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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 19:12:33 -0800
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-The Project Gutenberg EBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Weihnacht-Abend
-
-Author: Gustav Schilling
-
-Release Date: December 21, 2016 [EBook #53780]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
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-
- [Illustration: Tollkühner!]
-
-
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-
- Der
- Weihnacht-Abend.
-
-
- Von
- Gustav Schilling.
-
-
- Wien, 1817.
- Bey Anton Pichler.
-
-
-
-
- Der
- Weihnacht-Abend.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
-
-
-Der Nordwind blies, der Schnee fiel in großen Flocken, die Regenschirme
-zärtlicher Eltern und Liebhaber bedeckten den Christmarkt. »Laßt mich
-ein Kind seyn!« sprach Woldemar und zog seinen Freund in das
-sehenswerthe Gedränge. Hier feilschten Mädchen eine Wiege, dort stand
-der grämliche Küster unter einer Glorie von Hannswürsten, der General
-vor dem Stalle zu Bethlehem, der Staats-Rath unter Steckenpferden. Eine
-Reihe neugebackener, reich versilberter Potentaten lockte die
-täuschbaren Kinder an.
-
-»Hierher meine gnädigen Herrn!« rief des Hof-Conditors süße Rosine.
-»Sehen Sie nur die schöne Bescheerung. Rosseaus Grab, Harlekins
-Hochzeit, Mariä Verkündigung und diese niedliche Papagena.« Die Freunde
-traten näher, besahen das Grab, die Hochzeit, das Mädchen selbst.
-Lachend verglich sie Julius der Vogelfängerin, Woldemar aber erröthete,
-denn nur ein Säugling bedeckte Papagenas gesegnete Brust; die
-Verlegenheit macht' ihn zum Käufer und Rosine öffnete dankbar ihr
-Döschen, um ihn mit ächten Diabolini's zu bewirthen. Der Adjutant störte
-die Gäste. Wenn es Dir, »sprach er zu Woldemar« anders noch Ernst damit
-ist in das neue Frey-Corps zu treten so eile, Dich dem General
-vorzustellen. Er steht im Begriff zu der Armee abzugehn.
-
-Wisse Freund, »erwiederte dieser« daß mein Schicksal in den Händen einer
-unschlüssigen Fee liegt, die mich bald anzieht, bald entfernt, mir heute
-räth in den Krieg zu ziehen, mich morgen dann nicht lassen will -- Doch
-soll es sich noch heut entscheiden. Damit steckt' er die wächserne
-Papagena ein und verschwand unter dem Haufen.
-
-
-
-
- Zweytes Kapitel.
-
-
-Herr Wahl, der Oheim, und Vormund dieser Schicksals-Göttin saß indeß
-daheim vor dem Hauptbuch, freute sich der eben gezogenen Bilanz, hieß
-den Seidenhändler Merker viel freundlicher als sonst willkommen und
-sprach sofort vom Curs, von Geschäften, vom plötzlichen Fall eines
-bedeutenden Hauses. Herr Merker schnippte den Staub von seinem Ermel,
-zog den Stockknopf vom Munde, räusperte sich und rief: »Was fällt das
-fällt! Wir, denk' ich, bleiben stehen.«
-
-So Gott will! brummte der Alte und faltete in stiller Andacht seine
-Hände.
-
-Ich stehe gut.
-
-Ist mir bekannt.
-
-Doch immer noch auf Freyers Füßen. Geduldig zwar, doch auch zuweilen mit
-Ungeduld. Wenn Ihre Jungfer Nichte sich endlich nun entschliessen wollte
--- oder bereits entschlossen hätte -- Wie?
-
-Dann »fiel der Oheim ein« wäre uns beyden geholfen, denn das Mädchen ist
-meine einzige Sorge. Ich sollte mich ärgern, aber das hilft nichts --
-
-Ein Machtwort sprechen, Herr Kollege, ein Machtwort --
-
-Da sey Gott für! Der gab ihr ja, wie uns, den freyen Willen.
-
-So? -- Ja! und vier Liebhaber zu meiner Plage.
-
-Bedeuten nichts! den einen haßt, den andern verachtet sie, der dritte
-ward ihr verdächtig, der vierte endlich ist ein armer Teufel. Ohne
-Mittel, ohne Tittel, ein Herr _von_ -- _von nichts_ sag' ich Ihnen.
-
-Das sind die Schlimmsten --
-
-Ein redliches Gemüth übrigens --
-
-Heuchelschein! Dem sollten Sie das Haus verbiethen!
-
-Ey bewahre! Herminchen sieht ihn nicht ungern, und wer ihr zusagt, den
-nehme sie. Die Bräute sind wie Lämmer zu betrachten, die zur
-Schlachtbank geführt werden; wie arme Sünderinnen denen denn, nach
-hergebrachter, christlicher Sitte, jedes billige Verlangen allerdings zu
-gewähren ist. Um ihrer selbst willen nimmt sie ja doch keiner. Den einen
-kirrt der Mutterwitz, den andern ein Grübchen, den dritten nichts
-besseres: Sie und Ihres Gleichen -- solide Leute mein' ich -- die
-Mitgift. Und was wird ihr denn für die und für jenes? Evens Erbtheil!
-die herbe Knechtschaft, Schmerz und Jammer. Wir gehen indeß ein bischen
-da- ein bischen dorthin und gehaben uns wohl.
-
-Hermine hüpfte jetzt herein, an dem Freyer vorüber zum Onkel hin,
-welcher nach einem leisen, scherzhaften Wortwechsel das Zimmer verließ.
-Sie wollt' ihm folgen als Herr Merker unter steifen Verbeugungen ihren
-Arm ergriff und Anstalt zu einem Handkuß machte. Das Mädchen zog den Arm
-zurück, er folgte ihr mit gespitztem Munde, bald tief hinab, bald in die
-Höhe nach und immer lauter lachte sie, und immer schneller flog die Hand
-bald rechts, bald links um seinen Scheitel. Der Geneckte ließ jetzt ab;
-doch stampfte er ein wenig mit dem Fuße. Hermine zog einen niedlichen
-Pantalon aus dem Ridikül, bedeckte ihn mit Küssen, nannt ihn mit süßen
-Nahmen, ließ das Männchen aus ihrer Hand in die seine hüpfen und sprach
-»Den bescheerte mir der heilige Christ.«
-
-Herr Merker sah in dem Sprunge des Püppchens ein Merkzeichen ihrer
-Gunst. »Da hab ich mich besser angegriffen!« rief er, an seine Tasche
-schlagend.
-
-Wahrhaftig? O, ich glückliche. Und das konnten Sie über sich gewinnen?
-
-Was seyn muß, muß seyn! sprach er mit Achselzucken.
-
-Nun, so bescheeren Sie denn! Wir werden ja sehen. Die Gabe schildert den
-Geber, sie ist das Probemaß seines Geschmacks, und seiner
-Empfindungs-Weise.
-
-Für's erste »hob er an« etwas Sammt zu einer Besetzung, und der ist
-_extra_, Theuerste! Dann diesen Ring; ein Erbstück von der seligen
-Großmutter. Solche Kleinodien machen sich rar. Endlich und zuletzt einen
-sogenannten Koselschen Gulden den ich in Ihrer Münz-Sammlung vermißte --
-Wenig mit Liebe. Nehmen Sie! Ohne Widerrede!
-
-Das Mädchen ließ den Sammt auf die Tafel, den Ring in seinen Hut, und
-das seltene Kabinets-Stück zu Boden fallen, drehte sich unter einem
-hellen Gelächter um ihre Achse und verschwand.
-
-Herr Merker wußte nicht wie ihm geschah. Ein sauberes Lamm! »sprach er
-endlich« Ey wenn Du doch heute noch auf die Schlacht-Bank geführt
-würdest!
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
-
-
-Ein Anbether folgte heute den andern, doch Hermine ließ sich verläugnen,
-sandte ihre Kains Opfer zurück und sah vergebens bis zum Abend dem
-einzigen Willkommenen entgegen. Woldemar ließ sich nicht blicken. Sie
-zögerte mit dem Nacht-Essen, sie eilte von Minute zu Minute ans Fenster
-und als der Onkel endlich zu Bette ging, voll Mißmuth in ihr
-Schlafgemach. »Der Undankbare!« schalt das Mädchen und warf den
-Ueberrock ab. »Der Bestandlose!« fuhr sie fort, und löste mit Ungestüm
-die Schleifen. »Der Verblendete!« setzte sie seufzend hinzu und nahm
-jetzt befremdet eine wächserne Papagena wahr. Lächelnd saß das Püppchen
-unter dem Spiegel; es lag ein Notenblatt zu seinen Füßen. _Er ist Dir
-nah!_ sprach der Text --
-
- Er ist Dir nah, er lauscht am Freuden-Quelle.
- Des Kühnen Muth, der Sehnsucht heiße Welle,
- Der Liebe Schmerz dräng ihn zur stillen Zelle
- In's Heiligthum der Zauberin.
-
-Hermine ließ das wahrsagende Blatt fallen und warf bestürzt ihre
-leuchtenden Augen umher, da rauschte der Vorhang des Alkovens und
-Woldemar trat, einem Genius gleich, aus dem Dunkel. Sie wollt' ihrem
-Mädchen rufen, wollte zürnen, wollte fliehen und floh -- in seinen Arm.
-»Tollkühner!« stammelte sie unter den Küssen des Jünglings. Er zog die
-Liebliche an's Herz, ihre Thränen bedeckten ihn; sie verbarg das
-glühende Gesicht an seiner Brust. »Mein also?« rief er aus. »O
-himmlische Weih-Nacht!«
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
-
-
-Früher als zu fürchten stand, ging Merkers letzter Segen in Erfüllung.
-Woldemar kehrte spät genug von dem Freuden-Quelle zurück; seine Wangen
-brannten, seyn Herz bebte; er sah begeistert zu den verblichenen Sternen
-auf, im Morgenroth die Farbe der Braut, im Wolkenflug den Tanz der
-schönsten Horen: entzückende, bedeutungsvolle Träume reiheten sich an
-die selige Wirklichkeit und auch diese erschien ihm, als er am hohen
-Mittag erwachte, nur wie ein Trugbild des Phantasus, denn die feurige
-Welle deren das Notenblatt gedachte, trug ihn weit über die Grenze
-seines Willens und seiner Erwartung hinaus.
-
-Gestern erst hatte der Verschlossene, von dem Adjutanten gedrängt,
-einige Worte über das Geheimniß seines Herzens verlohren. Jetzt war der
-Wurf gelungen, jetzt sollte Julius sich mit ihm freun, jetzt sollte der
-Wildfang in Herminens Nähe geführt, von ihrer Anmuth gewonnen, von ihrem
-Werth ergriffen, erleuchtet von dem Himmelsglanz dieser Seele, zu dem
-längst verscherzten Glauben an die sittliche Güte des bessern
-Geschlechtes zurückkehren. Lästige Besuche hielten ihn fest, es war
-schon Abend, als Woldemar in des Freundes Behausung kam. Zwar fand er
-sie verschlossen, aber er hatte Licht gesehn, schlich, vertraut mit den
-Zugängen durch eine Hinterthür und trat, überraschend genug, in's
-Kabinet. Julius sprang aus dem Arm eines Mädchens empor, das sich laut
-schreiend aufraffte und durch die offene Thür entfloh. Woldemar stürzte
-ihr nach. »Hermine!« rief er, aber sie war unter dem Schutze der Nacht
-verschwunden. Er stand erstarrt auf offener Straße. Daß sie es war, litt
-keinen Zweifel, der Irrthum lag ausser dem Gebiete der Möglichkeit. Er
-hatte ihr Gesicht gesehn, jeden Zug unterschieden. Das war ihr
-Hauskleid, das ihr Palatin und das sein Liebling unter ihrem Häubchen.
-
-»Du Störenfried!« sprach Julius der ihm gefolgt war. Sage mir »fragte
-Woldemar« auf Deine Seele frag ich Dich, war das die Wahl?
-
-Julius schwieg betroffen still. Sie war's! gestand er endlich. Sie
-war's? rief jener aus und schlich sich heim. Der Zustand seines Gemüths
-kann leichter empfunden als beschrieben werden. Unglücklicher »sprach
-sein Gewissen« wie mancher Pflicht hast Du entsagt, wie manches Glück
-verschmäht, wie manche Blume der Jugend hingeworfen, um der Eigensucht
-deines Götzen, den Launen einer Buhlerin zu fröhnen! Der Adjutant
-unterbrach dieses heilsame Selbst-Gespräch. Noch immer »sagte er« läuft
-Dir das Glück nach. Ich komme jetzt um anzufragen, ob Dich die
-räthselhafte Göttin deren Du gestern gedachtest auch heute noch am
-Ziegel hält? Woldemar wendete sich schaamroth ab. Jener drehte ihn
-schnell um seine Achse, sah ihm tief in die unstäten Augen und sprach
-»Täuscht mich nicht alles, so ward die Fee zur Furie, oder zur Hexe,
-oder zum unerbittlichen Schicksal. Hin ist hin! Ermanne Dich, tritt zu
-den Freykorps. Der Würgengel ist ein wohlthätiger Genius, der alle diese
-zwerghaften Quälgeister des Stilllebens austreibt und die entarteten,
-verzauberten Männer von dem Rocken ihrer Omphale losschließt; das Bett
-der Ehre ist reitzender als das der Schäferin, und der Riese der Gefahr
-minder furchtbar als eine schmollende Tyrannin mit dem feindseligen
-Gesindel ihrer Grillen.«
-
-Führe mich zum General, »fiel Woldemar erheitert ein« ich bin der Deine.
-Mit Freuden weih ich mich von nun an dem Tode.
-
-Schlag ein! »entgegnete der Adjutant, und drückte ihn an seine Brust.«
-Hand in Hand zum ernsten Waffentanze! Bestelle Dein Haus, wir gehn nach
-wenigen Stunden zur Armee ab.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
-
-Als Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten Nacht zu dem Freund
-eilte, um sich von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen
-Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten, klopft' er lange ungehört an
-alle Thüren. Endlich kam der Wirth herbey, beklagte den Verlust eines so
-lieben Hausgenossen, erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar einige Koffer
-in Verwahrung gegeben und vor Tage noch mit Extrapost abgereist sey.
-Dieser bestand auf einem Briefe, welchen sein Freund nothwendig für ihn
-zurückgelassen haben müsse und vermochte den Wirth die Zimmer zu öffnen,
-doch fand sich nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens
-Schattenriß zerrissen am Boden. Julius begriff so wenig wie sich dieß
-Bild zu dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie das Original in die
-Arme des Barons sich habe verlieren können. Erblassend las er die Stücke
-auf und kehrte, jenem gleich, von Mißtrauen, Aerger und Argwohn
-gefoltert, zurück.
-
-Woldemar zog indeß in Erinnerungen an den kurzen Göttertraum seines
-Lebens versunken, dem fernen Ziele der neuen Bestimmung entgegen und
-verwünschte diese bereits, als er sich, um ihm die nöthigen
-Vorkenntnisse zu verschaffen, im Rücken der Armee, bey dem Depot des
-Regiments angestellt sah. Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man ihm
-sein Quartier anwies, empfing den erstarrten, mit Eis und Schnee
-bedeckten Officier aufs wohlwollendste und führte ihn unter herzlichen
-Aeußerungen von Theilnahme in ein freundliches Stübchen, das mit allen,
-lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen war. Ueberall sprachen ihn
-Bilder des Friedens, Symbole eines schön geordneten Lebens an; er sah in
-der gütigen Baronin seine selige Mutter, in dem holden, geschäftigen
-Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in ihrer reitzenden, geistvollen
-Gesellschafterin den traulichen Genius der Freundschaft. Die Wolken des
-tiefen, lang genährten Unmuths brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel
-in sein Herz.
-
-Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete der Baronin auf. Sie nahm
-das Wort, unterhielt ihn von den unseligen Früchten des Kriegs, von den
-Schrecken die er verbreitete, von der Angst in die er sie schon oft
-versetzt, von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne, den ihr die erste
-Schlacht geraubt habe. Der Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf
-dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug, bald an den Nähtisch der
-Gesellschafterin hingesehen, hatte des Fräuleins blonde Locken mit
-Julianens schwarzen Flechten, ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen
-dunkeln, misterischen, Augustens zarten, wie von Geisterhand gewebten
-Bau mit der üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen, die ihm jetzt
-als die Wittwe des Gefallenen vorgestellt ward. Auguste hörte kaum des
-verlohrnen Bruders gedenken, als ihre Hand unwillkührlich ein Adagio
-anschlug; schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen des
-schwesterlichen Thränen-Opfers zu begegnen: Frau von Wessen hingegen
-nähete gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton »O, lassen wir
-ihn ruhn, _ma mere_! Welche Hölle wird das Leben, wenn uns der schwarze
-Geist der Vergangenheit die Genüsse der Gegenwart verkümmern darf. Ich
-für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden Abend aus der Lethe zu trinken,
-um mit jedem Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.«
-
-Auf diesem Wege »entgegnete Woldemar« wird uns der schwarze Geist
-allerdings immer gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen
-vorüber fliehen. Verständ' ichs nur mich an den heiligen Strom zu
-betten.
-
-»Der Wille macht ihn dienstbar« entgegnete Julie.
-
-»Der Leichtsinn vielmehr!« fiel die Baronin ein.
-
-»Die göttliche Gabe!« erwiederte jene. Wir klagen fort und fort ein
-Schicksal an, daß nur den Feigen geißelt und verfolgt. Aber man ziehe
-doch -- es gilt den Versuch -- jede vorschnelle Sorge für die Zukunft,
-jede unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede Distel des ziellosen
-Stunden-Kummers aus dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß daß uns
-der freundliche Rest mit den wenigen, unvertilgbaren Dornen versöhnen
-wird.
-
-Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger Kreuzträgerinnen Geschmack
-am Leide, Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer fand und wie jene
-der Hoffnung lebte, dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger und
-zerknirschter sie sich hier unter der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies
-in einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit dieses Receptes.
-Auguste blätterte in ihren Noten, Woldemar aber warf bereits, dem Rathe
-gemäß, den verdächtigen Freund und die tugendlose Braut aus dem Kranz
-seines Lebens, um ihn durch jene glühende Rose und dies liebliche, mit
-dem Himmelsthau der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen. Selbst seine
-Anstellung bey dem Depot, vorhin eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt
-als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren hingenommen und der
-liebenswerthe Gast kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen der
-Töchter und dem Zutrauen der Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen
-zurück.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
-
-Schnell genug »schrieb ihm Julius bald darauf« hat sich das seltsame
-Räthsel, welches uns entzweyte und den friedlichen Schäfer zum Wehrwolf
-machte, gelöst. Der Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller jetzt
-lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen zu versehen, die Dich ohnfehlbar
-aus dem eisernen Felde an das Herz einer viel süßern Beute zurückführen
-werden.
-
-Ich kam, wie Du weißt, im November von Paris zurück, bezog mein
-gegenwärtiges Quartier, stellte mich aus angestammter Galanterie den
-sämmtlichen Hausgenossen vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen
-Schatz der weder von Tanten noch Riesen, noch Drachen bewacht, des
-Schutzes dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das einsame Mädchen
-ließ mich zu wiederholten Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich
-merkte es deutlich) durch's Schlüßelloch, öffnete endlich, im Glauben an
-die Arglosigkeit, welche ich während dieser Besichtigung auf Stirn und
-Lippe treten ließ, das enge Dachstübchen, führte mich über eine Saat von
-Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen Stuhle hin und nahm, dem Gaste
-gegenüber, auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich sie nach den ersten
-Begrüssungen der Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare
-Wohnung vergräbt, sie aber bestand darauf nur ein Blümchen zu seyn, das
-des Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe. Ein Wort veranlaßte das
-andere, meine Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche Stickung meines
-Kleides Hoffnungen auf einen Engel vom Himmel, und so erfuhr ich denn,
-daß die bildschöne Putzmacherin ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse
-Rechte geltend zu machen, hieher gekommen sey und sich bis zu Austrag
-dieser Angelegenheit von der Arbeit ihrer Hände nähre. Du glaubst nicht
-wie reitzend Therese durch dieß Geständniß in meinen Augen ward, mit
-welcher Schonung, welchem himmlischen Erröthen sie ihrer Mutter, in
-wenig leisen, kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche zieh, wie sichtlich
-es ihr weh that, vom jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den Fehltritt,
-welcher der Erde eine Grazie gab, unentschuldigt lassen zu müssen. Ich
-that es jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so ehrbar und zierlich
-wie der Engel der Verkündigung in alten Comödien. Auch wollte Therese
-bereits von der Frau Wirthin eine Schilderung meiner mannigfaltigen
-Vorzüge vernommen haben, und es kostete mir nicht wenig, die Frau
-Hausbesitzerin der Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es endlich
-eine Pause. Sie machte, des Lebewohls gewärtig, eine leise Bewegung, ich
-aber hielt noch unverrückt das Wasserglas und zwey Semmel-Schnitten,
-wahrscheinliche Reste ihres Mittags-Mahls im Auge und vermißte zu meinem
-Verdruß den kecken Muth mit dem ich oft so mancher ihrer Schwestern
-einen viel zweydeutigern Beystand geboten hatte. Es gibt »sprach ich
-endlich im Ton der Weihe« es gibt der Wölfe die im Schafskleid, der
-Satans Engel, die im Lichtgewand guter Genien einhertreten, so viele --
-so viele -- daß -- »Ein Blick in ihre hellen, lauschenden Augen brachte
-mich so schnell um die Folgerung, daß ich in der Verlegenheit, mit der
-Hand einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb, und kleinlaut
-fortfuhr« Kurz und gut! Sie dürfen mich unbedenklich als einen Vormund
-ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil schuldig blieb. Meine rechte
-Hand faßte während der großmüthigen Erklärung die ihre, die linke warf
-einige Dukaten in das halbvolle Wasserglas. Ich sah; ich setzte
-vielleicht sogar -- Du glaubst mir das aufs Wort -- schon manches
-Mädchen in Verlegenheit, doch sah ich keine je in einer reitzendern.
-Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben, den Gesetzen des Anstandes
-entgegen, vor meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen Finger
-reichten, es sprang ins Auge, nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der
-reine Mangel an Gefäßen die Entfernung des überflüßigen Wassers
-ohnmöglich, und der gütige Geber war verschwunden als sie noch im Kampfe
-zwischen Schaam und Bedürfniß, wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum stand.
-Erbaut von dieser guten That, wie mein Herz sie zu nennen beliebte,
-gelob' ich mir noch auf der Treppe nie mehr als ihr Vormund werden zu
-wollen, und treffe im Vorsaal auf den Jäger des Vaters, der mich an sein
-Sterbebett bescheidet.
-
-Ich eil' auf das Gut, find ihn im Sarge und im Gefolge seines Todes eine
-Masse von Geschäften, die mich dort bis Weihnacht festhält.
-
-Vergessen ist Therese, der Gedank' an sie ging in den Wunden des
-Verwaisten, im Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße Erinnerung
-spricht mich bey der Rückkehr in meine Wohnung an. Ich gedenke der
-gelobten Vormundschaft, widerrathe mir, den neulichen Besuch zu
-wiederholen und sinne eben auf Mittel sie durch die dritte Hand mit
-einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen, als man leis an meine Thüre
-klopft. Sie thut sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in's Zimmer. Sind
-Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme und Therese steht vor mir. Ich
-schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt den Riegel vor und führe,
-betroffener als sie selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum Sopha.
-
-Zu Ihnen »flisterte sie und drückte schneller als ich dem wehren konnte,
-meine Hand an den rosigen Mund« Zu Ihnen darf sich wohl ein Mädchen
-wagen?
-
-Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein neuer Adam, eingedenk jenes
-Gelübdes, sich jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste die süßen
-Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte Schuldnerin ganz
-augenscheinlich entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe um so
-brennender überlief, als sie jene Goldstücke in die Hand des Lehners
-drückte, und mit sichtlicher Rührung sprach -- Der gute Geist der mir
-diesen Helfer erweckte, hat meine Sache geführt; hat mich in einer
-gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin finden lassen --
-
-»Wohl nur einen Wohlthäter?« unterbrach ich sie, von dem grämlichsten
-Unmuth übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah mich schwer
-beleidigt an -- so ohngefähr wie ein Engel den verhärteten Sünder
-fixiren würde, und helle Wemuthsthränen fielen jetzt aus ihren Augen.
-Sie fielen in mein Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten gleich,
-sprach ich von dem Sonnenglanz ihrer Unschuld, schlang den Arm um
-Theresens Nacken und plötzlich standst Du, einem Nachtgespenst gleich,
-vor der heiligen Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt nach der
-Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich stürze Dir nach, erstaunt über den
-lebhaften Antheil den Du an meinem Schützling nimmst. Ich sehe in diesem
-Ueberfalle das Treiben der Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs
-eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller, daß diese Heilige nur
-eine Heuchlerin, und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin seyst. Sie
-zu entlarven eil ich nun nach ihrem Zimmer, es ist verschlossen; ich
-höre sie schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen durch
-das ansehnliche Schlüsselloch. Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen
-auf seine Knie hingeworfen, die Hände gefaltet zum Himmel erhoben, und
-in allen dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt weiß. Mein
-Argwohn wird, als ich am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt in
-Deinem Zimmer finde, von neuem zur Gewißheit. Ich schreib' ihr, lege die
-Stücke des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel; zerreiße den
-tobenden, halb fertigen Straf-Prediger, schreib' einen zweyten,
-verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge mich endlich zu dem dritten,
-bescheidenern, auf welchen mir am folgenden Morgen die beyliegende, das
-Räthsel erfreuend auflösende Antwort zukam. Du kannst denken, guter
-Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel beschämender noch als die
-gestrige, meine heutige Abbitte war --
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- Siebentes Kapitel.
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-So weit hatte Woldemar gelesen und still ergrimmt der Fabel gelacht mit
-der man ihn jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte, als plötzlich
-in der Nähe Schüsse fielen. Er sah die Besatzung des Dorfs in regellosen
-Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den Brief samt der ansehnlichen,
-noch ungelesenen Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen und eilte in
-den Hof hinab.
-
-Der Feind! rief ihm Frau von Wessen aus dem Keller-Halse nach;
-ohnmächtig lag Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den Arm der
-Schwägerin. Der Feind! riefen die herbeyströmenden Rekruten und Woldemar
-rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte bereits eine Kugel getödtet und
-alles floh nun dem Neuling zu.
-
-Das Schloß war allerdings fest genug, es einige Stunden lang gegen ein
-fliegendes Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und
-Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt, ein Gegenstand von hoher
-Bedeutung. Der Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke
-aufgezogen, der Verwalter die Thore zugeworfen, der Jäger jedem
-dienstbaren Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die Hand gedrückt.
-Woldemar begriff die Möglichkeit einer solchen Erscheinung um so
-weniger, da er sich vier Meilen hinter der Armee, von Truppen umgeben,
-kurz in Abrahams Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger hatte sich
-denn doch, trotz dem Heere das auf seinen Lorbern ruhte, von dem
-Schnee-Gestöber begünstigt, durch das Gebürge geschlichen. Eben befand
-er sich mit Geißeln, Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse
-beschwert auf dem Rückweg und würde die Wessenburg wohl ganz
-unangetastet gelassen haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann den Vortrab
-des feindlichen Zugs, auf einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit
-allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen hätte. Der Kühne
-fiel, und die Freyjäger flohen nun dem Schlosse zu, das der Führer des
-Vortrapps mit Ungestüm angriff. Woldemar fühlte lebhaft was er den
-Damen, dem Vaterland, der Ehre seines Degens schuldig sey und belebte
-durch wenig erhebende Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder. Ihr
-Widerstand verwickelte den Feind der indeß von den herbey fliegenden
-Schaaren seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt der gemachten Beute
-gefangen ward.
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- Achtes Kapitel.
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-Als Woldemar am folgenden Morgen, von dem Schmerz einer empfangenen
-Kopfwunde geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand die Baronin zu
-des Bettes Häupten und Frau von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene
-weinte, der Wundarzt gab den besten Trost; bald darauf erschien auch der
-Adjutant; er warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen ein
-Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da siehst Du »sprach er« wie blind das
-Glück, wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen ist. Dein
-zufälliger, folgenreicher Widerstand hat Dir plötzlich einen Nahmen
-gemacht und eine Stelle verschafft nach der ich seit zwanzig
-Dienst-Jahren vergebens strebte. Eben kam auch Auguste herbey, sprach
-von den Schrecken des Gefechts, von Woldemars Ritterdienst und seinem
-Heldenmuth. Mutter und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant kehrte
-nach einem frostigen Lebewohl, mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten
-zurück. Woldemar sah jetzt -- wie am Morgen der Weih-Nacht in der er die
-stille Myrte brach -- auch in dem schnell erworbenen Lorber nur ein
-Gaukel-Spiel der Phantasie, in dem Patent nur ein Papier das ihn an
-jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt, vom Fiebertraum erwacht, mit
-Sehnsucht fragte. Vergebens suchte die Baronin das Stübchen, der
-Bediente seine Taschen, der Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus;
-weder der Brief, noch die bedeutende Beylage war zu finden und der
-herbey gerufene Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die Feinde schoß,
-gestand daß er allerdings einige hier gelegene Papiere unbesehen zu
-Pfropfen für sein Gewehr verbraucht habe.
-
-Frau von Wessen bot sich dem Kranken zum Sekretär an, und er sagte ihr
-mitten im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen Freund in die
-Feder. Nur der Wohlstand konnte die holde Pflegerin für kurze Zeiträume
-vor seinem Bett entfernen und diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt
-gewann ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie errieth seine
-Wünsche, seine Winke, seine Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen
-Liedern jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege vom Bette des
-Kranken, bot ihm die hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn
-allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen. Das Wundfieber nahm
-zusehends ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes zu dauern und auch
-Auguste wagte sich nun wieder in des Freundes Nähe.
-
-Sehen Sie »sprach Julie, als sie eines Abends an seiner Seite spann« ich
-bin die Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden, rein und glänzend.
-
-Hygea vielmehr! erwiederte er.
-
-Hygea spann ja nicht! »sagte das abgehende Fräulein« nur Schlangen
-nährte die --
-
-Heilbringende! rief ihr Woldemar nach.
-
-»Galt das mir oder Ihnen?« lispelte Julie. Der Zorn röthete schnell ihre
-Wangen. Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin. Meine Hygea! sprach der
-Dankbare, von süßen Regungen durchdrungen.
-
-Die Schlange sticht! erwiederte Frau von Wessen und verletzte seine Hand
-mit der Spindel. Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt' ihn lachend
-weg, er zog sie an das Herz. Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten
-hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte sich dem begehrenden
-Munde, Juliens Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an Woldemars
-Brust.
-
-
-
-
- Neuntes Kapitel.
-
-
-Frau Tochter »sprach die Baronin, als jene in das Familien-Zimmer hinab
-kam« vergebens hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt, als Mutter Sie
-gebeten dieses thörichte Herz zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht
-die Ehre meines Nahmens preis zu geben -- Ihren Begierden vielmehr!
-Unwürdige! So ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten?
-
-Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte sich zum Nähtisch hin und
-wiederholte mit Gelassenheit --
-
-Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr aufgebracht, _ma mere_!
-
-Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß die Zudringliche verachten.
-
-Eine so gute Christin sollte gütiger seyn, gnädige Frau; gerechter
-wenigstens; denn selbst das höchste Gebot entschuldigt die
-Zudringlichkeit der Menschenliebe. Daß ich ihm wohl will, ist in der
-Regel. Sehr wohl, _ma mere_! Nie sah mein Auge in ein reineres, nie
-begegnete mein Herz einem wärmern. Darum empört mich ihre Härte nicht.
-Was gibt es süßeres als um den Mann zu leiden, den wir lieben?
-
-Also ein Anschlag auf seine Hand?
-
-Auf Anschläge verstehen sich in der Regel die Mütter nur. Ich folge
-kindlich dem Gefühle.
-
-Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger Mann hat das erfahren.
-
-Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer ihm wohl und wer mir übel wollte.
-
-Ich wollte Dein Glück, Undankbare!
-
-Glück macht die Liebe nur und nur _Sie_ hat er geliebt. Gefürchtet
-vielmehr. Mein Herz war lauter Flamme, das seine lauter Erz, und immer
-spröder ward es, bis der Tod es brach.
-
-Du brachst es früher schon!
-
-Julie warf einen glühenden Blick auf die Mutter, verbarg ihr empörtes
-Gefühl hinter einem unholden Lächeln und schwieg.
-
-Sähe der Hauptmann dies Gesicht »fuhr jene fort« er würde noch
-entschiedener zurücktreten.
-
-Er würde mich bedauern und erlösen.
-
-Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe Dich!
-
-Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm' aus diesem!
-
-Die Baronin faltete seufzend die Hände und schlich abseits, dem Himmel
-ihre Noth zu klagen.
-
-
-
-
- Zehntes Kapitel.
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-
-Hygea hatte den genesenden Jüngling in der feurigsten Wallung verlassen.
-Noch glühte jener Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah er diese
-flammenden Augen, die Fülle der schnell bewegten Brust. Sein ganzes
-Wesen war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung weckte ihn nach
-Mitternacht vom Schlummer auf. Der volle Mond beschien ein niedliches
-Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben schien, nun seinem Bette
-näher tratt und zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich mit
-klopfenden Herzen nach der Mauer zurück, wollte seinen Sinnen nicht
-trauen, wagt' es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu werfen, und
-kämpfte noch unentschlossen mit sich selbst als der seltsame Zuspruch
-wieder aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens zurückkehrte.
-Schnell wuchs sein Muth, er schlich ihm durch die Oeffnung nach und
-stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau von Wessen schlief. Betroffen
-weilte er an der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein Genius
-fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste, lächelnd wie die Unschuld
-ruhte.
-
-Woldemar, der bis dahin die heimliche Tapeten-Thür übersehn und nie
-geahnt hatte, daß sein Stübchen an diese Schatzkammer grenze, machte sie
-bey der Rückkehr mit leiser Schonung zu und glaubte zuversichtlich durch
-die Nachwehen des Wundfiebers zum Geisterseher geworden zu seyn, denn
-hätte selbst -- der Fall war nicht denkbar -- sich eine dieser
-Schläferinnen zu einem solchen Schritt vergessen können, so würde er ja
-die Fliehende ereilt oder erkannt haben.
-
-Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn bis zum Morgen, jetzt aber
-wich der Glaube an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem Erstaunen
-mit welchem er ein himmelblaues, vor seinem Bette liegendes Band
-erblickte, und dieses dem Schauer des Fiebers, das im Gefolge der
-erschütternden Zauberspiele dieser Stunden zurückkehrte.
-
-
-
-
- Eilftes Kapitel.
-
-
-Auch die Baronne war am Morgen erkrankt, hatte den Beystand der
-Schwiegertochter zurückgewiesen und Auguste, gewöhnt der Feindin
-wohlzuthun, für dies Mahl vergebens alles aufgebothen den Groll des tief
-empörten Mutterherzens zu beschwören.
-
-Julie schlich sich, von der Mutter verschmäht, zu dem Freunde hinüber
-der bey ihrem Eintritt seinen Rückfall vergaß, und schüttete ihr Herz
-vor ihm aus. Der Kindheit Freuden hatte ihr, laut dieser Geständnisse,
-eine grausame Stiefmutter, die Blumen der Jugend ein liebloser Gatte und
-die herrschsüchtige Baronin geraubt. Diese verkenne, Auguste beneide
-sie, und beyde sähen in dem heiligen Mitgefühl, in dem reinen Feuer der
-Theilnahme das sie zur Pflegerin des edelsten Mannes gemacht habe, nur
-den schlau berechneten Plan einer Kokette. Helle Thränen begleiteten die
-rührende Elegie, sein fieberhaft reitzbares Herz sprach nur zu laut für
-die Weinende. Sie nannte ihn ihren einzigen Freund, er aber nannte sich
-ihren ewigen Schuldner und gedachte seufzend gewisser Fesseln, die seine
-feurige Vergeltungs-Lust für den Augenblick noch gefangen hielten.
-
-Daß mein Gemüth »erwiederte Julie« die Heiligkeit dieser Pflichten
-kennt, daß es selbst die Ansprüche einer Unwürdigen zu ehren versteht,
-bezeugt die Fassung mit der es in jener Nacht das feurigste aller
-Gelübde zurückwies.
-
-Welche Gelübde? »sprach er im Herzen zu sich selbst.« In welcher Nacht?
-
-Oder hätte die Krankheit Sie in jener unvergeßlichen Stunde zum
-bewußtlosen Schwätzer gemacht? Wohl Ihnen dann! Dann wäre ja Hermine nur
-ein Traumbild, das mit der wiederkehrenden Besinnung in sein Nichts
-zerfloß und ihre Treulosigkeit ein Phantom das im Morgenrothe der
-Genesung unterging. Woldemar sah verstummt zu Boden. Und Wohl auch mir!
-»fuhr Frau von Wessen fort« der da ein Gott die Kraft verlieh, dem
-feurigsten aller Männer zu widerstehen, und die Erhörung zu verzögern.
-
-Unseliges Verhängniß! »rief er und sprang auf« O, warum streifte mich
-der Fittich des Würgengels nur? Wie gern schlief ich in seinem Arme!
-
-Oder am Herzen der Verlobten?
-
-Ich bin sehr elend! Nimm mich an das Deine. An das hart verletzte, das
-ich heilen will und muß.
-
-Nicht also, guter Woldemar, ein Engel wird diese Wunden verbinden, der
-Engel der Vergeltung der unsere Opfer zählt und unsere Thränen.
-
-Ich will alles gut machen! »rief er, hingerissen von der Fluth seiner
-Gefühle, von einer unzeitigen Großmuth gemeistert« ja, ich gelob es! Nur
-das Mitleid sagst Du, die Theilnahme nur, nur die laue Hand der
-Freundschaft hätte Dich Wochenlang an meinem Bette festgehalten? Nur um
-ihretwillen hättest Du dem Grolle der Schwester, dem Zorne der Baronin,
-der Verläumdung bösartiger Thoren getrotzt? Nur aus Rücksicht auf die
-geflohene Treulose meiner Hand entsagt, die ich Dir -- zwar in des
-Fiebers Gluth -- doch wahrlich, inspirirt von meinem Engel both?
-
-Still, Frevler -- Still! »rief Juliane jetzt.« Sie fühlen nicht wie tief
-mich diese Zweifel beugen; die Flamme nicht, die an unheilbare Wunden
-schlägt. O warum muß die böse Fee zwischen mich und den Abgott meines
-Lebens treten?
-
-Lieblicher hatte nie eine Frage seinem Ohr geschmeichelt, schneller nie
-ein Zauber sein Herz umstrickt, kein sterblich Weib ihn je so magisch
-angezogen. Die Spiegel ihrer Seele flammten wie Sterne durch die Nacht
-des Grams, der Wehmuth Genius schien aus dem Rosenkelche dieser Lippen
-ihn um Erbarmen anzuflehen. Er faßte sie mit starkem Arm, er hob sie
-hoch, an's Herz empor und bedeckte die Schluchzende mit zahllosen
-Küssen. Ich bin der Deine! »rief er« wirst Du dies zweyte heißere
-Gelübde verschmähen?
-
-Liebling -- Bräutigam! Himmlischer Geist! stammelte Julie und ließ die
-Lippen des Trunkenen schalten. Man klopfte, er vernahm es nicht. Auguste
-trat herein ihre Schwägerin abzurufen; sie wand sich sanft aus seinem
-Arm, sprach zu dem Fräulein, dessen Antlitz ein edles Schaamroth
-überflog. »Nimm hier kein Aergerniß, wir sind verlobt!« und hüpfte fort.
-
-Auguste verbeugte sich gegen den Hauptmann, und wollte der Braut folgen,
-Woldemar aber faßte ihre Hand und bestätigte in gebrochenen Worten
-Juliens Versicherung. Ich kenne »erwiederte das Fräulein« die
-Gesinnungen meiner Mutter zu wenig und die Gefahren Ihres Standes zu
-genau um Beyden jetzt schon Glück zu wünschen. Er ließ beleidigt
-Augustens Hand fallen. Aber wie kömmt dieß Band in Ihr Zimmer? »fragte
-sie jetzt, und nahm es vom nahen Tische weg« vergebens hab ich es heut'
-am Morgen gesucht.
-
-Ein Strumpfband vielleicht? Sie verstummte.
