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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Eine deutsche Frau im Innern
-Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas
- Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
-
-Author: Magdalene von Prince
-
-Release Date: December 20, 2016 [EBook #53773]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen Ausgabe
- der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
- Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
- Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
- damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Passagen in Swahili wurden nicht korrigiert, dies gilt auch für
- Abweichungen in der Schreibweise von Eigen- und Ortsnamen (z.B.
- ‚Kilimandscharo‘ -- ‚Kilimanjaro‘ -- ‚Kilimatscharo‘). Einige
- Begriffe wurden harmonisiert, wenn ansonsten der Sinn verfälscht
- werden könnte.
-
- Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. Für
- abweichende Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
- verwendet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiquaschrift: _Unterstriche_
-
- Textstellen in Antiquaschrift erscheinen im vorliegenden Text
- kursiv. Diese Schriftart wurde vorwiegend für fremdsprachliche
- Begriffe verwendet, aber auch für Einheiten (_km_) und akademische
- Grade (_Dr._). Diese Auszeichnung wurde allerdings nicht konsequent
- eingehalten.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
-[Illustration: Hauptmann v. Prince und Frau.]
-
-
-
-
- Eine deutsche Frau
- im Innern
- Deutsch-Ostafrikas
-
-
- Elf Jahre
- nach Tagebuchblättern erzählt
- von
- Magdalene v. Prince
- geb. v. Massow
-
- [Illustration]
-
- Dritte, vermehrte Auflage
-
- Mit einem Titelbilde, 22 Abbildungen und 1 Skizze
-
-
- Berlin 1908
- Ernst Siegfried Mittler und Sohn
- Königliche Hofbuchhandlung Kochstraße 68-71
-
-
-
-
- Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901
- sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.
-
-
-
-
- Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin
-
- Auguste Viktoria
-
- in tiefster Ehrfurcht gewidmet
- von der
- Verfasserin
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorwort zur zweiten Auflage.
-
-
-Noch ist kein Jahr verflossen, und eine zweite Auflage des Buches wird
-nötig. Als ich die schlichten Aufzeichnungen zuerst in die Welt sandte,
-um auch in unserer deutschen Frauenwelt den kolonialen Gedanken zu
-beleben, hoffte ich kaum, solche Nachsicht zu finden. Allen denen Dank,
-die den guten Willen für die Tat nehmen.
-
-Jetzt sind es nun schon fast vier Jahre, daß wir als Pflanzer hier
-leben, und wenngleich auch heftige Stürme und viele Fehlschläge, die
-ja bei keiner Gründung fehlen, nicht ausblieben, so möchte ich Euch,
-deutsche Frauen, auch jetzt locken in das Land, wo der Himmel blauer
-strahlt, wo der Wind linder weht, wo Mond und Sterne noch ganz anders
-leuchten und funkeln als daheim. Glaubt es mir, es liegt ein besonderer
-Reiz darin, aus Wildnis ein Stück Kultur zu schaffen, aber das gelingt
-freilich nur und trägt Früchte bei größter, nie versagender Geduld,
-eiserner Willenskraft und angestrengtester Arbeit.
-
-Auf Grund meines Buches haben sich viele wegen Ansiedlung an mich
-gewandt; ich mußte sie leider immer auf spätere Zeit vertrösten, weil
-der zunächst noch herrschende Mangel an Verkehrsmöglichkeiten den
-Absatz unmöglich macht. Jetzt hat sich das Mutterland unsrer erbarmt,
-es wird uns Eisenbahnen schenken; hoffentlich auch nach Uhehe, wo
-anbaufähiger, fruchtbarer Boden in gesundem Bergklima reichlich genug
-vorhanden, um einer beträchtlichen Anzahl deutscher Familien eine
-neue Heimat bieten zu können. Haben wir erst Eisenbahnen, dann ist es
-jedem selbst in die Hand gegeben, sein Leben sich je nach Fleiß und
-Fähigkeiten zu gestalten.
-
-So rufe ich auch jetzt Euch deutschen Frauen zu: lernt unsere deutschen
-Kolonien lieben, interessiert Euch für ihre Erschließung durch
-Verkehrswege, durch Feldbahnen und Eisenbahnen; sie sind es wert,
-deutsch zu sein. Laßt Eure Kinder auf neuem deutschen Boden aufblühen,
-Euch zum Stolz und zur Freude und zur Kräftigung des Deutschtums.
-
- +Sakkarani+, West-Usambara, Herbst 1904.
-
- =Magdalene Prince.=
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorwort zur dritten Auflage.
-
-
-Wieder kann ich Euch deutschen Frauen und Mädchen einen von Afrikas
-Sonne durchglühten Gruß senden, möchte er in Eure Herzen fallen und
-diese für unsere Kolonie noch mehr entflammen.
-
-Allen, die Ihr mir so gütige Worte und Überraschungen sandtet, möchte
-ich auch an dieser Stelle danken. Dazu gehört auch der „Züchtergruß aus
-Westfalen“, der mir vor wenigen Tagen die schönsten Rassenhühner zum
-Geschenk brachte.
-
-Seitdem die zweite Auflage dieses Buches in die Welt ging, hat unsere
-Kolonie sowie das Schwesterland Süd-West-Afrika schwere Zeiten
-durchgemacht, allerorten loderte der Kampf der Rassenverschiedenheit
-auf, meistens durch zu viel falsche Humanität geschürt, und hat uns
-manches Opfer an Blut und Geld gekostet. Gerade dies aber schien nötig
-zu sein; wie es Mütter gibt, die erst dann den Wert und die Vorzüge
-ihrer Kinder schätzen lernen, wenn diese durch Krankheit ihnen Sorge
-und Arbeit machen, so erging es auch uns. Erst als wir an vielen
-Stellen bluteten, gewann das Mutterland Interesse an uns. Der Sieg des
-Volkes bei den Reichstagswahlen hat jene Wandlung am besten bezeugt.
-
-Diese haben wir nicht zum wenigsten Euch deutschen Frauen zu danken,
-die Ihr so regen Anteil an dem Kampf genommen habt. Mit diesem Danke
-verbinde ich die Bitte, Eure Hilfe uns auch in Zukunft zu schenken;
-fügt noch mehr Wärme und Liebe dazu: Wir brauchen noch viel mehr
-Verkehrswege und Eisenbahnen, ehe die Kolonie ihrem Werte nach erblühen
-kann. Je mehr Frauen an ihrem Aufbau mitwirken, um so schneller und
-mächtiger wird sie erstehen. „Der Mann gründet das Haus, die Frau hält
-es!“
-
- +Sakkarani+, Sommer 1907.
-
- =Magdalene v. Prince.=
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Einleitung 1
-
-
- +Erstes Kapitel.+ =Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach
- der Station Perondo= 6
-
- Das erste Lager S. 7. -- Abschied von Dar-es-Salaam S.
- 7. -- Unser Koch, die Boys, die schwarzen Soldaten S. 9.
- -- Zoologische Erwerbungen S. 11. -- Die Boys und deren
- Frauen S. 11. -- Heuschreckenplage S. 13. -- Unsere Träger
- S. 13. -- Übergang über den Kingani S. 15. -- Schlechter
- Weg S. 15. -- Der Jumbe von Perondo, die Notbrücke S. 17.
- -- Fruchtbare Landschaft S. 17. -- Jagdbeute S. 19. --
- Die Bedeutung der Jumben S. 21. -- Die erste Station im
- Innern (Kisaki) S. 21. -- Das Leben im Lager S. 23. --
- Anstrengender Marsch S. 23. -- Das erste Fieber S. 23.
- -- Übergang über den Ruaha S. 25. -- Die „Teufelsstelle“
- S. 25. -- Der Urwald S. 27. -- Krankheiten S. 27. --
- Offizieller Empfang S. 29. -- Unser Küchenzettel,
- Markttag S. 29. -- Gefährlicher Flußübergang S. 31. --
- Beschwerlicher Marsch S. 31. -- Verödete Dörfer S. 33. --
- Wasserfälle S. 33. -- Veränderte Marschordnung, vor dem
- Endziel S. 33.
-
-
- +Zweites Kapitel.+ =In Perondo. Gründung der neuen Station
- Iringa= 35
-
- Feierlicher Empfang in Perondo, die Station und ihre
- Umgebung S. 36. -- Eine afrikanische Küche, großes Diner
- S. 37. -- Leben und Treiben auf der Station S. 37. --
- Teuerung der Lebensmittel S. 39. -- Revolverattentat, die
- Wahehe S. 40. -- Hauswirtschaft und Geflügelhof S. 41. --
- Häuptling Kiwanga S. 43. -- Der Wahehe-Sultan Quawa und
- seine Anhänger S. 43. -- Toms Expedition gegen denselben
- S. 44. -- „Bibi Sakkarani“, Kiwangas Gastgeschenk S. 45.
- -- Ratten, Marsch zur neuen Station S. 47. -- Alarm S. 49.
- -- Erster Geburtstag als junge Frau, Wiedersehen mit Tom
- S. 50. -- Die neue Station Iringa, militärischer Empfang,
- unser Heim S. 53. -- Expedition gegen Quawas Brüder und
- Unterwerfung derselben S. 55. -- Quawas Schwestern S.
- 55. -- Regenzeit, Gründung von Dörfern S. 59. -- Eine
- Hinrichtung, unser Gemüsegarten und Viehstand S. 60. --
- Die Mitglieder der Wahehe-Sultansfamilie S. 61. -- Briefe
- aus der Heimat und vom Gouvernement S. 62.
-
-
- +Drittes Kapitel.+ =Mpangires Sultanat= 63
-
- Feierliche Einsetzung Mpangires als Sultan der Wahehe
- und die Festlichkeiten bei derselben S. 65. -- Unterm
- Christbaum, Silvester S. 67. -- Kaisergeburtstagsfeier,
- Alarmnachrichten S. 67. -- Feuer im Dorfe S. 68. -- Neue
- Unglücksbotschaften S. 69. -- Quawas Bruder Gunkihaka
- S. 71. -- Streifzüge gegen die Wahehe, Mpangires
- Unzuverlässigkeit S. 73. -- Kriegsgericht über Mpangire
- und seine Brüder S. 75. -- Hinrichtung der Quawabrüder und
- Landesverweisung ihrer Familien S. 75.
-
-
- +Viertes Kapitel.+ =Der Wahehe-Aufstand= 78
-
- Raubzüge Quawas, Gegenmaßregeln S. 79. -- Bautätigkeit auf
- der Station S. 79. -- Ramassanfest der Mohammedaner S. 81.
- -- Die „Frauenfrage“ in Uhehe S. 82. -- Versammlung aller
- von Tom eingesetzten Jumben S. 83. -- Sultan Merere S.
- 85. -- Gute und schlechte Botschaften S. 87. -- Großfeuer
- S. 87. -- Die katholische Mission, Karawanenverkehr S.
- 89. -- Neue Überfälle durch die Wahehes S. 91. -- Der
- Stationsgarten S. 92. -- Eine erfolglose Expedition S. 93.
- -- Mordanfall bei der Station S. 95. -- Toms Abmarsch, das
- Leben in der „Stadt“ S. 97. -- Ankunft des Leutnants Braun,
- Mereres Besuch S. 98. -- Afrikanische Dienstbotenleiden
- S. 99. -- Gesundheitsstand der Station, die Totos S.
- 100. -- Blinder Lärm, Ankunft von Missionaren S. 101. --
- Der Gartenbau S. 102. -- Rückkehr Toms, Jagderlebnisse,
- Schlachtfest S. 103. -- Kriegsspiele, Osterfest S. 105. --
- Die Wahehe-Hilfstruppen S. 106. -- Schauri mit Merere S.
- 107.
-
-
- +Fünftes Kapitel.+ =Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur
- Oberst Liebert= 108
-
- Toms Abmarsch, Ahnenkultus der Schwarzen und deren
- Begräbnissitten S. 108. -- Toms Rückkehr, Quawa auf der
- Flucht, Ankunft des Leutnants Kuhlmann mit Askaris S.
- 111. -- Trägerlöhne S. 112. -- Große Expedition gegen
- Quawa S. 113. -- Unser neues Haus und dessen Einrichtung
- S. 115. -- Zahlmeister Winklers Tod und Begräbnis S.
- 117. -- Ein Schreiben Toms über seine Expedition und den
- Kampf in den Felsenhöhlen S. 119. -- Toms Rückkehr S.
- 121. -- Fruchtbarkeit des Landes, Verkehrsverhältnisse
- und Kolonisation S. 122. -- Ankunft des Gouverneurs S.
- 124. -- Neue Expedition gegen Quawa unter Teilnahme des
- Gouverneurs S. 125. -- Kiwanga und sein Kontingent S.
- 127. -- Rückkehr und Erlebnisse der Expedition S. 129. --
- Verstärkung der Station in Uhehe, der Gouverneur spricht
- seine Anerkennung aus und verabschiedet sich S. 130.
-
-
- +Sechstes Kapitel.+ =Auf Safari. Beendigung des
- Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod= 131
-
- Schwere Erkrankung, auf Sommerfrische S. 131. -- Die
- Vegetation des Landes S. 133. -- Steppenbrand S. 134.
- -- Rückkehr, neue Expedition S. 135. -- Jagdabenteuer
- des Leutnants Braun, Erfolge der Expedition S. 136. --
- Unsere Dienstboten, eine „_mpepo_“ S. 137. -- Heimkehr
- der siegreichen Expedition S. 138. -- Mereres Besuch, auf
- Safari S. 139. -- Im Urwalde, Baumriesen S. 141. -- Tal des
- Muúngu, Aberglauben der Schwarzen S. 142. -- Förster Ockel,
- v. Prittwitz S. 143. -- Kanugare, die Landschaft Hangana
- Mwakikongo S. 146. -- Scharmützel mit den feindlichen
- Wahehes, Nahrungsmangel S. 147. -- Sergeant Richter S. 148.
- -- Rückkehr nach Iringa S. 149. -- Die Händler, europäische
- Post, Überläufer S. 150. -- Christabend und Neujahr S.
- 151. -- Hauptmann Ramsay, Pater Ambrosius und dessen
- Nachrichten S. 152. -- Verlauf einer Expedition gegen Quawa
- S. 153. -- Bau einer Moschee, eines Hospitals und einer
- Schaurihütte S. 154. -- Tod des Unteroffiziers Karsjens
- S. 155. -- Militärisches Leben auf der Station S. 156. --
- Vasallentreue der Wahehe S. 157. -- Feldwebel Merkl S. 159.
- -- Ramassan, Tom schwer erkrankt S. 160. -- Neue Niederlage
- Quawas und dessen vollständige Isolierung S. 164. -- Auf
- Erholung, Lagerleben S. 168. -- Die Landwirtschaftliche
- Versuchsstation Dabagga, Anwerbung der Arbeiter S. 171. --
- Iringa wird Poststation, Hauswirtschaft S. 173. -- Tod des
- Tischlers Wunsch S. 176. -- Ein Löwenabenteuer S. 177. --
- Quawas Tod S. 179. -- Siegesjubel S. 182. -- Quawas Kopf S.
- 183.
-
-
- +Siebentes Kapitel.+ =Im Frieden. Besichtigungsreisen= 184
-
- Personalien, Erinnerungen S. 185. -- Pockenepidemie,
- Geburtstag S. 187. -- Missionsschwestern S. 187.
- -- Kiwanga, v. der Marwitz S. 189. -- Auf Safari:
- Zelewski-Denkmal S. 189. -- Der Jumbe Lupambili und die
- jüngsten Pflegekinder S. 191. -- Die Ruaha-Quelle S. 191.
- -- Beim Sultan Merere S. 193. -- Die Malerei der Schwarzen
- S. 193. -- Wildherden S. 194. -- Kibokojagd S. 195. --
- Verteilung der Jagdbeute S. 197. -- Der Wüstenkönig S. 197.
- -- Mein erstes Kiboko S. 199. -- Mondscheinzauber S. 199.
- -- _Dr._ Fülleborn S. 201. -- Die schwarzen Pocken, wieder
- in Iringa S. 201.
-
-
- +Achtes Kapitel.+ =Abschied von Iringa. Auf der Heimreise= 202
-
- Erdbeben S. 202. -- Weihnachten, Missionsgesellschaften
- S. 203. -- Abschiedsfeier S. 204. -- Auf der
- Heimreise, Todesfall S. 205. -- Heißes Klima, Fieber,
- Erinnerungsstätten S. 207. -- In Kilossa, bei Pater Oberle
- S. 209. -- Die Jumben S. 209. -- Die erste Europäerin,
- an der Grenze der Zivilisation S. 211. -- Eine deutsche
- Ansiedelung, die evangelische Mission S. 211. -- In
- Dar-es-Salaam, an Bord des „Herzog“ S. 212.
-
-
- +Neuntes Kapitel.+ =Wie unsere Plantage entstand= 213
-
- Naturschönheit, Arbeiterfrage S. 215. -- Urbarmachen
- des Waldes S. 217. -- Hüttenbau, Arbeitsordnung S.
- 219. -- Schlagen und Brennen des Waldes, Beetanlage S.
- 221. -- Störche und Heuschrecken, Hausbau S. 223. --
- Arbeiterwohnungen, der Garten S. 225. -- Gastfreundschaft,
- die Usambarabahn S. 227. -- Heimweh nach Afrika,
- Jagdausflüge S. 229. -- Aufstand, Besuch des Vaters S. 231.
- -- Aussichten für Ansiedler S. 233. -- Zukunftshoffnungen
- S. 235.
-
- Anhang 237
-
-
-
-
-Verzeichnis der Beilagen.
-
-
- Seite
-
- Hauptmann v. Prince und Frau Titelbild
-
- Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince 40
-
- Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire. -- Lager
- des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in Iringa 65
-
- Eine Gerichtssitzung in Iringa. -- Sultan Merere auf seinem
- Reitstier 89
-
- Das Stationshaus in Iringa. -- Das Arbeitszimmer 113
-
- Lagerleben: Askarizelte. -- Lagerleben: Die Safari-
- (Reise-) Küche 129
-
- Lagerleben: Wasserträger. -- Lagerleben im Urwald:
- Ruhepause 137
-
- Station Mlangali. -- Der erste Pflug im Lande Uhehe 177
-
- Frau v. Prince mit ihren Kindern 213
-
- Ziegeltrocknen in der Sonne. -- Landschaft in West-Usambara 217
-
- Blick auf unsere Kaffeeplantage. -- Unser fertiges Wohnhaus 225
-
- Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in das
- Speisezimmer. -- Idyll auf dem Hofe der Kaffeepflanzung zu
- Sakkarani 225
-
- Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach
- Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896 233
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- Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in
- Deutsch-Ostafrika. Am Schluß
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-[Illustration]
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-Einleitung.
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-Wenn ich an alle die inhaltschweren Vorreden denke, die Verfasser
-oder Verleger ihren literarischen Erzeugnissen als Empfehlung mit
-auf den Weg zu geben pflegen, dann kommen mir doch gelinde Zweifel.
-Eines schickt sich nicht für alle, und was den mehr oder weniger
-anmutigen Kindern der Muse recht ist, braucht den anspruchslosen
-wirklichkeitsnüchternen Kindern der Muße einer afrikanischen Hausfrau
-noch lange nicht billig zu sein. Denn die nachstehenden Tagebuchblätter
-geben in der Tat nur die Aufzeichnungen wieder, zu denen ich in den
-ersten Jahren meines ostafrikanischen Hausfrauenlebens gelegentlich
-Zeit fand.
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-Für den Entschluß, diesen Blättern einige Worte zur Einführung
-voranzusetzen, war zunächst der Wunsch entscheidend, diesen
-bescheidenen literarischen Versuch dem Wohlwollen meiner Leserinnen zu
-empfehlen. Daß ich die zuweilen unter recht erschwerenden Umständen
-zu Papier gebrachten Notizen dereinst der Öffentlichkeit übergeben
-würde, ahnte ich freilich noch nicht, als ich Herrn v. Wissmann das
-Versprechen gab, ein möglichst getreues Tagebuch zu führen; die
-Ausführung stellte zuweilen recht hohe Anforderungen an Willens- und
-an Körperkraft, besonders wenn es galt, nach beschwerdereichem Marsche
-die Ereignisse des Tages noch schriftlich festzulegen, anstatt der
-wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Die Energie zur Durchführung dieser
-selbstauferlegten Pflicht auch unter schwierigen Verhältnissen verdanke
-ich dem Beispiel meines Gatten.
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-Dann aber möchte ich mit diesem Vorworte der gesellschaftlichen Pflicht
-persönlicher Vorstellung nachkommen, indem ich die Vorgeschichte
-der Entstehung dieser Tagebuchblätter kurz kennzeichne. Da muß ich
-denn bis auf unsere Schulzeit in Liegnitz zurückgehen. Daß der
-damalige Schüler der Ritterakademie, Tom Prince, und ich füreinander
-bestimmt seien, das unterlag für uns beide schon damals keinem
-Zweifel, und diese Schülerliebe hat sich bewährt; aus den Kindern
-wurden Leute, das Schicksal führte uns weit auseinander: Tom wurde
-Offizier beim Infanterie-Regiment Nr. 99 in Straßburg im Elsaß und
-ich kam nach Königsberg i. Pr., wo mein Vater als Rittmeister bei
-den Wrangel-Kürassieren stand. Das war ungefähr das Höchste, was wir
-uns im Deutschen Reiche an Entfernung leisten konnten, es sollte
-aber noch ganz anders kommen. Zu jener Zeit zogen die kühnen und
-erfolgreichen Kämpfe Hermann Wissmanns und seiner tapferen Schar die
-Augen der Welt auf unsere junge Kolonie. Zu dem Tatendrang des jungen
-Leutnants kam die Sehnsucht nach den Tropen, wo einst seine Wiege
-gestanden. Tom ist auf der Insel Mauritius (_Ile de France_) geboren,
-wo sein Vater englischer Polizeigouverneur war, er entstammt einer
-englischen Familie; seine Mutter war deutscher Abkunft, eine Tochter
-des Missionars Ansorge, der viele Jahre hindurch in Indien gewirkt
-hat. So hielt es den jungen Offizier nicht länger in dem Einerlei des
-Garnisondienstes.
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-Der Name Wissmann war ein mächtiger Magnet für die kriegerische Jugend
-Deutschlands; zur Zeit, als Tom auf eigenes Risiko sich auf den Weg
-machte, um in der Wissmannschen Schutztruppe Dienst zu nehmen, standen
-ungefähr 1500 Anwärter vor ihm auf der Liste. In Sansibar heuerte er
-gleich nach seiner Ankunft eine Dhau, um so rasch als möglich sein
-Ziel zu erreichen. Diese Ungeduld sollte verhängnisvoll werden: das
-kleine Fahrzeug erlitt Schiffbruch, die arabische Bootsmannschaft
-ertrank, und nur Tom wurde gerettet, nachdem er 13 Stunden lang mit
-Hilfe einer Holzkiste sich über Wasser gehalten! All sein Gepäck, sein
-Geld, seine Papiere waren verloren. So gelangte er zu Wissmann, der
-ihn vorläufig seiner Truppe beigab, dann aber als Offizier einstellte,
-nachdem die erforderlichen Papiere aus Deutschland besorgt waren.
-Die Taten Wissmanns, dieses im Kampfe heldenmütigen, im Aushalten
-von Anstrengungen und Entbehrungen des Tropenkrieges unermüdlichen
-und vorbildlichen Führers der ersten deutschen Kolonialtruppe,
-gehören der Geschichte an und damit auch die meines Mannes. Was ich
-in jenen sieben Jahren durchlebte, in Furcht und Hoffnung um das
-Leben des Jugendgeliebten bangend, mit welcher Sorge die spärlichen
-Zeitungsnachrichten über neue Kämpfe und Expeditionen der Wissmannleute
-das Mädchenherz erfüllten, bis endlich einmal wieder ein Brief von
-Toms eigener Hand mir für kurze Zeit Beruhigung gab -- das weiß nur
-ich und der allgütige Gott, der den Geliebten mir erhielt und mir die
-Kraft verlieh, das schier Übermenschliche zu tragen! So wurde mir der
-Brautstand zur strengen Lebensschule, zur Vorbereitung auf meinen Beruf
-als deutsche Offiziersfrau in den neugewonnenen Kolonien.
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-Endlich nach sieben langen bangen Jahren hatten die Verhältnisse in
-Deutsch-Ostafrika sich soweit geklärt, daß Tom mich nach seiner neuen,
-schwererkämpften Heimat hinüberholen konnte, an der auch ich mir in
-meinem sorgenvollen Brautstand ein Heimatsrecht erworben zu haben
-glaube.
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-Am 4. Januar 1896 war unsere Hochzeit in Militsch, und nach etwa einem
-halben Jahr, das wir noch in Deutschland verbracht, trafen wir in
-Dar-es-Salaam ein und warteten dort auf weitere Bestimmung für meinen
-Mann. Der letzte, gefährlichste Gegner der deutschen Herrschaft, der
-Sultan Quawa von Uhehe mit seinen tapferen Scharen, galt nach der
-Erstürmung seiner Hauptstadt für überwunden, ein Erfolg, an dem mein
-Mann in anerkannter Weise beteiligt war. Aber die Zeit sollte lehren,
-daß ein solcher Schlag nicht genügt, ein afrikanisches Kriegervolk
-niederzuhalten, dessen Hauptkriegskunst darin besteht, den Stößen des
-Angreifers geschickt auszuweichen.
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-Nach einem kurzen Aufenthalt in Dar-es-Salaam, wo mir von allen Seiten
-mit der größten und freundlichsten Fürsorge begegnet wurde, erhielt
-mein Mann den Befehl, die Station Perondo zu übernehmen, die an der
-Grenze von Uhehe neu gegründet war. Von dort aus sollte er die
-friedliche Unterwerfung des Volks der Wahehe weiter fördern. Nähere
-Kunde über die Station wie über die augenblickliche Stimmung Quawas und
-seiner Wahehe war aber zunächst nicht zu erhalten, denn die letzten
-Berichte waren infolge der Überschwemmungen im Inneren des Landes noch
-nicht zur Küste gelangt. Daß der verheißungsvolle Name Dar-es-Salaam,
-Hafen des Friedens, den wir bei unserer Einfahrt in die prachtvolle
-Bucht als günstiges Vorzeichen begrüßten, in Wahrheit nur geographische
-Bedeutung für uns haben sollte, ahnten wir freilich nicht, als wir
-hoffnungsvoll den Marsch nach der Stätte unseres Wirkens antraten.
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-Zum Schluß möchte ich noch einem Bedenken begegnen, das vielleicht
-gegen den Gebrauch so mancher fremdklingender Ausdrücke in den
-nachfolgenden Blättern erhoben werden könnte. Es ließe sich gewiß
-manches durch entsprechende deutsche Bezeichnung ausdrücken oder
-umschreiben, und in einem Buche mit lehrhafter Tendenz nach
-irgendwelcher Richtung sollte der Verfasser stets bemüht bleiben, die
-so oft gerügten Anleihen an die arabischen und Suaheli-Mundarten sowie
-an die uns aus den englischen Kolonien überkommenen Bezeichnungen zu
-vermeiden. Hier sind jedoch nur die frischen persönlichen Eindrücke
-wiedergegeben, die eine gänzlich „unliterarische“ junge Frau in
-ihrem Tagebuche zunächst für sich und ihre nächsten Angehörigen
-skizzierte; würde da nicht ein gut Teil von unmittelbarer Anschauung,
-„afrikanischer Lokalfärbung“ dieser anspruchslosen Skizzen verloren
-gehen? In diesem Sinne bitte ich für diese kleine Unart meines
-schriftstellerischen Erstlings um freundliche Nachsicht.
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-Seit zwei Jahren leben wir nun als friedliche, betriebsame Pflanzer
-in der neuen Heimat, nachdem mein Gatte den Degen mit dem Pfluge
-vertauscht. Gott schenke dem schönen Lande, das mit so vielem edlen
-Blut auf dem Schlachtfelde erkämpft, das so schwere Opfer an Leben
-und Gesundheit unserer wackeren Pioniere der Kultur gekostet, eine
-segensreiche Entwicklung. Noch stehen wir am Anfange dieser Kultur,
-möchte deutscher Unternehmungsgeist sich mehr und mehr auf diesem
-neuen Gebiete betätigen, der Lohn wird nicht ausbleiben.
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-Möchten vor allem auch die +deutschen Frauen+ regen Anteil nehmen an
-der friedlichen Eroberung des herrlichen, zukunftsreichen Landes. Der
-Mann +gründet+ das Haus, die Frau +hält+ es! Der Satz gilt heute mehr
-wie je auch für unsere Kolonien. Könnte ich doch Euch, Ihr deutschen
-Frauen und Mädchen, für unser junges Deutschland über See gewinnen.
-Was Ihr an gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens, an Geselligkeit,
-Vergnügungen und Anregungen aller Art hier im Vergleich mit der
-alten Heimat entbehren würdet, es wird mehr als aufgewogen durch die
-Betätigung und Pflichterfüllung, in der Ihr Euch an der Seite eines
-geliebten Gatten ausleben könnt. Wahrlich, es ist ein schönes Los, in
-diesem Siegeszuge deutscher Kultur eine Stelle einnehmen zu dürfen!
-Deutsches Familienleben, deutsche +Jugend+ in Ostafrika -- wenn dieses
-hohe Ziel erreicht ist, dann erst strahlt unsere neue Heimat als
-herrlicher Edelstein in der deutschen Kaiserkrone!
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- +Sakkarani+ (West-Usambara), Winter 1902.
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- =Magdalene Prince= geb. v. Massow.
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-[Illustration]
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-Erstes Kapitel.
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-Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo.
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- +Aulepschamba+, 28. Mai 1896.
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-Unser erster Marschtag liegt hinter uns. Eigentlich kann man diese
-Bezeichnung nicht gut anwenden, denn wir kamen nur eine halbe Stunde
-weit von Dar-es-Salaam weg. Der kurze Marsch hatte nur den Zweck, die
-Kompagnie und die Träger aus der Stadt hinaus zu bekommen; es ist das
-eine hergebrachte Sitte. Wenn die Leute im Lager angelangt sind, merken
-sie nämlich erst, was ihnen noch alles für den bevorstehenden Marsch
-fehlt, und schnell wird das dann aus der noch leicht erreichbaren Stadt
-nachgeholt.
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-Die Tage vorher schon war ich in fieberhafter Aufregung, konnte aber
-leider nicht viel tun und bestimmen, da mir die Verhältnisse noch zu
-fremd waren. Der Tagesanbruch fand uns bereits in den Kleidern, und
-die letzten Sachen wurden zusammengepackt. Tom (mein Mann) war fast
-die ganze Zeit fort, um die Lasten an die Träger zu verteilen und nach
-seiner Kompagnie zu sehen; als das alles besorgt war, schrieb ich noch
-an Eltern und Geschwister. Dann kam Herr v. Natzmer[1] und holte mich
-ab.
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-Eine so große Karawane hatte ich natürlich noch nie gesehen; auch
-anderen, die schon lange draußen waren, war sie etwas Neues.
-Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich die Masse dahin. 130
-Askaris (Soldaten), weit über 500 Träger, beladen mit Kisten der
-verschiedensten Arten, Paketen in Leinwand und in schwarzem Ledertuch,
-1 Maxim- und 1 Berggeschütz, Zelte, Gewehre, Kästen mit Schweinen,
-Puten, Hühnern, Tauben, Enten, Schafen, Ananas, Mangos, Kokosnüssen,
-Weiber und Kinder in hellen oder vielmehr dunklen Haufen. Da beinahe
-jeder Askari zwei Boys (ich muß schon die bequeme englische Bezeichnung
-beibehalten, die sich in unserer Kolonie so fest eingebürgert hat, daß
-sie kaum noch zu verdrängen ist, umsoweniger, als es ein deutsches
-Wort, das diesen vielseitigen Begriff, der die ganze Stufenleiter vom
-„Silbendiener“ bis zum „Wichsier“ und „Putzkameraden“ umfaßt, nicht
-gibt) und zwei Weiber hat, der Träger aber auch von jeder Sorte eins,
-ist die Karawane gegen 1100 Mann stark. Die Askaris zogen voraus mit
-Pfeifen- und Trompetenschall, dann kamen sämtliche Offiziere der
-Schutztruppe, die uns bis zum ersten Lager begleiteten, zum Schluß
-die Träger mit ihrem Anhang, die mit dem üblichen Geschrei von den
-zurückbleibenden Abschied nahmen. Es war ein sinnbetäubender Lärm.
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-Im Lager wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen, alles rührte sich
-in einer seltenen Geschäftigkeit. Die Zelte wurden aufgeschlagen,
-und rasch waren wir mit unseren liebenswürdigen Begleitern um den
-Frühstückstisch versammelt. Unsere niedlichen Frühstückskörbe, unsere
-Zelte, die Tische, Stühle und anderes Hausgerät, welches mein Mann
-für mich angeschafft hatte, wurde gebührend bewundert, dann aber auch
-fleißig getrunken und gegessen. Da es bald dunkel wurde, kehrten die
-Herren der Schutztruppe zurück, nachdem mein Mann ihnen für ihre
-Freundlichkeit gedankt hatte. Mit besonderem Danke sei hier noch einmal
-des Herrn v. Natzmer gedacht.
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-Es bedeutete diese Trennung für uns nicht nur einen Abschied von
-unseren Begleitern, sondern auch von der Kultur, denn von nun an sind
-wir nur noch auf uns allein angewiesen. In den nächsten Jahren werden
-wir kaum mit anderen Europäern zusammentreffen, und von Kultur nur das
-haben, was wir uns selbst schaffen. Ein ganz leichter Abschied war es
-also nicht. Bei der Trennung ließ mein Mann von den Askaris Herrn v.
-Natzmer noch ein dreifaches Hoch ausbringen, der diesen Abschiedsgruß
-in gleicher Weise erwiderte. Die Hochs klangen, wie es zu Hause kaum
-hätte besser sein können. Als die Herren uns verlassen, setzten wir
-uns mit unseren Reisebegleitern zu unserem ersten Mittagsessen auf dem
-Marsche. Lange nach dem Zapfenstreich trennten wir uns erst. Wir waren
-uns einig, daß wir trotz aller uns entgegengebrachten Liebenswürdigkeit
-und vieler schöner, gemeinsam verlebter Abende gern von Dar-es-Salaam
-fortgingen. An der Küste spürt man zu viel von den Nachteilen Europas,
-ohne dessen Vorteile zu haben.
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-Als gute Vorbedeutung für das Leben in der Wildnis nahm ich die
-Heimatswünsche, die am Morgen kurz vor dem Abmarsche uns die Post
-aus Deutschland gebracht hatte, an sich schon ein Ereignis, dessen
-Bedeutung jeder „Afrikaner“ zu würdigen weiß; für mich war es aber noch
-von besonderer Wichtigkeit; mein in Hamburg liegengebliebener Koffer
-mit all meinen Kleidern und aller Wäsche, Schuhen usw. war gleichzeitig
-angekommen, so daß ich meine gewohnte deutsche Garderobe noch mitnehmen
-konnte. Die sechzehn neuen, in indischen Läden von Männern fabrizierten
-Kleider sind mir doch nicht so bequem wie die in der Heimat gewohnten.
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-Ein dreibeiniger Hund kommt mitgelaufen, zukünftiger Kamerad von
-Schnapsel, meinem treuen, vierbeinigen Heimatsgenossen, den mir mein
-Vater schweren Herzens mitgegeben hatte.
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- +Kongoramboto+, 29. Mai 1896.
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-Um 5½ Uhr Reveille, um 6 Uhr abmarschiert. Da ich nicht ganz wohl war,
-mußte ich mich tragen lassen, ganz wie eine orientalische Fürstin:
-Großartige Sänfte mit Sonnendach und vier Träger, die zwei und zwei
-abwechselnd trugen, den Dolmetscher und einen Boy zur Seite, drei
-Stunden marschiert. Am Lagerplatz angelangt, sah ich von meinem
-Lehnstuhl aus dem Aufschlagen der Zelte zu: ein Schlafzelt und ein
-anderes zum Aufenthalt während des Tages. Unser Koch fängt an, mir zu
-imponieren. Es gab Huhn in afrikanischer Zubereitung. Unsere Leibgarde
-macht mir Spaß. Fünf Bengels in Khakianzug, kurzen Hosen, mit roten
-Aufschlägen und Achselstücken, unseren Reserve-Tropenhelmen und Toms
-Mützen. Die beiden kleinsten sehen aus wie schwarze Amoretten, und wenn
-sie auf dem Marsche hin- und herlaufen, ist es eine Freude, zuzusehen.
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- +Kisserawe+, 30. Mai 1896.
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-Lager nahe der auf einem hohen Hügel gelegenen Missionsstation. Der
-Marsch ging durch hügeliges, dicht bewaldetes Gelände. Ich wurde wieder
-getragen, war sehr müde und wollte schlafen; doch war die Gegend so
-schön, daß es mir keine Ruhe ließ, und ich soviel als möglich von
-meinem Lager aus sehen wollte. Tom fing sehr viel Schmetterlinge,
-die wir des Abends verpackten. Auf dem Marsche kurze Frühstücksrast
-an einer besonders malerischen Stelle. Tom hat alles sehr nett
-eingerichtet, es ist wie im Märchen: „Tischlein deck dich“ -- im Nu
-stehen die verschiedensten Getränke und Chakula (Essen) vor mir, um
-sogleich wieder zu verschwinden, wenn zum Aufbruch geblasen wird.
-Essen -- wieder Hühner, aber wieder anders zubereitet, und zwar sehr
-schön gebraten mit unglaublich wenig Butter; ich will dem Koch unsere
-Kochkunst lieber nicht beibringen.
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-Schnapsel trabt fleißig mit, da er aber zu eifrig auf die Jagd in die
-Büsche geht, müssen wir ihn anbinden, weil er uns doch sonst leicht
-abhanden kommen könnte. Kassuku[2] (unser Papagei) wird auf dem Kopf
-eines Trägers getragen und guckt sehr vergnügt zu seinem Käfig hinaus;
-im Lager klettert er auf Bäume und kommandiert sein „Gewehr ab“, „das
-Gewehr über“.
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-Das deutsche Kommando klingt in dieser Umgebung komisch, und zwar nicht
-nur aus dem Papageienschnabel; noch drolliger wirkt es aus dem Munde
-der schwarzen Soldaten. Die Kerls sind ganz famos einexerziert, sie
-marschieren mit einer Strammheit, wie unsere Soldaten zu Haus, machen
-„Kehrt“ und Schwenken usw., wie man es sich exakter kaum denken kann --
-und wie sie sich schlagen, haben sie auch schon zur Genüge bewiesen!
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- +Kola+, 31. Mai 1896.
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-Beim Abmarsch schenkte ich einem meiner Träger eine „Kokosnuß“, darob
-großes „Kelele“ (Geschrei). Die Boys wollten sie ihm wieder wegnehmen,
-sie fanden die Gabe zu verschwenderisch, da es jetzt nur noch schwer
-welche zu kaufen gab.
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-Gestern übrigens kam eine kleine Karawane mit einem Missionar und
-zwei Damen an unser Lager heran; dabei befand sich der kleine Sohn
-eines Häuptlings, der infolge einer früheren Anregung Toms zur Mission
-geschickt worden war, er suchte Tom sofort auf, und man erkannte seine
-Anhänglichkeit. Das Abc und ein paar deutsche Wörter hatte man ihm
-zwar beigebracht, er verstand aber deren Sinn noch nicht, so daß er
-sie herunter leierte wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Er kam mit seinem
-schwarzen Lehrmeister.
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- +Mlongoni+, den 1. Juni 1896.
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-Heute ließ ich mich bis zum Frühstückszeltplatz tragen; doch länger
-hielt ich es nicht aus und setzte den Weg auf dem Maultiere fort. Es
-ging nun viel besser. Welche Freude machte es mir jetzt, die Gegend
-in ihrer ganzen Eigenart sehen zu können. Jede fremde Blume war mir
-willkommen, jeder Schmetterling, der uns umgaukelte, erfreute das
-Auge, und manch einer endete sein Dasein in unserer Sammlung. Bis
-jetzt sind wir auf einer vom Gouvernement angelegten Straße gewandert,
-heute bogen wir auf einen Negerpfad ein, den seiner Zeit auch die
-zweite, von Schelesche Waheheexpedition gegangen ist. Wir haben heute
-ein wunderschönes Lager bezogen und sind ganz abgesondert von allen
-Menschen, das ist zu schön!
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-Eine große Schlange haben wir gefangen. Wenn unsere Sammlung so
-fortschreitet, werden wir mit großen Koffern voll „Zoologie“ ankommen;
-schon jetzt sind Büchsen, Gläser und Kasten voll allerhand, das da
-kreucht und fleucht. Ich sah heute die Frau unseres zweiten Boys
-(Mabruk) und freute mich, daß sie mitgekommen war. In Dar-es-Salaam
-nämlich machten mir die Frauen von unseren Boys Juma und Mabruk
-„Besuch“. Das war sehr spaßhaft. Sie wollten trotz allem Bitten nicht
-mit. Die Juma gab sich sehr schüchtern, deshalb glaubte ich, sie würde
-sich nicht dazu bewegen lassen, denn Juma schwang ganz entschieden den
-Pantoffel. Er meinte: sie verdiente, wenn sie ihn im Stiche ließe, an
-die Kette zu kommen. Die andere hatte sehr gute silberne Armbänder an
-beiden Armen und Beinen, Ketten um den Hals, gute Tücher umgeschlagen
-und eines auf dem Kopfe, sowie Ringe an den Fingern. Sie kam in das
-Zimmer getänzelt, was hier als besonders vornehm und schick gilt und
-von den schwarzen Damen auch auf der Straße mit Hin- und Herwiegen
-des Oberkörpers geübt wird. Sie schaute mit ihrem jungen, runden,
-hübschen, schwarzen, durch ihren Nasenschmuck freilich verunstalteten
-Gesicht ganz keck in die Welt, schüchtern war sie durchaus nicht;
-sie bot mir einen „Jambo“ (guten Tag) und steuerte gleich auf den
-Spiegel zu, um sich ganz in ihren persönlichen Reiz zu vertiefen und
-den möglichst malerischen Faltenwurf ihrer Tücher auszuprobieren. Die
-Schwarzen verstehen es ausgezeichnet, sich mit Tüchern zu drapieren. Es
-liegt etwas ungesucht Malerisches darin. Sie besitzen übrigens große
-Geschicklichkeit, ihre Toilette vor aller Augen zu wechseln, ohne dabei
-mit unseren europäischen Anschauungen von Schicklichkeit in Konflikt zu
-geraten. Ich sagte „malerisch“, und in der Tat, diesen Abend sah ich
-einen Neger, der ein Stück Baumwollenstoff wie einen wallenden weißen
-Mantel umgehängt hatte und auf einer einsaitigen Gitarre entsprechend
-eintönige Musik zum besten gab. Entschieden ein anziehendes Bild.
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- +Msenga+, 2. Juni 1896.
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-Gleich vom Lager aus geritten, weshalb mir der Marsch sehr kurz vorkam.
-Bis zum ersten Ruheplatz sollte ich getragen werden, doch gab ich es
-bald auf. Das Sichtragenlassen ist nur auszuhalten, wenn man wirklich
-elend ist.
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-Viele Schmetterlinge, die es jetzt nach der Regenzeit mehr gibt
-(besonders an feuchten Orten) und viele seltsam erscheinende Tiere
-gesammelt, Molche, Schlangen und eine originelle Raupe, stachlig wie
-unser Igel, nur, daß die Stacheln am Finger hängen bleiben wie bei
-unseren Kletten und dann ekelhaft jucken. Diese angenehmen Kletten gibt
-es übrigens auch hier, beim Marsche machen sie sich sehr unangenehm
-bemerkbar. Auch eine Grasart mit kleinen Dornen ist sehr lästig auf dem
-Marsche. Die Engländer nennen sie bezeichnenderweise „_wait a bit_“.
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-Die Natur weist auch in Blumen manche europäischen Arten auf, so z. B.
-Winden der verschiedensten Sorten, gelbe, rote, blaue, lila; von Bäumen
-fiel mir der Reichtum an Akazien auf. Bei der Ruhepause unterhielt ich
-mich mit den Trägern; der „Engländer“, d. h. der englisch sprechende
-Schwarze, verdolmetschte. Die Leute erzählten, Quawa, der Sultan der
-Wahehe, werde sich nicht sehen lassen, das würde also gleichbedeutend
-sein mit Krieg. Welcher ungewissen Zukunft gehen wir entgegen!
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-Heute kamen wir durch einen Heuschreckenschwarm; der Himmel war
-buchstäblich schwarz, man kann es sich gar nicht vorstellen, lauter
-schwarze Punkte, die hin- und herschwirren, und ringsum alles, alles
-abgefressen, kein Blatt, kein Grashalm, nur die langen, dürren Stiele
-ragen noch in die Luft. Kommt der Schwarm aber tiefer und scheint
-die Sonne auf die glitzernden Flügel, dann funkelt alles weiß, wie
-Schneegestöber. Der Schwarm kann sich so verdichten, daß sich, nach dem
-Bibelwort, „die Sonne verfinstert“. Leute nur 10 Meter entfernt, sieht
-man nicht mehr. Der Schwarm läßt sich nieder, dann ist die Erde wie mit
-einer schillernden Haut überspannt. Flügel an Flügel, manchmal sogar
-dicht aufeinander sitzend. So etwas könnt Ihr Euch nicht vorstellen.
-Es wäre schön anzusehen, wenn es nicht die Zerstörung aller Vegetation
-bedeutete.
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- +Mafisifähre+, 3. Juni 1896.
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-Ein schöner Tag liegt hinter uns. Heute habe ich erst einen wirklichen
-Marsch mitgemacht. Man kann die Marschleistungen einer so großen
-Karawane allmählich steigern. Zu berücksichtigen ist, daß, wenn die
-Tete auch nur 3 Stunden marschiert, es für die Queue mindestens 4½
-Stunden bedeutet; deswegen machen wir auch immer eine Ruhepause,
-um den Nachtrab herankommen zu lassen. Für diesen war es also ein
-anstrengender Tag, denn wir marschierten 3 Stunden und ritten 2
-Stunden. Für mich war’s eine Kraftprobe und machte mir viel Spaß;
-obgleich manchmal der Weg so eng und so ausgehöhlt war, daß man den Fuß
-nicht ordentlich setzen konnte. Die Gegend war sehr schön, teilweise
-wie Parklandschaft, dann wieder wie ein Obstgarten, nur daß hier
-der Reiz des Unberührten sich darüber breitet. Das Lager war sehr
-hübsch wie eine Wagenburg anzuschauen. Unsere drei Zelte machen sich
-recht schön, dann zur Seite der Koch und die Boys mit ihrem Hofstaat
-in kleinen Zelten aus 3 Stöcken und einem Stück Tuch verfertigt;
-ringsum unsere Lasten mit den Trägern und ihren Zelten, so bunt und
-zusammengewürfelt.
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-Es ist spaßig, welches Vertrauen die Leute zu Tom haben; wie die Kinder
-sich Rat bei ihrem Vater holen, so kommen die Schwarzen zu ihm. Dann
-fällt er salomonische Urteile; z. B. zwei hatten sich geschlagen,
-der eine war auf den Kopf getroffen -- dafür durfte er dem anderen
-mehrere Ohrfeigen versetzen; er war so erregt, daß er die ersten Male
-in die Luft schlug, ehe er traf. Schwieriger war der zweite Fall: Ein
-Träger hatte dem anderen mit Absicht ein Loch in sein Tuch gebrannt.
-Ein auf den Austausch der Tücher zwischen Schuldigem und Geschädigtem
-anspielender Vergleich wurde von letzterem abgelehnt, weil sein Tuch
-länger war als das des anderen. Zur Entschädigung durfte er sich dann
-ein Stück aus des Gegners Tuch ausschneiden, um das seinige wieder zu
-flicken. Beide zogen befriedigt und vergnügt ab.
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-Wir sind mit unserer Karawane sehr zufrieden: von den 1100 Menschen
-sind nur 20 Träger fortgelaufen. Wir werden jetzt viel von den Jumben
-(Dorfhäuptlingen) heimgesucht, welche Schafe, Hühner, Eier, Ziegen zum
-Geschenk bringen, dafür aber tüchtig bezahlt werden müssen; den ganzen
-Tag hocken sie um uns herum und wollen unterhalten sein, bis man sie
-endlich mit einem „Kwaheri“ (Lebewohl) fortschickt. Aber man ist auf
-sie angewiesen, denn sonst bekommt man kein Chakula, und man kann sehr
-froh sein, wenn sie überhaupt etwas bringen; ist ein Europäer wenig
-beliebt oder wenig bekannt, so bekommt er nur das Notwendigste. Mir ist
-es bis jetzt sehr gut gegangen, denn für den „Sakkarani“ (Spitzname
-meines Mannes, auf den ich sehr stolz bin, denn er bedeutet: +der
-keine Furcht kennt+) gehen sie durchs Feuer, und da geht es der „Bibi“
-natürlich auch gut. _Dr._ C. Velten, der sich um die Suahelisprache mit
-großem Erfolg bemüht hat, schreibt: „der verbreitetste Spitzname ist
-_bana sakkarani_, d. h. der sich wie ein Betrunkener in jede Gefahr
-stürzt“; die Schwarzen können sich nämlich nicht vorstellen, daß es
-einen nüchternen Menschen gibt, der so mutig allen Feinden begegnet.
-Wie oft wurde mir gesagt: „Ihr Mann ist zu tollkühn, ein Draufgänger
-wie Blücher“ -- aber stets behielt er kaltes Blut dabei, denn z. B.,
-hätte er sonst schwerlich im heftigsten Kampfe bei der Erstürmung
-Iringas einem Offizier das Leben gerettet, indem er ihm zurief: „Aber
-Menschenskind, Sie stehen ja vor einer Schießscharte“ und -- bums --
-schon knatterte ein Schuß daraus hervor. Derselbe Offizier wurde doch
-noch später bei demselben Gefecht verwundet. Eier und Hühner schenkt
-man mir persönlich, dafür spendiere ich dann Kognak. Heute brachte
-einer ein ganzes Poesiealbum an, in welchem sich die einzelnen Europäer
-durch schöne Verse verewigt hatten; ich war die erste Dame in dieser
-Sammlung. Bis jetzt hat kein Jumbe mehr als zwei weiße Frauen gesehen.
-Die Jumben kommen zum Sakkarani von weit her, der eine sogar von weit
-jenseits des Flusses.
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-Von der Mabrukschen Frau bekam ich vier Eier geschenkt. Schon in
-Dar-es-Salaam bekam ich welche von ihr, und ohne daß ich mich
-revanchiert hatte, brachte sie mir einen Teller Kuchen zum Geschenk,
-sehr ähnlich unseren Waffeln, ganz knusperig, also sehr schön.
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- +Nordufer des Kingani+, beim „Husarenjumben“,[3] 4. Juni 1896.
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-Heute wurde nicht so früh vom Lager aufgebrochen, denn wir wollten nur
-über den Kinganifluß mit der von Herrn v. Soden geschaffenen Fähre
-hinübersetzen. Durch diese, wie durch so viele andere grundlegenden
-Einrichtungen hat Herr v. Soden sich den dauernden Dank der Kolonie
-erworben. Es war für die Schwarzen ein Ruhetag, für die Europäer aber
-desto größere Arbeit und für mich anstrengender als ein Marschtag.
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-Die Fähre ist so klein, daß Maultiere und Esel den Fluß durchschwimmen
-mußten, nur an Stricken festgebunden; währenddessen wurde fortwährend
-ins Wasser geschossen, um die Krokodile abzuhalten. Es ist häufig
-vorgekommen, daß die Tiere im Wasser von den Bestien angefallen wurden.
-Der Übergang dauerte sechs Stunden. Für jeden Passanten mußten an den
-Jumben, der die Fähre in Ordnung hält, 2 Pesa gezahlt werden. Unter
-der Last der ihm in +Kupfer+ ausgezahlten 2200 Pesas wankte unser
-„Husarenjumbe“ tief gebeugt aber seelenvergnügt nach Hause.
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-Wir hatten noch eine halbe Stunde Marsch. Hier sahen wir Vieh auf der
-Weide; ein gutes Zeichen, denn früher versteckten die Jumben vielfach
-ihr Vieh aus unbegründeter Angst, daß es ihnen weggenommen werden würde.
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-Heute wurden die ersten Träger bestraft, sie hatten „Chakula“ bei den
-Eingeborenen gestohlen. Nach neun Tagen die erste Bestrafung unter so
-viel Leuten; wir machten abends einen Gang durch das Lager. Die vielen
-kleinen Feuer, an denen die Leute an primitiven Herden (drei Steine
-und ein Topf mit Reis darauf) ihr Essen kochten, boten einen hübschen
-Anblick. Einige der Neger spielten Karten.
-
-
- +Geringeri+, 5. Juni 1896.
-
-Heute liegt ein tüchtiger Marsch hinter uns -- ohne Pause von 6
-Uhr 4 Minuten bis 12 Uhr 49 Minuten. Da ich es verschmähte, mich
-tragen zu lassen, mußte ich diesen wenig angebrachten Stolz mit recht
-schmerzhaften Blasen an den Füßen bezahlen. Der Weg war oft so eng und
-ausgehöhlt wie eine Straßenrinne, durch die das Wasser abfließen soll;
-es ging viel durch Dornengestrüpp und mannshohes Gras, welches einem
-fortwährend ins Gesicht schlug -- eine wenig angenehme Zugabe zu dem
-ohnehin schon so anstrengenden Marsch. Im ganzen war die Natur recht
-ausgestorben: die fast blätterlosen Bäume mit ihren Dornen und das
-langstielige gelbbraune Gras gaben der Landschaft ein ödes Ansehen.
-Um so mehr freuten wir uns, als endlich vor uns dichtbelaubte Bäume
-sichtbar wurden, denn sie verhießen uns fruchtbares Land und somit
-aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wasser, ein Dorf -- und einen guten
-Lagerplatz. Bald trafen wir auch auf die ersten Schamben (Felder), und
-eine halbe Stunde vor dem Marschziele empfing uns auch schon der Jumbe
-mit seinen Untertanen.
-
-Heute habe ich mich auch zum ersten Male um die Küche gekümmert: immer
-noch Huhn und Reis, dazu ein Täubchen, welches mein Mann mir alle
-Tage schießt und welches mir trefflich schmeckt. Ich sah auch heute
-die erste Affenfamilie und den ersten bunten Tropenvogel, der sich in
-dieser Einöde ganz prächtig ausnahm. Auch Ebenholzbäume sah ich viel.
-
-Es scheint, als ob selbst die meist stumpfsinnigen Träger veredelndem
-Einflusse nicht unzugänglich sind. Die ersten Tage blieb alles stumm,
-wenn ich an ihnen vorüber kam und ihnen „Jambo“ (guten Tag) bot, heute
-schrie mir alles schon entgegen, ja, einer der Träger spielte sich als
-Kavalier auf, indem er mir eine seltene schöne Blume brachte; ich habe
-mich darüber recht gefreut. Am Morgen sah ich der Mabrukschen Frau zu,
-wie sie ihre Ohrenverzierungen herstellte: sie wickelte in gelbe und
-rote Farbe getauchte Zeugstreifen sauber auf und steckte sie in die
-ungefähr 1 _cm_ großen Löcher in den Ohrmuscheln.
-
-Den Jumbe von Perondo sind wir glücklich los, er muß voran marschieren,
-um uns Brücken über die Flüsse bauen zu lassen. In Dar-es-Salaam
-belästigte er uns unaufhörlich. Übrigens macht er einen ganz harmlosen,
-gemütlichen Eindruck.
-
-
- +Mkulassi+, 6. Juni 1896.
-
-Um 4½ Uhr schon zum Aufbruch geblasen, um 5½ Uhr Abmarsch aus dem
-Lager. Da wir den Geringeri passieren mußten, ging es sehr langsam
-vorwärts, denn die Notbrücke, die über den Fluß gelegt war, verdiente
-ihren Namen in der Tat. Die Tiere mußten den Fluß durchschwimmen, die
-Träger krabbelten langsam hinüber.
-
-Um 1½ Uhr im Lager. Zur Abwechslung gab es heute einmal Ziege anstatt
-Huhn, für uns alle sehr erfreulich, auch Schnapsel profitierte davon.
-Der Hund hat uns viel Sorge gemacht; infolge eines Insektenstiches war
-ihm ein Auge ganz blutunterlaufen, so daß ich schon fürchtete, er würde
-es verlieren; ich habe es ihm tüchtig mit nassen Umschlägen gekühlt und
-hatte die Freude, es bald wieder heil zu sehen.
-
-Tom geht es heute gar nicht gut, seit mehreren Tagen schon hat er
-Fieber, natürlich ist auch meine Stimmung dementsprechend. Mit der
-Kocherei fängt es an, besser zu werden.
-
-
- +Magugoni+ (Kinganifluß), 7. Juni 1896.
-
-Heute wird Tom von allen Seiten von Eilboten bestürmt, infolgedessen
-hat er riesig viel zu tun. Um den Tag zu feiern, haben wir unsere
-Herren zu einer Bowle eingeladen. Der Marsch war heute wieder sehr
-schön, durch ein fruchtbares Stück Land. Vorgestern kamen wir durch
-ein 4 bis 5 _m_ hohes Maisfeld, wohl eine halbe Stunde lang; das
-Marschieren war zwar nicht angenehm, aber wir freuten uns doch, da uns
-Tom erzählte, so fruchtbares Feld habe er seit 3 Jahren nicht gesehen,
-denn die Heuschrecken hätten zu arg gehaust; jetzt ist diese gräßliche
-Landplage, Gott sei Dank, im Aussterben. Gestern noch sahen wir ganz
-abgefressene Grashalme, mit großen braunen länglichen Punkten -- tote
-Heuschrecken, zu fünf und sechs an einem Halm. Viele Wildspuren,
-aber kein Wild zu sehen, da das Gras, 3 bis 4 _m_ hoch,[4] jeden
-Umblick hinderte. Zur Linken lugten zwischen einzelnen Baumgruppen
-waldige Hügel herüber, und zur Rechten zeichneten sich mit allen
-landschaftlichen Einzelheiten, mit ihren Wölbungen und Tiefen, die
-wunderschönen 8000′ hohen Uluguruberge in der durchsichtigen, klaren
-Luft ab. Wir marschierten 6¾ Stunden, eine ganz ansehnliche Leistung,
-wenn man den schmalen, gewölbten „Straßenrinnen-Weg“ in Betracht zieht,
-der, von darüber fallendem Gras bedeckt, uns zwingt, immer hübsch vor
-uns hinzusehen und der Steine und Wurzeln zu achten, denn das Stolpern
-bringt aus dem Marschtempo. Dazu die besondere Eigentümlichkeit, daß es
-hier kaum Bäume ohne Dornen gibt. Ich hatte keine Gamaschen angelegt
-und mußte diese Unterlassung beim Reiten durch zahlreiche Dornenrisse
-büßen.
-
-
- +Chansi+, Kinganifluß, 8. Juni 1896.
-
-Heute war ein schöner Tag -- beinahe ein Ruhetag! Es wurde erst um 6¼
-Uhr zum Aufbruch geblasen, dann ein kurzer Marsch bis zum Fluß, den wir
-in Kanoes kreuzten; die Leute wateten durch. -- Nachmittags schossen
-die Herren die Gewehre ein. Während ich hier schreibe, lodern ringsum
-große Feuer gen Himmel, an denen schwarze Gestalten umherhocken. Die
-Feuer brennen die ganze Nacht hindurch, in ihrem Bereiche suchen sich
-die Leute ihre Lagerstätten.
-
-
- +Mihama+, 1½ Stunde westlich von Tulu, 9. Juni 1896.
-
-Trotzdem schon um 5¼ Uhr zum Abmarsch geblasen wurde, kamen wir
-doch erst um 7½ Uhr aus dem Lager. Die Soldaten hatten einige Gnus
-geschossen, die erst unter die Askaris verteilt wurden -- ein großes
-Ereignis! Nachmittags war wieder Fleischverteilung, bei der ich zugegen
-war; mit welcher Gier stürzten sich die armen Kerls auf die leckere
-Beute! Auch einige Hartbeeste waren geschossen worden, darunter eins
-von meinem Mann, mit prachtvollem Gehörn. Wir behielten uns ein
-Stück des besten Fleisches, hoffentlich bereitet es der Koch auch
-schmackhaft zu. Von der Vorzüglichkeit unseres Küchenchefs bin ich
-nämlich schon längst abgekommen, trotz seines Rufes als des anerkannt
-besten seines Faches. Er bezieht ein Gehalt von 40 Rupien monatlich,
-hat als Assistenten einen Küchenjungen zu 3 Rupien und einen Esel zum
-Reiten auf der Safari (Reise) und muß außerdem noch sehr gut behandelt
-werden, damit er bleibt! Leicht hat er es übrigens ebensowenig wie
-unsere Jungens. Wenn wir ins Lager kommen, meistens gegen 12 Uhr und
-später, müssen die Zelte aufgeschlagen, der Tisch gedeckt, aufgewaschen
-und hunderterlei Kleinigkeiten besorgt werden, von denen eine deutsche
-Hausfrau keine Ahnung hat, die aber zu den täglichen Notwendigkeiten
-unseres afrikanischen Marschlebens gehören.
-
-
- +Dutumi+, 10. Juni 1896.
-
-Ein kurzer aber sehr beschwerlicher Marsch heute. Das an 4 _m_ hohe,
-taufrische Gras hinderte uns sehr am Vorwärtskommen und durchnäßte
-uns bis auf die Haut. Zuweilen sahen wir, wenn das Gras einmal einen
-Ausblick gestattete, die waldigen Höhen der Uluguruberge rechts
-vorgelagert, ein Zeichen, daß unsere Karawanenstraße im großen Bogen
-lief; wir hatten diese Berge bisher immer zur Linken gehabt. Unsere
-Zelte stehen abseits von den übrigen unter einem großen Baum, der
-seinen Schatten nach allen Seiten hin spendet; ein ideal schönes
-Plätzchen. Während ich schreibe, üben unsere Askaris ihre Hornsignale.
-Wie mich das an Weißenrode erinnert, wenn vom Liegnitzer Haag die
-Musik der Königsgrenadiere herüberschallte. Es ist eigentümlich: der
-Zulu, obwohl musikalisch, ist zum Signalblasen nicht zu gebrauchen, da
-seine Lungen zu schwach sind; der Sudanese dagegen ersetzt, was ihm an
-musikalischer Begabung abgeht, durch kräftige Lungen; die Kerls blasen
-ihre Signale wie man’s zu Hause kaum besser hören kann. Die Sudanesen
-halten sich übrigens, wie ich hier einschalten will, für besser als die
-anderen Stämme und wollen nicht mit zu den Negern gerechnet werden.
-
-Von dem gestrigen Wege bin ich so entzückt, daß ich die Schilderung
-heute nachholen möchte. Der Marsch ging auf breit ausgehauenem Pfade,
-auf welchem sogar 10 bis 15 Neger mit dem Ausjäten des Unkrautes
-beschäftigt waren. Solch Zeichen von Kultur hier zu finden, ist wie
-eine Oase in der Wüste, und zwar besonders erfreulich als Zeichen, daß
-der Jumbe in dieser wohlhabenden Gegend eine gewisse Macht besitzt;
-die Beschaffenheit der Wege kann man als besten Maßstab hierfür gelten
-lassen. Diese Jumben lassen sich mit unseren Dorfschulzen vergleichen,
-doch stehen ihnen größere Machtbefugnisse zu, denn das Gouvernement
-kann sich hier nicht um alle die Kleinigkeiten bekümmern, für die
-der Dorfschulze seinem Amtsvorsteher und Landrat verantwortlich ist;
-unsere Jumben hier stehen in dieser Beziehung doch selbständiger da,
-und das Gouvernement unterstützt ihre Anordnungen. So schön geebneten
-Weg hatten wir bisher noch nicht gefunden, vor allem nicht auf diese
-Länge hin, selbst die Brücken über die Flüsse fehlten nicht. Der Jumbe
-_en chef_ hatte augenscheinlich die ihm unterstellten zehn Unterjumben
-gut im Zug. Er kam uns entgegen und war sehr enttäuscht, als wir unser
-Lager nicht in seiner Residenz aufschlugen.
-
-Eine Stelle des Weges haftet mir besonders im Gedächtnis: Dornröschens
-Schloß meinte ich vor Augen zu haben, hohe Wände von dichtem grünen
-Laub, hochragende Baumwipfel als die Mauertürme dieses verzauberten
-Schlosses. -- Die Temperatur war recht afrikanisch: trotz Tropenhelms
-und Regenschirms trug ich eine Brandblase auf der Nasenspitze davon.
-Das Trinkwasser ist hier recht unappetitlich, es gehört schon
-Überwindung dazu, sich in dieser trüben Flüssigkeit zu waschen --
-trinkbar ist es nur in der Form von Tee, und zwar aus silbernem Becher,
-um die trübe Brühe nicht beim Trinken auch noch sehen zu müssen.
-
-
- Station +Kisaki+, 11. Juni 1896.
-
-Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher
-war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der
-Malaria erlegen. Es war doch schön, wieder einmal nachts ein Dach
-über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns
-in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr
-an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und
-aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist
-alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt
-waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat -- das
-ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so
-daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb,
-aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft
-metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht
-empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 _m_ hohen Ufer fallen sehr steil
-ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt hier
-das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein.
-
-Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend
-kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr
-noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben
-im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche
-Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei-
-bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten
-diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr _en vogue_.
-
-Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich
-marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die
-ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den
-Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in
-welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß
-von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte.
-
-Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht,
-um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen.
-Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns
-Befehl Bastionen, Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die
-Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen.
-
-
- +Mgeta+, 13. Juni 1896.
-
-Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige
-Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert
-hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und
-Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier
-für den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien
-bedankt zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir
-uns ein. Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der
-Mafiti mit Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen
-Anhang vor Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms
-Gewehr tragen zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem
-Mafitidorfe vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut
-ist, bis an den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten
-im hohen Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied
-in Sturmkolonne vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten
-Lagerplatz zu schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst
-+nach+ dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar
-den blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz
-nur dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken
-ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum
-einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein
-unübersteigbares Hindernis.
-
-Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im
-Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären
-nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun
-erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller
-Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung
-hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein
-kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen:
-Höhenmessung durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers,
-eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen
-und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe
-ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach
-Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch
-gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie
-Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7 Uhr
-an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und zwar
-je dicker je besser.
-
-Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine
-dichte Wolke am dunkeln Himmel hin -- ein feierlicher Anblick: Seelen,
-die ihrer Heimat zustreben!
-
-
- +Msengebach+, 14. Juni 1896.
-
-Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht
-werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick
-behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten --
-wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk
-und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände
-blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir
-sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte.
-
-
- +Makirika+, 20. Juni 1896.
-
-Das erste Fieber überstanden! -- Das waren böse Tage. Daheim wäre man
-bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier
-sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen,
-und Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht
-zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und
-pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit.
-Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts;
-erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie
-wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war.
-
-Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen
-werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v.
-Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude,
-solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus
-als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die
-großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am
-Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die
-beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück
-waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den
-Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen,
-um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn
-Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel
-Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen
-von Uhehe grüßten zu uns herüber!
-
-
- +Mfajeka+, 21. Juni 1896.
-
-Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha,
-der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen
-Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer
-recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte
-ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu
-schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie
-das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den
-kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit
-nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen
-im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch
-zuerst immer jämmerlich schrieen. --
-
-Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In
-drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres
-Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank.
-Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha
-an dieser Stelle gegen 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum
-anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen
-Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich
-ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, --
-die landesübliche Sitte des Kindertragens -- und wurden mit ihrer
-lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren
-Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer
-Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot
-ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten
-und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war
-die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber
-wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer
-Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete.
-
-Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus
-Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er
-ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort
-herausgeholt, geschient und verbunden.
-
-
- +Mfajeka+, 22. Juni 1896.
-
-Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern
-bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die
-wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden,
-nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe
-dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten
-entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein,
-ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit --
-auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit,
-wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt.
-
-Von meinem Platze aus kann ich die Kompagnie sehen, die oben zum Appell
-angetreten ist. Auf dem Marsche tragen unsere schwarzen Kerls je nach
-Geschmack alle möglichen Zierate an den Mützen: Federn, weiße Sterne
-u. a. m.; heute sehen sie in ihren, den Husarenkalpaks ähnlichen Mützen
-ganz militärisch und schmuck aus.
-
-
- +Dorf Kranse+, 24. Juni 1896.
-
-Der Abmarsch verzögerte sich, weil wir auf den Arzt warten mußten, der
-erst den im Ruaha verunglückten Träger neu verbunden hatte und dann
-noch nach einem kranken Kinde sehen mußte. Drei Stunden ließ ich mich
-tragen, versuchte dann, auf meinem Maskatesel weiter zu kommen, mußte
-mich aber bald bequemen, über einen durch Auswaschung entstandenen
-Erdspalt auf Baumwurzeln zu balancieren. Als nächstes Hindernis kam ein
-Urbusch, der erst gangbar gemacht werden mußte: dunkler Moorboden oder
-Graswuchs, lianenumschlungene Stämme mit dichtem Laub, Wasserpfützen
-mit dem bekannten metallisch-rötlich-schimmernden schleimigen Überzug,
-das alles in einem düstern Zwielicht, dazu eine Fülle von Tieren
-und Insekten -- das ist das Bild eines afrikanischen Urbusches oder
-Urwaldes.
-
-Unser Lager liegt dicht an den Bergen, die uns einen frischen Wind
-herübersenden; das erfrischt Mark und Nerven und hält die gefährlichen
-Fiebermiasmen der sumpfigen Niederung fern. Gegenüber ein prächtiger,
-breiter Wasserfall. Welch schöner Abend: ringsum die Lagerfeuer, an
-denen die Leute sich schon schlafen gelegt haben, silberklar zieht der
-Mond seine stille Bahn am tiefblauen Sternenhimmel, an dem einzelne
-Silberwolken glänzen, der Horizont begrenzt von den hohen Bergen von
-Uhehe -- in die tiefe Stille dringt nur das gleichmäßige Rauschen des
-Wasserfalls herüber und ab und zu der Schritt des Wachtpostens.
-
-
- +Mahenge+, 25. Juni 1896.
-
-Um 6 Uhr 20 Minuten Aufbruch. Die ersten 3½ Stunden ließ ich mich
-tragen und las dabei, wie ich meistens tue. Dann ritt ich meinen
-braven Maskatesel. Der Weg durch den Wald war recht schlecht,
-Tom mußte einen Unteroffizier als Bahnbrecher vorschicken. Das
-Marschtempo ist im allgemeinen 100 Schritt in der Minute, der Schritt
-etwa 70 Zentimeter, so daß wir durchschnittlich in der Stunde 4 bis
-4½ Kilometer vorwärtskommen. In einem hohlen Baum fand Tom heute
-ein ganzes Schmetterlingsnest, aus dem er die Tierchen wie junge
-Vögel ausnehmen konnte. Es war sehr niedlich. Jetzt kommen wir meist
-ziemlich manierlich ins Lager, freilich durch das hohe, nasse Gras
-gewöhnlich bis auf die Haut durchnäßt, und beim Durchreiten der
-Bäche kommt man auch oft genug mit den Füßen ins Wasser, obgleich
-ich im Sattel balanciere wie eine Kunstreiterin. Morgens regnet es
-hier auch öfters; im Gegensatz zu vielen anderen regenarmen Gegenden
-Deutsch-Ostafrikas ist das Land deshalb hier auch ungemein fruchtbar.
-Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Reichtum die Natur diesen
-Landstrich ausstattet! Wir kamen durch einen Graswald, der uns mit
-seinem, die Bäume überragenden Schilfgras ganz vorweltlich anmutete;
-bei den Maisfeldern wuchsen sechs bis acht Stauden aus einer Wurzel
-durchschnittlich 5 bis 7 Meter hoch. Ein Stückchen solch fruchtbarer
-Erde in Europa!
-
-Afrika geht auf die Gesundheit! Von uns fünf Europäern haben Tom und
-der Zahlmeister Winkler seit vierzehn Tagen fortwährend Fieber bis zu
-40°, der Unteroffizier Hammermeister sogar bis 41°, und auch unser Arzt
-_Dr._ Stierling laboriert daran. Das beste Vorbeugungsmittel ist und
-bleibt kräftige Nahrung, um dann während der Fieberanfälle möglichst
-bei Kräften zu bleiben, denn auch bei nicht allzuhohem Fieber taten die
-Herren immer ihren Dienst. Man muß hier nach Möglichkeit gut leben,
-schon um den Dienst im Gange zu halten. Wer nur Wasser trinkt und nicht
-gut und kräftig ißt, der spart wohl -- und zwar nicht unbeträchtlich!
--- am Geldbeutel, auf die Dauer wird er aber dieses Sparsystem nicht
-aushalten. Trotz alledem -- Afrika hat doch Reize, die man in Europa
-vergeblich suchen würde. Wenn die Träger ins Lager ziehen und ihre
-Lieder vom „Sakkarani“ singen, wenn wir nach angestrengtem Marsche
-unsere Zelte aufschlagen als vorgeschobene Pioniere deutscher Kultur,
-mit dem Ziel vor Augen: wir wollen und können unserm deutschen
-Vaterlande auf diesem vorgeschobenen Posten dienen und nützen, jeder
-nach seinem Pfund! -- das ist ein Bewußtsein, welches über den Mangel
-europäischen Komforts und selbst eine tüchtige Dosis Fieber kräftig
-hinweghilft!
-
-Heute war offizieller Empfang! Eine Stunde vor dem Dorfe kam uns der
-Jumbe entgegen und begrüßte uns mit einer feierlichen Ansprache,
-die ich allen seinen deutschen Kollegen als Muster von -- Kürze
-bestens empfehlen kann. Auch sonst fanden sich Vergleichspunkte mit
-europäischen Einzugsfeierlichkeiten: die Stelle der weißgekleideten
-Jungfrauen vertraten die mit schneeweißem Linnen drapierten Einwohner
-beiderlei Geschlechts, die uns zu Ehren angetreten waren. Das Dorf
-war rings um einen großen freien Platz angelegt, in dessen Mitte ein
-riesiger wilder Feigenbaum die Stelle unserer Dorflinde vertrat. Hier
-spielt sich das öffentliche Leben ab, in seinem Schatten wird Schauri
-gehalten, getanzt, gekneipt und wohl auch gelegentlich mal gerauft,
-ganz wie bei einer deutschen Kirmes. Unser Lager wurde unter einer
-stattlichen Baumgruppe aufgeschlagen, die als deutliches Zeichen
-dieser ihrer Bestimmung an einem Stamme ein -- Reklameschild für
-deutschen Sekt trug! Die Herren v. Kleist und Albinus, die früher
-hier stationiert waren, hatten uns gesagt, wir würden wohl wenig
-Lebensmittel auftreiben, da die Leute sehr arm seien, höchstens einige
-Hühner, von Ziegen ganz zu schweigen; um so angenehmer waren wir
-überrascht, als uns eine Menge Ziegen, Hühner, Eier und Mehl gebracht
-wurde. Der Besuch nahm den ganzen Tag kein Ende. Es sieht zu drollig
-aus, wenn so dreißig bis fünfzig Schwarze um uns herum hocken; ich
-bewirte sie mit eigens für sie bestimmten Tassen mit Gin; gern würde
-ich mich auch mit ihnen unterhalten, aber ich verstehe ihre Sprache
-noch nicht.
-
-
- 26. Juni 1896.
-
-Wir passierten eine Anzahl recht ansehnlicher Dörfer; die Hütten waren
-durchweg mit Veranda versehen. Unter dem Schwarm von Eingeborenen,
-die uns zur Station begleiten, um dort Schauri zu halten, befindet
-sich auch der Jumbe Farhenga, der früher oft gegen uns gekämpft hat,
-bis er sich ergab -- Leutnant Brüning ist im Kampfe gegen diesen Stamm
-gefallen --; er war früher ein Anhänger von Quawa und glaubt bestimmt,
-daß dieser sich nicht sehen lassen würde.
-
-
- 27. Juni 1896.
-
-Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen
-40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer,
-mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand
-Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache
-schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit
-und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei
-Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten
-kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz
-alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die
-uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten
-nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum
-Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit
-den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt,
-je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes
-Gedränge -- aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden
-sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner,
-die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls
-hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles
-fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich
-gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr
-ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe
-ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der
-Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte
-Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris
-das Nötigste aus den Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner
-aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen.
-
-
- +Fakalla+, 29. Juni 1896.
-
-Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei
-Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und
-Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste
-Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu
-nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre
-beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und
-war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute
-sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen
-Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können.
-
-An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche
-Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten
-müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber --
-kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige
-Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier
-schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und
-Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als
-sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem
-sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen
-sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von
-Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte
-ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten.
-Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt
-ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen
-in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen
-Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen
-wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets
-willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer
-findet sich stets in der Nähe von Wasser; auch der Honigvogel ist
-ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo
-man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine
-Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne.
-
-
- +Am Fluß Ruipa+, 1. Juli 1896.
-
-Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das
-Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im
-Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen
-lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer
-mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter
-tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte
-bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind
-übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen,
-werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen!
-Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“
-sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick
-sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend
-und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst
-fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im
-Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona!
--- Heute den 34. Tag unterwegs!
-
-
- +Gima+, 2. Juli 1896.
-
-Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr
-werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch
-bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal
-nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner
-Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf -- natürlich tolle Kopfschmerzen.
-Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches
-Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas
-zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres
-Zeichen, daß sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin
-ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und
-heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen.
-
-
- +Ndemusdorf+, 3. Juli 1896.
-
-Auch heute alle Dörfer verödet -- ein böses Zeichen! Quawa hat die
-Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe,
-aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige
-sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen.
-Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer
-Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg
-möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser
-Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei
-Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch
-seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit
-den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als
-Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom
-hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen
-und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben,
-überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa
-zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus
-Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat
-sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber
-zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um
-einzutreten.
-
-Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um
-unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein
-Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel
-weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und
-im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in
-welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und
-der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.
-
-
- 5. Juli 1896.
-
-Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren
-Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, die
-meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick eines
-solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten
-Farnkräuter gesehen! -- Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der
-Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm:
-Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die
-Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen,
-denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen.
-Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern
-trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste
-zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze
-niederzutreten.
-
-
- +Am Kitalabach+, 6. Juli 1896.
-
-Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns
-zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft
-bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in
-der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken;
-dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°.
-Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges
-Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war,
-um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit
-geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten
-die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die
-Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt,
-dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten
-diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur
-dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung:
-Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich
-erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein,
-wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst
-zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel
-festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln,
-Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.
-
-
- Am 7. Juli 1896.
-
-Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf -- gegenüber
-dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen
-erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger
-Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich
-hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich,
-wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem
-Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu
-überzeugen.
-
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-
-Zweites Kapitel.
-
-In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa.
-
-
- +Perondo+, 8. Juli 1896.
-
-Um 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter
-trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir
-sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen
-Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges,
-hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit -- mehr gestattete der
-Weg nicht -- so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und
-Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki,
-Graf Fugger und _Dr._ Berg entgegen, die auch für eine prächtige
-Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet,
-und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine
-Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche
-Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und
-die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war
-ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt
-gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen -- und der Dienst machte
-seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer
-Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen
-Festmahle -- wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich
-es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt -- der letzte
--- wurde reichlich getrunken, dank seiner belebenden Wirkung und der
-Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt,
-trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch
-Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns
-nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser
-schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein!
-
-Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen,
-gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das
-Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort
-gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu
-besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts
-übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht
-Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen.
-Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der neu
-anzulegenden Station zu dirigieren -- +ohne daß es zu viel kostet+!
-Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend: die Messe
-besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die Bezeichnung
-„Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der Zimmermann die
-üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne durch Tischler
-und Glaser ergänzt zu werden.
-
-
- +Perondo+, 9. Juli 1896.
-
-Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe,
-brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen,
-um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu
-vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt
-ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder,
-alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu
-begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen.
-
-
- +Perondo+, 12. Juli 1896.
-
-Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen
-schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich alles nötige
-Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem
-europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen
-Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch
-die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten
-wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem
--- natürlich sorgfältig gereinigten -- Gewehrlaufe glattgestrichen
-und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl,
-Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines
-Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren
-zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs
-andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, -- aber
-wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser
-Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt
-nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz
-leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte
-mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen
-bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit
-roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und
-Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem
-Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume
-abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe -- man kann sie zwar
-nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die
-Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt
-festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen
-und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die
-gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum
-wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues
-Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen
-Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter
-befestigt; es sah wunderhübsch aus -- stilvoll-afrikanisch. Dazu in
-der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen;
-an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel (ich hatte
-mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum
-Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl
-die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas
-getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste.
-
-Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer
-und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in
-knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in
-dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den
-Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas
-sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich
-Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee
-tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu
-Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. --
-Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen.
-
-
- +Perondo+, 13. Juli 1896.
-
-Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann
-wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam _Dr._ Berg;
-dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus
-Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel.
-
-Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie
-seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur
-aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt-
-und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht
-aufgefressen. Der Feinschmecker!
-
-Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel
-Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig.
-Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind
-anwesend.
-
-
- +Perondo+, 17. Juli 1896.
-
-Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum
-Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren
-bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um
-Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe
-genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern
-mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab;
-zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück
-Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine
-kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000
-Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin
-und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs.
-
-Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder
-einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die
-Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und
-beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer
-Hütte.
-
-Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn
-1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der
-gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es
-reichlich.
-
-Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf
-der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens
-werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine
-Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der
-Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten
-geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches
-Notwendige finde ich überhaupt nicht.
-
-In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine
-Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die
-beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große
-Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perniziöses Fieber zu haben und
-wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte
-dann auch _Dr._ Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom
-den Verlust von zwei Europäern. -- Eine rechte Landplage sind hier die
-kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen
-Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns
-vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den
-Kopf gebunden tragen müssen -- ein spaßiger Anblick.
-
-
- +Perondo+, 18. Juli 1896.
-
-Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo
-blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver
-geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis _Dr._ Berg
-kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der
-hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des
-schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer
-angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders
-annehmen.
-
-Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch!
-Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein
-Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch.
-Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern
-Küchenzettel!
-
-
- +Perondo+, 19. Juli 1896.
-
-Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet
-soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen
-sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er
-auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn
-Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen
-seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern
-werden?
-
-Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht
-schlimmer, er ist aber sehr schwach.
-
-[Illustration: Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince.
-
-(Zu S. 35.)]
-
-[Illustration: Von links nach rechts:
-
-Oberleutn. +Glauning+. Hauptm. v. +Kleist+. Stabsarzt _Dr._
-+Stierling+. Hauptm. v. +Prince+. Leutn. Graf +Fugger+. Leutn.
-+Stadlbaur+. -- Frau Hauptm. v. +Prince+.]
-
-Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und
-ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus
-erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden:
-Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat.
-
-Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie
-sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere
-Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen
-und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in
-einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen
-Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen
-abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere
-Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen
-und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu
-noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen
-Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu
-wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können.
-
-
- +Perondo+, 22. Juli 1896.
-
-Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte:
-erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon
-besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von
-irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten
-Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten
-wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten,
-und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es
-alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle
-unsere Wünsche und Hoffnungen richten.
-
-Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften
-und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem
-untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto
-vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch
-vielfach ausgedroschen; die Dreschflegel sind den unseren ähnlich,
-selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird
-innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf
-Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich
-mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach
-selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und
-Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen.
-Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst
-so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem
-Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der
-Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen.
-Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht
-anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln
-greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde.
-
-
- 23. Juli 1896.
-
-Gestern abend gemütliches Zusammensein in der Messe bis nachts 1 Uhr.
-Vom Grafen Fugger kam Nachricht, er baut tüchtig an seiner Boma; von
-den Einwohnern der Temben läßt sich niemand sehen, die Wahehe dagegen
-haben Beobachtungsposten ausgestellt. Es spitzt sich mehr und mehr zu,
-trotzdem mein Mann mehrere Gesandtschaften an Quawa geschickt hat, um
-diesen über den friedlichen Zweck unseres Zuges aufzuklären. An den
-Küsten hat man von den hiesigen Zuständen keine Ahnung, es wurde dort
-behauptet, Perondo sei sehr gesund und alles atme hier Frieden! Jetzt
-hat der zweite Unteroffizier auch Fieber.
-
-Mit der Zeit schärft sich der Blick für die schwarzen Gesichter, ich
-kann jetzt schon die Frauen von den Männern unterscheiden; anfangs war
-das durchaus nicht leicht; beide tragen als Gewand große Tücher um
-Brust und Körper, die nur den Kopf, die Arme und die Füße freilassen;
-selten sieht man einmal einen Mann, der einen Anflug von Bart trägt.
-
-Eben sitzt Kiwanga, einer unserer größten Häuptlinge, bei meinem Mann,
-ein stattlicher schwarzer Herr in europäischer Kleidung. Benehmen und
-Sprechweise machen einen guten Eindruck; schade, daß ich nichts von der
-Sprache verstehe; er scheint sehr klug zu sein. Unser Kognak hat seinen
-Beifall, er hat eine ganze Tasse voll getrunken! Er erzählte Tom, daß
-Quawa bei Iringa einen Streifschuß am Oberschenkel erhalten habe. Hätte
-der Schuß damals besser getroffen, brauchte mein Mann jetzt nicht all
-das Häßliche durchzumachen, was uns nun als sicher bevorsteht.
-
-Kiwanga, unser Gast, scheint hier in hohem Ansehen zu stehen; während
-ich mich sonst immer darüber ärgern mußte, daß Koch und Boys in
-Gegenwart von Gästen stets ganz ungeniert ins Zimmer platzten, um sich
-die Befehle für die Mahlzeiten zu holen oder ihrerseits Wünsche und
-Klagen anzubringen, kommen sie heute nur leise angeschlichen und reden
-nur im Flüsterton: die Nähe von so viel schwarzer Hoheit bedrückt sie
-ganz augenscheinlich.
-
-
- 28. Juli 1896.
-
-Ich habe die Tage über nicht schreiben können, denn es lag mir wie ein
-Alp auf der Seele: heute sind die Sachen für meinen Mann gepackt, die
-er auf seinem Zuge mitnehmen will! Sobald er seinen Bericht fertig hat,
-geht es ab! Der Krieg ist unvermeidlich, trotz aller Versuche, mit
-Quawa zu friedlichem Verständnis zu kommen. Tom hatte den Auftrag, ihm
-ein Geschenk zu überbringen, das ist nun natürlich ganz ausgeschlossen.
-Wenn mein Mann nicht glücklicherweise etliche von Quawas Leuten
-hierbehalten hätte, würde dieser Mensch unsere Abgesandten einfach
-aufknüpfen; unter diesen Umständen ließ Quawa sie gar nicht zu sich
-herankommen, sondern wies sie unter Androhung des Todes zurück. Welche
-Gesinnungen ihn beseelen, dafür nur einen Beleg: seinen Großen, die
-ihm zum Frieden rieten, ließ er den Hals abschneiden, deren Frauen
-wurden durch Ohrabschneiden verstümmelt! An 80 Leute haben dran glauben
-müssen. Welch ein Glück für uns, daß es nicht noch mehr solche Neger
-gibt, die durch den blutigsten Despotismus die Stämme unter ihrem
-Einflusse halten -- mit der Besitznahme von Deutsch-Ostafrika sähe es
-sonst sehr böse aus. Quawa hat seine Anhänger um sich versammelt,
-man schätzt ihre Zahl auf 7000 bis 9000 Mann; ihnen stehen wir mit
-130 Mann gegenüber, nach Abzug von 30 Mann Besatzung unserer Boma und
-weiteren 20 Mann, die die Verbindung der drei kleinen Bomas auf unserer
-Etappenstraße aufrecht erhalten müssen. Um unsere Boma gegen einen
-plötzlichen Handstreich zu sichern, haben wir sie in den denkbar besten
-Verteidigungszustand gebracht, der Versuch würde Quawa und seinen
-Kriegern teuer zu stehen kommen.
-
-Ich bewundere bei all meiner Sorge die kaltblütige Ruhe meines Mannes.
-Bei der ungeheueren Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht, bestimmt er
-alles mit einer Seelenruhe, als ob es sich um den alltäglichen Dienst
-handele! Mittags, gleich nach Tisch, ritt er ab mit 40 Soldaten und
-100 Trägern. 400 Träger waren schon gestern abgegangen, sie sollten
-heute noch eingeholt werden. Ich begleitete Tom bis zum nächsten
-Fluß und war gegen 3 Uhr wieder zurück. Sofort erschien auch Kiwanga
-wieder und machte mir seinen Besuch, der mir in meiner sorgenvollen
-Stimmung wenig angenehm war. Ich setzte ihm Kognak und Zigaretten vor
-und da bei meinen mangelhaften Kenntnissen des Suaheli keine rechte
-Unterhaltung in Fluß kam, ging er bald wieder. Dann machte ich mir
-allerlei Beschäftigung, zog die Uhren auf, ging nach dem Hühnerstall
-und anderes mehr, bis der Dolmetscher mit der Meldung kam, soeben werde
-Herr v. Stocki schwer erkrankt ins Lager gebracht. Das war ein großer
-Schrecken. Ich ging sofort zu ihm, fand ihn glücklicherweise schon auf
-dem Wege der Besserung; er hatte ein perniziöses Fieber überstanden
-und hoffte, den Zug gegen Quawa schon mitmachen zu können. Nach dem
-Abendessen sah ich nach Lagerfeuern meines Mannes in den Bergen aus, es
-war aber nichts zu sehen.
-
-
- 29. Juli 1896.
-
-In aller Frühe durch einen schriftlichen Gruß von Tom geweckt; ich
-schrieb sofort wieder, da der Bote mit Dienstsachen zurückging. Dann
-kam Kiwanga, brachte aber diesmal den Dolmetscher mit und blieb, da
-wir uns nun unterhalten konnten, eine ganze Ewigkeit. Außer dem
-üblichen Kognak und Zigaretten erhielt er einen kleinen Vorrat Salz zum
-Geschenk und einen von Toms Anzügen. Da ihm aber der Stoff an diesem
-Anzug nicht gefiel, mußte ich ihm einen anderen aussuchen, der seinem
-Geschmack besser entsprach! Später kam noch ein anderer Häuptling dazu,
-der ebenfalls mit Kognak und Zigaretten bewirtet werden mußte, sowie
-noch mehrere Gesandtschaften von weiter ab wohnenden Häuptlingen.
-Sie bleiben vier Tage hier; da geht es tüchtig über unsere Vorräte
-und besonders über die Zeuglasten her. „Kleine Geschenke erhalten
-die Freundschaft“ -- die Leute müssen warmgehalten und einigermaßen
-poussiert werden, damit sie uns Arbeiter für die Station schicken.
-Kiwanga war sehr erstaunt, als er zufällig sah, daß ich einen Revolver
-bei mir trage -- ich sah, wie ich dadurch in seinem Ansehen stieg.
-Kiwanga war gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Auf die Dauer
-fallen einem diese Gastfreunde doch etwas auf die Nerven.
-
-
- 31. Juli 1896.
-
-Von Tom kommt jeden Tag -- Gott sei Dank! -- gute Nachricht, nur
-beunruhigt es mich, daß er über den voraussichtlichen Erfolg sich
-niemals äußert. Gott gebe, daß alles gut geht! Herr v. Stocki hat mir
-von seiner Safari zwölf Hühner mitgebracht. Er erzählte mir, warum
-die Wahehe uns nicht schon längst einmal überfallen hätten. Bei den
-Schwarzen ist die Zauberei noch sehr im Schwang, und „Medizinmänner“
-stehen in hohem Ansehen. Es gibt aber auch „Medizinweiber“ unter ihnen,
-und eine solche schwarze Velleda hat sich auch Quawa rufen lassen. Die
-hat ihm denn nun folgendes offenbart: Der Sakkarani (nämlich Tom) habe
-sich eine Bibi Sakkarani mitgebracht, die einen großen Zauber besitze,
-nämlich eine kleine weiße Flasche; wenn sie die unter die angreifenden
-Wahehes werfe, würden sie sämtlich umkommen! Diese prophetische Warnung
-ist nun überall verbreitet, die Schwarzen ringsum erzählen sich schon
-davon.
-
-Von meinem Gastfreund Kiwanga erhielt ich gestern als Geschenk ein
-kleines Mädchen zugesandt. Das arme kleine Ding, ich werde mich seiner
-recht annehmen. Zunächst ließ ich es durch Mabruks Frau gründlich
-waschen, dann wurde ihr der Kopf rasiert und sie mit neuen Tüchern
-ausstaffiert; sie soll stopfen, nähen und waschen lernen. Vorläufig
-habe ich als Gegengeschenk Zeug an Kiwanga geschickt, was weiter
-geschehen soll, wird Tom gelegentlich bestimmen. Jetzt geht’s in die
-Küche und dazu gehört immer ein fester Entschluß: eine Wellblechhütte,
-von der afrikanischen Sonne durchglüht, mit den offenen Feuern zum
-Kochen.
-
-
- +Perondo+, 12. August 1896.
-
-Ich habe keine Zeit gehabt, in diesen Tagen etwas zu schreiben. Nach
-neun Tagen der Einsamkeit das Wiedersehen mit meinem Manne und zugleich
-die Aussicht, ihn so rasch wieder für vier Wochen in das Ungewisse
-ziehen zu lassen! Wir haben in diesen wenigen Tagen nur der Gegenwart
-gelebt und die bange, trübe Sorge mit Gewalt zurückgedrängt. Das waren
-kurze Stunden des Glückes: Gott gebe, daß es nicht die letzten gewesen
-sind.
-
-
- 13. August 1896.
-
-Als Tom wieder abzog, hatte er starkes Fieber; noch habe ich keine
-Nachricht von ihm, obwohl er besondere Leute für den Nachrichtendienst
-mitnahm. O diese Ungewißheit; jetzt gilt es vor allem, sich die trüben
-Gedanken, die aufregenden Vorstellungen von all den Gefahren fern zu
-halten, die Tom jetzt drohen! Denn nichts ist gefährlicher als diese
-Gemütserregungen, die meist heftige Fieberanfälle zur Folge haben
-sollen. Um mich zu zerstreuen, bitte ich öfters den Zahlmeister zu
-mir, auch der Lazarettgehilfe wird dann hinzugezogen, und da hilft
-dann Kartenspiel, „Sechsundsechzig“, über manche Stunde der Einsamkeit
-und der trüben Gedanken hinweg. Wir Europäer sind hier ganz besonders
-aufeinander angewiesen. Wenn sonst mein Mann weg war, ist mir nie so
-schwer zu Mute gewesen. Hier gilt es unsere ganze Zukunft, das Leben
-meines geliebten Mannes, die Sorge lastet auf mir wie eine dunkle
-Wolke.
-
-
- 15. August 1896.
-
-Von Tom gute Nachricht! Mit seinem Fieber geht es besser. Gott sei
-gedankt für diese Freudenbotschaft.
-
-Ich selbst leide am Fieber; dazu schlaflose Nächte und die ekelhafte
-Plage der Sandflöhe. Die bohren sich tief ins Fleisch, dann heißt
-es, die Blase mit den Eiern sorgfältig entfernen, damit nichts
-zurückbleibt, sonst wird die Sache nur noch schlimmer. Heute habe
-ich solche Geschwürchen herausgenommen. Die kleine Muhigu, Kiwangas
-Gastgeschenk, leidet so stark unter dieser Landplage, daß sie kaum
-gehen kann. Sie ist grundhäßlich, aber ein freundliches, zutuliches
-Wesen. Zu meinen Pflegebefohlenen gehört auch ein kleines, etwa vier
-Jahre altes Indermädchen; sie ist Waise, und da sie an krampfartigen
-Anfällen leidet, die sie meist am Gehen hindern, will niemand etwas
-von dem armen Kinde wissen; auch an den Händen ist sie gelähmt, dazu
-blöde Augen, -- es ist schmerzlich, das arme Ding anzusehen. -- Auf dem
-Hühnerhofe ein Erfolg: eine Pute legt Eier und eine Ente ist am Brüten.
-Letzte Nacht prachtvolles Steppenfeuer, das sich bis in die Berge zog
-und den Wasserfall wunderbar beleuchtete. Die Eingeborenen hatten
-auf weite Strecken hin das trockene Steppengras abgebrannt. Durch
-Schnapsels Rattenjagd werden meine Nächte auch nicht erquicklicher;
-er fängt natürlich keine, denn durch die engen Löcher in den Wänden
-kann er nicht nachkommen. Neulich fielen in der Nacht zwei von diesen
-scheußlichen Tieren von der Decke auf mich, ich schrie laut vor
-Schrecken; eine lebensmüde Ratte fand ich im Waschbecken ertrunken.
-
-
- +Lager am Ombascha-Posten+, 19. September 1896.
-
-Welche Glücksbotschaft gestern! Um vier Uhr kam ein Brief von Tom:
-sobald unser Gepäck „_tajari_“ (fertig gepackt zum Mitnehmen), soll
-ich zu ihm kommen! Er hatte für das Verpacken zwei Tage gerechnet
--- natürlich war ich schon am anderen Morgen „_tajari_“ und rückte
-mit meinem Begleiter, dem Oberlazarettgehilfen, ab. Ein tüchtiger
-Gebirgsmarsch. Sehr müde!
-
-
- +Lager am Kihansifluß+, 20. September 1896.
-
-Ich darf wenigstens sagen, daß ich Afrika kennen lerne; freilich ist
-dieser praktische Geographieunterricht recht anstrengend, dafür aber
-nur interessanter. In der Schweiz habe ich nicht solche Kletterpartien
-gemacht wie hier; selbst nicht am Julier, wo ich mir Edelweiß geholt
-habe von Stellen, die für Damen als unerreichbar galten. Gestern waren
-acht Berge zu nehmen, 600 bis 800 Meter hoch, so steil und unwegsam,
-daß ich mich oft hinaufziehen lassen mußte, wenn ich die für mich
-eingehauenen Stufen in den Felsblöcken selbst auf „allen Vieren“ nicht
-mehr schaffen konnte. Aber jeder bestiegene Berg war ja ein Hindernis
-weniger auf dem Wege zum Ziel! Da vergaß ich gern 33° Reaumur! Die
-Aussicht war großartig, aber die Müdigkeit ließ mich doch nicht zum
-Genuß kommen.
-
-
- +Magdalenenhöhe+, 21. September 1896.
-
-Morgen oder übermorgen sehe ich meinen Mann wieder! Was waren das für
-schreckliche Wochen! Wie zitterte ich um des Geliebten Leben, wie oft
-kamen Nachrichten, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließen! Wußte
-ich doch Tom mit seinen 230 Mann und den 8 Deutschen -- von denen
-drei eben erst das perniziöse Fieber überstanden hatten -- einem an
-Zahl weit überlegenen blutdürstigen Feinde gegenüber. Anfangs erhielt
-ich alle paar Tage Nachricht -- dann blieb vierzehn Tage lang jede
-Botschaft aus! Doch nun ist ja diese schreckliche Zeit der qualvollen
-Ungewißheit vorüber, ich ziehe ihm entgegen, soll ihn nun bald gesund
-und fröhlich wiedersehen! Die größte Gefahr ist abgewendet, wenn auch
-noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt: nämlich Quawas habhaft
-zu werden. Dazu müssen aber erst Hilfstruppen abgewartet werden,
-Toms kleine Schar ist in diesem ungeheuren Gebiete dieser Aufgabe
-natürlich nicht gewachsen. Für mich zum Glück: bis zum Eintreffen der
-Verstärkungen darf ich bei meinem Manne bleiben! Als Tom das Lager
-Quawas nahm, ist dieser entkommen, so konnte dem ganzen Feldzuge leider
-nicht mit einem Schlage ein Ende gemacht werden. Das Gefecht war
-infolge von Quawas Flucht ziemlich kurz, Tom hatte keine Verluste, auf
-der feindlichen Seite aber Tote, Verwundete und Gefangene. Es wurden
-an 1000 Stück Großvieh und 1100 Kleinvieh erbeutet -- an Fleischmangel
-wird die Station also nicht mehr zu leiden haben.
-
-Eine Episode aus diesen sechs Wochen Einsamkeit muß ich doch noch
-nachtragen. Eines Abends saß ich mit dem Zahlmeister Winkler und dem
-Lazarettgehilfen Prinage beim Skat, als plötzlich einige Griechen und
-Araber auf unserer Veranda mit der Schreckensnachricht angestürzt
-kamen: „Die Wahehe sind da! Sie wollen die Boma stürmen!“ Da hieß es
-„Kaltes Blut“ -- nicht den Kopf verlieren; es war das erstemal, daß
-ich mich in solcher Lage nur auf mich selbst angewiesen fand. Während
-Winkler und Prinage Patronen an die sofort alarmierten Soldaten
-ausgaben, die Boys und Träger mit Vorderladern bewaffneten und jedem
-seinen Posten anwiesen, ließ ich Wasser herbeiholen, brachte die
-Reittiere in der Boma unter, sammelte die mit Speeren bewaffneten
-Männer aus dem Dorfe, brachte sämtliche Windlichter und Laternen
-zusammen und suchte möglichst Ordnung in das schwarze Menschengewühl
-zu bringen, denn Weiber und Kinder bildeten ein kaum entwirrbares
-Knäuel. Dann steckte ich Revolver und Patronen zu mir, legte mein
-Bestes an Schmuck obenauf im Koffer, um im Falle eiliger Flucht alles
-zur Hand zu haben, dann machten wir einen Rundgang, um uns von der
-richtigen Ausführung aller unserer Anordnungen zu überzeugen. Die ganze
-Alarmierung war in fliegendster Eile vor sich gegangen; nach kaum einer
-halben Stunde spielten wir auf unserer Veranda weiter. Wir blieben
-die ganze Nacht auf, -- ich hatte die Weiber und Kinder inzwischen
-auch untergebracht -- und vertrieben uns die Zeit mit Kaffeetrinken
-und Postenrevidieren. Der Höllenlärm unserer aufgeregten Nachtgäste
-ebbte nach und nach ab, und der prachtvolle Sonnenaufgang fand uns
-in verhältnismäßiger Ruhe. Die Wahehe waren nicht gekommen, unsere
-Vorbereitungen für einen möglichst warmen Empfang also vergeblich
-gewesen. Die Weiber trauten aber dem Landfrieden doch noch nicht:
-tagelang hielten sie sich in Zelten dicht an der Boma auf, aus Furcht
-vor den Wahehes.
-
-Die Aufregung jener Nacht hatte wohltuende Wirkung: sie riß mich
-gewaltsam aus aller kopfhängerischen Angstmeierei, die doch zu nichts
-nützen konnte, und führte mir mit der wünschenswertesten Deutlichkeit
-vor Augen, daß ich hier, besonders wenn Tom nicht auf der Station
-anwesend, wirklich nicht „zum Staat“ da bin. An Beschäftigung habe ich
-mir in der Zeit alles nur Denkbare hervorgesucht. Meinen Pflegekindern
-habe ich Kleidchen gemacht, Wäsche geflickt u. a. m. Viel Arbeit
-verursachte die Herstellung eines Kopfkissens für Tom. Alles, was von
-Vieh etwas längere Haare hatte, wurde geschoren, aber der Ertrag war
-nicht groß, denn Ziegen und Schafe haben hier meist ein glattes Fell,
-Schafwolle kennt man nicht; da ich zu dieser Arbeit die Papierschere
-benutzen mußte, hatte ich bald Blasen an den Fingern. In diese sechs
-Wochen fiel auch mein erster Geburtstag als junge Frau! Die Feier hatte
-ich mir auch anders vorgestellt. Tom hatte für reichen Blumenschmuck
-meiner Hütte gesorgt, von ihm selbst kam ein herzliches Schreiben
--- aber doch eben nur ein Schreiben! Als Gratulanten erschienen der
-Zahlmeister und der Lazarettgehilfe; aus der alten Heimat kein Gruß,
-kein Glückwunsch. Die Soldaten gaben, wie an hohen Festtagen, mir zu
-Ehren drei Salven, dann spendierte ich ihnen Geld und den Boys eine
-Ziege.
-
-Als wir von Perondo abzogen, kam das ganze Dorf, um mir eine gute
-„Safari“ zu wünschen, mindestens an 300 Weiber begleiteten mich ein
-Stück Wegs, und als sie schließlich Spalier bildeten, drängten sie
-sich alle an mich heran, um mir noch einmal „Kwaheri“ zu sagen. Diese
-Anhänglichkeit, über die ich mich wirklich freute, verdanke ich wohl
-meiner Gewohnheit, im Dorfe öfter selbst Einkäufe zu machen und die
-Kinder mit Erdnüssen und dergleichen zu beschenken.
-
-
- +Magdalenenhöhe+, II. Etappe, 24. September 1896.
-
-Wiedersehen mit Tom, den ich von hier aus begleite. Der Marsch bis
-zur II. Etappe (24. September) bot viel Schönes und Interessantes.
-Zerklüftete Berge, auf deren saftig grünen Matten sich kleine
-Ansiedelungen zeigten, die mich an die Schweizer Sennhütten erinnerten;
-rauschende Bergbäche, die ihr kristallklares Wasser in kleinen Kaskaden
-von Fels zu Fels stürzten, dichtbelaubte, blumenreiche Ufer und
-ein Wald von Farnen, deren Fiederfächer über uns zusammenschlugen.
-Unvergeßlich wird mir der große Wasserfall bei Magdalenenhöhe bleiben,
-zu dem Prinage mich begleitete. Der Weg war ungemein beschwerlich,
-glatt und steil, der Lohn für die Anstrengung aber ein hoher! In einer
-Breite von 8 bis 10 Metern stürzen gewaltige Wassermassen einen an 800
-Meter hohen Felsen herab, um aus der Tiefe, an den durch Jahrtausende
-hindurch ausgehöhlten Klippen zerstäubt, als diamantenschillernde Wolke
-aufzusteigen, das Ganze umrahmt von üppigem Gehänge tropischer Flora,
-die überall zwischen den Klippen und Felsblöcken hervorquillt -- und
-all diese Pracht im Farbenspiel der afrikanischen Sonne. Kein Maler hat
-Farben auf der Palette, den Zauber dieser Beleuchtung wiederzugeben --
-und Worte vermögen es noch weniger. Zu dem nachhaltigen Eindruck, den
-dieses Tropenbild auf mich macht, kommt noch das Bewußtsein: ich bin
-die erste weiße Frau, der dieser Anblick vergönnt ist.
-
-Der Weg bis zur III. Etappe und weiter vom Ruaha aus bot ebenfalls
-viel Abwechselung, ich stand aber noch zu sehr unter dem mächtigen
-Eindruck dieses in all seiner fremdartigen Schönheit gewaltigen
-Landschaftsbildes, um der hügeligen Landschaft erhöhtes Interesse
-zuzuwenden. Während wir auf der II. Etappe waren, brachte einer unserer
-Schauisch (schwarzer Unteroffizier) 18 Wahehekrieger an, die er samt
-ihren Weibern und Kindern mit seinen Askaris gefangen genommen. Die
-Leute waren mit Mauser-Gewehren der Zelewski-Expedition und reichlicher
-Munition versehen, sie wurden demgemäß unter scharfer Aufsicht bis zur
-III. Etappe mitgenommen, wo Tom dann schließlich feststellte, daß sie
-auf dem Marsche nach der Station sich befanden, um sich zu ergeben, als
-sie von unseren Leuten aufgegriffen wurden. Das ist ein erfreulicher
-Erfolg von Toms geschicktem diplomatischen Verhalten: durch langsames
-Vorgehen, ohne Blutvergießen, ohne eine Tembe zu verbrennen, ist den
-Leuten _ad oculos_ demonstriert worden, daß die Besitznahme des Landes
-auch auf friedlichem Wege möglich. Nun kommen sie so nach und nach
-an, um sich den neuen Herren zu unterwerfen. Aber bis mein Mann das
-erreicht hat, mußte er sich’s viel Sorge und Mühe kosten lassen, und
-wir alle beide haben diesen Erfolg mit einem Stück Gesundheit bezahlt!
