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-The Project Gutenberg EBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Jockele und die Mädchen
- Roman aus dem heutigen Weimar
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-Author: Max Geißler
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-Release Date: December 4, 2016 [EBook #53661]
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-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND DIE MÄDCHEN ***
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-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
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- Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
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- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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- Ullstein-Bücher
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- Eine Sammlung
- zeitgenössischer Romane
-
- [Illustration]
-
- Ullstein & Co / Berlin und Wien
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- Jockele und die Mädchen
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- Roman aus dem heutigen Weimar von
-
- Max Geißler
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- [Illustration]
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- Ullstein & Co / Berlin und Wien
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- Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten.
- Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.
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-Als wäre diese Geschichte nicht wahr -- so wunderlich angetan mit allem
-Zierate der Romantik schreitet sie heraus aus dem grünen thüringischen
-Waldleben! Mit Zigeunern, die sich die Häuser aus bunten Lappen
-und Fichtenreisern erbauen und durch den Bergwald fliegen wie die
-Distelfinken, denen der Herrgott am letzten Schöpfungstage die Reste
-seiner Farbeschalen aufgetupft hat. Und mit einem alten Mädchen, das in
-besinnlicher Güte und Einsamkeit dem Herzschlag des Thüringer Waldes
-lauschte -- auf einmal fiel der Veronika Sinsheimer ein Kind in die
-Hände, als sie schon daran dachte, wem sie das kleine Haus vermachen
-solle, wenn eines Tages der Mann im weißen Mantel über das Gebirge
-schritt, der die blauen Mohnkörner des ewigen Schlafes auswirft.
-
-Das mit dem Kinde geschah ganz früh am Jakobustage -- zu Sommeranfang,
-wenn die Drosseln das Silber ihrer Lieder über den Wald werfen wie die
-jungen Mütter des Christkindleins Haar um die Weihnachtstanne.
-
-Die Häuslein sind um den Fuß der Vorberge gesäet wie die Weizenkörner;
-ein paar sind emporgeweht an die Hänge, und der Bergwald legt seine
-grünen Arme darum. Zuhöchst steht das des Fräuleins Veronika Sinsheimer
--- von weitem anzuschauen als ein Wildrosenbusch im Mai; denn es hatte
-frühlingsgrüne Mauern und ein hellrotes Ziegeldach, darin zwei blanke
-Augen, just wie das alte Fräulein selber.
-
-An den Fenstern waren weiße Vorhänge, feuerrote Geranien und
-Glockenstöcke; die standen auch während des Bergwinters in lachendem
-Blühen. Kein Wunder, denn das Fräulein in dem Frühlingshause wandelte
-in einem freundlichen Spätlichte des Lebens, so warm und hell, daß die
-grämlichen Nebel der Altjüngferlichkeit sich darin niederschlugen als
-ein Tau in den Sommermorgen.
-
-Die Leute von Ibenheim gingen gern bei ihr ein und aus; denn sie
-sprach eine feine thüringfremde Sprache. Die hatte sie mit aus der
-norddeutschen Heimat gebracht und schoß das »s« von dem feinen Bogen
-ihres Mundes wie einen Pfeil. Die zu ihr kamen, banden sich daheim eine
-saubere Schürze vor und strichen sich die Schuhe vor der Schwelle des
-Hauses ab, oder sie ließen die Pantoffel draußen stehen; denn um das
-Fräulein Veronika war alles blank.
-
-Die lebte das Leben des späten Mädchens in Freude und erzählte keinem
-Menschen, daß sie hundertmal Gelegenheit gehabt hätte, einen Mann
-zu nehmen, oder daß gar einer wegen seiner Liebe zu ihr ins Wasser
-gegangen sei, sondern sie sagte: es wäre halt keiner gekommen, sie lieb
-zu haben, darüber wäre sie stehengeblieben. Und ihre Augen lachten das
-leise Lachen der Freude über diese Rede, weil sie dennoch mit dem Leben
-fertig geworden war.
-
-Dies stille Leben lag vor den Augen all der Leute von Ibenheim, und
-doch war die feine kleine Person des alten Fräuleins für sie voller
-Geheimnisse. Aus jedem Stücke des Hausrats schaute eine ferne liebe
-Zeit, wie sie in den Erkerstuben alter Burgen eingefangen ist, die
-vordem einmal Kemenaten junger Frauen gewesen sind. Ahnungsreich lag
-der Duft von Lavendel um alle Körbchen und Decken, um Kissen und
-Polster, und Fräulein Veronika Sinsheimers reinliches Wesen trippelte
-zwischen diesen Dingen umher, und das Leben hatte kein Stäubchen auf
-sie geworfen.
-
-Die Menschen sahen sich an ihr die Augen voll Sonntag. Und an dem
-Zinzilein, dem kleinen Mädel des Holzhauers, das an jedem Tag in das
-Frühlingshaus kam, war all der Sonntag hängengeblieben: es schoß das
-spitze »s« aus seinem Mündlein wie sie; seine kleine Zunge schwang in
-diesem Mündlein als gegen eine silberne Glocke, und wenn das Zinzilein
-aus der Hütte des Holzhauers über den Weg lief, ward der Waldsaum hell
--- in Kindern leuchtet das Scheinen der anderen Welt, aus der sie
-gekommen sind, rasch wieder auf.
-
-Das Zinzilein blühte seinen fünfjährigen Frühling so in das Leben der
-alten Dame hinein und schüttete seine klingenden Fragen über sie, als
-es anfing, an dem Dasein herumzuraten: »Warum kann ich nicht in Deinem
-Hause schlafen, liebe Tante Veronika? Und warum sage ich zu Dir Tante
-und nicht Mutter? Warum bist Du nicht meine Mutter? Und was ist für ein
-Unterschied zwischen einer Tante und einer Mutter? Wenn ich groß bin --
-kann ich dann immer bei Dir sein, liebe Tante Veronika? Und warum ist
-es bei Dir so schön, so schön?«
-
-Darüber kamen sie dann beide ins Raten; und wie eine Blume wandte
-sich diese junge Menschenblüte der Sonne zu, in der Fräulein Veronika
-stand. Den Namen Zinzilein hatte die Kleine für sich gemacht -- er
-war aus der Zeit, da die Worte in dem jungen Munde noch manchmal
-durcheinanderpurzelten, aus Kreszenzia und Sinsheimer entstanden. Und
-weil es ein so wunderlicher Zusammenklang war, blieb er an dem Kinde
-hängen: als das ›Zinzilein‹ ist die Kreszenzia Laufer durch ihr Leben
-geschritten.
-
-Aus dem unbewußten Blumendasein des ganz kleinen Holzhauermädels wurde
-gemach ein Menschenleben; und in seligem Erschauern ließ Fräulein
-Veronika das Glück dieses sachten Blühens in die Waldstille ihrer Tage
-rieseln und fühlte, wie es an ihrem vereinsamten Herzen zum Wunder ward.
-
-Die Eltern des Zinzilein gingen zu Walde roden und aufforsten,
-und wenn der Schneewind über die Berge brauste, saßen sie bei der
-Heimarbeit, die in dieser Gegend Brauch ist: sie machten Puppen.
-Außer dem Zinzilein hatten sie kein Kind; und dies eine ward ihnen
-fremder mit jedem Tag. Es dachte anders und redete anders als Vater
-und Mutter. Und wenn das Zinzilein des Abends heimkam und aus seinem
-Frühlingsherzen heraus über sie schüttete, was das alte Fräulein am
-Tage hineingelegt hatte, merkten sie, daß das Kleine ein Gast in ihrer
-Waldhütte geworden war. Dann gaben sie sich Mühe, so fein mit ihm zu
-sprechen, wie es selber sprach, und standen vor ihm in feierlicher
-fremder Freude wie vor einer Tulpe, die ihnen auf den Geburtstagstisch
-gestellt worden. Wenn das Zinzilein nebenan in seinem Bette lag, holte
-die Mutter jedes Stück herzu, das es auf seinem Körperlein getragen,
-ließ ihre harte Hand darübergleiten und drückte es gegen die Wangen,
-zu fühlen, wie sanft es sei. Oder sie hielt das Kräuschen aus alten
-Spitzen gegen das Licht der Lampe, den feinen Lauf der Fäden zu sehen;
-denn Fräulein Veronika sorgte für alles -- auch dafür, daß sich das
-Kinderherz den Eltern nicht völlig abwende. Und das war sehr schwer.
-
-Sie badete es an jedem Tage des Sommern in einem klaren Bergquell, der
-aus dem schwarzen Wurzelgrunde heraus sich in ein Sonnenbett legte und
-das Glück des Himmels und Lichts in sich trank, ehe er als fußbreites
-Wasser in die Welt lief. Sie lehrte das Kind, diese Welt durch ihre
-klugen, reinen Augen zu sehen, und schloß ihm auf jedem Gang in den
-Frühling ein Wunder der Erde auf.
-
-Es schien, als wäre die unerforschliche Macht, die die Menschen
-Schicksal nennen, zu der späten Erkenntnis gelangt, daß diesem Fräulein
-Veronika das herrlichste Mutterherz geschenkt worden, das sich denken
-ließe -- da legte es ihr das kleine fremde Mädel in die Arme; denn das
-Kleinod dieses Frauenherzens, das kein Mann gefunden hatte, durfte
-nicht in Vereinsamung verloren gehen. Und dies Schicksal erkannte
-auch, daß dies Frauenherz unerschöpflich sei an hingebender Liebe
-und Klugheit ... am frühen Morgen des Jakobustages, als das Fräulein
-Veronika sein Spitzenhäubchen auf die ergrauenden Haare gesetzt hatte
-und gleich einmal nach dem Zinzilein ausschauen wollte, ob es schon am
-Waldrand herüberschreite ... »Na,« sagte Fräulein Sinsheimer, »wer hat
-mir denn da etwas auf die Haustürschwelle gelegt?«
-
-Sie beugte sich ein wenig nieder und machte die Augen weit. Es war ein
-Bündel aus grauem Wolltuch. Sie rührte ein wenig mit ihrem weichen
-Morgenschuh daran. Da wackelte etwas unter dem Tuche. Und sie tastete
-mit ihren Fingern darüber. Da kneckerte ein Lebendiges in dem Bündel --
-»Na!«
-
-Es war aber weder ein junger Hund noch eine junge Katze darin, sondern
-ein leibhaftiges Menschlein, in Dinge gewickelt, die große Armut als
-Windeln ansehen konnte. Und daneben kniete das gütige alte Mädchen und
-wußte nicht, was es mit sich selber anfangen sollte.
-
-Da kam ein wunderliches verzweifelte Lachen über sie. Sie trippelte
-durch die Stuben und durch die Küche, und ihre besonnenen Hände
-begannen umherzugreifen, als könnten sie einen der vielen flatternden
-Gedanken erhaschen. Sie legte die Hände vor den Mund, als müsse sie
-dies hilflose Lachen ersticken, das gar keinen Platz hatte in diesem
-seltsamsten Augenblick ihres Lebens ...
-
-»Na, na, und gar ein Bübchen!« schrie sie aus ihrem gepreßten Herzen
-heraus. Aber dieser Ruf war schon Glück; denn er brach aus ihr hervor
-wie die Sonne aus dem verstürmten Märzhimmel.
-
-Dann lief sie und nahm das große Bündel auf ihre Arme und trug es in
-die Küche und aus der Küche in das Zimmer und aus dem Zimmer zu ihrem
-Bette und legte es darauf. Und alle Türen standen offen, da lief ein
-goldener Morgenwind ins Haus und lief um sie her, und sie legte in
-ihrer freudigen Not eine Serviette dreieckig zusammen und das braune
-Bübchen darauf und deckte es mit ihrem weichen Deckbett zu bis an die
-Nase.
-
-Zu all dem sagte der Junge gar nichts; als Zeichen seines lebendigen
-Unverständnisse wackelte er einmal mit den Lippen eine saugende
-Bewegung, beschied sich aber, ballte die Fäustlein, legte sie an seine
-Wangen und schlief sich tief in die wohlige Wärme dieses Bettes und
-neuen Lebens hinein wie ein Maulwurf.
-
-Als das kleine braune schlafende Ding mit dem glänzenden Fellchen auf
-dem Kopfe nicht mehr in den Lumpen war, faßte Fräulein Veronika die
-Hülle mit sehr spitzen Fingern an und legte sie auf ein Zeitungspapier
-... da klapperte etwas auf den Fußboden. Es war ein silberner Ohrreif,
-der der Mutter über der Hast und dem Schmerze des Scheidens entfallen
-sein mochte; oder eine der kleinen Hände hatte über dem letzten Kusse
-stürmischer Liebe nach einem Halt gesucht; oder die große Herzensnot
-der Frau hatte dem Kinde das einzige Besitztum mitgegeben, dem sie noch
-einen geringen Geldeswert beimaß.
-
-Das Fräulein verwahrte den Ring in einer Glasschale auf der Etagere;
-aber die Hüllen trug sie in dem Papier hinaus und legte sie rechts
-neben die Schwelle.
-
-Da kam das Zinzilein, wie der Frühling, der über die Berge steigt --
-der Morgenwind nahm es an der Hausecke gleich ein bißchen beim Kopfe;
-aber das Mädel stellte ihn darüber zur Rede: »Was fällt Dir denn ein?
-Du verstruwelst mir ja ganz meine Haare!« und schubste mit seinen
-kleinen Händen vor sich in die wehende Bergluft.
-
-Fräulein Veronika führte das Zinzilein gleich an das Bett, und weil sie
-auf den Zehen ging und die Augen voller Geheimnis hatte, mußte etwas
-ganz Wunderbares in diesem Bette sein.
-
-Da sah das Zinzilein das blauschwarze Fellchen und sah die kleinen
-Läden, die über die Augen herabgelassen waren ... aber das Wundern
-dauerte nur einen Augenblick, dann krümmte sich das Zinzilein in
-leisem, über die Maßen lustigem Lachen, und damit es nicht laut werde,
-klemmte es die Hände zwischen die Knie und lachte in einem fort. Dann
-warf es seine Arme stürmisch um Veronika.
-
-»Das ist aber eine feine Geschichte!« sagte es. »Ich werde jetzt gleich
-laufen und meinen Puppenwagen holen!«
-
-»Nein,« sagte das Fräulein, »der ist viel zu klein.«
-
-Und sie gingen miteinander in die Küche, wo das Wasser zum Morgenkaffee
-noch immer wallend gegen die Stürze des Topfes stieß, und ließen die
-Tür ein wenig offen.
-
-»Weißt Du,« sagte das Zinzilein und redete ganz leise, »ich werde mich
-so lange an das Bett setzen, bis er aufwacht! ... Ob man ihm nicht
-einmal die Augen ein wenig aufklappen könnte?«
-
-»Ach lieber gar,« sagte Tante Veronika. »Zuerst gehst Du einmal zum
-Gemeindevorsteher und sagst zu ihm: Sie möchten, bitte, gleich einmal
-zu Fräulein Sinsheimer kommen -- es ist eine sehr wichtige Sache.«
-
-Das Zinzilein mußte diese Worte dreimal wiederholen, lief damit einen
-Steinwurf weit den Berg hinab zum dritten Hause und sah den Vorsteher
-in seinem Garten. Da hielt es sich an einem Zaunstänglein fest und
-schrie: »Die Tante Veronika hat ein Kind gekriegt -- es hat einen
-schwarzen Kopf, und Du sollst schnell kommen. Es ist eine großartige
-Sache!«
-
-Herr Peter Squenz wußte, daß das Zinzilein ein unterhaltsames kleines
-Mädchen war, aber diese Botschaft schien ihm im höchsten Grade
-sonderbar. Er trat zu dem Kind an den Zaun, und weil er lachte, kam die
-Kleine ein bißchen aus dem Gleichgewicht. Da sah er, daß das Gesicht
-verängstigt war; denn das Zinzilein merkte, daß es die Worte der Tante
-über der Wichtigkeit des Augenblicks ganz vergessen hatte, aber es
-verließ sich auf sich selber und drängte: »Komm nur! Ein wirkliches
-richtiges Kind hat sie, liegt im Bette und hat die Augen ganz fest zu.«
-
-Da dachte Herr Squenz, dem Fräulein Sinsheimer müsse etwas zugestoßen
-sein, warf sich schnell den Rock über und ging mit dem Zinzilein. Das
-redete immerfort von dem Kinde und seinem Sammetfellchen, und brauchte
-altkluge Worte, die wunderlich in dem kleinen Munde standen, aber als
-Herr Peter Squenz das Fräulein in der Haustür stehen sah, geriet seine
-lustige Neugier in abgrundtiefe Verwirrung.