-
-Oder etwa gar der Gürtel der Vesta? Auf jeden Fall sind Sie im Stande
-mir das Räthsel zu lösen. Vor meinem Bette fand ich es. Ihr Schutzgeist,
-Fräulein, trug diesen Talismann mitten in der Nacht in mein Zimmer.
-
-Auguste wechselte die Farbe, der Hauptmann sah ihr starr in's Gesicht --
-»Und die misterische Pforte hier -- unstreitig führt sie in das
-Geisterreich; aus ihr tratt der willkommene Gast hervor, durch sie
-kehrt' er zurück. So ist es -- auf mein Ehrenwort!«
-
-Ihre Hände bebten, ihre Wangen verblichen, sie wankte sprachlos aus dem
-Zimmer.
-
-
-
-
- Zwölftes Kapitel.
-
-
-Woldemar sah ihr staunend nach. Sein Kopf brannte, sein Herz glühte,
-Feuer rann in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in den Zwinger
-der das Schloß umgab. Die Erscheinungen dieser Zeit schwebten wie
-Geistertänze vor seiner Seele und der Schutt und die Blutspuren im
-Schnee weckten Erinnerungen an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf. Er
-freute sich der gelungenen That, dachte des Getümmels das ihr voranging,
-des empfangenen Briefes den der Jäger der Baronin in seinem Diensteifer
-verbracht hatte und eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben
-auffinden ließen, unter sein Fenster hin. Lange störte er vergebens
-zwischen Eis und Schnee und dem Abbiß der Patronen, fand endlich ein
-bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen und las --
-
- »Die großmüthige Schwester -- das Häubchen von ihrem Kopfe --
- zur Täuschung ähnlich --«
-
-Eine kalte Hand griff ihm in's Herz. Er sann und sann und suchte jetzt
-angsthafter; ihn aber suchten die Bedienten, denn eine Ordonanz aus dem
-Hauptquartier war gekommen. Der Husar erbat sich einen Empfangschein und
-übergab die Depesche. Woldemar fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah
-sich angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft alsogleich
-aufzubrechen, des fördersamsten im Haupt-Quartier einzutreffen, oder
-falls sein Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person nicht gestatte,
-ohne Zögerung nach dem Lazareth abzugehn.
-
-Schnell ward gepackt, gesattelt, und der General-Marsch geschlagen, denn
-kein Augenblick war zu verlieren wenn das entfernte Ziel, den Worten der
-Depesche gemäß, erreicht werden sollte.
-
-
-
-
- Dreyzehntes Kapitel.
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-
-Julie hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote, die kranke
-Schwiegermutter heimgesucht, das gestrige unkindliche Benehmen mit der
-Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre Hände mit Küssen bedeckt,
-heilige Sprüche und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht und so den Zorn
-der gutmüthigen Baronin in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche
-Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von Wessen ihrem Woldemar eine
-Schutzrede der die Mutter um so weniger zu widersprechen vermochte, da
-sie früher selbst seiner Bescheidenheit, seiner Sittlichkeit, und so
-mancher liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete, das gebührende
-Lob ertheilt hatte. Zu allen dem »fuhr jene fort« hat Ihnen Gott in dem
-edlen Mann einen Engel gesandt, denn wie wäre es uns ergangen, wenn er
-nicht Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche, Sie vielleicht im
-Grabe, ich und Auguste ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken,
-geplündert und verlassen am Scheidewege. Was wir sind, was wir haben,
-erhielt uns seine Hand und die wollten Sie aus der Hand seiner
-Vergelterin reißen? Der Himmel selbst belohnte diese That und öffnete
-ihm eine glänzende Laufbahn.
-
-Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf den Werth des Freyers, auf den
-Schutz, welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß wohl eher begünstigt
-als gescholten haben, wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher als das
-der Verwandtin am Herzen gelegen hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell
-des stillen Grams der aus Augustens verweinten Augen sprach und begriff
-nicht, wie ein so zartfühlender Mann, blind für den Zauber dieser
-Himmelsblume, nach der dornigten prahlenden Rose zu greifen vermochte.
-Da indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des Himmels Sache waren und
-die Frau von Wessen bereits als verlobte Braut um ihren Segen bat, so
-vergab sie mit sanften Worten den übereilten Schritt, behielt sich das
-Weitere bis zu ihrer Genesung vor und drang darauf daß Woldemar
-zuförderst einem Stande, der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe,
-entsagen solle. Frau von Wessen erklärte selbst diese Bedingung für
-zweckvoll und unerläßlich und sah jetzt, still entzückt, in der
-sinkenden Sonne den Herold des Braut-Abends. Da ward es plötzlich
-lebhaft auf dem Hofe, des Hauptmanns Leute liefen durch einander, der
-eine sattelte, der andere sprach von nahem Blutvergießen, der Ruf der
-Trommel scholl aus dem Dorf herauf.
-
-Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte geisterbleich hinüber, in
-Woldemars Arm.
-
-Was soll das? »fragte er mit verbissenem Schmerz« Warst Du nicht eines
-Soldaten Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter Muth.
-
-Doch zu schrecklich war der jähe Sturz vom Sonnenziele in die Nacht des
-Grams, zu tief der Fall für ein so zügelloses Herz das jedes Lächeln des
-Geschicks zum Himmel hob, jeder Umfall in die Höhle des Jammers
-hinabwarf. Wimmernd hing sie an Woldemars Halse, hielt ihn krampfhaft
-umfaßt und ihre Lippen zuckten gichterisch.
-
-Bald sehen wir uns wieder! »tröstete er mit halber Stimme.« _Oft!_ sagt
-mein Herz -- nach wenig Tagen vielleicht, und am Ziele winkt ein Hafen
-in dem uns nichts mehr trennen soll. Aber die Jammernde verwarf jeden
-Trost. Nimm! »rief sie und schnitt mit schonungsloser Hast eine Flechte
-von dem glänzenden Haupthaar.« Nimm und gedenke mein! Und meiner nur!
-Gelobend bedeckte er ihren bebenden Mund mit heißen Küssen und bat sie
-dann, die kranke Mutter auf seinen Abschieds-Besuch vorzubereiten. Julie
-ging nach langen Bitten, doch wenige Schritte nur. Laut schreyend flog
-sie an seinen Hals zurück. Ihre zuckenden Augen brachen, entgürtelt flog
-der Busen, das lose Haar um ihre Scheitel. Sie lag noch bewußtlos im Arm
-ihrer Kammerfrau als Woldemar in der furchtbarsten Stimmung seines
-Lebens über die donnernde Zugbrücke sprengte. Schaudernd blickte er vom
-Thal aus nach dem Schlosse hinauf, dessen Fenster das Spätroth
-vergoldete, gab den räthselhaften Geistern dieser Burg gute Nacht, und
-saugte das Blut aus der Lippe die Julie im Wahnsinn ihres Schmerzes
-verletzt hatte.
-
-
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
-
-
-Als man den Hauptmann nach jenem Gefechte verwundet und betäubt auf sein
-Zimmer zurücktrug, übernahm Frau von Wessen wie bekannt die Rolle der
-Wärterin und ließ deshalb um in seiner Nähe zu bleiben, ihr Bett ohne
-der Mutter Wissen, in jene leere, nachbarliche Kammer versetzen. Erst
-späterhin bemerkte die Baronin diesen ihr höchst mißfälligen Uebelstand,
-wieß Julien auf der Stelle einen Platz in ihrem eigenen Schlafzimmer an,
-gesellte ihr, als diese Weisung unbeachtet blieb, Augusten bey und
-verschloß die bewußte Tapeten-Thür. Frau von Wessen aber schloß sie, um
-sich einen weiten Umweg zu ersparen, am folgenden Morgen wieder auf und
-aus angebohrner Furcht vor Dieben und Kobolden, Nacht für Nacht die
-andere zu, welche über den unheimlichen Saal in die Zimmer der Baronin
-hinüber führte. Auguste hingegen der es nie beykam den lieben Gast auf
-einem Schleifwege heimsuchen zu wollen, glaubte die streitige, von der
-Mutter gesperrte Thüre noch immer fest verschlossen, und ahnte nicht daß
-ihr Verhängniß sie im tiefsten Nachtkleid und in der verdächtigsten
-Stunde hindurch, und an das Bett eines feurigen, hoffnungslos geliebten
-Mannes führen werde. Oft genug ward die vermißte Nachtwandlerin in
-frühern Zeiten bald von dem Simse des Fensters bald aus irgend einem
-entlegenen Verstecke zurückgehohlt. Das Übel nahm mit den Jahren ab und
-immer hatte man sie bey den seltenern Rückfällen von der verschlossen
-gefundenen Thüre ohne weiteres in ihr Bettchen zurückkehren sehn.
-
-Welch Entsetzen mußte daher dieses reine, von dem erklärten Brautstand
-der Schwägerin so eben gebrochene Herz ergreifen, als Woldemars
-spöttisches Lächeln, als sein zum Pfand gesetztes Ehrenwort die leise
-Ahnung einer schrecklichen Möglichkeit zur Überzeugung erhob.
-
-Die kranke Baronin lag indeß während des Aufbruchs der Besatzung, von
-allen den Ihrigen verlassen da. Sie hörte den Lärm, das Wirbeln der
-Trommeln, den Hufschlag der Rosse und schellte vergebens. Die Bedienten
-kannegießerten im Hofe mit den marschfertigen Jägern, die Jungfer lag,
-in Thränen aufgelöst, an des Feldscheers Brust, das Stuben-Mädchen
-wollte den Pfeifer nicht lassen, Juliens Kammerfrau saß erstarrt vor der
-verzweifelnden Braut, und Augustens alte Wärterin lief der schluchzenden
-Enkelin nach, die ihrem Trommelschläger den Wirbel verdarb.
-
-Das Getöse nahm kein Ende, der zersprungene Klingeldrath lag am Boden,
-und die Baronin, welche jetzt nichts sicherer glaubte, als daß der Feind
-zu Folge eines zweyten gelungenern Überfalls das Schlimmste beginne,
-sprang, von der Angst geheilt, plötzlich auf, um ihre Küchlein mit Hand
-und Mund bis auf den letzten Odemzug zu vertheidigen. Aber noch stand im
-Vorsaal alles auf dem gewohnten Platz. Von Zimmer zu Zimmer eilte sie
-nach Juliens Schlafkammer, trat jetzt erblassend vor ein Schreckbild das
-unter wilden Krämpfen ächzte und nahm, nach Hülfe rufend, Augusten wahr,
-die einer Sterbenden gleich vor ihrem Bette kniete und taub für allen
-Jammer dieser Scene schien. Welch ein Abend! Welch eine Masse von
-Seufzern und von Thränen, von denen ach, so wenige ein Gegenstand für
-die wohlthuende, Schmerz und Thränen wiegende Vergelterin seyn konnten.
-
-Zerstört im Innersten klagte Julie ihr Geschick an; in Thränen edler
-Schaam gebadet, verging die holde Nachtwandlerin; sprachlos stand die
-schluchzende Mutter zwischen der Gruppe und die betäubten Bräute des
-Frey-Corps sprangen mit verweinten Augen bunt durch einander ab und zu
-und hohlten in der Zerstreuung Öhl statt des Essigs, Tinte statt des
-Balsams und den Pastor statt des Baders herbey.
-
-
-
-
- Fünfzehntes Kapitel.
-
-
-Woldemar hatte indeß das Ziel seiner Bestimmung erreicht, sich gesund
-gemeldet und eine Masse lästiger Dienst-Geschäfte vorgefunden, die den
-Unkundigen bey dem Mangel an Rathgebern und Freunden, bey der
-feindseligen Stimmung die sein frühes Glück veranlaßte, schnell genug
-mit einem Stand entzweyten an dem ihn doch das eiserne Band der Pflicht
-und des Ehrgefühls festhielt.
-
-Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach langen Stürmen eine Windstille.
-
-Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens Trost das Bewußtseyn geworden
-und der himmlische Frühling goß das Füllhorn der Erneuung über sie aus.
-Eben war die Mutter mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches Gut
-gefahren als sich ein fremder Baron bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel
-lieber hätte die Einsame den unwillkommenen Gast abgewiesen aber es
-fehlt' ihr für den Augenblick an einer glaubwürdigen Entschuldigung und
-so ward er denn angenommen.
-
-Ein junger, blendend schöner Mann trat in das Zimmer. Sein hoher Wuchs,
-sein Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines Benehmens, gewann in
-voraus ein Gemüth dem der zärteste Sinn für die Gabe der Grazien anhing
-und der Gegenstand welcher ihn zu Augusten führte, war bedeutend genug
-ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.
-
-Julius hatte nehmlich nach dem Empfange jener wenigen, nichts sagenden
-Zeilen welche Frau von Wessen damahls in Woldemars Nahmen schrieb,
-vergebens einer Antwort auf seine dringende, Herminens Ehre rettende
-Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an den Adjutanten geschrieben,
-und von diesem einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse empfangen die ihn
-zu der Reise nach dem fernen Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den
-Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund hier stand wie von dem
-Charakter der handelnden Personen unterrichtet, hatte er im Posthause
-bereits seit Tagen den günstigen Augenblick erwartet, der ihm, Augusten
-ohne Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er stellte sich ihr jetzt als
-Woldemars Vertrauten dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten, vor
-ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre Langmuth durch Weitläufigkeit
-erschöpfen zu müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit Woldemars
-heimischen Verhältnissen, und von der seltsamen Katastrophe die ihn aus
-jenen weg, in den Krieg trieb.
-
-Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit das Fräulein ermüdet
-hätte: sie war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte sie von Minute zu
-Minute liebenswerther.
-
-Herminens Vater »fuhr Julius fort« hatte als Handlungs-Diener das Glück,
-der Tochter seines reichen Herrn zu gefallen, und im Gefolge dieser
-Gunst das Unglück, sich zu einem Schritte zu vergessen, der Theresen das
-Leben gab. Des Vaters Blindheit und der Beystand der Mutter machten die
-Verheimlichung möglich, der junge Mann ward nach Holland, das Kind der
-Liebe in ein entferntes Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter mit
-größerm Glück als Recht die Gattin eines bedeutenden Wechslers. Er starb
-im ersten Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der frühere Vertraute
-kam zurück, machte die verjährten Rechte geltend, verloschene Gefühle in
-dem Herzen der Wittwe wieder rege, und ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm
-Herminen und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr nach wenig Monden, vom
-Schlage getroffen nach, und sein redlicher Bruder nahm den verwaisten
-Säugling auf.
-
-Falsche Schaam, die Quelle so manches Unheils, hatte es der
-Verschiedenen ohnmöglich gemacht sich späterhin zu diesem Kinde zu
-bekennen, doch sorgten die Eltern aus der Ferne für sein Wohl. Des
-Vaters schneller Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn es fand
-sich weder ein Testament noch irgend etwas das ihr Daseyn bezeichnet
-hätte, vor. Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen die heran
-Wachsende einer Dame, der sie ihre Bildung dankt, als aber diese zufolge
-einiger verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt in die fremde
-Welt hinaus treten mußte, machten Bildung und Anmuth ihre Lage nur um so
-kritischer.
-
-Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler. Auguste kredenzte ihn; Julius
-bemerkte mit Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände und die ganz
-eigene Annehmlichkeit, welche Augustens Gliederspiel über die kleinste
-ihrer Bewegungen verbreitete.
-
-Hermine »fuhr er fort, und rückte ihr vertraulich näher« Hermine stört
-vor kurzem in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da, von dem guten
-Geist des Zufalls geleitet auf ein geheimes, mit Quittungen und Briefen
-angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden Beweiser der
-mütterlichen Verirrung sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie
-geahnten Schwester aufzufinden. Hermine sieht eine höhere Fügung in dem
-Ohngefähr, fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene mit ihrem
-Ueberfluße zu erfreuen, macht den Oheim zum Vertrauten und wird nicht
-müde ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn. Der Onkel untersucht,
-überzeugt sich, empfiehlt ihr Verschwiegenheit; will erst das _Wie_ und
-_Wo_ erforschen, sich von dem Werth oder Unwerth der Person
-unterrichten, und der Wallung eines schönen Herzens durch weise Vorsicht
-Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle hat sich bereits am Busen einer
-Freundin entladen und diese das Geheimniß unter dem Siegel der
-Verschwiegenheit ihrem Bruder, Herminens hoffnungslosesten Anbeter
-mitgetheilt. Armuth, Habsucht und der Groll verschmähter Liebe bestimmen
-ihn, die Entdeckung zu seinem Vortheil zu benutzen: er durchreist die
-bezeichnete Gegend und findet nach manchem Kreuzzug die Gesuchte
-zwischen Hunger und Kummer mitten inne.
-
-Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein ab. Sie kehrte nach wenigen
-Minuten zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit der angenehmen Sorge
-für sein Nachtlager und bat den Baron der ihr für diese Güte den
-feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung der Geschichte.
-
-Goldne Berge »erzählte Julius« werden jetzt Theresen gegen eine billige
-Vergeltung zugesichert, der Beweis ihrer Abkunft so überzeugend geführt,
-der Umfang ihrer Ansprüche so klar in's Licht gestellt, daß sie nicht
-länger zögern mag, diese Kette schmerzlicher Entbehrungen mit dem
-verhießenen Ueberfluß zu vertauschen. Sie eilt, von den trefflichsten
-Zeugnissen ihres Wohlverhaltens unterstützt nach der Vaterstadt,
-erschreckt den Oheim durch die sprechende Aehnlichkeit mit Herminen, die
-von der plötzlichen Erscheinung überrascht, von diesen Zeugnissen
-gewonnen, von dem Anblick ihres Ebenbildes erschüttert an des Mädchens
-Hals fliegt, und die gefundene Schwester feurig willkommen heißt.
-Therese vernimmt mit Erstaunen, was bereits von hieraus für sie geschah,
-sieht sich statt der Verläugnung auf die sie gefaßt war, mit den
-zärtlichsten rein vom Herzen kommenden Liebkosungen überhäuft, und
-beschließt, in Schaam und Rührung aufgelöst, Gleiches mit Gleichem, die
-Großmuth durch Mäßigung zu vergelten. Ein seltsamer Wettstreit entspinnt
-sich nun. Hermine dringt auf eine Theilung der Erbschaft, Therese will
-sich dagegen nur vor dem Hunger geschützt, nur als eine Hülfsbedürftige
-geduldet sehen, am wenigsten im Kreise der Familie unter ihrer wahren
-Gestalt auftreten. Jene trägt ihre besten Kleider zur Auswahl für
-Theresen herbey, diese wählte sich einen häuslichen, schon getragenen
-Anzug. -- Und so blieb denn das Mädchen meine Haus-Genossin, so
-verkannte Woldemar, der in diesem Momente weder die unzartere Haut noch
-das dunklere Haar in Betracht zog, seine schuldlose Braut --
-
-Die ihn »fiel Auguste ein« mit dem Daseyn einer solchen Schwester, schon
-um dieser gefährlichen Aehnlichkeit willen hätte bekannt machen sollen
---
-
-Ohnfehlbar »entgegnete Julius und das Fräulein erröthete« schloß ihr nur
-die zarte Verschämtheit, oder die Achtung für den Ruf und die Asche
-ihrer Mutter den Mund. Ich bin am Ziele »setzte er mit einer leichten
-Verbeugung hinzu« und Tag und Nacht gereist das unseligste aller
-Mißverständnisse auszugleichen, oder, wenn mir das nicht gelingen
-sollte, der Gekränkten eine Genugthuung zu verschaffen, die das Gesetz
-der Ehre vorschreibt.
-
-Auguste seufzte tief und sprach »Am Ende war vielleicht die übereilte
-Entfernung Ihres Freundes eine unerkannte Wohlthat des Himmels der das
-edelste Mädchen auf diesem Wege von dem bestandlosen Manne befreyt hat.«
-
-Meynen Sie? fragte er, und sah ihr tief in das blaue Augen-Paar.
-
-Denn Ihrem Woldemar »fuhr sie fort« weint bereits eine neuere Braut
-nach.
-
-Man sagte mir das: ich glaubte es nicht. Jetzt -- O jetzt muß ich's
-fürchten!
-
-Sie sind sein Freund. An Ihnen ist es, ihm den vorgefaßten Argwohn zu
-benehmen, ihn an ein Herz, das er zerrieß zurück zu führen.
-
-O, nun es so weit ist, sind wir geschieden -- der Rächer tritt nun an
-des Warners Platz.
-
-Nein, edler Mann »sprach sie mit flehendem Silberton« der Warner muß zum
-Engel und nicht müde werden bis ihm die gute That gelingt.
-
-Julius küßte von dem Zauber dieser Töne, und von dem Geiste dieses Raths
-ergriffen, Augustens Hand, als die zurück gekommene Julie
-hereinrauschte, betroffen stehen blieb und die Gruppe mit blitzenden
-Augen maß. Das Fräulein stellte ihr in dem Gaste Woldemars Freund vor.
-Sie erwiederte seinen Gruß mit dem anmuthigsten Lächeln, zitterte
-bereits im Herzen vor den Zwecken dieses augenscheinlichen Störenfrieds
-und griff zu den magischen Waffen ihres Zaubers. Aber Julius sah durch
-den täuschenden Schleyer der Grazie in ein harmvolles Herz, in diesen
-unstäten Blicken, in dieser leisen, jeden Scherz verkümmernden Angst den
-regen Argwohn ihrer Schuld -- und als er sie jetzt über dem Fräulein
-vergessen zu wollen schien, da ward die Charis plötzlich zur _Ate_, der
-Groll der Mißgunst trat auf ihre Stirn, Auguste aber zog sich mit
-sanften Erröthen hinter den Heiligen-Schein der Sittlichkeit zurück.
-Frau von Wessen faßte sich schnell; überschüttete die verstummte
-Schwätzerin mit Schmeicheleyen, lenkte nun, von dem Spiele seines Humors
-erheitert, das Gespräch auf den Hauptmann, dessen bis jetzt nur
-beyläufig gedacht worden war und erschöpfte sich in seinem Lobe. Julius
-begleitete es mit den Gebehrden des Beyfalls, erbat sich, als Auguste
-verschwunden war die Erlaubniß eine so theilnehmende Gönnerin seines
-Vertrauten von dem seltsamen Mißgeschick ihres gemeinsamen Freundes
-unterhalten zu dürfen und wiederhohlte Wort für Wort die Geschichte.
-Julie sah ihm erst in's Auge, dann zum Himmel, von diesem zu Boden. Sie
-spielte bald mit dem Ridikül, bald mit den Gliedern ihrer Kette,
-erröthete, verblaßte, und stand eben im Begriff den Erzähler für ihre
-Ansprüche zu gewinnen, als die Baronin mit einem Brief in's Zimmer trat.
-Sie übersah den Fremden in ihrer Bestürzung. Lies! »sprach sie kaum
-vernehmbar« die Armee ist geworfen -- der Feind im Anzug. Julie
-verschlang mit feurigen Augen den Inhalt der Nachricht. Er wird vermißt!
-»rief sie die Hände ringend« Woldemar ist gefangen oder gefallen!
-
-Der Himmel selbst »erwiederte Julius« scheint dies Herz an die
-Entbehrung seines Lieblings gewöhnen zu wollen.
-
-Sie wissen also »entgegnete Frau von Wessen« daß Woldemar der Meine ist?
-Aber wissen Sie wohl auch, daß weder ein Mährchen, noch sein Erfinder,
-weder die Schlauheit einer Neben-Buhlerin, noch die Beredtsamkeit ihres
-Wortführers, mir ihn entreißen wird?
-
-Ich weiß nur »fiel er ein« daß der Feind gegen den er dies Schloß
-vertheidigte, bey weitem nicht sein schlimmster war und daß sein Weg zu
-Ihnen nur über mich geht. Aber wir streiten vielleicht über die
-Pflichten eines Todten, und thäten doch, falls diese Nachrichten
-gegründet sind viel besser, zu packen und zu fliehen.
-
-Julie kehrte ihm tief empört den Rücken und folgte der Baronin, welche
-taub für den Wortwechsel mit dem Himmel verkehrt hatte.
-
-Julius traf im Fortgehn auf das Fräulein. Werden wir uns widersehn?
-»sprach er« und wie, und wenn? Längstens dort! »entgegnete sie« und so
-Gott will, an einem schönern Tage.
-
-Er drückte gerührt ihre Hand an die Lippen. Sie müssen fliehen »sprach
-er« wer begleitet, wer beschützt Sie denn?
-
-Himmel und Erde »entgegnete sie« der Mutter Gebet und unser Jäger.
-
-Die Baronin kam in diesem Augenblick herzu. Sie hatte von Julien
-vernommen wer er sey, sah in dem unerwarteten Gaste einen ihr in der
-Stunde der Noth gesandten, erbeteten Beystand und bot ihm nach den
-ersten Begrüssungen den Platz in ihrem Wagen an. Augustens Augen
-unterstützten mit sanften, beredtsamen Blicken das Erbieten, der
-Freyherr sagte zu.
-
-
-
-
- Sechzehntes Kapitel.
-
-
-Nur zu lange ließen wir indeß Herminen aus den Augen, deren Lage nach
-Woldemars übereilter Flucht unter die trostlosesten hinabfiel. Julius
-war nach jener Begebenheit, durch Theresens Vermittlung ihr bekannt, war
-ihr Freund, ihr Rathgeber geworden, und des Mädchens letzte Hoffnung
-beruhte auf dem Erfolge seiner Reise.
-
-Muth- und ruheloser als je, lag sie eines Abends an dem Herzen ihrer
-heimlichen vertrauten Schwester, als diese tröstend zu ihr sprach --
-Schon manche Braut, meine Geliebte, ward getäuscht, schon manches feste
-Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder die Bestandlosigkeit der
-Männer zerrissen und nicht selten segneten späterhin die Getäuschten ihr
-Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen sollte!
-
-Hermine sah, den Trost verschmähend in ihren Busen nieder. Ach!
-Schwester »klagte sie« Du kennst den Umfang meines Unglücks nicht.
-
-Gestehe nur »entgegnete Therese« daß Julius der liebenswürdigste aller
-Männer ist. Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an seiner Hand den
-lieblosen Hitzkopf bald vergessen, daß ich dem Himmel danken würde, der
-mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen Ziele führt. Das ist Dein
-Fall. Es kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am Abend vor seiner
-Abreise, den Günstling eines Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt
-und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die Pflicht der Ehre und der
-Freundschaft zu erschöpfen; und sollte es auch mein Leben gelten, ich
-erschöpfe sie! Ein reitzendes -- Du mußt alles wissen, Hermine -- Ein
-gefährliches, verbuhltes Weib sagte er, hat wie der Adjutant mir
-schreibt, den Thörichten umstrickt, und find' ich ihn verlohren, so
-tritt der Mittler kühn an seinen Platz, und Sie, Therese, ebenen mir den
-Weg. Ich versprach ihm das, Liebe!
-
-Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten, das übereilte Geständniß der
-Schwester hatte ihr Innerstes zerrissen. »Wehe mir!« rief sie, als der
-wilde Schmerz endlich Worte fand. »Wehe mir, denn unserer Mutter
-Schicksal ist das meine.« Therese sah verbleichend an ihr herab.
-
-Rechte nicht mit der Unglücklichen »fuhr sie fort« welche Sterbliche
-wär' in jener Versuchung bestanden? Es gab eine Nacht, Therese, in der
-dies Herz von Sehnsucht aufgelöst, dem Liebling alle seine Blüthen
-zudachte -- in der ich die Arme verlangend nach dem Bräutigam
-ausstreckte, in der die schöne Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O,
-fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun nach einem endlosen,
-verschmachteten Tage, in die einsame Kammer -- Deine Lippe lispelt
-seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt ihn an's Ziel in Deinen Arm;
-da rauscht es hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint, kommt näher
-zieht Dich an die Brust und wird -- und wird zu Deinem Manne!
-
-Der Oheim unterbrach die Schwestern. Ein Geschäft führte ihn her, doch
-das Wort erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer Sterbenden
-ähnlich, der Ohnmacht nahe fand. So sage doch endlich was Dein Herz
-bekümmert! »sprach der Erschrockene« Kann ich helfen?
-
-Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand.
-
-Willst Du heyrathen? Ich sage _Ja_! Ledig bleiben? Desto besser! Ein
-ehrlicher Mann kann in Voraus alles gewähren, was ein braves Mädchen
-verlangen mag. Nach Pyrmont soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch,
-so reisen wir zusammen.
-
-Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit in die Ferne! vielleicht, daß
-dort ein Heilbad für mich quillt.
-
-Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte Herminen einen Brief. Er war
-von Julius. Zitternd erbrach sie ihn.
-
-
-
-
- Siebzehntes Kapitel.
-
-
-Noch verbarg die Frau von Wessen, von Aerger, Gramm und Angst bedrängt,
-ihre besten Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher Husaren in den Hof
-sprengte, zum Willkommen mit Pistolen in die Fenster schoß und den
-angespannten Wagen umringte.
-
-Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, in diesem, Julius stand
-mit ihrem Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, eine Kugel schlug
-zwischen beyden hindurch. Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen auf
-den Arm und stürzte mit ihr durch die Gartenthür den Hügel hinab. Sie
-wieß zum nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der tief in den Forst zu
-der Wohnung eines Wildhüters führte. Bergab, bergauf schlang sich der
-unwegsame Pfad und bald verschwanden Kraft und Odem. Die schöne Bürde
-glitt am Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft an ihre
-Seite. Das Bedenken, mit einem solchen Manne und von ihm verpflichtet in
-dieser Wildniß allein zu seyn, ging in dem Gram über das Schicksal der
-Mutter, über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, über das
-unselige Verhängniß ihrer Zukunft unter. Schrecklich brauste jetzt der
-Donner des Geschützes durch den Hayn. Auguste raffte sich verstummend
-auf und eilte fort. Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer
-dunkler ward der Wald; die Sonne sank, man kam zur Wildhütte. Der alte
-Jäger erstaunte, die Tochter seiner Herrschaft hier zu sehen, erquickte
-die Hinsinkende mit Brot und Milch und versprach, bewegt von des
-Fräuleins befehlender Bitte und dem Golde das ihm Julius verhieß, sich
-nach dem Einbruche der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, und wo
-möglich die dort Verlassenen ihnen nachzuführen. Er füllte die Lampe mit
-Oehl, schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und ging davon. Auguste
-sah umher, sah dem lauschenden Gefährten in's Auge, untersuchte das
-Thürschloß, schlich weinend auf und ab und warf sich jetzt auf ihre
-Kniee nieder. Sie sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte
-Mädchen und unwillkührlich falteten sich die Hände des Hörers. Ihr
-Angesicht verklärte sich; ein leises Amen flog, wie Geister Säuseln, von
-den Lippen der Beterin.
-
-Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem Muth erhob, bis zu
-Thränen gerührt, ihre Hand.
-
-Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher Theilnahme und trocknete
-die Perlen des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen.
-
-Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich glaubte den himmlischen Gespielen
-wieder zu sehn, der einst die seligen Träume des Knaben verschönte --
-Den Engel der in des Kindes Glauben lebte, und mit des Jünglings
-Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor mir aufgethan, in der ich,
-unrein wie der Zöllner stand.
-
-Den fürcht' ich nicht! erwiederte Auguste und setzte sich vertrauend an
-seine Seite. Julius pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen und ihre
-Besorgnisse durch ein ernstes Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des
-Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden Einfluß auf die Bildung des
-Herzens; gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen Vorbildes,
-der Fluth der Sinnlichkeit die seine Gelübde und die reiche Saat der
-elterlichen Mühe verschlang. Plötzlich »fuhr er fort, denn sie hörte ihm
-mit Andacht zu« faßte mich eine Hand. Es war die Hand des Todes-Engels,
-der mich am Sarge meines Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte umgaben
-ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde
-selbst ehrten sein geheiligtes Andenken.
-
-Und was würden sie denn am Sarkophag des Sohnes sagen? »fragt ich mich
-auf dem Wege zu der väterlichen Gruft!« Wo sind die Opfer die du dem
-Glauben an die ewige Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die Saaten für
-jene Welt gesät? Die Siege über das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige
-die Wunden auf, die du heiltest, die Keime der Fruchtbäume die du
-gepflanzt hast! Beschämt, vernichtet, stand ich vor dem innern Richter,
-wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte für den Augenblick
-an der Rettung aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden Finger hing
-sich eine Schooßsünde die mich nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte
-die Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute meinen Willen; in jedem
-Winkel spottete ein Satyr den grämlichen Pedanten aus.
-
-»Still« sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. Eben klopfte man an den
-Fensterladen. Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, und verbarg
-das Licht.
-
-»Aufgemacht!« rief es. Zwar mischte sich ein bittender Ton in die
-Stimme, aber Satan bat ja schon öfters mit Engels-Zungen um Einlaß. »Ich
-bin es, guter Jakob!« versicherte Frau von Wessen.
-
-Julius antwortete an des Wildhüters Statt. Aber die Thür war von innen
-nicht zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel mitgenommen.
-
-Sie werden doch eine Hand für mich frey haben »entgegnete Julie« um mir
-durch den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. Er folgte schnell
-dem Winke und zog die Füllreiche nicht ohne Anstrengung, nach manchem
-fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens hatte Auguste während dem
-zu wiederhohlten Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt.
-
-Das »sprach die Schwägerin, als sie jetzt wieder auf ihren Füßen stand«
-das kann kein Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen seyn, das
-allen dem was ihr am theuersten seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit
-ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen Sie mein Herr, wenn etwa die
-verwünschte Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit unterbrach.
-
-Ihre Verzeihung »fiel Julius ein« ist um so überflüßiger, da wir vor
-Gottes Augen wandelten.
-
-Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. Vor Gottes Augen! »wiederhohlte
-er« wir dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen.
-
-Was kümmert's mich! »entgegnete sie« Laß uns Friede machen und
-Entschlüsse fassen, denn diese Nacht dauert nicht ewig und meine Kräfte
-sind erschöpft. Rund um erleuchten feindliche Wachtfeuer den Himmel, nur
-gegen Osten hin scheint mir der Weg noch frey zu seyn.
-
-Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. Sage mir »flehte sie« wie
-und wo Du die Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung bedrängt
-mein Herz.
-
-Quälle mich nicht »entgegnete Julie« Und wenn Dich nun vorhin jemand
-beschworen hätte, ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin blieb, was
-hättest Du denn zu erwiedern vermocht?
-
-Konnt' ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste -- Dem nahen, sichern Tod
-entflohen wir und tief im Wald erst kam mir die Besinnung wieder.
-
-Das ist auch _mein_ Fall. Mich aber nahm kein beschützender Mann an sein
-Herz. Mir selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, und nur die
-Schrecken der Nacht, nur die grause Furcht vor Ungeheuern, nur der
-Gedanke an Woldemars Schicksal begleitete mich. Ueber mir rauschten die
-Wipfel wie der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht sah bald ein
-weißer Geist, bald eine blutige Gestalt hervor und während dem Du hier
-in schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, sah ich nur Bilder
-des Entsetzens.
-
-Auguste drückte die Hand der Schwägerin an ihre Lippen. Arme Schwester
-»sagte sie« Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet.
-
-Dann hat mir freylich nichts begegnen können »entgegnete diese und
-lächelte wegwerfend.«
-
-Wie? »fragte Julius« Sie könnten die Vorsprache eines so himmlischen
-Gemüths verschmähen? Die geheime, durch tausend Erfahrungen bewährte
-Kraft eines feurigen Gebets bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur Ehre
-des guten Geistes bekennen, daß ihn mein Herz in bangen, schrecklichen
-Stunden, in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken die ich für
-meine letzten hielt, nie vergebens um Licht und Rettung anrief.
-
-Ich für mein Theil »erwiederte Julie« gestehe dagegen, daß mir bis jetzt
-der gute Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer als ein
-feuriges Gebet aus der Noth half, aber selbst das eiserne Fatum hat
-seine Günstlinge und ich zählte Sie schon beym ersten Anblick unter
-diese. So macht mich denn zur Genossin des Lichts und des Raths den
-diese Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir scheint es ganz ohne Zuthun
-einer Schicksals-Macht höchst gerathen noch vor Tages Anbruch der
-nächsten Station zuzueilen, und falls sich da um keinen Preis Pferde
-vorfänden, auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee fortzuziehen. Hat
-ihre Niederlage sie nicht um allen Rittersinn gebracht so wird er sich
-gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die aus verweinten Augen sehen.
-
-Julius und Auguste entgegneten einstimmig daß man für's erste die
-Rückkehr des alten Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner Kenntniß
-aller Schliche gewiß gelingen werde, die Baronin aus dem Schloß und in
-ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber an der Thätigkeit einer höhern,
-leitenden und erhebenden Hand »setzte Auguste hinzu« sind bereits durch
-die Fassung mit der Du ganz wider Erwarten die Sage von Woldemars
-Unglück hinnahmst und durch das Wunder, welches Dich durch die Nacht und
-die Feinde und den unwegsamen Wald in unsere Mitte brachte, widerlegt.
-
-Schnell erglühend sagte Julie »Ich fand noch eben Kraft genug in mir,
-den Triumph der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth und Entsagung zu
-verkümmern, und unter diesen Umständen in der Nachricht von des
-Hauptmanns Schicksals den besten Trost.«
-
-Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, unversöhnbaren
-Widersacherin die Spitze zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen
-trat und Augusten ein Billet von der Baronin überreichte.
-
- Geliebte Tochter »las das Fräulein mit zitternder, von Furcht
- und Hoffnungen bewegter Stimme« ich melde Dir daß sich Deine
- Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet,
- doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn
- gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem
- Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende
- macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht
- beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da
- er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen
- sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen
- bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc.
-
-Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, und Julius bot ihr den Arm.
-Lassen Sie uns eilen »sprach er« denn leicht könnt vor Abends noch ein
-Unhold an die Stelle des menschlichen Schutzgottes treten.
-
-
-
-
- Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Der Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge in den Hof traten, wie
-gestern, angespannt vor der Thür, und die Baronin reisefertig an
-demselben. Vor allem »sprach Julie zu dieser« lassen Sie uns Erschöpfte
-erst ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, im größten Wirwarr
-verlassenen Sachen sehen und nebenher auch dem Obersten für seine
-großmüthige Schonung danken. Damit flog sie singend die Treppe hinauf
-und an dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. Begierig das kecke
-Vöglein zu sehn, welches hier unter der Schärfe des Schwerts noch Sinn
-für solche Läufer habe, steckte der junge Held den Kopf aus der Thüre
-und fand sich auf's Angenehmste überrascht. Frau von Wessen schien
-erschrocken, trat ihm mit reitzender Demuth entgegen, dankte dem Gütigen
-in den gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, sich als die
-Wittwe eines gefallenen Soldaten schonender Rücksichten gewürdigt zu
-sehn und war nach einem viertelstündigen Aufwand ihrer magischen Künste
-der willkommensten aller Eroberungen gewiß.
-
-So eben »sprach sie zu der ängstlich treibenden Mutter« hat mir der
-Oberste noch den großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich alles was wir
-bereits verlohren gaben, packen lassen und Ihnen dann folgen werde.
-Seine Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz und mein Schirm seyn.
-Im Zollhaus erwarten Sie mich.
-
-Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie nicht von der Stelle weichen zu
-wollen. Da nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer Ausbesserung
-bedurfte, so verzögerte sich die Abreise von Stunde zu Stunde, und ward
-endlich, als sich die Mutter im Gefolge der ausgestandenen Schrecknisse
-plötzlich von ihren Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden Tage
-verschoben. Alle außer ihr fanden dabey für den Augenblick ihren
-Vortheil. Der Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber als das
-_Schöne_ und Frau von Wessen gefiel sich vor allem in der Rolle der
-Delila. Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, seinem
-Sinne zusagende Männer und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen
-Auguste die Einsamkeit in die sie sich, trotz der anziehenden Gäste, zu
-seiner höchsten Befriedigung vergrub, erträglich zu machen.
-
-Bald darauf lief auch die Bestätigung von Woldemars Gefangenschaft ein.
-Er hatte, laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, den Erwartungen
-die sein erstes Probestück erregte und der Rolle zu der ihn seine
-Beförderung erhob, so wenig entsprochen, sich auf einem Außen-Posten so
-zweckwidrig benommen, sich späterhin so unvorbereitet überfallen lassen,
-daß seine Stelle wie billig bereits vergeben und besetzt worden war.
-
-Plötzlich entstand eines Morgens großer Lärm in dem Hofe und dem Hause.
-Es gab ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine Ordre welche den
-Genius der Wessenburg zu der Armee des Innern abrief, brachte Freunde
-und Feinde in Bewegung.
