht mehr. Sie ist wenigstens
-nicht allein gestorben und hat die pflegenden Hände sicher wohltätig
-gespürt. Ich leg Dir Linas Brief bei. Ob nur die Schwächung durch die
-Geburt und schwache Ernährung schuld ist, möchte ich sehr bezweifeln.
-Wild _darf nicht_ stark gefüttert werden; Heu bekam es ja wohl, soviel
-es wollte. Schon die Drüsenanschwellung ist das Symptom irgendeiner
-inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik endete. Ich
-kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches,
-liebes Leben bei uns gehabt, -- so denke ich auch nicht weh an Hanni
-zurück, -- und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, daß ihn Bauer
-unbedingt schmerzlos in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im
-November war mir klar, daß er an einer schweren Alterskrankheit leidet;
-Linas Brief schildert sie ja so gut, daß ich mich sofort entschieden
-habe. Es wäre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen Rehhüttchen
-und überhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn. Halte Dir, wenn
-Du heimkommst und kein Lämmchen halten willst, ein Vögelchen.
-
-Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern
-das Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern
-auszubeuten, ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu
-geben, daß es zu einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im
-Großen, der Bazillus und die Krankheit sind für mich dasselbe. --
-Februar-Urlaub ist unmöglich; ich führe ja noch immer die Kolonne ganz
-allein und kann nicht weg.
-
-Aber es geht mir famos.
-
-
- 22. II. 16.
-
-L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank für die köstliche Tunisaufnahme
-von August, -- wie besonnt und harmlos glücklich reitet da der gute
-schwere August auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch
-der Jünger Moilliet; im Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner
-Malapparate in der Hand? ich freu mich recht über diese kleine Aufnahme;
-sie zeigt denselben vergnügten August wie wir ihn in Paris um uns
-hatten.
-
-Was Du von August's hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich
-riesig. Freilich erfüllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh
-über den Weggang dieses Menschen; aber der jähe Weggang durch eine
-feindliche, fast möchte man sagen: befreundete Kugel, -- denn es war
-eine französische -- scheint mir doch nicht ungereimter als der Tod von
-M.'s Frau oder irgendein anderes, »natürliches« Unglück. Auch der Krieg
-ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer thust, den Krieg
-gänzlich außerhalb des natürlichen Geschehens zu stellen. Die
-Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so
-gut wie die Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich
-_längst ganz vom Krieg abgewendet_. Mein Wesen sucht allerdings nicht
-die Indifferenz von *** und *** zu gewinnen, sondern ist nur ein für
-allemal _belehrt_, geheilt und zurückgeschleudert von den Peripherien
-früherer Interessiertheit in's alte verlassene Zentrum der reinen
-_Funktion_. August ist diesem Zentrum von jeher näher gestanden; er war
-keine ausgreifende, immer fragende, unerlöste Natur wie ich.
-
-Wie freut es mich, daß Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in
-Ried vornimmst, -- führ es wirklich durch und führ Dein Wesen ins
-Fruchtbare statt in die Wüste des ewigen Jammerns und womöglich Hasses,
-_der nie was gutes erzeugen kann_.
-
-Du willst später mehr Sachen von mir aufhängen? Meinethalben, -- wenn
-Dir dann nicht mein lebendiger Leib genügt! Was mich früher immer
-abgehalten hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist
-eine scharf gefühlte -- Scham vor der eignen Produktion; dies Gefühl ist
-schwer erklärbar, -- es geht auf den Moment der Schöpfung zurück, in dem
-an Stelle des persönlichen Willens der rätselhafte Zwang einer Eingebung
-trat. Ich weiß von so vielen und gerade meinen stärkeren Sachen absolut
-nicht mehr _wie_ sie entstanden sind; ich wundre mich, daß ich sie
-gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblättern meiner
-Skizzenbücher erschrecke ich zuweilen förmlich.
-
-Heut war ein strahlend schöner Tag, voll Anmut und Farbe und voll
-Heimweh! Seid beide umarmt und lieb gegrüßt und geküßt von Eurem Frz.
-
-Empfiehl mich bitte bei den schön stickenden Müttern, -- dies im Geiste
-August's Arbeiten ist rührend.
-
-
- 17. II. 1916.
-
- Liebe Maman.
-
-Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was
-Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man's ja
-an sich erproben können, -- eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst
-selten bietet, da man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht
-sieht und zum mindesten an sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege
-nie eingefallen, die Gefahr und den Tod zu suchen wie ich es in früheren
-Jahren des öfteren gethan habe, -- damals ist der Tod mir ausgewichen,
-nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute würde ich ihn sehr
-wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe vor ihm, --
-nichts ist beruhigender als die Aussicht auf _Todesruhe_ -- sondern weil
-ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes
-Sinnen ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille.
-Sonst aber hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das _allen_
-Gemeinsame und führt uns zurück in das normale »Sein«. Die Strecke
-zwischen Geburt und Tod ist der Ausnahmezustand, in dem es viel zu
-fürchten und zu leiden gibt, -- der einzige wirkliche, konstante,
-philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand
-vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz
-unzulängliche »Ich-Bewußtsein« wieder in seine wundervolle Ruhe vor der
-Geburt zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun
-pantheistisch wie Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im
-alten geistvollen Japan) oder christlich wie Pascal ausdrückt, -- das
-_Wesentliche_ des Gedankens über Leben und Tod ist immer dasselbe
-geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte Verwaltung seines
-biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens stören
-könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer
-schlecht thut und wer nichts thut -- der hat die Strafe schon im Leben
-davon, in seinem Gewissen und in seiner -- Todesfurcht. Diese Leute
-können das Leben nicht rein genießen (so sehr sie sich auch den Anschein
-geben), weil sie viel zu viel Angst vor dem Tode haben, der ihnen
-»alles« nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis strebt, dem kommt
-der Tod immer als Erlöser.
-
-Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war's eigentlich nicht
-gemeint. Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker
-nicht verdenken. Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund
-wiedersehen!
-
-
- 25. II. 16.
-
- L.,
-
-großer Reise- und Truppenbetrieb, aber bis jetzt ziemlich harmlos. Immer
-noch im alten gleichen Zirkel; wir kleben an den alten Plätzen, als ob's
-gar keinen andern Kriegsschauplatz gäbe. Mir ist's ja gleich, wo ich
-bin. Das Wetter ist auch schon wieder mild. -- Ich bin aber von unserm
-zehnstündigen Ritt so hundsmüde, daß ich zu nichts anderem fähig bin als
-zum Schlafen. Hab auch gutes Zimmer und Bett. Schlaf süß, mein liebes
-Lieb, mit Küssen und sehnsüchtigen Gedanken
-
- Dein
- Fz.
-
-Gruß an Lisbeth und Walter.
-
-
- 27. II. 16.
-
- L.,
-
-nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage.
-Die ganzen französischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen
-Wut und Gewalt des deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen
-Begriff machen, der das nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen
-Verfolgungstruppen. Die armen Pferde! Aber einmal mußte dieser Moment ja
-kommen, in dem alles eingesetzt wird; aber daß es gelang (und es wird
-sicher noch weiter gelingen) und zwar gerade am _stärksten_ Punkt der
-franz. Front: Verdun, -- das hätte niemand geahnt, das ist das
-_Unglaubliche_. Einliegendes Bild ist noch in Leiningen gemacht St. und
-ich.
-
- Mit Küssen
- Dein
- Fz.
-
-Ich bin sehr frisch und guter Dinge voll, Gruß an Lisbeth.
-
-
- 28. II. 16.
-
- L.,
-
-es geht mir gut. Wetter leidlich. Wir sind freilich wieder zur
-Primitivität der ersten Kriegswochen zurückgekehrt. Aber ich fühl mich
-ganz frisch und bin guter Stimmung. Bleib's Du auch.
-
-Grüße. In Liebe
-
-
- 29. II. 16.
-
-L., eben habe ich eine ruhige Minute in einem französischen Unterstand
-um Dich zu grüßen, was ich so hundertmal im Tage thue. Sei versichert,
-es geht mir nicht schlecht. Es ist halt doch was anderes, als Offizier
-einen Bewegungsfeldzug mitmachen wie ehemals als U.-Off.! Aber die
-Arbeit und Verantwortung ist natürlich oft riesig. Wir sind jetzt zu
-zweit, Lt. M. und ich und haben doch zuweilen kaum die Kraft, unsrer
-Riesenkolonne die innere Organisation zu erhalten. Ich kann allerdings
-nicht leugnen, daß diese Arbeit, die viel moralische Kraft erfordert,
-für mich nicht ohne Reiz ist. Solange der Manöverbetrieb in L. war, war
-es mir oft innerlich sehr peinlich. Jetzt aber weiß man, wozu man
-Offizier ist und auf seinem Posten steht. Über das Eine freu ich mich:
-daß meine Nerven von einer wirklich erstaunlichen Unberührtheit sind.
-Von meiner Verwendung als Artilleriebeobachter kann jetzt natürlich gar
-keine Rede sein, -- Du brauchst Dich in keiner Weise zu ängstigen. Ich
-bin neugierig wie diese ganze Operation noch hinausgeht, -- wir sind
-gänzlich ohne Nachrichten. Von München kam etwas Post, von Dir leider
-nichts. Man muß sich gedulden. Ob Du wohl noch in Bonn bist? Ich
-schreibe Dir gleichzeitig ein Kärtchen nach Ried für alle Fälle. Dieser
-tiefbeschämende schmachvolle Krieg muß ja jetzt bald ein Ende nehmen.
-Ich bin ganz vertrauensvoll. Mit Küssen und Streicheln
-
- Dein guter alter
- Franz.
-
-
- 29. II. 16.
-
-L., ich schrieb Dir gleichzeitig nach Bonn, -- ich hab von Dir lang
-keine Post mehr bekommen. Ich kann Dir nur beruhigendes von mir
-berichten; ich fühl mich körperlich sehr frisch und erhalte mir auch
-mitten in diesem Kriegsgetümmel mein inneres Gleichgewicht. Immer kaut
-man an dem immer rätselvolleren Rätsel herum, wie dieser Krieg nur
-möglich ist! Europäer! Es ist schrecklich. -- Aber alle Dinge haben ihr
-Ende, auch die schlechtesten und furchtbarsten. Man hat natürlich so
-viel zu thun, daß an ein wirkliches Schreiben nicht zu denken ist. Nun
-kommt schon bald richtiges Frühjahr nach Ried! Ich denke immer daran!
-
-
- 2. III. 16.
-
-L., gestern Abend kam Dein Kärtchen vom Rautenstrauchmuseum und
-Lisbeth's lieber Brief mit Deinem Zusatz. Es freut mich so, daß Ihr
-beide Euch zusammen wohl fühlt und Anregungen austauscht. Laß mich nur
-wieder da sein, dann soll das Leben schon wieder seinen alten Schimmer
-bekommen. Wir sind heraußen wohl genau wie Ihr fiebrig gespannt auf den
-Ausgang dieses riesigen Kampfes, den Worte nie werden schildern können.
-Ich zweifle keine Minute an dem Fall von Verdun und dem darauffolgenden
-Einbruch in das Herz des Landes, wohl von einem andern Platze. Aber wie
-furchtbar ist das! Ich bin wohlauf und verliere meine gepanzerte Ruhe
-nicht. Seid beide und die Kinder vielmals herzlich gegrüßt und Du tief
-geküßt von Deinem
-
- tr.
- Fr.
-
-_p. S._ Wir sind heut Nacht wieder in festes Quartier gekommen,
-natürlich Ruinen aber _völlig_ außer Schießentfernung; Pferde zum
-erstenmal im Stall! Dein Geburtstagsbrief ist gefunden! Denk Dir!! Auf
-welche Weise, schreibe ich Dir noch!
-
-
- 2. III. 16.
-
- L.,
-
-ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem
-Wege sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natürlich
-Postsperre. Wir stehen natürlich mit in der Riesengeschichte im Westen,
-schauerlich und ungeheuerlich wie es Worte nie werden schildern können.
-Ich führe mit Lt. M. zusammen unsre Kolonne unter schwierigsten
-Umständen; aber es geht alles. Und gottlob geht es bis jetzt auch gut.
-Wir sind 10 Kilom. durch die französische Front durch. Wir hausen nachts
-in den französischen Unterständen. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch
-(25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen.
-
-Ich selbst fühle mich wohl und frisch, -- meine Nerven sind unberührt,
-daß ich oft selbst staunen muß; Dinge, die mein eigentliches wahres
-Wesen nichts angehen, berühren mich überhaupt nicht mehr. Jetzt ist
-übrigens der Moment gekommen, in dem ab und zu ein gutes Päckchen
-(Schokol. Gilka, Stück Hartwurst u. dergl.) hochwillkommen sein wird.
-Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich zweifle nicht, daß
-Verdun fallen wird, -- aber ob es dann gelingt, den grausamen Stoß in's
-Herz des armen Frankreich zu führen! Seit Tagen sehe ich nichts als das
-Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können.
-
-Ich freute mich gestern über eine Karte von Dir und Lisbeth's Brief, in
-dem Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend für mich, Euch jetzt
-beisammen zu wissen und zu hören, daß Ihr Beide Euch Menschliches und
-Künstlerisches zu sagen habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich
-komme Dir wieder. -- Der Krieg geht in diesem Jahr zu Ende.
-
-Ich muß schließen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht
-fort. Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und laß Dich küssen und laß
-uns in Gedanken immer beisammen sein. Grüß Lisbeth und die Kinder.
-
-
- 4. III. 16.
-
-L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in
-Maxstadt (Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte
-ihn doch, trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden!
-Ich hab mich schon ein bißchen geschämt aber auch doppelt gefreut, daß
-ich ihn nun doch habe: Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde
-ich auch zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu
-meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der
-Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke
-einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist.
-Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib
-und alles was mir gehört, zu mir gehört!
-
-Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten
-Schloßbesitz, über den die ehemalige französische Frontlinie ging. Als
-Bett hab ich einen Hasenstall auf den Rücken gelegt, das Gitter weg und
-mit Heu ausgefüllt und so in ein noch regensicheres Zimmer gestellt!
-Natürlich hab ich genug Decken und Kissen dabei, so daß sich ganz gut
-drin schläft. Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch
-gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank
-viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief!
-
- -- -- --
- --
-
- Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen!
-
-
-
-
- Aufzeichnungen
-
-
- Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich
- 1911-12.
-
-Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie
-sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein
-Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig,
-seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die
-unsern Augen zugehört statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um
-dessen Bildkreis zu erraten.
-
- * * * * *
-
-In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine
-Kristallisationskraft zu prüfen.
-
-Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein,
-in dem wir Maler uns bewegen.
-
- * * * * *
-
-Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf
-er liegt?
-
-Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das
-Problem auf »Kugel und Fläche« stellt, so fällt der Begriff Apfel im
-Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns
-wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den
-schönen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche?
-
- * * * * *
-
-Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es
-irgendwelchen vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu
-malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil
-wir die Welt kubistisch fühlen?
-
-Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als
-»Reh«, die Landschaft muß also »Reh« sein. Das ist ihr Prädikat. Die
-künstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist
-vollkommen und einwandfrei; sie »sehen« das Reh gar nicht und kümmern
-sich nicht darum; sie gaben »ihre« innerliche Welt, -- das Subjekt im
-Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das
-Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem
-Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. Das Objekt
-ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert.
-Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann
-aber auch ein Bild malen wollen: »Das Reh fühlt«.
-
-Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die
-Ägypter haben es gemacht. Die »Rose«. Manet hat sie gemalt. Die Rose
-»blüht«, wer hat das »Blühen« der Rose gemalt? Die Inder. Das
-_Prädikat_.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man
-gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit
-gebe ich seine äußere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt,
-nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch
-den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist,
-sein Prädikat.
-
-Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das
-Subjekt, sondern von dem Raum etwas »ausgesagt haben«, das Prädikat des
-Subjekts gegeben haben.
-
-Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die
-sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen.
-
- * * * * *
-
-Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu
-geben, bleibt ungelöstes Problem.
-
- * * * * *
-
-Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum
-Schemen, um zur großen künstlerischen Form zu kommen.
-
- * * * * *
-
-Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer
-kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker).
-
- * * * * *
-
-Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende
-Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten
-Schluß ziehen, ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen
-Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein
-eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft.
-
- * * * * *
-
-Das Groteske:
-
-aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat
-das Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt,
-wie Märchen.
-
-Größer ist die _naive Darstellung_, die die Wirkung des Grotesken (das
-oft ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht.
-
-
- 1912?
- Einzelne Blätter.
-
-
- 3.
-
-Was wir unter »abstrakter Kunst« verstehen.
-
-Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das
-Existierende ist Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt
-unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen.
-Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler stellte die Welt
-künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte;
-der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich
-befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, -- er hat aber auch
-alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den
-Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Präparat zu ersetzen,
-Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer nach. Selbst die
-Kunst zwang er zu Handlangerdiensten.
-
-Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch
-nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der »anderen Seite«, auf
-der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können
-und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins
-redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: die Befreiung der
-Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den
-Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen.
-
-Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein.
-Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir
-werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen
-oder scheinen, sondern _wie sie wirklich sind_, wie sich der Wald oder
-das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein
-lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns
-gelingt, die traditionelle »Logik« von Jahrtausenden beim künstlerischen
-Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist alogisch. Es
-gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen
-unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie
-getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an
-sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der »anderen Seite«.
-
-
- 4.
-
-Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu
-beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das
-ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, -- oh des
-glücklichen Tages! -- vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat _seine_
-Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern
-plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade
-fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk
-bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, -- aber
-glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb
-suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind
-hinter dem Schein?
-
-
- 5.
- Die absolute Malerei.
-
-Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir
-dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir
-nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden,
-je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung
-vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort,
-ganz aus eurem Geiste weg, -- denkt euch fort samt eurem Weltbild, --
-die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese
-Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in
-Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt.
-
-
- Grenzen der Kunst.
-
--- -- -- Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen
-Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum
-durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man
-darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber
-lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf
-den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z.
-B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent »Pegasus«
-darunter schreiben.
-
-
- Religiöses.
-
-Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen.
-Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie
-könnten _alles_ daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine
-große und reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto
-künstlerischer war, je religiöser sie gewesen (und umso künstlicher, je
-unreligiöser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen,
-daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit
-unvereinbar ist, -- nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß die
-Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik
-zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der
-Taumel über unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird
-wieder zum großen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden
-wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschütterten
-Herzen einziehen.
-
-Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über
-den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas
-Beschränkteres und Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle
-Religionen überwunden zu haben? Das glauben sie nämlich, die »guten
-Mitteleuropäer«. Auf was stützen sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen.
-Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die nicht schlechteste Imitation
-vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist
-verhungert. Eisenbahn -- die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine,
--- kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A nach
-B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil
-höchst plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer
-gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten,
-_Geist zu sparen_. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen
-Verkehrsstörung in Haft genommen oder überfahren. Es wird aber eine Zeit
-kommen, in Bälde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft
-grenzenlos langweilig finden; man wird sie _vollkommen liegen_ lassen,
-ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen
-Gütern handeln wird.
-
-
- Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.
- Geschrieben Anfang 1915 im Felde.
-
-
- 1.
-
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---
-
-Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und
-Wahrheit. Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß
-wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die
-Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, --
-was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?
-
-
- 9.
-
-Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf
-gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich
-verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu
-sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht
-blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der
-Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen.
-
-Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das
-erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal,
-wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen
-fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus »wider Willen«.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
- 15.
-
-Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich
-verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und
-20. Jahrhunderts zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen
-Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte.
-
-Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer
-Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen,
-um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren.
-
-Alles, das Größte ist heute in den Anfängen.
-
--- -- -- -- --
-
-
- 23.
-
-Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung
-des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen
-und Müden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille
-bestimmt das weiße Schicksal.
-
-
- 25.
-
-Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern
-und unerhörten Klängen leben.
-
-Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen
-als eine Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den
-Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und
-die Welt hat Zeit.
-
-
- 30.
-
-Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen
-die Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches,
-Unmögliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo
-ein Bedürfnis, eine Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon
-keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr.
-
-
- 31.
-
--- -- -- -- --
-
-Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen,
-nicht von Traditionen leben.
-
-
- 32.
-
-Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den
-Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten
-in der Tradition; sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr
-dauerhaft erwiesen. Die großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im
-Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten
-Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können sie ihre Formen aufrichten.
-
-Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische
-Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar
-wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der
-Oberfläche, niemals im Vordergrund.
-
-Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt,
-sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt:
-das »Wissen um das Heil«, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der
-»Kultur« vorausgeht.
-
-
- 35.
-
-Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, -- die wenigen
-Europäer, die es erst geben wird, -- der große Schmerz seiner
-Gestaltlosigkeit überfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre
-Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der
-Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, in der stilisierten Fassade
-der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen
-Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in
-Weltdurchschauung verwandelt hat.
-
-Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen
-Überzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere
-Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung,
-Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat.
-
-
- 38.
-
-Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um
-die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen
-Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen
-dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die
-Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre
-Jenseitigkeit zu zeigen, -- wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen,
-da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet.
-
-Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen
-Kurven vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch
-weiter vor in Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind.
-
-Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein
-Ärgernis zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben
-und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und
-an seiner Würde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir
-seine Zukunftsart.
-
-
- 39.
-
-Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen
-läßt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie
-wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren
-ihr »Vermögen« dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das
-naive Vermögen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging.
-
-
- 45.
-
-Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch
-ein Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen
-Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute für unser Auge die
-»neue Buntheit der Welt« ausmachen.
-
-Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz,
-eine Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und
-Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und
-Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze.
-
-Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, --
-wir werden sie mit voller Sicherheit finden -- werden wir vielleicht das
-dritte Gesicht haben.
-
-
- 55.
-
-Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem
-»Jenseits« zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch
-in die Formen der sichtbaren Welt. Heute träumen wir nicht mehr
-eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu
-jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen.
-
-Gott kam einst in einer Krippe »zur Welt«. Heute steht sie leer. Wir
-suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären,
-in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur.
-
-Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische
-Kraft wandeln.
-
-
- 70.
-
-Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres
-Geistes.
-
-
- 78.
-
-An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das
-religiöse Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird
-zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst längstvergangener,
-primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annäherung an
-diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos
-wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die ihrerseits
-wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im
-Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer
-Zeit.
-
-
- 79.
-
-Den Menschen graut vor Leichen und Moder, -- warum thut er so vertraut
-und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die
-einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung
-und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen
-Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur »ihre« Bazillen.
-
-
- 80.
-
-Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und
-Bazillenträger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das
-Paradigma des Geistes ist.
-
-Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der
-Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft
-anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurückstehenden, murmelnden
-Menge. Man frägt die Mediziner nicht einmal, wie unmöglich dieses sei
-und wie gewiß sein Gegenteil.
-
-Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist
-Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist
-verseucht und erkrankt.
-
-Wer lebt heute zwischen frischen Dingen?
-
-Was ist _Reinheit_?
-
-
- 82.
-
-Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es
-untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das
-Blau der flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte
-Auftauchen an einem andern Ort, -- erkennt, meine Freunde, was Bilder
-sind: das Auftauchen an einem andern Ort.
-
-
- 83.
-
-Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz.
-
-Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen.
-
-Das Aufblühen des Unbekannten.
-
-
- 85.
-
-Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz
-einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen
-Pochen wieder langsam aufzuhämmern der Zukunft entgegen.
-
-Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit.
-
-Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig?
-
-Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg
-nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben.
-
-
- 87.
-
-Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine
-hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen
-gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte
-liebten wie wir.
-
-In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht
-uns mit seltsamen Augen an.
-
-Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten
-möglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen
-Möglichkeiten des abstrakten Denkens?
-
-Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als
-unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des
-_sentimentalen Geistes_. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen
-noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte.
-
-
- 89.
-
-So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche
-Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als
-hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens.
-
-Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen
-alternd dieser Krankheit.
-
-Der Europäer als Arzt und Wiederverkünder alter Wahrheit --
-
-Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender.
-
-
- 90.
-
-Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben
-kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten.
-
-Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht.
-
-Ich singe mit Mombert:
-
- »Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,
- Einen einzigen!«
-
-
-
-
- Briefe an Frau Lisbeth Macke
-
-
- _Hagéville_, 23. X. 1914.
-
- Liebste Freundin,
-
-gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon
-schreibt mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren
-haben. Ich bin so traurig und beklommen davon, daß Du es August's und
-Deinem Freunde schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte
-nicht mehr schreibe, als daß ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn
-trauern werde, so lange ich noch lebe und male! Vergiß uns, Maria und
-mich, nicht über dem Leid. Wir haben ein Häuschen und möchten Kinder
-sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du nur magst. Was Dir die
-Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein -- aber das andere, was Dir
-und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet hat, die Malerei
-von August, das Erbe seiner Ideen -- dies Leben sollst Du bei uns
-weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen
-streicheln von
-
- Deinem treuen Franz
-
-Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut?
-
-
- _Hagéville_, 5. XI. 1914.
-
- Liebe Lisbeth,
-
-ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht »nichts-sagende«
-Zeilen lieb sind -- aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es
-nur, um Dir ein bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine
-traurige Karte mit der ungewissen Nachricht über den armen August, ich
-wußte inzwischen schon durch Maria und Koehler, daß doch noch eine
-kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, -- möchte es doch sein!
-An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube ich absolut
-nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang
-des Krieges herrschte -- übrigens auch bei uns, ich war in _Saales_
-selbst Zeuge -- ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen,
-männlicheren Überlegung gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders
-sein. Der Postverkehr ist andrerseits so gänzlich abgeschnitten, daß er
-vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, vor allem, wenn er in
-einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer noch ein
-bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin. Ich
-denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben,
-gemeinsamen Erinnerungen, an August's Atelier und was aus unsrer
-Freundschaft und gemeinsamen Arbeit noch hätte werden können!
-
-Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben
-Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir
-den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige
-Gedanke, daß ich sie ganz allein zurücklasse, wenn ich nicht
-wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde fürchtet man den
-Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem
-fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke,
-kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt,
-zurückzulassen, ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im
-allgemeinen wenig exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht
-zurückzukehren; aber ebenso felsenfest hab ich an August's Stern
-geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß man verzweifeln
-möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert
-als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen
-ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer
-fühle, was ich und wir alle an ihm verlieren würden. --
-
-Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor
-allem unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den
-Vogesenkämpfen kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen;
-ich hab viel ruhige Stunden für mich und arbeite für mich an meinen
-Gedanken, die der Krieg in ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich
-finden, mit dem ich über das alles reden kann, wenn ich August nicht
-mehr habe? Du kannst es mit noch größerem Recht sagen, aber was Dir
-Freunde sein können, das sollst und wirst Du an uns finden. Grüße Deinen
-lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich riesig, daß er sich
-wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen und laß Dir
-einen Freundeskuß geben von Deinem treuen
-
- Franz.
-
-
- Bertschweiler, Südvogesen
- 7. I. 1915
-
- Liebe Lisbeth,
-
-Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22.
-XII. hab ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von
-Koehler, der mir von seinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und
-auch die näheren Umstände von August's Tode schilderte. Nun sind wir
-wirklich allein, ohne unseren August, Du und Koehler und ich, und mit
-uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand geben in seinem
-Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben davon
-umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei.
-Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig
-helfen. Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder
-bei uns in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie
-nicht geben kann. Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen,
-kannst Du mir schon glauben, vor allem auch für die Kinder. Und von Dir
-möchte ich noch viel über August hören und erfahren, vor allem über
-seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, als wenn schon bald Friede
-wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere Geschütze! Wir sind
-seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen). Statt des
-erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze
-Weihnachtsnacht am Pferd!
-
-Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im
-Westen. Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere!
-
-Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt
-ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als
-Infanterist doppelt und zehnfach.
-
-Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine
-Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten
-unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August.
-Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du
-auch einen von Deinem treuen
-
- Franz Marc.
-
-
- 29. I. 1915.
-
- Liebe Lisbeth,
-
-wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im
-Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar
-die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide
-weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges
-verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm
-Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt
-merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre
-Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die »Neutralen« im Lande!
-
-Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und
-Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem
-melancholischen _Hagéville_ geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem
-Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher
-Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor
-dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in
-»Kunst und Künstler« habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo
-Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K.
-gerne einverstanden bin, -- vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall
-die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir
-und unserm Freundeskreis von August's Wert und unserer gemeinsamen Liebe
-erzählen soll.
-
-Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht
-mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas
-über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von
-seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn,
-er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich
-denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen
-machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August's
-Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen
-lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa
-aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als
-derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm
-durchschüttelt.
-
-Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß
-melancholisch und ernst drein -- so verändern sich die Dinge!!
-
-Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten
-und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze
-Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen
-kameradschaftlichen Gruß von mir bei. --
-
-Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung
-Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé'schen Mädchen -- auf solche
-köstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich!
-
- Von Herzen Dein Franz Marc.
-
-
- 22. II. 15.
-
- Liebe Lisbeth,
-
-umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria
-schrieb mir, daß sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die
-Geschichte mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, daß mir letzthin
-gar nicht recht klar wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir
-und der Redaktion bestehe. Jetzt erinnerte ich mich plötzlich an alles,
-und wundere mich auch nicht über die Anfrage. _Vive la bagatelle!_ Meine
-Gedanken sind heute wo ganz anders -- es ist alles so lange lange her,
-als wären's Jahre.
-
-Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam
-dann Dein gutes Schokoladepaketchen, schönen Dank! Bleibt alle gesund,
-Ihr lieben Drei. Mit herzlichem Händedruck
-
- Dein
- Franz Marc.
-
-
- 12. V. 1915.
-
- Liebe Lisbeth,
-
-Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an
-August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm
-Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte
-mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus -- da mußte ich so an Euch
-denken. Ich blieb dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas
-schweren Herzens zurück. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der
-mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen
-Entschluß wieder über den Rhein zurück nach Westen zu reiten! Wann
-werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren dürfen?! Daß
-Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht
-sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge -- auch
-eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen
-und fremden Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches
-andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn
-Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen
-Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine große Freude
-machen; und ich hoffe so sehr, daß er für Dich selbst eine kleine
-seelische Erholung wäre --.
-
-Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff *** ist lustig; ich wunderte
-mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht
-anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei
-***. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Außer *** käme eine
-Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich
-von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen;
-vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte
-trotzdem die Bezeichnung »Von seinen Freunden veranstaltet« tragen. Ich
-schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht
-in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die
-Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz
-glücklich -- es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal
-Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August's Kunst in seiner Galerie
-einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt
-ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und
-dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches
-Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und
-ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante
-Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein
-glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die
-Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein
-unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache
-stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die
-freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August's
-Bilder bleiben immer jung, -- nichts, was Wert hat, hat Eile; im
-Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser.
-
-Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen
-Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle
-herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und
-W. Gerhardt mit Frau.
-
- Dein Franz Marc.
-
-
- 6. VIII. 1915.
-
- Liebe Lisbeth,
-
-jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer
-Abschied genommen hast -- rückte er damals gleich ab? Und nun liegt
-Helmuth verwundet -- hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige
-Tage nach seiner Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div.
-Westen; ich schrieb ihm sofort wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine
-Antwort, was mich etwas beunruhigt. Es war ein Granatsplitter im
-Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, die glücklich verlaufen
-sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt sein
-Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig,
-wenn es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth
-weißt und besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar
-ist. Es ist ja auch die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch
-allen; wo ist Dein Bruder? Grüß alle von mir und laß Dir die Hand
-drücken
-
- von Deinem
- Franz.
-
-
- 5. X. 15.
-
- Meine liebe, gute Lisbeth,
-
-wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin
-sehr schreibeunlustig geworden -- die Welt, die Arbeit und die Liebe,
-alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich
-schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter,
-aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät,
-unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand
-besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer -- Soldat! Ich
-kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges
-Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir
-Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und
-Kinderleben! -- Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in
-gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts
-klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier
-sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die
-geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch
-»dicker«. Dabei »genieße« ich den unbestrittenen Ruf eines
-»vorzüglichen« Soldaten. Ich bin es sogar. -- Das ist das Groteske
-meines jetzigen Lebens.
-
-Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes,
-ruhigeres zu sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und
-Wolfgängchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch
-solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs,
-dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle
-Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du Ärmste hast das größte Opfer
-gebracht, -- Deine Ruhe kann ich verstehen -- aber so viele andere??
-Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich
-sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg
-aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich
-bin zu keinem anderen fähig.
-
-Mit herzlichem Händedruck
-
- Dein Franz.
-
-
- 23. XII. 15.
-
- Liebe Lisbeth,
-
-was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank
-für alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und
-Sendungen spricht. Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr
-Qual und Wehmut bringen als Freude, -- wenn Dir nicht die strahlenden
-Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh überstrahlen. Ich habe
-zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, ähnlich
-wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub kürzlich so
-gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das
-manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine
-Photographie von Walterchen und Wolfgang -- ich war ganz ergriffen von
-der Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft
-klein ist zur Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es
-werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden
-Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln -- dann muß eben
-Walterchen auf August's Stuhl sitzen und mitmachen.
-
-Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu
-kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt
-gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden
-und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber
-vielleicht hält sie auch anderes zurück, -- die Sorge das Haus zu lang
-allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde
-und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch
-und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich
-besucht, aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich
-heute schon: daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg
-zuweilen bei uns sehen!
-
-Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich
-ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist.
-
-Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat
-zurückgezogen worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz
-gemütliches Weihnachten richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich
-von mir; gib Walter und Wolfgang einen Kuß von ihrem Onkel. In
-herzlicher Liebe
-
- Dein
- Franz Marc.
-
-Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos
-grauenvolle Jetzt!
-
-
- _Hagéville_, 25. X. 14.
-
- _August Macke_ +.
-
-Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen
-abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung.
-
-Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter
-Siegesklängen den Verlust.
-
-Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt
-in der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten
-hinter den Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht
-sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so.
-
-Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das
-grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in
-denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt.
-
-Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder
-tötlichen Kugel das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt
-und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend
-Braven trifft eine Kugel einen _Unersetzlichen_. Mit seinem Tode wird
-der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht.
-Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg
-unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag
-gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug.
-
-Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! --
-
- August Macke, der »junge Macke« ist tot.
-
-Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche
-Kunst gesorgt hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte,
-der kannte Macke. Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir
-wußten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit
-seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unsrer
-deutschen, künstlerischen Entwicklung jäh ab; keiner von uns ist
-imstande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir
-uns begegnen werden, wird er immer fehlen.
-
-Wir Maler wissen gut, daß mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die
-_Farbe_ in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und
-einen stumpferen, trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen
-der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie
-sein ganzes Wesen war. Gewiß ahnt das Deutschland von heute nicht, was
-alles es diesem jungen, toten Maler schon verdankt, wieviel er gewirkt
-und wieviel ihm geglückt ist. Alles, was seine geschickten Hände
-anfaßten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie und am
-meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog.
-Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach außen gesät,
-wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, daß sie
-nicht heimlich bleibt.
-
-Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige
-Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen
-Helden ärmer geworden.
-
- Franz Marc.
