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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 19:34:45 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band - -Author: Franz Marc - -Release Date: December 31, 2016 [EBook #53845] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive. - - - - - - - Franz Marc / Briefe - - - Franz Marc - - - - - Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen - - - Erster Band - - - 1920 - Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin - - - - - Alle Rechte vorbehalten - Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin - - - - - Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14 - Herbst - - L...., - -habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr -stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles -anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der -Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als -möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevölkerung -äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr franzosenfreundlich -ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist -offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung _Saales_; -wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß -mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur -Kommißbrot aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und -spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel -spätere Zeiten; wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe -immer noch auf _Belfort_ über _Épinal_. - -Gruß Euch beiden, N's -- -- -- -- -- - - - In _Sâles_, 2. Sept. Nachm. - -Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 -Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so -etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant *** zusammen (der -Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten -nach Frankreich hinein bis _Remomeix_ (vor _Dié_), vor uns eine riesige -Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen -schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg -stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße _Saales-Dié_ ein -unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich -immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben -wir auf unserm Ritt auch bekommen; in _Sâles_ gibt es gar nichts mehr. -Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am -Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel -installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man -ruft mich dazu in's Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar -Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in _Sâles_ -beobachten; »Wallensteins Lager«, aber in echt. Unsre weitere -Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon -aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf -dem wir biwakieren. - -Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. --- -- -- -- -- -- - - - 6. Sept. 14. - _La croix aux mines_ - bei _Laveline_ - -Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und -schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in -meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, -das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den -kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf's allermöglichste auszunutzen. Im -Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in -die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas -zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des -ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit -entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele -Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger -vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe -haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr -wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich -nicht mehr. - - -- -- -- - -- Fz. - - - 10. Sept. 14. - -_p. L._ Eben las ich an diesem stillen Tage _L'histoire des Girondins -(Lamartine)_, das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch -kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt. - - - 11. Sept. Früh. - - L. M. - -gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. -Der bedeutete offenbar den _Schluß des 1. Kapitels_ meines Feldzuges. -Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel _Laveline-La -croix_ (_Col du Bonhomme_) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr -könnt Euch das Bild auf den Heeresstraßen (Richtung _Saales_) -ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt -dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden. -Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in _Colroy_ in einem -Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen -glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von -Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im -europäischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine -Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von _Colroy_ sein. Schickt jetzt -natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen. - - - Grube, Samstag, 12. Sept. 14. - - L...., - -Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das -Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen -sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt -sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir -zogen von _Lubine_ über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von _St. -Dié_ nach _Urbais_ 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg), -ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs- -und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges. -Wir gingen über _Urbais_ hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den -Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern -was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, -ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, -Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß -solcher -- Selbstverständlichkeiten -- _d'autrefois_. Ob wir nun nach -Schlettstadt-_Belfort_ kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach -Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir -blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! -Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem -Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen? - - - Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914. - - L.... M...., - -heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben; - --- -- -- -- -- - -Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; -wahrscheinlich, weil die »Ereignisse« mir den Horizont versperren. Man -kommt nicht über die »Aktion« hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. -Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, -- im -Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder -Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz -verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so -mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre -Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, -chiffriert, -- oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die -wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist -unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch -Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden -Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir -direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der's doch noch am -besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch -besser, -- aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! -Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den -Kriegsfreiwilligen weg bin, -- ich glaube doch hier in unsrer -Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als -die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird's wohl werden! Ich glaube -an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht's doch noch eher! Wenn -diese Engländer nur nicht alles verschlampen. - -Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, -- -- -- -- -- - - - 22. IX. 14. - -L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die -3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die -blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer -Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die -Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt -der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte -ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst -wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar -nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.'s und von Dir) vor -cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die -Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter -klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt -zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann -zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, -- -bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was -schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben -(Tintenstift, Meldekarten etc. -- ich werde solche Dinge selbst besorgen -können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige -Zigarren, -- man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, -ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber -sonst sind wir für alles _äußerst empfänglich_. - -Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir! - - - Aus Straßburg, 24. Sept. 14. - -Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht -gefahren von _Saales_ aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum -Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen -dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so -merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in -einem »Löwenbräu-Ausschank« und esse mich an großen Butterbroden und -Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im »Roten Hahn« in -München säße -- und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir -kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne -Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen -Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung -fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine -Selbstverständlichkeit geworden! - -Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; -im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; -Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar -merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, -wie ich mich aufs Malen freue. - -Sei du und Maman herzlich umarmt von - - Eurem Fz. - -Streichle Russi und die Rehe von mir. - - - _Lubine_, 30. Sept. 14. - - Liebe Maria, - -heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der -Thüre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine -Darmgeschichte ist recht übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur -drei weiche Eier und paar Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich -etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist -gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich -nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und -elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer mit grauen -Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich sie -den Berg bei _Lubine_ ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten -gezeigt haben! Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. -Wieviel gesunde Männer mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir -halten uns hier nur mit Mühe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe -umgewandelt; ob wir uns dauernd auf französischem Boden werden halten -können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind -ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig. -Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in -meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden -Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man -ist hier natürlich überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und -kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man -tagsüber zu Hause bleibt und sich krank fühlt. - -Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich -bin zu müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch -deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht -kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch -keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, da ich beständig Durst -habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. -- Also _Saales_ brennt -an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in _Bowy-Bruche_. Alles muß -nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen -nicht zu verraten und der Beschießung durch französische Fußartillerie -zu entgehen. - -Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt -immer, sie drücke auf _St. Dié_ und _Épinal_ herunter, um den uns hier -bedrängenden französischen Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus -alledem scheint nichts zu werden, ebensowenig als aus der raschen -Entscheidung vor Paris. Wie lange mag das noch dauern! -- Meine Lektüre -sind hier alte französische Journale (Juli 14, ohne die leiseste -Vorahnung des Krieges; -- es ist tragisch, an das ahnungslose schöne -Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich -Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese. --- - -So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von _dem_ Herbst, den man -sich vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein -Herbst in Ried sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich -verzweifle schon Weihnachten heimzukommen, ich glaub es nicht. - -Ist die Hanni wieder ausgerissen? - --- -- -- - -Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl -interessanter, sobald ich wieder gesund bin. - - - 2. Okt. 14. - -L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in -sorgfältige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht -mehr Jägerkaserne, sondern _Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9_. -Es war ganz nett, daß ich gestern in dem originellen Städtchen (noch -viel mehr die Stadt »Perle« als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich -fühlte mich nachts wieder so schlecht, daß ich mich heute einfach -selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt -vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand um mich, -ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte -Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus -unter beständiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder -hinauszugehen, muß ich mich _ganz_ gesund fühlen, sonst thu ich es -nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt über meine Pflege und -Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schöne -Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal der Herbsttag auf. -Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den -Frostnächten springen sie auf und fallen ab. - - - 4. Okt. Sonntag. - -Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen -Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, -daß _unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden_!!! -(näheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, -was wir dort erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich -jeder, daß er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun -sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird -lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nämlich nicht so -einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle mich heute im Magen -um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und ich habe kein -chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre. - -Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen. - -Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen -und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett -beginnen. - - - 8. Okt. 14. - -L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht -ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich -fühle mich unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt -allmählich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch -wenn ich wieder draußen bin, nicht mehr abreißen; ich werde »hinter der -Front« arbeiten; das bißchen Schreiben und die Ruhe haben mir gut -gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von größerem -Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem -Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das -Wetter ist himmlisch schön. - - - 11. X. 14 Schlettstadt. - -Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, -- sechs Wochen bin ich nun -schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht -es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, -_bouc-aigle_, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in -Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen -»Nachessen, mit Rotwein«. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld -kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine -glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer -hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich -sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, -Vogesenausflug, -- Straßburg etc. -- Paris? Vielleicht finde ich Zeit, -in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu -sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die -verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich -bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im -Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, -sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch -verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. _Das -Ungesagte wird im Beschauer zum Wort._ Mantegna und Bellini haben es ja -noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in -London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, -- ist es -nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das -gemalt, -- gebaut ist. - -[Fußnote 1: Filippo Mazzola, Auferstehung -- und Straßburger Meister, d. -Hl. Konrad von Konstanz.] - - - 11. Okt. 14. - --- Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt -für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich -will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich -sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel -schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, -leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch -tausendmal schöner. - -Also von nun an wieder Truppenadresse. - - - Schlettstadt, 13. X. 14. - - Liebste, - -siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte -ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von _Lubine_) reiste und war -ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn -erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem _ich_ ihn zeigte, -mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch -zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als -der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des -Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich! - --- -- -- -- -- - -Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl -ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz -anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die -Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die »exakten Wissenschaften« -denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen -neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf. - -Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint -man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie -schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen -mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite -stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und -fand sogar _Ried_ darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf --- Aidling, Riegsee -- Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!! -Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky -über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute -eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit -Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, -- heute bedeutet das -für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, -er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort -predigen; oder in der Schweiz, -- ich selbst bin aber mehr Deutscher -geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber -_kein Maler_! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich -ihn habe. Das sind _meine_ Sorgen! - -Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha -von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist's ja gut, aber -es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme -Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst -Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem -Schrecklichen, -- es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten. -Bleib nur jetzt recht lang in Ried. - -Seid beide herzlichst gegrüßt .... - - - Schlettstadt, 15. X. 14. - -L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel -stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze -möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich -milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist -symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen. -Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die »Wissenschaft« -denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen -moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er _muß_ -aber gefunden werden und nicht _au détriment des sciences_, sondern in -voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, -- sie ist -das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst -haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben. - -Schicke Exemplar der »Vossischen« an Köhler (mit ein paar Worten, daß -ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute -einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er -möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky -sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir -mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. -Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute. - -Morgen geht's wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und -zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte -aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen -will, -- ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht -kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich -Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie -soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und -Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide, -sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und -graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht -unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und -Schwaben, -- ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das -Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des -Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich -die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als -daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und -ungeheuer _sicheres_; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten -hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm -wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte -längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. -- -- -- -- -- -- -- - -Ich warte hier _jedenfalls_ Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst -Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. -- Heut saß ich -genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im -Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum, -ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage -hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von -hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100 -Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß -doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob -sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein -Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals -weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich -bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne -werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich -andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich -über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen, -wo ich weggehe. - - - 17. X. (Sonntag). - -L...., bin heute bis _Gorze_ gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein -Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse -Nebel. _Gorze_ ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche -heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung -_Chamblay_. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch -geschrieben. -- Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht -vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt. - - - _Buxières_ 19. X. Montag. - -Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach _St. -Bénoit-Vigneulles_, von da aus mit Fouragewägen südlich bis _Buxières_, -wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. -Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo -der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen -soll. - -In Eile! - - - _Gorze_, 17. 10. Sonntag. - -Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach _St. Bénoit_, wo das -Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit -bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in -dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin -froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf -zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und -Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen -getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz -herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, -pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich -Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß. - -Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es -ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich -jedenfalls darauf. -- Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines -Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der -Schlacht bei _Gorze_ 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. -- Hier -in _Gorze_ liegen _frische_ Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz -unthätig, -- ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie -sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache -unbedingt, die deutsche Sache steht gut! - - - _Hagéville_, 20. X. 14. - -Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! -Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre -Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien -sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein, -irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial -ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese -tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt. -Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen -Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, -- -so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es -mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise -schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens -auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und -Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist -blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas -revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie- -und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich -jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, _gute leichte_ Zigarren (die -Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich -etwas von _Deinen_ Likören. -- Man redet jetzt viel vom nahen Ende des -französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es -ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht -in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so -ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause -geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren! - - - _Hagéville_, 23. X. 14. - - Ach Liebste, - -Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und -mich äußerlich dazu stellen soll, -- letzteres ganz wörtlich: die nackte -Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten -Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte -in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, -- und heute, wo ich -von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und -stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu -einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in -einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August -hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; -Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu _allem_ -reif, zu _jedem_ Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! -Wahrscheinlich _ganz_ allein. Gewiß hast Du mit *** recht. Die Not des -Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche -_Erstlingsthat_, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. -Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und »auf gut deutsch« -mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur -westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist -würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so -»fernen« Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu -_durchschauen_. Du schreibst ja auch ganz richtig über *** und ihn -- -Slaven; aber bei *** darf man seine That nie vergessen. - --- -- -- -- -- -- - -Grüße und streichle die Rehkinder - - -- -- -- -- - -- Frz. - - - Sonntag 25. X. 14. - -Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer -fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen -Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das -Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr -interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen -Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den -feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die -Batteriebereiche zu drängen. - -Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt -verloren zu sein, und zwar beim Brand von _Saales_, bei dem 8 große -Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, -daß französische schwere Geschütze _Saales_ plötzlich in Brand -geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in _Buxières_, wo -der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das -sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden. -Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen -Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die -aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung -jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich -behandelt. -- - -Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde -Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; -ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des -Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich -darunter. - - - _H...._, 30. 10. 14. - -L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich -bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es -Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen -Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim -nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten -Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues; -wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von -Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das -Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es -geht mir famos. - - - _Hagéville_, 1. Nov. 14. - -Liebe Maman, heut an »Allerheiligen im Felde« schicke ich Dir einen -kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und -nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der -»Altweibersommer«, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von -einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen -Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der -Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren -Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute -war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf -der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus -eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem -Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die -fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und -früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas -kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und -hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier -ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd -(einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst -schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten -auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen; -letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst -ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf -ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken -sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist -merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; -- --- -- -- -- Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von -D. Frz. - - - _Hagéville_, 11. XI. 14. - -Liebe Maman, jetzt wird's allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, -kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, -wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen -und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie -die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der -Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt -wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im -September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu -schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien, -Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß -Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist -wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie -ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche -zu erleben, -- nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner -träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt -sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich -empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, -sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein -von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für -verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure -seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere -Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf -alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man -wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, -sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues -europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer -dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen -waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und -Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht -weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich -viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne -Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, _kann_ -es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. -So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner -Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu -Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich -werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir -Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier -kein Soldat. -- -- -- -- -- - - - _Hagéville_, 16. XI. 14. - - L...., - -heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel -Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn -ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu -ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, -die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. -Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben -darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch -einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht. --- Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist -- meines Wissens -wenigstens -- unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf -jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch -merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte -nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, -- und mit den Jahren -wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig -genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten -laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen -mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf -wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch. -Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.'s in Pflege zu geben, damit die -Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.'s, oder wo Ihr -ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im -Hause und Garten, und Welf, den wir _brauchen_, wird nicht ganz närrisch -und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur -Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich -ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen -darf, hat er _genügend_ Bewegung. - --- -- -- -- -- - -Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 »Züge« _à_ 3 Wagen. Ich bin als Unt. -Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da -ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten -Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen -will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei -anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, -die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut -haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird -angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen -rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab -und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn's -hell wird, gehe ich _vis-à-vis_ ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich -eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte -Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von -K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen -Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen, -je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. -Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. -- - -Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein -Schokoladepaket von Münter. -- -- -- -- -- - -Mit dem *** bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den -Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da -ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch -nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur -jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der -Geist der Stunde ist es wert. - - - _Hagéville_ 18. XI. 14. - - L...., - -unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder -jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie -übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, -- kein Vergleich -mit den Vogesen!). - -Das in den amtlichen Berichten angegebene »langsame Vorrücken«, kleine -Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist -buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser -Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht; -alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger -sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir -dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können. - -Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz -weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren -und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. -In den Dörfern dampfen die Misthäufen, -- Du kennst ja die Stimmung. -Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem -französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das -Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch. -Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein, -meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische -Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl -beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen -vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und -der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist -der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt! - -Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn ***, den -ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er -ist seit einigen Wochen hier, als »Schreiber« bei der Abteilung. Er ist -ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große -Wohltat ist. - --- -- -- -- -- - -Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen -zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, --- ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, -- so -wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen -Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre. - -Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch -am meisten die -- Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz -verzehrt! _Ausgezeichnet_ mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann -den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des -Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin -froh, daß er mir widersteht, -- um so größere Wohlthat war mir Euer -Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht -probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben -durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich -sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles -fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von -Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund --- -- -- -- -- - - - _Hagéville_, 23. XI. 14. - -L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt -und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, -Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze -Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu -sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in -dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen -denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur -Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine -Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens _möglich_ sind, -- letzteres -wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich -schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses -Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den -reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt -unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder -anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im -übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; -Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern. - -Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die -Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher _geringer_, als als -Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die -doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die -artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, -- man muß einfach Glück -haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den -Kolonnen, selbst den _schweren_ Artillerie-Kolonnen weit größer als -jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so -geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden, -man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns -so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei -panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. -- Sehr -nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht ***'s Antwort. --- Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt? -Thut es bitte. -- Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! _via_ -Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich -fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach -der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich -immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne -Störung. - -Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur -Backwerk und dergl. -- Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und -macht mich gesund. - - - 5. Dez. 14. - - L. M., - -heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber -ich denke wohl aus gutem Zinn, -- (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint -es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich's -mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel -klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt. - -Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen -Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen -Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man -doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand -französisch kann als ich, hab ich's gern übernommen. _Hagéville_ kann -sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! -- Ich bin -nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen; -allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in -den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös -- ungeduldig. Ruhe zum -Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche _Thätigkeit_ -fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und -Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich -übrigens _gar keine_, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen -Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine -Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf -Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich -»unnötig« hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine -Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine -Arbeit und an's Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng -angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, -nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante -zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und -hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges -Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht -mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht -sein. - - - _Hagéville_ 11. Dez. 14. - -L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung -einer angegriffenen Stellung bei _Pont-à-Mousson_ (südlich Metz, -lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit -größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in -den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die -voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser _Hagév._ Quartier -zurückkehren und ich -- soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit -zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant ***, der immer sehr nett zu mir -ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir -diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt -hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im -Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein; -ich dachte auch an Dich, -- Du wolltest sicher lieber, daß ich im -stillen _Hagéville_ bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für -mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; -denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort -erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab _Mars-la-Tour_ -verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als -Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem -Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, -daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße -einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab -bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier. -Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die -Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die -Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf -diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar -Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, -- die -sind froh, wenn wir ihnen nichts thun. - -Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster -zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit -unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich -wieder alles in Ruhe in _Hagéville_ versammelt! Wir sind in den letzten -8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm -in einem Veteranenverein, -- alte Leute, die sich nicht gern in ihrer -Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! -- Also sei nicht -ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, -- -vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, -- -vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen! - -Gute Weihnachten! -- -- -- -- -- - - - H, den 13. Dez. 1914. - -L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz -traumhafte Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß -draußen, am Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm. -Ich sitze viel in meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder -an einem neuen Aufsatz. Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der -Aufsätze nicht das Autorrecht verliere, sie nachher gesammelt -herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, wird auch -Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch -vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei ***, der sich -wohl darin auskennen wird. - -Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich -sehne mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer -bleiben. Monate zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann -ist alles gut. -- Draußen ist ein elendes Schweinewetter; meine -Kameraden haben's nicht gut. Und ich sitz hier gemütlich im Trocknen; -ich hab halt »Glück«, wird Maman sagen. - - - H, den 15. Dez. 1914. - -L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem -Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen -ziehen wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie -füllt ein kleines halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen! -Meine harmlose Aufgabe hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus, -zum mindesten zu einem Transportproblem und Kunststück. Die Armeeabt. -Gaede, der wir jetzt angehören, resp. die Division Fuchs, ist eine -Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst Du Dich _gar nicht_. Ich -sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu können; denn am -ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden. - -Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher -- zurück -- kommt, also -alles beim alten bleibt. Ich glaub's nicht; warte jedenfalls bestimmte -Nachricht ab, ehe Du _Briefe_ mit neuer Adresse schreibst. - - - Metz 16. Dez. 14. - -L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h -alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde -etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war -dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon -gemütlich auf der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren. -Die Adresse wird nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. -- -- Wir -haben ca. 800 Weihnachtspakete als Transportgut!! Deines ist leider -nicht dabei, kommt also am Postweg nach -- aber wann?! - -Gute Weihnachtstage! - - - Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend. - - L., - -nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und -Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat -natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen -bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es -wäre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen -dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natürlich jetzt schon kräftig -an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um nicht sofort damit -anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise sehr -anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher -Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln. -Von Koehler kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles -andere, eine sehr männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen -freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß -auch in Deine Hände! Verlebe Weihnachten nur recht fröhlich und -zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber daß es -verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das -glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von -Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung -hinauszuzögern, nachdem Rußland so versagt hat und die Kosten für -Frankreich ins Ungemeßne steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten -Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch -der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen Umschwung der -ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz -Marc. - -Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist -wie am Anfang in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl -wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was »Kaserne« -ist, wirst Du etwas nachfühlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II. -warst; _ça pue_, man ist völlig unfrei durch das Milieu, durch den -Mangel an Originalität und Intimität des Milieus. Das Einzige, was mich -freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins -Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In -den Ställen in _Hagéville_ konnte man die armen Tiere kaum im Stall -satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches -Stroh; es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung -mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in -der Dreckluft und Staub der Ställe sich immer neu infizierten. Mir -blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser -Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzählt, -nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde _gelegt_ und im -trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde -versöhnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens -nicht, daß unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in -Stellung war und _glänzend_ geschossen hat, kehrt morgen schon wieder -siegreich nach Mühlhausen zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch -dieses kurze »scharf schießen« dieser Batterie einen neuen Lorbeer -errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, auch Metz, -Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man glaubt -kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen -den Ausschlag gegeben haben. - -Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen -Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich -drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt, -das ich bei vielen seiner merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für -das _eau de Cologne_, das mir recht wohlthun wird. Also den -Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und unsrer sehnsüchtig -aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur -um August werden wir zwei immer trauern. - -Ich habe in den 3 stillen _Hagéviller_ Tagen scharf an meinem -Gedankengang gearbeitet, -- nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen -und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäuel. - -Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und -das kleine Bäumchen von Lasker. -- -- -- -- -- - - - Mühlhausen, 22. XII. 14. - -L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter -Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig -erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, -was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine -Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt -arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges -enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die -Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe -Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch -erklärt, -- es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen -will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in -Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer -kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen, -wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis -würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung -setzte. Daran denke ich gar nicht. -- -- -- -- -- - -Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit -zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich -selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und -soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie -die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner -Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig -ist, -- solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! -- -Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden -durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen -lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren -den Maler Helmuth ansahen, -- ist es nicht komisch? -- -- -- -- -- - - - M., 23. XII. 14. - -L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, -- -Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, -Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr -liberal die Kolonne versorgte. -- Wir hatten gestern ein kleines -Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General -F., der sehr entzückt schien über »die Bayern«. Es scheint mir sehr -sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist's ganz -recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß -die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen -aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird -mir -- politisch gedacht -- immer rätselhafter, der selbstmörderische -Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu -sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines -tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser -tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten »Fehler« in der Politik. -Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, -wenn auch unsere »Interessen« ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr -ich's verlange! - -Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt -einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte -Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen -Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute, -zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich. -Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel -aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich -immer und kann mir kein Bild davon machen. - -Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk -an mich, an uns beide. -- -- -- -- - - - Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube. - - L., - -ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht -über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber -nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an -mein Leben und unsre Zukunft -- und Vergangenheit denken. Vergangen ist -so viel in diesem Jahre! Das Haus »Hinter der katholischen Kirche«, das -Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, -- die Frauen sind -überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich -sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem -Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns -und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage -sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar -nicht heim -- schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so -gesund geworden zu sein, daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue -auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wäre in München -stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und hätte für mein -Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen, -was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und -melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, -- Du wirst es auch -sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie -früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre, -viel seltener sogar. -- Was mir das Soldatenleben schwer machte, (-- es -wäre in München das Gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst -hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst -immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß. -Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein -brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und beschäftigt werden -als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie. -Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, will -es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten -Gespräche denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und -Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das -Ohr und Auge bekommen hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge! -Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu -sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen, -meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes -vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja -eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und -Schwere, -- wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die -wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser noch wieder eine -und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist -mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt -erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf -ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem! -An solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig -Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist -wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schluß sein wird? Ich glaube -immer noch an ein _plötzliches_ Nachgeben der Franzosen, an das »Wunder« -auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist übrigens -Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden -plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die -Engländer haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und -Frankreich sich gegenseitig verbeißen und bis zur Verblutung schwächen. -Ein ganz geschwächtes Frankreich ist das gefügigste Werkzeug der -späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer den Krieg auch so in die -Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, denn -hier liegen englische strategische Interessen. Am _Anfang_ war das -anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die -Russen und Franzosen in der _Offensive_ versagt haben, ist der Plan und -die Politik der Triple-Entente längst dahin; sie besteht nicht mehr. -England kämpft nur mehr für sich und profitiert von der Schwächung -_aller_ Staaten. Die letzte große Offensive der Franzosen seit dem 16. -Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor Verdun -sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte _genau_ mit den -Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es -wohl auch so sein. Frankreich _kann_ nicht mehr lange standhalten. Ich -glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche -Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der französischen Frontlinie von -Norden her scheint unmöglich. Freilich hab ich immer gedacht, daß die -Ereignisse schneller kommen würden; aber _kommen_ werden sie und mit -ihnen der Tag, wo man »_das Ganze halt!!_« blasen wird. Dann komm ich -wieder! - -Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo -ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt -gesund und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues -Jahr uns allen! - - - 27. Dez. 14. - Bertschweiler (südlich Gebweiler) - - L., - -ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges -zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit -verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute -Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den -Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit -viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in -dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter -Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man, -wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich -unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der -Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als -ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der -Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für -Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch -das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande -Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend -besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo -aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf -vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald -wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da -schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in -tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen -Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch -an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den -Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der -Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher -Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch -ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen. -Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich -um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine -Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist -notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen -Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen -und Städtchen, die man kennen lernt, der »Impressionismus«. Wir glauben -nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen -an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr -traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch. -Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf -das Wiedersehen harre. - - - Neujahr 1915. - -Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als -ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind -alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir -tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und -taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich -jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich -bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in -Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im -Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz -neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins -Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch -der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer -Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: »leicht und -unter schweren Verlusten für den Feind«) zurückgewiesen. So war es vor -Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im -Osten. Die 42 stehen _alle_ an der Küste, dort oben wird die -Entscheidung fallen, -- wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die -ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner -Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit -Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder -besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird. - -Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so -geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich -einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und _heim_komme! Um -unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- Fr. - - - 2. Jan. 15. - -L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist -alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war -gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich -sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine -Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem -systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist -lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß -herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die -»Gänge des Duells!«, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld -reißt und er »Ruhe haben will« und er, nach Erkundigung der feindlichen -Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen -Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen -Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der -Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir -zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als »Strafe« -schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem -wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht -zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier -kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in -warmer Stube und schreib an meinem Artikel! -- Alles Liebe und Gute -- --- -- -- -- - - - Bertschweiler, 3. Jan. 15. - - L., - --- -- -- -- -- -- Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend -schnell, und während sie eilt, »steht« der Krieg; man fühlt nur das -furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der -furchtbarste Moment des Krieges. -- Wie geht es wohl Euch? Ich denk so -viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von -meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft -lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, -- es kann nicht -mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das -_Wie_ des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund -- -- --- - - - 7. Jan. 15, abends. - - L., - -endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner -Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt -jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und -doch wußte ich's nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders -schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit -geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon -lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht -und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den -Krieg wären alle diese Gedanken nicht »denk«bar, z. T. noch gar nicht -vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und -Klee. - --- -- -- -- -- Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der -Luft, aber es ist immer wie im März. - - - 11. II. 15. - - L., - -hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst -nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, -so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser -gebrauchen. - -Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. -Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, -vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf -diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese -kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes -Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine -Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger -bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer -kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für _alle_ Teile; der -ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was -man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. -Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der _ganze_ Leib unter der -Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird -bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist -mir nie bang, -- aber was wir am _äußeren_ Reich erleben werden, das -können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die -kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen! - -Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle -Sehnsucht hinein, aber auch allen _Mut_. - -Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine -oft, ich bin auf der Alm! - --- -- -- -- -- Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich -noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. -- -- -- - - - 20. Februar 15. - -L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß -schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich -habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die -Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja -natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind -zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen -Photographie von außen, Fenster _rechts_ der Türe, ich beilege, in dem -es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das -Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der -Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und -die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar -lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel -korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich -müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre -natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene -ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn _Du_ es -abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite -einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen -setzen könnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, -das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern --- _tant mieux_! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist, -sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht -mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das -Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, -wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, -das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und -nicht als »Literatur«. -- -- -- -- -- - -Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, -neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige -Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach -einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, -- -aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler -bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren -überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von -vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _muß_ es eben. Ich -schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu -reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich -überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der -Ergänzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder »Stoff« -zum Leben. - -Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das -Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in -seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift. - - - 21. Februar 1915. - - L., - -morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war -ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und -nachkorrigiert, -- ich möchte das lieber nach einer gewissen Pause -machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. -- Von Lasker bekam -ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, daß ihr die Menschen immer -»Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen«. Sie war sehr krank. -- --- -- -- -- - - - 14. III. 15. - - L...., - -heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen -Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, -wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben -schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon -Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles -recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was -macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan -wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen -Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern, -wenn der Schnee weg ist! -- Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken -willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur -nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart -nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden -Zeiten; es sind keine _schöpferischen_ Menschen. Mein Hauptgedanke ist -jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, _vor sich_ arbeiten. - - -- -- - Fz. M. - - - 17. III. 15. - -L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner -»Tierschicksale«. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. -Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; -ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der -verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir -ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche -Bilder _vor_ dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem -Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine -Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. -Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein -muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal -ihre Auferstehung feiern. - -Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an -Dich und Ried und die Rehe -- über Euch allen stand sie auch, so fein -und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so -sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken; -die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung -steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen -Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis -zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im -Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich. - - -- -- - Dein Frz. - - - 27. III. 15. - -Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf -einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft -alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich -periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die --- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen -europäischen Dramas; die Unberührtheit ***'s!! usw. mache ich freilich -nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so -wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; -buchtechnisch und als »Klang« _äußerlich_ ganz verfehlt und innerlich -verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im -Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun -haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den -Plänen von ***) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge -»bilden«. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton -möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil -ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im -toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, -die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hörer_ nicht braucht, -- im -Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im _Zuhörer_ lebt und -auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; -Dürers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind -ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch, -wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig -begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, -selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu -angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, -ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich -glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren -Bildes. - -Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe -ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. -Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du -verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen -etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die -Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch -meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das -beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal -einen Komponisten spielen zu hören. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- - Dein - Frz. - - - 28. III. 15. Palmsonntag! - -Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. -Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung -vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und -heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr -bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen -Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein -auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus -den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst -wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der -Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir -ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was -Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es -erlebt haben. - -Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die -ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es -ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von -menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei -mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier -Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg -vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße -»Situationen«, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie -»sieht«. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen -Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches -ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn -bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger -Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen -Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. -Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule -Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_) -Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon -einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich -ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes _Erlebnis_, keine -Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden; -vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig -möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache -auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den -ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich -gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die -Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander -sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch -des Lebens, der »möglichen Situationen«. Ich verstehe jetzt auch die -vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube -oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, -die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die -Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und -Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe. - -In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glücklich. -Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in -diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei -Dir und allem was zu _unserm Leben gehört_ sein. -- - -Mit liebem Osterkuß - - Dein - Fz. - - - 29. III. 15. - -L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. -Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese -kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig -über Deinen Widerspruch bin, sondern nur _dankbar_. Über Kunst kann man -nicht »reden«, höchstens über die _Mittel_. Es wird gewiß mein Fehler in -den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und -Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren, -während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es -Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite -und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber -daß die »Form« von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen -hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, -beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft, -neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, -- ohne das geht's -nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten -wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst. -Das _Werk_ freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der -Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn -nichts an, auch unsre »Mittel« nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß -ich die Aphorismen eigentlich _nur für mich_ geschrieben habe, und Du -errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von -meiner »Romantik«, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie -als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin _sehr_ neugierig auf Tolstoi. -Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer _Zweck_ in -der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase -empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch -viel über alles schreiben: -- Schreib mir einmal: ist *** _produktiv_? -_schafft_ er wirklich oder _lebt er nur rein_? Ist er ein mehr passiver -oder aktiver Geist? - - -- - Dein Frz. - - - 30. III. 15. - -L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und -machen mich _sehr glücklich_. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich -immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden -und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und -mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht -verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit -dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen -Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege -sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche -Verbindung mit dem Ziel; einer der _nur_ lebt, und in Reinheit wie ein -Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des -Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein _produzierender_ d. h. -»_sich quälender_« Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin -mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B. -auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust -Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu -gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von _Kunst_; ich habe bei meinem -Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine -»Sünde wider den heiligen Geist« ist, über die Form nachzudenken, -- das -ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird -mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich -an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des -Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die -_Form_ gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst -wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr -tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht. -Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir -in ihren _reinen_ Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien -Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein -Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu -machen getraue (ich will es auch gar nicht), -- während mir sentimentale -oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine -Musik sentimental gespielt, _gar keine_ Freude macht, schon aus dem -Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher -gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch -noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das -was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich -noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest -damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner, -unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich -nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade -_deswegen_ unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist -und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht, -wie ein Rokokozierat, _sehr reines Kunstgewerbe_. Das gibt es freilich -heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt -den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und -darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen -Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es -chinesisch, wenn ich 1915 lebe, -- 1915. Das ist so wahr, aber leichter -gesagt als gethan, _nämlich das »1915 leben«_! Dazu muß man vielleicht -die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig -_viel umfassen_; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der -Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein -frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und -vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum -_Schaffen_ kommen, weil sie vielleicht _zu rein_ und keusch sind), -sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich: -daß der »Betrieb« meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und -ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. _Der Gedanke an ihn ist -mir gräßlich._ -- - -Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für -Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher -sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was -kostet; das macht nichts. - -Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute -ist, -- das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in -meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und -Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird. -Gerade _reine_ Kunst denkt so wenig an die »andern«, hat so wenig den -_»Zweck«, die Menschen zu einigen_ wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt -keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und -ganz »für sich«! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber; -verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi'scher Gedanken; ich -verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach -jahrelanger Pause; aber lies _Du_ jetzt einmal -- Nietzsche: Jenseits -von Böse und Gut -- Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte -(bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später -einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief -soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe, -sondern zunächst und vor allem meine _freudige Zustimmung_ zu dem -künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen -erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein _Weckruf_; und dann kurze -verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind. -Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. -- -- -- -- -- - - - Ostersonntag 15. - -L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die -Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an -die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle -kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden -beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem -fruchtbaren »Osterwasser«, das doch auch von jeher als besonders -heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden -Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu -erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich -immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als -Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung -heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen, -so gründlich und feiertägig, als wir nur können. -- Was ist wohl mit -Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links -stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich -- unten, -(Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt -doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind -und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig -preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn -doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben, -wie es damit steht. - -Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr -benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für -Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein -paar Blümchen hinein. - - - 6. IV. 15. - -L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir -gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und -besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, -daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz, -vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen -habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser -Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst -_dachte_ ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich -handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen -muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege -gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr -Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich -umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen _Fühlen_ kommen und mich -immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir -leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles -gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen -schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt -mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein -zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden -Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir »äußerlich«; wörtlich genommen ist -es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch -nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des -Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier -viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit -Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das »lebendige Gefühl«, von dem Du -immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben -und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu -kurz, um sie an die »Welt« zu verschwenden. Was ich in Artikel I -schrieb, scheint mir noch immer nicht »ein unwahrer Trost«, wie Du ihn -zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz -allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird, -beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem -Leidensopfer und der _Reinigung_. K. hat wohl insofern recht, daß der -Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; -was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; -aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr -aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr -Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um -»ins Reine« zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist -gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die -sterbenden Krieger sind _nicht häßlich_. Da trügt Dich _Dein_ Gefühl, -weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut -es Dir möglich ist, wenn Du sein »Bild« nicht ertragen kannst, aber -erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg -ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar -etwas sehr Großes und Furchtbares. - -Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief -von Lisbeth. -- -- -- -- -- - -Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett. -Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? -Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr -neugierig. - - - 7. IV. 15. - -L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel -klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; -im Grunde drückst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz -klar und erschöpfend aus und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen -daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den -Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, was ich geschrieben habe; das -_muß_ ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der -Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch ausführlicher; -diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden -zurückziehe; mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht -ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber -vielleicht noch einmal arbeiten zu können, gerade auf Grund Deiner -Briefe. Aber jetzt _noch nicht_. Sie sind für mich schon eine Art -»Werk«, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens -Dank für den _famosen_ Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was -ich wollte. -- -- -- -- -- - -Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, -- -das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der -vergiftenden Krankheit des Individualitätskultus zugrunde, am -Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, davon muß man gänzlich -loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich. - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - Fortsetzung am 8. IV. 15. - -Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, -was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir -meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich -immer noch dahin verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, -was gewiß falsch ist. Form ist die natürliche Folge eines Gefühls wie -die Haltung und Gebärde die Folge und Äußerung eines Charakters ist. Ein -wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß mich so oder so -halten, benehmen, kleiden, -- er thut es eben. Das ist für ihn -Selbstverständlichkeit, sogar _Unbewußtheit_. Im Ursinn und Prinzip ist -es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven -Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen -usw. Mit der modernen Kunst (der »modernen Menschheit«), ich denke mir -sie ungefähr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte »Fortschritt«, ein -ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach -Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern -Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es -gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig _reine_ Bilder. -Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der -rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: -das Allzupersönliche (was sich in früheren Jahrhunderten in der -sogenannten »Schule« ausdrückte, das Meisteratelier). Die »keusche -Majestät«, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen -Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr von einer -formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor sich -gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf -dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen; -z. B. den Aphorismus über das _Was_ und Wie. Deutlich genug rede ich -hier, daß nur der _Inhalt_ (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das _Wie_ -ganz gleichgültig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes -(Gefühles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf -diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen Bildern; ich -hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen -z. B. die Tiere zu malen, »wie _ich_ sie ansehe«, sondern wie sie -_sind_, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles -in mir kommt Deinen Ideen entgegen, _auch in den Aphorismen_; nur hab -ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der -innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar -geworden, wie ich alles sagen müßte. - -Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der _ganz -das ist, was ich wollte_. Schönen Dank. -- - -Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir -einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu -nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, -wenn er _nicht_ gedruckt wird. Die Gedanken über das Europäertum sind -halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem -europäischen Zaun, und eigentlich _nicht meine Sache_. Das ist mir der -Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. -- - -Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl -»unpersönlich« und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden -Gefühls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da -dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schöpfungen abgeleitet -ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefühlswert. -Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. -- - -Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, -- Du wirst es an -der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine -tiefe _Zustimmung_ ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese -»Erneuerung im Geiste« mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem -möchte ich Dir einmal über die »Natur« schreiben (die letzten -Aphorismen). Hier handelt es sich mir _nur_ um das Lebensgefühl, das -_Wie_ ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, -- es wird kommen, -wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage kommen, -versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann, -gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt -der armen Natur gegenüber. - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 12. 4. 15. - - L., - -Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender -erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den -Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das »Eigentliche«, -Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des -Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist, -kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind, -um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es -_nicht_ der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser -gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die -reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren -abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten -europäischen Kunst _äußerst wenig übrig_! Der entwicklungseitle Geist -der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu -abhold. »Kunst ist nur ganz selten da«. Ich denke viel über meine eigene -Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht -schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der -Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl -für das Animalische, den »reinen Tieren« wegleitete. Der unfromme -Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren -Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute -in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum -Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz -indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich -empfand schon _sehr_ früh den Menschen als »häßlich«; das Tier schien -mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel -gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, -aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, -Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche, -gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der -Natur, ihre _Unreinheit_ voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser -europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich -ja von einem neuen Europa, -- aber lassen wir Europa aus dem Spiele; -Hauptsache ist _mein Gefühl_, mein _Gewissen_, wie Du sagst. Mein -Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen -richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl -ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines -Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die _Dichtung_ selbst -stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie -ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten, -sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen -gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er -gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder -verloren worden! »Nichts konnten wir _zwingen_ damit«, -- das wollte ich -sagen, die _relative Erfolglosigkeit_ jenes frühen Sieges wollte ich mit -jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit -nah auf der Spur, -- darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben, -daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle -nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse, -romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll -einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich -jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, -abstrakte Form _nachdenke_; ich suche im Gegenteil sehr _gefühlsmäßig_ -zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und -kühl, sehr _durch_schauend, sodaß das _Interesse_ sich nicht in ihr -verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem -reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben. -Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren; -das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab -oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der -Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und -befühle es zuweilen von außen. -- - -Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch. - - -- -- -- - Dein Frz. M. - - - 13. 4. 15. - -L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist -sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, -besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt -sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem -jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder -nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das -Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob -wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich -sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist -ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen -der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als -je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, -irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum; -man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: »wir verstehen uns -schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr -und kehren einst zu ihr zurück«. Mit Menschen kann man fast nie so -verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht -noch bei Klee; -- -- -- -- --. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu -sein; aber ich muß erst etwas von seiner _eigenen_ Musik hören, auf die -ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr -produzierender Charakter (-- es steckt wie eine Krankheit in mir), daß -mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und -ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als -Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, -- -dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn -sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um -*** gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit -Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz -allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht -mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch -innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich -jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August's Tod ist eine unersetzliche -Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir -herüber, -- aber der Mensch!! Er war meine »Erholung« im Jahr. Wenn er -da war, hatte man »Ferien«! Was wohl aus Lisbeth wird? -- -- -- -- -- -Wenn nur *** glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich -sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige -Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie -heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses -Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das -Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen -Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen -Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg -kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine -mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber -ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß -ich ihn nicht anders sehen _will_ oder _kann_; beim Anblick dieses -Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur -ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht -kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach -dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist. - -Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird -hier nicht mehr lange dauern. - --- -- -- -- -- - - - 18. IV. 15. - -L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum -letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in -dem Buche »die Wahrheit« oder wollen wir sagen: »eine große Wahrheit -liegt«. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die -»Allgemeinheit« fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine -ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch -sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch -ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde -selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der -ihm _niemand_ geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner -zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu -persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar -nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich -habe, um einen _Maßstab_ für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das -Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B. -einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.) -und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge -oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den -Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese -Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig -soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das »Reich -Gottes« merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch -mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten -ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen -andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber »die Welt -ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht«. Das ist nicht Mystizismus -von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko -- ich denke an die paar -ganz ernsten Sachen von »uns«), sondern das ist unser heiligstes -Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß -ihre Kunst »nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so -einen Kitzel bezahlen«, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an -sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den -_Ursachen_ der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem -Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir »verbildet« sind, -Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt -viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell -und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß »exklusive« -Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen -Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen -Sucher, durch das »Abstrakte« allgemein Gültiges, Einigendes -auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern, -_die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen -gewöhnt waren_, so rätselhaften Werken), -- das ist vielleicht eine -ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden -auf die Melodie von »stille Nacht, heilige Nacht« oder die rührenden -Volkslegenden und Märchen. - -Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen -Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens -sein kann, und nicht das Resultat des »gesunden Menschenverstandes«, an -den Tolstoi immer wieder appelliert. - -Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr, -unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S. -245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. (»Jede Melodie ist -frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer -gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur -Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich -usw.«) Oder: »nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die -Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?« Das gleiche ist von den -Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie -und nicht auf das _Was_. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch -mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir -_müssen_ es uns aber in _jedem_ Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke -wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und -fremde Arbeit beherrschen. - -Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist -und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh -gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh -ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich -unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß -alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch -ist kein einmal _festgelegter Typus_, mit dem man so einheitlich und -über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung -und der _Rangordnung_, die die physikalische Natur in allen ihren -»Betrieben, Werkstätten« anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu -können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der -Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber -nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das -christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und -herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist -richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco, -Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in -ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese -Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei -Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit _gleichem_ Maßstab -mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten, -all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele -Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt -wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung -und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so -thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung. -Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin, -Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach -Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine -Spatzen anführen, -- _er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon_. - -In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig -gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da -besonders das berühmte _cis_-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von -Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es -jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das -erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das -zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist -inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite -gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um -mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den -erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert, -Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so -hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das -Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch _krankhaft_ von seiner -Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen -Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit -aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der -_Gesundheit_ Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die -erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des -menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man -nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren _kann_ und _darf_ -und _soll_. - -_A propos_: ich bin Vizewachtmeister -- nichts anderes. Deine übrigen -Befürchtungen sind ganz grundlos. *** bat um äußersten Preis von gelber -Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich -unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es -mich für diesen Preis nur freuen. - -Gute Nacht, mit einem Kuß - - D. F. - - - 27. 4. 15. - -Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt _muß_ -es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich -meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg -ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige -wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst -entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die -schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand -wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, -- heute hat das -Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt -den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu -Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine -Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine -Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit -herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden -praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige -Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer -wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner -logischen Schlüsse streifen, ohne _inneren_ Zusammenhang. Du wirst mich -schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest. --- Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, -- -vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an. - -Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel -durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. -wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand -gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, -Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll -Zuversicht. - - Mit liebem Kuß - Dein - F. - -Grüße allseits! - - - 16. V. 15. - - L., -- -- -- -- -- -- -- -- - --- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein verändertes -mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder -ausgleichen wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten -Elastizität und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervös. Von irgend -welchen Störungen, wie bei *** ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es -allerdings einer scharfen Selbstzucht (die ***, wie ich ihn beurteile, -sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen -Herbstzustand so erholt habe. -- Ein anderes Thema: -- -- - --- -- -- -- -- - -Vieles geht mir ab; am meisten aber _Du_; und dann die Musik. Ich bin -äußerst neugierig auf die »einfachen Stücke«, die Dir K. zum spielen -gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. -Musik und Malerei sind doch ganz gleich, -- man muß nur das _Organ_ -haben, das diese Gleichheit mißt und erkennt; es ist auch nicht -notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfaßt hat, -daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los. -Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der _Vereinigung_ der -beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das -grundverschiedene äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste -zusammenzuschweißen, ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und -einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar -von den grundverschiedenen Materialien ein Stück von da und eins von -dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu -verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthäuspassion -oder ein vertontes Lied, -- das ist genau dasselbe wie ein -gegenständliches Bild; es bleibt ganz »Bild«, wie Musik ganz Musik -bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft -unausgesprochen, -- Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es -abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt _immer_ drin, ganz klar und -eindeutig, nur braucht er nicht immer äußerlich da und augenfällig zu -sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie sind im Grunde so -einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es gibt da -gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den -Schaffensgrund in sich finden. - -Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. -- -- -- --- -- - - -- -- -- - - - 18. V. 15. Nachts. - - L.... - -Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die -mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz -überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über -Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz -erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (-- es gehört nicht mir, -schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch -ganz armselig, -- aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des -wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht -seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich -möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones -lesen, -- allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor -allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones -enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf -es und schenke es Maman von mir aus, -- später will ich es dann auch -lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem _wahren -Tolstoi_ wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und »Poesie durch -sich«; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so -klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der -»offenen Wunde der Welt« oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da -kann man von einer That reden. _Wir alle faulenzen._ Man muß sich -_gänzlich opfern_; nicht: »sich an die Säule seiner Idee lehnen,« wie -ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz -tragen, an dem man für die Welt stirbt, -- dann nur könnte einst auf -unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich -geopfert: »Ihr seid teuer erkauft, -- werdet nicht der Menschen -Knechte.« (1. Corinth. 7, 23.) - - - Fortsetzung 22. V. 15.! - -Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im -Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend -wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter -ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir -hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten -nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante's Inferno; ich -fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein -ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau _wo_; ich bin jetzt so -oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man -merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl -ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger -selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das -Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit -von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist. _Der Geist kann -unbedingt auch ohne Körper leben._ -- -- -- -- -- - - - 25. V. 15. - -L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe »man sollte um der Sache -willen, -- um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört« und -daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, -daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem -ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. -Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des -Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich -beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen -unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, -- das -ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, -- ich »sehe« uns -plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch -die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach -dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine _Erlebnisse_ mehr für -mich; ich _sehe_ mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten, -sprechen usw. - -Das zweite Leben ist schon eher »Erlebnis«, die Gedanken an Europa, -Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken -an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die -Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, -- -in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens -zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden -Füßen und _anwesend_ fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei -verliere, daß dies alles für mich nicht _wesentlich_ ist, nur Wege, -Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und »um sich zu fühlen« und -um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause -zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares »_Heim_«. Und das -ist das _dritte_ Leben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel; -das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht -vorwitzig berühren darf. _Alles_ andre wird für mich unwesentlich und -gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie -der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, -- -und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. -Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, -- vielleicht -ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur -wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in -seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht -wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie -sind ganz spontane Erkenntnis, -- im übrigen eine Erkenntnis, die durch -alle Religionen geht. - -Diese Trennung ist keine _Bedingung_; in einem harmonischen Erdendasein -wird sie überhaupt kaum fühlbar, -- wenn ich nach Ried und zu Dir -zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei -Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen -sie einzeln! - -Wie geht's mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? -Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. -- -- -- -- -- - -Du bist enttäuscht -- -- -- -- --, -- laß Dich davon nicht zu sehr in -Deiner _offenen_ Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen -und »vorsichtig sein« kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig -sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können, -auch im Leben und _nie_ etwas nachzutragen, (-- eine ganz unnötige Last, -die man da »nachträgt«). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus. - -Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, -- -wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und -vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die -guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd -ich immer neugieriger. -- - --- -- -- -- -- - - Nun gute Nacht! - Dein Frz. - - - 21. VI. 15. - - L.... - -Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- Aber niemand darf sich im Glauben, dem »Wesentlichen« näher zu -sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als -gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du -denkst, ich sei da und dort »festgefahren«. Ich irre und finde das -Gleichgewicht nicht, -- das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel -größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du -immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was -es mit meiner Scheu, -- sagen wir: vor »Penzberg« oder vor »fremden -Stuben« auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, -das »Gewissen« siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares -Problem sehe? Das nennt man nicht »festgefahren«, -- das ist etwas ganz -anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein -ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch -aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus -tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, -- aber nicht praktischer -Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel -darüber reden. - -Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des -tiefsten Friedens; der schönste Friede war _immer_ nur ein latenter -Krieg; aber der _Einzelne_ kann sich befreien und anderen dazu helfen -- -das ist der Sinn des _persönlichen_ Christentums und Buddhismus und -aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel -zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man -bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine -solche scheint mir auch Deine »Menschenliebe«; was ist das? geht sie auf -Kosten der »Naturliebe«? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, _wo_ der -Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze -Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht -und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus -zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto -vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und -wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies -Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch -immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende -Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst -belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren -Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. -Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz -der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - 23. VI. 15. - - L.... - -heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere -Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich -langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher -Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht -leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich -interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und -ihn hassen wie Du, -- als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem -Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als -der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form; -statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf -Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist -kein _wesentlicher_ Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben -die Seele nicht. Den Tod als _Zerstörung_ erkenne ich überhaupt nicht -an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und -erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das -verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft -wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle -hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich -schon immer früher über den Tod sprach: er ist absolut _Erlösung_. Dazu -braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens -Christ. »Tod, wo ist Dein Stachel?« -- Es ist nicht einmal wahr, daß ich -mich »an den Krieg gewöhne«, wie Du annimmst; aber ich taste immer -ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der -Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die »menschenwürdigeren Zeiten«, von -denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, -- aber -_immer_, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das -kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten -bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung -beeinflußt werden kann. »Mein Nerv wurde hart in mancher roten -schöpferischen Stunde«, -- vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, -als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; _Du kennst mich ja_. -Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem -Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß -meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, -- nicht aber als -Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel -über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi, -Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner -Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über -Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger -Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen -ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den -Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht -denken, daß ich die Bibel »poetisch« lese; ich lese sie als _Wahrheit_, -wie ich Bach als _Wahrheit_ höre und reine Kunst als _Wahrheit_ sehe. -_Kannst Du_ mich verstehen? Ach könntest Du doch! - -_A propos_: zum Leben zurück: -- -- -- -- -- Ja, das Leben! und die -Menschen! sie können einem _sehr_ leid thun, aber man kann sie nicht -bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das -läuternde Fegefeuer schon hienieden -- hoffentlich gehören wir zwei -unter diese -- manche und die meisten leider -- spüren hienieden davon -noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so -oft! _Dich_ glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, -nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu -vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich -möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum -_Wesentlichen_ wenden. - -Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob -ich's erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, -gestammelt. - - -- -- -- -- -- - -- -- - Frz. - - - - - Nach dem ersten Urlaub. - - - Straßburg, 17. VII. 15. - -L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage -innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt -auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, --- die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt. -Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat -mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig, -daß ich in vielem so schweigsam war, -- ich konnte nicht anders. Ich -konnte mich nicht hingeben und _frei fühlen_ -- auf Widerruf! Erst wenn -ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen -besseren) wieder ganz haben. - - Mit tiefem Kuß - Dein - Frz. - - - 21. VII. 15. - -L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue -reine Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal -wieder so gut haben wird, an solchem Orte und _mit Dir_, ohne fremden -Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand -in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, -- tiefer, -als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung -konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. München -interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in seiner Trauer; aber -im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht -und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei Wolfskehl -fühlte ich etwas _Liebe_, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.) -Und _ganz Liebe_ fühlte und fühle ich für _Dich_, mein gutes liebes -Lieb. Ich weiß, ich war so schweigsam, -- Du frugst mich so oft; ich -konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; -- später fiel mir's -auf die Seele, Du könntest am Ende traurig sein; leb nur fröhlich in -Gedanken an mich und an unser kommendes Leben. - -Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es -schon nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches -Dasein, dem man gehorcht. »Der gute Soldat wider Willen« wäre kein -schlechtes Thema für einen, der philosophisch genug wäre, die ganze -Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen Zustandes zu begreifen. -Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, daß der Deutsche sein _Land_ -und seine _Arbeit_ verteidigt, seine Mission fühlt, aber den Frieden im -Herzen trägt, -- keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester -Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in -diesem Kriege persönlich und als Volk »sühnt«. -- Wir sind wirklich -_alle_ schuld an diesem Krieg; -- das ist auch der eigentliche Grund, -warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, -als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er -dem bedrängten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer -Sühne entzieht; das »verstockte Herz« des Evangeliums. Ich lese hier -Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause. -Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, laß es; dann -bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las -Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur -aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit -deutschen Typen gespielt würde gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei -Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Aufführung aus der -Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war -sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die Übersetzung ist ganz -miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre jedenfalls die -Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was macht -der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und -thut. - - - 29. VII. 15. - -L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das -»Pferd« ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen -(gebunden). Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). -Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin -von der prähistorischen Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich -jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in -einem neuen Quartier, näher dem alten Herbstquartier, landschaftlich -ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gänzlich unkriegerisch. -Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, -- Felderbau! Ich bin -über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett -vermisse; hier ist es äußerst primitiv. - -Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in -Menschennähe. -- - -Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die -sich schon sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, -- -man guckt die ganze Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel. - -Schreib mir von Euch und Ried. - - - 30. VII. 15. - - L., - -Was ist *** für eine merkwürdige Seele; wie _verschieden_ sind überhaupt -die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem -letzten tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (-- Du nennst -diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert -ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; während des Lebens ist -er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle -gerückt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser -Punkt keine Ruhe; _niemand kann ihn genau ins Auge fassen_; und die es -sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! Ich -bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, -- denn es gibt mir eben -das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und _arbeiten_ muß, -unaufhörlich, gegen das Ungefähr, bis wir sterben. - --- -- -- -- -- - -Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt _Haumont_; an den Etangs von _La -Chaussée_ gelegen; ein Stündchen von _Hagéville_; zwischen _Hagéville_ -und _St. Bénoit_. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir -sind ja auch um ein Stück weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei -Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es -ist beständig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen, -wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den Feldern und Sümpfen. -Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem -Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz -verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen, -Parks von _St. Bénoit_ waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein -bißchen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne -Mückenschleier ist hier natürlich kaum zu schlafen; der meine ist famos, -wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich möchte sie Kameraden -schenken. - -Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang; -keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika -nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute -innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen -die »Regierenden«. Was heute alles geschieht, werden die Völker nie -vergessen; der Boden für die großartigste Bewegung des vierten Standes -wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch diese Vorgänge -nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf denken -kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas -trunken. Ich ersehne nichts als die _Heimkehr_. - -Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- - - - 29. VIII. 15. - -L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, -- weißt Du noch, wie ich in -der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit dem -Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und -Vorwürfen viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt -die Schuld in der _Gesamtheit_, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten -_jedes Einzelnen_ zu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker -gesetzt, sondern die Völker haben sich Regierungen geschaffen, die das -Verhalten des Einzelnen autoritativ decken. Du hörst ja unser Volk! -Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken muß man mit der Arbeit -einsetzen, nicht an der Politik. -- Ich schreib Dir nächstens -ausführlich. -- Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben doch -einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der -Mäuse? Welf wird ihm nichts thun. -- Spielst Du? Mir geht es jetzt -wirklich gut. Du kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken. -Heute schrieb Deine Mutter eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des -Gutes, -- das hat mich auch tief wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das -alles? Wo sind die Jahre? -- -- -- -- - - -- -- -- - Frz. - - - 4. Sept. 15. - -L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du -auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden -Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann -man nicht reden; ich sehe trübe, -- andre sind äußerst optimistisch; -alles Reden ist aber zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist -man sicher nicht normal, -- _keiner_ von uns; aber ich denke: die -Anormalität des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumständen -aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon wird sich dessen auch -kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt. -Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man -im späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und -_Regie_, _Betrieb_ und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den -heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst. - - - 9. IX. 15. - -L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. -Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. -Letzthin zogen viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. --- Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer -noch an und beschäftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen -der Gesellschaft nur angenehm. Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! -Hier ist es schließlich auch schön, aber man fühlt alles nur halb und -unrein. - - - 12. IX. 15. - -L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit -einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir -den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, -- wir -sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran -anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und -Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September -soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die -Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß -mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und -unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles -interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als -peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder -auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert. -Du sprichst von fehlenden »Verbindungen«; das ist natürlich sehr -richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin: -schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann -man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern -abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie *** -und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, -bis dieser unglaubliche Krieg herum ist. - -Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal: -ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder -Großfürst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen -wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die _wirkliche Lage_! -Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es -nicht zu können! Mein Ausdruck »Thema«, als ich vom Krieg als Folge des -deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen -schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland -fähig gewesen wäre, ein »geistiges Gegengewicht« zu halten, erledigt -sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies -eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19. -Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer -das alles _haßt_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_ -nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher -im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und -Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin -und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die -Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Führung der -Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in -kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar -verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher -begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. -- -- -- -- --- Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung -nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße -Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- -- - - - 18. IX. 15. - -L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht -mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt -nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu -sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das -wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an -die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; »denn es ist ja -- -Krieg!« Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das -menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht -_aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul -Rohrbach »Bismarck und wir«, -- merkwürdig ungeistig; einfachste -Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht: -die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!! -Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch -- _homo -sapiens_ -- englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen -Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als -_menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder -türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine -schönsten Blüten treibt. - -Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit -ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber -sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre -Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und -aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen -leitete. - -Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anständig. Und Deine -Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz -unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen -läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von -Ungeist Gewinn ziehen und »leben«, nur wo der Ungeist, die Dummheit und -die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ möglich. Traurig. -Ich schäme mich. Nun für heute genug. -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- - Dein Frz. - -Gruß an Maman. - -Streichle Hanni und die Kleinen. - - - 23. IX. 15. - -L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet. -Ich zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns -sein Tod auch tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir -wohl wieder den Eindruck einer _sehr_ begrenzten Begabung; aber -innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens eine großartige -Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder -Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke oder Stephan -George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor, -den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er _war schon -am richtigen Wege_. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch -eines Größeren. - -Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr -Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören, -als letzte sehr reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver, -weniger abgeschlossen. Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal -und Besseres schafft; und daß es um so urwüchsige und ehrliche Naturen -wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohl _Schicksal_ -ist. -- -- -- -- -- - -Und nun für heute Schluß! Mir geht's famos. Gruß an Deine Mutter, -Niedmanns, K. und meine Tierlein. - - -- -- -- -- -- - Dein Frz. - - - 24. IX. 15. - -L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr -von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; -was Rußland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen -Friedensverhandlungen glaub ich _nicht_; aber ich glaub, ich schrieb Dir -schon einmal: ich laß mich gern -- überraschen. Von der Stimmung im -Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben -- »Belagerungszustand«, -- -Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, -- alles. Verlier nur die -Freude am Garten etc. _nicht_ -- das hat doch auch _keinen_ Sinn. Gegen -Mäuseplage im Garten streut man am besten _Giftweizen_. Ein Hund rührt -ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran -kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin -entschieden dafür, Welf wegzugeben. - - - 30. IX. 15. - - L., - -der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es -doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, -so daß es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit -schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel -gestreichelt und getröstet werden müssen für sein Kinderleiden. -Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich könnte auch nicht -mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor -dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz -dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz -richtig. Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff -der Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. -- Heut kam auch Dein Paketchen -mit den Socken, Handschuhen und einem Paar _ganz famoser_ Pulswärmer, -die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer -halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; -solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, -und da ich ja fast nichts trinke, genügt mir meine Löhnung so ziemlich. -Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in -diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust. -Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (*** -und ***) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die beiden -mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen -Übungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu _einer_ auf die -Dauer _bis_ zu acht Wochen (-- -- -- -- --). Ob wir nun vorerst -Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prüfung wird -wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaube _nicht_, daß man mich -eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht für dauernd. Unsre -Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und _muß_ noch einen -Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr -recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese -Beförderungsgeschichte schon _sehr_ angenehm. - -Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre -Stellungen da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, -aber _werfen_ können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind -immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er -stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle. - -Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. --- -- -- Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien -heut auch eine lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es -ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder -selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen. -_Behalte_ diese ganzen Besprechungen. *** braucht sie nicht, glaub ich; -oder wirf alles weg. -- Du sollst keine Kopfschmerzen haben! -- Das -Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese Worte hören! Dieser -Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig schwer; ich -werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist -wenigstens eine _abstrakte_ Beschäftigung wie das Schach, - - -- -- -- -- -- - Dein Frz. - - - 1. Okt. 15. - - L., - -von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders -auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen -Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer -mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir -schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum -Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das -Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die -ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das -Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche -weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag -vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß -Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) -- Schick mir mal den -Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. -- Als Offiz.stellv. habe ich -monatlich -- -- -- -- -- viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen -kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial -und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München -fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch ***'s aus, wenn sie es nötig -haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das -Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst -Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch -die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und -sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember -kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. -Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr -so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein -Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht -beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan ist -_jeder_ Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie -lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als -Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine -Bitte: bestelle -- -- -- -- -- Nun genug von diesem Militärzeug! - -Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen. -Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und -Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr -energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich -mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und -kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese -eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die -Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus -und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen -Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man -macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den -kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles -Angepflanzte _immer Gewinn_. Wir müssen unser Leben in Ried so -einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir -können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die -Tierchen nicht stören können. - -Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand. -Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die -Offensive endlich ausgebrochen ist, -- die Hoffnung, daß sie die -Kriegs_entscheidung_ bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die -Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht -einen anderen Ausweg; der _Einzelne_ natürlich, aber nicht als -Volks_ganzes_; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von -heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser -Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, -- aber wie -eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig -und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem -rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen -wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur _Quelle_ -des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück. - -Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft. --- -- -- -- -- - - Dein - Frz. - - - 2. X. 15. - -Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie -ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie _ganz_ gefesselt, ich -weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter -Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen -zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis -interessant? -- Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange, -lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu -sagen, keine sanften pastoralen Klänge. -- Grüße alle! Mit liebem Kuß - - Dein - Frz. - - - 5. X. 15. - - L., - -wenn sich die Rehchen _strecken_, ist es ein _sicheres_ -Gesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im -Kot _nachweisbar_; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor -Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der -Frankfurter Zeitung. -- Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich -lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige, -Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu -überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen -gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen -Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller -als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder -Kokoschka, -- selbst wenn mir letztere _vorübergehend_ genußreicher und -lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst *** -direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim _Versuch_ bliebe. -Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch -ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und -Gewinn ist. - - - Fortsetzung. 6. X. 15. - -Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies -es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme -Journalistik; aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist -und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr -interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das weiß, -was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt werden, um -einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der -Mensch ist, »_la bête humaine_«, wie Zola so gut sagte. Schick mir das -Buch zurück, es gehört ***. - -Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, -- am Balkan!! -Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug -waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die -Welt zu erklären. Wir haben Himmel und Hölle entvölkert, -bilderstürmerisch, -- aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben -Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst -wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird mit -dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig. - -Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. -- -- -- -- -- - - Dein - Frz. - - - 9. X. 15. - - L., - -ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, -mit ihrem Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen -Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für -mein Gemüt nichts Fürchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten, -über alle Vorstellung vereinsamten Greise und Großmütter Frankreichs. -Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts -Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und kommt -durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es -hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den -paar Regierungsmännern die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu -wollen. _Jeder einzelne ist genau so schuldig._ Was versteht der -einzelne unter »Frieden«?