-
-Da mußte Fräulein Sinsheimer einspringen und ihn auf den rechten Weg
-führen. Die Sache war anders, aber sie war nicht weniger wunderlich;
-denn von dem kleinen Trupp Zigeuner, der in der Mondnacht durch den
-Bergwald gezogen war, hatte niemand etwas gesehen. Und weil das
-Fräulein Veronika auch erkläre, sie wolle für das Kind sorgen, wenn
-sich die Mutter nicht fände, und es solle der Gemeinde nicht zur
-Last fallen, so hatte Herr Peter Squenz weiter nichts zu tun, als
-den Vorfall mit dem Protokoll und der Unterschrift der Pflegemutter
-an seine Behörde zu berichten. In den umliegenden Dörfern und
-Städten blieben die Nachforschungen erfolglos. Die blanken Reden,
-die ins Ländchen liefen, versickerten, und es versickerte der Eifer
-der Behörden. So hatte Fräulein Veronika Sinsheimer zu dem blonden
-Zinzilein einen kleinen schwarzen Jakobus bekommen, den ihr recht gerne
-kein Mensch streitig machte. Diesen Namen hatte sie ihm gegeben nach
-dem Tage, an dem er gefunden worden. Etliche meinten zwar, er müsse
-Moses heißen: denn ob er aus dem Wasser oder aus dem Walde gezogen sei,
-wäre nicht so wichtig. Das Fräulein mochte davon nichts wissen.
-
-Es blieb aber auch nicht bei dem Jakobus, denn das Zinzilein machte
-einen Jockele daraus und war mit seinem hellen ahnungsvollen Herzen um
-ihn und lebte sich in seiner Freude an ihm in ein sorgendes leuchtendes
-Glück; und die Tante Veronika lebte sich darüber hinein in die
-leuchtende Ewigkeit.
-
-Natürlich hatte es Tante Veronika damit nicht eilig; denn Festungen,
-die ihm so sicher sind wie das Grab, pflegt ein weltfrohes Menschenherz
-nicht im Sturm zu erobern.
-
-Es war nun doch ein großer Wandel der Dinge im Leben der alten Dame
-eingetreten: mit seinem kleinen Fäustchen warf das am Waldrand
-aufgelesene Büblein das stille Gleichmaß des blumenhaften Daseins
-einfach über den Haufen. Die rote Knospe seines Mundes faltete sich
-erst so leis auseinander, da herrschte er schon als König in seinem
-Reiche. Die blauen Wunder seiner Augen, in denen noch kaum etwas
-anderes war als die rätsellose Unbewußtheit des Himmels, machten das
-Wetter im Frühlingshause. Und weil er gewöhnlich nach Tante Veronika
-rief -- mit Lauten, die ebensogut von einem Maikätzlein hervorgebracht
-werden konnten -- wenn diese gerade in der Küche zu tun hatte, so
-mußte ein Mädchen ins Haus. Es waren da überhaupt hundert Dinge um
-seine kleine Majestät zu verrichten, deren viele recht unköniglich
-aussahen und die am besten einer dienenden Person überlassen wurden;
-denn zur Betätigung der unerschöpflichen Liebe blieb auch ohne jene
-Pflichterfüllung Gelegenheit genug.
-
-So war das Haus am Bergrand vollgeworden zum Ueberlaufen, und die Tage
-begannen darin zu rennen wie die Windrädchen. Aber sie waren auch
-lustig wie diese, und es dauerte gar nicht lange, so hatte das Fräulein
-Sinsheimer wieder alles in seinen feinen weißen Händen, und die kleinen
-Sonnen, die sie sich an den Späthimmel des Lebens gestellt hatte,
-richteten ihren Gang nach dem großen Licht ihres Herzens.
-
-Darüber lernte das Bübchen seine Freude in die Welt jubeln, und das
-Zinzilein fand sich in ahnungsvoller Hingabe in die seltsame Rolle,
-die es diesem Jungen gegenüber zu spielen berufen war. Es ward ihm
-Schwester und Mütterchen; es herrschte und gehorchte; es ward Pol und
-Kompaß, Saat und Sonne für das kleine Herz und schlang von einem zum
-anderen das Kettlein einer Liebe, das köstlicher war als Gold.
-
-Weil es dem eigenwilligen Wunsche Jockeles entsprach, zog das
-Zinzilein in diesem Sommer ganz in das Frühlingshaus. Der Junge, dem
-Tante Veronika nachdrücklich klar gemacht hatte, daß es ein Gesetz
-des Wohlbefinden sei, die Nacht zum Schlafen zu benutzen, fand sich
-darein als in eine unverletzliche Pflicht. Und das Zinzilein war zu
-der Erkenntnis gelangt, daß man einem kleinen Menschen die Augendeckel
-nicht aufklappen dürfe, wenn sie heruntergelassen werden, und daß
-man so feine Härchen nicht stundenlang mit den scharfen Zähnen eines
-Staubkammes bearbeite. Dabei hatte sie Tante Veronika einmal ertappt,
-als es schon ganz rot unter dem Sammetfellchen hervorleuchtete. Man
-durfte einen Jungen auch nicht an einem Beine herumschlenkern wie
-eine Puppe. Es war überhaupt eine viel künstlichere Sache mit einem
-richtigen kleinen Menschen, und weit unterhaltsamer; denn der Jockele,
-als er sitzen konnte, bemühte sich nicht nur, dem »großen« und sehr
-klugen Zinzilein alles nachzutun, sondern er erfand auch eine Sprache,
-die das Zinzilein besser verstand als alle anderen.
-
-Daß es nicht in dieser Sprache mit ihm reden durfte, war verdrießlich.
-Aber die Tante war gewöhnt, daß man Ordre pariere, und so mußte das
-Zinzilein in seiner klaren und reinen Sprache schon mit dem ganz
-kleinen Jockele verkehren. Und merkwürdig -- die Tante war in dieser
-Sache zu keinem Entgegenkommen zu bewegen ... die gütige, allerliebste
-Frau, die es gab! Und sie ließ sich nicht einmal auf Erklärungen ein.
-
-Darüber geriet das Herz Zinzileins beinahe in Not, und das Mädchen Mali
-wurde von ihm zu Rate gezogen. Es fand sich in dem wunderlichen Willen
-der Tante Veronika aber auch nicht zurecht. --
-
-Die Kinder schliefen droben in der Giebelstube, und das Zinzilein hatte
-sich von der Sorge um die Nächte ein für allemal frei gemacht mit der
-Frage: »Wenn der Jockele kneckert, soll ich dann aufwachen?« --
-
-»Nein,« hatte die Tante gesagt und behauptet, sie schliefe so leise,
-daß sie die Träume der Kinder kommen und gehen höre.
-
-Von nun an änderte sich durch eine lange Reihe von Jahren nichts mehr;
-denn das Glück bleibt gern zu Gast in einem Haus, in dem man zufrieden
-mit ihm ist. Nur weil die Menschen immer an ihm herumnörgeln, ist es so
-scheu geworden, und es muß einer in dieser Zeit oft meilenweit wandern,
-um es einmal über den Weg laufen zu sehen.
-
-Seit das Zinzilein im Haus am Walde wohnte, hatten sich auch die
-Holzhauerleute mit dem Dasein des kleinen Jakobus abzufinden versucht,
-denn denen war der Junge wie ein Meteorstein in die Suppe gefallen.
-Armut ist immer eigensüchtig und wird darüber noch ärmer.
-
-Einmal erschien die Mutter des Zinzilein bei dem Fräulein Veronika. Sie
-hatte sich zu dem Gange äußerlich zurecht gemacht wie ein Dorfsonntag
-und gab sich redlich Mühe, frohmütig zu erscheinen. Aber was sie sagte,
-kam aus einem angesäuerten Herzen; denn der Puppenmacherin Barbara
-Laufer wollte just der schönste Pott ihrer Hoffnung in Scherben gehen
-und klirrte vernehmbar in ihre Rede: das Zinzilein würde nun wohl übrig
-werden ... Und von dem kleinen Mädel sprang sie gleich mittenhinein
-in ihre saure Weltanschauung, vor der die Milch auf dem Teetische
-zusammenrinnen konnte.
-
-Aber Tante Veronika wußte derartigen Ausfällen zu begegnen.
-
-Was sie sich an Lebensglück und an Freude zurechtgerichtet hatte, stand
-mit einer etwas spitzen Ueberlegenheit gegen die Menschen, und es
-hätte wie Feindseligkeit ausgesehen, wenn Veronika eine Unterhaltung
-über derlei Dinge jemals eingegangen wäre; denn die Lebensauffassung
-dieser Menschen baut sich auf die Weisheit: Wir können anfangen, was
-wir wollen -- wir haben kein Glück und sind an die Schattenseite des
-Daseins gesetzt. -- Fräulein Sinsheimer aber sagte: Jeder Mensch hat
-vom Glücke genau so viel, als er sich erzwingt. Und in ihrem Munde
-lag das unausgesprochene Wort: »Sie haben alle nicht das Geschick,
-glücklich zu sein!«
-
-Und damit hatte das Fräulein recht. Die leuchtende Weisheit der wenigen
-Stillen im Lande war auch die ihre geworden; denn zuletzt sind es doch
-nur diese Stillen, die in allen Stücken mit dem Leben fertig werden.
-Aber sie wußte auch: es würden alle an ihr herumnagen wegen dieser
-Erkenntnis, sobald sie einmal ihre Zunge davonlaufen ließ, und man
-würde sie als eine verrückte alte Jungfer ausrufen.
-
-Sie hütete sich, die Menschen zu bessern und zu bekehren, damit ihr
-nicht die eigene Sonne über diesem müßigen Beginnen auslösche. Sie
-ließ sich tausendmal sagen: »Ja, ja, das Fräulein Sinsheimer hat das
-Große Los des Lebens gewonnen!« Aber sie verriet keinem, wie töricht
-diese Rede sei, und daß sie selbst auf ein in Tränen ertrunkenes
-Dasein zurückschauen würde, wenn sie ihren vereinsamten Jahren nicht
-eine Fülle von Licht mit aller Weisheit und Zähigkeit ihres Herzens
-abgerungen hätte.
-
-An einem Sonntagnachmittag um die Teestunde brach die Barbara Laufer
-in das Frühlingshaus. Sie ließ aus ihren ungeschickten Worten heraus
-merken, daß der Eindringling Jakobus dem Zinzilein leicht ein Glück
-streitig mache. Dies Glück hatten sie in dem Holzhauerhause schon mit
-heimlicher Freude gehätschelt.
-
-Ueber allem rückte das Fräulein seinen Stuhl mit Entschiedenheit in die
-Sonne, faßte das flache altmeißener Schälchen mit drei spitzen Fingern
-und schlürfte ihren Tee mit jener süßen Behaglichkeit, gegen die keine
-Säuernis verknitterter Herzen ankommen konnte. Sie wäre gewöhnt, ihr
-Haus und ihr Leben selber zu bestellen, sagte sie, und fand dafür
-so feine und blanke Worte, daß die Frau Barbara in ganz demütiger
-Dankbarkeit zuhörte und mit der Erkenntnis davonging, sie wäre nahe
-daran gewesen, eine fürchterliche Dummheit zu machen.
-
-Als ihr Mann sie vom Waldsaume her gegen das Haus kommen sah, schritt
-sie voll unverrichteter Dinge ihres Wegs.
-
-Er fragte an ihr herum, ob sie denn nicht von Leben und Sterben geredet
-habe? Es könne doch einem alten Menschen einmal etwas zustoßen, und
-dergleichen.
-
-Aber die Frau Barbara meinte, so weit wäre sie gar nicht gekommen, und
-er solle nur selber zusehen, wenn er sich einbilde, er mache es besser.
-Danach knurrten sie sich noch ein bißchen an, trösteten sich zuletzt
-aber mit der Weisheit, daß ein gesprungener Topf oft recht haltbar
-wäre. Sie trauten sich dabei nicht, die Sache mit dem rechten Namen zu
-nennen, und hatten doch schon so lange daran herumgedacht.
-
-Das Fräulein Sinsheimer aber hatte sich in ihrem Leben nur ein einziges
-Mal überraschen lassen. Das war an jenem Sommeranfang gewesen, als ihr
-die Vorsehung den kleinen Jakobus in die Arme gelegt hatte. Nun war
-längst alles wieder in schöner Ordnung in ihrem Herzen, und es war
-fertig zum Leben und zum Sterben. Die Puppenmacherin Barbara Laufer
-brauchte gar nicht zu kommen, um einmal nachzuschauen, wie die Sachen
-stünden.
-
-Aber die sehnerigen Augen der Leute von Ibenheim rieten vergeblich
-an der geheimnisvollen Freude des Fräuleins vom Berge und an ihren
-Absichten für die Zukunft herum.
-
-Die Freude an den Kindern bekam ein helleres Herz mit jedem Tage; denn
-es blühte an ihnen alles licht hinein in das Leben. Nur das Mädchen
-Mali war ein Ding im Hause, dem das Glück über dem Zusammensein mit den
-anderen Menschen längst keine Selbstverständlichkeit mehr war. Um Mali
-schauerten um diese Zeit die kühlen Tage des späten Mädchenlebens, in
-denen die Lippen ihre Sehnsucht zu vergessen haben, und es doch nicht
-können. Malis Herz spähete aus vom Turme der höchsten Zeit, ob sich
-eine Stätte finden ließe, von der es sagen könnte: Hier bin ich daheim.
-
-So hatte Fräulein Veronika auch ihr Sorgenkind, das nicht gleich in die
-Sonne des Hauses als in sein fröhliches Besitztum hineinwuchs. Aber es
-fiel ihr nicht ein, dem Mädchen Mali Wohltaten für die kommende Zeit zu
-verheißen, sondern sie schrieb einfach unter den letzten Willen, durch
-den sie die Kinder bedacht hatte, daß die Mali -- wenn sie die Kleinen
-bis zur Mündigkeit erziehe -- in der oberen Giebelstube des Hauses
-für den Rest ihres Lebens Wohnung haben solle, und setzte ihr einen
-Geldbetrag aus.
-
-Das Mädchen erfuhr von alledem nichts, und Fräulein Sinsheimer war zu
-jeder Stunde bereit, diese Bestimmung durch eine andere zu ersetzen,
-wenn Mali der Ansicht wäre, das Glück finde sich im Lande irgendwo für
-sie leichter als an dem hellen Herdfeuer des Frühlingshauses.
-
-Und als sie sich derart auch mit ihrem Sterben auseinandergesetzt hatte
--- damit sie sich Grab und Himmel nicht vergälle -- nahm sie die große
-Kunst mit aller Zähigkeit wieder auf, das Leben in klarster Bewußtheit
-zu leben. Sie empfing jeden Tag aus den Händen ihres heiteren Gottes
-als ein Geschenk, das sie in grenzenloser Hingebung austeilte an alle,
-die in ihrem Hause waren.
-
-Tante Veronika hatte dreißig Jahre tiefster Sommereinsamkeit ihres
-Lebens mit Bergwald, Büchern und sich selber verbracht. Darüber kann
-der Mensch ein wunderlicher Kauz werden und eine so zerknitterte
-Seele bekommen, daß sie der Stahl des blankesten Glücks nicht wieder
-ausplättet. Er kann aber auch zu einer lichten Höhe mit erhabener
-Rundschau über alles Menschentum gelangen, für die besondere Gesetze
-des Lebens geschrieben sind.
-
-Für Tante Veronika galt beides.
-
-Sie war aus der langen Stille nicht ganz ohne Knitter hervorgegangen,
-aber die waren an ihr als feine Besonderheiten; und wenn sie da und
-dort Aehnlichkeit mit jenen Brüchen hatten, in denen sich der Staub
-der Altjüngferlichkeit festsetzt, so verbarg sie das unter dem Takt
-ihres geläuterten Frauentums und blies diesen Staub nicht durchs Haus
-nach der Gewohnheit jener Frauenzimmer, in denen verwelkte Jahre ihre
-Verwüstungen anrichten. Schon das Wort Staub verursachte ihr das
-Unbehagen einer nahenden Krankheit, und wenn sie es ausgesprochen
-hatte, rollte sie die Spitze der Zunge hinter den Zähnen in dem
-Gefühle, es sei von der grauen Wolke, die darübergestrichen, etwas
-hängen geblieben. Aber sie wedelte nicht als ein lebendig gewordenes
-Wischtuch durch das Haus. Und da sie dies Haus vor dreißig Jahren
-erbaute, geschah es in der weisen Erwägung, daß sie an dem sonnenvollen
-Rande des Buchenschlages so hoch über allem stehe, was innerhalb der
-menschlichen Gemeinsamkeit wie Staub auffliegt, als es einem Menschen
-möglich ist, der einsam sein will, ohne sich in die Welt feindseliger
-Einsiedelei zu vermauern.