-
-Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue zur Flucht, Julius empfahl
-dem Obersten auf gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und benutzte
-dessen Erbieten, ihn mit Wechseln und Nachrichten zu versehn. Sein Brief
-sprach um so nachdrücklicher für die Verlassene, da ihm Theresens letzte
-Zuschrift für immer alle Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen
-hatte.
-
-Alles war zum Aufbruch bereit als Julie in der Mutter Zimmer trat, ihr
-mit feierlichem Ernst die Hand küßte und sich als die Braut des Obersten
-auf immer beurlaubte. Zwar »sprach sie« ist der Schritt gewagt; aber in
-der Liebe ist ja, nach des Meisters Ausspruch alles nur ein Wagstück --
-Zwar bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an fernen Wasserflüssen
-und weiß noch immer nicht was er will -- Zwar ist mein Bräutigam der
-feurigste Republikaner, doch wer die Freyheit ehrt, wird auch die Rechte
-des Weibes achten. Zwar ist er Katholik, doch sind ja seine Götter auch
-die Meinen und Amor unser Schutzpatron.
-
-Die Mutter stand verstummt und sah mit gefalteten Händen gen Himmel.
-Ihnen, Herr Baron »fuhr Julie, sich zu diesem wendend, fort« Ihnen,
-dessen langweiliger Intrike mein rascher Entschluß über den Graben
-hilft, wünsch' ich an Augustens Hand das beste Glück und eine Wildhütte
-um es auszulassen. Warum erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres
-als daß er der Deine wird -- Ich seh, Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit
-Gleichem! Oft genug habt ihr mich auf Nesseln gestellt. Gott segne Sie,
-_ma mere_, und Ihre Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, Fräulein!
-Damit verschwand sie.
-
-Die Baronin eilte ihr nach. Auguste weinte, tief verletzt, hinter ihrem
-Tuche, Julius neigte sich liebkosend zu ihr herab und sagte -- Möchte
-der Segen dieser unholden Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille
-befördert seltsam genug den schönsten Zweck und ich darf nun keck und
-ohne Zögerung eines Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten des
-Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen und Gelübden die mein
-Geschlecht so oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. Sprach Frau von
-Wessen aus Augustens Seele so wär' es wohl gerathen, die edle
-Schaamröthe an meinem Herzen zu verbergen?
-
-Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren Leib -- »Auguste!« sprach er
-leise und zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. Die blauen,
-thränenschweren Augen bethaueten seine Hand mit warmen Tropfen. Ich fühl
-es lebhaft »fuhr er fort« daß die Wildhütte zu meinem Glücke hinreichen,
-daß sich, an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen in sanfte
-Sehnsucht nach den Hütten des Friedens auflösen würden, und was das Ihre
-fühlt, verräth dies Auge.
-
-Auguste lehnte sich, still entzückt an seine Schulter und lispelte mit
-bebender Stimme -- »_Innige Liebe!_«
-
-Er küßte den Mund der diese Worte sprach, unter freudigen Schauern, und
-eilte Arm in Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter entgegen.
-
-
-
-
- Neunzehntes Kapitel.
-
-
-Woldemar war indeß von einer gefährlichen Krankheit genesen und sah noch
-immer, von jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, entblößt von
-Geld und allen Gütern, die das Leben versüßen, der Auswechslung
-entgegen. Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, bald im Glanze der
-Unschuld, bald als eine weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten
-die Entzückungen der Weih-Nacht den Schläfer, oder die glühende heiß
-umfangende Julie ward vor den Augen des Erwachenden zur Stroh-Garbe des
-Lagers auf dem ihn die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer öder und
-leerer ward sein Inneres. Tage lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in
-den Strom der an dem Kloster das die Gefangenen barg, vorüberrauschte,
-und sein Gemüth erlag unter der Bürde der Schwermuth. Sterben! Schlafen!
-»rief er mit Hamlet aus« das ist eine Vollendung der brünstigsten
-Wünsche werth.
-
-Vielleicht auch träumen! »sprach Gregor, sein Schlaf-Geselle« nur bette
-Dich gut! Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen sagen, ein Traum ist,
-so wird es Pflicht sich immer die angenehmsten zu bereiten. Der Verdruß
-über diese närrische Welt, die Schaam über dieß thörichte Herz, der Gram
-über Mangel und Unfälle, haben früher den besten Theil meines Daseyns
-verkümmert und selbst die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden
-Lasten gemacht. Endlich erschien mir, spät genug, ein heilsamer Tröster.
-Er schlug das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir zu, und führte mich
-in sein Freudenreich. Bist Du elend? Hat Dich die Freundschaft
-verrathen? Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer in Händel verwickelt?
-Dein Sinn für Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich empört? Nun, so
-flieh aus der Jammer-Höhle und folge mir nach.
-
-Ich weiß ja wohl »versetzte Woldemar« daß Deine Kopfwunde bedeutendere
-Folgen als die meine hatte.
-
-Fürchte das nicht! »entgegnete Gregor« Tiefer als diese -- ach, ganz
-unheilbar sind die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin
-verbindet sie. Welcher Unsterblichen »frag ich mit dem Dichter« soll der
-höchste Preis seyn? -- Der Phantasie! In ihrem Reiche lag das Paradies;
-in ihm liegt Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume meiner Jugend gereift;
-dort lebt das Weib, dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der Göttin!
-Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, ihr Kuß berauscht ohne zu
-entzaubern; ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen Hayn
-und Kühlung um des Wallers Schläfe.
-
-So sage denn endlich was Du mit diesem Pathos gesagt haben willst?
-Könnte die Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in Honig, den Kerker
-zum Faul-Bett, die Geißel des Schicksals zur sammtenen Hand der Charis
-umschaffen, so wollt ich heute noch jeder bessern Geisteskraft
-absterben.
-
-Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths spricht »versetzte Gregor« wird
-der Mißdeutung nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart anticipirt mein
-Herz das Heil der Zukunft und lebt schon jetzt im Geist auf bessern
-Sternen.
-
-Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, an dem vergitterten Fenster
-vorüber.
-
-O Himmel! »rief Woldemar« Meine Braut! --
-
-»Mein Weib!« rief Gregor und rieb sich, wie aus einem Traum erwachend,
-Stirn und Augen »Ja -- Ja! ich wache, sehe, lebe noch und das war
-Julie.«
-
-Julie von Wessen! »fiel der Hauptmann ein« die Wittwe eines Officiers.
-
-Wittwe? sagte dieser -- O, wollte Gott!
-
-Woldemar blickte ihm starr in's Gesicht. Jenes Geschwätz, und diese
-Aeußerungen schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, und dennoch
-sah ein ruhiger, besonnener Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief
-Gregor mit einem seltsamen Lächeln.
-
-Die auf jeden Fall einer von uns verkannt hat.
-
-Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie trägt den meinen.
-
-Armer Gregor!
-
-Sag: Aermster Wessen -- So nenn' ich mich.
-
-Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. Dein Erstaunen »fuhr jener
-fort« beweist daß Du sie kennst und daß sie mich zu den Todten warf.
-Auch lag ich bereits unter diesen. Eine mitleidige Bäuerin, welche die
-Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, fand noch Spuren des Lebens
-in dem Verscheidenden und entriß mich dem sanften Erlöser. Ich ward in
-ihre Hütte getragen, verbunden, gepflegt und kam nur allmählich aus dem
-finstern Gebiete des Nichtseyns zurück. Man hatte mich Unbekannten, zur
-Ehre des Schutzheiligen meiner Weckerin, Gregor genannt. Ich ward unter
-diesem Nahmen in das Haupt-Spital, und späterhin mit mehrern genesenden
-Gefangenen in das Innere abgeführt. Mein Zustand verschlimmerte sich von
-neuem. Was ich auch, nach der endlichen Herstellung zu meinem Besten
-that und sagte, ward als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, da
-man mich nackend, ohne Kennzeichen meines Ranges unter den Leichnamen
-hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem Kittel bedeckt fand.
-
-Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. Noch leidet freylich mein Kopf
-»fuhr er mit fallender Stimme fort, und bedeckte mit der Hand die tiefe
-Narbe« doch mein Gemüth leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter
-verlassen. Sie wird bitterlich um mich weinen. Eine traute Schwester --
-Tief und herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern. Ein treulos Weib!
--- Es wird den Schmerz erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen
-sprang er auf. »Sagtest Du nicht daß sie hier sey?«
-
-Mit nichten! »erwiederte Woldemar und drückte ihn auf sein Lager zurück«
-Doch Deine fromme Mutter lernt ich kennen und diese Schwester ward mir
-werth. Ermanne Dich nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese Thränen
-überschwenglich vergelten und alles schnell zum Besten kehrn. Aber
-Gregor vernahm des Trösters Stimme nicht. Er starrte bewußtlos vor sich
-hin, und vergrub sich tief in sein Stroh.
-
-Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten Empfindungen bewegt, vor
-dem Unglücks-Gefährten, als der Aufwärter in die Zelle trat und ihm ein
-geöffnetes Paquet übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein eben
-durchreisender Officier für ihn mitgebracht habe. Er erkannte auf den
-ersten Hinblick die Hand des Julius und ein freundlicher Sonnenstrahl
-fiel durch die Nacht der Schwermuth in sein Herz.
-
-
-
-
- Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Der plötzliche Tod des Oheims, welcher kurz nach seiner Ankunft in
-Pyrmont erkrankte, hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht, und
-sie der traurigen Gewißheit überhoben, sein Vertrauen durch das
-unabwendbare Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn. Ein freundliches,
-in der Nähe jenes Heilquells gelegenes Landgut ward zum Verstecke
-gewählt, und der Geistliche desselben, der sich am Sterbebette des
-Oheims die Achtung der Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger
-gemacht; denn für immer hatte Hermine auf die Rückkehr in ihre Heimath
-Verzicht gethan.
-
-Die Blätter verbleichen »sprach sie eines Abends zu Theresen, als die
-Schwestern Arm in Arm durch den Garten des freundlichen Besitzthums
-schlichen« verblich ich doch mit diesen! Kein Meer reicht hin den
-Flecken auszuwaschen, der Tod allein kann ihn vertilgen. Bescholten und
-verbannt werd ich vergehen -- schnell wie mein Kranz verblühn, und
-unbekränzt in's Grab getragen werden.
-
-Auch die Reue hat ihre Grenzen »erwiederte Therese« und der Gram sein
-Ziel. Die Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der Schuldige, Du
-nur das Opfer. Schon öfter hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die
-Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild hoher Tugend worden. Und wenn
-mich meine Augen nicht trügen »fuhr sie fort und zeigte nach der
-Gitterthür« so erscheint uns eben dort ein hülfreicher Freund.
-
-Es war Julius der an Augustens Arm in den Garten tratt. Erblassend floh
-Hermine durch den Laubengang; wo hätte sie den Muth hergenommen sich in
-dieser Gestalt vor ihm sehen zu lassen.
-
-Ich komme weit her »sprach er zu Theresen« um Ihnen meine Frau
-vorzustellen, vergebens wies man uns an der Pforte des Paradieses ab.
-»Ich bin Gott Vater!« versicherte ich und glaub es nun selbst, denn Eva
-hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn nicht scheuen darf! Deren
-frommen Augen die wunderseltsame Kraft ward, den kecken Versucher in
-einen ehrbaren Vormund zu verwandeln.
-
-Denken Sie mir nicht an jenen Tag »fiel die junge Wahl seufzend ein« wir
-leiden noch an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß' ich willkommen und
-freue mich des Engels den er dem Glück und seinem guten Rechte dankt.
-
-Komm an mein Herz, edles Mädchen! sprach Auguste, und umarmte Theresen.
-Sie sehn »versetzte Julius« daß wir alles erschöpfen die Pförtnerin
-dieses Klosters zu gewinnen und ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts
-unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen Jungfrau zu
-beschwören, deren Zustand sie in meinen Augen um so reitzender macht.
-
-Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete ihre Schwester, und ein
-Mann, dessen Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten
-Geschlechte versöhnte, wird eine so seltene Tugend der leidigen
-Neugierde nicht zum Opfer bringen wollen.
-
-Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach er ernstwerdend.
-
-Den liefert das Pfarrhaus.
-
-Und bald auch -- den Herrn Pathen.
-
-Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin, die ihn mit einem
-Fächerschlag zur Ruhe wies. Wenn ich hier nützlich seyn könnte »sprach
-sie zu jener« so nehmen Sie mich auf, denn mein Mann hat eine
-Geschäfts-Reise vor und ich war so lange schon mit dem Fröhlichen froh,
-daß ich recht gern wieder ein Weilchen mit dem Weinenden weinen möchte.
-Dieser Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja vielleicht auch, früh
-oder spät, theilnehmender Seelen.
-
-Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte Therese, und diese
-großmüthige Herabneigung wird ein verstörtes, in edle Schaam versunkenes
-Gemüth viel schneller als mein längst verbrauchter Trost erheben.
-
-Mir ist »sprach Julius« bey allem dem ganz wunderbar ums Herz, und mein
-Innerstes mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber dieser Pein erfüllt,
-der um jeden Preis alles gut machen soll!
-
-Meines Mannes Reise »versicherte Auguste« hat diesen Zweck.
-
-Therese weinte jetzt und sagte »Dieser Urheber bin ich!«
-
-Oder der Himmel »entgegnete Julius« der Sie zum Ebenbild der Schwester
-schuf, oder die Hölle vielmehr die da ganz ohne Mühe eine Saat
-himmlischer Freuden mit Unkraut bedecken konnte. Aber, gute Wahl, mir
-ist leid für die Leidende. Sie fühlt zu tief um nicht auf Kosten ihres
-Lebens zu empfinden. Es wird in diesem Sturm versinken.
-
-Das ist's was ich fürchte »klagte diese.«
-
-Ich fürchte nichts! »sprach die Baronin« wir sind zum Schmerz berufen;
-verstören nur -- zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige sind gemacht
-die Sünde dieser Welt, die Schuld der Schuldigen zu tragen.
-
-Für die Wahrheit küß' ich Ihre Hand! »rief Therese.« Der liebende Gatte
-that ein Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken, die Wangen der
-Umfangenen berührten sich. Therese »flehte Julius« bey dem schönen Sinn
-dieser Gruppe beschwör ich Sie, mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich
-wenigstens nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn zu lassen. Der Anblick
-soll mich stärken für meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde
-verdient ja doch, ich fühl' es lebhaft, diese Güte.
-
-Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste gleich, hinter der Hecke hervor
-und neigte sich laut weinend an seine Brust. Sie haben viel für mich
-gethan! »sprach sie mit gebrochner Stimme« mehr als ich je vergüten
-kann; doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich stehe am Grabe,
-Julius; es ist mein letzter Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in
-Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr wenn Sie _Ihn_ wiedersehn.
-
-Thränen füllten seine Augen. Hermine drückte des Freundes Hand, und
-einen Kuß auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach sie mit dem
-Flötenton der innersten Wehmuth und sank erbleichend an Theresens Herz.
-
-Leidende Heilige! »rief Julius erschüttert aus.« Der lichte Geist der
-Hoffnung umschwebe Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein Blümchen an
-die Rose schmiegen, und der entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn.
-
-Ich werde vor Gott stehn »erwiederte sie« und Ihr gerührt an meinem
-Grabe. Julius verwies ihr die bangen Zweifel und machte sich
-reisefertig.
-
-Lebe wohl! »sprach die tiefbewegte Auguste und floh an den Hals ihres
-scheidenden Gatten« Dem Herrn befehl ich Deine Wege! Umfangend hob er
-sie empor. Lebe wohl! »flisterte sie« mein Liebling, meines Lebens
-Licht! Meine Wonne!
-
-Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars Braut die Hände der neuen
-Freundin und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz und sprach -- Wie
-sanft wird sich's in diesen Armen sterben!
-
-
-
-
- Ein und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Dem Briefe des Julius welchen der Aufwärter dem Hauptmann überbrachte
-war ein kleines, mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von der Hand der
-Frau von Wessen beygefügt. Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage
-der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof wo sie abtrat, und mehr als
-eine Triebfeder drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar fand sie
-allein, schöner als je, in einem idealischen Nachtkleid und ward mit
-bräutlicher Traulichkeit von ihr umfangen.
-
-Ihr Selbstgefühl »sprach sie, als er an ihrer Seite Platz genommen
-hatte« wird mir für die Großmuth Dank wissen mit der ich mein höchstes
-Gut, den Liebling meiner Seele, einer heiligen, gebietenden Rücksicht
-zum Opfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne der mir dies Opfer möglich
-und den Verlust erträglich macht. Auch Sie »fuhr Julie, als sein
-stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte, mit süßem Lächeln fort«
-Auch Sie gewinnen offenbar, denn ein so fehlervolles Weib ist nur für
-kurze Flitterwochen gut und jungem Weine gleich, der schnell begeistert
-aber Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher als galant, und auch
-ich will ehrlich seyn. Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar. Wie
-gern hätt' ich das Süßeste mit ihm getheilt, doch er verstand mich
-nicht, zagte nur wo er begehren sollte, und zittert vor dem schönsten
-Verhältniß. Mag eine Prüde sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage
-schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur die Dankbarkeit gewann das Ihre,
-nur der redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen, nöthigte
-diesem Munde die längst bereuete Verheißung ab. Doch jenes hatte meine
-Leidenschaft erfunden und diese geb ich hier zu Gunsten einer weinenden
-Braut zurück. Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu den
-schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu sehen, wird sich mein künftiger
-Gemahl für Ihre Befreyung verwenden.
-
-Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte wieder, dankte, lauschte, erfuhr
-mit Verwunderung wie eigentlich Augustens blaues Band in seine Nähe kam
-und sagte, mit dem Geist dieser Burg versöhnt »Ein Vertrauen ist des
-andern werth, und nicht bey mir darf die großmüthige Verwendung dieses
-sogenannten, künftigen Gemahls beginnen. Vor allem bieten Sie die Hand
-um den bisherigen zu retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier. Seit
-wenig Tagen theil ich mein Stroh mit ihm, und auch sein Unglück.«
-
-Julie sah ihn verblassend an, und eben führte Woldemar den Beweis als
-plötzlich Waffen auf dem Saale klangen und die kleine Tochter des Wirths
-ein leises _Sauvès Vous!_ in's Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgte
-der Warnerin auf dem Fuße nach und nahm die Frau von Wessen als
-Gefährtin des verdächtig gewordenen Obersten und nebenher auch den
-Gefangenen in Verhaft -- Verhaft und Guillotine aber waren, in jener
-Schreckens-Zeit fast immer Synonimen.
-
-
-
-
- Zwey und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Da siehst Du nun »sprach Therese, und hob die Wiege vor das Bett der
-tief bewegten Mutter hin« wie wenig Glauben auch die bängste Ahnung
-verdient. Wir zitterten, von Deinem Beyspiel angesteckt, vor der
-entscheidenden Stunde; aber sie nahm unsern Kummer mit, und gab uns
-diesen Liebes-Gott. O Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen unsers
-Kranzes.
-
-Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen, Therese ihn mit lauten
-Küssen, Hermine mit heiligen Thränen ihr Ebenbild.
-
-Zwar »sprach Auguste« sind die Männer die begünstigten Schooßkinder des
-Himmels, aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester Rausch, ihr
-schönster Gedanke das Entzücken einer Mutter auf?
-
-Die Männer »fiel Therese ein« sind wilde Bäume, und höchstens nur zum
-Rauschen gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert.
-
-Potz tausend! »rief Auguste« das ging hoch.
-
-Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht so paßt es doch und der
-Himmel verzeihe jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube, das hält
-schwer. Die Undankbaren! Mit einem hoffärtigen »Ich danke dir Gott!«
-sehn sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem sanften, wachenden,
-erhaltenden Schutzengel des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer
-Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichen Mütter wird kaum gedacht;
-weder der Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen und unsere
-Opfer -- Geräuschlos bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlen
-_Sie_ mit den kleinsten. Fast immer folgt ihnen die Vergeltung auf dem
-Fuß, wir werden fort und fort an eine andere Welt verwiesen.
-
-»Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt« schalt Auguste und legt' es
-an der Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun des Lieblichen und
-vergab sich jetzt die schwache Stunde. Wie hold du bist »sprach sie den
-Schmerz vergessend.« Wie diese Augen glänzen -- die Lippe lächelt schon!
-Als hätt' ihn mir die gute Fee gebracht.
-
-Die Freundinnen stimmten bey; der Kleine ward, wie einst Latonens Sohn
-von den Göttinnen, bewundert, geliebkost und gewiegt. Ich wollte »sagte
-jetzt Therese, um die erschöpfte Schwester einzuschläfern« daß es noch
-Feen gäbe, das Leben wäre dann um eins so schön. Meine Gräfin hatte ein
-altes Buch voll solcher Mährchen, es war bey weitem besser als manch
-Dutzend unserer Zauber-Romane -- Die Fingerzeige der weisen und
-mächtigen Balsamine haben mich oft mit dem Schicksal versöhnt und mein
-Herz von der Sucht der Wünsche, von dem Verlangen nach den scheinbaren
-Gütern des Lebens geheilt. So spricht sie unter anderm einst, nach der
-Feen Weise, als altes Mütterchen, Fräulein Amanden um ein Almosen an.
-Amanda, welche eben in Thränen schwimmt, begabt sie reichlich und wird
-nun in aller Demuth gefragt, warum sie denn die Rosen und Lilien ihres
-lieblichen Angesichts mit dieser Perlen-Fluth bethaue? Die Herzlichkeit
-der Alten erweckt Vertrauen. Eines Liebhabers wegen! sagte Amanda. Ist
-er denn unbeständig? Treu wie Gold! Eifersüchtig? So will sie ihn --
-Arm? Unglücklich? Gefährlich krank? Mit nichten! gesund und reich, und
-ganz wie er seyn soll, aber alle diese Vorzüge werden von seiner
-Häßlichkeit verdunkelt. Zwar bin ich ihm »versichert sie« dem
-ohnbeschadet vom Herzen gut, doch die Schwestern und Freundinnen werden
-nicht müde meines Geschmacks zu spotten, und lächeln schadenfroh so oft
-er mich die Seine nennt. Wag' ich es dann, der Lieblosigkeit zum Trotz,
-ihm unter mehr als vier Augen ein schönes Wort zu sagen, oder wohl gar
-einen Kuß auf seinen ungebührlich großen Mund zu drücken, so greift die
-eine nach ihrem Tuch, die andere kichert hinter ihren Fächer, die dritte
-lacht ihr Strickzeug an und meine Schammröthe verwundet sein Innerstes.
-
-Balsamine schlich jetzt zum nahen Kreuzweg hin, pflückte dort nach
-langer Wahl ein grün und gelbes Blümchen, kam zurück und sprach: das
-_Gute_ war immerdar heilbringender als das _Schöne_ und ein reizloser
-Mann viel reizender als zehn Werthlose; doch wächst für den gedachten
-Uebelstand ein wundersames Hausmittel am Wege das Du nach Belieben
-gebrauchen magst. Hat dein unlieblicher Freund zu dreyen Mahlen an dies
-Blümchen gerochen, so wird er schnell genug der Schönste aller Schönen
-werden. Amanda glaubte sich gefoppt und suchte die Vorlaute durch einen
-wegwerfenden Blick zu entfernen, Balsamine aber legte das grün und gelbe
-Wunder-Blümchen auf ihren Schooß und sagte -- »Nur siehe zu, was Du
-thust, denn manches Uebel ist ein Gut. Schon mancher warf mit der
-stinkenden Muschel die köstliche Perl weg und den Kern statt der Schale.
-Treuherz folgt in Noth und Tod, aber Schönlieb ist aller Mädchen
-Schatten.« Das Fräulein sprach »Es ist schon gut, sie kann nun gehn.«
-Die Alte ging, Amanda sah ihr nach und ihren Amatus in der Allee
-herabkommen. Die Schwestern haben Recht! »gestand sie sich« er wird von
-Tage zu Tage garstiger. Kein Ziegeuner kann bräuner, keine Mohren-Nase
-stumpfer, kein Juden-Kinn verletzender seyn. Amatus sah von Ferne schon
-die Falten ihrer Stirn, die hängende Unterlippe, den starren, auf ihre
-Arbeit gehefteten Blick und setzte sich seufzend an ihre Seite. Sie
-seufzte auch und schob die Thränen, die sich unaufhaltsam in ihre
-himmelblauen Augen drängten, auf Rechnung eines heftigen Schnupfens. Er
-suchte sie durch die Versicherung daß sich jedes heftige Uebel in der
-Regel am schnellsten erschöpfe, zu erheitern, spielte mit ihrer
-Busen-Locke und langte bald darauf auch nach dem seltsamen Blümchen das
-noch auf ihrem Schooße lag. Wollte Gott, dachte sie und sprach im
-Scherze »_Riech ein Mahl!_«
-
-Es riecht nach gar nichts! »versetzte er, und drückt' es tief in die
-häßliche Stumpfnase« es kriebelt nur!
-
-Ists möglich? »rief Amanda in ihre Hände schlagend« Ja, ja, sie wächst!
-Ich seh's genau; die Nase streckt sich! Mehr verlang ich nicht! Aber
-schon verschmolz der schwarze Stachelbart in blaue Schatten, die weit
-geschlitzten Lippen schlossen sich zum Rosenkelche, des Herzens sanfte
-Flamme strahlt' aus dem verklärten Augen-Paar, und als ihm die
-Ungenügsame das Blümchen zum dritten Mahl hart vor die umgeschaffene
-Nase hielt, wich das Mulatten-Gelb dem herrlichsten Inkarnat der je
-einen Feen-Günstling verlieblichte, wurden die röthlichen Lichtspieße zu
-goldenen Locken, formte sich der vieleckige Scheitel zum Apollons-Kopf
-um.
-
-O Du Göttlicher! rief das Fräulein, erfreute ihn mit feurigen Küssen und
-beschwor den Verwunderten sie heute auf den Ball zu begleiten.
-
-Amatus war entzückt den Dämon ihrer Laune so schnell entfliehen zu sehn
-und gab Amanden stracks den Arm. Ihm war als hab er immer so ausgesehn
-und allen Freundinnen und Bekannten als hab ihnen nur von der
-Häßlichkeit des engelschönen Mannes geträumt -- Jetzt lächelte, statt
-der Spottsucht, das Verlangen aus diesen; jetzt hatte jede die sonst auf
-alle Tänze versagt war, die besten für ihn aufgehoben, und die ihn
-gestern noch wie einen Unhold flohn, suchten den unstäten heute mit
-allen ihren Zauberkünsten fest zu halten --
-
-Leiser! »bat Auguste« sie schlummert sanft.
-
-»So schlafen wir auch!« entgegnete die Erzählerin und setzte sich,
-erschöpft von Nachtwachen zurecht, um nun ein wenig auszuruhn. Die
-Baronin aber, der das Mährchen gefallen hatte, versicherte, sie werde
-sich durch diesen unzeitigen Schlaf die Nacht verderben, und auch
-Hermine schlug jetzt die sanften Augen auf, und erbat sich die
-Fortsetzung.
-
-Wenn Ihr es denn befehlt, gnädige Frauen! »sprach Therese,« so will ich
-in der wunderseltsamen Geschichte des grünen und gelben Blümchens
-fortfahren und wünsche nur, daß mein ungeschicktes Bestreben, Eure
-Nachsicht verdienen mögen.
-
-Auguste nickte lächelnd, Hermine warf ihr einen Kuß zu und diese sprach
---
-
-Ihr könnt glauben, daß sich Amanda vor Freuden nicht zu fassen wußte,
-wenn die Eine sie die beneidenswertheste Braut nannte, die Andre nicht
-müde ward ihr jeden seiner Reitze vorzuzählen; wenn eine Dritte, Vierte
-und Fünfte bey jeder Liebkosung die er Amanden brachte, aus Mißgunst
-theils und theils aus Mitgefühl erröthete. Aber die Freude der
-Eigensucht ist ein flüchtiger Wildfang. Er fliegt am Arm der eitlen Hore
-fort und keine Fessel bindet ihn.
-
-Immer hatte der Vielgetreue sonst, von den Grazien gemieden, des Winkes
-seiner Braut gewärtig gestanden, jetzt mußte sie oft Stundenlang den
-zarten Hals verlängern um ihn im dichten Mädchen-Kreise auszuspüren.
-Sonst labte er sie während der Tänze mit Thee, kredenzte ihr bey Tafel
-den Wein und den Kühltrank, jetzt trank er diesen, erhitzt vom Walzer
-selbst, und hatte dann soviel mit seiner Mühmchen-Schaar und ihren
-Nachbarinnen zu verkehren, daß die Vergessene oft voll Ingrimms in den
-Fächer biß.
-
-Sonst pries er sich selig sein gewaltiges Haupt auf dem Halse einer
-Huldgöttin wiegen zu dürfen, jetzt scheinen diese Wiegen im Preise
-gesunken und Hände, die ihm sonst im Pfänderspiel bald Schnippchen
-schlugen, bald in die Wade stachen, lockten den verwandelten Amatus
-jetzt, der Taube gleich, mit sanften Flügel-Schlägen. Bald schwindelte
-ihm der Apollons-Kopf, die Weibergunst blies ein Licht seines Verstandes
-nach dem andern aus; nur wie zur Frohne schlich er nun mit dem
-getheilten, erkälteten Herzen zu der schmollenden Braut. Die fromme
-Gutmüthigkeit, die reine Treue, die sittliche Güte, der schöne Kranz
-seltener Vorzüge, über dem Amanda früher oft die vermißte Blume der
-Körper-Schönheit vergessen hatte, war bis auf die letzte Spur
-verschwunden.
-
-Die getäuschte Braut verwünschte ihre Uebereilung, sah täglich nach
-allen Winden hin der alten Bettlerin entgegen und in jedem Spital-Weibe
-Balsaminen. Aber diese ließ sich weder hören noch sehen.
-
-Als endlich das zerfallene Paar eines Abends wieder in finsterer
-Zwietracht auf der Rasenbank saß, fiel Amanden am Schluß ihrer
-Gesetz-Predigt, die, gleich allen Predigten, wo nicht ungehört, doch
-unbeachtet blieb, der Kreuzweg in's Auge. Sie gedachte des Störenfrieds
-welchen das Mütterchen dort gepflügt hatte, sammelte von einem Gedanken
-überrascht, die ganze Flora dieses Platzes in ihre Schürze, tratt vor
-den schweigenden Flattergeist hin und sprach -- Wie kräftig! Riech ein
-Mahl! Spöttisch warf er den Kopf in die Höhe, Amanda aber flehte jetzt
-so liebevoll und hob ihr Schürzchen so hoch empor, daß Amatus endlich
-der unschuldigen Bitte nachgab, zu ihrer Verzweiflung immer noch schöner
-ward, und nach öfterm Gähnen plötzlich davon ging. Sie sah ihm
-hoffnungslos, wie damahls Balsaminen nach, und o Himmel, da kam die Fee
-ganz unverhofft am Krückenstabe in der Allee herab. Amanda griff zu
-ihrer Arbeit und that als habe sich kein Wässerchen durch ihre Schuld
-getrübt.
-
-Guten Abend, schönes Fräulein! »sprach das Mütterchen« ich seh ihr weint
-nicht mehr, und werdet mir nun um so williger eine Gabe reichen.
-
-Ich wollte alles was ich habe, darum geben »entgegnete Amanda« wenn mein
-Liebster noch häßlicher als zuvor, und wieder der Alte wäre. Euer
-verwünschtes Blümchen hat nichts als Unheil angestiftet, und wenn Ihr
-mich lieb habt und Euch mein Unglück zu Herzen geht, so sorgt dafür daß
-er künftig nur mir gefalle, denn wenn auch seine Nase den Kunstsinn
-nicht befriedigte, so würde ich ihn doch viel lieber ganz ohne diese,
-als in einer so hoch stehenden sehen; auch zieh ich jetzt ein Auge, das
-liebevoll an meinen Winken hängt, und wäre es grau und schielend, den
-schönsten Sternen vor, die ohne Auswahl allen leuchten.
-
-Ihr hättet bedenken sollen »sprach die Fee« daß es auf Erden keinen
-Gewinn ohne Verlust, kein Licht ohne Schatten geben kann, und daß die
-reichsten Geschenke der Natur, in der Regel, durch die häßlichsten
-Fehler verdunkelt oder aufgewogen werden. Die Vollkommenheit, schönes
-Fräulein, erscheint hienieden, gleich dem Silberblick edler Metalle, nur
-wie ein flüchtiges Meteor, und der Phönix ist kein Spielzeug für Kinder
-die noch, wie Ihr, dem unscheinbaren Kleinod einen rothbäckigen
-Hampelmann vorziehn.
-
-Das Fräulein gab ihr in allem Recht, bat aber flehentlich um irgend ein
-anderes Blümchen, das den unseligsten aller Zauber zu lösen, und ihren
-Amatus wieder so häßlich, aber dabey auch wieder so gut als zuvor zu
-machen vermöge. Euer nächster Kuß »erwiederte Balsamine« wird, wenn es
-Euch anders Ernst damit ist, die Wirkungen des Blümchens aufheben, nur
-sehet, zu was ihr thut, denn wer nach dem Unvergänglichen strebt, darf
-kein Opfer scheun, und den Götzen nicht schonen, wenn er die Götter
-versöhnen will. Am Ende könntet Ihr mich wohl wie gestern verwünschen
-und ich würde dann ganz unfähig seyn ein so bestandloses Herz zum
-dritten Mahle zufrieden zu stellen. Aber seht, dort kömmt Euer
-Ungetreuer mit einer ganzen Schaar lockender Jungfrauen in der Allee
-herab. So lebt denn wohl, armes Fräulein und fortan in der festen
-Ueberzeugung, daß nur ein bösartiges Gemüth den Menschen entstellt, ein
-edles hingegen auch über die entschiedenste Häßlichkeit einen
-gewinnenden Zauber verbreitet.
-
-Amanda vernahm diese Worte kaum und bemerkte das plötzliche Verschwinden
-der Fee um so weniger, da ihre gefährlichste Nebenbuhlerin an seinem
-Arme wandelte und die andere ihm ein Liedchen vorsang, daß die Sehnsucht
-des liebekranken Herzens aussprach. Sie rauschte einer Windsbraut
-ähnlich, nach der Allee hin. Amatus ließ, von dem Anblick bestürzt, den
-Arm der Begleiterin aus dem seinen fallen und fühlte seine Lippe mit
-tausend gierigen Küssen bedeckt. Der Mädchen-Kreis schlich spöttelnd und
-beschämt abseits, sie aber lachte laut als das Antlitz des Geküßten
-plötzlich in die frühere, abschreckende Form zurückschnellte. Sie lachte
-zu früh.
-
-O Himmel »rief jetzt Amatus« wie siehst Du aus? Was ist meiner Amanda
-begegnet? Welcher schadenfrohe Zauberer hat Dich Arme in einen Spiegel
-verwandelt der mein abstoßendes Ebenbild zurückwirft? Erblassend warf
-Amanda einen Blick in den Bach der zu ihren Füßen wallte, und sank
-bewußtlos an ihm nieder, denn Amatus hatte Recht.
-
-Ermahne Dich! »bat er, als das frische Wasser mit dem er die Verwandelte
-bespritzte, sie aus dem Scheintod des Entsetzens erweckte« Wir wollen
-nun recht glücklich seyn! Mir ist aus der Götterlehre bekannt wie es dem
-Häßlichen erging als es sich mit dem Schönen vermählt hatte, und welche
-Rolle dem armen Vulkan an der Seite der Liebesgöttin zu Theil ward.
-Dieser Sorge seh ich mich jetzt auf immer überhoben und Ergebung in das
-unbeugsame Schicksal wird Amanden in meinen Augen viel reitzender als
-vorhin machen.
-
-Die Unglückliche beweinte jetzt ihr thörichtes Beginnen und fast ging
-ihr der doppelte Verlust ihres schuldlosen Freundes mehr noch als der
-eigene, verschuldete zu Herzen. Der Bräutigam aber war nie fröhlicher
-gewesen und die junge Frau bereits seit Jahr und Tag mit dem Schicksal
-versöhnt, als ein engelschönes Kind sie für das mannigfache, aus dem
-Verkehr mit der Fee erwachsene Unheil entschädigte. Kaum hatte Amanda
-den Kleinen an ihr Herz gedrückt als sie plötzlich wieder schöner denn
-je ward; kaum neigte sich der gerührte Gatte zu dem Engel nieder als ihm
-dasselbe wiederfuhr. Das liebende Paar umarmte sich, still entzückt,
-über dem Kinde und ich Ungeliebte bitte die gütige und weise Balsamine,
-daß sie meine gnädigen Frauen sowohl als diesen kleinen Fee-Sohn in
-ihren freundlichen und mächtigen Schutz nehme.
-
-Allerliebst! »sprach Auguste« und Dir bescheere sie einen Amatus.
-
-Hermine, die zu schlummern schien, richtete sich plötzlich auf und
-sprach -- Es ist nicht gut daß Ihr es wagtet mich so plötzlich, so ohne
-alle Vorbereitung zu erfreuen. Aber, warum zaudert Er denn? Führt ihn
-doch näher -- Her an mein Herz! Ach, Du Geliebter!
-
-Auguste und Therese sahen sich betroffen an und nach der Thüre hin an
-der Herminens Augen fest hingen, dort aber ließ sich nichts erblicken
-und die Kranke sank mit geschlossenen Augen in das Kissen zurück.
-
-
-
-
- Drey und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Hermine hatte in den folgenden Abenden genau um dieselbe Stunde dieselbe
-Vision und versank darauf jedes Mahl in einen tiefen Schlaf, ohne sich
-beym Erwachen des Vorgangs bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach das
-Grauen, wenn die bleiche Dulderin oft mitten unter traulichen Gesprächen
-nach irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers hinwies und getäuscht von
-Sehnsucht und Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren Raum sah. Der
-Arzt verschrieb, demonstrirte, tröstete und unterhielt die Damen mit
-ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer machten und Therese
-kehrte bereits in der Stille zu dem verworfenen Glauben an die
-Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurück und sah von Tage zu Tage einer
-Trauerpost entgegen.
-
-Eben nahte sich der Zeiger eines Abends der Geister-Stunde als Hermine
-die Schlummernden mit angsthafter Stimme bey ihren Nahmen rief und sie
-bat die Gartine des Fensters aufzuziehen, denn es hat »setzte sie unter
-Schauern hinzu« zu wiederhohlten Mahlen leis' und seltsam an die Scheibe
-geklopft. Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin, sprachen ihr zu und
-hörten beyde jetzt an der bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen.
-
-Ich wache schon seit einer Stunde »entgegnete Hermine« bin ohne Fieber
-und habe mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen, die dem
-Klange der Scheibe vorangingen. Fürchtet Ihr Euch so ruft die Wärterin,
-denn daß ein Mensch oder ein Geist vor ihm lauscht, ist außer Zweifel.
-Die Wärterin, welche in der offen stehenden Kammer schlief und von dem
-Gespräch erwacht war, kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit Herminens
-Zustand, die Kranke durch Erfüllung ihres Willens zu beruhigen, zog die
-Gardine rasch empor und fuhr mit einem Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig
-sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg ihr Gesicht in den Kissen
-der Schwester, Hermine aber wendete sich erbleichend nach der Wandseite
-und lispelte -- »Er hat vollbracht.«
-
-
-
-
- Vier und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Julius eilte indeß mit Pässen einer neutralen Macht und geltenden
-Empfehlungen ausgerüstet, nach der Grenze und traf in Straßburg auf
-einen Officier von dem Gefolge des Obersten, der in jenen stürmischen
-Tagen auf der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter war. Er ging so
-eben, dem Tod entronnen, zur Armee zurück, erzählte ihm, daß der
-unglückliche Oberste die humane in Feindes Land geübte Schonung mit dem
-Leben habe bezahlen müssen, daß er selbst nur durch Zufall demselben
-Schicksal entgangen, und daß der Entschluß, sich einem Freund zu Liebe
-in den Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen, mehr als tollkühn
-sey. Der Officier schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so
-lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissen Tod mit so reger Zuversicht,
-stellte ihm die Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen, daß
-Julius die Erfüllung der Pflichten gegen sich selbst, jeder entferntern
-vorzog. Er kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter zurück, welche
-wieder auf der Wessenburg hauste, die zufolge geschlossener Verträge
-jetzt auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten schriftlich von
-der Vergeblichkeit seiner Bemühungen und von der Nothwendigkeit, die
-gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten der Baronin in
-Ordnung zu setzen.