-
-
-
-
- Das Buch enthält Franz Marcs Briefe aus
- dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen und
- Aphorismen. Der Tafelband stellt die
- originalgetreue Wiedergabe des letzten
- Skizzenbuches aus dem Felde in Lichtdruck
- dar. Der Textband der vorliegenden
- Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der
- Offizin W. Drugulin in Leipzig gedruckt.
- Er enthält, gleichfalls in Lichtdruck,
- eine farbige Beilage nach dem Aquarell
- »Tierschicksale« von Franz Marc. Eine
- Vorzugsausgabe mit weiteren fünf farbigen
- Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz
- Marc wurde in 320 in der Presse
- numerierten Exemplaren, von denen 300 in
- den Handel kommen, auf Büttenpapier
- gedruckt und in Halbleder gebunden
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Die Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend
-normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden
-Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich
-den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist.
-
-Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische
-Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen
-des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft,
-Garnisondienst) wurden unverändert übernommen.
-
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 12]:
- ... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant
- entdeckt, bonc-aigle, Bock-Adler, ...
- ... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant
- entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, ...
-
- [S. 13]:
- ... Mazola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist
- aber der Straßburger ...
- ... Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist
- aber der Straßburger ...
-
- [S. 16]:
- ... L...., bin heute bis Corze gekommen, wo ich mir bei Kameraden
- ein Strohlager ...
- ... L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden
- ein Strohlager ...
-
- [S. 16]:
- ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
- Nebel. Corze ...
- ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
- Nebel. Gorze ...
-
- [S. 17]:
- ... Liebe M., Heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe
- angelangt! Sie ...
- ... Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe
- angelangt! Sie ...
-
- [S. 41]:
- ... heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz
- unerwartet. Ich war ...
- ... Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz
- unerwartet. Ich war ...
-
- [S. 46]:
- ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, das ich nicht
- fabuliere mit dem Leidensopfer ...
- ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht
- fabuliere mit dem Leidensopfer ...
-
- [S. 56]:
- ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bischen ab. Mein
- verändertes ...
- ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein
- verändertes ...
-
- [S. 58]:
- ... inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder
- wie im Herbst; siehe ...
- ... Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder
- wie im Herbst; siehe ...
-
- [S. 59]:
- ... verliere, daß dies alles für mich nicht Wesentlich ist, nur
- Wege, Spaziergänge ...
- ... verliere, daß dies alles für mich nicht wesentlich ist, nur
- Wege, Spaziergänge ...
-
- [S. 62]:
- ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem
- Nächstbestem christliche ...
- ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem
- Nächstbesten christliche ...
-
- [S. 76]:
- ... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und
- Hatonchâtel und ...
- ... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und
- Hattonchâtel und ...
-
- [S. 90]:
- ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Hautmont schwimmt schier
- weg -- wäre es ...
- ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Haumont schwimmt schier
- weg -- wäre es ...
-
- [S. 91]:
- ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsumiert
- unter das Unwesentliche ...
- ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke
- subsummiert unter das Unwesentliche ...
-
- [S. 93]:
- ... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspacketchen
- diesmal »rechtzeitig« ...
- ... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen
- diesmal »rechtzeitig« ...
-
- [S. 97]:
- ... Daß das liebe Amuletchen etwas später kam, macht gar nichts,
- -- ich war Weihnachten ...
- ... Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts,
- -- ich war Weihnachten ...
-
- [S. 101]:
- ... Lies einmal in Hildebrands Artikel Seite 98 das wundervolle
- Bild, das Goethe ...
- ... Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle
- Bild, das Goethe ...
-
- [S. 107]:
- ... Ausdruck »9 Kadinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings
- harmloser, -- die ...
- ... Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings
- harmloser, -- die ...
-
- [S. 107]:
- ... überdacht, die nach grob pointilistischem System und den
- Erfahrungen der bunten ...
- ... überdacht, die nach grob pointillistischem System und den
- Erfahrungen der bunten ...
-
- [S. 110]:
- ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputen Magen
- etc. hin. Glaub ...
- ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputten
- Magen etc. hin. Glaub ...
-
- [S. 111]:
- ... L., Ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle
- neben mir sitzen und ...
- ... L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle
- neben mir sitzen und ...
-
- [S. 112]:
- ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der
- Jünger Moillet; im ...
- ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der
- Jünger Moilliet; im ...
-
- [S. 121]:
- ... Es zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum
- Bewußtsein, in dem ...
- ... Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum
- Bewußtsein, in dem ...
-
- [S. 121]:
- ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljick etc. ist
- vollkommen und einwandfrei; ...
- ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist
- vollkommen und einwandfrei; ...
-
- [S. 123]:
- ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und
- das existierende ist ...
- ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und
- das Existierende ist ...
-
- [S. 123]:
- ... allogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind,
- mit Menschenwissen unbeweisbar; ...
- ... alogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind,
- mit Menschenwissen unbeweisbar; ...
-
- [S. 139]:
- ... mit Herrn Scheffler so komplet vergessen, daß mir letzthin
- gar nicht recht klar ...
- ... mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, daß mir letzthin
- gar nicht recht klar ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen.
-Erster Band, by Franz Marc
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND ***
-
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band, by Franz Marc</title>
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-The Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen.
-Erster Band, by Franz Marc
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-
-Title: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band
-
-Author: Franz Marc
-
-Release Date: December 31, 2016 [EBook #53845]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive.
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-
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-Franz Marc / Briefe
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-Franz Marc
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-<h1 class="title">
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-<p class="pub">
-<span class="line1">1920</span><br />
-<span class="line2">Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin</span>
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-Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin
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-Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14<br />
-Herbst
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-L....,
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-
-<p>
-habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr stimmungsvoll,
-wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles anders als dieser langweilige
-Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der Feldflasche thut mir jetzt gute
-Dienste. Ich spare ihn so lange als möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten
-mitgenommen, die Bevölkerung äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr
-franzosenfreundlich ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber
-keine; es ist offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung <span class="antiqua">Saales</span>;
-wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß
-mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur Kommißbrot
-aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und spare
-meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel spätere Zeiten;
-wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe immer noch auf <span class="antiqua">Belfort</span>
-über <span class="antiqua">Épinal</span>.
-</p>
-
-<p>
-Gruß Euch beiden, N&rsquo;s &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-2">
-In <span class="antiqua">Sâles</span>, 2. Sept. Nachm.
-</h3>
-
-<p>
-Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 Klm)
-gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so etwas wie
-Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant *&nbsp;*&nbsp;* zusammen (der Regierungsbaumeister
-in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten nach Frankreich
-hinein bis <span class="antiqua">Remomeix</span> (vor <span class="antiqua">Dié</span>), vor uns eine riesige Feuerlinie von deutscher
-Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen schießt, und selbst von französischen
-Batterien, die hinter dem Berg stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße
-<span class="antiqua">Saales-Dié</span> ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei,
-wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen;
-Wein haben wir auf unserm Ritt auch bekommen; in <span class="antiqua">Sâles</span> gibt es gar nichts mehr.
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am Nachmittag
-sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel installiert) am Marktplatz
-um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man ruft mich dazu in&rsquo;s Amt
-herein. So kann ich gemächlich ein paar Ruhestunden das originelle Treiben
-auf dem Marktplatz in <span class="antiqua">Sâles</span> beobachten; &bdquo;Wallensteins Lager&ldquo;, aber in echt.
-Unsre weitere Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon
-aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf dem wir
-biwakieren.
-</p>
-
-<p>
-Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-3">
-6. Sept. 14.<br />
-<span class="antiqua">La croix aux mines</span><br />
-bei <span class="antiqua">Laveline</span>
-</h3>
-
-<p>
-Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und
-schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in
-meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille,
-das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den kurzen,
-ganz traumlosen Schlaf, auf&rsquo;s allermöglichste auszunutzen. Im Kriegsdienst
-lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in die Gefechtsstellung.
-Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas zurückgewichen; wo wir stehen,
-gilt als die hartnäckigste Stellung des ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur
-ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch
-auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger
-vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas
-unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein
-hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash; Fz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-4">
-10. Sept. 14.
-</h3>
-
-<p>
-<span class="antiqua">p. L.</span> Eben las ich an diesem stillen Tage <span class="antiqua">L&rsquo;histoire des Girondins (Lamartine)</span>,
-das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch kam; schneller Abschied
-von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-5">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-11. Sept. Früh.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L. M.
-</p>
-
-<p>
-gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. Der
-bedeutete offenbar den <em>Schluß des 1. Kapitels</em> meines Feldzuges. Sämtliche
-Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel <span class="antiqua">Laveline-La croix</span> (<span class="antiqua">Col du
-Bonhomme</span>) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr könnt Euch das Bild auf
-den Heeresstraßen (Richtung <span class="antiqua">Saales</span>) ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die
-Division abgesandt und ritt dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine
-Truppe wiederzufinden. Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich
-in <span class="antiqua">Colroy</span> in einem Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd.
-Beim Aufwachen glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von
-Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im europäischen
-Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine Truppe zu finden. Sie
-kann kaum weit von <span class="antiqua">Colroy</span> sein. Schickt jetzt natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen
-kann kaum was ankommen.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-6">
-Grube, Samstag, 12. Sept. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....,
-</p>
-
-<p>
-Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das Heeresgewirr,
-durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen sollen. Das kann
-man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt sind wir schon wieder in
-Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir zogen von <span class="antiqua">Lubine</span> über den berühmten
-Vogesenpaß, den Napoleon von <span class="antiqua">St. Dié</span> nach <span class="antiqua">Urbais</span> 1854 anlegen ließ
-(nicht unähnlich dem Kesselberg), ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen
-wir die Zerstörungs- und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang
-des Krieges. Wir gingen über <span class="antiqua">Urbais</span> hinaus bis Grube zurück; hier machte ich
-den Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern was
-erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, ein reizendes
-Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, Waschgelegenheit,
-Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß solcher &mdash; Selbstverständlichkeiten
-&mdash; <span class="antiqua">d&rsquo;autrefois</span>. Ob wir nun nach Schlettstadt-<span class="antiqua">Belfort</span> kommen, oder allmählich
-wieder über den Paß nach Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich
-wollt, wir blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten!
-Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem
-Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen?
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-7">
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.... M....,
-</p>
-
-<p>
-heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich,
-weil die &bdquo;Ereignisse&ldquo; mir den Horizont versperren. Man kommt nicht
-über die &bdquo;Aktion&ldquo; hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht
-der Krieg aus mir keinen Naturalisten, &mdash; im Gegenteil: ich fühle den Geist, der
-hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische,
-Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle
-so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen
-sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, &mdash; oder meine
-Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut
-schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den
-Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern,
-stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint
-mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der&rsquo;s doch noch am besten
-gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, &mdash; aber wir müssen
-es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder
-malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, &mdash;
-ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher
-heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird&rsquo;s wohl
-werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht&rsquo;s doch noch eher!
-Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen.
-</p>
-
-<p>
-Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-8">
-22. IX. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die 3
-Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die blauen, für
-Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer Manschette, die mir jemand
-aus Straßburg mitgebracht hat. Die Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister
-für 3 M. verkauft. Stimmt der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch
-solider, drum behalte ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt!
-Du denkst wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts,
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-gar nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.&rsquo;s und von Dir) vor
-cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die Batterie ist
-mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter klärt sich heute Nachmittag
-auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt zu machen; die Vogesen haben
-etwas Liebliches und Friedliches, man kann zuweilen gar nicht an den Ernst dieses
-grauenvollen Krieges glauben, &mdash; bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!!
-Wenn Du mir von nun an was schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir
-angegeben (Tintenstift, Meldekarten etc. &mdash; ich werde solche Dinge selbst besorgen
-können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige Zigarren, &mdash; man
-raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, ich rauche am liebsten die
-französischen, die ich hier bekomme. Aber sonst sind wir für alles <em>äußerst
-empfänglich</em>.
-</p>
-
-<p>
-Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-9">
-Aus Straßburg, 24. Sept. 14.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht gefahren von
-<span class="antiqua">Saales</span> aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum Tragen der Besorgungen.
-Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen dann zum Münster
-und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so merkwürdig vor, es
-war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in einem &bdquo;Löwenbräu-Ausschank&ldquo;
-und esse mich an großen Butterbroden und Käse satt. Alles ist so friedlich, als
-wenn ich im &bdquo;Roten Hahn&ldquo; in München säße &mdash; und draußen diese entsetzlichen
-Kämpfe! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen
-man ohne Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen
-Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung fährt.
-Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine Selbstverständlichkeit geworden!
-</p>
-
-<p>
-Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; im
-Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; Kandinsky
-reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar merkwürdig nahe; ich war ganz
-betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich aufs Malen freue.
-</p>
-
-<p>
-Sei du und Maman herzlich umarmt von
-</p>
-
-<p class="sign">
-Eurem Fz.
-</p>
-
-<p>
-Streichle Russi und die Rehe von mir.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-10">
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-<span class="antiqua">Lubine</span>, 30. Sept. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Maria,
-</p>
-
-<p>
-heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der Thüre (nur
-leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine Darmgeschichte ist recht
-übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur drei weiche Eier und paar
-Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich etwas gebessert, aber man wird
-schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte
-ihn jetzt. Sobald man sich nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg
-doppelt furchtbar und elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer
-mit grauen Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich
-sie den Berg bei <span class="antiqua">Lubine</span> ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten gezeigt haben!
-Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. Wieviel gesunde Männer
-mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir halten uns hier nur mit Mühe;
-wir sind zur reinen Grenzschutztruppe umgewandelt; ob wir uns dauernd auf
-französischem Boden werden halten können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre
-meisten Pferde sind ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig.
-Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben
-Dir in meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden Wein
-sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man ist hier natürlich
-überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und kommt im Dreck halb um;
-das alles empfindet man dreifach, wenn man tagsüber zu Hause bleibt und sich
-krank fühlt.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich bin zu
-müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch deswegen gar
-nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht kompliziert, ich hab kein Kopfweh,
-es geht kein Blut ab; ich hab auch keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber,
-da ich beständig Durst habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. &mdash; Also <span class="antiqua">Saales</span>
-brennt an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in <span class="antiqua">Bowy-Bruche</span>. Alles muß nachts
-gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen nicht zu verraten
-und der Beschießung durch französische Fußartillerie zu entgehen.
-</p>
-
-<p>
-Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt immer, sie
-drücke auf <span class="antiqua">St. Dié</span> und <span class="antiqua">Épinal</span> herunter, um den uns hier bedrängenden französischen
-Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus alledem scheint nichts zu
-werden, ebensowenig als aus der raschen Entscheidung vor Paris. Wie lange mag
-das noch dauern! &mdash; Meine Lektüre sind hier alte französische Journale (Juli 14,
-ohne die leiseste Vorahnung des Krieges; &mdash; es ist tragisch, an das ahnungslose
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-schöne Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich
-Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von <em>dem</em> Herbst, den man sich
-vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein Herbst in Ried
-sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich verzweifle schon Weihnachten
-heimzukommen, ich glaub es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ist die Hanni wieder ausgerissen?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl interessanter,
-sobald ich wieder gesund bin.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-11">
-2. Okt. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in sorgfältige
-Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht mehr Jägerkaserne,
-sondern <em>Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9</em>. Es war ganz nett, daß
-ich gestern in dem originellen Städtchen (noch viel mehr die Stadt &bdquo;Perle&ldquo; als
-Insterburg) noch herumbummelte; aber ich fühlte mich nachts wieder so schlecht,
-daß ich mich heute einfach selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem
-Oberstabsarzt vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand
-um mich, ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte
-Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus unter beständiger
-Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder hinauszugehen,
-muß ich mich <em>ganz</em> gesund fühlen, sonst thu ich es nicht. Seid nun jedenfalls ganz
-beruhigt über meine Pflege und Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder
-besser gehen. Der schöne Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal
-der Herbsttag auf. Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege
-voll. In den Frostnächten springen sie auf und fallen ab.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-12">
-4. Okt. Sonntag.
-</h3>
-
-<p>
-Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen Zigarren
-und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, daß
-<em>unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden</em>!!! (näheres
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, was wir dort
-erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich jeder, daß er von da wegkommt;
-man freut sich immer auf das Neue! Nun sind es gerade 5 Wochen,
-seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird lustig, bis ich meine Truppe
-wieder finde. Das ist nämlich nicht so einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle
-mich heute im Magen um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und
-ich habe kein chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre.
-</p>
-
-<p>
-Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen.
-</p>
-
-<p>
-Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen und ein
-neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett beginnen.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-13">
-8. Okt. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht ist.
-Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich fühle mich
-unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt allmählich aus mir herauskommt.
-Ich glaube, meine Gedanken werden, auch wenn ich wieder draußen bin,
-nicht mehr abreißen; ich werde &bdquo;hinter der Front&ldquo; arbeiten; das bißchen Schreiben
-und die Ruhe haben mir gut gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und
-von größerem Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem
-Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das Wetter
-ist himmlisch schön.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-14">
-11. X. 14 Schlettstadt.
-</h3>
-
-<p>
-Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, &mdash; sechs Wochen bin ich nun schon
-fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht es hier
-glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, <span class="antiqua"><a id="corr-6"></a>bouc-aigle</span>, Bock-Adler,
-in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in Paris oder Brüssel; ich gehe
-zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen &bdquo;Nachessen, mit Rotwein&ldquo;. Es ist nicht
-teuer, aber ein bißchen Geld kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts!
-Ebenso wirkt eine glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei
-schon immer hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich
-sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, Vogesenausflug,
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-&mdash; Straßburg etc. &mdash; Paris? Vielleicht finde ich Zeit, in Straßburg jetzt nochmal
-heimlich Station zu machen und die Galerie zu sehen; ich hab hier diese wunderbaren
-Karten entdeckt.<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> Ist die verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht
-köstlich? Ich bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im
-Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, sie hat
-einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch verhalten; man liest das große
-Ereignis zwischen den Zeilen. <em>Das Ungesagte wird im Beschauer zum
-Wort.</em> Mantegna und Bellini haben es ja noch vollkommener erreicht, als dieser
-<a id="corr-7"></a>Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger
-Meister, &mdash; ist es nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so
-wie das gemalt, &mdash; gebaut ist.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Filippo Mazzola, Auferstehung &mdash; und Straßburger Meister, d. Hl. Konrad von Konstanz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-15">
-11. Okt. 14.
-</h3>
-
-<p>
-&mdash; Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt für mich
-und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich will noch hoffen, daß
-mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich sofort telegraphiere. Ich
-denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel schnüren; einen Vorwand zu längerer
-Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es
-ist draußen doch tausendmal schöner.
-</p>
-
-<p>
-Also von nun an wieder Truppenadresse.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-16">
-Schlettstadt, 13. X. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebste,
-</p>
-
-<p>
-siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte ihn
-zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von <span class="antiqua">Lubine</span>) reiste und war ganz aufgeregt,
-da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn erwähnte. Keiner
-wußte auch was davon, aber jeder, dem <em>ich</em> ihn zeigte, mußte zugeben, daß es
-ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch zufällig in einer Zeitung darüber.
-Er scheint mir größer und klarer, als der Halleysche Komet von damals. Er steht
-stets in großer Nähe des Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm
-und denk an mich!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl ich
-selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz anderer Form
-und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die Sache nicht, wie Du
-meinst; gerade über die &bdquo;exakten Wissenschaften&ldquo; denke ich jetzt viel nach und brauche
-sie unbedingt in allen meinen neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe
-wie ein Maulwurf.
-</p>
-
-<p>
-Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint man
-komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie schlechte Faschingsscherze
-an. Traurig, traurig. Was wird es für einen mühevollen Kampf dagegen
-geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite stehen. Heute sah ich zufällig
-einen Atlas an, suchte mein Kochel und fand sogar <em>Ried</em> darauf! Mein
-Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf &mdash; Aidling, Riegsee &mdash; Murnau: ich
-erschrak, wie fern das klang!! Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen
-wie Kandinsky über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich
-heute eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit Kandinsky
-und nicht alles so war wie wir wollten, &mdash; heute bedeutet das für mich nichts
-gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, er wird für mich verloren
-sein. Er wird in Rußland bleiben und dort predigen; oder in der Schweiz, &mdash; ich
-selbst bin aber mehr Deutscher geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist
-ein Trostblick, aber <em>kein Maler</em>! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran,
-so lieb ich ihn habe. Das sind <em>meine</em> Sorgen!
-</p>
-
-<p>
-Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha von
-der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist&rsquo;s ja gut, aber es läuft einem
-doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme Onkel H.! Er hatte
-sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst Du Dich, liebe Mutter, recht
-recht ausruhen und kräftigen nach all dem Schrecklichen, &mdash; es kommen auch wieder
-bessere und fröhlichere Zeiten. Bleib nur jetzt recht lang in Ried.
-</p>
-
-<p>
-Seid beide herzlichst gegrüßt ....
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-17">
-Schlettstadt, 15. X. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel
-stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze möchte ich doch
-gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich milden) Angriff gegen die
-Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist symptomatisch doch ein ernster Fall
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-und ich kann sie nicht gut heißen. Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute
-so über die &bdquo;Wissenschaft&ldquo; denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich
-nicht zwischen moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er
-<em>muß</em> aber gefunden werden und nicht <span class="antiqua">au détriment des sciences</span>, sondern in
-voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, &mdash; sie ist das Fundament
-unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst haben werden,
-wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.
-</p>
-
-<p>
-Schicke Exemplar der &bdquo;Vossischen&ldquo; an Köhler (mit ein paar Worten, daß ich
-es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute einen sehr netten
-Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er möchte gern, hat nur
-sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky sind in der Schweiz,
-Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir mal Kand. Adresse, wenn
-Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. Schick eine Nummer an Niestlé, er
-schrieb mir auch heute.
-</p>
-
-<p>
-Morgen geht&rsquo;s wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und zu erleben.
-Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte aber nicht
-weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen will, &mdash; ist es nicht lieb
-von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht kenne, den Clou der Reise, noch
-vor mir. Aber in Straßburg, wo ich Station mache, um über die Richtung meiner
-Truppe etwas zu erfahren (sie soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in
-die Galerie gehen und Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von
-dem ich jetzt scheide, sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so
-traulich und graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht
-unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und Schwaben,
-&mdash; ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das Sächsische, während ich
-erst jetzt ein Ohr für die Originalität des Kölnischen bekommen habe, das ich sehr
-gern höre. Der Krieg ist nämlich die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische
-wirkt auch anders als daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges
-und ungeheuer <em>sicheres</em>; wenn man einen Bayer zwischen all diesen
-Mundarten hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas
-dumm wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte
-längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich warte hier <em>jedenfalls</em> Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst Freitag
-mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. &mdash; Heut saß ich genau so friedlich,
-nur leider ohne Dich auf einer Bank im Stadtgärtchen, wie damals mit Dir
-auf der Bank unter unserm Apfelbaum, ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung
-wie damals. Die Tage hier waren wirklich so nett, daß es für mich
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-ein wirklicher Abschied von hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der
-Bahn stieg und 100 Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank;
-ich muß doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen,
-ob sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein
-Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals weiter in
-die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich bummelte durch das
-Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne werde ich nie vergessen.
-Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich andern Tages ins Garnisonslazarett
-schleppte. Nachher amüsiert man sich über solche Erinnerungen, die mir eigentlich
-erst heute wieder kommen, wo ich weggehe.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-18">
-17. X. (Sonntag).
-</h3>
-
-<p>
-L...., bin heute bis <span class="antiqua"><a id="corr-9"></a>Gorze</span> gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager
-gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. <span class="antiqua"><a id="corr-10"></a>Gorze</span>
-ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche heute eine Fahrgelegenheit
-(Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung <span class="antiqua">Chamblay</span>. Professor O. habe ich einen
-Kartengruß und Glückwunsch geschrieben. &mdash; Ich muß immer an August denken!
-Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-19">
-<span class="antiqua">Buxières</span> 19. X. Montag.
-</h3>
-
-<p>
-Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach <span class="antiqua">St. Bénoit-Vigneulles</span>,
-von da aus mit Fouragewägen südlich bis <span class="antiqua">Buxières</span>, wo unser Div. Stab ist.
-Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. Unsre ganze Stellung liegt
-zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo der Durchbruch und darauffolgende
-Einschließung von Verdun erfolgen soll.
-</p>
-
-<p>
-In Eile!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-20">
-<span class="antiqua">Gorze</span>, 17. 10. Sonntag.
-</h3>
-
-<p>
-Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach <span class="antiqua">St. Bénoit</span>, wo das Generalkommando
-ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit bekommen, meine
-Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in dieser Gegend zu sein. Denn
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin froh um diesen Tag hier. Es ist ein so
-entzückendes friedliches Dorf zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind
-mit Gemüse- und Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen
-getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz herbstlich,
-die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, pflanz ja in diesem
-Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich Büsche am Zaun, Johannisbeeren
-etc. und Haselnuß.
-</p>
-
-<p>
-Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es ist
-ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich jedenfalls
-darauf. &mdash; Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines Kapellchen und einige Grabstätten
-darum. Da liegen Soldaten aus der Schlacht bei <span class="antiqua">Gorze</span> 16. August 1870,
-es wirkte ganz wehmütig. &mdash; Hier in <span class="antiqua">Gorze</span> liegen <em>frische</em> Infanterietruppen, seit
-acht Tagen ganz unthätig, &mdash; ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht!
-Sie sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache unbedingt,
-die deutsche Sache steht gut!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-21">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 20. X. 14.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe M., <a id="corr-14"></a>heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie
-liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre Feld-Art. jetzt, wie
-es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien sind außer Gefecht! Mir scheint,
-unsre nächste Bestimmung wird sein, irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe
-zu werden. Unser Pferdematerial ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft
-auch krank; diese tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen
-sich jetzt. Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen
-Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, &mdash; so stark
-und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es mir auch anzusehen.
-Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise schonen; er freute sich, daß ich
-wiedergekommen bin; er ist übrigens auch krank, an derselben Sache. Ich werde
-mich jedenfalls mit Essen und Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau
-beobachten. Das Dorf ist blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe
-mein Gepäck etwas revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt;
-nur Knie- und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre
-ich jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, <em>gute leichte</em> Zigarren (die Du
-schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich etwas von
-<em>Deinen</em> Likören. &mdash; Man redet jetzt viel vom nahen Ende des französischen Krieges,
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es ist etwas daran. Verdun schießt
-seit drei Tagen nicht mehr, alles steht in einem ungewissen Warten, das doch
-seinen Grund haben muß. Wenn es so ist, dann ist doch denkbar, daß unsre
-Landwehrdivision einmal nach Hause geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche
-Hoffnungen zu nähren!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-22">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 23. X. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Ach Liebste,
-</p>
-
-<p>
-Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und mich äußerlich
-dazu stellen soll, &mdash; letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach
-nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn,
-ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen
-sind, &mdash; und heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein
-Bewußtsein ganz dumpf und stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten
-Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande;
-in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing;
-meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der
-Mensch war doch tausendmal mehr und war zu <em>allem</em> reif, zu <em>jedem</em> Gedanken,
-mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich <em>ganz</em> allein. Gewiß hast
-Du mit *&nbsp;*&nbsp;* recht. Die Not des Alleinseins machte mich so optimistisch und die
-wirkliche <em>Erstlingsthat</em>, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. Sicher
-ist mir auch, daß wir ihn menschlich und &bdquo;auf gut deutsch&ldquo; mißverstehen. Er ist
-uns im höchsten Grade fremdrassig, nur westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden
-Chinesengeist würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es
-nur einem so &bdquo;fernen&ldquo; Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu <em>durchschauen</em>.
-Du schreibst ja auch ganz richtig über *&nbsp;*&nbsp;* und ihn &mdash; Slaven; aber
-bei *&nbsp;*&nbsp;* darf man seine That nie vergessen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Grüße und streichle die Rehkinder
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash; Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-23">
-Sonntag 25. X. 14.
-</h3>
-
-<p>
-Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer fort;
-wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen Fliegerkämpfe über
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das Beschießen der Flieger mit unseren
-Steilfeuergeschützen ist sehr interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von
-Flugzeug gegen Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den feindlichen
-Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die Batteriebereiche zu
-drängen.
-</p>
-
-<p>
-Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt verloren
-zu sein, und zwar beim Brand von <span class="antiqua">Saales</span>, bei dem 8 große Postsäcke nicht
-mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, daß französische schwere
-Geschütze <span class="antiqua">Saales</span> plötzlich in Brand geschossen haben. Das Gleiche passierte am
-21. X. hier in <span class="antiqua">Buxières</span>, wo der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3
-Säcke verbrannt sein. Das sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß
-sich damit abfinden. Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu
-manchen Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in
-die aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung jetzt ganz
-weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich behandelt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde Augusts Tod
-nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; ich komme gar nicht
-zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des Todes vor dem Feind und
-für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich darunter.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-24">
-<span class="antiqua">H....</span>, 30. 10. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich
-bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es Nachrichten
-über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen Briefen und Karten, wenn
-etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim nächsten Schreiben. Ich sandte Dir
-einen kleinen Nekrolog, in der guten Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein
-möge. Hier gibts nichts Neues; wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist
-vor allem etwas von Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn
-das Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es geht
-mir famos.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-25">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 1. Nov. 14.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe Maman, heut an &bdquo;Allerheiligen im Felde&ldquo; schicke ich Dir einen kleinen
-Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und nachdenke und schreibe.
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der &bdquo;Altweibersommer&ldquo;, wie wir ihn in Bayern
-nennen, gekommen, Tage von einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde,
-nur vom ewigen Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt.
-Auch in der Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren
-Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute war der
-erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf der freien Wiese,
-bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus eingerichtet ist. Ich gehe öfters
-auf den kleinen Friedhof, der dem Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig
-und rührend, all die fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1.
-Napoleonszeit und früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an
-Papas kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und hab
-ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier ist unverändert;
-ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd (einen kräftigen
-Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst schreibe und lese ich und gehe
-stundenlang mit meinen Gedanken im Garten auf und ab. Dazwischen kommen
-Tage mit Wachdienst, Requirierungen; letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen
-usf. Aber viel Dienst ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie
-früher, nur darf ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und
-Trinken sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist merkwürdig
-empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von D. Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-26">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 11. XI. 14.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe Maman, jetzt wird&rsquo;s allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, kalt und
-fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, wenn wir an
-unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen und Schützengräben.
-Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie die Siegenden sind; denn wenn
-es auch langsam geht, so schließt sich der Ring um das feindliche Heer immer
-enger und drückender; man stürmt wenigstens hier und in den Vogesen nicht
-mehr so wahnsinnig vor, wie im September und August, um das gute Menschenmaterial
-nach Möglichkeit zu schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch
-bald über ganz Asien, Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube
-nicht, daß Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand
-ist wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft,
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-wie ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche zu
-erleben, &mdash; nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner träumen konnte.
-Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt sich geduldig in den
-Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich empfinde diesen Krieg schon
-lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, sondern als Weltereignis. Gewiß hast
-Du recht, daß viele zum Bewußtsein von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen
-werden, die sie lange für verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso.
-Die ungeheure seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere
-Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf alte
-Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man wirklich Grund
-fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, sondern daß sich neue
-religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues europäisches Reich. Das religiöse
-Gefühl bleibt im Menschen immer dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen
-Formen. Die alten Griechen waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder
-und Mohammedaner und Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts
-werden nicht weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble
-ich viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne Mensch
-verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, <em>kann</em> es nicht lange
-bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. So schmerzlich und wehmütig
-mir die Trennung von meinem Heim und meiner Arbeit ist, so bin ich doch
-froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu Hause bedrückt und krank fühlen. So
-lebe und erlebe ich alles mit. Ich werde auch hoffentlich alles gesund überstehen.
-Hier in H. können wir Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst
-leidet hier kein Soldat. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-27">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 16. XI. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....,
-</p>
-
-<p>
-heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel Unruhe
-mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn ihr die Notwendigkeit
-seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu ersparen, so gebt ihm
-ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, die ich lieb hatte, ruhigen
-Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. Man kann die Tiere beneiden, daß
-man ihrem Leben diesen Abschluß geben darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer
-Erfahrungen nicht, daß er noch einen Winter überleben wird. Seine Zähne und
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-sein Magen sind schlecht. &mdash; Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist &mdash;
-meines Wissens wenigstens &mdash; unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß
-Welf jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch merkt man
-es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte nie etwas an Welf.
-Wenn Welf einmal allein ist, &mdash; und mit den Jahren wird er wohl noch ein sehr guter
-Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig genug, vor allem jetzt im Herbst und
-Winter, wo er im ganzen Garten laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf
-nicht zum Spazierengehen mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer
-und auch Welf wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch.
-Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.&rsquo;s in Pflege zu geben, damit die Rauferei
-einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.&rsquo;s, oder wo Ihr ihn sonst habt, zum
-Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im Hause und Garten, und
-Welf, den wir <em>brauchen</em>, wird nicht ganz närrisch und verdorben, wie ich es
-etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur Genüge und wie machtlos man ist.
-Welf wird ganz anders sein und sich ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man
-mit ihm zuweilen spielen darf, hat er <em>genügend</em> Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 &bdquo;Züge&ldquo; <span class="antiqua">à</span> 3 Wagen. Ich bin als Unt.
-Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da ich
-Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten Menschen,
-Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen will und Dir
-Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei anderen Gefreiten in
-einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, die 3 anderen schlafen
-auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut haben. Früh zwischen 5 und
-6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird angezündet und Kaffee gebraut.
-Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen rauchend am Kamin,
-Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab und zu Dienst, sodaß man
-gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn&rsquo;s hell wird, gehe ich <span class="antiqua">vis-à-vis</span>
-ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich eine, den hiesigen Umständen nach nicht
-einmal so schlechte Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab
-auch von K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich
-meinen Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer
-teilen, je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. Für
-meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein Schokoladepaket
-von Münter. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit dem *&nbsp;*&nbsp;* bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den Offizieren
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da ich mehr allein bin
-und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch nicht nach Verkleinerung der
-Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur jetzt nichts halbes. Wir müssen die
-Härten der Zeit tapfer tragen, der Geist der Stunde ist es wert.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-28">
-<span class="antiqua">Hagéville</span> 18. XI. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....,
-</p>
-
-<p>
-unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder jener Etappenstelle,
-Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie übrigens auch keinen besonders
-schweren Dienst hat, &mdash; kein Vergleich mit den Vogesen!).
-</p>
-
-<p>
-Das in den amtlichen Berichten angegebene &bdquo;langsame Vorrücken&ldquo;, kleine Erfolge,
-Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist buchstäblich wahr; das schöne
-dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser Berichte der Ruhe und Sicherheit der
-deutschen Stellungen entspricht; alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald
-wir dort die Sieger sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar,
-weil wir dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können.