-
-Sie hatte in diesen dreißig Jahren die hellen Augen frohsinnig in die
-Welt gerichtet und hatte in der Rolle des vergnügten Zuschauers das
-Wundern nicht verlernt. Sie stand der neuen Zeit mit dem Respekte
-gegenüber, den große Wandlungen der Dinge zu beanspruchen haben, und
-redete nicht nach der Art alternder Leute mit wehmütigem Bedauern von
-der guten vergangenen Zeit, weil sie mit der neuen nicht mehr Schritt
-halten können -- hoho, diese Tante Veronika schloß sich ihre Tage auf,
-als hätte sie eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes im
-zwanzigsten Jahrhundert vor! Und als der erste Zeppelin über die Wälder
-im Herzen Deutschlands donnerte, wunderte sie sich, daß man darauf so
-lange habe warten müssen, und sie sagte zu Herrn Peter Squenz: »In
-fünfzig Jahren werden die Menschen über die Maßen lustig sein bei dem
-Gedanken, daß ihre Großväter mit solch einer Explosionsmaschine die
-Fahrt in die Welt des gestirnten Himmels begonnen haben; den Mut werden
-sie bewundern, aber die Weisheit, die mit Gas und Funken durch die
-Lüfte reiste, werden sie belächeln.«
-
-Herrn Peter Squenz, dem gerade das Herz in seligem Stolz auf die Zeit
-erschauerte, in der er lebte, sah Fräulein Sinsheimer mitleidig aus den
-Winkeln seiner Augen an und sagte, die Errungenschaft sei eine Sache,
-über die hinaus es einfach nicht mehr ginge.
-
-Fräulein Veronika aber lächelte und antwortete: »Schade, daß wir
-in fünfzig Jahren beide irgendwo im All herumwirbeln oder etwa als
-wilde Rosen an einer Berghalde unsere Sommerseele in heiterem Blühen
-verhauchen und uns über unsern heutigen Zusammenstoß nicht mehr
-unterhalten können!« Dann lachte sie ihm so überlegen ins Gesicht,
-und das erhabene Bild des Luftkreuzers versickerte im Blau über dem
-Gebirge. Herr Peter Squenz aber dachte: »Was richten Bücher, Gedanken
-und Einsamkeit in von Natur ganz vernünftigen Menschen für heillose
-Verwirrungen an!«
-
-Nun hatte Fräulein Sinsheimer aber weder den Ehrgeiz, ein gelehrtes
-Frauenzimmer zu sein, noch war sie vom Dichterwahn oder den
-Emanzipationsgelüsten ihrer städtischen Schwestern befallen; sie
-predigte weder die Erlösung vom Manne -- was in ihrer manneslosen
-Lage nicht unverständlich gewesen wäre -- und forderte auch nicht
-das Frauenstimmrecht ... aber schon daß sie ein ganzes Regal voll
-Bücher besaß und sich sogar mit ihnen belästigte, war für Ibenheim
-bei Waltershausen eine unerhörte Tatsache. Und die hätte genügt, die
-Besitzerin so vieler gedruckter Gelehrsamkeit zum Gegenstand sorgsamer
-Beobachtung ihres Geistes zu machen, wenn das Fräulein das Bedürfnis
-gefühlt hätte, den Leuten häufiger in ihrer Ueberlegenheit zu begegnen.
-So aber hatte sie sich die herrlichste aller Künste in vollkommenem
-Maße zu eigen gemacht: sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen. Und
-ihr kleines Reich blieb für alles, was draußen lag, uneinnehmbar.
-
-Als der Jockele seinen Einzug in das Frühlingshaus gehalten hatte,
-rieten die Leute eine Zeitlang wieder lebhafter an den Dingen da oben
-herum und sagten: Wenn ein Mensch keine Sorge hätte, so mache er sich
-welche -- an dem Jungen von dunkler Herkunft werde sie ihr Wunder schon
-noch erleben! Etliche mutmaßten sich darum in eine wilde Zukunft hinein
-und sahen den Jakobus Sinsheimer, der doch wahrscheinlich ein Zigeuner
-wäre, als Räuberhauptmann sein Unwesen in den thüringischen Wäldern
-treiben.
-
-Einmal brachte das Mädchen Mali solchen phantastischen Klatsch mit
-aus dem Dorfe. Das war sehr heilsam für sie, denn sie erkannte an der
-hellen Empörung ihres Herzens, wie sie sich in ihrer Denkart allgemach
-loslöste von den Schichten, aus denen sie gekommen war.
-
-Tante Veronika lachte ihr vergnügtes Lachen darüber und sagte einige
-Worte über die Macht der Erziehung, die nicht nur den Leuten von
-Ibenheim, sondern der Menschheit im allgemeinen noch ein Buch mit
-sieben Siegeln sei ... Doch -- das war wieder einmal eine der gelehrten
-Reden des Fräuleins, die das Mädchen Mali nicht ganz verstand. Aber
-zu denken hatte ihr diese Unterhaltung gegeben, und sie lenkte das
-Gespräch in der Folgezeit immer wieder einmal darauf zurück; denn
-der Unterschied zwischen der Blütenfreude des kleinen Jockele und
-einem angehenden Räuberhauptmann hätte schließlich doch selbst einem
-Holzhauerverstande eingehen müssen.
-
-Weil es nicht in dem Wesen des Fräuleins lag, so schulmeisterte sie
-weder an Mali noch an den Kindern herum. Sie ging zwischen diesen drei
-Menschen einher wie zwischen den vielen, vielen Rosen ihres Gartens,
-und ließ blühen und ranken nach eigenen Gedanken, bis die Natur einmal
-sich selber im Wege war. Wie sie des Morgens mit der kleinen blanken
-Rosenschere durch die Sommerbeete wandelte, so schuf sie mit der
-klaren Feinfühligkeit des Herzens auch Ordnung in der überschießenden
-Seligkeit des jungen Lebens. Und die Regel, in die sich dies Leben
-hineinlief, hieß: der Wille zum Glück.
-
-Nicht weit vom Hause lag eine Sandgrube, die war voll Sonne, und
-um ihre Säume wob der Sommer blühende Borden. Da standen die Kerzen
-des Natterkopfs, und an jeder brannte ein Dutzend blauer Flämmlein
-und leuchteten über die goldene Einsamkeit der Sandhalde. Da war
-ein Wildrosenbusch, da war purpurner Steinklee -- es brachte jeder
-Monat ein paar Hände voll neuer Blumen, es brachte auch jeder dem
-Buchwald eine neue Farbe des Kleides, und zuletzt den scharlachenen
-Königsmantel. Und als das große Rauschen der Wälder gekommen war, fuhr
-der Wind über den Sandbruch hinweg, und es war, als hätte sich aller
-Sommersonnenschein in der Kuhle gesammelt.
-
-Das Zinzilein war über diese Wahrnehmung ganz außer sich vor Freude,
-kletterte hinab in den gelben Trichter und sah zu, wie der Wind droben
-an den Rändern die bunten Blätter als Kreisel trieb. Er jagte ihrer
-gleich hundert auf einmal in wirrem Tanze dahin, immer auf dem schmalen
-Rande -- wenn eins davon an den Hang entwischte, durfte es nicht mehr
-mitspielen; denn in dem Trichter war es still und warm wie an einem
-schönen Sommertage. Da sagte das Zinzilein: der Sandbruch wäre ihr
-goldenes Haus; aber die Mali meinte, das Haus hätte ja kein Dach, also
-wäre es keins. So genau ginge das nicht, sagte wieder das Zinzilein,
-wurde aber auf einmal schweigsam und patschte mit seinen kleinen Händen
-die Mauern der Sandburg fester, die sie während der vorigen Tage gebaut
-hatten. Nach einiger Zeit sagte es: »Mali, es ist ein Loch, und es ist
-voll Gold -- und wenn es kein Haus sein kann, so ist es ein Brunnen;
-denn ein Brunnen hat auch kein Dach.« -- »Aber in einem Brunnen ist
-Wasser,« wußte die Mali. -- »Haha,« lachte das Zinzilein, »in unserem
-ist etwas viel Feineres -- guck nur, es ist ein ganz goldener Brunnen!«
-Da guckte die Mali und fand das nun wirklich.
-
-Von Stund an hieß der Sandbruch der Goldbrunnen. Zwar -- dies Wort
-hatte zuerst die Tante Veronika ausgesprochen, als sie ihr erzählten,
-was sie heute miteinander geredet hätten; aber das Zinzilein hatte doch
-die ganze Sache erfunden. -- Der Wildrosenstrauch hatte nun Hagebutten
-mit schwarzen Mützen, und die Mali lehrte davor das Zinzilein das Lied
-von dem Männlein, das still und stumm im Walde steht und sein Mäntlein
-aus lauter Purpur umhat. Der Gesang der Mali war scheußlich, aber das
-Lied war fein.
-
-Manchmal ging auch Tante Veronika mit in den Goldbrunnen. Zuvor war
-sie über den farblosen Schacht nie erfreut gewesen, der mit in ihrer
-Umzäunung lag, aber nun waren die Kinder darin vor allen Einbrüchen und
-vor der Zerstörungswut junger Dorfgenossen sicher. In den Tagen des
-Herbstes sammelten Veronika und Zinzilein Samen von hundert Blumen, und
-das Zinzilein kroch an den Hängen des Goldbrunnens herum, schaufelte
-da und dort ein Loch und legte Samen und bessere Erde in den Sand und
-wollte auch gleich warten, bis es wüchse.
-
-Als wieder Tage voll Sonne den pfeifenden Bergwinter vertrieben und
-die Kätzchenweide im Goldbrunnen schon Wolken gelben Blütenstaubes
-in den Frühling warf, spazierte der Jockele auf eigenen Füßen in
-den Sandbruch, kam aber nicht weit über den Rand, an dem im Herbste
-die bunten Buchenblätter gelaufen waren; denn dann geriet er ins
-Kugeln und schoß kopfüber kopfunter auf den Grund des Trichters. Das
-war eine peinliche Geschichte, hätte ihn aber keine Träne gekostet,
-wenn die Mali und das Zinzilein nicht mit so schrecklichem Schreien
-hinterdreingelaufen wären, als müßten sie nun alle seine Beinchen
-zusammensuchen.
-
-Darüber merkte der Junge, daß etwas mit ihm passiert sei, aber er hätte
-es mit jungmännlicher Tapferkeit getragen, wenn die beiden Mädchen
-nicht in ein erlösendes Lachen verfallen wären, als er sich den langen
-Weg mit verständnislosen Augen betrachtete, den er in Purzelbäumen
-durchmessen hatte. Da begann er ein gefährliches Heulen, bis man ihm
-den Sand aus Mund und Nase gewischt hatte und ihm aus sorgenden Herzen
-versicherte, daß er noch ganz sei.
-
-Im Jahre darauf hatte er schon ein Holzschwert und lief dem Zinzilein
-damit entgegen, wenn es aus der Schule kam.
-
-Als er diesen Weg in die Welt zum ersten Male schritt, hatte er gleich
-einen Kampf zu bestehen. Auf dem Anger vor dem Hause des Herrn Peter
-Squenz sonnte sich nämlich eine Gänsemutter mit ihren sechs Kücken. Die
-Kinder stiegen so sachte daran vorüber, auf einmal ward der Hals der
-alten Gans zu einer zischenden Schlange und schoß ihnen entgegen. Das
-Zinzilein überkam der Schreck, aber der Jockele riß sein Schwert aus
-dem Gürtel und fuchtelte damit bedrohlich in der Luft herum. Da mußte
-die Frau Peter Squenz kommen und ihn retten.
-
-»Ha!« sagte er mutig, als ihn die Squenzin wieder auf sicheren Grund
-gestellt hatte -- »ha!« Aber in diesen Ruf der Tapferkeit gewitterte es
-sachte aus überstandenen Fernen.
-
-Der Goldbrunnen erhielt in den folgenden Jahren das Aussehen eines
-Bahnhofsneubaus. Man konnte dabei aber auch an die Anlage einer
-Kupfermine denken.
-
-Als Jockele dann in die Schuljahre hineinwuchs, standen ihm die
-Sandburgen, die unter jedem Gewitterregen einstürzten, nur noch in
-lächelnder Erinnerung; denn da hub er ein lebensgefährliches Graben in
-der Sandkuhle an ... Holzhauer hatten beim Stöckeroden am Saum einer
-Waldau ein Hockergrab gefunden, dazu Waffen und Urnen. Deshalb wollte
-auch er in forschendem Eifer ein Stück Weltgeschichte zutage wühlen.
-
-Das betrieb er, bis er einmal die Schule vergaß und Tante Veronika
-selbst sich auf den schwierigen Weg in den Goldbrunnen machte. Da kroch
-er aus den Röhren im Sande wie ein Fuchs aus dem Bau, und die Tante
-hatte Gelegenheit, ein bißchen Wildwuchs zu beschneiden. Das Zinzilein
-war in dem Sandbruch nun schon ein seltener Gast geworden, und die
-Mali war seit Jahren nicht mehr hinabgestiegen. Da nahm der Jockele
-in Jungenweise überhand. Aber in dieser Stunde bewährte sich die
-Erziehungskunst der alten Dame wieder einmal ausgezeichnet --
-
-»Ich hätte Dir sagen sollen, daß solch eine wilde Hantierung für einen
-Jungen gefährlich ist. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, daß die
-Sandmassen über Dir zusammenbrechen könnten?«
-
-»O ja,« sagte der Jockele, »wenn jemand darauf herumliefe, könnte das
-wohl sein.«
-
-Da leitete sie ihn zu einer besseren Erkenntnis, und dann mußte er
-sein Ränzlein überhängen und in die Schule gehen, die schon längst
-angefangen hatte.
-
-Das war eine furchtbar peinliche Geschichte; denn als er über die
-Schwelle trat, spießten ihn die Blicke aus hundert Augen auf; und als
-er dem Lehrer berichtete, wie er zu der Verspätung gekommen, brandete
-ein Lachen aus fünfzig Kinderkehlen um ihn, daß es ihm ganz rosenrot
-vor den Augen wurde. Während er dann auf seinem Bänklein saß, sauste
-ihm ein Sturm in den Ohren, als ob er die große Seemuschel von Tante
-Veronikas Wandbrett daranhielte.
-
-Aber ein Gutes hatte diese Sache doch: er bekam an jenem Tage die
-Taschenuhr, deretwillen er sich schon lange um ein paar Jahre älter
-gewünscht hatte -- nun hörte er auf einmal die Zeit laufen in richtigen
-kleinen Schritten, deren jeder eine Wegstrecke vorwärts bedeute. Und
-das war an dem gleichen Tage, an dem er darüber nachdenken lernte: Tod
-und Leben stünden so dicht beieinander, daß oft nur eine Handvoll Sand
-zwischen beiden wäre ... Und er hatte immer gedacht, vom Leben zum Tode
-wäre es weiter als bis an das blaue Gewölbe des Himmels, das kein Adler
-und kein Zeppelin erfliegen könne.
-
-Die Wahrsager im Dorfe waren darüber entweder hinweggestorben, oder sie
-getrauten sich nicht, ihre wilden Prophezeiungen aufrechtzuerhalten;
-denn der Jockele war ein über die Maßen manierlicher Junge geworden,
-er brach ihnen weder in die Hühnerställe, noch schnörrte er den Leuten
-die kleinen Fenster in den Giebeln und Dächern mit der Steinschleuder
-in Stücke; und wenn ein paar Schlingel vom Förster bei dem Stellen von
-Leimruten und Sprenkeln abgefaßt wurden, so war der Jakobus Sinsheimer
-nie dabei. Manchmal gab es zwar auch ein wildes Fahren durch den
-Bergwald, aber nicht zu oft; denn die Kinder in dieser köstlich grünen
-Welt blühen wie die Nägelein in den Scherben auf den Fenstersteinen:
-sie puddeln sich über der Heimarbeit die roten Backen zum Teufel, oder
-es löscht ihnen im halben Licht der Stuben der Glanz aus den Augen,
-und die Wälder und dunkelblauen Berge ihrer Heimat stehen vornehmlich
-in ihrer Sehnsucht. Dem Jockele aber sprudelten die Quellen entgegen
-und -- unerhört: er badete sogar darin. Dies zuzulassen, war auch
-eine solche Lästerlichkeit des Fräuleins Sinsheimer! ... Der Jockele
-durfte mit dem Zinzilein und der Mali durch den jauchzenden Hochwald
-streifen, so oft er wollte. Oder er ging mit einem Forstgehilfen
-zwischen Tag und Dunkel, wenn nur über dem Hörselberge noch eine Flamme
-Licht im Verleuchten war und wenn die Nebel in feinen Gespinnen in den
-Wipfeln hingen, und sah die Hirsche heraustreten und hörte sie ihren
-königlichen Brunftschrei über die Grenzen ihres Reiches schlagen -- ah,
-du dunkelgrüne, du starke, du einzige Thüringer Erde!
-
-Um diese Zeit lief der Jockele den Dorfjungen aus den Händen. Es war
-ein so kümmerliches Blühen des Geistes und Herzens um sie, und sie
-rochen nach Leim und Stube -- was soll einer damit anfangen?