-
-Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen mit dem feindlichen Freunde
-nach Woldemars Schicksal geforscht, denn der Officier war kaum
-freygesprochen, als er ohne Zögerung auf das Feld der Ehre zurückeilte.
-Er wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen, kraft ihrer Reitze,
-ihrer Geistes-Gegenwart und Gewandtheit gelungen sey, den Blutdurst der
-Richter in milde, menschliche Schonung zu verwandeln, und daß man sie
-zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt habe.
-
-
-
-
- Fünf und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Julius fand bey seinem endlichen Eintritt in Herminens Asyl, Theresen in
-Thränen, seine Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke noch
-bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen Schmerz, die theure vielgeliebte
-Schwester allmählig vergehen, diese sah den Freuden der Mutter entgegen,
-Hermine duldsam und ergeben in das offene Grab. Der Geist des Geliebten
-war seit jenem Abend gewichen, selten nur gedachte sie seiner und auch
-dann nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen Jugend-Gespielen
-gedenken mag. Auguste hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen
-nichts wichtigeres als ihren herzgeliebten Gatten von allem was sie hier
-erfuhr, empfand und leistete, von Herminens Zustand und der Erscheinung
-jener Nacht zu unterhalten. Welchen Zuwachs »fuhr sie fort« meine
-natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken und Umgebungen erleiden
-mußte und unter welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde nach
-der Gardine hinsah, wirst Du selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt
-mein Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte und ein bleiches
-Gespenst durch die Scheibe sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten
-Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß mein Ohr, mein Auge ward von
-bekannten Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder mächtig ward,
-hatten die Bedienten bereits den Garten durchsucht, hatten ein halb
-erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild unter dem Fenster
-aufgefunden, und den Unglücklichen in das Gewächshaus gesperrt. Noch lag
-Hermine sprachlos da und zeugte zu der Kirche hin. Wir sandten nach dem
-Geistlichen. Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet sey, vernahm die
-Bedienten, ließ sich in das Gewächshaus führen und bereitete mich nach
-der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn meines todt geglaubten,
-beweinenswerthen Bruders vor, den er sofort für den Augenblick bey sich
-aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen ihre Hände. Eine Wunde »fuhr
-Auguste fort« deren Narbe sich über die Scheitel bis in den Nacken
-hinabzieht, ist die wahrscheinliche Quelle seines Wahnsinns, denn bis
-jetzt nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen. Er vertraute dem Pastor
-während eines solchen, daß er schon halb begraben, durch das Mitleid
-einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das Innere Frankreichs abgeführt
-worden sey; daß ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur Flucht
-behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn, sein Zustand und das Geleite
-des Heiligen ihm den Weg gebahnt habe. Er will zuerst auf der Wessenburg
-gewesen, dort nicht eingelassen worden und von den Hirten hierher
-gewiesen worden seyn. Auch hier fertigt der Gärtner den sinnlosen,
-scheinbar wilden Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey Nacht über die
-Garten-Mauer, schleicht zu dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt
-die schrecklichste aller Scenen.
-
-Gern, ach, gern »setzte die Baronin unter herzlichen Thränen hinzu« wär
-ich längst an seinen Hals geflogen und hätt' ihm die gesuchte, lang
-entbehrte Schwester finden lassen, aber der Pastor gestattet es nicht
-und besteht auch darauf, die Mutter in dem Glauben an seinen Tod zu
-erhalten. Darum verschob ich die Mittheilung dieser erschreckenden
-Neuigkeit bis auf Deine Herkunft, und Du wirst Dir nun leicht erklären
-können warum wir, trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der
-Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden.
-
-Julius säumte nicht, sich von dem Daseyn eines so merkwürdigen als
-Schrecken erregenden Verwandten zu überzeugen, fand ihn tief im Stroh
-vergraben das er dem einladendsten Bette vorzog und den Leibes- wie den
-Seelen-Arzt an seiner Seite. Jener erklärte ihn, kraft den Folgen der
-Wunde welche das edlere Gehirn verletzt habe, für unheilbar, und man kam
-überein, den Unglücklichen einer nahen Versorgungs-Anstalt zu übergeben.
-Tief bewegt kehrte der Baron jetzt an Herminens Bett zurück die ihm mit
-Innigkeit ihre brennende Hand reichte, ihm ihr liebliches Kind an das
-Herz legte, und den Freund mit süßen, tief eindringenden Worten bat, das
-nahe Weihnachts-Fest in ihrem Hause zu begehen.
-
-Gern will ich das! »sprach Julius, ergriffen von Erinnerungen« nur
-geloben Sie mir auch dagegen, es mit Heiterkeit zu feyern, und Ihren
-Gram in den Strom der ewigen Liebe zu versenken welche diesen Tag vor
-allen zum Freudenfest weihte. Mit einem schmerzlichen Lächeln versetzte
-sie »Bald, theurer Julius, bald wird mich dieser Strom umfangen.«
-
-
-
-
- Sechs und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Zugleich mit Julien war auch Woldemar auf freyen Fuß gestellt worden.
-Sie suchte ihn jetzt selbst in seiner Zelle heim und hörte nicht ungern
-daß Herr von Wessen während dem, die Aufmerksamkeit der Wächter und
-Schildwachen getäuscht und sich aus dem Staube gemacht habe. Woldemar
-hielt der Lieblosen eine ausführliche Straf-Predigt. Er rieth ihr, sich
-nun ohne Zögern um Pässe zu bewerben und in die Arme ihrer
-Schwiegermutter zurückzukehren, wo die Verkündigung der Existenz des
-Sohnes, der vielleicht bereits auf dem Wege nach der Heimath sey, der
-verlohrnen Tochter eine günstige Aufnahme verschaffen werde; sie aber
-setzte sich auf seinen Schooß und sprach --
-
-Da sey Gott für, daß ich einem Verrückten nachziehen sollte, dessen Hand
-mir ein unglückliches Verhältniß aufdrang; den die Erfahrung, daß es
-keine Rose ohne Dornen gebe, zu einem erklärten Widersacher machte und
-der über Verrath und Treulosigkeit schrie, wenn ich mich wohlwollender
-zu den geistreichen, theilnehmenden Freunden als an den Schöpfer der
-Pein und der Zwietracht hinneigte. Ich bin wie ich bin, guter Woldemar,
-und Liebe nur vermag die Flügel des flüchtigen Sinnes zu binden, der
-mich so oft schon durch den Himmel zur Hölle, und wieder empor trug.
-Wollte das Gemüth jeden wirklichen oder möglichen Unfall, das Herz jeden
-Schmerz und jede Verirrung nach Würden berechnen, betrauern und
-festhalten, so würde unser Auge vom Weinen erblinden, der Selbstmord
-ansteckender als der Schnupfen und die Schwermuth der allgemeine
-Charakter des Menschen-Geschlechts werden. Wer in der Narbe noch die
-Wunde sieht, wird das Wundfieber nie verlieren, und nur der unnütze
-Rückblick auf vergangene Schrecken versteinerte Loths Ehehälfte. Ich bin
-vergnügt das Leben aus dem Sturme gerettet zu haben. Was er mir raubte,
-verschlingt der Lethe; er ist vergessen.
-
-Sie lächelten wo Männer bebten »entgegnete Woldemar« und machten den
-Tyger zum sehnsüchtigen Kinde. Aber nicht alle sind zähmbar und unser
-Leben schwebt noch immer, nach wie vor, auf eines Haares Spitze.
-
-So mög' es hinabfallen! ist doch dieses Stündchen noch unser. Willst Du
-lachen oder weinen? Ich will es auch. Die frühern Rechte geltend machen?
-Da sind meine Lippen. Küsse Dich satt, treuloser Bräutigam, denn daß Du
-hienieden noch lachen und weinen und küssen kannst, ist ja mein Werk.
-Ich habe Dich erlöst von dem Uebel; komm, bete mich an. Erröthend
-wendete er das Gesicht von ihr ab, doch Julie schlang den Arm um des
-Spröden Hals, strich das Haar aus seiner Stirn und gedachte jetzt der
-schlaflosen Nächte, die ihr die Narbe dieser Stirn gekostet hatte;
-gedachte der süßen, berauschenden Situationen auf der Wessenburg, der
-Blüthen und der Früchte die sie dort in den Kranz seines Lebens webte.
-Er aber wand sich aus dem Arm der Versucherin und sprach »Bedauern Sie
-den albernen Thoren, der nur das Achtungswerthe lieben kann, doch Blumen
-die für Jeden blühn, wie die benagte Frucht verschmäht.«
-
-Julie sah ihn mit blitzenden Augen und glühenden Wangen an. »Benagt?
-Verschmäht?« fragte sie, schnell empört. So bedaure denn auch das
-Geschlecht das sich nie ungerochen verschmähen ließ.
-
-Ein Officier unterbrach sie; er forderte den Gefangenen vor die
-Schranken des Ausschusses, um dort über seinen geflüchteten
-Unglücks-Gefährten Auskunft zu geben.
-
-
-
-
- Sieben und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Therese trat am Weihnachts-Abend mit dem Kind auf ihrem Arm an Herminens
-Bett, und von des Kindes Arme sah ein Wachs-Püppchen auf die Mutter
-herab. Das hat ihm der heilige Christ bescheert »sprach die Schwester«
-ich fand es unter Deinen Papieren. Hermine verhüllte plötzlich ihr
-Gesicht. Das war die Papagena die ihr in jener Nacht sein Daseyn
-verkündigte; das treue, prophetische Bild ihrer Zukunft, und jetzt
-gleich ihr verblichen. Ein Reihentanz verloschener Erinnerungen schwebte
-von dem Püppchen belebt, an ihrer Seele vorüber. Sie gedachte des
-Ueberraschenden »_Er ist Dir nah!_« der bangen Betroffenheit, des süßen
-Schrecks, des magischen Schlages mit dem der Inhalt des Notenblatts ihr
-Herz traf; der Thränen die sie an dem seinen weinte, des himmlischen
-Wahnsinns der aus des Lieblings Augen glänzte, von seinen Lippen floß,
-durch seine Nerven schauerte -- Gedachte der nahmenlosen, unendlichen
-Wonne, der ach, der nahmenlose Jammer folgte, zog jetzt das Kind zusammt
-dem deutungsvollen Bild an ihre Brust und bedeckte sie beyde mit Küssen
-und Thränen.
-
-Wenn ich bedenke »fuhr sie gefaßter fort« wie vor dem Jahre alles so
-anders war! Der selige Onkel schenkte mir willkommene Dinge, drückte
-mich liebend an die Brust und nannte mich ein Herzens-Kind. O, welch ein
-Wechsel!
-
-Der Wechsel »erwiederte Therese« erhebt uns, indem er uns niederbeugt.
-Verklage Dein Schicksal nicht. Wie glücklich ist der Traurige dem noch
-die Freundschaft weinen hilft; o wie beneidenswerth der Kranke an dessen
-Bett die Liebe wacht. Sey gerecht und erheitere Dich. Sieh, wir
-erschöpfen alles für diesen Zweck. Ist auch der Onkel todt, so soll es
-Dir doch nicht an Gaben fehlen, wie dieser Tag sie mit sich bringt.
-
-Herzliebste Schwester »bat die Kranke« Habe Geduld mit mir!
-
-Wie sollt ich nicht! Du guter Engel? Meine Wohlthäterin, meine
-Schwester, meine Geliebte! Damit küßte Sie tief bewegt Herminens Hand.
-Die junge Baronin unterbrach die Vertrauten. Ihre Jungfern trugen einen
-lichterreichen Tisch in das Zimmer und stellten ihn vor dem Bett der
-Freundin nieder.
-
-Auguste schlug in ihre Hände. Schaut auf »rief sie aus« der heilige
-Christ ist da, laßt Euch bescheeren.
-
-Die Kranke richtete sich lächelnd auf, lächelnd starrte ihr kleiner
-Woldemar die Lichter an.
-
-Fürs erste »sprach Auguste« ein Hannswurst für den Kleinen. Ganz meines
-Mannes Ebenbild -- Und dann dies Jäckchen, das ich für ihn strickte, und
-für Dich Hermine dies gestickte Morgenkleid. Bey jedem Stich dacht ich
-des süßen Lächelns mit dem Du es empfangen würdest. So lächle denn! ich
-bitte Dich.
-
-Helft mir heraus! »bat Hermine« ich muß es anprobieren. Die Freundinen
-sahen sich verwundert an, und erstaunten als sie darauf bestand, über
-die Kraft-Aeußerung mit der die Kranke ganz im Widerspruch mit ihrer
-Schwäche dem Bett entschlüpfte und auf Theresen gestützt sich von
-Augusten bekleiden ließ. Endlich und zuletzt »sprach diese« hab ich auch
-für ein Spitzen-Häubchen gesorgt. O sieh, das läßt Dir allerliebst.
-
-Wenn sich der Reichthum erschöpft hat »fiel jetzt Therese ein« so tritt
-die Armuth bescheiden und verschämt herbey und opfert ihr Schärflein.
-Verschmäh es nicht! meine Haare sind es, in ein Halsband geflochten.
-Doch würde auch jedes einzelne zu einem Segen, sie würden dennoch nicht
-die Dankgefühle meines Herzens erschöpfen. Hermine schlang es hastig um
-ihren Hals und ließ sich vor den Pfeiler-Spiegel führen. Lange
-betrachtete sich die Schweigende, und lispelte jetzt mit sinkender
-Stimme -- »Die Braut im Sterbekleide!« Das Kind sah von dem Arm der
-Wärterin an der erhabenen Gestalt der Mutter auf. Sie ergriff es. Hier
-»sprach sie zu den Freundinnen und legt' es in ihre Hände.« Hier habt
-ihr ein Gegen-Geschenk. Mein köstlichstes! Ermattet wankte sie zum Sopha
-hin.
-
-
-
-
- Acht und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Das Schicksal schien sich endlich an dem armen Gefangenen erschöpft zu
-haben. Ganz unverhofft erhielt Woldemar durch die Vermittlung eines
-Gesandten, dessen Gemahlin seinem Hause verwandt war, die Erlaubniß, auf
-sein Ehrenwort nach Deutschland zurückzukehren. Er eilte nicht, er flog
-über den Rhein nach der Wessenburg, wo man ihn denn an Ort und Stelle
-wies. Mitten in der Nacht dieses denkwürdigen Weihnachts-Abends
-erreichte Woldemar das lang ersehnte Ziel. _Er ist Dir nah!_ rief der
-Entzückte, sprang vom Pferde, sah die Fenster noch erleuchtet, die Thür
-unverschlossen und suchte jetzt, um nicht durch die Gewalt der
-Ueberraschung Unheil anzurichten, vergebens ein dienstbares Wesen auf.
-Da stürzte plötzlich eine verweinte Gestalt mit einem Kind in dem Arm
-aus der nächsten Thür hervor. Woldemar drängte sie zurück.
-
-Sie ists! »rief er, den Vorsatz vergessend, hingerissen von dem
-Zauberbilde der Erscheinung« Du bist's! Das ist mein Kind! Er warf sich
-zu des Mädchens Füßen.
-
-Unglücklicher! »stammelte sie« ich bin es nicht! -- Ich bin Therese!
-
-Woldemar sprang empor. Aber Sie lebt! Sie ist hier! »fiel er ein.« Wo?
-Wo find ich Sie und _Wie_? -- Das erweckte Kind schrie unter seinen
-Küssen. Geben Sie die Hoffnung auf »sprach Therese« meine Schwester noch
-in dieser Nacht zu sehn. Hoch über der Wirklichkeit schwebt die
-Phantasie und das Bild das jetzt vor Ihrer Seele steht wird dem
-Originale schwerlich gleichen.
-
-Ich weiß »entgegnete er« was sie gelitten hat und bin auf den Anblick
-eines Schattens gefaßt, denn die alte Baronin verwundete mein Herz durch
-die Schilderung ihres Zustandes. Aber mein Hierseyn wird Wunder thun und
-stände sie schon mit einem Fuß im Grabe, ich reiße die Verscheidende
-empor und hauche neues Leben in ihre Brust.
-
-Ach, _Einer_ nur vermochte das und dieser einzige stieg gen Himmel.
-
-Sie lebt! sie liebt! Sie harrt auf mich. O, eilen Sie, den Retter zu
-verkündigen der alle Wunden heilen wird.
-
-Ich fühle mich diesem Auftrage nicht gewachsen »erwiederte Therese« und
-gehe, den Baron zu hohlen. Hier ist Ihr Kind. Verfahren Sie säuberlich
-mit dem Kleinen. Das Mädchen ging. Unter Schauern der Vaterwonne sah er
-in des Knaben Augen. Sie glichen den Augen seiner Mutter die ihn so oft
-im Innersten bewegten. »Willkommen!« sagten die Himmelreinen.
-
-Jetzt regt' es sich im Neben-Zimmer. Der Sehnsucht Wellen drängten ihn:
-er trug das Kind in seine Wiege, schlich zu der Thüre hin und öffnete
-sie, verstohlen, mit leiser Vorsicht. -- Da lag Hermine, bräutlich
-angethan, in dem Sopha: das Nachtlicht goß seinen bleichen Schimmer über
-die Schläferin aus.
-
-Mein Freund! Mein Woldemar! flisterte in diesem Augenblick eine Stimme
-hinter ihm, er fühlte sich mit starkem Arm zurückgezogen und lag am
-Herzen seines Julius.
-
-So reizend »versetzte Woldemar nach den ersten Begrüssungen und wies
-nach der halb geöffneten Thüre hin« so magisch anziehend hab ich _Sie_
-nie gesehn. O, weckt sie auf! Erweckt die Schläferin zum neuen Leben --
-
-Vermöcht ich das! sprach Julius mit zitternder, vom Schmerz erstickter
-Stimme.
-
-Du weinst? »rief Woldemar« Gott! Dein Gesicht entstellt der Schrecken --
-
-Mir ist nicht wohl.
-
-Nicht wohl? Und das wär' alles?
-
-Mir bricht das Herz!
-
-Um meinet willen? Wie?
-
-Sie schläft. Du sagst es selbst -- Wohl schläft sie sanft und süß -- Den
-langen Schlaf! Ein Engel nur kann sie erwecken.
-
-Woldemar starrte den Weinenden an und stürzte laut aufschreyend zu der
-Todten hin. Sie war noch lau, vor wenig Stunden hatte sie der
-Nervenschlag getroffen.
-
-Lichter! Lichter! »rief er« daß ich sie sehe, daß dies Heiligenbild sich
-in mein Allerinnerstes versenke!
-
-Therese schlich, auf Trostmittel sinnend, herbey, Auguste rang die
-Hände. Laßt ihn toben »sagte Julius« laßt ihn schreyn! Und zu dem
-Vergehenden sprach er »Ist es nicht tröstlicher das Kleinod unsers
-Lebens im Sarge als an dem Herzen eines Dritten zu finden?«
-
-
-
-
- Neun und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Als Hermine von dem Spiegel, zu dem sie die letzte Anwandlung ihrer
-Weiblichkeit hinzog, auf das Sopha zurückschlich, rieth ihr Auguste die
-ungeübten Kräfte nicht über die Gebühr zu versuchen, und beyde
-versprachen diese Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern zu wollen; die
-Kranke aber schien, von jener traurigen Apathie erlöst, sich wieder nach
-dem Irrdischen zu sehnen, sich in dem edlen, idealen Gewande zu gefallen
-und zog mit reger Lebenskraft die Freundinnen an ihre Seite.
-
-Der Arzt, welcher jetzt seinen Abend-Besuch ablegte, erstaunte, Herminen
-außer dem Bett und in diesem Anzuge zu sehn, fand sie jedoch viel besser
-als am Morgen, ohne Fieber und in einer gemüthlichen, ihm höchst
-erwünschten Stimmung. Auch der Pastor kam, ihr zu dem Wiegenfest des
-großen Dulders Glück zu wünschen, der jetzt ihr Tröster und ihr Vorbild
-war, erschrack nicht wenig sie im Familien-Kreise zu finden und
-schöpfte, gleich dem Arzt, von ihrem Aussehn und Benehmen getäuscht,
-neue Hoffnungen.
-
-Als aber bald darauf die Stunde schlug, in welcher sie vordem das Bild
-der Entflohenen in dem beschatteten Winkel des Zimmers sah, verfärbte
-sich mit einem Mahl die Kranke, umfaßte krampfhaft Theresens Hals, als
-sollte diese sie vor der gewaltigen Hand des Todes schützen, und sank
-entfesselt an die schwesterliche Brust. Freundschaft und Liebe bot
-vergebens alle Mittel zu ihrer Belebung auf; Freundschaft und Liebe
-drückte ihr endlich die sanften Augen zu und flocht ein Palmen-Reis in
-ihre Locken. Sie ward in jenem Sterbekleide das ihr hienieden die größte
-Freude gemacht hatte, von den Jünglingen des Dorfs zu Grabe getragen,
-und als man den Sarg verschloß, sank Therese, welche bis dahin beyde
-Männer durch ihre Fassung beschämt hatte, bewußtlos nieder und verfiel
-in eine Gefahr drohende Krankheit. Sie sah sich für die Quelle aller
-jener unseligen Verhängnisse, für die eigentliche Ursache des Todes
-ihrer Schwester an und würde ohne den mächtig erhebenden, trostreichen
-Beystand des Predigers in unheilbare Schwermuth versunken seyn.
-
-
-
-
- Dreyßigstes Kapitel.
-
-
-Wir wenden uns von diesen Trauer-Szenen um die Leidtragenden in eine
-lichtere Zukunft zu begleiten. Außer dem bittern Gram über eine Reihe
-von Uebereilungen hatte auch die Geschichte seiner Gefangennehmung, der
-Schmerz gekränkter Ehre Woldemars Herz zerrissen und das Bewußtseyn der
-erschöpften Pflicht reichte nicht hin eine Wunde dieser Gattung zu
-bedecken.
-
-Julius begleitete ihn bald nach Herminens Todtenfeyer in die Hauptstadt.
-Er trat mit ruhigem, gefaßtem Muth dem Groll der Falschen, dem
-Vorurtheil der Täuschbaren, dem Verfolgungs-Geist mächtiger Feinde
-entgegen, beschämte diese und drang auf ein Kriegsrecht das ihn
-freysprach und belobte. Die eben erfolgte Auswechslung der Gefangenen
-überhob ihn der Rückkehr in die Nachbarschaft der Guillotine, welche
-seitdem die Frau von Wessen bereits ein Dutzend Mahl zur Wittwe gemacht
-hatte, und so kehrte denn Woldemar frey und versöhnt mit dem Schicksal
-auf Herminens Landgut zurück, das ihm der letzte Wille seiner verewigten
-Freundin zugetheilt hatte.
-
-Ihr kommt zur rechten Stunde! »rief Auguste die jetzt ihrer Niederkunft
-nahe war, den Freunden entgegen« Wir dürfen keinen Tag länger säumen
-nach Wessenburg, in die Arme der verlangenden Mutter zu eilen, und doch
-ist der gute Rath hier eben sehr theuer. Therese kann, wie sich von
-selbst versteht, nicht bey dem ledigen Manne bleiben und doch Keine von
-uns es über sich gewinnen das theuere Weihnachts-Geschenk der Hand einer
-Wärterin zu überlassen.
-
-Julius dachte bereits auf einen Vorschlag zur Güte, und zu dem Hauptmann
-sprach Auguste »Therese ist hergestellt.« Er schwieg -- Sie blüht wie
-diese Frühlings-Blumen »fuhr jene fort.« Verwaist, und einsam steht sie
-auf der Welt, geziert mit Reitz und Seelen-Güte, der Schwester Ebenbild,
-die Erbin ihres Herzens und ihres Goldes. Genug »versicherte sie mit
-steigendem Eifer« ich lege mein Haupt nicht sanft, mich eher nicht ins
-Wochenbett, bis sie die Ihre ist.
-
-Woldemar aber vernahm kein Wort dieser Rede, denn alle Schrecken jener
-Nacht hatten sein verletzbares Herz beym Anblick dieses Zimmers
-überfallen. Er starrte das Sopha an, auf dem sie damahls, lieblich
-geschmückt von einem Tanz erschöpft, zu ruhen schien und ihr lächelndes
-Himmelsbild über diesem, mit Flohr bekränzt, umschlungen mit
-Zypressen-Zweigen.
-
-Wo sind Sie? fragte die Baronin und weckte den Träumer, denn eben trat
-Therese mit seinem Kind auf ihrem Arm in's Zimmer. Er fuhr empor,
-schritt auf sie zu und riß das holde Ebenbild der Todten mit einem
-Klageton ans Herz.
-
-Therese wurde roth. Gelobt sey der Genius »rief er aus« der mich durch
-diesen Zauberspiegel täuscht. Zur Hälfte nur hab ich die theuere Braut
-verlohren. Die schönere Hälfte lebt in diesen Zügen, sie lebt in diesem
-Herzen, und ach, in diesem Kinde fort.
-
-Zerbrich Dir den Kopf nicht länger »flisterte Auguste in des Gatten Ohr«
-es scheint als wolle sich das Auskunfts-Mittel ganz ohne unser Zuthun
-finden.
-
-Therese hatte indeß ihr glühendes Gesicht an des Knaben Brust verborgen.
-Wo warst Du denn? fragte die Freundin.
-
-An _Ihrem_ Grabe »sprach Therese« der Abend ist so schön und der
-Kirchhof mit Blüthen bedeckt.
-
-O, führen sie mich hin! »bat Woldemar« meine Augen werden diese Blüthen
-bethauen.
-
-»Herzlich gern« erwiederte sie und winkte Augusten, ihr zu folgen, doch
-diese versagte lächelnd die Gewährung, hing sich an ihres Gatten Hals
-und hielt auch den zurück.
-
-Der Gottes-Acker stieß an den Garten, eine Thüre verband sie. Hoch über
-alle ragte das Grab seines Lieblings unter der Linde. Die Stimme der
-Schläferin schien aus dem Dunkel des sanft bewegten Laubes zu flistern,
-ihr freundlicher Geist ihm in den wallenden Halmen des Hügels zu nicken.
-
-O ewige Liebe »rief er aus« nur hier kein Ende! Nur dort kein Grab!
-
-Inniger drückte Therese den Knaben ans Herz, sah tief bewegt in die
-sinkende Sonne und sagte »So starb sie!«
-
-Woldemars Stimme lockte die Seele der Sinnenden zu dem Grabe zurück.
-Meine Zukunft »sprach er« soll eine fortwährende Todten-Feyer seyn.
-
-Am sichersten »erwiederte sie« wird ein reines, sittlich schönes Leben
-diesen heiligen Schatten versöhnen.
-
-Wer leitet mich zur ebenen Bahn? »fragte der Weinende« Therese
-antwortete »Das Schicksal der Dulderin!«
-
-Woldemar sah ihr in's Auge. Wehmuth und Sehnsucht, Anmuth und Liebe
-begegneten sich im stummen Wechselspiel der Blicke. Hermine »sprach er«
-starb an Deinem Herzen. Laß mich an ihm genesen und diese Hand geleite
-mich!
-
-Therese drückte voll Innigkeit die seine, und wie im letzten Augenblick
-Hermine sie umfing, so umfing jetzt Woldemar die Braut auf ihrem Grabe.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten,
-ebenso die teilweise ungewöhnliche Platzierung der Anführungszeichen.
-
-Anstatt des Namens Julie steht gelegentlich Juliane.
-
-Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 16]:
- ... ihren Häubchen. ...
- ... ihrem Häubchen. ...
-
- [S. 20]:
- ... Wolken des tiefen, land genährten Unmuths ...
- ... Wolken des tiefen, lang genährten Unmuths ...
-
- [S. 23]:
- ... dieses Receptes. Auguste blättert in ...
- ... dieses Receptes. Auguste blätterte in ...
-
- [S. 34]:
- ... hatte sich den doch, trotz dem Heere ...
- ... hatte sich denn doch, trotz dem Heere ...
-
- [S. 51]:
- ... in seinem Diensteifer verbraucht hatte und ...
- ... in seinem Diensteifer verbracht hatte und ...
-
- [S. 53]:
- ... General-Marsch geschlagen, den kein Augenblick ...
- ... General-Marsch geschlagen, denn kein Augenblick ...
-
- [S. 58]:
- ... in ihren eigenen Schlafzimmer an, gesellte ...
- ... in ihrem eigenen Schlafzimmer an, gesellte ...
-
- [S. 58]:
- ... bey und verschloß die bewußte Tapaten-Thür. ...
- ... bey und verschloß die bewußte Tapeten-Thür. ...
-
- [S. 63]:
- ... und so ward er den angenommen. ...
- ... und so ward er denn angenommen. ...
-
- [S. 63]:
- ... Nahmen schrieb, vergebens einer Anwort auf ...
- ... Nahmen schrieb, vergebens einer Antwort auf ...
-
- [S. 63]:
- ... seine dringende, Herminens Ehre rettend ...
- ... seine dringende, Herminens Ehre rettende ...
-
- [S. 69]:
- ... dringt auf eine Theilung der Erbschnft, ...
- ... dringt auf eine Theilung der Erbschaft, ...
-
- [S. 95]:
- ... Pötzlich entstand eines Morgens großer ...
- ... Plötzlich entstand eines Morgens großer ...
-
- [S. 98]:
- ... an diesem Herzen alle wilde Wünsche des meinen ...
- ... an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen ...
-
- [S. 99]:
- ... Julie ward vor dem Augen des Erwachenden ...
- ... Julie ward vor den Augen des Erwachenden ...
-
- [S. 112]:
- ... Stimme« mehr als ich je verguten kann; ...
- ... Stimme« mehr als ich je vergüten kann; ...
-
- [S. 121]:
- ... die eine nach ihren Tuch, die andere kichert ...
- ... die eine nach ihrem Tuch, die andere kichert ...
-
- [S. 124]:
- ... goldenen Locken, formte sich die vieleckige ...
- ... goldenen Locken, formte sich der vieleckige ...
-
- [S. 132]:
- ... an ihm nieder, den Amatus hatte ...
- ... an ihm nieder, denn Amatus hatte ...
-
- [S. 134]:
- ... gut daß Ihr es wagte mich so plötzlich, so ...
- ... gut daß Ihr es wagtet mich so plötzlich, so ...
-
- [S. 138]:
- ... zur Arme zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ...
- ... zur Armee zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ...
-
- [S. 146]:
- ... Ich bin wie ich bin, guter Woldmar, ...
- ... Ich bin wie ich bin, guter Woldemar, ...
-
- [S. 146]:
- ... oder möglichen Unfall, daß Herz jeden ...
- ... oder möglichen Unfall, das Herz jeden ...
-
- [S. 151]:
- ... erheitere Dich. Sie, wir erschöpfen alles ...
- ... erheitere Dich. Sieh, wir erschöpfen alles ...
-
- [S. 152]:
- ... bestand, über die Kraft-Aeußerug mit ...
- ... bestand, über die Kraft-Aeußerung mit ...
-
- [S. 159]:
- ... diese Gedächniß-Nacht an ihrem Bette feyern ...
- ... diese Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling</title>
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- <!-- TITLE="Der Weihnacht-Abend" -->
- <!-- AUTHOR="Gustav Schilling" -->
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- <!-- PUBLISHER="Anton Pichler, Wien" -->
- <!-- DATE="1817" -->
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Der Weihnacht-Abend
-
-Author: Gustav Schilling
-
-Release Date: December 21, 2016 [EBook #53780]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<div class="centerpic">
-<img src="images/frontispiz.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Tollkühner!
-</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<h1 class="title">
-<span class="line1">Der</span><br />
-<span class="line2">Weihnacht-Abend.</span>
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Von</span><br />
-<span class="line2">Gustav Schilling.</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Wien, 1817.</span><br />
-<span class="line2">Bey Anton Pichler.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="tit">
-Der<br />
-Weihnacht-Abend.
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Erstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Nordwind blies, der Schnee fiel in
-großen Flocken, die Regenschirme zärtlicher
-Eltern und Liebhaber bedeckten den Christmarkt.
-&bdquo;Laßt mich ein Kind seyn!&ldquo; sprach
-Woldemar und zog seinen Freund in das sehenswerthe
-Gedränge. Hier feilschten Mädchen
-eine Wiege, dort stand der grämliche
-Küster unter einer Glorie von Hannswürsten,
-der General vor dem Stalle zu Bethlehem,
-der Staats-Rath unter Steckenpferden. Eine
-Reihe neugebackener, reich versilberter Potentaten
-lockte die täuschbaren Kinder an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hierher meine gnädigen Herrn!&ldquo; rief des
-Hof-Conditors süße Rosine. &bdquo;Sehen Sie nur
-die schöne Bescheerung. Rosseaus Grab, Harlekins
-Hochzeit, Mariä Verkündigung und
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-diese niedliche Papagena.&ldquo; Die Freunde traten
-näher, besahen das Grab, die Hochzeit,
-das Mädchen selbst. Lachend verglich sie Julius
-der Vogelfängerin, Woldemar aber erröthete,
-denn nur ein Säugling bedeckte Papagenas
-gesegnete Brust; die Verlegenheit
-macht&rsquo; ihn zum Käufer und Rosine öffnete
-dankbar ihr Döschen, um ihn mit ächten
-Diabolini&rsquo;s zu bewirthen. Der Adjutant
-störte die Gäste. Wenn es Dir, &bdquo;sprach er
-zu Woldemar&ldquo; anders noch Ernst damit ist
-in das neue Frey-Corps zu treten so eile,
-Dich dem General vorzustellen. Er steht im
-Begriff zu der Armee abzugehn.
-</p>
-
-<p>
-Wisse Freund, &bdquo;erwiederte dieser&ldquo; daß
-mein Schicksal in den Händen einer unschlüssigen
-Fee liegt, die mich bald anzieht, bald
-entfernt, mir heute räth in den Krieg zu
-ziehen, mich morgen dann nicht lassen will &mdash;
-Doch soll es sich noch heut entscheiden. Damit
-steckt&rsquo; er die wächserne Papagena ein und
-verschwand unter dem Haufen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Zweytes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">err</span> Wahl, der Oheim, und Vormund dieser
-Schicksals-Göttin saß indeß daheim vor
-dem Hauptbuch, freute sich der eben gezogenen
-Bilanz, hieß den Seidenhändler Merker
-viel freundlicher als sonst willkommen und
-sprach sofort vom Curs, von Geschäften, vom
-plötzlichen Fall eines bedeutenden Hauses.
-Herr Merker schnippte den Staub von seinem
-Ermel, zog den Stockknopf vom Munde,
-räusperte sich und rief: &bdquo;Was fällt das fällt!
-Wir, denk&rsquo; ich, bleiben stehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So Gott will! brummte der Alte und faltete
-in stiller Andacht seine Hände.
-</p>
-
-<p>
-Ich stehe gut.
-</p>
-
-<p>
-Ist mir bekannt.
-</p>
-
-<p>
-Doch immer noch auf Freyers Füßen. Geduldig
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-zwar, doch auch zuweilen mit Ungeduld.
-Wenn Ihre Jungfer Nichte sich endlich
-nun entschliessen wollte &mdash; oder bereits entschlossen
-hätte &mdash; Wie?
-</p>
-
-<p>
-Dann &bdquo;fiel der Oheim ein&ldquo; wäre uns beyden
-geholfen, denn das Mädchen ist meine
-einzige Sorge. Ich sollte mich ärgern, aber
-das hilft nichts &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein Machtwort sprechen, Herr Kollege,
-ein Machtwort &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Da sey Gott für! Der gab ihr ja, wie
-uns, den freyen Willen.
-</p>
-
-<p>
-So? &mdash; Ja! und vier Liebhaber zu meiner
-Plage.
-</p>
-
-<p>
-Bedeuten nichts! den einen haßt, den
-andern verachtet sie, der dritte ward ihr verdächtig,
-der vierte endlich ist ein armer Teufel.
-Ohne Mittel, ohne Tittel, ein Herr
-<em>von</em> &mdash; <em>von nichts</em> sag&rsquo; ich Ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Das sind die Schlimmsten &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein redliches Gemüth übrigens &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Heuchelschein! Dem sollten Sie das Haus
-verbiethen!
-</p>
-
-<p>
-Ey bewahre! Herminchen sieht ihn nicht
-ungern, und wer ihr zusagt, den nehme sie.
-Die Bräute sind wie Lämmer zu betrachten,
-die zur Schlachtbank geführt werden; wie
-arme Sünderinnen denen denn, nach hergebrachter,
-christlicher Sitte, jedes billige Verlangen
-allerdings zu gewähren ist. Um ihrer
-selbst willen nimmt sie ja doch keiner. Den
-einen kirrt der Mutterwitz, den andern ein
-Grübchen, den dritten nichts besseres: Sie
-und Ihres Gleichen &mdash; solide Leute mein&rsquo; ich
-&mdash; die Mitgift. Und was wird ihr denn für
-die und für jenes? Evens Erbtheil! die herbe
-Knechtschaft, Schmerz und Jammer. Wir
-gehen indeß ein bischen da- ein bischen dorthin
-und gehaben uns wohl.
-</p>
-
-<p>
-Hermine hüpfte jetzt herein, an dem Freyer
-vorüber zum Onkel hin, welcher nach einem
-leisen, scherzhaften Wortwechsel das Zimmer
-verließ. Sie wollt&rsquo; ihm folgen als Herr
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Merker unter steifen Verbeugungen ihren
-Arm ergriff und Anstalt zu einem Handkuß
-machte. Das Mädchen zog den Arm zurück,
-er folgte ihr mit gespitztem Munde,
-bald tief hinab, bald in die Höhe nach und
-immer lauter lachte sie, und immer schneller
-flog die Hand bald rechts, bald links um
-seinen Scheitel. Der Geneckte ließ jetzt ab;
-doch stampfte er ein wenig mit dem Fuße.
-Hermine zog einen niedlichen Pantalon aus
-dem Ridikül, bedeckte ihn mit Küssen, nannt
-ihn mit süßen Nahmen, ließ das Männchen
-aus ihrer Hand in die seine hüpfen und sprach
-&bdquo;Den bescheerte mir der heilige Christ.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Merker sah in dem Sprunge des
-Püppchens ein Merkzeichen ihrer Gunst. &bdquo;Da
-hab ich mich besser angegriffen!&ldquo; rief er, an
-seine Tasche schlagend.
-</p>
-
-<p>
-Wahrhaftig? O, ich glückliche. Und das
-konnten Sie über sich gewinnen?
-</p>
-
-<p>
-Was seyn muß, muß seyn! sprach er mit
-Achselzucken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Nun, so bescheeren Sie denn! Wir werden
-ja sehen. Die Gabe schildert den Geber,
-sie ist das Probemaß seines Geschmacks, und
-seiner Empfindungs-Weise.
-</p>
-
-<p>
-Für&rsquo;s erste &bdquo;hob er an&ldquo; etwas Sammt
-zu einer Besetzung, und der ist <span class="antiqua">extra</span>, Theuerste!
-Dann diesen Ring; ein Erbstück von
-der seligen Großmutter. Solche Kleinodien
-machen sich rar. Endlich und zuletzt einen
-sogenannten Koselschen Gulden den ich in Ihrer
-Münz-Sammlung vermißte &mdash; Wenig
-mit Liebe. Nehmen Sie! Ohne Widerrede!
-</p>
-
-<p>
-Das Mädchen ließ den Sammt auf die
-Tafel, den Ring in seinen Hut, und das seltene
-Kabinets-Stück zu Boden fallen, drehte
-sich unter einem hellen Gelächter um ihre
-Achse und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Herr Merker wußte nicht wie ihm geschah.
-Ein sauberes Lamm! &bdquo;sprach er endlich&ldquo; Ey
-wenn Du doch heute noch auf die Schlacht-Bank
-geführt würdest!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Drittes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> Anbether folgte heute den andern, doch
-Hermine ließ sich verläugnen, sandte ihre
-Kains Opfer zurück und sah vergebens bis
-zum Abend dem einzigen Willkommenen entgegen.
-Woldemar ließ sich nicht blicken. Sie
-zögerte mit dem Nacht-Essen, sie eilte von
-Minute zu Minute ans Fenster und als der
-Onkel endlich zu Bette ging, voll Mißmuth
-in ihr Schlafgemach. &bdquo;Der Undankbare!&ldquo;
-schalt das Mädchen und warf den Ueberrock
-ab. &bdquo;Der Bestandlose!&ldquo; fuhr sie fort, und
-löste mit Ungestüm die Schleifen. &bdquo;Der Verblendete!&ldquo;
-setzte sie seufzend hinzu und nahm
-jetzt befremdet eine wächserne Papagena wahr.
