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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas - Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt - -Author: Magdalene von Prince - -Release Date: December 20, 2016 [EBook #53773] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen Ausgabe - der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. - Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden - stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente - Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der - damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten. - - Passagen in Swahili wurden nicht korrigiert, dies gilt auch für - Abweichungen in der Schreibweise von Eigen- und Ortsnamen (z.B. - ‚Kilimandscharo‘ -- ‚Kilimanjaro‘ -- ‚Kilimatscharo‘). Einige - Begriffe wurden harmonisiert, wenn ansonsten der Sinn verfälscht - werden könnte. - - Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. Für - abweichende Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen - verwendet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiquaschrift: _Unterstriche_ - - Textstellen in Antiquaschrift erscheinen im vorliegenden Text - kursiv. Diese Schriftart wurde vorwiegend für fremdsprachliche - Begriffe verwendet, aber auch für Einheiten (_km_) und akademische - Grade (_Dr._). Diese Auszeichnung wurde allerdings nicht konsequent - eingehalten. - - #################################################################### - - - - -[Illustration: Hauptmann v. Prince und Frau.] - - - - - Eine deutsche Frau - im Innern - Deutsch-Ostafrikas - - - Elf Jahre - nach Tagebuchblättern erzählt - von - Magdalene v. Prince - geb. v. Massow - - [Illustration] - - Dritte, vermehrte Auflage - - Mit einem Titelbilde, 22 Abbildungen und 1 Skizze - - - Berlin 1908 - Ernst Siegfried Mittler und Sohn - Königliche Hofbuchhandlung Kochstraße 68-71 - - - - - Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 - sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten. - - - - - Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin - - Auguste Viktoria - - in tiefster Ehrfurcht gewidmet - von der - Verfasserin - - - - -[Illustration] - - - - -Vorwort zur zweiten Auflage. - - -Noch ist kein Jahr verflossen, und eine zweite Auflage des Buches wird -nötig. Als ich die schlichten Aufzeichnungen zuerst in die Welt sandte, -um auch in unserer deutschen Frauenwelt den kolonialen Gedanken zu -beleben, hoffte ich kaum, solche Nachsicht zu finden. Allen denen Dank, -die den guten Willen für die Tat nehmen. - -Jetzt sind es nun schon fast vier Jahre, daß wir als Pflanzer hier -leben, und wenngleich auch heftige Stürme und viele Fehlschläge, die -ja bei keiner Gründung fehlen, nicht ausblieben, so möchte ich Euch, -deutsche Frauen, auch jetzt locken in das Land, wo der Himmel blauer -strahlt, wo der Wind linder weht, wo Mond und Sterne noch ganz anders -leuchten und funkeln als daheim. Glaubt es mir, es liegt ein besonderer -Reiz darin, aus Wildnis ein Stück Kultur zu schaffen, aber das gelingt -freilich nur und trägt Früchte bei größter, nie versagender Geduld, -eiserner Willenskraft und angestrengtester Arbeit. - -Auf Grund meines Buches haben sich viele wegen Ansiedlung an mich -gewandt; ich mußte sie leider immer auf spätere Zeit vertrösten, weil -der zunächst noch herrschende Mangel an Verkehrsmöglichkeiten den -Absatz unmöglich macht. Jetzt hat sich das Mutterland unsrer erbarmt, -es wird uns Eisenbahnen schenken; hoffentlich auch nach Uhehe, wo -anbaufähiger, fruchtbarer Boden in gesundem Bergklima reichlich genug -vorhanden, um einer beträchtlichen Anzahl deutscher Familien eine -neue Heimat bieten zu können. Haben wir erst Eisenbahnen, dann ist es -jedem selbst in die Hand gegeben, sein Leben sich je nach Fleiß und -Fähigkeiten zu gestalten. - -So rufe ich auch jetzt Euch deutschen Frauen zu: lernt unsere deutschen -Kolonien lieben, interessiert Euch für ihre Erschließung durch -Verkehrswege, durch Feldbahnen und Eisenbahnen; sie sind es wert, -deutsch zu sein. Laßt Eure Kinder auf neuem deutschen Boden aufblühen, -Euch zum Stolz und zur Freude und zur Kräftigung des Deutschtums. - - +Sakkarani+, West-Usambara, Herbst 1904. - - =Magdalene Prince.= - - - - -[Illustration] - - - - -Vorwort zur dritten Auflage. - - -Wieder kann ich Euch deutschen Frauen und Mädchen einen von Afrikas -Sonne durchglühten Gruß senden, möchte er in Eure Herzen fallen und -diese für unsere Kolonie noch mehr entflammen. - -Allen, die Ihr mir so gütige Worte und Überraschungen sandtet, möchte -ich auch an dieser Stelle danken. Dazu gehört auch der „Züchtergruß aus -Westfalen“, der mir vor wenigen Tagen die schönsten Rassenhühner zum -Geschenk brachte. - -Seitdem die zweite Auflage dieses Buches in die Welt ging, hat unsere -Kolonie sowie das Schwesterland Süd-West-Afrika schwere Zeiten -durchgemacht, allerorten loderte der Kampf der Rassenverschiedenheit -auf, meistens durch zu viel falsche Humanität geschürt, und hat uns -manches Opfer an Blut und Geld gekostet. Gerade dies aber schien nötig -zu sein; wie es Mütter gibt, die erst dann den Wert und die Vorzüge -ihrer Kinder schätzen lernen, wenn diese durch Krankheit ihnen Sorge -und Arbeit machen, so erging es auch uns. Erst als wir an vielen -Stellen bluteten, gewann das Mutterland Interesse an uns. Der Sieg des -Volkes bei den Reichstagswahlen hat jene Wandlung am besten bezeugt. - -Diese haben wir nicht zum wenigsten Euch deutschen Frauen zu danken, -die Ihr so regen Anteil an dem Kampf genommen habt. Mit diesem Danke -verbinde ich die Bitte, Eure Hilfe uns auch in Zukunft zu schenken; -fügt noch mehr Wärme und Liebe dazu: Wir brauchen noch viel mehr -Verkehrswege und Eisenbahnen, ehe die Kolonie ihrem Werte nach erblühen -kann. Je mehr Frauen an ihrem Aufbau mitwirken, um so schneller und -mächtiger wird sie erstehen. „Der Mann gründet das Haus, die Frau hält -es!“ - - +Sakkarani+, Sommer 1907. - - =Magdalene v. Prince.= - - - - -[Illustration] - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Einleitung 1 - - - +Erstes Kapitel.+ =Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach - der Station Perondo= 6 - - Das erste Lager S. 7. -- Abschied von Dar-es-Salaam S. - 7. -- Unser Koch, die Boys, die schwarzen Soldaten S. 9. - -- Zoologische Erwerbungen S. 11. -- Die Boys und deren - Frauen S. 11. -- Heuschreckenplage S. 13. -- Unsere Träger - S. 13. -- Übergang über den Kingani S. 15. -- Schlechter - Weg S. 15. -- Der Jumbe von Perondo, die Notbrücke S. 17. - -- Fruchtbare Landschaft S. 17. -- Jagdbeute S. 19. -- - Die Bedeutung der Jumben S. 21. -- Die erste Station im - Innern (Kisaki) S. 21. -- Das Leben im Lager S. 23. -- - Anstrengender Marsch S. 23. -- Das erste Fieber S. 23. - -- Übergang über den Ruaha S. 25. -- Die „Teufelsstelle“ - S. 25. -- Der Urwald S. 27. -- Krankheiten S. 27. -- - Offizieller Empfang S. 29. -- Unser Küchenzettel, - Markttag S. 29. -- Gefährlicher Flußübergang S. 31. -- - Beschwerlicher Marsch S. 31. -- Verödete Dörfer S. 33. -- - Wasserfälle S. 33. -- Veränderte Marschordnung, vor dem - Endziel S. 33. - - - +Zweites Kapitel.+ =In Perondo. Gründung der neuen Station - Iringa= 35 - - Feierlicher Empfang in Perondo, die Station und ihre - Umgebung S. 36. -- Eine afrikanische Küche, großes Diner - S. 37. -- Leben und Treiben auf der Station S. 37. -- - Teuerung der Lebensmittel S. 39. -- Revolverattentat, die - Wahehe S. 40. -- Hauswirtschaft und Geflügelhof S. 41. -- - Häuptling Kiwanga S. 43. -- Der Wahehe-Sultan Quawa und - seine Anhänger S. 43. -- Toms Expedition gegen denselben - S. 44. -- „Bibi Sakkarani“, Kiwangas Gastgeschenk S. 45. - -- Ratten, Marsch zur neuen Station S. 47. -- Alarm S. 49. - -- Erster Geburtstag als junge Frau, Wiedersehen mit Tom - S. 50. -- Die neue Station Iringa, militärischer Empfang, - unser Heim S. 53. -- Expedition gegen Quawas Brüder und - Unterwerfung derselben S. 55. -- Quawas Schwestern S. - 55. -- Regenzeit, Gründung von Dörfern S. 59. -- Eine - Hinrichtung, unser Gemüsegarten und Viehstand S. 60. -- - Die Mitglieder der Wahehe-Sultansfamilie S. 61. -- Briefe - aus der Heimat und vom Gouvernement S. 62. - - - +Drittes Kapitel.+ =Mpangires Sultanat= 63 - - Feierliche Einsetzung Mpangires als Sultan der Wahehe - und die Festlichkeiten bei derselben S. 65. -- Unterm - Christbaum, Silvester S. 67. -- Kaisergeburtstagsfeier, - Alarmnachrichten S. 67. -- Feuer im Dorfe S. 68. -- Neue - Unglücksbotschaften S. 69. -- Quawas Bruder Gunkihaka - S. 71. -- Streifzüge gegen die Wahehe, Mpangires - Unzuverlässigkeit S. 73. -- Kriegsgericht über Mpangire - und seine Brüder S. 75. -- Hinrichtung der Quawabrüder und - Landesverweisung ihrer Familien S. 75. - - - +Viertes Kapitel.+ =Der Wahehe-Aufstand= 78 - - Raubzüge Quawas, Gegenmaßregeln S. 79. -- Bautätigkeit auf - der Station S. 79. -- Ramassanfest der Mohammedaner S. 81. - -- Die „Frauenfrage“ in Uhehe S. 82. -- Versammlung aller - von Tom eingesetzten Jumben S. 83. -- Sultan Merere S. - 85. -- Gute und schlechte Botschaften S. 87. -- Großfeuer - S. 87. -- Die katholische Mission, Karawanenverkehr S. - 89. -- Neue Überfälle durch die Wahehes S. 91. -- Der - Stationsgarten S. 92. -- Eine erfolglose Expedition S. 93. - -- Mordanfall bei der Station S. 95. -- Toms Abmarsch, das - Leben in der „Stadt“ S. 97. -- Ankunft des Leutnants Braun, - Mereres Besuch S. 98. -- Afrikanische Dienstbotenleiden - S. 99. -- Gesundheitsstand der Station, die Totos S. - 100. -- Blinder Lärm, Ankunft von Missionaren S. 101. -- - Der Gartenbau S. 102. -- Rückkehr Toms, Jagderlebnisse, - Schlachtfest S. 103. -- Kriegsspiele, Osterfest S. 105. -- - Die Wahehe-Hilfstruppen S. 106. -- Schauri mit Merere S. - 107. - - - +Fünftes Kapitel.+ =Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur - Oberst Liebert= 108 - - Toms Abmarsch, Ahnenkultus der Schwarzen und deren - Begräbnissitten S. 108. -- Toms Rückkehr, Quawa auf der - Flucht, Ankunft des Leutnants Kuhlmann mit Askaris S. - 111. -- Trägerlöhne S. 112. -- Große Expedition gegen - Quawa S. 113. -- Unser neues Haus und dessen Einrichtung - S. 115. -- Zahlmeister Winklers Tod und Begräbnis S. - 117. -- Ein Schreiben Toms über seine Expedition und den - Kampf in den Felsenhöhlen S. 119. -- Toms Rückkehr S. - 121. -- Fruchtbarkeit des Landes, Verkehrsverhältnisse - und Kolonisation S. 122. -- Ankunft des Gouverneurs S. - 124. -- Neue Expedition gegen Quawa unter Teilnahme des - Gouverneurs S. 125. -- Kiwanga und sein Kontingent S. - 127. -- Rückkehr und Erlebnisse der Expedition S. 129. -- - Verstärkung der Station in Uhehe, der Gouverneur spricht - seine Anerkennung aus und verabschiedet sich S. 130. - - - +Sechstes Kapitel.+ =Auf Safari. Beendigung des - Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod= 131 - - Schwere Erkrankung, auf Sommerfrische S. 131. -- Die - Vegetation des Landes S. 133. -- Steppenbrand S. 134. - -- Rückkehr, neue Expedition S. 135. -- Jagdabenteuer - des Leutnants Braun, Erfolge der Expedition S. 136. -- - Unsere Dienstboten, eine „_mpepo_“ S. 137. -- Heimkehr - der siegreichen Expedition S. 138. -- Mereres Besuch, auf - Safari S. 139. -- Im Urwalde, Baumriesen S. 141. -- Tal des - Muúngu, Aberglauben der Schwarzen S. 142. -- Förster Ockel, - v. Prittwitz S. 143. -- Kanugare, die Landschaft Hangana - Mwakikongo S. 146. -- Scharmützel mit den feindlichen - Wahehes, Nahrungsmangel S. 147. -- Sergeant Richter S. 148. - -- Rückkehr nach Iringa S. 149. -- Die Händler, europäische - Post, Überläufer S. 150. -- Christabend und Neujahr S. - 151. -- Hauptmann Ramsay, Pater Ambrosius und dessen - Nachrichten S. 152. -- Verlauf einer Expedition gegen Quawa - S. 153. -- Bau einer Moschee, eines Hospitals und einer - Schaurihütte S. 154. -- Tod des Unteroffiziers Karsjens - S. 155. -- Militärisches Leben auf der Station S. 156. -- - Vasallentreue der Wahehe S. 157. -- Feldwebel Merkl S. 159. - -- Ramassan, Tom schwer erkrankt S. 160. -- Neue Niederlage - Quawas und dessen vollständige Isolierung S. 164. -- Auf - Erholung, Lagerleben S. 168. -- Die Landwirtschaftliche - Versuchsstation Dabagga, Anwerbung der Arbeiter S. 171. -- - Iringa wird Poststation, Hauswirtschaft S. 173. -- Tod des - Tischlers Wunsch S. 176. -- Ein Löwenabenteuer S. 177. -- - Quawas Tod S. 179. -- Siegesjubel S. 182. -- Quawas Kopf S. - 183. - - - +Siebentes Kapitel.+ =Im Frieden. Besichtigungsreisen= 184 - - Personalien, Erinnerungen S. 185. -- Pockenepidemie, - Geburtstag S. 187. -- Missionsschwestern S. 187. - -- Kiwanga, v. der Marwitz S. 189. -- Auf Safari: - Zelewski-Denkmal S. 189. -- Der Jumbe Lupambili und die - jüngsten Pflegekinder S. 191. -- Die Ruaha-Quelle S. 191. - -- Beim Sultan Merere S. 193. -- Die Malerei der Schwarzen - S. 193. -- Wildherden S. 194. -- Kibokojagd S. 195. -- - Verteilung der Jagdbeute S. 197. -- Der Wüstenkönig S. 197. - -- Mein erstes Kiboko S. 199. -- Mondscheinzauber S. 199. - -- _Dr._ Fülleborn S. 201. -- Die schwarzen Pocken, wieder - in Iringa S. 201. - - - +Achtes Kapitel.+ =Abschied von Iringa. Auf der Heimreise= 202 - - Erdbeben S. 202. -- Weihnachten, Missionsgesellschaften - S. 203. -- Abschiedsfeier S. 204. -- Auf der - Heimreise, Todesfall S. 205. -- Heißes Klima, Fieber, - Erinnerungsstätten S. 207. -- In Kilossa, bei Pater Oberle - S. 209. -- Die Jumben S. 209. -- Die erste Europäerin, - an der Grenze der Zivilisation S. 211. -- Eine deutsche - Ansiedelung, die evangelische Mission S. 211. -- In - Dar-es-Salaam, an Bord des „Herzog“ S. 212. - - - +Neuntes Kapitel.+ =Wie unsere Plantage entstand= 213 - - Naturschönheit, Arbeiterfrage S. 215. -- Urbarmachen - des Waldes S. 217. -- Hüttenbau, Arbeitsordnung S. - 219. -- Schlagen und Brennen des Waldes, Beetanlage S. - 221. -- Störche und Heuschrecken, Hausbau S. 223. -- - Arbeiterwohnungen, der Garten S. 225. -- Gastfreundschaft, - die Usambarabahn S. 227. -- Heimweh nach Afrika, - Jagdausflüge S. 229. -- Aufstand, Besuch des Vaters S. 231. - -- Aussichten für Ansiedler S. 233. -- Zukunftshoffnungen - S. 235. - - Anhang 237 - - - - -Verzeichnis der Beilagen. - - - Seite - - Hauptmann v. Prince und Frau Titelbild - - Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince 40 - - Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire. -- Lager - des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in Iringa 65 - - Eine Gerichtssitzung in Iringa. -- Sultan Merere auf seinem - Reitstier 89 - - Das Stationshaus in Iringa. -- Das Arbeitszimmer 113 - - Lagerleben: Askarizelte. -- Lagerleben: Die Safari- - (Reise-) Küche 129 - - Lagerleben: Wasserträger. -- Lagerleben im Urwald: - Ruhepause 137 - - Station Mlangali. -- Der erste Pflug im Lande Uhehe 177 - - Frau v. Prince mit ihren Kindern 213 - - Ziegeltrocknen in der Sonne. -- Landschaft in West-Usambara 217 - - Blick auf unsere Kaffeeplantage. -- Unser fertiges Wohnhaus 225 - - Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in das - Speisezimmer. -- Idyll auf dem Hofe der Kaffeepflanzung zu - Sakkarani 225 - - Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach - Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896 233 - - - Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in - Deutsch-Ostafrika. Am Schluß - - - - -[Illustration] - - - - -Einleitung. - - -Wenn ich an alle die inhaltschweren Vorreden denke, die Verfasser -oder Verleger ihren literarischen Erzeugnissen als Empfehlung mit -auf den Weg zu geben pflegen, dann kommen mir doch gelinde Zweifel. -Eines schickt sich nicht für alle, und was den mehr oder weniger -anmutigen Kindern der Muse recht ist, braucht den anspruchslosen -wirklichkeitsnüchternen Kindern der Muße einer afrikanischen Hausfrau -noch lange nicht billig zu sein. Denn die nachstehenden Tagebuchblätter -geben in der Tat nur die Aufzeichnungen wieder, zu denen ich in den -ersten Jahren meines ostafrikanischen Hausfrauenlebens gelegentlich -Zeit fand. - -Für den Entschluß, diesen Blättern einige Worte zur Einführung -voranzusetzen, war zunächst der Wunsch entscheidend, diesen -bescheidenen literarischen Versuch dem Wohlwollen meiner Leserinnen zu -empfehlen. Daß ich die zuweilen unter recht erschwerenden Umständen -zu Papier gebrachten Notizen dereinst der Öffentlichkeit übergeben -würde, ahnte ich freilich noch nicht, als ich Herrn v. Wissmann das -Versprechen gab, ein möglichst getreues Tagebuch zu führen; die -Ausführung stellte zuweilen recht hohe Anforderungen an Willens- und -an Körperkraft, besonders wenn es galt, nach beschwerdereichem Marsche -die Ereignisse des Tages noch schriftlich festzulegen, anstatt der -wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Die Energie zur Durchführung dieser -selbstauferlegten Pflicht auch unter schwierigen Verhältnissen verdanke -ich dem Beispiel meines Gatten. - -Dann aber möchte ich mit diesem Vorworte der gesellschaftlichen Pflicht -persönlicher Vorstellung nachkommen, indem ich die Vorgeschichte -der Entstehung dieser Tagebuchblätter kurz kennzeichne. Da muß ich -denn bis auf unsere Schulzeit in Liegnitz zurückgehen. Daß der -damalige Schüler der Ritterakademie, Tom Prince, und ich füreinander -bestimmt seien, das unterlag für uns beide schon damals keinem -Zweifel, und diese Schülerliebe hat sich bewährt; aus den Kindern -wurden Leute, das Schicksal führte uns weit auseinander: Tom wurde -Offizier beim Infanterie-Regiment Nr. 99 in Straßburg im Elsaß und -ich kam nach Königsberg i. Pr., wo mein Vater als Rittmeister bei -den Wrangel-Kürassieren stand. Das war ungefähr das Höchste, was wir -uns im Deutschen Reiche an Entfernung leisten konnten, es sollte -aber noch ganz anders kommen. Zu jener Zeit zogen die kühnen und -erfolgreichen Kämpfe Hermann Wissmanns und seiner tapferen Schar die -Augen der Welt auf unsere junge Kolonie. Zu dem Tatendrang des jungen -Leutnants kam die Sehnsucht nach den Tropen, wo einst seine Wiege -gestanden. Tom ist auf der Insel Mauritius (_Ile de France_) geboren, -wo sein Vater englischer Polizeigouverneur war, er entstammt einer -englischen Familie; seine Mutter war deutscher Abkunft, eine Tochter -des Missionars Ansorge, der viele Jahre hindurch in Indien gewirkt -hat. So hielt es den jungen Offizier nicht länger in dem Einerlei des -Garnisondienstes. - -Der Name Wissmann war ein mächtiger Magnet für die kriegerische Jugend -Deutschlands; zur Zeit, als Tom auf eigenes Risiko sich auf den Weg -machte, um in der Wissmannschen Schutztruppe Dienst zu nehmen, standen -ungefähr 1500 Anwärter vor ihm auf der Liste. In Sansibar heuerte er -gleich nach seiner Ankunft eine Dhau, um so rasch als möglich sein -Ziel zu erreichen. Diese Ungeduld sollte verhängnisvoll werden: das -kleine Fahrzeug erlitt Schiffbruch, die arabische Bootsmannschaft -ertrank, und nur Tom wurde gerettet, nachdem er 13 Stunden lang mit -Hilfe einer Holzkiste sich über Wasser gehalten! All sein Gepäck, sein -Geld, seine Papiere waren verloren. So gelangte er zu Wissmann, der -ihn vorläufig seiner Truppe beigab, dann aber als Offizier einstellte, -nachdem die erforderlichen Papiere aus Deutschland besorgt waren. -Die Taten Wissmanns, dieses im Kampfe heldenmütigen, im Aushalten -von Anstrengungen und Entbehrungen des Tropenkrieges unermüdlichen -und vorbildlichen Führers der ersten deutschen Kolonialtruppe, -gehören der Geschichte an und damit auch die meines Mannes. Was ich -in jenen sieben Jahren durchlebte, in Furcht und Hoffnung um das -Leben des Jugendgeliebten bangend, mit welcher Sorge die spärlichen -Zeitungsnachrichten über neue Kämpfe und Expeditionen der Wissmannleute -das Mädchenherz erfüllten, bis endlich einmal wieder ein Brief von -Toms eigener Hand mir für kurze Zeit Beruhigung gab -- das weiß nur -ich und der allgütige Gott, der den Geliebten mir erhielt und mir die -Kraft verlieh, das schier Übermenschliche zu tragen! So wurde mir der -Brautstand zur strengen Lebensschule, zur Vorbereitung auf meinen Beruf -als deutsche Offiziersfrau in den neugewonnenen Kolonien. - -Endlich nach sieben langen bangen Jahren hatten die Verhältnisse in -Deutsch-Ostafrika sich soweit geklärt, daß Tom mich nach seiner neuen, -schwererkämpften Heimat hinüberholen konnte, an der auch ich mir in -meinem sorgenvollen Brautstand ein Heimatsrecht erworben zu haben -glaube. - -Am 4. Januar 1896 war unsere Hochzeit in Militsch, und nach etwa einem -halben Jahr, das wir noch in Deutschland verbracht, trafen wir in -Dar-es-Salaam ein und warteten dort auf weitere Bestimmung für meinen -Mann. Der letzte, gefährlichste Gegner der deutschen Herrschaft, der -Sultan Quawa von Uhehe mit seinen tapferen Scharen, galt nach der -Erstürmung seiner Hauptstadt für überwunden, ein Erfolg, an dem mein -Mann in anerkannter Weise beteiligt war. Aber die Zeit sollte lehren, -daß ein solcher Schlag nicht genügt, ein afrikanisches Kriegervolk -niederzuhalten, dessen Hauptkriegskunst darin besteht, den Stößen des -Angreifers geschickt auszuweichen. - -Nach einem kurzen Aufenthalt in Dar-es-Salaam, wo mir von allen Seiten -mit der größten und freundlichsten Fürsorge begegnet wurde, erhielt -mein Mann den Befehl, die Station Perondo zu übernehmen, die an der -Grenze von Uhehe neu gegründet war. Von dort aus sollte er die -friedliche Unterwerfung des Volks der Wahehe weiter fördern. Nähere -Kunde über die Station wie über die augenblickliche Stimmung Quawas und -seiner Wahehe war aber zunächst nicht zu erhalten, denn die letzten -Berichte waren infolge der Überschwemmungen im Inneren des Landes noch -nicht zur Küste gelangt. Daß der verheißungsvolle Name Dar-es-Salaam, -Hafen des Friedens, den wir bei unserer Einfahrt in die prachtvolle -Bucht als günstiges Vorzeichen begrüßten, in Wahrheit nur geographische -Bedeutung für uns haben sollte, ahnten wir freilich nicht, als wir -hoffnungsvoll den Marsch nach der Stätte unseres Wirkens antraten. - -Zum Schluß möchte ich noch einem Bedenken begegnen, das vielleicht -gegen den Gebrauch so mancher fremdklingender Ausdrücke in den -nachfolgenden Blättern erhoben werden könnte. Es ließe sich gewiß -manches durch entsprechende deutsche Bezeichnung ausdrücken oder -umschreiben, und in einem Buche mit lehrhafter Tendenz nach -irgendwelcher Richtung sollte der Verfasser stets bemüht bleiben, die -so oft gerügten Anleihen an die arabischen und Suaheli-Mundarten sowie -an die uns aus den englischen Kolonien überkommenen Bezeichnungen zu -vermeiden. Hier sind jedoch nur die frischen persönlichen Eindrücke -wiedergegeben, die eine gänzlich „unliterarische“ junge Frau in -ihrem Tagebuche zunächst für sich und ihre nächsten Angehörigen -skizzierte; würde da nicht ein gut Teil von unmittelbarer Anschauung, -„afrikanischer Lokalfärbung“ dieser anspruchslosen Skizzen verloren -gehen? In diesem Sinne bitte ich für diese kleine Unart meines -schriftstellerischen Erstlings um freundliche Nachsicht. - -Seit zwei Jahren leben wir nun als friedliche, betriebsame Pflanzer -in der neuen Heimat, nachdem mein Gatte den Degen mit dem Pfluge -vertauscht. Gott schenke dem schönen Lande, das mit so vielem edlen -Blut auf dem Schlachtfelde erkämpft, das so schwere Opfer an Leben -und Gesundheit unserer wackeren Pioniere der Kultur gekostet, eine -segensreiche Entwicklung. Noch stehen wir am Anfange dieser Kultur, -möchte deutscher Unternehmungsgeist sich mehr und mehr auf diesem -neuen Gebiete betätigen, der Lohn wird nicht ausbleiben. - -Möchten vor allem auch die +deutschen Frauen+ regen Anteil nehmen an -der friedlichen Eroberung des herrlichen, zukunftsreichen Landes. Der -Mann +gründet+ das Haus, die Frau +hält+ es! Der Satz gilt heute mehr -wie je auch für unsere Kolonien. Könnte ich doch Euch, Ihr deutschen -Frauen und Mädchen, für unser junges Deutschland über See gewinnen. -Was Ihr an gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens, an Geselligkeit, -Vergnügungen und Anregungen aller Art hier im Vergleich mit der -alten Heimat entbehren würdet, es wird mehr als aufgewogen durch die -Betätigung und Pflichterfüllung, in der Ihr Euch an der Seite eines -geliebten Gatten ausleben könnt. Wahrlich, es ist ein schönes Los, in -diesem Siegeszuge deutscher Kultur eine Stelle einnehmen zu dürfen! -Deutsches Familienleben, deutsche +Jugend+ in Ostafrika -- wenn dieses -hohe Ziel erreicht ist, dann erst strahlt unsere neue Heimat als -herrlicher Edelstein in der deutschen Kaiserkrone! - - +Sakkarani+ (West-Usambara), Winter 1902. - - =Magdalene Prince= geb. v. Massow. - - - - -[Illustration] - - - - -Erstes Kapitel. - -Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo. - - - +Aulepschamba+, 28. Mai 1896. - -Unser erster Marschtag liegt hinter uns. Eigentlich kann man diese -Bezeichnung nicht gut anwenden, denn wir kamen nur eine halbe Stunde -weit von Dar-es-Salaam weg. Der kurze Marsch hatte nur den Zweck, die -Kompagnie und die Träger aus der Stadt hinaus zu bekommen; es ist das -eine hergebrachte Sitte. Wenn die Leute im Lager angelangt sind, merken -sie nämlich erst, was ihnen noch alles für den bevorstehenden Marsch -fehlt, und schnell wird das dann aus der noch leicht erreichbaren Stadt -nachgeholt. - -Die Tage vorher schon war ich in fieberhafter Aufregung, konnte aber -leider nicht viel tun und bestimmen, da mir die Verhältnisse noch zu -fremd waren. Der Tagesanbruch fand uns bereits in den Kleidern, und -die letzten Sachen wurden zusammengepackt. Tom (mein Mann) war fast -die ganze Zeit fort, um die Lasten an die Träger zu verteilen und nach -seiner Kompagnie zu sehen; als das alles besorgt war, schrieb ich noch -an Eltern und Geschwister. Dann kam Herr v. Natzmer[1] und holte mich -ab. - -Eine so große Karawane hatte ich natürlich noch nie gesehen; auch -anderen, die schon lange draußen waren, war sie etwas Neues. -Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich die Masse dahin. 130 -Askaris (Soldaten), weit über 500 Träger, beladen mit Kisten der -verschiedensten Arten, Paketen in Leinwand und in schwarzem Ledertuch, -1 Maxim- und 1 Berggeschütz, Zelte, Gewehre, Kästen mit Schweinen, -Puten, Hühnern, Tauben, Enten, Schafen, Ananas, Mangos, Kokosnüssen, -Weiber und Kinder in hellen oder vielmehr dunklen Haufen. Da beinahe -jeder Askari zwei Boys (ich muß schon die bequeme englische Bezeichnung -beibehalten, die sich in unserer Kolonie so fest eingebürgert hat, daß -sie kaum noch zu verdrängen ist, umsoweniger, als es ein deutsches -Wort, das diesen vielseitigen Begriff, der die ganze Stufenleiter vom -„Silbendiener“ bis zum „Wichsier“ und „Putzkameraden“ umfaßt, nicht -gibt) und zwei Weiber hat, der Träger aber auch von jeder Sorte eins, -ist die Karawane gegen 1100 Mann stark. Die Askaris zogen voraus mit -Pfeifen- und Trompetenschall, dann kamen sämtliche Offiziere der -Schutztruppe, die uns bis zum ersten Lager begleiteten, zum Schluß -die Träger mit ihrem Anhang, die mit dem üblichen Geschrei von den -zurückbleibenden Abschied nahmen. Es war ein sinnbetäubender Lärm. - -Im Lager wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen, alles rührte sich -in einer seltenen Geschäftigkeit. Die Zelte wurden aufgeschlagen, -und rasch waren wir mit unseren liebenswürdigen Begleitern um den -Frühstückstisch versammelt. Unsere niedlichen Frühstückskörbe, unsere -Zelte, die Tische, Stühle und anderes Hausgerät, welches mein Mann -für mich angeschafft hatte, wurde gebührend bewundert, dann aber auch -fleißig getrunken und gegessen. Da es bald dunkel wurde, kehrten die -Herren der Schutztruppe zurück, nachdem mein Mann ihnen für ihre -Freundlichkeit gedankt hatte. Mit besonderem Danke sei hier noch einmal -des Herrn v. Natzmer gedacht. - -Es bedeutete diese Trennung für uns nicht nur einen Abschied von -unseren Begleitern, sondern auch von der Kultur, denn von nun an sind -wir nur noch auf uns allein angewiesen. In den nächsten Jahren werden -wir kaum mit anderen Europäern zusammentreffen, und von Kultur nur das -haben, was wir uns selbst schaffen. Ein ganz leichter Abschied war es -also nicht. Bei der Trennung ließ mein Mann von den Askaris Herrn v. -Natzmer noch ein dreifaches Hoch ausbringen, der diesen Abschiedsgruß -in gleicher Weise erwiderte. Die Hochs klangen, wie es zu Hause kaum -hätte besser sein können. Als die Herren uns verlassen, setzten wir -uns mit unseren Reisebegleitern zu unserem ersten Mittagsessen auf dem -Marsche. Lange nach dem Zapfenstreich trennten wir uns erst. Wir waren -uns einig, daß wir trotz aller uns entgegengebrachten Liebenswürdigkeit -und vieler schöner, gemeinsam verlebter Abende gern von Dar-es-Salaam -fortgingen. An der Küste spürt man zu viel von den Nachteilen Europas, -ohne dessen Vorteile zu haben. - -Als gute Vorbedeutung für das Leben in der Wildnis nahm ich die -Heimatswünsche, die am Morgen kurz vor dem Abmarsche uns die Post -aus Deutschland gebracht hatte, an sich schon ein Ereignis, dessen -Bedeutung jeder „Afrikaner“ zu würdigen weiß; für mich war es aber noch -von besonderer Wichtigkeit; mein in Hamburg liegengebliebener Koffer -mit all meinen Kleidern und aller Wäsche, Schuhen usw. war gleichzeitig -angekommen, so daß ich meine gewohnte deutsche Garderobe noch mitnehmen -konnte. Die sechzehn neuen, in indischen Läden von Männern fabrizierten -Kleider sind mir doch nicht so bequem wie die in der Heimat gewohnten. - -Ein dreibeiniger Hund kommt mitgelaufen, zukünftiger Kamerad von -Schnapsel, meinem treuen, vierbeinigen Heimatsgenossen, den mir mein -Vater schweren Herzens mitgegeben hatte. - - - +Kongoramboto+, 29. Mai 1896. - -Um 5½ Uhr Reveille, um 6 Uhr abmarschiert. Da ich nicht ganz wohl war, -mußte ich mich tragen lassen, ganz wie eine orientalische Fürstin: -Großartige Sänfte mit Sonnendach und vier Träger, die zwei und zwei -abwechselnd trugen, den Dolmetscher und einen Boy zur Seite, drei -Stunden marschiert. Am Lagerplatz angelangt, sah ich von meinem -Lehnstuhl aus dem Aufschlagen der Zelte zu: ein Schlafzelt und ein -anderes zum Aufenthalt während des Tages. Unser Koch fängt an, mir zu -imponieren. Es gab Huhn in afrikanischer Zubereitung. Unsere Leibgarde -macht mir Spaß. Fünf Bengels in Khakianzug, kurzen Hosen, mit roten -Aufschlägen und Achselstücken, unseren Reserve-Tropenhelmen und Toms -Mützen. Die beiden kleinsten sehen aus wie schwarze Amoretten, und wenn -sie auf dem Marsche hin- und herlaufen, ist es eine Freude, zuzusehen. - - - +Kisserawe+, 30. Mai 1896. - -Lager nahe der auf einem hohen Hügel gelegenen Missionsstation. Der -Marsch ging durch hügeliges, dicht bewaldetes Gelände. Ich wurde wieder -getragen, war sehr müde und wollte schlafen; doch war die Gegend so -schön, daß es mir keine Ruhe ließ, und ich soviel als möglich von -meinem Lager aus sehen wollte. Tom fing sehr viel Schmetterlinge, -die wir des Abends verpackten. Auf dem Marsche kurze Frühstücksrast -an einer besonders malerischen Stelle. Tom hat alles sehr nett -eingerichtet, es ist wie im Märchen: „Tischlein deck dich“ -- im Nu -stehen die verschiedensten Getränke und Chakula (Essen) vor mir, um -sogleich wieder zu verschwinden, wenn zum Aufbruch geblasen wird. -Essen -- wieder Hühner, aber wieder anders zubereitet, und zwar sehr -schön gebraten mit unglaublich wenig Butter; ich will dem Koch unsere -Kochkunst lieber nicht beibringen. - -Schnapsel trabt fleißig mit, da er aber zu eifrig auf die Jagd in die -Büsche geht, müssen wir ihn anbinden, weil er uns doch sonst leicht -abhanden kommen könnte. Kassuku[2] (unser Papagei) wird auf dem Kopf -eines Trägers getragen und guckt sehr vergnügt zu seinem Käfig hinaus; -im Lager klettert er auf Bäume und kommandiert sein „Gewehr ab“, „das -Gewehr über“. - -Das deutsche Kommando klingt in dieser Umgebung komisch, und zwar nicht -nur aus dem Papageienschnabel; noch drolliger wirkt es aus dem Munde -der schwarzen Soldaten. Die Kerls sind ganz famos einexerziert, sie -marschieren mit einer Strammheit, wie unsere Soldaten zu Haus, machen -„Kehrt“ und Schwenken usw., wie man es sich exakter kaum denken kann -- -und wie sie sich schlagen, haben sie auch schon zur Genüge bewiesen! - - - +Kola+, 31. Mai 1896. - -Beim Abmarsch schenkte ich einem meiner Träger eine „Kokosnuß“, darob -großes „Kelele“ (Geschrei). Die Boys wollten sie ihm wieder wegnehmen, -sie fanden die Gabe zu verschwenderisch, da es jetzt nur noch schwer -welche zu kaufen gab. - -Gestern übrigens kam eine kleine Karawane mit einem Missionar und -zwei Damen an unser Lager heran; dabei befand sich der kleine Sohn -eines Häuptlings, der infolge einer früheren Anregung Toms zur Mission -geschickt worden war, er suchte Tom sofort auf, und man erkannte seine -Anhänglichkeit. Das Abc und ein paar deutsche Wörter hatte man ihm -zwar beigebracht, er verstand aber deren Sinn noch nicht, so daß er -sie herunter leierte wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Er kam mit seinem -schwarzen Lehrmeister. - - - +Mlongoni+, den 1. Juni 1896. - -Heute ließ ich mich bis zum Frühstückszeltplatz tragen; doch länger -hielt ich es nicht aus und setzte den Weg auf dem Maultiere fort. Es -ging nun viel besser. Welche Freude machte es mir jetzt, die Gegend -in ihrer ganzen Eigenart sehen zu können. Jede fremde Blume war mir -willkommen, jeder Schmetterling, der uns umgaukelte, erfreute das -Auge, und manch einer endete sein Dasein in unserer Sammlung. Bis -jetzt sind wir auf einer vom Gouvernement angelegten Straße gewandert, -heute bogen wir auf einen Negerpfad ein, den seiner Zeit auch die -zweite, von Schelesche Waheheexpedition gegangen ist. Wir haben heute -ein wunderschönes Lager bezogen und sind ganz abgesondert von allen -Menschen, das ist zu schön! - -Eine große Schlange haben wir gefangen. Wenn unsere Sammlung so -fortschreitet, werden wir mit großen Koffern voll „Zoologie“ ankommen; -schon jetzt sind Büchsen, Gläser und Kasten voll allerhand, das da -kreucht und fleucht. Ich sah heute die Frau unseres zweiten Boys -(Mabruk) und freute mich, daß sie mitgekommen war. In Dar-es-Salaam -nämlich machten mir die Frauen von unseren Boys Juma und Mabruk -„Besuch“. Das war sehr spaßhaft. Sie wollten trotz allem Bitten nicht -mit. Die Juma gab sich sehr schüchtern, deshalb glaubte ich, sie würde -sich nicht dazu bewegen lassen, denn Juma schwang ganz entschieden den -Pantoffel. Er meinte: sie verdiente, wenn sie ihn im Stiche ließe, an -die Kette zu kommen. Die andere hatte sehr gute silberne Armbänder an -beiden Armen und Beinen, Ketten um den Hals, gute Tücher umgeschlagen -und eines auf dem Kopfe, sowie Ringe an den Fingern. Sie kam in das -Zimmer getänzelt, was hier als besonders vornehm und schick gilt und -von den schwarzen Damen auch auf der Straße mit Hin- und Herwiegen -des Oberkörpers geübt wird. Sie schaute mit ihrem jungen, runden, -hübschen, schwarzen, durch ihren Nasenschmuck freilich verunstalteten -Gesicht ganz keck in die Welt, schüchtern war sie durchaus nicht; -sie bot mir einen „Jambo“ (guten Tag) und steuerte gleich auf den -Spiegel zu, um sich ganz in ihren persönlichen Reiz zu vertiefen und -den möglichst malerischen Faltenwurf ihrer Tücher auszuprobieren. Die -Schwarzen verstehen es ausgezeichnet, sich mit Tüchern zu drapieren. Es -liegt etwas ungesucht Malerisches darin. Sie besitzen übrigens große -Geschicklichkeit, ihre Toilette vor aller Augen zu wechseln, ohne dabei -mit unseren europäischen Anschauungen von Schicklichkeit in Konflikt zu -geraten. Ich sagte „malerisch“, und in der Tat, diesen Abend sah ich -einen Neger, der ein Stück Baumwollenstoff wie einen wallenden weißen -Mantel umgehängt hatte und auf einer einsaitigen Gitarre entsprechend -eintönige Musik zum besten gab. Entschieden ein anziehendes Bild. - - - +Msenga+, 2. Juni 1896. - -Gleich vom Lager aus geritten, weshalb mir der Marsch sehr kurz vorkam. -Bis zum ersten Ruheplatz sollte ich getragen werden, doch gab ich es -bald auf. Das Sichtragenlassen ist nur auszuhalten, wenn man wirklich -elend ist. - -Viele Schmetterlinge, die es jetzt nach der Regenzeit mehr gibt -(besonders an feuchten Orten) und viele seltsam erscheinende Tiere -gesammelt, Molche, Schlangen und eine originelle Raupe, stachlig wie -unser Igel, nur, daß die Stacheln am Finger hängen bleiben wie bei -unseren Kletten und dann ekelhaft jucken. Diese angenehmen Kletten gibt -es übrigens auch hier, beim Marsche machen sie sich sehr unangenehm -bemerkbar. Auch eine Grasart mit kleinen Dornen ist sehr lästig auf dem -Marsche. Die Engländer nennen sie bezeichnenderweise „_wait a bit_“. - -Die Natur weist auch in Blumen manche europäischen Arten auf, so z. B. -Winden der verschiedensten Sorten, gelbe, rote, blaue, lila; von Bäumen -fiel mir der Reichtum an Akazien auf. Bei der Ruhepause unterhielt ich -mich mit den Trägern; der „Engländer“, d. h. der englisch sprechende -Schwarze, verdolmetschte. Die Leute erzählten, Quawa, der Sultan der -Wahehe, werde sich nicht sehen lassen, das würde also gleichbedeutend -sein mit Krieg. Welcher ungewissen Zukunft gehen wir entgegen! - -Heute kamen wir durch einen Heuschreckenschwarm; der Himmel war -buchstäblich schwarz, man kann es sich gar nicht vorstellen, lauter -schwarze Punkte, die hin- und herschwirren, und ringsum alles, alles -abgefressen, kein Blatt, kein Grashalm, nur die langen, dürren Stiele -ragen noch in die Luft. Kommt der Schwarm aber tiefer und scheint -die Sonne auf die glitzernden Flügel, dann funkelt alles weiß, wie -Schneegestöber. Der Schwarm kann sich so verdichten, daß sich, nach dem -Bibelwort, „die Sonne verfinstert“. Leute nur 10 Meter entfernt, sieht -man nicht mehr. Der Schwarm läßt sich nieder, dann ist die Erde wie mit -einer schillernden Haut überspannt. Flügel an Flügel, manchmal sogar -dicht aufeinander sitzend. So etwas könnt Ihr Euch nicht vorstellen. -Es wäre schön anzusehen, wenn es nicht die Zerstörung aller Vegetation -bedeutete. - - - +Mafisifähre+, 3. Juni 1896. - -Ein schöner Tag liegt hinter uns. Heute habe ich erst einen wirklichen -Marsch mitgemacht. Man kann die Marschleistungen einer so großen -Karawane allmählich steigern. Zu berücksichtigen ist, daß, wenn die -Tete auch nur 3 Stunden marschiert, es für die Queue mindestens 4½ -Stunden bedeutet; deswegen machen wir auch immer eine Ruhepause, -um den Nachtrab herankommen zu lassen. Für diesen war es also ein -anstrengender Tag, denn wir marschierten 3 Stunden und ritten 2 -Stunden. Für mich war’s eine Kraftprobe und machte mir viel Spaß; -obgleich manchmal der Weg so eng und so ausgehöhlt war, daß man den Fuß -nicht ordentlich setzen konnte. Die Gegend war sehr schön, teilweise -wie Parklandschaft, dann wieder wie ein Obstgarten, nur daß hier -der Reiz des Unberührten sich darüber breitet. Das Lager war sehr -hübsch wie eine Wagenburg anzuschauen. Unsere drei Zelte machen sich -recht schön, dann zur Seite der Koch und die Boys mit ihrem Hofstaat -in kleinen Zelten aus 3 Stöcken und einem Stück Tuch verfertigt; -ringsum unsere Lasten mit den Trägern und ihren Zelten, so bunt und -zusammengewürfelt. - -Es ist spaßig, welches Vertrauen die Leute zu Tom haben; wie die Kinder -sich Rat bei ihrem Vater holen, so kommen die Schwarzen zu ihm. Dann -fällt er salomonische Urteile; z. B. zwei hatten sich geschlagen, -der eine war auf den Kopf getroffen -- dafür durfte er dem anderen -mehrere Ohrfeigen versetzen; er war so erregt, daß er die ersten Male -in die Luft schlug, ehe er traf. Schwieriger war der zweite Fall: Ein -Träger hatte dem anderen mit Absicht ein Loch in sein Tuch gebrannt. -Ein auf den Austausch der Tücher zwischen Schuldigem und Geschädigtem -anspielender Vergleich wurde von letzterem abgelehnt, weil sein Tuch -länger war als das des anderen. Zur Entschädigung durfte er sich dann -ein Stück aus des Gegners Tuch ausschneiden, um das seinige wieder zu -flicken. Beide zogen befriedigt und vergnügt ab. - -Wir sind mit unserer Karawane sehr zufrieden: von den 1100 Menschen -sind nur 20 Träger fortgelaufen. Wir werden jetzt viel von den Jumben -(Dorfhäuptlingen) heimgesucht, welche Schafe, Hühner, Eier, Ziegen zum -Geschenk bringen, dafür aber tüchtig bezahlt werden müssen; den ganzen -Tag hocken sie um uns herum und wollen unterhalten sein, bis man sie -endlich mit einem „Kwaheri“ (Lebewohl) fortschickt. Aber man ist auf -sie angewiesen, denn sonst bekommt man kein Chakula, und man kann sehr -froh sein, wenn sie überhaupt etwas bringen; ist ein Europäer wenig -beliebt oder wenig bekannt, so bekommt er nur das Notwendigste. Mir ist -es bis jetzt sehr gut gegangen, denn für den „Sakkarani“ (Spitzname -meines Mannes, auf den ich sehr stolz bin, denn er bedeutet: +der -keine Furcht kennt+) gehen sie durchs Feuer, und da geht es der „Bibi“ -natürlich auch gut. _Dr._ C. Velten, der sich um die Suahelisprache mit -großem Erfolg bemüht hat, schreibt: „der verbreitetste Spitzname ist -_bana sakkarani_, d. h. der sich wie ein Betrunkener in jede Gefahr -stürzt“; die Schwarzen können sich nämlich nicht vorstellen, daß es -einen nüchternen Menschen gibt, der so mutig allen Feinden begegnet. -Wie oft wurde mir gesagt: „Ihr Mann ist zu tollkühn, ein Draufgänger -wie Blücher“ -- aber stets behielt er kaltes Blut dabei, denn z. B., -hätte er sonst schwerlich im heftigsten Kampfe bei der Erstürmung -Iringas einem Offizier das Leben gerettet, indem er ihm zurief: „Aber -Menschenskind, Sie stehen ja vor einer Schießscharte“ und -- bums -- -schon knatterte ein Schuß daraus hervor. Derselbe Offizier wurde doch -noch später bei demselben Gefecht verwundet. Eier und Hühner schenkt -man mir persönlich, dafür spendiere ich dann Kognak. Heute brachte -einer ein ganzes Poesiealbum an, in welchem sich die einzelnen Europäer -durch schöne Verse verewigt hatten; ich war die erste Dame in dieser -Sammlung. Bis jetzt hat kein Jumbe mehr als zwei weiße Frauen gesehen. -Die Jumben kommen zum Sakkarani von weit her, der eine sogar von weit -jenseits des Flusses. - -Von der Mabrukschen Frau bekam ich vier Eier geschenkt. Schon in -Dar-es-Salaam bekam ich welche von ihr, und ohne daß ich mich -revanchiert hatte, brachte sie mir einen Teller Kuchen zum Geschenk, -sehr ähnlich unseren Waffeln, ganz knusperig, also sehr schön. - - - +Nordufer des Kingani+, beim „Husarenjumben“,[3] 4. Juni 1896. - -Heute wurde nicht so früh vom Lager aufgebrochen, denn wir wollten nur -über den Kinganifluß mit der von Herrn v. Soden geschaffenen Fähre -hinübersetzen. Durch diese, wie durch so viele andere grundlegenden -Einrichtungen hat Herr v. Soden sich den dauernden Dank der Kolonie -erworben. Es war für die Schwarzen ein Ruhetag, für die Europäer aber -desto größere Arbeit und für mich anstrengender als ein Marschtag. - -Die Fähre ist so klein, daß Maultiere und Esel den Fluß durchschwimmen -mußten, nur an Stricken festgebunden; währenddessen wurde fortwährend -ins Wasser geschossen, um die Krokodile abzuhalten. Es ist häufig -vorgekommen, daß die Tiere im Wasser von den Bestien angefallen wurden. -Der Übergang dauerte sechs Stunden. Für jeden Passanten mußten an den -Jumben, der die Fähre in Ordnung hält, 2 Pesa gezahlt werden. Unter -der Last der ihm in +Kupfer+ ausgezahlten 2200 Pesas wankte unser -„Husarenjumbe“ tief gebeugt aber seelenvergnügt nach Hause. - -Wir hatten noch eine halbe Stunde Marsch. Hier sahen wir Vieh auf der -Weide; ein gutes Zeichen, denn früher versteckten die Jumben vielfach -ihr Vieh aus unbegründeter Angst, daß es ihnen weggenommen werden würde. - -Heute wurden die ersten Träger bestraft, sie hatten „Chakula“ bei den -Eingeborenen gestohlen. Nach neun Tagen die erste Bestrafung unter so -viel Leuten; wir machten abends einen Gang durch das Lager. Die vielen -kleinen Feuer, an denen die Leute an primitiven Herden (drei Steine -und ein Topf mit Reis darauf) ihr Essen kochten, boten einen hübschen -Anblick. Einige der Neger spielten Karten. - - - +Geringeri+, 5. Juni 1896. - -Heute liegt ein tüchtiger Marsch hinter uns -- ohne Pause von 6 -Uhr 4 Minuten bis 12 Uhr 49 Minuten. Da ich es verschmähte, mich -tragen zu lassen, mußte ich diesen wenig angebrachten Stolz mit recht -schmerzhaften Blasen an den Füßen bezahlen. Der Weg war oft so eng und -ausgehöhlt wie eine Straßenrinne, durch die das Wasser abfließen soll; -es ging viel durch Dornengestrüpp und mannshohes Gras, welches einem -fortwährend ins Gesicht schlug -- eine wenig angenehme Zugabe zu dem -ohnehin schon so anstrengenden Marsch. Im ganzen war die Natur recht -ausgestorben: die fast blätterlosen Bäume mit ihren Dornen und das -langstielige gelbbraune Gras gaben der Landschaft ein ödes Ansehen. -Um so mehr freuten wir uns, als endlich vor uns dichtbelaubte Bäume -sichtbar wurden, denn sie verhießen uns fruchtbares Land und somit -aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wasser, ein Dorf -- und einen guten -Lagerplatz. Bald trafen wir auch auf die ersten Schamben (Felder), und -eine halbe Stunde vor dem Marschziele empfing uns auch schon der Jumbe -mit seinen Untertanen. - -Heute habe ich mich auch zum ersten Male um die Küche gekümmert: immer -noch Huhn und Reis, dazu ein Täubchen, welches mein Mann mir alle -Tage schießt und welches mir trefflich schmeckt. Ich sah auch heute -die erste Affenfamilie und den ersten bunten Tropenvogel, der sich in -dieser Einöde ganz prächtig ausnahm. Auch Ebenholzbäume sah ich viel. - -Es scheint, als ob selbst die meist stumpfsinnigen Träger veredelndem -Einflusse nicht unzugänglich sind. Die ersten Tage blieb alles stumm, -wenn ich an ihnen vorüber kam und ihnen „Jambo“ (guten Tag) bot, heute -schrie mir alles schon entgegen, ja, einer der Träger spielte sich als -Kavalier auf, indem er mir eine seltene schöne Blume brachte; ich habe -mich darüber recht gefreut. Am Morgen sah ich der Mabrukschen Frau zu, -wie sie ihre Ohrenverzierungen herstellte: sie wickelte in gelbe und -rote Farbe getauchte Zeugstreifen sauber auf und steckte sie in die -ungefähr 1 _cm_ großen Löcher in den Ohrmuscheln. - -Den Jumbe von Perondo sind wir glücklich los, er muß voran marschieren, -um uns Brücken über die Flüsse bauen zu lassen. In Dar-es-Salaam -belästigte er uns unaufhörlich. Übrigens macht er einen ganz harmlosen, -gemütlichen Eindruck. - - - +Mkulassi+, 6. Juni 1896. - -Um 4½ Uhr schon zum Aufbruch geblasen, um 5½ Uhr Abmarsch aus dem -Lager. Da wir den Geringeri passieren mußten, ging es sehr langsam -vorwärts, denn die Notbrücke, die über den Fluß gelegt war, verdiente -ihren Namen in der Tat. Die Tiere mußten den Fluß durchschwimmen, die -Träger krabbelten langsam hinüber. - -Um 1½ Uhr im Lager. Zur Abwechslung gab es heute einmal Ziege anstatt -Huhn, für uns alle sehr erfreulich, auch Schnapsel profitierte davon. -Der Hund hat uns viel Sorge gemacht; infolge eines Insektenstiches war -ihm ein Auge ganz blutunterlaufen, so daß ich schon fürchtete, er würde -es verlieren; ich habe es ihm tüchtig mit nassen Umschlägen gekühlt und -hatte die Freude, es bald wieder heil zu sehen. - -Tom geht es heute gar nicht gut, seit mehreren Tagen schon hat er -Fieber, natürlich ist auch meine Stimmung dementsprechend. Mit der -Kocherei fängt es an, besser zu werden. - - - +Magugoni+ (Kinganifluß), 7. Juni 1896. - -Heute wird Tom von allen Seiten von Eilboten bestürmt, infolgedessen -hat er riesig viel zu tun. Um den Tag zu feiern, haben wir unsere -Herren zu einer Bowle eingeladen. Der Marsch war heute wieder sehr -schön, durch ein fruchtbares Stück Land. Vorgestern kamen wir durch -ein 4 bis 5 _m_ hohes Maisfeld, wohl eine halbe Stunde lang; das -Marschieren war zwar nicht angenehm, aber wir freuten uns doch, da uns -Tom erzählte, so fruchtbares Feld habe er seit 3 Jahren nicht gesehen, -denn die Heuschrecken hätten zu arg gehaust; jetzt ist diese gräßliche -Landplage, Gott sei Dank, im Aussterben. Gestern noch sahen wir ganz -abgefressene Grashalme, mit großen braunen länglichen Punkten -- tote -Heuschrecken, zu fünf und sechs an einem Halm. Viele Wildspuren, -aber kein Wild zu sehen, da das Gras, 3 bis 4 _m_ hoch,[4] jeden -Umblick hinderte. Zur Linken lugten zwischen einzelnen Baumgruppen -waldige Hügel herüber, und zur Rechten zeichneten sich mit allen -landschaftlichen Einzelheiten, mit ihren Wölbungen und Tiefen, die -wunderschönen 8000′ hohen Uluguruberge in der durchsichtigen, klaren -Luft ab. Wir marschierten 6¾ Stunden, eine ganz ansehnliche Leistung, -wenn man den schmalen, gewölbten „Straßenrinnen-Weg“ in Betracht zieht, -der, von darüber fallendem Gras bedeckt, uns zwingt, immer hübsch vor -uns hinzusehen und der Steine und Wurzeln zu achten, denn das Stolpern -bringt aus dem Marschtempo. Dazu die besondere Eigentümlichkeit, daß es -hier kaum Bäume ohne Dornen gibt. Ich hatte keine Gamaschen angelegt -und mußte diese Unterlassung beim Reiten durch zahlreiche Dornenrisse -büßen. - - - +Chansi+, Kinganifluß, 8. Juni 1896. - -Heute war ein schöner Tag -- beinahe ein Ruhetag! Es wurde erst um 6¼ -Uhr zum Aufbruch geblasen, dann ein kurzer Marsch bis zum Fluß, den wir -in Kanoes kreuzten; die Leute wateten durch. -- Nachmittags schossen -die Herren die Gewehre ein. Während ich hier schreibe, lodern ringsum -große Feuer gen Himmel, an denen schwarze Gestalten umherhocken. Die -Feuer brennen die ganze Nacht hindurch, in ihrem Bereiche suchen sich -die Leute ihre Lagerstätten. - - - +Mihama+, 1½ Stunde westlich von Tulu, 9. Juni 1896. - -Trotzdem schon um 5¼ Uhr zum Abmarsch geblasen wurde, kamen wir -doch erst um 7½ Uhr aus dem Lager. Die Soldaten hatten einige Gnus -geschossen, die erst unter die Askaris verteilt wurden -- ein großes -Ereignis! Nachmittags war wieder Fleischverteilung, bei der ich zugegen -war; mit welcher Gier stürzten sich die armen Kerls auf die leckere -Beute! Auch einige Hartbeeste waren geschossen worden, darunter eins -von meinem Mann, mit prachtvollem Gehörn. Wir behielten uns ein -Stück des besten Fleisches, hoffentlich bereitet es der Koch auch -schmackhaft zu. Von der Vorzüglichkeit unseres Küchenchefs bin ich -nämlich schon längst abgekommen, trotz seines Rufes als des anerkannt -besten seines Faches. Er bezieht ein Gehalt von 40 Rupien monatlich, -hat als Assistenten einen Küchenjungen zu 3 Rupien und einen Esel zum -Reiten auf der Safari (Reise) und muß außerdem noch sehr gut behandelt -werden, damit er bleibt! Leicht hat er es übrigens ebensowenig wie -unsere Jungens. Wenn wir ins Lager kommen, meistens gegen 12 Uhr und -später, müssen die Zelte aufgeschlagen, der Tisch gedeckt, aufgewaschen -und hunderterlei Kleinigkeiten besorgt werden, von denen eine deutsche -Hausfrau keine Ahnung hat, die aber zu den täglichen Notwendigkeiten -unseres afrikanischen Marschlebens gehören. - - - +Dutumi+, 10. Juni 1896. - -Ein kurzer aber sehr beschwerlicher Marsch heute. Das an 4 _m_ hohe, -taufrische Gras hinderte uns sehr am Vorwärtskommen und durchnäßte -uns bis auf die Haut. Zuweilen sahen wir, wenn das Gras einmal einen -Ausblick gestattete, die waldigen Höhen der Uluguruberge rechts -vorgelagert, ein Zeichen, daß unsere Karawanenstraße im großen Bogen -lief; wir hatten diese Berge bisher immer zur Linken gehabt. Unsere -Zelte stehen abseits von den übrigen unter einem großen Baum, der -seinen Schatten nach allen Seiten hin spendet; ein ideal schönes -Plätzchen. Während ich schreibe, üben unsere Askaris ihre Hornsignale. -Wie mich das an Weißenrode erinnert, wenn vom Liegnitzer Haag die -Musik der Königsgrenadiere herüberschallte. Es ist eigentümlich: der -Zulu, obwohl musikalisch, ist zum Signalblasen nicht zu gebrauchen, da -seine Lungen zu schwach sind; der Sudanese dagegen ersetzt, was ihm an -musikalischer Begabung abgeht, durch kräftige Lungen; die Kerls blasen -ihre Signale wie man’s zu Hause kaum besser hören kann. Die Sudanesen -halten sich übrigens, wie ich hier einschalten will, für besser als die -anderen Stämme und wollen nicht mit zu den Negern gerechnet werden. - -Von dem gestrigen Wege bin ich so entzückt, daß ich die Schilderung -heute nachholen möchte. Der Marsch ging auf breit ausgehauenem Pfade, -auf welchem sogar 10 bis 15 Neger mit dem Ausjäten des Unkrautes -beschäftigt waren. Solch Zeichen von Kultur hier zu finden, ist wie -eine Oase in der Wüste, und zwar besonders erfreulich als Zeichen, daß -der Jumbe in dieser wohlhabenden Gegend eine gewisse Macht besitzt; -die Beschaffenheit der Wege kann man als besten Maßstab hierfür gelten -lassen. Diese Jumben lassen sich mit unseren Dorfschulzen vergleichen, -doch stehen ihnen größere Machtbefugnisse zu, denn das Gouvernement -kann sich hier nicht um alle die Kleinigkeiten bekümmern, für die -der Dorfschulze seinem Amtsvorsteher und Landrat verantwortlich ist; -unsere Jumben hier stehen in dieser Beziehung doch selbständiger da, -und das Gouvernement unterstützt ihre Anordnungen. So schön geebneten -Weg hatten wir bisher noch nicht gefunden, vor allem nicht auf diese -Länge hin, selbst die Brücken über die Flüsse fehlten nicht. Der Jumbe -_en chef_ hatte augenscheinlich die ihm unterstellten zehn Unterjumben -gut im Zug. Er kam uns entgegen und war sehr enttäuscht, als wir unser -Lager nicht in seiner Residenz aufschlugen. - -Eine Stelle des Weges haftet mir besonders im Gedächtnis: Dornröschens -Schloß meinte ich vor Augen zu haben, hohe Wände von dichtem grünen -Laub, hochragende Baumwipfel als die Mauertürme dieses verzauberten -Schlosses. -- Die Temperatur war recht afrikanisch: trotz Tropenhelms -und Regenschirms trug ich eine Brandblase auf der Nasenspitze davon. -Das Trinkwasser ist hier recht unappetitlich, es gehört schon -Überwindung dazu, sich in dieser trüben Flüssigkeit zu waschen -- -trinkbar ist es nur in der Form von Tee, und zwar aus silbernem Becher, -um die trübe Brühe nicht beim Trinken auch noch sehen zu müssen. - - - Station +Kisaki+, 11. Juni 1896. - -Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher -war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der -Malaria erlegen. Es war doch schön, wieder einmal nachts ein Dach -über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns -in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr -an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und -aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist -alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt -waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat -- das -ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so -daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb, -aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft -metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht -empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 _m_ hohen Ufer fallen sehr steil -ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt hier -das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein. - -Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend -kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr -noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben -im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche -Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei- -bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten -diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr _en vogue_. - -Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich -marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die -ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den -Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in -welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß -von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte. - -Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht, -um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen. -Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns -Befehl Bastionen, Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die -Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen. - - - +Mgeta+, 13. Juni 1896. - -Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige -Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert -hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und -Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier -für den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien -bedankt zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir -uns ein. Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der -Mafiti mit Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen -Anhang vor Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms -Gewehr tragen zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem -Mafitidorfe vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut -ist, bis an den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten -im hohen Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied -in Sturmkolonne vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten -Lagerplatz zu schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst -+nach+ dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar -den blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz -nur dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken -ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum -einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein -unübersteigbares Hindernis. - -Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im -Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären -nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun -erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller -Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung -hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein -kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen: -Höhenmessung durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers, -eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen -und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe -ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach -Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch -gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie -Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7 Uhr -an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und zwar -je dicker je besser. - -Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine -dichte Wolke am dunkeln Himmel hin -- ein feierlicher Anblick: Seelen, -die ihrer Heimat zustreben! - - - +Msengebach+, 14. Juni 1896. - -Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht -werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick -behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten -- -wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk -und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände -blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir -sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte. - - - +Makirika+, 20. Juni 1896. - -Das erste Fieber überstanden! -- Das waren böse Tage. Daheim wäre man -bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier -sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen, -und Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht -zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und -pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit. -Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts; -erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie -wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war. - -Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen -werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v. -Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude, -solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus -als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die -großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am -Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die -beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück -waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den -Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen, -um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn -Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel -Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen -von Uhehe grüßten zu uns herüber! - - - +Mfajeka+, 21. Juni 1896. - -Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha, -der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen -Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer -recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte -ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu -schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie -das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den -kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit -nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen -im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch -zuerst immer jämmerlich schrieen. -- - -Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In -drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres -Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank. -Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha -an dieser Stelle gegen 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum -anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen -Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich -ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, -- -die landesübliche Sitte des Kindertragens -- und wurden mit ihrer -lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren -Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer -Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot -ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten -und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war -die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber -wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer -Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete. - -Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus -Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er -ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort -herausgeholt, geschient und verbunden. - - - +Mfajeka+, 22. Juni 1896. - -Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern -bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die -wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden, -nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe -dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten -entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein, -ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit -- -auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit, -wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt. - -Von meinem Platze aus kann ich die Kompagnie sehen, die oben zum Appell -angetreten ist. Auf dem Marsche tragen unsere schwarzen Kerls je nach -Geschmack alle möglichen Zierate an den Mützen: Federn, weiße Sterne -u. a. m.; heute sehen sie in ihren, den Husarenkalpaks ähnlichen Mützen -ganz militärisch und schmuck aus. - - - +Dorf Kranse+, 24. Juni 1896. - -Der Abmarsch verzögerte sich, weil wir auf den Arzt warten mußten, der -erst den im Ruaha verunglückten Träger neu verbunden hatte und dann -noch nach einem kranken Kinde sehen mußte. Drei Stunden ließ ich mich -tragen, versuchte dann, auf meinem Maskatesel weiter zu kommen, mußte -mich aber bald bequemen, über einen durch Auswaschung entstandenen -Erdspalt auf Baumwurzeln zu balancieren. Als nächstes Hindernis kam ein -Urbusch, der erst gangbar gemacht werden mußte: dunkler Moorboden oder -Graswuchs, lianenumschlungene Stämme mit dichtem Laub, Wasserpfützen -mit dem bekannten metallisch-rötlich-schimmernden schleimigen Überzug, -das alles in einem düstern Zwielicht, dazu eine Fülle von Tieren -und Insekten -- das ist das Bild eines afrikanischen Urbusches oder -Urwaldes. - -Unser Lager liegt dicht an den Bergen, die uns einen frischen Wind -herübersenden; das erfrischt Mark und Nerven und hält die gefährlichen -Fiebermiasmen der sumpfigen Niederung fern. Gegenüber ein prächtiger, -breiter Wasserfall. Welch schöner Abend: ringsum die Lagerfeuer, an -denen die Leute sich schon schlafen gelegt haben, silberklar zieht der -Mond seine stille Bahn am tiefblauen Sternenhimmel, an dem einzelne -Silberwolken glänzen, der Horizont begrenzt von den hohen Bergen von -Uhehe -- in die tiefe Stille dringt nur das gleichmäßige Rauschen des -Wasserfalls herüber und ab und zu der Schritt des Wachtpostens. - - - +Mahenge+, 25. Juni 1896. - -Um 6 Uhr 20 Minuten Aufbruch. Die ersten 3½ Stunden ließ ich mich -tragen und las dabei, wie ich meistens tue. Dann ritt ich meinen -braven Maskatesel. Der Weg durch den Wald war recht schlecht, -Tom mußte einen Unteroffizier als Bahnbrecher vorschicken. Das -Marschtempo ist im allgemeinen 100 Schritt in der Minute, der Schritt -etwa 70 Zentimeter, so daß wir durchschnittlich in der Stunde 4 bis -4½ Kilometer vorwärtskommen. In einem hohlen Baum fand Tom heute -ein ganzes Schmetterlingsnest, aus dem er die Tierchen wie junge -Vögel ausnehmen konnte. Es war sehr niedlich. Jetzt kommen wir meist -ziemlich manierlich ins Lager, freilich durch das hohe, nasse Gras -gewöhnlich bis auf die Haut durchnäßt, und beim Durchreiten der -Bäche kommt man auch oft genug mit den Füßen ins Wasser, obgleich -ich im Sattel balanciere wie eine Kunstreiterin. Morgens regnet es -hier auch öfters; im Gegensatz zu vielen anderen regenarmen Gegenden -Deutsch-Ostafrikas ist das Land deshalb hier auch ungemein fruchtbar. -Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Reichtum die Natur diesen -Landstrich ausstattet! Wir kamen durch einen Graswald, der uns mit -seinem, die Bäume überragenden Schilfgras ganz vorweltlich anmutete; -bei den Maisfeldern wuchsen sechs bis acht Stauden aus einer Wurzel -durchschnittlich 5 bis 7 Meter hoch. Ein Stückchen solch fruchtbarer -Erde in Europa! - -Afrika geht auf die Gesundheit! Von uns fünf Europäern haben Tom und -der Zahlmeister Winkler seit vierzehn Tagen fortwährend Fieber bis zu -40°, der Unteroffizier Hammermeister sogar bis 41°, und auch unser Arzt -_Dr._ Stierling laboriert daran. Das beste Vorbeugungsmittel ist und -bleibt kräftige Nahrung, um dann während der Fieberanfälle möglichst -bei Kräften zu bleiben, denn auch bei nicht allzuhohem Fieber taten die -Herren immer ihren Dienst. Man muß hier nach Möglichkeit gut leben, -schon um den Dienst im Gange zu halten. Wer nur Wasser trinkt und nicht -gut und kräftig ißt, der spart wohl -- und zwar nicht unbeträchtlich! --- am Geldbeutel, auf die Dauer wird er aber dieses Sparsystem nicht -aushalten. Trotz alledem -- Afrika hat doch Reize, die man in Europa -vergeblich suchen würde. Wenn die Träger ins Lager ziehen und ihre -Lieder vom „Sakkarani“ singen, wenn wir nach angestrengtem Marsche -unsere Zelte aufschlagen als vorgeschobene Pioniere deutscher Kultur, -mit dem Ziel vor Augen: wir wollen und können unserm deutschen -Vaterlande auf diesem vorgeschobenen Posten dienen und nützen, jeder -nach seinem Pfund! -- das ist ein Bewußtsein, welches über den Mangel -europäischen Komforts und selbst eine tüchtige Dosis Fieber kräftig -hinweghilft! - -Heute war offizieller Empfang! Eine Stunde vor dem Dorfe kam uns der -Jumbe entgegen und begrüßte uns mit einer feierlichen Ansprache, -die ich allen seinen deutschen Kollegen als Muster von -- Kürze -bestens empfehlen kann. Auch sonst fanden sich Vergleichspunkte mit -europäischen Einzugsfeierlichkeiten: die Stelle der weißgekleideten -Jungfrauen vertraten die mit schneeweißem Linnen drapierten Einwohner -beiderlei Geschlechts, die uns zu Ehren angetreten waren. Das Dorf -war rings um einen großen freien Platz angelegt, in dessen Mitte ein -riesiger wilder Feigenbaum die Stelle unserer Dorflinde vertrat. Hier -spielt sich das öffentliche Leben ab, in seinem Schatten wird Schauri -gehalten, getanzt, gekneipt und wohl auch gelegentlich mal gerauft, -ganz wie bei einer deutschen Kirmes. Unser Lager wurde unter einer -stattlichen Baumgruppe aufgeschlagen, die als deutliches Zeichen -dieser ihrer Bestimmung an einem Stamme ein -- Reklameschild für -deutschen Sekt trug! Die Herren v. Kleist und Albinus, die früher -hier stationiert waren, hatten uns gesagt, wir würden wohl wenig -Lebensmittel auftreiben, da die Leute sehr arm seien, höchstens einige -Hühner, von Ziegen ganz zu schweigen; um so angenehmer waren wir -überrascht, als uns eine Menge Ziegen, Hühner, Eier und Mehl gebracht -wurde. Der Besuch nahm den ganzen Tag kein Ende. Es sieht zu drollig -aus, wenn so dreißig bis fünfzig Schwarze um uns herum hocken; ich -bewirte sie mit eigens für sie bestimmten Tassen mit Gin; gern würde -ich mich auch mit ihnen unterhalten, aber ich verstehe ihre Sprache -noch nicht. - - - 26. Juni 1896. - -Wir passierten eine Anzahl recht ansehnlicher Dörfer; die Hütten waren -durchweg mit Veranda versehen. Unter dem Schwarm von Eingeborenen, -die uns zur Station begleiten, um dort Schauri zu halten, befindet -sich auch der Jumbe Farhenga, der früher oft gegen uns gekämpft hat, -bis er sich ergab -- Leutnant Brüning ist im Kampfe gegen diesen Stamm -gefallen --; er war früher ein Anhänger von Quawa und glaubt bestimmt, -daß dieser sich nicht sehen lassen würde. - - - 27. Juni 1896. - -Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen -40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer, -mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand -Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache -schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit -und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei -Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten -kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz -alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die -uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten -nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum -Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit -den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt, -je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes -Gedränge -- aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden -sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner, -die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls -hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles -fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich -gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr -ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe -ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der -Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte -Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris -das Nötigste aus den Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner -aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen. - - - +Fakalla+, 29. Juni 1896. - -Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei -Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und -Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste -Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu -nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre -beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und -war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute -sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen -Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können. - -An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche -Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten -müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber -- -kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige -Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier -schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und -Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als -sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem -sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen -sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von -Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte -ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten. -Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt -ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen -in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen -Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen -wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets -willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer -findet sich stets in der Nähe von Wasser; auch der Honigvogel ist -ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo -man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine -Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne. - - - +Am Fluß Ruipa+, 1. Juli 1896. - -Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das -Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im -Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen -lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer -mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter -tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte -bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind -übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen, -werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen! -Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“ -sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick -sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend -und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst -fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im -Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona! --- Heute den 34. Tag unterwegs! - - - +Gima+, 2. Juli 1896. - -Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr -werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch -bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal -nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner -Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf -- natürlich tolle Kopfschmerzen. -Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches -Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas -zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres -Zeichen, daß sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin -ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und -heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen. - - - +Ndemusdorf+, 3. Juli 1896. - -Auch heute alle Dörfer verödet -- ein böses Zeichen! Quawa hat die -Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe, -aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige -sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen. -Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer -Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg -möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser -Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei -Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch -seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit -den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als -Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom -hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen -und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben, -überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa -zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus -Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat -sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber -zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um -einzutreten. - -Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um -unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein -Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel -weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und -im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in -welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und -der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen. - - - 5. Juli 1896. - -Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren -Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, die -meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick eines -solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten -Farnkräuter gesehen! -- Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der -Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm: -Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die -Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen, -denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen. -Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern -trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste -zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze -niederzutreten. - - - +Am Kitalabach+, 6. Juli 1896. - -Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns -zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft -bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in -der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken; -dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°. -Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges -Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war, -um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit -geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten -die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die -Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt, -dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten -diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur -dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung: -Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich -erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein, -wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst -zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel -festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln, -Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht. - - - Am 7. Juli 1896. - -Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf -- gegenüber -dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen -erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger -Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich -hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich, -wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem -Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu -überzeugen. - - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel. - -In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa. - - - +Perondo+, 8. Juli 1896. - -Um 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter -trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir -sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen -Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges, -hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit -- mehr gestattete der -Weg nicht -- so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und -Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki, -Graf Fugger und _Dr._ Berg entgegen, die auch für eine prächtige -Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet, -und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine -Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche -Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und -die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war -ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt -gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen -- und der Dienst machte -seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer -Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen -Festmahle -- wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich -es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt -- der letzte --- wurde reichlich getrunken, dank seiner belebenden Wirkung und der -Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt, -trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch -Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns -nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser -schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein! - -Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen, -gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das -Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort -gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu -besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts -übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht -Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen. -Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der neu -anzulegenden Station zu dirigieren -- +ohne daß es zu viel kostet+! -Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend: die Messe -besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die Bezeichnung -„Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der Zimmermann die -üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne durch Tischler -und Glaser ergänzt zu werden. - - - +Perondo+, 9. Juli 1896. - -Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe, -brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen, -um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu -vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt -ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder, -alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu -begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen. - - - +Perondo+, 12. Juli 1896. - -Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen -schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich alles nötige -Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem -europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen -Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch -die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten -wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem --- natürlich sorgfältig gereinigten -- Gewehrlaufe glattgestrichen -und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl, -Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines -Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren -zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs -andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, -- aber -wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser -Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt -nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz -leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte -mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen -bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit -roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und -Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem -Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume -abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe -- man kann sie zwar -nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die -Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt -festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen -und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die -gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum -wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues -Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen -Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter -befestigt; es sah wunderhübsch aus -- stilvoll-afrikanisch. Dazu in -der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen; -an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel (ich hatte -mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum -Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl -die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas -getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste. - -Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer -und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in -knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in -dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den -Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas -sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich -Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee -tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu -Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. -- -Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen. - - - +Perondo+, 13. Juli 1896. - -Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann -wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam _Dr._ Berg; -dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus -Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel. - -Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie -seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur -aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt- -und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht -aufgefressen. Der Feinschmecker! - -Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel -Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig. -Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind -anwesend. - - - +Perondo+, 17. Juli 1896. - -Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum -Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren -bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um -Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe -genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern -mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab; -zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück -Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine -kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000 -Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin -und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs. - -Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder -einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die -Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und -beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer -Hütte. - -Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn -1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der -gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es -reichlich. - -Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf -der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens -werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine -Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der -Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten -geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches -Notwendige finde ich überhaupt nicht. - -In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine -Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die -beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große -Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perniziöses Fieber zu haben und -wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte -dann auch _Dr._ Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom -den Verlust von zwei Europäern. -- Eine rechte Landplage sind hier die -kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen -Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns -vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den -Kopf gebunden tragen müssen -- ein spaßiger Anblick. - - - +Perondo+, 18. Juli 1896. - -Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo -blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver -geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis _Dr._ Berg -kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der -hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des -schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer -angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders -annehmen. - -Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch! -Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein -Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch. -Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern -Küchenzettel! - - - +Perondo+, 19. Juli 1896. - -Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet -soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen -sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er -auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn -Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen -seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern -werden? - -Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht -schlimmer, er ist aber sehr schwach. - -[Illustration: Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince. - -(Zu S. 35.)] - -[Illustration: Von links nach rechts: - -Oberleutn. +Glauning+. Hauptm. v. +Kleist+. Stabsarzt _Dr._ -+Stierling+. Hauptm. v. +Prince+. Leutn. Graf +Fugger+. Leutn. -+Stadlbaur+. -- Frau Hauptm. v. +Prince+.] - -Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und -ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus -erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden: -Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat. - -Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie -sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere -Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen -und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in -einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen -Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen -abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere -Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen -und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu -noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen -Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu -wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können. - - - +Perondo+, 22. Juli 1896. - -Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte: -erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon -besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von -irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten -Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten -wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten, -und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es -alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle -unsere Wünsche und Hoffnungen richten. - -Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften -und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem -untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto -vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch -vielfach ausgedroschen; die Dreschflegel sind den unseren ähnlich, -selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird -innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf -Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich -mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach -selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und -Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen. -Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst -so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem -Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der -Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen. -Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht -anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln -greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde. - - - 23. Juli 1896. - -Gestern abend gemütliches Zusammensein in der Messe bis nachts 1 Uhr. -Vom Grafen Fugger kam Nachricht, er baut tüchtig an seiner Boma; von -den Einwohnern der Temben läßt sich niemand sehen, die Wahehe dagegen -haben Beobachtungsposten ausgestellt. Es spitzt sich mehr und mehr zu, -trotzdem mein Mann mehrere Gesandtschaften an Quawa geschickt hat, um -diesen über den friedlichen Zweck unseres Zuges aufzuklären. An den -Küsten hat man von den hiesigen Zuständen keine Ahnung, es wurde dort -behauptet, Perondo sei sehr gesund und alles atme hier Frieden! Jetzt -hat der zweite Unteroffizier auch Fieber. - -Mit der Zeit schärft sich der Blick für die schwarzen Gesichter, ich -kann jetzt schon die Frauen von den Männern unterscheiden; anfangs war -das durchaus nicht leicht; beide tragen als Gewand große Tücher um -Brust und Körper, die nur den Kopf, die Arme und die Füße freilassen; -selten sieht man einmal einen Mann, der einen Anflug von Bart trägt. - -Eben sitzt Kiwanga, einer unserer größten Häuptlinge, bei meinem Mann, -ein stattlicher schwarzer Herr in europäischer Kleidung. Benehmen und -Sprechweise machen einen guten Eindruck; schade, daß ich nichts von der -Sprache verstehe; er scheint sehr klug zu sein. Unser Kognak hat seinen -Beifall, er hat eine ganze Tasse voll getrunken! Er erzählte Tom, daß -Quawa bei Iringa einen Streifschuß am Oberschenkel erhalten habe. Hätte -der Schuß damals besser getroffen, brauchte mein Mann jetzt nicht all -das Häßliche durchzumachen, was uns nun als sicher bevorsteht. - -Kiwanga, unser Gast, scheint hier in hohem Ansehen zu stehen; während -ich mich sonst immer darüber ärgern mußte, daß Koch und Boys in -Gegenwart von Gästen stets ganz ungeniert ins Zimmer platzten, um sich -die Befehle für die Mahlzeiten zu holen oder ihrerseits Wünsche und -Klagen anzubringen, kommen sie heute nur leise angeschlichen und reden -nur im Flüsterton: die Nähe von so viel schwarzer Hoheit bedrückt sie -ganz augenscheinlich. - - - 28. Juli 1896. - -Ich habe die Tage über nicht schreiben können, denn es lag mir wie ein -Alp auf der Seele: heute sind die Sachen für meinen Mann gepackt, die -er auf seinem Zuge mitnehmen will! Sobald er seinen Bericht fertig hat, -geht es ab! Der Krieg ist unvermeidlich, trotz aller Versuche, mit -Quawa zu friedlichem Verständnis zu kommen. Tom hatte den Auftrag, ihm -ein Geschenk zu überbringen, das ist nun natürlich ganz ausgeschlossen. -Wenn mein Mann nicht glücklicherweise etliche von Quawas Leuten -hierbehalten hätte, würde dieser Mensch unsere Abgesandten einfach -aufknüpfen; unter diesen Umständen ließ Quawa sie gar nicht zu sich -herankommen, sondern wies sie unter Androhung des Todes zurück. Welche -Gesinnungen ihn beseelen, dafür nur einen Beleg: seinen Großen, die -ihm zum Frieden rieten, ließ er den Hals abschneiden, deren Frauen -wurden durch Ohrabschneiden verstümmelt! An 80 Leute haben dran glauben -müssen. Welch ein Glück für uns, daß es nicht noch mehr solche Neger -gibt, die durch den blutigsten Despotismus die Stämme unter ihrem -Einflusse halten -- mit der Besitznahme von Deutsch-Ostafrika sähe es -sonst sehr böse aus. Quawa hat seine Anhänger um sich versammelt, -man schätzt ihre Zahl auf 7000 bis 9000 Mann; ihnen stehen wir mit -130 Mann gegenüber, nach Abzug von 30 Mann Besatzung unserer Boma und -weiteren 20 Mann, die die Verbindung der drei kleinen Bomas auf unserer -Etappenstraße aufrecht erhalten müssen. Um unsere Boma gegen einen -plötzlichen Handstreich zu sichern, haben wir sie in den denkbar besten -Verteidigungszustand gebracht, der Versuch würde Quawa und seinen -Kriegern teuer zu stehen kommen. - -Ich bewundere bei all meiner Sorge die kaltblütige Ruhe meines Mannes. -Bei der ungeheueren Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht, bestimmt er -alles mit einer Seelenruhe, als ob es sich um den alltäglichen Dienst -handele! Mittags, gleich nach Tisch, ritt er ab mit 40 Soldaten und -100 Trägern. 400 Träger waren schon gestern abgegangen, sie sollten -heute noch eingeholt werden. Ich begleitete Tom bis zum nächsten -Fluß und war gegen 3 Uhr wieder zurück. Sofort erschien auch Kiwanga -wieder und machte mir seinen Besuch, der mir in meiner sorgenvollen -Stimmung wenig angenehm war. Ich setzte ihm Kognak und Zigaretten vor -und da bei meinen mangelhaften Kenntnissen des Suaheli keine rechte -Unterhaltung in Fluß kam, ging er bald wieder. Dann machte ich mir -allerlei Beschäftigung, zog die Uhren auf, ging nach dem Hühnerstall -und anderes mehr, bis der Dolmetscher mit der Meldung kam, soeben werde -Herr v. Stocki schwer erkrankt ins Lager gebracht. Das war ein großer -Schrecken. Ich ging sofort zu ihm, fand ihn glücklicherweise schon auf -dem Wege der Besserung; er hatte ein perniziöses Fieber überstanden -und hoffte, den Zug gegen Quawa schon mitmachen zu können. Nach dem -Abendessen sah ich nach Lagerfeuern meines Mannes in den Bergen aus, es -war aber nichts zu sehen. - - - 29. Juli 1896. - -In aller Frühe durch einen schriftlichen Gruß von Tom geweckt; ich -schrieb sofort wieder, da der Bote mit Dienstsachen zurückging. Dann -kam Kiwanga, brachte aber diesmal den Dolmetscher mit und blieb, da -wir uns nun unterhalten konnten, eine ganze Ewigkeit. Außer dem -üblichen Kognak und Zigaretten erhielt er einen kleinen Vorrat Salz zum -Geschenk und einen von Toms Anzügen. Da ihm aber der Stoff an diesem -Anzug nicht gefiel, mußte ich ihm einen anderen aussuchen, der seinem -Geschmack besser entsprach! Später kam noch ein anderer Häuptling dazu, -der ebenfalls mit Kognak und Zigaretten bewirtet werden mußte, sowie -noch mehrere Gesandtschaften von weiter ab wohnenden Häuptlingen. -Sie bleiben vier Tage hier; da geht es tüchtig über unsere Vorräte -und besonders über die Zeuglasten her. „Kleine Geschenke erhalten -die Freundschaft“ -- die Leute müssen warmgehalten und einigermaßen -poussiert werden, damit sie uns Arbeiter für die Station schicken. -Kiwanga war sehr erstaunt, als er zufällig sah, daß ich einen Revolver -bei mir trage -- ich sah, wie ich dadurch in seinem Ansehen stieg. -Kiwanga war gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Auf die Dauer -fallen einem diese Gastfreunde doch etwas auf die Nerven. - - - 31. Juli 1896. - -Von Tom kommt jeden Tag -- Gott sei Dank! -- gute Nachricht, nur -beunruhigt es mich, daß er über den voraussichtlichen Erfolg sich -niemals äußert. Gott gebe, daß alles gut geht! Herr v. Stocki hat mir -von seiner Safari zwölf Hühner mitgebracht. Er erzählte mir, warum -die Wahehe uns nicht schon längst einmal überfallen hätten. Bei den -Schwarzen ist die Zauberei noch sehr im Schwang, und „Medizinmänner“ -stehen in hohem Ansehen. Es gibt aber auch „Medizinweiber“ unter ihnen, -und eine solche schwarze Velleda hat sich auch Quawa rufen lassen. Die -hat ihm denn nun folgendes offenbart: Der Sakkarani (nämlich Tom) habe -sich eine Bibi Sakkarani mitgebracht, die einen großen Zauber besitze, -nämlich eine kleine weiße Flasche; wenn sie die unter die angreifenden -Wahehes werfe, würden sie sämtlich umkommen! Diese prophetische Warnung -ist nun überall verbreitet, die Schwarzen ringsum erzählen sich schon -davon. - -Von meinem Gastfreund Kiwanga erhielt ich gestern als Geschenk ein -kleines Mädchen zugesandt. Das arme kleine Ding, ich werde mich seiner -recht annehmen. Zunächst ließ ich es durch Mabruks Frau gründlich -waschen, dann wurde ihr der Kopf rasiert und sie mit neuen Tüchern -ausstaffiert; sie soll stopfen, nähen und waschen lernen. Vorläufig -habe ich als Gegengeschenk Zeug an Kiwanga geschickt, was weiter -geschehen soll, wird Tom gelegentlich bestimmen. Jetzt geht’s in die -Küche und dazu gehört immer ein fester Entschluß: eine Wellblechhütte, -von der afrikanischen Sonne durchglüht, mit den offenen Feuern zum -Kochen. - - - +Perondo+, 12. August 1896. - -Ich habe keine Zeit gehabt, in diesen Tagen etwas zu schreiben. Nach -neun Tagen der Einsamkeit das Wiedersehen mit meinem Manne und zugleich -die Aussicht, ihn so rasch wieder für vier Wochen in das Ungewisse -ziehen zu lassen! Wir haben in diesen wenigen Tagen nur der Gegenwart -gelebt und die bange, trübe Sorge mit Gewalt zurückgedrängt. Das waren -kurze Stunden des Glückes: Gott gebe, daß es nicht die letzten gewesen -sind. - - - 13. August 1896. - -Als Tom wieder abzog, hatte er starkes Fieber; noch habe ich keine -Nachricht von ihm, obwohl er besondere Leute für den Nachrichtendienst -mitnahm. O diese Ungewißheit; jetzt gilt es vor allem, sich die trüben -Gedanken, die aufregenden Vorstellungen von all den Gefahren fern zu -halten, die Tom jetzt drohen! Denn nichts ist gefährlicher als diese -Gemütserregungen, die meist heftige Fieberanfälle zur Folge haben -sollen. Um mich zu zerstreuen, bitte ich öfters den Zahlmeister zu -mir, auch der Lazarettgehilfe wird dann hinzugezogen, und da hilft -dann Kartenspiel, „Sechsundsechzig“, über manche Stunde der Einsamkeit -und der trüben Gedanken hinweg. Wir Europäer sind hier ganz besonders -aufeinander angewiesen. Wenn sonst mein Mann weg war, ist mir nie so -schwer zu Mute gewesen. Hier gilt es unsere ganze Zukunft, das Leben -meines geliebten Mannes, die Sorge lastet auf mir wie eine dunkle -Wolke. - - - 15. August 1896. - -Von Tom gute Nachricht! Mit seinem Fieber geht es besser. Gott sei -gedankt für diese Freudenbotschaft. - -Ich selbst leide am Fieber; dazu schlaflose Nächte und die ekelhafte -Plage der Sandflöhe. Die bohren sich tief ins Fleisch, dann heißt -es, die Blase mit den Eiern sorgfältig entfernen, damit nichts -zurückbleibt, sonst wird die Sache nur noch schlimmer. Heute habe -ich solche Geschwürchen herausgenommen. Die kleine Muhigu, Kiwangas -Gastgeschenk, leidet so stark unter dieser Landplage, daß sie kaum -gehen kann. Sie ist grundhäßlich, aber ein freundliches, zutuliches -Wesen. Zu meinen Pflegebefohlenen gehört auch ein kleines, etwa vier -Jahre altes Indermädchen; sie ist Waise, und da sie an krampfartigen -Anfällen leidet, die sie meist am Gehen hindern, will niemand etwas -von dem armen Kinde wissen; auch an den Händen ist sie gelähmt, dazu -blöde Augen, -- es ist schmerzlich, das arme Ding anzusehen. -- Auf dem -Hühnerhofe ein Erfolg: eine Pute legt Eier und eine Ente ist am Brüten. -Letzte Nacht prachtvolles Steppenfeuer, das sich bis in die Berge zog -und den Wasserfall wunderbar beleuchtete. Die Eingeborenen hatten -auf weite Strecken hin das trockene Steppengras abgebrannt. Durch -Schnapsels Rattenjagd werden meine Nächte auch nicht erquicklicher; -er fängt natürlich keine, denn durch die engen Löcher in den Wänden -kann er nicht nachkommen. Neulich fielen in der Nacht zwei von diesen -scheußlichen Tieren von der Decke auf mich, ich schrie laut vor -Schrecken; eine lebensmüde Ratte fand ich im Waschbecken ertrunken. - - - +Lager am Ombascha-Posten+, 19. September 1896. - -Welche Glücksbotschaft gestern! Um vier Uhr kam ein Brief von Tom: -sobald unser Gepäck „_tajari_“ (fertig gepackt zum Mitnehmen), soll -ich zu ihm kommen! Er hatte für das Verpacken zwei Tage gerechnet --- natürlich war ich schon am anderen Morgen „_tajari_“ und rückte -mit meinem Begleiter, dem Oberlazarettgehilfen, ab. Ein tüchtiger -Gebirgsmarsch. Sehr müde! - - - +Lager am Kihansifluß+, 20. September 1896. - -Ich darf wenigstens sagen, daß ich Afrika kennen lerne; freilich ist -dieser praktische Geographieunterricht recht anstrengend, dafür aber -nur interessanter. In der Schweiz habe ich nicht solche Kletterpartien -gemacht wie hier; selbst nicht am Julier, wo ich mir Edelweiß geholt -habe von Stellen, die für Damen als unerreichbar galten. Gestern waren -acht Berge zu nehmen, 600 bis 800 Meter hoch, so steil und unwegsam, -daß ich mich oft hinaufziehen lassen mußte, wenn ich die für mich -eingehauenen Stufen in den Felsblöcken selbst auf „allen Vieren“ nicht -mehr schaffen konnte. Aber jeder bestiegene Berg war ja ein Hindernis -weniger auf dem Wege zum Ziel! Da vergaß ich gern 33° Reaumur! Die -Aussicht war großartig, aber die Müdigkeit ließ mich doch nicht zum -Genuß kommen. - - - +Magdalenenhöhe+, 21. September 1896. - -Morgen oder übermorgen sehe ich meinen Mann wieder! Was waren das für -schreckliche Wochen! Wie zitterte ich um des Geliebten Leben, wie oft -kamen Nachrichten, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließen! Wußte -ich doch Tom mit seinen 230 Mann und den 8 Deutschen -- von denen -drei eben erst das perniziöse Fieber überstanden hatten -- einem an -Zahl weit überlegenen blutdürstigen Feinde gegenüber. Anfangs erhielt -ich alle paar Tage Nachricht -- dann blieb vierzehn Tage lang jede -Botschaft aus! Doch nun ist ja diese schreckliche Zeit der qualvollen -Ungewißheit vorüber, ich ziehe ihm entgegen, soll ihn nun bald gesund -und fröhlich wiedersehen! Die größte Gefahr ist abgewendet, wenn auch -noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt: nämlich Quawas habhaft -zu werden. Dazu müssen aber erst Hilfstruppen abgewartet werden, -Toms kleine Schar ist in diesem ungeheuren Gebiete dieser Aufgabe -natürlich nicht gewachsen. Für mich zum Glück: bis zum Eintreffen der -Verstärkungen darf ich bei meinem Manne bleiben! Als Tom das Lager -Quawas nahm, ist dieser entkommen, so konnte dem ganzen Feldzuge leider -nicht mit einem Schlage ein Ende gemacht werden. Das Gefecht war -infolge von Quawas Flucht ziemlich kurz, Tom hatte keine Verluste, auf -der feindlichen Seite aber Tote, Verwundete und Gefangene. Es wurden -an 1000 Stück Großvieh und 1100 Kleinvieh erbeutet -- an Fleischmangel -wird die Station also nicht mehr zu leiden haben. - -Eine Episode aus diesen sechs Wochen Einsamkeit muß ich doch noch -nachtragen. Eines Abends saß ich mit dem Zahlmeister Winkler und dem -Lazarettgehilfen Prinage beim Skat, als plötzlich einige Griechen und -Araber auf unserer Veranda mit der Schreckensnachricht angestürzt -kamen: „Die Wahehe sind da! Sie wollen die Boma stürmen!“ Da hieß es -„Kaltes Blut“ -- nicht den Kopf verlieren; es war das erstemal, daß -ich mich in solcher Lage nur auf mich selbst angewiesen fand. Während -Winkler und Prinage Patronen an die sofort alarmierten Soldaten -ausgaben, die Boys und Träger mit Vorderladern bewaffneten und jedem -seinen Posten anwiesen, ließ ich Wasser herbeiholen, brachte die -Reittiere in der Boma unter, sammelte die mit Speeren bewaffneten -Männer aus dem Dorfe, brachte sämtliche Windlichter und Laternen -zusammen und suchte möglichst Ordnung in das schwarze Menschengewühl -zu bringen, denn Weiber und Kinder bildeten ein kaum entwirrbares -Knäuel. Dann steckte ich Revolver und Patronen zu mir, legte mein -Bestes an Schmuck obenauf im Koffer, um im Falle eiliger Flucht alles -zur Hand zu haben, dann machten wir einen Rundgang, um uns von der -richtigen Ausführung aller unserer Anordnungen zu überzeugen. Die ganze -Alarmierung war in fliegendster Eile vor sich gegangen; nach kaum einer -halben Stunde spielten wir auf unserer Veranda weiter. Wir blieben -die ganze Nacht auf, -- ich hatte die Weiber und Kinder inzwischen -auch untergebracht -- und vertrieben uns die Zeit mit Kaffeetrinken -und Postenrevidieren. Der Höllenlärm unserer aufgeregten Nachtgäste -ebbte nach und nach ab, und der prachtvolle Sonnenaufgang fand uns -in verhältnismäßiger Ruhe. Die Wahehe waren nicht gekommen, unsere -Vorbereitungen für einen möglichst warmen Empfang also vergeblich -gewesen. Die Weiber trauten aber dem Landfrieden doch noch nicht: -tagelang hielten sie sich in Zelten dicht an der Boma auf, aus Furcht -vor den Wahehes. - -Die Aufregung jener Nacht hatte wohltuende Wirkung: sie riß mich -gewaltsam aus aller kopfhängerischen Angstmeierei, die doch zu nichts -nützen konnte, und führte mir mit der wünschenswertesten Deutlichkeit -vor Augen, daß ich hier, besonders wenn Tom nicht auf der Station -anwesend, wirklich nicht „zum Staat“ da bin. An Beschäftigung habe ich -mir in der Zeit alles nur Denkbare hervorgesucht. Meinen Pflegekindern -habe ich Kleidchen gemacht, Wäsche geflickt u. a. m. Viel Arbeit -verursachte die Herstellung eines Kopfkissens für Tom. Alles, was von -Vieh etwas längere Haare hatte, wurde geschoren, aber der Ertrag war -nicht groß, denn Ziegen und Schafe haben hier meist ein glattes Fell, -Schafwolle kennt man nicht; da ich zu dieser Arbeit die Papierschere -benutzen mußte, hatte ich bald Blasen an den Fingern. In diese sechs -Wochen fiel auch mein erster Geburtstag als junge Frau! Die Feier hatte -ich mir auch anders vorgestellt. Tom hatte für reichen Blumenschmuck -meiner Hütte gesorgt, von ihm selbst kam ein herzliches Schreiben --- aber doch eben nur ein Schreiben! Als Gratulanten erschienen der -Zahlmeister und der Lazarettgehilfe; aus der alten Heimat kein Gruß, -kein Glückwunsch. Die Soldaten gaben, wie an hohen Festtagen, mir zu -Ehren drei Salven, dann spendierte ich ihnen Geld und den Boys eine -Ziege. - -Als wir von Perondo abzogen, kam das ganze Dorf, um mir eine gute -„Safari“ zu wünschen, mindestens an 300 Weiber begleiteten mich ein -Stück Wegs, und als sie schließlich Spalier bildeten, drängten sie -sich alle an mich heran, um mir noch einmal „Kwaheri“ zu sagen. Diese -Anhänglichkeit, über die ich mich wirklich freute, verdanke ich wohl -meiner Gewohnheit, im Dorfe öfter selbst Einkäufe zu machen und die -Kinder mit Erdnüssen und dergleichen zu beschenken. - - - +Magdalenenhöhe+, II. Etappe, 24. September 1896. - -Wiedersehen mit Tom, den ich von hier aus begleite. Der Marsch bis -zur II. Etappe (24. September) bot viel Schönes und Interessantes. -Zerklüftete Berge, auf deren saftig grünen Matten sich kleine -Ansiedelungen zeigten, die mich an die Schweizer Sennhütten erinnerten; -rauschende Bergbäche, die ihr kristallklares Wasser in kleinen Kaskaden -von Fels zu Fels stürzten, dichtbelaubte, blumenreiche Ufer und -ein Wald von Farnen, deren Fiederfächer über uns zusammenschlugen. -Unvergeßlich wird mir der große Wasserfall bei Magdalenenhöhe bleiben, -zu dem Prinage mich begleitete. Der Weg war ungemein beschwerlich, -glatt und steil, der Lohn für die Anstrengung aber ein hoher! In einer -Breite von 8 bis 10 Metern stürzen gewaltige Wassermassen einen an 800 -Meter hohen Felsen herab, um aus der Tiefe, an den durch Jahrtausende -hindurch ausgehöhlten Klippen zerstäubt, als diamantenschillernde Wolke -aufzusteigen, das Ganze umrahmt von üppigem Gehänge tropischer Flora, -die überall zwischen den Klippen und Felsblöcken hervorquillt -- und -all diese Pracht im Farbenspiel der afrikanischen Sonne. Kein Maler hat -Farben auf der Palette, den Zauber dieser Beleuchtung wiederzugeben -- -und Worte vermögen es noch weniger. Zu dem nachhaltigen Eindruck, den -dieses Tropenbild auf mich macht, kommt noch das Bewußtsein: ich bin -die erste weiße Frau, der dieser Anblick vergönnt ist. - -Der Weg bis zur III. Etappe und weiter vom Ruaha aus bot ebenfalls -viel Abwechselung, ich stand aber noch zu sehr unter dem mächtigen -Eindruck dieses in all seiner fremdartigen Schönheit gewaltigen -Landschaftsbildes, um der hügeligen Landschaft erhöhtes Interesse -zuzuwenden. Während wir auf der II. Etappe waren, brachte einer unserer -Schauisch (schwarzer Unteroffizier) 18 Wahehekrieger an, die er samt -ihren Weibern und Kindern mit seinen Askaris gefangen genommen. Die -Leute waren mit Mauser-Gewehren der Zelewski-Expedition und reichlicher -Munition versehen, sie wurden demgemäß unter scharfer Aufsicht bis zur -III. Etappe mitgenommen, wo Tom dann schließlich feststellte, daß sie -auf dem Marsche nach der Station sich befanden, um sich zu ergeben, als -sie von unseren Leuten aufgegriffen wurden. Das ist ein erfreulicher -Erfolg von Toms geschicktem diplomatischen Verhalten: durch langsames -Vorgehen, ohne Blutvergießen, ohne eine Tembe zu verbrennen, ist den -Leuten _ad oculos_ demonstriert worden, daß die Besitznahme des Landes -auch auf friedlichem Wege möglich. Nun kommen sie so nach und nach -an, um sich den neuen Herren zu unterwerfen. Aber bis mein Mann das -erreicht hat, mußte er sich’s viel Sorge und Mühe kosten lassen, und -wir alle beide haben diesen Erfolg mit einem Stück Gesundheit bezahlt! - -Nun folgten schöne Tage. Mit meinem Mann zusammen konnte ich den -letzten Teil unseres Marsches zurücklegen, aus dem mir noch eine höchst -malerische Felsenbildung in Erinnerung steht, Trümmer und Säulen wohl -vulkanischen Ursprungs, die in ihrer malerischen Anordnung uns das -Kolosseum in Rom ins Gedächtnis riefen. - -Am 29. September näherten wir uns unserer künftigen Station, und unsere -Hochzeitsreise hatte nun ihr Ziel erreicht: +Iringa+! - -Tom war sehr gespannt, ob schon Nachricht da wäre von den von ihm -verlangten Truppen, ohne welche die Verfolgung Quawas nicht möglich -wäre, und mich interessierte besonders, ob unser Haus schon fertig sein -wird! - -Wir wurden gleich militärisch empfangen: Leutnant Stadlbaur[5] und -_Dr._ Reinhard mit den Askaris von Kilimatinde begrüßten uns beim -Einzug. Die beiden Herren begleiteten uns, sobald die dienstlichen -Geschäfte erledigt waren, zu unserem Haus: ein niedliches Strohhäusel, -mitten in einem Wäldchen, mit Durchblick nach den Bergen und der Boma; -wenn der Wind geht, pfeift er frischweg durch unsere drei Zimmer; es -hat auch zwei Veranden, die hintere Veranda richteten wir gleich als -Stapelplatz für Lasten und Futterkisten ein. Die Decken der Zimmer -sind mit weißem, die Wände mit blauem Zeug ausgeschlagen; das machte -alles einen wohnlichen Eindruck, die Herren hatten zudem noch die -Wohnung so reizend mit Blumen geschmückt, daß wir unsere herzliche -Freude daran hatten! So war uns doch unerwartet ein festlicher Einzug -in unser neues Heim durch diese Liebenswürdigkeit bereitet worden. -Sobald der Bauleiter eintrifft, wird ein größeres Haus aus festerem -Material für uns aufgeführt werden. Die beiden Herren gaben uns ein -Willkommensfrühstück auf unserer Veranda, sie selbst bewohnen ein Zelt; -nachmittags besahen wir uns die Station, und abends waren die Herren -unsere Gäste. - -Am anderen Tage ging’s ans Auspacken und Einrichten; besonders das -Wohnzimmer sah recht nett aus mit seinen Dekorationen an Gehörnen, -Speeren, Gardinen und Felldecken. Als wir die Herren bei uns zu Tische -sahen, waren sie freudig überrascht, alles so „europäisch“ zu finden. -Sie empfanden es als eine lang entbehrte Wohltat, endlich wieder einmal -an einem Tisch, mit wirklichem Tischzeug, mit vollständiger Gläser- -und Serviergarnitur und Silberzeug speisen zu können. Unsere Lampen -machten sich famos: die Glocken waren natürlich sämtlich gesprungen, -aber Tom hatte aus rotem Zeug sehr geschickt Lampenschirme hergestellt; -die Sache sah sehr „modern“ aus, genau wie die großen Seidenschirme -Stück zu 40 Mark in Berlin _W_. Wir waren recht vergnügt; ich zog -mich aber etwas früher zurück, da ich sehr müde war. Anderen Tags -Abschiedspicknick auf einem schön gelegenen Felsen, der eine prächtige -Rundsicht bot. Wir hatten Maibowle (Waldmeisteressenz, recht gut) und -alles mögliche mitgenommen, u. a. auch Rebhühner. Die Herren waren bei -bestem Humor, sie überboten sich im Erfinden neuer Aufmerksamkeiten. -Als wir uns trennten, geschah es mit aufrichtigem Bedauern -- am -nächsten Tage marschierten sie ab. Die Station war also schön -eingeweiht worden, meine Befürchtung, hier so ganz ohne Sang und Klang -einziehen zu müssen, hatte sich dank der Liebenswürdigkeit der beiden -Herren nicht verwirklicht. -- -- - -Nun kamen zwei Ruhetage, in der die Kleinigkeiten in Ordnung gebracht -wurden. - -Dann traf Herr v. Kleist von Kilossa bei uns ein und nach weiteren -zwei Tagen Leutnant Glauning aus Mpapua. Am vierten Tag zogen auch sie -fort; wir begleiteten sie ein Stück Weges. - -Darauf kam ein Pater Basilius, der hier eine Mission gründen will. Das -würde für uns einen erfreulichen Zuwachs von zwei gebildeten Europäern -bedeuten. Er blieb zwei Tage bei uns. Die nächsten Tage ruhte ich mich -aus, denn es war doch etwas anstrengend gewesen. - -Am 12. Oktober 6 Uhr abends erklärte plötzlich mein Mann: „Wir -marschieren morgen, auf wie lange kann ich nicht sagen!