-
-Das alte Fräulein, das nun ganz weiße Scheitel hatte, hielt alles
-Leben im Hause weiter in ihren sicheren Händen. Manchmal gab es eine
-freundschaftliche Unterredung über den Jockele mit dem Zinzilein; denn
-dieses war nun ein ›Fräulein‹ geworden, litt an einer verzärtelnden
-Liebe zu dem Jungen und dachte, es müsse den ›Kleinen‹ aus der tiefen
-Hingabe ihres Herzens heraus noch beraten wie damals, als er im
-Kittelchen in der Sandgrube Kuchen buk. Mit solch mütterlichem Behaben
-drohte sie oft die ganze Pädagogik der Tante über den Haufen zu werfen.
-
-»Du mußt nicht meinen, Du hättest ein Mädchen vor Dir,« sagte dann
-die Tante; »ein Junge, der unter der ängstlichen Fürsorge von lauter
-Frauen aufwächst, läuft Gefahr, unter die Räder des Lebens zu kommen.
-Ich habe es deshalb von frühester Kindheit mit dem Jockele anders
-angefangen als mit Dir. Ein Junge muß einmal in der Welt stehen und muß
-sich ein Stück dieser Welt erobern können.«
-
-Die Dorfschule reichte für den Jungen längst nicht mehr zu. Tante
-Veronika spannte ihn immer eine Stunde des Tages noch zur Fahrt durch
-das Reich ihrer Bücher ein. Sie hatte sich da einen klugen Plan
-zurechtgedacht, und weil sie selbst in allen Werken, die auf dem Regale
-standen, wohl beschlagen war, ging Jockele willig in dem Geschirr und
-nahm gegen die alte Dame nicht überhand. Als er auf einen Physikband
-verfiel, richtete er sich in dem Gartenhause, das aus Stein war und ein
-Fenster hatte, und in dem es sich sehr traulich lebte, eine Werkstätte
-zu allerlei Hantierung ein.
-
-Einmal baute er wochenlang an einer Lokomotive, eine Konservenbüchse
-mußte dabei die Rolle des Dampfkessels übernehmen. Danach galt es,
-ein Flugzeug zu erdenken, natürlich von so kühner Bauart, wie sie den
-Fachleuten noch nie eingefallen war. Und als er aus einem Automaten
-eine apfelgroße Weltkugel erstanden hatte, die mit Schokolade gefüllt
-gewesen war, hing er sie an einem Faden an die Decke des Gartenhauses,
-und die Frauen mußten kommen und sich die Sache ansehen. Das Fenster
-stellte die Sonne vor, und Jockele löste an der im Raume schwebenden
-Erdkugel der Mali das Geheimnis von Tag und Nacht. Zur größeren
-Anschaulichkeit hatte er die Schattenseite ein bißchen mit Ofenruß
-angestrichen.
-
-Er hatte in dem Gartenhaus überhaupt hundert Dinge aufgestapelt:
-wunderlich gewachsene Hölzer, die die Form von Köpfen hatten, der er
-dann immer ein wenig nachhalf, bis die Mali sich vor ihnen entsetzte;
-dazu Versteinerungen, sauber aufgespannte Schmetterlinge, die sich in
-einem Kasten mit einem Glasdeckel befanden, und zu denen er nach den
-Büchern der Tante die Namen geschrieben hatte; Raupenhäuser, in denen
-er den Wandel der Würmer zum Falter beobachtete; ein Fischglas und ein
-Terrarium mit Eidechsen, einer Blindschleiche und einer Ringelnatter.
-
-Damit die Bergwinter seinen Eifer nicht unterbrachen, war der einzige
-Raum des steinernen Gartenhäusleins auch mit einem kleinen Ofen
-versehen worden.
-
-Je mehr er in das betriebsame Jungentum hineinwuchs, desto sicherer
-entglitt er den Einflüssen der sehr sanften Mädchenhaftigkeit, mit
-denen das Zinzilein um ihn war.
-
-Tante Veronika bemerkte das mit Genugtuung; denn das Behaben des
-Zinzilein zu dem Jungen war ganz voll von der Rätselhaftigkeit der
-Liebe, die in ihrer Maßlosigkeit gar nicht anders bezeichnet werden
-kann als hingebungsvolle Eigensucht. Es schien fast, als vereinsame
-das Zinzilein über seiner Liebe zu dem Jungen, weil er nun so von ihr
-fortwuchs.
-
-Sie sagte das Veronika auch. Aber die Tante blieb bei ihrer
-wunderlichen Ansicht: das müsse so sein. Im übrigen ließ sie sich auf
-Erklärungen nicht ein, hütete sich dem Jungen gegenüber ängstlich vor
-aller Schulmeisterei und sorgte dennoch, daß sie ihm an der Hand ihrer
-Bücher von Zeit zu Zeit ein neues Wissensgebiet erschloß. Er ging auf
-alles mit begieriger Freude ein, aber von der Sorge, die Veronika in
-dieser Zeit des flüggen Jungentums am meisten beschäftigte, sagte sie
-dem Zinzilein gar nichts. Und dennoch schlief die Sorge nie ganz ein,
-es möchten sich eines Tages an Jockele vererbte Eigentümlichkeiten
-zeigen, denen gegenüber alle Erziehung und Liebe ohnmächtig wären. Aber
-diese Bangigkeit nagte nicht an ihr und quälte sie nicht; denn sie
-war ihr in Wahrheit gegen ihre Ueberzeugung gekommen in einer Zeit,
-die ganz voll war von der Mechanikerweisheit der Vererbung. Und dafür
-fand sie zu ihrem Erstaunen eines Tages auch bei dem Menschheitslehrer
-Goethe eine Belegstelle -- »Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn
-die Eltern erzogen wären ...«
-
-Darüber geriet sie von neuem ins Raten. Aber trotz aller Mühe, die sie
-sich gab, konnte sie diese Verse nicht ganz zu ihrer Ansicht umdeuten,
-daß eine in allen Stücken vollkommene Erziehung die geistige und
-sittliche Verfassung eines Menschen aller Vererbung zum Trotze bestimme.
-
-Tante Veronika hätschelte den Gedanken solchen unerkannten Königtums
-der Erziehung mit eifersüchtiger Liebe als die köstlichste Erkenntnis
-ihres Lebens -- und nun wälzte ihr gar Johann Wolfgang einen Fels in
-den Weg! Zwar: er setzte damit auch der Erziehung eine der vielen
-Kronen auf, die seine königliche Hand zu vergeben hatte, aber ... Und
-dies Aber blieb stehen und rumorte in Winkeln ihrer Seele herum, die
-Jahrzehnte in wundervoller Sonnenruhe gelegen hatten.
-
-Doch -- eine sechzig Jahre alte Dame läßt sich schwerer umstimmen als
-ein sechshundert Jahre altes Klavier. Und das war in diesem Falle ein
-großes Glück.
-
-Wunderlicherweise war es das Zinzilein, das die Frage zuerst aufwarf,
-was einmal aus dem Jockele werden solle. Das kam daher, daß der Gedanke
-in dem Mädchen Wurzel geschlagen hatte: ein Junge müsse geschickt
-werden, sich ein Stück Welt zu erobern. Wie er das in Ibenheim anfangen
-sollte, war nicht leicht zu denken.
-
-Tante Veronika war in diesem Falle von einer unerforschlichen
-Sorglosigkeit und sagte:
-
-»Zuerst und vor allem muß er ein Mensch werden. Es ist falsch, einen
-Jungen für einen Beruf zu bestimmen, weil er im Spiele diese oder jene
-Neigungen zeigt. Solche Neigungen sind wichtig, aber es geht nicht an,
-darin in verliebtem Stolze gleich einen Weg fürs Leben zu erkennen.«
-
-Das Zinzilein meinte, Naturforscher wäre für den Jockele das Richtige,
-und dachte sich etwas ganz Närrisches dabei.
-
-Eines Wintertags, als alle Quellen des Lichts aus dem geschliffenen
-Späthimmel brachen und es aussah, als wäre die Himmelsglocke
-zertrümmert worden, weil der Sonnenball, siebenmal größer als sonst, in
-seiner leuchtenden Majestät anders nicht hätte durch die Tore ziehen
-können, schlug der Jockele seinen Farbekasten auf und pinselte das
-königliche Spiel des Verleuchtens auf ein weißes Papier. Er saß am
-Fenster des Gartenhauses, sein Tisch war eine alte Hobelbank, an der
-in grauen Zeiten Tante Veronika ihre Rosenpfähle selber zugerichtet
-und grün angestrichen hatte -- da fiel das gewaltige Flammenwerk des
-Himmels in seine jauchzenden Augen. Er wußte kaum, was er tat -- es
-war ihm, er stünde davor mit hoch, hoch emporgestreckten Armen und
-wäre ganz nackt; denn alle Armseligkeit des Irdischen fiel darüber von
-ihm ab -- und hätte ein Schauen in eine andere Welt. Aber er saß doch
-an der braunen Hobelbank, inmitten tausend kleiner Dinge, die er dem
-Alltag aus den Händen genommen, und strich in Selbstvergessenheit die
-Farben auf das Papier.
-
-Und dann war es ein recht armseliges Machwerk geworden -- es fehlte
-darin kein Licht, aber es fehlte das Leuchten ... Die Himmelsfreude
-seiner Augen war ausgelöscht auf der Spanne Weges durch den Pinsel!
-Darum sah sein Sonnenuntergang so verbrecherisch aus, als hätt' ein
-Dorfjunge, der dem Puppenmaler zugesehen, einen Haufen farbiger
-Kreidestücke an der schneeweißen Haustür der Tante Veronika probiert.
-Scheußlich!
-
-Er warf den Pinsel hin und verlor sich mit seinen Gedanken wieder in
-das letzte Scheinen, das noch ferne stand.
-
-Es waren nun Wolken in wunderlichen und wilden Bildern über den Saum
-der Erde gekrochen und fraßen den königlichen Glanz. Endlich waren
-nur noch zwei Oeffnungen in der Finsternis. Durch diese konnte man
-hineinsehen in glutrote Weiten ...
-
-In diesem Augenblicke zerriß ein schwarzer Vorhang vor einer Kammer
-seines Herzens, und was ihm kein Mund eines Menschen erklärt hatte,
-ging in seiner Seele auf als eine rote stille Flamme: er erriet
-ein Stück der Götterlehre der Germanen, die von den Gipfeln dieser
-Berge, so wie er jetzt, durch die Türen des Himmels geschaut und ein
-machtvolles Wandern von Gestalten gesehen hatten, die dort in einem
-großen Lichte gingen. Und weil die Vorfahren noch nichts von der Welt
-kannten, als was sie mit ihren Sinnen erfaßten, deuteten sie sich das
-Gesehene und sagten: es ist das ewige Leben in jenem großen Leuchten,
-und sie nannten es Walhall ...
-
-Da fiel der rauhe Ruf des Mädchens Mali in den Sternenflug seiner
-Gedanken. Es war die Zeit des Nachtmahls, das sehr früh genommen wurde.
-
-Auf seinem Gesichte lag noch der Widerschein des heiligen Feuers.
-An anderen Abenden nahm er sich mit wißbegierigen Augen gleich
-beim Eintritt ins Zimmer von den aufgetragenen Speisen einen Teil
-des Wohlbehagens hinweg, in das sich sein gesunder Jungenappetit
-hineinzuessen gedachte -- heute stand er diesen Dingen gleichmütig
-gegenüber wie noch nie.
-
-Das Zinzilein, das gewöhnt war, alle seine Begeisterungen und
-Enttäuschungen mitfühlend zu durchleben, als wär's ein Stück von ihm,
-ein großes Stück, trat gleich ohne anzuklopfen mitten in ihn hinein --
-
-»Na,« fragte es.
-
-»Ich habe ein großes Erlebnis gehabt!« sagte er mit Wichtigkeit.
-
-»Wahrhaftig -- es ist noch ein ganz fremder Klang in Deiner Stimme!«
-
-»Ich wünschte, ich könnt' Euch alles halb so schön sagen, wie ich es
-gedacht habe! Aber es geht nicht. Wenn ich erzählen wollte, würde es
-geradeso herauskommen wie der Sonnenuntergangshimmel, den ich zu malen
-versucht habe. Ich wette, ich habe jedes Licht auf dem Papier, und
-ist dennoch eine abscheulich schlechte Sache ... es sieht aus wie die
-bunte Kaffeedecke, als sie das Mädchen Malchen mal abgekocht hatte, und
-sollte doch der Himmel werden -- der herrlichste Abendhimmel, der je
-über der Erde gestanden hat!«
-
-Er redete da in Worten, wie er sie vordem nie gebraucht -- jedes hatte
-Flügel, und seine Augen hatten den Glanz großer Sterne.
-
-Dann lockte das Zinzilein Walhalls Entdeckung aus ihm heraus.
-
-Er redete sich darüber in fernschauende Vergessenheit, aber es ward
-zuletzt doch nur ein Bild ohne den überirdischen Glanz, in dem seine
-Träume durch die Dämmerung gezogen waren. Das kam auch von der Scheu,
-vor den prüfenden Blicken der Tante und des Zinzilein alle Hüllen von
-der Seele zu werfen.
-
-Darüber ward er schweigsam. Das Essen geschah ohne die
-begeisterungsvolle Hingabe, zu der er sonst imstande war, und er sah
-aus wie einer, der eine Erscheinung gehabt hat. Er war in der Dämmerung
-dieses Wintertags in einen neuen Abschnitt seines Lebens gesprungen.
-
-Vor dem Schlafengehen nahm er sich das Zinzilein noch einmal zur
-Seite und sagte: »Du, das quält mich! Lach' aber nicht! ... Es ist
-heute so etwas in mir aufgegangen -- weißt Du, gerade wie damals, als
-die Schauspieler im Dorfe waren ... Wir saßen in dem ganz finsteren
-Saale, auf einmal rollte der Vorhang empor -- es blühte ein schöner
-Rosengarten dahinter und stand alles in so warmem Lichte ... Jawohl, so
-ist es in mir gewesen! Zinzilein, sag es mir: ist das die Seele?«
-
-Gott, wie purzelten ihm die Worte klug und unbeholfen über die Lippen!
-
-Aber wenn er das alles hätte Veronika sagen sollen, wär' es noch
-reichlich dümmer geworden.
-
-Das Zinzilein geriet an dieser Frage des großen Erwachens in
-Herzensnot. Es merkte: der Junge wollte eine sichere Rede hören über
-Dinge, die ihr selbst bis zu dieser Stunde nur unsichere Gedanken
-gewesen waren. Wie sollte sie denn das anfangen, ohne sich Jockeles
-Achtung und Liebe zu zertrümmern?
-
-»Ja,« sagte sie aus großer Bedrängnis heraus, »das ist die Seele!«
-
-»Das hab ich mir gedacht,« sagte er in aufatmender Befriedigung. »Ist
-Dir das auch so gegangen?«
-
-»Aehnlich wird es wohl gewesen sein,« lächelte das Zinzilein. »Aber
-weißt Du, das sind Dinge, über die man erst klug reden kann, wenn man
-viel älter geworden ist. In der Jugend ist es genug, wenn man weiß, es
-ist etwas da, das einen von innen so warm und hell anscheint wie die
-Sonne von außen.«
-
-Das war das erlösende Wort! Es fiel in den Jungen aus einer großen
-Not ihres Herzens, das an diesem Abend jedem seiner Gedanken und
-Blicke treues Geleit gegeben hatte. Und darum fand sich's nun so auf
-Zinzileins Lippen, just wie es das drängende Begehren des Knaben
-brauchte, das plötzlich an dem Uhrwerke des Lebens herumzuraten begann.
-
-Als der Jockele, der schon seit Jahren allein in der Giebelstube
-schlief, zu Bett gegangen war, geriet das Zinzilein in ihrer Bedrängnis
-an Tante Veronika. Die saß in der warmen Behaglichkeit ihres
-Lehnstuhls, aber als das Mädchen das fremde Geschütz auffuhr, griff
-Tante Veronika mit der einen Hand nach der Krücke des gelben Stockes,
-an dem sie nun aus einer alten Familiengewohnheit heraus zu gehen
-pflegte, und mit der anderen glitt sie so langsam über das Gesicht, als
-müßte sie sich ein bißchen lächelnde Verlegenheit abwischen ...
-
-Es wurde an diesem Abend länger und gefühlvoller gesprochen als sonst,
-ohne daß es zu Entdeckungen von grundlegender Bedeutung über das Wesen
-der Seele gekommen wäre.
-
-Seit dieser Zeit beschied sich Jakobus nicht mehr damit, vorgedruckte
-Bilder auszutauschen, sondern er suchte Farben und griff nach dem
-Himmel.