-Lächelnd saß das Püppchen unter dem Spiegel;
-es lag ein Notenblatt zu seinen Füßen.
-<em>Er ist Dir nah!</em> sprach der Text &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
- <p class="verse">Er ist Dir nah, er lauscht am Freuden-Quelle.</p>
- <p class="verse">Des Kühnen Muth, der Sehnsucht heiße Welle,</p>
- <p class="verse">Der Liebe Schmerz dräng ihn zur stillen Zelle</p>
- <p class="verse">In&rsquo;s Heiligthum der Zauberin.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Hermine ließ das wahrsagende Blatt fallen
-und warf bestürzt ihre leuchtenden Augen
-umher, da rauschte der Vorhang des Alkovens
-und Woldemar trat, einem Genius gleich,
-aus dem Dunkel. Sie wollt&rsquo; ihrem Mädchen
-rufen, wollte zürnen, wollte fliehen und
-floh &mdash; in seinen Arm. &bdquo;Tollkühner!&ldquo; stammelte
-sie unter den Küssen des Jünglings. Er
-zog die Liebliche an&rsquo;s Herz, ihre Thränen
-bedeckten ihn; sie verbarg das glühende Gesicht
-an seiner Brust. &bdquo;Mein also?&ldquo; rief er
-aus. &bdquo;O himmlische Weih-Nacht!&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Viertes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rüher</span> als zu fürchten stand, ging Merkers
-letzter Segen in Erfüllung. Woldemar kehrte
-spät genug von dem Freuden-Quelle zurück;
-seine Wangen brannten, seyn Herz bebte; er
-sah begeistert zu den verblichenen Sternen
-auf, im Morgenroth die Farbe der Braut, im
-Wolkenflug den Tanz der schönsten Horen:
-entzückende, bedeutungsvolle Träume reiheten
-sich an die selige Wirklichkeit und auch diese
-erschien ihm, als er am hohen Mittag erwachte,
-nur wie ein Trugbild des Phantasus,
-denn die feurige Welle deren das Notenblatt
-gedachte, trug ihn weit über die Grenze seines
-Willens und seiner Erwartung hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Gestern erst hatte der Verschlossene, von
-dem Adjutanten gedrängt, einige Worte über
-das Geheimniß seines Herzens verlohren.
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Jetzt war der Wurf gelungen, jetzt sollte Julius
-sich mit ihm freun, jetzt sollte der Wildfang
-in Herminens Nähe geführt, von ihrer
-Anmuth gewonnen, von ihrem Werth ergriffen,
-erleuchtet von dem Himmelsglanz dieser
-Seele, zu dem längst verscherzten Glauben an
-die sittliche Güte des bessern Geschlechtes zurückkehren.
-Lästige Besuche hielten ihn fest,
-es war schon Abend, als Woldemar in des
-Freundes Behausung kam. Zwar fand er sie
-verschlossen, aber er hatte Licht gesehn, schlich,
-vertraut mit den Zugängen durch eine Hinterthür
-und trat, überraschend genug, in&rsquo;s Kabinet.
-Julius sprang aus dem Arm eines
-Mädchens empor, das sich laut schreiend aufraffte
-und durch die offene Thür entfloh. Woldemar
-stürzte ihr nach. &bdquo;Hermine!&ldquo; rief er,
-aber sie war unter dem Schutze der Nacht
-verschwunden. Er stand erstarrt auf offener
-Straße. Daß sie es war, litt keinen Zweifel,
-der Irrthum lag ausser dem Gebiete der Möglichkeit.
-Er hatte ihr Gesicht gesehn, jeden
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Zug unterschieden. Das war ihr Hauskleid,
-das ihr Palatin und das sein Liebling unter
-<a id="corr-0"></a>ihrem Häubchen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du Störenfried!&ldquo; sprach Julius der ihm
-gefolgt war. Sage mir &bdquo;fragte Woldemar&ldquo;
-auf Deine Seele frag ich Dich, war das die
-Wahl?
-</p>
-
-<p>
-Julius schwieg betroffen still. Sie war&rsquo;s!
-gestand er endlich. Sie war&rsquo;s? rief jener
-aus und schlich sich heim. Der Zustand seines
-Gemüths kann leichter empfunden als beschrieben
-werden. Unglücklicher &bdquo;sprach sein
-Gewissen&ldquo; wie mancher Pflicht hast Du entsagt,
-wie manches Glück verschmäht, wie manche
-Blume der Jugend hingeworfen, um der
-Eigensucht deines Götzen, den Launen einer
-Buhlerin zu fröhnen! Der Adjutant unterbrach
-dieses heilsame Selbst-Gespräch. Noch
-immer &bdquo;sagte er&ldquo; läuft Dir das Glück nach.
-Ich komme jetzt um anzufragen, ob Dich die
-räthselhafte Göttin deren Du gestern gedachtest
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-auch heute noch am Ziegel hält? Woldemar
-wendete sich schaamroth ab. Jener drehte
-ihn schnell um seine Achse, sah ihm tief in
-die unstäten Augen und sprach &bdquo;Täuscht mich
-nicht alles, so ward die Fee zur Furie, oder
-zur Hexe, oder zum unerbittlichen Schicksal.
-Hin ist hin! Ermanne Dich, tritt zu den Freykorps.
-Der Würgengel ist ein wohlthätiger
-Genius, der alle diese zwerghaften Quälgeister
-des Stilllebens austreibt und die entarteten,
-verzauberten Männer von dem Rocken
-ihrer Omphale losschließt; das Bett der Ehre
-ist reitzender als das der Schäferin, und der
-Riese der Gefahr minder furchtbar als eine
-schmollende Tyrannin mit dem feindseligen Gesindel
-ihrer Grillen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Führe mich zum General, &bdquo;fiel Woldemar
-erheitert ein&ldquo; ich bin der Deine. Mit Freuden
-weih ich mich von nun an dem Tode.
-</p>
-
-<p>
-Schlag ein! &bdquo;entgegnete der Adjutant, und
-drückte ihn an seine Brust.&ldquo; Hand in Hand
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-zum ernsten Waffentanze! Bestelle Dein
-Haus, wir gehn nach wenigen Stunden zur
-Armee ab.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-Fünftes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten
-Nacht zu dem Freund eilte, um sich
-von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen
-Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten,
-klopft&rsquo; er lange ungehört an alle Thüren.
-Endlich kam der Wirth herbey, beklagte
-den Verlust eines so lieben Hausgenossen,
-erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar
-einige Koffer in Verwahrung gegeben
-und vor Tage noch mit Extrapost abgereist
-sey. Dieser bestand auf einem Briefe, welchen
-sein Freund nothwendig für ihn zurückgelassen
-haben müsse und vermochte den
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Wirth die Zimmer zu öffnen, doch fand sich
-nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens
-Schattenriß zerrissen am Boden.
-Julius begriff so wenig wie sich dieß Bild zu
-dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie
-das Original in die Arme des Barons sich
-habe verlieren können. Erblassend las er die
-Stücke auf und kehrte, jenem gleich, von
-Mißtrauen, Aerger und Argwohn gefoltert,
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar zog indeß in Erinnerungen an
-den kurzen Göttertraum seines Lebens versunken,
-dem fernen Ziele der neuen Bestimmung
-entgegen und verwünschte diese bereits,
-als er sich, um ihm die nöthigen Vorkenntnisse
-zu verschaffen, im Rücken der Armee,
-bey dem Depot des Regiments angestellt sah.
-Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man
-ihm sein Quartier anwies, empfing den erstarrten,
-mit Eis und Schnee bedeckten Officier
-aufs wohlwollendste und führte ihn unter
-herzlichen Aeußerungen von Theilnahme
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-in ein freundliches Stübchen, das mit allen,
-lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen
-war. Ueberall sprachen ihn Bilder des Friedens,
-Symbole eines schön geordneten Lebens
-an; er sah in der gütigen Baronin seine
-selige Mutter, in dem holden, geschäftigen
-Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in
-ihrer reitzenden, geistvollen Gesellschafterin
-den traulichen Genius der Freundschaft. Die
-Wolken des tiefen, <a id="corr-2"></a>lang genährten Unmuths
-brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel in
-sein Herz.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete
-der Baronin auf. Sie nahm das Wort,
-unterhielt ihn von den unseligen Früchten des
-Kriegs, von den Schrecken die er verbreitete,
-von der Angst in die er sie schon oft versetzt,
-von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne,
-den ihr die erste Schlacht geraubt habe. Der
-Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf
-dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug,
-bald an den Nähtisch der Gesellschafterin
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-hingesehen, hatte des Fräuleins blonde
-Locken mit Julianens schwarzen Flechten,
-ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen
-dunkeln, misterischen, Augustens zarten,
-wie von Geisterhand gewebten Bau mit der
-üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen,
-die ihm jetzt als die Wittwe des Gefallenen
-vorgestellt ward. Auguste hörte kaum
-des verlohrnen Bruders gedenken, als ihre
-Hand unwillkührlich ein Adagio anschlug;
-schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen
-des schwesterlichen Thränen-Opfers zu
-begegnen: Frau von Wessen hingegen nähete
-gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton
-&bdquo;O, lassen wir ihn ruhn, <span class="antiqua">ma mere</span>!
-Welche Hölle wird das Leben, wenn uns
-der schwarze Geist der Vergangenheit die Genüsse
-der Gegenwart verkümmern darf. Ich
-für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden
-Abend aus der Lethe zu trinken, um mit jedem
-Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Auf diesem Wege &bdquo;entgegnete Woldemar&ldquo;
-wird uns der schwarze Geist allerdings immer
-gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen
-vorüber fliehen. Verständ&rsquo; ichs nur
-mich an den heiligen Strom zu betten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Wille macht ihn dienstbar&ldquo; entgegnete
-Julie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Leichtsinn vielmehr!&ldquo; fiel die Baronin
-ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die göttliche Gabe!&ldquo; erwiederte jene.
-Wir klagen fort und fort ein Schicksal an,
-daß nur den Feigen geißelt und verfolgt.
-Aber man ziehe doch &mdash; es gilt den Versuch &mdash;
-jede vorschnelle Sorge für die Zukunft, jede
-unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede
-Distel des ziellosen Stunden-Kummers aus
-dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß
-daß uns der freundliche Rest mit den wenigen,
-unvertilgbaren Dornen versöhnen wird.
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger
-Kreuzträgerinnen Geschmack am Leide,
-Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-fand und wie jene der Hoffnung lebte,
-dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger
-und zerknirschter sie sich hier unter
-der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies in
-einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit
-dieses Receptes. Auguste <a id="corr-5"></a>blätterte in
-ihren Noten, Woldemar aber warf bereits,
-dem Rathe gemäß, den verdächtigen Freund
-und die tugendlose Braut aus dem Kranz seines
-Lebens, um ihn durch jene glühende Rose
-und dies liebliche, mit dem Himmelsthau
-der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen.
-Selbst seine Anstellung bey dem Depot, vorhin
-eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt
-als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren
-hingenommen und der liebenswerthe Gast
-kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen
-der Töchter und dem Zutrauen der
-Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen
-zurück.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Sechstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chnell</span> genug &bdquo;schrieb ihm Julius bald
-darauf&ldquo; hat sich das seltsame Räthsel, welches
-uns entzweyte und den friedlichen Schäfer
-zum Wehrwolf machte, gelöst. Der
-Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller
-jetzt lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen
-zu versehen, die Dich ohnfehlbar aus dem
-eisernen Felde an das Herz einer viel süßern
-Beute zurückführen werden.
-</p>
-
-<p>
-Ich kam, wie Du weißt, im November
-von Paris zurück, bezog mein gegenwärtiges
-Quartier, stellte mich aus angestammter
-Galanterie den sämmtlichen Hausgenossen
-vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen
-Schatz der weder von Tanten noch Riesen,
-noch Drachen bewacht, des Schutzes
-dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-einsame Mädchen ließ mich zu wiederholten
-Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich
-merkte es deutlich) durch&rsquo;s Schlüßelloch, öffnete
-endlich, im Glauben an die Arglosigkeit,
-welche ich während dieser Besichtigung
-auf Stirn und Lippe treten ließ, das enge
-Dachstübchen, führte mich über eine Saat
-von Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen
-Stuhle hin und nahm, dem Gaste gegenüber,
-auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich
-sie nach den ersten Begrüssungen der
-Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare
-Wohnung vergräbt, sie aber bestand
-darauf nur ein Blümchen zu seyn, das des
-Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe.
-Ein Wort veranlaßte das andere, meine
-Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche
-Stickung meines Kleides Hoffnungen auf
-einen Engel vom Himmel, und so erfuhr
-ich denn, daß die bildschöne Putzmacherin
-ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse
-Rechte geltend zu machen, hieher gekommen
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-sey und sich bis zu Austrag dieser Angelegenheit
-von der Arbeit ihrer Hände nähre.
-Du glaubst nicht wie reitzend Therese durch
-dieß Geständniß in meinen Augen ward,
-mit welcher Schonung, welchem himmlischen
-Erröthen sie ihrer Mutter, in wenig leisen,
-kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche
-zieh, wie sichtlich es ihr weh that, vom
-jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den
-Fehltritt, welcher der Erde eine Grazie gab,
-unentschuldigt lassen zu müssen. Ich that es
-jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so
-ehrbar und zierlich wie der Engel der Verkündigung
-in alten Comödien. Auch wollte
-Therese bereits von der Frau Wirthin eine
-Schilderung meiner mannigfaltigen Vorzüge
-vernommen haben, und es kostete mir
-nicht wenig, die Frau Hausbesitzerin der
-Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es
-endlich eine Pause. Sie machte, des Lebewohls
-gewärtig, eine leise Bewegung, ich
-aber hielt noch unverrückt das Wasserglas
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-und zwey Semmel-Schnitten, wahrscheinliche
-Reste ihres Mittags-Mahls im Auge
-und vermißte zu meinem Verdruß den kecken
-Muth mit dem ich oft so mancher ihrer
-Schwestern einen viel zweydeutigern Beystand
-geboten hatte. Es gibt &bdquo;sprach ich
-endlich im Ton der Weihe&ldquo; es gibt der Wölfe
-die im Schafskleid, der Satans Engel,
-die im Lichtgewand guter Genien einhertreten,
-so viele &mdash; so viele &mdash; daß &mdash; &bdquo;Ein
-Blick in ihre hellen, lauschenden Augen
-brachte mich so schnell um die Folgerung,
-daß ich in der Verlegenheit, mit der Hand
-einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb,
-und kleinlaut fortfuhr&ldquo; Kurz und gut! Sie
-dürfen mich unbedenklich als einen Vormund
-ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil
-schuldig blieb. Meine rechte Hand faßte während
-der großmüthigen Erklärung die ihre,
-die linke warf einige Dukaten in das halbvolle
-Wasserglas. Ich sah; ich setzte vielleicht
-sogar &mdash; Du glaubst mir das aufs Wort &mdash;
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-schon manches Mädchen in Verlegenheit,
-doch sah ich keine je in einer reitzendern.
-Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben,
-den Gesetzen des Anstandes entgegen, vor
-meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen
-Finger reichten, es sprang ins Auge,
-nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der
-reine Mangel an Gefäßen die Entfernung
-des überflüßigen Wassers ohnmöglich, und
-der gütige Geber war verschwunden als sie
-noch im Kampfe zwischen Schaam und Bedürfniß,
-wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum
-stand. Erbaut von dieser guten That,
-wie mein Herz sie zu nennen beliebte, gelob&rsquo;
-ich mir noch auf der Treppe nie mehr
-als ihr Vormund werden zu wollen, und
-treffe im Vorsaal auf den Jäger des
-Vaters, der mich an sein Sterbebett bescheidet.
-</p>
-
-<p>
-Ich eil&rsquo; auf das Gut, find ihn im
-Sarge und im Gefolge seines Todes eine
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Masse von Geschäften, die mich dort bis
-Weihnacht festhält.
-</p>
-
-<p>
-Vergessen ist Therese, der Gedank&rsquo; an
-sie ging in den Wunden des Verwaisten, im
-Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße
-Erinnerung spricht mich bey der Rückkehr
-in meine Wohnung an. Ich gedenke
-der gelobten Vormundschaft, widerrathe mir,
-den neulichen Besuch zu wiederholen und sinne
-eben auf Mittel sie durch die dritte Hand
-mit einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen,
-als man leis an meine Thüre klopft. Sie thut
-sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in&rsquo;s
-Zimmer. Sind Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme
-und Therese steht vor mir. Ich
-schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt
-den Riegel vor und führe, betroffener als sie
-selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum
-Sopha.
-</p>
-
-<p>
-Zu Ihnen &bdquo;flisterte sie und drückte schneller
-als ich dem wehren konnte, meine Hand
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-an den rosigen Mund&ldquo; Zu Ihnen darf sich
-wohl ein Mädchen wagen?
-</p>
-
-<p>
-Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein
-neuer Adam, eingedenk jenes Gelübdes, sich
-jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste
-die süßen Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte
-Schuldnerin ganz augenscheinlich
-entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe
-um so brennender überlief, als sie jene
-Goldstücke in die Hand des Lehners drückte,
-und mit sichtlicher Rührung sprach &mdash; Der
-gute Geist der mir diesen Helfer erweckte,
-hat meine Sache geführt; hat mich in einer
-gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin
-finden lassen &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohl nur einen Wohlthäter?&ldquo; unterbrach
-ich sie, von dem grämlichsten Unmuth
-übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah
-mich schwer beleidigt an &mdash; so ohngefähr wie
-ein Engel den verhärteten Sünder fixiren
-würde, und helle Wemuthsthränen fielen
-jetzt aus ihren Augen. Sie fielen in mein
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten
-gleich, sprach ich von dem Sonnenglanz
-ihrer Unschuld, schlang den Arm um
-Theresens Nacken und plötzlich standst Du,
-einem Nachtgespenst gleich, vor der heiligen
-Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt
-nach der Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich
-stürze Dir nach, erstaunt über den lebhaften
-Antheil den Du an meinem Schützling nimmst.
-Ich sehe in diesem Ueberfalle das Treiben der
-Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs
-eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller,
-daß diese Heilige nur eine Heuchlerin,
-und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin
-seyst. Sie zu entlarven eil ich nun nach ihrem
-Zimmer, es ist verschlossen; ich höre sie
-schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen
-durch das ansehnliche Schlüsselloch.
-Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen
-auf seine Knie hingeworfen, die Hände
-gefaltet zum Himmel erhoben, und in allen
-dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-weiß. Mein Argwohn wird, als ich
-am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt
-in Deinem Zimmer finde, von neuem zur
-Gewißheit. Ich schreib&rsquo; ihr, lege die Stücke
-des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel;
-zerreiße den tobenden, halb fertigen
-Straf-Prediger, schreib&rsquo; einen zweyten,
-verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge
-mich endlich zu dem dritten, bescheidenern,
-auf welchen mir am folgenden Morgen die
-beyliegende, das Räthsel erfreuend auflösende
-Antwort zukam. Du kannst denken, guter
-Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel
-beschämender noch als die gestrige, meine
-heutige Abbitte war &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Siebentes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">o</span> weit hatte Woldemar gelesen und still
-ergrimmt der Fabel gelacht mit der man ihn
-jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte,
-als plötzlich in der Nähe Schüsse fielen. Er
-sah die Besatzung des Dorfs in regellosen
-Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den
-Brief samt der ansehnlichen, noch ungelesenen
-Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen
-und eilte in den Hof hinab.
-</p>
-
-<p>
-Der Feind! rief ihm Frau von Wessen
-aus dem Keller-Halse nach; ohnmächtig lag
-Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den
-Arm der Schwägerin. Der Feind! riefen die
-herbeyströmenden Rekruten und Woldemar
-rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte
-bereits eine Kugel getödtet und alles floh nun
-dem Neuling zu.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Das Schloß war allerdings fest genug, es
-einige Stunden lang gegen ein fliegendes
-Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und
-Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt,
-ein Gegenstand von hoher Bedeutung. Der
-Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke
-aufgezogen, der Verwalter die Thore
-zugeworfen, der Jäger jedem dienstbaren
-Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die
-Hand gedrückt. Woldemar begriff die Möglichkeit
-einer solchen Erscheinung um so weniger,
-da er sich vier Meilen hinter der Armee,
-von Truppen umgeben, kurz in Abrahams
-Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger
-hatte sich <a id="corr-9"></a>denn doch, trotz dem Heere
-das auf seinen Lorbern ruhte, von dem Schnee-Gestöber
-begünstigt, durch das Gebürge geschlichen.
-Eben befand er sich mit Geißeln,
-Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse
-beschwert auf dem Rückweg und würde
-die Wessenburg wohl ganz unangetastet gelassen
-haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-den Vortrab des feindlichen Zugs, auf
-einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit
-allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen
-hätte. Der Kühne fiel, und die Freyjäger
-flohen nun dem Schlosse zu, das der
-Führer des Vortrapps mit Ungestüm angriff.
-Woldemar fühlte lebhaft was er den Damen,
-dem Vaterland, der Ehre seines Degens
-schuldig sey und belebte durch wenig erhebende
-Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder.
-Ihr Widerstand verwickelte den Feind
-der indeß von den herbey fliegenden Schaaren
-seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt
-der gemachten Beute gefangen ward.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Achtes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Woldemar am folgenden Morgen, von
-dem Schmerz einer empfangenen Kopfwunde
-geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand
-die Baronin zu des Bettes Häupten und Frau
-von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene
-weinte, der Wundarzt gab den besten Trost;
-bald darauf erschien auch der Adjutant; er
-warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen
-ein Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da
-siehst Du &bdquo;sprach er&ldquo; wie blind das Glück,
-wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen
-ist. Dein zufälliger, folgenreicher Widerstand
-hat Dir plötzlich einen Nahmen gemacht
-und eine Stelle verschafft nach der ich
-seit zwanzig Dienst-Jahren vergebens strebte.
-Eben kam auch Auguste herbey, sprach von
-den Schrecken des Gefechts, von Woldemars
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Ritterdienst und seinem Heldenmuth. Mutter
-und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant
-kehrte nach einem frostigen Lebewohl,
-mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten
-zurück. Woldemar sah jetzt &mdash; wie am Morgen
-der Weih-Nacht in der er die stille
-Myrte brach &mdash; auch in dem schnell erworbenen
-Lorber nur ein Gaukel-Spiel der Phantasie,
-in dem Patent nur ein Papier das ihn
-an jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt,
-vom Fiebertraum erwacht, mit Sehnsucht
-fragte. Vergebens suchte die Baronin das
-Stübchen, der Bediente seine Taschen, der
-Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus;
-weder der Brief, noch die bedeutende Beylage
-war zu finden und der herbey gerufene
-Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die
-Feinde schoß, gestand daß er allerdings einige
-hier gelegene Papiere unbesehen zu Pfropfen
-für sein Gewehr verbraucht habe.
-</p>
-
-<p>
-Frau von Wessen bot sich dem Kranken
-zum Sekretär an, und er sagte ihr mitten
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen
-Freund in die Feder. Nur der Wohlstand
-konnte die holde Pflegerin für kurze
-Zeiträume vor seinem Bett entfernen und
-diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt gewann
-ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie
-errieth seine Wünsche, seine Winke, seine
-Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen Liedern
-jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege
-vom Bette des Kranken, bot ihm die
-hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn
-allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen.
-Das Wundfieber nahm zusehends
-ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes
-zu dauern und auch Auguste wagte sich nun
-wieder in des Freundes Nähe.
-</p>
-
-<p>
-Sehen Sie &bdquo;sprach Julie, als sie eines
-Abends an seiner Seite spann&ldquo; ich bin die
-Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden,
-rein und glänzend.
-</p>
-
-<p>
-Hygea vielmehr! erwiederte er.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Hygea spann ja nicht! &bdquo;sagte das abgehende
-Fräulein&ldquo; nur Schlangen nährte die &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Heilbringende! rief ihr Woldemar nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Galt das mir oder Ihnen?&ldquo; lispelte Julie.
-Der Zorn röthete schnell ihre Wangen.
-Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin.
-Meine Hygea! sprach der Dankbare, von
-süßen Regungen durchdrungen.
-</p>
-
-<p>
-Die Schlange sticht! erwiederte Frau von
-Wessen und verletzte seine Hand mit der Spindel.
-Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt&rsquo;
-ihn lachend weg, er zog sie an das Herz.
-Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten
-hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte
-sich dem begehrenden Munde, Juliens
-Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an
-Woldemars Brust.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Neuntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rau</span> Tochter &bdquo;sprach die Baronin, als jene
-in das Familien-Zimmer hinab kam&ldquo; vergebens
-hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt,
-als Mutter Sie gebeten dieses thörichte Herz
-zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht die
-Ehre meines Nahmens preis zu geben &mdash; Ihren
-Begierden vielmehr! Unwürdige! So
-ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten?
-</p>
-
-<p>
-Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte
-sich zum Nähtisch hin und wiederholte mit
-Gelassenheit &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr
-aufgebracht, <span class="antiqua">ma mere</span>!
-</p>
-
-<p>
-Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß
-die Zudringliche verachten.
-</p>
-
-<p>
-Eine so gute Christin sollte gütiger seyn,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-gnädige Frau; gerechter wenigstens; denn
-selbst das höchste Gebot entschuldigt die Zudringlichkeit
-der Menschenliebe. Daß ich ihm
-wohl will, ist in der Regel. Sehr wohl,
-<span class="antiqua">ma mere</span>! Nie sah mein Auge in ein reineres,
-nie begegnete mein Herz einem wärmern.
-Darum empört mich ihre Härte nicht.
-Was gibt es süßeres als um den Mann zu
-leiden, den wir lieben?
-</p>
-
-<p>
-Also ein Anschlag auf seine Hand?
-</p>
-
-<p>
-Auf Anschläge verstehen sich in der Regel
-die Mütter nur. Ich folge kindlich dem Gefühle.
-</p>
-
-<p>
-Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger
-Mann hat das erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer
-ihm wohl und wer mir übel wollte.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte Dein Glück, Undankbare!
-</p>
-
-<p>
-Glück macht die Liebe nur und nur <em>Sie</em>
-hat er geliebt. Gefürchtet vielmehr. Mein
-Herz war lauter Flamme, das seine lauter
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Erz, und immer spröder ward es, bis der
-Tod es brach.
-</p>
-
-<p>
-Du brachst es früher schon!
-</p>
-
-<p>
-Julie warf einen glühenden Blick auf die
-Mutter, verbarg ihr empörtes Gefühl hinter
-einem unholden Lächeln und schwieg.
-</p>
-
-<p>
-Sähe der Hauptmann dies Gesicht &bdquo;fuhr
-jene fort&ldquo; er würde noch entschiedener zurücktreten.
-</p>
-
-<p>
-Er würde mich bedauern und erlösen.
-</p>
-
-<p>
-Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe
-Dich!
-</p>
-
-<p>
-Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm&rsquo;
-aus diesem!
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin faltete seufzend die Hände
-und schlich abseits, dem Himmel ihre Noth
-zu klagen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Zehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ygea</span> hatte den genesenden Jüngling in der
-feurigsten Wallung verlassen. Noch glühte jener
-Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah
-er diese flammenden Augen, die Fülle der
-schnell bewegten Brust. Sein ganzes Wesen
-war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung
-weckte ihn nach Mitternacht vom Schlummer
-auf. Der volle Mond beschien ein niedliches
-Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben
-schien, nun seinem Bette näher tratt und
-zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich
-mit klopfenden Herzen nach der Mauer zurück,
-wollte seinen Sinnen nicht trauen, wagt&rsquo;
-es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu
-werfen, und kämpfte noch unentschlossen mit
-sich selbst als der seltsame Zuspruch wieder
-aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-zurückkehrte. Schnell wuchs sein Muth,
-er schlich ihm durch die Oeffnung nach und
-stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau
-von Wessen schlief. Betroffen weilte er an
-der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein
-Genius fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste,
-lächelnd wie die Unschuld ruhte.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar, der bis dahin die heimliche
-Tapeten-Thür übersehn und nie geahnt hatte,
-daß sein Stübchen an diese Schatzkammer
-grenze, machte sie bey der Rückkehr mit leiser
-Schonung zu und glaubte zuversichtlich
-durch die Nachwehen des Wundfiebers zum
-Geisterseher geworden zu seyn, denn hätte
-selbst &mdash; der Fall war nicht denkbar &mdash; sich
-eine dieser Schläferinnen zu einem solchen
-Schritt vergessen können, so würde er ja die
-Fliehende ereilt oder erkannt haben.
-</p>
-
-<p>
-Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn
-bis zum Morgen, jetzt aber wich der Glaube
-an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem
-Erstaunen mit welchem er ein himmelblaues,
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-vor seinem Bette liegendes Band erblickte,
-und dieses dem Schauer des Fiebers, das im
-Gefolge der erschütternden Zauberspiele dieser
-Stunden zurückkehrte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-Eilftes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uch</span> die Baronne war am Morgen erkrankt,
-hatte den Beystand der Schwiegertochter zurückgewiesen
-und Auguste, gewöhnt der Feindin
-wohlzuthun, für dies Mahl vergebens alles
-aufgebothen den Groll des tief empörten
-Mutterherzens zu beschwören.
-</p>
-
-<p>
-Julie schlich sich, von der Mutter verschmäht,
-zu dem Freunde hinüber der bey ihrem Eintritt
-seinen Rückfall vergaß, und schüttete ihr
-Herz vor ihm aus. Der Kindheit Freuden
-hatte ihr, laut dieser Geständnisse, eine grausame
-Stiefmutter, die Blumen der Jugend
-ein liebloser Gatte und die herrschsüchtige Baronin
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-geraubt. Diese verkenne, Auguste beneide
-sie, und beyde sähen in dem heiligen
-Mitgefühl, in dem reinen Feuer der Theilnahme
-das sie zur Pflegerin des edelsten Mannes
-gemacht habe, nur den schlau berechneten
-Plan einer Kokette. Helle Thränen begleiteten
-die rührende Elegie, sein fieberhaft reitzbares
-Herz sprach nur zu laut für die Weinende.
-Sie nannte ihn ihren einzigen Freund,
-er aber nannte sich ihren ewigen Schuldner
-und gedachte seufzend gewisser Fesseln, die
-seine feurige Vergeltungs-Lust für den Augenblick
-noch gefangen hielten.
-</p>
-
-<p>
-Daß mein Gemüth &bdquo;erwiederte Julie&ldquo; die
-Heiligkeit dieser Pflichten kennt, daß es selbst
-die Ansprüche einer Unwürdigen zu ehren versteht,
-bezeugt die Fassung mit der es in jener
-Nacht das feurigste aller Gelübde zurückwies.
-</p>
-
-<p>
-Welche Gelübde? &bdquo;sprach er im Herzen zu
-sich selbst.&ldquo; In welcher Nacht?
-</p>
-
-<p>
-Oder hätte die Krankheit Sie in jener unvergeßlichen
-Stunde zum bewußtlosen Schwätzer
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-gemacht? Wohl Ihnen dann! Dann wäre
-ja Hermine nur ein Traumbild, das mit der
-wiederkehrenden Besinnung in sein Nichts zerfloß
-und ihre Treulosigkeit ein Phantom das
-im Morgenrothe der Genesung unterging.
-Woldemar sah verstummt zu Boden. Und
-Wohl auch mir! &bdquo;fuhr Frau von Wessen
-fort&ldquo; der da ein Gott die Kraft verlieh, dem
-feurigsten aller Männer zu widerstehen, und
-die Erhörung zu verzögern.
-</p>
-
-<p>
-Unseliges Verhängniß! &bdquo;rief er und sprang
-auf&ldquo; O, warum streifte mich der Fittich des
-Würgengels nur? Wie gern schlief ich in seinem
-Arme!
-</p>
-
-<p>
-Oder am Herzen der Verlobten?
-</p>
-
-<p>
-Ich bin sehr elend! Nimm mich an das
-Deine. An das hart verletzte, das ich heilen
-will und muß.
-</p>
-
-<p>
-Nicht also, guter Woldemar, ein Engel
-wird diese Wunden verbinden, der Engel der
-Vergeltung der unsere Opfer zählt und unsere
-Thränen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Ich will alles gut machen! &bdquo;rief er, hingerissen
-von der Fluth seiner Gefühle, von
-einer unzeitigen Großmuth gemeistert&ldquo; ja, ich
-gelob es! Nur das Mitleid sagst Du, die
-Theilnahme nur, nur die laue Hand der
-Freundschaft hätte Dich Wochenlang an meinem
-Bette festgehalten? Nur um ihretwillen
-hättest Du dem Grolle der Schwester, dem
-Zorne der Baronin, der Verläumdung bösartiger
-Thoren getrotzt? Nur aus Rücksicht auf
-die geflohene Treulose meiner Hand entsagt,
-die ich Dir &mdash; zwar in des Fiebers Gluth &mdash;
-doch wahrlich, inspirirt von meinem Engel
-both?
-</p>
-
-<p>
-Still, Frevler &mdash; Still! &bdquo;rief Juliane
-jetzt.&ldquo; Sie fühlen nicht wie tief mich diese
-Zweifel beugen; die Flamme nicht, die an
-unheilbare Wunden schlägt. O warum muß
-die böse Fee zwischen mich und den Abgott
-meines Lebens treten?
-</p>
-
-<p>
-Lieblicher hatte nie eine Frage seinem Ohr
-geschmeichelt, schneller nie ein Zauber sein
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Herz umstrickt, kein sterblich Weib ihn je so
-magisch angezogen. Die Spiegel ihrer Seele
-flammten wie Sterne durch die Nacht des
-Grams, der Wehmuth Genius schien aus dem
-Rosenkelche dieser Lippen ihn um Erbarmen
-anzuflehen. Er faßte sie mit starkem Arm, er
-hob sie hoch, an&rsquo;s Herz empor und bedeckte
-die Schluchzende mit zahllosen Küssen. Ich
-bin der Deine! &bdquo;rief er&ldquo; wirst Du dies zweyte
-heißere Gelübde verschmähen?
-</p>
-
-<p>
-Liebling &mdash; Bräutigam! Himmlischer Geist!
-stammelte Julie und ließ die Lippen des Trunkenen
-schalten. Man klopfte, er vernahm es
-nicht. Auguste trat herein ihre Schwägerin
-abzurufen; sie wand sich sanft aus seinem
-Arm, sprach zu dem Fräulein, dessen Antlitz
-ein edles Schaamroth überflog. &bdquo;Nimm hier
-kein Aergerniß, wir sind verlobt!&ldquo; und
-hüpfte fort.
-</p>
-
-<p>
-Auguste verbeugte sich gegen den Hauptmann,
-und wollte der Braut folgen, Woldemar
-aber faßte ihre Hand und bestätigte in
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-gebrochenen Worten Juliens Versicherung. Ich
-kenne &bdquo;erwiederte das Fräulein&ldquo; die Gesinnungen
-meiner Mutter zu wenig und die Gefahren
-Ihres Standes zu genau um Beyden
-jetzt schon Glück zu wünschen. Er ließ beleidigt
-Augustens Hand fallen. Aber wie kömmt
-dieß Band in Ihr Zimmer? &bdquo;fragte sie jetzt,
-und nahm es vom nahen Tische weg&ldquo; vergebens
-hab ich es heut&rsquo; am Morgen gesucht.
-</p>
-
-<p>
-Ein Strumpfband vielleicht? Sie verstummte.
-</p>
-
-<p>
-Oder etwa gar der Gürtel der Vesta? Auf
-jeden Fall sind Sie im Stande mir das
-Räthsel zu lösen. Vor meinem Bette fand
-ich es. Ihr Schutzgeist, Fräulein, trug
-diesen Talismann mitten in der Nacht in mein
-Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Auguste wechselte die Farbe, der Hauptmann
-sah ihr starr in&rsquo;s Gesicht &mdash; &bdquo;Und die
-misterische Pforte hier &mdash; unstreitig führt sie
-in das Geisterreich; aus ihr tratt der willkommene
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Gast hervor, durch sie kehrt&rsquo; er zurück.
-So ist es &mdash; auf mein Ehrenwort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ihre Hände bebten, ihre Wangen verblichen,
-sie wankte sprachlos aus dem Zimmer.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-Zwölftes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">oldemar</span> sah ihr staunend nach. Sein
-Kopf brannte, sein Herz glühte, Feuer rann
-in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in
-den Zwinger der das Schloß umgab. Die Erscheinungen
-dieser Zeit schwebten wie Geistertänze
-vor seiner Seele und der Schutt und
-die Blutspuren im Schnee weckten Erinnerungen
-an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf.
-Er freute sich der gelungenen That, dachte
-des Getümmels das ihr voranging, des empfangenen
-Briefes den der Jäger der Baronin
-in seinem Diensteifer ver<a id="corr-13"></a>bracht hatte und
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben auffinden
-ließen, unter sein Fenster hin. Lange
-störte er vergebens zwischen Eis und Schnee
-und dem Abbiß der Patronen, fand endlich
-ein bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen
-und las &mdash;
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="noindent">
-&bdquo;Die großmüthige Schwester &mdash; das Häubchen
-von ihrem Kopfe &mdash; zur Täuschung
-ähnlich &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Eine kalte Hand griff ihm in&rsquo;s Herz. Er
-sann und sann und suchte jetzt angsthafter;
-ihn aber suchten die Bedienten, denn eine
-Ordonanz aus dem Hauptquartier war gekommen.
-Der Husar erbat sich einen Empfangschein
-und übergab die Depesche. Woldemar
-fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah sich
-angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft
-alsogleich aufzubrechen, des fördersamsten im
-Haupt-Quartier einzutreffen, oder falls sein
-Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person
-nicht gestatte, ohne Zögerung nach dem
-Lazareth abzugehn.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Schnell ward gepackt, gesattelt, und der
-General-Marsch geschlagen, <a id="corr-14"></a>denn kein Augenblick
-war zu verlieren wenn das entfernte
-Ziel, den Worten der Depesche gemäß, erreicht
-werden sollte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-Dreyzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">ulie</span> hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote,
-die kranke Schwiegermutter heimgesucht,
-das gestrige unkindliche Benehmen mit der
-Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre
-Hände mit Küssen bedeckt, heilige Sprüche
-und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht
-und so den Zorn der gutmüthigen Baronin
-in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche
-Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von
-Wessen ihrem Woldemar eine Schutzrede der
-die Mutter um so weniger zu widersprechen
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-vermochte, da sie früher selbst seiner Bescheidenheit,
-seiner Sittlichkeit, und so mancher
-liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete,
-das gebührende Lob ertheilt hatte. Zu
-allen dem &bdquo;fuhr jene fort&ldquo; hat Ihnen Gott
-in dem edlen Mann einen Engel gesandt, denn
-wie wäre es uns ergangen, wenn er nicht
-Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche,
-Sie vielleicht im Grabe, ich und Auguste
-ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken,
-geplündert und verlassen am Scheidewege.
-Was wir sind, was wir haben, erhielt uns
-seine Hand und die wollten Sie aus der
-Hand seiner Vergelterin reißen? Der Himmel
-selbst belohnte diese That und öffnete ihm eine
-glänzende Laufbahn.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf
-den Werth des Freyers, auf den Schutz,
-welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß
-wohl eher begünstigt als gescholten haben,
-wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher
-als das der Verwandtin am Herzen gelegen
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell des
-stillen Grams der aus Augustens verweinten
-Augen sprach und begriff nicht, wie ein so
-zartfühlender Mann, blind für den Zauber
-dieser Himmelsblume, nach der dornigten
-prahlenden Rose zu greifen vermochte. Da
-indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des
-Himmels Sache waren und die Frau von
-Wessen bereits als verlobte Braut um ihren
-Segen bat, so vergab sie mit sanften Worten
-den übereilten Schritt, behielt sich das Weitere
-bis zu ihrer Genesung vor und drang
-darauf daß Woldemar zuförderst einem Stande,
-der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe,
-entsagen solle. Frau von Wessen erklärte
-selbst diese Bedingung für zweckvoll und unerläßlich
-und sah jetzt, still entzückt, in der sinkenden
-Sonne den Herold des Braut-Abends.
-Da ward es plötzlich lebhaft auf dem Hofe,
-des Hauptmanns Leute liefen durch einander,
-der eine sattelte, der andere sprach von nahem
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Blutvergießen, der Ruf der Trommel scholl
-aus dem Dorf herauf.