“ Es handelte -sich darum, den Bruder Quawas in unsere Gewalt zu bekommen. Im Nu war -alles gepackt, und am nächsten Morgen um 7 Uhr marschierten wir ab. -Das Einpacken hier zu Lande ist nicht so ganz einfach, denn da sind -nicht nur Kleider, Wäsche usw. mitzunehmen, sondern Haus-, Wasch- und -Kochgeschirr, Teller, Messer und Gabeln, kurz und gut, eine ganze -kleine Einrichtung, und die Hauptsache: alles Essen und Trinken. - -Es war für mich eine höchst interessante „Safari“. Am ersten Tage (13.) -kamen wir nach Quawas Sultansresidenz, der eigentlichen Stadt Iringa, -einer Negerstadt von etwa 9000 Einwohnern, von der noch ein großer Teil -in Trümmern lag; auch Quawas Tembe ist nur zum Teil, und zwar niedriger -wie früher, wieder aufgebaut; sie imponiert aber trotzdem durch ihre -großen Räume und die zahlreichen labyrinthartigen Verbindungsgänge, in -der Küche zählte ich an 60 der hier üblichen primitiven Feuerstellen. -Unter dem großen schattigen Baume vor der Tembe war noch der erhöhte -Sitz, von dem aus Quawa seine Truppenrevüen abhielt; hatte er doch -seine Truppen in besonders kenntliche „Regimenter“ eingeteilt, mit -Offizieren und Unteroffizieren; der eine dieser Truppenkörper trug z. -B. nur ganz weiße Schilde! - -Am 14. Oktober erreichten wir Quawas altes Lager; schon auf dem Wege -dahin stießen wir auf viele kleine Lager; das große Lager liegt so -versteckt in den Bergen, daß man es gar nicht gefunden hätte, wenn -nicht Waheheleute es gezeigt hätten. Es maß wohl 1600 Schritte im -Umfang. - -Hier sollte sich der Zweck unserer Safari erfüllen: im Lager fanden -wir Mpangire, den einzigen rechten Bruder Quawas, und Kapande, seinen -Halbbruder, mit ihren Leuten. Sie kamen, sich zu unterwerfen. - -Im Lager fand sodann großes Schauri statt, in welchem mein Mann -erklärte, Mpangire solle als Sultan an Quawas Stelle eingesetzt werden; -bis zur Gefangennahme Quawas jedoch müsse er ihn in Haft nehmen. -Mpangire ist ein großer, hübscher Mann mit offenen Zügen und freiem -Blick, sein ganzes Wesen macht einen guten Eindruck. Außer den beiden -Brüdern Quawa und Mpangire (ein dritter Bruder endete durch Selbstmord) -leben noch drei Schwestern: die eine ist die Frau des Merere, die -beiden anderen waren bis jetzt bei ihrem Bruder Quawa, kamen aber mit -Mpangire zu uns. - -Mereres Frau ist es übel ergangen: als Quawa sich mit seinem Schwager -Merere entzweite -- er hatte auch eine Schwester von diesem zur Frau -- -ließ er dem armen Weibe, der Schwester seines nunmehrigen Feindes, die -Augen ausstechen -- worauf nun Merere an Quawa Rache nahm und dessen -Schwester auf gleiche Weise blenden ließ! - -Am 16. kamen wir mit unseren Schutzbefohlenen hier wieder an. Sie -wurden in einer Tembe mit Dornboma untergebracht, die sie nicht -verlassen dürfen, sonst kann jedermann sie besuchen. Am Tage haben sie -zwei, nachts vier Wachtposten. - -Zu meiner Freude fanden wir schon etwas Garten an unserm Hause angelegt. - - - 21. Oktober 1896. - -Heute besuchten mich eine richtige und eine Halbschwester von Quawa. -Rotwein schien ihnen sehr zu schmecken, Butterbrot weniger, umsomehr -aber Zucker und vor allem Cakes. Sie baten mich, ihnen das Nähen -beizubringen, und wollen zu diesem Zwecke bald wiederkommen. Beide sind -hübsche Geschöpfe mit kleinen Füßen und schmalen Händen, besonders -Quawas rechte Schwester gefiel mir durch ihr offenes Wesen. Wir waren -sehr lustig miteinander und schlossen gute Freundschaft. Nur beim -Essen und in sonst noch einigen Bewegungen verrät sich zuweilen die -„Wilde“. - -Unser Renommierstück, auf welches Tom besonders stolz ist, wurde -heute fertig: die Diele im Schlafzimmer. Alles, was an Einpackholz -aufzutreiben war, ist dazu verwandt worden; sie sieht zwar demnach -etwas sehr gestückelt aus, ist aber trotzdem sehr schön; da sie einen -Fuß hoch über dem Boden angebracht ist, werden wir immer trockenen -Fußboden haben. Das Linoleum kommt uns ganz besonders gut zu statten: -wir haben es ringsum an der Wand des Schlafzimmers gezogen, nun hält es -den Wind ab und sieht hochfein aus! - -Ab und zu machen wir einen Spaziergang; ein Aussichtspunkt ist ganz -in der Nähe, der sich mit den schönsten Schweizer Glanzpunkten messen -kann. Dazu die prachtvolle, klare Luft; wir fühlen uns nach all den -Sumpfniederungen wie in einem klimatischen Kurort, und das Bild unserer -ersten Station Perondo kann neben diesem schönen Lande hier nicht -aufkommen. Die Nachwehen unseres Marsches äußern sich übrigens, ich -habe zuweilen kleine Fieberanfälle. Die Bazillen müssen erst wieder -herausgetrieben werden. Heute kamen die Schwestern wieder und brachten -20 Ehefrauen Mpangires mit. Die beiden Quawa-Schwestern, Salatamanga -und die Halbschwester Fulimanga, und die „größte“, d. h. erste Frau -Mpangires, Hamuna, erhielten Stühle sowie Tee und Zucker, die andern -hockten auf der Erde. Mit dem Nähen wurde es aber nichts: Hamuna -erklärte mir, Arbeit sei etwas Häßliches, und nun wollen die beiden -andern auch nichts mehr lernen. Hamuna ist hübsch und scheint außer -ihrer Faulheit auch ein gut Teil Schlauheit zu besitzen, sie hat aber -kein so gutes Gesicht wie die beiden Schwestern. Da aus der Nähstunde -nichts wurde, zeigte ich ihnen die Bilder in Brehms Tierleben, das -begeisterte sie sehr, namentlich die der ihnen bekannten Tiere. Da mein -Toilettenspiegel zerbrochen angekommen ist, schenkte ich jeder ein -Stück davon: das machte großen Eindruck, sie wurden nicht müde, sich -darin zu bewundern. - -Soeben schickt mir Mpangire das landesübliche Gastgeschenk: ein -kleines Mädchen, Paligungire, ebenso landesüblich lasse ich das kleine -Ding zunächst im Flusse einer gründlichen Reinigung unterziehen und -stecke es dann in eines der Kleidchen meiner kleinen Muhegu; mein neues -„Eigentum“ hat ein drolliges Kindergesichtchen, mit großen treuherzigen -Augen. Vorläufig sehen sich nun beide Mädels Bilder an, morgen soll der -erste Nähversuch gemacht werden. Mit Teller und Löffel hantieren sie -ganz geschickt. - -Aus der Heimat seit drei Monaten keine Nachricht!.... - -Das Auspacken und Einrichten macht viel Freude; die Wirtschaft wächst -mir zusehends unter den Händen, und jedes frisch ausgepackte Stück wird -wie ein lieber alter Bekannter begrüßt. Noch 14 Tage ungefähr, dann -hört hoffentlich das Leben aus den Koffern und Kisten auf. Mit Vorräten -für ein Jahr wirtschaften, ohne Vorratskammer oder Keller zu haben, -über diese Aufgabe muß Henriette Davidis noch einen besonderen Nachtrag -schreiben, für afrikanische Hausfrauen und solche, die es werden wollen. - - - 24. Oktober 1896. - -Heute brachte ich Mpangire und Kapande mein Gegengeschenk für das -kleine Mädchen. Während ersterer durch stattlichen Wuchs sich -auszeichnet und überhaupt vorteilhaft von seiner Umgebung absticht, ist -der um vieles ältere Kapande kleiner und unansehnlich, hat aber ein -gutes, freundliches Gesicht. Mpangires energisches, freies Auftreten, -sein offener Blick zeigen Rasse. Für die Frauen nahm ich Tücher mit, -für ihn eine Flasche Rotwein. Damit reizte ich seine Begehrlichkeit zu -allerlei größeren Wünschen: noch einen neuen Anzug, ein Schwein und -anderes. Ich erklärte ihm aber, ein so reicher Mann wie er, mit solchen -Elfenbeinvorräten, könne sich das an der Küste alles selbst kaufen. Die -Unterhaltung war nicht so ganz einfach. Mein Dolmetscher versteht auch -kein Kihehe; meine Worte mußte er nun erst einem anderen Sprachkundigen -übersetzen, der sie dann dem Sultan weiter vermittelte. In einer Ecke -standen die Sklaven zusammengedrängt, die Frauen waren nicht anwesend; -seine „erste Frau“ und die Schwester mußte ich rufen lassen, um sie -zu begrüßen; sie entfernten sich gleich wieder. Die niedere Stellung, -die den Frauen hier angewiesen ist, erschwert mir meine Aufgabe ganz -bedeutend; wenn mich die Frauen hier auch als ihnen überlegen ansehen, -den Männern gegenüber muß ich mir meine Stellung erst herausbeißen. Zu -diesem Besuche hatte ich mir einen großen Stuhl hintragen lassen, auf -dem ich Platz nahm, der Sultan saß auf einem niedrigen Stuhle, alles -übrige stand um uns herum. - - - 27. Oktober 1896. - -Meine Boys machen mir viel Ärger; sie stehlen wie die Raben, dazu -die angeborene Faulheit. Juma, der schon seit Jahren bei meinem Mann -ist, und von dem ich glaubte, ob seines Verwöhntseins nicht mit ihm -auszukommen, ist jetzt der Beste von allen; seine „Güte“ ist zwar -niemals aufregend, aber er bleibt sich wenigstens immer gleich und -zeigt vor allem niemals die ausgesprochen schlechten Eigenschaften -seiner schwarzen Kollegen. - -Abends machen wir gewöhnlich einen Spazierritt. Die Natur ist hier -so herrlich, die Luft so klar und erfrischend, man fühlt bei jedem -Atemzug: hier ist Gesundheit, hier ist das Quisisana, dessen wir nach -all den Fiebergegenden, die wir durchzogen, so dringend benötigen. -Kleine Fieberanfälle stellen sich leider bei Tom immer noch zuweilen -ein, und selbst ich habe schon einige gehabt. Die vielen Reitwege -ringsum geben uns gute Gelegenheit, die Gegend genauer kennen zu -lernen; unsere Maultiere klimmen die steilsten Felsenpfade hinan, die -für ein Pferd wohl ganz unpassierbar sein würden. - -Meine schwarzen Damen scheinen mich heute nicht zu besuchen. Kürzlich -zeigte ich ihnen einen an einem Gummiball mittels dünnen Schlauches -befestigten, recht naturgetreu aussehenden Frosch, der infolge des -Luftdruckes ganz natürlich forthüpfte: ganz wie in Europa fürchteten -sich meine schwarzen Damen auch hier vor dem kleinen Ungetüm. Schade, -daß ich bei den Weihnachtsbestellungen nicht an mehr dergleichen -Spielereien gedacht habe; Weihnachten wollen wir nämlich großartig -feiern. Hoffentlich treffen die bestellten Sendungen pünktlich ein. - - - 30. Oktober 1896. - -Die Regenzeit meldet sich an, bedeckter Himmel, entfernter Donner und -heute der erste Regenguß -- viel zu früh für uns, denn noch ist längst -nicht alles unter Dach und Fach. Namentlich die wasserdichten Wohnungen -für die Soldaten sind noch nicht fertig; es fehlt uns sehr an Werkzeug, -um den Bau zu beschleunigen. Unsere Zimmer standen zum Teil, die -Veranda vollständig unter Wasser, und es ist mir mancherlei verdorben. -Übrigens sieht man hier schon den Kulturfortschritt: alle haben doch -schon wenigstens einige Kleidungsstücke an! Die Männer allerdings im -allgemeinen mehr als die Frauen. - -Unser Garten wird sehr hübsch, bei seiner Bestellung spielt ein Rechen -mit Zinken aus Zimmermanns-Nägeln die Hauptrolle. Der Blick von einem -Fenster aus bietet viel Interessantes, ich sehe die rege Bautätigkeit -und kann verfolgen, wie aus Holzstäben, Bast, Gras und Erde Häuser, -eine Straße, ein ganzes Dorf entstehen. Die Einwohner, die sich mit -ihrem Vieh und wertvollerem Besitztum in die Schluchten des unwegsamen -Gebirges geflüchtet hatten, sind wieder zurückgekehrt, auch die meisten -von Quawas Verwandten und seinem Anhang, die Sikki-Gesellschaft, die -Mutter, eine Tochter mit Klumpfüßen und ein Sohn, haben sich in Toms -Schutz begeben. Es war uns dies um so auffallender, da ihr Vater -von Tom 1892 in Tabora geschlagen wurde. Als dessen Hauptburg fiel, -sprengte er sich mit seinen Weibern in die Luft. - -Mein Mann läßt den Sohn ein Wanjamwesi-Dorf hinter der Station gründen. -Unten im Tal will er dann auch ein Dorf von Kondoa-Leuten anlegen; -diese Einrichtung wird sehr nutzbringend für die Station sein, es -können dann die von den Wahehe geraubten Leute dort Unterkunft finden. - -Heute kam eine Frau, die aus Ubena entflohen war, um bei uns Schutz -zu suchen. Ihr waren die Ohren abgeschnitten worden. Jetzt fangen die -Frauen an, zu mir zum Schauri zu kommen, ich habe täglich sechs bis -acht von ihnen bei mir, die natürlich dann auch beköstigt sein wollen. - - - 31. Oktober 1896. - -Heute ist der zweite Mhehe gehängt worden, der einen unserer -Trägerführer am Ruaha ermordet hat. Mein Mann ließ diese durch die -traurige Notwendigkeit zur Unerläßlichkeit gewordene Hinrichtung -mit einer gewissen, auf die Gemüter der Eingeborenen wirksamen -Feierlichkeit ausführen: Sämtliche Wassagira aus Iringa mußten der -Exekution beiwohnen. Auch eine große schaulustige Menge hatte sich, -wie mir Tom nachher erzählte, zu dem traurigen Schauspiel eingefunden, -darunter sehr viele Frauen, welche Tom den Platz verlassen hieß. Die -Schaulust zeigte sich jedoch hier stärker als der sonst eingefleischte -Gehorsam, und erst als der Befehl durch Festnahme und Abführung eines -der Weiber gründlichen Nachdruck erhielt, bequemten sich die übrigen, -sich zu entfernen. Der Mörder ist so in sein Schicksal ergeben gewesen, -daß er den Kopf selbst in die Schlinge gesteckt hat. Ein Gnadenschuß, -den Tom bei solchen Exekutionen stets abgeben ließ, hatte den -sofortigen Tod des Verurteilten zur Folge. Das abschreckende Beispiel -einer solchen Hinrichtung ist um so nötiger, als auch einer unserer -Askaris, der seinerzeit bei dem anstrengenden Marsche hinter der -Kolonne zurückblieb, Meuchelmördern zum Opfer fiel. Die Täter sind noch -nicht entdeckt. - -Von Quawa kamen zwei Leute, angeblich um sich zu unterwerfen; in -Wahrheit waren es Spione, die unsere Station auskundschaften wollten! -Sie verschwanden bald wieder, und Tom ließ sie durch Patrouillen -verfolgen. - - - 1. November 1896. - -Der Gemüsegarten wird in der Nähe der Stelle angelegt, wo nach -Grundwasser gebohrt wird. Wir sahen uns die Arbeit an, die, da wir -keinen Erdbohrer haben, nur langsam fortschreitet. - -Wir haben jetzt 1000 Stück Vieh, und das zu verwalten ist auch keine -Kleinigkeit. Mein Mann will dem Volk den Reichtum nicht ganz entziehen, -deshalb gibt er ein Drittel dem Sultan, ein Drittel dem Gouvernement -und ein Drittel wird größeren Leuten zum Beaufsichtigen gegeben, -dieselben bekommen jedes dritte Kalb als ihr Eigentum, das andere soll -zur Küste geschickt werden. - -Heute nachmittag ließ mein Mann Mpangire und seine zwei Halbbrüder -Kapande und Sadangamenda zu uns kommen. Bei ersterem und letzterem hat -man wirklich nicht das Gefühl, sich mit Schwarzen zu unterhalten. - -Entsprechend dem im ganzen Volke hier in einem Grade ausgeprägten -Selbstgefühl, wie man es sonst bei Negern kaum findet, treten auch die -Mitglieder der Sultansfamilie mit ganz besonderem Selbstbewußtsein auf. -Sie wissen sich gut zu unterhalten, aus ihren klugen Fragen sprechen -Wißbegierde und Intelligenz, unsere europäischen Gewohnheiten suchen -sie sich möglichst anzueignen. So saß Mpangire kürzlich bei uns im -Zimmer; der Teppich reichte nicht bis zu seinem Platz, deshalb glaubte -er nichts Unpassendes zu tun, wenn er seinen Zigarettenstummel einfach -auf den Boden warf. Sadangamenda dagegen, dessen Stuhl auf dem Teppich -stand, wagte nicht, diesen zu beschmutzen und war sichtlich aus großer -Verlegenheit erlöst, als ich ihm einen Aschbecher reichte, auf den er -seinen Stummel deponierte. Mpangire verfolgte dieses Manöver mit großer -Aufmerksamkeit, und bald hatte er -- von mir anscheinend unbeobachtet --- seinen Zigarettenrest vom Boden aufgelesen und in den Aschbecher -praktiziert. Es ist ein Vergnügen, die beiden intelligenten Burschen -zu beobachten, dabei sind es hübsche Leute, an Gesicht sowohl wie an -Wuchs. Auch an Galanterie fehlt es ihnen nicht; Mpangire und seine -Brüder küssen mir stets die Hand, und heute hat mir ersterer als Beweis -seiner besonderen Wertschätzung einen schönen -- Ochsen verehrt. Kleine -Geschenke erhalten die Freundschaft. - -Die Kunst, dem Neger durch marmorne Unbeweglichkeit der Gesichtszüge -zu imponieren, besonders wenn die unbewußte Komik unwiderstehlich zum -Lachen reizt, habe ich immer noch nicht raus. Tom ist Meister darin. -So mußte ich gestern einfach die Hütte verlassen, als ich mit ansah, -wie ein Neger meinem Manne durchaus die Füße küssen wollte: der am -Boden rutschende Neger, der Toms Füße zu haschen, und Tom, der sein -Piedestal in Sicherheit zu bringen suchte, boten ein Bild, welchem -meine Seelenruhe noch nicht gewachsen war. - - - 3. November 1896. - -Nach drei langen Monaten heute endlich die Post -- Briefe aus der -Heimat! Was das bedeutet, kann mir nur ein „Afrikaner“ nachfühlen. Auch -die Boys erhielten Briefe, Mpischi z. B. einen von seiner Mama, d. h. -seiner richtigen Mama, im Gegensatz zu der bei den Negern (auch den -Frauen) beliebten angenommenen „Mama“, d. h. mütterlichen Freundin. -Sie verwahrt dem Neger das verdiente Geld, macht seine Schauris, sorgt -für seinen Anzug, kocht für ihn. Es gibt auch unter ihnen ganz junge -„Mama’s“, die sind meistens recht kostspielig. Am liebsten würde mein -Mann die Mamas an der Küste ganz abschaffen. - - - 4. November 1896. - -Heute traf vom Gouvernement die Genehmigung zu allem ein, was mein -Mann bis jetzt getan hat und noch tun will. So wird alles in kürzester -Zeit in schönster Ordnung sein. Auch Merere soll als Sultan in Ubena -und Mpangire in Uhehe eingesetzt werden. Die Offiziere können mit den -Kompagnien jeden Tag eintreffen. Ich schenkte heute Mpangire eine -Flasche Gin und auf einem Teller ein schönes Stück Schinken. Den Teller -wollte er natürlich auch behalten. - - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Drittes Kapitel. - -Mpangires Sultanat. - - - 24. Dezember 1896. - -Das war ein wichtiger Tag für uns. Das deutsche Weihnachtsfest mußte -vor der für unsere hiesigen Verhältnisse wenigstens großen Haupt- -und Staatsaktion der feierlichen Einsetzung Mpangires an Bedeutung -zurücktreten. Aber gefeiert haben wir unser erstes afrikanisches -Weihnachten doch, und zwar recht feierlich, nachdem wir der Politik ihr -Recht gegeben hatten. - -Um 10 Uhr vormittags meldete der Feldwebel alles zur Einholung fertig, -und mein Mann, in voller Gala natürlich, begab sich zu dem neuen -Sultan. Inzwischen waren die Patres, der Doktor Stierling und ich auf -den Festplatz gegangen, wo dicht gedrängt die Leute in schönsten, -schneeweißen Gewändern, die Frauen in ihren besten Tüchern standen. -Ein farbenprächtiges Bild, umgrenzt von saftigem Grün, die Berge als -Hintergrund. Das blaue Himmelsgewölbe hat vorher wohl kaum auf eine so -lebenslustige und heitere Volksmenge an dieser Stelle herabgeschaut. -Die Stelle der „höchsten Zivilisation“ vertreten Leutnant Glaunings -und meine photographischen Apparate, für welche die bevorstehende -Feierlichkeit viel zu tun gab. - -Über 500 Mann Truppen in Paradeaufstellung, Offiziere und -Unteroffiziere vor die Front gezogen, standen zum Empfange des neuen -Herrn bereit, den mein Mann einzusetzen im Begriff stand. Endlich -schlugen die Tambours an; die Herren, mit denen wir inzwischen -geplaudert, eilten auf ihre Posten und wir Photographen an unsere -Guckkästen. Jetzt kamen sie an. Rechts zur Seite Toms die stolze, -stattliche Erscheinung des Mpangire, der seiner Würde bewußt -einherschreitet -- „jeder Zoll ein König“, ein echter Vertreter des -Quawageschlechts. Vor der Front der Truppen angekommen, schwenkte die -Musik nach dem Flügel ab, während Herr v. Kleist den Frontrapport -erstattete. Dann hielt Tom eine kurze Ansprache an die Wahehe, in -welcher er ihnen Mpangire als neuen Sultan bekannt gab; dem Sultan -überreichte er als Zeichen seiner Herrschergewalt eine deutsche -Flagge und ein von Sr. Majestät unserem Kaiser zu diesem Zwecke -verliehenes prachtvolles Schwert. Die Truppen präsentierten, und ein -vielhundertfaches Hurra! auf unsern Allerhöchsten Kriegsherrn, den -Kaiser, weckte das Echo der Berge. Unter der umstehenden Volksmenge -herrschte lautlose Stille; diese militärische Feierlichkeit machte -augenscheinlich tiefen Eindruck, es war, als wenn die Masse erstarrt -wäre, alles sah auf den Brennpunkt: meinen Mann und Mpangire. Zum -Schluß wurden zugweise Salven und Schnellfeuer abgegeben. Dann ging -es im Umzug in Sektionskolonnen durch die Stadt. Voran die Musik, -dann mein Mann, Herr v. Kleist, Mpangire mit seinen Brüdern, ich, zum -Schluß die Truppe, und genau so wie zu Haus bei solchen Gelegenheiten -umgab uns die jetzt lärmende Volksmenge. Alles war aufs schönste -mit Blumengewinden, Fahnen und Fähnchen geschmückt, jede Hütte war -ausgeputzt. - -Ich hatte mich bald von dem Zuge getrennt, um den Festzug aufzunehmen. -Was ich laufen konnte, eilte ich an den Apparat; als der Zug ankam, -knipste ich -- aber alle Mühe war umsonst! Der Verschluß versagte! -Glücklicherweise haben die andern gute Aufnahmen machen können. - -Mittlerweile war es 11½ Uhr geworden, und jeder zog sich zurück, denn -um 2½ Uhr war Preisschießen. Zu Hause machte ich eine Schüssel Konfekt -und Marzipan, in der Mitte eine Ananas, zurecht, auf der eine Karte mit -der Mitteilung steckte, daß wir der Unteroffiziersmesse ein Kegelspiel -zu Weihnachten, vorläufig allerdings erst schriftlich, stifteten. - -[Illustration: Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire. - -(Zu S. 64.)] - -[Illustration: Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in -Iringa. - -(Zu S. 126.)] - -Wir aßen zu Mittag, und um 2½ Uhr waren wir auf dem Schießplatz. Mein -Mann schoß mir den ersten Preis, einen sehr schönen Elefantenzahn. Für -die Einsätze und Reugelder waren Elefantenzähne als Preise angekauft -worden. Es wurde mit Mauser-Gewehren geschossen. Die Unteroffiziere und -die ersten schwarzen Dienstgrade schossen auch mit. Ich wurde mit dem -Auftrag beglückt, die Preise zu verteilen. - -Nach dem Preisschießen folgte ein Rennen. Beim Eselrennen gewann mein -Esel, von _Dr._ Stierling geritten, den ersten Preis. Dann wurden fünf -Ochsen am Spieße gebraten, ganz wie bei der Kaiserkrönung im alten -römischen Reiche deutscher Nation, und vergnügter wie unsere Schwarzen -hier können die „Frankfurt am Mainer“ auch nicht gewesen sein, wenn wir -auch keine Springbrunnen mit rotem und weißem Weine sprudeln lassen -konnten. - -Eine große Volksmenge war auf dem Rennplatz noch versammelt, wo nach -dem letzten Maultierrennen ein Wettrennen zwischen Boys, Fundis, -Trägern und Askaris stattfand, der Erste am Platze konnte sich die -großen hingeworfenen Preise (Tücher!) aufheben. Daran schloß sich -Strickreißen. In die stärkere Partei wurden auch Tücher hinein -geworfen, die derjenige bekam, der sie zuerst auffing, natürlich -entstand dann oft ein großer Streit, der den Tüchern allerdings nicht -zum besten gereichte. - -Ein Gejauchze und Gejuble, daß einem ordentlich das Herz mit lachte! Es -war wirklich alles so nett und vergnügt. So schön habe ich mich beim -schönsten Ball nicht amüsiert. Den Höhepunkt erreichte aber das Jubeln, -als mein Mann und ich Pesas unter die Menge warfen! - -Die Sonne war bei alledem schon untergegangen, und die Dunkelheit -nötigte uns, aufzubrechen. Zu Hause angelangt, ging ich nun an meine -Arbeit, denn in 1½ Stunde sollten unsere Gäste schon kommen. Während -der verschiedenen Veranstaltungen hatte ich mich manchmal unbemerkt -davon geschlichen, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Ich war daher -sehr stolz, als beim Essen mein Tischnachbar zu mir sagte: „Wie haben -Sie das alles möglich gemacht? Sie waren doch bei allem dabei?“ - -Im Garten hatten wir des Morgens einen Baum aufstellen lassen (im -Zimmer war es zu gefährlich), der mit selbst fabrizierten Lichtern -aus Honigwachs und Silberpapier geschmückt war. Vorn war eine Karte -befestigt, auf der wir vorläufig schriftlich der Offiziersmesse ein -Krocket stifteten. Die Tafel hatte ich mit Blumen ausgeschmückt, -zwischendurch nach dem Essen gesehen und kaum hatte ich Zeit, mich in -höchste Eleganz zu stürzen, als unsere Gäste auch schon eintrafen. - -Es war ein fröhliches Mahl, und zum Schluß wurde der Christbaum -angezündet. Da hat wohl jeder von uns seiner Lieben gedacht. Nach einer -feierlichen Stille, die von der vorhergegangenen Lustigkeit abstach, -stimmte einer der Herren „Stille Nacht, heilige Nacht“ an, das wir alle -mitsangen. Weiß Gott, es war ergreifend, wie das heilige Lied von den -Lippen der jungen Offiziere erklang; es dauerte ein Weilchen, ehe wir -uns wieder in die Wirklichkeit zurückgefunden hatten; dann waren wir -wieder vergnügt und lustig beisammen. Mit Champagner wurde das Wohl -aller unserer Lieben ausgebracht; unter Gläserklingen folgte noch manch -lustiges Lied. - -Als das letzte Licht am Baum erloschen, setzten wir uns auf die -Veranda, wo Kaffee, Kognak usw., der Marzipan und der Ringkuchen -verzehrt wurden. Ich hatte in einen großen Napfkuchen einen Ring -eingebacken, der Anlaß zu viel Scherz und Heiterkeit gab. Das Essen -war gut geraten, und auch der mit allerhand Schwierigkeiten bereitete -Marzipan fand Beifall; ich sah mit dem Stolze, der jeder Hausfrau -verständlich sein wird, daß mein eigenhändig gebackener Marzipan bis -aufs letzte Krümelchen aufgegessen wurde. Erst nach zwei Uhr nachts -trennten wir uns. - -Den Abend des 25. Dezember verbrachten wir im Kasino bei Illumination -und „italienischer Nacht“ -- wir wurden sogar mit Musik empfangen. -Am 26. früh verabschiedeten sich die Offiziere, Pater Alphons und ich -machten noch einige Gruppenaufnahmen, dann ein letztes Händeschütteln, -die Abteilungen traten an, die Herren übernahmen ihre Kommandos, und -jeder rückte nach seiner Garnison ab. -- Der Abschied ging uns nahe, -es waren alles so liebe prächtige Menschen, die uns da verließen. Gott -gebe, daß uns allen ein frohes Wiedersehen beschieden! - -Mein Mann hatte nun viel zu tun, besonders Berichte zu schreiben, und -ich versuchte, meinen Haushalt wieder ins gewohnte Gleis zu bringen. - -Den Silvesterabend verlebten wir mit Herrn v. Stocki und den -Missionaren, die am 29. noch eingetroffen waren, nach deutscher Sitte. -Am 2. Januar wurde Herr v. Stocki durch Graf Fugger abgelöst; auch die -evangelischen und katholischen Missionare zogen wieder ab. Leutnant -Stadlbaur schickte zwei Strauße; sie sind sehr zahm, spazieren in -den Straßen herum und sind der Schrecken aller Weiber, die ihr Mehl -zum Trocknen im Freien ausbreiten. Ein kleiner, etwa drei Tage alter -Elefant konnte nicht am Leben erhalten werden; trotz der Unmengen von -Milch, die wir ihm vermittelst eines aus Tuch hergestellten recht -ansehnlichen „Lutschbeutels“ beibrachten, ging er nach acht Tagen ein. - - - 27. Januar 1897. Kaisers Geburtstag. - -Frühmorgens kam ein Bote aus Iringa mit einer Alarmnachricht von den -Patres: „Quawa sei in der Nähe!“ Tom schickte ihnen sofort Askaris zur -Verstärkung des Postens, der unter diesen Umständen bedroht erschien. --- Dann feierten wir den Geburtstag Sr. Majestät mit Parade, Salut von -Kanonenschüssen und Ansprache meines Mannes an die Askaris, die ihrem -obersten Kriegsherrn drei kräftige Hurras ausbrachten. - -Nach der Parade tranken die Herren bei uns Wein, und abends waren wir -im Kasino. -- - -Ich vergaß zu erwähnen, daß auch an unserem Hochzeitstage, am 4. Januar -1897, ein Alarmbrief kam. Leutnant Fonck hatte wieder ein Gefecht in -Ubena gehabt! Überall gärt es noch, das Land ist eben noch lange nicht -in Ruhe. Die meisten Frauen und Kinder Quawas sind in der Gewalt der -Station. - -Trotzdem von allen Seiten schlimme Nachrichten kommen, welche die -gefährliche Nähe von Quawa und seinem Anhange melden, bewahrt mein -Mann, auf dem die ganze Verantwortlichkeit ruht, eine beneidenswerte -Ruhe. - - - 30. Januar 1897. - -Die beiden letzten Nächte habe ich sehr unruhig geschlafen, denn der -Gedanke, einer von Quawas Anhängern könnte Feuer an unsere Hütte legen, -ist doch zu ungemütlich. Man könnte ja bei dem Stroh auch nichts retten. - -Wenn ich Schritte in der Nacht dicht bei uns höre, überläuft’s mich -ganz kalt. - -Gestern war der Pater da und hat von 5 bis 11 Uhr nachts uns von Quawa -erzählt und mich eingegruselt. Mein Mann hatte darüber schon von -anderer Seite gehört; also etwas Wahres muß daran sein. Er meinte, -angreifen werde Quawa uns nicht, ohne daß es lange vorher bekannt -würde. Aber Schabernack spielen, wie Feuer anlegen usw., das wäre schon -möglich. Mpangire ist auch nicht ganz zu trauen, er kann sein echtes -Waheheblut nicht verleugnen. Meinem Mann ist das gleichgültig, wenn -Mpangire nur sonst treu ist und hier tüchtig das Regiment führt. Über -Nacht sind jetzt viele Posten ausgestellt. Diese Nacht ging ich mit -meinem Mann Wachen revidieren. Es war herrlich, der Himmel strahlte in -seiner Sterne Pracht. Der südliche Himmel ist doch bei weitem schöner -wie der zu Hause, es tat uns beinahe leid, als unser Rundgang zu Ende -war; ich legte mich gleich nieder, aber mein Mann arbeitete die Nacht -durch, denn er wird jetzt sehr von seiner Schlaflosigkeit geplagt. - -Als unsere Gäste uns gestern verließen (wir hatten den Grafen Fugger -angefeiert), machten wir noch einen Spaziergang. Plötzlich flammte -Feuerschein im Dorfe auf, und als wir zurückeilten, fanden wir die -Kompagnie bereits unterm Gewehr. Zum Glück brannte nur eine Tembe; Tom -lief voraus, und als ich zur Feuerstelle kam, stand er bereits auf dem -brennenden Dach und leitete mit Wort und Tat die Löscharbeit. So sehr -ich um das Leben meines Mannes bangte, so war ich doch auch stolz, zu -sehen, mit welcher Ruhe und Umsicht er und Graf Fugger immer da waren, -wo die Gefahr am größten. - - - 2. Februar 1897. - -Heute morgen war Mpangire mit Gefolge da; wie immer wurde er reichlich -bewirtet, aber etwas kühler behandelt wie sonst, denn es ist ihm -durchaus nicht fest zu trauen. Unter anderem bekam er eine Zimtsauce -zu essen; plötzlich fragte er, was alles in der Sauce sei. Als ich ihm -alles aufzählte und von Eiern sprach, erschrak er und legte sofort den -Löffel weg. Bei den Wahehes ist es nicht Sitte, Eier zu essen. - -Mein Mann schreibt eben ein Gesuch an Herrn v. Schele. Er hat bei den -Teilnehmern der letzten Wahehe-Expedition den Gedanken angeregt, den -Gefallenen der Zelewskischen Expedition ein Denkmal hier zu setzen; -es sollen nur die Herren daran teilnehmen, die 1891 und 1894 gegen -die Wahehe gekämpft haben. Während er noch schrieb, kam wieder ein -Alarmbericht von den Missionaren, sie hätten einen „Haufen Quawaleute“ -gefangen genommen und bäten um Verstärkung. Graf Fugger brach sofort -auf, um nachzusehen. - - - 11. Februar 1897. - -Gestern abend, als wir vom Reiten kamen, schlichen sich dunkle -Gestalten an meinen Mann heran. Es waren unsere Vertrauensmänner -Farhenga, Lupambila (Sadalla fehlte), und um diese Zeit bedeutet das -immer etwas Wichtiges. So war es denn auch: wieder Unruhen! Quawa -hat einen Msagira, den mein Mann in Ubena eingesetzt hatte, getötet. -Die Mageleute hielten zu Quawa und schickten ihm große Vorräte, die -Ruahaleute seien alle weggelaufen. - -Mein Mann wollte gleich nach Mage aufbrechen, doch da es schon zu spät -war, um noch vor Sonnenaufgang dort anzukommen und sie zu überraschen, -unterblieb es. Ich war sehr froh darüber, denn meinen Mann auf einem -nächtlichen, zwölf Stunden langen strammen Marsch zu wissen, gehört -nicht zu meinen Freuden. Morgen wird der Tschausch mit Askaris und -Lupambila dahin gehen, das fällt weniger auf, als wenn ein Weißer kommt. - -Unser zweiter Elefant ist gleichfalls trotz aller Mühe gestorben; -wahrscheinlich verhungert, trotzdem er riesige Mengen Milch -bekam. Die Kuhmilch mag wohl nicht genügend Nährkraft für einen -Dickhäuterorganismus enthalten. Im „Brehm“ steht nichts über Aufzucht -der Elefanten! - - - 12. Februar 1897. - -Was für eine qualvolle Nacht liegt hinter mir! Gestern nachmittag kam -plötzlich mein Mann hereingestürzt und rief mir zu: „Bitte mach schnell -Essen und zwei Decken zurecht“, dann war er auch schon verschwunden. -Zwei Stunden zermarterte ich mein Gehirn, was bloß geschehen sein -mochte! Jedenfalls wollte er irgendwohin abmarschieren. - -Endlich kam er, und jetzt erfuhr ich, daß Quawa den Ruahaposten -überfallen und die Askaris niedergemetzelt habe. Daraus kann man wohl -auch schließen, daß Magdalenenhöhe und Perondo, so entsetzlich es auch -ist, das gleiche erfahren haben. Tom wollte nun gleich nach Iringa, um -Mpangires Nest auszuheben, während Graf Fugger nach den Etappen ging. - -Alles wurde heimlich vorbereitet, damit die Wahehe hier nicht die Leute -in Iringa benachrichtigen könnten. Als alles so ziemlich bereit war, -wurde nach Quawas angesehenstem Halbbruder Gunkihaka geschickt, der -vor ein paar Tagen angekommen war, um sich hier anzubauen. Mein Mann -sagte gleich: „Dem muß ich tüchtig auf die Finger sehen.“ Nun war es -schlimmer, als wir dachten: er wollte uns nicht bloß ausspionieren, -sondern im Rücken überfallen. Daß in der letzten Zeit etwa 30 Temben -gebaut wurden, erschien uns jetzt auch in einem anderen Licht. - -Graf Fugger aß mit uns, da das Essen in der Messe noch nicht fertig -war und es so am wenigsten auffiel. Dann ging er, seine Sachen zu -ordnen. Selbst mein Mann war diesmal des Ausgangs nicht gewiß! Dann -kamen Gunkihaka und ein Msagira, der eben erst angekommen war. Mein -Mann hatte das Gewehr vor sich hingelegt, fertig zum Schuß, wenn -Gunkihaka entfliehen wollte. Einen Menschen so vor dem Gewehrlauf -sitzen zu sehen, war -- milde ausgedrückt -- aufregend! Aber konnte -nicht derselbe Mensch sich plötzlich auf meinen Mann stürzen, ehe er -losdrücken konnte? - -Jeder Nerv war in höchster Spannung. Alles war regungslos und -totenstill, auf einer Seite des Zimmers saßen Farhenga und Sadalla, -gegenüber die zwei Boys, die die Unglücksbotschaft gebracht hatten. - -In der Veranda mein Mann, Gunkihaka und ich um einen Tisch, auf dem die -Lampe brannte, an der Erde hockend der gefangene Msagira, dahinter zu -den Seiten zwei Askaris. - -Gunkihaka benahm sich musterhaft, aber trotz der zur Schau getragenen -Ruhe vibrierte seine Stimme etwas, und über sein Gesicht ging hin und -wieder ein leichtes Zucken. Er sollte über ihren Plan berichten und -über das Geschehene, doch es war keine Silbe aus ihm heraus zu bekommen. - -Da kommt der Effendi (schwarzer Offizier) mit einem Träger atemlos mit -der schrecklichen Botschaft, die II. Etappe sei auch überfallen, nur -ein Askari entkommen! Gleich wurden die zwei Wahehe gebunden und dem -Grafen Fugger mitgegeben, sie sollten diesem die Quawafährte zeigen. - -Wie sie so dastanden, ein Bild von Kraft. Gunkihaka einen Kopf größer -als mein Mann, der Msagira ihn aber noch fast um einen Kopf überragend. -Der eine jung mit dem großen Auge, das alle Quawaangehörigen haben, der -andere mit kleinen listigen Augen! Sie wurden abgeführt. - -Jetzt bricht auch mein Mann auf, die Askaris sind lautlos angetreten, -und so ziehen sie ins Dunkle hinein. - -Als sie ein Weilchen weg sind, wird Alarm geblasen, und die Askaris -treten für Graf Fugger an. Während wir so dastehen, kommen verschiedene -Nachrichten, daß am Fuß des Berges viele Leute zu sehen seien, die -ein Kriegsgeheul ausstoßen! Übrigens hatte mein Mann auch schon so -etwas verlauten hören und sagte mir, ich sollte die Koffer mit dem -Wertvollsten auf die Veranda stellen, damit, wenn die Wahehe Feuer -anlegten, wenigstens das Wertvollste gerettet werden könnte, aber er -glaube nicht, daß sie die Station angreifen würden! Die Frage, ob wir -uns alle wieder sehen würden, lag uns sehr nahe, ach, es war -- nein, -ich finde keine Worte für die Stimmung! Aber trotzdem sagte auch Graf -Fugger: „Das ist doch Leben, hier weiß man, zu was der Soldat da ist.“ -Als auch er weg war, ging ich beklommenen Herzens nach Hause. Schlafen -konnte ich nicht! - -Als der Tag hereinbrach, war es mir eine Erlösung. Die Sonne war noch -nicht aufgegangen, als mein Mann kam. Ich hörte Lärm und lief ihm -schleunigst entgegen. - -Er konnte mich nur flüchtig begrüßen, es genügte mir aber; war er doch -heil zurück und seine Aufgabe gelungen! Alle Leute Mpangires, dieser -selbst, seine Weiber und Brüder gefangen. Inwieweit Mpangire an der -Verschwörung teilgenommen hat, ist noch nicht klar. Wenn er seinen -Bruder Quawa nicht ausliefert, kann er nicht Sultan bleiben und kommt -zur Küste. Wie weit die Rebellion um sich gegriffen und warum die Leute -am Ruaha weggelaufen sind, ist noch nicht festzustellen! Jetzt gilt es, -des Hauptschuldigen, Quawas, habhaft zu werden, aber wie und wo in dem -großen Reich? - -Mein Mann ruhte nur einige Stunden, dann wurde alles zu einem neuen -Abmarsch für den Nachmittag fertig gemacht. Das war schnell getan, -denn er nimmt fast nichts mit (trotzdem er auf unbestimmte Zeit fort -bleibt), um nicht am schnellen Marschieren durch die Träger aufgehalten -zu werden. Kein Bett, kein Zelt, keine Kochlast! Zwei Decken, ein -Luftkissen, zwei Kochtöpfe, Messer, Gabel, Löffel, Teller, Tassen, ein -Stück Zeug für die Nacht zum Überspannen, einen Stuhl und eine Last -Essen! Und da war er noch ungehalten und sagte: „Früher habe ich oft -noch viel weniger mitgehabt!“ - -Ich begleitete Tom den Berg herunter, aber es war schon ganz dunkel, -und ich mußte zurück. Wenn ich nur nicht so schrecklich allein wäre!! -Das Dach von unserem Haus ist fertig. Natürlich stockt überall die -Arbeit. Spiegel, infolge des Perniziösen fast dienstuntauglich, ist -nach Iringa und Stephan meinem Mann nachgegangen. Der beklagenswerte -arme Baumeister ist immer noch krank, ich besuche ihn täglich. - -Jetzt sind überall die Posten verstärkt, es sind zwei Hauptwachen. Ich -bin ganz von Soldaten umgeben, auf der Veranda sogar schläft einer. So -ist eigentlich nachts mehr Leben als am Tage, nur die Fundis arbeiten. -Auf der Straße sehe ich nur zwei kleine Jungen mit dem Kreisel spielen. - -Jetzt, wo mein Mann unterwegs ist, regnet es nicht nur am Tage, sondern -auch fast die ganze Nacht hindurch. - - - 17. Februar 1897, 10 Uhr abends. - -Jetzt fängt es aber doch an, ungemütlich zu werden, vor allen Dingen, -wo mein Mann nicht hier ist. Wo man hinhört, Aufruhr, Empörung! Heute -nachmittag brachte mir _Dr._ Stierling die Nachricht, daß von Mage bis -hierher alles in Aufregung sei, der Schmied habe viele neue Speere -geschmiedet, und Quawa sei mit einer großen Heeresmacht nur 12 Stunden -von der Station entfernt. Heute abend 8 Uhr rückte _Dr._ Stierling -dahin ab. - -Das Dorf ist in großer Aufregung, und die Kriegsegoma wird geschlagen, -viele sind betrunken. - -Ich ritt heute nach einer Tembe des Msagira Kimali Mali, doch war alles -ausgeflogen, also wahrscheinlich auch bei Quawa. - -Ich werde jetzt schlafen gehen, mich aber nicht ausziehen, denn man -kann nicht wissen, wie es kommt. Den Revolver habe ich stets bei mir. -Übrigens, noch eins! Die Karawane eines Arabers nach hierher ist bei -Mage geplündert, der Araber getötet worden, gewiß auch der kleine -Jumbe Mangatua mit seinem Anhang. Die Weiber, die er hier bekommen -hatte, sollen in Quawas Hände gefallen sein. - - - 20. Februar 1897. - -Gestern nachmittag kam Tom zurück, er hat die Landschaft anscheinend -ruhig gefunden, einen neuen Jumben eingesetzt und Stephan mit der -Anlage eines Sicherungs-Postens beauftragt. Jetzt läßt er hier -eine Dornenboma und Stacheldrahtzäune anlegen, als ersten Schutz -gegen einen plötzlichen Überfall der Wahehe; derartige Hindernisse -geben unseren Askaris bei nächtlichem Angriff genügend Zeit, ihre -Verteidigungsstellungen einzunehmen und sich zum Ausfall zu sammeln. -Am Abend kam _Dr._ Stierling zurück; er hat den Eisenfundi, den -Speerschmied, gefangen. Leider sind aber sieben Kettengefangene -entsprungen -- das bedeutet für unseren Feind Quawa einen Zuwachs von -ebensovielen Kriegern. - - - 21. Februar 1897. - -Die Post mit vielen Briefen und Berichten meines Mannes ging gestern -abend ab, ehe ich etwas mitgeben konnte, und es ist dies ganz günstig. -So denken sie daheim alle, wir sind ganz ruhig und sicher hier, und -brauchen sich nicht zu ängstigen. - -Der Pater Superior kam sehr elend gestern an, er soll sich hier etwas -erholen. Mein Mann würde gern die Mission einziehen, doch würde er -damit zu erkennen geben, daß er einen Überfall befürchtet, und um dies -zu vermeiden, wird der Posten auf zehn Askaris verstärkt. - -Gerade als wir fertig mit dem Abendbrot waren, kam Graf Fugger und -brachte ausführliche Berichte. Von allen drei Etappen sind die Askaris -hingemordet worden. Zu dem einen Askari sind drei Kerle gekommen, die -ihm Essen zum Kauf anboten, sie haben ihn dann überfallen, gebunden und -mit Stöcken totgeschlagen! Seine Frau mit Kind führten sie mit sich, -doch ist die Frau wieder entflohen, und Graf Fugger, dem sie auf der -Flucht begegnete, hat sie mit hergebracht. Von Magdalenenhöhe hat man -noch nichts Näheres erfahren. - -Bei Ruaha sollen die Leute von zwei Seiten gekommen sein, d. h. von -den Utschungubergen und von Iringa! Inwieweit Mpangire beteiligt ist, -kann man nicht ergründen, trotz Drohungen ist nichts aus diesem harten -Waheheschädel heraus zu bekommen. Nur soviel steht fest, daß er und -seine Brüder alles gewußt haben! - -Jedenfalls hat Mpangire mit Quawa im Einverständnis gehandelt. Viele -behaupten, er habe die Station auf Quawa hetzen wollen, um sie selbst -dann leichter einzunehmen und die Europäer und Askaris niederzumetzeln. - -Morgen wird Kriegsgericht gehalten, auch über Mpangires Brüder und zwei -Msagiras. Sie haben hochverräterisch gehandelt und werden es wohl mit -dem Leben büßen müssen. Sie haben ihr Quawablut nicht verleugnen können! - -Daß sie bedeutende und befähigte Neger sind, beweist auch ihr jetziges -Verhalten. Sie haben an Verstellung das Menschenmöglichste geleistet. - -Natürlich ist die Spannung groß, wie die Wahehe es aufnehmen werden, -wenn einer ihrer Größten aus der Quawafamilie den Tod als Verräter -sterben muß. - -Jenseit des Ruaha ist ein Teil der Bevölkerung zu Quawa gegangen, ein -anderer aus Angst vor der Station in die Berge geflüchtet. - - - 21. Februar 1897, 4 Uhr mittags. - -Den ganzen Morgen habe ich mich zu nichts aufschwingen können; Tom -ist auch ganz verstört. Während des Kriegsgerichts hielt ich es nicht -mehr aus und ging ins Gefängnis zu den Mpangirefrauen. Sie saßen dicht -zusammen, das Gesicht der Wand zugekehrt! Ich rief Mgumditemi zu mir. -Sie war kaum wieder zu erkennen, so abgemagert und abgehärmt sah -sie aus, die Tränen standen ihr in den Augen, sie litt wirklich mit -Mpangire, während die andern, Sadangombe ausgenommen, nur ihr eigenes -Schicksal zu betrauern schienen, sie bettelten auch gleich um besseres -Essen. So sehr mich die Mgumditemi gerührt hat, so stießen mich die -andern ab. - - - Stadt +Iringa+, 23. Februar 1897, abends. - -Jetzt sitze ich mit meinem Mann um 7½ Uhr abends im Zelt in der -früheren Sultanstadt. Vor ungefähr acht Wochen waren wir auch hier -im Begriffe, den künftigen Sultan abzuholen. Jetzt ist es mit der -Sultansherrlichkeit für immer vorbei. Mein Mann hatte gehofft, die -Quawabrüder so zu verpflichten, daß sie der Station ergeben wären, aber -der Quawatrieb, allein zu herrschen, war zu mächtig in ihnen, und so -mußten sie es mit dem Leben büßen. -- Sie wurden verurteilt, und als -ihnen die Ketten abgenommen und sie zum Galgen geführt wurden, hat -Mpangire einen noch recht menschlichen Zug gezeigt. Er hat gefragt, -was wohl aus seinen Kindern werden würde! Das versöhnt einigermaßen -wieder mit dem Verräter. Alle Europäer waren für ihn eingenommen, auch -mich hatte das hübsche Gesicht, der freie Blick, das große Auge, das -manierliche und nette Wesen, der chevalereske Ton, sein schnelles, -kluges Auffassen so geblendet, daß mir sein jähes Ende sehr nahe ging; -ich habe bitterlich geweint, und noch jetzt traure ich um den schwarzen -Gentleman, trotzdem meine Vernunft sich dagegen sträubt. - -Mein Mann ist jetzt zu einem Schauri in die Tembe eines Großen der -Wahehe gegangen. Ich ängstigte mich um ihn! Wie leicht kann ein -fanatischer Kerl ihm etwas antun. Die Askaris sind auch von Leuten, die -schon 5 bis 6 Monate mit ihnen freundschaftlichst verkehrten, auf den -Befehl von Quawa ermordet worden. - -An der Küste müssen sie uns ganz in Frieden denken; ein Herr -Kaufmann hat die Erlaubnis bekommen, meinen Mann um 20 Wahehe zu der -Ostafrikanischen Ausstellung in +Leipzig+ zu bitten -- und wir -sind froh und dankbar, wenn wir mit den Leuten zu einem friedlichen -Verhältnis kommen!! -- Schöne Exemplare sind es schon; es würde -lohnen, sie auszustellen, freilich würden sie das als eine harte -Bestrafung ansehen. - -Die Weiber und Kinder der Quawafamilie und die Quawaanhänger, so auch -der Eisenfundi, werden des Landes verwiesen und an die Küste geschickt. - -Selbst auf unsrer Safari haben wir Gäste. Zum Abendessen war Pater -Alphons, der uns schon entgegengekommen war. Pater Superior hatte auch -am Kriegsgericht teilgenommen. - - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel. - -Der Wahehe-Aufstand. - - - +Iringa+, 27. Februar 1897. - -Am 27. Februar abends kehrten wir von der Safari zurück, und mein Mann -atmete erleichtert auf, daß nichts Ungünstiges in unsrer Abwesenheit -vorgefallen war. Wir beschlossen daher, am 28. wieder aufzubrechen. Tom -will das Land rekognoszieren und Jumben in den verschiedenen Teilen -einsetzen. Abends waren wir mit Graf Fugger gemütlich bei uns. - -Des Morgens früh wurde alles für die Safari zurecht gemacht. Gerade als -wir aufbrechen wollten, kamen zwei Wahehe mit schlimmer Kunde. Quawa -hat wirklich so viele Leute gesammelt, daß es ihm möglich gewesen ist, -an einer Stelle 500 Stück, an einer anderen Stelle 60 Stück Rindvieh -von den Msagiras, denen das Vieh zum Hüten gegeben war, wegzunehmen. -Gerade der Teil der Landschaft, nach welchem unser Zug bestimmt war, -sei zu Quawa übergegangen. So mußte die Safari unterbleiben, dafür -rückten Graf Fugger und mein Mann, jeder mit einer Expedition, nach -den gefährdeten Gebieten ab. Alle wünschen sehnlichst, daß es zum -entscheidenden Kampfe kommen möge, doch Quawa weiß dem immer geschickt -auszuweichen. Gott weiß, ich bin in derselben verzehrenden Angst wie -damals in Perondo. Nur bin ich meinem Manne viel näher; Gott sei Dank. -Wenn ihm ein Unglück zustößt, dann ist es auch mit uns in der Station -vorbei. - -Wie schnell ändern sich alle Pläne. Um 10 Uhr wollten mein Mann und -ich abmarschieren und Graf Fugger sollte hier bleiben, statt dessen -marschiert Graf Fugger um 12 Uhr ab, ich bleibe hier, und um 2 Uhr ging -mein Mann, der noch vieles anzuordnen hatte. - -Dieselbe böse Nachricht wurde, eine halbe Stunde später wie die Wahehe -es meldeten, auch von Farhenga und Sadalla gebracht, also ist es -unumstößliche Wahrheit. - -Ein Revolver von der 1891 niedergemetzelten Zelewski-Expedition ist -in meinem Besitze, er wurde in einer Tembe gefunden. Wie man von den -Wahehe hört, hat sich die unglückliche Expedition tapfer verteidigt, -200 Wahehe fielen damals! - - - 4. März 1897. - -Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald -unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine -Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen! --- Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren -von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in -Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere -Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut -geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen. -Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen -Seiten Unglücksbotschaften regnet. - -Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen -zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht -nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es -entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. -- Ich bin -tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß -der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es -schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen. -Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel -Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens. An -der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu -herangezogen. - -Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht -schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom -zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts -zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht -nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor -drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es -allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte -und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch -enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte -Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die -Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar. -Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später, -obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika -kaum seinesgleichen hat. - - - Sonnabend, 6. März 1897. - -Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um -meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich -mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens -ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen -eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen -Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er -dabei machen darf. - -Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie -mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen -Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter -Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen -gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften, -hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und -zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das -behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins glänzt. Ich hätte -früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen -Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter -individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen -Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und -unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung -zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die -ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu -folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen -sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen. -Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum -öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen -wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und -in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack, -denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang -herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin -von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel -bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit -feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch -bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck -an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten -Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen. -An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form -unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen -Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung -und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in -berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen -waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den -Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten -Alter gestorben. - -Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle: -infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern, -dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die vielen geraubten -Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen -Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind -- -die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder -hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und -häßlicher -- um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze -Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen -hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern, -mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig -geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern -und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem -Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren -Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens -- der -Rest ist Schweigen. - - - Am 8. März 1897. - -Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon -von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die -Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. Auch -_Dr._ Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 Kettengefangene -ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa! - - - 9. März 1897. - -Unsere Sorge um Graf Fugger war, Gott sei Dank, umsonst; heute -nachmittag kam er unerwartet an. Er hat die verdächtige Gegend -gesäubert und bringt erbeutetes Vieh mit. Kaum sind wir dieser -Sorge enthoben, kommt eine neue Unglücksbotschaft: ein von Tom -eingesetzter Msagira, Schabruma, ist von einem früher ausgebrochenen -Kettengefangenen Jumba-Jumba, einem Halbbruder Quawas, ermordet worden. -Quawa sichert sich seinen Einfluß auf die Großen seines Landes mit -Energie: er schickt ihnen nachts einige ihm treu ergebene Anhänger zu, -die ihnen die Wahl lassen zwischen Tod oder Gefolgschaft. Nichts zeigt -übrigens so deutlich, daß wir es bei den Wahehe mit einem einigen, -von +einem+ Willen gelenkten +Volke+ zu tun haben und nicht bloß mit -einzelnen verbündeten Stämmen, als die Tatsache, daß es hier allerorten -gleichzeitig im Lande spukt: Quawas mächtige Hand macht sich überall -fühlbar, und all unser Denken und Sorgen, fast wie das einer Braut, die -stets nur den Geliebten im Sinne trägt, beschäftigt sich mit „Ihm“. - - - 10. März 1897. - -Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten -und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen -sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist -unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren -Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte -zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut -hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun, -was Tom anordnet, -- wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald -zeigen. - -Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden. -Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert. -Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei -Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein -schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater -ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in -Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an -alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge -war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst, -das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann -stünde Tom ohne Leute da. - -Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden -wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda -nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri -herausstellte, daß er einen Stellvertreter geschickt habe, da er -selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen -Bruder! - -Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga, -ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind -drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga -ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist -weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher -geschlichen und kam halb verhungert hier an. - -Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera, -Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf -gegen uns rüsteten! - -Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es -nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den -anderen scheint es ihm zweifelhaft. - -Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen -und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch -geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf -aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er -hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen. - -Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit -seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet, -er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder -je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben -überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten -nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in -Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders. - -Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten -verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er -desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er -geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte, -oder läßt ihn von einem dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen, -desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger. - -Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere -Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen -mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit. - -Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal -- um den schönen Kerl -tut mir’s jetzt noch herzlich leid. - -Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt. -Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen -seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner -Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und -Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen. - - - 11. März 1897. - -Gestern abend waren die Herren bei uns zu Tisch. Tom ist so -angegriffen und hat so viel zu arbeiten. Ich machte als Speise einen -Servietten-Pudding, den ich seit Weißenrode nicht gegessen hatte, er -fand großen Anklang. Ein friedlicher Zug kam in unsere kriegerische -Stimmung hinein, und doch wäre beinahe das ganze Fest verdorben -gewesen, wenn Tom sich nicht beherrscht hätte. Auf seinen Schultern -liegt doch alles, die anderen konnten schon eher lustig sein. - -Kurz bevor die Herren zum Essen kamen, war die Nachricht gekommen, daß -einer unserer Askaris den Anführer der noch treugebliebenen Wahehe -(der Wadongwe) erschossen habe, weil derselbe eine Frau zurück haben -wollte, die der Askari gestohlen hatte. Werden nun die Leute jetzt, -nachdem ihr Führer ermordet, zu Quawa gehen? Für meinen Mann ist dieser -Semulikanbe gar nicht zu ersetzen. Noch bei der Jumbenversammlung fiel -mir seine große Gestalt mit dem eisernen Kopf voll Energie und Tatkraft -auf. Er hatte Tom überall hin begleitet und ihm die treuesten Dienste -geleistet. _Dr._ Stierling ging sofort hin, um den Askari zu verhaften -und die Sache zu untersuchen. Farhenga ging als Stellvertreter von Tom -den Verwandten des Ermordeten sein Beileid sagen. - -Alle verfügbaren Unteroffiziere hat mein Mann jetzt verteilt. -Hammermeister nach Iringa, Prinage nach Mage, Langenkemper nach -Luhalali und Stephan nach Irandi, morgen geht Graf Fugger nach -Ukalinga, und Sadalla ist mit dem Elefantenjäger Nenge und 25 seiner -Leute, die 15 Mauser-Gewehre bekommen haben, ausgeschickt. Wenn das -nur nicht einen Zuzug für Quawa bedeutet, es wäre zu schrecklich! -Unsere Gäste blieben bis 1 Uhr, ein Zeichen, daß wir uns trotz aller -kriegerischen Sorgen gut unterhielten. - - - 12. März 1897. - -Eine Aufregung folgt der andern, _Dr._ Stierling nicht zurück, trotzdem -der Askari schon eingebracht wurde! Leutnant Braun wurde sofort auf die -Suche geschickt. -- Ich habe Merere auf seinem Ochsen photographiert, -er reitet denselben nämlich auf Safari; es ist ein prachtvoller -rabenschwarzer Reitochse, der dem Merere beinahe heilig ist, er ist -auch durch Zauber gegen Unheil geschützt, ebenso drei schöne graue Kühe. - - - 13. März 1897. - -Bei Toms Schauri des Morgens fielen mir zwei Prachtkerle auf, beide -Brüder aus Bueni, der eine ein Jumbe, der Tom um seine offizielle -Einsetzung bat. Eine Freude, den hübschen Kerl zu sehen, er erinnerte -mich etwas an Mpangire. Des Nachmittags mußte er festgenommen werden, -denn sein Vater ist zu Quawa übergegangen, und er soll auch nicht ganz -sicher sein. Man muß geradezu mißtrauisch gegen die hübschen Kerle -werden! Ich war bei dem Verhör zugegen. Der Schweiß stand ihm auf -der Stirn, seine Brust hob und senkte sich schneller, sonst war ihm -nichts anzumerken! Sein Obermsagira war dabei, damit er seinen Leuten -die Botschaft bringen konnte, daß, wenn sie sich nicht ganz ruhig -verhielten, ihr Jumbe es mit dem Leben büßen würde! Andernfalls solle -ihnen aber ihr Jumbe bleiben. - -Von der Mission wieder beruhigende Nachrichten, aber alles so wenig -klar, daß nichts damit anzufangen war. Abends kam der Pater, brachte -aber nichts Neues. - -Ferner kam die schlimme Nachricht von Leutnant Fonck, daß Mtitima, -der Jumbe von Idunda, mit seinem Besitz und Leuten entflohen sei. Es -scheint ihm nicht genug auf die Finger gesehen worden zu sein, trotzdem -er als unsicher und unzuverlässig galt. - - - 14. März 1897. - -Gott sei Dank: eben kommt die Nachricht, daß _Dr._ Stierling sich nur -verirrt hatte. Es ist unglaublich, wie die Unruhen selbst auf unsere -Boys wirken, nichts geht seinen gewohnten Gang. Sie sind ganz außer -Rand und Band und machen mir viel Wirtschaft. - -Merere besucht uns alle Tage; er ist doch der richtige „Mchensi“. -Gestern hat Tom ihm drei Quawaweiber gegeben, heute wollte er noch mehr -herauspressen. - - - 15. März 1897. - -_Dr._ Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück. Morgen -soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den -Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten -sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des -Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne -für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich -weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen -- und es sind gerade die -treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes. - -Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges -Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange -fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich -aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören. - -In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die Askaris hatten -liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und -Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein -Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich -retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht -verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide -waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude, -ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige -Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte. - -Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen -und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht -so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder -Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es -nicht schlimm geworden war. Auch _Dr._ Stierling konstatierte später -nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf -eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“ -sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von -sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine -Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die -Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind -schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten -ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen -Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust; -da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt, -wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben, -muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt. -Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein -Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben -ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als -daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen -möchte. - -[Illustration: Eine Gerichtssitzung in Iringa.] - -[Illustration: Sultan Merere auf seinem Reitstier. - -(Zu S. 86.)] - - - 16. März 1897. - -Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns. -Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der -Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom -die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht -aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu -denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr -um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer -langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und -Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit. -Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier -einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere -ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der -Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord. - -Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von -Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari -geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt. - -Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es -würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte -aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten -abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden -werden, desgleichen das schwarze Schwein. - -Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen -mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von -demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als -Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber -leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. -- Heute -morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben -oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen -oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht sei. -Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch -wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester -bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie -ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum -wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett. - -Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der -Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. -- Früher war -bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach -zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die -Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder -bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und -sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale -Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und -dann zog er zu seiner Mission. - -Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen -von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane, -jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage -des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den -Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den -Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen -freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden, -das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen. -Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann -er uns, das beweist er täglich -- aber wir bleiben doch! das Schlimme -ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu -Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht -fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß -es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle, -die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier -zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch -ohne Schulbildung sehr schlau sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit -einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter -konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß -aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten -nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen. - - - 19. März 1897. - -Der Abend schließt mit der Nachricht eines Überfalls und der Morgen -beginnt damit. Zur Nervenberuhigung spielten wir gestern vor dem -Schlafengehen noch Skat, als plötzlich ein schwarzes Gesicht und ein -Gewehr sich am offenen Fenster zeigten; ich erschrak nicht wenig, -aber der Soldatenkopf, der gleich darauf erschien, beruhigte mich -über des Negers Absicht. Er war der traurige Rest von den Postleuten, -die aus Langenburg am Nyassa-See die Post brachten, die andern waren -von einem Trupp Wahehe erschlagen worden. Die Bestätigung also der -gestrigen Nachricht Prinages war handgreiflich da; wir hatten schon -unsere Verwunderung geäußert, warum Quawa die Karawanenstraße nicht -beunruhige. Lasten von Langenburg sind hierher unterwegs; sie haben -Askaribegleitkommando bekommen und dürfen nicht weiter (desgleichen -Träger der Mission nach der Küste), da die nötigen Askaris zu den -Begleitkommandos fehlen. Es wird jetzt schon schwer, Träger und Boten -zu bekommen, sie wollen schon immer nicht mehr ohne Askaris gehen. - -Heute morgen kam Nachricht, daß in der Tembe, dicht hinter der Mission -2 Stunden von hier, wo ich mit Tom auf Safari war und Tom einen Jumben -eingesetzt hatte, das Vieh weggetrieben und zwei Leute dabei erschlagen -worden seien. Der Jumbe ist gleich mit zwei Askaris und der Hälfte -seiner Leute dem Vieh nachgegangen; die andere Hälfte ist zu Quawa -übergelaufen. Mittags kam die Nachricht, daß drei Mann von Leuten -Quawas angeschossen seien. _Dr._ Stierling ging gleich herunter, auch -nur 1 Stunde von hier, und hat sie verbunden, morgen sollen sie auf die -Station gebracht werden. Als _Dr._ Stierling etwas lange ausblieb, -wieder große Sorge! Also bis dicht vor unsere Tür wagt sich Quawa! Das -Schlimme bei der Sache ist, daß die gutgesinnten Wahehe das Vertrauen -zu uns verlieren, wenn unsere Anhänger so vor der Nase weggeschlachtet -werden. - - - 20. März 1897. - -Tom wird wahrscheinlich Merere hier als Sultan einsetzen, um ihn mit -zu dem großen Schlag benutzen zu können. Seine Leute sollen sich hier -in der Nähe ansiedeln, damit sie an der Station einen Halt haben. Den -ganzen Tag starker Regen. - -Vorgestern waren wir im Garten und freuten uns, wie hier alles gedeiht, -Weizen, Kartoffeln, alle Gemüsearten, sogar Rosenkohl, Salate, -Radieschen, Rettich haben angesetzt. Auch die von der katholischen -Missionsstation in Mrogoro geschenkten Apfelsinen-, Zitronen- -und Mangobäumchen setzen Triebe an. Mapera, Papayen und Bananen -selbstverständlich, auch das von Kisaki von uns mitgebrachte Gras und -der Kaktus. - -Ein vorzüglicher Boden ist hier: als Fata Morgana sehe ich schon alles -mit Weißen besiedelt. So hatten wir im Garten einen Kohlkopf von 15 -Pfund Gewicht. Rosen- und Kaffeebäumchen hat uns die Mission später -auch geschickt. - -Heute kam die Nachricht, daß zwei Soldaten und sieben Träger -totgeschlagen seien auf dem Wege zu Kiwanga. Es ist furchtbar! Aber -wenn ich bedenke, wie uns die erste Mordtat aufregte, kann ich uns -beinahe gleichgültig der Nachricht gegenüber nennen. Nur ein Gedanke -steht jetzt im Vordergrund: wie ist dem Zustand abzuhelfen? Was wird -der nächste Tag bringen? Die Wahehe fördern immer neue Überraschungen -zutage! - - - 21. März 1897. - -Wieder sitze ich abends allein und bete für meinen Mann, ob ich ihn -gesund wiedersehen werde? Der Mensch kann doch viel ertragen, wenn es -heißt: seine Pflicht erfüllen. - -Tom hörte von einem Ort, an welchem Quawa stecken sollte, ließ -nachforschen und fand es heute einigermaßen bestätigt; daraufhin ist -er, als es dunkel war, heimlich aufgebrochen. - -Immer und immer wieder ihn weggehen zu sehen und nicht zu wissen, ob er -gesund wiederkommt, ist doch schrecklich. - - - 23. März 1897. - -Vorgestern konnte ich nicht mehr schreiben. Sadallaleute waren nach den -verschiedenen Mördern ausgeschickt, die ziemlich erfolglos zurückkamen, -sie brachten nur die Brüder und Weiber der Schuldigen an. Wir stehen -hier wirklich im Kampf ums Dasein. - -Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt, sie haben den Kampf abermals -durch Mordtaten begonnen. Jetzt heißt es, mit Strenge vorgehen, denn -Toms Menschenfreundlichkeit halten sie, an Quawas Grausamkeit gewöhnt, -für Schwäche. Die Nächte sind gräßlich. Heute konnte ich überhaupt -nicht schlafen, der Anruf der Patrouillen dröhnt laut durch die Nacht -und hält mich munter. Übrigens geht es nicht bloß mir so. Auch Winkler -und Stierling schlafen schlecht und träumen von Wahehe, Mord und -Totschlag, trotz ihrer eisenfesten Nerven. - -Gestern habe ich Mgumditemi den ersten Schreibunterricht erteilt, -es scheint sie aber so angestrengt zu haben, daß sie heute nicht -kommen konnte, weil sie krank sei. Das hat mir nun sehr den Mut zum -Weiterlehren genommen. - -Beim heutigen Spazierengehen war ganz herrliche Beleuchtung, doch das -ewige Revolverschleppen beeinträchtigt den Naturgenuß, und doch bin -ich jetzt ziemlich ängstlich, so daß ich stets Sublimat bei mir trage; -sollte es, was Gott verhüten möge, zum äußersten kommen und sich das -Märchen von meiner Gefangennahme verwirklichen, so wäre mir wenigstens -beim schlimmsten ein Ausweg möglich. - -Tom mußte ich versprechen, nie ohne Begleitung zu gehen, deshalb nahm -ich einen Ombascha mit. Heute habe ich meinen Schmuck und unser Silber -aus dem Silberkasten alles in einen Koffer gepackt, um bei Feuer oder -einer anderen Gefahr alles Wertvollere rasch bei der Hand zu haben. -Dann habe ich Wein abgefüllt. - - - 24. März 1897. - -Gestern abend (ich entwickelte gerade Bilder) hatte ich noch die -Freude, Tom gesund wieder zu sehen. Es kam mir ganz unerwartet. Tom -war riesig vergnügt und erzählte seine Erlebnisse sehr amüsant. Bis -5 Uhr morgens durchmarschiert, im Walde versteckt gelagert, Brot und -Wurst gegessen, dann in der nächsten Nacht zu der Höhle und den Temben -geschlichen. Dort bis zur Morgendämmerung gelauert. Der Boy hatte -vergessen, während der Nacht etwas Tee zu kochen, also wieder nichts -Warmes, und dann auf dem Bauch zu den verschiedenen Temben gekrochen. -Sie sind so leise herangeschlichen, daß sie die Leute drinnen sprechen -hörten; endlich sind alle Temben umstellt, und Tom gibt das Zeichen, -daß jeder die Tür seiner Tembe öffnen lassen sollte. Er selbst war -bei der Haupttembe, wo sich folgende Szene abgespielt hat. Toms Leute -haben an die Türe geklopft und zunächst in der Wahehesprache gefordert, -sie möchten die Tür aufmachen, „sie seien Leute von Quawa“ -- keine -Antwort, darauf auf Kissangu, „sie seien Leute von Merere“, -- keine -Antwort, nun auf Suaheli, „sie seien Leute von bwana mkubwa“, worauf -sofort die Tür aufgemacht wurde. Es waren friedliche Menschen, die -uns treu gesinnt sind und Quawa fürchten. Tom ist sich ganz dumm -vorgekommen; soviel Anstrengung, um unschuldige Leute aus dem Schlaf -zu stören. Wäre Quawa darin gewesen, er hätte nicht entwischen können. -Hoffentlich gelingt es mit Quawa ein andermal. Tom ist aber sehr froh, -doch dagewesen zu sein, da er jetzt weiß, daß dort sichere Leute sitzen. - - - 25. März 1897. - -Gestern abend hätte uns beinahe das Schicksal ereilt. Tom und ich -gingen zur Viehtembe, wo von dem jungen Sikki Rinder ausgeteilt wurden, -ich wollte nun dieselbe Straße gehen, die Sikki später auch kommen -mußte. Tom hielt das für langweilig und schlug einen anderen Weg -durchs Dorf vor, und welch ein Glück war es, denn ein paar Minuten -später zog Sikki seines Weges, und ein Wahehe schoß auf ihn und ergriff -dann schleunigst die Flucht. Wir wären für ihn ein Ziel gewesen, das -er vielleicht besser getroffen hätte. Wir hörten den Schuß fallen, -glaubten aber, man habe einen Ochsen für die Merereleute geschossen. -Hier werden die Ochsen nicht wie zu Hause geschlachtet, sondern -erschossen. Wir gingen also ruhig weiter, als wir auf dem Rückwege -waren, kam uns ein Mann mit Flinte und Revolver entgegen, es sei -Alarm. Tom sagte, daß dies nicht möglich sei, da er wohl schon früher -davon benachrichtigt worden wäre. Wir gingen aber doch schneller und -hörten schon von weitem lauten Lärm im Dorfe; dort fanden wir alles -in großem Aufruhr und mit allem möglichen bewaffnet. Die Ursache war -der gefallene Schuß. Tom beruhigte die Bevölkerung, und jeder ging -friedlich heim. - -Tom erzählte, in Kilossa wäre es so ähnlich gewesen. Die Offiziere -hätten im Kasino gesessen und gesehen, wie die Bevölkerung des ganzen -Tales plötzlich in hellster Flucht davon gelaufen sei. Die Ursache sei -ein halbverhungerter Mhehe gewesen, der krank von dem Kondoaüberfall -zurückgeblieben sei und sich im Gras verborgen durch Kräuter usw. -ernährt habe. - -Des Abends waren wir ganz besonders fröhlich, daß nichts passiert war. -Es wurden gleich Nachforschungen angestellt und heute hieß es, Quawa -wäre bei Farhenga versteckt, wo noch außerdem ein Msagira mit Anhang -gesehen worden sei, auf den Tom auch fahndete. Tom und ich hatten -noch nicht gefrühstückt, bei der Nachricht verging uns aber doch der -Appetit zum Essen. Also Farhenga auch Verräter? Tom überlegte sich die -Sache noch. Da -- was sehen unsere Augen -- kommt Farhenga an und mit -ihm der Msagira mit Brüdern. Nun, freudiger ist er wohl nie von uns -begrüßt worden, wir gaben ihm auch gleich eine Flasche Gin, die er mit -verständnisvollem Schmunzeln einsteckte. Es stellte sich auch heraus, -daß der Mhehe, der geschossen, nie bei ihm gewesen ist. Er brachte -gleich die gesuchten Leute mit, die nun an die Kette kamen. - -Von Goritz kam Nachricht, daß er 28 Wahehe gefangen, an der Stelle, wo -die Postboten überfallen wurden. Winkler marschierte ab, um sie hierher -zu bringen. -- Die Wahehe werden durch Boten aufgefordert, gegen Quawa -mitzuziehen. Auf das Ergebnis, ob sie mitkommen werden, sind wir -äußerst gespannt, davon hängt sehr viel ab. - -Meine Puten machen mir noch viel Arbeit, da sie krank sind, sich -erkältet und Fieber haben, ich behandle sie mit Chinin, Aloepillen usw. - - - 26. März 1897. - -Heute kamen die Wahehe an. Wieviel mitziehen werden, ist schwer zu -sagen, da Tom noch unterwegs eine ganze Menge antrifft, jedenfalls von -hier an 200. Es ist dies für Tom sehr schön. Gott gebe, daß sich kein -Schurke darunter befindet, der nur so in Toms Nähe kommen will. Viel -Schauri. Des Abends kam noch _Dr._ Stierling. - - - 27. März 1897. - -Noch des Morgens setzte Tom Stationsbefehl auf, gestern hatte er -alle Befehle an die Kommandos geschrieben. Tom hat jetzt außerhalb -elf Posten mit Europäern, dazu sieben Posten mit schwarzen Chargen -besetzt. Die Leute müssen für alle nur denkbaren Eventualitäten mit -sorgfältigsten Instruktionen versehen werden. Die Europäer müssen an -den Bomen in Zelten schlafen; an jeder Bastion einer, auch Askaris -schlafen dort, damit, wenn ein Angriff stattfindet, alles bereit -ist; auch am Tage müssen 20 Soldaten immer zugegen sein. -- Ehe -die ganze Safari versammelt war, wurde es 9 Uhr. Tom nahm noch ein -paar nachgekommene Wassangus mit. Wie stechen die kleinen Kerle in -Ausdruck und Gestalt von den stattlichen Wahehe ab, ihrer Gesinnung -nach sind sie mir aber lieber. Tom hat nur vier Soldaten mit sowie -einige Sadalla- und vier Sikkileute. Ein malerischer Anblick, diese -phantastisch gekleidete und bewaffnete Kriegerschar, die meisten -Wassangus hatten allerdings wenig Stoff an sich. Ich begleitete Tom -noch ein Stück Weges den Berg hinunter und bis zum Ruheka. Gegen Mittag -kam ich erst nach Hause. Nun bin ich wieder ganz allein. Wie lange ist -unbestimmt. Mir wäre lieber, Tom hätte die Wahehe nicht mit. - - - 28. März 1897. - -Heute kamen die Gefangenen mit Hammermeister aus Bueni (Goritz) hier -an, aber nur 17 Mann, auch wieder große kräftige Kerls, vor denen man -sich fürchten konnte. So wild und wüst im Aussehen, wie man sich die -Räuber vorstellt. Von den 25 Gefangenen waren sechs schon bei Goritz -ausgebrochen, dann noch zwei bei Winkler; sie stecken natürlich hier in -unserer Nähe im Pori. - -Eine Freude! Von Tom Nachricht; er ist gestern bis zu Stephan, also -zehn Stunden, durchmarschiert. Meinen Spaziergang machte ich durch die -Stadt. Die verschiedensten Gomas (Spiele, Tänze) gesehen, denn Leute -von Kilimatinde tanzen anders wie die von Tabora, an der Küste usw., -auch die Weiber und Männer tanzen wiederum verschieden. Die beginnende -Dunkelheit begünstigte mein Inkognito, war ich aber doch erkannt, dann -beeilten sich die Tänzer, mir ihre schönsten Touren zu zeigen und mir -zu huldigen, was mich natürlich möglichst schnell vertrieb. So in der -Dunkelheit durch die breit angelegten Straßen zu wandern, die sehr -sauber gehalten werden, ist recht interessant. Das ganze Leben spielt -sich auf der Straße ab. Alles lustwandelt, tanzt oder sitzt auf der -Veranda, denn die Wohnung dient nur zum Schlafen oder als Zuflucht bei -Kälte. Die Türe steht stets offen, und da es auf der Straße dunkel ist -(zu Laternen haben wir es noch nicht gebracht), heben sich die um das -Feuer hockenden Gestalten wunderschön ab. Auf der Veranda sitzen sie -auch bei einem kleinen Licht. - - - 29. März 1897. - -Rettich, Zwiebeln, Radieschen, Möhren, Gurken gesät. - - - 30. März 1897. - -Heute morgen kam Leutnant Braun. Ist gestern schon hier angekommen. -Boten an meinen Mann geschickt, erfuhr es erst heute. Braun hatte -mich nicht wenig erschreckt. Ich hatte gerade im Hühnerhaus usw. -recht herumgewirtschaftet, eine große Schürze dazu umgebunden, als -ich mich plötzlich Leutnant Braun gegenüber sah. So wie zu Hause sich -extra zum Wirtschaften etwas Schlechtes anziehen, gibt es hier nicht, -hier muß man immer „tajari“ sein, denn wie gesagt, man ist hier nicht -abgeschlossen und kann immer jemandem begegnen. Nun, die Waschkleider -sind eben sehr schön, wenn sauber, und auch leidlich hübsch, man kann -wenigstens immer gesehen werden. Des Nachmittags empfing ich Merere, -der mit seinem Gefolge angezogen kam, letzteres mußte vor der Tür auf -seinen Herrscher warten; nur ihm und seinem ersten „Minister“ wurden -die heiligen Pforten geöffnet. Jetzt sitzt er schon ganz schön auf -einem Stuhl, er fordert wieder Tabak (er raucht schon Zigaretten), -Streichhölzer, Zucker, Salz usw. Ich gab ihm von allem etwas. Ich -zeigte ihm seine Bilder, die ich aufgenommen hatte, er war ganz -aufgeregt darüber, und ich mußte ihm einige geben, damit er sie seinen -Leuten zeigen könne; besonders imponierte es ihm, daß auch sein -Reitochse mit auf dem Bilde war. - -An der Weckuhr hatte er viel Vergnügen -- ich mußte sie immer wieder -wecken lassen, daß mir die Ohren gellten -- aber noch mehr an einem -großen Stammbuchbild, zwei stehende Negerkinder darstellend, das muß -ich ihm jedesmal zeigen. Nach 1½ Stunde entließ ich ihn in Gnaden. -Heute ist Merere mit 500 seiner Leute und 15 Askaris ohne Herrn Braun, -der erkrankt ist, ausgezogen. - -Eins will ich noch klarlegen. Als Mpangire noch lebte, war alles so -schön; war seine Hinrichtung nicht voreilig? Ja, in der Tat, es war -alles in schönster Ruhe, -- aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Er oder -wir -- sein Tod war die dringendste Notwendigkeit, sonst wäre unser -Schicksal besiegelt gewesen. Das Quawageschlecht übt eine unglaubliche -Gewalt auf das Volk aus, und solange Quawa lebt, werden wir nicht zur -Ruhe kommen. - -Heute hatte ich zu Bett gelegen, infolgedessen glaubten meine Damen, -ich würde den Hühnerstall nicht revidieren: statt 31 Hühner fand ich -nur 20 dort. Jetzt müssen sie die fehlenden noch suchen. Auch hier -heißt es: „Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse auf -Tisch und Bänken.“ Der Mpischi ließ das Essen von den kleinen Boys -machen, und ich bekam erst um 4 Uhr Mittagbrot; Mabruki schlug sich -mit der Wache, so daß er an die Kette gekommen ist; das sind eben die -kleinen afrikanischen Dienstbotenleiden. Meine drei Mädels machen es -noch am besten, die habe ich schon so weit, daß sie ganz unglücklich -sind und weinen, wenn sie etwas schlecht gemacht haben. Wenn ich sie -schelte, sind sie schon sehr betrübt. Muhigu fängt sogar schon an die -Empfindliche zu spielen, wenn ich sie schelte, früher machte nur Kofi -(Ohrfeige) einigen Eindruck. Auf diesen Erfolg bin ich sehr stolz. -Natürlich treten mir dadurch die Kinder viel näher, denn sie sind im -Wesen ebenso wie die Kinder zu Hause. Auch spielen sie jetzt schon -verschiedene Spiele, die ich ihnen gezeigt. - - - 3. April 1897. - -Ich war eben auf unser Haus geklettert, das sich jetzt zwar in das -Kleid der Hoffnung zu hüllen anfängt, ja es hofft wohl selbst bald -fertig zu werden, aber das ist leichtsinnig, denn die Arbeiter denken -anders darüber. Ich glaube, die haben anscheinend die Absicht, es -erst zur nächsten Regenszeit fertig zu stellen, sicher aber nicht vor -Juni. Ein kleines Küken ist darüber lebensmüde geworden und hat sich -in einen Farbentopf gestürzt. Ich wollte es noch retten, aber trotz -aller Wiederbelebungsversuche war es verloren. Ich fürchte, die Puten -gehen auch ein, trotz Aloepillen, Kur und Doktorei. Das weiße Schwein -überlegt sich, wo es den besten Speck ansetzen will; daß es fleißig -gemästet wird, scheint ihm sehr zu gefallen. Sobald Tom kommt, muß es -daran glauben. Es hat Reißen oder Gicht in den Hinterpfoten und kann -nicht mehr gehen. - -Nun bin ich schon ein halbes Jahr hier und gottlob! trotz all der -Aufregung habe ich kein Fieber mehr gehabt, nachdem die Fieberbazillen, -die ich unten in so reichem Maße hineingeschluckt, abgewirtschaftet -hatten. Daß es hier so gesund ist, mag neben der Höhe auch an der -gleichmäßigen Temperatur liegen, die des Morgens zwischen 12 bis 16°, -mittags zwischen 20 bis 25°, abends zwischen 13 bis 15° schwankt; durch -Regen ist es manchmal mittags kühler. - - - 4. April 1897. - -Eben komme ich aus dem Garten, wo ich die aufgegangenen -Kartoffelpflänzchen zählte. In acht Wochen haben wir Ernte, dann -besteht die Station ein halbes Jahr, und wir haben schon Kartoffeln. -Ich bin jetzt so nervös, wahrscheinlich auch vom schlechten Schlafen, -daß ich mir einbildete, der Teufel sehe über meine Schulter; ich schrie -so fürchterlich auf, daß Boy und die Totos hereingestürzt kamen; -trotzdem ich sie sah, konnte ich mich eine ganze Weile nicht beruhigen. -Um zur Vernunft zu kommen, ging ich mit den Totos spazieren. Ich nahm -unseren Gartenaskari mit, der die Zelewski-Expedition mitgemacht hatte -und davon erzählte. -- Die Totos sind jetzt meine ganze Freude, wenn -die drei schwarzen Krausköpfchen mit ihren hellen Leinwandkleidchen, -mit rot garniert und roter Schürze, mit nackten Beinen so vor mir her -zappeln und krabbeln. Früher gingen sie wie die Alten, jetzt springen -und tanzen sie, klettern auf Bäume und necken mich. Ich bin den Kindern -wirklich Mutter; wenn sie ganz besonders glücklich sind, nennen sie -mich auch „Mama“. Die Sklavenbanden haben schwer auf ihnen gelastet, -jetzt haben sie die Freiheit, ihre Kindheit zu genießen. - - - 6. April 1897. - -Gestern nacht wurde ich durch Alarm aus dem Schlafe geweckt. Ombascha -Achmed kam schon, während ich mich ankleidete, mit der Nachricht, eine -Menge Wahehe seien mit Gewehren in Sicht. Von weitem hörte man auch -Schnellfeuer. Ich weckte die Totos und zog nun mit zwei Revolvern -bewaffnet zur Wache, wo alle Europäer versammelt waren. Die Herren -beschlossen einen Tschausch mit Askaris abzuschicken, um zu sehen, was -los sei; wir wollten uns inzwischen schlafen legen und so der Dinge -harren. Um die Mission und den Europäerposten in Iringa waren wir sehr -in Sorge. Des Morgens stellte es sich heraus, daß Askaris geglaubt -hatten, von Wahehe überfallen zu sein, und Schnellfeuer abgegeben -hatten; die Wahehe schossen wieder, und erst am Morgen merkten wir, daß -es uns freundlich gesinnte Wahehe waren. _Dr._ Stierling war gleich -selbst des Morgens nachsehen gegangen. Es ist zu schwer hier, Freund -und Feind voneinander zu kennen. - - - 7. April 1897. - -Heute kamen zwei Brüder für die Mission an, der eine hatte Fieber und -zog sich bald zurück, dem andern zeigte ich unser Haus, den Garten und -die Stadt. Er war einfach perplex, und trotzdem ich ihm versichert -hatte, vor einem halben Jahr habe nur unsere Hütte gestanden und vor -sieben Monaten sei noch alles Pori gewesen und keine Menschenseele -hätte auf dem Bergrücken existiert, fragte er doch noch, ob hier nicht -wenigstens schon Negerhütten gestanden hätten. Für so unglaublich -hielt er das schnelle Entstehen der Stadt. Man braucht aber auch schon -reichlich eine halbe Stunde, um durch die Stadt allein zu gehen, so -viel Straßen sind schon entstanden. Es ist erstaunlich, wie der Name -Sakkarani die Leute angezogen hat; wir fürchten nur, daß die Stadt -zurückgehen wird, denn so viel Menschen können hier wohl kaum ihr -Brot, d. h. ihren Mais verdienen. Dann gingen wir durch die Station -zurück in das Dorf der Eingeborenen, welches sich hinter unserem Hause -anschließt. Es ist schon bedenklich gewachsen und hat schon an 300 -Mann; die Temben müssen allerdings noch zum Teil gebaut werden. Aus dem -Erstaunen kam der Bruder gar nicht heraus. - -Über unsern Garten war er auch sehr erfreut, denn alles gedeiht -prachtvoll. Jede Rübenart, jede Kohlart, sogar Rosenkohl, Tomaten, -Erbsen, Bohnen, Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie, Majoran, Sellerie, -Dill, Pfeffermünzkraut, Salat, Rettich, Radieschen stehen schön. -Mohn und Artischoken scheinen auch zu gedeihen, nur mit Gurken und -Melonen hapert es, und wahrscheinlich nur, weil wir sie nicht zu -ziehen verstehen. Kartoffeln stehen gleichfalls sehr schön. Die Brüder -waren über unsern Garten schon so entzückt, was würden sie erst zu -dem unten am Ruaha gesagt haben, wo alles noch besser gedeiht; dort -stehen Apfelsinenbäumchen, Feigen, Mango, Zitronen, zwei kleine -Weinreben. Hoffentlich gedeihen sie weiter so. Bananen, Ananas und -auch eine Kokosnuß sind aufgegangen. Der Weizen steht niedrig, ist -aber gleichmäßig gereift, was vielfach im Innern nicht der Fall -sein soll, und Stroh brauchen wir nicht; es ist hier ein herrliches -Ansiedelungsgebiet, und der Bauer würde sein schönes Auskommen haben, -denn zu alledem kommen noch das schöne Vieh und Weideland. Auch ist die -Gegend hier gesund, also alles „_tajari_“, nur die eine Frage ist -nicht gelöst: Wie kommt der Bauer hierher? - - * * * * * - -Heute kamen ein Feldwebel und ein Bootsunteroffizier für Langenburg -an, die einen Ruhetag hier machen und dann weiter marschieren, dann -nehmen sie natürlich die 100 Lasten mit. Reichlich zwei Monate haben -die Lasten hier liegen müssen, die Sachen werden also fünf Monate -unterwegs sein. Wie schmerzlich werden sie von den Europäern erwartet -werden? Meine Nähmaschine hatte ich gestern mit Mühe und Not zum Nähen -gebracht, gestern ging sie sehr gut, doch plötzlich versagte sie. -Da der Bootsunteroffizier in seinem Zivilverhältnis Uhrmacher war, -glaubte ich, er würde sie mir wieder zurecht machen können. Der brave -Mann hat sich auch so lange geplagt, bis er sie wieder in Gang hatte. -Wegen meiner Maschine habe ich schon einmal einen fremden Unteroffizier -zu Rate ziehen müssen. Wir erhielten auch die Bestätigung, daß Toms -Breitenbestimmungen richtig sind; kein falscher Stern ist beobachtet. -Hoffentlich gelingt es uns immer so. - - - 8. April 1897. - -Glückstrahlend kam Tom heute zurück: auf dem Rückmarsch hat er -plötzlich dicht am Wege drei starke Elefantenbullen gesehen. Obwohl -er seine Elefantenbüchse nicht mit hatte, pirschte er sich doch an -und hatte das Glück, sie alle drei zur Strecke zu bringen. Eine -Kugel, Modell 88, hatte sich an der Wurzel des großen Stoßzahnes -plattgedrückt. Der größte Elefant ist 9 Meter lang, bei 3½ Meter Höhe; -in seinem Wanst badeten acht Neger zu gleicher Zeit in dem Blute -des Tieres -- nach Negerglaube ein besondere Kräfte verleihendes -Mittel. Den schwarzen Siegfrieden fiel kein Lindenblatt aufs Kreuz, -Rücken und Rippen des kolossalen Tieres bildeten eine gut gedeckte -Badezelle. Hinter dem Riesenkopf desselben konnte Tom sich decken, -als er den zweiten Elefanten schoß. Der dritte rannte dicht an Tom -vorbei; es war eine fatale Situation, mein Mann war allein, das dichte -Farnkrautgestrüpp verhinderte ein Ausweichen -- und doch kommt es -darauf an, dem angeschossenen Riesen so rasch als möglich aus dem -Gesicht zu kommen. Das Herz haben die Neger als große Delikatesse -verspeist. Von einem Stück Rüssel machte ich Suppe; sie schmeckte etwa -wie recht kräftige, mit Gelatine verdickte Rindfleischsuppe mit etwas -leimigem Beigeschmack; das Fleisch war nach 24stündigem Kochen zäh wie -Leder. - - - 9. April 1897. - -Heute wurde die Jagdbeute eingebracht, mit Jubel und Geschrei -natürlich. Vorneweg die Sikkileute mit Tanz und Gesang. Hundert Mann -hatten an dem Transport der drei Kolosse zu tun. Leider hat das größte -Tier nur einen Zahn; dieser wog allerdings 106 Pfund. Den Kopf des -kleineren mit den beiden Stoßzähnen (45Pfünder) habe ich photographiert. - - - 12. April 1897. - -Großes Schlachtfest! Unser Hofschlächter, Unteroffizier Hammermeister, -besorgte die Sache nach allen Regeln der Kunst. Unsere Schwarzen -staunten nicht wenig, daß unter seinen Händen ein schwarzes Schwein -so weiß werden konnte! Aber von dem Fleische zu essen, weigerten sie -sich voll Abscheu. Nur unser Juma, der in Deutschland Schweinefleisch -essen lernte, aß auch hier davon, dafür wurde er aber auch von -den anderen Boys verächtlich „Sklave“ geschimpft. Das Wellfleisch -schmeckte prächtig. Da Pater Alfons die neu angekommenen Brüder bei -uns vorzustellen kam, konnten sie an unserem Schlachtfest teilnehmen. -Bis auf das bißchen Unterschied in der geographischen Länge und Breite -ging’s bei uns ganz so zu wie beim Schweineschlachten in Weißenrode -- -mir war ganz heimatlich zu Mute, und wenn sich so etwas wie Heimweh -zeigen wollte, dann wurde es flugs mit ins Wurstfleisch verhackt. Es -war aber auch ein Staatstier, eigentlich viel zu schade, um seine -Laufbahn in den nunmehr historischen Pökelfässern der Familie Prince -zu beschließen. Unser Sachverständiger Hammermeister taxierte es nach -deutschen Viehverhältnissen auf 180 Mark „unter Brüdern“. - - - 13. April 1897. - -Nach dem Schlachtfest heute „Pökelfest“ und großes Wurststopfen und -dazu noch frische Kartoffeln! Tom, Winkler und ich hatten schon vor -einigen Tagen Kartoffelernte gehalten: an manchen Stauden fanden wir -bis zu 58 Knollen, darunter 22 große, von denen 10 aufs Pfund gehen; -durchschnittlich kamen auf jede Pflanze 25 Kartoffeln. Es wurde alles -genau gezählt, gewogen und an die Europäer verteilt, denn unsere erste -Kartoffelernte ist ein Ereignis. Wir kochen nie mehr als sechs Stück, -so sparsam gehen wir mit dieser Delikatesse um. - -Aus Mage melden Wahehe, daß sie zwei Wahehewassagira, die zu den -treuesten Anhängern Quawas gehörten, im Waldlager überfallen und -niedergemacht hätten. Der eine der Erschlagenen ist Farhengas -rechter Bruder. Dieser Bruderzwist, dessen Strömung Tom nach der -alten Diplomatenregel „_divide et impera_“ geschickt in die für uns -günstigste Richtung abgelenkt hatte, kommt uns nun in der Tat zu nutze. - -Von den Sudanesenfrauen zeigte mir eine heute einen feinen, goldgelben, -aber sehr festen Faden von seidenartigem Glanze, das Gespinst einer -großen Spinne, welches man, wie die Frau erzählte, im Sudan zu feinen -Stoffen verwebt. Ob sich das nicht auch hier erzielen ließe? In -die Boma Prinages schlug der Blitz ein. Prinage selbst kam mit dem -Schrecken davon, aber einer der besten Sudanesensoldaten wurde tödlich -getroffen, drei andere leicht verletzt. - - - Karfreitag, 16. April 1897. - -Den Karfreitag mußten wir heute durch kriegerische Schaustellung -feiern, der wir uns nicht entziehen durften: die Kriegsspiele unserer -Farhenga- und Sikkileute. Das Ganze war wie eine Pantomime im Zirkus -Renz, freilich durch die Darsteller und die ganze lebenswahre Umgebung, -in der die Spiele vor sich gingen, weit interessanter. Sikkis Oheim, -ein stattlicher 1.90 _m_ hoher Mann mit besonders ausdrucksvollem -Kopfe, zeichnete sich als Haupt- und Vortänzer in diesem kriegerischen -Schauspiele durch unglaublich hohe Luftsprünge aus; Sikki selbst -tanzte, wie es seiner Jugend zukam, bei der Gruppe der jüngeren Leute; -er ist nämlich noch nicht in dem Alter, in welchem ihm die Stammessitte -erlaubt, Schmuck an Armen und Hals anzulegen. Der Kriegstanz unserer -Wahehe bot ein wildbewegtes Bild ihrer Kriegführung, wie sie hinter -ihren Schilden gedeckt den Feind beschleichen und überfallen. Den -Hauptdarstellern lohnten wir ihre Anstrengungen mit einem Kognak, für -den sie großes Verständnis zeigten. - -Gestern, zum Gründonnerstag, hatte ich bunte Ostereier mit allerlei -scherzhaften Zeichnungen darauf (ein Kater, Jüngling auf Bierfaß -reitend) nach den Messen geschickt, für Tom hatte ich bei uns welche -versteckt; wir hatten beim Eiersuchen dann noch viel Vergnügen. - - - Am 1. Osterfeiertag, 18. April 1897. - -Keine Glocke läutet zum Ostertage -- aber wir feiern das hohe Fest, -obwohl ich fast immer liegen muß, mit inniger Dankbarkeit gegen den -allgütigen Gott, der uns bis hierher in seinen Schutz genommen. - -Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein -Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an. -Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh -- ich gehe mit Tom hinaus, -um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges -anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen, -die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und -Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells. -Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger -- ein großer Erfolg von Toms -Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der -Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich -gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen; -ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen, -unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes -Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches -uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten -Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf -gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition -anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von -seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller -Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs -etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen -sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung -sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle -Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu -sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt. -Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit -der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so -viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten -sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind -erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte -ich gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von -15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür -gegeben. - -Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um -Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von -Leutnant Braun gekommen war. - -Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns -alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für -Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und -Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’ -Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber -auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns, -eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen -neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich -nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom -und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere -furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich -war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition -auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden. -In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht -übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig -schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die -aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann -sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit -flammender Abendröte übergoß. - - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Fünftes Kapitel. - -Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert. - - - 21. April 1897. - -Heute mittag ging Tom fort, ich konnte ihn nicht einmal begleiten, -da ich fest liege. Für Tom auch schrecklich, mich hier so allein -zurückzulassen. Da heißt’s eben: Kopf hoch! -- Vorher noch großes -Schauri mit Merere und Winkler. Merere will durchaus zu dem Grabe -seines Vaters, um dort zu beten und Dawa zu machen. Er glaubt nämlich, -sein Vater habe ihm die Krankheit zur Strafe geschickt, weil er so -lange nicht am Grabe gebetet habe. Winkler soll ihn begleiten. Ein -Sultan wird nach seinem Tode von seiner Familie als Gott verehrt; also -der richtige ausgesprochene Ahnenkultus wie bei den Chinesen. Sein -Grab wird mit besonderer Sorgfalt gepflegt. So sind z. B. auf dem des -alten Quawa prachtvolle Elfenbeinzähne aufgestellt. Auch die erste -Frau des Sultans wird in gleicher Weise geehrt. An den Gräbern beten -dann der Sohn und die richtigen Brüder, also Söhne desselben Vaters -und derselben Mutter. Die Halbbrüder und Großen des Landes dürfen -bei dieser Feier zugegen sein. Ein Sultan geht nie ohne sein Gefolge -zu dieser Andacht, an der nur die Söhne teilnehmen. Die Töchter, wie -überhaupt alle Frauen, sind ausgeschlossen. Die andern Frauen des -Sultans werden im Pori, also im Urwaldgebüsch, nur ganz oberflächlich -verscharrt und zum Schutz gegen wilde Tiere mit Baumstämmen bedeckt. -Dasselbe geschieht mit den Leichen der Halbbrüder; deren Weiber werden -überhaupt nicht begraben, sondern in der Wildnis auf einem Stapel -zusammengeschichteter Baumstämme ausgesetzt; ebenso die Großen des -Landes nach einer sehr einfachen Rangabstufung: je kleiner der Mann, -desto niedriger der Stapel. Die Sklavenleichen wirft man einfach ins -Pori. Eine große Menge Leute geht mit, die Weiber weinen und machen -großes Geschrei, ebenso weinen die Männer und die Verwandten. Haben sie -die Leiche weggeworfen, dann baden die Verwandten und nächsten Freunde -im nächsten Fluß. Im Trauerhause kommen dann die weiblichen Verwandten -und Freundinnen zusammen, unter Fasten weinen, schreien sie drei bis -vier Tage lang, die Mutter fünf Tage. Das Gesicht zur Wand gekehrt und -in die Hände gestützt, kauern sie die ganze Trauerzeit über. - - - 23. April 1897. - -Seit 5 Wochen keine Post! Mein Schammy fand heute das Abzeichen eines -Askari-Tschausch’s, sofort kam er damit an und meldete sich bei mir -als „_tschausch ya kuku_“ (Hühnersergeant). Das Soldatenspielen steckt -doch nun einmal allen Jungens im Blut, in Afrika so gut wie bei uns -Deutschen. Alle unsere Leute sind sehr zutraulich und bringen ihre -kleinen Sorgen und Freuden bei mir an. Meine kleinen Mädels spielen -jetzt seht hübsch. - -Heute Nachricht von Tom; als Morgengruß schickte er eine Giraffe mit -wundervollem Fell, die ihm auf dem Marsch vor die Flinte gekommen war. -Die Soldaten haben das Fell ausgespannt und gereinigt. Wie schwer es -mir wird, jetzt zu liegen! Garten und Hühnerzucht den Schwarzen so -ganz überlassen zu müssen, ist so schwer. Es war schon alles hübsch im -Gange, nun geht es wieder zu Grunde. Der Neger bedarf doch einer ganz -anderen und schärferen Aufsicht als die Leute zu Hause. Die gesamten -Vorräte für Monate müssen nun wenigstens für die Boys zugänglich -bleiben, und was die im Stehlen und Naschen leisten, das wird sich -schon noch fühlbar machen. In diesem ungewohnten Zustande absoluter -Freiheit in Haus und Garten vergessen meine schwarzen Dienstboten, -daß sie überhaupt eine Herrin haben. Eines Tages waren sie samt und -sonders am Morgen bereits verschwunden und kamen erst abends wieder. -So lag ich denn den ganzen Tag über mutterseelenallein im Hause, zu -schwach, um mich erheben zu können, ohne eine Menschenseele auch nur in -erreichbarer Nähe zu haben. Der Tag gehört zu dem Schlimmsten, was ich -hier durchgemacht habe. - - - 26. April 1897. - -Nun sind es noch neun Tage bis zu Toms Rückkehr! Ich streiche jeden Tag -im Kalender mit einem dicken roten Strich durch, wie wir’s einst in -der Pension taten, wenn die Ferien herankamen. Aus Iringa wieder böse -Nachricht: ein Boy und ein Träger erstochen. Auch an häuslicher Unruhe -fehlt es nicht. Der Mpischi (Koch) legt mir seine ehelichen Sorgen -vor; seine Frau treibt sich seit sechs Tagen herum; da sie ihm seine -Tücher und Hemden mitgenommen, lasse ich sie, nach genauer Feststellung -des Tatbestandes, zur Wache bringen, damit sie beim nächsten Schauri -bestraft wird. Heute ließ ich mir Mgunditemi holen; das arme Ding ist -krank. Ich gab ihr Fleisch und Reis; sie ist übrigens eine schlanke, -hübsche Frau. - -Ich war heute einen Augenblick im Garten, die Kartoffeln sind schon -ganz braun, wenn Tom zurück, müssen sie gleich herausgenommen werden, -allein mag ich es nicht tun. Dann machen wir wieder Kartoffelfeuer, -rösten Kartoffeln, das gibt uns viel Spaß, wie neulich unten im Garten. -Leutnant Braun ist seit gestern zurück. Er sagte auch, daß sich die -Wahehe ganz anders gezeigt hätten als die übrigen Neger. Er hat eine -ganze Ortschaft zerstört und die Temben eingerissen; kaum war er zwei -Stunden fort, so sah er, wie die Wahehe zurückkamen und ihre Temben -wieder aufbauten, so daß er nochmals zurück mußte. Drei Träger sind -an Überanstrengung gestorben, der eine davon ist unter seiner Last -zusammengebrochen. - - - 6. Mai 1897. - -Ich habe vom 27. April an sehr schlechte Tage hinter mir. Am 29. war -mir der Gedanke schrecklich, in Toms Abwesenheit operiert zu werden, -es konnte doch auch schlecht ablaufen, und Tom wäre nicht zu erreichen -gewesen. Aber Gott sei Dank, spät abends kam Tom wieder an. Er hatte -so viele Gefangene, etwa 500 Leute und 200 Stück Vieh, daß er deswegen -umkehren mußte, denn es waren jetzt mehr Gefangene, als Tom selbst -Leute in seinem Zuge hatte; gefallen sind dabei 40 feindliche Krieger. -Die Leute bei Iringa sind jetzt so beruhigt, daß sie mit Tom selbst -gegen ihre Stammesbrüder ziehen; das ist ein großer Erfolg. Quawa ist -jetzt in eine andere Wildnis übergesiedelt, in der alten Gegend fühlt -er sich nicht mehr sicher. Er hält sich an einem Platz nie länger als -zwei Tage auf, wie der ewige Jude wandert er von Ort zu Ort. Seine -Anhänger setzen sich jetzt verzweifelt zur Wehr, immer noch erscheinen -Trupps (Tom hat vier solche zu je 40 bis 60 Wahehekriegern angetroffen, -die auf dem Zuge gegen uns begriffen waren, und sie zurückgejagt). Auf -ihr Konto müssen wir die vielen Meuchelmorde setzen. -- Tom hat sehr -viel zu tun. Jetzt, wo ich elend bin, sehne ich mich doch sehr nach -unserm Hause, ich werde dann auf der schönen Veranda liegen können. -Das Liegen ist zu unangenehm, da man dabei kaum schreiben kann. Am 3. -Mai sind der neue Feldwebel und der Bauleiter angekommen. Trotzdem -er die Dielen der Hinterzimmer aufreißen läßt, weil sie zu schlecht -gebaut sind, will er schon in 14 Tagen mit dem ganzen Haus fertig sein. -Wahrscheinlich gehen Spiegel und Wilkins (Feldwebel und Bauleiter), -beide wegen Krankheit abgelöst, morgen zur Küste. Eben bringt Tom mir -wunderschönen Weizen, der auf +ungedüngtem+ Boden gewachsen ist, -überhaupt ist der Garten unten nicht gedüngt. - -Gestern abend kam endlich die Post. Wie wir uns über die Schreiben und -Zeitungsausschnitte freuten! Heute kam Leutnant Kuhlmann mit einem -Unteroffizier und 30 Askaris hier an, um sich Tom zur Verfügung zu -stellen. Es verlautet, daß der Gouverneur im Juni eine Reise in das -Innere antreten und auch hierher kommen will, und daß Herr v. Eberstein -krank sei. - -Weizen geerntet, auf wasserdichten Decken statt Tenne ausgedroschen; -der Ertrag ergab das 24fache der Aussaat, also das 24. Korn. Auch der -Weizen ist ebensowenig wie der Garten weder gegossen noch gedüngt. -Heute kam auch die Karawane für uns an. Wir hatten wieder allein -fünf Träger für Postsachen -- und der Trägerlohn ist jetzt auf 21 -Rupien (Rp. = 1.40 Mk.) erhöht! Für ein kleines leichtes Weinfäßchen -waren zwei Träger nötig, desgleichen zu einer kleinen Frachtkiste aus -Liegnitz; der fünfte Träger brachte ein Postpaket. Wie groß, unendlich -groß würde die Freude über alles sein, wenn es nicht den abscheulichen -Beigeschmack der Trägerkosten hätte. - -Nach Perondo bekamen wir die Zehnpfundpakete umsonst geschickt; dies -ist jetzt nicht mehr der Fall, da aber nur drei solcher Pakete auf eine -Last gehen, müssen wir diese Packungsweise vermeiden. Es empfiehlt sich -vielmehr, alle Sendungen in Deutschland ansammeln zu lassen, bis sie -zusammen, einschließlich Verpackung, etwa 60 Pfund wiegen -- aber nicht -mehr, sonst geht es uns wie mit dem Weinfaß, das nur 70 Pfund wog und -zwei Träger brauchte. Bei allem muß man eben sein Lehrgeld zahlen, aber -wir bleiben ja lange genug hier, um noch die Früchte davon zu ernten. - - - 15. Mai 1897. - -Leutnant Kuhlmann war ganz erstaunt über unsere große Stadt. An der -Küste hätte man keine Ahnung davon. Man könnte sich ein so schnelles -Wachsen einer Stadt nicht vorstellen. -- Nun, ich freue mich, wenn der -Gouverneur sich selbst von Toms Erfolgen überzeugen kann. Auch das -kann man als „echt afrikanisch“ bezeichnen, in Deutschland wenigstens -soll es nicht gerade üblich sein, daß die Offiziere sich nach den -Besichtigungen durch ihre Vorgesetzten sehnen. -- Übrigens hieß es -plötzlich, der Gouverneur sei nur noch einen Tagesmarsch von hier; ich -machte gleich Makronen, Schokoladenplätzchen, Räderkuchen, Waffeln, -alles gelang schön. Da ich gerade Honig bekam, setzte ich auch noch -Teig zu Honigkuchen an. -- Mein spezielles Departement, das des Innern -und der Haus- und Landwirtschaft, ist für den hohen Besuch ebenfalls in -bester Verfassung. - -[Illustration: Das Stationshaus in Iringa. - -(Zu S. 114.)] - -[Illustration: Das Arbeitszimmer. - -(Zu S. 115.)] - -Von der Taktik der Wahehe, die Wege ungangbar zu machen, konnte auch -Leutnant Kuhlmann erzählen. Sie stecken giftige Bambusspitzen in -den Weg, verlegen denselben mit riesigen Hindernissen, die großen -Aufenthalt verursachen, oder legen kleinere Hemmnisse an, so daß -die Leute fallen oder mindestens stolpern; ferner machen sie in die -Urwälder und Pori große Sackstraßen, so daß man falsch geht; auch Graf -Fugger weiß davon ein Liedchen zu singen. - - - 23. Mai 1897. - -Tom zog mit 1000 Wahehe aus, Leuten, die früher alle gegen uns -standen. Kaum war er fort, so wurde in der Nacht Luhota von Quawa -selbst und seinen Wahehe abgebrannt, 600 Stück Vieh und 700 bis 800 -Weiber geraubt, die Männer niedergemacht. Quawa hat in der Nacht die -Temben alle umstellt und, als die Männer herauskamen, sie einfach alle -niedergemacht. Noch am Morgen sahen wir die Temben rauchen, es war ja -nur eine halbe Stunde von der Station! Bei dem hügeligen Terrain und -dem ausgedehnten Pori sind sie ohne Weg und Steg, von dem langen Grase -verdeckt, herangeschlichen. Der Feldwebel wurde gleich nachgeschickt, -da er aber nur sehr wenige Askaris hatte und die Leute gleich verteilen -mußte, konnte er nur 90 Weiber und 40 Stück Vieh wiederbringen. Vieh, -welches die Wahehe nicht mitnehmen konnten, haben sie niedergestochen; -Merkel ist wohl an 80 Stück totem Vieh vorbeigekommen. Unter den -fortgeführten Weibern ist auch eine von Farhenga, die unten gerade -Chakula kaufte, und alle von dem Jumben Satima, diese hat Quawa direkt -in sein Gefolge genommen. Eine von den Frauen des Satima hat sich bei -der Verfolgung hinter einem Busch versteckt und sich so wieder zu uns -retten können, sie erzählte, daß Quawa selbst bei dem Überfall im -Hintergrunde gewesen sei und alles von dort dirigiert habe. Nachdem -der Überfall geglückt, habe er sich in eine Tembe gesetzt und dort -Pombe getrunken, die gefangenen Weiber um ihn. Von dort habe er auch -seine Befehle im Fall einer Verfolgung gegeben. Parole: „Wenn ein -Europäer verfolgt, ausreißen; verfolgen nur Askaris und Wahehe, dann -angreifen!“ Die Furcht vor einem direkten Kampfe mit den Europäern ist -gottlob groß. Die Wahehe wissen sehr wohl, daß sie ihre Zahl schonen -müssen. Quawa selbst ist dann an der Spitze mit ein paar Getreuen und -den genannten Weibern abgezogen. Seine Leute haben sich auch zerstreut. -Tom schickt jetzt jede Nacht Patrouillen aus, um eine etwaige -Annäherung des Feindes zu verhindern. -- Ohne Bedeckung kann man jetzt -nicht aus der Boma gehen, denn 5 Minuten von unserem Hause entfernt -sind eine Frau und ein Fundi niedergestochen worden. Die letzten Tage -hatte ich immer Angst, daß auch die Strohbude mit unseren Vorräten -angezündet würde. Nun gottlob, Quawa hat die Gelegenheit verpaßt. - -Die Nacht zum 1. Juni schlief ich zum ersten Male in unserem neuen -Hause. Gerade ein Jahr, daß ich kein festes Dach, sondern immer nur -Strohwände oder Zelt über mir hatte. Seit einem Jahr wieder einmal -auf Holzdielen zu gehen, wenn auch noch so primitiven, ist ein Genuß! -Jeder Schritt machte mir Vergnügen! Wenn mir nicht das Treppensteigen -verboten wäre, würde ich aus Freude fortwährend herauf und hinunter -gegangen sein. Wie ich stolz auf meine Treppe bin. Die Seligkeit, -hoch zu wohnen! mit welcher Freude schließe ich Türen und Fenster; es -ist mir alles noch so neu, ich möchte immer am Fenster stehen. Auch -diese Freude ist afrikanisch! Ich freue mich schon auf Tom und seine -Freude über unser stattliches Haus. Die Salzbäder, die ich nehmen -soll, muß ich natürlich aussetzen. Der Doktor schilt; aber freilich, -wenn es nach ihm ginge, so müßte ich stets liegen, und aus dem Umzug -kann dann werden, was will. So haben die Boys wohl auch gedacht, denn -nicht nur Mpischi, der schon seit Ostern liegt, sondern auch Mabruk -ist schleunigst so krank geworden, daß er fort mußte, er bekommt aber -natürlich seinen Lohn weiter, nun habe ich zum Umzuge nur einen Boy. -Schammy, der kleine zehnjährige Bengel, ist mein Koch, seine Leistungen -sind auch danach. Die kleinen Mädels müssen jetzt auch so helfen, daß -sie ganz blaß aussehen, sie sind mir jetzt eine große Hilfe. Die drei -Weiber, die ich noch habe, müssen buttern, Hühner besorgen, Geschirre -waschen, sind sonst aber kaum zu gebrauchen. Denn sie verstehen kein -Suaheli und vor allen Dingen wissen sie von keinem Gegenstande, -wozu man ihn gebraucht, und diese Frauen habe ich jetzt schon vier -Monate. Die schweren Sachen haben mir Träger herübergetragen, doch -das ist ja das wenigste. Freilich klappt noch längst nicht alles, die -Türen besonders bedürfen noch mancherlei Nachhilfe, ehe sie richtig -schließen, ein Fenster hatte noch keinen Haken, so daß der Wind es -gleich zerbrach usw.; überall sind noch Fundis tätig. Die Wohnung -war zuerst hoffnungsgrün gestrichen; damit meine Vorhänge, Portieren -usw. mit dem Anstrich harmonieren, habe ich sie jetzt noch einmal -anstreichen lassen, und zwar rosa, -- eine andere Farbe hatten wir -nämlich nicht, es wird jetzt aber sehr niedlich. Nur kann ich mir Tom -mit seinem Rauchen nicht so recht in diesem zarten Milieu vorstellen. -Nun sind noch Gardinen zu nähen und aufzustecken, denn am 1. Juli kommt -der Gouverneur nun wirklich; er hat sich schon angemeldet, und da -möchte ich doch mit allem fertig sein. Wenn wenigstens der Mpischi bis -dahin gesund würde. - -Der Gouverneur will sich den Boden und die Ansiedlungsverhältnisse hier -ansehen. - - - 2. Juni 1897. - -Heute sah ich mich nach meinen kleinen Schützlingen um, zwei kleine -Askarikinder, denen die Mutter gestorben und deren Vater auf einer -Expedition geblieben ist. Das eine Kind ist erst ein halbes Jahr alt -und bekommt jetzt von meiner Kuhmilch, das andere ist schon zwei Jahre -alt; sehr niedliche Kleine sind es, leider haben sie Angst vor mir. -Von dort ging ich zum Griechen, um Petroleum zu kaufen, er wird aber -erst in sechs Wochen welches erhalten; hoffentlich reicht mein Vorrat -noch so lange. Dann ging ich zur Bibi (Frau) Effendi, um mich für Eier -und ein seidenes Taschentuch zu bedanken; letzteres wollte ich nicht -annehmen und schickte es zurück, aber sie schickte es abermals wieder, -und um sie nicht zu beleidigen, behielt ich’s, werde ihr wohl eine Uhr -dafür zurückgeben, aber erst nach ein paar Tagen, denn sonst nimmt sie -es übel. - -Wenn ich doch wenigstens ganz gesund wäre. Alle Tische für die Küche -müssen auch erst gemacht werden, denn die ich bis jetzt in der -Strohhütte hatte, sind in dem Boden festgemacht und beim Herausnehmen -sind sie entzweigegangen; es waren allerdings nur Kistendeckel. Nun -soll ich mich wieder schonen und Salzbäder nehmen, aber wann? In -Kürze kommt der Gouverneur, und in solcher Zeit geht alles drunter -und drüber. Dann bin ich Köchin, Dienerin und Hausfrau, d. h. ich -repräsentiere deutsche Küche, Keller, Speisesaal und Salon hier alles -in höchsteigener Person, so gut das eben hier, fern jeder Kultur, unter -den schwarzen Menschenkindern sich tun läßt. - - - 25. Juli 1897. - -Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll -Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren -Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht --- und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch -mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister -Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger -mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert -- zum -erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein -Leben. - -Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte, -was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen -Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte -würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden -Mann in wenigen Tagen furchtbar mitgenommen, elend und verfallen, -aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In -Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, -- wir sprachen -gerade über das Sterben -- dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits -hinüberzuschlummern -- wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne -Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen. - -Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie -mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der -Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen -Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg -wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf -Fugger[6] widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der -nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte, -darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet -- und die Trauerfeier war -zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen -Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer -weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die -Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst -vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich -den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an -derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch -Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren. - -Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem -Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb -mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die -in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten, -wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann, -schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des _bana -mkubwa_ („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner -Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem -Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem -Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit -geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich -werde Toms eigene Worte hierher setzen: - - - (Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei Stunden vom Muassi-See.) - -„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen -Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit -- der Stuhl ist beinahe so -hoch wie der Tisch -- trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die -komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen: - -Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei -Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen -versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere -Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in -ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht, -den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für -absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also -Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe -mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem -Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die -Flüchtigen sich verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze -Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten -hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von -unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der -Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau -zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am -Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei -Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den -Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen -etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen -30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt -gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute -in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch -etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten -sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel -- auch hatten -wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum -war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer -scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug, -zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer -in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen. -Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich -freiwillig angeschlossen hatte -- ein dritter Speer, der direkt von -vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze -war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien -nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte -mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er -mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis -zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine -Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen -nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht -beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre -ich ein gleichförmiges Schaben und Knirschen -- Tschirr! Tschirr! -- -da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung -hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht -hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht -erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die -Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen -Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der -Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die -Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher -Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins -Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum -Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und -Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit -ihnen wieder in die Höhle -- sofort saß dem Wahehe ein Speer in der -als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die -brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb -meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise -säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher -und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der -ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“ - -Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch -ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen -Scherzes ausmalte. - -Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer -die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt: -„_Bana mkubwa!