-
-Darüber wurde das Zinzilein von einem grausamen Lachen befallen und
-sagte: kleine Kinder machten es geradeso -- sie langten zuerst nach
-den schönen goldenen Nägeln des Firmaments, dann aber spielten sie mit
-Steinen und schlechtem Sand! Ob denn auf der +Erde+ nicht etwas wäre,
-und nicht so voll von unmalbarem innerlichen Glanze wie die Wunder des
-Himmels? Sie könnte ihm zwar weiter nichts helfen als sehen ... »Guck,«
-sagte sie, »da steht draußen der Zaun aus lauter braunen Stänglein,
-steht vor dem blauen Tuche des Himmels und hat sich so viele kleine
-Mützen aus frischem Schnee aufgesetzt ... könnte man das nicht malen?«
-
-Himmel, was solch ein großes Mädchen für herrliche Einfälle hat! -- Da
-war das Zinzilein schon aus dem Gartenhause gesprungen, kam aber gleich
-wieder, schwang ein blaues Papier und sagte: die Sache wäre einfach
-genug -- er brauchte den Himmel nicht einmal zu malen; denn da wäre er
-schon!
-
-Die Tante lobte ihn danach mit Maßen und sagte: wenn er hundert
-solche und ähnliche Dinge vor der Natur weggenommen, werde er große
-Geheimnisse entdecken. -- Das war ein Rätselspruch von der Art jener,
-die die verschleiernde Kunst der Pythia geliebt hatte! Einer, der vor
-einem großen Werke steht ohne den heiteren Glauben an seine Kraft, kann
-sich darüber verbluten.
-
-Das Zinzilein verlangte mehr Lob für den Jockele, aber Tante Veronika
-überhörte das gute Wort gänzlich.
-
-Die beiden letzten Schuljahre des Jungen wurden von ihr sehr ernst
-genommen, die Naturgeschichte und Malerei schienen dabei geflissentlich
-übersehen zu werden und blieben für die Sonntage und die Ferien.
-
-Veronika hatte auch eine lateinische Grammatik ungemein ehrwürdigen
-Alters unter ihren Büchern entdeckt, die war voll Genusregeln von
-klappriger Enthaltsamkeit des Geschmacks und Geistes. Dazu ein
-Uebersetzungsbuch von Ostermann für Sexta, das bibliophilen Wert hatte;
-denn es war eines der ersten Exemplare der ersten Auflage und trug eine
-vergilbte Einschrift des Verfassers für den Vater der Tante Veronika.
-
-Jockele, der sich ausrechnete, daß dieser Vater um jene Zeit gut
-hundertzwanzig Jahre hätte zählen können, ahnte beim Anblick der
-greisenhaften Würde des Buches zum andern Male seine Seele -- diesmal
-in einem fröstelnden Erschauern.
-
-Dann kam über die alte Dame eine fast heftige Betriebsamkeit im Latein.
-Gleich zu Anfang aber forderte der Junge Frist zu einem Privatschnaufer
-der Verwunderung, weil die Tante das nun auch noch konnte. Allein, sie
-gestand ohne Umschweife, daß es mit ihrem Latein hapere. Doch -- das
-kannte der Jockele! Nichts als übertriebene Bescheidenheit! Und er war
-geneigt, jede Wette einzugehen, daß der Professor Sinsheimer, der an
-dem gelben Krückstock durch die Straßen Bremerhavens gestabt und dessen
-Werk die Tante Veronika war, an ausbündiger Gelehrsamkeit zugrunde
-gegangen wäre.
-
-Während dieser letzten Schuljahre stand der Jockele der Grammatik und
-dem Uebungsbuche mit frostigem Herzen gegenüber, er lernte, weil er
-sollte, und niemand im Hause wußte eigentlich recht, wozu. Selbst Tante
-Veronika war froh, als sie dem Jungen erklären konnte, nun sei es mit
-ihrem Latein zu Ende. Das war an dem Tage, an dem sie die letzte Seite
-des Ostermanns für Sexta umschlugen.
-
-Danach kam die heitere Ruhe des Frühlingshauses ein wenig ins Wanken,
-es war ein wunderliches Drängen nach außen. Zuerst ging die Schulzeit
-des Jockele zu Ende, und es richteten sich allerlei Fragen steil
-und nüchtern vor dem innigen Beisammensein auf. Sie forderten die
-Antwort nicht von einem Tage zum anderen, aber sie schoben bei jeder
-unpassenden Gelegenheit den Kopf zwischen die drei Menschen und sagten:
-»Na, wie wird das?« Und sie wären noch viel hartnäckiger gewesen,
-wenn das Zinzilein nicht um diese Zeit maienseliger Erdenfreude von
-einem Forstgehilfen schön gefunden worden wäre. Weil der nicht das
-Töchterlein des Holzhauers und Puppenmachers Laufer, den er im Walde
-an die Arbeit zu stellen hatte, sondern das Ziehkind der feinen alten
-Dame ehelichen wollte, war ihm von vornherein klar, er werde einen
-heillosen Sturm im Haus auf dem Hügel losmachen, der ihm die großen
-Klötzer nur so vor die Füße wirbelte.
-
-Die erste Betätigung dieser Liebe war das Interesse des jungen
-Forstgehilfen für den Jockele.
-
-Einmal auf einem Spaziergang, als auf den Waldgrund die braunen
-Knospenhüllen der Buchen herabschneiten und das brünstige Schauern
-der Frühlingserde sich an Quellen und Bachsäumen zu Bändern aus
-Vergißmeinnicht zusammenwob, schlug der Forstmann Matthias Prinz dem
-Jungen eine Tür auf, durch die er einen Blick in die Ferne tat -- so
-weit hatte er nie sehen können, wenn Tante Veronika vor seinen Augen
-hinaus ins Leben deutete! Es waren in Matthias einige Erinnerungen aus
-verlorenen Lateinjahren wachgeworden.
-
-»Siehst Du,« sagte er zu Jockele, »das Latein, das ich nicht gelernt
-habe, hat mir die Hälfte meines Lebens verdonnert!«
-
-»Wie denn das?«
-
-»Nun, ich hätte Oberförster werden können und Forstmeister -- aber an
-dem Latein bin ich hängen geblieben.«
-
-»Und wenn einer nicht Forstmeister werden will?« klügelte Jockele an
-dieser Rede herum.
-
-»Lern's Junge!« schrie ihm Matthias Prinz ins Gesicht und legte ihm
-beide Hände auf die Achseln, »und wenn Du's hundertmal nicht weißt,
-wozu Dir dies oder jenes nützen soll -- raff zusammen in Deinen
-Frühlingsjahren, was Du kannst, denn es könnte die Zeit kommen, da Du
-Gold daraus schlägst!« Nach dieser klingenden Rede fragte er kurz: »Was
-willst Du werden?«
-
-»Ich weiß es nicht. Wenn ich sehr fleißig bin, darf ich mir's noch drei
-Jahre überlegen; bin ich faul, muß ich in irgendeine Lehre.«
-
-»Junge,« sagte Matthias, »das ist ja großartig! ...«
-
-Darüber waren sie an den Saum des Buchwalds gekommen, an dem die
-Umzäunung über dem Goldbrunnen dahinlief.
-
-Sie gingen ganz langsam dem Frühlingshaus entgegen, und Herr Matthias
-Prinz redete sehr laut und väterlich.
-
-Da lugte die Mali aus dem Küchenfenster, was es wäre, und gleich darauf
-trat Tante Veronika an dem gelben Krückstock heraus in die Sonne. Sie
-überschüttete die jungen Leute ganz mit der hellen Freude, die immer
-nicht genug Platz in ihren Augen hatte, und sagte, sie könne dem
-Herrn Matthias nun endlich danken für die Teilnahme, die er an der
-Entwicklung des Jakobus zeige.
-
-Herr Matthias Prinz aber redete sehr verbindlich und ehrfürchtig zu der
-alten Dame, von der alle einsichtigen Leute mit so heillosem Respekte
-sprachen, und fand sich auch geschickt zu der Behauptung, von der er
-dachte, sie werde sie am meisten erfreuen. Er sagte, sie hätte den
-Jockele zu einem sehr klugen und braven Jungen erzogen.
-
-Es lag aber nicht in der Art Veronikas, sich im Sturme nehmen zu
-lassen. Deshalb begegnete sie der prinzlichen Begeisterung mit einer
-maßvollen und sicheren Liebenswürdigkeit; und als Matthias fragte, ob
-er bei Gelegenheit einmal in ihr Haus treten dürfe, entgegnete sie:
-»Ich werde mich darüber freuen; und dann wird Ihnen Jakobus in der
-Gartenhütte zeigen, wie er lernt, und Sie werden ihm sagen, daß ihm
-noch viel zu tun übriggeblieben ist.«
-
-Danach reichte sie ihm die Hand und wußte, daß aus diesen drei Minuten
-die größte Wandlung in ihrem Hause hervorwachsen würde, die seit dem
-Eintritt Jockeles darin gegeben war.
-
-Nichts an ihr verriet diese Erkenntnis, aber das Herz des Herrn
-Matthias Prinz hatte Schwingen bekommen und wirbelte mit ihm hinein in
-den Frühlingswald -- die Finken rührten ihr Schlagzeug, als hätten sie
-Wachtparade, die Mönchsgrasmücke trug den Schellenbaum, und die wilden
-Tauber schlugen die große Trommel. Und der Herr Prinz -- als wär er
-schon König geworden -- bildete sich ein, die ganze Waldmusik hätte der
-Frühling extra für ihn losgelassen. --
-
-Jockele stand auch über diesen Tag hinaus den Ereignissen mit
-Unbefangenheit gegenüber. Das Geheimnis der rosenroten klingenden
-Liebe war für ihn noch nicht erfunden, und er brachte nicht den
-ahnungslosesten Verdacht auf, daß er von dem Herrn Matthias als
-Sprungbrett zu einer himmelblauen Seligkeit benutzt würde.
-
-Gesprochen wurde nach Ansicht des Jockele von dem Forstgehilfen im
-Hause nur dann, wenn er selbst die Rede auf ihn brachte; Tante Veronika
-hatte mit sehr nachdrücklichen Worten namentlich der Mali alles
-verboten, was für die Ohren des Jungen nicht paßte. Daß Mali und das
-Zinzilein in dieser Zeit oft recht geheimnisvoll taten, merkte er
-auch nicht -- ein Junge merkt überhaupt nicht viel; er wühlte sich
-im Gartenhaus mit einer Wichtigkeit in seine Bücher, die er über den
-anderen Pflichten der Schule nicht einmal geahnt hatte.
-
-Darüber war auch der »Ostermann für Quinta« beschafft worden, an dem
-der alte Pastor in Jockeles Gemeinschaft jede Woche drei Stunden sein
-verblichenes Latein auffrischte.
-
-Als Herr Matthias nach einigen Wochen im Frühlingshause Besuch machte,
-beschränkte ihn die Tante wiederum für die Dauer von drei Minuten
-auf das Damenzimmer. Dann begleitete sie ihn vor das Gartenhaus, das
-Zinzilein guckte durch den Vorhang, und der Herr Matthias Prinz suchte
-mit seinen Augen über die Achsel der Tante hinweg, ob etwa aus diesem
-Fenster ein Sonnenschein fiele. Er redete dabei ausgiebig und bezeigte
-ein großes Interesse für die Anlage des Gartens.
-
-Veronika war auch davon nicht im geringsten überrascht -- wer überhaupt
-dächte, sie hätte sich von Stund an in die Rolle des schätzehütenden
-Drachen eingelebt -- ha, der würde Fräulein Sinsheimer sehr schlecht
-kennen!
-
-Sie liebte es, die Augen zu schließen, um besser sehen zu können, und
-war dem Zinzilein selbst in den wichtigsten Angelegenheiten der Liebe
-unbedingt vertrauenswürdig. Wenn der Jockele davon etwas hätte ahnen
-dürfen, so hätte er gesagt: »Nun versteht sie das wahrhaftig auch
-noch!«
-
-Tante Veronika hatte gegen die Dinge, die sich nun im Frühlingshause
-vorbereiteten, nicht das geringste einzuwenden, aber sie wollte alles
-mit der ihr eigenen Delikatesse behandelt wissen.
-
-Sie fand es selbstverständlich, daß das Zinzilein gleich das neue
-Muster abhäkeln mußte -- jetzt, am Sonntag mittag, und eine Stunde
-vor dem Essen! Und sie fand es durchaus natürlich, daß dies auf einem
-Platze hinter dem Vorhang des Fensters nach dem Gartenhaus hin geschah,
-an dem das Zinzilein sonst nie saß. Dabei blühte das Zinzilein wie
-eine Malve und war von weltumarmender Glückseligkeit. Und weil Tante
-Veronika wußte, daß solch ein Glück als Geheimnis tausendmal schöner
-ist, merkte sie von den musizierenden Engeln, die das Zinzilein
-umtanzten, gar nichts.
-
-Nach einiger Zeit ging die Gartentür -- da stürzten sich alle
-anwesenden Engel dem Mädel ans Herz und läuteten damit, daß ihm angst
-und bange wurde.
-
-In der schönen Zeit dieses Jahres schlossen sich Herr Matthias Prinz
-und Jockele innig aneinander, wiewohl der Forstgehilfe beinahe noch
-einmal so alt war als sein junger Freund. Sie waren fast an jedem Tage
-beisammen.
-
-Weil Matthias keine Gelegenheit vorübergehen lassen durfte, die sehr
-umsichtig befestigte alte Dame zu erobern -- und wenn sie mit Ketten an
-den Himmel gebunden wäre! --, so machte er dem Jungen die Waldgänge zu
-fröhlich angeregtem Unterricht vor der Natur. Darüber wurde alles Glanz
-an dem, und er lief in seine ersten Jünglingsjahre, als wäre er der
-Blütenzauberer Frühling selber.
-
-Das Ebenmaß seines Wachstums geriet um diese Zeit, die zwischen den
-Zeiten steht, ein wenig in Unordnung, und die Glieder baumelten
-manchmal in der Welt herum, als wüßten sie nicht, was sie schlagen
-sollten. Das Zinzilein aber sagte in belustigter Uebertreibung, Arme
-und Beine hingen um ihn wie langgereckte Fragezeichen.
-
-Aus dieser Erkenntnis des Zinzilein erklärte er sich die merkwürdig
-fremden Augen, mit denen das Mädchen nun manchmal an ihm herumsuchte,
-als gingen sie Rätsel raten. Und es trat auch sonst eine Veränderung
-in ihrem Wesen ein; früher machten sie oft einen Ringkampf, zu dem sie
-ihn sogar herausforderte -- jetzt wies sie das als eine ganz unmögliche
-Sache von sich, und er hatte doch gerade so große Lust dazu. Früher
-war sie ein Kind gewesen wie er, nun war sie über Nacht ein Fräulein
-geworden und war voller Geheimnisse. Früher sah man ihr an, daß sie das
-Leben des Jungen in allen Stücken zu dem ihren machte, jetzt wußte sie
-nicht einmal mehr in seinem »Laboratorium« in der Gartenhütte recht
-Bescheid. Und die natürlichste Sache von der Welt -- nämlich daß sie
-der Jockele heiraten würde -- schien ihr auf einmal ein kindischer
-Spaß, und sie lachte ihn aus. -- »Davon verstehst Du noch gar nichts!«
-
-Einmal des Abends, als die sammetweiche Sommernacht durch die Fenster
-ins Zimmer stieg, trat auch das Zinzilein herein, und seine Augen
-flogen vor ihm her wie Leuchtkäfer; da nannte sie der Jockele »ein
-merkwürdiges Stück Naturgeschichte«.
-
-Er erzählte Tante Veronika, was er die Tage her von Herrn Matthias
-gelernt hatte, und das Zinzilein wurde darüber ganz Andacht.
-
-Des anderen Tages ging sie selber mit ihm in den Wald, und da mußte
-er ihr jede Seite des leuchtenden Sommerbuches umschlagen und mußte
-vorlesen, was darauf geschrieben war -- nicht nur von den Arten der
-Blumen und Bäume und des vielerlei Getiers, sondern auch von der
-Forstwirtschaft wollte sie hören. Sie war fast fürchterlich in ihrem
-Wissensdrange.
-
-Da sagte Jakobus, sie solle nur einmal mitkommen, wenn er mit dem Herrn
-Matthias ginge. Aber das Zinzilein lachte ihn für diesen wohlmeinenden
-Vorschlag aus, und dies Lachen schlug einen Laden an seiner Seele auf,
-und es brach eine Fülle neuen Lichts in ihn. Ein Gedanke sprang ihm
-klingend ins Herz -- da ward dies Herz voller Ahnungen. Das Zinzilein
-aber bückte sich rasch und strich mit der Hand über das grüne weiche
-Waldmoos ...
-
-»~Polytrichum commune~, Goldhaar,« sagte ihr der Jockele.