-</p>
-
-<p>
-Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte
-geisterbleich hinüber, in Woldemars Arm.
-</p>
-
-<p>
-Was soll das? &bdquo;fragte er mit verbissenem
-Schmerz&ldquo; Warst Du nicht eines Soldaten
-Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter
-Muth.
-</p>
-
-<p>
-Doch zu schrecklich war der jähe Sturz
-vom Sonnenziele in die Nacht des Grams,
-zu tief der Fall für ein so zügelloses Herz das
-jedes Lächeln des Geschicks zum Himmel hob,
-jeder Umfall in die Höhle des Jammers hinabwarf.
-Wimmernd hing sie an Woldemars
-Halse, hielt ihn krampfhaft umfaßt und ihre
-Lippen zuckten gichterisch.
-</p>
-
-<p>
-Bald sehen wir uns wieder! &bdquo;tröstete er
-mit halber Stimme.&ldquo; <em>Oft!</em> sagt mein Herz &mdash;
-nach wenig Tagen vielleicht, und am Ziele
-winkt ein Hafen in dem uns nichts mehr trennen
-soll. Aber die Jammernde verwarf jeden
-Trost. Nimm! &bdquo;rief sie und schnitt mit schonungsloser
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Hast eine Flechte von dem glänzenden
-Haupthaar.&ldquo; Nimm und gedenke mein!
-Und meiner nur! Gelobend bedeckte er ihren
-bebenden Mund mit heißen Küssen und bat
-sie dann, die kranke Mutter auf seinen Abschieds-Besuch
-vorzubereiten. Julie ging nach
-langen Bitten, doch wenige Schritte nur.
-Laut schreyend flog sie an seinen Hals zurück.
-Ihre zuckenden Augen brachen, entgürtelt flog
-der Busen, das lose Haar um ihre Scheitel.
-Sie lag noch bewußtlos im Arm ihrer Kammerfrau
-als Woldemar in der furchtbarsten
-Stimmung seines Lebens über die donnernde
-Zugbrücke sprengte. Schaudernd blickte er vom
-Thal aus nach dem Schlosse hinauf, dessen
-Fenster das Spätroth vergoldete, gab den
-räthselhaften Geistern dieser Burg gute Nacht,
-und saugte das Blut aus der Lippe die Julie
-im Wahnsinn ihres Schmerzes verletzt hatte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Vierzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> man den Hauptmann nach jenem Gefechte
-verwundet und betäubt auf sein Zimmer zurücktrug,
-übernahm Frau von Wessen wie bekannt
-die Rolle der Wärterin und ließ deshalb
-um in seiner Nähe zu bleiben, ihr Bett
-ohne der Mutter Wissen, in jene leere, nachbarliche
-Kammer versetzen. Erst späterhin bemerkte
-die Baronin diesen ihr höchst mißfälligen Uebelstand,
-wieß Julien auf der Stelle einen Platz
-in <a id="corr-17"></a>ihrem eigenen Schlafzimmer an, gesellte
-ihr, als diese Weisung unbeachtet blieb, Augusten
-bey und verschloß die bewußte <a id="corr-18"></a>Tapeten-Thür.
-Frau von Wessen aber schloß sie, um
-sich einen weiten Umweg zu ersparen, am folgenden
-Morgen wieder auf und aus angebohrner
-Furcht vor Dieben und Kobolden, Nacht
-für Nacht die andere zu, welche über den unheimlichen
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-Saal in die Zimmer der Baronin
-hinüber führte. Auguste hingegen der es
-nie beykam den lieben Gast auf einem Schleifwege
-heimsuchen zu wollen, glaubte die streitige,
-von der Mutter gesperrte Thüre noch
-immer fest verschlossen, und ahnte nicht daß
-ihr Verhängniß sie im tiefsten Nachtkleid und
-in der verdächtigsten Stunde hindurch, und
-an das Bett eines feurigen, hoffnungslos
-geliebten Mannes führen werde. Oft genug
-ward die vermißte Nachtwandlerin in frühern
-Zeiten bald von dem Simse des Fensters bald
-aus irgend einem entlegenen Verstecke zurückgehohlt.
-Das Übel nahm mit den Jahren ab
-und immer hatte man sie bey den seltenern
-Rückfällen von der verschlossen gefundenen
-Thüre ohne weiteres in ihr Bettchen zurückkehren
-sehn.
-</p>
-
-<p>
-Welch Entsetzen mußte daher dieses reine,
-von dem erklärten Brautstand der Schwägerin
-so eben gebrochene Herz ergreifen, als
-Woldemars spöttisches Lächeln, als sein zum
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Pfand gesetztes Ehrenwort die leise Ahnung
-einer schrecklichen Möglichkeit zur Überzeugung
-erhob.
-</p>
-
-<p>
-Die kranke Baronin lag indeß während
-des Aufbruchs der Besatzung, von allen den
-Ihrigen verlassen da. Sie hörte den Lärm,
-das Wirbeln der Trommeln, den Hufschlag
-der Rosse und schellte vergebens. Die Bedienten
-kannegießerten im Hofe mit den marschfertigen
-Jägern, die Jungfer lag, in Thränen
-aufgelöst, an des Feldscheers Brust, das
-Stuben-Mädchen wollte den Pfeifer nicht
-lassen, Juliens Kammerfrau saß erstarrt vor
-der verzweifelnden Braut, und Augustens alte
-Wärterin lief der schluchzenden Enkelin nach,
-die ihrem Trommelschläger den Wirbel verdarb.
-</p>
-
-<p>
-Das Getöse nahm kein Ende, der zersprungene
-Klingeldrath lag am Boden, und
-die Baronin, welche jetzt nichts sicherer glaubte,
-als daß der Feind zu Folge eines zweyten
-gelungenern Überfalls das Schlimmste beginne,
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-sprang, von der Angst geheilt, plötzlich
-auf, um ihre Küchlein mit Hand und Mund
-bis auf den letzten Odemzug zu vertheidigen.
-Aber noch stand im Vorsaal alles auf dem
-gewohnten Platz. Von Zimmer zu Zimmer
-eilte sie nach Juliens Schlafkammer, trat
-jetzt erblassend vor ein Schreckbild das unter
-wilden Krämpfen ächzte und nahm, nach Hülfe
-rufend, Augusten wahr, die einer Sterbenden
-gleich vor ihrem Bette kniete und taub
-für allen Jammer dieser Scene schien. Welch
-ein Abend! Welch eine Masse von Seufzern
-und von Thränen, von denen ach, so wenige
-ein Gegenstand für die wohlthuende,
-Schmerz und Thränen wiegende Vergelterin
-seyn konnten.
-</p>
-
-<p>
-Zerstört im Innersten klagte Julie ihr Geschick
-an; in Thränen edler Schaam gebadet,
-verging die holde Nachtwandlerin; sprachlos
-stand die schluchzende Mutter zwischen der
-Gruppe und die betäubten Bräute des Frey-Corps
-sprangen mit verweinten Augen bunt
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-durch einander ab und zu und hohlten in der
-Zerstreuung Öhl statt des Essigs, Tinte statt
-des Balsams und den Pastor statt des Baders
-herbey.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-Fünfzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">oldemar</span> hatte indeß das Ziel seiner Bestimmung
-erreicht, sich gesund gemeldet und
-eine Masse lästiger Dienst-Geschäfte vorgefunden,
-die den Unkundigen bey dem Mangel
-an Rathgebern und Freunden, bey der
-feindseligen Stimmung die sein frühes Glück
-veranlaßte, schnell genug mit einem Stand
-entzweyten an dem ihn doch das eiserne Band
-der Pflicht und des Ehrgefühls festhielt.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach
-langen Stürmen eine Windstille.
-</p>
-
-<p>
-Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens
-Trost das Bewußtseyn geworden und
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-der himmlische Frühling goß das Füllhorn
-der Erneuung über sie aus. Eben war die Mutter
-mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches
-Gut gefahren als sich ein fremder Baron
-bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel lieber
-hätte die Einsame den unwillkommenen Gast
-abgewiesen aber es fehlt&rsquo; ihr für den Augenblick
-an einer glaubwürdigen Entschuldigung
-und so ward er <a id="corr-20"></a>denn angenommen.
-</p>
-
-<p>
-Ein junger, blendend schöner Mann trat
-in das Zimmer. Sein hoher Wuchs, sein
-Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines
-Benehmens, gewann in voraus ein Gemüth
-dem der zärteste Sinn für die Gabe
-der Grazien anhing und der Gegenstand welcher
-ihn zu Augusten führte, war bedeutend
-genug ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.
-</p>
-
-<p>
-Julius hatte nehmlich nach dem Empfange
-jener wenigen, nichts sagenden Zeilen welche
-Frau von Wessen damahls in Woldemars
-Nahmen schrieb, vergebens einer <a id="corr-21"></a>Antwort auf
-seine dringende, Herminens Ehre <a id="corr-22"></a>rettende
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an
-den Adjutanten geschrieben, und von diesem
-einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse
-empfangen die ihn zu der Reise nach dem fernen
-Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den
-Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund
-hier stand wie von dem Charakter der handelnden
-Personen unterrichtet, hatte er im
-Posthause bereits seit Tagen den günstigen
-Augenblick erwartet, der ihm, Augusten ohne
-Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er
-stellte sich ihr jetzt als Woldemars Vertrauten
-dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten,
-vor ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre
-Langmuth durch Weitläufigkeit erschöpfen zu
-müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit
-Woldemars heimischen Verhältnissen, und von
-der seltsamen Katastrophe die ihn aus jenen
-weg, in den Krieg trieb.
-</p>
-
-<p>
-Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit
-das Fräulein ermüdet hätte: sie
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte
-sie von Minute zu Minute liebenswerther.
-</p>
-
-<p>
-Herminens Vater &bdquo;fuhr Julius fort&ldquo; hatte
-als Handlungs-Diener das Glück, der Tochter
-seines reichen Herrn zu gefallen, und im
-Gefolge dieser Gunst das Unglück, sich zu einem
-Schritte zu vergessen, der Theresen das
-Leben gab. Des Vaters Blindheit und der
-Beystand der Mutter machten die Verheimlichung
-möglich, der junge Mann ward nach
-Holland, das Kind der Liebe in ein entferntes
-Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter
-mit größerm Glück als Recht die Gattin eines
-bedeutenden Wechslers. Er starb im ersten
-Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der
-frühere Vertraute kam zurück, machte die verjährten
-Rechte geltend, verloschene Gefühle in
-dem Herzen der Wittwe wieder rege, und
-ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm Herminen
-und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr
-nach wenig Monden, vom Schlage getroffen
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-nach, und sein redlicher Bruder nahm den
-verwaisten Säugling auf.
-</p>
-
-<p>
-Falsche Schaam, die Quelle so manches
-Unheils, hatte es der Verschiedenen ohnmöglich
-gemacht sich späterhin zu diesem Kinde
-zu bekennen, doch sorgten die Eltern aus der
-Ferne für sein Wohl. Des Vaters schneller
-Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn
-es fand sich weder ein Testament noch irgend
-etwas das ihr Daseyn bezeichnet hätte, vor.
-Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen
-die heran Wachsende einer Dame, der sie ihre
-Bildung dankt, als aber diese zufolge einiger
-verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt
-in die fremde Welt hinaus treten mußte, machten
-Bildung und Anmuth ihre Lage nur um
-so kritischer.
-</p>
-
-<p>
-Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler.
-Auguste kredenzte ihn; Julius bemerkte mit
-Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände
-und die ganz eigene Annehmlichkeit, welche
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Augustens Gliederspiel über die kleinste ihrer
-Bewegungen verbreitete.
-</p>
-
-<p>
-Hermine &bdquo;fuhr er fort, und rückte ihr
-vertraulich näher&ldquo; Hermine stört vor kurzem
-in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da,
-von dem guten Geist des Zufalls geleitet auf
-ein geheimes, mit Quittungen und Briefen
-angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden
-Beweiser der mütterlichen Verirrung
-sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie
-geahnten Schwester aufzufinden. Hermine
-sieht eine höhere Fügung in dem Ohngefähr,
-fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene
-mit ihrem Ueberfluße zu erfreuen, macht den
-Oheim zum Vertrauten und wird nicht müde
-ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn.
-Der Onkel untersucht, überzeugt sich, empfiehlt
-ihr Verschwiegenheit; will erst das <em>Wie</em>
-und <em>Wo</em> erforschen, sich von dem Werth oder
-Unwerth der Person unterrichten, und der
-Wallung eines schönen Herzens durch weise
-Vorsicht Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-hat sich bereits am Busen einer Freundin
-entladen und diese das Geheimniß unter
-dem Siegel der Verschwiegenheit ihrem Bruder,
-Herminens hoffnungslosesten Anbeter mitgetheilt.
-Armuth, Habsucht und der Groll
-verschmähter Liebe bestimmen ihn, die Entdeckung
-zu seinem Vortheil zu benutzen: er
-durchreist die bezeichnete Gegend und findet
-nach manchem Kreuzzug die Gesuchte zwischen
-Hunger und Kummer mitten inne.
-</p>
-
-<p>
-Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein
-ab. Sie kehrte nach wenigen Minuten
-zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit
-der angenehmen Sorge für sein Nachtlager
-und bat den Baron der ihr für diese Güte
-den feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung
-der Geschichte.
-</p>
-
-<p>
-Goldne Berge &bdquo;erzählte Julius&ldquo; werden
-jetzt Theresen gegen eine billige Vergeltung
-zugesichert, der Beweis ihrer Abkunft so überzeugend
-geführt, der Umfang ihrer Ansprüche
-so klar in&rsquo;s Licht gestellt, daß sie nicht länger
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-zögern mag, diese Kette schmerzlicher Entbehrungen
-mit dem verhießenen Ueberfluß zu
-vertauschen. Sie eilt, von den trefflichsten
-Zeugnissen ihres Wohlverhaltens unterstützt
-nach der Vaterstadt, erschreckt den Oheim durch
-die sprechende Aehnlichkeit mit Herminen, die
-von der plötzlichen Erscheinung überrascht, von
-diesen Zeugnissen gewonnen, von dem Anblick
-ihres Ebenbildes erschüttert an des Mädchens
-Hals fliegt, und die gefundene Schwester feurig
-willkommen heißt. Therese vernimmt mit
-Erstaunen, was bereits von hieraus für sie
-geschah, sieht sich statt der Verläugnung auf
-die sie gefaßt war, mit den zärtlichsten rein
-vom Herzen kommenden Liebkosungen überhäuft,
-und beschließt, in Schaam und Rührung
-aufgelöst, Gleiches mit Gleichem, die
-Großmuth durch Mäßigung zu vergelten. Ein
-seltsamer Wettstreit entspinnt sich nun. Hermine
-dringt auf eine Theilung der <a id="corr-25"></a>Erbschaft,
-Therese will sich dagegen nur vor dem Hunger
-geschützt, nur als eine Hülfsbedürftige geduldet
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-sehen, am wenigsten im Kreise der Familie
-unter ihrer wahren Gestalt auftreten.
-Jene trägt ihre besten Kleider zur Auswahl
-für Theresen herbey, diese wählte sich einen
-häuslichen, schon getragenen Anzug. &mdash; Und
-so blieb denn das Mädchen meine Haus-Genossin,
-so verkannte Woldemar, der in diesem
-Momente weder die unzartere Haut noch das
-dunklere Haar in Betracht zog, seine schuldlose
-Braut &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die ihn &bdquo;fiel Auguste ein&ldquo; mit dem Daseyn
-einer solchen Schwester, schon um dieser
-gefährlichen Aehnlichkeit willen hätte bekannt
-machen sollen &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ohnfehlbar &bdquo;entgegnete Julius und das
-Fräulein erröthete&ldquo; schloß ihr nur die zarte
-Verschämtheit, oder die Achtung für den Ruf
-und die Asche ihrer Mutter den Mund. Ich
-bin am Ziele &bdquo;setzte er mit einer leichten Verbeugung
-hinzu&ldquo; und Tag und Nacht gereist
-das unseligste aller Mißverständnisse auszugleichen,
-oder, wenn mir das nicht gelingen
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-sollte, der Gekränkten eine Genugthuung zu
-verschaffen, die das Gesetz der Ehre vorschreibt.
-</p>
-
-<p>
-Auguste seufzte tief und sprach &bdquo;Am Ende
-war vielleicht die übereilte Entfernung Ihres
-Freundes eine unerkannte Wohlthat des Himmels
-der das edelste Mädchen auf diesem Wege
-von dem bestandlosen Manne befreyt hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Meynen Sie? fragte er, und sah ihr tief
-in das blaue Augen-Paar.
-</p>
-
-<p>
-Denn Ihrem Woldemar &bdquo;fuhr sie fort&ldquo;
-weint bereits eine neuere Braut nach.
-</p>
-
-<p>
-Man sagte mir das: ich glaubte es nicht.
-Jetzt &mdash; O jetzt muß ich&rsquo;s fürchten!
-</p>
-
-<p>
-Sie sind sein Freund. An Ihnen ist es,
-ihm den vorgefaßten Argwohn zu benehmen,
-ihn an ein Herz, das er zerrieß zurück zu
-führen.
-</p>
-
-<p>
-O, nun es so weit ist, sind wir geschieden
-&mdash; der Rächer tritt nun an des Warners
-Platz.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Nein, edler Mann &bdquo;sprach sie mit flehendem
-Silberton&ldquo; der Warner muß zum Engel
-und nicht müde werden bis ihm die gute That
-gelingt.
-</p>
-
-<p>
-Julius küßte von dem Zauber dieser Töne,
-und von dem Geiste dieses Raths ergriffen,
-Augustens Hand, als die zurück gekommene
-Julie hereinrauschte, betroffen stehen blieb und
-die Gruppe mit blitzenden Augen maß. Das
-Fräulein stellte ihr in dem Gaste Woldemars
-Freund vor. Sie erwiederte seinen Gruß mit
-dem anmuthigsten Lächeln, zitterte bereits im
-Herzen vor den Zwecken dieses augenscheinlichen
-Störenfrieds und griff zu den magischen
-Waffen ihres Zaubers. Aber Julius sah durch
-den täuschenden Schleyer der Grazie in ein
-harmvolles Herz, in diesen unstäten Blicken,
-in dieser leisen, jeden Scherz verkümmernden
-Angst den regen Argwohn ihrer Schuld &mdash;
-und als er sie jetzt über dem Fräulein vergessen
-zu wollen schien, da ward die Charis
-plötzlich zur <span class="antiqua">Ate</span>, der Groll der Mißgunst
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-trat auf ihre Stirn, Auguste aber zog sich
-mit sanften Erröthen hinter den Heiligen-Schein
-der Sittlichkeit zurück. Frau von
-Wessen faßte sich schnell; überschüttete die verstummte
-Schwätzerin mit Schmeicheleyen, lenkte
-nun, von dem Spiele seines Humors erheitert,
-das Gespräch auf den Hauptmann,
-dessen bis jetzt nur beyläufig gedacht worden
-war und erschöpfte sich in seinem Lobe. Julius
-begleitete es mit den Gebehrden des Beyfalls,
-erbat sich, als Auguste verschwunden
-war die Erlaubniß eine so theilnehmende Gönnerin
-seines Vertrauten von dem seltsamen
-Mißgeschick ihres gemeinsamen Freundes unterhalten
-zu dürfen und wiederhohlte Wort
-für Wort die Geschichte. Julie sah ihm erst
-in&rsquo;s Auge, dann zum Himmel, von diesem
-zu Boden. Sie spielte bald mit dem Ridikül,
-bald mit den Gliedern ihrer Kette, erröthete,
-verblaßte, und stand eben im Begriff den Erzähler
-für ihre Ansprüche zu gewinnen, als
-die Baronin mit einem Brief in&rsquo;s Zimmer
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-trat. Sie übersah den Fremden in ihrer Bestürzung.
-Lies! &bdquo;sprach sie kaum vernehmbar&ldquo;
-die Armee ist geworfen &mdash; der Feind im Anzug.
-Julie verschlang mit feurigen Augen den
-Inhalt der Nachricht. Er wird vermißt!
-&bdquo;rief sie die Hände ringend&ldquo; Woldemar ist
-gefangen oder gefallen!
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel selbst &bdquo;erwiederte Julius&ldquo;
-scheint dies Herz an die Entbehrung seines
-Lieblings gewöhnen zu wollen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wissen also &bdquo;entgegnete Frau von
-Wessen&ldquo; daß Woldemar der Meine ist? Aber
-wissen Sie wohl auch, daß weder ein Mährchen,
-noch sein Erfinder, weder die Schlauheit
-einer Neben-Buhlerin, noch die Beredtsamkeit
-ihres Wortführers, mir ihn entreißen
-wird?
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nur &bdquo;fiel er ein&ldquo; daß der Feind
-gegen den er dies Schloß vertheidigte, bey
-weitem nicht sein schlimmster war und daß
-sein Weg zu Ihnen nur über mich geht. Aber
-wir streiten vielleicht über die Pflichten eines
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Todten, und thäten doch, falls diese Nachrichten
-gegründet sind viel besser, zu packen und
-zu fliehen.
-</p>
-
-<p>
-Julie kehrte ihm tief empört den Rücken
-und folgte der Baronin, welche taub für den
-Wortwechsel mit dem Himmel verkehrt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Julius traf im Fortgehn auf das Fräulein.
-Werden wir uns widersehn? &bdquo;sprach er&ldquo;
-und wie, und wenn? Längstens dort! &bdquo;entgegnete
-sie&ldquo; und so Gott will, an einem schönern
-Tage.
-</p>
-
-<p>
-Er drückte gerührt ihre Hand an die Lippen.
-Sie müssen fliehen &bdquo;sprach er&ldquo; wer begleitet,
-wer beschützt Sie denn?
-</p>
-
-<p>
-Himmel und Erde &bdquo;entgegnete sie&ldquo; der
-Mutter Gebet und unser Jäger.
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin kam in diesem Augenblick
-herzu. Sie hatte von Julien vernommen wer
-er sey, sah in dem unerwarteten Gaste einen
-ihr in der Stunde der Noth gesandten, erbeteten
-Beystand und bot ihm nach den ersten
-Begrüssungen den Platz in ihrem Wagen an.
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Augustens Augen unterstützten mit sanften,
-beredtsamen Blicken das Erbieten, der Freyherr
-sagte zu.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-Sechzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ur</span> zu lange ließen wir indeß Herminen aus
-den Augen, deren Lage nach Woldemars übereilter
-Flucht unter die trostlosesten hinabfiel.
-Julius war nach jener Begebenheit, durch
-Theresens Vermittlung ihr bekannt, war ihr
-Freund, ihr Rathgeber geworden, und des
-Mädchens letzte Hoffnung beruhte auf dem
-Erfolge seiner Reise.
-</p>
-
-<p>
-Muth- und ruheloser als je, lag sie eines
-Abends an dem Herzen ihrer heimlichen vertrauten
-Schwester, als diese tröstend zu ihr
-sprach &mdash; Schon manche Braut, meine Geliebte,
-ward getäuscht, schon manches feste
-Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder die
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Bestandlosigkeit der Männer zerrissen und nicht
-selten segneten späterhin die Getäuschten ihr
-Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen
-sollte!
-</p>
-
-<p>
-Hermine sah, den Trost verschmähend in
-ihren Busen nieder. Ach! Schwester &bdquo;klagte
-sie&ldquo; Du kennst den Umfang meines Unglücks
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-Gestehe nur &bdquo;entgegnete Therese&ldquo; daß Julius
-der liebenswürdigste aller Männer ist.
-Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an
-seiner Hand den lieblosen Hitzkopf bald vergessen,
-daß ich dem Himmel danken würde,
-der mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen
-Ziele führt. Das ist Dein Fall. Es
-kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am
-Abend vor seiner Abreise, den Günstling eines
-Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt
-und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die
-Pflicht der Ehre und der Freundschaft zu erschöpfen;
-und sollte es auch mein Leben gelten,
-ich erschöpfe sie! Ein reitzendes &mdash; Du
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-mußt alles wissen, Hermine &mdash; Ein gefährliches,
-verbuhltes Weib sagte er, hat wie der
-Adjutant mir schreibt, den Thörichten umstrickt,
-und find&rsquo; ich ihn verlohren, so tritt der Mittler
-kühn an seinen Platz, und Sie, Therese,
-ebenen mir den Weg. Ich versprach ihm das,
-Liebe!
-</p>
-
-<p>
-Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten,
-das übereilte Geständniß der Schwester
-hatte ihr Innerstes zerrissen. &bdquo;Wehe mir!&ldquo;
-rief sie, als der wilde Schmerz endlich Worte
-fand. &bdquo;Wehe mir, denn unserer Mutter
-Schicksal ist das meine.&ldquo; Therese sah verbleichend
-an ihr herab.
-</p>
-
-<p>
-Rechte nicht mit der Unglücklichen &bdquo;fuhr
-sie fort&ldquo; welche Sterbliche wär&rsquo; in jener Versuchung
-bestanden? Es gab eine Nacht, Therese,
-in der dies Herz von Sehnsucht aufgelöst,
-dem Liebling alle seine Blüthen zudachte
-&mdash; in der ich die Arme verlangend nach
-dem Bräutigam ausstreckte, in der die schöne
-Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O,
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun
-nach einem endlosen, verschmachteten Tage, in
-die einsame Kammer &mdash; Deine Lippe lispelt
-seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt
-ihn an&rsquo;s Ziel in Deinen Arm; da rauscht es
-hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint,
-kommt näher zieht Dich an die Brust und
-wird &mdash; und wird zu Deinem Manne!
-</p>
-
-<p>
-Der Oheim unterbrach die Schwestern.
-Ein Geschäft führte ihn her, doch das Wort
-erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer
-Sterbenden ähnlich, der Ohnmacht nahe
-fand. So sage doch endlich was Dein Herz
-bekümmert! &bdquo;sprach der Erschrockene&ldquo; Kann
-ich helfen?
-</p>
-
-<p>
-Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand.
-</p>
-
-<p>
-Willst Du heyrathen? Ich sage <em>Ja</em>! Ledig
-bleiben? Desto besser! Ein ehrlicher Mann
-kann in Voraus alles gewähren, was ein braves
-Mädchen verlangen mag. Nach Pyrmont
-soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch,
-so reisen wir zusammen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit
-in die Ferne! vielleicht, daß dort ein Heilbad
-für mich quillt.
-</p>
-
-<p>
-Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte
-Herminen einen Brief. Er war von Julius.
-Zitternd erbrach sie ihn.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-Siebzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">och</span> verbarg die Frau von Wessen, von
-Aerger, Gramm und Angst bedrängt, ihre besten
-Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher
-Husaren in den Hof sprengte, zum Willkommen
-mit Pistolen in die Fenster schoß und
-den angespannten Wagen umringte.
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig,
-in diesem, Julius stand mit ihrem
-Staub-Mantel in der Hand vor Augusten,
-eine Kugel schlug zwischen beyden hindurch.
-Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-auf den Arm und stürzte mit ihr durch die
-Gartenthür den Hügel hinab. Sie wieß zum
-nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der
-tief in den Forst zu der Wohnung eines Wildhüters
-führte. Bergab, bergauf schlang sich
-der unwegsame Pfad und bald verschwanden
-Kraft und Odem. Die schöne Bürde glitt am
-Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft
-an ihre Seite. Das Bedenken, mit
-einem solchen Manne und von ihm verpflichtet
-in dieser Wildniß allein zu seyn, ging in
-dem Gram über das Schicksal der Mutter,
-über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses,
-über das unselige Verhängniß ihrer Zukunft
-unter. Schrecklich brauste jetzt der Donner
-des Geschützes durch den Hayn. Auguste
-raffte sich verstummend auf und eilte fort.
-Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer
-dunkler ward der Wald; die Sonne sank,
-man kam zur Wildhütte. Der alte Jäger erstaunte,
-die Tochter seiner Herrschaft hier zu
-sehen, erquickte die Hinsinkende mit Brot und
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Milch und versprach, bewegt von des Fräuleins
-befehlender Bitte und dem Golde das
-ihm Julius verhieß, sich nach dem Einbruche
-der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen,
-und wo möglich die dort Verlassenen ihnen
-nachzuführen. Er füllte die Lampe mit Oehl,
-schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und
-ging davon. Auguste sah umher, sah dem
-lauschenden Gefährten in&rsquo;s Auge, untersuchte
-das Thürschloß, schlich weinend auf und ab und
-warf sich jetzt auf ihre Kniee nieder. Sie
-sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte
-Mädchen und unwillkührlich falteten sich
-die Hände des Hörers. Ihr Angesicht verklärte
-sich; ein leises Amen flog, wie Geister
-Säuseln, von den Lippen der Beterin.
-</p>
-
-<p>
-Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem
-Muth erhob, bis zu Thränen gerührt,
-ihre Hand.
-</p>
-
-<p>
-Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher
-Theilnahme und trocknete die Perlen
-des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich
-glaubte den himmlischen Gespielen wieder zu
-sehn, der einst die seligen Träume des Knaben
-verschönte &mdash; Den Engel der in des Kindes
-Glauben lebte, und mit des Jünglings
-Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor
-mir aufgethan, in der ich, unrein wie der
-Zöllner stand.
-</p>
-
-<p>
-Den fürcht&rsquo; ich nicht! erwiederte Auguste
-und setzte sich vertrauend an seine Seite. Julius
-pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen
-und ihre Besorgnisse durch ein ernstes
-Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des
-Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden
-Einfluß auf die Bildung des Herzens;
-gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen
-Vorbildes, der Fluth der Sinnlichkeit die
-seine Gelübde und die reiche Saat der elterlichen
-Mühe verschlang. Plötzlich &bdquo;fuhr er
-fort, denn sie hörte ihm mit Andacht zu&ldquo;
-faßte mich eine Hand. Es war die Hand des
-Todes-Engels, der mich am Sarge meines
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte
-umgaben ihn; ihre Klagen, ihre Thränen,
-ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde selbst
-ehrten sein geheiligtes Andenken.
-</p>
-
-<p>
-Und was würden sie denn am Sarkophag
-des Sohnes sagen? &bdquo;fragt ich mich auf dem
-Wege zu der väterlichen Gruft!&ldquo; Wo sind
-die Opfer die du dem Glauben an die ewige
-Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die
-Saaten für jene Welt gesät? Die Siege über
-das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige die
-Wunden auf, die du heiltest, die Keime der
-Fruchtbäume die du gepflanzt hast! Beschämt,
-vernichtet, stand ich vor dem innern Richter,
-wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte
-für den Augenblick an der Rettung
-aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden
-Finger hing sich eine Schooßsünde die mich
-nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte die
-Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute
-meinen Willen; in jedem Winkel spottete ein
-Satyr den grämlichen Pedanten aus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-&bdquo;Still&ldquo; sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn.
-Eben klopfte man an den Fensterladen.
-Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor,
-und verbarg das Licht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aufgemacht!&ldquo; rief es. Zwar mischte sich
-ein bittender Ton in die Stimme, aber Satan
-bat ja schon öfters mit Engels-Zungen
-um Einlaß. &bdquo;Ich bin es, guter Jakob!&ldquo;
-versicherte Frau von Wessen.
-</p>
-
-<p>
-Julius antwortete an des Wildhüters
-Statt. Aber die Thür war von innen nicht
-zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel
-mitgenommen.
-</p>
-
-<p>
-Sie werden doch eine Hand für mich
-frey haben &bdquo;entgegnete Julie&ldquo; um mir durch
-den geöffneten Fensterladen herein zu helfen.
-Er folgte schnell dem Winke und zog die Füllreiche
-nicht ohne Anstrengung, nach manchem
-fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens
-hatte Auguste während dem zu wiederhohlten
-Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Das &bdquo;sprach die Schwägerin, als sie jetzt
-wieder auf ihren Füßen stand&ldquo; das kann kein
-Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen
-seyn, das allen dem was ihr am theuersten
-seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit
-ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen
-Sie mein Herr, wenn etwa die verwünschte
-Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit
-unterbrach.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Verzeihung &bdquo;fiel Julius ein&ldquo; ist um
-so überflüßiger, da wir vor Gottes Augen
-wandelten.
-</p>
-
-<p>
-Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn.
-Vor Gottes Augen! &bdquo;wiederhohlte er&ldquo; wir
-dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen.
-</p>
-
-<p>
-Was kümmert&rsquo;s mich! &bdquo;entgegnete sie&ldquo;
-Laß uns Friede machen und Entschlüsse fassen,
-denn diese Nacht dauert nicht ewig und
-meine Kräfte sind erschöpft. Rund um erleuchten
-feindliche Wachtfeuer den Himmel,
-nur gegen Osten hin scheint mir der Weg noch
-frey zu seyn.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals.
-Sage mir &bdquo;flehte sie&ldquo; wie und wo Du die
-Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung
-bedrängt mein Herz.
-</p>
-
-<p>
-Quälle mich nicht &bdquo;entgegnete Julie&ldquo; Und
-wenn Dich nun vorhin jemand beschworen hätte,
-ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin
-blieb, was hättest Du denn zu erwiedern
-vermocht?
-</p>
-
-<p>
-Konnt&rsquo; ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste
-&mdash; Dem nahen, sichern Tod entflohen wir
-und tief im Wald erst kam mir die Besinnung
-wieder.
-</p>
-
-<p>
-Das ist auch <em>mein</em> Fall. Mich aber nahm
-kein beschützender Mann an sein Herz. Mir
-selbst überlassen mußte ich Rettung suchen,
-und nur die Schrecken der Nacht, nur die
-grause Furcht vor Ungeheuern, nur der Gedanke
-an Woldemars Schicksal begleitete
-mich. Ueber mir rauschten die Wipfel wie
-der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht
-sah bald ein weißer Geist, bald eine blutige
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Gestalt hervor und während dem Du hier in
-schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt,
-sah ich nur Bilder des Entsetzens.
-</p>
-
-<p>
-Auguste drückte die Hand der Schwägerin
-an ihre Lippen. Arme Schwester &bdquo;sagte sie&ldquo;
-Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet.
-</p>
-
-<p>
-Dann hat mir freylich nichts begegnen
-können &bdquo;entgegnete diese und lächelte wegwerfend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie? &bdquo;fragte Julius&ldquo; Sie könnten die
-Vorsprache eines so himmlischen Gemüths verschmähen?
-Die geheime, durch tausend Erfahrungen
-bewährte Kraft eines feurigen Gebets
-bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur
-Ehre des guten Geistes bekennen, daß ihn
-mein Herz in bangen, schrecklichen Stunden,
-in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken
-die ich für meine letzten hielt, nie vergebens
-um Licht und Rettung anrief.
-</p>
-
-<p>
-Ich für mein Theil &bdquo;erwiederte Julie&ldquo;
-gestehe dagegen, daß mir bis jetzt der gute
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer
-als ein feuriges Gebet aus der Noth half,
-aber selbst das eiserne Fatum hat seine Günstlinge
-und ich zählte Sie schon beym ersten
-Anblick unter diese. So macht mich denn zur
-Genossin des Lichts und des Raths den diese
-Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir
-scheint es ganz ohne Zuthun einer Schicksals-Macht
-höchst gerathen noch vor Tages Anbruch
-der nächsten Station zuzueilen, und
-falls sich da um keinen Preis Pferde vorfänden,
-auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee
-fortzuziehen. Hat ihre Niederlage sie nicht
-um allen Rittersinn gebracht so wird er sich
-gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die
-aus verweinten Augen sehen.
-</p>
-
-<p>
-Julius und Auguste entgegneten einstimmig
-daß man für&rsquo;s erste die Rückkehr des alten
-Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner
-Kenntniß aller Schliche gewiß gelingen
-werde, die Baronin aus dem Schloß und in
-ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-an der Thätigkeit einer höhern, leitenden und
-erhebenden Hand &bdquo;setzte Auguste hinzu&ldquo; sind
-bereits durch die Fassung mit der Du ganz
-wider Erwarten die Sage von Woldemars
-Unglück hinnahmst und durch das Wunder,
-welches Dich durch die Nacht und die Feinde
-und den unwegsamen Wald in unsere Mitte
-brachte, widerlegt.
-</p>
-
-<p>
-Schnell erglühend sagte Julie &bdquo;Ich fand
-noch eben Kraft genug in mir, den Triumph
-der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth
-und Entsagung zu verkümmern, und unter
-diesen Umständen in der Nachricht von des
-Hauptmanns Schicksals den besten Trost.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten,
-unversöhnbaren Widersacherin die Spitze
-zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen
-trat und Augusten ein Billet von der Baronin
-überreichte.
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="noindent">
-Geliebte Tochter &bdquo;las das Fräulein mit zitternder,
-von Furcht und Hoffnungen bewegter
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Stimme&ldquo; ich melde Dir daß sich
-Deine Mutter zwar, gleich dem Daniel
-in der Löwen-Grube befindet, doch gleich
-wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn
-gedenkt. Es liegt bereits ein
-feindlicher Oberster in dem Gast-Zimmer
-dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein
-Ende macht. Ich kann die Güte mit
-der er hier verfährt, nicht beschreiben und
-rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen,
-da er nicht allein meine vorgehabte
-Entfernung gut geheißen sondern sich selbst
-erboten hat, uns in dem zugestandenen
-Wagen bis über die Vorposten begleiten
-zu lassen etc.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände,
-und Julius bot ihr den Arm. Lassen Sie
-uns eilen &bdquo;sprach er&ldquo; denn leicht könnt vor
-Abends noch ein Unhold an die Stelle des
-menschlichen Schutzgottes treten.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-18">
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Achtzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge
-in den Hof traten, wie gestern, angespannt
-vor der Thür, und die Baronin reisefertig
-an demselben. Vor allem &bdquo;sprach Julie
-zu dieser&ldquo; lassen Sie uns Erschöpfte erst
-ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen,
-im größten Wirwarr verlassenen Sachen
-sehen und nebenher auch dem Obersten
-für seine großmüthige Schonung danken. Damit
-flog sie singend die Treppe hinauf und an
-dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber.
-Begierig das kecke Vöglein zu sehn, welches
-hier unter der Schärfe des Schwerts noch
-Sinn für solche Läufer habe, steckte der junge
-Held den Kopf aus der Thüre und fand sich
-auf&rsquo;s Angenehmste überrascht. Frau von Wessen
-schien erschrocken, trat ihm mit reitzender
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Demuth entgegen, dankte dem Gütigen in den
-gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte,
-sich als die Wittwe eines gefallenen Soldaten
-schonender Rücksichten gewürdigt zu sehn
-und war nach einem viertelstündigen Aufwand
-ihrer magischen Künste der willkommensten
-aller Eroberungen gewiß.
-</p>
-
-<p>
-So eben &bdquo;sprach sie zu der ängstlich treibenden
-Mutter&ldquo; hat mir der Oberste noch den
-großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich
-alles was wir bereits verlohren gaben, packen
-lassen und Ihnen dann folgen werde. Seine
-Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz
-und mein Schirm seyn. Im Zollhaus erwarten
-Sie mich.
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie
-nicht von der Stelle weichen zu wollen. Da
-nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer
-Ausbesserung bedurfte, so verzögerte sich die
-Abreise von Stunde zu Stunde, und ward
-endlich, als sich die Mutter im Gefolge der
-ausgestandenen Schrecknisse plötzlich von ihren
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden
-Tage verschoben. Alle außer ihr fanden
-dabey für den Augenblick ihren Vortheil. Der
-Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber
-als das <em>Schöne</em> und Frau von Wessen gefiel
-sich vor allem in der Rolle der Delila.
-Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete,
-seinem Sinne zusagende Männer
-und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen
-Auguste die Einsamkeit in die sie sich,
-trotz der anziehenden Gäste, zu seiner höchsten
-Befriedigung vergrub, erträglich zu
-machen.
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf lief auch die Bestätigung von
-Woldemars Gefangenschaft ein. Er hatte,
-laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten,
-den Erwartungen die sein erstes Probestück
-erregte und der Rolle zu der ihn seine Beförderung
-erhob, so wenig entsprochen, sich auf
-einem Außen-Posten so zweckwidrig benommen,
-sich späterhin so unvorbereitet überfallen
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-lassen, daß seine Stelle wie billig bereits vergeben
-und besetzt worden war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="corr-33"></a>Plötzlich entstand eines Morgens großer
-Lärm in dem Hofe und dem Hause. Es gab
-ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine
-Ordre welche den Genius der Wessenburg zu
-der Armee des Innern abrief, brachte Freunde
-und Feinde in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue
-zur Flucht, Julius empfahl dem Obersten auf
-gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und
-benutzte dessen Erbieten, ihn mit Wechseln
-und Nachrichten zu versehn. Sein Brief sprach
-um so nachdrücklicher für die Verlassene, da
-ihm Theresens letzte Zuschrift für immer alle
-Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Alles war zum Aufbruch bereit als Julie
-in der Mutter Zimmer trat, ihr mit feierlichem
-Ernst die Hand küßte und sich als die
-Braut des Obersten auf immer beurlaubte.