_“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die -Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst -ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger -Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen -Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck -schrie ich laut auf. - -Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage -auch noch die langersehnte Post. Einige Tage konnte Tom sich -erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr -mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich -ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört -erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und -Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs -geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber -hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein -Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte -- -alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter -Wandschmuck verwerten lassen. - -Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des -Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack -- -Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis -zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger -wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich, -soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu -Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so -auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an -der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen -Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal -wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen. - -Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung. -Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine -Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe, -denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der -Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung: -als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, -- -so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen -- es -sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der -etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten -Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit -zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine Patrouille, die die -beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein -Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten -kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen -ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen, -denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung -Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den -bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn -auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute -Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt -versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine -unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei -von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier -sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien! - -Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres -Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den -„Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das -ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach -dem Befinden seines Sultans erkundigt -- und das ist Tom für sie. -Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali -eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und -andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft -nicht mehr leisten können. - -Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer -regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere -deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit -rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten -Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt -nicht zumuten kann -- von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten -Luxus ganz abgesehen -- würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein -Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer, -daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein -deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die -selbst Hand anlegen, fänden hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet -dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit -europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten -Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation -im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen -Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse -Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung -der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen -- doch halt! die -Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ -- sie erhebt ihre Schwingen sogar -bis zu dem kühnen Bilde einer -- Schmalspurbahn, die von Ngahoma am -Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte! - -Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der -Sohn des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen, -ihm aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach -sei _Dr._ Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem -Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf -falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer -andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über -das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude -erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre. - -Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die -sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun -beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack -- sie -drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in -seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber -zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke -ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den -Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte -der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam, -und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen -einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd -- mit -einem Mordskater! Natürlich war er sehr geknickt, als sie ihn mir -anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife -habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen -Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos -(Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte -- -sie war zu hübsch -- leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige -Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines -Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem -Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch -aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach -besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir -der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen -- die Herren -sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung -haben, in ein deutsches Haus zu kommen. - -Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm -einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben -dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten, -als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In -einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage -genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten! -Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir -doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das -Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne -- dann ging’s aber um -so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich -nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag -geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang -für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum -Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein -Wohnzimmer fix und fertig vorfand. - -Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen, -dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte -ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach festlichem deutschen -Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen -der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von -der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen -beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm -aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil, -die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben -mußte. - -Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung -der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter -Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er -vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die -Station zusammengebracht. - -Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht -bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte -Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen -Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das -Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler -wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa -Auskunft gaben -- der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der -Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben -und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange -eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür -dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel -terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer -nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden -Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden -konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem -Leben bezahlt hätte! - - - 27. Juli 1897. - -Gestern abend, kurz vor Schlafengehen, brachte mir ein Wachtposten -noch einen langen Brief von Tom. Aber anstatt der erwarteten Nachricht -seiner baldigen Rückkehr lese ich, daß die Expedition sich wohl -über vier Wochen ausdehnen wird. Sie waren bereits dicht an Quawas -Lager heran, und nun suchen sie möglichst auf seine weiteren Spuren -zu kommen. Das sind für mich recht böse Aussichten, denn nun ist der -glückliche Wahn gründlich zerstört, daß dies unsere letzte längere -Trennung gewesen sei. Tom schreibt, der Gouverneur sei sehr erfreut -über die gute Disziplin der Wahehe, über das Nachrichtenwesen und die -gute Laune, die trotz des zwölfstündigen Marsches in der schwierigen -Gebirgsgegend bei den Leuten herrscht. Der Gouverneur wird sich -dann von Tom trennen, um noch weiter die Bodenverhältnisse auf ihre -Ansiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Soweit bis jetzt zu übersehen -ist, eignet sich das Land ganz hervorragend zur Besiedelung, und Oberst -Liebert will die Kolonisation nach Kräften beschleunigen. - -Heute beehrte mich der Sultan von Mahenga, mein alter Freund Kiwanga -aus Perondo, mit seinem Besuch. Zu dieser Antrittsvisite hatte er sich -800 Leute aus Perondo mitgenommen, eine Vorsichtsmaßregel, die ich ihm -eigentlich nicht verdenken kann; der schlaue Fuchs Quawa hatte ihm -nämlich durch einen Msassagira-Boten sagen lassen, er solle sofort -mit seinen Leuten sich Quawa anschließen, der Sakkarani (nämlich -Tom) wolle ihn hängen lassen. Kiwanga hatte jedoch Vertrauen zu Toms -früherer Zusage, er lieferte den Quawa-Boten an Leutnant Kuhlmann -aus und machte sich auf den Weg zu uns; so ganz sicher schien er -aber seiner Sache nicht zu sein, wenigstens mußte ich ihm immer und -immer wieder versichern, daß Tom ihn nicht zu dem Zwecke herbestellt -habe, um ihn hier aufzuknüpfen, und es gelang mir auch, sein Zutrauen -vollständig zu festigen. Er bemühte sich dann noch eifrigst, mir den -Hof zu machen; daß er dabei meinen Mann bis in den Himmel hinein lobte -und pries, hielt er für das geeignetste Mittel, seiner Huldigung -besonderen Nachdruck zu geben. Als Freund Kiwanga sich endlich empfahl, -kam Pater Alfons zum Abendbrot, mit dem ich dann noch ein gemütliches -Plauderstündchen hielt. - - - 28. Juli 1897. - -Pater Alfons kam heute zum Frühstück. Dann machte ich einige -photographische Aufnahmen von Kiwangas Leuten. Ihn selbst -photographierte ich vor seinem Zelt, mit seinem Tisch, Stuhl, Flasche, -Glas und Teller; auf seine europäische Zelteinrichtung ist er nämlich -sehr stolz. Beim Griechen hatte er sich soeben einen eleganten Anzug -und neue Schuhe gekauft, da ihm seine Safari-Garderobe für die Station -nicht mehr ansehnlich genug erschien. Als ich mein Bad genommen und die -verordneten Umschläge gewissenhaft erledigt hatte, ließ ich mir von -Kiwanga und seinen 800 Kriegern ihre _ngoma_ (das Wort bedeutet sowohl -„Trommel“ und „Musik“ wie auch „Tanz“) vorführen, zuerst den Kriegstanz -der Mafiti, dann den der Wahehe. Kiwanga ist reiner Mhehe, sein und -Quawas Vater waren rechte Vettern, deren Feindschaft auch auf die Söhne -forterbte. - -Es war ein interessantes Schauspiel, die 800 wilden Kerle in der ganzen -Eigenart ihrer heimischen Kampfweise diese Kriegsspiele, denn auf die -Darstellung eines Angriffes läuft die ganze Sache hinaus, vor mir -manövrieren zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir doch eine gewisse -Verlegenheit bereitete, vor dieser ganzen Menschenmenge als die _Bibi -mkubwa_, die „große Frau“, gefeiert zu werden, besonders da Kiwanga an -der Spitze seiner Leute mir seine Huldigung erwies. Der Sultan führte -die ganze Sache selbst und tanzte und sprang mit einer Gewandtheit -und einem feierlichen Ernst, der in den europäischen Kleidern etwas -unsagbar Komisches hatte. Erst als die neuen Schuhe, die auf derartige -Kriegsstrapazen nicht geeicht waren, ihm an den Füßen zerplatzten, und -seine Leute von dem tollen Rennen und Brüllen erschöpft waren, ließ -er mich durch den Effendi um die Erlaubnis bitten, das Kriegsspiel -beenden zu dürfen. Ich ging nun zu ihm und bedankte mich für das schöne -Schauspiel, worauf er mit seiner Kriegerschar sehr befriedigt abzog. -Daß die ganze Stadt sowie unsere Askaris mit Weibern und Kindern als -Zuschauer versammelt waren, versteht sich von selbst, eine „große -Parade“ wirkt immer und überall „aufs Zivil“. - -Als besonders komischen Zwischenfall muß ich noch die Heldentat meiner -beiden Hunde Schnapsel und Pombe erwähnen. Mit wütendem Gebell fuhren -sie einem der Mafiti, der ihnen etwas zu nahe gekommen war, in die -Beine und verfolgten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer weit über -den Plan. Es gelang mir nur schwer, ihren kriegerischen Sinn wieder -soweit zu dämpfen, daß sie von der Verfolgung abließen, dann setzten -sie sich aber mitten auf den Platz, gleichsam als die Angriffsobjekte -des ganzen Manövers, und beobachteten mit mißtrauischem Ohrenspitzen -jede Bewegung ihrer Feinde, entschlossen, nur der Übermacht zu weichen. - -Abends kam Kiwanga, um Abschied zu nehmen; er wird morgen in aller -Frühe abmarschieren, um sich mit seinen Leuten Tom anzuschließen. Er -bat mich, ihm einen Brief an meinen Mann mitzugeben, was ich denn auch -tat. Der schwarze Bundesbruder hat mir doch viel Zerstreuung geboten, -und das hat mir gerade in diesen Tagen recht wohl getan, es blieb mir -nur wenig Zeit, meinen trüben Gedanken nachhängen zu können. Besonders -erbaulich war nun freilich nicht alles, womit mein Gastfreund mich -zu unterhalten suchte; so schilderte er mir recht anschaulich, daß -sein Bruder Sagamaganga zehn von seinen jungen Weibern aufgehängt und -sich dann selbst vergiftet hat. Beweggrund auch hier: _Cherchez la -femme._ Ich habe diesen Sagamaganga, der einer der mächtigsten -Sultane zwischen Mahenga und Schabruma war, zusammen mit seinem Bruder -Kiwanga auf einer Photographie, er war ein auffallend stattlicher, -hübscher Neger. - - - 29. Juli 1897. - -Heute früh marschierte Kiwanga mit seinen Leuten ab. Nachmittags -kam _Dr._ Stierling aus Idunda zurück, er hat dort Leutnant Fonck -behandelt, der an Malaria erkrankt war, sowie einen augenleidenden -Unteroffizier. Den Besuch in Idunda hatte _Dr._ Stierling um 14 Tage -verschieben müssen, da er hier den Bauleiter Hentrich, der krank von -der Küste ankam, nicht ohne ärztliche Behandlung lassen konnte; jetzt -hat sich Herr Hentrich einigermaßen erholt; er sieht schon viel wohler -aus wie bei seiner Ankunft von der Küste. Wie es in Idunda steht, werde -ich wohl morgen von _Dr._ Stierling erfahren. - -[Illustration: Lagerleben: Askarizelte. (Zu S. 131.)] - -[Illustration: Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche. (Zu S. 131.)] - - - 3. August 1897. - -Am 1. August kam Oberst Liebert zur Station zurück, mit ihm Herr v. -Bruchhausen und Graf Fugger, während Tom die Expedition weiter leitete. -Wenn auch der Zweck nicht erreicht war und unser Todfeind Quawa auch -diesesmal wieder entkam, so sprach der Gouverneur doch seine Freude -aus, jetzt auch den „afrikanischen“ Krieg praktisch kennen gelernt zu -haben; wie Tom so hat auch er mit seinen Begleitern einen Höhlenkampf -mitgemacht: er war an eine der Höhlen herangetreten, um die Insassen -zum friedlichen Herauskommen zu bewegen, als ihm ein Schuß aus -nächster Nähe entgegenkrachte. Der Geistesgegenwart seines Boys, der -ihn zurückriß, hat der Gouverneur es zu verdanken, daß ihn die Kugel -nicht traf. Eine solche unterirdische Kriegführung war ihm, wie er -mir lachend erzählte, weder 1866 in Böhmen, noch 1870 in Frankreich -vorgekommen. - -In Tanangosi hatte sich unser Freund Kiwanga ihm angeschlossen und -seine Krieger für den Quawafeldzug zur Verfügung gestellt. Jetzt war -er wieder zurückgekehrt. Er schien sehr beglückt, daß der Gouverneur -seine Leute gelobt habe, als er sie ihm truppweise „im Laufschritt“ -vorgeführt hatte und ließ es sich nicht nehmen, seine Scharen nun auch -im Kriegstanze zu zeigen, von dem ich dem Gouverneur viel erzählt -hatte. Dabei wurde ich durch die unbewußte Galanterie eines dieser -schwarzen Helden etwas in Verlegenheit gesetzt: anstatt vor dem -Gouverneur kniete einer der den Reigen anführenden Wahehekrieger vor -mir nieder; auf meinen Wink verbesserte er aber sofort diesen Irrtum -und brachte dem Gouverneur seine Huldigung. Natürlich tanzte dazu auch -diesesmal der Sultan höchsteigenbeinig an der Spitze seiner Leute; -es mag dem Gouverneur nicht leicht geworden sein, angesichts dieser -grotesken Figur in weißer Uniform mit Tropenhelm, die mit geschwungenem -Säbel die unglaublichsten Luftsprünge ausführte, den nötigen Ernst zu -bewahren. Diesesmal waren Kiwangas Schuhe übrigens der anstrengenden -Übung gewachsen. - - - 4. August 1897. - -Heute verabschiedete sich der Gouverneur von uns, um den Rückmarsch -nach der Küste über das Utschungwa-Gebirge anzutreten. Leutnant -Passavant war nach Idunda gegangen, um dort die 3. Kompagnie zu -übernehmen. Bezirksamtmann Zache blieb bei der 6. Kompagnie, die der -Gouverneur nebst der 2. Kompagnie zur Verstärkung der Stationen in -Uhehe für den Vernichtungskampf gegen Quawa hier gelassen hat. Nur -Herr v. Bruchhausen kehrte wieder mit an die Küste zurück. Kiwanga und -seine Krieger gaben ihnen das Geleite. Es waren schöne, frohbewegte -Tage, die hinter uns liegen. Möchte dieser Zug des Gouverneurs durch -das Gebirgsland Uhehe bald segensreiche Früchte für unsere neue -Heimat tragen. Der Abschied war herzlich, Oberst Liebert sprach Tom -seine Anerkennung aus für alles, was er hier geschaffen, und auch ich -kam nicht zu kurz dabei als „erste deutsche Hausfrau im Innern von -Deutsch-Ostafrika“. Der Gouverneur legte mir besonders dringend ans -Herz, unter allen Umständen hier zu bleiben, wo wir unentbehrlich -seien. Unentbehrlich??... _Qui vivra verra!_ - - - 17. August 1897. - -Von Leutnant Stadlbaur erhielt ich eine zierlich als Brosche in -Gold gefaßte Löwenklaue, von einem Löwen, den er hier geschossen -hat; ich habe ihm für dieses hübsche afrikanische Geschenk heute -schriftlich gedankt. Der Besuch des Gouverneurs bietet unerschöpflichen -Gesprächsstoff, wir sitzen zuweilen bis spät in die Nacht hinein und -leben die bewegten, ereignisreichen Tage noch einmal in der Erinnerung -durch. Auch Graf Fugger leistet uns oft Gesellschaft. Gestern abend -haben wir den neuen Zahlmeister und den neuen Pater „angefeiert“. Die -Stimmung war deshalb besonders froh, weil aus Bueni gute Nachrichten -eintrafen; die Bewohner kehren allmählich wieder in ihre Temben zurück. - -[Illustration] - - - - -+Sechstes Kapitel.+ - -Auf Safari. Beendigung des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod. - - - Am 11. November 1897. - -Schwere Wochen liegen hinter uns, ich war sehr krank -- am 18. -August traten die ersten Anzeichen einer schweren schmerzhaften -Leberentzündung auf, die mich wochenlang ans Bett fesselte. Gott -sei Dank, es bildete sich kein Leberabszeß, so daß die gefürchtete -Operation nicht nötig wurde. Allein die furchtbaren Schmerzen, die -zeitweise kaum durch die vierzehn Tage lang regelmäßig angewandten -Morphiumeinspritzungen bewältigt werden konnten, hatten mich sehr -mitgenommen. Und mein armer Mann! Zu allen Sorgen und Lasten des -Tageslaufs nun noch der einzige Pfleger seiner schwer kranken Frau! --- Als ich wieder mich in Haus und Garten bewegen konnte, war Tom -selbst so gründlich herunter, daß er notgedrungen einmal ein paar Tage -ausspannen mußte. - -Am 11. Oktober gingen wir auf Safari, d. h. wir zogen für drei Tage -„auf Sommerfrische“ in die Berge. Das waren drei herrliche Tage, in -denen kein Schauri, kein Dienst, kein Berichtschreiben unsere Ruhe -störte. Unsere Askaris und Träger wurden stets nach dem jeweiligen -Lagerplatz vorausgesandt, und wenn Tom und ich dann nach kürzerer oder -längerer Wanderung durch die herrliche Landschaft ankamen, fanden wir -Zelt und Kochplatz bereits fertig vor. Abends bot dann unser Ruheplatz -ein besonders malerisches Bild; wenn sich die abenteuerlichen Gestalten -unserer Begleitung um das hellodernde Wachtfeuer drängten. Für diese -drei Tage war die unausgesprochene Losung: „_pole pole_“, d. h. ruhig, -mit Bedacht! -- keine Überstürzung -- ganz im Gegensatz zu unseren -sonstigen Safaris, wo meist alles Hals über Kopf gehen mußte. Aber -so ein „_take it easy_“ hat doch seine großen Reize, man kommt erst -eigentlich zum Bewußtsein der herrlichen Gotteswelt, in der wir uns -bewegen; welche Farbenpracht der Vegetation, welche Mannigfaltigkeit -der Linien, in denen Berg und Tal sich abheben, jeder Baum, jeder -Felsen von anderer Form wie sein Nachbar, oft grotesk und allem mir -bisher Bekannten spottend -- und doch: welche Harmonie liegt über -diesem Gesamtbild! Vor unserem Zelte ein frisch dahinströmender -Gebirgsfluß, dessen Rauschen unwiderstehlich lockt, als Abschluß des -Bildes die dunkle Wand des Urwaldes. Und dazwischen wir munteren -Menschenkinder, die wir in dieser grandiosen Natur Erholung suchen nach -sorgenvollen Tagen! Wahrlich, nirgends fühlt man sich seinem Schöpfer -näher, als inmitten seiner gewaltigen Werke.... - -So großartig das Landschaftsbild auch war, es konnte doch die -Erinnerung an unsern deutschen Wald nicht verdrängen. Ich habe vor -Jahren einmal irgendwo in einer Reiseschilderung einen Vers gelesen: -„Das starre Laub am fremden Holz, es ist zum Flüstern viel zu stolz“. -In der Tat, das geheimnisvolle Leben und Weben, das Flüstern und Kosen -der leicht beweglichen Blätter, das unserem lieben deutschen Laubwald -eigen, ist dem Tropenwald fremd. Oberon und Titania mit ihrer luftigen, -lustigen Elfenschar kann ich mir nur im Rauschen unserer Eichen und -Buchen oder auf dem Moosteppich unserer dunkeln Tannenwälder vorstellen. - -Am zweiten Tage unserer Safari fand ich Gelegenheit, in einem prächtig -klaren Gebirgsfluß, der ausnahmsweise einmal kein felsiges, sondern -sandiges Ufer hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da mir das -Gewässer in Bezug auf Untiefen, Stromschnellen und Wirbel unbekannt -war, mußte ich meiner Lust nach einer längeren Schwimmtour Zügel -anlegen; daß man hier während des Badens auf das Auftauchen eines -„Kiboko“ (Nilpferd) gefaßt sein muß, erhöht den Reiz ganz wesentlich --- unsere deutsche Schuljugend plätschert ja bekanntlich auch mit -Vorliebe an den Stellen im Fluß herum, die durch eine Tafel: „das -Baden ist an dieser Stelle streng verboten“ als besonders geeignete -Badeplätze kenntlich gemacht werden, und ob man sich dabei schuldbewußt -nach dem Flurschützen und Gendarm oder nach einem Kiboko umschaut, das -ist -- ohne jede anzügliche Beziehung zwischen heimatlicher Obrigkeit -und afrikanischer Zoologie -- schließlich doch ganz egal! Selten hat -mir im Leben ein Frühstück so gut geschmeckt wie der Spickaal, den ich -mir nach diesem Bade spendierte. - -An demselben Tage kamen wir auch an Höhlenwohnungen vorüber, wie sie -unsere Herren kürzlich aufgestöbert hatten; diesmal ging der Besuch -aber friedlich ab. Von der Bergspitze aus bot sich ein prachtvoller -Anblick über die im saftigsten Grün und farbigem Blütenschmuck -prangenden Wiesenflächen im Tal, durchzogen von silberglänzenden -Gebirgsbächen, dazu der frische, erquickende Bergwind, der uns die -Lungen weitete und das Blut frischer durch die Adern pulsieren -machte. Beim Anblick dieser Landschaft wurde das Geheimnis von Quawas -unerschöpflichen Hilfsquellen offenbar: das Land ist so fruchtbar, daß -an ein Aushungern nicht zu denken ist. Die Felder und Wiesen sind so -reichlich bewässert, daß sie selbst im heißesten Sommer nicht unter -der hier sonst gewöhnlichen Dürre zu leiden haben; in jedem der vielen -kleinen Seitentäler, die oft nur schluchtenartig vom Gebirgskamm -ausgehen, finden sich Bäche, deren Wasserreichtum das ganze Jahr -hindurch aushält. Auf dem Rückmarsch konnte ich es mir nicht versagen, -in eine jener Höhlen hineinzuklettern, die mir durch die Kämpfe im Juli -besonders interessant geworden waren. Wie sah es da aus! Mir krampfte -sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß Tom unsere Feinde in -solchen unterirdischen Gängen und Höhlen aufgesucht hatte, und ich -dankte Gott, daß er ihn in dieser furchtbaren Gefahr beschützt hatte. -Tom sprach freundlich zu den Bewohnern dieser Höhlenniederlassung, er -hielt ihnen vor, was für ein elendes Dasein sie führten im Vergleich -mit ihren Stammesgenossen, die unter dem Schutze der Deutschen wieder -ihre Felder bebauen, erzählte ihnen, wie sie von dem gefürchteten -Quawa weder etwas zu fürchten noch zu erhoffen hätten, und bewog sie, -sich in der Nähe von Prinages Boma wieder anzubauen. - -Wir hatten die Karawane vorausgeschickt und fanden unser Zelt beim -Eintreffen auf dem Ruheplatz fertig vor. Um für das Lager den -nötigen Platz zu gewinnen, hatten die Träger das hohe verdorrte -Gras angezündet; so saßen wir denn, angesichts dieses kleinen -Steppenbrandes, vergnügt beim Frühstück. Die Sache gefiel mir ungemein, -es lag ein gut Teil Romantik in der Szene, so etwas wie „Lederstrumpf“- -und „Waldläufer“-Poesie, unsere schwarzen Askaris und Träger an -Stelle der Komanchen, Apachen oder Sioux, es gehörte wirklich wenig -Phantasie dazu, sich die Lieblingslektüre aus der Jugendzeit hier in -die Wirklichkeit zu übertragen. Lange konnten wir uns dem Zauber dieses -schönen Bildes nicht hingeben; der Wind hatte sich gedreht, und der -beizende, scharfe Rauch trieb uns die Tränen in die Augen. Zugleich -nahm der Steppenbrand die Richtung direkt auf unseren Lagerplatz. -Schnell ließ Tom sämtliche Askaris und Träger antreten und den Raum -zwischen uns und dem Feuer von allem Brennbaren, wie Gras, Buschwerk -und ähnlichem säubern. Zuweilen suchte sich eine Flamme aus der -lodernden Steppe durch das von unseren Leuten künstlich isolierte -Gebiet zu drängen, da hieß es, gut aufpassen und sie noch rechtzeitig -ausschlagen, damit sie nicht bis zum Zelt kam. Aufregender wurde die -Sache, als plötzlich der Feind uns im Rücken angriff! Rasch wurde auch -auf dieser Seite eine neutrale Zone hergestellt, so daß wir endlich -richtig zwischen zwei Feuern saßen. Zum Glück war der Wind nicht stark, -unser Zelt mit all unseren Vorräten wäre sonst verloren gewesen, so -kamen wir mit einigen angesengten Kleidern davon. Mit großem Interesse -beobachtete ich das eigentümliche, sozusagen sprungweise Vorgehen -des Feuers, das ganz plötzlich, ohne sichtbare Verbindung mit dem -Hauptherde, an einzelnen entfernteren Stellen aufflammte, während ich -andererseits wieder, nachdem das Feuer niedergebrannt war, mehrfach -einzelne lange, trockene Grashalme unversehrt aus der Asche hervorragen -sah, an denen Glut und Flamme vorbeigezogen waren. Am anderen Morgen -hatten wir anfangs einen bösen Weg durch all die Asche zu machen, bevor -wir wieder im grünen „Pori“ unsere Erholungs-Partie fortsetzen konnten. - -An diesem letzten Tage unserer Safari (14. August) machten wir noch -eine lange „_pumsika_“, d. h. Ruhepause; wir wollten den Tag noch recht -auskosten und erst spät abends nach der Station zurückkehren. So zogen -wir denn abends auch nicht auf der Hauptstraße ein, sondern ritten um -die Boma herum nach unserem Hause, um den Abend noch für uns allein zu -haben. Mit dem Erfolge unserer Safari konnten wir in jeder Beziehung -zufrieden sein -- politisch, weil es Tom gelungen war, die Leute zu -überzeugen, daß sie von Quawa hier in unserer Nähe nichts zu fürchten -haben, um wieder viele von den verschüchterten Eingeborenen zur -Ansiedelung in der Nähe der Station zu veranlassen, und gesundheitlich, -weil diese abwechslungsreichen Tage uns beiden frische Kraft, -körperlich wie seelisch, gespendet hatten. - -Für Tom, der nur drei Tage auf der Station bleiben konnte, begann -nun wieder eine endlose Reihe von Schauris; die Wahehe fingen -an, des ewigen Kriegszustandes müde zu werden, und es kostete -Tom übermenschliche Geduld, den Jumben immer und immer wieder in -eindringlicher Rede klar zu machen, daß der Kampf bis zur Vernichtung -fortgesetzt werden müsse, ehe sie auf Ruhe und Frieden rechnen könnten. -Das waren sorgenvolle Stunden, als an dem zum Abmarsch bestimmten -Tage sich keiner der versprochenen Wahehe sehen ließ! Endlich gegen -Abend trafen sie ein, und zwar noch in größerer Zahl, als Tom erwartet -hatte. Am anderen Tage brach Tom auf, die 500 Wahehe, zum Teil ganz -prächtige Kerle, schlossen sich ihm an. Diesmal nahm er auch unseren -Forstmann, Herrn Ockel, mit, der an einer geeigneten Stelle eine -Versuchs-Landwirtschaft anlegen soll. Bei diesem Zuge durch unser -Gebirgsland hat er die beste Gelegenheit, die Verhältnisse kennen -zu lernen. Herrn _Dr._ Fülleborn gelang es, eine Anzahl recht guter -photographischer Aufnahmen von unseren Wahehe zu machen; besser -wie die meinigen, denn mein „Momentverschluß“ funktionierte nicht -rasch genug. _Dr._ Fülleborn arbeitet allerdings auch mit einem -Apparat, der ihm mit allem Zubehör 2000 Mark gekostet hat. Die -Gelegenheit zu anthropologischen Studien und Schädelmessungen hat er -hier mit fabelhaftem Fleiße und bestem Erfolge ausgenutzt. Am 26. -August marschierte _Dr._ Fülleborn hier ab, um sich der Expedition -anzuschließen. Wie gern hätte ich ihn begleitet, um wieder in Toms -Nähe zu sein. Auch Herr v. Kleist, der mir nach Toms Abmarsch stets -treulich Gesellschaft geleistet, hätte den Zug gern mitgemacht, aber -am 28. Oktober traf mittags 1 Uhr die Post ein, die ihm den Befehl -brachte, an Leutnant Engelhardts Stelle nach Songea abzugehen -- zwei -Stunden später war er schon unterwegs. Ein interessantes Jagdabenteuer -des Leutnants Braun erfuhr ich von _Dr._ Stierling, der jetzt von -Idunda zurück ist. Auf einem Jagdausflug sah Leutnant Braun sich -plötzlich einem Trupp von fünf Löwen gegenüber. Zwei davon brachte er -zur Strecke, zwei andere entkamen, nur eine alte Löwin stürzte sich auf -ihn und schlug ihr Gebiß in seine linke Seite -- ein Wunder, daß sie -nicht ein paar Rippen zermalmt hatte. Leutnant Braun verlor aber in -dieser gefährlichen Lage nicht die Besonnenheit: er schob die Mündung -der Büchse mit der Rechten unter dem linken Arm durch und drückte ab, -zum Glück traf die Kugel so sicher, daß die Löwin tot zusammenbrach. -Als alles vorbei, erschienen auch die Askaris und Träger, die gleich -beim ersten Auftauchen der Löwen sich im Pori verkrochen hatten, und -trugen den schwerverwundeten Jäger nach der Station. Jetzt, nachdem die -Bißwunden gut geheilt, freut Leutnant Braun sich seines afrikanischen -Abenteuers. - -Tom schreibt recht zufrieden über den Verlauf seiner Expedition. -Zunächst ist Quawas wichtigster Msagira und Ratgeber, Mkakao, gefallen, -und vier Weiber von Mpangire nebst dessen fünf Kindern sind gefangen. -Bis jetzt hat Tom schon 400 Gefangene; das sind Verluste für Quawa, die -er nicht mehr wieder gutmachen kann. - -[Illustration: Lagerleben: Wasserträger. (Zu S. 131.)] - -[Illustration: Lagerleben im Urwald: Ruhepause. (Zu S. 141.)] - -Um die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen, suche ich täglich an -Arbeit zusammen, was irgend geht. Große Kleiderrevision mit Nähen und -Flicken, Küche und Speisekammer werden gründlich kontrolliert und -eine allgemeine Inventur gemacht, -- letztere schien mir besonders -nötig, denn es war mir bezüglich der Ehrlichkeit meiner schwarzen -Hausbediensteten manches verdächtig vorgekommen. Richtig erwischte ich -auch einen der Boys, wie er eine ihm vom Koch zugesteckte Flasche Wein -in Sicherheit bringen wollte. Eine Revision unseres Weinvorrates hatte -natürlich ein sehr betrübendes Ergebnis: die Kerle hatten gestohlen -wie die Raben. Natürlich ließ ich sie, obschon es bereits 9 Uhr abends -war, sofort zur Wache bringen. Den Koch freilich muß ich mir bei Toms -Rückkehr wiederholen, denn dann ist er mir unentbehrlich -- und das -Schlimmste bei der Sache ist, daß die schwarzen Schlingel das selbst -ganz genau wissen. - -Auch das Photographieren betreibe ich eifrig, es gelingt mir aber -nicht, auch nur halbwegs so gute Bilder zu erzielen wie _Dr._ -Fülleborn. Am besten geriet noch eine Aufnahme, die ich von einer -„_mpepo_“ machen konnte, der ich in der Hauptstraße begegnete. Mit -grellbunten Tüchern, Perlenschnüren und Fellen behangen, das Gesicht -rot und weiß bemalt und gepudert, durchzieht diese „Besessene“ (_mpepo_ -bedeutet eigentlich „Geist“, „Wind“, „Sturm“, dann in weiterem Sinne -eine von einem Geist Besessene, Hexe, Zauberin) die Straßen, begleitet -von einer ihr ergebenen Frau, die ihre Verzückungen und wirren Reden -dem staunenden Volke ausdeutet. In diesem oft wochenlang anhaltenden -Zustand darf der „_mpepo_“ kein Mann zu nahe kommen -- im gewöhnlichen -„nicht besessenen“ Zustande dagegen ist sie nichts weniger als -Männerfeindin -- an die von ihr gebrauten Liebestränke und andere -„_Dawa_“ glauben die Schwarzen natürlich unerschütterlich fest. Leider -konnte ich diese schwarze Miß Mabel Vaughan nicht während eines ihrer -wilden Tänze photographieren, da der Momentverschluß meines Amerikaners -wieder nicht klappte. Die Spekulation auf die Dummheit der lieben -Mitmenschen macht sich übrigens auch hier bezahlt -- diese „_mpepo_“ -hat sich ein ganz ansehnliches Vermögen zusammengezaubert. - - - 14. November 1897. - -Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom -entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begegneten, erzählten, -Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut -munter vorwärts -- da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz -entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der -Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte -sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen -Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ -ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich -selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am -Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns: -also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er -behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn -bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber -so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor -der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese -Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem -Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg -frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an -dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die -heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern -begrüßt wurde. - -Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen. -Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga, -die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und -Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere -dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und -ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen -vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir -behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen -Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit -dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur -Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine -Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen Tränen standen ihr in -den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte -Tücher hat sie seit seinem Tode getragen. - -Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen -Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen -Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen -Innern Ostafrikas. - -Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem -Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer -Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine -tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein -ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens -zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans; -diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur, -die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er -hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft -- zu meinem Bedauern; es -sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu, -wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu[7] -auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner -Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf -einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der -Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er -es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel -zu kommen. - - - Auf dem Marsche nach Likininda. - -Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage -sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen -und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für -diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn -Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten, -daß sie einige Zeit hindurch dem sehr tüchtigen Betschausch überlassen -werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien -angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer -Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den -Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm -den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung -Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere -Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen. - -Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an -diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden -weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders -anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der -Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen -Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht -sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim -Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei -Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten -in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben -machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an -die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser -menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu -- -stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen -Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen -müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den -Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage. -Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere -Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der -Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom -verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl -zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir -die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der -nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den -Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt -geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante -Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen -Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden -hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher -kannten. - - - +Dabagga+, 21. November 1897. - -Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten -Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau -auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich -gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz -die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja -übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms -aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch -führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere -Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den -wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben. - -Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die -Tiere selbst zu stoßen -- zu meinem Bedauern -- ich hätte diese -Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem -zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet. -Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes -Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von -Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach -der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein -Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren -Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen -zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können; -ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den -Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die -Baumriesen zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein -schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch -seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse -erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle -unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen -ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom -und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns die -Erklärung, dies sei das Tal des _Muúngu_ (Gott), welches die Menschen -nur +schweigend+ betreten dürften, -- wer dies Gebot übertrete, über -den habe der _Sheitani_ (Teufel) Macht und werde ihm auf dem weiteren -Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte zu reinigen, daß wir -nunmehr dem _Sheitani_ verfallen, ließ Tom zum Entsetzen der Karawane -Signale blasen, die das Echo der Berge weckten; als da kein _Sheitani_ -erschien, beruhigten sich die abergläubischen Schwarzen sichtlich --- der schwarze Teufel hat also augenscheinlich keine Gewalt über -Europäer. -- Wir fanden dieses ganze Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser -gab’s überreichlich, Bergbäche mit kristallklarem Wasser durchziehen -die Täler, üppiger Farnwuchs deutet auf guten Boden. Zum Plantagenbau -ist die Gegend sicher besonders geeignet, ob für den Pflug, scheint mir -fraglich; die Hänge sind sehr steil. - - - +Kuifuiri+, 23. November 1897. - -Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu -großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere -herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen; -zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden, -aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden. -Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch -(von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines -Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in -dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt -abgebrochen, während des Frühstücks auch das Wohnzelt; dann ertönt -Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während -des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden -zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum -Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit -Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche -Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch -einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird -eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten, -Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie -Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen -Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles. - - - +Uquega-Likininda+, 2. Dezember 1897. - -Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis 4 -Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: der -Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung -bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang -bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den -Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war -und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß, -den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in -vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein. - -Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die -Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind -zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem -großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin -sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam -uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend -nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil, -als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte -übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der Nähe -kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten -Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit -üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen -Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht. -Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend -nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger -Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt. -Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger -Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam -abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu -verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig -entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig -am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern -waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige -Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder -Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen -Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle -Feldarbeit obliegt. - -Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der -Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat, -wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber, -wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der -Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ -Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren -bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende -mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’ -und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die -Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere -Quawa-Krieger waren gefallen. - - - +Lukossi+, 3. Dezember 1897. - -Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe, -zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Ausgabe von Chakula an -Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der -Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer wegen. -Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; er hat sicher -früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den Dampferpassagieren -ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen produzieren, indem sie nach -kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen von Bord aus zugeworfen werden. -Es wurde unerträglich heiß: nirgends ein Baum oder Strauch, nur der -heiße ausgedörrte Boden, dazu kein Lufthauch -- der Marsch über die -steilen kahlen Berge in der glühenden Sonnenhitze ließ mich die Leiden -einer Safari gleich _en gros_ empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden -weit. Auch das Lager mußten wir an einem gänzlich schattenlosen -Bergabhang aufschlagen und den Tag über im Zelt bleiben. Das einzig -Angenehme dieses Marschtages war ein hübscher Blick nach einem -Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze Anzahl bildet. - - - +Manasanga+, 4. Dezember 1897. - -Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch -bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas -Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen -prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während -des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind -in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden -Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der -Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern -verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe -brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu -ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu -bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche -Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich -abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir -heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. -- Das Gelände scheint -günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden. - - - Landschaft +Quihangana Mwakikongo+, 8. Dezember 1897. - -Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und -Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir -die Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last -(es war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät). -In 5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen -wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen -besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine -Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen -die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken -allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am -anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar -ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet; -hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz -zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme -büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch -emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche -Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in -ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht, -die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von -Feldblumen -- mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen -Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier: -sie dufteten lieblich. - -Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das -bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein -großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin -aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich -begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden -marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo. -Die Gegend scheint ihres Grasreichtums am meisten zur Viehzucht -geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt, -auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den -Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern, -während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute -sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man -sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen -Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans -Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen, -Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee, -Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel, -der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück -Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen -Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten. -Dem Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt, -befindet sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den _„le plus -haut-gôut“_ nur eine schwache Andeutung ist. - - - Station +Iringa+, 11. Dezember 1897. - -Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder -eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes -belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen -zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen -sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich -freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden -und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute -für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war -jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während -solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine -gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen -riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der -der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. -- Kurz -vor Himbu erreichten uns Boten von der Station mit Briefen: auf der -Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal -über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa. -In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen -Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche -erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge: -jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als -Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris -geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf -machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und -zutraulich -- noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und -ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes -Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie -mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren, -konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben -Verbandmittel für ihre Leute verteilen. - -Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem -vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich -traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein: -Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war -mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich -Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann -- davon die Hälfte mit -Hinterladern bewaffnet -- gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab. -Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das -Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne -Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der -Ombascha zur Station weiter eilte. _Dr._ Stierling ist gleich mit -Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit ohne -ärztliche Hilfe -- trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller -Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher -immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden -Wegs abseits unserer letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger -nennen Tom den „_Kapirimbu_“, d. h. „der alle Kraft an sich zieht“. -Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen Sultans groß: -unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen und Schutz -vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, und gerade -jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. An Stelle -des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn aufsuchen und -seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr nach der Station -Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer großen Überraschung -auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann v. Prittwitz’ -Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant Kuhlmann ließ es -sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt zu feiern. Mit dem -Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze Genugtuung, selbst -beobachten zu können, wie meines Gatten kluges Verhalten den Wahehe -gegenüber sich bewährt hat -- möchte doch endlich auch der letzte -Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen die deutsche -Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die Safari uns gut -bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine Hände haben die -Farbe reifer Kastanien. - - - Sonntag, den 12. Dezember 1897. - -Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung, -Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch -von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant -Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte -ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch -und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen -mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der -Hausfrau“ herstellte. - - - 15. Dezember 1897. - -Am 13. rückte Leutnant Kuhlmann ab. Ich beschäftigte mich viel mit -Mpangires Kindern, sie tun mir sehr leid. Es macht mir viel Spaß, -unsere Sudanesenweiber zu beobachten, mit welcher Energie trotz ihrer -Häßlichkeit sie die Männer unterm Pantoffel haben. Auch der Juma -kauft sich beim Griechen, dem „Rudolph Hertzog“ im Lande Uhehe, stets -die teuersten Hemden von leichtem Mullstoff, die natürlich schnell -zerreißen; auf meine Frage sagte er: „Ja, sonst hat mich meine Frau -nicht lieb.“ - -Mit den Händlern habe ich viel Ärger. Dieser Tage boten sie mir meine -eigenen beiden Strauße, die mir abhanden gekommen waren, zum Kauf an, -das Stück zu 12 Rupien! Obwohl es weit und breit in der Gegend nur mein -Straußenpaar gibt, behaupteten sie ganz frech, sie seien ihr Eigentum. - -Am 14. Post aus Europa mit Geburtstagsbriefen, Büchern und Wein! -Ich lege alles beiseite, um Tom am Weihnachtsabend zu überraschen. -Meine Küche ist nun auch fertig. Der Gouverneur hat mir eine eiserne -Herdplatte geschickt, nun hat die Negerwirtschaft mit den Steinen ein -Ende. Eine Küche mit eiserner Herdplatte und einem wirklichen, echten -Rauchfang -- so etwas hat die afrikanische Sonne in diesen Breiten -sicher noch nicht beschienen. Nun macht das Kochen noch einmal so viel -Freude. - -Heute stellte sich ein angesehener Häuptling mit 30 Kriegern; einige -davon waren aus Quawas Lager. Dieser habe, wie sie berichten, einen -Aufruf an alle Wahehe erlassen, „Wer ihn liebe, solle sich ihm -anschließen,“ jetzt sei er mit seinem Anhange in Viransi. Auf dem -Marsche dahin ist der Zusammenstoß mit unserem Sergeanten Richter -erfolgt. Die Vernehmung der neu angekommenen Quawaleute hatte ein -interessantes Ergebnis: Der Sultan hat seine Leute ganz militärisch -organisiert, in Kompagnien mit eigenen Hauptleuten und Unterführern, -sein Nachrichtenwesen ist sehr gut eingerichtet; es stellt sich immer -mehr heraus, was für ein gefährlicher Gegner er ist. - - - 23. Dezember 1897. - -Gott sei Dank, Tom kann den geplanten Zug noch nicht unternehmen: _Dr._ -Stierling schreibt, vor dem 1. Januar sei Sergeant Richter nicht -transportfähig. So verleben wir doch den heiligen Abend zusammen. -Ich konnte und wollte Tom das Herz nicht schwer machen mit Klagen, -wenn ihn die Pflicht abrief; aber jetzt bin ich froh, daß er nun doch -Weihnachten noch bei mir ist. - - - 25. Dezember 1897. - -Den heiligen Abend verlebten wir froh, ich mit besonders dankbarem -Herzen. Auf der Veranda brannte der Christbaum; leider waren die -bestellten Weihnachtsgeschenke nicht eingetroffen. An die Herren -auf den verschiedenen Außenposten, Hauptmann v. Prittwitz, Förster -Ockel, nach der Mission, an Unteroffizier Buchner hatte ich Marzipan, -Kuchen und Pfeffernüsse geschickt, an den Leutnant Kuhlmann eine -gebratene Ente, so daß möglichst jeder unserer deutschen Landsleute -eine kleine Weihnachtsfreude haben sollte. Wir hatten diesmal auch die -Unteroffiziersmesse eingeladen und waren bei Bowle und Abendessen recht -vergnügt. - - - 5. Januar 1898. - -Neujahr verlebten wir still für uns. Was wird das neue Jahr bringen? --- Gestern, an unserem Hochzeitstage, marschierte Tom ab, genau -zu derselben Stunde, in der wir vor zwei Jahren unseren Traualtar -aufstellten.... Quawa hatte am 28. Dezember ein Gefecht mit unseren -Wahehe gehabt und 39 von ihnen erschlagen, er selbst verlor nur 3 Mann. --- Am 1. Januar Alarm, weil Unteroffizier Schubert und der Dolmetscher -unweit der Mission Gewehrschüsse und Weiber- und Kindergeschrei gehört -hatten. So fing das Jahr für uns an. - -Am 2. Januar traf Hauptmann Ramsay bei uns ein, der auch gestern -abmarschierte. Es war mir eine Freude, einmal einen unserer „alten -Afrikaner“ kennen zu lernen. Nachts wurde wieder alarmiert. - - - 7. Januar 1898. - -Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche --- wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem fehlen. Ich fühle -mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur. -_Dr._ Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt, um -bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können. Jede -Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung -geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast -- -seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem -kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15 -Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr -teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die -ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben -wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber, -die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die -Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im -Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um -sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum -Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne -Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist -sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den -Tag ohne ihn verbringen zu müssen! - -Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes: - -Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das -Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin -hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen -Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan; -Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt -und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160 -ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach -dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte, -verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom -sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten -abzweigen. - -In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen, -erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich -von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten -Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich -übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg -für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht -überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa -250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt -waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es -den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden. - -Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in -das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus -Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den -Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war. -Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter -den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe -Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen -Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide -vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er -soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine -Anhänger Lebensmittel zu haben. - -Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum: -seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl -Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und -Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut -gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten -zurückgehalten werden mußten. - -+Das ist ein großer Erfolg+, umso mehr, als dem Volk durch diesen -Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager -nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist. -Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte, -bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt -persönlich in den Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine -Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein -Verlust, den er nie mehr ersetzen kann. - - - 12. Januar 1898. - -Mein Leberleiden macht sich wieder fühlbar; ich suche ihm mit -Karlsbader Salz beizukommen. Der Frühspaziergang, der zu dieser Kur -gehört, wird zur Inspizierung der Station benutzt, da ich meinen Mann -auf seinem Rundgang begleite. - -Die Moschee ist beinahe fertig, es fehlen nur noch die Türen. Zum -Beginn des Ramassan soll sie den Arabern übergeben werden. Schon -jetzt bitten sie Tom, er möge die heilige Stätte nur noch unbeschuht -betreten. Das Fundament für das Hospital ist gelegt; bis jetzt diente -eine geräumige, von einem schönen schattigen Baum überschattete Hütte -als solches; auch eine geräumige Schauri-Hütte ist bereits in Angriff -genommen, halbkreisförmig mit einer nischenartigen Ausbuchtung für -den Tisch des Schauri-Leiters, der von da aus sämtliche Anwesende gut -übersehen kann. Sobald die Moschee fertig ist, geht es an den Bau einer -Markthalle. - -Auf der Station wimmelt es von Wahehe, die gleich Tom auf sichere -Meldungen warten, um die Quawa-Jagd wieder aufzunehmen. Es ist wirklich -viel von den Leuten, trotz der Erntezeit hier wochenlang untätig -zu liegen, während auf ihren Schambas die Feldfrüchte der Ernte -entgegenreifen. Ihre Anhänglichkeit an Tom hält stand; _Dr._ Stierling -sagte noch gestern: wer weiß, wie sich die Wahehe nach Toms Abgang -stellen würden; sie haben sich ihm persönlich unterworfen, und es liegt -nahe genug, daß sie seinem Nachfolger auf der Station sich nicht so -botmäßig zeigen werden. _Dr._ Stierling sieht wohl zu schwarz, immerhin -bereitet Tom die Wahehe jetzt schon darauf vor, daß er demnächst die -Station verlassen werde. - -Am 23. ging Leutnant Orthmann nach Idunda ab. - - - 30. Januar 1898. - -Aufregende Tage; Patrouillen und Meldungen, aber niemals eine sichere -Nachricht. In Rungembe, welches als Sammelpunkt für die Expedition -bestimmt war, ist Leutnant Engelhardt mit fast 2000 Kriegern des Merere -und der anderen befreundeten Häuptlinge angekommen. - -Über den Tod des unglücklichen Unteroffiziers Karsjens berichtet ein -Mann unseres Freundes Farhenga näheres: er hatte den Unteroffizier -gewarnt, Quawa sei ganz dicht in der Nähe, er solle die Leute, die zu -seinem Trupp gestoßen, als Spione festhalten -- das ist aber nicht -geschehen! Andern morgens wurde plötzlich der Posten vor dem Zelte -niedergeschossen, von den sich um das Zelt sammelnden Askaris fielen -unter dem mörderischen Mauser-Gewehrfeuer aus dem Dickicht sofort drei -Mann, ein Vierter etwas später. Unteroffizier Karsjens erhielt beim -Heraustreten aus dem Zelte die tödliche Kugel. Sein Boy trug ihn nach -dem Feldbett, wo er binnen wenigen Minuten verstarb. - -Die Askaris hatten sich bei dem Überfall sehr schneidig gezeigt; -nachdem sie die eigene Munition verschossen, leerten sie die -Patrontaschen der gefallenen Kameraden, ehe sie sich ins Pori -zurückzogen; Karsjens Boy nahm das Gewehr und die Munition seines -Herrn nach dessen Tod an sich und versteckte beides im Gebüsch, wo -sie Unteroffizier Schubert, der zur Beerdigung der Leichen an den -Unglücksplatz ging, fand. Jeder der Gefallenen hatte zwei Speerstiche -in der Brust. - -Tom hat in diesen Tagen mit der Verteilung von Saatkorn begonnen. Die -Lebensmittel fangen an, knapp zu werden, deshalb hat Tom so viel Korn -wie möglich aufgekauft, damit fürs nächste Jahr genügend ausgesät wird. -Für jeden Sack Saatkorn, den die Leute erhalten, müssen sie nach der -Ernte zwei Säcke zurückgeben. Ich habe vor ungefähr 14 Tagen den ersten -frischen Mais geerntet. - -Heute meldete ein Mhehe, sein Sohn Magunda, welcher zu Quawas Gefolge -gehörte, sei von diesem bei dem Lukanda-Überfall gefangen und getötet -worden, weil er sich auf der Station stellen wollte. - - - 7. Februar 1898. - -Auf der Station reges militärisches Leben, Patrouillen und Boten kommen -und gehen, und die Schauris nehmen kein Ende. Quawas Beweglichkeit -erfordert immer neue Maßnahmen. Leutnant Kuhlmann, Feldwebel Merkl und -die Unteroffiziere auf den einzelnen Posten, jeder muß von den bei uns -„im Hauptquartier“ eingegangenen Meldungen in Kenntnis gesetzt werden -und entsprechende neue Instruktion empfangen. In all dem sorgenvollen -Trubel nur einmal ein Lichtblick: Msatima kommt, mir seine Aufwartung -zu machen, und zwar angetan mit einer roten Bluse, die ich seiner -Frau geschenkt hatte. -- Leutnant Kuhlmann meldet, daß Quawa weiter -westlich zu suchen sei -- also wieder neue Dispositionen an die -Einzelposten! Herr v. Prittwitz kommt an. Es wird großes Schauri mit -sämtlichen Jumben gehalten; als dessen Ergebnis erfolgt die Festnahme -des Jumben Makirendi; er wird an die Kette gelegt und ihm Todesstrafe -angedroht, wenn seine Leute sich als Verräter zeigen sollten. Das ist -eine Gewaltmaßregel, zu der Tom durch die gefahrdrohenden Umstände -gezwungen ist, obwohl er ganz genau weiß, wie leicht die Festnahme -eines angesehenen Häuptlings schlimme Folgen haben kann. Es bleibt -kein anderes Mittel, als den Wahehe zu zeigen, daß sie kein doppeltes -Spiel wagen dürfen; viele von ihnen wollen erst abwarten, ob Quawa -nicht doch wieder hochkommt, wie damals 1894, wo er bei dem Scheleschen -Zuge nach Ubena, und früher, gelegentlich der Zulu-Invasion, nach -Ugogo geflüchtet war und nach dem Abzug der Europäer aus seinem Lande -triumphierend wieder einzog. - - - 8. Februar 1898. - -Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen -Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit -der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolgschaft leisten, -versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der -Berge. 1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von -Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher, -der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während -sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen -angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die -Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans -verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen -sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere -Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden -- -aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man -die Achtung nicht versagen kann. - -Ein anderes Verhör brachte etwas zu Tage, was Tom längst vorausgesehen -hatte: 26 von Unteroffizier Lachenmeyer eingebrachte Leute waren Spione -Quawas! Auf seinen Befehl hatten sie sich unterworfen, um ihren Herrn -mit dem Ertrage unserer Felder zu versorgen und ihm genaue Angaben über -die Stärke der einzelnen Stationen und detachierten Posten zu machen. -Dann sollte an einem bestimmten Tage der große Schlag gegen uns geführt -werden! Gott sei Dank, daß wir die Möglichkeit eines solchen Überfalles -niemals außer acht gelassen haben -- was wäre aus uns geworden, wenn -Tom im Gefühl scheinbarer Sicherheit die schärfste Beaufsichtigung -unserer neuen Ansiedler und Zuzügler nicht so streng durchgeführt hätte. - -Unter diesen Spionen waren auch die Anführer des Überfalles von -Mtandi und der Mörder des unglücklichen Karsjens; sie waren dem -Feldwebel Merkl als Patrouillenführer mitgegeben worden; kein Wunder, -daß der Streifzug keinen Erfolg hatte. Karsjens hatte, wie sich nun -herausstellt, einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten, der ihn -niederstreckte, den von seinem Boy auf dem Feldbette niedergelegten -Wehrlosen hat der Mörder mit zwei Speerstichen in die Brust getötet. - -Unsere Leute sind furchtbar erbittert; als für einen sofortigen -Streifzug unter Unteroffizier Schubert „Freiwillige vor!“ kommandiert -wurde, traten unsere Askaris sämtlich wie ein Mann vor. - - - 10. Februar 1898. - -Heute marschierte Herr v. Prittwitz ab nach Himbu; Bauleiter Selling -ist nach Kuifuri, um dort nach Holzarten zu suchen, denen die Bohrkäfer -nichts anhaben können. Auf der Station wimmelte es von gefangenen -Weibern, aber auch halbverhungerte Träger finden sich ein; von Förster -Ockels Karawane sind hier schon 16 Mann eingetroffen. - - - 12. Februar 1898. - -Jetzt ist kein Halten mehr; einer der Führer hat Quawas Lagerplatz -verraten! Tom benachrichtigte sofort alle von der Station -abkommandierten Europäer, er selbst zog sofort los (nur ein -Unteroffizier bleibt hier). Zunächst bis Ndéuka, in der Nacht -geht’s dann weiter, so daß bei Tagesanbruch das Lager überfallen werden -kann. Gott gebe ihm diesmal Erfolg, damit endlich diese furchtbare -Aufregung aufhört, der ich auf die Dauer doch nicht gewachsen bin. - -8 Männer kommen mit 48 Weibern, um sich zu unterwerfen. - - - 13. Februar 1898. - -Aus der Nachmittagsruhe wurde ich durch Lärm auf der Veranda gestört. -Zuerst glaubte ich, es sei Tom, und rannte hinaus, fand mich aber einem -schwarzen Ehepaare gegenüber; es war schwer zu sagen, wer von beiden am -betrunkensten war, der Mann oder die Frau; diese war von ihrem Gatten -dermaßen geschlagen worden, daß ihr das Blut am Körper herunterlief, -bei mir hatte sie Schutz suchen wollen. Ich nahm ihr das Kind ab, -das jeden Augenblick in Gefahr war, ihr vom Arme zu fallen, und warf -beide Eltern schleunigst hinaus; dann brachte mir ein Suaheli noch ein -weinendes Kind, welches nach mir verlangt hatte. Es ist ein unruhiges -Leben auf der Station, eine unheimliche Aufregung hat sich aller -bemächtigt; auf der Wache können sie kaum alle die Männer und Frauen -unterbringen, die täglich eingeliefert werden. - - - 17. Februar 1898. - -Gestern kam Feldwebel Merkl mit vielen Gefangenen zurück; er ist krank -und elend, die Strapazen dieses Marsches bei Tag und Nacht haben den -kräftigen, kerngesunden Mann entsetzlich mitgenommen. Was unsere -deutschen Unteroffiziere hier leisten müssen, davon macht man sich in -Deutschland keinen Begriff, aber sie sind mit einem Pflichteifer und -mit einer Liebe zur Sache dabei, die höchste Anerkennung verdienen. - -Da ich am 14. keine Nachricht von Tom erhielt, muß ich annehmen, daß -sein Zug erfolglos war. Heute kommt auch die Bestätigung. - - - 18. Februar 1898. - -Von Quawas Anhängern macht sich besonders Kolakola bemerkbar; er -hat unsere Leute bei Kissinja überfallen und sich dann in unserem -Tale, unweit der Station, Eßvorräte geraubt; dann überfiel er, nach -Toms Abmarsch, Lula, schleppte mehrere Kinder fort und erschlug neun -Leute. Was mir am meisten Sorge macht, ist, daß Tom einem solchen -unvorhergesehenen Überfall auf dem Marsche zum Opfer fallen kann. Einer -seiner besten Wahehe erhielt von einem im Grase versteckten Feind einen -Speerstich in den Oberschenkel, an welchem er verblutete. - - - 23. Februar 1898. - -Tom kam sehr elend zurück. Das Kommando hat er Herrn v. Prittwitz -übergeben, da der Hauptteil des Zuges erledigt. - - - 26. Februar 1898. - -Großer Ramassan mit der üblichen Gratulationscour. Zuerst kommen -die schwarzen Händler; sie werden von Tom zur Rede gestellt, weil -sie sich geweigert hatten, unsern Askaris den Mais für 5 Rupien zu -verkaufen; sie verbrauen den Mais nämlich lieber zu Pombe (_pombe_ = -eigentlich Bier aus Hirse) und verdienen am Sack dann 15 bis 20 Rupien. -Dann erscheinen die Araber und Beludschen, die ich mit Tee, Kaffee -und Schokoladenplätzchen bewirte. Wir waren in nichts weniger als -festlicher Stimmung -- sollte doch noch an demselben Tage das Urteil an -den vom Kriegsgericht zum Tod durch den Strang Verurteilten vollstreckt -werden! Von den zwölf Verurteilten waren drei begnadigt worden. - -Nachmittags kamen sämtliche Sudanesenfrauen, 36 an der Zahl! alle -in ihrem schönsten Staat, mit silbernen Ketten und Armringen von -riesigem Umfang und großen Silberdosen als Anhängsel, in denen sie ihre -_dawa_ (Medizin, Zaubermittel) bewahren. Mit ihren faltigen, farbigen -Gewändern und weißen Tüchern über den schwarzen Gesichtern bilden sie -wirklich malerische Gruppen. Sie werden wie die Araber mit Tee, Kaffee -und allerlei Süßigkeiten bewirtet, ebenso wie diese ihre Sandalen -ablegen, ziehen auch sie vor dem Eintritt in mein Zimmer ihre Schuhe -aus. - - - 6. März 1898. - -Seit dem 27. Februar liegt Tom an schwerem Bronchialkatarrh zu Bett; -inzwischen kam Leutnant Orthmann zurück, er hat sich einen tüchtigen -Gelenkrheumatismus geholt, mit dem er drei Wochen lang sich durch die -unwegsamen Berge schleppen mußte; heute kam noch _Dr._ Stierling, mit -ihm Leutnant Kuhlmann, der an Milzanschwellung mit starkem Fieber -leidet. Sergeant Richter laboriert an seiner Schußwunde, die Wunde -eitert noch, und zuletzt wird Lazarettgehilfe Schuster von der 3. -Kompagnie auch noch krank, starker Bronchialkatarrh mit hohem Fieber. -Von den acht Europäern der Station sind nur zwei gesund. - -Tom hat jetzt eine annähernd genaue Liste von Quawas Anhängern -aufgestellt: Es müssen deren jetzt noch etwa 250 sein. Sein Häuptling -Kimulimuli, der sich seinerzeit mit Mpangire gestellt hatte, dann aber -wieder heimlich zu Quawa zurückging, ist jetzt bei diesem gestorben; -seine Frau hat sich dann erhängt, um ihrem Herrn und Gebieter in -den Tod zu folgen. -- Als Mpangire noch Sultan war, sollen diese -und Kimulimuli den zur Unterwerfung bereiten Quawa mit Gewalt davon -abgehalten haben. Wie viel Blutvergießen wäre vermieden worden, wenn -Quawa damals mit Tom persönlich hätte verhandeln können. - - - 9. März 1898. - -Vorgestern kamen unsere Wahehe von der Expedition zurück. Ich freute -mich, das Gaunergesicht unseres braven Farhenga wiederzusehen; gestern -trafen der neue Zahlmeister und ein Unteroffizier für die 6. Kompagnie -ein; auch Offenwanger soll mit dorthin gehen. Da bleibt also der Doktor -allein zurück -- über Mangel an Beschäftigung wird er nicht zu klagen -haben, er hat hier für vier bettlägerige und zwei revierkranke Europäer -zu sorgen -- abgesehen von den Schwarzen. Richter mußte operiert -werden; es wurden sehr große Knochensplitter aus der Wunde entfernt. - - - 10. März 1898. - -Heute besuchten Tom und ich den kranken Leutnant Orthmann. Um jede -Zugluft abzuhalten, sind die Wände der Strohhütte ganz dicht verstopft -worden; so kann der arme Patient sich nicht einmal die Zeit mit Lesen -vertreiben. Wir haben ihm in der Boma ein luftiges, lichtes Zimmer -herstellen lassen, damit er dort seine Krankheit leichter übersteht. - -Mein Name wird hier schon als Machtmittel mißbraucht! Von unseren -Wahehe wird mir gemeldet, daß 20 Händler und Träger nebst zwei Eseln -in der Gegend umherziehen und von den Leuten Chakula eintreiben -- und -zwar in meinem Namen! Tom schickte sofort eine Askari-Patrouille hinter -ihnen her, die die Kerle auch richtig abfaßte. Heute erscheinen sie -de- und wehmütig und spielen die reuigen Sünder. Zunächst müssen sie -den Eigentümern die gestohlene Chakula bezahlen und dann erhalten sie -wegen Mißbrauchs meines Namens pro Mann 25 Hiebe. Das hat hoffentlich -gewirkt. - -Von Quawas nächster Umgebung, seiner Leibgarde, stellten sich heute -drei Mann mit Gewehren Modell 71. -- Das Ende des Gefürchteten naht! - - - 15. März 1898. - -Gestern vergnügtes Picknick bei Farhenga in der Nähe des -Aussichtspunktes; abends gegen 9 Uhr kamen wir bei Laternenschein nach -Hause. Heute mittag kam Leutnant v. d. Marwitz an; ich hatte ihn mir -ganz anders vorgestellt, ein breitschulteriger brünetter Hüne. Herr -v. der Marwitz ist seit vier Jahren in Afrika, er war längere Zeit im -Kilimandscharo-Gebiete. - - - 16. März 1898. - -Leutnant Engelhardt verabschiedete sich heute, er brachte mir noch -hübsche Blumen. Zum Kaffee war Herr v. der Marwitz bei uns. Seit langer -Zeit wieder große Freude: gute Nachricht von zu Hause! - - - 20. März 1898. - -Am 17. war Tom mit Leutnant Kuhlmann nach Dabagga marschiert, um dort -nach dem Rechten zu sehen -- heute kamen sie schon zurück, also viel -früher, als ich erwartete. Solche friedlichen Expeditionen lasse ich -mir gefallen, die Zeit vergeht viel schneller, wenn mich die Angst -um meinen Mann nicht aufreibt. Morgens besorge ich die Hausarbeit, -während der tollsten Mittagshitze ruhe ich oder lese, dann holen mich -die Herren ab zum Krocket oder Spaziergang, wir besuchen unseren -kranken Leutnant Orthmann und machen Einkäufe bei unserem „Hoflieferant -Borchardt“, dem Griechen. So vergehen mir die Tage, die Tom abwesend -ist, im Fluge. -- Mit meiner Hühnerzucht habe ich viel Verdruß: -die eben ausgekrochenen jungen Perlhühner sind nach wenigen Tagen -eingegangen. Gestern abend in der blumengeschmückten Messe großes -Festmahl, gegeben von _Dr._ Drewes und Bauleiter Hentrich; die Sache -verlief sehr hübsch. Wir waren alle sehr vergnügt und kehrten erst -gegen Mitternacht zu den häuslichen Penaten zurück. - -Schnapsels Nachkommenschaft ist erloschen, er überlebt sein Geschlecht. -Seinen Sohn und präsumtiven Nachfolger hat ein Leopard direkt von -unserm Hofe weggeholt; der Posten schoß auf den frechen Räuber, so -daß er seine Beute fallen ließ; so konnten wir den treuen Wächter -des Hauses andern Tags im Garten begraben. Schnapsel trug bei der -Bestattung eine dem tragischen Ende seines Sprößlings angemessene -Trauer zur Schau; er scheint ihn noch lange vermißt zu haben. Einige -Abende darauf holte der Leopard sich auch noch den andern Hund, und -zwar diesmal von der Veranda! - -Unter unserem Dach hat sich ein Bienenschwarm eingenistet, alles -Ausräuchern ist vergeblich, wir müssen uns die Mitbewohner also -gefallen lassen. - - - 30. März 1898. - -Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen -Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter -Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an -Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle -sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des -Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung -nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft -zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde. -Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter, -Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte, -ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine -interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen -Zügen und großen, traurig blickenden Augen -- ich mußte an die zarten -und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken. -Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des Sikkisultans von -besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade -Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu -holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft -- heute hat sie -das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn -er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er -sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894, -bald wieder abziehen müßten. - -Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre -ich großes Geschrei -- eine gute Nachricht ist von der Expedition -eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und -zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch -verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein -Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und -Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle -bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den -Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der -Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz -und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um -die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich -an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen -Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich -nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist -der Storch eingekehrt -- übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche -Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer -Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren -schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln. - - - 2. April 1898. - -Der 1. April brachte mir eine freudige Überraschung: Tom kam zurück. -Sein Plan war richtig: die Quawaleute sammelten sich auf einem -Maisfelde, um Chakula zu holen; sie wurden überfallen, und in dem -Kampfe fielen die meisten von Quawas letztem Anhange, viele wurden -gefangen, und der Rest ist dermaßen zersprengt, daß es nicht mehr -lohnte, sie weiter zu verfolgen. In die Freude über Toms glückliche -Rückkehr mischte sich auch ein gut gemessen Teil Stolz, daß es wiederum -mein Gatte war, der unsere schlimmsten Gegner in ihrem eigenen Lager -angegriffen. - - - 6. April 1898. - -Gestern feierten wir Leutnant Kuhlmanns Geburtstag; früh sandte ich ihm -eine Sandtorte und einen Likörbecher, mittags waren der „Jubilar“ sowie -Herr v. der Marwitz und der neue Zahlmeister unsere Gäste. Ich bin mit -meinem Koche schon so eingefuchst, daß unsere afrikanischen Diners -immer vorzüglich klappen! Von der Arbeit macht eine deutsche Hausfrau -sich freilich keine Vorstellung. - -Heute traf ein Mann auf der Station ein, dem Quawa früher einmal die -Hände und Ohren abgeschnitten und ihn derart verstümmelt an seinen -Sultan zurückgesandt hatte, um diesem die Strafe für Verräter _ad -oculos_ zu demonstrieren! - -Mittags 12 Uhr marschierte Tom wieder ab; Herr v. der Marwitz und -Sergeant Richter, dessen Wunde noch immer nicht ganz verheilt, -begleiteten ihn: auf den Feldern von Iringa sind Spuren gefunden -worden, die auf Quawa deuten. Es sollen nur drei kleine Lasten -mitgenommen werden, da muß ich genau überlegen, welche Stücke -unumgänglich nötig, welche entbehrlich sind. - - - Karfreitag. - -Ich feierte den „stillen Freitag“ in Wahrheit in aller Stille -- -Gott gebe meinem Manne den langersehnten Erfolg, damit das Land nach -jahrelangen Kämpfen endlich zum Frieden komme! -- Ein gutes Anzeichen: -kurz nach Toms Abmarsch stellte sich ein Krieger aus Quawas nächster -Umgebung! Tom ist auf der richtigen Spur; damit unser Todfeind diesmal -nicht ausbrechen kann, marschieren Merkl und Hammermeister, die eben -erst von einem Zuge zurückkamen, gleich wieder in den von Tom ihnen -bezeichneten Richtungen ab; überall sieht man die Signalfeuer unserer -Wahehe: das Wild ist umstellt! - -Als Belohnung für die Einlieferung Quawas hat das Gouvernement große -Elefantenzähne im Preis von 5000 Rupien ausgesetzt, die hier für -jedermann zur Ansicht ausliegen. - - - Ostersonntag. - -Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden, -einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an -Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im -Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für -Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen -Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können. - -Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig -- so auch heute -- -Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen -Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern -erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch -die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht -etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen. - - - 15. April 1898. - -Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur -in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen; -binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt, -dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom -von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch -die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen -bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und -präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der -Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station -wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick -hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die -Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen -gebautes Haus -- ein solches hat er wohl nie vorher gesehen -- mag ihm -eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen -Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! -- -In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde, -den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen -- hat dieser selbe -gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet, -sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder -geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten -darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris -unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte, -die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die -Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der -Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten -ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und -den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er -noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille -erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. -- Doch -der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich -die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren -Herrn im Pori nicht wiedergefunden! -- - -So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede -Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird -er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich -erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele? -In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die -Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch, -verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer -seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst, -die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich -dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer -deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod -oder Selbstmord! - - - +Mgaga+, den 6. Mai 1898. - -Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen -der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine -Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt -diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir -machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die -trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen, -Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein -Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse -angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine -Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber -sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter -hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder -in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten. -Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes -Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm -bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt -afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart, -die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen -uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich -hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser -Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute -einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er -im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach -Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle -Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich -einmal wieder an Fleisch sattessen zu können. - - - +Mgaga+, 10. Mai 1898. - -Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz -befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem -noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl -Feuerstellen ist noch vorhanden, auch einige niedere Grashütten -wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen, -ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in -Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung -bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene -- Spiegel, -der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es -einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage -lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark -verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz -für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben -wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten -in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw. -Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend, -den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter. -An Stelle meines bisher besten Boys -- er stand bei allen Gläubigen -als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in -hohem Ansehen --, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab, -habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen, -klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere -Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen -machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche -erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden -- -für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und -unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche -schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung -ausgesetzt! Endlich -- ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine -Perle je wiederzusehen -- kam mein Mpischi ganz von selbst wieder -an -- seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er -im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf -seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem -Seelenschmerz nicht erholt. - - - 12. Mai 1898. - -Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu -finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant -v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt. -Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die -Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe -ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben; -auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt, -amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die -Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich -bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes -Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim, -wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit -leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe -die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie -diesmal. - - - +Dabagga+, 15. Mai 1898. - -Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht -nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr -ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin -ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu -erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder -den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner -Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich -ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch -zurückhielt. - -Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu -vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine -genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große -Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch -besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen. - -Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die Tataren- oder -vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt -seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach -Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl -alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag -wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische -Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen -auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen -dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns -sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen -Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden? -Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig -für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns -nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach -allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der -vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation -hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es -hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet, -vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten -sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen -Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit, -bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel -Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie -aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je -länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das -Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht; -ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich -ist. - -Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum -Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen -gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin -prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich -kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich: -Weizen und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei -Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen -Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris -erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen -auf 170 Meter. - -Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das -Forsthaus und den ersten deutschen +Pflug+ im Lande Uhehe! - - - +Suka+, 20. Mai 1898. - -Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster[8], vier Stunden Marsch nach -dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere -topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken -stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns -gekämpft haben, sind unsere Führer! - - - Station +Iringa+, 24. Mai 1898. - -Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen -von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden -Unfall; ich habe mich prächtig erholt -- von Tom ist es mir fraglich, -er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir -schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen -sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden -beim Weine und erzählten uns. - - - Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898. - -Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares -Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste -Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz -ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über -500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen -Ereignis Mitteilung machen sollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu -einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant -Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für -Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und -vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll -gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein -Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl. - -Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns -angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags -ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe eingeladen. -Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend war großer -Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes Wecken -- ganz -so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört! - - - 31. Mai 1898. - -Leutnant v. der Marwitz marschierte heute ab, um die Station Mlangali -zu übernehmen. Quawa ist verschollen, allerorts, wo er in letzter Zeit -sich in den Bergen aufgehalten, wird nach seinem Gewehr gesucht; man -vermutet, daß er tot sein muß, denn es ist kaum anzunehmen, daß er so -ganz allein sich im Pori halten kann. - -Durch ganz Uhehe zieht sich jetzt ein Netz von Straßen. Die Wahehe, -noch vor kurzem der Schrecken aller Nachbarstämme, bewähren sich -in friedlicher Arbeit; sie hauen die Wege durch den Urwald, auf -der Station helfen sie beim Bau einer Tembe, ja auf unserer Safari -trugen sie sogar unsere Lasten mit Chakula. Ihre stramme Organisation -zeigte sich besonders beim Bau längerer Straßen, sie arbeiteten unter -besonderen Aufsehern, jeder Trupp an der ihm übertragenen Strecke, und -ihre Jumben haben sich in der Nähe der Baustrecke niedergelassen, um -das Ganze besser kontrollieren zu können. - - - 1. Juni 1898. - -Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer -Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen, der einige -unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein -Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. -- -Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute -erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie -aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und -für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere -Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu -erwecken. - - - 4. Juni 1898. - -Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter -dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem -flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit -einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt -bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da -wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl -durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl. - -Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden: -5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen -ergeben. - -Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte -von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und -großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden: -auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als -Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack -und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie -wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt -werden nun ein paar gute Tage haben. - -Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit -fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere -Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier -aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mit der Richtigkeit -stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin -ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen: -Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés, -gebrannte Mandeln -- für die ich immer geschwärmt! -- und von Leutnant -Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten, auserlesensten -Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche süßen -Herrlichkeiten nicht gesehen -- und nun dieser _embarras de richesse_! -Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde es wohl nicht -abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit den Schätzen -gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der Wein, von dem mir -die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die Schuhe passen -vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus denen der -Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an. - - - 7. Juni 1898. - -Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das -Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander -gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag, -den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19. -Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens -zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. -- -Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet -mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe. - - - 13. Juni 1898. - -Meine Wirtschaft muß sehen, wie sie ohne mich fertig wird; ich darf -vor 10 Uhr nicht aufstehen, dann muß ich warme Bäder nehmen. Juma hat -das Plätten hübsch gelernt, er stärkt und plättet die Kragen ganz -schön. Das ist ein großer Luxus, der hier, wo alles „ungeplättet“ -einhergeht, berechtigtes Aufsehen macht. Die Herren wollen sich nun -auch Plätteisen von der Küste kommen lassen. Sergeant Hammermeister ist -gestern auf Urlaub nach der Küste abgegangen; wir werden den tüchtigen -Mann alle vermissen; Tom schätzte ihn sehr als äußerst zuverlässigen -Unteroffizier, und dann war er, was für unsere Verhältnisse besonders -ins Gewicht fällt, ein tüchtiger Landwirt, dessen Umsicht wir für den -Erfolg unserer Weizenernte viel verdanken, und -- _last not least_ --- das Schweineschlachten und Wurstmachen verstand er großartig. -Feldwebel Richters Wunde eitert noch, Unteroffizier Schubert liegt -wieder an Lungenentzündung, den Feldwebel Merkl hat Herr v. der Marwitz -mitgenommen, so ist die Kompagnie ohne Unteroffiziere, und Tom und -Leutnant Kuhlmann besorgen den Dienst allein. Gestern brachte Farhenga -einen Mhehe aus Quawas Anhang mit 14 Weibern und Kindern an. - - - 1. Juli 1898. - -Heute haben wir den Tischler Wunsch beerdigt. Binnen 1½ Jahr schon -der dritte Europäer, der dem Fieber erlegen -- alle drei junge, -kräftige Leute. Sie alle haben sich die Krankheitskeime auf den -Märschen durch die sumpfigen Niederungen geholt, denn die Lage von -Iringa ist anerkannt gesund und vor allem fieberfrei. Der Tod war -für den armen Mann eine Erlösung. Ich habe ihn täglich besucht, er -war mir so dankbar dafür: nur in den letzten zwei Tagen vor seinem -Ende konnte ich seine furchtbaren Qualen nicht mehr mit ansehen, die -ihm doch niemand erleichtern konnte! In den neun Jahren, die er in -Afrika zubrachte (er war als Laienbruder der katholischen Mission -herübergekommen), hat er siebenmal Fieber gehabt, d. h. perniziöses -Fieber; die gewöhnlichen Fieberanfälle werden ja nicht gerechnet. -Sein Tod wurde durch ein Geschwür herbeigeführt, welches sich nach -dem letzten Fieberanfall am Ohre bildete und schließlich bis auf die -Kinnladen ging, so daß der Ärmste weder essen noch trinken konnte. Der -neue Pater Superior der Mission, Severin, hielt ihm die Grabrede. Das -Begräbnis war sehr feierlich. - -Mit Pater Severin kam zugleich ein neuer Bruder, der mit dem bisherigen -Superior, Pater Ambrosius, in Ubena eine Missionsstation gründen soll. - -[Illustration: Station Mlangali. - -(Zu S. 173.)] - -[Illustration: Der erste Pflug im Lande Uhehe. - -(Zu S. 172.)] - -Am 23. vorigen Monats traf von Herrn v. Kleist eine Anzahl Obstbäumchen -ein, die er uns zum Geschenk machte; sie waren sehr sachgemäß verpackt, -und wir hoffen, daß der größte Teil davon trotz des weiten Transportes -gut fortkommen wird. Wir gaben die Bäumchen nach Dabagga, weil sie in -unserm Garten doch vielleicht nicht so gut gediehen wären, wie unter -der fachmännischen Pflege unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation. - - - +Mdogori+, 8. Juli 1898. - -Heute sind es zwei Jahre, daß wir in Perondo ankamen! Ich sitze im -herrlichsten Urwald, der Tag ist ganz für mich, denn Tom kommt heute -abend erst von Iduma zurück, wohin ich ihn nicht begleiten konnte, -da der Tagesmarsch für mich zu anstrengend. Wir brachen am 4. dieses -Monats von Iringa auf. Unser Haus und meine kleinen Totos habe ich -einer zuverlässigen Sudanesenfrau übergeben, die ich mir als „Stütze -der Hausfrau“ angelernt habe. Sie soll die Wirtschaft führen, solange -ich mich nicht darum kümmern kann, und mich pflegen, wenn ich krank -bin. -- Hoffentlich erfüllt sie die auf sie gesetzten Hoffnungen. -- - -Gestern habe ich nun auch mein Abenteuer erlebt, ohne das ein -„Afrikaner“ eigentlich keinen Anspruch hat, ernstgenommen zu werden -- -in Deutschland wenigstens --: ich habe einem Löwen gegenüber gestanden! -Ich hatte mir ein schattiges Plätzchen zur Siesta ausgesucht, unweit -des Lagers, aus welchem die Klänge von „Heil Dir im Siegerkranz“ -und „Ich bin ein Preuße“ zu mir herüber drangen, als plötzlich mein -Schnapsel mit allen Zeichen des Schreckens und wütend bellend unter -meinem Kleide Deckung suchte; ich sah mich um: etwa 40 Schritte ab -steht zwischen den Bäumen eine Löwin! Im ersten Augenblick stockte -mir der Atem, dann rief ich nach dem Ombascha, der auch sofort -angesprungen kam, leider ohne Gewehr. Ich sah die Löwin noch im -Dickicht verschwinden und schickte Askaris hinterher, die Spur war -aber bald verloren, und die Leute kamen unverrichteter Sache zurück. -Nach etwa einer halben Stunde wurde ich in meiner Lektüre wieder -durch Schnapsels Bellen aufmerksam; links von mir, kaum zehn Schritt -weit, steht die Löwin wieder und äugt nach uns! Hätte mein braver -Schnapsel mich nicht gewarnt, hätte die heimtückische Bestie sicher -den Sprung getan! Diesmal trat ich aber schleunigst den Rückzug nach -dem Lager an, indem ich wieder nach dem Ombascha rief. Auch diesmal -entging uns die Beute; sie wird aber sicher wiederkommen. Schnapsel -band ich fest, -- auf ihn hatte die Löwin es wohl zunächst abgesehen, -dann stellten wir eine Falle mit Selbstschuß. Nun habe ich auch mein -Löwenabenteuer! Schade, daß Tom nicht zugegen war, sie wäre dann gewiß -nicht entkommen. Einen Leoparden, der sich in einer von _Dr._ Stierling -gestellten Falle gefangen, sah ich kürzlich. Das stattliche Tier hatte -die Fangeisen mit furchtbarer Gewalt aus dem Boden gerissen und war mit -denselben auf einen Baum gesprungen, wo sich die Kette derart in den -Ästen verschlungen hatte, daß ihm jede Flucht abgeschnitten war. Ein -gutgezielter Fangschuß machte ihm dort ein Ende. - - - +Dabagga+, Sonntag den 10. Juli 1898. - -Mittags kamen wir hier an; der Förster hat uns ein reizendes Häuschen -aus Bambus errichtet, bestehend aus einem Zimmer mit Veranda, und -bewirtete uns mit einem trefflichen, von ihm selbst bereiteten -Mittagsmahl. Sehr betrübt erzählte er uns, wie ungern er jetzt von -der Stätte seiner Tätigkeit scheide; er hat alles so praktisch und -wirklich schön eingerichtet, daß er nun nicht gern einem andern Platz -machen möchte. Daß er es rasch gelernt hat, die Eingeborenen richtig -zu behandeln, beweisen die Wahehe-Ansiedelungen, die sich unter seiner -Leitung bei der Station Dabagga schön entwickeln. - - - 12. Juli 1898. - -Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von -denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten. -Auf Anraten des _Dr._ Drewes, der von Muhanga gekommen war, bewilligte -Tom einen Ruhetag -- zu meiner Freude, denn dadurch gewinnen wir einen -Tag für das schöne Dabagga. - - - +Iringa+, 21. Juli 1898. - -Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es -hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun -ein Ende“ -- +Quawa ist tot!+ Mit dieser Nachricht erst ist Toms sieben -Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! Wie -dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk seiner -unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller Kämpfe -und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name Tom Prince -für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen Kolonien. Wer -will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem Stolze auf den -Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte Ereignis in dem -blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich neu geschenkt! -Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf dem Zuge gegen -Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet traf ich stets -die Vorbereitungen für seinen Marsch -- und durfte ihm doch das Herz -nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn heucheln, während -mir die Angst die Gedanken benahm -- und nun steigt die Morgenröte des -Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! -- - -Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte, -ist freilich gräßlich -- und doch gab es keinen anderen Ausweg, den Tod -unseres furchtbarsten Feindes dergestalt _ad oculos_ zu demonstrieren, -daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung übrig bleiben -kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans Quawa mit zur -Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein ehemaliges Gebiet -war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten Getreuen und dessen Weib -und Kind endlich auch in den Bereich der 2. Kompagnie gekommen. Toms -Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, als dies der Station -gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl mit 14 Askaris und 10 -Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten unseres braven Merkl -Bericht hier folgen: - -„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach -dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im -dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den -Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und -aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen, -einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf der -Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den Boys -erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen Karabiner -Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der Mündung -geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter habe eine -Jägerbüchse. -- Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf Wahehe schickte -ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen Leuten hier, weil -die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas nach Pawaga zeigte -und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch versteckten Schamben -und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht ist. -- Am 16. Juli -1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes gegen Morgen 4 Uhr -ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha nach dem südlichen -Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem Utshungwegebirge zurück -wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre die ganze Nacht umher. -Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais und ein Schaf geraubt -habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die Spur, ins Pori in -westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe erkennen. Gegen -5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis zum 17. d. Mts. -trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa mit seinem Getreuen -und den Boys marschierten jeder in einer anderen Richtung. Das Schaf -wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. Mts. kam der Ombascha -zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer in der Richtung Iringa -nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur verloren hatten. Hier -gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags 12 Uhr erreichte ich -es mit dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said Ali I und Said Borelli -und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten Halt, um die zurückgebliebene -Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen wir einen etwa fünfzehnjährigen -nackten Knaben auf uns zukommen, der, sobald er uns sah, die Flucht -ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf energisches Zureden gestand -er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war des Morgens weggelaufen. -Quawa liege drei Stunden weit krank danieder und spucke Blut. Gestern -abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. Sofort brachen wir auf. -Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in südwestlicher Richtung -einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir nach Aussage des -Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck abzulegen und die -Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, kletterte ich auf -einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der Marsch ohne Schuhe -sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir Rauch aufsteigen. -Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. Jetzt konnten wir -nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen zwanzig Schritt vor -uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. Die eine wurde von -dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel dichtes Gebüsch in der -unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt hätte, daß uns Quawa vor -der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft gelungen, schossen wir auf -ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa hatte seinem Leben selbst ein -Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die Leichenstarre eingetreten, und -den Schuß, den wir gehört, hatte er sich selbst gegeben.“ -- - -So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten -Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt, -sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig, -daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen -Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird: -5000 Rupien -- etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf -Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis -zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und -Feldwebel Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn -gekommen. - -Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen. -Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als -den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun -endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen, -um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel: -die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit -Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden -Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der -freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger -lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir; -gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan -lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise -ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten -machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in -der Tat „die Nächsten dazu“ -- war doch kaum einer unter ihnen, der -im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa -beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben -uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der -Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an -der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die -Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch -die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn, -unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann -die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem -Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich -mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es -dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen -Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung, -und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. -- - -Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Aufnahme. Noch im Tode -gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen -Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen -Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in -den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das -Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit -eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen; -starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend -herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen -Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen -Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit -und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von -einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten -Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel -Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa -1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen -Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von -Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab, -entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns -sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf -der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem -tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu -gehen! - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Siebentes Kapitel. - -Im Frieden. Besichtigungsreisen. - - - 26. Juli 1898. - -Die Fest- und Jubeltage, die Tom reichlich bewilligen mußte, sind nun -endlich vorüber; der Lärm Tag und Nacht hat mich sehr angestrengt, -umsomehr, als ich wieder bettlägerig war; in der freudigen Aufregung -der ersten Tage habe ich mich wohl nicht genug geschont. Heute geht es -mir besser, die Ruhe wirkt wohltuend. Es waren über 1000 Wahehe zur -Station gekommen, die in ihren bunten Tüchern einen malerischen Anblick -boten. Am 19. d. Mts. ist der neue Landwirt Hierl angekommen; als -Ersatz für Hammermeister kam Feldwebel Liebhard und ein Unteroffizier -Künster; als früherer Pionier wurde er gleich beim Brückenbau -angestellt; hoffentlich hört nun das Balancieren über Baumstämme bald -auf. - - - 31. August 1898. - -Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen -mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte. -Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche. -Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt, -daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa -gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen, -nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die -unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das -Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa -dort lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war, -lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei -Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling -Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer -im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können, -wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es -mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen -erstiegen, um Ausschau zu halten. - -Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für -ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft -werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den -Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich -scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all -seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen! - -Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben -- schon 1891 war er bis -Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus -weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit -einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde -ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der -feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen -Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der -Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich -einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich -bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver -war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel -der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen -Schwarzen zuvorzukommen -- wie atmete er erleichtert auf, als sich die -Neger als freundlich gesinnt erwiesen. - -In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt. -Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in -welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh -ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt -- und dann hieß es -laufen! Tom hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe -Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare -Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen -- und -damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891 -flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches -Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu -Boden geworfen. - - - 3. September 1898. - -Heute besuchte mich Mgundimtemi; es fiel mir auf, daß sie nicht mehr in -Trauer geht, sie trägt wieder bunte Tücher, Ketten und Armbänder. Sie -hat einen ehemaligen Msagira aus einer reinen Wahehefamilie geheiratet, -Tom will ihn als Jumbe eines kleinen Bezirkes einsetzen. - -Auf der Station treten die Pocken wieder auf, diesmal ziemlich -bösartig. Die Leute sind zum Glück recht vernünftig, beim geringsten -Anzeichen bringen sie ihre Kranken. Auch die ankommenden Karawanen -werden genau untersucht. Etwa eine halbe Wegstunde von der Station -entfernt ist ein Pockenhospital eingerichtet. Ich wünsche sehnlichst, -die Lymphe käme endlich von der Küste an, damit wir uns alle impfen -lassen können. - -Von Quawas Grausamkeit werden immer mehr Beispiele bekannt. Als er -damals von Luhota aus entfloh, hielt er sich einen Tag in der Nähe der -Station versteckt; dort erschlug er einen seiner Anhänger, dem er nicht -mehr traute, und schnitt ihm einen Fuß und ein Stück Schulterfleisch -ab; die am Feuer gedörrten Stücke trug er dann stets bei sich; wirklich -hat Feldwebel Merkl beides bei seiner Leiche gefunden. - -Um so erfreulicher blüht Handel und Wandel jetzt nach des -Unruhestifters Tod. Tom unterschreibt soeben wieder einen Scheck; -in diesem Monate haben die Händler bereits 16000 Rupien in die -Stationskasse eingezahlt. Das ist für unser Iringa doch gewiß ein -schöner Umsatz. Auch die Bautätigkeit ist rege. - -Meinen Geburtstag mußte ich ohne Tom verleben, aber trotzdem ging -es hoch her! Schon früh am Morgen war alles bekränzt. Dann kamen -der Wali mit den Honoratioren, der Effendi namens der Kompagnie, -sämtliche Europäer und Abordnungen von Frauen der Askaris, der Fundis, -Farhengas große Bibis, kurz, die Gratulanten nahmen kaum ein Ende. -Abends besuchten mich dann zu meiner Freude die am 18. August hier -angelangten Schwestern, mit denen ich noch einer Einladung nach der -Messe folgte; dort wurde ich auch angefeiert. In der Stadt und im -Askaridorfe herrschte lustiges Treiben an allen Ecken und Enden, mit -Tanzen und Jubeln. Die Schwestern blieben bis zum nächsten Nachmittage; -ich hatte aus unserer Vorratskammer mit Hilfe von Decken und Zeug -ein hübsches Zimmerchen für sie hergerichtet. Auf Toms dringenden -Wunsch sind uns diese vier Schwestern bewilligt worden, der Präfekt -Maurus[9] brachte sie uns selbst. Ich empfing die willkommenen Gäste -mit einem feinen Diner und mit Sekt; dem Präfekten ließ ich einen -Rosenstrauß überreichen; von dem Empfange waren sie sichtlich gerührt. -Die Schwestern erzählten mir, daß die Schwarzen ihnen schon viel von -der weißen Bibi erzählt hätten, die in Iringa wohne, die lesen und -schreiben könne, stets einen Revolver bei sich trage, sehr langes Haar -und nur einen Mann habe. Daß die vier neuen Bibis auf der Station -großes Aufsehen erregten, ist natürlich; ich hatte große Mühe, unseren -Leuten beizubringen, daß die Schwestern nicht die Frauen der Patres von -der Mission seien. - - - 21. September 1898. - -In unserem Garten liegen große Stapel von Holzstämmen; die Wahehe -verdienen sich das erste Geld, was sie je in Händen gehabt, mit -Baumfällen; sie sind so eifrig dabei, daß sie mehr anbringen, wie für -die Dachbauten voraussichtlich nötig sein wird. Je nach der Güte der -Stämme erhalten sie ihre Pesas, die sie vergnügt in der Stadt beim -Händler schleunigst wieder ausgeben. - -Diese Förstertätigkeit macht viel Arbeit, jeder Stamm muß besichtigt -werden, und dann zahlt Tom auch den Leuten selbst aus. Am meisten -beschäftigt ihn jetzt die Steuerfrage! Die Wahehe haben ihre Steuern -reichlich durch Kriegsdienst und Straßenbau abgeleistet, ebenso die -meisten Einwohner unseres Bezirkes. Nur die Leute am Ruaha, die -Wapawegas und andere, die für körperliche Anstrengungen zu schlaff -sind und denen der Chakula sozusagen in den Mund wächst, sollen eine -Naturaliensteuer entrichten. Von den Stadtleuten wird eine Hüttensteuer -erhoben. - - - 3. Oktober 1898. - -Heute ist unser Freund Kiwanga[10] wieder abgezogen; er kam am 28. v. -M. mit seiner großen Bibi auf Besuch zu uns; wir besuchten ihn auch -einigemal in seiner Tembe. Ein Versuch, sein ausgesprochen jüdisches -Profil durch einen Schattenriß an der Wand zu verewigen, scheiterte -an seiner Beweglichkeit, der photographischen Kamera entging er aber -auch diesmal nicht, trotz seiner herzbewegenden Klage: „Ach Bibi, jeder -Europäer macht Bilder von mir, ich werde alle Tage photographiert.