-
-»Weißt Du das auch von dem Herrn Prinz?«
-
-»Nein. Alles soll ich von dem Herrn Prinz haben! ... Warum bist Du denn
-so rot geworden?«
-
-»Weil Du so grausam gelehrt bist,« log das Zinzilein.
-
-»Es wäre auch ein Name für Dich, Prinzessin Goldhaar!« scherzte der
-Jockele.
-
-Da wurde aus dem Zinzilein eine ungeheure blutrote Verwirrung; denn
-dieser Junge sprang ihr mit dem goldenen Wortspiele vom Prinzen und der
-Prinzessin mitten hinein in das Allerheiligste ihres Herzens, und es
-fehlte nicht viel, so ertappte er sie über heimlichem Opfer.
-
-Das Herz des Zinzilein schlug sich allgemach in das vorige
-Gleichgewicht; sie war aber kurz angebunden, und ihre Gedanken
-stolperten umher wie die Libellen mit den blauen und glasgrünen Flügeln.
-
-Von diesem Tage ab wurde das Verhalten Jockeles zu dem Herrn Prinz
-ein wenig anders. Aber nicht etwa respektloser, weil er hinter ein
-Geheimnis gekommen, oder gar mißtrauisch, sondern es wurde ein bißchen
-verwandtschaftlich.
-
-Der Himmel mochte wissen, wer dem Forstgehilfen das Märchen von der
-Prinzessin und dem Prinzen erzählt hatte -- genug, er kannte es.
-
-Danach kam er eine ganze Woche nicht ins Frühlingshaus, weil er
-in einem sehr fernen Forste Vermessungen vorzunehmen und Arbeiten
-zu überwachen hatte -- aber am nächsten Sonntag als schon die
-Mittagsglocke über das Dorf läutete und der Jockele ahnungslos von
-irgendwo aus dem September kam, nahm ihn die Mali gleich an der Haustür
-in ihre Hände. Ihre Augen fielen ihn an wie zwei Sonnen, und sie zog
-ihn eilig in die Küche und war gar nicht bei sich.
-
-»Der Herr Prinz ist drinne!« zischte sie ihn an. »Er will das Zinzilein
-heiraten -- alleweil sagt er's der Tante!«
-
-»Hab ich längst gewußt!« sagte Jockele so von oben herab, fiel aber
-gleich aus der Rolle, faßte die Mali unter und wirbelte sie ein paarmal
-durch die Küche. Dann gingen sie auf den Zehen, horchten manchmal
-ein bißchen durch den Türspalt und wisperten miteinander wie die
-Goldhähnchen im Winterwalde -- alles als gäbe ihnen eine dunkele Ahnung
-ein: sie beide müßten nun zusammenhalten, da das Frühlingshaus langsam
-zu vereinsamen begann.
-
-Auf diese losgelassene Freude kam ein Augenblick, der wäre beinahe sehr
-feierlich geworden: die Tante trat in die Küche und sagte, der Herr
-Matthias Prinz speise heute bei ihnen zu Mittag; dann führte Veronika
-den Jockele in das Zimmer, das ganz voll Gold und Glück und weißer
-Vorhänge war -- »Jakobus,« begann sie und gedachte in sehr schönen
-Worten von einer großen Freude zu reden. Aber das dauerte dem Jakobus
-zu lange, da ging er ihr durch und stürzte den beiden ans Herz.
-
-So hatte Herr Matthias Prinz das Wachstum dieses Jahres unter Dach,
-ehe die Welt von Nebeln eingewoben wurde -- wie sich das für einen
-vorsichtigen Liebhaber schickt.
-
-Tante Veronika, obwohl sie niemals in himmelblauer Verlobungsseligkeit
-herumgeflogen und darüber hinaus von dem anderen Geschlechte so
-gründlich stehen gelassen worden war als möglich, kam dennoch nicht auf
-den Einfall, es diesen einen entgelten zu lassen und ihn in Entsagungen
-zu üben -- nur auf Delikatesse hielt sie und bestand darauf, daß
-»solche Sachen« nicht zum Ansehen für andere gemacht seien. Wodurch
-aber nicht verhindert wurde, was sie beabsichtigte -- nämlich, daß
-der lange schöne Knabe Jakobus die Vorstufe zu einer raschen und
-gründlichen Liebesschule durchmachte. Wäre der Lehrstoff weniger
-delikat zum Vortrage gelangt, so hätte Jockele vielleicht nicht die
-nötige Anteilnahme aufgebracht und wäre davongelaufen. Aber dieser Herr
-Prinz war in allen Stücken von einer so vorbildlichen Ritterlichkeit,
-daß der Junge während des Winters feststellte: Matthias der Prinz und
-Prinzessin Zinzilein wären einander durchaus würdig, und das Mädel
-in seiner sonnigen Blondheit wäre nun noch viel schöner geworden ...
-Lauter Dinge, an denen der Jockele so viel herumzudenken hatte, daß
-er denselbigen Winter in der Folgezeit einmal »die Auferweckung des
-Jakobus« genannt hat.
-
-Durch den tiefsten Bergschnee herüber trug Matthias eines Tages
-die Nachricht, daß er vom 1. April ab als Revierförster in der
-Nachbarschaft des Hörselberges bestimmt sei. Natürlich wollte er nicht
-unbeweibt seinen Einzug in das Waldforsthaus halten -- da überkam
-den Jockele zum ersten Male die Schwäche der Eifersucht, und zwar auf
-beide, die sich ihm gegenseitig wegnahmen.
-
-Er wäre darüber am Ende in die Unzufriedenheit des Flegeltums
-hineingewachsen, dem der liebe Gott zur Warnung als äußeres Kennzeichen
-das schlaksige Unebenmaß der Glieder anhängt. Aber die Erziehungskunst
-der Tante Veronika trieb an ihm eine schöne späte Blüte: sein Takt
-gegenüber der waldgesunden Männlichkeit des Schwagers behütete ihn vor
-Entgleisungen.
-
-So focht er den ersten Kampf mit sich und der Welt in der Stelle des
-Gartenhauses aus; er ward einsilbig, er knurrte auch einmal, wenn er
-durch die Stube wippte, aber er setzte sich nicht dem vereinigten
-Gelächter der Engel und Menschen aus, die während der Vorbereitungen
-zur Hochzeit das Haus bevölkerten. Er arbeitete sich um seine
-offensichtliche Zurücksetzung mit großem Eifer herum, entschädigte sich
-durch Erzählungen aus dem Gallischen Kriege des Cäsar, den er um diese
-Zeit mit dem Pastor las, und hörte mit sieghafter Genugtuung zu, wenn
-der ritterliche Herr Matthias das Bekenntnis ablegte, daß sein Schiff
-an dieser Klippe fast wrack geworden wäre.
-
-So war Jockele über allem auf ein Nebengeleise rangiert worden.
-Da fiel er in der beschaulichen Ruhe seiner Gartenhütte auf eine
-Verzweiflungstat: er hatte die Schmetterlinge seiner Sammlung gemalt
-und begann, zu jedem die Naturgeschichte zu schreiben. Es war die
-erste Arbeit, die er planvoll aufnahm und durchführte. Das Zinzilein,
-das ihn am liebsten als »Naturforscher« gesehen, hatte auch Verdienste
-an seinen farbigen Tier- und Pflanzenstudien, die oft recht hilflos
-waren. Deshalb dachte er, er wollte dem Zinzilein dies »Werk« als
-Hochzeitsgeschenk überreichen; denn er wußte, Prinzessin Goldhaar war
-mehr als die anderen dazu geneigt, gute Vorsätze als Taten anzusehen.
-
-Mitte März war er damit fertig, und als es der Buchbinder wieder ins
-Haus schickte, standen sie in diesem Hause gerade vor der Hochzeit.
-
-Die wenigen Tage surrten noch vorüber; dann kam der stürmische 1.
-April, der das Zinzilein dem Frühlingshaus entführte -- Himmel, was war
-von dieser blonden Mädchenjugend eine Fülle von Sonne gekommen!
-
-Nun, da sie nicht mehr da war, schauerte den Zurückgebliebenen die
-Einsamkeit fröstelnd ans Herz. Ueberall lagen Erinnerungen: Blätter
-aus zerfallenen Blüten -- das ganze Haus war voll von abgestandenen
-Festtagen; es war stief und stoppelfeldig in allen Zimmern, und gegen
-die Fenster stieß der Sturm, klirrte der Aprilregen.
-
-Tante Veronika hatte sich fest zugeschlossen, stabte mit dem gelben
-Stocke in ihrer Wehmut herum und suchte nach einem liegengebliebenen
-Sonnenschein. Es war aber keiner da.
-
-Vielleicht lief das alte Fräulein auch dem Gedanken nach, ob sie denn
-zum zweiten Male ganz verwaisen sollte?
-
-Es ist bei den Jahren anders als bei den Menschen -- die Jahre kriegen
-im Alter das Rennen, und man muß sich bei guter Zeit vorsehen, will man
-sie nicht davonlaufen lassen.
-
-Jawohl, ganz heimlich dachte Tante Veronika daran, wie sie den
-Jungen im Hause behalten könnte, ohne daß er an ihrer verzeihlichen
-Selbstsucht nicht zur vollen Entfaltung seiner hellen Gaben gelangte.
-Aber sie faßte diesen Glauben nicht mit der alten Festigkeit an, weil
-ihr das Herz davor bange war. Und diese Bangigkeit verlor sie nicht
-mehr. Doch brauchte sie nicht lange an der Frage herumzuraten; denn
-eines Tages stand ein Sturm auf, der dem alten Mädchen am Bergwalde den
-Jungen aus Haus und Händen wirbelte ...
-
-Zuvor aber kam Maria Reh nach Ibenheim.
-
-Da war der Frühling im vollen Gange und schüttete ein Blühen in die
-Gärten, daß es über die Zäune lief.
-
-Weil Fräulein Reh zuerst mit dem Mai durch den sprossenden Buchwald
-gestrichen war, kam sie mit Maleraugen voll Entdeckungen und einem
-Herzen voll Licht und Himmelblau und trat in das erste Haus, an dem sie
-der Weg aus dem Walde vorbeiführte.
-
-Darin wohnten die Laufers. Frau Barbara fing sie gleich in dem Netz
-ihrer Freude und schüttelte die ganze Hochzeit und das Glück des
-Zinzileins über sie. An diesem Tage nahm Maria Reh die Stube nach dem
-Wald hinaus.
-
-Als sie am nächsten Morgen mit der Staffelei in die Bergsonne stieg,
-um ihre Sinne vom wilden Farbendrängen zu erlösen, ward sie von dem
-Mädchen Mali erspäht. Deshalb schritt bald danach der Jockele von
-ungefähr des Weges, um zu sehen, was es wäre. Er kroch erst ein bißchen
-um das Malfräulein herum, und weil er noch so zwischen den Lebensaltern
-stand, durfte ihn ihre Spätfrühlingsreife ohne Scheu ermutigen. Es
-wurden ein paar falterleichte Fragen gewechselt -- die erste ließ
-Maria auffliegen. Weil sie den Jockele mit »Sie« anredete, bekam er
-einen roten Kopf; denn das passierte ihm zum ersten Male. Aber er fand
-sich alsbald in das erforderliche Auftreten und erwies sich dabei als
-fertiger Schüler seines Schwagers Matthias.
-
-Am ersten Regentage machte Maria Reh der Tante einen Besuch. Sie trat
-auch in das »Laboratorium« und erbat sich den »Herrn Jakobus« als
-fröhlichen Malergesellen, nachdem sie seine frischen, aber ungelenken
-Versuche gesehen hatte.
-
-Einige Tage später, in denen das junge Buchlaub ganz zu Golde
-geschlagen worden, war aus dem komischen »Herrn Jakobus« für das
-Fräulein schon der junge Jockele geworden -- manchmal hieß er noch
-»Sie, Herr Jockele!« -- und er saß neben ihr im Walde und visierte
-mit dem Zielauge über den Bleistift hinweg die Lage der Dinge, die er
-skizzierte.
-
-Wieder nach einiger Zeit wanderten sie zusammen in das Forsthaus am
-Hörselberge. Da nahm auch Maria ihr Skizzenbuch mit und redete von
-lustigen Malerfahrten beider Herzen in ein weltumarmendes Glück.
-
-Die enganliegende Lebensart im Frühlingshause, die das Werk der Tante
-Veronika war, fand sich bei Maria Reh nicht. Sie war ein blondes,
-schlankes Mädchen mit einem Teutoburgerwaldgesicht und einem freien
-Hals, an dem über dem Blusenausschnitt unter dem Nacken der erste
-Rückenwirbel kräftig hervortrat; denn er hatte zu tun, den Kopf mit dem
-klingenden Haar und dem klaren, kühnen Gesicht zu tragen.
-
-Natürlich behauptete Maria, sie wäre viel größer als Jockele. Als sie
-einander aber mit entschuhten Füßen und aufgelegtem Skizzenbuch an
-einem Waldstamme maßen, war zwischen den beiden Strichen gerade nur so
-viel Raum, daß ein Sonnenstrahl hindurchkriechen konnte.
-
-Diese Messung fand auf dem Wege zu dem Berge der Frau Venus statt. Und
-weil es eine so sonnevolle Waldfahrt war, gelangten sie erst im roten
-Lichte des Spätnachmittags in das Forsthaus und standen beide über und
-über in Blüte. Deshalb läutete das prinzliche Paar gleich mit allen
-Glocken, und das Lachen schoß als goldene Raketen in die Waldnacht vor
-dem traulichen alten Jägerhause. Dabei wurde festgestellt, daß der
-Jockele in sechs Wochen um sechs Jahre älter und ritterlicher geworden
-sei, und er, dem das Haar so wellig und schwarz um die Stirne wehte,
-hatte die Augen voll feuchten Glanzes.
-
-Das Zinzilein schaute fast erschrocken in dies heiße Licht, das aus
-einem tiefen Himmel kam. Aber der Jockele sagte: daran wäre die Sonne
-schuld, die über Tag hineingeronnen, und daran wäre schuld, daß diese
-Augen nun Dinge zu suchen und zu sehen hätten, von denen das Zinzilein
-samt seinem jungen Herrn Förster gar nichts ahnte. Er sagte das aus
-einem gläubigen Jungenherzen heraus; aber das Zinzilein mußte doch auf
-der Hut vor sich selber sein, daß sie ihn nicht für ganz erwachsen nahm
-und ein bißchen an ihm herumklopfte ... denn auch das Zinzilein war in
-diesen sechs Wochen gelehrig gewesen und verstand sich auf Männeraugen.
-
-Sie blieben in dieser Nacht im Forsthaus, und am Morgen wußte der
-Jockele, warum ihn das Zinzilein manchmal mit so rätselhafter
-Lustigkeit ansah, hinter der immer ein sehr großes und sehr leuchtendes
-Ausrufezeichen stand. Sie schliefen in den Zimmern im oberen Stockwerk,
-und ihre Betten standen Wand an Wand. Der Hochwald hauchte die Kraft
-durch die weiche Nacht, die die Kerzen zur Frühlingsfeier aus den
-schwarzen Tannen treibt, und irgendwo unter den Fenstern brach ein
-Brunnen aus dem schwarzen Stein und flüsterte der Nacht wunderliche
-heimliche Reden ins Ohr. Als Jakobus an das Fenster trat, hauchte ihn
-die Südwand des Zimmers mit einer süßen Schwüle an, daß er erschrak;
-denn es war, als legte Maria Reh die Arme um ihn.
-
-Er löschte das Licht, das ihm das Zinzilein aufs Zimmer gebracht
-hatte. Die blaue warme Finsternis tat ihm wohl -- und da merkte er,
-das Zinzilein hatte die Rätsel seiner Augen schon erraten, ehe er noch
-wußte, daß sie darin waren. Aber nun, in der Stille dieser Waldnacht,
-nun war das Wunder da: er sah in der Finsternis! Es stand ein hohes
-blondes Frauenbild vor ihm, reif wie ein Aehrenfeld im Sommer, wenn
-der Duft von gebackenem Brote über die wogenden Halme zu schwimmen
-beginnt, und Maria Reh war schön wie eine Königin. Er blieb immer in
-der Nähe der Wand, in die des Tages die Sonne gesickert war, und fühlte
-den warmen fremden Odem ... Mitten darin stand Maria Reh in ihrer
-leuchtenden Ueberlegenheit und zog ihn an sich und küßte ihn mit ihren
-roten Lippen auf den Mund. »Was bist Du für ein lieber stolzer Junge,«
-sagte sie. -- »Stolz?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, daß ich immer
-so vor Ihnen knien möchte wie heute an dem warmen Waldhange, wo der
-Wachtelweizen in tausend blauen Lichtern brannte? Und wissen Sie denn
-nicht, daß ich Ihr Edelknabe bin, Sie liebe, liebe blonde Königin?« Da
-hörte er ihr klingendes Lachen, und sie nahm seinen Kopf zwischen ihre
-Hände und küßte ihn auf die Stirn ...