-Zwar &bdquo;sprach sie&ldquo; ist der Schritt gewagt;
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-aber in der Liebe ist ja, nach des Meisters
-Ausspruch alles nur ein Wagstück &mdash; Zwar
-bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an
-fernen Wasserflüssen und weiß noch immer
-nicht was er will &mdash; Zwar ist mein Bräutigam
-der feurigste Republikaner, doch wer die
-Freyheit ehrt, wird auch die Rechte des Weibes
-achten. Zwar ist er Katholik, doch sind
-ja seine Götter auch die Meinen und Amor
-unser Schutzpatron.
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter stand verstummt und sah mit
-gefalteten Händen gen Himmel. Ihnen, Herr
-Baron &bdquo;fuhr Julie, sich zu diesem wendend,
-fort&ldquo; Ihnen, dessen langweiliger Intrike mein
-rascher Entschluß über den Graben hilft, wünsch&rsquo;
-ich an Augustens Hand das beste Glück und
-eine Wildhütte um es auszulassen. Warum
-erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres
-als daß er der Deine wird &mdash; Ich seh,
-Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit Gleichem!
-Oft genug habt ihr mich auf Nesseln
-gestellt. Gott segne Sie, <span class="antiqua">ma mere</span>, und Ihre
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett,
-Fräulein! Damit verschwand sie.
-</p>
-
-<p>
-Die Baronin eilte ihr nach. Auguste
-weinte, tief verletzt, hinter ihrem Tuche, Julius
-neigte sich liebkosend zu ihr herab und
-sagte &mdash; Möchte der Segen dieser unholden
-Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille befördert
-seltsam genug den schönsten Zweck und
-ich darf nun keck und ohne Zögerung eines
-Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten
-des Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen
-und Gelübden die mein Geschlecht so
-oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt.
-Sprach Frau von Wessen aus Augustens Seele
-so wär&rsquo; es wohl gerathen, die edle Schaamröthe
-an meinem Herzen zu verbergen?
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren
-Leib &mdash; &bdquo;Auguste!&ldquo; sprach er leise und
-zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz.
-Die blauen, thränenschweren Augen bethaueten
-seine Hand mit warmen Tropfen. Ich
-fühl es lebhaft &bdquo;fuhr er fort&ldquo; daß die Wildhütte
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-zu meinem Glücke hinreichen, daß sich,
-an diesem Herzen alle <a id="corr-35"></a>wilden Wünsche des meinen
-in sanfte Sehnsucht nach den Hütten des
-Friedens auflösen würden, und was das Ihre
-fühlt, verräth dies Auge.
-</p>
-
-<p>
-Auguste lehnte sich, still entzückt an seine
-Schulter und lispelte mit bebender Stimme &mdash;
-&bdquo;<em>Innige Liebe!</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er küßte den Mund der diese Worte sprach,
-unter freudigen Schauern, und eilte Arm in
-Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter
-entgegen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-19">
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Neunzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">oldemar</span> war indeß von einer gefährlichen
-Krankheit genesen und sah noch immer, von
-jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten,
-entblößt von Geld und allen Gütern,
-die das Leben versüßen, der Auswechslung entgegen.
-Nacht für Nacht erschien ihm Hermine,
-bald im Glanze der Unschuld, bald als eine
-weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten
-die Entzückungen der Weih-Nacht den
-Schläfer, oder die glühende heiß umfangende
-Julie ward vor <a id="corr-36"></a>den Augen des Erwachenden
-zur Stroh-Garbe des Lagers auf dem ihn
-die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer
-öder und leerer ward sein Inneres. Tage
-lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in den
-Strom der an dem Kloster das die Gefangenen
-barg, vorüberrauschte, und sein Gemüth
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-erlag unter der Bürde der Schwermuth.
-Sterben! Schlafen! &bdquo;rief er mit Hamlet aus&ldquo;
-das ist eine Vollendung der brünstigsten Wünsche
-werth.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht auch träumen! &bdquo;sprach Gregor,
-sein Schlaf-Geselle&ldquo; nur bette Dich gut!
-Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen
-sagen, ein Traum ist, so wird es Pflicht sich
-immer die angenehmsten zu bereiten. Der
-Verdruß über diese närrische Welt, die Schaam
-über dieß thörichte Herz, der Gram über
-Mangel und Unfälle, haben früher den besten
-Theil meines Daseyns verkümmert und selbst
-die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden
-Lasten gemacht. Endlich erschien mir,
-spät genug, ein heilsamer Tröster. Er schlug
-das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir
-zu, und führte mich in sein Freudenreich. Bist
-Du elend? Hat Dich die Freundschaft verrathen?
-Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer
-in Händel verwickelt? Dein Sinn für
-Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-empört? Nun, so flieh aus der Jammer-Höhle
-und folge mir nach.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß ja wohl &bdquo;versetzte Woldemar&ldquo;
-daß Deine Kopfwunde bedeutendere Folgen
-als die meine hatte.
-</p>
-
-<p>
-Fürchte das nicht! &bdquo;entgegnete Gregor&ldquo;
-Tiefer als diese &mdash; ach, ganz unheilbar sind
-die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin
-verbindet sie. Welcher Unsterblichen
-&bdquo;frag ich mit dem Dichter&ldquo; soll der
-höchste Preis seyn? &mdash; Der Phantasie! In
-ihrem Reiche lag das Paradies; in ihm liegt
-Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume
-meiner Jugend gereift; dort lebt das Weib,
-dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der
-Göttin! Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen,
-ihr Kuß berauscht ohne zu entzaubern;
-ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen
-Hayn und Kühlung um des Wallers
-Schläfe.
-</p>
-
-<p>
-So sage denn endlich was Du mit diesem
-Pathos gesagt haben willst? Könnte die
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in
-Honig, den Kerker zum Faul-Bett, die Geißel
-des Schicksals zur sammtenen Hand der
-Charis umschaffen, so wollt ich heute noch
-jeder bessern Geisteskraft absterben.
-</p>
-
-<p>
-Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths
-spricht &bdquo;versetzte Gregor&ldquo; wird der Mißdeutung
-nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart
-anticipirt mein Herz das Heil der Zukunft
-und lebt schon jetzt im Geist auf bessern
-Sternen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton,
-an dem vergitterten Fenster vorüber.
-</p>
-
-<p>
-O Himmel! &bdquo;rief Woldemar&ldquo; Meine
-Braut! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Weib!&ldquo; rief Gregor und rieb sich,
-wie aus einem Traum erwachend, Stirn und
-Augen &bdquo;Ja &mdash; Ja! ich wache, sehe, lebe
-noch und das war Julie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Julie von Wessen! &bdquo;fiel der Hauptmann
-ein&ldquo; die Wittwe eines Officiers.
-</p>
-
-<p>
-Wittwe? sagte dieser &mdash; O, wollte Gott!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-Woldemar blickte ihm starr in&rsquo;s Gesicht.
-Jenes Geschwätz, und diese Aeußerungen
-schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten,
-und dennoch sah ein ruhiger, besonnener
-Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief
-Gregor mit einem seltsamen Lächeln.
-</p>
-
-<p>
-Die auf jeden Fall einer von uns verkannt
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie
-trägt den meinen.
-</p>
-
-<p>
-Armer Gregor!
-</p>
-
-<p>
-Sag: Aermster Wessen &mdash; So nenn&rsquo; ich mich.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf.
-Dein Erstaunen &bdquo;fuhr jener fort&ldquo; beweist
-daß Du sie kennst und daß sie mich zu den
-Todten warf. Auch lag ich bereits unter diesen.
-Eine mitleidige Bäuerin, welche die
-Opfer des Schlachtfeldes verscharren half,
-fand noch Spuren des Lebens in dem Verscheidenden
-und entriß mich dem sanften Erlöser.
-Ich ward in ihre Hütte getragen, verbunden,
-gepflegt und kam nur allmählich aus dem finstern
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Gebiete des Nichtseyns zurück. Man
-hatte mich Unbekannten, zur Ehre des Schutzheiligen
-meiner Weckerin, Gregor genannt.
-Ich ward unter diesem Nahmen in das Haupt-Spital,
-und späterhin mit mehrern genesenden
-Gefangenen in das Innere abgeführt.
-Mein Zustand verschlimmerte sich von neuem.
-Was ich auch, nach der endlichen Herstellung
-zu meinem Besten that und sagte, ward
-als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt,
-da man mich nackend, ohne Kennzeichen
-meines Ranges unter den Leichnamen
-hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem
-Kittel bedeckt fand.
-</p>
-
-<p>
-Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen.
-Noch leidet freylich mein Kopf &bdquo;fuhr er mit
-fallender Stimme fort, und bedeckte mit der
-Hand die tiefe Narbe&ldquo; doch mein Gemüth
-leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter
-verlassen. Sie wird bitterlich um mich
-weinen. Eine traute Schwester &mdash; Tief und
-herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern.
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Ein treulos Weib! &mdash; Es wird den Schmerz
-erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen
-sprang er auf. &bdquo;Sagtest Du nicht daß
-sie hier sey?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit nichten! &bdquo;erwiederte Woldemar und
-drückte ihn auf sein Lager zurück&ldquo; Doch Deine
-fromme Mutter lernt ich kennen und diese
-Schwester ward mir werth. Ermanne Dich
-nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese
-Thränen überschwenglich vergelten und alles
-schnell zum Besten kehrn. Aber Gregor vernahm
-des Trösters Stimme nicht. Er starrte
-bewußtlos vor sich hin, und vergrub sich
-tief in sein Stroh.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten
-Empfindungen bewegt, vor dem Unglücks-Gefährten,
-als der Aufwärter in die
-Zelle trat und ihm ein geöffnetes Paquet
-übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein
-eben durchreisender Officier für ihn mitgebracht
-habe. Er erkannte auf den ersten Hinblick
-die Hand des Julius und ein freundlicher
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Sonnenstrahl fiel durch die Nacht der Schwermuth
-in sein Herz.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-20">
-Zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> plötzliche Tod des Oheims, welcher kurz
-nach seiner Ankunft in Pyrmont erkrankte,
-hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht,
-und sie der traurigen Gewißheit überhoben,
-sein Vertrauen durch das unabwendbare
-Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn.
-Ein freundliches, in der Nähe jenes Heilquells
-gelegenes Landgut ward zum Verstecke
-gewählt, und der Geistliche desselben, der sich
-am Sterbebette des Oheims die Achtung der
-Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger
-gemacht; denn für immer hatte Hermine
-auf die Rückkehr in ihre Heimath Verzicht
-gethan.
-</p>
-
-<p>
-Die Blätter verbleichen &bdquo;sprach sie eines
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Abends zu Theresen, als die Schwestern Arm
-in Arm durch den Garten des freundlichen
-Besitzthums schlichen&ldquo; verblich ich doch mit
-diesen! Kein Meer reicht hin den Flecken auszuwaschen,
-der Tod allein kann ihn vertilgen.
-Bescholten und verbannt werd ich vergehen &mdash;
-schnell wie mein Kranz verblühn, und unbekränzt
-in&rsquo;s Grab getragen werden.
-</p>
-
-<p>
-Auch die Reue hat ihre Grenzen &bdquo;erwiederte
-Therese&ldquo; und der Gram sein Ziel. Die
-Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der
-Schuldige, Du nur das Opfer. Schon öfter
-hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die
-Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild
-hoher Tugend worden. Und wenn mich meine
-Augen nicht trügen &bdquo;fuhr sie fort und zeigte
-nach der Gitterthür&ldquo; so erscheint uns eben
-dort ein hülfreicher Freund.
-</p>
-
-<p>
-Es war Julius der an Augustens Arm in
-den Garten tratt. Erblassend floh Hermine
-durch den Laubengang; wo hätte sie den Muth
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-hergenommen sich in dieser Gestalt vor ihm
-sehen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Ich komme weit her &bdquo;sprach er zu Theresen&ldquo;
-um Ihnen meine Frau vorzustellen, vergebens
-wies man uns an der Pforte des Paradieses
-ab. &bdquo;Ich bin Gott Vater!&ldquo; versicherte
-ich und glaub es nun selbst, denn Eva
-hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn
-nicht scheuen darf! Deren frommen Augen
-die wunderseltsame Kraft ward, den kecken
-Versucher in einen ehrbaren Vormund zu
-verwandeln.
-</p>
-
-<p>
-Denken Sie mir nicht an jenen Tag &bdquo;fiel
-die junge Wahl seufzend ein&ldquo; wir leiden noch
-an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß&rsquo;
-ich willkommen und freue mich des Engels
-den er dem Glück und seinem guten Rechte
-dankt.
-</p>
-
-<p>
-Komm an mein Herz, edles Mädchen!
-sprach Auguste, und umarmte Theresen. Sie
-sehn &bdquo;versetzte Julius&ldquo; daß wir alles erschöpfen
-die Pförtnerin dieses Klosters zu gewinnen
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-und ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts
-unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen
-Jungfrau zu beschwören, deren Zustand
-sie in meinen Augen um so reitzender
-macht.
-</p>
-
-<p>
-Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete
-ihre Schwester, und ein Mann, dessen
-Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten
-Geschlechte versöhnte, wird eine so
-seltene Tugend der leidigen Neugierde nicht
-zum Opfer bringen wollen.
-</p>
-
-<p>
-Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach
-er ernstwerdend.
-</p>
-
-<p>
-Den liefert das Pfarrhaus.
-</p>
-
-<p>
-Und bald auch &mdash; den Herrn Pathen.
-</p>
-
-<p>
-Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin,
-die ihn mit einem Fächerschlag zur Ruhe wies.
-Wenn ich hier nützlich seyn könnte &bdquo;sprach sie
-zu jener&ldquo; so nehmen Sie mich auf, denn
-mein Mann hat eine Geschäfts-Reise vor und
-ich war so lange schon mit dem Fröhlichen
-froh, daß ich recht gern wieder ein Weilchen
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-mit dem Weinenden weinen möchte. Dieser
-Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja
-vielleicht auch, früh oder spät, theilnehmender
-Seelen.
-</p>
-
-<p>
-Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte
-Therese, und diese großmüthige Herabneigung
-wird ein verstörtes, in edle Schaam
-versunkenes Gemüth viel schneller als mein
-längst verbrauchter Trost erheben.
-</p>
-
-<p>
-Mir ist &bdquo;sprach Julius&ldquo; bey allem dem
-ganz wunderbar ums Herz, und mein Innerstes
-mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber
-dieser Pein erfüllt, der um jeden Preis
-alles gut machen soll!
-</p>
-
-<p>
-Meines Mannes Reise &bdquo;versicherte Auguste&ldquo;
-hat diesen Zweck.
-</p>
-
-<p>
-Therese weinte jetzt und sagte &bdquo;Dieser Urheber
-bin ich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oder der Himmel &bdquo;entgegnete Julius&ldquo; der
-Sie zum Ebenbild der Schwester schuf, oder
-die Hölle vielmehr die da ganz ohne Mühe
-eine Saat himmlischer Freuden mit Unkraut
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-bedecken konnte. Aber, gute Wahl, mir ist
-leid für die Leidende. Sie fühlt zu tief um
-nicht auf Kosten ihres Lebens zu empfinden.
-Es wird in diesem Sturm versinken.
-</p>
-
-<p>
-Das ist&rsquo;s was ich fürchte &bdquo;klagte diese.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fürchte nichts! &bdquo;sprach die Baronin&ldquo;
-wir sind zum Schmerz berufen; verstören nur
-&mdash; zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige
-sind gemacht die Sünde dieser Welt, die
-Schuld der Schuldigen zu tragen.
-</p>
-
-<p>
-Für die Wahrheit küß&rsquo; ich Ihre Hand!
-&bdquo;rief Therese.&ldquo; Der liebende Gatte that ein
-Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken,
-die Wangen der Umfangenen berührten
-sich. Therese &bdquo;flehte Julius&ldquo; bey dem schönen
-Sinn dieser Gruppe beschwör ich Sie,
-mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich wenigstens
-nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn
-zu lassen. Der Anblick soll mich stärken für
-meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde
-verdient ja doch, ich fühl&rsquo; es lebhaft, diese
-Güte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste
-gleich, hinter der Hecke hervor und neigte sich
-laut weinend an seine Brust. Sie haben viel
-für mich gethan! &bdquo;sprach sie mit gebrochner
-Stimme&ldquo; mehr als ich je <a id="corr-40"></a>vergüten kann;
-doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich
-stehe am Grabe, Julius; es ist mein letzter
-Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in
-Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr
-wenn Sie <em>Ihn</em> wiedersehn.
-</p>
-
-<p>
-Thränen füllten seine Augen. Hermine
-drückte des Freundes Hand, und einen Kuß
-auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach
-sie mit dem Flötenton der innersten Wehmuth
-und sank erbleichend an Theresens Herz.
-</p>
-
-<p>
-Leidende Heilige! &bdquo;rief Julius erschüttert
-aus.&ldquo; Der lichte Geist der Hoffnung umschwebe
-Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein
-Blümchen an die Rose schmiegen, und der
-entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn.
-</p>
-
-<p>
-Ich werde vor Gott stehn &bdquo;erwiederte sie&ldquo;
-und Ihr gerührt an meinem Grabe. Julius
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-verwies ihr die bangen Zweifel und machte
-sich reisefertig.
-</p>
-
-<p>
-Lebe wohl! &bdquo;sprach die tiefbewegte Auguste
-und floh an den Hals ihres scheidenden Gatten&ldquo;
-Dem Herrn befehl ich Deine Wege!
-Umfangend hob er sie empor. Lebe wohl!
-&bdquo;flisterte sie&ldquo; mein Liebling, meines Lebens
-Licht! Meine Wonne!
-</p>
-
-<p>
-Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars
-Braut die Hände der neuen Freundin
-und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz
-und sprach &mdash; Wie sanft wird sich&rsquo;s in diesen
-Armen sterben!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-21">
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Ein und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">em</span> Briefe des Julius welchen der Aufwärter
-dem Hauptmann überbrachte war ein kleines,
-mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von
-der Hand der Frau von Wessen beygefügt.
-Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage
-der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof
-wo sie abtrat, und mehr als eine Triebfeder
-drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar
-fand sie allein, schöner als je, in einem
-idealischen Nachtkleid und ward mit bräutlicher
-Traulichkeit von ihr umfangen.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Selbstgefühl &bdquo;sprach sie, als er an
-ihrer Seite Platz genommen hatte&ldquo; wird mir
-für die Großmuth Dank wissen mit der ich
-mein höchstes Gut, den Liebling meiner Seele,
-einer heiligen, gebietenden Rücksicht zum
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-Opfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne
-der mir dies Opfer möglich und den Verlust
-erträglich macht. Auch Sie &bdquo;fuhr Julie, als
-sein stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte,
-mit süßem Lächeln fort&ldquo; Auch Sie gewinnen
-offenbar, denn ein so fehlervolles Weib
-ist nur für kurze Flitterwochen gut und jungem
-Weine gleich, der schnell begeistert aber
-Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher
-als galant, und auch ich will ehrlich seyn.
-Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar.
-Wie gern hätt&rsquo; ich das Süßeste mit
-ihm getheilt, doch er verstand mich nicht, zagte
-nur wo er begehren sollte, und zittert vor
-dem schönsten Verhältniß. Mag eine Prüde
-sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage
-schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur
-die Dankbarkeit gewann das Ihre, nur der
-redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen,
-nöthigte diesem Munde die längst bereuete
-Verheißung ab. Doch jenes hatte meine
-Leidenschaft erfunden und diese geb ich hier
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-zu Gunsten einer weinenden Braut zurück.
-Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu
-den schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu
-sehen, wird sich mein künftiger Gemahl für
-Ihre Befreyung verwenden.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte
-wieder, dankte, lauschte, erfuhr mit Verwunderung
-wie eigentlich Augustens blaues
-Band in seine Nähe kam und sagte, mit dem
-Geist dieser Burg versöhnt &bdquo;Ein Vertrauen
-ist des andern werth, und nicht bey mir darf
-die großmüthige Verwendung dieses sogenannten,
-künftigen Gemahls beginnen. Vor allem
-bieten Sie die Hand um den bisherigen zu
-retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier.
-Seit wenig Tagen theil ich mein Stroh mit
-ihm, und auch sein Unglück.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Julie sah ihn verblassend an, und eben
-führte Woldemar den Beweis als plötzlich
-Waffen auf dem Saale klangen und die kleine
-Tochter des Wirths ein leises <span class="antiqua">Sauvès Vous!</span>
-in&rsquo;s Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgte
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-der Warnerin auf dem Fuße nach und nahm
-die Frau von Wessen als Gefährtin des verdächtig
-gewordenen Obersten und nebenher auch
-den Gefangenen in Verhaft &mdash; Verhaft und
-Guillotine aber waren, in jener Schreckens-Zeit
-fast immer Synonimen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-22">
-Zwey und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">a</span> siehst Du nun &bdquo;sprach Therese, und
-hob die Wiege vor das Bett der tief bewegten
-Mutter hin&ldquo; wie wenig Glauben auch die
-bängste Ahnung verdient. Wir zitterten, von
-Deinem Beyspiel angesteckt, vor der entscheidenden
-Stunde; aber sie nahm unsern Kummer
-mit, und gab uns diesen Liebes-Gott. O
-Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen
-unsers Kranzes.
-</p>
-
-<p>
-Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen,
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Therese ihn mit lauten Küssen, Hermine
-mit heiligen Thränen ihr Ebenbild.
-</p>
-
-<p>
-Zwar &bdquo;sprach Auguste&ldquo; sind die Männer
-die begünstigten Schooßkinder des Himmels,
-aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester
-Rausch, ihr schönster Gedanke das Entzücken
-einer Mutter auf?
-</p>
-
-<p>
-Die Männer &bdquo;fiel Therese ein&ldquo; sind wilde
-Bäume, und höchstens nur zum Rauschen
-gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert.
-</p>
-
-<p>
-Potz tausend! &bdquo;rief Auguste&ldquo; das ging
-hoch.
-</p>
-
-<p>
-Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht
-so paßt es doch und der Himmel verzeihe
-jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube,
-das hält schwer. Die Undankbaren! Mit einem
-hoffärtigen &bdquo;Ich danke dir Gott!&ldquo; sehn
-sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem
-sanften, wachenden, erhaltenden Schutzengel
-des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer
-Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichen
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Mütter wird kaum gedacht; weder der
-Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen
-und unsere Opfer &mdash; Geräuschlos
-bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlen
-<em>Sie</em> mit den kleinsten. Fast immer folgt
-ihnen die Vergeltung auf dem Fuß, wir werden
-fort und fort an eine andere Welt verwiesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt&ldquo;
-schalt Auguste und legt&rsquo; es an der
-Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun
-des Lieblichen und vergab sich jetzt die
-schwache Stunde. Wie hold du bist &bdquo;sprach
-sie den Schmerz vergessend.&ldquo; Wie diese Augen
-glänzen &mdash; die Lippe lächelt schon! Als
-hätt&rsquo; ihn mir die gute Fee gebracht.
-</p>
-
-<p>
-Die Freundinnen stimmten bey; der Kleine
-ward, wie einst Latonens Sohn von den
-Göttinnen, bewundert, geliebkost und gewiegt.
-Ich wollte &bdquo;sagte jetzt Therese, um die erschöpfte
-Schwester einzuschläfern&ldquo; daß es noch
-Feen gäbe, das Leben wäre dann um eins so
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-schön. Meine Gräfin hatte ein altes Buch
-voll solcher Mährchen, es war bey weitem
-besser als manch Dutzend unserer Zauber-Romane
-&mdash; Die Fingerzeige der weisen und
-mächtigen Balsamine haben mich oft mit dem
-Schicksal versöhnt und mein Herz von der
-Sucht der Wünsche, von dem Verlangen nach
-den scheinbaren Gütern des Lebens geheilt.
-So spricht sie unter anderm einst, nach der
-Feen Weise, als altes Mütterchen, Fräulein
-Amanden um ein Almosen an. Amanda,
-welche eben in Thränen schwimmt, begabt sie
-reichlich und wird nun in aller Demuth gefragt,
-warum sie denn die Rosen und Lilien ihres
-lieblichen Angesichts mit dieser Perlen-Fluth
-bethaue? Die Herzlichkeit der Alten
-erweckt Vertrauen. Eines Liebhabers wegen!
-sagte Amanda. Ist er denn unbeständig? Treu
-wie Gold! Eifersüchtig? So will sie ihn &mdash;
-Arm? Unglücklich? Gefährlich krank? Mit
-nichten! gesund und reich, und ganz wie er
-seyn soll, aber alle diese Vorzüge werden von
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-seiner Häßlichkeit verdunkelt. Zwar bin ich
-ihm &bdquo;versichert sie&ldquo; dem ohnbeschadet vom
-Herzen gut, doch die Schwestern und Freundinnen
-werden nicht müde meines Geschmacks
-zu spotten, und lächeln schadenfroh so oft er
-mich die Seine nennt. Wag&rsquo; ich es dann,
-der Lieblosigkeit zum Trotz, ihm unter mehr
-als vier Augen ein schönes Wort zu sagen,
-oder wohl gar einen Kuß auf seinen ungebührlich
-großen Mund zu drücken, so greift
-die eine nach <a id="corr-43"></a>ihrem Tuch, die andere kichert
-hinter ihren Fächer, die dritte lacht ihr Strickzeug
-an und meine Schammröthe verwundet
-sein Innerstes.
-</p>
-
-<p>
-Balsamine schlich jetzt zum nahen Kreuzweg
-hin, pflückte dort nach langer Wahl ein
-grün und gelbes Blümchen, kam zurück und
-sprach: das <em>Gute</em> war immerdar heilbringender
-als das <em>Schöne</em> und ein reizloser
-Mann viel reizender als zehn Werthlose; doch
-wächst für den gedachten Uebelstand ein wundersames
-Hausmittel am Wege das Du nach
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Belieben gebrauchen magst. Hat dein unlieblicher
-Freund zu dreyen Mahlen an dies
-Blümchen gerochen, so wird er schnell genug
-der Schönste aller Schönen werden. Amanda
-glaubte sich gefoppt und suchte die Vorlaute
-durch einen wegwerfenden Blick zu entfernen,
-Balsamine aber legte das grün und gelbe
-Wunder-Blümchen auf ihren Schooß und
-sagte &mdash; &bdquo;Nur siehe zu, was Du thust, denn
-manches Uebel ist ein Gut. Schon mancher
-warf mit der stinkenden Muschel die köstliche
-Perl weg und den Kern statt der Schale.
-Treuherz folgt in Noth und Tod, aber Schönlieb
-ist aller Mädchen Schatten.&ldquo; Das Fräulein
-sprach &bdquo;Es ist schon gut, sie kann nun
-gehn.&ldquo; Die Alte ging, Amanda sah ihr nach
-und ihren Amatus in der Allee herabkommen.
-Die Schwestern haben Recht! &bdquo;gestand sie
-sich&ldquo; er wird von Tage zu Tage garstiger.
-Kein Ziegeuner kann bräuner, keine Mohren-Nase
-stumpfer, kein Juden-Kinn verletzender
-seyn. Amatus sah von Ferne schon die Falten
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-ihrer Stirn, die hängende Unterlippe, den
-starren, auf ihre Arbeit gehefteten Blick und
-setzte sich seufzend an ihre Seite. Sie seufzte
-auch und schob die Thränen, die sich unaufhaltsam
-in ihre himmelblauen Augen drängten,
-auf Rechnung eines heftigen Schnupfens.
-Er suchte sie durch die Versicherung daß sich
-jedes heftige Uebel in der Regel am schnellsten
-erschöpfe, zu erheitern, spielte mit ihrer
-Busen-Locke und langte bald darauf auch nach
-dem seltsamen Blümchen das noch auf ihrem
-Schooße lag. Wollte Gott, dachte sie und
-sprach im Scherze &bdquo;<em>Riech ein Mahl!</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es riecht nach gar nichts! &bdquo;versetzte er,
-und drückt&rsquo; es tief in die häßliche Stumpfnase&ldquo;
-es kriebelt nur!
-</p>
-
-<p>
-Ists möglich? &bdquo;rief Amanda in ihre Hände
-schlagend&ldquo; Ja, ja, sie wächst! Ich seh&rsquo;s genau;
-die Nase streckt sich! Mehr verlang ich
-nicht! Aber schon verschmolz der schwarze
-Stachelbart in blaue Schatten, die weit geschlitzten
-Lippen schlossen sich zum Rosenkelche,
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-des Herzens sanfte Flamme strahlt&rsquo; aus dem
-verklärten Augen-Paar, und als ihm die
-Ungenügsame das Blümchen zum dritten
-Mahl hart vor die umgeschaffene Nase hielt,
-wich das Mulatten-Gelb dem herrlichsten Inkarnat
-der je einen Feen-Günstling verlieblichte,
-wurden die röthlichen Lichtspieße zu
-goldenen Locken, formte sich <a id="corr-45"></a>der vieleckige
-Scheitel zum Apollons-Kopf um.
-</p>
-
-<p>
-O Du Göttlicher! rief das Fräulein, erfreute
-ihn mit feurigen Küssen und beschwor
-den Verwunderten sie heute auf den Ball zu
-begleiten.
-</p>
-
-<p>
-Amatus war entzückt den Dämon ihrer
-Laune so schnell entfliehen zu sehn und gab
-Amanden stracks den Arm. Ihm war als
-hab er immer so ausgesehn und allen Freundinnen
-und Bekannten als hab ihnen nur
-von der Häßlichkeit des engelschönen Mannes
-geträumt &mdash; Jetzt lächelte, statt der Spottsucht,
-das Verlangen aus diesen; jetzt hatte
-jede die sonst auf alle Tänze versagt war, die
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-besten für ihn aufgehoben, und die ihn gestern
-noch wie einen Unhold flohn, suchten
-den unstäten heute mit allen ihren Zauberkünsten
-fest zu halten &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Leiser! &bdquo;bat Auguste&ldquo; sie schlummert
-sanft.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So schlafen wir auch!&ldquo; entgegnete die
-Erzählerin und setzte sich, erschöpft von Nachtwachen
-zurecht, um nun ein wenig auszuruhn.
-Die Baronin aber, der das Mährchen gefallen
-hatte, versicherte, sie werde sich durch diesen
-unzeitigen Schlaf die Nacht verderben,
-und auch Hermine schlug jetzt die sanften Augen
-auf, und erbat sich die Fortsetzung.
-</p>
-
-<p>
-Wenn Ihr es denn befehlt, gnädige Frauen!
-&bdquo;sprach Therese,&ldquo; so will ich in der wunderseltsamen
-Geschichte des grünen und gelben
-Blümchens fortfahren und wünsche nur, daß
-mein ungeschicktes Bestreben, Eure Nachsicht
-verdienen mögen.
-</p>
-
-<p>
-Auguste nickte lächelnd, Hermine warf ihr
-einen Kuß zu und diese sprach &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Ihr könnt glauben, daß sich Amanda vor
-Freuden nicht zu fassen wußte, wenn die Eine
-sie die beneidenswertheste Braut nannte, die
-Andre nicht müde ward ihr jeden seiner Reitze
-vorzuzählen; wenn eine Dritte, Vierte und
-Fünfte bey jeder Liebkosung die er Amanden
-brachte, aus Mißgunst theils und theils aus
-Mitgefühl erröthete. Aber die Freude der
-Eigensucht ist ein flüchtiger Wildfang. Er
-fliegt am Arm der eitlen Hore fort und keine
-Fessel bindet ihn.
-</p>
-
-<p>
-Immer hatte der Vielgetreue sonst, von
-den Grazien gemieden, des Winkes seiner
-Braut gewärtig gestanden, jetzt mußte sie oft
-Stundenlang den zarten Hals verlängern um
-ihn im dichten Mädchen-Kreise auszuspüren.
-Sonst labte er sie während der Tänze mit
-Thee, kredenzte ihr bey Tafel den Wein und
-den Kühltrank, jetzt trank er diesen, erhitzt
-vom Walzer selbst, und hatte dann soviel mit
-seiner Mühmchen-Schaar und ihren Nachbarinnen
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-zu verkehren, daß die Vergessene oft
-voll Ingrimms in den Fächer biß.
-</p>
-
-<p>
-Sonst pries er sich selig sein gewaltiges
-Haupt auf dem Halse einer Huldgöttin wiegen
-zu dürfen, jetzt scheinen diese Wiegen im
-Preise gesunken und Hände, die ihm sonst im
-Pfänderspiel bald Schnippchen schlugen,
-bald in die Wade stachen, lockten den verwandelten
-Amatus jetzt, der Taube gleich,
-mit sanften Flügel-Schlägen. Bald schwindelte
-ihm der Apollons-Kopf, die Weibergunst
-blies ein Licht seines Verstandes nach dem andern
-aus; nur wie zur Frohne schlich er nun
-mit dem getheilten, erkälteten Herzen zu der
-schmollenden Braut. Die fromme Gutmüthigkeit,
-die reine Treue, die sittliche Güte,
-der schöne Kranz seltener Vorzüge, über dem
-Amanda früher oft die vermißte Blume der
-Körper-Schönheit vergessen hatte, war bis
-auf die letzte Spur verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Die getäuschte Braut verwünschte ihre
-Uebereilung, sah täglich nach allen Winden
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-hin der alten Bettlerin entgegen und in jedem
-Spital-Weibe Balsaminen. Aber diese
-ließ sich weder hören noch sehen.
-</p>
-
-<p>
-Als endlich das zerfallene Paar eines Abends
-wieder in finsterer Zwietracht auf der Rasenbank
-saß, fiel Amanden am Schluß ihrer Gesetz-Predigt,
-die, gleich allen Predigten, wo
-nicht ungehört, doch unbeachtet blieb, der
-Kreuzweg in&rsquo;s Auge. Sie gedachte des Störenfrieds
-welchen das Mütterchen dort gepflügt
-hatte, sammelte von einem Gedanken überrascht,
-die ganze Flora dieses Platzes in ihre
-Schürze, tratt vor den schweigenden Flattergeist
-hin und sprach &mdash; Wie kräftig! Riech
-ein Mahl! Spöttisch warf er den Kopf in
-die Höhe, Amanda aber flehte jetzt so liebevoll
-und hob ihr Schürzchen so hoch empor,
-daß Amatus endlich der unschuldigen Bitte
-nachgab, zu ihrer Verzweiflung immer noch
-schöner ward, und nach öfterm Gähnen plötzlich
-davon ging. Sie sah ihm hoffnungslos,
-wie damahls Balsaminen nach, und o Himmel,
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-da kam die Fee ganz unverhofft am
-Krückenstabe in der Allee herab. Amanda
-griff zu ihrer Arbeit und that als habe sich
-kein Wässerchen durch ihre Schuld getrübt.
-</p>
-
-<p>
-Guten Abend, schönes Fräulein! &bdquo;sprach
-das Mütterchen&ldquo; ich seh ihr weint nicht mehr,
-und werdet mir nun um so williger eine Gabe
-reichen.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte alles was ich habe, darum geben
-&bdquo;entgegnete Amanda&ldquo; wenn mein Liebster
-noch häßlicher als zuvor, und wieder der
-Alte wäre. Euer verwünschtes Blümchen hat
-nichts als Unheil angestiftet, und wenn Ihr
-mich lieb habt und Euch mein Unglück zu Herzen
-geht, so sorgt dafür daß er künftig nur mir
-gefalle, denn wenn auch seine Nase den Kunstsinn
-nicht befriedigte, so würde ich ihn doch viel
-lieber ganz ohne diese, als in einer so hoch
-stehenden sehen; auch zieh ich jetzt ein Auge,
-das liebevoll an meinen Winken hängt,
-und wäre es grau und schielend, den schönsten
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Sternen vor, die ohne Auswahl allen
-leuchten.
-</p>
-
-<p>
-Ihr hättet bedenken sollen &bdquo;sprach die
-Fee&ldquo; daß es auf Erden keinen Gewinn ohne
-Verlust, kein Licht ohne Schatten geben
-kann, und daß die reichsten Geschenke
-der Natur, in der Regel, durch die häßlichsten
-Fehler verdunkelt oder aufgewogen werden.
-Die Vollkommenheit, schönes Fräulein,
-erscheint hienieden, gleich dem Silberblick
-edler Metalle, nur wie ein flüchtiges Meteor,
-und der Phönix ist kein Spielzeug für
-Kinder die noch, wie Ihr, dem unscheinbaren
-Kleinod einen rothbäckigen Hampelmann
-vorziehn.
-</p>
-
-<p>
-Das Fräulein gab ihr in allem Recht, bat
-aber flehentlich um irgend ein anderes Blümchen,
-das den unseligsten aller Zauber zu
-lösen, und ihren Amatus wieder so häßlich,
-aber dabey auch wieder so gut als zuvor zu
-machen vermöge. Euer nächster Kuß &bdquo;erwiederte
-Balsamine&ldquo; wird, wenn es Euch
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-anders Ernst damit ist, die Wirkungen des
-Blümchens aufheben, nur sehet, zu was ihr
-thut, denn wer nach dem Unvergänglichen
-strebt, darf kein Opfer scheun, und den Götzen
-nicht schonen, wenn er die Götter versöhnen
-will. Am Ende könntet Ihr mich wohl wie
-gestern verwünschen und ich würde dann ganz
-unfähig seyn ein so bestandloses Herz zum
-dritten Mahle zufrieden zu stellen. Aber
-seht, dort kömmt Euer Ungetreuer mit einer
-ganzen Schaar lockender Jungfrauen in
-der Allee herab. So lebt denn wohl, armes
-Fräulein und fortan in der festen Ueberzeugung,
-daß nur ein bösartiges Gemüth den
-Menschen entstellt, ein edles hingegen auch
-über die entschiedenste Häßlichkeit einen gewinnenden
-Zauber verbreitet.
-</p>
-
-<p>
-Amanda vernahm diese Worte kaum und
-bemerkte das plötzliche Verschwinden der Fee
-um so weniger, da ihre gefährlichste Nebenbuhlerin
-an seinem Arme wandelte und die
-andere ihm ein Liedchen vorsang, daß die
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-Sehnsucht des liebekranken Herzens aussprach.
-Sie rauschte einer Windsbraut ähnlich,
-nach der Allee hin. Amatus ließ, von
-dem Anblick bestürzt, den Arm der Begleiterin
-aus dem seinen fallen und fühlte seine
-Lippe mit tausend gierigen Küssen bedeckt.
-Der Mädchen-Kreis schlich spöttelnd und beschämt
-abseits, sie aber lachte laut als das
-Antlitz des Geküßten plötzlich in die frühere,
-abschreckende Form zurückschnellte. Sie lachte
-zu früh.
-</p>
-
-<p>
-O Himmel &bdquo;rief jetzt Amatus&ldquo; wie siehst
-Du aus? Was ist meiner Amanda begegnet?
-Welcher schadenfrohe Zauberer hat Dich Arme
-in einen Spiegel verwandelt der mein
-abstoßendes Ebenbild zurückwirft? Erblassend
-warf Amanda einen Blick in den Bach
-der zu ihren Füßen wallte, und sank bewußtlos
-an ihm nieder, <a id="corr-46"></a>denn Amatus hatte
-Recht.
-</p>
-
-<p>
-Ermahne Dich! &bdquo;bat er, als das frische
-Wasser mit dem er die Verwandelte bespritzte,
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-sie aus dem Scheintod des Entsetzens
-erweckte&ldquo; Wir wollen nun recht glücklich
-seyn! Mir ist aus der Götterlehre bekannt
-wie es dem Häßlichen erging als es sich
-mit dem Schönen vermählt hatte, und welche
-Rolle dem armen Vulkan an der Seite
-der Liebesgöttin zu Theil ward. Dieser Sorge
-seh ich mich jetzt auf immer überhoben und
-Ergebung in das unbeugsame Schicksal wird
-Amanden in meinen Augen viel reitzender als
-vorhin machen.