“ -Als ich ihm aber die Bilder zeigte, die ich früher von ihm und seinem -Kriegslager aufgenommen hatte, geriet er doch in die freudigste -Aufregung. Auch unser braver Schnapsel war in diesen letzten Wochen -krank, ein großer Hund hatte ihn in den Hals gebissen; dank der -liebenswürdigen Bemühungen _Dr._ Drewes und unserer sorgsamen Pflege -kam er wieder zu Kräften; wir hätten den treuen Hausgenossen doch -schwer vermißt. Dem Hühnerstalle hat ein Leopard einen nächtlichen -Besuch abgestattet und 7 Enten mitgenommen; ich glaubte erst, es seien -Diebe gewesen, heute nacht hat er aber wieder einige 30 totgebissen -und zum Teil gefressen, auch meine Puten sind verschwunden; deutliche -Spuren und vereinzelte Federn verrieten aber, daß hier ein zweibeiniger -Spitzbube auf Konto seines vierbeinigen Kollegen gearbeitet hat. - - - 11. Oktober 1898. - -Gestern brachte Pater Ambrosius den am Fieber erkrankten Herrn v. -der Marwitz nach der Station und ging mit dessen Stellvertreter, dem -Unteroffizier Künster, wieder auf seinen Posten zurück. - -Ich war in großer Unruhe! Herrn v. der Marwitz’ Fieberanfall hatte -noch in der letzten Woche unseren Arzt sechs Tage lang von der Station -ferngehalten, jetzt gerade, wo ich ärztlicher Hilfe voraussichtlich -bald dringend bedarf! Gott sei Dank, diese Sorge bin ich los, nun geht -das „große Reinemachen“ noch einmal so flott. Es soll wenigstens alles -in Haus und Hof imstande sein, wenn ich nicht jeden Tag selbst mehr -nach dem Rechten sehen kann. - - * * * * * - - - +Utengule+, 28. Mai 1899. - -Schwere Zeiten liegen hinter mir, Wochen und Monate so banger, -verzehrender Sorge, wie sie nur einer Mutter beschieden sein -können..... Wir befinden uns auf Safari. Tom hatte schon früher den -Wunsch geäußert, sich die Gegend hier genauer anzusehen, nun sind wir -seit dem 27. April unterwegs. - -Die Landschaft Irole übertrifft an Fruchtbarkeit alle unsere -Erwartungen, sie liegt 1400 Meter hoch und zeichnet sich durch gesundes -Klima und für uns Europäer angenehme Temperatur aus. Am 30. April -besuchten wir das auf einer Anhöhe bei der Residenz des Jumben Kawenda -von Irole gelegene Zelewski-Denkmal: eine 8 Meter hohe Steinpyramide -auf einem 7 Meter hohen Sockel, in welchen eine Kupferplatte mit den -Namen der zehn Gefallenen der unglücklichen Zelewski-Expedition von -1891 eingefügt ist. Mit tiefer Rührung las ich die Namen: vor acht -Jahren fielen zehn deutsche Männer an dieser Stelle im blutigen Kampfe -gegen die Wahehe -- und heute stehen wir hier als die Herren des -Landes, und die Wahehe sind unsere tapfersten Kampfgenossen. Das teure -Blut unserer tapferen Landsleute ist nicht fruchtlos geflossen. - -Wir schmückten das Denkmal mit Blumen und Laubgewinden und zogen weiter -in die steilen Utshungwe-Berge. Anhaltendes Regenwetter vereitelte aber -Toms Arbeiten, Wegaufnahmen und Kartieren; auch ich hatte natürlich -keine Freude an dieser „Wasserpartie“. Kurze Sonnenblicke, die zuweilen -die Nebelwand zerrissen, ließen erkennen, daß wir uns in fruchtbarem -und eigenartig schönem Berggebiete befanden. - -Sehr überrascht waren wir eines Morgens, als wir aus unserem Zelt -anscheinend in eine Schneelandschaft traten; es war jedoch nur der -frische Morgentau, der auf den dicht behaarten Halmen einer weißlich -schimmernden Grasart glänzte. Die Täuschung war wirklich überraschend. -Auf dem Rückzug aus den Bergen mit vielen Flußübergängen ist mir -besonders eine prächtige Schirmakazie aufgefallen, die ihr flaches Dach -gegen 7 Meter weit nach allen Richtungen hin ausbreitete; leider konnte -ich den stattlichen Baum nicht photographieren, Nebel und Regen folgten -uns auf dem ganzen Marsch bis Malangali. - -Von besonderem Interesse war mir auf dieser Safari, daß wir am 5. Mai -an einem Platze Halt machten, in dessen Nähe ich vor 2½ Jahren mit Tom -nach monatelanger, in dem Fieberneste Perondo unter Angst und Sorge um -sein Leben zugebrachter Einsamkeit wieder zusammenkam. Das Wiedersehen -wog all die sorgenvollen Wochen auf! Noch eine andere Erinnerung -knüpft sich an diesen Platz: hier wurde damals der Askari meuchlerisch -ermordet, das erste Zeichen des beginnenden Aufstandes. - -Zu unserer Begrüßung kam der Jumbe Lupambile aus Mugama, ein Verwandter -des Sultans Kiwanga, ins Lager. Er brachte mir die Hühner und andere -Lebensmittel, die ich vorausgesandt hatte. Ihm vertraute ich meine -beiden jüngsten Pflegekinder an: Mumiri und Mpanga. Wider Erwarten -zeigten sich die beiden Kleinen den Anstrengungen der Safari nicht -gewachsen, die ersten paar Tage hielten sie auf ihren Eseln, die ich -besonders für sie angeschafft hatte, ganz tapfer aus, besonders Mumiri; -das kleine frische Kerlchen klammerte sich mit den Armen um den Hals -seines Grautieres, auf die Dauer freilich wurde ihm diese Stellung -doch zu unbequem; sobald er sich aufrecht setzte, fiel er herunter, -auch wurde er oft von den Bäumen aus dem Sattel gestreift. So war es -denn besser, die Kinder hier zu lassen, umsomehr, als sie bei Lupambile -in bester Hand sind. - -Am 6. Mai rasteten wir am Iragolabach; von der Fülle der herrlichsten -Blumen, Lilien und Orchideen, nahmen wir eine Menge Knollen zum -Einpflanzen mit. Der Zug durch die Landschaft Fuagi war besonders für -unsere Schwarzen beschwerlich, es fehlte an Holz zum Lagerfeuer; die -armen Kerle froren Tag und Nacht. Auch der Übergang über den Uuhai -(Nebenfluß des Ruaha) bot, der steilen Ufer und des weichen Moorbodens -auf unserer Seite wegen, große Schwierigkeiten; die Karawane brauchte -länger als eine Stunde zum Durchwaten, ich „schwebte“ wieder auf den -Köpfen von zwei Askaris über die Flut hinweg; ein besonders langer -Mhehe stapfte hinterher, um die teure Last vor unfreiwilligem Bade -zu bewahren, falls einer meiner beiden Träger im Wasser stolpern -oder fallen sollte. Es ging aber gut ab. Von Wild sahen wir nur ein -Wildschwein und eine Antilope auf einem Felsblock, deren Silhouette -sich scharf gegen den rotglühenden Morgenhimmel abhob -- ein prächtiges -Bild. Am Kufaribache (8. Mai) fand sich viel Brennholz; trotz der -milden Sommernacht schichteten die Träger wahre Scheiterhaufen -zusammen, als wollten sie sich nun bei dem reichlichen Holzvorrat -nachträglich noch an Hitze ersetzen, was sie in den holzarmen Strecken -entbehren mußten. - -Am 9. Mai stellten wir die Quelle des Ruaha fest. Wir hielten da -einen Ruhetag, weil Tom Berichte schreiben und seine Beobachtungen -und Aufnahmen in Ordnung bringen wollte. Unser Herbarium erhielt -auch hier reichen Zuwachs; in dem die Ruahaquelle umgebenden Sumpfe -wuchsen wunderschöne Blumen, von denen wir uns einen Vorrat preßten; -freilich mußten wir in dem Sumpf und dem Bache herumwaten. Das ganze -Land ist sehr wasserreich: binnen sechs Tagen mußten wir mehr als 250 -Wasserläufe passieren, zum Teil von ansehnlicher Tiefe. Am 12. lagerten -wir am Malangali-Ruaha, den wir zum Unterschied von unserem großen -Flusse den Ruahabach nannten. Bemerkenswert waren die in der Nähe -befindlichen charakteristischen Erderosionen, wie man sie selten von -solcher eigenartigen Schönheit antrifft. - -Am 14. Mai trafen wir auf Station Malangali ein, wo Herr v. der -Marwitz ein wunderhübsches Offiziershaus mit Wohnzimmer, Schlafzimmer -und Baderaum gebaut hatte. Hier war soeben der arme Geograph Schmidt -am Fieber gestorben. Auch Idunda passierten wir, die Station, welche -Tom seinerzeit eingehen lassen mußte, weil der Platz von Dysenterie -so verseucht war, daß man der Krankheit nicht Herr werden konnte. -Am Sanibach kamen wir in das Gebiet Mereres, nach Ubena. Der -Charakter dieser Landschaft ist ganz verschieden von dem Uhehes, lang -ausgedehnter welliger Steppenhügel mit wenig Wasser, doch fehlt es -nicht an fruchtbaren Stellen. Am meisten fällt der gänzliche Mangel -an Baumwuchs auf, es gibt hier meilenweit weder Baum noch Strauch. -Als Brennmaterial dient der Dünger der Rinderherden, der hier von den -Schwarzen überall gesammelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet -wird. Die Temben sind meist aus Schilf, selten ist einmal ein Holzstab -durchgezogen, den sie sich von weit her holen müssen. - -In Gawiro kam uns Merere entgegen, an der Spitze seines Hofstaates. -Er ist jetzt ganz „Europäer“ geworden, selbst den Gebrauch des -Taschentuches hat er sich angewöhnt. Übrigens spielt er in -seinem, gegen manchen seiner Stammes- und Standesgenossen stark -kontrastierenden Selbstbewußtsein als Sultan eine gute Figur. Mich -behandelte er mit ausgesuchter Höflichkeit; es imponierte ihm, daß ich -lesen und schreiben kann. Als Tom in Ruipa neulich Volkszählung hielt, -sagte Merere: „Wir zählen nicht einmal unsere Rinder, wie sollen wir -unsere Frauen zählen?“ Daß Tom gefragt wird, wieviel Rinder er für mich -bezahlt hat, kommt öfter vor. - -Beim Einzug in Gawiro war feierliche Einholung; von weither kamen uns -die Leute entgegen, in Gawiro selbst offizieller Empfang. Merere nahm -auf dem von seinem Vater ererbten, schön geschnitzten und mit Metall -eingelegten Stuhle Platz, der ihm überall von einem eigens hierzu -angestellten Jüngling nachgetragen wird. Wir setzten uns neben den -Sultan. Die Leute knieten nieder, indem sie, die Handflächen aneinander -reibend, die vorgestreckten Arme hin und her bewegten, und sagten -„_adse senja_“ (Gegrüßt seist du, Rindvieh!), worauf Merere erwidert: -„_Guiri juga_“ (Guten Morgen, wir grüßen dich!). Wenn Merere von -einer Reise zurückkehrt, wird er mit dem zweimal wiederholten Rufe -begrüßt: „_Guage senja_“ (Guten Morgen, Rind!), „_Wadjeri Msenga_“ -(Guten Tag, o Rindvieh!). Die Halle, in der diese Begrüßung stattfand, -war mit Spiegeln an den Wänden, Fellen und Waffen ganz geschmackvoll -ausgestattet. Auch die übrigen Räume fand ich ganz wohnlich -eingerichtet; unter Mereres Stuhl war sogar ein schönes Leopardenfell -als Teppich ausgebreitet. Von besonderem Interesse war für uns Mereres -Haus, da es an den Außenseiten mit Wandmalereien geschmückt war, -die in der ganzen Auffassung des Dargestellten am besten für die -kindlich naive Anschauungsweise unserer schwarzen Freunde sprechen. -Auf den Bildern aus grellbunten Erdfarben, die der eingeborene _al -fresco-_Künstler sich an Ort und Stelle zusammengemischt hatte, war -Quawa dargestellt, wie er mit Mpangire und seinen Brüdern zum Kriege -auszieht, die Fahne voran; ferner ein Jäger, der, hinter einem Baum -versteckt, auf einen Elefanten schießt; die Zeichnung des Elefanten, -dem der Maler beide Stoßzähne auf die dem Beschauer zugekehrte Seite -gemalt hatte, erinnerte lebhaft an die naiven Darstellungen auf -altägyptischen Bildern; an der Vorderseite waren zwei große Giraffen -aufgemalt. Diese Wandbilder sind im ganzen Gebiete die einzigen Zeichen -von künstlerischer bezw. malerischer Betätigung; Quawa hatte sie -sich auf die Wände seiner Tembe malen lassen; da sie in der dunklen -Halle jedoch nicht zur Geltung kamen, ließ Merere auf den Außenwänden -seiner Tembe dieselben Bilder anbringen. Bemerkenswert ist auch, daß -Merere als erster schwarzer Herrscher im Innern sich ein zweistöckiges -steinernes Haus bauen läßt; das Aufrichten lotrechter Wände macht ihm -freilich viel Kopfschmerzen. - -Mit Herrn v. der Marwitz, der inzwischen eingetroffen, setzten wir -uns weiter in Marsch, und zwar kamen wir nun in wildreiche Gegend; -besonders die Zebras, denen ich auf meinem Maultiere mich bis auf -etwa 100 Meter nähern konnte, boten einen prächtigen Anblick; die -mit Leierantilopen vermischten Herden formierten sich manchmal -wie eine Kavallerie-Brigade mit vorgezogenen Kommandeuren und -Adjutanten. Bei Usafa, etwa drei Stunden nördlich von Gawiro, geht das -charakteristische weitgewellte Ubena-Grasland der Uheheberge auf, und -es beginnt die Tischplatten-Niederung des Mpangali oder großen Ruaha, -welche zunächst bis zur größten Ortschaft Kiwere mit Busch und Strauch -bedeckt ist. Über Kiwere hinaus, und zwar bis an den Usafaabfall im -Westen, die Vorhügel von Niam-Niam im Norden, an die Irongoberge -im Osten, dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine gewaltige, fast -baumlose Ebene aus, die zwar in der Regenzeit mit Gras bestanden, -aber in den trockenen Zeiten, namentlich nach den Grasbränden, -unbeschreiblich öde wäre, wenn nicht die kolossalen Wildherden Leben -in das Bild brächten. Verschiedentlich glaubte ich noch aus 1500 -Meter Entfernung, mitten in der gelben Ebene, eine lange Strecke -Buschwald vor mir zu sehen, der sich aber bei Annäherung als eine etwa -1000 Stück starke Herde von vorherrschend Zebras und Leierantilopen -auswies. Rhinozeros und Elefanten sind auch nicht selten, während Löwen -nachgerade hier zu Hause zu sein schienen. Merere wurde eingehend über -den Wert des Zebras belehrt. Am Mpangali selbst liegen keine Dörfer, -wohl aber ist eine Reihe Niederlassungen, meist Neuansiedelungen, durch -Merere ein bis zwei Stunden vom Flusse ab in der Steppe verstreut; nur -am linken Ufer ist die Steppe von Ulanga westlich menschenleer und fast -ohne Wald. Bei Ulanga, einer Niederlassung mit 60 Hütten, trennten wir -uns am 19. Mai 1899. Merere ging auf direktem Wege nach seiner neuen -Residenz Utengule, um Vorbereitung zum Schauri zu treffen. - -Am Ruaha schlugen wir unser Lager auf, an der einzigen Stelle, wo der -Fluß einigermaßen passierbar ist; die vielen Krokodile, die sich hier -aufhalten, machen den Übergang doch etwas riskant, ich balancierte, -die Füße auf den Hals meines Maultieres gelegt, glücklich und ohne -weitere Anfechtung hindurch. Dann trafen wir nach kurzer Mittagspause -Vorbereitungen zur Kibokojagd (Nilpferd). Ich war in keiner geringen -Aufregung: zum erstenmal auf Flußpferde pürschen -- da darf man schon -Jagdfieber haben. - -Wir waren kaum 300 Meter am Ufer entlang gegangen, als wir auch schon -die ersten Tiere sahen: prustend kamen zwei unförmliche Schnauzen -aus dem Wasser, um nach ein paar schnaufenden Atemzügen rasch wieder -unterzutauchen. -- Hier faßte Herr v. der Marwitz Posten, während Tom -und ich weitergingen. Bald fanden wir eine ganze Familie: die Alten -scheu und vorsichtig immer nur auf Augenblicke den Kopf aus dem Wasser -reckend, die Totos dagegen vergnügt und sorglos herumplätschernd. Wir -beobachteten eine Zeitlang das interessante Bild, als plötzlich von -der Seite unseres Jagdgenossen ein Schuß fiel, dem bald noch mehrere -folgten. Jetzt galt es auch für uns, zum Schusse zu kommen, ehe die -Dickhäuter sich von dem Knall verscheuchen ließen. Ich stellte mich -hinter Tom, um ihm rasch die Patronen zureichen zu können. Es war -nicht ganz leicht, den stärksten Kopf von den oft nur sekundenlang -auftauchenden Ungetümen aufs Korn zu nehmen, und es dauerte lange, -bis Tom endlich schoß. Das getroffene Tier warf sich hoch auf aus dem -Wasser, schlug mit den kurzen plumpen Beinen und versank dann lautlos; -wir hatten die Kugel dicht unter dem Auge einschlagen sehen, wenn es -also nicht zu weit abtrieb, mußten wir das Tier finden. - -Die badende Kibokoherde hatte eine Anzahl Krokodile angelockt, von -denen Tom eins, welches auf einer Sandbank am Ufer sich sonnte, zur -Strecke brachte; es war ein stattlicher Bursche. - -Herr v. der Marwitz hatte Glück gehabt, sein Kiboko hatte ihm den -Gefallen getan, angeschossen auf das Ufer zu klettern, wo er ihm den -Fangschuß geben konnte. Angesichts dieses Kolosses wurden wir doch -zweifelhaft, ob unser Kiboko auch wirklich tödlich getroffen wäre; es -ließ Tom keine Ruhe, und so ging er denn selbst noch einmal, um den -Fluß abzusuchen; sehr vergnügt kehrte er mit der Nachricht zurück, daß -auch unsere Jagdbeute glücklich auf einer Sandbank im Strome gestrandet -sei. - -Am anderen Morgen galt es, die beiden Kolosse und das Krokodil zu -bergen. Das war keine leichte Arbeit; unsere Leute strengten sich -gewaltig an, die starren, unbeweglichen Fleischkolosse durch den Fluß -und die Uferhöhe hinauf zu schleppen; die Aussicht auf den seltenen -Überfluß an Fleisch schien ihnen Riesenkräfte zu verleihen. - -Die Nachricht von unserem Jagdglück hatte sich mit Windeseile in der -Gegend verbreitet, von allen Seiten kamen Einwohner der umliegenden -Dörfer, um von der Beute ihr Teil zu holen. Ehe wir sie ihnen -überließen, photographierte ich die beiden Kibokos und das Krokodil; -dann wandten wir uns ab von dem scheußlichen Anblick dieser gierigen, -heulenden, hungrigen Schar, die mit Messern, Äxten und Speeren in dem -Fleische der toten Tiere herumwühlte und sich um die besten Stücke -zankte. - -Nur mit Mühe brachten die Wasagiras, die sich vorher schon über die -Verteilung des Fleisches geeinigt hatten, Ordnung in dieses tobende -Chaos. - -Während hier der tollste Lärm um unsere Riesenbeute tobte, saß Herr v. -der Marwitz unweit davon am Ufer und holte mit seiner Angelschnur in -größter Seelenruhe Fisch auf Fisch aus dem Wasser, die uns zu Mittag -vortrefflich schmeckten. - -Nachmittags passierten wir, nachdem wir den Fluß nochmals -durchschritten, eine Stelle, an der Herr v. der Marwitz vor einigen -Monaten 32 Flußpferde erlegt hatte; die von den Hyänen abgenagten -Knochenhaufen machten einen unheimlichen Eindruck. Kurz darauf -kamen wir nach Ulanga, einem Dorfe mit runden Hütten. Am anderen -Morgen großer Alarm: soeben war ein Trupp Elefanten dicht am Dorfe -vorbeigelaufen, in der Ferne konnten wir sie noch sehen! Eine -Verfolgung blieb, wie zu erwarten, ohne Erfolg, nur einen Antilopenbock -brachte Tom zur Strecke. Mehr Glück hatten wir später in der Nähe -einer kleinen Ansiedelung von acht Hütten, Karadja; dort konnte ich -eine Strecke photographieren, bestehend aus 1 Zebra, 1 Kuhantilope, -3 Nämära, 1 Swala, 1 Schwarzfersenantilope. Die Leute leben hier fast -ausschließlich von der Jagd, Feldfrüchte bauen sie fast gar nicht, -tauschen solche vielmehr in den Nachbardörfern gegen das Fleisch ihrer -Jagdbeute ein, und damit ist beiden Teilen aufs beste geholfen. - -Im weiteren Verlaufe unseres Marsches hatte ich Gelegenheit, mich dicht -an einen größeren Trupp von Zebras anzupirschen und die prächtigen -Tiere lange zu beobachten; ein wunderbares Bild: die zierlichen Tiere -fühlten sich ganz sicher, die Fohlen spielten und sprangen um die alten -Tiere herum, die sorglos grasten; erst als mein Maultier hart auf einen -großen Stein auftrat, schraken sie zusammen und wurden flüchtig. - -Das wichtigste Ereignis stand mir jedoch noch bevor. Etwa 150 Schritt -abseits unseres Weges stieg plötzlich eine schwarze Wolke von Aasgeiern -auf, dort mußte also ein ausgiebiger Futterplatz sein. Aber sollten -wir auf diese Entfernung hin das Frühstück gestört haben? Ich schickte -einen Wahehe nach der Richtung, doch der war kaum in die Nähe gekommen, -als sich plötzlich ein mächtiger Löwe aus dem hohen Grase erhob! Es -war ein prachtvolles starkes Tier mit dichter Mähne, die er zornig -schüttelte. Der Wahehe stand vor Schreck wie festgenagelt, und ich -meinte nicht anders, als daß der Löwe ihn im nächsten Augenblicke -unter seinen Pranken haben würde -- aber ich hatte den Wüstenkönig -überschätzt. Ehe noch Tom aus dem Sattel und mit der Büchse zur Stelle -war, hatte der Löwe sich schon bis auf etwa 300 Schritt entfernt; dann -wandte er sich wieder und äugte nach uns herüber, sobald wir ihm aber -folgten, brachte er immer größere Strecken zwischen sich und uns, bis -er endlich am Horizonte verschwand. - -Das ganze Benehmen deutet auf alles andere, als auf die vielgerühmte -Tollkühnheit und Tapferkeit des sogenannten „Königs der Tiere“ -- mir -kam es erbärmlich feige vor, als das kraftvolle stattliche Tier Reißaus -nahm. Unverbesserliche Optimisten mögen darin vielleicht ein Zeichen -der sprichwörtlichen „Großmut“ erkennen, daß er sich nicht auf den -Wahehe stürzte. Das Urteil über die bewundernswerten Eigenschaften -des Wüstenkönigs scheint mir nach allem, was unsere „Afrikaner“ davon -erlebt und erzählt und was ich selbst von ihm gesehen habe, sehr der -Revision bedürftig. Jedenfalls darf man den Begriff „König“ nicht in -dem Sinn auffassen, wie wir Europäer das zu tun gewohnt sind; man kommt -der Sache schon besser bei, wenn man den Begriff nach dem Beispiele der -sehr ehrenwerten Mitglieder des Pickwick-Klub „_in a Pickwickian i. -e. African point of view_“ nimmt. - -Da Tom für seine kartographischen Aufnahmen den Fluß als Basis -benutzen wollte, hielten wir uns die nächsten Tage am Ruaha auf. Noch -am Vorabende unseres Aufbruches, am 24. Mai, hatte ich Gelegenheit, -mich auf eine Kibokofamilie anzupirschen, die sorglos im Strom badete. -Ich muß gestehen, daß ich in nicht geringer Aufregung war, als ich -zum ersten Male die Büchse erhob, das Herz schlug mir hörbar bis -zum Hals hinauf, so daß ich mein Ziel, den in kurzen Zwischenräumen -auftauchenden Kopf meines Wildes, kaum fest in die Visierlinie bringen -konnte: ich hatte das richtige Büchsenfieber! Endlich, als sich meine -Nerven beruhigt hatten, paßte ich meine Gelegenheit ab; ich blieb im -Anschlag liegen, bis der ungefüge Kopf des zur Beute erkorenen Tieres -aus dem Wasser auftauchte, und diesmal ließ ich ihm keine Zeit, mich -wieder zu necken; noch ehe er wieder im Wasser verschwinden konnte, gab -ich Feuer -- die Kugel schlug dicht über dem rechten Auge ein, und mein -Kiboko verschwand im Wasser! Wenn ich auch meiner Sache ganz sicher -zu sein glaubte, daß der Schuß gut gesessen, war ich doch in großer -Spannung, in die sich allmählich auch gelinde Zweifel mischten, ob wir -das Tier finden würden, um so größer daher meine Freude, als unsere -Leute mit Jubelgeschrei verkündeten, daß mein Kiboko mit weidgerechtem -Kopfschuß etwas weiter stromabwärts an einer Sandbank angetrieben sei. - -Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im -Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend -durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als -afrikanische Staffage belebt dies in majestätischer Ruhe vor uns -ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im -Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen -nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die -kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln -- es war -ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren -Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper -und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die -tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille -Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben -jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden -und -- Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen -machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der -Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den -unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest -und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück -auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem -ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes, -soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es -mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all -ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das -schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem -Lande erkaufen mußte. - -Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft -und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen -unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles -birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe -sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen! - - * * * * * - -Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit -dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte; -die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren -flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile sonnten; Tom schoß -zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der -Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar -gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren -wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als -Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht -der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden -die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere -wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod -zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden -verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle, -auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband -gehörte mit zu den Attributen seiner Würde. - -Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen _Dr._ -Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir im weiteren -Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen konnten. Wir -verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe Stunden. Von -allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden, war der Tanz -seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die anstrengendste -für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24 Stunden! Wir sahen -sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das Geschrei dieser -schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe hinein. Übrigens -stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von sämtlichen jungen -Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu nennen war. - -Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine -etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte -Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz -seiner Mutter. Die alte Dame -- man kann diesen europäischen Begriff in -der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung -auftretende Mutter des Sultans anwenden -- machte auf uns den besten -Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung mit -ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die -kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres -Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl -setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch -die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken. - - - An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899. - -Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die -schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten -Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich -wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni -in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum -Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest -unserer Safari noch tragen lassen muß. - -Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel. - -Abschied von Iringa. Auf der Heimreise. - - - +Iringa+, 25. September 1899. - -Starkes Erdbeben. Wie die Wahehe erzählen, werden Erdstöße hier öfter -beobachtet. In der Tat hatten solche auch in den Tagen nach Quawas Tod, -vor Jahresfrist etwa, stattgefunden; dieses Naturereignis war damals -von den Wahehe mit dem politischen Ereignis des Todes des gewaltigsten -Negersultans in ursächlichen Zusammenhang gebracht worden. - -Am 22. November traf die Genehmigung von Toms Urlaubsgesuch ein. Seit -der Rückkehr von unserer Safari, am 21. Juni, war ich krank, wochenlang -nicht imstande, das Bett zu verlassen, es war eine furchtbare Zeit. -Auch Toms Gesundheit war infolge der Strapazen der letzten Jahre so -erschüttert, daß er, wenn auch schweren Herzens, den schönen Beruf, -dem er mit Leib und Seele angehörte, wohl aufgeben müssen wird. Ein -längerer Urlaub in der Heimat wird, so Gott will, uns beide wieder -für die Aufgabe stärken, die wir uns infolgedessen gestellt haben: -fernerhin als deutsche Landwirte und Kolonisten in diesem Lande zu -wirken. -- Nun geht es ans Einpacken. Die Hauptsorge, wo bleiben meine -Totos, meine kleinen schwarzen Pflegekinderchen, ist auch glücklich -gelöst. Missionar Neuberg wird sie bis zu unserer Rückkehr in Pflege -nehmen. - - - Weihnachten. - -Den heiligen Abend verlebten wir still für uns. Die beiden Feiertage -folgten wir einer Einladung nach der katholischen Mission, wo die -erste Taufe an erwachsenen Eingeborenen stattfand. Abends hatten die -lieben Schwestern der Mission es sich nicht nehmen lassen, uns einen -Weihnachtsbaum zu schmücken, sie und Pater Severin hatten allerhand -hübsche Weihnachtsüberraschungen für uns in Gestalt von geschnitzten -Holzgeräten, wie Näpfe, Löffel und dergleichen, in deren Anfertigung -die Wahehe sehr geschickt sind. - -Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im -vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten -wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das -heilige Abendmahl genommen. - -Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der -Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns -herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden -sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie -hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von -dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen. -Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es -eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung -hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus -einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei -den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten -vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein. - -Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten -noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten -mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es -mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine -Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute. -Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter -militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt -eine Ansprache an die Askaris, in der er betonte, er freue sich, -seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu -können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte -er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner -auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe -unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann -durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der -schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich -gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit -Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden -Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des -Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die -Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern -Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg -hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten, -dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer -begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine -Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren -benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter -und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte..... - - - 5. Januar 1900. - -Der steile Abstieg liegt hinter uns. Das waren anstrengende Tagemärsche -und noch dazu in strömendem Regen. Das Gebirgsland Uhehe liegt hinter -uns, jetzt nähern wir uns wieder der Ebene. Der Temperaturunterschied -ist bereits fühlbar, die frische, reine Bergluft werden wir nun nicht -wieder atmen, die Ebene mit ihren warmen, fieberbergenden Ausdünstungen -macht sich geltend. Ich ließ unsere Karawane an mir vorüberziehen, -Träger, Askaris mit ihren Frauen und Boys, alles in allem etwa 150 -Menschen; unter ihnen die Witwe eines unserer Askaris, eine Sudanesin, -die nach dem Tode ihres Mannes wieder in ihre Heimat zurückkehren will; -sie hat mir oft in Haushalt und Küche geholfen, bei dem Begräbnis -ihres Mannes schloß ich mich dem Gefolge an, nicht als _Bibi Kwubwa_ -(„gnädige Frau“), sondern als Leidtragende, was ihr damals von den -anderen Frauen als hohe Ehre angerechnet wurde, jetzt geht sie unter -meinem Schutze zurück zur Küste. - -Die Jumben aus der Umgegend stellen sich alle ein, um uns glückliche -Reise zu wünschen; dabei tauschten wir alte Erinnerungen aus, wie sie -uns damals feindlich gegenüberstanden, als Quawas Einfluß noch wirksam; -ich frug sie, warum sie mich damals in Perondo nicht angegriffen -hätten, obgleich sie wußten, daß Tom auf einem Kriegszuge abwesend -war; die Antwort lautete wieder: wir hatten Furcht vor dir, man hatte -uns überall gesagt, du würdest uns alle töten! Nähere Erklärungen -über diese heikle Frage vermied ich mit diplomatischer Gewandtheit, -im Stillen segnete ich aber die Urheber jenes Gerüchtes, dem ich es -verdanke, daß ich mich jetzt wohlbehalten auf der Heimreise befinde. -Von großem Interesse ist es mir, aus Toms und der Jumben Unterhaltung -zu hören, wann und wie nahe wir uns oft gegenübergestanden haben; -das wird jetzt alles mit einer Gemütlichkeit und einem Interesse -verhandelt, als gälte es einem Jagdzuge auf Kibokos und nicht dem -Vernichtungskampfe auf Leben und Tod. Gott sei Dank, daß wir jetzt so -ruhig über jene Zeit reden können. - - - +Mgowero+, 6. Januar 1900. - -Der Übergang aus dem gesunden Gebirgsklima Uhehes zur heißen Ebene -macht sich geltend; der heutige Marsch in der Glühhitze war furchtbar. -Als wir am Lagerplatz unser Zelt aufschlagen ließen, stürzte einer der -Leute vom Hitzschlag getroffen und starb trotz aller angewandten Mittel -bald. Seine Frau wollte mit ihrem Jungen, einem allerliebsten kleinen -Bengel von drei Jahren, bei der Leiche zurückbleiben, doch redete ich -ihr so lange zu, bis sie sich entschloß, mit mir weiterzuziehen; was -wäre aus dem armen Weibe in der Wildnis geworden? - - - 7. Januar 1900. - -Übergang über den sehr breiten, aber nicht tiefen Ruaha, in etwa 500 -Meter Meereshöhe. Der Abstieg zum Teil ungemein steil, die Hitze nimmt -zu. Die Vegetation zeigt schon ein ganz anderes Bild; die herrlichen -Pelargonien, die in Irole so üppig wuchsen, daß ihre Blüten die -Hügel und Abhänge ringsum wie mit Rosa überzogen erscheinen ließen, -sind verschwunden. Der gestrige Todesfall hat bös auf die allgemeine -Stimmung gewirkt, heute sind uns zwei Träger fortgelaufen; die Hitze -wird immer fühlbarer; der schöne Algierwein, der all die Jahre über -unsere Freude und Stolz gewesen, will nicht mehr schmecken, dagegen -steigt der beinahe verächtlich behandelte Moselwein in unserer -Sehnsucht; überhaupt kommt alles Saure und vor allem Früchte zur -Geltung, während uns Fleisch anwidert. - -Unter dem Allerleirauh unserer Karawane zeichnet sich ein -Wanjamwesi-Ehepaar aus; sie hilft ihrem Manne beim Tragen der Last, -im Lager geht sie mir viel zur Hand; ein angenehmer Gegensatz zu den -meist so faulen Weibern unserer Soldaten. Die Jumben mit ihrem Anhange, -die uns hier besuchen, zeigen auch schon einen von den schneidigen -Wahehe in den Uhehebergen ganz verschiedenen Typus; Jumbe Musaka von -Marore, der heute im Lager war, machte ganz den Eindruck eines alten, -gemütlichen Bierphilisters; nichts mehr von jenem stolzen, natürlichen -Selbstbewußtsein, das unsere stattlichen Wahehe so ungezwungen zur -Schau trugen; das heiße Klima der Ebene erschlafft. - - - 8. Januar 1900. - -Wir passierten das Dorf Marore; hier waren die Hütten schon alle aus -Stroh gebaut, nichts erinnert mehr an die Bergstämme von Uhehe. Das -Land ist von üppigster Fruchtbarkeit, wir sehen viele Ziegen, aber -keine Rinder. - - - +Kisenguana+, 9. Januar 1900. - -Toms Geburtstag! Mein armer Mann ist leider wieder sehr elend, das -Fieber hat ihn auf unserem Marsche noch kaum einen Tag verschont. So -feierten wir den Tag recht still. - - - +Ndisi+ (auf Deutsch „Bananen“), 10. Januar 1900. - -Leider sind die Bananen noch nicht reif. Sehr zustatten kommen uns -die Rasthäuser, die auf der Strecke angelegt sind, man findet nach -dem heißen, anstrengenden Marsche doch gleich einen schattigen, -kühlen Aufenthalt unter dem Schutze dieser weiten Strohdächer; die -ganze Karawane, Menschen und Vieh, drängt sich um diesen gegebenen -Mittelpunkt zusammen. - - - +Mangatua+, 11. Januar 1900. - -Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam -uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef -Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei -Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg -ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und -Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum -Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben -Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist -hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen, -die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund -mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk -in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat. -Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von -Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er -zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer -Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache -des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß -die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den -angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen. - - - +Kilossa+, 12. Januar 1900. - -Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis 3½ -Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die Station Kilossa, die -er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die schöne -Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die liebenswürdigste -Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer freudigen -Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen hier die -Leutnants Sand[11] und Pfeiffer[12], die, von Dar-es-Salaam kommend, -auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister Asp, der -nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes Kommen und -Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde -einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien Gäste für sie -ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel und _Dr._ -Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns hergerichtet; wir -wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen wir uns den -Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst vergnügt. - -Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes, -den Pater Oberle, auf seiner Station +Mrogoro+ zu begrüßen, bis wohin -unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das Geleite -gegeben hatte. - -Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene -unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem -aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche -Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen, -Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen, -ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste -Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen -habe, 46 _m_ lang, 10 _m_ breit, 8 _m_ hoch. Der Pater Superior ließ -die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend, wie hübsch die -deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob konnten wir aber -dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes Orgelspiel spenden. -Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit 1892 befreundet, als -Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am Abend trennten wir uns -von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch länger beherbergt hätte. - -Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir -ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das -Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer -Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich -bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen -biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen -alten Dame. - -Am 17. waren wir in +Mrogoro+. Unser Lager ist wieder der Sammelplatz -aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die -Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen -ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden -wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging -es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“ -ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden. -Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei -Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam -auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt -ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird -erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und -instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis -mehr, da man sie dann umgehen kann. - -Am 18. passierten wir +Kiroka+, das „Pensionopolis“ unserer Askaris, -von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier -angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen -uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten -wir in Kikundi. Von hier aus wird die Gegend ganz eben, die Rasthäuser -sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird -selten. - - - +Sabiro+, 19. Januar 1900. - -Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch -das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege -tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam, -ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum -noch gerechnet. - - - +Geringeri+, 20. Januar 1900. - -Die erste verheiratete Europäerin, die ich seit vier Jahren sah. -Leutnant v. Trotha, auf dem Marsche nach dem Kivu-See, und Sergeant -Heß, dieser mit seiner Frau auf dem Wege nach Tabora, kamen heute hier -an; wir bewirteten sie bei uns; sie ist die erste Unteroffiziersfrau, -die nach einer der Stationen im Innern geht, eine stattliche, große -Erscheinung, blond, von energischem Wesen; sie scheint mir für die -Verhältnisse im Innern sehr gut geeignet, und das Beispiel einer -rührigen, praktischen Hausfrau wird bei dem bekannten Nachahmungstriebe -der Neger, die gern sich nach den Gebräuchen der höherstehenden weißen -Rasse richten, sicher gute Früchte tragen. - -Am 21. waren wir in +Kigongo+, am 22. Ruhetag. - -Am 24. Januar bei +Msenga+, besonders heißer Marschtag, aber auch -besonders merkwürdig; wir erreichten den ersten Kilometerstein, 80 _km_ -von Dar-es-Salaam!! Da waren wir also glücklich wieder an der Grenze -der Zivilisation angelangt; ich glaubte, meinen Augen nicht trauen -zu dürfen, als sich plötzlich dieses altgewohnte Zeichen deutscher -Kultur an unserer Karawanenstraße erhob. Wie wir als Kinder oft auf -der Landstraße die Schritte von einem Meilenstein zum anderen gezählt -hatten, so kontrollierten wir nun hier, mit der Uhr in der Hand, -die Zeit, die wir für jeden Kilometer brauchten; das Ergebnis war -erfreulich, wir machten den Kilometer durchschnittlich in 10 Minuten. - - - 25. Januar 1900. - -Nach fünfstündigem Marsche wohltuende Ruhe. Wir besuchten einen unserer -früheren Unteroffiziere, Sabatke, der sich hier angesiedelt hat, und -freuten uns der hübschen Häuslichkeit, in der eine deutsche Hausfrau -waltet. Das Heim, das sich diese jungen Ansiedler geschaffen, blitzt -und glänzt von Sauberkeit, unter schattigen Bäumen Tische und Stühle -mit zierlichen weißen Decken, und ringsum das lebhafte Treiben und -Lärmen des gutbesetzten Geflügelhofes mit Hühnern, Enten und Tauben, -auch die Esel gaben ihr Teil zu dem ländlichen Konzert. Nach einem -letzten Wegetrunk nahmen wir Abschied von unseren Landsleuten und -kehrten nach dem Lagerplatz zurück, wo wir unsere Leute in freudiger -Aufregung bei großen Mengen von Reis fanden, an denen sie sich für die -Entbehrungen auf dem Marsche schadlos hielten. Es war doch oft bei -ihnen recht knapp zugegangen, doch nun winkt ja das Ende: wir sind an -der Küste. - - - +Kisserawe+, 26. Januar 1900. - -Auf der Evangelischen Mission. -- Wie schön ist es hier, ein irdisches -Paradies -- und doch lauert der Tod ringsum in dem Schatten der Bäume, -noch hat das Fieber hier seine Stätte. - -Man kann den Opfermut der Missionare nicht genug bewundern, mit dem -sie den schier aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind -aufnehmen, jeder Fuß breit Landes wird schwer erkämpft, Grabsteine -bezeichnen die Etappenstraße, auf der die Kultur ihren Einzug hält. -Auf der Station herrscht reges Leben, eine Welt im kleinen hat sich -hier gebildet, überall wird gearbeitet, denn die Väter führen ihre -schwarzen Pflegebefohlenen recht eigentlich im Geiste des „Bete und -arbeite“ dem Christentum zu. Tischler und Drechsler, Schmiede und -Zimmerleute und was sonst noch alles für Handwerker beim Bau und der -Entwicklung der Station gebraucht werden, haben sie sich aus dem -spröden, aber bei verständnisvoller Behandlung doch bildungsfähigen -schwarzen Menschenmaterial herausgemodelt. Ein schönes Haus mit Türen -und Fenstern zeugt von dem erzieherischen Wirken unserer evangelischen -Mission; der Segen der Arbeit ruht sichtbar auf ihrem Tun. Nachdem -uns die Kinder noch mit einigen deutschen Gesängen erfreut, nahmen -wir Abschied von den gastfreundlichen Missionaren und gingen nach -unserem Lagerplatze bei Pugu, der Versuchsstation für Viehzucht, die -Gouverneur Liebert angelegt hat. Dort trafen wir Herrn Leopold, der aus -Dar-es-Salaam zur Besichtigung der Station gekommen war, und verlebten -einen fröhlichen Abend. - -Der Gegensatz der abwechselungsreichen Geselligkeit der letzten Tage -zu dem oft monatelangen Entbehren europäischer Gesellschaft -- für uns -während der letzten vier Jahre doch eigentlich der Normalzustand -- -wirkte geradezu aufregend; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt -erschien uns aber der erste Reitersmann, der unbehindert durch Träger, -Askaris, Weiber und Boys wohlgemut sein Rößlein tummelte -- wir sind an -der Küste! - - - +Dar-es-Salaam+, Kaisers Geburtstag, 1900. - -Wir sind da! Der erste Abschnitt unserer afrikanischen Tätigkeit ist zu -Ende. Morgen gehen wir an Bord des „Herzog“, der uns der alten Heimat -zuführen soll. Nicht für immer, ein Erholungsaufenthalt von einigen -Monaten soll meinem Gatten, den Asthma und Fieber in den zehn Jahren -seiner ostafrikanischen Tätigkeit bös mitgenommen haben, und auch mir, -an der diese vier Jahre Ostafrika nicht ohne Spuren vorübergingen, -frische Spannkraft verleihen zu unserem Lebensziel: als deutsche -Landwirte in friedlichem Wettstreite an unserem Teil mitzuarbeiten an -der wirtschaftlichen Erschließung unseres +deutschen+ Afrika. - -Dazu wolle Gott uns seinen Segen geben! - -[Illustration] - -[Illustration: - - Massow Frau v. Prince - Hasso Adalbert - -Frau v. Prince mit ihren Kindern. - -(Zu S. 213.)] - - - - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel. - -Wie unsere Plantage entstand. - - -Vorstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten -geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche -Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat -gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im -gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs, -von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher -Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen. - -Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen -sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk. -Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in -den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus -Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter, -sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen -und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man -all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann -mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt -verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte -ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe, -mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo -aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte, -den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der -schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm -hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein. - -Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste -Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des -damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt -in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der -Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v. -Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging. -Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen -hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen. - -Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller -begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte, -die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der -Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft, -die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, -- es ist immer wieder, -als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen -- -begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir -von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen -Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste -aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen. - -Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika -Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa -1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das -Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns -zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte -uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich -steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir -ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem -Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb, -weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe -zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist -auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit -vor der deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit -steten Einfällen drohten. - -Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen -vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten -Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser -Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es -richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man -achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten -stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine -scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß -man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß. - -Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage -gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als -im lieben alten Deutschland. - -Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem -angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene -kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf -eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu -bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen -besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für -irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf -einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre _Bibi_ (Frau) sein. - -So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten -Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es -bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit -der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird -man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben -müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen -zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang -zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und -die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den -anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar. Während von dem -von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite -suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und -schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder, -und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material, -das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es -wieder und wieder heißt: „Heut sind vier -- sechs -- zehn Arbeiter -verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung. -Gewiß -- auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der -Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb -des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren, wo -er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei kommt -eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika, nämlich -zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos. Ich -hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für unsere -Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in der Not -meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe bringen. -In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten -- aber als ich -sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich darauf, -ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum baten. Jetzt -läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „_Cherchez la femme._“ -- - -Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere -zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager, -nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine -Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel -harter Arbeit -- und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig -zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die -Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich -ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um -unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den -Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf -gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten -fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden -Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und -Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt -- manchmal kam mir’s -vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien. - -[Illustration: Ziegeltrocknen in der Sonne. - -Im Hintergrunde die Schuppen. - -(Zu S. 223.)] - -[Illustration: Landschaft in West-Usambara. - -Im Mittelgrund Wasser tragender Küchenboy. - -(Zu S. 226.)] - -Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die -Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer -genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale -siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn -solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er -geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten -Schaden an. - -Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des -Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie -eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich. -Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände -gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert; -wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige, -Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen -erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des -Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich -die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch -gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt -schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald -kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt. -Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute -unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches -Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte -Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt. - -Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange -noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“. -Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter -nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren Köpfen herangeschleppt. -Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs -des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein -stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit -Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen -Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der -starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall -mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die -Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei -nasser Erde verklebt. - -Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den -festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten -wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten -und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen, -Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar -auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen. - -Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr -Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen -absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam, -daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können. -Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten -brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus -und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner -Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich -und täglich neue Freude an jedem Fortschritt. - -In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar -nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich -bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt -hatten; wie empfanden wir’s, als wir -- das Angenehme immer gern dem -Nützlichen zugesellend -- uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes -Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen -mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren -Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über -romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor -allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum -ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der -Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von -denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch -durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit -Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte! - -Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden. - -Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an, -der Assistent -- wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor -sagen; natürlich ein Weißer -- trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein. -Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen, -und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine -Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. -- Nach -dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten -Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine -besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen, -und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt -der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die -Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der -Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im -letzten Augenblick springen die Schläger -- sechs Mann z. B. bei einem -Stamm von etwa drei Meter Umfang -- geschickt zur Seite und begleiten -das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die -Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das -Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor, -ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des -Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg. - -Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen -die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen und -Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten, -die Steinschläger und Ziegelformer -- denn wir arbeiten ja nun auf -das wirkliche Haus los --, endlich der große Trupp, der den Spuren -der Axtschläger folgt. Es beginnt der +erste+ Kleinschlag am -gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das -Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt. - -Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder -die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter -erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt -übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort -unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt -sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in -undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu -Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken -ausschauen. - -Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum +zweiten+ Kleinschlag. -Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren Äste -fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest in -kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen die -Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den -Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende -Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben -und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der -beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn -unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt -aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen -Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen -nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei -bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen -Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein -gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große -Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich -kann es mit gutem Gewissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute -existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht -vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den -Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht -nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von -den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man -kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus. -Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden, -für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie -stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig +gerechte+ Behandlung hat er -Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn! - -Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir -bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier. -Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten -Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt -werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde -stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 _cm_ tief und 60 _cm_ -breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde auszufüllen -sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die Beete, denn -die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat sich nach -einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes Wetter, so -kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen, die in den -Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden herausgenommen -und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie an mit -unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. -- aber ich will hier keine -Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten, das -ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug. - -Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten -Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat -- von der -Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal -gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich -noch weit mehr überraschten, als das Auftreten der Heuschrecken -selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie -übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel -abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines -Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die -Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber -noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von -Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran. -Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten -sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe -nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit. -Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche -gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf -aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als -diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen -Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere -liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. -- - -Als unsere Plantage -- ja immer das Wichtigste! -- einigermaßen im -Gange war, konnten wir endlich auch an den Bau eines massiven Hauses -denken. Guter Ton für die Ziegel war nach einigem Suchen gefunden -worden, und die Ziegelei mit all ihren Finessen längst im Betrieb. -Für das Fundament unseres Hauses aber brauchten wir Steine; zum -Steinschlagen jedoch hatten die Neger merkwürdigerweise weder Neigung -noch Fähigkeit. Es war ihnen zu neu, sie bildeten sich auch wohl ein, -es sei eine furchtbar anstrengende Arbeit. Erst nachdem ihnen mein -Mann höheren Lohn gab und einige besondere Vergünstigungen zugestand, -ließ sich das seltsame Vorurteil wenigstens bei den besten überwinden. -Allmählich lernten sie sich auch ganz gut ein: anfangs schlugen sie -nur kleine Steine los, bald verstanden sie jedoch auch größere Quadern -zu lösen. Übung macht den Meister. Umständlich und schwierig war der -Transport der Steine zur Baustelle, wie auch der der Ziegel. Einen -Fahrweg anzulegen, lohnte nicht, zumal da eingefahrene Tiere nicht zu -kaufen sind. Ein Versuch mit Eseln aber scheiterte kläglich an deren -Störrigkeit. So mußten wir schließlich doch zu der alten afrikanischen -Transportart zurückgreifen: die Steine und Ziegel wurden von den Negern -herangetragen. - -Nachdem wir sehr gründlich als unsere eigenen Architekten den Plan des -Hauses durchberaten hatten, ging’s ans Abstecken und das Bodenausheben -für das Fundament. In der Nähe der Baustelle war ein Loch ausgehoben -worden, in dem der Mörtel zurechtgestampft wurde. Leichtfüßige Knaben -trugen ihn in leeren Petroleumfässern -- die in Afrika ein gar -begehrter, vielseitig verwendeter Artikel sind -- den Maurern zu, die -schon am Werk waren mit nicht geringem Geschrei: „_Udongo! Udongo!_“ --- „Erde her!“, also ungefähr unserem „Lehm up“ entsprechend. Die -Herren Maurer sind wie bei uns verschieden geschickt; so erhielten -die gewandteren die Erker, Fenster-, Türkanten zugewiesen, die minder -tüchtigen die glatten Flächen, wobei sich freilich beim Nachprüfen -mit dem Lot oft genug die Notwendigkeit ergab, ein ganzes Stück -windschiefer Arbeit wieder einreißen zu lassen, denn Augenmaß ist den -Negern nicht gegeben. - -Mit wachsender Freude sahen wir die Mauern emporsteigen und den Inder -in Tätigkeit, der hier den Zimmermann spielte, Tür- und Fensterrahmen -und den Dachstuhl bearbeitete. Grade damals -- zwischen Tür und Angel -sozusagen -- wurde mir mein erster, kleiner Usambarit geschenkt, der -mit seinem schwarzen Milchbruder um die Wette prächtig heranwuchs, ja -jenen bald überholte. - -So kam das Rüstfest heran, denn ein solches darf auch in Ostafrika -nicht fehlen. Als der Dachstuhl lag und mit Wellblech, wie hier fast -überall, eingedeckt war, meldeten sich die Maurer um ihren Backschisch, -und ein junges Öchslein mußte zur Feier des Tages sein Leben lassen; -natürlich auf „koschere“ Art, denn die meisten Neger essen kein -Fleisch, wenn das Tier nicht am Halse durchschnitten wurde -- selbst -mit der Jagdbeute verfahren sie nach Möglichkeit so. - -Bald war das Haus auch verputzt, und frohen Sinnes zogen wir in -das erste Zimmer, das fertig geworden war. Wirklich sehr frohen -Sinnes, weil das Wohnen in der Hütte uns durch die Ratten gründlich -vergällt wurde -- so sehr, daß wir sogar schon reumütig zu den Zelten -zurückgekehrt waren. Endlich, endlich hatten wir jetzt ein eigenes, -festes Dach über uns! Eine bleibende Stätte! Es kam uns vor, als hätten -wir einen steilen, steilen Berg erklommen und dürften nun befriedigt -und dankbar von unserer Höhe auf die arbeitsreiche Zeit zurückschauen, -die hinter uns lag, und zuversichtlich hinaus auf die Zukunft vor uns! - -Stillestehen, ruhen und rasten freilich darf man nie. Unsere Anlage -wurde denn auch fortgesetzt vergrößert und ausgebaut. Massive Ställe -entstanden und massive Arbeiterwohnungen, zu denen sich die Waschambaas -drängten -- solch schmuckes, sauberes Häuslein zieht sie doch mächtig -an -- und wir erkannten in ihrem Bau ein wichtiges Mittel, uns einen -festen Arbeiterstamm zu sichern. Natürlich erhält jeder Mann zu seinem -Hause auch soviel Feld, wie er haben will, um ihn recht seßhaft zu -machen, und er wird bei der Einrichtung nach allen Richtungen hin -unterstützt. Ich muß es immer aufs neue wiederholen: wir sind ja auf -den Neger angewiesen und müssen ihn durch seinen Vorteil an uns zu -ketten suchen. - -Die Plantage machte die erfreulichsten Fortschritte; wir können bis -heute mit dem Wachstum des Kaffees durchaus zufrieden sein. Mit -welcher Freude verfolgt man das von Jahreszeit zu Jahreszeit! Am -schönsten ist es, wenn die Pflanzung abblüht; dann sieht es aus, als -wenn frischgefallener Schnee über den Feldern liegt, und geht man -hindurch, so duftet es fast betäubend. Später beobachtet man wieder -den Fruchtansatz mit gespanntem Interesse, die wachsende Rundung und -Vergrößerung der Kirsche. Allmählich färben sich die grünen Beeren -dabei gelblich, schließlich nehmen sie eine prachtvolle Purpurfarbe an, -und ihr süßliches Fleisch winkt den Vögeln als schmackhafte Speise. -Nun ist auch die Zeit der Ernte gekommen. Männer, Frauen und Kinder -ziehen mit ihren Körben in langen Reihen aufs Feld. Am Nachmittag wird -das Geerntete heimgebracht und am Pulper aufgeschüttet. Der Strahl -einer Wasserleitung führt die Kirschen durch den Pulper, wobei sie -ihres Fruchtfleisches beraubt werden, in die Gärbassins. Darauf kommt -der Kaffee -- die Bohnen -- in Waschbassins, während die Schalen -für spätere Düngung gesammelt bleiben. Die Bohnen wandern dann zur -Sonnentrocknung auf Tennen, wo sie beständig gewendet werden müssen, -und schließlich, oder bei schlechtem Wetter auch sofort, in die -Aufbereitungsanstalt. Bei schlechtem Wetter! Ja, des Wetters Gunst -oder Ungunst spielt bei uns dieselbe Rolle, wie nur bei irgend einem -ostelbischen Agrarier, und heilfroh sind wir, wenn der letzte Träger -mit dem letzten Sack Kaffee sich auf den Weg zur Bahnstation macht. - -[Illustration: Blick auf unsere Kaffeeplantage. - -Im Vordergrunde offene, mit gutem Boden für die Pflanzen hergerichtete -Löcher. - -(Zu S. 224.)] - -[Illustration: Unser fertiges Wohnhaus. - -Rückseite mit Aussicht auf den Hof. - -(Zu S. 224.)] - -[Illustration: Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in -das Speisezimmer. - -(Zu S. 224.)] - -[Illustration: Idyll auf dem Hofe der Kaffepflanzung zu Sakkarani. - -(Zu S. 229.)] - -Meine besondere Hausfrauenfreude ist natürlich mein Garten. Da -blühen und duften als deutsche Lieblinge längst Veilchen und Rosen, -zwischen ihnen aber auch eine schöne Afrikanerin, eine lilienartige -Amaryllis mit einem prächtigen Kranz von fünf großen, weißleuchtenden, -bräunlichrot gestreiften Blättern. Zu den ersten Apfelsinenbäumen -haben sich Apfelbäume und Pfirsiche hinzugesellt, welch letztere in -anderthalb Jahren drei Meter hoch wurden und prächtig tragen; auch -Kirschen, Birnen und Pflaumen ernte ich schon. Ausgezeichnet gedeihen -die angepflanzten Eukalyptusbäume, die in vier Jahren die enorme Höhe -von fünfzehn Metern erreichten und mich, aus der Ferne gesehen, oft -an unseren heimischen Fichtenwald erinnern. An europäischem Gemüse -fehlt es meiner Küche nie. Aber auch allerlei Versuchsbeete sind -angelegt worden: Chinin, Kampfer, Gerberakazie. Man muß erproben, -was zu bauen sich lohnt. Neuerdings versprechen wir uns, neben dem -Kaffee, viel vom Kautschuk und, was meinen Lesern neu sein wird, -von Zedern-Anpflanzungen. Das Zedernholz ist ja, schon für die -Bleistiftfabrikation, ungemein gesucht. Ich darf’s als unsere bestimmte -Hoffnung verraten: unsere Usambara-Zedern werden dereinst es mit den -historischen vom Libanon mindestens aufnehmen können. - -Wie wir leben? - -Wir arbeiten! Das ist das beste. Aber man denke nun nicht, daß wir in -ostafrikanischer Einsamkeit versauern. Es gibt heut, mindestens bei uns -in den schönen Usambara-Bergen, keine Einsamkeit in dem Sinne, wie der -Deutsche in der Heimat sich das vorstellen mag. Es fehlt uns durchaus -nicht an Verkehr. Gleich den Gutsbesitzern daheim wechseln wir Besuche -mit den befreundeten Besitzern der Nachbarplantagen, mit den Herren vom -Bezirksamt, mit den Gästen des nahen Sanatoriums. Das Traumbild, das -uns vor fünf Jahren, beim ersten Einrücken in unser Reich, aufstieg, -hat sich nun verwirklicht, und so mancher Leidende aus den heißen -Gebieten holte sich im Usambara-Sanatorium bereits frische Kraft. - -Und dann gibt es viele, viele liebe Gäste. Freilich ist der Besuch -sehr verschiedener Art. Da sind, um mit dem Auslande anzufangen, -durchreisende Engländer; besonders dankbar für die genossene -Gastfreundschaft. Dann deutsche Jäger: zumal willkommen hiesige -Bekannte und solche Männer, die, wie Prof. Dr. Paasche, aus reinem -Interesse für die Kolonie zu uns kommen und sich mit offenem Blick -in ihr zu orientieren vermögen. Auf der andern Seite fehlt’s aber -auch nicht an „verbummelten Genies“, die sich von einer Plantage -zur andern durchfuttern und die man nicht selten, mehr oder -minder sanft, herausgraulen muß, am leichtesten meist durch sich -steigernde Einschränkung -- der geistigen Getränke. Weiter kommen -Stellungsuchende, oft sehr fragwürdiger Art, und auch Goldsucher fehlen -nicht. Wir liegen wirklich nicht mehr außerhalb der Welt. Was bedeuten -denn die vier Stunden zu unserer Bahnstation Mombo? Für unsere Eltern -war’s daheim oft weiter bis zum nächsten Schienenstrang. Ein Hotel -gibt es eben in unserer Nähe nicht, und so ist jeder Reisende auf -Gastfreundschaft angewiesen, die aber überall in Deutsch-Ostafrika aufs -freundlichste gewährt wird. - -Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen? -Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter -ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne -Rinderherde. Eier gibt’s reichlich -- nur sehr klein sind sie. Frisches -Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und manchmal Rind und Schwein; -Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut -zubereitet etwas ganz Vortreffliches. - -Früh -- meist recht früh -- gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und -kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht -mit Gemüse und Kompott; am Abend -- um 6 Uhr wird nämlich mit der -Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette -- -gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und -Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben -Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir -nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal -ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu -Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen. - -Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere -Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen -Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch -Wildnis -- heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles -Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen -Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement -verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut -ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 _ha_ bebautes Land -ergeben auf 10 _ha_ Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich ein -bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber -ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn -ermöglicht -- und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen -Kolonialbahnen eifern. - -Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der -Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der -Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man -träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke -an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister, -liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am -festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die -Briefe von den Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht -bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die -Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in -so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel, -den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde -ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe -immer aufs neue dagegen an. - -Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um -sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren -mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen -wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde -gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen. - -Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und -begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr -viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein -Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre -dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre. -Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen. - -Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen -Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten) -und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler -& Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute -Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen -bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen -auch Velhagen & Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen. -Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages -Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen -beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und -suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das -kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich -auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich -selber in Zucht zu halten. - -Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf eigenem Grund -und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein -nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten -Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir -entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer -ausgedehnteren Jagdexpedition -- immer wir beide, denn in Afrika (und -das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen -wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern --- „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht -ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner, -erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens. -Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt, -heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses, -seines Komforts -- und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit -unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge -prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben -mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag -vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste -Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und -Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem -Nesthäkchen anzunehmen. - -Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt. -Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in -hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen, -daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen -des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden -übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der -Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara -entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen -der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny, -auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer -Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den -mein Mann von Sakkarani aus in Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde, -angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat -mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen -Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen. -Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen -Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen -die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki -bekam sogar ein Sultanat. -- - -Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns +Nigmann+ -und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine hervorragende Rolle -auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell entschlossen eilte Hptm. -Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte die Station Wahenga noch -in elfter Stunde und befreite sogar die fern im Süden gelegene Station -+Songia+ von den sie umlagernden Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme -der dortigen Gegenden sind, beweist der Umstand, daß bei Songia der -einzige Europäer, der in dem Aufstand im offenen Felde gefallen ist, -_Dr._ Wiehe, den Heldentod fand. Abermals hat Heldenblut besonders -schwarzer deutscher Untertanen den Boden Afrikas getränkt, möchte es -segensreiche Frucht tragen und endgültig allen Kampf von dem schönen -Lande fernhalten. - -Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen, -tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch -in brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem -aus dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern -sind manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder -wie Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. _Dr._ Fülleborn in Hamburg -am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d. -Marwitz, Albinus, Prof. _Dr._ Ollwig, sind noch so glücklich, ihre -Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun -weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm -Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst -nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar am -Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August -die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga. - -Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres -hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich -noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er -dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und -Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird -er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird -sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das -Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen -Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet -werden. - -Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige -Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert -unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von -Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses -Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt -und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege -und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der -Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt -das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem -Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der -selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch -eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64 -Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und -nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem -die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir -unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines -Hierseins -- 3 Tage --, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2-4 -Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich -mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute -überzeugen. Dieses sind durchweg Leute, die bei der Einwanderung -10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne -Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland -Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes, -menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie --- je zahlreicher desto besser -- litt, um so mehr wird er die Wohltat -des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden, -relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden -bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht -unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht -gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen, -vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für -die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger -zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer, -freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln, -Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf, -ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch -die Milch hätten. - -Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für -den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes -freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen, -von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der -moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur -ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen -können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand -im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die -intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den -wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen. - -Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen -aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten -Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten -sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen -verarmten Familien zu ermöglichen, ein neues segensreiches Leben zu -beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich, -gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern -wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen, -sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und -dort zu schönem Stamme aufschießt. - -Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher -auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie -Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden; -sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen -können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr -Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen -zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen -Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den -ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer -nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die -Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich -einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus -verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern -gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu -führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute -sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig -zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die -Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht -fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint -werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die -Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre -(es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen -und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als -Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren -Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in -Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich -dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in -erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da -es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde -und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und -die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt -für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund. - -[Illustration: Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach -Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896. - -1. Hr. Dr. Arendt. 2. Hr. Justizrat Dietrich. 3. Hr. Amtsgerichtsrat -Schwarz. 4. Hr. Oberstabsarzt Hönmann (der hiesige Begleiter). 5. -Hr. Oberamtsrichter Kalkhof. 6. Hr. Ingenieur Hackbarth (Leiter der -Usambara-Bahn). 7. Hr. v. Prince. 8. Hr. Kapitän Doherr von der -Deutsch-Ostafrika-Linie. 9. Hr. Lehmann. 10. Hr. Bezirksamtmann Zache -von Tanger. 11. Hr. Oberst v. Massow. 12. Fr. v. Prince. - -(Zu S. 231.)] - -Für Unverheiratete, die in der Steppe eine Farm gründen wollen, sind -Kapitalien von 30000-50000 Mark erforderlich. Für Familien mit Kindern -ist eine Ansiedlung dort wegen der Malaria nicht zu raten. - -Ich schreibe dies im „Wonnemonat Mai“, wo zu Hause alles blüht und -sprießt und zu neuem Leben erwacht ist. Auch uns gibt der Mai frisches -Leben durch seine große Feuchtigkeit. April und Mai sind für uns die -Winterzeit, die hier sogenannte große Regenzeit, für sie wird schon -Monate vorher fleißig vorgearbeitet. Da wird der Boden urbar gemacht -und zubereitet, um die Pflanzen, wenn die Regenzeit beginnt, aufnehmen -zu können. Den neuen Anpflanzungen gibt der Regen frische Kraft, -daß sie schneller anwurzeln. Dies ist für alle Kulturen das gleiche -und ändert sich nur in der Art des Geländes; bei Grasland z. B. ist -die Arbeit eine entsprechend geringere als bei Buschland. Ein guter -Pflanzer ist derjenige, der bis zur großen Regenzeit -- so genannt zum -Unterschied von der kleinen Regenzeit im November und Dezember, weil es -in diesen Monaten weniger regnet -- sein gestecktes Ziel erreicht hat. - -Überhaupt, gesund sind wir alle! Früher galt der Satz als unumstößlich -richtig: wo es in Afrika fruchtbar ist, ist es ungesund und gesund -nur, wo es unfruchtbar ist. Nun, Usambara liefert den Beweis, daß -das in dieser Verallgemeinerung nicht zutrifft. Auch außerhalb der -Usambara-Berge weist Deutsch-Ostafrika noch weite, weite Strecken -Landes auf, in denen der Deutsche arbeiten kann. - -Ich hoffe und ich glaube es bestimmt, unsere Berge werden in nicht -allzu ferner Zeit vielen fleißigen deutschen Siedlern eine neue Heimat -auf deutschem Boden gewähren. Es herrschen vielfach auch darüber ganz -übertriebene Vorstellungen, welches Grundkapital dazu erforderlich -sei, sich hier eine Existenz zu gründen. In Wirklichkeit gehören dazu -nicht Hunderttausende. Schon mit einem Kapital von 30-50000 Mark kann -man vorwärtskommen. Freilich: das Vermögen allein tut es wahrlich -nicht. Zäher Fleiß und unbeugsame Energie und die Gabe, sich in den -neuen Verhältnissen zurechtzufinden, müssen sich dazu gesellen. Man muß -sich zu schicken wissen, muß Entbehrungen in den Kauf nehmen können. -Man darf nicht mit den Allüren des großen Herrn nach hier kommen, der -einen breiten Train mit sich führt, mit kostspieligem Aufsichtspersonal -rechnet. Selbst ist der Mann -- das gilt hier! Und die Frau muß dem -Mann als wahre Helferin, recht als guter Kamerad zur Seite stehen. -Das Leben ist auch hier ein Kampf. Aber dieser Kampf birgt unzählige -Freuden in sich. Das Ringen mit der Wildnis, das Erschließen eines -Stückchens Land nach dem anderen gewährt immer neue Genugtuung. Und -immer neue Befriedigung bringt auch das Erhalten des Errungenen, denn -die Wildnis sucht sich jedes Fleckchen Erde, das man ihr abgewonnen, -unausgesetzt zurückzuerobern. Wir sind glücklich bei alledem gewesen, -andere können es auch sein: in dem Bewußtsein, für die eigene Familie -zu arbeiten, die Pflicht gegen sie -- und zugleich damit eine Pflicht -gegen unser teures Vaterland und seine schönste Kolonie zu erfüllen. - -Dort oben auf meinem Bücherbrett stehen Goethes Werke -- er hat auch -uns ein gutes Wort gegeben: - -„Wenn jeder von uns als einzelner seine Pflicht tut und jeder nur im -Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, so wird es um das -Wohl des Ganzen gut stehen... Jeder wisse den Besitz, der ihm von der -Natur, von dem Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu -steigern; er greife mit allen seinen Fähigkeiten so weit umher, als er -zu reichen fähig ist. Immer aber denke er dabei, wie er andere daran -will teilnehmen lassen.“ -- -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Anhang. - - -Ballade.[13] - -shairi la bwana Prinzi. - - 1. _sasa ntawakhubiri 1. Ihr, die ihr noch nicht wißt, - khabari zilizojiri Was hier sich zugetragen, - toka mwanzo na akheri So wie’s die Wahrheit ist, - zote pia ntawambia._ Will ich euch alles sagen. - - 2. _moyo umetanaffasi 2. Zwar ist mir herzlich bang, - wala sina wasiwasi Ob mir dies wird gelingen. - sifu za bwana Prinzi Auf Prince einen Lobgesang - sasa ntawahadithia._ Will ich euch allen singen. - - 3. _ntamsifu kwelikweli 3. Zu euch, die fern von hier, - hatta na walio mbali Sein Lob auch Weg soll finden. - wayasikie makali Drum lauschet alle mir, - yote nitayowambia._ Ich will sein Lob verkünden. - - 4. _Prinzi ni mtu mwema 4. Prince ist ein guter Mann, - ana wingi wa heshima Dem viele Ehr’ gebühret. - wala sipati kusema Doch ich nicht sagen kann, - nanyi mnajionea._ Ob ihr davon erführet. - - 5. _Prinzi mtu mkali 5. Prince ist ein tapf’rer Mann; - anayo nyingi akili Verstand und Mut nicht fehlen. - tazameni na dalili Seht als Beweis euch an - mamboye yatawelea._ Seine Taten, die alles erzählen. - - 6. _Prinzi mtu thabiti 6. Prince ist der richt’ge Mann, - aogopwa barra Afriti Ohn’ ihn es schlimm aussähe. - Wahehe na Wamafiti Zur Ordnung hält er an - adabu zimewengia._ Mafiti und Wahehe. - - 7. _aingiapo vitani 7. Er ist ganz umgetauscht, - hana akili kitwani Wenn in den Kampf er zieht. - umthanni +sakrani+ Er scheint von Wein berauscht, - jinsi anavoghasia._ Und alles vor ihm flieht. - - 8. _Mzungu huyu thabiti 8. Er ist Europas Zier. - wala hahofu mauti Sein Mut läßt sich nicht beugen. - twamjua watu woti Wir kennen ihn alle dafür - kweli nnayowambia._ Und können es allen bezeugen. - - 9. _wala sineni uwongo 9. Die Wahrheit ich euch bring’, - thabiti wangu utungo Nichts ist daran verkehret. - sifa za huyu Mzungu Und Princes Lob ich sing’, - ote tumezisikia._ Wie wir es alle gehöret. - - 10. _Mzungu huyu shujaa 10. Die Wahehe, Prince sei dafür Lob, - Wahehe walitaa Sich ihm unterwerfen kamen. - imeondoka khadaa Der Wahn ist geschwunden drob - kwa Wahehe ote pia._ Den Wahehe allen zusammen. - - 11. _Prinzi ana bahati 11. Viel Geschick hat Prince, unser Herr, - wala kunena sipati Euch brauch’ ich es kaum noch singen, - nawambiani kwa oti Doch möcht’ ich es übers Meer - Ulaya jermania._ Nach Europa den Deutschen bringen. - - 12. _maneno yangu ni kweli 12. Exzellenz v. Schele nur fragt - mwuzeni von Scheli Wollt unwahr mein Wort ihr finden - atawapani dalili Denselben Bericht er euch sagt; - na khabari yote pia._ Die Beweise wird er euch verkünden. - - 13. _yafaa kuheshimiwa 13. Prince neue Würden erlang. - na daraja kuzitiwa Er verdienet gar viele Ehren. - kupawa na umayoa Er erhalte den höchsten Rang, - zama ataporejea._ Wenn nach Haus er zurück wird kehren. - - 14. _ni hayo yangu maneno 14. Er hatte hier schwere Zeit, - eme toa bika kwa mno Wie keiner in der Runde. - wala hapana mfano Drum erklinget weit und breit - nami najimsifia._ Sein Lob aus jedem Munde. - - 15. _tafathali bana Scheli 15. Mit ihm zum Herrscher zu geh’n, - sultani mkabili Bitt’ ich dich, _bana_ Schele; - mwenende wote wawili Und alles, was wir geseh’n, - umweleze yote pia._ Du ihm getreulich erzähle. - - 16. _umwambie mtu mwema 16. Sag’ ihm, wie tüchtig er sei, - amwongezee heshima Daß neue Ehr’ er ihm baue. - ampe na nyumba njema Er gab ihm ein Haus, schön und neu, - apate kufurahia._ Damit er sich daran erfreue. - - 17. _mwambie bana Kaisa 17. Sag’ es dem Kaiser an, - kalla neno aliweza Der geben kann nach Gefallen. - naye ni mtu aziza Er ist ja ein mächtiger Mann, - sultani wetu pia._ Der Herrscher von uns allen. - - 18. _tamati ntawakifu 18. Doch gekommen bin ich zum End’, - ya Prinzi kumsifu Daß Princes Lob ich euch singe. - ni huo wake wasifu Sein Verdienst, das jeder hier kennt, - ote nimesha wambia._ Ist wahr, so wie ich’s euch bringe. - - 19. _nnakuaga kwa heri 19. Und nun sei der Abschied gemacht; - nasikia wasafiri Ich höre, du willst verreisen. - nimetunga ushairi Ich habe in Verse gebracht, - sifa zako zote pia._ Was wir alle hier an dir preisen. - - 20. _wakatabahu hakiri 20. Der Dichter des Lied’s ist gering, - Baraka bin Shomari Mbaraka, Sohn des Shamari. - ndio mtunga shairi Ich euch allen das Lied hier sing’, - mwanzo hatta akhiria._ Von Anfang bis zu Ende. - -[Illustration] - - - - -E. S. Mittler & Sohn, Berlin _SW._, Kochstr. 68-71. - - - - -[Illustration: Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in -Deutsch-Ostafrika. - -Lageplan von Sakkarani, des jetzigen Besitztums. - -Verlag der Königl. Hofbuchhandlung E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW., -Kochstr. 68-71.] - - - - -Fußnoten: - -[1] Vom 18. September 1895 bis zum 3. Juni 1900 (seinem Todestage) -Oberführer und charakterisierter Major der Kaiserlichen Schutztruppe in -Ostafrika. - -[2] Der graue Papagei heißt im Kiswahili „Kassuku“. - -[3] Der Dorfschulze trägt nämlich eine großartige, englische -Husarenuniform. - -[4] Das ganz lange Gras, 3 evtl. 4 _m_, kenne ich nur an der -Ulanga-Niederung in +größeren+ Partien. - -[5] Einige Monate später wurde er mit Speerstich verwundet und erlag -bald darauf dem Würgengel Afrikas, der Malaria. - -[6] Auch dieser tapfere Offizier und liebenswürdige Kamerad nahm im -Kolonialdienst ein tragisches Ende: am 5. Februar 1903 wurde er bei -Marrua in Kamerun als Oberleutnant der Kaiserlichen Schutztruppe -während einer Expedition ins Innere des Schutzgebietes, vor seinem -Zelte sitzend, von einem Neger überfallen, der zwei vergiftete Pfeile -auf ihn abschoß; der zweite Schuß traf in den rechten Oberschenkel; der -Pfeil wurde zwar sofort entfernt, aber schon binnen fünfzehn Minuten -erlag Graf Fugger der tödlichen Wirkung des Pfeilgiftes. Bis zu seinem -letzten Atemzug bei vollem Bewußtsein, hat er noch an seine Braut -geschrieben. Seine letzten Worte sind würdig, der Erinnerung erhalten -zu werden: „Nehmt nicht Rache an diesen Schwarzen, sie wissen nicht, -was sie taten. -- --“ Man hat so vieles Schlechte von Afrika in die -Welt posaunt, aber von solchem Adel der Gesinnung erfährt man nichts. - -[7] Kanzu = langes weißes Negerhemd. - -[8] Seitdem an Malaria gestorben. - -[9] Wenige Jahre später war dieser kleine Kreis stark gelichtet. -Präfekt Maurus erlag in Medibira dem Fieber, was er sich wohl von der -Küste mitgebracht hatte, zwei Schwestern fielen der Pest zum Opfer bei -Ausübung ihrer barmherzigen Krankenpflege, und Schwester Gabriele, die -mich mit großer Aufopferung gepflegt hatte, starb an Lungenentzündung. - -[10] Wurde, weil er treu zu uns hielt, bei dem Aufstand 1906 ermordet. - -[11] Ein halbes Jahr später raffte diesen hoffnungsvollen Offizier das -perniziöse Fieber auf seinem Heimatsurlaub dahin. - -[12] Wurde bei Lupembe verwundet und verunglückte vor einem Jahre auf -einer Elefantenjagd. - -[13] Durch die Freundlichkeit des Herrn Professor Dr. Velten, der sich -um die Erforschung der Eigenart unserer Neger so hoch verdient gemacht -hat, erhielt ich dies Gedicht. Es wurde wohl 1894 nach dem Wahehezug -des Gouverneurs Exz. v. Schele gedichtet, als mein Mann seinen ersten -Urlaub nach 5jährigem Aufenthalt in Afrika antrat. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eine deutsche Frau im Innern -Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN *** - -***** This file should be named 53773-0.txt or 53773-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/7/53773/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas - Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt - -Author: Magdalene von Prince - -Release Date: December 20, 2016 [EBook #53773] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen -Ausgabe der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu -wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler -wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente -Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der -damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p> - -<p class="p0">Passagen in Swahili wurden nicht korrigiert, dies gilt -auch für Abweichungen in der Schreibweise von Eigen- und Ortsnamen -(z.B. ‚Kilimandscharo‘ -- ‚Kilimanjaro‘ -- ‚Kilimatscharo‘). Einige -Begriffe wurden harmonisiert, wenn ansonsten der Sinn verfälscht werden -könnte.</p> - -<p class="p0">Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. -Textstellen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> erscheinen im -vorliegenden Text kursiv. Diese Schriftart wurde vorwiegend für -fremdsprachliche Begriffe verwendet, aber auch für Einheiten (<span class="antiqua">km</span>) -und akademische Grade (<span class="antiqua">Dr.</span>). Diese Auszeichnung -wurde allerdings nicht konsequent eingehalten.</p> - -<p class="p0 htmlnoshow">Abhängig von der im jeweiligen -Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="cover" name="cover"> - <img class="mtop2" src="images/cover.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption ebhide">Original-Buchumschlag.</p> -</div> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="frontispiz" name="frontispiz"> - <img class="mtop2" src="images/frontispiz.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot3">Hauptmann v. Prince und Frau.</p> -</div> - -<h1>Eine deutsche Frau<br /> -<span class="s6">im Innern</span><br /> -Deutsch-Ostafrikas</h1> - -<p class="s3 center">Elf Jahre</p> - -<p class="s4 center">nach Tagebuchblättern erzählt</p> - -<p class="s5 center mtop1 mbot1">von</p> - -<p class="s3 center"><b>Magdalene v. Prince</b></p> - -<p class="s5 center">geb. v. Massow</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="mtop3 mbot3 w10" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s4 center mbot1">Dritte, vermehrte Auflage</p> - -<p class="s5 center">Mit einem Titelbilde, 22 Abbildungen und -1 Skizze</p> - -<hr class="r25" /> - -<p class="s3 center"><b>Berlin 1908</b></p> - -<p class="s3 center">Ernst Siegfried Mittler und Sohn</p> - -<p class="s5 center">Königliche Hofbuchhandlung :: Kochstraße 68–71</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="titel" name="titel"> - <img class="mtop2" src="images/titel.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot3">Original-Titelseite.</p> -</div> - -<div class="copyright"> -<p class=" center bbox">Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 -sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.</p> -</div> - -<p class="s4 center padtop5 break-before">Ihrer Majestät der Kaiserin und -Königin</p> - -<p class="s2 center"><b>Auguste Viktoria</b></p> - -<p class="s3 center">in tiefster Ehrfurcht gewidmet</p> - -<p class="s5 center">von der</p> - -<p class="s3 center"><b>Verfasserin</b></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="widmung" name="widmung"> - <img class="mtop2" src="images/widmung.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot3">Original-Widmung.</p> -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. V]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="sv_kopfstueck" name="sv_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite v" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_zweiten_Auflage">Vorwort zur zweiten -Auflage.</h2> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="sv_initial" name="sv_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/sv_initial.jpg" alt="N" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">N</span>och ist kein Jahr verflossen, und eine zweite Auflage des Buches wird -nötig. Als ich die schlichten Aufzeichnungen zuerst in die Welt sandte, -um auch in unserer deutschen Frauenwelt den kolonialen Gedanken zu -beleben, hoffte ich kaum, solche Nachsicht zu finden. Allen denen Dank, -die den guten Willen für die Tat nehmen.</p> - -<p>Jetzt sind es nun schon fast vier Jahre, daß wir als Pflanzer hier -leben, und wenngleich auch heftige Stürme und viele Fehlschläge, die -ja bei keiner Gründung fehlen, nicht ausblieben, so möchte ich Euch, -deutsche Frauen, auch jetzt locken in das Land, wo der Himmel blauer -strahlt, wo der Wind linder weht, wo Mond und Sterne noch ganz anders -leuchten und funkeln als daheim. Glaubt es mir, es liegt ein besonderer -Reiz darin, aus Wildnis ein Stück Kultur zu schaffen, aber das gelingt -freilich nur und trägt Früchte bei größter, nie versagender Geduld, -eiserner Willenskraft und angestrengtester Arbeit.</p> - -<p>Auf Grund meines Buches haben sich viele wegen Ansiedlung an mich -gewandt; ich mußte sie leider immer auf spätere Zeit vertrösten, weil -der zunächst noch herrschende Mangel an Verkehrsmöglichkeiten den -Absatz unmöglich macht. Jetzt hat sich das Mutterland unsrer erbarmt, -es wird uns Eisenbahnen schenken;<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. VI]</a></span> hoffentlich auch nach Uhehe, wo -anbaufähiger, fruchtbarer Boden in gesundem Bergklima reichlich genug -vorhanden, um einer beträchtlichen Anzahl deutscher Familien eine -neue Heimat bieten zu können. Haben wir erst Eisenbahnen, dann ist es -jedem selbst in die Hand gegeben, sein Leben sich je nach Fleiß und -Fähigkeiten zu gestalten.</p> - -<p>So rufe ich auch jetzt Euch deutschen Frauen zu: lernt unsere deutschen -Kolonien lieben, interessiert Euch für ihre Erschließung durch -Verkehrswege, durch Feldbahnen und Eisenbahnen; sie sind es wert, -deutsch zu sein. Laßt Eure Kinder auf neuem deutschen Boden aufblühen, -Euch zum Stolz und zur Freude und zur Kräftigung des Deutschtums.</p> - -<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Sakkarani</em>, West-Usambara, -Herbst 1904.</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><b>Magdalene Prince.</b></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. VII]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="svii_kopfstueck" name="svii_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/svii_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite vii" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_dritten_Auflage">Vorwort zur dritten -Auflage.</h2> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="svii_initial" name="svii_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/svii_initial.jpg" alt="W" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>ieder kann ich Euch deutschen Frauen und Mädchen einen von Afrikas -Sonne durchglühten Gruß senden, möchte er in Eure Herzen fallen und -diese für unsere Kolonie noch mehr entflammen.</p> - -<p>Allen, die Ihr mir so gütige Worte und Überraschungen sandtet, möchte -ich auch an dieser Stelle danken. Dazu gehört auch der „Züchtergruß aus -Westfalen“, der mir vor wenigen Tagen die schönsten Rassenhühner zum -Geschenk brachte.</p> - -<p>Seitdem die zweite Auflage dieses Buches in die Welt ging, hat unsere -Kolonie sowie das Schwesterland Süd-West-Afrika schwere Zeiten -durchgemacht, allerorten loderte der Kampf der Rassenverschiedenheit -auf, meistens durch zu viel falsche Humanität geschürt, und hat uns -manches Opfer an Blut und Geld gekostet. Gerade dies aber schien nötig -zu sein; wie es Mütter gibt, die erst dann den Wert und die Vorzüge -ihrer Kinder schätzen lernen, wenn diese durch Krankheit ihnen Sorge -und Arbeit machen, so erging es auch uns. Erst als wir an vielen -Stellen bluteten, gewann das Mutterland Interesse an uns. Der Sieg des -Volkes bei den Reichstagswahlen hat jene Wandlung am besten bezeugt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. VIII]</a></span></p> - -<p>Diese haben wir nicht zum wenigsten Euch deutschen Frauen zu danken, -die Ihr so regen Anteil an dem Kampf genommen habt. Mit diesem Danke -verbinde ich die Bitte, Eure Hilfe uns auch in Zukunft zu schenken; -fügt noch mehr Wärme und Liebe dazu: Wir brauchen noch viel mehr -Verkehrswege und Eisenbahnen, ehe die Kolonie ihrem Werte nach erblühen -kann. Je mehr Frauen an ihrem Aufbau mitwirken, um so schneller und -mächtiger wird sie erstehen. „Der Mann gründet das Haus, die Frau hält -es!“</p> - -<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Sakkarani</em>, Sommer 1907.</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><b>Magdalene v. Prince.</b></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[S. IX]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="six_kopfstueck" name="six_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/six_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite ix" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="tdl vat"> - - </td> - <td class="tdr vab"> - <span class="s5">Seite</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - Einleitung - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_1">1</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Erstes Kapitel.</em> <b>Auf dem Marsche von - Dar-es-Salaam nach der Station Perondo</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_6">6</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Das erste Lager <a href="#Seite_7">S. 7.</a> — Abschied von Dar-es-Salaam <a href="#Seite_7">S. 7.</a> - — Unser Koch, die Boys, die schwarzen Soldaten <a href="#Seite_9">S. 9.</a> — Zoologische - Erwerbungen <a href="#Seite_11">S. 11.</a> — Die Boys und deren Frauen <a href="#Seite_11">S. 11.</a> - — Heuschreckenplage <a href="#Seite_13">S. 13.</a> — Unsere Träger <a href="#Seite_13">S. 13.</a> — Übergang - über den Kingani <a href="#Seite_15">S. 15.</a> — Schlechter Weg <a href="#Seite_15">S. 15.</a> — Der Jumbe - von Perondo, die Notbrücke <a href="#Seite_17">S. 17.</a> — Fruchtbare Landschaft <a href="#Seite_17">S. 17.</a> - — Jagdbeute <a href="#Seite_19">S. 19.</a> — Die Bedeutung der Jumben <a href="#Seite_21">S. 21.</a> — - Die erste Station im Innern (Kisaki) <a href="#Seite_21">S. 21.</a> — Das Leben im Lager - <a href="#Seite_23">S. 23.</a> — Anstrengender Marsch <a href="#Seite_23">S. 23.</a> — Das erste Fieber <a href="#Seite_23">S. 23.</a> — - Übergang über den Ruaha <a href="#Seite_25">S. 25.</a> — Die „Teufelsstelle“ <a href="#Seite_25">S. 25.</a> — - Der Urwald <a href="#Seite_27">S. 27.</a> — Krankheiten <a href="#Seite_27">S. 27.</a> — Offizieller Empfang - <a href="#Seite_29">S. 29.</a> — Unser Küchenzettel, Markttag <a href="#Seite_29">S. 29.</a> — Gefährlicher - Flußübergang <a href="#Seite_31">S. 31.</a> — Beschwerlicher Marsch <a href="#Seite_31">S. 31.</a> — Verödete - Dörfer <a href="#Seite_33">S. 33.</a> — Wasserfälle <a href="#Seite_33">S. 33.</a> — Veränderte Marschordnung, - vor dem Endziel <a href="#Seite_33">S. 33.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Zweites Kapitel.</em> <b>In Perondo. Gründung - der neuen Station Iringa</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_35">35</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Feierlicher Empfang in Perondo, die Station und ihre Umgebung <a href="#Seite_36">S. 36.</a> - — Eine afrikanische Küche, großes Diner <a href="#Seite_37">S. 37.</a> — Leben und - Treiben auf der Station <a href="#Seite_37">S. 37.</a> — Teuerung der Lebensmittel <a href="#Seite_39">S. 39.</a> - — Revolverattentat, die Wahehe <a href="#Seite_40">S. 40.</a> — Hauswirtschaft und - Geflügelhof <a href="#Seite_41">S. 41.</a> — Häuptling Kiwanga <a href="#Seite_43">S. 43.</a> — Der Wahehe-Sultan - Quawa und seine Anhänger <a href="#Seite_43">S. 43.</a> — Toms Expedition gegen denselben - <a href="#Seite_44">S. 44.</a> — „Bibi Sakkarani“, Kiwangas Gastgeschenk <a href="#Seite_45">S. 45.</a> — - Ratten, Marsch zur neuen Station <a href="#Seite_47">S. 47.</a> — Alarm <a href="#Seite_49">S. 49.</a> — Erster - Geburtstag als junge Frau, Wiedersehen mit Tom <a href="#Seite_50">S. 50.</a> — Die - neue Station Iringa, militärischer Empfang, unser Heim <a href="#Seite_53">S. 53.</a> — - Expedition gegen Quawas Brüder und Unterwerfung derselben <a href="#Seite_55">S. 55.</a> — - Quawas Schwestern <a href="#Seite_55">S. 55.</a> — Regenzeit, Gründung von Dörfern <a href="#Seite_59">S. 59.</a> - — Eine Hinrichtung, <span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[S. X]</a></span>unser Gemüsegarten und Viehstand <a href="#Seite_60">S. 60.</a> — - Die Mitglieder der Wahehe-Sultansfamilie <a href="#Seite_61">S. 61.</a> — Briefe aus der - Heimat und vom Gouvernement <a href="#Seite_62">S. 62.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Drittes Kapitel.</em> <b>Mpangires Sultanat</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_63">63</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Feierliche Einsetzung Mpangires als Sultan der Wahehe und die - Festlichkeiten bei derselben <a href="#Seite_65">S. 65.</a> — Unterm Christbaum, Silvester - <a href="#Seite_67">S. 67.</a> — Kaisergeburtstagsfeier, Alarmnachrichten <a href="#Seite_67">S. 67.</a> — Feuer - im Dorfe <a href="#Seite_68">S. 68.</a> — Neue Unglücksbotschaften <a href="#Seite_69">S. 69.</a> — Quawas - Bruder Gunkihaka <a href="#Seite_71">S. 71.</a> — Streifzüge gegen die Wahehe, Mpangires - Unzuverlässigkeit <a href="#Seite_73">S. 73.</a> — Kriegsgericht über Mpangire und seine - Brüder <a href="#Seite_75">S. 75.</a> — Hinrichtung der Quawabrüder und Landesverweisung - ihrer Familien <a href="#Seite_75">S. 75.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Viertes Kapitel.</em> <b>Der Wahehe-Aufstand</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_78">78</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Raubzüge Quawas, Gegenmaßregeln <a href="#Seite_79">S. 79.</a> — Bautätigkeit auf der - Station <a href="#Seite_79">S. 79.</a> — Ramassanfest der Mohammedaner <a href="#Seite_81">S. 81.</a> — Die - „Frauenfrage“ in Uhehe <a href="#Seite_82">S. 82.</a> — Versammlung aller von Tom - eingesetzten Jumben <a href="#Seite_83">S. 83.</a> — Sultan Merere <a href="#Seite_85">S. 85.</a> — Gute und - schlechte Botschaften <a href="#Seite_87">S. 87.</a> — Großfeuer <a href="#Seite_87">S. 87.</a> — Die katholische - Mission, Karawanenverkehr <a href="#Seite_89">S. 89.</a> — Neue Überfälle durch die - Wahehes <a href="#Seite_91">S. 91.</a> — Der Stationsgarten <a href="#Seite_92">S. 92.</a> — Eine erfolglose - Expedition <a href="#Seite_93">S. 93.</a> — Mordanfall bei der Station <a href="#Seite_95">S. 95.</a> — Toms - Abmarsch, das Leben in der „Stadt“ <a href="#Seite_97">S. 97.</a> — Ankunft des Leutnants - Braun, Mereres Besuch <a href="#Seite_98">S. 98.</a> — Afrikanische Dienstbotenleiden - <a href="#Seite_99">S. 99.</a> — Gesundheitsstand der Station, die Totos <a href="#Seite_100">S. 100.</a> — - Blinder Lärm, Ankunft von Missionaren <a href="#Seite_101">S. 101.</a> — Der Gartenbau <a href="#Seite_102">S. 102.</a> - — Rückkehr Toms, Jagderlebnisse, Schlachtfest <a href="#Seite_103">S. 103.</a> — - Kriegsspiele, Osterfest <a href="#Seite_105">S. 105.</a> — Die Wahehe-Hilfstruppen <a href="#Seite_106">S. 106.</a> - — Schauri mit Merere <a href="#Seite_107">S. 107.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Fünftes Kapitel.</em> <b>Expeditionen gegen Quawa. - Gouverneur Oberst Liebert</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_108">108</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Toms Abmarsch, Ahnenkultus der Schwarzen und deren Begräbnissitten - <a href="#Seite_108">S. 108.</a> — Toms Rückkehr, Quawa auf der Flucht, Ankunft des - Leutnants Kuhlmann mit Askaris <a href="#Seite_111">S. 111.</a> — Trägerlöhne <a href="#Seite_112">S. 112.</a> - — Große Expedition gegen Quawa <a href="#Seite_113">S. 113.</a> — Unser neues Haus - und dessen Einrichtung <a href="#Seite_115">S. 115.</a> — Zahlmeister Winklers Tod und - Begräbnis <a href="#Seite_117">S. 117.</a> — Ein Schreiben Toms über seine Expedition und - den Kampf in den Felsenhöhlen <a href="#Seite_119">S. 119.</a> — Toms Rückkehr <a href="#Seite_121">S. 121.</a> — - Fruchtbarkeit des Landes, Verkehrsverhältnisse und Kolonisation <a href="#Seite_122">S. 122.</a> - — Ankunft des Gouverneurs <a href="#Seite_124">S. 124.</a> — Neue Expedition gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_xi" id="Seite_xi">[S. XI]</a></span> - Quawa unter Teilnahme des Gouverneurs <a href="#Seite_125">S. 125.</a> — Kiwanga und sein - Kontingent <a href="#Seite_127">S. 127.</a> — Rückkehr und Erlebnisse der Expedition <a href="#Seite_129">S. 129.</a> - — Verstärkung der Station in Uhehe, der Gouverneur spricht - seine Anerkennung aus und verabschiedet sich <a href="#Seite_130">S. 130.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Sechstes Kapitel.</em> <b>Auf Safari. Beendigung - des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_131">131</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Schwere Erkrankung, auf Sommerfrische <a href="#Seite_131">S. 131.</a> — Die Vegetation - des Landes <a href="#Seite_133">S. 133.</a> — Steppenbrand <a href="#Seite_134">S. 134.</a> — Rückkehr, neue - Expedition <a href="#Seite_135">S. 135.</a> — Jagdabenteuer des Leutnants Braun, Erfolge - der Expedition <a href="#Seite_136">S. 136.</a> — Unsere Dienstboten, eine „<span class="antiqua">mpepo</span>“ - <a href="#Seite_137">S. 137.</a> — Heimkehr der siegreichen Expedition <a href="#Seite_138">S. 138.</a> — Mereres - Besuch, auf Safari <a href="#Seite_139">S. 139.</a> — Im Urwalde, Baumriesen <a href="#Seite_141">S. 141.</a> — Tal - des Muúngu, Aberglauben der Schwarzen <a href="#Seite_142">S. 142.</a> — Förster Ockel, v. - Prittwitz <a href="#Seite_143">S. 143.</a> — Kanugare, die Landschaft Hangana Mwakikongo <a href="#Seite_146">S. 146.</a> - — Scharmützel mit den feindlichen Wahehes, Nahrungsmangel <a href="#Seite_147">S. 147.</a> - — Sergeant Richter <a href="#Seite_148">S. 148.</a> — Rückkehr nach Iringa <a href="#Seite_149">S. 149.</a> — - Die Händler, europäische Post, Überläufer <a href="#Seite_150">S. 150.</a> — Christabend - und Neujahr <a href="#Seite_151">S. 151.</a> — Hauptmann Ramsay, Pater Ambrosius und dessen - Nachrichten <a href="#Seite_152">S. 152.</a> — Verlauf einer Expedition gegen Quawa <a href="#Seite_153">S. 153.</a> - — Bau einer Moschee, eines Hospitals und einer Schaurihütte <a href="#Seite_154">S. 154.</a> - — Tod des Unteroffiziers Karsjens <a href="#Seite_155">S. 155.</a> — Militärisches - Leben auf der Station <a href="#Seite_156">S. 156.</a> — Vasallentreue der Wahehe <a href="#Seite_157">S. 157.</a> - — Feldwebel Merkl <a href="#Seite_159">S. 159.</a> — Ramassan, Tom schwer erkrankt <a href="#Seite_160">S. 160.</a> - — Neue Niederlage Quawas und dessen vollständige Isolierung <a href="#Seite_164">S. 164.</a> - — Auf Erholung, Lagerleben <a href="#Seite_168">S. 168.</a> — Die Landwirtschaftliche - Versuchsstation Dabagga, Anwerbung der Arbeiter <a href="#Seite_171">S. 171.</a> — Iringa - wird Poststation, Hauswirtschaft <a href="#Seite_173">S. 173.</a> — Tod des Tischlers - Wunsch <a href="#Seite_176">S. 176.</a> — Ein Löwenabenteuer <a href="#Seite_177">S. 177.</a> — Quawas Tod <a href="#Seite_179">S. 179.</a> - — Siegesjubel <a href="#Seite_182">S. 182.</a> — Quawas Kopf <a href="#Seite_183">S. 183.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Siebentes Kapitel.</em> <b>Im Frieden. - Besichtigungsreisen</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_184">184</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Personalien, Erinnerungen <a href="#Seite_185">S. 185.</a> — Pockenepidemie, Geburtstag <a href="#Seite_187">S. 187.</a> - — Missionsschwestern <a href="#Seite_187">S. 187.</a> — Kiwanga, v. der Marwitz <a href="#Seite_189">S. 189.</a> - — Auf Safari: Zelewski-Denkmal <a href="#Seite_189">S. 189.</a> — Der Jumbe Lupambili - und die jüngsten Pflegekinder <a href="#Seite_191">S. 191.</a> — Die Ruaha-Quelle <a href="#Seite_191">S. 191.</a> - — Beim Sultan Merere <a href="#Seite_193">S. 193.</a> — Die Malerei der Schwarzen <a href="#Seite_193">S. 193.</a> - — Wildherden <a href="#Seite_194">S. 194.</a> — Kibokojagd <a href="#Seite_195">S. 195.</a> — Verteilung der - Jagdbeute <a href="#Seite_197">S. 197.</a> — Der Wüstenkönig <a href="#Seite_197">S. 197.</a> — Mein erstes Kiboko - <a href="#Seite_199">S. 199.</a> — Mondscheinzauber<span class="pagenum"><a name="Seite_xii" id="Seite_xii">[S. XII]</a></span> <a href="#Seite_199">S. 199.</a> — - <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn <a href="#Seite_201">S. 201.</a> - — Die schwarzen Pocken, wieder in Iringa <a href="#Seite_201">S. 201.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Achtes Kapitel.</em> <b>Abschied von Iringa. Auf - der Heimreise</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_202">202</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Erdbeben <a href="#Seite_202">S. 202.</a> — Weihnachten, Missionsgesellschaften <a href="#Seite_203">S. 203.</a> — - Abschiedsfeier <a href="#Seite_204">S. 204.</a> — Auf der Heimreise, Todesfall <a href="#Seite_205">S. 205.</a> — - Heißes Klima, Fieber, Erinnerungsstätten <a href="#Seite_207">S. 207.</a> — In Kilossa, - bei Pater Oberle <a href="#Seite_209">S. 209.</a> — Die Jumben <a href="#Seite_209">S. 209.</a> — Die erste - Europäerin, an der Grenze der Zivilisation <a href="#Seite_211">S. 211.</a> — Eine deutsche - Ansiedelung, die evangelische Mission <a href="#Seite_211">S. 211.</a> — In Dar-es-Salaam, - an Bord des „Herzog“ <a href="#Seite_212">S. 212.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - <em class="gesperrt">Neuntes Kapitel.</em> <b>Wie unsere Plantage - entstand</b> - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_213">213</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <p class="synopsis">Naturschönheit, Arbeiterfrage <a href="#Seite_215">S. 215.</a> — Urbarmachen des Waldes - <a href="#Seite_217">S. 217.</a> — Hüttenbau, Arbeitsordnung <a href="#Seite_219">S. 219.</a> — Schlagen und - Brennen des Waldes, Beetanlage <a href="#Seite_221">S. 221.</a> — Störche und Heuschrecken, - Hausbau <a href="#Seite_223">S. 223.</a> — Arbeiterwohnungen, der Garten <a href="#Seite_225">S. 225.</a> — - Gastfreundschaft, die Usambarabahn <a href="#Seite_227">S. 227.</a> — Heimweh nach Afrika, - Jagdausflüge <a href="#Seite_229">S. 229.</a> — Aufstand, Besuch des Vaters <a href="#Seite_231">S. 231.</a> — - Aussichten für Ansiedler <a href="#Seite_233">S. 233.</a> — Zukunftshoffnungen <a href="#Seite_235">S. 235.</a></p> - </td> - <td class="tdr vab"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang1"> - Anhang - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_237">237</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="r25" /> - -<h3 id="Verzeichnis_der_Beilagen">Verzeichnis der Beilagen.</h3> - -<table class="beilagen" summary="Verzeichnis der Beilagen"> - <tr> - <td class="tdl vat hang2"> - - </td> - <td class="tdl vat hang2"> - - </td> - <td class="tdr vab"> - <span class="s5">Seite</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2"> - <a href="#frontispiz">Hauptmann v. Prince und Frau</a> - </td> - <td class="tdr vab" colspan="2"> - Titelbild - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p40a">Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 40 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p64a">Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire.</a> - — <a href="#p64b">Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in Iringa</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 65 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p88a">Eine Gerichtssitzung in Iringa.</a> - — <a href="#p88b">Sultan Merere auf seinem Reitstier</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 89 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p112a">Das Stationshaus in Iringa.</a> - — <a href="#p112b">Das Arbeitszimmer</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 113 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p128a">Lagerleben: Askarizelte.</a> — - <a href="#p128b">Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 129 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p136a">Lagerleben: Wasserträger.</a> — - <a href="#p136b">Lagerleben im Urwald: Ruhepause</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 137 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p176a">Station Mlangali.</a> — - <a href="#p176b">Der erste Pflug im Lande Uhehe</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 177 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p212b">Frau v. Prince mit ihren Kindern</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 213 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p216a">Ziegeltrocknen in der Sonne.</a> — - <a href="#p216b">Landschaft in West-Usambara</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 217 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p224a">Blick auf unsere Kaffeeplantage.</a> — - <a href="#p224b">Unser fertiges Wohnhaus</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 225 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p224c">Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in das Speisezimmer.</a> - — <a href="#p224d">Idyll auf dem Hofe der Kaffeepflanzung zu Sakkarani</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 225 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2" colspan="2"> - <a href="#p233">Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer - Studienreise nach Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896</a> - </td> - <td class="tdr vab"> - 233 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat hang2 padtop0_5"> - <a href="#p241">Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince - in Deutsch-Ostafrika</a> - </td> - <td class="tdr vab padtop0_5" colspan="2"> - Am Schluß - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s1_kopfstueck" name="s1_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 1" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="s1_initial" name="s1_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/svii_initial.jpg" alt="W" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>enn ich an alle die inhaltschweren Vorreden denke, die Verfasser -oder Verleger ihren literarischen Erzeugnissen als Empfehlung mit -auf den Weg zu geben pflegen, dann kommen mir doch gelinde Zweifel. -Eines schickt sich nicht für alle, und was den mehr oder weniger -anmutigen Kindern der Muse recht ist, braucht den anspruchslosen -wirklichkeitsnüchternen Kindern der Muße einer afrikanischen Hausfrau -noch lange nicht billig zu sein. Denn die nachstehenden Tagebuchblätter -geben in der Tat nur die Aufzeichnungen wieder, zu denen ich in den -ersten Jahren meines ostafrikanischen Hausfrauenlebens gelegentlich -Zeit fand.</p> - -<p>Für den Entschluß, diesen Blättern einige Worte zur Einführung -voranzusetzen, war zunächst der Wunsch entscheidend, diesen -bescheidenen literarischen Versuch dem Wohlwollen meiner Leserinnen zu -empfehlen. Daß ich die zuweilen unter recht erschwerenden Umständen -zu Papier gebrachten Notizen dereinst der Öffentlichkeit übergeben -würde, ahnte ich freilich noch nicht, als ich Herrn v. Wissmann das -Versprechen gab, ein möglichst getreues Tagebuch zu führen; die -Ausführung stellte zuweilen recht hohe Anforderungen an Willens- und -an Körperkraft, besonders wenn es galt, nach beschwerdereichem Marsche -die Ereignisse des Tages noch schriftlich festzulegen, anstatt der -wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Die Energie zur Durchführung dieser -selbstauferlegten Pflicht auch unter schwierigen Verhältnissen verdanke -ich dem Beispiel meines Gatten.