-</p>
-
-<p>
-Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz weiße
-Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren und dann die
-Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. In den Dörfern
-dampfen die Misthäufen, &mdash; Du kennst ja die Stimmung. Eine merkwürdige
-Steigerung derselben liegt für mich in dem französischen Dorfbild, lauter Monets,
-Sisley und van Goghs. Das Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier
-äußerst typisch. Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein,
-meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische Stimmung ist
-für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl beschleicht mich dabei;
-aber immer, wenn ich mich in solche Szenen vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß
-ich statt dem Kalt und Warm und der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte
-Klänge und schnell ist der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die
-Arbeit beginnt!
-</p>
-
-<p>
-Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn *&nbsp;*&nbsp;*, den ich als
-Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er ist seit einigen
-Wochen hier, als &bdquo;Schreiber&ldquo; bei der Abteilung. Er ist ein sehr feiner, hochgebildeter
-Mensch, dessen Verkehr mir eine große Wohltat ist.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen zusammen,
-was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, &mdash; ist mir jetzt fast
-qualvoll, da ich immer an August denken muß, &mdash; so wie ich eben auch vorher
-an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen Sinn. Ich bin ganz wehmütig,
-wenn ich es jetzt höre.
-</p>
-
-<p>
-Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch am
-meisten die &mdash; Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz verzehrt! <em>Ausgezeichnet</em>
-mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann den schlechten Schnaps,
-den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des Krieges habe ich ihn unbedenklich
-getrunken, vielleicht zu viel; ich bin froh, daß er mir widersteht, &mdash; um so
-größere Wohlthat war mir Euer Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen
-hab ich noch nicht probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer
-Rieder Leben durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen
-muß ich sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles
-fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von Mama
-mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-29">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 23. XI. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt und
-ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, Form und
-Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze Gedankengefüge
-auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu sehr stehlen. Aber doch
-möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß
-an das Heute und Morgen denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr
-recht, zur Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine Gedanken
-über Europa wahr sind, wenigstens <em>möglich</em> sind, &mdash; letzteres wäre mehr als
-wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich schlösse. Ich werde in meiner
-kommenden Arbeit immer wieder um dieses Thema kreisen und es immer wieder neu zu
-fassen suchen, bis ich auf den reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich
-Dich und Klee) könnt unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen,
-den einen oder anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint.
-Im übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; Angriffe
-könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.
-</p>
-
-<p>
-Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die Wilhelm
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-als Batterieführer drohen, sind eher <em>geringer</em>, als als Zugführer, da er nicht mehr
-unmittelbar bei den Geschützen steht, die doch immer das Hauptziel bilden. Aber
-schließlich sind die artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, &mdash; man muß einfach
-Glück haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den Kolonnen,
-selbst den <em>schweren</em> Artillerie-Kolonnen weit größer als jetzt, weil die
-Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so geregelt sein konnten. Heute
-ist man hundertfach vorsichtiger geworden, man kennt den Mechanismus, die
-gefährlichen Infanterieangriffe, die uns so viele Verluste gebracht, sind heute kaum
-mehr denkbar, höchstens bei panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart
-bleiben. &mdash; Sehr nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s
-Antwort. &mdash; Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt?
-Thut es bitte. &mdash; Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! <span class="antiqua">via</span> Schlettstadt.
-An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich fühl mich
-wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach der Lazarettzeit
-litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich immer gleich vorsichtig
-bleiben, aber so geht es wenigstens ohne Störung.
-</p>
-
-<p>
-Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur Backwerk und
-dergl. &mdash; Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und macht mich gesund.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-30">
-5. Dez. 14.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L. M.,
-</p>
-
-<p>
-heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber ich denke
-wohl aus gutem Zinn, &mdash; (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint es mir aber zu leicht)
-Du wirst Dir schon denken können, wozu ich&rsquo;s mitnahm: zum Bearbeiten. Man
-kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in
-seiner künftigen Gestalt.
-</p>
-
-<p>
-Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen
-Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen Sack
-voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man doch kommt!
-Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand französisch kann als ich, hab
-ich&rsquo;s gern übernommen. <span class="antiqua">Hagéville</span> kann sich jedenfalls über die deutsche Soldateska
-nicht beklagen! &mdash; Ich bin nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen
-noch liegen; allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens
-bin in den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös &mdash; ungeduldig. Ruhe zum
-Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche <em>Thätigkeit</em> fehlt
-vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und Kälte kommt,
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich übrigens <em>gar keine</em>,
-ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen Stimmung, die mich vom richtigen
-Arbeitenkönnen abhält; meine Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl
-mich ganz gesund, bis auf Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle
-mich allmählich &bdquo;unnötig&ldquo; hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder
-mal eine Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an
-meine Arbeit und an&rsquo;s Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng
-angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, nach Hause
-zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante zu schreiben; die
-französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und hat es stets auf die Post
-abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges Wort unendlich viel verraten.
-Lange wird die Spannung der Heere nicht mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt
-wird noch vor Weihnachten erreicht sein.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-31">
-<span class="antiqua">Hagéville</span> 11. Dez. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung einer
-angegriffenen Stellung bei <span class="antiqua">Pont-à-Mousson</span> (südlich Metz, lothring. Grenzgebiet).
-Dort brechen die Franzosen immer wieder mit größeren Verbänden durch, (eine
-Meldung davon war ja auch kürzlich in den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach
-dieser Expedition, die voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser <span class="antiqua">Hagév.</span>
-Quartier zurückkehren und ich &mdash; soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit zwei
-Mann zurückbleiben! Der Leutnant *&nbsp;*&nbsp;*, der immer sehr nett zu mir ist und meine
-Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir diesen Posten angetragen;
-ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt hätte, wohl ausschlagen können, aber nach
-meinen Prinzipien, hier im Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte
-ich sofort ein; ich dachte auch an Dich, &mdash; Du wolltest sicher lieber, daß ich im stillen
-<span class="antiqua">Hagéville</span> bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für mich werden; ich werde
-sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; denn im Herzen wär ich gern mitgezogen.
-Ob sie freilich sehr viel dort erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab
-<span class="antiqua">Mars-la-Tour</span> verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als
-Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem Einbruchsgebiet nie
-beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, daß sie abgeschnitten werden
-und diese strategisch schlechten Vorstöße einmal teuer bezahlen. So sehen wir
-wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter
-mit ein paar Mann hier. Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben
-müssen, sollen die Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-und die Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf
-diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar Einwohner
-sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, &mdash; die sind froh, wenn
-wir ihnen nichts thun.
-</p>
-
-<p>
-Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster zittern und
-klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit unsrer Weihnachtspost
-sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich wieder alles in Ruhe in
-<span class="antiqua">Hagéville</span> versammelt! Wir sind in den letzten 8 Wochen doch arg verwöhnt worden!
-Es kam mir heute vor, wie ein Alarm in einem Veteranenverein, &mdash; alte Leute,
-die sich nicht gern in ihrer Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!!
-&mdash; Also sei nicht ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir,
-&mdash; vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, &mdash; vor allem
-werde ich zunächst nichts von Dir bekommen!
-</p>
-
-<p>
-Gute Weihnachten! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-32">
-H, den 13. Dez. 1914.
-</h3>
-
-<p>
-L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz traumhafte
-Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß draußen, am
-Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm. Ich sitze viel in
-meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder an einem neuen Aufsatz.
-Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der Aufsätze nicht das Autorrecht verliere,
-sie nachher gesammelt herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite,
-wird auch Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch
-vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei *&nbsp;*&nbsp;*, der sich wohl
-darin auskennen wird.
-</p>
-
-<p>
-Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich sehne
-mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer bleiben. Monate
-zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann ist alles gut. &mdash; Draußen
-ist ein elendes Schweinewetter; meine Kameraden haben&rsquo;s nicht gut. Und ich sitz
-hier gemütlich im Trocknen; ich hab halt &bdquo;Glück&ldquo;, wird Maman sagen.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-33">
-H, den 15. Dez. 1914.
-</h3>
-
-<p>
-L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem
-Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen ziehen
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie füllt ein kleines
-halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen! Meine harmlose Aufgabe
-hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus, zum mindesten zu einem Transportproblem
-und Kunststück. Die Armeeabt. Gaede, der wir jetzt angehören,
-resp. die Division Fuchs, ist eine Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst
-Du Dich <em>gar nicht</em>. Ich sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu
-können; denn am ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden.
-</p>
-
-<p>
-Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher &mdash; zurück &mdash; kommt, also alles
-beim alten bleibt. Ich glaub&rsquo;s nicht; warte jedenfalls bestimmte Nachricht ab, ehe
-Du <em>Briefe</em> mit neuer Adresse schreibst.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-34">
-Metz 16. Dez. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h
-alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde
-etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war
-dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon gemütlich auf
-der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren. Die Adresse wird
-nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. &mdash; &mdash; Wir haben ca. 800 Weihnachtspakete
-als Transportgut!! Deines ist leider nicht dabei, kommt also am
-Postweg nach &mdash; aber wann?!
-</p>
-
-<p>
-Gute Weihnachtstage!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-35">
-Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und
-Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat
-natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen bringt,
-kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es wäre mir Weihnachten
-doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen dazusitzen. Allerdings esse ich
-die Sachen natürlich jetzt schon kräftig an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um
-nicht sofort damit anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise
-sehr anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher Quartierwechsel
-zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln. Von Koehler
-kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles andere, eine sehr
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen freuten mich so. Hoffentlich
-kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß auch in Deine Hände! Verlebe
-Weihnachten nur recht fröhlich und zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken,
-aber daß es verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg,
-das glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von Frankreich
-noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung hinauszuzögern, nachdem
-Rußland so versagt hat und die Kosten für Frankreich ins Ungemeßne steigen,
-wenn es den Krieg bis zum letzten Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo
-einen Sieg und Durchbruch der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen
-Umschwung der ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber
-ohne den Franz Marc.
-</p>
-
-<p>
-Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist wie am Anfang
-in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl wir nahe am Feind
-sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was &bdquo;Kaserne&ldquo; ist, wirst Du etwas nachfühlen,
-wenn Du jetzt vielleicht in der Max II. warst; <span class="antiqua">ça pue</span>, man ist völlig
-unfrei durch das Milieu, durch den Mangel an Originalität und Intimität des
-Milieus. Das Einzige, was mich freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde
-darin freuen und ins Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll
-gebaut. In den Ställen in <span class="antiqua">Hagéville</span> konnte man die armen Tiere kaum im
-Stall satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches Stroh;
-es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung mich nie dort aufhalten
-konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in der Dreckluft und Staub
-der Ställe sich immer neu infizierten. Mir blutete oft mein Herz um die armen
-Pferdchen. Und jetzt dieser Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht
-dabei; man erzählt, nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde <em>gelegt</em>
-und im trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde versöhnt
-mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens nicht, daß
-unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in Stellung war und
-<em>glänzend</em> geschossen hat, kehrt morgen schon wieder siegreich nach Mühlhausen
-zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch dieses kurze &bdquo;scharf schießen&ldquo; dieser Batterie
-einen neuen Lorbeer errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall,
-auch Metz, Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man
-glaubt kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen
-den Ausschlag gegeben haben.
-</p>
-
-<p>
-Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen Eindruck
-sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich drin las, haben
-in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt, das ich bei vielen seiner
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für das <span class="antiqua">eau de Cologne</span>, das mir
-recht wohlthun wird. Also den Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und
-unsrer sehnsüchtig aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles
-gut, nur um August werden wir zwei immer trauern.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe in den 3 stillen <span class="antiqua">Hagéviller</span> Tagen scharf an meinem Gedankengang gearbeitet,
-&mdash; nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen und ich entwirre es wie
-einen zerfahrenen Knäuel.
-</p>
-
-<p>
-Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und
-das kleine Bäumchen von Lasker. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-36">
-Mühlhausen, 22. XII. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter Adresse
-mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig erwarteten Brief über den
-Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, was drin steht, damals sehr
-gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine Gedanken so gut eingehen, es wird
-mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt arbeite und der viel schwieriges, wenigstens
-für mich schwieriges enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so
-ziemlich die Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich
-habe Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch erklärt,
-&mdash; es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen will. Die Verwirklichung
-meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in Bildern versuchen können,
-aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer kommen, die es in Literatur und Philosophie
-und Sitte verwirklichen, wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen;
-dieser kleine Kreis würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in
-Bewegung setzte. Daran denke ich gar nicht. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit zur
-Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich selber; denn
-es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und soviel ich merke, auch
-die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie die geringsten Unannehmlichkeiten;
-freilich bin ich innerhalb meiner Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung
-nicht ehrgeizig ist, &mdash; solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben!
-&mdash; Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden
-durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen lieben Brief
-lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren den Maler Helmuth
-ansahen, &mdash; ist es nicht komisch? &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-37">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-M., 23. XII. 14.
-</h3>
-
-<p>
-L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, &mdash; Kasernweihnachten;
-es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, Freibier, Tabak und
-kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr liberal die Kolonne versorgte. &mdash;
-Wir hatten gestern ein kleines Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung
-durch den General F., der sehr entzückt schien über &bdquo;die Bayern&ldquo;. Es
-scheint mir sehr sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist&rsquo;s
-ganz recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß die
-Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen aus dem
-Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird mir &mdash; politisch
-gedacht &mdash; immer rätselhafter, der selbstmörderische Drang ist stärker als die politische
-Überlegung. Es ist unheimlich zu sehen, wie die staatliche Interessenpolitik,
-die ein Werkzeug eines tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß,
-wenn dieser tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten &bdquo;Fehler&ldquo; in der Politik.
-Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, wenn auch
-unsere &bdquo;Interessen&ldquo; ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr ich&rsquo;s verlange!
-</p>
-
-<p>
-Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt einen
-ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte Entscheidungskampf so tief
-südlich abgespielt hat. Am russischen Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich
-ihn träume und deute, zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und
-Frankreich. Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel
-aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich immer
-und kann mir kein Bild davon machen.
-</p>
-
-<p>
-Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk an
-mich, an uns beide. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-38">
-Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht
-über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber nicht unter
-den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an mein Leben und
-unsre Zukunft &mdash; und Vergangenheit denken. Vergangen ist so viel in diesem Jahre!
-Das Haus &bdquo;Hinter der katholischen Kirche&ldquo;, das Haus in Bonn, Haus Kandinsky,
-nun auch Gendrin, &mdash; die Frauen sind überall dageblieben, aber der Sinn jener
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Häuser ist dahin. Wie glücklich sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste
-Insel in diesem Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten,
-daß uns und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage
-sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar nicht heim &mdash;
-schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so gesund geworden zu sein,
-daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue auch keinen Tag, mich ins Feld
-gemeldet zu haben. Ich wäre in München stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden
-gewesen und hätte für mein Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen,
-sicher nicht das gewonnen, was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen
-stiller und melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, &mdash; Du wirst es auch sein;
-die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie früher. Eine
-solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre, viel seltener sogar. &mdash;
-Was mir das Soldatenleben schwer machte, (&mdash; es wäre in München das Gleiche),
-daß ich neben und zwischen dem Dienst hindurch immer andere Gedanken und
-Pflichten im Kopf habe und den Dienst immer gegen meine Kopfarbeit und diese
-gegen den Dienst ausspielen muß. Ich beneide so oft meine Kameraden, die im
-Feld nur Soldaten zu sein brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und
-beschäftigt werden als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe
-wie sie. Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen,
-will es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten Gespräche
-denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und Hintersinn; hinter
-allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das Ohr und Auge bekommen
-hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge! Ich beginne immer mehr
-hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu sehen, ein Dahinter, das die Dinge
-mit ihrem Schein eher verbergen, meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen
-etwas ganz anderes vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es
-ja eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und Schwere, &mdash;
-wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die wissenschaftliche. Ich bin überzeugt,
-daß hinter dieser noch wieder eine und viele liegen. Aber diese zweite Deutung
-hat den menschlichen Geist mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die
-wir bis jetzt erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich
-auf ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem! An
-solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig Soldat sein und
-kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist wirklich oft recht schwer. Wann es
-wohl Schluß sein wird? Ich glaube immer noch an ein <em>plötzliches</em> Nachgeben
-der Franzosen, an das &bdquo;Wunder&ldquo; auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der
-Krieg selbst ist übrigens Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.)
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Sie werden plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die Engländer
-haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und Frankreich sich gegenseitig
-verbeißen und bis zur Verblutung schwächen. Ein ganz geschwächtes Frankreich
-ist das gefügigste Werkzeug der späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer
-den Krieg auch so in die Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit,
-denn hier liegen englische strategische Interessen. Am <em>Anfang</em> war das
-anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die Russen und
-Franzosen in der <em>Offensive</em> versagt haben, ist der Plan und die Politik der Triple-Entente
-längst dahin; sie besteht nicht mehr. England kämpft nur mehr für sich
-und profitiert von der Schwächung <em>aller</em> Staaten. Die letzte große Offensive der
-Franzosen seit dem 16. Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor
-Verdun sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte <em>genau</em> mit den Thatsachen,
-das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es wohl auch so
-sein. Frankreich <em>kann</em> nicht mehr lange standhalten. Ich glaube, ihr wunder
-Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche Durchbruch erfolgen; ein
-Aufrollen der französischen Frontlinie von Norden her scheint unmöglich. Freilich
-hab ich immer gedacht, daß die Ereignisse schneller kommen würden; aber <em>kommen</em>
-werden sie und mit ihnen der Tag, wo man &bdquo;<em>das Ganze halt!!</em>&ldquo; blasen wird.
-Dann komm ich wieder!
-</p>
-
-<p>
-Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo
-ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt gesund
-und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues Jahr uns allen!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-39">
-27. Dez. 14.<br />
-Bertschweiler (südlich Gebweiler)
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges zu
-sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit verbundenen
-Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute Mannschaft und Pferde
-bei uns ganz anders schont, als dazumal in den Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung
-und Kriegsunerfahrenheit viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze,
-sehr kleine deutsche Winkel, in dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert
-werden. Direkter Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die
-man, wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich unbehelligt bis zum
-Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der Infanteristen, deren Zeuge
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-ich gestern war, sind freilich grausiger, als ich sie je vorher gesehen. Ich war
-gestern Abend ganz erschüttert; der Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit,
-ja Freudigkeit für Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung
-ist natürlich auch das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen
-Verstande Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend besser
-als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo aus wir schossen,
-bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf vollbracht und mir ein
-schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald wie ein Stein, als schon um
-11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da schwere Artillerie den Ort zu beschießen
-anfing. Es ging alles in tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch
-einen kleinen Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie
-auch an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den Munitionsersatz
-wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der Staffel. Es war
-ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher Tag; dieses trockene Wetter
-ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch ja keine Gedanken über etwaige
-Gefährlichkeit meines Dienstes machen. Ich stehe sozusagen unter dem Schutz
-meiner Munition, die man natürlich um alles in der Welt vor direkter Beschießung
-behütet. Meine Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse
-ist notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen Sinnen.
-Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen und Städtchen,
-die man kennen lernt, der &bdquo;Impressionismus&ldquo;. Wir glauben nicht, daß wir sehr
-lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen an den meisten Punkten.
-Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr traurig im lieben Häuschen sitzt,
-ohne frohe Herzen und traure mit Euch. Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt
-froh, wie ich es auch thue und auf das Wiedersehen harre.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-40">
-Neujahr 1915.
-</h3>
-
-<p>
-Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als ich im
-ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind alle weiß, aber
-herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir tranken gestern so beträchtliche
-Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und taumelig einschliefen. Das famose
-Bett und richtige Mittagessen, das ich jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren
-Ernst des Krieges ab; ich bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt
-mehr in Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-im Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz neuer
-Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins Land kommt
-der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch der Franzosen,
-im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer Artillerie spielend (oder wie der
-amtliche Bericht sagt: &bdquo;leicht und unter schweren Verlusten für den Feind&ldquo;) zurückgewiesen.
-So war es vor Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der
-ganzen Linie und im Osten. Die 42 stehen <em>alle</em> an der Küste, dort oben wird die
-Entscheidung fallen, &mdash; wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die ganzen Operationen
-im Norden entziehen sich leider so ganz meiner Vorstellung. Die Äußerung
-von T. über den Handelskrieg mit Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit;
-ich bin neugierig oder besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.
-</p>
-
-<p>
-Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so geschützten
-stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich einmal wieder mit dem
-Kochler Zügelchen da hinaus und <em>heim</em>komme! Um unsre Zukunft ist mir nicht
-bang. Ich finde Menschen. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Fr.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-41">
-2. Jan. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist alles so
-verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war gestern Mittag und
-Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich sie bis jetzt noch nicht gehört
-hatte; alles zitterte und gellte. Eine Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger
-Krieg: von einem systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede.
-Meist lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß
-herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die &bdquo;Gänge
-des Duells!&ldquo;, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld reißt und er &bdquo;Ruhe
-haben will&ldquo; und er, nach Erkundigung der feindlichen Stellung durch die vorangegangenen
-Einzelschüsse, mit wahnsinnigen Salven losgeht; es kommt eigentlich
-darauf an, wer zuerst zu diesen Salven wirksam übergehen kann. Liegen die
-Schüsse gut, verstummt der Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten.
-Gestern sollen wir zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als &bdquo;Strafe&ldquo;
-schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem wir Thann
-in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht zu denken; und
-die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier kann nie eine große Schlacht
-oder Entscheidung fallen. Ich sitz in warmer Stube und schreib an meinem Artikel!
-&mdash; Alles Liebe und Gute &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-42">
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Bertschweiler, 3. Jan. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und
-während sie eilt, &bdquo;steht&ldquo; der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings
-an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. &mdash;
-Wie geht es wohl Euch? Ich denk so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich
-immer von daheim, selbst von meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem
-ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, &mdash;
-es kann nicht mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber
-das <em>Wie</em> des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-43">
-7. Jan. 15, abends.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner Beurteilung
-ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt jedenfalls sehr viel,
-meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und doch wußte ich&rsquo;s nicht zu
-ändern. Ich kann im Felde nicht anders schreiben, weitläufiger und begründeter.
-Er ist in unruhiger Zeit geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus
-ihm schon lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht
-und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den Krieg
-wären alle diese Gedanken nicht &bdquo;denk&ldquo;bar, z. T. noch gar nicht vorhanden.
-Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und Klee.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der
-Luft, aber es ist immer wie im März.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-44">
-11. II. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst nicht
-mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, so daß ich das
-Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser gebrauchen.
-</p>
-
-<p>
-Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. Bald
-werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, vielleicht auch
-schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf diese Tage gefreut und
-nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese kleinen Frühlingsfreuden in
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles,
-wir kennen jetzt bald keine Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können
-wir nicht Sieger bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird
-immer kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für <em>alle</em> Teile; der ganze europäische
-Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was man an kleinen persönlichen
-Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. Die Gedanken quälen mich oft,
-daß am Ende der <em>ganze</em> Leib unter der Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen
-wird. Das geistige Reich wird bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker.
-Um diese Zukunft ist mir nie bang, &mdash; aber was wir am <em>äußeren</em> Reich erleben
-werden, das können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu
-die kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen!
-</p>
-
-<p>
-Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle Sehnsucht
-hinein, aber auch allen <em>Mut</em>.
-</p>
-
-<p>
-Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine oft,
-ich bin auf der Alm!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich noch,
-die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-45">
-20. Februar 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß schneller, als
-ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich habe sie flüchtig noch
-einmal überlesen und erschrak manchmal über die Schwierigkeiten, die sie für den
-Leser bergen. Gedruckt werden sie ja natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in
-meinem Quartier (sie sind zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen,
-dessen Photographie von außen, Fenster <em>rechts</em> der Türe, ich beilege, in
-dem es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das Knie!),
-das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der Reinschrift, daß sie Dich
-nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und die einzelnen Gedanken meist so
-gedrungen, daß man schon jedes Wort klar lesen muß, um hinter seinen ganzen
-Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut
-nicht beurteilen; ich müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das
-Schönste wäre natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und
-Helene ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn <em>Du</em> es abschreibst,
-nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite einseitig
-(rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen setzen könnte, &mdash; oder
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, das erste wäre besser. Vielleicht
-ist ja auch gar nicht viel zu ändern &mdash; <span class="antiqua">tant mieux</span>! In einer Herausgabe großer
-klarer Druck; ob es gut ist, sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist
-mir jetzt nicht mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II
-das Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, wenn
-Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, das Buch
-<em>ernst</em>, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und nicht als &bdquo;Literatur&ldquo;.
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, neugieriger,
-als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige Schweigen
-der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach einem großen,
-weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, &mdash; aber bedenke, daß ich
-nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler bin; ich würde es wahrscheinlich
-nie können, und muß es Berufeneren überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer
-ich bin; der Leser wird sich von vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder
-<em>muß</em> es eben. Ich schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und
-um sie zu reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich überhaupt
-nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der Ergänzung durch meine
-ungemalten! &mdash; Werke. Nun hast Du wieder &bdquo;Stoff&ldquo; zum Leben.
-</p>
-
-<p>
-Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das Einzelne,
-wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in seiner vollen Form;
-ich hab hier keine Abschrift.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-46">
-21. Februar 1915.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war ungeduldig
-sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und nachkorrigiert, &mdash; ich
-möchte das lieber nach einer gewissen Pause machen, wenn ich etwas Distanz von
-der Arbeit habe. &mdash; Von Lasker bekam ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich,
-daß ihr die Menschen immer &bdquo;Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen&ldquo;. Sie
-war sehr krank. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-47">
-14. III. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....,
-</p>
-
-<p>
-heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen Zweigen
-mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, wie es jetzt
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben schon die Knospen
-an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon Blättchen, wie wäre es jetzt
-schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles recht schön im Gärtchen und genieße es,
-auch wenn Du allein bist. Was macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar
-da? Ist der Fasan wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir
-doppelt Lust, einen Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder
-knabbern, wenn der Schnee weg ist! &mdash; Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken
-willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur nichts
-über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart nach dem Heil
-und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden Zeiten; es sind keine
-<em>schöpferischen</em> Menschen. Mein Hauptgedanke ist jetzt: Entwurf zu einer neuen
-Welt; immer schaffen, <em>vor sich</em> arbeiten.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash;<br />
-Fz. M.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-48">
-17. III. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner &bdquo;Tierschicksale&ldquo;.
-Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es ist wie eine Vorahnung
-dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das
-gemalt habe! In der verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar
-wahr, daß mir ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik,
-solche Bilder <em>vor</em> dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem
-Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine Erinnerungen, wie
-es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. Ich wunderte mich zuweilen
-darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein muß. Aber diese alten Bilder des
-Herbstsalons etc. werden noch einmal ihre Auferstehung feiern.
-</p>
-
-<p>
-Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an Dich
-und Ried und die Rehe &mdash; über Euch allen stand sie auch, so fein und leicht wie
-ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so sonderbar klingt. An dieses
-Frühjahr werden noch Generationen denken; die ältesten Leute werden noch später
-von ihm erzählen; die Stimmung steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist
-Du glücklich Deinen Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich
-alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im
-Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash;<br />
-Dein Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-49">
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-27. III. 15.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf einen andern Ton
-gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft alles deprimiert sein. In mir
-tritt allmählich an die Stelle der sich periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen
-Stimmungen die &mdash; <em>Neugierde</em>. Ich werde allgemach <em>Zuschauer</em> dieses
-tollen europäischen Dramas; die Unberührtheit *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s!! usw. mache ich freilich
-nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so wie
-Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; buchtechnisch und
-als &bdquo;Klang&ldquo; <em>äußerlich</em> ganz verfehlt und innerlich verworren, weil voll Rücksichten
-und Verbeugungen vor Dingen, die im Grunde nicht das Geringste mit unserer
-persönlichen Aufgabe zu thun haben. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Ich werde auch nie an etwas
-Ähnlichem (wie den Plänen von *&nbsp;*&nbsp;*) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein
-Dinge &bdquo;bilden&ldquo;. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton
-möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil ist nach
-vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im toten Zirkel
-läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, die Art Bach&rsquo;s, dessen
-Musik im Grunde den <em>Hörer</em> nicht braucht, &mdash; im Gegensatz zu Wagner und
-Schönberg, deren Musik nur im <em>Zuhörer</em> lebt und auf dessen Seele lauert; ein
-ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; Dürers <em>meiste</em> Sachen (nicht alle,
-z. B. die Holzschnitte nicht) sind ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna&rsquo;s
-Bilder leben auch, wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man
-ihnen zufällig begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime,
-selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu angekauften Bild
-eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, ich glaube Nähe des Tiziansaales)
-Mann, Frau, Kind und Falke; ich glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie
-dieses wunderbaren Bildes.
-</p>
-
-<p>
-Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe ich
-natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. Aber das ist
-ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *&nbsp;*&nbsp;* vermisse. Du verstehst, wie ich
-das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen etwas so Wunderbares, daß
-ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die Folgerung eines schöpferischen
-Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch meine alte Abneigung gegen alles pedantische
-oder virtuose Spiel, das beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr,
-als einmal einen Komponisten spielen zu hören. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-50">
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-28. III. 15. Palmsonntag!
-</h3>
-
-<p>
-<a id="corr-34"></a>Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war
-noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung vorn; gestern Nachmittag
-und Nacht kamen wir in strömenden Regen und heute morgen ½ m
-Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr bekümmert drein. Es wird
-ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen Operationen hier zeigen dasselbe
-Bild wie überall in den Vogesen: ein auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten
-gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken
-des Feindes ist zunächst wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an
-die Aufgaben der Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht
-thun wir ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld.
-Was Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es erlebt
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die ewige
-Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es ist mir oft, als
-gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von menschlichen Existenzeinheiten,
-resp. Verschiedenheiten. *&nbsp;*&nbsp;* dient bei mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher
-Mensch), *&nbsp;*&nbsp;* ist hier Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, &mdash; alle sind so und
-so oft im Krieg vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße
-&bdquo;Situationen&ldquo;, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie &bdquo;sieht&ldquo;.
-Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen Typenkreislauf. Die uralte
-Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen
-hat für mich einen ganz neuen Sinn bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte.
-Es ist durchaus kein müßiger Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der
-künstlerischen Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. Wirkliche
-Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule Sehen des
-Typischen, das Sehen zwingender (und daher <em>richtiger</em>) Spannungsverhältnisse.
-Das Richtige war immer schon richtig, immer schon einmal da. Ich weiß nicht,
-ob es verständlich ist, wie ich mich ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes
-<em>Erlebnis</em>, keine Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte
-dafür finden; vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig
-möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache auszudrücken. Der
-Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den ich in diesem Winter
-außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich gewissermaßen ein Leitfaden, die
-Logarithmentafel dieses Gedankens: Die Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne
-und Sternbilder zueinander sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-ein aufgeschlagenes Buch des Lebens, der &bdquo;möglichen Situationen&ldquo;. Ich verstehe
-jetzt auch die vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube
-oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, die
-uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die Alten zogen soziale
-Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und Ursprung dieses mythischen Sehens
-ist gewiß derselbe.
-</p>
-
-<p>
-In acht Tagen ist Ostern, &mdash; verleb es friedlich und glücklich. Hoffentlich ist
-das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in diesen Tagen mit meinen
-Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei Dir und allem was zu <em>unserm
-Leben gehört</em> sein. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit liebem Osterkuß
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Fz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-51">
-29. III. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. Ich
-kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese kurze Karte nur
-um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig über Deinen Widerspruch
-bin, sondern nur <em>dankbar</em>. Über Kunst kann man nicht &bdquo;reden&ldquo;, höchstens über
-die <em>Mittel</em>. Es wird gewiß mein Fehler in den Aphorismen sein, daß sie durch
-sehr viel mißverständliche Worte und Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte
-ich die Kunst definieren, während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann
-(wie es Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite
-und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber daß die
-&bdquo;Form&ldquo; von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen hat, das scheint
-mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, beständigen Willen zur Form,
-den man immer wieder korrigiert, verwirft, neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt
-und Erfahrung, &mdash; ohne das geht&rsquo;s nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum
-Kern und auf die Form warten wie die Blumen auf den Frühling, das war und
-ist nie produktive Kunst. Das <em>Werk</em> freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen
-machen. Der Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre
-Nöte gehen ihn nichts an, auch unsre &bdquo;Mittel&ldquo; nicht. Ich schrieb Dir schon einmal,
-daß ich die Aphorismen eigentlich <em>nur für mich</em> geschrieben habe, und Du
-errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von meiner &bdquo;Romantik&ldquo;,
-die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie als unrein empfinde,
-zu befreien. Ich bin <em>sehr</em> neugierig auf Tolstoi. Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-derjenige, der immer <em>Zweck</em> in der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen,
-was ich als Phrase empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will
-Dir noch viel über alles schreiben: &mdash; Schreib mir einmal: ist *&nbsp;*&nbsp;* <em>produktiv</em>?
-<em>schafft</em> er wirklich oder <em>lebt er nur rein</em>? Ist er ein mehr passiver oder aktiver
-Geist?
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash;<br />
-Dein Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-52">
-30. III. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und machen
-mich <em>sehr glücklich</em>. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich immer an diesen
-Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden und später oft vieles zu
-lesen meinst, dem Du widersprechen willst und mußt und das Dir Angst macht,
-daß ich Dich vielleicht gar nicht verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du
-willst und die Wahrheit dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer
-wieder auf diesen Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe.
-Die Umwege sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche Verbindung
-mit dem Ziel; einer der <em>nur</em> lebt, und in Reinheit wie ein Eremit im
-Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des Seins (z. B.
-auch Ihr Frauen und Mütter) als ein <em>produzierender</em> d. h. &bdquo;<em>sich quälender</em>&ldquo;
-Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin mir bewußt, daß viel
-Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B. auch in den Aphorismen
-ist. In den letzteren vor allem. In einem thust Du mir unrecht, wenn ich
-auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu gegeben habe: daß Du denkst, ich
-rede von <em>Kunst</em>; ich habe bei meinem Reden nur die Form, d. h. die Mittel
-der Kunst im Auge; ob es nun eine &bdquo;Sünde wider den heiligen Geist&ldquo; ist, über
-die Form nachzudenken, &mdash; das ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten.
-So ohne weiteres wird mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder
-Bellini (erinnere Dich an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer
-des Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die
-<em>Form</em> gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst
-wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr tägliches
-Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht. Musikalische
-Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir in ihren <em>reinen</em> Gebilden
-(wie Bach, oder die drei letzten Symphonien Beethovens oder die katholischen
-Hymnen der früheren Italiener) ein Mysterium, über dessen formales Entstehen ich
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-mir keine Gedanken zu machen getraue (ich will es auch gar nicht), &mdash; während
-mir sentimentale oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder
-auch reine Musik sentimental gespielt, <em>gar keine</em> Freude macht, schon aus dem
-Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher gewisse
-Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch noch mit Recht
-aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das was ich in den
-letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich noch, wie ich einmal
-dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest damals darüber, August war
-dabei), weil Mozart sich reiner, unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich
-ihn kenne, freilich nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade
-<em>deswegen</em> unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist und nicht naiv,
-wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht, wie ein Rokokozierat,
-<em>sehr reines Kunstgewerbe</em>. Das gibt es freilich heute nicht, außer vielleicht in
-Picasso und manchem Légers, überhaupt den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung
-vor dem Entweder-Oder. Und darum hast Du so recht mit Deiner
-Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn
-ich Chinese bin, sage ich es chinesisch, wenn ich 1915 lebe, &mdash; 1915. Das ist so
-wahr, aber leichter gesagt als gethan, <em>nämlich das &bdquo;1915 leben&ldquo;</em>! Dazu muß
-man vielleicht die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig
-<em>viel umfassen</em>; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der Luft. Man
-darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein frohes Evangelium
-in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und vielleicht K. thut und mit Euch
-viele reine Künstlerseelen, die nie zum <em>Schaffen</em> kommen, weil sie vielleicht <em>zu
-rein</em> und keusch sind), sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins
-bet ich freilich: daß der &bdquo;Betrieb&ldquo; meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht
-mehr; und ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. <em>Der Gedanke an
-ihn ist mir gräßlich.</em> &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für Dich,
-daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher sehr gut brauchen
-können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was kostet; das macht nichts.