-</p>
-
-<p>
-Die Unglückliche beweinte jetzt ihr thörichtes
-Beginnen und fast ging ihr der doppelte
-Verlust ihres schuldlosen Freundes mehr
-noch als der eigene, verschuldete zu Herzen. Der
-Bräutigam aber war nie fröhlicher gewesen
-und die junge Frau bereits seit Jahr und Tag
-mit dem Schicksal versöhnt, als ein engelschönes
-Kind sie für das mannigfache, aus dem
-Verkehr mit der Fee erwachsene Unheil entschädigte.
-Kaum hatte Amanda den Kleinen
-an ihr Herz gedrückt als sie plötzlich wieder
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-schöner denn je ward; kaum neigte sich der gerührte
-Gatte zu dem Engel nieder als ihm
-dasselbe wiederfuhr. Das liebende Paar umarmte
-sich, still entzückt, über dem Kinde und
-ich Ungeliebte bitte die gütige und weise Balsamine,
-daß sie meine gnädigen Frauen sowohl
-als diesen kleinen Fee-Sohn in ihren freundlichen
-und mächtigen Schutz nehme.
-</p>
-
-<p>
-Allerliebst! &bdquo;sprach Auguste&ldquo; und Dir bescheere
-sie einen Amatus.
-</p>
-
-<p>
-Hermine, die zu schlummern schien, richtete
-sich plötzlich auf und sprach &mdash; Es ist nicht
-gut daß Ihr es <a id="corr-47"></a>wagtet mich so plötzlich, so
-ohne alle Vorbereitung zu erfreuen. Aber,
-warum zaudert Er denn? Führt ihn doch näher
-&mdash; Her an mein Herz! Ach, Du Geliebter!
-</p>
-
-<p>
-Auguste und Therese sahen sich betroffen
-an und nach der Thüre hin an der Herminens
-Augen fest hingen, dort aber ließ sich
-nichts erblicken und die Kranke sank mit geschlossenen
-Augen in das Kissen zurück.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-23">
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Drey und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ermine</span> hatte in den folgenden Abenden genau
-um dieselbe Stunde dieselbe Vision und
-versank darauf jedes Mahl in einen tiefen
-Schlaf, ohne sich beym Erwachen des Vorgangs
-bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach
-das Grauen, wenn die bleiche Dulderin
-oft mitten unter traulichen Gesprächen nach
-irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers
-hinwies und getäuscht von Sehnsucht und
-Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren
-Raum sah. Der Arzt verschrieb, demonstrirte,
-tröstete und unterhielt die Damen mit
-ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer
-machten und Therese kehrte bereits in
-der Stille zu dem verworfenen Glauben an
-die Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurück
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-und sah von Tage zu Tage einer Trauerpost
-entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Eben nahte sich der Zeiger eines Abends
-der Geister-Stunde als Hermine die Schlummernden
-mit angsthafter Stimme bey ihren
-Nahmen rief und sie bat die Gartine des Fensters
-aufzuziehen, denn es hat &bdquo;setzte sie unter
-Schauern hinzu&ldquo; zu wiederhohlten Mahlen
-leis&rsquo; und seltsam an die Scheibe geklopft.
-Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin,
-sprachen ihr zu und hörten beyde jetzt an der
-bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen.
-</p>
-
-<p>
-Ich wache schon seit einer Stunde &bdquo;entgegnete
-Hermine&ldquo; bin ohne Fieber und habe
-mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen,
-die dem Klange der Scheibe vorangingen.
-Fürchtet Ihr Euch so ruft die
-Wärterin, denn daß ein Mensch oder ein Geist
-vor ihm lauscht, ist außer Zweifel. Die Wärterin,
-welche in der offen stehenden Kammer
-schlief und von dem Gespräch erwacht war,
-kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit Herminens
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Zustand, die Kranke durch Erfüllung
-ihres Willens zu beruhigen, zog die
-Gardine rasch empor und fuhr mit einem
-Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig
-sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg
-ihr Gesicht in den Kissen der Schwester,
-Hermine aber wendete sich erbleichend
-nach der Wandseite und lispelte &mdash; &bdquo;Er
-hat vollbracht.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-24">
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Vier und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">ulius</span> eilte indeß mit Pässen einer neutralen
-Macht und geltenden Empfehlungen ausgerüstet,
-nach der Grenze und traf in Straßburg
-auf einen Officier von dem Gefolge des
-Obersten, der in jenen stürmischen Tagen auf
-der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter
-war. Er ging so eben, dem Tod entronnen,
-zur <a id="corr-49"></a>Armee zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche
-Oberste die humane in Feindes Land
-geübte Schonung mit dem Leben habe bezahlen
-müssen, daß er selbst nur durch Zufall
-demselben Schicksal entgangen, und daß der
-Entschluß, sich einem Freund zu Liebe in den
-Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen,
-mehr als tollkühn sey. Der Officier
-schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so
-lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissen
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Tod mit so reger Zuversicht, stellte ihm die
-Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen,
-daß Julius die Erfüllung der Pflichten
-gegen sich selbst, jeder entferntern vorzog. Er
-kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter
-zurück, welche wieder auf der Wessenburg
-hauste, die zufolge geschlossener Verträge jetzt
-auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten
-schriftlich von der Vergeblichkeit seiner
-Bemühungen und von der Nothwendigkeit,
-die gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten
-der Baronin in Ordnung zu
-setzen.
-</p>
-
-<p>
-Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen
-mit dem feindlichen Freunde nach Woldemars
-Schicksal geforscht, denn der Officier
-war kaum freygesprochen, als er ohne Zögerung
-auf das Feld der Ehre zurückeilte. Er
-wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen,
-kraft ihrer Reitze, ihrer Geistes-Gegenwart
-und Gewandtheit gelungen sey, den
-Blutdurst der Richter in milde, menschliche
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-Schonung zu verwandeln, und daß man sie
-zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt
-habe.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-25">
-Fünf und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">ulius</span> fand bey seinem endlichen Eintritt in
-Herminens Asyl, Theresen in Thränen, seine
-Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke
-noch bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen
-Schmerz, die theure vielgeliebte Schwester
-allmählig vergehen, diese sah den Freuden
-der Mutter entgegen, Hermine duldsam
-und ergeben in das offene Grab. Der Geist
-des Geliebten war seit jenem Abend gewichen,
-selten nur gedachte sie seiner und auch dann
-nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen
-Jugend-Gespielen gedenken mag. Auguste
-hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen
-nichts wichtigeres als ihren herzgeliebten
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Gatten von allem was sie hier erfuhr,
-empfand und leistete, von Herminens Zustand
-und der Erscheinung jener Nacht zu unterhalten.
-Welchen Zuwachs &bdquo;fuhr sie fort&ldquo; meine
-natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken
-und Umgebungen erleiden mußte und unter
-welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde
-nach der Gardine hinsah, wirst Du
-selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt mein
-Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte
-und ein bleiches Gespenst durch die Scheibe
-sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten
-Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß
-mein Ohr, mein Auge ward von bekannten
-Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder
-mächtig ward, hatten die Bedienten bereits
-den Garten durchsucht, hatten ein halb
-erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild
-unter dem Fenster aufgefunden, und den Unglücklichen
-in das Gewächshaus gesperrt. Noch
-lag Hermine sprachlos da und zeugte zu der
-Kirche hin. Wir sandten nach dem Geistlichen.
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet
-sey, vernahm die Bedienten, ließ sich in das
-Gewächshaus führen und bereitete mich nach
-der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn
-meines todt geglaubten, beweinenswerthen
-Bruders vor, den er sofort für den Augenblick
-bey sich aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen
-ihre Hände. Eine Wunde &bdquo;fuhr Auguste
-fort&ldquo; deren Narbe sich über die Scheitel bis
-in den Nacken hinabzieht, ist die wahrscheinliche
-Quelle seines Wahnsinns, denn bis jetzt
-nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen.
-Er vertraute dem Pastor während eines solchen,
-daß er schon halb begraben, durch das
-Mitleid einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das
-Innere Frankreichs abgeführt worden sey; daß
-ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur
-Flucht behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn,
-sein Zustand und das Geleite des Heiligen
-ihm den Weg gebahnt habe. Er will
-zuerst auf der Wessenburg gewesen, dort nicht
-eingelassen worden und von den Hirten hierher
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-gewiesen worden seyn. Auch hier fertigt
-der Gärtner den sinnlosen, scheinbar wilden
-Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey
-Nacht über die Garten-Mauer, schleicht zu
-dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt
-die schrecklichste aller Scenen.
-</p>
-
-<p>
-Gern, ach, gern &bdquo;setzte die Baronin unter
-herzlichen Thränen hinzu&ldquo; wär ich längst an
-seinen Hals geflogen und hätt&rsquo; ihm die gesuchte,
-lang entbehrte Schwester finden lassen,
-aber der Pastor gestattet es nicht und besteht
-auch darauf, die Mutter in dem Glauben an
-seinen Tod zu erhalten. Darum verschob ich
-die Mittheilung dieser erschreckenden Neuigkeit
-bis auf Deine Herkunft, und Du wirst
-Dir nun leicht erklären können warum wir,
-trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der
-Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden.
-</p>
-
-<p>
-Julius säumte nicht, sich von dem Daseyn
-eines so merkwürdigen als Schrecken erregenden
-Verwandten zu überzeugen, fand ihn tief
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-im Stroh vergraben das er dem einladendsten
-Bette vorzog und den Leibes- wie den Seelen-Arzt
-an seiner Seite. Jener erklärte ihn,
-kraft den Folgen der Wunde welche das edlere
-Gehirn verletzt habe, für unheilbar, und man
-kam überein, den Unglücklichen einer nahen
-Versorgungs-Anstalt zu übergeben. Tief bewegt
-kehrte der Baron jetzt an Herminens
-Bett zurück die ihm mit Innigkeit ihre brennende
-Hand reichte, ihm ihr liebliches Kind
-an das Herz legte, und den Freund mit
-süßen, tief eindringenden Worten bat, das
-nahe Weihnachts-Fest in ihrem Hause zu
-begehen.
-</p>
-
-<p>
-Gern will ich das! &bdquo;sprach Julius, ergriffen
-von Erinnerungen&ldquo; nur geloben Sie mir
-auch dagegen, es mit Heiterkeit zu feyern,
-und Ihren Gram in den Strom der ewigen
-Liebe zu versenken welche diesen Tag vor allen
-zum Freudenfest weihte. Mit einem schmerzlichen
-Lächeln versetzte sie &bdquo;Bald, theurer Julius,
-bald wird mich dieser Strom umfangen.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-26">
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Sechs und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">ugleich</span> mit Julien war auch Woldemar auf
-freyen Fuß gestellt worden. Sie suchte ihn
-jetzt selbst in seiner Zelle heim und hörte nicht
-ungern daß Herr von Wessen während dem,
-die Aufmerksamkeit der Wächter und Schildwachen
-getäuscht und sich aus dem Staube gemacht
-habe. Woldemar hielt der Lieblosen
-eine ausführliche Straf-Predigt. Er rieth
-ihr, sich nun ohne Zögern um Pässe zu bewerben
-und in die Arme ihrer Schwiegermutter
-zurückzukehren, wo die Verkündigung der
-Existenz des Sohnes, der vielleicht bereits auf
-dem Wege nach der Heimath sey, der verlohrnen
-Tochter eine günstige Aufnahme verschaffen
-werde; sie aber setzte sich auf seinen
-Schooß und sprach &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Da sey Gott für, daß ich einem Verrückten
-nachziehen sollte, dessen Hand mir ein unglückliches
-Verhältniß aufdrang; den die Erfahrung,
-daß es keine Rose ohne Dornen gebe,
-zu einem erklärten Widersacher machte
-und der über Verrath und Treulosigkeit schrie,
-wenn ich mich wohlwollender zu den geistreichen,
-theilnehmenden Freunden als an den
-Schöpfer der Pein und der Zwietracht hinneigte.
-Ich bin wie ich bin, guter <a id="corr-55"></a>Woldemar,
-und Liebe nur vermag die Flügel des flüchtigen
-Sinnes zu binden, der mich so oft schon
-durch den Himmel zur Hölle, und wieder empor
-trug. Wollte das Gemüth jeden wirklichen
-oder möglichen Unfall, <a id="corr-56"></a>das Herz jeden
-Schmerz und jede Verirrung nach Würden
-berechnen, betrauern und festhalten, so würde
-unser Auge vom Weinen erblinden, der Selbstmord
-ansteckender als der Schnupfen und die
-Schwermuth der allgemeine Charakter des
-Menschen-Geschlechts werden. Wer in der
-Narbe noch die Wunde sieht, wird das Wundfieber
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-nie verlieren, und nur der unnütze Rückblick
-auf vergangene Schrecken versteinerte
-Loths Ehehälfte. Ich bin vergnügt das Leben
-aus dem Sturme gerettet zu haben. Was er
-mir raubte, verschlingt der Lethe; er ist vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelten wo Männer bebten &bdquo;entgegnete
-Woldemar&ldquo; und machten den Tyger zum
-sehnsüchtigen Kinde. Aber nicht alle sind zähmbar
-und unser Leben schwebt noch immer, nach
-wie vor, auf eines Haares Spitze.
-</p>
-
-<p>
-So mög&rsquo; es hinabfallen! ist doch dieses
-Stündchen noch unser. Willst Du lachen oder
-weinen? Ich will es auch. Die frühern
-Rechte geltend machen? Da sind meine Lippen.
-Küsse Dich satt, treuloser Bräutigam,
-denn daß Du hienieden noch lachen und weinen
-und küssen kannst, ist ja mein Werk. Ich
-habe Dich erlöst von dem Uebel; komm, bete
-mich an. Erröthend wendete er das Gesicht
-von ihr ab, doch Julie schlang den Arm um
-des Spröden Hals, strich das Haar aus seiner
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Stirn und gedachte jetzt der schlaflosen
-Nächte, die ihr die Narbe dieser Stirn gekostet
-hatte; gedachte der süßen, berauschenden
-Situationen auf der Wessenburg, der Blüthen
-und der Früchte die sie dort in den Kranz seines
-Lebens webte. Er aber wand sich aus
-dem Arm der Versucherin und sprach &bdquo;Bedauern
-Sie den albernen Thoren, der nur das
-Achtungswerthe lieben kann, doch Blumen die
-für Jeden blühn, wie die benagte Frucht verschmäht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Julie sah ihn mit blitzenden Augen und
-glühenden Wangen an. &bdquo;Benagt? Verschmäht?&ldquo;
-fragte sie, schnell empört. So
-bedaure denn auch das Geschlecht das sich nie
-ungerochen verschmähen ließ.
-</p>
-
-<p>
-Ein Officier unterbrach sie; er forderte den
-Gefangenen vor die Schranken des Ausschusses,
-um dort über seinen geflüchteten Unglücks-Gefährten
-Auskunft zu geben.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-27">
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Sieben und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">herese</span> trat am Weihnachts-Abend mit dem
-Kind auf ihrem Arm an Herminens Bett,
-und von des Kindes Arme sah ein Wachs-Püppchen
-auf die Mutter herab. Das hat
-ihm der heilige Christ bescheert &bdquo;sprach die
-Schwester&ldquo; ich fand es unter Deinen Papieren.
-Hermine verhüllte plötzlich ihr Gesicht.
-Das war die Papagena die ihr in jener
-Nacht sein Daseyn verkündigte; das treue,
-prophetische Bild ihrer Zukunft, und jetzt
-gleich ihr verblichen. Ein Reihentanz verloschener
-Erinnerungen schwebte von dem Püppchen
-belebt, an ihrer Seele vorüber. Sie
-gedachte des Ueberraschenden &bdquo;<em>Er ist Dir
-nah!</em>&ldquo; der bangen Betroffenheit, des süßen
-Schrecks, des magischen Schlages mit dem
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-der Inhalt des Notenblatts ihr Herz traf;
-der Thränen die sie an dem seinen weinte,
-des himmlischen Wahnsinns der aus des Lieblings
-Augen glänzte, von seinen Lippen floß,
-durch seine Nerven schauerte &mdash; Gedachte der
-nahmenlosen, unendlichen Wonne, der ach,
-der nahmenlose Jammer folgte, zog jetzt das
-Kind zusammt dem deutungsvollen Bild an
-ihre Brust und bedeckte sie beyde mit Küssen
-und Thränen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich bedenke &bdquo;fuhr sie gefaßter fort&ldquo;
-wie vor dem Jahre alles so anders war! Der
-selige Onkel schenkte mir willkommene Dinge,
-drückte mich liebend an die Brust und nannte
-mich ein Herzens-Kind. O, welch ein
-Wechsel!
-</p>
-
-<p>
-Der Wechsel &bdquo;erwiederte Therese&ldquo; erhebt
-uns, indem er uns niederbeugt. Verklage
-Dein Schicksal nicht. Wie glücklich ist
-der Traurige dem noch die Freundschaft weinen
-hilft; o wie beneidenswerth der Kranke an
-dessen Bett die Liebe wacht. Sey gerecht und
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-erheitere Dich. <a id="corr-57"></a>Sieh, wir erschöpfen alles
-für diesen Zweck. Ist auch der Onkel todt,
-so soll es Dir doch nicht an Gaben fehlen, wie
-dieser Tag sie mit sich bringt.
-</p>
-
-<p>
-Herzliebste Schwester &bdquo;bat die Kranke&ldquo;
-Habe Geduld mit mir!
-</p>
-
-<p>
-Wie sollt ich nicht! Du guter Engel?
-Meine Wohlthäterin, meine Schwester, meine
-Geliebte! Damit küßte Sie tief bewegt Herminens
-Hand. Die junge Baronin unterbrach
-die Vertrauten. Ihre Jungfern trugen einen
-lichterreichen Tisch in das Zimmer und stellten
-ihn vor dem Bett der Freundin nieder.
-</p>
-
-<p>
-Auguste schlug in ihre Hände. Schaut auf
-&bdquo;rief sie aus&ldquo; der heilige Christ ist da, laßt
-Euch bescheeren.
-</p>
-
-<p>
-Die Kranke richtete sich lächelnd auf, lächelnd
-starrte ihr kleiner Woldemar die Lichter
-an.
-</p>
-
-<p>
-Fürs erste &bdquo;sprach Auguste&ldquo; ein Hannswurst
-für den Kleinen. Ganz meines Mannes
-Ebenbild &mdash; Und dann dies Jäckchen, das
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-ich für ihn strickte, und für Dich Hermine
-dies gestickte Morgenkleid. Bey jedem Stich
-dacht ich des süßen Lächelns mit dem Du es
-empfangen würdest. So lächle denn! ich bitte
-Dich.
-</p>
-
-<p>
-Helft mir heraus! &bdquo;bat Hermine&ldquo; ich
-muß es anprobieren. Die Freundinen sahen
-sich verwundert an, und erstaunten als sie darauf
-bestand, über die Kraft-<a id="corr-59"></a>Aeußerung mit
-der die Kranke ganz im Widerspruch mit ihrer
-Schwäche dem Bett entschlüpfte und auf
-Theresen gestützt sich von Augusten bekleiden
-ließ. Endlich und zuletzt &bdquo;sprach diese&ldquo; hab
-ich auch für ein Spitzen-Häubchen gesorgt.
-O sieh, das läßt Dir allerliebst.
-</p>
-
-<p>
-Wenn sich der Reichthum erschöpft hat &bdquo;fiel
-jetzt Therese ein&ldquo; so tritt die Armuth bescheiden
-und verschämt herbey und opfert ihr Schärflein.
-Verschmäh es nicht! meine Haare sind
-es, in ein Halsband geflochten. Doch würde
-auch jedes einzelne zu einem Segen, sie würden
-dennoch nicht die Dankgefühle meines
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Herzens erschöpfen. Hermine schlang es hastig
-um ihren Hals und ließ sich vor den Pfeiler-Spiegel
-führen. Lange betrachtete sich die
-Schweigende, und lispelte jetzt mit sinkender
-Stimme &mdash; &bdquo;Die Braut im Sterbekleide!&ldquo;
-Das Kind sah von dem Arm der Wärterin
-an der erhabenen Gestalt der Mutter auf. Sie
-ergriff es. Hier &bdquo;sprach sie zu den Freundinnen
-und legt&rsquo; es in ihre Hände.&ldquo; Hier habt
-ihr ein Gegen-Geschenk. Mein köstlichstes!
-Ermattet wankte sie zum Sopha hin.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-28">
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Acht und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Schicksal schien sich endlich an dem armen
-Gefangenen erschöpft zu haben. Ganz
-unverhofft erhielt Woldemar durch die Vermittlung
-eines Gesandten, dessen Gemahlin
-seinem Hause verwandt war, die Erlaubniß,
-auf sein Ehrenwort nach Deutschland zurückzukehren.
-Er eilte nicht, er flog über den
-Rhein nach der Wessenburg, wo man ihn denn
-an Ort und Stelle wies. Mitten in der Nacht
-dieses denkwürdigen Weihnachts-Abends erreichte
-Woldemar das lang ersehnte Ziel. <em>Er
-ist Dir nah!</em> rief der Entzückte, sprang
-vom Pferde, sah die Fenster noch erleuchtet,
-die Thür unverschlossen und suchte jetzt, um
-nicht durch die Gewalt der Ueberraschung Unheil
-anzurichten, vergebens ein dienstbares
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Wesen auf. Da stürzte plötzlich eine verweinte
-Gestalt mit einem Kind in dem Arm aus der
-nächsten Thür hervor. Woldemar drängte sie
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Sie ists! &bdquo;rief er, den Vorsatz vergessend,
-hingerissen von dem Zauberbilde der Erscheinung&ldquo;
-Du bist&rsquo;s! Das ist mein Kind!
-Er warf sich zu des Mädchens Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Unglücklicher! &bdquo;stammelte sie&ldquo; ich bin es
-nicht! &mdash; Ich bin Therese!
-</p>
-
-<p>
-Woldemar sprang empor. Aber Sie lebt!
-Sie ist hier! &bdquo;fiel er ein.&ldquo; Wo? Wo find
-ich Sie und <em>Wie</em>? &mdash; Das erweckte Kind schrie
-unter seinen Küssen. Geben Sie die Hoffnung
-auf &bdquo;sprach Therese&ldquo; meine Schwester noch
-in dieser Nacht zu sehn. Hoch über der Wirklichkeit
-schwebt die Phantasie und das Bild
-das jetzt vor Ihrer Seele steht wird dem
-Originale schwerlich gleichen.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß &bdquo;entgegnete er&ldquo; was sie gelitten
-hat und bin auf den Anblick eines Schattens
-gefaßt, denn die alte Baronin verwundete
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-mein Herz durch die Schilderung ihres Zustandes.
-Aber mein Hierseyn wird Wunder
-thun und stände sie schon mit einem Fuß im
-Grabe, ich reiße die Verscheidende empor und
-hauche neues Leben in ihre Brust.
-</p>
-
-<p>
-Ach, <em>Einer</em> nur vermochte das und dieser
-einzige stieg gen Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Sie lebt! sie liebt! Sie harrt auf mich.
-O, eilen Sie, den Retter zu verkündigen der
-alle Wunden heilen wird.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühle mich diesem Auftrage nicht gewachsen
-&bdquo;erwiederte Therese&ldquo; und gehe, den
-Baron zu hohlen. Hier ist Ihr Kind. Verfahren
-Sie säuberlich mit dem Kleinen. Das
-Mädchen ging. Unter Schauern der Vaterwonne
-sah er in des Knaben Augen. Sie
-glichen den Augen seiner Mutter die ihn so
-oft im Innersten bewegten. &bdquo;Willkommen!&ldquo;
-sagten die Himmelreinen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt regt&rsquo; es sich im Neben-Zimmer. Der
-Sehnsucht Wellen drängten ihn: er trug das
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Kind in seine Wiege, schlich zu der Thüre
-hin und öffnete sie, verstohlen, mit leiser
-Vorsicht. &mdash; Da lag Hermine, bräutlich angethan,
-in dem Sopha: das Nachtlicht goß
-seinen bleichen Schimmer über die Schläferin
-aus.
-</p>
-
-<p>
-Mein Freund! Mein Woldemar! flisterte
-in diesem Augenblick eine Stimme hinter ihm,
-er fühlte sich mit starkem Arm zurückgezogen
-und lag am Herzen seines Julius.
-</p>
-
-<p>
-So reizend &bdquo;versetzte Woldemar nach den
-ersten Begrüssungen und wies nach der halb
-geöffneten Thüre hin&ldquo; so magisch anziehend
-hab ich <em>Sie</em> nie gesehn. O, weckt sie auf!
-Erweckt die Schläferin zum neuen Leben &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Vermöcht ich das! sprach Julius mit zitternder,
-vom Schmerz erstickter Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Du weinst? &bdquo;rief Woldemar&ldquo; Gott! Dein
-Gesicht entstellt der Schrecken &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mir ist nicht wohl.
-</p>
-
-<p>
-Nicht wohl? Und das wär&rsquo; alles?
-</p>
-
-<p>
-Mir bricht das Herz!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Um meinet willen? Wie?
-</p>
-
-<p>
-Sie schläft. Du sagst es selbst &mdash; Wohl
-schläft sie sanft und süß &mdash; Den langen
-Schlaf! Ein Engel nur kann sie erwecken.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar starrte den Weinenden an und
-stürzte laut aufschreyend zu der Todten hin.
-Sie war noch lau, vor wenig Stunden hatte
-sie der Nervenschlag getroffen.
-</p>
-
-<p>
-Lichter! Lichter! &bdquo;rief er&ldquo; daß ich sie sehe,
-daß dies Heiligenbild sich in mein Allerinnerstes
-versenke!
-</p>
-
-<p>
-Therese schlich, auf Trostmittel sinnend,
-herbey, Auguste rang die Hände. Laßt ihn
-toben &bdquo;sagte Julius&ldquo; laßt ihn schreyn! Und
-zu dem Vergehenden sprach er &bdquo;Ist es nicht
-tröstlicher das Kleinod unsers Lebens im Sarge
-als an dem Herzen eines Dritten zu finden?&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-29">
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Neun und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Hermine von dem Spiegel, zu dem sie
-die letzte Anwandlung ihrer Weiblichkeit hinzog,
-auf das Sopha zurückschlich, rieth ihr Auguste
-die ungeübten Kräfte nicht über die Gebühr
-zu versuchen, und beyde versprachen
-diese <a id="corr-60"></a>Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern
-zu wollen; die Kranke aber schien, von
-jener traurigen Apathie erlöst, sich wieder
-nach dem Irrdischen zu sehnen, sich in dem
-edlen, idealen Gewande zu gefallen und zog
-mit reger Lebenskraft die Freundinnen an ihre
-Seite.
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt, welcher jetzt seinen Abend-Besuch
-ablegte, erstaunte, Herminen außer dem
-Bett und in diesem Anzuge zu sehn, fand
-sie jedoch viel besser als am Morgen, ohne
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-Fieber und in einer gemüthlichen, ihm höchst
-erwünschten Stimmung. Auch der Pastor
-kam, ihr zu dem Wiegenfest des großen Dulders
-Glück zu wünschen, der jetzt ihr Tröster
-und ihr Vorbild war, erschrack nicht wenig sie
-im Familien-Kreise zu finden und schöpfte,
-gleich dem Arzt, von ihrem Aussehn und Benehmen
-getäuscht, neue Hoffnungen.
-</p>
-
-<p>
-Als aber bald darauf die Stunde schlug,
-in welcher sie vordem das Bild der Entflohenen
-in dem beschatteten Winkel des Zimmers
-sah, verfärbte sich mit einem Mahl die Kranke,
-umfaßte krampfhaft Theresens Hals, als
-sollte diese sie vor der gewaltigen Hand des
-Todes schützen, und sank entfesselt an die schwesterliche
-Brust. Freundschaft und Liebe bot
-vergebens alle Mittel zu ihrer Belebung auf;
-Freundschaft und Liebe drückte ihr endlich die
-sanften Augen zu und flocht ein Palmen-Reis
-in ihre Locken. Sie ward in jenem Sterbekleide
-das ihr hienieden die größte Freude gemacht
-hatte, von den Jünglingen des Dorfs
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-zu Grabe getragen, und als man den Sarg
-verschloß, sank Therese, welche bis dahin beyde
-Männer durch ihre Fassung beschämt hatte,
-bewußtlos nieder und verfiel in eine Gefahr
-drohende Krankheit. Sie sah sich für die
-Quelle aller jener unseligen Verhängnisse, für
-die eigentliche Ursache des Todes ihrer Schwester
-an und würde ohne den mächtig erhebenden,
-trostreichen Beystand des Predigers in
-unheilbare Schwermuth versunken seyn.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-30">
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Dreyßigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> wenden uns von diesen Trauer-Szenen
-um die Leidtragenden in eine lichtere Zukunft
-zu begleiten. Außer dem bittern Gram über
-eine Reihe von Uebereilungen hatte auch die Geschichte
-seiner Gefangennehmung, der Schmerz
-gekränkter Ehre Woldemars Herz zerrissen und
-das Bewußtseyn der erschöpften Pflicht reichte
-nicht hin eine Wunde dieser Gattung zu bedecken.
-</p>
-
-<p>
-Julius begleitete ihn bald nach Herminens
-Todtenfeyer in die Hauptstadt. Er trat mit
-ruhigem, gefaßtem Muth dem Groll der Falschen,
-dem Vorurtheil der Täuschbaren, dem
-Verfolgungs-Geist mächtiger Feinde entgegen,
-beschämte diese und drang auf ein Kriegsrecht
-das ihn freysprach und belobte. Die eben erfolgte
-Auswechslung der Gefangenen überhob
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-ihn der Rückkehr in die Nachbarschaft der
-Guillotine, welche seitdem die Frau von Wessen
-bereits ein Dutzend Mahl zur Wittwe gemacht
-hatte, und so kehrte denn Woldemar
-frey und versöhnt mit dem Schicksal auf Herminens
-Landgut zurück, das ihm der letzte
-Wille seiner verewigten Freundin zugetheilt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ihr kommt zur rechten Stunde! &bdquo;rief Auguste
-die jetzt ihrer Niederkunft nahe war,
-den Freunden entgegen&ldquo; Wir dürfen keinen
-Tag länger säumen nach Wessenburg, in die
-Arme der verlangenden Mutter zu eilen, und
-doch ist der gute Rath hier eben sehr theuer.
-Therese kann, wie sich von selbst versteht,
-nicht bey dem ledigen Manne bleiben und doch
-Keine von uns es über sich gewinnen das
-theuere Weihnachts-Geschenk der Hand einer
-Wärterin zu überlassen.
-</p>
-
-<p>
-Julius dachte bereits auf einen Vorschlag
-zur Güte, und zu dem Hauptmann sprach
-Auguste &bdquo;Therese ist hergestellt.&ldquo; Er schwieg
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-&mdash; Sie blüht wie diese Frühlings-Blumen
-&bdquo;fuhr jene fort.&ldquo; Verwaist, und einsam steht
-sie auf der Welt, geziert mit Reitz und Seelen-Güte,
-der Schwester Ebenbild, die Erbin
-ihres Herzens und ihres Goldes. Genug
-&bdquo;versicherte sie mit steigendem Eifer&ldquo; ich lege
-mein Haupt nicht sanft, mich eher nicht ins
-Wochenbett, bis sie die Ihre ist.
-</p>
-
-<p>
-Woldemar aber vernahm kein Wort dieser
-Rede, denn alle Schrecken jener Nacht hatten
-sein verletzbares Herz beym Anblick dieses Zimmers
-überfallen. Er starrte das Sopha an,
-auf dem sie damahls, lieblich geschmückt von
-einem Tanz erschöpft, zu ruhen schien und ihr
-lächelndes Himmelsbild über diesem, mit Flohr
-bekränzt, umschlungen mit Zypressen-Zweigen.
-</p>
-
-<p>
-Wo sind Sie? fragte die Baronin und
-weckte den Träumer, denn eben trat Therese
-mit seinem Kind auf ihrem Arm in&rsquo;s Zimmer.
-Er fuhr empor, schritt auf sie zu und
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-riß das holde Ebenbild der Todten mit einem
-Klageton ans Herz.
-</p>
-
-<p>
-Therese wurde roth. Gelobt sey der Genius
-&bdquo;rief er aus&ldquo; der mich durch diesen Zauberspiegel
-täuscht. Zur Hälfte nur hab ich
-die theuere Braut verlohren. Die schönere
-Hälfte lebt in diesen Zügen, sie lebt in diesem
-Herzen, und ach, in diesem Kinde fort.
-</p>
-
-<p>
-Zerbrich Dir den Kopf nicht länger &bdquo;flisterte
-Auguste in des Gatten Ohr&ldquo; es scheint
-als wolle sich das Auskunfts-Mittel ganz
-ohne unser Zuthun finden.
-</p>
-
-<p>
-Therese hatte indeß ihr glühendes Gesicht
-an des Knaben Brust verborgen. Wo warst
-Du denn? fragte die Freundin.
-</p>
-
-<p>
-An <em>Ihrem</em> Grabe &bdquo;sprach Therese&ldquo; der
-Abend ist so schön und der Kirchhof mit Blüthen
-bedeckt.
-</p>
-
-<p>
-O, führen sie mich hin! &bdquo;bat Woldemar&ldquo;
-meine Augen werden diese Blüthen bethauen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herzlich gern&ldquo; erwiederte sie und winkte
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-Augusten, ihr zu folgen, doch diese versagte
-lächelnd die Gewährung, hing sich an ihres
-Gatten Hals und hielt auch den zurück.
-</p>
-
-<p>
-Der Gottes-Acker stieß an den Garten,
-eine Thüre verband sie. Hoch über alle ragte
-das Grab seines Lieblings unter der Linde.
-Die Stimme der Schläferin schien aus dem
-Dunkel des sanft bewegten Laubes zu flistern,
-ihr freundlicher Geist ihm in den wallenden
-Halmen des Hügels zu nicken.
-</p>
-
-<p>
-O ewige Liebe &bdquo;rief er aus&ldquo; nur hier
-kein Ende! Nur dort kein Grab!
-</p>
-
-<p>
-Inniger drückte Therese den Knaben ans
-Herz, sah tief bewegt in die sinkende Sonne
-und sagte &bdquo;So starb sie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Woldemars Stimme lockte die Seele der
-Sinnenden zu dem Grabe zurück. Meine Zukunft
-&bdquo;sprach er&ldquo; soll eine fortwährende
-Todten-Feyer seyn.
-</p>
-
-<p>
-Am sichersten &bdquo;erwiederte sie&ldquo; wird ein reines,
-sittlich schönes Leben diesen heiligen
-Schatten versöhnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Wer leitet mich zur ebenen Bahn? &bdquo;fragte
-der Weinende&ldquo; Therese antwortete &bdquo;Das
-Schicksal der Dulderin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Woldemar sah ihr in&rsquo;s Auge. Wehmuth
-und Sehnsucht, Anmuth und Liebe begegneten
-sich im stummen Wechselspiel der Blicke.
-Hermine &bdquo;sprach er&ldquo; starb an Deinem Herzen.
-Laß mich an ihm genesen und diese Hand
-geleite mich!
-</p>
-
-<p>
-Therese drückte voll Innigkeit die seine,
-und wie im letzten Augenblick Hermine sie
-umfing, so umfing jetzt Woldemar die Braut
-auf ihrem Grabe.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten,
-ebenso die teilweise ungewöhnliche Platzierung der Anführungszeichen.
-</p>
-
-<p>
-Anstatt des Namens Julie steht gelegentlich Juliane.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... <span class="underline">ihren</span> Häubchen. ...<br />
-... <a href="#corr-0"><span class="underline">ihrem</span></a> Häubchen. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wolken des tiefen, <span class="underline">land</span> genährten Unmuths ...<br />
-... Wolken des tiefen, <a href="#corr-2"><span class="underline">lang</span></a> genährten Unmuths ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dieses Receptes. Auguste <span class="underline">blättert</span> in ...<br />
-... dieses Receptes. Auguste <a href="#corr-5"><span class="underline">blätterte</span></a> in ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... hatte sich <span class="underline">den</span> doch, trotz dem Heere ...<br />
-... hatte sich <a href="#corr-9"><span class="underline">denn</span></a> doch, trotz dem Heere ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in seinem Diensteifer ver<span class="underline">braucht</span> hatte und ...<br />
-... in seinem Diensteifer ver<a href="#corr-13"><span class="underline">bracht</span></a> hatte und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... General-Marsch geschlagen, <span class="underline">den</span> kein Augenblick ...<br />
-... General-Marsch geschlagen, <a href="#corr-14"><span class="underline">denn</span></a> kein Augenblick ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in <span class="underline">ihren</span> eigenen Schlafzimmer an, gesellte ...<br />
-... in <a href="#corr-17"><span class="underline">ihrem</span></a> eigenen Schlafzimmer an, gesellte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... bey und verschloß die bewußte <span class="underline">Tapaten</span>-Thür. ...<br />
-... bey und verschloß die bewußte <a href="#corr-18"><span class="underline">Tapeten</span></a>-Thür. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und so ward er <span class="underline">den</span> angenommen. ...<br />
-... und so ward er <a href="#corr-20"><span class="underline">denn</span></a> angenommen. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Nahmen schrieb, vergebens einer <span class="underline">Anwort</span> auf ...<br />
-... Nahmen schrieb, vergebens einer <a href="#corr-21"><span class="underline">Antwort</span></a> auf ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... seine dringende, Herminens Ehre <span class="underline">rettend</span> ...<br />
-... seine dringende, Herminens Ehre <a href="#corr-22"><span class="underline">rettende</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dringt auf eine Theilung der <span class="underline">Erbschnft</span>, ...<br />
-... dringt auf eine Theilung der <a href="#corr-25"><span class="underline">Erbschaft</span></a>, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Pötzlich</span> entstand eines Morgens großer ...<br />
-... <a href="#corr-33"><span class="underline">Plötzlich</span></a> entstand eines Morgens großer ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... an diesem Herzen alle <span class="underline">wilde</span> Wünsche des meinen ...<br />
-... an diesem Herzen alle <a href="#corr-35"><span class="underline">wilden</span></a> Wünsche des meinen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Julie ward vor <span class="underline">dem</span> Augen des Erwachenden ...<br />
-... Julie ward vor <a href="#corr-36"><span class="underline">den</span></a> Augen des Erwachenden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Stimme&ldquo; mehr als ich je <span class="underline">verguten</span> kann; ...<br />
-... Stimme&ldquo; mehr als ich je <a href="#corr-40"><span class="underline">vergüten</span></a> kann; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die eine nach <span class="underline">ihren</span> Tuch, die andere kichert ...<br />
-... die eine nach <a href="#corr-43"><span class="underline">ihrem</span></a> Tuch, die andere kichert ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... goldenen Locken, formte sich <span class="underline">die</span> vieleckige ...<br />
-... goldenen Locken, formte sich <a href="#corr-45"><span class="underline">der</span></a> vieleckige ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... an ihm nieder, <span class="underline">den</span> Amatus hatte ...<br />
-... an ihm nieder, <a href="#corr-46"><span class="underline">denn</span></a> Amatus hatte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... gut daß Ihr es <span class="underline">wagte</span> mich so plötzlich, so ...<br />
-... gut daß Ihr es <a href="#corr-47"><span class="underline">wagtet</span></a> mich so plötzlich, so ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... zur <span class="underline">Arme</span> zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ...<br />
-... zur <a href="#corr-49"><span class="underline">Armee</span></a> zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ich bin wie ich bin, guter <span class="underline">Woldmar</span>, ...<br />
-... Ich bin wie ich bin, guter <a href="#corr-55"><span class="underline">Woldemar</span></a>, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... oder möglichen Unfall, <span class="underline">daß</span> Herz jeden ...<br />
-... oder möglichen Unfall, <a href="#corr-56"><span class="underline">das</span></a> Herz jeden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... erheitere Dich. <span class="underline">Sie</span>, wir erschöpfen alles ...<br />
-... erheitere Dich. <a href="#corr-57"><span class="underline">Sieh</span></a>, wir erschöpfen alles ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... bestand, über die Kraft-<span class="underline">Aeußerug</span> mit ...<br />
-... bestand, über die Kraft-<a href="#corr-59"><span class="underline">Aeußerung</span></a> mit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... diese <span class="underline">Gedächniß</span>-Nacht an ihrem Bette feyern ...<br />
-... diese <a href="#corr-60"><span class="underline">Gedächtniß</span></a>-Nacht an ihrem Bette feyern ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Weihnacht-Abend, by Gustav Schilling
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHT-ABEND ***
-
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