-
-Nun folgten schöne Tage. Mit meinem Mann zusammen konnte ich den
-letzten Teil unseres Marsches zurücklegen, aus dem mir noch eine höchst
-malerische Felsenbildung in Erinnerung steht, Trümmer und Säulen wohl
-vulkanischen Ursprungs, die in ihrer malerischen Anordnung uns das
-Kolosseum in Rom ins Gedächtnis riefen.
-
-Am 29. September näherten wir uns unserer künftigen Station, und unsere
-Hochzeitsreise hatte nun ihr Ziel erreicht: +Iringa+!
-
-Tom war sehr gespannt, ob schon Nachricht da wäre von den von ihm
-verlangten Truppen, ohne welche die Verfolgung Quawas nicht möglich
-wäre, und mich interessierte besonders, ob unser Haus schon fertig sein
-wird!
-
-Wir wurden gleich militärisch empfangen: Leutnant Stadlbaur[5] und
-_Dr._ Reinhard mit den Askaris von Kilimatinde begrüßten uns beim
-Einzug. Die beiden Herren begleiteten uns, sobald die dienstlichen
-Geschäfte erledigt waren, zu unserem Haus: ein niedliches Strohhäusel,
-mitten in einem Wäldchen, mit Durchblick nach den Bergen und der Boma;
-wenn der Wind geht, pfeift er frischweg durch unsere drei Zimmer; es
-hat auch zwei Veranden, die hintere Veranda richteten wir gleich als
-Stapelplatz für Lasten und Futterkisten ein. Die Decken der Zimmer
-sind mit weißem, die Wände mit blauem Zeug ausgeschlagen; das machte
-alles einen wohnlichen Eindruck, die Herren hatten zudem noch die
-Wohnung so reizend mit Blumen geschmückt, daß wir unsere herzliche
-Freude daran hatten! So war uns doch unerwartet ein festlicher Einzug
-in unser neues Heim durch diese Liebenswürdigkeit bereitet worden.
-Sobald der Bauleiter eintrifft, wird ein größeres Haus aus festerem
-Material für uns aufgeführt werden. Die beiden Herren gaben uns ein
-Willkommensfrühstück auf unserer Veranda, sie selbst bewohnen ein Zelt;
-nachmittags besahen wir uns die Station, und abends waren die Herren
-unsere Gäste.
-
-Am anderen Tage ging’s ans Auspacken und Einrichten; besonders das
-Wohnzimmer sah recht nett aus mit seinen Dekorationen an Gehörnen,
-Speeren, Gardinen und Felldecken. Als wir die Herren bei uns zu Tische
-sahen, waren sie freudig überrascht, alles so „europäisch“ zu finden.
-Sie empfanden es als eine lang entbehrte Wohltat, endlich wieder einmal
-an einem Tisch, mit wirklichem Tischzeug, mit vollständiger Gläser-
-und Serviergarnitur und Silberzeug speisen zu können. Unsere Lampen
-machten sich famos: die Glocken waren natürlich sämtlich gesprungen,
-aber Tom hatte aus rotem Zeug sehr geschickt Lampenschirme hergestellt;
-die Sache sah sehr „modern“ aus, genau wie die großen Seidenschirme
-Stück zu 40 Mark in Berlin _W_. Wir waren recht vergnügt; ich zog
-mich aber etwas früher zurück, da ich sehr müde war. Anderen Tags
-Abschiedspicknick auf einem schön gelegenen Felsen, der eine prächtige
-Rundsicht bot. Wir hatten Maibowle (Waldmeisteressenz, recht gut) und
-alles mögliche mitgenommen, u. a. auch Rebhühner. Die Herren waren bei
-bestem Humor, sie überboten sich im Erfinden neuer Aufmerksamkeiten.
-Als wir uns trennten, geschah es mit aufrichtigem Bedauern -- am
-nächsten Tage marschierten sie ab. Die Station war also schön
-eingeweiht worden, meine Befürchtung, hier so ganz ohne Sang und Klang
-einziehen zu müssen, hatte sich dank der Liebenswürdigkeit der beiden
-Herren nicht verwirklicht. -- --
-
-Nun kamen zwei Ruhetage, in der die Kleinigkeiten in Ordnung gebracht
-wurden.
-
-Dann traf Herr v. Kleist von Kilossa bei uns ein und nach weiteren
-zwei Tagen Leutnant Glauning aus Mpapua. Am vierten Tag zogen auch sie
-fort; wir begleiteten sie ein Stück Weges.
-
-Darauf kam ein Pater Basilius, der hier eine Mission gründen will. Das
-würde für uns einen erfreulichen Zuwachs von zwei gebildeten Europäern
-bedeuten. Er blieb zwei Tage bei uns. Die nächsten Tage ruhte ich mich
-aus, denn es war doch etwas anstrengend gewesen.
-
-Am 12. Oktober 6 Uhr abends erklärte plötzlich mein Mann: „Wir
-marschieren morgen, auf wie lange kann ich nicht sagen!“ Es handelte
-sich darum, den Bruder Quawas in unsere Gewalt zu bekommen. Im Nu war
-alles gepackt, und am nächsten Morgen um 7 Uhr marschierten wir ab.
-Das Einpacken hier zu Lande ist nicht so ganz einfach, denn da sind
-nicht nur Kleider, Wäsche usw. mitzunehmen, sondern Haus-, Wasch- und
-Kochgeschirr, Teller, Messer und Gabeln, kurz und gut, eine ganze
-kleine Einrichtung, und die Hauptsache: alles Essen und Trinken.
-
-Es war für mich eine höchst interessante „Safari“. Am ersten Tage (13.)
-kamen wir nach Quawas Sultansresidenz, der eigentlichen Stadt Iringa,
-einer Negerstadt von etwa 9000 Einwohnern, von der noch ein großer Teil
-in Trümmern lag; auch Quawas Tembe ist nur zum Teil, und zwar niedriger
-wie früher, wieder aufgebaut; sie imponiert aber trotzdem durch ihre
-großen Räume und die zahlreichen labyrinthartigen Verbindungsgänge, in
-der Küche zählte ich an 60 der hier üblichen primitiven Feuerstellen.
-Unter dem großen schattigen Baume vor der Tembe war noch der erhöhte
-Sitz, von dem aus Quawa seine Truppenrevüen abhielt; hatte er doch
-seine Truppen in besonders kenntliche „Regimenter“ eingeteilt, mit
-Offizieren und Unteroffizieren; der eine dieser Truppenkörper trug z.
-B. nur ganz weiße Schilde!
-
-Am 14. Oktober erreichten wir Quawas altes Lager; schon auf dem Wege
-dahin stießen wir auf viele kleine Lager; das große Lager liegt so
-versteckt in den Bergen, daß man es gar nicht gefunden hätte, wenn
-nicht Waheheleute es gezeigt hätten. Es maß wohl 1600 Schritte im
-Umfang.
-
-Hier sollte sich der Zweck unserer Safari erfüllen: im Lager fanden
-wir Mpangire, den einzigen rechten Bruder Quawas, und Kapande, seinen
-Halbbruder, mit ihren Leuten. Sie kamen, sich zu unterwerfen.
-
-Im Lager fand sodann großes Schauri statt, in welchem mein Mann
-erklärte, Mpangire solle als Sultan an Quawas Stelle eingesetzt werden;
-bis zur Gefangennahme Quawas jedoch müsse er ihn in Haft nehmen.
-Mpangire ist ein großer, hübscher Mann mit offenen Zügen und freiem
-Blick, sein ganzes Wesen macht einen guten Eindruck. Außer den beiden
-Brüdern Quawa und Mpangire (ein dritter Bruder endete durch Selbstmord)
-leben noch drei Schwestern: die eine ist die Frau des Merere, die
-beiden anderen waren bis jetzt bei ihrem Bruder Quawa, kamen aber mit
-Mpangire zu uns.
-
-Mereres Frau ist es übel ergangen: als Quawa sich mit seinem Schwager
-Merere entzweite -- er hatte auch eine Schwester von diesem zur Frau --
-ließ er dem armen Weibe, der Schwester seines nunmehrigen Feindes, die
-Augen ausstechen -- worauf nun Merere an Quawa Rache nahm und dessen
-Schwester auf gleiche Weise blenden ließ!
-
-Am 16. kamen wir mit unseren Schutzbefohlenen hier wieder an. Sie
-wurden in einer Tembe mit Dornboma untergebracht, die sie nicht
-verlassen dürfen, sonst kann jedermann sie besuchen. Am Tage haben sie
-zwei, nachts vier Wachtposten.
-
-Zu meiner Freude fanden wir schon etwas Garten an unserm Hause angelegt.
-
-
- 21. Oktober 1896.
-
-Heute besuchten mich eine richtige und eine Halbschwester von Quawa.
-Rotwein schien ihnen sehr zu schmecken, Butterbrot weniger, umsomehr
-aber Zucker und vor allem Cakes. Sie baten mich, ihnen das Nähen
-beizubringen, und wollen zu diesem Zwecke bald wiederkommen. Beide sind
-hübsche Geschöpfe mit kleinen Füßen und schmalen Händen, besonders
-Quawas rechte Schwester gefiel mir durch ihr offenes Wesen. Wir waren
-sehr lustig miteinander und schlossen gute Freundschaft. Nur beim
-Essen und in sonst noch einigen Bewegungen verrät sich zuweilen die
-„Wilde“.
-
-Unser Renommierstück, auf welches Tom besonders stolz ist, wurde
-heute fertig: die Diele im Schlafzimmer. Alles, was an Einpackholz
-aufzutreiben war, ist dazu verwandt worden; sie sieht zwar demnach
-etwas sehr gestückelt aus, ist aber trotzdem sehr schön; da sie einen
-Fuß hoch über dem Boden angebracht ist, werden wir immer trockenen
-Fußboden haben. Das Linoleum kommt uns ganz besonders gut zu statten:
-wir haben es ringsum an der Wand des Schlafzimmers gezogen, nun hält es
-den Wind ab und sieht hochfein aus!
-
-Ab und zu machen wir einen Spaziergang; ein Aussichtspunkt ist ganz
-in der Nähe, der sich mit den schönsten Schweizer Glanzpunkten messen
-kann. Dazu die prachtvolle, klare Luft; wir fühlen uns nach all den
-Sumpfniederungen wie in einem klimatischen Kurort, und das Bild unserer
-ersten Station Perondo kann neben diesem schönen Lande hier nicht
-aufkommen. Die Nachwehen unseres Marsches äußern sich übrigens, ich
-habe zuweilen kleine Fieberanfälle. Die Bazillen müssen erst wieder
-herausgetrieben werden. Heute kamen die Schwestern wieder und brachten
-20 Ehefrauen Mpangires mit. Die beiden Quawa-Schwestern, Salatamanga
-und die Halbschwester Fulimanga, und die „größte“, d. h. erste Frau
-Mpangires, Hamuna, erhielten Stühle sowie Tee und Zucker, die andern
-hockten auf der Erde. Mit dem Nähen wurde es aber nichts: Hamuna
-erklärte mir, Arbeit sei etwas Häßliches, und nun wollen die beiden
-andern auch nichts mehr lernen. Hamuna ist hübsch und scheint außer
-ihrer Faulheit auch ein gut Teil Schlauheit zu besitzen, sie hat aber
-kein so gutes Gesicht wie die beiden Schwestern. Da aus der Nähstunde
-nichts wurde, zeigte ich ihnen die Bilder in Brehms Tierleben, das
-begeisterte sie sehr, namentlich die der ihnen bekannten Tiere. Da mein
-Toilettenspiegel zerbrochen angekommen ist, schenkte ich jeder ein
-Stück davon: das machte großen Eindruck, sie wurden nicht müde, sich
-darin zu bewundern.
-
-Soeben schickt mir Mpangire das landesübliche Gastgeschenk: ein
-kleines Mädchen, Paligungire, ebenso landesüblich lasse ich das kleine
-Ding zunächst im Flusse einer gründlichen Reinigung unterziehen und
-stecke es dann in eines der Kleidchen meiner kleinen Muhegu; mein neues
-„Eigentum“ hat ein drolliges Kindergesichtchen, mit großen treuherzigen
-Augen. Vorläufig sehen sich nun beide Mädels Bilder an, morgen soll der
-erste Nähversuch gemacht werden. Mit Teller und Löffel hantieren sie
-ganz geschickt.
-
-Aus der Heimat seit drei Monaten keine Nachricht!....
-
-Das Auspacken und Einrichten macht viel Freude; die Wirtschaft wächst
-mir zusehends unter den Händen, und jedes frisch ausgepackte Stück wird
-wie ein lieber alter Bekannter begrüßt. Noch 14 Tage ungefähr, dann
-hört hoffentlich das Leben aus den Koffern und Kisten auf. Mit Vorräten
-für ein Jahr wirtschaften, ohne Vorratskammer oder Keller zu haben,
-über diese Aufgabe muß Henriette Davidis noch einen besonderen Nachtrag
-schreiben, für afrikanische Hausfrauen und solche, die es werden wollen.
-
-
- 24. Oktober 1896.
-
-Heute brachte ich Mpangire und Kapande mein Gegengeschenk für das
-kleine Mädchen. Während ersterer durch stattlichen Wuchs sich
-auszeichnet und überhaupt vorteilhaft von seiner Umgebung absticht, ist
-der um vieles ältere Kapande kleiner und unansehnlich, hat aber ein
-gutes, freundliches Gesicht. Mpangires energisches, freies Auftreten,
-sein offener Blick zeigen Rasse. Für die Frauen nahm ich Tücher mit,
-für ihn eine Flasche Rotwein. Damit reizte ich seine Begehrlichkeit zu
-allerlei größeren Wünschen: noch einen neuen Anzug, ein Schwein und
-anderes. Ich erklärte ihm aber, ein so reicher Mann wie er, mit solchen
-Elfenbeinvorräten, könne sich das an der Küste alles selbst kaufen. Die
-Unterhaltung war nicht so ganz einfach. Mein Dolmetscher versteht auch
-kein Kihehe; meine Worte mußte er nun erst einem anderen Sprachkundigen
-übersetzen, der sie dann dem Sultan weiter vermittelte. In einer Ecke
-standen die Sklaven zusammengedrängt, die Frauen waren nicht anwesend;
-seine „erste Frau“ und die Schwester mußte ich rufen lassen, um sie
-zu begrüßen; sie entfernten sich gleich wieder. Die niedere Stellung,
-die den Frauen hier angewiesen ist, erschwert mir meine Aufgabe ganz
-bedeutend; wenn mich die Frauen hier auch als ihnen überlegen ansehen,
-den Männern gegenüber muß ich mir meine Stellung erst herausbeißen. Zu
-diesem Besuche hatte ich mir einen großen Stuhl hintragen lassen, auf
-dem ich Platz nahm, der Sultan saß auf einem niedrigen Stuhle, alles
-übrige stand um uns herum.
-
-
- 27. Oktober 1896.
-
-Meine Boys machen mir viel Ärger; sie stehlen wie die Raben, dazu
-die angeborene Faulheit. Juma, der schon seit Jahren bei meinem Mann
-ist, und von dem ich glaubte, ob seines Verwöhntseins nicht mit ihm
-auszukommen, ist jetzt der Beste von allen; seine „Güte“ ist zwar
-niemals aufregend, aber er bleibt sich wenigstens immer gleich und
-zeigt vor allem niemals die ausgesprochen schlechten Eigenschaften
-seiner schwarzen Kollegen.
-
-Abends machen wir gewöhnlich einen Spazierritt. Die Natur ist hier
-so herrlich, die Luft so klar und erfrischend, man fühlt bei jedem
-Atemzug: hier ist Gesundheit, hier ist das Quisisana, dessen wir nach
-all den Fiebergegenden, die wir durchzogen, so dringend benötigen.
-Kleine Fieberanfälle stellen sich leider bei Tom immer noch zuweilen
-ein, und selbst ich habe schon einige gehabt. Die vielen Reitwege
-ringsum geben uns gute Gelegenheit, die Gegend genauer kennen zu
-lernen; unsere Maultiere klimmen die steilsten Felsenpfade hinan, die
-für ein Pferd wohl ganz unpassierbar sein würden.
-
-Meine schwarzen Damen scheinen mich heute nicht zu besuchen. Kürzlich
-zeigte ich ihnen einen an einem Gummiball mittels dünnen Schlauches
-befestigten, recht naturgetreu aussehenden Frosch, der infolge des
-Luftdruckes ganz natürlich forthüpfte: ganz wie in Europa fürchteten
-sich meine schwarzen Damen auch hier vor dem kleinen Ungetüm. Schade,
-daß ich bei den Weihnachtsbestellungen nicht an mehr dergleichen
-Spielereien gedacht habe; Weihnachten wollen wir nämlich großartig
-feiern. Hoffentlich treffen die bestellten Sendungen pünktlich ein.
-
-
- 30. Oktober 1896.
-
-Die Regenzeit meldet sich an, bedeckter Himmel, entfernter Donner und
-heute der erste Regenguß -- viel zu früh für uns, denn noch ist längst
-nicht alles unter Dach und Fach. Namentlich die wasserdichten Wohnungen
-für die Soldaten sind noch nicht fertig; es fehlt uns sehr an Werkzeug,
-um den Bau zu beschleunigen. Unsere Zimmer standen zum Teil, die
-Veranda vollständig unter Wasser, und es ist mir mancherlei verdorben.
-Übrigens sieht man hier schon den Kulturfortschritt: alle haben doch
-schon wenigstens einige Kleidungsstücke an! Die Männer allerdings im
-allgemeinen mehr als die Frauen.
-
-Unser Garten wird sehr hübsch, bei seiner Bestellung spielt ein Rechen
-mit Zinken aus Zimmermanns-Nägeln die Hauptrolle. Der Blick von einem
-Fenster aus bietet viel Interessantes, ich sehe die rege Bautätigkeit
-und kann verfolgen, wie aus Holzstäben, Bast, Gras und Erde Häuser,
-eine Straße, ein ganzes Dorf entstehen. Die Einwohner, die sich mit
-ihrem Vieh und wertvollerem Besitztum in die Schluchten des unwegsamen
-Gebirges geflüchtet hatten, sind wieder zurückgekehrt, auch die meisten
-von Quawas Verwandten und seinem Anhang, die Sikki-Gesellschaft, die
-Mutter, eine Tochter mit Klumpfüßen und ein Sohn, haben sich in Toms
-Schutz begeben. Es war uns dies um so auffallender, da ihr Vater
-von Tom 1892 in Tabora geschlagen wurde. Als dessen Hauptburg fiel,
-sprengte er sich mit seinen Weibern in die Luft.
-
-Mein Mann läßt den Sohn ein Wanjamwesi-Dorf hinter der Station gründen.
-Unten im Tal will er dann auch ein Dorf von Kondoa-Leuten anlegen;
-diese Einrichtung wird sehr nutzbringend für die Station sein, es
-können dann die von den Wahehe geraubten Leute dort Unterkunft finden.
-
-Heute kam eine Frau, die aus Ubena entflohen war, um bei uns Schutz
-zu suchen. Ihr waren die Ohren abgeschnitten worden. Jetzt fangen die
-Frauen an, zu mir zum Schauri zu kommen, ich habe täglich sechs bis
-acht von ihnen bei mir, die natürlich dann auch beköstigt sein wollen.
-
-
- 31. Oktober 1896.
-
-Heute ist der zweite Mhehe gehängt worden, der einen unserer
-Trägerführer am Ruaha ermordet hat. Mein Mann ließ diese durch die
-traurige Notwendigkeit zur Unerläßlichkeit gewordene Hinrichtung
-mit einer gewissen, auf die Gemüter der Eingeborenen wirksamen
-Feierlichkeit ausführen: Sämtliche Wassagira aus Iringa mußten der
-Exekution beiwohnen. Auch eine große schaulustige Menge hatte sich,
-wie mir Tom nachher erzählte, zu dem traurigen Schauspiel eingefunden,
-darunter sehr viele Frauen, welche Tom den Platz verlassen hieß. Die
-Schaulust zeigte sich jedoch hier stärker als der sonst eingefleischte
-Gehorsam, und erst als der Befehl durch Festnahme und Abführung eines
-der Weiber gründlichen Nachdruck erhielt, bequemten sich die übrigen,
-sich zu entfernen. Der Mörder ist so in sein Schicksal ergeben gewesen,
-daß er den Kopf selbst in die Schlinge gesteckt hat. Ein Gnadenschuß,
-den Tom bei solchen Exekutionen stets abgeben ließ, hatte den
-sofortigen Tod des Verurteilten zur Folge. Das abschreckende Beispiel
-einer solchen Hinrichtung ist um so nötiger, als auch einer unserer
-Askaris, der seinerzeit bei dem anstrengenden Marsche hinter der
-Kolonne zurückblieb, Meuchelmördern zum Opfer fiel. Die Täter sind noch
-nicht entdeckt.
-
-Von Quawa kamen zwei Leute, angeblich um sich zu unterwerfen; in
-Wahrheit waren es Spione, die unsere Station auskundschaften wollten!
-Sie verschwanden bald wieder, und Tom ließ sie durch Patrouillen
-verfolgen.
-
-
- 1. November 1896.
-
-Der Gemüsegarten wird in der Nähe der Stelle angelegt, wo nach
-Grundwasser gebohrt wird. Wir sahen uns die Arbeit an, die, da wir
-keinen Erdbohrer haben, nur langsam fortschreitet.
-
-Wir haben jetzt 1000 Stück Vieh, und das zu verwalten ist auch keine
-Kleinigkeit. Mein Mann will dem Volk den Reichtum nicht ganz entziehen,
-deshalb gibt er ein Drittel dem Sultan, ein Drittel dem Gouvernement
-und ein Drittel wird größeren Leuten zum Beaufsichtigen gegeben,
-dieselben bekommen jedes dritte Kalb als ihr Eigentum, das andere soll
-zur Küste geschickt werden.
-
-Heute nachmittag ließ mein Mann Mpangire und seine zwei Halbbrüder
-Kapande und Sadangamenda zu uns kommen. Bei ersterem und letzterem hat
-man wirklich nicht das Gefühl, sich mit Schwarzen zu unterhalten.
-
-Entsprechend dem im ganzen Volke hier in einem Grade ausgeprägten
-Selbstgefühl, wie man es sonst bei Negern kaum findet, treten auch die
-Mitglieder der Sultansfamilie mit ganz besonderem Selbstbewußtsein auf.
-Sie wissen sich gut zu unterhalten, aus ihren klugen Fragen sprechen
-Wißbegierde und Intelligenz, unsere europäischen Gewohnheiten suchen
-sie sich möglichst anzueignen. So saß Mpangire kürzlich bei uns im
-Zimmer; der Teppich reichte nicht bis zu seinem Platz, deshalb glaubte
-er nichts Unpassendes zu tun, wenn er seinen Zigarettenstummel einfach
-auf den Boden warf. Sadangamenda dagegen, dessen Stuhl auf dem Teppich
-stand, wagte nicht, diesen zu beschmutzen und war sichtlich aus großer
-Verlegenheit erlöst, als ich ihm einen Aschbecher reichte, auf den er
-seinen Stummel deponierte. Mpangire verfolgte dieses Manöver mit großer
-Aufmerksamkeit, und bald hatte er -- von mir anscheinend unbeobachtet
--- seinen Zigarettenrest vom Boden aufgelesen und in den Aschbecher
-praktiziert. Es ist ein Vergnügen, die beiden intelligenten Burschen
-zu beobachten, dabei sind es hübsche Leute, an Gesicht sowohl wie an
-Wuchs. Auch an Galanterie fehlt es ihnen nicht; Mpangire und seine
-Brüder küssen mir stets die Hand, und heute hat mir ersterer als Beweis
-seiner besonderen Wertschätzung einen schönen -- Ochsen verehrt. Kleine
-Geschenke erhalten die Freundschaft.
-
-Die Kunst, dem Neger durch marmorne Unbeweglichkeit der Gesichtszüge
-zu imponieren, besonders wenn die unbewußte Komik unwiderstehlich zum
-Lachen reizt, habe ich immer noch nicht raus. Tom ist Meister darin.
-So mußte ich gestern einfach die Hütte verlassen, als ich mit ansah,
-wie ein Neger meinem Manne durchaus die Füße küssen wollte: der am
-Boden rutschende Neger, der Toms Füße zu haschen, und Tom, der sein
-Piedestal in Sicherheit zu bringen suchte, boten ein Bild, welchem
-meine Seelenruhe noch nicht gewachsen war.
-
-
- 3. November 1896.
-
-Nach drei langen Monaten heute endlich die Post -- Briefe aus der
-Heimat! Was das bedeutet, kann mir nur ein „Afrikaner“ nachfühlen. Auch
-die Boys erhielten Briefe, Mpischi z. B. einen von seiner Mama, d. h.
-seiner richtigen Mama, im Gegensatz zu der bei den Negern (auch den
-Frauen) beliebten angenommenen „Mama“, d. h. mütterlichen Freundin.
-Sie verwahrt dem Neger das verdiente Geld, macht seine Schauris, sorgt
-für seinen Anzug, kocht für ihn. Es gibt auch unter ihnen ganz junge
-„Mama’s“, die sind meistens recht kostspielig. Am liebsten würde mein
-Mann die Mamas an der Küste ganz abschaffen.
-
-
- 4. November 1896.
-
-Heute traf vom Gouvernement die Genehmigung zu allem ein, was mein
-Mann bis jetzt getan hat und noch tun will. So wird alles in kürzester
-Zeit in schönster Ordnung sein. Auch Merere soll als Sultan in Ubena
-und Mpangire in Uhehe eingesetzt werden. Die Offiziere können mit den
-Kompagnien jeden Tag eintreffen. Ich schenkte heute Mpangire eine
-Flasche Gin und auf einem Teller ein schönes Stück Schinken. Den Teller
-wollte er natürlich auch behalten.
-
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-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
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-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Mpangires Sultanat.
-
-
- 24. Dezember 1896.
-
-Das war ein wichtiger Tag für uns. Das deutsche Weihnachtsfest mußte
-vor der für unsere hiesigen Verhältnisse wenigstens großen Haupt-
-und Staatsaktion der feierlichen Einsetzung Mpangires an Bedeutung
-zurücktreten. Aber gefeiert haben wir unser erstes afrikanisches
-Weihnachten doch, und zwar recht feierlich, nachdem wir der Politik ihr
-Recht gegeben hatten.
-
-Um 10 Uhr vormittags meldete der Feldwebel alles zur Einholung fertig,
-und mein Mann, in voller Gala natürlich, begab sich zu dem neuen
-Sultan. Inzwischen waren die Patres, der Doktor Stierling und ich auf
-den Festplatz gegangen, wo dicht gedrängt die Leute in schönsten,
-schneeweißen Gewändern, die Frauen in ihren besten Tüchern standen.
-Ein farbenprächtiges Bild, umgrenzt von saftigem Grün, die Berge als
-Hintergrund. Das blaue Himmelsgewölbe hat vorher wohl kaum auf eine so
-lebenslustige und heitere Volksmenge an dieser Stelle herabgeschaut.
-Die Stelle der „höchsten Zivilisation“ vertreten Leutnant Glaunings
-und meine photographischen Apparate, für welche die bevorstehende
-Feierlichkeit viel zu tun gab.
-
-Über 500 Mann Truppen in Paradeaufstellung, Offiziere und
-Unteroffiziere vor die Front gezogen, standen zum Empfange des neuen
-Herrn bereit, den mein Mann einzusetzen im Begriff stand. Endlich
-schlugen die Tambours an; die Herren, mit denen wir inzwischen
-geplaudert, eilten auf ihre Posten und wir Photographen an unsere
-Guckkästen. Jetzt kamen sie an. Rechts zur Seite Toms die stolze,
-stattliche Erscheinung des Mpangire, der seiner Würde bewußt
-einherschreitet -- „jeder Zoll ein König“, ein echter Vertreter des
-Quawageschlechts. Vor der Front der Truppen angekommen, schwenkte die
-Musik nach dem Flügel ab, während Herr v. Kleist den Frontrapport
-erstattete. Dann hielt Tom eine kurze Ansprache an die Wahehe, in
-welcher er ihnen Mpangire als neuen Sultan bekannt gab; dem Sultan
-überreichte er als Zeichen seiner Herrschergewalt eine deutsche
-Flagge und ein von Sr. Majestät unserem Kaiser zu diesem Zwecke
-verliehenes prachtvolles Schwert. Die Truppen präsentierten, und ein
-vielhundertfaches Hurra! auf unsern Allerhöchsten Kriegsherrn, den
-Kaiser, weckte das Echo der Berge. Unter der umstehenden Volksmenge
-herrschte lautlose Stille; diese militärische Feierlichkeit machte
-augenscheinlich tiefen Eindruck, es war, als wenn die Masse erstarrt
-wäre, alles sah auf den Brennpunkt: meinen Mann und Mpangire. Zum
-Schluß wurden zugweise Salven und Schnellfeuer abgegeben. Dann ging
-es im Umzug in Sektionskolonnen durch die Stadt. Voran die Musik,
-dann mein Mann, Herr v. Kleist, Mpangire mit seinen Brüdern, ich, zum
-Schluß die Truppe, und genau so wie zu Haus bei solchen Gelegenheiten
-umgab uns die jetzt lärmende Volksmenge. Alles war aufs schönste
-mit Blumengewinden, Fahnen und Fähnchen geschmückt, jede Hütte war
-ausgeputzt.
-
-Ich hatte mich bald von dem Zuge getrennt, um den Festzug aufzunehmen.
-Was ich laufen konnte, eilte ich an den Apparat; als der Zug ankam,
-knipste ich -- aber alle Mühe war umsonst! Der Verschluß versagte!
-Glücklicherweise haben die andern gute Aufnahmen machen können.
-
-Mittlerweile war es 11½ Uhr geworden, und jeder zog sich zurück, denn
-um 2½ Uhr war Preisschießen. Zu Hause machte ich eine Schüssel Konfekt
-und Marzipan, in der Mitte eine Ananas, zurecht, auf der eine Karte mit
-der Mitteilung steckte, daß wir der Unteroffiziersmesse ein Kegelspiel
-zu Weihnachten, vorläufig allerdings erst schriftlich, stifteten.
-
-[Illustration: Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire.
-
-(Zu S. 64.)]
-
-[Illustration: Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in
-Iringa.
-
-(Zu S. 126.)]
-
-Wir aßen zu Mittag, und um 2½ Uhr waren wir auf dem Schießplatz. Mein
-Mann schoß mir den ersten Preis, einen sehr schönen Elefantenzahn. Für
-die Einsätze und Reugelder waren Elefantenzähne als Preise angekauft
-worden. Es wurde mit Mauser-Gewehren geschossen. Die Unteroffiziere und
-die ersten schwarzen Dienstgrade schossen auch mit. Ich wurde mit dem
-Auftrag beglückt, die Preise zu verteilen.
-
-Nach dem Preisschießen folgte ein Rennen. Beim Eselrennen gewann mein
-Esel, von _Dr._ Stierling geritten, den ersten Preis. Dann wurden fünf
-Ochsen am Spieße gebraten, ganz wie bei der Kaiserkrönung im alten
-römischen Reiche deutscher Nation, und vergnügter wie unsere Schwarzen
-hier können die „Frankfurt am Mainer“ auch nicht gewesen sein, wenn wir
-auch keine Springbrunnen mit rotem und weißem Weine sprudeln lassen
-konnten.
-
-Eine große Volksmenge war auf dem Rennplatz noch versammelt, wo nach
-dem letzten Maultierrennen ein Wettrennen zwischen Boys, Fundis,
-Trägern und Askaris stattfand, der Erste am Platze konnte sich die
-großen hingeworfenen Preise (Tücher!) aufheben. Daran schloß sich
-Strickreißen. In die stärkere Partei wurden auch Tücher hinein
-geworfen, die derjenige bekam, der sie zuerst auffing, natürlich
-entstand dann oft ein großer Streit, der den Tüchern allerdings nicht
-zum besten gereichte.
-
-Ein Gejauchze und Gejuble, daß einem ordentlich das Herz mit lachte! Es
-war wirklich alles so nett und vergnügt. So schön habe ich mich beim
-schönsten Ball nicht amüsiert. Den Höhepunkt erreichte aber das Jubeln,
-als mein Mann und ich Pesas unter die Menge warfen!
-
-Die Sonne war bei alledem schon untergegangen, und die Dunkelheit
-nötigte uns, aufzubrechen. Zu Hause angelangt, ging ich nun an meine
-Arbeit, denn in 1½ Stunde sollten unsere Gäste schon kommen. Während
-der verschiedenen Veranstaltungen hatte ich mich manchmal unbemerkt
-davon geschlichen, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Ich war daher
-sehr stolz, als beim Essen mein Tischnachbar zu mir sagte: „Wie haben
-Sie das alles möglich gemacht? Sie waren doch bei allem dabei?“
-
-Im Garten hatten wir des Morgens einen Baum aufstellen lassen (im
-Zimmer war es zu gefährlich), der mit selbst fabrizierten Lichtern
-aus Honigwachs und Silberpapier geschmückt war. Vorn war eine Karte
-befestigt, auf der wir vorläufig schriftlich der Offiziersmesse ein
-Krocket stifteten. Die Tafel hatte ich mit Blumen ausgeschmückt,
-zwischendurch nach dem Essen gesehen und kaum hatte ich Zeit, mich in
-höchste Eleganz zu stürzen, als unsere Gäste auch schon eintrafen.
-
-Es war ein fröhliches Mahl, und zum Schluß wurde der Christbaum
-angezündet. Da hat wohl jeder von uns seiner Lieben gedacht. Nach einer
-feierlichen Stille, die von der vorhergegangenen Lustigkeit abstach,
-stimmte einer der Herren „Stille Nacht, heilige Nacht“ an, das wir alle
-mitsangen. Weiß Gott, es war ergreifend, wie das heilige Lied von den
-Lippen der jungen Offiziere erklang; es dauerte ein Weilchen, ehe wir
-uns wieder in die Wirklichkeit zurückgefunden hatten; dann waren wir
-wieder vergnügt und lustig beisammen. Mit Champagner wurde das Wohl
-aller unserer Lieben ausgebracht; unter Gläserklingen folgte noch manch
-lustiges Lied.
-
-Als das letzte Licht am Baum erloschen, setzten wir uns auf die
-Veranda, wo Kaffee, Kognak usw., der Marzipan und der Ringkuchen
-verzehrt wurden. Ich hatte in einen großen Napfkuchen einen Ring
-eingebacken, der Anlaß zu viel Scherz und Heiterkeit gab. Das Essen
-war gut geraten, und auch der mit allerhand Schwierigkeiten bereitete
-Marzipan fand Beifall; ich sah mit dem Stolze, der jeder Hausfrau
-verständlich sein wird, daß mein eigenhändig gebackener Marzipan bis
-aufs letzte Krümelchen aufgegessen wurde. Erst nach zwei Uhr nachts
-trennten wir uns.
-
-Den Abend des 25. Dezember verbrachten wir im Kasino bei Illumination
-und „italienischer Nacht“ -- wir wurden sogar mit Musik empfangen.
-Am 26. früh verabschiedeten sich die Offiziere, Pater Alphons und ich
-machten noch einige Gruppenaufnahmen, dann ein letztes Händeschütteln,
-die Abteilungen traten an, die Herren übernahmen ihre Kommandos, und
-jeder rückte nach seiner Garnison ab. -- Der Abschied ging uns nahe,
-es waren alles so liebe prächtige Menschen, die uns da verließen. Gott
-gebe, daß uns allen ein frohes Wiedersehen beschieden!
-
-Mein Mann hatte nun viel zu tun, besonders Berichte zu schreiben, und
-ich versuchte, meinen Haushalt wieder ins gewohnte Gleis zu bringen.
-
-Den Silvesterabend verlebten wir mit Herrn v. Stocki und den
-Missionaren, die am 29. noch eingetroffen waren, nach deutscher Sitte.
-Am 2. Januar wurde Herr v. Stocki durch Graf Fugger abgelöst; auch die
-evangelischen und katholischen Missionare zogen wieder ab. Leutnant
-Stadlbaur schickte zwei Strauße; sie sind sehr zahm, spazieren in
-den Straßen herum und sind der Schrecken aller Weiber, die ihr Mehl
-zum Trocknen im Freien ausbreiten. Ein kleiner, etwa drei Tage alter
-Elefant konnte nicht am Leben erhalten werden; trotz der Unmengen von
-Milch, die wir ihm vermittelst eines aus Tuch hergestellten recht
-ansehnlichen „Lutschbeutels“ beibrachten, ging er nach acht Tagen ein.
-
-
- 27. Januar 1897. Kaisers Geburtstag.
-
-Frühmorgens kam ein Bote aus Iringa mit einer Alarmnachricht von den
-Patres: „Quawa sei in der Nähe!“ Tom schickte ihnen sofort Askaris zur
-Verstärkung des Postens, der unter diesen Umständen bedroht erschien.
--- Dann feierten wir den Geburtstag Sr. Majestät mit Parade, Salut von
-Kanonenschüssen und Ansprache meines Mannes an die Askaris, die ihrem
-obersten Kriegsherrn drei kräftige Hurras ausbrachten.
-
-Nach der Parade tranken die Herren bei uns Wein, und abends waren wir
-im Kasino. --
-
-Ich vergaß zu erwähnen, daß auch an unserem Hochzeitstage, am 4. Januar
-1897, ein Alarmbrief kam. Leutnant Fonck hatte wieder ein Gefecht in
-Ubena gehabt! Überall gärt es noch, das Land ist eben noch lange nicht
-in Ruhe. Die meisten Frauen und Kinder Quawas sind in der Gewalt der
-Station.
-
-Trotzdem von allen Seiten schlimme Nachrichten kommen, welche die
-gefährliche Nähe von Quawa und seinem Anhange melden, bewahrt mein
-Mann, auf dem die ganze Verantwortlichkeit ruht, eine beneidenswerte
-Ruhe.
-
-
- 30. Januar 1897.
-
-Die beiden letzten Nächte habe ich sehr unruhig geschlafen, denn der
-Gedanke, einer von Quawas Anhängern könnte Feuer an unsere Hütte legen,
-ist doch zu ungemütlich. Man könnte ja bei dem Stroh auch nichts retten.
-
-Wenn ich Schritte in der Nacht dicht bei uns höre, überläuft’s mich
-ganz kalt.
-
-Gestern war der Pater da und hat von 5 bis 11 Uhr nachts uns von Quawa
-erzählt und mich eingegruselt. Mein Mann hatte darüber schon von
-anderer Seite gehört; also etwas Wahres muß daran sein. Er meinte,
-angreifen werde Quawa uns nicht, ohne daß es lange vorher bekannt
-würde. Aber Schabernack spielen, wie Feuer anlegen usw., das wäre schon
-möglich. Mpangire ist auch nicht ganz zu trauen, er kann sein echtes
-Waheheblut nicht verleugnen. Meinem Mann ist das gleichgültig, wenn
-Mpangire nur sonst treu ist und hier tüchtig das Regiment führt. Über
-Nacht sind jetzt viele Posten ausgestellt. Diese Nacht ging ich mit
-meinem Mann Wachen revidieren. Es war herrlich, der Himmel strahlte in
-seiner Sterne Pracht. Der südliche Himmel ist doch bei weitem schöner
-wie der zu Hause, es tat uns beinahe leid, als unser Rundgang zu Ende
-war; ich legte mich gleich nieder, aber mein Mann arbeitete die Nacht
-durch, denn er wird jetzt sehr von seiner Schlaflosigkeit geplagt.
-
-Als unsere Gäste uns gestern verließen (wir hatten den Grafen Fugger
-angefeiert), machten wir noch einen Spaziergang. Plötzlich flammte
-Feuerschein im Dorfe auf, und als wir zurückeilten, fanden wir die
-Kompagnie bereits unterm Gewehr. Zum Glück brannte nur eine Tembe; Tom
-lief voraus, und als ich zur Feuerstelle kam, stand er bereits auf dem
-brennenden Dach und leitete mit Wort und Tat die Löscharbeit. So sehr
-ich um das Leben meines Mannes bangte, so war ich doch auch stolz, zu
-sehen, mit welcher Ruhe und Umsicht er und Graf Fugger immer da waren,
-wo die Gefahr am größten.
-
-
- 2. Februar 1897.
-
-Heute morgen war Mpangire mit Gefolge da; wie immer wurde er reichlich
-bewirtet, aber etwas kühler behandelt wie sonst, denn es ist ihm
-durchaus nicht fest zu trauen. Unter anderem bekam er eine Zimtsauce
-zu essen; plötzlich fragte er, was alles in der Sauce sei. Als ich ihm
-alles aufzählte und von Eiern sprach, erschrak er und legte sofort den
-Löffel weg. Bei den Wahehes ist es nicht Sitte, Eier zu essen.
-
-Mein Mann schreibt eben ein Gesuch an Herrn v. Schele. Er hat bei den
-Teilnehmern der letzten Wahehe-Expedition den Gedanken angeregt, den
-Gefallenen der Zelewskischen Expedition ein Denkmal hier zu setzen;
-es sollen nur die Herren daran teilnehmen, die 1891 und 1894 gegen
-die Wahehe gekämpft haben. Während er noch schrieb, kam wieder ein
-Alarmbericht von den Missionaren, sie hätten einen „Haufen Quawaleute“
-gefangen genommen und bäten um Verstärkung. Graf Fugger brach sofort
-auf, um nachzusehen.
-
-
- 11. Februar 1897.
-
-Gestern abend, als wir vom Reiten kamen, schlichen sich dunkle
-Gestalten an meinen Mann heran. Es waren unsere Vertrauensmänner
-Farhenga, Lupambila (Sadalla fehlte), und um diese Zeit bedeutet das
-immer etwas Wichtiges. So war es denn auch: wieder Unruhen! Quawa
-hat einen Msagira, den mein Mann in Ubena eingesetzt hatte, getötet.
-Die Mageleute hielten zu Quawa und schickten ihm große Vorräte, die
-Ruahaleute seien alle weggelaufen.
-
-Mein Mann wollte gleich nach Mage aufbrechen, doch da es schon zu spät
-war, um noch vor Sonnenaufgang dort anzukommen und sie zu überraschen,
-unterblieb es. Ich war sehr froh darüber, denn meinen Mann auf einem
-nächtlichen, zwölf Stunden langen strammen Marsch zu wissen, gehört
-nicht zu meinen Freuden. Morgen wird der Tschausch mit Askaris und
-Lupambila dahin gehen, das fällt weniger auf, als wenn ein Weißer kommt.
-
-Unser zweiter Elefant ist gleichfalls trotz aller Mühe gestorben;
-wahrscheinlich verhungert, trotzdem er riesige Mengen Milch
-bekam. Die Kuhmilch mag wohl nicht genügend Nährkraft für einen
-Dickhäuterorganismus enthalten. Im „Brehm“ steht nichts über Aufzucht
-der Elefanten!
-
-
- 12. Februar 1897.
-
-Was für eine qualvolle Nacht liegt hinter mir! Gestern nachmittag kam
-plötzlich mein Mann hereingestürzt und rief mir zu: „Bitte mach schnell
-Essen und zwei Decken zurecht“, dann war er auch schon verschwunden.
-Zwei Stunden zermarterte ich mein Gehirn, was bloß geschehen sein
-mochte! Jedenfalls wollte er irgendwohin abmarschieren.
-
-Endlich kam er, und jetzt erfuhr ich, daß Quawa den Ruahaposten
-überfallen und die Askaris niedergemetzelt habe. Daraus kann man wohl
-auch schließen, daß Magdalenenhöhe und Perondo, so entsetzlich es auch
-ist, das gleiche erfahren haben. Tom wollte nun gleich nach Iringa, um
-Mpangires Nest auszuheben, während Graf Fugger nach den Etappen ging.
-
-Alles wurde heimlich vorbereitet, damit die Wahehe hier nicht die Leute
-in Iringa benachrichtigen könnten. Als alles so ziemlich bereit war,
-wurde nach Quawas angesehenstem Halbbruder Gunkihaka geschickt, der
-vor ein paar Tagen angekommen war, um sich hier anzubauen. Mein Mann
-sagte gleich: „Dem muß ich tüchtig auf die Finger sehen.“ Nun war es
-schlimmer, als wir dachten: er wollte uns nicht bloß ausspionieren,
-sondern im Rücken überfallen. Daß in der letzten Zeit etwa 30 Temben
-gebaut wurden, erschien uns jetzt auch in einem anderen Licht.
-
-Graf Fugger aß mit uns, da das Essen in der Messe noch nicht fertig
-war und es so am wenigsten auffiel. Dann ging er, seine Sachen zu
-ordnen. Selbst mein Mann war diesmal des Ausgangs nicht gewiß! Dann
-kamen Gunkihaka und ein Msagira, der eben erst angekommen war. Mein
-Mann hatte das Gewehr vor sich hingelegt, fertig zum Schuß, wenn
-Gunkihaka entfliehen wollte. Einen Menschen so vor dem Gewehrlauf
-sitzen zu sehen, war -- milde ausgedrückt -- aufregend! Aber konnte
-nicht derselbe Mensch sich plötzlich auf meinen Mann stürzen, ehe er
-losdrücken konnte?
-
-Jeder Nerv war in höchster Spannung. Alles war regungslos und
-totenstill, auf einer Seite des Zimmers saßen Farhenga und Sadalla,
-gegenüber die zwei Boys, die die Unglücksbotschaft gebracht hatten.
-
-In der Veranda mein Mann, Gunkihaka und ich um einen Tisch, auf dem die
-Lampe brannte, an der Erde hockend der gefangene Msagira, dahinter zu
-den Seiten zwei Askaris.
-
-Gunkihaka benahm sich musterhaft, aber trotz der zur Schau getragenen
-Ruhe vibrierte seine Stimme etwas, und über sein Gesicht ging hin und
-wieder ein leichtes Zucken. Er sollte über ihren Plan berichten und
-über das Geschehene, doch es war keine Silbe aus ihm heraus zu bekommen.
-
-Da kommt der Effendi (schwarzer Offizier) mit einem Träger atemlos mit
-der schrecklichen Botschaft, die II. Etappe sei auch überfallen, nur
-ein Askari entkommen! Gleich wurden die zwei Wahehe gebunden und dem
-Grafen Fugger mitgegeben, sie sollten diesem die Quawafährte zeigen.
-
-Wie sie so dastanden, ein Bild von Kraft. Gunkihaka einen Kopf größer
-als mein Mann, der Msagira ihn aber noch fast um einen Kopf überragend.
-Der eine jung mit dem großen Auge, das alle Quawaangehörigen haben, der
-andere mit kleinen listigen Augen! Sie wurden abgeführt.
-
-Jetzt bricht auch mein Mann auf, die Askaris sind lautlos angetreten,
-und so ziehen sie ins Dunkle hinein.
-
-Als sie ein Weilchen weg sind, wird Alarm geblasen, und die Askaris
-treten für Graf Fugger an. Während wir so dastehen, kommen verschiedene
-Nachrichten, daß am Fuß des Berges viele Leute zu sehen seien, die
-ein Kriegsgeheul ausstoßen! Übrigens hatte mein Mann auch schon so
-etwas verlauten hören und sagte mir, ich sollte die Koffer mit dem
-Wertvollsten auf die Veranda stellen, damit, wenn die Wahehe Feuer
-anlegten, wenigstens das Wertvollste gerettet werden könnte, aber er
-glaube nicht, daß sie die Station angreifen würden! Die Frage, ob wir
-uns alle wieder sehen würden, lag uns sehr nahe, ach, es war -- nein,
-ich finde keine Worte für die Stimmung! Aber trotzdem sagte auch Graf
-Fugger: „Das ist doch Leben, hier weiß man, zu was der Soldat da ist.“
-Als auch er weg war, ging ich beklommenen Herzens nach Hause. Schlafen
-konnte ich nicht!
-
-Als der Tag hereinbrach, war es mir eine Erlösung. Die Sonne war noch
-nicht aufgegangen, als mein Mann kam. Ich hörte Lärm und lief ihm
-schleunigst entgegen.
-
-Er konnte mich nur flüchtig begrüßen, es genügte mir aber; war er doch
-heil zurück und seine Aufgabe gelungen! Alle Leute Mpangires, dieser
-selbst, seine Weiber und Brüder gefangen. Inwieweit Mpangire an der
-Verschwörung teilgenommen hat, ist noch nicht klar. Wenn er seinen
-Bruder Quawa nicht ausliefert, kann er nicht Sultan bleiben und kommt
-zur Küste. Wie weit die Rebellion um sich gegriffen und warum die Leute
-am Ruaha weggelaufen sind, ist noch nicht festzustellen! Jetzt gilt es,
-des Hauptschuldigen, Quawas, habhaft zu werden, aber wie und wo in dem
-großen Reich?
-
-Mein Mann ruhte nur einige Stunden, dann wurde alles zu einem neuen
-Abmarsch für den Nachmittag fertig gemacht. Das war schnell getan,
-denn er nimmt fast nichts mit (trotzdem er auf unbestimmte Zeit fort
-bleibt), um nicht am schnellen Marschieren durch die Träger aufgehalten
-zu werden. Kein Bett, kein Zelt, keine Kochlast! Zwei Decken, ein
-Luftkissen, zwei Kochtöpfe, Messer, Gabel, Löffel, Teller, Tassen, ein
-Stück Zeug für die Nacht zum Überspannen, einen Stuhl und eine Last
-Essen! Und da war er noch ungehalten und sagte: „Früher habe ich oft
-noch viel weniger mitgehabt!“
-
-Ich begleitete Tom den Berg herunter, aber es war schon ganz dunkel,
-und ich mußte zurück. Wenn ich nur nicht so schrecklich allein wäre!!
-Das Dach von unserem Haus ist fertig. Natürlich stockt überall die
-Arbeit. Spiegel, infolge des Perniziösen fast dienstuntauglich, ist
-nach Iringa und Stephan meinem Mann nachgegangen. Der beklagenswerte
-arme Baumeister ist immer noch krank, ich besuche ihn täglich.
-
-Jetzt sind überall die Posten verstärkt, es sind zwei Hauptwachen. Ich
-bin ganz von Soldaten umgeben, auf der Veranda sogar schläft einer. So
-ist eigentlich nachts mehr Leben als am Tage, nur die Fundis arbeiten.
-Auf der Straße sehe ich nur zwei kleine Jungen mit dem Kreisel spielen.
-
-Jetzt, wo mein Mann unterwegs ist, regnet es nicht nur am Tage, sondern
-auch fast die ganze Nacht hindurch.
-
-
- 17. Februar 1897, 10 Uhr abends.
-
-Jetzt fängt es aber doch an, ungemütlich zu werden, vor allen Dingen,
-wo mein Mann nicht hier ist. Wo man hinhört, Aufruhr, Empörung! Heute
-nachmittag brachte mir _Dr._ Stierling die Nachricht, daß von Mage bis
-hierher alles in Aufregung sei, der Schmied habe viele neue Speere
-geschmiedet, und Quawa sei mit einer großen Heeresmacht nur 12 Stunden
-von der Station entfernt. Heute abend 8 Uhr rückte _Dr._ Stierling
-dahin ab.
-
-Das Dorf ist in großer Aufregung, und die Kriegsegoma wird geschlagen,
-viele sind betrunken.
-
-Ich ritt heute nach einer Tembe des Msagira Kimali Mali, doch war alles
-ausgeflogen, also wahrscheinlich auch bei Quawa.
-
-Ich werde jetzt schlafen gehen, mich aber nicht ausziehen, denn man
-kann nicht wissen, wie es kommt. Den Revolver habe ich stets bei mir.
-Übrigens, noch eins! Die Karawane eines Arabers nach hierher ist bei
-Mage geplündert, der Araber getötet worden, gewiß auch der kleine
-Jumbe Mangatua mit seinem Anhang. Die Weiber, die er hier bekommen
-hatte, sollen in Quawas Hände gefallen sein.
-
-
- 20. Februar 1897.
-
-Gestern nachmittag kam Tom zurück, er hat die Landschaft anscheinend
-ruhig gefunden, einen neuen Jumben eingesetzt und Stephan mit der
-Anlage eines Sicherungs-Postens beauftragt. Jetzt läßt er hier
-eine Dornenboma und Stacheldrahtzäune anlegen, als ersten Schutz
-gegen einen plötzlichen Überfall der Wahehe; derartige Hindernisse
-geben unseren Askaris bei nächtlichem Angriff genügend Zeit, ihre
-Verteidigungsstellungen einzunehmen und sich zum Ausfall zu sammeln.
-Am Abend kam _Dr._ Stierling zurück; er hat den Eisenfundi, den
-Speerschmied, gefangen. Leider sind aber sieben Kettengefangene
-entsprungen -- das bedeutet für unseren Feind Quawa einen Zuwachs von
-ebensovielen Kriegern.
-
-
- 21. Februar 1897.
-
-Die Post mit vielen Briefen und Berichten meines Mannes ging gestern
-abend ab, ehe ich etwas mitgeben konnte, und es ist dies ganz günstig.
-So denken sie daheim alle, wir sind ganz ruhig und sicher hier, und
-brauchen sich nicht zu ängstigen.
-
-Der Pater Superior kam sehr elend gestern an, er soll sich hier etwas
-erholen. Mein Mann würde gern die Mission einziehen, doch würde er
-damit zu erkennen geben, daß er einen Überfall befürchtet, und um dies
-zu vermeiden, wird der Posten auf zehn Askaris verstärkt.
-
-Gerade als wir fertig mit dem Abendbrot waren, kam Graf Fugger und
-brachte ausführliche Berichte. Von allen drei Etappen sind die Askaris
-hingemordet worden. Zu dem einen Askari sind drei Kerle gekommen, die
-ihm Essen zum Kauf anboten, sie haben ihn dann überfallen, gebunden und
-mit Stöcken totgeschlagen! Seine Frau mit Kind führten sie mit sich,
-doch ist die Frau wieder entflohen, und Graf Fugger, dem sie auf der
-Flucht begegnete, hat sie mit hergebracht. Von Magdalenenhöhe hat man
-noch nichts Näheres erfahren.
-
-Bei Ruaha sollen die Leute von zwei Seiten gekommen sein, d. h. von
-den Utschungubergen und von Iringa! Inwieweit Mpangire beteiligt ist,
-kann man nicht ergründen, trotz Drohungen ist nichts aus diesem harten
-Waheheschädel heraus zu bekommen. Nur soviel steht fest, daß er und
-seine Brüder alles gewußt haben!
-
-Jedenfalls hat Mpangire mit Quawa im Einverständnis gehandelt. Viele
-behaupten, er habe die Station auf Quawa hetzen wollen, um sie selbst
-dann leichter einzunehmen und die Europäer und Askaris niederzumetzeln.
-
-Morgen wird Kriegsgericht gehalten, auch über Mpangires Brüder und zwei
-Msagiras. Sie haben hochverräterisch gehandelt und werden es wohl mit
-dem Leben büßen müssen. Sie haben ihr Quawablut nicht verleugnen können!
-
-Daß sie bedeutende und befähigte Neger sind, beweist auch ihr jetziges
-Verhalten. Sie haben an Verstellung das Menschenmöglichste geleistet.
-
-Natürlich ist die Spannung groß, wie die Wahehe es aufnehmen werden,
-wenn einer ihrer Größten aus der Quawafamilie den Tod als Verräter
-sterben muß.
-
-Jenseit des Ruaha ist ein Teil der Bevölkerung zu Quawa gegangen, ein
-anderer aus Angst vor der Station in die Berge geflüchtet.
-
-
- 21. Februar 1897, 4 Uhr mittags.
-
-Den ganzen Morgen habe ich mich zu nichts aufschwingen können; Tom
-ist auch ganz verstört. Während des Kriegsgerichts hielt ich es nicht
-mehr aus und ging ins Gefängnis zu den Mpangirefrauen. Sie saßen dicht
-zusammen, das Gesicht der Wand zugekehrt! Ich rief Mgumditemi zu mir.
-Sie war kaum wieder zu erkennen, so abgemagert und abgehärmt sah
-sie aus, die Tränen standen ihr in den Augen, sie litt wirklich mit
-Mpangire, während die andern, Sadangombe ausgenommen, nur ihr eigenes
-Schicksal zu betrauern schienen, sie bettelten auch gleich um besseres
-Essen. So sehr mich die Mgumditemi gerührt hat, so stießen mich die
-andern ab.
-
-
- Stadt +Iringa+, 23. Februar 1897, abends.
-
-Jetzt sitze ich mit meinem Mann um 7½ Uhr abends im Zelt in der
-früheren Sultanstadt. Vor ungefähr acht Wochen waren wir auch hier
-im Begriffe, den künftigen Sultan abzuholen. Jetzt ist es mit der
-Sultansherrlichkeit für immer vorbei. Mein Mann hatte gehofft, die
-Quawabrüder so zu verpflichten, daß sie der Station ergeben wären, aber
-der Quawatrieb, allein zu herrschen, war zu mächtig in ihnen, und so
-mußten sie es mit dem Leben büßen. -- Sie wurden verurteilt, und als
-ihnen die Ketten abgenommen und sie zum Galgen geführt wurden, hat
-Mpangire einen noch recht menschlichen Zug gezeigt. Er hat gefragt,
-was wohl aus seinen Kindern werden würde! Das versöhnt einigermaßen
-wieder mit dem Verräter. Alle Europäer waren für ihn eingenommen, auch
-mich hatte das hübsche Gesicht, der freie Blick, das große Auge, das
-manierliche und nette Wesen, der chevalereske Ton, sein schnelles,
-kluges Auffassen so geblendet, daß mir sein jähes Ende sehr nahe ging;
-ich habe bitterlich geweint, und noch jetzt traure ich um den schwarzen
-Gentleman, trotzdem meine Vernunft sich dagegen sträubt.
-
-Mein Mann ist jetzt zu einem Schauri in die Tembe eines Großen der
-Wahehe gegangen. Ich ängstigte mich um ihn! Wie leicht kann ein
-fanatischer Kerl ihm etwas antun. Die Askaris sind auch von Leuten, die
-schon 5 bis 6 Monate mit ihnen freundschaftlichst verkehrten, auf den
-Befehl von Quawa ermordet worden.
-
-An der Küste müssen sie uns ganz in Frieden denken; ein Herr
-Kaufmann hat die Erlaubnis bekommen, meinen Mann um 20 Wahehe zu der
-Ostafrikanischen Ausstellung in +Leipzig+ zu bitten -- und wir
-sind froh und dankbar, wenn wir mit den Leuten zu einem friedlichen
-Verhältnis kommen!! -- Schöne Exemplare sind es schon; es würde
-lohnen, sie auszustellen, freilich würden sie das als eine harte
-Bestrafung ansehen.
-
-Die Weiber und Kinder der Quawafamilie und die Quawaanhänger, so auch
-der Eisenfundi, werden des Landes verwiesen und an die Küste geschickt.
-
-Selbst auf unsrer Safari haben wir Gäste. Zum Abendessen war Pater
-Alphons, der uns schon entgegengekommen war. Pater Superior hatte auch
-am Kriegsgericht teilgenommen.
-
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-[Illustration]
-
-
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-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Der Wahehe-Aufstand.
-
-
- +Iringa+, 27. Februar 1897.
-
-Am 27. Februar abends kehrten wir von der Safari zurück, und mein Mann
-atmete erleichtert auf, daß nichts Ungünstiges in unsrer Abwesenheit
-vorgefallen war. Wir beschlossen daher, am 28. wieder aufzubrechen. Tom
-will das Land rekognoszieren und Jumben in den verschiedenen Teilen
-einsetzen. Abends waren wir mit Graf Fugger gemütlich bei uns.
-
-Des Morgens früh wurde alles für die Safari zurecht gemacht. Gerade als
-wir aufbrechen wollten, kamen zwei Wahehe mit schlimmer Kunde. Quawa
-hat wirklich so viele Leute gesammelt, daß es ihm möglich gewesen ist,
-an einer Stelle 500 Stück, an einer anderen Stelle 60 Stück Rindvieh
-von den Msagiras, denen das Vieh zum Hüten gegeben war, wegzunehmen.
-Gerade der Teil der Landschaft, nach welchem unser Zug bestimmt war,
-sei zu Quawa übergegangen. So mußte die Safari unterbleiben, dafür
-rückten Graf Fugger und mein Mann, jeder mit einer Expedition, nach
-den gefährdeten Gebieten ab. Alle wünschen sehnlichst, daß es zum
-entscheidenden Kampfe kommen möge, doch Quawa weiß dem immer geschickt
-auszuweichen. Gott weiß, ich bin in derselben verzehrenden Angst wie
-damals in Perondo. Nur bin ich meinem Manne viel näher; Gott sei Dank.
-Wenn ihm ein Unglück zustößt, dann ist es auch mit uns in der Station
-vorbei.
-
-Wie schnell ändern sich alle Pläne. Um 10 Uhr wollten mein Mann und
-ich abmarschieren und Graf Fugger sollte hier bleiben, statt dessen
-marschiert Graf Fugger um 12 Uhr ab, ich bleibe hier, und um 2 Uhr ging
-mein Mann, der noch vieles anzuordnen hatte.
-
-Dieselbe böse Nachricht wurde, eine halbe Stunde später wie die Wahehe
-es meldeten, auch von Farhenga und Sadalla gebracht, also ist es
-unumstößliche Wahrheit.
-
-Ein Revolver von der 1891 niedergemetzelten Zelewski-Expedition ist
-in meinem Besitze, er wurde in einer Tembe gefunden. Wie man von den
-Wahehe hört, hat sich die unglückliche Expedition tapfer verteidigt,
-200 Wahehe fielen damals!
-
-
- 4. März 1897.
-
-Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald
-unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine
-Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen!
--- Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren
-von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in
-Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere
-Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut
-geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen.
-Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen
-Seiten Unglücksbotschaften regnet.
-
-Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen
-zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht
-nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es
-entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. -- Ich bin
-tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß
-der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es
-schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen.
-Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel
-Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens. An
-der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu
-herangezogen.
-
-Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht
-schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom
-zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts
-zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht
-nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor
-drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es
-allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte
-und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch
-enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte
-Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die
-Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar.
-Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später,
-obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika
-kaum seinesgleichen hat.
-
-
- Sonnabend, 6. März 1897.
-
-Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um
-meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich
-mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens
-ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen
-eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen
-Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er
-dabei machen darf.
-
-Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie
-mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen
-Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter
-Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen
-gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften,
-hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und
-zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das
-behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins glänzt. Ich hätte
-früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen
-Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter
-individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen
-Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und
-unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung
-zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die
-ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu
-folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen
-sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen.
-Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum
-öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen
-wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und
-in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack,
-denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang
-herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin
-von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel
-bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit
-feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch
-bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck
-an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten
-Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen.
-An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form
-unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen
-Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung
-und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in
-berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen
-waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den
-Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten
-Alter gestorben.
-
-Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle:
-infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern,
-dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die vielen geraubten
-Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen
-Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind --
-die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder
-hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und
-häßlicher -- um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze
-Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen
-hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern,
-mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig
-geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern
-und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem
-Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren
-Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens -- der
-Rest ist Schweigen.
-
-
- Am 8. März 1897.
-
-Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon
-von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die
-Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. Auch
-_Dr._ Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 Kettengefangene
-ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!
-
-
- 9. März 1897.
-
-Unsere Sorge um Graf Fugger war, Gott sei Dank, umsonst; heute
-nachmittag kam er unerwartet an. Er hat die verdächtige Gegend
-gesäubert und bringt erbeutetes Vieh mit. Kaum sind wir dieser
-Sorge enthoben, kommt eine neue Unglücksbotschaft: ein von Tom
-eingesetzter Msagira, Schabruma, ist von einem früher ausgebrochenen
-Kettengefangenen Jumba-Jumba, einem Halbbruder Quawas, ermordet worden.
-Quawa sichert sich seinen Einfluß auf die Großen seines Landes mit
-Energie: er schickt ihnen nachts einige ihm treu ergebene Anhänger zu,
-die ihnen die Wahl lassen zwischen Tod oder Gefolgschaft. Nichts zeigt
-übrigens so deutlich, daß wir es bei den Wahehe mit einem einigen,
-von +einem+ Willen gelenkten +Volke+ zu tun haben und nicht bloß mit
-einzelnen verbündeten Stämmen, als die Tatsache, daß es hier allerorten
-gleichzeitig im Lande spukt: Quawas mächtige Hand macht sich überall
-fühlbar, und all unser Denken und Sorgen, fast wie das einer Braut, die
-stets nur den Geliebten im Sinne trägt, beschäftigt sich mit „Ihm“.
-
-
- 10. März 1897.
-
-Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten
-und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen
-sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist
-unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren
-Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte
-zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut
-hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun,
-was Tom anordnet, -- wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald
-zeigen.
-
-Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden.
-Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert.
-Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei
-Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein
-schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater
-ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in
-Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an
-alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge
-war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst,
-das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann
-stünde Tom ohne Leute da.
-
-Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden
-wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda
-nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri
-herausstellte, daß er einen Stellvertreter geschickt habe, da er
-selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen
-Bruder!
-
-Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga,
-ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind
-drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga
-ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist
-weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher
-geschlichen und kam halb verhungert hier an.
-
-Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera,
-Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf
-gegen uns rüsteten!
-
-Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es
-nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den
-anderen scheint es ihm zweifelhaft.
-
-Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen
-und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch
-geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf
-aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er
-hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen.
-
-Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit
-seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet,
-er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder
-je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben
-überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten
-nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in
-Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders.
-
-Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten
-verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er
-desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er
-geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte,
-oder läßt ihn von einem dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen,
-desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger.
-
-Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere
-Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen
-mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit.
-
-Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal -- um den schönen Kerl
-tut mir’s jetzt noch herzlich leid.
-
-Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt.
-Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen
-seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner
-Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und
-Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen.
-
-
- 11. März 1897.
-
-Gestern abend waren die Herren bei uns zu Tisch. Tom ist so
-angegriffen und hat so viel zu arbeiten. Ich machte als Speise einen
-Servietten-Pudding, den ich seit Weißenrode nicht gegessen hatte, er
-fand großen Anklang. Ein friedlicher Zug kam in unsere kriegerische
-Stimmung hinein, und doch wäre beinahe das ganze Fest verdorben
-gewesen, wenn Tom sich nicht beherrscht hätte. Auf seinen Schultern
-liegt doch alles, die anderen konnten schon eher lustig sein.
-
-Kurz bevor die Herren zum Essen kamen, war die Nachricht gekommen, daß
-einer unserer Askaris den Anführer der noch treugebliebenen Wahehe
-(der Wadongwe) erschossen habe, weil derselbe eine Frau zurück haben
-wollte, die der Askari gestohlen hatte. Werden nun die Leute jetzt,
-nachdem ihr Führer ermordet, zu Quawa gehen? Für meinen Mann ist dieser
-Semulikanbe gar nicht zu ersetzen. Noch bei der Jumbenversammlung fiel
-mir seine große Gestalt mit dem eisernen Kopf voll Energie und Tatkraft
-auf. Er hatte Tom überall hin begleitet und ihm die treuesten Dienste
-geleistet. _Dr._ Stierling ging sofort hin, um den Askari zu verhaften
-und die Sache zu untersuchen. Farhenga ging als Stellvertreter von Tom
-den Verwandten des Ermordeten sein Beileid sagen.
-
-Alle verfügbaren Unteroffiziere hat mein Mann jetzt verteilt.
-Hammermeister nach Iringa, Prinage nach Mage, Langenkemper nach
-Luhalali und Stephan nach Irandi, morgen geht Graf Fugger nach
-Ukalinga, und Sadalla ist mit dem Elefantenjäger Nenge und 25 seiner
-Leute, die 15 Mauser-Gewehre bekommen haben, ausgeschickt. Wenn das
-nur nicht einen Zuzug für Quawa bedeutet, es wäre zu schrecklich!
-Unsere Gäste blieben bis 1 Uhr, ein Zeichen, daß wir uns trotz aller
-kriegerischen Sorgen gut unterhielten.
-
-
- 12. März 1897.
-
-Eine Aufregung folgt der andern, _Dr._ Stierling nicht zurück, trotzdem
-der Askari schon eingebracht wurde! Leutnant Braun wurde sofort auf die
-Suche geschickt. -- Ich habe Merere auf seinem Ochsen photographiert,
-er reitet denselben nämlich auf Safari; es ist ein prachtvoller
-rabenschwarzer Reitochse, der dem Merere beinahe heilig ist, er ist
-auch durch Zauber gegen Unheil geschützt, ebenso drei schöne graue Kühe.
-
-
- 13. März 1897.
-
-Bei Toms Schauri des Morgens fielen mir zwei Prachtkerle auf, beide
-Brüder aus Bueni, der eine ein Jumbe, der Tom um seine offizielle
-Einsetzung bat. Eine Freude, den hübschen Kerl zu sehen, er erinnerte
-mich etwas an Mpangire. Des Nachmittags mußte er festgenommen werden,
-denn sein Vater ist zu Quawa übergegangen, und er soll auch nicht ganz
-sicher sein. Man muß geradezu mißtrauisch gegen die hübschen Kerle
-werden! Ich war bei dem Verhör zugegen. Der Schweiß stand ihm auf
-der Stirn, seine Brust hob und senkte sich schneller, sonst war ihm
-nichts anzumerken! Sein Obermsagira war dabei, damit er seinen Leuten
-die Botschaft bringen konnte, daß, wenn sie sich nicht ganz ruhig
-verhielten, ihr Jumbe es mit dem Leben büßen würde! Andernfalls solle
-ihnen aber ihr Jumbe bleiben.
-
-Von der Mission wieder beruhigende Nachrichten, aber alles so wenig
-klar, daß nichts damit anzufangen war. Abends kam der Pater, brachte
-aber nichts Neues.
-
-Ferner kam die schlimme Nachricht von Leutnant Fonck, daß Mtitima,
-der Jumbe von Idunda, mit seinem Besitz und Leuten entflohen sei. Es
-scheint ihm nicht genug auf die Finger gesehen worden zu sein, trotzdem
-er als unsicher und unzuverlässig galt.
-
-
- 14. März 1897.
-
-Gott sei Dank: eben kommt die Nachricht, daß _Dr._ Stierling sich nur
-verirrt hatte. Es ist unglaublich, wie die Unruhen selbst auf unsere
-Boys wirken, nichts geht seinen gewohnten Gang. Sie sind ganz außer
-Rand und Band und machen mir viel Wirtschaft.
-
-Merere besucht uns alle Tage; er ist doch der richtige „Mchensi“.
-Gestern hat Tom ihm drei Quawaweiber gegeben, heute wollte er noch mehr
-herauspressen.
-
-
- 15. März 1897.
-
-_Dr._ Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück. Morgen
-soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den
-Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten
-sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des
-Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne
-für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich
-weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen -- und es sind gerade die
-treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes.
-
-Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges
-Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange
-fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich
-aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören.
-
-In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die Askaris hatten
-liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und
-Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein
-Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich
-retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht
-verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide
-waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude,
-ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige
-Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte.
-
-Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen
-und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht
-so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder
-Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es
-nicht schlimm geworden war. Auch _Dr._ Stierling konstatierte später
-nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf
-eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“
-sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von
-sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine
-Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die
-Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind
-schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten
-ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen
-Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust;
-da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt,
-wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben,
-muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt.
-Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein
-Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben
-ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als
-daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen
-möchte.
-
-[Illustration: Eine Gerichtssitzung in Iringa.]
-
-[Illustration: Sultan Merere auf seinem Reitstier.
-
-(Zu S. 86.)]
-
-
- 16. März 1897.
-
-Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns.
-Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der
-Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom
-die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht
-aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu
-denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr
-um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer
-langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und
-Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit.
-Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier
-einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere
-ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der
-Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord.
-
-Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von
-Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari
-geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt.
-
-Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es
-würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte
-aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten
-abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden
-werden, desgleichen das schwarze Schwein.
-
-Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen
-mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von
-demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als
-Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber
-leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. -- Heute
-morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben
-oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen
-oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht sei.
-Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch
-wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester
-bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie
-ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum
-wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett.
-
-Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der
-Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. -- Früher war
-bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach
-zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die
-Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder
-bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und
-sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale
-Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und
-dann zog er zu seiner Mission.
-
-Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen
-von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane,
-jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage
-des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den
-Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den
-Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen
-freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden,
-das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen.
-Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann
-er uns, das beweist er täglich -- aber wir bleiben doch! das Schlimme
-ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu
-Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht
-fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß
-es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle,
-die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier
-zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch
-ohne Schulbildung sehr schlau sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit
-einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter
-konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß
-aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten
-nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen.
-
-
- 19. März 1897.
-
-Der Abend schließt mit der Nachricht eines Überfalls und der Morgen
-beginnt damit. Zur Nervenberuhigung spielten wir gestern vor dem
-Schlafengehen noch Skat, als plötzlich ein schwarzes Gesicht und ein
-Gewehr sich am offenen Fenster zeigten; ich erschrak nicht wenig,
-aber der Soldatenkopf, der gleich darauf erschien, beruhigte mich
-über des Negers Absicht. Er war der traurige Rest von den Postleuten,
-die aus Langenburg am Nyassa-See die Post brachten, die andern waren
-von einem Trupp Wahehe erschlagen worden. Die Bestätigung also der
-gestrigen Nachricht Prinages war handgreiflich da; wir hatten schon
-unsere Verwunderung geäußert, warum Quawa die Karawanenstraße nicht
-beunruhige. Lasten von Langenburg sind hierher unterwegs; sie haben
-Askaribegleitkommando bekommen und dürfen nicht weiter (desgleichen
-Träger der Mission nach der Küste), da die nötigen Askaris zu den
-Begleitkommandos fehlen. Es wird jetzt schon schwer, Träger und Boten
-zu bekommen, sie wollen schon immer nicht mehr ohne Askaris gehen.
-
-Heute morgen kam Nachricht, daß in der Tembe, dicht hinter der Mission
-2 Stunden von hier, wo ich mit Tom auf Safari war und Tom einen Jumben
-eingesetzt hatte, das Vieh weggetrieben und zwei Leute dabei erschlagen
-worden seien. Der Jumbe ist gleich mit zwei Askaris und der Hälfte
-seiner Leute dem Vieh nachgegangen; die andere Hälfte ist zu Quawa
-übergelaufen. Mittags kam die Nachricht, daß drei Mann von Leuten
-Quawas angeschossen seien. _Dr._ Stierling ging gleich herunter, auch
-nur 1 Stunde von hier, und hat sie verbunden, morgen sollen sie auf die
-Station gebracht werden. Als _Dr._ Stierling etwas lange ausblieb,
-wieder große Sorge! Also bis dicht vor unsere Tür wagt sich Quawa! Das
-Schlimme bei der Sache ist, daß die gutgesinnten Wahehe das Vertrauen
-zu uns verlieren, wenn unsere Anhänger so vor der Nase weggeschlachtet
-werden.
-
-
- 20. März 1897.
-
-Tom wird wahrscheinlich Merere hier als Sultan einsetzen, um ihn mit
-zu dem großen Schlag benutzen zu können. Seine Leute sollen sich hier
-in der Nähe ansiedeln, damit sie an der Station einen Halt haben. Den
-ganzen Tag starker Regen.
-
-Vorgestern waren wir im Garten und freuten uns, wie hier alles gedeiht,
-Weizen, Kartoffeln, alle Gemüsearten, sogar Rosenkohl, Salate,
-Radieschen, Rettich haben angesetzt. Auch die von der katholischen
-Missionsstation in Mrogoro geschenkten Apfelsinen-, Zitronen-
-und Mangobäumchen setzen Triebe an. Mapera, Papayen und Bananen
-selbstverständlich, auch das von Kisaki von uns mitgebrachte Gras und
-der Kaktus.
-
-Ein vorzüglicher Boden ist hier: als Fata Morgana sehe ich schon alles
-mit Weißen besiedelt. So hatten wir im Garten einen Kohlkopf von 15
-Pfund Gewicht. Rosen- und Kaffeebäumchen hat uns die Mission später
-auch geschickt.
-
-Heute kam die Nachricht, daß zwei Soldaten und sieben Träger
-totgeschlagen seien auf dem Wege zu Kiwanga. Es ist furchtbar! Aber
-wenn ich bedenke, wie uns die erste Mordtat aufregte, kann ich uns
-beinahe gleichgültig der Nachricht gegenüber nennen. Nur ein Gedanke
-steht jetzt im Vordergrund: wie ist dem Zustand abzuhelfen? Was wird
-der nächste Tag bringen? Die Wahehe fördern immer neue Überraschungen
-zutage!
-
-
- 21. März 1897.
-
-Wieder sitze ich abends allein und bete für meinen Mann, ob ich ihn
-gesund wiedersehen werde? Der Mensch kann doch viel ertragen, wenn es
-heißt: seine Pflicht erfüllen.
-
-Tom hörte von einem Ort, an welchem Quawa stecken sollte, ließ
-nachforschen und fand es heute einigermaßen bestätigt; daraufhin ist
-er, als es dunkel war, heimlich aufgebrochen.
-
-Immer und immer wieder ihn weggehen zu sehen und nicht zu wissen, ob er
-gesund wiederkommt, ist doch schrecklich.
-
-
- 23. März 1897.
-
-Vorgestern konnte ich nicht mehr schreiben. Sadallaleute waren nach den
-verschiedenen Mördern ausgeschickt, die ziemlich erfolglos zurückkamen,
-sie brachten nur die Brüder und Weiber der Schuldigen an. Wir stehen
-hier wirklich im Kampf ums Dasein.
-
-Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt, sie haben den Kampf abermals
-durch Mordtaten begonnen. Jetzt heißt es, mit Strenge vorgehen, denn
-Toms Menschenfreundlichkeit halten sie, an Quawas Grausamkeit gewöhnt,
-für Schwäche. Die Nächte sind gräßlich. Heute konnte ich überhaupt
-nicht schlafen, der Anruf der Patrouillen dröhnt laut durch die Nacht
-und hält mich munter. Übrigens geht es nicht bloß mir so. Auch Winkler
-und Stierling schlafen schlecht und träumen von Wahehe, Mord und
-Totschlag, trotz ihrer eisenfesten Nerven.
-
-Gestern habe ich Mgumditemi den ersten Schreibunterricht erteilt,
-es scheint sie aber so angestrengt zu haben, daß sie heute nicht
-kommen konnte, weil sie krank sei. Das hat mir nun sehr den Mut zum
-Weiterlehren genommen.
-
-Beim heutigen Spazierengehen war ganz herrliche Beleuchtung, doch das
-ewige Revolverschleppen beeinträchtigt den Naturgenuß, und doch bin
-ich jetzt ziemlich ängstlich, so daß ich stets Sublimat bei mir trage;
-sollte es, was Gott verhüten möge, zum äußersten kommen und sich das
-Märchen von meiner Gefangennahme verwirklichen, so wäre mir wenigstens
-beim schlimmsten ein Ausweg möglich.
-
-Tom mußte ich versprechen, nie ohne Begleitung zu gehen, deshalb nahm
-ich einen Ombascha mit. Heute habe ich meinen Schmuck und unser Silber
-aus dem Silberkasten alles in einen Koffer gepackt, um bei Feuer oder
-einer anderen Gefahr alles Wertvollere rasch bei der Hand zu haben.
-Dann habe ich Wein abgefüllt.
-
-
- 24. März 1897.
-
-Gestern abend (ich entwickelte gerade Bilder) hatte ich noch die
-Freude, Tom gesund wieder zu sehen. Es kam mir ganz unerwartet. Tom
-war riesig vergnügt und erzählte seine Erlebnisse sehr amüsant. Bis
-5 Uhr morgens durchmarschiert, im Walde versteckt gelagert, Brot und
-Wurst gegessen, dann in der nächsten Nacht zu der Höhle und den Temben
-geschlichen. Dort bis zur Morgendämmerung gelauert. Der Boy hatte
-vergessen, während der Nacht etwas Tee zu kochen, also wieder nichts
-Warmes, und dann auf dem Bauch zu den verschiedenen Temben gekrochen.
-Sie sind so leise herangeschlichen, daß sie die Leute drinnen sprechen
-hörten; endlich sind alle Temben umstellt, und Tom gibt das Zeichen,
-daß jeder die Tür seiner Tembe öffnen lassen sollte. Er selbst war
-bei der Haupttembe, wo sich folgende Szene abgespielt hat. Toms Leute
-haben an die Türe geklopft und zunächst in der Wahehesprache gefordert,
-sie möchten die Tür aufmachen, „sie seien Leute von Quawa“ -- keine
-Antwort, darauf auf Kissangu, „sie seien Leute von Merere“, -- keine
-Antwort, nun auf Suaheli, „sie seien Leute von bwana mkubwa“, worauf
-sofort die Tür aufgemacht wurde. Es waren friedliche Menschen, die
-uns treu gesinnt sind und Quawa fürchten. Tom ist sich ganz dumm
-vorgekommen; soviel Anstrengung, um unschuldige Leute aus dem Schlaf
-zu stören. Wäre Quawa darin gewesen, er hätte nicht entwischen können.
-Hoffentlich gelingt es mit Quawa ein andermal. Tom ist aber sehr froh,
-doch dagewesen zu sein, da er jetzt weiß, daß dort sichere Leute sitzen.
-
-
- 25. März 1897.
-
-Gestern abend hätte uns beinahe das Schicksal ereilt. Tom und ich
-gingen zur Viehtembe, wo von dem jungen Sikki Rinder ausgeteilt wurden,
-ich wollte nun dieselbe Straße gehen, die Sikki später auch kommen
-mußte. Tom hielt das für langweilig und schlug einen anderen Weg
-durchs Dorf vor, und welch ein Glück war es, denn ein paar Minuten
-später zog Sikki seines Weges, und ein Wahehe schoß auf ihn und ergriff
-dann schleunigst die Flucht. Wir wären für ihn ein Ziel gewesen, das
-er vielleicht besser getroffen hätte. Wir hörten den Schuß fallen,
-glaubten aber, man habe einen Ochsen für die Merereleute geschossen.
-Hier werden die Ochsen nicht wie zu Hause geschlachtet, sondern
-erschossen. Wir gingen also ruhig weiter, als wir auf dem Rückwege
-waren, kam uns ein Mann mit Flinte und Revolver entgegen, es sei
-Alarm. Tom sagte, daß dies nicht möglich sei, da er wohl schon früher
-davon benachrichtigt worden wäre. Wir gingen aber doch schneller und
-hörten schon von weitem lauten Lärm im Dorfe; dort fanden wir alles
-in großem Aufruhr und mit allem möglichen bewaffnet. Die Ursache war
-der gefallene Schuß. Tom beruhigte die Bevölkerung, und jeder ging
-friedlich heim.
-
-Tom erzählte, in Kilossa wäre es so ähnlich gewesen. Die Offiziere
-hätten im Kasino gesessen und gesehen, wie die Bevölkerung des ganzen
-Tales plötzlich in hellster Flucht davon gelaufen sei. Die Ursache sei
-ein halbverhungerter Mhehe gewesen, der krank von dem Kondoaüberfall
-zurückgeblieben sei und sich im Gras verborgen durch Kräuter usw.
-ernährt habe.
-
-Des Abends waren wir ganz besonders fröhlich, daß nichts passiert war.
-Es wurden gleich Nachforschungen angestellt und heute hieß es, Quawa
-wäre bei Farhenga versteckt, wo noch außerdem ein Msagira mit Anhang
-gesehen worden sei, auf den Tom auch fahndete. Tom und ich hatten
-noch nicht gefrühstückt, bei der Nachricht verging uns aber doch der
-Appetit zum Essen. Also Farhenga auch Verräter? Tom überlegte sich die
-Sache noch. Da -- was sehen unsere Augen -- kommt Farhenga an und mit
-ihm der Msagira mit Brüdern. Nun, freudiger ist er wohl nie von uns
-begrüßt worden, wir gaben ihm auch gleich eine Flasche Gin, die er mit
-verständnisvollem Schmunzeln einsteckte. Es stellte sich auch heraus,
-daß der Mhehe, der geschossen, nie bei ihm gewesen ist. Er brachte
-gleich die gesuchten Leute mit, die nun an die Kette kamen.
-
-Von Goritz kam Nachricht, daß er 28 Wahehe gefangen, an der Stelle, wo
-die Postboten überfallen wurden. Winkler marschierte ab, um sie hierher
-zu bringen. -- Die Wahehe werden durch Boten aufgefordert, gegen Quawa
-mitzuziehen. Auf das Ergebnis, ob sie mitkommen werden, sind wir
-äußerst gespannt, davon hängt sehr viel ab.
-
-Meine Puten machen mir noch viel Arbeit, da sie krank sind, sich
-erkältet und Fieber haben, ich behandle sie mit Chinin, Aloepillen usw.
-
-
- 26. März 1897.
-
-Heute kamen die Wahehe an. Wieviel mitziehen werden, ist schwer zu
-sagen, da Tom noch unterwegs eine ganze Menge antrifft, jedenfalls von
-hier an 200. Es ist dies für Tom sehr schön. Gott gebe, daß sich kein
-Schurke darunter befindet, der nur so in Toms Nähe kommen will. Viel
-Schauri. Des Abends kam noch _Dr._ Stierling.
-
-
- 27. März 1897.
-
-Noch des Morgens setzte Tom Stationsbefehl auf, gestern hatte er
-alle Befehle an die Kommandos geschrieben. Tom hat jetzt außerhalb
-elf Posten mit Europäern, dazu sieben Posten mit schwarzen Chargen
-besetzt. Die Leute müssen für alle nur denkbaren Eventualitäten mit
-sorgfältigsten Instruktionen versehen werden. Die Europäer müssen an
-den Bomen in Zelten schlafen; an jeder Bastion einer, auch Askaris
-schlafen dort, damit, wenn ein Angriff stattfindet, alles bereit
-ist; auch am Tage müssen 20 Soldaten immer zugegen sein. -- Ehe
-die ganze Safari versammelt war, wurde es 9 Uhr. Tom nahm noch ein
-paar nachgekommene Wassangus mit. Wie stechen die kleinen Kerle in
-Ausdruck und Gestalt von den stattlichen Wahehe ab, ihrer Gesinnung
-nach sind sie mir aber lieber. Tom hat nur vier Soldaten mit sowie
-einige Sadalla- und vier Sikkileute. Ein malerischer Anblick, diese
-phantastisch gekleidete und bewaffnete Kriegerschar, die meisten
-Wassangus hatten allerdings wenig Stoff an sich. Ich begleitete Tom
-noch ein Stück Weges den Berg hinunter und bis zum Ruheka. Gegen Mittag
-kam ich erst nach Hause. Nun bin ich wieder ganz allein. Wie lange ist
-unbestimmt. Mir wäre lieber, Tom hätte die Wahehe nicht mit.
-
-
- 28. März 1897.
-
-Heute kamen die Gefangenen mit Hammermeister aus Bueni (Goritz) hier
-an, aber nur 17 Mann, auch wieder große kräftige Kerls, vor denen man
-sich fürchten konnte. So wild und wüst im Aussehen, wie man sich die
-Räuber vorstellt. Von den 25 Gefangenen waren sechs schon bei Goritz
-ausgebrochen, dann noch zwei bei Winkler; sie stecken natürlich hier in
-unserer Nähe im Pori.
-
-Eine Freude! Von Tom Nachricht; er ist gestern bis zu Stephan, also
-zehn Stunden, durchmarschiert. Meinen Spaziergang machte ich durch die
-Stadt. Die verschiedensten Gomas (Spiele, Tänze) gesehen, denn Leute
-von Kilimatinde tanzen anders wie die von Tabora, an der Küste usw.,
-auch die Weiber und Männer tanzen wiederum verschieden. Die beginnende
-Dunkelheit begünstigte mein Inkognito, war ich aber doch erkannt, dann
-beeilten sich die Tänzer, mir ihre schönsten Touren zu zeigen und mir
-zu huldigen, was mich natürlich möglichst schnell vertrieb. So in der
-Dunkelheit durch die breit angelegten Straßen zu wandern, die sehr
-sauber gehalten werden, ist recht interessant. Das ganze Leben spielt
-sich auf der Straße ab. Alles lustwandelt, tanzt oder sitzt auf der
-Veranda, denn die Wohnung dient nur zum Schlafen oder als Zuflucht bei
-Kälte. Die Türe steht stets offen, und da es auf der Straße dunkel ist
-(zu Laternen haben wir es noch nicht gebracht), heben sich die um das
-Feuer hockenden Gestalten wunderschön ab. Auf der Veranda sitzen sie
-auch bei einem kleinen Licht.
-
-
- 29. März 1897.
-
-Rettich, Zwiebeln, Radieschen, Möhren, Gurken gesät.
-
-
- 30. März 1897.
-
-Heute morgen kam Leutnant Braun. Ist gestern schon hier angekommen.
-Boten an meinen Mann geschickt, erfuhr es erst heute. Braun hatte
-mich nicht wenig erschreckt. Ich hatte gerade im Hühnerhaus usw.
-recht herumgewirtschaftet, eine große Schürze dazu umgebunden, als
-ich mich plötzlich Leutnant Braun gegenüber sah. So wie zu Hause sich
-extra zum Wirtschaften etwas Schlechtes anziehen, gibt es hier nicht,
-hier muß man immer „tajari“ sein, denn wie gesagt, man ist hier nicht
-abgeschlossen und kann immer jemandem begegnen. Nun, die Waschkleider
-sind eben sehr schön, wenn sauber, und auch leidlich hübsch, man kann
-wenigstens immer gesehen werden. Des Nachmittags empfing ich Merere,
-der mit seinem Gefolge angezogen kam, letzteres mußte vor der Tür auf
-seinen Herrscher warten; nur ihm und seinem ersten „Minister“ wurden
-die heiligen Pforten geöffnet. Jetzt sitzt er schon ganz schön auf
-einem Stuhl, er fordert wieder Tabak (er raucht schon Zigaretten),
-Streichhölzer, Zucker, Salz usw. Ich gab ihm von allem etwas. Ich
-zeigte ihm seine Bilder, die ich aufgenommen hatte, er war ganz
-aufgeregt darüber, und ich mußte ihm einige geben, damit er sie seinen
-Leuten zeigen könne; besonders imponierte es ihm, daß auch sein
-Reitochse mit auf dem Bilde war.
-
-An der Weckuhr hatte er viel Vergnügen -- ich mußte sie immer wieder
-wecken lassen, daß mir die Ohren gellten -- aber noch mehr an einem
-großen Stammbuchbild, zwei stehende Negerkinder darstellend, das muß
-ich ihm jedesmal zeigen. Nach 1½ Stunde entließ ich ihn in Gnaden.
-Heute ist Merere mit 500 seiner Leute und 15 Askaris ohne Herrn Braun,
-der erkrankt ist, ausgezogen.
-
-Eins will ich noch klarlegen. Als Mpangire noch lebte, war alles so
-schön; war seine Hinrichtung nicht voreilig? Ja, in der Tat, es war
-alles in schönster Ruhe, -- aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Er oder
-wir -- sein Tod war die dringendste Notwendigkeit, sonst wäre unser
-Schicksal besiegelt gewesen. Das Quawageschlecht übt eine unglaubliche
-Gewalt auf das Volk aus, und solange Quawa lebt, werden wir nicht zur
-Ruhe kommen.
-
-Heute hatte ich zu Bett gelegen, infolgedessen glaubten meine Damen,
-ich würde den Hühnerstall nicht revidieren: statt 31 Hühner fand ich
-nur 20 dort. Jetzt müssen sie die fehlenden noch suchen. Auch hier
-heißt es: „Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse auf
-Tisch und Bänken.“ Der Mpischi ließ das Essen von den kleinen Boys
-machen, und ich bekam erst um 4 Uhr Mittagbrot; Mabruki schlug sich
-mit der Wache, so daß er an die Kette gekommen ist; das sind eben die
-kleinen afrikanischen Dienstbotenleiden. Meine drei Mädels machen es
-noch am besten, die habe ich schon so weit, daß sie ganz unglücklich
-sind und weinen, wenn sie etwas schlecht gemacht haben. Wenn ich sie
-schelte, sind sie schon sehr betrübt. Muhigu fängt sogar schon an die
-Empfindliche zu spielen, wenn ich sie schelte, früher machte nur Kofi
-(Ohrfeige) einigen Eindruck. Auf diesen Erfolg bin ich sehr stolz.
-Natürlich treten mir dadurch die Kinder viel näher, denn sie sind im
-Wesen ebenso wie die Kinder zu Hause. Auch spielen sie jetzt schon
-verschiedene Spiele, die ich ihnen gezeigt.
-
-
- 3. April 1897.
-
-Ich war eben auf unser Haus geklettert, das sich jetzt zwar in das
-Kleid der Hoffnung zu hüllen anfängt, ja es hofft wohl selbst bald
-fertig zu werden, aber das ist leichtsinnig, denn die Arbeiter denken
-anders darüber. Ich glaube, die haben anscheinend die Absicht, es
-erst zur nächsten Regenszeit fertig zu stellen, sicher aber nicht vor
-Juni. Ein kleines Küken ist darüber lebensmüde geworden und hat sich
-in einen Farbentopf gestürzt. Ich wollte es noch retten, aber trotz
-aller Wiederbelebungsversuche war es verloren. Ich fürchte, die Puten
-gehen auch ein, trotz Aloepillen, Kur und Doktorei. Das weiße Schwein
-überlegt sich, wo es den besten Speck ansetzen will; daß es fleißig
-gemästet wird, scheint ihm sehr zu gefallen. Sobald Tom kommt, muß es
-daran glauben. Es hat Reißen oder Gicht in den Hinterpfoten und kann
-nicht mehr gehen.
-
-Nun bin ich schon ein halbes Jahr hier und gottlob! trotz all der
-Aufregung habe ich kein Fieber mehr gehabt, nachdem die Fieberbazillen,
-die ich unten in so reichem Maße hineingeschluckt, abgewirtschaftet
-hatten. Daß es hier so gesund ist, mag neben der Höhe auch an der
-gleichmäßigen Temperatur liegen, die des Morgens zwischen 12 bis 16°,
-mittags zwischen 20 bis 25°, abends zwischen 13 bis 15° schwankt; durch
-Regen ist es manchmal mittags kühler.
-
-
- 4. April 1897.
-
-Eben komme ich aus dem Garten, wo ich die aufgegangenen
-Kartoffelpflänzchen zählte. In acht Wochen haben wir Ernte, dann
-besteht die Station ein halbes Jahr, und wir haben schon Kartoffeln.
-Ich bin jetzt so nervös, wahrscheinlich auch vom schlechten Schlafen,
-daß ich mir einbildete, der Teufel sehe über meine Schulter; ich schrie
-so fürchterlich auf, daß Boy und die Totos hereingestürzt kamen;
-trotzdem ich sie sah, konnte ich mich eine ganze Weile nicht beruhigen.
-Um zur Vernunft zu kommen, ging ich mit den Totos spazieren. Ich nahm
-unseren Gartenaskari mit, der die Zelewski-Expedition mitgemacht hatte
-und davon erzählte. -- Die Totos sind jetzt meine ganze Freude, wenn
-die drei schwarzen Krausköpfchen mit ihren hellen Leinwandkleidchen,
-mit rot garniert und roter Schürze, mit nackten Beinen so vor mir her
-zappeln und krabbeln. Früher gingen sie wie die Alten, jetzt springen
-und tanzen sie, klettern auf Bäume und necken mich. Ich bin den Kindern
-wirklich Mutter; wenn sie ganz besonders glücklich sind, nennen sie
-mich auch „Mama“. Die Sklavenbanden haben schwer auf ihnen gelastet,
-jetzt haben sie die Freiheit, ihre Kindheit zu genießen.
-
-
- 6. April 1897.
-
-Gestern nacht wurde ich durch Alarm aus dem Schlafe geweckt. Ombascha
-Achmed kam schon, während ich mich ankleidete, mit der Nachricht, eine
-Menge Wahehe seien mit Gewehren in Sicht. Von weitem hörte man auch
-Schnellfeuer. Ich weckte die Totos und zog nun mit zwei Revolvern
-bewaffnet zur Wache, wo alle Europäer versammelt waren. Die Herren
-beschlossen einen Tschausch mit Askaris abzuschicken, um zu sehen, was
-los sei; wir wollten uns inzwischen schlafen legen und so der Dinge
-harren. Um die Mission und den Europäerposten in Iringa waren wir sehr
-in Sorge. Des Morgens stellte es sich heraus, daß Askaris geglaubt
-hatten, von Wahehe überfallen zu sein, und Schnellfeuer abgegeben
-hatten; die Wahehe schossen wieder, und erst am Morgen merkten wir, daß
-es uns freundlich gesinnte Wahehe waren. _Dr._ Stierling war gleich
-selbst des Morgens nachsehen gegangen. Es ist zu schwer hier, Freund
-und Feind voneinander zu kennen.
-
-
- 7. April 1897.
-
-Heute kamen zwei Brüder für die Mission an, der eine hatte Fieber und
-zog sich bald zurück, dem andern zeigte ich unser Haus, den Garten und
-die Stadt. Er war einfach perplex, und trotzdem ich ihm versichert
-hatte, vor einem halben Jahr habe nur unsere Hütte gestanden und vor
-sieben Monaten sei noch alles Pori gewesen und keine Menschenseele
-hätte auf dem Bergrücken existiert, fragte er doch noch, ob hier nicht
-wenigstens schon Negerhütten gestanden hätten. Für so unglaublich
-hielt er das schnelle Entstehen der Stadt. Man braucht aber auch schon
-reichlich eine halbe Stunde, um durch die Stadt allein zu gehen, so
-viel Straßen sind schon entstanden. Es ist erstaunlich, wie der Name
-Sakkarani die Leute angezogen hat; wir fürchten nur, daß die Stadt
-zurückgehen wird, denn so viel Menschen können hier wohl kaum ihr
-Brot, d. h. ihren Mais verdienen. Dann gingen wir durch die Station
-zurück in das Dorf der Eingeborenen, welches sich hinter unserem Hause
-anschließt. Es ist schon bedenklich gewachsen und hat schon an 300
-Mann; die Temben müssen allerdings noch zum Teil gebaut werden. Aus dem
-Erstaunen kam der Bruder gar nicht heraus.
-
-Über unsern Garten war er auch sehr erfreut, denn alles gedeiht
-prachtvoll. Jede Rübenart, jede Kohlart, sogar Rosenkohl, Tomaten,
-Erbsen, Bohnen, Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie, Majoran, Sellerie,
-Dill, Pfeffermünzkraut, Salat, Rettich, Radieschen stehen schön.
-Mohn und Artischoken scheinen auch zu gedeihen, nur mit Gurken und
-Melonen hapert es, und wahrscheinlich nur, weil wir sie nicht zu
-ziehen verstehen. Kartoffeln stehen gleichfalls sehr schön. Die Brüder
-waren über unsern Garten schon so entzückt, was würden sie erst zu
-dem unten am Ruaha gesagt haben, wo alles noch besser gedeiht; dort
-stehen Apfelsinenbäumchen, Feigen, Mango, Zitronen, zwei kleine
-Weinreben. Hoffentlich gedeihen sie weiter so. Bananen, Ananas und
-auch eine Kokosnuß sind aufgegangen. Der Weizen steht niedrig, ist
-aber gleichmäßig gereift, was vielfach im Innern nicht der Fall
-sein soll, und Stroh brauchen wir nicht; es ist hier ein herrliches
-Ansiedelungsgebiet, und der Bauer würde sein schönes Auskommen haben,
-denn zu alledem kommen noch das schöne Vieh und Weideland. Auch ist die
-Gegend hier gesund, also alles „_tajari_“, nur die eine Frage ist
-nicht gelöst: Wie kommt der Bauer hierher?
-
- * * * * *
-
-Heute kamen ein Feldwebel und ein Bootsunteroffizier für Langenburg
-an, die einen Ruhetag hier machen und dann weiter marschieren, dann
-nehmen sie natürlich die 100 Lasten mit. Reichlich zwei Monate haben
-die Lasten hier liegen müssen, die Sachen werden also fünf Monate
-unterwegs sein. Wie schmerzlich werden sie von den Europäern erwartet
-werden? Meine Nähmaschine hatte ich gestern mit Mühe und Not zum Nähen
-gebracht, gestern ging sie sehr gut, doch plötzlich versagte sie.
-Da der Bootsunteroffizier in seinem Zivilverhältnis Uhrmacher war,
-glaubte ich, er würde sie mir wieder zurecht machen können. Der brave
-Mann hat sich auch so lange geplagt, bis er sie wieder in Gang hatte.
-Wegen meiner Maschine habe ich schon einmal einen fremden Unteroffizier
-zu Rate ziehen müssen. Wir erhielten auch die Bestätigung, daß Toms
-Breitenbestimmungen richtig sind; kein falscher Stern ist beobachtet.
-Hoffentlich gelingt es uns immer so.
-
-
- 8. April 1897.
-
-Glückstrahlend kam Tom heute zurück: auf dem Rückmarsch hat er
-plötzlich dicht am Wege drei starke Elefantenbullen gesehen. Obwohl
-er seine Elefantenbüchse nicht mit hatte, pirschte er sich doch an
-und hatte das Glück, sie alle drei zur Strecke zu bringen. Eine
-Kugel, Modell 88, hatte sich an der Wurzel des großen Stoßzahnes
-plattgedrückt. Der größte Elefant ist 9 Meter lang, bei 3½ Meter Höhe;
-in seinem Wanst badeten acht Neger zu gleicher Zeit in dem Blute
-des Tieres -- nach Negerglaube ein besondere Kräfte verleihendes
-Mittel. Den schwarzen Siegfrieden fiel kein Lindenblatt aufs Kreuz,
-Rücken und Rippen des kolossalen Tieres bildeten eine gut gedeckte
-Badezelle. Hinter dem Riesenkopf desselben konnte Tom sich decken,
-als er den zweiten Elefanten schoß. Der dritte rannte dicht an Tom
-vorbei; es war eine fatale Situation, mein Mann war allein, das dichte
-Farnkrautgestrüpp verhinderte ein Ausweichen -- und doch kommt es
-darauf an, dem angeschossenen Riesen so rasch als möglich aus dem
-Gesicht zu kommen. Das Herz haben die Neger als große Delikatesse
-verspeist. Von einem Stück Rüssel machte ich Suppe; sie schmeckte etwa
-wie recht kräftige, mit Gelatine verdickte Rindfleischsuppe mit etwas
-leimigem Beigeschmack; das Fleisch war nach 24stündigem Kochen zäh wie
-Leder.
-
-
- 9. April 1897.
-
-Heute wurde die Jagdbeute eingebracht, mit Jubel und Geschrei
-natürlich. Vorneweg die Sikkileute mit Tanz und Gesang. Hundert Mann
-hatten an dem Transport der drei Kolosse zu tun. Leider hat das größte
-Tier nur einen Zahn; dieser wog allerdings 106 Pfund. Den Kopf des
-kleineren mit den beiden Stoßzähnen (45Pfünder) habe ich photographiert.
-
-
- 12. April 1897.
-
-Großes Schlachtfest! Unser Hofschlächter, Unteroffizier Hammermeister,
-besorgte die Sache nach allen Regeln der Kunst. Unsere Schwarzen
-staunten nicht wenig, daß unter seinen Händen ein schwarzes Schwein
-so weiß werden konnte! Aber von dem Fleische zu essen, weigerten sie
-sich voll Abscheu. Nur unser Juma, der in Deutschland Schweinefleisch
-essen lernte, aß auch hier davon, dafür wurde er aber auch von
-den anderen Boys verächtlich „Sklave“ geschimpft. Das Wellfleisch
-schmeckte prächtig. Da Pater Alfons die neu angekommenen Brüder bei
-uns vorzustellen kam, konnten sie an unserem Schlachtfest teilnehmen.
-Bis auf das bißchen Unterschied in der geographischen Länge und Breite
-ging’s bei uns ganz so zu wie beim Schweineschlachten in Weißenrode --
-mir war ganz heimatlich zu Mute, und wenn sich so etwas wie Heimweh
-zeigen wollte, dann wurde es flugs mit ins Wurstfleisch verhackt. Es
-war aber auch ein Staatstier, eigentlich viel zu schade, um seine
-Laufbahn in den nunmehr historischen Pökelfässern der Familie Prince
-zu beschließen. Unser Sachverständiger Hammermeister taxierte es nach
-deutschen Viehverhältnissen auf 180 Mark „unter Brüdern“.
-
-
- 13. April 1897.
-
-Nach dem Schlachtfest heute „Pökelfest“ und großes Wurststopfen und
-dazu noch frische Kartoffeln! Tom, Winkler und ich hatten schon vor
-einigen Tagen Kartoffelernte gehalten: an manchen Stauden fanden wir
-bis zu 58 Knollen, darunter 22 große, von denen 10 aufs Pfund gehen;
-durchschnittlich kamen auf jede Pflanze 25 Kartoffeln. Es wurde alles
-genau gezählt, gewogen und an die Europäer verteilt, denn unsere erste
-Kartoffelernte ist ein Ereignis. Wir kochen nie mehr als sechs Stück,
-so sparsam gehen wir mit dieser Delikatesse um.
-
-Aus Mage melden Wahehe, daß sie zwei Wahehewassagira, die zu den
-treuesten Anhängern Quawas gehörten, im Waldlager überfallen und
-niedergemacht hätten. Der eine der Erschlagenen ist Farhengas
-rechter Bruder. Dieser Bruderzwist, dessen Strömung Tom nach der
-alten Diplomatenregel „_divide et impera_“ geschickt in die für uns
-günstigste Richtung abgelenkt hatte, kommt uns nun in der Tat zu nutze.
-
-Von den Sudanesenfrauen zeigte mir eine heute einen feinen, goldgelben,
-aber sehr festen Faden von seidenartigem Glanze, das Gespinst einer
-großen Spinne, welches man, wie die Frau erzählte, im Sudan zu feinen
-Stoffen verwebt. Ob sich das nicht auch hier erzielen ließe? In
-die Boma Prinages schlug der Blitz ein. Prinage selbst kam mit dem
-Schrecken davon, aber einer der besten Sudanesensoldaten wurde tödlich
-getroffen, drei andere leicht verletzt.
-
-
- Karfreitag, 16. April 1897.
-
-Den Karfreitag mußten wir heute durch kriegerische Schaustellung
-feiern, der wir uns nicht entziehen durften: die Kriegsspiele unserer
-Farhenga- und Sikkileute. Das Ganze war wie eine Pantomime im Zirkus
-Renz, freilich durch die Darsteller und die ganze lebenswahre Umgebung,
-in der die Spiele vor sich gingen, weit interessanter. Sikkis Oheim,
-ein stattlicher 1.90 _m_ hoher Mann mit besonders ausdrucksvollem
-Kopfe, zeichnete sich als Haupt- und Vortänzer in diesem kriegerischen
-Schauspiele durch unglaublich hohe Luftsprünge aus; Sikki selbst
-tanzte, wie es seiner Jugend zukam, bei der Gruppe der jüngeren Leute;
-er ist nämlich noch nicht in dem Alter, in welchem ihm die Stammessitte
-erlaubt, Schmuck an Armen und Hals anzulegen. Der Kriegstanz unserer
-Wahehe bot ein wildbewegtes Bild ihrer Kriegführung, wie sie hinter
-ihren Schilden gedeckt den Feind beschleichen und überfallen. Den
-Hauptdarstellern lohnten wir ihre Anstrengungen mit einem Kognak, für
-den sie großes Verständnis zeigten.