-</p>
-
-<p>
-Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute ist, &mdash;
-das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in meine Seele eingeht;
-außer man faßt den Begriff der Hingabe und Selbstverleugnung so weit, daß
-es schließlich ein Streit um Worte wird. Gerade <em>reine</em> Kunst denkt so wenig an
-die &bdquo;andern&ldquo;, hat so wenig den <em>&bdquo;Zweck&ldquo;, die Menschen zu einigen</em> wie Tolstoi
-sagt, verfolgt überhaupt keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt,
-stolz und ganz &bdquo;für sich&ldquo;! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber;
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi&rsquo;scher Gedanken; ich verachte sie
-gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach jahrelanger Pause; aber lies
-<em>Du</em> jetzt einmal &mdash; Nietzsche: Jenseits von Böse und Gut &mdash; Genealogie der Moral;
-der Antichrist und Morgenröte (bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du
-kannst es auch später einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser
-kurze Brief soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe, sondern
-zunächst und vor allem meine <em>freudige Zustimmung</em> zu dem künftigen Leben sein,
-das Du Dir für uns beide und mein Schaffen erträumst; Deine Briefe waren wirklich
-wie ein <em>Weckruf</em>; und dann kurze verstreute Gedanken, die mir zunächst beim
-Lesen gekommen sind. Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-53">
-Ostersonntag 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die Büsche am
-Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an die unzähligen Leberblümchen
-und Anemonen und Blättchen, die nun alle kommen; wie fabelhaft muß
-es sein, dies alles einmal wieder im Frieden beobachten und miterleben zu können,
-das große Wachstum unter dem fruchtbaren &bdquo;Osterwasser&ldquo;, das doch auch von
-jeher als besonders heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden
-Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu erregen und
-ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich immer etwas höchst
-Feierliches und Bewegendes, mehr noch als Weihnachten, vielleicht weil es in seiner
-Stimmung und Bedeutung heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir
-uns an allem freuen, so gründlich und feiertägig, als wir nur können. &mdash; Was ist
-wohl mit Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links
-stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich &mdash; unten, (Leibatmung);
-beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt doch noch geschützt
-hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind und oben gesund austreiben,
-kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig preisgeben; nur der Stamm selbst
-muß dauernd geschützt bleiben. Wenn doch die Obstblüte heuer wieder gelänge;
-Du mußt mir immer schreiben, wie es damit steht.
-</p>
-
-<p>
-Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr benötige, dazu
-leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für Dich; der Fuß ist gekittet,
-hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein paar Blümchen hinein.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-54">
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-6. IV. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir gar nicht
-sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und besonders künftig gehen will.
-Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, daß ich vieles von dem, was Du sagst,
-schon immer als tiefen Grundsatz, vor allem in meinem Verhältnis zu anderen
-Menschen, in mir getragen habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir
-während dieser Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst
-<em>dachte</em> ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich handelte nicht
-immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen muß. Der selbstquälerische
-Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege gehen, die vielleicht nicht
-nötig waren und meinem Schaffen mehr Hemmungen bereiteten, als Förderung
-und Reinigung. Hier muß ich umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen
-<em>Fühlen</em> kommen und mich immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube
-fest, daß es mir leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so
-vieles gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen
-schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt mir in der Erinnerung
-erscheinen, eine Art Abrechnung, ein zum-Schlußkommen einer unendlich
-langen, mich seit Jahren quälenden Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir &bdquo;äußerlich&ldquo;;
-wörtlich genommen ist es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis
-kann doch nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des
-Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier viele Worte
-zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit Worten keine Werke
-vorwegnehmen kann. Das &bdquo;lebendige Gefühl&ldquo;, von dem Du immer sprichst,
-versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben und an nichts sonst denken.
-Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu kurz, um sie an die &bdquo;Welt&ldquo; zu verschwenden.
-Was ich in Artikel I schrieb, scheint mir noch immer nicht &bdquo;ein unwahrer Trost&ldquo;,
-wie Du ihn zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung,
-trotz allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird,
-beweist mir an einem kleinen Beispiel, <a id="corr-38"></a>daß ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer
-und der <em>Reinigung</em>. K. hat wohl insofern recht, daß der Krieg jetzt doch
-nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; was man vorher in der
-Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; aber warum? Weil man die Verlogenheit
-der europäischen Sitte nicht mehr aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln;
-der Krieg ist ebensosehr Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa
-unterworfen hat, um &bdquo;ins Reine&ldquo; zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran
-ist, ist gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die sterbenden
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Krieger sind <em>nicht häßlich</em>. Da trügt Dich <em>Dein</em> Gefühl, weil Du nicht weit
-genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut es Dir möglich ist, wenn
-Du sein &bdquo;Bild&ldquo; nicht ertragen kannst, aber erkläre ihn nicht für eine Dummheit!
-Denn das bedeutet nicht: dem Krieg ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo
-doch etwas ist, und zwar etwas sehr Großes und Furchtbares.
-</p>
-
-<p>
-Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief
-von Lisbeth. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett.
-Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? Du
-schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr neugierig.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-55">
-7. IV. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel klarer
-und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; im Grunde drückst
-Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz klar und erschöpfend aus
-und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen daneben tappt, wenn auch oft
-vielleicht mehr durch die Wortwahl als den Sinn; ich erschrecke jetzt über manches,
-was ich geschrieben habe; das <em>muß</em> ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben
-und vom Kern der Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch
-ausführlicher; diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden zurückziehe;
-mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht ich verfehlte
-Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber vielleicht noch einmal arbeiten
-zu können, gerade auf Grund Deiner Briefe. Aber jetzt <em>noch nicht</em>. Sie sind für
-mich schon eine Art &bdquo;Werk&ldquo;, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann
-zweitens Dank für den <em>famosen</em> Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das
-was ich wollte. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, &mdash; das sind
-die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der vergiftenden Krankheit des
-Individualitätskultus zugrunde, am Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit,
-davon muß man gänzlich loskommen. Dann ist man frei und hat Boden
-unter sich.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-56">
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Fortsetzung am 8. IV. 15.
-</h3>
-
-<p>
-Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, was Du
-meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir meine freudige
-Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich immer noch dahin
-verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, was gewiß falsch ist. Form
-ist die natürliche Folge eines Gefühls wie die Haltung und Gebärde die Folge und
-Äußerung eines Charakters ist. Ein wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß
-mich so oder so halten, benehmen, kleiden, &mdash; er thut es eben. Das ist für
-ihn Selbstverständlichkeit, sogar <em>Unbewußtheit</em>. Im Ursinn und Prinzip ist
-es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven Kunst, (z. B.
-mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen usw. Mit der modernen
-Kunst (der &bdquo;modernen Menschheit&ldquo;), ich denke mir sie ungefähr ab 14. Jahrh.
-begann der sogenannte &bdquo;Fortschritt&ldquo;, ein ungeheures, auch heute noch lange
-nicht abgeschlossenes Streben nach Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten,
-aber auch allen Wundern Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in
-der Pinakothek hattest: es gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig
-<em>reine</em> Bilder. Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie,
-der rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: das Allzupersönliche
-(was sich in früheren Jahrhunderten in der sogenannten &bdquo;Schule&ldquo; ausdrückte,
-das Meisteratelier). Die &bdquo;keusche Majestät&ldquo;, die mir vorschwebt, ist genau
-die Abkehr von all diesen Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr
-von einer formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor
-sich gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht,
-auf dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen;
-z. B. den Aphorismus über das <em>Was</em> und Wie. Deutlich genug rede ich hier,
-daß nur der <em>Inhalt</em> (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das <em>Wie</em> ganz gleichgültig,
-oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes (Gefühles). Im Grunde stehe ich mit
-meiner Sehnsucht von jeher auf diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen
-Bildern; ich hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar
-nie das Verlangen z. B. die Tiere zu malen, &bdquo;wie <em>ich</em> sie ansehe&ldquo;, sondern
-wie sie <em>sind</em>, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles in
-mir kommt Deinen Ideen entgegen, <em>auch in den Aphorismen</em>; nur hab ich mich
-sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der innere Drehpunkt;
-ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar geworden, wie ich alles sagen müßte.
-</p>
-
-<p>
-Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der <em>ganz das
-ist, was ich wollte</em>. Schönen Dank. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir einfach
-flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu nehmen. Artikel II
-kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, wenn er <em>nicht</em> gedruckt wird.
-Die Gedanken über das Europäertum sind halb; wie Du ganz richtig sagst: auch
-noch zu sehr hinter dem europäischen Zaun, und eigentlich <em>nicht meine Sache</em>.
-Das ist mir der Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl &bdquo;unpersönlich&ldquo;
-und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden Gefühls ist ein Schema der
-direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da dieses Schema aber von tiefen, intuitiven
-(Volks-)schöpfungen abgeleitet ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst-
-und Gefühlswert. Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, &mdash; Du wirst es an
-der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine tiefe <em>Zustimmung</em>
-ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese &bdquo;Erneuerung im Geiste&ldquo;
-mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem möchte ich Dir einmal über die
-&bdquo;Natur&ldquo; schreiben (die letzten Aphorismen). Hier handelt es sich mir <em>nur</em> um das
-Lebensgefühl, das <em>Wie</em> ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, &mdash; es wird
-kommen, wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage
-kommen, versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann,
-gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt der armen
-Natur gegenüber.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-57">
-12. 4. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender erscheint
-mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den Aphorismen die Wahrheit
-an allen Seiten, ohne jemals das &bdquo;Eigentliche&ldquo;, Wesentliche zu sagen; sie bedeutet
-eine völlige Abkehr im Sinne des Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn
-die ganz vollzogen ist, kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll
-genug sind, um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird
-es <em>nicht</em> der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser gesagt: sie
-würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die reinliche Zurückhaltung,
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren abhalten. Nach diesem edlen
-Maßstab gemessen bleibt von der gesamten europäischen Kunst <em>äußerst wenig
-übrig</em>! Der entwicklungseitle Geist der modernen Jahrhunderte war der Kunst,
-wie wir sie träumen, allzu abhold. &bdquo;Kunst ist nur ganz selten da&ldquo;. Ich denke viel
-über meine eigene Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch
-bisher nicht schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der
-Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl für
-das Animalische, den &bdquo;reinen Tieren&ldquo; wegleitete. Der unfromme Mensch, der mich
-umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während
-das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom
-Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten, das mich noch mehr erregte;
-zum zweiten Gesicht, das ganz indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl
-ganz rein klingt. Ich empfand schon <em>sehr</em> früh den Menschen als &bdquo;häßlich&ldquo;; das
-Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel gefühlswidriges
-und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, aus einem inneren
-Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, Blumen, Erde, alles zeigte
-mir mit jedem Jahr mehr häßliche, gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich
-die Häßlichkeit der Natur, ihre <em>Unreinheit</em> voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat
-unser europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich ja
-von einem neuen Europa, &mdash; aber lassen wir Europa aus dem Spiele; Hauptsache
-ist <em>mein Gefühl</em>, mein <em>Gewissen</em>, wie Du sagst. Mein Gewissen sagt mir, daß
-ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen richtig und zwingend fühle;
-und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl ausgehe, sie mich nicht mehr angeht
-und berührt wie die Kulissen eines Theaters, mit der man eine Dichtung,
-drapiert. Die <em>Dichtung</em> selbst stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen;
-und will ich sie ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten,
-sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen gibt?
-Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er gefunden
-worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder verloren worden! &bdquo;Nichts
-konnten wir <em>zwingen</em> damit&ldquo;, &mdash; das wollte ich sagen, die <em>relative Erfolglosigkeit</em>
-jenes frühen Sieges wollte ich mit jenem Satz ausdrücken. Kandinsky
-ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit nah auf der Spur, &mdash; darum liebe ich ihn so.
-Du magst ganz recht haben, daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist,
-sodaß seine Gefühle nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich
-nervöse, romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und
-voll einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich
-jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, abstrakte Form
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-<em>nachdenke</em>; ich suche im Gegenteil sehr <em>gefühlsmäßig</em> zu leben; mein äußerliches
-Interesse an der Welt ist sehr keusch und kühl, sehr <em>durch</em>schauend, sodaß
-das <em>Interesse</em> sich nicht in ihr verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives
-Leben führe, um dem reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung
-zu geben. Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte
-Produzieren; das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen;
-ich hab oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der
-Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und befühle es
-zuweilen von außen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein Frz. M.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-58">
-13. 4. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist sehr
-alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, besonnenen Stil; die
-Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt sich aber natürlich nie nachbilden,
-da sie stets so vollkommen dem jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß
-man nie zwei gleiche oder nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried
-und wie wir das Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon
-ab, ob wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab
-ich sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist ganz
-erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen der Frühling
-mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als je in die Blumen und
-Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, irgend ein Gefühl von Mitleid ist
-immer dabei, eine Art Mitwissertum; man sieht sich einander an, stumm und mit
-der Geste: &bdquo;wir verstehen uns schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide
-stammen alle von ihr und kehren einst zu ihr zurück&ldquo;. Mit Menschen kann man
-fast nie so verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht
-noch bei Klee; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu
-sein; aber ich muß erst etwas von seiner <em>eigenen</em> Musik hören, auf die ich furchtbar
-gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr produzierender
-Charakter (&mdash; es steckt wie eine Krankheit in mir), daß mir harmlose Güte im
-Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und ruhiger werde; mir wurde bei
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-meinen Gedanken über K. so viel wohler, als Du schriebst, daß er ganz produzierender
-Mensch sei und sich quält, &mdash; dann geht es schon immer besser im gegenseitigen
-Verkehr. Ich werd ihn sicher gern haben. Ja, einen Freund haben!
-Wieviel hab ich heimlich um *&nbsp;*&nbsp;* gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten
-mußte! Mit Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz
-allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht mehr.
-Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch innerlich
-fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich jetzt an ihn zurückdenke,
-verrät es. August&rsquo;s Tod ist eine unersetzliche Lücke für mein Leben. Seine
-Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir herüber, &mdash; aber der Mensch!! Er war meine
-&bdquo;Erholung&ldquo; im Jahr. Wenn er da war, hatte man &bdquo;Ferien&ldquo;! Was wohl aus
-Lisbeth wird? &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Wenn nur *&nbsp;*&nbsp;* glücklich wiederkehrt! Das Schicksal
-abenteuert wirklich sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige
-Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie
-heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses Herandrängens
-an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das Ich erwacht
-und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen Finger oder Arm
-verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen Tragödie. Aber die Toten sind
-unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg kein Dichter und keine Musik hervorgeht,
-dann gibt es überhaupt keine mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf
-und meinst: ich fasle; aber ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht
-ist es auch so, daß ich ihn nicht anders sehen <em>will</em> oder <em>kann</em>; beim Anblick
-dieses Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur
-ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht kurzsichtig
-an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach dem Geist, der
-das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird hier
-nicht mehr lange dauern.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-59">
-18. IV. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum letztenmal)
-gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in dem Buche &bdquo;die
-Wahrheit&ldquo; oder wollen wir sagen: &bdquo;eine große Wahrheit liegt&ldquo;. Sie für uns oder für
-die Allgemeinheit, wie ich die &bdquo;Allgemeinheit&ldquo; fühle, aus diesem Buche herauszuschälen,
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-ist eine ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch
-sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch ist eine
-moralische Riesenleistung und es ist im Grunde selbstverständlich, daß er als Einzelmensch
-bei dieser Arbeit, bei der ihm <em>niemand</em> geholfen hat und die er mit den
-einseitigen Kräften seiner zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig
-und allzu persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem
-gar nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich habe, um
-einen <em>Maßstab</em> für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das Evangelium
-Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B. einmal das
-4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.) und 7.
-Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge oder Einwendungen
-gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den Maßstab der
-Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese Kapitel in ihrer atembeklemmenden
-Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig soziologisch, Weltverbesserer,
-Glücksschwärmer. Er sieht das &bdquo;Reich Gottes&ldquo; merkwürdig friedlich-ackerbaulich,
-als Glücksstaat, an und noch mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen
-Jesus gehalten ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und
-einen andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber &bdquo;die Welt ist
-tief; und tiefer als der Mensch gedacht&ldquo;. Das ist nicht Mystizismus von mir (oder
-Daumier oder Klee oder Archipenko &mdash; ich denke an die paar ganz ernsten Sachen
-von &bdquo;uns&ldquo;), sondern das ist unser heiligstes Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von
-solchen Menschen sagen, daß ihre Kunst &bdquo;nur um einiger weniger krankhafter
-Mäzene willen, die so einen Kitzel bezahlen&ldquo;, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt
-eine an sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den <em>Ursachen</em> der
-Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem Buch. Etwas anderes
-ist es, wo er behauptet, daß wir &bdquo;verbildet&ldquo; sind, Krankheits- und Dekadenzprodukte
-unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung
-ebensowenig vorschnell und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen.
-Daß &bdquo;exklusive&ldquo; Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen
-Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen Sucher,
-durch das &bdquo;Abstrakte&ldquo; allgemein Gültiges, Einigendes auszudrücken (denn diese
-Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern, <em>die stets bisher den persönlichen
-Einzelfall in der Kunst zu suchen gewöhnt waren</em>, so rätselhaften
-Werken), &mdash; das ist vielleicht eine ebenso wichtige und große Sache als die Einigung
-von Hunderttausenden auf die Melodie von &bdquo;stille Nacht, heilige Nacht&ldquo; oder die
-rührenden Volkslegenden und Märchen.
-</p>
-
-<p>
-Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen Entscheidung,
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens sein kann,
-und nicht das Resultat des &bdquo;gesunden Menschenverstandes&ldquo;, an den Tolstoi immer
-wieder appelliert.
-</p>
-
-<p>
-Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr, unabweislich,
-daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S. 245-46
-über die moderne Romanliteratur und Musik. (&bdquo;Jede Melodie ist frei und kann
-von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer gewissen Melodie verbunden
-und durch sie verbaut, so wird sie nur Menschen, die sich mit dieser Harmonie
-bekannt gemacht haben, zugänglich usw.&ldquo;) Oder: &bdquo;nehmen sie bei den
-besten Romanen unsrer Zeit die Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?&ldquo;
-Das gleiche ist von den Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das
-Gewicht auf das Wie und nicht auf das <em>Was</em>. Und bei uns Kubisten etc. ist
-das leider noch mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen.
-Wir <em>müssen</em> es uns aber in <em>jedem</em> Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke wird
-mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und fremde
-Arbeit beherrschen.
-</p>
-
-<p>
-Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist und
-bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh gewiß nicht
-weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh ist ja mit wenigen
-Porträtausnahmen für die Menge gänzlich unverständlich!! Warum? Meine Antwort
-ist: weil es nicht wahr ist, daß alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein
-müssen. Der Mensch ist kein einmal <em>festgelegter Typus</em>, mit dem man so einheitlich
-und über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung
-und der <em>Rangordnung</em>, die die physikalische Natur in allen ihren &bdquo;Betrieben,
-Werkstätten&ldquo; anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu können. Differenzierung
-und Absonderung scheint mir eher gerade der Schlüssel der menschlichen
-Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber nicht mit so wenig Worten reden.
-Jedenfalls ist für mich das christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler
-und herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist richtige christliche
-Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco, Delacroix wirken
-neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in ihrem Aufwand von großen und
-kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon
-herrühren, daß man zwei Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit
-<em>gleichem</em> Maßstab mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich
-nicht verleiten, all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele
-Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt wie das
-Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung und Hilfe als
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so thut er das wahrscheinlich
-auch aus der inneren Not seiner Entwicklung. Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt
-verpönen muß), Hölderlin, Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe,
-Drang nach Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann
-keine Spatzen anführen, &mdash; <em>er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon</em>.
-</p>
-
-<p>
-In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig gedacht;
-z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da besonders das
-berühmte <span class="antiqua">cis</span>-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von Joachim und später glaube
-ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es jedesmal langweilig, weil es mir
-ganz künstlich gemacht schien. Das erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm
-bin, es aufzufassen; das zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören;
-es ist inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite
-gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um mein Urteil
-zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den erotischen Einschlag in
-reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert, Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie,
-Michelangelo, die Griechen usw. so hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt
-er dazu, überall das Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch <em>krankhaft</em>
-von seiner Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen
-Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit aller
-Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der <em>Gesundheit</em> Tolstoischen
-Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die erotische Erregbarkeit und
-Leidenschaft sind Grundelemente des menschlichen Fühlens (gerade des einfachen,
-geraden Menschen), die man nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren
-<em>kann</em> und <em>darf</em> und <em>soll</em>.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">A propos</span>: ich bin Vizewachtmeister &mdash; nichts anderes. Deine übrigen Befürchtungen
-sind ganz grundlos. *&nbsp;*&nbsp;* bat um äußersten Preis von gelber Kuh; ich
-schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich unverbindlich für
-später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es mich für diesen Preis nur
-freuen.
-</p>
-
-<p>
-Gute Nacht, mit einem Kuß
-</p>
-
-<p class="sign">
-D. F.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-60">
-27. 4. 15.
-</h3>
-
-<p>
-Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt <em>muß</em> es vorangehen.
-Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich meine Wagen wieder
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg ist überdacht von blühenden
-Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige wiegen sich so seltsam im Nachtwind;
-ich muß oft an die längst entschwundenen Blütennächte am Athos denken!
-Ich bin glücklich, die schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben;
-damals stand wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, &mdash; heute hat
-das Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt den
-Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu Zettel in die
-Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine Gedanken bergen die für
-uns entscheidende Wahrheit, aber seine Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches
-Werkzeug, diese Wahrheit herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer
-gesunden praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige Probleme
-anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer wieder echte Wahrheiten,
-die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner logischen Schlüsse streifen,
-ohne <em>inneren</em> Zusammenhang. Du wirst mich schon verstehen, wenn Du das Buch
-mit meinen Bemerkungen nochmals liest. &mdash; Ich lege Dir einen Zeitungswisch über
-Händels Oratorien bei, &mdash; vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen
-im Auszug an.
-</p>
-
-<p>
-Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel durcheinander
-von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. wegen gewisser
-Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand gewiß bestimmte Nahrung
-zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei
-sein!! Aber ich bin jetzt voll Zuversicht.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Mit liebem Kuß<br />
-Dein<br />
-F.
-</p>
-
-<p>
-Grüße allseits!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-61">
-16. V. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L., &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; Um mich lege die Sorge wirklich ein <a id="corr-41"></a>bißchen ab. Mein verändertes
-mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder ausgleichen
-wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten Elastizität und Leidensfreiheit;
-ich bin nicht einmal nervös. Von irgend welchen Störungen, wie bei *&nbsp;*&nbsp;*
-ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es allerdings einer scharfen Selbstzucht (die
-*&nbsp;*&nbsp;*, wie ich ihn beurteile, sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen
-Herbstzustand so erholt habe. &mdash; Ein anderes Thema: &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Vieles geht mir ab; am meisten aber <em>Du</em>; und dann die Musik. Ich bin äußerst
-neugierig auf die &bdquo;einfachen Stücke&ldquo;, die Dir K. zum spielen gab. Ich werde mich
-zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. Musik und Malerei sind doch
-ganz gleich, &mdash; man muß nur das <em>Organ</em> haben, das diese Gleichheit mißt und
-erkennt; es ist auch nicht notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal
-erfaßt hat, daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr
-los. Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der <em>Vereinigung</em> der
-beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das grundverschiedene
-äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste zusammenzuschweißen,
-ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und einfach langweilig, das Gleiche zweimal
-vorbringen zu wollen oder gar von den grundverschiedenen Materialien ein
-Stück von da und eins von dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu
-wollen. Gar nicht zu verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B.
-Matthäuspassion oder ein vertontes Lied, &mdash; das ist genau dasselbe wie ein
-gegenständliches Bild; es bleibt ganz &bdquo;Bild&ldquo;, wie Musik ganz Musik bleibt trotz
-Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft unausgesprochen, &mdash;
-Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es abstrakte Bilder ohne Gegenstand;
-der steckt <em>immer</em> drin, ganz klar und eindeutig, nur braucht er nicht immer
-äußerlich da und augenfällig zu sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie
-sind im Grunde so einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es
-gibt da gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den
-Schaffensgrund in sich finden.
-</p>
-
-<p>
-Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-62">
-18. V. 15. Nachts.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....
-</p>
-
-<p>
-Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die mich
-unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz überraschend und entgegen
-meinen bisherigen Anschauungen über Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie
-Livingstones! Ich bin ganz erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (&mdash; es
-gehört nicht mir, schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch
-ganz armselig, &mdash; aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des wahren Genies,
-der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht seiner Idee trägt, ist so überwältigend,
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-daß die Form einerlei wird. Ich möchte kaum ein wissenschaftliches Buch
-über die Expedition Livingstones lesen, &mdash; allerdings wohl ein ausführlicheres als
-das vorliegende, vor allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones
-enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf
-es und schenke es Maman von mir aus, &mdash; später will ich es dann auch lesen. Von
-der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem <em>wahren Tolstoi</em> wieder viel
-näher gekommen. Das ist Größe und &bdquo;Poesie durch sich&ldquo;; die wenigen angeführten
-Worte Livingstones sind von einer so klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem
-Grabstein das Wort von der &bdquo;offenen Wunde der Welt&ldquo; oder die Worte S. 25,
-das ist ein Leben! da kann man von einer That reden. <em>Wir alle faulenzen.</em>
-Man muß sich <em>gänzlich opfern</em>; nicht: &bdquo;sich an die Säule seiner Idee lehnen,&ldquo;
-wie ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz tragen, an
-dem man für die Welt stirbt, &mdash; dann nur könnte einst auf unserem Grabstein die
-Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich geopfert: &bdquo;Ihr seid teuer erkauft,
-&mdash; werdet nicht der Menschen Knechte.&ldquo; (1. Corinth. 7, 23.)
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-63">
-Fortsetzung 22. V. 15.!
-</h3>
-
-<p>
-<a id="corr-42"></a>Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe
-auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend wie im Oktober-November,
-wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter ähnlichen Umständen. Es wird alles
-für mich immer traumhafter; wir hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt
-mit Blumen und trabten nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug
-aus Dante&rsquo;s Inferno; ich fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet
-und ich ja ein ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau <em>wo</em>; ich bin jetzt
-so oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man
-merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl ist
-aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger selbstquälerisch;
-vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das Leben in mehreren Falten nebeneinander
-durchleben kann und die Einheit von Lebensfunktionen nur sehr locker und
-fragwürdig ist. <em>Der Geist kann unbedingt auch ohne Körper leben.</em> &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-64">
-25. V. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe &bdquo;man sollte um der Sache willen, &mdash;
-um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört&ldquo; und daß ein solcher
-Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, daher auch gegenwärtig
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-die große Spaltung meines Wesens, die von dem ungewöhnlichen Leben und den
-ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander:
-das eine Leben des Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung
-ist und bei dem ich beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen
-unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, &mdash; das
-ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, &mdash; ich &bdquo;sehe&ldquo; uns plötzlich so, ganz
-genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch die Bewohner der Gegend
-durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach dem griechischen Hadesbild). Das
-sind gar keine <em>Erlebnisse</em> mehr für mich; ich <em>sehe</em> mich ganz objektiv wie einen
-Fremden herumreiten, sprechen usw.
-</p>
-
-<p>
-Das zweite Leben ist schon eher &bdquo;Erlebnis&ldquo;, die Gedanken an Europa, Tolstoi,
-August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken an die schon jetzt
-ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt
-täglich Zeugen sind), meine Briefe, &mdash; in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in
-die ich wenigstens zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach,
-auf beiden Füßen und <em>anwesend</em> fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei
-verliere, daß dies alles für mich nicht <em><a id="corr-43"></a>wesentlich</em> ist, nur Wege, Spaziergänge
-ohne Ziel, die man zur Erholung und &bdquo;um sich zu fühlen&ldquo; und um nicht unthätig
-zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause zurückzukehren, in sein eigenes
-gänzlich unsichtbares &bdquo;<em>Heim</em>&ldquo;. Und das ist das <em>dritte</em> Leben: das unbewußte
-Wachsen und Gehen nach einem Ziel; das Keimen der Kunst und des Schöpferischen,
-der Keim, den man nicht vorwitzig berühren darf. <em>Alles</em> andre wird für mich
-unwesentlich und gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte;
-wie der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, &mdash; und
-was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. Der wahre Geist
-braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, &mdash; vielleicht ist ein Körper seine äußerliche
-Bedingung (Incarnation), aber er ist nur wenig abhängig von ihm, kann sich
-von ihm zeitweise und besonders in seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von
-ihm trennen. Vielleicht wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken
-will, sie sind ganz spontane Erkenntnis, &mdash; im übrigen eine Erkenntnis, die
-durch alle Religionen geht.
-</p>
-
-<p>
-Diese Trennung ist keine <em>Bedingung</em>; in einem harmonischen Erdendasein wird
-sie überhaupt kaum fühlbar, &mdash; wenn ich nach Ried und zu Dir zurückkehre und
-arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei Personen wieder hübsch eng zusammenschließen.
-Aber gegenwärtig laufen sie einzeln!
-</p>
-
-<p>
-Wie geht&rsquo;s mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? Über
-den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Du bist enttäuscht &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;, &mdash; laß Dich davon nicht zu sehr in Deiner
-<em>offenen</em> Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen und &bdquo;vorsichtig
-sein&ldquo; kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig sein, immer wieder und
-immer noch einmal von vorn anfangen zu können, auch im Leben und <em>nie</em> etwas
-nachzutragen, (&mdash; eine ganz unnötige Last, die man da &bdquo;nachträgt&ldquo;). Ich lasse die
-Menschen nicht so schnell aus.
-</p>
-
-<p>
-Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, &mdash; wer
-weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und vielleicht trägt der eine
-und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die guten Schwälbchen sollen nur
-nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd ich immer neugieriger. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-Nun gute Nacht!<br />
-Dein Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-65">
-21. VI. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....
-</p>
-
-<p>
-Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-Aber niemand darf sich im Glauben, dem &bdquo;Wesentlichen&ldquo; näher zu sein, überheben;
-ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer
-Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort &bdquo;festgefahren&ldquo;.
-Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, &mdash; das ist etwas ganz anderes. Ich habe
-viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer
-noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit
-meiner Scheu, &mdash; sagen wir: vor &bdquo;Penzberg&ldquo; oder vor &bdquo;fremden Stuben&ldquo; auf sich
-hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das &bdquo;Gewissen&ldquo; siehst,
-ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man
-nicht &bdquo;festgefahren&ldquo;, &mdash; das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes
-fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs-
-oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen.
-Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, &mdash; aber nicht
-praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel
-darüber reden.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens;
-der schönste Friede war <em>immer</em> nur ein latenter Krieg; aber der <em>Einzelne</em> kann
-sich befreien und anderen dazu helfen &mdash; das ist der Sinn des <em>persönlichen</em> Christentums
-und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis,
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen;
-man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche
-scheint mir auch Deine &bdquo;Menschenliebe&ldquo;; was ist das? geht sie auf Kosten der
-&bdquo;Naturliebe&ldquo;? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, <em>wo</em> der Mensch steht im
-Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich
-noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute
-nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man
-ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr
-und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies
-Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer
-unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus
-Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein
-literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen
-Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich
-ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-1-66">
-23. VI. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L....
-</p>
-
-<p>
-heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere
-Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich langweilt nur
-mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher Offiziersgehalt meiner Dienstzeit
-gewissermaßen zusteht; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht leichtfertig ein für
-eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich interessiert. Ich kann ja immer
-noch nicht über den Krieg schimpfen und ihn hassen wie Du, &mdash; als ob die
-Menschen vor dem Kriege und nach dem Kriege und je besser gewesen wären. Was
-ist denn der Krieg anders als der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich
-ehrlicherer Form; statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf
-Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist kein <em>wesentlicher</em>
-Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben die Seele nicht. Den
-Tod als <em>Zerstörung</em> erkenne ich überhaupt nicht an. Der Tod Deines Vaters war
-mir doch noch furchtbarer und erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht,
-ob Du das verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft wäre
-oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle hierin, wie ich immer
-gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich schon immer früher über den Tod
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-sprach: er ist absolut <em>Erlösung</em>. Dazu braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal
-Buddhist, höchstens Christ. &bdquo;Tod, wo ist Dein Stachel?&ldquo; &mdash; Es ist nicht einmal
-wahr, daß ich mich &bdquo;an den Krieg gewöhne&ldquo;, wie Du annimmst; aber ich taste
-immer ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der Friedenszeiten.
-Ich glaube nicht an die &bdquo;menschenwürdigeren Zeiten&ldquo;, von denen Du so
-viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, &mdash; aber <em>immer</em>, im Frieden und im
-Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das kein Tod, kein Mord und kein Sterben,
-keine Wunden und keine Krankheiten bezwingt und das von Weltverböserung so
-wenig als von Weltverbesserung beeinflußt werden kann. &bdquo;Mein Nerv wurde hart
-in mancher roten schöpferischen Stunde&ldquo;, &mdash; vielleicht ist es das; denn ich bin sonst,
-als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; <em>Du kennst mich ja</em>. Aber
-wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächst<a id="corr-45"></a>besten christliche
-Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß meine rechte Hand nicht weiß, was die
-Linke thut, &mdash; nicht aber als Programm, als Welttendenz und um was zu bessern.
-Ich dachte auch viel über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von
-Assisi, Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner Organisation
-der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über Heidenmission
-auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger Sklaven? Werden die
-Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen ändern sich, sonst nichts. Es
-gibt nur einen Segen und Erlösung: den Tod; die Zerstörung der Form, damit
-die Seele frei wird. Du mußt nicht denken, daß ich die Bibel &bdquo;poetisch&ldquo; lese; ich
-lese sie als <em>Wahrheit</em>, wie ich Bach als <em>Wahrheit</em> höre und reine Kunst als
-<em>Wahrheit</em> sehe. <em>Kannst Du</em> mich verstehen? Ach könntest Du doch!