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben -friedenswidrigen sündlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand -erzeugt. Die Axt muß an die _Wurzel_ gelegt werden. Ich finde, Du redest -Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen -Demokratismus hinein. - -Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, -- -ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in -Berlin!!! Das würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn -- -vielleicht; erholen würdest Du Dich auch dort kaum. -- -- -- -- -- - -Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal -wieder die Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich -werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht -- etc. - -Nun Schluß. - -Mit vieler, vieler Sehnsucht - - Dein tr. - Frz. - - - 13. X. 15. - - L., - -wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; -sie ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre -großen Schwächen triumphiert. -- Symptomatisch interessant ist der jetzt -(im selben Blatt) lanzierte Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen -vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, -- das Ende des -Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das seh ich jetzt voraus. Ich -bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom -deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet, -genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. -- -- -- -- ---. Ich halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das -Ende erleben werden, -- wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit -der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. -- Bei uns -hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende -dieses Krieges schön gemütlich in _Haumont_ abwarten! Ich reite jetzt -viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und -Buchenwäldern, die sich zwischen _Haumont_ und _Hattonchâtel_ und _St. -Mihiel_ ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie -einst am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd -herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute »Eva«. Ich kann jetzt gottlob -ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck -des stündlichen Angebundenseins bin ich jetzt doch _etwas_ los, -- -angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn _Du_ Dir mein Leben -vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch -die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von -Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine -Hanni mit 2 Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 _Kraniche_ hier! -Hauptsache _grau_, weiße Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was -es für Kraniche sein könnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art. -Reiher sind es nicht; Reiher und Störche tragen im Flug den Hals anders. - -Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr -prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich _jetzt_ mehr -als genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit _warmen_ Sachen bin ich -jetzt überhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also -mit anderen Worten: etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du -nichts mehr findest, kaufe nichts, -- ich besorge es mir ganz einfach in -Metz. Morgen -- übermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl. - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 16. X. 15. - -L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische -Schattenspiel, das »Krokodilspiel«, -- sehr anregend; ich bin eigentlich -sonst zum Lesen ganz unfähig, höchstens so ganz ausgefallene, -unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal -bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, »ohne Not«. Ich müßte -jetzt bald arbeiten können, -- das Lesen hat jetzt keinen Sinn für mich. -Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein -Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen -Möglichkeiten. Über meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter -gehört; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen, -schon um des wunderbaren Herbstes willen, -- das Reiten ist jetzt zu -schön! -- die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir -bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut. - - -- -- -- - Frz. - - - 19. od. 20. X. 15. - -L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So -lange Pausen hab ich _nie_ gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein -falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst -Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen -mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese -»Zeit-einteilung«; ich empfinde sehr zeitlos und fühle mich dabei weit -wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zählte! -- -- -- -- -- - -Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich -Niestlé nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren -Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat -man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mir -_gar nichts_ an ihnen, nur der Fall an sich wäre interessant. - -Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört; -vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät -mir leid. Aber ich rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich -lass _alles an mich herankommen_, wie's kommt. Willensbestimmung hat man -ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste -Interesse am Kriegführen und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht, -daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich schlechte -Psychologen, -- vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man sich auf -mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung -geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken -willst; wer weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird -mir gegebenenfalls doch alles! - -Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir! - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 20. X. 15. - - L., - -heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um -ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird -es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle -Veränderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die -Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: -erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit größeren -Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich -außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß -die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den -Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es -ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre -etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge und über 200 Pferde! In -Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit hatten wir -ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen -sogar noch mehr!), -- heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf -Etatsstärke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was -ich hörte, sehr unwahrscheinlich, daß wir verstärkt wurden, um uns -irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen -langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine -Gefechttätigkeit, -- aber Abwechslung, Berührung mit neuen Menschen und -andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine -riesige Wohlthat. - -Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen -lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden -deutschen Hirngespinst reden, -- laß Dich davon nicht täuschen. Dies -Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, -- mein Optimismus ist ganz -unerschüttert. Was sagst Du zu dem »opfernden Großgrundbesitzer« im -beiliegenden Zeitungsabschnitt, -- ist der nicht köstlich? Geradezu -unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post. - - Kuß und Liebe von - Deinem - Frz. - -Koehler hat sich _sehr_ über Deinen Obstgruß gefreut. - -_p. s._ Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee -und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, -(hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, -rund um und das Dach mit _Schilf_ bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl -als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen -Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen -probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die -Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen -Optimismus. Es freut mich _sehr_, daß Du ein bißchen Kleiderluxus -treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu -thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck -findet! Um Gottes willen! - - - 23. X. 15. - - L., - -hast Du den letzten »Sturm« (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges -betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner -Holzschnittgedanken durch ***. -- Dann der Briefwechsel zwischen *** und -***, der sein Verhältnis zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames -Gefühl; man traut's sich immer nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder -»wirken«, rücksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern -gehen mag, die _ihr_ Leben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar -nicht gemeint hat, -- und doch stammen sie von ihm. In dem Verhältnis -von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. -- Und drittens regte -mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. Wie immer gerate ich -beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem Fall _rein -kubistische_) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk -literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in -Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du -wirst mir gewiß sofort entgegnen, daß ich hier wieder die Form suche und -nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefühl zu suchen, -das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen. -Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl in dem Werk, könnte -seine Form mich doch auch nicht erregen, -- denn erregt wird doch -zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck -gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen -Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des -Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. -Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. Über das -Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es nun vielen oder allen oder -wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht sorgen; das müssen -wir dem »Weltgeist« überlassen. -- - -Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen -wieder beschnitten und eingeschränkt wird; -- -- -- -- -- ich bin froh, -daß Du momentan bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst -Du Dir manches extra leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß -verwundern, wenn Du unsern täglichen Frühstückstisch sähest: -prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit Weinbeeren drin und -Zuckerguß wie beim »beehrens uns ferner«! Wir leiden keinen Mangel; mein -Magen hat sich aber auch _erstaunlich erholt_. -- -- -- -- -- - - Dein Frz. - - - 28. X. 15. - - L., - -Du schreibst mir ein Klagekärtchen, daß ich mich gegen das tägliche -Schreiben sträube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleißig -geschrieben und meist auch recht gern; für die Unregelmäßigkeiten der -Post kann ich natürlich nichts. Es ist für mich oft schwer zu schreiben, -_jeder_ äußere Anlaß hier fehlt, denn ich bring es nicht über mich, von -»hier« zu erzählen; von Ried kann man erzählen, aber der Krieg heraußen -macht _stumm_, -- wenigstens mich. Sei froh, daß ich so bin. Paul ist -nun in nicht ganz harmlose Situationen gekommen, -- hoffentlich hat er -Glück wie ich im Elsaß, für sich und seine Leute; denn das war mir immer -ein schrecklicher Gedanke, daß Leute, die meiner Führung anvertraut -sind, verwundet würden oder fallen könnten. Denn man kann _so viel_ an -Fährnissen durch geschickte Führung der Munitionswagen vermeiden. An -Pauls plötzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles im Felde -ist; das ist natürlich kein Trost für Dich; -- das weiß ich schon, -- -aber eigentlich sollte es _doch_ einer sein, denn _das Schicksal ist -Herr über unseren Leib, nicht der Krieg_. - --- -- -- -- --. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glück, mein -Lieb, und laß diese Sorgen und Ängste; daß Du traurig bist, verstehe ich -schon, ich bin's auch. _Aber Angst ist nicht würdig._ Gefahr gibt es -nicht, sondern nur _Bestimmung_. - -Einen Mordsspaß macht es mir, daß sowohl Du als Maman seelenruhig -»Offiz.-Stellvertr.« schreibt, während Ihr mir selber die -Leutnantsernennung aus der Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der -Ernennung nichts zu thun. Es stand doch in der Zeitung am Anfang: -zufolge »Allerhöchster Entschließung«, -- auf was wartet Ihr eigentlich -noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der Reserve, aber -jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fühl mich -jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister. - -Daß nicht einmal so ein anständiges Quartett wie Wendling oder Rosée -oder meinetwegen die Münchener die Front abreisen und uns einmal -heraußen einen Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg -wäre das so anstandslos zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, -- -überhaupt!! Ich glaube, wir heraußen haben doch noch ein bißchen mehr -Anlaß zum »trübsinnig werden« als Ihr daheim und auch Du in Ried, -- und -wenn meine Briefe matt und trüb sind, -- an meinem Herzen liegt es -nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. -- -- - - -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 29. 10. 15. Metz. - -L., einen Stadtgruß von hier. Es ist ein höchst merkwürdiges Gefühl für -mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese -Trauer!! Ich verstehe gar nicht, daß das, wie es scheint, so wenige -merken, auch von meinen Kameraden. Ich fühle die Legende dieses Krieges, -der jetzt schon Mythos und Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz -erschütternd. Ich empfinde ihn doch noch ganz anders als Du; wir werden -noch viel darüber reden! -- - -Ich hab mir rohseidene Wäsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose -usw. In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach -Deinem Geschmack verändert haben! - - - 2. XI. 15. - -L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist. -Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre -dienen. Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß -mein Antwerpener Kommando auch erst später trifft, hat mit den -Kriegsaussichten etc. gar nichts zu tun. Diese Schießkommandos sind ja -gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch während des Krieges -abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen Schema alle -tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando aus -der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von -meinem Gleichmut, -- nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner -neuen) Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder -als Batterieoffizier verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es _kann_ mir -gar nichts geschehen, was mir nicht notwendig geschehen _muß_. Es gibt -keinen dummen Tod oder ein dummes Unglück oder Glück; ich las wieder -viel im Evangelium, -- _wie kannst Du eigentlich im Evangelium lesen und -doch Angst haben_? Thatsächlich: mir ist das gänzlich unverständlich. -Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, da _müssen_ sie doch ruhig -werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden. - -Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr, -daß es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also -wenn ich telegraphiere, erschrick nicht. -- -- -- -- -- - - - 3. XI. 15. - -L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen. -Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand -zu halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen -Reitstock machen, -- ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen -zu können. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn -befürwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen, -wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung maßgebend ist. Ich fahre -dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder übermorgen, -- ich glaube -nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt natürlich bei Maman, wenn ich -Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt -natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen -meine Liebe mündlich zu sagen! - -Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein »sehen der Musik und Literatur« -nicht ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige -Eigentümlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und -literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für ausgeschlossen -(jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle -Kunstarten ein gleich _reines Art_verständnis hätte. Ich habe -literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben -als Dichter und literarisch werten und genießen zu können. Dabei blieb -ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens in der Malerei!). -Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich -es seit langem vor Musik bin. Ich _sehe_ alles, alles ist in meiner -Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel -z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab, -sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde -daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können. - -Nun, diesmal nicht _addio_, sondern auf baldiges Wiedersehen. - - - - - Nach dem letzten Urlaub. - - - 19. XI. 15. - -L.... - --- -- -- -- -- - -Es ist ein sonderbares Gefühl, plötzlich wieder in dies wie erstarrt -stehen gebliebene Stellungskriegsleben zurückzukehren; daheim war ich in -_Bewegung_, -- an jedem Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte -gethan, Gedanken gesandt und gefördert und aufgenommen, -- hier steht -alles wie im verzauberten Märchen still. Immer wieder dieselben -stereotypen Flieger über dem Land, dasselbe langweilige Schießen, das -man schon nicht mehr hört; das Leben ist erstarrt. Ich machte einen -schönen Spazierritt, -- das ist das Einzige was mich freut. Der innere -Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwärtige -Kriegsform im Westen. - -In Liebe und neuer Sehnsucht. - - - 20. XI. 15. - -L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel -Quint, -- Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in -unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehr -_Wortkunst_ wie in der Versunkenen Glocke und »Literatur« erwartet, aber -niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft, -die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher -zutraute, -- ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich -stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch -glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h. -_ohne Laune und ohne Willkür_, sondern gänzlich episch, logisch -notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektüre für -einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie -natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich -hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu -bereden, -- ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, -- alles -was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie -kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der -menschliche Sinn verstiegen! - -Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich -interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in -letzter Zeit in die Hände bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi, -Strindberg usw.), fesselte mich nur _zeilenweise_, -- eben nur da, wo -sie genial sind, -- das andere ist alles langweilig. -- -- -- -- -- - -Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag's Hanni -gehn? - - - 21. XI. 15. - -L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint -lese. Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung -des Christentums, -- nämlich ihrer prinzipiellen _Gegensätzlichkeit -gegen pazifistische Organisationen_ (wie in den Neuen Wegen), -sozialistischen Kommunismus, der ein Erlahmen der Seele und des -christlichen Opfer- und Überwindergedankens bedeutet. Bestimmend ist -immer der Eine Gedanke: die Welt, das »leibliche Wallen« berührt uns -nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das -Unsichtbare. Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrung _eine -symbolische Handlung_. Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens -ist gerade das Prächtige, Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen -Erniedrigung vor der Welt und damit seiner Befreiung; er _will_ den -Menschen gar nicht körperlich helfen und sie leiblich satt und gesund -machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele schrickt -schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen, -zu seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große -Mißverständnis der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen -fortgeführt wird, spricht er das furchtbare, schneidende Wort: »nach mir -aber fraget niemanden fortan«! - -In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, -- -ich freu mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als -ausbildender Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren -würde; das Leben hier ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe -jetzt jeden Nachmittag meinem Chef theoretischen Artillerie-Unterricht; -er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber nur ziemlich mangelhafte -Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes Theater- und -Traumleben! - -Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan -des Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe -hier Gelegenheit, mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine -Installation ungefähr kostet; ich möchte diese unverbindliche -Gelegenheit benutzen, um für später eine Handhabe zu besitzen, und -spätere Voranschläge zu beurteilen. - -Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, -- der Krieg -dauert nun keine Ewigkeit mehr. -- -- -- - - Frz. - - - 24. XI. 15. - -L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm -und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel -von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte, -weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und -Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine -Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch -liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen -Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, weil immer -sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, daß -Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d. -h. in seiner _Logik eitel_; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn -lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein. -Und ebenso d. h. in viel größerem Maß unrein sind die »Neuen Wege«. Die -liegen voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab. -Ich verstehe jetzt natürlich auch K.'s Wesen viel besser, da ich sein -greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hüten haben, -daß er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit -gerät. - -Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige -Aufnahmefähigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden -tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, -- -wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist -unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es für möglich; -denn wir kannten Kandinsky selbst _sehr wenig_. Kennt es Kubin, Klee und -Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen von _mir -aus_ zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann -kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien. -Die Erklärung, warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur -in der Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch -sicher gründlich, nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen -Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer -inneren Güte und einem Mitleids- und Schamgefühl heraus leicht, ihn -mißzuverstehen. Grade darin liegt ein unglaublich feiner geistiger Takt -in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, als wären es -Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die -Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir -diesen Geist so vertrauenswürdig. - -Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief -noch wegkommt. - - Dein - Frz. - - - Samstag 27. XI. 15. - -L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in -Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef -Oberleutnant *** (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der -rückwärts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant *** der Schwager -des Dürnhauser Barons. - -Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger, -trockener Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg -läßt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so -unwahrscheinlich Glückhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser -ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, -- es liegt für -mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten -durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft -erhält und durch das Eingreifen des »jungen Bulgariens« als _Deus ex -machina_. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch -derartiger romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg -denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung. -Ich sag das nicht leichtsinnig, -- es gibt im Gegenteil _sehr_ zu -denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite -des Lebens und des Menschengeistes. - -Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig -sternenklar; wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt -mich eine ähnliche Empfindung als beim Anblick des reinen -Sternenhimmels, der mir in diesen Kriegsjahren ein solcher Freund -geworden ist. Durch Quints Leben geht jene abstrakt reine Linie des -Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich auch immer im Geist -durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich fast nie, -sie mit dem Leben zu verknoten, -- wenigstens nie mit dem Menschenleben, -(-- _darum kann ich keine Menschen malen_). Quint hat wohl seine reine -Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben -ist, darin liegt seine göttliche Größe. - -In tiefer Liebe - - Dein - Fz. - - - 1. Dez. 15. - -L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus -München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen -mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so -sehr gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze -Zusammensein mich Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung -noch halten möchtest. Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von -Emanuel Quint befestigte in mir diese neue Sicherheit der Seele. Du -schreibst in einem Brief, ich soll Dir noch mehr über mein Lesen im -Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das momentan kann. Da -gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; es kennt -kein _à peu près_, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht -den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu -aufrichtig und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem -Gewissen zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und -Erneuerung: wenigstens _jedes Ungefähr_, jede _Konzession nach -gleichviel welcher Seite_ aus meinem Werk zu bannen; den Begriff Quints -von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat auch keiner seiner Jünger, -nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht getötet; denn -damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt -sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; -- es wäre -dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der -Reinheit in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein -Bild mehr zu malen (= »nicht mehr zu leben«). Man darf nicht aus Furcht, -doch wieder in Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß -legen; ich verstehe heute zum erstenmal, warum eigentlich auf den -Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; es ist zweifellos der Gedanke, -daß man der Verantwortung nicht selbständig -- selbstsüchtig vorgreifen -darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar Büchsen zurück. - -Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum -Arbeiten hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher -nur denkbar wäre, wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme, -zu dessen Ausführung ich Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch -ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß, den ich doch nicht eingehe. -Warne nur ***, daß er sich keine Blamage mit mir einbrockt und einen -offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen muß. -Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis. - -Ich freu mich so, daß die gute Hanni wieder gesund ist; -- -- -- -- -- - - - 1. Dez. 1915. - -Liebe Maman, dank vielmals für Deinen guten Brief 117 -- -- -- -- --. - -Wenn *** die Musik von _Schönberg_ im Blauen Reiter meint, so kannst Du -ihr sagen, daß sich meine Beurteilung der Schönbergschen Musik auch -gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt -aber doch im Sentimentalen stecken. Mehr würde es mich interessieren, -wenn sie Kulbin (einen russischen Musiker) kennen sollte, -- von dem -müßte sie mir einiges erzählen. Ich kann gar nicht ruhig von diesen -Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe ich nach meiner Arbeit, die mir -immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird doch dieses geistige -Leben wieder kommen, in dem man früh und spät keinen anderen Gedanken -hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde liegen, zu -suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere -Fühlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten, -haben diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; heraußen fühl ich mich als -Larve; der Krieg hat sich längst selber überdauert und ist sinnlos -geworden; auch die Opfer, die er fordert, sind sinnlos geworden. Etwas -Gewissenloseres und Traurigeres als das nutzlose Blut, das am Isonzo -vergeudet wird, läßt sich in menschlichen Gehirnen nicht mehr ausdenken. - -Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, -- sie -denkt doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl -bald Advent, -- diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett -stecken, das wir in friedlichen Jahren so -- oft vergessen haben! So -denkt man jetzt oft zurück, was man früher alles hätte tun können! - - - 2. XII. 15. - - L., -- -- -- -- -- -- - -Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch -richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja -auch nicht. Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es -sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine -neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, -- wir sind nur noch -nicht zur klaren Entscheidung reif, _welche_ es sind und wo die besten -Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut möglich; denn wir übersehen -heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem Europa steckt, durchaus -noch nicht die _wahren_ Linien und Formen. Vielleicht sind die Ansätze -in der Malerei prominenter als in der Musik, -- aber auch _da_ werden -sie sein; man muß nur sehr scharf _horchen_, -- nicht in Konzerten, -sondern nach _innen_ horchen, sowie man die neue Malerei nicht in -Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der -Nacht. Ich _sehe_ sogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen -Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir können heute unser Geschick und -die Wahrheit in den Sternen lesen, -- es kommt nur darauf an, wie man -sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher -mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und -Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der -Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind -hören, -- es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer, -unzerstörter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man -einmal drin _sehen_ gelernt hat (für Musiker z. B. das _Tempo_, in dem -die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man -hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im -Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten -Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich -nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses -gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, -- das -»Unmögliche« liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so -empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle -denken, ich müßte doch auch irgendwie ein bißchen wie sie empfinden; sie -wundern sich dann immer, daß ich mich über dies und jenes »nicht -ärgere«. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar nicht da bin, -- -noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe. -Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre -Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen -und sich dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein -ganzes Bestreben geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses -Verhältnis zwischen uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und -die bewußte Täuschung des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und -nicht das: »die Wahrheit sagen«, jene fürchterliche, seelenkränkende -Manie mancher Wahrheitsfanatiker. - -Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was -Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete -vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe -meine. - -Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte. -Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet -sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt -bei Artillerie- und Minenkämpfen, -- die Infanterie wird nicht -eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ, -Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende -taktische Absichten. - -Baron *** hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie -in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte -mich recht auf seine Gesellschaft gefreut. - -Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden -zu sein; bei diesem elenden Wetter, -- _Haumont_ schwimmt schier weg -- -wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch -gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren -muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten -selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung -bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich -nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs -meinen innerlichen Spaß hatte. - -Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die -Zeiten, die für uns noch blühen werden. - --- -- -- -- -- -- - -Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: -von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger -Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein -_Gewissen_ fühle: meine _Arbeit_; nicht mein Leben als solches; ich kann -gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des -Lebens überwinden, als indem ich den _Sinn_ meines Daseins ins Geistige -hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib _Unabhängige_, d. h. -Abstrakte hinüberrette. Es ist _nicht_ eigentlich das _spätere_ Leben, -das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin -allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, -- er erscheint mir sehr -natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß -ich doch auch vorher einmal gestorben sein, -- denk an die Blumen! Es -ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem -Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der -Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich -werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, -- das -Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner, -enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr -aufmerksam im Quint, -- da steht alles außerordentlich fein und tief -gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre -Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das »letzte Wort -zu reden«; -- Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu -suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, -- die -gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann -schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über -die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen -Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir -unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie -ich das alles meine, -- es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz -unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit -geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren -Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung -gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl -und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum -Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen. - - - 5. XII. 15. - -L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche -über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern -kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken -Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die -Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei -doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -- Das Verrückteste -an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher _St. Mihiel_. Die Stadt -liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg! -Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein -einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische -Kanonade unsrerseits auf _Commercy_ u. a. Orte aus, daß die Franzosen es -auch vorziehen, uns das Vergnügen an _Mihiel_ mit seinem Kaffeehaus usw. -zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen -Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt, -vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit -_Damen_bedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach -Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel -unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er -eigentlich ruhig arbeiten könne. »O ja«, hieß es, »der wohnt ja in der -_rue_ soundso nach >hinten< naus.« Hinten ist nämlich bei uns so viel -wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt »Perle« bleibt ja weit -hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in _St. M._ ist sonst -vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber -dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in »Perle«; selbst -dieses traumhafte »nicht Fort-Können« für die dort in Unterkunft -befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen -solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben -ist über seine Phantasie gestiegen. - -Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich -gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. -Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, als _müßte_ sie in -Fetzen gehen. -- - -Beiliegend Brief von ***. -- -- -- Vielleicht freut sie mich wieder -mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden -oder verstehen wollen; das thut mir um *** leid, den ich eigentlich sehr -gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch -so altklug, menschenkennerhaft und »langweilte« mich überall. Meine -Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, -- -ich machte im Gegensatz zu *** höchstens eine kleine Zeichnung pro -Monat! Aber es ist etwas in ***'s Gesicht, was mich und meine -Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm -liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, -philosophische Mensch! Und *** hat gar keinen Vater!! - - - 6. XII. 15. - -L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum -ausgeträumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein -kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl -nicht los, daß es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein -andermal ein Menschentraum; aber das, was träumt, _das_ Wesen, das ist -immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so -merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste und -dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger -Schimmel, ein richtiges _Pegasuspferd_ der Sage, ist plötzlich an einer -Blinddarmentzündung (es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam -ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden -hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte -dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem -lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich -verfallender Pferdeleib vor mir, -- der Pegasus war fort, -- man hatte -nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, -- -da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: -»Laß die Toten ihre Toten begraben!« - - - 7. u. 8. XII. 15. - -L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest -verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen -diesmal »rechtzeitig« ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder »auf -Reisen« gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer -Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es -schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und -unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne führt, bin ich -sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden -wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten. - -Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, -Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), -- so lies Fabre, -Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und -Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen -dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und -Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), -Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen -Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als -Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge, -geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem -Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die -zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir -längst aus dem Kurs; es gibt höchstens »Gesetz-mäßigkeiten«; die -Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern -Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft -ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch -nur »Anschauung«. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und -immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man -der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein -will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der -Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im _Leben_ -zeigen, _muß_ es ja. -- -- -- -- - - - Gemütlich-Leiningen, - 16. XII. 15. - -L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die -uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens -schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. -Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natürlich -unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen -Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird, -eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn -gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau. -_Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, -- -denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich -Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen -stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum können wir zusammen gar nicht -über _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch -gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über -mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen -zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, -bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für *** -chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene -bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, -- aber -für *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal: -man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts -Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft -bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen, -_Gültiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich -der Kunst geschehen und da heißt es: »wer es fassen kann, der fasse es«. -Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit -der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer -wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's -Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert -wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen -wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes -bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_, -der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag -ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch -bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden -Dingen, die er dann als »Ideen« in Kurs setzt. Man sollte viel weniger -reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können -ihre Stimme erheben und »reden«, -- die haben ihre Sprache für sich, die -prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche -Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit -der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen -das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne »_Tendenz_« gebraucht, -ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für -unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_. - -Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das -unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, -- wie war -es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich -weiß wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine -Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir -keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals -wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir -ein: schick mir doch französisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und -ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80 -Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen. - -Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Kälte nicht -ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem -Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, -- so Leute wissen -immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du -ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurückkomme, -würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein. -Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch -Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jäger; und setz -ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du -könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, -- da hätte -die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das -_Mutterschaf_ sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. -wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und -schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.) - -Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen -Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am -Schluß geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern -seelig-glücklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im -Brahms auf mich, während ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung -habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie -zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte -Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Frz. - - - Straßburg 20/21. XII. 15. - -L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als -Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster -wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist -recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von -Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in -Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und -träumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist -etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine -Großstadt versetzt zu werden; (-- München wirkt nicht so unmittelbar auf -mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein -bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit -spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft -auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen -Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz -infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, -unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. -All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich -ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre -dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten -Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut! -Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders -melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber -in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich -gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich -hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden; -aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf -dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur -kleinsten Kleinigkeit entschließen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes -schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken -und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die -Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Tröste wir uns beide! -Es wird schon wieder alles gut für uns! - -Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich -wieder ein Wägelchen erwartet! - - In Liebe - Dein - Fz. - - - 29. XII. 15. - -Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, -- ich war -Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein -Weihnachten am 24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein -ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, -das ein paar Opernsänger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und -Andante von Händel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und -voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter -Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat -mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, -- vermutlich -Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Laß Dich _nie_ von der Traurigkeit überwältigen, -- traurig sein und -sehnsüchtig wie ein Adagio ja, -- aber Form muß man im Inneren behalten. - -Der Brief muß weg, darum schnell Schluß! - - -- -- -- -- - Fz. M. - - - Neujahr 16! - - Liebste, gutes liebes neues Jahr! - -Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist -um das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es -ist fürchterlich dran zu denken; und das alles um _nichts_, um eines -Mißverständnisses willen, aus Mangel, sich dem Nächsten menschlich -_verständlich_ machen zu können! Und das in Europa!! Man muß wirklich -alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen _Psychologie -der That_ fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen -und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen und --- _Gegengedanken_ zu bilden. - -Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der -die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht -ungern in dieses Jahr, -- mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an -Optimismus ist Mangel an _Wunschkraft_ und Mangel an _Wille_. - -Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, -- und -eins besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde! -(Zither, Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein -großes Fest geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer -tanzen. Du kannst es Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich -bestimmt darauf rechne. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - - - 10. I. 16. - - L., - -gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner -Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war -das gleiche öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man -gar nicht existieren. - -Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen -heute. Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und -sorgfältig gelesen habe, schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt -sich ja vieles, was er sagt, fast wörtlich mit meinen Aussagen, die ich -schon früher August gegenüber gemacht habe: daß die technischen -Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die -Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im -Gegenteil stets auf _Kosten_ einer intuitiven, primären Fähigkeit sich -entwickeln. Früher _fühlte_ man, wie es einem Freund geht, -- heut -telefoniert man ihn an; früher konnte man seine Dichterwerke auswendig, --- heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bücherschrank. Die -Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensität ab. -Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit »abnehmen« sollen!! -Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges: -Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen -Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben! - -Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur -aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre -chemischen Vorgänge nach, -- aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie -böse Geister gegen uns selbst, -- wir fallen von unsern eigenen Waffen, -wie ein böses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem -Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine verbotene Geisterwelt (die es -gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen inneren Halt -verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß unser -Kulturleben nicht mehr »_leibliche Funktion_« ist, sondern willkürliches -Spiel mit organischen Kräften, die man in ihrem _Wesen_ nicht versteht, -sondern nur experimentell benützt. Insofern wollte ich auch _nie_ den -_Leib_ und das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum -Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst -Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und _wie_ er alles meint, --- dann schreib ich Dir mehr. -- - -Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, -- sie kommen schon -noch; ich freue mich _sehr_ auf dies Büchlein, -- dank voraus Liebe; ich -hatte gar nicht mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht -hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich -sehr darauf. Dank für die Blümchen, -- jetzt schon Leberblümchen!! -- -Ich glaube doch, daß Hanni's Geschwulst mit Wiederkäuen zusammenhängt -- -ich bin mir _fast sicher_; -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 12. I. 16. - - L., - -ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich -kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man -kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er -begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen -Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage -ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie -abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies -alles so klar, -- _der Krieg hat alles so klar gemacht_. (Es ist -wirklich traurig, -- man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) -Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das -schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem -erkannten Mangel (wie z. B. Strauß'sche Musik und auch ***'s Arbeiten. -Bei *** denk ich oft: ja, ganz schön, -- wohin gehören wohl die Sachen? -Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie -denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, -- Lebensausstrahlung.) - -Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir -nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte -überraschend weit ausstrahlen (Eigenart _slavischer_ Genies), ohne darum -ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; -- -er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine -_Toleranz_ nicht mißverstehen; -- ich habe aus den angestrichenen -Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und -Wichtignahme nicht _wesentlicher_ Erscheinungen) das thust. Es kommt wie -immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas -geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von -ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem _Reichtum_. -Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen -meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich -achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen -verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie -speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein -kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein -ganzes Innere in Bewegung bringen, -- ich _beginne daran zu arbeiten_. -Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky's »Verstehen«. Die Menschen, -die nur am Besten, am »schlechthin Gültigen« sich entzünden können, sind -unproduktive, nicht aus der »eigenen Mitte« lebende, sondern -nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. -13) meint: »Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der -zudringenden Materie.« - -Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert -(Seite 32 u. f.), wo er über das _Volk_ schreibt. Ich wurde mir ja nie -ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es -gibt eben den Begriff _Volk_ in Europa nicht mehr; man muß sich nolens -volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit -natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal -mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die -wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und -restlos in dieser Kriegszeit begriffen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- - -Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf. - -Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen -Peripheriemenschen treffen, -- hab nur keine Angst davor. -- -- -- -- -- - -Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das -Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt -anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato. - -Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den _Sonetten_ von Shakespeare -zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, --- es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine -andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal -zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich -bin allerdings _sehr_ skeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch -Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel -für Shakespeare alles vorweggenommen, -- meinetwegen eigenmächtig -vergewaltigt, -- aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später -über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann -einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit -den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung -war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt -als die jetzige Purifizierung. - -Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs »Normal« (Seite 31). -Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, -überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten -»Normal und Volk«. - -Über den Kern des Artikels: »Leib« kann ich Dir heute noch nicht -schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich -einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht -alles gesagt. Askese als »Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine -Aufhebung«, -- das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig, -drückt aber nicht den _geistigen Sinn_ der christlichen Entsagung aus; -es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und _Rationalismus_ -in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als -Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: »Das Schöne ist ein Urphänomen -und besteht als Überfluß«. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß -(und bis dato weiß noch _niemand_ etwas darüber zu sagen), -- wozu leere -Worte gebrauchen? - -Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, --- also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. -Ich war _nie frühreif_, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren -Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, -oft viele Stunden. - - Dein - Frz. - - - 14. I. 16. - -L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto -zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach -nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform -vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber -formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus -meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich -bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor -allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen -Wissenschaften, die sich zur »angewandten Wissenschaft« mißbrauchen -ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der -Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er -zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung -nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren, -umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal. - -Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des [Griechisch: -agôn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und -betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor -ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese -merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht »erklären«, aber -auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an, -seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, -_Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des -Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der -christlichen Religion machten, -- das war auch »angewandte Religion«!) -Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der -demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der -Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr -der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen -Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen: -wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die -Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich -hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein, -»wo's fehlt«, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus, -und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei. -Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir -»verstanden« werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht -auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, -- nur so kann -man seiner Zeit oder einigen Seelen »vorangehen«. - -Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser -Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, -hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort -gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst -nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft -machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren -wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum -Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, -- insofern behältst Du -betreff *** wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu -Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch -verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in -unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt -wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr -_loszulösen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg -nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres -wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten -bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es -anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen -Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner -Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies -Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff. - -Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- köstlich!! Er ist das -schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte -des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte -Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther -berückend stark und klar. - - * * * * * - -Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich -wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab -Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so -dringend bald wieder haben wolltest. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - - - 24. I. 16. - -L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die -erwachende Lebensfroheit wieder etwas heraus. - --- -- -- -- -- -- - -Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, -- ein strahlender -Tag. Ich sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, -- -Lothringen ist ja reich an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich -hab das Gefühl, daß alles Land, Wege, Häuser, Wälder so ganz -vorübergehender Besitz sind, -- ich verstehe die Wanderer, die -»Habenichtse aus Überzeugung«. - -Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt, -daß die alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als -einwandfrei gegoltene Bestimmung einer Sache nach seiner kubischen -Dimension als wissenschaftlich unhaltbar anzusehen sei, solange die -vierte Dimension der _Zeit_, des _Zeitpunktes_, nicht noch hinzugenommen -wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz mit -einzustellen, -- _wie_ ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte -Mathematik über den Haufen. Man steht vor einem _novum_. Ich weiß nicht, -ob Du da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge -sehr. Ich habe in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast -Algebraunterricht gegeben, bei dem ich mir lauter solche Sachen allein -ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau so wenig _praktisches_ -Talent wie zur Musik. -- -- -- -- -- -- Über Deine Stickerei hab ich -immer noch nichts gehört. - - -- -- -- -- -- -- - Dein - Frz. - - - 2. II. 16. - -L., recht gefreut hab ich mich über ***'s Meldung, daß wieder was -verkauft ist, das neue Schafbild -- -- -- -- und 2 Holzschnitte, also -- --- -- -- -- Du hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, -- von -mir kommen auch wieder -- -- -- in den nächsten Tagen; ich sende sie der -Einfachheit halber _direkt an Muttchen_, damit ja keine Schwierigkeiten -mit dem Geldempfang entstehen. - -Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm's nicht zu tragisch, wenn -ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja -klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch -zu sehen. Ich dränge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer -tapferen Fröhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem -pocht, muß man an's Leben glauben und sich nicht mißtrauisch separieren; -und Dein Wort: »ich kann nicht« ist schließlich graduell wie alles im -Leben; etwas weniger -- etwas mehr, -- das ist das Geheimnis des -Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der _Stolz_ muß im Menschen -siegen über alle Dinge, nicht die indische _Trauer_. - -Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) -Krankheit ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg -nicht als solchen angreifen und vertilgen möchte, sondern seine -_Ursachen_. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an -dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht zu überwinden vermag. Auch -darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben. -Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit, -den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer -Seele. -- Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, -sondern gegen sich, und _sofort_ damit anfangen. Nichts ist -selbstverständlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht -das, -- wenigstens keiner will's _an sich_ selbst sehen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - - - 3. II. 16. - -L., was magst Du bei ***'s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß -natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem -gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und -seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu -büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg -das _erstere_ gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn -und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand -in's Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie *** nach dem -Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen -wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, -wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf -den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, _auf -sich selbst_ zurückzugreifen, -- mit denen paktiere ich nicht. Du sagst -ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, die _Konsequenzen_ zu -ziehen imstande sind, -- darin liegt's. -- - --- -- -- -- -- -- -- -- - -Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. --- ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer -nicht am _gegenwärtigen_ Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr -gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir -nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden. - - - 4. II. 16. - -L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über -den Krieg gesagt habe, (Krieg als natürliche _Folge_ und insofern als -gerechte, unausbleibliche Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge -im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin -sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide -identisch sind oder zum mindesten gleich, sodaß man sie auch vertauschen -kann. Was sie voneinander _scheidet_, ist vielleicht nur der Begriff der -Zeit, die zwischen ihnen liegt, -- und das nennt man fälschlich -»Unterschied« und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr -im Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu -»leiden« als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das -Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß -der Krieg für mich, für mein Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit -pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, -mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedanken _kann_ man warten -ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu werden an der -Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine Freunde wissen. -»Meine Freunde«, -- auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich -unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der -Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu -erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir -den Verlag der Jahrbücher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder -heimgeschickt und will nun *** auf sie aufmerksam machen, kann mich aber -des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name. - -Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen -Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen -Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da -- d. -h. ich darf ordnungshalber nichts darüber schreiben und will diese -Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen. - --- -- -- -- -- -- - - - 5. Februar 16. - -L., ich las nochmals Deinen Bericht über -- -- -- -- -- ich kann ihn mir -einfach nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so -aufrichtig, wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung -wurde, das der Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der -Krieg ist einer Ernüchterung durch -- -- -- -- -- zuvorgekommen. Daß Du -Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch -ich wäre nicht in der Stimmung, die Gesellschaft _komisch_ zu nehmen; -man kann sich nur _fern_halten und _ohne Ärger_ schweigen; denn es geht -mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im großen: man soll nicht -über einen Zustand, über das »Zustandekommen« eines Blödsinns schmähen -oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis blicken, auf -eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn -stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch -Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor -sich, und was fröhlich bewußt vor sich sieht, nicht trauernd nach allen -Seiten oder wehklagend rückwärts. - -Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, -den Du, weil er »zu« traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du -keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreißen, -- Du kannst an ihnen -doch nur das Papier zerreißen, nicht die »einmal gewesene und in alle -Ewigkeit seiende Thatsache« dieses Briefes, und zweitens soll ein -solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm einen -freudigeren Gegenbrief nachzujagen, -- statt beides bleiben zu lassen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - - - 6. II. 16. - -L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der -»Wirklichkeit« verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem -riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf -Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die -Sache ist allerdings harmloser, -- die »_Kunst_« war bei dieser -Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die -Überzeugung der anderen, -- ich selbst hatte sonderbare -Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: -Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie -unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die -nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten -Naturschutzfarbe (_mimicry_) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen -man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, -- -_sehr_ viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die -photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu -Hause stark vergrößert, -- dabei entdeckt man meistens die eckigen -Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen -zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild -so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die -Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch -photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die -Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung -»von Monet bis Kandinsky«! - -Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja -nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine -solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts -eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch -zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk. - -Jetzt ist schon der 6. Februar, -- ein alter Kirchweihjahrestag! Ich -erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock -und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, -- ich -»rieche« noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und -Kaulbachstraße! - -Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz -unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben -wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - - - 7. II. 16. - -L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie -Russl _weg_gibt, an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie -soll ihm dann ab und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den -guten alten Kerl eine kleine Pension. Behalten soll sie ihn auf _keinen_ -Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit, ihn in Pension zu geben, dann -soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, -- besser, es geschieht, -wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn das letztemal -so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit -ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd -schlechter Vaterlandsbazillen. Ein dritter Winterfeldzug? _Glaub ich -nie!_ - -Das zu denken ist einfach _unorganisch_. Dieser Sommer entscheidet. Daß -ich je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich -unwahrscheinlich. Der General wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel -Jüngere da. - - - 7. II. 16. - - Liebe Lina, - -meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht über den Russl und seine ewige -Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und über die gute Hanni. Zunächst -lassen Sie sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen für die -Treue, mit der Sie die Tiere und mein Haus versorgen. Ich weiß sehr gut, -daß das gar nicht so leicht ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehört. -Aber die Hauptsache ist natürlich, daß man dabei gesund bleibt und wird. -So gern ich meinen alten weißen Russl habe, so bin ich doch dafür, daß -Sie ihn unter _allen Umständen_ fortgeben, und zwar wenn sich eine -Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. Ich -will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern -Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann -berechnen, was er ihnen kostet. Sie können ihm ja ab und zu einen -Leckerbissen bringen, daß er Sie nicht ganz vergißt; findet sich aber -niemand, der ihn in Kost nehmen kann, bitten Sie Herrn Bauer in meinem -Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel den Schritt ins Jenseits zu -erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwar _sogleich_ auf die -eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einen _guten_ -Platz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschießen. Aber _fortgeben_ -müssen Sie ihn auf alle Fälle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal -ordentlich aus. Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn -der Russl nicht mehr im Garten ist. -- Daß jetzt genug Futter für Hanni -da ist, freut mich. Sorgen Sie nur immer hübsch im _voraus_ dafür, damit -es nie ausgeht; und bringen Sie ihr recht oft Haselnuß- und -Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten Gerbsäure, die für -die Tiere sehr notwendig ist. - -Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe, --- ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich -auch nicht. Ich bin fest überzeugt, daß er in diesem Sommer zu Ende -geht. Dann gibt's auch wieder vergnügtere Zeiten in Ried. - -Gute Besserung und herzlichen Gruß - - Frz. Marc - - _p. s._ - -Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Büchsen -zurück. - - - Nachschrift vom 8. II. - -Mir geht immer noch mein Entschluß mit Russi im Kopf herum, -- ich kann -aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl kränkelnd in der fernen -Rehhütte, während der Welf scharwenzelnd ums Haus läuft; früher hat -Russl doch wenigstens mit seinen Blicken das Küchenfenster beherrscht. -Und andrerseits der schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen -kaputten Magen etc. hin. Glaub mir: es ist das Beste für ihn, wenn er -von einem zu traurigen Alter erlöst wird. Ich schrieb es auch Maman. -- -Wenn Du wieder daheim bist und mußt es dann schließlich doch selber -anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir auch. Ich -werde ihn auf unsrer Hausthüre, _ihm_ und _Hanni_ ein Gedenkschild aus -Messing treiben. Ich weiß jetzt ganz genau, wie unsere Hausthüre einmal -später aussehen wird. Die alte muß weg. - - - 19. II. 16. - - Liebe Maman, - -ich weiß nicht, ob Du von meinen kleinen häuslichen Traurigkeiten gehört -hast; die gute kleine Hanni ist plötzlich eingegangen. Sie litt ja schon -seit November an einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere -Beschwerden davon zu haben, -- nun ist sie ziemlich plötzlich, während -Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben. - -Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persönlich viel tiefer berühren -wird. Dein guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem -Bedenken mich doch entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem -kleinen Trimm) zu verkürzen. Im November erschrak ich ja schon über sein -Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen Nahrung zum Skelett -abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trübe Augen. Lina hat ihn -gewiß ordentlich gepflegt, auch während Marias Abwesenheit; sie schrieb -mir sehr nette ausführliche Berichte über ihn und Hanni; sie hat ihn -auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn für sehr alt und schwer -nierenleidend erklärte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die -Hütte und der Platz wo er war, floß immer in seinem Wasser; er hatte -natürlich auch Würmer wie alle kranken Tiere; nach dem allen fand ich es -würdiger und mitleidiger, ihm seinen Eingang in den Hundehimmel zu -erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten Tier, sind qualvoll und -nicht zu heilen. Höchstens haben die Herrn Veterinäre noch einen Gewinn -davon, -- der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme, werd ich -ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen, -- vergessen wird der -eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie -es scheint und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als -sehr ordentliches Mädchen bewährt, hat sich alle erdenkliche Mühe -gegeben, den Russl zu pflegen, aber schließlich doch ohne Erfolg; er -wurde immer hinfälliger und elender und der Geruch immer schlimmer. - -Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer -Stimmung. Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so -grundverschieden sie auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen. -Das kleine Waltherchen ist jetzt schon 5 Jahre! Er soll _genau_ wie sein -Vater sein, fast unheimlich. An ihm und an dem kleinen Wolfgang (3 -Jahre) hat Lisbeth natürlich ihren größten Trost. - -Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und -natürlich ziemlich viel zu thun. - - -- -- -- -- -- - -- -- -- -- - - - 13. II. 16. - -L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir -sitzen und manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung -auf dem Couvert: - - An Frl. Zenzi Duffner - zum Köpferl in der Wis - Post Miesbach - -und dergleichen. Und manches ist so reizend und rührend ausgedrückt; -oder so lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i -ungemütlich. Daß Niestlé diese Briefe nicht lesen kann! - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Heute erzählte jemand, daß wenn der deutsche Tagesbericht -funkentelegraphisch über ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft -grob dazwischen diktiert: »ist gelogen«, »Prahlerei« usw. Ist das -nicht unglaublich? Diese Vorstellung, daß der Eiffelturm so -dazwischenschimpft! - - * * * * * - -Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen -Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir -gleichzeitig. Zu helfen war da natürlich nicht mehr. Sie ist wenigstens -nicht allein gestorben und hat die pflegenden Hände sicher wohltätig -gespürt. Ich leg Dir Linas Brief bei. Ob nur die Schwächung durch die -Geburt und schwache Ernährung schuld ist, möchte ich sehr bezweifeln. -Wild _darf nicht_ stark gefüttert werden; Heu bekam es ja wohl, soviel -es wollte. Schon die Drüsenanschwellung ist das Symptom irgendeiner -inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik endete. Ich -kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches, -liebes Leben bei uns gehabt, -- so denke ich auch nicht weh an Hanni -zurück, -- und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, daß ihn Bauer -unbedingt schmerzlos in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im -November war mir klar, daß er an einer schweren Alterskrankheit leidet; -Linas Brief schildert sie ja so gut, daß ich mich sofort entschieden -habe. Es wäre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen Rehhüttchen -und überhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn. Halte Dir, wenn -Du heimkommst und kein Lämmchen halten willst, ein Vögelchen. - -Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern -das Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern -auszubeuten, ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu -geben, daß es zu einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im -Großen, der Bazillus und die Krankheit sind für mich dasselbe. -- -Februar-Urlaub ist unmöglich; ich führe ja noch immer die Kolonne ganz -allein und kann nicht weg. - -Aber es geht mir famos. - - - 22. II. 16. - -L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank für die köstliche Tunisaufnahme -von August, -- wie besonnt und harmlos glücklich reitet da der gute -schwere August auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch -der Jünger Moilliet; im Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner -Malapparate in der Hand? ich freu mich recht über diese kleine Aufnahme; -sie zeigt denselben vergnügten August wie wir ihn in Paris um uns -hatten. - -Was Du von August's hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich -riesig. Freilich erfüllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh -über den Weggang dieses Menschen; aber der jähe Weggang durch eine -feindliche, fast möchte man sagen: befreundete Kugel, -- denn es war -eine französische -- scheint mir doch nicht ungereimter als der Tod von -M.'s Frau oder irgendein anderes, »natürliches« Unglück. Auch der Krieg -ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer thust, den Krieg -gänzlich außerhalb des natürlichen Geschehens zu stellen. Die -Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so -gut wie die Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich -_längst ganz vom Krieg abgewendet_. Mein Wesen sucht allerdings nicht -die Indifferenz von *** und *** zu gewinnen, sondern ist nur ein für -allemal _belehrt_, geheilt und zurückgeschleudert von den Peripherien -früherer Interessiertheit in's alte verlassene Zentrum der reinen -_Funktion_. August ist diesem Zentrum von jeher näher gestanden; er war -keine ausgreifende, immer fragende, unerlöste Natur wie ich. - -Wie freut es mich, daß Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in -Ried vornimmst, -- führ es wirklich durch und führ Dein Wesen ins -Fruchtbare statt in die Wüste des ewigen Jammerns und womöglich Hasses, -_der nie was gutes erzeugen kann_. - -Du willst später mehr Sachen von mir aufhängen? Meinethalben, -- wenn -Dir dann nicht mein lebendiger Leib genügt! Was mich früher immer -abgehalten hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist -eine scharf gefühlte -- Scham vor der eignen Produktion; dies Gefühl ist -schwer erklärbar, -- es geht auf den Moment der Schöpfung zurück, in dem -an Stelle des persönlichen Willens der rätselhafte Zwang einer Eingebung -trat. Ich weiß von so vielen und gerade meinen stärkeren Sachen absolut -nicht mehr _wie_ sie entstanden sind; ich wundre mich, daß ich sie -gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblättern meiner -Skizzenbücher erschrecke ich zuweilen förmlich. - -Heut war ein strahlend schöner Tag, voll Anmut und Farbe und voll -Heimweh! Seid beide umarmt und lieb gegrüßt und geküßt von Eurem Frz. - -Empfiehl mich bitte bei den schön stickenden Müttern, -- dies im Geiste -August's Arbeiten ist rührend. - - - 17. II. 1916. - - Liebe Maman. - -Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was -Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man's ja -an sich erproben können, -- eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst -selten bietet, da man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht -sieht und zum mindesten an sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege -nie eingefallen, die Gefahr und den Tod zu suchen wie ich es in früheren -Jahren des öfteren gethan habe, -- damals ist der Tod mir ausgewichen, -nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute würde ich ihn sehr -wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe vor ihm, -- -nichts ist beruhigender als die Aussicht auf _Todesruhe_ -- sondern weil -ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes -Sinnen ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille. -Sonst aber hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das _allen_ -Gemeinsame und führt uns zurück in das normale »Sein«. Die Strecke -zwischen Geburt und Tod ist der Ausnahmezustand, in dem es viel zu -fürchten und zu leiden gibt, -- der einzige wirkliche, konstante, -philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand -vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz -unzulängliche »Ich-Bewußtsein« wieder in seine wundervolle Ruhe vor der -Geburt zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun -pantheistisch wie Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im -alten geistvollen Japan) oder christlich wie Pascal ausdrückt, -- das -_Wesentliche_ des Gedankens über Leben und Tod ist immer dasselbe -geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte Verwaltung seines -biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens stören -könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer -schlecht thut und wer nichts thut -- der hat die Strafe schon im Leben -davon, in seinem Gewissen und in seiner -- Todesfurcht. Diese Leute -können das Leben nicht rein genießen (so sehr sie sich auch den Anschein -geben), weil sie viel zu viel Angst vor dem Tode haben, der ihnen -»alles« nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis strebt, dem kommt -der Tod immer als Erlöser. - -Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war's eigentlich nicht -gemeint. Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker -nicht verdenken. Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund -wiedersehen! - - - 25. II. 16. - - L., - -großer Reise- und Truppenbetrieb, aber bis jetzt ziemlich harmlos. Immer -noch im alten gleichen Zirkel; wir kleben an den alten Plätzen, als ob's -gar keinen andern Kriegsschauplatz gäbe. Mir ist's ja gleich, wo ich -bin. Das Wetter ist auch schon wieder mild. -- Ich bin aber von unserm -zehnstündigen Ritt so hundsmüde, daß ich zu nichts anderem fähig bin als -zum Schlafen. Hab auch gutes Zimmer und Bett. Schlaf süß, mein liebes -Lieb, mit Küssen und sehnsüchtigen Gedanken - - Dein - Fz. - -Gruß an Lisbeth und Walter. - - - 27. II. 16. - - L., - -nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage. -Die ganzen französischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen -Wut und Gewalt des deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen -Begriff machen, der das nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen -Verfolgungstruppen. Die armen Pferde! Aber einmal mußte dieser Moment ja -kommen, in dem alles eingesetzt wird; aber daß es gelang (und es wird -sicher noch weiter gelingen) und zwar gerade am _stärksten_ Punkt der -franz. Front: Verdun, -- das hätte niemand geahnt, das ist das -_Unglaubliche_. Einliegendes Bild ist noch in Leiningen gemacht St. und -ich. - - Mit Küssen - Dein - Fz. - -Ich bin sehr frisch und guter Dinge voll, Gruß an Lisbeth. - - - 28. II. 16. - - L., - -es geht mir gut. Wetter leidlich. Wir sind freilich wieder zur -Primitivität der ersten Kriegswochen zurückgekehrt. Aber ich fühl mich -ganz frisch und bin guter Stimmung. Bleib's Du auch. - -Grüße. In Liebe - - - 29. II. 16. - -L., eben habe ich eine ruhige Minute in einem französischen Unterstand -um Dich zu grüßen, was ich so hundertmal im Tage thue. Sei versichert, -es geht mir nicht schlecht. Es ist halt doch was anderes, als Offizier -einen Bewegungsfeldzug mitmachen wie ehemals als U.-Off.! Aber die -Arbeit und Verantwortung ist natürlich oft riesig. Wir sind jetzt zu -zweit, Lt. M. und ich und haben doch zuweilen kaum die Kraft, unsrer -Riesenkolonne die innere Organisation zu erhalten. Ich kann allerdings -nicht leugnen, daß diese Arbeit, die viel moralische Kraft erfordert, -für mich nicht ohne Reiz ist. Solange der Manöverbetrieb in L. war, war -es mir oft innerlich sehr peinlich. Jetzt aber weiß man, wozu man -Offizier ist und auf seinem Posten steht. Über das Eine freu ich mich: -daß meine Nerven von einer wirklich erstaunlichen Unberührtheit sind. -Von meiner Verwendung als Artilleriebeobachter kann jetzt natürlich gar -keine Rede sein, -- Du brauchst Dich in keiner Weise zu ängstigen. Ich -bin neugierig wie diese ganze Operation noch hinausgeht, -- wir sind -gänzlich ohne Nachrichten. Von München kam etwas Post, von Dir leider -nichts. Man muß sich gedulden. Ob Du wohl noch in Bonn bist? Ich -schreibe Dir gleichzeitig ein Kärtchen nach Ried für alle Fälle. Dieser -tiefbeschämende schmachvolle Krieg muß ja jetzt bald ein Ende nehmen. -Ich bin ganz vertrauensvoll. Mit Küssen und Streicheln - - Dein guter alter - Franz. - - - 29. II. 16. - -L., ich schrieb Dir gleichzeitig nach Bonn, -- ich hab von Dir lang -keine Post mehr bekommen. Ich kann Dir nur beruhigendes von mir -berichten; ich fühl mich körperlich sehr frisch und erhalte mir auch -mitten in diesem Kriegsgetümmel mein inneres Gleichgewicht. Immer kaut -man an dem immer rätselvolleren Rätsel herum, wie dieser Krieg nur -möglich ist! Europäer! Es ist schrecklich. -- Aber alle Dinge haben ihr -Ende, auch die schlechtesten und furchtbarsten. Man hat natürlich so -viel zu thun, daß an ein wirkliches Schreiben nicht zu denken ist. Nun -kommt schon bald richtiges Frühjahr nach Ried! Ich denke immer daran! - - - 2. III. 16. - -L., gestern Abend kam Dein Kärtchen vom Rautenstrauchmuseum und -Lisbeth's lieber Brief mit Deinem Zusatz. Es freut mich so, daß Ihr -beide Euch zusammen wohl fühlt und Anregungen austauscht. Laß mich nur -wieder da sein, dann soll das Leben schon wieder seinen alten Schimmer -bekommen. Wir sind heraußen wohl genau wie Ihr fiebrig gespannt auf den -Ausgang dieses riesigen Kampfes, den Worte nie werden schildern können. -Ich zweifle keine Minute an dem Fall von Verdun und dem darauffolgenden -Einbruch in das Herz des Landes, wohl von einem andern Platze. Aber wie -furchtbar ist das! Ich bin wohlauf und verliere meine gepanzerte Ruhe -nicht. Seid beide und die Kinder vielmals herzlich gegrüßt und Du tief -geküßt von Deinem - - tr. - Fr. - -_p. S._ Wir sind heut Nacht wieder in festes Quartier gekommen, -natürlich Ruinen aber _völlig_ außer Schießentfernung; Pferde zum -erstenmal im Stall! Dein Geburtstagsbrief ist gefunden! Denk Dir!! Auf -welche Weise, schreibe ich Dir noch! - - - 2. III. 16. - - L., - -ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem -Wege sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natürlich -Postsperre. Wir stehen natürlich mit in der Riesengeschichte im Westen, -schauerlich und ungeheuerlich wie es Worte nie werden schildern können. -Ich führe mit Lt. M. zusammen unsre Kolonne unter schwierigsten -Umständen; aber es geht alles. Und gottlob geht es bis jetzt auch gut. -Wir sind 10 Kilom. durch die französische Front durch. Wir hausen nachts -in den französischen Unterständen. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch -(25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen. - -Ich selbst fühle mich wohl und frisch, -- meine Nerven sind unberührt, -daß ich oft selbst staunen muß; Dinge, die mein eigentliches wahres -Wesen nichts angehen, berühren mich überhaupt nicht mehr. Jetzt ist -übrigens der Moment gekommen, in dem ab und zu ein gutes Päckchen -(Schokol. Gilka, Stück Hartwurst u. dergl.) hochwillkommen sein wird. -Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich zweifle nicht, daß -Verdun fallen wird, -- aber ob es dann gelingt, den grausamen Stoß in's -Herz des armen Frankreich zu führen! Seit Tagen sehe ich nichts als das -Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können. - -Ich freute mich gestern über eine Karte von Dir und Lisbeth's Brief, in -dem Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend für mich, Euch jetzt -beisammen zu wissen und zu hören, daß Ihr Beide Euch Menschliches und -Künstlerisches zu sagen habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich -komme Dir wieder. -- Der Krieg geht in diesem Jahr zu Ende. - -Ich muß schließen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht -fort. Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und laß Dich küssen und laß -uns in Gedanken immer beisammen sein. Grüß Lisbeth und die Kinder. - - - 4. III. 16. - -L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in -Maxstadt (Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte -ihn doch, trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden! -Ich hab mich schon ein bißchen geschämt aber auch doppelt gefreut, daß -ich ihn nun doch habe: Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde -ich auch zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu -meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der -Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke -einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist. -Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib -und alles was mir gehört, zu mir gehört! - -Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten -Schloßbesitz, über den die ehemalige französische Frontlinie ging. Als -Bett hab ich einen Hasenstall auf den Rücken gelegt, das Gitter weg und -mit Heu ausgefüllt und so in ein noch regensicheres Zimmer gestellt! -Natürlich hab ich genug Decken und Kissen dabei, so daß sich ganz gut -drin schläft. Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch -gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank -viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief! - - -- -- -- - -- - - Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen! - - - - - Aufzeichnungen - - - Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich - 1911-12. - -Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie -sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein -Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, -seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die -unsern Augen zugehört statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um -dessen Bildkreis zu erraten. - - * * * * * - -In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine -Kristallisationskraft zu prüfen. - -Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, -in dem wir Maler uns bewegen. - - * * * * * - -Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf -er liegt? - -Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das -Problem auf »Kugel und Fläche« stellt, so fällt der Begriff Apfel im -Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns -wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den -schönen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche? - - * * * * * - -Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es -irgendwelchen vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu -malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil -wir die Welt kubistisch fühlen? - -Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als -»Reh«, die Landschaft muß also »Reh« sein. Das ist ihr Prädikat. Die -künstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist -vollkommen und einwandfrei; sie »sehen« das Reh gar nicht und kümmern -sich nicht darum; sie gaben »ihre« innerliche Welt, -- das Subjekt im -Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das -Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem -Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. Das Objekt -ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert. -Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann -aber auch ein Bild malen wollen: »Das Reh fühlt«. - -Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die -Ägypter haben es gemacht. Die »Rose«. Manet hat sie gemalt. Die Rose -»blüht«, wer hat das »Blühen« der Rose gemalt? Die Inder. Das -_Prädikat_. - - * * * * * - -Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man -gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit -gebe ich seine äußere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt, -nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch -den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist, -sein Prädikat. - -Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das -Subjekt, sondern von dem Raum etwas »ausgesagt haben«, das Prädikat des -Subjekts gegeben haben. - -Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die -sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen. - - * * * * * - -Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu -geben, bleibt ungelöstes Problem. - - * * * * * - -Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum -Schemen, um zur großen künstlerischen Form zu kommen. - - * * * * * - -Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer -kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker). - - * * * * * - -Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende -Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten -Schluß ziehen, ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen -Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein -eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft. - - * * * * * - -Das Groteske: - -aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat -das Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt, -wie Märchen. - -Größer ist die _naive Darstellung_, die die Wirkung des Grotesken (das -oft ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht. - - - 1912? - Einzelne Blätter. - - - 3. - -Was wir unter »abstrakter Kunst« verstehen. - -Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das -Existierende ist Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt -unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen. -Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler stellte die Welt -künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte; -der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich -befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, -- er hat aber auch -alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den -Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Präparat zu ersetzen, -Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer nach. Selbst die -Kunst zwang er zu Handlangerdiensten. - -Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch -nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der »anderen Seite«, auf -der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können -und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins -redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: die Befreiung der -Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den -Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen. - -Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein. -Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir -werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen -oder scheinen, sondern _wie sie wirklich sind_, wie sich der Wald oder -das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein -lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns -gelingt, die traditionelle »Logik« von Jahrtausenden beim künstlerischen -Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist alogisch. Es -gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen -unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie -getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an -sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der »anderen Seite«. - - - 4. - -Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu -beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das -ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, -- oh des -glücklichen Tages! -- vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat _seine_ -Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern -plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade -fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk -bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, -- aber -glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb -suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind -hinter dem Schein? - - - 5. - Die absolute Malerei. - -Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir -dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir -nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden, -je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung -vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, -ganz aus eurem Geiste weg, -- denkt euch fort samt eurem Weltbild, -- -die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese -Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in -Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt. - - - Grenzen der Kunst. - --- -- -- Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen -Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum -durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man -darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber -lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf -den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z. -B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent »Pegasus« -darunter schreiben. - - - Religiöses. - -Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen. -Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie -könnten _alles_ daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine -große und reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto -künstlerischer war, je religiöser sie gewesen (und umso künstlicher, je -unreligiöser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen, -daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit -unvereinbar ist, -- nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß die -Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik -zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der -Taumel über unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird -wieder zum großen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden -wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschütterten -Herzen einziehen. - -Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über -den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas -Beschränkteres und Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle -Religionen überwunden zu haben? Das glauben sie nämlich, die »guten -Mitteleuropäer«. Auf was stützen sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen. -Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die nicht schlechteste Imitation -vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist -verhungert. Eisenbahn -- die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine, --- kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A nach -B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil -höchst plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer -gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten, -_Geist zu sparen_. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen -Verkehrsstörung in Haft genommen oder überfahren. Es wird aber eine Zeit -kommen, in Bälde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft -grenzenlos langweilig finden; man wird sie _vollkommen liegen_ lassen, -ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen -Gütern handeln wird. - - - Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht. - Geschrieben Anfang 1915 im Felde. - - - 1. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - -Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und -Wahrheit. Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß -wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die -Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, -- -was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge? - - - 9. - -Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf -gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich -verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu -sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht -blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der -Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen. - -Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das -erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal, -wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen -fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus »wider Willen«. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - 15. - -Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich -verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und -20. Jahrhunderts zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen -Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte. - -Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer -Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen, -um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren. - -Alles, das Größte ist heute in den Anfängen. - --- -- -- -- -- - - - 23. - -Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung -des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen -und Müden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille -bestimmt das weiße Schicksal. - - - 25. - -Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern -und unerhörten Klängen leben. - -Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen -als eine Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den -Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und -die Welt hat Zeit. - - - 30. - -Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen -die Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches, -Unmögliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo -ein Bedürfnis, eine Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon -keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr. - - - 31. - --- -- -- -- -- - -Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen, -nicht von Traditionen leben. - - - 32. - -Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den -Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten -in der Tradition; sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr -dauerhaft erwiesen. Die großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im -Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten -Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können sie ihre Formen aufrichten. - -Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische -Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar -wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der -Oberfläche, niemals im Vordergrund. - -Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt, -sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt: -das »Wissen um das Heil«, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der -»Kultur« vorausgeht. - - - 35. - -Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, -- die wenigen -Europäer, die es erst geben wird, -- der große Schmerz seiner -Gestaltlosigkeit überfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre -Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der -Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, in der stilisierten Fassade -der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen -Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in -Weltdurchschauung verwandelt hat. - -Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen -Überzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere -Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung, -Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat. - - - 38. - -Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um -die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen -Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen -dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die -Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre -Jenseitigkeit zu zeigen, -- wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen, -da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet. - -Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen -Kurven vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch -weiter vor in Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind. - -Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein -Ärgernis zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben -und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und -an seiner Würde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir -seine Zukunftsart. - - - 39. - -Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen -läßt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie -wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren -ihr »Vermögen« dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das -naive Vermögen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging. - - - 45. - -Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch -ein Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen -Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute für unser Auge die -»neue Buntheit der Welt« ausmachen. - -Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz, -eine Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und -Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und -Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze. - -Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, -- -wir werden sie mit voller Sicherheit finden -- werden wir vielleicht das -dritte Gesicht haben. - - - 55. - -Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem -»Jenseits« zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch -in die Formen der sichtbaren Welt. Heute träumen wir nicht mehr -eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu -jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen. - -Gott kam einst in einer Krippe »zur Welt«. Heute steht sie leer. Wir -suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären, -in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur. - -Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische -Kraft wandeln. - - - 70. - -Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres -Geistes. - - - 78. - -An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das -religiöse Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird -zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst längstvergangener, -primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annäherung an -diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos -wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die ihrerseits -wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im -Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer -Zeit. - - - 79. - -Den Menschen graut vor Leichen und Moder, -- warum thut er so vertraut -und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die -einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung -und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen -Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur »ihre« Bazillen. - - - 80. - -Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und -Bazillenträger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das -Paradigma des Geistes ist. - -Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der -Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft -anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurückstehenden, murmelnden -Menge. Man frägt die Mediziner nicht einmal, wie unmöglich dieses sei -und wie gewiß sein Gegenteil. - -Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist -Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist -verseucht und erkrankt. - -Wer lebt heute zwischen frischen Dingen? - -Was ist _Reinheit_? - - - 82. - -Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es -untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das -Blau der flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte -Auftauchen an einem andern Ort, -- erkennt, meine Freunde, was Bilder -sind: das Auftauchen an einem andern Ort. - - - 83. - -Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz. - -Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen. - -Das Aufblühen des Unbekannten. - - - 85. - -Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz -einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen -Pochen wieder langsam aufzuhämmern der Zukunft entgegen. - -Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit. - -Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig? - -Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg -nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben. - - - 87. - -Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine -hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen -gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte -liebten wie wir. - -In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht -uns mit seltsamen Augen an. - -Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten -möglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen -Möglichkeiten des abstrakten Denkens? - -Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als -unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des -_sentimentalen Geistes_. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen -noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte. - - - 89. - -So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche -Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als -hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens. - -Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen -alternd dieser Krankheit. - -Der Europäer als Arzt und Wiederverkünder alter Wahrheit -- - -Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender. - - - 90. - -Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben -kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten. - -Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht. - -Ich singe mit Mombert: - - »Nur einen Flügelschlag möcht ich thun, - Einen einzigen!« - - - - - Briefe an Frau Lisbeth Macke - - - _Hagéville_, 23. X. 1914. - - Liebste Freundin, - -gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon -schreibt mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren -haben. Ich bin so traurig und beklommen davon, daß Du es August's und -Deinem Freunde schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte -nicht mehr schreibe, als daß ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn -trauern werde, so lange ich noch lebe und male! Vergiß uns, Maria und -mich, nicht über dem Leid. Wir haben ein Häuschen und möchten Kinder -sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du nur magst. Was Dir die -Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein -- aber das andere, was Dir -und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet hat, die Malerei -von August, das Erbe seiner Ideen -- dies Leben sollst Du bei uns -weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen -streicheln von - - Deinem treuen Franz - -Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut? - - - _Hagéville_, 5. XI. 1914. - - Liebe Lisbeth, - -ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht »nichts-sagende« -Zeilen lieb sind -- aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es -nur, um Dir ein bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine -traurige Karte mit der ungewissen Nachricht über den armen August, ich -wußte inzwischen schon durch Maria und Koehler, daß doch noch eine -kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, -- möchte es doch sein! -An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube ich absolut -nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang -des Krieges herrschte -- übrigens auch bei uns, ich war in _Saales_ -selbst Zeuge -- ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen, -männlicheren Überlegung gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders -sein. Der Postverkehr ist andrerseits so gänzlich abgeschnitten, daß er -vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, vor allem, wenn er in -einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer noch ein -bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin. Ich -denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben, -gemeinsamen Erinnerungen, an August's Atelier und was aus unsrer -Freundschaft und gemeinsamen Arbeit noch hätte werden können! - -Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben -Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir -den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige -Gedanke, daß ich sie ganz allein zurücklasse, wenn ich nicht -wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde fürchtet man den -Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem -fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke, -kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt, -zurückzulassen, ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im -allgemeinen wenig exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht -zurückzukehren; aber ebenso felsenfest hab ich an August's Stern -geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß man verzweifeln -möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert -als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen -ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer -fühle, was ich und wir alle an ihm verlieren würden. -- - -Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor -allem unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den -Vogesenkämpfen kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen; -ich hab viel ruhige Stunden für mich und arbeite für mich an meinen -Gedanken, die der Krieg in ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich -finden, mit dem ich über das alles reden kann, wenn ich August nicht -mehr habe? Du kannst es mit noch größerem Recht sagen, aber was Dir -Freunde sein können, das sollst und wirst Du an uns finden. Grüße Deinen -lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich riesig, daß er sich -wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen und laß Dir -einen Freundeskuß geben von Deinem treuen - - Franz. - - - Bertschweiler, Südvogesen - 7. I. 1915 - - Liebe Lisbeth, - -Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22. -XII. hab ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von -Koehler, der mir von seinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und -auch die näheren Umstände von August's Tode schilderte. Nun sind wir -wirklich allein, ohne unseren August, Du und Koehler und ich, und mit -uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand geben in seinem -Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben davon -umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei. -Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig -helfen. Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder -bei uns in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie -nicht geben kann. Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen, -kannst Du mir schon glauben, vor allem auch für die Kinder. Und von Dir -möchte ich noch viel über August hören und erfahren, vor allem über -seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, als wenn schon bald Friede -wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere Geschütze! Wir sind -seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen). Statt des -erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze -Weihnachtsnacht am Pferd! - -Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im -Westen. Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere! - -Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt -ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als -Infanterist doppelt und zehnfach. - -Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine -Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten -unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August. -Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du -auch einen von Deinem treuen - - Franz Marc. - - - 29. I. 1915. - - Liebe Lisbeth, - -wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im -Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar -die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide -weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges -verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm -Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt -merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre -Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die »Neutralen« im Lande! - -Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und -Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem -melancholischen _Hagéville_ geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem -Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher -Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor -dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in -»Kunst und Künstler« habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo -Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K. -gerne einverstanden bin, -- vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall -die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir -und unserm Freundeskreis von August's Wert und unserer gemeinsamen Liebe -erzählen soll. - -Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht -mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas -über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von -seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn, -er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich -denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen -machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August's -Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen -lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa -aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als -derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm -durchschüttelt. - -Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß -melancholisch und ernst drein -- so verändern sich die Dinge!! - -Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten -und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze -Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen -kameradschaftlichen Gruß von mir bei. -- - -Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung -Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé'schen Mädchen -- auf solche -köstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich! - - Von Herzen Dein Franz Marc. - - - 22. II. 15. - - Liebe Lisbeth, - -umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria -schrieb mir, daß sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die -Geschichte mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, daß mir letzthin -gar nicht recht klar wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir -und der Redaktion bestehe. Jetzt erinnerte ich mich plötzlich an alles, -und wundere mich auch nicht über die Anfrage. _Vive la bagatelle!_ Meine -Gedanken sind heute wo ganz anders -- es ist alles so lange lange her, -als wären's Jahre. - -Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam -dann Dein gutes Schokoladepaketchen, schönen Dank! Bleibt alle gesund, -Ihr lieben Drei. Mit herzlichem Händedruck - - Dein - Franz Marc. - - - 12. V. 1915. - - Liebe Lisbeth, - -Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an -August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm -Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte -mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus -- da mußte ich so an Euch -denken. Ich blieb dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas -schweren Herzens zurück. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der -mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen -Entschluß wieder über den Rhein zurück nach Westen zu reiten! Wann -werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren dürfen?! Daß -Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht -sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge -- auch -eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen -und fremden Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches -andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn -Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen -Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine große Freude -machen; und ich hoffe so sehr, daß er für Dich selbst eine kleine -seelische Erholung wäre --. - -Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff *** ist lustig; ich wunderte -mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht -anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei -***. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Außer *** käme eine -Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich -von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen; -vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte -trotzdem die Bezeichnung »Von seinen Freunden veranstaltet« tragen. Ich -schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht -in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die -Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz -glücklich -- es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal -Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August's Kunst in seiner Galerie -einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt -ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und -dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches -Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und -ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante -Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein -glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die -Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein -unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache -stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die -freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August's -Bilder bleiben immer jung, -- nichts, was Wert hat, hat Eile; im -Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser. - -Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen -Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle -herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und -W. Gerhardt mit Frau. - - Dein Franz Marc. - - - 6. VIII. 1915. - - Liebe Lisbeth, - -jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer -Abschied genommen hast -- rückte er damals gleich ab? Und nun liegt -Helmuth verwundet -- hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige -Tage nach seiner Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div. -Westen; ich schrieb ihm sofort wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine -Antwort, was mich etwas beunruhigt. Es war ein Granatsplitter im -Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, die glücklich verlaufen -sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt sein -Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig, -wenn es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth -weißt und besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar -ist. Es ist ja auch die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch -allen; wo ist Dein Bruder? Grüß alle von mir und laß Dir die Hand -drücken - - von Deinem - Franz. - - - 5. X. 15. - - Meine liebe, gute Lisbeth, - -wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin -sehr schreibeunlustig geworden -- die Welt, die Arbeit und die Liebe, -alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich -schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter, -aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät, -unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand -besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer -- Soldat! Ich -kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges -Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir -Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und -Kinderleben! -- Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in -gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts -klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier -sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die -geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch -»dicker«. Dabei »genieße« ich den unbestrittenen Ruf eines -»vorzüglichen« Soldaten. Ich bin es sogar. -- Das ist das Groteske -meines jetzigen Lebens. - -Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes, -ruhigeres zu sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und -Wolfgängchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch -solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs, -dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle -Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du Ärmste hast das größte Opfer -gebracht, -- Deine Ruhe kann ich verstehen -- aber so viele andere?? -Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich -sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg -aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich -bin zu keinem anderen fähig. - -Mit herzlichem Händedruck - - Dein Franz. - - - 23. XII. 15. - - Liebe Lisbeth, - -was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank -für alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und -Sendungen spricht. Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr -Qual und Wehmut bringen als Freude, -- wenn Dir nicht die strahlenden -Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh überstrahlen. Ich habe -zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, ähnlich -wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub kürzlich so -gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das -manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine -Photographie von Walterchen und Wolfgang -- ich war ganz ergriffen von -der Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft -klein ist zur Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es -werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden -Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln -- dann muß eben -Walterchen auf August's Stuhl sitzen und mitmachen. - -Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu -kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt -gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden -und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber -vielleicht hält sie auch anderes zurück, -- die Sorge das Haus zu lang -allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde -und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch -und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich -besucht, aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich -heute schon: daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg -zuweilen bei uns sehen! - -Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich -ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist. - -Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat -zurückgezogen worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz -gemütliches Weihnachten richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich -von mir; gib Walter und Wolfgang einen Kuß von ihrem Onkel. In -herzlicher Liebe - - Dein - Franz Marc. - -Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos -grauenvolle Jetzt! - - - _Hagéville_, 25. X. 14. - - _August Macke_ +. - -Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen -abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung. - -Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter -Siegesklängen den Verlust. - -Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt -in der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten -hinter den Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht -sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so. - -Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das -grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in -denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt. - -Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder -tötlichen Kugel das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt -und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend -Braven trifft eine Kugel einen _Unersetzlichen_. Mit seinem Tode wird -der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht. -Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg -unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag -gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug. - -Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! -- - - August Macke, der »junge Macke« ist tot. - -Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche -Kunst gesorgt hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte, -der kannte Macke. Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir -wußten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit -seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unsrer -deutschen, künstlerischen Entwicklung jäh ab; keiner von uns ist -imstande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir -uns begegnen werden, wird er immer fehlen. - -Wir Maler wissen gut, daß mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die -_Farbe_ in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und -einen stumpferen, trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen -der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie -sein ganzes Wesen war. Gewiß ahnt das Deutschland von heute nicht, was -alles es diesem jungen, toten Maler schon verdankt, wieviel er gewirkt -und wieviel ihm geglückt ist. Alles, was seine geschickten Hände -anfaßten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie und am -meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog. -Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach außen gesät, -wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, daß sie -nicht heimlich bleibt. - -Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige -Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen -Helden ärmer geworden. - - Franz Marc. - - - - - Das Buch enthält Franz Marcs Briefe aus - dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen und - Aphorismen. Der Tafelband stellt die - originalgetreue Wiedergabe des letzten - Skizzenbuches aus dem Felde in Lichtdruck - dar. Der Textband der vorliegenden - Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der - Offizin W. Drugulin in Leipzig gedruckt. - Er enthält, gleichfalls in Lichtdruck, - eine farbige Beilage nach dem Aquarell - »Tierschicksale« von Franz Marc. Eine - Vorzugsausgabe mit weiteren fünf farbigen - Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz - Marc wurde in 320 in der Presse - numerierten Exemplaren, von denen 300 in - den Handel kommen, auf Büttenpapier - gedruckt und in Halbleder gebunden - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Die Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend -normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden -Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich -den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist. - -Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische -Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen -des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft, -Garnisondienst) wurden unverändert übernommen. - -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 12]: - ... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant - entdeckt, bonc-aigle, Bock-Adler, ... - ... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant - entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, ... - - [S. 13]: - ... Mazola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist - aber der Straßburger ... - ... Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist - aber der Straßburger ... - - [S. 16]: - ... L...., bin heute bis Corze gekommen, wo ich mir bei Kameraden - ein Strohlager ... - ... L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden - ein Strohlager ... - - [S. 16]: - ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse - Nebel. Corze ... - ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse - Nebel. Gorze ... - - [S. 17]: - ... Liebe M., Heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe - angelangt! Sie ... - ... Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe - angelangt! Sie ... - - [S. 41]: - ... heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz - unerwartet. Ich war ... - ... Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz - unerwartet. Ich war ... - - [S. 46]: - ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, das ich nicht - fabuliere mit dem Leidensopfer ... - ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht - fabuliere mit dem Leidensopfer ... - - [S. 56]: - ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bischen ab. Mein - verändertes ... - ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein - verändertes ... - - [S. 58]: - ... inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder - wie im Herbst; siehe ... - ... Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder - wie im Herbst; siehe ... - - [S. 59]: - ... verliere, daß dies alles für mich nicht Wesentlich ist, nur - Wege, Spaziergänge ... - ... verliere, daß dies alles für mich nicht wesentlich ist, nur - Wege, Spaziergänge ... - - [S. 62]: - ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem - Nächstbestem christliche ... - ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem - Nächstbesten christliche ... - - [S. 76]: - ... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und - Hatonchâtel und ... - ... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und - Hattonchâtel und ... - - [S. 90]: - ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Hautmont schwimmt schier - weg -- wäre es ... - ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Haumont schwimmt schier - weg -- wäre es ... - - [S. 91]: - ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsumiert - unter das Unwesentliche ... - ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke - subsummiert unter das Unwesentliche ... - - [S. 93]: - ... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspacketchen - diesmal »rechtzeitig« ... - ... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen - diesmal »rechtzeitig« ... - - [S. 97]: - ... Daß das liebe Amuletchen etwas später kam, macht gar nichts, - -- ich war Weihnachten ... - ... Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, - -- ich war Weihnachten ... - - [S. 101]: - ... Lies einmal in Hildebrands Artikel Seite 98 das wundervolle - Bild, das Goethe ... - ... Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle - Bild, das Goethe ... - - [S. 107]: - ... Ausdruck »9 Kadinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings - harmloser, -- die ... - ... Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings - harmloser, -- die ... - - [S. 107]: - ... überdacht, die nach grob pointilistischem System und den - Erfahrungen der bunten ... - ... überdacht, die nach grob pointillistischem System und den - Erfahrungen der bunten ... - - [S. 110]: - ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputen Magen - etc. hin. Glaub ... - ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputten - Magen etc. hin. Glaub ... - - [S. 111]: - ... L., Ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle - neben mir sitzen und ... - ... L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle - neben mir sitzen und ... - - [S. 112]: - ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der - Jünger Moillet; im ... - ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der - Jünger Moilliet; im ... - - [S. 121]: - ... Es zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum - Bewußtsein, in dem ... - ... Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum - Bewußtsein, in dem ... - - [S. 121]: - ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljick etc. ist - vollkommen und einwandfrei; ... - ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist - vollkommen und einwandfrei; ... - - [S. 123]: - ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und - das existierende ist ... - ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und - das Existierende ist ... - - [S. 123]: - ... allogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, - mit Menschenwissen unbeweisbar; ... - ... alogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, - mit Menschenwissen unbeweisbar; ... - - [S. 139]: - ... mit Herrn Scheffler so komplet vergessen, daß mir letzthin - gar nicht recht klar ... - ... mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, daß mir letzthin - gar nicht recht klar ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. -Erster Band, by Franz Marc - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 53845-8.txt or 53845-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/8/4/53845/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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Erster Band, by Franz Marc</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> - <!-- TITLE="Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band - -Author: Franz Marc - -Release Date: December 31, 2016 [EBook #53845] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<p class="halftitle"> -Franz Marc / Briefe -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Franz Marc -</p> - -<h1 class="title"> -Briefe, Aufzeichnungen und -Aphorismen -</h1> - -<p class="vol"> -Erster Band -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">1920</span><br /> -<span class="line2">Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="cop"> -Alle Rechte vorbehalten<br /> -Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<div class="centerpic"> -<img src="images/frontispiz.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="part"> -<h2 class="invisible part" id="part-1" title="Briefe"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -</h2> - -</div> - -<h3 class="date" id="chapter-1-1"> -Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14<br /> -Herbst -</h3> - -<p class="adr"> -L...., -</p> - -<p> -habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr stimmungsvoll, -wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles anders als dieser langweilige -Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der Feldflasche thut mir jetzt gute -Dienste. Ich spare ihn so lange als möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten -mitgenommen, die Bevölkerung äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr -franzosenfreundlich ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber -keine; es ist offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung <span class="antiqua">Saales</span>; -wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß -mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur Kommißbrot -aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und spare -meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel spätere Zeiten; -wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe immer noch auf <span class="antiqua">Belfort</span> -über <span class="antiqua">Épinal</span>. -</p> - -<p> -Gruß Euch beiden, N’s — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-2"> -In <span class="antiqua">Sâles</span>, 2. Sept. Nachm. -</h3> - -<p> -Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 Klm) -gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so etwas wie -Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant * * * zusammen (der Regierungsbaumeister -in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten nach Frankreich -hinein bis <span class="antiqua">Remomeix</span> (vor <span class="antiqua">Dié</span>), vor uns eine riesige Feuerlinie von deutscher -Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen schießt, und selbst von französischen -Batterien, die hinter dem Berg stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße -<span class="antiqua">Saales-Dié</span> ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, -wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; -Wein haben wir auf unserm Ritt auch bekommen; in <span class="antiqua">Sâles</span> gibt es gar nichts mehr. -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am Nachmittag -sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel installiert) am Marktplatz -um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man ruft mich dazu in’s Amt -herein. So kann ich gemächlich ein paar Ruhestunden das originelle Treiben -auf dem Marktplatz in <span class="antiqua">Sâles</span> beobachten; „Wallensteins Lager“, aber in echt. -Unsre weitere Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon -aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf dem wir -biwakieren. -</p> - -<p> -Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. — — -— — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-3"> -6. Sept. 14.<br /> -<span class="antiqua">La croix aux mines</span><br /> -bei <span class="antiqua">Laveline</span> -</h3> - -<p> -Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und -schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in -meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, -das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den kurzen, -ganz traumlosen Schlaf, auf’s allermöglichste auszunutzen. Im Kriegsdienst -lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in die Gefechtsstellung. -Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas zurückgewichen; wo wir stehen, -gilt als die hartnäckigste Stellung des ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur -ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch -auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger -vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas -unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein -hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr. -</p> - -<p class="sign"> -— — —<br /> -— Fz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-4"> -10. Sept. 14. -</h3> - -<p> -<span class="antiqua">p. L.</span> Eben las ich an diesem stillen Tage <span class="antiqua">L’histoire des Girondins (Lamartine)</span>, -das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch kam; schneller Abschied -von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-5"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -11. Sept. Früh. -</h3> - -<p class="adr"> -L. M. -</p> - -<p> -gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. Der -bedeutete offenbar den <em>Schluß des 1. Kapitels</em> meines Feldzuges. Sämtliche -Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel <span class="antiqua">Laveline-La croix</span> (<span class="antiqua">Col du -Bonhomme</span>) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr könnt Euch das Bild auf -den Heeresstraßen (Richtung <span class="antiqua">Saales</span>) ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die -Division abgesandt und ritt dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine -Truppe wiederzufinden. Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich -in <span class="antiqua">Colroy</span> in einem Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. -Beim Aufwachen glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von -Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im europäischen -Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine Truppe zu finden. Sie -kann kaum weit von <span class="antiqua">Colroy</span> sein. Schickt jetzt natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen -kann kaum was ankommen. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-6"> -Grube, Samstag, 12. Sept. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -L...., -</p> - -<p> -Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das Heeresgewirr, -durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen sollen. Das kann -man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt sind wir schon wieder in -Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir zogen von <span class="antiqua">Lubine</span> über den berühmten -Vogesenpaß, den Napoleon von <span class="antiqua">St. Dié</span> nach <span class="antiqua">Urbais</span> 1854 anlegen ließ -(nicht unähnlich dem Kesselberg), ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen -wir die Zerstörungs- und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang -des Krieges. Wir gingen über <span class="antiqua">Urbais</span> hinaus bis Grube zurück; hier machte ich -den Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern was -erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, ein reizendes -Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, Waschgelegenheit, -Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß solcher — Selbstverständlichkeiten -— <span class="antiqua">d’autrefois</span>. Ob wir nun nach Schlettstadt-<span class="antiqua">Belfort</span> kommen, oder allmählich -wieder über den Paß nach Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich -wollt, wir blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! -Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem -Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen? -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-7"> -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914. -</h3> - -<p class="adr"> -L.... M...., -</p> - -<p> -heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben; -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich, -weil die „Ereignisse“ mir den Horizont versperren. Man kommt nicht -über die „Aktion“ hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht -der Krieg aus mir keinen Naturalisten, — im Gegenteil: ich fühle den Geist, der -hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, -Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle -so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen -sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, — oder meine -Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut -schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den -Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, -stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint -mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der’s doch noch am besten -gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, — aber wir müssen -es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder -malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, — -ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher -heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird’s wohl -werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht’s doch noch eher! -Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen. -</p> - -<p> -Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-8"> -22. IX. 14. -</h3> - -<p> -L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die 3 -Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die blauen, für -Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer Manschette, die mir jemand -aus Straßburg mitgebracht hat. Die Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister -für 3 M. verkauft. Stimmt der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch -solider, drum behalte ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! -Du denkst wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -gar nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.’s und von Dir) vor -cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die Batterie ist -mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter klärt sich heute Nachmittag -auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt zu machen; die Vogesen haben -etwas Liebliches und Friedliches, man kann zuweilen gar nicht an den Ernst dieses -grauenvollen Krieges glauben, — bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! -Wenn Du mir von nun an was schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir -angegeben (Tintenstift, Meldekarten etc. — ich werde solche Dinge selbst besorgen -können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige Zigarren, — man -raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, ich rauche am liebsten die -französischen, die ich hier bekomme. Aber sonst sind wir für alles <em>äußerst -empfänglich</em>. -</p> - -<p> -Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-9"> -Aus Straßburg, 24. Sept. 14. -</h3> - -<p> -Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht gefahren von -<span class="antiqua">Saales</span> aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum Tragen der Besorgungen. -Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen dann zum Münster -und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so merkwürdig vor, es -war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in einem „Löwenbräu-Ausschank“ -und esse mich an großen Butterbroden und Käse satt. Alles ist so friedlich, als -wenn ich im „Roten Hahn“ in München säße — und draußen diese entsetzlichen -Kämpfe! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen -man ohne Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen -Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung fährt. -Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine Selbstverständlichkeit geworden! -</p> - -<p> -Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; im -Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; Kandinsky -reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar merkwürdig nahe; ich war ganz -betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich aufs Malen freue. -</p> - -<p> -Sei du und Maman herzlich umarmt von -</p> - -<p class="sign"> -Eurem Fz. -</p> - -<p> -Streichle Russi und die Rehe von mir. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-10"> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -<span class="antiqua">Lubine</span>, 30. Sept. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Maria, -</p> - -<p> -heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der Thüre (nur -leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine Darmgeschichte ist recht -übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur drei weiche Eier und paar -Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich etwas gebessert, aber man wird -schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte -ihn jetzt. Sobald man sich nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg -doppelt furchtbar und elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer -mit grauen Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich -sie den Berg bei <span class="antiqua">Lubine</span> ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten gezeigt haben! -Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. Wieviel gesunde Männer -mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir halten uns hier nur mit Mühe; -wir sind zur reinen Grenzschutztruppe umgewandelt; ob wir uns dauernd auf -französischem Boden werden halten können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre -meisten Pferde sind ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig. -Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben -Dir in meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden Wein -sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man ist hier natürlich -überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und kommt im Dreck halb um; -das alles empfindet man dreifach, wenn man tagsüber zu Hause bleibt und sich -krank fühlt. -</p> - -<p> -Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich bin zu -müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch deswegen gar -nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht kompliziert, ich hab kein Kopfweh, -es geht kein Blut ab; ich hab auch keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, -da ich beständig Durst habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. — Also <span class="antiqua">Saales</span> -brennt an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in <span class="antiqua">Bowy-Bruche</span>. Alles muß nachts -gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen nicht zu verraten -und der Beschießung durch französische Fußartillerie zu entgehen. -</p> - -<p> -Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt immer, sie -drücke auf <span class="antiqua">St. Dié</span> und <span class="antiqua">Épinal</span> herunter, um den uns hier bedrängenden französischen -Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus alledem scheint nichts zu -werden, ebensowenig als aus der raschen Entscheidung vor Paris. Wie lange mag -das noch dauern! — Meine Lektüre sind hier alte französische Journale (Juli 14, -ohne die leiseste Vorahnung des Krieges; — es ist tragisch, an das ahnungslose -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -schöne Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich -Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese. — -</p> - -<p> -So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von <em>dem</em> Herbst, den man sich -vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein Herbst in Ried -sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich verzweifle schon Weihnachten -heimzukommen, ich glaub es nicht. -</p> - -<p> -Ist die Hanni wieder ausgerissen? -</p> - -<p> -— — — -</p> - -<p> -Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl interessanter, -sobald ich wieder gesund bin. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-11"> -2. Okt. 14. -</h3> - -<p> -L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in sorgfältige -Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht mehr Jägerkaserne, -sondern <em>Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9</em>. Es war ganz nett, daß -ich gestern in dem originellen Städtchen (noch viel mehr die Stadt „Perle“ als -Insterburg) noch herumbummelte; aber ich fühlte mich nachts wieder so schlecht, -daß ich mich heute einfach selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem -Oberstabsarzt vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand -um mich, ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte -Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus unter beständiger -Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder hinauszugehen, -muß ich mich <em>ganz</em> gesund fühlen, sonst thu ich es nicht. Seid nun jedenfalls ganz -beruhigt über meine Pflege und Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder -besser gehen. Der schöne Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal -der Herbsttag auf. Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege -voll. In den Frostnächten springen sie auf und fallen ab. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-12"> -4. Okt. Sonntag. -</h3> - -<p> -Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen Zigarren -und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, daß -<em>unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden</em>!!! (näheres -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, was wir dort -erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich jeder, daß er von da wegkommt; -man freut sich immer auf das Neue! Nun sind es gerade 5 Wochen, -seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird lustig, bis ich meine Truppe -wieder finde. Das ist nämlich nicht so einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle -mich heute im Magen um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und -ich habe kein chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre. -</p> - -<p> -Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen. -</p> - -<p> -Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen und ein -neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett beginnen. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-13"> -8. Okt. 14. -</h3> - -<p> -L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht ist. -Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich fühle mich -unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt allmählich aus mir herauskommt. -Ich glaube, meine Gedanken werden, auch wenn ich wieder draußen bin, -nicht mehr abreißen; ich werde „hinter der Front“ arbeiten; das bißchen Schreiben -und die Ruhe haben mir gut gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und -von größerem Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem -Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das Wetter -ist himmlisch schön. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-14"> -11. X. 14 Schlettstadt. -</h3> - -<p> -Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, — sechs Wochen bin ich nun schon -fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht es hier -glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, <span class="antiqua"><a id="corr-6"></a>bouc-aigle</span>, Bock-Adler, -in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in Paris oder Brüssel; ich gehe -zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen „Nachessen, mit Rotwein“. Es ist nicht -teuer, aber ein bißchen Geld kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! -Ebenso wirkt eine glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei -schon immer hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich -sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, Vogesenausflug, -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -— Straßburg etc. — Paris? Vielleicht finde ich Zeit, in Straßburg jetzt nochmal -heimlich Station zu machen und die Galerie zu sehen; ich hab hier diese wunderbaren -Karten entdeckt.<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> Ist die verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht -köstlich? Ich bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im -Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, sie hat -einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch verhalten; man liest das große -Ereignis zwischen den Zeilen. <em>Das Ungesagte wird im Beschauer zum -Wort.</em> Mantegna und Bellini haben es ja noch vollkommener erreicht, als dieser -<a id="corr-7"></a>Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger -Meister, — ist es nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so -wie das gemalt, — gebaut ist. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Filippo Mazzola, Auferstehung — und Straßburger Meister, d. Hl. Konrad von Konstanz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-15"> -11. Okt. 14. -</h3> - -<p> -— Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt für mich -und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich will noch hoffen, daß -mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich sofort telegraphiere. Ich -denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel schnüren; einen Vorwand zu längerer -Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es -ist draußen doch tausendmal schöner. -</p> - -<p> -Also von nun an wieder Truppenadresse. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-16"> -Schlettstadt, 13. X. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebste, -</p> - -<p> -siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte ihn -zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von <span class="antiqua">Lubine</span>) reiste und war ganz aufgeregt, -da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn erwähnte. Keiner -wußte auch was davon, aber jeder, dem <em>ich</em> ihn zeigte, mußte zugeben, daß es -ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch zufällig in einer Zeitung darüber. -Er scheint mir größer und klarer, als der Halleysche Komet von damals. Er steht -stets in großer Nähe des Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm -und denk an mich! -</p> - -<p> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -— — — — — -</p> - -<p> -Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl ich -selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz anderer Form -und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die Sache nicht, wie Du -meinst; gerade über die „exakten Wissenschaften“ denke ich jetzt viel nach und brauche -sie unbedingt in allen meinen neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe -wie ein Maulwurf. -</p> - -<p> -Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint man -komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie schlechte Faschingsscherze -an. Traurig, traurig. Was wird es für einen mühevollen Kampf dagegen -geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite stehen. Heute sah ich zufällig -einen Atlas an, suchte mein Kochel und fand sogar <em>Ried</em> darauf! Mein -Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf — Aidling, Riegsee — Murnau: ich -erschrak, wie fern das klang!! Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen -wie Kandinsky über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich -heute eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit Kandinsky -und nicht alles so war wie wir wollten, — heute bedeutet das für mich nichts -gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, er wird für mich verloren -sein. Er wird in Rußland bleiben und dort predigen; oder in der Schweiz, — ich -selbst bin aber mehr Deutscher geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist -ein Trostblick, aber <em>kein Maler</em>! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, -so lieb ich ihn habe. Das sind <em>meine</em> Sorgen! -</p> - -<p> -Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha von -der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist’s ja gut, aber es läuft einem -doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme Onkel H.! Er hatte -sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst Du Dich, liebe Mutter, recht -recht ausruhen und kräftigen nach all dem Schrecklichen, — es kommen auch wieder -bessere und fröhlichere Zeiten. Bleib nur jetzt recht lang in Ried. -</p> - -<p> -Seid beide herzlichst gegrüßt .... -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-17"> -Schlettstadt, 15. X. 14. -</h3> - -<p> -L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel -stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze möchte ich doch -gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich milden) Angriff gegen die -Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist symptomatisch doch ein ernster Fall -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -und ich kann sie nicht gut heißen. Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute -so über die „Wissenschaft“ denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich -nicht zwischen moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er -<em>muß</em> aber gefunden werden und nicht <span class="antiqua">au détriment des sciences</span>, sondern in -voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, — sie ist das Fundament -unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst haben werden, -wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben. -</p> - -<p> -Schicke Exemplar der „Vossischen“ an Köhler (mit ein paar Worten, daß ich -es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute einen sehr netten -Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er möchte gern, hat nur -sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky sind in der Schweiz, -Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir mal Kand. Adresse, wenn -Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. Schick eine Nummer an Niestlé, er -schrieb mir auch heute. -</p> - -<p> -Morgen geht’s wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und zu erleben. -Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte aber nicht -weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen will, — ist es nicht lieb -von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht kenne, den Clou der Reise, noch -vor mir. Aber in Straßburg, wo ich Station mache, um über die Richtung meiner -Truppe etwas zu erfahren (sie soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in -die Galerie gehen und Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von -dem ich jetzt scheide, sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so -traulich und graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht -unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und Schwaben, -— ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das Sächsische, während ich -erst jetzt ein Ohr für die Originalität des Kölnischen bekommen habe, das ich sehr -gern höre. Der Krieg ist nämlich die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische -wirkt auch anders als daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges -und ungeheuer <em>sicheres</em>; wenn man einen Bayer zwischen all diesen -Mundarten hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas -dumm wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte -längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. — — — — — — — -</p> - -<p> -Ich warte hier <em>jedenfalls</em> Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst Freitag -mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. — Heut saß ich genau so friedlich, -nur leider ohne Dich auf einer Bank im Stadtgärtchen, wie damals mit Dir -auf der Bank unter unserm Apfelbaum, ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung -wie damals. Die Tage hier waren wirklich so nett, daß es für mich -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -ein wirklicher Abschied von hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der -Bahn stieg und 100 Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; -ich muß doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, -ob sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein -Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals weiter in -die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich bummelte durch das -Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne werde ich nie vergessen. -Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich andern Tages ins Garnisonslazarett -schleppte. Nachher amüsiert man sich über solche Erinnerungen, die mir eigentlich -erst heute wieder kommen, wo ich weggehe. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-18"> -17. X. (Sonntag). -</h3> - -<p> -L...., bin heute bis <span class="antiqua"><a id="corr-9"></a>Gorze</span> gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager -gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. <span class="antiqua"><a id="corr-10"></a>Gorze</span> -ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche heute eine Fahrgelegenheit -(Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung <span class="antiqua">Chamblay</span>. Professor O. habe ich einen -Kartengruß und Glückwunsch geschrieben. — Ich muß immer an August denken! -Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-19"> -<span class="antiqua">Buxières</span> 19. X. Montag. -</h3> - -<p> -Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach <span class="antiqua">St. Bénoit-Vigneulles</span>, -von da aus mit Fouragewägen südlich bis <span class="antiqua">Buxières</span>, wo unser Div. Stab ist. -Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. Unsre ganze Stellung liegt -zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo der Durchbruch und darauffolgende -Einschließung von Verdun erfolgen soll. -</p> - -<p> -In Eile! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-20"> -<span class="antiqua">Gorze</span>, 17. 10. Sonntag. -</h3> - -<p> -Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach <span class="antiqua">St. Bénoit</span>, wo das Generalkommando -ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit bekommen, meine -Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in dieser Gegend zu sein. Denn -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin froh um diesen Tag hier. Es ist ein so -entzückendes friedliches Dorf zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind -mit Gemüse- und Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen -getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz herbstlich, -die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, pflanz ja in diesem -Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich Büsche am Zaun, Johannisbeeren -etc. und Haselnuß. -</p> - -<p> -Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es ist -ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich jedenfalls -darauf. — Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines Kapellchen und einige Grabstätten -darum. Da liegen Soldaten aus der Schlacht bei <span class="antiqua">Gorze</span> 16. August 1870, -es wirkte ganz wehmütig. — Hier in <span class="antiqua">Gorze</span> liegen <em>frische</em> Infanterietruppen, seit -acht Tagen ganz unthätig, — ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! -Sie sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache unbedingt, -die deutsche Sache steht gut! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-21"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 20. X. 14. -</h3> - -<p> -Liebe M., <a id="corr-14"></a>heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie -liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre Feld-Art. jetzt, wie -es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien sind außer Gefecht! Mir scheint, -unsre nächste Bestimmung wird sein, irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe -zu werden. Unser Pferdematerial ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft -auch krank; diese tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen -sich jetzt. Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen -Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, — so stark -und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es mir auch anzusehen. -Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise schonen; er freute sich, daß ich -wiedergekommen bin; er ist übrigens auch krank, an derselben Sache. Ich werde -mich jedenfalls mit Essen und Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau -beobachten. Das Dorf ist blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe -mein Gepäck etwas revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; -nur Knie- und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre -ich jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, <em>gute leichte</em> Zigarren (die Du -schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich etwas von -<em>Deinen</em> Likören. — Man redet jetzt viel vom nahen Ende des französischen Krieges, -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es ist etwas daran. Verdun schießt -seit drei Tagen nicht mehr, alles steht in einem ungewissen Warten, das doch -seinen Grund haben muß. Wenn es so ist, dann ist doch denkbar, daß unsre -Landwehrdivision einmal nach Hause geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche -Hoffnungen zu nähren! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-22"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 23. X. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -Ach Liebste, -</p> - -<p> -Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und mich äußerlich -dazu stellen soll, — letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach -nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn, -ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen -sind, — und heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein -Bewußtsein ganz dumpf und stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten -Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; -in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing; -meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der -Mensch war doch tausendmal mehr und war zu <em>allem</em> reif, zu <em>jedem</em> Gedanken, -mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich <em>ganz</em> allein. Gewiß hast -Du mit * * * recht. Die Not des Alleinseins machte mich so optimistisch und die -wirkliche <em>Erstlingsthat</em>, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. Sicher -ist mir auch, daß wir ihn menschlich und „auf gut deutsch“ mißverstehen. Er ist -uns im höchsten Grade fremdrassig, nur westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden -Chinesengeist würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es -nur einem so „fernen“ Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu <em>durchschauen</em>. -Du schreibst ja auch ganz richtig über * * * und ihn — Slaven; aber -bei * * * darf man seine That nie vergessen. -</p> - -<p> -— — — — — — -</p> - -<p> -Grüße und streichle die Rehkinder -</p> - -<p class="sign"> -— — — —<br /> -— Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-23"> -Sonntag 25. X. 14. -</h3> - -<p> -Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer fort; -wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen Fliegerkämpfe über -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das Beschießen der Flieger mit unseren -Steilfeuergeschützen ist sehr interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von -Flugzeug gegen Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den feindlichen -Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die Batteriebereiche zu -drängen. -</p> - -<p> -Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt verloren -zu sein, und zwar beim Brand von <span class="antiqua">Saales</span>, bei dem 8 große Postsäcke nicht -mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, daß französische schwere -Geschütze <span class="antiqua">Saales</span> plötzlich in Brand geschossen haben. Das Gleiche passierte am -21. X. hier in <span class="antiqua">Buxières</span>, wo der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 -Säcke verbrannt sein. Das sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß -sich damit abfinden. Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu -manchen Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in -die aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung jetzt ganz -weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich behandelt. — -</p> - -<p> -Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde Augusts Tod -nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; ich komme gar nicht -zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des Todes vor dem Feind und -für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich darunter. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-24"> -<span class="antiqua">H....</span>, 30. 10. 14. -</h3> - -<p> -L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich -bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es Nachrichten -über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen Briefen und Karten, wenn -etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim nächsten Schreiben. Ich sandte Dir -einen kleinen Nekrolog, in der guten Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein -möge. Hier gibts nichts Neues; wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist -vor allem etwas von Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn -das Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es geht -mir famos. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-25"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 1. Nov. 14. -</h3> - -<p> -Liebe Maman, heut an „Allerheiligen im Felde“ schicke ich Dir einen kleinen -Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und nachdenke und schreibe. -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der „Altweibersommer“, wie wir ihn in Bayern -nennen, gekommen, Tage von einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, -nur vom ewigen Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. -Auch in der Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren -Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute war der -erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf der freien Wiese, -bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus eingerichtet ist. Ich gehe öfters -auf den kleinen Friedhof, der dem Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig -und rührend, all die fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. -Napoleonszeit und früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an -Papas kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und hab -ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier ist unverändert; -ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd (einen kräftigen -Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst schreibe und lese ich und gehe -stundenlang mit meinen Gedanken im Garten auf und ab. Dazwischen kommen -Tage mit Wachdienst, Requirierungen; letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen -usf. Aber viel Dienst ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie -früher, nur darf ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und -Trinken sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist merkwürdig -empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; — — — — — -Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von D. Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-26"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 11. XI. 14. -</h3> - -<p> -Liebe Maman, jetzt wird’s allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, kalt und -fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, wenn wir an -unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen und Schützengräben. -Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie die Siegenden sind; denn wenn -es auch langsam geht, so schließt sich der Ring um das feindliche Heer immer -enger und drückender; man stürmt wenigstens hier und in den Vogesen nicht -mehr so wahnsinnig vor, wie im September und August, um das gute Menschenmaterial -nach Möglichkeit zu schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch -bald über ganz Asien, Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube -nicht, daß Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand -ist wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -wie ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche zu -erleben, — nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner träumen konnte. -Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt sich geduldig in den -Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich empfinde diesen Krieg schon -lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, sondern als Weltereignis. Gewiß hast -Du recht, daß viele zum Bewußtsein von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen -werden, die sie lange für verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. -Die ungeheure seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere -Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf alte -Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man wirklich Grund -fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, sondern daß sich neue -religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues europäisches Reich. Das religiöse -Gefühl bleibt im Menschen immer dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen -Formen. Die alten Griechen waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder -und Mohammedaner und Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts -werden nicht weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble -ich viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne Mensch -verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, <em>kann</em> es nicht lange -bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. So schmerzlich und wehmütig -mir die Trennung von meinem Heim und meiner Arbeit ist, so bin ich doch -froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu Hause bedrückt und krank fühlen. So -lebe und erlebe ich alles mit. Ich werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. -Hier in H. können wir Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst -leidet hier kein Soldat. — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-27"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 16. XI. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -L...., -</p> - -<p> -heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel Unruhe -mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn ihr die Notwendigkeit -seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu ersparen, so gebt ihm -ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, die ich lieb hatte, ruhigen -Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. Man kann die Tiere beneiden, daß -man ihrem Leben diesen Abschluß geben darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer -Erfahrungen nicht, daß er noch einen Winter überleben wird. Seine Zähne und -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -sein Magen sind schlecht. — Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist — -meines Wissens wenigstens — unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß -Welf jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch merkt man -es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte nie etwas an Welf. -Wenn Welf einmal allein ist, — und mit den Jahren wird er wohl noch ein sehr guter -Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig genug, vor allem jetzt im Herbst und -Winter, wo er im ganzen Garten laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf -nicht zum Spazierengehen mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer -und auch Welf wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch. -Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.’s in Pflege zu geben, damit die Rauferei -einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.’s, oder wo Ihr ihn sonst habt, zum -Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im Hause und Garten, und -Welf, den wir <em>brauchen</em>, wird nicht ganz närrisch und verdorben, wie ich es -etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur Genüge und wie machtlos man ist. -Welf wird ganz anders sein und sich ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man -mit ihm zuweilen spielen darf, hat er <em>genügend</em> Bewegung. -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 „Züge“ <span class="antiqua">à</span> 3 Wagen. Ich bin als Unt. -Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da ich -Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten Menschen, -Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen will und Dir -Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei anderen Gefreiten in -einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, die 3 anderen schlafen -auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut haben. Früh zwischen 5 und -6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird angezündet und Kaffee gebraut. -Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen rauchend am Kamin, -Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab und zu Dienst, sodaß man -gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn’s hell wird, gehe ich <span class="antiqua">vis-à-vis</span> -ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich eine, den hiesigen Umständen nach nicht -einmal so schlechte Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab -auch von K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich -meinen Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer -teilen, je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. Für -meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. — -</p> - -<p> -Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein Schokoladepaket -von Münter. — — — — — -</p> - -<p> -Mit dem * * * bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den Offizieren -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da ich mehr allein bin -und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch nicht nach Verkleinerung der -Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur jetzt nichts halbes. Wir müssen die -Härten der Zeit tapfer tragen, der Geist der Stunde ist es wert. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-28"> -<span class="antiqua">Hagéville</span> 18. XI. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -L...., -</p> - -<p> -unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder jener Etappenstelle, -Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie übrigens auch keinen besonders -schweren Dienst hat, — kein Vergleich mit den Vogesen!). -</p> - -<p> -Das in den amtlichen Berichten angegebene „langsame Vorrücken“, kleine Erfolge, -Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist buchstäblich wahr; das schöne -dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser Berichte der Ruhe und Sicherheit der -deutschen Stellungen entspricht; alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald -wir dort die Sieger sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, -weil wir dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können. -</p> - -<p> -Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz weiße -Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren und dann die -Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. In den Dörfern -dampfen die Misthäufen, — Du kennst ja die Stimmung. Eine merkwürdige -Steigerung derselben liegt für mich in dem französischen Dorfbild, lauter Monets, -Sisley und van Goghs. Das Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier -äußerst typisch. Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein, -meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische Stimmung ist -für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl beschleicht mich dabei; -aber immer, wenn ich mich in solche Szenen vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß -ich statt dem Kalt und Warm und der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte -Klänge und schnell ist der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die -Arbeit beginnt! -</p> - -<p> -Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn * * *, den ich als -Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er ist seit einigen -Wochen hier, als „Schreiber“ bei der Abteilung. Er ist ein sehr feiner, hochgebildeter -Mensch, dessen Verkehr mir eine große Wohltat ist. -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen zusammen, -was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, — ist mir jetzt fast -qualvoll, da ich immer an August denken muß, — so wie ich eben auch vorher -an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen Sinn. Ich bin ganz wehmütig, -wenn ich es jetzt höre. -</p> - -<p> -Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch am -meisten die — Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz verzehrt! <em>Ausgezeichnet</em> -mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann den schlechten Schnaps, -den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des Krieges habe ich ihn unbedenklich -getrunken, vielleicht zu viel; ich bin froh, daß er mir widersteht, — um so -größere Wohlthat war mir Euer Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen -hab ich noch nicht probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer -Rieder Leben durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen -muß ich sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles -fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von Mama -mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-29"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 23. XI. 14. -</h3> - -<p> -L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt und -ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, Form und -Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze Gedankengefüge -auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu sehr stehlen. Aber doch -möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß -an das Heute und Morgen denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr -recht, zur Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine Gedanken -über Europa wahr sind, wenigstens <em>möglich</em> sind, — letzteres wäre mehr als -wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich schlösse. Ich werde in meiner -kommenden Arbeit immer wieder um dieses Thema kreisen und es immer wieder neu zu -fassen suchen, bis ich auf den reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich -Dich und Klee) könnt unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, -den einen oder anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. -Im übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; Angriffe -könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern. -</p> - -<p> -Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die Wilhelm -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -als Batterieführer drohen, sind eher <em>geringer</em>, als als Zugführer, da er nicht mehr -unmittelbar bei den Geschützen steht, die doch immer das Hauptziel bilden. Aber -schließlich sind die artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, — man muß einfach -Glück haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den Kolonnen, -selbst den <em>schweren</em> Artillerie-Kolonnen weit größer als jetzt, weil die -Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so geregelt sein konnten. Heute -ist man hundertfach vorsichtiger geworden, man kennt den Mechanismus, die -gefährlichen Infanterieangriffe, die uns so viele Verluste gebracht, sind heute kaum -mehr denkbar, höchstens bei panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart -bleiben. — Sehr nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht * * *’s -Antwort. — Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt? -Thut es bitte. — Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! <span class="antiqua">via</span> Schlettstadt. -An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich fühl mich -wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach der Lazarettzeit -litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich immer gleich vorsichtig -bleiben, aber so geht es wenigstens ohne Störung. -</p> - -<p> -Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur Backwerk und -dergl. — Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und macht mich gesund. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-30"> -5. Dez. 14. -</h3> - -<p class="adr"> -L. M., -</p> - -<p> -heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber ich denke -wohl aus gutem Zinn, — (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint es mir aber zu leicht) -Du wirst Dir schon denken können, wozu ich’s mitnahm: zum Bearbeiten. Man -kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in -seiner künftigen Gestalt. -</p> - -<p> -Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen -Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen Sack -voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man doch kommt! -Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand französisch kann als ich, hab -ich’s gern übernommen. <span class="antiqua">Hagéville</span> kann sich jedenfalls über die deutsche Soldateska -nicht beklagen! — Ich bin nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen -noch liegen; allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens -bin in den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös — ungeduldig. Ruhe zum -Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche <em>Thätigkeit</em> fehlt -vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und Kälte kommt, -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich übrigens <em>gar keine</em>, -ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen Stimmung, die mich vom richtigen -Arbeitenkönnen abhält; meine Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl -mich ganz gesund, bis auf Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle -mich allmählich „unnötig“ hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder -mal eine Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an -meine Arbeit und an’s Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng -angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, nach Hause -zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante zu schreiben; die -französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und hat es stets auf die Post -abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges Wort unendlich viel verraten. -Lange wird die Spannung der Heere nicht mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt -wird noch vor Weihnachten erreicht sein. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-31"> -<span class="antiqua">Hagéville</span> 11. Dez. 14. -</h3> - -<p> -L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung einer -angegriffenen Stellung bei <span class="antiqua">Pont-à-Mousson</span> (südlich Metz, lothring. Grenzgebiet). -Dort brechen die Franzosen immer wieder mit größeren Verbänden durch, (eine -Meldung davon war ja auch kürzlich in den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach -dieser Expedition, die voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser <span class="antiqua">Hagév.</span> -Quartier zurückkehren und ich — soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit zwei -Mann zurückbleiben! Der Leutnant * * *, der immer sehr nett zu mir ist und meine -Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir diesen Posten angetragen; -ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt hätte, wohl ausschlagen können, aber nach -meinen Prinzipien, hier im Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte -ich sofort ein; ich dachte auch an Dich, — Du wolltest sicher lieber, daß ich im stillen -<span class="antiqua">Hagéville</span> bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für mich werden; ich werde -sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. -Ob sie freilich sehr viel dort erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab -<span class="antiqua">Mars-la-Tour</span> verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als -Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem Einbruchsgebiet nie -beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, daß sie abgeschnitten werden -und diese strategisch schlechten Vorstöße einmal teuer bezahlen. So sehen wir -wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter -mit ein paar Mann hier. Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben -müssen, sollen die Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -und die Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf -diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar Einwohner -sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, — die sind froh, wenn -wir ihnen nichts thun. -</p> - -<p> -Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster zittern und -klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit unsrer Weihnachtspost -sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich wieder alles in Ruhe in -<span class="antiqua">Hagéville</span> versammelt! Wir sind in den letzten 8 Wochen doch arg verwöhnt worden! -Es kam mir heute vor, wie ein Alarm in einem Veteranenverein, — alte Leute, -die sich nicht gern in ihrer Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! -— Also sei nicht ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, -— vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, — vor allem -werde ich zunächst nichts von Dir bekommen! -</p> - -<p> -Gute Weihnachten! — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-32"> -H, den 13. Dez. 1914. -</h3> - -<p> -L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz traumhafte -Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß draußen, am -Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm. Ich sitze viel in -meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder an einem neuen Aufsatz. -Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der Aufsätze nicht das Autorrecht verliere, -sie nachher gesammelt herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, -wird auch Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch -vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei * * *, der sich wohl -darin auskennen wird. -</p> - -<p> -Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich sehne -mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer bleiben. Monate -zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann ist alles gut. — Draußen -ist ein elendes Schweinewetter; meine Kameraden haben’s nicht gut. Und ich sitz -hier gemütlich im Trocknen; ich hab halt „Glück“, wird Maman sagen. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-33"> -H, den 15. Dez. 1914. -</h3> - -<p> -L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem -Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen ziehen -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie füllt ein kleines -halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen! Meine harmlose Aufgabe -hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus, zum mindesten zu einem Transportproblem -und Kunststück. Die Armeeabt. Gaede, der wir jetzt angehören, -resp. die Division Fuchs, ist eine Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst -Du Dich <em>gar nicht</em>. Ich sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu -können; denn am ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden. -</p> - -<p> -Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher — zurück — kommt, also alles -beim alten bleibt. Ich glaub’s nicht; warte jedenfalls bestimmte Nachricht ab, ehe -Du <em>Briefe</em> mit neuer Adresse schreibst. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-34"> -Metz 16. Dez. 14. -</h3> - -<p> -L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h -alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde -etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war -dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon gemütlich auf -der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren. Die Adresse wird -nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. — — Wir haben ca. 800 Weihnachtspakete -als Transportgut!! Deines ist leider nicht dabei, kommt also am -Postweg nach — aber wann?! -</p> - -<p> -Gute Weihnachtstage! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-35"> -Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und -Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat -natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen bringt, -kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es wäre mir Weihnachten -doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen dazusitzen. Allerdings esse ich -die Sachen natürlich jetzt schon kräftig an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um -nicht sofort damit anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise -sehr anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher Quartierwechsel -zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln. Von Koehler -kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles andere, eine sehr -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen freuten mich so. Hoffentlich -kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß auch in Deine Hände! Verlebe -Weihnachten nur recht fröhlich und zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, -aber daß es verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, -das glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von Frankreich -noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung hinauszuzögern, nachdem -Rußland so versagt hat und die Kosten für Frankreich ins Ungemeßne steigen, -wenn es den Krieg bis zum letzten Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo -einen Sieg und Durchbruch der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen -Umschwung der ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber -ohne den Franz Marc. -</p> - -<p> -Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist wie am Anfang -in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl wir nahe am Feind -sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was „Kaserne“ ist, wirst Du etwas nachfühlen, -wenn Du jetzt vielleicht in der Max II. warst; <span class="antiqua">ça pue</span>, man ist völlig -unfrei durch das Milieu, durch den Mangel an Originalität und Intimität des -Milieus. Das Einzige, was mich freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde -darin freuen und ins Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll -gebaut. In den Ställen in <span class="antiqua">Hagéville</span> konnte man die armen Tiere kaum im -Stall satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches Stroh; -es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung mich nie dort aufhalten -konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in der Dreckluft und Staub -der Ställe sich immer neu infizierten. Mir blutete oft mein Herz um die armen -Pferdchen. Und jetzt dieser Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht -dabei; man erzählt, nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde <em>gelegt</em> -und im trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde versöhnt -mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens nicht, daß -unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in Stellung war und -<em>glänzend</em> geschossen hat, kehrt morgen schon wieder siegreich nach Mühlhausen -zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch dieses kurze „scharf schießen“ dieser Batterie -einen neuen Lorbeer errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, -auch Metz, Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man -glaubt kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen -den Ausschlag gegeben haben. -</p> - -<p> -Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen Eindruck -sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich drin las, haben -in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt, das ich bei vielen seiner -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für das <span class="antiqua">eau de Cologne</span>, das mir -recht wohlthun wird. Also den Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und -unsrer sehnsüchtig aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles -gut, nur um August werden wir zwei immer trauern. -</p> - -<p> -Ich habe in den 3 stillen <span class="antiqua">Hagéviller</span> Tagen scharf an meinem Gedankengang gearbeitet, -— nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen und ich entwirre es wie -einen zerfahrenen Knäuel. -</p> - -<p> -Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und -das kleine Bäumchen von Lasker. — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-36"> -Mühlhausen, 22. XII. 14. -</h3> - -<p> -L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter Adresse -mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig erwarteten Brief über den -Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, was drin steht, damals sehr -gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine Gedanken so gut eingehen, es wird -mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt arbeite und der viel schwieriges, wenigstens -für mich schwieriges enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so -ziemlich die Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich -habe Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch erklärt, -— es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen will. Die Verwirklichung -meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in Bildern versuchen können, -aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer kommen, die es in Literatur und Philosophie -und Sitte verwirklichen, wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; -dieser kleine Kreis würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in -Bewegung setzte. Daran denke ich gar nicht. — — — — — -</p> - -<p> -Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit zur -Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich selber; denn -es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und soviel ich merke, auch -die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie die geringsten Unannehmlichkeiten; -freilich bin ich innerhalb meiner Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung -nicht ehrgeizig ist, — solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! -— Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden -durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen lieben Brief -lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren den Maler Helmuth -ansahen, — ist es nicht komisch? — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-37"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -M., 23. XII. 14. -</h3> - -<p> -L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, — Kasernweihnachten; -es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, Freibier, Tabak und -kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr liberal die Kolonne versorgte. — -Wir hatten gestern ein kleines Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung -durch den General F., der sehr entzückt schien über „die Bayern“. Es -scheint mir sehr sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist’s -ganz recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß die -Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen aus dem -Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird mir — politisch -gedacht — immer rätselhafter, der selbstmörderische Drang ist stärker als die politische -Überlegung. Es ist unheimlich zu sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, -die ein Werkzeug eines tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, -wenn dieser tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten „Fehler“ in der Politik. -Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, wenn auch -unsere „Interessen“ ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr ich’s verlange! -</p> - -<p> -Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt einen -ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte Entscheidungskampf so tief -südlich abgespielt hat. Am russischen Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich -ihn träume und deute, zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und -Frankreich. Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel -aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich immer -und kann mir kein Bild davon machen. -</p> - -<p> -Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk an -mich, an uns beide. — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-38"> -Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht -über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber nicht unter -den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an mein Leben und -unsre Zukunft — und Vergangenheit denken. Vergangen ist so viel in diesem Jahre! -Das Haus „Hinter der katholischen Kirche“, das Haus in Bonn, Haus Kandinsky, -nun auch Gendrin, — die Frauen sind überall dageblieben, aber der Sinn jener -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -Häuser ist dahin. Wie glücklich sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste -Insel in diesem Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, -daß uns und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage -sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar nicht heim — -schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so gesund geworden zu sein, -daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue auch keinen Tag, mich ins Feld -gemeldet zu haben. Ich wäre in München stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden -gewesen und hätte für mein Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, -sicher nicht das gewonnen, was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen -stiller und melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, — Du wirst es auch sein; -die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie früher. Eine -solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre, viel seltener sogar. — -Was mir das Soldatenleben schwer machte, (— es wäre in München das Gleiche), -daß ich neben und zwischen dem Dienst hindurch immer andere Gedanken und -Pflichten im Kopf habe und den Dienst immer gegen meine Kopfarbeit und diese -gegen den Dienst ausspielen muß. Ich beneide so oft meine Kameraden, die im -Feld nur Soldaten zu sein brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und -beschäftigt werden als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe -wie sie. Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, -will es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten Gespräche -denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und Hintersinn; hinter -allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das Ohr und Auge bekommen -hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge! Ich beginne immer mehr -hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu sehen, ein Dahinter, das die Dinge -mit ihrem Schein eher verbergen, meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen -etwas ganz anderes vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es -ja eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und Schwere, — -wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, -daß hinter dieser noch wieder eine und viele liegen. Aber diese zweite Deutung -hat den menschlichen Geist mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die -wir bis jetzt erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich -auf ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem! An -solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig Soldat sein und -kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist wirklich oft recht schwer. Wann es -wohl Schluß sein wird? Ich glaube immer noch an ein <em>plötzliches</em> Nachgeben -der Franzosen, an das „Wunder“ auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der -Krieg selbst ist übrigens Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Sie werden plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die Engländer -haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und Frankreich sich gegenseitig -verbeißen und bis zur Verblutung schwächen. Ein ganz geschwächtes Frankreich -ist das gefügigste Werkzeug der späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer -den Krieg auch so in die Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, -denn hier liegen englische strategische Interessen. Am <em>Anfang</em> war das -anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die Russen und -Franzosen in der <em>Offensive</em> versagt haben, ist der Plan und die Politik der Triple-Entente -längst dahin; sie besteht nicht mehr. England kämpft nur mehr für sich -und profitiert von der Schwächung <em>aller</em> Staaten. Die letzte große Offensive der -Franzosen seit dem 16. Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor -Verdun sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte <em>genau</em> mit den Thatsachen, -das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es wohl auch so -sein. Frankreich <em>kann</em> nicht mehr lange standhalten. Ich glaube, ihr wunder -Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche Durchbruch erfolgen; ein -Aufrollen der französischen Frontlinie von Norden her scheint unmöglich. Freilich -hab ich immer gedacht, daß die Ereignisse schneller kommen würden; aber <em>kommen</em> -werden sie und mit ihnen der Tag, wo man „<em>das Ganze halt!!</em>“ blasen wird. -Dann komm ich wieder! -</p> - -<p> -Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo -ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt gesund -und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues Jahr uns allen! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-39"> -27. Dez. 14.<br /> -Bertschweiler (südlich Gebweiler) -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges zu -sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit verbundenen -Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute Mannschaft und Pferde -bei uns ganz anders schont, als dazumal in den Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung -und Kriegsunerfahrenheit viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, -sehr kleine deutsche Winkel, in dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert -werden. Direkter Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die -man, wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich unbehelligt bis zum -Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der Infanteristen, deren Zeuge -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -ich gestern war, sind freilich grausiger, als ich sie je vorher gesehen. Ich war -gestern Abend ganz erschüttert; der Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, -ja Freudigkeit für Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung -ist natürlich auch das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen -Verstande Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend besser -als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo aus wir schossen, -bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf vollbracht und mir ein -schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald wie ein Stein, als schon um -11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da schwere Artillerie den Ort zu beschießen -anfing. Es ging alles in tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch -einen kleinen Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie -auch an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den Munitionsersatz -wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der Staffel. Es war -ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher Tag; dieses trockene Wetter -ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch ja keine Gedanken über etwaige -Gefährlichkeit meines Dienstes machen. Ich stehe sozusagen unter dem Schutz -meiner Munition, die man natürlich um alles in der Welt vor direkter Beschießung -behütet. Meine Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse -ist notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen Sinnen. -Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen und Städtchen, -die man kennen lernt, der „Impressionismus“. Wir glauben nicht, daß wir sehr -lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen an den meisten Punkten. -Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr traurig im lieben Häuschen sitzt, -ohne frohe Herzen und traure mit Euch. Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt -froh, wie ich es auch thue und auf das Wiedersehen harre. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-40"> -Neujahr 1915. -</h3> - -<p> -Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als ich im -ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind alle weiß, aber -herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir tranken gestern so beträchtliche -Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und taumelig einschliefen. Das famose -Bett und richtige Mittagessen, das ich jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren -Ernst des Krieges ab; ich bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt -mehr in Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -im Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz neuer -Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins Land kommt -der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch der Franzosen, -im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer Artillerie spielend (oder wie der -amtliche Bericht sagt: „leicht und unter schweren Verlusten für den Feind“) zurückgewiesen. -So war es vor Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der -ganzen Linie und im Osten. Die 42 stehen <em>alle</em> an der Küste, dort oben wird die -Entscheidung fallen, — wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die ganzen Operationen -im Norden entziehen sich leider so ganz meiner Vorstellung. Die Äußerung -von T. über den Handelskrieg mit Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; -ich bin neugierig oder besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird. -</p> - -<p> -Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so geschützten -stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich einmal wieder mit dem -Kochler Zügelchen da hinaus und <em>heim</em>komme! Um unsre Zukunft ist mir nicht -bang. Ich finde Menschen. — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -— — — — — Fr. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-41"> -2. Jan. 15. -</h3> - -<p> -L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist alles so -verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war gestern Mittag und -Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich sie bis jetzt noch nicht gehört -hatte; alles zitterte und gellte. Eine Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger -Krieg: von einem systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. -Meist lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß -herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die „Gänge -des Duells!“, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld reißt und er „Ruhe -haben will“ und er, nach Erkundigung der feindlichen Stellung durch die vorangegangenen -Einzelschüsse, mit wahnsinnigen Salven losgeht; es kommt eigentlich -darauf an, wer zuerst zu diesen Salven wirksam übergehen kann. Liegen die -Schüsse gut, verstummt der Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. -Gestern sollen wir zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als „Strafe“ -schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem wir Thann -in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht zu denken; und -die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier kann nie eine große Schlacht -oder Entscheidung fallen. Ich sitz in warmer Stube und schreib an meinem Artikel! -— Alles Liebe und Gute — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-42"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Bertschweiler, 3. Jan. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -— — — — — — Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und -während sie eilt, „steht“ der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings -an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. — -Wie geht es wohl Euch? Ich denk so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich -immer von daheim, selbst von meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem -ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, — -es kann nicht mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber -das <em>Wie</em> des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-43"> -7. Jan. 15, abends. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner Beurteilung -ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt jedenfalls sehr viel, -meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und doch wußte ich’s nicht zu -ändern. Ich kann im Felde nicht anders schreiben, weitläufiger und begründeter. -Er ist in unruhiger Zeit geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus -ihm schon lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht -und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den Krieg -wären alle diese Gedanken nicht „denk“bar, z. T. noch gar nicht vorhanden. -Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und Klee. -</p> - -<p> -— — — — — Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der -Luft, aber es ist immer wie im März. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-44"> -11. II. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst nicht -mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, so daß ich das -Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser gebrauchen. -</p> - -<p> -Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. Bald -werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, vielleicht auch -schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf diese Tage gefreut und -nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese kleinen Frühlingsfreuden in -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, -wir kennen jetzt bald keine Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können -wir nicht Sieger bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird -immer kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für <em>alle</em> Teile; der ganze europäische -Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was man an kleinen persönlichen -Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. Die Gedanken quälen mich oft, -daß am Ende der <em>ganze</em> Leib unter der Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen -wird. Das geistige Reich wird bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. -Um diese Zukunft ist mir nie bang, — aber was wir am <em>äußeren</em> Reich erleben -werden, das können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu -die kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen! -</p> - -<p> -Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle Sehnsucht -hinein, aber auch allen <em>Mut</em>. -</p> - -<p> -Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine oft, -ich bin auf der Alm! -</p> - -<p> -— — — — — Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich noch, -die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-45"> -20. Februar 15. -</h3> - -<p> -L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß schneller, als -ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich habe sie flüchtig noch -einmal überlesen und erschrak manchmal über die Schwierigkeiten, die sie für den -Leser bergen. Gedruckt werden sie ja natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in -meinem Quartier (sie sind zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, -dessen Photographie von außen, Fenster <em>rechts</em> der Türe, ich beilege, in -dem es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das Knie!), -das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der Reinschrift, daß sie Dich -nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und die einzelnen Gedanken meist so -gedrungen, daß man schon jedes Wort klar lesen muß, um hinter seinen ganzen -Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut -nicht beurteilen; ich müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das -Schönste wäre natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und -Helene ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn <em>Du</em> es abschreibst, -nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite einseitig -(rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen setzen könnte, — oder -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, das erste wäre besser. Vielleicht -ist ja auch gar nicht viel zu ändern — <span class="antiqua">tant mieux</span>! In einer Herausgabe großer -klarer Druck; ob es gut ist, sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist -mir jetzt nicht mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II -das Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, wenn -Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, das Buch -<em>ernst</em>, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und nicht als „Literatur“. -— — — — — -</p> - -<p> -Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, neugieriger, -als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige Schweigen -der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach einem großen, -weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, — aber bedenke, daß ich -nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler bin; ich würde es wahrscheinlich -nie können, und muß es Berufeneren überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer -ich bin; der Leser wird sich von vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder -<em>muß</em> es eben. Ich schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und -um sie zu reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich überhaupt -nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der Ergänzung durch meine -ungemalten! — Werke. Nun hast Du wieder „Stoff“ zum Leben. -</p> - -<p> -Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das Einzelne, -wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in seiner vollen Form; -ich hab hier keine Abschrift. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-46"> -21. Februar 1915. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war ungeduldig -sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und nachkorrigiert, — ich -möchte das lieber nach einer gewissen Pause machen, wenn ich etwas Distanz von -der Arbeit habe. — Von Lasker bekam ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, -daß ihr die Menschen immer „Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen“. Sie -war sehr krank. — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-47"> -14. III. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L...., -</p> - -<p> -heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen Zweigen -mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, wie es jetzt -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben schon die Knospen -an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon Blättchen, wie wäre es jetzt -schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles recht schön im Gärtchen und genieße es, -auch wenn Du allein bist. Was macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar -da? Ist der Fasan wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir -doppelt Lust, einen Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder -knabbern, wenn der Schnee weg ist! — Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken -willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur nichts -über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart nach dem Heil -und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden Zeiten; es sind keine -<em>schöpferischen</em> Menschen. Mein Hauptgedanke ist jetzt: Entwurf zu einer neuen -Welt; immer schaffen, <em>vor sich</em> arbeiten. -</p> - -<p class="sign"> -— —<br /> -Fz. M. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-48"> -17. III. 15. -</h3> - -<p> -L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner „Tierschicksale“. -Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es ist wie eine Vorahnung -dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das -gemalt habe! In der verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar -wahr, daß mir ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, -solche Bilder <em>vor</em> dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem -Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine Erinnerungen, wie -es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. Ich wunderte mich zuweilen -darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein muß. Aber diese alten Bilder des -Herbstsalons etc. werden noch einmal ihre Auferstehung feiern. -</p> - -<p> -Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an Dich -und Ried und die Rehe — über Euch allen stand sie auch, so fein und leicht wie -ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so sonderbar klingt. An dieses -Frühjahr werden noch Generationen denken; die ältesten Leute werden noch später -von ihm erzählen; die Stimmung steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist -Du glücklich Deinen Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich -alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im -Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich. -</p> - -<p class="sign"> -— —<br /> -Dein Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-49"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -27. III. 15. -</h3> - -<p> -Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf einen andern Ton -gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft alles deprimiert sein. In mir -tritt allmählich an die Stelle der sich periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen -Stimmungen die — <em>Neugierde</em>. Ich werde allgemach <em>Zuschauer</em> dieses -tollen europäischen Dramas; die Unberührtheit * * *’s!! usw. mache ich freilich -nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so wie -Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; buchtechnisch und -als „Klang“ <em>äußerlich</em> ganz verfehlt und innerlich verworren, weil voll Rücksichten -und Verbeugungen vor Dingen, die im Grunde nicht das Geringste mit unserer -persönlichen Aufgabe zu thun haben. — — — — — Ich werde auch nie an etwas -Ähnlichem (wie den Plänen von * * *) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein -Dinge „bilden“. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton -möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil ist nach -vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im toten Zirkel -läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, die Art Bach’s, dessen -Musik im Grunde den <em>Hörer</em> nicht braucht, — im Gegensatz zu Wagner und -Schönberg, deren Musik nur im <em>Zuhörer</em> lebt und auf dessen Seele lauert; ein -ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; Dürers <em>meiste</em> Sachen (nicht alle, -z. B. die Holzschnitte nicht) sind ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna’s -Bilder leben auch, wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man -ihnen zufällig begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, -selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu angekauften Bild -eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, ich glaube Nähe des Tiziansaales) -Mann, Frau, Kind und Falke; ich glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie -dieses wunderbaren Bildes. -</p> - -<p> -Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe ich -natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. Aber das ist -ja auch das, was ich immer bei Dir und bei * * * vermisse. Du verstehst, wie ich -das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen etwas so Wunderbares, daß -ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die Folgerung eines schöpferischen -Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch meine alte Abneigung gegen alles pedantische -oder virtuose Spiel, das beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, -als einmal einen Komponisten spielen zu hören. — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -— —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-50"> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -28. III. 15. Palmsonntag! -</h3> - -<p> -<a id="corr-34"></a>Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war -noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung vorn; gestern Nachmittag -und Nacht kamen wir in strömenden Regen und heute morgen ½ m -Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr bekümmert drein. Es wird -ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen Operationen hier zeigen dasselbe -Bild wie überall in den Vogesen: ein auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten -gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken -des Feindes ist zunächst wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an -die Aufgaben der Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht -thun wir ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. -Was Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es erlebt -haben. -</p> - -<p> -Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die ewige -Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es ist mir oft, als -gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von menschlichen Existenzeinheiten, -resp. Verschiedenheiten. * * * dient bei mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher -Mensch), * * * ist hier Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, — alle sind so und -so oft im Krieg vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße -„Situationen“, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie „sieht“. -Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen Typenkreislauf. Die uralte -Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen -hat für mich einen ganz neuen Sinn bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. -Es ist durchaus kein müßiger Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der -künstlerischen Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. Wirkliche -Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule Sehen des -Typischen, das Sehen zwingender (und daher <em>richtiger</em>) Spannungsverhältnisse. -Das Richtige war immer schon richtig, immer schon einmal da. Ich weiß nicht, -ob es verständlich ist, wie ich mich ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes -<em>Erlebnis</em>, keine Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte -dafür finden; vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig -möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache auszudrücken. Der -Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den ich in diesem Winter -außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich gewissermaßen ein Leitfaden, die -Logarithmentafel dieses Gedankens: Die Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne -und Sternbilder zueinander sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -ein aufgeschlagenes Buch des Lebens, der „möglichen Situationen“. Ich verstehe -jetzt auch die vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube -oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, die -uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die Alten zogen soziale -Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und Ursprung dieses mythischen Sehens -ist gewiß derselbe. -</p> - -<p> -In acht Tagen ist Ostern, — verleb es friedlich und glücklich. Hoffentlich ist -das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in diesen Tagen mit meinen -Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei Dir und allem was zu <em>unserm -Leben gehört</em> sein. — -</p> - -<p> -Mit liebem Osterkuß -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Fz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-51"> -29. III. 15. -</h3> - -<p> -L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. Ich -kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese kurze Karte nur -um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig über Deinen Widerspruch -bin, sondern nur <em>dankbar</em>. Über Kunst kann man nicht „reden“, höchstens über -die <em>Mittel</em>. Es wird gewiß mein Fehler in den Aphorismen sein, daß sie durch -sehr viel mißverständliche Worte und Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte -ich die Kunst definieren, während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann -(wie es Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite -und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber daß die -„Form“ von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen hat, das scheint -mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, beständigen Willen zur Form, -den man immer wieder korrigiert, verwirft, neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt -und Erfahrung, — ohne das geht’s nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum -Kern und auf die Form warten wie die Blumen auf den Frühling, das war und -ist nie produktive Kunst. Das <em>Werk</em> freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen -machen. Der Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre -Nöte gehen ihn nichts an, auch unsre „Mittel“ nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, -daß ich die Aphorismen eigentlich <em>nur für mich</em> geschrieben habe, und Du -errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von meiner „Romantik“, -die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie als unrein empfinde, -zu befreien. Ich bin <em>sehr</em> neugierig auf Tolstoi. Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -derjenige, der immer <em>Zweck</em> in der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, -was ich als Phrase empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will -Dir noch viel über alles schreiben: — Schreib mir einmal: ist * * * <em>produktiv</em>? -<em>schafft</em> er wirklich oder <em>lebt er nur rein</em>? Ist er ein mehr passiver oder aktiver -Geist? -</p> - -<p class="sign"> -—<br /> -Dein Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-52"> -30. III. 15. -</h3> - -<p> -L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und machen -mich <em>sehr glücklich</em>. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich immer an diesen -Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden und später oft vieles zu -lesen meinst, dem Du widersprechen willst und mußt und das Dir Angst macht, -daß ich Dich vielleicht gar nicht verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du -willst und die Wahrheit dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer -wieder auf diesen Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. -Die Umwege sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche Verbindung -mit dem Ziel; einer der <em>nur</em> lebt, und in Reinheit wie ein Eremit im -Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des Seins (z. B. -auch Ihr Frauen und Mütter) als ein <em>produzierender</em> d. h. „<em>sich quälender</em>“ -Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin mir bewußt, daß viel -Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B. auch in den Aphorismen -ist. In den letzteren vor allem. In einem thust Du mir unrecht, wenn ich -auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu gegeben habe: daß Du denkst, ich -rede von <em>Kunst</em>; ich habe bei meinem Reden nur die Form, d. h. die Mittel -der Kunst im Auge; ob es nun eine „Sünde wider den heiligen Geist“ ist, über -die Form nachzudenken, — das ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. -So ohne weiteres wird mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder -Bellini (erinnere Dich an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer -des Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die -<em>Form</em> gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst -wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr tägliches -Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht. Musikalische -Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir in ihren <em>reinen</em> Gebilden -(wie Bach, oder die drei letzten Symphonien Beethovens oder die katholischen -Hymnen der früheren Italiener) ein Mysterium, über dessen formales Entstehen ich -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -mir keine Gedanken zu machen getraue (ich will es auch gar nicht), — während -mir sentimentale oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder -auch reine Musik sentimental gespielt, <em>gar keine</em> Freude macht, schon aus dem -Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher gewisse -Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch noch mit Recht -aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das was ich in den -letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich noch, wie ich einmal -dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest damals darüber, August war -dabei), weil Mozart sich reiner, unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich -ihn kenne, freilich nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade -<em>deswegen</em> unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist und nicht naiv, -wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht, wie ein Rokokozierat, -<em>sehr reines Kunstgewerbe</em>. Das gibt es freilich heute nicht, außer vielleicht in -Picasso und manchem Légers, überhaupt den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung -vor dem Entweder-Oder. Und darum hast Du so recht mit Deiner -Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn -ich Chinese bin, sage ich es chinesisch, wenn ich 1915 lebe, — 1915. Das ist so -wahr, aber leichter gesagt als gethan, <em>nämlich das „1915 leben“</em>! Dazu muß -man vielleicht die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig -<em>viel umfassen</em>; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der Luft. Man -darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein frohes Evangelium -in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und vielleicht K. thut und mit Euch -viele reine Künstlerseelen, die nie zum <em>Schaffen</em> kommen, weil sie vielleicht <em>zu -rein</em> und keusch sind), sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins -bet ich freilich: daß der „Betrieb“ meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht -mehr; und ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. <em>Der Gedanke an -ihn ist mir gräßlich.</em> — -</p> - -<p> -Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für Dich, -daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher sehr gut brauchen -können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was kostet; das macht nichts. -</p> - -<p> -Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute ist, — -das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in meine Seele eingeht; -außer man faßt den Begriff der Hingabe und Selbstverleugnung so weit, daß -es schließlich ein Streit um Worte wird. Gerade <em>reine</em> Kunst denkt so wenig an -die „andern“, hat so wenig den <em>„Zweck“, die Menschen zu einigen</em> wie Tolstoi -sagt, verfolgt überhaupt keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, -stolz und ganz „für sich“! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber; -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi’scher Gedanken; ich verachte sie -gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach jahrelanger Pause; aber lies -<em>Du</em> jetzt einmal — Nietzsche: Jenseits von Böse und Gut — Genealogie der Moral; -der Antichrist und Morgenröte (bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du -kannst es auch später einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser -kurze Brief soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe, sondern -zunächst und vor allem meine <em>freudige Zustimmung</em> zu dem künftigen Leben sein, -das Du Dir für uns beide und mein Schaffen erträumst; Deine Briefe waren wirklich -wie ein <em>Weckruf</em>; und dann kurze verstreute Gedanken, die mir zunächst beim -Lesen gekommen sind. Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-53"> -Ostersonntag 15. -</h3> - -<p> -L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die Büsche am -Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an die unzähligen Leberblümchen -und Anemonen und Blättchen, die nun alle kommen; wie fabelhaft muß -es sein, dies alles einmal wieder im Frieden beobachten und miterleben zu können, -das große Wachstum unter dem fruchtbaren „Osterwasser“, das doch auch von -jeher als besonders heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden -Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu erregen und -ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich immer etwas höchst -Feierliches und Bewegendes, mehr noch als Weihnachten, vielleicht weil es in seiner -Stimmung und Bedeutung heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir -uns an allem freuen, so gründlich und feiertägig, als wir nur können. — Was ist -wohl mit Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links -stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich — unten, (Leibatmung); -beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt doch noch geschützt -hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind und oben gesund austreiben, -kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig preisgeben; nur der Stamm selbst -muß dauernd geschützt bleiben. Wenn doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; -Du mußt mir immer schreiben, wie es damit steht. -</p> - -<p> -Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr benötige, dazu -leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für Dich; der Fuß ist gekittet, -hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein paar Blümchen hinein. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-54"> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -6. IV. 15. -</h3> - -<p> -L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir gar nicht -sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und besonders künftig gehen will. -Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, daß ich vieles von dem, was Du sagst, -schon immer als tiefen Grundsatz, vor allem in meinem Verhältnis zu anderen -Menschen, in mir getragen habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir -während dieser Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst -<em>dachte</em> ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich handelte nicht -immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen muß. Der selbstquälerische -Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege gehen, die vielleicht nicht -nötig waren und meinem Schaffen mehr Hemmungen bereiteten, als Förderung -und Reinigung. Hier muß ich umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen -<em>Fühlen</em> kommen und mich immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube -fest, daß es mir leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so -vieles gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen -schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt mir in der Erinnerung -erscheinen, eine Art Abrechnung, ein zum-Schlußkommen einer unendlich -langen, mich seit Jahren quälenden Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir „äußerlich“; -wörtlich genommen ist es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis -kann doch nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des -Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier viele Worte -zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit Worten keine Werke -vorwegnehmen kann. Das „lebendige Gefühl“, von dem Du immer sprichst, -versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben und an nichts sonst denken. -Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu kurz, um sie an die „Welt“ zu verschwenden. -Was ich in Artikel I schrieb, scheint mir noch immer nicht „ein unwahrer Trost“, -wie Du ihn zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, -trotz allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird, -beweist mir an einem kleinen Beispiel, <a id="corr-38"></a>daß ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer -und der <em>Reinigung</em>. K. hat wohl insofern recht, daß der Krieg jetzt doch -nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; was man vorher in der -Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; aber warum? Weil man die Verlogenheit -der europäischen Sitte nicht mehr aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; -der Krieg ist ebensosehr Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa -unterworfen hat, um „ins Reine“ zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran -ist, ist gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die sterbenden -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Krieger sind <em>nicht häßlich</em>. Da trügt Dich <em>Dein</em> Gefühl, weil Du nicht weit -genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut es Dir möglich ist, wenn -Du sein „Bild“ nicht ertragen kannst, aber erkläre ihn nicht für eine Dummheit! -Denn das bedeutet nicht: dem Krieg ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo -doch etwas ist, und zwar etwas sehr Großes und Furchtbares. -</p> - -<p> -Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief -von Lisbeth. — — — — — -</p> - -<p> -Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett. -Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? Du -schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr neugierig. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-55"> -7. IV. 15. -</h3> - -<p> -L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel klarer -und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; im Grunde drückst -Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz klar und erschöpfend aus -und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen daneben tappt, wenn auch oft -vielleicht mehr durch die Wortwahl als den Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, -was ich geschrieben habe; das <em>muß</em> ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben -und vom Kern der Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch -ausführlicher; diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden zurückziehe; -mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht ich verfehlte -Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber vielleicht noch einmal arbeiten -zu können, gerade auf Grund Deiner Briefe. Aber jetzt <em>noch nicht</em>. Sie sind für -mich schon eine Art „Werk“, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann -zweitens Dank für den <em>famosen</em> Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das -was ich wollte. — — — — — -</p> - -<p> -Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, — das sind -die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der vergiftenden Krankheit des -Individualitätskultus zugrunde, am Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, -davon muß man gänzlich loskommen. Dann ist man frei und hat Boden -unter sich. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-56"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Fortsetzung am 8. IV. 15. -</h3> - -<p> -Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, was Du -meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir meine freudige -Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich immer noch dahin -verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, was gewiß falsch ist. Form -ist die natürliche Folge eines Gefühls wie die Haltung und Gebärde die Folge und -Äußerung eines Charakters ist. Ein wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß -mich so oder so halten, benehmen, kleiden, — er thut es eben. Das ist für -ihn Selbstverständlichkeit, sogar <em>Unbewußtheit</em>. Im Ursinn und Prinzip ist -es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven Kunst, (z. B. -mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen usw. Mit der modernen -Kunst (der „modernen Menschheit“), ich denke mir sie ungefähr ab 14. Jahrh. -begann der sogenannte „Fortschritt“, ein ungeheures, auch heute noch lange -nicht abgeschlossenes Streben nach Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, -aber auch allen Wundern Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in -der Pinakothek hattest: es gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig -<em>reine</em> Bilder. Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, -der rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: das Allzupersönliche -(was sich in früheren Jahrhunderten in der sogenannten „Schule“ ausdrückte, -das Meisteratelier). Die „keusche Majestät“, die mir vorschwebt, ist genau -die Abkehr von all diesen Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr -von einer formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor -sich gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, -auf dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen; -z. B. den Aphorismus über das <em>Was</em> und Wie. Deutlich genug rede ich hier, -daß nur der <em>Inhalt</em> (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das <em>Wie</em> ganz gleichgültig, -oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes (Gefühles). Im Grunde stehe ich mit -meiner Sehnsucht von jeher auf diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen -Bildern; ich hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar -nie das Verlangen z. B. die Tiere zu malen, „wie <em>ich</em> sie ansehe“, sondern -wie sie <em>sind</em>, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles in -mir kommt Deinen Ideen entgegen, <em>auch in den Aphorismen</em>; nur hab ich mich -sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der innere Drehpunkt; -ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar geworden, wie ich alles sagen müßte. -</p> - -<p> -Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der <em>ganz das -ist, was ich wollte</em>. Schönen Dank. — -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir einfach -flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu nehmen. Artikel II -kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, wenn er <em>nicht</em> gedruckt wird. -Die Gedanken über das Europäertum sind halb; wie Du ganz richtig sagst: auch -noch zu sehr hinter dem europäischen Zaun, und eigentlich <em>nicht meine Sache</em>. -Das ist mir der Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. — -</p> - -<p> -Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl „unpersönlich“ -und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden Gefühls ist ein Schema der -direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da dieses Schema aber von tiefen, intuitiven -(Volks-)schöpfungen abgeleitet ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- -und Gefühlswert. Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. — -</p> - -<p> -Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, — Du wirst es an -der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine tiefe <em>Zustimmung</em> -ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese „Erneuerung im Geiste“ -mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem möchte ich Dir einmal über die -„Natur“ schreiben (die letzten Aphorismen). Hier handelt es sich mir <em>nur</em> um das -Lebensgefühl, das <em>Wie</em> ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, — es wird -kommen, wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage -kommen, versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann, -gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt der armen -Natur gegenüber. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-57"> -12. 4. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender erscheint -mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den Aphorismen die Wahrheit -an allen Seiten, ohne jemals das „Eigentliche“, Wesentliche zu sagen; sie bedeutet -eine völlige Abkehr im Sinne des Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn -die ganz vollzogen ist, kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll -genug sind, um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird -es <em>nicht</em> der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser gesagt: sie -würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die reinliche Zurückhaltung, -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren abhalten. Nach diesem edlen -Maßstab gemessen bleibt von der gesamten europäischen Kunst <em>äußerst wenig -übrig</em>! Der entwicklungseitle Geist der modernen Jahrhunderte war der Kunst, -wie wir sie träumen, allzu abhold. „Kunst ist nur ganz selten da“. Ich denke viel -über meine eigene Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch -bisher nicht schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der -Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl für -das Animalische, den „reinen Tieren“ wegleitete. Der unfromme Mensch, der mich -umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während -das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom -Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten, das mich noch mehr erregte; -zum zweiten Gesicht, das ganz indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl -ganz rein klingt. Ich empfand schon <em>sehr</em> früh den Menschen als „häßlich“; das -Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel gefühlswidriges -und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, aus einem inneren -Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, Blumen, Erde, alles zeigte -mir mit jedem Jahr mehr häßliche, gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich -die Häßlichkeit der Natur, ihre <em>Unreinheit</em> voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat -unser europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich ja -von einem neuen Europa, — aber lassen wir Europa aus dem Spiele; Hauptsache -ist <em>mein Gefühl</em>, mein <em>Gewissen</em>, wie Du sagst. Mein Gewissen sagt mir, daß -ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen richtig und zwingend fühle; -und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl ausgehe, sie mich nicht mehr angeht -und berührt wie die Kulissen eines Theaters, mit der man eine Dichtung, -drapiert. Die <em>Dichtung</em> selbst stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; -und will ich sie ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten, -sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen gibt? -Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er gefunden -worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder verloren worden! „Nichts -konnten wir <em>zwingen</em> damit“, — das wollte ich sagen, die <em>relative Erfolglosigkeit</em> -jenes frühen Sieges wollte ich mit jenem Satz ausdrücken. Kandinsky -ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit nah auf der Spur, — darum liebe ich ihn so. -Du magst ganz recht haben, daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, -sodaß seine Gefühle nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich -nervöse, romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und -voll einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich -jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, abstrakte Form -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -<em>nachdenke</em>; ich suche im Gegenteil sehr <em>gefühlsmäßig</em> zu leben; mein äußerliches -Interesse an der Welt ist sehr keusch und kühl, sehr <em>durch</em>schauend, sodaß -das <em>Interesse</em> sich nicht in ihr verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives -Leben führe, um dem reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung -zu geben. Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte -Produzieren; das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; -ich hab oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der -Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und befühle es -zuweilen von außen. — -</p> - -<p> -Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch. -</p> - -<p class="sign"> -— — —<br /> -Dein Frz. M. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-58"> -13. 4. 15. -</h3> - -<p> -L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist sehr -alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, besonnenen Stil; die -Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt sich aber natürlich nie nachbilden, -da sie stets so vollkommen dem jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß -man nie zwei gleiche oder nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried -und wie wir das Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon -ab, ob wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab -ich sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist ganz -erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen der Frühling -mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als je in die Blumen und -Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, irgend ein Gefühl von Mitleid ist -immer dabei, eine Art Mitwissertum; man sieht sich einander an, stumm und mit -der Geste: „wir verstehen uns schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide -stammen alle von ihr und kehren einst zu ihr zurück“. Mit Menschen kann man -fast nie so verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht -noch bei Klee; — — — — —. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu -sein; aber ich muß erst etwas von seiner <em>eigenen</em> Musik hören, auf die ich furchtbar -gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr produzierender -Charakter (— es steckt wie eine Krankheit in mir), daß mir harmlose Güte im -Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und ruhiger werde; mir wurde bei -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -meinen Gedanken über K. so viel wohler, als Du schriebst, daß er ganz produzierender -Mensch sei und sich quält, — dann geht es schon immer besser im gegenseitigen -Verkehr. Ich werd ihn sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! -Wieviel hab ich heimlich um * * * gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten -mußte! Mit Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz -allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht mehr. -Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch innerlich -fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich jetzt an ihn zurückdenke, -verrät es. August’s Tod ist eine unersetzliche Lücke für mein Leben. Seine -Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir herüber, — aber der Mensch!! Er war meine -„Erholung“ im Jahr. Wenn er da war, hatte man „Ferien“! Was wohl aus -Lisbeth wird? — — — — — Wenn nur * * * glücklich wiederkehrt! Das Schicksal -abenteuert wirklich sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige -Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie -heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses Herandrängens -an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das Ich erwacht -und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen Finger oder Arm -verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen Tragödie. Aber die Toten sind -unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg kein Dichter und keine Musik hervorgeht, -dann gibt es überhaupt keine mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf -und meinst: ich fasle; aber ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht -ist es auch so, daß ich ihn nicht anders sehen <em>will</em> oder <em>kann</em>; beim Anblick -dieses Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur -ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht kurzsichtig -an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach dem Geist, der -das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist. -</p> - -<p> -Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird hier -nicht mehr lange dauern. -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-59"> -18. IV. 15. -</h3> - -<p> -L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum letztenmal) -gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in dem Buche „die -Wahrheit“ oder wollen wir sagen: „eine große Wahrheit liegt“. Sie für uns oder für -die Allgemeinheit, wie ich die „Allgemeinheit“ fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -ist eine ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch -sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch ist eine -moralische Riesenleistung und es ist im Grunde selbstverständlich, daß er als Einzelmensch -bei dieser Arbeit, bei der ihm <em>niemand</em> geholfen hat und die er mit den -einseitigen Kräften seiner zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig -und allzu persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem -gar nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich habe, um -einen <em>Maßstab</em> für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das Evangelium -Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B. einmal das -4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.) und 7. -Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge oder Einwendungen -gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den Maßstab der -Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese Kapitel in ihrer atembeklemmenden -Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig soziologisch, Weltverbesserer, -Glücksschwärmer. Er sieht das „Reich Gottes“ merkwürdig friedlich-ackerbaulich, -als Glücksstaat, an und noch mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen -Jesus gehalten ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und -einen andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber „die Welt ist -tief; und tiefer als der Mensch gedacht“. Das ist nicht Mystizismus von mir (oder -Daumier oder Klee oder Archipenko — ich denke an die paar ganz ernsten Sachen -von „uns“), sondern das ist unser heiligstes Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von -solchen Menschen sagen, daß ihre Kunst „nur um einiger weniger krankhafter -Mäzene willen, die so einen Kitzel bezahlen“, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt -eine an sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den <em>Ursachen</em> der -Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem Buch. Etwas anderes -ist es, wo er behauptet, daß wir „verbildet“ sind, Krankheits- und Dekadenzprodukte -unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung -ebensowenig vorschnell und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. -Daß „exklusive“ Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen -Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen Sucher, -durch das „Abstrakte“ allgemein Gültiges, Einigendes auszudrücken (denn diese -Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern, <em>die stets bisher den persönlichen -Einzelfall in der Kunst zu suchen gewöhnt waren</em>, so rätselhaften -Werken), — das ist vielleicht eine ebenso wichtige und große Sache als die Einigung -von Hunderttausenden auf die Melodie von „stille Nacht, heilige Nacht“ oder die -rührenden Volkslegenden und Märchen. -</p> - -<p> -Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen Entscheidung, -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens sein kann, -und nicht das Resultat des „gesunden Menschenverstandes“, an den Tolstoi immer -wieder appelliert. -</p> - -<p> -Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr, unabweislich, -daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S. 245-46 -über die moderne Romanliteratur und Musik. („Jede Melodie ist frei und kann -von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer gewissen Melodie verbunden -und durch sie verbaut, so wird sie nur Menschen, die sich mit dieser Harmonie -bekannt gemacht haben, zugänglich usw.“) Oder: „nehmen sie bei den -besten Romanen unsrer Zeit die Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?“ -Das gleiche ist von den Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das -Gewicht auf das Wie und nicht auf das <em>Was</em>. Und bei uns Kubisten etc. ist -das leider noch mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. -Wir <em>müssen</em> es uns aber in <em>jedem</em> Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke wird -mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und fremde -Arbeit beherrschen. -</p> - -<p> -Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist und -bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh gewiß nicht -weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh ist ja mit wenigen -Porträtausnahmen für die Menge gänzlich unverständlich!! Warum? Meine Antwort -ist: weil es nicht wahr ist, daß alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein -müssen. Der Mensch ist kein einmal <em>festgelegter Typus</em>, mit dem man so einheitlich -und über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung -und der <em>Rangordnung</em>, die die physikalische Natur in allen ihren „Betrieben, -Werkstätten“ anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu können. Differenzierung -und Absonderung scheint mir eher gerade der Schlüssel der menschlichen -Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber nicht mit so wenig Worten reden. -Jedenfalls ist für mich das christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler -und herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist richtige christliche -Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco, Delacroix wirken -neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in ihrem Aufwand von großen und -kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon -herrühren, daß man zwei Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit -<em>gleichem</em> Maßstab mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich -nicht verleiten, all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele -Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt wie das -Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung und Hilfe als -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so thut er das wahrscheinlich -auch aus der inneren Not seiner Entwicklung. Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt -verpönen muß), Hölderlin, Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, -Drang nach Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann -keine Spatzen anführen, — <em>er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon</em>. -</p> - -<p> -In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig gedacht; -z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da besonders das -berühmte <span class="antiqua">cis</span>-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von Joachim und später glaube -ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es jedesmal langweilig, weil es mir -ganz künstlich gemacht schien. Das erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm -bin, es aufzufassen; das zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; -es ist inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite -gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um mein Urteil -zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den erotischen Einschlag in -reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert, Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, -Michelangelo, die Griechen usw. so hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt -er dazu, überall das Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch <em>krankhaft</em> -von seiner Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen -Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit aller -Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der <em>Gesundheit</em> Tolstoischen -Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die erotische Erregbarkeit und -Leidenschaft sind Grundelemente des menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, -geraden Menschen), die man nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren -<em>kann</em> und <em>darf</em> und <em>soll</em>. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">A propos</span>: ich bin Vizewachtmeister — nichts anderes. Deine übrigen Befürchtungen -sind ganz grundlos. * * * bat um äußersten Preis von gelber Kuh; ich -schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich unverbindlich für -später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es mich für diesen Preis nur -freuen. -</p> - -<p> -Gute Nacht, mit einem Kuß -</p> - -<p class="sign"> -D. F. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-60"> -27. 4. 15. -</h3> - -<p> -Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt <em>muß</em> es vorangehen. -Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich meine Wagen wieder -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg ist überdacht von blühenden -Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige wiegen sich so seltsam im Nachtwind; -ich muß oft an die längst entschwundenen Blütennächte am Athos denken! -Ich bin glücklich, die schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; -damals stand wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, — heute hat -das Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt den -Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu Zettel in die -Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine Gedanken bergen die für -uns entscheidende Wahrheit, aber seine Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches -Werkzeug, diese Wahrheit herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer -gesunden praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige Probleme -anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer wieder echte Wahrheiten, -die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner logischen Schlüsse streifen, -ohne <em>inneren</em> Zusammenhang. Du wirst mich schon verstehen, wenn Du das Buch -mit meinen Bemerkungen nochmals liest. — Ich lege Dir einen Zeitungswisch über -Händels Oratorien bei, — vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen -im Auszug an. -</p> - -<p> -Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel durcheinander -von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. wegen gewisser -Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand gewiß bestimmte Nahrung -zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei -sein!! Aber ich bin jetzt voll Zuversicht. -</p> - -<p class="sign"> -Mit liebem Kuß<br /> -Dein<br /> -F. -</p> - -<p> -Grüße allseits! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-61"> -16. V. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., — — — — — — — — -</p> - -<p> -— — Um mich lege die Sorge wirklich ein <a id="corr-41"></a>bißchen ab. Mein verändertes -mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder ausgleichen -wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten Elastizität und Leidensfreiheit; -ich bin nicht einmal nervös. Von irgend welchen Störungen, wie bei * * * -ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es allerdings einer scharfen Selbstzucht (die -* * *, wie ich ihn beurteile, sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen -Herbstzustand so erholt habe. — Ein anderes Thema: — — -</p> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -— — — — — -</p> - -<p> -Vieles geht mir ab; am meisten aber <em>Du</em>; und dann die Musik. Ich bin äußerst -neugierig auf die „einfachen Stücke“, die Dir K. zum spielen gab. Ich werde mich -zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. Musik und Malerei sind doch -ganz gleich, — man muß nur das <em>Organ</em> haben, das diese Gleichheit mißt und -erkennt; es ist auch nicht notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal -erfaßt hat, daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr -los. Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der <em>Vereinigung</em> der -beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das grundverschiedene -äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste zusammenzuschweißen, -ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und einfach langweilig, das Gleiche zweimal -vorbringen zu wollen oder gar von den grundverschiedenen Materialien ein -Stück von da und eins von dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu -wollen. Gar nicht zu verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. -Matthäuspassion oder ein vertontes Lied, — das ist genau dasselbe wie ein -gegenständliches Bild; es bleibt ganz „Bild“, wie Musik ganz Musik bleibt trotz -Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft unausgesprochen, — -Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es abstrakte Bilder ohne Gegenstand; -der steckt <em>immer</em> drin, ganz klar und eindeutig, nur braucht er nicht immer -äußerlich da und augenfällig zu sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie -sind im Grunde so einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es -gibt da gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den -Schaffensgrund in sich finden. -</p> - -<p> -Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -— — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-62"> -18. V. 15. Nachts. -</h3> - -<p class="adr"> -L.... -</p> - -<p> -Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die mich -unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz überraschend und entgegen -meinen bisherigen Anschauungen über Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie -Livingstones! Ich bin ganz erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (— es -gehört nicht mir, schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch -ganz armselig, — aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des wahren Genies, -der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht seiner Idee trägt, ist so überwältigend, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -daß die Form einerlei wird. Ich möchte kaum ein wissenschaftliches Buch -über die Expedition Livingstones lesen, — allerdings wohl ein ausführlicheres als -das vorliegende, vor allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones -enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf -es und schenke es Maman von mir aus, — später will ich es dann auch lesen. Von -der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem <em>wahren Tolstoi</em> wieder viel -näher gekommen. Das ist Größe und „Poesie durch sich“; die wenigen angeführten -Worte Livingstones sind von einer so klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem -Grabstein das Wort von der „offenen Wunde der Welt“ oder die Worte S. 25, -das ist ein Leben! da kann man von einer That reden. <em>Wir alle faulenzen.</em> -Man muß sich <em>gänzlich opfern</em>; nicht: „sich an die Säule seiner Idee lehnen,“ -wie ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz tragen, an -dem man für die Welt stirbt, — dann nur könnte einst auf unserem Grabstein die -Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich geopfert: „Ihr seid teuer erkauft, -— werdet nicht der Menschen Knechte.“ (1. Corinth. 7, 23.) -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-63"> -Fortsetzung 22. V. 15.! -</h3> - -<p> -<a id="corr-42"></a>Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe -auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend wie im Oktober-November, -wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter ähnlichen Umständen. Es wird alles -für mich immer traumhafter; wir hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt -mit Blumen und trabten nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug -aus Dante’s Inferno; ich fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet -und ich ja ein ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau <em>wo</em>; ich bin jetzt -so oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man -merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl ist -aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger selbstquälerisch; -vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das Leben in mehreren Falten nebeneinander -durchleben kann und die Einheit von Lebensfunktionen nur sehr locker und -fragwürdig ist. <em>Der Geist kann unbedingt auch ohne Körper leben.</em> — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-64"> -25. V. 15. -</h3> - -<p> -L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe „man sollte um der Sache willen, — -um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört“ und daß ein solcher -Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, daher auch gegenwärtig -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -die große Spaltung meines Wesens, die von dem ungewöhnlichen Leben und den -ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: -das eine Leben des Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung -ist und bei dem ich beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen -unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, — das -ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, — ich „sehe“ uns plötzlich so, ganz -genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch die Bewohner der Gegend -durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach dem griechischen Hadesbild). Das -sind gar keine <em>Erlebnisse</em> mehr für mich; ich <em>sehe</em> mich ganz objektiv wie einen -Fremden herumreiten, sprechen usw. -</p> - -<p> -Das zweite Leben ist schon eher „Erlebnis“, die Gedanken an Europa, Tolstoi, -August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken an die schon jetzt -ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt -täglich Zeugen sind), meine Briefe, — in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in -die ich wenigstens zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, -auf beiden Füßen und <em>anwesend</em> fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei -verliere, daß dies alles für mich nicht <em><a id="corr-43"></a>wesentlich</em> ist, nur Wege, Spaziergänge -ohne Ziel, die man zur Erholung und „um sich zu fühlen“ und um nicht unthätig -zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause zurückzukehren, in sein eigenes -gänzlich unsichtbares „<em>Heim</em>“. Und das ist das <em>dritte</em> Leben: das unbewußte -Wachsen und Gehen nach einem Ziel; das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, -der Keim, den man nicht vorwitzig berühren darf. <em>Alles</em> andre wird für mich -unwesentlich und gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; -wie der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, — und -was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. Der wahre Geist -braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, — vielleicht ist ein Körper seine äußerliche -Bedingung (Incarnation), aber er ist nur wenig abhängig von ihm, kann sich -von ihm zeitweise und besonders in seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von -ihm trennen. Vielleicht wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken -will, sie sind ganz spontane Erkenntnis, — im übrigen eine Erkenntnis, die -durch alle Religionen geht. -</p> - -<p> -Diese Trennung ist keine <em>Bedingung</em>; in einem harmonischen Erdendasein wird -sie überhaupt kaum fühlbar, — wenn ich nach Ried und zu Dir zurückkehre und -arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. -Aber gegenwärtig laufen sie einzeln! -</p> - -<p> -Wie geht’s mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? Über -den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. — — — — — -</p> - -<p> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Du bist enttäuscht — — — — —, — laß Dich davon nicht zu sehr in Deiner -<em>offenen</em> Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen und „vorsichtig -sein“ kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig sein, immer wieder und -immer noch einmal von vorn anfangen zu können, auch im Leben und <em>nie</em> etwas -nachzutragen, (— eine ganz unnötige Last, die man da „nachträgt“). Ich lasse die -Menschen nicht so schnell aus. -</p> - -<p> -Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, — wer -weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und vielleicht trägt der eine -und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die guten Schwälbchen sollen nur -nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd ich immer neugieriger. — -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p class="sign"> -Nun gute Nacht!<br /> -Dein Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-65"> -21. VI. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L.... -</p> - -<p> -Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. — — — — — — — — — — — -Aber niemand darf sich im Glauben, dem „Wesentlichen“ näher zu sein, überheben; -ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer -Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort „festgefahren“. -Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, — das ist etwas ganz anderes. Ich habe -viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer -noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit -meiner Scheu, — sagen wir: vor „Penzberg“ oder vor „fremden Stuben“ auf sich -hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das „Gewissen“ siehst, -ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man -nicht „festgefahren“, — das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes -fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- -oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. -Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, — aber nicht -praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel -darüber reden. -</p> - -<p> -Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens; -der schönste Friede war <em>immer</em> nur ein latenter Krieg; aber der <em>Einzelne</em> kann -sich befreien und anderen dazu helfen — das ist der Sinn des <em>persönlichen</em> Christentums -und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; -man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche -scheint mir auch Deine „Menschenliebe“; was ist das? geht sie auf Kosten der -„Naturliebe“? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, <em>wo</em> der Mensch steht im -Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich -noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute -nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man -ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr -und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies -Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer -unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus -Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein -literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen -Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich -ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-1-66"> -23. VI. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L.... -</p> - -<p> -heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere -Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich langweilt nur -mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher Offiziersgehalt meiner Dienstzeit -gewissermaßen zusteht; — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht leichtfertig ein für -eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich interessiert. Ich kann ja immer -noch nicht über den Krieg schimpfen und ihn hassen wie Du, — als ob die -Menschen vor dem Kriege und nach dem Kriege und je besser gewesen wären. Was -ist denn der Krieg anders als der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich -ehrlicherer Form; statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf -Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist kein <em>wesentlicher</em> -Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben die Seele nicht. Den -Tod als <em>Zerstörung</em> erkenne ich überhaupt nicht an. Der Tod Deines Vaters war -mir doch noch furchtbarer und erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, -ob Du das verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft wäre -oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle hierin, wie ich immer -gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich schon immer früher über den Tod -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -sprach: er ist absolut <em>Erlösung</em>. Dazu braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal -Buddhist, höchstens Christ. „Tod, wo ist Dein Stachel?“ — Es ist nicht einmal -wahr, daß ich mich „an den Krieg gewöhne“, wie Du annimmst; aber ich taste -immer ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der Friedenszeiten. -Ich glaube nicht an die „menschenwürdigeren Zeiten“, von denen Du so -viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, — aber <em>immer</em>, im Frieden und im -Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das kein Tod, kein Mord und kein Sterben, -keine Wunden und keine Krankheiten bezwingt und das von Weltverböserung so -wenig als von Weltverbesserung beeinflußt werden kann. „Mein Nerv wurde hart -in mancher roten schöpferischen Stunde“, — vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, -als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; <em>Du kennst mich ja</em>. Aber -wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächst<a id="corr-45"></a>besten christliche -Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß meine rechte Hand nicht weiß, was die -Linke thut, — nicht aber als Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. -Ich dachte auch viel über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von -Assisi, Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner Organisation -der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über Heidenmission -auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger Sklaven? Werden die -Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen ändern sich, sonst nichts. Es -gibt nur einen Segen und Erlösung: den Tod; die Zerstörung der Form, damit -die Seele frei wird. Du mußt nicht denken, daß ich die Bibel „poetisch“ lese; ich -lese sie als <em>Wahrheit</em>, wie ich Bach als <em>Wahrheit</em> höre und reine Kunst als -<em>Wahrheit</em> sehe. <em>Kannst Du</em> mich verstehen? Ach könntest Du doch! -</p> - -<p> -<span class="antiqua">A propos</span>: zum Leben zurück: — — — — — Ja, das Leben! und die Menschen! -sie können einem <em>sehr</em> leid thun, aber man kann sie nicht bessern. Wir müssen auf ein -anderes Leben warten. Für manche brennt das läuternde Fegefeuer schon hienieden -— hoffentlich gehören wir zwei unter diese — manche und die meisten leider — -spüren hienieden davon noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag -ich mich jetzt so oft! <em>Dich</em> glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, -nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu vor den -Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich möchte sie Deinem -guten Herzen ersparen und Dich gleich zum <em>Wesentlichen</em> wenden. -</p> - -<p> -Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob ich’s -erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, gestammelt. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -— —<br /> -Frz. -</p> - -<div class="part"> -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Nach dem ersten Urlaub. -</h2> - -</div> - -<h3 class="date" id="chapter-2-1"> -Straßburg, 17. VII. 15. -</h3> - -<p> -L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage innerlich doch -schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt auch; auf allen Stationen -derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, — die weite Spanne des Lebens -immer in einen einzigen Blick gepreßt. Aber ich trage so viele freudige Erinnerung -an die Liebe in der Heimat mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein -Segen sind; sei nicht traurig, daß ich in vielem so schweigsam war, — ich konnte -nicht anders. Ich konnte mich nicht hingeben und <em>frei fühlen</em> — auf Widerruf! -Erst wenn ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen -besseren) wieder ganz haben. -</p> - -<p class="sign"> -Mit tiefem Kuß<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-2"> -21. VII. 15. -</h3> - -<p> -L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue reine -Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal wieder so gut -haben wird, an solchem Orte und <em>mit Dir</em>, ohne fremden Zwang und nur seiner -eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand in den kurzen Urlaubstagen -alles so tief und entscheidend, — tiefer, als ich dem Ausdruck geben konnte und -auch mochte; denn diese Empfindung konnten Worte nur matter machen und nie -ganz aussagen. München interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in -seiner Trauer; aber im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich -nur halb angeht und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei -Wolfskehl fühlte ich etwas <em>Liebe</em>, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.) -Und <em>ganz Liebe</em> fühlte und fühle ich für <em>Dich</em>, mein gutes liebes Lieb. Ich -weiß, ich war so schweigsam, — Du frugst mich so oft; ich konnte dir gar nicht -richtig antworten und sagen; — später fiel mir’s auf die Seele, Du könntest am -Ende traurig sein; leb nur fröhlich in Gedanken an mich und an unser kommendes -Leben. -</p> - -<p> -Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es schon -nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches Dasein, dem man -gehorcht. „Der gute Soldat wider Willen“ wäre kein schlechtes Thema für einen, -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -der philosophisch genug wäre, die ganze Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen -Zustandes zu begreifen. Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, -daß der Deutsche sein <em>Land</em> und seine <em>Arbeit</em> verteidigt, seine Mission fühlt, aber -den Frieden im Herzen trägt, — keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester -Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in -diesem Kriege persönlich und als Volk „sühnt“. — Wir sind wirklich <em>alle</em> schuld -an diesem Krieg; — das ist auch der eigentliche Grund, warum es uns so auf die -Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, als ginge ihn der Krieg, auch -als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er dem bedrängten Vaterland nicht zu -Hilfe eilt, sondern weil er sich einer Sühne entzieht; das „verstockte Herz“ des -Evangeliums. Ich lese hier Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe -Band II auch zu Hause. Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, -laß es; dann bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las -Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur aus der russischen -Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit deutschen Typen gespielt würde -gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang -her, um die Aufführung aus der Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie -mir; aber wahrscheinlich war sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die -Übersetzung ist ganz miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre -jedenfalls die Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was -macht der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt -und thut. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-3"> -29. VII. 15. -</h3> - -<p> -L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das „Pferd“ -ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen (gebunden). -Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). Aber Du erinnerst -Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin von der prähistorischen -Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich jetzt sehr ab und ich -hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in einem neuen Quartier, näher dem -alten Herbstquartier, landschaftlich ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, -gänzlich unkriegerisch. Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, — Felderbau! -Ich bin über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett -vermisse; hier ist es äußerst primitiv. -</p> - -<p> -Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in Menschennähe. -— -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die sich schon -sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, — man guckt die ganze -Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel. -</p> - -<p> -Schreib mir von Euch und Ried. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-4"> -30. VII. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -Was ist * * * für eine merkwürdige Seele; wie <em>verschieden</em> sind überhaupt -die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem letzten -tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (— Du nennst diesen heimlichen Punkt: -Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert ganz genau und scharf nur vor und -nach dem Leben; während des Lebens ist er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr -oder weniger von der Stelle gerückt; solange das Leben kreist und das Blut -pocht, findet dieser Punkt keine Ruhe; <em>niemand kann ihn genau ins Auge -fassen</em>; und die es sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! -Ich bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, — denn es gibt mir -eben das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und <em>arbeiten</em> muß, unaufhörlich, -gegen das Ungefähr, bis wir sterben. -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt <span class="antiqua">Haumont</span>; an den Etangs von <span class="antiqua">La Chaussée</span> -gelegen; ein Stündchen von <span class="antiqua">Hagéville</span>; zwischen <span class="antiqua">Hagéville</span> und <span class="antiqua">St. Bénoit</span>. Wir -haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir sind ja auch um ein Stück -weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei Fliegerstationen. Den ganzen Tag -surren die Flugzeuge um uns herum; es ist beständig was los in der Luft. Und -wenn keine Apparate fliegen, wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den -Feldern und Sümpfen. Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher -Moorunken, dem Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, -alles ganz verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen, -Parks von <span class="antiqua">St. Bénoit</span> waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein bißchen wie der -Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne Mückenschleier ist hier natürlich -kaum zu schlafen; der meine ist famos, wenn Du genug Zeug hast, fertige -noch zwei; ich möchte sie Kameraden schenken. -</p> - -<p> -Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang; -keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika nicht. -Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute innere Logik; die -Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen die „Regierenden“. Was heute -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -alles geschieht, werden die Völker nie vergessen; der Boden für die großartigste -Bewegung des vierten Standes wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch -diese Vorgänge nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf -denken kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas trunken. -Ich ersehne nichts als die <em>Heimkehr</em>. -</p> - -<p> -Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -— — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-5"> -29. VIII. 15. -</h3> - -<p> -L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, — weißt Du noch, wie ich -in der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit -dem Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und Vorwürfen -viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt die Schuld -in der <em>Gesamtheit</em>, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten <em>jedes Einzelnen</em> -zu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker gesetzt, sondern die Völker -haben sich Regierungen geschaffen, die das Verhalten des Einzelnen autoritativ -decken. Du hörst ja unser Volk! Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken -muß man mit der Arbeit einsetzen, nicht an der Politik. — Ich schreib -Dir nächstens ausführlich. — Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben -doch einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der Mäuse? -Welf wird ihm nichts thun. — Spielst Du? Mir geht es jetzt wirklich gut. Du -kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken. Heute schrieb Deine Mutter -eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des Gutes, — das hat mich auch tief -wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das alles? Wo sind die Jahre? — — — — -</p> - -<p class="sign"> -— — —<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-6"> -4. Sept. 15. -</h3> - -<p> -L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du -auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden Ton -bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann man -nicht reden; ich sehe trübe, — andre sind äußerst optimistisch; alles Reden ist aber -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist man sicher nicht normal, — -<em>keiner</em> von uns; aber ich denke: die Anormalität des Empfindens ist kaum mehr -als eine von den Weltumständen aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon -wird sich dessen auch kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage -wechselt. Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man im -späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und <em>Regie</em>, <em>Betrieb</em> -und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den heiligen Geist empfinden -wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-7"> -9. IX. 15. -</h3> - -<p> -L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. Die -Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. Letzthin zogen -viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. — Von Hertha -kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer noch an und beschäftigt -uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen der Gesellschaft nur angenehm. -Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! Hier ist es schließlich auch schön, -aber man fühlt alles nur halb und unrein. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-8"> -12. IX. 15. -</h3> - -<p> -L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit -einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir den 4. -Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, — wir sprachen ja -einmal davon, — ich brauch also jetzt keins mehr!); daran anschließend ein kleines -energisches Jagdreiten über Hürden und Hindernisse und Abschiedsbankett — das -ist der Krieg!!! Ende September soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); -danach dann die für die Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann -nicht sagen, daß mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so -fad und unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles -interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als peinlich. -Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder auseinandergeht; hier bleibt -nur * * *, der mich gar nicht interessiert. Du sprichst von fehlenden „Verbindungen“; -das ist natürlich sehr richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten -hin: schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -kann man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern -abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie * * * und -Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, bis dieser -unglaubliche Krieg herum ist. -</p> - -<p> -Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal: -ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder Großfürst — -wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen wohldurchdachten, begründeten -Schluß ziehen über die <em>wirkliche Lage</em>! Es ist allerdings ärgerlich und blöd, -daß man so stumpfe Sinne hat, es nicht zu können! Mein Ausdruck „Thema“, -als ich vom Krieg als Folge des deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte -an sich zu reißen schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. -Ob Deutschland fähig gewesen wäre, ein „geistiges Gegengewicht“ zu halten, erledigt -sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies eben <em>nicht</em> gethan -hat, — das ist eben die Tragik des deutschen 19. Jahrhunderts. Wer aber kein -Kaufmann und Industrieller werden will, wer das alles <em>haßt</em>, ist und wird heut -eben <em>Widersacher</em>, — er <em>darf</em> nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so -vollkommener Deutscher im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, -Dichter und Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe -und Hölderlin und Nietzsche, — nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht -die Slaven, speziell die <em>Russen</em> heute schon bald die geistige Führung der Welt -übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in kaufmännischen, kriegerischen -und protzigen Händeln unrettbar verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die -Russen gar nicht näher begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer -zu. — — — — — Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung -nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße -Muttchen herzlich, auch K. — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-9"> -18. IX. 15. -</h3> - -<p> -L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht mehr -verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt nichts Trostloseres, -Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu sprechen; und über etwas anderes kann -man schon gar nicht sprechen; das wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; -keiner glaubt mehr voll an die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; -„denn es ist ja — Krieg!“ Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich -das menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht <em>aus</em>-denken, -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul Rohrbach „Bismarck -und wir“, — merkwürdig ungeistig; einfachste Realpolitik, die jedem zugänglich, -der ein bißchen auf die Karte sieht: die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland -resp. Türkei usw.!! Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der -Mensch — <span class="antiqua">homo sapiens</span> — englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß -unter allen Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg -als <em>menschliche</em> Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder türkische oder -deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine schönsten Blüten treibt. -</p> - -<p> -Kriegs<em>gegner</em> sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit ihren einstigen -Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber sobald sich solche -Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre Gedanken einigen wollen, geraten -sie sofort in den schwersten und aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel -ihre Zungen leitete. -</p> - -<p> -Eben trifft * * *’s Brief ein; das ist <em>sehr</em> anständig. Und Deine Wintersorgen -bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz unglaublich, wie sehr -das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen läßt. Stahl spricht ja gerade von -dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von Ungeist Gewinn ziehen und „leben“, nur -wo der Ungeist, die Dummheit und die Interessen auf den Plan treten, ist <em>Wirtschaft</em> -möglich. Traurig. Ich schäme mich. Nun für heute genug. — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein Frz. -</p> - -<p> -Gruß an Maman. -</p> - -<p> -Streichle Hanni und die Kleinen. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-10"> -23. IX. 15. -</h3> - -<p> -L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet. Ich -zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns sein Tod auch -tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir wohl wieder den Eindruck -einer <em>sehr</em> begrenzten Begabung; aber innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens -eine großartige Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht -Form oder Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke -oder Stephan George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter -Marmor, den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er <em>war -schon am richtigen Wege</em>. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch -eines Größeren. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr Rilke -und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören, als letzte sehr -reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver, weniger abgeschlossen. -Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal und Besseres schafft; und daß -es um so urwüchsige und ehrliche Naturen wie Stramm sehr schade ist, wenn -auch sein zeitiger Tod wohl <em>Schicksal</em> ist. — — — — — -</p> - -<p> -Und nun für heute Schluß! Mir geht’s famos. Gruß an Deine Mutter, Niedmanns, -K. und meine Tierlein. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-11"> -24. IX. 15. -</h3> - -<p> -L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was -Ihr von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; was Rußland -heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen Friedensverhandlungen glaub ich -<em>nicht</em>; aber ich glaub, ich schrieb Dir schon einmal: ich laß mich gern — überraschen. -Von der Stimmung im Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben — -„Belagerungszustand“, — Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, — alles. -Verlier nur die Freude am Garten etc. <em>nicht</em> — das hat doch auch <em>keinen</em> Sinn. -Gegen Mäuseplage im Garten streut man am besten <em>Giftweizen</em>. Ein Hund -rührt ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran kommen. -Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin entschieden dafür, -Welf wegzugeben. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-12"> -30. IX. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es doch -die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, so daß es -keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit schmerzte mich darum -tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel gestreichelt und getröstet werden -müssen für sein Kinderleiden. Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich -könnte auch nicht mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in -Planegg vor dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz richtig. -Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff der -Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. — Heut kam auch Dein Paketchen mit -den Socken, Handschuhen und einem Paar <em>ganz famoser</em> Pulswärmer, die mir -sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer halten als die -kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; solange ich hier im Kasino -esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, und da ich ja fast nichts trinke, genügt -mir meine Löhnung so ziemlich. Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine -Schwierigkeiten; jetzt, in diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab -wenigstens keine Lust. Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit -noch zwei (* * * und * * *) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die -beiden mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen Übungen -verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu <em>einer</em> auf die Dauer <em>bis</em> zu acht -Wochen (— — — — —). Ob wir nun vorerst Offiziers-Stellvertreter werden, -wissen wir selbst nicht. Prüfung wird wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich -glaube <em>nicht</em>, daß man mich eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht -für dauernd. Unsre Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und -<em>muß</em> noch einen Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr -recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese Beförderungsgeschichte -schon <em>sehr</em> angenehm. -</p> - -<p> -Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre Stellungen -da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, aber <em>werfen</em> -können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind immer beiderseits. Wie -mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er stand nicht weit von der -Haupteinbruchstelle. -</p> - -<p> -Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. — — — -Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien heut auch eine -lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es ist mir so fad und -alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder selbst auch; ich kann mir, -auch die guten, kaum mehr vorstellen. <em>Behalte</em> diese ganzen Besprechungen. -* * * braucht sie nicht, glaub ich; oder wirf alles weg. — Du sollst keine -Kopfschmerzen haben! — Das Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese -Worte hören! Dieser Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig -schwer; ich werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist -wenigstens eine <em>abstrakte</em> Beschäftigung wie das Schach, -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-13"> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -1. Okt. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders -auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen Koffer, den ich -mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer mit Eisenbeschlag), in den -viel hineingeht. Ich schrieb Dir schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung -zum Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das -Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die ministerielle -Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das Angenehmste ist obendrein, -daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche weder eine Prüfung zu machen, noch -Referenzen einzureichen. (Dies mag vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich -einmal erwähnte, daß Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) — Schick -mir mal den Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. — Als Offiz.stellv. habe ich -monatlich — — — — — viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen kannst Du jetzt -wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial und was sonst fürs Häuschen -nötig ist, knausern; auch nicht mit München fahren, soviel es Dich freut. Hilf -auch * * *’s aus, wenn sie es nötig haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen -einmal, wenn ich das Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; -was meinst Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch -die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und sollten das -wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember kannst Du auch -sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. Erstens werden da event. -dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr so traurig bewahrheitet haben, umgehen, -andrerseits werden, wenn kein Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das -Urlaubsvorrecht beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan -ist <em>jeder</em> Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie -lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als Offizier ganz -andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine Bitte: bestelle — — — — — -Nun genug von diesem Militärzeug! -</p> - -<p> -Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen. -Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und Schlick -durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr energisch, daß die Tierchen -vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich mir, man pflanzt einmal auf der -langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und kleine Tännchen und zieht einen zweiten -Innendrahtzaun. Ich glaube diese eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite -dann eventuell nur die Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht -hübsch aus und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man macht -sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den kürzeren. Es wird -ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles Angepflanzte <em>immer Gewinn</em>. Wir -müssen unser Leben in Ried so einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit -den Bauern haben. Wir können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß -sie uns auch die Tierchen nicht stören können. -</p> - -<p> -Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand. -Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die Offensive endlich ausgebrochen -ist, — die Hoffnung, daß sie die Kriegs<em>entscheidung</em> bringt, ist doch wieder sehr -lebendig geworden. Die Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber -niemand sieht einen anderen Ausweg; der <em>Einzelne</em> natürlich, aber nicht als Volks<em>ganzes</em>; -da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von heut auf morgen -auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser Land. Nötig dazu wäre -eine Verständigung von Volk zu Volk, — aber wie eine solche heute anbahnen? -Man darf über das alles nicht leichtsinnig und dilettantisch urteilen. Ich halte -die Dinge streng auseinander; dem rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant -in die Räder greifen wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht -zur <em>Quelle</em> des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück. -</p> - -<p> -Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft. -— — — — — -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-14"> -2. X. 15. -</h3> - -<p> -Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie ist schon -sehr fein, aber sie hat mich doch nie <em>ganz</em> gefesselt, ich weiß nicht, woran es lag. -Der schöne Vers von Rilke ist ein echter Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl -eine Manier durch, die seinen zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht -nimmt. Ist Novalis interessant? — Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! -Diese lange, lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu -sagen, keine sanften pastoralen Klänge. — Grüße alle! Mit liebem Kuß -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-15"> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -5. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -wenn sich die Rehchen <em>strecken</em>, ist es ein <em>sicheres</em> Gesundheitszeichen; das gilt -auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im Kot <em>nachweisbar</em>; wenn Du keine -findest, haben sie auch keine. Doktor Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich -kenne die Besprechung in der Frankfurter Zeitung. — Lisbeth sandte mir wieder -ein Paketchen, ich lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch -das Lebendige, Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm -darum zu überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält -einen gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen -Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller als die reifsten -Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder Kokoschka, — selbst wenn mir -letztere <em>vorübergehend</em> genußreicher und lesbarer sind. Ich würde mich nur -freuen, wenn Du es unternähmst * * * direkt oder indirekt zu antworten; auch -wenn es beim <em>Versuch</em> bliebe. Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. -Die Sprache ist doch ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich -schon Genuß und Gewinn ist. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-16"> -Fortsetzung. 6. X. 15. -</h3> - -<p> -Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies es -auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme Journalistik; -aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist und Sinn. Die Darstellung des -fridericianischen Problems ist sehr interessant. Vieles des heutigen Krieges wird -klar, wenn man das weiß, was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt -werden, um einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der -Mensch ist, „<span class="antiqua">la bête humaine</span>“, wie Zola so gut sagte. Schick mir das Buch -zurück, es gehört * * *. -</p> - -<p> -Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, — am Balkan!! Da -drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug waren unsere -Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die Welt zu erklären. Wir -haben Himmel und Hölle entvölkert, bilderstürmerisch, — aber auf Erden, in unserm -Blut, leben dieselben Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die -Kunst wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird -mit dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig. -</p> - -<p> -Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-17"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -9. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, mit ihrem -Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen Frankreich. Unser Leben ist -umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für mein Gemüt nichts Fürchterlicheres -als den seltsamen Blick dieser alten, über alle Vorstellung vereinsamten Greise und -Großmütter Frankreichs. Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen -Traurigkeit. Helmuts Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und -kommt durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es hilft -kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den paar Regierungsmännern -die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu wollen. <em>Jeder einzelne -ist genau so schuldig.</em> Was versteht der einzelne unter „Frieden“?? -Das begierige Wiederaufnehmen desselben friedenswidrigen sündlichen Lebens und -Strebens, das diesen Weltbrand erzeugt. Die Axt muß an die <em>Wurzel</em> gelegt -werden. Ich finde, Du redest Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen -ganz falschen Demokratismus hinein. -</p> - -<p> -Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, — ich -zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in Berlin!!! Das -würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn — vielleicht; erholen würdest Du -Dich auch dort kaum. — — — — — -</p> - -<p> -Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal wieder die -Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich werde hier so oft -drum gefragt, wie es aussieht — etc. -</p> - -<p> -Nun Schluß. -</p> - -<p> -Mit vieler, vieler Sehnsucht -</p> - -<p class="sign"> -Dein tr.<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-18"> -13. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; sie -ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre großen Schwächen -triumphiert. — Symptomatisch interessant ist der jetzt (im selben Blatt) lanzierte -Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen vollzieht sich, meine ich, der entscheidende -Umschwung, — das Ende des Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -seh ich jetzt voraus. Ich bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch -in Serbien ist vom deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet, -genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. — — — — —. Ich -halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das Ende erleben -werden, — wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit der Entente am -strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. — Bei uns hat es ja fast den Anschein, als -wollten wir das lange oder dicke Ende dieses Krieges schön gemütlich in <span class="antiqua">Haumont</span> -abwarten! Ich reite jetzt viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen -Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen <span class="antiqua">Haumont</span> und <span class="antiqua"><a id="corr-51"></a>Hattonchâtel</span> und -<span class="antiqua">St. Mihiel</span> ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie einst -am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd herausgesucht, eine -hochrote Fuchsstute „Eva“. Ich kann jetzt gottlob ohne zu fragen und wohin ich -will, meine Ritte machen; den ewigen Druck des stündlichen Angebundenseins bin -ich jetzt doch <em>etwas</em> los, — angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn -<em>Du</em> Dir mein Leben vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam -durch die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von -Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine Hanni mit 2 -Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 <em>Kraniche</em> hier! Hauptsache <em>grau</em>, weiße -Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was es für Kraniche sein könnten, ob -Jungfernkranich oder eine andre Art. Reiher sind es nicht; Reiher und Störche -tragen im Flug den Hals anders. -</p> - -<p> -Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr -prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich <em>jetzt</em> mehr als -genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit <em>warmen</em> Sachen bin ich jetzt überhaupt -vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also mit anderen Worten: -etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du nichts mehr findest, kaufe -nichts, — ich besorge es mir ganz einfach in Metz. Morgen — übermorgen bin -ich auch dort, nehme ein Bad und dergl. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-19"> -16. X. 15. -</h3> - -<p> -L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische Schattenspiel, -das „Krokodilspiel“, — sehr anregend; ich bin eigentlich sonst zum Lesen ganz unfähig, -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -höchstens so ganz ausgefallene, unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles -andere scheint mir so fatal bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, „ohne -Not“. Ich müßte jetzt bald arbeiten können, — das Lesen hat jetzt keinen Sinn -für mich. Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein -Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen Möglichkeiten. Über meine -Abkommandierung hab ich noch nichts weiter gehört; hoffentlich verschiebt sie sich -noch eine oder zwei Wochen, schon um des wunderbaren Herbstes willen, — das -Reiten ist jetzt zu schön! — die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, -wir bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut. -</p> - -<p class="sign"> -— — —<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-20"> -19. od. 20. X. 15. -</h3> - -<p> -L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So lange -Pausen hab ich <em>nie</em> gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein falsches Datum -erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst Dich noch immer -nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen mich Datum und Tage -an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese „Zeit-einteilung“; ich empfinde sehr zeitlos -und fühle mich dabei weit wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen -zählte! — — — — — -</p> - -<p> -Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich Niestlé -nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren Entzifferung ich ihn -bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat man den Brief mit den schwedischen -Einlagen konfisziert? Es liegt mir <em>gar nichts</em> an ihnen, nur der Fall an -sich wäre interessant. -</p> - -<p> -Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört; vielleicht -wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät mir leid. Aber ich -rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich lass <em>alles an mich herankommen</em>, -wie’s kommt. Willensbestimmung hat man ja doch keine und ich nehme -letzten Endes doch auch nicht das geringste Interesse am Kriegführen und Soldatsein; -ich begreife immer gar nicht, daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich -schlechte Psychologen, — vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man -sich auf mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung -geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken willst; wer -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird mir gegebenenfalls -doch alles! -</p> - -<p> -Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir! -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-21"> -20. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um ca. -1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird es ja vermutlich -ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle Veränderungen -Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die Abwechslung sehr gefreut; -der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: erstens komme ich dann sicher als -Offizier hin und mit weit größeren Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, -dann werde ich außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß -die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den Franzosen sind -die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es ist bei uns ruhiger denn je. -Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge -und über 200 Pferde! In Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit -hatten wir ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen -sogar noch mehr!), — heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf Etatsstärke -gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was ich hörte, sehr unwahrscheinlich, -daß wir verstärkt wurden, um uns irgendwo einzusetzen, wie wir eine -Zeitlang vermuteten. Es wird einen langweiligen Winter in Haumont geben; ich -verlange mir ja absolut keine Gefechttätigkeit, — aber Abwechslung, Berührung mit -neuen Menschen und andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir -darum eine riesige Wohlthat. -</p> - -<p> -Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen lesen, die -von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden deutschen Hirngespinst -reden, — laß Dich davon nicht täuschen. Dies Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, — -mein Optimismus ist ganz unerschüttert. Was sagst Du zu dem „opfernden Großgrundbesitzer“ -im beiliegenden Zeitungsabschnitt, — ist der nicht köstlich? Geradezu -unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post. -</p> - -<p class="sign"> -Kuß und Liebe von<br /> -Deinem<br /> -Frz. -</p> - -<p> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Koehler hat sich <em>sehr</em> über Deinen Obstgruß gefreut. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">p. s.</span> Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee und -Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, (hab -ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, rund um und das -Dach mit <em>Schilf</em> bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl als Frühaufsteher meist allein -vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein -ideales Atelier für mich!) Kragen probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß -in Berlin die Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen Optimismus. -Es freut mich <em>sehr</em>, daß Du ein bißchen Kleiderluxus treibst. Die innere Trauer hat -doch nichts mit schäbiger Kleidung zu thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren -äußerlichen Ausdruck findet! Um Gottes willen! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-22"> -23. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -hast Du den letzten „Sturm“ (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges betroffen, -z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner Holzschnittgedanken durch -* * *. — Dann der Briefwechsel zwischen * * * und * * *, der sein Verhältnis -zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames Gefühl; man traut’s sich immer -nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder „wirken“, rücksichtslos und auf ihre -Weise, wie es einem mit Kindern gehen mag, die <em>ihr</em> Leben leben, und die -Dinge sagen, die der Vater gar nicht gemeint hat, — und doch stammen sie -von ihm. In dem Verhältnis von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos -wahr. — Und drittens regte mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. -Wie immer gerate ich beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem -Fall <em>rein kubistische</em>) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk -literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in Formenvorstellungen -und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du wirst mir gewiß sofort entgegnen, -daß ich hier wieder die Form suche und nach der Form urteile, statt nach dem -Inhalt und dem Gefühl zu suchen, das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann -diese Dinge nicht trennen. Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl -in dem Werk, könnte seine Form mich doch auch nicht erregen, — denn erregt wird -doch zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck -gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen Lust eingegeben -und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des Lesers kümmert, wie der -Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. Unser Gefühl von der Welt -findet keinen anderen Ausdruck. Über das Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -nun vielen oder allen oder wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht -sorgen; das müssen wir dem „Weltgeist“ überlassen. — -</p> - -<p> -Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen wieder -beschnitten und eingeschränkt wird; — — — — — ich bin froh, daß Du momentan -bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst Du Dir manches extra -leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß verwundern, wenn Du unsern täglichen -Frühstückstisch sähest: prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit -Weinbeeren drin und Zuckerguß wie beim „beehrens uns ferner“! Wir leiden -keinen Mangel; mein Magen hat sich aber auch <em>erstaunlich erholt</em>. — — — — — -</p> - -<p class="sign"> -Dein Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-23"> -28. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -Du schreibst mir ein Klagekärtchen, daß ich mich gegen das tägliche Schreiben -sträube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleißig geschrieben und meist auch recht -gern; für die Unregelmäßigkeiten der Post kann ich natürlich nichts. Es ist für mich oft -schwer zu schreiben, <em>jeder</em> äußere Anlaß hier fehlt, denn ich bring es nicht über mich, -von „hier“ zu erzählen; von Ried kann man erzählen, aber der Krieg heraußen macht -<em>stumm</em>, — wenigstens mich. Sei froh, daß ich so bin. Paul ist nun in nicht ganz -harmlose Situationen gekommen, — hoffentlich hat er Glück wie ich im Elsaß, für sich -und seine Leute; denn das war mir immer ein schrecklicher Gedanke, daß Leute, die -meiner Führung anvertraut sind, verwundet würden oder fallen könnten. Denn -man kann <em>so viel</em> an Fährnissen durch geschickte Führung der Munitionswagen -vermeiden. An Pauls plötzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles -im Felde ist; das ist natürlich kein Trost für Dich; — das weiß ich schon, — -aber eigentlich sollte es <em>doch</em> einer sein, denn <em>das Schicksal ist Herr über -unseren Leib, nicht der Krieg</em>. -</p> - -<p> -— — — — —. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glück, mein Lieb, -und laß diese Sorgen und Ängste; daß Du traurig bist, verstehe ich schon, ich bin’s -auch. <em>Aber Angst ist nicht würdig.</em> Gefahr gibt es nicht, sondern nur <em>Bestimmung</em>. -</p> - -<p> -Einen Mordsspaß macht es mir, daß sowohl Du als Maman seelenruhig „Offiz.-Stellvertr.“ -schreibt, während Ihr mir selber die Leutnantsernennung aus der -Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der Ernennung nichts zu thun. Es stand -doch in der Zeitung am Anfang: zufolge „Allerhöchster Entschließung“, — auf was -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -wartet Ihr eigentlich noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der -Reserve, aber jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fühl mich -jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister. -</p> - -<p> -Daß nicht einmal so ein anständiges Quartett wie Wendling oder Rosée oder -meinetwegen die Münchener die Front abreisen und uns einmal heraußen einen -Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg wäre das so anstandslos -zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, — überhaupt!! Ich glaube, -wir heraußen haben doch noch ein bißchen mehr Anlaß zum „trübsinnig werden“ als -Ihr daheim und auch Du in Ried, — und wenn meine Briefe matt und trüb sind, — -an meinem Herzen liegt es nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. — — -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-24"> -29. 10. 15. Metz. -</h3> - -<p> -L., einen Stadtgruß von hier. Es ist ein höchst merkwürdiges Gefühl für -mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese Trauer!! Ich -verstehe gar nicht, daß das, wie es scheint, so wenige merken, auch von meinen -Kameraden. Ich fühle die Legende dieses Krieges, der jetzt schon Mythos und -Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz erschütternd. Ich empfinde ihn doch noch -ganz anders als Du; wir werden noch viel darüber reden! — -</p> - -<p> -Ich hab mir rohseidene Wäsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose usw. -In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach Deinem Geschmack -verändert haben! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-25"> -2. XI. 15. -</h3> - -<p> -L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist. -Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre dienen. -Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß mein Antwerpener -Kommando auch erst später trifft, hat mit den Kriegsaussichten etc. gar nichts zu -tun. Diese Schießkommandos sind ja gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch -während des Krieges abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen -Schema alle tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando -aus der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von -meinem Gleichmut, — nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner neuen) -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder als Batterieoffizier -verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es <em>kann</em> mir gar nichts geschehen, -was mir nicht notwendig geschehen <em>muß</em>. Es gibt keinen dummen Tod oder ein -dummes Unglück oder Glück; ich las wieder viel im Evangelium, — <em>wie kannst -Du eigentlich im Evangelium lesen und doch Angst haben</em>? Thatsächlich: -mir ist das gänzlich unverständlich. Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, -da <em>müssen</em> sie doch ruhig werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden. -</p> - -<p> -Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr, daß -es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also wenn ich -telegraphiere, erschrick nicht. — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-2-26"> -3. XI. 15. -</h3> - -<p> -L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen. -Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand zu -halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen Reitstock machen, — -ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen zu können. Mein Urlaub -scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn befürwortet, was, wenn nicht -irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen, wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung -maßgebend ist. Ich fahre dann wohl entweder morgen abend -ab Metz oder übermorgen, — ich glaube nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt -natürlich bei Maman, wenn ich Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum -Schreiben fehlt mir jetzt natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in -ein paar Tagen meine Liebe mündlich zu sagen! -</p> - -<p> -Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein „sehen der Musik und Literatur“ nicht -ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige Eigentümlichkeit meiner malerischen -Begabung, musikalisch und literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für -ausgeschlossen (jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle Kunstarten -ein gleich <em>reines Art</em>verständnis hätte. Ich habe literarisch lange daran -gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben als Dichter und literarisch werten -und genießen zu können. Dabei blieb ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens -in der Malerei!). Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu -machen, als ich es seit langem vor Musik bin. Ich <em>sehe</em> alles, alles ist in meiner -Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel z. B. setzen sich -bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab, sondern gehen in rein bildnerische, -malerische Gedanken auf. Ich werde daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können. -</p> - -<p> -Nun, diesmal nicht <span class="antiqua">addio</span>, sondern auf baldiges Wiedersehen. -</p> - -<div class="part"> -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Nach dem letzten Urlaub. -</h2> - -</div> - -<h3 class="date" id="chapter-3-1"> -19. XI. 15. -</h3> - -<p> -L.... -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -Es ist ein sonderbares Gefühl, plötzlich wieder in dies wie erstarrt stehen gebliebene -Stellungskriegsleben zurückzukehren; daheim war ich in <em>Bewegung</em>, — an jedem -Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte gethan, Gedanken gesandt und gefördert -und aufgenommen, — hier steht alles wie im verzauberten Märchen still. -Immer wieder dieselben stereotypen Flieger über dem Land, dasselbe langweilige -Schießen, das man schon nicht mehr hört; das Leben ist erstarrt. Ich machte -einen schönen Spazierritt, — das ist das Einzige was mich freut. Der innere -Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwärtige Kriegsform im -Westen. -</p> - -<p> -In Liebe und neuer Sehnsucht. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-2"> -20. XI. 15. -</h3> - -<p> -L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel Quint, — -Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in unserer Vorstellung -als er in der That ist. Ich hatte so sehr <em>Wortkunst</em> wie in der Versunkenen -Glocke und „Literatur“ erwartet, aber niemals diese beispiellose Sachlichkeit und -diese Seelenkennerschaft, die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man -ihm bisher zutraute, — ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich -stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch glaube ich es -schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h. <em>ohne Laune und ohne -Willkür</em>, sondern gänzlich episch, logisch notwendig und ohne Wanken geschrieben -ist. Eine unglaubliche Lektüre für einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines -Wesens wird durch sie natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut -wohl. Ich hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu -bereden, — ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, — alles was wir -sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie kann man nur -so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der menschliche Sinn verstiegen! -</p> - -<p> -Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich interessiert -und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in letzter Zeit in die Hände -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi, Strindberg usw.), fesselte mich nur -<em>zeilenweise</em>, — eben nur da, wo sie genial sind, — das andere ist alles langweilig. -— — — — — -</p> - -<p> -Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag’s Hanni -gehn? -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-3"> -21. XI. 15. -</h3> - -<p> -L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint lese. -Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung des Christentums, -— nämlich ihrer prinzipiellen <em>Gegensätzlichkeit gegen pazifistische -Organisationen</em> (wie in den Neuen Wegen), sozialistischen Kommunismus, der -ein Erlahmen der Seele und des christlichen Opfer- und Überwindergedankens -bedeutet. Bestimmend ist immer der Eine Gedanke: die Welt, das „leibliche Wallen“ -berührt uns nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare. -Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrung <em>eine symbolische Handlung</em>. -Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens ist gerade das Prächtige, -Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen Erniedrigung vor der Welt und -damit seiner Befreiung; er <em>will</em> den Menschen gar nicht körperlich helfen und sie -leiblich satt und gesund machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele -schrickt schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen, zu -seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große Mißverständnis -der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen fortgeführt wird, spricht er -das furchtbare, schneidende Wort: „nach mir aber fraget niemanden fortan“! -</p> - -<p> -In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, — ich freu -mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als ausbildender -Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren würde; das Leben hier -ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe jetzt jeden Nachmittag meinem -Chef theoretischen Artillerie-Unterricht; er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber -nur ziemlich mangelhafte Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes -Theater- und Traumleben! -</p> - -<p> -Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan des -Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe hier Gelegenheit, -mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine Installation ungefähr -kostet; ich möchte diese unverbindliche Gelegenheit benutzen, um für später -eine Handhabe zu besitzen, und spätere Voranschläge zu beurteilen. -</p> - -<p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, — der Krieg -dauert nun keine Ewigkeit mehr. — — — -</p> - -<p class="sign"> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-4"> -24. XI. 15. -</h3> - -<p> -L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so -warm und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel -von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte, weil -es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und Folgerungen, die aus -einer andern Quelle stammten und die mir die reine Linie Deiner Gedanken verwischten -und verzerrten. Aber in diesem Buch liegt die reine Linie, die ich selbst -immer suche; wenn ich Dir einen Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, -weil immer sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, -daß Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich -d. h. in seiner <em>Logik eitel</em>; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn -lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein. Und ebenso -d. h. in viel größerem Maß unrein sind die „Neuen Wege“. Die liegen -voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab. Ich verstehe -jetzt natürlich auch K.’s Wesen viel besser, da ich sein greifbares, geistiges Vorbild -kenne. Auch er wird sich zu hüten haben, daß er nicht in Dilettantismus und in -irgendeine Art von Eitelkeit gerät. -</p> - -<p> -Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige Aufnahmefähigkeit -unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden tausendfach verschlungen und ein -solches Buch bleibt ungelesen, — wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne -Wirkung auf den Geist unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich -halte es für möglich; denn wir kannten Kandinsky selbst <em>sehr wenig</em>. Kennt es -Kubin, Klee und Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen -von <em>mir aus</em> zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann -kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien. Die Erklärung, -warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur in der -Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch sicher gründlich, -nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen Reinheit nicht durchdenken. -Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer inneren Güte und einem Mitleids- -und Schamgefühl heraus leicht, ihn mißzuverstehen. Grade darin liegt ein -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -unglaublich feiner geistiger Takt in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, -als wären es Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die -Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir diesen -Geist so vertrauenswürdig. -</p> - -<p> -Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief noch wegkommt. -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-5"> -Samstag 27. XI. 15. -</h3> - -<p> -L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in Ch. -aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef Oberleutnant -* * * (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der rückwärts an der Hauswand -neben mir steht, ist Leutnant * * * der Schwager des Dürnhauser Barons. -</p> - -<p> -Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger, trockener -Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg läßt sich schwer -noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so unwahrscheinlich Glückhaftes, die -Fehler der Gegner, aus denen wir unser ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, -— es liegt für mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, -nicht zum wenigsten durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung -theaterhaft erhält und durch das Eingreifen des „jungen Bulgariens“ als <span class="antiqua">Deus -ex machina</span>. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch derartiger -romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg denke, gerate ich -ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung. Ich sag das nicht -leichtsinnig, — es gibt im Gegenteil <em>sehr</em> zu denken, nach der Seite der Dichtung -und der Kunst hin als nach der Seite des Lebens und des Menschengeistes. -</p> - -<p> -Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig sternenklar; -wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt mich eine ähnliche -Empfindung als beim Anblick des reinen Sternenhimmels, der mir in diesen -Kriegsjahren ein solcher Freund geworden ist. Durch Quints Leben geht jene -abstrakt reine Linie des Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich -auch immer im Geist durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich -fast nie, sie mit dem Leben zu verknoten, — wenigstens nie mit dem Menschenleben, -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -(— <em>darum kann ich keine Menschen malen</em>). Quint hat wohl seine -reine Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben -ist, darin liegt seine göttliche Größe. -</p> - -<p> -In tiefer Liebe -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Fz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-6"> -1. Dez. 15. -</h3> - -<p> -L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus -München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen -mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so sehr -gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze Zusammensein mich -Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung noch halten möchtest. -Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von Emanuel Quint befestigte in -mir diese neue Sicherheit der Seele. Du schreibst in einem Brief, ich soll Dir -noch mehr über mein Lesen im Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das -momentan kann. Da gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; -es kennt kein <span class="antiqua">à peu près</span>, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht -den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu aufrichtig -und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem Gewissen -zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und Erneuerung: wenigstens -<em>jedes Ungefähr</em>, jede <em>Konzession nach gleichviel welcher Seite</em> aus meinem -Werk zu bannen; den Begriff Quints von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat -auch keiner seiner Jünger, nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht -getötet; denn damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt -sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; — es wäre -dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der Reinheit -in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein Bild mehr zu -malen (= „nicht mehr zu leben“). Man darf nicht aus Furcht, doch wieder in -Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß legen; ich verstehe heute -zum erstenmal, warum eigentlich auf den Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; -es ist zweifellos der Gedanke, daß man der Verantwortung nicht selbständig — -selbstsüchtig vorgreifen darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar -Büchsen zurück. -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum Arbeiten -hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher nur denkbar wäre, -wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme, zu dessen Ausführung ich -Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß, -den ich doch nicht eingehe. Warne nur * * *, daß er sich keine Blamage mit mir -einbrockt und einen offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen -muß. Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis. -</p> - -<p> -Ich freu mich so, daß die gute Hanni wieder gesund ist; — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-7"> -1. Dez. 1915. -</h3> - -<p> -Liebe Maman, dank vielmals für Deinen guten Brief 117 — — — — —. -</p> - -<p> -Wenn * * * die Musik von <em>Schönberg</em> im Blauen Reiter meint, so kannst -Du ihr sagen, daß sich meine Beurteilung der Schönbergschen Musik auch -gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt aber doch -im Sentimentalen stecken. Mehr würde es mich interessieren, wenn sie Kulbin -(einen russischen Musiker) kennen sollte, — von dem müßte sie mir einiges erzählen. -Ich kann gar nicht ruhig von diesen Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe -ich nach meiner Arbeit, die mir immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird -doch dieses geistige Leben wieder kommen, in dem man früh und spät keinen -anderen Gedanken hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde -liegen, zu suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere -Fühlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten, haben -diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; heraußen fühl ich mich als Larve; der Krieg -hat sich längst selber überdauert und ist sinnlos geworden; auch die Opfer, die er -fordert, sind sinnlos geworden. Etwas Gewissenloseres und Traurigeres als das -nutzlose Blut, das am Isonzo vergeudet wird, läßt sich in menschlichen Gehirnen -nicht mehr ausdenken. -</p> - -<p> -Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, — sie denkt -doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl bald Advent, -— diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett stecken, das wir in friedlichen -Jahren so — oft vergessen haben! So denkt man jetzt oft zurück, was man -früher alles hätte tun können! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-8"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -2. XII. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -L., — — — — — — -</p> - -<p> -Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch richtig -definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja auch nicht. -Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es sie sicher; sowie -es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine neue Bilder gibt. Vielleicht -sind schon welche da, — wir sind nur noch nicht zur klaren Entscheidung -reif, <em>welche</em> es sind und wo die besten Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut -möglich; denn wir übersehen heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem -Europa steckt, durchaus noch nicht die <em>wahren</em> Linien und Formen. Vielleicht -sind die Ansätze in der Malerei prominenter als in der Musik, — aber auch <em>da</em> -werden sie sein; man muß nur sehr scharf <em>horchen</em>, — nicht in Konzerten, sondern -nach <em>innen</em> horchen, sowie man die neue Malerei nicht in Ausstellungen suchen -darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der Nacht. Ich <em>sehe</em> sogar deutlich -die neue Musik, den ganzen neuen Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch -wir können heute unser Geschick und die Wahrheit in den Sternen lesen, — es -kommt nur darauf an, wie man sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei -oder irgendwelcher mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung -und Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in -der Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind hören, -— es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer, unzerstörter, unverwischter, -abstrakter und klarer gesagt. Wenn man einmal drin <em>sehen</em> gelernt hat (für -Musiker z. B. das <em>Tempo</em>, in dem die Figuren auftreten, gebunden sind und -gegeneinander singen) hat man hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft -mit Sternbildern im Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und -dem schlechten Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben -wirklich nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses gerichtetes -Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, — das „Unmögliche“ -liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so empfinden; man respektiert -mich sehr, auch als Offizier, aber alle denken, ich müßte doch auch irgendwie -ein bißchen wie sie empfinden; sie wundern sich dann immer, daß ich mich über -dies und jenes „nicht ärgere“. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar -nicht da bin, — noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich -stehe. Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre -Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen und sich -dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein ganzes Bestreben -geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses Verhältnis zwischen -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und die bewußte Täuschung -des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und nicht das: „die Wahrheit -sagen“, jene fürchterliche, seelenkränkende Manie mancher Wahrheitsfanatiker. -</p> - -<p> -Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was Du -in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete vergleichst, -wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe meine. -</p> - -<p> -Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte. -Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet sich wohl -sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt bei Artillerie- und -Minenkämpfen, — die Infanterie wird nicht eingesetzt. Und die Artillerieduelle -sind meist demonstrativ, Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und -weiterreichende taktische Absichten. -</p> - -<p> -Baron * * * hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie in -einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte mich recht -auf seine Gesellschaft gefreut. -</p> - -<p> -Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden zu -sein; bei diesem elenden Wetter, — <span class="antiqua"><a id="corr-56"></a>Haumont</span> schwimmt schier weg — wäre es -nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch gleich, wenn -man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren muß. Für den -Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten selbst, die nicht zu kommandieren -brauchen und in ordentlicher Bewegung bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen -am Exerzierplatz hätte ich nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie -ich auch in unserm Kurs meinen innerlichen Spaß hatte. -</p> - -<p> -Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die Zeiten, die -für uns noch blühen werden. -</p> - -<p> -— — — — — — -</p> - -<p> -Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: von -dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger Brief schon -in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein <em>Gewissen</em> fühle: -meine <em>Arbeit</em>; nicht mein Leben als solches; ich kann gar nicht anders meine Unvollkommenheiten -und die Unvollkommenheiten des Lebens überwinden, als indem -ich den <em>Sinn</em> meines Daseins ins Geistige hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen -Leib <em>Unabhängige</em>, d. h. Abstrakte hinüberrette. Es ist <em>nicht</em> eigentlich -das <em>spätere</em> Leben, das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. -Ich bin allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, — er erscheint mir sehr -natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß ich -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -doch auch vorher einmal gestorben sein, — denk an die Blumen! Es ist von einer -rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem Leben verstehe ich: das -Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke sub<a id="corr-57"></a>summiert unter das Unwesentliche -mehr als der Schwächere. Ich werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen -des Unwesentlichen, — das Schöne bei diesem Thun ist das, daß das -Wesentliche dabei nicht kleiner, enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. -Lies sehr aufmerksam im Quint, — da steht alles außerordentlich fein und -tief gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre -Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das „letzte Wort zu -reden“; — Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu suchen, nach -einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, — die gibt es nicht; so wenig man -Kunst mit Worten erklären kann. Man kann schon reden, aber man muß sich stets -der Grenzen bewußt bleiben, über die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in -seinen dummen Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und -wir unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie ich das -alles meine, — es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz unmöglichen Verhältnisse, -in die der Krieg meine Persönlichkeit geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken -gerade durch ihren Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur -Entscheidung gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen -Rußl und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum Heufressen -nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-9"> -5. XII. 15. -</h3> - -<p> -L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche über die -geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern kleinen Spaziergang -ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken Gesteinfalten. Dort gehen wir -sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die Leute einmal eingesehen haben werden, -daß bei dieser ganzen Schießerei doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -— Das Verrückteste an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher <span class="antiqua">St. Mihiel</span>. -Die Stadt liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg! -Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein einziger Schuß, -der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische Kanonade unsrerseits auf <span class="antiqua">Commercy</span> -u. a. Orte aus, daß die Franzosen es auch vorziehen, uns das Vergnügen an -<span class="antiqua">Mihiel</span> mit seinem Kaffeehaus usw. zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -bei Nacht zu gewissen Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), -beunruhigt, vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit <em>Damen</em>bedienung -ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach Hause gehen. -So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel unsicher. Ich erkundigte mich -letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er eigentlich ruhig arbeiten könne. „O ja“, -hieß es, „der wohnt ja in der <span class="antiqua">rue</span> soundso nach ‚hinten‘ naus.“ Hinten ist nämlich -bei uns so viel wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt „Perle“ bleibt ja -weit hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in <span class="antiqua">St. M.</span> ist sonst vollkommen -dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber dafür auch gegen Alles -gleichgültige Stimmung wie in „Perle“; selbst dieses traumhafte „nicht Fort-Können“ -für die dort in Unterkunft befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal -Kubin sehen solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das -Leben ist über seine Phantasie gestiegen. -</p> - -<p> -Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich gute Wäsche -thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. Das Wasser ist trüb; dann -schlagen sie die Wäsche, als <em>müßte</em> sie in Fetzen gehen. — -</p> - -<p> -Beiliegend Brief von * * *. — — — Vielleicht freut sie mich wieder mehr, wenn -ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden oder verstehen wollen; -das thut mir um * * * leid, den ich eigentlich sehr gern habe; ich seh merkwürdig -stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch so altklug, menschenkennerhaft und -„langweilte“ mich überall. Meine Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie -auch steifer waren, — ich machte im Gegensatz zu * * * höchstens eine kleine Zeichnung -pro Monat! Aber es ist etwas in * * *’s Gesicht, was mich und meine Knabenerinnerungen -und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm liebe. Ich hatte -meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, philosophische Mensch! Und -* * * hat gar keinen Vater!! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-10"> -6. XII. 15. -</h3> - -<p> -L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum ausgeträumt. -Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein kurzes kleines Leben -eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl nicht los, daß es doch nur ein -Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein andermal ein Menschentraum; aber das, -was träumt, <em>das</em> Wesen, das ist immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen -auch einen so merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -und dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger Schimmel, -ein richtiges <em>Pegasuspferd</em> der Sage, ist plötzlich an einer Blinddarmentzündung -(es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam ganz unerwartet; es war -kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden hatte es große Schmerzen, stöhnte -und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein -Mensch, den man aus einem lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf -lag ein plumper, häßlich verfallender Pferdeleib vor mir, — der Pegasus war fort, -— man hatte nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, — -da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: „Laß die -Toten ihre Toten begraben!“ -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-11"> -7. u. 8. XII. 15. -</h3> - -<p> -L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest verschlägt. -Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachts<a id="corr-60"></a>paketchen diesmal „rechtzeitig“ -ankommt. Ich glaub’s kaum, nachdem wir wieder „auf Reisen“ gehen. Ich kann -Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn -Du was weißt, kaufst Du Dir es schon in meinem Namen. Und ich werd auch -manchen Punsch auf Dein und unser Wohl trinken. Seit Baron * * * wieder die -Kolonne führt, bin ich sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; -wenigstens werden wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten. -</p> - -<p> -Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, Hoffmann, -Dostojewski oder Hölderlin lesen will), — so lies Fabre, Bölsche u. dergl. Ich -kann mir gar nichts Anregenderes und Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung -denken, als das Forschen dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der -Pflanzen- und Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), Insektenleben, -Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen Dingen? Mich interessieren -diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als Nationalökonomie, moderne Erfindungen -usw. Ich lese diese Dinge, geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische -Gesetze stets mit einem Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, -die zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: <em>Naturgesetz</em> ist bei mir längst -aus dem Kurs; es gibt höchstens „Gesetz-mäßigkeiten“; die Periodizität alles Geschehens -ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren -Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft ist auch nur eine hohe, sehr scharfe -europäische Denkungsart und auch nur „Anschauung“. Man kann sein Vorstellungsleben -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -gar nicht weit und immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug -nehmen, wenn man der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt -sein will und Teil haben will am — Reich Gottes, am heiligen Geist. Der -Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im <em>Leben</em> zeigen, -<em>muß</em> es ja. — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-12"> -Gemütlich-Leiningen,<br /> -16. XII. 15. -</h3> - -<p> -L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die uralte -Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens schreibst. Du mußt -letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. Wenn dieses Spiel nicht von -<em>Liebe</em> getrieben ist, ist es natürlich unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint -der Kern des ganzen Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden -wird, eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn -gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau. <em>Die</em> Menschen, -die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch * * *, — denen brauche ich die Wahrheit -ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich Wort und Gefühl ohne weiteres. -(Aber in rein künstlerischen Dingen stehen wir auf ungleichem Niveau, — darum -können wir zusammen gar nicht über <em>Kunst</em> reden; entweder schweigen wir oder -spielen auch gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über mir, -so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen zurufen, -daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, bedeutet schon längst -was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für * * * chinesisch, — also rede ich -(weil ich in diesem Falle der Überlegene bin) in <em>ihrer</em> Sprache; die bedeutet für -mich natürlich Unsinn, — aber für * * * hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich -schon kürzlich einmal: man darf sich nicht zuviel auf <em>Worte</em> verlassen; es gibt -nichts Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft bedeuten -sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen, <em>Gültiges</em> -zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich der Kunst geschehen -und da heißt es: „wer es fassen kann, der fasse es“. Aber unterhalb der -reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit der Sprache getrieben; sie ist -so recht der Münze gleich, mit immer wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem -Kurs; hie und da gibt’s Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit -Worten wird spekuliert wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines -Werkzeug benützen wollen, um die — Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Wortes bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem <em>Klang</em>, -der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag ich in allem -Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch bedient sich der -Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden Dingen, die er dann als „Ideen“ -in Kurs setzt. Man sollte viel weniger reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. -Dichter und Propheten können ihre Stimme erheben und „reden“, — die haben -ihre Sprache für sich, die prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. -außerpersönliche Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, -um mit der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen -gegen das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne „<em>Tendenz</em>“ gebraucht, -ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für unsereins ein -ungeeignetes Material um <em>Wahrheit um uns zu verbreiten</em>. -</p> - -<p> -Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das unglaubliche -Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, — wie war es eigentlich -möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich weiß wenig von -Mozarts Leben, — vielleicht leiht mir K. einmal eine Biographie von ihm, — ich -denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir keine, — ich lese so etwas einmal und -bruchstückweise und dann niemals wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das -Gauguinbuch. Jetzt fällt mir ein: schick mir doch französisch Stendhal: <span class="antiqua">vie de Mozart</span>, -Haydn und ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe -(80 Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen. -</p> - -<p> -Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, — er wird die Kälte nicht ausgehalten -haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem Forstbuchhalter, daß Du -nach einem Böckchen suchst, — so Leute wissen immer Gelegenheiten, ev. auch dem -Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit -bietet, — wenn ich zurückkomme, würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut -mir so leid, so allein. Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; -sag’s auch Bauer und dem Bruder Heinritzi, — ich glaube er ist Jäger; -und setz ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du -könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, — da hätte die Hanni -auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das <em>Mutterschaf</em> sehen, ob -es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. wunderbare, verhältnismäßig schlank, -mit schöner glatter Wolle und schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.) -</p> - -<p> -Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen Spiels -auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am Schluß geblieben, -— das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern seelig-glücklich gespielt, — -so wirkte er und auch manche Stellen im Brahms auf mich, während ich * * * -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -aus der Kreutzersonate in Erinnerung habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich -zu <em>Pugno</em>, von dem ich sie zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so -vereinzelte Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — — — — — — —<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-13"> -Straßburg 20/21. XII. 15. -</h3> - -<p> -L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als Weihnachtsgeschenk -einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster wiederzusehen, -das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist recht nett gelungen; -ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von Leiningen nach Bensdorf, stieg -dort in den Schnellzug und war 8,40 in Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt -im Wagen war reizvoll und träumerisch, — erst recht dann der Nachtbummel -durch Straßburg. Es ist etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich -in eine Großstadt versetzt zu werden; (— München wirkt nicht so unmittelbar auf -mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein bin usw.); -die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit spricht aus einer solchen -Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. -Ein Kaffeehaus mit seinen Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen -wirkt ganz infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, unwahrscheinlich, -als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. All die -sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich ein Vögelchen auf -einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre dies Vögelchen das einzig -Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten Stadt, in der nur mehr Leichen -gehen. Ich verstehe Kubin’s Perle so gut! Er hat dies alles glänzend gesehen. -Es machte mich gar nicht besonders melancholisch, — die <em>Kunst</em> wird von diesem -Tod nicht getroffen. Aber in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck -war nämlich gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; -ich hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden; -aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf dem -Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur kleinsten Kleinigkeit -entschließen, — ich konnte Dir doch nichts Totes schicken. So gab ich’s auf -und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken und schenken kann, als meine Liebe, -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -meine lebendige warme Liebe, an die Du glauben sollst und glaubst, das weiß -ich — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —! -Tröste wir uns beide! Es wird schon wieder alles gut für uns! -</p> - -<p> -Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich -wieder ein Wägelchen erwartet! -</p> - -<p class="sign"> -In Liebe<br /> -Dein<br /> -Fz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-14"> -29. XII. 15. -</h3> - -<p> -Daß das liebe <a id="corr-61"></a>Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, — ich war Weihnachten -so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein Weihnachten am -24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein ganz nettes Konzert in -Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, das ein paar Opernsänger und -Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und Andante von Händel, eine schmucke geistreiche -Musik, mehr blendend und voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach -gespielter Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat -mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, — vermutlich Cornelianer; -es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Laß Dich <em>nie</em> von der Traurigkeit überwältigen, — traurig sein und sehnsüchtig -wie ein Adagio ja, — aber Form muß man im Inneren behalten. -</p> - -<p> -Der Brief muß weg, darum schnell Schluß! -</p> - -<p class="sign"> -— — — —<br /> -Fz. M. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-15"> -Neujahr 16! -</h3> - -<p class="adr"> -Liebste, gutes liebes neues Jahr! -</p> - -<p> -Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist um -das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es ist fürchterlich -dran zu denken; und das alles um <em>nichts</em>, um eines Mißverständnisses willen, aus -Mangel, sich dem Nächsten menschlich <em>verständlich</em> machen zu können! Und das -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -in Europa!! Man muß wirklich alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen -<em>Psychologie der That</em> fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, -zu beschimpfen und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen -und — <em>Gegengedanken</em> zu bilden. -</p> - -<p> -Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der die Neujahrsglocken -ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht ungern in dieses -Jahr, — mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an Optimismus ist Mangel -an <em>Wunschkraft</em> und Mangel an <em>Wille</em>. -</p> - -<p> -Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, — und eins -besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde! (Zither, -Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein großes Fest -geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer tanzen. Du kannst es -Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich bestimmt darauf rechne. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-16"> -10. I. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner Sternenhimmel; -er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war das gleiche -öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man gar nicht -existieren. -</p> - -<p> -Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen heute. -Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und sorgfältig gelesen habe, -schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt sich ja vieles, was er sagt, fast -wörtlich mit meinen Aussagen, die ich schon früher August gegenüber gemacht habe: -daß die technischen Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), -die Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im -Gegenteil stets auf <em>Kosten</em> einer intuitiven, primären Fähigkeit sich entwickeln. -Früher <em>fühlte</em> man, wie es einem Freund geht, — heut telefoniert man ihn an; -früher konnte man seine Dichterwerke auswendig, — heute stehen sie gedruckt und -billig in jedem Bücherschrank. Die Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk -an Intensität ab. Und gar die Maschinen, die dem Menschen die -Arbeit „abnehmen“ sollen!! Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat -dieses Krieges: Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen -Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben! -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur aus, -machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre chemischen -Vorgänge nach, — aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie böse Geister gegen -uns selbst, — wir fallen von unsern eigenen Waffen, wie ein böses Geschlecht, das -sich selbst zerfleischt, weil es in seinem Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine -verbotene Geisterwelt (die es gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen -inneren Halt verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß -unser Kulturleben nicht mehr „<em>leibliche Funktion</em>“ ist, sondern willkürliches Spiel -mit organischen Kräften, die man in ihrem <em>Wesen</em> nicht versteht, sondern nur experimentell -benützt. Insofern wollte ich auch <em>nie</em> den <em>Leib</em> und das organische -Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz -anderes. Ich will erst Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und <em>wie</em> er -alles meint, — dann schreib ich Dir mehr. — -</p> - -<p> -Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, — sie kommen schon noch; -ich freue mich <em>sehr</em> auf dies Büchlein, — dank voraus Liebe; ich hatte gar nicht -mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht hatte; ich vergesse so was -ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich sehr darauf. Dank für die Blümchen, — -jetzt schon Leberblümchen!! — Ich glaube doch, daß Hanni’s Geschwulst mit Wiederkäuen -zusammenhängt — ich bin mir <em>fast sicher</em>; — — — -</p> - -<p class="sign"> -— — — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-17"> -12. I. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich kenne, -verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man kann wirklich -mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er begegnet meinen eigenen Gedanken -sogar so sehr, daß mich in seinen Anschauungen nichts aufregt oder gar -zum Widerspruch reizt. Damit sage ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen -Leben und Streben nie abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; -aber heute ist mir dies alles so klar, — <em>der Krieg hat alles so klar gemacht</em>. -(Es ist wirklich traurig, — man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) -Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das schöpferische -Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem erkannten Mangel (wie -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -z. B. Strauß’sche Musik und auch * * *’s Arbeiten. Bei * * * denk ich oft: ja, -ganz schön, — wohin gehören wohl die Sachen? Welche Lücken können sie heute -ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, — -Lebensausstrahlung.) -</p> - -<p> -Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir nach -wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte überraschend -weit ausstrahlen (Eigenart <em>slavischer</em> Genies), ohne darum ein ganz wichtiger, -dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; — er ist auch kein Klotz wie -Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine <em>Toleranz</em> nicht mißverstehen; — -ich habe aus den angestrichenen Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich -meiner Toleranz und Wichtignahme nicht <em>wesentlicher</em> Erscheinungen) das thust. -Es kommt wie immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem -heraus etwas geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar -von ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem <em>Reichtum</em>. -Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen meinen -Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich achtlos daran -vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen verleugne. Große fertige -Werke der Weltmitte interessieren mich nie speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo -oder Goethe) aber ein kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter -armer Kubist kann mein ganzes Innere in Bewegung bringen, — ich <em>beginne -daran zu arbeiten</em>. Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky’s „Verstehen“. -Die Menschen, die nur am Besten, am „schlechthin Gültigen“ sich entzünden können, -sind unproduktive, nicht aus der „eigenen Mitte“ lebende, sondern nach-lebende -Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. 13) meint: „Unfähigkeit -zur Anverwandlung und Verarbeitung der zudringenden Materie.“ -</p> - -<p> -Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert (Seite 32 u. f.), -wo er über das <em>Volk</em> schreibt. Ich wurde mir ja nie ordentlich klar über diese -Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es gibt eben den Begriff <em>Volk</em> in Europa -nicht mehr; man muß sich nolens volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser -Thatsache sind damit natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern -einmal mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die -wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und restlos in -dieser Kriegszeit begriffen. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf. -</p> - -<p> -Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen Peripheriemenschen -treffen, — hab nur keine Angst davor. — — — — — -</p> - -<p> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Lies einmal in <a id="corr-66"></a>Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe -vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt anregende Dinge, -vor allem über Sokrates und Plato. -</p> - -<p> -Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den <em>Sonetten</em> von Shakespeare zu -fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, — es ist mir -zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine andere Übersetzung -empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal zu leihen oder wenn sie -billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich bin allerdings <em>sehr</em> skeptisch gegen -Übersetzungen. Ich kann ja auch Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat -für die Bibel und Schlegel für Shakespeare alles vorweggenommen, — meinetwegen -eigenmächtig vergewaltigt, — aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, -kann später über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann -einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit den Ritterbaumgarten-Bildern -von Dürer: die nachdürerische Übermalung war uns Deutschen -tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt als die jetzige Purifizierung. -</p> - -<p> -Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs „Normal“ (Seite 31). Mich -freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, überhaupt Gundolfs -souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten „Normal und Volk“. -</p> - -<p> -Über den Kern des Artikels: „Leib“ kann ich Dir heute noch nicht schreiben, vor -allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich einen glatten Einwand -gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht alles gesagt. Askese als „Hygiene -des übersättigten Leibes, nicht seine Aufhebung“, — das scheint mir mehr historisch-psychologisch -richtig, drückt aber nicht den <em>geistigen Sinn</em> der christlichen Entsagung -aus; es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und <em>Rationalismus</em> -in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als Verlegenheits-Phrase -auf: S. 33 Mitte: „Das Schöne ist ein Urphänomen und besteht als Überfluß“. -Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß (und bis dato weiß -noch <em>niemand</em> etwas darüber zu sagen), — wozu leere Worte gebrauchen? -</p> - -<p> -Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, — -also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. Ich war -<em>nie frühreif</em>, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als -mit 20 und 30. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — -</p> - -<p> -Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, oft -viele Stunden. -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-18"> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -14. I. 16. -</h3> - -<p> -L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto zwingender ist -seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach nichts Neues sagt, stellt er -doch durch seine glänzende Ausdrucksform vieles klar, was man nur im Instinkte -fühlte und viel schwächer selber formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn -vieles mit Stellen aus meinem Aphorismus; — so entschwunden diese mir heute -sind, werde ich bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. -Vor allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen Wissenschaften, -die sich zur „angewandten Wissenschaft“ mißbrauchen ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs -Ideen von der Verselbständigung der Organe, — der Mensch ist zum Sklaven -seiner Werkzeuge geworden, die er zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war -das Wissen und die Bildung nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise -zum größeren, umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal. -</p> - -<p> -Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des <span class="greek">αγων</span>, des <em>Wettkampfes</em>, -der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und betrieben wurde, bis langsam -die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor ihr die alten religiösen Dinge -ins Wesenlose verblaßten; diese merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht -„erklären“, aber auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf -an, seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, <em>Herr</em> -zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des Wissens eine Hure -zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der christlichen Religion machten, — -das war auch „angewandte Religion“!) Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen -Aufgabe liegt darin, daß der demokratische Mensch, die gemeine Masse in -der Goldgrube der Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr -der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen -Lebens und der eigenen Aufgabe <em>rein</em> bleiben oder sagen wir offen: wieder rein -werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die Zeittendenz, vom Stellungnehmen -gegen sie, — er widerspricht sich hierin selbst etwas; denn der Wirkende -setzt seine That nicht da ein, „wo’s fehlt“, sondern er thut sein Werk aus seiner -eigenen Mitte heraus, und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was -zu thun sei. Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir -„verstanden“ werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht auf die -Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, — nur so kann man seiner Zeit -oder einigen Seelen „vorangehen“. -</p> - -<p> -Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser Auge hat, -dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, hartnäckig bei ihr unsre Ruhe -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -zu suchen, als wäre dort das letzte Wort gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler -nach rückwärts, den wir sonst nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde -Richtung der Zukunft machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was -in 100 Jahren wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der -Hang zum Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, — insofern behältst Du betreff -* * * wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu Richtern über unsre -Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch verneint eine solche Schwäche noch -nicht das ganze Werk, am wenigsten in unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln -traurig ist, das fühlt wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben -die Kraft, sich von ihr <em>loszulösen</em>. Fast bei <em>allen</em> Menschen, denen ich in diesem -Krieg nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres -wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten bewahren es -schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es anzuwenden, sie <em>wollen</em> es -auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen Furcht, es zu profanieren und eventuell -auch noch einzubüßen. In Deiner Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich -das Gewissen. Mir ist dies Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff. -</p> - -<p> -Ich las letzthin in Luthers Tischreden, — köstlich!! Er ist das schlagendste Beispiel -für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte des Menschen ist, aus der -alles geschieht; diese triebhafte Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, -ist bei Luther berückend stark und klar. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich wieder zu schicken, -da ich ihn gern * * * zum Lesen geben will; ich hab Dir heute in einem Paket -das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so dringend bald wieder haben -wolltest. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-19"> -24. I. 16. -</h3> - -<p> -L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die erwachende -Lebensfroheit wieder etwas heraus. -</p> - -<p> -— — — — — — -</p> - -<p> -Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, — ein strahlender Tag. Ich -sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, — Lothringen ist ja reich -an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich hab das Gefühl, daß alles Land, -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Wege, Häuser, Wälder so ganz vorübergehender Besitz sind, — ich verstehe die -Wanderer, die „Habenichtse aus Überzeugung“. -</p> - -<p> -Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt, daß die -alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als einwandfrei gegoltene Bestimmung -einer Sache nach seiner kubischen Dimension als wissenschaftlich unhaltbar -anzusehen sei, solange die vierte Dimension der <em>Zeit</em>, des <em>Zeitpunktes</em>, nicht noch -hinzugenommen wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz -mit einzustellen, — <em>wie</em> ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte Mathematik -über den Haufen. Man steht vor einem <span class="antiqua">novum</span>. Ich weiß nicht, ob Du -da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge sehr. Ich habe -in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast Algebraunterricht gegeben, bei dem ich -mir lauter solche Sachen allein ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau -so wenig <em>praktisches</em> Talent wie zur Musik. — — — — — — Über Deine -Stickerei hab ich immer noch nichts gehört. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — — —<br /> -Dein<br /> -Frz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-20"> -2. II. 16. -</h3> - -<p> -L., recht gefreut hab ich mich über * * *’s Meldung, daß wieder was verkauft -ist, das neue Schafbild — — — — und 2 Holzschnitte, also — — — — — Du -hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, — von mir kommen auch wieder -— — — in den nächsten Tagen; ich sende sie der Einfachheit halber <em>direkt an -Muttchen</em>, damit ja keine Schwierigkeiten mit dem Geldempfang entstehen. -</p> - -<p> -Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm’s nicht zu tragisch, wenn ich -Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja klug genug, die -Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch zu sehen. Ich dränge -aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer tapferen Fröhlichkeit trotz allen -Leides; solange das Blut in einem pocht, muß man an’s Leben glauben und sich -nicht mißtrauisch separieren; und Dein Wort: „ich kann nicht“ ist schließlich graduell -wie alles im Leben; etwas weniger — etwas mehr, — das ist das Geheimnis des -Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der <em>Stolz</em> muß im Menschen siegen -über alle Dinge, nicht die indische <em>Trauer</em>. -</p> - -<p> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) Krankheit -ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg nicht als solchen -angreifen und vertilgen möchte, sondern seine <em>Ursachen</em>. Der Mensch stirbt nicht -an der Krebswucherung, sondern an dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht -zu überwinden vermag. Auch darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, -sonst hinken sie eben. Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit, -den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer -Seele. — Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, sondern gegen -sich, und <em>sofort</em> damit anfangen. Nichts ist selbstverständlicher, strafgerechter als -dieser Krieg. Kein Mensch sieht das, — wenigstens keiner will’s <em>an sich</em> selbst -sehen. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-21"> -3. II. 16. -</h3> - -<p> -L., was magst Du bei * * *’s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß natürlich, -daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem gequälten leiblichen -Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und seinem Geist. Er leidet nicht, -um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu büßen sondern im Gegenteil sie zu -glorifizieren. Mich hat ja der Krieg das <em>erstere</em> gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, -kann wohl einen Gewinn und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit -einem neuen Welt-Verstand in’s Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist -wie * * * nach dem Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität -darstellen wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, wahrscheinlich -überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf den Krieg -als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, <em>auf sich selbst</em> zurückzugreifen, -— mit denen paktiere ich nicht. Du sagst ganz richtig, daß es so wenig -Menschen gibt, die <em>Konsequenzen</em> zu ziehen imstande sind, — darin liegt’s. — -</p> - -<p> -— — — — — — — — -</p> - -<p> -Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. — -ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer nicht am -<em>gegenwärtigen</em> Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr gut und scharf, -aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir nicht, darum kannst du das -Spezielle auch so schwer überwinden. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-22"> -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -4. II. 16. -</h3> - -<p> -L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über den Krieg -gesagt habe, (Krieg als natürliche <em>Folge</em> und insofern als gerechte, unausbleibliche -Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge im Leben sind so verkettet. -Man kann ja zweifellos auch fragen, worin sich denn eine Folge von einer -Ursache unterscheide, und ob nicht beide identisch sind oder zum mindesten gleich, -sodaß man sie auch vertauschen kann. Was sie voneinander <em>scheidet</em>, ist vielleicht -nur der Begriff der Zeit, die zwischen ihnen liegt, — und das nennt man fälschlich -„Unterschied“ und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr im -Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu „leiden“ als -an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das Leiden an den Ursachen. -In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß der Krieg für mich, für mein -Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit pochendem Herzen am Anfang der -Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen -Gedanken <em>kann</em> man warten ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu -werden an der Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine -Freunde wissen. „Meine Freunde“, — auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf -will ich unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der -Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu erkundigen, -was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir den Verlag der Jahrbücher -zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder heimgeschickt und will nun * * * -auf sie aufmerksam machen, kann mich aber des Verlags nicht entsinnen; es ist ein -mir unbekannter Name. -</p> - -<p> -Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen Nebelperiode -wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen Anzeichen steht -uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da — d. h. ich darf ordnungshalber -nichts darüber schreiben und will diese Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung -kann dich beruhigen. -</p> - -<p> -— — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-23"> -5. Februar 16. -</h3> - -<p> -L., ich las nochmals Deinen Bericht über — — — — — ich kann ihn mir einfach -nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so aufrichtig, -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung wurde, das der -Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der Krieg ist einer Ernüchterung -durch — — — — — zuvorgekommen. Daß Du Dich dort grenzenlos -einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch ich wäre nicht in der Stimmung, -die Gesellschaft <em>komisch</em> zu nehmen; man kann sich nur <em>fern</em>halten und <em>ohne -Ärger</em> schweigen; denn es geht mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im -großen: man soll nicht über einen Zustand, über das „Zustandekommen“ eines -Blödsinns schmähen oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis -blicken, auf eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn -stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch Gestaltete bleibt, -das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor sich, und was fröhlich bewußt -vor sich sieht, nicht trauernd nach allen Seiten oder wehklagend rückwärts. -</p> - -<p> -Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, den Du, -weil er „zu“ traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du keine Briefe, die Du mir -schreibst, zerreißen, — Du kannst an ihnen doch nur das Papier zerreißen, nicht -die „einmal gewesene und in alle Ewigkeit seiende Thatsache“ dieses Briefes, und -zweitens soll ein solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm -einen freudigeren Gegenbrief nachzujagen, — statt beides bleiben zu lassen. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-24"> -6. II. 16. -</h3> - -<p> -L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der „Wirklichkeit“ -verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem riesigen Heustadel -(schönes Atelier!) gestanden und habe auf Militärzeltplanen nach Walterchens -Ausdruck „9 <a id="corr-74"></a>Kandinsky’s“ gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, — die -„<em>Kunst</em>“ war bei dieser Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die -Überzeugung der anderen, — ich selbst hatte sonderbare Empfindungen dabei. Die -Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: Geschützstellungen gegen Fliegersicht und -Fliegerphotographie unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen -überdacht, die nach grob <a id="corr-75"></a>pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten -Naturschutzfarbe (<span class="antiqua">mimicry</span>) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen man zu -rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, — <em>sehr</em> viel tiefer geht -ein feindlicher Flieger nie. Die photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher -Höhe machen, werden zu Hause stark vergrößert, — dabei entdeckt man meistens -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -die eckigen Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen zugedeckt -sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild so verwirrt -und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die Division wird uns -einen Flieger stellen, der die Sache durch photographische Aufnahmen ausprobiert. -Ich bin neugierig, wie die Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen -bilden eine Entwicklung „von Monet bis Kandinsky“! -</p> - -<p> -Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja nichts, -was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine solche innere -Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts eigentlich ärgert oder gar -nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk. -</p> - -<p> -Jetzt ist schon der 6. Februar, — ein alter Kirchweihjahrestag! Ich erinnere -mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock und der blaue, -das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, — ich „rieche“ noch jene -Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und Kaulbachstraße! -</p> - -<p> -Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz unbestimmte -Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben wir die -Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-25"> -7. II. 16. -</h3> - -<p> -L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie Russl <em>weg</em>gibt, -an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie soll ihm dann ab -und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den guten alten Kerl eine kleine -Pension. Behalten soll sie ihn auf <em>keinen</em> Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit, -ihn in Pension zu geben, dann soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, — -besser, es geschieht, wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn -das letztemal so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit -ist. — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd schlechter Vaterlandsbazillen. -Ein dritter Winterfeldzug? <em>Glaub ich nie!</em> -</p> - -<p> -Das zu denken ist einfach <em>unorganisch</em>. Dieser Sommer entscheidet. Daß ich -je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich unwahrscheinlich. Der General -wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel Jüngere da. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-26"> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -7. II. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lina, -</p> - -<p> -meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht über den Russl und seine ewige -Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und über die gute Hanni. Zunächst lassen Sie -sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen für die Treue, mit der Sie die -Tiere und mein Haus versorgen. Ich weiß sehr gut, daß das gar nicht so leicht -ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehört. Aber die Hauptsache ist natürlich, daß -man dabei gesund bleibt und wird. So gern ich meinen alten weißen Russl habe, -so bin ich doch dafür, daß Sie ihn unter <em>allen Umständen</em> fortgeben, und zwar -wenn sich eine Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. -Ich will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern -Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann berechnen, -was er ihnen kostet. Sie können ihm ja ab und zu einen Leckerbissen bringen, daß -er Sie nicht ganz vergißt; findet sich aber niemand, der ihn in Kost nehmen kann, -bitten Sie Herrn Bauer in meinem Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel -den Schritt ins Jenseits zu erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwar -<em>sogleich</em> auf die eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einen -<em>guten</em> Platz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschießen. Aber <em>fortgeben</em> müssen -Sie ihn auf alle Fälle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal ordentlich aus. -Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn der Russl nicht mehr im -Garten ist. — Daß jetzt genug Futter für Hanni da ist, freut mich. Sorgen Sie -nur immer hübsch im <em>voraus</em> dafür, damit es nie ausgeht; und bringen Sie ihr -recht oft Haselnuß- und Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten -Gerbsäure, die für die Tiere sehr notwendig ist. -</p> - -<p> -Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe, — -ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich auch nicht. -Ich bin fest überzeugt, daß er in diesem Sommer zu Ende geht. Dann gibt’s -auch wieder vergnügtere Zeiten in Ried. -</p> - -<p> -Gute Besserung und herzlichen Gruß -</p> - -<p class="sign"> -Frz. Marc -</p> - -<p class="adr"> -<span class="antiqua">p. s.</span> -</p> - -<p> -Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Büchsen zurück. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-27"> -Nachschrift vom 8. II. -</h3> - -<p> -Mir geht immer noch mein Entschluß mit Russi im Kopf herum, — ich kann -aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl kränkelnd in der fernen Rehhütte, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -während der Welf scharwenzelnd ums Haus läuft; früher hat Russl doch -wenigstens mit seinen Blicken das Küchenfenster beherrscht. Und andrerseits der -schlechte Geruch, — das alles deutet auf einen <a id="corr-76"></a>kaputten Magen etc. hin. Glaub -mir: es ist das Beste für ihn, wenn er von einem zu traurigen Alter erlöst wird. -Ich schrieb es auch Maman. — Wenn Du wieder daheim bist und mußt es dann -schließlich doch selber anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir -auch. Ich werde ihn auf unsrer Hausthüre, <em>ihm</em> und <em>Hanni</em> ein Gedenkschild aus -Messing treiben. Ich weiß jetzt ganz genau, wie unsere Hausthüre einmal später -aussehen wird. Die alte muß weg. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-28"> -19. II. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Maman, -</p> - -<p> -ich weiß nicht, ob Du von meinen kleinen häuslichen Traurigkeiten gehört hast; -die gute kleine Hanni ist plötzlich eingegangen. Sie litt ja schon seit November an -einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere Beschwerden davon zu haben, — -nun ist sie ziemlich plötzlich, während Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben. -</p> - -<p> -Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persönlich viel tiefer berühren wird. Dein -guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem Bedenken mich doch -entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem kleinen Trimm) zu verkürzen. Im -November erschrak ich ja schon über sein Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen -Nahrung zum Skelett abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trübe -Augen. Lina hat ihn gewiß ordentlich gepflegt, auch während Marias Abwesenheit; -sie schrieb mir sehr nette ausführliche Berichte über ihn und Hanni; sie hat ihn -auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn für sehr alt und schwer nierenleidend -erklärte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die Hütte und der Platz wo -er war, floß immer in seinem Wasser; er hatte natürlich auch Würmer wie alle -kranken Tiere; nach dem allen fand ich es würdiger und mitleidiger, ihm seinen -Eingang in den Hundehimmel zu erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten -Tier, sind qualvoll und nicht zu heilen. Höchstens haben die Herrn Veterinäre noch -einen Gewinn davon, — der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme, -werd ich ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen, — vergessen wird der -eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie es scheint -und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als sehr ordentliches -Mädchen bewährt, hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Russl zu pflegen, -aber schließlich doch ohne Erfolg; er wurde immer hinfälliger und elender und der -Geruch immer schlimmer. -</p> - -<p> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer Stimmung. -Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so grundverschieden sie -auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen. Das kleine Waltherchen ist -jetzt schon 5 Jahre! Er soll <em>genau</em> wie sein Vater sein, fast unheimlich. An ihm -und an dem kleinen Wolfgang (3 Jahre) hat Lisbeth natürlich ihren größten -Trost. -</p> - -<p> -Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und natürlich -ziemlich viel zu thun. -</p> - -<p class="sign"> -— — — — —<br /> -— — — — -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-29"> -13. II. 16. -</h3> - -<p> -L., <a id="corr-77"></a>ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir sitzen und -manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung auf dem Couvert: -</p> - -<p class="adr"> -An Frl. Zenzi Duffner<br /> -zum Köpferl in der Wis<br /> -Post Miesbach -</p> - -<p> -und dergleichen. Und manches ist so reizend und rührend ausgedrückt; oder so -lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i ungemütlich. -Daß Niestlé diese Briefe nicht lesen kann! -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Heute erzählte jemand, daß wenn der deutsche Tagesbericht funkentelegraphisch -über ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft grob dazwischen diktiert: „ist -gelogen“, „Prahlerei“ usw. Ist das nicht unglaublich? Diese Vorstellung, daß -der Eiffelturm so dazwischenschimpft! -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen -Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir gleichzeitig. -Zu helfen war da natürlich nicht mehr. Sie ist wenigstens nicht allein -gestorben und hat die pflegenden Hände sicher wohltätig gespürt. Ich leg Dir -Linas Brief bei. Ob nur die Schwächung durch die Geburt und schwache Ernährung -schuld ist, möchte ich sehr bezweifeln. Wild <em>darf nicht</em> stark gefüttert werden; -Heu bekam es ja wohl, soviel es wollte. Schon die Drüsenanschwellung ist das -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Symptom irgendeiner inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik -endete. Ich kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches, -liebes Leben bei uns gehabt, — so denke ich auch nicht weh an Hanni zurück, — -und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, daß ihn Bauer unbedingt schmerzlos -in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im November war mir klar, daß er -an einer schweren Alterskrankheit leidet; Linas Brief schildert sie ja so gut, daß ich -mich sofort entschieden habe. Es wäre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen -Rehhüttchen und überhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn. -Halte Dir, wenn Du heimkommst und kein Lämmchen halten willst, ein Vögelchen. -</p> - -<p> -Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern das -Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern auszubeuten, -ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu geben, daß es zu -einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im Großen, der Bazillus und die -Krankheit sind für mich dasselbe. — Februar-Urlaub ist unmöglich; ich führe ja -noch immer die Kolonne ganz allein und kann nicht weg. -</p> - -<p> -Aber es geht mir famos. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-30"> -22. II. 16. -</h3> - -<p> -L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank für die köstliche Tunisaufnahme von -August, — wie besonnt und harmlos glücklich reitet da der gute schwere August -auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der Jünger <a id="corr-78"></a>Moilliet; im -Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner Malapparate in der Hand? ich freu -mich recht über diese kleine Aufnahme; sie zeigt denselben vergnügten August wie -wir ihn in Paris um uns hatten. -</p> - -<p> -Was Du von August’s hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich riesig. Freilich -erfüllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh über den Weggang -dieses Menschen; aber der jähe Weggang durch eine feindliche, fast möchte man -sagen: befreundete Kugel, — denn es war eine französische — scheint mir doch -nicht ungereimter als der Tod von M.’s Frau oder irgendein anderes, „natürliches“ -Unglück. Auch der Krieg ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer -thust, den Krieg gänzlich außerhalb des natürlichen Geschehens zu stellen. Die -Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so gut wie die -Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich <em>längst ganz vom Krieg -abgewendet</em>. Mein Wesen sucht allerdings nicht die Indifferenz von * * * -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -und * * * zu gewinnen, sondern ist nur ein für allemal <em>belehrt</em>, geheilt und -zurückgeschleudert von den Peripherien früherer Interessiertheit in’s alte verlassene -Zentrum der reinen <em>Funktion</em>. August ist diesem Zentrum von jeher näher gestanden; -er war keine ausgreifende, immer fragende, unerlöste Natur wie ich. -</p> - -<p> -Wie freut es mich, daß Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in Ried -vornimmst, — führ es wirklich durch und führ Dein Wesen ins Fruchtbare statt -in die Wüste des ewigen Jammerns und womöglich Hasses, <em>der nie was gutes -erzeugen kann</em>. -</p> - -<p> -Du willst später mehr Sachen von mir aufhängen? Meinethalben, — wenn -Dir dann nicht mein lebendiger Leib genügt! Was mich früher immer abgehalten -hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist eine scharf gefühlte — -Scham vor der eignen Produktion; dies Gefühl ist schwer erklärbar, — es geht -auf den Moment der Schöpfung zurück, in dem an Stelle des persönlichen Willens -der rätselhafte Zwang einer Eingebung trat. Ich weiß von so vielen und gerade -meinen stärkeren Sachen absolut nicht mehr <em>wie</em> sie entstanden sind; ich wundre -mich, daß ich sie gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblättern -meiner Skizzenbücher erschrecke ich zuweilen förmlich. -</p> - -<p> -Heut war ein strahlend schöner Tag, voll Anmut und Farbe und voll Heimweh! -Seid beide umarmt und lieb gegrüßt und geküßt von Eurem Frz. -</p> - -<p> -Empfiehl mich bitte bei den schön stickenden Müttern, — dies im Geiste August’s -Arbeiten ist rührend. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-31"> -17. II. 1916. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Maman. -</p> - -<p> -Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was -Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man’s ja an sich -erproben können, — eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst selten bietet, da -man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht sieht und zum mindesten an -sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege nie eingefallen, die Gefahr und den -Tod zu suchen wie ich es in früheren Jahren des öfteren gethan habe, — damals -ist der Tod mir ausgewichen, nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute -würde ich ihn sehr wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe -vor ihm, — nichts ist beruhigender als die Aussicht auf <em>Todesruhe</em> — sondern -weil ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes Sinnen -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille. Sonst aber -hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das <em>allen</em> Gemeinsame und führt -uns zurück in das normale „Sein“. Die Strecke zwischen Geburt und Tod ist der -Ausnahmezustand, in dem es viel zu fürchten und zu leiden gibt, — der einzige -wirkliche, konstante, philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand -vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz -unzulängliche „Ich-Bewußtsein“ wieder in seine wundervolle Ruhe vor der Geburt -zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun pantheistisch wie -Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im alten geistvollen Japan) oder -christlich wie Pascal ausdrückt, — das <em>Wesentliche</em> des Gedankens über Leben -und Tod ist immer dasselbe geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte -Verwaltung seines biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens -stören könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer schlecht -thut und wer nichts thut — der hat die Strafe schon im Leben davon, in seinem -Gewissen und in seiner — Todesfurcht. Diese Leute können das Leben nicht rein -genießen (so sehr sie sich auch den Anschein geben), weil sie viel zu viel Angst vor -dem Tode haben, der ihnen „alles“ nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis -strebt, dem kommt der Tod immer als Erlöser. -</p> - -<p> -Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war’s eigentlich nicht gemeint. -Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker nicht verdenken. -Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund wiedersehen! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-32"> -25. II. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -großer Reise- und Truppenbetrieb, aber bis jetzt ziemlich harmlos. Immer noch -im alten gleichen Zirkel; wir kleben an den alten Plätzen, als ob’s gar keinen andern -Kriegsschauplatz gäbe. Mir ist’s ja gleich, wo ich bin. Das Wetter ist auch schon -wieder mild. — Ich bin aber von unserm zehnstündigen Ritt so hundsmüde, daß -ich zu nichts anderem fähig bin als zum Schlafen. Hab auch gutes Zimmer und -Bett. Schlaf süß, mein liebes Lieb, mit Küssen und sehnsüchtigen Gedanken -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Fz. -</p> - -<p> -Gruß an Lisbeth und Walter. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-33"> -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -27. II. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage. Die ganzen -französischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen Wut und Gewalt -des deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen Begriff machen, der das -nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen Verfolgungstruppen. Die armen -Pferde! Aber einmal mußte dieser Moment ja kommen, in dem alles eingesetzt -wird; aber daß es gelang (und es wird sicher noch weiter gelingen) und zwar -gerade am <em>stärksten</em> Punkt der franz. Front: Verdun, — das hätte niemand geahnt, -das ist das <em>Unglaubliche</em>. Einliegendes Bild ist noch in Leiningen gemacht -St. und ich. -</p> - -<p class="sign"> -Mit Küssen<br /> -Dein<br /> -Fz. -</p> - -<p> -Ich bin sehr frisch und guter Dinge voll, Gruß an Lisbeth. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-34"> -28. II. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -es geht mir gut. Wetter leidlich. Wir sind freilich wieder zur Primitivität der -ersten Kriegswochen zurückgekehrt. Aber ich fühl mich ganz frisch und bin guter -Stimmung. Bleib’s Du auch. -</p> - -<p> -Grüße. In Liebe -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-35"> -29. II. 16. -</h3> - -<p> -L., eben habe ich eine ruhige Minute in einem französischen Unterstand um Dich -zu grüßen, was ich so hundertmal im Tage thue. Sei versichert, es geht mir -nicht schlecht. Es ist halt doch was anderes, als Offizier einen Bewegungsfeldzug -mitmachen wie ehemals als U.-Off.! Aber die Arbeit und Verantwortung ist natürlich -oft riesig. Wir sind jetzt zu zweit, Lt. M. und ich und haben doch zuweilen kaum -die Kraft, unsrer Riesenkolonne die innere Organisation zu erhalten. Ich kann -allerdings nicht leugnen, daß diese Arbeit, die viel moralische Kraft erfordert, für -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -mich nicht ohne Reiz ist. Solange der Manöverbetrieb in L. war, war es mir -oft innerlich sehr peinlich. Jetzt aber weiß man, wozu man Offizier ist und auf -seinem Posten steht. Über das Eine freu ich mich: daß meine Nerven von einer -wirklich erstaunlichen Unberührtheit sind. Von meiner Verwendung als Artilleriebeobachter -kann jetzt natürlich gar keine Rede sein, — Du brauchst Dich in keiner -Weise zu ängstigen. Ich bin neugierig wie diese ganze Operation noch hinausgeht, -— wir sind gänzlich ohne Nachrichten. Von München kam etwas Post, von -Dir leider nichts. Man muß sich gedulden. Ob Du wohl noch in Bonn bist? -Ich schreibe Dir gleichzeitig ein Kärtchen nach Ried für alle Fälle. Dieser tiefbeschämende -schmachvolle Krieg muß ja jetzt bald ein Ende nehmen. Ich bin ganz -vertrauensvoll. Mit Küssen und Streicheln -</p> - -<p class="sign"> -Dein guter alter<br /> -Franz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-36"> -29. II. 16. -</h3> - -<p> -L., ich schrieb Dir gleichzeitig nach Bonn, — ich hab von Dir lang keine Post -mehr bekommen. Ich kann Dir nur beruhigendes von mir berichten; ich fühl mich -körperlich sehr frisch und erhalte mir auch mitten in diesem Kriegsgetümmel mein -inneres Gleichgewicht. Immer kaut man an dem immer rätselvolleren Rätsel herum, -wie dieser Krieg nur möglich ist! Europäer! Es ist schrecklich. — Aber alle Dinge -haben ihr Ende, auch die schlechtesten und furchtbarsten. Man hat natürlich so -viel zu thun, daß an ein wirkliches Schreiben nicht zu denken ist. Nun kommt -schon bald richtiges Frühjahr nach Ried! Ich denke immer daran! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-37"> -2. III. 16. -</h3> - -<p> -L., gestern Abend kam Dein Kärtchen vom Rautenstrauchmuseum und Lisbeth’s -lieber Brief mit Deinem Zusatz. Es freut mich so, daß Ihr beide Euch zusammen -wohl fühlt und Anregungen austauscht. Laß mich nur wieder da sein, dann soll -das Leben schon wieder seinen alten Schimmer bekommen. Wir sind heraußen -wohl genau wie Ihr fiebrig gespannt auf den Ausgang dieses riesigen Kampfes, -den Worte nie werden schildern können. Ich zweifle keine Minute an dem Fall -von Verdun und dem darauffolgenden Einbruch in das Herz des Landes, wohl -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -von einem andern Platze. Aber wie furchtbar ist das! Ich bin wohlauf und verliere -meine gepanzerte Ruhe nicht. Seid beide und die Kinder vielmals herzlich gegrüßt -und Du tief geküßt von Deinem -</p> - -<p class="sign"> -tr.<br /> -Fr. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">p. S.</span> Wir sind heut Nacht wieder in festes Quartier gekommen, natürlich -Ruinen aber <em>völlig</em> außer Schießentfernung; Pferde zum erstenmal im Stall! -Dein Geburtstagsbrief ist gefunden! Denk Dir!! Auf welche Weise, schreibe ich -Dir noch! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-38"> -2. III. 16. -</h3> - -<p class="adr"> -L., -</p> - -<p> -ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem Wege -sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natürlich Postsperre. Wir stehen -natürlich mit in der Riesengeschichte im Westen, schauerlich und ungeheuerlich wie -es Worte nie werden schildern können. Ich führe mit Lt. M. zusammen unsre -Kolonne unter schwierigsten Umständen; aber es geht alles. Und gottlob geht es -bis jetzt auch gut. Wir sind 10 Kilom. durch die französische Front durch. Wir -hausen nachts in den französischen Unterständen. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch -(25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen. -</p> - -<p> -Ich selbst fühle mich wohl und frisch, — meine Nerven sind unberührt, daß ich -oft selbst staunen muß; Dinge, die mein eigentliches wahres Wesen nichts angehen, -berühren mich überhaupt nicht mehr. Jetzt ist übrigens der Moment gekommen, -in dem ab und zu ein gutes Päckchen (Schokol. Gilka, Stück Hartwurst u. dergl.) -hochwillkommen sein wird. Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich -zweifle nicht, daß Verdun fallen wird, — aber ob es dann gelingt, den grausamen -Stoß in’s Herz des armen Frankreich zu führen! Seit Tagen sehe ich nichts als -das Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können. -</p> - -<p> -Ich freute mich gestern über eine Karte von Dir und Lisbeth’s Brief, in dem -Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend für mich, Euch jetzt beisammen zu -wissen und zu hören, daß Ihr Beide Euch Menschliches und Künstlerisches zu sagen -habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich komme Dir wieder. — Der Krieg -geht in diesem Jahr zu Ende. -</p> - -<p> -Ich muß schließen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht fort. -Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und laß Dich küssen und laß uns in -Gedanken immer beisammen sein. Grüß Lisbeth und die Kinder. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-3-39"> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -4. III. 16. -</h3> - -<p> -L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in Maxstadt -(Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte ihn doch, -trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden! Ich hab mich -schon ein bißchen geschämt aber auch doppelt gefreut, daß ich ihn nun doch habe: -Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in mein -unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen -schaudervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser -Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist. -Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib und -alles was mir gehört, zu mir gehört! -</p> - -<p> -Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten Schloßbesitz, -über den die ehemalige französische Frontlinie ging. Als Bett hab ich einen -Hasenstall auf den Rücken gelegt, das Gitter weg und mit Heu ausgefüllt und so -in ein noch regensicheres Zimmer gestellt! Natürlich hab ich genug Decken und -Kissen dabei, so daß sich ganz gut drin schläft. Sorg Dich nicht, ich komm schon -durch, auch gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank -viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief! -</p> - -<p class="sign"> -— — —<br /> -— -</p> - -<p class="end"> -Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen! -</p> - -<div class="part"> -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Aufzeichnungen -</h2> - -</div> - -<h3 class="writings pbb" id="chapter-4-1"> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich -1911-12. -</h3> - -<p> -Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie sich -wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt? -oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, seelenlos ist unsre Konvention, -Tiere in eine Landschaft zu setzen, die unsern Augen zugehört statt uns in -die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bildkreis zu erraten. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine Kristallisationskraft zu -prüfen. -</p> - -<p> -<a id="corr-81"></a>Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem -wir Maler uns bewegen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf -er liegt? -</p> - -<p> -Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das -Problem auf „Kugel und Fläche“ stellt, so fällt der Begriff Apfel im Ernste weg; -man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns wundervolle Maler heute -entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den schönen Apfel malen wollen? oder -das Reh im Wald? oder die Eiche? -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es irgendwelchen -vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu malen, wie es unsrer -Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil wir die Welt kubistisch fühlen? -</p> - -<p> -Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als „Reh“, -die Landschaft muß also „Reh“ sein. Das ist ihr Prädikat. Die künstlerische -Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, <a id="corr-82"></a>Burljuk etc. ist vollkommen und einwandfrei; -sie „sehen“ das Reh gar nicht und kümmern sich nicht darum; sie gaben „ihre“ -innerliche Welt, — das Subjekt im Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das -Schwerste, im Grunde auch das Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das -Wichtigste in einem Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. -Das Objekt ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert. -Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann aber -auch ein Bild malen wollen: „Das Reh fühlt“. -</p> - -<p> -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die Ägypter -haben es gemacht. Die „Rose“. Manet hat sie gemalt. Die Rose „blüht“, -wer hat das „Blühen“ der Rose gemalt? Die Inder. Das <em>Prädikat</em>. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man gelehrt -wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit gebe ich seine äußere -Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt, nichts weiter und kann es gut oder -schlecht machen. Ich kann aber auch den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn -sehe, sondern was der Kubus ist, sein Prädikat. -</p> - -<p> -Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das Subjekt, -sondern von dem Raum etwas „ausgesagt haben“, das Prädikat des Subjekts gegeben -haben. -</p> - -<p> -Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die sogenannte -tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu -geben, bleibt ungelöstes Problem. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum Schemen, um -zur großen künstlerischen Form zu kommen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer kubischen -Form malt? (im Themastil der Musiker). -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p> -Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende -Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten Schluß ziehen, -ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen Sachen. Die Sache liegt -vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein eigenes Schaffen mich zum Nachdenken -zwingt und diese Zeilen hervorruft. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="hdrleft"> -Das Groteske: -</p> - -<p> -aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat das -Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt, wie -Märchen. -</p> - -<p> -Größer ist die <em>naive Darstellung</em>, die die Wirkung des Grotesken (das oft -ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht. -</p> - -<h3 class="writings unwrap pbb" id="chapter-4-2"> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -1912?<br /> -Einzelne Blätter. -</h3> - -<h4 class="no" id="subchap-4-2-1"> -3. -</h4> - -<p> -Was wir unter „abstrakter Kunst“ verstehen. -</p> - -<p> -Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das <a id="corr-83"></a>Existierende ist -Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt unsre vom Weltbild erregte -Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen. Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler -stellte die Welt künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie -wollte; der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich befruchten; -er hat auch erreicht was er wollte, — er hat aber auch alles dafür hingegeben, -alles hat er dem einen Ziel geopfert: den Homunculus zu konstruieren, die Kraft -durch das Präparat zu ersetzen, Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer -nach. Selbst die Kunst zwang er zu Handlangerdiensten. -</p> - -<p> -Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch nicht -lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der „anderen Seite“, auf der Seite -der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können und das Wissen -tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins redet der Edle nicht. Nur -das Eine muß geschehen: die Befreiung der Kunst aus ihrer Maskierung. Die -Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden -zu dienen. -</p> - -<p> -Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein. Die Kunst -wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir werden nicht -mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern -<em>wie sie wirklich sind</em>, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr -absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen; es wird uns -soweit gelingen, als es uns gelingt, die traditionelle „Logik“ von Jahrtausenden -beim künstlerischen Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist -<a id="corr-84"></a>alogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; -sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie getrübt von -Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an sich fehlte, wir -wollen ihn aufrichten: er lebt auf der „anderen Seite“. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-2-2"> -4. -</h4> - -<p> -Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu beziehen -und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das ist vorbei, muß -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, — oh des glücklichen Tages! — -vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat <em>seine</em> Formen, seine Formel, die nicht -wir erfinden, die wir nicht mit unsern plumpen Händen abtasten können, sondern -die wir intuitiv in dem Grade fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird -immer Stückwerk bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, — -aber glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb -suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind -hinter dem Schein? -</p> - -<h4 class="no unwrap" id="subchap-4-2-3"> -5.<br /> -Die absolute Malerei. -</h4> - -<p> -Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir dazwischen -sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir nicht -die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden, je deutlicher -wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung vorhalten? Der Schein ist ewig -flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, ganz aus eurem Geiste weg, — denkt euch -fort samt eurem Weltbild, — die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und -wir Künstler ahnen diese Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der -Welt zu sehen und in Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-2-4"> -Grenzen der Kunst. -</h4> - -<p> -— — — Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen Dichter; -wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum durchgesetzt, daß bei ihnen -der Mond in die Zimmer spazieren darf; man darf sogar eine Sonne im Herzen -tragen, Sterne herunterholen usw. Aber lassen Sie einmal einen Maler den -Mond in einer Stube aufhängen oder auf den Tisch legen usw. Manches ist -auf Verordnungswegen erlaubt worden, z. B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber -man muß das Patent „Pegasus“ darunter schreiben. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-2-5"> -Religiöses. -</h4> - -<p> -Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen. -Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie -könnten <em>alles</em> daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine große und -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto künstlerischer war, je religiöser -sie gewesen (und umso künstlicher, je unreligiöser die Zeit war). Auch haben die -vollkommen recht, die sagen, daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und -technischen Zeit unvereinbar ist, — nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß -die Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik zu -kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der Taumel über -unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird wieder zum großen Gott, -ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden wiederkommen; neue Symbole -und Legenden werden in unsre erschütterten Herzen einziehen. -</p> - -<p> -Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über den -Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas Beschränkteres und -Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle Religionen überwunden zu -haben? Das glauben sie nämlich, die „guten Mitteleuropäer“. Auf was stützen -sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen. Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die -nicht schlechteste Imitation vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat -an dem der Geist verhungert. Eisenbahn — die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine, -— kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A -nach B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil höchst -plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer gesamten modernen -Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten, <em>Geist zu sparen</em>. Wer -mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen Verkehrsstörung in Haft genommen -oder überfahren. Es wird aber eine Zeit kommen, in Bälde, da wird -man unsre ganze Technik und Wissenschaft grenzenlos langweilig finden; man wird -sie <em>vollkommen liegen</em> lassen, ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, -weil man mit geistigen Gütern handeln wird. -</p> - -<h3 class="writings unwrap pbb" id="chapter-4-3"> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.<br /> -Geschrieben Anfang 1915 im Felde. -</h3> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-1"> -1. -</h4> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und Wahrheit. -Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß wir -im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die Maske der -Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, — was besagt das -gegen die innere Bestimmtheit der Dinge? -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-2"> -9. -</h4> - -<p> -Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf -gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich verstopfte -mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu sehen. Alle Zeichen -des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht blendete mich, wohin ich mich wandte. -Der Denker meidet das Gesicht der Dinge, da sie niemals das sind, was sie -scheinen. -</p> - -<p> -Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das erreichen, was -sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal, wie sie alle beteuern! Aber -ein geheimes, ihrem Wissen und Willen fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute -und brach aus „wider Willen“. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-3"> -15. -</h4> - -<p> -Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich verheimlichten -Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und 20. Jahrhunderts -zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen Wissenschaft von den Gesetzen -der Natur auf ihren Schleichwegen folgte. -</p> - -<p> -Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer Menschlichkeit -am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen, um heute endlich -die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren. -</p> - -<p> -Alles, das Größte ist heute in den Anfängen. -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-4"> -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -23. -</h4> - -<p> -Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung des -Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen und Müden -einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille bestimmt das weiße -Schicksal. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-5"> -25. -</h4> - -<p> -Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern -und unerhörten Klängen leben. -</p> - -<p> -Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen als eine -Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den Demagogen, die -sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und die Welt hat Zeit. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-6"> -30. -</h4> - -<p> -Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen die -Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches, Unmögliches -Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo ein Bedürfnis, eine -Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon keine Kunst mehr, keinen Willen -zur Form mehr. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-7"> -31. -</h4> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen, nicht -von Traditionen leben. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-8"> -32. -</h4> - -<p> -Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den Fels, -auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten in der Tradition; -sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr dauerhaft erwiesen. Die -großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im Nebel der Vergangenheit, sondern -loten nach dem wirklichen, tiefsten Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können -sie ihre Formen aufrichten. -</p> - -<p> -Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische Vorstellung -des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar wie der Schwerpunkt; -sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der Oberfläche, niemals im Vordergrund. -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt, sondern das Primäre, -der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt: das „Wissen um das Heil“, -das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der „Kultur“ vorausgeht. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-9"> -35. -</h4> - -<p> -Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, — die wenigen Europäer, -die es erst geben wird, — der große Schmerz seiner Gestaltlosigkeit überfallen -wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre Arme recken und Formsucher sein. Sie -werden die neue Form nicht in der Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, -in der stilisierten Fassade der Natur, sondern die Form von innen herausbauen -nach ihrem neuen Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung -in Weltdurchschauung verwandelt hat. -</p> - -<p> -Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen Überzeugung -sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere Wahrheit. Sie -ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung, Formumgestaltung zu -bringen, die die Welt erlebt hat. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-10"> -38. -</h4> - -<p> -Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um die Bedeutung -der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen Zeit bis heute -geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen dem Gestern und Morgen. -Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die Handlanger der Moderne mit skrupelloser -Hurtigkeit ziehen wollen um ihre Jenseitigkeit zu zeigen, — wahrscheinlich, um sie -nicht zu verpassen, da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet. -</p> - -<p> -Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen Kurven -vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch weiter vor in -Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind. -</p> - -<p> -Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein Ärgernis -zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben und noch lange -leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und an seiner Würde, -mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir seine Zukunftsart. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-11"> -39. -</h4> - -<p> -Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen läßt -und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie wie Alchimisten -Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren ihr „Vermögen“ -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das naive Vermögen, -eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-12"> -45. -</h4> - -<p> -Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch ein -Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen Gesetzes statt der geheimnisvollen -vielen, die heute für unser Auge die „neue Buntheit der Welt“ ausmachen. -</p> - -<p> -Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz, eine -Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und Einsichtskraft -ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und Energienlehre oder die getrennte -Betrachtung der Schwingungsgesetze. -</p> - -<p> -Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, — wir -werden sie mit voller Sicherheit finden — werden wir vielleicht das dritte Gesicht -haben. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-13"> -55. -</h4> - -<p> -Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem „Jenseits“ -zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch in die Formen der sichtbaren -Welt. Heute träumen wir nicht mehr eingeengt von den Dingen, sondern -verneinen sie, da unser Wissen zu jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen. -</p> - -<p> -Gott kam einst in einer Krippe „zur Welt“. Heute steht sie leer. Wir suchen -die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären, in gesetzlichen -Formen sichtbar gewordenen Natur. -</p> - -<p> -Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische Kraft -wandeln. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-14"> -70. -</h4> - -<p> -Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres Geistes. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-15"> -78. -</h4> - -<p> -An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das religiöse -Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird zweifellos tiefliegende -Analogien mit der Kunst längstvergangener, primitiver Zeiten haben, freilich ohne -die formalistische Annäherung an diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Ebenso zweifellos wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die -ihrerseits wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im Parallelismus -des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer Zeit. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-16"> -79. -</h4> - -<p> -Den Menschen graut vor Leichen und Moder, — warum thut er so vertraut -und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die einfachsten Vorsichten -und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung und Seuche im geistigen Leben -sind uns bekannt; die medizinischen Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur -„ihre“ Bazillen. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-17"> -80. -</h4> - -<p> -Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und Bazillenträger wie -das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das Paradigma des Geistes ist. -</p> - -<p> -Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der Ansteckungsgefahr, -die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft anhaften soll, ein vielgeglaubter -Satz der zurückstehenden, murmelnden Menge. Man frägt die Mediziner -nicht einmal, wie unmöglich dieses sei und wie gewiß sein Gegenteil. -</p> - -<p> -Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist Gefahr. -Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist verseucht und erkrankt. -</p> - -<p> -Wer lebt heute zwischen frischen Dingen? -</p> - -<p> -Was ist <em>Reinheit</em>? -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-18"> -82. -</h4> - -<p> -Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es -untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das Blau der -flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte Auftauchen an einem andern -Ort, — erkennt, meine Freunde, was Bilder sind: das Auftauchen an einem andern -Ort. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-19"> -83. -</h4> - -<p> -Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz. -</p> - -<p> -Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen. -</p> - -<p> -Das Aufblühen des Unbekannten. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-20"> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -85. -</h4> - -<p> -Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz einmal, -ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen Pochen wieder langsam -aufzuhämmern der Zukunft entgegen. -</p> - -<p> -Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit. -</p> - -<p> -Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig? -</p> - -<p> -Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg -nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-21"> -87. -</h4> - -<p> -Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine hohle -Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen gelebt haben, -die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte liebten wie wir. -</p> - -<p> -In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht -uns mit seltsamen Augen an. -</p> - -<p> -Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten möglich? -Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen Möglichkeiten des abstrakten -Denkens? -</p> - -<p> -Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als unsre -höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des <em>sentimentalen -Geistes</em>. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen noch nicht begegnet, -als er das Abstrakte liebte. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-22"> -89. -</h4> - -<p> -So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche Sehen, -als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als hysterische Erkrankung -und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens. -</p> - -<p> -Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen alternd dieser -Krankheit. -</p> - -<p> -Der Europäer als Arzt und Wiederverkünder alter Wahrheit — -</p> - -<p> -Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-4-3-23"> -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -90. -</h4> - -<p> -Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben kann, unter -keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten. -</p> - -<p> -Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht. -</p> - -<p> -Ich singe mit Mombert: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,</p> - <p class="verse">Einen einzigen!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="part"> -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Briefe an Frau Lisbeth Macke -</h2> - -</div> - -<h3 class="date pbb" id="chapter-5-1"> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 23. X. 1914. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebste Freundin, -</p> - -<p> -gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon schreibt -mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren haben. Ich bin -so traurig und beklommen davon, daß Du es August’s und Deinem Freunde -schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte nicht mehr schreibe, als daß -ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn trauern werde, so lange ich noch -lebe und male! Vergiß uns, Maria und mich, nicht über dem Leid. Wir haben -ein Häuschen und möchten Kinder sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du -nur magst. Was Dir die Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein — aber -das andere, was Dir und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet -hat, die Malerei von August, das Erbe seiner Ideen — dies Leben sollst Du bei -uns weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen -streicheln von -</p> - -<p class="sign"> -Deinem treuen Franz -</p> - -<p> -Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut? -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-2"> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 5. XI. 1914. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht „nichts-sagende“ Zeilen lieb -sind — aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es nur, um Dir ein -bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine traurige Karte mit der ungewissen -Nachricht über den armen August, ich wußte inzwischen schon durch Maria und -Koehler, daß doch noch eine kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, — -möchte es doch sein! An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube -ich absolut nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang -des Krieges herrschte — übrigens auch bei uns, ich war in <span class="antiqua">Saales</span> selbst Zeuge — -ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen, männlicheren Überlegung -gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders sein. Der Postverkehr ist andrerseits -so gänzlich abgeschnitten, daß er vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, -vor allem, wenn er in einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer -noch ein bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin. -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Ich denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben, gemeinsamen -Erinnerungen, an August’s Atelier und was aus unsrer Freundschaft und gemeinsamen -Arbeit noch hätte werden können! -</p> - -<p> -Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben Buben -von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir den Abschied -von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige Gedanke, daß ich sie ganz -allein zurücklasse, wenn ich nicht wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. -Im Felde fürchtet man den Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht -zwischen all dem fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke, -kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt, zurückzulassen, -ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im allgemeinen wenig -exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht zurückzukehren; aber ebenso felsenfest -hab ich an August’s Stern geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß -man verzweifeln möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert -als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen -ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer fühle, was -ich und wir alle an ihm verlieren würden. — -</p> - -<p> -Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor allem -unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den Vogesenkämpfen -kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen; ich hab viel ruhige -Stunden für mich und arbeite für mich an meinen Gedanken, die der Krieg in -ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich finden, mit dem ich über das -alles reden kann, wenn ich August nicht mehr habe? Du kannst es mit noch -größerem Recht sagen, aber was Dir Freunde sein können, das sollst und wirst -Du an uns finden. Grüße Deinen lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich -riesig, daß er sich wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen -und laß Dir einen Freundeskuß geben von Deinem treuen -</p> - -<p class="sign"> -Franz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-3"> -Bertschweiler, Südvogesen<br /> -7. I. 1915 -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22. XII. hab -ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von Koehler, der mir von -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -seinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und auch die näheren Umstände -von August’s Tode schilderte. Nun sind wir wirklich allein, ohne unseren August, -Du und Koehler und ich, und mit uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand -geben in seinem Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben -davon umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei. -Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig helfen. -Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder bei uns -in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie nicht geben kann. -Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen, kannst Du mir schon glauben, -vor allem auch für die Kinder. Und von Dir möchte ich noch viel über August -hören und erfahren, vor allem über seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, -als wenn schon bald Friede wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere -Geschütze! Wir sind seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen). -Statt des erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze -Weihnachtsnacht am Pferd! -</p> - -<p> -Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im Westen. -Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere! -</p> - -<p> -Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt ihn -ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als Infanterist doppelt -und zehnfach. -</p> - -<p> -Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine Photographie -von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten unaufgezogen). Koehler -schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August. Gib Walterchen und dem Kleinen -einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du auch einen von Deinem treuen -</p> - -<p class="sign"> -Franz Marc. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-4"> -29. I. 1915. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im Ganzen -und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar die Hand drücken -möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide weiß, das Dein Leben -für immer in das Schicksal dieses Krieges verflochten hat. Ich liebe heute alle -Menschen, deren Herzen mit unserm Leben und mit dem Schicksalswillen dieses -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Krieges mitzittern. Es gibt merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles -meiden, was ihre Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die „Neutralen“ im -Lande! -</p> - -<p> -Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und Verehrung -herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem melancholischen <span class="antiqua">Hagéville</span> geschrieben -habe. Deine Idee, ihn neben dem Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist -sehr glücklich. Ein solcher Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen -Kunstpolemik vor dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck -in „Kunst und Künstler“ habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, -wo Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K. -gerne einverstanden bin, — vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall die Korrespondenz -mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir und unserm -Freundeskreis von August’s Wert und unserer gemeinsamen Liebe erzählen soll. -</p> - -<p> -Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht -mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas über -ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von seinem Besuch -bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn, er leidet furchtbar -unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich denke auch daran, wie wehmütig -mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen machen würde und doch möchte -ich so gern einmal, noch einmal August’s Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und -den kleinen Wolfgang kennen lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und -wie wird es dann in Europa aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme -nicht mehr ganz als derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im -Sturm durchschüttelt. -</p> - -<p> -Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß melancholisch und -ernst drein — so verändern sich die Dinge!! -</p> - -<p> -Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten und -wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze Familie; wenn Du -einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen kameradschaftlichen Gruß von -mir bei. — -</p> - -<p> -Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung -Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé’schen Mädchen — auf solche köstlichen -Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich! -</p> - -<p class="sign"> -Von Herzen Dein Franz Marc. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-5"> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -22. II. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria -schrieb mir, daß sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die Geschichte -mit Herrn Scheffler so <a id="corr-86"></a>komplett vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar -wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir und der Redaktion bestehe. -Jetzt erinnerte ich mich plötzlich an alles, und wundere mich auch nicht über die -Anfrage. <span class="antiqua">Vive la bagatelle!</span> Meine Gedanken sind heute wo ganz anders — es -ist alles so lange lange her, als wären’s Jahre. -</p> - -<p> -Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam dann -Dein gutes Schokoladepaketchen, schönen Dank! Bleibt alle gesund, Ihr lieben -Drei. Mit herzlichem Händedruck -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Franz Marc. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-6"> -12. V. 1915. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an -August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm Ritt -am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte mich in der -Gartenwirtschaft am Bahnhof aus — da mußte ich so an Euch denken. Ich blieb -dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas schweren Herzens zurück. -Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der mir so deutsch und heimisch -schien. Es kostete mich wirklich einen Entschluß wieder über den Rhein zurück nach -Westen zu reiten! Wann werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren -dürfen?! Daß Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich -nicht sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge — auch eine -Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen und fremden -Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches andere, ich glaube, -Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn Du mit den Kindern die -Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen Besuch allein machst, wirst Du -Maria und mir auch eine große Freude machen; und ich hoffe so sehr, daß er -für Dich selbst eine kleine seelische Erholung wäre —. -</p> - -<p> -Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff * * * ist lustig; ich wunderte mich -selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht anders verstehen; -wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei * * *. Ich kann Dir schwer -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -raten in dieser Sache. Außer * * * käme eine Wanderausstellung durch die Kunstvereine -in Betracht. Dafür müßte sich von vornherein eine richtige und gewichtige -Persönlichkeit einsetzen; vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung -könnte trotzdem die Bezeichnung „Von seinen Freunden veranstaltet“ tragen. -Ich schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht in -Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die Koehlergalerie, als -Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz glücklich — es würden zu wenige -hingehen. Ich schlug schon einmal Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August’s -Kunst in seiner Galerie einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und -Sorgfalt ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und dergleichen, -Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches Zimmer würde die -Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und ein dauerndes Denkmal für August -sein. Aber die geplante Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, -ist kein glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die Räumlichkeiten -von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein unverschämtes Geld -kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache stehen würde. Ich geb -Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die freudige und gesammelte Stimmung -für ein solches Unternehmen. August’s Bilder bleiben immer jung, — nichts, was -Wert hat, hat Eile; im Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer -besser. -</p> - -<p> -Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen -Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle herzlich gegrüßt, -auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und W. Gerhardt -mit Frau. -</p> - -<p class="sign"> -Dein Franz Marc. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-7"> -6. VIII. 1915. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer Abschied -genommen hast — rückte er damals gleich ab? Und nun liegt Helmuth verwundet -— hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige Tage nach seiner -Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div. Westen; ich schrieb ihm sofort -wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine Antwort, was mich etwas beunruhigt. -Es war ein Granatsplitter im Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, -die glücklich verlaufen sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt -sein Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig, wenn -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth weißt und -besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar ist. Es ist ja auch -die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch allen; wo ist Dein Bruder? -Grüß alle von mir und laß Dir die Hand drücken -</p> - -<p class="sign"> -von Deinem<br /> -Franz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-8"> -5. X. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -Meine liebe, gute Lisbeth, -</p> - -<p> -wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin sehr -schreibeunlustig geworden — die Welt, die Arbeit und die Liebe, alles rückt so -traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich schrieb in den letzten -Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter, aber meine Gedanken irren -eigentlich in einem nirgendwo, unstät, unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; -und was mir diesen Zustand besonders unheimlich macht: ich werde ein immer -besserer — Soldat! Ich kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges -Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir -Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und Kinderleben! — -Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in gefährlichster Nähe der -großen Offensive. Ich selbst kann über nichts klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter -und werde in Bälde Offizier sein; das erleichtert natürlich mein Leben -äußerlich sehr, aber die geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch -nur noch „dicker“. Dabei „genieße“ ich den unbestrittenen Ruf eines „vorzüglichen“ -Soldaten. Ich bin es sogar. — Das ist das Groteske meines jetzigen Lebens. -</p> - -<p> -Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes, ruhigeres zu -sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und Wolfgängchen auf den -Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch solche Zeiten wieder, nach -diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs, dem wir uns ergeben haben. Wie -haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du -Ärmste hast das größte Opfer gebracht, — Deine Ruhe kann ich verstehen — aber -so viele andere?? Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen -wie gut ich sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg -aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich -bin zu keinem anderen fähig. -</p> - -<p> -Mit herzlichem Händedruck -</p> - -<p class="sign"> -Dein Franz. -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-9"> -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -23. XII. 15. -</h3> - -<p class="adr"> -Liebe Lisbeth, -</p> - -<p> -was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank für -alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und Sendungen spricht. -Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr Qual und Wehmut bringen -als Freude, — wenn Dir nicht die strahlenden Gesichter von Walterchen und Wolfgang -alles Weh überstrahlen. Ich habe zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen -beiden kleinen Buben, ähnlich wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem -Urlaub kürzlich so gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in -der Hand, das manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine -Photographie von Walterchen und Wolfgang — ich war ganz ergriffen von der -Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft klein ist zur -Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es werden schon wieder gute -Stunden kommen, in denen wir um den runden Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder -pinseln — dann muß eben Walterchen auf August’s Stuhl sitzen und mitmachen. -</p> - -<p> -Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu -kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt gar nicht -besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden und ihr wenigstens -diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber vielleicht hält sie auch anderes zurück, — -die Sorge das Haus zu lang allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir -keine aufmunternde und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch -und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich besucht, -aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich heute schon: -daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg zuweilen bei uns sehen! -</p> - -<p> -Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich ziehen sie -andere nach sich, wie es doch meist ist. -</p> - -<p> -Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat zurückgezogen -worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz gemütliches Weihnachten -richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich von mir; gib Walter und Wolfgang -einen Kuß von ihrem Onkel. In herzlicher Liebe -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Franz Marc. -</p> - -<p> -Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos grauenvolle -Jetzt! -</p> - -<h3 class="date" id="chapter-5-10"> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -<span class="antiqua">Hagéville</span>, 25. X. 14. -</h3> - -<p class="hdr"> -<em>August Macke</em> †. -</p> - -<p> -Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen abfordert, -bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung. -</p> - -<p> -Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter Siegesklängen -den Verlust. -</p> - -<p> -Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt in -der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten hinter den -Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht sehen; denn die -Gesundheit des Ganzen will es so. -</p> - -<p> -Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das -grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in denen der -Quell des Leides nur mehr langsam rinnt. -</p> - -<p> -Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder tötlichen Kugel -das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt und verschiebt. Im Kriege -sind wir alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen <em>Unersetzlichen</em>. -Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, -ein Auge blind gemacht. Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser -grausame Krieg unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge -Geist mag gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in -sich trug. -</p> - -<p> -Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! — -</p> - -<p class="center"> -August Macke, der „junge Macke“ ist tot. -</p> - -<p> -Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche Kunst gesorgt -hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte, der kannte Macke. -Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir wußten, welche heimliche Zukunft -dieser geniale Mensch in sich trug. Mit seinem Tode knickt eine der schönsten -und kühnsten Kurven unsrer deutschen, künstlerischen Entwicklung jäh ab; keiner -von uns ist imstande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo -wir uns begegnen werden, wird er immer fehlen. -</p> - -<p> -Wir Maler wissen gut, daß mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die <em>Farbe</em> -in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und einen stumpferen, -trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten -und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war. Gewiß -ahnt das Deutschland von heute nicht, was alles es diesem jungen, toten Maler -schon verdankt, wieviel er gewirkt und wieviel ihm geglückt ist. Alles, was seine -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -geschickten Hände anfaßten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie -und am meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog. -Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach außen gesät, -wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, daß sie nicht -heimlich bleibt. -</p> - -<p> -Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige Krieg -ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen Helden ärmer -geworden. -</p> - -<p class="sign"> -Franz Marc. -</p> - -<p class="imp"> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Das -Buch enthält -Franz Marcs Briefe -aus dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen -und Aphorismen. -Der Tafelband stellt die originalgetreue -Wiedergabe des letzten Skizzenbuches aus dem -Felde in Lichtdruck dar. Der Textband der vorliegenden -Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der Offizin W. Drugulin -in Leipzig gedruckt. Er enthält, gleichfalls in Lichtdruck, eine farbige -Beilage nach dem Aquarell „Tierschicksale“ von Franz -Marc. Eine Vorzugsausgabe mit weiteren fünf farbigen -Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz -Marc wurde in 320 in der Presse numerierten -Exemplaren, von denen 300 -in den Handel kommen, auf -Büttenpapier gedruckt -und in Halbleder -gebunden -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend -normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden -Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich -den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist. -</p> - -<p> -Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische -Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen -des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft, -Garnisondienst) wurden unverändert übernommen. -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, <span class="underline">bonc</span>-aigle, Bock-Adler, ...<br /> -... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, <a href="#corr-6"><span class="underline">bouc</span></a>-aigle, Bock-Adler, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Mazola</span>. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger ...<br /> -... <a href="#corr-7"><span class="underline">Mazzola</span></a>. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger ...<br /> -</li> - -<li> -... L...., bin heute bis <span class="underline">Corze</span> gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager ...<br /> -... L...., bin heute bis <a href="#corr-9"><span class="underline">Gorze</span></a> gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager ...<br /> -</li> - -<li> -... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. <span class="underline">Corze</span> ...<br /> -... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. <a href="#corr-10"><span class="underline">Gorze</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Liebe M., <span class="underline">Heute</span> früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie ...<br /> -... Liebe M., <a href="#corr-14"><span class="underline">heute</span></a> früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">heut</span> über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war ...<br /> -... <a href="#corr-34"><span class="underline">Heut</span></a> über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war ...<br /> -</li> - -<li> -... beweist mir an einem kleinen Beispiel, <span class="underline">das</span> ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer ...<br /> -... beweist mir an einem kleinen Beispiel, <a href="#corr-38"><span class="underline">daß</span></a> ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer ...<br /> -</li> - -<li> -... — — Um mich lege die Sorge wirklich ein <span class="underline">bischen</span> ab. Mein verändertes ...<br /> -... — — Um mich lege die Sorge wirklich ein <a href="#corr-41"><span class="underline">bißchen</span></a> ab. Mein verändertes ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">inzwischen</span> sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe ...<br /> -... <a href="#corr-42"><span class="underline">Inzwischen</span></a> sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe ...<br /> -</li> - -<li> -... verliere, daß dies alles für mich nicht <span class="underline">Wesentlich</span> ist, nur Wege, Spaziergänge ...<br /> -... verliere, daß dies alles für mich nicht <a href="#corr-43"><span class="underline">wesentlich</span></a> ist, nur Wege, Spaziergänge ...<br /> -</li> - -<li> -... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächst<span class="underline">bestem</span> christliche ...<br /> -... wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächst<a href="#corr-45"><span class="underline">besten</span></a> christliche ...<br /> -</li> - -<li> -... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und <span class="underline">Hatonchâtel</span> und ...<br /> -... Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und <a href="#corr-51"><span class="underline">Hattonchâtel</span></a> und ...<br /> -</li> - -<li> -... sein; bei diesem elenden Wetter, — <span class="underline">Hautmont</span> schwimmt schier weg — wäre es ...<br /> -... sein; bei diesem elenden Wetter, — <a href="#corr-56"><span class="underline">Haumont</span></a> schwimmt schier weg — wäre es ...<br /> -</li> - -<li> -... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke sub<span class="underline">sumiert</span> unter das Unwesentliche ...<br /> -... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke sub<a href="#corr-57"><span class="underline">summiert</span></a> unter das Unwesentliche ...<br /> -</li> - -<li> -... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachts<span class="underline">packetchen</span> diesmal „rechtzeitig“ ...<br /> -... Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachts<a href="#corr-60"><span class="underline">paketchen</span></a> diesmal „rechtzeitig“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Daß das liebe <span class="underline">Amuletchen</span> etwas später kam, macht gar nichts, — ich war Weihnachten ...<br /> -... Daß das liebe <a href="#corr-61"><span class="underline">Amulettchen</span></a> etwas später kam, macht gar nichts, — ich war Weihnachten ...<br /> -</li> - -<li> -... Lies einmal in <span class="underline">Hildebrands</span> Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe ...<br /> -... Lies einmal in <a href="#corr-66"><span class="underline">Hildebrandts</span></a> Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe ...<br /> -</li> - -<li> -... Ausdruck „9 <span class="underline">Kadinsky</span>’s“ gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, — die ...<br /> -... Ausdruck „9 <a href="#corr-74"><span class="underline">Kandinsky</span></a>’s“ gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, — die ...<br /> -</li> - -<li> -... überdacht, die nach grob <span class="underline">pointilistischem</span> System und den Erfahrungen der bunten ...<br /> -... überdacht, die nach grob <a href="#corr-75"><span class="underline">pointillistischem</span></a> System und den Erfahrungen der bunten ...<br /> -</li> - -<li> -... schlechte Geruch, — das alles deutet auf einen <span class="underline">kaputen</span> Magen etc. hin. Glaub ...<br /> -... schlechte Geruch, — das alles deutet auf einen <a href="#corr-76"><span class="underline">kaputten</span></a> Magen etc. hin. Glaub ...<br /> -</li> - -<li> -... L., <span class="underline">Ich</span> wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir sitzen und ...<br /> -... L., <a href="#corr-77"><span class="underline">ich</span></a> wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir sitzen und ...<br /> -</li> - -<li> -... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der Jünger <span class="underline">Moillet</span>; im ...<br /> -... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der Jünger <a href="#corr-78"><span class="underline">Moilliet</span></a>; im ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Es</span> zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem ...<br /> -... <a href="#corr-81"><span class="underline">Er</span></a> zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem ...<br /> -</li> - -<li> -... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, <span class="underline">Burljick</span> etc. ist vollkommen und einwandfrei; ...<br /> -... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, <a href="#corr-82"><span class="underline">Burljuk</span></a> etc. ist vollkommen und einwandfrei; ...<br /> -</li> - -<li> -... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das <span class="underline">existierende</span> ist ...<br /> -... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das <a href="#corr-83"><span class="underline">Existierende</span></a> ist ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">allogisch</span>. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; ...<br /> -... <a href="#corr-84"><span class="underline">alogisch</span></a>. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; ...<br /> -</li> - -<li> -... mit Herrn Scheffler so <span class="underline">komplet</span> vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar ...<br /> -... mit Herrn Scheffler so <a href="#corr-86"><span class="underline">komplett</span></a> vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. -Erster Band, by Franz Marc - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 53845-h.htm or 53845-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/8/4/53845/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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