-
-Gestern, zum Gründonnerstag, hatte ich bunte Ostereier mit allerlei
-scherzhaften Zeichnungen darauf (ein Kater, Jüngling auf Bierfaß
-reitend) nach den Messen geschickt, für Tom hatte ich bei uns welche
-versteckt; wir hatten beim Eiersuchen dann noch viel Vergnügen.
-
-
- Am 1. Osterfeiertag, 18. April 1897.
-
-Keine Glocke läutet zum Ostertage -- aber wir feiern das hohe Fest,
-obwohl ich fast immer liegen muß, mit inniger Dankbarkeit gegen den
-allgütigen Gott, der uns bis hierher in seinen Schutz genommen.
-
-Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein
-Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an.
-Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh -- ich gehe mit Tom hinaus,
-um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges
-anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen,
-die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und
-Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells.
-Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger -- ein großer Erfolg von Toms
-Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der
-Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich
-gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen;
-ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen,
-unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes
-Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches
-uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten
-Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf
-gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition
-anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von
-seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller
-Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs
-etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen
-sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung
-sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle
-Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu
-sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt.
-Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit
-der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so
-viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten
-sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind
-erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte
-ich gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von
-15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür
-gegeben.
-
-Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um
-Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von
-Leutnant Braun gekommen war.
-
-Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns
-alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für
-Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und
-Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’
-Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber
-auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns,
-eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen
-neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich
-nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom
-und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere
-furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich
-war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition
-auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden.
-In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht
-übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig
-schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die
-aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann
-sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit
-flammender Abendröte übergoß.
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert.
-
-
- 21. April 1897.
-
-Heute mittag ging Tom fort, ich konnte ihn nicht einmal begleiten,
-da ich fest liege. Für Tom auch schrecklich, mich hier so allein
-zurückzulassen. Da heißt’s eben: Kopf hoch! -- Vorher noch großes
-Schauri mit Merere und Winkler. Merere will durchaus zu dem Grabe
-seines Vaters, um dort zu beten und Dawa zu machen. Er glaubt nämlich,
-sein Vater habe ihm die Krankheit zur Strafe geschickt, weil er so
-lange nicht am Grabe gebetet habe. Winkler soll ihn begleiten. Ein
-Sultan wird nach seinem Tode von seiner Familie als Gott verehrt; also
-der richtige ausgesprochene Ahnenkultus wie bei den Chinesen. Sein
-Grab wird mit besonderer Sorgfalt gepflegt. So sind z. B. auf dem des
-alten Quawa prachtvolle Elfenbeinzähne aufgestellt. Auch die erste
-Frau des Sultans wird in gleicher Weise geehrt. An den Gräbern beten
-dann der Sohn und die richtigen Brüder, also Söhne desselben Vaters
-und derselben Mutter. Die Halbbrüder und Großen des Landes dürfen
-bei dieser Feier zugegen sein. Ein Sultan geht nie ohne sein Gefolge
-zu dieser Andacht, an der nur die Söhne teilnehmen. Die Töchter, wie
-überhaupt alle Frauen, sind ausgeschlossen. Die andern Frauen des
-Sultans werden im Pori, also im Urwaldgebüsch, nur ganz oberflächlich
-verscharrt und zum Schutz gegen wilde Tiere mit Baumstämmen bedeckt.
-Dasselbe geschieht mit den Leichen der Halbbrüder; deren Weiber werden
-überhaupt nicht begraben, sondern in der Wildnis auf einem Stapel
-zusammengeschichteter Baumstämme ausgesetzt; ebenso die Großen des
-Landes nach einer sehr einfachen Rangabstufung: je kleiner der Mann,
-desto niedriger der Stapel. Die Sklavenleichen wirft man einfach ins
-Pori. Eine große Menge Leute geht mit, die Weiber weinen und machen
-großes Geschrei, ebenso weinen die Männer und die Verwandten. Haben sie
-die Leiche weggeworfen, dann baden die Verwandten und nächsten Freunde
-im nächsten Fluß. Im Trauerhause kommen dann die weiblichen Verwandten
-und Freundinnen zusammen, unter Fasten weinen, schreien sie drei bis
-vier Tage lang, die Mutter fünf Tage. Das Gesicht zur Wand gekehrt und
-in die Hände gestützt, kauern sie die ganze Trauerzeit über.
-
-
- 23. April 1897.
-
-Seit 5 Wochen keine Post! Mein Schammy fand heute das Abzeichen eines
-Askari-Tschausch’s, sofort kam er damit an und meldete sich bei mir
-als „_tschausch ya kuku_“ (Hühnersergeant). Das Soldatenspielen steckt
-doch nun einmal allen Jungens im Blut, in Afrika so gut wie bei uns
-Deutschen. Alle unsere Leute sind sehr zutraulich und bringen ihre
-kleinen Sorgen und Freuden bei mir an. Meine kleinen Mädels spielen
-jetzt seht hübsch.
-
-Heute Nachricht von Tom; als Morgengruß schickte er eine Giraffe mit
-wundervollem Fell, die ihm auf dem Marsch vor die Flinte gekommen war.
-Die Soldaten haben das Fell ausgespannt und gereinigt. Wie schwer es
-mir wird, jetzt zu liegen! Garten und Hühnerzucht den Schwarzen so
-ganz überlassen zu müssen, ist so schwer. Es war schon alles hübsch im
-Gange, nun geht es wieder zu Grunde. Der Neger bedarf doch einer ganz
-anderen und schärferen Aufsicht als die Leute zu Hause. Die gesamten
-Vorräte für Monate müssen nun wenigstens für die Boys zugänglich
-bleiben, und was die im Stehlen und Naschen leisten, das wird sich
-schon noch fühlbar machen. In diesem ungewohnten Zustande absoluter
-Freiheit in Haus und Garten vergessen meine schwarzen Dienstboten,
-daß sie überhaupt eine Herrin haben. Eines Tages waren sie samt und
-sonders am Morgen bereits verschwunden und kamen erst abends wieder.
-So lag ich denn den ganzen Tag über mutterseelenallein im Hause, zu
-schwach, um mich erheben zu können, ohne eine Menschenseele auch nur in
-erreichbarer Nähe zu haben. Der Tag gehört zu dem Schlimmsten, was ich
-hier durchgemacht habe.
-
-
- 26. April 1897.
-
-Nun sind es noch neun Tage bis zu Toms Rückkehr! Ich streiche jeden Tag
-im Kalender mit einem dicken roten Strich durch, wie wir’s einst in
-der Pension taten, wenn die Ferien herankamen. Aus Iringa wieder böse
-Nachricht: ein Boy und ein Träger erstochen. Auch an häuslicher Unruhe
-fehlt es nicht. Der Mpischi (Koch) legt mir seine ehelichen Sorgen
-vor; seine Frau treibt sich seit sechs Tagen herum; da sie ihm seine
-Tücher und Hemden mitgenommen, lasse ich sie, nach genauer Feststellung
-des Tatbestandes, zur Wache bringen, damit sie beim nächsten Schauri
-bestraft wird. Heute ließ ich mir Mgunditemi holen; das arme Ding ist
-krank. Ich gab ihr Fleisch und Reis; sie ist übrigens eine schlanke,
-hübsche Frau.
-
-Ich war heute einen Augenblick im Garten, die Kartoffeln sind schon
-ganz braun, wenn Tom zurück, müssen sie gleich herausgenommen werden,
-allein mag ich es nicht tun. Dann machen wir wieder Kartoffelfeuer,
-rösten Kartoffeln, das gibt uns viel Spaß, wie neulich unten im Garten.
-Leutnant Braun ist seit gestern zurück. Er sagte auch, daß sich die
-Wahehe ganz anders gezeigt hätten als die übrigen Neger. Er hat eine
-ganze Ortschaft zerstört und die Temben eingerissen; kaum war er zwei
-Stunden fort, so sah er, wie die Wahehe zurückkamen und ihre Temben
-wieder aufbauten, so daß er nochmals zurück mußte. Drei Träger sind
-an Überanstrengung gestorben, der eine davon ist unter seiner Last
-zusammengebrochen.
-
-
- 6. Mai 1897.
-
-Ich habe vom 27. April an sehr schlechte Tage hinter mir. Am 29. war
-mir der Gedanke schrecklich, in Toms Abwesenheit operiert zu werden,
-es konnte doch auch schlecht ablaufen, und Tom wäre nicht zu erreichen
-gewesen. Aber Gott sei Dank, spät abends kam Tom wieder an. Er hatte
-so viele Gefangene, etwa 500 Leute und 200 Stück Vieh, daß er deswegen
-umkehren mußte, denn es waren jetzt mehr Gefangene, als Tom selbst
-Leute in seinem Zuge hatte; gefallen sind dabei 40 feindliche Krieger.
-Die Leute bei Iringa sind jetzt so beruhigt, daß sie mit Tom selbst
-gegen ihre Stammesbrüder ziehen; das ist ein großer Erfolg. Quawa ist
-jetzt in eine andere Wildnis übergesiedelt, in der alten Gegend fühlt
-er sich nicht mehr sicher. Er hält sich an einem Platz nie länger als
-zwei Tage auf, wie der ewige Jude wandert er von Ort zu Ort. Seine
-Anhänger setzen sich jetzt verzweifelt zur Wehr, immer noch erscheinen
-Trupps (Tom hat vier solche zu je 40 bis 60 Wahehekriegern angetroffen,
-die auf dem Zuge gegen uns begriffen waren, und sie zurückgejagt). Auf
-ihr Konto müssen wir die vielen Meuchelmorde setzen. -- Tom hat sehr
-viel zu tun. Jetzt, wo ich elend bin, sehne ich mich doch sehr nach
-unserm Hause, ich werde dann auf der schönen Veranda liegen können.
-Das Liegen ist zu unangenehm, da man dabei kaum schreiben kann. Am 3.
-Mai sind der neue Feldwebel und der Bauleiter angekommen. Trotzdem
-er die Dielen der Hinterzimmer aufreißen läßt, weil sie zu schlecht
-gebaut sind, will er schon in 14 Tagen mit dem ganzen Haus fertig sein.
-Wahrscheinlich gehen Spiegel und Wilkins (Feldwebel und Bauleiter),
-beide wegen Krankheit abgelöst, morgen zur Küste. Eben bringt Tom mir
-wunderschönen Weizen, der auf +ungedüngtem+ Boden gewachsen ist,
-überhaupt ist der Garten unten nicht gedüngt.
-
-Gestern abend kam endlich die Post. Wie wir uns über die Schreiben und
-Zeitungsausschnitte freuten! Heute kam Leutnant Kuhlmann mit einem
-Unteroffizier und 30 Askaris hier an, um sich Tom zur Verfügung zu
-stellen. Es verlautet, daß der Gouverneur im Juni eine Reise in das
-Innere antreten und auch hierher kommen will, und daß Herr v. Eberstein
-krank sei.
-
-Weizen geerntet, auf wasserdichten Decken statt Tenne ausgedroschen;
-der Ertrag ergab das 24fache der Aussaat, also das 24. Korn. Auch der
-Weizen ist ebensowenig wie der Garten weder gegossen noch gedüngt.
-Heute kam auch die Karawane für uns an. Wir hatten wieder allein
-fünf Träger für Postsachen -- und der Trägerlohn ist jetzt auf 21
-Rupien (Rp. = 1.40 Mk.) erhöht! Für ein kleines leichtes Weinfäßchen
-waren zwei Träger nötig, desgleichen zu einer kleinen Frachtkiste aus
-Liegnitz; der fünfte Träger brachte ein Postpaket. Wie groß, unendlich
-groß würde die Freude über alles sein, wenn es nicht den abscheulichen
-Beigeschmack der Trägerkosten hätte.
-
-Nach Perondo bekamen wir die Zehnpfundpakete umsonst geschickt; dies
-ist jetzt nicht mehr der Fall, da aber nur drei solcher Pakete auf eine
-Last gehen, müssen wir diese Packungsweise vermeiden. Es empfiehlt sich
-vielmehr, alle Sendungen in Deutschland ansammeln zu lassen, bis sie
-zusammen, einschließlich Verpackung, etwa 60 Pfund wiegen -- aber nicht
-mehr, sonst geht es uns wie mit dem Weinfaß, das nur 70 Pfund wog und
-zwei Träger brauchte. Bei allem muß man eben sein Lehrgeld zahlen, aber
-wir bleiben ja lange genug hier, um noch die Früchte davon zu ernten.
-
-
- 15. Mai 1897.
-
-Leutnant Kuhlmann war ganz erstaunt über unsere große Stadt. An der
-Küste hätte man keine Ahnung davon. Man könnte sich ein so schnelles
-Wachsen einer Stadt nicht vorstellen. -- Nun, ich freue mich, wenn der
-Gouverneur sich selbst von Toms Erfolgen überzeugen kann. Auch das
-kann man als „echt afrikanisch“ bezeichnen, in Deutschland wenigstens
-soll es nicht gerade üblich sein, daß die Offiziere sich nach den
-Besichtigungen durch ihre Vorgesetzten sehnen. -- Übrigens hieß es
-plötzlich, der Gouverneur sei nur noch einen Tagesmarsch von hier; ich
-machte gleich Makronen, Schokoladenplätzchen, Räderkuchen, Waffeln,
-alles gelang schön. Da ich gerade Honig bekam, setzte ich auch noch
-Teig zu Honigkuchen an. -- Mein spezielles Departement, das des Innern
-und der Haus- und Landwirtschaft, ist für den hohen Besuch ebenfalls in
-bester Verfassung.
-
-[Illustration: Das Stationshaus in Iringa.
-
-(Zu S. 114.)]
-
-[Illustration: Das Arbeitszimmer.
-
-(Zu S. 115.)]
-
-Von der Taktik der Wahehe, die Wege ungangbar zu machen, konnte auch
-Leutnant Kuhlmann erzählen. Sie stecken giftige Bambusspitzen in
-den Weg, verlegen denselben mit riesigen Hindernissen, die großen
-Aufenthalt verursachen, oder legen kleinere Hemmnisse an, so daß
-die Leute fallen oder mindestens stolpern; ferner machen sie in die
-Urwälder und Pori große Sackstraßen, so daß man falsch geht; auch Graf
-Fugger weiß davon ein Liedchen zu singen.
-
-
- 23. Mai 1897.
-
-Tom zog mit 1000 Wahehe aus, Leuten, die früher alle gegen uns
-standen. Kaum war er fort, so wurde in der Nacht Luhota von Quawa
-selbst und seinen Wahehe abgebrannt, 600 Stück Vieh und 700 bis 800
-Weiber geraubt, die Männer niedergemacht. Quawa hat in der Nacht die
-Temben alle umstellt und, als die Männer herauskamen, sie einfach alle
-niedergemacht. Noch am Morgen sahen wir die Temben rauchen, es war ja
-nur eine halbe Stunde von der Station! Bei dem hügeligen Terrain und
-dem ausgedehnten Pori sind sie ohne Weg und Steg, von dem langen Grase
-verdeckt, herangeschlichen. Der Feldwebel wurde gleich nachgeschickt,
-da er aber nur sehr wenige Askaris hatte und die Leute gleich verteilen
-mußte, konnte er nur 90 Weiber und 40 Stück Vieh wiederbringen. Vieh,
-welches die Wahehe nicht mitnehmen konnten, haben sie niedergestochen;
-Merkel ist wohl an 80 Stück totem Vieh vorbeigekommen. Unter den
-fortgeführten Weibern ist auch eine von Farhenga, die unten gerade
-Chakula kaufte, und alle von dem Jumben Satima, diese hat Quawa direkt
-in sein Gefolge genommen. Eine von den Frauen des Satima hat sich bei
-der Verfolgung hinter einem Busch versteckt und sich so wieder zu uns
-retten können, sie erzählte, daß Quawa selbst bei dem Überfall im
-Hintergrunde gewesen sei und alles von dort dirigiert habe. Nachdem
-der Überfall geglückt, habe er sich in eine Tembe gesetzt und dort
-Pombe getrunken, die gefangenen Weiber um ihn. Von dort habe er auch
-seine Befehle im Fall einer Verfolgung gegeben. Parole: „Wenn ein
-Europäer verfolgt, ausreißen; verfolgen nur Askaris und Wahehe, dann
-angreifen!“ Die Furcht vor einem direkten Kampfe mit den Europäern ist
-gottlob groß. Die Wahehe wissen sehr wohl, daß sie ihre Zahl schonen
-müssen. Quawa selbst ist dann an der Spitze mit ein paar Getreuen und
-den genannten Weibern abgezogen. Seine Leute haben sich auch zerstreut.
-Tom schickt jetzt jede Nacht Patrouillen aus, um eine etwaige
-Annäherung des Feindes zu verhindern. -- Ohne Bedeckung kann man jetzt
-nicht aus der Boma gehen, denn 5 Minuten von unserem Hause entfernt
-sind eine Frau und ein Fundi niedergestochen worden. Die letzten Tage
-hatte ich immer Angst, daß auch die Strohbude mit unseren Vorräten
-angezündet würde. Nun gottlob, Quawa hat die Gelegenheit verpaßt.
-
-Die Nacht zum 1. Juni schlief ich zum ersten Male in unserem neuen
-Hause. Gerade ein Jahr, daß ich kein festes Dach, sondern immer nur
-Strohwände oder Zelt über mir hatte. Seit einem Jahr wieder einmal
-auf Holzdielen zu gehen, wenn auch noch so primitiven, ist ein Genuß!
-Jeder Schritt machte mir Vergnügen! Wenn mir nicht das Treppensteigen
-verboten wäre, würde ich aus Freude fortwährend herauf und hinunter
-gegangen sein. Wie ich stolz auf meine Treppe bin. Die Seligkeit,
-hoch zu wohnen! mit welcher Freude schließe ich Türen und Fenster; es
-ist mir alles noch so neu, ich möchte immer am Fenster stehen. Auch
-diese Freude ist afrikanisch! Ich freue mich schon auf Tom und seine
-Freude über unser stattliches Haus. Die Salzbäder, die ich nehmen
-soll, muß ich natürlich aussetzen. Der Doktor schilt; aber freilich,
-wenn es nach ihm ginge, so müßte ich stets liegen, und aus dem Umzug
-kann dann werden, was will. So haben die Boys wohl auch gedacht, denn
-nicht nur Mpischi, der schon seit Ostern liegt, sondern auch Mabruk
-ist schleunigst so krank geworden, daß er fort mußte, er bekommt aber
-natürlich seinen Lohn weiter, nun habe ich zum Umzuge nur einen Boy.
-Schammy, der kleine zehnjährige Bengel, ist mein Koch, seine Leistungen
-sind auch danach. Die kleinen Mädels müssen jetzt auch so helfen, daß
-sie ganz blaß aussehen, sie sind mir jetzt eine große Hilfe. Die drei
-Weiber, die ich noch habe, müssen buttern, Hühner besorgen, Geschirre
-waschen, sind sonst aber kaum zu gebrauchen. Denn sie verstehen kein
-Suaheli und vor allen Dingen wissen sie von keinem Gegenstande,
-wozu man ihn gebraucht, und diese Frauen habe ich jetzt schon vier
-Monate. Die schweren Sachen haben mir Träger herübergetragen, doch
-das ist ja das wenigste. Freilich klappt noch längst nicht alles, die
-Türen besonders bedürfen noch mancherlei Nachhilfe, ehe sie richtig
-schließen, ein Fenster hatte noch keinen Haken, so daß der Wind es
-gleich zerbrach usw.; überall sind noch Fundis tätig. Die Wohnung
-war zuerst hoffnungsgrün gestrichen; damit meine Vorhänge, Portieren
-usw. mit dem Anstrich harmonieren, habe ich sie jetzt noch einmal
-anstreichen lassen, und zwar rosa, -- eine andere Farbe hatten wir
-nämlich nicht, es wird jetzt aber sehr niedlich. Nur kann ich mir Tom
-mit seinem Rauchen nicht so recht in diesem zarten Milieu vorstellen.
-Nun sind noch Gardinen zu nähen und aufzustecken, denn am 1. Juli kommt
-der Gouverneur nun wirklich; er hat sich schon angemeldet, und da
-möchte ich doch mit allem fertig sein. Wenn wenigstens der Mpischi bis
-dahin gesund würde.
-
-Der Gouverneur will sich den Boden und die Ansiedlungsverhältnisse hier
-ansehen.
-
-
- 2. Juni 1897.
-
-Heute sah ich mich nach meinen kleinen Schützlingen um, zwei kleine
-Askarikinder, denen die Mutter gestorben und deren Vater auf einer
-Expedition geblieben ist. Das eine Kind ist erst ein halbes Jahr alt
-und bekommt jetzt von meiner Kuhmilch, das andere ist schon zwei Jahre
-alt; sehr niedliche Kleine sind es, leider haben sie Angst vor mir.
-Von dort ging ich zum Griechen, um Petroleum zu kaufen, er wird aber
-erst in sechs Wochen welches erhalten; hoffentlich reicht mein Vorrat
-noch so lange. Dann ging ich zur Bibi (Frau) Effendi, um mich für Eier
-und ein seidenes Taschentuch zu bedanken; letzteres wollte ich nicht
-annehmen und schickte es zurück, aber sie schickte es abermals wieder,
-und um sie nicht zu beleidigen, behielt ich’s, werde ihr wohl eine Uhr
-dafür zurückgeben, aber erst nach ein paar Tagen, denn sonst nimmt sie
-es übel.
-
-Wenn ich doch wenigstens ganz gesund wäre. Alle Tische für die Küche
-müssen auch erst gemacht werden, denn die ich bis jetzt in der
-Strohhütte hatte, sind in dem Boden festgemacht und beim Herausnehmen
-sind sie entzweigegangen; es waren allerdings nur Kistendeckel. Nun
-soll ich mich wieder schonen und Salzbäder nehmen, aber wann? In
-Kürze kommt der Gouverneur, und in solcher Zeit geht alles drunter
-und drüber. Dann bin ich Köchin, Dienerin und Hausfrau, d. h. ich
-repräsentiere deutsche Küche, Keller, Speisesaal und Salon hier alles
-in höchsteigener Person, so gut das eben hier, fern jeder Kultur, unter
-den schwarzen Menschenkindern sich tun läßt.
-
-
- 25. Juli 1897.
-
-Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll
-Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren
-Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht
--- und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch
-mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister
-Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger
-mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert -- zum
-erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein
-Leben.
-
-Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte,
-was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen
-Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte
-würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden
-Mann in wenigen Tagen furchtbar mitgenommen, elend und verfallen,
-aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In
-Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, -- wir sprachen
-gerade über das Sterben -- dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits
-hinüberzuschlummern -- wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne
-Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen.
-
-Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie
-mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der
-Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen
-Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg
-wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf
-Fugger[6] widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der
-nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte,
-darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet -- und die Trauerfeier war
-zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen
-Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer
-weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die
-Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst
-vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich
-den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an
-derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch
-Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.
-
-Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem
-Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb
-mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die
-in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten,
-wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann,
-schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des _bana
-mkubwa_ („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner
-Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem
-Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem
-Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit
-geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich
-werde Toms eigene Worte hierher setzen:
-
-
- (Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei Stunden vom Muassi-See.)
-
-„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen
-Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit -- der Stuhl ist beinahe so
-hoch wie der Tisch -- trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die
-komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:
-
-Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei
-Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen
-versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere
-Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in
-ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht,
-den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für
-absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also
-Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe
-mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem
-Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die
-Flüchtigen sich verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze
-Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten
-hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von
-unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der
-Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau
-zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am
-Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei
-Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den
-Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen
-etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen
-30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt
-gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute
-in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch
-etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten
-sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel -- auch hatten
-wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum
-war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer
-scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug,
-zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer
-in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen.
-Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich
-freiwillig angeschlossen hatte -- ein dritter Speer, der direkt von
-vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze
-war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien
-nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte
-mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er
-mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis
-zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine
-Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen
-nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht
-beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre
-ich ein gleichförmiges Schaben und Knirschen -- Tschirr! Tschirr! --
-da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung
-hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht
-hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht
-erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die
-Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen
-Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der
-Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die
-Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher
-Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins
-Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum
-Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und
-Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit
-ihnen wieder in die Höhle -- sofort saß dem Wahehe ein Speer in der
-als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die
-brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb
-meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise
-säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher
-und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der
-ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“
-
-Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch
-ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen
-Scherzes ausmalte.
-
-Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer
-die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt:
-„_Bana mkubwa!_“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die
-Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst
-ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger
-Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen
-Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck
-schrie ich laut auf.
-
-Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage
-auch noch die langersehnte Post. Einige Tage konnte Tom sich
-erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr
-mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich
-ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört
-erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und
-Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs
-geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber
-hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein
-Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte --
-alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter
-Wandschmuck verwerten lassen.
-
-Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des
-Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack --
-Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis
-zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger
-wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich,
-soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu
-Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so
-auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an
-der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen
-Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal
-wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.
-
-Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung.
-Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine
-Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe,
-denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der
-Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung:
-als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, --
-so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen -- es
-sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der
-etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten
-Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit
-zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine Patrouille, die die
-beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein
-Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten
-kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen
-ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen,
-denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung
-Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den
-bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn
-auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute
-Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt
-versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine
-unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei
-von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier
-sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!
-
-Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres
-Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den
-„Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das
-ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach
-dem Befinden seines Sultans erkundigt -- und das ist Tom für sie.
-Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali
-eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und
-andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft
-nicht mehr leisten können.
-
-Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer
-regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere
-deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit
-rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten
-Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt
-nicht zumuten kann -- von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten
-Luxus ganz abgesehen -- würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein
-Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer,
-daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein
-deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die
-selbst Hand anlegen, fänden hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet
-dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit
-europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten
-Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation
-im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen
-Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse
-Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung
-der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen -- doch halt! die
-Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ -- sie erhebt ihre Schwingen sogar
-bis zu dem kühnen Bilde einer -- Schmalspurbahn, die von Ngahoma am
-Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!
-
-Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der
-Sohn des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen,
-ihm aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach
-sei _Dr._ Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem
-Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf
-falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer
-andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über
-das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude
-erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.
-
-Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die
-sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun
-beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack -- sie
-drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in
-seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber
-zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke
-ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den
-Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte
-der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam,
-und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen
-einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd -- mit
-einem Mordskater! Natürlich war er sehr geknickt, als sie ihn mir
-anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife
-habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen
-Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos
-(Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte --
-sie war zu hübsch -- leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige
-Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines
-Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem
-Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch
-aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach
-besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir
-der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen -- die Herren
-sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung
-haben, in ein deutsches Haus zu kommen.
-
-Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm
-einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben
-dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten,
-als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In
-einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage
-genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten!
-Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir
-doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das
-Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne -- dann ging’s aber um
-so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich
-nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag
-geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang
-für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum
-Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein
-Wohnzimmer fix und fertig vorfand.
-
-Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen,
-dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte
-ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach festlichem deutschen
-Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen
-der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von
-der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen
-beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm
-aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil,
-die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben
-mußte.
-
-Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung
-der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter
-Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er
-vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die
-Station zusammengebracht.
-
-Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht
-bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte
-Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen
-Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das
-Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler
-wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa
-Auskunft gaben -- der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der
-Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben
-und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange
-eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür
-dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel
-terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer
-nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden
-Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden
-konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem
-Leben bezahlt hätte!
-
-
- 27. Juli 1897.
-
-Gestern abend, kurz vor Schlafengehen, brachte mir ein Wachtposten
-noch einen langen Brief von Tom. Aber anstatt der erwarteten Nachricht
-seiner baldigen Rückkehr lese ich, daß die Expedition sich wohl
-über vier Wochen ausdehnen wird. Sie waren bereits dicht an Quawas
-Lager heran, und nun suchen sie möglichst auf seine weiteren Spuren
-zu kommen. Das sind für mich recht böse Aussichten, denn nun ist der
-glückliche Wahn gründlich zerstört, daß dies unsere letzte längere
-Trennung gewesen sei. Tom schreibt, der Gouverneur sei sehr erfreut
-über die gute Disziplin der Wahehe, über das Nachrichtenwesen und die
-gute Laune, die trotz des zwölfstündigen Marsches in der schwierigen
-Gebirgsgegend bei den Leuten herrscht. Der Gouverneur wird sich
-dann von Tom trennen, um noch weiter die Bodenverhältnisse auf ihre
-Ansiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Soweit bis jetzt zu übersehen
-ist, eignet sich das Land ganz hervorragend zur Besiedelung, und Oberst
-Liebert will die Kolonisation nach Kräften beschleunigen.
-
-Heute beehrte mich der Sultan von Mahenga, mein alter Freund Kiwanga
-aus Perondo, mit seinem Besuch. Zu dieser Antrittsvisite hatte er sich
-800 Leute aus Perondo mitgenommen, eine Vorsichtsmaßregel, die ich ihm
-eigentlich nicht verdenken kann; der schlaue Fuchs Quawa hatte ihm
-nämlich durch einen Msassagira-Boten sagen lassen, er solle sofort
-mit seinen Leuten sich Quawa anschließen, der Sakkarani (nämlich
-Tom) wolle ihn hängen lassen. Kiwanga hatte jedoch Vertrauen zu Toms
-früherer Zusage, er lieferte den Quawa-Boten an Leutnant Kuhlmann
-aus und machte sich auf den Weg zu uns; so ganz sicher schien er
-aber seiner Sache nicht zu sein, wenigstens mußte ich ihm immer und
-immer wieder versichern, daß Tom ihn nicht zu dem Zwecke herbestellt
-habe, um ihn hier aufzuknüpfen, und es gelang mir auch, sein Zutrauen
-vollständig zu festigen. Er bemühte sich dann noch eifrigst, mir den
-Hof zu machen; daß er dabei meinen Mann bis in den Himmel hinein lobte
-und pries, hielt er für das geeignetste Mittel, seiner Huldigung
-besonderen Nachdruck zu geben. Als Freund Kiwanga sich endlich empfahl,
-kam Pater Alfons zum Abendbrot, mit dem ich dann noch ein gemütliches
-Plauderstündchen hielt.
-
-
- 28. Juli 1897.
-
-Pater Alfons kam heute zum Frühstück. Dann machte ich einige
-photographische Aufnahmen von Kiwangas Leuten. Ihn selbst
-photographierte ich vor seinem Zelt, mit seinem Tisch, Stuhl, Flasche,
-Glas und Teller; auf seine europäische Zelteinrichtung ist er nämlich
-sehr stolz. Beim Griechen hatte er sich soeben einen eleganten Anzug
-und neue Schuhe gekauft, da ihm seine Safari-Garderobe für die Station
-nicht mehr ansehnlich genug erschien. Als ich mein Bad genommen und die
-verordneten Umschläge gewissenhaft erledigt hatte, ließ ich mir von
-Kiwanga und seinen 800 Kriegern ihre _ngoma_ (das Wort bedeutet sowohl
-„Trommel“ und „Musik“ wie auch „Tanz“) vorführen, zuerst den Kriegstanz
-der Mafiti, dann den der Wahehe. Kiwanga ist reiner Mhehe, sein und
-Quawas Vater waren rechte Vettern, deren Feindschaft auch auf die Söhne
-forterbte.
-
-Es war ein interessantes Schauspiel, die 800 wilden Kerle in der ganzen
-Eigenart ihrer heimischen Kampfweise diese Kriegsspiele, denn auf die
-Darstellung eines Angriffes läuft die ganze Sache hinaus, vor mir
-manövrieren zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir doch eine gewisse
-Verlegenheit bereitete, vor dieser ganzen Menschenmenge als die _Bibi
-mkubwa_, die „große Frau“, gefeiert zu werden, besonders da Kiwanga an
-der Spitze seiner Leute mir seine Huldigung erwies. Der Sultan führte
-die ganze Sache selbst und tanzte und sprang mit einer Gewandtheit
-und einem feierlichen Ernst, der in den europäischen Kleidern etwas
-unsagbar Komisches hatte. Erst als die neuen Schuhe, die auf derartige
-Kriegsstrapazen nicht geeicht waren, ihm an den Füßen zerplatzten, und
-seine Leute von dem tollen Rennen und Brüllen erschöpft waren, ließ
-er mich durch den Effendi um die Erlaubnis bitten, das Kriegsspiel
-beenden zu dürfen. Ich ging nun zu ihm und bedankte mich für das schöne
-Schauspiel, worauf er mit seiner Kriegerschar sehr befriedigt abzog.
-Daß die ganze Stadt sowie unsere Askaris mit Weibern und Kindern als
-Zuschauer versammelt waren, versteht sich von selbst, eine „große
-Parade“ wirkt immer und überall „aufs Zivil“.
-
-Als besonders komischen Zwischenfall muß ich noch die Heldentat meiner
-beiden Hunde Schnapsel und Pombe erwähnen. Mit wütendem Gebell fuhren
-sie einem der Mafiti, der ihnen etwas zu nahe gekommen war, in die
-Beine und verfolgten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer weit über
-den Plan. Es gelang mir nur schwer, ihren kriegerischen Sinn wieder
-soweit zu dämpfen, daß sie von der Verfolgung abließen, dann setzten
-sie sich aber mitten auf den Platz, gleichsam als die Angriffsobjekte
-des ganzen Manövers, und beobachteten mit mißtrauischem Ohrenspitzen
-jede Bewegung ihrer Feinde, entschlossen, nur der Übermacht zu weichen.
-
-Abends kam Kiwanga, um Abschied zu nehmen; er wird morgen in aller
-Frühe abmarschieren, um sich mit seinen Leuten Tom anzuschließen. Er
-bat mich, ihm einen Brief an meinen Mann mitzugeben, was ich denn auch
-tat. Der schwarze Bundesbruder hat mir doch viel Zerstreuung geboten,
-und das hat mir gerade in diesen Tagen recht wohl getan, es blieb mir
-nur wenig Zeit, meinen trüben Gedanken nachhängen zu können. Besonders
-erbaulich war nun freilich nicht alles, womit mein Gastfreund mich
-zu unterhalten suchte; so schilderte er mir recht anschaulich, daß
-sein Bruder Sagamaganga zehn von seinen jungen Weibern aufgehängt und
-sich dann selbst vergiftet hat. Beweggrund auch hier: _Cherchez la
-femme._ Ich habe diesen Sagamaganga, der einer der mächtigsten
-Sultane zwischen Mahenga und Schabruma war, zusammen mit seinem Bruder
-Kiwanga auf einer Photographie, er war ein auffallend stattlicher,
-hübscher Neger.
-
-
- 29. Juli 1897.
-
-Heute früh marschierte Kiwanga mit seinen Leuten ab. Nachmittags
-kam _Dr._ Stierling aus Idunda zurück, er hat dort Leutnant Fonck
-behandelt, der an Malaria erkrankt war, sowie einen augenleidenden
-Unteroffizier. Den Besuch in Idunda hatte _Dr._ Stierling um 14 Tage
-verschieben müssen, da er hier den Bauleiter Hentrich, der krank von
-der Küste ankam, nicht ohne ärztliche Behandlung lassen konnte; jetzt
-hat sich Herr Hentrich einigermaßen erholt; er sieht schon viel wohler
-aus wie bei seiner Ankunft von der Küste. Wie es in Idunda steht, werde
-ich wohl morgen von _Dr._ Stierling erfahren.
-
-[Illustration: Lagerleben: Askarizelte. (Zu S. 131.)]
-
-[Illustration: Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche. (Zu S. 131.)]
-
-
- 3. August 1897.
-
-Am 1. August kam Oberst Liebert zur Station zurück, mit ihm Herr v.
-Bruchhausen und Graf Fugger, während Tom die Expedition weiter leitete.
-Wenn auch der Zweck nicht erreicht war und unser Todfeind Quawa auch
-diesesmal wieder entkam, so sprach der Gouverneur doch seine Freude
-aus, jetzt auch den „afrikanischen“ Krieg praktisch kennen gelernt zu
-haben; wie Tom so hat auch er mit seinen Begleitern einen Höhlenkampf
-mitgemacht: er war an eine der Höhlen herangetreten, um die Insassen
-zum friedlichen Herauskommen zu bewegen, als ihm ein Schuß aus
-nächster Nähe entgegenkrachte. Der Geistesgegenwart seines Boys, der
-ihn zurückriß, hat der Gouverneur es zu verdanken, daß ihn die Kugel
-nicht traf. Eine solche unterirdische Kriegführung war ihm, wie er
-mir lachend erzählte, weder 1866 in Böhmen, noch 1870 in Frankreich
-vorgekommen.
-
-In Tanangosi hatte sich unser Freund Kiwanga ihm angeschlossen und
-seine Krieger für den Quawafeldzug zur Verfügung gestellt. Jetzt war
-er wieder zurückgekehrt. Er schien sehr beglückt, daß der Gouverneur
-seine Leute gelobt habe, als er sie ihm truppweise „im Laufschritt“
-vorgeführt hatte und ließ es sich nicht nehmen, seine Scharen nun auch
-im Kriegstanze zu zeigen, von dem ich dem Gouverneur viel erzählt
-hatte. Dabei wurde ich durch die unbewußte Galanterie eines dieser
-schwarzen Helden etwas in Verlegenheit gesetzt: anstatt vor dem
-Gouverneur kniete einer der den Reigen anführenden Wahehekrieger vor
-mir nieder; auf meinen Wink verbesserte er aber sofort diesen Irrtum
-und brachte dem Gouverneur seine Huldigung. Natürlich tanzte dazu auch
-diesesmal der Sultan höchsteigenbeinig an der Spitze seiner Leute;
-es mag dem Gouverneur nicht leicht geworden sein, angesichts dieser
-grotesken Figur in weißer Uniform mit Tropenhelm, die mit geschwungenem
-Säbel die unglaublichsten Luftsprünge ausführte, den nötigen Ernst zu
-bewahren. Diesesmal waren Kiwangas Schuhe übrigens der anstrengenden
-Übung gewachsen.
-
-
- 4. August 1897.
-
-Heute verabschiedete sich der Gouverneur von uns, um den Rückmarsch
-nach der Küste über das Utschungwa-Gebirge anzutreten. Leutnant
-Passavant war nach Idunda gegangen, um dort die 3. Kompagnie zu
-übernehmen. Bezirksamtmann Zache blieb bei der 6. Kompagnie, die der
-Gouverneur nebst der 2. Kompagnie zur Verstärkung der Stationen in
-Uhehe für den Vernichtungskampf gegen Quawa hier gelassen hat. Nur
-Herr v. Bruchhausen kehrte wieder mit an die Küste zurück. Kiwanga und
-seine Krieger gaben ihnen das Geleite. Es waren schöne, frohbewegte
-Tage, die hinter uns liegen. Möchte dieser Zug des Gouverneurs durch
-das Gebirgsland Uhehe bald segensreiche Früchte für unsere neue
-Heimat tragen. Der Abschied war herzlich, Oberst Liebert sprach Tom
-seine Anerkennung aus für alles, was er hier geschaffen, und auch ich
-kam nicht zu kurz dabei als „erste deutsche Hausfrau im Innern von
-Deutsch-Ostafrika“. Der Gouverneur legte mir besonders dringend ans
-Herz, unter allen Umständen hier zu bleiben, wo wir unentbehrlich
-seien. Unentbehrlich??... _Qui vivra verra!_
-
-
- 17. August 1897.
-
-Von Leutnant Stadlbaur erhielt ich eine zierlich als Brosche in
-Gold gefaßte Löwenklaue, von einem Löwen, den er hier geschossen
-hat; ich habe ihm für dieses hübsche afrikanische Geschenk heute
-schriftlich gedankt. Der Besuch des Gouverneurs bietet unerschöpflichen
-Gesprächsstoff, wir sitzen zuweilen bis spät in die Nacht hinein und
-leben die bewegten, ereignisreichen Tage noch einmal in der Erinnerung
-durch. Auch Graf Fugger leistet uns oft Gesellschaft. Gestern abend
-haben wir den neuen Zahlmeister und den neuen Pater „angefeiert“. Die
-Stimmung war deshalb besonders froh, weil aus Bueni gute Nachrichten
-eintrafen; die Bewohner kehren allmählich wieder in ihre Temben zurück.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-+Sechstes Kapitel.+
-
-Auf Safari. Beendigung des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod.
-
-
- Am 11. November 1897.
-
-Schwere Wochen liegen hinter uns, ich war sehr krank -- am 18.
-August traten die ersten Anzeichen einer schweren schmerzhaften
-Leberentzündung auf, die mich wochenlang ans Bett fesselte. Gott
-sei Dank, es bildete sich kein Leberabszeß, so daß die gefürchtete
-Operation nicht nötig wurde. Allein die furchtbaren Schmerzen, die
-zeitweise kaum durch die vierzehn Tage lang regelmäßig angewandten
-Morphiumeinspritzungen bewältigt werden konnten, hatten mich sehr
-mitgenommen. Und mein armer Mann! Zu allen Sorgen und Lasten des
-Tageslaufs nun noch der einzige Pfleger seiner schwer kranken Frau!
--- Als ich wieder mich in Haus und Garten bewegen konnte, war Tom
-selbst so gründlich herunter, daß er notgedrungen einmal ein paar Tage
-ausspannen mußte.
-
-Am 11. Oktober gingen wir auf Safari, d. h. wir zogen für drei Tage
-„auf Sommerfrische“ in die Berge. Das waren drei herrliche Tage, in
-denen kein Schauri, kein Dienst, kein Berichtschreiben unsere Ruhe
-störte. Unsere Askaris und Träger wurden stets nach dem jeweiligen
-Lagerplatz vorausgesandt, und wenn Tom und ich dann nach kürzerer oder
-längerer Wanderung durch die herrliche Landschaft ankamen, fanden wir
-Zelt und Kochplatz bereits fertig vor. Abends bot dann unser Ruheplatz
-ein besonders malerisches Bild; wenn sich die abenteuerlichen Gestalten
-unserer Begleitung um das hellodernde Wachtfeuer drängten. Für diese
-drei Tage war die unausgesprochene Losung: „_pole pole_“, d. h. ruhig,
-mit Bedacht! -- keine Überstürzung -- ganz im Gegensatz zu unseren
-sonstigen Safaris, wo meist alles Hals über Kopf gehen mußte. Aber
-so ein „_take it easy_“ hat doch seine großen Reize, man kommt erst
-eigentlich zum Bewußtsein der herrlichen Gotteswelt, in der wir uns
-bewegen; welche Farbenpracht der Vegetation, welche Mannigfaltigkeit
-der Linien, in denen Berg und Tal sich abheben, jeder Baum, jeder
-Felsen von anderer Form wie sein Nachbar, oft grotesk und allem mir
-bisher Bekannten spottend -- und doch: welche Harmonie liegt über
-diesem Gesamtbild! Vor unserem Zelte ein frisch dahinströmender
-Gebirgsfluß, dessen Rauschen unwiderstehlich lockt, als Abschluß des
-Bildes die dunkle Wand des Urwaldes. Und dazwischen wir munteren
-Menschenkinder, die wir in dieser grandiosen Natur Erholung suchen nach
-sorgenvollen Tagen! Wahrlich, nirgends fühlt man sich seinem Schöpfer
-näher, als inmitten seiner gewaltigen Werke....
-
-So großartig das Landschaftsbild auch war, es konnte doch die
-Erinnerung an unsern deutschen Wald nicht verdrängen. Ich habe vor
-Jahren einmal irgendwo in einer Reiseschilderung einen Vers gelesen:
-„Das starre Laub am fremden Holz, es ist zum Flüstern viel zu stolz“.
-In der Tat, das geheimnisvolle Leben und Weben, das Flüstern und Kosen
-der leicht beweglichen Blätter, das unserem lieben deutschen Laubwald
-eigen, ist dem Tropenwald fremd. Oberon und Titania mit ihrer luftigen,
-lustigen Elfenschar kann ich mir nur im Rauschen unserer Eichen und
-Buchen oder auf dem Moosteppich unserer dunkeln Tannenwälder vorstellen.
-
-Am zweiten Tage unserer Safari fand ich Gelegenheit, in einem prächtig
-klaren Gebirgsfluß, der ausnahmsweise einmal kein felsiges, sondern
-sandiges Ufer hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da mir das
-Gewässer in Bezug auf Untiefen, Stromschnellen und Wirbel unbekannt
-war, mußte ich meiner Lust nach einer längeren Schwimmtour Zügel
-anlegen; daß man hier während des Badens auf das Auftauchen eines
-„Kiboko“ (Nilpferd) gefaßt sein muß, erhöht den Reiz ganz wesentlich
--- unsere deutsche Schuljugend plätschert ja bekanntlich auch mit
-Vorliebe an den Stellen im Fluß herum, die durch eine Tafel: „das
-Baden ist an dieser Stelle streng verboten“ als besonders geeignete
-Badeplätze kenntlich gemacht werden, und ob man sich dabei schuldbewußt
-nach dem Flurschützen und Gendarm oder nach einem Kiboko umschaut, das
-ist -- ohne jede anzügliche Beziehung zwischen heimatlicher Obrigkeit
-und afrikanischer Zoologie -- schließlich doch ganz egal! Selten hat
-mir im Leben ein Frühstück so gut geschmeckt wie der Spickaal, den ich
-mir nach diesem Bade spendierte.
-
-An demselben Tage kamen wir auch an Höhlenwohnungen vorüber, wie sie
-unsere Herren kürzlich aufgestöbert hatten; diesmal ging der Besuch
-aber friedlich ab. Von der Bergspitze aus bot sich ein prachtvoller
-Anblick über die im saftigsten Grün und farbigem Blütenschmuck
-prangenden Wiesenflächen im Tal, durchzogen von silberglänzenden
-Gebirgsbächen, dazu der frische, erquickende Bergwind, der uns die
-Lungen weitete und das Blut frischer durch die Adern pulsieren
-machte. Beim Anblick dieser Landschaft wurde das Geheimnis von Quawas
-unerschöpflichen Hilfsquellen offenbar: das Land ist so fruchtbar, daß
-an ein Aushungern nicht zu denken ist. Die Felder und Wiesen sind so
-reichlich bewässert, daß sie selbst im heißesten Sommer nicht unter
-der hier sonst gewöhnlichen Dürre zu leiden haben; in jedem der vielen
-kleinen Seitentäler, die oft nur schluchtenartig vom Gebirgskamm
-ausgehen, finden sich Bäche, deren Wasserreichtum das ganze Jahr
-hindurch aushält. Auf dem Rückmarsch konnte ich es mir nicht versagen,
-in eine jener Höhlen hineinzuklettern, die mir durch die Kämpfe im Juli
-besonders interessant geworden waren. Wie sah es da aus! Mir krampfte
-sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß Tom unsere Feinde in
-solchen unterirdischen Gängen und Höhlen aufgesucht hatte, und ich
-dankte Gott, daß er ihn in dieser furchtbaren Gefahr beschützt hatte.
-Tom sprach freundlich zu den Bewohnern dieser Höhlenniederlassung, er
-hielt ihnen vor, was für ein elendes Dasein sie führten im Vergleich
-mit ihren Stammesgenossen, die unter dem Schutze der Deutschen wieder
-ihre Felder bebauen, erzählte ihnen, wie sie von dem gefürchteten
-Quawa weder etwas zu fürchten noch zu erhoffen hätten, und bewog sie,
-sich in der Nähe von Prinages Boma wieder anzubauen.
-
-Wir hatten die Karawane vorausgeschickt und fanden unser Zelt beim
-Eintreffen auf dem Ruheplatz fertig vor. Um für das Lager den
-nötigen Platz zu gewinnen, hatten die Träger das hohe verdorrte
-Gras angezündet; so saßen wir denn, angesichts dieses kleinen
-Steppenbrandes, vergnügt beim Frühstück. Die Sache gefiel mir ungemein,
-es lag ein gut Teil Romantik in der Szene, so etwas wie „Lederstrumpf“-
-und „Waldläufer“-Poesie, unsere schwarzen Askaris und Träger an
-Stelle der Komanchen, Apachen oder Sioux, es gehörte wirklich wenig
-Phantasie dazu, sich die Lieblingslektüre aus der Jugendzeit hier in
-die Wirklichkeit zu übertragen. Lange konnten wir uns dem Zauber dieses
-schönen Bildes nicht hingeben; der Wind hatte sich gedreht, und der
-beizende, scharfe Rauch trieb uns die Tränen in die Augen. Zugleich
-nahm der Steppenbrand die Richtung direkt auf unseren Lagerplatz.
-Schnell ließ Tom sämtliche Askaris und Träger antreten und den Raum
-zwischen uns und dem Feuer von allem Brennbaren, wie Gras, Buschwerk
-und ähnlichem säubern. Zuweilen suchte sich eine Flamme aus der
-lodernden Steppe durch das von unseren Leuten künstlich isolierte
-Gebiet zu drängen, da hieß es, gut aufpassen und sie noch rechtzeitig
-ausschlagen, damit sie nicht bis zum Zelt kam. Aufregender wurde die
-Sache, als plötzlich der Feind uns im Rücken angriff! Rasch wurde auch
-auf dieser Seite eine neutrale Zone hergestellt, so daß wir endlich
-richtig zwischen zwei Feuern saßen. Zum Glück war der Wind nicht stark,
-unser Zelt mit all unseren Vorräten wäre sonst verloren gewesen, so
-kamen wir mit einigen angesengten Kleidern davon. Mit großem Interesse
-beobachtete ich das eigentümliche, sozusagen sprungweise Vorgehen
-des Feuers, das ganz plötzlich, ohne sichtbare Verbindung mit dem
-Hauptherde, an einzelnen entfernteren Stellen aufflammte, während ich
-andererseits wieder, nachdem das Feuer niedergebrannt war, mehrfach
-einzelne lange, trockene Grashalme unversehrt aus der Asche hervorragen
-sah, an denen Glut und Flamme vorbeigezogen waren. Am anderen Morgen
-hatten wir anfangs einen bösen Weg durch all die Asche zu machen, bevor
-wir wieder im grünen „Pori“ unsere Erholungs-Partie fortsetzen konnten.
-
-An diesem letzten Tage unserer Safari (14. August) machten wir noch
-eine lange „_pumsika_“, d. h. Ruhepause; wir wollten den Tag noch recht
-auskosten und erst spät abends nach der Station zurückkehren. So zogen
-wir denn abends auch nicht auf der Hauptstraße ein, sondern ritten um
-die Boma herum nach unserem Hause, um den Abend noch für uns allein zu
-haben. Mit dem Erfolge unserer Safari konnten wir in jeder Beziehung
-zufrieden sein -- politisch, weil es Tom gelungen war, die Leute zu
-überzeugen, daß sie von Quawa hier in unserer Nähe nichts zu fürchten
-haben, um wieder viele von den verschüchterten Eingeborenen zur
-Ansiedelung in der Nähe der Station zu veranlassen, und gesundheitlich,
-weil diese abwechslungsreichen Tage uns beiden frische Kraft,
-körperlich wie seelisch, gespendet hatten.
-
-Für Tom, der nur drei Tage auf der Station bleiben konnte, begann
-nun wieder eine endlose Reihe von Schauris; die Wahehe fingen
-an, des ewigen Kriegszustandes müde zu werden, und es kostete
-Tom übermenschliche Geduld, den Jumben immer und immer wieder in
-eindringlicher Rede klar zu machen, daß der Kampf bis zur Vernichtung
-fortgesetzt werden müsse, ehe sie auf Ruhe und Frieden rechnen könnten.
-Das waren sorgenvolle Stunden, als an dem zum Abmarsch bestimmten
-Tage sich keiner der versprochenen Wahehe sehen ließ! Endlich gegen
-Abend trafen sie ein, und zwar noch in größerer Zahl, als Tom erwartet
-hatte. Am anderen Tage brach Tom auf, die 500 Wahehe, zum Teil ganz
-prächtige Kerle, schlossen sich ihm an. Diesmal nahm er auch unseren
-Forstmann, Herrn Ockel, mit, der an einer geeigneten Stelle eine
-Versuchs-Landwirtschaft anlegen soll. Bei diesem Zuge durch unser
-Gebirgsland hat er die beste Gelegenheit, die Verhältnisse kennen
-zu lernen. Herrn _Dr._ Fülleborn gelang es, eine Anzahl recht guter
-photographischer Aufnahmen von unseren Wahehe zu machen; besser
-wie die meinigen, denn mein „Momentverschluß“ funktionierte nicht
-rasch genug. _Dr._ Fülleborn arbeitet allerdings auch mit einem
-Apparat, der ihm mit allem Zubehör 2000 Mark gekostet hat. Die
-Gelegenheit zu anthropologischen Studien und Schädelmessungen hat er
-hier mit fabelhaftem Fleiße und bestem Erfolge ausgenutzt. Am 26.
-August marschierte _Dr._ Fülleborn hier ab, um sich der Expedition
-anzuschließen. Wie gern hätte ich ihn begleitet, um wieder in Toms
-Nähe zu sein. Auch Herr v. Kleist, der mir nach Toms Abmarsch stets
-treulich Gesellschaft geleistet, hätte den Zug gern mitgemacht, aber
-am 28. Oktober traf mittags 1 Uhr die Post ein, die ihm den Befehl
-brachte, an Leutnant Engelhardts Stelle nach Songea abzugehen -- zwei
-Stunden später war er schon unterwegs. Ein interessantes Jagdabenteuer
-des Leutnants Braun erfuhr ich von _Dr._ Stierling, der jetzt von
-Idunda zurück ist. Auf einem Jagdausflug sah Leutnant Braun sich
-plötzlich einem Trupp von fünf Löwen gegenüber. Zwei davon brachte er
-zur Strecke, zwei andere entkamen, nur eine alte Löwin stürzte sich auf
-ihn und schlug ihr Gebiß in seine linke Seite -- ein Wunder, daß sie
-nicht ein paar Rippen zermalmt hatte. Leutnant Braun verlor aber in
-dieser gefährlichen Lage nicht die Besonnenheit: er schob die Mündung
-der Büchse mit der Rechten unter dem linken Arm durch und drückte ab,
-zum Glück traf die Kugel so sicher, daß die Löwin tot zusammenbrach.
-Als alles vorbei, erschienen auch die Askaris und Träger, die gleich
-beim ersten Auftauchen der Löwen sich im Pori verkrochen hatten, und
-trugen den schwerverwundeten Jäger nach der Station. Jetzt, nachdem die
-Bißwunden gut geheilt, freut Leutnant Braun sich seines afrikanischen
-Abenteuers.
-
-Tom schreibt recht zufrieden über den Verlauf seiner Expedition.
-Zunächst ist Quawas wichtigster Msagira und Ratgeber, Mkakao, gefallen,
-und vier Weiber von Mpangire nebst dessen fünf Kindern sind gefangen.
-Bis jetzt hat Tom schon 400 Gefangene; das sind Verluste für Quawa, die
-er nicht mehr wieder gutmachen kann.
-
-[Illustration: Lagerleben: Wasserträger. (Zu S. 131.)]
-
-[Illustration: Lagerleben im Urwald: Ruhepause. (Zu S. 141.)]
-
-Um die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen, suche ich täglich an
-Arbeit zusammen, was irgend geht. Große Kleiderrevision mit Nähen und
-Flicken, Küche und Speisekammer werden gründlich kontrolliert und
-eine allgemeine Inventur gemacht, -- letztere schien mir besonders
-nötig, denn es war mir bezüglich der Ehrlichkeit meiner schwarzen
-Hausbediensteten manches verdächtig vorgekommen. Richtig erwischte ich
-auch einen der Boys, wie er eine ihm vom Koch zugesteckte Flasche Wein
-in Sicherheit bringen wollte. Eine Revision unseres Weinvorrates hatte
-natürlich ein sehr betrübendes Ergebnis: die Kerle hatten gestohlen
-wie die Raben. Natürlich ließ ich sie, obschon es bereits 9 Uhr abends
-war, sofort zur Wache bringen. Den Koch freilich muß ich mir bei Toms
-Rückkehr wiederholen, denn dann ist er mir unentbehrlich -- und das
-Schlimmste bei der Sache ist, daß die schwarzen Schlingel das selbst
-ganz genau wissen.
-
-Auch das Photographieren betreibe ich eifrig, es gelingt mir aber
-nicht, auch nur halbwegs so gute Bilder zu erzielen wie _Dr._
-Fülleborn. Am besten geriet noch eine Aufnahme, die ich von einer
-„_mpepo_“ machen konnte, der ich in der Hauptstraße begegnete. Mit
-grellbunten Tüchern, Perlenschnüren und Fellen behangen, das Gesicht
-rot und weiß bemalt und gepudert, durchzieht diese „Besessene“ (_mpepo_
-bedeutet eigentlich „Geist“, „Wind“, „Sturm“, dann in weiterem Sinne
-eine von einem Geist Besessene, Hexe, Zauberin) die Straßen, begleitet
-von einer ihr ergebenen Frau, die ihre Verzückungen und wirren Reden
-dem staunenden Volke ausdeutet. In diesem oft wochenlang anhaltenden
-Zustand darf der „_mpepo_“ kein Mann zu nahe kommen -- im gewöhnlichen
-„nicht besessenen“ Zustande dagegen ist sie nichts weniger als
-Männerfeindin -- an die von ihr gebrauten Liebestränke und andere
-„_Dawa_“ glauben die Schwarzen natürlich unerschütterlich fest. Leider
-konnte ich diese schwarze Miß Mabel Vaughan nicht während eines ihrer
-wilden Tänze photographieren, da der Momentverschluß meines Amerikaners
-wieder nicht klappte. Die Spekulation auf die Dummheit der lieben
-Mitmenschen macht sich übrigens auch hier bezahlt -- diese „_mpepo_“
-hat sich ein ganz ansehnliches Vermögen zusammengezaubert.
-
-
- 14. November 1897.
-
-Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom
-entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begegneten, erzählten,
-Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut
-munter vorwärts -- da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz
-entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der
-Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte
-sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen
-Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ
-ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich
-selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am
-Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns:
-also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er
-behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn
-bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber
-so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor
-der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese
-Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem
-Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg
-frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an
-dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die
-heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern
-begrüßt wurde.
-
-Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen.
-Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga,
-die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und
-Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere
-dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und
-ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen
-vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir
-behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen
-Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit
-dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur
-Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine
-Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen Tränen standen ihr in
-den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte
-Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.
-
-Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen
-Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen
-Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen
-Innern Ostafrikas.
-
-Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem
-Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer
-Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine
-tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein
-ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens
-zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans;
-diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur,
-die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er
-hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft -- zu meinem Bedauern; es
-sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu,
-wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu[7]
-auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner
-Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf
-einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der
-Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er
-es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel
-zu kommen.
-
-
- Auf dem Marsche nach Likininda.
-
-Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage
-sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen
-und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für
-diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn
-Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten,
-daß sie einige Zeit hindurch dem sehr tüchtigen Betschausch überlassen
-werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien
-angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer
-Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den
-Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm
-den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung
-Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere
-Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.
-
-Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an
-diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden
-weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders
-anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der
-Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen
-Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht
-sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim
-Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei
-Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten
-in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben
-machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an
-die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser
-menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu --
-stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen
-Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen
-müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den
-Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage.
-Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere
-Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der
-Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom
-verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl
-zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir
-die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der
-nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den
-Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt
-geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante
-Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen
-Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden
-hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher
-kannten.
-
-
- +Dabagga+, 21. November 1897.
-
-Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten
-Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau
-auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich
-gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz
-die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja
-übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms
-aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch
-führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere
-Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den
-wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.
-
-Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die
-Tiere selbst zu stoßen -- zu meinem Bedauern -- ich hätte diese
-Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem
-zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet.
-Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes
-Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von
-Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach
-der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein
-Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren
-Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen
-zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können;
-ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den
-Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die
-Baumriesen zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein
-schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch
-seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse
-erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle
-unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen
-ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom
-und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns die
-Erklärung, dies sei das Tal des _Muúngu_ (Gott), welches die Menschen
-nur +schweigend+ betreten dürften, -- wer dies Gebot übertrete, über
-den habe der _Sheitani_ (Teufel) Macht und werde ihm auf dem weiteren
-Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte zu reinigen, daß wir
-nunmehr dem _Sheitani_ verfallen, ließ Tom zum Entsetzen der Karawane
-Signale blasen, die das Echo der Berge weckten; als da kein _Sheitani_
-erschien, beruhigten sich die abergläubischen Schwarzen sichtlich
--- der schwarze Teufel hat also augenscheinlich keine Gewalt über
-Europäer. -- Wir fanden dieses ganze Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser
-gab’s überreichlich, Bergbäche mit kristallklarem Wasser durchziehen
-die Täler, üppiger Farnwuchs deutet auf guten Boden. Zum Plantagenbau
-ist die Gegend sicher besonders geeignet, ob für den Pflug, scheint mir
-fraglich; die Hänge sind sehr steil.
-
-
- +Kuifuiri+, 23. November 1897.
-
-Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu
-großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere
-herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen;
-zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden,
-aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden.
-Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch
-(von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines
-Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in
-dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt
-abgebrochen, während des Frühstücks auch das Wohnzelt; dann ertönt
-Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während
-des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden
-zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum
-Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit
-Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche
-Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch
-einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird
-eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten,
-Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie
-Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen
-Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.
-
-
- +Uquega-Likininda+, 2. Dezember 1897.
-
-Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis 4
-Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: der
-Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung
-bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang
-bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den
-Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war
-und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß,
-den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in
-vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.
-
-Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die
-Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind
-zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem
-großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin
-sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam
-uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend
-nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil,
-als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte
-übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der Nähe
-kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten
-Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit
-üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen
-Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht.
-Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend
-nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger
-Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt.
-Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger
-Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam
-abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu
-verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig
-entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig
-am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern
-waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige
-Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder
-Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen
-Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle
-Feldarbeit obliegt.
-
-Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der
-Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat,
-wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber,
-wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der
-Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ
-Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren
-bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende
-mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’
-und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die
-Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere
-Quawa-Krieger waren gefallen.
-
-
- +Lukossi+, 3. Dezember 1897.
-
-Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe,
-zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Ausgabe von Chakula an
-Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der
-Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer wegen.
-Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; er hat sicher
-früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den Dampferpassagieren
-ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen produzieren, indem sie nach
-kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen von Bord aus zugeworfen werden.
-Es wurde unerträglich heiß: nirgends ein Baum oder Strauch, nur der
-heiße ausgedörrte Boden, dazu kein Lufthauch -- der Marsch über die
-steilen kahlen Berge in der glühenden Sonnenhitze ließ mich die Leiden
-einer Safari gleich _en gros_ empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden
-weit. Auch das Lager mußten wir an einem gänzlich schattenlosen
-Bergabhang aufschlagen und den Tag über im Zelt bleiben. Das einzig
-Angenehme dieses Marschtages war ein hübscher Blick nach einem
-Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze Anzahl bildet.
-
-
- +Manasanga+, 4. Dezember 1897.
-
-Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch
-bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas
-Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen
-prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während
-des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind
-in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden
-Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der
-Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern
-verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe
-brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu
-ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu
-bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche
-Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich
-abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir
-heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. -- Das Gelände scheint
-günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.
-
-
- Landschaft +Quihangana Mwakikongo+, 8. Dezember 1897.
-
-Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und
-Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir
-die Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last
-(es war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät).
-In 5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen
-wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen
-besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine
-Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen
-die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken
-allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am
-anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar
-ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet;
-hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz
-zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme
-büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch
-emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche
-Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in
-ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht,
-die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von
-Feldblumen -- mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen
-Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier:
-sie dufteten lieblich.
-
-Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das
-bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein
-großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin
-aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich
-begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden
-marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo.
-Die Gegend scheint ihres Grasreichtums am meisten zur Viehzucht
-geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt,
-auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den
-Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern,
-während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute
-sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man
-sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen
-Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans
-Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen,
-Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee,
-Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel,
-der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück
-Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen
-Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten.
-Dem Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt,
-befindet sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den _„le plus
-haut-gôut“_ nur eine schwache Andeutung ist.
-
-
- Station +Iringa+, 11. Dezember 1897.
-
-Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder
-eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes
-belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen
-zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen
-sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich
-freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden
-und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute
-für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war
-jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während
-solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine
-gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen
-riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der
-der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. -- Kurz
-vor Himbu erreichten uns Boten von der Station mit Briefen: auf der
-Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal
-über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa.
-In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen
-Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche
-erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge:
-jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als
-Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris
-geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf
-machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und
-zutraulich -- noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und
-ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes
-Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie
-mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren,
-konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben
-Verbandmittel für ihre Leute verteilen.
-
-Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem
-vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich
-traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein:
-Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war
-mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich
-Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann -- davon die Hälfte mit
-Hinterladern bewaffnet -- gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab.
-Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das
-Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne
-Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der
-Ombascha zur Station weiter eilte. _Dr._ Stierling ist gleich mit
-Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit ohne
-ärztliche Hilfe -- trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller
-Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher
-immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden
-Wegs abseits unserer letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger
-nennen Tom den „_Kapirimbu_“, d. h. „der alle Kraft an sich zieht“.
-Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen Sultans groß:
-unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen und Schutz
-vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, und gerade
-jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. An Stelle
-des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn aufsuchen und
-seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr nach der Station
-Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer großen Überraschung
-auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann v. Prittwitz’
-Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant Kuhlmann ließ es
-sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt zu feiern. Mit dem
-Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze Genugtuung, selbst
-beobachten zu können, wie meines Gatten kluges Verhalten den Wahehe
-gegenüber sich bewährt hat -- möchte doch endlich auch der letzte
-Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen die deutsche
-Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die Safari uns gut
-bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine Hände haben die
-Farbe reifer Kastanien.
-
-
- Sonntag, den 12. Dezember 1897.
-
-Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung,
-Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch
-von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant
-Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte
-ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch
-und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen
-mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der
-Hausfrau“ herstellte.
-
-
- 15. Dezember 1897.
-
-Am 13. rückte Leutnant Kuhlmann ab. Ich beschäftigte mich viel mit
-Mpangires Kindern, sie tun mir sehr leid. Es macht mir viel Spaß,
-unsere Sudanesenweiber zu beobachten, mit welcher Energie trotz ihrer
-Häßlichkeit sie die Männer unterm Pantoffel haben. Auch der Juma
-kauft sich beim Griechen, dem „Rudolph Hertzog“ im Lande Uhehe, stets
-die teuersten Hemden von leichtem Mullstoff, die natürlich schnell
-zerreißen; auf meine Frage sagte er: „Ja, sonst hat mich meine Frau
-nicht lieb.“
-
-Mit den Händlern habe ich viel Ärger. Dieser Tage boten sie mir meine
-eigenen beiden Strauße, die mir abhanden gekommen waren, zum Kauf an,
-das Stück zu 12 Rupien! Obwohl es weit und breit in der Gegend nur mein
-Straußenpaar gibt, behaupteten sie ganz frech, sie seien ihr Eigentum.
-
-Am 14. Post aus Europa mit Geburtstagsbriefen, Büchern und Wein!
-Ich lege alles beiseite, um Tom am Weihnachtsabend zu überraschen.
-Meine Küche ist nun auch fertig. Der Gouverneur hat mir eine eiserne
-Herdplatte geschickt, nun hat die Negerwirtschaft mit den Steinen ein
-Ende. Eine Küche mit eiserner Herdplatte und einem wirklichen, echten
-Rauchfang -- so etwas hat die afrikanische Sonne in diesen Breiten
-sicher noch nicht beschienen. Nun macht das Kochen noch einmal so viel
-Freude.
-
-Heute stellte sich ein angesehener Häuptling mit 30 Kriegern; einige
-davon waren aus Quawas Lager. Dieser habe, wie sie berichten, einen
-Aufruf an alle Wahehe erlassen, „Wer ihn liebe, solle sich ihm
-anschließen,“ jetzt sei er mit seinem Anhange in Viransi. Auf dem
-Marsche dahin ist der Zusammenstoß mit unserem Sergeanten Richter
-erfolgt. Die Vernehmung der neu angekommenen Quawaleute hatte ein
-interessantes Ergebnis: Der Sultan hat seine Leute ganz militärisch
-organisiert, in Kompagnien mit eigenen Hauptleuten und Unterführern,
-sein Nachrichtenwesen ist sehr gut eingerichtet; es stellt sich immer
-mehr heraus, was für ein gefährlicher Gegner er ist.
-
-
- 23. Dezember 1897.
-
-Gott sei Dank, Tom kann den geplanten Zug noch nicht unternehmen: _Dr._
-Stierling schreibt, vor dem 1. Januar sei Sergeant Richter nicht
-transportfähig. So verleben wir doch den heiligen Abend zusammen.
-Ich konnte und wollte Tom das Herz nicht schwer machen mit Klagen,
-wenn ihn die Pflicht abrief; aber jetzt bin ich froh, daß er nun doch
-Weihnachten noch bei mir ist.
-
-
- 25. Dezember 1897.
-
-Den heiligen Abend verlebten wir froh, ich mit besonders dankbarem
-Herzen. Auf der Veranda brannte der Christbaum; leider waren die
-bestellten Weihnachtsgeschenke nicht eingetroffen. An die Herren
-auf den verschiedenen Außenposten, Hauptmann v. Prittwitz, Förster
-Ockel, nach der Mission, an Unteroffizier Buchner hatte ich Marzipan,
-Kuchen und Pfeffernüsse geschickt, an den Leutnant Kuhlmann eine
-gebratene Ente, so daß möglichst jeder unserer deutschen Landsleute
-eine kleine Weihnachtsfreude haben sollte. Wir hatten diesmal auch die
-Unteroffiziersmesse eingeladen und waren bei Bowle und Abendessen recht
-vergnügt.
-
-
- 5. Januar 1898.
-
-Neujahr verlebten wir still für uns. Was wird das neue Jahr bringen?
--- Gestern, an unserem Hochzeitstage, marschierte Tom ab, genau
-zu derselben Stunde, in der wir vor zwei Jahren unseren Traualtar
-aufstellten.... Quawa hatte am 28. Dezember ein Gefecht mit unseren
-Wahehe gehabt und 39 von ihnen erschlagen, er selbst verlor nur 3 Mann.
--- Am 1. Januar Alarm, weil Unteroffizier Schubert und der Dolmetscher
-unweit der Mission Gewehrschüsse und Weiber- und Kindergeschrei gehört
-hatten. So fing das Jahr für uns an.
-
-Am 2. Januar traf Hauptmann Ramsay bei uns ein, der auch gestern
-abmarschierte. Es war mir eine Freude, einmal einen unserer „alten
-Afrikaner“ kennen zu lernen. Nachts wurde wieder alarmiert.
-
-
- 7. Januar 1898.
-
-Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche
--- wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem fehlen. Ich fühle
-mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur.
-_Dr._ Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt, um
-bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können. Jede
-Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung
-geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast --
-seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem
-kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15
-Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr
-teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die
-ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben
-wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber,
-die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die
-Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im
-Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um
-sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum
-Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne
-Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist
-sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den
-Tag ohne ihn verbringen zu müssen!
-
-Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes:
-
-Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das
-Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin
-hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen
-Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan;
-Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt
-und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160
-ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach
-dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte,
-verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom
-sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten
-abzweigen.
-
-In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen,
-erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich
-von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten
-Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich
-übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg
-für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht
-überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa
-250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt
-waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es
-den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden.
-
-Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in
-das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus
-Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den
-Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war.
-Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter
-den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe
-Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen
-Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide
-vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er
-soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine
-Anhänger Lebensmittel zu haben.
-
-Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum:
-seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl
-Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und
-Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut
-gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten
-zurückgehalten werden mußten.
-
-+Das ist ein großer Erfolg+, umso mehr, als dem Volk durch diesen
-Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager
-nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist.
-Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte,
-bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt
-persönlich in den Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine
-Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein
-Verlust, den er nie mehr ersetzen kann.
-
-
- 12. Januar 1898.
-
-Mein Leberleiden macht sich wieder fühlbar; ich suche ihm mit
-Karlsbader Salz beizukommen. Der Frühspaziergang, der zu dieser Kur
-gehört, wird zur Inspizierung der Station benutzt, da ich meinen Mann
-auf seinem Rundgang begleite.
-
-Die Moschee ist beinahe fertig, es fehlen nur noch die Türen. Zum
-Beginn des Ramassan soll sie den Arabern übergeben werden. Schon
-jetzt bitten sie Tom, er möge die heilige Stätte nur noch unbeschuht
-betreten. Das Fundament für das Hospital ist gelegt; bis jetzt diente
-eine geräumige, von einem schönen schattigen Baum überschattete Hütte
-als solches; auch eine geräumige Schauri-Hütte ist bereits in Angriff
-genommen, halbkreisförmig mit einer nischenartigen Ausbuchtung für
-den Tisch des Schauri-Leiters, der von da aus sämtliche Anwesende gut
-übersehen kann. Sobald die Moschee fertig ist, geht es an den Bau einer
-Markthalle.
-
-Auf der Station wimmelt es von Wahehe, die gleich Tom auf sichere
-Meldungen warten, um die Quawa-Jagd wieder aufzunehmen. Es ist wirklich
-viel von den Leuten, trotz der Erntezeit hier wochenlang untätig
-zu liegen, während auf ihren Schambas die Feldfrüchte der Ernte
-entgegenreifen. Ihre Anhänglichkeit an Tom hält stand; _Dr._ Stierling
-sagte noch gestern: wer weiß, wie sich die Wahehe nach Toms Abgang
-stellen würden; sie haben sich ihm persönlich unterworfen, und es liegt
-nahe genug, daß sie seinem Nachfolger auf der Station sich nicht so
-botmäßig zeigen werden. _Dr._ Stierling sieht wohl zu schwarz, immerhin
-bereitet Tom die Wahehe jetzt schon darauf vor, daß er demnächst die
-Station verlassen werde.
-
-Am 23. ging Leutnant Orthmann nach Idunda ab.
-
-
- 30. Januar 1898.
-
-Aufregende Tage; Patrouillen und Meldungen, aber niemals eine sichere
-Nachricht. In Rungembe, welches als Sammelpunkt für die Expedition
-bestimmt war, ist Leutnant Engelhardt mit fast 2000 Kriegern des Merere
-und der anderen befreundeten Häuptlinge angekommen.
-
-Über den Tod des unglücklichen Unteroffiziers Karsjens berichtet ein
-Mann unseres Freundes Farhenga näheres: er hatte den Unteroffizier
-gewarnt, Quawa sei ganz dicht in der Nähe, er solle die Leute, die zu
-seinem Trupp gestoßen, als Spione festhalten -- das ist aber nicht
-geschehen! Andern morgens wurde plötzlich der Posten vor dem Zelte
-niedergeschossen, von den sich um das Zelt sammelnden Askaris fielen
-unter dem mörderischen Mauser-Gewehrfeuer aus dem Dickicht sofort drei
-Mann, ein Vierter etwas später. Unteroffizier Karsjens erhielt beim
-Heraustreten aus dem Zelte die tödliche Kugel. Sein Boy trug ihn nach
-dem Feldbett, wo er binnen wenigen Minuten verstarb.
-
-Die Askaris hatten sich bei dem Überfall sehr schneidig gezeigt;
-nachdem sie die eigene Munition verschossen, leerten sie die
-Patrontaschen der gefallenen Kameraden, ehe sie sich ins Pori
-zurückzogen; Karsjens Boy nahm das Gewehr und die Munition seines
-Herrn nach dessen Tod an sich und versteckte beides im Gebüsch, wo
-sie Unteroffizier Schubert, der zur Beerdigung der Leichen an den
-Unglücksplatz ging, fand. Jeder der Gefallenen hatte zwei Speerstiche
-in der Brust.
-
-Tom hat in diesen Tagen mit der Verteilung von Saatkorn begonnen. Die
-Lebensmittel fangen an, knapp zu werden, deshalb hat Tom so viel Korn
-wie möglich aufgekauft, damit fürs nächste Jahr genügend ausgesät wird.
-Für jeden Sack Saatkorn, den die Leute erhalten, müssen sie nach der
-Ernte zwei Säcke zurückgeben. Ich habe vor ungefähr 14 Tagen den ersten
-frischen Mais geerntet.
-
-Heute meldete ein Mhehe, sein Sohn Magunda, welcher zu Quawas Gefolge
-gehörte, sei von diesem bei dem Lukanda-Überfall gefangen und getötet
-worden, weil er sich auf der Station stellen wollte.
-
-
- 7. Februar 1898.
-
-Auf der Station reges militärisches Leben, Patrouillen und Boten kommen
-und gehen, und die Schauris nehmen kein Ende. Quawas Beweglichkeit
-erfordert immer neue Maßnahmen. Leutnant Kuhlmann, Feldwebel Merkl und
-die Unteroffiziere auf den einzelnen Posten, jeder muß von den bei uns
-„im Hauptquartier“ eingegangenen Meldungen in Kenntnis gesetzt werden
-und entsprechende neue Instruktion empfangen. In all dem sorgenvollen
-Trubel nur einmal ein Lichtblick: Msatima kommt, mir seine Aufwartung
-zu machen, und zwar angetan mit einer roten Bluse, die ich seiner
-Frau geschenkt hatte. -- Leutnant Kuhlmann meldet, daß Quawa weiter
-westlich zu suchen sei -- also wieder neue Dispositionen an die
-Einzelposten! Herr v. Prittwitz kommt an. Es wird großes Schauri mit
-sämtlichen Jumben gehalten; als dessen Ergebnis erfolgt die Festnahme
-des Jumben Makirendi; er wird an die Kette gelegt und ihm Todesstrafe
-angedroht, wenn seine Leute sich als Verräter zeigen sollten. Das ist
-eine Gewaltmaßregel, zu der Tom durch die gefahrdrohenden Umstände
-gezwungen ist, obwohl er ganz genau weiß, wie leicht die Festnahme
-eines angesehenen Häuptlings schlimme Folgen haben kann. Es bleibt
-kein anderes Mittel, als den Wahehe zu zeigen, daß sie kein doppeltes
-Spiel wagen dürfen; viele von ihnen wollen erst abwarten, ob Quawa
-nicht doch wieder hochkommt, wie damals 1894, wo er bei dem Scheleschen
-Zuge nach Ubena, und früher, gelegentlich der Zulu-Invasion, nach
-Ugogo geflüchtet war und nach dem Abzug der Europäer aus seinem Lande
-triumphierend wieder einzog.
-
-
- 8. Februar 1898.
-
-Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen
-Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit
-der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolgschaft leisten,
-versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der
-Berge. 1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von
-Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher,
-der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während
-sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen
-angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die
-Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans
-verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen
-sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere
-Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden --
-aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man
-die Achtung nicht versagen kann.
-
-Ein anderes Verhör brachte etwas zu Tage, was Tom längst vorausgesehen
-hatte: 26 von Unteroffizier Lachenmeyer eingebrachte Leute waren Spione
-Quawas! Auf seinen Befehl hatten sie sich unterworfen, um ihren Herrn
-mit dem Ertrage unserer Felder zu versorgen und ihm genaue Angaben über
-die Stärke der einzelnen Stationen und detachierten Posten zu machen.
-Dann sollte an einem bestimmten Tage der große Schlag gegen uns geführt
-werden! Gott sei Dank, daß wir die Möglichkeit eines solchen Überfalles
-niemals außer acht gelassen haben -- was wäre aus uns geworden, wenn
-Tom im Gefühl scheinbarer Sicherheit die schärfste Beaufsichtigung
-unserer neuen Ansiedler und Zuzügler nicht so streng durchgeführt hätte.
-
-Unter diesen Spionen waren auch die Anführer des Überfalles von
-Mtandi und der Mörder des unglücklichen Karsjens; sie waren dem
-Feldwebel Merkl als Patrouillenführer mitgegeben worden; kein Wunder,
-daß der Streifzug keinen Erfolg hatte. Karsjens hatte, wie sich nun
-herausstellt, einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten, der ihn
-niederstreckte, den von seinem Boy auf dem Feldbette niedergelegten
-Wehrlosen hat der Mörder mit zwei Speerstichen in die Brust getötet.
-
-Unsere Leute sind furchtbar erbittert; als für einen sofortigen
-Streifzug unter Unteroffizier Schubert „Freiwillige vor!“ kommandiert
-wurde, traten unsere Askaris sämtlich wie ein Mann vor.
-
-
- 10. Februar 1898.
-
-Heute marschierte Herr v. Prittwitz ab nach Himbu; Bauleiter Selling
-ist nach Kuifuri, um dort nach Holzarten zu suchen, denen die Bohrkäfer
-nichts anhaben können. Auf der Station wimmelte es von gefangenen
-Weibern, aber auch halbverhungerte Träger finden sich ein; von Förster
-Ockels Karawane sind hier schon 16 Mann eingetroffen.
-
-
- 12. Februar 1898.
-
-Jetzt ist kein Halten mehr; einer der Führer hat Quawas Lagerplatz
-verraten! Tom benachrichtigte sofort alle von der Station
-abkommandierten Europäer, er selbst zog sofort los (nur ein
-Unteroffizier bleibt hier). Zunächst bis Ndéuka, in der Nacht
-geht’s dann weiter, so daß bei Tagesanbruch das Lager überfallen werden
-kann. Gott gebe ihm diesmal Erfolg, damit endlich diese furchtbare
-Aufregung aufhört, der ich auf die Dauer doch nicht gewachsen bin.
-
-8 Männer kommen mit 48 Weibern, um sich zu unterwerfen.
-
-
- 13. Februar 1898.
-
-Aus der Nachmittagsruhe wurde ich durch Lärm auf der Veranda gestört.
-Zuerst glaubte ich, es sei Tom, und rannte hinaus, fand mich aber einem
-schwarzen Ehepaare gegenüber; es war schwer zu sagen, wer von beiden am
-betrunkensten war, der Mann oder die Frau; diese war von ihrem Gatten
-dermaßen geschlagen worden, daß ihr das Blut am Körper herunterlief,
-bei mir hatte sie Schutz suchen wollen. Ich nahm ihr das Kind ab,
-das jeden Augenblick in Gefahr war, ihr vom Arme zu fallen, und warf
-beide Eltern schleunigst hinaus; dann brachte mir ein Suaheli noch ein
-weinendes Kind, welches nach mir verlangt hatte. Es ist ein unruhiges
-Leben auf der Station, eine unheimliche Aufregung hat sich aller
-bemächtigt; auf der Wache können sie kaum alle die Männer und Frauen
-unterbringen, die täglich eingeliefert werden.
-
-
- 17. Februar 1898.
-
-Gestern kam Feldwebel Merkl mit vielen Gefangenen zurück; er ist krank
-und elend, die Strapazen dieses Marsches bei Tag und Nacht haben den
-kräftigen, kerngesunden Mann entsetzlich mitgenommen. Was unsere
-deutschen Unteroffiziere hier leisten müssen, davon macht man sich in
-Deutschland keinen Begriff, aber sie sind mit einem Pflichteifer und
-mit einer Liebe zur Sache dabei, die höchste Anerkennung verdienen.
-
-Da ich am 14. keine Nachricht von Tom erhielt, muß ich annehmen, daß
-sein Zug erfolglos war. Heute kommt auch die Bestätigung.
-
-
- 18. Februar 1898.
-
-Von Quawas Anhängern macht sich besonders Kolakola bemerkbar; er
-hat unsere Leute bei Kissinja überfallen und sich dann in unserem
-Tale, unweit der Station, Eßvorräte geraubt; dann überfiel er, nach
-Toms Abmarsch, Lula, schleppte mehrere Kinder fort und erschlug neun
-Leute. Was mir am meisten Sorge macht, ist, daß Tom einem solchen
-unvorhergesehenen Überfall auf dem Marsche zum Opfer fallen kann. Einer
-seiner besten Wahehe erhielt von einem im Grase versteckten Feind einen
-Speerstich in den Oberschenkel, an welchem er verblutete.
-
-
- 23. Februar 1898.
-
-Tom kam sehr elend zurück. Das Kommando hat er Herrn v. Prittwitz
-übergeben, da der Hauptteil des Zuges erledigt.
-
-
- 26. Februar 1898.
-
-Großer Ramassan mit der üblichen Gratulationscour. Zuerst kommen
-die schwarzen Händler; sie werden von Tom zur Rede gestellt, weil
-sie sich geweigert hatten, unsern Askaris den Mais für 5 Rupien zu
-verkaufen; sie verbrauen den Mais nämlich lieber zu Pombe (_pombe_ =
-eigentlich Bier aus Hirse) und verdienen am Sack dann 15 bis 20 Rupien.
-Dann erscheinen die Araber und Beludschen, die ich mit Tee, Kaffee
-und Schokoladenplätzchen bewirte. Wir waren in nichts weniger als
-festlicher Stimmung -- sollte doch noch an demselben Tage das Urteil an
-den vom Kriegsgericht zum Tod durch den Strang Verurteilten vollstreckt
-werden! Von den zwölf Verurteilten waren drei begnadigt worden.
-
-Nachmittags kamen sämtliche Sudanesenfrauen, 36 an der Zahl! alle
-in ihrem schönsten Staat, mit silbernen Ketten und Armringen von
-riesigem Umfang und großen Silberdosen als Anhängsel, in denen sie ihre
-_dawa_ (Medizin, Zaubermittel) bewahren. Mit ihren faltigen, farbigen
-Gewändern und weißen Tüchern über den schwarzen Gesichtern bilden sie
-wirklich malerische Gruppen. Sie werden wie die Araber mit Tee, Kaffee
-und allerlei Süßigkeiten bewirtet, ebenso wie diese ihre Sandalen
-ablegen, ziehen auch sie vor dem Eintritt in mein Zimmer ihre Schuhe
-aus.
-
-
- 6. März 1898.
-
-Seit dem 27. Februar liegt Tom an schwerem Bronchialkatarrh zu Bett;
-inzwischen kam Leutnant Orthmann zurück, er hat sich einen tüchtigen
-Gelenkrheumatismus geholt, mit dem er drei Wochen lang sich durch die
-unwegsamen Berge schleppen mußte; heute kam noch _Dr._ Stierling, mit
-ihm Leutnant Kuhlmann, der an Milzanschwellung mit starkem Fieber
-leidet. Sergeant Richter laboriert an seiner Schußwunde, die Wunde
-eitert noch, und zuletzt wird Lazarettgehilfe Schuster von der 3.
-Kompagnie auch noch krank, starker Bronchialkatarrh mit hohem Fieber.
-Von den acht Europäern der Station sind nur zwei gesund.
-
-Tom hat jetzt eine annähernd genaue Liste von Quawas Anhängern
-aufgestellt: Es müssen deren jetzt noch etwa 250 sein. Sein Häuptling
-Kimulimuli, der sich seinerzeit mit Mpangire gestellt hatte, dann aber
-wieder heimlich zu Quawa zurückging, ist jetzt bei diesem gestorben;
-seine Frau hat sich dann erhängt, um ihrem Herrn und Gebieter in
-den Tod zu folgen. -- Als Mpangire noch Sultan war, sollen diese
-und Kimulimuli den zur Unterwerfung bereiten Quawa mit Gewalt davon
-abgehalten haben. Wie viel Blutvergießen wäre vermieden worden, wenn
-Quawa damals mit Tom persönlich hätte verhandeln können.
-
-
- 9. März 1898.
-
-Vorgestern kamen unsere Wahehe von der Expedition zurück. Ich freute
-mich, das Gaunergesicht unseres braven Farhenga wiederzusehen; gestern
-trafen der neue Zahlmeister und ein Unteroffizier für die 6. Kompagnie
-ein; auch Offenwanger soll mit dorthin gehen. Da bleibt also der Doktor
-allein zurück -- über Mangel an Beschäftigung wird er nicht zu klagen
-haben, er hat hier für vier bettlägerige und zwei revierkranke Europäer
-zu sorgen -- abgesehen von den Schwarzen. Richter mußte operiert
-werden; es wurden sehr große Knochensplitter aus der Wunde entfernt.
-
-
- 10. März 1898.
-
-Heute besuchten Tom und ich den kranken Leutnant Orthmann. Um jede
-Zugluft abzuhalten, sind die Wände der Strohhütte ganz dicht verstopft
-worden; so kann der arme Patient sich nicht einmal die Zeit mit Lesen
-vertreiben. Wir haben ihm in der Boma ein luftiges, lichtes Zimmer
-herstellen lassen, damit er dort seine Krankheit leichter übersteht.
-
-Mein Name wird hier schon als Machtmittel mißbraucht! Von unseren
-Wahehe wird mir gemeldet, daß 20 Händler und Träger nebst zwei Eseln
-in der Gegend umherziehen und von den Leuten Chakula eintreiben -- und
-zwar in meinem Namen! Tom schickte sofort eine Askari-Patrouille hinter
-ihnen her, die die Kerle auch richtig abfaßte. Heute erscheinen sie
-de- und wehmütig und spielen die reuigen Sünder. Zunächst müssen sie
-den Eigentümern die gestohlene Chakula bezahlen und dann erhalten sie
-wegen Mißbrauchs meines Namens pro Mann 25 Hiebe. Das hat hoffentlich
-gewirkt.
-
-Von Quawas nächster Umgebung, seiner Leibgarde, stellten sich heute
-drei Mann mit Gewehren Modell 71. -- Das Ende des Gefürchteten naht!
-
-
- 15. März 1898.
-
-Gestern vergnügtes Picknick bei Farhenga in der Nähe des
-Aussichtspunktes; abends gegen 9 Uhr kamen wir bei Laternenschein nach
-Hause. Heute mittag kam Leutnant v. d. Marwitz an; ich hatte ihn mir
-ganz anders vorgestellt, ein breitschulteriger brünetter Hüne. Herr
-v. der Marwitz ist seit vier Jahren in Afrika, er war längere Zeit im
-Kilimandscharo-Gebiete.
-
-
- 16. März 1898.
-
-Leutnant Engelhardt verabschiedete sich heute, er brachte mir noch
-hübsche Blumen. Zum Kaffee war Herr v. der Marwitz bei uns. Seit langer
-Zeit wieder große Freude: gute Nachricht von zu Hause!
-
-
- 20. März 1898.
-
-Am 17. war Tom mit Leutnant Kuhlmann nach Dabagga marschiert, um dort
-nach dem Rechten zu sehen -- heute kamen sie schon zurück, also viel
-früher, als ich erwartete. Solche friedlichen Expeditionen lasse ich
-mir gefallen, die Zeit vergeht viel schneller, wenn mich die Angst
-um meinen Mann nicht aufreibt. Morgens besorge ich die Hausarbeit,
-während der tollsten Mittagshitze ruhe ich oder lese, dann holen mich
-die Herren ab zum Krocket oder Spaziergang, wir besuchen unseren
-kranken Leutnant Orthmann und machen Einkäufe bei unserem „Hoflieferant
-Borchardt“, dem Griechen. So vergehen mir die Tage, die Tom abwesend
-ist, im Fluge. -- Mit meiner Hühnerzucht habe ich viel Verdruß:
-die eben ausgekrochenen jungen Perlhühner sind nach wenigen Tagen
-eingegangen. Gestern abend in der blumengeschmückten Messe großes
-Festmahl, gegeben von _Dr._ Drewes und Bauleiter Hentrich; die Sache
-verlief sehr hübsch. Wir waren alle sehr vergnügt und kehrten erst
-gegen Mitternacht zu den häuslichen Penaten zurück.
-
-Schnapsels Nachkommenschaft ist erloschen, er überlebt sein Geschlecht.
-Seinen Sohn und präsumtiven Nachfolger hat ein Leopard direkt von
-unserm Hofe weggeholt; der Posten schoß auf den frechen Räuber, so
-daß er seine Beute fallen ließ; so konnten wir den treuen Wächter
-des Hauses andern Tags im Garten begraben. Schnapsel trug bei der
-Bestattung eine dem tragischen Ende seines Sprößlings angemessene
-Trauer zur Schau; er scheint ihn noch lange vermißt zu haben. Einige
-Abende darauf holte der Leopard sich auch noch den andern Hund, und
-zwar diesmal von der Veranda!
-
-Unter unserem Dach hat sich ein Bienenschwarm eingenistet, alles
-Ausräuchern ist vergeblich, wir müssen uns die Mitbewohner also
-gefallen lassen.
-
-
- 30. März 1898.
-
-Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen
-Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter
-Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an
-Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle
-sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des
-Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung
-nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft
-zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde.
-Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter,
-Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte,
-ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine
-interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen
-Zügen und großen, traurig blickenden Augen -- ich mußte an die zarten
-und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken.
-Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des Sikkisultans von
-besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade
-Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu
-holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft -- heute hat sie
-das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn
-er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er
-sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894,
-bald wieder abziehen müßten.
-
-Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre
-ich großes Geschrei -- eine gute Nachricht ist von der Expedition
-eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und
-zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch
-verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein
-Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und
-Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle
-bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den
-Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der
-Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz
-und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um
-die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich
-an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen
-Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich
-nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist
-der Storch eingekehrt -- übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche
-Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer
-Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren
-schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln.
-
-
- 2. April 1898.
-
-Der 1. April brachte mir eine freudige Überraschung: Tom kam zurück.
-Sein Plan war richtig: die Quawaleute sammelten sich auf einem
-Maisfelde, um Chakula zu holen; sie wurden überfallen, und in dem
-Kampfe fielen die meisten von Quawas letztem Anhange, viele wurden
-gefangen, und der Rest ist dermaßen zersprengt, daß es nicht mehr
-lohnte, sie weiter zu verfolgen. In die Freude über Toms glückliche
-Rückkehr mischte sich auch ein gut gemessen Teil Stolz, daß es wiederum
-mein Gatte war, der unsere schlimmsten Gegner in ihrem eigenen Lager
-angegriffen.
-
-
- 6. April 1898.
-
-Gestern feierten wir Leutnant Kuhlmanns Geburtstag; früh sandte ich ihm
-eine Sandtorte und einen Likörbecher, mittags waren der „Jubilar“ sowie
-Herr v. der Marwitz und der neue Zahlmeister unsere Gäste. Ich bin mit
-meinem Koche schon so eingefuchst, daß unsere afrikanischen Diners
-immer vorzüglich klappen! Von der Arbeit macht eine deutsche Hausfrau
-sich freilich keine Vorstellung.
-
-Heute traf ein Mann auf der Station ein, dem Quawa früher einmal die
-Hände und Ohren abgeschnitten und ihn derart verstümmelt an seinen
-Sultan zurückgesandt hatte, um diesem die Strafe für Verräter _ad
-oculos_ zu demonstrieren!
-
-Mittags 12 Uhr marschierte Tom wieder ab; Herr v. der Marwitz und
-Sergeant Richter, dessen Wunde noch immer nicht ganz verheilt,
-begleiteten ihn: auf den Feldern von Iringa sind Spuren gefunden
-worden, die auf Quawa deuten. Es sollen nur drei kleine Lasten
-mitgenommen werden, da muß ich genau überlegen, welche Stücke
-unumgänglich nötig, welche entbehrlich sind.
-
-
- Karfreitag.
-
-Ich feierte den „stillen Freitag“ in Wahrheit in aller Stille --
-Gott gebe meinem Manne den langersehnten Erfolg, damit das Land nach
-jahrelangen Kämpfen endlich zum Frieden komme! -- Ein gutes Anzeichen:
-kurz nach Toms Abmarsch stellte sich ein Krieger aus Quawas nächster
-Umgebung! Tom ist auf der richtigen Spur; damit unser Todfeind diesmal
-nicht ausbrechen kann, marschieren Merkl und Hammermeister, die eben
-erst von einem Zuge zurückkamen, gleich wieder in den von Tom ihnen
-bezeichneten Richtungen ab; überall sieht man die Signalfeuer unserer
-Wahehe: das Wild ist umstellt!
-
-Als Belohnung für die Einlieferung Quawas hat das Gouvernement große
-Elefantenzähne im Preis von 5000 Rupien ausgesetzt, die hier für
-jedermann zur Ansicht ausliegen.
-
-
- Ostersonntag.
-
-Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden,
-einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an
-Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im
-Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für
-Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen
-Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können.
-
-Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig -- so auch heute --
-Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen
-Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern
-erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch
-die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht
-etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen.
-
-
- 15. April 1898.
-
-Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur
-in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen;
-binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt,
-dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom
-von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch
-die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen
-bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und
-präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der
-Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station
-wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick
-hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die
-Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen
-gebautes Haus -- ein solches hat er wohl nie vorher gesehen -- mag ihm
-eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen
-Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! --
-In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde,
-den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen -- hat dieser selbe
-gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet,
-sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder
-geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten
-darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris
-unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte,
-die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die
-Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der
-Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten
-ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und
-den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er
-noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille
-erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. -- Doch
-der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich
-die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren
-Herrn im Pori nicht wiedergefunden! --
-
-So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede
-Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird
-er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich
-erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele?
-In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die
-Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch,
-verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer
-seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst,
-die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich
-dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer
-deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod
-oder Selbstmord!
-
-
- +Mgaga+, den 6. Mai 1898.
-
-Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen
-der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine
-Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt
-diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir
-machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die
-trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen,
-Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein
-Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse
-angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine
-Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber
-sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter
-hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder
-in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten.
-Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes
-Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm
-bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt
-afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart,
-die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen
-uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich
-hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser
-Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute
-einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er
-im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach
-Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle
-Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich
-einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.
-
-
- +Mgaga+, 10. Mai 1898.
-
-Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz
-befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem
-noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl
-Feuerstellen ist noch vorhanden, auch einige niedere Grashütten
-wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen,
-ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in
-Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung
-bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene -- Spiegel,
-der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es
-einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage
-lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark
-verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz
-für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben
-wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten
-in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw.
-Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend,
-den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter.
-An Stelle meines bisher besten Boys -- er stand bei allen Gläubigen
-als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in
-hohem Ansehen --, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab,
-habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen,
-klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere
-Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen
-machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche
-erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden --
-für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und
-unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche
-schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung
-ausgesetzt! Endlich -- ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine
-Perle je wiederzusehen -- kam mein Mpischi ganz von selbst wieder
-an -- seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er
-im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf
-seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem
-Seelenschmerz nicht erholt.
-
-
- 12. Mai 1898.
-
-Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu
-finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant
-v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt.
-Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die
-Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe
-ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben;
-auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt,
-amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die
-Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich
-bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes
-Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim,
-wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit
-leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe
-die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie
-diesmal.
-
-
- +Dabagga+, 15. Mai 1898.
-
-Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht
-nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr
-ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin
-ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu
-erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder
-den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner
-Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich
-ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch
-zurückhielt.
-
-Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu
-vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine
-genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große
-Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch
-besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.
-
-Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die Tataren- oder
-vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt
-seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach
-Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl
-alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag
-wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische
-Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen
-auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen
-dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns
-sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen
-Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden?
-Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig
-für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns
-nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach
-allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der
-vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation
-hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es
-hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet,
-vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten
-sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen
-Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit,
-bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel
-Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie
-aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je
-länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das
-Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht;
-ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich
-ist.
-
-Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum
-Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen
-gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin
-prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich
-kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich:
-Weizen und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei
-Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen
-Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris
-erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen
-auf 170 Meter.
-
-Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das
-Forsthaus und den ersten deutschen +Pflug+ im Lande Uhehe!
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- +Suka+, 20. Mai 1898.
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-Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster[8], vier Stunden Marsch nach
-dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere
-topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken
-stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns
-gekämpft haben, sind unsere Führer!
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- Station +Iringa+, 24. Mai 1898.
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-Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen
-von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden
-Unfall; ich habe mich prächtig erholt -- von Tom ist es mir fraglich,
-er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir
-schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen
-sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden
-beim Weine und erzählten uns.
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- Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898.
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-Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares
-Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste
-Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz
-ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über
-500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen
-Ereignis Mitteilung machen sollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu
-einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant
-Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für
-Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und
-vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll
-gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein
-Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl.
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-Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns
-angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags
-ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe eingeladen.
-Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend war großer
-Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes Wecken -- ganz
-so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört!
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- 31. Mai 1898.
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-Leutnant v. der Marwitz marschierte heute ab, um die Station Mlangali
-zu übernehmen. Quawa ist verschollen, allerorts, wo er in letzter Zeit
-sich in den Bergen aufgehalten, wird nach seinem Gewehr gesucht; man
-vermutet, daß er tot sein muß, denn es ist kaum anzunehmen, daß er so
-ganz allein sich im Pori halten kann.
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-Durch ganz Uhehe zieht sich jetzt ein Netz von Straßen. Die Wahehe,
-noch vor kurzem der Schrecken aller Nachbarstämme, bewähren sich
-in friedlicher Arbeit; sie hauen die Wege durch den Urwald, auf
-der Station helfen sie beim Bau einer Tembe, ja auf unserer Safari
-trugen sie sogar unsere Lasten mit Chakula. Ihre stramme Organisation
-zeigte sich besonders beim Bau längerer Straßen, sie arbeiteten unter
-besonderen Aufsehern, jeder Trupp an der ihm übertragenen Strecke, und
-ihre Jumben haben sich in der Nähe der Baustrecke niedergelassen, um
-das Ganze besser kontrollieren zu können.
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- 1. Juni 1898.
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-Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer
-Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen, der einige
-unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein
-Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. --
-Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute
-erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie
-aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und
-für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere
-Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu
-erwecken.
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- 4. Juni 1898.
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-Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter
-dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem
-flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit
-einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt
-bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da
-wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl
-durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl.
-
-Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden:
-5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen
-ergeben.
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-Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte
-von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und
-großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden:
-auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als
-Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack
-und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie
-wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt
-werden nun ein paar gute Tage haben.
-
-Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit
-fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere
-Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier
-aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mit der Richtigkeit
-stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin
-ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen:
-Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés,
-gebrannte Mandeln -- für die ich immer geschwärmt! -- und von Leutnant
-Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten, auserlesensten
-Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche süßen
-Herrlichkeiten nicht gesehen -- und nun dieser _embarras de richesse_!
-Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde es wohl nicht
-abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit den Schätzen
-gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der Wein, von dem mir
-die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die Schuhe passen
-vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus denen der
-Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an.
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- 7. Juni 1898.
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-Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das
-Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander
-gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag,
-den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19.
-Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens
-zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. --
-Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet
-mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe.
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- 13. Juni 1898.
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-Meine Wirtschaft muß sehen, wie sie ohne mich fertig wird; ich darf
-vor 10 Uhr nicht aufstehen, dann muß ich warme Bäder nehmen. Juma hat
-das Plätten hübsch gelernt, er stärkt und plättet die Kragen ganz
-schön. Das ist ein großer Luxus, der hier, wo alles „ungeplättet“
-einhergeht, berechtigtes Aufsehen macht. Die Herren wollen sich nun
-auch Plätteisen von der Küste kommen lassen. Sergeant Hammermeister ist
-gestern auf Urlaub nach der Küste abgegangen; wir werden den tüchtigen
-Mann alle vermissen; Tom schätzte ihn sehr als äußerst zuverlässigen
-Unteroffizier, und dann war er, was für unsere Verhältnisse besonders
-ins Gewicht fällt, ein tüchtiger Landwirt, dessen Umsicht wir für den
-Erfolg unserer Weizenernte viel verdanken, und -- _last not least_
--- das Schweineschlachten und Wurstmachen verstand er großartig.
-Feldwebel Richters Wunde eitert noch, Unteroffizier Schubert liegt
-wieder an Lungenentzündung, den Feldwebel Merkl hat Herr v. der Marwitz
-mitgenommen, so ist die Kompagnie ohne Unteroffiziere, und Tom und
-Leutnant Kuhlmann besorgen den Dienst allein. Gestern brachte Farhenga
-einen Mhehe aus Quawas Anhang mit 14 Weibern und Kindern an.
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- 1. Juli 1898.
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-Heute haben wir den Tischler Wunsch beerdigt. Binnen 1½ Jahr schon
-der dritte Europäer, der dem Fieber erlegen -- alle drei junge,
-kräftige Leute. Sie alle haben sich die Krankheitskeime auf den
-Märschen durch die sumpfigen Niederungen geholt, denn die Lage von
-Iringa ist anerkannt gesund und vor allem fieberfrei. Der Tod war
-für den armen Mann eine Erlösung. Ich habe ihn täglich besucht, er
-war mir so dankbar dafür: nur in den letzten zwei Tagen vor seinem
-Ende konnte ich seine furchtbaren Qualen nicht mehr mit ansehen, die
-ihm doch niemand erleichtern konnte! In den neun Jahren, die er in
-Afrika zubrachte (er war als Laienbruder der katholischen Mission
-herübergekommen), hat er siebenmal Fieber gehabt, d. h. perniziöses
-Fieber; die gewöhnlichen Fieberanfälle werden ja nicht gerechnet.
-Sein Tod wurde durch ein Geschwür herbeigeführt, welches sich nach
-dem letzten Fieberanfall am Ohre bildete und schließlich bis auf die
-Kinnladen ging, so daß der Ärmste weder essen noch trinken konnte. Der
-neue Pater Superior der Mission, Severin, hielt ihm die Grabrede. Das
-Begräbnis war sehr feierlich.
-
-Mit Pater Severin kam zugleich ein neuer Bruder, der mit dem bisherigen
-Superior, Pater Ambrosius, in Ubena eine Missionsstation gründen soll.
-
-[Illustration: Station Mlangali.
-
-(Zu S. 173.)]
-
-[Illustration: Der erste Pflug im Lande Uhehe.
-
-(Zu S. 172.)]
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-Am 23. vorigen Monats traf von Herrn v. Kleist eine Anzahl Obstbäumchen
-ein, die er uns zum Geschenk machte; sie waren sehr sachgemäß verpackt,
-und wir hoffen, daß der größte Teil davon trotz des weiten Transportes
-gut fortkommen wird. Wir gaben die Bäumchen nach Dabagga, weil sie in
-unserm Garten doch vielleicht nicht so gut gediehen wären, wie unter
-der fachmännischen Pflege unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation.
-
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- +Mdogori+, 8. Juli 1898.
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-Heute sind es zwei Jahre, daß wir in Perondo ankamen! Ich sitze im
-herrlichsten Urwald, der Tag ist ganz für mich, denn Tom kommt heute
-abend erst von Iduma zurück, wohin ich ihn nicht begleiten konnte,
-da der Tagesmarsch für mich zu anstrengend. Wir brachen am 4. dieses
-Monats von Iringa auf. Unser Haus und meine kleinen Totos habe ich
-einer zuverlässigen Sudanesenfrau übergeben, die ich mir als „Stütze
-der Hausfrau“ angelernt habe. Sie soll die Wirtschaft führen, solange
-ich mich nicht darum kümmern kann, und mich pflegen, wenn ich krank
-bin. -- Hoffentlich erfüllt sie die auf sie gesetzten Hoffnungen. --
-
-Gestern habe ich nun auch mein Abenteuer erlebt, ohne das ein
-„Afrikaner“ eigentlich keinen Anspruch hat, ernstgenommen zu werden --
-in Deutschland wenigstens --: ich habe einem Löwen gegenüber gestanden!
-Ich hatte mir ein schattiges Plätzchen zur Siesta ausgesucht, unweit
-des Lagers, aus welchem die Klänge von „Heil Dir im Siegerkranz“
-und „Ich bin ein Preuße“ zu mir herüber drangen, als plötzlich mein
-Schnapsel mit allen Zeichen des Schreckens und wütend bellend unter
-meinem Kleide Deckung suchte; ich sah mich um: etwa 40 Schritte ab
-steht zwischen den Bäumen eine Löwin! Im ersten Augenblick stockte
-mir der Atem, dann rief ich nach dem Ombascha, der auch sofort
-angesprungen kam, leider ohne Gewehr. Ich sah die Löwin noch im
-Dickicht verschwinden und schickte Askaris hinterher, die Spur war
-aber bald verloren, und die Leute kamen unverrichteter Sache zurück.