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">A propos</span>: zum Leben zurück: &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Ja, das Leben! und die Menschen!
-sie können einem <em>sehr</em> leid thun, aber man kann sie nicht bessern. Wir müssen auf ein
-anderes Leben warten. Für manche brennt das läuternde Fegefeuer schon hienieden
-&mdash; hoffentlich gehören wir zwei unter diese &mdash; manche und die meisten leider &mdash;
-spüren hienieden davon noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag
-ich mich jetzt so oft! <em>Dich</em> glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige,
-nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu vor den
-Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich möchte sie Deinem
-guten Herzen ersparen und Dich gleich zum <em>Wesentlichen</em> wenden.
-</p>
-
-<p>
-Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob ich&rsquo;s
-erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, gestammelt.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash; &mdash;<br />
-Frz.
-</p>
-
-<div class="part">
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Nach dem ersten Urlaub.
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-1">
-Straßburg, 17. VII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage innerlich doch
-schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt auch; auf allen Stationen
-derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, &mdash; die weite Spanne des Lebens
-immer in einen einzigen Blick gepreßt. Aber ich trage so viele freudige Erinnerung
-an die Liebe in der Heimat mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein
-Segen sind; sei nicht traurig, daß ich in vielem so schweigsam war, &mdash; ich konnte
-nicht anders. Ich konnte mich nicht hingeben und <em>frei fühlen</em> &mdash; auf Widerruf!
-Erst wenn ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen
-besseren) wieder ganz haben.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Mit tiefem Kuß<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-2">
-21. VII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue reine
-Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal wieder so gut
-haben wird, an solchem Orte und <em>mit Dir</em>, ohne fremden Zwang und nur seiner
-eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand in den kurzen Urlaubstagen
-alles so tief und entscheidend, &mdash; tiefer, als ich dem Ausdruck geben konnte und
-auch mochte; denn diese Empfindung konnten Worte nur matter machen und nie
-ganz aussagen. München interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in
-seiner Trauer; aber im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich
-nur halb angeht und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei
-Wolfskehl fühlte ich etwas <em>Liebe</em>, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.)
-Und <em>ganz Liebe</em> fühlte und fühle ich für <em>Dich</em>, mein gutes liebes Lieb. Ich
-weiß, ich war so schweigsam, &mdash; Du frugst mich so oft; ich konnte dir gar nicht
-richtig antworten und sagen; &mdash; später fiel mir&rsquo;s auf die Seele, Du könntest am
-Ende traurig sein; leb nur fröhlich in Gedanken an mich und an unser kommendes
-Leben.
-</p>
-
-<p>
-Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es schon
-nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches Dasein, dem man
-gehorcht. &bdquo;Der gute Soldat wider Willen&ldquo; wäre kein schlechtes Thema für einen,
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-der philosophisch genug wäre, die ganze Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen
-Zustandes zu begreifen. Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne,
-daß der Deutsche sein <em>Land</em> und seine <em>Arbeit</em> verteidigt, seine Mission fühlt, aber
-den Frieden im Herzen trägt, &mdash; keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester
-Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in
-diesem Kriege persönlich und als Volk &bdquo;sühnt&ldquo;. &mdash; Wir sind wirklich <em>alle</em> schuld
-an diesem Krieg; &mdash; das ist auch der eigentliche Grund, warum es uns so auf die
-Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, als ginge ihn der Krieg, auch
-als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er dem bedrängten Vaterland nicht zu
-Hilfe eilt, sondern weil er sich einer Sühne entzieht; das &bdquo;verstockte Herz&ldquo; des
-Evangeliums. Ich lese hier Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe
-Band II auch zu Hause. Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht,
-laß es; dann bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las
-Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur aus der russischen
-Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit deutschen Typen gespielt würde
-gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang
-her, um die Aufführung aus der Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie
-mir; aber wahrscheinlich war sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die
-Übersetzung ist ganz miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre
-jedenfalls die Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was
-macht der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt
-und thut.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-3">
-29. VII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das &bdquo;Pferd&ldquo;
-ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen (gebunden).
-Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). Aber Du erinnerst
-Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin von der prähistorischen
-Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich jetzt sehr ab und ich
-hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in einem neuen Quartier, näher dem
-alten Herbstquartier, landschaftlich ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung,
-gänzlich unkriegerisch. Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, &mdash; Felderbau!
-Ich bin über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett
-vermisse; hier ist es äußerst primitiv.
-</p>
-
-<p>
-Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in Menschennähe.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die sich schon
-sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, &mdash; man guckt die ganze
-Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel.
-</p>
-
-<p>
-Schreib mir von Euch und Ried.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-4">
-30. VII. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-Was ist *&nbsp;*&nbsp;* für eine merkwürdige Seele; wie <em>verschieden</em> sind überhaupt
-die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem letzten
-tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (&mdash; Du nennst diesen heimlichen Punkt:
-Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert ganz genau und scharf nur vor und
-nach dem Leben; während des Lebens ist er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr
-oder weniger von der Stelle gerückt; solange das Leben kreist und das Blut
-pocht, findet dieser Punkt keine Ruhe; <em>niemand kann ihn genau ins Auge
-fassen</em>; und die es sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde!
-Ich bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, &mdash; denn es gibt mir
-eben das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und <em>arbeiten</em> muß, unaufhörlich,
-gegen das Ungefähr, bis wir sterben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt <span class="antiqua">Haumont</span>; an den Etangs von <span class="antiqua">La Chaussée</span>
-gelegen; ein Stündchen von <span class="antiqua">Hagéville</span>; zwischen <span class="antiqua">Hagéville</span> und <span class="antiqua">St. Bénoit</span>. Wir
-haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir sind ja auch um ein Stück
-weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei Fliegerstationen. Den ganzen Tag
-surren die Flugzeuge um uns herum; es ist beständig was los in der Luft. Und
-wenn keine Apparate fliegen, wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den
-Feldern und Sümpfen. Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher
-Moorunken, dem Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich,
-alles ganz verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen,
-Parks von <span class="antiqua">St. Bénoit</span> waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein bißchen wie der
-Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne Mückenschleier ist hier natürlich
-kaum zu schlafen; der meine ist famos, wenn Du genug Zeug hast, fertige
-noch zwei; ich möchte sie Kameraden schenken.
-</p>
-
-<p>
-Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang;
-keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika nicht.
-Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute innere Logik; die
-Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen die &bdquo;Regierenden&ldquo;. Was heute
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-alles geschieht, werden die Völker nie vergessen; der Boden für die großartigste
-Bewegung des vierten Standes wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch
-diese Vorgänge nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf
-denken kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas trunken.
-Ich ersehne nichts als die <em>Heimkehr</em>.
-</p>
-
-<p>
-Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-5">
-29. VIII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, &mdash; weißt Du noch, wie ich
-in der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit
-dem Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und Vorwürfen
-viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt die Schuld
-in der <em>Gesamtheit</em>, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten <em>jedes Einzelnen</em>
-zu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker gesetzt, sondern die Völker
-haben sich Regierungen geschaffen, die das Verhalten des Einzelnen autoritativ
-decken. Du hörst ja unser Volk! Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken
-muß man mit der Arbeit einsetzen, nicht an der Politik. &mdash; Ich schreib
-Dir nächstens ausführlich. &mdash; Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben
-doch einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der Mäuse?
-Welf wird ihm nichts thun. &mdash; Spielst Du? Mir geht es jetzt wirklich gut. Du
-kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken. Heute schrieb Deine Mutter
-eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des Gutes, &mdash; das hat mich auch tief
-wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das alles? Wo sind die Jahre? &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-6">
-4. Sept. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du
-auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden Ton
-bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann man
-nicht reden; ich sehe trübe, &mdash; andre sind äußerst optimistisch; alles Reden ist aber
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist man sicher nicht normal, &mdash;
-<em>keiner</em> von uns; aber ich denke: die Anormalität des Empfindens ist kaum mehr
-als eine von den Weltumständen aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon
-wird sich dessen auch kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage
-wechselt. Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man im
-späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und <em>Regie</em>, <em>Betrieb</em>
-und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den heiligen Geist empfinden
-wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-7">
-9. IX. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. Die
-Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. Letzthin zogen
-viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. &mdash; Von Hertha
-kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer noch an und beschäftigt
-uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen der Gesellschaft nur angenehm.
-Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! Hier ist es schließlich auch schön,
-aber man fühlt alles nur halb und unrein.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-8">
-12. IX. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit
-einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir den 4.
-Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, &mdash; wir sprachen ja
-einmal davon, &mdash; ich brauch also jetzt keins mehr!); daran anschließend ein kleines
-energisches Jagdreiten über Hürden und Hindernisse und Abschiedsbankett &mdash; das
-ist der Krieg!!! Ende September soll dann das Examen sein (vor fremden Herren);
-danach dann die für die Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann
-nicht sagen, daß mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so
-fad und unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles
-interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als peinlich.
-Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder auseinandergeht; hier bleibt
-nur *&nbsp;*&nbsp;*, der mich gar nicht interessiert. Du sprichst von fehlenden &bdquo;Verbindungen&ldquo;;
-das ist natürlich sehr richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten
-hin: schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist,
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-kann man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern
-abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie *&nbsp;*&nbsp;* und
-Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, bis dieser
-unglaubliche Krieg herum ist.
-</p>
-
-<p>
-Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal:
-ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder Großfürst &mdash;
-wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen wohldurchdachten, begründeten
-Schluß ziehen über die <em>wirkliche Lage</em>! Es ist allerdings ärgerlich und blöd,
-daß man so stumpfe Sinne hat, es nicht zu können! Mein Ausdruck &bdquo;Thema&ldquo;,
-als ich vom Krieg als Folge des deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte
-an sich zu reißen schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun.
-Ob Deutschland fähig gewesen wäre, ein &bdquo;geistiges Gegengewicht&ldquo; zu halten, erledigt
-sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies eben <em>nicht</em> gethan
-hat, &mdash; das ist eben die Tragik des deutschen 19. Jahrhunderts. Wer aber kein
-Kaufmann und Industrieller werden will, wer das alles <em>haßt</em>, ist und wird heut
-eben <em>Widersacher</em>, &mdash; er <em>darf</em> nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so
-vollkommener Deutscher im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer,
-Dichter und Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe
-und Hölderlin und Nietzsche, &mdash; nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht
-die Slaven, speziell die <em>Russen</em> heute schon bald die geistige Führung der Welt
-übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in kaufmännischen, kriegerischen
-und protzigen Händeln unrettbar verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die
-Russen gar nicht näher begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer
-zu. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung
-nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße
-Muttchen herzlich, auch K. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-9">
-18. IX. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht mehr
-verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt nichts Trostloseres,
-Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu sprechen; und über etwas anderes kann
-man schon gar nicht sprechen; das wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv;
-keiner glaubt mehr voll an die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen;
-&bdquo;denn es ist ja &mdash; Krieg!&ldquo; Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich
-das menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht <em>aus</em>-denken,
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul Rohrbach &bdquo;Bismarck
-und wir&ldquo;, &mdash; merkwürdig ungeistig; einfachste Realpolitik, die jedem zugänglich,
-der ein bißchen auf die Karte sieht: die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland
-resp. Türkei usw.!! Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der
-Mensch &mdash; <span class="antiqua">homo sapiens</span> &mdash; englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß
-unter allen Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg
-als <em>menschliche</em> Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder türkische oder
-deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine schönsten Blüten treibt.
-</p>
-
-<p>
-Kriegs<em>gegner</em> sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit ihren einstigen
-Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber sobald sich solche
-Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre Gedanken einigen wollen, geraten
-sie sofort in den schwersten und aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel
-ihre Zungen leitete.
-</p>
-
-<p>
-Eben trifft *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s Brief ein; das ist <em>sehr</em> anständig. Und Deine Wintersorgen
-bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz unglaublich, wie sehr
-das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen läßt. Stahl spricht ja gerade von
-dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von Ungeist Gewinn ziehen und &bdquo;leben&ldquo;, nur
-wo der Ungeist, die Dummheit und die Interessen auf den Plan treten, ist <em>Wirtschaft</em>
-möglich. Traurig. Ich schäme mich. Nun für heute genug. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein Frz.
-</p>
-
-<p>
-Gruß an Maman.
-</p>
-
-<p>
-Streichle Hanni und die Kleinen.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-10">
-23. IX. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet. Ich
-zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns sein Tod auch
-tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir wohl wieder den Eindruck
-einer <em>sehr</em> begrenzten Begabung; aber innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens
-eine großartige Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht
-Form oder Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke
-oder Stephan George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter
-Marmor, den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er <em>war
-schon am richtigen Wege</em>. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch
-eines Größeren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr Rilke
-und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören, als letzte sehr
-reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver, weniger abgeschlossen.
-Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal und Besseres schafft; und daß
-es um so urwüchsige und ehrliche Naturen wie Stramm sehr schade ist, wenn
-auch sein zeitiger Tod wohl <em>Schicksal</em> ist. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und nun für heute Schluß! Mir geht&rsquo;s famos. Gruß an Deine Mutter, Niedmanns,
-K. und meine Tierlein.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-11">
-24. IX. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was
-Ihr von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; was Rußland
-heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen Friedensverhandlungen glaub ich
-<em>nicht</em>; aber ich glaub, ich schrieb Dir schon einmal: ich laß mich gern &mdash; überraschen.
-Von der Stimmung im Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben &mdash;
-&bdquo;Belagerungszustand&ldquo;, &mdash; Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, &mdash; alles.
-Verlier nur die Freude am Garten etc. <em>nicht</em> &mdash; das hat doch auch <em>keinen</em> Sinn.
-Gegen Mäuseplage im Garten streut man am besten <em>Giftweizen</em>. Ein Hund
-rührt ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran kommen.
-Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin entschieden dafür,
-Welf wegzugeben.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-12">
-30. IX. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es doch
-die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, so daß es
-keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit schmerzte mich darum
-tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel gestreichelt und getröstet werden
-müssen für sein Kinderleiden. Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich
-könnte auch nicht mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in
-Planegg vor dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz richtig.
-Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff der
-Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. &mdash; Heut kam auch Dein Paketchen mit
-den Socken, Handschuhen und einem Paar <em>ganz famoser</em> Pulswärmer, die mir
-sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer halten als die
-kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; solange ich hier im Kasino
-esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, und da ich ja fast nichts trinke, genügt
-mir meine Löhnung so ziemlich. Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine
-Schwierigkeiten; jetzt, in diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab
-wenigstens keine Lust. Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit
-noch zwei (*&nbsp;*&nbsp;* und *&nbsp;*&nbsp;*) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die
-beiden mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen Übungen
-verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu <em>einer</em> auf die Dauer <em>bis</em> zu acht
-Wochen (&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;). Ob wir nun vorerst Offiziers-Stellvertreter werden,
-wissen wir selbst nicht. Prüfung wird wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich
-glaube <em>nicht</em>, daß man mich eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht
-für dauernd. Unsre Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und
-<em>muß</em> noch einen Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr
-recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese Beförderungsgeschichte
-schon <em>sehr</em> angenehm.
-</p>
-
-<p>
-Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre Stellungen
-da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, aber <em>werfen</em>
-können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind immer beiderseits. Wie
-mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er stand nicht weit von der
-Haupteinbruchstelle.
-</p>
-
-<p>
-Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. &mdash; &mdash; &mdash;
-Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien heut auch eine
-lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es ist mir so fad und
-alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder selbst auch; ich kann mir,
-auch die guten, kaum mehr vorstellen. <em>Behalte</em> diese ganzen Besprechungen.
-*&nbsp;*&nbsp;* braucht sie nicht, glaub ich; oder wirf alles weg. &mdash; Du sollst keine
-Kopfschmerzen haben! &mdash; Das Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese
-Worte hören! Dieser Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig
-schwer; ich werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist
-wenigstens eine <em>abstrakte</em> Beschäftigung wie das Schach,
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-13">
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-1. Okt. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders
-auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen Koffer, den ich
-mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer mit Eisenbeschlag), in den
-viel hineingeht. Ich schrieb Dir schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung
-zum Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das
-Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die ministerielle
-Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das Angenehmste ist obendrein,
-daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche weder eine Prüfung zu machen, noch
-Referenzen einzureichen. (Dies mag vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich
-einmal erwähnte, daß Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) &mdash; Schick
-mir mal den Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. &mdash; Als Offiz.stellv. habe ich
-monatlich &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen kannst Du jetzt
-wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial und was sonst fürs Häuschen
-nötig ist, knausern; auch nicht mit München fahren, soviel es Dich freut. Hilf
-auch *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s aus, wenn sie es nötig haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen
-einmal, wenn ich das Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll;
-was meinst Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch
-die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und sollten das
-wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember kannst Du auch
-sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. Erstens werden da event.
-dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr so traurig bewahrheitet haben, umgehen,
-andrerseits werden, wenn kein Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das
-Urlaubsvorrecht beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan
-ist <em>jeder</em> Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie
-lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als Offizier ganz
-andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine Bitte: bestelle &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-Nun genug von diesem Militärzeug!
-</p>
-
-<p>
-Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen.
-Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und Schlick
-durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr energisch, daß die Tierchen
-vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich mir, man pflanzt einmal auf der
-langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und kleine Tännchen und zieht einen zweiten
-Innendrahtzaun. Ich glaube diese eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite
-dann eventuell nur die Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht
-hübsch aus und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man macht
-sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den kürzeren. Es wird
-ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles Angepflanzte <em>immer Gewinn</em>. Wir
-müssen unser Leben in Ried so einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit
-den Bauern haben. Wir können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß
-sie uns auch die Tierchen nicht stören können.
-</p>
-
-<p>
-Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand.
-Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die Offensive endlich ausgebrochen
-ist, &mdash; die Hoffnung, daß sie die Kriegs<em>entscheidung</em> bringt, ist doch wieder sehr
-lebendig geworden. Die Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber
-niemand sieht einen anderen Ausweg; der <em>Einzelne</em> natürlich, aber nicht als Volks<em>ganzes</em>;
-da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von heut auf morgen
-auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser Land. Nötig dazu wäre
-eine Verständigung von Volk zu Volk, &mdash; aber wie eine solche heute anbahnen?
-Man darf über das alles nicht leichtsinnig und dilettantisch urteilen. Ich halte
-die Dinge streng auseinander; dem rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant
-in die Räder greifen wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht
-zur <em>Quelle</em> des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück.
-</p>
-
-<p>
-Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft.
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-14">
-2. X. 15.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie ist schon
-sehr fein, aber sie hat mich doch nie <em>ganz</em> gefesselt, ich weiß nicht, woran es lag.
-Der schöne Vers von Rilke ist ein echter Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl
-eine Manier durch, die seinen zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht
-nimmt. Ist Novalis interessant? &mdash; Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit!
-Diese lange, lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu
-sagen, keine sanften pastoralen Klänge. &mdash; Grüße alle! Mit liebem Kuß
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-15">
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-5. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-wenn sich die Rehchen <em>strecken</em>, ist es ein <em>sicheres</em> Gesundheitszeichen; das gilt
-auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im Kot <em>nachweisbar</em>; wenn Du keine
-findest, haben sie auch keine. Doktor Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich
-kenne die Besprechung in der Frankfurter Zeitung. &mdash; Lisbeth sandte mir wieder
-ein Paketchen, ich lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch
-das Lebendige, Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm
-darum zu überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält
-einen gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen
-Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller als die reifsten
-Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder Kokoschka, &mdash; selbst wenn mir
-letztere <em>vorübergehend</em> genußreicher und lesbarer sind. Ich würde mich nur
-freuen, wenn Du es unternähmst *&nbsp;*&nbsp;* direkt oder indirekt zu antworten; auch
-wenn es beim <em>Versuch</em> bliebe. Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam.
-Die Sprache ist doch ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich
-schon Genuß und Gewinn ist.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-16">
-Fortsetzung. 6. X. 15.
-</h3>
-
-<p>
-Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies es
-auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme Journalistik;
-aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist und Sinn. Die Darstellung des
-fridericianischen Problems ist sehr interessant. Vieles des heutigen Krieges wird
-klar, wenn man das weiß, was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt
-werden, um einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der
-Mensch ist, &bdquo;<span class="antiqua">la bête humaine</span>&ldquo;, wie Zola so gut sagte. Schick mir das Buch
-zurück, es gehört *&nbsp;*&nbsp;*.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, &mdash; am Balkan!! Da
-drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug waren unsere
-Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die Welt zu erklären. Wir
-haben Himmel und Hölle entvölkert, bilderstürmerisch, &mdash; aber auf Erden, in unserm
-Blut, leben dieselben Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die
-Kunst wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird
-mit dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig.
-</p>
-
-<p>
-Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-17">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-9. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, mit ihrem
-Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen Frankreich. Unser Leben ist
-umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für mein Gemüt nichts Fürchterlicheres
-als den seltsamen Blick dieser alten, über alle Vorstellung vereinsamten Greise und
-Großmütter Frankreichs. Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen
-Traurigkeit. Helmuts Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und
-kommt durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es hilft
-kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den paar Regierungsmännern
-die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu wollen. <em>Jeder einzelne
-ist genau so schuldig.</em> Was versteht der einzelne unter &bdquo;Frieden&ldquo;??
-Das begierige Wiederaufnehmen desselben friedenswidrigen sündlichen Lebens und
-Strebens, das diesen Weltbrand erzeugt. Die Axt muß an die <em>Wurzel</em> gelegt
-werden. Ich finde, Du redest Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen
-ganz falschen Demokratismus hinein.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, &mdash; ich
-zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in Berlin!!! Das
-würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn &mdash; vielleicht; erholen würdest Du
-Dich auch dort kaum. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal wieder die
-Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich werde hier so oft
-drum gefragt, wie es aussieht &mdash; etc.
-</p>
-
-<p>
-Nun Schluß.
-</p>
-
-<p>
-Mit vieler, vieler Sehnsucht
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein tr.<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-18">
-13. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; sie
-ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre großen Schwächen
-triumphiert. &mdash; Symptomatisch interessant ist der jetzt (im selben Blatt) lanzierte
-Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen vollzieht sich, meine ich, der entscheidende
-Umschwung, &mdash; das Ende des Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-seh ich jetzt voraus. Ich bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch
-in Serbien ist vom deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet,
-genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;. Ich
-halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das Ende erleben
-werden, &mdash; wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit der Entente am
-strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. &mdash; Bei uns hat es ja fast den Anschein, als
-wollten wir das lange oder dicke Ende dieses Krieges schön gemütlich in <span class="antiqua">Haumont</span>
-abwarten! Ich reite jetzt viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen
-Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen <span class="antiqua">Haumont</span> und <span class="antiqua"><a id="corr-51"></a>Hattonchâtel</span> und
-<span class="antiqua">St. Mihiel</span> ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie einst
-am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd herausgesucht, eine
-hochrote Fuchsstute &bdquo;Eva&ldquo;. Ich kann jetzt gottlob ohne zu fragen und wohin ich
-will, meine Ritte machen; den ewigen Druck des stündlichen Angebundenseins bin
-ich jetzt doch <em>etwas</em> los, &mdash; angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn
-<em>Du</em> Dir mein Leben vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam
-durch die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von
-Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine Hanni mit 2
-Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 <em>Kraniche</em> hier! Hauptsache <em>grau</em>, weiße
-Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was es für Kraniche sein könnten, ob
-Jungfernkranich oder eine andre Art. Reiher sind es nicht; Reiher und Störche
-tragen im Flug den Hals anders.
-</p>
-
-<p>
-Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr
-prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich <em>jetzt</em> mehr als
-genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit <em>warmen</em> Sachen bin ich jetzt überhaupt
-vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also mit anderen Worten:
-etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du nichts mehr findest, kaufe
-nichts, &mdash; ich besorge es mir ganz einfach in Metz. Morgen &mdash; übermorgen bin
-ich auch dort, nehme ein Bad und dergl.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-19">
-16. X. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische Schattenspiel,
-das &bdquo;Krokodilspiel&ldquo;, &mdash; sehr anregend; ich bin eigentlich sonst zum Lesen ganz unfähig,
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-höchstens so ganz ausgefallene, unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles
-andere scheint mir so fatal bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, &bdquo;ohne
-Not&ldquo;. Ich müßte jetzt bald arbeiten können, &mdash; das Lesen hat jetzt keinen Sinn
-für mich. Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein
-Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen Möglichkeiten. Über meine
-Abkommandierung hab ich noch nichts weiter gehört; hoffentlich verschiebt sie sich
-noch eine oder zwei Wochen, schon um des wunderbaren Herbstes willen, &mdash; das
-Reiten ist jetzt zu schön! &mdash; die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube,
-wir bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-20">
-19. od. 20. X. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So lange
-Pausen hab ich <em>nie</em> gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein falsches Datum
-erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst Dich noch immer
-nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen mich Datum und Tage
-an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese &bdquo;Zeit-einteilung&ldquo;; ich empfinde sehr zeitlos
-und fühle mich dabei weit wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen
-zählte! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich Niestlé
-nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren Entzifferung ich ihn
-bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat man den Brief mit den schwedischen
-Einlagen konfisziert? Es liegt mir <em>gar nichts</em> an ihnen, nur der Fall an
-sich wäre interessant.
-</p>
-
-<p>
-Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört; vielleicht
-wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät mir leid. Aber ich
-rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich lass <em>alles an mich herankommen</em>,
-wie&rsquo;s kommt. Willensbestimmung hat man ja doch keine und ich nehme
-letzten Endes doch auch nicht das geringste Interesse am Kriegführen und Soldatsein;
-ich begreife immer gar nicht, daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich
-schlechte Psychologen, &mdash; vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man
-sich auf mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung
-geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken willst; wer
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird mir gegebenenfalls
-doch alles!
-</p>
-
-<p>
-Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir!
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-21">
-20. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um ca.
-1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird es ja vermutlich
-ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle Veränderungen
-Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die Abwechslung sehr gefreut;
-der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: erstens komme ich dann sicher als
-Offizier hin und mit weit größeren Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter,
-dann werde ich außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß
-die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den Franzosen sind
-die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es ist bei uns ruhiger denn je.
-Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge
-und über 200 Pferde! In Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit
-hatten wir ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen
-sogar noch mehr!), &mdash; heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf Etatsstärke
-gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was ich hörte, sehr unwahrscheinlich,
-daß wir verstärkt wurden, um uns irgendwo einzusetzen, wie wir eine
-Zeitlang vermuteten. Es wird einen langweiligen Winter in Haumont geben; ich
-verlange mir ja absolut keine Gefechttätigkeit, &mdash; aber Abwechslung, Berührung mit
-neuen Menschen und andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir
-darum eine riesige Wohlthat.
-</p>
-
-<p>
-Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen lesen, die
-von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden deutschen Hirngespinst
-reden, &mdash; laß Dich davon nicht täuschen. Dies Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, &mdash;
-mein Optimismus ist ganz unerschüttert. Was sagst Du zu dem &bdquo;opfernden Großgrundbesitzer&ldquo;
-im beiliegenden Zeitungsabschnitt, &mdash; ist der nicht köstlich? Geradezu
-unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Kuß und Liebe von<br />
-Deinem<br />
-Frz.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Koehler hat sich <em>sehr</em> über Deinen Obstgruß gefreut.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">p. s.</span> Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee und
-Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, (hab
-ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, rund um und das
-Dach mit <em>Schilf</em> bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl als Frühaufsteher meist allein
-vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein
-ideales Atelier für mich!) Kragen probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß
-in Berlin die Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen Optimismus.
-Es freut mich <em>sehr</em>, daß Du ein bißchen Kleiderluxus treibst. Die innere Trauer hat
-doch nichts mit schäbiger Kleidung zu thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren
-äußerlichen Ausdruck findet! Um Gottes willen!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-22">
-23. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-hast Du den letzten &bdquo;Sturm&ldquo; (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges betroffen,
-z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner Holzschnittgedanken durch
-*&nbsp;*&nbsp;*. &mdash; Dann der Briefwechsel zwischen *&nbsp;*&nbsp;* und *&nbsp;*&nbsp;*, der sein Verhältnis
-zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames Gefühl; man traut&rsquo;s sich immer
-nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder &bdquo;wirken&ldquo;, rücksichtslos und auf ihre
-Weise, wie es einem mit Kindern gehen mag, die <em>ihr</em> Leben leben, und die
-Dinge sagen, die der Vater gar nicht gemeint hat, &mdash; und doch stammen sie
-von ihm. In dem Verhältnis von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos
-wahr. &mdash; Und drittens regte mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an.
-Wie immer gerate ich beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem
-Fall <em>rein kubistische</em>) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk
-literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in Formenvorstellungen
-und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du wirst mir gewiß sofort entgegnen,
-daß ich hier wieder die Form suche und nach der Form urteile, statt nach dem
-Inhalt und dem Gefühl zu suchen, das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann
-diese Dinge nicht trennen. Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl
-in dem Werk, könnte seine Form mich doch auch nicht erregen, &mdash; denn erregt wird
-doch zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck
-gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen Lust eingegeben
-und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des Lesers kümmert, wie der
-Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. Unser Gefühl von der Welt
-findet keinen anderen Ausdruck. Über das Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-nun vielen oder allen oder wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht
-sorgen; das müssen wir dem &bdquo;Weltgeist&ldquo; überlassen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen wieder
-beschnitten und eingeschränkt wird; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; ich bin froh, daß Du momentan
-bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst Du Dir manches extra
-leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß verwundern, wenn Du unsern täglichen
-Frühstückstisch sähest: prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit
-Weinbeeren drin und Zuckerguß wie beim &bdquo;beehrens uns ferner&ldquo;! Wir leiden
-keinen Mangel; mein Magen hat sich aber auch <em>erstaunlich erholt</em>. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-23">
-28. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-Du schreibst mir ein Klagekärtchen, daß ich mich gegen das tägliche Schreiben
-sträube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleißig geschrieben und meist auch recht
-gern; für die Unregelmäßigkeiten der Post kann ich natürlich nichts. Es ist für mich oft
-schwer zu schreiben, <em>jeder</em> äußere Anlaß hier fehlt, denn ich bring es nicht über mich,
-von &bdquo;hier&ldquo; zu erzählen; von Ried kann man erzählen, aber der Krieg heraußen macht
-<em>stumm</em>, &mdash; wenigstens mich. Sei froh, daß ich so bin. Paul ist nun in nicht ganz
-harmlose Situationen gekommen, &mdash; hoffentlich hat er Glück wie ich im Elsaß, für sich
-und seine Leute; denn das war mir immer ein schrecklicher Gedanke, daß Leute, die
-meiner Führung anvertraut sind, verwundet würden oder fallen könnten. Denn
-man kann <em>so viel</em> an Fährnissen durch geschickte Führung der Munitionswagen
-vermeiden. An Pauls plötzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles
-im Felde ist; das ist natürlich kein Trost für Dich; &mdash; das weiß ich schon, &mdash;
-aber eigentlich sollte es <em>doch</em> einer sein, denn <em>das Schicksal ist Herr über
-unseren Leib, nicht der Krieg</em>.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glück, mein Lieb,
-und laß diese Sorgen und Ängste; daß Du traurig bist, verstehe ich schon, ich bin&rsquo;s
-auch. <em>Aber Angst ist nicht würdig.</em> Gefahr gibt es nicht, sondern nur <em>Bestimmung</em>.
-</p>
-
-<p>
-Einen Mordsspaß macht es mir, daß sowohl Du als Maman seelenruhig &bdquo;Offiz.-Stellvertr.&ldquo;
-schreibt, während Ihr mir selber die Leutnantsernennung aus der
-Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der Ernennung nichts zu thun. Es stand
-doch in der Zeitung am Anfang: zufolge &bdquo;Allerhöchster Entschließung&ldquo;, &mdash; auf was
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-wartet Ihr eigentlich noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der
-Reserve, aber jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fühl mich
-jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister.
-</p>
-
-<p>
-Daß nicht einmal so ein anständiges Quartett wie Wendling oder Rosée oder
-meinetwegen die Münchener die Front abreisen und uns einmal heraußen einen
-Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg wäre das so anstandslos
-zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, &mdash; überhaupt!! Ich glaube,
-wir heraußen haben doch noch ein bißchen mehr Anlaß zum &bdquo;trübsinnig werden&ldquo; als
-Ihr daheim und auch Du in Ried, &mdash; und wenn meine Briefe matt und trüb sind, &mdash;
-an meinem Herzen liegt es nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-24">
-29. 10. 15. Metz.
-</h3>
-
-<p>
-L., einen Stadtgruß von hier. Es ist ein höchst merkwürdiges Gefühl für
-mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese Trauer!! Ich
-verstehe gar nicht, daß das, wie es scheint, so wenige merken, auch von meinen
-Kameraden. Ich fühle die Legende dieses Krieges, der jetzt schon Mythos und
-Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz erschütternd. Ich empfinde ihn doch noch
-ganz anders als Du; wir werden noch viel darüber reden! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich hab mir rohseidene Wäsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose usw.
-In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach Deinem Geschmack
-verändert haben!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-25">
-2. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist.
-Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre dienen.
-Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß mein Antwerpener
-Kommando auch erst später trifft, hat mit den Kriegsaussichten etc. gar nichts zu
-tun. Diese Schießkommandos sind ja gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch
-während des Krieges abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen
-Schema alle tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando
-aus der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von
-meinem Gleichmut, &mdash; nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner neuen)
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder als Batterieoffizier
-verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es <em>kann</em> mir gar nichts geschehen,
-was mir nicht notwendig geschehen <em>muß</em>. Es gibt keinen dummen Tod oder ein
-dummes Unglück oder Glück; ich las wieder viel im Evangelium, &mdash; <em>wie kannst
-Du eigentlich im Evangelium lesen und doch Angst haben</em>? Thatsächlich:
-mir ist das gänzlich unverständlich. Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor,
-da <em>müssen</em> sie doch ruhig werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden.
-</p>
-
-<p>
-Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr, daß
-es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also wenn ich
-telegraphiere, erschrick nicht. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-2-26">
-3. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen.
-Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand zu
-halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen Reitstock machen, &mdash;
-ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen zu können. Mein Urlaub
-scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn befürwortet, was, wenn nicht
-irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen, wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung
-maßgebend ist. Ich fahre dann wohl entweder morgen abend
-ab Metz oder übermorgen, &mdash; ich glaube nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt
-natürlich bei Maman, wenn ich Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum
-Schreiben fehlt mir jetzt natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in
-ein paar Tagen meine Liebe mündlich zu sagen!
-</p>
-
-<p>
-Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein &bdquo;sehen der Musik und Literatur&ldquo; nicht
-ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige Eigentümlichkeit meiner malerischen
-Begabung, musikalisch und literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für
-ausgeschlossen (jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle Kunstarten
-ein gleich <em>reines Art</em>verständnis hätte. Ich habe literarisch lange daran
-gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben als Dichter und literarisch werten
-und genießen zu können. Dabei blieb ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens
-in der Malerei!). Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu
-machen, als ich es seit langem vor Musik bin. Ich <em>sehe</em> alles, alles ist in meiner
-Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel z. B. setzen sich
-bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab, sondern gehen in rein bildnerische,
-malerische Gedanken auf. Ich werde daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können.
