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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 19:12:33 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Weihnacht-Abend - -Author: Gustav Schilling - -Release Date: December 21, 2016 [EBook #53780] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - - [Illustration: Tollkühner!] - - - - - Der - Weihnacht-Abend. - - - Von - Gustav Schilling. - - - Wien, 1817. - Bey Anton Pichler. - - - - - Der - Weihnacht-Abend. - - - - - Erstes Kapitel. - - -Der Nordwind blies, der Schnee fiel in großen Flocken, die Regenschirme -zärtlicher Eltern und Liebhaber bedeckten den Christmarkt. »Laßt mich -ein Kind seyn!« sprach Woldemar und zog seinen Freund in das -sehenswerthe Gedränge. Hier feilschten Mädchen eine Wiege, dort stand -der grämliche Küster unter einer Glorie von Hannswürsten, der General -vor dem Stalle zu Bethlehem, der Staats-Rath unter Steckenpferden. Eine -Reihe neugebackener, reich versilberter Potentaten lockte die -täuschbaren Kinder an. - -»Hierher meine gnädigen Herrn!« rief des Hof-Conditors süße Rosine. -»Sehen Sie nur die schöne Bescheerung. Rosseaus Grab, Harlekins -Hochzeit, Mariä Verkündigung und diese niedliche Papagena.« Die Freunde -traten näher, besahen das Grab, die Hochzeit, das Mädchen selbst. -Lachend verglich sie Julius der Vogelfängerin, Woldemar aber erröthete, -denn nur ein Säugling bedeckte Papagenas gesegnete Brust; die -Verlegenheit macht' ihn zum Käufer und Rosine öffnete dankbar ihr -Döschen, um ihn mit ächten Diabolini's zu bewirthen. Der Adjutant störte -die Gäste. Wenn es Dir, »sprach er zu Woldemar« anders noch Ernst damit -ist in das neue Frey-Corps zu treten so eile, Dich dem General -vorzustellen. Er steht im Begriff zu der Armee abzugehn. - -Wisse Freund, »erwiederte dieser« daß mein Schicksal in den Händen einer -unschlüssigen Fee liegt, die mich bald anzieht, bald entfernt, mir heute -räth in den Krieg zu ziehen, mich morgen dann nicht lassen will -- Doch -soll es sich noch heut entscheiden. Damit steckt' er die wächserne -Papagena ein und verschwand unter dem Haufen. - - - - - Zweytes Kapitel. - - -Herr Wahl, der Oheim, und Vormund dieser Schicksals-Göttin saß indeß -daheim vor dem Hauptbuch, freute sich der eben gezogenen Bilanz, hieß -den Seidenhändler Merker viel freundlicher als sonst willkommen und -sprach sofort vom Curs, von Geschäften, vom plötzlichen Fall eines -bedeutenden Hauses. Herr Merker schnippte den Staub von seinem Ermel, -zog den Stockknopf vom Munde, räusperte sich und rief: »Was fällt das -fällt! Wir, denk' ich, bleiben stehen.« - -So Gott will! brummte der Alte und faltete in stiller Andacht seine -Hände. - -Ich stehe gut. - -Ist mir bekannt. - -Doch immer noch auf Freyers Füßen. Geduldig zwar, doch auch zuweilen mit -Ungeduld. Wenn Ihre Jungfer Nichte sich endlich nun entschliessen wollte --- oder bereits entschlossen hätte -- Wie? - -Dann »fiel der Oheim ein« wäre uns beyden geholfen, denn das Mädchen ist -meine einzige Sorge. Ich sollte mich ärgern, aber das hilft nichts -- - -Ein Machtwort sprechen, Herr Kollege, ein Machtwort -- - -Da sey Gott für! Der gab ihr ja, wie uns, den freyen Willen. - -So? -- Ja! und vier Liebhaber zu meiner Plage. - -Bedeuten nichts! den einen haßt, den andern verachtet sie, der dritte -ward ihr verdächtig, der vierte endlich ist ein armer Teufel. Ohne -Mittel, ohne Tittel, ein Herr _von_ -- _von nichts_ sag' ich Ihnen. - -Das sind die Schlimmsten -- - -Ein redliches Gemüth übrigens -- - -Heuchelschein! Dem sollten Sie das Haus verbiethen! - -Ey bewahre! Herminchen sieht ihn nicht ungern, und wer ihr zusagt, den -nehme sie. Die Bräute sind wie Lämmer zu betrachten, die zur -Schlachtbank geführt werden; wie arme Sünderinnen denen denn, nach -hergebrachter, christlicher Sitte, jedes billige Verlangen allerdings zu -gewähren ist. Um ihrer selbst willen nimmt sie ja doch keiner. Den einen -kirrt der Mutterwitz, den andern ein Grübchen, den dritten nichts -besseres: Sie und Ihres Gleichen -- solide Leute mein' ich -- die -Mitgift. Und was wird ihr denn für die und für jenes? Evens Erbtheil! -die herbe Knechtschaft, Schmerz und Jammer. Wir gehen indeß ein bischen -da- ein bischen dorthin und gehaben uns wohl. - -Hermine hüpfte jetzt herein, an dem Freyer vorüber zum Onkel hin, -welcher nach einem leisen, scherzhaften Wortwechsel das Zimmer verließ. -Sie wollt' ihm folgen als Herr Merker unter steifen Verbeugungen ihren -Arm ergriff und Anstalt zu einem Handkuß machte. Das Mädchen zog den Arm -zurück, er folgte ihr mit gespitztem Munde, bald tief hinab, bald in die -Höhe nach und immer lauter lachte sie, und immer schneller flog die Hand -bald rechts, bald links um seinen Scheitel. Der Geneckte ließ jetzt ab; -doch stampfte er ein wenig mit dem Fuße. Hermine zog einen niedlichen -Pantalon aus dem Ridikül, bedeckte ihn mit Küssen, nannt ihn mit süßen -Nahmen, ließ das Männchen aus ihrer Hand in die seine hüpfen und sprach -»Den bescheerte mir der heilige Christ.« - -Herr Merker sah in dem Sprunge des Püppchens ein Merkzeichen ihrer -Gunst. »Da hab ich mich besser angegriffen!« rief er, an seine Tasche -schlagend. - -Wahrhaftig? O, ich glückliche. Und das konnten Sie über sich gewinnen? - -Was seyn muß, muß seyn! sprach er mit Achselzucken. - -Nun, so bescheeren Sie denn! Wir werden ja sehen. Die Gabe schildert den -Geber, sie ist das Probemaß seines Geschmacks, und seiner -Empfindungs-Weise. - -Für's erste »hob er an« etwas Sammt zu einer Besetzung, und der ist -_extra_, Theuerste! Dann diesen Ring; ein Erbstück von der seligen -Großmutter. Solche Kleinodien machen sich rar. Endlich und zuletzt einen -sogenannten Koselschen Gulden den ich in Ihrer Münz-Sammlung vermißte -- -Wenig mit Liebe. Nehmen Sie! Ohne Widerrede! - -Das Mädchen ließ den Sammt auf die Tafel, den Ring in seinen Hut, und -das seltene Kabinets-Stück zu Boden fallen, drehte sich unter einem -hellen Gelächter um ihre Achse und verschwand. - -Herr Merker wußte nicht wie ihm geschah. Ein sauberes Lamm! »sprach er -endlich« Ey wenn Du doch heute noch auf die Schlacht-Bank geführt -würdest! - - - - - Drittes Kapitel. - - -Ein Anbether folgte heute den andern, doch Hermine ließ sich verläugnen, -sandte ihre Kains Opfer zurück und sah vergebens bis zum Abend dem -einzigen Willkommenen entgegen. Woldemar ließ sich nicht blicken. Sie -zögerte mit dem Nacht-Essen, sie eilte von Minute zu Minute ans Fenster -und als der Onkel endlich zu Bette ging, voll Mißmuth in ihr -Schlafgemach. »Der Undankbare!« schalt das Mädchen und warf den -Ueberrock ab. »Der Bestandlose!« fuhr sie fort, und löste mit Ungestüm -die Schleifen. »Der Verblendete!« setzte sie seufzend hinzu und nahm -jetzt befremdet eine wächserne Papagena wahr. Lächelnd saß das Püppchen -unter dem Spiegel; es lag ein Notenblatt zu seinen Füßen. _Er ist Dir -nah!_ sprach der Text -- - - Er ist Dir nah, er lauscht am Freuden-Quelle. - Des Kühnen Muth, der Sehnsucht heiße Welle, - Der Liebe Schmerz dräng ihn zur stillen Zelle - In's Heiligthum der Zauberin. - -Hermine ließ das wahrsagende Blatt fallen und warf bestürzt ihre -leuchtenden Augen umher, da rauschte der Vorhang des Alkovens und -Woldemar trat, einem Genius gleich, aus dem Dunkel. Sie wollt' ihrem -Mädchen rufen, wollte zürnen, wollte fliehen und floh -- in seinen Arm. -»Tollkühner!« stammelte sie unter den Küssen des Jünglings. Er zog die -Liebliche an's Herz, ihre Thränen bedeckten ihn; sie verbarg das -glühende Gesicht an seiner Brust. »Mein also?« rief er aus. »O -himmlische Weih-Nacht!« - - - - - Viertes Kapitel. - - -Früher als zu fürchten stand, ging Merkers letzter Segen in Erfüllung. -Woldemar kehrte spät genug von dem Freuden-Quelle zurück; seine Wangen -brannten, seyn Herz bebte; er sah begeistert zu den verblichenen Sternen -auf, im Morgenroth die Farbe der Braut, im Wolkenflug den Tanz der -schönsten Horen: entzückende, bedeutungsvolle Träume reiheten sich an -die selige Wirklichkeit und auch diese erschien ihm, als er am hohen -Mittag erwachte, nur wie ein Trugbild des Phantasus, denn die feurige -Welle deren das Notenblatt gedachte, trug ihn weit über die Grenze -seines Willens und seiner Erwartung hinaus. - -Gestern erst hatte der Verschlossene, von dem Adjutanten gedrängt, -einige Worte über das Geheimniß seines Herzens verlohren. Jetzt war der -Wurf gelungen, jetzt sollte Julius sich mit ihm freun, jetzt sollte der -Wildfang in Herminens Nähe geführt, von ihrer Anmuth gewonnen, von ihrem -Werth ergriffen, erleuchtet von dem Himmelsglanz dieser Seele, zu dem -längst verscherzten Glauben an die sittliche Güte des bessern -Geschlechtes zurückkehren. Lästige Besuche hielten ihn fest, es war -schon Abend, als Woldemar in des Freundes Behausung kam. Zwar fand er -sie verschlossen, aber er hatte Licht gesehn, schlich, vertraut mit den -Zugängen durch eine Hinterthür und trat, überraschend genug, in's -Kabinet. Julius sprang aus dem Arm eines Mädchens empor, das sich laut -schreiend aufraffte und durch die offene Thür entfloh. Woldemar stürzte -ihr nach. »Hermine!« rief er, aber sie war unter dem Schutze der Nacht -verschwunden. Er stand erstarrt auf offener Straße. Daß sie es war, litt -keinen Zweifel, der Irrthum lag ausser dem Gebiete der Möglichkeit. Er -hatte ihr Gesicht gesehn, jeden Zug unterschieden. Das war ihr -Hauskleid, das ihr Palatin und das sein Liebling unter ihrem Häubchen. - -»Du Störenfried!« sprach Julius der ihm gefolgt war. Sage mir »fragte -Woldemar« auf Deine Seele frag ich Dich, war das die Wahl? - -Julius schwieg betroffen still. Sie war's! gestand er endlich. Sie -war's? rief jener aus und schlich sich heim. Der Zustand seines Gemüths -kann leichter empfunden als beschrieben werden. Unglücklicher »sprach -sein Gewissen« wie mancher Pflicht hast Du entsagt, wie manches Glück -verschmäht, wie manche Blume der Jugend hingeworfen, um der Eigensucht -deines Götzen, den Launen einer Buhlerin zu fröhnen! Der Adjutant -unterbrach dieses heilsame Selbst-Gespräch. Noch immer »sagte er« läuft -Dir das Glück nach. Ich komme jetzt um anzufragen, ob Dich die -räthselhafte Göttin deren Du gestern gedachtest auch heute noch am -Ziegel hält? Woldemar wendete sich schaamroth ab. Jener drehte ihn -schnell um seine Achse, sah ihm tief in die unstäten Augen und sprach -»Täuscht mich nicht alles, so ward die Fee zur Furie, oder zur Hexe, -oder zum unerbittlichen Schicksal. Hin ist hin! Ermanne Dich, tritt zu -den Freykorps. Der Würgengel ist ein wohlthätiger Genius, der alle diese -zwerghaften Quälgeister des Stilllebens austreibt und die entarteten, -verzauberten Männer von dem Rocken ihrer Omphale losschließt; das Bett -der Ehre ist reitzender als das der Schäferin, und der Riese der Gefahr -minder furchtbar als eine schmollende Tyrannin mit dem feindseligen -Gesindel ihrer Grillen.« - -Führe mich zum General, »fiel Woldemar erheitert ein« ich bin der Deine. -Mit Freuden weih ich mich von nun an dem Tode. - -Schlag ein! »entgegnete der Adjutant, und drückte ihn an seine Brust.« -Hand in Hand zum ernsten Waffentanze! Bestelle Dein Haus, wir gehn nach -wenigen Stunden zur Armee ab. - - - - - Fünftes Kapitel. - - -Als Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten Nacht zu dem Freund -eilte, um sich von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen -Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten, klopft' er lange ungehört an -alle Thüren. Endlich kam der Wirth herbey, beklagte den Verlust eines so -lieben Hausgenossen, erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar einige Koffer -in Verwahrung gegeben und vor Tage noch mit Extrapost abgereist sey. -Dieser bestand auf einem Briefe, welchen sein Freund nothwendig für ihn -zurückgelassen haben müsse und vermochte den Wirth die Zimmer zu öffnen, -doch fand sich nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens -Schattenriß zerrissen am Boden. Julius begriff so wenig wie sich dieß -Bild zu dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie das Original in die -Arme des Barons sich habe verlieren können. Erblassend las er die Stücke -auf und kehrte, jenem gleich, von Mißtrauen, Aerger und Argwohn -gefoltert, zurück. - -Woldemar zog indeß in Erinnerungen an den kurzen Göttertraum seines -Lebens versunken, dem fernen Ziele der neuen Bestimmung entgegen und -verwünschte diese bereits, als er sich, um ihm die nöthigen -Vorkenntnisse zu verschaffen, im Rücken der Armee, bey dem Depot des -Regiments angestellt sah. Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man ihm -sein Quartier anwies, empfing den erstarrten, mit Eis und Schnee -bedeckten Officier aufs wohlwollendste und führte ihn unter herzlichen -Aeußerungen von Theilnahme in ein freundliches Stübchen, das mit allen, -lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen war. Ueberall sprachen ihn -Bilder des Friedens, Symbole eines schön geordneten Lebens an; er sah in -der gütigen Baronin seine selige Mutter, in dem holden, geschäftigen -Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in ihrer reitzenden, geistvollen -Gesellschafterin den traulichen Genius der Freundschaft. Die Wolken des -tiefen, lang genährten Unmuths brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel -in sein Herz. - -Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete der Baronin auf. Sie nahm -das Wort, unterhielt ihn von den unseligen Früchten des Kriegs, von den -Schrecken die er verbreitete, von der Angst in die er sie schon oft -versetzt, von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne, den ihr die erste -Schlacht geraubt habe. Der Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf -dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug, bald an den Nähtisch der -Gesellschafterin hingesehen, hatte des Fräuleins blonde Locken mit -Julianens schwarzen Flechten, ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen -dunkeln, misterischen, Augustens zarten, wie von Geisterhand gewebten -Bau mit der üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen, die ihm jetzt -als die Wittwe des Gefallenen vorgestellt ward. Auguste hörte kaum des -verlohrnen Bruders gedenken, als ihre Hand unwillkührlich ein Adagio -anschlug; schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen des -schwesterlichen Thränen-Opfers zu begegnen: Frau von Wessen hingegen -nähete gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton »O, lassen wir -ihn ruhn, _ma mere_! Welche Hölle wird das Leben, wenn uns der schwarze -Geist der Vergangenheit die Genüsse der Gegenwart verkümmern darf. Ich -für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden Abend aus der Lethe zu trinken, -um mit jedem Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.« - -Auf diesem Wege »entgegnete Woldemar« wird uns der schwarze Geist -allerdings immer gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen -vorüber fliehen. Verständ' ichs nur mich an den heiligen Strom zu -betten. - -»Der Wille macht ihn dienstbar« entgegnete Julie. - -»Der Leichtsinn vielmehr!« fiel die Baronin ein. - -»Die göttliche Gabe!« erwiederte jene. Wir klagen fort und fort ein -Schicksal an, daß nur den Feigen geißelt und verfolgt. Aber man ziehe -doch -- es gilt den Versuch -- jede vorschnelle Sorge für die Zukunft, -jede unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede Distel des ziellosen -Stunden-Kummers aus dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß daß uns -der freundliche Rest mit den wenigen, unvertilgbaren Dornen versöhnen -wird. - -Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger Kreuzträgerinnen Geschmack -am Leide, Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer fand und wie jene -der Hoffnung lebte, dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger und -zerknirschter sie sich hier unter der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies -in einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit dieses Receptes. -Auguste blätterte in ihren Noten, Woldemar aber warf bereits, dem Rathe -gemäß, den verdächtigen Freund und die tugendlose Braut aus dem Kranz -seines Lebens, um ihn durch jene glühende Rose und dies liebliche, mit -dem Himmelsthau der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen. Selbst seine -Anstellung bey dem Depot, vorhin eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt -als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren hingenommen und der -liebenswerthe Gast kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen der -Töchter und dem Zutrauen der Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen -zurück. - - - - - Sechstes Kapitel. - - -Schnell genug »schrieb ihm Julius bald darauf« hat sich das seltsame -Räthsel, welches uns entzweyte und den friedlichen Schäfer zum Wehrwolf -machte, gelöst. Der Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller jetzt -lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen zu versehen, die Dich ohnfehlbar -aus dem eisernen Felde an das Herz einer viel süßern Beute zurückführen -werden. - -Ich kam, wie Du weißt, im November von Paris zurück, bezog mein -gegenwärtiges Quartier, stellte mich aus angestammter Galanterie den -sämmtlichen Hausgenossen vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen -Schatz der weder von Tanten noch Riesen, noch Drachen bewacht, des -Schutzes dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das einsame Mädchen -ließ mich zu wiederholten Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich -merkte es deutlich) durch's Schlüßelloch, öffnete endlich, im Glauben an -die Arglosigkeit, welche ich während dieser Besichtigung auf Stirn und -Lippe treten ließ, das enge Dachstübchen, führte mich über eine Saat von -Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen Stuhle hin und nahm, dem Gaste -gegenüber, auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich sie nach den ersten -Begrüssungen der Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare -Wohnung vergräbt, sie aber bestand darauf nur ein Blümchen zu seyn, das -des Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe. Ein Wort veranlaßte das -andere, meine Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche Stickung meines -Kleides Hoffnungen auf einen Engel vom Himmel, und so erfuhr ich denn, -daß die bildschöne Putzmacherin ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse -Rechte geltend zu machen, hieher gekommen sey und sich bis zu Austrag -dieser Angelegenheit von der Arbeit ihrer Hände nähre. Du glaubst nicht -wie reitzend Therese durch dieß Geständniß in meinen Augen ward, mit -welcher Schonung, welchem himmlischen Erröthen sie ihrer Mutter, in -wenig leisen, kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche zieh, wie sichtlich -es ihr weh that, vom jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den Fehltritt, -welcher der Erde eine Grazie gab, unentschuldigt lassen zu müssen. Ich -that es jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so ehrbar und zierlich -wie der Engel der Verkündigung in alten Comödien. Auch wollte Therese -bereits von der Frau Wirthin eine Schilderung meiner mannigfaltigen -Vorzüge vernommen haben, und es kostete mir nicht wenig, die Frau -Hausbesitzerin der Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es endlich -eine Pause. Sie machte, des Lebewohls gewärtig, eine leise Bewegung, ich -aber hielt noch unverrückt das Wasserglas und zwey Semmel-Schnitten, -wahrscheinliche Reste ihres Mittags-Mahls im Auge und vermißte zu meinem -Verdruß den kecken Muth mit dem ich oft so mancher ihrer Schwestern -einen viel zweydeutigern Beystand geboten hatte. Es gibt »sprach ich -endlich im Ton der Weihe« es gibt der Wölfe die im Schafskleid, der -Satans Engel, die im Lichtgewand guter Genien einhertreten, so viele -- -so viele -- daß -- »Ein Blick in ihre hellen, lauschenden Augen brachte -mich so schnell um die Folgerung, daß ich in der Verlegenheit, mit der -Hand einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb, und kleinlaut -fortfuhr« Kurz und gut! Sie dürfen mich unbedenklich als einen Vormund -ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil schuldig blieb. Meine rechte -Hand faßte während der großmüthigen Erklärung die ihre, die linke warf -einige Dukaten in das halbvolle Wasserglas. Ich sah; ich setzte -vielleicht sogar -- Du glaubst mir das aufs Wort -- schon manches -Mädchen in Verlegenheit, doch sah ich keine je in einer reitzendern. -Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben, den Gesetzen des Anstandes -entgegen, vor meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen Finger -reichten, es sprang ins Auge, nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der -reine Mangel an Gefäßen die Entfernung des überflüßigen Wassers -ohnmöglich, und der gütige Geber war verschwunden als sie noch im Kampfe -zwischen Schaam und Bedürfniß, wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum stand. -Erbaut von dieser guten That, wie mein Herz sie zu nennen beliebte, -gelob' ich mir noch auf der Treppe nie mehr als ihr Vormund werden zu -wollen, und treffe im Vorsaal auf den Jäger des Vaters, der mich an sein -Sterbebett bescheidet. - -Ich eil' auf das Gut, find ihn im Sarge und im Gefolge seines Todes eine -Masse von Geschäften, die mich dort bis Weihnacht festhält. - -Vergessen ist Therese, der Gedank' an sie ging in den Wunden des -Verwaisten, im Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße Erinnerung -spricht mich bey der Rückkehr in meine Wohnung an. Ich gedenke der -gelobten Vormundschaft, widerrathe mir, den neulichen Besuch zu -wiederholen und sinne eben auf Mittel sie durch die dritte Hand mit -einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen, als man leis an meine Thüre -klopft. Sie thut sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in's Zimmer. Sind -Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme und Therese steht vor mir. Ich -schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt den Riegel vor und führe, -betroffener als sie selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum Sopha. - -Zu Ihnen »flisterte sie und drückte schneller als ich dem wehren konnte, -meine Hand an den rosigen Mund« Zu Ihnen darf sich wohl ein Mädchen -wagen? - -Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein neuer Adam, eingedenk jenes -Gelübdes, sich jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste die süßen -Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte Schuldnerin ganz -augenscheinlich entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe um so -brennender überlief, als sie jene Goldstücke in die Hand des Lehners -drückte, und mit sichtlicher Rührung sprach -- Der gute Geist der mir -diesen Helfer erweckte, hat meine Sache geführt; hat mich in einer -gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin finden lassen -- - -»Wohl nur einen Wohlthäter?« unterbrach ich sie, von dem grämlichsten -Unmuth übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah mich schwer -beleidigt an -- so ohngefähr wie ein Engel den verhärteten Sünder -fixiren würde, und helle Wemuthsthränen fielen jetzt aus ihren Augen. -Sie fielen in mein Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten gleich, -sprach ich von dem Sonnenglanz ihrer Unschuld, schlang den Arm um -Theresens Nacken und plötzlich standst Du, einem Nachtgespenst gleich, -vor der heiligen Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt nach der -Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich stürze Dir nach, erstaunt über den -lebhaften Antheil den Du an meinem Schützling nimmst. Ich sehe in diesem -Ueberfalle das Treiben der Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs -eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller, daß diese Heilige nur -eine Heuchlerin, und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin seyst. Sie -zu entlarven eil ich nun nach ihrem Zimmer, es ist verschlossen; ich -höre sie schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen durch -das ansehnliche Schlüsselloch. Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen -auf seine Knie hingeworfen, die Hände gefaltet zum Himmel erhoben, und -in allen dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt weiß. Mein -Argwohn wird, als ich am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt in -Deinem Zimmer finde, von neuem zur Gewißheit. Ich schreib' ihr, lege die -Stücke des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel; zerreiße den -tobenden, halb fertigen Straf-Prediger, schreib' einen zweyten, -verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge mich endlich zu dem dritten, -bescheidenern, auf welchen mir am folgenden Morgen die beyliegende, das -Räthsel erfreuend auflösende Antwort zukam. Du kannst denken, guter -Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel beschämender noch als die -gestrige, meine heutige Abbitte war -- - - - - - Siebentes Kapitel. - - -So weit hatte Woldemar gelesen und still ergrimmt der Fabel gelacht mit -der man ihn jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte, als plötzlich -in der Nähe Schüsse fielen. Er sah die Besatzung des Dorfs in regellosen -Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den Brief samt der ansehnlichen, -noch ungelesenen Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen und eilte in -den Hof hinab. - -Der Feind! rief ihm Frau von Wessen aus dem Keller-Halse nach; -ohnmächtig lag Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den Arm der -Schwägerin. Der Feind! riefen die herbeyströmenden Rekruten und Woldemar -rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte bereits eine Kugel getödtet und -alles floh nun dem Neuling zu. - -Das Schloß war allerdings fest genug, es einige Stunden lang gegen ein -fliegendes Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und -Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt, ein Gegenstand von hoher -Bedeutung. Der Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke -aufgezogen, der Verwalter die Thore zugeworfen, der Jäger jedem -dienstbaren Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die Hand gedrückt. -Woldemar begriff die Möglichkeit einer solchen Erscheinung um so -weniger, da er sich vier Meilen hinter der Armee, von Truppen umgeben, -kurz in Abrahams Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger hatte sich -denn doch, trotz dem Heere das auf seinen Lorbern ruhte, von dem -Schnee-Gestöber begünstigt, durch das Gebürge geschlichen. Eben befand -er sich mit Geißeln, Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse -beschwert auf dem Rückweg und würde die Wessenburg wohl ganz -unangetastet gelassen haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann den Vortrab -des feindlichen Zugs, auf einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit -allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen hätte. Der Kühne -fiel, und die Freyjäger flohen nun dem Schlosse zu, das der Führer des -Vortrapps mit Ungestüm angriff. Woldemar fühlte lebhaft was er den -Damen, dem Vaterland, der Ehre seines Degens schuldig sey und belebte -durch wenig erhebende Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder. Ihr -Widerstand verwickelte den Feind der indeß von den herbey fliegenden -Schaaren seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt der gemachten Beute -gefangen ward. - - - - - Achtes Kapitel. - - -Als Woldemar am folgenden Morgen, von dem Schmerz einer empfangenen -Kopfwunde geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand die Baronin zu -des Bettes Häupten und Frau von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene -weinte, der Wundarzt gab den besten Trost; bald darauf erschien auch der -Adjutant; er warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen ein -Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da siehst Du »sprach er« wie blind das -Glück, wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen ist. Dein -zufälliger, folgenreicher Widerstand hat Dir plötzlich einen Nahmen -gemacht und eine Stelle verschafft nach der ich seit zwanzig -Dienst-Jahren vergebens strebte. Eben kam auch Auguste herbey, sprach -von den Schrecken des Gefechts, von Woldemars Ritterdienst und seinem -Heldenmuth. Mutter und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant kehrte -nach einem frostigen Lebewohl, mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten -zurück. Woldemar sah jetzt -- wie am Morgen der Weih-Nacht in der er die -stille Myrte brach -- auch in dem schnell erworbenen Lorber nur ein -Gaukel-Spiel der Phantasie, in dem Patent nur ein Papier das ihn an -jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt, vom Fiebertraum erwacht, mit -Sehnsucht fragte. Vergebens suchte die Baronin das Stübchen, der -Bediente seine Taschen, der Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus; -weder der Brief, noch die bedeutende Beylage war zu finden und der -herbey gerufene Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die Feinde schoß, -gestand daß er allerdings einige hier gelegene Papiere unbesehen zu -Pfropfen für sein Gewehr verbraucht habe. - -Frau von Wessen bot sich dem Kranken zum Sekretär an, und er sagte ihr -mitten im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen Freund in die -Feder. Nur der Wohlstand konnte die holde Pflegerin für kurze Zeiträume -vor seinem Bett entfernen und diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt -gewann ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie errieth seine -Wünsche, seine Winke, seine Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen -Liedern jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege vom Bette des -Kranken, bot ihm die hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn -allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen. Das Wundfieber nahm -zusehends ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes zu dauern und auch -Auguste wagte sich nun wieder in des Freundes Nähe. - -Sehen Sie »sprach Julie, als sie eines Abends an seiner Seite spann« ich -bin die Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden, rein und glänzend. - -Hygea vielmehr! erwiederte er. - -Hygea spann ja nicht! »sagte das abgehende Fräulein« nur Schlangen -nährte die -- - -Heilbringende! rief ihr Woldemar nach. - -»Galt das mir oder Ihnen?« lispelte Julie. Der Zorn röthete schnell ihre -Wangen. Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin. Meine Hygea! sprach der -Dankbare, von süßen Regungen durchdrungen. - -Die Schlange sticht! erwiederte Frau von Wessen und verletzte seine Hand -mit der Spindel. Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt' ihn lachend -weg, er zog sie an das Herz. Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten -hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte sich dem begehrenden -Munde, Juliens Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an Woldemars -Brust. - - - - - Neuntes Kapitel. - - -Frau Tochter »sprach die Baronin, als jene in das Familien-Zimmer hinab -kam« vergebens hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt, als Mutter Sie -gebeten dieses thörichte Herz zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht -die Ehre meines Nahmens preis zu geben -- Ihren Begierden vielmehr! -Unwürdige! So ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten? - -Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte sich zum Nähtisch hin und -wiederholte mit Gelassenheit -- - -Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr aufgebracht, _ma mere_! - -Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß die Zudringliche verachten. - -Eine so gute Christin sollte gütiger seyn, gnädige Frau; gerechter -wenigstens; denn selbst das höchste Gebot entschuldigt die -Zudringlichkeit der Menschenliebe. Daß ich ihm wohl will, ist in der -Regel. Sehr wohl, _ma mere_! Nie sah mein Auge in ein reineres, nie -begegnete mein Herz einem wärmern. Darum empört mich ihre Härte nicht. -Was gibt es süßeres als um den Mann zu leiden, den wir lieben? - -Also ein Anschlag auf seine Hand? - -Auf Anschläge verstehen sich in der Regel die Mütter nur. Ich folge -kindlich dem Gefühle. - -Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger Mann hat das erfahren. - -Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer ihm wohl und wer mir übel wollte. - -Ich wollte Dein Glück, Undankbare! - -Glück macht die Liebe nur und nur _Sie_ hat er geliebt. Gefürchtet -vielmehr. Mein Herz war lauter Flamme, das seine lauter Erz, und immer -spröder ward es, bis der Tod es brach. - -Du brachst es früher schon! - -Julie warf einen glühenden Blick auf die Mutter, verbarg ihr empörtes -Gefühl hinter einem unholden Lächeln und schwieg. - -Sähe der Hauptmann dies Gesicht »fuhr jene fort« er würde noch -entschiedener zurücktreten. - -Er würde mich bedauern und erlösen. - -Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe Dich! - -Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm' aus diesem! - -Die Baronin faltete seufzend die Hände und schlich abseits, dem Himmel -ihre Noth zu klagen. - - - - - Zehntes Kapitel. - - -Hygea hatte den genesenden Jüngling in der feurigsten Wallung verlassen. -Noch glühte jener Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah er diese -flammenden Augen, die Fülle der schnell bewegten Brust. Sein ganzes -Wesen war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung weckte ihn nach -Mitternacht vom Schlummer auf. Der volle Mond beschien ein niedliches -Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben schien, nun seinem Bette -näher tratt und zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich mit -klopfenden Herzen nach der Mauer zurück, wollte seinen Sinnen nicht -trauen, wagt' es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu werfen, und -kämpfte noch unentschlossen mit sich selbst als der seltsame Zuspruch -wieder aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens zurückkehrte. -Schnell wuchs sein Muth, er schlich ihm durch die Oeffnung nach und -stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau von Wessen schlief. Betroffen -weilte er an der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein Genius -fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste, lächelnd wie die Unschuld -ruhte. - -Woldemar, der bis dahin die heimliche Tapeten-Thür übersehn und nie -geahnt hatte, daß sein Stübchen an diese Schatzkammer grenze, machte sie -bey der Rückkehr mit leiser Schonung zu und glaubte zuversichtlich durch -die Nachwehen des Wundfiebers zum Geisterseher geworden zu seyn, denn -hätte selbst -- der Fall war nicht denkbar -- sich eine dieser -Schläferinnen zu einem solchen Schritt vergessen können, so würde er ja -die Fliehende ereilt oder erkannt haben. - -Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn bis zum Morgen, jetzt aber -wich der Glaube an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem Erstaunen -mit welchem er ein himmelblaues, vor seinem Bette liegendes Band -erblickte, und dieses dem Schauer des Fiebers, das im Gefolge der -erschütternden Zauberspiele dieser Stunden zurückkehrte. - - - - - Eilftes Kapitel. - - -Auch die Baronne war am Morgen erkrankt, hatte den Beystand der -Schwiegertochter zurückgewiesen und Auguste, gewöhnt der Feindin -wohlzuthun, für dies Mahl vergebens alles aufgebothen den Groll des tief -empörten Mutterherzens zu beschwören. - -Julie schlich sich, von der Mutter verschmäht, zu dem Freunde hinüber -der bey ihrem Eintritt seinen Rückfall vergaß, und schüttete ihr Herz -vor ihm aus. Der Kindheit Freuden hatte ihr, laut dieser Geständnisse, -eine grausame Stiefmutter, die Blumen der Jugend ein liebloser Gatte und -die herrschsüchtige Baronin geraubt. Diese verkenne, Auguste beneide -sie, und beyde sähen in dem heiligen Mitgefühl, in dem reinen Feuer der -Theilnahme das sie zur Pflegerin des edelsten Mannes gemacht habe, nur -den schlau berechneten Plan einer Kokette. Helle Thränen begleiteten die -rührende Elegie, sein fieberhaft reitzbares Herz sprach nur zu laut für -die Weinende. Sie nannte ihn ihren einzigen Freund, er aber nannte sich -ihren ewigen Schuldner und gedachte seufzend gewisser Fesseln, die seine -feurige Vergeltungs-Lust für den Augenblick noch gefangen hielten. - -Daß mein Gemüth »erwiederte Julie« die Heiligkeit dieser Pflichten -kennt, daß es selbst die Ansprüche einer Unwürdigen zu ehren versteht, -bezeugt die Fassung mit der es in jener Nacht das feurigste aller -Gelübde zurückwies. - -Welche Gelübde? »sprach er im Herzen zu sich selbst.« In welcher Nacht? - -Oder hätte die Krankheit Sie in jener unvergeßlichen Stunde zum -bewußtlosen Schwätzer gemacht? Wohl Ihnen dann! Dann wäre ja Hermine nur -ein Traumbild, das mit der wiederkehrenden Besinnung in sein Nichts -zerfloß und ihre Treulosigkeit ein Phantom das im Morgenrothe der -Genesung unterging. Woldemar sah verstummt zu Boden. Und Wohl auch mir! -»fuhr Frau von Wessen fort« der da ein Gott die Kraft verlieh, dem -feurigsten aller Männer zu widerstehen, und die Erhörung zu verzögern. - -Unseliges Verhängniß! »rief er und sprang auf« O, warum streifte mich -der Fittich des Würgengels nur? Wie gern schlief ich in seinem Arme! - -Oder am Herzen der Verlobten? - -Ich bin sehr elend! Nimm mich an das Deine. An das hart verletzte, das -ich heilen will und muß. - -Nicht also, guter Woldemar, ein Engel wird diese Wunden verbinden, der -Engel der Vergeltung der unsere Opfer zählt und unsere Thränen. - -Ich will alles gut machen! »rief er, hingerissen von der Fluth seiner -Gefühle, von einer unzeitigen Großmuth gemeistert« ja, ich gelob es! Nur -das Mitleid sagst Du, die Theilnahme nur, nur die laue Hand der -Freundschaft hätte Dich Wochenlang an meinem Bette festgehalten? Nur um -ihretwillen hättest Du dem Grolle der Schwester, dem Zorne der Baronin, -der Verläumdung bösartiger Thoren getrotzt? Nur aus Rücksicht auf die -geflohene Treulose meiner Hand entsagt, die ich Dir -- zwar in des -Fiebers Gluth -- doch wahrlich, inspirirt von meinem Engel both? - -Still, Frevler -- Still! »rief Juliane jetzt.« Sie fühlen nicht wie tief -mich diese Zweifel beugen; die Flamme nicht, die an unheilbare Wunden -schlägt. O warum muß die böse Fee zwischen mich und den Abgott meines -Lebens treten? - -Lieblicher hatte nie eine Frage seinem Ohr geschmeichelt, schneller nie -ein Zauber sein Herz umstrickt, kein sterblich Weib ihn je so magisch -angezogen. Die Spiegel ihrer Seele flammten wie Sterne durch die Nacht -des Grams, der Wehmuth Genius schien aus dem Rosenkelche dieser Lippen -ihn um Erbarmen anzuflehen. Er faßte sie mit starkem Arm, er hob sie -hoch, an's Herz empor und bedeckte die Schluchzende mit zahllosen -Küssen. Ich bin der Deine! »rief er« wirst Du dies zweyte heißere -Gelübde verschmähen? - -Liebling -- Bräutigam! Himmlischer Geist! stammelte Julie und ließ die -Lippen des Trunkenen schalten. Man klopfte, er vernahm es nicht. Auguste -trat herein ihre Schwägerin abzurufen; sie wand sich sanft aus seinem -Arm, sprach zu dem Fräulein, dessen Antlitz ein edles Schaamroth -überflog. »Nimm hier kein Aergerniß, wir sind verlobt!