-Nach etwa einer halben Stunde wurde ich in meiner Lektüre wieder
-durch Schnapsels Bellen aufmerksam; links von mir, kaum zehn Schritt
-weit, steht die Löwin wieder und äugt nach uns! Hätte mein braver
-Schnapsel mich nicht gewarnt, hätte die heimtückische Bestie sicher
-den Sprung getan! Diesmal trat ich aber schleunigst den Rückzug nach
-dem Lager an, indem ich wieder nach dem Ombascha rief. Auch diesmal
-entging uns die Beute; sie wird aber sicher wiederkommen. Schnapsel
-band ich fest, -- auf ihn hatte die Löwin es wohl zunächst abgesehen,
-dann stellten wir eine Falle mit Selbstschuß. Nun habe ich auch mein
-Löwenabenteuer! Schade, daß Tom nicht zugegen war, sie wäre dann gewiß
-nicht entkommen. Einen Leoparden, der sich in einer von _Dr._ Stierling
-gestellten Falle gefangen, sah ich kürzlich. Das stattliche Tier hatte
-die Fangeisen mit furchtbarer Gewalt aus dem Boden gerissen und war mit
-denselben auf einen Baum gesprungen, wo sich die Kette derart in den
-Ästen verschlungen hatte, daß ihm jede Flucht abgeschnitten war. Ein
-gutgezielter Fangschuß machte ihm dort ein Ende.
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- +Dabagga+, Sonntag den 10. Juli 1898.
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-Mittags kamen wir hier an; der Förster hat uns ein reizendes Häuschen
-aus Bambus errichtet, bestehend aus einem Zimmer mit Veranda, und
-bewirtete uns mit einem trefflichen, von ihm selbst bereiteten
-Mittagsmahl. Sehr betrübt erzählte er uns, wie ungern er jetzt von
-der Stätte seiner Tätigkeit scheide; er hat alles so praktisch und
-wirklich schön eingerichtet, daß er nun nicht gern einem andern Platz
-machen möchte. Daß er es rasch gelernt hat, die Eingeborenen richtig
-zu behandeln, beweisen die Wahehe-Ansiedelungen, die sich unter seiner
-Leitung bei der Station Dabagga schön entwickeln.
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- 12. Juli 1898.
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-Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von
-denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten.
-Auf Anraten des _Dr._ Drewes, der von Muhanga gekommen war, bewilligte
-Tom einen Ruhetag -- zu meiner Freude, denn dadurch gewinnen wir einen
-Tag für das schöne Dabagga.
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- +Iringa+, 21. Juli 1898.
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-Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es
-hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun
-ein Ende“ -- +Quawa ist tot!+ Mit dieser Nachricht erst ist Toms sieben
-Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! Wie
-dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk seiner
-unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller Kämpfe
-und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name Tom Prince
-für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen Kolonien. Wer
-will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem Stolze auf den
-Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte Ereignis in dem
-blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich neu geschenkt!
-Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf dem Zuge gegen
-Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet traf ich stets
-die Vorbereitungen für seinen Marsch -- und durfte ihm doch das Herz
-nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn heucheln, während
-mir die Angst die Gedanken benahm -- und nun steigt die Morgenröte des
-Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! --
-
-Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte,
-ist freilich gräßlich -- und doch gab es keinen anderen Ausweg, den Tod
-unseres furchtbarsten Feindes dergestalt _ad oculos_ zu demonstrieren,
-daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung übrig bleiben
-kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans Quawa mit zur
-Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein ehemaliges Gebiet
-war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten Getreuen und dessen Weib
-und Kind endlich auch in den Bereich der 2. Kompagnie gekommen. Toms
-Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, als dies der Station
-gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl mit 14 Askaris und 10
-Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten unseres braven Merkl
-Bericht hier folgen:
-
-„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach
-dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im
-dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den
-Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und
-aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen,
-einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf der
-Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den Boys
-erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen Karabiner
-Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der Mündung
-geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter habe eine
-Jägerbüchse. -- Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf Wahehe schickte
-ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen Leuten hier, weil
-die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas nach Pawaga zeigte
-und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch versteckten Schamben
-und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht ist. -- Am 16. Juli
-1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes gegen Morgen 4 Uhr
-ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha nach dem südlichen
-Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem Utshungwegebirge zurück
-wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre die ganze Nacht umher.
-Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais und ein Schaf geraubt
-habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die Spur, ins Pori in
-westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe erkennen. Gegen
-5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis zum 17. d. Mts.
-trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa mit seinem Getreuen
-und den Boys marschierten jeder in einer anderen Richtung. Das Schaf
-wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. Mts. kam der Ombascha
-zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer in der Richtung Iringa
-nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur verloren hatten. Hier
-gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags 12 Uhr erreichte ich
-es mit dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said Ali I und Said Borelli
-und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten Halt, um die zurückgebliebene
-Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen wir einen etwa fünfzehnjährigen
-nackten Knaben auf uns zukommen, der, sobald er uns sah, die Flucht
-ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf energisches Zureden gestand
-er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war des Morgens weggelaufen.
-Quawa liege drei Stunden weit krank danieder und spucke Blut. Gestern
-abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. Sofort brachen wir auf.
-Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in südwestlicher Richtung
-einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir nach Aussage des
-Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck abzulegen und die
-Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, kletterte ich auf
-einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der Marsch ohne Schuhe
-sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir Rauch aufsteigen.
-Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. Jetzt konnten wir
-nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen zwanzig Schritt vor
-uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. Die eine wurde von
-dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel dichtes Gebüsch in der
-unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt hätte, daß uns Quawa vor
-der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft gelungen, schossen wir auf
-ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa hatte seinem Leben selbst ein
-Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die Leichenstarre eingetreten, und
-den Schuß, den wir gehört, hatte er sich selbst gegeben.“ --
-
-So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten
-Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt,
-sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig,
-daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen
-Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird:
-5000 Rupien -- etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf
-Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis
-zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und
-Feldwebel Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn
-gekommen.
-
-Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen.
-Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als
-den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun
-endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen,
-um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel:
-die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit
-Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden
-Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der
-freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger
-lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir;
-gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan
-lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise
-ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten
-machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in
-der Tat „die Nächsten dazu“ -- war doch kaum einer unter ihnen, der
-im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa
-beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben
-uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der
-Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an
-der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die
-Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch
-die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn,
-unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann
-die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem
-Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich
-mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es
-dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen
-Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung,
-und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. --
-
-Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Aufnahme. Noch im Tode
-gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen
-Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen
-Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in
-den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das
-Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit
-eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen;
-starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend
-herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen
-Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen
-Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit
-und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von
-einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten
-Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel
-Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa
-1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen
-Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von
-Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab,
-entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns
-sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf
-der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem
-tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu
-gehen!
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-Siebentes Kapitel.
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-Im Frieden. Besichtigungsreisen.
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- 26. Juli 1898.
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-Die Fest- und Jubeltage, die Tom reichlich bewilligen mußte, sind nun
-endlich vorüber; der Lärm Tag und Nacht hat mich sehr angestrengt,
-umsomehr, als ich wieder bettlägerig war; in der freudigen Aufregung
-der ersten Tage habe ich mich wohl nicht genug geschont. Heute geht es
-mir besser, die Ruhe wirkt wohltuend. Es waren über 1000 Wahehe zur
-Station gekommen, die in ihren bunten Tüchern einen malerischen Anblick
-boten. Am 19. d. Mts. ist der neue Landwirt Hierl angekommen; als
-Ersatz für Hammermeister kam Feldwebel Liebhard und ein Unteroffizier
-Künster; als früherer Pionier wurde er gleich beim Brückenbau
-angestellt; hoffentlich hört nun das Balancieren über Baumstämme bald
-auf.
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- 31. August 1898.
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-Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen
-mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte.
-Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche.
-Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt,
-daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa
-gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen,
-nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die
-unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das
-Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa
-dort lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war,
-lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei
-Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling
-Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer
-im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können,
-wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es
-mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen
-erstiegen, um Ausschau zu halten.
-
-Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für
-ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft
-werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den
-Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich
-scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all
-seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!
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-Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben -- schon 1891 war er bis
-Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus
-weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit
-einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde
-ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der
-feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen
-Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der
-Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich
-einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich
-bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver
-war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel
-der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen
-Schwarzen zuvorzukommen -- wie atmete er erleichtert auf, als sich die
-Neger als freundlich gesinnt erwiesen.
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-In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt.
-Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in
-welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh
-ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt -- und dann hieß es
-laufen! Tom hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe
-Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare
-Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen -- und
-damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891
-flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches
-Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu
-Boden geworfen.
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- 3. September 1898.
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-Heute besuchte mich Mgundimtemi; es fiel mir auf, daß sie nicht mehr in
-Trauer geht, sie trägt wieder bunte Tücher, Ketten und Armbänder. Sie
-hat einen ehemaligen Msagira aus einer reinen Wahehefamilie geheiratet,
-Tom will ihn als Jumbe eines kleinen Bezirkes einsetzen.
-
-Auf der Station treten die Pocken wieder auf, diesmal ziemlich
-bösartig. Die Leute sind zum Glück recht vernünftig, beim geringsten
-Anzeichen bringen sie ihre Kranken. Auch die ankommenden Karawanen
-werden genau untersucht. Etwa eine halbe Wegstunde von der Station
-entfernt ist ein Pockenhospital eingerichtet. Ich wünsche sehnlichst,
-die Lymphe käme endlich von der Küste an, damit wir uns alle impfen
-lassen können.
-
-Von Quawas Grausamkeit werden immer mehr Beispiele bekannt. Als er
-damals von Luhota aus entfloh, hielt er sich einen Tag in der Nähe der
-Station versteckt; dort erschlug er einen seiner Anhänger, dem er nicht
-mehr traute, und schnitt ihm einen Fuß und ein Stück Schulterfleisch
-ab; die am Feuer gedörrten Stücke trug er dann stets bei sich; wirklich
-hat Feldwebel Merkl beides bei seiner Leiche gefunden.
-
-Um so erfreulicher blüht Handel und Wandel jetzt nach des
-Unruhestifters Tod. Tom unterschreibt soeben wieder einen Scheck;
-in diesem Monate haben die Händler bereits 16000 Rupien in die
-Stationskasse eingezahlt. Das ist für unser Iringa doch gewiß ein
-schöner Umsatz. Auch die Bautätigkeit ist rege.
-
-Meinen Geburtstag mußte ich ohne Tom verleben, aber trotzdem ging
-es hoch her! Schon früh am Morgen war alles bekränzt. Dann kamen
-der Wali mit den Honoratioren, der Effendi namens der Kompagnie,
-sämtliche Europäer und Abordnungen von Frauen der Askaris, der Fundis,
-Farhengas große Bibis, kurz, die Gratulanten nahmen kaum ein Ende.
-Abends besuchten mich dann zu meiner Freude die am 18. August hier
-angelangten Schwestern, mit denen ich noch einer Einladung nach der
-Messe folgte; dort wurde ich auch angefeiert. In der Stadt und im
-Askaridorfe herrschte lustiges Treiben an allen Ecken und Enden, mit
-Tanzen und Jubeln. Die Schwestern blieben bis zum nächsten Nachmittage;
-ich hatte aus unserer Vorratskammer mit Hilfe von Decken und Zeug
-ein hübsches Zimmerchen für sie hergerichtet. Auf Toms dringenden
-Wunsch sind uns diese vier Schwestern bewilligt worden, der Präfekt
-Maurus[9] brachte sie uns selbst. Ich empfing die willkommenen Gäste
-mit einem feinen Diner und mit Sekt; dem Präfekten ließ ich einen
-Rosenstrauß überreichen; von dem Empfange waren sie sichtlich gerührt.
-Die Schwestern erzählten mir, daß die Schwarzen ihnen schon viel von
-der weißen Bibi erzählt hätten, die in Iringa wohne, die lesen und
-schreiben könne, stets einen Revolver bei sich trage, sehr langes Haar
-und nur einen Mann habe. Daß die vier neuen Bibis auf der Station
-großes Aufsehen erregten, ist natürlich; ich hatte große Mühe, unseren
-Leuten beizubringen, daß die Schwestern nicht die Frauen der Patres von
-der Mission seien.
-
-
- 21. September 1898.
-
-In unserem Garten liegen große Stapel von Holzstämmen; die Wahehe
-verdienen sich das erste Geld, was sie je in Händen gehabt, mit
-Baumfällen; sie sind so eifrig dabei, daß sie mehr anbringen, wie für
-die Dachbauten voraussichtlich nötig sein wird. Je nach der Güte der
-Stämme erhalten sie ihre Pesas, die sie vergnügt in der Stadt beim
-Händler schleunigst wieder ausgeben.
-
-Diese Förstertätigkeit macht viel Arbeit, jeder Stamm muß besichtigt
-werden, und dann zahlt Tom auch den Leuten selbst aus. Am meisten
-beschäftigt ihn jetzt die Steuerfrage! Die Wahehe haben ihre Steuern
-reichlich durch Kriegsdienst und Straßenbau abgeleistet, ebenso die
-meisten Einwohner unseres Bezirkes. Nur die Leute am Ruaha, die
-Wapawegas und andere, die für körperliche Anstrengungen zu schlaff
-sind und denen der Chakula sozusagen in den Mund wächst, sollen eine
-Naturaliensteuer entrichten. Von den Stadtleuten wird eine Hüttensteuer
-erhoben.
-
-
- 3. Oktober 1898.
-
-Heute ist unser Freund Kiwanga[10] wieder abgezogen; er kam am 28. v.
-M. mit seiner großen Bibi auf Besuch zu uns; wir besuchten ihn auch
-einigemal in seiner Tembe. Ein Versuch, sein ausgesprochen jüdisches
-Profil durch einen Schattenriß an der Wand zu verewigen, scheiterte
-an seiner Beweglichkeit, der photographischen Kamera entging er aber
-auch diesmal nicht, trotz seiner herzbewegenden Klage: „Ach Bibi, jeder
-Europäer macht Bilder von mir, ich werde alle Tage photographiert.“
-Als ich ihm aber die Bilder zeigte, die ich früher von ihm und seinem
-Kriegslager aufgenommen hatte, geriet er doch in die freudigste
-Aufregung. Auch unser braver Schnapsel war in diesen letzten Wochen
-krank, ein großer Hund hatte ihn in den Hals gebissen; dank der
-liebenswürdigen Bemühungen _Dr._ Drewes und unserer sorgsamen Pflege
-kam er wieder zu Kräften; wir hätten den treuen Hausgenossen doch
-schwer vermißt. Dem Hühnerstalle hat ein Leopard einen nächtlichen
-Besuch abgestattet und 7 Enten mitgenommen; ich glaubte erst, es seien
-Diebe gewesen, heute nacht hat er aber wieder einige 30 totgebissen
-und zum Teil gefressen, auch meine Puten sind verschwunden; deutliche
-Spuren und vereinzelte Federn verrieten aber, daß hier ein zweibeiniger
-Spitzbube auf Konto seines vierbeinigen Kollegen gearbeitet hat.
-
-
- 11. Oktober 1898.
-
-Gestern brachte Pater Ambrosius den am Fieber erkrankten Herrn v.
-der Marwitz nach der Station und ging mit dessen Stellvertreter, dem
-Unteroffizier Künster, wieder auf seinen Posten zurück.
-
-Ich war in großer Unruhe! Herrn v. der Marwitz’ Fieberanfall hatte
-noch in der letzten Woche unseren Arzt sechs Tage lang von der Station
-ferngehalten, jetzt gerade, wo ich ärztlicher Hilfe voraussichtlich
-bald dringend bedarf! Gott sei Dank, diese Sorge bin ich los, nun geht
-das „große Reinemachen“ noch einmal so flott. Es soll wenigstens alles
-in Haus und Hof imstande sein, wenn ich nicht jeden Tag selbst mehr
-nach dem Rechten sehen kann.
-
- * * * * *
-
-
- +Utengule+, 28. Mai 1899.
-
-Schwere Zeiten liegen hinter mir, Wochen und Monate so banger,
-verzehrender Sorge, wie sie nur einer Mutter beschieden sein
-können..... Wir befinden uns auf Safari. Tom hatte schon früher den
-Wunsch geäußert, sich die Gegend hier genauer anzusehen, nun sind wir
-seit dem 27. April unterwegs.
-
-Die Landschaft Irole übertrifft an Fruchtbarkeit alle unsere
-Erwartungen, sie liegt 1400 Meter hoch und zeichnet sich durch gesundes
-Klima und für uns Europäer angenehme Temperatur aus. Am 30. April
-besuchten wir das auf einer Anhöhe bei der Residenz des Jumben Kawenda
-von Irole gelegene Zelewski-Denkmal: eine 8 Meter hohe Steinpyramide
-auf einem 7 Meter hohen Sockel, in welchen eine Kupferplatte mit den
-Namen der zehn Gefallenen der unglücklichen Zelewski-Expedition von
-1891 eingefügt ist. Mit tiefer Rührung las ich die Namen: vor acht
-Jahren fielen zehn deutsche Männer an dieser Stelle im blutigen Kampfe
-gegen die Wahehe -- und heute stehen wir hier als die Herren des
-Landes, und die Wahehe sind unsere tapfersten Kampfgenossen. Das teure
-Blut unserer tapferen Landsleute ist nicht fruchtlos geflossen.
-
-Wir schmückten das Denkmal mit Blumen und Laubgewinden und zogen weiter
-in die steilen Utshungwe-Berge. Anhaltendes Regenwetter vereitelte aber
-Toms Arbeiten, Wegaufnahmen und Kartieren; auch ich hatte natürlich
-keine Freude an dieser „Wasserpartie“. Kurze Sonnenblicke, die zuweilen
-die Nebelwand zerrissen, ließen erkennen, daß wir uns in fruchtbarem
-und eigenartig schönem Berggebiete befanden.
-
-Sehr überrascht waren wir eines Morgens, als wir aus unserem Zelt
-anscheinend in eine Schneelandschaft traten; es war jedoch nur der
-frische Morgentau, der auf den dicht behaarten Halmen einer weißlich
-schimmernden Grasart glänzte. Die Täuschung war wirklich überraschend.
-Auf dem Rückzug aus den Bergen mit vielen Flußübergängen ist mir
-besonders eine prächtige Schirmakazie aufgefallen, die ihr flaches Dach
-gegen 7 Meter weit nach allen Richtungen hin ausbreitete; leider konnte
-ich den stattlichen Baum nicht photographieren, Nebel und Regen folgten
-uns auf dem ganzen Marsch bis Malangali.
-
-Von besonderem Interesse war mir auf dieser Safari, daß wir am 5. Mai
-an einem Platze Halt machten, in dessen Nähe ich vor 2½ Jahren mit Tom
-nach monatelanger, in dem Fieberneste Perondo unter Angst und Sorge um
-sein Leben zugebrachter Einsamkeit wieder zusammenkam. Das Wiedersehen
-wog all die sorgenvollen Wochen auf! Noch eine andere Erinnerung
-knüpft sich an diesen Platz: hier wurde damals der Askari meuchlerisch
-ermordet, das erste Zeichen des beginnenden Aufstandes.
-
-Zu unserer Begrüßung kam der Jumbe Lupambile aus Mugama, ein Verwandter
-des Sultans Kiwanga, ins Lager. Er brachte mir die Hühner und andere
-Lebensmittel, die ich vorausgesandt hatte. Ihm vertraute ich meine
-beiden jüngsten Pflegekinder an: Mumiri und Mpanga. Wider Erwarten
-zeigten sich die beiden Kleinen den Anstrengungen der Safari nicht
-gewachsen, die ersten paar Tage hielten sie auf ihren Eseln, die ich
-besonders für sie angeschafft hatte, ganz tapfer aus, besonders Mumiri;
-das kleine frische Kerlchen klammerte sich mit den Armen um den Hals
-seines Grautieres, auf die Dauer freilich wurde ihm diese Stellung
-doch zu unbequem; sobald er sich aufrecht setzte, fiel er herunter,
-auch wurde er oft von den Bäumen aus dem Sattel gestreift. So war es
-denn besser, die Kinder hier zu lassen, umsomehr, als sie bei Lupambile
-in bester Hand sind.
-
-Am 6. Mai rasteten wir am Iragolabach; von der Fülle der herrlichsten
-Blumen, Lilien und Orchideen, nahmen wir eine Menge Knollen zum
-Einpflanzen mit. Der Zug durch die Landschaft Fuagi war besonders für
-unsere Schwarzen beschwerlich, es fehlte an Holz zum Lagerfeuer; die
-armen Kerle froren Tag und Nacht. Auch der Übergang über den Uuhai
-(Nebenfluß des Ruaha) bot, der steilen Ufer und des weichen Moorbodens
-auf unserer Seite wegen, große Schwierigkeiten; die Karawane brauchte
-länger als eine Stunde zum Durchwaten, ich „schwebte“ wieder auf den
-Köpfen von zwei Askaris über die Flut hinweg; ein besonders langer
-Mhehe stapfte hinterher, um die teure Last vor unfreiwilligem Bade
-zu bewahren, falls einer meiner beiden Träger im Wasser stolpern
-oder fallen sollte. Es ging aber gut ab. Von Wild sahen wir nur ein
-Wildschwein und eine Antilope auf einem Felsblock, deren Silhouette
-sich scharf gegen den rotglühenden Morgenhimmel abhob -- ein prächtiges
-Bild. Am Kufaribache (8. Mai) fand sich viel Brennholz; trotz der
-milden Sommernacht schichteten die Träger wahre Scheiterhaufen
-zusammen, als wollten sie sich nun bei dem reichlichen Holzvorrat
-nachträglich noch an Hitze ersetzen, was sie in den holzarmen Strecken
-entbehren mußten.
-
-Am 9. Mai stellten wir die Quelle des Ruaha fest. Wir hielten da
-einen Ruhetag, weil Tom Berichte schreiben und seine Beobachtungen
-und Aufnahmen in Ordnung bringen wollte. Unser Herbarium erhielt
-auch hier reichen Zuwachs; in dem die Ruahaquelle umgebenden Sumpfe
-wuchsen wunderschöne Blumen, von denen wir uns einen Vorrat preßten;
-freilich mußten wir in dem Sumpf und dem Bache herumwaten. Das ganze
-Land ist sehr wasserreich: binnen sechs Tagen mußten wir mehr als 250
-Wasserläufe passieren, zum Teil von ansehnlicher Tiefe. Am 12. lagerten
-wir am Malangali-Ruaha, den wir zum Unterschied von unserem großen
-Flusse den Ruahabach nannten. Bemerkenswert waren die in der Nähe
-befindlichen charakteristischen Erderosionen, wie man sie selten von
-solcher eigenartigen Schönheit antrifft.
-
-Am 14. Mai trafen wir auf Station Malangali ein, wo Herr v. der
-Marwitz ein wunderhübsches Offiziershaus mit Wohnzimmer, Schlafzimmer
-und Baderaum gebaut hatte. Hier war soeben der arme Geograph Schmidt
-am Fieber gestorben. Auch Idunda passierten wir, die Station, welche
-Tom seinerzeit eingehen lassen mußte, weil der Platz von Dysenterie
-so verseucht war, daß man der Krankheit nicht Herr werden konnte.
-Am Sanibach kamen wir in das Gebiet Mereres, nach Ubena. Der
-Charakter dieser Landschaft ist ganz verschieden von dem Uhehes, lang
-ausgedehnter welliger Steppenhügel mit wenig Wasser, doch fehlt es
-nicht an fruchtbaren Stellen. Am meisten fällt der gänzliche Mangel
-an Baumwuchs auf, es gibt hier meilenweit weder Baum noch Strauch.
-Als Brennmaterial dient der Dünger der Rinderherden, der hier von den
-Schwarzen überall gesammelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet
-wird. Die Temben sind meist aus Schilf, selten ist einmal ein Holzstab
-durchgezogen, den sie sich von weit her holen müssen.
-
-In Gawiro kam uns Merere entgegen, an der Spitze seines Hofstaates.
-Er ist jetzt ganz „Europäer“ geworden, selbst den Gebrauch des
-Taschentuches hat er sich angewöhnt. Übrigens spielt er in
-seinem, gegen manchen seiner Stammes- und Standesgenossen stark
-kontrastierenden Selbstbewußtsein als Sultan eine gute Figur. Mich
-behandelte er mit ausgesuchter Höflichkeit; es imponierte ihm, daß ich
-lesen und schreiben kann. Als Tom in Ruipa neulich Volkszählung hielt,
-sagte Merere: „Wir zählen nicht einmal unsere Rinder, wie sollen wir
-unsere Frauen zählen?“ Daß Tom gefragt wird, wieviel Rinder er für mich
-bezahlt hat, kommt öfter vor.
-
-Beim Einzug in Gawiro war feierliche Einholung; von weither kamen uns
-die Leute entgegen, in Gawiro selbst offizieller Empfang. Merere nahm
-auf dem von seinem Vater ererbten, schön geschnitzten und mit Metall
-eingelegten Stuhle Platz, der ihm überall von einem eigens hierzu
-angestellten Jüngling nachgetragen wird. Wir setzten uns neben den
-Sultan. Die Leute knieten nieder, indem sie, die Handflächen aneinander
-reibend, die vorgestreckten Arme hin und her bewegten, und sagten
-„_adse senja_“ (Gegrüßt seist du, Rindvieh!), worauf Merere erwidert:
-„_Guiri juga_“ (Guten Morgen, wir grüßen dich!). Wenn Merere von
-einer Reise zurückkehrt, wird er mit dem zweimal wiederholten Rufe
-begrüßt: „_Guage senja_“ (Guten Morgen, Rind!), „_Wadjeri Msenga_“
-(Guten Tag, o Rindvieh!). Die Halle, in der diese Begrüßung stattfand,
-war mit Spiegeln an den Wänden, Fellen und Waffen ganz geschmackvoll
-ausgestattet. Auch die übrigen Räume fand ich ganz wohnlich
-eingerichtet; unter Mereres Stuhl war sogar ein schönes Leopardenfell
-als Teppich ausgebreitet. Von besonderem Interesse war für uns Mereres
-Haus, da es an den Außenseiten mit Wandmalereien geschmückt war,
-die in der ganzen Auffassung des Dargestellten am besten für die
-kindlich naive Anschauungsweise unserer schwarzen Freunde sprechen.
-Auf den Bildern aus grellbunten Erdfarben, die der eingeborene _al
-fresco-_Künstler sich an Ort und Stelle zusammengemischt hatte, war
-Quawa dargestellt, wie er mit Mpangire und seinen Brüdern zum Kriege
-auszieht, die Fahne voran; ferner ein Jäger, der, hinter einem Baum
-versteckt, auf einen Elefanten schießt; die Zeichnung des Elefanten,
-dem der Maler beide Stoßzähne auf die dem Beschauer zugekehrte Seite
-gemalt hatte, erinnerte lebhaft an die naiven Darstellungen auf
-altägyptischen Bildern; an der Vorderseite waren zwei große Giraffen
-aufgemalt. Diese Wandbilder sind im ganzen Gebiete die einzigen Zeichen
-von künstlerischer bezw. malerischer Betätigung; Quawa hatte sie
-sich auf die Wände seiner Tembe malen lassen; da sie in der dunklen
-Halle jedoch nicht zur Geltung kamen, ließ Merere auf den Außenwänden
-seiner Tembe dieselben Bilder anbringen. Bemerkenswert ist auch, daß
-Merere als erster schwarzer Herrscher im Innern sich ein zweistöckiges
-steinernes Haus bauen läßt; das Aufrichten lotrechter Wände macht ihm
-freilich viel Kopfschmerzen.
-
-Mit Herrn v. der Marwitz, der inzwischen eingetroffen, setzten wir
-uns weiter in Marsch, und zwar kamen wir nun in wildreiche Gegend;
-besonders die Zebras, denen ich auf meinem Maultiere mich bis auf
-etwa 100 Meter nähern konnte, boten einen prächtigen Anblick; die
-mit Leierantilopen vermischten Herden formierten sich manchmal
-wie eine Kavallerie-Brigade mit vorgezogenen Kommandeuren und
-Adjutanten. Bei Usafa, etwa drei Stunden nördlich von Gawiro, geht das
-charakteristische weitgewellte Ubena-Grasland der Uheheberge auf, und
-es beginnt die Tischplatten-Niederung des Mpangali oder großen Ruaha,
-welche zunächst bis zur größten Ortschaft Kiwere mit Busch und Strauch
-bedeckt ist. Über Kiwere hinaus, und zwar bis an den Usafaabfall im
-Westen, die Vorhügel von Niam-Niam im Norden, an die Irongoberge
-im Osten, dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine gewaltige, fast
-baumlose Ebene aus, die zwar in der Regenzeit mit Gras bestanden,
-aber in den trockenen Zeiten, namentlich nach den Grasbränden,
-unbeschreiblich öde wäre, wenn nicht die kolossalen Wildherden Leben
-in das Bild brächten. Verschiedentlich glaubte ich noch aus 1500
-Meter Entfernung, mitten in der gelben Ebene, eine lange Strecke
-Buschwald vor mir zu sehen, der sich aber bei Annäherung als eine etwa
-1000 Stück starke Herde von vorherrschend Zebras und Leierantilopen
-auswies. Rhinozeros und Elefanten sind auch nicht selten, während Löwen
-nachgerade hier zu Hause zu sein schienen. Merere wurde eingehend über
-den Wert des Zebras belehrt. Am Mpangali selbst liegen keine Dörfer,
-wohl aber ist eine Reihe Niederlassungen, meist Neuansiedelungen, durch
-Merere ein bis zwei Stunden vom Flusse ab in der Steppe verstreut; nur
-am linken Ufer ist die Steppe von Ulanga westlich menschenleer und fast
-ohne Wald. Bei Ulanga, einer Niederlassung mit 60 Hütten, trennten wir
-uns am 19. Mai 1899. Merere ging auf direktem Wege nach seiner neuen
-Residenz Utengule, um Vorbereitung zum Schauri zu treffen.
-
-Am Ruaha schlugen wir unser Lager auf, an der einzigen Stelle, wo der
-Fluß einigermaßen passierbar ist; die vielen Krokodile, die sich hier
-aufhalten, machen den Übergang doch etwas riskant, ich balancierte,
-die Füße auf den Hals meines Maultieres gelegt, glücklich und ohne
-weitere Anfechtung hindurch. Dann trafen wir nach kurzer Mittagspause
-Vorbereitungen zur Kibokojagd (Nilpferd). Ich war in keiner geringen
-Aufregung: zum erstenmal auf Flußpferde pürschen -- da darf man schon
-Jagdfieber haben.
-
-Wir waren kaum 300 Meter am Ufer entlang gegangen, als wir auch schon
-die ersten Tiere sahen: prustend kamen zwei unförmliche Schnauzen
-aus dem Wasser, um nach ein paar schnaufenden Atemzügen rasch wieder
-unterzutauchen. -- Hier faßte Herr v. der Marwitz Posten, während Tom
-und ich weitergingen. Bald fanden wir eine ganze Familie: die Alten
-scheu und vorsichtig immer nur auf Augenblicke den Kopf aus dem Wasser
-reckend, die Totos dagegen vergnügt und sorglos herumplätschernd. Wir
-beobachteten eine Zeitlang das interessante Bild, als plötzlich von
-der Seite unseres Jagdgenossen ein Schuß fiel, dem bald noch mehrere
-folgten. Jetzt galt es auch für uns, zum Schusse zu kommen, ehe die
-Dickhäuter sich von dem Knall verscheuchen ließen. Ich stellte mich
-hinter Tom, um ihm rasch die Patronen zureichen zu können. Es war
-nicht ganz leicht, den stärksten Kopf von den oft nur sekundenlang
-auftauchenden Ungetümen aufs Korn zu nehmen, und es dauerte lange,
-bis Tom endlich schoß. Das getroffene Tier warf sich hoch auf aus dem
-Wasser, schlug mit den kurzen plumpen Beinen und versank dann lautlos;
-wir hatten die Kugel dicht unter dem Auge einschlagen sehen, wenn es
-also nicht zu weit abtrieb, mußten wir das Tier finden.
-
-Die badende Kibokoherde hatte eine Anzahl Krokodile angelockt, von
-denen Tom eins, welches auf einer Sandbank am Ufer sich sonnte, zur
-Strecke brachte; es war ein stattlicher Bursche.
-
-Herr v. der Marwitz hatte Glück gehabt, sein Kiboko hatte ihm den
-Gefallen getan, angeschossen auf das Ufer zu klettern, wo er ihm den
-Fangschuß geben konnte. Angesichts dieses Kolosses wurden wir doch
-zweifelhaft, ob unser Kiboko auch wirklich tödlich getroffen wäre; es
-ließ Tom keine Ruhe, und so ging er denn selbst noch einmal, um den
-Fluß abzusuchen; sehr vergnügt kehrte er mit der Nachricht zurück, daß
-auch unsere Jagdbeute glücklich auf einer Sandbank im Strome gestrandet
-sei.
-
-Am anderen Morgen galt es, die beiden Kolosse und das Krokodil zu
-bergen. Das war keine leichte Arbeit; unsere Leute strengten sich
-gewaltig an, die starren, unbeweglichen Fleischkolosse durch den Fluß
-und die Uferhöhe hinauf zu schleppen; die Aussicht auf den seltenen
-Überfluß an Fleisch schien ihnen Riesenkräfte zu verleihen.
-
-Die Nachricht von unserem Jagdglück hatte sich mit Windeseile in der
-Gegend verbreitet, von allen Seiten kamen Einwohner der umliegenden
-Dörfer, um von der Beute ihr Teil zu holen. Ehe wir sie ihnen
-überließen, photographierte ich die beiden Kibokos und das Krokodil;
-dann wandten wir uns ab von dem scheußlichen Anblick dieser gierigen,
-heulenden, hungrigen Schar, die mit Messern, Äxten und Speeren in dem
-Fleische der toten Tiere herumwühlte und sich um die besten Stücke
-zankte.
-
-Nur mit Mühe brachten die Wasagiras, die sich vorher schon über die
-Verteilung des Fleisches geeinigt hatten, Ordnung in dieses tobende
-Chaos.
-
-Während hier der tollste Lärm um unsere Riesenbeute tobte, saß Herr v.
-der Marwitz unweit davon am Ufer und holte mit seiner Angelschnur in
-größter Seelenruhe Fisch auf Fisch aus dem Wasser, die uns zu Mittag
-vortrefflich schmeckten.
-
-Nachmittags passierten wir, nachdem wir den Fluß nochmals
-durchschritten, eine Stelle, an der Herr v. der Marwitz vor einigen
-Monaten 32 Flußpferde erlegt hatte; die von den Hyänen abgenagten
-Knochenhaufen machten einen unheimlichen Eindruck. Kurz darauf
-kamen wir nach Ulanga, einem Dorfe mit runden Hütten. Am anderen
-Morgen großer Alarm: soeben war ein Trupp Elefanten dicht am Dorfe
-vorbeigelaufen, in der Ferne konnten wir sie noch sehen! Eine
-Verfolgung blieb, wie zu erwarten, ohne Erfolg, nur einen Antilopenbock
-brachte Tom zur Strecke. Mehr Glück hatten wir später in der Nähe
-einer kleinen Ansiedelung von acht Hütten, Karadja; dort konnte ich
-eine Strecke photographieren, bestehend aus 1 Zebra, 1 Kuhantilope,
-3 Nämära, 1 Swala, 1 Schwarzfersenantilope. Die Leute leben hier fast
-ausschließlich von der Jagd, Feldfrüchte bauen sie fast gar nicht,
-tauschen solche vielmehr in den Nachbardörfern gegen das Fleisch ihrer
-Jagdbeute ein, und damit ist beiden Teilen aufs beste geholfen.
-
-Im weiteren Verlaufe unseres Marsches hatte ich Gelegenheit, mich dicht
-an einen größeren Trupp von Zebras anzupirschen und die prächtigen
-Tiere lange zu beobachten; ein wunderbares Bild: die zierlichen Tiere
-fühlten sich ganz sicher, die Fohlen spielten und sprangen um die alten
-Tiere herum, die sorglos grasten; erst als mein Maultier hart auf einen
-großen Stein auftrat, schraken sie zusammen und wurden flüchtig.
-
-Das wichtigste Ereignis stand mir jedoch noch bevor. Etwa 150 Schritt
-abseits unseres Weges stieg plötzlich eine schwarze Wolke von Aasgeiern
-auf, dort mußte also ein ausgiebiger Futterplatz sein. Aber sollten
-wir auf diese Entfernung hin das Frühstück gestört haben? Ich schickte
-einen Wahehe nach der Richtung, doch der war kaum in die Nähe gekommen,
-als sich plötzlich ein mächtiger Löwe aus dem hohen Grase erhob! Es
-war ein prachtvolles starkes Tier mit dichter Mähne, die er zornig
-schüttelte. Der Wahehe stand vor Schreck wie festgenagelt, und ich
-meinte nicht anders, als daß der Löwe ihn im nächsten Augenblicke
-unter seinen Pranken haben würde -- aber ich hatte den Wüstenkönig
-überschätzt. Ehe noch Tom aus dem Sattel und mit der Büchse zur Stelle
-war, hatte der Löwe sich schon bis auf etwa 300 Schritt entfernt; dann
-wandte er sich wieder und äugte nach uns herüber, sobald wir ihm aber
-folgten, brachte er immer größere Strecken zwischen sich und uns, bis
-er endlich am Horizonte verschwand.
-
-Das ganze Benehmen deutet auf alles andere, als auf die vielgerühmte
-Tollkühnheit und Tapferkeit des sogenannten „Königs der Tiere“ -- mir
-kam es erbärmlich feige vor, als das kraftvolle stattliche Tier Reißaus
-nahm. Unverbesserliche Optimisten mögen darin vielleicht ein Zeichen
-der sprichwörtlichen „Großmut“ erkennen, daß er sich nicht auf den
-Wahehe stürzte. Das Urteil über die bewundernswerten Eigenschaften
-des Wüstenkönigs scheint mir nach allem, was unsere „Afrikaner“ davon
-erlebt und erzählt und was ich selbst von ihm gesehen habe, sehr der
-Revision bedürftig. Jedenfalls darf man den Begriff „König“ nicht in
-dem Sinn auffassen, wie wir Europäer das zu tun gewohnt sind; man kommt
-der Sache schon besser bei, wenn man den Begriff nach dem Beispiele der
-sehr ehrenwerten Mitglieder des Pickwick-Klub „_in a Pickwickian i.
-e. African point of view_“ nimmt.
-
-Da Tom für seine kartographischen Aufnahmen den Fluß als Basis
-benutzen wollte, hielten wir uns die nächsten Tage am Ruaha auf. Noch
-am Vorabende unseres Aufbruches, am 24. Mai, hatte ich Gelegenheit,
-mich auf eine Kibokofamilie anzupirschen, die sorglos im Strom badete.
-Ich muß gestehen, daß ich in nicht geringer Aufregung war, als ich
-zum ersten Male die Büchse erhob, das Herz schlug mir hörbar bis
-zum Hals hinauf, so daß ich mein Ziel, den in kurzen Zwischenräumen
-auftauchenden Kopf meines Wildes, kaum fest in die Visierlinie bringen
-konnte: ich hatte das richtige Büchsenfieber! Endlich, als sich meine
-Nerven beruhigt hatten, paßte ich meine Gelegenheit ab; ich blieb im
-Anschlag liegen, bis der ungefüge Kopf des zur Beute erkorenen Tieres
-aus dem Wasser auftauchte, und diesmal ließ ich ihm keine Zeit, mich
-wieder zu necken; noch ehe er wieder im Wasser verschwinden konnte, gab
-ich Feuer -- die Kugel schlug dicht über dem rechten Auge ein, und mein
-Kiboko verschwand im Wasser! Wenn ich auch meiner Sache ganz sicher
-zu sein glaubte, daß der Schuß gut gesessen, war ich doch in großer
-Spannung, in die sich allmählich auch gelinde Zweifel mischten, ob wir
-das Tier finden würden, um so größer daher meine Freude, als unsere
-Leute mit Jubelgeschrei verkündeten, daß mein Kiboko mit weidgerechtem
-Kopfschuß etwas weiter stromabwärts an einer Sandbank angetrieben sei.
-
-Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im
-Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend
-durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als
-afrikanische Staffage belebt dies in majestätischer Ruhe vor uns
-ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im
-Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen
-nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die
-kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln -- es war
-ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren
-Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper
-und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die
-tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille
-Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben
-jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden
-und -- Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen
-machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der
-Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den
-unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest
-und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück
-auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem
-ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes,
-soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es
-mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all
-ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das
-schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem
-Lande erkaufen mußte.
-
-Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft
-und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen
-unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles
-birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe
-sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen!
-
- * * * * *
-
-Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit
-dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte;
-die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren
-flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile sonnten; Tom schoß
-zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der
-Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar
-gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren
-wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als
-Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht
-der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden
-die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere
-wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod
-zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden
-verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle,
-auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband
-gehörte mit zu den Attributen seiner Würde.
-
-Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen _Dr._
-Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir im weiteren
-Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen konnten. Wir
-verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe Stunden. Von
-allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden, war der Tanz
-seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die anstrengendste
-für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24 Stunden! Wir sahen
-sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das Geschrei dieser
-schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe hinein. Übrigens
-stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von sämtlichen jungen
-Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu nennen war.
-
-Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine
-etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte
-Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz
-seiner Mutter. Die alte Dame -- man kann diesen europäischen Begriff in
-der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung
-auftretende Mutter des Sultans anwenden -- machte auf uns den besten
-Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung mit
-ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die
-kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres
-Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl
-setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch
-die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken.
-
-
- An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899.
-
-Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die
-schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten
-Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich
-wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni
-in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum
-Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest
-unserer Safari noch tragen lassen muß.
-
-Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Abschied von Iringa. Auf der Heimreise.
-
-
- +Iringa+, 25. September 1899.
-
-Starkes Erdbeben. Wie die Wahehe erzählen, werden Erdstöße hier öfter
-beobachtet. In der Tat hatten solche auch in den Tagen nach Quawas Tod,
-vor Jahresfrist etwa, stattgefunden; dieses Naturereignis war damals
-von den Wahehe mit dem politischen Ereignis des Todes des gewaltigsten
-Negersultans in ursächlichen Zusammenhang gebracht worden.
-
-Am 22. November traf die Genehmigung von Toms Urlaubsgesuch ein. Seit
-der Rückkehr von unserer Safari, am 21. Juni, war ich krank, wochenlang
-nicht imstande, das Bett zu verlassen, es war eine furchtbare Zeit.
-Auch Toms Gesundheit war infolge der Strapazen der letzten Jahre so
-erschüttert, daß er, wenn auch schweren Herzens, den schönen Beruf,
-dem er mit Leib und Seele angehörte, wohl aufgeben müssen wird. Ein
-längerer Urlaub in der Heimat wird, so Gott will, uns beide wieder
-für die Aufgabe stärken, die wir uns infolgedessen gestellt haben:
-fernerhin als deutsche Landwirte und Kolonisten in diesem Lande zu
-wirken. -- Nun geht es ans Einpacken. Die Hauptsorge, wo bleiben meine
-Totos, meine kleinen schwarzen Pflegekinderchen, ist auch glücklich
-gelöst. Missionar Neuberg wird sie bis zu unserer Rückkehr in Pflege
-nehmen.
-
-
- Weihnachten.
-
-Den heiligen Abend verlebten wir still für uns. Die beiden Feiertage
-folgten wir einer Einladung nach der katholischen Mission, wo die
-erste Taufe an erwachsenen Eingeborenen stattfand. Abends hatten die
-lieben Schwestern der Mission es sich nicht nehmen lassen, uns einen
-Weihnachtsbaum zu schmücken, sie und Pater Severin hatten allerhand
-hübsche Weihnachtsüberraschungen für uns in Gestalt von geschnitzten
-Holzgeräten, wie Näpfe, Löffel und dergleichen, in deren Anfertigung
-die Wahehe sehr geschickt sind.
-
-Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im
-vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten
-wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das
-heilige Abendmahl genommen.
-
-Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der
-Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns
-herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden
-sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie
-hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von
-dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen.
-Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es
-eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung
-hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus
-einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei
-den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten
-vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein.
-
-Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten
-noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten
-mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es
-mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine
-Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute.
-Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter
-militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt
-eine Ansprache an die Askaris, in der er betonte, er freue sich,
-seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu
-können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte
-er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner
-auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe
-unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann
-durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der
-schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich
-gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit
-Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden
-Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des
-Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die
-Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern
-Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg
-hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten,
-dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer
-begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine
-Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren
-benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter
-und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte.....
-
-
- 5. Januar 1900.
-
-Der steile Abstieg liegt hinter uns. Das waren anstrengende Tagemärsche
-und noch dazu in strömendem Regen. Das Gebirgsland Uhehe liegt hinter
-uns, jetzt nähern wir uns wieder der Ebene. Der Temperaturunterschied
-ist bereits fühlbar, die frische, reine Bergluft werden wir nun nicht
-wieder atmen, die Ebene mit ihren warmen, fieberbergenden Ausdünstungen
-macht sich geltend. Ich ließ unsere Karawane an mir vorüberziehen,
-Träger, Askaris mit ihren Frauen und Boys, alles in allem etwa 150
-Menschen; unter ihnen die Witwe eines unserer Askaris, eine Sudanesin,
-die nach dem Tode ihres Mannes wieder in ihre Heimat zurückkehren will;
-sie hat mir oft in Haushalt und Küche geholfen, bei dem Begräbnis
-ihres Mannes schloß ich mich dem Gefolge an, nicht als _Bibi Kwubwa_
-(„gnädige Frau“), sondern als Leidtragende, was ihr damals von den
-anderen Frauen als hohe Ehre angerechnet wurde, jetzt geht sie unter
-meinem Schutze zurück zur Küste.
-
-Die Jumben aus der Umgegend stellen sich alle ein, um uns glückliche
-Reise zu wünschen; dabei tauschten wir alte Erinnerungen aus, wie sie
-uns damals feindlich gegenüberstanden, als Quawas Einfluß noch wirksam;
-ich frug sie, warum sie mich damals in Perondo nicht angegriffen
-hätten, obgleich sie wußten, daß Tom auf einem Kriegszuge abwesend
-war; die Antwort lautete wieder: wir hatten Furcht vor dir, man hatte
-uns überall gesagt, du würdest uns alle töten! Nähere Erklärungen
-über diese heikle Frage vermied ich mit diplomatischer Gewandtheit,
-im Stillen segnete ich aber die Urheber jenes Gerüchtes, dem ich es
-verdanke, daß ich mich jetzt wohlbehalten auf der Heimreise befinde.
-Von großem Interesse ist es mir, aus Toms und der Jumben Unterhaltung
-zu hören, wann und wie nahe wir uns oft gegenübergestanden haben;
-das wird jetzt alles mit einer Gemütlichkeit und einem Interesse
-verhandelt, als gälte es einem Jagdzuge auf Kibokos und nicht dem
-Vernichtungskampfe auf Leben und Tod. Gott sei Dank, daß wir jetzt so
-ruhig über jene Zeit reden können.
-
-
- +Mgowero+, 6. Januar 1900.
-
-Der Übergang aus dem gesunden Gebirgsklima Uhehes zur heißen Ebene
-macht sich geltend; der heutige Marsch in der Glühhitze war furchtbar.
-Als wir am Lagerplatz unser Zelt aufschlagen ließen, stürzte einer der
-Leute vom Hitzschlag getroffen und starb trotz aller angewandten Mittel
-bald. Seine Frau wollte mit ihrem Jungen, einem allerliebsten kleinen
-Bengel von drei Jahren, bei der Leiche zurückbleiben, doch redete ich
-ihr so lange zu, bis sie sich entschloß, mit mir weiterzuziehen; was
-wäre aus dem armen Weibe in der Wildnis geworden?
-
-
- 7. Januar 1900.
-
-Übergang über den sehr breiten, aber nicht tiefen Ruaha, in etwa 500
-Meter Meereshöhe. Der Abstieg zum Teil ungemein steil, die Hitze nimmt
-zu. Die Vegetation zeigt schon ein ganz anderes Bild; die herrlichen
-Pelargonien, die in Irole so üppig wuchsen, daß ihre Blüten die
-Hügel und Abhänge ringsum wie mit Rosa überzogen erscheinen ließen,
-sind verschwunden. Der gestrige Todesfall hat bös auf die allgemeine
-Stimmung gewirkt, heute sind uns zwei Träger fortgelaufen; die Hitze
-wird immer fühlbarer; der schöne Algierwein, der all die Jahre über
-unsere Freude und Stolz gewesen, will nicht mehr schmecken, dagegen
-steigt der beinahe verächtlich behandelte Moselwein in unserer
-Sehnsucht; überhaupt kommt alles Saure und vor allem Früchte zur
-Geltung, während uns Fleisch anwidert.
-
-Unter dem Allerleirauh unserer Karawane zeichnet sich ein
-Wanjamwesi-Ehepaar aus; sie hilft ihrem Manne beim Tragen der Last,
-im Lager geht sie mir viel zur Hand; ein angenehmer Gegensatz zu den
-meist so faulen Weibern unserer Soldaten. Die Jumben mit ihrem Anhange,
-die uns hier besuchen, zeigen auch schon einen von den schneidigen
-Wahehe in den Uhehebergen ganz verschiedenen Typus; Jumbe Musaka von
-Marore, der heute im Lager war, machte ganz den Eindruck eines alten,
-gemütlichen Bierphilisters; nichts mehr von jenem stolzen, natürlichen
-Selbstbewußtsein, das unsere stattlichen Wahehe so ungezwungen zur
-Schau trugen; das heiße Klima der Ebene erschlafft.
-
-
- 8. Januar 1900.
-
-Wir passierten das Dorf Marore; hier waren die Hütten schon alle aus
-Stroh gebaut, nichts erinnert mehr an die Bergstämme von Uhehe. Das
-Land ist von üppigster Fruchtbarkeit, wir sehen viele Ziegen, aber
-keine Rinder.
-
-
- +Kisenguana+, 9. Januar 1900.
-
-Toms Geburtstag! Mein armer Mann ist leider wieder sehr elend, das
-Fieber hat ihn auf unserem Marsche noch kaum einen Tag verschont. So
-feierten wir den Tag recht still.
-
-
- +Ndisi+ (auf Deutsch „Bananen“), 10. Januar 1900.
-
-Leider sind die Bananen noch nicht reif. Sehr zustatten kommen uns
-die Rasthäuser, die auf der Strecke angelegt sind, man findet nach
-dem heißen, anstrengenden Marsche doch gleich einen schattigen,
-kühlen Aufenthalt unter dem Schutze dieser weiten Strohdächer; die
-ganze Karawane, Menschen und Vieh, drängt sich um diesen gegebenen
-Mittelpunkt zusammen.
-
-
- +Mangatua+, 11. Januar 1900.
-
-Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam
-uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef
-Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei
-Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg
-ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und
-Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum
-Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben
-Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist
-hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen,
-die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund
-mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk
-in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat.
-Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von
-Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er
-zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer
-Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache
-des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß
-die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den
-angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen.
-
-
- +Kilossa+, 12. Januar 1900.
-
-Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis 3½
-Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die Station Kilossa, die
-er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die schöne
-Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die liebenswürdigste
-Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer freudigen
-Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen hier die
-Leutnants Sand[11] und Pfeiffer[12], die, von Dar-es-Salaam kommend,
-auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister Asp, der
-nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes Kommen und
-Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde
-einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien Gäste für sie
-ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel und _Dr._
-Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns hergerichtet; wir
-wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen wir uns den
-Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst vergnügt.
-
-Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes,
-den Pater Oberle, auf seiner Station +Mrogoro+ zu begrüßen, bis wohin
-unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das Geleite
-gegeben hatte.
-
-Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene
-unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem
-aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche
-Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen,
-Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen,
-ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste
-Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen
-habe, 46 _m_ lang, 10 _m_ breit, 8 _m_ hoch. Der Pater Superior ließ
-die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend, wie hübsch die
-deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob konnten wir aber
-dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes Orgelspiel spenden.
-Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit 1892 befreundet, als
-Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am Abend trennten wir uns
-von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch länger beherbergt hätte.
-
-Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir
-ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das
-Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer
-Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich
-bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen
-biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen
-alten Dame.
-
-Am 17. waren wir in +Mrogoro+. Unser Lager ist wieder der Sammelplatz
-aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die
-Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen
-ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden
-wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging
-es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“
-ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden.
-Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei
-Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam
-auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt
-ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird
-erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und
-instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis
-mehr, da man sie dann umgehen kann.
-
-Am 18. passierten wir +Kiroka+, das „Pensionopolis“ unserer Askaris,
-von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier
-angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen
-uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten
-wir in Kikundi. Von hier aus wird die Gegend ganz eben, die Rasthäuser
-sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird
-selten.
-
-
- +Sabiro+, 19. Januar 1900.
-
-Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch
-das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege
-tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam,
-ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum
-noch gerechnet.
-
-
- +Geringeri+, 20. Januar 1900.
-
-Die erste verheiratete Europäerin, die ich seit vier Jahren sah.
-Leutnant v. Trotha, auf dem Marsche nach dem Kivu-See, und Sergeant
-Heß, dieser mit seiner Frau auf dem Wege nach Tabora, kamen heute hier
-an; wir bewirteten sie bei uns; sie ist die erste Unteroffiziersfrau,
-die nach einer der Stationen im Innern geht, eine stattliche, große
-Erscheinung, blond, von energischem Wesen; sie scheint mir für die
-Verhältnisse im Innern sehr gut geeignet, und das Beispiel einer
-rührigen, praktischen Hausfrau wird bei dem bekannten Nachahmungstriebe
-der Neger, die gern sich nach den Gebräuchen der höherstehenden weißen
-Rasse richten, sicher gute Früchte tragen.
-
-Am 21. waren wir in +Kigongo+, am 22. Ruhetag.
-
-Am 24. Januar bei +Msenga+, besonders heißer Marschtag, aber auch
-besonders merkwürdig; wir erreichten den ersten Kilometerstein, 80 _km_
-von Dar-es-Salaam!! Da waren wir also glücklich wieder an der Grenze
-der Zivilisation angelangt; ich glaubte, meinen Augen nicht trauen
-zu dürfen, als sich plötzlich dieses altgewohnte Zeichen deutscher
-Kultur an unserer Karawanenstraße erhob. Wie wir als Kinder oft auf
-der Landstraße die Schritte von einem Meilenstein zum anderen gezählt
-hatten, so kontrollierten wir nun hier, mit der Uhr in der Hand,
-die Zeit, die wir für jeden Kilometer brauchten; das Ergebnis war
-erfreulich, wir machten den Kilometer durchschnittlich in 10 Minuten.
-
-
- 25. Januar 1900.
-
-Nach fünfstündigem Marsche wohltuende Ruhe. Wir besuchten einen unserer
-früheren Unteroffiziere, Sabatke, der sich hier angesiedelt hat, und
-freuten uns der hübschen Häuslichkeit, in der eine deutsche Hausfrau
-waltet. Das Heim, das sich diese jungen Ansiedler geschaffen, blitzt
-und glänzt von Sauberkeit, unter schattigen Bäumen Tische und Stühle
-mit zierlichen weißen Decken, und ringsum das lebhafte Treiben und
-Lärmen des gutbesetzten Geflügelhofes mit Hühnern, Enten und Tauben,
-auch die Esel gaben ihr Teil zu dem ländlichen Konzert. Nach einem
-letzten Wegetrunk nahmen wir Abschied von unseren Landsleuten und
-kehrten nach dem Lagerplatz zurück, wo wir unsere Leute in freudiger
-Aufregung bei großen Mengen von Reis fanden, an denen sie sich für die
-Entbehrungen auf dem Marsche schadlos hielten. Es war doch oft bei
-ihnen recht knapp zugegangen, doch nun winkt ja das Ende: wir sind an
-der Küste.
-
-
- +Kisserawe+, 26. Januar 1900.
-
-Auf der Evangelischen Mission. -- Wie schön ist es hier, ein irdisches
-Paradies -- und doch lauert der Tod ringsum in dem Schatten der Bäume,
-noch hat das Fieber hier seine Stätte.
-
-Man kann den Opfermut der Missionare nicht genug bewundern, mit dem
-sie den schier aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind
-aufnehmen, jeder Fuß breit Landes wird schwer erkämpft, Grabsteine
-bezeichnen die Etappenstraße, auf der die Kultur ihren Einzug hält.
-Auf der Station herrscht reges Leben, eine Welt im kleinen hat sich
-hier gebildet, überall wird gearbeitet, denn die Väter führen ihre
-schwarzen Pflegebefohlenen recht eigentlich im Geiste des „Bete und
-arbeite“ dem Christentum zu. Tischler und Drechsler, Schmiede und
-Zimmerleute und was sonst noch alles für Handwerker beim Bau und der
-Entwicklung der Station gebraucht werden, haben sie sich aus dem
-spröden, aber bei verständnisvoller Behandlung doch bildungsfähigen
-schwarzen Menschenmaterial herausgemodelt. Ein schönes Haus mit Türen
-und Fenstern zeugt von dem erzieherischen Wirken unserer evangelischen
-Mission; der Segen der Arbeit ruht sichtbar auf ihrem Tun. Nachdem
-uns die Kinder noch mit einigen deutschen Gesängen erfreut, nahmen
-wir Abschied von den gastfreundlichen Missionaren und gingen nach
-unserem Lagerplatze bei Pugu, der Versuchsstation für Viehzucht, die
-Gouverneur Liebert angelegt hat. Dort trafen wir Herrn Leopold, der aus
-Dar-es-Salaam zur Besichtigung der Station gekommen war, und verlebten
-einen fröhlichen Abend.
-
-Der Gegensatz der abwechselungsreichen Geselligkeit der letzten Tage
-zu dem oft monatelangen Entbehren europäischer Gesellschaft -- für uns
-während der letzten vier Jahre doch eigentlich der Normalzustand --
-wirkte geradezu aufregend; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt
-erschien uns aber der erste Reitersmann, der unbehindert durch Träger,
-Askaris, Weiber und Boys wohlgemut sein Rößlein tummelte -- wir sind an
-der Küste!
-
-
- +Dar-es-Salaam+, Kaisers Geburtstag, 1900.
-
-Wir sind da! Der erste Abschnitt unserer afrikanischen Tätigkeit ist zu
-Ende. Morgen gehen wir an Bord des „Herzog“, der uns der alten Heimat
-zuführen soll. Nicht für immer, ein Erholungsaufenthalt von einigen
-Monaten soll meinem Gatten, den Asthma und Fieber in den zehn Jahren
-seiner ostafrikanischen Tätigkeit bös mitgenommen haben, und auch mir,
-an der diese vier Jahre Ostafrika nicht ohne Spuren vorübergingen,
-frische Spannkraft verleihen zu unserem Lebensziel: als deutsche
-Landwirte in friedlichem Wettstreite an unserem Teil mitzuarbeiten an
-der wirtschaftlichen Erschließung unseres +deutschen+ Afrika.
-
-Dazu wolle Gott uns seinen Segen geben!
-
-[Illustration]
-
-[Illustration:
-
- Massow Frau v. Prince
- Hasso Adalbert
-
-Frau v. Prince mit ihren Kindern.
-
-(Zu S. 213.)]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Wie unsere Plantage entstand.
-
-
-Vorstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten
-geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche
-Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat
-gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im
-gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs,
-von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher
-Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen.
-
-Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen
-sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk.
-Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in
-den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus
-Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter,
-sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen
-und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man
-all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann
-mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt
-verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte
-ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe,
-mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo
-aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte,
-den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der
-schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm
-hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein.
-
-Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste
-Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des
-damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt
-in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der
-Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v.
-Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging.
-Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen
-hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen.
-
-Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller
-begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte,
-die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der
-Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft,
-die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, -- es ist immer wieder,
-als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen --
-begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir
-von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen
-Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste
-aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen.
-
-Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika
-Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa
-1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das
-Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns
-zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte
-uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich
-steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir
-ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem
-Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb,
-weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe
-zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist
-auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit
-vor der deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit
-steten Einfällen drohten.
-
-Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen
-vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten
-Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser
-Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es
-richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man
-achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten
-stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine
-scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß
-man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß.
-
-Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage
-gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als
-im lieben alten Deutschland.
-
-Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem
-angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene
-kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf
-eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu
-bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen
-besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für
-irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf
-einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre _Bibi_ (Frau) sein.
-
-So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten
-Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es
-bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit
-der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird
-man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben
-müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen
-zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang
-zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und
-die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den
-anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar. Während von dem
-von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite
-suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und
-schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder,
-und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material,
-das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es
-wieder und wieder heißt: „Heut sind vier -- sechs -- zehn Arbeiter
-verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung.
-Gewiß -- auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der
-Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb
-des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren, wo
-er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei kommt
-eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika, nämlich
-zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos. Ich
-hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für unsere
-Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in der Not
-meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe bringen.
-In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten -- aber als ich
-sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich darauf,
-ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum baten. Jetzt
-läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „_Cherchez la femme._“ --
-
-Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere
-zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager,
-nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine
-Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel
-harter Arbeit -- und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig
-zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die
-Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich
-ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um
-unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den
-Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf
-gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten
-fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden
-Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und
-Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt -- manchmal kam mir’s
-vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien.
-
-[Illustration: Ziegeltrocknen in der Sonne.
-
-Im Hintergrunde die Schuppen.
-
-(Zu S. 223.)]
-
-[Illustration: Landschaft in West-Usambara.
-
-Im Mittelgrund Wasser tragender Küchenboy.
-
-(Zu S. 226.)]
-
-Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die
-Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer
-genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale
-siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn
-solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er
-geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten
-Schaden an.
-
-Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des
-Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie
-eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich.
-Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände
-gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert;
-wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige,
-Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen
-erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des
-Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich
-die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch
-gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt
-schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald
-kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt.
-Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute
-unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches
-Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte
-Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt.
-
-Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange
-noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“.
-Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter
-nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren Köpfen herangeschleppt.
-Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs
-des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein
-stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit
-Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen
-Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der
-starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall
-mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die
-Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei
-nasser Erde verklebt.
-
-Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den
-festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten
-wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten
-und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen,
-Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar
-auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen.
-
-Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr
-Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen
-absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam,
-daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können.
-Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten
-brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus
-und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner
-Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich
-und täglich neue Freude an jedem Fortschritt.
-
-In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar
-nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich
-bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt
-hatten; wie empfanden wir’s, als wir -- das Angenehme immer gern dem
-Nützlichen zugesellend -- uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes
-Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen
-mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren
-Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über
-romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor
-allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum
-ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der
-Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von
-denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch
-durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit
-Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte!
-
-Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden.
-
-Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an,
-der Assistent -- wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor
-sagen; natürlich ein Weißer -- trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein.
-Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen,
-und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine
-Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. -- Nach
-dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten
-Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine
-besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen,
-und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt
-der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die
-Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der
-Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im
-letzten Augenblick springen die Schläger -- sechs Mann z. B. bei einem
-Stamm von etwa drei Meter Umfang -- geschickt zur Seite und begleiten
-das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die
-Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das
-Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor,
-ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des
-Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg.
-
-Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen
-die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen und
-Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten,
-die Steinschläger und Ziegelformer -- denn wir arbeiten ja nun auf
-das wirkliche Haus los --, endlich der große Trupp, der den Spuren
-der Axtschläger folgt. Es beginnt der +erste+ Kleinschlag am
-gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das
-Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt.
-
-Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder
-die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter
-erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt
-übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort
-unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt
-sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in
-undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu
-Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken
-ausschauen.
-
-Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum +zweiten+ Kleinschlag.
-Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren Äste
-fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest in
-kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen die
-Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den
-Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende
-Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben
-und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der
-beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn
-unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt
-aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen
-Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen
-nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei
-bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen
-Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein
-gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große
-Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich
-kann es mit gutem Gewissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute
-existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht
-vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den
-Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht
-nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von
-den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man
-kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus.
-Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden,
-für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie
-stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig +gerechte+ Behandlung hat er
-Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn!
-
-Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir
-bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier.
-Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten
-Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt
-werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde
-stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 _cm_ tief und 60 _cm_
-breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde auszufüllen
-sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die Beete, denn
-die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat sich nach
-einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes Wetter, so
-kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen, die in den
-Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden herausgenommen
-und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie an mit
-unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. -- aber ich will hier keine
-Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten, das
-ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug.
-
-Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten
-Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat -- von der
-Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal
-gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich
-noch weit mehr überraschten, als das Auftreten der Heuschrecken
-selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie
-übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel
-abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines
-Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die
-Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber
-noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von
-Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran.
-Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten
-sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe
-nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit.
-Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche
-gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf
-aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als
-diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen
-Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere
-liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. --
-
-Als unsere Plantage -- ja immer das Wichtigste! -- einigermaßen im
-Gange war, konnten wir endlich auch an den Bau eines massiven Hauses
-denken. Guter Ton für die Ziegel war nach einigem Suchen gefunden
-worden, und die Ziegelei mit all ihren Finessen längst im Betrieb.
-Für das Fundament unseres Hauses aber brauchten wir Steine; zum
-Steinschlagen jedoch hatten die Neger merkwürdigerweise weder Neigung
-noch Fähigkeit. Es war ihnen zu neu, sie bildeten sich auch wohl ein,
-es sei eine furchtbar anstrengende Arbeit. Erst nachdem ihnen mein
-Mann höheren Lohn gab und einige besondere Vergünstigungen zugestand,
-ließ sich das seltsame Vorurteil wenigstens bei den besten überwinden.
-Allmählich lernten sie sich auch ganz gut ein: anfangs schlugen sie
-nur kleine Steine los, bald verstanden sie jedoch auch größere Quadern
-zu lösen. Übung macht den Meister. Umständlich und schwierig war der
-Transport der Steine zur Baustelle, wie auch der der Ziegel. Einen
-Fahrweg anzulegen, lohnte nicht, zumal da eingefahrene Tiere nicht zu
-kaufen sind. Ein Versuch mit Eseln aber scheiterte kläglich an deren
-Störrigkeit. So mußten wir schließlich doch zu der alten afrikanischen
-Transportart zurückgreifen: die Steine und Ziegel wurden von den Negern
-herangetragen.
-
-Nachdem wir sehr gründlich als unsere eigenen Architekten den Plan des
-Hauses durchberaten hatten, ging’s ans Abstecken und das Bodenausheben
-für das Fundament. In der Nähe der Baustelle war ein Loch ausgehoben
-worden, in dem der Mörtel zurechtgestampft wurde. Leichtfüßige Knaben
-trugen ihn in leeren Petroleumfässern -- die in Afrika ein gar
-begehrter, vielseitig verwendeter Artikel sind -- den Maurern zu, die
-schon am Werk waren mit nicht geringem Geschrei: „_Udongo! Udongo!_“
--- „Erde her!“, also ungefähr unserem „Lehm up“ entsprechend. Die
-Herren Maurer sind wie bei uns verschieden geschickt; so erhielten
-die gewandteren die Erker, Fenster-, Türkanten zugewiesen, die minder
-tüchtigen die glatten Flächen, wobei sich freilich beim Nachprüfen
-mit dem Lot oft genug die Notwendigkeit ergab, ein ganzes Stück
-windschiefer Arbeit wieder einreißen zu lassen, denn Augenmaß ist den
-Negern nicht gegeben.
-
-Mit wachsender Freude sahen wir die Mauern emporsteigen und den Inder
-in Tätigkeit, der hier den Zimmermann spielte, Tür- und Fensterrahmen
-und den Dachstuhl bearbeitete. Grade damals -- zwischen Tür und Angel
-sozusagen -- wurde mir mein erster, kleiner Usambarit geschenkt, der
-mit seinem schwarzen Milchbruder um die Wette prächtig heranwuchs, ja
-jenen bald überholte.
-
-So kam das Rüstfest heran, denn ein solches darf auch in Ostafrika
-nicht fehlen. Als der Dachstuhl lag und mit Wellblech, wie hier fast
-überall, eingedeckt war, meldeten sich die Maurer um ihren Backschisch,
-und ein junges Öchslein mußte zur Feier des Tages sein Leben lassen;
-natürlich auf „koschere“ Art, denn die meisten Neger essen kein
-Fleisch, wenn das Tier nicht am Halse durchschnitten wurde -- selbst
-mit der Jagdbeute verfahren sie nach Möglichkeit so.
-
-Bald war das Haus auch verputzt, und frohen Sinnes zogen wir in
-das erste Zimmer, das fertig geworden war. Wirklich sehr frohen
-Sinnes, weil das Wohnen in der Hütte uns durch die Ratten gründlich
-vergällt wurde -- so sehr, daß wir sogar schon reumütig zu den Zelten
-zurückgekehrt waren. Endlich, endlich hatten wir jetzt ein eigenes,
-festes Dach über uns! Eine bleibende Stätte! Es kam uns vor, als hätten
-wir einen steilen, steilen Berg erklommen und dürften nun befriedigt
-und dankbar von unserer Höhe auf die arbeitsreiche Zeit zurückschauen,
-die hinter uns lag, und zuversichtlich hinaus auf die Zukunft vor uns!
-
-Stillestehen, ruhen und rasten freilich darf man nie. Unsere Anlage
-wurde denn auch fortgesetzt vergrößert und ausgebaut. Massive Ställe
-entstanden und massive Arbeiterwohnungen, zu denen sich die Waschambaas
-drängten -- solch schmuckes, sauberes Häuslein zieht sie doch mächtig
-an -- und wir erkannten in ihrem Bau ein wichtiges Mittel, uns einen
-festen Arbeiterstamm zu sichern. Natürlich erhält jeder Mann zu seinem
-Hause auch soviel Feld, wie er haben will, um ihn recht seßhaft zu
-machen, und er wird bei der Einrichtung nach allen Richtungen hin
-unterstützt. Ich muß es immer aufs neue wiederholen: wir sind ja auf
-den Neger angewiesen und müssen ihn durch seinen Vorteil an uns zu
-ketten suchen.
-
-Die Plantage machte die erfreulichsten Fortschritte; wir können bis
-heute mit dem Wachstum des Kaffees durchaus zufrieden sein. Mit
-welcher Freude verfolgt man das von Jahreszeit zu Jahreszeit! Am
-schönsten ist es, wenn die Pflanzung abblüht; dann sieht es aus, als
-wenn frischgefallener Schnee über den Feldern liegt, und geht man
-hindurch, so duftet es fast betäubend. Später beobachtet man wieder
-den Fruchtansatz mit gespanntem Interesse, die wachsende Rundung und
-Vergrößerung der Kirsche. Allmählich färben sich die grünen Beeren
-dabei gelblich, schließlich nehmen sie eine prachtvolle Purpurfarbe an,
-und ihr süßliches Fleisch winkt den Vögeln als schmackhafte Speise.
-Nun ist auch die Zeit der Ernte gekommen. Männer, Frauen und Kinder
-ziehen mit ihren Körben in langen Reihen aufs Feld. Am Nachmittag wird
-das Geerntete heimgebracht und am Pulper aufgeschüttet. Der Strahl
-einer Wasserleitung führt die Kirschen durch den Pulper, wobei sie
-ihres Fruchtfleisches beraubt werden, in die Gärbassins. Darauf kommt
-der Kaffee -- die Bohnen -- in Waschbassins, während die Schalen
-für spätere Düngung gesammelt bleiben. Die Bohnen wandern dann zur
-Sonnentrocknung auf Tennen, wo sie beständig gewendet werden müssen,
-und schließlich, oder bei schlechtem Wetter auch sofort, in die
-Aufbereitungsanstalt. Bei schlechtem Wetter! Ja, des Wetters Gunst
-oder Ungunst spielt bei uns dieselbe Rolle, wie nur bei irgend einem
-ostelbischen Agrarier, und heilfroh sind wir, wenn der letzte Träger
-mit dem letzten Sack Kaffee sich auf den Weg zur Bahnstation macht.
-
-[Illustration: Blick auf unsere Kaffeeplantage.
-
-Im Vordergrunde offene, mit gutem Boden für die Pflanzen hergerichtete
-Löcher.
-
-(Zu S. 224.)]
-
-[Illustration: Unser fertiges Wohnhaus.
-
-Rückseite mit Aussicht auf den Hof.
-
-(Zu S. 224.)]
-
-[Illustration: Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in
-das Speisezimmer.
-
-(Zu S. 224.)]
-
-[Illustration: Idyll auf dem Hofe der Kaffepflanzung zu Sakkarani.
-
-(Zu S. 229.)]
-
-Meine besondere Hausfrauenfreude ist natürlich mein Garten. Da
-blühen und duften als deutsche Lieblinge längst Veilchen und Rosen,
-zwischen ihnen aber auch eine schöne Afrikanerin, eine lilienartige
-Amaryllis mit einem prächtigen Kranz von fünf großen, weißleuchtenden,
-bräunlichrot gestreiften Blättern. Zu den ersten Apfelsinenbäumen
-haben sich Apfelbäume und Pfirsiche hinzugesellt, welch letztere in
-anderthalb Jahren drei Meter hoch wurden und prächtig tragen; auch
-Kirschen, Birnen und Pflaumen ernte ich schon. Ausgezeichnet gedeihen
-die angepflanzten Eukalyptusbäume, die in vier Jahren die enorme Höhe
-von fünfzehn Metern erreichten und mich, aus der Ferne gesehen, oft
-an unseren heimischen Fichtenwald erinnern. An europäischem Gemüse
-fehlt es meiner Küche nie. Aber auch allerlei Versuchsbeete sind
-angelegt worden: Chinin, Kampfer, Gerberakazie. Man muß erproben,
-was zu bauen sich lohnt. Neuerdings versprechen wir uns, neben dem
-Kaffee, viel vom Kautschuk und, was meinen Lesern neu sein wird,
-von Zedern-Anpflanzungen. Das Zedernholz ist ja, schon für die
-Bleistiftfabrikation, ungemein gesucht. Ich darf’s als unsere bestimmte
-Hoffnung verraten: unsere Usambara-Zedern werden dereinst es mit den
-historischen vom Libanon mindestens aufnehmen können.
-
-Wie wir leben?
-
-Wir arbeiten! Das ist das beste. Aber man denke nun nicht, daß wir in
-ostafrikanischer Einsamkeit versauern. Es gibt heut, mindestens bei uns
-in den schönen Usambara-Bergen, keine Einsamkeit in dem Sinne, wie der
-Deutsche in der Heimat sich das vorstellen mag. Es fehlt uns durchaus
-nicht an Verkehr. Gleich den Gutsbesitzern daheim wechseln wir Besuche
-mit den befreundeten Besitzern der Nachbarplantagen, mit den Herren vom
-Bezirksamt, mit den Gästen des nahen Sanatoriums. Das Traumbild, das
-uns vor fünf Jahren, beim ersten Einrücken in unser Reich, aufstieg,
-hat sich nun verwirklicht, und so mancher Leidende aus den heißen
-Gebieten holte sich im Usambara-Sanatorium bereits frische Kraft.
-
-Und dann gibt es viele, viele liebe Gäste. Freilich ist der Besuch
-sehr verschiedener Art. Da sind, um mit dem Auslande anzufangen,
-durchreisende Engländer; besonders dankbar für die genossene
-Gastfreundschaft. Dann deutsche Jäger: zumal willkommen hiesige
-Bekannte und solche Männer, die, wie Prof. Dr. Paasche, aus reinem
-Interesse für die Kolonie zu uns kommen und sich mit offenem Blick
-in ihr zu orientieren vermögen. Auf der andern Seite fehlt’s aber
-auch nicht an „verbummelten Genies“, die sich von einer Plantage
-zur andern durchfuttern und die man nicht selten, mehr oder
-minder sanft, herausgraulen muß, am leichtesten meist durch sich
-steigernde Einschränkung -- der geistigen Getränke. Weiter kommen
-Stellungsuchende, oft sehr fragwürdiger Art, und auch Goldsucher fehlen
-nicht. Wir liegen wirklich nicht mehr außerhalb der Welt. Was bedeuten
-denn die vier Stunden zu unserer Bahnstation Mombo? Für unsere Eltern
-war’s daheim oft weiter bis zum nächsten Schienenstrang. Ein Hotel
-gibt es eben in unserer Nähe nicht, und so ist jeder Reisende auf
-Gastfreundschaft angewiesen, die aber überall in Deutsch-Ostafrika aufs
-freundlichste gewährt wird.
-
-Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen?
-Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter
-ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne
-Rinderherde. Eier gibt’s reichlich -- nur sehr klein sind sie. Frisches
-Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und manchmal Rind und Schwein;
-Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut
-zubereitet etwas ganz Vortreffliches.
-
-Früh -- meist recht früh -- gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und
-kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht
-mit Gemüse und Kompott; am Abend -- um 6 Uhr wird nämlich mit der
-Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette --
-gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und
-Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben
-Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir
-nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal
-ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu
-Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen.
-
-Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere
-Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen
-Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch
-Wildnis -- heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles
-Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen
-Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement
-verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut
-ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 _ha_ bebautes Land
-ergeben auf 10 _ha_ Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich ein
-bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber
-ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn
-ermöglicht -- und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen
-Kolonialbahnen eifern.
-
-Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der
-Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der
-Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man
-träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke
-an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister,
-liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am
-festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die
-Briefe von den Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht
-bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die
-Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in
-so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel,
-den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde
-ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe
-immer aufs neue dagegen an.
-
-Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um
-sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren
-mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen
-wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde
-gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen.
-
-Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und
-begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr
-viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein
-Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre
-dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre.
-Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen.
-
-Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen
-Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten)
-und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler
-& Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute
-Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen
-bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen
-auch Velhagen & Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen.
-Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages
-Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen
-beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und
-suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das
-kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich
-auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich
-selber in Zucht zu halten.
-
-Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf eigenem Grund
-und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein
-nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten
-Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir
-entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer
-ausgedehnteren Jagdexpedition -- immer wir beide, denn in Afrika (und
-das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen
-wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern
--- „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht
-ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner,
-erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens.
-Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt,
-heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses,
-seines Komforts -- und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit
-unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge
-prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben
-mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag
-vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste
-Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und
-Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem
-Nesthäkchen anzunehmen.
-
-Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt.
-Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in
-hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen,
-daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen
-des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden
-übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der
-Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara
-entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen
-der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny,
-auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer
-Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den
-mein Mann von Sakkarani aus in Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde,
-angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat
-mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen
-Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen.
-Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen
-Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen
-die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki
-bekam sogar ein Sultanat. --
-
-Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns +Nigmann+
-und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine hervorragende Rolle
-auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell entschlossen eilte Hptm.
-Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte die Station Wahenga noch
-in elfter Stunde und befreite sogar die fern im Süden gelegene Station
-+Songia+ von den sie umlagernden Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme
-der dortigen Gegenden sind, beweist der Umstand, daß bei Songia der
-einzige Europäer, der in dem Aufstand im offenen Felde gefallen ist,
-_Dr._ Wiehe, den Heldentod fand. Abermals hat Heldenblut besonders
-schwarzer deutscher Untertanen den Boden Afrikas getränkt, möchte es
-segensreiche Frucht tragen und endgültig allen Kampf von dem schönen
-Lande fernhalten.
-
-Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen,
-tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch
-in brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem
-aus dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern
-sind manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder
-wie Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. _Dr._ Fülleborn in Hamburg
-am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d.
-Marwitz, Albinus, Prof. _Dr._ Ollwig, sind noch so glücklich, ihre
-Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun
-weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm
-Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst
-nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar am
-Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August
-die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga.
-
-Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres
-hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich
-noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er
-dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und
-Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird
-er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird
-sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das
-Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen
-Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet
-werden.
-
-Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige
-Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert
-unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von
-Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses
-Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt
-und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege
-und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der
-Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt
-das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem
-Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der
-selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch
-eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64
-Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und
-nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem
-die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir
-unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines
-Hierseins -- 3 Tage --, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2-4
-Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich
-mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute
-überzeugen. Dieses sind durchweg Leute, die bei der Einwanderung
-10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne
-Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland
-Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes,
-menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie
--- je zahlreicher desto besser -- litt, um so mehr wird er die Wohltat
-des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden,
-relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden
-bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht
-unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht
-gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen,
-vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für
-die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger
-zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer,
-freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln,
-Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf,
-ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch
-die Milch hätten.
-
-Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für
-den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes
-freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen,
-von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der
-moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur
-ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen
-können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand
-im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die
-intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den
-wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen.
-
-Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen
-aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten
-Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten
-sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen
-verarmten Familien zu ermöglichen, ein neues segensreiches Leben zu
-beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich,
-gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern
-wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen,
-sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und
-dort zu schönem Stamme aufschießt.
-
-Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher
-auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie
-Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden;
-sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen
-können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr
-Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen
-zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen
-Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den
-ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer
-nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die
-Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich
-einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus
-verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern
-gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu
-führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute
-sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig
-zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die
-Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht
-fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint
-werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die
-Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre
-(es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen
-und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als
-Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren
-Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in
-Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich
-dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in
-erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da
-es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde
-und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und
-die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt
-für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund.
-
-[Illustration: Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach
-Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896.
-
-1. Hr. Dr. Arendt. 2. Hr. Justizrat Dietrich. 3. Hr. Amtsgerichtsrat
-Schwarz. 4. Hr. Oberstabsarzt Hönmann (der hiesige Begleiter). 5.
-Hr. Oberamtsrichter Kalkhof. 6. Hr. Ingenieur Hackbarth (Leiter der
-Usambara-Bahn). 7. Hr. v. Prince. 8. Hr. Kapitän Doherr von der
-Deutsch-Ostafrika-Linie. 9. Hr. Lehmann. 10. Hr. Bezirksamtmann Zache
-von Tanger. 11. Hr. Oberst v. Massow. 12. Fr. v. Prince.
-
-(Zu S. 231.)]
-
-Für Unverheiratete, die in der Steppe eine Farm gründen wollen, sind
-Kapitalien von 30000-50000 Mark erforderlich. Für Familien mit Kindern
-ist eine Ansiedlung dort wegen der Malaria nicht zu raten.
-
-Ich schreibe dies im „Wonnemonat Mai“, wo zu Hause alles blüht und
-sprießt und zu neuem Leben erwacht ist. Auch uns gibt der Mai frisches
-Leben durch seine große Feuchtigkeit. April und Mai sind für uns die
-Winterzeit, die hier sogenannte große Regenzeit, für sie wird schon
-Monate vorher fleißig vorgearbeitet. Da wird der Boden urbar gemacht
-und zubereitet, um die Pflanzen, wenn die Regenzeit beginnt, aufnehmen
-zu können. Den neuen Anpflanzungen gibt der Regen frische Kraft,
-daß sie schneller anwurzeln. Dies ist für alle Kulturen das gleiche
-und ändert sich nur in der Art des Geländes; bei Grasland z. B. ist
-die Arbeit eine entsprechend geringere als bei Buschland. Ein guter
-Pflanzer ist derjenige, der bis zur großen Regenzeit -- so genannt zum
-Unterschied von der kleinen Regenzeit im November und Dezember, weil es
-in diesen Monaten weniger regnet -- sein gestecktes Ziel erreicht hat.
-
-Überhaupt, gesund sind wir alle! Früher galt der Satz als unumstößlich
-richtig: wo es in Afrika fruchtbar ist, ist es ungesund und gesund
-nur, wo es unfruchtbar ist. Nun, Usambara liefert den Beweis, daß
-das in dieser Verallgemeinerung nicht zutrifft. Auch außerhalb der
-Usambara-Berge weist Deutsch-Ostafrika noch weite, weite Strecken
-Landes auf, in denen der Deutsche arbeiten kann.
-
-Ich hoffe und ich glaube es bestimmt, unsere Berge werden in nicht
-allzu ferner Zeit vielen fleißigen deutschen Siedlern eine neue Heimat
-auf deutschem Boden gewähren. Es herrschen vielfach auch darüber ganz
-übertriebene Vorstellungen, welches Grundkapital dazu erforderlich
-sei, sich hier eine Existenz zu gründen. In Wirklichkeit gehören dazu
-nicht Hunderttausende. Schon mit einem Kapital von 30-50000 Mark kann
-man vorwärtskommen. Freilich: das Vermögen allein tut es wahrlich
-nicht. Zäher Fleiß und unbeugsame Energie und die Gabe, sich in den
-neuen Verhältnissen zurechtzufinden, müssen sich dazu gesellen. Man muß
-sich zu schicken wissen, muß Entbehrungen in den Kauf nehmen können.
-Man darf nicht mit den Allüren des großen Herrn nach hier kommen, der
-einen breiten Train mit sich führt, mit kostspieligem Aufsichtspersonal
-rechnet. Selbst ist der Mann -- das gilt hier! Und die Frau muß dem
-Mann als wahre Helferin, recht als guter Kamerad zur Seite stehen.
-Das Leben ist auch hier ein Kampf. Aber dieser Kampf birgt unzählige
-Freuden in sich. Das Ringen mit der Wildnis, das Erschließen eines
-Stückchens Land nach dem anderen gewährt immer neue Genugtuung. Und
-immer neue Befriedigung bringt auch das Erhalten des Errungenen, denn
-die Wildnis sucht sich jedes Fleckchen Erde, das man ihr abgewonnen,
-unausgesetzt zurückzuerobern. Wir sind glücklich bei alledem gewesen,
-andere können es auch sein: in dem Bewußtsein, für die eigene Familie
-zu arbeiten, die Pflicht gegen sie -- und zugleich damit eine Pflicht
-gegen unser teures Vaterland und seine schönste Kolonie zu erfüllen.
-
-Dort oben auf meinem Bücherbrett stehen Goethes Werke -- er hat auch
-uns ein gutes Wort gegeben:
-
-„Wenn jeder von uns als einzelner seine Pflicht tut und jeder nur im
-Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, so wird es um das
-Wohl des Ganzen gut stehen... Jeder wisse den Besitz, der ihm von der
-Natur, von dem Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu
-steigern; er greife mit allen seinen Fähigkeiten so weit umher, als er
-zu reichen fähig ist. Immer aber denke er dabei, wie er andere daran
-will teilnehmen lassen.“ -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Anhang.
-
-
-Ballade.[13]
-
-shairi la bwana Prinzi.
-
- 1. _sasa ntawakhubiri 1. Ihr, die ihr noch nicht wißt,
- khabari zilizojiri Was hier sich zugetragen,
- toka mwanzo na akheri So wie’s die Wahrheit ist,
- zote pia ntawambia._ Will ich euch alles sagen.
-
- 2. _moyo umetanaffasi 2. Zwar ist mir herzlich bang,
- wala sina wasiwasi Ob mir dies wird gelingen.
- sifu za bwana Prinzi Auf Prince einen Lobgesang
- sasa ntawahadithia._ Will ich euch allen singen.
-
- 3. _ntamsifu kwelikweli 3. Zu euch, die fern von hier,
- hatta na walio mbali Sein Lob auch Weg soll finden.
- wayasikie makali Drum lauschet alle mir,
- yote nitayowambia._ Ich will sein Lob verkünden.
-
- 4. _Prinzi ni mtu mwema 4. Prince ist ein guter Mann,
- ana wingi wa heshima Dem viele Ehr’ gebühret.
- wala sipati kusema Doch ich nicht sagen kann,
- nanyi mnajionea._ Ob ihr davon erführet.
-
- 5. _Prinzi mtu mkali 5. Prince ist ein tapf’rer Mann;
- anayo nyingi akili Verstand und Mut nicht fehlen.
- tazameni na dalili Seht als Beweis euch an
- mamboye yatawelea._ Seine Taten, die alles erzählen.
-
- 6. _Prinzi mtu thabiti 6. Prince ist der richt’ge Mann,
- aogopwa barra Afriti Ohn’ ihn es schlimm aussähe.
- Wahehe na Wamafiti Zur Ordnung hält er an
- adabu zimewengia._ Mafiti und Wahehe.
-
- 7. _aingiapo vitani 7. Er ist ganz umgetauscht,
- hana akili kitwani Wenn in den Kampf er zieht.
- umthanni +sakrani+ Er scheint von Wein berauscht,
- jinsi anavoghasia._ Und alles vor ihm flieht.
-
- 8. _Mzungu huyu thabiti 8. Er ist Europas Zier.
- wala hahofu mauti Sein Mut läßt sich nicht beugen.
- twamjua watu woti Wir kennen ihn alle dafür
- kweli nnayowambia._ Und können es allen bezeugen.
-
- 9. _wala sineni uwongo 9. Die Wahrheit ich euch bring’,
- thabiti wangu utungo Nichts ist daran verkehret.
- sifa za huyu Mzungu Und Princes Lob ich sing’,
- ote tumezisikia._ Wie wir es alle gehöret.
-
- 10. _Mzungu huyu shujaa 10. Die Wahehe, Prince sei dafür Lob,
- Wahehe walitaa Sich ihm unterwerfen kamen.
- imeondoka khadaa Der Wahn ist geschwunden drob
- kwa Wahehe ote pia._ Den Wahehe allen zusammen.
-
- 11. _Prinzi ana bahati 11. Viel Geschick hat Prince, unser Herr,
- wala kunena sipati Euch brauch’ ich es kaum noch singen,
- nawambiani kwa oti Doch möcht’ ich es übers Meer
- Ulaya jermania._ Nach Europa den Deutschen bringen.
-
- 12. _maneno yangu ni kweli 12. Exzellenz v. Schele nur fragt
- mwuzeni von Scheli Wollt unwahr mein Wort ihr finden
- atawapani dalili Denselben Bericht er euch sagt;
- na khabari yote pia._ Die Beweise wird er euch verkünden.
-
- 13. _yafaa kuheshimiwa 13. Prince neue Würden erlang.
- na daraja kuzitiwa Er verdienet gar viele Ehren.
- kupawa na umayoa Er erhalte den höchsten Rang,
- zama ataporejea._ Wenn nach Haus er zurück wird kehren.
-
- 14. _ni hayo yangu maneno 14. Er hatte hier schwere Zeit,
- eme toa bika kwa mno Wie keiner in der Runde.
- wala hapana mfano Drum erklinget weit und breit
- nami najimsifia._ Sein Lob aus jedem Munde.
-
- 15. _tafathali bana Scheli 15. Mit ihm zum Herrscher zu geh’n,
- sultani mkabili Bitt’ ich dich, _bana_ Schele;
- mwenende wote wawili Und alles, was wir geseh’n,
- umweleze yote pia._ Du ihm getreulich erzähle.
-
- 16. _umwambie mtu mwema 16. Sag’ ihm, wie tüchtig er sei,
- amwongezee heshima Daß neue Ehr’ er ihm baue.
- ampe na nyumba njema Er gab ihm ein Haus, schön und neu,
- apate kufurahia._ Damit er sich daran erfreue.
-
- 17. _mwambie bana Kaisa 17. Sag’ es dem Kaiser an,
- kalla neno aliweza Der geben kann nach Gefallen.
- naye ni mtu aziza Er ist ja ein mächtiger Mann,
- sultani wetu pia._ Der Herrscher von uns allen.
-
- 18. _tamati ntawakifu 18. Doch gekommen bin ich zum End’,
- ya Prinzi kumsifu Daß Princes Lob ich euch singe.
- ni huo wake wasifu Sein Verdienst, das jeder hier kennt,
- ote nimesha wambia._ Ist wahr, so wie ich’s euch bringe.
-
- 19. _nnakuaga kwa heri 19. Und nun sei der Abschied gemacht;
- nasikia wasafiri Ich höre, du willst verreisen.
- nimetunga ushairi Ich habe in Verse gebracht,
- sifa zako zote pia._ Was wir alle hier an dir preisen.
-
- 20. _wakatabahu hakiri 20. Der Dichter des Lied’s ist gering,
- Baraka bin Shomari Mbaraka, Sohn des Shamari.
- ndio mtunga shairi Ich euch allen das Lied hier sing’,
- mwanzo hatta akhiria._ Von Anfang bis zu Ende.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-E. S. Mittler & Sohn, Berlin _SW._, Kochstr. 68-71.
-
-
-
-
-[Illustration: Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in
-Deutsch-Ostafrika.
-
-Lageplan von Sakkarani, des jetzigen Besitztums.
-
-Verlag der Königl. Hofbuchhandlung E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW.,
-Kochstr. 68-71.]
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Vom 18. September 1895 bis zum 3. Juni 1900 (seinem Todestage)
-Oberführer und charakterisierter Major der Kaiserlichen Schutztruppe in
-Ostafrika.
-
-[2] Der graue Papagei heißt im Kiswahili „Kassuku“.
-
-[3] Der Dorfschulze trägt nämlich eine großartige, englische
-Husarenuniform.
-
-[4] Das ganz lange Gras, 3 evtl. 4 _m_, kenne ich nur an der
-Ulanga-Niederung in +größeren+ Partien.
-
-[5] Einige Monate später wurde er mit Speerstich verwundet und erlag
-bald darauf dem Würgengel Afrikas, der Malaria.
-
-[6] Auch dieser tapfere Offizier und liebenswürdige Kamerad nahm im
-Kolonialdienst ein tragisches Ende: am 5. Februar 1903 wurde er bei
-Marrua in Kamerun als Oberleutnant der Kaiserlichen Schutztruppe
-während einer Expedition ins Innere des Schutzgebietes, vor seinem
-Zelte sitzend, von einem Neger überfallen, der zwei vergiftete Pfeile
-auf ihn abschoß; der zweite Schuß traf in den rechten Oberschenkel; der
-Pfeil wurde zwar sofort entfernt, aber schon binnen fünfzehn Minuten
-erlag Graf Fugger der tödlichen Wirkung des Pfeilgiftes. Bis zu seinem
-letzten Atemzug bei vollem Bewußtsein, hat er noch an seine Braut
-geschrieben. Seine letzten Worte sind würdig, der Erinnerung erhalten
-zu werden: „Nehmt nicht Rache an diesen Schwarzen, sie wissen nicht,
-was sie taten. -- --“ Man hat so vieles Schlechte von Afrika in die
-Welt posaunt, aber von solchem Adel der Gesinnung erfährt man nichts.
-
-[7] Kanzu = langes weißes Negerhemd.
-
-[8] Seitdem an Malaria gestorben.
-
-[9] Wenige Jahre später war dieser kleine Kreis stark gelichtet.
-Präfekt Maurus erlag in Medibira dem Fieber, was er sich wohl von der
-Küste mitgebracht hatte, zwei Schwestern fielen der Pest zum Opfer bei
-Ausübung ihrer barmherzigen Krankenpflege, und Schwester Gabriele, die
-mich mit großer Aufopferung gepflegt hatte, starb an Lungenentzündung.
-
-[10] Wurde, weil er treu zu uns hielt, bei dem Aufstand 1906 ermordet.
-
-[11] Ein halbes Jahr später raffte diesen hoffnungsvollen Offizier das
-perniziöse Fieber auf seinem Heimatsurlaub dahin.
-
-[12] Wurde bei Lupembe verwundet und verunglückte vor einem Jahre auf
-einer Elefantenjagd.
-
-[13] Durch die Freundlichkeit des Herrn Professor Dr. Velten, der sich
-um die Erforschung der Eigenart unserer Neger so hoch verdient gemacht
-hat, erhielt ich dies Gedicht. Es wurde wohl 1894 nach dem Wahehezug
-des Gouverneurs Exz. v. Schele gedichtet, als mein Mann seinen ersten
-Urlaub nach 5jährigem Aufenthalt in Afrika antrat.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Eine deutsche Frau im Innern
-Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN ***
-
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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- Dr. Gregory B. Newby
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- The Project Gutenberg eBook of Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince.
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-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Eine deutsche Frau im Innern
-Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas
- Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
-
-Author: Magdalene von Prince
-
-Release Date: December 20, 2016 [EBook #53773]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen
-Ausgabe der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu
-wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler
-wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
-Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
-damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Passagen in Swahili wurden nicht korrigiert, dies gilt
-auch für Abweichungen in der Schreibweise von Eigen- und Ortsnamen
-(z.B. ‚Kilimandscharo‘ -- ‚Kilimanjaro‘ -- ‚Kilimatscharo‘). Einige
-Begriffe wurden harmonisiert, wenn ansonsten der Sinn verfälscht werden
-könnte.</p>
-
-<p class="p0">Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt.
-Textstellen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> erscheinen im
-vorliegenden Text kursiv. Diese Schriftart wurde vorwiegend für
-fremdsprachliche Begriffe verwendet, aber auch für Einheiten (<span class="antiqua">km</span>)
-und akademische Grade (<span class="antiqua">Dr.</span>). Diese Auszeichnung
-wurde allerdings nicht konsequent eingehalten.</p>
-
-<p class="p0 htmlnoshow">Abhängig von der im jeweiligen
-Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="cover" name="cover">
- <img class="mtop2" src="images/cover.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption ebhide">Original-Buchumschlag.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="frontispiz" name="frontispiz">
- <img class="mtop2" src="images/frontispiz.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot3">Hauptmann v. Prince und Frau.</p>
-</div>
-
-<h1>Eine deutsche Frau<br />
-<span class="s6">im Innern</span><br />
-Deutsch-Ostafrikas</h1>
-
-<p class="s3 center">Elf Jahre</p>
-
-<p class="s4 center">nach Tagebuchblättern erzählt</p>
-
-<p class="s5 center mtop1 mbot1">von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Magdalene v. Prince</b></p>
-
-<p class="s5 center">geb. v. Massow</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="mtop3 mbot3 w10" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center mbot1">Dritte, vermehrte Auflage</p>
-
-<p class="s5 center">Mit einem Titelbilde, 22 Abbildungen und
-1 Skizze</p>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="s3 center"><b>Berlin 1908</b></p>
-
-<p class="s3 center">Ernst Siegfried Mittler und Sohn</p>
-
-<p class="s5 center">Königliche Hofbuchhandlung&ensp;::&ensp;Kochstraße 68&ndash;71</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="titel" name="titel">
- <img class="mtop2" src="images/titel.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot3">Original-Titelseite.</p>
-</div>
-
-<div class="copyright">
-<p class=" center bbox">Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901
-sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.</p>
-</div>
-
-<p class="s4 center padtop5 break-before">Ihrer Majestät der Kaiserin und
-Königin</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Auguste Viktoria</b></p>
-
-<p class="s3 center">in tiefster Ehrfurcht gewidmet</p>
-
-<p class="s5 center">von der</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Verfasserin</b></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="widmung" name="widmung">
- <img class="mtop2" src="images/widmung.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot3">Original-Widmung.</p>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. V]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="sv_kopfstueck" name="sv_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite v" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_zweiten_Auflage">Vorwort zur zweiten
-Auflage.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="sv_initial" name="sv_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/sv_initial.jpg" alt="N" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">N</span>och ist kein Jahr verflossen, und eine zweite Auflage des Buches wird
-nötig. Als ich die schlichten Aufzeichnungen zuerst in die Welt sandte,
-um auch in unserer deutschen Frauenwelt den kolonialen Gedanken zu
-beleben, hoffte ich kaum, solche Nachsicht zu finden. Allen denen Dank,
-die den guten Willen für die Tat nehmen.</p>
-
-<p>Jetzt sind es nun schon fast vier Jahre, daß wir als Pflanzer hier
-leben, und wenngleich auch heftige Stürme und viele Fehlschläge, die
-ja bei keiner Gründung fehlen, nicht ausblieben, so möchte ich Euch,
-deutsche Frauen, auch jetzt locken in das Land, wo der Himmel blauer
-strahlt, wo der Wind linder weht, wo Mond und Sterne noch ganz anders
-leuchten und funkeln als daheim. Glaubt es mir, es liegt ein besonderer
-Reiz darin, aus Wildnis ein Stück Kultur zu schaffen, aber das gelingt
-freilich nur und trägt Früchte bei größter, nie versagender Geduld,
-eiserner Willenskraft und angestrengtester Arbeit.</p>
-
-<p>Auf Grund meines Buches haben sich viele wegen Ansiedlung an mich
-gewandt; ich mußte sie leider immer auf spätere Zeit vertrösten, weil
-der zunächst noch herrschende Mangel an Verkehrsmöglichkeiten den
-Absatz unmöglich macht. Jetzt hat sich das Mutterland unsrer erbarmt,
-es wird uns Eisenbahnen schenken;<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. VI]</a></span> hoffentlich auch nach Uhehe, wo
-anbaufähiger, fruchtbarer Boden in gesundem Bergklima reichlich genug
-vorhanden, um einer beträchtlichen Anzahl deutscher Familien eine
-neue Heimat bieten zu können. Haben wir erst Eisenbahnen, dann ist es
-jedem selbst in die Hand gegeben, sein Leben sich je nach Fleiß und
-Fähigkeiten zu gestalten.</p>
-
-<p>So rufe ich auch jetzt Euch deutschen Frauen zu: lernt unsere deutschen
-Kolonien lieben, interessiert Euch für ihre Erschließung durch
-Verkehrswege, durch Feldbahnen und Eisenbahnen; sie sind es wert,
-deutsch zu sein. Laßt Eure Kinder auf neuem deutschen Boden aufblühen,
-Euch zum Stolz und zur Freude und zur Kräftigung des Deutschtums.</p>
-
-<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Sakkarani</em>, West-Usambara,
-Herbst 1904.</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><b>Magdalene Prince.</b></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. VII]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="svii_kopfstueck" name="svii_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/svii_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite vii" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_dritten_Auflage">Vorwort zur dritten
-Auflage.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="svii_initial" name="svii_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/svii_initial.jpg" alt="W" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>ieder kann ich Euch deutschen Frauen und Mädchen einen von Afrikas
-Sonne durchglühten Gruß senden, möchte er in Eure Herzen fallen und
-diese für unsere Kolonie noch mehr entflammen.</p>
-
-<p>Allen, die Ihr mir so gütige Worte und Überraschungen sandtet, möchte
-ich auch an dieser Stelle danken. Dazu gehört auch der „Züchtergruß aus
-Westfalen“, der mir vor wenigen Tagen die schönsten Rassenhühner zum
-Geschenk brachte.</p>
-
-<p>Seitdem die zweite Auflage dieses Buches in die Welt ging, hat unsere
-Kolonie sowie das Schwesterland Süd-West-Afrika schwere Zeiten
-durchgemacht, allerorten loderte der Kampf der Rassenverschiedenheit
-auf, meistens durch zu viel falsche Humanität geschürt, und hat uns
-manches Opfer an Blut und Geld gekostet. Gerade dies aber schien nötig
-zu sein; wie es Mütter gibt, die erst dann den Wert und die Vorzüge
-ihrer Kinder schätzen lernen, wenn diese durch Krankheit ihnen Sorge
-und Arbeit machen, so erging es auch uns. Erst als wir an vielen
-Stellen bluteten, gewann das Mutterland Interesse an uns. Der Sieg des
-Volkes bei den Reichstagswahlen hat jene Wandlung am besten bezeugt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. VIII]</a></span></p>
-
-<p>Diese haben wir nicht zum wenigsten Euch deutschen Frauen zu danken,
-die Ihr so regen Anteil an dem Kampf genommen habt. Mit diesem Danke
-verbinde ich die Bitte, Eure Hilfe uns auch in Zukunft zu schenken;
-fügt noch mehr Wärme und Liebe dazu: Wir brauchen noch viel mehr
-Verkehrswege und Eisenbahnen, ehe die Kolonie ihrem Werte nach erblühen
-kann. Je mehr Frauen an ihrem Aufbau mitwirken, um so schneller und
-mächtiger wird sie erstehen. „Der Mann gründet das Haus, die Frau hält
-es!“</p>
-
-<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Sakkarani</em>, Sommer 1907.</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><b>Magdalene v. Prince.</b></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[S. IX]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="six_kopfstueck" name="six_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/six_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite ix" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <span class="s5">Seite</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- Einleitung
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_1">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Erstes Kapitel.</em> <b>Auf dem Marsche von
- Dar-es-Salaam nach der Station Perondo</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_6">6</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Das erste Lager <a href="#Seite_7">S. 7.</a> — Abschied von Dar-es-Salaam <a href="#Seite_7">S. 7.</a>
- — Unser Koch, die Boys, die schwarzen Soldaten <a href="#Seite_9">S. 9.</a> — Zoologische
- Erwerbungen <a href="#Seite_11">S. 11.</a> — Die Boys und deren Frauen <a href="#Seite_11">S. 11.</a>
- — Heuschreckenplage <a href="#Seite_13">S. 13.</a> — Unsere Träger <a href="#Seite_13">S. 13.</a> — Übergang
- über den Kingani <a href="#Seite_15">S. 15.</a> — Schlechter Weg <a href="#Seite_15">S. 15.</a> — Der Jumbe
- von Perondo, die Notbrücke <a href="#Seite_17">S. 17.</a> — Fruchtbare Landschaft <a href="#Seite_17">S. 17.</a>
- — Jagdbeute <a href="#Seite_19">S. 19.</a> — Die Bedeutung der Jumben <a href="#Seite_21">S. 21.</a> —
- Die erste Station im Innern (Kisaki) <a href="#Seite_21">S. 21.</a> — Das Leben im Lager
- <a href="#Seite_23">S. 23.</a> — Anstrengender Marsch <a href="#Seite_23">S. 23.</a> — Das erste Fieber <a href="#Seite_23">S. 23.</a> —
- Übergang über den Ruaha <a href="#Seite_25">S. 25.</a> — Die „Teufelsstelle“ <a href="#Seite_25">S. 25.</a> —
- Der Urwald <a href="#Seite_27">S. 27.</a> — Krankheiten <a href="#Seite_27">S. 27.</a> — Offizieller Empfang
- <a href="#Seite_29">S. 29.</a> — Unser Küchenzettel, Markttag <a href="#Seite_29">S. 29.</a> — Gefährlicher
- Flußübergang <a href="#Seite_31">S. 31.</a> — Beschwerlicher Marsch <a href="#Seite_31">S. 31.</a> — Verödete
- Dörfer <a href="#Seite_33">S. 33.</a> — Wasserfälle <a href="#Seite_33">S. 33.</a> — Veränderte Marschordnung,
- vor dem Endziel <a href="#Seite_33">S. 33.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Zweites Kapitel.</em> <b>In Perondo. Gründung
- der neuen Station Iringa</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_35">35</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Feierlicher Empfang in Perondo, die Station und ihre Umgebung <a href="#Seite_36">S. 36.</a>
- — Eine afrikanische Küche, großes Diner <a href="#Seite_37">S. 37.</a> — Leben und
- Treiben auf der Station <a href="#Seite_37">S. 37.</a> — Teuerung der Lebensmittel <a href="#Seite_39">S. 39.</a>
- — Revolverattentat, die Wahehe <a href="#Seite_40">S. 40.</a> — Hauswirtschaft und
- Geflügelhof <a href="#Seite_41">S. 41.</a> — Häuptling Kiwanga <a href="#Seite_43">S. 43.</a> — Der Wahehe-Sultan
- Quawa und seine Anhänger <a href="#Seite_43">S. 43.</a> — Toms Expedition gegen denselben
- <a href="#Seite_44">S. 44.</a> — „Bibi Sakkarani“, Kiwangas Gastgeschenk <a href="#Seite_45">S. 45.</a> —
- Ratten, Marsch zur neuen Station <a href="#Seite_47">S. 47.</a> — Alarm <a href="#Seite_49">S. 49.</a> — Erster
- Geburtstag als junge Frau, Wiedersehen mit Tom <a href="#Seite_50">S. 50.</a> — Die
- neue Station Iringa, militärischer Empfang, unser Heim <a href="#Seite_53">S. 53.</a> —
- Expedition gegen Quawas Brüder und Unterwerfung derselben <a href="#Seite_55">S. 55.</a> —
- Quawas Schwestern <a href="#Seite_55">S. 55.</a> — Regenzeit, Gründung von Dörfern <a href="#Seite_59">S. 59.</a>
- — Eine Hinrichtung, <span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[S. X]</a></span>unser Gemüsegarten und Viehstand <a href="#Seite_60">S. 60.</a> —
- Die Mitglieder der Wahehe-Sultansfamilie <a href="#Seite_61">S. 61.</a> — Briefe aus der
- Heimat und vom Gouvernement <a href="#Seite_62">S. 62.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Drittes Kapitel.</em> <b>Mpangires Sultanat</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_63">63</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Feierliche Einsetzung Mpangires als Sultan der Wahehe und die
- Festlichkeiten bei derselben <a href="#Seite_65">S. 65.</a> — Unterm Christbaum, Silvester
- <a href="#Seite_67">S. 67.</a> — Kaisergeburtstagsfeier, Alarmnachrichten <a href="#Seite_67">S. 67.</a> — Feuer
- im Dorfe <a href="#Seite_68">S. 68.</a> — Neue Unglücksbotschaften <a href="#Seite_69">S. 69.</a> — Quawas
- Bruder Gunkihaka <a href="#Seite_71">S. 71.</a> — Streifzüge gegen die Wahehe, Mpangires
- Unzuverlässigkeit <a href="#Seite_73">S. 73.</a> — Kriegsgericht über Mpangire und seine
- Brüder <a href="#Seite_75">S. 75.</a> — Hinrichtung der Quawabrüder und Landesverweisung
- ihrer Familien <a href="#Seite_75">S. 75.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Viertes Kapitel.</em> <b>Der Wahehe-Aufstand</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_78">78</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Raubzüge Quawas, Gegenmaßregeln <a href="#Seite_79">S. 79.</a> — Bautätigkeit auf der
- Station <a href="#Seite_79">S. 79.</a> — Ramassanfest der Mohammedaner <a href="#Seite_81">S. 81.</a> — Die
- „Frauenfrage“ in Uhehe <a href="#Seite_82">S. 82.</a> — Versammlung aller von Tom
- eingesetzten Jumben <a href="#Seite_83">S. 83.</a> — Sultan Merere <a href="#Seite_85">S. 85.</a> — Gute und
- schlechte Botschaften <a href="#Seite_87">S. 87.</a> — Großfeuer <a href="#Seite_87">S. 87.</a> — Die katholische
- Mission, Karawanenverkehr <a href="#Seite_89">S. 89.</a> — Neue Überfälle durch die
- Wahehes <a href="#Seite_91">S. 91.</a> — Der Stationsgarten <a href="#Seite_92">S. 92.</a> — Eine erfolglose
- Expedition <a href="#Seite_93">S. 93.</a> — Mordanfall bei der Station <a href="#Seite_95">S. 95.</a> — Toms
- Abmarsch, das Leben in der „Stadt“ <a href="#Seite_97">S. 97.</a> — Ankunft des Leutnants
- Braun, Mereres Besuch <a href="#Seite_98">S. 98.</a> — Afrikanische Dienstbotenleiden
- <a href="#Seite_99">S. 99.</a> — Gesundheitsstand der Station, die Totos <a href="#Seite_100">S. 100.</a> —
- Blinder Lärm, Ankunft von Missionaren <a href="#Seite_101">S. 101.</a> — Der Gartenbau <a href="#Seite_102">S. 102.</a>
- — Rückkehr Toms, Jagderlebnisse, Schlachtfest <a href="#Seite_103">S. 103.</a> —
- Kriegsspiele, Osterfest <a href="#Seite_105">S. 105.</a> — Die Wahehe-Hilfstruppen <a href="#Seite_106">S. 106.</a>
- — Schauri mit Merere <a href="#Seite_107">S. 107.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Fünftes Kapitel.</em> <b>Expeditionen gegen Quawa.