-</p>
-
-<p>
-Nun, diesmal nicht <span class="antiqua">addio</span>, sondern auf baldiges Wiedersehen.
-</p>
-
-<div class="part">
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Nach dem letzten Urlaub.
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-1">
-19. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L....
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es ist ein sonderbares Gefühl, plötzlich wieder in dies wie erstarrt stehen gebliebene
-Stellungskriegsleben zurückzukehren; daheim war ich in <em>Bewegung</em>, &mdash; an jedem
-Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte gethan, Gedanken gesandt und gefördert
-und aufgenommen, &mdash; hier steht alles wie im verzauberten Märchen still.
-Immer wieder dieselben stereotypen Flieger über dem Land, dasselbe langweilige
-Schießen, das man schon nicht mehr hört; das Leben ist erstarrt. Ich machte
-einen schönen Spazierritt, &mdash; das ist das Einzige was mich freut. Der innere
-Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwärtige Kriegsform im
-Westen.
-</p>
-
-<p>
-In Liebe und neuer Sehnsucht.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-2">
-20. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel Quint, &mdash;
-Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in unserer Vorstellung
-als er in der That ist. Ich hatte so sehr <em>Wortkunst</em> wie in der Versunkenen
-Glocke und &bdquo;Literatur&ldquo; erwartet, aber niemals diese beispiellose Sachlichkeit und
-diese Seelenkennerschaft, die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man
-ihm bisher zutraute, &mdash; ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich
-stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch glaube ich es
-schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h. <em>ohne Laune und ohne
-Willkür</em>, sondern gänzlich episch, logisch notwendig und ohne Wanken geschrieben
-ist. Eine unglaubliche Lektüre für einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines
-Wesens wird durch sie natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut
-wohl. Ich hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu
-bereden, &mdash; ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, &mdash; alles was wir
-sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie kann man nur
-so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der menschliche Sinn verstiegen!
-</p>
-
-<p>
-Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich interessiert
-und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in letzter Zeit in die Hände
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi, Strindberg usw.), fesselte mich nur
-<em>zeilenweise</em>, &mdash; eben nur da, wo sie genial sind, &mdash; das andere ist alles langweilig.
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag&rsquo;s Hanni
-gehn?
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-3">
-21. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint lese.
-Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung des Christentums,
-&mdash; nämlich ihrer prinzipiellen <em>Gegensätzlichkeit gegen pazifistische
-Organisationen</em> (wie in den Neuen Wegen), sozialistischen Kommunismus, der
-ein Erlahmen der Seele und des christlichen Opfer- und Überwindergedankens
-bedeutet. Bestimmend ist immer der Eine Gedanke: die Welt, das &bdquo;leibliche Wallen&ldquo;
-berührt uns nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare.
-Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrung <em>eine symbolische Handlung</em>.
-Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens ist gerade das Prächtige,
-Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen Erniedrigung vor der Welt und
-damit seiner Befreiung; er <em>will</em> den Menschen gar nicht körperlich helfen und sie
-leiblich satt und gesund machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele
-schrickt schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen, zu
-seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große Mißverständnis
-der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen fortgeführt wird, spricht er
-das furchtbare, schneidende Wort: &bdquo;nach mir aber fraget niemanden fortan&ldquo;!
-</p>
-
-<p>
-In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, &mdash; ich freu
-mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als ausbildender
-Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren würde; das Leben hier
-ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe jetzt jeden Nachmittag meinem
-Chef theoretischen Artillerie-Unterricht; er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber
-nur ziemlich mangelhafte Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes
-Theater- und Traumleben!
-</p>
-
-<p>
-Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan des
-Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe hier Gelegenheit,
-mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine Installation ungefähr
-kostet; ich möchte diese unverbindliche Gelegenheit benutzen, um für später
-eine Handhabe zu besitzen, und spätere Voranschläge zu beurteilen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, &mdash; der Krieg
-dauert nun keine Ewigkeit mehr. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-4">
-24. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so
-warm und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel
-von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte, weil
-es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und Folgerungen, die aus
-einer andern Quelle stammten und die mir die reine Linie Deiner Gedanken verwischten
-und verzerrten. Aber in diesem Buch liegt die reine Linie, die ich selbst
-immer suche; wenn ich Dir einen Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen,
-weil immer sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln,
-daß Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich
-d. h. in seiner <em>Logik eitel</em>; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn
-lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein. Und ebenso
-d. h. in viel größerem Maß unrein sind die &bdquo;Neuen Wege&ldquo;. Die liegen
-voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab. Ich verstehe
-jetzt natürlich auch K.&rsquo;s Wesen viel besser, da ich sein greifbares, geistiges Vorbild
-kenne. Auch er wird sich zu hüten haben, daß er nicht in Dilettantismus und in
-irgendeine Art von Eitelkeit gerät.
-</p>
-
-<p>
-Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige Aufnahmefähigkeit
-unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden tausendfach verschlungen und ein
-solches Buch bleibt ungelesen, &mdash; wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne
-Wirkung auf den Geist unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich
-halte es für möglich; denn wir kannten Kandinsky selbst <em>sehr wenig</em>. Kennt es
-Kubin, Klee und Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen
-von <em>mir aus</em> zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann
-kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien. Die Erklärung,
-warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur in der
-Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch sicher gründlich,
-nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen Reinheit nicht durchdenken.
-Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer inneren Güte und einem Mitleids-
-und Schamgefühl heraus leicht, ihn mißzuverstehen. Grade darin liegt ein
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-unglaublich feiner geistiger Takt in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun,
-als wären es Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die
-Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir diesen
-Geist so vertrauenswürdig.
-</p>
-
-<p>
-Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief noch wegkommt.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-5">
-Samstag 27. XI. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in Ch.
-aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef Oberleutnant
-*&nbsp;*&nbsp;* (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der rückwärts an der Hauswand
-neben mir steht, ist Leutnant *&nbsp;*&nbsp;* der Schwager des Dürnhauser Barons.
-</p>
-
-<p>
-Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger, trockener
-Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg läßt sich schwer
-noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so unwahrscheinlich Glückhaftes, die
-Fehler der Gegner, aus denen wir unser ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres,
-&mdash; es liegt für mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama,
-nicht zum wenigsten durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung
-theaterhaft erhält und durch das Eingreifen des &bdquo;jungen Bulgariens&ldquo; als <span class="antiqua">Deus
-ex machina</span>. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch derartiger
-romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg denke, gerate ich
-ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung. Ich sag das nicht
-leichtsinnig, &mdash; es gibt im Gegenteil <em>sehr</em> zu denken, nach der Seite der Dichtung
-und der Kunst hin als nach der Seite des Lebens und des Menschengeistes.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig sternenklar;
-wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt mich eine ähnliche
-Empfindung als beim Anblick des reinen Sternenhimmels, der mir in diesen
-Kriegsjahren ein solcher Freund geworden ist. Durch Quints Leben geht jene
-abstrakt reine Linie des Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich
-auch immer im Geist durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich
-fast nie, sie mit dem Leben zu verknoten, &mdash; wenigstens nie mit dem Menschenleben,
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-(&mdash; <em>darum kann ich keine Menschen malen</em>). Quint hat wohl seine
-reine Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben
-ist, darin liegt seine göttliche Größe.
-</p>
-
-<p>
-In tiefer Liebe
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Fz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-6">
-1. Dez. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus
-München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen
-mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so sehr
-gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze Zusammensein mich
-Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung noch halten möchtest.
-Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von Emanuel Quint befestigte in
-mir diese neue Sicherheit der Seele. Du schreibst in einem Brief, ich soll Dir
-noch mehr über mein Lesen im Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das
-momentan kann. Da gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche;
-es kennt kein <span class="antiqua">à peu près</span>, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht
-den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu aufrichtig
-und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem Gewissen
-zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und Erneuerung: wenigstens
-<em>jedes Ungefähr</em>, jede <em>Konzession nach gleichviel welcher Seite</em> aus meinem
-Werk zu bannen; den Begriff Quints von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat
-auch keiner seiner Jünger, nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht
-getötet; denn damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt
-sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; &mdash; es wäre
-dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der Reinheit
-in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein Bild mehr zu
-malen (= &bdquo;nicht mehr zu leben&ldquo;). Man darf nicht aus Furcht, doch wieder in
-Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß legen; ich verstehe heute
-zum erstenmal, warum eigentlich auf den Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde;
-es ist zweifellos der Gedanke, daß man der Verantwortung nicht selbständig &mdash;
-selbstsüchtig vorgreifen darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar
-Büchsen zurück.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum Arbeiten
-hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher nur denkbar wäre,
-wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme, zu dessen Ausführung ich
-Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß,
-den ich doch nicht eingehe. Warne nur *&nbsp;*&nbsp;*, daß er sich keine Blamage mit mir
-einbrockt und einen offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen
-muß. Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis.
-</p>
-
-<p>
-Ich freu mich so, daß die gute Hanni wieder gesund ist; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-7">
-1. Dez. 1915.
-</h3>
-
-<p>
-Liebe Maman, dank vielmals für Deinen guten Brief 117 &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;.
-</p>
-
-<p>
-Wenn *&nbsp;*&nbsp;* die Musik von <em>Schönberg</em> im Blauen Reiter meint, so kannst
-Du ihr sagen, daß sich meine Beurteilung der Schönbergschen Musik auch
-gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt aber doch
-im Sentimentalen stecken. Mehr würde es mich interessieren, wenn sie Kulbin
-(einen russischen Musiker) kennen sollte, &mdash; von dem müßte sie mir einiges erzählen.
-Ich kann gar nicht ruhig von diesen Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe
-ich nach meiner Arbeit, die mir immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird
-doch dieses geistige Leben wieder kommen, in dem man früh und spät keinen
-anderen Gedanken hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde
-liegen, zu suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere
-Fühlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten, haben
-diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; heraußen fühl ich mich als Larve; der Krieg
-hat sich längst selber überdauert und ist sinnlos geworden; auch die Opfer, die er
-fordert, sind sinnlos geworden. Etwas Gewissenloseres und Traurigeres als das
-nutzlose Blut, das am Isonzo vergeudet wird, läßt sich in menschlichen Gehirnen
-nicht mehr ausdenken.
-</p>
-
-<p>
-Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, &mdash; sie denkt
-doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl bald Advent,
-&mdash; diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett stecken, das wir in friedlichen
-Jahren so &mdash; oft vergessen haben! So denkt man jetzt oft zurück, was man
-früher alles hätte tun können!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-8">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-2. XII. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L., &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch richtig
-definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja auch nicht.
-Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es sie sicher; sowie
-es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine neue Bilder gibt. Vielleicht
-sind schon welche da, &mdash; wir sind nur noch nicht zur klaren Entscheidung
-reif, <em>welche</em> es sind und wo die besten Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut
-möglich; denn wir übersehen heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem
-Europa steckt, durchaus noch nicht die <em>wahren</em> Linien und Formen. Vielleicht
-sind die Ansätze in der Malerei prominenter als in der Musik, &mdash; aber auch <em>da</em>
-werden sie sein; man muß nur sehr scharf <em>horchen</em>, &mdash; nicht in Konzerten, sondern
-nach <em>innen</em> horchen, sowie man die neue Malerei nicht in Ausstellungen suchen
-darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der Nacht. Ich <em>sehe</em> sogar deutlich
-die neue Musik, den ganzen neuen Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch
-wir können heute unser Geschick und die Wahrheit in den Sternen lesen, &mdash; es
-kommt nur darauf an, wie man sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei
-oder irgendwelcher mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung
-und Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in
-der Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind hören,
-&mdash; es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer, unzerstörter, unverwischter,
-abstrakter und klarer gesagt. Wenn man einmal drin <em>sehen</em> gelernt hat (für
-Musiker z. B. das <em>Tempo</em>, in dem die Figuren auftreten, gebunden sind und
-gegeneinander singen) hat man hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft
-mit Sternbildern im Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und
-dem schlechten Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben
-wirklich nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses gerichtetes
-Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, &mdash; das &bdquo;Unmögliche&ldquo;
-liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so empfinden; man respektiert
-mich sehr, auch als Offizier, aber alle denken, ich müßte doch auch irgendwie
-ein bißchen wie sie empfinden; sie wundern sich dann immer, daß ich mich über
-dies und jenes &bdquo;nicht ärgere&ldquo;. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar
-nicht da bin, &mdash; noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich
-stehe. Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre
-Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen und sich
-dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein ganzes Bestreben
-geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses Verhältnis zwischen
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und die bewußte Täuschung
-des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und nicht das: &bdquo;die Wahrheit
-sagen&ldquo;, jene fürchterliche, seelenkränkende Manie mancher Wahrheitsfanatiker.
-</p>
-
-<p>
-Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was Du
-in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete vergleichst,
-wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe meine.
-</p>
-
-<p>
-Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte.
-Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet sich wohl
-sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt bei Artillerie- und
-Minenkämpfen, &mdash; die Infanterie wird nicht eingesetzt. Und die Artillerieduelle
-sind meist demonstrativ, Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und
-weiterreichende taktische Absichten.
-</p>
-
-<p>
-Baron *&nbsp;*&nbsp;* hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie in
-einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte mich recht
-auf seine Gesellschaft gefreut.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden zu
-sein; bei diesem elenden Wetter, &mdash; <span class="antiqua"><a id="corr-56"></a>Haumont</span> schwimmt schier weg &mdash; wäre es
-nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch gleich, wenn
-man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren muß. Für den
-Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten selbst, die nicht zu kommandieren
-brauchen und in ordentlicher Bewegung bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen
-am Exerzierplatz hätte ich nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie
-ich auch in unserm Kurs meinen innerlichen Spaß hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die Zeiten, die
-für uns noch blühen werden.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: von
-dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger Brief schon
-in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein <em>Gewissen</em> fühle:
-meine <em>Arbeit</em>; nicht mein Leben als solches; ich kann gar nicht anders meine Unvollkommenheiten
-und die Unvollkommenheiten des Lebens überwinden, als indem
-ich den <em>Sinn</em> meines Daseins ins Geistige hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen
-Leib <em>Unabhängige</em>, d. h. Abstrakte hinüberrette. Es ist <em>nicht</em> eigentlich
-das <em>spätere</em> Leben, das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich.
-Ich bin allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, &mdash; er erscheint mir sehr
-natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß ich
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-doch auch vorher einmal gestorben sein, &mdash; denk an die Blumen! Es ist von einer
-rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem Leben verstehe ich: das
-Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke sub<a id="corr-57"></a>summiert unter das Unwesentliche
-mehr als der Schwächere. Ich werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen
-des Unwesentlichen, &mdash; das Schöne bei diesem Thun ist das, daß das
-Wesentliche dabei nicht kleiner, enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger.
-Lies sehr aufmerksam im Quint, &mdash; da steht alles außerordentlich fein und
-tief gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre
-Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das &bdquo;letzte Wort zu
-reden&ldquo;; &mdash; Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu suchen, nach
-einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, &mdash; die gibt es nicht; so wenig man
-Kunst mit Worten erklären kann. Man kann schon reden, aber man muß sich stets
-der Grenzen bewußt bleiben, über die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in
-seinen dummen Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und
-wir unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie ich das
-alles meine, &mdash; es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz unmöglichen Verhältnisse,
-in die der Krieg meine Persönlichkeit geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken
-gerade durch ihren Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur
-Entscheidung gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen
-Rußl und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum Heufressen
-nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-9">
-5. XII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche über die
-geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern kleinen Spaziergang
-ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken Gesteinfalten. Dort gehen wir
-sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die Leute einmal eingesehen haben werden,
-daß bei dieser ganzen Schießerei doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt.
-&mdash; Das Verrückteste an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher <span class="antiqua">St. Mihiel</span>.
-Die Stadt liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg!
-Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein einziger Schuß,
-der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische Kanonade unsrerseits auf <span class="antiqua">Commercy</span>
-u. a. Orte aus, daß die Franzosen es auch vorziehen, uns das Vergnügen an
-<span class="antiqua">Mihiel</span> mit seinem Kaffeehaus usw. zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-bei Nacht zu gewissen Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie),
-beunruhigt, vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit <em>Damen</em>bedienung
-ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach Hause gehen.
-So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel unsicher. Ich erkundigte mich
-letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er eigentlich ruhig arbeiten könne. &bdquo;O ja&ldquo;,
-hieß es, &bdquo;der wohnt ja in der <span class="antiqua">rue</span> soundso nach &sbquo;hinten&lsquo; naus.&ldquo; Hinten ist nämlich
-bei uns so viel wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt &bdquo;Perle&ldquo; bleibt ja
-weit hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in <span class="antiqua">St. M.</span> ist sonst vollkommen
-dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber dafür auch gegen Alles
-gleichgültige Stimmung wie in &bdquo;Perle&ldquo;; selbst dieses traumhafte &bdquo;nicht Fort-Können&ldquo;
-für die dort in Unterkunft befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal
-Kubin sehen solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das
-Leben ist über seine Phantasie gestiegen.
-</p>
-
-<p>
-Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich gute Wäsche
-thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. Das Wasser ist trüb; dann
-schlagen sie die Wäsche, als <em>müßte</em> sie in Fetzen gehen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Beiliegend Brief von *&nbsp;*&nbsp;*. &mdash; &mdash; &mdash; Vielleicht freut sie mich wieder mehr, wenn
-ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden oder verstehen wollen;
-das thut mir um *&nbsp;*&nbsp;* leid, den ich eigentlich sehr gern habe; ich seh merkwürdig
-stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch so altklug, menschenkennerhaft und
-&bdquo;langweilte&ldquo; mich überall. Meine Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie
-auch steifer waren, &mdash; ich machte im Gegensatz zu *&nbsp;*&nbsp;* höchstens eine kleine Zeichnung
-pro Monat! Aber es ist etwas in *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s Gesicht, was mich und meine Knabenerinnerungen
-und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm liebe. Ich hatte
-meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, philosophische Mensch! Und
-*&nbsp;*&nbsp;* hat gar keinen Vater!!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-10">
-6. XII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum ausgeträumt.
-Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein kurzes kleines Leben
-eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl nicht los, daß es doch nur ein
-Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein andermal ein Menschentraum; aber das,
-was träumt, <em>das</em> Wesen, das ist immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen
-auch einen so merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-und dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger Schimmel,
-ein richtiges <em>Pegasuspferd</em> der Sage, ist plötzlich an einer Blinddarmentzündung
-(es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam ganz unerwartet; es war
-kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden hatte es große Schmerzen, stöhnte
-und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein
-Mensch, den man aus einem lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf
-lag ein plumper, häßlich verfallender Pferdeleib vor mir, &mdash; der Pegasus war fort,
-&mdash; man hatte nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, &mdash;
-da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: &bdquo;Laß die
-Toten ihre Toten begraben!&ldquo;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-11">
-7. u. 8. XII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest verschlägt.
-Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachts<a id="corr-60"></a>paketchen diesmal &bdquo;rechtzeitig&ldquo;
-ankommt. Ich glaub&rsquo;s kaum, nachdem wir wieder &bdquo;auf Reisen&ldquo; gehen. Ich kann
-Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn
-Du was weißt, kaufst Du Dir es schon in meinem Namen. Und ich werd auch
-manchen Punsch auf Dein und unser Wohl trinken. Seit Baron *&nbsp;*&nbsp;* wieder die
-Kolonne führt, bin ich sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut;
-wenigstens werden wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.
-</p>
-
-<p>
-Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, Hoffmann,
-Dostojewski oder Hölderlin lesen will), &mdash; so lies Fabre, Bölsche u. dergl. Ich
-kann mir gar nichts Anregenderes und Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung
-denken, als das Forschen dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der
-Pflanzen- und Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), Insektenleben,
-Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen Dingen? Mich interessieren
-diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als Nationalökonomie, moderne Erfindungen
-usw. Ich lese diese Dinge, geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische
-Gesetze stets mit einem Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen,
-die zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: <em>Naturgesetz</em> ist bei mir längst
-aus dem Kurs; es gibt höchstens &bdquo;Gesetz-mäßigkeiten&ldquo;; die Periodizität alles Geschehens
-ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren
-Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft ist auch nur eine hohe, sehr scharfe
-europäische Denkungsart und auch nur &bdquo;Anschauung&ldquo;. Man kann sein Vorstellungsleben
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-gar nicht weit und immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug
-nehmen, wenn man der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt
-sein will und Teil haben will am &mdash; Reich Gottes, am heiligen Geist. Der
-Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im <em>Leben</em> zeigen,
-<em>muß</em> es ja. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-12">
-Gemütlich-Leiningen,<br />
-16. XII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die uralte
-Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens schreibst. Du mußt
-letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. Wenn dieses Spiel nicht von
-<em>Liebe</em> getrieben ist, ist es natürlich unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint
-der Kern des ganzen Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden
-wird, eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn
-gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau. <em>Die</em> Menschen,
-die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch *&nbsp;*&nbsp;*, &mdash; denen brauche ich die Wahrheit
-ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich Wort und Gefühl ohne weiteres.
-(Aber in rein künstlerischen Dingen stehen wir auf ungleichem Niveau, &mdash; darum
-können wir zusammen gar nicht über <em>Kunst</em> reden; entweder schweigen wir oder
-spielen auch gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über mir,
-so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen zurufen,
-daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, bedeutet schon längst
-was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für *&nbsp;*&nbsp;* chinesisch, &mdash; also rede ich
-(weil ich in diesem Falle der Überlegene bin) in <em>ihrer</em> Sprache; die bedeutet für
-mich natürlich Unsinn, &mdash; aber für *&nbsp;*&nbsp;* hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich
-schon kürzlich einmal: man darf sich nicht zuviel auf <em>Worte</em> verlassen; es gibt
-nichts Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft bedeuten
-sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen, <em>Gültiges</em>
-zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich der Kunst geschehen
-und da heißt es: &bdquo;wer es fassen kann, der fasse es&ldquo;. Aber unterhalb der
-reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit der Sprache getrieben; sie ist
-so recht der Münze gleich, mit immer wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem
-Kurs; hie und da gibt&rsquo;s Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit
-Worten wird spekuliert wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines
-Werkzeug benützen wollen, um die &mdash; Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Wortes bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem <em>Klang</em>,
-der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag ich in allem
-Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch bedient sich der
-Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden Dingen, die er dann als &bdquo;Ideen&ldquo;
-in Kurs setzt. Man sollte viel weniger reden, sondern nur mit dem Gefühl leben.
-Dichter und Propheten können ihre Stimme erheben und &bdquo;reden&ldquo;, &mdash; die haben
-ihre Sprache für sich, die prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h.
-außerpersönliche Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott,
-um mit der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen
-gegen das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne &bdquo;<em>Tendenz</em>&ldquo; gebraucht,
-ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für unsereins ein
-ungeeignetes Material um <em>Wahrheit um uns zu verbreiten</em>.
-</p>
-
-<p>
-Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das unglaubliche
-Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, &mdash; wie war es eigentlich
-möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich weiß wenig von
-Mozarts Leben, &mdash; vielleicht leiht mir K. einmal eine Biographie von ihm, &mdash; ich
-denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir keine, &mdash; ich lese so etwas einmal und
-bruchstückweise und dann niemals wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das
-Gauguinbuch. Jetzt fällt mir ein: schick mir doch französisch Stendhal: <span class="antiqua">vie de Mozart</span>,
-Haydn und ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe
-(80 Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, &mdash; er wird die Kälte nicht ausgehalten
-haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem Forstbuchhalter, daß Du
-nach einem Böckchen suchst, &mdash; so Leute wissen immer Gelegenheiten, ev. auch dem
-Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit
-bietet, &mdash; wenn ich zurückkomme, würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut
-mir so leid, so allein. Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen;
-sag&rsquo;s auch Bauer und dem Bruder Heinritzi, &mdash; ich glaube er ist Jäger;
-und setz ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du
-könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, &mdash; da hätte die Hanni
-auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das <em>Mutterschaf</em> sehen, ob
-es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. wunderbare, verhältnismäßig schlank,
-mit schöner glatter Wolle und schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)
-</p>
-
-<p>
-Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen Spiels
-auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am Schluß geblieben,
-&mdash; das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern seelig-glücklich gespielt, &mdash;
-so wirkte er und auch manche Stellen im Brahms auf mich, während ich *&nbsp;*&nbsp;*
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-aus der Kreutzersonate in Erinnerung habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich
-zu <em>Pugno</em>, von dem ich sie zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so
-vereinzelte Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-13">
-Straßburg 20/21. XII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als Weihnachtsgeschenk
-einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster wiederzusehen,
-das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist recht nett gelungen;
-ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von Leiningen nach Bensdorf, stieg
-dort in den Schnellzug und war 8,40 in Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt
-im Wagen war reizvoll und träumerisch, &mdash; erst recht dann der Nachtbummel
-durch Straßburg. Es ist etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich
-in eine Großstadt versetzt zu werden; (&mdash; München wirkt nicht so unmittelbar auf
-mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein bin usw.);
-die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit spricht aus einer solchen
-Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft auf alles noch ein besonderes Schlaglicht.
-Ein Kaffeehaus mit seinen Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen
-wirkt ganz infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, unwahrscheinlich,
-als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. All die
-sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich ein Vögelchen auf
-einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre dies Vögelchen das einzig
-Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten Stadt, in der nur mehr Leichen
-gehen. Ich verstehe Kubin&rsquo;s Perle so gut! Er hat dies alles glänzend gesehen.
-Es machte mich gar nicht besonders melancholisch, &mdash; die <em>Kunst</em> wird von diesem
-Tod nicht getroffen. Aber in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck
-war nämlich gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen;
-ich hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden;
-aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf dem
-Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur kleinsten Kleinigkeit
-entschließen, &mdash; ich konnte Dir doch nichts Totes schicken. So gab ich&rsquo;s auf
-und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken und schenken kann, als meine Liebe,
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-meine lebendige warme Liebe, an die Du glauben sollst und glaubst, das weiß
-ich &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;!
-Tröste wir uns beide! Es wird schon wieder alles gut für uns!
-</p>
-
-<p>
-Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich
-wieder ein Wägelchen erwartet!
-</p>
-
-<p class="sign">
-In Liebe<br />
-Dein<br />
-Fz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-14">
-29. XII. 15.
-</h3>
-
-<p>
-Daß das liebe <a id="corr-61"></a>Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, &mdash; ich war Weihnachten
-so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein Weihnachten am
-24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein ganz nettes Konzert in
-Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, das ein paar Opernsänger und
-Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und Andante von Händel, eine schmucke geistreiche
-Musik, mehr blendend und voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach
-gespielter Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat
-mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, &mdash; vermutlich Cornelianer;
-es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Laß Dich <em>nie</em> von der Traurigkeit überwältigen, &mdash; traurig sein und sehnsüchtig
-wie ein Adagio ja, &mdash; aber Form muß man im Inneren behalten.
-</p>
-
-<p>
-Der Brief muß weg, darum schnell Schluß!
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Fz. M.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-15">
-Neujahr 16!
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebste, gutes liebes neues Jahr!
-</p>
-
-<p>
-Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist um
-das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es ist fürchterlich
-dran zu denken; und das alles um <em>nichts</em>, um eines Mißverständnisses willen, aus
-Mangel, sich dem Nächsten menschlich <em>verständlich</em> machen zu können! Und das
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-in Europa!! Man muß wirklich alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen
-<em>Psychologie der That</em> fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen,
-zu beschimpfen und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen
-und &mdash; <em>Gegengedanken</em> zu bilden.
-</p>
-
-<p>
-Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der die Neujahrsglocken
-ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht ungern in dieses
-Jahr, &mdash; mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an Optimismus ist Mangel
-an <em>Wunschkraft</em> und Mangel an <em>Wille</em>.
-</p>
-
-<p>
-Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, &mdash; und eins
-besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde! (Zither,
-Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein großes Fest
-geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer tanzen. Du kannst es
-Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich bestimmt darauf rechne.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-16">
-10. I. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner Sternenhimmel;
-er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war das gleiche
-öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man gar nicht
-existieren.
-</p>
-
-<p>
-Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen heute.
-Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und sorgfältig gelesen habe,
-schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt sich ja vieles, was er sagt, fast
-wörtlich mit meinen Aussagen, die ich schon früher August gegenüber gemacht habe:
-daß die technischen Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.),
-die Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im
-Gegenteil stets auf <em>Kosten</em> einer intuitiven, primären Fähigkeit sich entwickeln.
-Früher <em>fühlte</em> man, wie es einem Freund geht, &mdash; heut telefoniert man ihn an;
-früher konnte man seine Dichterwerke auswendig, &mdash; heute stehen sie gedruckt und
-billig in jedem Bücherschrank. Die Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk
-an Intensität ab. Und gar die Maschinen, die dem Menschen die
-Arbeit &bdquo;abnehmen&ldquo; sollen!! Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat
-dieses Krieges: Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen
-Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur aus,
-machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre chemischen
-Vorgänge nach, &mdash; aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie böse Geister gegen
-uns selbst, &mdash; wir fallen von unsern eigenen Waffen, wie ein böses Geschlecht, das
-sich selbst zerfleischt, weil es in seinem Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine
-verbotene Geisterwelt (die es gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen
-inneren Halt verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß
-unser Kulturleben nicht mehr &bdquo;<em>leibliche Funktion</em>&ldquo; ist, sondern willkürliches Spiel
-mit organischen Kräften, die man in ihrem <em>Wesen</em> nicht versteht, sondern nur experimentell
-benützt. Insofern wollte ich auch <em>nie</em> den <em>Leib</em> und das organische
-Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz
-anderes. Ich will erst Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und <em>wie</em> er
-alles meint, &mdash; dann schreib ich Dir mehr. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, &mdash; sie kommen schon noch;
-ich freue mich <em>sehr</em> auf dies Büchlein, &mdash; dank voraus Liebe; ich hatte gar nicht
-mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht hatte; ich vergesse so was
-ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich sehr darauf. Dank für die Blümchen, &mdash;
-jetzt schon Leberblümchen!! &mdash; Ich glaube doch, daß Hanni&rsquo;s Geschwulst mit Wiederkäuen
-zusammenhängt &mdash; ich bin mir <em>fast sicher</em>; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-17">
-12. I. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich kenne,
-verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man kann wirklich
-mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er begegnet meinen eigenen Gedanken
-sogar so sehr, daß mich in seinen Anschauungen nichts aufregt oder gar
-zum Widerspruch reizt. Damit sage ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen
-Leben und Streben nie abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre;
-aber heute ist mir dies alles so klar, &mdash; <em>der Krieg hat alles so klar gemacht</em>.
-(Es ist wirklich traurig, &mdash; man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!)
-Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das schöpferische
-Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem erkannten Mangel (wie
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-z. B. Strauß&rsquo;sche Musik und auch *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s Arbeiten. Bei *&nbsp;*&nbsp;* denk ich oft: ja,
-ganz schön, &mdash; wohin gehören wohl die Sachen? Welche Lücken können sie heute
-ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, &mdash;
-Lebensausstrahlung.)
-</p>
-
-<p>
-Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir nach
-wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte überraschend
-weit ausstrahlen (Eigenart <em>slavischer</em> Genies), ohne darum ein ganz wichtiger,
-dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; &mdash; er ist auch kein Klotz wie
-Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine <em>Toleranz</em> nicht mißverstehen; &mdash;
-ich habe aus den angestrichenen Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich
-meiner Toleranz und Wichtignahme nicht <em>wesentlicher</em> Erscheinungen) das thust.
-Es kommt wie immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem
-heraus etwas geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar
-von ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem <em>Reichtum</em>.
-Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen meinen
-Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich achtlos daran
-vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen verleugne. Große fertige
-Werke der Weltmitte interessieren mich nie speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo
-oder Goethe) aber ein kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter
-armer Kubist kann mein ganzes Innere in Bewegung bringen, &mdash; ich <em>beginne
-daran zu arbeiten</em>. Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky&rsquo;s &bdquo;Verstehen&ldquo;.
-Die Menschen, die nur am Besten, am &bdquo;schlechthin Gültigen&ldquo; sich entzünden können,
-sind unproduktive, nicht aus der &bdquo;eigenen Mitte&ldquo; lebende, sondern nach-lebende
-Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. 13) meint: &bdquo;Unfähigkeit
-zur Anverwandlung und Verarbeitung der zudringenden Materie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert (Seite 32 u. f.),
-wo er über das <em>Volk</em> schreibt. Ich wurde mir ja nie ordentlich klar über diese
-Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es gibt eben den Begriff <em>Volk</em> in Europa
-nicht mehr; man muß sich nolens volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser
-Thatsache sind damit natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern
-einmal mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die
-wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und restlos in
-dieser Kriegszeit begriffen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen Peripheriemenschen
-treffen, &mdash; hab nur keine Angst davor. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Lies einmal in <a id="corr-66"></a>Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe
-vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt anregende Dinge,
-vor allem über Sokrates und Plato.
-</p>
-
-<p>
-Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den <em>Sonetten</em> von Shakespeare zu
-fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, &mdash; es ist mir
-zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine andere Übersetzung
-empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal zu leihen oder wenn sie
-billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich bin allerdings <em>sehr</em> skeptisch gegen
-Übersetzungen. Ich kann ja auch Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat
-für die Bibel und Schlegel für Shakespeare alles vorweggenommen, &mdash; meinetwegen
-eigenmächtig vergewaltigt, &mdash; aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen,
-kann später über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann
-einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit den Ritterbaumgarten-Bildern
-von Dürer: die nachdürerische Übermalung war uns Deutschen
-tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt als die jetzige Purifizierung.
-</p>
-
-<p>
-Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs &bdquo;Normal&ldquo; (Seite 31). Mich
-freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, überhaupt Gundolfs
-souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten &bdquo;Normal und Volk&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Über den Kern des Artikels: &bdquo;Leib&ldquo; kann ich Dir heute noch nicht schreiben, vor
-allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich einen glatten Einwand
-gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht alles gesagt. Askese als &bdquo;Hygiene
-des übersättigten Leibes, nicht seine Aufhebung&ldquo;, &mdash; das scheint mir mehr historisch-psychologisch
-richtig, drückt aber nicht den <em>geistigen Sinn</em> der christlichen Entsagung
-aus; es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und <em>Rationalismus</em>
-in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als Verlegenheits-Phrase
-auf: S. 33 Mitte: &bdquo;Das Schöne ist ein Urphänomen und besteht als Überfluß&ldquo;.
-Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß (und bis dato weiß
-noch <em>niemand</em> etwas darüber zu sagen), &mdash; wozu leere Worte gebrauchen?