« und hüpfte fort. - -Auguste verbeugte sich gegen den Hauptmann, und wollte der Braut folgen, -Woldemar aber faßte ihre Hand und bestätigte in gebrochenen Worten -Juliens Versicherung. Ich kenne »erwiederte das Fräulein« die -Gesinnungen meiner Mutter zu wenig und die Gefahren Ihres Standes zu -genau um Beyden jetzt schon Glück zu wünschen. Er ließ beleidigt -Augustens Hand fallen. Aber wie kömmt dieß Band in Ihr Zimmer? »fragte -sie jetzt, und nahm es vom nahen Tische weg« vergebens hab ich es heut' -am Morgen gesucht. - -Ein Strumpfband vielleicht? Sie verstummte. - -Oder etwa gar der Gürtel der Vesta? Auf jeden Fall sind Sie im Stande -mir das Räthsel zu lösen. Vor meinem Bette fand ich es. Ihr Schutzgeist, -Fräulein, trug diesen Talismann mitten in der Nacht in mein Zimmer. - -Auguste wechselte die Farbe, der Hauptmann sah ihr starr in's Gesicht -- -»Und die misterische Pforte hier -- unstreitig führt sie in das -Geisterreich; aus ihr tratt der willkommene Gast hervor, durch sie -kehrt' er zurück. So ist es -- auf mein Ehrenwort!« - -Ihre Hände bebten, ihre Wangen verblichen, sie wankte sprachlos aus dem -Zimmer. - - - - - Zwölftes Kapitel. - - -Woldemar sah ihr staunend nach. Sein Kopf brannte, sein Herz glühte, -Feuer rann in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in den Zwinger -der das Schloß umgab. Die Erscheinungen dieser Zeit schwebten wie -Geistertänze vor seiner Seele und der Schutt und die Blutspuren im -Schnee weckten Erinnerungen an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf. Er -freute sich der gelungenen That, dachte des Getümmels das ihr voranging, -des empfangenen Briefes den der Jäger der Baronin in seinem Diensteifer -verbracht hatte und eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben -auffinden ließen, unter sein Fenster hin. Lange störte er vergebens -zwischen Eis und Schnee und dem Abbiß der Patronen, fand endlich ein -bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen und las -- - - »Die großmüthige Schwester -- das Häubchen von ihrem Kopfe -- - zur Täuschung ähnlich --« - -Eine kalte Hand griff ihm in's Herz. Er sann und sann und suchte jetzt -angsthafter; ihn aber suchten die Bedienten, denn eine Ordonanz aus dem -Hauptquartier war gekommen. Der Husar erbat sich einen Empfangschein und -übergab die Depesche. Woldemar fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah -sich angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft alsogleich -aufzubrechen, des fördersamsten im Haupt-Quartier einzutreffen, oder -falls sein Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person nicht gestatte, -ohne Zögerung nach dem Lazareth abzugehn. - -Schnell ward gepackt, gesattelt, und der General-Marsch geschlagen, denn -kein Augenblick war zu verlieren wenn das entfernte Ziel, den Worten der -Depesche gemäß, erreicht werden sollte. - - - - - Dreyzehntes Kapitel. - - -Julie hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote, die kranke -Schwiegermutter heimgesucht, das gestrige unkindliche Benehmen mit der -Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre Hände mit Küssen bedeckt, -heilige Sprüche und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht und so den Zorn -der gutmüthigen Baronin in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche -Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von Wessen ihrem Woldemar eine -Schutzrede der die Mutter um so weniger zu widersprechen vermochte, da -sie früher selbst seiner Bescheidenheit, seiner Sittlichkeit, und so -mancher liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete, das gebührende -Lob ertheilt hatte. Zu allen dem »fuhr jene fort« hat Ihnen Gott in dem -edlen Mann einen Engel gesandt, denn wie wäre es uns ergangen, wenn er -nicht Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche, Sie vielleicht im -Grabe, ich und Auguste ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken, -geplündert und verlassen am Scheidewege. Was wir sind, was wir haben, -erhielt uns seine Hand und die wollten Sie aus der Hand seiner -Vergelterin reißen? Der Himmel selbst belohnte diese That und öffnete -ihm eine glänzende Laufbahn. - -Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf den Werth des Freyers, auf den -Schutz, welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß wohl eher begünstigt -als gescholten haben, wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher als das -der Verwandtin am Herzen gelegen hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell -des stillen Grams der aus Augustens verweinten Augen sprach und begriff -nicht, wie ein so zartfühlender Mann, blind für den Zauber dieser -Himmelsblume, nach der dornigten prahlenden Rose zu greifen vermochte. -Da indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des Himmels Sache waren und -die Frau von Wessen bereits als verlobte Braut um ihren Segen bat, so -vergab sie mit sanften Worten den übereilten Schritt, behielt sich das -Weitere bis zu ihrer Genesung vor und drang darauf daß Woldemar -zuförderst einem Stande, der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe, -entsagen solle. Frau von Wessen erklärte selbst diese Bedingung für -zweckvoll und unerläßlich und sah jetzt, still entzückt, in der -sinkenden Sonne den Herold des Braut-Abends. Da ward es plötzlich -lebhaft auf dem Hofe, des Hauptmanns Leute liefen durch einander, der -eine sattelte, der andere sprach von nahem Blutvergießen, der Ruf der -Trommel scholl aus dem Dorf herauf. - -Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte geisterbleich hinüber, in -Woldemars Arm. - -Was soll das? »fragte er mit verbissenem Schmerz« Warst Du nicht eines -Soldaten Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter Muth. - -Doch zu schrecklich war der jähe Sturz vom Sonnenziele in die Nacht des -Grams, zu tief der Fall für ein so zügelloses Herz das jedes Lächeln des -Geschicks zum Himmel hob, jeder Umfall in die Höhle des Jammers -hinabwarf. Wimmernd hing sie an Woldemars Halse, hielt ihn krampfhaft -umfaßt und ihre Lippen zuckten gichterisch. - -Bald sehen wir uns wieder! »tröstete er mit halber Stimme.« _Oft!_ sagt -mein Herz -- nach wenig Tagen vielleicht, und am Ziele winkt ein Hafen -in dem uns nichts mehr trennen soll. Aber die Jammernde verwarf jeden -Trost. Nimm! »rief sie und schnitt mit schonungsloser Hast eine Flechte -von dem glänzenden Haupthaar.« Nimm und gedenke mein! Und meiner nur! -Gelobend bedeckte er ihren bebenden Mund mit heißen Küssen und bat sie -dann, die kranke Mutter auf seinen Abschieds-Besuch vorzubereiten. Julie -ging nach langen Bitten, doch wenige Schritte nur. Laut schreyend flog -sie an seinen Hals zurück. Ihre zuckenden Augen brachen, entgürtelt flog -der Busen, das lose Haar um ihre Scheitel. Sie lag noch bewußtlos im Arm -ihrer Kammerfrau als Woldemar in der furchtbarsten Stimmung seines -Lebens über die donnernde Zugbrücke sprengte. Schaudernd blickte er vom -Thal aus nach dem Schlosse hinauf, dessen Fenster das Spätroth -vergoldete, gab den räthselhaften Geistern dieser Burg gute Nacht, und -saugte das Blut aus der Lippe die Julie im Wahnsinn ihres Schmerzes -verletzt hatte. - - - - - Vierzehntes Kapitel. - - -Als man den Hauptmann nach jenem Gefechte verwundet und betäubt auf sein -Zimmer zurücktrug, übernahm Frau von Wessen wie bekannt die Rolle der -Wärterin und ließ deshalb um in seiner Nähe zu bleiben, ihr Bett ohne -der Mutter Wissen, in jene leere, nachbarliche Kammer versetzen. Erst -späterhin bemerkte die Baronin diesen ihr höchst mißfälligen Uebelstand, -wieß Julien auf der Stelle einen Platz in ihrem eigenen Schlafzimmer an, -gesellte ihr, als diese Weisung unbeachtet blieb, Augusten bey und -verschloß die bewußte Tapeten-Thür. Frau von Wessen aber schloß sie, um -sich einen weiten Umweg zu ersparen, am folgenden Morgen wieder auf und -aus angebohrner Furcht vor Dieben und Kobolden, Nacht für Nacht die -andere zu, welche über den unheimlichen Saal in die Zimmer der Baronin -hinüber führte. Auguste hingegen der es nie beykam den lieben Gast auf -einem Schleifwege heimsuchen zu wollen, glaubte die streitige, von der -Mutter gesperrte Thüre noch immer fest verschlossen, und ahnte nicht daß -ihr Verhängniß sie im tiefsten Nachtkleid und in der verdächtigsten -Stunde hindurch, und an das Bett eines feurigen, hoffnungslos geliebten -Mannes führen werde. Oft genug ward die vermißte Nachtwandlerin in -frühern Zeiten bald von dem Simse des Fensters bald aus irgend einem -entlegenen Verstecke zurückgehohlt. Das Übel nahm mit den Jahren ab und -immer hatte man sie bey den seltenern Rückfällen von der verschlossen -gefundenen Thüre ohne weiteres in ihr Bettchen zurückkehren sehn. - -Welch Entsetzen mußte daher dieses reine, von dem erklärten Brautstand -der Schwägerin so eben gebrochene Herz ergreifen, als Woldemars -spöttisches Lächeln, als sein zum Pfand gesetztes Ehrenwort die leise -Ahnung einer schrecklichen Möglichkeit zur Überzeugung erhob. - -Die kranke Baronin lag indeß während des Aufbruchs der Besatzung, von -allen den Ihrigen verlassen da. Sie hörte den Lärm, das Wirbeln der -Trommeln, den Hufschlag der Rosse und schellte vergebens. Die Bedienten -kannegießerten im Hofe mit den marschfertigen Jägern, die Jungfer lag, -in Thränen aufgelöst, an des Feldscheers Brust, das Stuben-Mädchen -wollte den Pfeifer nicht lassen, Juliens Kammerfrau saß erstarrt vor der -verzweifelnden Braut, und Augustens alte Wärterin lief der schluchzenden -Enkelin nach, die ihrem Trommelschläger den Wirbel verdarb. - -Das Getöse nahm kein Ende, der zersprungene Klingeldrath lag am Boden, -und die Baronin, welche jetzt nichts sicherer glaubte, als daß der Feind -zu Folge eines zweyten gelungenern Überfalls das Schlimmste beginne, -sprang, von der Angst geheilt, plötzlich auf, um ihre Küchlein mit Hand -und Mund bis auf den letzten Odemzug zu vertheidigen. Aber noch stand im -Vorsaal alles auf dem gewohnten Platz. Von Zimmer zu Zimmer eilte sie -nach Juliens Schlafkammer, trat jetzt erblassend vor ein Schreckbild das -unter wilden Krämpfen ächzte und nahm, nach Hülfe rufend, Augusten wahr, -die einer Sterbenden gleich vor ihrem Bette kniete und taub für allen -Jammer dieser Scene schien. Welch ein Abend! Welch eine Masse von -Seufzern und von Thränen, von denen ach, so wenige ein Gegenstand für -die wohlthuende, Schmerz und Thränen wiegende Vergelterin seyn konnten. - -Zerstört im Innersten klagte Julie ihr Geschick an; in Thränen edler -Schaam gebadet, verging die holde Nachtwandlerin; sprachlos stand die -schluchzende Mutter zwischen der Gruppe und die betäubten Bräute des -Frey-Corps sprangen mit verweinten Augen bunt durch einander ab und zu -und hohlten in der Zerstreuung Öhl statt des Essigs, Tinte statt des -Balsams und den Pastor statt des Baders herbey. - - - - - Fünfzehntes Kapitel. - - -Woldemar hatte indeß das Ziel seiner Bestimmung erreicht, sich gesund -gemeldet und eine Masse lästiger Dienst-Geschäfte vorgefunden, die den -Unkundigen bey dem Mangel an Rathgebern und Freunden, bey der -feindseligen Stimmung die sein frühes Glück veranlaßte, schnell genug -mit einem Stand entzweyten an dem ihn doch das eiserne Band der Pflicht -und des Ehrgefühls festhielt. - -Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach langen Stürmen eine Windstille. - -Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens Trost das Bewußtseyn geworden -und der himmlische Frühling goß das Füllhorn der Erneuung über sie aus. -Eben war die Mutter mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches Gut -gefahren als sich ein fremder Baron bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel -lieber hätte die Einsame den unwillkommenen Gast abgewiesen aber es -fehlt' ihr für den Augenblick an einer glaubwürdigen Entschuldigung und -so ward er denn angenommen. - -Ein junger, blendend schöner Mann trat in das Zimmer. Sein hoher Wuchs, -sein Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines Benehmens, gewann in -voraus ein Gemüth dem der zärteste Sinn für die Gabe der Grazien anhing -und der Gegenstand welcher ihn zu Augusten führte, war bedeutend genug -ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. - -Julius hatte nehmlich nach dem Empfange jener wenigen, nichts sagenden -Zeilen welche Frau von Wessen damahls in Woldemars Nahmen schrieb, -vergebens einer Antwort auf seine dringende, Herminens Ehre rettende -Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an den Adjutanten geschrieben, -und von diesem einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse empfangen die ihn -zu der Reise nach dem fernen Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den -Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund hier stand wie von dem -Charakter der handelnden Personen unterrichtet, hatte er im Posthause -bereits seit Tagen den günstigen Augenblick erwartet, der ihm, Augusten -ohne Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er stellte sich ihr jetzt als -Woldemars Vertrauten dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten, vor -ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre Langmuth durch Weitläufigkeit -erschöpfen zu müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit Woldemars -heimischen Verhältnissen, und von der seltsamen Katastrophe die ihn aus -jenen weg, in den Krieg trieb. - -Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit das Fräulein ermüdet -hätte: sie war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte sie von Minute zu -Minute liebenswerther. - -Herminens Vater »fuhr Julius fort« hatte als Handlungs-Diener das Glück, -der Tochter seines reichen Herrn zu gefallen, und im Gefolge dieser -Gunst das Unglück, sich zu einem Schritte zu vergessen, der Theresen das -Leben gab. Des Vaters Blindheit und der Beystand der Mutter machten die -Verheimlichung möglich, der junge Mann ward nach Holland, das Kind der -Liebe in ein entferntes Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter mit -größerm Glück als Recht die Gattin eines bedeutenden Wechslers. Er starb -im ersten Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der frühere Vertraute -kam zurück, machte die verjährten Rechte geltend, verloschene Gefühle in -dem Herzen der Wittwe wieder rege, und ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm -Herminen und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr nach wenig Monden, vom -Schlage getroffen nach, und sein redlicher Bruder nahm den verwaisten -Säugling auf. - -Falsche Schaam, die Quelle so manches Unheils, hatte es der -Verschiedenen ohnmöglich gemacht sich späterhin zu diesem Kinde zu -bekennen, doch sorgten die Eltern aus der Ferne für sein Wohl. Des -Vaters schneller Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn es fand -sich weder ein Testament noch irgend etwas das ihr Daseyn bezeichnet -hätte, vor. Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen die heran -Wachsende einer Dame, der sie ihre Bildung dankt, als aber diese zufolge -einiger verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt in die fremde -Welt hinaus treten mußte, machten Bildung und Anmuth ihre Lage nur um so -kritischer. - -Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler. Auguste kredenzte ihn; Julius -bemerkte mit Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände und die ganz -eigene Annehmlichkeit, welche Augustens Gliederspiel über die kleinste -ihrer Bewegungen verbreitete. - -Hermine »fuhr er fort, und rückte ihr vertraulich näher« Hermine stört -vor kurzem in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da, von dem guten -Geist des Zufalls geleitet auf ein geheimes, mit Quittungen und Briefen -angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden Beweiser der -mütterlichen Verirrung sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie -geahnten Schwester aufzufinden. Hermine sieht eine höhere Fügung in dem -Ohngefähr, fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene mit ihrem -Ueberfluße zu erfreuen, macht den Oheim zum Vertrauten und wird nicht -müde ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn. Der Onkel untersucht, -überzeugt sich, empfiehlt ihr Verschwiegenheit; will erst das _Wie_ und -_Wo_ erforschen, sich von dem Werth oder Unwerth der Person -unterrichten, und der Wallung eines schönen Herzens durch weise Vorsicht -Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle hat sich bereits am Busen einer -Freundin entladen und diese das Geheimniß unter dem Siegel der -Verschwiegenheit ihrem Bruder, Herminens hoffnungslosesten Anbeter -mitgetheilt. Armuth, Habsucht und der Groll verschmähter Liebe bestimmen -ihn, die Entdeckung zu seinem Vortheil zu benutzen: er durchreist die -bezeichnete Gegend und findet nach manchem Kreuzzug die Gesuchte -zwischen Hunger und Kummer mitten inne. - -Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein ab. Sie kehrte nach wenigen -Minuten zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit der angenehmen Sorge -für sein Nachtlager und bat den Baron der ihr für diese Güte den -feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung der Geschichte. - -Goldne Berge »erzählte Julius« werden jetzt Theresen gegen eine billige -Vergeltung zugesichert, der Beweis ihrer Abkunft so überzeugend geführt, -der Umfang ihrer Ansprüche so klar in's Licht gestellt, daß sie nicht -länger zögern mag, diese Kette schmerzlicher Entbehrungen mit dem -verhießenen Ueberfluß zu vertauschen. Sie eilt, von den trefflichsten -Zeugnissen ihres Wohlverhaltens unterstützt nach der Vaterstadt, -erschreckt den Oheim durch die sprechende Aehnlichkeit mit Herminen, die -von der plötzlichen Erscheinung überrascht, von diesen Zeugnissen -gewonnen, von dem Anblick ihres Ebenbildes erschüttert an des Mädchens -Hals fliegt, und die gefundene Schwester feurig willkommen heißt. -Therese vernimmt mit Erstaunen, was bereits von hieraus für sie geschah, -sieht sich statt der Verläugnung auf die sie gefaßt war, mit den -zärtlichsten rein vom Herzen kommenden Liebkosungen überhäuft, und -beschließt, in Schaam und Rührung aufgelöst, Gleiches mit Gleichem, die -Großmuth durch Mäßigung zu vergelten. Ein seltsamer Wettstreit entspinnt -sich nun. Hermine dringt auf eine Theilung der Erbschaft, Therese will -sich dagegen nur vor dem Hunger geschützt, nur als eine Hülfsbedürftige -geduldet sehen, am wenigsten im Kreise der Familie unter ihrer wahren -Gestalt auftreten. Jene trägt ihre besten Kleider zur Auswahl für -Theresen herbey, diese wählte sich einen häuslichen, schon getragenen -Anzug. -- Und so blieb denn das Mädchen meine Haus-Genossin, so -verkannte Woldemar, der in diesem Momente weder die unzartere Haut noch -das dunklere Haar in Betracht zog, seine schuldlose Braut -- - -Die ihn »fiel Auguste ein« mit dem Daseyn einer solchen Schwester, schon -um dieser gefährlichen Aehnlichkeit willen hätte bekannt machen sollen --- - -Ohnfehlbar »entgegnete Julius und das Fräulein erröthete« schloß ihr nur -die zarte Verschämtheit, oder die Achtung für den Ruf und die Asche -ihrer Mutter den Mund. Ich bin am Ziele »setzte er mit einer leichten -Verbeugung hinzu« und Tag und Nacht gereist das unseligste aller -Mißverständnisse auszugleichen, oder, wenn mir das nicht gelingen -sollte, der Gekränkten eine Genugthuung zu verschaffen, die das Gesetz -der Ehre vorschreibt. - -Auguste seufzte tief und sprach »Am Ende war vielleicht die übereilte -Entfernung Ihres Freundes eine unerkannte Wohlthat des Himmels der das -edelste Mädchen auf diesem Wege von dem bestandlosen Manne befreyt hat.« - -Meynen Sie? fragte er, und sah ihr tief in das blaue Augen-Paar. - -Denn Ihrem Woldemar »fuhr sie fort« weint bereits eine neuere Braut -nach. - -Man sagte mir das: ich glaubte es nicht. Jetzt -- O jetzt muß ich's -fürchten! - -Sie sind sein Freund. An Ihnen ist es, ihm den vorgefaßten Argwohn zu -benehmen, ihn an ein Herz, das er zerrieß zurück zu führen. - -O, nun es so weit ist, sind wir geschieden -- der Rächer tritt nun an -des Warners Platz. - -Nein, edler Mann »sprach sie mit flehendem Silberton« der Warner muß zum -Engel und nicht müde werden bis ihm die gute That gelingt. - -Julius küßte von dem Zauber dieser Töne, und von dem Geiste dieses Raths -ergriffen, Augustens Hand, als die zurück gekommene Julie -hereinrauschte, betroffen stehen blieb und die Gruppe mit blitzenden -Augen maß. Das Fräulein stellte ihr in dem Gaste Woldemars Freund vor. -Sie erwiederte seinen Gruß mit dem anmuthigsten Lächeln, zitterte -bereits im Herzen vor den Zwecken dieses augenscheinlichen Störenfrieds -und griff zu den magischen Waffen ihres Zaubers. Aber Julius sah durch -den täuschenden Schleyer der Grazie in ein harmvolles Herz, in diesen -unstäten Blicken, in dieser leisen, jeden Scherz verkümmernden Angst den -regen Argwohn ihrer Schuld -- und als er sie jetzt über dem Fräulein -vergessen zu wollen schien, da ward die Charis plötzlich zur _Ate_, der -Groll der Mißgunst trat auf ihre Stirn, Auguste aber zog sich mit -sanften Erröthen hinter den Heiligen-Schein der Sittlichkeit zurück. -Frau von Wessen faßte sich schnell; überschüttete die verstummte -Schwätzerin mit Schmeicheleyen, lenkte nun, von dem Spiele seines Humors -erheitert, das Gespräch auf den Hauptmann, dessen bis jetzt nur -beyläufig gedacht worden war und erschöpfte sich in seinem Lobe. Julius -begleitete es mit den Gebehrden des Beyfalls, erbat sich, als Auguste -verschwunden war die Erlaubniß eine so theilnehmende Gönnerin seines -Vertrauten von dem seltsamen Mißgeschick ihres gemeinsamen Freundes -unterhalten zu dürfen und wiederhohlte Wort für Wort die Geschichte. -Julie sah ihm erst in's Auge, dann zum Himmel, von diesem zu Boden. Sie -spielte bald mit dem Ridikül, bald mit den Gliedern ihrer Kette, -erröthete, verblaßte, und stand eben im Begriff den Erzähler für ihre -Ansprüche zu gewinnen, als die Baronin mit einem Brief in's Zimmer trat. -Sie übersah den Fremden in ihrer Bestürzung. Lies! »sprach sie kaum -vernehmbar« die Armee ist geworfen -- der Feind im Anzug. Julie -verschlang mit feurigen Augen den Inhalt der Nachricht. Er wird vermißt! -»rief sie die Hände ringend« Woldemar ist gefangen oder gefallen! - -Der Himmel selbst »erwiederte Julius« scheint dies Herz an die -Entbehrung seines Lieblings gewöhnen zu wollen. - -Sie wissen also »entgegnete Frau von Wessen« daß Woldemar der Meine ist? -Aber wissen Sie wohl auch, daß weder ein Mährchen, noch sein Erfinder, -weder die Schlauheit einer Neben-Buhlerin, noch die Beredtsamkeit ihres -Wortführers, mir ihn entreißen wird? - -Ich weiß nur »fiel er ein« daß der Feind gegen den er dies Schloß -vertheidigte, bey weitem nicht sein schlimmster war und daß sein Weg zu -Ihnen nur über mich geht. Aber wir streiten vielleicht über die -Pflichten eines Todten, und thäten doch, falls diese Nachrichten -gegründet sind viel besser, zu packen und zu fliehen. - -Julie kehrte ihm tief empört den Rücken und folgte der Baronin, welche -taub für den Wortwechsel mit dem Himmel verkehrt hatte. - -Julius traf im Fortgehn auf das Fräulein. Werden wir uns widersehn? -»sprach er« und wie, und wenn? Längstens dort! »entgegnete sie« und so -Gott will, an einem schönern Tage. - -Er drückte gerührt ihre Hand an die Lippen. Sie müssen fliehen »sprach -er« wer begleitet, wer beschützt Sie denn? - -Himmel und Erde »entgegnete sie« der Mutter Gebet und unser Jäger. - -Die Baronin kam in diesem Augenblick herzu. Sie hatte von Julien -vernommen wer er sey, sah in dem unerwarteten Gaste einen ihr in der -Stunde der Noth gesandten, erbeteten Beystand und bot ihm nach den -ersten Begrüssungen den Platz in ihrem Wagen an. Augustens Augen -unterstützten mit sanften, beredtsamen Blicken das Erbieten, der -Freyherr sagte zu. - - - - - Sechzehntes Kapitel. - - -Nur zu lange ließen wir indeß Herminen aus den Augen, deren Lage nach -Woldemars übereilter Flucht unter die trostlosesten hinabfiel. Julius -war nach jener Begebenheit, durch Theresens Vermittlung ihr bekannt, war -ihr Freund, ihr Rathgeber geworden, und des Mädchens letzte Hoffnung -beruhte auf dem Erfolge seiner Reise. - -Muth- und ruheloser als je, lag sie eines Abends an dem Herzen ihrer -heimlichen vertrauten Schwester, als diese tröstend zu ihr sprach -- -Schon manche Braut, meine Geliebte, ward getäuscht, schon manches feste -Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder die Bestandlosigkeit der -Männer zerrissen und nicht selten segneten späterhin die Getäuschten ihr -Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen sollte! - -Hermine sah, den Trost verschmähend in ihren Busen nieder. Ach! -Schwester »klagte sie« Du kennst den Umfang meines Unglücks nicht. - -Gestehe nur »entgegnete Therese« daß Julius der liebenswürdigste aller -Männer ist. Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an seiner Hand den -lieblosen Hitzkopf bald vergessen, daß ich dem Himmel danken würde, der -mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen Ziele führt. Das ist Dein -Fall. Es kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am Abend vor seiner -Abreise, den Günstling eines Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt -und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die Pflicht der Ehre und der -Freundschaft zu erschöpfen; und sollte es auch mein Leben gelten, ich -erschöpfe sie! Ein reitzendes -- Du mußt alles wissen, Hermine -- Ein -gefährliches, verbuhltes Weib sagte er, hat wie der Adjutant mir -schreibt, den Thörichten umstrickt, und find' ich ihn verlohren, so -tritt der Mittler kühn an seinen Platz, und Sie, Therese, ebenen mir den -Weg. Ich versprach ihm das, Liebe! - -Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten, das übereilte Geständniß der -Schwester hatte ihr Innerstes zerrissen. »Wehe mir!« rief sie, als der -wilde Schmerz endlich Worte fand. »Wehe mir, denn unserer Mutter -Schicksal ist das meine.« Therese sah verbleichend an ihr herab. - -Rechte nicht mit der Unglücklichen »fuhr sie fort« welche Sterbliche -wär' in jener Versuchung bestanden? Es gab eine Nacht, Therese, in der -dies Herz von Sehnsucht aufgelöst, dem Liebling alle seine Blüthen -zudachte -- in der ich die Arme verlangend nach dem Bräutigam -ausstreckte, in der die schöne Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O, -fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun nach einem endlosen, -verschmachteten Tage, in die einsame Kammer -- Deine Lippe lispelt -seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt ihn an's Ziel in Deinen Arm; -da rauscht es hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint, kommt näher -zieht Dich an die Brust und wird -- und wird zu Deinem Manne! - -Der Oheim unterbrach die Schwestern. Ein Geschäft führte ihn her, doch -das Wort erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer Sterbenden -ähnlich, der Ohnmacht nahe fand. So sage doch endlich was Dein Herz -bekümmert! »sprach der Erschrockene« Kann ich helfen? - -Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand. - -Willst Du heyrathen? Ich sage _Ja_! Ledig bleiben? Desto besser! Ein -ehrlicher Mann kann in Voraus alles gewähren, was ein braves Mädchen -verlangen mag. Nach Pyrmont soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch, -so reisen wir zusammen. - -Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit in die Ferne! vielleicht, daß -dort ein Heilbad für mich quillt. - -Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte Herminen einen Brief. Er war -von Julius. Zitternd erbrach sie ihn. - - - - - Siebzehntes Kapitel. - - -Noch verbarg die Frau von Wessen, von Aerger, Gramm und Angst bedrängt, -ihre besten Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher Husaren in den Hof -sprengte, zum Willkommen mit Pistolen in die Fenster schoß und den -angespannten Wagen umringte. - -Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, in diesem, Julius stand -mit ihrem Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, eine Kugel schlug -zwischen beyden hindurch. Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen auf -den Arm und stürzte mit ihr durch die Gartenthür den Hügel hinab. Sie -wieß zum nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der tief in den Forst zu -der Wohnung eines Wildhüters führte. Bergab, bergauf schlang sich der -unwegsame Pfad und bald verschwanden Kraft und Odem. Die schöne Bürde -glitt am Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft an ihre -Seite. Das Bedenken, mit einem solchen Manne und von ihm verpflichtet in -dieser Wildniß allein zu seyn, ging in dem Gram über das Schicksal der -Mutter, über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, über das -unselige Verhängniß ihrer Zukunft unter. Schrecklich brauste jetzt der -Donner des Geschützes durch den Hayn. Auguste raffte sich verstummend -auf und eilte fort. Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer -dunkler ward der Wald; die Sonne sank, man kam zur Wildhütte. Der alte -Jäger erstaunte, die Tochter seiner Herrschaft hier zu sehen, erquickte -die Hinsinkende mit Brot und Milch und versprach, bewegt von des -Fräuleins befehlender Bitte und dem Golde das ihm Julius verhieß, sich -nach dem Einbruche der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, und wo -möglich die dort Verlassenen ihnen nachzuführen. Er füllte die Lampe mit -Oehl, schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und ging davon. Auguste -sah umher, sah dem lauschenden Gefährten in's Auge, untersuchte das -Thürschloß, schlich weinend auf und ab und warf sich jetzt auf ihre -Kniee nieder. Sie sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte -Mädchen und unwillkührlich falteten sich die Hände des Hörers. Ihr -Angesicht verklärte sich; ein leises Amen flog, wie Geister Säuseln, von -den Lippen der Beterin. - -Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem Muth erhob, bis zu -Thränen gerührt, ihre Hand. - -Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher Theilnahme und trocknete -die Perlen des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen. - -Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich glaubte den himmlischen Gespielen -wieder zu sehn, der einst die seligen Träume des Knaben verschönte -- -Den Engel der in des Kindes Glauben lebte, und mit des Jünglings -Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor mir aufgethan, in der ich, -unrein wie der Zöllner stand. - -Den fürcht' ich nicht! erwiederte Auguste und setzte sich vertrauend an -seine Seite. Julius pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen und ihre -Besorgnisse durch ein ernstes Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des -Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden Einfluß auf die Bildung des -Herzens; gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen Vorbildes, -der Fluth der Sinnlichkeit die seine Gelübde und die reiche Saat der -elterlichen Mühe verschlang. Plötzlich »fuhr er fort, denn sie hörte ihm -mit Andacht zu« faßte mich eine Hand. Es war die Hand des Todes-Engels, -der mich am Sarge meines Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte umgaben -ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde -selbst ehrten sein geheiligtes Andenken. - -Und was würden sie denn am Sarkophag des Sohnes sagen? »fragt ich mich -auf dem Wege zu der väterlichen Gruft!« Wo sind die Opfer die du dem -Glauben an die ewige Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die Saaten für -jene Welt gesät? Die Siege über das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige -die Wunden auf, die du heiltest, die Keime der Fruchtbäume die du -gepflanzt hast! Beschämt, vernichtet, stand ich vor dem innern Richter, -wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte für den Augenblick -an der Rettung aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden Finger hing -sich eine Schooßsünde die mich nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte -die Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute meinen Willen; in jedem -Winkel spottete ein Satyr den grämlichen Pedanten aus. - -»Still« sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. Eben klopfte man an den -Fensterladen. Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, und verbarg -das Licht. - -»Aufgemacht!« rief es. Zwar mischte sich ein bittender Ton in die -Stimme, aber Satan bat ja schon öfters mit Engels-Zungen um Einlaß. »Ich -bin es, guter Jakob!« versicherte Frau von Wessen. - -Julius antwortete an des Wildhüters Statt. Aber die Thür war von innen -nicht zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel mitgenommen. - -Sie werden doch eine Hand für mich frey haben »entgegnete Julie« um mir -durch den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. Er folgte schnell -dem Winke und zog die Füllreiche nicht ohne Anstrengung, nach manchem -fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens hatte Auguste während dem -zu wiederhohlten Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt. - -Das »sprach die Schwägerin, als sie jetzt wieder auf ihren Füßen stand« -das kann kein Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen seyn, das -allen dem was ihr am theuersten seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit -ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen Sie mein Herr, wenn etwa die -verwünschte Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit unterbrach. - -Ihre Verzeihung »fiel Julius ein« ist um so überflüßiger, da wir vor -Gottes Augen wandelten. - -Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. Vor Gottes Augen! »wiederhohlte -er« wir dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen. - -Was kümmert's mich! »entgegnete sie« Laß uns Friede machen und -Entschlüsse fassen, denn diese Nacht dauert nicht ewig und meine Kräfte -sind erschöpft. Rund um erleuchten feindliche Wachtfeuer den Himmel, nur -gegen Osten hin scheint mir der Weg noch frey zu seyn. - -Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. Sage mir »flehte sie« wie -und wo Du die Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung bedrängt -mein Herz. - -Quälle mich nicht »entgegnete Julie« Und wenn Dich nun vorhin jemand -beschworen hätte, ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin blieb, was -hättest Du denn zu erwiedern vermocht? - -Konnt' ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste -- Dem nahen, sichern Tod -entflohen wir und tief im Wald erst kam mir die Besinnung wieder. - -Das ist auch _mein_ Fall. Mich aber nahm kein beschützender Mann an sein -Herz. Mir selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, und nur die -Schrecken der Nacht, nur die grause Furcht vor Ungeheuern, nur der -Gedanke an Woldemars Schicksal begleitete mich. Ueber mir rauschten die -Wipfel wie der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht sah bald ein -weißer Geist, bald eine blutige Gestalt hervor und während dem Du hier -in schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, sah ich nur Bilder -des Entsetzens. - -Auguste drückte die Hand der Schwägerin an ihre Lippen. Arme Schwester -»sagte sie« Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet. - -Dann hat mir freylich nichts begegnen können »entgegnete diese und -lächelte wegwerfend.« - -Wie? »fragte Julius« Sie könnten die Vorsprache eines so himmlischen -Gemüths verschmähen? Die geheime, durch tausend Erfahrungen bewährte -Kraft eines feurigen Gebets bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur Ehre -des guten Geistes bekennen, daß ihn mein Herz in bangen, schrecklichen -Stunden, in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken die ich für -meine letzten hielt, nie vergebens um Licht und Rettung anrief. - -Ich für mein Theil »erwiederte Julie« gestehe dagegen, daß mir bis jetzt -der gute Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer als ein -feuriges Gebet aus der Noth half, aber selbst das eiserne Fatum hat -seine Günstlinge und ich zählte Sie schon beym ersten Anblick unter -diese. So macht mich denn zur Genossin des Lichts und des Raths den -diese Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir scheint es ganz ohne Zuthun -einer Schicksals-Macht höchst gerathen noch vor Tages Anbruch der -nächsten Station zuzueilen, und falls sich da um keinen Preis Pferde -vorfänden, auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee fortzuziehen. Hat -ihre Niederlage sie nicht um allen Rittersinn gebracht so wird er sich -gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die aus verweinten Augen sehen. - -Julius und Auguste entgegneten einstimmig daß man für's erste die -Rückkehr des alten Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner Kenntniß -aller Schliche gewiß gelingen werde, die Baronin aus dem Schloß und in -ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber an der Thätigkeit einer höhern, -leitenden und erhebenden Hand »setzte Auguste hinzu« sind bereits durch -die Fassung mit der Du ganz wider Erwarten die Sage von Woldemars -Unglück hinnahmst und durch das Wunder, welches Dich durch die Nacht und -die Feinde und den unwegsamen Wald in unsere Mitte brachte, widerlegt. - -Schnell erglühend sagte Julie »Ich fand noch eben Kraft genug in mir, -den Triumph der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth und Entsagung zu -verkümmern, und unter diesen Umständen in der Nachricht von des -Hauptmanns Schicksals den besten Trost.