- Gouverneur Oberst Liebert</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_108">108</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Toms Abmarsch, Ahnenkultus der Schwarzen und deren Begräbnissitten
- <a href="#Seite_108">S. 108.</a> — Toms Rückkehr, Quawa auf der Flucht, Ankunft des
- Leutnants Kuhlmann mit Askaris <a href="#Seite_111">S. 111.</a> — Trägerlöhne <a href="#Seite_112">S. 112.</a>
- — Große Expedition gegen Quawa <a href="#Seite_113">S. 113.</a> — Unser neues Haus
- und dessen Einrichtung <a href="#Seite_115">S. 115.</a> — Zahlmeister Winklers Tod und
- Begräbnis <a href="#Seite_117">S. 117.</a> — Ein Schreiben Toms über seine Expedition und
- den Kampf in den Felsenhöhlen <a href="#Seite_119">S. 119.</a> — Toms Rückkehr <a href="#Seite_121">S. 121.</a> —
- Fruchtbarkeit des Landes, Verkehrsverhältnisse und Kolonisation <a href="#Seite_122">S. 122.</a>
- — Ankunft des Gouverneurs <a href="#Seite_124">S. 124.</a> — Neue Expedition gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_xi" id="Seite_xi">[S. XI]</a></span>
- Quawa unter Teilnahme des Gouverneurs <a href="#Seite_125">S. 125.</a> — Kiwanga und sein
- Kontingent <a href="#Seite_127">S. 127.</a> — Rückkehr und Erlebnisse der Expedition <a href="#Seite_129">S. 129.</a>
- — Verstärkung der Station in Uhehe, der Gouverneur spricht
- seine Anerkennung aus und verabschiedet sich <a href="#Seite_130">S. 130.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Sechstes Kapitel.</em> <b>Auf Safari. Beendigung
- des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_131">131</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Schwere Erkrankung, auf Sommerfrische <a href="#Seite_131">S. 131.</a> — Die Vegetation
- des Landes <a href="#Seite_133">S. 133.</a> — Steppenbrand <a href="#Seite_134">S. 134.</a> — Rückkehr, neue
- Expedition <a href="#Seite_135">S. 135.</a> — Jagdabenteuer des Leutnants Braun, Erfolge
- der Expedition <a href="#Seite_136">S. 136.</a> — Unsere Dienstboten, eine „<span class="antiqua">mpepo</span>“
- <a href="#Seite_137">S. 137.</a> — Heimkehr der siegreichen Expedition <a href="#Seite_138">S. 138.</a> — Mereres
- Besuch, auf Safari <a href="#Seite_139">S. 139.</a> — Im Urwalde, Baumriesen <a href="#Seite_141">S. 141.</a> — Tal
- des Muúngu, Aberglauben der Schwarzen <a href="#Seite_142">S. 142.</a> — Förster Ockel, v.
- Prittwitz <a href="#Seite_143">S. 143.</a> — Kanugare, die Landschaft Hangana Mwakikongo <a href="#Seite_146">S. 146.</a>
- — Scharmützel mit den feindlichen Wahehes, Nahrungsmangel <a href="#Seite_147">S. 147.</a>
- — Sergeant Richter <a href="#Seite_148">S. 148.</a> — Rückkehr nach Iringa <a href="#Seite_149">S. 149.</a> —
- Die Händler, europäische Post, Überläufer <a href="#Seite_150">S. 150.</a> — Christabend
- und Neujahr <a href="#Seite_151">S. 151.</a> — Hauptmann Ramsay, Pater Ambrosius und dessen
- Nachrichten <a href="#Seite_152">S. 152.</a> — Verlauf einer Expedition gegen Quawa <a href="#Seite_153">S. 153.</a>
- — Bau einer Moschee, eines Hospitals und einer Schaurihütte <a href="#Seite_154">S. 154.</a>
- — Tod des Unteroffiziers Karsjens <a href="#Seite_155">S. 155.</a> — Militärisches
- Leben auf der Station <a href="#Seite_156">S. 156.</a> — Vasallentreue der Wahehe <a href="#Seite_157">S. 157.</a>
- — Feldwebel Merkl <a href="#Seite_159">S. 159.</a> — Ramassan, Tom schwer erkrankt <a href="#Seite_160">S. 160.</a>
- — Neue Niederlage Quawas und dessen vollständige Isolierung <a href="#Seite_164">S. 164.</a>
- — Auf Erholung, Lagerleben <a href="#Seite_168">S. 168.</a> — Die Landwirtschaftliche
- Versuchsstation Dabagga, Anwerbung der Arbeiter <a href="#Seite_171">S. 171.</a> — Iringa
- wird Poststation, Hauswirtschaft <a href="#Seite_173">S. 173.</a> — Tod des Tischlers
- Wunsch <a href="#Seite_176">S. 176.</a> — Ein Löwenabenteuer <a href="#Seite_177">S. 177.</a> — Quawas Tod <a href="#Seite_179">S. 179.</a>
- — Siegesjubel <a href="#Seite_182">S. 182.</a> — Quawas Kopf <a href="#Seite_183">S. 183.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Siebentes Kapitel.</em> <b>Im Frieden.
- Besichtigungsreisen</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_184">184</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Personalien, Erinnerungen <a href="#Seite_185">S. 185.</a> — Pockenepidemie, Geburtstag <a href="#Seite_187">S. 187.</a>
- — Missionsschwestern <a href="#Seite_187">S. 187.</a> — Kiwanga, v. der Marwitz <a href="#Seite_189">S. 189.</a>
- — Auf Safari: Zelewski-Denkmal <a href="#Seite_189">S. 189.</a> — Der Jumbe Lupambili
- und die jüngsten Pflegekinder <a href="#Seite_191">S. 191.</a> — Die Ruaha-Quelle <a href="#Seite_191">S. 191.</a>
- — Beim Sultan Merere <a href="#Seite_193">S. 193.</a> — Die Malerei der Schwarzen <a href="#Seite_193">S. 193.</a>
- — Wildherden <a href="#Seite_194">S. 194.</a> — Kibokojagd <a href="#Seite_195">S. 195.</a> — Verteilung der
- Jagdbeute <a href="#Seite_197">S. 197.</a> — Der Wüstenkönig <a href="#Seite_197">S. 197.</a> — Mein erstes Kiboko
- <a href="#Seite_199">S. 199.</a> — Mondscheinzauber<span class="pagenum"><a name="Seite_xii" id="Seite_xii">[S. XII]</a></span> <a href="#Seite_199">S. 199.</a> —
- <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn <a href="#Seite_201">S. 201.</a>
- — Die schwarzen Pocken, wieder in Iringa <a href="#Seite_201">S. 201.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Achtes Kapitel.</em> <b>Abschied von Iringa. Auf
- der Heimreise</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_202">202</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Erdbeben <a href="#Seite_202">S. 202.</a> — Weihnachten, Missionsgesellschaften <a href="#Seite_203">S. 203.</a> —
- Abschiedsfeier <a href="#Seite_204">S. 204.</a> — Auf der Heimreise, Todesfall <a href="#Seite_205">S. 205.</a> —
- Heißes Klima, Fieber, Erinnerungsstätten <a href="#Seite_207">S. 207.</a> — In Kilossa,
- bei Pater Oberle <a href="#Seite_209">S. 209.</a> — Die Jumben <a href="#Seite_209">S. 209.</a> — Die erste
- Europäerin, an der Grenze der Zivilisation <a href="#Seite_211">S. 211.</a> — Eine deutsche
- Ansiedelung, die evangelische Mission <a href="#Seite_211">S. 211.</a> — In Dar-es-Salaam,
- an Bord des „Herzog“ <a href="#Seite_212">S. 212.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- <em class="gesperrt">Neuntes Kapitel.</em> <b>Wie unsere Plantage
- entstand</b>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_213">213</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <p class="synopsis">Naturschönheit, Arbeiterfrage <a href="#Seite_215">S. 215.</a> — Urbarmachen des Waldes
- <a href="#Seite_217">S. 217.</a> — Hüttenbau, Arbeitsordnung <a href="#Seite_219">S. 219.</a> — Schlagen und
- Brennen des Waldes, Beetanlage <a href="#Seite_221">S. 221.</a> — Störche und Heuschrecken,
- Hausbau <a href="#Seite_223">S. 223.</a> — Arbeiterwohnungen, der Garten <a href="#Seite_225">S. 225.</a> —
- Gastfreundschaft, die Usambarabahn <a href="#Seite_227">S. 227.</a> — Heimweh nach Afrika,
- Jagdausflüge <a href="#Seite_229">S. 229.</a> — Aufstand, Besuch des Vaters <a href="#Seite_231">S. 231.</a> —
- Aussichten für Ansiedler <a href="#Seite_233">S. 233.</a> — Zukunftshoffnungen <a href="#Seite_235">S. 235.</a></p>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang1">
- Anhang
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_237">237</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="r25" />
-
-<h3 id="Verzeichnis_der_Beilagen">Verzeichnis der Beilagen.</h3>
-
-<table class="beilagen" summary="Verzeichnis der Beilagen">
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl vat hang2">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <span class="s5">Seite</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2">
- <a href="#frontispiz">Hauptmann v. Prince und Frau</a>
- </td>
- <td class="tdr vab" colspan="2">
- Titelbild
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p40a">Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 40
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p64a">Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire.</a>
- &mdash; <a href="#p64b">Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in Iringa</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 65
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p88a">Eine Gerichtssitzung in Iringa.</a>
- &mdash; <a href="#p88b">Sultan Merere auf seinem Reitstier</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 89
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p112a">Das Stationshaus in Iringa.</a>
- &mdash; <a href="#p112b">Das Arbeitszimmer</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 113
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p128a">Lagerleben: Askarizelte.</a> &mdash;
- <a href="#p128b">Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 129
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p136a">Lagerleben: Wasserträger.</a> &mdash;
- <a href="#p136b">Lagerleben im Urwald: Ruhepause</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 137
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p176a">Station Mlangali.</a> &mdash;
- <a href="#p176b">Der erste Pflug im Lande Uhehe</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 177
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p212b">Frau v. Prince mit ihren Kindern</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 213
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p216a">Ziegeltrocknen in der Sonne.</a> &mdash;
- <a href="#p216b">Landschaft in West-Usambara</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 217
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p224a">Blick auf unsere Kaffeeplantage.</a> &mdash;
- <a href="#p224b">Unser fertiges Wohnhaus</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 225
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p224c">Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in das Speisezimmer.</a>
- &mdash; <a href="#p224d">Idyll auf dem Hofe der Kaffeepflanzung zu Sakkarani</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 225
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2" colspan="2">
- <a href="#p233">Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer
- Studienreise nach Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896</a>
- </td>
- <td class="tdr vab">
- 233
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat hang2 padtop0_5">
- <a href="#p241">Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince
- in Deutsch-Ostafrika</a>
- </td>
- <td class="tdr vab padtop0_5" colspan="2">
- Am Schluß
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s1_kopfstueck" name="s1_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 1" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="s1_initial" name="s1_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/svii_initial.jpg" alt="W" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>enn ich an alle die inhaltschweren Vorreden denke, die Verfasser
-oder Verleger ihren literarischen Erzeugnissen als Empfehlung mit
-auf den Weg zu geben pflegen, dann kommen mir doch gelinde Zweifel.
-Eines schickt sich nicht für alle, und was den mehr oder weniger
-anmutigen Kindern der Muse recht ist, braucht den anspruchslosen
-wirklichkeitsnüchternen Kindern der Muße einer afrikanischen Hausfrau
-noch lange nicht billig zu sein. Denn die nachstehenden Tagebuchblätter
-geben in der Tat nur die Aufzeichnungen wieder, zu denen ich in den
-ersten Jahren meines ostafrikanischen Hausfrauenlebens gelegentlich
-Zeit fand.</p>
-
-<p>Für den Entschluß, diesen Blättern einige Worte zur Einführung
-voranzusetzen, war zunächst der Wunsch entscheidend, diesen
-bescheidenen literarischen Versuch dem Wohlwollen meiner Leserinnen zu
-empfehlen. Daß ich die zuweilen unter recht erschwerenden Umständen
-zu Papier gebrachten Notizen dereinst der Öffentlichkeit übergeben
-würde, ahnte ich freilich noch nicht, als ich Herrn v. Wissmann das
-Versprechen gab, ein möglichst getreues Tagebuch zu führen; die
-Ausführung stellte zuweilen recht hohe Anforderungen an Willens- und
-an Körperkraft, besonders wenn es galt, nach beschwerdereichem Marsche
-die Ereignisse des Tages noch schriftlich festzulegen, anstatt der
-wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Die Energie zur Durchführung dieser
-selbstauferlegten Pflicht auch unter schwierigen Verhältnissen verdanke
-ich dem Beispiel meines Gatten.</p>
-
-<p>Dann aber möchte ich mit diesem Vorworte der gesellschaftlichen Pflicht
-persönlicher Vorstellung nachkommen, indem ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> Vorgeschichte
-der Entstehung dieser Tagebuchblätter kurz kennzeichne. Da muß ich
-denn bis auf unsere Schulzeit in Liegnitz zurückgehen. Daß der
-damalige Schüler der Ritterakademie, Tom Prince, und ich füreinander
-bestimmt seien, das unterlag für uns beide schon damals keinem
-Zweifel, und diese Schülerliebe hat sich bewährt; aus den Kindern
-wurden Leute, das Schicksal führte uns weit auseinander: Tom wurde
-Offizier beim Infanterie-Regiment Nr. 99 in Straßburg im Elsaß und
-ich kam nach Königsberg i. Pr., wo mein Vater als Rittmeister bei den
-Wrangel-Kürassieren stand. Das war ungefähr das Höchste, was wir uns
-im Deutschen Reiche an Entfernung leisten konnten, es sollte aber noch
-ganz anders kommen. Zu jener Zeit zogen die kühnen und erfolgreichen
-Kämpfe Hermann Wissmanns und seiner tapferen Schar die Augen der Welt
-auf unsere junge Kolonie. Zu dem Tatendrang des jungen Leutnants
-kam die Sehnsucht nach den Tropen, wo einst seine Wiege gestanden.
-Tom ist auf der Insel Mauritius (<span class="antiqua">Ile de France</span>) geboren, wo
-sein Vater englischer Polizeigouverneur war, er entstammt einer
-englischen Familie; seine Mutter war deutscher Abkunft, eine Tochter
-des Missionars Ansorge, der viele Jahre hindurch in Indien gewirkt
-hat. So hielt es den jungen Offizier nicht länger in dem Einerlei des
-Garnisondienstes.</p>
-
-<p>Der Name Wissmann war ein mächtiger Magnet für die kriegerische Jugend
-Deutschlands; zur Zeit, als Tom auf eigenes Risiko sich auf den Weg
-machte, um in der Wissmannschen Schutztruppe Dienst zu nehmen, standen
-ungefähr 1500 Anwärter vor ihm auf der Liste. In Sansibar heuerte er
-gleich nach seiner Ankunft eine Dhau, um so rasch als möglich sein
-Ziel zu erreichen. Diese Ungeduld sollte verhängnisvoll werden: das
-kleine Fahrzeug erlitt Schiffbruch, die arabische Bootsmannschaft
-ertrank, und nur Tom wurde gerettet, nachdem er 13 Stunden lang mit
-Hilfe einer Holzkiste sich über Wasser gehalten! All sein Gepäck, sein
-Geld, seine Papiere waren verloren. So gelangte er zu Wissmann, der
-ihn vorläufig seiner Truppe beigab, dann aber als Offizier einstellte,
-nachdem die erforderlichen Papiere<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> aus Deutschland besorgt waren.
-Die Taten Wissmanns, dieses im Kampfe heldenmütigen, im Aushalten
-von Anstrengungen und Entbehrungen des Tropenkrieges unermüdlichen
-und vorbildlichen Führers der ersten deutschen Kolonialtruppe,
-gehören der Geschichte an und damit auch die meines Mannes. Was ich
-in jenen sieben Jahren durchlebte, in Furcht und Hoffnung um das
-Leben des Jugendgeliebten bangend, mit welcher Sorge die spärlichen
-Zeitungsnachrichten über neue Kämpfe und Expeditionen der Wissmannleute
-das Mädchenherz erfüllten, bis endlich einmal wieder ein Brief von
-Toms eigener Hand mir für kurze Zeit Beruhigung gab &mdash; das weiß nur
-ich und der allgütige Gott, der den Geliebten mir erhielt und mir die
-Kraft verlieh, das schier Übermenschliche zu tragen! So wurde mir der
-Brautstand zur strengen Lebensschule, zur Vorbereitung auf meinen Beruf
-als deutsche Offiziersfrau in den neugewonnenen Kolonien.</p>
-
-<p>Endlich nach sieben langen bangen Jahren hatten die Verhältnisse in
-Deutsch-Ostafrika sich soweit geklärt, daß Tom mich nach seiner neuen,
-schwererkämpften Heimat hinüberholen konnte, an der auch ich mir in
-meinem sorgenvollen Brautstand ein Heimatsrecht erworben zu haben
-glaube.</p>
-
-<p>Am 4. Januar 1896 war unsere Hochzeit in Militsch, und nach etwa einem
-halben Jahr, das wir noch in Deutschland verbracht, trafen wir in
-Dar-es-Salaam ein und warteten dort auf weitere Bestimmung für meinen
-Mann. Der letzte, gefährlichste Gegner der deutschen Herrschaft, der
-Sultan Quawa von Uhehe mit seinen tapferen Scharen, galt nach der
-Erstürmung seiner Hauptstadt für überwunden, ein Erfolg, an dem mein
-Mann in anerkannter Weise beteiligt war. Aber die Zeit sollte lehren,
-daß ein solcher Schlag nicht genügt, ein afrikanisches Kriegervolk
-niederzuhalten, dessen Hauptkriegskunst darin besteht, den Stößen des
-Angreifers geschickt auszuweichen.</p>
-
-<p>Nach einem kurzen Aufenthalt in Dar-es-Salaam, wo mir von allen Seiten
-mit der größten und freundlichsten Fürsorge begegnet wurde, erhielt
-mein Mann den Befehl, die Station Perondo zu übernehmen, die an der
-Grenze von Uhehe neu gegründet war.<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Von dort aus sollte er die
-friedliche Unterwerfung des Volks der Wahehe weiter fördern. Nähere
-Kunde über die Station wie über die augenblickliche Stimmung Quawas und
-seiner Wahehe war aber zunächst nicht zu erhalten, denn die letzten
-Berichte waren infolge der Überschwemmungen im Inneren des Landes noch
-nicht zur Küste gelangt. Daß der verheißungsvolle Name Dar-es-Salaam,
-Hafen des Friedens, den wir bei unserer Einfahrt in die prachtvolle
-Bucht als günstiges Vorzeichen begrüßten, in Wahrheit nur geographische
-Bedeutung für uns haben sollte, ahnten wir freilich nicht, als wir
-hoffnungsvoll den Marsch nach der Stätte unseres Wirkens antraten.</p>
-
-<p>Zum Schluß möchte ich noch einem Bedenken begegnen, das vielleicht
-gegen den Gebrauch so mancher fremdklingender Ausdrücke in den
-nachfolgenden Blättern erhoben werden könnte. Es ließe sich gewiß
-manches durch entsprechende deutsche Bezeichnung ausdrücken oder
-umschreiben, und in einem Buche mit lehrhafter Tendenz nach
-irgendwelcher Richtung sollte der Verfasser stets bemüht bleiben, die
-so oft gerügten Anleihen an die arabischen und Suaheli-Mundarten sowie
-an die uns aus den englischen Kolonien überkommenen Bezeichnungen zu
-vermeiden. Hier sind jedoch nur die frischen persönlichen Eindrücke
-wiedergegeben, die eine gänzlich „unliterarische“ junge Frau in
-ihrem Tagebuche zunächst für sich und ihre nächsten Angehörigen
-skizzierte; würde da nicht ein gut Teil von unmittelbarer Anschauung,
-„afrikanischer Lokalfärbung“ dieser anspruchslosen Skizzen verloren
-gehen? In diesem Sinne bitte ich für diese kleine Unart meines
-schriftstellerischen Erstlings um freundliche Nachsicht.</p>
-
-<p>Seit zwei Jahren leben wir nun als friedliche, betriebsame Pflanzer
-in der neuen Heimat, nachdem mein Gatte den Degen mit dem Pfluge
-vertauscht. Gott schenke dem schönen Lande, das mit so vielem edlen
-Blut auf dem Schlachtfelde erkämpft, das so schwere Opfer an Leben
-und Gesundheit unserer wackeren Pioniere der Kultur gekostet, eine
-segensreiche Entwicklung. Noch stehen wir am Anfange dieser Kultur,
-möchte deutscher Unternehmungs<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>geist sich mehr und mehr auf diesem
-neuen Gebiete betätigen, der Lohn wird nicht ausbleiben.</p>
-
-<p>Möchten vor allem auch die <em class="gesperrt">deutschen Frauen</em> regen Anteil nehmen
-an der friedlichen Eroberung des herrlichen, zukunftsreichen Landes.
-Der Mann <em class="gesperrt">gründet</em> das Haus, die Frau <em class="gesperrt">hält</em> es! Der Satz
-gilt heute mehr wie je auch für unsere Kolonien. Könnte ich doch Euch,
-Ihr deutschen Frauen und Mädchen, für unser junges Deutschland über
-See gewinnen. Was Ihr an gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens, an
-Geselligkeit, Vergnügungen und Anregungen aller Art hier im Vergleich
-mit der alten Heimat entbehren würdet, es wird mehr als aufgewogen
-durch die Betätigung und Pflichterfüllung, in der Ihr Euch an der Seite
-eines geliebten Gatten ausleben könnt. Wahrlich, es ist ein schönes
-Los, in diesem Siegeszuge deutscher Kultur eine Stelle einnehmen zu
-dürfen! Deutsches Familienleben, deutsche <em class="gesperrt">Jugend</em> in Ostafrika
-&mdash; wenn dieses hohe Ziel erreicht ist, dann erst strahlt unsere neue
-Heimat als herrlicher Edelstein in der deutschen Kaiserkrone!</p>
-
-<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Sakkarani</em> (West-Usambara), Winter 1902.</p>
-
-<p class="right mright2"><b>Magdalene Prince</b> geb. v. Massow.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s6_kopfstueck" name="s6_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 6" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"><span class="kap">Erstes Kapitel.</span><br />
-Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2"><em class="gesperrt">Aulepschamba</em>, 28.
-Mai 1896.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s6_initial" name="s6_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s6_initial.jpg" alt="U" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>nser erster Marschtag liegt hinter uns. Eigentlich kann man diese
-Bezeichnung nicht gut anwenden, denn wir kamen nur eine halbe Stunde
-weit von Dar-es-Salaam weg. Der kurze Marsch hatte nur den Zweck, die
-Kompagnie und die Träger aus der Stadt hinaus zu bekommen; es ist das
-eine hergebrachte Sitte. Wenn die Leute im Lager angelangt sind, merken
-sie nämlich erst, was ihnen noch alles für den bevorstehenden Marsch
-fehlt, und schnell wird das dann aus der noch leicht erreichbaren Stadt
-nachgeholt.</p>
-
-<p>Die Tage vorher schon war ich in fieberhafter Aufregung, konnte aber
-leider nicht viel tun und bestimmen, da mir die Verhältnisse noch zu
-fremd waren. Der Tagesanbruch fand uns bereits in den Kleidern, und
-die letzten Sachen wurden zusammengepackt. Tom (mein Mann) war fast
-die ganze Zeit fort, um die Lasten an die Träger zu verteilen und nach
-seiner Kompagnie zu sehen; als das alles besorgt war, schrieb ich noch
-an Eltern und Geschwister. Dann kam Herr v. Natzmer<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> und holte mich
-ab.</p>
-
-<p>Eine so große Karawane hatte ich natürlich noch nie gesehen; auch
-anderen, die schon lange draußen waren, war sie etwas Neues.<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>
-Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich die Masse dahin. 130
-Askaris (Soldaten), weit über 500 Träger, beladen mit Kisten der
-verschiedensten Arten, Paketen in Leinwand und in schwarzem Ledertuch,
-1 Maxim- und 1 Berggeschütz, Zelte, Gewehre, Kästen mit Schweinen,
-Puten, Hühnern, Tauben, Enten, Schafen, Ananas, Mangos, Kokosnüssen,
-Weiber und Kinder in hellen oder vielmehr dunklen Haufen. Da beinahe
-jeder Askari zwei Boys (ich muß schon die bequeme englische Bezeichnung
-beibehalten, die sich in unserer Kolonie so fest eingebürgert hat, daß
-sie kaum noch zu verdrängen ist, umsoweniger, als es ein deutsches
-Wort, das diesen vielseitigen Begriff, der die ganze Stufenleiter vom
-„Silbendiener“ bis zum „Wichsier“ und „Putzkameraden“ umfaßt, nicht
-gibt) und zwei Weiber hat, der Träger aber auch von jeder Sorte eins,
-ist die Karawane gegen 1100 Mann stark. Die Askaris zogen voraus mit
-Pfeifen- und Trompetenschall, dann kamen sämtliche Offiziere der
-Schutztruppe, die uns bis zum ersten Lager begleiteten, zum Schluß
-die Träger mit ihrem Anhang, die mit dem üblichen Geschrei von den
-zurückbleibenden Abschied nahmen. Es war ein sinnbetäubender Lärm.</p>
-
-<p>Im Lager wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen, alles rührte sich
-in einer seltenen Geschäftigkeit. Die Zelte wurden aufgeschlagen,
-und rasch waren wir mit unseren liebenswürdigen Begleitern um den
-Frühstückstisch versammelt. Unsere niedlichen Frühstückskörbe, unsere
-Zelte, die Tische, Stühle und anderes Hausgerät, welches mein Mann
-für mich angeschafft hatte, wurde gebührend bewundert, dann aber auch
-fleißig getrunken und gegessen. Da es bald dunkel wurde, kehrten die
-Herren der Schutztruppe zurück, nachdem mein Mann ihnen für ihre
-Freundlichkeit gedankt hatte. Mit besonderem Danke sei hier noch einmal
-des Herrn v. Natzmer gedacht.</p>
-
-<p>Es bedeutete diese Trennung für uns nicht nur einen Abschied von
-unseren Begleitern, sondern auch von der Kultur, denn von nun an sind
-wir nur noch auf uns allein angewiesen. In den nächsten Jahren werden
-wir kaum mit anderen Europäern zusammentreffen, und von Kultur nur das
-haben, was wir uns<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> selbst schaffen. Ein ganz leichter Abschied war es
-also nicht. Bei der Trennung ließ mein Mann von den Askaris Herrn v.
-Natzmer noch ein dreifaches Hoch ausbringen, der diesen Abschiedsgruß
-in gleicher Weise erwiderte. Die Hochs klangen, wie es zu Hause kaum
-hätte besser sein können. Als die Herren uns verlassen, setzten wir
-uns mit unseren Reisebegleitern zu unserem ersten Mittagsessen auf dem
-Marsche. Lange nach dem Zapfenstreich trennten wir uns erst. Wir waren
-uns einig, daß wir trotz aller uns entgegengebrachten Liebenswürdigkeit
-und vieler schöner, gemeinsam verlebter Abende gern von Dar-es-Salaam
-fortgingen. An der Küste spürt man zu viel von den Nachteilen Europas,
-ohne dessen Vorteile zu haben.</p>
-
-<p>Als gute Vorbedeutung für das Leben in der Wildnis nahm ich die
-Heimatswünsche, die am Morgen kurz vor dem Abmarsche uns die Post
-aus Deutschland gebracht hatte, an sich schon ein Ereignis, dessen
-Bedeutung jeder „Afrikaner“ zu würdigen weiß; für mich war es aber noch
-von besonderer Wichtigkeit; mein in Hamburg liegengebliebener Koffer
-mit all meinen Kleidern und aller Wäsche, Schuhen usw. war gleichzeitig
-angekommen, so daß ich meine gewohnte deutsche Garderobe noch mitnehmen
-konnte. Die sechzehn neuen, in indischen Läden von Männern fabrizierten
-Kleider sind mir doch nicht so bequem wie die in der Heimat gewohnten.</p>
-
-<p>Ein dreibeiniger Hund kommt mitgelaufen, zukünftiger Kamerad von
-Schnapsel, meinem treuen, vierbeinigen Heimatsgenossen, den mir mein
-Vater schweren Herzens mitgegeben hatte.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kongoramboto</em>, 29.
-Mai 1896.</p>
-
-<p>Um 5½ Uhr Reveille, um 6 Uhr abmarschiert. Da ich nicht ganz
-wohl war, mußte ich mich tragen lassen, ganz wie eine orientalische
-Fürstin: Großartige Sänfte mit Sonnendach und vier Träger, die zwei
-und zwei abwechselnd trugen, den Dolmetscher und einen Boy zur Seite,
-drei Stunden marschiert. Am Lagerplatz angelangt, sah ich von meinem
-Lehnstuhl aus dem Aufschlagen der Zelte zu: ein Schlafzelt und ein
-anderes zum Aufenthalt<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> während des Tages. Unser Koch fängt an, mir zu
-imponieren. Es gab Huhn in afrikanischer Zubereitung. Unsere Leibgarde
-macht mir Spaß. Fünf Bengels in Khakianzug, kurzen Hosen, mit roten
-Aufschlägen und Achselstücken, unseren Reserve-Tropenhelmen und Toms
-Mützen. Die beiden kleinsten sehen aus wie schwarze Amoretten, und wenn
-sie auf dem Marsche hin- und herlaufen, ist es eine Freude, zuzusehen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kisserawe</em>, 30.
-Mai 1896.</p>
-
-<p>Lager nahe der auf einem hohen Hügel gelegenen Missionsstation. Der
-Marsch ging durch hügeliges, dicht bewaldetes Gelände. Ich wurde wieder
-getragen, war sehr müde und wollte schlafen; doch war die Gegend so
-schön, daß es mir keine Ruhe ließ, und ich soviel als möglich von
-meinem Lager aus sehen wollte. Tom fing sehr viel Schmetterlinge,
-die wir des Abends verpackten. Auf dem Marsche kurze Frühstücksrast
-an einer besonders malerischen Stelle. Tom hat alles sehr nett
-eingerichtet, es ist wie im Märchen: „Tischlein deck dich“ &mdash; im Nu
-stehen die verschiedensten Getränke und Chakula (Essen) vor mir, um
-sogleich wieder zu verschwinden, wenn zum Aufbruch geblasen wird.
-Essen &mdash; wieder Hühner, aber wieder anders zubereitet, und zwar sehr
-schön gebraten mit unglaublich wenig Butter; ich will dem Koch unsere
-Kochkunst lieber nicht beibringen.</p>
-
-<p>Schnapsel trabt fleißig mit, da er aber zu eifrig auf die Jagd in die
-Büsche geht, müssen wir ihn anbinden, weil er uns doch sonst leicht
-abhanden kommen könnte. Kassuku<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> (unser Papagei) wird auf dem Kopf
-eines Trägers getragen und guckt sehr vergnügt zu seinem Käfig hinaus;
-im Lager klettert er auf Bäume und kommandiert sein „Gewehr ab“, „das
-Gewehr über“.</p>
-
-<p>Das deutsche Kommando klingt in dieser Umgebung komisch, und zwar nicht
-nur aus dem Papageienschnabel; noch drolliger wirkt es aus dem Munde
-der schwarzen Soldaten. Die Kerls<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> sind ganz famos einexerziert, sie
-marschieren mit einer Strammheit, wie unsere Soldaten zu Haus, machen
-„Kehrt“ und Schwenken usw., wie man es sich exakter kaum denken kann &mdash;
-und wie sie sich schlagen, haben sie auch schon zur Genüge bewiesen!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kola</em>, 31. Mai
-1896.</p>
-
-<p>Beim Abmarsch schenkte ich einem meiner Träger eine „Kokosnuß“, darob
-großes „Kelele“ (Geschrei). Die Boys wollten sie ihm wieder wegnehmen,
-sie fanden die Gabe zu verschwenderisch, da es jetzt nur noch schwer
-welche zu kaufen gab.</p>
-
-<p>Gestern übrigens kam eine kleine Karawane mit einem Missionar und
-zwei Damen an unser Lager heran; dabei befand sich der kleine Sohn
-eines Häuptlings, der infolge einer früheren Anregung Toms zur Mission
-geschickt worden war, er suchte Tom sofort auf, und man erkannte seine
-Anhänglichkeit. Das Abc und ein paar deutsche Wörter hatte man ihm
-zwar beigebracht, er verstand aber deren Sinn noch nicht, so daß er
-sie herunter leierte wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Er kam mit seinem
-schwarzen Lehrmeister.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mlongoni</em>, den
-1. Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute ließ ich mich bis zum Frühstückszeltplatz tragen; doch länger
-hielt ich es nicht aus und setzte den Weg auf dem Maultiere fort. Es
-ging nun viel besser. Welche Freude machte es mir jetzt, die Gegend
-in ihrer ganzen Eigenart sehen zu können. Jede fremde Blume war mir
-willkommen, jeder Schmetterling, der uns umgaukelte, erfreute das
-Auge, und manch einer endete sein Dasein in unserer Sammlung. Bis
-jetzt sind wir auf einer vom Gouvernement angelegten Straße gewandert,
-heute bogen wir auf einen Negerpfad ein, den seiner Zeit auch die
-zweite, von Schelesche Waheheexpedition gegangen ist. Wir haben heute
-ein wunderschönes Lager bezogen und sind ganz abgesondert von allen
-Menschen, das ist zu schön!</p>
-
-<p>Eine große Schlange haben wir gefangen. Wenn unsere Sammlung so
-fortschreitet, werden wir mit großen Koffern voll „Zoologie“ ankommen;
-schon jetzt sind Büchsen, Gläser und Kasten voll allerhand, das da
-kreucht und fleucht. Ich sah heute die<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Frau unseres zweiten Boys
-(Mabruk) und freute mich, daß sie mitgekommen war. In Dar-es-Salaam
-nämlich machten mir die Frauen von unseren Boys Juma und Mabruk
-„Besuch“. Das war sehr spaßhaft. Sie wollten trotz allem Bitten nicht
-mit. Die Juma gab sich sehr schüchtern, deshalb glaubte ich, sie würde
-sich nicht dazu bewegen lassen, denn Juma schwang ganz entschieden den
-Pantoffel. Er meinte: sie verdiente, wenn sie ihn im Stiche ließe, an
-die Kette zu kommen. Die andere hatte sehr gute silberne Armbänder an
-beiden Armen und Beinen, Ketten um den Hals, gute Tücher umgeschlagen
-und eines auf dem Kopfe, sowie Ringe an den Fingern. Sie kam in das
-Zimmer getänzelt, was hier als besonders vornehm und schick gilt und
-von den schwarzen Damen auch auf der Straße mit Hin- und Herwiegen
-des Oberkörpers geübt wird. Sie schaute mit ihrem jungen, runden,
-hübschen, schwarzen, durch ihren Nasenschmuck freilich verunstalteten
-Gesicht ganz keck in die Welt, schüchtern war sie durchaus nicht;
-sie bot mir einen „Jambo“ (guten Tag) und steuerte gleich auf den
-Spiegel zu, um sich ganz in ihren persönlichen Reiz zu vertiefen und
-den möglichst malerischen Faltenwurf ihrer Tücher auszuprobieren. Die
-Schwarzen verstehen es ausgezeichnet, sich mit Tüchern zu drapieren. Es
-liegt etwas ungesucht Malerisches darin. Sie besitzen übrigens große
-Geschicklichkeit, ihre Toilette vor aller Augen zu wechseln, ohne dabei
-mit unseren europäischen Anschauungen von Schicklichkeit in Konflikt zu
-geraten. Ich sagte „malerisch“, und in der Tat, diesen Abend sah ich
-einen Neger, der ein Stück Baumwollenstoff wie einen wallenden weißen
-Mantel umgehängt hatte und auf einer einsaitigen Gitarre entsprechend
-eintönige Musik zum besten gab. Entschieden ein anziehendes Bild.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Msenga</em>, 2. Juni
-1896.</p>
-
-<p>Gleich vom Lager aus geritten, weshalb mir der Marsch sehr kurz vorkam.
-Bis zum ersten Ruheplatz sollte ich getragen werden, doch gab ich es
-bald auf. Das Sichtragenlassen ist nur auszuhalten, wenn man wirklich
-elend ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>Viele Schmetterlinge, die es jetzt nach der Regenzeit mehr gibt
-(besonders an feuchten Orten) und viele seltsam erscheinende Tiere
-gesammelt, Molche, Schlangen und eine originelle Raupe, stachlig wie
-unser Igel, nur, daß die Stacheln am Finger hängen bleiben wie bei
-unseren Kletten und dann ekelhaft jucken. Diese angenehmen Kletten gibt
-es übrigens auch hier, beim Marsche machen sie sich sehr unangenehm
-bemerkbar. Auch eine Grasart mit kleinen Dornen ist sehr lästig auf
-dem Marsche. Die Engländer nennen sie bezeichnenderweise „<span class="antiqua">wait a
-bit</span>“.</p>
-
-<p>Die Natur weist auch in Blumen manche europäischen Arten auf, so z. B.
-Winden der verschiedensten Sorten, gelbe, rote, blaue, lila; von Bäumen
-fiel mir der Reichtum an Akazien auf. Bei der Ruhepause unterhielt ich
-mich mit den Trägern; der „Engländer“, d. h. der englisch sprechende
-Schwarze, verdolmetschte. Die Leute erzählten, Quawa, der Sultan der
-Wahehe, werde sich nicht sehen lassen, das würde also gleichbedeutend
-sein mit Krieg. Welcher ungewissen Zukunft gehen wir entgegen!</p>
-
-<p>Heute kamen wir durch einen Heuschreckenschwarm; der Himmel war
-buchstäblich schwarz, man kann es sich gar nicht vorstellen, lauter
-schwarze Punkte, die hin- und herschwirren, und ringsum alles, alles
-abgefressen, kein Blatt, kein Grashalm, nur die langen, dürren Stiele
-ragen noch in die Luft. Kommt der Schwarm aber tiefer und scheint
-die Sonne auf die glitzernden Flügel, dann funkelt alles weiß, wie
-Schneegestöber. Der Schwarm kann sich so verdichten, daß sich, nach dem
-Bibelwort, „die Sonne verfinstert“. Leute nur 10 Meter entfernt, sieht
-man nicht mehr. Der Schwarm läßt sich nieder, dann ist die Erde wie mit
-einer schillernden Haut überspannt. Flügel an Flügel, manchmal sogar
-dicht aufeinander sitzend. So etwas könnt Ihr Euch nicht vorstellen.
-Es wäre schön anzusehen, wenn es nicht die Zerstörung aller Vegetation
-bedeutete.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mafisifähre</em>, 3.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Ein schöner Tag liegt hinter uns. Heute habe ich erst einen wirklichen
-Marsch mitgemacht. Man kann die Marschleistungen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> einer so großen
-Karawane allmählich steigern. Zu berücksichtigen ist, daß, wenn die
-Tete auch nur 3 Stunden marschiert, es für die Queue mindestens 4½
-Stunden bedeutet; deswegen machen wir auch immer eine Ruhepause,
-um den Nachtrab herankommen zu lassen. Für diesen war es also ein
-anstrengender Tag, denn wir marschierten 3 Stunden und ritten 2
-Stunden. Für mich war’s eine Kraftprobe und machte mir viel Spaß;
-obgleich manchmal der Weg so eng und so ausgehöhlt war, daß man den Fuß
-nicht ordentlich setzen konnte. Die Gegend war sehr schön, teilweise
-wie Parklandschaft, dann wieder wie ein Obstgarten, nur daß hier
-der Reiz des Unberührten sich darüber breitet. Das Lager war sehr
-hübsch wie eine Wagenburg anzuschauen. Unsere drei Zelte machen sich
-recht schön, dann zur Seite der Koch und die Boys mit ihrem Hofstaat
-in kleinen Zelten aus 3 Stöcken und einem Stück Tuch verfertigt;
-ringsum unsere Lasten mit den Trägern und ihren Zelten, so bunt und
-zusammengewürfelt.</p>
-
-<p>Es ist spaßig, welches Vertrauen die Leute zu Tom haben; wie die Kinder
-sich Rat bei ihrem Vater holen, so kommen die Schwarzen zu ihm. Dann
-fällt er salomonische Urteile; z. B. zwei hatten sich geschlagen,
-der eine war auf den Kopf getroffen &mdash; dafür durfte er dem anderen
-mehrere Ohrfeigen versetzen; er war so erregt, daß er die ersten Male
-in die Luft schlug, ehe er traf. Schwieriger war der zweite Fall: Ein
-Träger hatte dem anderen mit Absicht ein Loch in sein Tuch gebrannt.
-Ein auf den Austausch der Tücher zwischen Schuldigem und Geschädigtem
-anspielender Vergleich wurde von letzterem abgelehnt, weil sein Tuch
-länger war als das des anderen. Zur Entschädigung durfte er sich dann
-ein Stück aus des Gegners Tuch ausschneiden, um das seinige wieder zu
-flicken. Beide zogen befriedigt und vergnügt ab.</p>
-
-<p>Wir sind mit unserer Karawane sehr zufrieden: von den 1100 Menschen
-sind nur 20 Träger fortgelaufen. Wir werden jetzt viel von den Jumben
-(Dorfhäuptlingen) heimgesucht, welche Schafe, Hühner, Eier, Ziegen
-zum Geschenk bringen, dafür aber<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> tüchtig bezahlt werden müssen; den
-ganzen Tag hocken sie um uns herum und wollen unterhalten sein, bis
-man sie endlich mit einem „Kwaheri“ (Lebewohl) fortschickt. Aber man
-ist auf sie angewiesen, denn sonst bekommt man kein Chakula, und
-man kann sehr froh sein, wenn sie überhaupt etwas bringen; ist ein
-Europäer wenig beliebt oder wenig bekannt, so bekommt er nur das
-Notwendigste. Mir ist es bis jetzt sehr gut gegangen, denn für den
-„Sakkarani“ (Spitzname meines Mannes, auf den ich sehr stolz bin,
-denn er bedeutet: <em class="gesperrt">der keine Furcht kennt</em>) gehen sie durchs
-Feuer, und da geht es der „Bibi“ natürlich auch gut. <span class="antiqua">Dr.</span> C.
-Velten, der sich um die Suahelisprache mit großem Erfolg bemüht hat,
-schreibt: „der verbreitetste Spitzname ist <span class="antiqua">bana sakkarani</span>, d.
-h. der sich wie ein Betrunkener in jede Gefahr stürzt“; die Schwarzen
-können sich nämlich nicht vorstellen, daß es einen nüchternen Menschen
-gibt, der so mutig allen Feinden begegnet. Wie oft wurde mir gesagt:
-„Ihr Mann ist zu tollkühn, ein Draufgänger wie Blücher“ &mdash; aber stets
-behielt er kaltes Blut dabei, denn z. B., hätte er sonst schwerlich im
-heftigsten Kampfe bei der Erstürmung Iringas einem Offizier das Leben
-gerettet, indem er ihm zurief: „Aber Menschenskind, Sie stehen ja vor
-einer Schießscharte“ und &mdash; bums &mdash; schon knatterte ein Schuß daraus
-hervor. Derselbe Offizier wurde doch noch später bei demselben Gefecht
-verwundet. Eier und Hühner schenkt man mir persönlich, dafür spendiere
-ich dann Kognak. Heute brachte einer ein ganzes Poesiealbum an, in
-welchem sich die einzelnen Europäer durch schöne Verse verewigt hatten;
-ich war die erste Dame in dieser Sammlung. Bis jetzt hat kein Jumbe
-mehr als zwei weiße Frauen gesehen. Die Jumben kommen zum Sakkarani von
-weit her, der eine sogar von weit jenseits des Flusses.</p>
-
-<p>Von der Mabrukschen Frau bekam ich vier Eier geschenkt. Schon in
-Dar-es-Salaam bekam ich welche von ihr, und ohne daß ich mich
-revanchiert hatte, brachte sie mir einen Teller Kuchen zum Geschenk,
-sehr ähnlich unseren Waffeln, ganz knusperig, also sehr schön.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Nordufer des Kingani</em>,
-beim „Husarenjumben“,<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>
-4. Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute wurde nicht so früh vom Lager aufgebrochen, denn wir wollten nur
-über den Kinganifluß mit der von Herrn v. Soden geschaffenen Fähre
-hinübersetzen. Durch diese, wie durch so viele andere grundlegenden
-Einrichtungen hat Herr v. Soden sich den dauernden Dank der Kolonie
-erworben. Es war für die Schwarzen ein Ruhetag, für die Europäer aber
-desto größere Arbeit und für mich anstrengender als ein Marschtag.</p>
-
-<p>Die Fähre ist so klein, daß Maultiere und Esel den Fluß durchschwimmen
-mußten, nur an Stricken festgebunden; währenddessen wurde fortwährend
-ins Wasser geschossen, um die Krokodile abzuhalten. Es ist häufig
-vorgekommen, daß die Tiere im Wasser von den Bestien angefallen wurden.
-Der Übergang dauerte sechs Stunden. Für jeden Passanten mußten an den
-Jumben, der die Fähre in Ordnung hält, 2 Pesa gezahlt werden. Unter
-der Last der ihm in <em class="gesperrt">Kupfer</em> ausgezahlten 2200 Pesas wankte unser
-„Husarenjumbe“ tief gebeugt aber seelenvergnügt nach Hause.</p>
-
-<p>Wir hatten noch eine halbe Stunde Marsch. Hier sahen wir Vieh auf der
-Weide; ein gutes Zeichen, denn früher versteckten die Jumben vielfach
-ihr Vieh aus unbegründeter Angst, daß es ihnen weggenommen werden würde.</p>
-
-<p>Heute wurden die ersten Träger bestraft, sie hatten „Chakula“ bei den
-Eingeborenen gestohlen. Nach neun Tagen die erste Bestrafung unter so
-viel Leuten; wir machten abends einen Gang durch das Lager. Die vielen
-kleinen Feuer, an denen die Leute an primitiven Herden (drei Steine
-und ein Topf mit Reis darauf) ihr Essen kochten, boten einen hübschen
-Anblick. Einige der Neger spielten Karten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Geringeri</em>, 5.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute liegt ein tüchtiger Marsch hinter uns &mdash; ohne Pause von 6
-Uhr 4 Minuten bis 12 Uhr 49 Minuten. Da ich es<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> verschmähte, mich
-tragen zu lassen, mußte ich diesen wenig angebrachten Stolz mit recht
-schmerzhaften Blasen an den Füßen bezahlen. Der Weg war oft so eng und
-ausgehöhlt wie eine Straßenrinne, durch die das Wasser abfließen soll;
-es ging viel durch Dornengestrüpp und mannshohes Gras, welches einem
-fortwährend ins Gesicht schlug &mdash; eine wenig angenehme Zugabe zu dem
-ohnehin schon so anstrengenden Marsch. Im ganzen war die Natur recht
-ausgestorben: die fast blätterlosen Bäume mit ihren Dornen und das
-langstielige gelbbraune Gras gaben der Landschaft ein ödes Ansehen.
-Um so mehr freuten wir uns, als endlich vor uns dichtbelaubte Bäume
-sichtbar wurden, denn sie verhießen uns fruchtbares Land und somit
-aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wasser, ein Dorf &mdash; und einen guten
-Lagerplatz. Bald trafen wir auch auf die ersten Schamben (Felder), und
-eine halbe Stunde vor dem Marschziele empfing uns auch schon der Jumbe
-mit seinen Untertanen.</p>
-
-<p>Heute habe ich mich auch zum ersten Male um die Küche gekümmert: immer
-noch Huhn und Reis, dazu ein Täubchen, welches mein Mann mir alle
-Tage schießt und welches mir trefflich schmeckt. Ich sah auch heute
-die erste Affenfamilie und den ersten bunten Tropenvogel, der sich in
-dieser Einöde ganz prächtig ausnahm. Auch Ebenholzbäume sah ich viel.</p>
-
-<p>Es scheint, als ob selbst die meist stumpfsinnigen Träger veredelndem
-Einflusse nicht unzugänglich sind. Die ersten Tage blieb alles stumm,
-wenn ich an ihnen vorüber kam und ihnen „Jambo“ (guten Tag) bot, heute
-schrie mir alles schon entgegen, ja, einer der Träger spielte sich als
-Kavalier auf, indem er mir eine seltene schöne Blume brachte; ich habe
-mich darüber recht gefreut. Am Morgen sah ich der Mabrukschen Frau zu,
-wie sie ihre Ohrenverzierungen herstellte: sie wickelte in gelbe und
-rote Farbe getauchte Zeugstreifen sauber auf und steckte sie in die
-ungefähr 1 <span class="antiqua">cm</span> großen Löcher in den Ohrmuscheln.</p>
-
-<p>Den Jumbe von Perondo sind wir glücklich los, er muß voran marschieren,
-um uns Brücken über die Flüsse bauen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> lassen. In Dar-es-Salaam
-belästigte er uns unaufhörlich. Übrigens macht er einen ganz harmlosen,
-gemütlichen Eindruck.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mkulassi</em>, 6.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Um 4½ Uhr schon zum Aufbruch geblasen, um 5½ Uhr Abmarsch aus
-dem Lager. Da wir den Geringeri passieren mußten, ging es sehr langsam
-vorwärts, denn die Notbrücke, die über den Fluß gelegt war, verdiente
-ihren Namen in der Tat. Die Tiere mußten den Fluß durchschwimmen, die
-Träger krabbelten langsam hinüber.</p>
-
-<p>Um 1½ Uhr im Lager. Zur Abwechslung gab es heute einmal Ziege
-anstatt Huhn, für uns alle sehr erfreulich, auch Schnapsel
-profitierte davon. Der Hund hat uns viel Sorge gemacht; infolge eines
-Insektenstiches war ihm ein Auge ganz blutunterlaufen, so daß ich schon
-fürchtete, er würde es verlieren; ich habe es ihm tüchtig mit nassen
-Umschlägen gekühlt und hatte die Freude, es bald wieder heil zu sehen.</p>
-
-<p>Tom geht es heute gar nicht gut, seit mehreren Tagen schon hat er
-Fieber, natürlich ist auch meine Stimmung dementsprechend. Mit der
-Kocherei fängt es an, besser zu werden.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Magugoni</em>
-(Kinganifluß), 7. Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute wird Tom von allen Seiten von Eilboten bestürmt, infolgedessen
-hat er riesig viel zu tun. Um den Tag zu feiern, haben wir unsere
-Herren zu einer Bowle eingeladen. Der Marsch war heute wieder sehr
-schön, durch ein fruchtbares Stück Land. Vorgestern kamen wir durch
-ein 4 bis 5 <span class="antiqua">m</span> hohes Maisfeld, wohl eine halbe Stunde lang;
-das Marschieren war zwar nicht angenehm, aber wir freuten uns doch,
-da uns Tom erzählte, so fruchtbares Feld habe er seit 3 Jahren nicht
-gesehen, denn die Heuschrecken hätten zu arg gehaust; jetzt ist diese
-gräßliche Landplage, Gott sei Dank, im Aussterben. Gestern noch
-sahen wir ganz abgefressene Grashalme, mit großen braunen länglichen
-Punkten &mdash; tote Heuschrecken, zu fünf und sechs an einem Halm. Viele
-Wildspuren, aber kein Wild zu sehen, da das Gras,<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> 3 bis 4 <span class="antiqua">m</span>
-hoch,<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> jeden Umblick hinderte. Zur Linken lugten zwischen einzelnen
-Baumgruppen waldige Hügel herüber, und zur Rechten zeichneten sich mit
-allen landschaftlichen Einzelheiten, mit ihren Wölbungen und Tiefen,
-die wunderschönen 8000′ hohen Uluguruberge in der durchsichtigen,
-klaren Luft ab. Wir marschierten 6¾ Stunden, eine ganz ansehnliche
-Leistung, wenn man den schmalen, gewölbten „Straßenrinnen-Weg“ in
-Betracht zieht, der, von darüber fallendem Gras bedeckt, uns zwingt,
-immer hübsch vor uns hinzusehen und der Steine und Wurzeln zu achten,
-denn das Stolpern bringt aus dem Marschtempo. Dazu die besondere
-Eigentümlichkeit, daß es hier kaum Bäume ohne Dornen gibt. Ich hatte
-keine Gamaschen angelegt und mußte diese Unterlassung beim Reiten durch
-zahlreiche Dornenrisse büßen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Chansi</em>,
-Kinganifluß, 8. Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute war ein schöner Tag &mdash; beinahe ein Ruhetag! Es wurde erst um
-6¼ Uhr zum Aufbruch geblasen, dann ein kurzer Marsch bis zum Fluß,
-den wir in Kanoes kreuzten; die Leute wateten durch. &mdash; Nachmittags
-schossen die Herren die Gewehre ein. Während ich hier schreibe,
-lodern ringsum große Feuer gen Himmel, an denen schwarze Gestalten
-umherhocken. Die Feuer brennen die ganze Nacht hindurch, in ihrem
-Bereiche suchen sich die Leute ihre Lagerstätten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mihama</em>, 1½
-Stunde westlich von Tulu, 9. Juni 1896.</p>
-
-<p>Trotzdem schon um 5¼ Uhr zum Abmarsch geblasen wurde, kamen wir
-doch erst um 7½ Uhr aus dem Lager. Die Soldaten hatten einige Gnus
-geschossen, die erst unter die Askaris verteilt wurden &mdash; ein großes
-Ereignis! Nachmittags war wieder Fleischverteilung, bei der ich zugegen
-war; mit welcher Gier stürzten sich die armen Kerls auf die leckere
-Beute! Auch einige Hartbeeste waren geschossen worden, darunter eins
-von meinem Mann,<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> mit prachtvollem Gehörn. Wir behielten uns ein
-Stück des besten Fleisches, hoffentlich bereitet es der Koch auch
-schmackhaft zu. Von der Vorzüglichkeit unseres Küchenchefs bin ich
-nämlich schon längst abgekommen, trotz seines Rufes als des anerkannt
-besten seines Faches. Er bezieht ein Gehalt von 40 Rupien monatlich,
-hat als Assistenten einen Küchenjungen zu 3 Rupien und einen Esel zum
-Reiten auf der Safari (Reise) und muß außerdem noch sehr gut behandelt
-werden, damit er bleibt! Leicht hat er es übrigens ebensowenig wie
-unsere Jungens. Wenn wir ins Lager kommen, meistens gegen 12 Uhr und
-später, müssen die Zelte aufgeschlagen, der Tisch gedeckt, aufgewaschen
-und hunderterlei Kleinigkeiten besorgt werden, von denen eine deutsche
-Hausfrau keine Ahnung hat, die aber zu den täglichen Notwendigkeiten
-unseres afrikanischen Marschlebens gehören.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dutumi</em>, 10.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Ein kurzer aber sehr beschwerlicher Marsch heute. Das an 4 <span class="antiqua">m</span>
-hohe, taufrische Gras hinderte uns sehr am Vorwärtskommen und
-durchnäßte uns bis auf die Haut. Zuweilen sahen wir, wenn das Gras
-einmal einen Ausblick gestattete, die waldigen Höhen der Uluguruberge
-rechts vorgelagert, ein Zeichen, daß unsere Karawanenstraße im großen
-Bogen lief; wir hatten diese Berge bisher immer zur Linken gehabt.
-Unsere Zelte stehen abseits von den übrigen unter einem großen Baum,
-der seinen Schatten nach allen Seiten hin spendet; ein ideal schönes
-Plätzchen. Während ich schreibe, üben unsere Askaris ihre Hornsignale.
-Wie mich das an Weißenrode erinnert, wenn vom Liegnitzer Haag die
-Musik der Königsgrenadiere herüberschallte. Es ist eigentümlich: der
-Zulu, obwohl musikalisch, ist zum Signalblasen nicht zu gebrauchen, da
-seine Lungen zu schwach sind; der Sudanese dagegen ersetzt, was ihm an
-musikalischer Begabung abgeht, durch kräftige Lungen; die Kerls blasen
-ihre Signale wie man’s zu Hause kaum besser hören kann. Die Sudanesen
-halten sich übrigens, wie ich hier einschalten will, für besser als die
-anderen Stämme und wollen nicht mit zu den Negern gerechnet werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p>Von dem gestrigen Wege bin ich so entzückt, daß ich die Schilderung
-heute nachholen möchte. Der Marsch ging auf breit ausgehauenem Pfade,
-auf welchem sogar 10 bis 15 Neger mit dem Ausjäten des Unkrautes
-beschäftigt waren. Solch Zeichen von Kultur hier zu finden, ist wie
-eine Oase in der Wüste, und zwar besonders erfreulich als Zeichen, daß
-der Jumbe in dieser wohlhabenden Gegend eine gewisse Macht besitzt;
-die Beschaffenheit der Wege kann man als besten Maßstab hierfür gelten
-lassen. Diese Jumben lassen sich mit unseren Dorfschulzen vergleichen,
-doch stehen ihnen größere Machtbefugnisse zu, denn das Gouvernement
-kann sich hier nicht um alle die Kleinigkeiten bekümmern, für die der
-Dorfschulze seinem Amtsvorsteher und Landrat verantwortlich ist; unsere
-Jumben hier stehen in dieser Beziehung doch selbständiger da, und das
-Gouvernement unterstützt ihre Anordnungen. So schön geebneten Weg
-hatten wir bisher noch nicht gefunden, vor allem nicht auf diese Länge
-hin, selbst die Brücken über die Flüsse fehlten nicht. Der Jumbe <span class="antiqua">en
-chef</span> hatte augenscheinlich die ihm unterstellten zehn Unterjumben
-gut im Zug. Er kam uns entgegen und war sehr enttäuscht, als wir unser
-Lager nicht in seiner Residenz aufschlugen.</p>
-
-<p>Eine Stelle des Weges haftet mir besonders im Gedächtnis: Dornröschens
-Schloß meinte ich vor Augen zu haben, hohe Wände von dichtem grünen
-Laub, hochragende Baumwipfel als die Mauertürme dieses verzauberten
-Schlosses. &mdash; Die Temperatur war recht afrikanisch: trotz Tropenhelms
-und Regenschirms trug ich eine Brandblase auf der Nasenspitze davon.
-Das Trinkwasser ist hier recht unappetitlich, es gehört schon
-Überwindung dazu, sich in dieser trüben Flüssigkeit zu waschen &mdash;
-trinkbar ist es nur in der Form von Tee, und zwar aus silbernem Becher,
-um die trübe Brühe nicht beim Trinken auch noch sehen zu müssen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Station <em class="gesperrt">Kisaki</em>,
-11. Juni 1896.</p>
-
-<p>Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher
-war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der
-Malaria erlegen. Es war<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> doch schön, wieder einmal nachts ein Dach
-über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns
-in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr
-an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und
-aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist
-alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt
-waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat &mdash; das
-ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so
-daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb,
-aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft
-metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht
-empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 <span class="antiqua">m</span> hohen Ufer fallen sehr
-steil ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt
-hier das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein.</p>
-
-<p>Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend
-kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr
-noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben
-im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche
-Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei-
-bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten
-diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr <span class="antiqua">en vogue</span>.</p>
-
-<p>Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich
-marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die
-ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den
-Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in
-welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß
-von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte.</p>
-
-<p>Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht,
-um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen.
-Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns
-Befehl Bastionen,<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die
-Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgeta</em>, 13. Juni
-1896.</p>
-
-<p>Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige
-Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert
-hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und
-Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier für
-den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien bedankt
-zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir uns ein.
-Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der Mafiti mit
-Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen Anhang vor
-Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms Gewehr tragen
-zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem Mafitidorfe
-vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut ist, bis an
-den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten im hohen
-Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied in Sturmkolonne
-vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten Lagerplatz zu
-schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst <em class="gesperrt">nach</em>
-dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar den
-blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz nur
-dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken
-ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum
-einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein
-unübersteigbares Hindernis.</p>
-
-<p>Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im
-Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären
-nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun
-erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller
-Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung
-hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein
-kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen:
-Höhenmessung<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers,
-eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen
-und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe
-ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach
-Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch
-gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie
-Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7
-Uhr an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und
-zwar je dicker je besser.</p>
-
-<p>Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine
-dichte Wolke am dunkeln Himmel hin &mdash; ein feierlicher Anblick: Seelen,
-die ihrer Heimat zustreben!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Msengebach</em>, 14.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht
-werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick
-behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten &mdash;
-wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk
-und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände
-blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir
-sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Makirika</em>, 20.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Das erste Fieber überstanden! &mdash; Das waren böse Tage. Daheim wäre man
-bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier
-sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen, und
-Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht
-zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und
-pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit.
-Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts;
-erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie
-wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
-
-<p>Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen
-werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v.
-Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude,
-solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus
-als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die
-großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am
-Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die
-beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück
-waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den
-Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen,
-um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn
-Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel
-Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen
-von Uhehe grüßten zu uns herüber!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mfajeka</em>, 21.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha,
-der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen
-Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer
-recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte
-ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu
-schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie
-das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den
-kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit
-nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen
-im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch
-zuerst immer jämmerlich schrieen. &mdash;</p>
-
-<p>Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In
-drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres
-Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank.
-Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha
-an dieser Stelle gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum
-anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen
-Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich
-ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, &mdash;
-die landesübliche Sitte des Kindertragens &mdash; und wurden mit ihrer
-lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren
-Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer
-Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot
-ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten
-und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war
-die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber
-wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer
-Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete.</p>
-
-<p>Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus
-Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er
-ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort
-herausgeholt, geschient und verbunden.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mfajeka</em>, 22.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern
-bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die
-wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden,
-nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe
-dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten
-entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein,
-ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit &mdash;
-auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit,
-wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt.</p>
-
-<p>Von meinem Platze aus kann ich die Kompagnie sehen, die oben zum Appell
-angetreten ist. Auf dem Marsche tragen unsere schwarzen Kerls je nach
-Geschmack alle möglichen Zierate<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> an den Mützen: Federn, weiße Sterne
-u. a. m.; heute sehen sie in ihren, den Husarenkalpaks ähnlichen Mützen
-ganz militärisch und schmuck aus.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dorf Kranse</em>, 24.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Der Abmarsch verzögerte sich, weil wir auf den Arzt warten mußten, der
-erst den im Ruaha verunglückten Träger neu verbunden hatte und dann
-noch nach einem kranken Kinde sehen mußte. Drei Stunden ließ ich mich
-tragen, versuchte dann, auf meinem Maskatesel weiter zu kommen, mußte
-mich aber bald bequemen, über einen durch Auswaschung entstandenen
-Erdspalt auf Baumwurzeln zu balancieren. Als nächstes Hindernis kam ein
-Urbusch, der erst gangbar gemacht werden mußte: dunkler Moorboden oder
-Graswuchs, lianenumschlungene Stämme mit dichtem Laub, Wasserpfützen
-mit dem bekannten metallisch-rötlich-schimmernden schleimigen Überzug,
-das alles in einem düstern Zwielicht, dazu eine Fülle von Tieren
-und Insekten &mdash; das ist das Bild eines afrikanischen Urbusches oder
-Urwaldes.</p>
-
-<p>Unser Lager liegt dicht an den Bergen, die uns einen frischen Wind
-herübersenden; das erfrischt Mark und Nerven und hält die gefährlichen
-Fiebermiasmen der sumpfigen Niederung fern. Gegenüber ein prächtiger,
-breiter Wasserfall. Welch schöner Abend: ringsum die Lagerfeuer, an
-denen die Leute sich schon schlafen gelegt haben, silberklar zieht der
-Mond seine stille Bahn am tiefblauen Sternenhimmel, an dem einzelne
-Silberwolken glänzen, der Horizont begrenzt von den hohen Bergen von
-Uhehe &mdash; in die tiefe Stille dringt nur das gleichmäßige Rauschen des
-Wasserfalls herüber und ab und zu der Schritt des Wachtpostens.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mahenge</em>, 25.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Um 6 Uhr 20 Minuten Aufbruch. Die ersten 3½ Stunden ließ ich mich
-tragen und las dabei, wie ich meistens tue. Dann ritt ich meinen braven
-Maskatesel. Der Weg durch den Wald war recht schlecht, Tom mußte
-einen Unteroffizier als Bahnbrecher<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> vorschicken. Das Marschtempo
-ist im allgemeinen 100 Schritt in der Minute, der Schritt etwa 70
-Zentimeter, so daß wir durchschnittlich in der Stunde 4 bis 4½
-Kilometer vorwärtskommen. In einem hohlen Baum fand Tom heute ein
-ganzes Schmetterlingsnest, aus dem er die Tierchen wie junge Vögel
-ausnehmen konnte. Es war sehr niedlich. Jetzt kommen wir meist
-ziemlich manierlich ins Lager, freilich durch das hohe, nasse Gras
-gewöhnlich bis auf die Haut durchnäßt, und beim Durchreiten der
-Bäche kommt man auch oft genug mit den Füßen ins Wasser, obgleich
-ich im Sattel balanciere wie eine Kunstreiterin. Morgens regnet es
-hier auch öfters; im Gegensatz zu vielen anderen regenarmen Gegenden
-Deutsch-Ostafrikas ist das Land deshalb hier auch ungemein fruchtbar.
-Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Reichtum die Natur diesen
-Landstrich ausstattet! Wir kamen durch einen Graswald, der uns mit
-seinem, die Bäume überragenden Schilfgras ganz vorweltlich anmutete;
-bei den Maisfeldern wuchsen sechs bis acht Stauden aus einer Wurzel
-durchschnittlich 5 bis 7 Meter hoch. Ein Stückchen solch fruchtbarer
-Erde in Europa!</p>
-
-<p>Afrika geht auf die Gesundheit! Von uns fünf Europäern haben Tom und
-der Zahlmeister Winkler seit vierzehn Tagen fortwährend Fieber bis zu
-40°, der Unteroffizier Hammermeister sogar bis 41°, und auch unser
-Arzt <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling laboriert daran. Das beste Vorbeugungsmittel
-ist und bleibt kräftige Nahrung, um dann während der Fieberanfälle
-möglichst bei Kräften zu bleiben, denn auch bei nicht allzuhohem Fieber
-taten die Herren immer ihren Dienst. Man muß hier nach Möglichkeit
-gut leben, schon um den Dienst im Gange zu halten. Wer nur Wasser
-trinkt und nicht gut und kräftig ißt, der spart wohl &mdash; und zwar nicht
-unbeträchtlich! &mdash; am Geldbeutel, auf die Dauer wird er aber dieses
-Sparsystem nicht aushalten. Trotz alledem &mdash; Afrika hat doch Reize, die
-man in Europa vergeblich suchen würde. Wenn die Träger ins Lager ziehen
-und ihre Lieder vom „Sakkarani“ singen, wenn wir nach angestrengtem
-Marsche unsere Zelte aufschlagen als vorgeschobene Pioniere deutscher
-Kultur, mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Ziel vor Augen: wir wollen und können unserm deutschen
-Vaterlande auf diesem vorgeschobenen Posten dienen und nützen, jeder
-nach seinem Pfund! &mdash; das ist ein Bewußtsein, welches über den Mangel
-europäischen Komforts und selbst eine tüchtige Dosis Fieber kräftig
-hinweghilft!</p>
-
-<p>Heute war offizieller Empfang! Eine Stunde vor dem Dorfe kam uns der
-Jumbe entgegen und begrüßte uns mit einer feierlichen Ansprache,
-die ich allen seinen deutschen Kollegen als Muster von &mdash; Kürze
-bestens empfehlen kann. Auch sonst fanden sich Vergleichspunkte mit
-europäischen Einzugsfeierlichkeiten: die Stelle der weißgekleideten
-Jungfrauen vertraten die mit schneeweißem Linnen drapierten Einwohner
-beiderlei Geschlechts, die uns zu Ehren angetreten waren. Das Dorf
-war rings um einen großen freien Platz angelegt, in dessen Mitte ein
-riesiger wilder Feigenbaum die Stelle unserer Dorflinde vertrat. Hier
-spielt sich das öffentliche Leben ab, in seinem Schatten wird Schauri
-gehalten, getanzt, gekneipt und wohl auch gelegentlich mal gerauft,
-ganz wie bei einer deutschen Kirmes. Unser Lager wurde unter einer
-stattlichen Baumgruppe aufgeschlagen, die als deutliches Zeichen
-dieser ihrer Bestimmung an einem Stamme ein &mdash; Reklameschild für
-deutschen Sekt trug! Die Herren v. Kleist und Albinus, die früher
-hier stationiert waren, hatten uns gesagt, wir würden wohl wenig
-Lebensmittel auftreiben, da die Leute sehr arm seien, höchstens einige
-Hühner, von Ziegen ganz zu schweigen; um so angenehmer waren wir
-überrascht, als uns eine Menge Ziegen, Hühner, Eier und Mehl gebracht
-wurde. Der Besuch nahm den ganzen Tag kein Ende. Es sieht zu drollig
-aus, wenn so dreißig bis fünfzig Schwarze um uns herum hocken; ich
-bewirte sie mit eigens für sie bestimmten Tassen mit Gin; gern würde
-ich mich auch mit ihnen unterhalten, aber ich verstehe ihre Sprache
-noch nicht.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">26. Juni 1896.</p>
-
-<p>Wir passierten eine Anzahl recht ansehnlicher Dörfer; die Hütten waren
-durchweg mit Veranda versehen. Unter dem<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Schwarm von Eingeborenen,
-die uns zur Station begleiten, um dort Schauri zu halten, befindet
-sich auch der Jumbe Farhenga, der früher oft gegen uns gekämpft hat,
-bis er sich ergab &mdash; Leutnant Brüning ist im Kampfe gegen diesen Stamm
-gefallen &mdash;; er war früher ein Anhänger von Quawa und glaubt bestimmt,
-daß dieser sich nicht sehen lassen würde.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Juni 1896.</p>
-
-<p>Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen
-40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer,
-mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand
-Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache
-schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit
-und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei
-Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten
-kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz
-alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die
-uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten
-nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum
-Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit
-den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt,
-je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes
-Gedränge &mdash; aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden
-sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner,
-die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls
-hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles
-fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich
-gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr
-ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe
-ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der
-Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte
-Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris
-das Nötigste aus den<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner
-aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Fakalla</em>, 29.
-Juni 1896.</p>
-
-<p>Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei
-Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und
-Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste
-Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu
-nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre
-beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und
-war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute
-sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen
-Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können.</p>
-
-<p>An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche
-Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten
-müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber &mdash;
-kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige
-Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier
-schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und
-Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als
-sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem
-sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen
-sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von
-Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte
-ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten.
-Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt
-ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen
-in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen
-Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen
-wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets
-willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer
-findet sich stets in der Nähe von<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> Wasser; auch der Honigvogel ist
-ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo
-man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine
-Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Am Fluß Ruipa</em>,
-1. Juli 1896.</p>
-
-<p>Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das
-Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im
-Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen
-lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer
-mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter
-tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte
-bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind
-übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen,
-werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen!
-Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“
-sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick
-sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend
-und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst
-fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im
-Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona!
-&mdash; Heute den 34. Tag unterwegs!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Gima</em>, 2. Juli
-1896.</p>
-
-<p>Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr
-werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch
-bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal
-nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner
-Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf &mdash; natürlich tolle Kopfschmerzen.
-Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches
-Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas
-zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres
-Zeichen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin
-ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und
-heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ndemusdorf</em>, 3.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Auch heute alle Dörfer verödet &mdash; ein böses Zeichen! Quawa hat die
-Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe,
-aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige
-sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen.
-Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer
-Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg
-möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser
-Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei
-Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch
-seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit
-den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als
-Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom
-hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen
-und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben,
-überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa
-zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus
-Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat
-sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber
-zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um
-einzutreten.</p>
-
-<p>Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um
-unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein
-Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel
-weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und
-im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in
-welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und
-der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">5. Juli 1896.</p>
-
-<p>Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren
-Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert,
-die meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick
-eines solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten
-Farnkräuter gesehen! &mdash; Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der
-Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm:
-Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die
-Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen,
-denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen.
-Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern
-trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste
-zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze
-niederzutreten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Am Kitalabach</em>,
-6. Juli 1896.</p>
-
-<p>Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns
-zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft
-bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in
-der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken;
-dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°.
-Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges
-Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war,
-um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit
-geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten
-die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die
-Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt,
-dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten
-diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur
-dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung:
-Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich
-erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein,<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst
-zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel
-festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln,
-Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 7. Juli 1896.</p>
-
-<p>Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf &mdash; gegenüber
-dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen
-erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger
-Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich
-hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich,
-wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem
-Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu
-überzeugen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_1" name="ende_kap_1">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 1" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s35_kopfstueck" name="s35_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 35" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"><span class="kap">Zweites Kapitel.</span><br />
-In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa.</h2>
-
-</div>
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-<p class="s5 right mright2"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 8.
-Juli 1896.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s35_initial" name="s35_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s6_initial.jpg" alt="U" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>m 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter
-trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir
-sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen
-Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges,
-hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit &mdash; mehr gestattete der
-Weg nicht &mdash; so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und
-Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki,
-Graf Fugger und <span class="antiqua">Dr.</span> Berg entgegen, die auch für eine prächtige
-Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet,
-und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine
-Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche
-Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und
-die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war
-ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt
-gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen &mdash; und der Dienst machte
-seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer
-Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen
-Festmahle &mdash; wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich
-es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt &mdash; der letzte
-&mdash; wurde reichlich getrunken, dank seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> belebenden Wirkung und der
-Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt,
-trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch
-Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns
-nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser
-schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein!</p>
-
-<p>Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen,
-gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das
-Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort
-gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu
-besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts
-übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht
-Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen.
-Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der
-neu anzulegenden Station zu dirigieren &mdash; <em class="gesperrt">ohne daß es zu viel
-kostet</em>! Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend:
-die Messe besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die
-Bezeichnung „Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der
-Zimmermann die üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne
-durch Tischler und Glaser ergänzt zu werden.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 9.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe,
-brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen,
-um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu
-vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt
-ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder,
-alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu
-begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 12.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen
-schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> alles nötige
-Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem
-europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen
-Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch
-die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten
-wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem
-&mdash; natürlich sorgfältig gereinigten &mdash; Gewehrlaufe glattgestrichen
-und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl,
-Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines
-Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren
-zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs
-andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, &mdash; aber
-wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser
-Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt
-nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz
-leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte
-mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen
-bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit
-roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und
-Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem
-Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume
-abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe &mdash; man kann sie zwar
-nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die
-Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt
-festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen
-und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die
-gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum
-wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues
-Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen
-Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter
-befestigt; es sah wunderhübsch aus &mdash; stilvoll-afrikanisch. Dazu in
-der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen;
-an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> (ich hatte
-mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum
-Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl
-die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas
-getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste.</p>
-
-<p>Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer
-und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in
-knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in
-dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den
-Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas
-sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich
-Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee
-tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu
-Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. &mdash;
-Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 13.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann
-wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam <span class="antiqua">Dr.</span> Berg;
-dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus
-Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel.</p>
-
-<p>Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie
-seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur
-aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt-
-und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht
-aufgefressen. Der Feinschmecker!</p>
-
-<p>Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel
-Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig.
-Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind
-anwesend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 17.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum
-Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren
-bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um
-Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe
-genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern
-mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab;
-zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück
-Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine
-kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000
-Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin
-und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs.</p>
-
-<p>Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder
-einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die
-Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und
-beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer
-Hütte.</p>
-
-<p>Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn
-1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der
-gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es
-reichlich.</p>
-
-<p>Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf
-der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens
-werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine
-Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der
-Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten
-geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches
-Notwendige finde ich überhaupt nicht.</p>
-
-<p>In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine
-Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die
-beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große
-Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perni<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>ziöses Fieber zu haben und
-wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte
-dann auch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom
-den Verlust von zwei Europäern. &mdash; Eine rechte Landplage sind hier die
-kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen
-Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns
-vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den
-Kopf gebunden tragen müssen &mdash; ein spaßiger Anblick.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 18.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo
-blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver
-geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis <span class="antiqua">Dr.</span> Berg
-kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der
-hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des
-schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer
-angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders
-annehmen.</p>
-
-<p>Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch!
-Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein
-Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch.
-Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern
-Küchenzettel!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 19.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet
-soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen
-sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er
-auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn
-Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen
-seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern
-werden?</p>
-
-<p>Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht
-schlimmer, er ist aber sehr schwach.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p40a" name="p40a">
- <img class="mtop2" src="images/p40a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Empfang in Perondo. Reitesel der
- Frau v. Prince.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_35">S. 35</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p40b" name="p40b">
- <img class="mtop2" src="images/p40b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1"><span class="s5">Von links nach rechts:</span><br />
- Oberleutn. <em class="gesperrt">Glauning</em>. Hauptm. v. <em class="gesperrt">Kleist</em>. Stabsarzt
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Stierling</em>. Hauptm. v. <em class="gesperrt">Prince</em>. Leutn.
-Graf <em class="gesperrt">Fugger</em>. Leutn. <em class="gesperrt">Stadlbaur</em>. &mdash; Frau Hauptm. v.
-<em class="gesperrt">Prince</em>.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p>Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und
-ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus
-erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden:
-Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat.</p>
-
-<p>Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie
-sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere
-Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen
-und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in
-einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen
-Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen
-abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere
-Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen
-und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu
-noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen
-Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu
-wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 22.
-Juli 1896.</p>
-
-<p>Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte:
-erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon
-besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von
-irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten
-Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten
-wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten,
-und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es
-alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle
-unsere Wünsche und Hoffnungen richten.</p>
-
-<p>Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften
-und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem
-untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto
-vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch
-vielfach ausgedroschen; die Dresch<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>flegel sind den unseren ähnlich,
-selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird
-innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf
-Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich
-mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach
-selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und
-Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen.
-Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst
-so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem
-Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der
-Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen.
-Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht
-anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln
-greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Juli 1896.</p>
-
-<p>Gestern abend gemütliches Zusammensein in der Messe bis nachts 1 Uhr.
-Vom Grafen Fugger kam Nachricht, er baut tüchtig an seiner Boma; von
-den Einwohnern der Temben läßt sich niemand sehen, die Wahehe dagegen
-haben Beobachtungsposten ausgestellt. Es spitzt sich mehr und mehr zu,
-trotzdem mein Mann mehrere Gesandtschaften an Quawa geschickt hat, um
-diesen über den friedlichen Zweck unseres Zuges aufzuklären. An den
-Küsten hat man von den hiesigen Zuständen keine Ahnung, es wurde dort
-behauptet, Perondo sei sehr gesund und alles atme hier Frieden! Jetzt
-hat der zweite Unteroffizier auch Fieber.</p>
-
-<p>Mit der Zeit schärft sich der Blick für die schwarzen Gesichter, ich
-kann jetzt schon die Frauen von den Männern unterscheiden; anfangs war
-das durchaus nicht leicht; beide tragen als Gewand große Tücher um
-Brust und Körper, die nur den Kopf, die Arme und die Füße freilassen;
-selten sieht man einmal einen Mann, der einen Anflug von Bart trägt.</p>
-
-<p>Eben sitzt Kiwanga, einer unserer größten Häuptlinge, bei meinem Mann,
-ein stattlicher schwarzer Herr in europäischer<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> Kleidung. Benehmen und
-Sprechweise machen einen guten Eindruck; schade, daß ich nichts von der
-Sprache verstehe; er scheint sehr klug zu sein. Unser Kognak hat seinen
-Beifall, er hat eine ganze Tasse voll getrunken! Er erzählte Tom, daß
-Quawa bei Iringa einen Streifschuß am Oberschenkel erhalten habe. Hätte
-der Schuß damals besser getroffen, brauchte mein Mann jetzt nicht all
-das Häßliche durchzumachen, was uns nun als sicher bevorsteht.</p>
-
-<p>Kiwanga, unser Gast, scheint hier in hohem Ansehen zu stehen; während
-ich mich sonst immer darüber ärgern mußte, daß Koch und Boys in
-Gegenwart von Gästen stets ganz ungeniert ins Zimmer platzten, um sich
-die Befehle für die Mahlzeiten zu holen oder ihrerseits Wünsche und
-Klagen anzubringen, kommen sie heute nur leise angeschlichen und reden
-nur im Flüsterton: die Nähe von so viel schwarzer Hoheit bedrückt sie
-ganz augenscheinlich.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">28. Juli 1896.</p>
-
-<p>Ich habe die Tage über nicht schreiben können, denn es lag mir wie ein
-Alp auf der Seele: heute sind die Sachen für meinen Mann gepackt, die
-er auf seinem Zuge mitnehmen will! Sobald er seinen Bericht fertig hat,
-geht es ab! Der Krieg ist unvermeidlich, trotz aller Versuche, mit
-Quawa zu friedlichem Verständnis zu kommen. Tom hatte den Auftrag, ihm
-ein Geschenk zu überbringen, das ist nun natürlich ganz ausgeschlossen.
-Wenn mein Mann nicht glücklicherweise etliche von Quawas Leuten
-hierbehalten hätte, würde dieser Mensch unsere Abgesandten einfach
-aufknüpfen; unter diesen Umständen ließ Quawa sie gar nicht zu sich
-herankommen, sondern wies sie unter Androhung des Todes zurück. Welche
-Gesinnungen ihn beseelen, dafür nur einen Beleg: seinen Großen, die
-ihm zum Frieden rieten, ließ er den Hals abschneiden, deren Frauen
-wurden durch Ohrabschneiden verstümmelt! An 80 Leute haben dran glauben
-müssen. Welch ein Glück für uns, daß es nicht noch mehr solche Neger
-gibt, die durch den blutigsten Despotismus die Stämme unter ihrem
-Einflusse halten &mdash; mit der Besitznahme von Deutsch-Ostafrika sähe es
-sonst sehr böse aus. Quawa hat seine An<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>hänger um sich versammelt,
-man schätzt ihre Zahl auf 7000 bis 9000 Mann; ihnen stehen wir mit
-130 Mann gegenüber, nach Abzug von 30 Mann Besatzung unserer Boma und
-weiteren 20 Mann, die die Verbindung der drei kleinen Bomas auf unserer
-Etappenstraße aufrecht erhalten müssen. Um unsere Boma gegen einen
-plötzlichen Handstreich zu sichern, haben wir sie in den denkbar besten
-Verteidigungszustand gebracht, der Versuch würde Quawa und seinen
-Kriegern teuer zu stehen kommen.</p>
-
-<p>Ich bewundere bei all meiner Sorge die kaltblütige Ruhe meines Mannes.
-Bei der ungeheueren Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht, bestimmt er
-alles mit einer Seelenruhe, als ob es sich um den alltäglichen Dienst
-handele! Mittags, gleich nach Tisch, ritt er ab mit 40 Soldaten und
-100 Trägern. 400 Träger waren schon gestern abgegangen, sie sollten
-heute noch eingeholt werden. Ich begleitete Tom bis zum nächsten
-Fluß und war gegen 3 Uhr wieder zurück. Sofort erschien auch Kiwanga
-wieder und machte mir seinen Besuch, der mir in meiner sorgenvollen
-Stimmung wenig angenehm war. Ich setzte ihm Kognak und Zigaretten vor
-und da bei meinen mangelhaften Kenntnissen des Suaheli keine rechte
-Unterhaltung in Fluß kam, ging er bald wieder. Dann machte ich mir
-allerlei Beschäftigung, zog die Uhren auf, ging nach dem Hühnerstall
-und anderes mehr, bis der Dolmetscher mit der Meldung kam, soeben werde
-Herr v. Stocki schwer erkrankt ins Lager gebracht. Das war ein großer
-Schrecken. Ich ging sofort zu ihm, fand ihn glücklicherweise schon auf
-dem Wege der Besserung; er hatte ein perniziöses Fieber überstanden
-und hoffte, den Zug gegen Quawa schon mitmachen zu können. Nach dem
-Abendessen sah ich nach Lagerfeuern meines Mannes in den Bergen aus, es
-war aber nichts zu sehen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">29. Juli 1896.</p>
-
-<p>In aller Frühe durch einen schriftlichen Gruß von Tom geweckt; ich
-schrieb sofort wieder, da der Bote mit Dienstsachen zurückging. Dann
-kam Kiwanga, brachte aber diesmal den Dolmetscher mit und blieb, da
-wir uns nun unterhalten konnten, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> ganze Ewigkeit. Außer dem
-üblichen Kognak und Zigaretten erhielt er einen kleinen Vorrat Salz zum
-Geschenk und einen von Toms Anzügen. Da ihm aber der Stoff an diesem
-Anzug nicht gefiel, mußte ich ihm einen anderen aussuchen, der seinem
-Geschmack besser entsprach! Später kam noch ein anderer Häuptling dazu,
-der ebenfalls mit Kognak und Zigaretten bewirtet werden mußte, sowie
-noch mehrere Gesandtschaften von weiter ab wohnenden Häuptlingen.
-Sie bleiben vier Tage hier; da geht es tüchtig über unsere Vorräte
-und besonders über die Zeuglasten her. „Kleine Geschenke erhalten
-die Freundschaft“ &mdash; die Leute müssen warmgehalten und einigermaßen
-poussiert werden, damit sie uns Arbeiter für die Station schicken.
-Kiwanga war sehr erstaunt, als er zufällig sah, daß ich einen Revolver
-bei mir trage &mdash; ich sah, wie ich dadurch in seinem Ansehen stieg.
-Kiwanga war gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Auf die Dauer
-fallen einem diese Gastfreunde doch etwas auf die Nerven.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">31. Juli 1896.</p>
-
-<p>Von Tom kommt jeden Tag &mdash; Gott sei Dank! &mdash; gute Nachricht, nur
-beunruhigt es mich, daß er über den voraussichtlichen Erfolg sich
-niemals äußert. Gott gebe, daß alles gut geht! Herr v. Stocki hat mir
-von seiner Safari zwölf Hühner mitgebracht. Er erzählte mir, warum
-die Wahehe uns nicht schon längst einmal überfallen hätten. Bei den
-Schwarzen ist die Zauberei noch sehr im Schwang, und „Medizinmänner“
-stehen in hohem Ansehen. Es gibt aber auch „Medizinweiber“ unter ihnen,
-und eine solche schwarze Velleda hat sich auch Quawa rufen lassen. Die
-hat ihm denn nun folgendes offenbart: Der Sakkarani (nämlich Tom) habe
-sich eine Bibi Sakkarani mitgebracht, die einen großen Zauber besitze,
-nämlich eine kleine weiße Flasche; wenn sie die unter die angreifenden
-Wahehes werfe, würden sie sämtlich umkommen! Diese prophetische Warnung
-ist nun überall verbreitet, die Schwarzen ringsum erzählen sich schon
-davon.</p>
-
-<p>Von meinem Gastfreund Kiwanga erhielt ich gestern als<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Geschenk ein
-kleines Mädchen zugesandt. Das arme kleine Ding, ich werde mich seiner
-recht annehmen. Zunächst ließ ich es durch Mabruks Frau gründlich
-waschen, dann wurde ihr der Kopf rasiert und sie mit neuen Tüchern
-ausstaffiert; sie soll stopfen, nähen und waschen lernen. Vorläufig
-habe ich als Gegengeschenk Zeug an Kiwanga geschickt, was weiter
-geschehen soll, wird Tom gelegentlich bestimmen. Jetzt geht’s in die
-Küche und dazu gehört immer ein fester Entschluß: eine Wellblechhütte,
-von der afrikanischen Sonne durchglüht, mit den offenen Feuern zum
-Kochen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 12.
-August 1896.</p>
-
-<p>Ich habe keine Zeit gehabt, in diesen Tagen etwas zu schreiben. Nach
-neun Tagen der Einsamkeit das Wiedersehen mit meinem Manne und zugleich
-die Aussicht, ihn so rasch wieder für vier Wochen in das Ungewisse
-ziehen zu lassen! Wir haben in diesen wenigen Tagen nur der Gegenwart
-gelebt und die bange, trübe Sorge mit Gewalt zurückgedrängt. Das waren
-kurze Stunden des Glückes: Gott gebe, daß es nicht die letzten gewesen
-sind.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">13. August 1896.</p>
-
-<p>Als Tom wieder abzog, hatte er starkes Fieber; noch habe ich keine
-Nachricht von ihm, obwohl er besondere Leute für den Nachrichtendienst
-mitnahm. O diese Ungewißheit; jetzt gilt es vor allem, sich die trüben
-Gedanken, die aufregenden Vorstellungen von all den Gefahren fern zu
-halten, die Tom jetzt drohen! Denn nichts ist gefährlicher als diese
-Gemütserregungen, die meist heftige Fieberanfälle zur Folge haben
-sollen. Um mich zu zerstreuen, bitte ich öfters den Zahlmeister zu
-mir, auch der Lazarettgehilfe wird dann hinzugezogen, und da hilft
-dann Kartenspiel, „Sechsundsechzig“, über manche Stunde der Einsamkeit
-und der trüben Gedanken hinweg. Wir Europäer sind hier ganz besonders
-aufeinander angewiesen. Wenn sonst mein Mann weg war, ist mir nie so
-schwer zu Mute gewesen. Hier gilt es unsere ganze Zukunft, das Leben
-meines geliebten Mannes, die Sorge lastet auf mir wie eine dunkle
-Wolke.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">15. August 1896.</p>
-
-<p>Von Tom gute Nachricht! Mit seinem Fieber geht es besser. Gott sei
-gedankt für diese Freudenbotschaft.</p>
-
-<p>Ich selbst leide am Fieber; dazu schlaflose Nächte und die ekelhafte
-Plage der Sandflöhe. Die bohren sich tief ins Fleisch, dann heißt
-es, die Blase mit den Eiern sorgfältig entfernen, damit nichts
-zurückbleibt, sonst wird die Sache nur noch schlimmer. Heute habe
-ich solche Geschwürchen herausgenommen. Die kleine Muhigu, Kiwangas
-Gastgeschenk, leidet so stark unter dieser Landplage, daß sie kaum
-gehen kann. Sie ist grundhäßlich, aber ein freundliches, zutuliches
-Wesen. Zu meinen Pflegebefohlenen gehört auch ein kleines, etwa vier
-Jahre altes Indermädchen; sie ist Waise, und da sie an krampfartigen
-Anfällen leidet, die sie meist am Gehen hindern, will niemand etwas
-von dem armen Kinde wissen; auch an den Händen ist sie gelähmt, dazu
-blöde Augen, &mdash; es ist schmerzlich, das arme Ding anzusehen. &mdash; Auf dem
-Hühnerhofe ein Erfolg: eine Pute legt Eier und eine Ente ist am Brüten.
-Letzte Nacht prachtvolles Steppenfeuer, das sich bis in die Berge zog
-und den Wasserfall wunderbar beleuchtete. Die Eingeborenen hatten
-auf weite Strecken hin das trockene Steppengras abgebrannt. Durch
-Schnapsels Rattenjagd werden meine Nächte auch nicht erquicklicher;
-er fängt natürlich keine, denn durch die engen Löcher in den Wänden
-kann er nicht nachkommen. Neulich fielen in der Nacht zwei von diesen
-scheußlichen Tieren von der Decke auf mich, ich schrie laut vor
-Schrecken; eine lebensmüde Ratte fand ich im Waschbecken ertrunken.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Lager am Ombascha-Posten</em>,
-19. September 1896.</p>
-
-<p>Welche Glücksbotschaft gestern! Um vier Uhr kam ein Brief von Tom:
-sobald unser Gepäck „<span class="antiqua">tajari</span>“ (fertig gepackt zum Mitnehmen),
-soll ich zu ihm kommen! Er hatte für das Verpacken zwei Tage gerechnet
-&mdash; natürlich war ich schon am anderen Morgen „<span class="antiqua">tajari</span>“ und rückte
-mit meinem Begleiter, dem Oberlazarettgehilfen, ab. Ein tüchtiger
-Gebirgsmarsch. Sehr müde!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Lager am Kihansifluß</em>,
-20. September 1896.</p>
-
-<p>Ich darf wenigstens sagen, daß ich Afrika kennen lerne; freilich ist
-dieser praktische Geographieunterricht recht anstrengend, dafür aber
-nur interessanter. In der Schweiz habe ich nicht solche Kletterpartien
-gemacht wie hier; selbst nicht am Julier, wo ich mir Edelweiß geholt
-habe von Stellen, die für Damen als unerreichbar galten. Gestern waren
-acht Berge zu nehmen, 600 bis 800 Meter hoch, so steil und unwegsam,
-daß ich mich oft hinaufziehen lassen mußte, wenn ich die für mich
-eingehauenen Stufen in den Felsblöcken selbst auf „allen Vieren“ nicht
-mehr schaffen konnte. Aber jeder bestiegene Berg war ja ein Hindernis
-weniger auf dem Wege zum Ziel! Da vergaß ich gern 33° Reaumur! Die
-Aussicht war großartig, aber die Müdigkeit ließ mich doch nicht zum
-Genuß kommen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Magdalenenhöhe</em>,
-21. September 1896.</p>
-
-<p>Morgen oder übermorgen sehe ich meinen Mann wieder! Was waren das für
-schreckliche Wochen! Wie zitterte ich um des Geliebten Leben, wie oft
-kamen Nachrichten, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließen! Wußte
-ich doch Tom mit seinen 230 Mann und den 8 Deutschen &mdash; von denen
-drei eben erst das perniziöse Fieber überstanden hatten &mdash; einem an
-Zahl weit überlegenen blutdürstigen Feinde gegenüber. Anfangs erhielt
-ich alle paar Tage Nachricht &mdash; dann blieb vierzehn Tage lang jede
-Botschaft aus! Doch nun ist ja diese schreckliche Zeit der qualvollen
-Ungewißheit vorüber, ich ziehe ihm entgegen, soll ihn nun bald gesund
-und fröhlich wiedersehen! Die größte Gefahr ist abgewendet, wenn auch
-noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt: nämlich Quawas habhaft
-zu werden. Dazu müssen aber erst Hilfstruppen abgewartet werden,
-Toms kleine Schar ist in diesem ungeheuren Gebiete dieser Aufgabe
-natürlich nicht gewachsen. Für mich zum Glück: bis zum Eintreffen der
-Verstärkungen darf ich bei meinem Manne bleiben! Als Tom das Lager
-Quawas nahm, ist dieser entkommen, so konnte dem ganzen Feldzuge leider
-nicht mit einem Schlage ein Ende gemacht werden. Das Gefecht war<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-infolge von Quawas Flucht ziemlich kurz, Tom hatte keine Verluste, auf
-der feindlichen Seite aber Tote, Verwundete und Gefangene. Es wurden
-an 1000 Stück Großvieh und 1100 Kleinvieh erbeutet &mdash; an Fleischmangel
-wird die Station also nicht mehr zu leiden haben.</p>
-
-<p>Eine Episode aus diesen sechs Wochen Einsamkeit muß ich doch noch
-nachtragen. Eines Abends saß ich mit dem Zahlmeister Winkler und dem
-Lazarettgehilfen Prinage beim Skat, als plötzlich einige Griechen und
-Araber auf unserer Veranda mit der Schreckensnachricht angestürzt
-kamen: „Die Wahehe sind da! Sie wollen die Boma stürmen!“ Da hieß es
-„Kaltes Blut“ &mdash; nicht den Kopf verlieren; es war das erstemal, daß
-ich mich in solcher Lage nur auf mich selbst angewiesen fand. Während
-Winkler und Prinage Patronen an die sofort alarmierten Soldaten
-ausgaben, die Boys und Träger mit Vorderladern bewaffneten und jedem
-seinen Posten anwiesen, ließ ich Wasser herbeiholen, brachte die
-Reittiere in der Boma unter, sammelte die mit Speeren bewaffneten
-Männer aus dem Dorfe, brachte sämtliche Windlichter und Laternen
-zusammen und suchte möglichst Ordnung in das schwarze Menschengewühl
-zu bringen, denn Weiber und Kinder bildeten ein kaum entwirrbares
-Knäuel. Dann steckte ich Revolver und Patronen zu mir, legte mein
-Bestes an Schmuck obenauf im Koffer, um im Falle eiliger Flucht alles
-zur Hand zu haben, dann machten wir einen Rundgang, um uns von der
-richtigen Ausführung aller unserer Anordnungen zu überzeugen. Die ganze
-Alarmierung war in fliegendster Eile vor sich gegangen; nach kaum einer
-halben Stunde spielten wir auf unserer Veranda weiter. Wir blieben
-die ganze Nacht auf, &mdash; ich hatte die Weiber und Kinder inzwischen
-auch untergebracht &mdash; und vertrieben uns die Zeit mit Kaffeetrinken
-und Postenrevidieren. Der Höllenlärm unserer aufgeregten Nachtgäste
-ebbte nach und nach ab, und der prachtvolle Sonnenaufgang fand uns
-in verhältnismäßiger Ruhe. Die Wahehe waren nicht gekommen, unsere
-Vorbereitungen für einen möglichst warmen Empfang also vergeblich
-gewesen. Die Weiber trauten aber dem Landfrieden doch noch nicht:
-tagelang<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> hielten sie sich in Zelten dicht an der Boma auf, aus Furcht
-vor den Wahehes.</p>
-
-<p>Die Aufregung jener Nacht hatte wohltuende Wirkung: sie riß mich
-gewaltsam aus aller kopfhängerischen Angstmeierei, die doch zu nichts
-nützen konnte, und führte mir mit der wünschenswertesten Deutlichkeit
-vor Augen, daß ich hier, besonders wenn Tom nicht auf der Station
-anwesend, wirklich nicht „zum Staat“ da bin. An Beschäftigung habe ich
-mir in der Zeit alles nur Denkbare hervorgesucht. Meinen Pflegekindern
-habe ich Kleidchen gemacht, Wäsche geflickt u. a. m. Viel Arbeit
-verursachte die Herstellung eines Kopfkissens für Tom. Alles, was von
-Vieh etwas längere Haare hatte, wurde geschoren, aber der Ertrag war
-nicht groß, denn Ziegen und Schafe haben hier meist ein glattes Fell,
-Schafwolle kennt man nicht; da ich zu dieser Arbeit die Papierschere
-benutzen mußte, hatte ich bald Blasen an den Fingern. In diese sechs
-Wochen fiel auch mein erster Geburtstag als junge Frau! Die Feier hatte
-ich mir auch anders vorgestellt. Tom hatte für reichen Blumenschmuck
-meiner Hütte gesorgt, von ihm selbst kam ein herzliches Schreiben
-&mdash; aber doch eben nur ein Schreiben! Als Gratulanten erschienen der
-Zahlmeister und der Lazarettgehilfe; aus der alten Heimat kein Gruß,
-kein Glückwunsch. Die Soldaten gaben, wie an hohen Festtagen, mir zu
-Ehren drei Salven, dann spendierte ich ihnen Geld und den Boys eine
-Ziege.</p>
-
-<p>Als wir von Perondo abzogen, kam das ganze Dorf, um mir eine gute
-„Safari“ zu wünschen, mindestens an 300 Weiber begleiteten mich ein
-Stück Wegs, und als sie schließlich Spalier bildeten, drängten sie
-sich alle an mich heran, um mir noch einmal „Kwaheri“ zu sagen. Diese
-Anhänglichkeit, über die ich mich wirklich freute, verdanke ich wohl
-meiner Gewohnheit, im Dorfe öfter selbst Einkäufe zu machen und die
-Kinder mit Erdnüssen und dergleichen zu beschenken.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Magdalenenhöhe</em>,
-II. Etappe, 24. September 1896.</p>
-
-<p>Wiedersehen mit Tom, den ich von hier aus begleite. Der Marsch bis zur
-II. Etappe (24. September) bot viel Schönes und<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Interessantes.
-Zerklüftete Berge, auf deren saftig grünen Matten sich kleine
-Ansiedelungen zeigten, die mich an die Schweizer Sennhütten erinnerten;
-rauschende Bergbäche, die ihr kristallklares Wasser in kleinen Kaskaden
-von Fels zu Fels stürzten, dichtbelaubte, blumenreiche Ufer und
-ein Wald von Farnen, deren Fiederfächer über uns zusammenschlugen.
-Unvergeßlich wird mir der große Wasserfall bei Magdalenenhöhe bleiben,
-zu dem Prinage mich begleitete. Der Weg war ungemein beschwerlich,
-glatt und steil, der Lohn für die Anstrengung aber ein hoher! In einer
-Breite von 8 bis 10 Metern stürzen gewaltige Wassermassen einen an 800
-Meter hohen Felsen herab, um aus der Tiefe, an den durch Jahrtausende
-hindurch ausgehöhlten Klippen zerstäubt, als diamantenschillernde Wolke
-aufzusteigen, das Ganze umrahmt von üppigem Gehänge tropischer Flora,
-die überall zwischen den Klippen und Felsblöcken hervorquillt &mdash; und
-all diese Pracht im Farbenspiel der afrikanischen Sonne. Kein Maler hat
-Farben auf der Palette, den Zauber dieser Beleuchtung wiederzugeben &mdash;
-und Worte vermögen es noch weniger. Zu dem nachhaltigen Eindruck, den
-dieses Tropenbild auf mich macht, kommt noch das Bewußtsein: ich bin
-die erste weiße Frau, der dieser Anblick vergönnt ist.</p>
-
-<p>Der Weg bis zur III. Etappe und weiter vom Ruaha aus bot
-ebenfalls viel Abwechselung, ich stand aber noch zu sehr unter dem
-mächtigen Eindruck dieses in all seiner fremdartigen Schönheit
-gewaltigen Landschaftsbildes, um der hügeligen Landschaft erhöhtes
-Interesse zuzuwenden. Während wir auf der II. Etappe waren,
-brachte einer unserer Schauisch (schwarzer Unteroffizier) 18
-Wahehekrieger an, die er samt ihren Weibern und Kindern mit seinen
-Askaris gefangen genommen. Die Leute waren mit Mauser-Gewehren
-der Zelewski-Expedition und reichlicher Munition versehen, sie
-wurden demgemäß unter scharfer Aufsicht bis zur III. Etappe
-mitgenommen, wo Tom dann schließlich feststellte, daß sie auf dem
-Marsche nach der Station sich befanden, um sich zu ergeben, als sie von
-unseren Leuten aufgegriffen wurden. Das ist ein erfreulicher Erfolg von
-Toms geschicktem diplomatischen<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Verhalten: durch langsames Vorgehen,
-ohne Blutvergießen, ohne eine Tembe zu verbrennen, ist den Leuten <span class="antiqua">ad
-oculos</span> demonstriert worden, daß die Besitznahme des Landes auch auf
-friedlichem Wege möglich. Nun kommen sie so nach und nach an, um sich
-den neuen Herren zu unterwerfen. Aber bis mein Mann das erreicht hat,
-mußte er sich’s viel Sorge und Mühe kosten lassen, und wir alle beide
-haben diesen Erfolg mit einem Stück Gesundheit bezahlt!</p>
-
-<p>Nun folgten schöne Tage. Mit meinem Mann zusammen konnte ich den
-letzten Teil unseres Marsches zurücklegen, aus dem mir noch eine höchst
-malerische Felsenbildung in Erinnerung steht, Trümmer und Säulen wohl
-vulkanischen Ursprungs, die in ihrer malerischen Anordnung uns das
-Kolosseum in Rom ins Gedächtnis riefen.</p>
-
-<p>Am 29. September näherten wir uns unserer künftigen Station, und unsere
-Hochzeitsreise hatte nun ihr Ziel erreicht: <em class="gesperrt">Iringa</em>!</p>
-
-<p>Tom war sehr gespannt, ob schon Nachricht da wäre von den von ihm
-verlangten Truppen, ohne welche die Verfolgung Quawas nicht möglich
-wäre, und mich interessierte besonders, ob unser Haus schon fertig sein
-wird!</p>
-
-<p>Wir wurden gleich militärisch empfangen: Leutnant Stadlbaur<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> und
-<span class="antiqua">Dr.</span> Reinhard mit den Askaris von Kilimatinde begrüßten uns beim
-Einzug. Die beiden Herren begleiteten uns, sobald die dienstlichen
-Geschäfte erledigt waren, zu unserem Haus: ein niedliches Strohhäusel,
-mitten in einem Wäldchen, mit Durchblick nach den Bergen und der Boma;
-wenn der Wind geht, pfeift er frischweg durch unsere drei Zimmer; es
-hat auch zwei Veranden, die hintere Veranda richteten wir gleich als
-Stapelplatz für Lasten und Futterkisten ein. Die Decken der Zimmer
-sind mit weißem, die Wände mit blauem Zeug ausgeschlagen; das machte
-alles einen wohnlichen Eindruck, die Herren hatten zudem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> noch die
-Wohnung so reizend mit Blumen geschmückt, daß wir unsere herzliche
-Freude daran hatten! So war uns doch unerwartet ein festlicher Einzug
-in unser neues Heim durch diese Liebenswürdigkeit bereitet worden.