-</p>
-
-<p>
-Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, &mdash;
-also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. Ich war
-<em>nie frühreif</em>, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als
-mit 20 und 30.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, oft
-viele Stunden.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-18">
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-14. I. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto zwingender ist
-seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach nichts Neues sagt, stellt er
-doch durch seine glänzende Ausdrucksform vieles klar, was man nur im Instinkte
-fühlte und viel schwächer selber formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn
-vieles mit Stellen aus meinem Aphorismus; &mdash; so entschwunden diese mir heute
-sind, werde ich bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert.
-Vor allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen Wissenschaften,
-die sich zur &bdquo;angewandten Wissenschaft&ldquo; mißbrauchen ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs
-Ideen von der Verselbständigung der Organe, &mdash; der Mensch ist zum Sklaven
-seiner Werkzeuge geworden, die er zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war
-das Wissen und die Bildung nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise
-zum größeren, umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.
-</p>
-
-<p>
-Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des <span class="greek">&alpha;&gamma;&omega;&nu;</span>, des <em>Wettkampfes</em>,
-der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und betrieben wurde, bis langsam
-die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor ihr die alten religiösen Dinge
-ins Wesenlose verblaßten; diese merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht
-&bdquo;erklären&ldquo;, aber auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf
-an, seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, <em>Herr</em>
-zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des Wissens eine Hure
-zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der christlichen Religion machten, &mdash;
-das war auch &bdquo;angewandte Religion&ldquo;!) Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen
-Aufgabe liegt darin, daß der demokratische Mensch, die gemeine Masse in
-der Goldgrube der Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr
-der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen
-Lebens und der eigenen Aufgabe <em>rein</em> bleiben oder sagen wir offen: wieder rein
-werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die Zeittendenz, vom Stellungnehmen
-gegen sie, &mdash; er widerspricht sich hierin selbst etwas; denn der Wirkende
-setzt seine That nicht da ein, &bdquo;wo&rsquo;s fehlt&ldquo;, sondern er thut sein Werk aus seiner
-eigenen Mitte heraus, und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was
-zu thun sei. Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir
-&bdquo;verstanden&ldquo; werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht auf die
-Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, &mdash; nur so kann man seiner Zeit
-oder einigen Seelen &bdquo;vorangehen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser Auge hat,
-dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, hartnäckig bei ihr unsre Ruhe
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-zu suchen, als wäre dort das letzte Wort gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler
-nach rückwärts, den wir sonst nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde
-Richtung der Zukunft machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was
-in 100 Jahren wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der
-Hang zum Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, &mdash; insofern behältst Du betreff
-*&nbsp;*&nbsp;* wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu Richtern über unsre
-Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch verneint eine solche Schwäche noch
-nicht das ganze Werk, am wenigsten in unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln
-traurig ist, das fühlt wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben
-die Kraft, sich von ihr <em>loszulösen</em>. Fast bei <em>allen</em> Menschen, denen ich in diesem
-Krieg nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres
-wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten bewahren es
-schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es anzuwenden, sie <em>wollen</em> es
-auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen Furcht, es zu profanieren und eventuell
-auch noch einzubüßen. In Deiner Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich
-das Gewissen. Mir ist dies Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.
-</p>
-
-<p>
-Ich las letzthin in Luthers Tischreden, &mdash; köstlich!! Er ist das schlagendste Beispiel
-für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte des Menschen ist, aus der
-alles geschieht; diese triebhafte Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt,
-ist bei Luther berückend stark und klar.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich wieder zu schicken,
-da ich ihn gern *&nbsp;*&nbsp;* zum Lesen geben will; ich hab Dir heute in einem Paket
-das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so dringend bald wieder haben
-wolltest.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-19">
-24. I. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die erwachende
-Lebensfroheit wieder etwas heraus.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, &mdash; ein strahlender Tag. Ich
-sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, &mdash; Lothringen ist ja reich
-an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich hab das Gefühl, daß alles Land,
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Wege, Häuser, Wälder so ganz vorübergehender Besitz sind, &mdash; ich verstehe die
-Wanderer, die &bdquo;Habenichtse aus Überzeugung&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt, daß die
-alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als einwandfrei gegoltene Bestimmung
-einer Sache nach seiner kubischen Dimension als wissenschaftlich unhaltbar
-anzusehen sei, solange die vierte Dimension der <em>Zeit</em>, des <em>Zeitpunktes</em>, nicht noch
-hinzugenommen wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz
-mit einzustellen, &mdash; <em>wie</em> ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte Mathematik
-über den Haufen. Man steht vor einem <span class="antiqua">novum</span>. Ich weiß nicht, ob Du
-da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge sehr. Ich habe
-in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast Algebraunterricht gegeben, bei dem ich
-mir lauter solche Sachen allein ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau
-so wenig <em>praktisches</em> Talent wie zur Musik. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Über Deine
-Stickerei hab ich immer noch nichts gehört.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Dein<br />
-Frz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-20">
-2. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., recht gefreut hab ich mich über *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s Meldung, daß wieder was verkauft
-ist, das neue Schafbild &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; und 2 Holzschnitte, also &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Du
-hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, &mdash; von mir kommen auch wieder
-&mdash; &mdash; &mdash; in den nächsten Tagen; ich sende sie der Einfachheit halber <em>direkt an
-Muttchen</em>, damit ja keine Schwierigkeiten mit dem Geldempfang entstehen.
-</p>
-
-<p>
-Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm&rsquo;s nicht zu tragisch, wenn ich
-Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja klug genug, die
-Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch zu sehen. Ich dränge
-aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer tapferen Fröhlichkeit trotz allen
-Leides; solange das Blut in einem pocht, muß man an&rsquo;s Leben glauben und sich
-nicht mißtrauisch separieren; und Dein Wort: &bdquo;ich kann nicht&ldquo; ist schließlich graduell
-wie alles im Leben; etwas weniger &mdash; etwas mehr, &mdash; das ist das Geheimnis des
-Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der <em>Stolz</em> muß im Menschen siegen
-über alle Dinge, nicht die indische <em>Trauer</em>.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) Krankheit
-ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg nicht als solchen
-angreifen und vertilgen möchte, sondern seine <em>Ursachen</em>. Der Mensch stirbt nicht
-an der Krebswucherung, sondern an dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht
-zu überwinden vermag. Auch darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben,
-sonst hinken sie eben. Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit,
-den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer
-Seele. &mdash; Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, sondern gegen
-sich, und <em>sofort</em> damit anfangen. Nichts ist selbstverständlicher, strafgerechter als
-dieser Krieg. Kein Mensch sieht das, &mdash; wenigstens keiner will&rsquo;s <em>an sich</em> selbst
-sehen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-21">
-3. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., was magst Du bei *&nbsp;*&nbsp;*&rsquo;s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß natürlich,
-daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem gequälten leiblichen
-Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und seinem Geist. Er leidet nicht,
-um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu büßen sondern im Gegenteil sie zu
-glorifizieren. Mich hat ja der Krieg das <em>erstere</em> gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt,
-kann wohl einen Gewinn und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit
-einem neuen Welt-Verstand in&rsquo;s Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist
-wie *&nbsp;*&nbsp;* nach dem Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität
-darstellen wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, wahrscheinlich
-überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf den Krieg
-als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, <em>auf sich selbst</em> zurückzugreifen,
-&mdash; mit denen paktiere ich nicht. Du sagst ganz richtig, daß es so wenig
-Menschen gibt, die <em>Konsequenzen</em> zu ziehen imstande sind, &mdash; darin liegt&rsquo;s. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. &mdash;
-ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer nicht am
-<em>gegenwärtigen</em> Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr gut und scharf,
-aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir nicht, darum kannst du das
-Spezielle auch so schwer überwinden.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-22">
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-4. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über den Krieg
-gesagt habe, (Krieg als natürliche <em>Folge</em> und insofern als gerechte, unausbleibliche
-Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge im Leben sind so verkettet.
-Man kann ja zweifellos auch fragen, worin sich denn eine Folge von einer
-Ursache unterscheide, und ob nicht beide identisch sind oder zum mindesten gleich,
-sodaß man sie auch vertauschen kann. Was sie voneinander <em>scheidet</em>, ist vielleicht
-nur der Begriff der Zeit, die zwischen ihnen liegt, &mdash; und das nennt man fälschlich
-&bdquo;Unterschied&ldquo; und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr im
-Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu &bdquo;leiden&ldquo; als
-an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das Leiden an den Ursachen.
-In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß der Krieg für mich, für mein
-Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit pochendem Herzen am Anfang der
-Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen
-Gedanken <em>kann</em> man warten ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu
-werden an der Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine
-Freunde wissen. &bdquo;Meine Freunde&ldquo;, &mdash; auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf
-will ich unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der
-Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu erkundigen,
-was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir den Verlag der Jahrbücher
-zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder heimgeschickt und will nun *&nbsp;*&nbsp;*
-auf sie aufmerksam machen, kann mich aber des Verlags nicht entsinnen; es ist ein
-mir unbekannter Name.
-</p>
-
-<p>
-Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen Nebelperiode
-wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen Anzeichen steht
-uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da &mdash; d. h. ich darf ordnungshalber
-nichts darüber schreiben und will diese Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung
-kann dich beruhigen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-23">
-5. Februar 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich las nochmals Deinen Bericht über &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; ich kann ihn mir einfach
-nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so aufrichtig,
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung wurde, das der
-Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der Krieg ist einer Ernüchterung
-durch &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; zuvorgekommen. Daß Du Dich dort grenzenlos
-einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch ich wäre nicht in der Stimmung,
-die Gesellschaft <em>komisch</em> zu nehmen; man kann sich nur <em>fern</em>halten und <em>ohne
-Ärger</em> schweigen; denn es geht mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im
-großen: man soll nicht über einen Zustand, über das &bdquo;Zustandekommen&ldquo; eines
-Blödsinns schmähen oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis
-blicken, auf eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn
-stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch Gestaltete bleibt,
-das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor sich, und was fröhlich bewußt
-vor sich sieht, nicht trauernd nach allen Seiten oder wehklagend rückwärts.
-</p>
-
-<p>
-Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, den Du,
-weil er &bdquo;zu&ldquo; traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du keine Briefe, die Du mir
-schreibst, zerreißen, &mdash; Du kannst an ihnen doch nur das Papier zerreißen, nicht
-die &bdquo;einmal gewesene und in alle Ewigkeit seiende Thatsache&ldquo; dieses Briefes, und
-zweitens soll ein solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm
-einen freudigeren Gegenbrief nachzujagen, &mdash; statt beides bleiben zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-24">
-6. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der &bdquo;Wirklichkeit&ldquo;
-verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem riesigen Heustadel
-(schönes Atelier!) gestanden und habe auf Militärzeltplanen nach Walterchens
-Ausdruck &bdquo;9 <a id="corr-74"></a>Kandinsky&rsquo;s&ldquo; gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, &mdash; die
-&bdquo;<em>Kunst</em>&ldquo; war bei dieser Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die
-Überzeugung der anderen, &mdash; ich selbst hatte sonderbare Empfindungen dabei. Die
-Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: Geschützstellungen gegen Fliegersicht und
-Fliegerphotographie unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen
-überdacht, die nach grob <a id="corr-75"></a>pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten
-Naturschutzfarbe (<span class="antiqua">mimicry</span>) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen man zu
-rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, &mdash; <em>sehr</em> viel tiefer geht
-ein feindlicher Flieger nie. Die photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher
-Höhe machen, werden zu Hause stark vergrößert, &mdash; dabei entdeckt man meistens
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-die eckigen Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen zugedeckt
-sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild so verwirrt
-und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die Division wird uns
-einen Flieger stellen, der die Sache durch photographische Aufnahmen ausprobiert.
-Ich bin neugierig, wie die Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen
-bilden eine Entwicklung &bdquo;von Monet bis Kandinsky&ldquo;!
-</p>
-
-<p>
-Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja nichts,
-was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine solche innere
-Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts eigentlich ärgert oder gar
-nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt ist schon der 6. Februar, &mdash; ein alter Kirchweihjahrestag! Ich erinnere
-mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock und der blaue,
-das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, &mdash; ich &bdquo;rieche&ldquo; noch jene
-Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und Kaulbachstraße!
-</p>
-
-<p>
-Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz unbestimmte
-Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben wir die
-Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-25">
-7. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie Russl <em>weg</em>gibt,
-an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie soll ihm dann ab
-und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den guten alten Kerl eine kleine
-Pension. Behalten soll sie ihn auf <em>keinen</em> Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit,
-ihn in Pension zu geben, dann soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, &mdash;
-besser, es geschieht, wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn
-das letztemal so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit
-ist. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd schlechter Vaterlandsbazillen.
-Ein dritter Winterfeldzug? <em>Glaub ich nie!</em>
-</p>
-
-<p>
-Das zu denken ist einfach <em>unorganisch</em>. Dieser Sommer entscheidet. Daß ich
-je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich unwahrscheinlich. Der General
-wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel Jüngere da.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-26">
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-7. II. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lina,
-</p>
-
-<p>
-meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht über den Russl und seine ewige
-Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und über die gute Hanni. Zunächst lassen Sie
-sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen für die Treue, mit der Sie die
-Tiere und mein Haus versorgen. Ich weiß sehr gut, daß das gar nicht so leicht
-ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehört. Aber die Hauptsache ist natürlich, daß
-man dabei gesund bleibt und wird. So gern ich meinen alten weißen Russl habe,
-so bin ich doch dafür, daß Sie ihn unter <em>allen Umständen</em> fortgeben, und zwar
-wenn sich eine Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will.
-Ich will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern
-Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann berechnen,
-was er ihnen kostet. Sie können ihm ja ab und zu einen Leckerbissen bringen, daß
-er Sie nicht ganz vergißt; findet sich aber niemand, der ihn in Kost nehmen kann,
-bitten Sie Herrn Bauer in meinem Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel
-den Schritt ins Jenseits zu erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwar
-<em>sogleich</em> auf die eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einen
-<em>guten</em> Platz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschießen. Aber <em>fortgeben</em> müssen
-Sie ihn auf alle Fälle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal ordentlich aus.
-Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn der Russl nicht mehr im
-Garten ist. &mdash; Daß jetzt genug Futter für Hanni da ist, freut mich. Sorgen Sie
-nur immer hübsch im <em>voraus</em> dafür, damit es nie ausgeht; und bringen Sie ihr
-recht oft Haselnuß- und Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten
-Gerbsäure, die für die Tiere sehr notwendig ist.
-</p>
-
-<p>
-Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe, &mdash;
-ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich auch nicht.
-Ich bin fest überzeugt, daß er in diesem Sommer zu Ende geht. Dann gibt&rsquo;s
-auch wieder vergnügtere Zeiten in Ried.
-</p>
-
-<p>
-Gute Besserung und herzlichen Gruß
-</p>
-
-<p class="sign">
-Frz. Marc
-</p>
-
-<p class="adr">
-<span class="antiqua">p. s.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Büchsen zurück.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-27">
-Nachschrift vom 8. II.
-</h3>
-
-<p>
-Mir geht immer noch mein Entschluß mit Russi im Kopf herum, &mdash; ich kann
-aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl kränkelnd in der fernen Rehhütte,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-während der Welf scharwenzelnd ums Haus läuft; früher hat Russl doch
-wenigstens mit seinen Blicken das Küchenfenster beherrscht. Und andrerseits der
-schlechte Geruch, &mdash; das alles deutet auf einen <a id="corr-76"></a>kaputten Magen etc. hin. Glaub
-mir: es ist das Beste für ihn, wenn er von einem zu traurigen Alter erlöst wird.
-Ich schrieb es auch Maman. &mdash; Wenn Du wieder daheim bist und mußt es dann
-schließlich doch selber anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir
-auch. Ich werde ihn auf unsrer Hausthüre, <em>ihm</em> und <em>Hanni</em> ein Gedenkschild aus
-Messing treiben. Ich weiß jetzt ganz genau, wie unsere Hausthüre einmal später
-aussehen wird. Die alte muß weg.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-28">
-19. II. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Maman,
-</p>
-
-<p>
-ich weiß nicht, ob Du von meinen kleinen häuslichen Traurigkeiten gehört hast;
-die gute kleine Hanni ist plötzlich eingegangen. Sie litt ja schon seit November an
-einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere Beschwerden davon zu haben, &mdash;
-nun ist sie ziemlich plötzlich, während Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persönlich viel tiefer berühren wird. Dein
-guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem Bedenken mich doch
-entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem kleinen Trimm) zu verkürzen. Im
-November erschrak ich ja schon über sein Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen
-Nahrung zum Skelett abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trübe
-Augen. Lina hat ihn gewiß ordentlich gepflegt, auch während Marias Abwesenheit;
-sie schrieb mir sehr nette ausführliche Berichte über ihn und Hanni; sie hat ihn
-auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn für sehr alt und schwer nierenleidend
-erklärte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die Hütte und der Platz wo
-er war, floß immer in seinem Wasser; er hatte natürlich auch Würmer wie alle
-kranken Tiere; nach dem allen fand ich es würdiger und mitleidiger, ihm seinen
-Eingang in den Hundehimmel zu erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten
-Tier, sind qualvoll und nicht zu heilen. Höchstens haben die Herrn Veterinäre noch
-einen Gewinn davon, &mdash; der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme,
-werd ich ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen, &mdash; vergessen wird der
-eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie es scheint
-und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als sehr ordentliches
-Mädchen bewährt, hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Russl zu pflegen,
-aber schließlich doch ohne Erfolg; er wurde immer hinfälliger und elender und der
-Geruch immer schlimmer.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer Stimmung.
-Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so grundverschieden sie
-auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen. Das kleine Waltherchen ist
-jetzt schon 5 Jahre! Er soll <em>genau</em> wie sein Vater sein, fast unheimlich. An ihm
-und an dem kleinen Wolfgang (3 Jahre) hat Lisbeth natürlich ihren größten
-Trost.
-</p>
-
-<p>
-Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und natürlich
-ziemlich viel zu thun.
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-29">
-13. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., <a id="corr-77"></a>ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir sitzen und
-manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung auf dem Couvert:
-</p>
-
-<p class="adr">
-An Frl. Zenzi Duffner<br />
-zum Köpferl in der Wis<br />
-Post Miesbach
-</p>
-
-<p>
-und dergleichen. Und manches ist so reizend und rührend ausgedrückt; oder so
-lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i ungemütlich.
-Daß Niestlé diese Briefe nicht lesen kann!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Heute erzählte jemand, daß wenn der deutsche Tagesbericht funkentelegraphisch
-über ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft grob dazwischen diktiert: &bdquo;ist
-gelogen&ldquo;, &bdquo;Prahlerei&ldquo; usw. Ist das nicht unglaublich? Diese Vorstellung, daß
-der Eiffelturm so dazwischenschimpft!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen
-Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir gleichzeitig.
-Zu helfen war da natürlich nicht mehr. Sie ist wenigstens nicht allein
-gestorben und hat die pflegenden Hände sicher wohltätig gespürt. Ich leg Dir
-Linas Brief bei. Ob nur die Schwächung durch die Geburt und schwache Ernährung
-schuld ist, möchte ich sehr bezweifeln. Wild <em>darf nicht</em> stark gefüttert werden;
-Heu bekam es ja wohl, soviel es wollte. Schon die Drüsenanschwellung ist das
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Symptom irgendeiner inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik
-endete. Ich kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches,
-liebes Leben bei uns gehabt, &mdash; so denke ich auch nicht weh an Hanni zurück, &mdash;
-und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, daß ihn Bauer unbedingt schmerzlos
-in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im November war mir klar, daß er
-an einer schweren Alterskrankheit leidet; Linas Brief schildert sie ja so gut, daß ich
-mich sofort entschieden habe. Es wäre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen
-Rehhüttchen und überhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn.
-Halte Dir, wenn Du heimkommst und kein Lämmchen halten willst, ein Vögelchen.
-</p>
-
-<p>
-Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern das
-Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern auszubeuten,
-ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu geben, daß es zu
-einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im Großen, der Bazillus und die
-Krankheit sind für mich dasselbe. &mdash; Februar-Urlaub ist unmöglich; ich führe ja
-noch immer die Kolonne ganz allein und kann nicht weg.
-</p>
-
-<p>
-Aber es geht mir famos.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-30">
-22. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank für die köstliche Tunisaufnahme von
-August, &mdash; wie besonnt und harmlos glücklich reitet da der gute schwere August
-auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der Jünger <a id="corr-78"></a>Moilliet; im
-Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner Malapparate in der Hand? ich freu
-mich recht über diese kleine Aufnahme; sie zeigt denselben vergnügten August wie
-wir ihn in Paris um uns hatten.
-</p>
-
-<p>
-Was Du von August&rsquo;s hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich riesig. Freilich
-erfüllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh über den Weggang
-dieses Menschen; aber der jähe Weggang durch eine feindliche, fast möchte man
-sagen: befreundete Kugel, &mdash; denn es war eine französische &mdash; scheint mir doch
-nicht ungereimter als der Tod von M.&rsquo;s Frau oder irgendein anderes, &bdquo;natürliches&ldquo;
-Unglück. Auch der Krieg ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer
-thust, den Krieg gänzlich außerhalb des natürlichen Geschehens zu stellen. Die
-Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so gut wie die
-Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich <em>längst ganz vom Krieg
-abgewendet</em>. Mein Wesen sucht allerdings nicht die Indifferenz von *&nbsp;*&nbsp;*
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-und *&nbsp;*&nbsp;* zu gewinnen, sondern ist nur ein für allemal <em>belehrt</em>, geheilt und
-zurückgeschleudert von den Peripherien früherer Interessiertheit in&rsquo;s alte verlassene
-Zentrum der reinen <em>Funktion</em>. August ist diesem Zentrum von jeher näher gestanden;
-er war keine ausgreifende, immer fragende, unerlöste Natur wie ich.
-</p>
-
-<p>
-Wie freut es mich, daß Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in Ried
-vornimmst, &mdash; führ es wirklich durch und führ Dein Wesen ins Fruchtbare statt
-in die Wüste des ewigen Jammerns und womöglich Hasses, <em>der nie was gutes
-erzeugen kann</em>.
-</p>
-
-<p>
-Du willst später mehr Sachen von mir aufhängen? Meinethalben, &mdash; wenn
-Dir dann nicht mein lebendiger Leib genügt! Was mich früher immer abgehalten
-hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist eine scharf gefühlte &mdash;
-Scham vor der eignen Produktion; dies Gefühl ist schwer erklärbar, &mdash; es geht
-auf den Moment der Schöpfung zurück, in dem an Stelle des persönlichen Willens
-der rätselhafte Zwang einer Eingebung trat. Ich weiß von so vielen und gerade
-meinen stärkeren Sachen absolut nicht mehr <em>wie</em> sie entstanden sind; ich wundre
-mich, daß ich sie gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblättern
-meiner Skizzenbücher erschrecke ich zuweilen förmlich.
-</p>
-
-<p>
-Heut war ein strahlend schöner Tag, voll Anmut und Farbe und voll Heimweh!
-Seid beide umarmt und lieb gegrüßt und geküßt von Eurem Frz.
-</p>
-
-<p>
-Empfiehl mich bitte bei den schön stickenden Müttern, &mdash; dies im Geiste August&rsquo;s
-Arbeiten ist rührend.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-31">
-17. II. 1916.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Maman.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was
-Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man&rsquo;s ja an sich
-erproben können, &mdash; eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst selten bietet, da
-man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht sieht und zum mindesten an
-sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege nie eingefallen, die Gefahr und den
-Tod zu suchen wie ich es in früheren Jahren des öfteren gethan habe, &mdash; damals
-ist der Tod mir ausgewichen, nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute
-würde ich ihn sehr wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe
-vor ihm, &mdash; nichts ist beruhigender als die Aussicht auf <em>Todesruhe</em> &mdash; sondern
-weil ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes Sinnen
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille. Sonst aber
-hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das <em>allen</em> Gemeinsame und führt
-uns zurück in das normale &bdquo;Sein&ldquo;. Die Strecke zwischen Geburt und Tod ist der
-Ausnahmezustand, in dem es viel zu fürchten und zu leiden gibt, &mdash; der einzige
-wirkliche, konstante, philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand
-vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz
-unzulängliche &bdquo;Ich-Bewußtsein&ldquo; wieder in seine wundervolle Ruhe vor der Geburt
-zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun pantheistisch wie
-Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im alten geistvollen Japan) oder
-christlich wie Pascal ausdrückt, &mdash; das <em>Wesentliche</em> des Gedankens über Leben
-und Tod ist immer dasselbe geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte
-Verwaltung seines biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens
-stören könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer schlecht
-thut und wer nichts thut &mdash; der hat die Strafe schon im Leben davon, in seinem
-Gewissen und in seiner &mdash; Todesfurcht. Diese Leute können das Leben nicht rein
-genießen (so sehr sie sich auch den Anschein geben), weil sie viel zu viel Angst vor
-dem Tode haben, der ihnen &bdquo;alles&ldquo; nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis
-strebt, dem kommt der Tod immer als Erlöser.
-</p>
-
-<p>
-Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war&rsquo;s eigentlich nicht gemeint.
-Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker nicht verdenken.
-Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund wiedersehen!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-32">
-25. II. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-großer Reise- und Truppenbetrieb, aber bis jetzt ziemlich harmlos. Immer noch
-im alten gleichen Zirkel; wir kleben an den alten Plätzen, als ob&rsquo;s gar keinen andern
-Kriegsschauplatz gäbe. Mir ist&rsquo;s ja gleich, wo ich bin. Das Wetter ist auch schon
-wieder mild. &mdash; Ich bin aber von unserm zehnstündigen Ritt so hundsmüde, daß
-ich zu nichts anderem fähig bin als zum Schlafen. Hab auch gutes Zimmer und
-Bett. Schlaf süß, mein liebes Lieb, mit Küssen und sehnsüchtigen Gedanken
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Fz.
-</p>
-
-<p>
-Gruß an Lisbeth und Walter.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-33">
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-27. II. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage. Die ganzen
-französischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen Wut und Gewalt
-des deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen Begriff machen, der das
-nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen Verfolgungstruppen. Die armen
-Pferde! Aber einmal mußte dieser Moment ja kommen, in dem alles eingesetzt
-wird; aber daß es gelang (und es wird sicher noch weiter gelingen) und zwar
-gerade am <em>stärksten</em> Punkt der franz. Front: Verdun, &mdash; das hätte niemand geahnt,
-das ist das <em>Unglaubliche</em>. Einliegendes Bild ist noch in Leiningen gemacht
-St. und ich.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Mit Küssen<br />
-Dein<br />
-Fz.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin sehr frisch und guter Dinge voll, Gruß an Lisbeth.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-34">
-28. II. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-es geht mir gut. Wetter leidlich. Wir sind freilich wieder zur Primitivität der
-ersten Kriegswochen zurückgekehrt. Aber ich fühl mich ganz frisch und bin guter
-Stimmung. Bleib&rsquo;s Du auch.
-</p>
-
-<p>
-Grüße. In Liebe
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-35">
-29. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., eben habe ich eine ruhige Minute in einem französischen Unterstand um Dich
-zu grüßen, was ich so hundertmal im Tage thue. Sei versichert, es geht mir
-nicht schlecht. Es ist halt doch was anderes, als Offizier einen Bewegungsfeldzug
-mitmachen wie ehemals als U.-Off.! Aber die Arbeit und Verantwortung ist natürlich
-oft riesig. Wir sind jetzt zu zweit, Lt. M. und ich und haben doch zuweilen kaum
-die Kraft, unsrer Riesenkolonne die innere Organisation zu erhalten. Ich kann
-allerdings nicht leugnen, daß diese Arbeit, die viel moralische Kraft erfordert, für
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-mich nicht ohne Reiz ist. Solange der Manöverbetrieb in L. war, war es mir
-oft innerlich sehr peinlich. Jetzt aber weiß man, wozu man Offizier ist und auf
-seinem Posten steht. Über das Eine freu ich mich: daß meine Nerven von einer
-wirklich erstaunlichen Unberührtheit sind. Von meiner Verwendung als Artilleriebeobachter
-kann jetzt natürlich gar keine Rede sein, &mdash; Du brauchst Dich in keiner
-Weise zu ängstigen. Ich bin neugierig wie diese ganze Operation noch hinausgeht,
-&mdash; wir sind gänzlich ohne Nachrichten. Von München kam etwas Post, von
-Dir leider nichts. Man muß sich gedulden. Ob Du wohl noch in Bonn bist?
-Ich schreibe Dir gleichzeitig ein Kärtchen nach Ried für alle Fälle. Dieser tiefbeschämende
-schmachvolle Krieg muß ja jetzt bald ein Ende nehmen. Ich bin ganz
-vertrauensvoll. Mit Küssen und Streicheln
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein guter alter<br />
-Franz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-36">
-29. II. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., ich schrieb Dir gleichzeitig nach Bonn, &mdash; ich hab von Dir lang keine Post
-mehr bekommen. Ich kann Dir nur beruhigendes von mir berichten; ich fühl mich
-körperlich sehr frisch und erhalte mir auch mitten in diesem Kriegsgetümmel mein
-inneres Gleichgewicht. Immer kaut man an dem immer rätselvolleren Rätsel herum,
-wie dieser Krieg nur möglich ist! Europäer! Es ist schrecklich. &mdash; Aber alle Dinge
-haben ihr Ende, auch die schlechtesten und furchtbarsten. Man hat natürlich so
-viel zu thun, daß an ein wirkliches Schreiben nicht zu denken ist. Nun kommt
-schon bald richtiges Frühjahr nach Ried! Ich denke immer daran!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-37">
-2. III. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., gestern Abend kam Dein Kärtchen vom Rautenstrauchmuseum und Lisbeth&rsquo;s
-lieber Brief mit Deinem Zusatz. Es freut mich so, daß Ihr beide Euch zusammen
-wohl fühlt und Anregungen austauscht. Laß mich nur wieder da sein, dann soll
-das Leben schon wieder seinen alten Schimmer bekommen. Wir sind heraußen
-wohl genau wie Ihr fiebrig gespannt auf den Ausgang dieses riesigen Kampfes,
-den Worte nie werden schildern können. Ich zweifle keine Minute an dem Fall
-von Verdun und dem darauffolgenden Einbruch in das Herz des Landes, wohl
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-von einem andern Platze. Aber wie furchtbar ist das! Ich bin wohlauf und verliere
-meine gepanzerte Ruhe nicht. Seid beide und die Kinder vielmals herzlich gegrüßt
-und Du tief geküßt von Deinem
-</p>
-
-<p class="sign">
-tr.<br />
-Fr.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">p. S.</span> Wir sind heut Nacht wieder in festes Quartier gekommen, natürlich
-Ruinen aber <em>völlig</em> außer Schießentfernung; Pferde zum erstenmal im Stall!
-Dein Geburtstagsbrief ist gefunden! Denk Dir!! Auf welche Weise, schreibe ich
-Dir noch!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-38">
-2. III. 16.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-L.,
-</p>
-
-<p>
-ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem Wege
-sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natürlich Postsperre. Wir stehen
-natürlich mit in der Riesengeschichte im Westen, schauerlich und ungeheuerlich wie
-es Worte nie werden schildern können. Ich führe mit Lt. M. zusammen unsre
-Kolonne unter schwierigsten Umständen; aber es geht alles. Und gottlob geht es
-bis jetzt auch gut. Wir sind 10 Kilom. durch die französische Front durch. Wir
-hausen nachts in den französischen Unterständen. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch
-(25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen.
-</p>
-
-<p>
-Ich selbst fühle mich wohl und frisch, &mdash; meine Nerven sind unberührt, daß ich
-oft selbst staunen muß; Dinge, die mein eigentliches wahres Wesen nichts angehen,
-berühren mich überhaupt nicht mehr. Jetzt ist übrigens der Moment gekommen,
-in dem ab und zu ein gutes Päckchen (Schokol. Gilka, Stück Hartwurst u. dergl.)
-hochwillkommen sein wird. Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich
-zweifle nicht, daß Verdun fallen wird, &mdash; aber ob es dann gelingt, den grausamen
-Stoß in&rsquo;s Herz des armen Frankreich zu führen! Seit Tagen sehe ich nichts als
-das Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können.
-</p>
-
-<p>
-Ich freute mich gestern über eine Karte von Dir und Lisbeth&rsquo;s Brief, in dem
-Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend für mich, Euch jetzt beisammen zu
-wissen und zu hören, daß Ihr Beide Euch Menschliches und Künstlerisches zu sagen
-habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich komme Dir wieder. &mdash; Der Krieg
-geht in diesem Jahr zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-Ich muß schließen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht fort.
-Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und laß Dich küssen und laß uns in
-Gedanken immer beisammen sein. Grüß Lisbeth und die Kinder.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-3-39">
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-4. III. 16.
-</h3>
-
-<p>
-L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in Maxstadt
-(Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte ihn doch,
-trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden! Ich hab mich
-schon ein bißchen geschämt aber auch doppelt gefreut, daß ich ihn nun doch habe:
-Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in mein
-unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen
-schaudervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser
-Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist.
-Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib und
-alles was mir gehört, zu mir gehört!
-</p>
-
-<p>
-Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten Schloßbesitz,
-über den die ehemalige französische Frontlinie ging. Als Bett hab ich einen
-Hasenstall auf den Rücken gelegt, das Gitter weg und mit Heu ausgefüllt und so
-in ein noch regensicheres Zimmer gestellt! Natürlich hab ich genug Decken und
-Kissen dabei, so daß sich ganz gut drin schläft. Sorg Dich nicht, ich komm schon
-durch, auch gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank
-viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief!
-</p>
-
-<p class="sign">
-&mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash;
-</p>
-
-<p class="end">
-Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen!
-</p>
-
-<div class="part">
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Aufzeichnungen
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="writings pbb" id="chapter-4-1">
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich
-1911-12.
-</h3>
-
-<p>
-Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie sich
-wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt?
-oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, seelenlos ist unsre Konvention,
-Tiere in eine Landschaft zu setzen, die unsern Augen zugehört statt uns in
-die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bildkreis zu erraten.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine Kristallisationskraft zu
-prüfen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="corr-81"></a>Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem
-wir Maler uns bewegen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf
-er liegt?
-</p>
-
-<p>
-Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das
-Problem auf &bdquo;Kugel und Fläche&ldquo; stellt, so fällt der Begriff Apfel im Ernste weg;
-man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns wundervolle Maler heute
-entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den schönen Apfel malen wollen? oder
-das Reh im Wald? oder die Eiche?
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es irgendwelchen
-vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu malen, wie es unsrer
-Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil wir die Welt kubistisch fühlen?
-</p>
-
-<p>
-Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als &bdquo;Reh&ldquo;,
-die Landschaft muß also &bdquo;Reh&ldquo; sein. Das ist ihr Prädikat. Die künstlerische
-Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, <a id="corr-82"></a>Burljuk etc. ist vollkommen und einwandfrei;
-sie &bdquo;sehen&ldquo; das Reh gar nicht und kümmern sich nicht darum; sie gaben &bdquo;ihre&ldquo;
-innerliche Welt, &mdash; das Subjekt im Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das
-Schwerste, im Grunde auch das Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das
-Wichtigste in einem Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse.
-Das Objekt ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert.
-Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann aber
-auch ein Bild malen wollen: &bdquo;Das Reh fühlt&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die Ägypter
-haben es gemacht. Die &bdquo;Rose&ldquo;. Manet hat sie gemalt. Die Rose &bdquo;blüht&ldquo;,
-wer hat das &bdquo;Blühen&ldquo; der Rose gemalt? Die Inder. Das <em>Prädikat</em>.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man gelehrt
-wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit gebe ich seine äußere
-Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt, nichts weiter und kann es gut oder
-schlecht machen. Ich kann aber auch den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn
-sehe, sondern was der Kubus ist, sein Prädikat.
-</p>
-
-<p>
-Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das Subjekt,
-sondern von dem Raum etwas &bdquo;ausgesagt haben&ldquo;, das Prädikat des Subjekts gegeben
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die sogenannte
-tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu
-geben, bleibt ungelöstes Problem.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum Schemen, um
-zur großen künstlerischen Form zu kommen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer kubischen
-Form malt? (im Themastil der Musiker).
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende
-Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten Schluß ziehen,
-ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen Sachen. Die Sache liegt
-vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein eigenes Schaffen mich zum Nachdenken
-zwingt und diese Zeilen hervorruft.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="hdrleft">
-Das Groteske:
-</p>
-
-<p>
-aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat das
-Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt, wie
-Märchen.
-</p>
-
-<p>
-Größer ist die <em>naive Darstellung</em>, die die Wirkung des Grotesken (das oft
-ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht.
-</p>
-
-<h3 class="writings unwrap pbb" id="chapter-4-2">
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-1912?<br />
-Einzelne Blätter.
-</h3>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-2-1">
-3.
-</h4>
-
-<p>
-Was wir unter &bdquo;abstrakter Kunst&ldquo; verstehen.
-</p>
-
-<p>
-Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das <a id="corr-83"></a>Existierende ist
-Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt unsre vom Weltbild erregte
-Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen. Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler
-stellte die Welt künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie
-wollte; der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich befruchten;
-er hat auch erreicht was er wollte, &mdash; er hat aber auch alles dafür hingegeben,
-alles hat er dem einen Ziel geopfert: den Homunculus zu konstruieren, die Kraft
-durch das Präparat zu ersetzen, Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer
-nach. Selbst die Kunst zwang er zu Handlangerdiensten.
-</p>
-
-<p>
-Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch nicht
-lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der &bdquo;anderen Seite&ldquo;, auf der Seite
-der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können und das Wissen
-tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins redet der Edle nicht. Nur
-das Eine muß geschehen: die Befreiung der Kunst aus ihrer Maskierung. Die
-Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden
-zu dienen.
-</p>
-
-<p>
-Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein. Die Kunst
-wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir werden nicht
-mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern
-<em>wie sie wirklich sind</em>, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr
-absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen; es wird uns
-soweit gelingen, als es uns gelingt, die traditionelle &bdquo;Logik&ldquo; von Jahrtausenden
-beim künstlerischen Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist
-<a id="corr-84"></a>alogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar;
-sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie getrübt von
-Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an sich fehlte, wir
-wollen ihn aufrichten: er lebt auf der &bdquo;anderen Seite&ldquo;.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-2-2">
-4.
-</h4>
-
-<p>
-Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu beziehen
-und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das ist vorbei, muß
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, &mdash; oh des glücklichen Tages! &mdash;
-vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat <em>seine</em> Formen, seine Formel, die nicht
-wir erfinden, die wir nicht mit unsern plumpen Händen abtasten können, sondern
-die wir intuitiv in dem Grade fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird
-immer Stückwerk bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, &mdash;
-aber glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb
-suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind
-hinter dem Schein?
-</p>
-
-<h4 class="no unwrap" id="subchap-4-2-3">
-5.<br />
-Die absolute Malerei.
-</h4>
-
-<p>
-Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir dazwischen
-sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir nicht
-die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden, je deutlicher
-wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung vorhalten? Der Schein ist ewig
-flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, ganz aus eurem Geiste weg, &mdash; denkt euch
-fort samt eurem Weltbild, &mdash; die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und
-wir Künstler ahnen diese Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der
-Welt zu sehen und in Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-2-4">
-Grenzen der Kunst.
-</h4>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen Dichter;
-wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum durchgesetzt, daß bei ihnen
-der Mond in die Zimmer spazieren darf; man darf sogar eine Sonne im Herzen
-tragen, Sterne herunterholen usw. Aber lassen Sie einmal einen Maler den
-Mond in einer Stube aufhängen oder auf den Tisch legen usw. Manches ist
-auf Verordnungswegen erlaubt worden, z. B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber
-man muß das Patent &bdquo;Pegasus&ldquo; darunter schreiben.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-2-5">
-Religiöses.
-</h4>
-
-<p>
-Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen.
-Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie
-könnten <em>alles</em> daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine große und
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto künstlerischer war, je religiöser
-sie gewesen (und umso künstlicher, je unreligiöser die Zeit war). Auch haben die
-vollkommen recht, die sagen, daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und
-technischen Zeit unvereinbar ist, &mdash; nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß
-die Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik zu
-kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der Taumel über
-unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird wieder zum großen Gott,
-ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden wiederkommen; neue Symbole
-und Legenden werden in unsre erschütterten Herzen einziehen.
-</p>
-
-<p>
-Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über den
-Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas Beschränkteres und
-Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle Religionen überwunden zu
-haben? Das glauben sie nämlich, die &bdquo;guten Mitteleuropäer&ldquo;. Auf was stützen
-sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen. Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die
-nicht schlechteste Imitation vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat
-an dem der Geist verhungert. Eisenbahn &mdash; die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine,
-&mdash; kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A
-nach B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil höchst
-plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer gesamten modernen
-Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten, <em>Geist zu sparen</em>. Wer
-mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen Verkehrsstörung in Haft genommen
-oder überfahren. Es wird aber eine Zeit kommen, in Bälde, da wird
-man unsre ganze Technik und Wissenschaft grenzenlos langweilig finden; man wird
-sie <em>vollkommen liegen</em> lassen, ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben,
-weil man mit geistigen Gütern handeln wird.
-</p>
-
-<h3 class="writings unwrap pbb" id="chapter-4-3">
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.<br />
-Geschrieben Anfang 1915 im Felde.
-</h3>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-1">
-1.
-</h4>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und Wahrheit.
-Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß wir
-im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die Maske der
-Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, &mdash; was besagt das
-gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-2">
-9.
-</h4>
-
-<p>
-Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf
-gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich verstopfte
-mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu sehen. Alle Zeichen
-des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht blendete mich, wohin ich mich wandte.
-Der Denker meidet das Gesicht der Dinge, da sie niemals das sind, was sie
-scheinen.
-</p>
-
-<p>
-Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das erreichen, was
-sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal, wie sie alle beteuern! Aber
-ein geheimes, ihrem Wissen und Willen fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute
-und brach aus &bdquo;wider Willen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-3">
-15.
-</h4>
-
-<p>
-Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich verheimlichten
-Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und 20. Jahrhunderts
-zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen Wissenschaft von den Gesetzen
-der Natur auf ihren Schleichwegen folgte.
-</p>
-
-<p>
-Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer Menschlichkeit
-am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen, um heute endlich
-die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren.
-</p>
-
-<p>
-Alles, das Größte ist heute in den Anfängen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-4">
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-23.
-</h4>
-
-<p>
-Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung des
-Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen und Müden
-einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille bestimmt das weiße
-Schicksal.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-5">
-25.
-</h4>
-
-<p>
-Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern
-und unerhörten Klängen leben.
-</p>
-
-<p>
-Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen als eine
-Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den Demagogen, die
-sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und die Welt hat Zeit.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-6">
-30.
-</h4>
-
-<p>
-Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen die
-Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches, Unmögliches
-Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo ein Bedürfnis, eine
-Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon keine Kunst mehr, keinen Willen
-zur Form mehr.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-7">
-31.
-</h4>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen, nicht
-von Traditionen leben.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-8">
-32.
-</h4>
-
-<p>
-Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den Fels,
-auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten in der Tradition;
-sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr dauerhaft erwiesen. Die
-großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im Nebel der Vergangenheit, sondern
-loten nach dem wirklichen, tiefsten Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können
-sie ihre Formen aufrichten.
-</p>
-
-<p>
-Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische Vorstellung
-des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar wie der Schwerpunkt;
-sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der Oberfläche, niemals im Vordergrund.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt, sondern das Primäre,
-der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt: das &bdquo;Wissen um das Heil&ldquo;,
-das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der &bdquo;Kultur&ldquo; vorausgeht.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-9">
-35.
-</h4>
-
-<p>
-Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, &mdash; die wenigen Europäer,
-die es erst geben wird, &mdash; der große Schmerz seiner Gestaltlosigkeit überfallen
-wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre Arme recken und Formsucher sein. Sie
-werden die neue Form nicht in der Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen,
-in der stilisierten Fassade der Natur, sondern die Form von innen herausbauen
-nach ihrem neuen Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung
-in Weltdurchschauung verwandelt hat.
-</p>
-
-<p>
-Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen Überzeugung
-sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere Wahrheit. Sie
-ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung, Formumgestaltung zu
-bringen, die die Welt erlebt hat.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-10">
-38.
-</h4>
-
-<p>
-Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um die Bedeutung
-der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen Zeit bis heute
-geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen dem Gestern und Morgen.
-Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die Handlanger der Moderne mit skrupelloser
-Hurtigkeit ziehen wollen um ihre Jenseitigkeit zu zeigen, &mdash; wahrscheinlich, um sie
-nicht zu verpassen, da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet.
-</p>
-
-<p>
-Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen Kurven
-vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch weiter vor in
-Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind.
-</p>
-
-<p>
-Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein Ärgernis
-zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben und noch lange
-leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und an seiner Würde,
-mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir seine Zukunftsart.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-11">
-39.
-</h4>
-
-<p>
-Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen läßt
-und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie wie Alchimisten
-Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren ihr &bdquo;Vermögen&ldquo;
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das naive Vermögen,
-eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-12">
-45.
-</h4>
-
-<p>
-Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch ein
-Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen Gesetzes statt der geheimnisvollen
-vielen, die heute für unser Auge die &bdquo;neue Buntheit der Welt&ldquo; ausmachen.
-</p>
-
-<p>
-Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz, eine
-Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und Einsichtskraft
-ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und Energienlehre oder die getrennte
-Betrachtung der Schwingungsgesetze.
-</p>
-
-<p>
-Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, &mdash; wir
-werden sie mit voller Sicherheit finden &mdash; werden wir vielleicht das dritte Gesicht
-haben.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-13">
-55.
-</h4>
-
-<p>
-Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem &bdquo;Jenseits&ldquo;
-zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch in die Formen der sichtbaren
-Welt. Heute träumen wir nicht mehr eingeengt von den Dingen, sondern
-verneinen sie, da unser Wissen zu jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen.
-</p>
-
-<p>
-Gott kam einst in einer Krippe &bdquo;zur Welt&ldquo;. Heute steht sie leer. Wir suchen
-die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären, in gesetzlichen
-Formen sichtbar gewordenen Natur.
-</p>
-
-<p>
-Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische Kraft
-wandeln.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-14">
-70.
-</h4>
-
-<p>
-Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres Geistes.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-15">
-78.
-</h4>
-
-<p>
-An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das religiöse
-Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird zweifellos tiefliegende
-Analogien mit der Kunst längstvergangener, primitiver Zeiten haben, freilich ohne
-die formalistische Annäherung an diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben.
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Ebenso zweifellos wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die
-ihrerseits wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im Parallelismus
-des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer Zeit.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-16">
-79.
-</h4>
-
-<p>
-Den Menschen graut vor Leichen und Moder, &mdash; warum thut er so vertraut
-und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die einfachsten Vorsichten
-und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung und Seuche im geistigen Leben
-sind uns bekannt; die medizinischen Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur
-&bdquo;ihre&ldquo; Bazillen.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-17">
-80.
-</h4>
-
-<p>
-Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und Bazillenträger wie
-das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das Paradigma des Geistes ist.
-</p>
-
-<p>
-Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der Ansteckungsgefahr,
-die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft anhaften soll, ein vielgeglaubter
-Satz der zurückstehenden, murmelnden Menge. Man frägt die Mediziner
-nicht einmal, wie unmöglich dieses sei und wie gewiß sein Gegenteil.
-</p>
-
-<p>
-Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist Gefahr.
-Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist verseucht und erkrankt.
-</p>
-
-<p>
-Wer lebt heute zwischen frischen Dingen?
-</p>
-
-<p>
-Was ist <em>Reinheit</em>?
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-18">
-82.
-</h4>
-
-<p>
-Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es
-untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das Blau der
-flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte Auftauchen an einem andern
-Ort, &mdash; erkennt, meine Freunde, was Bilder sind: das Auftauchen an einem andern
-Ort.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-19">
-83.
-</h4>
-
-<p>
-Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz.
-</p>
-
-<p>
-Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Das Aufblühen des Unbekannten.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-20">
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-85.
-</h4>
-
-<p>
-Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz einmal,
-ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen Pochen wieder langsam
-aufzuhämmern der Zukunft entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig?
-</p>
-
-<p>
-Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg
-nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-21">
-87.
-</h4>
-
-<p>
-Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine hohle
-Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen gelebt haben,
-die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte liebten wie wir.
-</p>
-
-<p>
-In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht
-uns mit seltsamen Augen an.
-</p>
-
-<p>
-Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten möglich?
-Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen Möglichkeiten des abstrakten
-Denkens?
-</p>
-
-<p>
-Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als unsre
-höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des <em>sentimentalen
-Geistes</em>. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen noch nicht begegnet,
-als er das Abstrakte liebte.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-22">
-89.
-</h4>
-
-<p>
-So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche Sehen,
-als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als hysterische Erkrankung
-und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens.
-</p>
-
-<p>
-Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen alternd dieser
-Krankheit.
-</p>
-
-<p>
-Der Europäer als Arzt und Wiederverkünder alter Wahrheit &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-4-3-23">
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-90.
-</h4>
-
-<p>
-Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben kann, unter
-keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten.
-</p>
-
-<p>
-Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich singe mit Mombert:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,</p>
- <p class="verse">Einen einzigen!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="part">
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Briefe an Frau Lisbeth Macke
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="date pbb" id="chapter-5-1">
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 23. X. 1914.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebste Freundin,
-</p>
-
-<p>
-gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon schreibt
-mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren haben. Ich bin
-so traurig und beklommen davon, daß Du es August&rsquo;s und Deinem Freunde
-schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte nicht mehr schreibe, als daß
-ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn trauern werde, so lange ich noch
-lebe und male! Vergiß uns, Maria und mich, nicht über dem Leid. Wir haben
-ein Häuschen und möchten Kinder sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du
-nur magst. Was Dir die Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein &mdash; aber
-das andere, was Dir und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet
-hat, die Malerei von August, das Erbe seiner Ideen &mdash; dies Leben sollst Du bei
-uns weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen
-streicheln von
-</p>
-
-<p class="sign">
-Deinem treuen Franz
-</p>
-
-<p>
-Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut?
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-2">
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 5. XI. 1914.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht &bdquo;nichts-sagende&ldquo; Zeilen lieb
-sind &mdash; aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es nur, um Dir ein
-bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine traurige Karte mit der ungewissen
-Nachricht über den armen August, ich wußte inzwischen schon durch Maria und
-Koehler, daß doch noch eine kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, &mdash;
-möchte es doch sein! An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube
-ich absolut nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang
-des Krieges herrschte &mdash; übrigens auch bei uns, ich war in <span class="antiqua">Saales</span> selbst Zeuge &mdash;
-ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen, männlicheren Überlegung
-gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders sein. Der Postverkehr ist andrerseits
-so gänzlich abgeschnitten, daß er vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann,
-vor allem, wenn er in einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer
-noch ein bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin.
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Ich denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben, gemeinsamen
-Erinnerungen, an August&rsquo;s Atelier und was aus unsrer Freundschaft und gemeinsamen
-Arbeit noch hätte werden können!
-</p>
-
-<p>
-Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben Buben
-von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir den Abschied
-von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige Gedanke, daß ich sie ganz
-allein zurücklasse, wenn ich nicht wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe.
-Im Felde fürchtet man den Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht
-zwischen all dem fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke,
-kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt, zurückzulassen,
-ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im allgemeinen wenig
-exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht zurückzukehren; aber ebenso felsenfest
-hab ich an August&rsquo;s Stern geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß
-man verzweifeln möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert
-als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen
-ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer fühle, was
-ich und wir alle an ihm verlieren würden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor allem
-unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den Vogesenkämpfen
-kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen; ich hab viel ruhige
-Stunden für mich und arbeite für mich an meinen Gedanken, die der Krieg in
-ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich finden, mit dem ich über das
-alles reden kann, wenn ich August nicht mehr habe? Du kannst es mit noch
-größerem Recht sagen, aber was Dir Freunde sein können, das sollst und wirst
-Du an uns finden. Grüße Deinen lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich
-riesig, daß er sich wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen
-und laß Dir einen Freundeskuß geben von Deinem treuen
-</p>
-
-<p class="sign">
-Franz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-3">
-Bertschweiler, Südvogesen<br />
-7. I. 1915
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22. XII. hab
-ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von Koehler, der mir von
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-seinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und auch die näheren Umstände
-von August&rsquo;s Tode schilderte. Nun sind wir wirklich allein, ohne unseren August,
-Du und Koehler und ich, und mit uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand
-geben in seinem Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben
-davon umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei.
-Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig helfen.
-Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder bei uns
-in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie nicht geben kann.
-Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen, kannst Du mir schon glauben,
-vor allem auch für die Kinder. Und von Dir möchte ich noch viel über August
-hören und erfahren, vor allem über seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon,
-als wenn schon bald Friede wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere
-Geschütze! Wir sind seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen).
-Statt des erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze
-Weihnachtsnacht am Pferd!
-</p>
-
-<p>
-Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im Westen.
-Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere!
-</p>
-
-<p>
-Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt ihn
-ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als Infanterist doppelt
-und zehnfach.
-</p>
-
-<p>
-Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine Photographie
-von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten unaufgezogen). Koehler
-schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August. Gib Walterchen und dem Kleinen
-einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du auch einen von Deinem treuen
-</p>
-
-<p class="sign">
-Franz Marc.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-4">
-29. I. 1915.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im Ganzen
-und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar die Hand drücken
-möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide weiß, das Dein Leben
-für immer in das Schicksal dieses Krieges verflochten hat. Ich liebe heute alle
-Menschen, deren Herzen mit unserm Leben und mit dem Schicksalswillen dieses
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Krieges mitzittern. Es gibt merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles
-meiden, was ihre Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die &bdquo;Neutralen&ldquo; im
-Lande!
-</p>
-
-<p>
-Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und Verehrung
-herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem melancholischen <span class="antiqua">Hagéville</span> geschrieben
-habe. Deine Idee, ihn neben dem Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist
-sehr glücklich. Ein solcher Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen
-Kunstpolemik vor dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck
-in &bdquo;Kunst und Künstler&ldquo; habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber,
-wo Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K.
-gerne einverstanden bin, &mdash; vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall die Korrespondenz
-mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir und unserm
-Freundeskreis von August&rsquo;s Wert und unserer gemeinsamen Liebe erzählen soll.
-</p>
-
-<p>
-Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht
-mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas über
-ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von seinem Besuch
-bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn, er leidet furchtbar
-unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich denke auch daran, wie wehmütig
-mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen machen würde und doch möchte
-ich so gern einmal, noch einmal August&rsquo;s Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und
-den kleinen Wolfgang kennen lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und
-wie wird es dann in Europa aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme
-nicht mehr ganz als derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im
-Sturm durchschüttelt.
-</p>
-
-<p>
-Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß melancholisch und
-ernst drein &mdash; so verändern sich die Dinge!!
-</p>
-
-<p>
-Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten und
-wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze Familie; wenn Du
-einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen kameradschaftlichen Gruß von
-mir bei. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung
-Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé&rsquo;schen Mädchen &mdash; auf solche köstlichen
-Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Von Herzen Dein Franz Marc.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-5">
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-22. II. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria
-schrieb mir, daß sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die Geschichte
-mit Herrn Scheffler so <a id="corr-86"></a>komplett vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar
-wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir und der Redaktion bestehe.
-Jetzt erinnerte ich mich plötzlich an alles, und wundere mich auch nicht über die
-Anfrage. <span class="antiqua">Vive la bagatelle!</span> Meine Gedanken sind heute wo ganz anders &mdash; es
-ist alles so lange lange her, als wären&rsquo;s Jahre.
-</p>
-
-<p>
-Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam dann
-Dein gutes Schokoladepaketchen, schönen Dank! Bleibt alle gesund, Ihr lieben
-Drei. Mit herzlichem Händedruck
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Franz Marc.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-6">
-12. V. 1915.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an
-August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm Ritt
-am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte mich in der
-Gartenwirtschaft am Bahnhof aus &mdash; da mußte ich so an Euch denken. Ich blieb
-dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas schweren Herzens zurück.
-Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der mir so deutsch und heimisch
-schien. Es kostete mich wirklich einen Entschluß wieder über den Rhein zurück nach
-Westen zu reiten! Wann werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren
-dürfen?! Daß Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich
-nicht sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge &mdash; auch eine
-Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen und fremden
-Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches andere, ich glaube,
-Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn Du mit den Kindern die
-Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen Besuch allein machst, wirst Du
-Maria und mir auch eine große Freude machen; und ich hoffe so sehr, daß er
-für Dich selbst eine kleine seelische Erholung wäre &mdash;.
-</p>
-
-<p>
-Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff *&nbsp;*&nbsp;* ist lustig; ich wunderte mich
-selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht anders verstehen;
-wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei *&nbsp;*&nbsp;*. Ich kann Dir schwer
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-raten in dieser Sache. Außer *&nbsp;*&nbsp;* käme eine Wanderausstellung durch die Kunstvereine
-in Betracht. Dafür müßte sich von vornherein eine richtige und gewichtige
-Persönlichkeit einsetzen; vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung
-könnte trotzdem die Bezeichnung &bdquo;Von seinen Freunden veranstaltet&ldquo; tragen.
-Ich schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht in
-Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die Koehlergalerie, als
-Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz glücklich &mdash; es würden zu wenige
-hingehen. Ich schlug schon einmal Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August&rsquo;s
-Kunst in seiner Galerie einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und
-Sorgfalt ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und dergleichen,
-Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches Zimmer würde die
-Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und ein dauerndes Denkmal für August
-sein. Aber die geplante Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten,
-ist kein glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die Räumlichkeiten
-von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein unverschämtes Geld
-kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache stehen würde. Ich geb
-Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die freudige und gesammelte Stimmung
-für ein solches Unternehmen. August&rsquo;s Bilder bleiben immer jung, &mdash; nichts, was
-Wert hat, hat Eile; im Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer
-besser.
-</p>
-
-<p>
-Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen
-Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle herzlich gegrüßt,
-auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und W. Gerhardt
-mit Frau.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein Franz Marc.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-7">
-6. VIII. 1915.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer Abschied
-genommen hast &mdash; rückte er damals gleich ab? Und nun liegt Helmuth verwundet
-&mdash; hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige Tage nach seiner
-Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div. Westen; ich schrieb ihm sofort
-wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine Antwort, was mich etwas beunruhigt.
-Es war ein Granatsplitter im Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation,
-die glücklich verlaufen sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt
-sein Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig, wenn
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth weißt und
-besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar ist. Es ist ja auch
-die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch allen; wo ist Dein Bruder?
-Grüß alle von mir und laß Dir die Hand drücken
-</p>
-
-<p class="sign">
-von Deinem<br />
-Franz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-8">
-5. X. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Meine liebe, gute Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin sehr
-schreibeunlustig geworden &mdash; die Welt, die Arbeit und die Liebe, alles rückt so
-traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich schrieb in den letzten
-Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter, aber meine Gedanken irren
-eigentlich in einem nirgendwo, unstät, unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg;
-und was mir diesen Zustand besonders unheimlich macht: ich werde ein immer
-besserer &mdash; Soldat! Ich kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges
-Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir
-Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und Kinderleben! &mdash;
-Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in gefährlichster Nähe der
-großen Offensive. Ich selbst kann über nichts klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter
-und werde in Bälde Offizier sein; das erleichtert natürlich mein Leben
-äußerlich sehr, aber die geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch
-nur noch &bdquo;dicker&ldquo;. Dabei &bdquo;genieße&ldquo; ich den unbestrittenen Ruf eines &bdquo;vorzüglichen&ldquo;
-Soldaten. Ich bin es sogar. &mdash; Das ist das Groteske meines jetzigen Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes, ruhigeres zu
-sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und Wolfgängchen auf den
-Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch solche Zeiten wieder, nach
-diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs, dem wir uns ergeben haben. Wie
-haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du
-Ärmste hast das größte Opfer gebracht, &mdash; Deine Ruhe kann ich verstehen &mdash; aber
-so viele andere?? Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen
-wie gut ich sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg
-aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich
-bin zu keinem anderen fähig.
-</p>
-
-<p>
-Mit herzlichem Händedruck
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein Franz.
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-9">
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-23. XII. 15.
-</h3>
-
-<p class="adr">
-Liebe Lisbeth,
-</p>
-
-<p>
-was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank für
-alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und Sendungen spricht.
-Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr Qual und Wehmut bringen
-als Freude, &mdash; wenn Dir nicht die strahlenden Gesichter von Walterchen und Wolfgang
-alles Weh überstrahlen. Ich habe zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen
-beiden kleinen Buben, ähnlich wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem
-Urlaub kürzlich so gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in
-der Hand, das manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine
-Photographie von Walterchen und Wolfgang &mdash; ich war ganz ergriffen von der
-Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft klein ist zur
-Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es werden schon wieder gute
-Stunden kommen, in denen wir um den runden Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder
-pinseln &mdash; dann muß eben Walterchen auf August&rsquo;s Stuhl sitzen und mitmachen.
-</p>
-
-<p>
-Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu
-kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt gar nicht
-besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden und ihr wenigstens
-diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber vielleicht hält sie auch anderes zurück, &mdash;
-die Sorge das Haus zu lang allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir
-keine aufmunternde und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch
-und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich besucht,
-aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich heute schon:
-daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg zuweilen bei uns sehen!
-</p>
-
-<p>
-Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich ziehen sie
-andere nach sich, wie es doch meist ist.
-</p>
-
-<p>
-Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat zurückgezogen
-worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz gemütliches Weihnachten
-richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich von mir; gib Walter und Wolfgang
-einen Kuß von ihrem Onkel. In herzlicher Liebe
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Franz Marc.
-</p>
-
-<p>
-Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos grauenvolle
-Jetzt!
-</p>
-
-<h3 class="date" id="chapter-5-10">
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-<span class="antiqua">Hagéville</span>, 25. X. 14.
-</h3>
-
-<p class="hdr">
-<em>August Macke</em> &dagger;.
-</p>
-
-<p>
-Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen abfordert,
-bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter Siegesklängen
-den Verlust.
-</p>
-
-<p>
-Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt in
-der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten hinter den
-Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht sehen; denn die
-Gesundheit des Ganzen will es so.
-</p>
-
-<p>
-Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das
-grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in denen der
-Quell des Leides nur mehr langsam rinnt.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder tötlichen Kugel
-das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt und verschiebt. Im Kriege
-sind wir alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen <em>Unersetzlichen</em>.
-Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen,
-ein Auge blind gemacht. Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser
-grausame Krieg unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge
-Geist mag gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in
-sich trug.
-</p>
-
-<p>
-Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! &mdash;
-</p>
-
-<p class="center">
-August Macke, der &bdquo;junge Macke&ldquo; ist tot.
-</p>
-
-<p>
-Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche Kunst gesorgt
-hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte, der kannte Macke.
-Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir wußten, welche heimliche Zukunft
-dieser geniale Mensch in sich trug. Mit seinem Tode knickt eine der schönsten
-und kühnsten Kurven unsrer deutschen, künstlerischen Entwicklung jäh ab; keiner
-von uns ist imstande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo
-wir uns begegnen werden, wird er immer fehlen.
-</p>
-
-<p>
-Wir Maler wissen gut, daß mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die <em>Farbe</em>
-in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und einen stumpferen,
-trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten
-und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war. Gewiß
-ahnt das Deutschland von heute nicht, was alles es diesem jungen, toten Maler
-schon verdankt, wieviel er gewirkt und wieviel ihm geglückt ist. Alles, was seine
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-geschickten Hände anfaßten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie
-und am meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog.
-Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach außen gesät,
-wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, daß sie nicht
-heimlich bleibt.
-</p>
-
-<p>
-Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige Krieg
-ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen Helden ärmer
-geworden.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Franz Marc.
-</p>
-
-<p class="imp">
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Das
-Buch enthält
-Franz Marcs Briefe
-aus dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen
-und Aphorismen.
-Der Tafelband stellt die originalgetreue
-Wiedergabe des letzten Skizzenbuches aus dem
-Felde in Lichtdruck dar. Der Textband der vorliegenden
-Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der Offizin W. Drugulin
-in Leipzig gedruckt. Er enthält, gleichfalls in Lichtdruck, eine farbige
-Beilage nach dem Aquarell &bdquo;Tierschicksale&ldquo; von Franz
-Marc. Eine Vorzugsausgabe mit weiteren fünf farbigen
-Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz
-Marc wurde in 320 in der Presse numerierten
-Exemplaren, von denen 300
-in den Handel kommen, auf
-Büttenpapier gedruckt
-und in Halbleder
-gebunden
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend
-normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden
-Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich
-den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist.
-</p>
-
-<p>
-Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische
-Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen
-des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft,
-Garnisondienst) wurden unverändert übernommen.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, <span class="underline">bonc</span>-aigle, Bock-Adler, ...<br />
-... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, <a href="#corr-6"><span class="underline">bouc</span></a>-aigle, Bock-Adler, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Mazola</span>. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger ...<br />
-... <a href="#corr-7"><span class="underline">Mazzola</span></a>. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... L...., bin heute bis <span class="underline">Corze</span> gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager ...<br />
-... L...., bin heute bis <a href="#corr-9"><span class="underline">Gorze</span></a> gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. <span class="underline">Corze</span> ...<br />
-... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. <a href="#corr-10"><span class="underline">Gorze</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Liebe M., <span class="underline">Heute</span> früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie ...<br />
-... Liebe M., <a href="#corr-14"><span class="underline">heute</span></a> früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">heut</span> über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war ...<br />
-... <a href="#corr-34"><span class="underline">Heut</span></a> über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... beweist mir an einem kleinen Beispiel, <span class="underline">das</span> ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer ...<br />
-... beweist mir an einem kleinen Beispiel, <a href="#corr-38"><span class="underline">daß</span></a> ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &mdash; &mdash; Um mich lege die Sorge wirklich ein <span class="underline">bischen</span> ab. Mein verändertes ...<br />
-... &mdash; &mdash; Um mich lege die Sorge wirklich ein <a href="#corr-41"><span class="underline">bißchen</span></a> ab. Mein verändertes ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">inzwischen</span> sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe ...<br />
-... <a href="#corr-42"><span class="underline">Inzwischen</span></a> sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... verliere, daß dies alles für mich nicht <span class="underline">Wesentlich</span> ist, nur Wege, Spaziergänge ...<br />
-... verliere, daß dies alles für mich nicht <a href="#corr-43"><span class="underline">wesentlich</span></a> ist, nur Wege, Spaziergänge ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächst<span class="underline">bestem</span> christliche ...<br />
-... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächst<a href="#corr-45"><span class="underline">besten</span></a> christliche ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und <span class="underline">Hatonchâtel</span> und ...<br />
-... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und <a href="#corr-51"><span class="underline">Hattonchâtel</span></a> und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sein; bei diesem elenden Wetter, &mdash; <span class="underline">Hautmont</span> schwimmt schier weg &mdash; wäre es ...<br />
-... sein; bei diesem elenden Wetter, &mdash; <a href="#corr-56"><span class="underline">Haumont</span></a> schwimmt schier weg &mdash; wäre es ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke sub<span class="underline">sumiert</span> unter das Unwesentliche ...<br />
-... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke sub<a href="#corr-57"><span class="underline">summiert</span></a> unter das Unwesentliche ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachts<span class="underline">packetchen</span> diesmal &bdquo;rechtzeitig&ldquo; ...<br />
-... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachts<a href="#corr-60"><span class="underline">paketchen</span></a> diesmal &bdquo;rechtzeitig&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Daß das liebe <span class="underline">Amuletchen</span> etwas später kam, macht gar nichts, &mdash; ich war Weihnachten ...<br />
-... Daß das liebe <a href="#corr-61"><span class="underline">Amulettchen</span></a> etwas später kam, macht gar nichts, &mdash; ich war Weihnachten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Lies einmal in <span class="underline">Hildebrands</span> Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe ...<br />
-... Lies einmal in <a href="#corr-66"><span class="underline">Hildebrandts</span></a> Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ausdruck &bdquo;9 <span class="underline">Kadinsky</span>&rsquo;s&ldquo; gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, &mdash; die ...<br />
-... Ausdruck &bdquo;9 <a href="#corr-74"><span class="underline">Kandinsky</span></a>&rsquo;s&ldquo; gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, &mdash; die ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... überdacht, die nach grob <span class="underline">pointilistischem</span> System und den Erfahrungen der bunten ...<br />
-... überdacht, die nach grob <a href="#corr-75"><span class="underline">pointillistischem</span></a> System und den Erfahrungen der bunten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... schlechte Geruch, &mdash; das alles deutet auf einen <span class="underline">kaputen</span> Magen etc. hin. Glaub ...<br />
-... schlechte Geruch, &mdash; das alles deutet auf einen <a href="#corr-76"><span class="underline">kaputten</span></a> Magen etc. hin. Glaub ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... L., <span class="underline">Ich</span> wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir sitzen und ...<br />
-... L., <a href="#corr-77"><span class="underline">ich</span></a> wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir sitzen und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der Jünger <span class="underline">Moillet</span>; im ...<br />
-... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der Jünger <a href="#corr-78"><span class="underline">Moilliet</span></a>; im ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Es</span> zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem ...<br />
-... <a href="#corr-81"><span class="underline">Er</span></a> zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, <span class="underline">Burljick</span> etc. ist vollkommen und einwandfrei; ...<br />
-... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, <a href="#corr-82"><span class="underline">Burljuk</span></a> etc. ist vollkommen und einwandfrei; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das <span class="underline">existierende</span> ist ...<br />
-... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das <a href="#corr-83"><span class="underline">Existierende</span></a> ist ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">allogisch</span>. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; ...<br />
-... <a href="#corr-84"><span class="underline">alogisch</span></a>. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mit Herrn Scheffler so <span class="underline">komplet</span> vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar ...<br />
-... mit Herrn Scheffler so <a href="#corr-86"><span class="underline">komplett</span></a> vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar ...<br />
-</li>
-</ul>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen.
-Erster Band, by Franz Marc
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND ***
-
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