« - -Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, unversöhnbaren -Widersacherin die Spitze zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen -trat und Augusten ein Billet von der Baronin überreichte. - - Geliebte Tochter »las das Fräulein mit zitternder, von Furcht - und Hoffnungen bewegter Stimme« ich melde Dir daß sich Deine - Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet, - doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn - gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem - Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende - macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht - beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da - er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen - sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen - bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc. - -Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, und Julius bot ihr den Arm. -Lassen Sie uns eilen »sprach er« denn leicht könnt vor Abends noch ein -Unhold an die Stelle des menschlichen Schutzgottes treten. - - - - - Achtzehntes Kapitel. - - -Der Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge in den Hof traten, wie -gestern, angespannt vor der Thür, und die Baronin reisefertig an -demselben. Vor allem »sprach Julie zu dieser« lassen Sie uns Erschöpfte -erst ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, im größten Wirwarr -verlassenen Sachen sehen und nebenher auch dem Obersten für seine -großmüthige Schonung danken. Damit flog sie singend die Treppe hinauf -und an dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. Begierig das kecke -Vöglein zu sehn, welches hier unter der Schärfe des Schwerts noch Sinn -für solche Läufer habe, steckte der junge Held den Kopf aus der Thüre -und fand sich auf's Angenehmste überrascht. Frau von Wessen schien -erschrocken, trat ihm mit reitzender Demuth entgegen, dankte dem Gütigen -in den gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, sich als die -Wittwe eines gefallenen Soldaten schonender Rücksichten gewürdigt zu -sehn und war nach einem viertelstündigen Aufwand ihrer magischen Künste -der willkommensten aller Eroberungen gewiß. - -So eben »sprach sie zu der ängstlich treibenden Mutter« hat mir der -Oberste noch den großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich alles was wir -bereits verlohren gaben, packen lassen und Ihnen dann folgen werde. -Seine Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz und mein Schirm seyn. -Im Zollhaus erwarten Sie mich. - -Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie nicht von der Stelle weichen zu -wollen. Da nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer Ausbesserung -bedurfte, so verzögerte sich die Abreise von Stunde zu Stunde, und ward -endlich, als sich die Mutter im Gefolge der ausgestandenen Schrecknisse -plötzlich von ihren Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden Tage -verschoben. Alle außer ihr fanden dabey für den Augenblick ihren -Vortheil. Der Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber als das -_Schöne_ und Frau von Wessen gefiel sich vor allem in der Rolle der -Delila. Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, seinem -Sinne zusagende Männer und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen -Auguste die Einsamkeit in die sie sich, trotz der anziehenden Gäste, zu -seiner höchsten Befriedigung vergrub, erträglich zu machen. - -Bald darauf lief auch die Bestätigung von Woldemars Gefangenschaft ein. -Er hatte, laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, den Erwartungen -die sein erstes Probestück erregte und der Rolle zu der ihn seine -Beförderung erhob, so wenig entsprochen, sich auf einem Außen-Posten so -zweckwidrig benommen, sich späterhin so unvorbereitet überfallen lassen, -daß seine Stelle wie billig bereits vergeben und besetzt worden war. - -Plötzlich entstand eines Morgens großer Lärm in dem Hofe und dem Hause. -Es gab ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine Ordre welche den -Genius der Wessenburg zu der Armee des Innern abrief, brachte Freunde -und Feinde in Bewegung. - -Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue zur Flucht, Julius empfahl -dem Obersten auf gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und benutzte -dessen Erbieten, ihn mit Wechseln und Nachrichten zu versehn. Sein Brief -sprach um so nachdrücklicher für die Verlassene, da ihm Theresens letzte -Zuschrift für immer alle Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen -hatte. - -Alles war zum Aufbruch bereit als Julie in der Mutter Zimmer trat, ihr -mit feierlichem Ernst die Hand küßte und sich als die Braut des Obersten -auf immer beurlaubte. Zwar »sprach sie« ist der Schritt gewagt; aber in -der Liebe ist ja, nach des Meisters Ausspruch alles nur ein Wagstück -- -Zwar bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an fernen Wasserflüssen -und weiß noch immer nicht was er will -- Zwar ist mein Bräutigam der -feurigste Republikaner, doch wer die Freyheit ehrt, wird auch die Rechte -des Weibes achten. Zwar ist er Katholik, doch sind ja seine Götter auch -die Meinen und Amor unser Schutzpatron. - -Die Mutter stand verstummt und sah mit gefalteten Händen gen Himmel. -Ihnen, Herr Baron »fuhr Julie, sich zu diesem wendend, fort« Ihnen, -dessen langweiliger Intrike mein rascher Entschluß über den Graben -hilft, wünsch' ich an Augustens Hand das beste Glück und eine Wildhütte -um es auszulassen. Warum erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres -als daß er der Deine wird -- Ich seh, Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit -Gleichem! Oft genug habt ihr mich auf Nesseln gestellt. Gott segne Sie, -_ma mere_, und Ihre Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, Fräulein! -Damit verschwand sie. - -Die Baronin eilte ihr nach. Auguste weinte, tief verletzt, hinter ihrem -Tuche, Julius neigte sich liebkosend zu ihr herab und sagte -- Möchte -der Segen dieser unholden Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille -befördert seltsam genug den schönsten Zweck und ich darf nun keck und -ohne Zögerung eines Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten des -Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen und Gelübden die mein -Geschlecht so oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. Sprach Frau von -Wessen aus Augustens Seele so wär' es wohl gerathen, die edle -Schaamröthe an meinem Herzen zu verbergen? - -Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren Leib -- »Auguste!« sprach er -leise und zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. Die blauen, -thränenschweren Augen bethaueten seine Hand mit warmen Tropfen. Ich fühl -es lebhaft »fuhr er fort« daß die Wildhütte zu meinem Glücke hinreichen, -daß sich, an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen in sanfte -Sehnsucht nach den Hütten des Friedens auflösen würden, und was das Ihre -fühlt, verräth dies Auge. - -Auguste lehnte sich, still entzückt an seine Schulter und lispelte mit -bebender Stimme -- »_Innige Liebe!_« - -Er küßte den Mund der diese Worte sprach, unter freudigen Schauern, und -eilte Arm in Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter entgegen. - - - - - Neunzehntes Kapitel. - - -Woldemar war indeß von einer gefährlichen Krankheit genesen und sah noch -immer, von jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, entblößt von -Geld und allen Gütern, die das Leben versüßen, der Auswechslung -entgegen. Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, bald im Glanze der -Unschuld, bald als eine weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten -die Entzückungen der Weih-Nacht den Schläfer, oder die glühende heiß -umfangende Julie ward vor den Augen des Erwachenden zur Stroh-Garbe des -Lagers auf dem ihn die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer öder und -leerer ward sein Inneres. Tage lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in -den Strom der an dem Kloster das die Gefangenen barg, vorüberrauschte, -und sein Gemüth erlag unter der Bürde der Schwermuth. Sterben! Schlafen! -»rief er mit Hamlet aus« das ist eine Vollendung der brünstigsten -Wünsche werth. - -Vielleicht auch träumen! »sprach Gregor, sein Schlaf-Geselle« nur bette -Dich gut! Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen sagen, ein Traum ist, -so wird es Pflicht sich immer die angenehmsten zu bereiten. Der Verdruß -über diese närrische Welt, die Schaam über dieß thörichte Herz, der Gram -über Mangel und Unfälle, haben früher den besten Theil meines Daseyns -verkümmert und selbst die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden -Lasten gemacht. Endlich erschien mir, spät genug, ein heilsamer Tröster. -Er schlug das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir zu, und führte mich -in sein Freudenreich. Bist Du elend? Hat Dich die Freundschaft -verrathen? Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer in Händel verwickelt? -Dein Sinn für Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich empört? Nun, so -flieh aus der Jammer-Höhle und folge mir nach. - -Ich weiß ja wohl »versetzte Woldemar« daß Deine Kopfwunde bedeutendere -Folgen als die meine hatte. - -Fürchte das nicht! »entgegnete Gregor« Tiefer als diese -- ach, ganz -unheilbar sind die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin -verbindet sie. Welcher Unsterblichen »frag ich mit dem Dichter« soll der -höchste Preis seyn? -- Der Phantasie! In ihrem Reiche lag das Paradies; -in ihm liegt Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume meiner Jugend gereift; -dort lebt das Weib, dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der Göttin! -Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, ihr Kuß berauscht ohne zu -entzaubern; ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen Hayn -und Kühlung um des Wallers Schläfe. - -So sage denn endlich was Du mit diesem Pathos gesagt haben willst? -Könnte die Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in Honig, den Kerker -zum Faul-Bett, die Geißel des Schicksals zur sammtenen Hand der Charis -umschaffen, so wollt ich heute noch jeder bessern Geisteskraft -absterben. - -Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths spricht »versetzte Gregor« wird -der Mißdeutung nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart anticipirt mein -Herz das Heil der Zukunft und lebt schon jetzt im Geist auf bessern -Sternen. - -Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, an dem vergitterten Fenster -vorüber. - -O Himmel! »rief Woldemar« Meine Braut! -- - -»Mein Weib!« rief Gregor und rieb sich, wie aus einem Traum erwachend, -Stirn und Augen »Ja -- Ja! ich wache, sehe, lebe noch und das war -Julie.« - -Julie von Wessen! »fiel der Hauptmann ein« die Wittwe eines Officiers. - -Wittwe? sagte dieser -- O, wollte Gott! - -Woldemar blickte ihm starr in's Gesicht. Jenes Geschwätz, und diese -Aeußerungen schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, und dennoch -sah ein ruhiger, besonnener Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief -Gregor mit einem seltsamen Lächeln. - -Die auf jeden Fall einer von uns verkannt hat. - -Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie trägt den meinen. - -Armer Gregor! - -Sag: Aermster Wessen -- So nenn' ich mich. - -Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. Dein Erstaunen »fuhr jener -fort« beweist daß Du sie kennst und daß sie mich zu den Todten warf. -Auch lag ich bereits unter diesen. Eine mitleidige Bäuerin, welche die -Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, fand noch Spuren des Lebens -in dem Verscheidenden und entriß mich dem sanften Erlöser. Ich ward in -ihre Hütte getragen, verbunden, gepflegt und kam nur allmählich aus dem -finstern Gebiete des Nichtseyns zurück. Man hatte mich Unbekannten, zur -Ehre des Schutzheiligen meiner Weckerin, Gregor genannt. Ich ward unter -diesem Nahmen in das Haupt-Spital, und späterhin mit mehrern genesenden -Gefangenen in das Innere abgeführt. Mein Zustand verschlimmerte sich von -neuem. Was ich auch, nach der endlichen Herstellung zu meinem Besten -that und sagte, ward als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, da -man mich nackend, ohne Kennzeichen meines Ranges unter den Leichnamen -hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem Kittel bedeckt fand. - -Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. Noch leidet freylich mein Kopf -»fuhr er mit fallender Stimme fort, und bedeckte mit der Hand die tiefe -Narbe« doch mein Gemüth leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter -verlassen. Sie wird bitterlich um mich weinen. Eine traute Schwester -- -Tief und herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern. Ein treulos Weib! --- Es wird den Schmerz erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen -sprang er auf. »Sagtest Du nicht daß sie hier sey?« - -Mit nichten! »erwiederte Woldemar und drückte ihn auf sein Lager zurück« -Doch Deine fromme Mutter lernt ich kennen und diese Schwester ward mir -werth. Ermanne Dich nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese Thränen -überschwenglich vergelten und alles schnell zum Besten kehrn. Aber -Gregor vernahm des Trösters Stimme nicht. Er starrte bewußtlos vor sich -hin, und vergrub sich tief in sein Stroh. - -Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten Empfindungen bewegt, vor -dem Unglücks-Gefährten, als der Aufwärter in die Zelle trat und ihm ein -geöffnetes Paquet übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein eben -durchreisender Officier für ihn mitgebracht habe. Er erkannte auf den -ersten Hinblick die Hand des Julius und ein freundlicher Sonnenstrahl -fiel durch die Nacht der Schwermuth in sein Herz. - - - - - Zwanzigstes Kapitel. - - -Der plötzliche Tod des Oheims, welcher kurz nach seiner Ankunft in -Pyrmont erkrankte, hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht, und -sie der traurigen Gewißheit überhoben, sein Vertrauen durch das -unabwendbare Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn. Ein freundliches, -in der Nähe jenes Heilquells gelegenes Landgut ward zum Verstecke -gewählt, und der Geistliche desselben, der sich am Sterbebette des -Oheims die Achtung der Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger -gemacht; denn für immer hatte Hermine auf die Rückkehr in ihre Heimath -Verzicht gethan. - -Die Blätter verbleichen »sprach sie eines Abends zu Theresen, als die -Schwestern Arm in Arm durch den Garten des freundlichen Besitzthums -schlichen« verblich ich doch mit diesen! Kein Meer reicht hin den -Flecken auszuwaschen, der Tod allein kann ihn vertilgen. Bescholten und -verbannt werd ich vergehen -- schnell wie mein Kranz verblühn, und -unbekränzt in's Grab getragen werden. - -Auch die Reue hat ihre Grenzen »erwiederte Therese« und der Gram sein -Ziel. Die Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der Schuldige, Du -nur das Opfer. Schon öfter hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die -Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild hoher Tugend worden. Und wenn -mich meine Augen nicht trügen »fuhr sie fort und zeigte nach der -Gitterthür« so erscheint uns eben dort ein hülfreicher Freund. - -Es war Julius der an Augustens Arm in den Garten tratt. Erblassend floh -Hermine durch den Laubengang; wo hätte sie den Muth hergenommen sich in -dieser Gestalt vor ihm sehen zu lassen. - -Ich komme weit her »sprach er zu Theresen« um Ihnen meine Frau -vorzustellen, vergebens wies man uns an der Pforte des Paradieses ab. -»Ich bin Gott Vater!« versicherte ich und glaub es nun selbst, denn Eva -hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn nicht scheuen darf! Deren -frommen Augen die wunderseltsame Kraft ward, den kecken Versucher in -einen ehrbaren Vormund zu verwandeln. - -Denken Sie mir nicht an jenen Tag »fiel die junge Wahl seufzend ein« wir -leiden noch an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß' ich willkommen und -freue mich des Engels den er dem Glück und seinem guten Rechte dankt. - -Komm an mein Herz, edles Mädchen! sprach Auguste, und umarmte Theresen. -Sie sehn »versetzte Julius« daß wir alles erschöpfen die Pförtnerin -dieses Klosters zu gewinnen und ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts -unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen Jungfrau zu -beschwören, deren Zustand sie in meinen Augen um so reitzender macht. - -Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete ihre Schwester, und ein -Mann, dessen Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten -Geschlechte versöhnte, wird eine so seltene Tugend der leidigen -Neugierde nicht zum Opfer bringen wollen. - -Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach er ernstwerdend. - -Den liefert das Pfarrhaus. - -Und bald auch -- den Herrn Pathen. - -Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin, die ihn mit einem -Fächerschlag zur Ruhe wies. Wenn ich hier nützlich seyn könnte »sprach -sie zu jener« so nehmen Sie mich auf, denn mein Mann hat eine -Geschäfts-Reise vor und ich war so lange schon mit dem Fröhlichen froh, -daß ich recht gern wieder ein Weilchen mit dem Weinenden weinen möchte. -Dieser Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja vielleicht auch, früh -oder spät, theilnehmender Seelen. - -Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte Therese, und diese -großmüthige Herabneigung wird ein verstörtes, in edle Schaam versunkenes -Gemüth viel schneller als mein längst verbrauchter Trost erheben. - -Mir ist »sprach Julius« bey allem dem ganz wunderbar ums Herz, und mein -Innerstes mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber dieser Pein erfüllt, -der um jeden Preis alles gut machen soll! - -Meines Mannes Reise »versicherte Auguste« hat diesen Zweck. - -Therese weinte jetzt und sagte »Dieser Urheber bin ich!« - -Oder der Himmel »entgegnete Julius« der Sie zum Ebenbild der Schwester -schuf, oder die Hölle vielmehr die da ganz ohne Mühe eine Saat -himmlischer Freuden mit Unkraut bedecken konnte. Aber, gute Wahl, mir -ist leid für die Leidende. Sie fühlt zu tief um nicht auf Kosten ihres -Lebens zu empfinden. Es wird in diesem Sturm versinken. - -Das ist's was ich fürchte »klagte diese.« - -Ich fürchte nichts! »sprach die Baronin« wir sind zum Schmerz berufen; -verstören nur -- zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige sind gemacht -die Sünde dieser Welt, die Schuld der Schuldigen zu tragen. - -Für die Wahrheit küß' ich Ihre Hand! »rief Therese.« Der liebende Gatte -that ein Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken, die Wangen der -Umfangenen berührten sich. Therese »flehte Julius« bey dem schönen Sinn -dieser Gruppe beschwör ich Sie, mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich -wenigstens nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn zu lassen. Der Anblick -soll mich stärken für meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde -verdient ja doch, ich fühl' es lebhaft, diese Güte. - -Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste gleich, hinter der Hecke hervor -und neigte sich laut weinend an seine Brust. Sie haben viel für mich -gethan! »sprach sie mit gebrochner Stimme« mehr als ich je vergüten -kann; doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich stehe am Grabe, -Julius; es ist mein letzter Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in -Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr wenn Sie _Ihn_ wiedersehn. - -Thränen füllten seine Augen. Hermine drückte des Freundes Hand, und -einen Kuß auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach sie mit dem -Flötenton der innersten Wehmuth und sank erbleichend an Theresens Herz. - -Leidende Heilige! »rief Julius erschüttert aus.« Der lichte Geist der -Hoffnung umschwebe Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein Blümchen an -die Rose schmiegen, und der entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn. - -Ich werde vor Gott stehn »erwiederte sie« und Ihr gerührt an meinem -Grabe. Julius verwies ihr die bangen Zweifel und machte sich -reisefertig. - -Lebe wohl! »sprach die tiefbewegte Auguste und floh an den Hals ihres -scheidenden Gatten« Dem Herrn befehl ich Deine Wege! Umfangend hob er -sie empor. Lebe wohl! »flisterte sie« mein Liebling, meines Lebens -Licht! Meine Wonne! - -Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars Braut die Hände der neuen -Freundin und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz und sprach -- Wie -sanft wird sich's in diesen Armen sterben! - - - - - Ein und zwanzigstes Kapitel. - - -Dem Briefe des Julius welchen der Aufwärter dem Hauptmann überbrachte -war ein kleines, mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von der Hand der -Frau von Wessen beygefügt. Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage -der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof wo sie abtrat, und mehr als -eine Triebfeder drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar fand sie -allein, schöner als je, in einem idealischen Nachtkleid und ward mit -bräutlicher Traulichkeit von ihr umfangen. - -Ihr Selbstgefühl »sprach sie, als er an ihrer Seite Platz genommen -hatte« wird mir für die Großmuth Dank wissen mit der ich mein höchstes -Gut, den Liebling meiner Seele, einer heiligen, gebietenden Rücksicht -zum Opfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne der mir dies Opfer möglich -und den Verlust erträglich macht. Auch Sie »fuhr Julie, als sein -stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte, mit süßem Lächeln fort« -Auch Sie gewinnen offenbar, denn ein so fehlervolles Weib ist nur für -kurze Flitterwochen gut und jungem Weine gleich, der schnell begeistert -aber Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher als galant, und auch -ich will ehrlich seyn. Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar. Wie -gern hätt' ich das Süßeste mit ihm getheilt, doch er verstand mich -nicht, zagte nur wo er begehren sollte, und zittert vor dem schönsten -Verhältniß. Mag eine Prüde sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage -schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur die Dankbarkeit gewann das Ihre, -nur der redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen, nöthigte -diesem Munde die längst bereuete Verheißung ab. Doch jenes hatte meine -Leidenschaft erfunden und diese geb ich hier zu Gunsten einer weinenden -Braut zurück. Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu den -schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu sehen, wird sich mein künftiger -Gemahl für Ihre Befreyung verwenden. - -Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte wieder, dankte, lauschte, erfuhr -mit Verwunderung wie eigentlich Augustens blaues Band in seine Nähe kam -und sagte, mit dem Geist dieser Burg versöhnt »Ein Vertrauen ist des -andern werth, und nicht bey mir darf die großmüthige Verwendung dieses -sogenannten, künftigen Gemahls beginnen. Vor allem bieten Sie die Hand -um den bisherigen zu retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier. Seit -wenig Tagen theil ich mein Stroh mit ihm, und auch sein Unglück.« - -Julie sah ihn verblassend an, und eben führte Woldemar den Beweis als -plötzlich Waffen auf dem Saale klangen und die kleine Tochter des Wirths -ein leises _Sauvès Vous!_ in's Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgte -der Warnerin auf dem Fuße nach und nahm die Frau von Wessen als -Gefährtin des verdächtig gewordenen Obersten und nebenher auch den -Gefangenen in Verhaft -- Verhaft und Guillotine aber waren, in jener -Schreckens-Zeit fast immer Synonimen. - - - - - Zwey und zwanzigstes Kapitel. - - -Da siehst Du nun »sprach Therese, und hob die Wiege vor das Bett der -tief bewegten Mutter hin« wie wenig Glauben auch die bängste Ahnung -verdient. Wir zitterten, von Deinem Beyspiel angesteckt, vor der -entscheidenden Stunde; aber sie nahm unsern Kummer mit, und gab uns -diesen Liebes-Gott. O Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen unsers -Kranzes. - -Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen, Therese ihn mit lauten -Küssen, Hermine mit heiligen Thränen ihr Ebenbild. - -Zwar »sprach Auguste« sind die Männer die begünstigten Schooßkinder des -Himmels, aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester Rausch, ihr -schönster Gedanke das Entzücken einer Mutter auf? - -Die Männer »fiel Therese ein« sind wilde Bäume, und höchstens nur zum -Rauschen gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert. - -Potz tausend! »rief Auguste« das ging hoch. - -Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht so paßt es doch und der -Himmel verzeihe jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube, das hält -schwer. Die Undankbaren! Mit einem hoffärtigen »Ich danke dir Gott!« -sehn sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem sanften, wachenden, -erhaltenden Schutzengel des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer -Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichen Mütter wird kaum gedacht; -weder der Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen und unsere -Opfer -- Geräuschlos bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlen -_Sie_ mit den kleinsten. Fast immer folgt ihnen die Vergeltung auf dem -Fuß, wir werden fort und fort an eine andere Welt verwiesen. - -»Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt« schalt Auguste und legt' es -an der Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun des Lieblichen und -vergab sich jetzt die schwache Stunde. Wie hold du bist »sprach sie den -Schmerz vergessend.« Wie diese Augen glänzen -- die Lippe lächelt schon! -Als hätt' ihn mir die gute Fee gebracht. - -Die Freundinnen stimmten bey; der Kleine ward, wie einst Latonens Sohn -von den Göttinnen, bewundert, geliebkost und gewiegt. Ich wollte »sagte -jetzt Therese, um die erschöpfte Schwester einzuschläfern« daß es noch -Feen gäbe, das Leben wäre dann um eins so schön. Meine Gräfin hatte ein -altes Buch voll solcher Mährchen, es war bey weitem besser als manch -Dutzend unserer Zauber-Romane -- Die Fingerzeige der weisen und -mächtigen Balsamine haben mich oft mit dem Schicksal versöhnt und mein -Herz von der Sucht der Wünsche, von dem Verlangen nach den scheinbaren -Gütern des Lebens geheilt. So spricht sie unter anderm einst, nach der -Feen Weise, als altes Mütterchen, Fräulein Amanden um ein Almosen an. -Amanda, welche eben in Thränen schwimmt, begabt sie reichlich und wird -nun in aller Demuth gefragt, warum sie denn die Rosen und Lilien ihres -lieblichen Angesichts mit dieser Perlen-Fluth bethaue? Die Herzlichkeit -der Alten erweckt Vertrauen. Eines Liebhabers wegen! sagte Amanda. Ist -er denn unbeständig? Treu wie Gold! Eifersüchtig? So will sie ihn -- -Arm? Unglücklich? Gefährlich krank? Mit nichten! gesund und reich, und -ganz wie er seyn soll, aber alle diese Vorzüge werden von seiner -Häßlichkeit verdunkelt. Zwar bin ich ihm »versichert sie« dem -ohnbeschadet vom Herzen gut, doch die Schwestern und Freundinnen werden -nicht müde meines Geschmacks zu spotten, und lächeln schadenfroh so oft -er mich die Seine nennt. Wag' ich es dann, der Lieblosigkeit zum Trotz, -ihm unter mehr als vier Augen ein schönes Wort zu sagen, oder wohl gar -einen Kuß auf seinen ungebührlich großen Mund zu drücken, so greift die -eine nach ihrem Tuch, die andere kichert hinter ihren Fächer, die dritte -lacht ihr Strickzeug an und meine Schammröthe verwundet sein Innerstes. - -Balsamine schlich jetzt zum nahen Kreuzweg hin, pflückte dort nach -langer Wahl ein grün und gelbes Blümchen, kam zurück und sprach: das -_Gute_ war immerdar heilbringender als das _Schöne_ und ein reizloser -Mann viel reizender als zehn Werthlose; doch wächst für den gedachten -Uebelstand ein wundersames Hausmittel am Wege das Du nach Belieben -gebrauchen magst. Hat dein unlieblicher Freund zu dreyen Mahlen an dies -Blümchen gerochen, so wird er schnell genug der Schönste aller Schönen -werden. Amanda glaubte sich gefoppt und suchte die Vorlaute durch einen -wegwerfenden Blick zu entfernen, Balsamine aber legte das grün und gelbe -Wunder-Blümchen auf ihren Schooß und sagte -- »Nur siehe zu, was Du -thust, denn manches Uebel ist ein Gut. Schon mancher warf mit der -stinkenden Muschel die köstliche Perl weg und den Kern statt der Schale. -Treuherz folgt in Noth und Tod, aber Schönlieb ist aller Mädchen -Schatten.« Das Fräulein sprach »Es ist schon gut, sie kann nun gehn.« -Die Alte ging, Amanda sah ihr nach und ihren Amatus in der Allee -herabkommen. Die Schwestern haben Recht! »gestand sie sich« er wird von -Tage zu Tage garstiger. Kein Ziegeuner kann bräuner, keine Mohren-Nase -stumpfer, kein Juden-Kinn verletzender seyn. Amatus sah von Ferne schon -die Falten ihrer Stirn, die hängende Unterlippe, den starren, auf ihre -Arbeit gehefteten Blick und setzte sich seufzend an ihre Seite. Sie -seufzte auch und schob die Thränen, die sich unaufhaltsam in ihre -himmelblauen Augen drängten, auf Rechnung eines heftigen Schnupfens. Er -suchte sie durch die Versicherung daß sich jedes heftige Uebel in der -Regel am schnellsten erschöpfe, zu erheitern, spielte mit ihrer -Busen-Locke und langte bald darauf auch nach dem seltsamen Blümchen das -noch auf ihrem Schooße lag. Wollte Gott, dachte sie und sprach im -Scherze »_Riech ein Mahl!_« - -Es riecht nach gar nichts! »versetzte er, und drückt' es tief in die -häßliche Stumpfnase« es kriebelt nur! - -Ists möglich? »rief Amanda in ihre Hände schlagend« Ja, ja, sie wächst! -Ich seh's genau; die Nase streckt sich! Mehr verlang ich nicht! Aber -schon verschmolz der schwarze Stachelbart in blaue Schatten, die weit -geschlitzten Lippen schlossen sich zum Rosenkelche, des Herzens sanfte -Flamme strahlt' aus dem verklärten Augen-Paar, und als ihm die -Ungenügsame das Blümchen zum dritten Mahl hart vor die umgeschaffene -Nase hielt, wich das Mulatten-Gelb dem herrlichsten Inkarnat der je -einen Feen-Günstling verlieblichte, wurden die röthlichen Lichtspieße zu -goldenen Locken, formte sich der vieleckige Scheitel zum Apollons-Kopf -um. - -O Du Göttlicher! rief das Fräulein, erfreute ihn mit feurigen Küssen und -beschwor den Verwunderten sie heute auf den Ball zu begleiten. - -Amatus war entzückt den Dämon ihrer Laune so schnell entfliehen zu sehn -und gab Amanden stracks den Arm. Ihm war als hab er immer so ausgesehn -und allen Freundinnen und Bekannten als hab ihnen nur von der -Häßlichkeit des engelschönen Mannes geträumt -- Jetzt lächelte, statt -der Spottsucht, das Verlangen aus diesen; jetzt hatte jede die sonst auf -alle Tänze versagt war, die besten für ihn aufgehoben, und die ihn -gestern noch wie einen Unhold flohn, suchten den unstäten heute mit -allen ihren Zauberkünsten fest zu halten -- - -Leiser! »bat Auguste« sie schlummert sanft. - -»So schlafen wir auch!« entgegnete die Erzählerin und setzte sich, -erschöpft von Nachtwachen zurecht, um nun ein wenig auszuruhn. Die -Baronin aber, der das Mährchen gefallen hatte, versicherte, sie werde -sich durch diesen unzeitigen Schlaf die Nacht verderben, und auch -Hermine schlug jetzt die sanften Augen auf, und erbat sich die -Fortsetzung. - -Wenn Ihr es denn befehlt, gnädige Frauen! »sprach Therese,« so will ich -in der wunderseltsamen Geschichte des grünen und gelben Blümchens -fortfahren und wünsche nur, daß mein ungeschicktes Bestreben, Eure -Nachsicht verdienen mögen. - -Auguste nickte lächelnd, Hermine warf ihr einen Kuß zu und diese sprach --- - -Ihr könnt glauben, daß sich Amanda vor Freuden nicht zu fassen wußte, -wenn die Eine sie die beneidenswertheste Braut nannte, die Andre nicht -müde ward ihr jeden seiner Reitze vorzuzählen; wenn eine Dritte, Vierte -und Fünfte bey jeder Liebkosung die er Amanden brachte, aus Mißgunst -theils und theils aus Mitgefühl erröthete. Aber die Freude der -Eigensucht ist ein flüchtiger Wildfang. Er fliegt am Arm der eitlen Hore -fort und keine Fessel bindet ihn. - -Immer hatte der Vielgetreue sonst, von den Grazien gemieden, des Winkes -seiner Braut gewärtig gestanden, jetzt mußte sie oft Stundenlang den -zarten Hals verlängern um ihn im dichten Mädchen-Kreise auszuspüren. -Sonst labte er sie während der Tänze mit Thee, kredenzte ihr bey Tafel -den Wein und den Kühltrank, jetzt trank er diesen, erhitzt vom Walzer -selbst, und hatte dann soviel mit seiner Mühmchen-Schaar und ihren -Nachbarinnen zu verkehren, daß die Vergessene oft voll Ingrimms in den -Fächer biß. - -Sonst pries er sich selig sein gewaltiges Haupt auf dem Halse einer -Huldgöttin wiegen zu dürfen, jetzt scheinen diese Wiegen im Preise -gesunken und Hände, die ihm sonst im Pfänderspiel bald Schnippchen -schlugen, bald in die Wade stachen, lockten den verwandelten Amatus -jetzt, der Taube gleich, mit sanften Flügel-Schlägen. Bald schwindelte -ihm der Apollons-Kopf, die Weibergunst blies ein Licht seines Verstandes -nach dem andern aus; nur wie zur Frohne schlich er nun mit dem -getheilten, erkälteten Herzen zu der schmollenden Braut. Die fromme -Gutmüthigkeit, die reine Treue, die sittliche Güte, der schöne Kranz -seltener Vorzüge, über dem Amanda früher oft die vermißte Blume der -Körper-Schönheit vergessen hatte, war bis auf die letzte Spur -verschwunden. - -Die getäuschte Braut verwünschte ihre Uebereilung, sah täglich nach -allen Winden hin der alten Bettlerin entgegen und in jedem Spital-Weibe -Balsaminen. Aber diese ließ sich weder hören noch sehen. - -Als endlich das zerfallene Paar eines Abends wieder in finsterer -Zwietracht auf der Rasenbank saß, fiel Amanden am Schluß ihrer -Gesetz-Predigt, die, gleich allen Predigten, wo nicht ungehört, doch -unbeachtet blieb, der Kreuzweg in's Auge. Sie gedachte des Störenfrieds -welchen das Mütterchen dort gepflügt hatte, sammelte von einem Gedanken -überrascht, die ganze Flora dieses Platzes in ihre Schürze, tratt vor -den schweigenden Flattergeist hin und sprach -- Wie kräftig! Riech ein -Mahl! Spöttisch warf er den Kopf in die Höhe, Amanda aber flehte jetzt -so liebevoll und hob ihr Schürzchen so hoch empor, daß Amatus endlich -der unschuldigen Bitte nachgab, zu ihrer Verzweiflung immer noch schöner -ward, und nach öfterm Gähnen plötzlich davon ging. Sie sah ihm -hoffnungslos, wie damahls Balsaminen nach, und o Himmel, da kam die Fee -ganz unverhofft am Krückenstabe in der Allee herab. Amanda griff zu -ihrer Arbeit und that als habe sich kein Wässerchen durch ihre Schuld -getrübt. - -Guten Abend, schönes Fräulein! »sprach das Mütterchen« ich seh ihr weint -nicht mehr, und werdet mir nun um so williger eine Gabe reichen. - -Ich wollte alles was ich habe, darum geben »entgegnete Amanda« wenn mein -Liebster noch häßlicher als zuvor, und wieder der Alte wäre. Euer -verwünschtes Blümchen hat nichts als Unheil angestiftet, und wenn Ihr -mich lieb habt und Euch mein Unglück zu Herzen geht, so sorgt dafür daß -er künftig nur mir gefalle, denn wenn auch seine Nase den Kunstsinn -nicht befriedigte, so würde ich ihn doch viel lieber ganz ohne diese, -als in einer so hoch stehenden sehen; auch zieh ich jetzt ein Auge, das -liebevoll an meinen Winken hängt, und wäre es grau und schielend, den -schönsten Sternen vor, die ohne Auswahl allen leuchten. - -Ihr hättet bedenken sollen »sprach die Fee« daß es auf Erden keinen -Gewinn ohne Verlust, kein Licht ohne Schatten geben kann, und daß die -reichsten Geschenke der Natur, in der Regel, durch die häßlichsten -Fehler verdunkelt oder aufgewogen werden. Die Vollkommenheit, schönes -Fräulein, erscheint hienieden, gleich dem Silberblick edler Metalle, nur -wie ein flüchtiges Meteor, und der Phönix ist kein Spielzeug für Kinder -die noch, wie Ihr, dem unscheinbaren Kleinod einen rothbäckigen -Hampelmann vorziehn. - -Das Fräulein gab ihr in allem Recht, bat aber flehentlich um irgend ein -anderes Blümchen, das den unseligsten aller Zauber zu lösen, und ihren -Amatus wieder so häßlich, aber dabey auch wieder so gut als zuvor zu -machen vermöge. Euer nächster Kuß »erwiederte Balsamine« wird, wenn es -Euch anders Ernst damit ist, die Wirkungen des Blümchens aufheben, nur -sehet, zu was ihr thut, denn wer nach dem Unvergänglichen strebt, darf -kein Opfer scheun, und den Götzen nicht schonen, wenn er die Götter -versöhnen will. Am Ende könntet Ihr mich wohl wie gestern verwünschen -und ich würde dann ganz unfähig seyn ein so bestandloses Herz zum -dritten Mahle zufrieden zu stellen. Aber seht, dort kömmt Euer -Ungetreuer mit einer ganzen Schaar lockender Jungfrauen in der Allee -herab. So lebt denn wohl, armes Fräulein und fortan in der festen -Ueberzeugung, daß nur ein bösartiges Gemüth den Menschen entstellt, ein -edles hingegen auch über die entschiedenste Häßlichkeit einen -gewinnenden Zauber verbreitet. - -Amanda vernahm diese Worte kaum und bemerkte das plötzliche Verschwinden -der Fee um so weniger, da ihre gefährlichste Nebenbuhlerin an seinem -Arme wandelte und die andere ihm ein Liedchen vorsang, daß die Sehnsucht -des liebekranken Herzens aussprach. Sie rauschte einer Windsbraut -ähnlich, nach der Allee hin. Amatus ließ, von dem Anblick bestürzt, den -Arm der Begleiterin aus dem seinen fallen und fühlte seine Lippe mit -tausend gierigen Küssen bedeckt. Der Mädchen-Kreis schlich spöttelnd und -beschämt abseits, sie aber lachte laut als das Antlitz des Geküßten -plötzlich in die frühere, abschreckende Form zurückschnellte. Sie lachte -zu früh. - -O Himmel »rief jetzt Amatus« wie siehst Du aus? Was ist meiner Amanda -begegnet? Welcher schadenfrohe Zauberer hat Dich Arme in einen Spiegel -verwandelt der mein abstoßendes Ebenbild zurückwirft? Erblassend warf -Amanda einen Blick in den Bach der zu ihren Füßen wallte, und sank -bewußtlos an ihm nieder, denn Amatus hatte Recht. - -Ermahne Dich! »bat er, als das frische Wasser mit dem er die Verwandelte -bespritzte, sie aus dem Scheintod des Entsetzens erweckte« Wir wollen -nun recht glücklich seyn! Mir ist aus der Götterlehre bekannt wie es dem -Häßlichen erging als es sich mit dem Schönen vermählt hatte, und welche -Rolle dem armen Vulkan an der Seite der Liebesgöttin zu Theil ward. -Dieser Sorge seh ich mich jetzt auf immer überhoben und Ergebung in das -unbeugsame Schicksal wird Amanden in meinen Augen viel reitzender als -vorhin machen. - -Die Unglückliche beweinte jetzt ihr thörichtes Beginnen und fast ging -ihr der doppelte Verlust ihres schuldlosen Freundes mehr noch als der -eigene, verschuldete zu Herzen. Der Bräutigam aber war nie fröhlicher -gewesen und die junge Frau bereits seit Jahr und Tag mit dem Schicksal -versöhnt, als ein engelschönes Kind sie für das mannigfache, aus dem -Verkehr mit der Fee erwachsene Unheil entschädigte. Kaum hatte Amanda -den Kleinen an ihr Herz gedrückt als sie plötzlich wieder schöner denn -je ward; kaum neigte sich der gerührte Gatte zu dem Engel nieder als ihm -dasselbe wiederfuhr. Das liebende Paar umarmte sich, still entzückt, -über dem Kinde und ich Ungeliebte bitte die gütige und weise Balsamine, -daß sie meine gnädigen Frauen sowohl als diesen kleinen Fee-Sohn in -ihren freundlichen und mächtigen Schutz nehme. - -Allerliebst! »sprach Auguste« und Dir bescheere sie einen Amatus. - -Hermine, die zu schlummern schien, richtete sich plötzlich auf und -sprach -- Es ist nicht gut daß Ihr es wagtet mich so plötzlich, so ohne -alle Vorbereitung zu erfreuen. Aber, warum zaudert Er denn? Führt ihn -doch näher -- Her an mein Herz! Ach, Du Geliebter! - -Auguste und Therese sahen sich betroffen an und nach der Thüre hin an -der Herminens Augen fest hingen, dort aber ließ sich nichts erblicken -und die Kranke sank mit geschlossenen Augen in das Kissen zurück. - - - - - Drey und zwanzigstes Kapitel. - - -Hermine hatte in den folgenden Abenden genau um dieselbe Stunde dieselbe -Vision und versank darauf jedes Mahl in einen tiefen Schlaf, ohne sich -beym Erwachen des Vorgangs bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach das -Grauen, wenn die bleiche Dulderin oft mitten unter traulichen Gesprächen -nach irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers hinwies und getäuscht von -Sehnsucht und Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren Raum sah. Der -Arzt verschrieb, demonstrirte, tröstete und unterhielt die Damen mit -ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer machten und Therese -kehrte bereits in der Stille zu dem verworfenen Glauben an die -Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurück und sah von Tage zu Tage einer -Trauerpost entgegen. - -Eben nahte sich der Zeiger eines Abends der Geister-Stunde als Hermine -die Schlummernden mit angsthafter Stimme bey ihren Nahmen rief und sie -bat die Gartine des Fensters aufzuziehen, denn es hat »setzte sie unter -Schauern hinzu« zu wiederhohlten Mahlen leis' und seltsam an die Scheibe -geklopft. Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin, sprachen ihr zu und -hörten beyde jetzt an der bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen. - -Ich wache schon seit einer Stunde »entgegnete Hermine« bin ohne Fieber -und habe mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen, die dem -Klange der Scheibe vorangingen. Fürchtet Ihr Euch so ruft die Wärterin, -denn daß ein Mensch oder ein Geist vor ihm lauscht, ist außer Zweifel. -Die Wärterin, welche in der offen stehenden Kammer schlief und von dem -Gespräch erwacht war, kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit Herminens -Zustand, die Kranke durch Erfüllung ihres Willens zu beruhigen, zog die -Gardine rasch empor und fuhr mit einem Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig -sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg ihr Gesicht in den Kissen -der Schwester, Hermine aber wendete sich erbleichend nach der Wandseite -und lispelte -- »Er hat vollbracht.« - - - - - Vier und zwanzigstes Kapitel. - - -Julius eilte indeß mit Pässen einer neutralen Macht und geltenden -Empfehlungen ausgerüstet, nach der Grenze und traf in Straßburg auf -einen Officier von dem Gefolge des Obersten, der in jenen stürmischen -Tagen auf der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter war. Er ging so -eben, dem Tod entronnen, zur Armee zurück, erzählte ihm, daß der -unglückliche Oberste die humane in Feindes Land geübte Schonung mit dem -Leben habe bezahlen müssen, daß er selbst nur durch Zufall demselben -Schicksal entgangen, und daß der Entschluß, sich einem Freund zu Liebe -in den Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen, mehr als tollkühn -sey. Der Officier schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so -lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissen Tod mit so reger Zuversicht, -stellte ihm die Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen, daß -Julius die Erfüllung der Pflichten gegen sich selbst, jeder entferntern -vorzog. Er kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter zurück, welche -wieder auf der Wessenburg hauste, die zufolge geschlossener Verträge -jetzt auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten schriftlich von -der Vergeblichkeit seiner Bemühungen und von der Nothwendigkeit, die -gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten der Baronin in -Ordnung zu setzen. - -Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen mit dem feindlichen Freunde -nach Woldemars Schicksal geforscht, denn der Officier war kaum -freygesprochen, als er ohne Zögerung auf das Feld der Ehre zurückeilte. -Er wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen, kraft ihrer Reitze, -ihrer Geistes-Gegenwart und Gewandtheit gelungen sey, den Blutdurst der -Richter in milde, menschliche Schonung zu verwandeln, und daß man sie -zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt habe. - - - - - Fünf und zwanzigstes Kapitel. - - -Julius fand bey seinem endlichen Eintritt in Herminens Asyl, Theresen in -Thränen, seine Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke noch -bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen Schmerz, die theure vielgeliebte -Schwester allmählig vergehen, diese sah den Freuden der Mutter entgegen, -Hermine duldsam und ergeben in das offene Grab. Der Geist des Geliebten -war seit jenem Abend gewichen, selten nur gedachte sie seiner und auch -dann nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen Jugend-Gespielen -gedenken mag. Auguste hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen -nichts wichtigeres als ihren herzgeliebten Gatten von allem was sie hier -erfuhr, empfand und leistete, von Herminens Zustand und der Erscheinung -jener Nacht zu unterhalten. Welchen Zuwachs »fuhr sie fort« meine -natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken und Umgebungen erleiden -mußte und unter welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde nach -der Gardine hinsah, wirst Du selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt -mein Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte und ein bleiches -Gespenst durch die Scheibe sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten -Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß mein Ohr, mein Auge ward von -bekannten Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder mächtig ward, -hatten die Bedienten bereits den Garten durchsucht, hatten ein halb -erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild unter dem Fenster -aufgefunden, und den Unglücklichen in das Gewächshaus gesperrt. Noch lag -Hermine sprachlos da und zeugte zu der Kirche hin. Wir sandten nach dem -Geistlichen. Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet sey, vernahm die -Bedienten, ließ sich in das Gewächshaus führen und bereitete mich nach -der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn meines todt geglaubten, -beweinenswerthen Bruders vor, den er sofort für den Augenblick bey sich -aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen ihre Hände. Eine Wunde »fuhr -Auguste fort« deren Narbe sich über die Scheitel bis in den Nacken -hinabzieht, ist die wahrscheinliche Quelle seines Wahnsinns, denn bis -jetzt nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen. Er vertraute dem Pastor -während eines solchen, daß er schon halb begraben, durch das Mitleid -einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das Innere Frankreichs abgeführt -worden sey; daß ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur Flucht -behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn, sein Zustand und das Geleite -des Heiligen ihm den Weg gebahnt habe. Er will zuerst auf der Wessenburg -gewesen, dort nicht eingelassen worden und von den Hirten hierher -gewiesen worden seyn. Auch hier fertigt der Gärtner den sinnlosen, -scheinbar wilden Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey Nacht über die -Garten-Mauer, schleicht zu dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt -die schrecklichste aller Scenen. - -Gern, ach, gern »setzte die Baronin unter herzlichen Thränen hinzu« wär -ich längst an seinen Hals geflogen und hätt' ihm die gesuchte, lang -entbehrte Schwester finden lassen, aber der Pastor gestattet es nicht -und besteht auch darauf, die Mutter in dem Glauben an seinen Tod zu -erhalten. Darum verschob ich die Mittheilung dieser erschreckenden -Neuigkeit bis auf Deine Herkunft, und Du wirst Dir nun leicht erklären -können warum wir, trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der -Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden. - -Julius säumte nicht, sich von dem Daseyn eines so merkwürdigen als -Schrecken erregenden Verwandten zu überzeugen, fand ihn tief im Stroh -vergraben das er dem einladendsten Bette vorzog und den Leibes- wie den -Seelen-Arzt an seiner Seite. Jener erklärte ihn, kraft den Folgen der -Wunde welche das edlere Gehirn verletzt habe, für unheilbar, und man kam -überein, den Unglücklichen einer nahen Versorgungs-Anstalt zu übergeben. -Tief bewegt kehrte der Baron jetzt an Herminens Bett zurück die ihm mit -Innigkeit ihre brennende Hand reichte, ihm ihr liebliches Kind an das -Herz legte, und den Freund mit süßen, tief eindringenden Worten bat, das -nahe Weihnachts-Fest in ihrem Hause zu begehen. - -Gern will ich das! »sprach Julius, ergriffen von Erinnerungen« nur -geloben Sie mir auch dagegen, es mit Heiterkeit zu feyern, und Ihren -Gram in den Strom der ewigen Liebe zu versenken welche diesen Tag vor -allen zum Freudenfest weihte. Mit einem schmerzlichen Lächeln versetzte -sie »Bald, theurer Julius, bald wird mich dieser Strom umfangen.« - - - - - Sechs und zwanzigstes Kapitel. - - -Zugleich mit Julien war auch Woldemar auf freyen Fuß gestellt worden. -Sie suchte ihn jetzt selbst in seiner Zelle heim und hörte nicht ungern -daß Herr von Wessen während dem, die Aufmerksamkeit der Wächter und -Schildwachen getäuscht und sich aus dem Staube gemacht habe. Woldemar -hielt der Lieblosen eine ausführliche Straf-Predigt. Er rieth ihr, sich -nun ohne Zögern um Pässe zu bewerben und in die Arme ihrer -Schwiegermutter zurückzukehren, wo die Verkündigung der Existenz des -Sohnes, der vielleicht bereits auf dem Wege nach der Heimath sey, der -verlohrnen Tochter eine günstige Aufnahme verschaffen werde; sie aber -setzte sich auf seinen Schooß und sprach -- - -Da sey Gott für, daß ich einem Verrückten nachziehen sollte, dessen Hand -mir ein unglückliches Verhältniß aufdrang; den die Erfahrung, daß es -keine Rose ohne Dornen gebe, zu einem erklärten Widersacher machte und -der über Verrath und Treulosigkeit schrie, wenn ich mich wohlwollender -zu den geistreichen, theilnehmenden Freunden als an den Schöpfer der -Pein und der Zwietracht hinneigte. Ich bin wie ich bin, guter Woldemar, -und Liebe nur vermag die Flügel des flüchtigen Sinnes zu binden, der -mich so oft schon durch den Himmel zur Hölle, und wieder empor trug. -Wollte das Gemüth jeden wirklichen oder möglichen Unfall, das Herz jeden -Schmerz und jede Verirrung nach Würden berechnen, betrauern und -festhalten, so würde unser Auge vom Weinen erblinden, der Selbstmord -ansteckender als der Schnupfen und die Schwermuth der allgemeine -Charakter des Menschen-Geschlechts werden. Wer in der Narbe noch die -Wunde sieht, wird das Wundfieber nie verlieren, und nur der unnütze -Rückblick auf vergangene Schrecken versteinerte Loths Ehehälfte. Ich bin -vergnügt das Leben aus dem Sturme gerettet zu haben. Was er mir raubte, -verschlingt der Lethe; er ist vergessen. - -Sie lächelten wo Männer bebten »entgegnete Woldemar« und machten den -Tyger zum sehnsüchtigen Kinde. Aber nicht alle sind zähmbar und unser -Leben schwebt noch immer, nach wie vor, auf eines Haares Spitze. - -So mög' es hinabfallen! ist doch dieses Stündchen noch unser. Willst Du -lachen oder weinen? Ich will es auch. Die frühern Rechte geltend machen? -Da sind meine Lippen. Küsse Dich satt, treuloser Bräutigam, denn daß Du -hienieden noch lachen und weinen und küssen kannst, ist ja mein Werk. -Ich habe Dich erlöst von dem Uebel; komm, bete mich an. Erröthend -wendete er das Gesicht von ihr ab, doch Julie schlang den Arm um des -Spröden Hals, strich das Haar aus seiner Stirn und gedachte jetzt der -schlaflosen Nächte, die ihr die Narbe dieser Stirn gekostet hatte; -gedachte der süßen, berauschenden Situationen auf der Wessenburg, der -Blüthen und der Früchte die sie dort in den Kranz seines Lebens webte. -Er aber wand sich aus dem Arm der Versucherin und sprach »Bedauern Sie -den albernen Thoren, der nur das Achtungswerthe lieben kann, doch Blumen -die für Jeden blühn, wie die benagte Frucht verschmäht.« - -Julie sah ihn mit blitzenden Augen und glühenden Wangen an. »Benagt? -Verschmäht?« fragte sie, schnell empört. So bedaure denn auch das -Geschlecht das sich nie ungerochen verschmähen ließ. - -Ein Officier unterbrach sie; er forderte den Gefangenen vor die -Schranken des Ausschusses, um dort über seinen geflüchteten -Unglücks-Gefährten Auskunft zu geben. - - - - - Sieben und zwanzigstes Kapitel. - - -Therese trat am Weihnachts-Abend mit dem Kind auf ihrem Arm an Herminens -Bett, und von des Kindes Arme sah ein Wachs-Püppchen auf die Mutter -herab. Das hat ihm der heilige Christ bescheert »sprach die Schwester« -ich fand es unter Deinen Papieren. Hermine verhüllte plötzlich ihr -Gesicht. Das war die Papagena die ihr in jener Nacht sein Daseyn -verkündigte; das treue, prophetische Bild ihrer Zukunft, und jetzt -gleich ihr verblichen. Ein Reihentanz verloschener Erinnerungen schwebte -von dem Püppchen belebt, an ihrer Seele vorüber. Sie gedachte des -Ueberraschenden »_Er ist Dir nah!_« der bangen Betroffenheit, des süßen -Schrecks, des magischen Schlages mit dem der Inhalt des Notenblatts ihr -Herz traf; der Thränen die sie an dem seinen weinte, des himmlischen -Wahnsinns der aus des Lieblings Augen glänzte, von seinen Lippen floß, -durch seine Nerven schauerte -- Gedachte der nahmenlosen, unendlichen -Wonne, der ach, der nahmenlose Jammer folgte, zog jetzt das Kind zusammt -dem deutungsvollen Bild an ihre Brust und bedeckte sie beyde mit Küssen -und Thränen. - -Wenn ich bedenke »fuhr sie gefaßter fort« wie vor dem Jahre alles so -anders war! Der selige Onkel schenkte mir willkommene Dinge, drückte -mich liebend an die Brust und nannte mich ein Herzens-Kind. O, welch ein -Wechsel! - -Der Wechsel »erwiederte Therese« erhebt uns, indem er uns niederbeugt. -Verklage Dein Schicksal nicht. Wie glücklich ist der Traurige dem noch -die Freundschaft weinen hilft; o wie beneidenswerth der Kranke an dessen -Bett die Liebe wacht. Sey gerecht und erheitere Dich. Sieh, wir -erschöpfen alles für diesen Zweck. Ist auch der Onkel todt, so soll es -Dir doch nicht an Gaben fehlen, wie dieser Tag sie mit sich bringt. - -Herzliebste Schwester »bat die Kranke« Habe Geduld mit mir! - -Wie sollt ich nicht! Du guter Engel? Meine Wohlthäterin, meine -Schwester, meine Geliebte! Damit küßte Sie tief bewegt Herminens Hand. -Die junge Baronin unterbrach die Vertrauten. Ihre Jungfern trugen einen -lichterreichen Tisch in das Zimmer und stellten ihn vor dem Bett der -Freundin nieder. - -Auguste schlug in ihre Hände. Schaut auf »rief sie aus« der heilige -Christ ist da, laßt Euch bescheeren. - -Die Kranke richtete sich lächelnd auf, lächelnd starrte ihr kleiner -Woldemar die Lichter an. - -Fürs erste »sprach Auguste« ein Hannswurst für den Kleinen. Ganz meines -Mannes Ebenbild -- Und dann dies Jäckchen, das ich für ihn strickte, und -für Dich Hermine dies gestickte Morgenkleid. Bey jedem Stich dacht ich -des süßen Lächelns mit dem Du es empfangen würdest. So lächle denn! ich -bitte Dich. - -Helft mir heraus! »bat Hermine« ich muß es anprobieren. Die Freundinen -sahen sich verwundert an, und erstaunten als sie darauf bestand, über -die Kraft-Aeußerung mit der die Kranke ganz im Widerspruch mit ihrer -Schwäche dem Bett entschlüpfte und auf Theresen gestützt sich von -Augusten bekleiden ließ. Endlich und zuletzt »sprach diese« hab ich auch -für ein Spitzen-Häubchen gesorgt. O sieh, das läßt Dir allerliebst. - -Wenn sich der Reichthum erschöpft hat »fiel jetzt Therese ein« so tritt -die Armuth bescheiden und verschämt herbey und opfert ihr Schärflein. -Verschmäh es nicht! meine Haare sind es, in ein Halsband geflochten. -Doch würde auch jedes einzelne zu einem Segen, sie würden dennoch nicht -die Dankgefühle meines Herzens erschöpfen. Hermine schlang es hastig um -ihren Hals und ließ sich vor den Pfeiler-Spiegel führen. Lange -betrachtete sich die Schweigende, und lispelte jetzt mit sinkender -Stimme -- »Die Braut im Sterbekleide!« Das Kind sah von dem Arm der -Wärterin an der erhabenen Gestalt der Mutter auf. Sie ergriff es. Hier -»sprach sie zu den Freundinnen und legt' es in ihre Hände.« Hier habt -ihr ein Gegen-Geschenk. Mein köstlichstes! Ermattet wankte sie zum Sopha -hin. - - - - - Acht und zwanzigstes Kapitel. - - -Das Schicksal schien sich endlich an dem armen Gefangenen erschöpft zu -haben. Ganz unverhofft erhielt Woldemar durch die Vermittlung eines -Gesandten, dessen Gemahlin seinem Hause verwandt war, die Erlaubniß, auf -sein Ehrenwort nach Deutschland zurückzukehren. Er eilte nicht, er flog -über den Rhein nach der Wessenburg, wo man ihn denn an Ort und Stelle -wies. Mitten in der Nacht dieses denkwürdigen Weihnachts-Abends -erreichte Woldemar das lang ersehnte Ziel. _Er ist Dir nah!_ rief der -Entzückte, sprang vom Pferde, sah die Fenster noch erleuchtet, die Thür -unverschlossen und suchte jetzt, um nicht durch die Gewalt der -Ueberraschung Unheil anzurichten, vergebens ein dienstbares Wesen auf. -Da stürzte plötzlich eine verweinte Gestalt mit einem Kind in dem Arm -aus der nächsten Thür hervor. Woldemar drängte sie zurück. - -Sie ists! »rief er, den Vorsatz vergessend, hingerissen von dem -Zauberbilde der Erscheinung« Du bist's! Das ist mein Kind! Er warf sich -zu des Mädchens Füßen. - -Unglücklicher! »stammelte sie« ich bin es nicht! -- Ich bin Therese! - -Woldemar sprang empor. Aber Sie lebt! Sie ist hier! »fiel er ein.« Wo? -Wo find ich Sie und _Wie_? -- Das erweckte Kind schrie unter seinen -Küssen. Geben Sie die Hoffnung auf »sprach Therese« meine Schwester noch -in dieser Nacht zu sehn. Hoch über der Wirklichkeit schwebt die -Phantasie und das Bild das jetzt vor Ihrer Seele steht wird dem -Originale schwerlich gleichen. - -Ich weiß »entgegnete er« was sie gelitten hat und bin auf den Anblick -eines Schattens gefaßt, denn die alte Baronin verwundete mein Herz durch -die Schilderung ihres Zustandes. Aber mein Hierseyn wird Wunder thun und -stände sie schon mit einem Fuß im Grabe, ich reiße die Verscheidende -empor und hauche neues Leben in ihre Brust. - -Ach, _Einer_ nur vermochte das und dieser einzige stieg gen Himmel. - -Sie lebt! sie liebt! Sie harrt auf mich. O, eilen Sie, den Retter zu -verkündigen der alle Wunden heilen wird. - -Ich fühle mich diesem Auftrage nicht gewachsen »erwiederte Therese« und -gehe, den Baron zu hohlen. Hier ist Ihr Kind. Verfahren Sie säuberlich -mit dem Kleinen. Das Mädchen ging. Unter Schauern der Vaterwonne sah er -in des Knaben Augen. Sie glichen den Augen seiner Mutter die ihn so oft -im Innersten bewegten. »Willkommen!« sagten die Himmelreinen. - -Jetzt regt' es sich im Neben-Zimmer. Der Sehnsucht Wellen drängten ihn: -er trug das Kind in seine Wiege, schlich zu der Thüre hin und öffnete -sie, verstohlen, mit leiser Vorsicht. -- Da lag Hermine, bräutlich -angethan, in dem Sopha: das Nachtlicht goß seinen bleichen Schimmer über -die Schläferin aus. - -Mein Freund! Mein Woldemar! flisterte in diesem Augenblick eine Stimme -hinter ihm, er fühlte sich mit starkem Arm zurückgezogen und lag am -Herzen seines Julius. - -So reizend »versetzte Woldemar nach den ersten Begrüssungen und wies -nach der halb geöffneten Thüre hin« so magisch anziehend hab ich _Sie_ -nie gesehn. O, weckt sie auf! Erweckt die Schläferin zum neuen Leben -- - -Vermöcht ich das! sprach Julius mit zitternder, vom Schmerz erstickter -Stimme. - -Du weinst? »rief Woldemar« Gott! Dein Gesicht entstellt der Schrecken -- - -Mir ist nicht wohl. - -Nicht wohl? Und das wär' alles? - -Mir bricht das Herz! - -Um meinet willen? Wie? - -Sie schläft. Du sagst es selbst -- Wohl schläft sie sanft und süß -- Den -langen Schlaf! Ein Engel nur kann sie erwecken. - -Woldemar starrte den Weinenden an und stürzte laut aufschreyend zu der -Todten hin. Sie war noch lau, vor wenig Stunden hatte sie der -Nervenschlag getroffen. - -Lichter! Lichter! »rief er« daß ich sie sehe, daß dies Heiligenbild sich -in mein Allerinnerstes versenke! - -Therese schlich, auf Trostmittel sinnend, herbey, Auguste rang die -Hände. Laßt ihn toben »sagte Julius« laßt ihn schreyn! Und zu dem -Vergehenden sprach er »Ist es nicht tröstlicher das Kleinod unsers -Lebens im Sarge als an dem Herzen eines Dritten zu finden?« - - - - - Neun und zwanzigstes Kapitel. - - -Als Hermine von dem Spiegel, zu dem sie die letzte Anwandlung ihrer -Weiblichkeit hinzog, auf das Sopha zurückschlich, rieth ihr Auguste die -ungeübten Kräfte nicht über die Gebühr zu versuchen, und beyde -versprachen diese Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern zu wollen; die -Kranke aber schien, von jener traurigen Apathie erlöst, sich wieder nach -dem Irrdischen zu sehnen, sich in dem edlen, idealen Gewande zu gefallen -und zog mit reger Lebenskraft die Freundinnen an ihre Seite. - -Der Arzt, welcher jetzt seinen Abend-Besuch ablegte, erstaunte, Herminen -außer dem Bett und in diesem Anzuge zu sehn, fand sie jedoch viel besser -als am Morgen, ohne Fieber und in einer gemüthlichen, ihm höchst -erwünschten Stimmung. Auch der Pastor kam, ihr zu dem Wiegenfest des -großen Dulders Glück zu wünschen, der jetzt ihr Tröster und ihr Vorbild -war, erschrack nicht wenig sie im Familien-Kreise zu finden und -schöpfte, gleich dem Arzt, von ihrem Aussehn und Benehmen getäuscht, -neue Hoffnungen. - -Als aber bald darauf die Stunde schlug, in welcher sie vordem das Bild -der Entflohenen in dem beschatteten Winkel des Zimmers sah, verfärbte -sich mit einem Mahl die Kranke, umfaßte krampfhaft Theresens Hals, als -sollte diese sie vor der gewaltigen Hand des Todes schützen, und sank -entfesselt an die schwesterliche Brust. Freundschaft und Liebe bot -vergebens alle Mittel zu ihrer Belebung auf; Freundschaft und Liebe -drückte ihr endlich die sanften Augen zu und flocht ein Palmen-Reis in -ihre Locken. Sie ward in jenem Sterbekleide das ihr hienieden die größte -Freude gemacht hatte, von den Jünglingen des Dorfs zu Grabe getragen, -und als man den Sarg verschloß, sank Therese, welche bis dahin beyde -Männer durch ihre Fassung beschämt hatte, bewußtlos nieder und verfiel -in eine Gefahr drohende Krankheit. Sie sah sich für die Quelle aller -jener unseligen Verhängnisse, für die eigentliche Ursache des Todes -ihrer Schwester an und würde ohne den mächtig erhebenden, trostreichen -Beystand des Predigers in unheilbare Schwermuth versunken seyn. - - - - - Dreyßigstes Kapitel. - - -Wir wenden uns von diesen Trauer-Szenen um die Leidtragenden in eine -lichtere Zukunft zu begleiten. Außer dem bittern Gram über eine Reihe -von Uebereilungen hatte auch die Geschichte seiner Gefangennehmung, der -Schmerz gekränkter Ehre Woldemars Herz zerrissen und das Bewußtseyn der -erschöpften Pflicht reichte nicht hin eine Wunde dieser Gattung zu -bedecken. - -Julius begleitete ihn bald nach Herminens Todtenfeyer in die Hauptstadt. -Er trat mit ruhigem, gefaßtem Muth dem Groll der Falschen, dem -Vorurtheil der Täuschbaren, dem Verfolgungs-Geist mächtiger Feinde -entgegen, beschämte diese und drang auf ein Kriegsrecht das ihn -freysprach und belobte. Die eben erfolgte Auswechslung der Gefangenen -überhob ihn der Rückkehr in die Nachbarschaft der Guillotine, welche -seitdem die Frau von Wessen bereits ein Dutzend Mahl zur Wittwe gemacht -hatte, und so kehrte denn Woldemar frey und versöhnt mit dem Schicksal -auf Herminens Landgut zurück, das ihm der letzte Wille seiner verewigten -Freundin zugetheilt hatte. - -Ihr kommt zur rechten Stunde! »rief Auguste die jetzt ihrer Niederkunft -nahe war, den Freunden entgegen« Wir dürfen keinen Tag länger säumen -nach Wessenburg, in die Arme der verlangenden Mutter zu eilen, und doch -ist der gute Rath hier eben sehr theuer. Therese kann, wie sich von -selbst versteht, nicht bey dem ledigen Manne bleiben und doch Keine von -uns es über sich gewinnen das theuere Weihnachts-Geschenk der Hand einer -Wärterin zu überlassen. - -Julius dachte bereits auf einen Vorschlag zur Güte, und zu dem Hauptmann -sprach Auguste »Therese ist hergestellt.« Er schwieg -- Sie blüht wie -diese Frühlings-Blumen »fuhr jene fort.« Verwaist, und einsam steht sie -auf der Welt, geziert mit Reitz und Seelen-Güte, der Schwester Ebenbild, -die Erbin ihres Herzens und ihres Goldes. Genug »versicherte sie mit -steigendem Eifer« ich lege mein Haupt nicht sanft, mich eher nicht ins -Wochenbett, bis sie die Ihre ist. - -Woldemar aber vernahm kein Wort dieser Rede, denn alle Schrecken jener -Nacht hatten sein verletzbares Herz beym Anblick dieses Zimmers -überfallen. Er starrte das Sopha an, auf dem sie damahls, lieblich -geschmückt von einem Tanz erschöpft, zu ruhen schien und ihr lächelndes -Himmelsbild über diesem, mit Flohr bekränzt, umschlungen mit -Zypressen-Zweigen. - -Wo sind Sie? fragte die Baronin und weckte den Träumer, denn eben trat -Therese mit seinem Kind auf ihrem Arm in's Zimmer. Er fuhr empor, -schritt auf sie zu und riß das holde Ebenbild der Todten mit einem -Klageton ans Herz. - -Therese wurde roth. Gelobt sey der Genius »rief er aus« der mich durch -diesen Zauberspiegel täuscht. Zur Hälfte nur hab ich die theuere Braut -verlohren. Die schönere Hälfte lebt in diesen Zügen, sie lebt in diesem -Herzen, und ach, in diesem Kinde fort. - -Zerbrich Dir den Kopf nicht länger »flisterte Auguste in des Gatten Ohr« -es scheint als wolle sich das Auskunfts-Mittel ganz ohne unser Zuthun -finden. - -Therese hatte indeß ihr glühendes Gesicht an des Knaben Brust verborgen. -Wo warst Du denn? fragte die Freundin. - -An _Ihrem_ Grabe »sprach Therese« der Abend ist so schön und der -Kirchhof mit Blüthen bedeckt. - -O, führen sie mich hin! »bat Woldemar« meine Augen werden diese Blüthen -bethauen. - -»Herzlich gern« erwiederte sie und winkte Augusten, ihr zu folgen, doch -diese versagte lächelnd die Gewährung, hing sich an ihres Gatten Hals -und hielt auch den zurück. - -Der Gottes-Acker stieß an den Garten, eine Thüre verband sie. Hoch über -alle ragte das Grab seines Lieblings unter der Linde. Die Stimme der -Schläferin schien aus dem Dunkel des sanft bewegten Laubes zu flistern, -ihr freundlicher Geist ihm in den wallenden Halmen des Hügels zu nicken. - -O ewige Liebe »rief er aus« nur hier kein Ende! Nur dort kein Grab! - -Inniger drückte Therese den Knaben ans Herz, sah tief bewegt in die -sinkende Sonne und sagte »So starb sie!« - -Woldemars Stimme lockte die Seele der Sinnenden zu dem Grabe zurück. -Meine Zukunft »sprach er« soll eine fortwährende Todten-Feyer seyn. - -Am sichersten »erwiederte sie« wird ein reines, sittlich schönes Leben -diesen heiligen Schatten versöhnen. - -Wer leitet mich zur ebenen Bahn? »fragte der Weinende« Therese -antwortete »Das Schicksal der Dulderin!« - -Woldemar sah ihr in's Auge. Wehmuth und Sehnsucht, Anmuth und Liebe -begegneten sich im stummen Wechselspiel der Blicke. Hermine »sprach er« -starb an Deinem Herzen. Laß mich an ihm genesen und diese Hand geleite -mich! - -Therese drückte voll Innigkeit die seine, und wie im letzten Augenblick -Hermine sie umfing, so umfing jetzt Woldemar die Braut auf ihrem Grabe. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten, -ebenso die teilweise ungewöhnliche Platzierung der Anführungszeichen. - -Anstatt des Namens Julie steht gelegentlich Juliane. - -Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 16]: - ... ihren Häubchen. ... - ... ihrem Häubchen. ... - - [S. 20]: - ... Wolken des tiefen, land genährten Unmuths ... - ... Wolken des tiefen, lang genährten Unmuths ... - - [S. 23]: - ... dieses Receptes. Auguste blättert in ... - ... dieses Receptes. Auguste blätterte in ... - - [S. 34]: - ... hatte sich den doch, trotz dem Heere ... - ... hatte sich denn doch, trotz dem Heere ... - - [S. 51]: - ... in seinem Diensteifer verbraucht hatte und ... - ... in seinem Diensteifer verbracht hatte und ... - - [S. 53]: - ... General-Marsch geschlagen, den kein Augenblick ... - ... General-Marsch geschlagen, denn kein Augenblick ... - - [S. 58]: - ... in ihren eigenen Schlafzimmer an, gesellte ... - ... in ihrem eigenen Schlafzimmer an, gesellte ... - - [S. 58]: - ... bey und verschloß die bewußte Tapaten-Thür. ... - ... bey und verschloß die bewußte Tapeten-Thür. ... - - [S. 63]: - ... und so ward er den angenommen. ... - ... und so ward er denn angenommen. ... - - [S. 63]: - ... Nahmen schrieb, vergebens einer Anwort auf ... - ... Nahmen schrieb, vergebens einer Antwort auf ... - - [S. 63]: - ... seine dringende, Herminens Ehre rettend ... - ... seine dringende, Herminens Ehre rettende ... - - [S. 69]: - ... dringt auf eine Theilung der Erbschnft, ... - ... dringt auf eine Theilung der Erbschaft, ... - - [S. 95]: - ... Pötzlich entstand eines Morgens großer ... - ... Plötzlich entstand eines Morgens großer ... - - [S. 98]: - ... an diesem Herzen alle wilde Wünsche des meinen ... - ... an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen ... - - [S. 99]: - ... Julie ward vor dem Augen des Erwachenden ... - ... Julie ward vor den Augen des Erwachenden ... - - [S. 112]: - ... Stimme« mehr als ich je verguten kann; ... - ... Stimme« mehr als ich je vergüten kann; ... - - [S. 121]: - ... die eine nach ihren Tuch, die andere kichert ... - ... die eine nach ihrem Tuch, die andere kichert ... - - [S. 124]: - ... goldenen Locken, formte sich die vieleckige ... - ... goldenen Locken, formte sich der vieleckige ... - - [S. 132]: - ... an ihm nieder, den Amatus hatte ... - ... an ihm nieder, denn Amatus hatte ... - - [S. 134]: - ... gut daß Ihr es wagte mich so plötzlich, so ... - ... gut daß Ihr es wagtet mich so plötzlich, so ... - - [S. 138]: - ... zur Arme zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ... - ... zur Armee zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ... - - [S. 146]: - ... Ich bin wie ich bin, guter Woldmar, ... - ... Ich bin wie ich bin, guter Woldemar, ... - - [S. 146]: - ... oder möglichen Unfall, daß Herz jeden ... - ... oder möglichen Unfall, das Herz jeden ... - - [S. 151]: - ... erheitere Dich. Sie, wir erschöpfen alles ... - ... erheitere Dich. Sieh, wir erschöpfen alles ... - - [S. 152]: - ... bestand, über die Kraft-Aeußerug mit ... - ... bestand, über die Kraft-Aeußerung mit ... - - [S. 159]: - ... diese Gedächniß-Nacht an ihrem Bette feyern ... - ... diese Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND *** - -***** This file should be named 53780-8.txt or 53780-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/8/53780/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Weihnacht-Abend - -Author: Gustav Schilling - -Release Date: December 21, 2016 [EBook #53780] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<div class="centerpic"> -<img src="images/frontispiz.jpg" alt="" /> -<p class="cap"> -Tollkühner! -</p> - -</div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -<span class="line1">Der</span><br /> -<span class="line2">Weihnacht-Abend.</span> -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Von</span><br /> -<span class="line2">Gustav Schilling.</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Wien, 1817.</span><br /> -<span class="line2">Bey Anton Pichler.</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="tit"> -Der<br /> -Weihnacht-Abend. -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Erstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Nordwind blies, der Schnee fiel in -großen Flocken, die Regenschirme zärtlicher -Eltern und Liebhaber bedeckten den Christmarkt. -„Laßt mich ein Kind seyn!“ sprach -Woldemar und zog seinen Freund in das sehenswerthe -Gedränge. Hier feilschten Mädchen -eine Wiege, dort stand der grämliche -Küster unter einer Glorie von Hannswürsten, -der General vor dem Stalle zu Bethlehem, -der Staats-Rath unter Steckenpferden. Eine -Reihe neugebackener, reich versilberter Potentaten -lockte die täuschbaren Kinder an. -</p> - -<p> -„Hierher meine gnädigen Herrn!“ rief des -Hof-Conditors süße Rosine. „Sehen Sie nur -die schöne Bescheerung. Rosseaus Grab, Harlekins -Hochzeit, Mariä Verkündigung und -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -diese niedliche Papagena.“ Die Freunde traten -näher, besahen das Grab, die Hochzeit, -das Mädchen selbst. Lachend verglich sie Julius -der Vogelfängerin, Woldemar aber erröthete, -denn nur ein Säugling bedeckte Papagenas -gesegnete Brust; die Verlegenheit -macht’ ihn zum Käufer und Rosine öffnete -dankbar ihr Döschen, um ihn mit ächten -Diabolini’s zu bewirthen. Der Adjutant -störte die Gäste. Wenn es Dir, „sprach er -zu Woldemar“ anders noch Ernst damit ist -in das neue Frey-Corps zu treten so eile, -Dich dem General vorzustellen. Er steht im -Begriff zu der Armee abzugehn. -</p> - -<p> -Wisse Freund, „erwiederte dieser“ daß -mein Schicksal in den Händen einer unschlüssigen -Fee liegt, die mich bald anzieht, bald -entfernt, mir heute räth in den Krieg zu -ziehen, mich morgen dann nicht lassen will — -Doch soll es sich noch heut entscheiden. Damit -steckt’ er die wächserne Papagena ein und -verschwand unter dem Haufen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Zweytes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">err</span> Wahl, der Oheim, und Vormund dieser -Schicksals-Göttin saß indeß daheim vor -dem Hauptbuch, freute sich der eben gezogenen -Bilanz, hieß den Seidenhändler Merker -viel freundlicher als sonst willkommen und -sprach sofort vom Curs, von Geschäften, vom -plötzlichen Fall eines bedeutenden Hauses. -Herr Merker schnippte den Staub von seinem -Ermel, zog den Stockknopf vom Munde, -räusperte sich und rief: „Was fällt das fällt! -Wir, denk’ ich, bleiben stehen.“ -</p> - -<p> -So Gott will! brummte der Alte und faltete -in stiller Andacht seine Hände. -</p> - -<p> -Ich stehe gut. -</p> - -<p> -Ist mir bekannt. -</p> - -<p> -Doch immer noch auf Freyers Füßen. Geduldig -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -zwar, doch auch zuweilen mit Ungeduld. -Wenn Ihre Jungfer Nichte sich endlich -nun entschliessen wollte — oder bereits entschlossen -hätte — Wie? -</p> - -<p> -Dann „fiel der Oheim ein“ wäre uns beyden -geholfen, denn das Mädchen ist meine -einzige Sorge. Ich sollte mich ärgern, aber -das hilft nichts — -</p> - -<p> -Ein Machtwort sprechen, Herr Kollege, -ein Machtwort — -</p> - -<p> -Da sey Gott für! Der gab ihr ja, wie -uns, den freyen Willen. -</p> - -<p> -So? — Ja! und vier Liebhaber zu meiner -Plage. -</p> - -<p> -Bedeuten nichts! den einen haßt, den -andern verachtet sie, der dritte ward ihr verdächtig, -der vierte endlich ist ein armer Teufel. -Ohne Mittel, ohne Tittel, ein Herr -<em>von</em> — <em>von nichts</em> sag’ ich Ihnen. -</p> - -<p> -Das sind die Schlimmsten — -</p> - -<p> -Ein redliches Gemüth übrigens — -</p> - -<p> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Heuchelschein! Dem sollten Sie das Haus -verbiethen! -</p> - -<p> -Ey bewahre! Herminchen sieht ihn nicht -ungern, und wer ihr zusagt, den nehme sie. -Die Bräute sind wie Lämmer zu betrachten, -die zur Schlachtbank geführt werden; wie -arme Sünderinnen denen denn, nach hergebrachter, -christlicher Sitte, jedes billige Verlangen -allerdings zu gewähren ist. Um ihrer -selbst willen nimmt sie ja doch keiner. Den -einen kirrt der Mutterwitz, den andern ein -Grübchen, den dritten nichts besseres: Sie -und Ihres Gleichen — solide Leute mein’ ich -— die Mitgift. Und was wird ihr denn für -die und für jenes? Evens Erbtheil! die herbe -Knechtschaft, Schmerz und Jammer. Wir -gehen indeß ein bischen da- ein bischen dorthin -und gehaben uns wohl. -</p> - -<p> -Hermine hüpfte jetzt herein, an dem Freyer -vorüber zum Onkel hin, welcher nach einem -leisen, scherzhaften Wortwechsel das Zimmer -verließ. Sie wollt’ ihm folgen als Herr -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Merker unter steifen Verbeugungen ihren -Arm ergriff und Anstalt zu einem Handkuß -machte. Das Mädchen zog den Arm zurück, -er folgte ihr mit gespitztem Munde, -bald tief hinab, bald in die Höhe nach und -immer lauter lachte sie, und immer schneller -flog die Hand bald rechts, bald links um -seinen Scheitel. Der Geneckte ließ jetzt ab; -doch stampfte er ein wenig mit dem Fuße. -Hermine zog einen niedlichen Pantalon aus -dem Ridikül, bedeckte ihn mit Küssen, nannt -ihn mit süßen Nahmen, ließ das Männchen -aus ihrer Hand in die seine hüpfen und sprach -„Den bescheerte mir der heilige Christ.“ -</p> - -<p> -Herr Merker sah in dem Sprunge des -Püppchens ein Merkzeichen ihrer Gunst. „Da -hab ich mich besser angegriffen!“ rief er, an -seine Tasche schlagend. -</p> - -<p> -Wahrhaftig? O, ich glückliche. Und das -konnten Sie über sich gewinnen? -</p> - -<p> -Was seyn muß, muß seyn! sprach er mit -Achselzucken. -</p> - -<p> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Nun, so bescheeren Sie denn! Wir werden -ja sehen. Die Gabe schildert den Geber, -sie ist das Probemaß seines Geschmacks, und -seiner Empfindungs-Weise. -</p> - -<p> -Für’s erste „hob er an“ etwas Sammt -zu einer Besetzung, und der ist <span class="antiqua">extra</span>, Theuerste! -Dann diesen Ring; ein Erbstück von -der seligen Großmutter. Solche Kleinodien -machen sich rar. Endlich und zuletzt einen -sogenannten Koselschen Gulden den ich in Ihrer -Münz-Sammlung vermißte — Wenig -mit Liebe. Nehmen Sie! Ohne Widerrede! -</p> - -<p> -Das Mädchen ließ den Sammt auf die -Tafel, den Ring in seinen Hut, und das seltene -Kabinets-Stück zu Boden fallen, drehte -sich unter einem hellen Gelächter um ihre -Achse und verschwand. -</p> - -<p> -Herr Merker wußte nicht wie ihm geschah. -Ein sauberes Lamm! „sprach er endlich“ Ey -wenn Du doch heute noch auf die Schlacht-Bank -geführt würdest! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Drittes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> Anbether folgte heute den andern, doch -Hermine ließ sich verläugnen, sandte ihre -Kains Opfer zurück und sah vergebens bis -zum Abend dem einzigen Willkommenen entgegen. -Woldemar ließ sich nicht blicken. Sie -zögerte mit dem Nacht-Essen, sie eilte von -Minute zu Minute ans Fenster und als der -Onkel endlich zu Bette ging, voll Mißmuth -in ihr Schlafgemach. „Der Undankbare!“ -schalt das Mädchen und warf den Ueberrock -ab. „Der Bestandlose!“ fuhr sie fort, und -löste mit Ungestüm die Schleifen. „Der Verblendete!“ -setzte sie seufzend hinzu und nahm -jetzt befremdet eine wächserne Papagena wahr. -Lächelnd saß das Püppchen unter dem Spiegel; -es lag ein Notenblatt zu seinen Füßen. -<em>Er ist Dir nah!</em> sprach der Text — -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> - <p class="verse">Er ist Dir nah, er lauscht am Freuden-Quelle.</p> - <p class="verse">Des Kühnen Muth, der Sehnsucht heiße Welle,</p> - <p class="verse">Der Liebe Schmerz dräng ihn zur stillen Zelle</p> - <p class="verse">In’s Heiligthum der Zauberin.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Hermine ließ das wahrsagende Blatt fallen -und warf bestürzt ihre leuchtenden Augen -umher, da rauschte der Vorhang des Alkovens -und Woldemar trat, einem Genius gleich, -aus dem Dunkel. Sie wollt’ ihrem Mädchen -rufen, wollte zürnen, wollte fliehen und -floh — in seinen Arm. „Tollkühner!“ stammelte -sie unter den Küssen des Jünglings. Er -zog die Liebliche an’s Herz, ihre Thränen -bedeckten ihn; sie verbarg das glühende Gesicht -an seiner Brust. „Mein also?