-Sobald der Bauleiter eintrifft, wird ein größeres Haus aus festerem
-Material für uns aufgeführt werden. Die beiden Herren gaben uns ein
-Willkommensfrühstück auf unserer Veranda, sie selbst bewohnen ein Zelt;
-nachmittags besahen wir uns die Station, und abends waren die Herren
-unsere Gäste.</p>
-
-<p>Am anderen Tage ging’s ans Auspacken und Einrichten; besonders das
-Wohnzimmer sah recht nett aus mit seinen Dekorationen an Gehörnen,
-Speeren, Gardinen und Felldecken. Als wir die Herren bei uns zu Tische
-sahen, waren sie freudig überrascht, alles so „europäisch“ zu finden.
-Sie empfanden es als eine lang entbehrte Wohltat, endlich wieder einmal
-an einem Tisch, mit wirklichem Tischzeug, mit vollständiger Gläser-
-und Serviergarnitur und Silberzeug speisen zu können. Unsere Lampen
-machten sich famos: die Glocken waren natürlich sämtlich gesprungen,
-aber Tom hatte aus rotem Zeug sehr geschickt Lampenschirme hergestellt;
-die Sache sah sehr „modern“ aus, genau wie die großen Seidenschirme
-Stück zu 40 Mark in Berlin <span class="antiqua">W</span>. Wir waren recht vergnügt; ich
-zog mich aber etwas früher zurück, da ich sehr müde war. Anderen Tags
-Abschiedspicknick auf einem schön gelegenen Felsen, der eine prächtige
-Rundsicht bot. Wir hatten Maibowle (Waldmeisteressenz, recht gut) und
-alles mögliche mitgenommen, u. a. auch Rebhühner. Die Herren waren bei
-bestem Humor, sie überboten sich im Erfinden neuer Aufmerksamkeiten.
-Als wir uns trennten, geschah es mit aufrichtigem Bedauern &mdash; am
-nächsten Tage marschierten sie ab. Die Station war also schön
-eingeweiht worden, meine Befürchtung, hier so ganz ohne Sang und Klang
-einziehen zu müssen, hatte sich dank der Liebenswürdigkeit der beiden
-Herren nicht verwirklicht. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Nun kamen zwei Ruhetage, in der die Kleinigkeiten in Ordnung gebracht
-wurden.</p>
-
-<p>Dann traf Herr v. Kleist von Kilossa bei uns ein und nach<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> weiteren
-zwei Tagen Leutnant Glauning aus Mpapua. Am vierten Tag zogen auch sie
-fort; wir begleiteten sie ein Stück Weges.</p>
-
-<p>Darauf kam ein Pater Basilius, der hier eine Mission gründen will. Das
-würde für uns einen erfreulichen Zuwachs von zwei gebildeten Europäern
-bedeuten. Er blieb zwei Tage bei uns. Die nächsten Tage ruhte ich mich
-aus, denn es war doch etwas anstrengend gewesen.</p>
-
-<p>Am 12. Oktober 6 Uhr abends erklärte plötzlich mein Mann: „Wir
-marschieren morgen, auf wie lange kann ich nicht sagen!“ Es handelte
-sich darum, den Bruder Quawas in unsere Gewalt zu bekommen. Im Nu war
-alles gepackt, und am nächsten Morgen um 7 Uhr marschierten wir ab.
-Das Einpacken hier zu Lande ist nicht so ganz einfach, denn da sind
-nicht nur Kleider, Wäsche usw. mitzunehmen, sondern Haus-, Wasch- und
-Kochgeschirr, Teller, Messer und Gabeln, kurz und gut, eine ganze
-kleine Einrichtung, und die Hauptsache: alles Essen und Trinken.</p>
-
-<p>Es war für mich eine höchst interessante „Safari“. Am ersten Tage (13.)
-kamen wir nach Quawas Sultansresidenz, der eigentlichen Stadt Iringa,
-einer Negerstadt von etwa 9000 Einwohnern, von der noch ein großer Teil
-in Trümmern lag; auch Quawas Tembe ist nur zum Teil, und zwar niedriger
-wie früher, wieder aufgebaut; sie imponiert aber trotzdem durch ihre
-großen Räume und die zahlreichen labyrinthartigen Verbindungsgänge, in
-der Küche zählte ich an 60 der hier üblichen primitiven Feuerstellen.
-Unter dem großen schattigen Baume vor der Tembe war noch der erhöhte
-Sitz, von dem aus Quawa seine Truppenrevüen abhielt; hatte er doch
-seine Truppen in besonders kenntliche „Regimenter“ eingeteilt, mit
-Offizieren und Unteroffizieren; der eine dieser Truppenkörper trug z.
-B. nur ganz weiße Schilde!</p>
-
-<p>Am 14. Oktober erreichten wir Quawas altes Lager; schon auf dem Wege
-dahin stießen wir auf viele kleine Lager; das große Lager liegt so
-versteckt in den Bergen, daß man es gar nicht gefunden hätte, wenn
-nicht Waheheleute es gezeigt hätten. Es maß wohl 1600 Schritte im
-Umfang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p>Hier sollte sich der Zweck unserer Safari erfüllen: im Lager fanden
-wir Mpangire, den einzigen rechten Bruder Quawas, und Kapande, seinen
-Halbbruder, mit ihren Leuten. Sie kamen, sich zu unterwerfen.</p>
-
-<p>Im Lager fand sodann großes Schauri statt, in welchem mein Mann
-erklärte, Mpangire solle als Sultan an Quawas Stelle eingesetzt werden;
-bis zur Gefangennahme Quawas jedoch müsse er ihn in Haft nehmen.
-Mpangire ist ein großer, hübscher Mann mit offenen Zügen und freiem
-Blick, sein ganzes Wesen macht einen guten Eindruck. Außer den beiden
-Brüdern Quawa und Mpangire (ein dritter Bruder endete durch Selbstmord)
-leben noch drei Schwestern: die eine ist die Frau des Merere, die
-beiden anderen waren bis jetzt bei ihrem Bruder Quawa, kamen aber mit
-Mpangire zu uns.</p>
-
-<p>Mereres Frau ist es übel ergangen: als Quawa sich mit seinem Schwager
-Merere entzweite &mdash; er hatte auch eine Schwester von diesem zur Frau &mdash;
-ließ er dem armen Weibe, der Schwester seines nunmehrigen Feindes, die
-Augen ausstechen &mdash; worauf nun Merere an Quawa Rache nahm und dessen
-Schwester auf gleiche Weise blenden ließ!</p>
-
-<p>Am 16. kamen wir mit unseren Schutzbefohlenen hier wieder an. Sie
-wurden in einer Tembe mit Dornboma untergebracht, die sie nicht
-verlassen dürfen, sonst kann jedermann sie besuchen. Am Tage haben sie
-zwei, nachts vier Wachtposten.</p>
-
-<p>Zu meiner Freude fanden wir schon etwas Garten an unserm Hause angelegt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">21. Oktober 1896.</p>
-
-<p>Heute besuchten mich eine richtige und eine Halbschwester von Quawa.
-Rotwein schien ihnen sehr zu schmecken, Butterbrot weniger, umsomehr
-aber Zucker und vor allem Cakes. Sie baten mich, ihnen das Nähen
-beizubringen, und wollen zu diesem Zwecke bald wiederkommen. Beide sind
-hübsche Geschöpfe mit kleinen Füßen und schmalen Händen, besonders
-Quawas rechte Schwester gefiel mir durch ihr offenes Wesen. Wir waren
-sehr lustig mit<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>einander und schlossen gute Freundschaft. Nur beim
-Essen und in sonst noch einigen Bewegungen verrät sich zuweilen die
-„Wilde“.</p>
-
-<p>Unser Renommierstück, auf welches Tom besonders stolz ist, wurde
-heute fertig: die Diele im Schlafzimmer. Alles, was an Einpackholz
-aufzutreiben war, ist dazu verwandt worden; sie sieht zwar demnach
-etwas sehr gestückelt aus, ist aber trotzdem sehr schön; da sie einen
-Fuß hoch über dem Boden angebracht ist, werden wir immer trockenen
-Fußboden haben. Das Linoleum kommt uns ganz besonders gut zu statten:
-wir haben es ringsum an der Wand des Schlafzimmers gezogen, nun hält es
-den Wind ab und sieht hochfein aus!</p>
-
-<p>Ab und zu machen wir einen Spaziergang; ein Aussichtspunkt ist ganz
-in der Nähe, der sich mit den schönsten Schweizer Glanzpunkten messen
-kann. Dazu die prachtvolle, klare Luft; wir fühlen uns nach all den
-Sumpfniederungen wie in einem klimatischen Kurort, und das Bild unserer
-ersten Station Perondo kann neben diesem schönen Lande hier nicht
-aufkommen. Die Nachwehen unseres Marsches äußern sich übrigens, ich
-habe zuweilen kleine Fieberanfälle. Die Bazillen müssen erst wieder
-herausgetrieben werden. Heute kamen die Schwestern wieder und brachten
-20 Ehefrauen Mpangires mit. Die beiden Quawa-Schwestern, Salatamanga
-und die Halbschwester Fulimanga, und die „größte“, d. h. erste Frau
-Mpangires, Hamuna, erhielten Stühle sowie Tee und Zucker, die andern
-hockten auf der Erde. Mit dem Nähen wurde es aber nichts: Hamuna
-erklärte mir, Arbeit sei etwas Häßliches, und nun wollen die beiden
-andern auch nichts mehr lernen. Hamuna ist hübsch und scheint außer
-ihrer Faulheit auch ein gut Teil Schlauheit zu besitzen, sie hat aber
-kein so gutes Gesicht wie die beiden Schwestern. Da aus der Nähstunde
-nichts wurde, zeigte ich ihnen die Bilder in Brehms Tierleben, das
-begeisterte sie sehr, namentlich die der ihnen bekannten Tiere. Da mein
-Toilettenspiegel zerbrochen angekommen ist, schenkte ich jeder ein
-Stück davon: das machte großen Eindruck, sie wurden nicht müde, sich
-darin zu bewundern.</p>
-
-<p>Soeben schickt mir Mpangire das landesübliche Gastgeschenk:<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> ein
-kleines Mädchen, Paligungire, ebenso landesüblich lasse ich das kleine
-Ding zunächst im Flusse einer gründlichen Reinigung unterziehen und
-stecke es dann in eines der Kleidchen meiner kleinen Muhegu; mein neues
-„Eigentum“ hat ein drolliges Kindergesichtchen, mit großen treuherzigen
-Augen. Vorläufig sehen sich nun beide Mädels Bilder an, morgen soll der
-erste Nähversuch gemacht werden. Mit Teller und Löffel hantieren sie
-ganz geschickt.</p>
-
-<p>Aus der Heimat seit drei Monaten keine Nachricht!....</p>
-
-<p>Das Auspacken und Einrichten macht viel Freude; die Wirtschaft wächst
-mir zusehends unter den Händen, und jedes frisch ausgepackte Stück wird
-wie ein lieber alter Bekannter begrüßt. Noch 14 Tage ungefähr, dann
-hört hoffentlich das Leben aus den Koffern und Kisten auf. Mit Vorräten
-für ein Jahr wirtschaften, ohne Vorratskammer oder Keller zu haben,
-über diese Aufgabe muß Henriette Davidis noch einen besonderen Nachtrag
-schreiben, für afrikanische Hausfrauen und solche, die es werden wollen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">24. Oktober 1896.</p>
-
-<p>Heute brachte ich Mpangire und Kapande mein Gegengeschenk für das
-kleine Mädchen. Während ersterer durch stattlichen Wuchs sich
-auszeichnet und überhaupt vorteilhaft von seiner Umgebung absticht, ist
-der um vieles ältere Kapande kleiner und unansehnlich, hat aber ein
-gutes, freundliches Gesicht. Mpangires energisches, freies Auftreten,
-sein offener Blick zeigen Rasse. Für die Frauen nahm ich Tücher mit,
-für ihn eine Flasche Rotwein. Damit reizte ich seine Begehrlichkeit zu
-allerlei größeren Wünschen: noch einen neuen Anzug, ein Schwein und
-anderes. Ich erklärte ihm aber, ein so reicher Mann wie er, mit solchen
-Elfenbeinvorräten, könne sich das an der Küste alles selbst kaufen. Die
-Unterhaltung war nicht so ganz einfach. Mein Dolmetscher versteht auch
-kein Kihehe; meine Worte mußte er nun erst einem anderen Sprachkundigen
-übersetzen, der sie dann dem Sultan weiter vermittelte. In einer Ecke
-standen die Sklaven<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> zusammengedrängt, die Frauen waren nicht anwesend;
-seine „erste Frau“ und die Schwester mußte ich rufen lassen, um sie
-zu begrüßen; sie entfernten sich gleich wieder. Die niedere Stellung,
-die den Frauen hier angewiesen ist, erschwert mir meine Aufgabe ganz
-bedeutend; wenn mich die Frauen hier auch als ihnen überlegen ansehen,
-den Männern gegenüber muß ich mir meine Stellung erst herausbeißen. Zu
-diesem Besuche hatte ich mir einen großen Stuhl hintragen lassen, auf
-dem ich Platz nahm, der Sultan saß auf einem niedrigen Stuhle, alles
-übrige stand um uns herum.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Oktober 1896.</p>
-
-<p>Meine Boys machen mir viel Ärger; sie stehlen wie die Raben, dazu
-die angeborene Faulheit. Juma, der schon seit Jahren bei meinem Mann
-ist, und von dem ich glaubte, ob seines Verwöhntseins nicht mit ihm
-auszukommen, ist jetzt der Beste von allen; seine „Güte“ ist zwar
-niemals aufregend, aber er bleibt sich wenigstens immer gleich und
-zeigt vor allem niemals die ausgesprochen schlechten Eigenschaften
-seiner schwarzen Kollegen.</p>
-
-<p>Abends machen wir gewöhnlich einen Spazierritt. Die Natur ist hier
-so herrlich, die Luft so klar und erfrischend, man fühlt bei jedem
-Atemzug: hier ist Gesundheit, hier ist das Quisisana, dessen wir nach
-all den Fiebergegenden, die wir durchzogen, so dringend benötigen.
-Kleine Fieberanfälle stellen sich leider bei Tom immer noch zuweilen
-ein, und selbst ich habe schon einige gehabt. Die vielen Reitwege
-ringsum geben uns gute Gelegenheit, die Gegend genauer kennen zu
-lernen; unsere Maultiere klimmen die steilsten Felsenpfade hinan, die
-für ein Pferd wohl ganz unpassierbar sein würden.</p>
-
-<p>Meine schwarzen Damen scheinen mich heute nicht zu besuchen. Kürzlich
-zeigte ich ihnen einen an einem Gummiball mittels dünnen Schlauches
-befestigten, recht naturgetreu aussehenden Frosch, der infolge des
-Luftdruckes ganz natürlich forthüpfte: ganz wie in Europa fürchteten
-sich meine schwarzen Damen auch hier vor dem kleinen Ungetüm. Schade,
-daß ich bei den Weihnachtsbestellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> nicht an mehr dergleichen
-Spielereien gedacht habe; Weihnachten wollen wir nämlich großartig
-feiern. Hoffentlich treffen die bestellten Sendungen pünktlich ein.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">30. Oktober 1896.</p>
-
-<p>Die Regenzeit meldet sich an, bedeckter Himmel, entfernter Donner und
-heute der erste Regenguß &mdash; viel zu früh für uns, denn noch ist längst
-nicht alles unter Dach und Fach. Namentlich die wasserdichten Wohnungen
-für die Soldaten sind noch nicht fertig; es fehlt uns sehr an Werkzeug,
-um den Bau zu beschleunigen. Unsere Zimmer standen zum Teil, die
-Veranda vollständig unter Wasser, und es ist mir mancherlei verdorben.
-Übrigens sieht man hier schon den Kulturfortschritt: alle haben doch
-schon wenigstens einige Kleidungsstücke an! Die Männer allerdings im
-allgemeinen mehr als die Frauen.</p>
-
-<p>Unser Garten wird sehr hübsch, bei seiner Bestellung spielt ein Rechen
-mit Zinken aus Zimmermanns-Nägeln die Hauptrolle. Der Blick von einem
-Fenster aus bietet viel Interessantes, ich sehe die rege Bautätigkeit
-und kann verfolgen, wie aus Holzstäben, Bast, Gras und Erde Häuser,
-eine Straße, ein ganzes Dorf entstehen. Die Einwohner, die sich mit
-ihrem Vieh und wertvollerem Besitztum in die Schluchten des unwegsamen
-Gebirges geflüchtet hatten, sind wieder zurückgekehrt, auch die meisten
-von Quawas Verwandten und seinem Anhang, die Sikki-Gesellschaft, die
-Mutter, eine Tochter mit Klumpfüßen und ein Sohn, haben sich in Toms
-Schutz begeben. Es war uns dies um so auffallender, da ihr Vater
-von Tom 1892 in Tabora geschlagen wurde. Als dessen Hauptburg fiel,
-sprengte er sich mit seinen Weibern in die Luft.</p>
-
-<p>Mein Mann läßt den Sohn ein Wanjamwesi-Dorf hinter der Station gründen.
-Unten im Tal will er dann auch ein Dorf von Kondoa-Leuten anlegen;
-diese Einrichtung wird sehr nutzbringend für die Station sein, es
-können dann die von den Wahehe geraubten Leute dort Unterkunft finden.</p>
-
-<p>Heute kam eine Frau, die aus Ubena entflohen war, um bei<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> uns Schutz
-zu suchen. Ihr waren die Ohren abgeschnitten worden. Jetzt fangen die
-Frauen an, zu mir zum Schauri zu kommen, ich habe täglich sechs bis
-acht von ihnen bei mir, die natürlich dann auch beköstigt sein wollen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">31. Oktober 1896.</p>
-
-<p>Heute ist der zweite Mhehe gehängt worden, der einen unserer
-Trägerführer am Ruaha ermordet hat. Mein Mann ließ diese durch die
-traurige Notwendigkeit zur Unerläßlichkeit gewordene Hinrichtung
-mit einer gewissen, auf die Gemüter der Eingeborenen wirksamen
-Feierlichkeit ausführen: Sämtliche Wassagira aus Iringa mußten der
-Exekution beiwohnen. Auch eine große schaulustige Menge hatte sich,
-wie mir Tom nachher erzählte, zu dem traurigen Schauspiel eingefunden,
-darunter sehr viele Frauen, welche Tom den Platz verlassen hieß. Die
-Schaulust zeigte sich jedoch hier stärker als der sonst eingefleischte
-Gehorsam, und erst als der Befehl durch Festnahme und Abführung eines
-der Weiber gründlichen Nachdruck erhielt, bequemten sich die übrigen,
-sich zu entfernen. Der Mörder ist so in sein Schicksal ergeben gewesen,
-daß er den Kopf selbst in die Schlinge gesteckt hat. Ein Gnadenschuß,
-den Tom bei solchen Exekutionen stets abgeben ließ, hatte den
-sofortigen Tod des Verurteilten zur Folge. Das abschreckende Beispiel
-einer solchen Hinrichtung ist um so nötiger, als auch einer unserer
-Askaris, der seinerzeit bei dem anstrengenden Marsche hinter der
-Kolonne zurückblieb, Meuchelmördern zum Opfer fiel. Die Täter sind noch
-nicht entdeckt.</p>
-
-<p>Von Quawa kamen zwei Leute, angeblich um sich zu unterwerfen; in
-Wahrheit waren es Spione, die unsere Station auskundschaften wollten!
-Sie verschwanden bald wieder, und Tom ließ sie durch Patrouillen
-verfolgen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">1. November 1896.</p>
-
-<p>Der Gemüsegarten wird in der Nähe der Stelle angelegt, wo nach
-Grundwasser gebohrt wird. Wir sahen uns die Arbeit an, die, da wir
-keinen Erdbohrer haben, nur langsam fortschreitet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p>Wir haben jetzt 1000 Stück Vieh, und das zu verwalten ist auch keine
-Kleinigkeit. Mein Mann will dem Volk den Reichtum nicht ganz entziehen,
-deshalb gibt er ein Drittel dem Sultan, ein Drittel dem Gouvernement
-und ein Drittel wird größeren Leuten zum Beaufsichtigen gegeben,
-dieselben bekommen jedes dritte Kalb als ihr Eigentum, das andere soll
-zur Küste geschickt werden.</p>
-
-<p>Heute nachmittag ließ mein Mann Mpangire und seine zwei Halbbrüder
-Kapande und Sadangamenda zu uns kommen. Bei ersterem und letzterem hat
-man wirklich nicht das Gefühl, sich mit Schwarzen zu unterhalten.</p>
-
-<p>Entsprechend dem im ganzen Volke hier in einem Grade ausgeprägten
-Selbstgefühl, wie man es sonst bei Negern kaum findet, treten auch die
-Mitglieder der Sultansfamilie mit ganz besonderem Selbstbewußtsein auf.
-Sie wissen sich gut zu unterhalten, aus ihren klugen Fragen sprechen
-Wißbegierde und Intelligenz, unsere europäischen Gewohnheiten suchen
-sie sich möglichst anzueignen. So saß Mpangire kürzlich bei uns im
-Zimmer; der Teppich reichte nicht bis zu seinem Platz, deshalb glaubte
-er nichts Unpassendes zu tun, wenn er seinen Zigarettenstummel einfach
-auf den Boden warf. Sadangamenda dagegen, dessen Stuhl auf dem Teppich
-stand, wagte nicht, diesen zu beschmutzen und war sichtlich aus großer
-Verlegenheit erlöst, als ich ihm einen Aschbecher reichte, auf den er
-seinen Stummel deponierte. Mpangire verfolgte dieses Manöver mit großer
-Aufmerksamkeit, und bald hatte er &mdash; von mir anscheinend unbeobachtet
-&mdash; seinen Zigarettenrest vom Boden aufgelesen und in den Aschbecher
-praktiziert. Es ist ein Vergnügen, die beiden intelligenten Burschen
-zu beobachten, dabei sind es hübsche Leute, an Gesicht sowohl wie an
-Wuchs. Auch an Galanterie fehlt es ihnen nicht; Mpangire und seine
-Brüder küssen mir stets die Hand, und heute hat mir ersterer als Beweis
-seiner besonderen Wertschätzung einen schönen &mdash; Ochsen verehrt. Kleine
-Geschenke erhalten die Freundschaft.</p>
-
-<p>Die Kunst, dem Neger durch marmorne Unbeweglichkeit der<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Gesichtszüge
-zu imponieren, besonders wenn die unbewußte Komik unwiderstehlich zum
-Lachen reizt, habe ich immer noch nicht raus. Tom ist Meister darin.
-So mußte ich gestern einfach die Hütte verlassen, als ich mit ansah,
-wie ein Neger meinem Manne durchaus die Füße küssen wollte: der am
-Boden rutschende Neger, der Toms Füße zu haschen, und Tom, der sein
-Piedestal in Sicherheit zu bringen suchte, boten ein Bild, welchem
-meine Seelenruhe noch nicht gewachsen war.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">3. November 1896.</p>
-
-<p>Nach drei langen Monaten heute endlich die Post &mdash; Briefe aus der
-Heimat! Was das bedeutet, kann mir nur ein „Afrikaner“ nachfühlen. Auch
-die Boys erhielten Briefe, Mpischi z. B. einen von seiner Mama, d. h.
-seiner richtigen Mama, im Gegensatz zu der bei den Negern (auch den
-Frauen) beliebten angenommenen „Mama“, d. h. mütterlichen Freundin.
-Sie verwahrt dem Neger das verdiente Geld, macht seine Schauris, sorgt
-für seinen Anzug, kocht für ihn. Es gibt auch unter ihnen ganz junge
-„Mama’s“, die sind meistens recht kostspielig. Am liebsten würde mein
-Mann die Mamas an der Küste ganz abschaffen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">4. November 1896.</p>
-
-<p>Heute traf vom Gouvernement die Genehmigung zu allem ein, was mein
-Mann bis jetzt getan hat und noch tun will. So wird alles in kürzester
-Zeit in schönster Ordnung sein. Auch Merere soll als Sultan in Ubena
-und Mpangire in Uhehe eingesetzt werden. Die Offiziere können mit den
-Kompagnien jeden Tag eintreffen. Ich schenkte heute Mpangire eine
-Flasche Gin und auf einem Teller ein schönes Stück Schinken. Den Teller
-wollte er natürlich auch behalten.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_2" name="ende_kap_2">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 2" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s63_kopfstueck" name="s63_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 63" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"><span class="kap">Drittes Kapitel.</span><br />
-Mpangires Sultanat.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2">24. Dezember 1896.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s63_initial" name="s63_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s63_initial.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>as war ein wichtiger Tag für uns. Das deutsche Weihnachtsfest mußte
-vor der für unsere hiesigen Verhältnisse wenigstens großen Haupt-
-und Staatsaktion der feierlichen Einsetzung Mpangires an Bedeutung
-zurücktreten. Aber gefeiert haben wir unser erstes afrikanisches
-Weihnachten doch, und zwar recht feierlich, nachdem wir der Politik ihr
-Recht gegeben hatten.</p>
-
-<p>Um 10 Uhr vormittags meldete der Feldwebel alles zur Einholung fertig,
-und mein Mann, in voller Gala natürlich, begab sich zu dem neuen
-Sultan. Inzwischen waren die Patres, der Doktor Stierling und ich auf
-den Festplatz gegangen, wo dicht gedrängt die Leute in schönsten,
-schneeweißen Gewändern, die Frauen in ihren besten Tüchern standen.
-Ein farbenprächtiges Bild, umgrenzt von saftigem Grün, die Berge als
-Hintergrund. Das blaue Himmelsgewölbe hat vorher wohl kaum auf eine so
-lebenslustige und heitere Volksmenge an dieser Stelle herabgeschaut.
-Die Stelle der „höchsten Zivilisation“ vertreten Leutnant Glaunings
-und meine photographischen Apparate, für welche die bevorstehende
-Feierlichkeit viel zu tun gab.</p>
-
-<p>Über 500 Mann Truppen in Paradeaufstellung, Offiziere und
-Unteroffiziere vor die Front gezogen, standen zum Empfange des neuen
-Herrn bereit, den mein Mann einzusetzen im Begriff stand. Endlich
-schlugen die Tambours an; die Herren, mit denen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> wir inzwischen
-geplaudert, eilten auf ihre Posten und wir Photographen an unsere
-Guckkästen. Jetzt kamen sie an. Rechts zur Seite Toms die stolze,
-stattliche Erscheinung des Mpangire, der seiner Würde bewußt
-einherschreitet &mdash; „jeder Zoll ein König“, ein echter Vertreter des
-Quawageschlechts. Vor der Front der Truppen angekommen, schwenkte die
-Musik nach dem Flügel ab, während Herr v. Kleist den Frontrapport
-erstattete. Dann hielt Tom eine kurze Ansprache an die Wahehe, in
-welcher er ihnen Mpangire als neuen Sultan bekannt gab; dem Sultan
-überreichte er als Zeichen seiner Herrschergewalt eine deutsche
-Flagge und ein von Sr. Majestät unserem Kaiser zu diesem Zwecke
-verliehenes prachtvolles Schwert. Die Truppen präsentierten, und ein
-vielhundertfaches Hurra! auf unsern Allerhöchsten Kriegsherrn, den
-Kaiser, weckte das Echo der Berge. Unter der umstehenden Volksmenge
-herrschte lautlose Stille; diese militärische Feierlichkeit machte
-augenscheinlich tiefen Eindruck, es war, als wenn die Masse erstarrt
-wäre, alles sah auf den Brennpunkt: meinen Mann und Mpangire. Zum
-Schluß wurden zugweise Salven und Schnellfeuer abgegeben. Dann ging
-es im Umzug in Sektionskolonnen durch die Stadt. Voran die Musik,
-dann mein Mann, Herr v. Kleist, Mpangire mit seinen Brüdern, ich, zum
-Schluß die Truppe, und genau so wie zu Haus bei solchen Gelegenheiten
-umgab uns die jetzt lärmende Volksmenge. Alles war aufs schönste
-mit Blumengewinden, Fahnen und Fähnchen geschmückt, jede Hütte war
-ausgeputzt.</p>
-
-<p>Ich hatte mich bald von dem Zuge getrennt, um den Festzug aufzunehmen.
-Was ich laufen konnte, eilte ich an den Apparat; als der Zug ankam,
-knipste ich &mdash; aber alle Mühe war umsonst! Der Verschluß versagte!
-Glücklicherweise haben die andern gute Aufnahmen machen können.</p>
-
-<p>Mittlerweile war es 11½ Uhr geworden, und jeder zog sich zurück,
-denn um 2½ Uhr war Preisschießen. Zu Hause machte ich eine Schüssel
-Konfekt und Marzipan, in der Mitte eine Ananas, zurecht, auf der eine
-Karte mit der Mitteilung steckte, daß wir der Unteroffiziersmesse ein
-Kegelspiel zu Weihnachten, vorläufig allerdings erst schriftlich,
-stifteten.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p64a" name="p64a">
- <img class="mtop2" src="images/p64a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_64">S. 64</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p64b" name="p64b">
- <img class="mtop2" src="images/p64b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente
- in Iringa.<br /><span class="s5">(Zu <a href="#Seite_126">S. 126</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Wir aßen zu Mittag, und um 2½ Uhr waren wir auf dem Schießplatz.
-Mein Mann schoß mir den ersten Preis, einen sehr schönen Elefantenzahn.
-Für die Einsätze und Reugelder waren Elefantenzähne als Preise
-angekauft worden. Es wurde mit Mauser-Gewehren geschossen. Die
-Unteroffiziere und die ersten schwarzen Dienstgrade schossen auch mit.
-Ich wurde mit dem Auftrag beglückt, die Preise zu verteilen.</p>
-
-<p>Nach dem Preisschießen folgte ein Rennen. Beim Eselrennen gewann mein
-Esel, von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling geritten, den ersten Preis. Dann wurden
-fünf Ochsen am Spieße gebraten, ganz wie bei der Kaiserkrönung im alten
-römischen Reiche deutscher Nation, und vergnügter wie unsere Schwarzen
-hier können die „Frankfurt am Mainer“ auch nicht gewesen sein, wenn wir
-auch keine Springbrunnen mit rotem und weißem Weine sprudeln lassen
-konnten.</p>
-
-<p>Eine große Volksmenge war auf dem Rennplatz noch versammelt, wo nach
-dem letzten Maultierrennen ein Wettrennen zwischen Boys, Fundis,
-Trägern und Askaris stattfand, der Erste am Platze konnte sich die
-großen hingeworfenen Preise (Tücher!) aufheben. Daran schloß sich
-Strickreißen. In die stärkere Partei wurden auch Tücher hinein
-geworfen, die derjenige bekam, der sie zuerst auffing, natürlich
-entstand dann oft ein großer Streit, der den Tüchern allerdings nicht
-zum besten gereichte.</p>
-
-<p>Ein Gejauchze und Gejuble, daß einem ordentlich das Herz mit lachte! Es
-war wirklich alles so nett und vergnügt. So schön habe ich mich beim
-schönsten Ball nicht amüsiert. Den Höhepunkt erreichte aber das Jubeln,
-als mein Mann und ich Pesas unter die Menge warfen!</p>
-
-<p>Die Sonne war bei alledem schon untergegangen, und die Dunkelheit
-nötigte uns, aufzubrechen. Zu Hause angelangt, ging ich nun an meine
-Arbeit, denn in 1½ Stunde sollten unsere Gäste schon kommen. Während
-der verschiedenen Veranstaltungen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> hatte ich mich manchmal unbemerkt
-davon geschlichen, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Ich war daher
-sehr stolz, als beim Essen mein Tischnachbar zu mir sagte: „Wie haben
-Sie das alles möglich gemacht? Sie waren doch bei allem dabei?“</p>
-
-<p>Im Garten hatten wir des Morgens einen Baum aufstellen lassen (im
-Zimmer war es zu gefährlich), der mit selbst fabrizierten Lichtern
-aus Honigwachs und Silberpapier geschmückt war. Vorn war eine Karte
-befestigt, auf der wir vorläufig schriftlich der Offiziersmesse ein
-Krocket stifteten. Die Tafel hatte ich mit Blumen ausgeschmückt,
-zwischendurch nach dem Essen gesehen und kaum hatte ich Zeit, mich in
-höchste Eleganz zu stürzen, als unsere Gäste auch schon eintrafen.</p>
-
-<p>Es war ein fröhliches Mahl, und zum Schluß wurde der Christbaum
-angezündet. Da hat wohl jeder von uns seiner Lieben gedacht. Nach einer
-feierlichen Stille, die von der vorhergegangenen Lustigkeit abstach,
-stimmte einer der Herren „Stille Nacht, heilige Nacht“ an, das wir alle
-mitsangen. Weiß Gott, es war ergreifend, wie das heilige Lied von den
-Lippen der jungen Offiziere erklang; es dauerte ein Weilchen, ehe wir
-uns wieder in die Wirklichkeit zurückgefunden hatten; dann waren wir
-wieder vergnügt und lustig beisammen. Mit Champagner wurde das Wohl
-aller unserer Lieben ausgebracht; unter Gläserklingen folgte noch manch
-lustiges Lied.</p>
-
-<p>Als das letzte Licht am Baum erloschen, setzten wir uns auf die
-Veranda, wo Kaffee, Kognak usw., der Marzipan und der Ringkuchen
-verzehrt wurden. Ich hatte in einen großen Napfkuchen einen Ring
-eingebacken, der Anlaß zu viel Scherz und Heiterkeit gab. Das Essen
-war gut geraten, und auch der mit allerhand Schwierigkeiten bereitete
-Marzipan fand Beifall; ich sah mit dem Stolze, der jeder Hausfrau
-verständlich sein wird, daß mein eigenhändig gebackener Marzipan bis
-aufs letzte Krümelchen aufgegessen wurde. Erst nach zwei Uhr nachts
-trennten wir uns.</p>
-
-<p>Den Abend des 25. Dezember verbrachten wir im Kasino bei Illumination
-und „italienischer Nacht“ &mdash; wir wurden sogar<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> mit Musik empfangen.
-Am 26. früh verabschiedeten sich die Offiziere, Pater Alphons und ich
-machten noch einige Gruppenaufnahmen, dann ein letztes Händeschütteln,
-die Abteilungen traten an, die Herren übernahmen ihre Kommandos, und
-jeder rückte nach seiner Garnison ab. &mdash; Der Abschied ging uns nahe,
-es waren alles so liebe prächtige Menschen, die uns da verließen. Gott
-gebe, daß uns allen ein frohes Wiedersehen beschieden!</p>
-
-<p>Mein Mann hatte nun viel zu tun, besonders Berichte zu schreiben, und
-ich versuchte, meinen Haushalt wieder ins gewohnte Gleis zu bringen.</p>
-
-<p>Den Silvesterabend verlebten wir mit Herrn v. Stocki und den
-Missionaren, die am 29. noch eingetroffen waren, nach deutscher Sitte.
-Am 2. Januar wurde Herr v. Stocki durch Graf Fugger abgelöst; auch die
-evangelischen und katholischen Missionare zogen wieder ab. Leutnant
-Stadlbaur schickte zwei Strauße; sie sind sehr zahm, spazieren in
-den Straßen herum und sind der Schrecken aller Weiber, die ihr Mehl
-zum Trocknen im Freien ausbreiten. Ein kleiner, etwa drei Tage alter
-Elefant konnte nicht am Leben erhalten werden; trotz der Unmengen von
-Milch, die wir ihm vermittelst eines aus Tuch hergestellten recht
-ansehnlichen „Lutschbeutels“ beibrachten, ging er nach acht Tagen ein.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Januar 1897. Kaisers Geburtstag.</p>
-
-<p>Frühmorgens kam ein Bote aus Iringa mit einer Alarmnachricht von den
-Patres: „Quawa sei in der Nähe!“ Tom schickte ihnen sofort Askaris zur
-Verstärkung des Postens, der unter diesen Umständen bedroht erschien.
-&mdash; Dann feierten wir den Geburtstag Sr. Majestät mit Parade, Salut von
-Kanonenschüssen und Ansprache meines Mannes an die Askaris, die ihrem
-obersten Kriegsherrn drei kräftige Hurras ausbrachten.</p>
-
-<p>Nach der Parade tranken die Herren bei uns Wein, und abends waren wir
-im Kasino. &mdash;</p>
-
-<p>Ich vergaß zu erwähnen, daß auch an unserem Hochzeitstage, am 4. Januar
-1897, ein Alarmbrief kam. Leutnant Fonck hatte wieder ein Gefecht in
-Ubena gehabt! Überall gärt es<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> noch, das Land ist eben noch lange nicht
-in Ruhe. Die meisten Frauen und Kinder Quawas sind in der Gewalt der
-Station.</p>
-
-<p>Trotzdem von allen Seiten schlimme Nachrichten kommen, welche die
-gefährliche Nähe von Quawa und seinem Anhange melden, bewahrt mein
-Mann, auf dem die ganze Verantwortlichkeit ruht, eine beneidenswerte
-Ruhe.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">30. Januar 1897.</p>
-
-<p>Die beiden letzten Nächte habe ich sehr unruhig geschlafen, denn der
-Gedanke, einer von Quawas Anhängern könnte Feuer an unsere Hütte legen,
-ist doch zu ungemütlich. Man könnte ja bei dem Stroh auch nichts retten.</p>
-
-<p>Wenn ich Schritte in der Nacht dicht bei uns höre, überläuft’s mich
-ganz kalt.</p>
-
-<p>Gestern war der Pater da und hat von 5 bis 11 Uhr nachts uns von Quawa
-erzählt und mich eingegruselt. Mein Mann hatte darüber schon von
-anderer Seite gehört; also etwas Wahres muß daran sein. Er meinte,
-angreifen werde Quawa uns nicht, ohne daß es lange vorher bekannt
-würde. Aber Schabernack spielen, wie Feuer anlegen usw., das wäre schon
-möglich. Mpangire ist auch nicht ganz zu trauen, er kann sein echtes
-Waheheblut nicht verleugnen. Meinem Mann ist das gleichgültig, wenn
-Mpangire nur sonst treu ist und hier tüchtig das Regiment führt. Über
-Nacht sind jetzt viele Posten ausgestellt. Diese Nacht ging ich mit
-meinem Mann Wachen revidieren. Es war herrlich, der Himmel strahlte in
-seiner Sterne Pracht. Der südliche Himmel ist doch bei weitem schöner
-wie der zu Hause, es tat uns beinahe leid, als unser Rundgang zu Ende
-war; ich legte mich gleich nieder, aber mein Mann arbeitete die Nacht
-durch, denn er wird jetzt sehr von seiner Schlaflosigkeit geplagt.</p>
-
-<p>Als unsere Gäste uns gestern verließen (wir hatten den Grafen Fugger
-angefeiert), machten wir noch einen Spaziergang. Plötzlich flammte
-Feuerschein im Dorfe auf, und als wir zurück<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>eilten, fanden wir die
-Kompagnie bereits unterm Gewehr. Zum Glück brannte nur eine Tembe; Tom
-lief voraus, und als ich zur Feuerstelle kam, stand er bereits auf dem
-brennenden Dach und leitete mit Wort und Tat die Löscharbeit. So sehr
-ich um das Leben meines Mannes bangte, so war ich doch auch stolz, zu
-sehen, mit welcher Ruhe und Umsicht er und Graf Fugger immer da waren,
-wo die Gefahr am größten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">2. Februar 1897.</p>
-
-<p>Heute morgen war Mpangire mit Gefolge da; wie immer wurde er reichlich
-bewirtet, aber etwas kühler behandelt wie sonst, denn es ist ihm
-durchaus nicht fest zu trauen. Unter anderem bekam er eine Zimtsauce
-zu essen; plötzlich fragte er, was alles in der Sauce sei. Als ich ihm
-alles aufzählte und von Eiern sprach, erschrak er und legte sofort den
-Löffel weg. Bei den Wahehes ist es nicht Sitte, Eier zu essen.</p>
-
-<p>Mein Mann schreibt eben ein Gesuch an Herrn v. Schele. Er hat bei den
-Teilnehmern der letzten Wahehe-Expedition den Gedanken angeregt, den
-Gefallenen der Zelewskischen Expedition ein Denkmal hier zu setzen;
-es sollen nur die Herren daran teilnehmen, die 1891 und 1894 gegen
-die Wahehe gekämpft haben. Während er noch schrieb, kam wieder ein
-Alarmbericht von den Missionaren, sie hätten einen „Haufen Quawaleute“
-gefangen genommen und bäten um Verstärkung. Graf Fugger brach sofort
-auf, um nachzusehen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">11. Februar 1897.</p>
-
-<p>Gestern abend, als wir vom Reiten kamen, schlichen sich dunkle
-Gestalten an meinen Mann heran. Es waren unsere Vertrauensmänner
-Farhenga, Lupambila (Sadalla fehlte), und um diese Zeit bedeutet das
-immer etwas Wichtiges. So war es denn auch: wieder Unruhen! Quawa
-hat einen Msagira, den mein Mann in Ubena eingesetzt hatte, getötet.
-Die Mageleute hielten zu Quawa und schickten ihm große Vorräte, die
-Ruahaleute seien alle weggelaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Mein Mann wollte gleich nach Mage aufbrechen, doch da es schon zu spät
-war, um noch vor Sonnenaufgang dort anzukommen und sie zu überraschen,
-unterblieb es. Ich war sehr froh darüber, denn meinen Mann auf einem
-nächtlichen, zwölf Stunden langen strammen Marsch zu wissen, gehört
-nicht zu meinen Freuden. Morgen wird der Tschausch mit Askaris und
-Lupambila dahin gehen, das fällt weniger auf, als wenn ein Weißer kommt.</p>
-
-<p>Unser zweiter Elefant ist gleichfalls trotz aller Mühe gestorben;
-wahrscheinlich verhungert, trotzdem er riesige Mengen Milch
-bekam. Die Kuhmilch mag wohl nicht genügend Nährkraft für einen
-Dickhäuterorganismus enthalten. Im „Brehm“ steht nichts über Aufzucht
-der Elefanten!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Februar 1897.</p>
-
-<p>Was für eine qualvolle Nacht liegt hinter mir! Gestern nachmittag kam
-plötzlich mein Mann hereingestürzt und rief mir zu: „Bitte mach schnell
-Essen und zwei Decken zurecht“, dann war er auch schon verschwunden.
-Zwei Stunden zermarterte ich mein Gehirn, was bloß geschehen sein
-mochte! Jedenfalls wollte er irgendwohin abmarschieren.</p>
-
-<p>Endlich kam er, und jetzt erfuhr ich, daß Quawa den Ruahaposten
-überfallen und die Askaris niedergemetzelt habe. Daraus kann man wohl
-auch schließen, daß Magdalenenhöhe und Perondo, so entsetzlich es auch
-ist, das gleiche erfahren haben. Tom wollte nun gleich nach Iringa, um
-Mpangires Nest auszuheben, während Graf Fugger nach den Etappen ging.</p>
-
-<p>Alles wurde heimlich vorbereitet, damit die Wahehe hier nicht die Leute
-in Iringa benachrichtigen könnten. Als alles so ziemlich bereit war,
-wurde nach Quawas angesehenstem Halbbruder Gunkihaka geschickt, der
-vor ein paar Tagen angekommen war, um sich hier anzubauen. Mein Mann
-sagte gleich: „Dem muß ich tüchtig auf die Finger sehen.“ Nun war es
-schlimmer, als wir dachten: er wollte uns nicht bloß ausspionieren,
-sondern im<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Rücken überfallen. Daß in der letzten Zeit etwa 30 Temben
-gebaut wurden, erschien uns jetzt auch in einem anderen Licht.</p>
-
-<p>Graf Fugger aß mit uns, da das Essen in der Messe noch nicht fertig
-war und es so am wenigsten auffiel. Dann ging er, seine Sachen zu
-ordnen. Selbst mein Mann war diesmal des Ausgangs nicht gewiß! Dann
-kamen Gunkihaka und ein Msagira, der eben erst angekommen war. Mein
-Mann hatte das Gewehr vor sich hingelegt, fertig zum Schuß, wenn
-Gunkihaka entfliehen wollte. Einen Menschen so vor dem Gewehrlauf
-sitzen zu sehen, war &mdash; milde ausgedrückt &mdash; aufregend! Aber konnte
-nicht derselbe Mensch sich plötzlich auf meinen Mann stürzen, ehe er
-losdrücken konnte?</p>
-
-<p>Jeder Nerv war in höchster Spannung. Alles war regungslos und
-totenstill, auf einer Seite des Zimmers saßen Farhenga und Sadalla,
-gegenüber die zwei Boys, die die Unglücksbotschaft gebracht hatten.</p>
-
-<p>In der Veranda mein Mann, Gunkihaka und ich um einen Tisch, auf dem die
-Lampe brannte, an der Erde hockend der gefangene Msagira, dahinter zu
-den Seiten zwei Askaris.</p>
-
-<p>Gunkihaka benahm sich musterhaft, aber trotz der zur Schau getragenen
-Ruhe vibrierte seine Stimme etwas, und über sein Gesicht ging hin und
-wieder ein leichtes Zucken. Er sollte über ihren Plan berichten und
-über das Geschehene, doch es war keine Silbe aus ihm heraus zu bekommen.</p>
-
-<p>Da kommt der Effendi (schwarzer Offizier) mit einem Träger atemlos mit
-der schrecklichen Botschaft, die II. Etappe sei auch überfallen,
-nur ein Askari entkommen! Gleich wurden die zwei Wahehe gebunden und
-dem Grafen Fugger mitgegeben, sie sollten diesem die Quawafährte zeigen.</p>
-
-<p>Wie sie so dastanden, ein Bild von Kraft. Gunkihaka einen Kopf größer
-als mein Mann, der Msagira ihn aber noch fast um einen Kopf überragend.
-Der eine jung mit dem großen Auge, das alle Quawaangehörigen haben, der
-andere mit kleinen listigen Augen! Sie wurden abgeführt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt bricht auch mein Mann auf, die Askaris sind lautlos angetreten,
-und so ziehen sie ins Dunkle hinein.</p>
-
-<p>Als sie ein Weilchen weg sind, wird Alarm geblasen, und die Askaris
-treten für Graf Fugger an. Während wir so dastehen, kommen verschiedene
-Nachrichten, daß am Fuß des Berges viele Leute zu sehen seien, die
-ein Kriegsgeheul ausstoßen! Übrigens hatte mein Mann auch schon so
-etwas verlauten hören und sagte mir, ich sollte die Koffer mit dem
-Wertvollsten auf die Veranda stellen, damit, wenn die Wahehe Feuer
-anlegten, wenigstens das Wertvollste gerettet werden könnte, aber er
-glaube nicht, daß sie die Station angreifen würden! Die Frage, ob wir
-uns alle wieder sehen würden, lag uns sehr nahe, ach, es war &mdash; nein,
-ich finde keine Worte für die Stimmung! Aber trotzdem sagte auch Graf
-Fugger: „Das ist doch Leben, hier weiß man, zu was der Soldat da ist.“
-Als auch er weg war, ging ich beklommenen Herzens nach Hause. Schlafen
-konnte ich nicht!</p>
-
-<p>Als der Tag hereinbrach, war es mir eine Erlösung. Die Sonne war noch
-nicht aufgegangen, als mein Mann kam. Ich hörte Lärm und lief ihm
-schleunigst entgegen.</p>
-
-<p>Er konnte mich nur flüchtig begrüßen, es genügte mir aber; war er doch
-heil zurück und seine Aufgabe gelungen! Alle Leute Mpangires, dieser
-selbst, seine Weiber und Brüder gefangen. Inwieweit Mpangire an der
-Verschwörung teilgenommen hat, ist noch nicht klar. Wenn er seinen
-Bruder Quawa nicht ausliefert, kann er nicht Sultan bleiben und kommt
-zur Küste. Wie weit die Rebellion um sich gegriffen und warum die Leute
-am Ruaha weggelaufen sind, ist noch nicht festzustellen! Jetzt gilt es,
-des Hauptschuldigen, Quawas, habhaft zu werden, aber wie und wo in dem
-großen Reich?</p>
-
-<p>Mein Mann ruhte nur einige Stunden, dann wurde alles zu einem neuen
-Abmarsch für den Nachmittag fertig gemacht. Das war schnell getan,
-denn er nimmt fast nichts mit (trotzdem er auf unbestimmte Zeit fort
-bleibt), um nicht am schnellen Marschieren durch die Träger aufgehalten
-zu werden. Kein Bett, kein Zelt, keine Kochlast! Zwei Decken, ein
-Luftkissen, zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Kochtöpfe, Messer, Gabel, Löffel, Teller, Tassen, ein
-Stück Zeug für die Nacht zum Überspannen, einen Stuhl und eine Last
-Essen! Und da war er noch ungehalten und sagte: „Früher habe ich oft
-noch viel weniger mitgehabt!“</p>
-
-<p>Ich begleitete Tom den Berg herunter, aber es war schon ganz dunkel,
-und ich mußte zurück. Wenn ich nur nicht so schrecklich allein wäre!!
-Das Dach von unserem Haus ist fertig. Natürlich stockt überall die
-Arbeit. Spiegel, infolge des Perniziösen fast dienstuntauglich, ist
-nach Iringa und Stephan meinem Mann nachgegangen. Der beklagenswerte
-arme Baumeister ist immer noch krank, ich besuche ihn täglich.</p>
-
-<p>Jetzt sind überall die Posten verstärkt, es sind zwei Hauptwachen. Ich
-bin ganz von Soldaten umgeben, auf der Veranda sogar schläft einer. So
-ist eigentlich nachts mehr Leben als am Tage, nur die Fundis arbeiten.
-Auf der Straße sehe ich nur zwei kleine Jungen mit dem Kreisel spielen.</p>
-
-<p>Jetzt, wo mein Mann unterwegs ist, regnet es nicht nur am Tage, sondern
-auch fast die ganze Nacht hindurch.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">17. Februar 1897, 10 Uhr abends.</p>
-
-<p>Jetzt fängt es aber doch an, ungemütlich zu werden, vor allen Dingen,
-wo mein Mann nicht hier ist. Wo man hinhört, Aufruhr, Empörung! Heute
-nachmittag brachte mir <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling die Nachricht, daß von Mage
-bis hierher alles in Aufregung sei, der Schmied habe viele neue Speere
-geschmiedet, und Quawa sei mit einer großen Heeresmacht nur 12 Stunden
-von der Station entfernt. Heute abend 8 Uhr rückte <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling
-dahin ab.</p>
-
-<p>Das Dorf ist in großer Aufregung, und die Kriegsegoma wird geschlagen,
-viele sind betrunken.</p>
-
-<p>Ich ritt heute nach einer Tembe des Msagira Kimali Mali, doch war alles
-ausgeflogen, also wahrscheinlich auch bei Quawa.</p>
-
-<p>Ich werde jetzt schlafen gehen, mich aber nicht ausziehen, denn man
-kann nicht wissen, wie es kommt. Den Revolver habe ich stets bei mir.
-Übrigens, noch eins! Die Karawane eines Arabers nach hierher ist bei
-Mage geplündert, der Araber<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> getötet worden, gewiß auch der kleine
-Jumbe Mangatua mit seinem Anhang. Die Weiber, die er hier bekommen
-hatte, sollen in Quawas Hände gefallen sein.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">20. Februar 1897.</p>
-
-<p>Gestern nachmittag kam Tom zurück, er hat die Landschaft anscheinend
-ruhig gefunden, einen neuen Jumben eingesetzt und Stephan mit der
-Anlage eines Sicherungs-Postens beauftragt. Jetzt läßt er hier
-eine Dornenboma und Stacheldrahtzäune anlegen, als ersten Schutz
-gegen einen plötzlichen Überfall der Wahehe; derartige Hindernisse
-geben unseren Askaris bei nächtlichem Angriff genügend Zeit, ihre
-Verteidigungsstellungen einzunehmen und sich zum Ausfall zu sammeln.
-Am Abend kam <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling zurück; er hat den Eisenfundi,
-den Speerschmied, gefangen. Leider sind aber sieben Kettengefangene
-entsprungen &mdash; das bedeutet für unseren Feind Quawa einen Zuwachs von
-ebensovielen Kriegern.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">21. Februar 1897.</p>
-
-<p>Die Post mit vielen Briefen und Berichten meines Mannes ging gestern
-abend ab, ehe ich etwas mitgeben konnte, und es ist dies ganz günstig.
-So denken sie daheim alle, wir sind ganz ruhig und sicher hier, und
-brauchen sich nicht zu ängstigen.</p>
-
-<p>Der Pater Superior kam sehr elend gestern an, er soll sich hier etwas
-erholen. Mein Mann würde gern die Mission einziehen, doch würde er
-damit zu erkennen geben, daß er einen Überfall befürchtet, und um dies
-zu vermeiden, wird der Posten auf zehn Askaris verstärkt.</p>
-
-<p>Gerade als wir fertig mit dem Abendbrot waren, kam Graf Fugger und
-brachte ausführliche Berichte. Von allen drei Etappen sind die Askaris
-hingemordet worden. Zu dem einen Askari sind drei Kerle gekommen, die
-ihm Essen zum Kauf anboten, sie haben ihn dann überfallen, gebunden und
-mit Stöcken totgeschlagen! Seine Frau mit Kind führten sie mit sich,
-doch<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> ist die Frau wieder entflohen, und Graf Fugger, dem sie auf der
-Flucht begegnete, hat sie mit hergebracht. Von Magdalenenhöhe hat man
-noch nichts Näheres erfahren.</p>
-
-<p>Bei Ruaha sollen die Leute von zwei Seiten gekommen sein, d. h. von
-den Utschungubergen und von Iringa! Inwieweit Mpangire beteiligt ist,
-kann man nicht ergründen, trotz Drohungen ist nichts aus diesem harten
-Waheheschädel heraus zu bekommen. Nur soviel steht fest, daß er und
-seine Brüder alles gewußt haben!</p>
-
-<p>Jedenfalls hat Mpangire mit Quawa im Einverständnis gehandelt. Viele
-behaupten, er habe die Station auf Quawa hetzen wollen, um sie selbst
-dann leichter einzunehmen und die Europäer und Askaris niederzumetzeln.</p>
-
-<p>Morgen wird Kriegsgericht gehalten, auch über Mpangires Brüder und zwei
-Msagiras. Sie haben hochverräterisch gehandelt und werden es wohl mit
-dem Leben büßen müssen. Sie haben ihr Quawablut nicht verleugnen können!</p>
-
-<p>Daß sie bedeutende und befähigte Neger sind, beweist auch ihr jetziges
-Verhalten. Sie haben an Verstellung das Menschenmöglichste geleistet.</p>
-
-<p>Natürlich ist die Spannung groß, wie die Wahehe es aufnehmen werden,
-wenn einer ihrer Größten aus der Quawafamilie den Tod als Verräter
-sterben muß.</p>
-
-<p>Jenseit des Ruaha ist ein Teil der Bevölkerung zu Quawa gegangen, ein
-anderer aus Angst vor der Station in die Berge geflüchtet.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">21. Februar 1897, 4 Uhr mittags.</p>
-
-<p>Den ganzen Morgen habe ich mich zu nichts aufschwingen können; Tom
-ist auch ganz verstört. Während des Kriegsgerichts hielt ich es nicht
-mehr aus und ging ins Gefängnis zu den Mpangirefrauen. Sie saßen dicht
-zusammen, das Gesicht der Wand zugekehrt! Ich rief Mgumditemi zu mir.
-Sie war kaum wieder zu erkennen, so abgemagert und abgehärmt sah
-sie aus, die Tränen standen ihr in den Augen, sie litt wirklich mit
-Mpangire,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> während die andern, Sadangombe ausgenommen, nur ihr eigenes
-Schicksal zu betrauern schienen, sie bettelten auch gleich um besseres
-Essen. So sehr mich die Mgumditemi gerührt hat, so stießen mich die
-andern ab.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Stadt <em class="gesperrt">Iringa</em>,
-23. Februar 1897, abends.</p>
-
-<p>Jetzt sitze ich mit meinem Mann um 7½ Uhr abends im Zelt in der
-früheren Sultanstadt. Vor ungefähr acht Wochen waren wir auch hier
-im Begriffe, den künftigen Sultan abzuholen. Jetzt ist es mit der
-Sultansherrlichkeit für immer vorbei. Mein Mann hatte gehofft, die
-Quawabrüder so zu verpflichten, daß sie der Station ergeben wären, aber
-der Quawatrieb, allein zu herrschen, war zu mächtig in ihnen, und so
-mußten sie es mit dem Leben büßen. &mdash; Sie wurden verurteilt, und als
-ihnen die Ketten abgenommen und sie zum Galgen geführt wurden, hat
-Mpangire einen noch recht menschlichen Zug gezeigt. Er hat gefragt,
-was wohl aus seinen Kindern werden würde! Das versöhnt einigermaßen
-wieder mit dem Verräter. Alle Europäer waren für ihn eingenommen, auch
-mich hatte das hübsche Gesicht, der freie Blick, das große Auge, das
-manierliche und nette Wesen, der chevalereske Ton, sein schnelles,
-kluges Auffassen so geblendet, daß mir sein jähes Ende sehr nahe ging;
-ich habe bitterlich geweint, und noch jetzt traure ich um den schwarzen
-Gentleman, trotzdem meine Vernunft sich dagegen sträubt.</p>
-
-<p>Mein Mann ist jetzt zu einem Schauri in die Tembe eines Großen der
-Wahehe gegangen. Ich ängstigte mich um ihn! Wie leicht kann ein
-fanatischer Kerl ihm etwas antun. Die Askaris sind auch von Leuten, die
-schon 5 bis 6 Monate mit ihnen freundschaftlichst verkehrten, auf den
-Befehl von Quawa ermordet worden.</p>
-
-<p>An der Küste müssen sie uns ganz in Frieden denken; ein Herr
-Kaufmann hat die Erlaubnis bekommen, meinen Mann um 20 Wahehe zu der
-Ostafrikanischen Ausstellung in <em class="gesperrt">Leipzig</em> zu bitten &mdash; und wir
-sind froh und dankbar, wenn wir mit den Leuten zu einem friedlichen
-Verhältnis kommen!! &mdash; Schöne<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> Exemplare sind es schon; es würde
-lohnen, sie auszustellen, freilich würden sie das als eine harte
-Bestrafung ansehen.</p>
-
-<p>Die Weiber und Kinder der Quawafamilie und die Quawaanhänger, so auch
-der Eisenfundi, werden des Landes verwiesen und an die Küste geschickt.</p>
-
-<p>Selbst auf unsrer Safari haben wir Gäste. Zum Abendessen war Pater
-Alphons, der uns schon entgegengekommen war. Pater Superior hatte auch
-am Kriegsgericht teilgenommen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_3" name="ende_kap_3">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 3" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s78_kopfstueck" name="s78_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 78" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"><span class="kap">Viertes Kapitel.</span><br />
-Der Wahehe-Aufstand.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2"><em class="gesperrt">Iringa</em>, 27. Februar 1897.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s78_initial" name="s78_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s78_initial.jpg" alt="A" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>m 27. Februar abends kehrten wir von der Safari zurück, und mein Mann
-atmete erleichtert auf, daß nichts Ungünstiges in unsrer Abwesenheit
-vorgefallen war. Wir beschlossen daher, am 28. wieder aufzubrechen. Tom
-will das Land rekognoszieren und Jumben in den verschiedenen Teilen
-einsetzen. Abends waren wir mit Graf Fugger gemütlich bei uns.</p>
-
-<p>Des Morgens früh wurde alles für die Safari zurecht gemacht. Gerade als
-wir aufbrechen wollten, kamen zwei Wahehe mit schlimmer Kunde. Quawa
-hat wirklich so viele Leute gesammelt, daß es ihm möglich gewesen ist,
-an einer Stelle 500 Stück, an einer anderen Stelle 60 Stück Rindvieh
-von den Msagiras, denen das Vieh zum Hüten gegeben war, wegzunehmen.
-Gerade der Teil der Landschaft, nach welchem unser Zug bestimmt war,
-sei zu Quawa übergegangen. So mußte die Safari unterbleiben, dafür
-rückten Graf Fugger und mein Mann, jeder mit einer Expedition, nach
-den gefährdeten Gebieten ab. Alle wünschen sehnlichst, daß es zum
-entscheidenden Kampfe kommen möge, doch Quawa weiß dem immer geschickt
-auszuweichen. Gott weiß, ich bin in derselben verzehrenden Angst wie
-damals in Perondo. Nur bin ich meinem Manne viel näher; Gott sei Dank.
-Wenn ihm ein Unglück zustößt, dann ist es auch mit uns in der Station
-vorbei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p>Wie schnell ändern sich alle Pläne. Um 10 Uhr wollten mein Mann und
-ich abmarschieren und Graf Fugger sollte hier bleiben, statt dessen
-marschiert Graf Fugger um 12 Uhr ab, ich bleibe hier, und um 2 Uhr ging
-mein Mann, der noch vieles anzuordnen hatte.</p>
-
-<p>Dieselbe böse Nachricht wurde, eine halbe Stunde später wie die Wahehe
-es meldeten, auch von Farhenga und Sadalla gebracht, also ist es
-unumstößliche Wahrheit.</p>
-
-<p>Ein Revolver von der 1891 niedergemetzelten Zelewski-Expedition ist
-in meinem Besitze, er wurde in einer Tembe gefunden. Wie man von den
-Wahehe hört, hat sich die unglückliche Expedition tapfer verteidigt,
-200 Wahehe fielen damals!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">4. März 1897.</p>
-
-<p>Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald
-unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine
-Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen!
-&mdash; Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren
-von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in
-Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere
-Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut
-geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen.
-Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen
-Seiten Unglücksbotschaften regnet.</p>
-
-<p>Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen
-zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht
-nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es
-entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. &mdash; Ich bin
-tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß
-der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es
-schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen.
-Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel
-Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens.<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> An
-der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu
-herangezogen.</p>
-
-<p>Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht
-schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom
-zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts
-zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht
-nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor
-drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es
-allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte
-und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch
-enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte
-Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die
-Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar.
-Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später,
-obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika
-kaum seinesgleichen hat.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Sonnabend, 6. März 1897.</p>
-
-<p>Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um
-meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich
-mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens
-ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen
-eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen
-Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er
-dabei machen darf.</p>
-
-<p>Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie
-mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen
-Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter
-Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen
-gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften,
-hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und
-zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das
-behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> glänzt. Ich hätte
-früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen
-Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter
-individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen
-Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und
-unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung
-zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die
-ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu
-folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen
-sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen.
-Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum
-öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen
-wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und
-in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack,
-denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang
-herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin
-von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel
-bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit
-feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch
-bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck
-an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten
-Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen.
-An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form
-unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen
-Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung
-und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in
-berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen
-waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den
-Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten
-Alter gestorben.</p>
-
-<p>Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle:
-infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern,
-dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> vielen geraubten
-Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen
-Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind &mdash;
-die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder
-hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und
-häßlicher &mdash; um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze
-Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen
-hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern,
-mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig
-geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern
-und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem
-Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren
-Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens &mdash; der
-Rest ist Schweigen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 8. März 1897.</p>
-
-<p>Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon
-von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich
-die Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist.
-Auch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16
-Kettengefangene ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">9. März 1897.</p>
-
-<p>Unsere Sorge um Graf Fugger war, Gott sei Dank, umsonst; heute
-nachmittag kam er unerwartet an. Er hat die verdächtige Gegend
-gesäubert und bringt erbeutetes Vieh mit. Kaum sind wir dieser
-Sorge enthoben, kommt eine neue Unglücksbotschaft: ein von Tom
-eingesetzter Msagira, Schabruma, ist von einem früher ausgebrochenen
-Kettengefangenen Jumba-Jumba, einem Halbbruder Quawas, ermordet worden.
-Quawa sichert sich seinen Einfluß auf die Großen seines Landes mit
-Energie: er schickt ihnen nachts einige ihm treu ergebene Anhänger zu,
-die ihnen die Wahl lassen zwischen Tod oder Gefolgschaft. Nichts zeigt
-übrigens so deutlich, daß wir es bei<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> den Wahehe mit einem einigen,
-von <em class="gesperrt">einem</em> Willen gelenkten <em class="gesperrt">Volke</em> zu tun haben und nicht
-bloß mit einzelnen verbündeten Stämmen, als die Tatsache, daß es hier
-allerorten gleichzeitig im Lande spukt: Quawas mächtige Hand macht sich
-überall fühlbar, und all unser Denken und Sorgen, fast wie das einer
-Braut, die stets nur den Geliebten im Sinne trägt, beschäftigt sich mit
-„Ihm“.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">10. März 1897.</p>
-
-<p>Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten
-und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen
-sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist
-unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren
-Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte
-zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut
-hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun,
-was Tom anordnet, &mdash; wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald
-zeigen.</p>
-
-<p>Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden.
-Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert.
-Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei
-Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein
-schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater
-ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in
-Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an
-alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge
-war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst,
-das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann
-stünde Tom ohne Leute da.</p>
-
-<p>Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden
-wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda
-nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri
-herausstellte, daß er einen Stell<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>vertreter geschickt habe, da er
-selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen
-Bruder!</p>
-
-<p>Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga,
-ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind
-drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga
-ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist
-weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher
-geschlichen und kam halb verhungert hier an.</p>
-
-<p>Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera,
-Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf
-gegen uns rüsteten!</p>
-
-<p>Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es
-nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den
-anderen scheint es ihm zweifelhaft.</p>
-
-<p>Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen
-und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch
-geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf
-aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er
-hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen.</p>
-
-<p>Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit
-seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet,
-er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder
-je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben
-überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten
-nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in
-Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders.</p>
-
-<p>Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten
-verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er
-desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er
-geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte,
-oder läßt ihn von einem<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen,
-desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger.</p>
-
-<p>Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere
-Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen
-mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit.</p>
-
-<p>Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal &mdash; um den schönen Kerl
-tut mir’s jetzt noch herzlich leid.</p>
-
-<p>Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt.
-Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen
-seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner
-Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und
-Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">11. März 1897.</p>
-
-<p>Gestern abend waren die Herren bei uns zu Tisch. Tom ist so
-angegriffen und hat so viel zu arbeiten. Ich machte als Speise einen
-Servietten-Pudding, den ich seit Weißenrode nicht gegessen hatte, er
-fand großen Anklang. Ein friedlicher Zug kam in unsere kriegerische
-Stimmung hinein, und doch wäre beinahe das ganze Fest verdorben
-gewesen, wenn Tom sich nicht beherrscht hätte. Auf seinen Schultern
-liegt doch alles, die anderen konnten schon eher lustig sein.</p>
-
-<p>Kurz bevor die Herren zum Essen kamen, war die Nachricht gekommen, daß
-einer unserer Askaris den Anführer der noch treugebliebenen Wahehe
-(der Wadongwe) erschossen habe, weil derselbe eine Frau zurück haben
-wollte, die der Askari gestohlen hatte. Werden nun die Leute jetzt,
-nachdem ihr Führer ermordet, zu Quawa gehen? Für meinen Mann ist dieser
-Semulikanbe gar nicht zu ersetzen. Noch bei der Jumbenversammlung
-fiel mir seine große Gestalt mit dem eisernen Kopf voll Energie und
-Tatkraft auf. Er hatte Tom überall hin begleitet und ihm die treuesten
-Dienste geleistet. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ging sofort hin, um den
-Askari zu verhaften und die Sache zu untersuchen.<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Farhenga ging als
-Stellvertreter von Tom den Verwandten des Ermordeten sein Beileid sagen.</p>
-
-<p>Alle verfügbaren Unteroffiziere hat mein Mann jetzt verteilt.
-Hammermeister nach Iringa, Prinage nach Mage, Langenkemper nach
-Luhalali und Stephan nach Irandi, morgen geht Graf Fugger nach
-Ukalinga, und Sadalla ist mit dem Elefantenjäger Nenge und 25 seiner
-Leute, die 15 Mauser-Gewehre bekommen haben, ausgeschickt. Wenn das
-nur nicht einen Zuzug für Quawa bedeutet, es wäre zu schrecklich!
-Unsere Gäste blieben bis 1 Uhr, ein Zeichen, daß wir uns trotz aller
-kriegerischen Sorgen gut unterhielten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. März 1897.</p>
-
-<p>Eine Aufregung folgt der andern, <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling nicht zurück,
-trotzdem der Askari schon eingebracht wurde! Leutnant Braun wurde
-sofort auf die Suche geschickt. &mdash; Ich habe Merere auf seinem Ochsen
-photographiert, er reitet denselben nämlich auf Safari; es ist ein
-prachtvoller rabenschwarzer Reitochse, der dem Merere beinahe heilig
-ist, er ist auch durch Zauber gegen Unheil geschützt, ebenso drei
-schöne graue Kühe.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">13. März 1897.</p>
-
-<p>Bei Toms Schauri des Morgens fielen mir zwei Prachtkerle auf, beide
-Brüder aus Bueni, der eine ein Jumbe, der Tom um seine offizielle
-Einsetzung bat. Eine Freude, den hübschen Kerl zu sehen, er erinnerte
-mich etwas an Mpangire. Des Nachmittags mußte er festgenommen werden,
-denn sein Vater ist zu Quawa übergegangen, und er soll auch nicht ganz
-sicher sein. Man muß geradezu mißtrauisch gegen die hübschen Kerle
-werden! Ich war bei dem Verhör zugegen. Der Schweiß stand ihm auf
-der Stirn, seine Brust hob und senkte sich schneller, sonst war ihm
-nichts anzumerken! Sein Obermsagira war dabei, damit er seinen Leuten
-die Botschaft bringen konnte, daß, wenn sie sich nicht ganz ruhig
-verhielten, ihr Jumbe es mit dem Leben büßen würde! Andernfalls solle
-ihnen aber ihr Jumbe bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p>
-
-<p>Von der Mission wieder beruhigende Nachrichten, aber alles so wenig
-klar, daß nichts damit anzufangen war. Abends kam der Pater, brachte
-aber nichts Neues.</p>
-
-<p>Ferner kam die schlimme Nachricht von Leutnant Fonck, daß Mtitima,
-der Jumbe von Idunda, mit seinem Besitz und Leuten entflohen sei. Es
-scheint ihm nicht genug auf die Finger gesehen worden zu sein, trotzdem
-er als unsicher und unzuverlässig galt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">14. März 1897.</p>
-
-<p>Gott sei Dank: eben kommt die Nachricht, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling sich
-nur verirrt hatte. Es ist unglaublich, wie die Unruhen selbst auf
-unsere Boys wirken, nichts geht seinen gewohnten Gang. Sie sind ganz
-außer Rand und Band und machen mir viel Wirtschaft.</p>
-
-<p>Merere besucht uns alle Tage; er ist doch der richtige „Mchensi“.
-Gestern hat Tom ihm drei Quawaweiber gegeben, heute wollte er noch mehr
-herauspressen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">15. März 1897.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr.</span> Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück.
-Morgen soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den
-Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten
-sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des
-Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne
-für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich
-weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen &mdash; und es sind gerade die
-treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes.</p>
-
-<p>Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges
-Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange
-fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich
-aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören.</p>
-
-<p>In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Askaris hatten
-liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und
-Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein
-Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich
-retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht
-verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide
-waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude,
-ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige
-Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte.</p>
-
-<p>Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen
-und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht
-so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder
-Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es
-nicht schlimm geworden war. Auch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling konstatierte
-später nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf
-eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“
-sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von
-sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine
-Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die
-Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind
-schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten
-ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen
-Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust;
-da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt,
-wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben,
-muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt.
-Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein
-Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben
-ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als
-daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen
-möchte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p88a" name="p88a">
- <img class="mtop2" src="images/p88a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Eine Gerichtssitzung in Iringa.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p88b" name="p88b">
- <img class="mtop2" src="images/p88b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Sultan Merere auf seinem Reitstier.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_86">S. 86</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">16. März 1897.</p>
-
-<p>Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns.
-Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der
-Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom
-die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht
-aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu
-denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr
-um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer
-langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und
-Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit.
-Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier
-einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere
-ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der
-Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord.</p>
-
-<p>Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von
-Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari
-geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt.</p>
-
-<p>Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es
-würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte
-aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten
-abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden
-werden, desgleichen das schwarze Schwein.</p>
-
-<p>Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen
-mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von
-demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als
-Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber
-leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. &mdash; Heute
-morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben
-oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen
-oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> sei.
-Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch
-wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester
-bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie
-ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum
-wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett.</p>
-
-<p>Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der
-Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. &mdash; Früher war
-bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach
-zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die
-Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder
-bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und
-sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale
-Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und
-dann zog er zu seiner Mission.</p>
-
-<p>Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen
-von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane,
-jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage
-des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den
-Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den
-Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen
-freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden,
-das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen.
-Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann
-er uns, das beweist er täglich &mdash; aber wir bleiben doch! das Schlimme
-ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu
-Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht
-fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß
-es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle,
-die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier
-zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch
-ohne Schulbildung sehr schlau<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit
-einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter
-konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß
-aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten
-nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">19. März 1897.</p>
-
-<p>Der Abend schließt mit der Nachricht eines Überfalls und der Morgen
-beginnt damit. Zur Nervenberuhigung spielten wir gestern vor dem
-Schlafengehen noch Skat, als plötzlich ein schwarzes Gesicht und ein
-Gewehr sich am offenen Fenster zeigten; ich erschrak nicht wenig,
-aber der Soldatenkopf, der gleich darauf erschien, beruhigte mich
-über des Negers Absicht. Er war der traurige Rest von den Postleuten,
-die aus Langenburg am Nyassa-See die Post brachten, die andern waren
-von einem Trupp Wahehe erschlagen worden. Die Bestätigung also der
-gestrigen Nachricht Prinages war handgreiflich da; wir hatten schon
-unsere Verwunderung geäußert, warum Quawa die Karawanenstraße nicht
-beunruhige. Lasten von Langenburg sind hierher unterwegs; sie haben
-Askaribegleitkommando bekommen und dürfen nicht weiter (desgleichen
-Träger der Mission nach der Küste), da die nötigen Askaris zu den
-Begleitkommandos fehlen. Es wird jetzt schon schwer, Träger und Boten
-zu bekommen, sie wollen schon immer nicht mehr ohne Askaris gehen.</p>
-
-<p>Heute morgen kam Nachricht, daß in der Tembe, dicht hinter der Mission
-2 Stunden von hier, wo ich mit Tom auf Safari war und Tom einen Jumben
-eingesetzt hatte, das Vieh weggetrieben und zwei Leute dabei erschlagen
-worden seien. Der Jumbe ist gleich mit zwei Askaris und der Hälfte
-seiner Leute dem Vieh nachgegangen; die andere Hälfte ist zu Quawa
-übergelaufen. Mittags kam die Nachricht, daß drei Mann von Leuten
-Quawas angeschossen seien. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ging gleich herunter,
-auch nur 1 Stunde von hier, und hat sie verbunden, morgen sollen sie
-auf die Station gebracht werden. Als <span class="antiqua">Dr.</span> Stier<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>ling etwas lange
-ausblieb, wieder große Sorge! Also bis dicht vor unsere Tür wagt sich
-Quawa! Das Schlimme bei der Sache ist, daß die gutgesinnten Wahehe
-das Vertrauen zu uns verlieren, wenn unsere Anhänger so vor der Nase
-weggeschlachtet werden.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">20. März 1897.</p>
-
-<p>Tom wird wahrscheinlich Merere hier als Sultan einsetzen, um ihn mit
-zu dem großen Schlag benutzen zu können. Seine Leute sollen sich hier
-in der Nähe ansiedeln, damit sie an der Station einen Halt haben. Den
-ganzen Tag starker Regen.</p>
-
-<p>Vorgestern waren wir im Garten und freuten uns, wie hier alles gedeiht,
-Weizen, Kartoffeln, alle Gemüsearten, sogar Rosenkohl, Salate,
-Radieschen, Rettich haben angesetzt. Auch die von der katholischen
-Missionsstation in Mrogoro geschenkten Apfelsinen-, Zitronen-
-und Mangobäumchen setzen Triebe an. Mapera, Papayen und Bananen
-selbstverständlich, auch das von Kisaki von uns mitgebrachte Gras und
-der Kaktus.</p>
-
-<p>Ein vorzüglicher Boden ist hier: als Fata Morgana sehe ich schon alles
-mit Weißen besiedelt. So hatten wir im Garten einen Kohlkopf von 15
-Pfund Gewicht. Rosen- und Kaffeebäumchen hat uns die Mission später
-auch geschickt.</p>
-
-<p>Heute kam die Nachricht, daß zwei Soldaten und sieben Träger
-totgeschlagen seien auf dem Wege zu Kiwanga. Es ist furchtbar! Aber
-wenn ich bedenke, wie uns die erste Mordtat aufregte, kann ich uns
-beinahe gleichgültig der Nachricht gegenüber nennen. Nur ein Gedanke
-steht jetzt im Vordergrund: wie ist dem Zustand abzuhelfen? Was wird
-der nächste Tag bringen? Die Wahehe fördern immer neue Überraschungen
-zutage!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">21. März 1897.</p>
-
-<p>Wieder sitze ich abends allein und bete für meinen Mann, ob ich ihn
-gesund wiedersehen werde? Der Mensch kann doch viel ertragen, wenn es
-heißt: seine Pflicht erfüllen.</p>
-
-<p>Tom hörte von einem Ort, an welchem Quawa stecken sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> ließ
-nachforschen und fand es heute einigermaßen bestätigt; daraufhin ist
-er, als es dunkel war, heimlich aufgebrochen.</p>
-
-<p>Immer und immer wieder ihn weggehen zu sehen und nicht zu wissen, ob er
-gesund wiederkommt, ist doch schrecklich.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">23. März 1897.</p>
-
-<p>Vorgestern konnte ich nicht mehr schreiben. Sadallaleute waren nach den
-verschiedenen Mördern ausgeschickt, die ziemlich erfolglos zurückkamen,
-sie brachten nur die Brüder und Weiber der Schuldigen an. Wir stehen
-hier wirklich im Kampf ums Dasein.</p>
-
-<p>Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt, sie haben den Kampf abermals
-durch Mordtaten begonnen. Jetzt heißt es, mit Strenge vorgehen, denn
-Toms Menschenfreundlichkeit halten sie, an Quawas Grausamkeit gewöhnt,
-für Schwäche. Die Nächte sind gräßlich. Heute konnte ich überhaupt
-nicht schlafen, der Anruf der Patrouillen dröhnt laut durch die Nacht
-und hält mich munter. Übrigens geht es nicht bloß mir so. Auch Winkler
-und Stierling schlafen schlecht und träumen von Wahehe, Mord und
-Totschlag, trotz ihrer eisenfesten Nerven.</p>
-
-<p>Gestern habe ich Mgumditemi den ersten Schreibunterricht erteilt,
-es scheint sie aber so angestrengt zu haben, daß sie heute nicht
-kommen konnte, weil sie krank sei. Das hat mir nun sehr den Mut zum
-Weiterlehren genommen.</p>
-
-<p>Beim heutigen Spazierengehen war ganz herrliche Beleuchtung, doch das
-ewige Revolverschleppen beeinträchtigt den Naturgenuß, und doch bin
-ich jetzt ziemlich ängstlich, so daß ich stets Sublimat bei mir trage;
-sollte es, was Gott verhüten möge, zum äußersten kommen und sich das
-Märchen von meiner Gefangennahme verwirklichen, so wäre mir wenigstens
-beim schlimmsten ein Ausweg möglich.</p>
-
-<p>Tom mußte ich versprechen, nie ohne Begleitung zu gehen, deshalb nahm
-ich einen Ombascha mit. Heute habe ich meinen Schmuck und unser Silber
-aus dem Silberkasten alles in einen Koffer gepackt, um bei Feuer oder
-einer anderen Gefahr alles<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Wertvollere rasch bei der Hand zu haben.
-Dann habe ich Wein abgefüllt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">24. März 1897.</p>
-
-<p>Gestern abend (ich entwickelte gerade Bilder) hatte ich noch die
-Freude, Tom gesund wieder zu sehen. Es kam mir ganz unerwartet. Tom
-war riesig vergnügt und erzählte seine Erlebnisse sehr amüsant. Bis
-5 Uhr morgens durchmarschiert, im Walde versteckt gelagert, Brot und
-Wurst gegessen, dann in der nächsten Nacht zu der Höhle und den Temben
-geschlichen. Dort bis zur Morgendämmerung gelauert. Der Boy hatte
-vergessen, während der Nacht etwas Tee zu kochen, also wieder nichts
-Warmes, und dann auf dem Bauch zu den verschiedenen Temben gekrochen.
-Sie sind so leise herangeschlichen, daß sie die Leute drinnen sprechen
-hörten; endlich sind alle Temben umstellt, und Tom gibt das Zeichen,
-daß jeder die Tür seiner Tembe öffnen lassen sollte. Er selbst war
-bei der Haupttembe, wo sich folgende Szene abgespielt hat. Toms Leute
-haben an die Türe geklopft und zunächst in der Wahehesprache gefordert,
-sie möchten die Tür aufmachen, „sie seien Leute von Quawa“ &mdash; keine
-Antwort, darauf auf Kissangu, „sie seien Leute von Merere“, &mdash; keine
-Antwort, nun auf Suaheli, „sie seien Leute von bwana mkubwa“, worauf
-sofort die Tür aufgemacht wurde. Es waren friedliche Menschen, die
-uns treu gesinnt sind und Quawa fürchten. Tom ist sich ganz dumm
-vorgekommen; soviel Anstrengung, um unschuldige Leute aus dem Schlaf
-zu stören. Wäre Quawa darin gewesen, er hätte nicht entwischen können.
-Hoffentlich gelingt es mit Quawa ein andermal. Tom ist aber sehr froh,
-doch dagewesen zu sein, da er jetzt weiß, daß dort sichere Leute sitzen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">25. März 1897.</p>
-
-<p>Gestern abend hätte uns beinahe das Schicksal ereilt. Tom und ich
-gingen zur Viehtembe, wo von dem jungen Sikki Rinder ausgeteilt wurden,
-ich wollte nun dieselbe Straße gehen, die Sikki später auch kommen
-mußte. Tom hielt das für langweilig<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> und schlug einen anderen Weg
-durchs Dorf vor, und welch ein Glück war es, denn ein paar Minuten
-später zog Sikki seines Weges, und ein Wahehe schoß auf ihn und ergriff
-dann schleunigst die Flucht. Wir wären für ihn ein Ziel gewesen, das
-er vielleicht besser getroffen hätte. Wir hörten den Schuß fallen,
-glaubten aber, man habe einen Ochsen für die Merereleute geschossen.
-Hier werden die Ochsen nicht wie zu Hause geschlachtet, sondern
-erschossen. Wir gingen also ruhig weiter, als wir auf dem Rückwege
-waren, kam uns ein Mann mit Flinte und Revolver entgegen, es sei
-Alarm. Tom sagte, daß dies nicht möglich sei, da er wohl schon früher
-davon benachrichtigt worden wäre. Wir gingen aber doch schneller und
-hörten schon von weitem lauten Lärm im Dorfe; dort fanden wir alles
-in großem Aufruhr und mit allem möglichen bewaffnet. Die Ursache war
-der gefallene Schuß. Tom beruhigte die Bevölkerung, und jeder ging
-friedlich heim.</p>
-
-<p>Tom erzählte, in Kilossa wäre es so ähnlich gewesen. Die Offiziere
-hätten im Kasino gesessen und gesehen, wie die Bevölkerung des ganzen
-Tales plötzlich in hellster Flucht davon gelaufen sei. Die Ursache sei
-ein halbverhungerter Mhehe gewesen, der krank von dem Kondoaüberfall
-zurückgeblieben sei und sich im Gras verborgen durch Kräuter usw.
-ernährt habe.</p>
-
-<p>Des Abends waren wir ganz besonders fröhlich, daß nichts passiert war.
-Es wurden gleich Nachforschungen angestellt und heute hieß es, Quawa
-wäre bei Farhenga versteckt, wo noch außerdem ein Msagira mit Anhang
-gesehen worden sei, auf den Tom auch fahndete. Tom und ich hatten
-noch nicht gefrühstückt, bei der Nachricht verging uns aber doch der
-Appetit zum Essen. Also Farhenga auch Verräter? Tom überlegte sich die
-Sache noch. Da &mdash; was sehen unsere Augen &mdash; kommt Farhenga an und mit
-ihm der Msagira mit Brüdern. Nun, freudiger ist er wohl nie von uns
-begrüßt worden, wir gaben ihm auch gleich eine Flasche Gin, die er mit
-verständnisvollem Schmunzeln einsteckte. Es stellte sich auch heraus,
-daß der Mhehe, der geschossen, nie<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> bei ihm gewesen ist. Er brachte
-gleich die gesuchten Leute mit, die nun an die Kette kamen.</p>
-
-<p>Von Goritz kam Nachricht, daß er 28 Wahehe gefangen, an der Stelle, wo
-die Postboten überfallen wurden. Winkler marschierte ab, um sie hierher
-zu bringen. &mdash; Die Wahehe werden durch Boten aufgefordert, gegen Quawa
-mitzuziehen. Auf das Ergebnis, ob sie mitkommen werden, sind wir
-äußerst gespannt, davon hängt sehr viel ab.</p>
-
-<p>Meine Puten machen mir noch viel Arbeit, da sie krank sind, sich
-erkältet und Fieber haben, ich behandle sie mit Chinin, Aloepillen usw.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">26. März 1897.</p>
-
-<p>Heute kamen die Wahehe an. Wieviel mitziehen werden, ist schwer zu
-sagen, da Tom noch unterwegs eine ganze Menge antrifft, jedenfalls von
-hier an 200. Es ist dies für Tom sehr schön. Gott gebe, daß sich kein
-Schurke darunter befindet, der nur so in Toms Nähe kommen will. Viel
-Schauri. Des Abends kam noch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">27. März 1897.</p>
-
-<p>Noch des Morgens setzte Tom Stationsbefehl auf, gestern hatte er
-alle Befehle an die Kommandos geschrieben. Tom hat jetzt außerhalb
-elf Posten mit Europäern, dazu sieben Posten mit schwarzen Chargen
-besetzt. Die Leute müssen für alle nur denkbaren Eventualitäten mit
-sorgfältigsten Instruktionen versehen werden. Die Europäer müssen an
-den Bomen in Zelten schlafen; an jeder Bastion einer, auch Askaris
-schlafen dort, damit, wenn ein Angriff stattfindet, alles bereit
-ist; auch am Tage müssen 20 Soldaten immer zugegen sein. &mdash; Ehe
-die ganze Safari versammelt war, wurde es 9 Uhr. Tom nahm noch ein
-paar nachgekommene Wassangus mit. Wie stechen die kleinen Kerle in
-Ausdruck und Gestalt von den stattlichen Wahehe ab, ihrer Gesinnung
-nach sind sie mir aber lieber. Tom hat nur vier Soldaten mit sowie
-einige Sadalla- und vier Sikkileute. Ein malerischer<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> Anblick, diese
-phantastisch gekleidete und bewaffnete Kriegerschar, die meisten
-Wassangus hatten allerdings wenig Stoff an sich. Ich begleitete Tom
-noch ein Stück Weges den Berg hinunter und bis zum Ruheka. Gegen Mittag
-kam ich erst nach Hause. Nun bin ich wieder ganz allein. Wie lange ist
-unbestimmt. Mir wäre lieber, Tom hätte die Wahehe nicht mit.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">28. März 1897.</p>
-
-<p>Heute kamen die Gefangenen mit Hammermeister aus Bueni (Goritz) hier
-an, aber nur 17 Mann, auch wieder große kräftige Kerls, vor denen man
-sich fürchten konnte. So wild und wüst im Aussehen, wie man sich die
-Räuber vorstellt. Von den 25 Gefangenen waren sechs schon bei Goritz
-ausgebrochen, dann noch zwei bei Winkler; sie stecken natürlich hier in
-unserer Nähe im Pori.</p>
-
-<p>Eine Freude! Von Tom Nachricht; er ist gestern bis zu Stephan, also
-zehn Stunden, durchmarschiert. Meinen Spaziergang machte ich durch die
-Stadt. Die verschiedensten Gomas (Spiele, Tänze) gesehen, denn Leute
-von Kilimatinde tanzen anders wie die von Tabora, an der Küste usw.,
-auch die Weiber und Männer tanzen wiederum verschieden. Die beginnende
-Dunkelheit begünstigte mein Inkognito, war ich aber doch erkannt, dann
-beeilten sich die Tänzer, mir ihre schönsten Touren zu zeigen und mir
-zu huldigen, was mich natürlich möglichst schnell vertrieb. So in der
-Dunkelheit durch die breit angelegten Straßen zu wandern, die sehr
-sauber gehalten werden, ist recht interessant. Das ganze Leben spielt
-sich auf der Straße ab. Alles lustwandelt, tanzt oder sitzt auf der
-Veranda, denn die Wohnung dient nur zum Schlafen oder als Zuflucht bei
-Kälte. Die Türe steht stets offen, und da es auf der Straße dunkel ist
-(zu Laternen haben wir es noch nicht gebracht), heben sich die um das
-Feuer hockenden Gestalten wunderschön ab. Auf der Veranda sitzen sie
-auch bei einem kleinen Licht.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">29. März 1897.</p>
-
-<p>Rettich, Zwiebeln, Radieschen, Möhren, Gurken gesät.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">30. März 1897.</p>
-
-<p>Heute morgen kam Leutnant Braun. Ist gestern schon hier angekommen.
-Boten an meinen Mann geschickt, erfuhr es erst heute. Braun hatte
-mich nicht wenig erschreckt. Ich hatte gerade im Hühnerhaus usw.
-recht herumgewirtschaftet, eine große Schürze dazu umgebunden, als
-ich mich plötzlich Leutnant Braun gegenüber sah. So wie zu Hause sich
-extra zum Wirtschaften etwas Schlechtes anziehen, gibt es hier nicht,
-hier muß man immer „tajari“ sein, denn wie gesagt, man ist hier nicht
-abgeschlossen und kann immer jemandem begegnen. Nun, die Waschkleider
-sind eben sehr schön, wenn sauber, und auch leidlich hübsch, man kann
-wenigstens immer gesehen werden. Des Nachmittags empfing ich Merere,
-der mit seinem Gefolge angezogen kam, letzteres mußte vor der Tür auf
-seinen Herrscher warten; nur ihm und seinem ersten „Minister“ wurden
-die heiligen Pforten geöffnet. Jetzt sitzt er schon ganz schön auf
-einem Stuhl, er fordert wieder Tabak (er raucht schon Zigaretten),
-Streichhölzer, Zucker, Salz usw. Ich gab ihm von allem etwas. Ich
-zeigte ihm seine Bilder, die ich aufgenommen hatte, er war ganz
-aufgeregt darüber, und ich mußte ihm einige geben, damit er sie seinen
-Leuten zeigen könne; besonders imponierte es ihm, daß auch sein
-Reitochse mit auf dem Bilde war.</p>
-
-<p>An der Weckuhr hatte er viel Vergnügen &mdash; ich mußte sie immer wieder
-wecken lassen, daß mir die Ohren gellten &mdash; aber noch mehr an einem
-großen Stammbuchbild, zwei stehende Negerkinder darstellend, das muß
-ich ihm jedesmal zeigen. Nach 1½ Stunde entließ ich ihn in Gnaden.
-Heute ist Merere mit 500 seiner Leute und 15 Askaris ohne Herrn Braun,
-der erkrankt ist, ausgezogen.</p>
-
-<p>Eins will ich noch klarlegen. Als Mpangire noch lebte, war alles so
-schön; war seine Hinrichtung nicht voreilig? Ja, in der Tat, es war
-alles in schönster Ruhe, &mdash; aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Er oder
-wir &mdash; sein Tod war die dringendste Notwendigkeit, sonst wäre unser
-Schicksal besiegelt gewesen. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Quawageschlecht übt eine unglaubliche
-Gewalt auf das Volk aus, und solange Quawa lebt, werden wir nicht zur
-Ruhe kommen.</p>
-
-<p>Heute hatte ich zu Bett gelegen, infolgedessen glaubten meine Damen,
-ich würde den Hühnerstall nicht revidieren: statt 31 Hühner fand ich
-nur 20 dort. Jetzt müssen sie die fehlenden noch suchen. Auch hier
-heißt es: „Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse auf
-Tisch und Bänken.“ Der Mpischi ließ das Essen von den kleinen Boys
-machen, und ich bekam erst um 4 Uhr Mittagbrot; Mabruki schlug sich
-mit der Wache, so daß er an die Kette gekommen ist; das sind eben die
-kleinen afrikanischen Dienstbotenleiden. Meine drei Mädels machen es
-noch am besten, die habe ich schon so weit, daß sie ganz unglücklich
-sind und weinen, wenn sie etwas schlecht gemacht haben. Wenn ich sie
-schelte, sind sie schon sehr betrübt. Muhigu fängt sogar schon an die
-Empfindliche zu spielen, wenn ich sie schelte, früher machte nur Kofi
-(Ohrfeige) einigen Eindruck. Auf diesen Erfolg bin ich sehr stolz.
-Natürlich treten mir dadurch die Kinder viel näher, denn sie sind im
-Wesen ebenso wie die Kinder zu Hause. Auch spielen sie jetzt schon
-verschiedene Spiele, die ich ihnen gezeigt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">3. April 1897.</p>
-
-<p>Ich war eben auf unser Haus geklettert, das sich jetzt zwar in das
-Kleid der Hoffnung zu hüllen anfängt, ja es hofft wohl selbst bald
-fertig zu werden, aber das ist leichtsinnig, denn die Arbeiter denken
-anders darüber. Ich glaube, die haben anscheinend die Absicht, es
-erst zur nächsten Regenszeit fertig zu stellen, sicher aber nicht vor
-Juni. Ein kleines Küken ist darüber lebensmüde geworden und hat sich
-in einen Farbentopf gestürzt. Ich wollte es noch retten, aber trotz
-aller Wiederbelebungsversuche war es verloren. Ich fürchte, die Puten
-gehen auch ein, trotz Aloepillen, Kur und Doktorei. Das weiße Schwein
-überlegt sich, wo es den besten Speck ansetzen will; daß es fleißig
-gemästet wird, scheint ihm sehr zu gefallen. Sobald Tom kommt, muß es
-daran glauben. Es hat Reißen oder Gicht in den Hinterpfoten und kann
-nicht mehr gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p>Nun bin ich schon ein halbes Jahr hier und gottlob! trotz all der
-Aufregung habe ich kein Fieber mehr gehabt, nachdem die Fieberbazillen,
-die ich unten in so reichem Maße hineingeschluckt, abgewirtschaftet
-hatten. Daß es hier so gesund ist, mag neben der Höhe auch an der
-gleichmäßigen Temperatur liegen, die des Morgens zwischen 12 bis 16°,
-mittags zwischen 20 bis 25°, abends zwischen 13 bis 15° schwankt; durch
-Regen ist es manchmal mittags kühler.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">4. April 1897.</p>
-
-<p>Eben komme ich aus dem Garten, wo ich die aufgegangenen
-Kartoffelpflänzchen zählte. In acht Wochen haben wir Ernte, dann
-besteht die Station ein halbes Jahr, und wir haben schon Kartoffeln.
-Ich bin jetzt so nervös, wahrscheinlich auch vom schlechten Schlafen,
-daß ich mir einbildete, der Teufel sehe über meine Schulter; ich schrie
-so fürchterlich auf, daß Boy und die Totos hereingestürzt kamen;
-trotzdem ich sie sah, konnte ich mich eine ganze Weile nicht beruhigen.
-Um zur Vernunft zu kommen, ging ich mit den Totos spazieren. Ich nahm
-unseren Gartenaskari mit, der die Zelewski-Expedition mitgemacht hatte
-und davon erzählte. &mdash; Die Totos sind jetzt meine ganze Freude, wenn
-die drei schwarzen Krausköpfchen mit ihren hellen Leinwandkleidchen,
-mit rot garniert und roter Schürze, mit nackten Beinen so vor mir her
-zappeln und krabbeln. Früher gingen sie wie die Alten, jetzt springen
-und tanzen sie, klettern auf Bäume und necken mich. Ich bin den Kindern
-wirklich Mutter; wenn sie ganz besonders glücklich sind, nennen sie
-mich auch „Mama“. Die Sklavenbanden haben schwer auf ihnen gelastet,
-jetzt haben sie die Freiheit, ihre Kindheit zu genießen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">6. April 1897.</p>
-
-<p>Gestern nacht wurde ich durch Alarm aus dem Schlafe geweckt. Ombascha
-Achmed kam schon, während ich mich ankleidete, mit der Nachricht, eine
-Menge Wahehe seien mit Gewehren in Sicht. Von weitem hörte man auch
-Schnellfeuer. Ich weckte die<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> Totos und zog nun mit zwei Revolvern
-bewaffnet zur Wache, wo alle Europäer versammelt waren. Die Herren
-beschlossen einen Tschausch mit Askaris abzuschicken, um zu sehen, was
-los sei; wir wollten uns inzwischen schlafen legen und so der Dinge
-harren. Um die Mission und den Europäerposten in Iringa waren wir sehr
-in Sorge. Des Morgens stellte es sich heraus, daß Askaris geglaubt
-hatten, von Wahehe überfallen zu sein, und Schnellfeuer abgegeben
-hatten; die Wahehe schossen wieder, und erst am Morgen merkten wir,
-daß es uns freundlich gesinnte Wahehe waren. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling war
-gleich selbst des Morgens nachsehen gegangen. Es ist zu schwer hier,
-Freund und Feind voneinander zu kennen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">7. April 1897.</p>
-
-<p>Heute kamen zwei Brüder für die Mission an, der eine hatte Fieber und
-zog sich bald zurück, dem andern zeigte ich unser Haus, den Garten und
-die Stadt. Er war einfach perplex, und trotzdem ich ihm versichert
-hatte, vor einem halben Jahr habe nur unsere Hütte gestanden und vor
-sieben Monaten sei noch alles Pori gewesen und keine Menschenseele
-hätte auf dem Bergrücken existiert, fragte er doch noch, ob hier nicht
-wenigstens schon Negerhütten gestanden hätten. Für so unglaublich
-hielt er das schnelle Entstehen der Stadt. Man braucht aber auch schon
-reichlich eine halbe Stunde, um durch die Stadt allein zu gehen, so
-viel Straßen sind schon entstanden. Es ist erstaunlich, wie der Name
-Sakkarani die Leute angezogen hat; wir fürchten nur, daß die Stadt
-zurückgehen wird, denn so viel Menschen können hier wohl kaum ihr
-Brot, d. h. ihren Mais verdienen. Dann gingen wir durch die Station
-zurück in das Dorf der Eingeborenen, welches sich hinter unserem Hause
-anschließt. Es ist schon bedenklich gewachsen und hat schon an 300
-Mann; die Temben müssen allerdings noch zum Teil gebaut werden. Aus dem
-Erstaunen kam der Bruder gar nicht heraus.</p>
-
-<p>Über unsern Garten war er auch sehr erfreut, denn alles gedeiht
-prachtvoll. Jede Rübenart, jede Kohlart, sogar Rosenkohl,<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Tomaten,
-Erbsen, Bohnen, Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie, Majoran, Sellerie,
-Dill, Pfeffermünzkraut, Salat, Rettich, Radieschen stehen schön.
-Mohn und Artischoken scheinen auch zu gedeihen, nur mit Gurken und
-Melonen hapert es, und wahrscheinlich nur, weil wir sie nicht zu
-ziehen verstehen. Kartoffeln stehen gleichfalls sehr schön. Die Brüder
-waren über unsern Garten schon so entzückt, was würden sie erst zu
-dem unten am Ruaha gesagt haben, wo alles noch besser gedeiht; dort
-stehen Apfelsinenbäumchen, Feigen, Mango, Zitronen, zwei kleine
-Weinreben. Hoffentlich gedeihen sie weiter so. Bananen, Ananas und
-auch eine Kokosnuß sind aufgegangen. Der Weizen steht niedrig, ist
-aber gleichmäßig gereift, was vielfach im Innern nicht der Fall
-sein soll, und Stroh brauchen wir nicht; es ist hier ein herrliches
-Ansiedelungsgebiet, und der Bauer würde sein schönes Auskommen haben,
-denn zu alledem kommen noch das schöne Vieh und Weideland. Auch ist die
-Gegend hier gesund, also alles „<span class="antiqua">tajari</span>“, nur die eine Frage ist
-nicht gelöst: Wie kommt der Bauer hierher?</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Heute kamen ein Feldwebel und ein Bootsunteroffizier für Langenburg
-an, die einen Ruhetag hier machen und dann weiter marschieren, dann
-nehmen sie natürlich die 100 Lasten mit. Reichlich zwei Monate haben
-die Lasten hier liegen müssen, die Sachen werden also fünf Monate
-unterwegs sein. Wie schmerzlich werden sie von den Europäern erwartet
-werden? Meine Nähmaschine hatte ich gestern mit Mühe und Not zum Nähen
-gebracht, gestern ging sie sehr gut, doch plötzlich versagte sie.
-Da der Bootsunteroffizier in seinem Zivilverhältnis Uhrmacher war,
-glaubte ich, er würde sie mir wieder zurecht machen können. Der brave
-Mann hat sich auch so lange geplagt, bis er sie wieder in Gang hatte.
-Wegen meiner Maschine habe ich schon einmal einen fremden Unteroffizier
-zu Rate ziehen müssen. Wir erhielten auch die Bestätigung, daß Toms
-Breitenbestimmungen richtig sind; kein falscher Stern ist beobachtet.
-Hoffentlich gelingt es uns immer so.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">8. April 1897.</p>
-
-<p>Glückstrahlend kam Tom heute zurück: auf dem Rückmarsch hat er
-plötzlich dicht am Wege drei starke Elefantenbullen gesehen. Obwohl
-er seine Elefantenbüchse nicht mit hatte, pirschte er sich doch an
-und hatte das Glück, sie alle drei zur Strecke zu bringen. Eine
-Kugel, Modell 88, hatte sich an der Wurzel des großen Stoßzahnes
-plattgedrückt. Der größte Elefant ist 9 Meter lang, bei 3½ Meter
-Höhe; in seinem Wanst badeten acht Neger zu gleicher Zeit in dem Blute
-des Tieres &mdash; nach Negerglaube ein besondere Kräfte verleihendes
-Mittel. Den schwarzen Siegfrieden fiel kein Lindenblatt aufs Kreuz,
-Rücken und Rippen des kolossalen Tieres bildeten eine gut gedeckte
-Badezelle. Hinter dem Riesenkopf desselben konnte Tom sich decken,
-als er den zweiten Elefanten schoß. Der dritte rannte dicht an Tom
-vorbei; es war eine fatale Situation, mein Mann war allein, das dichte
-Farnkrautgestrüpp verhinderte ein Ausweichen &mdash; und doch kommt es
-darauf an, dem angeschossenen Riesen so rasch als möglich aus dem
-Gesicht zu kommen. Das Herz haben die Neger als große Delikatesse
-verspeist. Von einem Stück Rüssel machte ich Suppe; sie schmeckte etwa
-wie recht kräftige, mit Gelatine verdickte Rindfleischsuppe mit etwas
-leimigem Beigeschmack; das Fleisch war nach 24stündigem Kochen zäh wie
-Leder.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">9. April 1897.</p>
-
-<p>Heute wurde die Jagdbeute eingebracht, mit Jubel und Geschrei
-natürlich. Vorneweg die Sikkileute mit Tanz und Gesang. Hundert Mann
-hatten an dem Transport der drei Kolosse zu tun. Leider hat das größte
-Tier nur einen Zahn; dieser wog allerdings 106 Pfund. Den Kopf des
-kleineren mit den beiden Stoßzähnen (45Pfünder) habe ich photographiert.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. April 1897.</p>
-
-<p>Großes Schlachtfest! Unser Hofschlächter, Unteroffizier Hammermeister,
-besorgte die Sache nach allen Regeln der Kunst. Unsere Schwarzen
-staunten nicht wenig, daß unter seinen Händen<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> ein schwarzes Schwein
-so weiß werden konnte! Aber von dem Fleische zu essen, weigerten sie
-sich voll Abscheu. Nur unser Juma, der in Deutschland Schweinefleisch
-essen lernte, aß auch hier davon, dafür wurde er aber auch von
-den anderen Boys verächtlich „Sklave“ geschimpft. Das Wellfleisch
-schmeckte prächtig. Da Pater Alfons die neu angekommenen Brüder bei
-uns vorzustellen kam, konnten sie an unserem Schlachtfest teilnehmen.