-
-Ueber dem Kusse schloß er die Augen und fühlte ihn hinabrinnen als ein
-wundersames himmelfremdes Glück bis in sein Herz.
-
-Und er ward durstig nach dem blutroten Leben ihres Mundes -- aber
-er dachte nicht daran, sie zu küssen, sondern +sie+ mußte es sein,
-die sich über ihn beugte und ihm aus der Gnade ihres Königinnentums
-reichte, wonach er so sehnsüchtig war ...
-
-So sahen die Verheerungen aus, die dieser jubilierende Montag in
-Jakobus Sinsheimer angerichtet hatte. Weit über die Mitternacht hin
-schwamm er in einem rosenroten Meere von Seligkeit ... Auf einmal
-wachte er auf -- der Morgenhahn warf seinen Ruf wie eine goldene Lanze
-durch das Fenster! Jockele erwachte sehr nüchtern; er hatte sich in den
-Schlaf gefreut; denn er dachte, der Traum würde die Fäden noch viel
-schöner weiterspinnen, die er ihm in die Hand gegeben. Nun hatte ihn
-die Nacht darum betrogen.
-
-Aber die falterleichte Jugend, als sie die Wipfel so voll klingender
-Sonne sah, brachte sein Herz gleich wieder zum Fliegen.
-
-Er schritt leise die Treppe hinab und fand Zinzilein und Matthias schon
-draußen beim Morgenkaffee unter der großen Buche. Im Zimmer Marias war
-der Vorhang noch vor das Fenster gezogen.
-
-Jockele hatte nichts dagegen, daß Matthias gleich danach das Gewehr
-umhängte und in den Wald ging; denn nun nahm er des Schwagers Platz
-ein, weil er von da aus das Fenster an Marias Zimmer immer im Auge
-haben konnte.
-
-Das Zinzilein belustigte sich in aller Heimlichkeit ganz ungemein.
-
-Es war ein blanker Morgentisch gedeckt, wie es zu den hellen Herzen und
-der Welt voll Licht paßte, und als Maria Reh -- schon fix und fertig --
-endlich den Vorhang zur Seite zog, flogen ihr die sehnsüchtigen Augen
-des Jungen ans Herz. »Na, da ist sie ja!« jubelte das Zinzilein, und
-Jockele wurde ganz stolz, weil sie seine Schwärmerei gemerkt hatte
-und doch in der Ordnung zu finden schien. Man plätscherte noch eine
-Viertelstunde in Lachen und Sonne, dann segelten die beiden auf ihrem
-glückhaften Schiffe davon.
-
-Jakobus war nach dem Erlebnisse vom Abend zuvor wie verwandelt, gestern
-war er ein Malschüler gewesen, heute war er ein glückseliger Page.
-
-Maria Reh ließ sich seine scheue Liebe gefallen und hätte nicht das
-geringste einzuwenden gehabt, wenn sie etwas weniger ungefährlich
-gewesen wäre. Sie war nun auch viel sanfter zu ihm; denn sie sah, der
-Junge war ganz von sich, und diese erste Jugendschwärmerei fiel über
-sie wie der Duft einer Blume, die ohne Gift ist.
-
-Mittags, als sie wieder an dem Hange ruhten, über dem der Wachtelweizen
-mit den himmelblauen Spitzen seiner Stengel als ein sonnenstiller See
-blühte, strich Maria mit ihrer Hand über sein Gesicht; da lehnte er den
-Kopf an die Erde und ließ ihre Stirn so über sich kommen und sah seinem
-Glücke tief in die Augen. Dann sagte er: »Ich bin sehr froh, daß Sie so
-lieb zu mir sind!«
-
-»Sind das Zinzilein und Fräulein Veronika nie so gewesen?« fragte sie
-aus ihrem wissenden Herzen heraus.
-
-»Aber das ist doch etwas ganz anderes, Fräulein Maria!« Und er erfaßte
-ihre Hand und legte sie über seine Augen.
-
-Weiter geschah auf diesem langen, langen Frühlingsgange nichts, aber
-als sie in der Dämmerung nach Hause kamen, waren sie beide ganz still
-geworden, und Maria sagte sehr weich und mitleidvoll zu ihm: »Auf
-morgen -- nicht wahr?«
-
-Da küßte ihr der Junge die Hand und ging mit gefährlich feuchten Augen
-von dannen.
-
-Sie sahen sich nun an jedem Tage. Jockele saß neben ihr im Walde und
-zeichnete, was sie ihm aufgab. Des Morgens suchte er sie stets mit
-scheuer Freude; denn vor Nacht war sie immer in so königlichen Bildern
-um ihn, und dann ließ er sich von ihren sachten Händen in den Schlaf
-streicheln.
-
-Sie fühlte auch, was sie ihm war, und war darum auf der Hut vor sich
-selber, damit der Glanz nicht von ihr abfiel, den seine erwachenden
-Sinne um sie träumten.
-
-Er hätte am liebsten gehört, wenn sie ihn »Du« genannt hätte, aber die
-Scheu, sich lächerlich zu machen, hielt ihn davor zurück, es ihr zu
-sagen; wenn er in den heimlichen Stunden zwischen Schlaf und Wachen mit
-ihr allein war, mußte sie es doch machen wie er wollte!
-
-Ueber allem befiel ihn ein ruheloser Eifer, ihr mit seinen Zeichnungen
-zu gefallen. Sie lobte ihn leicht und oft; das hatte ihm zuerst
-wohlgetan; dann peinigte es ihn; denn er dachte, es wäre eine
-unverdiente Gefälligkeit. Er sagte ihr das auch einmal und verstimmte
-sie damit; das dauerte drei Tage, und am vierten ging sie zu einer
-Stelle im Walde malen, die sie ihm nicht verraten hatte. Da geriet er
-in eine qualvolle Unruhe, lief den ganzen Tag im Walde herum und war
-heilsfroh, als er sie gefunden hatte. Aber die Abende, in denen er sich
-ihr ans Herz träumte, waren seit einiger Zeit nicht mehr so wonnevoll
-wogend und rosenrot, und sie wurden es noch weniger, als sie eines
-Tages an ihrer Bluse auf dem Rücken einen Druckknopf nicht geschlossen
-hatte. Wenn sie vor der Staffel stand und sich ein wenig zurückbeugte,
-sperrte sich diese Stelle des Verschlusses immer auf und ließ ein Stück
-Spitze ihres Hemdes sehen.
-
-Das peinigte ihn; denn es stimmte gar nicht zu den königlichen Bildern
-seiner Frühlingsträume. Er arbeitete mit heißerem Eifer, um Maria
-vor seinen törichten Augen zu schonen. Aber immer wieder blitzte das
-schmerzende Weiß in seine Arbeit -- da nahm er den Feldstuhl und setzte
-ihn so, daß er ihre Rückseite nicht sehen konnte, und begann eine neue
-Zeichnung.
-
-Einige Tage später war der Druckknopf wieder offen. Da sagte er zu
-ihr, er könne diese Bluse nicht leiden. Sie redeten eine Weile in
-scherzendem Ernste, und weil sie so überlegen tat, wehrte er sich --
-
-»Jawohl, nicht leiden, weil immer ein Knopf daran offen ist!«
-
-»O weh,« sagte sie lachend, »und das haben Sie gesehen und haben ihn
-nicht zugedrückt?«
-
-Sie fand also dabei gar nichts. Aber sie ahnte auch nicht, daß ihr
-großes Licht in seinem Herzen darüber zu einer matten Sonnenscheibe
-geworden war. Dann knurrte er ein bißchen vor sich hin, und sie
-redeten danach einmal vom Wetter und daß der Herbst schon so
-unfreundlich durch das Gebirge kroch.
-
-An ihrer Freundschaft änderte dieser Vorfall nichts, aber über die
-Vergänglichkeit des Rausches der Liebe begann Jockele in diesen Tagen
-der ersten Nebel doch nachzudenken ...
-
-Er ging in die Reifkälte des Oktobers aufrechter und fertiger, als er
-durch die fallenden Blüten des jungen Jahres gegangen war.
-
-Da sie sich wieder einmal maßen, war er über Maria Reh hinausgewachsen,
-was ein wildes Siegesgeschrei zur Folge hatte, und seine Arme baumelten
-nicht mehr um ihn herum wie Schlaghölzer am Dreschflegel. Er hatte auch
-Fräulein Sinsheimer mit auffälliger Sicherheit erklärt, er wolle Maler
-werden und -- vom Herbste des nächsten Jahres an -- die Weimarische
-Kunstschule besuchen. Im Herbste des nächsten Jahres war er siebzehn
-vorbei.
-
-Veronika, die mit Maria Reh mehrfach über sein Talent gesprochen hatte,
-gab ihr ruhevolles Einverständnis und war froh, daß die Dinge sich so
-fügten. Seine mancherlei Studien vor und in der Natur waren nun gewiß
-auch für seinen künftigen Beruf nicht zwecklos gewesen, und die alte
-Dame brauchte sich nicht zu sorgen, daß ihr der Junge dereinst den
-Vorwurf machte, sie hätte den Unterricht planlos betrieben -- nein,
-nein, die Sache war ihr so in allen Stücken recht.
-
-Als die Blätter gefallen waren, war Maria Reh fort. Die Freundschaft
-hatte gehalten -- Jockele hatte ihr das Gepäck in das Wagenabteil
-gereicht und hatte ihr noch im Schreiten Lebwohl gesagt, als schon die
-Räder neben seinen Schuhen rollten.
-
-Aber sie stand nun in seinen Gedanken in einer so rotbäckigen
-Menschlichkeit und kernigen deutschen Art, daß er sich wunderte, wie es
-ihm möglich gewesen wäre, das alles mit dem Glanze des Märchenkönigtums
-zu umdichten.
-
-
-Auf einmal faßte das Leben mit hartem Griff in den stillen Lauf der
-Tage des Hauses am Walde, und es ward eine tiefe Finsternis. Es sah
-aus, als wollte sie der Dinge und Herzen Herr werden und alle Freude
-in einer Stunde in die Luft sprengen, an der Veronika viele Jahre mit
-heiterem Fleiße gebaut hatte.
-
-Tief im Thüringer Wald steht ein Gasthaus an der Straße, etwa drei
-Wegstunden von Ibenheim; darin halten Fuhrleute, die über das Gebirge
-fahren, ihre Rast; dahin ziehen sommerfröhliche Menschen, wenn ihre
-Herzen dürsten nach Bergwind und Tannengrün. Im Winter ist es ein
-verlorener Bergwinkel, um den die Stürme Lasten von Schnee mauern.
-
-In jenes Gasthaus trat an einem frostklaren Januartage ein Weib, hatte
-in Männerstiefeln lange verschneite Straßen hinter sich getreten und
-war in allerlei schlechte Tücher gehüllt. In der Hand trug sie den
-Schaft einer jungen Erle, irgendwo am Wege gebrochen und notdürftig
-für eine Bergfahrt zugerichtet.
-
-Die Frau sprach ein fremdes und mühseliges Deutsch, und die Wirtsleute
-sahen sie aus ihrer tiefen Wintereinsamkeit verwundert und fast
-feindselig an.
-
-Sie rückte sich einen Holzstuhl an den Ofen und nestelte Kupferstücke
-aus der Tasche ihres Rockes; das ging langsam, denn ihre Hände waren
-krumm vor Kälte. Für das Geld bekam sie ein Glas Grog und schüttete den
-heißen Trank schluckweis in sich hinein. Darüber kamen ihre erstarrten
-Sinne, kam ihr das Herz allgemach wieder in Gang. Die Wirtsleute
-begannen, sich an sie heranzufragen. Aber sie hatte abwesende Augen,
-leuchtete damit in der großen Gaststube herum und sagte: »Die Fenster
-sind alle dick zu von Eis.«
-
-Da merkte der Wirt, es wäre nicht viel mit ihr zu reden, und bedeutete
-sie durch Zeichen, ob sie noch ein Glas Grog brauche. »Ja,« sagte sie,
-und legte das Geld dafür auf den Tisch. Ihre Augen gingen wieder durch
-die Stube und blieben endlich stehen, und die Wirtin, die das kochende
-Wasser aus dem Kessel über den Rum schüttete, fragte sie, ob sie krank
-wäre.
-
-»Nein,« -- sie überlegte sich nur, wie sie es sagen sollte, was sie
-vorzubringen hätte; denn ihre Sprache wäre das Ungarische und sie fände
-sich im Deutschen nur mühsam zurecht.
-
-Da taten die Leute ihre Arbeit und warteten, was es mit ihr wäre.
-
-Nach einer Weile sagte sie: »Ist hier vor länger als sechzehn Jahren
-ein Kind gefunden worden?«
-
-»Hm, ein Kind gefunden? Das ist eine merkwürdige Frage. Und vor mehr
-als sechzehn Jahren?«
-
-Die Wirtin wußte gleich, wohin die Frage zielte. Aber es wachte in ihr
-auch schon die Furcht auf vor mühsamen Gängen zum Gericht. Und sie warf
-ihrem Mann einen Blick zu, der wollte sagen: gibt acht, aus derlei
-Dingen wächst ein Haufen Unkraut!
-
-Deshalb antwortete sie mit hinterhältiger Sanftmut: »Ein Kind? Es ist
-davon wohl nichts bekannt worden.« Aber die Neugier brannte sie auf die
-Nägel, und der Mann sagte, vor sechzehn Jahren wären sie noch gar nicht
-in dieser Gegend gewesen.
-
-Die Zigeunerin hatte das graue Tuch, das sie um den Kopf getragen,
-überdem zurückgeschoben; da sahen sie, daß sie im Alter der ergrauenden
-Haare stand. Sie hatte ein verkümmertes Gesicht und sehr schöne
-schmerzvolle Augen.
-
-»Nun,« begann sie nach einer Weile, »wenn ein Kind gefunden worden ist,
-so redet man in einem Gasthause wohl auch nach vielen Jahren einmal
-davon; denn Kinder wachsen doch nicht an den Straßenrändern wie die
-Disteln.«
-
-Ob es ein Junge oder ein Mädel gewesen wäre?
-
-»Es war ein Knabe, und in der Nähe des kleinen hellgrünen Hauses am
-Waldrande war eine Sandkuhle. Ist da nicht ein grünes Haus in der Nähe,
-bei dem eine Sandkuhle ist?«
-
-»Es sind etliche Sandkuhlen in dieser Gegend und wohl auch mancherlei
-grüne Häuser,« sagte der Wirt, aber es war, als liefen ihr seine
-Gedanken nun doch entgegen. »Was haben Sie denn mit jenem Kinde zu tun?«
-
-»Ich bin die Mutter. Ich habe es auf die Schwelle jenes Hauses gelegt
--- es war in einer grauen Frühe und war im hohen Sommer. Ich dachte: in
-diesem Hause müßten gute Leute wohnen -- es war alles blank und sauber
-daran.«
-
-Da redeten die Wirtsleute leise miteinander, und weil sie dachten,
-es wäre besser, dies Weib wäre nicht unter ihrem Dache, rückte die
-Wirtin ihren Stuhl herzu und sagte: »Es ist in der Tat einmal von einer
-solchen Sache geredet worden« -- was es denn wäre, das sie nach so
-vielen Jahren herzöge?
-
-Menschen, die von Reu' und Glauben voll sind, schließen leicht alle
-Türen ihres Herzens auf ... und die Zigeunerin erzählte: es lebe in
-ihrem Volke die Gabe, das Künftige zu erschauen, und es hätten ihr drei
-weise Frauen ihres Stammes gesagt: ihr Kind lebe, aber es könne keine
-Rast finden hier und dort ...
-
-So erzählte sie aus der Not ihres abergläubigen Herzens eine
-verworrene Geschichte von silbernen Ohrringen, deren einen sie trüge
-und die wieder zusammenkommen müßten, und sie erzählte eine noch viel
-verworrenere Geschichte von den Seelen, die sich gleich den getrennten
-Ringen suchten über Zeit und Ewigkeit hinaus.
-
-Nicht die irrende Not dieses Weibes, nicht das Elend ihres verkümmerten
-Leibes hatte bei den Wirtsleuten vermocht, was der närrische Glaube
-ihres Herzens vollbrachte ...
-
-Davor wurden ihre Augen weit, und sie liefen mit schauerndem Behagen am
-Wunderlichen in das dämmerige Land dieser Seele.
-
-Aber sie scheuten sich, das letzte zu sagen, und gerieten darüber
-wieder ins Forschen: wenn sie den Sohn nun für sich haben wollte, ob
-sie meinte, daß man ihn ihr gäbe? Er wäre doch nun ein Mensch geworden,
-der ihr ganz ferne gerückt sei mit seinen Gewohnheiten und seinen
-Kenntnissen.