“ rief er -aus. „O himmlische Weih-Nacht!“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Viertes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rüher</span> als zu fürchten stand, ging Merkers -letzter Segen in Erfüllung. Woldemar kehrte -spät genug von dem Freuden-Quelle zurück; -seine Wangen brannten, seyn Herz bebte; er -sah begeistert zu den verblichenen Sternen -auf, im Morgenroth die Farbe der Braut, im -Wolkenflug den Tanz der schönsten Horen: -entzückende, bedeutungsvolle Träume reiheten -sich an die selige Wirklichkeit und auch diese -erschien ihm, als er am hohen Mittag erwachte, -nur wie ein Trugbild des Phantasus, -denn die feurige Welle deren das Notenblatt -gedachte, trug ihn weit über die Grenze seines -Willens und seiner Erwartung hinaus. -</p> - -<p> -Gestern erst hatte der Verschlossene, von -dem Adjutanten gedrängt, einige Worte über -das Geheimniß seines Herzens verlohren. -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Jetzt war der Wurf gelungen, jetzt sollte Julius -sich mit ihm freun, jetzt sollte der Wildfang -in Herminens Nähe geführt, von ihrer -Anmuth gewonnen, von ihrem Werth ergriffen, -erleuchtet von dem Himmelsglanz dieser -Seele, zu dem längst verscherzten Glauben an -die sittliche Güte des bessern Geschlechtes zurückkehren. -Lästige Besuche hielten ihn fest, -es war schon Abend, als Woldemar in des -Freundes Behausung kam. Zwar fand er sie -verschlossen, aber er hatte Licht gesehn, schlich, -vertraut mit den Zugängen durch eine Hinterthür -und trat, überraschend genug, in’s Kabinet. -Julius sprang aus dem Arm eines -Mädchens empor, das sich laut schreiend aufraffte -und durch die offene Thür entfloh. Woldemar -stürzte ihr nach. „Hermine!“ rief er, -aber sie war unter dem Schutze der Nacht -verschwunden. Er stand erstarrt auf offener -Straße. Daß sie es war, litt keinen Zweifel, -der Irrthum lag ausser dem Gebiete der Möglichkeit. -Er hatte ihr Gesicht gesehn, jeden -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Zug unterschieden. Das war ihr Hauskleid, -das ihr Palatin und das sein Liebling unter -<a id="corr-0"></a>ihrem Häubchen. -</p> - -<p> -„Du Störenfried!“ sprach Julius der ihm -gefolgt war. Sage mir „fragte Woldemar“ -auf Deine Seele frag ich Dich, war das die -Wahl? -</p> - -<p> -Julius schwieg betroffen still. Sie war’s! -gestand er endlich. Sie war’s? rief jener -aus und schlich sich heim. Der Zustand seines -Gemüths kann leichter empfunden als beschrieben -werden. Unglücklicher „sprach sein -Gewissen“ wie mancher Pflicht hast Du entsagt, -wie manches Glück verschmäht, wie manche -Blume der Jugend hingeworfen, um der -Eigensucht deines Götzen, den Launen einer -Buhlerin zu fröhnen! Der Adjutant unterbrach -dieses heilsame Selbst-Gespräch. Noch -immer „sagte er“ läuft Dir das Glück nach. -Ich komme jetzt um anzufragen, ob Dich die -räthselhafte Göttin deren Du gestern gedachtest -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -auch heute noch am Ziegel hält? Woldemar -wendete sich schaamroth ab. Jener drehte -ihn schnell um seine Achse, sah ihm tief in -die unstäten Augen und sprach „Täuscht mich -nicht alles, so ward die Fee zur Furie, oder -zur Hexe, oder zum unerbittlichen Schicksal. -Hin ist hin! Ermanne Dich, tritt zu den Freykorps. -Der Würgengel ist ein wohlthätiger -Genius, der alle diese zwerghaften Quälgeister -des Stilllebens austreibt und die entarteten, -verzauberten Männer von dem Rocken -ihrer Omphale losschließt; das Bett der Ehre -ist reitzender als das der Schäferin, und der -Riese der Gefahr minder furchtbar als eine -schmollende Tyrannin mit dem feindseligen Gesindel -ihrer Grillen.“ -</p> - -<p> -Führe mich zum General, „fiel Woldemar -erheitert ein“ ich bin der Deine. Mit Freuden -weih ich mich von nun an dem Tode. -</p> - -<p> -Schlag ein! „entgegnete der Adjutant, und -drückte ihn an seine Brust.“ Hand in Hand -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -zum ernsten Waffentanze! Bestelle Dein -Haus, wir gehn nach wenigen Stunden zur -Armee ab. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -Fünftes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten -Nacht zu dem Freund eilte, um sich -von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen -Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten, -klopft’ er lange ungehört an alle Thüren. -Endlich kam der Wirth herbey, beklagte -den Verlust eines so lieben Hausgenossen, -erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar -einige Koffer in Verwahrung gegeben -und vor Tage noch mit Extrapost abgereist -sey. Dieser bestand auf einem Briefe, welchen -sein Freund nothwendig für ihn zurückgelassen -haben müsse und vermochte den -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Wirth die Zimmer zu öffnen, doch fand sich -nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens -Schattenriß zerrissen am Boden. -Julius begriff so wenig wie sich dieß Bild zu -dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie -das Original in die Arme des Barons sich -habe verlieren können. Erblassend las er die -Stücke auf und kehrte, jenem gleich, von -Mißtrauen, Aerger und Argwohn gefoltert, -zurück. -</p> - -<p> -Woldemar zog indeß in Erinnerungen an -den kurzen Göttertraum seines Lebens versunken, -dem fernen Ziele der neuen Bestimmung -entgegen und verwünschte diese bereits, -als er sich, um ihm die nöthigen Vorkenntnisse -zu verschaffen, im Rücken der Armee, -bey dem Depot des Regiments angestellt sah. -Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man -ihm sein Quartier anwies, empfing den erstarrten, -mit Eis und Schnee bedeckten Officier -aufs wohlwollendste und führte ihn unter -herzlichen Aeußerungen von Theilnahme -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -in ein freundliches Stübchen, das mit allen, -lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen -war. Ueberall sprachen ihn Bilder des Friedens, -Symbole eines schön geordneten Lebens -an; er sah in der gütigen Baronin seine -selige Mutter, in dem holden, geschäftigen -Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in -ihrer reitzenden, geistvollen Gesellschafterin -den traulichen Genius der Freundschaft. Die -Wolken des tiefen, <a id="corr-2"></a>lang genährten Unmuths -brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel in -sein Herz. -</p> - -<p> -Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete -der Baronin auf. Sie nahm das Wort, -unterhielt ihn von den unseligen Früchten des -Kriegs, von den Schrecken die er verbreitete, -von der Angst in die er sie schon oft versetzt, -von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne, -den ihr die erste Schlacht geraubt habe. Der -Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf -dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug, -bald an den Nähtisch der Gesellschafterin -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -hingesehen, hatte des Fräuleins blonde -Locken mit Julianens schwarzen Flechten, -ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen -dunkeln, misterischen, Augustens zarten, -wie von Geisterhand gewebten Bau mit der -üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen, -die ihm jetzt als die Wittwe des Gefallenen -vorgestellt ward. Auguste hörte kaum -des verlohrnen Bruders gedenken, als ihre -Hand unwillkührlich ein Adagio anschlug; -schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen -des schwesterlichen Thränen-Opfers zu -begegnen: Frau von Wessen hingegen nähete -gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton -„O, lassen wir ihn ruhn, <span class="antiqua">ma mere</span>! -Welche Hölle wird das Leben, wenn uns -der schwarze Geist der Vergangenheit die Genüsse -der Gegenwart verkümmern darf. Ich -für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden -Abend aus der Lethe zu trinken, um mit jedem -Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Auf diesem Wege „entgegnete Woldemar“ -wird uns der schwarze Geist allerdings immer -gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen -vorüber fliehen. Verständ’ ichs nur -mich an den heiligen Strom zu betten. -</p> - -<p> -„Der Wille macht ihn dienstbar“ entgegnete -Julie. -</p> - -<p> -„Der Leichtsinn vielmehr!“ fiel die Baronin -ein. -</p> - -<p> -„Die göttliche Gabe!“ erwiederte jene. -Wir klagen fort und fort ein Schicksal an, -daß nur den Feigen geißelt und verfolgt. -Aber man ziehe doch — es gilt den Versuch — -jede vorschnelle Sorge für die Zukunft, jede -unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede -Distel des ziellosen Stunden-Kummers aus -dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß -daß uns der freundliche Rest mit den wenigen, -unvertilgbaren Dornen versöhnen wird. -</p> - -<p> -Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger -Kreuzträgerinnen Geschmack am Leide, -Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -fand und wie jene der Hoffnung lebte, -dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger -und zerknirschter sie sich hier unter -der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies in -einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit -dieses Receptes. Auguste <a id="corr-5"></a>blätterte in -ihren Noten, Woldemar aber warf bereits, -dem Rathe gemäß, den verdächtigen Freund -und die tugendlose Braut aus dem Kranz seines -Lebens, um ihn durch jene glühende Rose -und dies liebliche, mit dem Himmelsthau -der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen. -Selbst seine Anstellung bey dem Depot, vorhin -eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt -als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren -hingenommen und der liebenswerthe Gast -kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen -der Töchter und dem Zutrauen der -Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen -zurück. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Sechstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chnell</span> genug „schrieb ihm Julius bald -darauf“ hat sich das seltsame Räthsel, welches -uns entzweyte und den friedlichen Schäfer -zum Wehrwolf machte, gelöst. Der -Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller -jetzt lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen -zu versehen, die Dich ohnfehlbar aus dem -eisernen Felde an das Herz einer viel süßern -Beute zurückführen werden. -</p> - -<p> -Ich kam, wie Du weißt, im November -von Paris zurück, bezog mein gegenwärtiges -Quartier, stellte mich aus angestammter -Galanterie den sämmtlichen Hausgenossen -vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen -Schatz der weder von Tanten noch Riesen, -noch Drachen bewacht, des Schutzes -dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -einsame Mädchen ließ mich zu wiederholten -Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich -merkte es deutlich) durch’s Schlüßelloch, öffnete -endlich, im Glauben an die Arglosigkeit, -welche ich während dieser Besichtigung -auf Stirn und Lippe treten ließ, das enge -Dachstübchen, führte mich über eine Saat -von Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen -Stuhle hin und nahm, dem Gaste gegenüber, -auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich -sie nach den ersten Begrüssungen der -Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare -Wohnung vergräbt, sie aber bestand -darauf nur ein Blümchen zu seyn, das des -Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe. -Ein Wort veranlaßte das andere, meine -Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche -Stickung meines Kleides Hoffnungen auf -einen Engel vom Himmel, und so erfuhr -ich denn, daß die bildschöne Putzmacherin -ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse -Rechte geltend zu machen, hieher gekommen -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -sey und sich bis zu Austrag dieser Angelegenheit -von der Arbeit ihrer Hände nähre. -Du glaubst nicht wie reitzend Therese durch -dieß Geständniß in meinen Augen ward, -mit welcher Schonung, welchem himmlischen -Erröthen sie ihrer Mutter, in wenig leisen, -kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche -zieh, wie sichtlich es ihr weh that, vom -jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den -Fehltritt, welcher der Erde eine Grazie gab, -unentschuldigt lassen zu müssen. Ich that es -jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so -ehrbar und zierlich wie der Engel der Verkündigung -in alten Comödien. Auch wollte -Therese bereits von der Frau Wirthin eine -Schilderung meiner mannigfaltigen Vorzüge -vernommen haben, und es kostete mir -nicht wenig, die Frau Hausbesitzerin der -Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es -endlich eine Pause. Sie machte, des Lebewohls -gewärtig, eine leise Bewegung, ich -aber hielt noch unverrückt das Wasserglas -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -und zwey Semmel-Schnitten, wahrscheinliche -Reste ihres Mittags-Mahls im Auge -und vermißte zu meinem Verdruß den kecken -Muth mit dem ich oft so mancher ihrer -Schwestern einen viel zweydeutigern Beystand -geboten hatte. Es gibt „sprach ich -endlich im Ton der Weihe“ es gibt der Wölfe -die im Schafskleid, der Satans Engel, -die im Lichtgewand guter Genien einhertreten, -so viele — so viele — daß — „Ein -Blick in ihre hellen, lauschenden Augen -brachte mich so schnell um die Folgerung, -daß ich in der Verlegenheit, mit der Hand -einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb, -und kleinlaut fortfuhr“ Kurz und gut! Sie -dürfen mich unbedenklich als einen Vormund -ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil -schuldig blieb. Meine rechte Hand faßte während -der großmüthigen Erklärung die ihre, -die linke warf einige Dukaten in das halbvolle -Wasserglas. Ich sah; ich setzte vielleicht -sogar — Du glaubst mir das aufs Wort — -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -schon manches Mädchen in Verlegenheit, -doch sah ich keine je in einer reitzendern. -Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben, -den Gesetzen des Anstandes entgegen, vor -meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen -Finger reichten, es sprang ins Auge, -nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der -reine Mangel an Gefäßen die Entfernung -des überflüßigen Wassers ohnmöglich, und -der gütige Geber war verschwunden als sie -noch im Kampfe zwischen Schaam und Bedürfniß, -wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum -stand. Erbaut von dieser guten That, -wie mein Herz sie zu nennen beliebte, gelob’ -ich mir noch auf der Treppe nie mehr -als ihr Vormund werden zu wollen, und -treffe im Vorsaal auf den Jäger des -Vaters, der mich an sein Sterbebett bescheidet. -</p> - -<p> -Ich eil’ auf das Gut, find ihn im -Sarge und im Gefolge seines Todes eine -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Masse von Geschäften, die mich dort bis -Weihnacht festhält. -</p> - -<p> -Vergessen ist Therese, der Gedank’ an -sie ging in den Wunden des Verwaisten, im -Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße -Erinnerung spricht mich bey der Rückkehr -in meine Wohnung an. Ich gedenke -der gelobten Vormundschaft, widerrathe mir, -den neulichen Besuch zu wiederholen und sinne -eben auf Mittel sie durch die dritte Hand -mit einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen, -als man leis an meine Thüre klopft. Sie thut -sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in’s -Zimmer. Sind Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme -und Therese steht vor mir. Ich -schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt -den Riegel vor und führe, betroffener als sie -selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum -Sopha. -</p> - -<p> -Zu Ihnen „flisterte sie und drückte schneller -als ich dem wehren konnte, meine Hand -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -an den rosigen Mund“ Zu Ihnen darf sich -wohl ein Mädchen wagen? -</p> - -<p> -Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein -neuer Adam, eingedenk jenes Gelübdes, sich -jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste -die süßen Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte -Schuldnerin ganz augenscheinlich -entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe -um so brennender überlief, als sie jene -Goldstücke in die Hand des Lehners drückte, -und mit sichtlicher Rührung sprach — Der -gute Geist der mir diesen Helfer erweckte, -hat meine Sache geführt; hat mich in einer -gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin -finden lassen — -</p> - -<p> -„Wohl nur einen Wohlthäter?“ unterbrach -ich sie, von dem grämlichsten Unmuth -übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah -mich schwer beleidigt an — so ohngefähr wie -ein Engel den verhärteten Sünder fixiren -würde, und helle Wemuthsthränen fielen -jetzt aus ihren Augen. Sie fielen in mein -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten -gleich, sprach ich von dem Sonnenglanz -ihrer Unschuld, schlang den Arm um -Theresens Nacken und plötzlich standst Du, -einem Nachtgespenst gleich, vor der heiligen -Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt -nach der Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich -stürze Dir nach, erstaunt über den lebhaften -Antheil den Du an meinem Schützling nimmst. -Ich sehe in diesem Ueberfalle das Treiben der -Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs -eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller, -daß diese Heilige nur eine Heuchlerin, -und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin -seyst. Sie zu entlarven eil ich nun nach ihrem -Zimmer, es ist verschlossen; ich höre sie -schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen -durch das ansehnliche Schlüsselloch. -Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen -auf seine Knie hingeworfen, die Hände -gefaltet zum Himmel erhoben, und in allen -dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -weiß. Mein Argwohn wird, als ich -am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt -in Deinem Zimmer finde, von neuem zur -Gewißheit. Ich schreib’ ihr, lege die Stücke -des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel; -zerreiße den tobenden, halb fertigen -Straf-Prediger, schreib’ einen zweyten, -verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge -mich endlich zu dem dritten, bescheidenern, -auf welchen mir am folgenden Morgen die -beyliegende, das Räthsel erfreuend auflösende -Antwort zukam. Du kannst denken, guter -Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel -beschämender noch als die gestrige, meine -heutige Abbitte war — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Siebentes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">o</span> weit hatte Woldemar gelesen und still -ergrimmt der Fabel gelacht mit der man ihn -jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte, -als plötzlich in der Nähe Schüsse fielen. Er -sah die Besatzung des Dorfs in regellosen -Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den -Brief samt der ansehnlichen, noch ungelesenen -Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen -und eilte in den Hof hinab. -</p> - -<p> -Der Feind! rief ihm Frau von Wessen -aus dem Keller-Halse nach; ohnmächtig lag -Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den -Arm der Schwägerin. Der Feind! riefen die -herbeyströmenden Rekruten und Woldemar -rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte -bereits eine Kugel getödtet und alles floh nun -dem Neuling zu. -</p> - -<p> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Das Schloß war allerdings fest genug, es -einige Stunden lang gegen ein fliegendes -Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und -Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt, -ein Gegenstand von hoher Bedeutung. Der -Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke -aufgezogen, der Verwalter die Thore -zugeworfen, der Jäger jedem dienstbaren -Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die -Hand gedrückt. Woldemar begriff die Möglichkeit -einer solchen Erscheinung um so weniger, -da er sich vier Meilen hinter der Armee, -von Truppen umgeben, kurz in Abrahams -Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger -hatte sich <a id="corr-9"></a>denn doch, trotz dem Heere -das auf seinen Lorbern ruhte, von dem Schnee-Gestöber -begünstigt, durch das Gebürge geschlichen. -Eben befand er sich mit Geißeln, -Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse -beschwert auf dem Rückweg und würde -die Wessenburg wohl ganz unangetastet gelassen -haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -den Vortrab des feindlichen Zugs, auf -einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit -allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen -hätte. Der Kühne fiel, und die Freyjäger -flohen nun dem Schlosse zu, das der -Führer des Vortrapps mit Ungestüm angriff. -Woldemar fühlte lebhaft was er den Damen, -dem Vaterland, der Ehre seines Degens -schuldig sey und belebte durch wenig erhebende -Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder. -Ihr Widerstand verwickelte den Feind -der indeß von den herbey fliegenden Schaaren -seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt -der gemachten Beute gefangen ward. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Achtes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Woldemar am folgenden Morgen, von -dem Schmerz einer empfangenen Kopfwunde -geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand -die Baronin zu des Bettes Häupten und Frau -von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene -weinte, der Wundarzt gab den besten Trost; -bald darauf erschien auch der Adjutant; er -warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen -ein Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da -siehst Du „sprach er“ wie blind das Glück, -wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen -ist. Dein zufälliger, folgenreicher Widerstand -hat Dir plötzlich einen Nahmen gemacht -und eine Stelle verschafft nach der ich -seit zwanzig Dienst-Jahren vergebens strebte. -Eben kam auch Auguste herbey, sprach von -den Schrecken des Gefechts, von Woldemars -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Ritterdienst und seinem Heldenmuth. Mutter -und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant -kehrte nach einem frostigen Lebewohl, -mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten -zurück. Woldemar sah jetzt — wie am Morgen -der Weih-Nacht in der er die stille -Myrte brach — auch in dem schnell erworbenen -Lorber nur ein Gaukel-Spiel der Phantasie, -in dem Patent nur ein Papier das ihn -an jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt, -vom Fiebertraum erwacht, mit Sehnsucht -fragte. Vergebens suchte die Baronin das -Stübchen, der Bediente seine Taschen, der -Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus; -weder der Brief, noch die bedeutende Beylage -war zu finden und der herbey gerufene -Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die -Feinde schoß, gestand daß er allerdings einige -hier gelegene Papiere unbesehen zu Pfropfen -für sein Gewehr verbraucht habe. -</p> - -<p> -Frau von Wessen bot sich dem Kranken -zum Sekretär an, und er sagte ihr mitten -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen -Freund in die Feder. Nur der Wohlstand -konnte die holde Pflegerin für kurze -Zeiträume vor seinem Bett entfernen und -diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt gewann -ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie -errieth seine Wünsche, seine Winke, seine -Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen Liedern -jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege -vom Bette des Kranken, bot ihm die -hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn -allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen. -Das Wundfieber nahm zusehends -ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes -zu dauern und auch Auguste wagte sich nun -wieder in des Freundes Nähe. -</p> - -<p> -Sehen Sie „sprach Julie, als sie eines -Abends an seiner Seite spann“ ich bin die -Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden, -rein und glänzend. -</p> - -<p> -Hygea vielmehr! erwiederte er. -</p> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Hygea spann ja nicht! „sagte das abgehende -Fräulein“ nur Schlangen nährte die — -</p> - -<p> -Heilbringende! rief ihr Woldemar nach. -</p> - -<p> -„Galt das mir oder Ihnen?“ lispelte Julie. -Der Zorn röthete schnell ihre Wangen. -Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin. -Meine Hygea! sprach der Dankbare, von -süßen Regungen durchdrungen. -</p> - -<p> -Die Schlange sticht! erwiederte Frau von -Wessen und verletzte seine Hand mit der Spindel. -Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt’ -ihn lachend weg, er zog sie an das Herz. -Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten -hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte -sich dem begehrenden Munde, Juliens -Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an -Woldemars Brust. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Neuntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rau</span> Tochter „sprach die Baronin, als jene -in das Familien-Zimmer hinab kam“ vergebens -hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt, -als Mutter Sie gebeten dieses thörichte Herz -zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht die -Ehre meines Nahmens preis zu geben — Ihren -Begierden vielmehr! Unwürdige! So -ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten? -</p> - -<p> -Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte -sich zum Nähtisch hin und wiederholte mit -Gelassenheit — -</p> - -<p> -Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr -aufgebracht, <span class="antiqua">ma mere</span>! -</p> - -<p> -Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß -die Zudringliche verachten. -</p> - -<p> -Eine so gute Christin sollte gütiger seyn, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -gnädige Frau; gerechter wenigstens; denn -selbst das höchste Gebot entschuldigt die Zudringlichkeit -der Menschenliebe. Daß ich ihm -wohl will, ist in der Regel. Sehr wohl, -<span class="antiqua">ma mere</span>! Nie sah mein Auge in ein reineres, -nie begegnete mein Herz einem wärmern. -Darum empört mich ihre Härte nicht. -Was gibt es süßeres als um den Mann zu -leiden, den wir lieben? -</p> - -<p> -Also ein Anschlag auf seine Hand? -</p> - -<p> -Auf Anschläge verstehen sich in der Regel -die Mütter nur. Ich folge kindlich dem Gefühle. -</p> - -<p> -Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger -Mann hat das erfahren. -</p> - -<p> -Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer -ihm wohl und wer mir übel wollte. -</p> - -<p> -Ich wollte Dein Glück, Undankbare! -</p> - -<p> -Glück macht die Liebe nur und nur <em>Sie</em> -hat er geliebt. Gefürchtet vielmehr. Mein -Herz war lauter Flamme, das seine lauter -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Erz, und immer spröder ward es, bis der -Tod es brach. -</p> - -<p> -Du brachst es früher schon! -</p> - -<p> -Julie warf einen glühenden Blick auf die -Mutter, verbarg ihr empörtes Gefühl hinter -einem unholden Lächeln und schwieg. -</p> - -<p> -Sähe der Hauptmann dies Gesicht „fuhr -jene fort“ er würde noch entschiedener zurücktreten. -</p> - -<p> -Er würde mich bedauern und erlösen. -</p> - -<p> -Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe -Dich! -</p> - -<p> -Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm’ -aus diesem! -</p> - -<p> -Die Baronin faltete seufzend die Hände -und schlich abseits, dem Himmel ihre Noth -zu klagen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Zehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ygea</span> hatte den genesenden Jüngling in der -feurigsten Wallung verlassen. Noch glühte jener -Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah -er diese flammenden Augen, die Fülle der -schnell bewegten Brust. Sein ganzes Wesen -war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung -weckte ihn nach Mitternacht vom Schlummer -auf. Der volle Mond beschien ein niedliches -Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben -schien, nun seinem Bette näher tratt und -zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich -mit klopfenden Herzen nach der Mauer zurück, -wollte seinen Sinnen nicht trauen, wagt’ -es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu -werfen, und kämpfte noch unentschlossen mit -sich selbst als der seltsame Zuspruch wieder -aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -zurückkehrte. Schnell wuchs sein Muth, -er schlich ihm durch die Oeffnung nach und -stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau -von Wessen schlief. Betroffen weilte er an -der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein -Genius fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste, -lächelnd wie die Unschuld ruhte. -</p> - -<p> -Woldemar, der bis dahin die heimliche -Tapeten-Thür übersehn und nie geahnt hatte, -daß sein Stübchen an diese Schatzkammer -grenze, machte sie bey der Rückkehr mit leiser -Schonung zu und glaubte zuversichtlich -durch die Nachwehen des Wundfiebers zum -Geisterseher geworden zu seyn, denn hätte -selbst — der Fall war nicht denkbar — sich -eine dieser Schläferinnen zu einem solchen -Schritt vergessen können, so würde er ja die -Fliehende ereilt oder erkannt haben. -</p> - -<p> -Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn -bis zum Morgen, jetzt aber wich der Glaube -an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem -Erstaunen mit welchem er ein himmelblaues, -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -vor seinem Bette liegendes Band erblickte, -und dieses dem Schauer des Fiebers, das im -Gefolge der erschütternden Zauberspiele dieser -Stunden zurückkehrte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -Eilftes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uch</span> die Baronne war am Morgen erkrankt, -hatte den Beystand der Schwiegertochter zurückgewiesen -und Auguste, gewöhnt der Feindin -wohlzuthun, für dies Mahl vergebens alles -aufgebothen den Groll des tief empörten -Mutterherzens zu beschwören. -</p> - -<p> -Julie schlich sich, von der Mutter verschmäht, -zu dem Freunde hinüber der bey ihrem Eintritt -seinen Rückfall vergaß, und schüttete ihr -Herz vor ihm aus. Der Kindheit Freuden -hatte ihr, laut dieser Geständnisse, eine grausame -Stiefmutter, die Blumen der Jugend -ein liebloser Gatte und die herrschsüchtige Baronin -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -geraubt. Diese verkenne, Auguste beneide -sie, und beyde sähen in dem heiligen -Mitgefühl, in dem reinen Feuer der Theilnahme -das sie zur Pflegerin des edelsten Mannes -gemacht habe, nur den schlau berechneten -Plan einer Kokette. Helle Thränen begleiteten -die rührende Elegie, sein fieberhaft reitzbares -Herz sprach nur zu laut für die Weinende. -Sie nannte ihn ihren einzigen Freund, -er aber nannte sich ihren ewigen Schuldner -und gedachte seufzend gewisser Fesseln, die -seine feurige Vergeltungs-Lust für den Augenblick -noch gefangen hielten. -</p> - -<p> -Daß mein Gemüth „erwiederte Julie“ die -Heiligkeit dieser Pflichten kennt, daß es selbst -die Ansprüche einer Unwürdigen zu ehren versteht, -bezeugt die Fassung mit der es in jener -Nacht das feurigste aller Gelübde zurückwies. -</p> - -<p> -Welche Gelübde? „sprach er im Herzen zu -sich selbst.“ In welcher Nacht? -</p> - -<p> -Oder hätte die Krankheit Sie in jener unvergeßlichen -Stunde zum bewußtlosen Schwätzer -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -gemacht? Wohl Ihnen dann! Dann wäre -ja Hermine nur ein Traumbild, das mit der -wiederkehrenden Besinnung in sein Nichts zerfloß -und ihre Treulosigkeit ein Phantom das -im Morgenrothe der Genesung unterging. -Woldemar sah verstummt zu Boden. Und -Wohl auch mir! „fuhr Frau von Wessen -fort“ der da ein Gott die Kraft verlieh, dem -feurigsten aller Männer zu widerstehen, und -die Erhörung zu verzögern. -</p> - -<p> -Unseliges Verhängniß! „rief er und sprang -auf“ O, warum streifte mich der Fittich des -Würgengels nur? Wie gern schlief ich in seinem -Arme! -</p> - -<p> -Oder am Herzen der Verlobten? -</p> - -<p> -Ich bin sehr elend! Nimm mich an das -Deine. An das hart verletzte, das ich heilen -will und muß. -</p> - -<p> -Nicht also, guter Woldemar, ein Engel -wird diese Wunden verbinden, der Engel der -Vergeltung der unsere Opfer zählt und unsere -Thränen. -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Ich will alles gut machen! „rief er, hingerissen -von der Fluth seiner Gefühle, von -einer unzeitigen Großmuth gemeistert“ ja, ich -gelob es! Nur das Mitleid sagst Du, die -Theilnahme nur, nur die laue Hand der -Freundschaft hätte Dich Wochenlang an meinem -Bette festgehalten? Nur um ihretwillen -hättest Du dem Grolle der Schwester, dem -Zorne der Baronin, der Verläumdung bösartiger -Thoren getrotzt? Nur aus Rücksicht auf -die geflohene Treulose meiner Hand entsagt, -die ich Dir — zwar in des Fiebers Gluth — -doch wahrlich, inspirirt von meinem Engel -both? -</p> - -<p> -Still, Frevler — Still! „rief Juliane -jetzt.“ Sie fühlen nicht wie tief mich diese -Zweifel beugen; die Flamme nicht, die an -unheilbare Wunden schlägt. O warum muß -die böse Fee zwischen mich und den Abgott -meines Lebens treten? -</p> - -<p> -Lieblicher hatte nie eine Frage seinem Ohr -geschmeichelt, schneller nie ein Zauber sein -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Herz umstrickt, kein sterblich Weib ihn je so -magisch angezogen. Die Spiegel ihrer Seele -flammten wie Sterne durch die Nacht des -Grams, der Wehmuth Genius schien aus dem -Rosenkelche dieser Lippen ihn um Erbarmen -anzuflehen. Er faßte sie mit starkem Arm, er -hob sie hoch, an’s Herz empor und bedeckte -die Schluchzende mit zahllosen Küssen. Ich -bin der Deine! „rief er“ wirst Du dies zweyte -heißere Gelübde verschmähen? -</p> - -<p> -Liebling — Bräutigam! Himmlischer Geist! -stammelte Julie und ließ die Lippen des Trunkenen -schalten. Man klopfte, er vernahm es -nicht. Auguste trat herein ihre Schwägerin -abzurufen; sie wand sich sanft aus seinem -Arm, sprach zu dem Fräulein, dessen Antlitz -ein edles Schaamroth überflog. „Nimm hier -kein Aergerniß, wir sind verlobt!“ und -hüpfte fort. -</p> - -<p> -Auguste verbeugte sich gegen den Hauptmann, -und wollte der Braut folgen, Woldemar -aber faßte ihre Hand und bestätigte in -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -gebrochenen Worten Juliens Versicherung. Ich -kenne „erwiederte das Fräulein“ die Gesinnungen -meiner Mutter zu wenig und die Gefahren -Ihres Standes zu genau um Beyden -jetzt schon Glück zu wünschen. Er ließ beleidigt -Augustens Hand fallen. Aber wie kömmt -dieß Band in Ihr Zimmer? „fragte sie jetzt, -und nahm es vom nahen Tische weg“ vergebens -hab ich es heut’ am Morgen gesucht. -</p> - -<p> -Ein Strumpfband vielleicht? Sie verstummte. -</p> - -<p> -Oder etwa gar der Gürtel der Vesta? Auf -jeden Fall sind Sie im Stande mir das -Räthsel zu lösen. Vor meinem Bette fand -ich es. Ihr Schutzgeist, Fräulein, trug -diesen Talismann mitten in der Nacht in mein -Zimmer. -</p> - -<p> -Auguste wechselte die Farbe, der Hauptmann -sah ihr starr in’s Gesicht — „Und die -misterische Pforte hier — unstreitig führt sie -in das Geisterreich; aus ihr tratt der willkommene -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Gast hervor, durch sie kehrt’ er zurück. -So ist es — auf mein Ehrenwort!“ -</p> - -<p> -Ihre Hände bebten, ihre Wangen verblichen, -sie wankte sprachlos aus dem Zimmer. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -Zwölftes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">oldemar</span> sah ihr staunend nach. Sein -Kopf brannte, sein Herz glühte, Feuer rann -in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in -den Zwinger der das Schloß umgab. Die Erscheinungen -dieser Zeit schwebten wie Geistertänze -vor seiner Seele und der Schutt und -die Blutspuren im Schnee weckten Erinnerungen -an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf. -Er freute sich der gelungenen That, dachte -des Getümmels das ihr voranging, des empfangenen -Briefes den der Jäger der Baronin -in seinem Diensteifer ver<a id="corr-13"></a>bracht hatte und -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben auffinden -ließen, unter sein Fenster hin. Lange -störte er vergebens zwischen Eis und Schnee -und dem Abbiß der Patronen, fand endlich -ein bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen -und las — -</p> - -<div class="letter"> -<p class="noindent"> -„Die großmüthige Schwester — das Häubchen -von ihrem Kopfe — zur Täuschung -ähnlich —“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Eine kalte Hand griff ihm in’s Herz. Er -sann und sann und suchte jetzt angsthafter; -ihn aber suchten die Bedienten, denn eine -Ordonanz aus dem Hauptquartier war gekommen. -Der Husar erbat sich einen Empfangschein -und übergab die Depesche. Woldemar -fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah sich -angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft -alsogleich aufzubrechen, des fördersamsten im -Haupt-Quartier einzutreffen, oder falls sein -Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person -nicht gestatte, ohne Zögerung nach dem -Lazareth abzugehn. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Schnell ward gepackt, gesattelt, und der -General-Marsch geschlagen, <a id="corr-14"></a>denn kein Augenblick -war zu verlieren wenn das entfernte -Ziel, den Worten der Depesche gemäß, erreicht -werden sollte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> -Dreyzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">ulie</span> hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote, -die kranke Schwiegermutter heimgesucht, -das gestrige unkindliche Benehmen mit der -Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre -Hände mit Küssen bedeckt, heilige Sprüche -und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht -und so den Zorn der gutmüthigen Baronin -in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche -Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von -Wessen ihrem Woldemar eine Schutzrede der -die Mutter um so weniger zu widersprechen -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -vermochte, da sie früher selbst seiner Bescheidenheit, -seiner Sittlichkeit, und so mancher -liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete, -das gebührende Lob ertheilt hatte. Zu -allen dem „fuhr jene fort“ hat Ihnen Gott -in dem edlen Mann einen Engel gesandt, denn -wie wäre es uns ergangen, wenn er nicht -Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche, -Sie vielleicht im Grabe, ich und Auguste -ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken, -geplündert und verlassen am Scheidewege. -Was wir sind, was wir haben, erhielt uns -seine Hand und die wollten Sie aus der -Hand seiner Vergelterin reißen? Der Himmel -selbst belohnte diese That und öffnete ihm eine -glänzende Laufbahn. -</p> - -<p> -Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf -den Werth des Freyers, auf den Schutz, -welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß -wohl eher begünstigt als gescholten haben, -wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher -als das der Verwandtin am Herzen gelegen -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell des -stillen Grams der aus Augustens verweinten -Augen sprach und begriff nicht, wie ein so -zartfühlender Mann, blind für den Zauber -dieser Himmelsblume, nach der dornigten -prahlenden Rose zu greifen vermochte. Da -indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des -Himmels Sache waren und die Frau von -Wessen bereits als verlobte Braut um ihren -Segen bat, so vergab sie mit sanften Worten -den übereilten Schritt, behielt sich das Weitere -bis zu ihrer Genesung vor und drang -darauf daß Woldemar zuförderst einem Stande, -der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe, -entsagen solle. Frau von Wessen erklärte -selbst diese Bedingung für zweckvoll und unerläßlich -und sah jetzt, still entzückt, in der sinkenden -Sonne den Herold des Braut-Abends. -Da ward es plötzlich lebhaft auf dem Hofe, -des Hauptmanns Leute liefen durch einander, -der eine sattelte, der andere sprach von nahem -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Blutvergießen, der Ruf der Trommel scholl -aus dem Dorf herauf. -</p> - -<p> -Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte -geisterbleich hinüber, in Woldemars Arm. -</p> - -<p> -Was soll das? „fragte er mit verbissenem -Schmerz“ Warst Du nicht eines Soldaten -Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter -Muth. -</p> - -<p> -Doch zu schrecklich war der jähe Sturz -vom Sonnenziele in die Nacht des Grams, -zu tief der Fall für ein so zügelloses Herz das -jedes Lächeln des Geschicks zum Himmel hob, -jeder Umfall in die Höhle des Jammers hinabwarf. -Wimmernd hing sie an Woldemars -Halse, hielt ihn krampfhaft umfaßt und ihre -Lippen zuckten gichterisch. -</p> - -<p> -Bald sehen wir uns wieder! „tröstete er -mit halber Stimme.“ <em>Oft!</em> sagt mein Herz — -nach wenig Tagen vielleicht, und am Ziele -winkt ein Hafen in dem uns nichts mehr trennen -soll. Aber die Jammernde verwarf jeden -Trost. Nimm! „rief sie und schnitt mit schonungsloser -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Hast eine Flechte von dem glänzenden -Haupthaar.“ Nimm und gedenke mein! -Und meiner nur! Gelobend bedeckte er ihren -bebenden Mund mit heißen Küssen und bat -sie dann, die kranke Mutter auf seinen Abschieds-Besuch -vorzubereiten. Julie ging nach -langen Bitten, doch wenige Schritte nur. -Laut schreyend flog sie an seinen Hals zurück. -Ihre zuckenden Augen brachen, entgürtelt flog -der Busen, das lose Haar um ihre Scheitel. -Sie lag noch bewußtlos im Arm ihrer Kammerfrau -als Woldemar in der furchtbarsten -Stimmung seines Lebens über die donnernde -Zugbrücke sprengte. Schaudernd blickte er vom -Thal aus nach dem Schlosse hinauf, dessen -Fenster das Spätroth vergoldete, gab den -räthselhaften Geistern dieser Burg gute Nacht, -und saugte das Blut aus der Lippe die Julie -im Wahnsinn ihres Schmerzes verletzt hatte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Vierzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> man den Hauptmann nach jenem Gefechte -verwundet und betäubt auf sein Zimmer zurücktrug, -übernahm Frau von Wessen wie bekannt -die Rolle der Wärterin und ließ deshalb -um in seiner Nähe zu bleiben, ihr Bett -ohne der Mutter Wissen, in jene leere, nachbarliche -Kammer versetzen. Erst späterhin bemerkte -die Baronin diesen ihr höchst mißfälligen Uebelstand, -wieß Julien auf der Stelle einen Platz -in <a id="corr-17"></a>ihrem eigenen Schlafzimmer an, gesellte -ihr, als diese Weisung unbeachtet blieb, Augusten -bey und verschloß die bewußte <a id="corr-18"></a>Tapeten-Thür. -Frau von Wessen aber schloß sie, um -sich einen weiten Umweg zu ersparen, am folgenden -Morgen wieder auf und aus angebohrner -Furcht vor Dieben und Kobolden, Nacht -für Nacht die andere zu, welche über den unheimlichen -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -Saal in die Zimmer der Baronin -hinüber führte. Auguste hingegen der es -nie beykam den lieben Gast auf einem Schleifwege -heimsuchen zu wollen, glaubte die streitige, -von der Mutter gesperrte Thüre noch -immer fest verschlossen, und ahnte nicht daß -ihr Verhängniß sie im tiefsten Nachtkleid und -in der verdächtigsten Stunde hindurch, und -an das Bett eines feurigen, hoffnungslos -geliebten Mannes führen werde. Oft genug -ward die vermißte Nachtwandlerin in frühern -Zeiten bald von dem Simse des Fensters bald -aus irgend einem entlegenen Verstecke zurückgehohlt. -Das Übel nahm mit den Jahren ab -und immer hatte man sie bey den seltenern -Rückfällen von der verschlossen gefundenen -Thüre ohne weiteres in ihr Bettchen zurückkehren -sehn. -</p> - -<p> -Welch Entsetzen mußte daher dieses reine, -von dem erklärten Brautstand der Schwägerin -so eben gebrochene Herz ergreifen, als -Woldemars spöttisches Lächeln, als sein zum -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Pfand gesetztes Ehrenwort die leise Ahnung -einer schrecklichen Möglichkeit zur Überzeugung -erhob. -</p> - -<p> -Die kranke Baronin lag indeß während -des Aufbruchs der Besatzung, von allen den -Ihrigen verlassen da. Sie hörte den Lärm, -das Wirbeln der Trommeln, den Hufschlag -der Rosse und schellte vergebens. Die Bedienten -kannegießerten im Hofe mit den marschfertigen -Jägern, die Jungfer lag, in Thränen -aufgelöst, an des Feldscheers Brust, das -Stuben-Mädchen wollte den Pfeifer nicht -lassen, Juliens Kammerfrau saß erstarrt vor -der verzweifelnden Braut, und Augustens alte -Wärterin lief der schluchzenden Enkelin nach, -die ihrem Trommelschläger den Wirbel verdarb. -</p> - -<p> -Das Getöse nahm kein Ende, der zersprungene -Klingeldrath lag am Boden, und -die Baronin, welche jetzt nichts sicherer glaubte, -als daß der Feind zu Folge eines zweyten -gelungenern Überfalls das Schlimmste beginne, -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -sprang, von der Angst geheilt, plötzlich -auf, um ihre Küchlein mit Hand und Mund -bis auf den letzten Odemzug zu vertheidigen. -Aber noch stand im Vorsaal alles auf dem -gewohnten Platz. Von Zimmer zu Zimmer -eilte sie nach Juliens Schlafkammer, trat -jetzt erblassend vor ein Schreckbild das unter -wilden Krämpfen ächzte und nahm, nach Hülfe -rufend, Augusten wahr, die einer Sterbenden -gleich vor ihrem Bette kniete und taub -für allen Jammer dieser Scene schien. Welch -ein Abend! Welch eine Masse von Seufzern -und von Thränen, von denen ach, so wenige -ein Gegenstand für die wohlthuende, -Schmerz und Thränen wiegende Vergelterin -seyn konnten. -</p> - -<p> -Zerstört im Innersten klagte Julie ihr Geschick -an; in Thränen edler Schaam gebadet, -verging die holde Nachtwandlerin; sprachlos -stand die schluchzende Mutter zwischen der -Gruppe und die betäubten Bräute des Frey-Corps -sprangen mit verweinten Augen bunt -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -durch einander ab und zu und hohlten in der -Zerstreuung Öhl statt des Essigs, Tinte statt -des Balsams und den Pastor statt des Baders -herbey. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> -Fünfzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">oldemar</span> hatte indeß das Ziel seiner Bestimmung -erreicht, sich gesund gemeldet und -eine Masse lästiger Dienst-Geschäfte vorgefunden, -die den Unkundigen bey dem Mangel -an Rathgebern und Freunden, bey der -feindseligen Stimmung die sein frühes Glück -veranlaßte, schnell genug mit einem Stand -entzweyten an dem ihn doch das eiserne Band -der Pflicht und des Ehrgefühls festhielt. -</p> - -<p> -Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach -langen Stürmen eine Windstille. -</p> - -<p> -Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens -Trost das Bewußtseyn geworden und -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -der himmlische Frühling goß das Füllhorn -der Erneuung über sie aus. Eben war die Mutter -mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches -Gut gefahren als sich ein fremder Baron -bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel lieber -hätte die Einsame den unwillkommenen Gast -abgewiesen aber es fehlt’ ihr für den Augenblick -an einer glaubwürdigen Entschuldigung -und so ward er <a id="corr-20"></a>denn angenommen. -</p> - -<p> -Ein junger, blendend schöner Mann trat -in das Zimmer. Sein hoher Wuchs, sein -Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines -Benehmens, gewann in voraus ein Gemüth -dem der zärteste Sinn für die Gabe -der Grazien anhing und der Gegenstand welcher -ihn zu Augusten führte, war bedeutend -genug ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. -</p> - -<p> -Julius hatte nehmlich nach dem Empfange -jener wenigen, nichts sagenden Zeilen welche -Frau von Wessen damahls in Woldemars -Nahmen schrieb, vergebens einer <a id="corr-21"></a>Antwort auf -seine dringende, Herminens Ehre <a id="corr-22"></a>rettende -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an -den Adjutanten geschrieben, und von diesem -einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse -empfangen die ihn zu der Reise nach dem fernen -Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den -Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund -hier stand wie von dem Charakter der handelnden -Personen unterrichtet, hatte er im -Posthause bereits seit Tagen den günstigen -Augenblick erwartet, der ihm, Augusten ohne -Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er -stellte sich ihr jetzt als Woldemars Vertrauten -dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten, -vor ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre -Langmuth durch Weitläufigkeit erschöpfen zu -müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit -Woldemars heimischen Verhältnissen, und von -der seltsamen Katastrophe die ihn aus jenen -weg, in den Krieg trieb. -</p> - -<p> -Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit -das Fräulein ermüdet hätte: sie -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte -sie von Minute zu Minute liebenswerther. -</p> - -<p> -Herminens Vater „fuhr Julius fort“ hatte -als Handlungs-Diener das Glück, der Tochter -seines reichen Herrn zu gefallen, und im -Gefolge dieser Gunst das Unglück, sich zu einem -Schritte zu vergessen, der Theresen das -Leben gab. Des Vaters Blindheit und der -Beystand der Mutter machten die Verheimlichung -möglich, der junge Mann ward nach -Holland, das Kind der Liebe in ein entferntes -Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter -mit größerm Glück als Recht die Gattin eines -bedeutenden Wechslers. Er starb im ersten -Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der -frühere Vertraute kam zurück, machte die verjährten -Rechte geltend, verloschene Gefühle in -dem Herzen der Wittwe wieder rege, und -ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm Herminen -und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr -nach wenig Monden, vom Schlage getroffen -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -nach, und sein redlicher Bruder nahm den -verwaisten Säugling auf. -</p> - -<p> -Falsche Schaam, die Quelle so manches -Unheils, hatte es der Verschiedenen ohnmöglich -gemacht sich späterhin zu diesem Kinde -zu bekennen, doch sorgten die Eltern aus der -Ferne für sein Wohl. Des Vaters schneller -Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn -es fand sich weder ein Testament noch irgend -etwas das ihr Daseyn bezeichnet hätte, vor. -Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen -die heran Wachsende einer Dame, der sie ihre -Bildung dankt, als aber diese zufolge einiger -verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt -in die fremde Welt hinaus treten mußte, machten -Bildung und Anmuth ihre Lage nur um -so kritischer. -</p> - -<p> -Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler. -Auguste kredenzte ihn; Julius bemerkte mit -Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände -und die ganz eigene Annehmlichkeit, welche -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Augustens Gliederspiel über die kleinste ihrer -Bewegungen verbreitete. -</p> - -<p> -Hermine „fuhr er fort, und rückte ihr -vertraulich näher“ Hermine stört vor kurzem -in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da, -von dem guten Geist des Zufalls geleitet auf -ein geheimes, mit Quittungen und Briefen -angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden -Beweiser der mütterlichen Verirrung -sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie -geahnten Schwester aufzufinden. Hermine -sieht eine höhere Fügung in dem Ohngefähr, -fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene -mit ihrem Ueberfluße zu erfreuen, macht den -Oheim zum Vertrauten und wird nicht müde -ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn. -Der Onkel untersucht, überzeugt sich, empfiehlt -ihr Verschwiegenheit; will erst das <em>Wie</em> -und <em>Wo</em> erforschen, sich von dem Werth oder -Unwerth der Person unterrichten, und der -Wallung eines schönen Herzens durch weise -Vorsicht Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -hat sich bereits am Busen einer Freundin -entladen und diese das Geheimniß unter -dem Siegel der Verschwiegenheit ihrem Bruder, -Herminens hoffnungslosesten Anbeter mitgetheilt. -Armuth, Habsucht und der Groll -verschmähter Liebe bestimmen ihn, die Entdeckung -zu seinem Vortheil zu benutzen: er -durchreist die bezeichnete Gegend und findet -nach manchem Kreuzzug die Gesuchte zwischen -Hunger und Kummer mitten inne. -</p> - -<p> -Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein -ab. Sie kehrte nach wenigen Minuten -zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit -der angenehmen Sorge für sein Nachtlager -und bat den Baron der ihr für diese Güte -den feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung -der Geschichte. -</p> - -<p> -Goldne Berge „erzählte Julius“ werden -jetzt Theresen gegen eine billige Vergeltung -zugesichert, der Beweis ihrer Abkunft so überzeugend -geführt, der Umfang ihrer Ansprüche -so klar in’s Licht gestellt, daß sie nicht länger -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -zögern mag, diese Kette schmerzlicher Entbehrungen -mit dem verhießenen Ueberfluß zu -vertauschen. Sie eilt, von den trefflichsten -Zeugnissen ihres Wohlverhaltens unterstützt -nach der Vaterstadt, erschreckt den Oheim durch -die sprechende Aehnlichkeit mit Herminen, die -von der plötzlichen Erscheinung überrascht, von -diesen Zeugnissen gewonnen, von dem Anblick -ihres Ebenbildes erschüttert an des Mädchens -Hals fliegt, und die gefundene Schwester feurig -willkommen heißt. Therese vernimmt mit -Erstaunen, was bereits von hieraus für sie -geschah, sieht sich statt der Verläugnung auf -die sie gefaßt war, mit den zärtlichsten rein -vom Herzen kommenden Liebkosungen überhäuft, -und beschließt, in Schaam und Rührung -aufgelöst, Gleiches mit Gleichem, die -Großmuth durch Mäßigung zu vergelten. Ein -seltsamer Wettstreit entspinnt sich nun. Hermine -dringt auf eine Theilung der <a id="corr-25"></a>Erbschaft, -Therese will sich dagegen nur vor dem Hunger -geschützt, nur als eine Hülfsbedürftige geduldet -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -sehen, am wenigsten im Kreise der Familie -unter ihrer wahren Gestalt auftreten. -Jene trägt ihre besten Kleider zur Auswahl -für Theresen herbey, diese wählte sich einen -häuslichen, schon getragenen Anzug. — Und -so blieb denn das Mädchen meine Haus-Genossin, -so verkannte Woldemar, der in diesem -Momente weder die unzartere Haut noch das -dunklere Haar in Betracht zog, seine schuldlose -Braut — -</p> - -<p> -Die ihn „fiel Auguste ein“ mit dem Daseyn -einer solchen Schwester, schon um dieser -gefährlichen Aehnlichkeit willen hätte bekannt -machen sollen — -</p> - -<p> -Ohnfehlbar „entgegnete Julius und das -Fräulein erröthete“ schloß ihr nur die zarte -Verschämtheit, oder die Achtung für den Ruf -und die Asche ihrer Mutter den Mund. Ich -bin am Ziele „setzte er mit einer leichten Verbeugung -hinzu“ und Tag und Nacht gereist -das unseligste aller Mißverständnisse auszugleichen, -oder, wenn mir das nicht gelingen -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -sollte, der Gekränkten eine Genugthuung zu -verschaffen, die das Gesetz der Ehre vorschreibt. -</p> - -<p> -Auguste seufzte tief und sprach „Am Ende -war vielleicht die übereilte Entfernung Ihres -Freundes eine unerkannte Wohlthat des Himmels -der das edelste Mädchen auf diesem Wege -von dem bestandlosen Manne befreyt hat.“ -</p> - -<p> -Meynen Sie? fragte er, und sah ihr tief -in das blaue Augen-Paar. -</p> - -<p> -Denn Ihrem Woldemar „fuhr sie fort“ -weint bereits eine neuere Braut nach. -</p> - -<p> -Man sagte mir das: ich glaubte es nicht. -Jetzt — O jetzt muß ich’s fürchten! -</p> - -<p> -Sie sind sein Freund. An Ihnen ist es, -ihm den vorgefaßten Argwohn zu benehmen, -ihn an ein Herz, das er zerrieß zurück zu -führen. -</p> - -<p> -O, nun es so weit ist, sind wir geschieden -— der Rächer tritt nun an des Warners -Platz. -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Nein, edler Mann „sprach sie mit flehendem -Silberton“ der Warner muß zum Engel -und nicht müde werden bis ihm die gute That -gelingt. -</p> - -<p> -Julius küßte von dem Zauber dieser Töne, -und von dem Geiste dieses Raths ergriffen, -Augustens Hand, als die zurück gekommene -Julie hereinrauschte, betroffen stehen blieb und -die Gruppe mit blitzenden Augen maß. Das -Fräulein stellte ihr in dem Gaste Woldemars -Freund vor. Sie erwiederte seinen Gruß mit -dem anmuthigsten Lächeln, zitterte bereits im -Herzen vor den Zwecken dieses augenscheinlichen -Störenfrieds und griff zu den magischen -Waffen ihres Zaubers. Aber Julius sah durch -den täuschenden Schleyer der Grazie in ein -harmvolles Herz, in diesen unstäten Blicken, -in dieser leisen, jeden Scherz verkümmernden -Angst den regen Argwohn ihrer Schuld — -und als er sie jetzt über dem Fräulein vergessen -zu wollen schien, da ward die Charis -plötzlich zur <span class="antiqua">Ate</span>, der Groll der Mißgunst -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -trat auf ihre Stirn, Auguste aber zog sich -mit sanften Erröthen hinter den Heiligen-Schein -der Sittlichkeit zurück. Frau von -Wessen faßte sich schnell; überschüttete die verstummte -Schwätzerin mit Schmeicheleyen, lenkte -nun, von dem Spiele seines Humors erheitert, -das Gespräch auf den Hauptmann, -dessen bis jetzt nur beyläufig gedacht worden -war und erschöpfte sich in seinem Lobe. Julius -begleitete es mit den Gebehrden des Beyfalls, -erbat sich, als Auguste verschwunden -war die Erlaubniß eine so theilnehmende Gönnerin -seines Vertrauten von dem seltsamen -Mißgeschick ihres gemeinsamen Freundes unterhalten -zu dürfen und wiederhohlte Wort -für Wort die Geschichte. Julie sah ihm erst -in’s Auge, dann zum Himmel, von diesem -zu Boden. Sie spielte bald mit dem Ridikül, -bald mit den Gliedern ihrer Kette, erröthete, -verblaßte, und stand eben im Begriff den Erzähler -für ihre Ansprüche zu gewinnen, als -die Baronin mit einem Brief in’s Zimmer -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -trat. Sie übersah den Fremden in ihrer Bestürzung. -Lies! „sprach sie kaum vernehmbar“ -die Armee ist geworfen — der Feind im Anzug. -Julie verschlang mit feurigen Augen den -Inhalt der Nachricht. Er wird vermißt! -„rief sie die Hände ringend“ Woldemar ist -gefangen oder gefallen! -</p> - -<p> -Der Himmel selbst „erwiederte Julius“ -scheint dies Herz an die Entbehrung seines -Lieblings gewöhnen zu wollen. -</p> - -<p> -Sie wissen also „entgegnete Frau von -Wessen“ daß Woldemar der Meine ist? Aber -wissen Sie wohl auch, daß weder ein Mährchen, -noch sein Erfinder, weder die Schlauheit -einer Neben-Buhlerin, noch die Beredtsamkeit -ihres Wortführers, mir ihn entreißen -wird? -</p> - -<p> -Ich weiß nur „fiel er ein“ daß der Feind -gegen den er dies Schloß vertheidigte, bey -weitem nicht sein schlimmster war und daß -sein Weg zu Ihnen nur über mich geht. Aber -wir streiten vielleicht über die Pflichten eines -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Todten, und thäten doch, falls diese Nachrichten -gegründet sind viel besser, zu packen und -zu fliehen. -</p> - -<p> -Julie kehrte ihm tief empört den Rücken -und folgte der Baronin, welche taub für den -Wortwechsel mit dem Himmel verkehrt hatte. -</p> - -<p> -Julius traf im Fortgehn auf das Fräulein. -Werden wir uns widersehn? „sprach er“ -und wie, und wenn? Längstens dort! „entgegnete -sie“ und so Gott will, an einem schönern -Tage. -</p> - -<p> -Er drückte gerührt ihre Hand an die Lippen. -Sie müssen fliehen „sprach er“ wer begleitet, -wer beschützt Sie denn? -</p> - -<p> -Himmel und Erde „entgegnete sie“ der -Mutter Gebet und unser Jäger. -</p> - -<p> -Die Baronin kam in diesem Augenblick -herzu. Sie hatte von Julien vernommen wer -er sey, sah in dem unerwarteten Gaste einen -ihr in der Stunde der Noth gesandten, erbeteten -Beystand und bot ihm nach den ersten -Begrüssungen den Platz in ihrem Wagen an. -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Augustens Augen unterstützten mit sanften, -beredtsamen Blicken das Erbieten, der Freyherr -sagte zu. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> -Sechzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ur</span> zu lange ließen wir indeß Herminen aus -den Augen, deren Lage nach Woldemars übereilter -Flucht unter die trostlosesten hinabfiel. -Julius war nach jener Begebenheit, durch -Theresens Vermittlung ihr bekannt, war ihr -Freund, ihr Rathgeber geworden, und des -Mädchens letzte Hoffnung beruhte auf dem -Erfolge seiner Reise. -</p> - -<p> -Muth- und ruheloser als je, lag sie eines -Abends an dem Herzen ihrer heimlichen vertrauten -Schwester, als diese tröstend zu ihr -sprach — Schon manche Braut, meine Geliebte, -ward getäuscht, schon manches feste -Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder die -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Bestandlosigkeit der Männer zerrissen und nicht -selten segneten späterhin die Getäuschten ihr -Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen -sollte! -</p> - -<p> -Hermine sah, den Trost verschmähend in -ihren Busen nieder. Ach! Schwester „klagte -sie“ Du kennst den Umfang meines Unglücks -nicht. -</p> - -<p> -Gestehe nur „entgegnete Therese“ daß Julius -der liebenswürdigste aller Männer ist. -Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an -seiner Hand den lieblosen Hitzkopf bald vergessen, -daß ich dem Himmel danken würde, -der mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen -Ziele führt. Das ist Dein Fall. Es -kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am -Abend vor seiner Abreise, den Günstling eines -Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt -und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die -Pflicht der Ehre und der Freundschaft zu erschöpfen; -und sollte es auch mein Leben gelten, -ich erschöpfe sie! Ein reitzendes — Du -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -mußt alles wissen, Hermine — Ein gefährliches, -verbuhltes Weib sagte er, hat wie der -Adjutant mir schreibt, den Thörichten umstrickt, -und find’ ich ihn verlohren, so tritt der Mittler -kühn an seinen Platz, und Sie, Therese, -ebenen mir den Weg. Ich versprach ihm das, -Liebe! -</p> - -<p> -Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten, -das übereilte Geständniß der Schwester -hatte ihr Innerstes zerrissen. „Wehe mir!“ -rief sie, als der wilde Schmerz endlich Worte -fand. „Wehe mir, denn unserer Mutter -Schicksal ist das meine.“ Therese sah verbleichend -an ihr herab. -</p> - -<p> -Rechte nicht mit der Unglücklichen „fuhr -sie fort“ welche Sterbliche wär’ in jener Versuchung -bestanden? Es gab eine Nacht, Therese, -in der dies Herz von Sehnsucht aufgelöst, -dem Liebling alle seine Blüthen zudachte -— in der ich die Arme verlangend nach -dem Bräutigam ausstreckte, in der die schöne -Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O, -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun -nach einem endlosen, verschmachteten Tage, in -die einsame Kammer — Deine Lippe lispelt -seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt -ihn an’s Ziel in Deinen Arm; da rauscht es -hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint, -kommt näher zieht Dich an die Brust und -wird — und wird zu Deinem Manne! -</p> - -<p> -Der Oheim unterbrach die Schwestern. -Ein Geschäft führte ihn her, doch das Wort -erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer -Sterbenden ähnlich, der Ohnmacht nahe -fand. So sage doch endlich was Dein Herz -bekümmert! „sprach der Erschrockene“ Kann -ich helfen? -</p> - -<p> -Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand. -</p> - -<p> -Willst Du heyrathen? Ich sage <em>Ja</em>! Ledig -bleiben? Desto besser! Ein ehrlicher Mann -kann in Voraus alles gewähren, was ein braves -Mädchen verlangen mag. Nach Pyrmont -soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch, -so reisen wir zusammen. -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit -in die Ferne! vielleicht, daß dort ein Heilbad -für mich quillt. -</p> - -<p> -Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte -Herminen einen Brief. Er war von Julius. -Zitternd erbrach sie ihn. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> -Siebzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">och</span> verbarg die Frau von Wessen, von -Aerger, Gramm und Angst bedrängt, ihre besten -Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher -Husaren in den Hof sprengte, zum Willkommen -mit Pistolen in die Fenster schoß und -den angespannten Wagen umringte. -</p> - -<p> -Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, -in diesem, Julius stand mit ihrem -Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, -eine Kugel schlug zwischen beyden hindurch. -Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -auf den Arm und stürzte mit ihr durch die -Gartenthür den Hügel hinab. Sie wieß zum -nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der -tief in den Forst zu der Wohnung eines Wildhüters -führte. Bergab, bergauf schlang sich -der unwegsame Pfad und bald verschwanden -Kraft und Odem. Die schöne Bürde glitt am -Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft -an ihre Seite. Das Bedenken, mit -einem solchen Manne und von ihm verpflichtet -in dieser Wildniß allein zu seyn, ging in -dem Gram über das Schicksal der Mutter, -über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, -über das unselige Verhängniß ihrer Zukunft -unter. Schrecklich brauste jetzt der Donner -des Geschützes durch den Hayn. Auguste -raffte sich verstummend auf und eilte fort. -Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer -dunkler ward der Wald; die Sonne sank, -man kam zur Wildhütte. Der alte Jäger erstaunte, -die Tochter seiner Herrschaft hier zu -sehen, erquickte die Hinsinkende mit Brot und -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Milch und versprach, bewegt von des Fräuleins -befehlender Bitte und dem Golde das -ihm Julius verhieß, sich nach dem Einbruche -der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, -und wo möglich die dort Verlassenen ihnen -nachzuführen. Er füllte die Lampe mit Oehl, -schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und -ging davon. Auguste sah umher, sah dem -lauschenden Gefährten in’s Auge, untersuchte -das Thürschloß, schlich weinend auf und ab und -warf sich jetzt auf ihre Kniee nieder. Sie -sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte -Mädchen und unwillkührlich falteten sich -die Hände des Hörers. Ihr Angesicht verklärte -sich; ein leises Amen flog, wie Geister -Säuseln, von den Lippen der Beterin. -</p> - -<p> -Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem -Muth erhob, bis zu Thränen gerührt, -ihre Hand. -</p> - -<p> -Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher -Theilnahme und trocknete die Perlen -des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen. -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich -glaubte den himmlischen Gespielen wieder zu -sehn, der einst die seligen Träume des Knaben -verschönte — Den Engel der in des Kindes -Glauben lebte, und mit des Jünglings -Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor -mir aufgethan, in der ich, unrein wie der -Zöllner stand. -</p> - -<p> -Den fürcht’ ich nicht! erwiederte Auguste -und setzte sich vertrauend an seine Seite. Julius -pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen -und ihre Besorgnisse durch ein ernstes -Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des -Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden -Einfluß auf die Bildung des Herzens; -gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen -Vorbildes, der Fluth der Sinnlichkeit die -seine Gelübde und die reiche Saat der elterlichen -Mühe verschlang. Plötzlich „fuhr er -fort, denn sie hörte ihm mit Andacht zu“ -faßte mich eine Hand. Es war die Hand des -Todes-Engels, der mich am Sarge meines -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte -umgaben ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, -ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde selbst -ehrten sein geheiligtes Andenken. -</p> - -<p> -Und was würden sie denn am Sarkophag -des Sohnes sagen? „fragt ich mich auf dem -Wege zu der väterlichen Gruft!“ Wo sind -die Opfer die du dem Glauben an die ewige -Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die -Saaten für jene Welt gesät? Die Siege über -das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige die -Wunden auf, die du heiltest, die Keime der -Fruchtbäume die du gepflanzt hast! Beschämt, -vernichtet, stand ich vor dem innern Richter, -wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte -für den Augenblick an der Rettung -aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden -Finger hing sich eine Schooßsünde die mich -nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte die -Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute -meinen Willen; in jedem Winkel spottete ein -Satyr den grämlichen Pedanten aus. -</p> - -<p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -„Still“ sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. -Eben klopfte man an den Fensterladen. -Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, -und verbarg das Licht. -</p> - -<p> -„Aufgemacht!“ rief es. Zwar mischte sich -ein bittender Ton in die Stimme, aber Satan -bat ja schon öfters mit Engels-Zungen -um Einlaß. „Ich bin es, guter Jakob!“ -versicherte Frau von Wessen. -</p> - -<p> -Julius antwortete an des Wildhüters -Statt. Aber die Thür war von innen nicht -zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel -mitgenommen. -</p> - -<p> -Sie werden doch eine Hand für mich -frey haben „entgegnete Julie“ um mir durch -den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. -Er folgte schnell dem Winke und zog die Füllreiche -nicht ohne Anstrengung, nach manchem -fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens -hatte Auguste während dem zu wiederhohlten -Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Das „sprach die Schwägerin, als sie jetzt -wieder auf ihren Füßen stand“ das kann kein -Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen -seyn, das allen dem was ihr am theuersten -seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit -ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen -Sie mein Herr, wenn etwa die verwünschte -Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit -unterbrach. -</p> - -<p> -Ihre Verzeihung „fiel Julius ein“ ist um -so überflüßiger, da wir vor Gottes Augen -wandelten. -</p> - -<p> -Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. -Vor Gottes Augen! „wiederhohlte er“ wir -dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen. -</p> - -<p> -Was kümmert’s mich! „entgegnete sie“ -Laß uns Friede machen und Entschlüsse fassen, -denn diese Nacht dauert nicht ewig und -meine Kräfte sind erschöpft. Rund um erleuchten -feindliche Wachtfeuer den Himmel, -nur gegen Osten hin scheint mir der Weg noch -frey zu seyn. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. -Sage mir „flehte sie“ wie und wo Du die -Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung -bedrängt mein Herz. -</p> - -<p> -Quälle mich nicht „entgegnete Julie“ Und -wenn Dich nun vorhin jemand beschworen hätte, -ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin -blieb, was hättest Du denn zu erwiedern -vermocht? -</p> - -<p> -Konnt’ ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste -— Dem nahen, sichern Tod entflohen wir -und tief im Wald erst kam mir die Besinnung -wieder. -</p> - -<p> -Das ist auch <em>mein</em> Fall. Mich aber nahm -kein beschützender Mann an sein Herz. Mir -selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, -und nur die Schrecken der Nacht, nur die -grause Furcht vor Ungeheuern, nur der Gedanke -an Woldemars Schicksal begleitete -mich. Ueber mir rauschten die Wipfel wie -der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht -sah bald ein weißer Geist, bald eine blutige -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Gestalt hervor und während dem Du hier in -schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, -sah ich nur Bilder des Entsetzens. -</p> - -<p> -Auguste drückte die Hand der Schwägerin -an ihre Lippen. Arme Schwester „sagte sie“ -Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet. -</p> - -<p> -Dann hat mir freylich nichts begegnen -können „entgegnete diese und lächelte wegwerfend.“ -</p> - -<p> -Wie? „fragte Julius“ Sie könnten die -Vorsprache eines so himmlischen Gemüths verschmähen? -Die geheime, durch tausend Erfahrungen -bewährte Kraft eines feurigen Gebets -bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur -Ehre des guten Geistes bekennen, daß ihn -mein Herz in bangen, schrecklichen Stunden, -in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken -die ich für meine letzten hielt, nie vergebens -um Licht und Rettung anrief. -</p> - -<p> -Ich für mein Theil „erwiederte Julie“ -gestehe dagegen, daß mir bis jetzt der gute -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer -als ein feuriges Gebet aus der Noth half, -aber selbst das eiserne Fatum hat seine Günstlinge -und ich zählte Sie schon beym ersten -Anblick unter diese. So macht mich denn zur -Genossin des Lichts und des Raths den diese -Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir -scheint es ganz ohne Zuthun einer Schicksals-Macht -höchst gerathen noch vor Tages Anbruch -der nächsten Station zuzueilen, und -falls sich da um keinen Preis Pferde vorfänden, -auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee -fortzuziehen. Hat ihre Niederlage sie nicht -um allen Rittersinn gebracht so wird er sich -gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die -aus verweinten Augen sehen. -</p> - -<p> -Julius und Auguste entgegneten einstimmig -daß man für’s erste die Rückkehr des alten -Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner -Kenntniß aller Schliche gewiß gelingen -werde, die Baronin aus dem Schloß und in -ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -an der Thätigkeit einer höhern, leitenden und -erhebenden Hand „setzte Auguste hinzu“ sind -bereits durch die Fassung mit der Du ganz -wider Erwarten die Sage von Woldemars -Unglück hinnahmst und durch das Wunder, -welches Dich durch die Nacht und die Feinde -und den unwegsamen Wald in unsere Mitte -brachte, widerlegt. -</p> - -<p> -Schnell erglühend sagte Julie „Ich fand -noch eben Kraft genug in mir, den Triumph -der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth -und Entsagung zu verkümmern, und unter -diesen Umständen in der Nachricht von des -Hauptmanns Schicksals den besten Trost.“ -</p> - -<p> -Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, -unversöhnbaren Widersacherin die Spitze -zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen -trat und Augusten ein Billet von der Baronin -überreichte. -</p> - -<div class="letter"> -<p class="noindent"> -Geliebte Tochter „las das Fräulein mit zitternder, -von Furcht und Hoffnungen bewegter -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -Stimme“ ich melde Dir daß sich -Deine Mutter zwar, gleich dem Daniel -in der Löwen-Grube befindet, doch gleich -wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn -gedenkt. Es liegt bereits ein -feindlicher Oberster in dem Gast-Zimmer -dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein -Ende macht. Ich kann die Güte mit -der er hier verfährt, nicht beschreiben und -rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, -da er nicht allein meine vorgehabte -Entfernung gut geheißen sondern sich selbst -erboten hat, uns in dem zugestandenen -Wagen bis über die Vorposten begleiten -zu lassen etc. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, -und Julius bot ihr den Arm. Lassen Sie -uns eilen „sprach er“ denn leicht könnt vor -Abends noch ein Unhold an die Stelle des -menschlichen Schutzgottes treten. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-18"> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Achtzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge -in den Hof traten, wie gestern, angespannt -vor der Thür, und die Baronin reisefertig -an demselben. Vor allem „sprach Julie -zu dieser“ lassen Sie uns Erschöpfte erst -ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, -im größten Wirwarr verlassenen Sachen -sehen und nebenher auch dem Obersten -für seine großmüthige Schonung danken. Damit -flog sie singend die Treppe hinauf und an -dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. -Begierig das kecke Vöglein zu sehn, welches -hier unter der Schärfe des Schwerts noch -Sinn für solche Läufer habe, steckte der junge -Held den Kopf aus der Thüre und fand sich -auf’s Angenehmste überrascht. Frau von Wessen -schien erschrocken, trat ihm mit reitzender -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Demuth entgegen, dankte dem Gütigen in den -gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, -sich als die Wittwe eines gefallenen Soldaten -schonender Rücksichten gewürdigt zu sehn -und war nach einem viertelstündigen Aufwand -ihrer magischen Künste der willkommensten -aller Eroberungen gewiß. -</p> - -<p> -So eben „sprach sie zu der ängstlich treibenden -Mutter“ hat mir der Oberste noch den -großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich -alles was wir bereits verlohren gaben, packen -lassen und Ihnen dann folgen werde. Seine -Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz -und mein Schirm seyn. Im Zollhaus erwarten -Sie mich. -</p> - -<p> -Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie -nicht von der Stelle weichen zu wollen. Da -nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer -Ausbesserung bedurfte, so verzögerte sich die -Abreise von Stunde zu Stunde, und ward -endlich, als sich die Mutter im Gefolge der -ausgestandenen Schrecknisse plötzlich von ihren -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden -Tage verschoben. Alle außer ihr fanden -dabey für den Augenblick ihren Vortheil. Der -Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber -als das <em>Schöne</em> und Frau von Wessen gefiel -sich vor allem in der Rolle der Delila. -Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, -seinem Sinne zusagende Männer -und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen -Auguste die Einsamkeit in die sie sich, -trotz der anziehenden Gäste, zu seiner höchsten -Befriedigung vergrub, erträglich zu -machen. -</p> - -<p> -Bald darauf lief auch die Bestätigung von -Woldemars Gefangenschaft ein. Er hatte, -laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, -den Erwartungen die sein erstes Probestück -erregte und der Rolle zu der ihn seine Beförderung -erhob, so wenig entsprochen, sich auf -einem Außen-Posten so zweckwidrig benommen, -sich späterhin so unvorbereitet überfallen -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -lassen, daß seine Stelle wie billig bereits vergeben -und besetzt worden war. -</p> - -<p> -<a id="corr-33"></a>Plötzlich entstand eines Morgens großer -Lärm in dem Hofe und dem Hause. Es gab -ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine -Ordre welche den Genius der Wessenburg zu -der Armee des Innern abrief, brachte Freunde -und Feinde in Bewegung. -</p> - -<p> -Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue -zur Flucht, Julius empfahl dem Obersten auf -gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und -benutzte dessen Erbieten, ihn mit Wechseln -und Nachrichten zu versehn. Sein Brief sprach -um so nachdrücklicher für die Verlassene, da -ihm Theresens letzte Zuschrift für immer alle -Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen -hatte. -</p> - -<p> -Alles war zum Aufbruch bereit als Julie -in der Mutter Zimmer trat, ihr mit feierlichem -Ernst die Hand küßte und sich als die -Braut des Obersten auf immer beurlaubte. -Zwar „sprach sie“ ist der Schritt gewagt; -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -aber in der Liebe ist ja, nach des Meisters -Ausspruch alles nur ein Wagstück — Zwar -bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an -fernen Wasserflüssen und weiß noch immer -nicht was er will — Zwar ist mein Bräutigam -der feurigste Republikaner, doch wer die -Freyheit ehrt, wird auch die Rechte des Weibes -achten. Zwar ist er Katholik, doch sind -ja seine Götter auch die Meinen und Amor -unser Schutzpatron. -</p> - -<p> -Die Mutter stand verstummt und sah mit -gefalteten Händen gen Himmel. Ihnen, Herr -Baron „fuhr Julie, sich zu diesem wendend, -fort“ Ihnen, dessen langweiliger Intrike mein -rascher Entschluß über den Graben hilft, wünsch’ -ich an Augustens Hand das beste Glück und -eine Wildhütte um es auszulassen. Warum -erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres -als daß er der Deine wird — Ich seh, -Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit Gleichem! -Oft genug habt ihr mich auf Nesseln -gestellt. Gott segne Sie, <span class="antiqua">ma mere</span>, und Ihre -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, -Fräulein! Damit verschwand sie. -</p> - -<p> -Die Baronin eilte ihr nach. Auguste -weinte, tief verletzt, hinter ihrem Tuche, Julius -neigte sich liebkosend zu ihr herab und -sagte — Möchte der Segen dieser unholden -Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille befördert -seltsam genug den schönsten Zweck und -ich darf nun keck und ohne Zögerung eines -Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten -des Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen -und Gelübden die mein Geschlecht so -oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. -Sprach Frau von Wessen aus Augustens Seele -so wär’ es wohl gerathen, die edle Schaamröthe -an meinem Herzen zu verbergen? -</p> - -<p> -Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren -Leib — „Auguste!“ sprach er leise und -zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. -Die blauen, thränenschweren Augen bethaueten -seine Hand mit warmen Tropfen. Ich -fühl es lebhaft „fuhr er fort“ daß die Wildhütte -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -zu meinem Glücke hinreichen, daß sich, -an diesem Herzen alle <a id="corr-35"></a>wilden Wünsche des meinen -in sanfte Sehnsucht nach den Hütten des -Friedens auflösen würden, und was das Ihre -fühlt, verräth dies Auge. -</p> - -<p> -Auguste lehnte sich, still entzückt an seine -Schulter und lispelte mit bebender Stimme — -„<em>Innige Liebe!</em>“ -</p> - -<p> -Er küßte den Mund der diese Worte sprach, -unter freudigen Schauern, und eilte Arm in -Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter -entgegen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-19"> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Neunzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">oldemar</span> war indeß von einer gefährlichen -Krankheit genesen und sah noch immer, von -jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, -entblößt von Geld und allen Gütern, -die das Leben versüßen, der Auswechslung entgegen. -Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, -bald im Glanze der Unschuld, bald als eine -weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten -die Entzückungen der Weih-Nacht den -Schläfer, oder die glühende heiß umfangende -Julie ward vor <a id="corr-36"></a>den Augen des Erwachenden -zur Stroh-Garbe des Lagers auf dem ihn -die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer -öder und leerer ward sein Inneres. Tage -lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in den -Strom der an dem Kloster das die Gefangenen -barg, vorüberrauschte, und sein Gemüth -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -erlag unter der Bürde der Schwermuth. -Sterben! Schlafen! „rief er mit Hamlet aus“ -das ist eine Vollendung der brünstigsten Wünsche -werth. -</p> - -<p> -Vielleicht auch träumen! „sprach Gregor, -sein Schlaf-Geselle“ nur bette Dich gut! -Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen -sagen, ein Traum ist, so wird es Pflicht sich -immer die angenehmsten zu bereiten. Der -Verdruß über diese närrische Welt, die Schaam -über dieß thörichte Herz, der Gram über -Mangel und Unfälle, haben früher den besten -Theil meines Daseyns verkümmert und selbst -die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden -Lasten gemacht. Endlich erschien mir, -spät genug, ein heilsamer Tröster. Er schlug -das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir -zu, und führte mich in sein Freudenreich. Bist -Du elend? Hat Dich die Freundschaft verrathen? -Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer -in Händel verwickelt? Dein Sinn für -Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -empört? Nun, so flieh aus der Jammer-Höhle -und folge mir nach. -</p> - -<p> -Ich weiß ja wohl „versetzte Woldemar“ -daß Deine Kopfwunde bedeutendere Folgen -als die meine hatte. -</p> - -<p> -Fürchte das nicht! „entgegnete Gregor“ -Tiefer als diese — ach, ganz unheilbar sind -die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin -verbindet sie. Welcher Unsterblichen -„frag ich mit dem Dichter“ soll der -höchste Preis seyn? — Der Phantasie! In -ihrem Reiche lag das Paradies; in ihm liegt -Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume -meiner Jugend gereift; dort lebt das Weib, -dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der -Göttin! Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, -ihr Kuß berauscht ohne zu entzaubern; -ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen -Hayn und Kühlung um des Wallers -Schläfe. -</p> - -<p> -So sage denn endlich was Du mit diesem -Pathos gesagt haben willst? Könnte die -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in -Honig, den Kerker zum Faul-Bett, die Geißel -des Schicksals zur sammtenen Hand der -Charis umschaffen, so wollt ich heute noch -jeder bessern Geisteskraft absterben. -</p> - -<p> -Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths -spricht „versetzte Gregor“ wird der Mißdeutung -nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart -anticipirt mein Herz das Heil der Zukunft -und lebt schon jetzt im Geist auf bessern -Sternen. -</p> - -<p> -Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, -an dem vergitterten Fenster vorüber. -</p> - -<p> -O Himmel! „rief Woldemar“ Meine -Braut! — -</p> - -<p> -„Mein Weib!“ rief Gregor und rieb sich, -wie aus einem Traum erwachend, Stirn und -Augen „Ja — Ja! ich wache, sehe, lebe -noch und das war Julie.“ -</p> - -<p> -Julie von Wessen! „fiel der Hauptmann -ein“ die Wittwe eines Officiers. -</p> - -<p> -Wittwe? sagte dieser — O, wollte Gott! -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -Woldemar blickte ihm starr in’s Gesicht. -Jenes Geschwätz, und diese Aeußerungen -schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, -und dennoch sah ein ruhiger, besonnener -Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief -Gregor mit einem seltsamen Lächeln. -</p> - -<p> -Die auf jeden Fall einer von uns verkannt -hat. -</p> - -<p> -Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie -trägt den meinen. -</p> - -<p> -Armer Gregor! -</p> - -<p> -Sag: Aermster Wessen — So nenn’ ich mich. -</p> - -<p> -Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. -Dein Erstaunen „fuhr jener fort“ beweist -daß Du sie kennst und daß sie mich zu den -Todten warf. Auch lag ich bereits unter diesen. -Eine mitleidige Bäuerin, welche die -Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, -fand noch Spuren des Lebens in dem Verscheidenden -und entriß mich dem sanften Erlöser. -Ich ward in ihre Hütte getragen, verbunden, -gepflegt und kam nur allmählich aus dem finstern -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Gebiete des Nichtseyns zurück. Man -hatte mich Unbekannten, zur Ehre des Schutzheiligen -meiner Weckerin, Gregor genannt. -Ich ward unter diesem Nahmen in das Haupt-Spital, -und späterhin mit mehrern genesenden -Gefangenen in das Innere abgeführt. -Mein Zustand verschlimmerte sich von neuem. -Was ich auch, nach der endlichen Herstellung -zu meinem Besten that und sagte, ward -als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, -da man mich nackend, ohne Kennzeichen -meines Ranges unter den Leichnamen -hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem -Kittel bedeckt fand. -</p> - -<p> -Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. -Noch leidet freylich mein Kopf „fuhr er mit -fallender Stimme fort, und bedeckte mit der -Hand die tiefe Narbe“ doch mein Gemüth -leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter -verlassen. Sie wird bitterlich um mich -weinen. Eine traute Schwester — Tief und -herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern. -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Ein treulos Weib! — Es wird den Schmerz -erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen -sprang er auf. „Sagtest Du nicht daß -sie hier sey?“ -</p> - -<p> -Mit nichten! „erwiederte Woldemar und -drückte ihn auf sein Lager zurück“ Doch Deine -fromme Mutter lernt ich kennen und diese -Schwester ward mir werth. Ermanne Dich -nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese -Thränen überschwenglich vergelten und alles -schnell zum Besten kehrn. Aber Gregor vernahm -des Trösters Stimme nicht. Er starrte -bewußtlos vor sich hin, und vergrub sich -tief in sein Stroh. -</p> - -<p> -Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten -Empfindungen bewegt, vor dem Unglücks-Gefährten, -als der Aufwärter in die -Zelle trat und ihm ein geöffnetes Paquet -übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein -eben durchreisender Officier für ihn mitgebracht -habe. Er erkannte auf den ersten Hinblick -die Hand des Julius und ein freundlicher -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Sonnenstrahl fiel durch die Nacht der Schwermuth -in sein Herz. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-20"> -Zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> plötzliche Tod des Oheims, welcher kurz -nach seiner Ankunft in Pyrmont erkrankte, -hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht, -und sie der traurigen Gewißheit überhoben, -sein Vertrauen durch das unabwendbare -Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn. -Ein freundliches, in der Nähe jenes Heilquells -gelegenes Landgut ward zum Verstecke -gewählt, und der Geistliche desselben, der sich -am Sterbebette des Oheims die Achtung der -Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger -gemacht; denn für immer hatte Hermine -auf die Rückkehr in ihre Heimath Verzicht -gethan. -</p> - -<p> -Die Blätter verbleichen „sprach sie eines -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Abends zu Theresen, als die Schwestern Arm -in Arm durch den Garten des freundlichen -Besitzthums schlichen“ verblich ich doch mit -diesen! Kein Meer reicht hin den Flecken auszuwaschen, -der Tod allein kann ihn vertilgen. -Bescholten und verbannt werd ich vergehen — -schnell wie mein Kranz verblühn, und unbekränzt -in’s Grab getragen werden. -</p> - -<p> -Auch die Reue hat ihre Grenzen „erwiederte -Therese“ und der Gram sein Ziel. Die -Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der -Schuldige, Du nur das Opfer. Schon öfter -hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die -Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild -hoher Tugend worden. Und wenn mich meine -Augen nicht trügen „fuhr sie fort und zeigte -nach der Gitterthür“ so erscheint uns eben -dort ein hülfreicher Freund. -</p> - -<p> -Es war Julius der an Augustens Arm in -den Garten tratt. Erblassend floh Hermine -durch den Laubengang; wo hätte sie den Muth -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -hergenommen sich in dieser Gestalt vor ihm -sehen zu lassen. -</p> - -<p> -Ich komme weit her „sprach er zu Theresen“ -um Ihnen meine Frau vorzustellen, vergebens -wies man uns an der Pforte des Paradieses -ab. „Ich bin Gott Vater!“ versicherte -ich und glaub es nun selbst, denn Eva -hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn -nicht scheuen darf! Deren frommen Augen -die wunderseltsame Kraft ward, den kecken -Versucher in einen ehrbaren Vormund zu -verwandeln. -</p> - -<p> -Denken Sie mir nicht an jenen Tag „fiel -die junge Wahl seufzend ein“ wir leiden noch -an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß’ -ich willkommen und freue mich des Engels -den er dem Glück und seinem guten Rechte -dankt. -</p> - -<p> -Komm an mein Herz, edles Mädchen! -sprach Auguste, und umarmte Theresen. Sie -sehn „versetzte Julius“ daß wir alles erschöpfen -die Pförtnerin dieses Klosters zu gewinnen -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -und ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts -unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen -Jungfrau zu beschwören, deren Zustand -sie in meinen Augen um so reitzender -macht. -</p> - -<p> -Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete -ihre Schwester, und ein Mann, dessen -Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten -Geschlechte versöhnte, wird eine so -seltene Tugend der leidigen Neugierde nicht -zum Opfer bringen wollen. -</p> - -<p> -Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach -er ernstwerdend. -</p> - -<p> -Den liefert das Pfarrhaus. -</p> - -<p> -Und bald auch — den Herrn Pathen. -</p> - -<p> -Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin, -die ihn mit einem Fächerschlag zur Ruhe wies. -Wenn ich hier nützlich seyn könnte „sprach sie -zu jener“ so nehmen Sie mich auf, denn -mein Mann hat eine Geschäfts-Reise vor und -ich war so lange schon mit dem Fröhlichen -froh, daß ich recht gern wieder ein Weilchen -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -mit dem Weinenden weinen möchte. Dieser -Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja -vielleicht auch, früh oder spät, theilnehmender -Seelen. -</p> - -<p> -Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte -Therese, und diese großmüthige Herabneigung -wird ein verstörtes, in edle Schaam -versunkenes Gemüth viel schneller als mein -längst verbrauchter Trost erheben. -</p> - -<p> -Mir ist „sprach Julius“ bey allem dem -ganz wunderbar ums Herz, und mein Innerstes -mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber -dieser Pein erfüllt, der um jeden Preis -alles gut machen soll! -</p> - -<p> -Meines Mannes Reise „versicherte Auguste“ -hat diesen Zweck. -</p> - -<p> -Therese weinte jetzt und sagte „Dieser Urheber -bin ich!“ -</p> - -<p> -Oder der Himmel „entgegnete Julius“ der -Sie zum Ebenbild der Schwester schuf, oder -die Hölle vielmehr die da ganz ohne Mühe -eine Saat himmlischer Freuden mit Unkraut -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -bedecken konnte. Aber, gute Wahl, mir ist -leid für die Leidende. Sie fühlt zu tief um -nicht auf Kosten ihres Lebens zu empfinden. -Es wird in diesem Sturm versinken. -</p> - -<p> -Das ist’s was ich fürchte „klagte diese.“ -</p> - -<p> -Ich fürchte nichts! „sprach die Baronin“ -wir sind zum Schmerz berufen; verstören nur -— zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige -sind gemacht die Sünde dieser Welt, die -Schuld der Schuldigen zu tragen. -</p> - -<p> -Für die Wahrheit küß’ ich Ihre Hand! -„rief Therese.“ Der liebende Gatte that ein -Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken, -die Wangen der Umfangenen berührten -sich. Therese „flehte Julius“ bey dem schönen -Sinn dieser Gruppe beschwör ich Sie, -mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich wenigstens -nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn -zu lassen. Der Anblick soll mich stärken für -meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde -verdient ja doch, ich fühl’ es lebhaft, diese -Güte. -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste -gleich, hinter der Hecke hervor und neigte sich -laut weinend an seine Brust. Sie haben viel -für mich gethan! „sprach sie mit gebrochner -Stimme“ mehr als ich je <a id="corr-40"></a>vergüten kann; -doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich -stehe am Grabe, Julius; es ist mein letzter -Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in -Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr -wenn Sie <em>Ihn</em> wiedersehn. -</p> - -<p> -Thränen füllten seine Augen. Hermine -drückte des Freundes Hand, und einen Kuß -auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach -sie mit dem Flötenton der innersten Wehmuth -und sank erbleichend an Theresens Herz. -</p> - -<p> -Leidende Heilige! „rief Julius erschüttert -aus.“ Der lichte Geist der Hoffnung umschwebe -Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein -Blümchen an die Rose schmiegen, und der -entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn. -</p> - -<p> -Ich werde vor Gott stehn „erwiederte sie“ -und Ihr gerührt an meinem Grabe. Julius -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -verwies ihr die bangen Zweifel und machte -sich reisefertig. -</p> - -<p> -Lebe wohl! „sprach die tiefbewegte Auguste -und floh an den Hals ihres scheidenden Gatten“ -Dem Herrn befehl ich Deine Wege! -Umfangend hob er sie empor. Lebe wohl! -„flisterte sie“ mein Liebling, meines Lebens -Licht! Meine Wonne! -</p> - -<p> -Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars -Braut die Hände der neuen Freundin -und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz -und sprach — Wie sanft wird sich’s in diesen -Armen sterben! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-21"> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Ein und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">em</span> Briefe des Julius welchen der Aufwärter -dem Hauptmann überbrachte war ein kleines, -mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von -der Hand der Frau von Wessen beygefügt. -Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage -der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof -wo sie abtrat, und mehr als eine Triebfeder -drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar -fand sie allein, schöner als je, in einem -idealischen Nachtkleid und ward mit bräutlicher -Traulichkeit von ihr umfangen. -</p> - -<p> -Ihr Selbstgefühl „sprach sie, als er an -ihrer Seite Platz genommen hatte“ wird mir -für die Großmuth Dank wissen mit der ich -mein höchstes Gut, den Liebling meiner Seele, -einer heiligen, gebietenden Rücksicht zum -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -Opfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne -der mir dies Opfer möglich und den Verlust -erträglich macht. Auch Sie „fuhr Julie, als -sein stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte, -mit süßem Lächeln fort“ Auch Sie gewinnen -offenbar, denn ein so fehlervolles Weib -ist nur für kurze Flitterwochen gut und jungem -Weine gleich, der schnell begeistert aber -Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher -als galant, und auch ich will ehrlich seyn. -Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar. -Wie gern hätt’ ich das Süßeste mit -ihm getheilt, doch er verstand mich nicht, zagte -nur wo er begehren sollte, und zittert vor -dem schönsten Verhältniß. Mag eine Prüde -sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage -schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur -die Dankbarkeit gewann das Ihre, nur der -redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen, -nöthigte diesem Munde die längst bereuete -Verheißung ab. Doch jenes hatte meine -Leidenschaft erfunden und diese geb ich hier -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -zu Gunsten einer weinenden Braut zurück. -Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu -den schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu -sehen, wird sich mein künftiger Gemahl für -Ihre Befreyung verwenden. -</p> - -<p> -Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte -wieder, dankte, lauschte, erfuhr mit Verwunderung -wie eigentlich Augustens blaues -Band in seine Nähe kam und sagte, mit dem -Geist dieser Burg versöhnt „Ein Vertrauen -ist des andern werth, und nicht bey mir darf -die großmüthige Verwendung dieses sogenannten, -künftigen Gemahls beginnen. Vor allem -bieten Sie die Hand um den bisherigen zu -retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier. -Seit wenig Tagen theil ich mein Stroh mit -ihm, und auch sein Unglück.“ -</p> - -<p> -Julie sah ihn verblassend an, und eben -führte Woldemar den Beweis als plötzlich -Waffen auf dem Saale klangen und die kleine -Tochter des Wirths ein leises <span class="antiqua">Sauvès Vous!</span> -in’s Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgte -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -der Warnerin auf dem Fuße nach und nahm -die Frau von Wessen als Gefährtin des verdächtig -gewordenen Obersten und nebenher auch -den Gefangenen in Verhaft — Verhaft und -Guillotine aber waren, in jener Schreckens-Zeit -fast immer Synonimen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-22"> -Zwey und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">a</span> siehst Du nun „sprach Therese, und -hob die Wiege vor das Bett der tief bewegten -Mutter hin“ wie wenig Glauben auch die -bängste Ahnung verdient. Wir zitterten, von -Deinem Beyspiel angesteckt, vor der entscheidenden -Stunde; aber sie nahm unsern Kummer -mit, und gab uns diesen Liebes-Gott. O -Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen -unsers Kranzes. -</p> - -<p> -Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen, -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Therese ihn mit lauten Küssen, Hermine -mit heiligen Thränen ihr Ebenbild. -</p> - -<p> -Zwar „sprach Auguste“ sind die Männer -die begünstigten Schooßkinder des Himmels, -aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester -Rausch, ihr schönster Gedanke das Entzücken -einer Mutter auf? -</p> - -<p> -Die Männer „fiel Therese ein“ sind wilde -Bäume, und höchstens nur zum Rauschen -gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert. -</p> - -<p> -Potz tausend! „rief Auguste“ das ging -hoch. -</p> - -<p> -Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht -so paßt es doch und der Himmel verzeihe -jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube, -das hält schwer. Die Undankbaren! Mit einem -hoffärtigen „Ich danke dir Gott!“ sehn -sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem -sanften, wachenden, erhaltenden Schutzengel -des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer -Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichen -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Mütter wird kaum gedacht; weder der -Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen -und unsere Opfer — Geräuschlos -bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlen -<em>Sie</em> mit den kleinsten. Fast immer folgt -ihnen die Vergeltung auf dem Fuß, wir werden -fort und fort an eine andere Welt verwiesen. -</p> - -<p> -„Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt“ -schalt Auguste und legt’ es an der -Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun -des Lieblichen und vergab sich jetzt die -schwache Stunde. Wie hold du bist „sprach -sie den Schmerz vergessend.“ Wie diese Augen -glänzen — die Lippe lächelt schon! Als -hätt’ ihn mir die gute Fee gebracht. -</p> - -<p> -Die Freundinnen stimmten bey; der Kleine -ward, wie einst Latonens Sohn von den -Göttinnen, bewundert, geliebkost und gewiegt. -Ich wollte „sagte jetzt Therese, um die erschöpfte -Schwester einzuschläfern“ daß es noch -Feen gäbe, das Leben wäre dann um eins so -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -schön. Meine Gräfin hatte ein altes Buch -voll solcher Mährchen, es war bey weitem -besser als manch Dutzend unserer Zauber-Romane -— Die Fingerzeige der weisen und -mächtigen Balsamine haben mich oft mit dem -Schicksal versöhnt und mein Herz von der -Sucht der Wünsche, von dem Verlangen nach -den scheinbaren Gütern des Lebens geheilt. -So spricht sie unter anderm einst, nach der -Feen Weise, als altes Mütterchen, Fräulein -Amanden um ein Almosen an. Amanda, -welche eben in Thränen schwimmt, begabt sie -reichlich und wird nun in aller Demuth gefragt, -warum sie denn die Rosen und Lilien ihres -lieblichen Angesichts mit dieser Perlen-Fluth -bethaue? Die Herzlichkeit der Alten -erweckt Vertrauen. Eines Liebhabers wegen! -sagte Amanda. Ist er denn unbeständig? Treu -wie Gold! Eifersüchtig? So will sie ihn — -Arm? Unglücklich? Gefährlich krank? Mit -nichten! gesund und reich, und ganz wie er -seyn soll, aber alle diese Vorzüge werden von -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -seiner Häßlichkeit verdunkelt. Zwar bin ich -ihm „versichert sie“ dem ohnbeschadet vom -Herzen gut, doch die Schwestern und Freundinnen -werden nicht müde meines Geschmacks -zu spotten, und lächeln schadenfroh so oft er -mich die Seine nennt. Wag’ ich es dann, -der Lieblosigkeit zum Trotz, ihm unter mehr -als vier Augen ein schönes Wort zu sagen, -oder wohl gar einen Kuß auf seinen ungebührlich -großen Mund zu drücken, so greift -die eine nach <a id="corr-43"></a>ihrem Tuch, die andere kichert -hinter ihren Fächer, die dritte lacht ihr Strickzeug -an und meine Schammröthe verwundet -sein Innerstes. -</p> - -<p> -Balsamine schlich jetzt zum nahen Kreuzweg -hin, pflückte dort nach langer Wahl ein -grün und gelbes Blümchen, kam zurück und -sprach: das <em>Gute</em> war immerdar heilbringender -als das <em>Schöne</em> und ein reizloser -Mann viel reizender als zehn Werthlose; doch -wächst für den gedachten Uebelstand ein wundersames -Hausmittel am Wege das Du nach -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Belieben gebrauchen magst. Hat dein unlieblicher -Freund zu dreyen Mahlen an dies -Blümchen gerochen, so wird er schnell genug -der Schönste aller Schönen werden. Amanda -glaubte sich gefoppt und suchte die Vorlaute -durch einen wegwerfenden Blick zu entfernen, -Balsamine aber legte das grün und gelbe -Wunder-Blümchen auf ihren Schooß und -sagte — „Nur siehe zu, was Du thust, denn -manches Uebel ist ein Gut. Schon mancher -warf mit der stinkenden Muschel die köstliche -Perl weg und den Kern statt der Schale. -Treuherz folgt in Noth und Tod, aber Schönlieb -ist aller Mädchen Schatten.“ Das Fräulein -sprach „Es ist schon gut, sie kann nun -gehn.“ Die Alte ging, Amanda sah ihr nach -und ihren Amatus in der Allee herabkommen. -Die Schwestern haben Recht! „gestand sie -sich“ er wird von Tage zu Tage garstiger. -Kein Ziegeuner kann bräuner, keine Mohren-Nase -stumpfer, kein Juden-Kinn verletzender -seyn. Amatus sah von Ferne schon die Falten -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -ihrer Stirn, die hängende Unterlippe, den -starren, auf ihre Arbeit gehefteten Blick und -setzte sich seufzend an ihre Seite. Sie seufzte -auch und schob die Thränen, die sich unaufhaltsam -in ihre himmelblauen Augen drängten, -auf Rechnung eines heftigen Schnupfens. -Er suchte sie durch die Versicherung daß sich -jedes heftige Uebel in der Regel am schnellsten -erschöpfe, zu erheitern, spielte mit ihrer -Busen-Locke und langte bald darauf auch nach -dem seltsamen Blümchen das noch auf ihrem -Schooße lag. Wollte Gott, dachte sie und -sprach im Scherze „<em>Riech ein Mahl!</em>“ -</p> - -<p> -Es riecht nach gar nichts! „versetzte er, -und drückt’ es tief in die häßliche Stumpfnase“ -es kriebelt nur! -</p> - -<p> -Ists möglich? „rief Amanda in ihre Hände -schlagend“ Ja, ja, sie wächst! Ich seh’s genau; -die Nase streckt sich! Mehr verlang ich -nicht! Aber schon verschmolz der schwarze -Stachelbart in blaue Schatten, die weit geschlitzten -Lippen schlossen sich zum Rosenkelche, -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -des Herzens sanfte Flamme strahlt’ aus dem -verklärten Augen-Paar, und als ihm die -Ungenügsame das Blümchen zum dritten -Mahl hart vor die umgeschaffene Nase hielt, -wich das Mulatten-Gelb dem herrlichsten Inkarnat -der je einen Feen-Günstling verlieblichte, -wurden die röthlichen Lichtspieße zu -goldenen Locken, formte sich <a id="corr-45"></a>der vieleckige -Scheitel zum Apollons-Kopf um. -</p> - -<p> -O Du Göttlicher! rief das Fräulein, erfreute -ihn mit feurigen Küssen und beschwor -den Verwunderten sie heute auf den Ball zu -begleiten. -</p> - -<p> -Amatus war entzückt den Dämon ihrer -Laune so schnell entfliehen zu sehn und gab -Amanden stracks den Arm. Ihm war als -hab er immer so ausgesehn und allen Freundinnen -und Bekannten als hab ihnen nur -von der Häßlichkeit des engelschönen Mannes -geträumt — Jetzt lächelte, statt der Spottsucht, -das Verlangen aus diesen; jetzt hatte -jede die sonst auf alle Tänze versagt war, die -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -besten für ihn aufgehoben, und die ihn gestern -noch wie einen Unhold flohn, suchten -den unstäten heute mit allen ihren Zauberkünsten -fest zu halten — -</p> - -<p> -Leiser! „bat Auguste“ sie schlummert -sanft. -</p> - -<p> -„So schlafen wir auch!“ entgegnete die -Erzählerin und setzte sich, erschöpft von Nachtwachen -zurecht, um nun ein wenig auszuruhn. -Die Baronin aber, der das Mährchen gefallen -hatte, versicherte, sie werde sich durch diesen -unzeitigen Schlaf die Nacht verderben, -und auch Hermine schlug jetzt die sanften Augen -auf, und erbat sich die Fortsetzung. -</p> - -<p> -Wenn Ihr es denn befehlt, gnädige Frauen! -„sprach Therese,“ so will ich in der wunderseltsamen -Geschichte des grünen und gelben -Blümchens fortfahren und wünsche nur, daß -mein ungeschicktes Bestreben, Eure Nachsicht -verdienen mögen. -</p> - -<p> -Auguste nickte lächelnd, Hermine warf ihr -einen Kuß zu und diese sprach — -</p> - -<p> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Ihr könnt glauben, daß sich Amanda vor -Freuden nicht zu fassen wußte, wenn die Eine -sie die beneidenswertheste Braut nannte, die -Andre nicht müde ward ihr jeden seiner Reitze -vorzuzählen; wenn eine Dritte, Vierte und -Fünfte bey jeder Liebkosung die er Amanden -brachte, aus Mißgunst theils und theils aus -Mitgefühl erröthete. Aber die Freude der -Eigensucht ist ein flüchtiger Wildfang. Er -fliegt am Arm der eitlen Hore fort und keine -Fessel bindet ihn. -</p> - -<p> -Immer hatte der Vielgetreue sonst, von -den Grazien gemieden, des Winkes seiner -Braut gewärtig gestanden, jetzt mußte sie oft -Stundenlang den zarten Hals verlängern um -ihn im dichten Mädchen-Kreise auszuspüren. -Sonst labte er sie während der Tänze mit -Thee, kredenzte ihr bey Tafel den Wein und -den Kühltrank, jetzt trank er diesen, erhitzt -vom Walzer selbst, und hatte dann soviel mit -seiner Mühmchen-Schaar und ihren Nachbarinnen -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -zu verkehren, daß die Vergessene oft -voll Ingrimms in den Fächer biß. -</p> - -<p> -Sonst pries er sich selig sein gewaltiges -Haupt auf dem Halse einer Huldgöttin wiegen -zu dürfen, jetzt scheinen diese Wiegen im -Preise gesunken und Hände, die ihm sonst im -Pfänderspiel bald Schnippchen schlugen, -bald in die Wade stachen, lockten den verwandelten -Amatus jetzt, der Taube gleich, -mit sanften Flügel-Schlägen. Bald schwindelte -ihm der Apollons-Kopf, die Weibergunst -blies ein Licht seines Verstandes nach dem andern -aus; nur wie zur Frohne schlich er nun -mit dem getheilten, erkälteten Herzen zu der -schmollenden Braut. Die fromme Gutmüthigkeit, -die reine Treue, die sittliche Güte, -der schöne Kranz seltener Vorzüge, über dem -Amanda früher oft die vermißte Blume der -Körper-Schönheit vergessen hatte, war bis -auf die letzte Spur verschwunden. -</p> - -<p> -Die getäuschte Braut verwünschte ihre -Uebereilung, sah täglich nach allen Winden -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -hin der alten Bettlerin entgegen und in jedem -Spital-Weibe Balsaminen. Aber diese -ließ sich weder hören noch sehen. -</p> - -<p> -Als endlich das zerfallene Paar eines Abends -wieder in finsterer Zwietracht auf der Rasenbank -saß, fiel Amanden am Schluß ihrer Gesetz-Predigt, -die, gleich allen Predigten, wo -nicht ungehört, doch unbeachtet blieb, der -Kreuzweg in’s Auge. Sie gedachte des Störenfrieds -welchen das Mütterchen dort gepflügt -hatte, sammelte von einem Gedanken überrascht, -die ganze Flora dieses Platzes in ihre -Schürze, tratt vor den schweigenden Flattergeist -hin und sprach — Wie kräftig! Riech -ein Mahl! Spöttisch warf er den Kopf in -die Höhe, Amanda aber flehte jetzt so liebevoll -und hob ihr Schürzchen so hoch empor, -daß Amatus endlich der unschuldigen Bitte -nachgab, zu ihrer Verzweiflung immer noch -schöner ward, und nach öfterm Gähnen plötzlich -davon ging. Sie sah ihm hoffnungslos, -wie damahls Balsaminen nach, und o Himmel, -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -da kam die Fee ganz unverhofft am -Krückenstabe in der Allee herab. Amanda -griff zu ihrer Arbeit und that als habe sich -kein Wässerchen durch ihre Schuld getrübt. -</p> - -<p> -Guten Abend, schönes Fräulein! „sprach -das Mütterchen“ ich seh ihr weint nicht mehr, -und werdet mir nun um so williger eine Gabe -reichen. -</p> - -<p> -Ich wollte alles was ich habe, darum geben -„entgegnete Amanda“ wenn mein Liebster -noch häßlicher als zuvor, und wieder der -Alte wäre. Euer verwünschtes Blümchen hat -nichts als Unheil angestiftet, und wenn Ihr -mich lieb habt und Euch mein Unglück zu Herzen -geht, so sorgt dafür daß er künftig nur mir -gefalle, denn wenn auch seine Nase den Kunstsinn -nicht befriedigte, so würde ich ihn doch viel -lieber ganz ohne diese, als in einer so hoch -stehenden sehen; auch zieh ich jetzt ein Auge, -das liebevoll an meinen Winken hängt, -und wäre es grau und schielend, den schönsten -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Sternen vor, die ohne Auswahl allen -leuchten. -</p> - -<p> -Ihr hättet bedenken sollen „sprach die -Fee“ daß es auf Erden keinen Gewinn ohne -Verlust, kein Licht ohne Schatten geben -kann, und daß die reichsten Geschenke -der Natur, in der Regel, durch die häßlichsten -Fehler verdunkelt oder aufgewogen werden. -Die Vollkommenheit, schönes Fräulein, -erscheint hienieden, gleich dem Silberblick -edler Metalle, nur wie ein flüchtiges Meteor, -und der Phönix ist kein Spielzeug für -Kinder die noch, wie Ihr, dem unscheinbaren -Kleinod einen rothbäckigen Hampelmann -vorziehn. -</p> - -<p> -Das Fräulein gab ihr in allem Recht, bat -aber flehentlich um irgend ein anderes Blümchen, -das den unseligsten aller Zauber zu -lösen, und ihren Amatus wieder so häßlich, -aber dabey auch wieder so gut als zuvor zu -machen vermöge. Euer nächster Kuß „erwiederte -Balsamine“ wird, wenn es Euch -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -anders Ernst damit ist, die Wirkungen des -Blümchens aufheben, nur sehet, zu was ihr -thut, denn wer nach dem Unvergänglichen -strebt, darf kein Opfer scheun, und den Götzen -nicht schonen, wenn er die Götter versöhnen -will. Am Ende könntet Ihr mich wohl wie -gestern verwünschen und ich würde dann ganz -unfähig seyn ein so bestandloses Herz zum -dritten Mahle zufrieden zu stellen. Aber -seht, dort kömmt Euer Ungetreuer mit einer -ganzen Schaar lockender Jungfrauen in -der Allee herab. So lebt denn wohl, armes -Fräulein und fortan in der festen Ueberzeugung, -daß nur ein bösartiges Gemüth den -Menschen entstellt, ein edles hingegen auch -über die entschiedenste Häßlichkeit einen gewinnenden -Zauber verbreitet. -</p> - -<p> -Amanda vernahm diese Worte kaum und -bemerkte das plötzliche Verschwinden der Fee -um so weniger, da ihre gefährlichste Nebenbuhlerin -an seinem Arme wandelte und die -andere ihm ein Liedchen vorsang, daß die -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -Sehnsucht des liebekranken Herzens aussprach. -Sie rauschte einer Windsbraut ähnlich, -nach der Allee hin. Amatus ließ, von -dem Anblick bestürzt, den Arm der Begleiterin -aus dem seinen fallen und fühlte seine -Lippe mit tausend gierigen Küssen bedeckt. -Der Mädchen-Kreis schlich spöttelnd und beschämt -abseits, sie aber lachte laut als das -Antlitz des Geküßten plötzlich in die frühere, -abschreckende Form zurückschnellte. Sie lachte -zu früh. -</p> - -<p> -O Himmel „rief jetzt Amatus“ wie siehst -Du aus? Was ist meiner Amanda begegnet? -Welcher schadenfrohe Zauberer hat Dich Arme -in einen Spiegel verwandelt der mein -abstoßendes Ebenbild zurückwirft? Erblassend -warf Amanda einen Blick in den Bach -der zu ihren Füßen wallte, und sank bewußtlos -an ihm nieder, <a id="corr-46"></a>denn Amatus hatte -Recht. -</p> - -<p> -Ermahne Dich! „bat er, als das frische -Wasser mit dem er die Verwandelte bespritzte, -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -sie aus dem Scheintod des Entsetzens -erweckte“ Wir wollen nun recht glücklich -seyn! Mir ist aus der Götterlehre bekannt -wie es dem Häßlichen erging als es sich -mit dem Schönen vermählt hatte, und welche -Rolle dem armen Vulkan an der Seite -der Liebesgöttin zu Theil ward. Dieser Sorge -seh ich mich jetzt auf immer überhoben und -Ergebung in das unbeugsame Schicksal wird -Amanden in meinen Augen viel reitzender als -vorhin machen. -</p> - -<p> -Die Unglückliche beweinte jetzt ihr thörichtes -Beginnen und fast ging ihr der doppelte -Verlust ihres schuldlosen Freundes mehr -noch als der eigene, verschuldete zu Herzen. Der -Bräutigam aber war nie fröhlicher gewesen -und die junge Frau bereits seit Jahr und Tag -mit dem Schicksal versöhnt, als ein engelschönes -Kind sie für das mannigfache, aus dem -Verkehr mit der Fee erwachsene Unheil entschädigte. -Kaum hatte Amanda den Kleinen -an ihr Herz gedrückt als sie plötzlich wieder -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -schöner denn je ward; kaum neigte sich der gerührte -Gatte zu dem Engel nieder als ihm -dasselbe wiederfuhr. Das liebende Paar umarmte -sich, still entzückt, über dem Kinde und -ich Ungeliebte bitte die gütige und weise Balsamine, -daß sie meine gnädigen Frauen sowohl -als diesen kleinen Fee-Sohn in ihren freundlichen -und mächtigen Schutz nehme. -</p> - -<p> -Allerliebst! „sprach Auguste“ und Dir bescheere -sie einen Amatus. -</p> - -<p> -Hermine, die zu schlummern schien, richtete -sich plötzlich auf und sprach — Es ist nicht -gut daß Ihr es <a id="corr-47"></a>wagtet mich so plötzlich, so -ohne alle Vorbereitung zu erfreuen. Aber, -warum zaudert Er denn? Führt ihn doch näher -— Her an mein Herz! Ach, Du Geliebter! -</p> - -<p> -Auguste und Therese sahen sich betroffen -an und nach der Thüre hin an der Herminens -Augen fest hingen, dort aber ließ sich -nichts erblicken und die Kranke sank mit geschlossenen -Augen in das Kissen zurück. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-23"> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Drey und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ermine</span> hatte in den folgenden Abenden genau -um dieselbe Stunde dieselbe Vision und -versank darauf jedes Mahl in einen tiefen -Schlaf, ohne sich beym Erwachen des Vorgangs -bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach -das Grauen, wenn die bleiche Dulderin -oft mitten unter traulichen Gesprächen nach -irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers -hinwies und getäuscht von Sehnsucht und -Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren -Raum sah. Der Arzt verschrieb, demonstrirte, -tröstete und unterhielt die Damen mit -ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer -machten und Therese kehrte bereits in -der Stille zu dem verworfenen Glauben an -die Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurück -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -und sah von Tage zu Tage einer Trauerpost -entgegen. -</p> - -<p> -Eben nahte sich der Zeiger eines Abends -der Geister-Stunde als Hermine die Schlummernden -mit angsthafter Stimme bey ihren -Nahmen rief und sie bat die Gartine des Fensters -aufzuziehen, denn es hat „setzte sie unter -Schauern hinzu“ zu wiederhohlten Mahlen -leis’ und seltsam an die Scheibe geklopft. -Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin, -sprachen ihr zu und hörten beyde jetzt an der -bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen. -</p> - -<p> -Ich wache schon seit einer Stunde „entgegnete -Hermine“ bin ohne Fieber und habe -mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen, -die dem Klange der Scheibe vorangingen. -Fürchtet Ihr Euch so ruft die -Wärterin, denn daß ein Mensch oder ein Geist -vor ihm lauscht, ist außer Zweifel. Die Wärterin, -welche in der offen stehenden Kammer -schlief und von dem Gespräch erwacht war, -kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit Herminens -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -Zustand, die Kranke durch Erfüllung -ihres Willens zu beruhigen, zog die -Gardine rasch empor und fuhr mit einem -Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig -sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg -ihr Gesicht in den Kissen der Schwester, -Hermine aber wendete sich erbleichend -nach der Wandseite und lispelte — „Er -hat vollbracht.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-24"> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Vier und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">ulius</span> eilte indeß mit Pässen einer neutralen -Macht und geltenden Empfehlungen ausgerüstet, -nach der Grenze und traf in Straßburg -auf einen Officier von dem Gefolge des -Obersten, der in jenen stürmischen Tagen auf -der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter -war. Er ging so eben, dem Tod entronnen, -zur <a id="corr-49"></a>Armee zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche -Oberste die humane in Feindes Land -geübte Schonung mit dem Leben habe bezahlen -müssen, daß er selbst nur durch Zufall -demselben Schicksal entgangen, und daß der -Entschluß, sich einem Freund zu Liebe in den -Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen, -mehr als tollkühn sey. Der Officier -schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so -lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissen -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -Tod mit so reger Zuversicht, stellte ihm die -Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen, -daß Julius die Erfüllung der Pflichten -gegen sich selbst, jeder entferntern vorzog. Er -kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter -zurück, welche wieder auf der Wessenburg -hauste, die zufolge geschlossener Verträge jetzt -auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten -schriftlich von der Vergeblichkeit seiner -Bemühungen und von der Nothwendigkeit, -die gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten -der Baronin in Ordnung zu -setzen. -</p> - -<p> -Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen -mit dem feindlichen Freunde nach Woldemars -Schicksal geforscht, denn der Officier -war kaum freygesprochen, als er ohne Zögerung -auf das Feld der Ehre zurückeilte. Er -wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen, -kraft ihrer Reitze, ihrer Geistes-Gegenwart -und Gewandtheit gelungen sey, den -Blutdurst der Richter in milde, menschliche -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Schonung zu verwandeln, und daß man sie -zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt -habe. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-25"> -Fünf und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">ulius</span> fand bey seinem endlichen Eintritt in -Herminens Asyl, Theresen in Thränen, seine -Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke -noch bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen -Schmerz, die theure vielgeliebte Schwester -allmählig vergehen, diese sah den Freuden -der Mutter entgegen, Hermine duldsam -und ergeben in das offene Grab. Der Geist -des Geliebten war seit jenem Abend gewichen, -selten nur gedachte sie seiner und auch dann -nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen -Jugend-Gespielen gedenken mag. Auguste -hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen -nichts wichtigeres als ihren herzgeliebten -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Gatten von allem was sie hier erfuhr, -empfand und leistete, von Herminens Zustand -und der Erscheinung jener Nacht zu unterhalten. -Welchen Zuwachs „fuhr sie fort“ meine -natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken -und Umgebungen erleiden mußte und unter -welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde -nach der Gardine hinsah, wirst Du -selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt mein -Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte -und ein bleiches Gespenst durch die Scheibe -sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten -Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß -mein Ohr, mein Auge ward von bekannten -Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder -mächtig ward, hatten die Bedienten bereits -den Garten durchsucht, hatten ein halb -erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild -unter dem Fenster aufgefunden, und den Unglücklichen -in das Gewächshaus gesperrt. Noch -lag Hermine sprachlos da und zeugte zu der -Kirche hin. Wir sandten nach dem Geistlichen. -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet -sey, vernahm die Bedienten, ließ sich in das -Gewächshaus führen und bereitete mich nach -der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn -meines todt geglaubten, beweinenswerthen -Bruders vor, den er sofort für den Augenblick -bey sich aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen -ihre Hände. Eine Wunde „fuhr Auguste -fort“ deren Narbe sich über die Scheitel bis -in den Nacken hinabzieht, ist die wahrscheinliche -Quelle seines Wahnsinns, denn bis jetzt -nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen. -Er vertraute dem Pastor während eines solchen, -daß er schon halb begraben, durch das -Mitleid einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das -Innere Frankreichs abgeführt worden sey; daß -ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur -Flucht behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn, -sein Zustand und das Geleite des Heiligen -ihm den Weg gebahnt habe. Er will -zuerst auf der Wessenburg gewesen, dort nicht -eingelassen worden und von den Hirten hierher -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -gewiesen worden seyn. Auch hier fertigt -der Gärtner den sinnlosen, scheinbar wilden -Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey -Nacht über die Garten-Mauer, schleicht zu -dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt -die schrecklichste aller Scenen. -</p> - -<p> -Gern, ach, gern „setzte die Baronin unter -herzlichen Thränen hinzu“ wär ich längst an -seinen Hals geflogen und hätt’ ihm die gesuchte, -lang entbehrte Schwester finden lassen, -aber der Pastor gestattet es nicht und besteht -auch darauf, die Mutter in dem Glauben an -seinen Tod zu erhalten. Darum verschob ich -die Mittheilung dieser erschreckenden Neuigkeit -bis auf Deine Herkunft, und Du wirst -Dir nun leicht erklären können warum wir, -trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der -Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden. -</p> - -<p> -Julius säumte nicht, sich von dem Daseyn -eines so merkwürdigen als Schrecken erregenden -Verwandten zu überzeugen, fand ihn tief -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -im Stroh vergraben das er dem einladendsten -Bette vorzog und den Leibes- wie den Seelen-Arzt -an seiner Seite. Jener erklärte ihn, -kraft den Folgen der Wunde welche das edlere -Gehirn verletzt habe, für unheilbar, und man -kam überein, den Unglücklichen einer nahen -Versorgungs-Anstalt zu übergeben. Tief bewegt -kehrte der Baron jetzt an Herminens -Bett zurück die ihm mit Innigkeit ihre brennende -Hand reichte, ihm ihr liebliches Kind -an das Herz legte, und den Freund mit -süßen, tief eindringenden Worten bat, das -nahe Weihnachts-Fest in ihrem Hause zu -begehen. -</p> - -<p> -Gern will ich das! „sprach Julius, ergriffen -von Erinnerungen“ nur geloben Sie mir -auch dagegen, es mit Heiterkeit zu feyern, -und Ihren Gram in den Strom der ewigen -Liebe zu versenken welche diesen Tag vor allen -zum Freudenfest weihte. Mit einem schmerzlichen -Lächeln versetzte sie „Bald, theurer Julius, -bald wird mich dieser Strom umfangen.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-26"> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Sechs und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">ugleich</span> mit Julien war auch Woldemar auf -freyen Fuß gestellt worden. Sie suchte ihn -jetzt selbst in seiner Zelle heim und hörte nicht -ungern daß Herr von Wessen während dem, -die Aufmerksamkeit der Wächter und Schildwachen -getäuscht und sich aus dem Staube gemacht -habe. Woldemar hielt der Lieblosen -eine ausführliche Straf-Predigt. Er rieth -ihr, sich nun ohne Zögern um Pässe zu bewerben -und in die Arme ihrer Schwiegermutter -zurückzukehren, wo die Verkündigung der -Existenz des Sohnes, der vielleicht bereits auf -dem Wege nach der Heimath sey, der verlohrnen -Tochter eine günstige Aufnahme verschaffen -werde; sie aber setzte sich auf seinen -Schooß und sprach — -</p> - -<p> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Da sey Gott für, daß ich einem Verrückten -nachziehen sollte, dessen Hand mir ein unglückliches -Verhältniß aufdrang; den die Erfahrung, -daß es keine Rose ohne Dornen gebe, -zu einem erklärten Widersacher machte -und der über Verrath und Treulosigkeit schrie, -wenn ich mich wohlwollender zu den geistreichen, -theilnehmenden Freunden als an den -Schöpfer der Pein und der Zwietracht hinneigte. -Ich bin wie ich bin, guter <a id="corr-55"></a>Woldemar, -und Liebe nur vermag die Flügel des flüchtigen -Sinnes zu binden, der mich so oft schon -durch den Himmel zur Hölle, und wieder empor -trug. Wollte das Gemüth jeden wirklichen -oder möglichen Unfall, <a id="corr-56"></a>das Herz jeden -Schmerz und jede Verirrung nach Würden -berechnen, betrauern und festhalten, so würde -unser Auge vom Weinen erblinden, der Selbstmord -ansteckender als der Schnupfen und die -Schwermuth der allgemeine Charakter des -Menschen-Geschlechts werden. Wer in der -Narbe noch die Wunde sieht, wird das Wundfieber -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -nie verlieren, und nur der unnütze Rückblick -auf vergangene Schrecken versteinerte -Loths Ehehälfte. Ich bin vergnügt das Leben -aus dem Sturme gerettet zu haben. Was er -mir raubte, verschlingt der Lethe; er ist vergessen. -</p> - -<p> -Sie lächelten wo Männer bebten „entgegnete -Woldemar“ und machten den Tyger zum -sehnsüchtigen Kinde. Aber nicht alle sind zähmbar -und unser Leben schwebt noch immer, nach -wie vor, auf eines Haares Spitze. -</p> - -<p> -So mög’ es hinabfallen! ist doch dieses -Stündchen noch unser. Willst Du lachen oder -weinen? Ich will es auch. Die frühern -Rechte geltend machen? Da sind meine Lippen. -Küsse Dich satt, treuloser Bräutigam, -denn daß Du hienieden noch lachen und weinen -und küssen kannst, ist ja mein Werk. Ich -habe Dich erlöst von dem Uebel; komm, bete -mich an. Erröthend wendete er das Gesicht -von ihr ab, doch Julie schlang den Arm um -des Spröden Hals, strich das Haar aus seiner -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Stirn und gedachte jetzt der schlaflosen -Nächte, die ihr die Narbe dieser Stirn gekostet -hatte; gedachte der süßen, berauschenden -Situationen auf der Wessenburg, der Blüthen -und der Früchte die sie dort in den Kranz seines -Lebens webte. Er aber wand sich aus -dem Arm der Versucherin und sprach „Bedauern -Sie den albernen Thoren, der nur das -Achtungswerthe lieben kann, doch Blumen die -für Jeden blühn, wie die benagte Frucht verschmäht.“ -</p> - -<p> -Julie sah ihn mit blitzenden Augen und -glühenden Wangen an. „Benagt? Verschmäht?“ -fragte sie, schnell empört. So -bedaure denn auch das Geschlecht das sich nie -ungerochen verschmähen ließ. -</p> - -<p> -Ein Officier unterbrach sie; er forderte den -Gefangenen vor die Schranken des Ausschusses, -um dort über seinen geflüchteten Unglücks-Gefährten -Auskunft zu geben. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-27"> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Sieben und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">herese</span> trat am Weihnachts-Abend mit dem -Kind auf ihrem Arm an Herminens Bett, -und von des Kindes Arme sah ein Wachs-Püppchen -auf die Mutter herab. Das hat -ihm der heilige Christ bescheert „sprach die -Schwester“ ich fand es unter Deinen Papieren. -Hermine verhüllte plötzlich ihr Gesicht. -Das war die Papagena die ihr in jener -Nacht sein Daseyn verkündigte; das treue, -prophetische Bild ihrer Zukunft, und jetzt -gleich ihr verblichen. Ein Reihentanz verloschener -Erinnerungen schwebte von dem Püppchen -belebt, an ihrer Seele vorüber. Sie -gedachte des Ueberraschenden „<em>Er ist Dir -nah!</em>“ der bangen Betroffenheit, des süßen -Schrecks, des magischen Schlages mit dem -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -der Inhalt des Notenblatts ihr Herz traf; -der Thränen die sie an dem seinen weinte, -des himmlischen Wahnsinns der aus des Lieblings -Augen glänzte, von seinen Lippen floß, -durch seine Nerven schauerte — Gedachte der -nahmenlosen, unendlichen Wonne, der ach, -der nahmenlose Jammer folgte, zog jetzt das -Kind zusammt dem deutungsvollen Bild an -ihre Brust und bedeckte sie beyde mit Küssen -und Thränen. -</p> - -<p> -Wenn ich bedenke „fuhr sie gefaßter fort“ -wie vor dem Jahre alles so anders war! Der -selige Onkel schenkte mir willkommene Dinge, -drückte mich liebend an die Brust und nannte -mich ein Herzens-Kind. O, welch ein -Wechsel! -</p> - -<p> -Der Wechsel „erwiederte Therese“ erhebt -uns, indem er uns niederbeugt. Verklage -Dein Schicksal nicht. Wie glücklich ist -der Traurige dem noch die Freundschaft weinen -hilft; o wie beneidenswerth der Kranke an -dessen Bett die Liebe wacht. Sey gerecht und -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -erheitere Dich. <a id="corr-57"></a>Sieh, wir erschöpfen alles -für diesen Zweck. Ist auch der Onkel todt, -so soll es Dir doch nicht an Gaben fehlen, wie -dieser Tag sie mit sich bringt. -</p> - -<p> -Herzliebste Schwester „bat die Kranke“ -Habe Geduld mit mir! -</p> - -<p> -Wie sollt ich nicht! Du guter Engel? -Meine Wohlthäterin, meine Schwester, meine -Geliebte! Damit küßte Sie tief bewegt Herminens -Hand. Die junge Baronin unterbrach -die Vertrauten. Ihre Jungfern trugen einen -lichterreichen Tisch in das Zimmer und stellten -ihn vor dem Bett der Freundin nieder. -</p> - -<p> -Auguste schlug in ihre Hände. Schaut auf -„rief sie aus“ der heilige Christ ist da, laßt -Euch bescheeren. -</p> - -<p> -Die Kranke richtete sich lächelnd auf, lächelnd -starrte ihr kleiner Woldemar die Lichter -an. -</p> - -<p> -Fürs erste „sprach Auguste“ ein Hannswurst -für den Kleinen. Ganz meines Mannes -Ebenbild — Und dann dies Jäckchen, das -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -ich für ihn strickte, und für Dich Hermine -dies gestickte Morgenkleid. Bey jedem Stich -dacht ich des süßen Lächelns mit dem Du es -empfangen würdest. So lächle denn! ich bitte -Dich. -</p> - -<p> -Helft mir heraus! „bat Hermine“ ich -muß es anprobieren. Die Freundinen sahen -sich verwundert an, und erstaunten als sie darauf -bestand, über die Kraft-<a id="corr-59"></a>Aeußerung mit -der die Kranke ganz im Widerspruch mit ihrer -Schwäche dem Bett entschlüpfte und auf -Theresen gestützt sich von Augusten bekleiden -ließ. Endlich und zuletzt „sprach diese“ hab -ich auch für ein Spitzen-Häubchen gesorgt. -O sieh, das läßt Dir allerliebst. -</p> - -<p> -Wenn sich der Reichthum erschöpft hat „fiel -jetzt Therese ein“ so tritt die Armuth bescheiden -und verschämt herbey und opfert ihr Schärflein. -Verschmäh es nicht! meine Haare sind -es, in ein Halsband geflochten. Doch würde -auch jedes einzelne zu einem Segen, sie würden -dennoch nicht die Dankgefühle meines -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Herzens erschöpfen. Hermine schlang es hastig -um ihren Hals und ließ sich vor den Pfeiler-Spiegel -führen. Lange betrachtete sich die -Schweigende, und lispelte jetzt mit sinkender -Stimme — „Die Braut im Sterbekleide!“ -Das Kind sah von dem Arm der Wärterin -an der erhabenen Gestalt der Mutter auf. Sie -ergriff es. Hier „sprach sie zu den Freundinnen -und legt’ es in ihre Hände.“ Hier habt -ihr ein Gegen-Geschenk. Mein köstlichstes! -Ermattet wankte sie zum Sopha hin. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-28"> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Acht und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Schicksal schien sich endlich an dem armen -Gefangenen erschöpft zu haben. Ganz -unverhofft erhielt Woldemar durch die Vermittlung -eines Gesandten, dessen Gemahlin -seinem Hause verwandt war, die Erlaubniß, -auf sein Ehrenwort nach Deutschland zurückzukehren. -Er eilte nicht, er flog über den -Rhein nach der Wessenburg, wo man ihn denn -an Ort und Stelle wies. Mitten in der Nacht -dieses denkwürdigen Weihnachts-Abends erreichte -Woldemar das lang ersehnte Ziel. <em>Er -ist Dir nah!</em> rief der Entzückte, sprang -vom Pferde, sah die Fenster noch erleuchtet, -die Thür unverschlossen und suchte jetzt, um -nicht durch die Gewalt der Ueberraschung Unheil -anzurichten, vergebens ein dienstbares -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Wesen auf. Da stürzte plötzlich eine verweinte -Gestalt mit einem Kind in dem Arm aus der -nächsten Thür hervor. Woldemar drängte sie -zurück. -</p> - -<p> -Sie ists! „rief er, den Vorsatz vergessend, -hingerissen von dem Zauberbilde der Erscheinung“ -Du bist’s! Das ist mein Kind! -Er warf sich zu des Mädchens Füßen. -</p> - -<p> -Unglücklicher! „stammelte sie“ ich bin es -nicht! — Ich bin Therese! -</p> - -<p> -Woldemar sprang empor. Aber Sie lebt! -Sie ist hier! „fiel er ein.“ Wo? Wo find -ich Sie und <em>Wie</em>? — Das erweckte Kind schrie -unter seinen Küssen. Geben Sie die Hoffnung -auf „sprach Therese“ meine Schwester noch -in dieser Nacht zu sehn. Hoch über der Wirklichkeit -schwebt die Phantasie und das Bild -das jetzt vor Ihrer Seele steht wird dem -Originale schwerlich gleichen. -</p> - -<p> -Ich weiß „entgegnete er“ was sie gelitten -hat und bin auf den Anblick eines Schattens -gefaßt, denn die alte Baronin verwundete -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -mein Herz durch die Schilderung ihres Zustandes. -Aber mein Hierseyn wird Wunder -thun und stände sie schon mit einem Fuß im -Grabe, ich reiße die Verscheidende empor und -hauche neues Leben in ihre Brust. -</p> - -<p> -Ach, <em>Einer</em> nur vermochte das und dieser -einzige stieg gen Himmel. -</p> - -<p> -Sie lebt! sie liebt! Sie harrt auf mich. -O, eilen Sie, den Retter zu verkündigen der -alle Wunden heilen wird. -</p> - -<p> -Ich fühle mich diesem Auftrage nicht gewachsen -„erwiederte Therese“ und gehe, den -Baron zu hohlen. Hier ist Ihr Kind. Verfahren -Sie säuberlich mit dem Kleinen. Das -Mädchen ging. Unter Schauern der Vaterwonne -sah er in des Knaben Augen. Sie -glichen den Augen seiner Mutter die ihn so -oft im Innersten bewegten. „Willkommen!“ -sagten die Himmelreinen. -</p> - -<p> -Jetzt regt’ es sich im Neben-Zimmer. Der -Sehnsucht Wellen drängten ihn: er trug das -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Kind in seine Wiege, schlich zu der Thüre -hin und öffnete sie, verstohlen, mit leiser -Vorsicht. — Da lag Hermine, bräutlich angethan, -in dem Sopha: das Nachtlicht goß -seinen bleichen Schimmer über die Schläferin -aus. -</p> - -<p> -Mein Freund! Mein Woldemar! flisterte -in diesem Augenblick eine Stimme hinter ihm, -er fühlte sich mit starkem Arm zurückgezogen -und lag am Herzen seines Julius. -</p> - -<p> -So reizend „versetzte Woldemar nach den -ersten Begrüssungen und wies nach der halb -geöffneten Thüre hin“ so magisch anziehend -hab ich <em>Sie</em> nie gesehn. O, weckt sie auf! -Erweckt die Schläferin zum neuen Leben — -</p> - -<p> -Vermöcht ich das! sprach Julius mit zitternder, -vom Schmerz erstickter Stimme. -</p> - -<p> -Du weinst? „rief Woldemar“ Gott! Dein -Gesicht entstellt der Schrecken — -</p> - -<p> -Mir ist nicht wohl. -</p> - -<p> -Nicht wohl? Und das wär’ alles? -</p> - -<p> -Mir bricht das Herz! -</p> - -<p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Um meinet willen? Wie? -</p> - -<p> -Sie schläft. Du sagst es selbst — Wohl -schläft sie sanft und süß — Den langen -Schlaf! Ein Engel nur kann sie erwecken. -</p> - -<p> -Woldemar starrte den Weinenden an und -stürzte laut aufschreyend zu der Todten hin. -Sie war noch lau, vor wenig Stunden hatte -sie der Nervenschlag getroffen. -</p> - -<p> -Lichter! Lichter! „rief er“ daß ich sie sehe, -daß dies Heiligenbild sich in mein Allerinnerstes -versenke! -</p> - -<p> -Therese schlich, auf Trostmittel sinnend, -herbey, Auguste rang die Hände. Laßt ihn -toben „sagte Julius“ laßt ihn schreyn! Und -zu dem Vergehenden sprach er „Ist es nicht -tröstlicher das Kleinod unsers Lebens im Sarge -als an dem Herzen eines Dritten zu finden?“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-29"> -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Neun und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Hermine von dem Spiegel, zu dem sie -die letzte Anwandlung ihrer Weiblichkeit hinzog, -auf das Sopha zurückschlich, rieth ihr Auguste -die ungeübten Kräfte nicht über die Gebühr -zu versuchen, und beyde versprachen -diese <a id="corr-60"></a>Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern -zu wollen; die Kranke aber schien, von -jener traurigen Apathie erlöst, sich wieder -nach dem Irrdischen zu sehnen, sich in dem -edlen, idealen Gewande zu gefallen und zog -mit reger Lebenskraft die Freundinnen an ihre -Seite. -</p> - -<p> -Der Arzt, welcher jetzt seinen Abend-Besuch -ablegte, erstaunte, Herminen außer dem -Bett und in diesem Anzuge zu sehn, fand -sie jedoch viel besser als am Morgen, ohne -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Fieber und in einer gemüthlichen, ihm höchst -erwünschten Stimmung. Auch der Pastor -kam, ihr zu dem Wiegenfest des großen Dulders -Glück zu wünschen, der jetzt ihr Tröster -und ihr Vorbild war, erschrack nicht wenig sie -im Familien-Kreise zu finden und schöpfte, -gleich dem Arzt, von ihrem Aussehn und Benehmen -getäuscht, neue Hoffnungen. -</p> - -<p> -Als aber bald darauf die Stunde schlug, -in welcher sie vordem das Bild der Entflohenen -in dem beschatteten Winkel des Zimmers -sah, verfärbte sich mit einem Mahl die Kranke, -umfaßte krampfhaft Theresens Hals, als -sollte diese sie vor der gewaltigen Hand des -Todes schützen, und sank entfesselt an die schwesterliche -Brust. Freundschaft und Liebe bot -vergebens alle Mittel zu ihrer Belebung auf; -Freundschaft und Liebe drückte ihr endlich die -sanften Augen zu und flocht ein Palmen-Reis -in ihre Locken. Sie ward in jenem Sterbekleide -das ihr hienieden die größte Freude gemacht -hatte, von den Jünglingen des Dorfs -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -zu Grabe getragen, und als man den Sarg -verschloß, sank Therese, welche bis dahin beyde -Männer durch ihre Fassung beschämt hatte, -bewußtlos nieder und verfiel in eine Gefahr -drohende Krankheit. Sie sah sich für die -Quelle aller jener unseligen Verhängnisse, für -die eigentliche Ursache des Todes ihrer Schwester -an und würde ohne den mächtig erhebenden, -trostreichen Beystand des Predigers in -unheilbare Schwermuth versunken seyn. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-30"> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Dreyßigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> wenden uns von diesen Trauer-Szenen -um die Leidtragenden in eine lichtere Zukunft -zu begleiten. Außer dem bittern Gram über -eine Reihe von Uebereilungen hatte auch die Geschichte -seiner Gefangennehmung, der Schmerz -gekränkter Ehre Woldemars Herz zerrissen und -das Bewußtseyn der erschöpften Pflicht reichte -nicht hin eine Wunde dieser Gattung zu bedecken. -</p> - -<p> -Julius begleitete ihn bald nach Herminens -Todtenfeyer in die Hauptstadt. Er trat mit -ruhigem, gefaßtem Muth dem Groll der Falschen, -dem Vorurtheil der Täuschbaren, dem -Verfolgungs-Geist mächtiger Feinde entgegen, -beschämte diese und drang auf ein Kriegsrecht -das ihn freysprach und belobte. Die eben erfolgte -Auswechslung der Gefangenen überhob -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -ihn der Rückkehr in die Nachbarschaft der -Guillotine, welche seitdem die Frau von Wessen -bereits ein Dutzend Mahl zur Wittwe gemacht -hatte, und so kehrte denn Woldemar -frey und versöhnt mit dem Schicksal auf Herminens -Landgut zurück, das ihm der letzte -Wille seiner verewigten Freundin zugetheilt -hatte. -</p> - -<p> -Ihr kommt zur rechten Stunde! „rief Auguste -die jetzt ihrer Niederkunft nahe war, -den Freunden entgegen“ Wir dürfen keinen -Tag länger säumen nach Wessenburg, in die -Arme der verlangenden Mutter zu eilen, und -doch ist der gute Rath hier eben sehr theuer. -Therese kann, wie sich von selbst versteht, -nicht bey dem ledigen Manne bleiben und doch -Keine von uns es über sich gewinnen das -theuere Weihnachts-Geschenk der Hand einer -Wärterin zu überlassen. -</p> - -<p> -Julius dachte bereits auf einen Vorschlag -zur Güte, und zu dem Hauptmann sprach -Auguste „Therese ist hergestellt.“ Er schwieg -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -— Sie blüht wie diese Frühlings-Blumen -„fuhr jene fort.“ Verwaist, und einsam steht -sie auf der Welt, geziert mit Reitz und Seelen-Güte, -der Schwester Ebenbild, die Erbin -ihres Herzens und ihres Goldes. Genug -„versicherte sie mit steigendem Eifer“ ich lege -mein Haupt nicht sanft, mich eher nicht ins -Wochenbett, bis sie die Ihre ist. -</p> - -<p> -Woldemar aber vernahm kein Wort dieser -Rede, denn alle Schrecken jener Nacht hatten -sein verletzbares Herz beym Anblick dieses Zimmers -überfallen. Er starrte das Sopha an, -auf dem sie damahls, lieblich geschmückt von -einem Tanz erschöpft, zu ruhen schien und ihr -lächelndes Himmelsbild über diesem, mit Flohr -bekränzt, umschlungen mit Zypressen-Zweigen. -</p> - -<p> -Wo sind Sie? fragte die Baronin und -weckte den Träumer, denn eben trat Therese -mit seinem Kind auf ihrem Arm in’s Zimmer. -Er fuhr empor, schritt auf sie zu und -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -riß das holde Ebenbild der Todten mit einem -Klageton ans Herz. -</p> - -<p> -Therese wurde roth. Gelobt sey der Genius -„rief er aus“ der mich durch diesen Zauberspiegel -täuscht. Zur Hälfte nur hab ich -die theuere Braut verlohren. Die schönere -Hälfte lebt in diesen Zügen, sie lebt in diesem -Herzen, und ach, in diesem Kinde fort. -</p> - -<p> -Zerbrich Dir den Kopf nicht länger „flisterte -Auguste in des Gatten Ohr“ es scheint -als wolle sich das Auskunfts-Mittel ganz -ohne unser Zuthun finden. -</p> - -<p> -Therese hatte indeß ihr glühendes Gesicht -an des Knaben Brust verborgen. Wo warst -Du denn? fragte die Freundin. -</p> - -<p> -An <em>Ihrem</em> Grabe „sprach Therese“ der -Abend ist so schön und der Kirchhof mit Blüthen -bedeckt. -</p> - -<p> -O, führen sie mich hin! „bat Woldemar“ -meine Augen werden diese Blüthen bethauen. -</p> - -<p> -„Herzlich gern“ erwiederte sie und winkte -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Augusten, ihr zu folgen, doch diese versagte -lächelnd die Gewährung, hing sich an ihres -Gatten Hals und hielt auch den zurück. -</p> - -<p> -Der Gottes-Acker stieß an den Garten, -eine Thüre verband sie. Hoch über alle ragte -das Grab seines Lieblings unter der Linde. -Die Stimme der Schläferin schien aus dem -Dunkel des sanft bewegten Laubes zu flistern, -ihr freundlicher Geist ihm in den wallenden -Halmen des Hügels zu nicken. -</p> - -<p> -O ewige Liebe „rief er aus“ nur hier -kein Ende! Nur dort kein Grab! -</p> - -<p> -Inniger drückte Therese den Knaben ans -Herz, sah tief bewegt in die sinkende Sonne -und sagte „So starb sie!“ -</p> - -<p> -Woldemars Stimme lockte die Seele der -Sinnenden zu dem Grabe zurück. Meine Zukunft -„sprach er“ soll eine fortwährende -Todten-Feyer seyn. -</p> - -<p> -Am sichersten „erwiederte sie“ wird ein reines, -sittlich schönes Leben diesen heiligen -Schatten versöhnen. -</p> - -<p> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -Wer leitet mich zur ebenen Bahn? „fragte -der Weinende“ Therese antwortete „Das -Schicksal der Dulderin!“ -</p> - -<p> -Woldemar sah ihr in’s Auge. Wehmuth -und Sehnsucht, Anmuth und Liebe begegneten -sich im stummen Wechselspiel der Blicke. -Hermine „sprach er“ starb an Deinem Herzen. -Laß mich an ihm genesen und diese Hand -geleite mich! -</p> - -<p> -Therese drückte voll Innigkeit die seine, -und wie im letzten Augenblick Hermine sie -umfing, so umfing jetzt Woldemar die Braut -auf ihrem Grabe. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten, -ebenso die teilweise ungewöhnliche Platzierung der Anführungszeichen. -</p> - -<p> -Anstatt des Namens Julie steht gelegentlich Juliane. -</p> - -<p> -Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... <span class="underline">ihren</span> Häubchen. ...<br /> -... <a href="#corr-0"><span class="underline">ihrem</span></a> Häubchen. ...<br /> -</li> - -<li> -... Wolken des tiefen, <span class="underline">land</span> genährten Unmuths ...<br /> -... Wolken des tiefen, <a href="#corr-2"><span class="underline">lang</span></a> genährten Unmuths ...<br /> -</li> - -<li> -... dieses Receptes. Auguste <span class="underline">blättert</span> in ...<br /> -... dieses Receptes. Auguste <a href="#corr-5"><span class="underline">blätterte</span></a> in ...<br /> -</li> - -<li> -... hatte sich <span class="underline">den</span> doch, trotz dem Heere ...<br /> -... hatte sich <a href="#corr-9"><span class="underline">denn</span></a> doch, trotz dem Heere ...<br /> -</li> - -<li> -... in seinem Diensteifer ver<span class="underline">braucht</span> hatte und ...<br /> -... in seinem Diensteifer ver<a href="#corr-13"><span class="underline">bracht</span></a> hatte und ...<br /> -</li> - -<li> -... General-Marsch geschlagen, <span class="underline">den</span> kein Augenblick ...<br /> -... General-Marsch geschlagen, <a href="#corr-14"><span class="underline">denn</span></a> kein Augenblick ...<br /> -</li> - -<li> -... in <span class="underline">ihren</span> eigenen Schlafzimmer an, gesellte ...<br /> -... in <a href="#corr-17"><span class="underline">ihrem</span></a> eigenen Schlafzimmer an, gesellte ...<br /> -</li> - -<li> -... bey und verschloß die bewußte <span class="underline">Tapaten</span>-Thür. ...<br /> -... bey und verschloß die bewußte <a href="#corr-18"><span class="underline">Tapeten</span></a>-Thür. ...<br /> -</li> - -<li> -... und so ward er <span class="underline">den</span> angenommen. ...<br /> -... und so ward er <a href="#corr-20"><span class="underline">denn</span></a> angenommen. ...<br /> -</li> - -<li> -... Nahmen schrieb, vergebens einer <span class="underline">Anwort</span> auf ...<br /> -... Nahmen schrieb, vergebens einer <a href="#corr-21"><span class="underline">Antwort</span></a> auf ...<br /> -</li> - -<li> -... seine dringende, Herminens Ehre <span class="underline">rettend</span> ...<br /> -... seine dringende, Herminens Ehre <a href="#corr-22"><span class="underline">rettende</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... dringt auf eine Theilung der <span class="underline">Erbschnft</span>, ...<br /> -... dringt auf eine Theilung der <a href="#corr-25"><span class="underline">Erbschaft</span></a>, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Pötzlich</span> entstand eines Morgens großer ...<br /> -... <a href="#corr-33"><span class="underline">Plötzlich</span></a> entstand eines Morgens großer ...<br /> -</li> - -<li> -... an diesem Herzen alle <span class="underline">wilde</span> Wünsche des meinen ...<br /> -... an diesem Herzen alle <a href="#corr-35"><span class="underline">wilden</span></a> Wünsche des meinen ...<br /> -</li> - -<li> -... Julie ward vor <span class="underline">dem</span> Augen des Erwachenden ...<br /> -... Julie ward vor <a href="#corr-36"><span class="underline">den</span></a> Augen des Erwachenden ...<br /> -</li> - -<li> -... Stimme“ mehr als ich je <span class="underline">verguten</span> kann; ...<br /> -... Stimme“ mehr als ich je <a href="#corr-40"><span class="underline">vergüten</span></a> kann; ...<br /> -</li> - -<li> -... die eine nach <span class="underline">ihren</span> Tuch, die andere kichert ...<br /> -... die eine nach <a href="#corr-43"><span class="underline">ihrem</span></a> Tuch, die andere kichert ...<br /> -</li> - -<li> -... goldenen Locken, formte sich <span class="underline">die</span> vieleckige ...<br /> -... goldenen Locken, formte sich <a href="#corr-45"><span class="underline">der</span></a> vieleckige ...<br /> -</li> - -<li> -... an ihm nieder, <span class="underline">den</span> Amatus hatte ...<br /> -... an ihm nieder, <a href="#corr-46"><span class="underline">denn</span></a> Amatus hatte ...<br /> -</li> - -<li> -... gut daß Ihr es <span class="underline">wagte</span> mich so plötzlich, so ...<br /> -... gut daß Ihr es <a href="#corr-47"><span class="underline">wagtet</span></a> mich so plötzlich, so ...<br /> -</li> - -<li> -... zur <span class="underline">Arme</span> zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ...<br /> -... zur <a href="#corr-49"><span class="underline">Armee</span></a> zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ...<br /> -</li> - -<li> -... Ich bin wie ich bin, guter <span class="underline">Woldmar</span>, ...<br /> -... Ich bin wie ich bin, guter <a href="#corr-55"><span class="underline">Woldemar</span></a>, ...<br /> -</li> - -<li> -... oder möglichen Unfall, <span class="underline">daß</span> Herz jeden ...<br /> -... oder möglichen Unfall, <a href="#corr-56"><span class="underline">das</span></a> Herz jeden ...<br /> -</li> - -<li> -... erheitere Dich. <span class="underline">Sie</span>, wir erschöpfen alles ...<br /> -... erheitere Dich. <a href="#corr-57"><span class="underline">Sieh</span></a>, wir erschöpfen alles ...<br /> -</li> - -<li> -... bestand, über die Kraft-<span class="underline">Aeußerug</span> mit ...<br /> -... bestand, über die Kraft-<a href="#corr-59"><span class="underline">Aeußerung</span></a> mit ...<br /> -</li> - -<li> -... diese <span class="underline">Gedächniß</span>-Nacht an ihrem Bette feyern ...<br /> -... diese <a href="#corr-60"><span class="underline">Gedächtniß</span></a>-Nacht an ihrem Bette feyern ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND *** - -***** This file should be named 53780-h.htm or 53780-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/8/53780/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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