</p> - -<p>Dann aber möchte ich mit diesem Vorworte der gesellschaftlichen Pflicht -persönlicher Vorstellung nachkommen, indem ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> Vorgeschichte -der Entstehung dieser Tagebuchblätter kurz kennzeichne. Da muß ich -denn bis auf unsere Schulzeit in Liegnitz zurückgehen. Daß der -damalige Schüler der Ritterakademie, Tom Prince, und ich füreinander -bestimmt seien, das unterlag für uns beide schon damals keinem -Zweifel, und diese Schülerliebe hat sich bewährt; aus den Kindern -wurden Leute, das Schicksal führte uns weit auseinander: Tom wurde -Offizier beim Infanterie-Regiment Nr. 99 in Straßburg im Elsaß und -ich kam nach Königsberg i. Pr., wo mein Vater als Rittmeister bei den -Wrangel-Kürassieren stand. Das war ungefähr das Höchste, was wir uns -im Deutschen Reiche an Entfernung leisten konnten, es sollte aber noch -ganz anders kommen. Zu jener Zeit zogen die kühnen und erfolgreichen -Kämpfe Hermann Wissmanns und seiner tapferen Schar die Augen der Welt -auf unsere junge Kolonie. Zu dem Tatendrang des jungen Leutnants -kam die Sehnsucht nach den Tropen, wo einst seine Wiege gestanden. -Tom ist auf der Insel Mauritius (<span class="antiqua">Ile de France</span>) geboren, wo -sein Vater englischer Polizeigouverneur war, er entstammt einer -englischen Familie; seine Mutter war deutscher Abkunft, eine Tochter -des Missionars Ansorge, der viele Jahre hindurch in Indien gewirkt -hat. So hielt es den jungen Offizier nicht länger in dem Einerlei des -Garnisondienstes.</p> - -<p>Der Name Wissmann war ein mächtiger Magnet für die kriegerische Jugend -Deutschlands; zur Zeit, als Tom auf eigenes Risiko sich auf den Weg -machte, um in der Wissmannschen Schutztruppe Dienst zu nehmen, standen -ungefähr 1500 Anwärter vor ihm auf der Liste. In Sansibar heuerte er -gleich nach seiner Ankunft eine Dhau, um so rasch als möglich sein -Ziel zu erreichen. Diese Ungeduld sollte verhängnisvoll werden: das -kleine Fahrzeug erlitt Schiffbruch, die arabische Bootsmannschaft -ertrank, und nur Tom wurde gerettet, nachdem er 13 Stunden lang mit -Hilfe einer Holzkiste sich über Wasser gehalten! All sein Gepäck, sein -Geld, seine Papiere waren verloren. So gelangte er zu Wissmann, der -ihn vorläufig seiner Truppe beigab, dann aber als Offizier einstellte, -nachdem die erforderlichen Papiere<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> aus Deutschland besorgt waren. -Die Taten Wissmanns, dieses im Kampfe heldenmütigen, im Aushalten -von Anstrengungen und Entbehrungen des Tropenkrieges unermüdlichen -und vorbildlichen Führers der ersten deutschen Kolonialtruppe, -gehören der Geschichte an und damit auch die meines Mannes. Was ich -in jenen sieben Jahren durchlebte, in Furcht und Hoffnung um das -Leben des Jugendgeliebten bangend, mit welcher Sorge die spärlichen -Zeitungsnachrichten über neue Kämpfe und Expeditionen der Wissmannleute -das Mädchenherz erfüllten, bis endlich einmal wieder ein Brief von -Toms eigener Hand mir für kurze Zeit Beruhigung gab — das weiß nur -ich und der allgütige Gott, der den Geliebten mir erhielt und mir die -Kraft verlieh, das schier Übermenschliche zu tragen! So wurde mir der -Brautstand zur strengen Lebensschule, zur Vorbereitung auf meinen Beruf -als deutsche Offiziersfrau in den neugewonnenen Kolonien.</p> - -<p>Endlich nach sieben langen bangen Jahren hatten die Verhältnisse in -Deutsch-Ostafrika sich soweit geklärt, daß Tom mich nach seiner neuen, -schwererkämpften Heimat hinüberholen konnte, an der auch ich mir in -meinem sorgenvollen Brautstand ein Heimatsrecht erworben zu haben -glaube.</p> - -<p>Am 4. Januar 1896 war unsere Hochzeit in Militsch, und nach etwa einem -halben Jahr, das wir noch in Deutschland verbracht, trafen wir in -Dar-es-Salaam ein und warteten dort auf weitere Bestimmung für meinen -Mann. Der letzte, gefährlichste Gegner der deutschen Herrschaft, der -Sultan Quawa von Uhehe mit seinen tapferen Scharen, galt nach der -Erstürmung seiner Hauptstadt für überwunden, ein Erfolg, an dem mein -Mann in anerkannter Weise beteiligt war. Aber die Zeit sollte lehren, -daß ein solcher Schlag nicht genügt, ein afrikanisches Kriegervolk -niederzuhalten, dessen Hauptkriegskunst darin besteht, den Stößen des -Angreifers geschickt auszuweichen.</p> - -<p>Nach einem kurzen Aufenthalt in Dar-es-Salaam, wo mir von allen Seiten -mit der größten und freundlichsten Fürsorge begegnet wurde, erhielt -mein Mann den Befehl, die Station Perondo zu übernehmen, die an der -Grenze von Uhehe neu gegründet war.<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Von dort aus sollte er die -friedliche Unterwerfung des Volks der Wahehe weiter fördern. Nähere -Kunde über die Station wie über die augenblickliche Stimmung Quawas und -seiner Wahehe war aber zunächst nicht zu erhalten, denn die letzten -Berichte waren infolge der Überschwemmungen im Inneren des Landes noch -nicht zur Küste gelangt. Daß der verheißungsvolle Name Dar-es-Salaam, -Hafen des Friedens, den wir bei unserer Einfahrt in die prachtvolle -Bucht als günstiges Vorzeichen begrüßten, in Wahrheit nur geographische -Bedeutung für uns haben sollte, ahnten wir freilich nicht, als wir -hoffnungsvoll den Marsch nach der Stätte unseres Wirkens antraten.</p> - -<p>Zum Schluß möchte ich noch einem Bedenken begegnen, das vielleicht -gegen den Gebrauch so mancher fremdklingender Ausdrücke in den -nachfolgenden Blättern erhoben werden könnte. Es ließe sich gewiß -manches durch entsprechende deutsche Bezeichnung ausdrücken oder -umschreiben, und in einem Buche mit lehrhafter Tendenz nach -irgendwelcher Richtung sollte der Verfasser stets bemüht bleiben, die -so oft gerügten Anleihen an die arabischen und Suaheli-Mundarten sowie -an die uns aus den englischen Kolonien überkommenen Bezeichnungen zu -vermeiden. Hier sind jedoch nur die frischen persönlichen Eindrücke -wiedergegeben, die eine gänzlich „unliterarische“ junge Frau in -ihrem Tagebuche zunächst für sich und ihre nächsten Angehörigen -skizzierte; würde da nicht ein gut Teil von unmittelbarer Anschauung, -„afrikanischer Lokalfärbung“ dieser anspruchslosen Skizzen verloren -gehen? In diesem Sinne bitte ich für diese kleine Unart meines -schriftstellerischen Erstlings um freundliche Nachsicht.</p> - -<p>Seit zwei Jahren leben wir nun als friedliche, betriebsame Pflanzer -in der neuen Heimat, nachdem mein Gatte den Degen mit dem Pfluge -vertauscht. Gott schenke dem schönen Lande, das mit so vielem edlen -Blut auf dem Schlachtfelde erkämpft, das so schwere Opfer an Leben -und Gesundheit unserer wackeren Pioniere der Kultur gekostet, eine -segensreiche Entwicklung. Noch stehen wir am Anfange dieser Kultur, -möchte deutscher Unternehmungs<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>geist sich mehr und mehr auf diesem -neuen Gebiete betätigen, der Lohn wird nicht ausbleiben.</p> - -<p>Möchten vor allem auch die <em class="gesperrt">deutschen Frauen</em> regen Anteil nehmen -an der friedlichen Eroberung des herrlichen, zukunftsreichen Landes. -Der Mann <em class="gesperrt">gründet</em> das Haus, die Frau <em class="gesperrt">hält</em> es! Der Satz -gilt heute mehr wie je auch für unsere Kolonien. Könnte ich doch Euch, -Ihr deutschen Frauen und Mädchen, für unser junges Deutschland über -See gewinnen. Was Ihr an gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens, an -Geselligkeit, Vergnügungen und Anregungen aller Art hier im Vergleich -mit der alten Heimat entbehren würdet, es wird mehr als aufgewogen -durch die Betätigung und Pflichterfüllung, in der Ihr Euch an der Seite -eines geliebten Gatten ausleben könnt. Wahrlich, es ist ein schönes -Los, in diesem Siegeszuge deutscher Kultur eine Stelle einnehmen zu -dürfen! Deutsches Familienleben, deutsche <em class="gesperrt">Jugend</em> in Ostafrika -— wenn dieses hohe Ziel erreicht ist, dann erst strahlt unsere neue -Heimat als herrlicher Edelstein in der deutschen Kaiserkrone!</p> - -<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Sakkarani</em> (West-Usambara), Winter 1902.</p> - -<p class="right mright2"><b>Magdalene Prince</b> geb. v. Massow.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s6_kopfstueck" name="s6_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 6" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"><span class="kap">Erstes Kapitel.</span><br /> -Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2"><em class="gesperrt">Aulepschamba</em>, 28. -Mai 1896.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s6_initial" name="s6_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s6_initial.jpg" alt="U" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>nser erster Marschtag liegt hinter uns. Eigentlich kann man diese -Bezeichnung nicht gut anwenden, denn wir kamen nur eine halbe Stunde -weit von Dar-es-Salaam weg. Der kurze Marsch hatte nur den Zweck, die -Kompagnie und die Träger aus der Stadt hinaus zu bekommen; es ist das -eine hergebrachte Sitte. Wenn die Leute im Lager angelangt sind, merken -sie nämlich erst, was ihnen noch alles für den bevorstehenden Marsch -fehlt, und schnell wird das dann aus der noch leicht erreichbaren Stadt -nachgeholt.</p> - -<p>Die Tage vorher schon war ich in fieberhafter Aufregung, konnte aber -leider nicht viel tun und bestimmen, da mir die Verhältnisse noch zu -fremd waren. Der Tagesanbruch fand uns bereits in den Kleidern, und -die letzten Sachen wurden zusammengepackt. Tom (mein Mann) war fast -die ganze Zeit fort, um die Lasten an die Träger zu verteilen und nach -seiner Kompagnie zu sehen; als das alles besorgt war, schrieb ich noch -an Eltern und Geschwister. Dann kam Herr v. Natzmer<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> und holte mich -ab.</p> - -<p>Eine so große Karawane hatte ich natürlich noch nie gesehen; auch -anderen, die schon lange draußen waren, war sie etwas Neues.<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> -Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich die Masse dahin. 130 -Askaris (Soldaten), weit über 500 Träger, beladen mit Kisten der -verschiedensten Arten, Paketen in Leinwand und in schwarzem Ledertuch, -1 Maxim- und 1 Berggeschütz, Zelte, Gewehre, Kästen mit Schweinen, -Puten, Hühnern, Tauben, Enten, Schafen, Ananas, Mangos, Kokosnüssen, -Weiber und Kinder in hellen oder vielmehr dunklen Haufen. Da beinahe -jeder Askari zwei Boys (ich muß schon die bequeme englische Bezeichnung -beibehalten, die sich in unserer Kolonie so fest eingebürgert hat, daß -sie kaum noch zu verdrängen ist, umsoweniger, als es ein deutsches -Wort, das diesen vielseitigen Begriff, der die ganze Stufenleiter vom -„Silbendiener“ bis zum „Wichsier“ und „Putzkameraden“ umfaßt, nicht -gibt) und zwei Weiber hat, der Träger aber auch von jeder Sorte eins, -ist die Karawane gegen 1100 Mann stark. Die Askaris zogen voraus mit -Pfeifen- und Trompetenschall, dann kamen sämtliche Offiziere der -Schutztruppe, die uns bis zum ersten Lager begleiteten, zum Schluß -die Träger mit ihrem Anhang, die mit dem üblichen Geschrei von den -zurückbleibenden Abschied nahmen. Es war ein sinnbetäubender Lärm.</p> - -<p>Im Lager wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen, alles rührte sich -in einer seltenen Geschäftigkeit. Die Zelte wurden aufgeschlagen, -und rasch waren wir mit unseren liebenswürdigen Begleitern um den -Frühstückstisch versammelt. Unsere niedlichen Frühstückskörbe, unsere -Zelte, die Tische, Stühle und anderes Hausgerät, welches mein Mann -für mich angeschafft hatte, wurde gebührend bewundert, dann aber auch -fleißig getrunken und gegessen. Da es bald dunkel wurde, kehrten die -Herren der Schutztruppe zurück, nachdem mein Mann ihnen für ihre -Freundlichkeit gedankt hatte. Mit besonderem Danke sei hier noch einmal -des Herrn v. Natzmer gedacht.</p> - -<p>Es bedeutete diese Trennung für uns nicht nur einen Abschied von -unseren Begleitern, sondern auch von der Kultur, denn von nun an sind -wir nur noch auf uns allein angewiesen. In den nächsten Jahren werden -wir kaum mit anderen Europäern zusammentreffen, und von Kultur nur das -haben, was wir uns<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> selbst schaffen. Ein ganz leichter Abschied war es -also nicht. Bei der Trennung ließ mein Mann von den Askaris Herrn v. -Natzmer noch ein dreifaches Hoch ausbringen, der diesen Abschiedsgruß -in gleicher Weise erwiderte. Die Hochs klangen, wie es zu Hause kaum -hätte besser sein können. Als die Herren uns verlassen, setzten wir -uns mit unseren Reisebegleitern zu unserem ersten Mittagsessen auf dem -Marsche. Lange nach dem Zapfenstreich trennten wir uns erst. Wir waren -uns einig, daß wir trotz aller uns entgegengebrachten Liebenswürdigkeit -und vieler schöner, gemeinsam verlebter Abende gern von Dar-es-Salaam -fortgingen. An der Küste spürt man zu viel von den Nachteilen Europas, -ohne dessen Vorteile zu haben.</p> - -<p>Als gute Vorbedeutung für das Leben in der Wildnis nahm ich die -Heimatswünsche, die am Morgen kurz vor dem Abmarsche uns die Post -aus Deutschland gebracht hatte, an sich schon ein Ereignis, dessen -Bedeutung jeder „Afrikaner“ zu würdigen weiß; für mich war es aber noch -von besonderer Wichtigkeit; mein in Hamburg liegengebliebener Koffer -mit all meinen Kleidern und aller Wäsche, Schuhen usw. war gleichzeitig -angekommen, so daß ich meine gewohnte deutsche Garderobe noch mitnehmen -konnte. Die sechzehn neuen, in indischen Läden von Männern fabrizierten -Kleider sind mir doch nicht so bequem wie die in der Heimat gewohnten.</p> - -<p>Ein dreibeiniger Hund kommt mitgelaufen, zukünftiger Kamerad von -Schnapsel, meinem treuen, vierbeinigen Heimatsgenossen, den mir mein -Vater schweren Herzens mitgegeben hatte.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kongoramboto</em>, 29. -Mai 1896.</p> - -<p>Um 5½ Uhr Reveille, um 6 Uhr abmarschiert. Da ich nicht ganz -wohl war, mußte ich mich tragen lassen, ganz wie eine orientalische -Fürstin: Großartige Sänfte mit Sonnendach und vier Träger, die zwei -und zwei abwechselnd trugen, den Dolmetscher und einen Boy zur Seite, -drei Stunden marschiert. Am Lagerplatz angelangt, sah ich von meinem -Lehnstuhl aus dem Aufschlagen der Zelte zu: ein Schlafzelt und ein -anderes zum Aufenthalt<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> während des Tages. Unser Koch fängt an, mir zu -imponieren. Es gab Huhn in afrikanischer Zubereitung. Unsere Leibgarde -macht mir Spaß. Fünf Bengels in Khakianzug, kurzen Hosen, mit roten -Aufschlägen und Achselstücken, unseren Reserve-Tropenhelmen und Toms -Mützen. Die beiden kleinsten sehen aus wie schwarze Amoretten, und wenn -sie auf dem Marsche hin- und herlaufen, ist es eine Freude, zuzusehen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kisserawe</em>, 30. -Mai 1896.</p> - -<p>Lager nahe der auf einem hohen Hügel gelegenen Missionsstation. Der -Marsch ging durch hügeliges, dicht bewaldetes Gelände. Ich wurde wieder -getragen, war sehr müde und wollte schlafen; doch war die Gegend so -schön, daß es mir keine Ruhe ließ, und ich soviel als möglich von -meinem Lager aus sehen wollte. Tom fing sehr viel Schmetterlinge, -die wir des Abends verpackten. Auf dem Marsche kurze Frühstücksrast -an einer besonders malerischen Stelle. Tom hat alles sehr nett -eingerichtet, es ist wie im Märchen: „Tischlein deck dich“ — im Nu -stehen die verschiedensten Getränke und Chakula (Essen) vor mir, um -sogleich wieder zu verschwinden, wenn zum Aufbruch geblasen wird. -Essen — wieder Hühner, aber wieder anders zubereitet, und zwar sehr -schön gebraten mit unglaublich wenig Butter; ich will dem Koch unsere -Kochkunst lieber nicht beibringen.</p> - -<p>Schnapsel trabt fleißig mit, da er aber zu eifrig auf die Jagd in die -Büsche geht, müssen wir ihn anbinden, weil er uns doch sonst leicht -abhanden kommen könnte. Kassuku<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> (unser Papagei) wird auf dem Kopf -eines Trägers getragen und guckt sehr vergnügt zu seinem Käfig hinaus; -im Lager klettert er auf Bäume und kommandiert sein „Gewehr ab“, „das -Gewehr über“.</p> - -<p>Das deutsche Kommando klingt in dieser Umgebung komisch, und zwar nicht -nur aus dem Papageienschnabel; noch drolliger wirkt es aus dem Munde -der schwarzen Soldaten. Die Kerls<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> sind ganz famos einexerziert, sie -marschieren mit einer Strammheit, wie unsere Soldaten zu Haus, machen -„Kehrt“ und Schwenken usw., wie man es sich exakter kaum denken kann — -und wie sie sich schlagen, haben sie auch schon zur Genüge bewiesen!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kola</em>, 31. Mai -1896.</p> - -<p>Beim Abmarsch schenkte ich einem meiner Träger eine „Kokosnuß“, darob -großes „Kelele“ (Geschrei). Die Boys wollten sie ihm wieder wegnehmen, -sie fanden die Gabe zu verschwenderisch, da es jetzt nur noch schwer -welche zu kaufen gab.</p> - -<p>Gestern übrigens kam eine kleine Karawane mit einem Missionar und -zwei Damen an unser Lager heran; dabei befand sich der kleine Sohn -eines Häuptlings, der infolge einer früheren Anregung Toms zur Mission -geschickt worden war, er suchte Tom sofort auf, und man erkannte seine -Anhänglichkeit. Das Abc und ein paar deutsche Wörter hatte man ihm -zwar beigebracht, er verstand aber deren Sinn noch nicht, so daß er -sie herunter leierte wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Er kam mit seinem -schwarzen Lehrmeister.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mlongoni</em>, den -1. Juni 1896.</p> - -<p>Heute ließ ich mich bis zum Frühstückszeltplatz tragen; doch länger -hielt ich es nicht aus und setzte den Weg auf dem Maultiere fort. Es -ging nun viel besser. Welche Freude machte es mir jetzt, die Gegend -in ihrer ganzen Eigenart sehen zu können. Jede fremde Blume war mir -willkommen, jeder Schmetterling, der uns umgaukelte, erfreute das -Auge, und manch einer endete sein Dasein in unserer Sammlung. Bis -jetzt sind wir auf einer vom Gouvernement angelegten Straße gewandert, -heute bogen wir auf einen Negerpfad ein, den seiner Zeit auch die -zweite, von Schelesche Waheheexpedition gegangen ist. Wir haben heute -ein wunderschönes Lager bezogen und sind ganz abgesondert von allen -Menschen, das ist zu schön!</p> - -<p>Eine große Schlange haben wir gefangen. Wenn unsere Sammlung so -fortschreitet, werden wir mit großen Koffern voll „Zoologie“ ankommen; -schon jetzt sind Büchsen, Gläser und Kasten voll allerhand, das da -kreucht und fleucht. Ich sah heute die<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Frau unseres zweiten Boys -(Mabruk) und freute mich, daß sie mitgekommen war. In Dar-es-Salaam -nämlich machten mir die Frauen von unseren Boys Juma und Mabruk -„Besuch“. Das war sehr spaßhaft. Sie wollten trotz allem Bitten nicht -mit. Die Juma gab sich sehr schüchtern, deshalb glaubte ich, sie würde -sich nicht dazu bewegen lassen, denn Juma schwang ganz entschieden den -Pantoffel. Er meinte: sie verdiente, wenn sie ihn im Stiche ließe, an -die Kette zu kommen. Die andere hatte sehr gute silberne Armbänder an -beiden Armen und Beinen, Ketten um den Hals, gute Tücher umgeschlagen -und eines auf dem Kopfe, sowie Ringe an den Fingern. Sie kam in das -Zimmer getänzelt, was hier als besonders vornehm und schick gilt und -von den schwarzen Damen auch auf der Straße mit Hin- und Herwiegen -des Oberkörpers geübt wird. Sie schaute mit ihrem jungen, runden, -hübschen, schwarzen, durch ihren Nasenschmuck freilich verunstalteten -Gesicht ganz keck in die Welt, schüchtern war sie durchaus nicht; -sie bot mir einen „Jambo“ (guten Tag) und steuerte gleich auf den -Spiegel zu, um sich ganz in ihren persönlichen Reiz zu vertiefen und -den möglichst malerischen Faltenwurf ihrer Tücher auszuprobieren. Die -Schwarzen verstehen es ausgezeichnet, sich mit Tüchern zu drapieren. Es -liegt etwas ungesucht Malerisches darin. Sie besitzen übrigens große -Geschicklichkeit, ihre Toilette vor aller Augen zu wechseln, ohne dabei -mit unseren europäischen Anschauungen von Schicklichkeit in Konflikt zu -geraten. Ich sagte „malerisch“, und in der Tat, diesen Abend sah ich -einen Neger, der ein Stück Baumwollenstoff wie einen wallenden weißen -Mantel umgehängt hatte und auf einer einsaitigen Gitarre entsprechend -eintönige Musik zum besten gab. Entschieden ein anziehendes Bild.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Msenga</em>, 2. Juni -1896.</p> - -<p>Gleich vom Lager aus geritten, weshalb mir der Marsch sehr kurz vorkam. -Bis zum ersten Ruheplatz sollte ich getragen werden, doch gab ich es -bald auf. Das Sichtragenlassen ist nur auszuhalten, wenn man wirklich -elend ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p>Viele Schmetterlinge, die es jetzt nach der Regenzeit mehr gibt -(besonders an feuchten Orten) und viele seltsam erscheinende Tiere -gesammelt, Molche, Schlangen und eine originelle Raupe, stachlig wie -unser Igel, nur, daß die Stacheln am Finger hängen bleiben wie bei -unseren Kletten und dann ekelhaft jucken. Diese angenehmen Kletten gibt -es übrigens auch hier, beim Marsche machen sie sich sehr unangenehm -bemerkbar. Auch eine Grasart mit kleinen Dornen ist sehr lästig auf -dem Marsche. Die Engländer nennen sie bezeichnenderweise „<span class="antiqua">wait a -bit</span>“.</p> - -<p>Die Natur weist auch in Blumen manche europäischen Arten auf, so z. B. -Winden der verschiedensten Sorten, gelbe, rote, blaue, lila; von Bäumen -fiel mir der Reichtum an Akazien auf. Bei der Ruhepause unterhielt ich -mich mit den Trägern; der „Engländer“, d. h. der englisch sprechende -Schwarze, verdolmetschte. Die Leute erzählten, Quawa, der Sultan der -Wahehe, werde sich nicht sehen lassen, das würde also gleichbedeutend -sein mit Krieg. Welcher ungewissen Zukunft gehen wir entgegen!</p> - -<p>Heute kamen wir durch einen Heuschreckenschwarm; der Himmel war -buchstäblich schwarz, man kann es sich gar nicht vorstellen, lauter -schwarze Punkte, die hin- und herschwirren, und ringsum alles, alles -abgefressen, kein Blatt, kein Grashalm, nur die langen, dürren Stiele -ragen noch in die Luft. Kommt der Schwarm aber tiefer und scheint -die Sonne auf die glitzernden Flügel, dann funkelt alles weiß, wie -Schneegestöber. Der Schwarm kann sich so verdichten, daß sich, nach dem -Bibelwort, „die Sonne verfinstert“. Leute nur 10 Meter entfernt, sieht -man nicht mehr. Der Schwarm läßt sich nieder, dann ist die Erde wie mit -einer schillernden Haut überspannt. Flügel an Flügel, manchmal sogar -dicht aufeinander sitzend. So etwas könnt Ihr Euch nicht vorstellen. -Es wäre schön anzusehen, wenn es nicht die Zerstörung aller Vegetation -bedeutete.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mafisifähre</em>, 3. -Juni 1896.</p> - -<p>Ein schöner Tag liegt hinter uns. Heute habe ich erst einen wirklichen -Marsch mitgemacht. Man kann die Marschleistungen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> einer so großen -Karawane allmählich steigern. Zu berücksichtigen ist, daß, wenn die -Tete auch nur 3 Stunden marschiert, es für die Queue mindestens 4½ -Stunden bedeutet; deswegen machen wir auch immer eine Ruhepause, -um den Nachtrab herankommen zu lassen. Für diesen war es also ein -anstrengender Tag, denn wir marschierten 3 Stunden und ritten 2 -Stunden. Für mich war’s eine Kraftprobe und machte mir viel Spaß; -obgleich manchmal der Weg so eng und so ausgehöhlt war, daß man den Fuß -nicht ordentlich setzen konnte. Die Gegend war sehr schön, teilweise -wie Parklandschaft, dann wieder wie ein Obstgarten, nur daß hier -der Reiz des Unberührten sich darüber breitet. Das Lager war sehr -hübsch wie eine Wagenburg anzuschauen. Unsere drei Zelte machen sich -recht schön, dann zur Seite der Koch und die Boys mit ihrem Hofstaat -in kleinen Zelten aus 3 Stöcken und einem Stück Tuch verfertigt; -ringsum unsere Lasten mit den Trägern und ihren Zelten, so bunt und -zusammengewürfelt.</p> - -<p>Es ist spaßig, welches Vertrauen die Leute zu Tom haben; wie die Kinder -sich Rat bei ihrem Vater holen, so kommen die Schwarzen zu ihm. Dann -fällt er salomonische Urteile; z. B. zwei hatten sich geschlagen, -der eine war auf den Kopf getroffen — dafür durfte er dem anderen -mehrere Ohrfeigen versetzen; er war so erregt, daß er die ersten Male -in die Luft schlug, ehe er traf. Schwieriger war der zweite Fall: Ein -Träger hatte dem anderen mit Absicht ein Loch in sein Tuch gebrannt. -Ein auf den Austausch der Tücher zwischen Schuldigem und Geschädigtem -anspielender Vergleich wurde von letzterem abgelehnt, weil sein Tuch -länger war als das des anderen. Zur Entschädigung durfte er sich dann -ein Stück aus des Gegners Tuch ausschneiden, um das seinige wieder zu -flicken. Beide zogen befriedigt und vergnügt ab.</p> - -<p>Wir sind mit unserer Karawane sehr zufrieden: von den 1100 Menschen -sind nur 20 Träger fortgelaufen. Wir werden jetzt viel von den Jumben -(Dorfhäuptlingen) heimgesucht, welche Schafe, Hühner, Eier, Ziegen -zum Geschenk bringen, dafür aber<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> tüchtig bezahlt werden müssen; den -ganzen Tag hocken sie um uns herum und wollen unterhalten sein, bis -man sie endlich mit einem „Kwaheri“ (Lebewohl) fortschickt. Aber man -ist auf sie angewiesen, denn sonst bekommt man kein Chakula, und -man kann sehr froh sein, wenn sie überhaupt etwas bringen; ist ein -Europäer wenig beliebt oder wenig bekannt, so bekommt er nur das -Notwendigste. Mir ist es bis jetzt sehr gut gegangen, denn für den -„Sakkarani“ (Spitzname meines Mannes, auf den ich sehr stolz bin, -denn er bedeutet: <em class="gesperrt">der keine Furcht kennt</em>) gehen sie durchs -Feuer, und da geht es der „Bibi“ natürlich auch gut. <span class="antiqua">Dr.</span> C. -Velten, der sich um die Suahelisprache mit großem Erfolg bemüht hat, -schreibt: „der verbreitetste Spitzname ist <span class="antiqua">bana sakkarani</span>, d. -h. der sich wie ein Betrunkener in jede Gefahr stürzt“; die Schwarzen -können sich nämlich nicht vorstellen, daß es einen nüchternen Menschen -gibt, der so mutig allen Feinden begegnet. Wie oft wurde mir gesagt: -„Ihr Mann ist zu tollkühn, ein Draufgänger wie Blücher“ — aber stets -behielt er kaltes Blut dabei, denn z. B., hätte er sonst schwerlich im -heftigsten Kampfe bei der Erstürmung Iringas einem Offizier das Leben -gerettet, indem er ihm zurief: „Aber Menschenskind, Sie stehen ja vor -einer Schießscharte“ und — bums — schon knatterte ein Schuß daraus -hervor. Derselbe Offizier wurde doch noch später bei demselben Gefecht -verwundet. Eier und Hühner schenkt man mir persönlich, dafür spendiere -ich dann Kognak. Heute brachte einer ein ganzes Poesiealbum an, in -welchem sich die einzelnen Europäer durch schöne Verse verewigt hatten; -ich war die erste Dame in dieser Sammlung. Bis jetzt hat kein Jumbe -mehr als zwei weiße Frauen gesehen. Die Jumben kommen zum Sakkarani von -weit her, der eine sogar von weit jenseits des Flusses.</p> - -<p>Von der Mabrukschen Frau bekam ich vier Eier geschenkt. Schon in -Dar-es-Salaam bekam ich welche von ihr, und ohne daß ich mich -revanchiert hatte, brachte sie mir einen Teller Kuchen zum Geschenk, -sehr ähnlich unseren Waffeln, ganz knusperig, also sehr schön.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Nordufer des Kingani</em>, -beim „Husarenjumben“,<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> -4. Juni 1896.</p> - -<p>Heute wurde nicht so früh vom Lager aufgebrochen, denn wir wollten nur -über den Kinganifluß mit der von Herrn v. Soden geschaffenen Fähre -hinübersetzen. Durch diese, wie durch so viele andere grundlegenden -Einrichtungen hat Herr v. Soden sich den dauernden Dank der Kolonie -erworben. Es war für die Schwarzen ein Ruhetag, für die Europäer aber -desto größere Arbeit und für mich anstrengender als ein Marschtag.</p> - -<p>Die Fähre ist so klein, daß Maultiere und Esel den Fluß durchschwimmen -mußten, nur an Stricken festgebunden; währenddessen wurde fortwährend -ins Wasser geschossen, um die Krokodile abzuhalten. Es ist häufig -vorgekommen, daß die Tiere im Wasser von den Bestien angefallen wurden. -Der Übergang dauerte sechs Stunden. Für jeden Passanten mußten an den -Jumben, der die Fähre in Ordnung hält, 2 Pesa gezahlt werden. Unter -der Last der ihm in <em class="gesperrt">Kupfer</em> ausgezahlten 2200 Pesas wankte unser -„Husarenjumbe“ tief gebeugt aber seelenvergnügt nach Hause.</p> - -<p>Wir hatten noch eine halbe Stunde Marsch. Hier sahen wir Vieh auf der -Weide; ein gutes Zeichen, denn früher versteckten die Jumben vielfach -ihr Vieh aus unbegründeter Angst, daß es ihnen weggenommen werden würde.</p> - -<p>Heute wurden die ersten Träger bestraft, sie hatten „Chakula“ bei den -Eingeborenen gestohlen. Nach neun Tagen die erste Bestrafung unter so -viel Leuten; wir machten abends einen Gang durch das Lager. Die vielen -kleinen Feuer, an denen die Leute an primitiven Herden (drei Steine -und ein Topf mit Reis darauf) ihr Essen kochten, boten einen hübschen -Anblick. Einige der Neger spielten Karten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Geringeri</em>, 5. -Juni 1896.</p> - -<p>Heute liegt ein tüchtiger Marsch hinter uns — ohne Pause von 6 -Uhr 4 Minuten bis 12 Uhr 49 Minuten. Da ich es<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> verschmähte, mich -tragen zu lassen, mußte ich diesen wenig angebrachten Stolz mit recht -schmerzhaften Blasen an den Füßen bezahlen. Der Weg war oft so eng und -ausgehöhlt wie eine Straßenrinne, durch die das Wasser abfließen soll; -es ging viel durch Dornengestrüpp und mannshohes Gras, welches einem -fortwährend ins Gesicht schlug — eine wenig angenehme Zugabe zu dem -ohnehin schon so anstrengenden Marsch. Im ganzen war die Natur recht -ausgestorben: die fast blätterlosen Bäume mit ihren Dornen und das -langstielige gelbbraune Gras gaben der Landschaft ein ödes Ansehen. -Um so mehr freuten wir uns, als endlich vor uns dichtbelaubte Bäume -sichtbar wurden, denn sie verhießen uns fruchtbares Land und somit -aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wasser, ein Dorf — und einen guten -Lagerplatz. Bald trafen wir auch auf die ersten Schamben (Felder), und -eine halbe Stunde vor dem Marschziele empfing uns auch schon der Jumbe -mit seinen Untertanen.</p> - -<p>Heute habe ich mich auch zum ersten Male um die Küche gekümmert: immer -noch Huhn und Reis, dazu ein Täubchen, welches mein Mann mir alle -Tage schießt und welches mir trefflich schmeckt. Ich sah auch heute -die erste Affenfamilie und den ersten bunten Tropenvogel, der sich in -dieser Einöde ganz prächtig ausnahm. Auch Ebenholzbäume sah ich viel.</p> - -<p>Es scheint, als ob selbst die meist stumpfsinnigen Träger veredelndem -Einflusse nicht unzugänglich sind. Die ersten Tage blieb alles stumm, -wenn ich an ihnen vorüber kam und ihnen „Jambo“ (guten Tag) bot, heute -schrie mir alles schon entgegen, ja, einer der Träger spielte sich als -Kavalier auf, indem er mir eine seltene schöne Blume brachte; ich habe -mich darüber recht gefreut. Am Morgen sah ich der Mabrukschen Frau zu, -wie sie ihre Ohrenverzierungen herstellte: sie wickelte in gelbe und -rote Farbe getauchte Zeugstreifen sauber auf und steckte sie in die -ungefähr 1 <span class="antiqua">cm</span> großen Löcher in den Ohrmuscheln.</p> - -<p>Den Jumbe von Perondo sind wir glücklich los, er muß voran marschieren, -um uns Brücken über die Flüsse bauen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> lassen. In Dar-es-Salaam -belästigte er uns unaufhörlich. Übrigens macht er einen ganz harmlosen, -gemütlichen Eindruck.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mkulassi</em>, 6. -Juni 1896.</p> - -<p>Um 4½ Uhr schon zum Aufbruch geblasen, um 5½ Uhr Abmarsch aus -dem Lager. Da wir den Geringeri passieren mußten, ging es sehr langsam -vorwärts, denn die Notbrücke, die über den Fluß gelegt war, verdiente -ihren Namen in der Tat. Die Tiere mußten den Fluß durchschwimmen, die -Träger krabbelten langsam hinüber.</p> - -<p>Um 1½ Uhr im Lager. Zur Abwechslung gab es heute einmal Ziege -anstatt Huhn, für uns alle sehr erfreulich, auch Schnapsel -profitierte davon. Der Hund hat uns viel Sorge gemacht; infolge eines -Insektenstiches war ihm ein Auge ganz blutunterlaufen, so daß ich schon -fürchtete, er würde es verlieren; ich habe es ihm tüchtig mit nassen -Umschlägen gekühlt und hatte die Freude, es bald wieder heil zu sehen.</p> - -<p>Tom geht es heute gar nicht gut, seit mehreren Tagen schon hat er -Fieber, natürlich ist auch meine Stimmung dementsprechend. Mit der -Kocherei fängt es an, besser zu werden.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Magugoni</em> -(Kinganifluß), 7. Juni 1896.</p> - -<p>Heute wird Tom von allen Seiten von Eilboten bestürmt, infolgedessen -hat er riesig viel zu tun. Um den Tag zu feiern, haben wir unsere -Herren zu einer Bowle eingeladen. Der Marsch war heute wieder sehr -schön, durch ein fruchtbares Stück Land. Vorgestern kamen wir durch -ein 4 bis 5 <span class="antiqua">m</span> hohes Maisfeld, wohl eine halbe Stunde lang; -das Marschieren war zwar nicht angenehm, aber wir freuten uns doch, -da uns Tom erzählte, so fruchtbares Feld habe er seit 3 Jahren nicht -gesehen, denn die Heuschrecken hätten zu arg gehaust; jetzt ist diese -gräßliche Landplage, Gott sei Dank, im Aussterben. Gestern noch -sahen wir ganz abgefressene Grashalme, mit großen braunen länglichen -Punkten — tote Heuschrecken, zu fünf und sechs an einem Halm. Viele -Wildspuren, aber kein Wild zu sehen, da das Gras,<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> 3 bis 4 <span class="antiqua">m</span> -hoch,<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> jeden Umblick hinderte. Zur Linken lugten zwischen einzelnen -Baumgruppen waldige Hügel herüber, und zur Rechten zeichneten sich mit -allen landschaftlichen Einzelheiten, mit ihren Wölbungen und Tiefen, -die wunderschönen 8000′ hohen Uluguruberge in der durchsichtigen, -klaren Luft ab. Wir marschierten 6¾ Stunden, eine ganz ansehnliche -Leistung, wenn man den schmalen, gewölbten „Straßenrinnen-Weg“ in -Betracht zieht, der, von darüber fallendem Gras bedeckt, uns zwingt, -immer hübsch vor uns hinzusehen und der Steine und Wurzeln zu achten, -denn das Stolpern bringt aus dem Marschtempo. Dazu die besondere -Eigentümlichkeit, daß es hier kaum Bäume ohne Dornen gibt. Ich hatte -keine Gamaschen angelegt und mußte diese Unterlassung beim Reiten durch -zahlreiche Dornenrisse büßen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Chansi</em>, -Kinganifluß, 8. Juni 1896.</p> - -<p>Heute war ein schöner Tag — beinahe ein Ruhetag! Es wurde erst um -6¼ Uhr zum Aufbruch geblasen, dann ein kurzer Marsch bis zum Fluß, -den wir in Kanoes kreuzten; die Leute wateten durch. — Nachmittags -schossen die Herren die Gewehre ein. Während ich hier schreibe, -lodern ringsum große Feuer gen Himmel, an denen schwarze Gestalten -umherhocken. Die Feuer brennen die ganze Nacht hindurch, in ihrem -Bereiche suchen sich die Leute ihre Lagerstätten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mihama</em>, 1½ -Stunde westlich von Tulu, 9. Juni 1896.</p> - -<p>Trotzdem schon um 5¼ Uhr zum Abmarsch geblasen wurde, kamen wir -doch erst um 7½ Uhr aus dem Lager. Die Soldaten hatten einige Gnus -geschossen, die erst unter die Askaris verteilt wurden — ein großes -Ereignis! Nachmittags war wieder Fleischverteilung, bei der ich zugegen -war; mit welcher Gier stürzten sich die armen Kerls auf die leckere -Beute! Auch einige Hartbeeste waren geschossen worden, darunter eins -von meinem Mann,<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> mit prachtvollem Gehörn. Wir behielten uns ein -Stück des besten Fleisches, hoffentlich bereitet es der Koch auch -schmackhaft zu. Von der Vorzüglichkeit unseres Küchenchefs bin ich -nämlich schon längst abgekommen, trotz seines Rufes als des anerkannt -besten seines Faches. Er bezieht ein Gehalt von 40 Rupien monatlich, -hat als Assistenten einen Küchenjungen zu 3 Rupien und einen Esel zum -Reiten auf der Safari (Reise) und muß außerdem noch sehr gut behandelt -werden, damit er bleibt! Leicht hat er es übrigens ebensowenig wie -unsere Jungens. Wenn wir ins Lager kommen, meistens gegen 12 Uhr und -später, müssen die Zelte aufgeschlagen, der Tisch gedeckt, aufgewaschen -und hunderterlei Kleinigkeiten besorgt werden, von denen eine deutsche -Hausfrau keine Ahnung hat, die aber zu den täglichen Notwendigkeiten -unseres afrikanischen Marschlebens gehören.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dutumi</em>, 10. -Juni 1896.</p> - -<p>Ein kurzer aber sehr beschwerlicher Marsch heute. Das an 4 <span class="antiqua">m</span> -hohe, taufrische Gras hinderte uns sehr am Vorwärtskommen und -durchnäßte uns bis auf die Haut. Zuweilen sahen wir, wenn das Gras -einmal einen Ausblick gestattete, die waldigen Höhen der Uluguruberge -rechts vorgelagert, ein Zeichen, daß unsere Karawanenstraße im großen -Bogen lief; wir hatten diese Berge bisher immer zur Linken gehabt. -Unsere Zelte stehen abseits von den übrigen unter einem großen Baum, -der seinen Schatten nach allen Seiten hin spendet; ein ideal schönes -Plätzchen. Während ich schreibe, üben unsere Askaris ihre Hornsignale. -Wie mich das an Weißenrode erinnert, wenn vom Liegnitzer Haag die -Musik der Königsgrenadiere herüberschallte. Es ist eigentümlich: der -Zulu, obwohl musikalisch, ist zum Signalblasen nicht zu gebrauchen, da -seine Lungen zu schwach sind; der Sudanese dagegen ersetzt, was ihm an -musikalischer Begabung abgeht, durch kräftige Lungen; die Kerls blasen -ihre Signale wie man’s zu Hause kaum besser hören kann. Die Sudanesen -halten sich übrigens, wie ich hier einschalten will, für besser als die -anderen Stämme und wollen nicht mit zu den Negern gerechnet werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Von dem gestrigen Wege bin ich so entzückt, daß ich die Schilderung -heute nachholen möchte. Der Marsch ging auf breit ausgehauenem Pfade, -auf welchem sogar 10 bis 15 Neger mit dem Ausjäten des Unkrautes -beschäftigt waren. Solch Zeichen von Kultur hier zu finden, ist wie -eine Oase in der Wüste, und zwar besonders erfreulich als Zeichen, daß -der Jumbe in dieser wohlhabenden Gegend eine gewisse Macht besitzt; -die Beschaffenheit der Wege kann man als besten Maßstab hierfür gelten -lassen. Diese Jumben lassen sich mit unseren Dorfschulzen vergleichen, -doch stehen ihnen größere Machtbefugnisse zu, denn das Gouvernement -kann sich hier nicht um alle die Kleinigkeiten bekümmern, für die der -Dorfschulze seinem Amtsvorsteher und Landrat verantwortlich ist; unsere -Jumben hier stehen in dieser Beziehung doch selbständiger da, und das -Gouvernement unterstützt ihre Anordnungen. So schön geebneten Weg -hatten wir bisher noch nicht gefunden, vor allem nicht auf diese Länge -hin, selbst die Brücken über die Flüsse fehlten nicht. Der Jumbe <span class="antiqua">en -chef</span> hatte augenscheinlich die ihm unterstellten zehn Unterjumben -gut im Zug. Er kam uns entgegen und war sehr enttäuscht, als wir unser -Lager nicht in seiner Residenz aufschlugen.</p> - -<p>Eine Stelle des Weges haftet mir besonders im Gedächtnis: Dornröschens -Schloß meinte ich vor Augen zu haben, hohe Wände von dichtem grünen -Laub, hochragende Baumwipfel als die Mauertürme dieses verzauberten -Schlosses. — Die Temperatur war recht afrikanisch: trotz Tropenhelms -und Regenschirms trug ich eine Brandblase auf der Nasenspitze davon. -Das Trinkwasser ist hier recht unappetitlich, es gehört schon -Überwindung dazu, sich in dieser trüben Flüssigkeit zu waschen — -trinkbar ist es nur in der Form von Tee, und zwar aus silbernem Becher, -um die trübe Brühe nicht beim Trinken auch noch sehen zu müssen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Station <em class="gesperrt">Kisaki</em>, -11. Juni 1896.</p> - -<p>Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher -war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der -Malaria erlegen. Es war<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> doch schön, wieder einmal nachts ein Dach -über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns -in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr -an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und -aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist -alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt -waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat — das -ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so -daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb, -aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft -metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht -empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 <span class="antiqua">m</span> hohen Ufer fallen sehr -steil ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt -hier das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein.</p> - -<p>Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend -kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr -noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben -im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche -Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei- -bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten -diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr <span class="antiqua">en vogue</span>.</p> - -<p>Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich -marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die -ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den -Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in -welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß -von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte.</p> - -<p>Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht, -um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen. -Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns -Befehl Bastionen,<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die -Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgeta</em>, 13. Juni -1896.</p> - -<p>Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige -Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert -hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und -Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier für -den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien bedankt -zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir uns ein. -Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der Mafiti mit -Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen Anhang vor -Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms Gewehr tragen -zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem Mafitidorfe -vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut ist, bis an -den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten im hohen -Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied in Sturmkolonne -vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten Lagerplatz zu -schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst <em class="gesperrt">nach</em> -dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar den -blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz nur -dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken -ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum -einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein -unübersteigbares Hindernis.</p> - -<p>Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im -Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären -nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun -erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller -Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung -hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein -kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen: -Höhenmessung<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers, -eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen -und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe -ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach -Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch -gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie -Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7 -Uhr an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und -zwar je dicker je besser.</p> - -<p>Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine -dichte Wolke am dunkeln Himmel hin — ein feierlicher Anblick: Seelen, -die ihrer Heimat zustreben!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Msengebach</em>, 14. -Juni 1896.</p> - -<p>Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht -werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick -behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten — -wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk -und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände -blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir -sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Makirika</em>, 20. -Juni 1896.</p> - -<p>Das erste Fieber überstanden! — Das waren böse Tage. Daheim wäre man -bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier -sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen, und -Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht -zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und -pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit. -Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts; -erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie -wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> - -<p>Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen -werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v. -Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude, -solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus -als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die -großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am -Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die -beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück -waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den -Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen, -um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn -Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel -Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen -von Uhehe grüßten zu uns herüber!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mfajeka</em>, 21. -Juni 1896.</p> - -<p>Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha, -der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen -Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer -recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte -ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu -schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie -das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den -kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit -nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen -im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch -zuerst immer jämmerlich schrieen. —</p> - -<p>Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In -drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres -Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank. -Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha -an dieser Stelle gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum -anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen -Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich -ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, — -die landesübliche Sitte des Kindertragens — und wurden mit ihrer -lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren -Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer -Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot -ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten -und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war -die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber -wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer -Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete.</p> - -<p>Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus -Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er -ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort -herausgeholt, geschient und verbunden.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mfajeka</em>, 22. -Juni 1896.</p> - -<p>Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern -bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die -wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden, -nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe -dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten -entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein, -ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit — -auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit, -wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt.</p> - -<p>Von meinem Platze aus kann ich die Kompagnie sehen, die oben zum Appell -angetreten ist. Auf dem Marsche tragen unsere schwarzen Kerls je nach -Geschmack alle möglichen Zierate<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> an den Mützen: Federn, weiße Sterne -u. a. m.; heute sehen sie in ihren, den Husarenkalpaks ähnlichen Mützen -ganz militärisch und schmuck aus.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dorf Kranse</em>, 24. -Juni 1896.</p> - -<p>Der Abmarsch verzögerte sich, weil wir auf den Arzt warten mußten, der -erst den im Ruaha verunglückten Träger neu verbunden hatte und dann -noch nach einem kranken Kinde sehen mußte. Drei Stunden ließ ich mich -tragen, versuchte dann, auf meinem Maskatesel weiter zu kommen, mußte -mich aber bald bequemen, über einen durch Auswaschung entstandenen -Erdspalt auf Baumwurzeln zu balancieren. Als nächstes Hindernis kam ein -Urbusch, der erst gangbar gemacht werden mußte: dunkler Moorboden oder -Graswuchs, lianenumschlungene Stämme mit dichtem Laub, Wasserpfützen -mit dem bekannten metallisch-rötlich-schimmernden schleimigen Überzug, -das alles in einem düstern Zwielicht, dazu eine Fülle von Tieren -und Insekten — das ist das Bild eines afrikanischen Urbusches oder -Urwaldes.</p> - -<p>Unser Lager liegt dicht an den Bergen, die uns einen frischen Wind -herübersenden; das erfrischt Mark und Nerven und hält die gefährlichen -Fiebermiasmen der sumpfigen Niederung fern. Gegenüber ein prächtiger, -breiter Wasserfall. Welch schöner Abend: ringsum die Lagerfeuer, an -denen die Leute sich schon schlafen gelegt haben, silberklar zieht der -Mond seine stille Bahn am tiefblauen Sternenhimmel, an dem einzelne -Silberwolken glänzen, der Horizont begrenzt von den hohen Bergen von -Uhehe — in die tiefe Stille dringt nur das gleichmäßige Rauschen des -Wasserfalls herüber und ab und zu der Schritt des Wachtpostens.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mahenge</em>, 25. -Juni 1896.</p> - -<p>Um 6 Uhr 20 Minuten Aufbruch. Die ersten 3½ Stunden ließ ich mich -tragen und las dabei, wie ich meistens tue. Dann ritt ich meinen braven -Maskatesel. Der Weg durch den Wald war recht schlecht, Tom mußte -einen Unteroffizier als Bahnbrecher<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> vorschicken. Das Marschtempo -ist im allgemeinen 100 Schritt in der Minute, der Schritt etwa 70 -Zentimeter, so daß wir durchschnittlich in der Stunde 4 bis 4½ -Kilometer vorwärtskommen. In einem hohlen Baum fand Tom heute ein -ganzes Schmetterlingsnest, aus dem er die Tierchen wie junge Vögel -ausnehmen konnte. Es war sehr niedlich. Jetzt kommen wir meist -ziemlich manierlich ins Lager, freilich durch das hohe, nasse Gras -gewöhnlich bis auf die Haut durchnäßt, und beim Durchreiten der -Bäche kommt man auch oft genug mit den Füßen ins Wasser, obgleich -ich im Sattel balanciere wie eine Kunstreiterin. Morgens regnet es -hier auch öfters; im Gegensatz zu vielen anderen regenarmen Gegenden -Deutsch-Ostafrikas ist das Land deshalb hier auch ungemein fruchtbar. -Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Reichtum die Natur diesen -Landstrich ausstattet! Wir kamen durch einen Graswald, der uns mit -seinem, die Bäume überragenden Schilfgras ganz vorweltlich anmutete; -bei den Maisfeldern wuchsen sechs bis acht Stauden aus einer Wurzel -durchschnittlich 5 bis 7 Meter hoch. Ein Stückchen solch fruchtbarer -Erde in Europa!</p> - -<p>Afrika geht auf die Gesundheit! Von uns fünf Europäern haben Tom und -der Zahlmeister Winkler seit vierzehn Tagen fortwährend Fieber bis zu -40°, der Unteroffizier Hammermeister sogar bis 41°, und auch unser -Arzt <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling laboriert daran. Das beste Vorbeugungsmittel -ist und bleibt kräftige Nahrung, um dann während der Fieberanfälle -möglichst bei Kräften zu bleiben, denn auch bei nicht allzuhohem Fieber -taten die Herren immer ihren Dienst. Man muß hier nach Möglichkeit -gut leben, schon um den Dienst im Gange zu halten. Wer nur Wasser -trinkt und nicht gut und kräftig ißt, der spart wohl — und zwar nicht -unbeträchtlich! — am Geldbeutel, auf die Dauer wird er aber dieses -Sparsystem nicht aushalten. Trotz alledem — Afrika hat doch Reize, die -man in Europa vergeblich suchen würde. Wenn die Träger ins Lager ziehen -und ihre Lieder vom „Sakkarani“ singen, wenn wir nach angestrengtem -Marsche unsere Zelte aufschlagen als vorgeschobene Pioniere deutscher -Kultur, mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Ziel vor Augen: wir wollen und können unserm deutschen -Vaterlande auf diesem vorgeschobenen Posten dienen und nützen, jeder -nach seinem Pfund! — das ist ein Bewußtsein, welches über den Mangel -europäischen Komforts und selbst eine tüchtige Dosis Fieber kräftig -hinweghilft!</p> - -<p>Heute war offizieller Empfang! Eine Stunde vor dem Dorfe kam uns der -Jumbe entgegen und begrüßte uns mit einer feierlichen Ansprache, -die ich allen seinen deutschen Kollegen als Muster von — Kürze -bestens empfehlen kann. Auch sonst fanden sich Vergleichspunkte mit -europäischen Einzugsfeierlichkeiten: die Stelle der weißgekleideten -Jungfrauen vertraten die mit schneeweißem Linnen drapierten Einwohner -beiderlei Geschlechts, die uns zu Ehren angetreten waren. Das Dorf -war rings um einen großen freien Platz angelegt, in dessen Mitte ein -riesiger wilder Feigenbaum die Stelle unserer Dorflinde vertrat. Hier -spielt sich das öffentliche Leben ab, in seinem Schatten wird Schauri -gehalten, getanzt, gekneipt und wohl auch gelegentlich mal gerauft, -ganz wie bei einer deutschen Kirmes. Unser Lager wurde unter einer -stattlichen Baumgruppe aufgeschlagen, die als deutliches Zeichen -dieser ihrer Bestimmung an einem Stamme ein — Reklameschild für -deutschen Sekt trug! Die Herren v. Kleist und Albinus, die früher -hier stationiert waren, hatten uns gesagt, wir würden wohl wenig -Lebensmittel auftreiben, da die Leute sehr arm seien, höchstens einige -Hühner, von Ziegen ganz zu schweigen; um so angenehmer waren wir -überrascht, als uns eine Menge Ziegen, Hühner, Eier und Mehl gebracht -wurde. Der Besuch nahm den ganzen Tag kein Ende. Es sieht zu drollig -aus, wenn so dreißig bis fünfzig Schwarze um uns herum hocken; ich -bewirte sie mit eigens für sie bestimmten Tassen mit Gin; gern würde -ich mich auch mit ihnen unterhalten, aber ich verstehe ihre Sprache -noch nicht.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">26. Juni 1896.</p> - -<p>Wir passierten eine Anzahl recht ansehnlicher Dörfer; die Hütten waren -durchweg mit Veranda versehen. Unter dem<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Schwarm von Eingeborenen, -die uns zur Station begleiten, um dort Schauri zu halten, befindet -sich auch der Jumbe Farhenga, der früher oft gegen uns gekämpft hat, -bis er sich ergab — Leutnant Brüning ist im Kampfe gegen diesen Stamm -gefallen —; er war früher ein Anhänger von Quawa und glaubt bestimmt, -daß dieser sich nicht sehen lassen würde.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Juni 1896.</p> - -<p>Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen -40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer, -mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand -Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache -schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit -und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei -Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten -kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz -alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die -uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten -nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum -Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit -den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt, -je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes -Gedränge — aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden -sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner, -die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls -hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles -fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich -gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr -ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe -ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der -Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte -Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris -das Nötigste aus den<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner -aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Fakalla</em>, 29. -Juni 1896.</p> - -<p>Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei -Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und -Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste -Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu -nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre -beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und -war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute -sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen -Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können.</p> - -<p>An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche -Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten -müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber — -kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige -Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier -schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und -Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als -sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem -sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen -sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von -Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte -ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten. -Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt -ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen -in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen -Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen -wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets -willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer -findet sich stets in der Nähe von<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> Wasser; auch der Honigvogel ist -ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo -man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine -Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Am Fluß Ruipa</em>, -1. Juli 1896.</p> - -<p>Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das -Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im -Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen -lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer -mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter -tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte -bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind -übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen, -werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen! -Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“ -sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick -sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend -und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst -fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im -Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona! -— Heute den 34. Tag unterwegs!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Gima</em>, 2. Juli -1896.</p> - -<p>Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr -werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch -bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal -nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner -Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf — natürlich tolle Kopfschmerzen. -Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches -Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas -zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres -Zeichen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin -ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und -heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ndemusdorf</em>, 3. -Juli 1896.</p> - -<p>Auch heute alle Dörfer verödet — ein böses Zeichen! Quawa hat die -Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe, -aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige -sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen. -Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer -Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg -möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser -Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei -Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch -seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit -den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als -Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom -hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen -und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben, -überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa -zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus -Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat -sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber -zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um -einzutreten.</p> - -<p>Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um -unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein -Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel -weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und -im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in -welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und -der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">5. Juli 1896.</p> - -<p>Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren -Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, -die meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick -eines solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten -Farnkräuter gesehen! — Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der -Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm: -Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die -Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen, -denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen. -Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern -trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste -zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze -niederzutreten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Am Kitalabach</em>, -6. Juli 1896.</p> - -<p>Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns -zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft -bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in -der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken; -dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°. -Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges -Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war, -um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit -geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten -die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die -Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt, -dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten -diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur -dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung: -Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich -erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein,<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst -zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel -festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln, -Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 7. Juli 1896.</p> - -<p>Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf — gegenüber -dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen -erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger -Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich -hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich, -wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem -Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu -überzeugen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_1" name="ende_kap_1"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 1" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s35_kopfstueck" name="s35_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 35" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"><span class="kap">Zweites Kapitel.</span><br /> -In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 8. -Juli 1896.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s35_initial" name="s35_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s6_initial.jpg" alt="U" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>m 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter -trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir -sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen -Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges, -hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit — mehr gestattete der -Weg nicht — so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und -Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki, -Graf Fugger und <span class="antiqua">Dr.</span> Berg entgegen, die auch für eine prächtige -Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet, -und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine -Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche -Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und -die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war -ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt -gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen — und der Dienst machte -seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer -Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen -Festmahle — wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich -es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt — der letzte -— wurde reichlich getrunken, dank seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> belebenden Wirkung und der -Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt, -trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch -Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns -nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser -schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein!</p> - -<p>Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen, -gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das -Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort -gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu -besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts -übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht -Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen. -Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der -neu anzulegenden Station zu dirigieren — <em class="gesperrt">ohne daß es zu viel -kostet</em>! Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend: -die Messe besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die -Bezeichnung „Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der -Zimmermann die üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne -durch Tischler und Glaser ergänzt zu werden.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 9. -Juli 1896.</p> - -<p>Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe, -brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen, -um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu -vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt -ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder, -alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu -begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 12. -Juli 1896.</p> - -<p>Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen -schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> alles nötige -Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem -europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen -Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch -die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten -wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem -— natürlich sorgfältig gereinigten — Gewehrlaufe glattgestrichen -und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl, -Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines -Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren -zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs -andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, — aber -wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser -Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt -nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz -leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte -mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen -bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit -roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und -Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem -Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume -abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe — man kann sie zwar -nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die -Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt -festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen -und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die -gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum -wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues -Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen -Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter -befestigt; es sah wunderhübsch aus — stilvoll-afrikanisch. Dazu in -der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen; -an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> (ich hatte -mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum -Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl -die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas -getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste.</p> - -<p>Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer -und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in -knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in -dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den -Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas -sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich -Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee -tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu -Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. — -Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 13. -Juli 1896.</p> - -<p>Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann -wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam <span class="antiqua">Dr.</span> Berg; -dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus -Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel.</p> - -<p>Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie -seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur -aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt- -und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht -aufgefressen. Der Feinschmecker!</p> - -<p>Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel -Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig. -Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind -anwesend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 17. -Juli 1896.</p> - -<p>Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum -Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren -bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um -Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe -genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern -mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab; -zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück -Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine -kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000 -Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin -und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs.</p> - -<p>Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder -einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die -Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und -beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer -Hütte.</p> - -<p>Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn -1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der -gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es -reichlich.</p> - -<p>Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf -der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens -werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine -Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der -Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten -geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches -Notwendige finde ich überhaupt nicht.</p> - -<p>In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine -Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die -beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große -Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perni<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>ziöses Fieber zu haben und -wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte -dann auch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom -den Verlust von zwei Europäern. — Eine rechte Landplage sind hier die -kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen -Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns -vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den -Kopf gebunden tragen müssen — ein spaßiger Anblick.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 18. -Juli 1896.</p> - -<p>Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo -blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver -geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis <span class="antiqua">Dr.</span> Berg -kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der -hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des -schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer -angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders -annehmen.</p> - -<p>Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch! -Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein -Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch. -Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern -Küchenzettel!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 19. -Juli 1896.</p> - -<p>Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet -soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen -sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er -auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn -Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen -seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern -werden?</p> - -<p>Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht -schlimmer, er ist aber sehr schwach.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p40a" name="p40a"> - <img class="mtop2" src="images/p40a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Empfang in Perondo. Reitesel der - Frau v. Prince.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_35">S. 35</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p40b" name="p40b"> - <img class="mtop2" src="images/p40b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1"><span class="s5">Von links nach rechts:</span><br /> - Oberleutn. <em class="gesperrt">Glauning</em>. Hauptm. v. <em class="gesperrt">Kleist</em>. Stabsarzt -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Stierling</em>. Hauptm. v. <em class="gesperrt">Prince</em>. Leutn. -Graf <em class="gesperrt">Fugger</em>. Leutn. <em class="gesperrt">Stadlbaur</em>. — Frau Hauptm. v. -<em class="gesperrt">Prince</em>.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> - -<p>Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und -ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus -erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden: -Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat.</p> - -<p>Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie -sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere -Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen -und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in -einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen -Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen -abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere -Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen -und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu -noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen -Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu -wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 22. -Juli 1896.</p> - -<p>Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte: -erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon -besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von -irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten -Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten -wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten, -und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es -alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle -unsere Wünsche und Hoffnungen richten.</p> - -<p>Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften -und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem -untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto -vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch -vielfach ausgedroschen; die Dresch<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>flegel sind den unseren ähnlich, -selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird -innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf -Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich -mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach -selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und -Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen. -Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst -so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem -Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der -Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen. -Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht -anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln -greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Juli 1896.</p> - -<p>Gestern abend gemütliches Zusammensein in der Messe bis nachts 1 Uhr. -Vom Grafen Fugger kam Nachricht, er baut tüchtig an seiner Boma; von -den Einwohnern der Temben läßt sich niemand sehen, die Wahehe dagegen -haben Beobachtungsposten ausgestellt. Es spitzt sich mehr und mehr zu, -trotzdem mein Mann mehrere Gesandtschaften an Quawa geschickt hat, um -diesen über den friedlichen Zweck unseres Zuges aufzuklären. An den -Küsten hat man von den hiesigen Zuständen keine Ahnung, es wurde dort -behauptet, Perondo sei sehr gesund und alles atme hier Frieden! Jetzt -hat der zweite Unteroffizier auch Fieber.</p> - -<p>Mit der Zeit schärft sich der Blick für die schwarzen Gesichter, ich -kann jetzt schon die Frauen von den Männern unterscheiden; anfangs war -das durchaus nicht leicht; beide tragen als Gewand große Tücher um -Brust und Körper, die nur den Kopf, die Arme und die Füße freilassen; -selten sieht man einmal einen Mann, der einen Anflug von Bart trägt.</p> - -<p>Eben sitzt Kiwanga, einer unserer größten Häuptlinge, bei meinem Mann, -ein stattlicher schwarzer Herr in europäischer<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> Kleidung. Benehmen und -Sprechweise machen einen guten Eindruck; schade, daß ich nichts von der -Sprache verstehe; er scheint sehr klug zu sein. Unser Kognak hat seinen -Beifall, er hat eine ganze Tasse voll getrunken! Er erzählte Tom, daß -Quawa bei Iringa einen Streifschuß am Oberschenkel erhalten habe. Hätte -der Schuß damals besser getroffen, brauchte mein Mann jetzt nicht all -das Häßliche durchzumachen, was uns nun als sicher bevorsteht.</p> - -<p>Kiwanga, unser Gast, scheint hier in hohem Ansehen zu stehen; während -ich mich sonst immer darüber ärgern mußte, daß Koch und Boys in -Gegenwart von Gästen stets ganz ungeniert ins Zimmer platzten, um sich -die Befehle für die Mahlzeiten zu holen oder ihrerseits Wünsche und -Klagen anzubringen, kommen sie heute nur leise angeschlichen und reden -nur im Flüsterton: die Nähe von so viel schwarzer Hoheit bedrückt sie -ganz augenscheinlich.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">28. Juli 1896.</p> - -<p>Ich habe die Tage über nicht schreiben können, denn es lag mir wie ein -Alp auf der Seele: heute sind die Sachen für meinen Mann gepackt, die -er auf seinem Zuge mitnehmen will! Sobald er seinen Bericht fertig hat, -geht es ab! Der Krieg ist unvermeidlich, trotz aller Versuche, mit -Quawa zu friedlichem Verständnis zu kommen. Tom hatte den Auftrag, ihm -ein Geschenk zu überbringen, das ist nun natürlich ganz ausgeschlossen. -Wenn mein Mann nicht glücklicherweise etliche von Quawas Leuten -hierbehalten hätte, würde dieser Mensch unsere Abgesandten einfach -aufknüpfen; unter diesen Umständen ließ Quawa sie gar nicht zu sich -herankommen, sondern wies sie unter Androhung des Todes zurück. Welche -Gesinnungen ihn beseelen, dafür nur einen Beleg: seinen Großen, die -ihm zum Frieden rieten, ließ er den Hals abschneiden, deren Frauen -wurden durch Ohrabschneiden verstümmelt! An 80 Leute haben dran glauben -müssen. Welch ein Glück für uns, daß es nicht noch mehr solche Neger -gibt, die durch den blutigsten Despotismus die Stämme unter ihrem -Einflusse halten — mit der Besitznahme von Deutsch-Ostafrika sähe es -sonst sehr böse aus. Quawa hat seine An<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>hänger um sich versammelt, -man schätzt ihre Zahl auf 7000 bis 9000 Mann; ihnen stehen wir mit -130 Mann gegenüber, nach Abzug von 30 Mann Besatzung unserer Boma und -weiteren 20 Mann, die die Verbindung der drei kleinen Bomas auf unserer -Etappenstraße aufrecht erhalten müssen. Um unsere Boma gegen einen -plötzlichen Handstreich zu sichern, haben wir sie in den denkbar besten -Verteidigungszustand gebracht, der Versuch würde Quawa und seinen -Kriegern teuer zu stehen kommen.</p> - -<p>Ich bewundere bei all meiner Sorge die kaltblütige Ruhe meines Mannes. -Bei der ungeheueren Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht, bestimmt er -alles mit einer Seelenruhe, als ob es sich um den alltäglichen Dienst -handele! Mittags, gleich nach Tisch, ritt er ab mit 40 Soldaten und -100 Trägern. 400 Träger waren schon gestern abgegangen, sie sollten -heute noch eingeholt werden. Ich begleitete Tom bis zum nächsten -Fluß und war gegen 3 Uhr wieder zurück. Sofort erschien auch Kiwanga -wieder und machte mir seinen Besuch, der mir in meiner sorgenvollen -Stimmung wenig angenehm war. Ich setzte ihm Kognak und Zigaretten vor -und da bei meinen mangelhaften Kenntnissen des Suaheli keine rechte -Unterhaltung in Fluß kam, ging er bald wieder. Dann machte ich mir -allerlei Beschäftigung, zog die Uhren auf, ging nach dem Hühnerstall -und anderes mehr, bis der Dolmetscher mit der Meldung kam, soeben werde -Herr v. Stocki schwer erkrankt ins Lager gebracht. Das war ein großer -Schrecken. Ich ging sofort zu ihm, fand ihn glücklicherweise schon auf -dem Wege der Besserung; er hatte ein perniziöses Fieber überstanden -und hoffte, den Zug gegen Quawa schon mitmachen zu können. Nach dem -Abendessen sah ich nach Lagerfeuern meines Mannes in den Bergen aus, es -war aber nichts zu sehen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">29. Juli 1896.</p> - -<p>In aller Frühe durch einen schriftlichen Gruß von Tom geweckt; ich -schrieb sofort wieder, da der Bote mit Dienstsachen zurückging. Dann -kam Kiwanga, brachte aber diesmal den Dolmetscher mit und blieb, da -wir uns nun unterhalten konnten, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> ganze Ewigkeit. Außer dem -üblichen Kognak und Zigaretten erhielt er einen kleinen Vorrat Salz zum -Geschenk und einen von Toms Anzügen. Da ihm aber der Stoff an diesem -Anzug nicht gefiel, mußte ich ihm einen anderen aussuchen, der seinem -Geschmack besser entsprach! Später kam noch ein anderer Häuptling dazu, -der ebenfalls mit Kognak und Zigaretten bewirtet werden mußte, sowie -noch mehrere Gesandtschaften von weiter ab wohnenden Häuptlingen. -Sie bleiben vier Tage hier; da geht es tüchtig über unsere Vorräte -und besonders über die Zeuglasten her. „Kleine Geschenke erhalten -die Freundschaft“ — die Leute müssen warmgehalten und einigermaßen -poussiert werden, damit sie uns Arbeiter für die Station schicken. -Kiwanga war sehr erstaunt, als er zufällig sah, daß ich einen Revolver -bei mir trage — ich sah, wie ich dadurch in seinem Ansehen stieg. -Kiwanga war gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Auf die Dauer -fallen einem diese Gastfreunde doch etwas auf die Nerven.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">31. Juli 1896.</p> - -<p>Von Tom kommt jeden Tag — Gott sei Dank! — gute Nachricht, nur -beunruhigt es mich, daß er über den voraussichtlichen Erfolg sich -niemals äußert. Gott gebe, daß alles gut geht! Herr v. Stocki hat mir -von seiner Safari zwölf Hühner mitgebracht. Er erzählte mir, warum -die Wahehe uns nicht schon längst einmal überfallen hätten. Bei den -Schwarzen ist die Zauberei noch sehr im Schwang, und „Medizinmänner“ -stehen in hohem Ansehen. Es gibt aber auch „Medizinweiber“ unter ihnen, -und eine solche schwarze Velleda hat sich auch Quawa rufen lassen. Die -hat ihm denn nun folgendes offenbart: Der Sakkarani (nämlich Tom) habe -sich eine Bibi Sakkarani mitgebracht, die einen großen Zauber besitze, -nämlich eine kleine weiße Flasche; wenn sie die unter die angreifenden -Wahehes werfe, würden sie sämtlich umkommen! Diese prophetische Warnung -ist nun überall verbreitet, die Schwarzen ringsum erzählen sich schon -davon.</p> - -<p>Von meinem Gastfreund Kiwanga erhielt ich gestern als<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Geschenk ein -kleines Mädchen zugesandt. Das arme kleine Ding, ich werde mich seiner -recht annehmen. Zunächst ließ ich es durch Mabruks Frau gründlich -waschen, dann wurde ihr der Kopf rasiert und sie mit neuen Tüchern -ausstaffiert; sie soll stopfen, nähen und waschen lernen. Vorläufig -habe ich als Gegengeschenk Zeug an Kiwanga geschickt, was weiter -geschehen soll, wird Tom gelegentlich bestimmen. Jetzt geht’s in die -Küche und dazu gehört immer ein fester Entschluß: eine Wellblechhütte, -von der afrikanischen Sonne durchglüht, mit den offenen Feuern zum -Kochen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Perondo</em>, 12. -August 1896.</p> - -<p>Ich habe keine Zeit gehabt, in diesen Tagen etwas zu schreiben. Nach -neun Tagen der Einsamkeit das Wiedersehen mit meinem Manne und zugleich -die Aussicht, ihn so rasch wieder für vier Wochen in das Ungewisse -ziehen zu lassen! Wir haben in diesen wenigen Tagen nur der Gegenwart -gelebt und die bange, trübe Sorge mit Gewalt zurückgedrängt. Das waren -kurze Stunden des Glückes: Gott gebe, daß es nicht die letzten gewesen -sind.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">13. August 1896.</p> - -<p>Als Tom wieder abzog, hatte er starkes Fieber; noch habe ich keine -Nachricht von ihm, obwohl er besondere Leute für den Nachrichtendienst -mitnahm. O diese Ungewißheit; jetzt gilt es vor allem, sich die trüben -Gedanken, die aufregenden Vorstellungen von all den Gefahren fern zu -halten, die Tom jetzt drohen! Denn nichts ist gefährlicher als diese -Gemütserregungen, die meist heftige Fieberanfälle zur Folge haben -sollen. Um mich zu zerstreuen, bitte ich öfters den Zahlmeister zu -mir, auch der Lazarettgehilfe wird dann hinzugezogen, und da hilft -dann Kartenspiel, „Sechsundsechzig“, über manche Stunde der Einsamkeit -und der trüben Gedanken hinweg. Wir Europäer sind hier ganz besonders -aufeinander angewiesen. Wenn sonst mein Mann weg war, ist mir nie so -schwer zu Mute gewesen. Hier gilt es unsere ganze Zukunft, das Leben -meines geliebten Mannes, die Sorge lastet auf mir wie eine dunkle -Wolke.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">15. August 1896.</p> - -<p>Von Tom gute Nachricht! Mit seinem Fieber geht es besser. Gott sei -gedankt für diese Freudenbotschaft.</p> - -<p>Ich selbst leide am Fieber; dazu schlaflose Nächte und die ekelhafte -Plage der Sandflöhe. Die bohren sich tief ins Fleisch, dann heißt -es, die Blase mit den Eiern sorgfältig entfernen, damit nichts -zurückbleibt, sonst wird die Sache nur noch schlimmer. Heute habe -ich solche Geschwürchen herausgenommen. Die kleine Muhigu, Kiwangas -Gastgeschenk, leidet so stark unter dieser Landplage, daß sie kaum -gehen kann. Sie ist grundhäßlich, aber ein freundliches, zutuliches -Wesen. Zu meinen Pflegebefohlenen gehört auch ein kleines, etwa vier -Jahre altes Indermädchen; sie ist Waise, und da sie an krampfartigen -Anfällen leidet, die sie meist am Gehen hindern, will niemand etwas -von dem armen Kinde wissen; auch an den Händen ist sie gelähmt, dazu -blöde Augen, — es ist schmerzlich, das arme Ding anzusehen. — Auf dem -Hühnerhofe ein Erfolg: eine Pute legt Eier und eine Ente ist am Brüten. -Letzte Nacht prachtvolles Steppenfeuer, das sich bis in die Berge zog -und den Wasserfall wunderbar beleuchtete. Die Eingeborenen hatten -auf weite Strecken hin das trockene Steppengras abgebrannt. Durch -Schnapsels Rattenjagd werden meine Nächte auch nicht erquicklicher; -er fängt natürlich keine, denn durch die engen Löcher in den Wänden -kann er nicht nachkommen. Neulich fielen in der Nacht zwei von diesen -scheußlichen Tieren von der Decke auf mich, ich schrie laut vor -Schrecken; eine lebensmüde Ratte fand ich im Waschbecken ertrunken.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Lager am Ombascha-Posten</em>, -19. September 1896.</p> - -<p>Welche Glücksbotschaft gestern! Um vier Uhr kam ein Brief von Tom: -sobald unser Gepäck „<span class="antiqua">tajari</span>“ (fertig gepackt zum Mitnehmen), -soll ich zu ihm kommen! Er hatte für das Verpacken zwei Tage gerechnet -— natürlich war ich schon am anderen Morgen „<span class="antiqua">tajari</span>“ und rückte -mit meinem Begleiter, dem Oberlazarettgehilfen, ab. Ein tüchtiger -Gebirgsmarsch. Sehr müde!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Lager am Kihansifluß</em>, -20. September 1896.</p> - -<p>Ich darf wenigstens sagen, daß ich Afrika kennen lerne; freilich ist -dieser praktische Geographieunterricht recht anstrengend, dafür aber -nur interessanter. In der Schweiz habe ich nicht solche Kletterpartien -gemacht wie hier; selbst nicht am Julier, wo ich mir Edelweiß geholt -habe von Stellen, die für Damen als unerreichbar galten. Gestern waren -acht Berge zu nehmen, 600 bis 800 Meter hoch, so steil und unwegsam, -daß ich mich oft hinaufziehen lassen mußte, wenn ich die für mich -eingehauenen Stufen in den Felsblöcken selbst auf „allen Vieren“ nicht -mehr schaffen konnte. Aber jeder bestiegene Berg war ja ein Hindernis -weniger auf dem Wege zum Ziel! Da vergaß ich gern 33° Reaumur! Die -Aussicht war großartig, aber die Müdigkeit ließ mich doch nicht zum -Genuß kommen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Magdalenenhöhe</em>, -21. September 1896.</p> - -<p>Morgen oder übermorgen sehe ich meinen Mann wieder! Was waren das für -schreckliche Wochen! Wie zitterte ich um des Geliebten Leben, wie oft -kamen Nachrichten, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließen! Wußte -ich doch Tom mit seinen 230 Mann und den 8 Deutschen — von denen -drei eben erst das perniziöse Fieber überstanden hatten — einem an -Zahl weit überlegenen blutdürstigen Feinde gegenüber. Anfangs erhielt -ich alle paar Tage Nachricht — dann blieb vierzehn Tage lang jede -Botschaft aus! Doch nun ist ja diese schreckliche Zeit der qualvollen -Ungewißheit vorüber, ich ziehe ihm entgegen, soll ihn nun bald gesund -und fröhlich wiedersehen! Die größte Gefahr ist abgewendet, wenn auch -noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt: nämlich Quawas habhaft -zu werden. Dazu müssen aber erst Hilfstruppen abgewartet werden, -Toms kleine Schar ist in diesem ungeheuren Gebiete dieser Aufgabe -natürlich nicht gewachsen. Für mich zum Glück: bis zum Eintreffen der -Verstärkungen darf ich bei meinem Manne bleiben! Als Tom das Lager -Quawas nahm, ist dieser entkommen, so konnte dem ganzen Feldzuge leider -nicht mit einem Schlage ein Ende gemacht werden. Das Gefecht war<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -infolge von Quawas Flucht ziemlich kurz, Tom hatte keine Verluste, auf -der feindlichen Seite aber Tote, Verwundete und Gefangene. Es wurden -an 1000 Stück Großvieh und 1100 Kleinvieh erbeutet — an Fleischmangel -wird die Station also nicht mehr zu leiden haben.</p> - -<p>Eine Episode aus diesen sechs Wochen Einsamkeit muß ich doch noch -nachtragen. Eines Abends saß ich mit dem Zahlmeister Winkler und dem -Lazarettgehilfen Prinage beim Skat, als plötzlich einige Griechen und -Araber auf unserer Veranda mit der Schreckensnachricht angestürzt -kamen: „Die Wahehe sind da! Sie wollen die Boma stürmen!“ Da hieß es -„Kaltes Blut“ — nicht den Kopf verlieren; es war das erstemal, daß -ich mich in solcher Lage nur auf mich selbst angewiesen fand. Während -Winkler und Prinage Patronen an die sofort alarmierten Soldaten -ausgaben, die Boys und Träger mit Vorderladern bewaffneten und jedem -seinen Posten anwiesen, ließ ich Wasser herbeiholen, brachte die -Reittiere in der Boma unter, sammelte die mit Speeren bewaffneten -Männer aus dem Dorfe, brachte sämtliche Windlichter und Laternen -zusammen und suchte möglichst Ordnung in das schwarze Menschengewühl -zu bringen, denn Weiber und Kinder bildeten ein kaum entwirrbares -Knäuel. Dann steckte ich Revolver und Patronen zu mir, legte mein -Bestes an Schmuck obenauf im Koffer, um im Falle eiliger Flucht alles -zur Hand zu haben, dann machten wir einen Rundgang, um uns von der -richtigen Ausführung aller unserer Anordnungen zu überzeugen. Die ganze -Alarmierung war in fliegendster Eile vor sich gegangen; nach kaum einer -halben Stunde spielten wir auf unserer Veranda weiter. Wir blieben -die ganze Nacht auf, — ich hatte die Weiber und Kinder inzwischen -auch untergebracht — und vertrieben uns die Zeit mit Kaffeetrinken -und Postenrevidieren. Der Höllenlärm unserer aufgeregten Nachtgäste -ebbte nach und nach ab, und der prachtvolle Sonnenaufgang fand uns -in verhältnismäßiger Ruhe. Die Wahehe waren nicht gekommen, unsere -Vorbereitungen für einen möglichst warmen Empfang also vergeblich -gewesen. Die Weiber trauten aber dem Landfrieden doch noch nicht: -tagelang<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> hielten sie sich in Zelten dicht an der Boma auf, aus Furcht -vor den Wahehes.</p> - -<p>Die Aufregung jener Nacht hatte wohltuende Wirkung: sie riß mich -gewaltsam aus aller kopfhängerischen Angstmeierei, die doch zu nichts -nützen konnte, und führte mir mit der wünschenswertesten Deutlichkeit -vor Augen, daß ich hier, besonders wenn Tom nicht auf der Station -anwesend, wirklich nicht „zum Staat“ da bin. An Beschäftigung habe ich -mir in der Zeit alles nur Denkbare hervorgesucht. Meinen Pflegekindern -habe ich Kleidchen gemacht, Wäsche geflickt u. a. m. Viel Arbeit -verursachte die Herstellung eines Kopfkissens für Tom. Alles, was von -Vieh etwas längere Haare hatte, wurde geschoren, aber der Ertrag war -nicht groß, denn Ziegen und Schafe haben hier meist ein glattes Fell, -Schafwolle kennt man nicht; da ich zu dieser Arbeit die Papierschere -benutzen mußte, hatte ich bald Blasen an den Fingern. In diese sechs -Wochen fiel auch mein erster Geburtstag als junge Frau! Die Feier hatte -ich mir auch anders vorgestellt. Tom hatte für reichen Blumenschmuck -meiner Hütte gesorgt, von ihm selbst kam ein herzliches Schreiben -— aber doch eben nur ein Schreiben! Als Gratulanten erschienen der -Zahlmeister und der Lazarettgehilfe; aus der alten Heimat kein Gruß, -kein Glückwunsch. Die Soldaten gaben, wie an hohen Festtagen, mir zu -Ehren drei Salven, dann spendierte ich ihnen Geld und den Boys eine -Ziege.</p> - -<p>Als wir von Perondo abzogen, kam das ganze Dorf, um mir eine gute -„Safari“ zu wünschen, mindestens an 300 Weiber begleiteten mich ein -Stück Wegs, und als sie schließlich Spalier bildeten, drängten sie -sich alle an mich heran, um mir noch einmal „Kwaheri“ zu sagen. Diese -Anhänglichkeit, über die ich mich wirklich freute, verdanke ich wohl -meiner Gewohnheit, im Dorfe öfter selbst Einkäufe zu machen und die -Kinder mit Erdnüssen und dergleichen zu beschenken.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Magdalenenhöhe</em>, -II. Etappe, 24. September 1896.</p> - -<p>Wiedersehen mit Tom, den ich von hier aus begleite. Der Marsch bis zur -II. Etappe (24. September) bot viel Schönes und<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Interessantes. -Zerklüftete Berge, auf deren saftig grünen Matten sich kleine -Ansiedelungen zeigten, die mich an die Schweizer Sennhütten erinnerten; -rauschende Bergbäche, die ihr kristallklares Wasser in kleinen Kaskaden -von Fels zu Fels stürzten, dichtbelaubte, blumenreiche Ufer und -ein Wald von Farnen, deren Fiederfächer über uns zusammenschlugen. -Unvergeßlich wird mir der große Wasserfall bei Magdalenenhöhe bleiben, -zu dem Prinage mich begleitete. Der Weg war ungemein beschwerlich, -glatt und steil, der Lohn für die Anstrengung aber ein hoher! In einer -Breite von 8 bis 10 Metern stürzen gewaltige Wassermassen einen an 800 -Meter hohen Felsen herab, um aus der Tiefe, an den durch Jahrtausende -hindurch ausgehöhlten Klippen zerstäubt, als diamantenschillernde Wolke -aufzusteigen, das Ganze umrahmt von üppigem Gehänge tropischer Flora, -die überall zwischen den Klippen und Felsblöcken hervorquillt — und -all diese Pracht im Farbenspiel der afrikanischen Sonne. Kein Maler hat -Farben auf der Palette, den Zauber dieser Beleuchtung wiederzugeben — -und Worte vermögen es noch weniger. Zu dem nachhaltigen Eindruck, den -dieses Tropenbild auf mich macht, kommt noch das Bewußtsein: ich bin -die erste weiße Frau, der dieser Anblick vergönnt ist.</p> - -<p>Der Weg bis zur III. Etappe und weiter vom Ruaha aus bot -ebenfalls viel Abwechselung, ich stand aber noch zu sehr unter dem -mächtigen Eindruck dieses in all seiner fremdartigen Schönheit -gewaltigen Landschaftsbildes, um der hügeligen Landschaft erhöhtes -Interesse zuzuwenden. Während wir auf der II. Etappe waren, -brachte einer unserer Schauisch (schwarzer Unteroffizier) 18 -Wahehekrieger an, die er samt ihren Weibern und Kindern mit seinen -Askaris gefangen genommen. Die Leute waren mit Mauser-Gewehren -der Zelewski-Expedition und reichlicher Munition versehen, sie -wurden demgemäß unter scharfer Aufsicht bis zur III. Etappe -mitgenommen, wo Tom dann schließlich feststellte, daß sie auf dem -Marsche nach der Station sich befanden, um sich zu ergeben, als sie von -unseren Leuten aufgegriffen wurden. Das ist ein erfreulicher Erfolg von -Toms geschicktem diplomatischen<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Verhalten: durch langsames Vorgehen, -ohne Blutvergießen, ohne eine Tembe zu verbrennen, ist den Leuten <span class="antiqua">ad -oculos</span> demonstriert worden, daß die Besitznahme des Landes auch auf -friedlichem Wege möglich. Nun kommen sie so nach und nach an, um sich -den neuen Herren zu unterwerfen. Aber bis mein Mann das erreicht hat, -mußte er sich’s viel Sorge und Mühe kosten lassen, und wir alle beide -haben diesen Erfolg mit einem Stück Gesundheit bezahlt!</p> - -<p>Nun folgten schöne Tage. Mit meinem Mann zusammen konnte ich den -letzten Teil unseres Marsches zurücklegen, aus dem mir noch eine höchst -malerische Felsenbildung in Erinnerung steht, Trümmer und Säulen wohl -vulkanischen Ursprungs, die in ihrer malerischen Anordnung uns das -Kolosseum in Rom ins Gedächtnis riefen.</p> - -<p>Am 29. September näherten wir uns unserer künftigen Station, und unsere -Hochzeitsreise hatte nun ihr Ziel erreicht: <em class="gesperrt">Iringa</em>!</p> - -<p>Tom war sehr gespannt, ob schon Nachricht da wäre von den von ihm -verlangten Truppen, ohne welche die Verfolgung Quawas nicht möglich -wäre, und mich interessierte besonders, ob unser Haus schon fertig sein -wird!</p> - -<p>Wir wurden gleich militärisch empfangen: Leutnant Stadlbaur<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> und -<span class="antiqua">Dr.</span> Reinhard mit den Askaris von Kilimatinde begrüßten uns beim -Einzug. Die beiden Herren begleiteten uns, sobald die dienstlichen -Geschäfte erledigt waren, zu unserem Haus: ein niedliches Strohhäusel, -mitten in einem Wäldchen, mit Durchblick nach den Bergen und der Boma; -wenn der Wind geht, pfeift er frischweg durch unsere drei Zimmer; es -hat auch zwei Veranden, die hintere Veranda richteten wir gleich als -Stapelplatz für Lasten und Futterkisten ein. Die Decken der Zimmer -sind mit weißem, die Wände mit blauem Zeug ausgeschlagen; das machte -alles einen wohnlichen Eindruck, die Herren hatten zudem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> noch die -Wohnung so reizend mit Blumen geschmückt, daß wir unsere herzliche -Freude daran hatten! So war uns doch unerwartet ein festlicher Einzug -in unser neues Heim durch diese Liebenswürdigkeit bereitet worden. -Sobald der Bauleiter eintrifft, wird ein größeres Haus aus festerem -Material für uns aufgeführt werden. Die beiden Herren gaben uns ein -Willkommensfrühstück auf unserer Veranda, sie selbst bewohnen ein Zelt; -nachmittags besahen wir uns die Station, und abends waren die Herren -unsere Gäste.</p> - -<p>Am anderen Tage ging’s ans Auspacken und Einrichten; besonders das -Wohnzimmer sah recht nett aus mit seinen Dekorationen an Gehörnen, -Speeren, Gardinen und Felldecken. Als wir die Herren bei uns zu Tische -sahen, waren sie freudig überrascht, alles so „europäisch“ zu finden. -Sie empfanden es als eine lang entbehrte Wohltat, endlich wieder einmal -an einem Tisch, mit wirklichem Tischzeug, mit vollständiger Gläser- -und Serviergarnitur und Silberzeug speisen zu können. Unsere Lampen -machten sich famos: die Glocken waren natürlich sämtlich gesprungen, -aber Tom hatte aus rotem Zeug sehr geschickt Lampenschirme hergestellt; -die Sache sah sehr „modern“ aus, genau wie die großen Seidenschirme -Stück zu 40 Mark in Berlin <span class="antiqua">W</span>. Wir waren recht vergnügt; ich -zog mich aber etwas früher zurück, da ich sehr müde war. Anderen Tags -Abschiedspicknick auf einem schön gelegenen Felsen, der eine prächtige -Rundsicht bot. Wir hatten Maibowle (Waldmeisteressenz, recht gut) und -alles mögliche mitgenommen, u. a. auch Rebhühner. Die Herren waren bei -bestem Humor, sie überboten sich im Erfinden neuer Aufmerksamkeiten. -Als wir uns trennten, geschah es mit aufrichtigem Bedauern — am -nächsten Tage marschierten sie ab. Die Station war also schön -eingeweiht worden, meine Befürchtung, hier so ganz ohne Sang und Klang -einziehen zu müssen, hatte sich dank der Liebenswürdigkeit der beiden -Herren nicht verwirklicht. — —</p> - -<p>Nun kamen zwei Ruhetage, in der die Kleinigkeiten in Ordnung gebracht -wurden.</p> - -<p>Dann traf Herr v. Kleist von Kilossa bei uns ein und nach<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> weiteren -zwei Tagen Leutnant Glauning aus Mpapua. Am vierten Tag zogen auch sie -fort; wir begleiteten sie ein Stück Weges.</p> - -<p>Darauf kam ein Pater Basilius, der hier eine Mission gründen will. Das -würde für uns einen erfreulichen Zuwachs von zwei gebildeten Europäern -bedeuten. Er blieb zwei Tage bei uns. Die nächsten Tage ruhte ich mich -aus, denn es war doch etwas anstrengend gewesen.</p> - -<p>Am 12. Oktober 6 Uhr abends erklärte plötzlich mein Mann: „Wir -marschieren morgen, auf wie lange kann ich nicht sagen!“ Es handelte -sich darum, den Bruder Quawas in unsere Gewalt zu bekommen. Im Nu war -alles gepackt, und am nächsten Morgen um 7 Uhr marschierten wir ab. -Das Einpacken hier zu Lande ist nicht so ganz einfach, denn da sind -nicht nur Kleider, Wäsche usw. mitzunehmen, sondern Haus-, Wasch- und -Kochgeschirr, Teller, Messer und Gabeln, kurz und gut, eine ganze -kleine Einrichtung, und die Hauptsache: alles Essen und Trinken.</p> - -<p>Es war für mich eine höchst interessante „Safari“. Am ersten Tage (13.) -kamen wir nach Quawas Sultansresidenz, der eigentlichen Stadt Iringa, -einer Negerstadt von etwa 9000 Einwohnern, von der noch ein großer Teil -in Trümmern lag; auch Quawas Tembe ist nur zum Teil, und zwar niedriger -wie früher, wieder aufgebaut; sie imponiert aber trotzdem durch ihre -großen Räume und die zahlreichen labyrinthartigen Verbindungsgänge, in -der Küche zählte ich an 60 der hier üblichen primitiven Feuerstellen. -Unter dem großen schattigen Baume vor der Tembe war noch der erhöhte -Sitz, von dem aus Quawa seine Truppenrevüen abhielt; hatte er doch -seine Truppen in besonders kenntliche „Regimenter“ eingeteilt, mit -Offizieren und Unteroffizieren; der eine dieser Truppenkörper trug z. -B. nur ganz weiße Schilde!</p> - -<p>Am 14. Oktober erreichten wir Quawas altes Lager; schon auf dem Wege -dahin stießen wir auf viele kleine Lager; das große Lager liegt so -versteckt in den Bergen, daß man es gar nicht gefunden hätte, wenn -nicht Waheheleute es gezeigt hätten. Es maß wohl 1600 Schritte im -Umfang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p>Hier sollte sich der Zweck unserer Safari erfüllen: im Lager fanden -wir Mpangire, den einzigen rechten Bruder Quawas, und Kapande, seinen -Halbbruder, mit ihren Leuten. Sie kamen, sich zu unterwerfen.</p> - -<p>Im Lager fand sodann großes Schauri statt, in welchem mein Mann -erklärte, Mpangire solle als Sultan an Quawas Stelle eingesetzt werden; -bis zur Gefangennahme Quawas jedoch müsse er ihn in Haft nehmen. -Mpangire ist ein großer, hübscher Mann mit offenen Zügen und freiem -Blick, sein ganzes Wesen macht einen guten Eindruck. Außer den beiden -Brüdern Quawa und Mpangire (ein dritter Bruder endete durch Selbstmord) -leben noch drei Schwestern: die eine ist die Frau des Merere, die -beiden anderen waren bis jetzt bei ihrem Bruder Quawa, kamen aber mit -Mpangire zu uns.</p> - -<p>Mereres Frau ist es übel ergangen: als Quawa sich mit seinem Schwager -Merere entzweite — er hatte auch eine Schwester von diesem zur Frau — -ließ er dem armen Weibe, der Schwester seines nunmehrigen Feindes, die -Augen ausstechen — worauf nun Merere an Quawa Rache nahm und dessen -Schwester auf gleiche Weise blenden ließ!</p> - -<p>Am 16. kamen wir mit unseren Schutzbefohlenen hier wieder an. Sie -wurden in einer Tembe mit Dornboma untergebracht, die sie nicht -verlassen dürfen, sonst kann jedermann sie besuchen. Am Tage haben sie -zwei, nachts vier Wachtposten.</p> - -<p>Zu meiner Freude fanden wir schon etwas Garten an unserm Hause angelegt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">21. Oktober 1896.</p> - -<p>Heute besuchten mich eine richtige und eine Halbschwester von Quawa. -Rotwein schien ihnen sehr zu schmecken, Butterbrot weniger, umsomehr -aber Zucker und vor allem Cakes. Sie baten mich, ihnen das Nähen -beizubringen, und wollen zu diesem Zwecke bald wiederkommen. Beide sind -hübsche Geschöpfe mit kleinen Füßen und schmalen Händen, besonders -Quawas rechte Schwester gefiel mir durch ihr offenes Wesen. Wir waren -sehr lustig mit<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>einander und schlossen gute Freundschaft. Nur beim -Essen und in sonst noch einigen Bewegungen verrät sich zuweilen die -„Wilde“.</p> - -<p>Unser Renommierstück, auf welches Tom besonders stolz ist, wurde -heute fertig: die Diele im Schlafzimmer. Alles, was an Einpackholz -aufzutreiben war, ist dazu verwandt worden; sie sieht zwar demnach -etwas sehr gestückelt aus, ist aber trotzdem sehr schön; da sie einen -Fuß hoch über dem Boden angebracht ist, werden wir immer trockenen -Fußboden haben. Das Linoleum kommt uns ganz besonders gut zu statten: -wir haben es ringsum an der Wand des Schlafzimmers gezogen, nun hält es -den Wind ab und sieht hochfein aus!</p> - -<p>Ab und zu machen wir einen Spaziergang; ein Aussichtspunkt ist ganz -in der Nähe, der sich mit den schönsten Schweizer Glanzpunkten messen -kann. Dazu die prachtvolle, klare Luft; wir fühlen uns nach all den -Sumpfniederungen wie in einem klimatischen Kurort, und das Bild unserer -ersten Station Perondo kann neben diesem schönen Lande hier nicht -aufkommen. Die Nachwehen unseres Marsches äußern sich übrigens, ich -habe zuweilen kleine Fieberanfälle. Die Bazillen müssen erst wieder -herausgetrieben werden. Heute kamen die Schwestern wieder und brachten -20 Ehefrauen Mpangires mit. Die beiden Quawa-Schwestern, Salatamanga -und die Halbschwester Fulimanga, und die „größte“, d. h. erste Frau -Mpangires, Hamuna, erhielten Stühle sowie Tee und Zucker, die andern -hockten auf der Erde. Mit dem Nähen wurde es aber nichts: Hamuna -erklärte mir, Arbeit sei etwas Häßliches, und nun wollen die beiden -andern auch nichts mehr lernen. Hamuna ist hübsch und scheint außer -ihrer Faulheit auch ein gut Teil Schlauheit zu besitzen, sie hat aber -kein so gutes Gesicht wie die beiden Schwestern. Da aus der Nähstunde -nichts wurde, zeigte ich ihnen die Bilder in Brehms Tierleben, das -begeisterte sie sehr, namentlich die der ihnen bekannten Tiere. Da mein -Toilettenspiegel zerbrochen angekommen ist, schenkte ich jeder ein -Stück davon: das machte großen Eindruck, sie wurden nicht müde, sich -darin zu bewundern.</p> - -<p>Soeben schickt mir Mpangire das landesübliche Gastgeschenk:<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> ein -kleines Mädchen, Paligungire, ebenso landesüblich lasse ich das kleine -Ding zunächst im Flusse einer gründlichen Reinigung unterziehen und -stecke es dann in eines der Kleidchen meiner kleinen Muhegu; mein neues -„Eigentum“ hat ein drolliges Kindergesichtchen, mit großen treuherzigen -Augen. Vorläufig sehen sich nun beide Mädels Bilder an, morgen soll der -erste Nähversuch gemacht werden. Mit Teller und Löffel hantieren sie -ganz geschickt.</p> - -<p>Aus der Heimat seit drei Monaten keine Nachricht!....</p> - -<p>Das Auspacken und Einrichten macht viel Freude; die Wirtschaft wächst -mir zusehends unter den Händen, und jedes frisch ausgepackte Stück wird -wie ein lieber alter Bekannter begrüßt. Noch 14 Tage ungefähr, dann -hört hoffentlich das Leben aus den Koffern und Kisten auf. Mit Vorräten -für ein Jahr wirtschaften, ohne Vorratskammer oder Keller zu haben, -über diese Aufgabe muß Henriette Davidis noch einen besonderen Nachtrag -schreiben, für afrikanische Hausfrauen und solche, die es werden wollen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">24. Oktober 1896.</p> - -<p>Heute brachte ich Mpangire und Kapande mein Gegengeschenk für das -kleine Mädchen. Während ersterer durch stattlichen Wuchs sich -auszeichnet und überhaupt vorteilhaft von seiner Umgebung absticht, ist -der um vieles ältere Kapande kleiner und unansehnlich, hat aber ein -gutes, freundliches Gesicht. Mpangires energisches, freies Auftreten, -sein offener Blick zeigen Rasse. Für die Frauen nahm ich Tücher mit, -für ihn eine Flasche Rotwein. Damit reizte ich seine Begehrlichkeit zu -allerlei größeren Wünschen: noch einen neuen Anzug, ein Schwein und -anderes. Ich erklärte ihm aber, ein so reicher Mann wie er, mit solchen -Elfenbeinvorräten, könne sich das an der Küste alles selbst kaufen. Die -Unterhaltung war nicht so ganz einfach. Mein Dolmetscher versteht auch -kein Kihehe; meine Worte mußte er nun erst einem anderen Sprachkundigen -übersetzen, der sie dann dem Sultan weiter vermittelte. In einer Ecke -standen die Sklaven<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> zusammengedrängt, die Frauen waren nicht anwesend; -seine „erste Frau“ und die Schwester mußte ich rufen lassen, um sie -zu begrüßen; sie entfernten sich gleich wieder. Die niedere Stellung, -die den Frauen hier angewiesen ist, erschwert mir meine Aufgabe ganz -bedeutend; wenn mich die Frauen hier auch als ihnen überlegen ansehen, -den Männern gegenüber muß ich mir meine Stellung erst herausbeißen. Zu -diesem Besuche hatte ich mir einen großen Stuhl hintragen lassen, auf -dem ich Platz nahm, der Sultan saß auf einem niedrigen Stuhle, alles -übrige stand um uns herum.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Oktober 1896.</p> - -<p>Meine Boys machen mir viel Ärger; sie stehlen wie die Raben, dazu -die angeborene Faulheit. Juma, der schon seit Jahren bei meinem Mann -ist, und von dem ich glaubte, ob seines Verwöhntseins nicht mit ihm -auszukommen, ist jetzt der Beste von allen; seine „Güte“ ist zwar -niemals aufregend, aber er bleibt sich wenigstens immer gleich und -zeigt vor allem niemals die ausgesprochen schlechten Eigenschaften -seiner schwarzen Kollegen.</p> - -<p>Abends machen wir gewöhnlich einen Spazierritt. Die Natur ist hier -so herrlich, die Luft so klar und erfrischend, man fühlt bei jedem -Atemzug: hier ist Gesundheit, hier ist das Quisisana, dessen wir nach -all den Fiebergegenden, die wir durchzogen, so dringend benötigen. -Kleine Fieberanfälle stellen sich leider bei Tom immer noch zuweilen -ein, und selbst ich habe schon einige gehabt. Die vielen Reitwege -ringsum geben uns gute Gelegenheit, die Gegend genauer kennen zu -lernen; unsere Maultiere klimmen die steilsten Felsenpfade hinan, die -für ein Pferd wohl ganz unpassierbar sein würden.</p> - -<p>Meine schwarzen Damen scheinen mich heute nicht zu besuchen. Kürzlich -zeigte ich ihnen einen an einem Gummiball mittels dünnen Schlauches -befestigten, recht naturgetreu aussehenden Frosch, der infolge des -Luftdruckes ganz natürlich forthüpfte: ganz wie in Europa fürchteten -sich meine schwarzen Damen auch hier vor dem kleinen Ungetüm. Schade, -daß ich bei den Weihnachtsbestellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> nicht an mehr dergleichen -Spielereien gedacht habe; Weihnachten wollen wir nämlich großartig -feiern. Hoffentlich treffen die bestellten Sendungen pünktlich ein.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">30. Oktober 1896.</p> - -<p>Die Regenzeit meldet sich an, bedeckter Himmel, entfernter Donner und -heute der erste Regenguß — viel zu früh für uns, denn noch ist längst -nicht alles unter Dach und Fach. Namentlich die wasserdichten Wohnungen -für die Soldaten sind noch nicht fertig; es fehlt uns sehr an Werkzeug, -um den Bau zu beschleunigen. Unsere Zimmer standen zum Teil, die -Veranda vollständig unter Wasser, und es ist mir mancherlei verdorben. -Übrigens sieht man hier schon den Kulturfortschritt: alle haben doch -schon wenigstens einige Kleidungsstücke an! Die Männer allerdings im -allgemeinen mehr als die Frauen.</p> - -<p>Unser Garten wird sehr hübsch, bei seiner Bestellung spielt ein Rechen -mit Zinken aus Zimmermanns-Nägeln die Hauptrolle. Der Blick von einem -Fenster aus bietet viel Interessantes, ich sehe die rege Bautätigkeit -und kann verfolgen, wie aus Holzstäben, Bast, Gras und Erde Häuser, -eine Straße, ein ganzes Dorf entstehen. Die Einwohner, die sich mit -ihrem Vieh und wertvollerem Besitztum in die Schluchten des unwegsamen -Gebirges geflüchtet hatten, sind wieder zurückgekehrt, auch die meisten -von Quawas Verwandten und seinem Anhang, die Sikki-Gesellschaft, die -Mutter, eine Tochter mit Klumpfüßen und ein Sohn, haben sich in Toms -Schutz begeben. Es war uns dies um so auffallender, da ihr Vater -von Tom 1892 in Tabora geschlagen wurde. Als dessen Hauptburg fiel, -sprengte er sich mit seinen Weibern in die Luft.</p> - -<p>Mein Mann läßt den Sohn ein Wanjamwesi-Dorf hinter der Station gründen. -Unten im Tal will er dann auch ein Dorf von Kondoa-Leuten anlegen; -diese Einrichtung wird sehr nutzbringend für die Station sein, es -können dann die von den Wahehe geraubten Leute dort Unterkunft finden.</p> - -<p>Heute kam eine Frau, die aus Ubena entflohen war, um bei<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> uns Schutz -zu suchen. Ihr waren die Ohren abgeschnitten worden. Jetzt fangen die -Frauen an, zu mir zum Schauri zu kommen, ich habe täglich sechs bis -acht von ihnen bei mir, die natürlich dann auch beköstigt sein wollen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">31. Oktober 1896.</p> - -<p>Heute ist der zweite Mhehe gehängt worden, der einen unserer -Trägerführer am Ruaha ermordet hat. Mein Mann ließ diese durch die -traurige Notwendigkeit zur Unerläßlichkeit gewordene Hinrichtung -mit einer gewissen, auf die Gemüter der Eingeborenen wirksamen -Feierlichkeit ausführen: Sämtliche Wassagira aus Iringa mußten der -Exekution beiwohnen. Auch eine große schaulustige Menge hatte sich, -wie mir Tom nachher erzählte, zu dem traurigen Schauspiel eingefunden, -darunter sehr viele Frauen, welche Tom den Platz verlassen hieß. Die -Schaulust zeigte sich jedoch hier stärker als der sonst eingefleischte -Gehorsam, und erst als der Befehl durch Festnahme und Abführung eines -der Weiber gründlichen Nachdruck erhielt, bequemten sich die übrigen, -sich zu entfernen. Der Mörder ist so in sein Schicksal ergeben gewesen, -daß er den Kopf selbst in die Schlinge gesteckt hat. Ein Gnadenschuß, -den Tom bei solchen Exekutionen stets abgeben ließ, hatte den -sofortigen Tod des Verurteilten zur Folge. Das abschreckende Beispiel -einer solchen Hinrichtung ist um so nötiger, als auch einer unserer -Askaris, der seinerzeit bei dem anstrengenden Marsche hinter der -Kolonne zurückblieb, Meuchelmördern zum Opfer fiel. Die Täter sind noch -nicht entdeckt.</p> - -<p>Von Quawa kamen zwei Leute, angeblich um sich zu unterwerfen; in -Wahrheit waren es Spione, die unsere Station auskundschaften wollten! -Sie verschwanden bald wieder, und Tom ließ sie durch Patrouillen -verfolgen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">1. November 1896.</p> - -<p>Der Gemüsegarten wird in der Nähe der Stelle angelegt, wo nach -Grundwasser gebohrt wird. Wir sahen uns die Arbeit an, die, da wir -keinen Erdbohrer haben, nur langsam fortschreitet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>Wir haben jetzt 1000 Stück Vieh, und das zu verwalten ist auch keine -Kleinigkeit. Mein Mann will dem Volk den Reichtum nicht ganz entziehen, -deshalb gibt er ein Drittel dem Sultan, ein Drittel dem Gouvernement -und ein Drittel wird größeren Leuten zum Beaufsichtigen gegeben, -dieselben bekommen jedes dritte Kalb als ihr Eigentum, das andere soll -zur Küste geschickt werden.</p> - -<p>Heute nachmittag ließ mein Mann Mpangire und seine zwei Halbbrüder -Kapande und Sadangamenda zu uns kommen. Bei ersterem und letzterem hat -man wirklich nicht das Gefühl, sich mit Schwarzen zu unterhalten.</p> - -<p>Entsprechend dem im ganzen Volke hier in einem Grade ausgeprägten -Selbstgefühl, wie man es sonst bei Negern kaum findet, treten auch die -Mitglieder der Sultansfamilie mit ganz besonderem Selbstbewußtsein auf. -Sie wissen sich gut zu unterhalten, aus ihren klugen Fragen sprechen -Wißbegierde und Intelligenz, unsere europäischen Gewohnheiten suchen -sie sich möglichst anzueignen. So saß Mpangire kürzlich bei uns im -Zimmer; der Teppich reichte nicht bis zu seinem Platz, deshalb glaubte -er nichts Unpassendes zu tun, wenn er seinen Zigarettenstummel einfach -auf den Boden warf. Sadangamenda dagegen, dessen Stuhl auf dem Teppich -stand, wagte nicht, diesen zu beschmutzen und war sichtlich aus großer -Verlegenheit erlöst, als ich ihm einen Aschbecher reichte, auf den er -seinen Stummel deponierte. Mpangire verfolgte dieses Manöver mit großer -Aufmerksamkeit, und bald hatte er — von mir anscheinend unbeobachtet -— seinen Zigarettenrest vom Boden aufgelesen und in den Aschbecher -praktiziert. Es ist ein Vergnügen, die beiden intelligenten Burschen -zu beobachten, dabei sind es hübsche Leute, an Gesicht sowohl wie an -Wuchs. Auch an Galanterie fehlt es ihnen nicht; Mpangire und seine -Brüder küssen mir stets die Hand, und heute hat mir ersterer als Beweis -seiner besonderen Wertschätzung einen schönen — Ochsen verehrt. Kleine -Geschenke erhalten die Freundschaft.</p> - -<p>Die Kunst, dem Neger durch marmorne Unbeweglichkeit der<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Gesichtszüge -zu imponieren, besonders wenn die unbewußte Komik unwiderstehlich zum -Lachen reizt, habe ich immer noch nicht raus. Tom ist Meister darin. -So mußte ich gestern einfach die Hütte verlassen, als ich mit ansah, -wie ein Neger meinem Manne durchaus die Füße küssen wollte: der am -Boden rutschende Neger, der Toms Füße zu haschen, und Tom, der sein -Piedestal in Sicherheit zu bringen suchte, boten ein Bild, welchem -meine Seelenruhe noch nicht gewachsen war.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">3. November 1896.</p> - -<p>Nach drei langen Monaten heute endlich die Post — Briefe aus der -Heimat! Was das bedeutet, kann mir nur ein „Afrikaner“ nachfühlen. Auch -die Boys erhielten Briefe, Mpischi z. B. einen von seiner Mama, d. h. -seiner richtigen Mama, im Gegensatz zu der bei den Negern (auch den -Frauen) beliebten angenommenen „Mama“, d. h. mütterlichen Freundin. -Sie verwahrt dem Neger das verdiente Geld, macht seine Schauris, sorgt -für seinen Anzug, kocht für ihn. Es gibt auch unter ihnen ganz junge -„Mama’s“, die sind meistens recht kostspielig. Am liebsten würde mein -Mann die Mamas an der Küste ganz abschaffen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">4. November 1896.</p> - -<p>Heute traf vom Gouvernement die Genehmigung zu allem ein, was mein -Mann bis jetzt getan hat und noch tun will. So wird alles in kürzester -Zeit in schönster Ordnung sein. Auch Merere soll als Sultan in Ubena -und Mpangire in Uhehe eingesetzt werden. Die Offiziere können mit den -Kompagnien jeden Tag eintreffen. Ich schenkte heute Mpangire eine -Flasche Gin und auf einem Teller ein schönes Stück Schinken. Den Teller -wollte er natürlich auch behalten.