-Bis auf das bißchen Unterschied in der geographischen Länge und Breite
-ging’s bei uns ganz so zu wie beim Schweineschlachten in Weißenrode &mdash;
-mir war ganz heimatlich zu Mute, und wenn sich so etwas wie Heimweh
-zeigen wollte, dann wurde es flugs mit ins Wurstfleisch verhackt. Es
-war aber auch ein Staatstier, eigentlich viel zu schade, um seine
-Laufbahn in den nunmehr historischen Pökelfässern der Familie Prince
-zu beschließen. Unser Sachverständiger Hammermeister taxierte es nach
-deutschen Viehverhältnissen auf 180 Mark „unter Brüdern“.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">13. April 1897.</p>
-
-<p>Nach dem Schlachtfest heute „Pökelfest“ und großes Wurststopfen und
-dazu noch frische Kartoffeln! Tom, Winkler und ich hatten schon vor
-einigen Tagen Kartoffelernte gehalten: an manchen Stauden fanden wir
-bis zu 58 Knollen, darunter 22 große, von denen 10 aufs Pfund gehen;
-durchschnittlich kamen auf jede Pflanze 25 Kartoffeln. Es wurde alles
-genau gezählt, gewogen und an die Europäer verteilt, denn unsere erste
-Kartoffelernte ist ein Ereignis. Wir kochen nie mehr als sechs Stück,
-so sparsam gehen wir mit dieser Delikatesse um.</p>
-
-<p>Aus Mage melden Wahehe, daß sie zwei Wahehewassagira, die zu den
-treuesten Anhängern Quawas gehörten, im Waldlager überfallen und
-niedergemacht hätten. Der eine der Erschlagenen ist Farhengas rechter
-Bruder. Dieser Bruderzwist, dessen Strömung Tom nach der alten
-Diplomatenregel „<span class="antiqua">divide et impera</span>“ geschickt in die für uns
-günstigste Richtung abgelenkt hatte, kommt uns nun in der Tat zu nutze.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p>Von den Sudanesenfrauen zeigte mir eine heute einen feinen, goldgelben,
-aber sehr festen Faden von seidenartigem Glanze, das Gespinst einer
-großen Spinne, welches man, wie die Frau erzählte, im Sudan zu feinen
-Stoffen verwebt. Ob sich das nicht auch hier erzielen ließe? In
-die Boma Prinages schlug der Blitz ein. Prinage selbst kam mit dem
-Schrecken davon, aber einer der besten Sudanesensoldaten wurde tödlich
-getroffen, drei andere leicht verletzt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Karfreitag, 16. April 1897.</p>
-
-<p>Den Karfreitag mußten wir heute durch kriegerische Schaustellung
-feiern, der wir uns nicht entziehen durften: die Kriegsspiele unserer
-Farhenga- und Sikkileute. Das Ganze war wie eine Pantomime im Zirkus
-Renz, freilich durch die Darsteller und die ganze lebenswahre Umgebung,
-in der die Spiele vor sich gingen, weit interessanter. Sikkis Oheim,
-ein stattlicher 1.90 <span class="antiqua">m</span> hoher Mann mit besonders ausdrucksvollem
-Kopfe, zeichnete sich als Haupt- und Vortänzer in diesem kriegerischen
-Schauspiele durch unglaublich hohe Luftsprünge aus; Sikki selbst
-tanzte, wie es seiner Jugend zukam, bei der Gruppe der jüngeren Leute;
-er ist nämlich noch nicht in dem Alter, in welchem ihm die Stammessitte
-erlaubt, Schmuck an Armen und Hals anzulegen. Der Kriegstanz unserer
-Wahehe bot ein wildbewegtes Bild ihrer Kriegführung, wie sie hinter
-ihren Schilden gedeckt den Feind beschleichen und überfallen. Den
-Hauptdarstellern lohnten wir ihre Anstrengungen mit einem Kognak, für
-den sie großes Verständnis zeigten.</p>
-
-<p>Gestern, zum Gründonnerstag, hatte ich bunte Ostereier mit allerlei
-scherzhaften Zeichnungen darauf (ein Kater, Jüngling auf Bierfaß
-reitend) nach den Messen geschickt, für Tom hatte ich bei uns welche
-versteckt; wir hatten beim Eiersuchen dann noch viel Vergnügen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 1. Osterfeiertag, 18. April 1897.</p>
-
-<p>Keine Glocke läutet zum Ostertage &mdash; aber wir feiern das hohe Fest,
-obwohl ich fast immer liegen muß, mit inniger Dank<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>barkeit gegen den
-allgütigen Gott, der uns bis hierher in seinen Schutz genommen.</p>
-
-<p>Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein
-Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an.
-Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh &mdash; ich gehe mit Tom hinaus,
-um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges
-anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen,
-die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und
-Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells.
-Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger &mdash; ein großer Erfolg von Toms
-Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der
-Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich
-gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen;
-ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen,
-unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes
-Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches
-uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten
-Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf
-gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition
-anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von
-seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller
-Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs
-etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen
-sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung
-sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle
-Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu
-sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt.
-Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit
-der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so
-viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten
-sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind
-erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte
-ich<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von
-15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür
-gegeben.</p>
-
-<p>Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um
-Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von
-Leutnant Braun gekommen war.</p>
-
-<p>Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns
-alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für
-Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und
-Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’
-Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber
-auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns,
-eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen
-neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich
-nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom
-und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere
-furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich
-war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition
-auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden.
-In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht
-übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig
-schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die
-aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann
-sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit
-flammender Abendröte übergoß.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_4" name="ende_kap_4">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 4" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s108_kopfstueck" name="s108_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 108" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel"><span class="kap">Fünftes Kapitel.</span><br />
-Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">21. April 1897.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s108_initial" name="s108_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s108_initial.jpg" alt="H" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>eute mittag ging Tom fort, ich konnte ihn nicht einmal begleiten,
-da ich fest liege. Für Tom auch schrecklich, mich hier so allein
-zurückzulassen. Da heißt’s eben: Kopf hoch! &mdash; Vorher noch großes
-Schauri mit Merere und Winkler. Merere will durchaus zu dem Grabe
-seines Vaters, um dort zu beten und Dawa zu machen. Er glaubt nämlich,
-sein Vater habe ihm die Krankheit zur Strafe geschickt, weil er so
-lange nicht am Grabe gebetet habe. Winkler soll ihn begleiten. Ein
-Sultan wird nach seinem Tode von seiner Familie als Gott verehrt; also
-der richtige ausgesprochene Ahnenkultus wie bei den Chinesen. Sein
-Grab wird mit besonderer Sorgfalt gepflegt. So sind z. B. auf dem des
-alten Quawa prachtvolle Elfenbeinzähne aufgestellt. Auch die erste
-Frau des Sultans wird in gleicher Weise geehrt. An den Gräbern beten
-dann der Sohn und die richtigen Brüder, also Söhne desselben Vaters
-und derselben Mutter. Die Halbbrüder und Großen des Landes dürfen
-bei dieser Feier zugegen sein. Ein Sultan geht nie ohne sein Gefolge
-zu dieser Andacht, an der nur die Söhne teilnehmen. Die Töchter, wie
-überhaupt alle Frauen, sind ausgeschlossen. Die andern Frauen des
-Sultans werden im Pori, also im Urwaldgebüsch, nur ganz oberflächlich
-verscharrt und zum Schutz gegen wilde Tiere mit Baumstämmen bedeckt.
-Dasselbe<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> geschieht mit den Leichen der Halbbrüder; deren Weiber werden
-überhaupt nicht begraben, sondern in der Wildnis auf einem Stapel
-zusammengeschichteter Baumstämme ausgesetzt; ebenso die Großen des
-Landes nach einer sehr einfachen Rangabstufung: je kleiner der Mann,
-desto niedriger der Stapel. Die Sklavenleichen wirft man einfach ins
-Pori. Eine große Menge Leute geht mit, die Weiber weinen und machen
-großes Geschrei, ebenso weinen die Männer und die Verwandten. Haben sie
-die Leiche weggeworfen, dann baden die Verwandten und nächsten Freunde
-im nächsten Fluß. Im Trauerhause kommen dann die weiblichen Verwandten
-und Freundinnen zusammen, unter Fasten weinen, schreien sie drei bis
-vier Tage lang, die Mutter fünf Tage. Das Gesicht zur Wand gekehrt und
-in die Hände gestützt, kauern sie die ganze Trauerzeit über.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">23. April 1897.</p>
-
-<p>Seit 5 Wochen keine Post! Mein Schammy fand heute das Abzeichen eines
-Askari-Tschausch’s, sofort kam er damit an und meldete sich bei mir
-als „<span class="antiqua">tschausch ya kuku</span>“ (Hühnersergeant). Das Soldatenspielen
-steckt doch nun einmal allen Jungens im Blut, in Afrika so gut wie bei
-uns Deutschen. Alle unsere Leute sind sehr zutraulich und bringen ihre
-kleinen Sorgen und Freuden bei mir an. Meine kleinen Mädels spielen
-jetzt seht hübsch.</p>
-
-<p>Heute Nachricht von Tom; als Morgengruß schickte er eine Giraffe mit
-wundervollem Fell, die ihm auf dem Marsch vor die Flinte gekommen war.
-Die Soldaten haben das Fell ausgespannt und gereinigt. Wie schwer es
-mir wird, jetzt zu liegen! Garten und Hühnerzucht den Schwarzen so
-ganz überlassen zu müssen, ist so schwer. Es war schon alles hübsch im
-Gange, nun geht es wieder zu Grunde. Der Neger bedarf doch einer ganz
-anderen und schärferen Aufsicht als die Leute zu Hause. Die gesamten
-Vorräte für Monate müssen nun wenigstens für die Boys zugänglich
-bleiben, und was die im Stehlen und Naschen leisten, das wird sich
-schon noch fühlbar machen. In diesem ungewohnten<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Zustande absoluter
-Freiheit in Haus und Garten vergessen meine schwarzen Dienstboten,
-daß sie überhaupt eine Herrin haben. Eines Tages waren sie samt und
-sonders am Morgen bereits verschwunden und kamen erst abends wieder.
-So lag ich denn den ganzen Tag über mutterseelenallein im Hause, zu
-schwach, um mich erheben zu können, ohne eine Menschenseele auch nur in
-erreichbarer Nähe zu haben. Der Tag gehört zu dem Schlimmsten, was ich
-hier durchgemacht habe.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">26. April 1897.</p>
-
-<p>Nun sind es noch neun Tage bis zu Toms Rückkehr! Ich streiche jeden Tag
-im Kalender mit einem dicken roten Strich durch, wie wir’s einst in
-der Pension taten, wenn die Ferien herankamen. Aus Iringa wieder böse
-Nachricht: ein Boy und ein Träger erstochen. Auch an häuslicher Unruhe
-fehlt es nicht. Der Mpischi (Koch) legt mir seine ehelichen Sorgen
-vor; seine Frau treibt sich seit sechs Tagen herum; da sie ihm seine
-Tücher und Hemden mitgenommen, lasse ich sie, nach genauer Feststellung
-des Tatbestandes, zur Wache bringen, damit sie beim nächsten Schauri
-bestraft wird. Heute ließ ich mir Mgunditemi holen; das arme Ding ist
-krank. Ich gab ihr Fleisch und Reis; sie ist übrigens eine schlanke,
-hübsche Frau.</p>
-
-<p>Ich war heute einen Augenblick im Garten, die Kartoffeln sind schon
-ganz braun, wenn Tom zurück, müssen sie gleich herausgenommen werden,
-allein mag ich es nicht tun. Dann machen wir wieder Kartoffelfeuer,
-rösten Kartoffeln, das gibt uns viel Spaß, wie neulich unten im Garten.
-Leutnant Braun ist seit gestern zurück. Er sagte auch, daß sich die
-Wahehe ganz anders gezeigt hätten als die übrigen Neger. Er hat eine
-ganze Ortschaft zerstört und die Temben eingerissen; kaum war er zwei
-Stunden fort, so sah er, wie die Wahehe zurückkamen und ihre Temben
-wieder aufbauten, so daß er nochmals zurück mußte. Drei Träger sind
-an Überanstrengung gestorben, der eine davon ist unter seiner Last
-zusammengebrochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">6. Mai 1897.</p>
-
-<p>Ich habe vom 27. April an sehr schlechte Tage hinter mir. Am 29. war
-mir der Gedanke schrecklich, in Toms Abwesenheit operiert zu werden,
-es konnte doch auch schlecht ablaufen, und Tom wäre nicht zu erreichen
-gewesen. Aber Gott sei Dank, spät abends kam Tom wieder an. Er hatte
-so viele Gefangene, etwa 500 Leute und 200 Stück Vieh, daß er deswegen
-umkehren mußte, denn es waren jetzt mehr Gefangene, als Tom selbst
-Leute in seinem Zuge hatte; gefallen sind dabei 40 feindliche Krieger.
-Die Leute bei Iringa sind jetzt so beruhigt, daß sie mit Tom selbst
-gegen ihre Stammesbrüder ziehen; das ist ein großer Erfolg. Quawa ist
-jetzt in eine andere Wildnis übergesiedelt, in der alten Gegend fühlt
-er sich nicht mehr sicher. Er hält sich an einem Platz nie länger als
-zwei Tage auf, wie der ewige Jude wandert er von Ort zu Ort. Seine
-Anhänger setzen sich jetzt verzweifelt zur Wehr, immer noch erscheinen
-Trupps (Tom hat vier solche zu je 40 bis 60 Wahehekriegern angetroffen,
-die auf dem Zuge gegen uns begriffen waren, und sie zurückgejagt). Auf
-ihr Konto müssen wir die vielen Meuchelmorde setzen. &mdash; Tom hat sehr
-viel zu tun. Jetzt, wo ich elend bin, sehne ich mich doch sehr nach
-unserm Hause, ich werde dann auf der schönen Veranda liegen können.
-Das Liegen ist zu unangenehm, da man dabei kaum schreiben kann. Am 3.
-Mai sind der neue Feldwebel und der Bauleiter angekommen. Trotzdem
-er die Dielen der Hinterzimmer aufreißen läßt, weil sie zu schlecht
-gebaut sind, will er schon in 14 Tagen mit dem ganzen Haus fertig sein.
-Wahrscheinlich gehen Spiegel und Wilkins (Feldwebel und Bauleiter),
-beide wegen Krankheit abgelöst, morgen zur Küste. Eben bringt Tom mir
-wunderschönen Weizen, der auf <em class="gesperrt">ungedüngtem</em> Boden gewachsen ist,
-überhaupt ist der Garten unten nicht gedüngt.</p>
-
-<p>Gestern abend kam endlich die Post. Wie wir uns über die Schreiben und
-Zeitungsausschnitte freuten! Heute kam Leutnant Kuhlmann mit einem
-Unteroffizier und 30 Askaris hier an, um sich Tom zur Verfügung zu
-stellen. Es verlautet, daß der<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> Gouverneur im Juni eine Reise in das
-Innere antreten und auch hierher kommen will, und daß Herr v. Eberstein
-krank sei.</p>
-
-<p>Weizen geerntet, auf wasserdichten Decken statt Tenne ausgedroschen;
-der Ertrag ergab das 24fache der Aussaat, also das 24. Korn. Auch der
-Weizen ist ebensowenig wie der Garten weder gegossen noch gedüngt.
-Heute kam auch die Karawane für uns an. Wir hatten wieder allein
-fünf Träger für Postsachen &mdash; und der Trägerlohn ist jetzt auf 21
-Rupien (Rp. = 1.40 Mk.) erhöht! Für ein kleines leichtes Weinfäßchen
-waren zwei Träger nötig, desgleichen zu einer kleinen Frachtkiste aus
-Liegnitz; der fünfte Träger brachte ein Postpaket. Wie groß, unendlich
-groß würde die Freude über alles sein, wenn es nicht den abscheulichen
-Beigeschmack der Trägerkosten hätte.</p>
-
-<p>Nach Perondo bekamen wir die Zehnpfundpakete umsonst geschickt; dies
-ist jetzt nicht mehr der Fall, da aber nur drei solcher Pakete auf eine
-Last gehen, müssen wir diese Packungsweise vermeiden. Es empfiehlt sich
-vielmehr, alle Sendungen in Deutschland ansammeln zu lassen, bis sie
-zusammen, einschließlich Verpackung, etwa 60 Pfund wiegen &mdash; aber nicht
-mehr, sonst geht es uns wie mit dem Weinfaß, das nur 70 Pfund wog und
-zwei Träger brauchte. Bei allem muß man eben sein Lehrgeld zahlen, aber
-wir bleiben ja lange genug hier, um noch die Früchte davon zu ernten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">15. Mai 1897.</p>
-
-<p>Leutnant Kuhlmann war ganz erstaunt über unsere große Stadt. An der
-Küste hätte man keine Ahnung davon. Man könnte sich ein so schnelles
-Wachsen einer Stadt nicht vorstellen. &mdash; Nun, ich freue mich, wenn der
-Gouverneur sich selbst von Toms Erfolgen überzeugen kann. Auch das
-kann man als „echt afrikanisch“ bezeichnen, in Deutschland wenigstens
-soll es nicht gerade üblich sein, daß die Offiziere sich nach den
-Besichtigungen durch ihre Vorgesetzten sehnen. &mdash; Übrigens hieß es
-plötzlich, der Gouverneur sei nur noch einen Tagesmarsch von hier; ich
-machte gleich Makronen, Schokoladenplätzchen, Räderkuchen, Waffeln,
-alles gelang schön. Da ich gerade Honig bekam, setzte ich auch noch
-Teig zu Honigkuchen an. &mdash; Mein spezielles Departement, das des Innern
-und der Haus- und Landwirtschaft, ist für den hohen Besuch ebenfalls in
-bester Verfassung.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p112a" name="p112a">
- <img class="mtop2" src="images/p112a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Das Stationshaus in Iringa.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_114">S. 114</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p112b" name="p112b">
- <img class="mtop2" src="images/p112b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Das Arbeitszimmer.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_115">S. 115</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p>Von der Taktik der Wahehe, die Wege ungangbar zu machen, konnte auch
-Leutnant Kuhlmann erzählen. Sie stecken giftige Bambusspitzen in
-den Weg, verlegen denselben mit riesigen Hindernissen, die großen
-Aufenthalt verursachen, oder legen kleinere Hemmnisse an, so daß
-die Leute fallen oder mindestens stolpern; ferner machen sie in die
-Urwälder und Pori große Sackstraßen, so daß man falsch geht; auch Graf
-Fugger weiß davon ein Liedchen zu singen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Mai 1897.</p>
-
-<p>Tom zog mit 1000 Wahehe aus, Leuten, die früher alle gegen uns
-standen. Kaum war er fort, so wurde in der Nacht Luhota von Quawa
-selbst und seinen Wahehe abgebrannt, 600 Stück Vieh und 700 bis 800
-Weiber geraubt, die Männer niedergemacht. Quawa hat in der Nacht die
-Temben alle umstellt und, als die Männer herauskamen, sie einfach alle
-niedergemacht. Noch am Morgen sahen wir die Temben rauchen, es war ja
-nur eine halbe Stunde von der Station! Bei dem hügeligen Terrain und
-dem ausgedehnten Pori sind sie ohne Weg und Steg, von dem langen Grase
-verdeckt, herangeschlichen. Der Feldwebel wurde gleich nachgeschickt,
-da er aber nur sehr wenige Askaris hatte und die Leute gleich verteilen
-mußte, konnte er nur 90 Weiber und 40 Stück Vieh wiederbringen. Vieh,
-welches die Wahehe nicht mitnehmen konnten, haben sie niedergestochen;
-Merkel ist wohl an 80 Stück totem Vieh vorbeigekommen. Unter den
-fortgeführten Weibern ist auch eine von Farhenga, die unten gerade
-Chakula kaufte, und alle von dem Jumben Satima, diese hat Quawa direkt
-in sein Gefolge genommen. Eine von den Frauen des Satima hat sich bei
-der Verfolgung hinter einem Busch versteckt und sich so wieder zu uns
-retten können, sie erzählte, daß Quawa selbst bei dem Überfall im
-Hintergrunde<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> gewesen sei und alles von dort dirigiert habe. Nachdem
-der Überfall geglückt, habe er sich in eine Tembe gesetzt und dort
-Pombe getrunken, die gefangenen Weiber um ihn. Von dort habe er auch
-seine Befehle im Fall einer Verfolgung gegeben. Parole: „Wenn ein
-Europäer verfolgt, ausreißen; verfolgen nur Askaris und Wahehe, dann
-angreifen!“ Die Furcht vor einem direkten Kampfe mit den Europäern ist
-gottlob groß. Die Wahehe wissen sehr wohl, daß sie ihre Zahl schonen
-müssen. Quawa selbst ist dann an der Spitze mit ein paar Getreuen und
-den genannten Weibern abgezogen. Seine Leute haben sich auch zerstreut.
-Tom schickt jetzt jede Nacht Patrouillen aus, um eine etwaige
-Annäherung des Feindes zu verhindern. &mdash; Ohne Bedeckung kann man jetzt
-nicht aus der Boma gehen, denn 5 Minuten von unserem Hause entfernt
-sind eine Frau und ein Fundi niedergestochen worden. Die letzten Tage
-hatte ich immer Angst, daß auch die Strohbude mit unseren Vorräten
-angezündet würde. Nun gottlob, Quawa hat die Gelegenheit verpaßt.</p>
-
-<p>Die Nacht zum 1. Juni schlief ich zum ersten Male in unserem neuen
-Hause. Gerade ein Jahr, daß ich kein festes Dach, sondern immer nur
-Strohwände oder Zelt über mir hatte. Seit einem Jahr wieder einmal
-auf Holzdielen zu gehen, wenn auch noch so primitiven, ist ein Genuß!
-Jeder Schritt machte mir Vergnügen! Wenn mir nicht das Treppensteigen
-verboten wäre, würde ich aus Freude fortwährend herauf und hinunter
-gegangen sein. Wie ich stolz auf meine Treppe bin. Die Seligkeit,
-hoch zu wohnen! mit welcher Freude schließe ich Türen und Fenster; es
-ist mir alles noch so neu, ich möchte immer am Fenster stehen. Auch
-diese Freude ist afrikanisch! Ich freue mich schon auf Tom und seine
-Freude über unser stattliches Haus. Die Salzbäder, die ich nehmen
-soll, muß ich natürlich aussetzen. Der Doktor schilt; aber freilich,
-wenn es nach ihm ginge, so müßte ich stets liegen, und aus dem Umzug
-kann dann werden, was will. So haben die Boys wohl auch gedacht, denn
-nicht nur Mpischi, der schon seit Ostern liegt, sondern auch Mabruk
-ist schleunigst so krank geworden, daß er fort mußte, er bekommt aber
-natürlich<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> seinen Lohn weiter, nun habe ich zum Umzuge nur einen Boy.
-Schammy, der kleine zehnjährige Bengel, ist mein Koch, seine Leistungen
-sind auch danach. Die kleinen Mädels müssen jetzt auch so helfen, daß
-sie ganz blaß aussehen, sie sind mir jetzt eine große Hilfe. Die drei
-Weiber, die ich noch habe, müssen buttern, Hühner besorgen, Geschirre
-waschen, sind sonst aber kaum zu gebrauchen. Denn sie verstehen kein
-Suaheli und vor allen Dingen wissen sie von keinem Gegenstande,
-wozu man ihn gebraucht, und diese Frauen habe ich jetzt schon vier
-Monate. Die schweren Sachen haben mir Träger herübergetragen, doch
-das ist ja das wenigste. Freilich klappt noch längst nicht alles, die
-Türen besonders bedürfen noch mancherlei Nachhilfe, ehe sie richtig
-schließen, ein Fenster hatte noch keinen Haken, so daß der Wind es
-gleich zerbrach usw.; überall sind noch Fundis tätig. Die Wohnung
-war zuerst hoffnungsgrün gestrichen; damit meine Vorhänge, Portieren
-usw. mit dem Anstrich harmonieren, habe ich sie jetzt noch einmal
-anstreichen lassen, und zwar rosa, &mdash; eine andere Farbe hatten wir
-nämlich nicht, es wird jetzt aber sehr niedlich. Nur kann ich mir Tom
-mit seinem Rauchen nicht so recht in diesem zarten Milieu vorstellen.
-Nun sind noch Gardinen zu nähen und aufzustecken, denn am 1. Juli kommt
-der Gouverneur nun wirklich; er hat sich schon angemeldet, und da
-möchte ich doch mit allem fertig sein. Wenn wenigstens der Mpischi bis
-dahin gesund würde.</p>
-
-<p>Der Gouverneur will sich den Boden und die Ansiedlungsverhältnisse hier
-ansehen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">2. Juni 1897.</p>
-
-<p>Heute sah ich mich nach meinen kleinen Schützlingen um, zwei kleine
-Askarikinder, denen die Mutter gestorben und deren Vater auf einer
-Expedition geblieben ist. Das eine Kind ist erst ein halbes Jahr alt
-und bekommt jetzt von meiner Kuhmilch, das andere ist schon zwei Jahre
-alt; sehr niedliche Kleine sind es, leider haben sie Angst vor mir.
-Von dort ging ich zum Griechen, um Petroleum zu kaufen, er wird aber
-erst in sechs Wochen<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> welches erhalten; hoffentlich reicht mein Vorrat
-noch so lange. Dann ging ich zur Bibi (Frau) Effendi, um mich für Eier
-und ein seidenes Taschentuch zu bedanken; letzteres wollte ich nicht
-annehmen und schickte es zurück, aber sie schickte es abermals wieder,
-und um sie nicht zu beleidigen, behielt ich’s, werde ihr wohl eine Uhr
-dafür zurückgeben, aber erst nach ein paar Tagen, denn sonst nimmt sie
-es übel.</p>
-
-<p>Wenn ich doch wenigstens ganz gesund wäre. Alle Tische für die Küche
-müssen auch erst gemacht werden, denn die ich bis jetzt in der
-Strohhütte hatte, sind in dem Boden festgemacht und beim Herausnehmen
-sind sie entzweigegangen; es waren allerdings nur Kistendeckel. Nun
-soll ich mich wieder schonen und Salzbäder nehmen, aber wann? In
-Kürze kommt der Gouverneur, und in solcher Zeit geht alles drunter
-und drüber. Dann bin ich Köchin, Dienerin und Hausfrau, d. h. ich
-repräsentiere deutsche Küche, Keller, Speisesaal und Salon hier alles
-in höchsteigener Person, so gut das eben hier, fern jeder Kultur, unter
-den schwarzen Menschenkindern sich tun läßt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">25. Juli 1897.</p>
-
-<p>Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll
-Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren
-Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht
-&mdash; und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch
-mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister
-Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger
-mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert &mdash; zum
-erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein
-Leben.</p>
-
-<p>Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte,
-was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen
-Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte
-würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden
-Mann in wenigen Tagen furcht<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>bar mitgenommen, elend und verfallen,
-aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In
-Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, &mdash; wir sprachen
-gerade über das Sterben &mdash; dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits
-hinüberzuschlummern &mdash; wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne
-Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen.</p>
-
-<p>Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie
-mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der
-Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen
-Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg
-wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf
-Fugger<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der
-nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte,
-darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet &mdash; und die Trauerfeier war
-zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen
-Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer
-weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die
-Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst
-vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an
-derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch
-Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.</p>
-
-<p>Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem
-Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb
-mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die
-in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten,
-wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann,
-schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des <span class="antiqua">bana
-mkubwa</span> („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner
-Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem
-Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem
-Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit
-geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich
-werde Toms eigene Worte hierher setzen:</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">(Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei
-Stunden vom Muassi-See.)</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen
-Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit &mdash; der Stuhl ist beinahe so
-hoch wie der Tisch &mdash; trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die
-komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:</p>
-
-<p>Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei
-Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen
-versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere
-Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in
-ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht,
-den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für
-absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also
-Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe
-mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem
-Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die
-Flüchtigen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze
-Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten
-hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von
-unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der
-Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau
-zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am
-Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei
-Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den
-Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen
-etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen
-30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt
-gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute
-in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch
-etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten
-sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel &mdash; auch hatten
-wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum
-war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer
-scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug,
-zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer
-in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen.
-Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich
-freiwillig angeschlossen hatte &mdash; ein dritter Speer, der direkt von
-vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze
-war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien
-nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte
-mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er
-mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis
-zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine
-Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen
-nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht
-beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre
-ich ein gleichförmiges Schaben und<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Knirschen &mdash; Tschirr! Tschirr! &mdash;
-da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung
-hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht
-hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht
-erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die
-Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen
-Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der
-Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die
-Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher
-Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins
-Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum
-Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und
-Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit
-ihnen wieder in die Höhle &mdash; sofort saß dem Wahehe ein Speer in der
-als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die
-brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb
-meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise
-säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher
-und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der
-ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch
-ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen
-Scherzes ausmalte.</p>
-
-<p>Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer
-die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt:
-„<span class="antiqua">Bana mkubwa!</span>“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die
-Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst
-ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger
-Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen
-Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck
-schrie ich laut auf.</p>
-
-<p>Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage
-auch noch die langersehnte Post. Einige Tage<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> konnte Tom sich
-erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr
-mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich
-ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört
-erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und
-Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs
-geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber
-hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein
-Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte &mdash;
-alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter
-Wandschmuck verwerten lassen.</p>
-
-<p>Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des
-Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack &mdash;
-Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis
-zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger
-wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich,
-soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu
-Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so
-auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an
-der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen
-Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal
-wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.</p>
-
-<p>Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung.
-Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine
-Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe,
-denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der
-Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung:
-als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, &mdash;
-so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen &mdash; es
-sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der
-etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten
-Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit
-zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Patrouille, die die
-beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein
-Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten
-kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen
-ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen,
-denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung
-Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den
-bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn
-auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute
-Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt
-versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine
-unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei
-von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier
-sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!</p>
-
-<p>Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres
-Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den
-„Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das
-ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach
-dem Befinden seines Sultans erkundigt &mdash; und das ist Tom für sie.
-Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali
-eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und
-andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft
-nicht mehr leisten können.</p>
-
-<p>Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer
-regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere
-deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit
-rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten
-Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt
-nicht zumuten kann &mdash; von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten
-Luxus ganz abgesehen &mdash; würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein
-Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer,
-daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein
-deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die
-selbst Hand anlegen, fänden<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet
-dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit
-europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten
-Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation
-im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen
-Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse
-Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung
-der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen &mdash; doch halt! die
-Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ &mdash; sie erhebt ihre Schwingen sogar
-bis zu dem kühnen Bilde einer &mdash; Schmalspurbahn, die von Ngahoma am
-Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!</p>
-
-<p>Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der Sohn
-des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen, ihm
-aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach sei
-<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem
-Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf
-falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer
-andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über
-das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude
-erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.</p>
-
-<p>Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die
-sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun
-beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack &mdash; sie
-drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in
-seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber
-zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke
-ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den
-Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte
-der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam,
-und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen
-einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd &mdash; mit
-einem Mordskater! Natürlich war er sehr ge<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>knickt, als sie ihn mir
-anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife
-habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen
-Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos
-(Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte &mdash;
-sie war zu hübsch &mdash; leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige
-Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines
-Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem
-Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch
-aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach
-besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir
-der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen &mdash; die Herren
-sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung
-haben, in ein deutsches Haus zu kommen.</p>
-
-<p>Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm
-einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben
-dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten,
-als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In
-einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage
-genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten!
-Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir
-doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das
-Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne &mdash; dann ging’s aber um
-so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich
-nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag
-geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang
-für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum
-Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein
-Wohnzimmer fix und fertig vorfand.</p>
-
-<p>Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen,
-dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte
-ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> festlichem deutschen
-Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen
-der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von
-der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen
-beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm
-aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil,
-die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben
-mußte.</p>
-
-<p>Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung
-der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter
-Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er
-vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die
-Station zusammengebracht.</p>
-
-<p>Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht
-bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte
-Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen
-Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das
-Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler
-wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa
-Auskunft gaben &mdash; der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der
-Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben
-und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange
-eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür
-dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel
-terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer
-nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden
-Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden
-konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem
-Leben bezahlt hätte!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Juli 1897.</p>
-
-<p>Gestern abend, kurz vor Schlafengehen, brachte mir ein Wachtposten
-noch einen langen Brief von Tom. Aber anstatt der erwarteten Nachricht
-seiner baldigen Rückkehr lese ich, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Expedition sich wohl
-über vier Wochen ausdehnen wird. Sie waren bereits dicht an Quawas
-Lager heran, und nun suchen sie möglichst auf seine weiteren Spuren
-zu kommen. Das sind für mich recht böse Aussichten, denn nun ist der
-glückliche Wahn gründlich zerstört, daß dies unsere letzte längere
-Trennung gewesen sei. Tom schreibt, der Gouverneur sei sehr erfreut
-über die gute Disziplin der Wahehe, über das Nachrichtenwesen und die
-gute Laune, die trotz des zwölfstündigen Marsches in der schwierigen
-Gebirgsgegend bei den Leuten herrscht. Der Gouverneur wird sich
-dann von Tom trennen, um noch weiter die Bodenverhältnisse auf ihre
-Ansiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Soweit bis jetzt zu übersehen
-ist, eignet sich das Land ganz hervorragend zur Besiedelung, und Oberst
-Liebert will die Kolonisation nach Kräften beschleunigen.</p>
-
-<p>Heute beehrte mich der Sultan von Mahenga, mein alter Freund Kiwanga
-aus Perondo, mit seinem Besuch. Zu dieser Antrittsvisite hatte er sich
-800 Leute aus Perondo mitgenommen, eine Vorsichtsmaßregel, die ich ihm
-eigentlich nicht verdenken kann; der schlaue Fuchs Quawa hatte ihm
-nämlich durch einen Msassagira-Boten sagen lassen, er solle sofort
-mit seinen Leuten sich Quawa anschließen, der Sakkarani (nämlich
-Tom) wolle ihn hängen lassen. Kiwanga hatte jedoch Vertrauen zu Toms
-früherer Zusage, er lieferte den Quawa-Boten an Leutnant Kuhlmann
-aus und machte sich auf den Weg zu uns; so ganz sicher schien er
-aber seiner Sache nicht zu sein, wenigstens mußte ich ihm immer und
-immer wieder versichern, daß Tom ihn nicht zu dem Zwecke herbestellt
-habe, um ihn hier aufzuknüpfen, und es gelang mir auch, sein Zutrauen
-vollständig zu festigen. Er bemühte sich dann noch eifrigst, mir den
-Hof zu machen; daß er dabei meinen Mann bis in den Himmel hinein lobte
-und pries, hielt er für das geeignetste Mittel, seiner Huldigung
-besonderen Nachdruck zu geben. Als Freund Kiwanga sich endlich empfahl,
-kam Pater Alfons zum Abendbrot, mit dem ich dann noch ein gemütliches
-Plauderstündchen hielt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">28. Juli 1897.</p>
-
-<p>Pater Alfons kam heute zum Frühstück. Dann machte ich einige
-photographische Aufnahmen von Kiwangas Leuten. Ihn selbst
-photographierte ich vor seinem Zelt, mit seinem Tisch, Stuhl, Flasche,
-Glas und Teller; auf seine europäische Zelteinrichtung ist er nämlich
-sehr stolz. Beim Griechen hatte er sich soeben einen eleganten Anzug
-und neue Schuhe gekauft, da ihm seine Safari-Garderobe für die Station
-nicht mehr ansehnlich genug erschien. Als ich mein Bad genommen und die
-verordneten Umschläge gewissenhaft erledigt hatte, ließ ich mir von
-Kiwanga und seinen 800 Kriegern ihre <span class="antiqua">ngoma</span> (das Wort bedeutet
-sowohl „Trommel“ und „Musik“ wie auch „Tanz“) vorführen, zuerst den
-Kriegstanz der Mafiti, dann den der Wahehe. Kiwanga ist reiner Mhehe,
-sein und Quawas Vater waren rechte Vettern, deren Feindschaft auch auf
-die Söhne forterbte.</p>
-
-<p>Es war ein interessantes Schauspiel, die 800 wilden Kerle in der
-ganzen Eigenart ihrer heimischen Kampfweise diese Kriegsspiele, denn
-auf die Darstellung eines Angriffes läuft die ganze Sache hinaus,
-vor mir manövrieren zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir doch eine
-gewisse Verlegenheit bereitete, vor dieser ganzen Menschenmenge
-als die <span class="antiqua">Bibi mkubwa</span>, die „große Frau“, gefeiert zu werden,
-besonders da Kiwanga an der Spitze seiner Leute mir seine Huldigung
-erwies. Der Sultan führte die ganze Sache selbst und tanzte und
-sprang mit einer Gewandtheit und einem feierlichen Ernst, der in den
-europäischen Kleidern etwas unsagbar Komisches hatte. Erst als die
-neuen Schuhe, die auf derartige Kriegsstrapazen nicht geeicht waren,
-ihm an den Füßen zerplatzten, und seine Leute von dem tollen Rennen
-und Brüllen erschöpft waren, ließ er mich durch den Effendi um die
-Erlaubnis bitten, das Kriegsspiel beenden zu dürfen. Ich ging nun
-zu ihm und bedankte mich für das schöne Schauspiel, worauf er mit
-seiner Kriegerschar sehr befriedigt abzog. Daß die ganze Stadt sowie
-unsere Askaris mit Weibern und Kindern als Zuschauer versammelt waren,
-versteht sich von selbst, eine „große Parade“ wirkt immer und überall
-„aufs Zivil“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p>Als besonders komischen Zwischenfall muß ich noch die Heldentat meiner
-beiden Hunde Schnapsel und Pombe erwähnen. Mit wütendem Gebell fuhren
-sie einem der Mafiti, der ihnen etwas zu nahe gekommen war, in die
-Beine und verfolgten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer weit über
-den Plan. Es gelang mir nur schwer, ihren kriegerischen Sinn wieder
-soweit zu dämpfen, daß sie von der Verfolgung abließen, dann setzten
-sie sich aber mitten auf den Platz, gleichsam als die Angriffsobjekte
-des ganzen Manövers, und beobachteten mit mißtrauischem Ohrenspitzen
-jede Bewegung ihrer Feinde, entschlossen, nur der Übermacht zu weichen.</p>
-
-<p>Abends kam Kiwanga, um Abschied zu nehmen; er wird morgen in aller
-Frühe abmarschieren, um sich mit seinen Leuten Tom anzuschließen. Er
-bat mich, ihm einen Brief an meinen Mann mitzugeben, was ich denn auch
-tat. Der schwarze Bundesbruder hat mir doch viel Zerstreuung geboten,
-und das hat mir gerade in diesen Tagen recht wohl getan, es blieb mir
-nur wenig Zeit, meinen trüben Gedanken nachhängen zu können. Besonders
-erbaulich war nun freilich nicht alles, womit mein Gastfreund mich
-zu unterhalten suchte; so schilderte er mir recht anschaulich, daß
-sein Bruder Sagamaganga zehn von seinen jungen Weibern aufgehängt und
-sich dann selbst vergiftet hat. Beweggrund auch hier: <span class="antiqua">Cherchez la
-femme.</span> Ich habe diesen Sagamaganga, der einer der mächtigsten
-Sultane zwischen Mahenga und Schabruma war, zusammen mit seinem Bruder
-Kiwanga auf einer Photographie, er war ein auffallend stattlicher,
-hübscher Neger.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">29. Juli 1897.</p>
-
-<p>Heute früh marschierte Kiwanga mit seinen Leuten ab. Nachmittags kam
-<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling aus Idunda zurück, er hat dort Leutnant Fonck
-behandelt, der an Malaria erkrankt war, sowie einen augenleidenden
-Unteroffizier. Den Besuch in Idunda hatte <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling um 14
-Tage verschieben müssen, da er hier den Bauleiter Hentrich, der krank
-von der Küste ankam, nicht ohne ärztliche Behandlung lassen konnte;
-jetzt hat sich Herr Hentrich einigermaßen erholt; er sieht schon viel
-wohler aus wie bei seiner Ankunft von der Küste. Wie es in Idunda
-steht, werde ich wohl morgen von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling erfahren.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p128a" name="p128a">
- <img class="mtop2" src="images/p128a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Lagerleben: Askarizelte.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_131">S. 131</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p128b" name="p128b">
- <img class="mtop2" src="images/p128b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_131">S. 131</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">3. August 1897.</p>
-
-<p>Am 1. August kam Oberst Liebert zur Station zurück, mit ihm Herr v.
-Bruchhausen und Graf Fugger, während Tom die Expedition weiter leitete.
-Wenn auch der Zweck nicht erreicht war und unser Todfeind Quawa auch
-diesesmal wieder entkam, so sprach der Gouverneur doch seine Freude
-aus, jetzt auch den „afrikanischen“ Krieg praktisch kennen gelernt zu
-haben; wie Tom so hat auch er mit seinen Begleitern einen Höhlenkampf
-mitgemacht: er war an eine der Höhlen herangetreten, um die Insassen
-zum friedlichen Herauskommen zu bewegen, als ihm ein Schuß aus
-nächster Nähe entgegenkrachte. Der Geistesgegenwart seines Boys, der
-ihn zurückriß, hat der Gouverneur es zu verdanken, daß ihn die Kugel
-nicht traf. Eine solche unterirdische Kriegführung war ihm, wie er
-mir lachend erzählte, weder 1866 in Böhmen, noch 1870 in Frankreich
-vorgekommen.</p>
-
-<p>In Tanangosi hatte sich unser Freund Kiwanga ihm angeschlossen und
-seine Krieger für den Quawafeldzug zur Verfügung gestellt. Jetzt war
-er wieder zurückgekehrt. Er schien sehr beglückt, daß der Gouverneur
-seine Leute gelobt habe, als er sie ihm truppweise „im Laufschritt“
-vorgeführt hatte und ließ es sich nicht nehmen, seine Scharen nun auch
-im Kriegstanze zu zeigen, von dem ich dem Gouverneur viel erzählt
-hatte. Dabei wurde ich durch die unbewußte Galanterie eines dieser
-schwarzen Helden etwas in Verlegenheit gesetzt: anstatt vor dem
-Gouverneur kniete einer der den Reigen anführenden Wahehekrieger vor
-mir nieder; auf meinen Wink verbesserte er aber sofort diesen Irrtum
-und brachte dem Gouverneur seine Huldigung. Natürlich tanzte dazu auch
-diesesmal der Sultan höchsteigenbeinig an der Spitze seiner Leute;
-es mag dem Gouverneur nicht leicht geworden sein, angesichts dieser
-grotesken Figur in weißer Uniform mit Tropenhelm, die mit geschwungenem
-Säbel die unglaublichsten Luftsprünge aus<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>führte, den nötigen Ernst zu
-bewahren. Diesesmal waren Kiwangas Schuhe übrigens der anstrengenden
-Übung gewachsen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">4. August 1897.</p>
-
-<p>Heute verabschiedete sich der Gouverneur von uns, um den Rückmarsch
-nach der Küste über das Utschungwa-Gebirge anzutreten. Leutnant
-Passavant war nach Idunda gegangen, um dort die 3. Kompagnie zu
-übernehmen. Bezirksamtmann Zache blieb bei der 6. Kompagnie, die der
-Gouverneur nebst der 2. Kompagnie zur Verstärkung der Stationen in
-Uhehe für den Vernichtungskampf gegen Quawa hier gelassen hat. Nur
-Herr v. Bruchhausen kehrte wieder mit an die Küste zurück. Kiwanga und
-seine Krieger gaben ihnen das Geleite. Es waren schöne, frohbewegte
-Tage, die hinter uns liegen. Möchte dieser Zug des Gouverneurs durch
-das Gebirgsland Uhehe bald segensreiche Früchte für unsere neue
-Heimat tragen. Der Abschied war herzlich, Oberst Liebert sprach Tom
-seine Anerkennung aus für alles, was er hier geschaffen, und auch ich
-kam nicht zu kurz dabei als „erste deutsche Hausfrau im Innern von
-Deutsch-Ostafrika“. Der Gouverneur legte mir besonders dringend ans
-Herz, unter allen Umständen hier zu bleiben, wo wir unentbehrlich
-seien. Unentbehrlich??... <span class="antiqua">Qui vivra verra!</span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">17. August 1897.</p>
-
-<p>Von Leutnant Stadlbaur erhielt ich eine zierlich als Brosche in
-Gold gefaßte Löwenklaue, von einem Löwen, den er hier geschossen
-hat; ich habe ihm für dieses hübsche afrikanische Geschenk heute
-schriftlich gedankt. Der Besuch des Gouverneurs bietet unerschöpflichen
-Gesprächsstoff, wir sitzen zuweilen bis spät in die Nacht hinein und
-leben die bewegten, ereignisreichen Tage noch einmal in der Erinnerung
-durch. Auch Graf Fugger leistet uns oft Gesellschaft. Gestern abend
-haben wir den neuen Zahlmeister und den neuen Pater „angefeiert“. Die
-Stimmung war deshalb besonders froh, weil aus Bueni gute Nachrichten
-eintrafen; die Bewohner kehren allmählich wieder in ihre Temben zurück.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_5" name="ende_kap_5">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_5.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 5" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s131_kopfstueck" name="s131_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s131_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 131" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"><span class="kap">Sechstes Kapitel.</span><br />
-Auf Safari. Beendigung des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2">Am 11. November 1897.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s131_initial" name="s131_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s131_initial.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>chwere Wochen liegen hinter uns, ich war sehr krank &mdash; am 18.
-August traten die ersten Anzeichen einer schweren schmerzhaften
-Leberentzündung auf, die mich wochenlang ans Bett fesselte. Gott
-sei Dank, es bildete sich kein Leberabszeß, so daß die gefürchtete
-Operation nicht nötig wurde. Allein die furchtbaren Schmerzen, die
-zeitweise kaum durch die vierzehn Tage lang regelmäßig angewandten
-Morphiumeinspritzungen bewältigt werden konnten, hatten mich sehr
-mitgenommen. Und mein armer Mann! Zu allen Sorgen und Lasten des
-Tageslaufs nun noch der einzige Pfleger seiner schwer kranken Frau!
-&mdash; Als ich wieder mich in Haus und Garten bewegen konnte, war Tom
-selbst so gründlich herunter, daß er notgedrungen einmal ein paar Tage
-ausspannen mußte.</p>
-
-<p>Am 11. Oktober gingen wir auf Safari, d. h. wir zogen für drei Tage
-„auf Sommerfrische“ in die Berge. Das waren drei herrliche Tage, in
-denen kein Schauri, kein Dienst, kein Berichtschreiben unsere Ruhe
-störte. Unsere Askaris und Träger wurden stets nach dem jeweiligen
-Lagerplatz vorausgesandt, und wenn Tom und ich dann nach kürzerer oder
-längerer Wanderung durch die herrliche Landschaft ankamen, fanden wir
-Zelt und Kochplatz bereits fertig vor. Abends bot dann unser Ruheplatz
-ein besonders malerisches Bild; wenn sich die abenteuerlichen Gestalten
-unserer Begleitung um das hellodernde Wachtfeuer<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> drängten. Für diese
-drei Tage war die unausgesprochene Losung: „<span class="antiqua">pole pole</span>“, d.
-h. ruhig, mit Bedacht! &mdash; keine Überstürzung &mdash; ganz im Gegensatz
-zu unseren sonstigen Safaris, wo meist alles Hals über Kopf gehen
-mußte. Aber so ein „<span class="antiqua">take it easy</span>“ hat doch seine großen Reize,
-man kommt erst eigentlich zum Bewußtsein der herrlichen Gotteswelt,
-in der wir uns bewegen; welche Farbenpracht der Vegetation, welche
-Mannigfaltigkeit der Linien, in denen Berg und Tal sich abheben, jeder
-Baum, jeder Felsen von anderer Form wie sein Nachbar, oft grotesk und
-allem mir bisher Bekannten spottend &mdash; und doch: welche Harmonie liegt
-über diesem Gesamtbild! Vor unserem Zelte ein frisch dahinströmender
-Gebirgsfluß, dessen Rauschen unwiderstehlich lockt, als Abschluß des
-Bildes die dunkle Wand des Urwaldes. Und dazwischen wir munteren
-Menschenkinder, die wir in dieser grandiosen Natur Erholung suchen nach
-sorgenvollen Tagen! Wahrlich, nirgends fühlt man sich seinem Schöpfer
-näher, als inmitten seiner gewaltigen Werke....</p>
-
-<p>So großartig das Landschaftsbild auch war, es konnte doch die
-Erinnerung an unsern deutschen Wald nicht verdrängen. Ich habe vor
-Jahren einmal irgendwo in einer Reiseschilderung einen Vers gelesen:
-„Das starre Laub am fremden Holz, es ist zum Flüstern viel zu stolz“.
-In der Tat, das geheimnisvolle Leben und Weben, das Flüstern und Kosen
-der leicht beweglichen Blätter, das unserem lieben deutschen Laubwald
-eigen, ist dem Tropenwald fremd. Oberon und Titania mit ihrer luftigen,
-lustigen Elfenschar kann ich mir nur im Rauschen unserer Eichen und
-Buchen oder auf dem Moosteppich unserer dunkeln Tannenwälder vorstellen.</p>
-
-<p>Am zweiten Tage unserer Safari fand ich Gelegenheit, in einem prächtig
-klaren Gebirgsfluß, der ausnahmsweise einmal kein felsiges, sondern
-sandiges Ufer hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da mir das
-Gewässer in Bezug auf Untiefen, Stromschnellen und Wirbel unbekannt
-war, mußte ich meiner Lust nach einer längeren Schwimmtour Zügel
-anlegen; daß man hier während des Badens auf das Auftauchen eines
-„Kiboko“ (Nilpferd) gefaßt sein muß, erhöht den Reiz ganz wesentlich
-&mdash; unsere deutsche Schul<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>jugend plätschert ja bekanntlich auch mit
-Vorliebe an den Stellen im Fluß herum, die durch eine Tafel: „das
-Baden ist an dieser Stelle streng verboten“ als besonders geeignete
-Badeplätze kenntlich gemacht werden, und ob man sich dabei schuldbewußt
-nach dem Flurschützen und Gendarm oder nach einem Kiboko umschaut, das
-ist &mdash; ohne jede anzügliche Beziehung zwischen heimatlicher Obrigkeit
-und afrikanischer Zoologie &mdash; schließlich doch ganz egal! Selten hat
-mir im Leben ein Frühstück so gut geschmeckt wie der Spickaal, den ich
-mir nach diesem Bade spendierte.</p>
-
-<p>An demselben Tage kamen wir auch an Höhlenwohnungen vorüber, wie sie
-unsere Herren kürzlich aufgestöbert hatten; diesmal ging der Besuch
-aber friedlich ab. Von der Bergspitze aus bot sich ein prachtvoller
-Anblick über die im saftigsten Grün und farbigem Blütenschmuck
-prangenden Wiesenflächen im Tal, durchzogen von silberglänzenden
-Gebirgsbächen, dazu der frische, erquickende Bergwind, der uns die
-Lungen weitete und das Blut frischer durch die Adern pulsieren
-machte. Beim Anblick dieser Landschaft wurde das Geheimnis von Quawas
-unerschöpflichen Hilfsquellen offenbar: das Land ist so fruchtbar, daß
-an ein Aushungern nicht zu denken ist. Die Felder und Wiesen sind so
-reichlich bewässert, daß sie selbst im heißesten Sommer nicht unter
-der hier sonst gewöhnlichen Dürre zu leiden haben; in jedem der vielen
-kleinen Seitentäler, die oft nur schluchtenartig vom Gebirgskamm
-ausgehen, finden sich Bäche, deren Wasserreichtum das ganze Jahr
-hindurch aushält. Auf dem Rückmarsch konnte ich es mir nicht versagen,
-in eine jener Höhlen hineinzuklettern, die mir durch die Kämpfe im Juli
-besonders interessant geworden waren. Wie sah es da aus! Mir krampfte
-sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß Tom unsere Feinde in
-solchen unterirdischen Gängen und Höhlen aufgesucht hatte, und ich
-dankte Gott, daß er ihn in dieser furchtbaren Gefahr beschützt hatte.
-Tom sprach freundlich zu den Bewohnern dieser Höhlenniederlassung, er
-hielt ihnen vor, was für ein elendes Dasein sie führten im Vergleich
-mit ihren Stammesgenossen, die unter dem Schutze der Deutschen wieder
-ihre Felder bebauen, erzählte ihnen, wie sie von dem gefürchteten<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-Quawa weder etwas zu fürchten noch zu erhoffen hätten, und bewog sie,
-sich in der Nähe von Prinages Boma wieder anzubauen.</p>
-
-<p>Wir hatten die Karawane vorausgeschickt und fanden unser Zelt beim
-Eintreffen auf dem Ruheplatz fertig vor. Um für das Lager den
-nötigen Platz zu gewinnen, hatten die Träger das hohe verdorrte
-Gras angezündet; so saßen wir denn, angesichts dieses kleinen
-Steppenbrandes, vergnügt beim Frühstück. Die Sache gefiel mir ungemein,
-es lag ein gut Teil Romantik in der Szene, so etwas wie „Lederstrumpf“-
-und „Waldläufer“-Poesie, unsere schwarzen Askaris und Träger an
-Stelle der Komanchen, Apachen oder Sioux, es gehörte wirklich wenig
-Phantasie dazu, sich die Lieblingslektüre aus der Jugendzeit hier in
-die Wirklichkeit zu übertragen. Lange konnten wir uns dem Zauber dieses
-schönen Bildes nicht hingeben; der Wind hatte sich gedreht, und der
-beizende, scharfe Rauch trieb uns die Tränen in die Augen. Zugleich
-nahm der Steppenbrand die Richtung direkt auf unseren Lagerplatz.
-Schnell ließ Tom sämtliche Askaris und Träger antreten und den Raum
-zwischen uns und dem Feuer von allem Brennbaren, wie Gras, Buschwerk
-und ähnlichem säubern. Zuweilen suchte sich eine Flamme aus der
-lodernden Steppe durch das von unseren Leuten künstlich isolierte
-Gebiet zu drängen, da hieß es, gut aufpassen und sie noch rechtzeitig
-ausschlagen, damit sie nicht bis zum Zelt kam. Aufregender wurde die
-Sache, als plötzlich der Feind uns im Rücken angriff! Rasch wurde auch
-auf dieser Seite eine neutrale Zone hergestellt, so daß wir endlich
-richtig zwischen zwei Feuern saßen. Zum Glück war der Wind nicht stark,
-unser Zelt mit all unseren Vorräten wäre sonst verloren gewesen, so
-kamen wir mit einigen angesengten Kleidern davon. Mit großem Interesse
-beobachtete ich das eigentümliche, sozusagen sprungweise Vorgehen
-des Feuers, das ganz plötzlich, ohne sichtbare Verbindung mit dem
-Hauptherde, an einzelnen entfernteren Stellen aufflammte, während ich
-andererseits wieder, nachdem das Feuer niedergebrannt war, mehrfach
-einzelne lange, trockene Grashalme unversehrt aus der Asche hervorragen
-sah, an denen Glut und Flamme vorbeigezogen waren. Am anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Morgen
-hatten wir anfangs einen bösen Weg durch all die Asche zu machen, bevor
-wir wieder im grünen „Pori“ unsere Erholungs-Partie fortsetzen konnten.</p>
-
-<p>An diesem letzten Tage unserer Safari (14. August) machten wir noch
-eine lange „<span class="antiqua">pumsika</span>“, d. h. Ruhepause; wir wollten den Tag noch
-recht auskosten und erst spät abends nach der Station zurückkehren.
-So zogen wir denn abends auch nicht auf der Hauptstraße ein, sondern
-ritten um die Boma herum nach unserem Hause, um den Abend noch für
-uns allein zu haben. Mit dem Erfolge unserer Safari konnten wir in
-jeder Beziehung zufrieden sein &mdash; politisch, weil es Tom gelungen
-war, die Leute zu überzeugen, daß sie von Quawa hier in unserer Nähe
-nichts zu fürchten haben, um wieder viele von den verschüchterten
-Eingeborenen zur Ansiedelung in der Nähe der Station zu veranlassen,
-und gesundheitlich, weil diese abwechslungsreichen Tage uns beiden
-frische Kraft, körperlich wie seelisch, gespendet hatten.</p>
-
-<p>Für Tom, der nur drei Tage auf der Station bleiben konnte, begann
-nun wieder eine endlose Reihe von Schauris; die Wahehe fingen
-an, des ewigen Kriegszustandes müde zu werden, und es kostete
-Tom übermenschliche Geduld, den Jumben immer und immer wieder in
-eindringlicher Rede klar zu machen, daß der Kampf bis zur Vernichtung
-fortgesetzt werden müsse, ehe sie auf Ruhe und Frieden rechnen könnten.
-Das waren sorgenvolle Stunden, als an dem zum Abmarsch bestimmten
-Tage sich keiner der versprochenen Wahehe sehen ließ! Endlich gegen
-Abend trafen sie ein, und zwar noch in größerer Zahl, als Tom erwartet
-hatte. Am anderen Tage brach Tom auf, die 500 Wahehe, zum Teil ganz
-prächtige Kerle, schlossen sich ihm an. Diesmal nahm er auch unseren
-Forstmann, Herrn Ockel, mit, der an einer geeigneten Stelle eine
-Versuchs-Landwirtschaft anlegen soll. Bei diesem Zuge durch unser
-Gebirgsland hat er die beste Gelegenheit, die Verhältnisse kennen
-zu lernen. Herrn <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn gelang es, eine Anzahl recht
-guter photographischer Aufnahmen von unseren Wahehe zu machen; besser
-wie die meinigen, denn mein „Momentverschluß“ funktionierte nicht
-rasch genug. <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn arbeitet<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> allerdings auch mit
-einem Apparat, der ihm mit allem Zubehör 2000 Mark gekostet hat. Die
-Gelegenheit zu anthropologischen Studien und Schädelmessungen hat er
-hier mit fabelhaftem Fleiße und bestem Erfolge ausgenutzt. Am 26.
-August marschierte <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn hier ab, um sich der Expedition
-anzuschließen. Wie gern hätte ich ihn begleitet, um wieder in Toms
-Nähe zu sein. Auch Herr v. Kleist, der mir nach Toms Abmarsch stets
-treulich Gesellschaft geleistet, hätte den Zug gern mitgemacht, aber
-am 28. Oktober traf mittags 1 Uhr die Post ein, die ihm den Befehl
-brachte, an Leutnant Engelhardts Stelle nach Songea abzugehen &mdash; zwei
-Stunden später war er schon unterwegs. Ein interessantes Jagdabenteuer
-des Leutnants Braun erfuhr ich von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling, der jetzt
-von Idunda zurück ist. Auf einem Jagdausflug sah Leutnant Braun sich
-plötzlich einem Trupp von fünf Löwen gegenüber. Zwei davon brachte er
-zur Strecke, zwei andere entkamen, nur eine alte Löwin stürzte sich auf
-ihn und schlug ihr Gebiß in seine linke Seite &mdash; ein Wunder, daß sie
-nicht ein paar Rippen zermalmt hatte. Leutnant Braun verlor aber in
-dieser gefährlichen Lage nicht die Besonnenheit: er schob die Mündung
-der Büchse mit der Rechten unter dem linken Arm durch und drückte ab,
-zum Glück traf die Kugel so sicher, daß die Löwin tot zusammenbrach.
-Als alles vorbei, erschienen auch die Askaris und Träger, die gleich
-beim ersten Auftauchen der Löwen sich im Pori verkrochen hatten, und
-trugen den schwerverwundeten Jäger nach der Station. Jetzt, nachdem die
-Bißwunden gut geheilt, freut Leutnant Braun sich seines afrikanischen
-Abenteuers.</p>
-
-<p>Tom schreibt recht zufrieden über den Verlauf seiner Expedition.
-Zunächst ist Quawas wichtigster Msagira und Ratgeber, Mkakao, gefallen,
-und vier Weiber von Mpangire nebst dessen fünf Kindern sind gefangen.
-Bis jetzt hat Tom schon 400 Gefangene; das sind Verluste für Quawa, die
-er nicht mehr wieder gutmachen kann.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p136a" name="p136a">
- <img class="mtop2" src="images/p136a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Lagerleben: Wasserträger.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_131">S. 131</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p136b" name="p136b">
- <img class="mtop2" src="images/p136b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Lagerleben im Urwald: Ruhepause.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_141">S. 141</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>Um die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen, suche ich täglich an
-Arbeit zusammen, was irgend geht. Große Kleiderrevision mit Nähen und
-Flicken, Küche und Speisekammer werden gründlich kontrolliert und
-eine allgemeine Inventur gemacht, &mdash; letztere schien mir besonders
-nötig, denn es war mir bezüglich der Ehrlichkeit meiner schwarzen
-Hausbediensteten manches verdächtig vorgekommen. Richtig erwischte ich
-auch einen der Boys, wie er eine ihm vom Koch zugesteckte Flasche Wein
-in Sicherheit bringen wollte. Eine Revision unseres Weinvorrates hatte
-natürlich ein sehr betrübendes Ergebnis: die Kerle hatten gestohlen
-wie die Raben. Natürlich ließ ich sie, obschon es bereits 9 Uhr abends
-war, sofort zur Wache bringen. Den Koch freilich muß ich mir bei Toms
-Rückkehr wiederholen, denn dann ist er mir unentbehrlich &mdash; und das
-Schlimmste bei der Sache ist, daß die schwarzen Schlingel das selbst
-ganz genau wissen.</p>
-
-<p>Auch das Photographieren betreibe ich eifrig, es gelingt mir aber
-nicht, auch nur halbwegs so gute Bilder zu erzielen wie <span class="antiqua">Dr.</span>
-Fülleborn. Am besten geriet noch eine Aufnahme, die ich von einer
-„<span class="antiqua">mpepo</span>“ machen konnte, der ich in der Hauptstraße begegnete.
-Mit grellbunten Tüchern, Perlenschnüren und Fellen behangen, das
-Gesicht rot und weiß bemalt und gepudert, durchzieht diese „Besessene“
-(<span class="antiqua">mpepo</span> bedeutet eigentlich „Geist“, „Wind“, „Sturm“, dann in
-weiterem Sinne eine von einem Geist Besessene, Hexe, Zauberin) die
-Straßen, begleitet von einer ihr ergebenen Frau, die ihre Verzückungen
-und wirren Reden dem staunenden Volke ausdeutet. In diesem oft
-wochenlang anhaltenden Zustand darf der „<span class="antiqua">mpepo</span>“ kein Mann zu
-nahe kommen &mdash; im gewöhnlichen „nicht besessenen“ Zustande dagegen
-ist sie nichts weniger als Männerfeindin &mdash; an die von ihr gebrauten
-Liebestränke und andere „<span class="antiqua">Dawa</span>“ glauben die Schwarzen natürlich
-unerschütterlich fest. Leider konnte ich diese schwarze Miß Mabel
-Vaughan nicht während eines ihrer wilden Tänze photographieren,
-da der Momentverschluß meines Amerikaners wieder nicht klappte.
-Die Spekulation auf die Dummheit der lieben Mitmenschen macht sich
-übrigens auch hier bezahlt &mdash; diese „<span class="antiqua">mpepo</span>“ hat sich ein ganz
-ansehnliches Vermögen zusammengezaubert.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">14. November 1897.</p>
-
-<p>Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom
-entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begeg<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>neten, erzählten,
-Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut
-munter vorwärts &mdash; da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz
-entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der
-Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte
-sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen
-Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ
-ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich
-selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am
-Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns:
-also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er
-behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn
-bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber
-so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor
-der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese
-Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem
-Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg
-frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an
-dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die
-heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern
-begrüßt wurde.</p>
-
-<p>Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen.
-Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga,
-die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und
-Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere
-dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und
-ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen
-vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir
-behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen
-Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit
-dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur
-Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine
-Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> Tränen standen ihr in
-den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte
-Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.</p>
-
-<p>Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen
-Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen
-Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen
-Innern Ostafrikas.</p>
-
-<p>Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem
-Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer
-Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine
-tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein
-ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens
-zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans;
-diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur,
-die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er
-hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft &mdash; zu meinem Bedauern; es
-sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu,
-wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>
-auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner
-Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf
-einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der
-Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er
-es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel
-zu kommen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Auf dem Marsche nach Likininda.</p>
-
-<p>Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage
-sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen
-und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für
-diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn
-Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten,
-daß sie einige Zeit hindurch dem sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> tüchtigen Betschausch überlassen
-werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien
-angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer
-Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den
-Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm
-den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung
-Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere
-Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.</p>
-
-<p>Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an
-diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden
-weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders
-anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der
-Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen
-Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht
-sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim
-Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei
-Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten
-in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben
-machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an
-die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser
-menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu &mdash;
-stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen
-Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen
-müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den
-Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage.
-Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere
-Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der
-Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom
-verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl
-zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir
-die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der
-nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt
-geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante
-Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen
-Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden
-hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher
-kannten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dabagga</em>, 21.
-November 1897.</p>
-
-<p>Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten
-Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau
-auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich
-gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz
-die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja
-übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms
-aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch
-führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere
-Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den
-wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.</p>
-
-<p>Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die
-Tiere selbst zu stoßen &mdash; zu meinem Bedauern &mdash; ich hätte diese
-Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem
-zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet.
-Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes
-Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von
-Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach
-der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein
-Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren
-Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen
-zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können;
-ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den
-Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die
-Baumriesen<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein
-schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch
-seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse
-erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle
-unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen
-ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom
-und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns
-die Erklärung, dies sei das Tal des <span class="antiqua">Muúngu</span> (Gott), welches die
-Menschen nur <em class="gesperrt">schweigend</em> betreten dürften, &mdash; wer dies Gebot
-übertrete, über den habe der <span class="antiqua">Sheitani</span> (Teufel) Macht und werde
-ihm auf dem weiteren Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte
-zu reinigen, daß wir nunmehr dem <span class="antiqua">Sheitani</span> verfallen, ließ Tom
-zum Entsetzen der Karawane Signale blasen, die das Echo der Berge
-weckten; als da kein <span class="antiqua">Sheitani</span> erschien, beruhigten sich die
-abergläubischen Schwarzen sichtlich &mdash; der schwarze Teufel hat also
-augenscheinlich keine Gewalt über Europäer. &mdash; Wir fanden dieses ganze
-Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser gab’s überreichlich, Bergbäche mit
-kristallklarem Wasser durchziehen die Täler, üppiger Farnwuchs deutet
-auf guten Boden. Zum Plantagenbau ist die Gegend sicher besonders
-geeignet, ob für den Pflug, scheint mir fraglich; die Hänge sind sehr
-steil.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kuifuiri</em>, 23.
-November 1897.</p>
-
-<p>Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu
-großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere
-herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen;
-zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden,
-aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden.
-Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch
-(von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines
-Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in
-dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt
-abgebrochen, während des Frühstücks auch das<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Wohnzelt; dann ertönt
-Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während
-des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden
-zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum
-Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit
-Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche
-Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch
-einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird
-eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten,
-Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie
-Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen
-Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Uquega-Likininda</em>,
-2. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis
-4 Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich:
-der Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung
-bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang
-bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den
-Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war
-und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß,
-den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in
-vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.</p>
-
-<p>Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die
-Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind
-zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem
-großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin
-sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam
-uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend
-nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil,
-als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte
-übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Nähe
-kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten
-Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit
-üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen
-Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht.
-Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend
-nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger
-Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt.
-Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger
-Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam
-abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu
-verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig
-entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig
-am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern
-waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige
-Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder
-Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen
-Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle
-Feldarbeit obliegt.</p>
-
-<p>Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der
-Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat,
-wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber,
-wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der
-Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ
-Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren
-bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende
-mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’
-und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die
-Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere
-Quawa-Krieger waren gefallen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Lukossi</em>, 3.
-Dezember 1897.</p>
-
-<p>Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe,
-zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>gabe von Chakula an
-Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der
-Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer
-wegen. Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste;
-er hat sicher früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den
-Dampferpassagieren ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen
-produzieren, indem sie nach kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen
-von Bord aus zugeworfen werden. Es wurde unerträglich heiß: nirgends
-ein Baum oder Strauch, nur der heiße ausgedörrte Boden, dazu kein
-Lufthauch &mdash; der Marsch über die steilen kahlen Berge in der glühenden
-Sonnenhitze ließ mich die Leiden einer Safari gleich <span class="antiqua">en gros</span>
-empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden weit. Auch das Lager mußten
-wir an einem gänzlich schattenlosen Bergabhang aufschlagen und den Tag
-über im Zelt bleiben. Das einzig Angenehme dieses Marschtages war ein
-hübscher Blick nach einem Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze
-Anzahl bildet.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Manasanga</em>, 4.
-Dezember 1897.</p>
-
-<p>Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch
-bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas
-Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen
-prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während
-des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind
-in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden
-Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der
-Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern
-verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe
-brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu
-ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu
-bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche
-Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich
-abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir
-heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. &mdash; Das Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>lände scheint
-günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Landschaft <em class="gesperrt">Quihangana
-Mwakikongo</em>, 8. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und
-Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir die
-Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last (es
-war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät). In
-5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen
-wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen
-besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine
-Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen
-die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken
-allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am
-anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar
-ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet;
-hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz
-zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme
-büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch
-emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche
-Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in
-ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht,
-die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von
-Feldblumen &mdash; mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen
-Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier:
-sie dufteten lieblich.</p>
-
-<p>Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das
-bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein
-großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin
-aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich
-begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden
-marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo.
-Die Gegend scheint ihres<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> Grasreichtums am meisten zur Viehzucht
-geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt,
-auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den
-Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern,
-während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute
-sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man
-sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen
-Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans
-Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen,
-Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee,
-Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel,
-der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück
-Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen
-Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten. Dem
-Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt, befindet
-sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den <span class="antiqua">„le plus
-haut-gôut“</span> nur eine schwache Andeutung ist.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Station <em class="gesperrt">Iringa</em>,
-11. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder
-eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes
-belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen
-zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen
-sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich
-freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden
-und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute
-für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war
-jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während
-solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine
-gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen
-riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der
-der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. &mdash; Kurz
-vor Himbu erreichten<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> uns Boten von der Station mit Briefen: auf der
-Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal
-über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa.
-In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen
-Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche
-erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge:
-jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als
-Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris
-geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf
-machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und
-zutraulich &mdash; noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und
-ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes
-Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie
-mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren,
-konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben
-Verbandmittel für ihre Leute verteilen.</p>
-
-<p>Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem
-vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich
-traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein:
-Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war
-mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich
-Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann &mdash; davon die Hälfte mit
-Hinterladern bewaffnet &mdash; gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab.
-Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das
-Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne
-Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der
-Ombascha zur Station weiter eilte. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ist gleich
-mit Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit
-ohne ärztliche Hilfe &mdash; trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller
-Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher
-immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden
-Wegs abseits unserer<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger
-nennen Tom den „<span class="antiqua">Kapirimbu</span>“, d. h. „der alle Kraft an sich
-zieht“. Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen
-Sultans groß: unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen
-und Schutz vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht,
-und gerade jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält.
-An Stelle des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn
-aufsuchen und seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr
-nach der Station Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer
-großen Überraschung auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann
-v. Prittwitz’ Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant
-Kuhlmann ließ es sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt
-zu feiern. Mit dem Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze
-Genugtuung, selbst beobachten zu können, wie meines Gatten kluges
-Verhalten den Wahehe gegenüber sich bewährt hat &mdash; möchte doch endlich
-auch der letzte Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen
-die deutsche Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die
-Safari uns gut bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine
-Hände haben die Farbe reifer Kastanien.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Sonntag, den 12. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung,
-Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch
-von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant
-Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte
-ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch
-und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen
-mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der
-Hausfrau“ herstellte.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">15. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Am 13. rückte Leutnant Kuhlmann ab. Ich beschäftigte mich viel mit
-Mpangires Kindern, sie tun mir sehr leid. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> macht mir viel Spaß,
-unsere Sudanesenweiber zu beobachten, mit welcher Energie trotz ihrer
-Häßlichkeit sie die Männer unterm Pantoffel haben. Auch der Juma
-kauft sich beim Griechen, dem „Rudolph Hertzog“ im Lande Uhehe, stets
-die teuersten Hemden von leichtem Mullstoff, die natürlich schnell
-zerreißen; auf meine Frage sagte er: „Ja, sonst hat mich meine Frau
-nicht lieb.“</p>
-
-<p>Mit den Händlern habe ich viel Ärger. Dieser Tage boten sie mir meine
-eigenen beiden Strauße, die mir abhanden gekommen waren, zum Kauf an,
-das Stück zu 12 Rupien! Obwohl es weit und breit in der Gegend nur mein
-Straußenpaar gibt, behaupteten sie ganz frech, sie seien ihr Eigentum.</p>
-
-<p>Am 14. Post aus Europa mit Geburtstagsbriefen, Büchern und Wein!
-Ich lege alles beiseite, um Tom am Weihnachtsabend zu überraschen.
-Meine Küche ist nun auch fertig. Der Gouverneur hat mir eine eiserne
-Herdplatte geschickt, nun hat die Negerwirtschaft mit den Steinen ein
-Ende. Eine Küche mit eiserner Herdplatte und einem wirklichen, echten
-Rauchfang &mdash; so etwas hat die afrikanische Sonne in diesen Breiten
-sicher noch nicht beschienen. Nun macht das Kochen noch einmal so viel
-Freude.</p>
-
-<p>Heute stellte sich ein angesehener Häuptling mit 30 Kriegern; einige
-davon waren aus Quawas Lager. Dieser habe, wie sie berichten, einen
-Aufruf an alle Wahehe erlassen, „Wer ihn liebe, solle sich ihm
-anschließen,“ jetzt sei er mit seinem Anhange in Viransi. Auf dem
-Marsche dahin ist der Zusammenstoß mit unserem Sergeanten Richter
-erfolgt. Die Vernehmung der neu angekommenen Quawaleute hatte ein
-interessantes Ergebnis: Der Sultan hat seine Leute ganz militärisch
-organisiert, in Kompagnien mit eigenen Hauptleuten und Unterführern,
-sein Nachrichtenwesen ist sehr gut eingerichtet; es stellt sich immer
-mehr heraus, was für ein gefährlicher Gegner er ist.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Gott sei Dank, Tom kann den geplanten Zug noch nicht unternehmen:
-<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling schreibt, vor dem 1. Januar sei<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Sergeant Richter
-nicht transportfähig. So verleben wir doch den heiligen Abend zusammen.
-Ich konnte und wollte Tom das Herz nicht schwer machen mit Klagen,
-wenn ihn die Pflicht abrief; aber jetzt bin ich froh, daß er nun doch
-Weihnachten noch bei mir ist.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">25. Dezember 1897.</p>
-
-<p>Den heiligen Abend verlebten wir froh, ich mit besonders dankbarem
-Herzen. Auf der Veranda brannte der Christbaum; leider waren die
-bestellten Weihnachtsgeschenke nicht eingetroffen. An die Herren
-auf den verschiedenen Außenposten, Hauptmann v. Prittwitz, Förster
-Ockel, nach der Mission, an Unteroffizier Buchner hatte ich Marzipan,
-Kuchen und Pfeffernüsse geschickt, an den Leutnant Kuhlmann eine
-gebratene Ente, so daß möglichst jeder unserer deutschen Landsleute
-eine kleine Weihnachtsfreude haben sollte. Wir hatten diesmal auch die
-Unteroffiziersmesse eingeladen und waren bei Bowle und Abendessen recht
-vergnügt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">5. Januar 1898.</p>
-
-<p>Neujahr verlebten wir still für uns. Was wird das neue Jahr bringen?
-&mdash; Gestern, an unserem Hochzeitstage, marschierte Tom ab, genau
-zu derselben Stunde, in der wir vor zwei Jahren unseren Traualtar
-aufstellten.... Quawa hatte am 28. Dezember ein Gefecht mit unseren
-Wahehe gehabt und 39 von ihnen erschlagen, er selbst verlor nur 3 Mann.
-&mdash; Am 1. Januar Alarm, weil Unteroffizier Schubert und der Dolmetscher
-unweit der Mission Gewehrschüsse und Weiber- und Kindergeschrei gehört
-hatten. So fing das Jahr für uns an.</p>
-
-<p>Am 2. Januar traf Hauptmann Ramsay bei uns ein, der auch gestern
-abmarschierte. Es war mir eine Freude, einmal einen unserer „alten
-Afrikaner“ kennen zu lernen. Nachts wurde wieder alarmiert.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Januar 1898.</p>
-
-<p>Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche
-&mdash; wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> fehlen. Ich fühle
-mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur.
-<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt,
-um bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können.
-Jede Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung
-geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast &mdash;
-seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem
-kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15
-Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr
-teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die
-ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben
-wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber,
-die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die
-Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im
-Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um
-sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum
-Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne
-Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist
-sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den
-Tag ohne ihn verbringen zu müssen!</p>
-
-<p>Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes:</p>
-
-<p>Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das
-Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin
-hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen
-Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan;
-Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt
-und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160
-ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach
-dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte,
-verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom
-sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten
-abzweigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p>
-
-<p>In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen,
-erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich
-von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten
-Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich
-übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg
-für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht
-überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa
-250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt
-waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es
-den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden.</p>
-
-<p>Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in
-das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus
-Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den
-Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war.
-Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter
-den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe
-Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen
-Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide
-vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er
-soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine
-Anhänger Lebensmittel zu haben.</p>
-
-<p>Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum:
-seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl
-Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und
-Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut
-gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten
-zurückgehalten werden mußten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das ist ein großer Erfolg</em>, umso mehr, als dem Volk durch diesen
-Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager
-nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist.
-Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte,
-bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt
-persönlich in den<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine
-Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein
-Verlust, den er nie mehr ersetzen kann.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Januar 1898.</p>
-
-<p>Mein Leberleiden macht sich wieder fühlbar; ich suche ihm mit
-Karlsbader Salz beizukommen. Der Frühspaziergang, der zu dieser Kur
-gehört, wird zur Inspizierung der Station benutzt, da ich meinen Mann
-auf seinem Rundgang begleite.</p>
-
-<p>Die Moschee ist beinahe fertig, es fehlen nur noch die Türen. Zum
-Beginn des Ramassan soll sie den Arabern übergeben werden. Schon
-jetzt bitten sie Tom, er möge die heilige Stätte nur noch unbeschuht
-betreten. Das Fundament für das Hospital ist gelegt; bis jetzt diente
-eine geräumige, von einem schönen schattigen Baum überschattete Hütte
-als solches; auch eine geräumige Schauri-Hütte ist bereits in Angriff
-genommen, halbkreisförmig mit einer nischenartigen Ausbuchtung für
-den Tisch des Schauri-Leiters, der von da aus sämtliche Anwesende gut
-übersehen kann. Sobald die Moschee fertig ist, geht es an den Bau einer
-Markthalle.</p>
-
-<p>Auf der Station wimmelt es von Wahehe, die gleich Tom auf sichere
-Meldungen warten, um die Quawa-Jagd wieder aufzunehmen. Es ist wirklich
-viel von den Leuten, trotz der Erntezeit hier wochenlang untätig
-zu liegen, während auf ihren Schambas die Feldfrüchte der Ernte
-entgegenreifen. Ihre Anhänglichkeit an Tom hält stand; <span class="antiqua">Dr.</span>
-Stierling sagte noch gestern: wer weiß, wie sich die Wahehe nach Toms
-Abgang stellen würden; sie haben sich ihm persönlich unterworfen, und
-es liegt nahe genug, daß sie seinem Nachfolger auf der Station sich
-nicht so botmäßig zeigen werden. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling sieht wohl zu
-schwarz, immerhin bereitet Tom die Wahehe jetzt schon darauf vor, daß
-er demnächst die Station verlassen werde.</p>
-
-<p>Am 23. ging Leutnant Orthmann nach Idunda ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">30. Januar 1898.</p>
-
-<p>Aufregende Tage; Patrouillen und Meldungen, aber niemals eine sichere
-Nachricht. In Rungembe, welches als Sammelpunkt für die Expedition
-bestimmt war, ist Leutnant Engelhardt mit fast 2000 Kriegern des Merere
-und der anderen befreundeten Häuptlinge angekommen.</p>
-
-<p>Über den Tod des unglücklichen Unteroffiziers Karsjens berichtet ein
-Mann unseres Freundes Farhenga näheres: er hatte den Unteroffizier
-gewarnt, Quawa sei ganz dicht in der Nähe, er solle die Leute, die zu
-seinem Trupp gestoßen, als Spione festhalten &mdash; das ist aber nicht
-geschehen! Andern morgens wurde plötzlich der Posten vor dem Zelte
-niedergeschossen, von den sich um das Zelt sammelnden Askaris fielen
-unter dem mörderischen Mauser-Gewehrfeuer aus dem Dickicht sofort drei
-Mann, ein Vierter etwas später. Unteroffizier Karsjens erhielt beim
-Heraustreten aus dem Zelte die tödliche Kugel. Sein Boy trug ihn nach
-dem Feldbett, wo er binnen wenigen Minuten verstarb.</p>
-
-<p>Die Askaris hatten sich bei dem Überfall sehr schneidig gezeigt;
-nachdem sie die eigene Munition verschossen, leerten sie die
-Patrontaschen der gefallenen Kameraden, ehe sie sich ins Pori
-zurückzogen; Karsjens Boy nahm das Gewehr und die Munition seines
-Herrn nach dessen Tod an sich und versteckte beides im Gebüsch, wo
-sie Unteroffizier Schubert, der zur Beerdigung der Leichen an den
-Unglücksplatz ging, fand. Jeder der Gefallenen hatte zwei Speerstiche
-in der Brust.</p>
-
-<p>Tom hat in diesen Tagen mit der Verteilung von Saatkorn begonnen. Die
-Lebensmittel fangen an, knapp zu werden, deshalb hat Tom so viel Korn
-wie möglich aufgekauft, damit fürs nächste Jahr genügend ausgesät wird.
-Für jeden Sack Saatkorn, den die Leute erhalten, müssen sie nach der
-Ernte zwei Säcke zurückgeben. Ich habe vor ungefähr 14 Tagen den ersten
-frischen Mais geerntet.</p>
-
-<p>Heute meldete ein Mhehe, sein Sohn Magunda, welcher zu Quawas Gefolge
-gehörte, sei von diesem bei dem Lukanda-Über<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>fall gefangen und getötet
-worden, weil er sich auf der Station stellen wollte.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Februar 1898.</p>
-
-<p>Auf der Station reges militärisches Leben, Patrouillen und Boten kommen
-und gehen, und die Schauris nehmen kein Ende. Quawas Beweglichkeit
-erfordert immer neue Maßnahmen. Leutnant Kuhlmann, Feldwebel Merkl und
-die Unteroffiziere auf den einzelnen Posten, jeder muß von den bei uns
-„im Hauptquartier“ eingegangenen Meldungen in Kenntnis gesetzt werden
-und entsprechende neue Instruktion empfangen. In all dem sorgenvollen
-Trubel nur einmal ein Lichtblick: Msatima kommt, mir seine Aufwartung
-zu machen, und zwar angetan mit einer roten Bluse, die ich seiner
-Frau geschenkt hatte. &mdash; Leutnant Kuhlmann meldet, daß Quawa weiter
-westlich zu suchen sei &mdash; also wieder neue Dispositionen an die
-Einzelposten! Herr v. Prittwitz kommt an. Es wird großes Schauri mit
-sämtlichen Jumben gehalten; als dessen Ergebnis erfolgt die Festnahme
-des Jumben Makirendi; er wird an die Kette gelegt und ihm Todesstrafe
-angedroht, wenn seine Leute sich als Verräter zeigen sollten. Das ist
-eine Gewaltmaßregel, zu der Tom durch die gefahrdrohenden Umstände
-gezwungen ist, obwohl er ganz genau weiß, wie leicht die Festnahme
-eines angesehenen Häuptlings schlimme Folgen haben kann. Es bleibt
-kein anderes Mittel, als den Wahehe zu zeigen, daß sie kein doppeltes
-Spiel wagen dürfen; viele von ihnen wollen erst abwarten, ob Quawa
-nicht doch wieder hochkommt, wie damals 1894, wo er bei dem Scheleschen
-Zuge nach Ubena, und früher, gelegentlich der Zulu-Invasion, nach
-Ugogo geflüchtet war und nach dem Abzug der Europäer aus seinem Lande
-triumphierend wieder einzog.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">8. Februar 1898.</p>
-
-<p>Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen
-Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit
-der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolg<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>schaft leisten,
-versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der Berge.
-1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von
-Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher,
-der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während
-sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen
-angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die
-Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans
-verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen
-sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere
-Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden &mdash;
-aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man
-die Achtung nicht versagen kann.</p>
-
-<p>Ein anderes Verhör brachte etwas zu Tage, was Tom längst vorausgesehen
-hatte: 26 von Unteroffizier Lachenmeyer eingebrachte Leute waren Spione
-Quawas! Auf seinen Befehl hatten sie sich unterworfen, um ihren Herrn
-mit dem Ertrage unserer Felder zu versorgen und ihm genaue Angaben über
-die Stärke der einzelnen Stationen und detachierten Posten zu machen.
-Dann sollte an einem bestimmten Tage der große Schlag gegen uns geführt
-werden! Gott sei Dank, daß wir die Möglichkeit eines solchen Überfalles
-niemals außer acht gelassen haben &mdash; was wäre aus uns geworden, wenn
-Tom im Gefühl scheinbarer Sicherheit die schärfste Beaufsichtigung
-unserer neuen Ansiedler und Zuzügler nicht so streng durchgeführt hätte.</p>
-
-<p>Unter diesen Spionen waren auch die Anführer des Überfalles von
-Mtandi und der Mörder des unglücklichen Karsjens; sie waren dem
-Feldwebel Merkl als Patrouillenführer mitgegeben worden; kein Wunder,
-daß der Streifzug keinen Erfolg hatte. Karsjens hatte, wie sich nun
-herausstellt, einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten, der ihn
-niederstreckte, den von seinem Boy auf dem Feldbette niedergelegten
-Wehrlosen hat der Mörder mit zwei Speerstichen in die Brust getötet.</p>
-
-<p>Unsere Leute sind furchtbar erbittert; als für einen sofortigen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-Streifzug unter Unteroffizier Schubert „Freiwillige vor!“ kommandiert
-wurde, traten unsere Askaris sämtlich wie ein Mann vor.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">10. Februar 1898.</p>
-
-<p>Heute marschierte Herr v. Prittwitz ab nach Himbu; Bauleiter Selling
-ist nach Kuifuri, um dort nach Holzarten zu suchen, denen die Bohrkäfer
-nichts anhaben können. Auf der Station wimmelte es von gefangenen
-Weibern, aber auch halbverhungerte Träger finden sich ein; von Förster
-Ockels Karawane sind hier schon 16 Mann eingetroffen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Februar 1898.</p>
-
-<p>Jetzt ist kein Halten mehr; einer der Führer hat Quawas Lagerplatz
-verraten! Tom benachrichtigte sofort alle von der Station
-abkommandierten Europäer, er selbst zog sofort los (nur ein
-Unteroffizier bleibt hier). Zunächst bis Ndéuka, in der Nacht
-geht’s dann weiter, so daß bei Tagesanbruch das Lager überfallen werden
-kann. Gott gebe ihm diesmal Erfolg, damit endlich diese furchtbare
-Aufregung aufhört, der ich auf die Dauer doch nicht gewachsen bin.</p>
-
-<p>8 Männer kommen mit 48 Weibern, um sich zu unterwerfen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">13. Februar 1898.</p>
-
-<p>Aus der Nachmittagsruhe wurde ich durch Lärm auf der Veranda gestört.
-Zuerst glaubte ich, es sei Tom, und rannte hinaus, fand mich aber einem
-schwarzen Ehepaare gegenüber; es war schwer zu sagen, wer von beiden am
-betrunkensten war, der Mann oder die Frau; diese war von ihrem Gatten
-dermaßen geschlagen worden, daß ihr das Blut am Körper herunterlief,
-bei mir hatte sie Schutz suchen wollen. Ich nahm ihr das Kind ab,
-das jeden Augenblick in Gefahr war, ihr vom Arme zu fallen, und warf
-beide Eltern schleunigst hinaus; dann brachte mir ein Suaheli noch ein
-weinendes Kind, welches nach mir verlangt hatte. Es ist ein unruhiges
-Leben auf der Station, eine unheimliche Aufregung hat sich aller
-bemächtigt; auf der Wache können<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> sie kaum alle die Männer und Frauen
-unterbringen, die täglich eingeliefert werden.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">17. Februar 1898.</p>
-
-<p>Gestern kam Feldwebel Merkl mit vielen Gefangenen zurück; er ist krank
-und elend, die Strapazen dieses Marsches bei Tag und Nacht haben den
-kräftigen, kerngesunden Mann entsetzlich mitgenommen. Was unsere
-deutschen Unteroffiziere hier leisten müssen, davon macht man sich in
-Deutschland keinen Begriff, aber sie sind mit einem Pflichteifer und
-mit einer Liebe zur Sache dabei, die höchste Anerkennung verdienen.</p>
-
-<p>Da ich am 14. keine Nachricht von Tom erhielt, muß ich annehmen, daß
-sein Zug erfolglos war. Heute kommt auch die Bestätigung.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">18. Februar 1898.</p>
-
-<p>Von Quawas Anhängern macht sich besonders Kolakola bemerkbar; er
-hat unsere Leute bei Kissinja überfallen und sich dann in unserem
-Tale, unweit der Station, Eßvorräte geraubt; dann überfiel er, nach
-Toms Abmarsch, Lula, schleppte mehrere Kinder fort und erschlug neun
-Leute. Was mir am meisten Sorge macht, ist, daß Tom einem solchen
-unvorhergesehenen Überfall auf dem Marsche zum Opfer fallen kann. Einer
-seiner besten Wahehe erhielt von einem im Grase versteckten Feind einen
-Speerstich in den Oberschenkel, an welchem er verblutete.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Februar 1898.</p>
-
-<p>Tom kam sehr elend zurück. Das Kommando hat er Herrn v. Prittwitz
-übergeben, da der Hauptteil des Zuges erledigt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">26. Februar 1898.</p>
-
-<p>Großer Ramassan mit der üblichen Gratulationscour. Zuerst kommen die
-schwarzen Händler; sie werden von Tom zur Rede<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> gestellt, weil sie sich
-geweigert hatten, unsern Askaris den Mais für 5 Rupien zu verkaufen;
-sie verbrauen den Mais nämlich lieber zu Pombe (<span class="antiqua">pombe</span> =
-eigentlich Bier aus Hirse) und verdienen am Sack dann 15 bis 20 Rupien.
-Dann erscheinen die Araber und Beludschen, die ich mit Tee, Kaffee
-und Schokoladenplätzchen bewirte. Wir waren in nichts weniger als
-festlicher Stimmung &mdash; sollte doch noch an demselben Tage das Urteil an
-den vom Kriegsgericht zum Tod durch den Strang Verurteilten vollstreckt
-werden! Von den zwölf Verurteilten waren drei begnadigt worden.</p>
-
-<p>Nachmittags kamen sämtliche Sudanesenfrauen, 36 an der Zahl! alle
-in ihrem schönsten Staat, mit silbernen Ketten und Armringen von
-riesigem Umfang und großen Silberdosen als Anhängsel, in denen sie
-ihre <span class="antiqua">dawa</span> (Medizin, Zaubermittel) bewahren. Mit ihren faltigen,
-farbigen Gewändern und weißen Tüchern über den schwarzen Gesichtern
-bilden sie wirklich malerische Gruppen. Sie werden wie die Araber mit
-Tee, Kaffee und allerlei Süßigkeiten bewirtet, ebenso wie diese ihre
-Sandalen ablegen, ziehen auch sie vor dem Eintritt in mein Zimmer ihre
-Schuhe aus.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">6. März 1898.</p>
-
-<p>Seit dem 27. Februar liegt Tom an schwerem Bronchialkatarrh zu Bett;
-inzwischen kam Leutnant Orthmann zurück, er hat sich einen tüchtigen
-Gelenkrheumatismus geholt, mit dem er drei Wochen lang sich durch die
-unwegsamen Berge schleppen mußte; heute kam noch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling,
-mit ihm Leutnant Kuhlmann, der an Milzanschwellung mit starkem Fieber
-leidet. Sergeant Richter laboriert an seiner Schußwunde, die Wunde
-eitert noch, und zuletzt wird Lazarettgehilfe Schuster von der 3.
-Kompagnie auch noch krank, starker Bronchialkatarrh mit hohem Fieber.
-Von den acht Europäern der Station sind nur zwei gesund.</p>
-
-<p>Tom hat jetzt eine annähernd genaue Liste von Quawas Anhängern
-aufgestellt: Es müssen deren jetzt noch etwa 250<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> sein. Sein Häuptling
-Kimulimuli, der sich seinerzeit mit Mpangire gestellt hatte, dann aber
-wieder heimlich zu Quawa zurückging, ist jetzt bei diesem gestorben;
-seine Frau hat sich dann erhängt, um ihrem Herrn und Gebieter in
-den Tod zu folgen. &mdash; Als Mpangire noch Sultan war, sollen diese
-und Kimulimuli den zur Unterwerfung bereiten Quawa mit Gewalt davon
-abgehalten haben. Wie viel Blutvergießen wäre vermieden worden, wenn
-Quawa damals mit Tom persönlich hätte verhandeln können.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">9. März 1898.</p>
-
-<p>Vorgestern kamen unsere Wahehe von der Expedition zurück. Ich freute
-mich, das Gaunergesicht unseres braven Farhenga wiederzusehen; gestern
-trafen der neue Zahlmeister und ein Unteroffizier für die 6. Kompagnie
-ein; auch Offenwanger soll mit dorthin gehen. Da bleibt also der Doktor
-allein zurück &mdash; über Mangel an Beschäftigung wird er nicht zu klagen
-haben, er hat hier für vier bettlägerige und zwei revierkranke Europäer
-zu sorgen &mdash; abgesehen von den Schwarzen. Richter mußte operiert
-werden; es wurden sehr große Knochensplitter aus der Wunde entfernt.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">10. März 1898.</p>
-
-<p>Heute besuchten Tom und ich den kranken Leutnant Orthmann. Um jede
-Zugluft abzuhalten, sind die Wände der Strohhütte ganz dicht verstopft
-worden; so kann der arme Patient sich nicht einmal die Zeit mit Lesen
-vertreiben. Wir haben ihm in der Boma ein luftiges, lichtes Zimmer
-herstellen lassen, damit er dort seine Krankheit leichter übersteht.</p>
-
-<p>Mein Name wird hier schon als Machtmittel mißbraucht! Von unseren
-Wahehe wird mir gemeldet, daß 20 Händler und Träger nebst zwei Eseln
-in der Gegend umherziehen und von den Leuten Chakula eintreiben &mdash; und
-zwar in meinem Namen! Tom schickte sofort eine Askari-Patrouille hinter
-ihnen her, die die Kerle auch richtig abfaßte. Heute erscheinen sie
-de- und wehmütig und spielen die reuigen Sünder. Zunächst müssen sie
-den Eigentümern<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> die gestohlene Chakula bezahlen und dann erhalten sie
-wegen Mißbrauchs meines Namens pro Mann 25 Hiebe. Das hat hoffentlich
-gewirkt.</p>
-
-<p>Von Quawas nächster Umgebung, seiner Leibgarde, stellten sich heute
-drei Mann mit Gewehren Modell 71. &mdash; Das Ende des Gefürchteten naht!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">15. März 1898.</p>
-
-<p>Gestern vergnügtes Picknick bei Farhenga in der Nähe des
-Aussichtspunktes; abends gegen 9 Uhr kamen wir bei Laternenschein nach
-Hause. Heute mittag kam Leutnant v. d. Marwitz an; ich hatte ihn mir
-ganz anders vorgestellt, ein breitschulteriger brünetter Hüne. Herr
-v. der Marwitz ist seit vier Jahren in Afrika, er war längere Zeit im
-Kilimandscharo-Gebiete.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">16. März 1898.</p>
-
-<p>Leutnant Engelhardt verabschiedete sich heute, er brachte mir noch
-hübsche Blumen. Zum Kaffee war Herr v. der Marwitz bei uns. Seit langer
-Zeit wieder große Freude: gute Nachricht von zu Hause!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">20. März 1898.</p>
-
-<p>Am 17. war Tom mit Leutnant Kuhlmann nach Dabagga marschiert, um dort
-nach dem Rechten zu sehen &mdash; heute kamen sie schon zurück, also viel
-früher, als ich erwartete. Solche friedlichen Expeditionen lasse ich
-mir gefallen, die Zeit vergeht viel schneller, wenn mich die Angst
-um meinen Mann nicht aufreibt. Morgens besorge ich die Hausarbeit,
-während der tollsten Mittagshitze ruhe ich oder lese, dann holen mich
-die Herren ab zum Krocket oder Spaziergang, wir besuchen unseren
-kranken Leutnant Orthmann und machen Einkäufe bei unserem „Hoflieferant
-Borchardt“, dem Griechen. So vergehen mir die Tage, die Tom abwesend
-ist, im Fluge. &mdash; Mit meiner Hühnerzucht habe ich viel Verdruß:
-die eben ausgekrochenen jungen Perlhühner sind nach wenigen Tagen
-eingegangen. Gestern abend in der blumenge<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>schmückten Messe großes
-Festmahl, gegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> Drewes und Bauleiter Hentrich; die
-Sache verlief sehr hübsch. Wir waren alle sehr vergnügt und kehrten
-erst gegen Mitternacht zu den häuslichen Penaten zurück.</p>
-
-<p>Schnapsels Nachkommenschaft ist erloschen, er überlebt sein Geschlecht.
-Seinen Sohn und präsumtiven Nachfolger hat ein Leopard direkt von
-unserm Hofe weggeholt; der Posten schoß auf den frechen Räuber, so
-daß er seine Beute fallen ließ; so konnten wir den treuen Wächter
-des Hauses andern Tags im Garten begraben. Schnapsel trug bei der
-Bestattung eine dem tragischen Ende seines Sprößlings angemessene
-Trauer zur Schau; er scheint ihn noch lange vermißt zu haben. Einige
-Abende darauf holte der Leopard sich auch noch den andern Hund, und
-zwar diesmal von der Veranda!</p>
-
-<p>Unter unserem Dach hat sich ein Bienenschwarm eingenistet, alles
-Ausräuchern ist vergeblich, wir müssen uns die Mitbewohner also
-gefallen lassen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">30. März 1898.</p>
-
-<p>Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen
-Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter
-Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an
-Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle
-sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des
-Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung
-nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft
-zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde.
-Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter,
-Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte,
-ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine
-interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen
-Zügen und großen, traurig blickenden Augen &mdash; ich mußte an die zarten
-und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken.
-Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> Sikkisultans von
-besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade
-Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu
-holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft &mdash; heute hat sie
-das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn
-er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er
-sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894,
-bald wieder abziehen müßten.</p>
-
-<p>Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre
-ich großes Geschrei &mdash; eine gute Nachricht ist von der Expedition
-eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und
-zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch
-verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein
-Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und
-Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle
-bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den
-Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der
-Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz
-und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um
-die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich
-an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen
-Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich
-nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist
-der Storch eingekehrt &mdash; übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche
-Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer
-Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren
-schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">2. April 1898.</p>
-
-<p>Der 1. April brachte mir eine freudige Überraschung: Tom kam zurück.
-Sein Plan war richtig: die Quawaleute sammelten sich auf einem
-Maisfelde, um Chakula zu holen; sie wurden überfallen, und in dem
-Kampfe fielen die meisten von Quawas letztem<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Anhange, viele wurden
-gefangen, und der Rest ist dermaßen zersprengt, daß es nicht mehr
-lohnte, sie weiter zu verfolgen. In die Freude über Toms glückliche
-Rückkehr mischte sich auch ein gut gemessen Teil Stolz, daß es wiederum
-mein Gatte war, der unsere schlimmsten Gegner in ihrem eigenen Lager
-angegriffen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">6. April 1898.</p>
-
-<p>Gestern feierten wir Leutnant Kuhlmanns Geburtstag; früh sandte ich ihm
-eine Sandtorte und einen Likörbecher, mittags waren der „Jubilar“ sowie
-Herr v. der Marwitz und der neue Zahlmeister unsere Gäste. Ich bin mit
-meinem Koche schon so eingefuchst, daß unsere afrikanischen Diners
-immer vorzüglich klappen! Von der Arbeit macht eine deutsche Hausfrau
-sich freilich keine Vorstellung.</p>
-
-<p>Heute traf ein Mann auf der Station ein, dem Quawa früher einmal die
-Hände und Ohren abgeschnitten und ihn derart verstümmelt an seinen
-Sultan zurückgesandt hatte, um diesem die Strafe für Verräter <span class="antiqua">ad
-oculos</span> zu demonstrieren!</p>
-
-<p>Mittags 12 Uhr marschierte Tom wieder ab; Herr v. der Marwitz und
-Sergeant Richter, dessen Wunde noch immer nicht ganz verheilt,
-begleiteten ihn: auf den Feldern von Iringa sind Spuren gefunden
-worden, die auf Quawa deuten. Es sollen nur drei kleine Lasten
-mitgenommen werden, da muß ich genau überlegen, welche Stücke
-unumgänglich nötig, welche entbehrlich sind.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Karfreitag.</p>
-
-<p>Ich feierte den „stillen Freitag“ in Wahrheit in aller Stille &mdash;
-Gott gebe meinem Manne den langersehnten Erfolg, damit das Land nach
-jahrelangen Kämpfen endlich zum Frieden komme! &mdash; Ein gutes Anzeichen:
-kurz nach Toms Abmarsch stellte sich ein Krieger aus Quawas nächster
-Umgebung! Tom ist auf der richtigen Spur; damit unser Todfeind diesmal
-nicht ausbrechen kann, marschieren Merkl und Hammermeister, die eben
-erst von einem Zuge zurückkamen, gleich wieder in den von Tom ihnen
-bezeichneten Richtungen ab; überall sieht man die Signalfeuer unserer
-Wahehe: das Wild ist umstellt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>Als Belohnung für die Einlieferung Quawas hat das Gouvernement große
-Elefantenzähne im Preis von 5000 Rupien ausgesetzt, die hier für
-jedermann zur Ansicht ausliegen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Ostersonntag.</p>
-
-<p>Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden,
-einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an
-Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im
-Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für
-Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen
-Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können.</p>
-
-<p>Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig &mdash; so auch heute &mdash;
-Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen
-Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern
-erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch
-die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht
-etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">15. April 1898.</p>
-
-<p>Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur
-in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen;
-binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt,
-dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom
-von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch
-die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen
-bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und
-präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der
-Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station
-wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick
-hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die
-Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen
-gebautes Haus &mdash; ein solches<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> hat er wohl nie vorher gesehen &mdash; mag ihm
-eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen
-Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! &mdash;
-In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde,
-den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen &mdash; hat dieser selbe
-gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet,
-sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder
-geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten
-darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris
-unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte,
-die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die
-Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der
-Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten
-ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und
-den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er
-noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille
-erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. &mdash; Doch
-der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich
-die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren
-Herrn im Pori nicht wiedergefunden! &mdash;</p>
-
-<p>So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede
-Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird
-er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich
-erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele?
-In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die
-Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch,
-verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer
-seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst,
-die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich
-dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer
-deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod
-oder Selbstmord!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgaga</em>, den 6.
-Mai 1898.</p>
-
-<p>Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen
-der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine
-Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt
-diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir
-machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die
-trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen,
-Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein
-Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse
-angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine
-Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber
-sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter
-hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder
-in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten.
-Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes
-Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm
-bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt
-afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart,
-die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen
-uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich
-hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser
-Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute
-einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er
-im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach
-Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle
-Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich
-einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgaga</em>, 10. Mai
-1898.</p>
-
-<p>Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz
-befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem
-noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl
-Feuerstellen ist noch vorhanden, auch<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> einige niedere Grashütten
-wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen,
-ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in
-Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung
-bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene &mdash; Spiegel,
-der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es
-einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage
-lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark
-verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz
-für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben
-wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten
-in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw.
-Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend,
-den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter.
-An Stelle meines bisher besten Boys &mdash; er stand bei allen Gläubigen
-als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in
-hohem Ansehen &mdash;, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab,
-habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen,
-klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere
-Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen
-machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche
-erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden &mdash;
-für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und
-unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche
-schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung
-ausgesetzt! Endlich &mdash; ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine
-Perle je wiederzusehen &mdash; kam mein Mpischi ganz von selbst wieder
-an &mdash; seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er
-im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf
-seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem
-Seelenschmerz nicht erholt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Mai 1898.</p>
-
-<p>Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu
-finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant
-v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt.
-Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die
-Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe
-ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben;
-auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt,
-amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die
-Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich
-bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes
-Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim,
-wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit
-leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe
-die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie
-diesmal.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dabagga</em>, 15. Mai 1898.</p>
-
-<p>Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht
-nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr
-ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin
-ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu
-erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder
-den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner
-Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich
-ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch
-zurückhielt.</p>
-
-<p>Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu
-vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine
-genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große
-Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch
-besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.</p>
-
-<p>Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Tataren- oder
-vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt
-seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach
-Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl
-alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag
-wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische
-Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen
-auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen
-dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns
-sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen
-Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden?
-Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig
-für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns
-nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach
-allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der
-vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation
-hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es
-hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet,
-vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten
-sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen
-Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit,
-bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel
-Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie
-aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je
-länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das
-Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht;
-ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich
-ist.</p>
-
-<p>Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum
-Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen
-gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin
-prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich
-kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich:
-Weizen<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei
-Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen
-Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris
-erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen
-auf 170 Meter.</p>
-
-<p>Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das
-Forsthaus und den ersten deutschen <em class="gesperrt">Pflug</em> im Lande Uhehe!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Suka</em>, 20. Mai
-1898.</p>
-
-<p>Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, vier Stunden Marsch nach
-dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere
-topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken
-stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns
-gekämpft haben, sind unsere Führer!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Station <em class="gesperrt">Iringa</em>,
-24. Mai 1898.</p>
-
-<p>Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen
-von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden
-Unfall; ich habe mich prächtig erholt &mdash; von Tom ist es mir fraglich,
-er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir
-schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen
-sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden
-beim Weine und erzählten uns.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898.</p>
-
-<p>Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares
-Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste
-Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz
-ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über
-500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen
-Ereignis Mitteilung machen<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> sollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu
-einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant
-Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für
-Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und
-vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll
-gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein
-Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl.</p>
-
-<p>Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns
-angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags
-ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe
-eingeladen. Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend
-war großer Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes
-Wecken &mdash; ganz so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">31. Mai 1898.</p>
-
-<p>Leutnant v. der Marwitz marschierte heute ab, um die Station Mlangali
-zu übernehmen. Quawa ist verschollen, allerorts, wo er in letzter Zeit
-sich in den Bergen aufgehalten, wird nach seinem Gewehr gesucht; man
-vermutet, daß er tot sein muß, denn es ist kaum anzunehmen, daß er so
-ganz allein sich im Pori halten kann.</p>
-
-<p>Durch ganz Uhehe zieht sich jetzt ein Netz von Straßen. Die Wahehe,
-noch vor kurzem der Schrecken aller Nachbarstämme, bewähren sich
-in friedlicher Arbeit; sie hauen die Wege durch den Urwald, auf
-der Station helfen sie beim Bau einer Tembe, ja auf unserer Safari
-trugen sie sogar unsere Lasten mit Chakula. Ihre stramme Organisation
-zeigte sich besonders beim Bau längerer Straßen, sie arbeiteten unter
-besonderen Aufsehern, jeder Trupp an der ihm übertragenen Strecke, und
-ihre Jumben haben sich in der Nähe der Baustrecke niedergelassen, um
-das Ganze besser kontrollieren zu können.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">1. Juni 1898.</p>
-
-<p>Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer
-Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> der einige
-unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein
-Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. &mdash;
-Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute
-erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie
-aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und
-für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere
-Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu
-erwecken.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">4. Juni 1898.</p>
-
-<p>Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter
-dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem
-flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit
-einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt
-bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da
-wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl
-durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl.</p>
-
-<p>Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden:
-5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen
-ergeben.</p>
-
-<p>Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte
-von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und
-großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden:
-auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als
-Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack
-und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie
-wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt
-werden nun ein paar gute Tage haben.</p>
-
-<p>Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit
-fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere
-Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier
-aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mit<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> der Richtigkeit
-stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin
-ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen:
-Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés,
-gebrannte Mandeln &mdash; für die ich immer geschwärmt! &mdash; und von
-Leutnant Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten,
-auserlesensten Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche
-süßen Herrlichkeiten nicht gesehen &mdash; und nun dieser <span class="antiqua">embarras de
-richesse</span>! Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde
-es wohl nicht abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit
-den Schätzen gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der
-Wein, von dem mir die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die
-Schuhe passen vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus
-denen der Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Juni 1898.</p>
-
-<p>Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das
-Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander
-gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag,
-den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19.
-Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens
-zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. &mdash;
-Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet
-mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">13. Juni 1898.</p>
-
-<p>Meine Wirtschaft muß sehen, wie sie ohne mich fertig wird; ich darf
-vor 10 Uhr nicht aufstehen, dann muß ich warme Bäder nehmen. Juma hat
-das Plätten hübsch gelernt, er stärkt und plättet die Kragen ganz
-schön. Das ist ein großer Luxus, der hier, wo alles „ungeplättet“
-einhergeht, berechtigtes Aufsehen macht. Die Herren wollen sich nun
-auch Plätteisen von der Küste kommen lassen. Sergeant Hammermeister ist
-gestern auf Urlaub<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> nach der Küste abgegangen; wir werden den tüchtigen
-Mann alle vermissen; Tom schätzte ihn sehr als äußerst zuverlässigen
-Unteroffizier, und dann war er, was für unsere Verhältnisse besonders
-ins Gewicht fällt, ein tüchtiger Landwirt, dessen Umsicht wir für den
-Erfolg unserer Weizenernte viel verdanken, und &mdash; <span class="antiqua">last not least</span>
-&mdash; das Schweineschlachten und Wurstmachen verstand er großartig.
-Feldwebel Richters Wunde eitert noch, Unteroffizier Schubert liegt
-wieder an Lungenentzündung, den Feldwebel Merkl hat Herr v. der Marwitz
-mitgenommen, so ist die Kompagnie ohne Unteroffiziere, und Tom und
-Leutnant Kuhlmann besorgen den Dienst allein. Gestern brachte Farhenga
-einen Mhehe aus Quawas Anhang mit 14 Weibern und Kindern an.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">1. Juli 1898.</p>
-
-<p>Heute haben wir den Tischler Wunsch beerdigt. Binnen 1½ Jahr schon
-der dritte Europäer, der dem Fieber erlegen &mdash; alle drei junge,
-kräftige Leute. Sie alle haben sich die Krankheitskeime auf den
-Märschen durch die sumpfigen Niederungen geholt, denn die Lage von
-Iringa ist anerkannt gesund und vor allem fieberfrei. Der Tod war
-für den armen Mann eine Erlösung. Ich habe ihn täglich besucht, er
-war mir so dankbar dafür: nur in den letzten zwei Tagen vor seinem
-Ende konnte ich seine furchtbaren Qualen nicht mehr mit ansehen, die
-ihm doch niemand erleichtern konnte! In den neun Jahren, die er in
-Afrika zubrachte (er war als Laienbruder der katholischen Mission
-herübergekommen), hat er siebenmal Fieber gehabt, d. h. perniziöses
-Fieber; die gewöhnlichen Fieberanfälle werden ja nicht gerechnet.
-Sein Tod wurde durch ein Geschwür herbeigeführt, welches sich nach
-dem letzten Fieberanfall am Ohre bildete und schließlich bis auf die
-Kinnladen ging, so daß der Ärmste weder essen noch trinken konnte. Der
-neue Pater Superior der Mission, Severin, hielt ihm die Grabrede. Das
-Begräbnis war sehr feierlich.</p>
-
-<p>Mit Pater Severin kam zugleich ein neuer Bruder, der mit dem bisherigen
-Superior, Pater Ambrosius, in Ubena eine Missionsstation gründen soll.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p176a" name="p176a">
- <img class="mtop2" src="images/p176a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Station Mlangali.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_173">S. 173</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p176b" name="p176b">
- <img class="mtop2" src="images/p176b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Der erste Pflug im Lande Uhehe.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_172">S. 172</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>Am 23. vorigen Monats traf von Herrn v. Kleist eine Anzahl Obstbäumchen
-ein, die er uns zum Geschenk machte; sie waren sehr sachgemäß verpackt,
-und wir hoffen, daß der größte Teil davon trotz des weiten Transportes
-gut fortkommen wird. Wir gaben die Bäumchen nach Dabagga, weil sie in
-unserm Garten doch vielleicht nicht so gut gediehen wären, wie unter
-der fachmännischen Pflege unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mdogori</em>, 8.
-Juli 1898.</p>
-
-<p>Heute sind es zwei Jahre, daß wir in Perondo ankamen! Ich sitze im
-herrlichsten Urwald, der Tag ist ganz für mich, denn Tom kommt heute
-abend erst von Iduma zurück, wohin ich ihn nicht begleiten konnte,
-da der Tagesmarsch für mich zu anstrengend. Wir brachen am 4. dieses
-Monats von Iringa auf. Unser Haus und meine kleinen Totos habe ich
-einer zuverlässigen Sudanesenfrau übergeben, die ich mir als „Stütze
-der Hausfrau“ angelernt habe. Sie soll die Wirtschaft führen, solange
-ich mich nicht darum kümmern kann, und mich pflegen, wenn ich krank
-bin. &mdash; Hoffentlich erfüllt sie die auf sie gesetzten Hoffnungen. &mdash;</p>
-
-<p>Gestern habe ich nun auch mein Abenteuer erlebt, ohne das ein
-„Afrikaner“ eigentlich keinen Anspruch hat, ernstgenommen zu werden &mdash;
-in Deutschland wenigstens &mdash;: ich habe einem Löwen gegenüber gestanden!
-Ich hatte mir ein schattiges Plätzchen zur Siesta ausgesucht, unweit
-des Lagers, aus welchem die Klänge von „Heil Dir im Siegerkranz“
-und „Ich bin ein Preuße“ zu mir herüber drangen, als plötzlich mein
-Schnapsel mit allen Zeichen des Schreckens und wütend bellend unter
-meinem Kleide Deckung suchte; ich sah mich um: etwa 40 Schritte ab
-steht zwischen den Bäumen eine Löwin! Im ersten Augenblick stockte
-mir der Atem, dann rief ich nach dem Ombascha, der auch sofort
-angesprungen kam, leider ohne Gewehr. Ich sah die Löwin noch im
-Dickicht verschwinden und schickte Askaris hinterher, die Spur war
-aber bald verloren, und die Leute kamen unverrichteter Sache zurück.
-Nach etwa einer halben Stunde wurde ich in meiner Lektüre wieder durch
-Schnapsels Bellen aufmerksam; links von mir, kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> zehn Schritt weit,
-steht die Löwin wieder und äugt nach uns! Hätte mein braver Schnapsel
-mich nicht gewarnt, hätte die heimtückische Bestie sicher den Sprung
-getan! Diesmal trat ich aber schleunigst den Rückzug nach dem Lager
-an, indem ich wieder nach dem Ombascha rief. Auch diesmal entging uns
-die Beute; sie wird aber sicher wiederkommen. Schnapsel band ich fest,
-&mdash; auf ihn hatte die Löwin es wohl zunächst abgesehen, dann stellten
-wir eine Falle mit Selbstschuß. Nun habe ich auch mein Löwenabenteuer!
-Schade, daß Tom nicht zugegen war, sie wäre dann gewiß nicht entkommen.
-Einen Leoparden, der sich in einer von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling gestellten
-Falle gefangen, sah ich kürzlich. Das stattliche Tier hatte die
-Fangeisen mit furchtbarer Gewalt aus dem Boden gerissen und war mit
-denselben auf einen Baum gesprungen, wo sich die Kette derart in den
-Ästen verschlungen hatte, daß ihm jede Flucht abgeschnitten war. Ein
-gutgezielter Fangschuß machte ihm dort ein Ende.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dabagga</em>,
-Sonntag den 10. Juli 1898.</p>
-
-<p>Mittags kamen wir hier an; der Förster hat uns ein reizendes Häuschen
-aus Bambus errichtet, bestehend aus einem Zimmer mit Veranda, und
-bewirtete uns mit einem trefflichen, von ihm selbst bereiteten
-Mittagsmahl. Sehr betrübt erzählte er uns, wie ungern er jetzt von
-der Stätte seiner Tätigkeit scheide; er hat alles so praktisch und
-wirklich schön eingerichtet, daß er nun nicht gern einem andern Platz
-machen möchte. Daß er es rasch gelernt hat, die Eingeborenen richtig
-zu behandeln, beweisen die Wahehe-Ansiedelungen, die sich unter seiner
-Leitung bei der Station Dabagga schön entwickeln.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Juli 1898.</p>
-
-<p>Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von
-denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten.
-Auf Anraten des <span class="antiqua">Dr.</span> Drewes, der von Muhanga gekommen war,
-bewilligte Tom einen Ruhetag &mdash; zu<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> meiner Freude, denn dadurch
-gewinnen wir einen Tag für das schöne Dabagga.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Iringa</em>, 21.
-Juli 1898.</p>
-
-<p>Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es
-hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun
-ein Ende“ &mdash; <em class="gesperrt">Quawa ist tot!</em> Mit dieser Nachricht erst ist Toms
-sieben Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt!
-Wie dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk
-seiner unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller
-Kämpfe und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name
-Tom Prince für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen
-Kolonien. Wer will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem
-Stolze auf den Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte
-Ereignis in dem blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich
-neu geschenkt! Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf
-dem Zuge gegen Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet
-traf ich stets die Vorbereitungen für seinen Marsch &mdash; und durfte ihm
-doch das Herz nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn
-heucheln, während mir die Angst die Gedanken benahm &mdash; und nun steigt
-die Morgenröte des Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! &mdash;</p>
-
-<p>Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte,
-ist freilich gräßlich &mdash; und doch gab es keinen anderen Ausweg, den
-Tod unseres furchtbarsten Feindes dergestalt <span class="antiqua">ad oculos</span> zu
-demonstrieren, daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung
-übrig bleiben kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans
-Quawa mit zur Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein
-ehemaliges Gebiet war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten
-Getreuen und dessen Weib und Kind endlich auch in den Bereich der 2.
-Kompagnie gekommen. Toms Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort,
-als dies der Station gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl
-mit<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> 14 Askaris und 10 Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten
-unseres braven Merkl Bericht hier folgen:</p>
-
-<p>„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach
-dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im
-dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den
-Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und
-aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen,
-einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf
-der Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den
-Boys erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen
-Karabiner Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der
-Mündung geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter
-habe eine Jägerbüchse. &mdash; Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf
-Wahehe schickte ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen
-Leuten hier, weil die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas
-nach Pawaga zeigte und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch
-versteckten Schamben und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht
-ist. &mdash; Am 16. Juli 1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes
-gegen Morgen 4 Uhr ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha
-nach dem südlichen Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem
-Utshungwegebirge zurück wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre
-die ganze Nacht umher. Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais
-und ein Schaf geraubt habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die
-Spur, ins Pori in westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe
-erkennen. Gegen 5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis
-zum 17. d. Mts. trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa
-mit seinem Getreuen und den Boys marschierten jeder in einer anderen
-Richtung. Das Schaf wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d.
-Mts. kam der Ombascha zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer
-in der Richtung Iringa nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur
-verloren hatten. Hier gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags
-12 Uhr erreichte ich es mit<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said
-Ali <span class="antiqua">I</span> und Said Borelli und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten
-Halt, um die zurückgebliebene Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen
-wir einen etwa fünfzehnjährigen nackten Knaben auf uns zukommen, der,
-sobald er uns sah, die Flucht ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf
-energisches Zureden gestand er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war
-des Morgens weggelaufen. Quawa liege drei Stunden weit krank danieder
-und spucke Blut. Gestern abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen.
-Sofort brachen wir auf. Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in
-südwestlicher Richtung einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren
-wir nach Aussage des Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck
-abzulegen und die Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten,
-kletterte ich auf einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der
-Marsch ohne Schuhe sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir
-Rauch aufsteigen. Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen.
-Jetzt konnten wir nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen
-zwanzig Schritt vor uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen.
-Die eine wurde von dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel
-dichtes Gebüsch in der unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt
-hätte, daß uns Quawa vor der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft
-gelungen, schossen wir auf ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa
-hatte seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die
-Leichenstarre eingetreten, und den Schuß, den wir gehört, hatte er sich
-selbst gegeben.“ &mdash;</p>
-
-<p>So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten
-Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt,
-sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig,
-daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen
-Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird:
-5000 Rupien &mdash; etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf
-Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis
-zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und
-Feldwebel<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn
-gekommen.</p>
-
-<p>Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen.
-Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als
-den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun
-endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen,
-um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel:
-die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit
-Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden
-Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der
-freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger
-lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir;
-gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan
-lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise
-ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten
-machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in
-der Tat „die Nächsten dazu“ &mdash; war doch kaum einer unter ihnen, der
-im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa
-beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben
-uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der
-Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an
-der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die
-Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch
-die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn,
-unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann
-die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem
-Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich
-mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es
-dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen
-Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung,
-und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. &mdash;</p>
-
-<p>Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>nahme. Noch im Tode
-gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen
-Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen
-Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in
-den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das
-Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit
-eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen;
-starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend
-herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen
-Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen
-Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit
-und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von
-einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten
-Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel
-Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa
-1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen
-Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von
-Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab,
-entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns
-sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf
-der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem
-tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu
-gehen!</p>
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_6" name="ende_kap_6">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_5.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 6" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s184_kopfstueck" name="s184_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s131_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 13184" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"><span class="kap">Siebentes Kapitel.</span><br />
-Im Frieden. Besichtigungsreisen.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2">26. Juli 1898.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s184_initial" name="s184_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s63_initial.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Fest- und Jubeltage, die Tom reichlich bewilligen mußte, sind nun
-endlich vorüber; der Lärm Tag und Nacht hat mich sehr angestrengt,
-umsomehr, als ich wieder bettlägerig war; in der freudigen Aufregung
-der ersten Tage habe ich mich wohl nicht genug geschont. Heute geht es
-mir besser, die Ruhe wirkt wohltuend. Es waren über 1000 Wahehe zur
-Station gekommen, die in ihren bunten Tüchern einen malerischen Anblick
-boten. Am 19. d. Mts. ist der neue Landwirt Hierl angekommen; als
-Ersatz für Hammermeister kam Feldwebel Liebhard und ein Unteroffizier
-Künster; als früherer Pionier wurde er gleich beim Brückenbau
-angestellt; hoffentlich hört nun das Balancieren über Baumstämme bald
-auf.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">31. August 1898.</p>
-
-<p>Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen
-mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte.
-Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche.
-Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt,
-daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa
-gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen,
-nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die
-unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das
-Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa
-dort<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war,
-lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei
-Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling
-Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer
-im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können,
-wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es
-mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen
-erstiegen, um Ausschau zu halten.</p>
-
-<p>Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für
-ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft
-werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den
-Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich
-scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all
-seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!</p>
-
-<p>Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben &mdash; schon 1891 war er bis
-Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus
-weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit
-einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde
-ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der
-feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen
-Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der
-Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich
-einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich
-bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver
-war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel
-der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen
-Schwarzen zuvorzukommen &mdash; wie atmete er erleichtert auf, als sich die
-Neger als freundlich gesinnt erwiesen.</p>
-
-<p>In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt.
-Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in
-welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh
-ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt &mdash; und dann hieß es
-laufen! Tom<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe
-Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare
-Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen &mdash; und
-damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891
-flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches
-Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu
-Boden geworfen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">3. September 1898.</p>
-
-<p>Heute besuchte mich Mgundimtemi; es fiel mir auf, daß sie nicht mehr in
-Trauer geht, sie trägt wieder bunte Tücher, Ketten und Armbänder. Sie
-hat einen ehemaligen Msagira aus einer reinen Wahehefamilie geheiratet,
-Tom will ihn als Jumbe eines kleinen Bezirkes einsetzen.</p>
-
-<p>Auf der Station treten die Pocken wieder auf, diesmal ziemlich
-bösartig. Die Leute sind zum Glück recht vernünftig, beim geringsten
-Anzeichen bringen sie ihre Kranken. Auch die ankommenden Karawanen
-werden genau untersucht. Etwa eine halbe Wegstunde von der Station
-entfernt ist ein Pockenhospital eingerichtet. Ich wünsche sehnlichst,
-die Lymphe käme endlich von der Küste an, damit wir uns alle impfen
-lassen können.</p>
-
-<p>Von Quawas Grausamkeit werden immer mehr Beispiele bekannt. Als er
-damals von Luhota aus entfloh, hielt er sich einen Tag in der Nähe der
-Station versteckt; dort erschlug er einen seiner Anhänger, dem er nicht
-mehr traute, und schnitt ihm einen Fuß und ein Stück Schulterfleisch
-ab; die am Feuer gedörrten Stücke trug er dann stets bei sich; wirklich
-hat Feldwebel Merkl beides bei seiner Leiche gefunden.</p>
-
-<p>Um so erfreulicher blüht Handel und Wandel jetzt nach des
-Unruhestifters Tod. Tom unterschreibt soeben wieder einen Scheck;
-in diesem Monate haben die Händler bereits 16000 Rupien in die
-Stationskasse eingezahlt. Das ist für unser Iringa doch gewiß ein
-schöner Umsatz. Auch die Bautätigkeit ist rege.</p>
-
-<p>Meinen Geburtstag mußte ich ohne Tom verleben, aber trotzdem ging
-es hoch her! Schon früh am Morgen war alles be<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>kränzt. Dann kamen
-der Wali mit den Honoratioren, der Effendi namens der Kompagnie,
-sämtliche Europäer und Abordnungen von Frauen der Askaris, der Fundis,
-Farhengas große Bibis, kurz, die Gratulanten nahmen kaum ein Ende.
-Abends besuchten mich dann zu meiner Freude die am 18. August hier
-angelangten Schwestern, mit denen ich noch einer Einladung nach der
-Messe folgte; dort wurde ich auch angefeiert. In der Stadt und im
-Askaridorfe herrschte lustiges Treiben an allen Ecken und Enden, mit
-Tanzen und Jubeln. Die Schwestern blieben bis zum nächsten Nachmittage;
-ich hatte aus unserer Vorratskammer mit Hilfe von Decken und Zeug
-ein hübsches Zimmerchen für sie hergerichtet. Auf Toms dringenden
-Wunsch sind uns diese vier Schwestern bewilligt worden, der Präfekt
-Maurus<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> brachte sie uns selbst. Ich empfing die willkommenen Gäste
-mit einem feinen Diner und mit Sekt; dem Präfekten ließ ich einen
-Rosenstrauß überreichen; von dem Empfange waren sie sichtlich gerührt.
-Die Schwestern erzählten mir, daß die Schwarzen ihnen schon viel von
-der weißen Bibi erzählt hätten, die in Iringa wohne, die lesen und
-schreiben könne, stets einen Revolver bei sich trage, sehr langes Haar
-und nur einen Mann habe. Daß die vier neuen Bibis auf der Station
-großes Aufsehen erregten, ist natürlich; ich hatte große Mühe, unseren
-Leuten beizubringen, daß die Schwestern nicht die Frauen der Patres von
-der Mission seien.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">21. September 1898.</p>
-
-<p>In unserem Garten liegen große Stapel von Holzstämmen; die Wahehe
-verdienen sich das erste Geld, was sie je in Händen gehabt, mit
-Baumfällen; sie sind so eifrig dabei, daß sie mehr anbringen, wie für
-die Dachbauten voraussichtlich nötig sein wird. Je nach der Güte der
-Stämme erhalten sie ihre Pesas, die sie vergnügt in der Stadt beim
-Händler schleunigst wieder ausgeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<p>Diese Förstertätigkeit macht viel Arbeit, jeder Stamm muß besichtigt
-werden, und dann zahlt Tom auch den Leuten selbst aus. Am meisten
-beschäftigt ihn jetzt die Steuerfrage! Die Wahehe haben ihre Steuern
-reichlich durch Kriegsdienst und Straßenbau abgeleistet, ebenso die
-meisten Einwohner unseres Bezirkes. Nur die Leute am Ruaha, die
-Wapawegas und andere, die für körperliche Anstrengungen zu schlaff
-sind und denen der Chakula sozusagen in den Mund wächst, sollen eine
-Naturaliensteuer entrichten. Von den Stadtleuten wird eine Hüttensteuer
-erhoben.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">3. Oktober 1898.</p>
-
-<p>Heute ist unser Freund Kiwanga<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> wieder abgezogen; er kam am 28. v.
-M. mit seiner großen Bibi auf Besuch zu uns; wir besuchten ihn auch
-einigemal in seiner Tembe. Ein Versuch, sein ausgesprochen jüdisches
-Profil durch einen Schattenriß an der Wand zu verewigen, scheiterte
-an seiner Beweglichkeit, der photographischen Kamera entging er aber
-auch diesmal nicht, trotz seiner herzbewegenden Klage: „Ach Bibi, jeder
-Europäer macht Bilder von mir, ich werde alle Tage photographiert.“
-Als ich ihm aber die Bilder zeigte, die ich früher von ihm und seinem
-Kriegslager aufgenommen hatte, geriet er doch in die freudigste
-Aufregung. Auch unser braver Schnapsel war in diesen letzten Wochen
-krank, ein großer Hund hatte ihn in den Hals gebissen; dank der
-liebenswürdigen Bemühungen <span class="antiqua">Dr.</span> Drewes und unserer sorgsamen
-Pflege kam er wieder zu Kräften; wir hätten den treuen Hausgenossen
-doch schwer vermißt. Dem Hühnerstalle hat ein Leopard einen nächtlichen
-Besuch abgestattet und 7 Enten mitgenommen; ich glaubte erst, es seien
-Diebe gewesen, heute nacht hat er aber wieder einige 30 totgebissen
-und zum Teil gefressen, auch meine Puten sind verschwunden; deutliche
-Spuren und vereinzelte Federn verrieten aber, daß hier ein zweibeiniger
-Spitzbube auf Konto seines vierbeinigen Kollegen gearbeitet hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">11. Oktober 1898.</p>
-
-<p>Gestern brachte Pater Ambrosius den am Fieber erkrankten Herrn v.
-der Marwitz nach der Station und ging mit dessen Stellvertreter, dem
-Unteroffizier Künster, wieder auf seinen Posten zurück.</p>
-
-<p>Ich war in großer Unruhe! Herrn v. der Marwitz’ Fieberanfall hatte
-noch in der letzten Woche unseren Arzt sechs Tage lang von der Station
-ferngehalten, jetzt gerade, wo ich ärztlicher Hilfe voraussichtlich
-bald dringend bedarf! Gott sei Dank, diese Sorge bin ich los, nun geht
-das „große Reinemachen“ noch einmal so flott. Es soll wenigstens alles
-in Haus und Hof imstande sein, wenn ich nicht jeden Tag selbst mehr
-nach dem Rechten sehen kann.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Utengule</em>, 28.
-Mai 1899.</p>
-
-<p>Schwere Zeiten liegen hinter mir, Wochen und Monate so banger,
-verzehrender Sorge, wie sie nur einer Mutter beschieden sein
-können..... Wir befinden uns auf Safari. Tom hatte schon früher den
-Wunsch geäußert, sich die Gegend hier genauer anzusehen, nun sind wir
-seit dem 27. April unterwegs.</p>
-
-<p>Die Landschaft Irole übertrifft an Fruchtbarkeit alle unsere
-Erwartungen, sie liegt 1400 Meter hoch und zeichnet sich durch gesundes
-Klima und für uns Europäer angenehme Temperatur aus. Am 30. April
-besuchten wir das auf einer Anhöhe bei der Residenz des Jumben Kawenda
-von Irole gelegene Zelewski-Denkmal: eine 8 Meter hohe Steinpyramide
-auf einem 7 Meter hohen Sockel, in welchen eine Kupferplatte mit den
-Namen der zehn Gefallenen der unglücklichen Zelewski-Expedition von
-1891 eingefügt ist. Mit tiefer Rührung las ich die Namen: vor acht
-Jahren fielen zehn deutsche Männer an dieser Stelle im blutigen Kampfe
-gegen die Wahehe &mdash; und heute stehen wir hier als die Herren des
-Landes, und die Wahehe sind unsere tapfersten Kampfgenossen. Das teure
-Blut unserer tapferen Landsleute ist nicht fruchtlos geflossen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p>
-
-<p>Wir schmückten das Denkmal mit Blumen und Laubgewinden und zogen weiter
-in die steilen Utshungwe-Berge. Anhaltendes Regenwetter vereitelte aber
-Toms Arbeiten, Wegaufnahmen und Kartieren; auch ich hatte natürlich
-keine Freude an dieser „Wasserpartie“. Kurze Sonnenblicke, die zuweilen
-die Nebelwand zerrissen, ließen erkennen, daß wir uns in fruchtbarem
-und eigenartig schönem Berggebiete befanden.</p>
-
-<p>Sehr überrascht waren wir eines Morgens, als wir aus unserem Zelt
-anscheinend in eine Schneelandschaft traten; es war jedoch nur der
-frische Morgentau, der auf den dicht behaarten Halmen einer weißlich
-schimmernden Grasart glänzte. Die Täuschung war wirklich überraschend.
-Auf dem Rückzug aus den Bergen mit vielen Flußübergängen ist mir
-besonders eine prächtige Schirmakazie aufgefallen, die ihr flaches Dach
-gegen 7 Meter weit nach allen Richtungen hin ausbreitete; leider konnte
-ich den stattlichen Baum nicht photographieren, Nebel und Regen folgten
-uns auf dem ganzen Marsch bis Malangali.</p>
-
-<p>Von besonderem Interesse war mir auf dieser Safari, daß wir am 5. Mai
-an einem Platze Halt machten, in dessen Nähe ich vor 2½ Jahren mit
-Tom nach monatelanger, in dem Fieberneste Perondo unter Angst und
-Sorge um sein Leben zugebrachter Einsamkeit wieder zusammenkam. Das
-Wiedersehen wog all die sorgenvollen Wochen auf! Noch eine andere
-Erinnerung knüpft sich an diesen Platz: hier wurde damals der Askari
-meuchlerisch ermordet, das erste Zeichen des beginnenden Aufstandes.</p>
-
-<p>Zu unserer Begrüßung kam der Jumbe Lupambile aus Mugama, ein Verwandter
-des Sultans Kiwanga, ins Lager. Er brachte mir die Hühner und andere
-Lebensmittel, die ich vorausgesandt hatte. Ihm vertraute ich meine
-beiden jüngsten Pflegekinder an: Mumiri und Mpanga. Wider Erwarten
-zeigten sich die beiden Kleinen den Anstrengungen der Safari nicht
-gewachsen, die ersten paar Tage hielten sie auf ihren Eseln, die ich
-besonders für sie angeschafft hatte, ganz tapfer aus, besonders Mumiri;
-das kleine frische Kerlchen klammerte sich mit den Armen um den Hals
-seines Grautieres, auf die Dauer freilich wurde ihm diese Stellung<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-doch zu unbequem; sobald er sich aufrecht setzte, fiel er herunter,
-auch wurde er oft von den Bäumen aus dem Sattel gestreift. So war es
-denn besser, die Kinder hier zu lassen, umsomehr, als sie bei Lupambile
-in bester Hand sind.</p>
-
-<p>Am 6. Mai rasteten wir am Iragolabach; von der Fülle der herrlichsten
-Blumen, Lilien und Orchideen, nahmen wir eine Menge Knollen zum
-Einpflanzen mit. Der Zug durch die Landschaft Fuagi war besonders für
-unsere Schwarzen beschwerlich, es fehlte an Holz zum Lagerfeuer; die
-armen Kerle froren Tag und Nacht. Auch der Übergang über den Uuhai
-(Nebenfluß des Ruaha) bot, der steilen Ufer und des weichen Moorbodens
-auf unserer Seite wegen, große Schwierigkeiten; die Karawane brauchte
-länger als eine Stunde zum Durchwaten, ich „schwebte“ wieder auf den
-Köpfen von zwei Askaris über die Flut hinweg; ein besonders langer
-Mhehe stapfte hinterher, um die teure Last vor unfreiwilligem Bade
-zu bewahren, falls einer meiner beiden Träger im Wasser stolpern
-oder fallen sollte. Es ging aber gut ab. Von Wild sahen wir nur ein
-Wildschwein und eine Antilope auf einem Felsblock, deren Silhouette
-sich scharf gegen den rotglühenden Morgenhimmel abhob &mdash; ein prächtiges
-Bild. Am Kufaribache (8. Mai) fand sich viel Brennholz; trotz der
-milden Sommernacht schichteten die Träger wahre Scheiterhaufen
-zusammen, als wollten sie sich nun bei dem reichlichen Holzvorrat
-nachträglich noch an Hitze ersetzen, was sie in den holzarmen Strecken
-entbehren mußten.</p>
-
-<p>Am 9. Mai stellten wir die Quelle des Ruaha fest. Wir hielten da
-einen Ruhetag, weil Tom Berichte schreiben und seine Beobachtungen
-und Aufnahmen in Ordnung bringen wollte. Unser Herbarium erhielt
-auch hier reichen Zuwachs; in dem die Ruahaquelle umgebenden Sumpfe
-wuchsen wunderschöne Blumen, von denen wir uns einen Vorrat preßten;
-freilich mußten wir in dem Sumpf und dem Bache herumwaten. Das ganze
-Land ist sehr wasserreich: binnen sechs Tagen mußten wir mehr als 250
-Wasserläufe passieren, zum Teil von ansehnlicher Tiefe. Am 12. lagerten
-wir am Malangali-Ruaha, den wir zum Unterschied von unserem großen
-Flusse den Ruahabach nannten. Bemerkenswert<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> waren die in der Nähe
-befindlichen charakteristischen Erderosionen, wie man sie selten von
-solcher eigenartigen Schönheit antrifft.</p>
-
-<p>Am 14. Mai trafen wir auf Station Malangali ein, wo Herr v. der
-Marwitz ein wunderhübsches Offiziershaus mit Wohnzimmer, Schlafzimmer
-und Baderaum gebaut hatte. Hier war soeben der arme Geograph Schmidt
-am Fieber gestorben. Auch Idunda passierten wir, die Station, welche
-Tom seinerzeit eingehen lassen mußte, weil der Platz von Dysenterie
-so verseucht war, daß man der Krankheit nicht Herr werden konnte.
-Am Sanibach kamen wir in das Gebiet Mereres, nach Ubena. Der
-Charakter dieser Landschaft ist ganz verschieden von dem Uhehes, lang
-ausgedehnter welliger Steppenhügel mit wenig Wasser, doch fehlt es
-nicht an fruchtbaren Stellen. Am meisten fällt der gänzliche Mangel
-an Baumwuchs auf, es gibt hier meilenweit weder Baum noch Strauch.
-Als Brennmaterial dient der Dünger der Rinderherden, der hier von den
-Schwarzen überall gesammelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet
-wird. Die Temben sind meist aus Schilf, selten ist einmal ein Holzstab
-durchgezogen, den sie sich von weit her holen müssen.</p>
-
-<p>In Gawiro kam uns Merere entgegen, an der Spitze seines Hofstaates.
-Er ist jetzt ganz „Europäer“ geworden, selbst den Gebrauch des
-Taschentuches hat er sich angewöhnt. Übrigens spielt er in
-seinem, gegen manchen seiner Stammes- und Standesgenossen stark
-kontrastierenden Selbstbewußtsein als Sultan eine gute Figur. Mich
-behandelte er mit ausgesuchter Höflichkeit; es imponierte ihm, daß ich
-lesen und schreiben kann. Als Tom in Ruipa neulich Volkszählung hielt,
-sagte Merere: „Wir zählen nicht einmal unsere Rinder, wie sollen wir
-unsere Frauen zählen?“ Daß Tom gefragt wird, wieviel Rinder er für mich
-bezahlt hat, kommt öfter vor.</p>
-
-<p>Beim Einzug in Gawiro war feierliche Einholung; von weither kamen
-uns die Leute entgegen, in Gawiro selbst offizieller Empfang. Merere
-nahm auf dem von seinem Vater ererbten, schön geschnitzten und mit
-Metall eingelegten Stuhle Platz, der ihm überall von einem eigens
-hierzu angestellten Jüngling nach<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>getragen wird. Wir setzten uns neben
-den Sultan. Die Leute knieten nieder, indem sie, die Handflächen
-aneinander reibend, die vorgestreckten Arme hin und her bewegten,
-und sagten „<span class="antiqua">adse senja</span>“ (Gegrüßt seist du, Rindvieh!), worauf
-Merere erwidert: „<span class="antiqua">Guiri juga</span>“ (Guten Morgen, wir grüßen dich!).
-Wenn Merere von einer Reise zurückkehrt, wird er mit dem zweimal
-wiederholten Rufe begrüßt: „<span class="antiqua">Guage senja</span>“ (Guten Morgen, Rind!),
-„<span class="antiqua">Wadjeri Msenga</span>“ (Guten Tag, o Rindvieh!). Die Halle, in der
-diese Begrüßung stattfand, war mit Spiegeln an den Wänden, Fellen und
-Waffen ganz geschmackvoll ausgestattet. Auch die übrigen Räume fand ich
-ganz wohnlich eingerichtet; unter Mereres Stuhl war sogar ein schönes
-Leopardenfell als Teppich ausgebreitet. Von besonderem Interesse war
-für uns Mereres Haus, da es an den Außenseiten mit Wandmalereien
-geschmückt war, die in der ganzen Auffassung des Dargestellten am
-besten für die kindlich naive Anschauungsweise unserer schwarzen
-Freunde sprechen. Auf den Bildern aus grellbunten Erdfarben, die
-der eingeborene <span class="antiqua">al fresco-</span>Künstler sich an Ort und Stelle
-zusammengemischt hatte, war Quawa dargestellt, wie er mit Mpangire
-und seinen Brüdern zum Kriege auszieht, die Fahne voran; ferner ein
-Jäger, der, hinter einem Baum versteckt, auf einen Elefanten schießt;
-die Zeichnung des Elefanten, dem der Maler beide Stoßzähne auf die
-dem Beschauer zugekehrte Seite gemalt hatte, erinnerte lebhaft an die
-naiven Darstellungen auf altägyptischen Bildern; an der Vorderseite
-waren zwei große Giraffen aufgemalt. Diese Wandbilder sind im ganzen
-Gebiete die einzigen Zeichen von künstlerischer bezw. malerischer
-Betätigung; Quawa hatte sie sich auf die Wände seiner Tembe malen
-lassen; da sie in der dunklen Halle jedoch nicht zur Geltung kamen,
-ließ Merere auf den Außenwänden seiner Tembe dieselben Bilder
-anbringen. Bemerkenswert ist auch, daß Merere als erster schwarzer
-Herrscher im Innern sich ein zweistöckiges steinernes Haus bauen läßt;
-das Aufrichten lotrechter Wände macht ihm freilich viel Kopfschmerzen.</p>
-
-<p>Mit Herrn v. der Marwitz, der inzwischen eingetroffen, setzten wir
-uns weiter in Marsch, und zwar kamen wir nun in wild<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>reiche Gegend;
-besonders die Zebras, denen ich auf meinem Maultiere mich bis auf
-etwa 100 Meter nähern konnte, boten einen prächtigen Anblick; die
-mit Leierantilopen vermischten Herden formierten sich manchmal
-wie eine Kavallerie-Brigade mit vorgezogenen Kommandeuren und
-Adjutanten. Bei Usafa, etwa drei Stunden nördlich von Gawiro, geht das
-charakteristische weitgewellte Ubena-Grasland der Uheheberge auf, und
-es beginnt die Tischplatten-Niederung des Mpangali oder großen Ruaha,
-welche zunächst bis zur größten Ortschaft Kiwere mit Busch und Strauch
-bedeckt ist. Über Kiwere hinaus, und zwar bis an den Usafaabfall im
-Westen, die Vorhügel von Niam-Niam im Norden, an die Irongoberge
-im Osten, dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine gewaltige, fast
-baumlose Ebene aus, die zwar in der Regenzeit mit Gras bestanden,
-aber in den trockenen Zeiten, namentlich nach den Grasbränden,
-unbeschreiblich öde wäre, wenn nicht die kolossalen Wildherden Leben
-in das Bild brächten. Verschiedentlich glaubte ich noch aus 1500
-Meter Entfernung, mitten in der gelben Ebene, eine lange Strecke
-Buschwald vor mir zu sehen, der sich aber bei Annäherung als eine etwa
-1000 Stück starke Herde von vorherrschend Zebras und Leierantilopen
-auswies. Rhinozeros und Elefanten sind auch nicht selten, während Löwen
-nachgerade hier zu Hause zu sein schienen. Merere wurde eingehend über
-den Wert des Zebras belehrt. Am Mpangali selbst liegen keine Dörfer,
-wohl aber ist eine Reihe Niederlassungen, meist Neuansiedelungen, durch
-Merere ein bis zwei Stunden vom Flusse ab in der Steppe verstreut; nur
-am linken Ufer ist die Steppe von Ulanga westlich menschenleer und fast
-ohne Wald. Bei Ulanga, einer Niederlassung mit 60 Hütten, trennten wir
-uns am 19. Mai 1899. Merere ging auf direktem Wege nach seiner neuen
-Residenz Utengule, um Vorbereitung zum Schauri zu treffen.</p>
-
-<p>Am Ruaha schlugen wir unser Lager auf, an der einzigen Stelle, wo der
-Fluß einigermaßen passierbar ist; die vielen Krokodile, die sich hier
-aufhalten, machen den Übergang doch etwas riskant, ich balancierte,
-die Füße auf den Hals meines Maul<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>tieres gelegt, glücklich und ohne
-weitere Anfechtung hindurch. Dann trafen wir nach kurzer Mittagspause
-Vorbereitungen zur Kibokojagd (Nilpferd). Ich war in keiner geringen
-Aufregung: zum erstenmal auf Flußpferde pürschen &mdash; da darf man schon
-Jagdfieber haben.</p>
-
-<p>Wir waren kaum 300 Meter am Ufer entlang gegangen, als wir auch schon
-die ersten Tiere sahen: prustend kamen zwei unförmliche Schnauzen
-aus dem Wasser, um nach ein paar schnaufenden Atemzügen rasch wieder
-unterzutauchen. &mdash; Hier faßte Herr v. der Marwitz Posten, während Tom
-und ich weitergingen. Bald fanden wir eine ganze Familie: die Alten
-scheu und vorsichtig immer nur auf Augenblicke den Kopf aus dem Wasser
-reckend, die Totos dagegen vergnügt und sorglos herumplätschernd. Wir
-beobachteten eine Zeitlang das interessante Bild, als plötzlich von
-der Seite unseres Jagdgenossen ein Schuß fiel, dem bald noch mehrere
-folgten. Jetzt galt es auch für uns, zum Schusse zu kommen, ehe die
-Dickhäuter sich von dem Knall verscheuchen ließen. Ich stellte mich
-hinter Tom, um ihm rasch die Patronen zureichen zu können. Es war
-nicht ganz leicht, den stärksten Kopf von den oft nur sekundenlang
-auftauchenden Ungetümen aufs Korn zu nehmen, und es dauerte lange,
-bis Tom endlich schoß. Das getroffene Tier warf sich hoch auf aus dem
-Wasser, schlug mit den kurzen plumpen Beinen und versank dann lautlos;
-wir hatten die Kugel dicht unter dem Auge einschlagen sehen, wenn es
-also nicht zu weit abtrieb, mußten wir das Tier finden.</p>
-
-<p>Die badende Kibokoherde hatte eine Anzahl Krokodile angelockt, von
-denen Tom eins, welches auf einer Sandbank am Ufer sich sonnte, zur
-Strecke brachte; es war ein stattlicher Bursche.</p>
-
-<p>Herr v. der Marwitz hatte Glück gehabt, sein Kiboko hatte ihm den
-Gefallen getan, angeschossen auf das Ufer zu klettern, wo er ihm den
-Fangschuß geben konnte. Angesichts dieses Kolosses wurden wir doch
-zweifelhaft, ob unser Kiboko auch wirklich tödlich getroffen wäre; es
-ließ Tom keine Ruhe, und so ging er denn selbst noch einmal, um den
-Fluß abzusuchen; sehr vergnügt<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> kehrte er mit der Nachricht zurück, daß
-auch unsere Jagdbeute glücklich auf einer Sandbank im Strome gestrandet
-sei.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen galt es, die beiden Kolosse und das Krokodil zu
-bergen. Das war keine leichte Arbeit; unsere Leute strengten sich
-gewaltig an, die starren, unbeweglichen Fleischkolosse durch den Fluß
-und die Uferhöhe hinauf zu schleppen; die Aussicht auf den seltenen
-Überfluß an Fleisch schien ihnen Riesenkräfte zu verleihen.</p>
-
-<p>Die Nachricht von unserem Jagdglück hatte sich mit Windeseile in der
-Gegend verbreitet, von allen Seiten kamen Einwohner der umliegenden
-Dörfer, um von der Beute ihr Teil zu holen. Ehe wir sie ihnen
-überließen, photographierte ich die beiden Kibokos und das Krokodil;
-dann wandten wir uns ab von dem scheußlichen Anblick dieser gierigen,
-heulenden, hungrigen Schar, die mit Messern, Äxten und Speeren in dem
-Fleische der toten Tiere herumwühlte und sich um die besten Stücke
-zankte.</p>
-
-<p>Nur mit Mühe brachten die Wasagiras, die sich vorher schon über die
-Verteilung des Fleisches geeinigt hatten, Ordnung in dieses tobende
-Chaos.</p>
-
-<p>Während hier der tollste Lärm um unsere Riesenbeute tobte, saß Herr v.
-der Marwitz unweit davon am Ufer und holte mit seiner Angelschnur in
-größter Seelenruhe Fisch auf Fisch aus dem Wasser, die uns zu Mittag
-vortrefflich schmeckten.</p>
-
-<p>Nachmittags passierten wir, nachdem wir den Fluß nochmals
-durchschritten, eine Stelle, an der Herr v. der Marwitz vor einigen
-Monaten 32 Flußpferde erlegt hatte; die von den Hyänen abgenagten
-Knochenhaufen machten einen unheimlichen Eindruck. Kurz darauf
-kamen wir nach Ulanga, einem Dorfe mit runden Hütten. Am anderen
-Morgen großer Alarm: soeben war ein Trupp Elefanten dicht am Dorfe
-vorbeigelaufen, in der Ferne konnten wir sie noch sehen! Eine
-Verfolgung blieb, wie zu erwarten, ohne Erfolg, nur einen Antilopenbock
-brachte Tom zur Strecke. Mehr Glück hatten wir später in der Nähe
-einer kleinen Ansiedelung von acht Hütten, Karadja; dort konnte ich
-eine Strecke photographieren, bestehend aus 1 Zebra, 1 Kuhantilope,<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-3 Nämära, 1 Swala, 1 Schwarzfersenantilope. Die Leute leben hier fast
-ausschließlich von der Jagd, Feldfrüchte bauen sie fast gar nicht,
-tauschen solche vielmehr in den Nachbardörfern gegen das Fleisch ihrer
-Jagdbeute ein, und damit ist beiden Teilen aufs beste geholfen.</p>
-
-<p>Im weiteren Verlaufe unseres Marsches hatte ich Gelegenheit, mich dicht
-an einen größeren Trupp von Zebras anzupirschen und die prächtigen
-Tiere lange zu beobachten; ein wunderbares Bild: die zierlichen Tiere
-fühlten sich ganz sicher, die Fohlen spielten und sprangen um die alten
-Tiere herum, die sorglos grasten; erst als mein Maultier hart auf einen
-großen Stein auftrat, schraken sie zusammen und wurden flüchtig.</p>
-
-<p>Das wichtigste Ereignis stand mir jedoch noch bevor. Etwa 150 Schritt
-abseits unseres Weges stieg plötzlich eine schwarze Wolke von Aasgeiern
-auf, dort mußte also ein ausgiebiger Futterplatz sein. Aber sollten
-wir auf diese Entfernung hin das Frühstück gestört haben? Ich schickte
-einen Wahehe nach der Richtung, doch der war kaum in die Nähe gekommen,
-als sich plötzlich ein mächtiger Löwe aus dem hohen Grase erhob! Es
-war ein prachtvolles starkes Tier mit dichter Mähne, die er zornig
-schüttelte. Der Wahehe stand vor Schreck wie festgenagelt, und ich
-meinte nicht anders, als daß der Löwe ihn im nächsten Augenblicke
-unter seinen Pranken haben würde &mdash; aber ich hatte den Wüstenkönig
-überschätzt. Ehe noch Tom aus dem Sattel und mit der Büchse zur Stelle
-war, hatte der Löwe sich schon bis auf etwa 300 Schritt entfernt; dann
-wandte er sich wieder und äugte nach uns herüber, sobald wir ihm aber
-folgten, brachte er immer größere Strecken zwischen sich und uns, bis
-er endlich am Horizonte verschwand.</p>
-
-<p>Das ganze Benehmen deutet auf alles andere, als auf die vielgerühmte
-Tollkühnheit und Tapferkeit des sogenannten „Königs der Tiere“ &mdash; mir
-kam es erbärmlich feige vor, als das kraftvolle stattliche Tier Reißaus
-nahm. Unverbesserliche Optimisten mögen darin vielleicht ein Zeichen
-der sprichwörtlichen „Großmut“ erkennen, daß er sich nicht auf den
-Wahehe stürzte. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> Urteil über die bewundernswerten Eigenschaften
-des Wüstenkönigs scheint mir nach allem, was unsere „Afrikaner“ davon
-erlebt und erzählt und was ich selbst von ihm gesehen habe, sehr der
-Revision bedürftig. Jedenfalls darf man den Begriff „König“ nicht in
-dem Sinn auffassen, wie wir Europäer das zu tun gewohnt sind; man kommt
-der Sache schon besser bei, wenn man den Begriff nach dem Beispiele der
-sehr ehrenwerten Mitglieder des Pickwick-Klub „<span class="antiqua">in a Pickwickian i.
-e. African point of view</span>“ nimmt.</p>
-
-<p>Da Tom für seine kartographischen Aufnahmen den Fluß als Basis
-benutzen wollte, hielten wir uns die nächsten Tage am Ruaha auf. Noch
-am Vorabende unseres Aufbruches, am 24. Mai, hatte ich Gelegenheit,
-mich auf eine Kibokofamilie anzupirschen, die sorglos im Strom badete.
-Ich muß gestehen, daß ich in nicht geringer Aufregung war, als ich
-zum ersten Male die Büchse erhob, das Herz schlug mir hörbar bis
-zum Hals hinauf, so daß ich mein Ziel, den in kurzen Zwischenräumen
-auftauchenden Kopf meines Wildes, kaum fest in die Visierlinie bringen
-konnte: ich hatte das richtige Büchsenfieber! Endlich, als sich meine
-Nerven beruhigt hatten, paßte ich meine Gelegenheit ab; ich blieb im
-Anschlag liegen, bis der ungefüge Kopf des zur Beute erkorenen Tieres
-aus dem Wasser auftauchte, und diesmal ließ ich ihm keine Zeit, mich
-wieder zu necken; noch ehe er wieder im Wasser verschwinden konnte, gab
-ich Feuer &mdash; die Kugel schlug dicht über dem rechten Auge ein, und mein
-Kiboko verschwand im Wasser! Wenn ich auch meiner Sache ganz sicher
-zu sein glaubte, daß der Schuß gut gesessen, war ich doch in großer
-Spannung, in die sich allmählich auch gelinde Zweifel mischten, ob wir
-das Tier finden würden, um so größer daher meine Freude, als unsere
-Leute mit Jubelgeschrei verkündeten, daß mein Kiboko mit weidgerechtem
-Kopfschuß etwas weiter stromabwärts an einer Sandbank angetrieben sei.</p>
-
-<p>Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im
-Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend
-durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als
-afrikanische Staffage belebt dies in<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> majestätischer Ruhe vor uns
-ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im
-Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen
-nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die
-kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln &mdash; es war
-ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren
-Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper
-und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die
-tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille
-Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben
-jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden
-und &mdash; Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen
-machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der
-Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den
-unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest
-und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück
-auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem
-ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes,
-soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es
-mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all
-ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das
-schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem
-Lande erkaufen mußte.</p>
-
-<p>Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft
-und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen
-unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles
-birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe
-sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit
-dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte;
-die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren
-flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> sonnten; Tom schoß
-zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der
-Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar
-gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren
-wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als
-Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht
-der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden
-die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere
-wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod
-zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden
-verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle,
-auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband
-gehörte mit zu den Attributen seiner Würde.</p>
-
-<p>Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen
-<span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir
-im weiteren Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen
-konnten. Wir verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe
-Stunden. Von allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden,
-war der Tanz seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die
-anstrengendste für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24
-Stunden! Wir sahen sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das
-Geschrei dieser schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe
-hinein. Übrigens stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von
-sämtlichen jungen Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu
-nennen war.</p>
-
-<p>Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine
-etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte
-Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz
-seiner Mutter. Die alte Dame &mdash; man kann diesen europäischen Begriff in
-der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung
-auftretende Mutter des Sultans anwenden &mdash; machte auf uns den besten
-Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> mit
-ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die
-kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres
-Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl
-setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch
-die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899.</p>
-
-<p>Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die
-schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten
-Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich
-wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni
-in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum
-Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest
-unserer Safari noch tragen lassen muß.</p>
-
-<p>Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_7" name="ende_kap_7">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 7" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s202_kopfstueck" name="s202_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 202" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"><span class="kap">Achtes Kapitel.</span><br />
-Abschied von Iringa. Auf der Heimreise.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Iringa</em>, 25.
-September 1899.</p>
-
-<div class="dc">
- <a id="s202_initial" name="s202_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s131_initial.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>tarkes Erdbeben. Wie die Wahehe erzählen, werden Erdstöße hier öfter
-beobachtet. In der Tat hatten solche auch in den Tagen nach Quawas Tod,
-vor Jahresfrist etwa, stattgefunden; dieses Naturereignis war damals
-von den Wahehe mit dem politischen Ereignis des Todes des gewaltigsten
-Negersultans in ursächlichen Zusammenhang gebracht worden.</p>
-
-<p>Am 22. November traf die Genehmigung von Toms Urlaubsgesuch ein. Seit
-der Rückkehr von unserer Safari, am 21. Juni, war ich krank, wochenlang
-nicht imstande, das Bett zu verlassen, es war eine furchtbare Zeit.
-Auch Toms Gesundheit war infolge der Strapazen der letzten Jahre so
-erschüttert, daß er, wenn auch schweren Herzens, den schönen Beruf,
-dem er mit Leib und Seele angehörte, wohl aufgeben müssen wird. Ein
-längerer Urlaub in der Heimat wird, so Gott will, uns beide wieder
-für die Aufgabe stärken, die wir uns infolgedessen gestellt haben:
-fernerhin als deutsche Landwirte und Kolonisten in diesem Lande zu
-wirken. &mdash; Nun geht es ans Einpacken. Die Hauptsorge, wo bleiben meine
-Totos, meine kleinen schwarzen Pflegekinderchen, ist auch glücklich
-gelöst. Missionar Neuberg wird sie bis zu unserer Rückkehr in Pflege
-nehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">Weihnachten.</p>
-
-<p>Den heiligen Abend verlebten wir still für uns. Die beiden Feiertage
-folgten wir einer Einladung nach der katholischen Mission, wo die
-erste Taufe an erwachsenen Eingeborenen stattfand. Abends hatten die
-lieben Schwestern der Mission es sich nicht nehmen lassen, uns einen
-Weihnachtsbaum zu schmücken, sie und Pater Severin hatten allerhand
-hübsche Weihnachtsüberraschungen für uns in Gestalt von geschnitzten
-Holzgeräten, wie Näpfe, Löffel und dergleichen, in deren Anfertigung
-die Wahehe sehr geschickt sind.</p>
-
-<p>Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im
-vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten
-wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das
-heilige Abendmahl genommen.</p>
-
-<p>Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der
-Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns
-herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden
-sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie
-hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von
-dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen.
-Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es
-eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung
-hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus
-einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei
-den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten
-vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein.</p>
-
-<p>Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten
-noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten
-mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es
-mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine
-Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute.
-Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter
-militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt
-eine Ansprache an die<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> Askaris, in der er betonte, er freue sich,
-seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu
-können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte
-er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner
-auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe
-unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann
-durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der
-schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich
-gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit
-Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden
-Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des
-Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die
-Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern
-Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg
-hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten,
-dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer
-begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine
-Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren
-benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter
-und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte.....</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">5. Januar 1900.</p>
-
-<p>Der steile Abstieg liegt hinter uns. Das waren anstrengende Tagemärsche
-und noch dazu in strömendem Regen. Das Gebirgsland Uhehe liegt hinter
-uns, jetzt nähern wir uns wieder der Ebene. Der Temperaturunterschied
-ist bereits fühlbar, die frische, reine Bergluft werden wir nun nicht
-wieder atmen, die Ebene mit ihren warmen, fieberbergenden Ausdünstungen
-macht sich geltend. Ich ließ unsere Karawane an mir vorüberziehen,
-Träger, Askaris mit ihren Frauen und Boys, alles in allem etwa 150
-Menschen; unter ihnen die Witwe eines unserer Askaris, eine Sudanesin,
-die nach dem Tode ihres Mannes wieder in ihre Heimat zurückkehren will;
-sie hat mir oft in Haushalt und Küche geholfen, bei<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> dem Begräbnis
-ihres Mannes schloß ich mich dem Gefolge an, nicht als <span class="antiqua">Bibi
-Kwubwa</span> („gnädige Frau“), sondern als Leidtragende, was ihr damals
-von den anderen Frauen als hohe Ehre angerechnet wurde, jetzt geht sie
-unter meinem Schutze zurück zur Küste.</p>
-
-<p>Die Jumben aus der Umgegend stellen sich alle ein, um uns glückliche
-Reise zu wünschen; dabei tauschten wir alte Erinnerungen aus, wie sie
-uns damals feindlich gegenüberstanden, als Quawas Einfluß noch wirksam;
-ich frug sie, warum sie mich damals in Perondo nicht angegriffen
-hätten, obgleich sie wußten, daß Tom auf einem Kriegszuge abwesend
-war; die Antwort lautete wieder: wir hatten Furcht vor dir, man hatte
-uns überall gesagt, du würdest uns alle töten! Nähere Erklärungen
-über diese heikle Frage vermied ich mit diplomatischer Gewandtheit,
-im Stillen segnete ich aber die Urheber jenes Gerüchtes, dem ich es
-verdanke, daß ich mich jetzt wohlbehalten auf der Heimreise befinde.
-Von großem Interesse ist es mir, aus Toms und der Jumben Unterhaltung
-zu hören, wann und wie nahe wir uns oft gegenübergestanden haben;
-das wird jetzt alles mit einer Gemütlichkeit und einem Interesse
-verhandelt, als gälte es einem Jagdzuge auf Kibokos und nicht dem
-Vernichtungskampfe auf Leben und Tod. Gott sei Dank, daß wir jetzt so
-ruhig über jene Zeit reden können.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgowero</em>, 6.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Der Übergang aus dem gesunden Gebirgsklima Uhehes zur heißen Ebene
-macht sich geltend; der heutige Marsch in der Glühhitze war furchtbar.
-Als wir am Lagerplatz unser Zelt aufschlagen ließen, stürzte einer der
-Leute vom Hitzschlag getroffen und starb trotz aller angewandten Mittel
-bald. Seine Frau wollte mit ihrem Jungen, einem allerliebsten kleinen
-Bengel von drei Jahren, bei der Leiche zurückbleiben, doch redete ich
-ihr so lange zu, bis sie sich entschloß, mit mir weiterzuziehen; was
-wäre aus dem armen Weibe in der Wildnis geworden?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Januar 1900.</p>
-
-<p>Übergang über den sehr breiten, aber nicht tiefen Ruaha, in etwa 500
-Meter Meereshöhe. Der Abstieg zum Teil ungemein steil, die Hitze nimmt
-zu. Die Vegetation zeigt schon ein ganz anderes Bild; die herrlichen
-Pelargonien, die in Irole so üppig wuchsen, daß ihre Blüten die
-Hügel und Abhänge ringsum wie mit Rosa überzogen erscheinen ließen,
-sind verschwunden. Der gestrige Todesfall hat bös auf die allgemeine
-Stimmung gewirkt, heute sind uns zwei Träger fortgelaufen; die Hitze
-wird immer fühlbarer; der schöne Algierwein, der all die Jahre über
-unsere Freude und Stolz gewesen, will nicht mehr schmecken, dagegen
-steigt der beinahe verächtlich behandelte Moselwein in unserer
-Sehnsucht; überhaupt kommt alles Saure und vor allem Früchte zur
-Geltung, während uns Fleisch anwidert.</p>
-
-<p>Unter dem Allerleirauh unserer Karawane zeichnet sich ein
-Wanjamwesi-Ehepaar aus; sie hilft ihrem Manne beim Tragen der Last,
-im Lager geht sie mir viel zur Hand; ein angenehmer Gegensatz zu den
-meist so faulen Weibern unserer Soldaten. Die Jumben mit ihrem Anhange,
-die uns hier besuchen, zeigen auch schon einen von den schneidigen
-Wahehe in den Uhehebergen ganz verschiedenen Typus; Jumbe Musaka von
-Marore, der heute im Lager war, machte ganz den Eindruck eines alten,
-gemütlichen Bierphilisters; nichts mehr von jenem stolzen, natürlichen
-Selbstbewußtsein, das unsere stattlichen Wahehe so ungezwungen zur
-Schau trugen; das heiße Klima der Ebene erschlafft.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">8. Januar 1900.</p>
-
-<p>Wir passierten das Dorf Marore; hier waren die Hütten schon alle aus
-Stroh gebaut, nichts erinnert mehr an die Bergstämme von Uhehe. Das
-Land ist von üppigster Fruchtbarkeit, wir sehen viele Ziegen, aber
-keine Rinder.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kisenguana</em>, 9.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Toms Geburtstag! Mein armer Mann ist leider wieder sehr elend, das
-Fieber hat ihn auf unserem Marsche noch kaum einen Tag verschont. So
-feierten wir den Tag recht still.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ndisi</em> (auf
-Deutsch „Bananen“), 10. Januar 1900.</p>
-
-<p>Leider sind die Bananen noch nicht reif. Sehr zustatten kommen uns
-die Rasthäuser, die auf der Strecke angelegt sind, man findet nach
-dem heißen, anstrengenden Marsche doch gleich einen schattigen,
-kühlen Aufenthalt unter dem Schutze dieser weiten Strohdächer; die
-ganze Karawane, Menschen und Vieh, drängt sich um diesen gegebenen
-Mittelpunkt zusammen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mangatua</em>, 11.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam
-uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef
-Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei
-Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg
-ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und
-Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum
-Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben
-Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist
-hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen,
-die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund
-mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk
-in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat.
-Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von
-Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er
-zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer
-Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache
-des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß
-die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den
-angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kilossa</em>, 12.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis
-3½ Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> Station Kilossa,
-die er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die
-schöne Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die
-liebenswürdigste Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer
-freudigen Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen
-hier die Leutnants Sand<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> und Pfeiffer<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>, die, von Dar-es-Salaam
-kommend, auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister
-Asp, der nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes
-Kommen und Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer
-Gastfreunde einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien
-Gäste für sie ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel
-und <span class="antiqua">Dr.</span> Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns
-hergerichtet; wir wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen
-wir uns den Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst
-vergnügt.</p>
-
-<p>Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes,
-den Pater Oberle, auf seiner Station <em class="gesperrt">Mrogoro</em> zu begrüßen, bis
-wohin unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das
-Geleite gegeben hatte.</p>
-
-<p>Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene
-unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem
-aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche
-Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen,
-Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen,
-ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste
-Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen
-habe, 46 <span class="antiqua">m</span> lang, 10 <span class="antiqua">m</span> breit, 8 <span class="antiqua">m</span> hoch. Der Pater
-Superior ließ die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend,
-wie hübsch die deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob
-konnten wir aber<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes
-Orgelspiel spenden. Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit
-1892 befreundet, als Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am
-Abend trennten wir uns von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch
-länger beherbergt hätte.</p>
-
-<p>Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir
-ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das
-Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer
-Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich
-bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen
-biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen
-alten Dame.</p>
-
-<p>Am 17. waren wir in <em class="gesperrt">Mrogoro</em>. Unser Lager ist wieder der
-Sammelplatz aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die
-Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen
-ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden
-wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging
-es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“
-ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden.
-Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei
-Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam
-auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt
-ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird
-erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und
-instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis
-mehr, da man sie dann umgehen kann.</p>
-
-<p>Am 18. passierten wir <em class="gesperrt">Kiroka</em>, das „Pensionopolis“ unserer
-Askaris, von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier
-angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen
-uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten
-wir in Kikundi. Von hier aus wird<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> die Gegend ganz eben, die Rasthäuser
-sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird
-selten.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Sabiro</em>, 19.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch
-das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege
-tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam,
-ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum
-noch gerechnet.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Geringeri</em>, 20.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Die erste verheiratete Europäerin, die ich seit vier Jahren sah.
-Leutnant v. Trotha, auf dem Marsche nach dem Kivu-See, und Sergeant
-Heß, dieser mit seiner Frau auf dem Wege nach Tabora, kamen heute hier
-an; wir bewirteten sie bei uns; sie ist die erste Unteroffiziersfrau,
-die nach einer der Stationen im Innern geht, eine stattliche, große
-Erscheinung, blond, von energischem Wesen; sie scheint mir für die
-Verhältnisse im Innern sehr gut geeignet, und das Beispiel einer
-rührigen, praktischen Hausfrau wird bei dem bekannten Nachahmungstriebe
-der Neger, die gern sich nach den Gebräuchen der höherstehenden weißen
-Rasse richten, sicher gute Früchte tragen.</p>
-
-<p>Am 21. waren wir in <em class="gesperrt">Kigongo</em>, am 22. Ruhetag.</p>
-
-<p>Am 24. Januar bei <em class="gesperrt">Msenga</em>, besonders heißer Marschtag, aber
-auch besonders merkwürdig; wir erreichten den ersten Kilometerstein,
-80 <span class="antiqua">km</span> von Dar-es-Salaam!! Da waren wir also glücklich wieder
-an der Grenze der Zivilisation angelangt; ich glaubte, meinen Augen
-nicht trauen zu dürfen, als sich plötzlich dieses altgewohnte Zeichen
-deutscher Kultur an unserer Karawanenstraße erhob. Wie wir als Kinder
-oft auf der Landstraße die Schritte von einem Meilenstein zum anderen
-gezählt hatten, so kontrollierten wir nun hier, mit der Uhr in der
-Hand, die Zeit, die wir für jeden Kilometer brauchten; das Ergebnis war
-erfreulich, wir machten den Kilometer durchschnittlich in 10 Minuten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1">25. Januar 1900.</p>
-
-<p>Nach fünfstündigem Marsche wohltuende Ruhe. Wir besuchten einen unserer
-früheren Unteroffiziere, Sabatke, der sich hier angesiedelt hat, und
-freuten uns der hübschen Häuslichkeit, in der eine deutsche Hausfrau
-waltet. Das Heim, das sich diese jungen Ansiedler geschaffen, blitzt
-und glänzt von Sauberkeit, unter schattigen Bäumen Tische und Stühle
-mit zierlichen weißen Decken, und ringsum das lebhafte Treiben und
-Lärmen des gutbesetzten Geflügelhofes mit Hühnern, Enten und Tauben,
-auch die Esel gaben ihr Teil zu dem ländlichen Konzert. Nach einem
-letzten Wegetrunk nahmen wir Abschied von unseren Landsleuten und
-kehrten nach dem Lagerplatz zurück, wo wir unsere Leute in freudiger
-Aufregung bei großen Mengen von Reis fanden, an denen sie sich für die
-Entbehrungen auf dem Marsche schadlos hielten. Es war doch oft bei
-ihnen recht knapp zugegangen, doch nun winkt ja das Ende: wir sind an
-der Küste.</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kisserawe</em>, 26.
-Januar 1900.</p>
-
-<p>Auf der Evangelischen Mission. &mdash; Wie schön ist es hier, ein irdisches
-Paradies &mdash; und doch lauert der Tod ringsum in dem Schatten der Bäume,
-noch hat das Fieber hier seine Stätte.</p>
-
-<p>Man kann den Opfermut der Missionare nicht genug bewundern, mit dem
-sie den schier aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind
-aufnehmen, jeder Fuß breit Landes wird schwer erkämpft, Grabsteine
-bezeichnen die Etappenstraße, auf der die Kultur ihren Einzug hält.
-Auf der Station herrscht reges Leben, eine Welt im kleinen hat sich
-hier gebildet, überall wird gearbeitet, denn die Väter führen ihre
-schwarzen Pflegebefohlenen recht eigentlich im Geiste des „Bete und
-arbeite“ dem Christentum zu. Tischler und Drechsler, Schmiede und
-Zimmerleute und was sonst noch alles für Handwerker beim Bau und der
-Entwicklung der Station gebraucht werden, haben sie sich aus dem
-spröden, aber bei verständnisvoller Behandlung doch bildungsfähigen
-schwarzen Menschenmaterial herausgemodelt. Ein schönes<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> Haus mit Türen
-und Fenstern zeugt von dem erzieherischen Wirken unserer evangelischen
-Mission; der Segen der Arbeit ruht sichtbar auf ihrem Tun. Nachdem
-uns die Kinder noch mit einigen deutschen Gesängen erfreut, nahmen
-wir Abschied von den gastfreundlichen Missionaren und gingen nach
-unserem Lagerplatze bei Pugu, der Versuchsstation für Viehzucht, die
-Gouverneur Liebert angelegt hat. Dort trafen wir Herrn Leopold, der aus
-Dar-es-Salaam zur Besichtigung der Station gekommen war, und verlebten
-einen fröhlichen Abend.</p>
-
-<p>Der Gegensatz der abwechselungsreichen Geselligkeit der letzten Tage
-zu dem oft monatelangen Entbehren europäischer Gesellschaft &mdash; für uns
-während der letzten vier Jahre doch eigentlich der Normalzustand &mdash;
-wirkte geradezu aufregend; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt
-erschien uns aber der erste Reitersmann, der unbehindert durch Träger,
-Askaris, Weiber und Boys wohlgemut sein Rößlein tummelte &mdash; wir sind an
-der Küste!</p>
-
-<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dar-es-Salaam</em>,
-Kaisers Geburtstag, 1900.</p>
-
-<p>Wir sind da! Der erste Abschnitt unserer afrikanischen Tätigkeit ist zu
-Ende. Morgen gehen wir an Bord des „Herzog“, der uns der alten Heimat
-zuführen soll. Nicht für immer, ein Erholungsaufenthalt von einigen
-Monaten soll meinem Gatten, den Asthma und Fieber in den zehn Jahren
-seiner ostafrikanischen Tätigkeit bös mitgenommen haben, und auch mir,
-an der diese vier Jahre Ostafrika nicht ohne Spuren vorübergingen,
-frische Spannkraft verleihen zu unserem Lebensziel: als deutsche
-Landwirte in friedlichem Wettstreite an unserem Teil mitzuarbeiten an
-der wirtschaftlichen Erschließung unseres <em class="gesperrt">deutschen</em> Afrika.</p>
-
-<p>Dazu wolle Gott uns seinen Segen geben!</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_8" name="ende_kap_8">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 8" /></a>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p212b" name="p212b">
- <img class="mtop2" src="images/p212b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">&emsp;&nbsp;<span class="s5">Massow<span class="mleft2">Frau v. Prince</span></span><br />
- <span class="s5">Hasso&emsp;&nbsp;&emsp;<span class="mleft3">Adalbert</span></span><br />
- Frau v. Prince mit ihren Kindern.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_213">S. 213</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s213_kopfstueck" name="s213_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/s131_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 131" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel"><span class="kap">Neuntes Kapitel.</span><br />
-Wie unsere Plantage entstand.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="s213_initial" name="s213_initial">
- <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s213_initial.jpg" alt="V" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">V</span>orstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten
-geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche
-Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat
-gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im
-gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs,
-von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher
-Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen.</p>
-
-<p>Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen
-sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk.
-Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in
-den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus
-Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter,
-sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen
-und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man
-all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann
-mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt
-verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte
-ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe,
-mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo
-aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte,
-den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der
-schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm
-hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p>
-
-<p>Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste
-Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des
-damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt
-in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der
-Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v.
-Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging.
-Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen
-hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen.</p>
-
-<p>Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller
-begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte,
-die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der
-Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft,
-die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, &mdash; es ist immer wieder,
-als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen &mdash;
-begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir
-von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen
-Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste
-aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen.</p>
-
-<p>Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika
-Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa
-1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das
-Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns
-zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte
-uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich
-steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir
-ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem
-Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb,
-weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe
-zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist
-auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit
-vor der<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit
-steten Einfällen drohten.</p>
-
-<p>Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen
-vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten
-Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser
-Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es
-richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man
-achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten
-stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine
-scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß
-man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß.</p>
-
-<p>Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage
-gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als
-im lieben alten Deutschland.</p>
-
-<p>Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem
-angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene
-kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf
-eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu
-bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen
-besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für
-irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf
-einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre <span class="antiqua">Bibi</span> (Frau)
-sein.</p>
-
-<p>So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten
-Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es
-bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit
-der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird
-man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben
-müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen
-zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang
-zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und
-die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den
-anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar.<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> Während von dem
-von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite
-suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und
-schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder,
-und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material,
-das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es
-wieder und wieder heißt: „Heut sind vier &mdash; sechs &mdash; zehn Arbeiter
-verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung.
-Gewiß &mdash; auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der
-Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb
-des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren,
-wo er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei
-kommt eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika,
-nämlich zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos.
-Ich hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für
-unsere Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in
-der Not meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe
-bringen. In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten &mdash; aber
-als ich sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich
-darauf, ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum
-baten. Jetzt läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „<span class="antiqua">Cherchez
-la femme.</span>“ &mdash;</p>
-
-<p>Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere
-zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager,
-nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine
-Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel
-harter Arbeit &mdash; und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig
-zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die
-Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich
-ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um
-unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den
-Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf
-gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten
-fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden
-Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und
-Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt &mdash; manchmal kam mir’s
-vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p216a" name="p216a">
- <img class="mtop2" src="images/p216a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Ziegeltrocknen in der Sonne.<br />
- <span class="s5">Im Hintergrunde die Schuppen.</span><br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_223">S. 223</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p216b" name="p216b">
- <img class="mtop2" src="images/p216b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Landschaft in West-Usambara.<br />
- <span class="s5">Im Mittelgrund Wasser tragender Küchenboy.</span><br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_226">S. 226</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p>Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die
-Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer
-genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale
-siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn
-solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er
-geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten
-Schaden an.</p>
-
-<p>Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des
-Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie
-eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich.
-Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände
-gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert;
-wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige,
-Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen
-erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des
-Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich
-die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch
-gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt
-schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald
-kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt.
-Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute
-unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches
-Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte
-Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt.</p>
-
-<p>Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange
-noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“.
-Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter
-nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> Köpfen herangeschleppt.
-Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs
-des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein
-stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit
-Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen
-Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der
-starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall
-mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die
-Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei
-nasser Erde verklebt.</p>
-
-<p>Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den
-festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten
-wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten
-und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen,
-Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar
-auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen.</p>
-
-<p>Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr
-Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen
-absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam,
-daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können.
-Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten
-brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus
-und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner
-Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich
-und täglich neue Freude an jedem Fortschritt.</p>
-
-<p>In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar
-nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich
-bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt
-hatten; wie empfanden wir’s, als wir &mdash; das Angenehme immer gern dem
-Nützlichen zugesellend &mdash; uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes
-Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen
-mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über
-romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor
-allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum
-ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der
-Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von
-denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch
-durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit
-Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte!</p>
-
-<p>Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden.</p>
-
-<p>Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an,
-der Assistent &mdash; wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor
-sagen; natürlich ein Weißer &mdash; trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein.
-Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen,
-und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine
-Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. &mdash; Nach
-dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten
-Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine
-besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen,
-und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt
-der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die
-Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der
-Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im
-letzten Augenblick springen die Schläger &mdash; sechs Mann z. B. bei einem
-Stamm von etwa drei Meter Umfang &mdash; geschickt zur Seite und begleiten
-das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die
-Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das
-Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor,
-ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des
-Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg.</p>
-
-<p>Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen
-die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> und
-Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten,
-die Steinschläger und Ziegelformer &mdash; denn wir arbeiten ja nun auf
-das wirkliche Haus los &mdash;, endlich der große Trupp, der den Spuren
-der Axtschläger folgt. Es beginnt der <em class="gesperrt">erste</em> Kleinschlag am
-gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das
-Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt.</p>
-
-<p>Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder
-die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter
-erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt
-übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort
-unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt
-sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in
-undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu
-Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken
-ausschauen.</p>
-
-<p>Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum <em class="gesperrt">zweiten</em>
-Kleinschlag. Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren
-Äste fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest
-in kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen
-die Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den
-Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende
-Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben
-und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der
-beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn
-unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt
-aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen
-Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen
-nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei
-bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen
-Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein
-gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große
-Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich
-kann es mit gutem Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>wissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute
-existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht
-vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den
-Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht
-nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von
-den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man
-kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus.
-Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden,
-für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie
-stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig <em class="gesperrt">gerechte</em> Behandlung hat
-er Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn!</p>
-
-<p>Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir
-bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier.
-Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten
-Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt
-werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde
-stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 <span class="antiqua">cm</span> tief und
-60 <span class="antiqua">cm</span> breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde
-auszufüllen sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die
-Beete, denn die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat
-sich nach einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes
-Wetter, so kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen,
-die in den Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden
-herausgenommen und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie
-an mit unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. &mdash; aber ich will hier
-keine Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten,
-das ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug.</p>
-
-<p>Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten
-Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat &mdash; von der
-Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal
-gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich
-noch weit mehr überraschten, als das Auftreten<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> der Heuschrecken
-selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie
-übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel
-abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines
-Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die
-Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber
-noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von
-Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran.
-Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten
-sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe
-nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit.
-Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche
-gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf
-aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als
-diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen
-Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere
-liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. &mdash;</p>
-
-<p>Als unsere Plantage &mdash; ja immer das Wichtigste! &mdash; einigermaßen im
-Gange war, konnten wir endlich auch an den Bau eines massiven Hauses
-denken. Guter Ton für die Ziegel war nach einigem Suchen gefunden
-worden, und die Ziegelei mit all ihren Finessen längst im Betrieb.
-Für das Fundament unseres Hauses aber brauchten wir Steine; zum
-Steinschlagen jedoch hatten die Neger merkwürdigerweise weder Neigung
-noch Fähigkeit. Es war ihnen zu neu, sie bildeten sich auch wohl ein,
-es sei eine furchtbar anstrengende Arbeit. Erst nachdem ihnen mein
-Mann höheren Lohn gab und einige besondere Vergünstigungen zugestand,
-ließ sich das seltsame Vorurteil wenigstens bei den besten überwinden.
-Allmählich lernten sie sich auch ganz gut ein: anfangs schlugen sie
-nur kleine Steine los, bald verstanden sie jedoch auch größere Quadern
-zu lösen. Übung macht den Meister. Umständlich und schwierig war der
-Transport der Steine zur Baustelle, wie auch der der Ziegel. Einen
-Fahrweg anzulegen, lohnte nicht, zumal da eingefahrene Tiere nicht zu
-kaufen sind. Ein Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>such mit Eseln aber scheiterte kläglich an deren
-Störrigkeit. So mußten wir schließlich doch zu der alten afrikanischen
-Transportart zurückgreifen: die Steine und Ziegel wurden von den Negern
-herangetragen.</p>
-
-<p>Nachdem wir sehr gründlich als unsere eigenen Architekten den Plan des
-Hauses durchberaten hatten, ging’s ans Abstecken und das Bodenausheben
-für das Fundament. In der Nähe der Baustelle war ein Loch ausgehoben
-worden, in dem der Mörtel zurechtgestampft wurde. Leichtfüßige
-Knaben trugen ihn in leeren Petroleumfässern &mdash; die in Afrika ein
-gar begehrter, vielseitig verwendeter Artikel sind &mdash; den Maurern
-zu, die schon am Werk waren mit nicht geringem Geschrei: „<span class="antiqua">Udongo!
-Udongo!</span>“ &mdash; „Erde her!“, also ungefähr unserem „Lehm up“
-entsprechend. Die Herren Maurer sind wie bei uns verschieden geschickt;
-so erhielten die gewandteren die Erker, Fenster-, Türkanten zugewiesen,
-die minder tüchtigen die glatten Flächen, wobei sich freilich beim
-Nachprüfen mit dem Lot oft genug die Notwendigkeit ergab, ein ganzes
-Stück windschiefer Arbeit wieder einreißen zu lassen, denn Augenmaß ist
-den Negern nicht gegeben.</p>
-
-<p>Mit wachsender Freude sahen wir die Mauern emporsteigen und den Inder
-in Tätigkeit, der hier den Zimmermann spielte, Tür- und Fensterrahmen
-und den Dachstuhl bearbeitete. Grade damals &mdash; zwischen Tür und Angel
-sozusagen &mdash; wurde mir mein erster, kleiner Usambarit geschenkt, der
-mit seinem schwarzen Milchbruder um die Wette prächtig heranwuchs, ja
-jenen bald überholte.</p>
-
-<p>So kam das Rüstfest heran, denn ein solches darf auch in Ostafrika
-nicht fehlen. Als der Dachstuhl lag und mit Wellblech, wie hier fast
-überall, eingedeckt war, meldeten sich die Maurer um ihren Backschisch,
-und ein junges Öchslein mußte zur Feier des Tages sein Leben lassen;
-natürlich auf „koschere“ Art, denn die meisten Neger essen kein
-Fleisch, wenn das Tier nicht am Halse durchschnitten wurde &mdash; selbst
-mit der Jagdbeute verfahren sie nach Möglichkeit so.</p>
-
-<p>Bald war das Haus auch verputzt, und frohen Sinnes zogen<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> wir in
-das erste Zimmer, das fertig geworden war. Wirklich sehr frohen
-Sinnes, weil das Wohnen in der Hütte uns durch die Ratten gründlich
-vergällt wurde &mdash; so sehr, daß wir sogar schon reumütig zu den Zelten
-zurückgekehrt waren. Endlich, endlich hatten wir jetzt ein eigenes,
-festes Dach über uns! Eine bleibende Stätte! Es kam uns vor, als hätten
-wir einen steilen, steilen Berg erklommen und dürften nun befriedigt
-und dankbar von unserer Höhe auf die arbeitsreiche Zeit zurückschauen,
-die hinter uns lag, und zuversichtlich hinaus auf die Zukunft vor uns!</p>
-
-<p>Stillestehen, ruhen und rasten freilich darf man nie. Unsere Anlage
-wurde denn auch fortgesetzt vergrößert und ausgebaut. Massive Ställe
-entstanden und massive Arbeiterwohnungen, zu denen sich die Waschambaas
-drängten &mdash; solch schmuckes, sauberes Häuslein zieht sie doch mächtig
-an &mdash; und wir erkannten in ihrem Bau ein wichtiges Mittel, uns einen
-festen Arbeiterstamm zu sichern. Natürlich erhält jeder Mann zu seinem
-Hause auch soviel Feld, wie er haben will, um ihn recht seßhaft zu
-machen, und er wird bei der Einrichtung nach allen Richtungen hin
-unterstützt. Ich muß es immer aufs neue wiederholen: wir sind ja auf
-den Neger angewiesen und müssen ihn durch seinen Vorteil an uns zu
-ketten suchen.</p>
-
-<p>Die Plantage machte die erfreulichsten Fortschritte; wir können bis
-heute mit dem Wachstum des Kaffees durchaus zufrieden sein. Mit
-welcher Freude verfolgt man das von Jahreszeit zu Jahreszeit! Am
-schönsten ist es, wenn die Pflanzung abblüht; dann sieht es aus, als
-wenn frischgefallener Schnee über den Feldern liegt, und geht man
-hindurch, so duftet es fast betäubend. Später beobachtet man wieder
-den Fruchtansatz mit gespanntem Interesse, die wachsende Rundung und
-Vergrößerung der Kirsche. Allmählich färben sich die grünen Beeren
-dabei gelblich, schließlich nehmen sie eine prachtvolle Purpurfarbe an,
-und ihr süßliches Fleisch winkt den Vögeln als schmackhafte Speise.
-Nun ist auch die Zeit der Ernte gekommen. Männer, Frauen und Kinder
-ziehen mit ihren Körben in langen Reihen aufs Feld. Am Nachmittag wird
-das Geerntete heimgebracht und am Pulper aufgeschüttet. Der Strahl
-einer Wasserleitung führt die Kirschen durch den Pulper, wobei sie
-ihres Fruchtfleisches beraubt werden, in die Gärbassins. Darauf kommt
-der Kaffee &mdash; die Bohnen &mdash; in Waschbassins, während die Schalen
-für spätere Düngung gesammelt bleiben. Die Bohnen wandern dann zur
-Sonnentrocknung auf Tennen, wo sie beständig gewendet werden müssen,
-und schließlich, oder bei schlechtem Wetter auch sofort, in die
-Aufbereitungsanstalt. Bei schlechtem Wetter! Ja, des Wetters Gunst
-oder Ungunst spielt bei uns dieselbe Rolle, wie nur bei irgend einem
-ostelbischen Agrarier, und heilfroh sind wir, wenn der letzte Träger
-mit dem letzten Sack Kaffee sich auf den Weg zur Bahnstation macht.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p224a" name="p224a">
- <img class="mtop2" src="images/p224a.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Blick auf unsere Kaffeeplantage.<br />
- <span class="s5">Im Vordergrunde offene, mit gutem Boden für die Pflanzen hergerichtete
-Löcher.</span><br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_224">S. 224</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p224b" name="p224b">
- <img class="mtop2" src="images/p224b.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Unser fertiges Wohnhaus.<br />
- <span class="s5">Rückseite mit Aussicht auf den Hof.</span><br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_224">S. 224</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p224c" name="p224c">
- <img class="mtop2" src="images/p224c.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit
- Durchblick in das Speisezimmer.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_224">S. 224</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p224d" name="p224d">
- <img class="mtop2" src="images/p224d.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Idyll auf dem Hofe der Kaffepflanzung zu Sakkarani.<br />
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_229">S. 229</a>.)</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p>
-
-<p>Meine besondere Hausfrauenfreude ist natürlich mein Garten. Da
-blühen und duften als deutsche Lieblinge längst Veilchen und Rosen,
-zwischen ihnen aber auch eine schöne Afrikanerin, eine lilienartige
-Amaryllis mit einem prächtigen Kranz von fünf großen, weißleuchtenden,
-bräunlichrot gestreiften Blättern. Zu den ersten Apfelsinenbäumen
-haben sich Apfelbäume und Pfirsiche hinzugesellt, welch letztere in
-anderthalb Jahren drei Meter hoch wurden und prächtig tragen; auch
-Kirschen, Birnen und Pflaumen ernte ich schon. Ausgezeichnet gedeihen
-die angepflanzten Eukalyptusbäume, die in vier Jahren die enorme Höhe
-von fünfzehn Metern erreichten und mich, aus der Ferne gesehen, oft
-an unseren heimischen Fichtenwald erinnern. An europäischem Gemüse
-fehlt es meiner Küche nie. Aber auch allerlei Versuchsbeete sind
-angelegt worden: Chinin, Kampfer, Gerberakazie. Man muß erproben,
-was zu bauen sich lohnt. Neuerdings versprechen wir uns, neben dem
-Kaffee, viel vom Kautschuk und, was meinen Lesern neu sein wird,
-von Zedern-Anpflanzungen. Das Zedernholz ist ja, schon für die
-Bleistiftfabrikation, ungemein gesucht. Ich darf’s als unsere bestimmte
-Hoffnung verraten: unsere Usambara-Zedern werden dereinst es mit den
-historischen vom Libanon mindestens aufnehmen können.</p>
-
-<p>Wie wir leben?</p>
-
-<p>Wir arbeiten! Das ist das beste. Aber man denke nun<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> nicht, daß wir in
-ostafrikanischer Einsamkeit versauern. Es gibt heut, mindestens bei uns
-in den schönen Usambara-Bergen, keine Einsamkeit in dem Sinne, wie der
-Deutsche in der Heimat sich das vorstellen mag. Es fehlt uns durchaus
-nicht an Verkehr. Gleich den Gutsbesitzern daheim wechseln wir Besuche
-mit den befreundeten Besitzern der Nachbarplantagen, mit den Herren vom
-Bezirksamt, mit den Gästen des nahen Sanatoriums. Das Traumbild, das
-uns vor fünf Jahren, beim ersten Einrücken in unser Reich, aufstieg,
-hat sich nun verwirklicht, und so mancher Leidende aus den heißen
-Gebieten holte sich im Usambara-Sanatorium bereits frische Kraft.</p>
-
-<p>Und dann gibt es viele, viele liebe Gäste. Freilich ist der Besuch
-sehr verschiedener Art. Da sind, um mit dem Auslande anzufangen,
-durchreisende Engländer; besonders dankbar für die genossene
-Gastfreundschaft. Dann deutsche Jäger: zumal willkommen hiesige
-Bekannte und solche Männer, die, wie Prof. Dr. Paasche, aus reinem
-Interesse für die Kolonie zu uns kommen und sich mit offenem Blick
-in ihr zu orientieren vermögen. Auf der andern Seite fehlt’s aber
-auch nicht an „verbummelten Genies“, die sich von einer Plantage
-zur andern durchfuttern und die man nicht selten, mehr oder
-minder sanft, herausgraulen muß, am leichtesten meist durch sich
-steigernde Einschränkung &mdash; der geistigen Getränke. Weiter kommen
-Stellungsuchende, oft sehr fragwürdiger Art, und auch Goldsucher fehlen
-nicht. Wir liegen wirklich nicht mehr außerhalb der Welt. Was bedeuten
-denn die vier Stunden zu unserer Bahnstation Mombo? Für unsere Eltern
-war’s daheim oft weiter bis zum nächsten Schienenstrang. Ein Hotel
-gibt es eben in unserer Nähe nicht, und so ist jeder Reisende auf
-Gastfreundschaft angewiesen, die aber überall in Deutsch-Ostafrika aufs
-freundlichste gewährt wird.</p>
-
-<p>Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen?
-Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter
-ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne
-Rinderherde. Eier gibt’s reichlich &mdash; nur sehr klein sind sie. Frisches
-Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> manchmal Rind und Schwein;
-Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut
-zubereitet etwas ganz Vortreffliches.</p>
-
-<p>Früh &mdash; meist recht früh &mdash; gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und
-kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht
-mit Gemüse und Kompott; am Abend &mdash; um 6 Uhr wird nämlich mit der
-Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette &mdash;
-gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und
-Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben
-Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir
-nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal
-ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu
-Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen.</p>
-
-<p>Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere
-Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen
-Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch
-Wildnis &mdash; heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles
-Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen
-Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement
-verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut
-ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 <span class="antiqua">ha</span> bebautes Land
-ergeben auf 10 <span class="antiqua">ha</span> Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich
-ein bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber
-ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn
-ermöglicht &mdash; und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen
-Kolonialbahnen eifern.</p>
-
-<p>Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der
-Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der
-Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man
-träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke
-an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister,
-liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am
-festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die
-Briefe von den<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht
-bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die
-Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in
-so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel,
-den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde
-ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe
-immer aufs neue dagegen an.</p>
-
-<p>Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um
-sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren
-mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen
-wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde
-gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen.</p>
-
-<p>Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und
-begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr
-viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein
-Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre
-dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre.
-Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen.</p>
-
-<p>Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen
-Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten)
-und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler
-&amp; Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute
-Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen
-bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen
-auch Velhagen &amp; Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen.
-Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages
-Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen
-beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und
-suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das
-kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich
-auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich
-selber in Zucht zu halten.</p>
-
-<p>Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> eigenem Grund
-und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein
-nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten
-Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir
-entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer
-ausgedehnteren Jagdexpedition &mdash; immer wir beide, denn in Afrika (und
-das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen
-wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern
-&mdash; „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht
-ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner,
-erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens.
-Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt,
-heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses,
-seines Komforts &mdash; und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit
-unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge
-prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben
-mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag
-vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste
-Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und
-Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem
-Nesthäkchen anzunehmen.</p>
-
-<p>Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt.
-Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in
-hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen,
-daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen
-des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden
-übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der
-Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara
-entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen
-der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny,
-auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer
-Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den
-mein Mann von Sakkarani aus in<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde,
-angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat
-mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen
-Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen.
-Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen
-Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen
-die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki
-bekam sogar ein Sultanat. &mdash;</p>
-
-<p>Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns
-<em class="gesperrt">Nigmann</em> und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine
-hervorragende Rolle auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell
-entschlossen eilte Hptm. Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte
-die Station Wahenga noch in elfter Stunde und befreite sogar die
-fern im Süden gelegene Station <em class="gesperrt">Songia</em> von den sie umlagernden
-Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme der dortigen Gegenden sind,
-beweist der Umstand, daß bei Songia der einzige Europäer, der in dem
-Aufstand im offenen Felde gefallen ist, <span class="antiqua">Dr.</span> Wiehe, den Heldentod
-fand. Abermals hat Heldenblut besonders schwarzer deutscher Untertanen
-den Boden Afrikas getränkt, möchte es segensreiche Frucht tragen und
-endgültig allen Kampf von dem schönen Lande fernhalten.</p>
-
-<p>Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen,
-tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch in
-brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem aus
-dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern sind
-manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder wie
-Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn in Hamburg
-am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d.
-Marwitz, Albinus, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Ollwig, sind noch so glücklich, ihre
-Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun
-weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm
-Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst
-nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> am
-Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August
-die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga.</p>
-
-<p>Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres
-hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich
-noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er
-dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und
-Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird
-er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird
-sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das
-Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen
-Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet
-werden.</p>
-
-<p>Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige
-Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert
-unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von
-Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses
-Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt
-und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege
-und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der
-Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt
-das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem
-Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der
-selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch
-eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64
-Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und
-nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem
-die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir
-unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines
-Hierseins &mdash; 3 Tage &mdash;, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2&ndash;4
-Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich
-mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute
-überzeugen. Dieses sind durchweg<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> Leute, die bei der Einwanderung
-10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne
-Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland
-Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes,
-menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie
-&mdash; je zahlreicher desto besser &mdash; litt, um so mehr wird er die Wohltat
-des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden,
-relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden
-bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht
-unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht
-gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen,
-vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für
-die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger
-zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer,
-freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln,
-Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf,
-ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch
-die Milch hätten.</p>
-
-<p>Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für
-den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes
-freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen,
-von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der
-moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur
-ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen
-können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand
-im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die
-intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den
-wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen.</p>
-
-<p>Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen
-aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten
-Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten
-sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen
-verarmten Familien zu er<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>möglichen, ein neues segensreiches Leben zu
-beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich,
-gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern
-wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen,
-sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und
-dort zu schönem Stamme aufschießt.</p>
-
-<p>Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher
-auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie
-Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden;
-sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen
-können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr
-Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen
-zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen
-Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den
-ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer
-nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die
-Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich
-einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus
-verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern
-gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu
-führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute
-sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig
-zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die
-Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht
-fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint
-werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die
-Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre
-(es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen
-und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als
-Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren
-Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in
-Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich
-dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in
-erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da
-es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde
-und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und
-die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt
-für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p233" name="p233">
- <img class="mtop1" src="images/p233.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise
- nach Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896.<br />
- <span class="s5">1. Hr. Dr. Arendt. 2. Hr. Justizrat Dietrich. 3. Hr. Amtsgerichtsrat
- Schwarz. 4. Hr. Oberstabsarzt Hönmann (der hiesige Begleiter). 5.
- Hr. Oberamtsrichter Kalkhof. 6. Hr. Ingenieur Hackbarth (Leiter der
- Usambara-Bahn). 7. Hr. v. Prince. 8. Hr. Kapitän Doherr von der
- Deutsch-Ostafrika-Linie. 9. Hr. Lehmann. 10. Hr. Bezirksamtmann Zache
- von Tanger. 11. Hr. Oberst v. Massow. 12. Fr. v. Prince.</span>
- <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_231">S. 231</a>.)</span></p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/p233_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span></p>
-
-<p>Für Unverheiratete, die in der Steppe eine Farm gründen wollen, sind
-Kapitalien von 30000&ndash;50000 Mark erforderlich. Für Familien mit Kindern
-ist eine Ansiedlung dort wegen der Malaria nicht zu raten.</p>
-
-<p>Ich schreibe dies im „Wonnemonat Mai“, wo zu Hause alles blüht und
-sprießt und zu neuem Leben erwacht ist. Auch uns gibt der Mai frisches
-Leben durch seine große Feuchtigkeit. April und Mai sind für uns die
-Winterzeit, die hier sogenannte große Regenzeit, für sie wird schon
-Monate vorher fleißig vorgearbeitet. Da wird der Boden urbar gemacht
-und zubereitet, um die Pflanzen, wenn die Regenzeit beginnt, aufnehmen
-zu können. Den neuen Anpflanzungen gibt der Regen frische Kraft,
-daß sie schneller anwurzeln. Dies ist für alle Kulturen das gleiche
-und ändert sich nur in der Art des Geländes; bei Grasland z. B. ist
-die Arbeit eine entsprechend geringere als bei Buschland. Ein guter
-Pflanzer ist derjenige, der bis zur großen Regenzeit &mdash; so genannt zum
-Unterschied von der kleinen Regenzeit im November und Dezember, weil es
-in diesen Monaten weniger regnet &mdash; sein gestecktes Ziel erreicht hat.</p>
-
-<p>Überhaupt, gesund sind wir alle! Früher galt der Satz als unumstößlich
-richtig: wo es in Afrika fruchtbar ist, ist es ungesund und gesund
-nur, wo es unfruchtbar ist. Nun, Usambara liefert den Beweis, daß
-das in dieser Verallgemeinerung nicht zutrifft. Auch außerhalb der
-Usambara-Berge weist Deutsch-Ostafrika noch weite, weite Strecken
-Landes auf, in denen der Deutsche arbeiten kann.</p>
-
-<p>Ich hoffe und ich glaube es bestimmt, unsere Berge werden in nicht
-allzu ferner Zeit vielen fleißigen deutschen Siedlern eine neue Heimat
-auf deutschem Boden gewähren. Es herrschen vielfach auch darüber ganz
-übertriebene Vorstellungen, welches Grundkapital dazu erforderlich
-sei, sich hier eine Existenz zu gründen.<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> In Wirklichkeit gehören dazu
-nicht Hunderttausende. Schon mit einem Kapital von 30&ndash;50000 Mark kann
-man vorwärtskommen. Freilich: das Vermögen allein tut es wahrlich
-nicht. Zäher Fleiß und unbeugsame Energie und die Gabe, sich in den
-neuen Verhältnissen zurechtzufinden, müssen sich dazu gesellen. Man muß
-sich zu schicken wissen, muß Entbehrungen in den Kauf nehmen können.
-Man darf nicht mit den Allüren des großen Herrn nach hier kommen, der
-einen breiten Train mit sich führt, mit kostspieligem Aufsichtspersonal
-rechnet. Selbst ist der Mann &mdash; das gilt hier! Und die Frau muß dem
-Mann als wahre Helferin, recht als guter Kamerad zur Seite stehen.
-Das Leben ist auch hier ein Kampf. Aber dieser Kampf birgt unzählige
-Freuden in sich. Das Ringen mit der Wildnis, das Erschließen eines
-Stückchens Land nach dem anderen gewährt immer neue Genugtuung. Und
-immer neue Befriedigung bringt auch das Erhalten des Errungenen, denn
-die Wildnis sucht sich jedes Fleckchen Erde, das man ihr abgewonnen,
-unausgesetzt zurückzuerobern. Wir sind glücklich bei alledem gewesen,
-andere können es auch sein: in dem Bewußtsein, für die eigene Familie
-zu arbeiten, die Pflicht gegen sie &mdash; und zugleich damit eine Pflicht
-gegen unser teures Vaterland und seine schönste Kolonie zu erfüllen.</p>
-
-<p>Dort oben auf meinem Bücherbrett stehen Goethes Werke &mdash; er hat auch
-uns ein gutes Wort gegeben:</p>
-
-<p>„Wenn jeder von uns als einzelner seine Pflicht tut und jeder nur im
-Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, so wird es um das
-Wohl des Ganzen gut stehen... Jeder wisse den Besitz, der ihm von der
-Natur, von dem Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu
-steigern; er greife mit allen seinen Fähigkeiten so weit umher, als er
-zu reichen fähig ist. Immer aber denke er dabei, wie er andere daran
-will teilnehmen lassen.“ &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende_kap_9" name="ende_kap_9">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg"
- alt="Schlussstück Kapitel 9" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="s237_kopfstueck" name="s237_kopfstueck">
- <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg"
- alt="Kopfstück Seite 237" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center"><b>Ballade.</b><a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor"><span class="s5">[13]</span></a></p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">shairi la bwana Prinzi.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">1. <span class="antiqua">sasa ntawakhubiri</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">1. Ihr, die ihr noch nicht wißt,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">khabari zilizojiri</span></div>
- <div class="csscell bl">Was hier sich zugetragen,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">toka mwanzo na akheri</span></div>
- <div class="csscell bl">So wie’s die Wahrheit ist,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">zote pia ntawambia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Will ich euch alles sagen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">2. <span class="antiqua">moyo umetanaffasi</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">2. Zwar ist mir herzlich bang,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">wala sina wasiwasi</span></div>
- <div class="csscell bl">Ob mir dies wird gelingen</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">sifu za bwana Prinzi</span></div>
- <div class="csscell bl">Auf Prince einen Lobgesang</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">sasa ntawahadithia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Will ich euch allen singen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">3. <span class="antiqua">ntamsifu kwelikweli</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">3. Zu euch, die fern von hier,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">hatta na walio mbali</span></div>
- <div class="csscell bl">Sein Lob auch Weg soll finden.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">wayasikie makali</span></div>
- <div class="csscell bl">Drum lauschet alle mir,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">yote nitayowambia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Ich will sein Lob verkünden.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">4. <span class="antiqua">Prinzi ni mtu mwema</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">4. Prince ist ein guter Mann,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">ana wingi wa heshima</span></div>
- <div class="csscell bl">Dem viele Ehr’ gebühret.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">wala sipati kusema</span></div>
- <div class="csscell bl">Doch ich nicht sagen kann,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">nanyi mnajionea.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Ob ihr davon erführet.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">5. <span class="antiqua">Prinzi mtu mkali</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">5. Prince ist ein tapf’rer Mann;</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">anayo nyingi akili</span></div>
- <div class="csscell bl">Verstand und Mut nicht fehlen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">tazameni na dalili</span></div>
- <div class="csscell bl">Seht als Beweis euch an</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">mamboye yatawelea.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Seine Taten, die alles erzählen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">6. <span class="antiqua">Prinzi mtu thabiti</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">6. Prince ist der richt’ge Mann,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">aogopwa barra Afriti</span></div>
- <div class="csscell bl">Ohn’ ihn es schlimm aussähe.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">Wahehe na Wamafiti</span></div>
- <div class="csscell bl">Zur Ordnung hält er an</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">adabu zimewengia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Mafiti und Wahehe.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">7. <span class="antiqua">aingiapo vitani</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">7. Er ist ganz umgetauscht,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">hana akili kitwani</span></div>
- <div class="csscell bl">Wenn in den Kampf er zieht.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">umthanni <em class="gesperrt">sakrani</em></span></div>
- <div class="csscell bl">Er scheint von Wein berauscht,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">jinsi anavoghasia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Und alles vor ihm flieht.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1"><span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span>8. <span class="antiqua">Mzungu huyu thabiti</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">8. Er ist Europas Zier.</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">wala hahofu mauti</span></div>
- <div class="csscell bl">Sein Mut läßt sich nicht beugen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">twamjua watu woti</span></div>
- <div class="csscell bl">Wir kennen ihn alle dafür</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">kweli nnayowambia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Und können es allen bezeugen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">9. <span class="antiqua">wala sineni uwongo</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">9. Die Wahrheit ich euch bring’,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">thabiti wangu utungo</span></div>
- <div class="csscell bl">Nichts ist daran verkehret.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">sifa za huyu Mzungu</span></div>
- <div class="csscell bl">Und Princes Lob ich sing’,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">ote tumezisikia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Wie wir es alle gehöret.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">10. <span class="antiqua">Mzungu huyu shujaa</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">10. Die Wahehe, Prince sei dafür Lob,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">Wahehe walitaa</span></div>
- <div class="csscell bl">Sich ihm unterwerfen kamen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">imeondoka khadaa</span></div>
- <div class="csscell bl">Der Wahn ist geschwunden drob</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">kwa Wahehe ote pia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Den Wahehe allen zusammen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">11. <span class="antiqua">Prinzi ana bahati</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">11. Viel Geschick hat Prince, unser Herr,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">wala kunena sipati</span></div>
- <div class="csscell bl">Euch brauch’ ich es kaum noch singen,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">nawambiani kwa oti</span></div>
- <div class="csscell bl">Doch möcht’ ich es übers Meer</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">Ulaya jermania.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Nach Europa den Deutschen bringen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">12. <span class="antiqua">maneno yangu ni kweli</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">12. Exzellenz v. Schele nur fragt</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">mwuzeni von Scheli</span></div>
- <div class="csscell bl">Wollt unwahr mein Wort ihr finden</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">atawapani dalili</span></div>
- <div class="csscell bl">Denselben Bericht er euch sagt;</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">na khabari yote pia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Die Beweise wird er euch verkünden.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">13. <span class="antiqua">yafaa kuheshimiwa</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">13. Prince neue Würden erlang.</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">na daraja kuzitiwa</span></div>
- <div class="csscell bl">Er verdienet gar viele Ehren.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">kupawa na umayoa</span></div>
- <div class="csscell bl">Er erhalte den höchsten Rang,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">zama ataporejea.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Wenn nach Haus er zurück wird kehren.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">14. <span class="antiqua">ni hayo yangu maneno</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">14. Er hatte hier schwere Zeit,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">eme toa bika kwa mno</span></div>
- <div class="csscell bl">Wie keiner in der Runde.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">wala hapana mfano</span></div>
- <div class="csscell bl">Drum erklinget weit und breit</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">nami najimsifia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Sein Lob aus jedem Munde.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">15. <span class="antiqua">tafathali bana Scheli</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">15. Mit ihm zum Herrscher zu geh’n,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">sultani mkabili</span></div>
- <div class="csscell bl">Bitt’ ich dich, <span class="antiqua">bana</span> Schele;</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">mwenende wote wawili</span></div>
- <div class="csscell bl">Und alles, was wir geseh’n,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">umweleze yote pia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Du ihm getreulich erzähle.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">16. <span class="antiqua">umwambie mtu mwema</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">16. Sag’ ihm, wie tüchtig er sei,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">amwongezee heshima</span></div>
- <div class="csscell bl">Daß neue Ehr’ er ihm baue.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">ampe na nyumba njema</span></div>
- <div class="csscell bl">Er gab ihm ein Haus, schön und neu,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">apate kufurahia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Damit er sich daran erfreue.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">17. <span class="antiqua">mwambie bana Kaisa</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">17. Sag’ es dem Kaiser an,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">kalla neno aliweza</span></div>
- <div class="csscell bl">Der geben kann nach Gefallen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">naye ni mtu aziza</span></div>
- <div class="csscell bl">Er ist ja ein mächtiger Mann,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">sultani wetu pia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Der Herrscher von uns allen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1"><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>18. <span class="antiqua">tamati ntawakifu</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">18. Doch gekommen bin ich zum End’,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">ya Prinzi kumsifu</span></div>
- <div class="csscell bl">Daß Princes Lob ich euch singe.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">ni huo wake wasifu</span></div>
- <div class="csscell bl">Sein Verdienst, das jeder hier kennt,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">ote nimesha wambia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Ist wahr, so wie ich’s euch bringe.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">19. <span class="antiqua">nnakuaga kwa heri</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">19. Und nun sei der Abschied gemacht;</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">nasikia wasafiri</span></div>
- <div class="csscell bl">Ich höre, du willst verreisen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">nimetunga ushairi</span></div>
- <div class="csscell bl">Ich habe in Verse gebracht,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">sifa zako zote pia.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Was wir alle hier an dir preisen.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="padleft1">20. <span class="antiqua">wakatabahu hakiri</span></span></div>
- <div class="csscell bl"><span class="padleft1">20. Der Dichter des Lied’s ist gering,</span></div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">Baraka bin Shomari</span></div>
- <div class="csscell bl">Mbaraka, Sohn des Shamari.</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell"><span class="antiqua">ndio mtunga shairi</span></div>
- <div class="csscell bl">Ich euch allen das Lied hier sing’,</div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">mwanzo hatta akhiria.</span></div>
- <div class="csscell padbot0_5 bl">Von Anfang bis zu Ende.</div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="figcenter break-after">
- <a id="ende_anhang" name="ende_anhang">
- <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg"
- alt="Schlussstück zum Anhang" /></a>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="s5 center">E. S. Mittler &amp; Sohn, Berlin
-<span class="antiqua">SW.</span>, Kochstr. 68&ndash;71.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="figcenter break-before">
- <p class="caption_top center">Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in
- Deutsch-Ostafrika.</p>
- <p class="caption_top">Lageplan von Sakkarani, des jetzigen
- Besitztums.</p>
- <a id="p241" name="p241">
- <img class="mtop0_5" src="images/p241.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1"><span class="s5">Verlag der Königl.
- Hofbuchhandlung E. S. Mittler &amp; Sohn, Berlin SW., Kochstr.
- 68&ndash;71.</span></p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/p241_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="footnotes">
-
-<p class="s2 center"><b>Fußnoten:</b></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Vom 18. September 1895 bis zum 3. Juni 1900 (seinem
-Todestage) Oberführer und charakterisierter Major der Kaiserlichen
-Schutztruppe in Ostafrika.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Der graue Papagei heißt im Kiswahili „Kassuku“.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Der Dorfschulze trägt nämlich eine großartige, englische
-Husarenuniform.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Das ganz lange Gras, 3 evtl. 4 <span class="antiqua">m</span>, kenne ich nur an
-der Ulanga-Niederung in <em class="gesperrt">größeren</em> Partien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Einige Monate später wurde er mit Speerstich verwundet und
-erlag bald darauf dem Würgengel Afrikas, der Malaria.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Auch dieser tapfere Offizier und liebenswürdige Kamerad
-nahm im Kolonialdienst ein tragisches Ende: am 5. Februar 1903 wurde er
-bei Marrua in Kamerun als Oberleutnant der Kaiserlichen Schutztruppe
-während einer Expedition ins Innere des Schutzgebietes, vor seinem
-Zelte sitzend, von einem Neger überfallen, der zwei vergiftete Pfeile
-auf ihn abschoß; der zweite Schuß traf in den rechten Oberschenkel; der
-Pfeil wurde zwar sofort entfernt, aber schon binnen fünfzehn Minuten
-erlag Graf Fugger der tödlichen Wirkung des Pfeilgiftes. Bis zu seinem
-letzten Atemzug bei vollem Bewußtsein, hat er noch an seine Braut
-geschrieben. Seine letzten Worte sind würdig, der Erinnerung erhalten
-zu werden: „Nehmt nicht Rache an diesen Schwarzen, sie wissen nicht,
-was sie taten. &mdash; &mdash;“ Man hat so vieles Schlechte von Afrika in die
-Welt posaunt, aber von solchem Adel der Gesinnung erfährt man nichts.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Kanzu = langes weißes Negerhemd.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Seitdem an Malaria gestorben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Wenige Jahre später war dieser kleine Kreis stark
-gelichtet. Präfekt Maurus erlag in Medibira dem Fieber, was er sich
-wohl von der Küste mitgebracht hatte, zwei Schwestern fielen der Pest
-zum Opfer bei Ausübung ihrer barmherzigen Krankenpflege, und Schwester
-Gabriele, die mich mit großer Aufopferung gepflegt hatte, starb an
-Lungenentzündung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Wurde, weil er treu zu uns hielt, bei dem Aufstand 1906
-ermordet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Ein halbes Jahr später raffte diesen hoffnungsvollen
-Offizier das perniziöse Fieber auf seinem Heimatsurlaub dahin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Wurde bei Lupembe verwundet und verunglückte vor einem
-Jahre auf einer Elefantenjagd.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Durch die Freundlichkeit des Herrn Professor Dr. Velten,
-der sich um die Erforschung der Eigenart unserer Neger so hoch verdient
-gemacht hat, erhielt ich dies Gedicht. Es wurde wohl 1894 nach dem
-Wahehezug des Gouverneurs Exz. v. Schele gedichtet, als mein Mann
-seinen ersten Urlaub nach 5jährigem Aufenthalt in Afrika antrat.</p></div>
-
-</div>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Eine deutsche Frau im Innern
-Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN ***
-
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