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_2" name="ende_kap_2"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 2" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s63_kopfstueck" name="s63_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 63" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"><span class="kap">Drittes Kapitel.</span><br /> -Mpangires Sultanat.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2">24. Dezember 1896.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s63_initial" name="s63_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s63_initial.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>as war ein wichtiger Tag für uns. Das deutsche Weihnachtsfest mußte -vor der für unsere hiesigen Verhältnisse wenigstens großen Haupt- -und Staatsaktion der feierlichen Einsetzung Mpangires an Bedeutung -zurücktreten. Aber gefeiert haben wir unser erstes afrikanisches -Weihnachten doch, und zwar recht feierlich, nachdem wir der Politik ihr -Recht gegeben hatten.</p> - -<p>Um 10 Uhr vormittags meldete der Feldwebel alles zur Einholung fertig, -und mein Mann, in voller Gala natürlich, begab sich zu dem neuen -Sultan. Inzwischen waren die Patres, der Doktor Stierling und ich auf -den Festplatz gegangen, wo dicht gedrängt die Leute in schönsten, -schneeweißen Gewändern, die Frauen in ihren besten Tüchern standen. -Ein farbenprächtiges Bild, umgrenzt von saftigem Grün, die Berge als -Hintergrund. Das blaue Himmelsgewölbe hat vorher wohl kaum auf eine so -lebenslustige und heitere Volksmenge an dieser Stelle herabgeschaut. -Die Stelle der „höchsten Zivilisation“ vertreten Leutnant Glaunings -und meine photographischen Apparate, für welche die bevorstehende -Feierlichkeit viel zu tun gab.</p> - -<p>Über 500 Mann Truppen in Paradeaufstellung, Offiziere und -Unteroffiziere vor die Front gezogen, standen zum Empfange des neuen -Herrn bereit, den mein Mann einzusetzen im Begriff stand. Endlich -schlugen die Tambours an; die Herren, mit denen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> wir inzwischen -geplaudert, eilten auf ihre Posten und wir Photographen an unsere -Guckkästen. Jetzt kamen sie an. Rechts zur Seite Toms die stolze, -stattliche Erscheinung des Mpangire, der seiner Würde bewußt -einherschreitet — „jeder Zoll ein König“, ein echter Vertreter des -Quawageschlechts. Vor der Front der Truppen angekommen, schwenkte die -Musik nach dem Flügel ab, während Herr v. Kleist den Frontrapport -erstattete. Dann hielt Tom eine kurze Ansprache an die Wahehe, in -welcher er ihnen Mpangire als neuen Sultan bekannt gab; dem Sultan -überreichte er als Zeichen seiner Herrschergewalt eine deutsche -Flagge und ein von Sr. Majestät unserem Kaiser zu diesem Zwecke -verliehenes prachtvolles Schwert. Die Truppen präsentierten, und ein -vielhundertfaches Hurra! auf unsern Allerhöchsten Kriegsherrn, den -Kaiser, weckte das Echo der Berge. Unter der umstehenden Volksmenge -herrschte lautlose Stille; diese militärische Feierlichkeit machte -augenscheinlich tiefen Eindruck, es war, als wenn die Masse erstarrt -wäre, alles sah auf den Brennpunkt: meinen Mann und Mpangire. Zum -Schluß wurden zugweise Salven und Schnellfeuer abgegeben. Dann ging -es im Umzug in Sektionskolonnen durch die Stadt. Voran die Musik, -dann mein Mann, Herr v. Kleist, Mpangire mit seinen Brüdern, ich, zum -Schluß die Truppe, und genau so wie zu Haus bei solchen Gelegenheiten -umgab uns die jetzt lärmende Volksmenge. Alles war aufs schönste -mit Blumengewinden, Fahnen und Fähnchen geschmückt, jede Hütte war -ausgeputzt.</p> - -<p>Ich hatte mich bald von dem Zuge getrennt, um den Festzug aufzunehmen. -Was ich laufen konnte, eilte ich an den Apparat; als der Zug ankam, -knipste ich — aber alle Mühe war umsonst! Der Verschluß versagte! -Glücklicherweise haben die andern gute Aufnahmen machen können.</p> - -<p>Mittlerweile war es 11½ Uhr geworden, und jeder zog sich zurück, -denn um 2½ Uhr war Preisschießen. Zu Hause machte ich eine Schüssel -Konfekt und Marzipan, in der Mitte eine Ananas, zurecht, auf der eine -Karte mit der Mitteilung steckte, daß wir der Unteroffiziersmesse ein -Kegelspiel zu Weihnachten, vorläufig allerdings erst schriftlich, -stifteten.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p64a" name="p64a"> - <img class="mtop2" src="images/p64a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_64">S. 64</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p64b" name="p64b"> - <img class="mtop2" src="images/p64b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente - in Iringa.<br /><span class="s5">(Zu <a href="#Seite_126">S. 126</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Wir aßen zu Mittag, und um 2½ Uhr waren wir auf dem Schießplatz. -Mein Mann schoß mir den ersten Preis, einen sehr schönen Elefantenzahn. -Für die Einsätze und Reugelder waren Elefantenzähne als Preise -angekauft worden. Es wurde mit Mauser-Gewehren geschossen. Die -Unteroffiziere und die ersten schwarzen Dienstgrade schossen auch mit. -Ich wurde mit dem Auftrag beglückt, die Preise zu verteilen.</p> - -<p>Nach dem Preisschießen folgte ein Rennen. Beim Eselrennen gewann mein -Esel, von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling geritten, den ersten Preis. Dann wurden -fünf Ochsen am Spieße gebraten, ganz wie bei der Kaiserkrönung im alten -römischen Reiche deutscher Nation, und vergnügter wie unsere Schwarzen -hier können die „Frankfurt am Mainer“ auch nicht gewesen sein, wenn wir -auch keine Springbrunnen mit rotem und weißem Weine sprudeln lassen -konnten.</p> - -<p>Eine große Volksmenge war auf dem Rennplatz noch versammelt, wo nach -dem letzten Maultierrennen ein Wettrennen zwischen Boys, Fundis, -Trägern und Askaris stattfand, der Erste am Platze konnte sich die -großen hingeworfenen Preise (Tücher!) aufheben. Daran schloß sich -Strickreißen. In die stärkere Partei wurden auch Tücher hinein -geworfen, die derjenige bekam, der sie zuerst auffing, natürlich -entstand dann oft ein großer Streit, der den Tüchern allerdings nicht -zum besten gereichte.</p> - -<p>Ein Gejauchze und Gejuble, daß einem ordentlich das Herz mit lachte! Es -war wirklich alles so nett und vergnügt. So schön habe ich mich beim -schönsten Ball nicht amüsiert. Den Höhepunkt erreichte aber das Jubeln, -als mein Mann und ich Pesas unter die Menge warfen!</p> - -<p>Die Sonne war bei alledem schon untergegangen, und die Dunkelheit -nötigte uns, aufzubrechen. Zu Hause angelangt, ging ich nun an meine -Arbeit, denn in 1½ Stunde sollten unsere Gäste schon kommen. Während -der verschiedenen Veranstaltungen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> hatte ich mich manchmal unbemerkt -davon geschlichen, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Ich war daher -sehr stolz, als beim Essen mein Tischnachbar zu mir sagte: „Wie haben -Sie das alles möglich gemacht? Sie waren doch bei allem dabei?“</p> - -<p>Im Garten hatten wir des Morgens einen Baum aufstellen lassen (im -Zimmer war es zu gefährlich), der mit selbst fabrizierten Lichtern -aus Honigwachs und Silberpapier geschmückt war. Vorn war eine Karte -befestigt, auf der wir vorläufig schriftlich der Offiziersmesse ein -Krocket stifteten. Die Tafel hatte ich mit Blumen ausgeschmückt, -zwischendurch nach dem Essen gesehen und kaum hatte ich Zeit, mich in -höchste Eleganz zu stürzen, als unsere Gäste auch schon eintrafen.</p> - -<p>Es war ein fröhliches Mahl, und zum Schluß wurde der Christbaum -angezündet. Da hat wohl jeder von uns seiner Lieben gedacht. Nach einer -feierlichen Stille, die von der vorhergegangenen Lustigkeit abstach, -stimmte einer der Herren „Stille Nacht, heilige Nacht“ an, das wir alle -mitsangen. Weiß Gott, es war ergreifend, wie das heilige Lied von den -Lippen der jungen Offiziere erklang; es dauerte ein Weilchen, ehe wir -uns wieder in die Wirklichkeit zurückgefunden hatten; dann waren wir -wieder vergnügt und lustig beisammen. Mit Champagner wurde das Wohl -aller unserer Lieben ausgebracht; unter Gläserklingen folgte noch manch -lustiges Lied.</p> - -<p>Als das letzte Licht am Baum erloschen, setzten wir uns auf die -Veranda, wo Kaffee, Kognak usw., der Marzipan und der Ringkuchen -verzehrt wurden. Ich hatte in einen großen Napfkuchen einen Ring -eingebacken, der Anlaß zu viel Scherz und Heiterkeit gab. Das Essen -war gut geraten, und auch der mit allerhand Schwierigkeiten bereitete -Marzipan fand Beifall; ich sah mit dem Stolze, der jeder Hausfrau -verständlich sein wird, daß mein eigenhändig gebackener Marzipan bis -aufs letzte Krümelchen aufgegessen wurde. Erst nach zwei Uhr nachts -trennten wir uns.</p> - -<p>Den Abend des 25. Dezember verbrachten wir im Kasino bei Illumination -und „italienischer Nacht“ — wir wurden sogar<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> mit Musik empfangen. -Am 26. früh verabschiedeten sich die Offiziere, Pater Alphons und ich -machten noch einige Gruppenaufnahmen, dann ein letztes Händeschütteln, -die Abteilungen traten an, die Herren übernahmen ihre Kommandos, und -jeder rückte nach seiner Garnison ab. — Der Abschied ging uns nahe, -es waren alles so liebe prächtige Menschen, die uns da verließen. Gott -gebe, daß uns allen ein frohes Wiedersehen beschieden!</p> - -<p>Mein Mann hatte nun viel zu tun, besonders Berichte zu schreiben, und -ich versuchte, meinen Haushalt wieder ins gewohnte Gleis zu bringen.</p> - -<p>Den Silvesterabend verlebten wir mit Herrn v. Stocki und den -Missionaren, die am 29. noch eingetroffen waren, nach deutscher Sitte. -Am 2. Januar wurde Herr v. Stocki durch Graf Fugger abgelöst; auch die -evangelischen und katholischen Missionare zogen wieder ab. Leutnant -Stadlbaur schickte zwei Strauße; sie sind sehr zahm, spazieren in -den Straßen herum und sind der Schrecken aller Weiber, die ihr Mehl -zum Trocknen im Freien ausbreiten. Ein kleiner, etwa drei Tage alter -Elefant konnte nicht am Leben erhalten werden; trotz der Unmengen von -Milch, die wir ihm vermittelst eines aus Tuch hergestellten recht -ansehnlichen „Lutschbeutels“ beibrachten, ging er nach acht Tagen ein.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Januar 1897. Kaisers Geburtstag.</p> - -<p>Frühmorgens kam ein Bote aus Iringa mit einer Alarmnachricht von den -Patres: „Quawa sei in der Nähe!“ Tom schickte ihnen sofort Askaris zur -Verstärkung des Postens, der unter diesen Umständen bedroht erschien. -— Dann feierten wir den Geburtstag Sr. Majestät mit Parade, Salut von -Kanonenschüssen und Ansprache meines Mannes an die Askaris, die ihrem -obersten Kriegsherrn drei kräftige Hurras ausbrachten.</p> - -<p>Nach der Parade tranken die Herren bei uns Wein, und abends waren wir -im Kasino. —</p> - -<p>Ich vergaß zu erwähnen, daß auch an unserem Hochzeitstage, am 4. Januar -1897, ein Alarmbrief kam. Leutnant Fonck hatte wieder ein Gefecht in -Ubena gehabt! Überall gärt es<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> noch, das Land ist eben noch lange nicht -in Ruhe. Die meisten Frauen und Kinder Quawas sind in der Gewalt der -Station.</p> - -<p>Trotzdem von allen Seiten schlimme Nachrichten kommen, welche die -gefährliche Nähe von Quawa und seinem Anhange melden, bewahrt mein -Mann, auf dem die ganze Verantwortlichkeit ruht, eine beneidenswerte -Ruhe.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">30. Januar 1897.</p> - -<p>Die beiden letzten Nächte habe ich sehr unruhig geschlafen, denn der -Gedanke, einer von Quawas Anhängern könnte Feuer an unsere Hütte legen, -ist doch zu ungemütlich. Man könnte ja bei dem Stroh auch nichts retten.</p> - -<p>Wenn ich Schritte in der Nacht dicht bei uns höre, überläuft’s mich -ganz kalt.</p> - -<p>Gestern war der Pater da und hat von 5 bis 11 Uhr nachts uns von Quawa -erzählt und mich eingegruselt. Mein Mann hatte darüber schon von -anderer Seite gehört; also etwas Wahres muß daran sein. Er meinte, -angreifen werde Quawa uns nicht, ohne daß es lange vorher bekannt -würde. Aber Schabernack spielen, wie Feuer anlegen usw., das wäre schon -möglich. Mpangire ist auch nicht ganz zu trauen, er kann sein echtes -Waheheblut nicht verleugnen. Meinem Mann ist das gleichgültig, wenn -Mpangire nur sonst treu ist und hier tüchtig das Regiment führt. Über -Nacht sind jetzt viele Posten ausgestellt. Diese Nacht ging ich mit -meinem Mann Wachen revidieren. Es war herrlich, der Himmel strahlte in -seiner Sterne Pracht. Der südliche Himmel ist doch bei weitem schöner -wie der zu Hause, es tat uns beinahe leid, als unser Rundgang zu Ende -war; ich legte mich gleich nieder, aber mein Mann arbeitete die Nacht -durch, denn er wird jetzt sehr von seiner Schlaflosigkeit geplagt.</p> - -<p>Als unsere Gäste uns gestern verließen (wir hatten den Grafen Fugger -angefeiert), machten wir noch einen Spaziergang. Plötzlich flammte -Feuerschein im Dorfe auf, und als wir zurück<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>eilten, fanden wir die -Kompagnie bereits unterm Gewehr. Zum Glück brannte nur eine Tembe; Tom -lief voraus, und als ich zur Feuerstelle kam, stand er bereits auf dem -brennenden Dach und leitete mit Wort und Tat die Löscharbeit. So sehr -ich um das Leben meines Mannes bangte, so war ich doch auch stolz, zu -sehen, mit welcher Ruhe und Umsicht er und Graf Fugger immer da waren, -wo die Gefahr am größten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">2. Februar 1897.</p> - -<p>Heute morgen war Mpangire mit Gefolge da; wie immer wurde er reichlich -bewirtet, aber etwas kühler behandelt wie sonst, denn es ist ihm -durchaus nicht fest zu trauen. Unter anderem bekam er eine Zimtsauce -zu essen; plötzlich fragte er, was alles in der Sauce sei. Als ich ihm -alles aufzählte und von Eiern sprach, erschrak er und legte sofort den -Löffel weg. Bei den Wahehes ist es nicht Sitte, Eier zu essen.</p> - -<p>Mein Mann schreibt eben ein Gesuch an Herrn v. Schele. Er hat bei den -Teilnehmern der letzten Wahehe-Expedition den Gedanken angeregt, den -Gefallenen der Zelewskischen Expedition ein Denkmal hier zu setzen; -es sollen nur die Herren daran teilnehmen, die 1891 und 1894 gegen -die Wahehe gekämpft haben. Während er noch schrieb, kam wieder ein -Alarmbericht von den Missionaren, sie hätten einen „Haufen Quawaleute“ -gefangen genommen und bäten um Verstärkung. Graf Fugger brach sofort -auf, um nachzusehen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">11. Februar 1897.</p> - -<p>Gestern abend, als wir vom Reiten kamen, schlichen sich dunkle -Gestalten an meinen Mann heran. Es waren unsere Vertrauensmänner -Farhenga, Lupambila (Sadalla fehlte), und um diese Zeit bedeutet das -immer etwas Wichtiges. So war es denn auch: wieder Unruhen! Quawa -hat einen Msagira, den mein Mann in Ubena eingesetzt hatte, getötet. -Die Mageleute hielten zu Quawa und schickten ihm große Vorräte, die -Ruahaleute seien alle weggelaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>Mein Mann wollte gleich nach Mage aufbrechen, doch da es schon zu spät -war, um noch vor Sonnenaufgang dort anzukommen und sie zu überraschen, -unterblieb es. Ich war sehr froh darüber, denn meinen Mann auf einem -nächtlichen, zwölf Stunden langen strammen Marsch zu wissen, gehört -nicht zu meinen Freuden. Morgen wird der Tschausch mit Askaris und -Lupambila dahin gehen, das fällt weniger auf, als wenn ein Weißer kommt.</p> - -<p>Unser zweiter Elefant ist gleichfalls trotz aller Mühe gestorben; -wahrscheinlich verhungert, trotzdem er riesige Mengen Milch -bekam. Die Kuhmilch mag wohl nicht genügend Nährkraft für einen -Dickhäuterorganismus enthalten. Im „Brehm“ steht nichts über Aufzucht -der Elefanten!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Februar 1897.</p> - -<p>Was für eine qualvolle Nacht liegt hinter mir! Gestern nachmittag kam -plötzlich mein Mann hereingestürzt und rief mir zu: „Bitte mach schnell -Essen und zwei Decken zurecht“, dann war er auch schon verschwunden. -Zwei Stunden zermarterte ich mein Gehirn, was bloß geschehen sein -mochte! Jedenfalls wollte er irgendwohin abmarschieren.</p> - -<p>Endlich kam er, und jetzt erfuhr ich, daß Quawa den Ruahaposten -überfallen und die Askaris niedergemetzelt habe. Daraus kann man wohl -auch schließen, daß Magdalenenhöhe und Perondo, so entsetzlich es auch -ist, das gleiche erfahren haben. Tom wollte nun gleich nach Iringa, um -Mpangires Nest auszuheben, während Graf Fugger nach den Etappen ging.</p> - -<p>Alles wurde heimlich vorbereitet, damit die Wahehe hier nicht die Leute -in Iringa benachrichtigen könnten. Als alles so ziemlich bereit war, -wurde nach Quawas angesehenstem Halbbruder Gunkihaka geschickt, der -vor ein paar Tagen angekommen war, um sich hier anzubauen. Mein Mann -sagte gleich: „Dem muß ich tüchtig auf die Finger sehen.“ Nun war es -schlimmer, als wir dachten: er wollte uns nicht bloß ausspionieren, -sondern im<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Rücken überfallen. Daß in der letzten Zeit etwa 30 Temben -gebaut wurden, erschien uns jetzt auch in einem anderen Licht.</p> - -<p>Graf Fugger aß mit uns, da das Essen in der Messe noch nicht fertig -war und es so am wenigsten auffiel. Dann ging er, seine Sachen zu -ordnen. Selbst mein Mann war diesmal des Ausgangs nicht gewiß! Dann -kamen Gunkihaka und ein Msagira, der eben erst angekommen war. Mein -Mann hatte das Gewehr vor sich hingelegt, fertig zum Schuß, wenn -Gunkihaka entfliehen wollte. Einen Menschen so vor dem Gewehrlauf -sitzen zu sehen, war — milde ausgedrückt — aufregend! Aber konnte -nicht derselbe Mensch sich plötzlich auf meinen Mann stürzen, ehe er -losdrücken konnte?</p> - -<p>Jeder Nerv war in höchster Spannung. Alles war regungslos und -totenstill, auf einer Seite des Zimmers saßen Farhenga und Sadalla, -gegenüber die zwei Boys, die die Unglücksbotschaft gebracht hatten.</p> - -<p>In der Veranda mein Mann, Gunkihaka und ich um einen Tisch, auf dem die -Lampe brannte, an der Erde hockend der gefangene Msagira, dahinter zu -den Seiten zwei Askaris.</p> - -<p>Gunkihaka benahm sich musterhaft, aber trotz der zur Schau getragenen -Ruhe vibrierte seine Stimme etwas, und über sein Gesicht ging hin und -wieder ein leichtes Zucken. Er sollte über ihren Plan berichten und -über das Geschehene, doch es war keine Silbe aus ihm heraus zu bekommen.</p> - -<p>Da kommt der Effendi (schwarzer Offizier) mit einem Träger atemlos mit -der schrecklichen Botschaft, die II. Etappe sei auch überfallen, -nur ein Askari entkommen! Gleich wurden die zwei Wahehe gebunden und -dem Grafen Fugger mitgegeben, sie sollten diesem die Quawafährte zeigen.</p> - -<p>Wie sie so dastanden, ein Bild von Kraft. Gunkihaka einen Kopf größer -als mein Mann, der Msagira ihn aber noch fast um einen Kopf überragend. -Der eine jung mit dem großen Auge, das alle Quawaangehörigen haben, der -andere mit kleinen listigen Augen! Sie wurden abgeführt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> - -<p>Jetzt bricht auch mein Mann auf, die Askaris sind lautlos angetreten, -und so ziehen sie ins Dunkle hinein.</p> - -<p>Als sie ein Weilchen weg sind, wird Alarm geblasen, und die Askaris -treten für Graf Fugger an. Während wir so dastehen, kommen verschiedene -Nachrichten, daß am Fuß des Berges viele Leute zu sehen seien, die -ein Kriegsgeheul ausstoßen! Übrigens hatte mein Mann auch schon so -etwas verlauten hören und sagte mir, ich sollte die Koffer mit dem -Wertvollsten auf die Veranda stellen, damit, wenn die Wahehe Feuer -anlegten, wenigstens das Wertvollste gerettet werden könnte, aber er -glaube nicht, daß sie die Station angreifen würden! Die Frage, ob wir -uns alle wieder sehen würden, lag uns sehr nahe, ach, es war — nein, -ich finde keine Worte für die Stimmung! Aber trotzdem sagte auch Graf -Fugger: „Das ist doch Leben, hier weiß man, zu was der Soldat da ist.“ -Als auch er weg war, ging ich beklommenen Herzens nach Hause. Schlafen -konnte ich nicht!</p> - -<p>Als der Tag hereinbrach, war es mir eine Erlösung. Die Sonne war noch -nicht aufgegangen, als mein Mann kam. Ich hörte Lärm und lief ihm -schleunigst entgegen.</p> - -<p>Er konnte mich nur flüchtig begrüßen, es genügte mir aber; war er doch -heil zurück und seine Aufgabe gelungen! Alle Leute Mpangires, dieser -selbst, seine Weiber und Brüder gefangen. Inwieweit Mpangire an der -Verschwörung teilgenommen hat, ist noch nicht klar. Wenn er seinen -Bruder Quawa nicht ausliefert, kann er nicht Sultan bleiben und kommt -zur Küste. Wie weit die Rebellion um sich gegriffen und warum die Leute -am Ruaha weggelaufen sind, ist noch nicht festzustellen! Jetzt gilt es, -des Hauptschuldigen, Quawas, habhaft zu werden, aber wie und wo in dem -großen Reich?</p> - -<p>Mein Mann ruhte nur einige Stunden, dann wurde alles zu einem neuen -Abmarsch für den Nachmittag fertig gemacht. Das war schnell getan, -denn er nimmt fast nichts mit (trotzdem er auf unbestimmte Zeit fort -bleibt), um nicht am schnellen Marschieren durch die Träger aufgehalten -zu werden. Kein Bett, kein Zelt, keine Kochlast! Zwei Decken, ein -Luftkissen, zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Kochtöpfe, Messer, Gabel, Löffel, Teller, Tassen, ein -Stück Zeug für die Nacht zum Überspannen, einen Stuhl und eine Last -Essen! Und da war er noch ungehalten und sagte: „Früher habe ich oft -noch viel weniger mitgehabt!“</p> - -<p>Ich begleitete Tom den Berg herunter, aber es war schon ganz dunkel, -und ich mußte zurück. Wenn ich nur nicht so schrecklich allein wäre!! -Das Dach von unserem Haus ist fertig. Natürlich stockt überall die -Arbeit. Spiegel, infolge des Perniziösen fast dienstuntauglich, ist -nach Iringa und Stephan meinem Mann nachgegangen. Der beklagenswerte -arme Baumeister ist immer noch krank, ich besuche ihn täglich.</p> - -<p>Jetzt sind überall die Posten verstärkt, es sind zwei Hauptwachen. Ich -bin ganz von Soldaten umgeben, auf der Veranda sogar schläft einer. So -ist eigentlich nachts mehr Leben als am Tage, nur die Fundis arbeiten. -Auf der Straße sehe ich nur zwei kleine Jungen mit dem Kreisel spielen.</p> - -<p>Jetzt, wo mein Mann unterwegs ist, regnet es nicht nur am Tage, sondern -auch fast die ganze Nacht hindurch.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">17. Februar 1897, 10 Uhr abends.</p> - -<p>Jetzt fängt es aber doch an, ungemütlich zu werden, vor allen Dingen, -wo mein Mann nicht hier ist. Wo man hinhört, Aufruhr, Empörung! Heute -nachmittag brachte mir <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling die Nachricht, daß von Mage -bis hierher alles in Aufregung sei, der Schmied habe viele neue Speere -geschmiedet, und Quawa sei mit einer großen Heeresmacht nur 12 Stunden -von der Station entfernt. Heute abend 8 Uhr rückte <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling -dahin ab.</p> - -<p>Das Dorf ist in großer Aufregung, und die Kriegsegoma wird geschlagen, -viele sind betrunken.</p> - -<p>Ich ritt heute nach einer Tembe des Msagira Kimali Mali, doch war alles -ausgeflogen, also wahrscheinlich auch bei Quawa.</p> - -<p>Ich werde jetzt schlafen gehen, mich aber nicht ausziehen, denn man -kann nicht wissen, wie es kommt. Den Revolver habe ich stets bei mir. -Übrigens, noch eins! Die Karawane eines Arabers nach hierher ist bei -Mage geplündert, der Araber<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> getötet worden, gewiß auch der kleine -Jumbe Mangatua mit seinem Anhang. Die Weiber, die er hier bekommen -hatte, sollen in Quawas Hände gefallen sein.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">20. Februar 1897.</p> - -<p>Gestern nachmittag kam Tom zurück, er hat die Landschaft anscheinend -ruhig gefunden, einen neuen Jumben eingesetzt und Stephan mit der -Anlage eines Sicherungs-Postens beauftragt. Jetzt läßt er hier -eine Dornenboma und Stacheldrahtzäune anlegen, als ersten Schutz -gegen einen plötzlichen Überfall der Wahehe; derartige Hindernisse -geben unseren Askaris bei nächtlichem Angriff genügend Zeit, ihre -Verteidigungsstellungen einzunehmen und sich zum Ausfall zu sammeln. -Am Abend kam <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling zurück; er hat den Eisenfundi, -den Speerschmied, gefangen. Leider sind aber sieben Kettengefangene -entsprungen — das bedeutet für unseren Feind Quawa einen Zuwachs von -ebensovielen Kriegern.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">21. Februar 1897.</p> - -<p>Die Post mit vielen Briefen und Berichten meines Mannes ging gestern -abend ab, ehe ich etwas mitgeben konnte, und es ist dies ganz günstig. -So denken sie daheim alle, wir sind ganz ruhig und sicher hier, und -brauchen sich nicht zu ängstigen.</p> - -<p>Der Pater Superior kam sehr elend gestern an, er soll sich hier etwas -erholen. Mein Mann würde gern die Mission einziehen, doch würde er -damit zu erkennen geben, daß er einen Überfall befürchtet, und um dies -zu vermeiden, wird der Posten auf zehn Askaris verstärkt.</p> - -<p>Gerade als wir fertig mit dem Abendbrot waren, kam Graf Fugger und -brachte ausführliche Berichte. Von allen drei Etappen sind die Askaris -hingemordet worden. Zu dem einen Askari sind drei Kerle gekommen, die -ihm Essen zum Kauf anboten, sie haben ihn dann überfallen, gebunden und -mit Stöcken totgeschlagen! Seine Frau mit Kind führten sie mit sich, -doch<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> ist die Frau wieder entflohen, und Graf Fugger, dem sie auf der -Flucht begegnete, hat sie mit hergebracht. Von Magdalenenhöhe hat man -noch nichts Näheres erfahren.</p> - -<p>Bei Ruaha sollen die Leute von zwei Seiten gekommen sein, d. h. von -den Utschungubergen und von Iringa! Inwieweit Mpangire beteiligt ist, -kann man nicht ergründen, trotz Drohungen ist nichts aus diesem harten -Waheheschädel heraus zu bekommen. Nur soviel steht fest, daß er und -seine Brüder alles gewußt haben!</p> - -<p>Jedenfalls hat Mpangire mit Quawa im Einverständnis gehandelt. Viele -behaupten, er habe die Station auf Quawa hetzen wollen, um sie selbst -dann leichter einzunehmen und die Europäer und Askaris niederzumetzeln.</p> - -<p>Morgen wird Kriegsgericht gehalten, auch über Mpangires Brüder und zwei -Msagiras. Sie haben hochverräterisch gehandelt und werden es wohl mit -dem Leben büßen müssen. Sie haben ihr Quawablut nicht verleugnen können!</p> - -<p>Daß sie bedeutende und befähigte Neger sind, beweist auch ihr jetziges -Verhalten. Sie haben an Verstellung das Menschenmöglichste geleistet.</p> - -<p>Natürlich ist die Spannung groß, wie die Wahehe es aufnehmen werden, -wenn einer ihrer Größten aus der Quawafamilie den Tod als Verräter -sterben muß.</p> - -<p>Jenseit des Ruaha ist ein Teil der Bevölkerung zu Quawa gegangen, ein -anderer aus Angst vor der Station in die Berge geflüchtet.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">21. Februar 1897, 4 Uhr mittags.</p> - -<p>Den ganzen Morgen habe ich mich zu nichts aufschwingen können; Tom -ist auch ganz verstört. Während des Kriegsgerichts hielt ich es nicht -mehr aus und ging ins Gefängnis zu den Mpangirefrauen. Sie saßen dicht -zusammen, das Gesicht der Wand zugekehrt! Ich rief Mgumditemi zu mir. -Sie war kaum wieder zu erkennen, so abgemagert und abgehärmt sah -sie aus, die Tränen standen ihr in den Augen, sie litt wirklich mit -Mpangire,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> während die andern, Sadangombe ausgenommen, nur ihr eigenes -Schicksal zu betrauern schienen, sie bettelten auch gleich um besseres -Essen. So sehr mich die Mgumditemi gerührt hat, so stießen mich die -andern ab.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Stadt <em class="gesperrt">Iringa</em>, -23. Februar 1897, abends.</p> - -<p>Jetzt sitze ich mit meinem Mann um 7½ Uhr abends im Zelt in der -früheren Sultanstadt. Vor ungefähr acht Wochen waren wir auch hier -im Begriffe, den künftigen Sultan abzuholen. Jetzt ist es mit der -Sultansherrlichkeit für immer vorbei. Mein Mann hatte gehofft, die -Quawabrüder so zu verpflichten, daß sie der Station ergeben wären, aber -der Quawatrieb, allein zu herrschen, war zu mächtig in ihnen, und so -mußten sie es mit dem Leben büßen. — Sie wurden verurteilt, und als -ihnen die Ketten abgenommen und sie zum Galgen geführt wurden, hat -Mpangire einen noch recht menschlichen Zug gezeigt. Er hat gefragt, -was wohl aus seinen Kindern werden würde! Das versöhnt einigermaßen -wieder mit dem Verräter. Alle Europäer waren für ihn eingenommen, auch -mich hatte das hübsche Gesicht, der freie Blick, das große Auge, das -manierliche und nette Wesen, der chevalereske Ton, sein schnelles, -kluges Auffassen so geblendet, daß mir sein jähes Ende sehr nahe ging; -ich habe bitterlich geweint, und noch jetzt traure ich um den schwarzen -Gentleman, trotzdem meine Vernunft sich dagegen sträubt.</p> - -<p>Mein Mann ist jetzt zu einem Schauri in die Tembe eines Großen der -Wahehe gegangen. Ich ängstigte mich um ihn! Wie leicht kann ein -fanatischer Kerl ihm etwas antun. Die Askaris sind auch von Leuten, die -schon 5 bis 6 Monate mit ihnen freundschaftlichst verkehrten, auf den -Befehl von Quawa ermordet worden.</p> - -<p>An der Küste müssen sie uns ganz in Frieden denken; ein Herr -Kaufmann hat die Erlaubnis bekommen, meinen Mann um 20 Wahehe zu der -Ostafrikanischen Ausstellung in <em class="gesperrt">Leipzig</em> zu bitten — und wir -sind froh und dankbar, wenn wir mit den Leuten zu einem friedlichen -Verhältnis kommen!! — Schöne<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> Exemplare sind es schon; es würde -lohnen, sie auszustellen, freilich würden sie das als eine harte -Bestrafung ansehen.</p> - -<p>Die Weiber und Kinder der Quawafamilie und die Quawaanhänger, so auch -der Eisenfundi, werden des Landes verwiesen und an die Küste geschickt.</p> - -<p>Selbst auf unsrer Safari haben wir Gäste. Zum Abendessen war Pater -Alphons, der uns schon entgegengekommen war. Pater Superior hatte auch -am Kriegsgericht teilgenommen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_3" name="ende_kap_3"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 3" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s78_kopfstueck" name="s78_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 78" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"><span class="kap">Viertes Kapitel.</span><br /> -Der Wahehe-Aufstand.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2"><em class="gesperrt">Iringa</em>, 27. Februar 1897.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s78_initial" name="s78_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s78_initial.jpg" alt="A" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>m 27. Februar abends kehrten wir von der Safari zurück, und mein Mann -atmete erleichtert auf, daß nichts Ungünstiges in unsrer Abwesenheit -vorgefallen war. Wir beschlossen daher, am 28. wieder aufzubrechen. Tom -will das Land rekognoszieren und Jumben in den verschiedenen Teilen -einsetzen. Abends waren wir mit Graf Fugger gemütlich bei uns.</p> - -<p>Des Morgens früh wurde alles für die Safari zurecht gemacht. Gerade als -wir aufbrechen wollten, kamen zwei Wahehe mit schlimmer Kunde. Quawa -hat wirklich so viele Leute gesammelt, daß es ihm möglich gewesen ist, -an einer Stelle 500 Stück, an einer anderen Stelle 60 Stück Rindvieh -von den Msagiras, denen das Vieh zum Hüten gegeben war, wegzunehmen. -Gerade der Teil der Landschaft, nach welchem unser Zug bestimmt war, -sei zu Quawa übergegangen. So mußte die Safari unterbleiben, dafür -rückten Graf Fugger und mein Mann, jeder mit einer Expedition, nach -den gefährdeten Gebieten ab. Alle wünschen sehnlichst, daß es zum -entscheidenden Kampfe kommen möge, doch Quawa weiß dem immer geschickt -auszuweichen. Gott weiß, ich bin in derselben verzehrenden Angst wie -damals in Perondo. Nur bin ich meinem Manne viel näher; Gott sei Dank. -Wenn ihm ein Unglück zustößt, dann ist es auch mit uns in der Station -vorbei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - -<p>Wie schnell ändern sich alle Pläne. Um 10 Uhr wollten mein Mann und -ich abmarschieren und Graf Fugger sollte hier bleiben, statt dessen -marschiert Graf Fugger um 12 Uhr ab, ich bleibe hier, und um 2 Uhr ging -mein Mann, der noch vieles anzuordnen hatte.</p> - -<p>Dieselbe böse Nachricht wurde, eine halbe Stunde später wie die Wahehe -es meldeten, auch von Farhenga und Sadalla gebracht, also ist es -unumstößliche Wahrheit.</p> - -<p>Ein Revolver von der 1891 niedergemetzelten Zelewski-Expedition ist -in meinem Besitze, er wurde in einer Tembe gefunden. Wie man von den -Wahehe hört, hat sich die unglückliche Expedition tapfer verteidigt, -200 Wahehe fielen damals!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">4. März 1897.</p> - -<p>Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald -unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine -Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen! -— Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren -von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in -Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere -Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut -geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen. -Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen -Seiten Unglücksbotschaften regnet.</p> - -<p>Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen -zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht -nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es -entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. — Ich bin -tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß -der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es -schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen. -Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel -Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens.<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> An -der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu -herangezogen.</p> - -<p>Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht -schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom -zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts -zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht -nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor -drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es -allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte -und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch -enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte -Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die -Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar. -Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später, -obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika -kaum seinesgleichen hat.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Sonnabend, 6. März 1897.</p> - -<p>Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um -meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich -mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens -ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen -eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen -Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er -dabei machen darf.</p> - -<p>Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie -mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen -Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter -Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen -gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften, -hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und -zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das -behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> glänzt. Ich hätte -früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen -Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter -individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen -Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und -unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung -zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die -ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu -folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen -sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen. -Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum -öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen -wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und -in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack, -denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang -herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin -von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel -bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit -feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch -bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck -an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten -Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen. -An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form -unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen -Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung -und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in -berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen -waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den -Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten -Alter gestorben.</p> - -<p>Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle: -infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern, -dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> vielen geraubten -Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen -Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind — -die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder -hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und -häßlicher — um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze -Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen -hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern, -mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig -geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern -und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem -Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren -Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens — der -Rest ist Schweigen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 8. März 1897.</p> - -<p>Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon -von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich -die Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. -Auch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 -Kettengefangene ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">9. März 1897.</p> - -<p>Unsere Sorge um Graf Fugger war, Gott sei Dank, umsonst; heute -nachmittag kam er unerwartet an. Er hat die verdächtige Gegend -gesäubert und bringt erbeutetes Vieh mit. Kaum sind wir dieser -Sorge enthoben, kommt eine neue Unglücksbotschaft: ein von Tom -eingesetzter Msagira, Schabruma, ist von einem früher ausgebrochenen -Kettengefangenen Jumba-Jumba, einem Halbbruder Quawas, ermordet worden. -Quawa sichert sich seinen Einfluß auf die Großen seines Landes mit -Energie: er schickt ihnen nachts einige ihm treu ergebene Anhänger zu, -die ihnen die Wahl lassen zwischen Tod oder Gefolgschaft. Nichts zeigt -übrigens so deutlich, daß wir es bei<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> den Wahehe mit einem einigen, -von <em class="gesperrt">einem</em> Willen gelenkten <em class="gesperrt">Volke</em> zu tun haben und nicht -bloß mit einzelnen verbündeten Stämmen, als die Tatsache, daß es hier -allerorten gleichzeitig im Lande spukt: Quawas mächtige Hand macht sich -überall fühlbar, und all unser Denken und Sorgen, fast wie das einer -Braut, die stets nur den Geliebten im Sinne trägt, beschäftigt sich mit -„Ihm“.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">10. März 1897.</p> - -<p>Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten -und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen -sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist -unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren -Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte -zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut -hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun, -was Tom anordnet, — wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald -zeigen.</p> - -<p>Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden. -Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert. -Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei -Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein -schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater -ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in -Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an -alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge -war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst, -das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann -stünde Tom ohne Leute da.</p> - -<p>Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden -wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda -nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri -herausstellte, daß er einen Stell<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>vertreter geschickt habe, da er -selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen -Bruder!</p> - -<p>Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga, -ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind -drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga -ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist -weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher -geschlichen und kam halb verhungert hier an.</p> - -<p>Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera, -Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf -gegen uns rüsteten!</p> - -<p>Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es -nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den -anderen scheint es ihm zweifelhaft.</p> - -<p>Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen -und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch -geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf -aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er -hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen.</p> - -<p>Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit -seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet, -er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder -je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben -überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten -nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in -Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders.</p> - -<p>Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten -verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er -desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er -geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte, -oder läßt ihn von einem<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen, -desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger.</p> - -<p>Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere -Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen -mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit.</p> - -<p>Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal — um den schönen Kerl -tut mir’s jetzt noch herzlich leid.</p> - -<p>Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt. -Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen -seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner -Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und -Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">11. März 1897.</p> - -<p>Gestern abend waren die Herren bei uns zu Tisch. Tom ist so -angegriffen und hat so viel zu arbeiten. Ich machte als Speise einen -Servietten-Pudding, den ich seit Weißenrode nicht gegessen hatte, er -fand großen Anklang. Ein friedlicher Zug kam in unsere kriegerische -Stimmung hinein, und doch wäre beinahe das ganze Fest verdorben -gewesen, wenn Tom sich nicht beherrscht hätte. Auf seinen Schultern -liegt doch alles, die anderen konnten schon eher lustig sein.</p> - -<p>Kurz bevor die Herren zum Essen kamen, war die Nachricht gekommen, daß -einer unserer Askaris den Anführer der noch treugebliebenen Wahehe -(der Wadongwe) erschossen habe, weil derselbe eine Frau zurück haben -wollte, die der Askari gestohlen hatte. Werden nun die Leute jetzt, -nachdem ihr Führer ermordet, zu Quawa gehen? Für meinen Mann ist dieser -Semulikanbe gar nicht zu ersetzen. Noch bei der Jumbenversammlung -fiel mir seine große Gestalt mit dem eisernen Kopf voll Energie und -Tatkraft auf. Er hatte Tom überall hin begleitet und ihm die treuesten -Dienste geleistet. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ging sofort hin, um den -Askari zu verhaften und die Sache zu untersuchen.<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Farhenga ging als -Stellvertreter von Tom den Verwandten des Ermordeten sein Beileid sagen.</p> - -<p>Alle verfügbaren Unteroffiziere hat mein Mann jetzt verteilt. -Hammermeister nach Iringa, Prinage nach Mage, Langenkemper nach -Luhalali und Stephan nach Irandi, morgen geht Graf Fugger nach -Ukalinga, und Sadalla ist mit dem Elefantenjäger Nenge und 25 seiner -Leute, die 15 Mauser-Gewehre bekommen haben, ausgeschickt. Wenn das -nur nicht einen Zuzug für Quawa bedeutet, es wäre zu schrecklich! -Unsere Gäste blieben bis 1 Uhr, ein Zeichen, daß wir uns trotz aller -kriegerischen Sorgen gut unterhielten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. März 1897.</p> - -<p>Eine Aufregung folgt der andern, <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling nicht zurück, -trotzdem der Askari schon eingebracht wurde! Leutnant Braun wurde -sofort auf die Suche geschickt. — Ich habe Merere auf seinem Ochsen -photographiert, er reitet denselben nämlich auf Safari; es ist ein -prachtvoller rabenschwarzer Reitochse, der dem Merere beinahe heilig -ist, er ist auch durch Zauber gegen Unheil geschützt, ebenso drei -schöne graue Kühe.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">13. März 1897.</p> - -<p>Bei Toms Schauri des Morgens fielen mir zwei Prachtkerle auf, beide -Brüder aus Bueni, der eine ein Jumbe, der Tom um seine offizielle -Einsetzung bat. Eine Freude, den hübschen Kerl zu sehen, er erinnerte -mich etwas an Mpangire. Des Nachmittags mußte er festgenommen werden, -denn sein Vater ist zu Quawa übergegangen, und er soll auch nicht ganz -sicher sein. Man muß geradezu mißtrauisch gegen die hübschen Kerle -werden! Ich war bei dem Verhör zugegen. Der Schweiß stand ihm auf -der Stirn, seine Brust hob und senkte sich schneller, sonst war ihm -nichts anzumerken! Sein Obermsagira war dabei, damit er seinen Leuten -die Botschaft bringen konnte, daß, wenn sie sich nicht ganz ruhig -verhielten, ihr Jumbe es mit dem Leben büßen würde! Andernfalls solle -ihnen aber ihr Jumbe bleiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> - -<p>Von der Mission wieder beruhigende Nachrichten, aber alles so wenig -klar, daß nichts damit anzufangen war. Abends kam der Pater, brachte -aber nichts Neues.</p> - -<p>Ferner kam die schlimme Nachricht von Leutnant Fonck, daß Mtitima, -der Jumbe von Idunda, mit seinem Besitz und Leuten entflohen sei. Es -scheint ihm nicht genug auf die Finger gesehen worden zu sein, trotzdem -er als unsicher und unzuverlässig galt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">14. März 1897.</p> - -<p>Gott sei Dank: eben kommt die Nachricht, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling sich -nur verirrt hatte. Es ist unglaublich, wie die Unruhen selbst auf -unsere Boys wirken, nichts geht seinen gewohnten Gang. Sie sind ganz -außer Rand und Band und machen mir viel Wirtschaft.</p> - -<p>Merere besucht uns alle Tage; er ist doch der richtige „Mchensi“. -Gestern hat Tom ihm drei Quawaweiber gegeben, heute wollte er noch mehr -herauspressen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">15. März 1897.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr.</span> Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück. -Morgen soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den -Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten -sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des -Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne -für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich -weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen — und es sind gerade die -treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes.</p> - -<p>Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges -Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange -fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich -aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören.</p> - -<p>In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Askaris hatten -liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und -Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein -Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich -retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht -verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide -waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude, -ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige -Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte.</p> - -<p>Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen -und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht -so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder -Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es -nicht schlimm geworden war. Auch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling konstatierte -später nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf -eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“ -sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von -sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine -Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die -Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind -schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten -ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen -Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust; -da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt, -wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben, -muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt. -Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein -Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben -ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als -daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen -möchte.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p88a" name="p88a"> - <img class="mtop2" src="images/p88a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Eine Gerichtssitzung in Iringa.</p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p88b" name="p88b"> - <img class="mtop2" src="images/p88b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Sultan Merere auf seinem Reitstier.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_86">S. 86</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">16. März 1897.</p> - -<p>Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns. -Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der -Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom -die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht -aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu -denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr -um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer -langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und -Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit. -Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier -einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere -ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der -Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord.</p> - -<p>Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von -Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari -geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt.</p> - -<p>Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es -würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte -aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten -abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden -werden, desgleichen das schwarze Schwein.</p> - -<p>Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen -mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von -demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als -Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber -leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. — Heute -morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben -oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen -oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> sei. -Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch -wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester -bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie -ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum -wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett.</p> - -<p>Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der -Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. — Früher war -bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach -zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die -Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder -bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und -sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale -Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und -dann zog er zu seiner Mission.</p> - -<p>Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen -von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane, -jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage -des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den -Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den -Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen -freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden, -das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen. -Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann -er uns, das beweist er täglich — aber wir bleiben doch! das Schlimme -ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu -Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht -fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß -es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle, -die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier -zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch -ohne Schulbildung sehr schlau<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit -einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter -konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß -aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten -nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">19. März 1897.</p> - -<p>Der Abend schließt mit der Nachricht eines Überfalls und der Morgen -beginnt damit. Zur Nervenberuhigung spielten wir gestern vor dem -Schlafengehen noch Skat, als plötzlich ein schwarzes Gesicht und ein -Gewehr sich am offenen Fenster zeigten; ich erschrak nicht wenig, -aber der Soldatenkopf, der gleich darauf erschien, beruhigte mich -über des Negers Absicht. Er war der traurige Rest von den Postleuten, -die aus Langenburg am Nyassa-See die Post brachten, die andern waren -von einem Trupp Wahehe erschlagen worden. Die Bestätigung also der -gestrigen Nachricht Prinages war handgreiflich da; wir hatten schon -unsere Verwunderung geäußert, warum Quawa die Karawanenstraße nicht -beunruhige. Lasten von Langenburg sind hierher unterwegs; sie haben -Askaribegleitkommando bekommen und dürfen nicht weiter (desgleichen -Träger der Mission nach der Küste), da die nötigen Askaris zu den -Begleitkommandos fehlen. Es wird jetzt schon schwer, Träger und Boten -zu bekommen, sie wollen schon immer nicht mehr ohne Askaris gehen.</p> - -<p>Heute morgen kam Nachricht, daß in der Tembe, dicht hinter der Mission -2 Stunden von hier, wo ich mit Tom auf Safari war und Tom einen Jumben -eingesetzt hatte, das Vieh weggetrieben und zwei Leute dabei erschlagen -worden seien. Der Jumbe ist gleich mit zwei Askaris und der Hälfte -seiner Leute dem Vieh nachgegangen; die andere Hälfte ist zu Quawa -übergelaufen. Mittags kam die Nachricht, daß drei Mann von Leuten -Quawas angeschossen seien. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ging gleich herunter, -auch nur 1 Stunde von hier, und hat sie verbunden, morgen sollen sie -auf die Station gebracht werden. Als <span class="antiqua">Dr.</span> Stier<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>ling etwas lange -ausblieb, wieder große Sorge! Also bis dicht vor unsere Tür wagt sich -Quawa! Das Schlimme bei der Sache ist, daß die gutgesinnten Wahehe -das Vertrauen zu uns verlieren, wenn unsere Anhänger so vor der Nase -weggeschlachtet werden.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">20. März 1897.</p> - -<p>Tom wird wahrscheinlich Merere hier als Sultan einsetzen, um ihn mit -zu dem großen Schlag benutzen zu können. Seine Leute sollen sich hier -in der Nähe ansiedeln, damit sie an der Station einen Halt haben. Den -ganzen Tag starker Regen.</p> - -<p>Vorgestern waren wir im Garten und freuten uns, wie hier alles gedeiht, -Weizen, Kartoffeln, alle Gemüsearten, sogar Rosenkohl, Salate, -Radieschen, Rettich haben angesetzt. Auch die von der katholischen -Missionsstation in Mrogoro geschenkten Apfelsinen-, Zitronen- -und Mangobäumchen setzen Triebe an. Mapera, Papayen und Bananen -selbstverständlich, auch das von Kisaki von uns mitgebrachte Gras und -der Kaktus.</p> - -<p>Ein vorzüglicher Boden ist hier: als Fata Morgana sehe ich schon alles -mit Weißen besiedelt. So hatten wir im Garten einen Kohlkopf von 15 -Pfund Gewicht. Rosen- und Kaffeebäumchen hat uns die Mission später -auch geschickt.</p> - -<p>Heute kam die Nachricht, daß zwei Soldaten und sieben Träger -totgeschlagen seien auf dem Wege zu Kiwanga. Es ist furchtbar! Aber -wenn ich bedenke, wie uns die erste Mordtat aufregte, kann ich uns -beinahe gleichgültig der Nachricht gegenüber nennen. Nur ein Gedanke -steht jetzt im Vordergrund: wie ist dem Zustand abzuhelfen? Was wird -der nächste Tag bringen? Die Wahehe fördern immer neue Überraschungen -zutage!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">21. März 1897.</p> - -<p>Wieder sitze ich abends allein und bete für meinen Mann, ob ich ihn -gesund wiedersehen werde? Der Mensch kann doch viel ertragen, wenn es -heißt: seine Pflicht erfüllen.</p> - -<p>Tom hörte von einem Ort, an welchem Quawa stecken sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> ließ -nachforschen und fand es heute einigermaßen bestätigt; daraufhin ist -er, als es dunkel war, heimlich aufgebrochen.</p> - -<p>Immer und immer wieder ihn weggehen zu sehen und nicht zu wissen, ob er -gesund wiederkommt, ist doch schrecklich.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">23. März 1897.</p> - -<p>Vorgestern konnte ich nicht mehr schreiben. Sadallaleute waren nach den -verschiedenen Mördern ausgeschickt, die ziemlich erfolglos zurückkamen, -sie brachten nur die Brüder und Weiber der Schuldigen an. Wir stehen -hier wirklich im Kampf ums Dasein.</p> - -<p>Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt, sie haben den Kampf abermals -durch Mordtaten begonnen. Jetzt heißt es, mit Strenge vorgehen, denn -Toms Menschenfreundlichkeit halten sie, an Quawas Grausamkeit gewöhnt, -für Schwäche. Die Nächte sind gräßlich. Heute konnte ich überhaupt -nicht schlafen, der Anruf der Patrouillen dröhnt laut durch die Nacht -und hält mich munter. Übrigens geht es nicht bloß mir so. Auch Winkler -und Stierling schlafen schlecht und träumen von Wahehe, Mord und -Totschlag, trotz ihrer eisenfesten Nerven.</p> - -<p>Gestern habe ich Mgumditemi den ersten Schreibunterricht erteilt, -es scheint sie aber so angestrengt zu haben, daß sie heute nicht -kommen konnte, weil sie krank sei. Das hat mir nun sehr den Mut zum -Weiterlehren genommen.</p> - -<p>Beim heutigen Spazierengehen war ganz herrliche Beleuchtung, doch das -ewige Revolverschleppen beeinträchtigt den Naturgenuß, und doch bin -ich jetzt ziemlich ängstlich, so daß ich stets Sublimat bei mir trage; -sollte es, was Gott verhüten möge, zum äußersten kommen und sich das -Märchen von meiner Gefangennahme verwirklichen, so wäre mir wenigstens -beim schlimmsten ein Ausweg möglich.</p> - -<p>Tom mußte ich versprechen, nie ohne Begleitung zu gehen, deshalb nahm -ich einen Ombascha mit. Heute habe ich meinen Schmuck und unser Silber -aus dem Silberkasten alles in einen Koffer gepackt, um bei Feuer oder -einer anderen Gefahr alles<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Wertvollere rasch bei der Hand zu haben. -Dann habe ich Wein abgefüllt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">24. März 1897.</p> - -<p>Gestern abend (ich entwickelte gerade Bilder) hatte ich noch die -Freude, Tom gesund wieder zu sehen. Es kam mir ganz unerwartet. Tom -war riesig vergnügt und erzählte seine Erlebnisse sehr amüsant. Bis -5 Uhr morgens durchmarschiert, im Walde versteckt gelagert, Brot und -Wurst gegessen, dann in der nächsten Nacht zu der Höhle und den Temben -geschlichen. Dort bis zur Morgendämmerung gelauert. Der Boy hatte -vergessen, während der Nacht etwas Tee zu kochen, also wieder nichts -Warmes, und dann auf dem Bauch zu den verschiedenen Temben gekrochen. -Sie sind so leise herangeschlichen, daß sie die Leute drinnen sprechen -hörten; endlich sind alle Temben umstellt, und Tom gibt das Zeichen, -daß jeder die Tür seiner Tembe öffnen lassen sollte. Er selbst war -bei der Haupttembe, wo sich folgende Szene abgespielt hat. Toms Leute -haben an die Türe geklopft und zunächst in der Wahehesprache gefordert, -sie möchten die Tür aufmachen, „sie seien Leute von Quawa“ — keine -Antwort, darauf auf Kissangu, „sie seien Leute von Merere“, — keine -Antwort, nun auf Suaheli, „sie seien Leute von bwana mkubwa“, worauf -sofort die Tür aufgemacht wurde. Es waren friedliche Menschen, die -uns treu gesinnt sind und Quawa fürchten. Tom ist sich ganz dumm -vorgekommen; soviel Anstrengung, um unschuldige Leute aus dem Schlaf -zu stören. Wäre Quawa darin gewesen, er hätte nicht entwischen können. -Hoffentlich gelingt es mit Quawa ein andermal. Tom ist aber sehr froh, -doch dagewesen zu sein, da er jetzt weiß, daß dort sichere Leute sitzen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">25. März 1897.</p> - -<p>Gestern abend hätte uns beinahe das Schicksal ereilt. Tom und ich -gingen zur Viehtembe, wo von dem jungen Sikki Rinder ausgeteilt wurden, -ich wollte nun dieselbe Straße gehen, die Sikki später auch kommen -mußte. Tom hielt das für langweilig<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> und schlug einen anderen Weg -durchs Dorf vor, und welch ein Glück war es, denn ein paar Minuten -später zog Sikki seines Weges, und ein Wahehe schoß auf ihn und ergriff -dann schleunigst die Flucht. Wir wären für ihn ein Ziel gewesen, das -er vielleicht besser getroffen hätte. Wir hörten den Schuß fallen, -glaubten aber, man habe einen Ochsen für die Merereleute geschossen. -Hier werden die Ochsen nicht wie zu Hause geschlachtet, sondern -erschossen. Wir gingen also ruhig weiter, als wir auf dem Rückwege -waren, kam uns ein Mann mit Flinte und Revolver entgegen, es sei -Alarm. Tom sagte, daß dies nicht möglich sei, da er wohl schon früher -davon benachrichtigt worden wäre. Wir gingen aber doch schneller und -hörten schon von weitem lauten Lärm im Dorfe; dort fanden wir alles -in großem Aufruhr und mit allem möglichen bewaffnet. Die Ursache war -der gefallene Schuß. Tom beruhigte die Bevölkerung, und jeder ging -friedlich heim.</p> - -<p>Tom erzählte, in Kilossa wäre es so ähnlich gewesen. Die Offiziere -hätten im Kasino gesessen und gesehen, wie die Bevölkerung des ganzen -Tales plötzlich in hellster Flucht davon gelaufen sei. Die Ursache sei -ein halbverhungerter Mhehe gewesen, der krank von dem Kondoaüberfall -zurückgeblieben sei und sich im Gras verborgen durch Kräuter usw. -ernährt habe.</p> - -<p>Des Abends waren wir ganz besonders fröhlich, daß nichts passiert war. -Es wurden gleich Nachforschungen angestellt und heute hieß es, Quawa -wäre bei Farhenga versteckt, wo noch außerdem ein Msagira mit Anhang -gesehen worden sei, auf den Tom auch fahndete. Tom und ich hatten -noch nicht gefrühstückt, bei der Nachricht verging uns aber doch der -Appetit zum Essen. Also Farhenga auch Verräter? Tom überlegte sich die -Sache noch. Da — was sehen unsere Augen — kommt Farhenga an und mit -ihm der Msagira mit Brüdern. Nun, freudiger ist er wohl nie von uns -begrüßt worden, wir gaben ihm auch gleich eine Flasche Gin, die er mit -verständnisvollem Schmunzeln einsteckte. Es stellte sich auch heraus, -daß der Mhehe, der geschossen, nie<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> bei ihm gewesen ist. Er brachte -gleich die gesuchten Leute mit, die nun an die Kette kamen.</p> - -<p>Von Goritz kam Nachricht, daß er 28 Wahehe gefangen, an der Stelle, wo -die Postboten überfallen wurden. Winkler marschierte ab, um sie hierher -zu bringen. — Die Wahehe werden durch Boten aufgefordert, gegen Quawa -mitzuziehen. Auf das Ergebnis, ob sie mitkommen werden, sind wir -äußerst gespannt, davon hängt sehr viel ab.</p> - -<p>Meine Puten machen mir noch viel Arbeit, da sie krank sind, sich -erkältet und Fieber haben, ich behandle sie mit Chinin, Aloepillen usw.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">26. März 1897.</p> - -<p>Heute kamen die Wahehe an. Wieviel mitziehen werden, ist schwer zu -sagen, da Tom noch unterwegs eine ganze Menge antrifft, jedenfalls von -hier an 200. Es ist dies für Tom sehr schön. Gott gebe, daß sich kein -Schurke darunter befindet, der nur so in Toms Nähe kommen will. Viel -Schauri. Des Abends kam noch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">27. März 1897.</p> - -<p>Noch des Morgens setzte Tom Stationsbefehl auf, gestern hatte er -alle Befehle an die Kommandos geschrieben. Tom hat jetzt außerhalb -elf Posten mit Europäern, dazu sieben Posten mit schwarzen Chargen -besetzt. Die Leute müssen für alle nur denkbaren Eventualitäten mit -sorgfältigsten Instruktionen versehen werden. Die Europäer müssen an -den Bomen in Zelten schlafen; an jeder Bastion einer, auch Askaris -schlafen dort, damit, wenn ein Angriff stattfindet, alles bereit -ist; auch am Tage müssen 20 Soldaten immer zugegen sein. — Ehe -die ganze Safari versammelt war, wurde es 9 Uhr. Tom nahm noch ein -paar nachgekommene Wassangus mit. Wie stechen die kleinen Kerle in -Ausdruck und Gestalt von den stattlichen Wahehe ab, ihrer Gesinnung -nach sind sie mir aber lieber. Tom hat nur vier Soldaten mit sowie -einige Sadalla- und vier Sikkileute. Ein malerischer<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> Anblick, diese -phantastisch gekleidete und bewaffnete Kriegerschar, die meisten -Wassangus hatten allerdings wenig Stoff an sich. Ich begleitete Tom -noch ein Stück Weges den Berg hinunter und bis zum Ruheka. Gegen Mittag -kam ich erst nach Hause. Nun bin ich wieder ganz allein. Wie lange ist -unbestimmt. Mir wäre lieber, Tom hätte die Wahehe nicht mit.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">28. März 1897.</p> - -<p>Heute kamen die Gefangenen mit Hammermeister aus Bueni (Goritz) hier -an, aber nur 17 Mann, auch wieder große kräftige Kerls, vor denen man -sich fürchten konnte. So wild und wüst im Aussehen, wie man sich die -Räuber vorstellt. Von den 25 Gefangenen waren sechs schon bei Goritz -ausgebrochen, dann noch zwei bei Winkler; sie stecken natürlich hier in -unserer Nähe im Pori.</p> - -<p>Eine Freude! Von Tom Nachricht; er ist gestern bis zu Stephan, also -zehn Stunden, durchmarschiert. Meinen Spaziergang machte ich durch die -Stadt. Die verschiedensten Gomas (Spiele, Tänze) gesehen, denn Leute -von Kilimatinde tanzen anders wie die von Tabora, an der Küste usw., -auch die Weiber und Männer tanzen wiederum verschieden. Die beginnende -Dunkelheit begünstigte mein Inkognito, war ich aber doch erkannt, dann -beeilten sich die Tänzer, mir ihre schönsten Touren zu zeigen und mir -zu huldigen, was mich natürlich möglichst schnell vertrieb. So in der -Dunkelheit durch die breit angelegten Straßen zu wandern, die sehr -sauber gehalten werden, ist recht interessant. Das ganze Leben spielt -sich auf der Straße ab. Alles lustwandelt, tanzt oder sitzt auf der -Veranda, denn die Wohnung dient nur zum Schlafen oder als Zuflucht bei -Kälte. Die Türe steht stets offen, und da es auf der Straße dunkel ist -(zu Laternen haben wir es noch nicht gebracht), heben sich die um das -Feuer hockenden Gestalten wunderschön ab. Auf der Veranda sitzen sie -auch bei einem kleinen Licht.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">29. März 1897.</p> - -<p>Rettich, Zwiebeln, Radieschen, Möhren, Gurken gesät.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">30. März 1897.</p> - -<p>Heute morgen kam Leutnant Braun. Ist gestern schon hier angekommen. -Boten an meinen Mann geschickt, erfuhr es erst heute. Braun hatte -mich nicht wenig erschreckt. Ich hatte gerade im Hühnerhaus usw. -recht herumgewirtschaftet, eine große Schürze dazu umgebunden, als -ich mich plötzlich Leutnant Braun gegenüber sah. So wie zu Hause sich -extra zum Wirtschaften etwas Schlechtes anziehen, gibt es hier nicht, -hier muß man immer „tajari“ sein, denn wie gesagt, man ist hier nicht -abgeschlossen und kann immer jemandem begegnen. Nun, die Waschkleider -sind eben sehr schön, wenn sauber, und auch leidlich hübsch, man kann -wenigstens immer gesehen werden. Des Nachmittags empfing ich Merere, -der mit seinem Gefolge angezogen kam, letzteres mußte vor der Tür auf -seinen Herrscher warten; nur ihm und seinem ersten „Minister“ wurden -die heiligen Pforten geöffnet. Jetzt sitzt er schon ganz schön auf -einem Stuhl, er fordert wieder Tabak (er raucht schon Zigaretten), -Streichhölzer, Zucker, Salz usw. Ich gab ihm von allem etwas. Ich -zeigte ihm seine Bilder, die ich aufgenommen hatte, er war ganz -aufgeregt darüber, und ich mußte ihm einige geben, damit er sie seinen -Leuten zeigen könne; besonders imponierte es ihm, daß auch sein -Reitochse mit auf dem Bilde war.</p> - -<p>An der Weckuhr hatte er viel Vergnügen — ich mußte sie immer wieder -wecken lassen, daß mir die Ohren gellten — aber noch mehr an einem -großen Stammbuchbild, zwei stehende Negerkinder darstellend, das muß -ich ihm jedesmal zeigen. Nach 1½ Stunde entließ ich ihn in Gnaden. -Heute ist Merere mit 500 seiner Leute und 15 Askaris ohne Herrn Braun, -der erkrankt ist, ausgezogen.</p> - -<p>Eins will ich noch klarlegen. Als Mpangire noch lebte, war alles so -schön; war seine Hinrichtung nicht voreilig? Ja, in der Tat, es war -alles in schönster Ruhe, — aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Er oder -wir — sein Tod war die dringendste Notwendigkeit, sonst wäre unser -Schicksal besiegelt gewesen. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Quawageschlecht übt eine unglaubliche -Gewalt auf das Volk aus, und solange Quawa lebt, werden wir nicht zur -Ruhe kommen.</p> - -<p>Heute hatte ich zu Bett gelegen, infolgedessen glaubten meine Damen, -ich würde den Hühnerstall nicht revidieren: statt 31 Hühner fand ich -nur 20 dort. Jetzt müssen sie die fehlenden noch suchen. Auch hier -heißt es: „Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse auf -Tisch und Bänken.“ Der Mpischi ließ das Essen von den kleinen Boys -machen, und ich bekam erst um 4 Uhr Mittagbrot; Mabruki schlug sich -mit der Wache, so daß er an die Kette gekommen ist; das sind eben die -kleinen afrikanischen Dienstbotenleiden. Meine drei Mädels machen es -noch am besten, die habe ich schon so weit, daß sie ganz unglücklich -sind und weinen, wenn sie etwas schlecht gemacht haben. Wenn ich sie -schelte, sind sie schon sehr betrübt. Muhigu fängt sogar schon an die -Empfindliche zu spielen, wenn ich sie schelte, früher machte nur Kofi -(Ohrfeige) einigen Eindruck. Auf diesen Erfolg bin ich sehr stolz. -Natürlich treten mir dadurch die Kinder viel näher, denn sie sind im -Wesen ebenso wie die Kinder zu Hause. Auch spielen sie jetzt schon -verschiedene Spiele, die ich ihnen gezeigt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">3. April 1897.</p> - -<p>Ich war eben auf unser Haus geklettert, das sich jetzt zwar in das -Kleid der Hoffnung zu hüllen anfängt, ja es hofft wohl selbst bald -fertig zu werden, aber das ist leichtsinnig, denn die Arbeiter denken -anders darüber. Ich glaube, die haben anscheinend die Absicht, es -erst zur nächsten Regenszeit fertig zu stellen, sicher aber nicht vor -Juni. Ein kleines Küken ist darüber lebensmüde geworden und hat sich -in einen Farbentopf gestürzt. Ich wollte es noch retten, aber trotz -aller Wiederbelebungsversuche war es verloren. Ich fürchte, die Puten -gehen auch ein, trotz Aloepillen, Kur und Doktorei. Das weiße Schwein -überlegt sich, wo es den besten Speck ansetzen will; daß es fleißig -gemästet wird, scheint ihm sehr zu gefallen. Sobald Tom kommt, muß es -daran glauben. Es hat Reißen oder Gicht in den Hinterpfoten und kann -nicht mehr gehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p> - -<p>Nun bin ich schon ein halbes Jahr hier und gottlob! trotz all der -Aufregung habe ich kein Fieber mehr gehabt, nachdem die Fieberbazillen, -die ich unten in so reichem Maße hineingeschluckt, abgewirtschaftet -hatten. Daß es hier so gesund ist, mag neben der Höhe auch an der -gleichmäßigen Temperatur liegen, die des Morgens zwischen 12 bis 16°, -mittags zwischen 20 bis 25°, abends zwischen 13 bis 15° schwankt; durch -Regen ist es manchmal mittags kühler.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">4. April 1897.</p> - -<p>Eben komme ich aus dem Garten, wo ich die aufgegangenen -Kartoffelpflänzchen zählte. In acht Wochen haben wir Ernte, dann -besteht die Station ein halbes Jahr, und wir haben schon Kartoffeln. -Ich bin jetzt so nervös, wahrscheinlich auch vom schlechten Schlafen, -daß ich mir einbildete, der Teufel sehe über meine Schulter; ich schrie -so fürchterlich auf, daß Boy und die Totos hereingestürzt kamen; -trotzdem ich sie sah, konnte ich mich eine ganze Weile nicht beruhigen. -Um zur Vernunft zu kommen, ging ich mit den Totos spazieren. Ich nahm -unseren Gartenaskari mit, der die Zelewski-Expedition mitgemacht hatte -und davon erzählte. — Die Totos sind jetzt meine ganze Freude, wenn -die drei schwarzen Krausköpfchen mit ihren hellen Leinwandkleidchen, -mit rot garniert und roter Schürze, mit nackten Beinen so vor mir her -zappeln und krabbeln. Früher gingen sie wie die Alten, jetzt springen -und tanzen sie, klettern auf Bäume und necken mich. Ich bin den Kindern -wirklich Mutter; wenn sie ganz besonders glücklich sind, nennen sie -mich auch „Mama“. Die Sklavenbanden haben schwer auf ihnen gelastet, -jetzt haben sie die Freiheit, ihre Kindheit zu genießen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">6. April 1897.</p> - -<p>Gestern nacht wurde ich durch Alarm aus dem Schlafe geweckt. Ombascha -Achmed kam schon, während ich mich ankleidete, mit der Nachricht, eine -Menge Wahehe seien mit Gewehren in Sicht. Von weitem hörte man auch -Schnellfeuer. Ich weckte die<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> Totos und zog nun mit zwei Revolvern -bewaffnet zur Wache, wo alle Europäer versammelt waren. Die Herren -beschlossen einen Tschausch mit Askaris abzuschicken, um zu sehen, was -los sei; wir wollten uns inzwischen schlafen legen und so der Dinge -harren. Um die Mission und den Europäerposten in Iringa waren wir sehr -in Sorge. Des Morgens stellte es sich heraus, daß Askaris geglaubt -hatten, von Wahehe überfallen zu sein, und Schnellfeuer abgegeben -hatten; die Wahehe schossen wieder, und erst am Morgen merkten wir, -daß es uns freundlich gesinnte Wahehe waren. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling war -gleich selbst des Morgens nachsehen gegangen. Es ist zu schwer hier, -Freund und Feind voneinander zu kennen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">7. April 1897.</p> - -<p>Heute kamen zwei Brüder für die Mission an, der eine hatte Fieber und -zog sich bald zurück, dem andern zeigte ich unser Haus, den Garten und -die Stadt. Er war einfach perplex, und trotzdem ich ihm versichert -hatte, vor einem halben Jahr habe nur unsere Hütte gestanden und vor -sieben Monaten sei noch alles Pori gewesen und keine Menschenseele -hätte auf dem Bergrücken existiert, fragte er doch noch, ob hier nicht -wenigstens schon Negerhütten gestanden hätten. Für so unglaublich -hielt er das schnelle Entstehen der Stadt. Man braucht aber auch schon -reichlich eine halbe Stunde, um durch die Stadt allein zu gehen, so -viel Straßen sind schon entstanden. Es ist erstaunlich, wie der Name -Sakkarani die Leute angezogen hat; wir fürchten nur, daß die Stadt -zurückgehen wird, denn so viel Menschen können hier wohl kaum ihr -Brot, d. h. ihren Mais verdienen. Dann gingen wir durch die Station -zurück in das Dorf der Eingeborenen, welches sich hinter unserem Hause -anschließt. Es ist schon bedenklich gewachsen und hat schon an 300 -Mann; die Temben müssen allerdings noch zum Teil gebaut werden. Aus dem -Erstaunen kam der Bruder gar nicht heraus.</p> - -<p>Über unsern Garten war er auch sehr erfreut, denn alles gedeiht -prachtvoll. Jede Rübenart, jede Kohlart, sogar Rosenkohl,<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Tomaten, -Erbsen, Bohnen, Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie, Majoran, Sellerie, -Dill, Pfeffermünzkraut, Salat, Rettich, Radieschen stehen schön. -Mohn und Artischoken scheinen auch zu gedeihen, nur mit Gurken und -Melonen hapert es, und wahrscheinlich nur, weil wir sie nicht zu -ziehen verstehen. Kartoffeln stehen gleichfalls sehr schön. Die Brüder -waren über unsern Garten schon so entzückt, was würden sie erst zu -dem unten am Ruaha gesagt haben, wo alles noch besser gedeiht; dort -stehen Apfelsinenbäumchen, Feigen, Mango, Zitronen, zwei kleine -Weinreben. Hoffentlich gedeihen sie weiter so. Bananen, Ananas und -auch eine Kokosnuß sind aufgegangen. Der Weizen steht niedrig, ist -aber gleichmäßig gereift, was vielfach im Innern nicht der Fall -sein soll, und Stroh brauchen wir nicht; es ist hier ein herrliches -Ansiedelungsgebiet, und der Bauer würde sein schönes Auskommen haben, -denn zu alledem kommen noch das schöne Vieh und Weideland. Auch ist die -Gegend hier gesund, also alles „<span class="antiqua">tajari</span>“, nur die eine Frage ist -nicht gelöst: Wie kommt der Bauer hierher?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Heute kamen ein Feldwebel und ein Bootsunteroffizier für Langenburg -an, die einen Ruhetag hier machen und dann weiter marschieren, dann -nehmen sie natürlich die 100 Lasten mit. Reichlich zwei Monate haben -die Lasten hier liegen müssen, die Sachen werden also fünf Monate -unterwegs sein. Wie schmerzlich werden sie von den Europäern erwartet -werden? Meine Nähmaschine hatte ich gestern mit Mühe und Not zum Nähen -gebracht, gestern ging sie sehr gut, doch plötzlich versagte sie. -Da der Bootsunteroffizier in seinem Zivilverhältnis Uhrmacher war, -glaubte ich, er würde sie mir wieder zurecht machen können. Der brave -Mann hat sich auch so lange geplagt, bis er sie wieder in Gang hatte. -Wegen meiner Maschine habe ich schon einmal einen fremden Unteroffizier -zu Rate ziehen müssen. Wir erhielten auch die Bestätigung, daß Toms -Breitenbestimmungen richtig sind; kein falscher Stern ist beobachtet. -Hoffentlich gelingt es uns immer so.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">8. April 1897.</p> - -<p>Glückstrahlend kam Tom heute zurück: auf dem Rückmarsch hat er -plötzlich dicht am Wege drei starke Elefantenbullen gesehen. Obwohl -er seine Elefantenbüchse nicht mit hatte, pirschte er sich doch an -und hatte das Glück, sie alle drei zur Strecke zu bringen. Eine -Kugel, Modell 88, hatte sich an der Wurzel des großen Stoßzahnes -plattgedrückt. Der größte Elefant ist 9 Meter lang, bei 3½ Meter -Höhe; in seinem Wanst badeten acht Neger zu gleicher Zeit in dem Blute -des Tieres — nach Negerglaube ein besondere Kräfte verleihendes -Mittel. Den schwarzen Siegfrieden fiel kein Lindenblatt aufs Kreuz, -Rücken und Rippen des kolossalen Tieres bildeten eine gut gedeckte -Badezelle. Hinter dem Riesenkopf desselben konnte Tom sich decken, -als er den zweiten Elefanten schoß. Der dritte rannte dicht an Tom -vorbei; es war eine fatale Situation, mein Mann war allein, das dichte -Farnkrautgestrüpp verhinderte ein Ausweichen — und doch kommt es -darauf an, dem angeschossenen Riesen so rasch als möglich aus dem -Gesicht zu kommen. Das Herz haben die Neger als große Delikatesse -verspeist. Von einem Stück Rüssel machte ich Suppe; sie schmeckte etwa -wie recht kräftige, mit Gelatine verdickte Rindfleischsuppe mit etwas -leimigem Beigeschmack; das Fleisch war nach 24stündigem Kochen zäh wie -Leder.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">9. April 1897.</p> - -<p>Heute wurde die Jagdbeute eingebracht, mit Jubel und Geschrei -natürlich. Vorneweg die Sikkileute mit Tanz und Gesang. Hundert Mann -hatten an dem Transport der drei Kolosse zu tun. Leider hat das größte -Tier nur einen Zahn; dieser wog allerdings 106 Pfund. Den Kopf des -kleineren mit den beiden Stoßzähnen (45Pfünder) habe ich photographiert.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. April 1897.</p> - -<p>Großes Schlachtfest! Unser Hofschlächter, Unteroffizier Hammermeister, -besorgte die Sache nach allen Regeln der Kunst. Unsere Schwarzen -staunten nicht wenig, daß unter seinen Händen<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> ein schwarzes Schwein -so weiß werden konnte! Aber von dem Fleische zu essen, weigerten sie -sich voll Abscheu. Nur unser Juma, der in Deutschland Schweinefleisch -essen lernte, aß auch hier davon, dafür wurde er aber auch von -den anderen Boys verächtlich „Sklave“ geschimpft. Das Wellfleisch -schmeckte prächtig. Da Pater Alfons die neu angekommenen Brüder bei -uns vorzustellen kam, konnten sie an unserem Schlachtfest teilnehmen. -Bis auf das bißchen Unterschied in der geographischen Länge und Breite -ging’s bei uns ganz so zu wie beim Schweineschlachten in Weißenrode — -mir war ganz heimatlich zu Mute, und wenn sich so etwas wie Heimweh -zeigen wollte, dann wurde es flugs mit ins Wurstfleisch verhackt. Es -war aber auch ein Staatstier, eigentlich viel zu schade, um seine -Laufbahn in den nunmehr historischen Pökelfässern der Familie Prince -zu beschließen. Unser Sachverständiger Hammermeister taxierte es nach -deutschen Viehverhältnissen auf 180 Mark „unter Brüdern“.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">13. April 1897.</p> - -<p>Nach dem Schlachtfest heute „Pökelfest“ und großes Wurststopfen und -dazu noch frische Kartoffeln! Tom, Winkler und ich hatten schon vor -einigen Tagen Kartoffelernte gehalten: an manchen Stauden fanden wir -bis zu 58 Knollen, darunter 22 große, von denen 10 aufs Pfund gehen; -durchschnittlich kamen auf jede Pflanze 25 Kartoffeln. Es wurde alles -genau gezählt, gewogen und an die Europäer verteilt, denn unsere erste -Kartoffelernte ist ein Ereignis. Wir kochen nie mehr als sechs Stück, -so sparsam gehen wir mit dieser Delikatesse um.</p> - -<p>Aus Mage melden Wahehe, daß sie zwei Wahehewassagira, die zu den -treuesten Anhängern Quawas gehörten, im Waldlager überfallen und -niedergemacht hätten. Der eine der Erschlagenen ist Farhengas rechter -Bruder. Dieser Bruderzwist, dessen Strömung Tom nach der alten -Diplomatenregel „<span class="antiqua">divide et impera</span>“ geschickt in die für uns -günstigste Richtung abgelenkt hatte, kommt uns nun in der Tat zu nutze.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<p>Von den Sudanesenfrauen zeigte mir eine heute einen feinen, goldgelben, -aber sehr festen Faden von seidenartigem Glanze, das Gespinst einer -großen Spinne, welches man, wie die Frau erzählte, im Sudan zu feinen -Stoffen verwebt. Ob sich das nicht auch hier erzielen ließe? In -die Boma Prinages schlug der Blitz ein. Prinage selbst kam mit dem -Schrecken davon, aber einer der besten Sudanesensoldaten wurde tödlich -getroffen, drei andere leicht verletzt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Karfreitag, 16. April 1897.</p> - -<p>Den Karfreitag mußten wir heute durch kriegerische Schaustellung -feiern, der wir uns nicht entziehen durften: die Kriegsspiele unserer -Farhenga- und Sikkileute. Das Ganze war wie eine Pantomime im Zirkus -Renz, freilich durch die Darsteller und die ganze lebenswahre Umgebung, -in der die Spiele vor sich gingen, weit interessanter. Sikkis Oheim, -ein stattlicher 1.90 <span class="antiqua">m</span> hoher Mann mit besonders ausdrucksvollem -Kopfe, zeichnete sich als Haupt- und Vortänzer in diesem kriegerischen -Schauspiele durch unglaublich hohe Luftsprünge aus; Sikki selbst -tanzte, wie es seiner Jugend zukam, bei der Gruppe der jüngeren Leute; -er ist nämlich noch nicht in dem Alter, in welchem ihm die Stammessitte -erlaubt, Schmuck an Armen und Hals anzulegen. Der Kriegstanz unserer -Wahehe bot ein wildbewegtes Bild ihrer Kriegführung, wie sie hinter -ihren Schilden gedeckt den Feind beschleichen und überfallen. Den -Hauptdarstellern lohnten wir ihre Anstrengungen mit einem Kognak, für -den sie großes Verständnis zeigten.</p> - -<p>Gestern, zum Gründonnerstag, hatte ich bunte Ostereier mit allerlei -scherzhaften Zeichnungen darauf (ein Kater, Jüngling auf Bierfaß -reitend) nach den Messen geschickt, für Tom hatte ich bei uns welche -versteckt; wir hatten beim Eiersuchen dann noch viel Vergnügen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 1. Osterfeiertag, 18. April 1897.</p> - -<p>Keine Glocke läutet zum Ostertage — aber wir feiern das hohe Fest, -obwohl ich fast immer liegen muß, mit inniger Dank<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>barkeit gegen den -allgütigen Gott, der uns bis hierher in seinen Schutz genommen.</p> - -<p>Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein -Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an. -Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh — ich gehe mit Tom hinaus, -um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges -anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen, -die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und -Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells. -Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger — ein großer Erfolg von Toms -Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der -Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich -gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen; -ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen, -unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes -Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches -uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten -Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf -gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition -anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von -seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller -Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs -etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen -sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung -sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle -Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu -sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt. -Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit -der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so -viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten -sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind -erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte -ich<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von -15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür -gegeben.</p> - -<p>Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um -Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von -Leutnant Braun gekommen war.</p> - -<p>Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns -alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für -Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und -Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’ -Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber -auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns, -eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen -neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich -nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom -und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere -furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich -war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition -auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden. -In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht -übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig -schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die -aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann -sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit -flammender Abendröte übergoß.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_4" name="ende_kap_4"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 4" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s108_kopfstueck" name="s108_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s1_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 108" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel"><span class="kap">Fünftes Kapitel.</span><br /> -Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">21. April 1897.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s108_initial" name="s108_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s108_initial.jpg" alt="H" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>eute mittag ging Tom fort, ich konnte ihn nicht einmal begleiten, -da ich fest liege. Für Tom auch schrecklich, mich hier so allein -zurückzulassen. Da heißt’s eben: Kopf hoch! — Vorher noch großes -Schauri mit Merere und Winkler. Merere will durchaus zu dem Grabe -seines Vaters, um dort zu beten und Dawa zu machen. Er glaubt nämlich, -sein Vater habe ihm die Krankheit zur Strafe geschickt, weil er so -lange nicht am Grabe gebetet habe. Winkler soll ihn begleiten. Ein -Sultan wird nach seinem Tode von seiner Familie als Gott verehrt; also -der richtige ausgesprochene Ahnenkultus wie bei den Chinesen. Sein -Grab wird mit besonderer Sorgfalt gepflegt. So sind z. B. auf dem des -alten Quawa prachtvolle Elfenbeinzähne aufgestellt. Auch die erste -Frau des Sultans wird in gleicher Weise geehrt. An den Gräbern beten -dann der Sohn und die richtigen Brüder, also Söhne desselben Vaters -und derselben Mutter. Die Halbbrüder und Großen des Landes dürfen -bei dieser Feier zugegen sein. Ein Sultan geht nie ohne sein Gefolge -zu dieser Andacht, an der nur die Söhne teilnehmen. Die Töchter, wie -überhaupt alle Frauen, sind ausgeschlossen. Die andern Frauen des -Sultans werden im Pori, also im Urwaldgebüsch, nur ganz oberflächlich -verscharrt und zum Schutz gegen wilde Tiere mit Baumstämmen bedeckt. -Dasselbe<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> geschieht mit den Leichen der Halbbrüder; deren Weiber werden -überhaupt nicht begraben, sondern in der Wildnis auf einem Stapel -zusammengeschichteter Baumstämme ausgesetzt; ebenso die Großen des -Landes nach einer sehr einfachen Rangabstufung: je kleiner der Mann, -desto niedriger der Stapel. Die Sklavenleichen wirft man einfach ins -Pori. Eine große Menge Leute geht mit, die Weiber weinen und machen -großes Geschrei, ebenso weinen die Männer und die Verwandten. Haben sie -die Leiche weggeworfen, dann baden die Verwandten und nächsten Freunde -im nächsten Fluß. Im Trauerhause kommen dann die weiblichen Verwandten -und Freundinnen zusammen, unter Fasten weinen, schreien sie drei bis -vier Tage lang, die Mutter fünf Tage. Das Gesicht zur Wand gekehrt und -in die Hände gestützt, kauern sie die ganze Trauerzeit über.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">23. April 1897.</p> - -<p>Seit 5 Wochen keine Post! Mein Schammy fand heute das Abzeichen eines -Askari-Tschausch’s, sofort kam er damit an und meldete sich bei mir -als „<span class="antiqua">tschausch ya kuku</span>“ (Hühnersergeant). Das Soldatenspielen -steckt doch nun einmal allen Jungens im Blut, in Afrika so gut wie bei -uns Deutschen. Alle unsere Leute sind sehr zutraulich und bringen ihre -kleinen Sorgen und Freuden bei mir an. Meine kleinen Mädels spielen -jetzt seht hübsch.</p> - -<p>Heute Nachricht von Tom; als Morgengruß schickte er eine Giraffe mit -wundervollem Fell, die ihm auf dem Marsch vor die Flinte gekommen war. -Die Soldaten haben das Fell ausgespannt und gereinigt. Wie schwer es -mir wird, jetzt zu liegen! Garten und Hühnerzucht den Schwarzen so -ganz überlassen zu müssen, ist so schwer. Es war schon alles hübsch im -Gange, nun geht es wieder zu Grunde. Der Neger bedarf doch einer ganz -anderen und schärferen Aufsicht als die Leute zu Hause. Die gesamten -Vorräte für Monate müssen nun wenigstens für die Boys zugänglich -bleiben, und was die im Stehlen und Naschen leisten, das wird sich -schon noch fühlbar machen. In diesem ungewohnten<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Zustande absoluter -Freiheit in Haus und Garten vergessen meine schwarzen Dienstboten, -daß sie überhaupt eine Herrin haben. Eines Tages waren sie samt und -sonders am Morgen bereits verschwunden und kamen erst abends wieder. -So lag ich denn den ganzen Tag über mutterseelenallein im Hause, zu -schwach, um mich erheben zu können, ohne eine Menschenseele auch nur in -erreichbarer Nähe zu haben. Der Tag gehört zu dem Schlimmsten, was ich -hier durchgemacht habe.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">26. April 1897.</p> - -<p>Nun sind es noch neun Tage bis zu Toms Rückkehr! Ich streiche jeden Tag -im Kalender mit einem dicken roten Strich durch, wie wir’s einst in -der Pension taten, wenn die Ferien herankamen. Aus Iringa wieder böse -Nachricht: ein Boy und ein Träger erstochen. Auch an häuslicher Unruhe -fehlt es nicht. Der Mpischi (Koch) legt mir seine ehelichen Sorgen -vor; seine Frau treibt sich seit sechs Tagen herum; da sie ihm seine -Tücher und Hemden mitgenommen, lasse ich sie, nach genauer Feststellung -des Tatbestandes, zur Wache bringen, damit sie beim nächsten Schauri -bestraft wird. Heute ließ ich mir Mgunditemi holen; das arme Ding ist -krank. Ich gab ihr Fleisch und Reis; sie ist übrigens eine schlanke, -hübsche Frau.</p> - -<p>Ich war heute einen Augenblick im Garten, die Kartoffeln sind schon -ganz braun, wenn Tom zurück, müssen sie gleich herausgenommen werden, -allein mag ich es nicht tun. Dann machen wir wieder Kartoffelfeuer, -rösten Kartoffeln, das gibt uns viel Spaß, wie neulich unten im Garten. -Leutnant Braun ist seit gestern zurück. Er sagte auch, daß sich die -Wahehe ganz anders gezeigt hätten als die übrigen Neger. Er hat eine -ganze Ortschaft zerstört und die Temben eingerissen; kaum war er zwei -Stunden fort, so sah er, wie die Wahehe zurückkamen und ihre Temben -wieder aufbauten, so daß er nochmals zurück mußte. Drei Träger sind -an Überanstrengung gestorben, der eine davon ist unter seiner Last -zusammengebrochen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">6. Mai 1897.</p> - -<p>Ich habe vom 27. April an sehr schlechte Tage hinter mir. Am 29. war -mir der Gedanke schrecklich, in Toms Abwesenheit operiert zu werden, -es konnte doch auch schlecht ablaufen, und Tom wäre nicht zu erreichen -gewesen. Aber Gott sei Dank, spät abends kam Tom wieder an. Er hatte -so viele Gefangene, etwa 500 Leute und 200 Stück Vieh, daß er deswegen -umkehren mußte, denn es waren jetzt mehr Gefangene, als Tom selbst -Leute in seinem Zuge hatte; gefallen sind dabei 40 feindliche Krieger. -Die Leute bei Iringa sind jetzt so beruhigt, daß sie mit Tom selbst -gegen ihre Stammesbrüder ziehen; das ist ein großer Erfolg. Quawa ist -jetzt in eine andere Wildnis übergesiedelt, in der alten Gegend fühlt -er sich nicht mehr sicher. Er hält sich an einem Platz nie länger als -zwei Tage auf, wie der ewige Jude wandert er von Ort zu Ort. Seine -Anhänger setzen sich jetzt verzweifelt zur Wehr, immer noch erscheinen -Trupps (Tom hat vier solche zu je 40 bis 60 Wahehekriegern angetroffen, -die auf dem Zuge gegen uns begriffen waren, und sie zurückgejagt). Auf -ihr Konto müssen wir die vielen Meuchelmorde setzen. — Tom hat sehr -viel zu tun. Jetzt, wo ich elend bin, sehne ich mich doch sehr nach -unserm Hause, ich werde dann auf der schönen Veranda liegen können. -Das Liegen ist zu unangenehm, da man dabei kaum schreiben kann. Am 3. -Mai sind der neue Feldwebel und der Bauleiter angekommen. Trotzdem -er die Dielen der Hinterzimmer aufreißen läßt, weil sie zu schlecht -gebaut sind, will er schon in 14 Tagen mit dem ganzen Haus fertig sein. -Wahrscheinlich gehen Spiegel und Wilkins (Feldwebel und Bauleiter), -beide wegen Krankheit abgelöst, morgen zur Küste. Eben bringt Tom mir -wunderschönen Weizen, der auf <em class="gesperrt">ungedüngtem</em> Boden gewachsen ist, -überhaupt ist der Garten unten nicht gedüngt.</p> - -<p>Gestern abend kam endlich die Post. Wie wir uns über die Schreiben und -Zeitungsausschnitte freuten! Heute kam Leutnant Kuhlmann mit einem -Unteroffizier und 30 Askaris hier an, um sich Tom zur Verfügung zu -stellen. Es verlautet, daß der<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> Gouverneur im Juni eine Reise in das -Innere antreten und auch hierher kommen will, und daß Herr v. Eberstein -krank sei.</p> - -<p>Weizen geerntet, auf wasserdichten Decken statt Tenne ausgedroschen; -der Ertrag ergab das 24fache der Aussaat, also das 24. Korn. Auch der -Weizen ist ebensowenig wie der Garten weder gegossen noch gedüngt. -Heute kam auch die Karawane für uns an. Wir hatten wieder allein -fünf Träger für Postsachen — und der Trägerlohn ist jetzt auf 21 -Rupien (Rp. = 1.40 Mk.) erhöht! Für ein kleines leichtes Weinfäßchen -waren zwei Träger nötig, desgleichen zu einer kleinen Frachtkiste aus -Liegnitz; der fünfte Träger brachte ein Postpaket. Wie groß, unendlich -groß würde die Freude über alles sein, wenn es nicht den abscheulichen -Beigeschmack der Trägerkosten hätte.</p> - -<p>Nach Perondo bekamen wir die Zehnpfundpakete umsonst geschickt; dies -ist jetzt nicht mehr der Fall, da aber nur drei solcher Pakete auf eine -Last gehen, müssen wir diese Packungsweise vermeiden. Es empfiehlt sich -vielmehr, alle Sendungen in Deutschland ansammeln zu lassen, bis sie -zusammen, einschließlich Verpackung, etwa 60 Pfund wiegen — aber nicht -mehr, sonst geht es uns wie mit dem Weinfaß, das nur 70 Pfund wog und -zwei Träger brauchte. Bei allem muß man eben sein Lehrgeld zahlen, aber -wir bleiben ja lange genug hier, um noch die Früchte davon zu ernten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">15. Mai 1897.</p> - -<p>Leutnant Kuhlmann war ganz erstaunt über unsere große Stadt. An der -Küste hätte man keine Ahnung davon. Man könnte sich ein so schnelles -Wachsen einer Stadt nicht vorstellen. — Nun, ich freue mich, wenn der -Gouverneur sich selbst von Toms Erfolgen überzeugen kann. Auch das -kann man als „echt afrikanisch“ bezeichnen, in Deutschland wenigstens -soll es nicht gerade üblich sein, daß die Offiziere sich nach den -Besichtigungen durch ihre Vorgesetzten sehnen. — Übrigens hieß es -plötzlich, der Gouverneur sei nur noch einen Tagesmarsch von hier; ich -machte gleich Makronen, Schokoladenplätzchen, Räderkuchen, Waffeln, -alles gelang schön. Da ich gerade Honig bekam, setzte ich auch noch -Teig zu Honigkuchen an. — Mein spezielles Departement, das des Innern -und der Haus- und Landwirtschaft, ist für den hohen Besuch ebenfalls in -bester Verfassung.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p112a" name="p112a"> - <img class="mtop2" src="images/p112a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Das Stationshaus in Iringa.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_114">S. 114</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p112b" name="p112b"> - <img class="mtop2" src="images/p112b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Das Arbeitszimmer.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_115">S. 115</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> - -<p>Von der Taktik der Wahehe, die Wege ungangbar zu machen, konnte auch -Leutnant Kuhlmann erzählen. Sie stecken giftige Bambusspitzen in -den Weg, verlegen denselben mit riesigen Hindernissen, die großen -Aufenthalt verursachen, oder legen kleinere Hemmnisse an, so daß -die Leute fallen oder mindestens stolpern; ferner machen sie in die -Urwälder und Pori große Sackstraßen, so daß man falsch geht; auch Graf -Fugger weiß davon ein Liedchen zu singen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Mai 1897.</p> - -<p>Tom zog mit 1000 Wahehe aus, Leuten, die früher alle gegen uns -standen. Kaum war er fort, so wurde in der Nacht Luhota von Quawa -selbst und seinen Wahehe abgebrannt, 600 Stück Vieh und 700 bis 800 -Weiber geraubt, die Männer niedergemacht. Quawa hat in der Nacht die -Temben alle umstellt und, als die Männer herauskamen, sie einfach alle -niedergemacht. Noch am Morgen sahen wir die Temben rauchen, es war ja -nur eine halbe Stunde von der Station! Bei dem hügeligen Terrain und -dem ausgedehnten Pori sind sie ohne Weg und Steg, von dem langen Grase -verdeckt, herangeschlichen. Der Feldwebel wurde gleich nachgeschickt, -da er aber nur sehr wenige Askaris hatte und die Leute gleich verteilen -mußte, konnte er nur 90 Weiber und 40 Stück Vieh wiederbringen. Vieh, -welches die Wahehe nicht mitnehmen konnten, haben sie niedergestochen; -Merkel ist wohl an 80 Stück totem Vieh vorbeigekommen. Unter den -fortgeführten Weibern ist auch eine von Farhenga, die unten gerade -Chakula kaufte, und alle von dem Jumben Satima, diese hat Quawa direkt -in sein Gefolge genommen. Eine von den Frauen des Satima hat sich bei -der Verfolgung hinter einem Busch versteckt und sich so wieder zu uns -retten können, sie erzählte, daß Quawa selbst bei dem Überfall im -Hintergrunde<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> gewesen sei und alles von dort dirigiert habe. Nachdem -der Überfall geglückt, habe er sich in eine Tembe gesetzt und dort -Pombe getrunken, die gefangenen Weiber um ihn. Von dort habe er auch -seine Befehle im Fall einer Verfolgung gegeben. Parole: „Wenn ein -Europäer verfolgt, ausreißen; verfolgen nur Askaris und Wahehe, dann -angreifen!“ Die Furcht vor einem direkten Kampfe mit den Europäern ist -gottlob groß. Die Wahehe wissen sehr wohl, daß sie ihre Zahl schonen -müssen. Quawa selbst ist dann an der Spitze mit ein paar Getreuen und -den genannten Weibern abgezogen. Seine Leute haben sich auch zerstreut. -Tom schickt jetzt jede Nacht Patrouillen aus, um eine etwaige -Annäherung des Feindes zu verhindern. — Ohne Bedeckung kann man jetzt -nicht aus der Boma gehen, denn 5 Minuten von unserem Hause entfernt -sind eine Frau und ein Fundi niedergestochen worden. Die letzten Tage -hatte ich immer Angst, daß auch die Strohbude mit unseren Vorräten -angezündet würde. Nun gottlob, Quawa hat die Gelegenheit verpaßt.</p> - -<p>Die Nacht zum 1. Juni schlief ich zum ersten Male in unserem neuen -Hause. Gerade ein Jahr, daß ich kein festes Dach, sondern immer nur -Strohwände oder Zelt über mir hatte. Seit einem Jahr wieder einmal -auf Holzdielen zu gehen, wenn auch noch so primitiven, ist ein Genuß! -Jeder Schritt machte mir Vergnügen! Wenn mir nicht das Treppensteigen -verboten wäre, würde ich aus Freude fortwährend herauf und hinunter -gegangen sein. Wie ich stolz auf meine Treppe bin. Die Seligkeit, -hoch zu wohnen! mit welcher Freude schließe ich Türen und Fenster; es -ist mir alles noch so neu, ich möchte immer am Fenster stehen. Auch -diese Freude ist afrikanisch! Ich freue mich schon auf Tom und seine -Freude über unser stattliches Haus. Die Salzbäder, die ich nehmen -soll, muß ich natürlich aussetzen. Der Doktor schilt; aber freilich, -wenn es nach ihm ginge, so müßte ich stets liegen, und aus dem Umzug -kann dann werden, was will. So haben die Boys wohl auch gedacht, denn -nicht nur Mpischi, der schon seit Ostern liegt, sondern auch Mabruk -ist schleunigst so krank geworden, daß er fort mußte, er bekommt aber -natürlich<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> seinen Lohn weiter, nun habe ich zum Umzuge nur einen Boy. -Schammy, der kleine zehnjährige Bengel, ist mein Koch, seine Leistungen -sind auch danach. Die kleinen Mädels müssen jetzt auch so helfen, daß -sie ganz blaß aussehen, sie sind mir jetzt eine große Hilfe. Die drei -Weiber, die ich noch habe, müssen buttern, Hühner besorgen, Geschirre -waschen, sind sonst aber kaum zu gebrauchen. Denn sie verstehen kein -Suaheli und vor allen Dingen wissen sie von keinem Gegenstande, -wozu man ihn gebraucht, und diese Frauen habe ich jetzt schon vier -Monate. Die schweren Sachen haben mir Träger herübergetragen, doch -das ist ja das wenigste. Freilich klappt noch längst nicht alles, die -Türen besonders bedürfen noch mancherlei Nachhilfe, ehe sie richtig -schließen, ein Fenster hatte noch keinen Haken, so daß der Wind es -gleich zerbrach usw.; überall sind noch Fundis tätig. Die Wohnung -war zuerst hoffnungsgrün gestrichen; damit meine Vorhänge, Portieren -usw. mit dem Anstrich harmonieren, habe ich sie jetzt noch einmal -anstreichen lassen, und zwar rosa, — eine andere Farbe hatten wir -nämlich nicht, es wird jetzt aber sehr niedlich. Nur kann ich mir Tom -mit seinem Rauchen nicht so recht in diesem zarten Milieu vorstellen. -Nun sind noch Gardinen zu nähen und aufzustecken, denn am 1. Juli kommt -der Gouverneur nun wirklich; er hat sich schon angemeldet, und da -möchte ich doch mit allem fertig sein. Wenn wenigstens der Mpischi bis -dahin gesund würde.</p> - -<p>Der Gouverneur will sich den Boden und die Ansiedlungsverhältnisse hier -ansehen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">2. Juni 1897.</p> - -<p>Heute sah ich mich nach meinen kleinen Schützlingen um, zwei kleine -Askarikinder, denen die Mutter gestorben und deren Vater auf einer -Expedition geblieben ist. Das eine Kind ist erst ein halbes Jahr alt -und bekommt jetzt von meiner Kuhmilch, das andere ist schon zwei Jahre -alt; sehr niedliche Kleine sind es, leider haben sie Angst vor mir. -Von dort ging ich zum Griechen, um Petroleum zu kaufen, er wird aber -erst in sechs Wochen<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> welches erhalten; hoffentlich reicht mein Vorrat -noch so lange. Dann ging ich zur Bibi (Frau) Effendi, um mich für Eier -und ein seidenes Taschentuch zu bedanken; letzteres wollte ich nicht -annehmen und schickte es zurück, aber sie schickte es abermals wieder, -und um sie nicht zu beleidigen, behielt ich’s, werde ihr wohl eine Uhr -dafür zurückgeben, aber erst nach ein paar Tagen, denn sonst nimmt sie -es übel.</p> - -<p>Wenn ich doch wenigstens ganz gesund wäre. Alle Tische für die Küche -müssen auch erst gemacht werden, denn die ich bis jetzt in der -Strohhütte hatte, sind in dem Boden festgemacht und beim Herausnehmen -sind sie entzweigegangen; es waren allerdings nur Kistendeckel. Nun -soll ich mich wieder schonen und Salzbäder nehmen, aber wann? In -Kürze kommt der Gouverneur, und in solcher Zeit geht alles drunter -und drüber. Dann bin ich Köchin, Dienerin und Hausfrau, d. h. ich -repräsentiere deutsche Küche, Keller, Speisesaal und Salon hier alles -in höchsteigener Person, so gut das eben hier, fern jeder Kultur, unter -den schwarzen Menschenkindern sich tun läßt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">25. Juli 1897.</p> - -<p>Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll -Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren -Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht -— und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch -mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister -Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger -mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert — zum -erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein -Leben.</p> - -<p>Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte, -was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen -Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte -würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden -Mann in wenigen Tagen furcht<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>bar mitgenommen, elend und verfallen, -aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In -Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, — wir sprachen -gerade über das Sterben — dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits -hinüberzuschlummern — wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne -Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen.</p> - -<p>Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie -mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der -Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen -Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg -wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf -Fugger<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der -nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte, -darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet — und die Trauerfeier war -zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen -Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer -weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die -Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst -vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> -den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an -derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch -Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.</p> - -<p>Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem -Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb -mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die -in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten, -wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann, -schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des <span class="antiqua">bana -mkubwa</span> („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner -Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem -Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem -Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit -geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich -werde Toms eigene Worte hierher setzen:</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">(Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei -Stunden vom Muassi-See.)</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen -Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit — der Stuhl ist beinahe so -hoch wie der Tisch — trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die -komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:</p> - -<p>Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei -Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen -versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere -Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in -ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht, -den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für -absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also -Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe -mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem -Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die -Flüchtigen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze -Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten -hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von -unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der -Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau -zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am -Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei -Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den -Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen -etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen -30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt -gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute -in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch -etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten -sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel — auch hatten -wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum -war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer -scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug, -zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer -in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen. -Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich -freiwillig angeschlossen hatte — ein dritter Speer, der direkt von -vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze -war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien -nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte -mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er -mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis -zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine -Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen -nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht -beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre -ich ein gleichförmiges Schaben und<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Knirschen — Tschirr! Tschirr! — -da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung -hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht -hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht -erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die -Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen -Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der -Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die -Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher -Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins -Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum -Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und -Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit -ihnen wieder in die Höhle — sofort saß dem Wahehe ein Speer in der -als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die -brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb -meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise -säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher -und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der -ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“</p> - -</div> - -<p>Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch -ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen -Scherzes ausmalte.</p> - -<p>Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer -die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt: -„<span class="antiqua">Bana mkubwa!</span>“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die -Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst -ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger -Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen -Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck -schrie ich laut auf.</p> - -<p>Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage -auch noch die langersehnte Post. Einige Tage<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> konnte Tom sich -erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr -mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich -ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört -erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und -Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs -geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber -hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein -Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte — -alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter -Wandschmuck verwerten lassen.</p> - -<p>Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des -Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack — -Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis -zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger -wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich, -soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu -Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so -auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an -der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen -Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal -wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.</p> - -<p>Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung. -Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine -Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe, -denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der -Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung: -als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, — -so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen — es -sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der -etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten -Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit -zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Patrouille, die die -beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein -Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten -kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen -ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen, -denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung -Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den -bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn -auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute -Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt -versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine -unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei -von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier -sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!</p> - -<p>Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres -Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den -„Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das -ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach -dem Befinden seines Sultans erkundigt — und das ist Tom für sie. -Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali -eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und -andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft -nicht mehr leisten können.</p> - -<p>Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer -regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere -deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit -rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten -Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt -nicht zumuten kann — von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten -Luxus ganz abgesehen — würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein -Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer, -daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein -deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die -selbst Hand anlegen, fänden<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet -dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit -europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten -Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation -im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen -Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse -Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung -der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen — doch halt! die -Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ — sie erhebt ihre Schwingen sogar -bis zu dem kühnen Bilde einer — Schmalspurbahn, die von Ngahoma am -Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!</p> - -<p>Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der Sohn -des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen, ihm -aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach sei -<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem -Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf -falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer -andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über -das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude -erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.</p> - -<p>Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die -sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun -beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack — sie -drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in -seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber -zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke -ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den -Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte -der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam, -und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen -einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd — mit -einem Mordskater! Natürlich war er sehr ge<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>knickt, als sie ihn mir -anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife -habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen -Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos -(Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte — -sie war zu hübsch — leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige -Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines -Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem -Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch -aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach -besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir -der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen — die Herren -sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung -haben, in ein deutsches Haus zu kommen.</p> - -<p>Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm -einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben -dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten, -als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In -einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage -genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten! -Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir -doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das -Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne — dann ging’s aber um -so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich -nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag -geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang -für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum -Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein -Wohnzimmer fix und fertig vorfand.</p> - -<p>Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen, -dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte -ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> festlichem deutschen -Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen -der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von -der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen -beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm -aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil, -die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben -mußte.</p> - -<p>Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung -der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter -Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er -vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die -Station zusammengebracht.</p> - -<p>Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht -bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte -Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen -Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das -Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler -wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa -Auskunft gaben — der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der -Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben -und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange -eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür -dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel -terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer -nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden -Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden -konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem -Leben bezahlt hätte!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">27. Juli 1897.</p> - -<p>Gestern abend, kurz vor Schlafengehen, brachte mir ein Wachtposten -noch einen langen Brief von Tom. Aber anstatt der erwarteten Nachricht -seiner baldigen Rückkehr lese ich, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Expedition sich wohl -über vier Wochen ausdehnen wird. Sie waren bereits dicht an Quawas -Lager heran, und nun suchen sie möglichst auf seine weiteren Spuren -zu kommen. Das sind für mich recht böse Aussichten, denn nun ist der -glückliche Wahn gründlich zerstört, daß dies unsere letzte längere -Trennung gewesen sei. Tom schreibt, der Gouverneur sei sehr erfreut -über die gute Disziplin der Wahehe, über das Nachrichtenwesen und die -gute Laune, die trotz des zwölfstündigen Marsches in der schwierigen -Gebirgsgegend bei den Leuten herrscht. Der Gouverneur wird sich -dann von Tom trennen, um noch weiter die Bodenverhältnisse auf ihre -Ansiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Soweit bis jetzt zu übersehen -ist, eignet sich das Land ganz hervorragend zur Besiedelung, und Oberst -Liebert will die Kolonisation nach Kräften beschleunigen.</p> - -<p>Heute beehrte mich der Sultan von Mahenga, mein alter Freund Kiwanga -aus Perondo, mit seinem Besuch. Zu dieser Antrittsvisite hatte er sich -800 Leute aus Perondo mitgenommen, eine Vorsichtsmaßregel, die ich ihm -eigentlich nicht verdenken kann; der schlaue Fuchs Quawa hatte ihm -nämlich durch einen Msassagira-Boten sagen lassen, er solle sofort -mit seinen Leuten sich Quawa anschließen, der Sakkarani (nämlich -Tom) wolle ihn hängen lassen. Kiwanga hatte jedoch Vertrauen zu Toms -früherer Zusage, er lieferte den Quawa-Boten an Leutnant Kuhlmann -aus und machte sich auf den Weg zu uns; so ganz sicher schien er -aber seiner Sache nicht zu sein, wenigstens mußte ich ihm immer und -immer wieder versichern, daß Tom ihn nicht zu dem Zwecke herbestellt -habe, um ihn hier aufzuknüpfen, und es gelang mir auch, sein Zutrauen -vollständig zu festigen. Er bemühte sich dann noch eifrigst, mir den -Hof zu machen; daß er dabei meinen Mann bis in den Himmel hinein lobte -und pries, hielt er für das geeignetste Mittel, seiner Huldigung -besonderen Nachdruck zu geben. Als Freund Kiwanga sich endlich empfahl, -kam Pater Alfons zum Abendbrot, mit dem ich dann noch ein gemütliches -Plauderstündchen hielt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">28. Juli 1897.</p> - -<p>Pater Alfons kam heute zum Frühstück. Dann machte ich einige -photographische Aufnahmen von Kiwangas Leuten. Ihn selbst -photographierte ich vor seinem Zelt, mit seinem Tisch, Stuhl, Flasche, -Glas und Teller; auf seine europäische Zelteinrichtung ist er nämlich -sehr stolz. Beim Griechen hatte er sich soeben einen eleganten Anzug -und neue Schuhe gekauft, da ihm seine Safari-Garderobe für die Station -nicht mehr ansehnlich genug erschien. Als ich mein Bad genommen und die -verordneten Umschläge gewissenhaft erledigt hatte, ließ ich mir von -Kiwanga und seinen 800 Kriegern ihre <span class="antiqua">ngoma</span> (das Wort bedeutet -sowohl „Trommel“ und „Musik“ wie auch „Tanz“) vorführen, zuerst den -Kriegstanz der Mafiti, dann den der Wahehe. Kiwanga ist reiner Mhehe, -sein und Quawas Vater waren rechte Vettern, deren Feindschaft auch auf -die Söhne forterbte.</p> - -<p>Es war ein interessantes Schauspiel, die 800 wilden Kerle in der -ganzen Eigenart ihrer heimischen Kampfweise diese Kriegsspiele, denn -auf die Darstellung eines Angriffes läuft die ganze Sache hinaus, -vor mir manövrieren zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir doch eine -gewisse Verlegenheit bereitete, vor dieser ganzen Menschenmenge -als die <span class="antiqua">Bibi mkubwa</span>, die „große Frau“, gefeiert zu werden, -besonders da Kiwanga an der Spitze seiner Leute mir seine Huldigung -erwies. Der Sultan führte die ganze Sache selbst und tanzte und -sprang mit einer Gewandtheit und einem feierlichen Ernst, der in den -europäischen Kleidern etwas unsagbar Komisches hatte. Erst als die -neuen Schuhe, die auf derartige Kriegsstrapazen nicht geeicht waren, -ihm an den Füßen zerplatzten, und seine Leute von dem tollen Rennen -und Brüllen erschöpft waren, ließ er mich durch den Effendi um die -Erlaubnis bitten, das Kriegsspiel beenden zu dürfen. Ich ging nun -zu ihm und bedankte mich für das schöne Schauspiel, worauf er mit -seiner Kriegerschar sehr befriedigt abzog. Daß die ganze Stadt sowie -unsere Askaris mit Weibern und Kindern als Zuschauer versammelt waren, -versteht sich von selbst, eine „große Parade“ wirkt immer und überall -„aufs Zivil“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<p>Als besonders komischen Zwischenfall muß ich noch die Heldentat meiner -beiden Hunde Schnapsel und Pombe erwähnen. Mit wütendem Gebell fuhren -sie einem der Mafiti, der ihnen etwas zu nahe gekommen war, in die -Beine und verfolgten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer weit über -den Plan. Es gelang mir nur schwer, ihren kriegerischen Sinn wieder -soweit zu dämpfen, daß sie von der Verfolgung abließen, dann setzten -sie sich aber mitten auf den Platz, gleichsam als die Angriffsobjekte -des ganzen Manövers, und beobachteten mit mißtrauischem Ohrenspitzen -jede Bewegung ihrer Feinde, entschlossen, nur der Übermacht zu weichen.</p> - -<p>Abends kam Kiwanga, um Abschied zu nehmen; er wird morgen in aller -Frühe abmarschieren, um sich mit seinen Leuten Tom anzuschließen. Er -bat mich, ihm einen Brief an meinen Mann mitzugeben, was ich denn auch -tat. Der schwarze Bundesbruder hat mir doch viel Zerstreuung geboten, -und das hat mir gerade in diesen Tagen recht wohl getan, es blieb mir -nur wenig Zeit, meinen trüben Gedanken nachhängen zu können. Besonders -erbaulich war nun freilich nicht alles, womit mein Gastfreund mich -zu unterhalten suchte; so schilderte er mir recht anschaulich, daß -sein Bruder Sagamaganga zehn von seinen jungen Weibern aufgehängt und -sich dann selbst vergiftet hat. Beweggrund auch hier: <span class="antiqua">Cherchez la -femme.</span> Ich habe diesen Sagamaganga, der einer der mächtigsten -Sultane zwischen Mahenga und Schabruma war, zusammen mit seinem Bruder -Kiwanga auf einer Photographie, er war ein auffallend stattlicher, -hübscher Neger.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">29. Juli 1897.</p> - -<p>Heute früh marschierte Kiwanga mit seinen Leuten ab. Nachmittags kam -<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling aus Idunda zurück, er hat dort Leutnant Fonck -behandelt, der an Malaria erkrankt war, sowie einen augenleidenden -Unteroffizier. Den Besuch in Idunda hatte <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling um 14 -Tage verschieben müssen, da er hier den Bauleiter Hentrich, der krank -von der Küste ankam, nicht ohne ärztliche Behandlung lassen konnte; -jetzt hat sich Herr Hentrich einigermaßen erholt; er sieht schon viel -wohler aus wie bei seiner Ankunft von der Küste. Wie es in Idunda -steht, werde ich wohl morgen von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling erfahren.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p128a" name="p128a"> - <img class="mtop2" src="images/p128a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Lagerleben: Askarizelte.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_131">S. 131</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p128b" name="p128b"> - <img class="mtop2" src="images/p128b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_131">S. 131</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">3. August 1897.</p> - -<p>Am 1. August kam Oberst Liebert zur Station zurück, mit ihm Herr v. -Bruchhausen und Graf Fugger, während Tom die Expedition weiter leitete. -Wenn auch der Zweck nicht erreicht war und unser Todfeind Quawa auch -diesesmal wieder entkam, so sprach der Gouverneur doch seine Freude -aus, jetzt auch den „afrikanischen“ Krieg praktisch kennen gelernt zu -haben; wie Tom so hat auch er mit seinen Begleitern einen Höhlenkampf -mitgemacht: er war an eine der Höhlen herangetreten, um die Insassen -zum friedlichen Herauskommen zu bewegen, als ihm ein Schuß aus -nächster Nähe entgegenkrachte. Der Geistesgegenwart seines Boys, der -ihn zurückriß, hat der Gouverneur es zu verdanken, daß ihn die Kugel -nicht traf. Eine solche unterirdische Kriegführung war ihm, wie er -mir lachend erzählte, weder 1866 in Böhmen, noch 1870 in Frankreich -vorgekommen.</p> - -<p>In Tanangosi hatte sich unser Freund Kiwanga ihm angeschlossen und -seine Krieger für den Quawafeldzug zur Verfügung gestellt. Jetzt war -er wieder zurückgekehrt. Er schien sehr beglückt, daß der Gouverneur -seine Leute gelobt habe, als er sie ihm truppweise „im Laufschritt“ -vorgeführt hatte und ließ es sich nicht nehmen, seine Scharen nun auch -im Kriegstanze zu zeigen, von dem ich dem Gouverneur viel erzählt -hatte. Dabei wurde ich durch die unbewußte Galanterie eines dieser -schwarzen Helden etwas in Verlegenheit gesetzt: anstatt vor dem -Gouverneur kniete einer der den Reigen anführenden Wahehekrieger vor -mir nieder; auf meinen Wink verbesserte er aber sofort diesen Irrtum -und brachte dem Gouverneur seine Huldigung. Natürlich tanzte dazu auch -diesesmal der Sultan höchsteigenbeinig an der Spitze seiner Leute; -es mag dem Gouverneur nicht leicht geworden sein, angesichts dieser -grotesken Figur in weißer Uniform mit Tropenhelm, die mit geschwungenem -Säbel die unglaublichsten Luftsprünge aus<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>führte, den nötigen Ernst zu -bewahren. Diesesmal waren Kiwangas Schuhe übrigens der anstrengenden -Übung gewachsen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">4. August 1897.</p> - -<p>Heute verabschiedete sich der Gouverneur von uns, um den Rückmarsch -nach der Küste über das Utschungwa-Gebirge anzutreten. Leutnant -Passavant war nach Idunda gegangen, um dort die 3. Kompagnie zu -übernehmen. Bezirksamtmann Zache blieb bei der 6. Kompagnie, die der -Gouverneur nebst der 2. Kompagnie zur Verstärkung der Stationen in -Uhehe für den Vernichtungskampf gegen Quawa hier gelassen hat. Nur -Herr v. Bruchhausen kehrte wieder mit an die Küste zurück. Kiwanga und -seine Krieger gaben ihnen das Geleite. Es waren schöne, frohbewegte -Tage, die hinter uns liegen. Möchte dieser Zug des Gouverneurs durch -das Gebirgsland Uhehe bald segensreiche Früchte für unsere neue -Heimat tragen. Der Abschied war herzlich, Oberst Liebert sprach Tom -seine Anerkennung aus für alles, was er hier geschaffen, und auch ich -kam nicht zu kurz dabei als „erste deutsche Hausfrau im Innern von -Deutsch-Ostafrika“. Der Gouverneur legte mir besonders dringend ans -Herz, unter allen Umständen hier zu bleiben, wo wir unentbehrlich -seien. Unentbehrlich??... <span class="antiqua">Qui vivra verra!</span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">17. August 1897.</p> - -<p>Von Leutnant Stadlbaur erhielt ich eine zierlich als Brosche in -Gold gefaßte Löwenklaue, von einem Löwen, den er hier geschossen -hat; ich habe ihm für dieses hübsche afrikanische Geschenk heute -schriftlich gedankt. Der Besuch des Gouverneurs bietet unerschöpflichen -Gesprächsstoff, wir sitzen zuweilen bis spät in die Nacht hinein und -leben die bewegten, ereignisreichen Tage noch einmal in der Erinnerung -durch. Auch Graf Fugger leistet uns oft Gesellschaft. Gestern abend -haben wir den neuen Zahlmeister und den neuen Pater „angefeiert“. Die -Stimmung war deshalb besonders froh, weil aus Bueni gute Nachrichten -eintrafen; die Bewohner kehren allmählich wieder in ihre Temben zurück.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_5" name="ende_kap_5"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_5.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 5" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s131_kopfstueck" name="s131_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s131_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 131" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"><span class="kap">Sechstes Kapitel.</span><br /> -Auf Safari. Beendigung des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2">Am 11. November 1897.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s131_initial" name="s131_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s131_initial.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>chwere Wochen liegen hinter uns, ich war sehr krank — am 18. -August traten die ersten Anzeichen einer schweren schmerzhaften -Leberentzündung auf, die mich wochenlang ans Bett fesselte. Gott -sei Dank, es bildete sich kein Leberabszeß, so daß die gefürchtete -Operation nicht nötig wurde. Allein die furchtbaren Schmerzen, die -zeitweise kaum durch die vierzehn Tage lang regelmäßig angewandten -Morphiumeinspritzungen bewältigt werden konnten, hatten mich sehr -mitgenommen. Und mein armer Mann! Zu allen Sorgen und Lasten des -Tageslaufs nun noch der einzige Pfleger seiner schwer kranken Frau! -— Als ich wieder mich in Haus und Garten bewegen konnte, war Tom -selbst so gründlich herunter, daß er notgedrungen einmal ein paar Tage -ausspannen mußte.</p> - -<p>Am 11. Oktober gingen wir auf Safari, d. h. wir zogen für drei Tage -„auf Sommerfrische“ in die Berge. Das waren drei herrliche Tage, in -denen kein Schauri, kein Dienst, kein Berichtschreiben unsere Ruhe -störte. Unsere Askaris und Träger wurden stets nach dem jeweiligen -Lagerplatz vorausgesandt, und wenn Tom und ich dann nach kürzerer oder -längerer Wanderung durch die herrliche Landschaft ankamen, fanden wir -Zelt und Kochplatz bereits fertig vor. Abends bot dann unser Ruheplatz -ein besonders malerisches Bild; wenn sich die abenteuerlichen Gestalten -unserer Begleitung um das hellodernde Wachtfeuer<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> drängten. Für diese -drei Tage war die unausgesprochene Losung: „<span class="antiqua">pole pole</span>“, d. -h. ruhig, mit Bedacht! — keine Überstürzung — ganz im Gegensatz -zu unseren sonstigen Safaris, wo meist alles Hals über Kopf gehen -mußte. Aber so ein „<span class="antiqua">take it easy</span>“ hat doch seine großen Reize, -man kommt erst eigentlich zum Bewußtsein der herrlichen Gotteswelt, -in der wir uns bewegen; welche Farbenpracht der Vegetation, welche -Mannigfaltigkeit der Linien, in denen Berg und Tal sich abheben, jeder -Baum, jeder Felsen von anderer Form wie sein Nachbar, oft grotesk und -allem mir bisher Bekannten spottend — und doch: welche Harmonie liegt -über diesem Gesamtbild! Vor unserem Zelte ein frisch dahinströmender -Gebirgsfluß, dessen Rauschen unwiderstehlich lockt, als Abschluß des -Bildes die dunkle Wand des Urwaldes. Und dazwischen wir munteren -Menschenkinder, die wir in dieser grandiosen Natur Erholung suchen nach -sorgenvollen Tagen! Wahrlich, nirgends fühlt man sich seinem Schöpfer -näher, als inmitten seiner gewaltigen Werke....</p> - -<p>So großartig das Landschaftsbild auch war, es konnte doch die -Erinnerung an unsern deutschen Wald nicht verdrängen. Ich habe vor -Jahren einmal irgendwo in einer Reiseschilderung einen Vers gelesen: -„Das starre Laub am fremden Holz, es ist zum Flüstern viel zu stolz“. -In der Tat, das geheimnisvolle Leben und Weben, das Flüstern und Kosen -der leicht beweglichen Blätter, das unserem lieben deutschen Laubwald -eigen, ist dem Tropenwald fremd. Oberon und Titania mit ihrer luftigen, -lustigen Elfenschar kann ich mir nur im Rauschen unserer Eichen und -Buchen oder auf dem Moosteppich unserer dunkeln Tannenwälder vorstellen.</p> - -<p>Am zweiten Tage unserer Safari fand ich Gelegenheit, in einem prächtig -klaren Gebirgsfluß, der ausnahmsweise einmal kein felsiges, sondern -sandiges Ufer hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da mir das -Gewässer in Bezug auf Untiefen, Stromschnellen und Wirbel unbekannt -war, mußte ich meiner Lust nach einer längeren Schwimmtour Zügel -anlegen; daß man hier während des Badens auf das Auftauchen eines -„Kiboko“ (Nilpferd) gefaßt sein muß, erhöht den Reiz ganz wesentlich -— unsere deutsche Schul<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>jugend plätschert ja bekanntlich auch mit -Vorliebe an den Stellen im Fluß herum, die durch eine Tafel: „das -Baden ist an dieser Stelle streng verboten“ als besonders geeignete -Badeplätze kenntlich gemacht werden, und ob man sich dabei schuldbewußt -nach dem Flurschützen und Gendarm oder nach einem Kiboko umschaut, das -ist — ohne jede anzügliche Beziehung zwischen heimatlicher Obrigkeit -und afrikanischer Zoologie — schließlich doch ganz egal! Selten hat -mir im Leben ein Frühstück so gut geschmeckt wie der Spickaal, den ich -mir nach diesem Bade spendierte.</p> - -<p>An demselben Tage kamen wir auch an Höhlenwohnungen vorüber, wie sie -unsere Herren kürzlich aufgestöbert hatten; diesmal ging der Besuch -aber friedlich ab. Von der Bergspitze aus bot sich ein prachtvoller -Anblick über die im saftigsten Grün und farbigem Blütenschmuck -prangenden Wiesenflächen im Tal, durchzogen von silberglänzenden -Gebirgsbächen, dazu der frische, erquickende Bergwind, der uns die -Lungen weitete und das Blut frischer durch die Adern pulsieren -machte. Beim Anblick dieser Landschaft wurde das Geheimnis von Quawas -unerschöpflichen Hilfsquellen offenbar: das Land ist so fruchtbar, daß -an ein Aushungern nicht zu denken ist. Die Felder und Wiesen sind so -reichlich bewässert, daß sie selbst im heißesten Sommer nicht unter -der hier sonst gewöhnlichen Dürre zu leiden haben; in jedem der vielen -kleinen Seitentäler, die oft nur schluchtenartig vom Gebirgskamm -ausgehen, finden sich Bäche, deren Wasserreichtum das ganze Jahr -hindurch aushält. Auf dem Rückmarsch konnte ich es mir nicht versagen, -in eine jener Höhlen hineinzuklettern, die mir durch die Kämpfe im Juli -besonders interessant geworden waren. Wie sah es da aus! Mir krampfte -sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß Tom unsere Feinde in -solchen unterirdischen Gängen und Höhlen aufgesucht hatte, und ich -dankte Gott, daß er ihn in dieser furchtbaren Gefahr beschützt hatte. -Tom sprach freundlich zu den Bewohnern dieser Höhlenniederlassung, er -hielt ihnen vor, was für ein elendes Dasein sie führten im Vergleich -mit ihren Stammesgenossen, die unter dem Schutze der Deutschen wieder -ihre Felder bebauen, erzählte ihnen, wie sie von dem gefürchteten<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> -Quawa weder etwas zu fürchten noch zu erhoffen hätten, und bewog sie, -sich in der Nähe von Prinages Boma wieder anzubauen.</p> - -<p>Wir hatten die Karawane vorausgeschickt und fanden unser Zelt beim -Eintreffen auf dem Ruheplatz fertig vor. Um für das Lager den -nötigen Platz zu gewinnen, hatten die Träger das hohe verdorrte -Gras angezündet; so saßen wir denn, angesichts dieses kleinen -Steppenbrandes, vergnügt beim Frühstück. Die Sache gefiel mir ungemein, -es lag ein gut Teil Romantik in der Szene, so etwas wie „Lederstrumpf“- -und „Waldläufer“-Poesie, unsere schwarzen Askaris und Träger an -Stelle der Komanchen, Apachen oder Sioux, es gehörte wirklich wenig -Phantasie dazu, sich die Lieblingslektüre aus der Jugendzeit hier in -die Wirklichkeit zu übertragen. Lange konnten wir uns dem Zauber dieses -schönen Bildes nicht hingeben; der Wind hatte sich gedreht, und der -beizende, scharfe Rauch trieb uns die Tränen in die Augen. Zugleich -nahm der Steppenbrand die Richtung direkt auf unseren Lagerplatz. -Schnell ließ Tom sämtliche Askaris und Träger antreten und den Raum -zwischen uns und dem Feuer von allem Brennbaren, wie Gras, Buschwerk -und ähnlichem säubern. Zuweilen suchte sich eine Flamme aus der -lodernden Steppe durch das von unseren Leuten künstlich isolierte -Gebiet zu drängen, da hieß es, gut aufpassen und sie noch rechtzeitig -ausschlagen, damit sie nicht bis zum Zelt kam. Aufregender wurde die -Sache, als plötzlich der Feind uns im Rücken angriff! Rasch wurde auch -auf dieser Seite eine neutrale Zone hergestellt, so daß wir endlich -richtig zwischen zwei Feuern saßen. Zum Glück war der Wind nicht stark, -unser Zelt mit all unseren Vorräten wäre sonst verloren gewesen, so -kamen wir mit einigen angesengten Kleidern davon. Mit großem Interesse -beobachtete ich das eigentümliche, sozusagen sprungweise Vorgehen -des Feuers, das ganz plötzlich, ohne sichtbare Verbindung mit dem -Hauptherde, an einzelnen entfernteren Stellen aufflammte, während ich -andererseits wieder, nachdem das Feuer niedergebrannt war, mehrfach -einzelne lange, trockene Grashalme unversehrt aus der Asche hervorragen -sah, an denen Glut und Flamme vorbeigezogen waren. Am anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Morgen -hatten wir anfangs einen bösen Weg durch all die Asche zu machen, bevor -wir wieder im grünen „Pori“ unsere Erholungs-Partie fortsetzen konnten.</p> - -<p>An diesem letzten Tage unserer Safari (14. August) machten wir noch -eine lange „<span class="antiqua">pumsika</span>“, d. h. Ruhepause; wir wollten den Tag noch -recht auskosten und erst spät abends nach der Station zurückkehren. -So zogen wir denn abends auch nicht auf der Hauptstraße ein, sondern -ritten um die Boma herum nach unserem Hause, um den Abend noch für -uns allein zu haben. Mit dem Erfolge unserer Safari konnten wir in -jeder Beziehung zufrieden sein — politisch, weil es Tom gelungen -war, die Leute zu überzeugen, daß sie von Quawa hier in unserer Nähe -nichts zu fürchten haben, um wieder viele von den verschüchterten -Eingeborenen zur Ansiedelung in der Nähe der Station zu veranlassen, -und gesundheitlich, weil diese abwechslungsreichen Tage uns beiden -frische Kraft, körperlich wie seelisch, gespendet hatten.</p> - -<p>Für Tom, der nur drei Tage auf der Station bleiben konnte, begann -nun wieder eine endlose Reihe von Schauris; die Wahehe fingen -an, des ewigen Kriegszustandes müde zu werden, und es kostete -Tom übermenschliche Geduld, den Jumben immer und immer wieder in -eindringlicher Rede klar zu machen, daß der Kampf bis zur Vernichtung -fortgesetzt werden müsse, ehe sie auf Ruhe und Frieden rechnen könnten. -Das waren sorgenvolle Stunden, als an dem zum Abmarsch bestimmten -Tage sich keiner der versprochenen Wahehe sehen ließ! Endlich gegen -Abend trafen sie ein, und zwar noch in größerer Zahl, als Tom erwartet -hatte. Am anderen Tage brach Tom auf, die 500 Wahehe, zum Teil ganz -prächtige Kerle, schlossen sich ihm an. Diesmal nahm er auch unseren -Forstmann, Herrn Ockel, mit, der an einer geeigneten Stelle eine -Versuchs-Landwirtschaft anlegen soll. Bei diesem Zuge durch unser -Gebirgsland hat er die beste Gelegenheit, die Verhältnisse kennen -zu lernen. Herrn <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn gelang es, eine Anzahl recht -guter photographischer Aufnahmen von unseren Wahehe zu machen; besser -wie die meinigen, denn mein „Momentverschluß“ funktionierte nicht -rasch genug. <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn arbeitet<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> allerdings auch mit -einem Apparat, der ihm mit allem Zubehör 2000 Mark gekostet hat. Die -Gelegenheit zu anthropologischen Studien und Schädelmessungen hat er -hier mit fabelhaftem Fleiße und bestem Erfolge ausgenutzt. Am 26. -August marschierte <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn hier ab, um sich der Expedition -anzuschließen. Wie gern hätte ich ihn begleitet, um wieder in Toms -Nähe zu sein. Auch Herr v. Kleist, der mir nach Toms Abmarsch stets -treulich Gesellschaft geleistet, hätte den Zug gern mitgemacht, aber -am 28. Oktober traf mittags 1 Uhr die Post ein, die ihm den Befehl -brachte, an Leutnant Engelhardts Stelle nach Songea abzugehen — zwei -Stunden später war er schon unterwegs. Ein interessantes Jagdabenteuer -des Leutnants Braun erfuhr ich von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling, der jetzt -von Idunda zurück ist. Auf einem Jagdausflug sah Leutnant Braun sich -plötzlich einem Trupp von fünf Löwen gegenüber. Zwei davon brachte er -zur Strecke, zwei andere entkamen, nur eine alte Löwin stürzte sich auf -ihn und schlug ihr Gebiß in seine linke Seite — ein Wunder, daß sie -nicht ein paar Rippen zermalmt hatte. Leutnant Braun verlor aber in -dieser gefährlichen Lage nicht die Besonnenheit: er schob die Mündung -der Büchse mit der Rechten unter dem linken Arm durch und drückte ab, -zum Glück traf die Kugel so sicher, daß die Löwin tot zusammenbrach. -Als alles vorbei, erschienen auch die Askaris und Träger, die gleich -beim ersten Auftauchen der Löwen sich im Pori verkrochen hatten, und -trugen den schwerverwundeten Jäger nach der Station. Jetzt, nachdem die -Bißwunden gut geheilt, freut Leutnant Braun sich seines afrikanischen -Abenteuers.</p> - -<p>Tom schreibt recht zufrieden über den Verlauf seiner Expedition. -Zunächst ist Quawas wichtigster Msagira und Ratgeber, Mkakao, gefallen, -und vier Weiber von Mpangire nebst dessen fünf Kindern sind gefangen. -Bis jetzt hat Tom schon 400 Gefangene; das sind Verluste für Quawa, die -er nicht mehr wieder gutmachen kann.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p136a" name="p136a"> - <img class="mtop2" src="images/p136a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Lagerleben: Wasserträger.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_131">S. 131</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p136b" name="p136b"> - <img class="mtop2" src="images/p136b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Lagerleben im Urwald: Ruhepause.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_141">S. 141</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<p>Um die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen, suche ich täglich an -Arbeit zusammen, was irgend geht. Große Kleiderrevision mit Nähen und -Flicken, Küche und Speisekammer werden gründlich kontrolliert und -eine allgemeine Inventur gemacht, — letztere schien mir besonders -nötig, denn es war mir bezüglich der Ehrlichkeit meiner schwarzen -Hausbediensteten manches verdächtig vorgekommen. Richtig erwischte ich -auch einen der Boys, wie er eine ihm vom Koch zugesteckte Flasche Wein -in Sicherheit bringen wollte. Eine Revision unseres Weinvorrates hatte -natürlich ein sehr betrübendes Ergebnis: die Kerle hatten gestohlen -wie die Raben. Natürlich ließ ich sie, obschon es bereits 9 Uhr abends -war, sofort zur Wache bringen. Den Koch freilich muß ich mir bei Toms -Rückkehr wiederholen, denn dann ist er mir unentbehrlich — und das -Schlimmste bei der Sache ist, daß die schwarzen Schlingel das selbst -ganz genau wissen.</p> - -<p>Auch das Photographieren betreibe ich eifrig, es gelingt mir aber -nicht, auch nur halbwegs so gute Bilder zu erzielen wie <span class="antiqua">Dr.</span> -Fülleborn. Am besten geriet noch eine Aufnahme, die ich von einer -„<span class="antiqua">mpepo</span>“ machen konnte, der ich in der Hauptstraße begegnete. -Mit grellbunten Tüchern, Perlenschnüren und Fellen behangen, das -Gesicht rot und weiß bemalt und gepudert, durchzieht diese „Besessene“ -(<span class="antiqua">mpepo</span> bedeutet eigentlich „Geist“, „Wind“, „Sturm“, dann in -weiterem Sinne eine von einem Geist Besessene, Hexe, Zauberin) die -Straßen, begleitet von einer ihr ergebenen Frau, die ihre Verzückungen -und wirren Reden dem staunenden Volke ausdeutet. In diesem oft -wochenlang anhaltenden Zustand darf der „<span class="antiqua">mpepo</span>“ kein Mann zu -nahe kommen — im gewöhnlichen „nicht besessenen“ Zustande dagegen -ist sie nichts weniger als Männerfeindin — an die von ihr gebrauten -Liebestränke und andere „<span class="antiqua">Dawa</span>“ glauben die Schwarzen natürlich -unerschütterlich fest. Leider konnte ich diese schwarze Miß Mabel -Vaughan nicht während eines ihrer wilden Tänze photographieren, -da der Momentverschluß meines Amerikaners wieder nicht klappte. -Die Spekulation auf die Dummheit der lieben Mitmenschen macht sich -übrigens auch hier bezahlt — diese „<span class="antiqua">mpepo</span>“ hat sich ein ganz -ansehnliches Vermögen zusammengezaubert.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">14. November 1897.</p> - -<p>Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom -entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begeg<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>neten, erzählten, -Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut -munter vorwärts — da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz -entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der -Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte -sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen -Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ -ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich -selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am -Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns: -also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er -behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn -bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber -so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor -der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese -Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem -Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg -frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an -dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die -heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern -begrüßt wurde.</p> - -<p>Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen. -Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga, -die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und -Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere -dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und -ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen -vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir -behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen -Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit -dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur -Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine -Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> Tränen standen ihr in -den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte -Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.</p> - -<p>Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen -Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen -Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen -Innern Ostafrikas.</p> - -<p>Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem -Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer -Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine -tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein -ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens -zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans; -diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur, -die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er -hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft — zu meinem Bedauern; es -sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu, -wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> -auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner -Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf -einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der -Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er -es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel -zu kommen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Auf dem Marsche nach Likininda.</p> - -<p>Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage -sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen -und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für -diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn -Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten, -daß sie einige Zeit hindurch dem sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> tüchtigen Betschausch überlassen -werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien -angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer -Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den -Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm -den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung -Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere -Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.</p> - -<p>Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an -diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden -weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders -anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der -Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen -Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht -sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim -Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei -Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten -in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben -machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an -die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser -menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu — -stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen -Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen -müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den -Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage. -Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere -Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der -Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom -verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl -zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir -die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der -nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt -geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante -Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen -Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden -hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher -kannten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dabagga</em>, 21. -November 1897.</p> - -<p>Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten -Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau -auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich -gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz -die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja -übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms -aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch -führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere -Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den -wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.</p> - -<p>Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die -Tiere selbst zu stoßen — zu meinem Bedauern — ich hätte diese -Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem -zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet. -Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes -Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von -Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach -der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein -Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren -Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen -zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können; -ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den -Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die -Baumriesen<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein -schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch -seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse -erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle -unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen -ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom -und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns -die Erklärung, dies sei das Tal des <span class="antiqua">Muúngu</span> (Gott), welches die -Menschen nur <em class="gesperrt">schweigend</em> betreten dürften, — wer dies Gebot -übertrete, über den habe der <span class="antiqua">Sheitani</span> (Teufel) Macht und werde -ihm auf dem weiteren Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte -zu reinigen, daß wir nunmehr dem <span class="antiqua">Sheitani</span> verfallen, ließ Tom -zum Entsetzen der Karawane Signale blasen, die das Echo der Berge -weckten; als da kein <span class="antiqua">Sheitani</span> erschien, beruhigten sich die -abergläubischen Schwarzen sichtlich — der schwarze Teufel hat also -augenscheinlich keine Gewalt über Europäer. — Wir fanden dieses ganze -Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser gab’s überreichlich, Bergbäche mit -kristallklarem Wasser durchziehen die Täler, üppiger Farnwuchs deutet -auf guten Boden. Zum Plantagenbau ist die Gegend sicher besonders -geeignet, ob für den Pflug, scheint mir fraglich; die Hänge sind sehr -steil.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kuifuiri</em>, 23. -November 1897.</p> - -<p>Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu -großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere -herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen; -zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden, -aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden. -Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch -(von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines -Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in -dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt -abgebrochen, während des Frühstücks auch das<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Wohnzelt; dann ertönt -Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während -des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden -zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum -Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit -Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche -Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch -einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird -eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten, -Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie -Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen -Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Uquega-Likininda</em>, -2. Dezember 1897.</p> - -<p>Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis -4 Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: -der Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung -bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang -bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den -Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war -und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß, -den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in -vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.</p> - -<p>Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die -Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind -zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem -großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin -sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam -uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend -nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil, -als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte -übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Nähe -kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten -Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit -üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen -Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht. -Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend -nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger -Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt. -Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger -Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam -abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu -verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig -entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig -am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern -waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige -Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder -Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen -Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle -Feldarbeit obliegt.</p> - -<p>Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der -Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat, -wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber, -wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der -Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ -Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren -bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende -mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’ -und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die -Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere -Quawa-Krieger waren gefallen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Lukossi</em>, 3. -Dezember 1897.</p> - -<p>Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe, -zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>gabe von Chakula an -Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der -Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer -wegen. Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; -er hat sicher früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den -Dampferpassagieren ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen -produzieren, indem sie nach kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen -von Bord aus zugeworfen werden. Es wurde unerträglich heiß: nirgends -ein Baum oder Strauch, nur der heiße ausgedörrte Boden, dazu kein -Lufthauch — der Marsch über die steilen kahlen Berge in der glühenden -Sonnenhitze ließ mich die Leiden einer Safari gleich <span class="antiqua">en gros</span> -empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden weit. Auch das Lager mußten -wir an einem gänzlich schattenlosen Bergabhang aufschlagen und den Tag -über im Zelt bleiben. Das einzig Angenehme dieses Marschtages war ein -hübscher Blick nach einem Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze -Anzahl bildet.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Manasanga</em>, 4. -Dezember 1897.</p> - -<p>Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch -bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas -Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen -prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während -des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind -in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden -Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der -Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern -verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe -brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu -ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu -bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche -Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich -abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir -heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. — Das Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>lände scheint -günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Landschaft <em class="gesperrt">Quihangana -Mwakikongo</em>, 8. Dezember 1897.</p> - -<p>Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und -Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir die -Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last (es -war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät). In -5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen -wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen -besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine -Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen -die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken -allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am -anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar -ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet; -hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz -zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme -büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch -emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche -Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in -ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht, -die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von -Feldblumen — mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen -Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier: -sie dufteten lieblich.</p> - -<p>Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das -bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein -großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin -aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich -begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden -marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo. -Die Gegend scheint ihres<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> Grasreichtums am meisten zur Viehzucht -geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt, -auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den -Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern, -während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute -sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man -sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen -Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans -Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen, -Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee, -Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel, -der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück -Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen -Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten. Dem -Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt, befindet -sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den <span class="antiqua">„le plus -haut-gôut“</span> nur eine schwache Andeutung ist.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Station <em class="gesperrt">Iringa</em>, -11. Dezember 1897.</p> - -<p>Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder -eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes -belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen -zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen -sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich -freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden -und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute -für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war -jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während -solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine -gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen -riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der -der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. — Kurz -vor Himbu erreichten<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> uns Boten von der Station mit Briefen: auf der -Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal -über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa. -In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen -Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche -erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge: -jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als -Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris -geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf -machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und -zutraulich — noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und -ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes -Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie -mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren, -konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben -Verbandmittel für ihre Leute verteilen.</p> - -<p>Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem -vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich -traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein: -Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war -mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich -Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann — davon die Hälfte mit -Hinterladern bewaffnet — gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab. -Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das -Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne -Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der -Ombascha zur Station weiter eilte. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling ist gleich -mit Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit -ohne ärztliche Hilfe — trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller -Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher -immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden -Wegs abseits unserer<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger -nennen Tom den „<span class="antiqua">Kapirimbu</span>“, d. h. „der alle Kraft an sich -zieht“. Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen -Sultans groß: unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen -und Schutz vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, -und gerade jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. -An Stelle des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn -aufsuchen und seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr -nach der Station Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer -großen Überraschung auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann -v. Prittwitz’ Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant -Kuhlmann ließ es sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt -zu feiern. Mit dem Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze -Genugtuung, selbst beobachten zu können, wie meines Gatten kluges -Verhalten den Wahehe gegenüber sich bewährt hat — möchte doch endlich -auch der letzte Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen -die deutsche Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die -Safari uns gut bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine -Hände haben die Farbe reifer Kastanien.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Sonntag, den 12. Dezember 1897.</p> - -<p>Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung, -Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch -von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant -Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte -ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch -und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen -mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der -Hausfrau“ herstellte.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">15. Dezember 1897.</p> - -<p>Am 13. rückte Leutnant Kuhlmann ab. Ich beschäftigte mich viel mit -Mpangires Kindern, sie tun mir sehr leid. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> macht mir viel Spaß, -unsere Sudanesenweiber zu beobachten, mit welcher Energie trotz ihrer -Häßlichkeit sie die Männer unterm Pantoffel haben. Auch der Juma -kauft sich beim Griechen, dem „Rudolph Hertzog“ im Lande Uhehe, stets -die teuersten Hemden von leichtem Mullstoff, die natürlich schnell -zerreißen; auf meine Frage sagte er: „Ja, sonst hat mich meine Frau -nicht lieb.“</p> - -<p>Mit den Händlern habe ich viel Ärger. Dieser Tage boten sie mir meine -eigenen beiden Strauße, die mir abhanden gekommen waren, zum Kauf an, -das Stück zu 12 Rupien! Obwohl es weit und breit in der Gegend nur mein -Straußenpaar gibt, behaupteten sie ganz frech, sie seien ihr Eigentum.</p> - -<p>Am 14. Post aus Europa mit Geburtstagsbriefen, Büchern und Wein! -Ich lege alles beiseite, um Tom am Weihnachtsabend zu überraschen. -Meine Küche ist nun auch fertig. Der Gouverneur hat mir eine eiserne -Herdplatte geschickt, nun hat die Negerwirtschaft mit den Steinen ein -Ende. Eine Küche mit eiserner Herdplatte und einem wirklichen, echten -Rauchfang — so etwas hat die afrikanische Sonne in diesen Breiten -sicher noch nicht beschienen. Nun macht das Kochen noch einmal so viel -Freude.</p> - -<p>Heute stellte sich ein angesehener Häuptling mit 30 Kriegern; einige -davon waren aus Quawas Lager. Dieser habe, wie sie berichten, einen -Aufruf an alle Wahehe erlassen, „Wer ihn liebe, solle sich ihm -anschließen,“ jetzt sei er mit seinem Anhange in Viransi. Auf dem -Marsche dahin ist der Zusammenstoß mit unserem Sergeanten Richter -erfolgt. Die Vernehmung der neu angekommenen Quawaleute hatte ein -interessantes Ergebnis: Der Sultan hat seine Leute ganz militärisch -organisiert, in Kompagnien mit eigenen Hauptleuten und Unterführern, -sein Nachrichtenwesen ist sehr gut eingerichtet; es stellt sich immer -mehr heraus, was für ein gefährlicher Gegner er ist.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Dezember 1897.</p> - -<p>Gott sei Dank, Tom kann den geplanten Zug noch nicht unternehmen: -<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling schreibt, vor dem 1. Januar sei<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Sergeant Richter -nicht transportfähig. So verleben wir doch den heiligen Abend zusammen. -Ich konnte und wollte Tom das Herz nicht schwer machen mit Klagen, -wenn ihn die Pflicht abrief; aber jetzt bin ich froh, daß er nun doch -Weihnachten noch bei mir ist.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">25. Dezember 1897.</p> - -<p>Den heiligen Abend verlebten wir froh, ich mit besonders dankbarem -Herzen. Auf der Veranda brannte der Christbaum; leider waren die -bestellten Weihnachtsgeschenke nicht eingetroffen. An die Herren -auf den verschiedenen Außenposten, Hauptmann v. Prittwitz, Förster -Ockel, nach der Mission, an Unteroffizier Buchner hatte ich Marzipan, -Kuchen und Pfeffernüsse geschickt, an den Leutnant Kuhlmann eine -gebratene Ente, so daß möglichst jeder unserer deutschen Landsleute -eine kleine Weihnachtsfreude haben sollte. Wir hatten diesmal auch die -Unteroffiziersmesse eingeladen und waren bei Bowle und Abendessen recht -vergnügt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">5. Januar 1898.</p> - -<p>Neujahr verlebten wir still für uns. Was wird das neue Jahr bringen? -— Gestern, an unserem Hochzeitstage, marschierte Tom ab, genau -zu derselben Stunde, in der wir vor zwei Jahren unseren Traualtar -aufstellten.... Quawa hatte am 28. Dezember ein Gefecht mit unseren -Wahehe gehabt und 39 von ihnen erschlagen, er selbst verlor nur 3 Mann. -— Am 1. Januar Alarm, weil Unteroffizier Schubert und der Dolmetscher -unweit der Mission Gewehrschüsse und Weiber- und Kindergeschrei gehört -hatten. So fing das Jahr für uns an.</p> - -<p>Am 2. Januar traf Hauptmann Ramsay bei uns ein, der auch gestern -abmarschierte. Es war mir eine Freude, einmal einen unserer „alten -Afrikaner“ kennen zu lernen. Nachts wurde wieder alarmiert.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Januar 1898.</p> - -<p>Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche -— wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> fehlen. Ich fühle -mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur. -<span class="antiqua">Dr.</span> Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt, -um bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können. -Jede Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung -geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast — -seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem -kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15 -Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr -teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die -ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben -wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber, -die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die -Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im -Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um -sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum -Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne -Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist -sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den -Tag ohne ihn verbringen zu müssen!</p> - -<p>Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes:</p> - -<p>Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das -Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin -hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen -Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan; -Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt -und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160 -ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach -dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte, -verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom -sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten -abzweigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p> - -<p>In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen, -erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich -von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten -Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich -übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg -für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht -überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa -250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt -waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es -den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden.</p> - -<p>Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in -das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus -Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den -Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war. -Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter -den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe -Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen -Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide -vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er -soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine -Anhänger Lebensmittel zu haben.</p> - -<p>Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum: -seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl -Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und -Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut -gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten -zurückgehalten werden mußten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das ist ein großer Erfolg</em>, umso mehr, als dem Volk durch diesen -Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager -nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist. -Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte, -bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt -persönlich in den<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine -Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein -Verlust, den er nie mehr ersetzen kann.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Januar 1898.</p> - -<p>Mein Leberleiden macht sich wieder fühlbar; ich suche ihm mit -Karlsbader Salz beizukommen. Der Frühspaziergang, der zu dieser Kur -gehört, wird zur Inspizierung der Station benutzt, da ich meinen Mann -auf seinem Rundgang begleite.</p> - -<p>Die Moschee ist beinahe fertig, es fehlen nur noch die Türen. Zum -Beginn des Ramassan soll sie den Arabern übergeben werden. Schon -jetzt bitten sie Tom, er möge die heilige Stätte nur noch unbeschuht -betreten. Das Fundament für das Hospital ist gelegt; bis jetzt diente -eine geräumige, von einem schönen schattigen Baum überschattete Hütte -als solches; auch eine geräumige Schauri-Hütte ist bereits in Angriff -genommen, halbkreisförmig mit einer nischenartigen Ausbuchtung für -den Tisch des Schauri-Leiters, der von da aus sämtliche Anwesende gut -übersehen kann. Sobald die Moschee fertig ist, geht es an den Bau einer -Markthalle.</p> - -<p>Auf der Station wimmelt es von Wahehe, die gleich Tom auf sichere -Meldungen warten, um die Quawa-Jagd wieder aufzunehmen. Es ist wirklich -viel von den Leuten, trotz der Erntezeit hier wochenlang untätig -zu liegen, während auf ihren Schambas die Feldfrüchte der Ernte -entgegenreifen. Ihre Anhänglichkeit an Tom hält stand; <span class="antiqua">Dr.</span> -Stierling sagte noch gestern: wer weiß, wie sich die Wahehe nach Toms -Abgang stellen würden; sie haben sich ihm persönlich unterworfen, und -es liegt nahe genug, daß sie seinem Nachfolger auf der Station sich -nicht so botmäßig zeigen werden. <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling sieht wohl zu -schwarz, immerhin bereitet Tom die Wahehe jetzt schon darauf vor, daß -er demnächst die Station verlassen werde.</p> - -<p>Am 23. ging Leutnant Orthmann nach Idunda ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">30. Januar 1898.</p> - -<p>Aufregende Tage; Patrouillen und Meldungen, aber niemals eine sichere -Nachricht. In Rungembe, welches als Sammelpunkt für die Expedition -bestimmt war, ist Leutnant Engelhardt mit fast 2000 Kriegern des Merere -und der anderen befreundeten Häuptlinge angekommen.</p> - -<p>Über den Tod des unglücklichen Unteroffiziers Karsjens berichtet ein -Mann unseres Freundes Farhenga näheres: er hatte den Unteroffizier -gewarnt, Quawa sei ganz dicht in der Nähe, er solle die Leute, die zu -seinem Trupp gestoßen, als Spione festhalten — das ist aber nicht -geschehen! Andern morgens wurde plötzlich der Posten vor dem Zelte -niedergeschossen, von den sich um das Zelt sammelnden Askaris fielen -unter dem mörderischen Mauser-Gewehrfeuer aus dem Dickicht sofort drei -Mann, ein Vierter etwas später. Unteroffizier Karsjens erhielt beim -Heraustreten aus dem Zelte die tödliche Kugel. Sein Boy trug ihn nach -dem Feldbett, wo er binnen wenigen Minuten verstarb.</p> - -<p>Die Askaris hatten sich bei dem Überfall sehr schneidig gezeigt; -nachdem sie die eigene Munition verschossen, leerten sie die -Patrontaschen der gefallenen Kameraden, ehe sie sich ins Pori -zurückzogen; Karsjens Boy nahm das Gewehr und die Munition seines -Herrn nach dessen Tod an sich und versteckte beides im Gebüsch, wo -sie Unteroffizier Schubert, der zur Beerdigung der Leichen an den -Unglücksplatz ging, fand. Jeder der Gefallenen hatte zwei Speerstiche -in der Brust.</p> - -<p>Tom hat in diesen Tagen mit der Verteilung von Saatkorn begonnen. Die -Lebensmittel fangen an, knapp zu werden, deshalb hat Tom so viel Korn -wie möglich aufgekauft, damit fürs nächste Jahr genügend ausgesät wird. -Für jeden Sack Saatkorn, den die Leute erhalten, müssen sie nach der -Ernte zwei Säcke zurückgeben. Ich habe vor ungefähr 14 Tagen den ersten -frischen Mais geerntet.</p> - -<p>Heute meldete ein Mhehe, sein Sohn Magunda, welcher zu Quawas Gefolge -gehörte, sei von diesem bei dem Lukanda-Über<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>fall gefangen und getötet -worden, weil er sich auf der Station stellen wollte.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Februar 1898.</p> - -<p>Auf der Station reges militärisches Leben, Patrouillen und Boten kommen -und gehen, und die Schauris nehmen kein Ende. Quawas Beweglichkeit -erfordert immer neue Maßnahmen. Leutnant Kuhlmann, Feldwebel Merkl und -die Unteroffiziere auf den einzelnen Posten, jeder muß von den bei uns -„im Hauptquartier“ eingegangenen Meldungen in Kenntnis gesetzt werden -und entsprechende neue Instruktion empfangen. In all dem sorgenvollen -Trubel nur einmal ein Lichtblick: Msatima kommt, mir seine Aufwartung -zu machen, und zwar angetan mit einer roten Bluse, die ich seiner -Frau geschenkt hatte. — Leutnant Kuhlmann meldet, daß Quawa weiter -westlich zu suchen sei — also wieder neue Dispositionen an die -Einzelposten! Herr v. Prittwitz kommt an. Es wird großes Schauri mit -sämtlichen Jumben gehalten; als dessen Ergebnis erfolgt die Festnahme -des Jumben Makirendi; er wird an die Kette gelegt und ihm Todesstrafe -angedroht, wenn seine Leute sich als Verräter zeigen sollten. Das ist -eine Gewaltmaßregel, zu der Tom durch die gefahrdrohenden Umstände -gezwungen ist, obwohl er ganz genau weiß, wie leicht die Festnahme -eines angesehenen Häuptlings schlimme Folgen haben kann. Es bleibt -kein anderes Mittel, als den Wahehe zu zeigen, daß sie kein doppeltes -Spiel wagen dürfen; viele von ihnen wollen erst abwarten, ob Quawa -nicht doch wieder hochkommt, wie damals 1894, wo er bei dem Scheleschen -Zuge nach Ubena, und früher, gelegentlich der Zulu-Invasion, nach -Ugogo geflüchtet war und nach dem Abzug der Europäer aus seinem Lande -triumphierend wieder einzog.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">8. Februar 1898.</p> - -<p>Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen -Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit -der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolg<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>schaft leisten, -versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der Berge. -1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von -Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher, -der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während -sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen -angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die -Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans -verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen -sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere -Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden — -aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man -die Achtung nicht versagen kann.</p> - -<p>Ein anderes Verhör brachte etwas zu Tage, was Tom längst vorausgesehen -hatte: 26 von Unteroffizier Lachenmeyer eingebrachte Leute waren Spione -Quawas! Auf seinen Befehl hatten sie sich unterworfen, um ihren Herrn -mit dem Ertrage unserer Felder zu versorgen und ihm genaue Angaben über -die Stärke der einzelnen Stationen und detachierten Posten zu machen. -Dann sollte an einem bestimmten Tage der große Schlag gegen uns geführt -werden! Gott sei Dank, daß wir die Möglichkeit eines solchen Überfalles -niemals außer acht gelassen haben — was wäre aus uns geworden, wenn -Tom im Gefühl scheinbarer Sicherheit die schärfste Beaufsichtigung -unserer neuen Ansiedler und Zuzügler nicht so streng durchgeführt hätte.</p> - -<p>Unter diesen Spionen waren auch die Anführer des Überfalles von -Mtandi und der Mörder des unglücklichen Karsjens; sie waren dem -Feldwebel Merkl als Patrouillenführer mitgegeben worden; kein Wunder, -daß der Streifzug keinen Erfolg hatte. Karsjens hatte, wie sich nun -herausstellt, einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten, der ihn -niederstreckte, den von seinem Boy auf dem Feldbette niedergelegten -Wehrlosen hat der Mörder mit zwei Speerstichen in die Brust getötet.</p> - -<p>Unsere Leute sind furchtbar erbittert; als für einen sofortigen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -Streifzug unter Unteroffizier Schubert „Freiwillige vor!“ kommandiert -wurde, traten unsere Askaris sämtlich wie ein Mann vor.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">10. Februar 1898.</p> - -<p>Heute marschierte Herr v. Prittwitz ab nach Himbu; Bauleiter Selling -ist nach Kuifuri, um dort nach Holzarten zu suchen, denen die Bohrkäfer -nichts anhaben können. Auf der Station wimmelte es von gefangenen -Weibern, aber auch halbverhungerte Träger finden sich ein; von Förster -Ockels Karawane sind hier schon 16 Mann eingetroffen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Februar 1898.</p> - -<p>Jetzt ist kein Halten mehr; einer der Führer hat Quawas Lagerplatz -verraten! Tom benachrichtigte sofort alle von der Station -abkommandierten Europäer, er selbst zog sofort los (nur ein -Unteroffizier bleibt hier). Zunächst bis Ndéuka, in der Nacht -geht’s dann weiter, so daß bei Tagesanbruch das Lager überfallen werden -kann. Gott gebe ihm diesmal Erfolg, damit endlich diese furchtbare -Aufregung aufhört, der ich auf die Dauer doch nicht gewachsen bin.</p> - -<p>8 Männer kommen mit 48 Weibern, um sich zu unterwerfen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">13. Februar 1898.</p> - -<p>Aus der Nachmittagsruhe wurde ich durch Lärm auf der Veranda gestört. -Zuerst glaubte ich, es sei Tom, und rannte hinaus, fand mich aber einem -schwarzen Ehepaare gegenüber; es war schwer zu sagen, wer von beiden am -betrunkensten war, der Mann oder die Frau; diese war von ihrem Gatten -dermaßen geschlagen worden, daß ihr das Blut am Körper herunterlief, -bei mir hatte sie Schutz suchen wollen. Ich nahm ihr das Kind ab, -das jeden Augenblick in Gefahr war, ihr vom Arme zu fallen, und warf -beide Eltern schleunigst hinaus; dann brachte mir ein Suaheli noch ein -weinendes Kind, welches nach mir verlangt hatte. Es ist ein unruhiges -Leben auf der Station, eine unheimliche Aufregung hat sich aller -bemächtigt; auf der Wache können<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> sie kaum alle die Männer und Frauen -unterbringen, die täglich eingeliefert werden.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">17. Februar 1898.</p> - -<p>Gestern kam Feldwebel Merkl mit vielen Gefangenen zurück; er ist krank -und elend, die Strapazen dieses Marsches bei Tag und Nacht haben den -kräftigen, kerngesunden Mann entsetzlich mitgenommen. Was unsere -deutschen Unteroffiziere hier leisten müssen, davon macht man sich in -Deutschland keinen Begriff, aber sie sind mit einem Pflichteifer und -mit einer Liebe zur Sache dabei, die höchste Anerkennung verdienen.</p> - -<p>Da ich am 14. keine Nachricht von Tom erhielt, muß ich annehmen, daß -sein Zug erfolglos war. Heute kommt auch die Bestätigung.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">18. Februar 1898.</p> - -<p>Von Quawas Anhängern macht sich besonders Kolakola bemerkbar; er -hat unsere Leute bei Kissinja überfallen und sich dann in unserem -Tale, unweit der Station, Eßvorräte geraubt; dann überfiel er, nach -Toms Abmarsch, Lula, schleppte mehrere Kinder fort und erschlug neun -Leute. Was mir am meisten Sorge macht, ist, daß Tom einem solchen -unvorhergesehenen Überfall auf dem Marsche zum Opfer fallen kann. Einer -seiner besten Wahehe erhielt von einem im Grase versteckten Feind einen -Speerstich in den Oberschenkel, an welchem er verblutete.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">23. Februar 1898.</p> - -<p>Tom kam sehr elend zurück. Das Kommando hat er Herrn v. Prittwitz -übergeben, da der Hauptteil des Zuges erledigt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">26. Februar 1898.</p> - -<p>Großer Ramassan mit der üblichen Gratulationscour. Zuerst kommen die -schwarzen Händler; sie werden von Tom zur Rede<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> gestellt, weil sie sich -geweigert hatten, unsern Askaris den Mais für 5 Rupien zu verkaufen; -sie verbrauen den Mais nämlich lieber zu Pombe (<span class="antiqua">pombe</span> = -eigentlich Bier aus Hirse) und verdienen am Sack dann 15 bis 20 Rupien. -Dann erscheinen die Araber und Beludschen, die ich mit Tee, Kaffee -und Schokoladenplätzchen bewirte. Wir waren in nichts weniger als -festlicher Stimmung — sollte doch noch an demselben Tage das Urteil an -den vom Kriegsgericht zum Tod durch den Strang Verurteilten vollstreckt -werden! Von den zwölf Verurteilten waren drei begnadigt worden.</p> - -<p>Nachmittags kamen sämtliche Sudanesenfrauen, 36 an der Zahl! alle -in ihrem schönsten Staat, mit silbernen Ketten und Armringen von -riesigem Umfang und großen Silberdosen als Anhängsel, in denen sie -ihre <span class="antiqua">dawa</span> (Medizin, Zaubermittel) bewahren. Mit ihren faltigen, -farbigen Gewändern und weißen Tüchern über den schwarzen Gesichtern -bilden sie wirklich malerische Gruppen. Sie werden wie die Araber mit -Tee, Kaffee und allerlei Süßigkeiten bewirtet, ebenso wie diese ihre -Sandalen ablegen, ziehen auch sie vor dem Eintritt in mein Zimmer ihre -Schuhe aus.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">6. März 1898.</p> - -<p>Seit dem 27. Februar liegt Tom an schwerem Bronchialkatarrh zu Bett; -inzwischen kam Leutnant Orthmann zurück, er hat sich einen tüchtigen -Gelenkrheumatismus geholt, mit dem er drei Wochen lang sich durch die -unwegsamen Berge schleppen mußte; heute kam noch <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling, -mit ihm Leutnant Kuhlmann, der an Milzanschwellung mit starkem Fieber -leidet. Sergeant Richter laboriert an seiner Schußwunde, die Wunde -eitert noch, und zuletzt wird Lazarettgehilfe Schuster von der 3. -Kompagnie auch noch krank, starker Bronchialkatarrh mit hohem Fieber. -Von den acht Europäern der Station sind nur zwei gesund.</p> - -<p>Tom hat jetzt eine annähernd genaue Liste von Quawas Anhängern -aufgestellt: Es müssen deren jetzt noch etwa 250<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> sein. Sein Häuptling -Kimulimuli, der sich seinerzeit mit Mpangire gestellt hatte, dann aber -wieder heimlich zu Quawa zurückging, ist jetzt bei diesem gestorben; -seine Frau hat sich dann erhängt, um ihrem Herrn und Gebieter in -den Tod zu folgen. — Als Mpangire noch Sultan war, sollen diese -und Kimulimuli den zur Unterwerfung bereiten Quawa mit Gewalt davon -abgehalten haben. Wie viel Blutvergießen wäre vermieden worden, wenn -Quawa damals mit Tom persönlich hätte verhandeln können.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">9. März 1898.</p> - -<p>Vorgestern kamen unsere Wahehe von der Expedition zurück. Ich freute -mich, das Gaunergesicht unseres braven Farhenga wiederzusehen; gestern -trafen der neue Zahlmeister und ein Unteroffizier für die 6. Kompagnie -ein; auch Offenwanger soll mit dorthin gehen. Da bleibt also der Doktor -allein zurück — über Mangel an Beschäftigung wird er nicht zu klagen -haben, er hat hier für vier bettlägerige und zwei revierkranke Europäer -zu sorgen — abgesehen von den Schwarzen. Richter mußte operiert -werden; es wurden sehr große Knochensplitter aus der Wunde entfernt.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">10. März 1898.</p> - -<p>Heute besuchten Tom und ich den kranken Leutnant Orthmann. Um jede -Zugluft abzuhalten, sind die Wände der Strohhütte ganz dicht verstopft -worden; so kann der arme Patient sich nicht einmal die Zeit mit Lesen -vertreiben. Wir haben ihm in der Boma ein luftiges, lichtes Zimmer -herstellen lassen, damit er dort seine Krankheit leichter übersteht.</p> - -<p>Mein Name wird hier schon als Machtmittel mißbraucht! Von unseren -Wahehe wird mir gemeldet, daß 20 Händler und Träger nebst zwei Eseln -in der Gegend umherziehen und von den Leuten Chakula eintreiben — und -zwar in meinem Namen! Tom schickte sofort eine Askari-Patrouille hinter -ihnen her, die die Kerle auch richtig abfaßte. Heute erscheinen sie -de- und wehmütig und spielen die reuigen Sünder. Zunächst müssen sie -den Eigentümern<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> die gestohlene Chakula bezahlen und dann erhalten sie -wegen Mißbrauchs meines Namens pro Mann 25 Hiebe. Das hat hoffentlich -gewirkt.</p> - -<p>Von Quawas nächster Umgebung, seiner Leibgarde, stellten sich heute -drei Mann mit Gewehren Modell 71. — Das Ende des Gefürchteten naht!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">15. März 1898.</p> - -<p>Gestern vergnügtes Picknick bei Farhenga in der Nähe des -Aussichtspunktes; abends gegen 9 Uhr kamen wir bei Laternenschein nach -Hause. Heute mittag kam Leutnant v. d. Marwitz an; ich hatte ihn mir -ganz anders vorgestellt, ein breitschulteriger brünetter Hüne. Herr -v. der Marwitz ist seit vier Jahren in Afrika, er war längere Zeit im -Kilimandscharo-Gebiete.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">16. März 1898.</p> - -<p>Leutnant Engelhardt verabschiedete sich heute, er brachte mir noch -hübsche Blumen. Zum Kaffee war Herr v. der Marwitz bei uns. Seit langer -Zeit wieder große Freude: gute Nachricht von zu Hause!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">20. März 1898.</p> - -<p>Am 17. war Tom mit Leutnant Kuhlmann nach Dabagga marschiert, um dort -nach dem Rechten zu sehen — heute kamen sie schon zurück, also viel -früher, als ich erwartete. Solche friedlichen Expeditionen lasse ich -mir gefallen, die Zeit vergeht viel schneller, wenn mich die Angst -um meinen Mann nicht aufreibt. Morgens besorge ich die Hausarbeit, -während der tollsten Mittagshitze ruhe ich oder lese, dann holen mich -die Herren ab zum Krocket oder Spaziergang, wir besuchen unseren -kranken Leutnant Orthmann und machen Einkäufe bei unserem „Hoflieferant -Borchardt“, dem Griechen. So vergehen mir die Tage, die Tom abwesend -ist, im Fluge. — Mit meiner Hühnerzucht habe ich viel Verdruß: -die eben ausgekrochenen jungen Perlhühner sind nach wenigen Tagen -eingegangen. Gestern abend in der blumenge<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>schmückten Messe großes -Festmahl, gegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> Drewes und Bauleiter Hentrich; die -Sache verlief sehr hübsch. Wir waren alle sehr vergnügt und kehrten -erst gegen Mitternacht zu den häuslichen Penaten zurück.</p> - -<p>Schnapsels Nachkommenschaft ist erloschen, er überlebt sein Geschlecht. -Seinen Sohn und präsumtiven Nachfolger hat ein Leopard direkt von -unserm Hofe weggeholt; der Posten schoß auf den frechen Räuber, so -daß er seine Beute fallen ließ; so konnten wir den treuen Wächter -des Hauses andern Tags im Garten begraben. Schnapsel trug bei der -Bestattung eine dem tragischen Ende seines Sprößlings angemessene -Trauer zur Schau; er scheint ihn noch lange vermißt zu haben. Einige -Abende darauf holte der Leopard sich auch noch den andern Hund, und -zwar diesmal von der Veranda!</p> - -<p>Unter unserem Dach hat sich ein Bienenschwarm eingenistet, alles -Ausräuchern ist vergeblich, wir müssen uns die Mitbewohner also -gefallen lassen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">30. März 1898.</p> - -<p>Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen -Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter -Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an -Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle -sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des -Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung -nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft -zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde. -Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter, -Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte, -ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine -interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen -Zügen und großen, traurig blickenden Augen — ich mußte an die zarten -und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken. -Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> Sikkisultans von -besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade -Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu -holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft — heute hat sie -das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn -er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er -sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894, -bald wieder abziehen müßten.</p> - -<p>Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre -ich großes Geschrei — eine gute Nachricht ist von der Expedition -eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und -zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch -verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein -Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und -Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle -bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den -Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der -Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz -und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um -die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich -an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen -Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich -nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist -der Storch eingekehrt — übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche -Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer -Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren -schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">2. April 1898.</p> - -<p>Der 1. April brachte mir eine freudige Überraschung: Tom kam zurück. -Sein Plan war richtig: die Quawaleute sammelten sich auf einem -Maisfelde, um Chakula zu holen; sie wurden überfallen, und in dem -Kampfe fielen die meisten von Quawas letztem<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Anhange, viele wurden -gefangen, und der Rest ist dermaßen zersprengt, daß es nicht mehr -lohnte, sie weiter zu verfolgen. In die Freude über Toms glückliche -Rückkehr mischte sich auch ein gut gemessen Teil Stolz, daß es wiederum -mein Gatte war, der unsere schlimmsten Gegner in ihrem eigenen Lager -angegriffen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">6. April 1898.</p> - -<p>Gestern feierten wir Leutnant Kuhlmanns Geburtstag; früh sandte ich ihm -eine Sandtorte und einen Likörbecher, mittags waren der „Jubilar“ sowie -Herr v. der Marwitz und der neue Zahlmeister unsere Gäste. Ich bin mit -meinem Koche schon so eingefuchst, daß unsere afrikanischen Diners -immer vorzüglich klappen! Von der Arbeit macht eine deutsche Hausfrau -sich freilich keine Vorstellung.</p> - -<p>Heute traf ein Mann auf der Station ein, dem Quawa früher einmal die -Hände und Ohren abgeschnitten und ihn derart verstümmelt an seinen -Sultan zurückgesandt hatte, um diesem die Strafe für Verräter <span class="antiqua">ad -oculos</span> zu demonstrieren!</p> - -<p>Mittags 12 Uhr marschierte Tom wieder ab; Herr v. der Marwitz und -Sergeant Richter, dessen Wunde noch immer nicht ganz verheilt, -begleiteten ihn: auf den Feldern von Iringa sind Spuren gefunden -worden, die auf Quawa deuten. Es sollen nur drei kleine Lasten -mitgenommen werden, da muß ich genau überlegen, welche Stücke -unumgänglich nötig, welche entbehrlich sind.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Karfreitag.</p> - -<p>Ich feierte den „stillen Freitag“ in Wahrheit in aller Stille — -Gott gebe meinem Manne den langersehnten Erfolg, damit das Land nach -jahrelangen Kämpfen endlich zum Frieden komme! — Ein gutes Anzeichen: -kurz nach Toms Abmarsch stellte sich ein Krieger aus Quawas nächster -Umgebung! Tom ist auf der richtigen Spur; damit unser Todfeind diesmal -nicht ausbrechen kann, marschieren Merkl und Hammermeister, die eben -erst von einem Zuge zurückkamen, gleich wieder in den von Tom ihnen -bezeichneten Richtungen ab; überall sieht man die Signalfeuer unserer -Wahehe: das Wild ist umstellt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>Als Belohnung für die Einlieferung Quawas hat das Gouvernement große -Elefantenzähne im Preis von 5000 Rupien ausgesetzt, die hier für -jedermann zur Ansicht ausliegen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Ostersonntag.</p> - -<p>Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden, -einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an -Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im -Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für -Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen -Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können.</p> - -<p>Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig — so auch heute — -Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen -Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern -erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch -die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht -etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">15. April 1898.</p> - -<p>Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur -in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen; -binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt, -dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom -von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch -die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen -bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und -präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der -Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station -wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick -hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die -Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen -gebautes Haus — ein solches<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> hat er wohl nie vorher gesehen — mag ihm -eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen -Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! — -In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde, -den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen — hat dieser selbe -gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet, -sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder -geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten -darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris -unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte, -die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die -Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der -Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten -ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und -den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er -noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille -erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. — Doch -der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich -die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren -Herrn im Pori nicht wiedergefunden! —</p> - -<p>So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede -Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird -er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich -erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele? -In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die -Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch, -verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer -seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst, -die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich -dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer -deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod -oder Selbstmord!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgaga</em>, den 6. -Mai 1898.</p> - -<p>Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen -der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine -Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt -diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir -machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die -trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen, -Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein -Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse -angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine -Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber -sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter -hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder -in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten. -Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes -Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm -bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt -afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart, -die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen -uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich -hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser -Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute -einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er -im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach -Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle -Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich -einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgaga</em>, 10. Mai -1898.</p> - -<p>Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz -befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem -noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl -Feuerstellen ist noch vorhanden, auch<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> einige niedere Grashütten -wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen, -ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in -Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung -bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene — Spiegel, -der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es -einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage -lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark -verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz -für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben -wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten -in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw. -Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend, -den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter. -An Stelle meines bisher besten Boys — er stand bei allen Gläubigen -als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in -hohem Ansehen —, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab, -habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen, -klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere -Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen -machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche -erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden — -für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und -unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche -schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung -ausgesetzt! Endlich — ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine -Perle je wiederzusehen — kam mein Mpischi ganz von selbst wieder -an — seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er -im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf -seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem -Seelenschmerz nicht erholt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Mai 1898.</p> - -<p>Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu -finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant -v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt. -Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die -Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe -ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben; -auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt, -amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die -Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich -bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes -Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim, -wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit -leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe -die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie -diesmal.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dabagga</em>, 15. Mai 1898.</p> - -<p>Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht -nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr -ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin -ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu -erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder -den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner -Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich -ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch -zurückhielt.</p> - -<p>Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu -vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine -genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große -Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch -besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.</p> - -<p>Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Tataren- oder -vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt -seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach -Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl -alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag -wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische -Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen -auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen -dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns -sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen -Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden? -Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig -für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns -nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach -allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der -vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation -hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es -hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet, -vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten -sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen -Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit, -bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel -Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie -aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je -länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das -Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht; -ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich -ist.</p> - -<p>Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum -Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen -gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin -prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich -kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich: -Weizen<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei -Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen -Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris -erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen -auf 170 Meter.</p> - -<p>Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das -Forsthaus und den ersten deutschen <em class="gesperrt">Pflug</em> im Lande Uhehe!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Suka</em>, 20. Mai -1898.</p> - -<p>Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, vier Stunden Marsch nach -dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere -topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken -stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns -gekämpft haben, sind unsere Führer!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Station <em class="gesperrt">Iringa</em>, -24. Mai 1898.</p> - -<p>Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen -von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden -Unfall; ich habe mich prächtig erholt — von Tom ist es mir fraglich, -er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir -schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen -sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden -beim Weine und erzählten uns.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898.</p> - -<p>Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares -Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste -Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz -ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über -500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen -Ereignis Mitteilung machen<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> sollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu -einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant -Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für -Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und -vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll -gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein -Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl.</p> - -<p>Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns -angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags -ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe -eingeladen. Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend -war großer Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes -Wecken — ganz so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">31. Mai 1898.</p> - -<p>Leutnant v. der Marwitz marschierte heute ab, um die Station Mlangali -zu übernehmen. Quawa ist verschollen, allerorts, wo er in letzter Zeit -sich in den Bergen aufgehalten, wird nach seinem Gewehr gesucht; man -vermutet, daß er tot sein muß, denn es ist kaum anzunehmen, daß er so -ganz allein sich im Pori halten kann.</p> - -<p>Durch ganz Uhehe zieht sich jetzt ein Netz von Straßen. Die Wahehe, -noch vor kurzem der Schrecken aller Nachbarstämme, bewähren sich -in friedlicher Arbeit; sie hauen die Wege durch den Urwald, auf -der Station helfen sie beim Bau einer Tembe, ja auf unserer Safari -trugen sie sogar unsere Lasten mit Chakula. Ihre stramme Organisation -zeigte sich besonders beim Bau längerer Straßen, sie arbeiteten unter -besonderen Aufsehern, jeder Trupp an der ihm übertragenen Strecke, und -ihre Jumben haben sich in der Nähe der Baustrecke niedergelassen, um -das Ganze besser kontrollieren zu können.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">1. Juni 1898.</p> - -<p>Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer -Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> der einige -unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein -Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. — -Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute -erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie -aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und -für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere -Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu -erwecken.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">4. Juni 1898.</p> - -<p>Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter -dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem -flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit -einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt -bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da -wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl -durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl.</p> - -<p>Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden: -5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen -ergeben.</p> - -<p>Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte -von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und -großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden: -auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als -Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack -und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie -wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt -werden nun ein paar gute Tage haben.</p> - -<p>Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit -fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere -Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier -aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mit<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> der Richtigkeit -stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin -ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen: -Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés, -gebrannte Mandeln — für die ich immer geschwärmt! — und von -Leutnant Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten, -auserlesensten Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche -süßen Herrlichkeiten nicht gesehen — und nun dieser <span class="antiqua">embarras de -richesse</span>! Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde -es wohl nicht abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit -den Schätzen gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der -Wein, von dem mir die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die -Schuhe passen vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus -denen der Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Juni 1898.</p> - -<p>Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das -Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander -gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag, -den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19. -Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens -zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. — -Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet -mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">13. Juni 1898.</p> - -<p>Meine Wirtschaft muß sehen, wie sie ohne mich fertig wird; ich darf -vor 10 Uhr nicht aufstehen, dann muß ich warme Bäder nehmen. Juma hat -das Plätten hübsch gelernt, er stärkt und plättet die Kragen ganz -schön. Das ist ein großer Luxus, der hier, wo alles „ungeplättet“ -einhergeht, berechtigtes Aufsehen macht. Die Herren wollen sich nun -auch Plätteisen von der Küste kommen lassen. Sergeant Hammermeister ist -gestern auf Urlaub<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> nach der Küste abgegangen; wir werden den tüchtigen -Mann alle vermissen; Tom schätzte ihn sehr als äußerst zuverlässigen -Unteroffizier, und dann war er, was für unsere Verhältnisse besonders -ins Gewicht fällt, ein tüchtiger Landwirt, dessen Umsicht wir für den -Erfolg unserer Weizenernte viel verdanken, und — <span class="antiqua">last not least</span> -— das Schweineschlachten und Wurstmachen verstand er großartig. -Feldwebel Richters Wunde eitert noch, Unteroffizier Schubert liegt -wieder an Lungenentzündung, den Feldwebel Merkl hat Herr v. der Marwitz -mitgenommen, so ist die Kompagnie ohne Unteroffiziere, und Tom und -Leutnant Kuhlmann besorgen den Dienst allein. Gestern brachte Farhenga -einen Mhehe aus Quawas Anhang mit 14 Weibern und Kindern an.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">1. Juli 1898.</p> - -<p>Heute haben wir den Tischler Wunsch beerdigt. Binnen 1½ Jahr schon -der dritte Europäer, der dem Fieber erlegen — alle drei junge, -kräftige Leute. Sie alle haben sich die Krankheitskeime auf den -Märschen durch die sumpfigen Niederungen geholt, denn die Lage von -Iringa ist anerkannt gesund und vor allem fieberfrei. Der Tod war -für den armen Mann eine Erlösung. Ich habe ihn täglich besucht, er -war mir so dankbar dafür: nur in den letzten zwei Tagen vor seinem -Ende konnte ich seine furchtbaren Qualen nicht mehr mit ansehen, die -ihm doch niemand erleichtern konnte! In den neun Jahren, die er in -Afrika zubrachte (er war als Laienbruder der katholischen Mission -herübergekommen), hat er siebenmal Fieber gehabt, d. h. perniziöses -Fieber; die gewöhnlichen Fieberanfälle werden ja nicht gerechnet. -Sein Tod wurde durch ein Geschwür herbeigeführt, welches sich nach -dem letzten Fieberanfall am Ohre bildete und schließlich bis auf die -Kinnladen ging, so daß der Ärmste weder essen noch trinken konnte. Der -neue Pater Superior der Mission, Severin, hielt ihm die Grabrede. Das -Begräbnis war sehr feierlich.</p> - -<p>Mit Pater Severin kam zugleich ein neuer Bruder, der mit dem bisherigen -Superior, Pater Ambrosius, in Ubena eine Missionsstation gründen soll.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p176a" name="p176a"> - <img class="mtop2" src="images/p176a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Station Mlangali.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_173">S. 173</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p176b" name="p176b"> - <img class="mtop2" src="images/p176b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Der erste Pflug im Lande Uhehe.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_172">S. 172</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>Am 23. vorigen Monats traf von Herrn v. Kleist eine Anzahl Obstbäumchen -ein, die er uns zum Geschenk machte; sie waren sehr sachgemäß verpackt, -und wir hoffen, daß der größte Teil davon trotz des weiten Transportes -gut fortkommen wird. Wir gaben die Bäumchen nach Dabagga, weil sie in -unserm Garten doch vielleicht nicht so gut gediehen wären, wie unter -der fachmännischen Pflege unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mdogori</em>, 8. -Juli 1898.</p> - -<p>Heute sind es zwei Jahre, daß wir in Perondo ankamen! Ich sitze im -herrlichsten Urwald, der Tag ist ganz für mich, denn Tom kommt heute -abend erst von Iduma zurück, wohin ich ihn nicht begleiten konnte, -da der Tagesmarsch für mich zu anstrengend. Wir brachen am 4. dieses -Monats von Iringa auf. Unser Haus und meine kleinen Totos habe ich -einer zuverlässigen Sudanesenfrau übergeben, die ich mir als „Stütze -der Hausfrau“ angelernt habe. Sie soll die Wirtschaft führen, solange -ich mich nicht darum kümmern kann, und mich pflegen, wenn ich krank -bin. — Hoffentlich erfüllt sie die auf sie gesetzten Hoffnungen. —</p> - -<p>Gestern habe ich nun auch mein Abenteuer erlebt, ohne das ein -„Afrikaner“ eigentlich keinen Anspruch hat, ernstgenommen zu werden — -in Deutschland wenigstens —: ich habe einem Löwen gegenüber gestanden! -Ich hatte mir ein schattiges Plätzchen zur Siesta ausgesucht, unweit -des Lagers, aus welchem die Klänge von „Heil Dir im Siegerkranz“ -und „Ich bin ein Preuße“ zu mir herüber drangen, als plötzlich mein -Schnapsel mit allen Zeichen des Schreckens und wütend bellend unter -meinem Kleide Deckung suchte; ich sah mich um: etwa 40 Schritte ab -steht zwischen den Bäumen eine Löwin! Im ersten Augenblick stockte -mir der Atem, dann rief ich nach dem Ombascha, der auch sofort -angesprungen kam, leider ohne Gewehr. Ich sah die Löwin noch im -Dickicht verschwinden und schickte Askaris hinterher, die Spur war -aber bald verloren, und die Leute kamen unverrichteter Sache zurück. -Nach etwa einer halben Stunde wurde ich in meiner Lektüre wieder durch -Schnapsels Bellen aufmerksam; links von mir, kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> zehn Schritt weit, -steht die Löwin wieder und äugt nach uns! Hätte mein braver Schnapsel -mich nicht gewarnt, hätte die heimtückische Bestie sicher den Sprung -getan! Diesmal trat ich aber schleunigst den Rückzug nach dem Lager -an, indem ich wieder nach dem Ombascha rief. Auch diesmal entging uns -die Beute; sie wird aber sicher wiederkommen. Schnapsel band ich fest, -— auf ihn hatte die Löwin es wohl zunächst abgesehen, dann stellten -wir eine Falle mit Selbstschuß. Nun habe ich auch mein Löwenabenteuer! -Schade, daß Tom nicht zugegen war, sie wäre dann gewiß nicht entkommen. -Einen Leoparden, der sich in einer von <span class="antiqua">Dr.</span> Stierling gestellten -Falle gefangen, sah ich kürzlich. Das stattliche Tier hatte die -Fangeisen mit furchtbarer Gewalt aus dem Boden gerissen und war mit -denselben auf einen Baum gesprungen, wo sich die Kette derart in den -Ästen verschlungen hatte, daß ihm jede Flucht abgeschnitten war. Ein -gutgezielter Fangschuß machte ihm dort ein Ende.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dabagga</em>, -Sonntag den 10. Juli 1898.</p> - -<p>Mittags kamen wir hier an; der Förster hat uns ein reizendes Häuschen -aus Bambus errichtet, bestehend aus einem Zimmer mit Veranda, und -bewirtete uns mit einem trefflichen, von ihm selbst bereiteten -Mittagsmahl. Sehr betrübt erzählte er uns, wie ungern er jetzt von -der Stätte seiner Tätigkeit scheide; er hat alles so praktisch und -wirklich schön eingerichtet, daß er nun nicht gern einem andern Platz -machen möchte. Daß er es rasch gelernt hat, die Eingeborenen richtig -zu behandeln, beweisen die Wahehe-Ansiedelungen, die sich unter seiner -Leitung bei der Station Dabagga schön entwickeln.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">12. Juli 1898.</p> - -<p>Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von -denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten. -Auf Anraten des <span class="antiqua">Dr.</span> Drewes, der von Muhanga gekommen war, -bewilligte Tom einen Ruhetag — zu<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> meiner Freude, denn dadurch -gewinnen wir einen Tag für das schöne Dabagga.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Iringa</em>, 21. -Juli 1898.</p> - -<p>Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es -hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun -ein Ende“ — <em class="gesperrt">Quawa ist tot!</em> Mit dieser Nachricht erst ist Toms -sieben Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! -Wie dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk -seiner unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller -Kämpfe und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name -Tom Prince für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen -Kolonien. Wer will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem -Stolze auf den Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte -Ereignis in dem blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich -neu geschenkt! Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf -dem Zuge gegen Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet -traf ich stets die Vorbereitungen für seinen Marsch — und durfte ihm -doch das Herz nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn -heucheln, während mir die Angst die Gedanken benahm — und nun steigt -die Morgenröte des Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! —</p> - -<p>Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte, -ist freilich gräßlich — und doch gab es keinen anderen Ausweg, den -Tod unseres furchtbarsten Feindes dergestalt <span class="antiqua">ad oculos</span> zu -demonstrieren, daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung -übrig bleiben kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans -Quawa mit zur Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein -ehemaliges Gebiet war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten -Getreuen und dessen Weib und Kind endlich auch in den Bereich der 2. -Kompagnie gekommen. Toms Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, -als dies der Station gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl -mit<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> 14 Askaris und 10 Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten -unseres braven Merkl Bericht hier folgen:</p> - -<p>„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach -dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im -dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den -Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und -aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen, -einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf -der Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den -Boys erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen -Karabiner Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der -Mündung geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter -habe eine Jägerbüchse. — Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf -Wahehe schickte ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen -Leuten hier, weil die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas -nach Pawaga zeigte und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch -versteckten Schamben und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht -ist. — Am 16. Juli 1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes -gegen Morgen 4 Uhr ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha -nach dem südlichen Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem -Utshungwegebirge zurück wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre -die ganze Nacht umher. Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais -und ein Schaf geraubt habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die -Spur, ins Pori in westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe -erkennen. Gegen 5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis -zum 17. d. Mts. trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa -mit seinem Getreuen und den Boys marschierten jeder in einer anderen -Richtung. Das Schaf wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. -Mts. kam der Ombascha zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer -in der Richtung Iringa nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur -verloren hatten. Hier gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags -12 Uhr erreichte ich es mit<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said -Ali <span class="antiqua">I</span> und Said Borelli und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten -Halt, um die zurückgebliebene Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen -wir einen etwa fünfzehnjährigen nackten Knaben auf uns zukommen, der, -sobald er uns sah, die Flucht ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf -energisches Zureden gestand er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war -des Morgens weggelaufen. Quawa liege drei Stunden weit krank danieder -und spucke Blut. Gestern abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. -Sofort brachen wir auf. Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in -südwestlicher Richtung einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren -wir nach Aussage des Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck -abzulegen und die Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, -kletterte ich auf einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der -Marsch ohne Schuhe sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir -Rauch aufsteigen. Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. -Jetzt konnten wir nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen -zwanzig Schritt vor uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. -Die eine wurde von dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel -dichtes Gebüsch in der unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt -hätte, daß uns Quawa vor der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft -gelungen, schossen wir auf ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa -hatte seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die -Leichenstarre eingetreten, und den Schuß, den wir gehört, hatte er sich -selbst gegeben.“ —</p> - -<p>So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten -Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt, -sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig, -daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen -Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird: -5000 Rupien — etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf -Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis -zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und -Feldwebel<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn -gekommen.</p> - -<p>Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen. -Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als -den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun -endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen, -um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel: -die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit -Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden -Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der -freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger -lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir; -gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan -lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise -ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten -machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in -der Tat „die Nächsten dazu“ — war doch kaum einer unter ihnen, der -im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa -beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben -uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der -Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an -der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die -Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch -die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn, -unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann -die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem -Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich -mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es -dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen -Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung, -und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. —</p> - -<p>Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>nahme. Noch im Tode -gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen -Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen -Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in -den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das -Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit -eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen; -starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend -herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen -Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen -Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit -und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von -einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten -Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel -Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa -1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen -Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von -Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab, -entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns -sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf -der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem -tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu -gehen!</p> -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_6" name="ende_kap_6"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_5.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 6" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s184_kopfstueck" name="s184_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s131_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 13184" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"><span class="kap">Siebentes Kapitel.</span><br /> -Im Frieden. Besichtigungsreisen.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2">26. Juli 1898.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s184_initial" name="s184_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s63_initial.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Fest- und Jubeltage, die Tom reichlich bewilligen mußte, sind nun -endlich vorüber; der Lärm Tag und Nacht hat mich sehr angestrengt, -umsomehr, als ich wieder bettlägerig war; in der freudigen Aufregung -der ersten Tage habe ich mich wohl nicht genug geschont. Heute geht es -mir besser, die Ruhe wirkt wohltuend. Es waren über 1000 Wahehe zur -Station gekommen, die in ihren bunten Tüchern einen malerischen Anblick -boten. Am 19. d. Mts. ist der neue Landwirt Hierl angekommen; als -Ersatz für Hammermeister kam Feldwebel Liebhard und ein Unteroffizier -Künster; als früherer Pionier wurde er gleich beim Brückenbau -angestellt; hoffentlich hört nun das Balancieren über Baumstämme bald -auf.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">31. August 1898.</p> - -<p>Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen -mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte. -Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche. -Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt, -daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa -gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen, -nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die -unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das -Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa -dort<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war, -lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei -Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling -Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer -im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können, -wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es -mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen -erstiegen, um Ausschau zu halten.</p> - -<p>Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für -ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft -werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den -Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich -scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all -seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!</p> - -<p>Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben — schon 1891 war er bis -Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus -weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit -einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde -ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der -feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen -Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der -Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich -einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich -bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver -war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel -der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen -Schwarzen zuvorzukommen — wie atmete er erleichtert auf, als sich die -Neger als freundlich gesinnt erwiesen.</p> - -<p>In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt. -Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in -welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh -ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt — und dann hieß es -laufen! Tom<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe -Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare -Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen — und -damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891 -flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches -Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu -Boden geworfen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">3. September 1898.</p> - -<p>Heute besuchte mich Mgundimtemi; es fiel mir auf, daß sie nicht mehr in -Trauer geht, sie trägt wieder bunte Tücher, Ketten und Armbänder. Sie -hat einen ehemaligen Msagira aus einer reinen Wahehefamilie geheiratet, -Tom will ihn als Jumbe eines kleinen Bezirkes einsetzen.</p> - -<p>Auf der Station treten die Pocken wieder auf, diesmal ziemlich -bösartig. Die Leute sind zum Glück recht vernünftig, beim geringsten -Anzeichen bringen sie ihre Kranken. Auch die ankommenden Karawanen -werden genau untersucht. Etwa eine halbe Wegstunde von der Station -entfernt ist ein Pockenhospital eingerichtet. Ich wünsche sehnlichst, -die Lymphe käme endlich von der Küste an, damit wir uns alle impfen -lassen können.</p> - -<p>Von Quawas Grausamkeit werden immer mehr Beispiele bekannt. Als er -damals von Luhota aus entfloh, hielt er sich einen Tag in der Nähe der -Station versteckt; dort erschlug er einen seiner Anhänger, dem er nicht -mehr traute, und schnitt ihm einen Fuß und ein Stück Schulterfleisch -ab; die am Feuer gedörrten Stücke trug er dann stets bei sich; wirklich -hat Feldwebel Merkl beides bei seiner Leiche gefunden.</p> - -<p>Um so erfreulicher blüht Handel und Wandel jetzt nach des -Unruhestifters Tod. Tom unterschreibt soeben wieder einen Scheck; -in diesem Monate haben die Händler bereits 16000 Rupien in die -Stationskasse eingezahlt. Das ist für unser Iringa doch gewiß ein -schöner Umsatz. Auch die Bautätigkeit ist rege.</p> - -<p>Meinen Geburtstag mußte ich ohne Tom verleben, aber trotzdem ging -es hoch her! Schon früh am Morgen war alles be<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>kränzt. Dann kamen -der Wali mit den Honoratioren, der Effendi namens der Kompagnie, -sämtliche Europäer und Abordnungen von Frauen der Askaris, der Fundis, -Farhengas große Bibis, kurz, die Gratulanten nahmen kaum ein Ende. -Abends besuchten mich dann zu meiner Freude die am 18. August hier -angelangten Schwestern, mit denen ich noch einer Einladung nach der -Messe folgte; dort wurde ich auch angefeiert. In der Stadt und im -Askaridorfe herrschte lustiges Treiben an allen Ecken und Enden, mit -Tanzen und Jubeln. Die Schwestern blieben bis zum nächsten Nachmittage; -ich hatte aus unserer Vorratskammer mit Hilfe von Decken und Zeug -ein hübsches Zimmerchen für sie hergerichtet. Auf Toms dringenden -Wunsch sind uns diese vier Schwestern bewilligt worden, der Präfekt -Maurus<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> brachte sie uns selbst. Ich empfing die willkommenen Gäste -mit einem feinen Diner und mit Sekt; dem Präfekten ließ ich einen -Rosenstrauß überreichen; von dem Empfange waren sie sichtlich gerührt. -Die Schwestern erzählten mir, daß die Schwarzen ihnen schon viel von -der weißen Bibi erzählt hätten, die in Iringa wohne, die lesen und -schreiben könne, stets einen Revolver bei sich trage, sehr langes Haar -und nur einen Mann habe. Daß die vier neuen Bibis auf der Station -großes Aufsehen erregten, ist natürlich; ich hatte große Mühe, unseren -Leuten beizubringen, daß die Schwestern nicht die Frauen der Patres von -der Mission seien.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">21. September 1898.</p> - -<p>In unserem Garten liegen große Stapel von Holzstämmen; die Wahehe -verdienen sich das erste Geld, was sie je in Händen gehabt, mit -Baumfällen; sie sind so eifrig dabei, daß sie mehr anbringen, wie für -die Dachbauten voraussichtlich nötig sein wird. Je nach der Güte der -Stämme erhalten sie ihre Pesas, die sie vergnügt in der Stadt beim -Händler schleunigst wieder ausgeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p> - -<p>Diese Förstertätigkeit macht viel Arbeit, jeder Stamm muß besichtigt -werden, und dann zahlt Tom auch den Leuten selbst aus. Am meisten -beschäftigt ihn jetzt die Steuerfrage! Die Wahehe haben ihre Steuern -reichlich durch Kriegsdienst und Straßenbau abgeleistet, ebenso die -meisten Einwohner unseres Bezirkes. Nur die Leute am Ruaha, die -Wapawegas und andere, die für körperliche Anstrengungen zu schlaff -sind und denen der Chakula sozusagen in den Mund wächst, sollen eine -Naturaliensteuer entrichten. Von den Stadtleuten wird eine Hüttensteuer -erhoben.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">3. Oktober 1898.</p> - -<p>Heute ist unser Freund Kiwanga<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> wieder abgezogen; er kam am 28. v. -M. mit seiner großen Bibi auf Besuch zu uns; wir besuchten ihn auch -einigemal in seiner Tembe. Ein Versuch, sein ausgesprochen jüdisches -Profil durch einen Schattenriß an der Wand zu verewigen, scheiterte -an seiner Beweglichkeit, der photographischen Kamera entging er aber -auch diesmal nicht, trotz seiner herzbewegenden Klage: „Ach Bibi, jeder -Europäer macht Bilder von mir, ich werde alle Tage photographiert.“ -Als ich ihm aber die Bilder zeigte, die ich früher von ihm und seinem -Kriegslager aufgenommen hatte, geriet er doch in die freudigste -Aufregung. Auch unser braver Schnapsel war in diesen letzten Wochen -krank, ein großer Hund hatte ihn in den Hals gebissen; dank der -liebenswürdigen Bemühungen <span class="antiqua">Dr.</span> Drewes und unserer sorgsamen -Pflege kam er wieder zu Kräften; wir hätten den treuen Hausgenossen -doch schwer vermißt. Dem Hühnerstalle hat ein Leopard einen nächtlichen -Besuch abgestattet und 7 Enten mitgenommen; ich glaubte erst, es seien -Diebe gewesen, heute nacht hat er aber wieder einige 30 totgebissen -und zum Teil gefressen, auch meine Puten sind verschwunden; deutliche -Spuren und vereinzelte Federn verrieten aber, daß hier ein zweibeiniger -Spitzbube auf Konto seines vierbeinigen Kollegen gearbeitet hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">11. Oktober 1898.</p> - -<p>Gestern brachte Pater Ambrosius den am Fieber erkrankten Herrn v. -der Marwitz nach der Station und ging mit dessen Stellvertreter, dem -Unteroffizier Künster, wieder auf seinen Posten zurück.</p> - -<p>Ich war in großer Unruhe! Herrn v. der Marwitz’ Fieberanfall hatte -noch in der letzten Woche unseren Arzt sechs Tage lang von der Station -ferngehalten, jetzt gerade, wo ich ärztlicher Hilfe voraussichtlich -bald dringend bedarf! Gott sei Dank, diese Sorge bin ich los, nun geht -das „große Reinemachen“ noch einmal so flott. Es soll wenigstens alles -in Haus und Hof imstande sein, wenn ich nicht jeden Tag selbst mehr -nach dem Rechten sehen kann.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Utengule</em>, 28. -Mai 1899.</p> - -<p>Schwere Zeiten liegen hinter mir, Wochen und Monate so banger, -verzehrender Sorge, wie sie nur einer Mutter beschieden sein -können..... Wir befinden uns auf Safari. Tom hatte schon früher den -Wunsch geäußert, sich die Gegend hier genauer anzusehen, nun sind wir -seit dem 27. April unterwegs.</p> - -<p>Die Landschaft Irole übertrifft an Fruchtbarkeit alle unsere -Erwartungen, sie liegt 1400 Meter hoch und zeichnet sich durch gesundes -Klima und für uns Europäer angenehme Temperatur aus. Am 30. April -besuchten wir das auf einer Anhöhe bei der Residenz des Jumben Kawenda -von Irole gelegene Zelewski-Denkmal: eine 8 Meter hohe Steinpyramide -auf einem 7 Meter hohen Sockel, in welchen eine Kupferplatte mit den -Namen der zehn Gefallenen der unglücklichen Zelewski-Expedition von -1891 eingefügt ist. Mit tiefer Rührung las ich die Namen: vor acht -Jahren fielen zehn deutsche Männer an dieser Stelle im blutigen Kampfe -gegen die Wahehe — und heute stehen wir hier als die Herren des -Landes, und die Wahehe sind unsere tapfersten Kampfgenossen. Das teure -Blut unserer tapferen Landsleute ist nicht fruchtlos geflossen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p> - -<p>Wir schmückten das Denkmal mit Blumen und Laubgewinden und zogen weiter -in die steilen Utshungwe-Berge. Anhaltendes Regenwetter vereitelte aber -Toms Arbeiten, Wegaufnahmen und Kartieren; auch ich hatte natürlich -keine Freude an dieser „Wasserpartie“. Kurze Sonnenblicke, die zuweilen -die Nebelwand zerrissen, ließen erkennen, daß wir uns in fruchtbarem -und eigenartig schönem Berggebiete befanden.</p> - -<p>Sehr überrascht waren wir eines Morgens, als wir aus unserem Zelt -anscheinend in eine Schneelandschaft traten; es war jedoch nur der -frische Morgentau, der auf den dicht behaarten Halmen einer weißlich -schimmernden Grasart glänzte. Die Täuschung war wirklich überraschend. -Auf dem Rückzug aus den Bergen mit vielen Flußübergängen ist mir -besonders eine prächtige Schirmakazie aufgefallen, die ihr flaches Dach -gegen 7 Meter weit nach allen Richtungen hin ausbreitete; leider konnte -ich den stattlichen Baum nicht photographieren, Nebel und Regen folgten -uns auf dem ganzen Marsch bis Malangali.</p> - -<p>Von besonderem Interesse war mir auf dieser Safari, daß wir am 5. Mai -an einem Platze Halt machten, in dessen Nähe ich vor 2½ Jahren mit -Tom nach monatelanger, in dem Fieberneste Perondo unter Angst und -Sorge um sein Leben zugebrachter Einsamkeit wieder zusammenkam. Das -Wiedersehen wog all die sorgenvollen Wochen auf! Noch eine andere -Erinnerung knüpft sich an diesen Platz: hier wurde damals der Askari -meuchlerisch ermordet, das erste Zeichen des beginnenden Aufstandes.</p> - -<p>Zu unserer Begrüßung kam der Jumbe Lupambile aus Mugama, ein Verwandter -des Sultans Kiwanga, ins Lager. Er brachte mir die Hühner und andere -Lebensmittel, die ich vorausgesandt hatte. Ihm vertraute ich meine -beiden jüngsten Pflegekinder an: Mumiri und Mpanga. Wider Erwarten -zeigten sich die beiden Kleinen den Anstrengungen der Safari nicht -gewachsen, die ersten paar Tage hielten sie auf ihren Eseln, die ich -besonders für sie angeschafft hatte, ganz tapfer aus, besonders Mumiri; -das kleine frische Kerlchen klammerte sich mit den Armen um den Hals -seines Grautieres, auf die Dauer freilich wurde ihm diese Stellung<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> -doch zu unbequem; sobald er sich aufrecht setzte, fiel er herunter, -auch wurde er oft von den Bäumen aus dem Sattel gestreift. So war es -denn besser, die Kinder hier zu lassen, umsomehr, als sie bei Lupambile -in bester Hand sind.</p> - -<p>Am 6. Mai rasteten wir am Iragolabach; von der Fülle der herrlichsten -Blumen, Lilien und Orchideen, nahmen wir eine Menge Knollen zum -Einpflanzen mit. Der Zug durch die Landschaft Fuagi war besonders für -unsere Schwarzen beschwerlich, es fehlte an Holz zum Lagerfeuer; die -armen Kerle froren Tag und Nacht. Auch der Übergang über den Uuhai -(Nebenfluß des Ruaha) bot, der steilen Ufer und des weichen Moorbodens -auf unserer Seite wegen, große Schwierigkeiten; die Karawane brauchte -länger als eine Stunde zum Durchwaten, ich „schwebte“ wieder auf den -Köpfen von zwei Askaris über die Flut hinweg; ein besonders langer -Mhehe stapfte hinterher, um die teure Last vor unfreiwilligem Bade -zu bewahren, falls einer meiner beiden Träger im Wasser stolpern -oder fallen sollte. Es ging aber gut ab. Von Wild sahen wir nur ein -Wildschwein und eine Antilope auf einem Felsblock, deren Silhouette -sich scharf gegen den rotglühenden Morgenhimmel abhob — ein prächtiges -Bild. Am Kufaribache (8. Mai) fand sich viel Brennholz; trotz der -milden Sommernacht schichteten die Träger wahre Scheiterhaufen -zusammen, als wollten sie sich nun bei dem reichlichen Holzvorrat -nachträglich noch an Hitze ersetzen, was sie in den holzarmen Strecken -entbehren mußten.</p> - -<p>Am 9. Mai stellten wir die Quelle des Ruaha fest. Wir hielten da -einen Ruhetag, weil Tom Berichte schreiben und seine Beobachtungen -und Aufnahmen in Ordnung bringen wollte. Unser Herbarium erhielt -auch hier reichen Zuwachs; in dem die Ruahaquelle umgebenden Sumpfe -wuchsen wunderschöne Blumen, von denen wir uns einen Vorrat preßten; -freilich mußten wir in dem Sumpf und dem Bache herumwaten. Das ganze -Land ist sehr wasserreich: binnen sechs Tagen mußten wir mehr als 250 -Wasserläufe passieren, zum Teil von ansehnlicher Tiefe. Am 12. lagerten -wir am Malangali-Ruaha, den wir zum Unterschied von unserem großen -Flusse den Ruahabach nannten. Bemerkenswert<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> waren die in der Nähe -befindlichen charakteristischen Erderosionen, wie man sie selten von -solcher eigenartigen Schönheit antrifft.</p> - -<p>Am 14. Mai trafen wir auf Station Malangali ein, wo Herr v. der -Marwitz ein wunderhübsches Offiziershaus mit Wohnzimmer, Schlafzimmer -und Baderaum gebaut hatte. Hier war soeben der arme Geograph Schmidt -am Fieber gestorben. Auch Idunda passierten wir, die Station, welche -Tom seinerzeit eingehen lassen mußte, weil der Platz von Dysenterie -so verseucht war, daß man der Krankheit nicht Herr werden konnte. -Am Sanibach kamen wir in das Gebiet Mereres, nach Ubena. Der -Charakter dieser Landschaft ist ganz verschieden von dem Uhehes, lang -ausgedehnter welliger Steppenhügel mit wenig Wasser, doch fehlt es -nicht an fruchtbaren Stellen. Am meisten fällt der gänzliche Mangel -an Baumwuchs auf, es gibt hier meilenweit weder Baum noch Strauch. -Als Brennmaterial dient der Dünger der Rinderherden, der hier von den -Schwarzen überall gesammelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet -wird. Die Temben sind meist aus Schilf, selten ist einmal ein Holzstab -durchgezogen, den sie sich von weit her holen müssen.</p> - -<p>In Gawiro kam uns Merere entgegen, an der Spitze seines Hofstaates. -Er ist jetzt ganz „Europäer“ geworden, selbst den Gebrauch des -Taschentuches hat er sich angewöhnt. Übrigens spielt er in -seinem, gegen manchen seiner Stammes- und Standesgenossen stark -kontrastierenden Selbstbewußtsein als Sultan eine gute Figur. Mich -behandelte er mit ausgesuchter Höflichkeit; es imponierte ihm, daß ich -lesen und schreiben kann. Als Tom in Ruipa neulich Volkszählung hielt, -sagte Merere: „Wir zählen nicht einmal unsere Rinder, wie sollen wir -unsere Frauen zählen?“ Daß Tom gefragt wird, wieviel Rinder er für mich -bezahlt hat, kommt öfter vor.</p> - -<p>Beim Einzug in Gawiro war feierliche Einholung; von weither kamen -uns die Leute entgegen, in Gawiro selbst offizieller Empfang. Merere -nahm auf dem von seinem Vater ererbten, schön geschnitzten und mit -Metall eingelegten Stuhle Platz, der ihm überall von einem eigens -hierzu angestellten Jüngling nach<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>getragen wird. Wir setzten uns neben -den Sultan. Die Leute knieten nieder, indem sie, die Handflächen -aneinander reibend, die vorgestreckten Arme hin und her bewegten, -und sagten „<span class="antiqua">adse senja</span>“ (Gegrüßt seist du, Rindvieh!), worauf -Merere erwidert: „<span class="antiqua">Guiri juga</span>“ (Guten Morgen, wir grüßen dich!). -Wenn Merere von einer Reise zurückkehrt, wird er mit dem zweimal -wiederholten Rufe begrüßt: „<span class="antiqua">Guage senja</span>“ (Guten Morgen, Rind!), -„<span class="antiqua">Wadjeri Msenga</span>“ (Guten Tag, o Rindvieh!). Die Halle, in der -diese Begrüßung stattfand, war mit Spiegeln an den Wänden, Fellen und -Waffen ganz geschmackvoll ausgestattet. Auch die übrigen Räume fand ich -ganz wohnlich eingerichtet; unter Mereres Stuhl war sogar ein schönes -Leopardenfell als Teppich ausgebreitet. Von besonderem Interesse war -für uns Mereres Haus, da es an den Außenseiten mit Wandmalereien -geschmückt war, die in der ganzen Auffassung des Dargestellten am -besten für die kindlich naive Anschauungsweise unserer schwarzen -Freunde sprechen. Auf den Bildern aus grellbunten Erdfarben, die -der eingeborene <span class="antiqua">al fresco-</span>Künstler sich an Ort und Stelle -zusammengemischt hatte, war Quawa dargestellt, wie er mit Mpangire -und seinen Brüdern zum Kriege auszieht, die Fahne voran; ferner ein -Jäger, der, hinter einem Baum versteckt, auf einen Elefanten schießt; -die Zeichnung des Elefanten, dem der Maler beide Stoßzähne auf die -dem Beschauer zugekehrte Seite gemalt hatte, erinnerte lebhaft an die -naiven Darstellungen auf altägyptischen Bildern; an der Vorderseite -waren zwei große Giraffen aufgemalt. Diese Wandbilder sind im ganzen -Gebiete die einzigen Zeichen von künstlerischer bezw. malerischer -Betätigung; Quawa hatte sie sich auf die Wände seiner Tembe malen -lassen; da sie in der dunklen Halle jedoch nicht zur Geltung kamen, -ließ Merere auf den Außenwänden seiner Tembe dieselben Bilder -anbringen. Bemerkenswert ist auch, daß Merere als erster schwarzer -Herrscher im Innern sich ein zweistöckiges steinernes Haus bauen läßt; -das Aufrichten lotrechter Wände macht ihm freilich viel Kopfschmerzen.</p> - -<p>Mit Herrn v. der Marwitz, der inzwischen eingetroffen, setzten wir -uns weiter in Marsch, und zwar kamen wir nun in wild<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>reiche Gegend; -besonders die Zebras, denen ich auf meinem Maultiere mich bis auf -etwa 100 Meter nähern konnte, boten einen prächtigen Anblick; die -mit Leierantilopen vermischten Herden formierten sich manchmal -wie eine Kavallerie-Brigade mit vorgezogenen Kommandeuren und -Adjutanten. Bei Usafa, etwa drei Stunden nördlich von Gawiro, geht das -charakteristische weitgewellte Ubena-Grasland der Uheheberge auf, und -es beginnt die Tischplatten-Niederung des Mpangali oder großen Ruaha, -welche zunächst bis zur größten Ortschaft Kiwere mit Busch und Strauch -bedeckt ist. Über Kiwere hinaus, und zwar bis an den Usafaabfall im -Westen, die Vorhügel von Niam-Niam im Norden, an die Irongoberge -im Osten, dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine gewaltige, fast -baumlose Ebene aus, die zwar in der Regenzeit mit Gras bestanden, -aber in den trockenen Zeiten, namentlich nach den Grasbränden, -unbeschreiblich öde wäre, wenn nicht die kolossalen Wildherden Leben -in das Bild brächten. Verschiedentlich glaubte ich noch aus 1500 -Meter Entfernung, mitten in der gelben Ebene, eine lange Strecke -Buschwald vor mir zu sehen, der sich aber bei Annäherung als eine etwa -1000 Stück starke Herde von vorherrschend Zebras und Leierantilopen -auswies. Rhinozeros und Elefanten sind auch nicht selten, während Löwen -nachgerade hier zu Hause zu sein schienen. Merere wurde eingehend über -den Wert des Zebras belehrt. Am Mpangali selbst liegen keine Dörfer, -wohl aber ist eine Reihe Niederlassungen, meist Neuansiedelungen, durch -Merere ein bis zwei Stunden vom Flusse ab in der Steppe verstreut; nur -am linken Ufer ist die Steppe von Ulanga westlich menschenleer und fast -ohne Wald. Bei Ulanga, einer Niederlassung mit 60 Hütten, trennten wir -uns am 19. Mai 1899. Merere ging auf direktem Wege nach seiner neuen -Residenz Utengule, um Vorbereitung zum Schauri zu treffen.</p> - -<p>Am Ruaha schlugen wir unser Lager auf, an der einzigen Stelle, wo der -Fluß einigermaßen passierbar ist; die vielen Krokodile, die sich hier -aufhalten, machen den Übergang doch etwas riskant, ich balancierte, -die Füße auf den Hals meines Maul<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>tieres gelegt, glücklich und ohne -weitere Anfechtung hindurch. Dann trafen wir nach kurzer Mittagspause -Vorbereitungen zur Kibokojagd (Nilpferd). Ich war in keiner geringen -Aufregung: zum erstenmal auf Flußpferde pürschen — da darf man schon -Jagdfieber haben.</p> - -<p>Wir waren kaum 300 Meter am Ufer entlang gegangen, als wir auch schon -die ersten Tiere sahen: prustend kamen zwei unförmliche Schnauzen -aus dem Wasser, um nach ein paar schnaufenden Atemzügen rasch wieder -unterzutauchen. — Hier faßte Herr v. der Marwitz Posten, während Tom -und ich weitergingen. Bald fanden wir eine ganze Familie: die Alten -scheu und vorsichtig immer nur auf Augenblicke den Kopf aus dem Wasser -reckend, die Totos dagegen vergnügt und sorglos herumplätschernd. Wir -beobachteten eine Zeitlang das interessante Bild, als plötzlich von -der Seite unseres Jagdgenossen ein Schuß fiel, dem bald noch mehrere -folgten. Jetzt galt es auch für uns, zum Schusse zu kommen, ehe die -Dickhäuter sich von dem Knall verscheuchen ließen. Ich stellte mich -hinter Tom, um ihm rasch die Patronen zureichen zu können. Es war -nicht ganz leicht, den stärksten Kopf von den oft nur sekundenlang -auftauchenden Ungetümen aufs Korn zu nehmen, und es dauerte lange, -bis Tom endlich schoß. Das getroffene Tier warf sich hoch auf aus dem -Wasser, schlug mit den kurzen plumpen Beinen und versank dann lautlos; -wir hatten die Kugel dicht unter dem Auge einschlagen sehen, wenn es -also nicht zu weit abtrieb, mußten wir das Tier finden.</p> - -<p>Die badende Kibokoherde hatte eine Anzahl Krokodile angelockt, von -denen Tom eins, welches auf einer Sandbank am Ufer sich sonnte, zur -Strecke brachte; es war ein stattlicher Bursche.</p> - -<p>Herr v. der Marwitz hatte Glück gehabt, sein Kiboko hatte ihm den -Gefallen getan, angeschossen auf das Ufer zu klettern, wo er ihm den -Fangschuß geben konnte. Angesichts dieses Kolosses wurden wir doch -zweifelhaft, ob unser Kiboko auch wirklich tödlich getroffen wäre; es -ließ Tom keine Ruhe, und so ging er denn selbst noch einmal, um den -Fluß abzusuchen; sehr vergnügt<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> kehrte er mit der Nachricht zurück, daß -auch unsere Jagdbeute glücklich auf einer Sandbank im Strome gestrandet -sei.</p> - -<p>Am anderen Morgen galt es, die beiden Kolosse und das Krokodil zu -bergen. Das war keine leichte Arbeit; unsere Leute strengten sich -gewaltig an, die starren, unbeweglichen Fleischkolosse durch den Fluß -und die Uferhöhe hinauf zu schleppen; die Aussicht auf den seltenen -Überfluß an Fleisch schien ihnen Riesenkräfte zu verleihen.</p> - -<p>Die Nachricht von unserem Jagdglück hatte sich mit Windeseile in der -Gegend verbreitet, von allen Seiten kamen Einwohner der umliegenden -Dörfer, um von der Beute ihr Teil zu holen. Ehe wir sie ihnen -überließen, photographierte ich die beiden Kibokos und das Krokodil; -dann wandten wir uns ab von dem scheußlichen Anblick dieser gierigen, -heulenden, hungrigen Schar, die mit Messern, Äxten und Speeren in dem -Fleische der toten Tiere herumwühlte und sich um die besten Stücke -zankte.</p> - -<p>Nur mit Mühe brachten die Wasagiras, die sich vorher schon über die -Verteilung des Fleisches geeinigt hatten, Ordnung in dieses tobende -Chaos.</p> - -<p>Während hier der tollste Lärm um unsere Riesenbeute tobte, saß Herr v. -der Marwitz unweit davon am Ufer und holte mit seiner Angelschnur in -größter Seelenruhe Fisch auf Fisch aus dem Wasser, die uns zu Mittag -vortrefflich schmeckten.</p> - -<p>Nachmittags passierten wir, nachdem wir den Fluß nochmals -durchschritten, eine Stelle, an der Herr v. der Marwitz vor einigen -Monaten 32 Flußpferde erlegt hatte; die von den Hyänen abgenagten -Knochenhaufen machten einen unheimlichen Eindruck. Kurz darauf -kamen wir nach Ulanga, einem Dorfe mit runden Hütten. Am anderen -Morgen großer Alarm: soeben war ein Trupp Elefanten dicht am Dorfe -vorbeigelaufen, in der Ferne konnten wir sie noch sehen! Eine -Verfolgung blieb, wie zu erwarten, ohne Erfolg, nur einen Antilopenbock -brachte Tom zur Strecke. Mehr Glück hatten wir später in der Nähe -einer kleinen Ansiedelung von acht Hütten, Karadja; dort konnte ich -eine Strecke photographieren, bestehend aus 1 Zebra, 1 Kuhantilope,<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> -3 Nämära, 1 Swala, 1 Schwarzfersenantilope. Die Leute leben hier fast -ausschließlich von der Jagd, Feldfrüchte bauen sie fast gar nicht, -tauschen solche vielmehr in den Nachbardörfern gegen das Fleisch ihrer -Jagdbeute ein, und damit ist beiden Teilen aufs beste geholfen.</p> - -<p>Im weiteren Verlaufe unseres Marsches hatte ich Gelegenheit, mich dicht -an einen größeren Trupp von Zebras anzupirschen und die prächtigen -Tiere lange zu beobachten; ein wunderbares Bild: die zierlichen Tiere -fühlten sich ganz sicher, die Fohlen spielten und sprangen um die alten -Tiere herum, die sorglos grasten; erst als mein Maultier hart auf einen -großen Stein auftrat, schraken sie zusammen und wurden flüchtig.</p> - -<p>Das wichtigste Ereignis stand mir jedoch noch bevor. Etwa 150 Schritt -abseits unseres Weges stieg plötzlich eine schwarze Wolke von Aasgeiern -auf, dort mußte also ein ausgiebiger Futterplatz sein. Aber sollten -wir auf diese Entfernung hin das Frühstück gestört haben? Ich schickte -einen Wahehe nach der Richtung, doch der war kaum in die Nähe gekommen, -als sich plötzlich ein mächtiger Löwe aus dem hohen Grase erhob! Es -war ein prachtvolles starkes Tier mit dichter Mähne, die er zornig -schüttelte. Der Wahehe stand vor Schreck wie festgenagelt, und ich -meinte nicht anders, als daß der Löwe ihn im nächsten Augenblicke -unter seinen Pranken haben würde — aber ich hatte den Wüstenkönig -überschätzt. Ehe noch Tom aus dem Sattel und mit der Büchse zur Stelle -war, hatte der Löwe sich schon bis auf etwa 300 Schritt entfernt; dann -wandte er sich wieder und äugte nach uns herüber, sobald wir ihm aber -folgten, brachte er immer größere Strecken zwischen sich und uns, bis -er endlich am Horizonte verschwand.</p> - -<p>Das ganze Benehmen deutet auf alles andere, als auf die vielgerühmte -Tollkühnheit und Tapferkeit des sogenannten „Königs der Tiere“ — mir -kam es erbärmlich feige vor, als das kraftvolle stattliche Tier Reißaus -nahm. Unverbesserliche Optimisten mögen darin vielleicht ein Zeichen -der sprichwörtlichen „Großmut“ erkennen, daß er sich nicht auf den -Wahehe stürzte. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> Urteil über die bewundernswerten Eigenschaften -des Wüstenkönigs scheint mir nach allem, was unsere „Afrikaner“ davon -erlebt und erzählt und was ich selbst von ihm gesehen habe, sehr der -Revision bedürftig. Jedenfalls darf man den Begriff „König“ nicht in -dem Sinn auffassen, wie wir Europäer das zu tun gewohnt sind; man kommt -der Sache schon besser bei, wenn man den Begriff nach dem Beispiele der -sehr ehrenwerten Mitglieder des Pickwick-Klub „<span class="antiqua">in a Pickwickian i. -e. African point of view</span>“ nimmt.</p> - -<p>Da Tom für seine kartographischen Aufnahmen den Fluß als Basis -benutzen wollte, hielten wir uns die nächsten Tage am Ruaha auf. Noch -am Vorabende unseres Aufbruches, am 24. Mai, hatte ich Gelegenheit, -mich auf eine Kibokofamilie anzupirschen, die sorglos im Strom badete. -Ich muß gestehen, daß ich in nicht geringer Aufregung war, als ich -zum ersten Male die Büchse erhob, das Herz schlug mir hörbar bis -zum Hals hinauf, so daß ich mein Ziel, den in kurzen Zwischenräumen -auftauchenden Kopf meines Wildes, kaum fest in die Visierlinie bringen -konnte: ich hatte das richtige Büchsenfieber! Endlich, als sich meine -Nerven beruhigt hatten, paßte ich meine Gelegenheit ab; ich blieb im -Anschlag liegen, bis der ungefüge Kopf des zur Beute erkorenen Tieres -aus dem Wasser auftauchte, und diesmal ließ ich ihm keine Zeit, mich -wieder zu necken; noch ehe er wieder im Wasser verschwinden konnte, gab -ich Feuer — die Kugel schlug dicht über dem rechten Auge ein, und mein -Kiboko verschwand im Wasser! Wenn ich auch meiner Sache ganz sicher -zu sein glaubte, daß der Schuß gut gesessen, war ich doch in großer -Spannung, in die sich allmählich auch gelinde Zweifel mischten, ob wir -das Tier finden würden, um so größer daher meine Freude, als unsere -Leute mit Jubelgeschrei verkündeten, daß mein Kiboko mit weidgerechtem -Kopfschuß etwas weiter stromabwärts an einer Sandbank angetrieben sei.</p> - -<p>Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im -Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend -durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als -afrikanische Staffage belebt dies in<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> majestätischer Ruhe vor uns -ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im -Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen -nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die -kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln — es war -ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren -Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper -und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die -tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille -Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben -jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden -und — Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen -machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der -Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den -unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest -und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück -auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem -ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes, -soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es -mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all -ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das -schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem -Lande erkaufen mußte.</p> - -<p>Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft -und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen -unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles -birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe -sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit -dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte; -die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren -flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> sonnten; Tom schoß -zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der -Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar -gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren -wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als -Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht -der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden -die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere -wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod -zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden -verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle, -auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband -gehörte mit zu den Attributen seiner Würde.</p> - -<p>Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen -<span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir -im weiteren Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen -konnten. Wir verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe -Stunden. Von allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden, -war der Tanz seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die -anstrengendste für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24 -Stunden! Wir sahen sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das -Geschrei dieser schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe -hinein. Übrigens stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von -sämtlichen jungen Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu -nennen war.</p> - -<p>Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine -etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte -Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz -seiner Mutter. Die alte Dame — man kann diesen europäischen Begriff in -der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung -auftretende Mutter des Sultans anwenden — machte auf uns den besten -Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> mit -ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die -kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres -Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl -setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch -die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899.</p> - -<p>Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die -schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten -Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich -wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni -in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum -Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest -unserer Safari noch tragen lassen muß.</p> - -<p>Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_7" name="ende_kap_7"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 7" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s202_kopfstueck" name="s202_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 202" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"><span class="kap">Achtes Kapitel.</span><br /> -Abschied von Iringa. Auf der Heimreise.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Iringa</em>, 25. -September 1899.</p> - -<div class="dc"> - <a id="s202_initial" name="s202_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s131_initial.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>tarkes Erdbeben. Wie die Wahehe erzählen, werden Erdstöße hier öfter -beobachtet. In der Tat hatten solche auch in den Tagen nach Quawas Tod, -vor Jahresfrist etwa, stattgefunden; dieses Naturereignis war damals -von den Wahehe mit dem politischen Ereignis des Todes des gewaltigsten -Negersultans in ursächlichen Zusammenhang gebracht worden.</p> - -<p>Am 22. November traf die Genehmigung von Toms Urlaubsgesuch ein. Seit -der Rückkehr von unserer Safari, am 21. Juni, war ich krank, wochenlang -nicht imstande, das Bett zu verlassen, es war eine furchtbare Zeit. -Auch Toms Gesundheit war infolge der Strapazen der letzten Jahre so -erschüttert, daß er, wenn auch schweren Herzens, den schönen Beruf, -dem er mit Leib und Seele angehörte, wohl aufgeben müssen wird. Ein -längerer Urlaub in der Heimat wird, so Gott will, uns beide wieder -für die Aufgabe stärken, die wir uns infolgedessen gestellt haben: -fernerhin als deutsche Landwirte und Kolonisten in diesem Lande zu -wirken. — Nun geht es ans Einpacken. Die Hauptsorge, wo bleiben meine -Totos, meine kleinen schwarzen Pflegekinderchen, ist auch glücklich -gelöst. Missionar Neuberg wird sie bis zu unserer Rückkehr in Pflege -nehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">Weihnachten.</p> - -<p>Den heiligen Abend verlebten wir still für uns. Die beiden Feiertage -folgten wir einer Einladung nach der katholischen Mission, wo die -erste Taufe an erwachsenen Eingeborenen stattfand. Abends hatten die -lieben Schwestern der Mission es sich nicht nehmen lassen, uns einen -Weihnachtsbaum zu schmücken, sie und Pater Severin hatten allerhand -hübsche Weihnachtsüberraschungen für uns in Gestalt von geschnitzten -Holzgeräten, wie Näpfe, Löffel und dergleichen, in deren Anfertigung -die Wahehe sehr geschickt sind.</p> - -<p>Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im -vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten -wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das -heilige Abendmahl genommen.</p> - -<p>Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der -Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns -herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden -sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie -hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von -dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen. -Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es -eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung -hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus -einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei -den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten -vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein.</p> - -<p>Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten -noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten -mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es -mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine -Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute. -Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter -militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt -eine Ansprache an die<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> Askaris, in der er betonte, er freue sich, -seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu -können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte -er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner -auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe -unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann -durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der -schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich -gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit -Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden -Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des -Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die -Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern -Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg -hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten, -dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer -begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine -Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren -benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter -und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte.....</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">5. Januar 1900.</p> - -<p>Der steile Abstieg liegt hinter uns. Das waren anstrengende Tagemärsche -und noch dazu in strömendem Regen. Das Gebirgsland Uhehe liegt hinter -uns, jetzt nähern wir uns wieder der Ebene. Der Temperaturunterschied -ist bereits fühlbar, die frische, reine Bergluft werden wir nun nicht -wieder atmen, die Ebene mit ihren warmen, fieberbergenden Ausdünstungen -macht sich geltend. Ich ließ unsere Karawane an mir vorüberziehen, -Träger, Askaris mit ihren Frauen und Boys, alles in allem etwa 150 -Menschen; unter ihnen die Witwe eines unserer Askaris, eine Sudanesin, -die nach dem Tode ihres Mannes wieder in ihre Heimat zurückkehren will; -sie hat mir oft in Haushalt und Küche geholfen, bei<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> dem Begräbnis -ihres Mannes schloß ich mich dem Gefolge an, nicht als <span class="antiqua">Bibi -Kwubwa</span> („gnädige Frau“), sondern als Leidtragende, was ihr damals -von den anderen Frauen als hohe Ehre angerechnet wurde, jetzt geht sie -unter meinem Schutze zurück zur Küste.</p> - -<p>Die Jumben aus der Umgegend stellen sich alle ein, um uns glückliche -Reise zu wünschen; dabei tauschten wir alte Erinnerungen aus, wie sie -uns damals feindlich gegenüberstanden, als Quawas Einfluß noch wirksam; -ich frug sie, warum sie mich damals in Perondo nicht angegriffen -hätten, obgleich sie wußten, daß Tom auf einem Kriegszuge abwesend -war; die Antwort lautete wieder: wir hatten Furcht vor dir, man hatte -uns überall gesagt, du würdest uns alle töten! Nähere Erklärungen -über diese heikle Frage vermied ich mit diplomatischer Gewandtheit, -im Stillen segnete ich aber die Urheber jenes Gerüchtes, dem ich es -verdanke, daß ich mich jetzt wohlbehalten auf der Heimreise befinde. -Von großem Interesse ist es mir, aus Toms und der Jumben Unterhaltung -zu hören, wann und wie nahe wir uns oft gegenübergestanden haben; -das wird jetzt alles mit einer Gemütlichkeit und einem Interesse -verhandelt, als gälte es einem Jagdzuge auf Kibokos und nicht dem -Vernichtungskampfe auf Leben und Tod. Gott sei Dank, daß wir jetzt so -ruhig über jene Zeit reden können.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mgowero</em>, 6. -Januar 1900.</p> - -<p>Der Übergang aus dem gesunden Gebirgsklima Uhehes zur heißen Ebene -macht sich geltend; der heutige Marsch in der Glühhitze war furchtbar. -Als wir am Lagerplatz unser Zelt aufschlagen ließen, stürzte einer der -Leute vom Hitzschlag getroffen und starb trotz aller angewandten Mittel -bald. Seine Frau wollte mit ihrem Jungen, einem allerliebsten kleinen -Bengel von drei Jahren, bei der Leiche zurückbleiben, doch redete ich -ihr so lange zu, bis sie sich entschloß, mit mir weiterzuziehen; was -wäre aus dem armen Weibe in der Wildnis geworden?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">7. Januar 1900.</p> - -<p>Übergang über den sehr breiten, aber nicht tiefen Ruaha, in etwa 500 -Meter Meereshöhe. Der Abstieg zum Teil ungemein steil, die Hitze nimmt -zu. Die Vegetation zeigt schon ein ganz anderes Bild; die herrlichen -Pelargonien, die in Irole so üppig wuchsen, daß ihre Blüten die -Hügel und Abhänge ringsum wie mit Rosa überzogen erscheinen ließen, -sind verschwunden. Der gestrige Todesfall hat bös auf die allgemeine -Stimmung gewirkt, heute sind uns zwei Träger fortgelaufen; die Hitze -wird immer fühlbarer; der schöne Algierwein, der all die Jahre über -unsere Freude und Stolz gewesen, will nicht mehr schmecken, dagegen -steigt der beinahe verächtlich behandelte Moselwein in unserer -Sehnsucht; überhaupt kommt alles Saure und vor allem Früchte zur -Geltung, während uns Fleisch anwidert.</p> - -<p>Unter dem Allerleirauh unserer Karawane zeichnet sich ein -Wanjamwesi-Ehepaar aus; sie hilft ihrem Manne beim Tragen der Last, -im Lager geht sie mir viel zur Hand; ein angenehmer Gegensatz zu den -meist so faulen Weibern unserer Soldaten. Die Jumben mit ihrem Anhange, -die uns hier besuchen, zeigen auch schon einen von den schneidigen -Wahehe in den Uhehebergen ganz verschiedenen Typus; Jumbe Musaka von -Marore, der heute im Lager war, machte ganz den Eindruck eines alten, -gemütlichen Bierphilisters; nichts mehr von jenem stolzen, natürlichen -Selbstbewußtsein, das unsere stattlichen Wahehe so ungezwungen zur -Schau trugen; das heiße Klima der Ebene erschlafft.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">8. Januar 1900.</p> - -<p>Wir passierten das Dorf Marore; hier waren die Hütten schon alle aus -Stroh gebaut, nichts erinnert mehr an die Bergstämme von Uhehe. Das -Land ist von üppigster Fruchtbarkeit, wir sehen viele Ziegen, aber -keine Rinder.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kisenguana</em>, 9. -Januar 1900.</p> - -<p>Toms Geburtstag! Mein armer Mann ist leider wieder sehr elend, das -Fieber hat ihn auf unserem Marsche noch kaum einen Tag verschont. So -feierten wir den Tag recht still.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ndisi</em> (auf -Deutsch „Bananen“), 10. Januar 1900.</p> - -<p>Leider sind die Bananen noch nicht reif. Sehr zustatten kommen uns -die Rasthäuser, die auf der Strecke angelegt sind, man findet nach -dem heißen, anstrengenden Marsche doch gleich einen schattigen, -kühlen Aufenthalt unter dem Schutze dieser weiten Strohdächer; die -ganze Karawane, Menschen und Vieh, drängt sich um diesen gegebenen -Mittelpunkt zusammen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Mangatua</em>, 11. -Januar 1900.</p> - -<p>Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam -uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef -Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei -Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg -ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und -Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum -Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben -Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist -hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen, -die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund -mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk -in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat. -Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von -Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er -zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer -Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache -des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß -die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den -angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kilossa</em>, 12. -Januar 1900.</p> - -<p>Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis -3½ Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> Station Kilossa, -die er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die -schöne Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die -liebenswürdigste Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer -freudigen Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen -hier die Leutnants Sand<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> und Pfeiffer<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>, die, von Dar-es-Salaam -kommend, auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister -Asp, der nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes -Kommen und Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer -Gastfreunde einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien -Gäste für sie ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel -und <span class="antiqua">Dr.</span> Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns -hergerichtet; wir wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen -wir uns den Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst -vergnügt.</p> - -<p>Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes, -den Pater Oberle, auf seiner Station <em class="gesperrt">Mrogoro</em> zu begrüßen, bis -wohin unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das -Geleite gegeben hatte.</p> - -<p>Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene -unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem -aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche -Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen, -Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen, -ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste -Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen -habe, 46 <span class="antiqua">m</span> lang, 10 <span class="antiqua">m</span> breit, 8 <span class="antiqua">m</span> hoch. Der Pater -Superior ließ die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend, -wie hübsch die deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob -konnten wir aber<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes -Orgelspiel spenden. Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit -1892 befreundet, als Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am -Abend trennten wir uns von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch -länger beherbergt hätte.</p> - -<p>Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir -ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das -Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer -Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich -bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen -biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen -alten Dame.</p> - -<p>Am 17. waren wir in <em class="gesperrt">Mrogoro</em>. Unser Lager ist wieder der -Sammelplatz aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die -Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen -ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden -wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging -es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“ -ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden. -Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei -Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam -auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt -ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird -erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und -instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis -mehr, da man sie dann umgehen kann.</p> - -<p>Am 18. passierten wir <em class="gesperrt">Kiroka</em>, das „Pensionopolis“ unserer -Askaris, von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier -angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen -uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten -wir in Kikundi. Von hier aus wird<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> die Gegend ganz eben, die Rasthäuser -sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird -selten.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Sabiro</em>, 19. -Januar 1900.</p> - -<p>Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch -das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege -tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam, -ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum -noch gerechnet.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Geringeri</em>, 20. -Januar 1900.</p> - -<p>Die erste verheiratete Europäerin, die ich seit vier Jahren sah. -Leutnant v. Trotha, auf dem Marsche nach dem Kivu-See, und Sergeant -Heß, dieser mit seiner Frau auf dem Wege nach Tabora, kamen heute hier -an; wir bewirteten sie bei uns; sie ist die erste Unteroffiziersfrau, -die nach einer der Stationen im Innern geht, eine stattliche, große -Erscheinung, blond, von energischem Wesen; sie scheint mir für die -Verhältnisse im Innern sehr gut geeignet, und das Beispiel einer -rührigen, praktischen Hausfrau wird bei dem bekannten Nachahmungstriebe -der Neger, die gern sich nach den Gebräuchen der höherstehenden weißen -Rasse richten, sicher gute Früchte tragen.</p> - -<p>Am 21. waren wir in <em class="gesperrt">Kigongo</em>, am 22. Ruhetag.</p> - -<p>Am 24. Januar bei <em class="gesperrt">Msenga</em>, besonders heißer Marschtag, aber -auch besonders merkwürdig; wir erreichten den ersten Kilometerstein, -80 <span class="antiqua">km</span> von Dar-es-Salaam!! Da waren wir also glücklich wieder -an der Grenze der Zivilisation angelangt; ich glaubte, meinen Augen -nicht trauen zu dürfen, als sich plötzlich dieses altgewohnte Zeichen -deutscher Kultur an unserer Karawanenstraße erhob. Wie wir als Kinder -oft auf der Landstraße die Schritte von einem Meilenstein zum anderen -gezählt hatten, so kontrollierten wir nun hier, mit der Uhr in der -Hand, die Zeit, die wir für jeden Kilometer brauchten; das Ergebnis war -erfreulich, wir machten den Kilometer durchschnittlich in 10 Minuten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1">25. Januar 1900.</p> - -<p>Nach fünfstündigem Marsche wohltuende Ruhe. Wir besuchten einen unserer -früheren Unteroffiziere, Sabatke, der sich hier angesiedelt hat, und -freuten uns der hübschen Häuslichkeit, in der eine deutsche Hausfrau -waltet. Das Heim, das sich diese jungen Ansiedler geschaffen, blitzt -und glänzt von Sauberkeit, unter schattigen Bäumen Tische und Stühle -mit zierlichen weißen Decken, und ringsum das lebhafte Treiben und -Lärmen des gutbesetzten Geflügelhofes mit Hühnern, Enten und Tauben, -auch die Esel gaben ihr Teil zu dem ländlichen Konzert. Nach einem -letzten Wegetrunk nahmen wir Abschied von unseren Landsleuten und -kehrten nach dem Lagerplatz zurück, wo wir unsere Leute in freudiger -Aufregung bei großen Mengen von Reis fanden, an denen sie sich für die -Entbehrungen auf dem Marsche schadlos hielten. Es war doch oft bei -ihnen recht knapp zugegangen, doch nun winkt ja das Ende: wir sind an -der Küste.</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Kisserawe</em>, 26. -Januar 1900.</p> - -<p>Auf der Evangelischen Mission. — Wie schön ist es hier, ein irdisches -Paradies — und doch lauert der Tod ringsum in dem Schatten der Bäume, -noch hat das Fieber hier seine Stätte.</p> - -<p>Man kann den Opfermut der Missionare nicht genug bewundern, mit dem -sie den schier aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind -aufnehmen, jeder Fuß breit Landes wird schwer erkämpft, Grabsteine -bezeichnen die Etappenstraße, auf der die Kultur ihren Einzug hält. -Auf der Station herrscht reges Leben, eine Welt im kleinen hat sich -hier gebildet, überall wird gearbeitet, denn die Väter führen ihre -schwarzen Pflegebefohlenen recht eigentlich im Geiste des „Bete und -arbeite“ dem Christentum zu. Tischler und Drechsler, Schmiede und -Zimmerleute und was sonst noch alles für Handwerker beim Bau und der -Entwicklung der Station gebraucht werden, haben sie sich aus dem -spröden, aber bei verständnisvoller Behandlung doch bildungsfähigen -schwarzen Menschenmaterial herausgemodelt. Ein schönes<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> Haus mit Türen -und Fenstern zeugt von dem erzieherischen Wirken unserer evangelischen -Mission; der Segen der Arbeit ruht sichtbar auf ihrem Tun. Nachdem -uns die Kinder noch mit einigen deutschen Gesängen erfreut, nahmen -wir Abschied von den gastfreundlichen Missionaren und gingen nach -unserem Lagerplatze bei Pugu, der Versuchsstation für Viehzucht, die -Gouverneur Liebert angelegt hat. Dort trafen wir Herrn Leopold, der aus -Dar-es-Salaam zur Besichtigung der Station gekommen war, und verlebten -einen fröhlichen Abend.</p> - -<p>Der Gegensatz der abwechselungsreichen Geselligkeit der letzten Tage -zu dem oft monatelangen Entbehren europäischer Gesellschaft — für uns -während der letzten vier Jahre doch eigentlich der Normalzustand — -wirkte geradezu aufregend; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt -erschien uns aber der erste Reitersmann, der unbehindert durch Träger, -Askaris, Weiber und Boys wohlgemut sein Rößlein tummelte — wir sind an -der Küste!</p> - -<p class="s5 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dar-es-Salaam</em>, -Kaisers Geburtstag, 1900.</p> - -<p>Wir sind da! Der erste Abschnitt unserer afrikanischen Tätigkeit ist zu -Ende. Morgen gehen wir an Bord des „Herzog“, der uns der alten Heimat -zuführen soll. Nicht für immer, ein Erholungsaufenthalt von einigen -Monaten soll meinem Gatten, den Asthma und Fieber in den zehn Jahren -seiner ostafrikanischen Tätigkeit bös mitgenommen haben, und auch mir, -an der diese vier Jahre Ostafrika nicht ohne Spuren vorübergingen, -frische Spannkraft verleihen zu unserem Lebensziel: als deutsche -Landwirte in friedlichem Wettstreite an unserem Teil mitzuarbeiten an -der wirtschaftlichen Erschließung unseres <em class="gesperrt">deutschen</em> Afrika.</p> - -<p>Dazu wolle Gott uns seinen Segen geben!</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_8" name="ende_kap_8"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 8" /></a> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p212b" name="p212b"> - <img class="mtop2" src="images/p212b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">  <span class="s5">Massow<span class="mleft2">Frau v. Prince</span></span><br /> - <span class="s5">Hasso   <span class="mleft3">Adalbert</span></span><br /> - Frau v. Prince mit ihren Kindern.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_213">S. 213</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s213_kopfstueck" name="s213_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/s131_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 131" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel"><span class="kap">Neuntes Kapitel.</span><br /> -Wie unsere Plantage entstand.</h2> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="s213_initial" name="s213_initial"> - <img class="mtop-0_5 hi6" src="images/s213_initial.jpg" alt="V" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">V</span>orstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten -geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche -Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat -gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im -gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs, -von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher -Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen.</p> - -<p>Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen -sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk. -Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in -den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus -Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter, -sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen -und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man -all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann -mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt -verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte -ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe, -mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo -aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte, -den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der -schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm -hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p> - -<p>Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste -Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des -damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt -in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der -Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v. -Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging. -Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen -hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen.</p> - -<p>Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller -begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte, -die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der -Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft, -die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, — es ist immer wieder, -als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen — -begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir -von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen -Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste -aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen.</p> - -<p>Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika -Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa -1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das -Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns -zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte -uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich -steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir -ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem -Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb, -weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe -zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist -auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit -vor der<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit -steten Einfällen drohten.</p> - -<p>Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen -vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten -Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser -Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es -richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man -achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten -stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine -scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß -man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß.</p> - -<p>Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage -gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als -im lieben alten Deutschland.</p> - -<p>Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem -angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene -kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf -eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu -bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen -besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für -irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf -einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre <span class="antiqua">Bibi</span> (Frau) -sein.</p> - -<p>So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten -Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es -bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit -der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird -man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben -müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen -zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang -zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und -die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den -anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar.<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> Während von dem -von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite -suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und -schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder, -und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material, -das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es -wieder und wieder heißt: „Heut sind vier — sechs — zehn Arbeiter -verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung. -Gewiß — auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der -Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb -des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren, -wo er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei -kommt eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika, -nämlich zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos. -Ich hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für -unsere Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in -der Not meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe -bringen. In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten — aber -als ich sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich -darauf, ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum -baten. Jetzt läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „<span class="antiqua">Cherchez -la femme.</span>“ —</p> - -<p>Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere -zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager, -nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine -Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel -harter Arbeit — und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig -zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die -Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich -ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um -unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den -Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf -gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten -fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden -Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und -Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt — manchmal kam mir’s -vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p216a" name="p216a"> - <img class="mtop2" src="images/p216a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Ziegeltrocknen in der Sonne.<br /> - <span class="s5">Im Hintergrunde die Schuppen.</span><br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_223">S. 223</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p216b" name="p216b"> - <img class="mtop2" src="images/p216b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Landschaft in West-Usambara.<br /> - <span class="s5">Im Mittelgrund Wasser tragender Küchenboy.</span><br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_226">S. 226</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p> - -<p>Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die -Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer -genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale -siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn -solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er -geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten -Schaden an.</p> - -<p>Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des -Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie -eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich. -Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände -gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert; -wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige, -Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen -erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des -Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich -die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch -gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt -schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald -kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt. -Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute -unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches -Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte -Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt.</p> - -<p>Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange -noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“. -Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter -nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> Köpfen herangeschleppt. -Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs -des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein -stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit -Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen -Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der -starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall -mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die -Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei -nasser Erde verklebt.</p> - -<p>Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den -festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten -wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten -und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen, -Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar -auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen.</p> - -<p>Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr -Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen -absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam, -daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können. -Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten -brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus -und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner -Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich -und täglich neue Freude an jedem Fortschritt.</p> - -<p>In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar -nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich -bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt -hatten; wie empfanden wir’s, als wir — das Angenehme immer gern dem -Nützlichen zugesellend — uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes -Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen -mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> -Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über -romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor -allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum -ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der -Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von -denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch -durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit -Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte!</p> - -<p>Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden.</p> - -<p>Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an, -der Assistent — wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor -sagen; natürlich ein Weißer — trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein. -Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen, -und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine -Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. — Nach -dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten -Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine -besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen, -und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt -der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die -Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der -Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im -letzten Augenblick springen die Schläger — sechs Mann z. B. bei einem -Stamm von etwa drei Meter Umfang — geschickt zur Seite und begleiten -das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die -Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das -Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor, -ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des -Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg.</p> - -<p>Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen -die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> und -Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten, -die Steinschläger und Ziegelformer — denn wir arbeiten ja nun auf -das wirkliche Haus los —, endlich der große Trupp, der den Spuren -der Axtschläger folgt. Es beginnt der <em class="gesperrt">erste</em> Kleinschlag am -gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das -Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt.</p> - -<p>Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder -die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter -erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt -übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort -unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt -sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in -undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu -Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken -ausschauen.</p> - -<p>Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum <em class="gesperrt">zweiten</em> -Kleinschlag. Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren -Äste fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest -in kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen -die Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den -Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende -Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben -und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der -beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn -unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt -aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen -Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen -nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei -bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen -Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein -gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große -Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich -kann es mit gutem Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>wissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute -existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht -vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den -Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht -nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von -den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man -kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus. -Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden, -für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie -stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig <em class="gesperrt">gerechte</em> Behandlung hat -er Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn!</p> - -<p>Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir -bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier. -Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten -Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt -werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde -stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 <span class="antiqua">cm</span> tief und -60 <span class="antiqua">cm</span> breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde -auszufüllen sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die -Beete, denn die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat -sich nach einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes -Wetter, so kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen, -die in den Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden -herausgenommen und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie -an mit unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. — aber ich will hier -keine Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten, -das ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug.</p> - -<p>Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten -Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat — von der -Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal -gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich -noch weit mehr überraschten, als das Auftreten<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> der Heuschrecken -selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie -übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel -abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines -Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die -Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber -noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von -Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran. -Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten -sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe -nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit. -Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche -gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf -aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als -diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen -Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere -liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. —</p> - -<p>Als unsere Plantage — ja immer das Wichtigste! — einigermaßen im -Gange war, konnten wir endlich auch an den Bau eines massiven Hauses -denken. Guter Ton für die Ziegel war nach einigem Suchen gefunden -worden, und die Ziegelei mit all ihren Finessen längst im Betrieb. -Für das Fundament unseres Hauses aber brauchten wir Steine; zum -Steinschlagen jedoch hatten die Neger merkwürdigerweise weder Neigung -noch Fähigkeit. Es war ihnen zu neu, sie bildeten sich auch wohl ein, -es sei eine furchtbar anstrengende Arbeit. Erst nachdem ihnen mein -Mann höheren Lohn gab und einige besondere Vergünstigungen zugestand, -ließ sich das seltsame Vorurteil wenigstens bei den besten überwinden. -Allmählich lernten sie sich auch ganz gut ein: anfangs schlugen sie -nur kleine Steine los, bald verstanden sie jedoch auch größere Quadern -zu lösen. Übung macht den Meister. Umständlich und schwierig war der -Transport der Steine zur Baustelle, wie auch der der Ziegel. Einen -Fahrweg anzulegen, lohnte nicht, zumal da eingefahrene Tiere nicht zu -kaufen sind. Ein Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>such mit Eseln aber scheiterte kläglich an deren -Störrigkeit. So mußten wir schließlich doch zu der alten afrikanischen -Transportart zurückgreifen: die Steine und Ziegel wurden von den Negern -herangetragen.</p> - -<p>Nachdem wir sehr gründlich als unsere eigenen Architekten den Plan des -Hauses durchberaten hatten, ging’s ans Abstecken und das Bodenausheben -für das Fundament. In der Nähe der Baustelle war ein Loch ausgehoben -worden, in dem der Mörtel zurechtgestampft wurde. Leichtfüßige -Knaben trugen ihn in leeren Petroleumfässern — die in Afrika ein -gar begehrter, vielseitig verwendeter Artikel sind — den Maurern -zu, die schon am Werk waren mit nicht geringem Geschrei: „<span class="antiqua">Udongo! -Udongo!</span>“ — „Erde her!“, also ungefähr unserem „Lehm up“ -entsprechend. Die Herren Maurer sind wie bei uns verschieden geschickt; -so erhielten die gewandteren die Erker, Fenster-, Türkanten zugewiesen, -die minder tüchtigen die glatten Flächen, wobei sich freilich beim -Nachprüfen mit dem Lot oft genug die Notwendigkeit ergab, ein ganzes -Stück windschiefer Arbeit wieder einreißen zu lassen, denn Augenmaß ist -den Negern nicht gegeben.</p> - -<p>Mit wachsender Freude sahen wir die Mauern emporsteigen und den Inder -in Tätigkeit, der hier den Zimmermann spielte, Tür- und Fensterrahmen -und den Dachstuhl bearbeitete. Grade damals — zwischen Tür und Angel -sozusagen — wurde mir mein erster, kleiner Usambarit geschenkt, der -mit seinem schwarzen Milchbruder um die Wette prächtig heranwuchs, ja -jenen bald überholte.</p> - -<p>So kam das Rüstfest heran, denn ein solches darf auch in Ostafrika -nicht fehlen. Als der Dachstuhl lag und mit Wellblech, wie hier fast -überall, eingedeckt war, meldeten sich die Maurer um ihren Backschisch, -und ein junges Öchslein mußte zur Feier des Tages sein Leben lassen; -natürlich auf „koschere“ Art, denn die meisten Neger essen kein -Fleisch, wenn das Tier nicht am Halse durchschnitten wurde — selbst -mit der Jagdbeute verfahren sie nach Möglichkeit so.</p> - -<p>Bald war das Haus auch verputzt, und frohen Sinnes zogen<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> wir in -das erste Zimmer, das fertig geworden war. Wirklich sehr frohen -Sinnes, weil das Wohnen in der Hütte uns durch die Ratten gründlich -vergällt wurde — so sehr, daß wir sogar schon reumütig zu den Zelten -zurückgekehrt waren. Endlich, endlich hatten wir jetzt ein eigenes, -festes Dach über uns! Eine bleibende Stätte! Es kam uns vor, als hätten -wir einen steilen, steilen Berg erklommen und dürften nun befriedigt -und dankbar von unserer Höhe auf die arbeitsreiche Zeit zurückschauen, -die hinter uns lag, und zuversichtlich hinaus auf die Zukunft vor uns!</p> - -<p>Stillestehen, ruhen und rasten freilich darf man nie. Unsere Anlage -wurde denn auch fortgesetzt vergrößert und ausgebaut. Massive Ställe -entstanden und massive Arbeiterwohnungen, zu denen sich die Waschambaas -drängten — solch schmuckes, sauberes Häuslein zieht sie doch mächtig -an — und wir erkannten in ihrem Bau ein wichtiges Mittel, uns einen -festen Arbeiterstamm zu sichern. Natürlich erhält jeder Mann zu seinem -Hause auch soviel Feld, wie er haben will, um ihn recht seßhaft zu -machen, und er wird bei der Einrichtung nach allen Richtungen hin -unterstützt. Ich muß es immer aufs neue wiederholen: wir sind ja auf -den Neger angewiesen und müssen ihn durch seinen Vorteil an uns zu -ketten suchen.</p> - -<p>Die Plantage machte die erfreulichsten Fortschritte; wir können bis -heute mit dem Wachstum des Kaffees durchaus zufrieden sein. Mit -welcher Freude verfolgt man das von Jahreszeit zu Jahreszeit! Am -schönsten ist es, wenn die Pflanzung abblüht; dann sieht es aus, als -wenn frischgefallener Schnee über den Feldern liegt, und geht man -hindurch, so duftet es fast betäubend. Später beobachtet man wieder -den Fruchtansatz mit gespanntem Interesse, die wachsende Rundung und -Vergrößerung der Kirsche. Allmählich färben sich die grünen Beeren -dabei gelblich, schließlich nehmen sie eine prachtvolle Purpurfarbe an, -und ihr süßliches Fleisch winkt den Vögeln als schmackhafte Speise. -Nun ist auch die Zeit der Ernte gekommen. Männer, Frauen und Kinder -ziehen mit ihren Körben in langen Reihen aufs Feld. Am Nachmittag wird -das Geerntete heimgebracht und am Pulper aufgeschüttet. Der Strahl -einer Wasserleitung führt die Kirschen durch den Pulper, wobei sie -ihres Fruchtfleisches beraubt werden, in die Gärbassins. Darauf kommt -der Kaffee — die Bohnen — in Waschbassins, während die Schalen -für spätere Düngung gesammelt bleiben. Die Bohnen wandern dann zur -Sonnentrocknung auf Tennen, wo sie beständig gewendet werden müssen, -und schließlich, oder bei schlechtem Wetter auch sofort, in die -Aufbereitungsanstalt. Bei schlechtem Wetter! Ja, des Wetters Gunst -oder Ungunst spielt bei uns dieselbe Rolle, wie nur bei irgend einem -ostelbischen Agrarier, und heilfroh sind wir, wenn der letzte Träger -mit dem letzten Sack Kaffee sich auf den Weg zur Bahnstation macht.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p224a" name="p224a"> - <img class="mtop2" src="images/p224a.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Blick auf unsere Kaffeeplantage.<br /> - <span class="s5">Im Vordergrunde offene, mit gutem Boden für die Pflanzen hergerichtete -Löcher.</span><br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_224">S. 224</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p224b" name="p224b"> - <img class="mtop2" src="images/p224b.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Unser fertiges Wohnhaus.<br /> - <span class="s5">Rückseite mit Aussicht auf den Hof.</span><br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_224">S. 224</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p224c" name="p224c"> - <img class="mtop2" src="images/p224c.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit - Durchblick in das Speisezimmer.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_224">S. 224</a>.)</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="p224d" name="p224d"> - <img class="mtop2" src="images/p224d.jpg" - alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Idyll auf dem Hofe der Kaffepflanzung zu Sakkarani.<br /> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_229">S. 229</a>.)</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p> - -<p>Meine besondere Hausfrauenfreude ist natürlich mein Garten. Da -blühen und duften als deutsche Lieblinge längst Veilchen und Rosen, -zwischen ihnen aber auch eine schöne Afrikanerin, eine lilienartige -Amaryllis mit einem prächtigen Kranz von fünf großen, weißleuchtenden, -bräunlichrot gestreiften Blättern. Zu den ersten Apfelsinenbäumen -haben sich Apfelbäume und Pfirsiche hinzugesellt, welch letztere in -anderthalb Jahren drei Meter hoch wurden und prächtig tragen; auch -Kirschen, Birnen und Pflaumen ernte ich schon. Ausgezeichnet gedeihen -die angepflanzten Eukalyptusbäume, die in vier Jahren die enorme Höhe -von fünfzehn Metern erreichten und mich, aus der Ferne gesehen, oft -an unseren heimischen Fichtenwald erinnern. An europäischem Gemüse -fehlt es meiner Küche nie. Aber auch allerlei Versuchsbeete sind -angelegt worden: Chinin, Kampfer, Gerberakazie. Man muß erproben, -was zu bauen sich lohnt. Neuerdings versprechen wir uns, neben dem -Kaffee, viel vom Kautschuk und, was meinen Lesern neu sein wird, -von Zedern-Anpflanzungen. Das Zedernholz ist ja, schon für die -Bleistiftfabrikation, ungemein gesucht. Ich darf’s als unsere bestimmte -Hoffnung verraten: unsere Usambara-Zedern werden dereinst es mit den -historischen vom Libanon mindestens aufnehmen können.</p> - -<p>Wie wir leben?</p> - -<p>Wir arbeiten! Das ist das beste. Aber man denke nun<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> nicht, daß wir in -ostafrikanischer Einsamkeit versauern. Es gibt heut, mindestens bei uns -in den schönen Usambara-Bergen, keine Einsamkeit in dem Sinne, wie der -Deutsche in der Heimat sich das vorstellen mag. Es fehlt uns durchaus -nicht an Verkehr. Gleich den Gutsbesitzern daheim wechseln wir Besuche -mit den befreundeten Besitzern der Nachbarplantagen, mit den Herren vom -Bezirksamt, mit den Gästen des nahen Sanatoriums. Das Traumbild, das -uns vor fünf Jahren, beim ersten Einrücken in unser Reich, aufstieg, -hat sich nun verwirklicht, und so mancher Leidende aus den heißen -Gebieten holte sich im Usambara-Sanatorium bereits frische Kraft.</p> - -<p>Und dann gibt es viele, viele liebe Gäste. Freilich ist der Besuch -sehr verschiedener Art. Da sind, um mit dem Auslande anzufangen, -durchreisende Engländer; besonders dankbar für die genossene -Gastfreundschaft. Dann deutsche Jäger: zumal willkommen hiesige -Bekannte und solche Männer, die, wie Prof. Dr. Paasche, aus reinem -Interesse für die Kolonie zu uns kommen und sich mit offenem Blick -in ihr zu orientieren vermögen. Auf der andern Seite fehlt’s aber -auch nicht an „verbummelten Genies“, die sich von einer Plantage -zur andern durchfuttern und die man nicht selten, mehr oder -minder sanft, herausgraulen muß, am leichtesten meist durch sich -steigernde Einschränkung — der geistigen Getränke. Weiter kommen -Stellungsuchende, oft sehr fragwürdiger Art, und auch Goldsucher fehlen -nicht. Wir liegen wirklich nicht mehr außerhalb der Welt. Was bedeuten -denn die vier Stunden zu unserer Bahnstation Mombo? Für unsere Eltern -war’s daheim oft weiter bis zum nächsten Schienenstrang. Ein Hotel -gibt es eben in unserer Nähe nicht, und so ist jeder Reisende auf -Gastfreundschaft angewiesen, die aber überall in Deutsch-Ostafrika aufs -freundlichste gewährt wird.</p> - -<p>Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen? -Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter -ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne -Rinderherde. Eier gibt’s reichlich — nur sehr klein sind sie. Frisches -Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> manchmal Rind und Schwein; -Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut -zubereitet etwas ganz Vortreffliches.</p> - -<p>Früh — meist recht früh — gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und -kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht -mit Gemüse und Kompott; am Abend — um 6 Uhr wird nämlich mit der -Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette — -gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und -Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben -Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir -nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal -ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu -Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen.</p> - -<p>Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere -Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen -Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch -Wildnis — heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles -Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen -Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement -verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut -ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 <span class="antiqua">ha</span> bebautes Land -ergeben auf 10 <span class="antiqua">ha</span> Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich -ein bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber -ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn -ermöglicht — und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen -Kolonialbahnen eifern.</p> - -<p>Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der -Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der -Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man -träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke -an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister, -liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am -festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die -Briefe von den<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht -bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die -Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in -so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel, -den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde -ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe -immer aufs neue dagegen an.</p> - -<p>Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um -sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren -mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen -wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde -gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen.</p> - -<p>Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und -begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr -viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein -Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre -dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre. -Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen.</p> - -<p>Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen -Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten) -und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler -& Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute -Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen -bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen -auch Velhagen & Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen. -Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages -Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen -beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und -suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das -kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich -auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich -selber in Zucht zu halten.</p> - -<p>Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> eigenem Grund -und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein -nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten -Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir -entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer -ausgedehnteren Jagdexpedition — immer wir beide, denn in Afrika (und -das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen -wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern -— „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht -ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner, -erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens. -Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt, -heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses, -seines Komforts — und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit -unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge -prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben -mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag -vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste -Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und -Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem -Nesthäkchen anzunehmen.</p> - -<p>Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt. -Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in -hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen, -daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen -des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden -übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der -Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara -entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen -der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny, -auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer -Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den -mein Mann von Sakkarani aus in<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde, -angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat -mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen -Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen. -Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen -Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen -die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki -bekam sogar ein Sultanat. —</p> - -<p>Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns -<em class="gesperrt">Nigmann</em> und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine -hervorragende Rolle auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell -entschlossen eilte Hptm. Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte -die Station Wahenga noch in elfter Stunde und befreite sogar die -fern im Süden gelegene Station <em class="gesperrt">Songia</em> von den sie umlagernden -Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme der dortigen Gegenden sind, -beweist der Umstand, daß bei Songia der einzige Europäer, der in dem -Aufstand im offenen Felde gefallen ist, <span class="antiqua">Dr.</span> Wiehe, den Heldentod -fand. Abermals hat Heldenblut besonders schwarzer deutscher Untertanen -den Boden Afrikas getränkt, möchte es segensreiche Frucht tragen und -endgültig allen Kampf von dem schönen Lande fernhalten.</p> - -<p>Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen, -tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch in -brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem aus -dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern sind -manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder wie -Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Fülleborn in Hamburg -am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d. -Marwitz, Albinus, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Ollwig, sind noch so glücklich, ihre -Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun -weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm -Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst -nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> am -Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August -die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga.</p> - -<p>Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres -hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich -noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er -dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und -Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird -er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird -sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das -Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen -Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet -werden.</p> - -<p>Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige -Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert -unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von -Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses -Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt -und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege -und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der -Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt -das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem -Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der -selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch -eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64 -Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und -nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem -die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir -unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines -Hierseins — 3 Tage —, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2–4 -Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich -mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute -überzeugen. Dieses sind durchweg<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> Leute, die bei der Einwanderung -10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne -Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland -Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes, -menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie -— je zahlreicher desto besser — litt, um so mehr wird er die Wohltat -des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden, -relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden -bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht -unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht -gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen, -vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für -die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger -zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer, -freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln, -Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf, -ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch -die Milch hätten.</p> - -<p>Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für -den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes -freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen, -von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der -moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur -ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen -können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand -im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die -intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den -wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen.</p> - -<p>Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen -aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten -Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten -sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen -verarmten Familien zu er<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>möglichen, ein neues segensreiches Leben zu -beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich, -gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern -wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen, -sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und -dort zu schönem Stamme aufschießt.</p> - -<p>Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher -auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie -Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden; -sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen -können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr -Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen -zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen -Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den -ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer -nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die -Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich -einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus -verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern -gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu -führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute -sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig -zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die -Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht -fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint -werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die -Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre -(es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen -und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als -Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren -Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in -Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich -dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in -erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da -es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde -und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und -die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt -für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="p233" name="p233"> - <img class="mtop1" src="images/p233.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise - nach Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896.<br /> - <span class="s5">1. Hr. Dr. Arendt. 2. Hr. Justizrat Dietrich. 3. Hr. Amtsgerichtsrat - Schwarz. 4. Hr. Oberstabsarzt Hönmann (der hiesige Begleiter). 5. - Hr. Oberamtsrichter Kalkhof. 6. Hr. Ingenieur Hackbarth (Leiter der - Usambara-Bahn). 7. Hr. v. Prince. 8. Hr. Kapitän Doherr von der - Deutsch-Ostafrika-Linie. 9. Hr. Lehmann. 10. Hr. Bezirksamtmann Zache - von Tanger. 11. Hr. Oberst v. Massow. 12. Fr. v. Prince.</span> - <span class="s5">(Zu <a href="#Seite_231">S. 231</a>.)</span></p> - <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/p233_hr.jpg">❏<br /> - <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span></p> - -<p>Für Unverheiratete, die in der Steppe eine Farm gründen wollen, sind -Kapitalien von 30000–50000 Mark erforderlich. Für Familien mit Kindern -ist eine Ansiedlung dort wegen der Malaria nicht zu raten.</p> - -<p>Ich schreibe dies im „Wonnemonat Mai“, wo zu Hause alles blüht und -sprießt und zu neuem Leben erwacht ist. Auch uns gibt der Mai frisches -Leben durch seine große Feuchtigkeit. April und Mai sind für uns die -Winterzeit, die hier sogenannte große Regenzeit, für sie wird schon -Monate vorher fleißig vorgearbeitet. Da wird der Boden urbar gemacht -und zubereitet, um die Pflanzen, wenn die Regenzeit beginnt, aufnehmen -zu können. Den neuen Anpflanzungen gibt der Regen frische Kraft, -daß sie schneller anwurzeln. Dies ist für alle Kulturen das gleiche -und ändert sich nur in der Art des Geländes; bei Grasland z. B. ist -die Arbeit eine entsprechend geringere als bei Buschland. Ein guter -Pflanzer ist derjenige, der bis zur großen Regenzeit — so genannt zum -Unterschied von der kleinen Regenzeit im November und Dezember, weil es -in diesen Monaten weniger regnet — sein gestecktes Ziel erreicht hat.</p> - -<p>Überhaupt, gesund sind wir alle! Früher galt der Satz als unumstößlich -richtig: wo es in Afrika fruchtbar ist, ist es ungesund und gesund -nur, wo es unfruchtbar ist. Nun, Usambara liefert den Beweis, daß -das in dieser Verallgemeinerung nicht zutrifft. Auch außerhalb der -Usambara-Berge weist Deutsch-Ostafrika noch weite, weite Strecken -Landes auf, in denen der Deutsche arbeiten kann.</p> - -<p>Ich hoffe und ich glaube es bestimmt, unsere Berge werden in nicht -allzu ferner Zeit vielen fleißigen deutschen Siedlern eine neue Heimat -auf deutschem Boden gewähren. Es herrschen vielfach auch darüber ganz -übertriebene Vorstellungen, welches Grundkapital dazu erforderlich -sei, sich hier eine Existenz zu gründen.<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> In Wirklichkeit gehören dazu -nicht Hunderttausende. Schon mit einem Kapital von 30–50000 Mark kann -man vorwärtskommen. Freilich: das Vermögen allein tut es wahrlich -nicht. Zäher Fleiß und unbeugsame Energie und die Gabe, sich in den -neuen Verhältnissen zurechtzufinden, müssen sich dazu gesellen. Man muß -sich zu schicken wissen, muß Entbehrungen in den Kauf nehmen können. -Man darf nicht mit den Allüren des großen Herrn nach hier kommen, der -einen breiten Train mit sich führt, mit kostspieligem Aufsichtspersonal -rechnet. Selbst ist der Mann — das gilt hier! Und die Frau muß dem -Mann als wahre Helferin, recht als guter Kamerad zur Seite stehen. -Das Leben ist auch hier ein Kampf. Aber dieser Kampf birgt unzählige -Freuden in sich. Das Ringen mit der Wildnis, das Erschließen eines -Stückchens Land nach dem anderen gewährt immer neue Genugtuung. Und -immer neue Befriedigung bringt auch das Erhalten des Errungenen, denn -die Wildnis sucht sich jedes Fleckchen Erde, das man ihr abgewonnen, -unausgesetzt zurückzuerobern. Wir sind glücklich bei alledem gewesen, -andere können es auch sein: in dem Bewußtsein, für die eigene Familie -zu arbeiten, die Pflicht gegen sie — und zugleich damit eine Pflicht -gegen unser teures Vaterland und seine schönste Kolonie zu erfüllen.</p> - -<p>Dort oben auf meinem Bücherbrett stehen Goethes Werke — er hat auch -uns ein gutes Wort gegeben:</p> - -<p>„Wenn jeder von uns als einzelner seine Pflicht tut und jeder nur im -Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, so wird es um das -Wohl des Ganzen gut stehen... Jeder wisse den Besitz, der ihm von der -Natur, von dem Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu -steigern; er greife mit allen seinen Fähigkeiten so weit umher, als er -zu reichen fähig ist. Immer aber denke er dabei, wie er andere daran -will teilnehmen lassen.“ — — —</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende_kap_9" name="ende_kap_9"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_2.jpg" - alt="Schlussstück Kapitel 9" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="s237_kopfstueck" name="s237_kopfstueck"> - <img class="mtop3" src="images/sv_kopfstueck.jpg" - alt="Kopfstück Seite 237" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang.</h2> - -</div> - -<p class="s3 center"><b>Ballade.</b><a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor"><span class="s5">[13]</span></a></p> - -<p class="center mtop1 mbot1">shairi la bwana Prinzi.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">1. <span class="antiqua">sasa ntawakhubiri</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">1. Ihr, die ihr noch nicht wißt,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">khabari zilizojiri</span></div> - <div class="csscell bl">Was hier sich zugetragen,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">toka mwanzo na akheri</span></div> - <div class="csscell bl">So wie’s die Wahrheit ist,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">zote pia ntawambia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Will ich euch alles sagen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">2. <span class="antiqua">moyo umetanaffasi</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">2. Zwar ist mir herzlich bang,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">wala sina wasiwasi</span></div> - <div class="csscell bl">Ob mir dies wird gelingen</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">sifu za bwana Prinzi</span></div> - <div class="csscell bl">Auf Prince einen Lobgesang</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">sasa ntawahadithia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Will ich euch allen singen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">3. <span class="antiqua">ntamsifu kwelikweli</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">3. Zu euch, die fern von hier,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">hatta na walio mbali</span></div> - <div class="csscell bl">Sein Lob auch Weg soll finden.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">wayasikie makali</span></div> - <div class="csscell bl">Drum lauschet alle mir,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">yote nitayowambia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Ich will sein Lob verkünden.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">4. <span class="antiqua">Prinzi ni mtu mwema</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">4. Prince ist ein guter Mann,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">ana wingi wa heshima</span></div> - <div class="csscell bl">Dem viele Ehr’ gebühret.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">wala sipati kusema</span></div> - <div class="csscell bl">Doch ich nicht sagen kann,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">nanyi mnajionea.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Ob ihr davon erführet.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">5. <span class="antiqua">Prinzi mtu mkali</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">5. Prince ist ein tapf’rer Mann;</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">anayo nyingi akili</span></div> - <div class="csscell bl">Verstand und Mut nicht fehlen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">tazameni na dalili</span></div> - <div class="csscell bl">Seht als Beweis euch an</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">mamboye yatawelea.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Seine Taten, die alles erzählen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">6. <span class="antiqua">Prinzi mtu thabiti</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">6. Prince ist der richt’ge Mann,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">aogopwa barra Afriti</span></div> - <div class="csscell bl">Ohn’ ihn es schlimm aussähe.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">Wahehe na Wamafiti</span></div> - <div class="csscell bl">Zur Ordnung hält er an</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">adabu zimewengia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Mafiti und Wahehe.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">7. <span class="antiqua">aingiapo vitani</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">7. Er ist ganz umgetauscht,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">hana akili kitwani</span></div> - <div class="csscell bl">Wenn in den Kampf er zieht.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">umthanni <em class="gesperrt">sakrani</em></span></div> - <div class="csscell bl">Er scheint von Wein berauscht,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">jinsi anavoghasia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Und alles vor ihm flieht.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1"><span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span>8. <span class="antiqua">Mzungu huyu thabiti</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">8. Er ist Europas Zier.</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">wala hahofu mauti</span></div> - <div class="csscell bl">Sein Mut läßt sich nicht beugen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">twamjua watu woti</span></div> - <div class="csscell bl">Wir kennen ihn alle dafür</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">kweli nnayowambia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Und können es allen bezeugen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">9. <span class="antiqua">wala sineni uwongo</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">9. Die Wahrheit ich euch bring’,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">thabiti wangu utungo</span></div> - <div class="csscell bl">Nichts ist daran verkehret.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">sifa za huyu Mzungu</span></div> - <div class="csscell bl">Und Princes Lob ich sing’,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">ote tumezisikia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Wie wir es alle gehöret.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">10. <span class="antiqua">Mzungu huyu shujaa</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">10. Die Wahehe, Prince sei dafür Lob,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">Wahehe walitaa</span></div> - <div class="csscell bl">Sich ihm unterwerfen kamen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">imeondoka khadaa</span></div> - <div class="csscell bl">Der Wahn ist geschwunden drob</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">kwa Wahehe ote pia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Den Wahehe allen zusammen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">11. <span class="antiqua">Prinzi ana bahati</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">11. Viel Geschick hat Prince, unser Herr,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">wala kunena sipati</span></div> - <div class="csscell bl">Euch brauch’ ich es kaum noch singen,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">nawambiani kwa oti</span></div> - <div class="csscell bl">Doch möcht’ ich es übers Meer</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">Ulaya jermania.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Nach Europa den Deutschen bringen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">12. <span class="antiqua">maneno yangu ni kweli</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">12. Exzellenz v. Schele nur fragt</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">mwuzeni von Scheli</span></div> - <div class="csscell bl">Wollt unwahr mein Wort ihr finden</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">atawapani dalili</span></div> - <div class="csscell bl">Denselben Bericht er euch sagt;</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">na khabari yote pia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Die Beweise wird er euch verkünden.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">13. <span class="antiqua">yafaa kuheshimiwa</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">13. Prince neue Würden erlang.</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">na daraja kuzitiwa</span></div> - <div class="csscell bl">Er verdienet gar viele Ehren.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">kupawa na umayoa</span></div> - <div class="csscell bl">Er erhalte den höchsten Rang,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">zama ataporejea.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Wenn nach Haus er zurück wird kehren.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">14. <span class="antiqua">ni hayo yangu maneno</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">14. Er hatte hier schwere Zeit,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">eme toa bika kwa mno</span></div> - <div class="csscell bl">Wie keiner in der Runde.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">wala hapana mfano</span></div> - <div class="csscell bl">Drum erklinget weit und breit</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">nami najimsifia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Sein Lob aus jedem Munde.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">15. <span class="antiqua">tafathali bana Scheli</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">15. Mit ihm zum Herrscher zu geh’n,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">sultani mkabili</span></div> - <div class="csscell bl">Bitt’ ich dich, <span class="antiqua">bana</span> Schele;</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">mwenende wote wawili</span></div> - <div class="csscell bl">Und alles, was wir geseh’n,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">umweleze yote pia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Du ihm getreulich erzähle.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">16. <span class="antiqua">umwambie mtu mwema</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">16. Sag’ ihm, wie tüchtig er sei,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">amwongezee heshima</span></div> - <div class="csscell bl">Daß neue Ehr’ er ihm baue.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">ampe na nyumba njema</span></div> - <div class="csscell bl">Er gab ihm ein Haus, schön und neu,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">apate kufurahia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Damit er sich daran erfreue.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">17. <span class="antiqua">mwambie bana Kaisa</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">17. Sag’ es dem Kaiser an,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">kalla neno aliweza</span></div> - <div class="csscell bl">Der geben kann nach Gefallen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">naye ni mtu aziza</span></div> - <div class="csscell bl">Er ist ja ein mächtiger Mann,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">sultani wetu pia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Der Herrscher von uns allen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1"><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>18. <span class="antiqua">tamati ntawakifu</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">18. Doch gekommen bin ich zum End’,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">ya Prinzi kumsifu</span></div> - <div class="csscell bl">Daß Princes Lob ich euch singe.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">ni huo wake wasifu</span></div> - <div class="csscell bl">Sein Verdienst, das jeder hier kennt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">ote nimesha wambia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Ist wahr, so wie ich’s euch bringe.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">19. <span class="antiqua">nnakuaga kwa heri</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">19. Und nun sei der Abschied gemacht;</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">nasikia wasafiri</span></div> - <div class="csscell bl">Ich höre, du willst verreisen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">nimetunga ushairi</span></div> - <div class="csscell bl">Ich habe in Verse gebracht,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">sifa zako zote pia.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Was wir alle hier an dir preisen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="padleft1">20. <span class="antiqua">wakatabahu hakiri</span></span></div> - <div class="csscell bl"><span class="padleft1">20. Der Dichter des Lied’s ist gering,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">Baraka bin Shomari</span></div> - <div class="csscell bl">Mbaraka, Sohn des Shamari.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"><span class="antiqua">ndio mtunga shairi</span></div> - <div class="csscell bl">Ich euch allen das Lied hier sing’,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell padbot0_5"><span class="antiqua">mwanzo hatta akhiria.</span></div> - <div class="csscell padbot0_5 bl">Von Anfang bis zu Ende.</div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<div class="figcenter break-after"> - <a id="ende_anhang" name="ende_anhang"> - <img class="w5 mtop3 mbot3" src="images/ende_kap_1.jpg" - alt="Schlussstück zum Anhang" /></a> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p class="s5 center">E. S. Mittler & Sohn, Berlin -<span class="antiqua">SW.</span>, Kochstr. 68–71.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="figcenter break-before"> - <p class="caption_top center">Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in - Deutsch-Ostafrika.</p> - <p class="caption_top">Lageplan von Sakkarani, des jetzigen - Besitztums.</p> - <a id="p241" name="p241"> - <img class="mtop0_5" src="images/p241.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1"><span class="s5">Verlag der Königl. - Hofbuchhandlung E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW., Kochstr. - 68–71.</span></p> - <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/p241_hr.jpg">❏<br /> - <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p> -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<div class="footnotes"> - -<p class="s2 center"><b>Fußnoten:</b></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Vom 18. September 1895 bis zum 3. Juni 1900 (seinem -Todestage) Oberführer und charakterisierter Major der Kaiserlichen -Schutztruppe in Ostafrika.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Der graue Papagei heißt im Kiswahili „Kassuku“.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Der Dorfschulze trägt nämlich eine großartige, englische -Husarenuniform.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Das ganz lange Gras, 3 evtl. 4 <span class="antiqua">m</span>, kenne ich nur an -der Ulanga-Niederung in <em class="gesperrt">größeren</em> Partien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Einige Monate später wurde er mit Speerstich verwundet und -erlag bald darauf dem Würgengel Afrikas, der Malaria.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Auch dieser tapfere Offizier und liebenswürdige Kamerad -nahm im Kolonialdienst ein tragisches Ende: am 5. Februar 1903 wurde er -bei Marrua in Kamerun als Oberleutnant der Kaiserlichen Schutztruppe -während einer Expedition ins Innere des Schutzgebietes, vor seinem -Zelte sitzend, von einem Neger überfallen, der zwei vergiftete Pfeile -auf ihn abschoß; der zweite Schuß traf in den rechten Oberschenkel; der -Pfeil wurde zwar sofort entfernt, aber schon binnen fünfzehn Minuten -erlag Graf Fugger der tödlichen Wirkung des Pfeilgiftes. Bis zu seinem -letzten Atemzug bei vollem Bewußtsein, hat er noch an seine Braut -geschrieben. Seine letzten Worte sind würdig, der Erinnerung erhalten -zu werden: „Nehmt nicht Rache an diesen Schwarzen, sie wissen nicht, -was sie taten. — —“ Man hat so vieles Schlechte von Afrika in die -Welt posaunt, aber von solchem Adel der Gesinnung erfährt man nichts.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Kanzu = langes weißes Negerhemd.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Seitdem an Malaria gestorben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Wenige Jahre später war dieser kleine Kreis stark -gelichtet. Präfekt Maurus erlag in Medibira dem Fieber, was er sich -wohl von der Küste mitgebracht hatte, zwei Schwestern fielen der Pest -zum Opfer bei Ausübung ihrer barmherzigen Krankenpflege, und Schwester -Gabriele, die mich mit großer Aufopferung gepflegt hatte, starb an -Lungenentzündung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Wurde, weil er treu zu uns hielt, bei dem Aufstand 1906 -ermordet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Ein halbes Jahr später raffte diesen hoffnungsvollen -Offizier das perniziöse Fieber auf seinem Heimatsurlaub dahin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Wurde bei Lupembe verwundet und verunglückte vor einem -Jahre auf einer Elefantenjagd.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Durch die Freundlichkeit des Herrn Professor Dr. Velten, -der sich um die Erforschung der Eigenart unserer Neger so hoch verdient -gemacht hat, erhielt ich dies Gedicht. Es wurde wohl 1894 nach dem -Wahehezug des Gouverneurs Exz. v. Schele gedichtet, als mein Mann -seinen ersten Urlaub nach 5jährigem Aufenthalt in Afrika antrat.</p></div> - -</div> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eine deutsche Frau im Innern -Deutsch-Ostafrikas, by Magdalene von Prince - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DEUTSCHE FRAU IM INNERN *** - -***** This file should be named 53773-h.htm or 53773-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/7/53773/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/53773-h/images/cover.jpg b/old/53773-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5ec9947..0000000 --- a/old/53773-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/53773-h/images/ende_kap_1.jpg b/old/53773-h/images/ende_kap_1.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bd9b2ee..0000000 --- a/old/53773-h/images/ende_kap_1.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/53773-h/images/ende_kap_2.jpg b/old/53773-h/images/ende_kap_2.jpg Binary files differdeleted file mode 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