-
-»Oh,« sagte die Zigeunerin, »ich will nicht sein Glück zerstören,
-sondern ich will es erfüllen.«
-
-Da redeten die Wirtsleute in der breiten Mundart ihres Landes
-miteinander.
-
-Die Frau war voll Mitleid und sagte:
-
-»Man muß ihr den Weg zeigen!«
-
-Aber der Mann widersetzte sich:
-
-»Sie wird die Geschichte von den Wahrsagerinnen erfunden haben; sie
-will sich in das fremde Haus stehlen und dort einnisten, und man wird
-uns die Schuld an allem zumessen, was daraus hervorwächst ...«
-
-Dann beschrieben sie ihr den Weg aber doch, der sie über das Gebirge
-führte, und nannten ihr den Namen des Dorfes und sagten, sie müsse zum
-Gemeindevorsteher gehen und den Ohrring zeigen -- es würde sich dann
-schon alles finden.
-
-Danach ging die Zigeunerin fort und wanderte durch den tiefen Schnee
-des Waldes und lief einen weiten Weg in dem Dämmerlichte, das zwischen
-den Stämmen der hohen Fichten lag; denn die Bäume trugen ein Dach aus
-Schnee.
-
-Es war ein Schreiten zu den Toren der Ewigkeit; denn es fiel ein
-fremdes schönes Licht in die bangende Seele, und der vermühte Leib
-vergaß über dem beschwingten Gange die Not der verflossenen Zeit.
-
-Der Weg führte aufwärts zum Kamme des Gebirges. Der Weg? Es war kein
-Weg, es war weißer schlafender Waldgrund, und der klirrende Frost
-zerwehte vor dem beseligten Wanderschritt.
-
-Droben, wo sie schon den Wind hinter dem Kamme des Gebirges singen
-hörte, und wo er hohe Mauern aus glitzerndem Schnee durch den Wald
-gezogen hatte, lehnte sich das Weib an eine der weißen Wände ... es
-war, als wäre aller Frost drüben, wo das ferne und eintönige Singen
-der Luft erklang. Da dachte sie: ich will mich ausrasten, ehe ich
-hineinschreite in den klirrenden Wind. Sie setzte sich nieder und
-sah die tiefe Spur, die ihre Füße in den Schnee getreten hatten, und
-wunderte sich, daß ein Mensch durch solch einen verstürmten Bergwinter
-schreiten könnte ...
-
-»O ja,« sagte sie, »mit einem Herzen voll Himmel wandert man durch alle
-Mühsal der Erde ...«
-
-Das war das letzte. Dann fiel ein blaues heitres Scheinen in sie. Und
-das blaue heitere Scheinen war das Sterben; denn als der Frühling über
-die Berge stieg und die weißen Decken wegnahm, fanden sie die Waldleute
-in ihrem tiefen Schlafe. Der Mann der Barbara Laufer war unter ihnen,
-und als er den silbernen Ohrring sah, den die fremde Tote trug, lief
-er zu Herrn Peter Squenz in Ibenheim und sagte, er sollte gleich mit
-ihm gehen; denn die dort oben schliefe, wäre die Mutter des Jakobus
-Sinsheimer. --
-
-Durch Herrn Peter Squenz war diese Geschichte schon in allen
-Einzelheiten auf die Menschen losgelassen worden, als sie im
-Frühlingshause noch niemand ahnte.
-
-Gegen Abend, da die Leute von der Waldarbeit heimgekommen, sah Mali
-eilige Frauen gegen die Hütte der Laufer streben, verkündete das dem
-Fräulein Veronika und schickte sich gerade an, Licht in die Sache zu
-bringen, da trat Herr Peter Squenz über die Schwelle. Die Glocke an dem
-metallenen Schwippbogen machte einen so ausgiebigen Lärm, daß auch der
-Jockele mit Augen voll Einsamkeit und Bestürzung herzulief; er hatte
-naturforschenderweise in der Gartenhütte gesessen.
-
-Squenz, der als Amtsperson kam, nahm sich entsprechend wichtig
-und ahnte nicht, daß Tante Veronika ihm von dieser Stunde an eine
-Taktlosigkeit und Gemütsroheit nachreden würde, die sie mit sehr
-spitzem Munde als »einfach ganz unverzeihlich« bezeichnete. Er hielt
-die Anwesenheit Jockeles für durchaus wichtig; denn es ginge den
-Jungen vor allem an, meinte Herr Squenz, und dann berichtete er.
-Fräulein Sinsheimer saß dabei in ihrem Lehnstuhl, als hinge sich in
-dieser Stunde ein Bienenschwarm unter ihr an die Polster des Sessels;
-in Jakobus löschte der Tag aus, und das Mädchen Mali stand draußen im
-Vorhaus, hielt die Hand auf der blanken Klinke und überlegte, ob sie
-nicht die Flamme ihres Zornes über diesen Herrn Squenz werfen sollte.
-Der faltete drinnen ein Papier auseinander und legte den Ohrring auf
-den Tisch, und Jockele holte den Bruderreif aus dem geschliffenen
-Väslein und legte ihn daneben ...
-
-Da fand Fräulein Sinsheimer das erlösende Wort --
-
-»Ich bin gar nicht mehr imstande, Ihnen zuzuhören, Herr Squenz, und
-bitte Sie, das Haus zu verlassen ... Sehen Sie denn nicht, welche
-Verwüstungen Sie anrichten?«
-
-Herr Squenz schaute sich sehr verwundert um und sah nichts. Dann
-entschuldigte er sich mit seiner Pflicht, aber Tante Veronika lehnte
-sich im Stuhle zurück und bezeigte ihm so vollkommene Abwesenheit und
-tiefe Entrüstung, daß er sich ohne Säumen empfahl. Die Klingel läutete
-ihn hinaus, und es war zu hören, daß Mali den Riegel hinter ihm mit
-strafender Empörung vor die Tür schlug. Dann kam sie herein; denn sie
-hatte Fräulein Sinsheimer von Verwüstungen reden hören -- sie hielt
-ihre Anwesenheit in dieser wilden Stunde auch ohne Aufforderung für
-durchaus nötig. Tante Veronika stieß ihren gelben Stock in einemfort
-hart vor sich auf die Dielen; denn sie hatte das Bedürfnis, jedes
-ihrer zornwütigen Worte mit einem Schlage zu bekräftigen. Jakobus saß
-am Fenster, hatte den Kopf auf den Arm gestützt und sah in finsterem
-Schmerze in die sinkende Nacht. Was ihm einmal ein Schuljunge in
-raschem Kinderärger nachgerufen und wovor man ihn im Haus eine lange
-lichte Jugend hindurch behütet hatte -- in dieser Stunde hatte
-Peter Squenz mit der brutalen Rücksichtslosigkeit des vereinigten
-Ochsenbauern und Polizeimannes die Decke von dem Geheimnis gerissen
-und hatte dem Jungen das Herz blutig geschlagen. Es war alles
-durcheinandergestürzt, was Tante Veronika in den Jahren aufgebaut
-hatte, und sie fand sich nicht mehr in sich selber zurecht. Da legte
-die alte Mali dem Jockele ihre Hand auf die Achsel; denn sie sah, daß
-ihm die Augen überliefen von stillem und heißem Weinen. Sie fand auch
-warme Worte windigen Trostes -- denn welches Menschen Rede vermöchte
-das wildgewordene Meer eines im Tiefsten erregten Herzens zu glätten?
-
-Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in das Gartenhaus
-gehen und sehen, wie wir es machen können.«
-
-Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder herein und sagte:
-
-»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart getroffen habe!
-Daß eine Zigeunerin im Bergwinter verkommen ist, die ich nicht kenne,
-ist ein Jammer, und der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter
-gewesen sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt -- sie hat auch
-gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe -- aber sie zerreißen
-sich nun die Mäuler in der ganzen Gegend über mich. Vielleicht ist das
-auch nicht so schrecklich, wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt
-meine ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil die
-Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter getan hat.«
-
-Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten Wirtschafterin
-wendete sich das Herz um, und sie kam mit Gründen einer landläufigen
-und gefühlsseligen Moral, daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von
-seiner Mutter rede.
-
-»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.
-
-»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge fort, schon morgen.
-Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht und will damit zu Maria
-Reh nach Weimar und möchte sie fragen, was +sie+ zu der Sache meint.
-Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten habe, komme ich
-leichter über alles hinweg.«
-
-»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika. »Ich kann Dir in
-jedem Monat hundert Mark schicken; wenn Du mit dieser kleinen Summe
-auskommst, so will ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen;
-denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so wenigem haushalten
-müßte.«
-
-»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.
-
-»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika, »es ist nicht
-viel -- Du weißt das noch nicht. Aber ich denke, es läßt sich schon
-machen.«
-
-Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor schulmeisterlichen
-Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch erzogen habe, so wird nun auch
-sein Leben falsch werden.
-
-Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles zusammen, was er
-mitnehmen sollte. Er trug aus dem Gartenhause herüber, was er für nötig
-hielt, und sie ließen noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde
-bestimmt, daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen Augen der
-Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.
-
-Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt war,
-begleiteten ihn Veronika und Mali bis auf die Schwelle des Hauses. Sie
-hatten alle aufrechte und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte:
-»Ich habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem Menschen
-Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen solltest, was ich Dir geben
-kann! Es würde mir sehr weh tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß
-Du zu anderen mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all ihrer
-Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir viel Freude geschenkt,
-Jakobus, und ich habe die Pflicht und den Wunsch, Dir für dies Glück zu
-danken. Du wirst mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei
-brav und tapfer -- lebe wohl!«
-
-Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit je, daß ich Dir
-alles zu danken habe, was ich bin und wohl auch werde, liebe Tante
-Veronika, und ich werde es nie vergessen.«
-
-Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend zu der kleinen
-feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit ihren schmalen Lippen auf die
-Stirn.
-
-Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge, als sich die Türe
-geschlossen hatte, und Veronika sagte zu Mali: »Wir sind heute ein
-großes Stück dem Ende zugelaufen. Man legt nicht jeden Tag als Maß an
-den Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.« --
-
-Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen Vormittage ging er
-in die stille Straße, die Am Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit
-einiger Zeit mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr
-kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen Besitze des
-Generalintendanten von Vignau liegt.
-
-Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von dem eisernen
-Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen führt, kam er sich sehr
-tapfer und fast daheim vor; denn er war durch den alten Weimarer Park
-herübergegangen, und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich
-springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen des Gebirges.
-Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen und an den kleinen
-Fenstern suchten, ob sie Maria Reh sähen, wußte er: er würde den Damen
-alles erzählen, was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte.
-Er kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen war,
-und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig, woher er gekommen sei;
-und sein helläugiges Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den
-Malerinnen die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen dafür mit
-Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer hatte wahrscheinlich längst
-von allerlei Vermutungen zu Maria Reh gesprochen ...
-
-Er stand vor der grauen Haustür und zog an dem Glockenstrange, der aus
-einer anderen Zeit kam ... Da hatte ihn Maria Reh auch schon in den
-Händen, und ihre weiche tiefe Frauenstimme wollte sich überschlagen --
-
-»Mensch!« rief sie, »Sie sind ja schon wieder eine Elle länger geworden
-und haben die Augen ganz voller Himmel -- was will denn das werden?«
-
-Sie zog ihn die schmale Holztreppe empor -- -- was war das für eine
-starke und frohmütige Art!
-
-In der kleinen Stube nach dem Garten hin stand Doris Rinkhaus in einem
-hellblauen Morgenkleide -- ein Frühlingstag, dachte Jakobus Sinsheimer;
-denn es war alles blau und golden an ihr, ihr Gesicht blühte wie ein
-Sonnenhang im März, und sie trug das lichte Haar wie die Mädchen auf
-den Bildern Defreggers.
-
-Das stürzte alles so über ihn, und eine dunkle und eine helle
-Frauenstimme flatterten um ihn wie ein Trauermantel und ein
-Zitronenvogel, die in seinem jungen Lichte spielten. Maria Reh ergriff
-seine beiden Hände und legte sie in die von Doris Rinkhaus und sagte:
-
-»Das ist der Junge aus dem grünen Lande! Gib acht, aus dem wird etwas
--- es weiß nur noch nicht, wohin es mit ihm will!«
-
-Nun saßen sie sich seit drei Minuten gegenüber und kannten sich schon
-seit Anbeginn.
-
-Auf dem Tische lag ein Wachstuch; das Geschirr vom Morgenkaffee
-stand noch darauf und daneben lagen viele Krumen. Auf einmal fiel es
-Doris Rinkhaus ein, sie müßten den Tisch abräumen, weil sie Besuch
-hätten. Da packten sie beide die vier Zipfel des Wachstuches, ließen
-das Geschirr durcheinanderklirren, schütteten ihr Lachen darüber und
-trippelten damit in die Küche. Dann rückten sie an Jakobus heran, daß
-die drei Paar Knie zusammenstießen, und Maria Reh sagte: »Schießen Sie
-los, junger Mann! Sie wissen, Sie haben sich einmal an mir in sieben
-rosenrote Himmel hineingeschwärmt, aus deren etlichen Sie jählings
-herausgefallen sind. Aber der Freundschaft tut das keinen Eintrag --
-und nun mal los: Hat die Tante Veronika einen Krach geblasen? Leiden
-Sie an einer unglücklichen Liebe, die ganz gewiß Ihre letzte sein wird?
-Haben Sie ein neues Schmetterlingsbuch verfaßt, oder wie ist das?«
-
-»Du reißt ja mit einem Male alle Türen an Herrn Sinsheimer auf!« mahnte
-Doris Rinkhaus. »So laß ihn doch erst zu sich selbst kommen!«
-
-Da tat Jockele einen tiefen Atemzug -- es ging nun doch nicht so
-leicht, wie er nach dem klingenden Begrüßungsfeste gedacht hatte. Er
-begann tastend -- ein Wanderer an einem steilen Hange, der fürchtet,
-die Steine unter ihm könnten ins Gleiten geraten. Er suchte zuerst
-auch in den Augen und Mienen der Mädchen, ob sich in ihnen über
-seine Rede eine heimliche Lustigkeit zeige. Aber sie hörten ihm mit
-Selbstvergessenheit zu. Einmal unterbrach er sich und sah Maria Reh
-an: »Wußten Sie schon, daß allerhand Gerüchte über mich in den Dörfern
-liefen?«
-
-»Ja,« sagte sie, »ich habe es reden hören. Die Leute taten
-sehr geheimnisvoll; ihre Erzählungen hörten sich auch gar zu
-komisch-romantisch an -- das Lachen kam einem ja, wenn man ihre
-stumpfen Gedanken und plumpen Münder an diesem Rätsel herumraten sah!«
-
-»Ich dachte es mir, daß Sie es wüßten. Und Sie haben mir auf unseren
-Waldgängen nichts davon gesagt?«
-
-»Warum sollte ich mich in Dinge drängen, die mich nichts angehen? Und
-wenn Sie selbst gar keine Ahnung gehabt hätten -- warum sollte ich
-Ihnen denn einen so großen Schmerz bereiten?«
-
-»Sie reden von einem großen Schmerz, Maria. Wollen Sie ganz ehrlich
-gegen mich sein?«
-
-»Ja,« sagte sie, »ich gelobe es sogar!«
-
-»So sagen Sie mir: was meinen Sie mit diesem großen Schmerz?«
-
-»Ich habe gedacht, es müßte Ihnen sehr weh tun, daß Ihre Mutter Sie so
-lieblos in die Welt gesetzt hat ...«
-
-Darüber sprang Doris Rinkhaus auf und schritt ein paarmal durch die
-kleine Stube --
-
-»Was meinst Du?« fragte Maria.
-
-»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte sie, »nein, ich
-kann es mir nicht denken!« Und es lag über ihrer klugen Stirn und über
-ihrem leuchtenden Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen
-hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege, meine Mutter
-hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle gesetzt und hätte sich
-nicht mehr um mich gekümmert, dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf
-meine Liebe ...«
-
-Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam ein fast
-wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, in das er nun
-hinausgestoßen war, ehe er daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte
-stand sein kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende Märzenmund
-hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen war ...
-
-»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn ich mag nicht
-immer um mich selbst herumlaufen wie der Fuchs um das Schlageisen, in
-dem er sich doch endlich fängt -- nur sagen Sie es mir: wird man auch
-hier hinter mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter eine
-Zigeunerin war?«
-
-»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.
-
-»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit einem Schlage
-berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles ›rasend‹ interessant und warf die
-›Donnerwetter‹ hinter ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten
-ihr Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig vor den
-Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber will ich mit Maria reden, wenn
-wir allein sind!« Und Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und
-sagte: »Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün Sie um
-die Wachtelweizenblüte waren?«
-
-Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf -- nun ja, auf dem Weg
-aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter hatte auch viel Erkenntnis
-und Einsamkeit gelegen, dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben
-Meilensteine stehen sah! ... Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen --
-
-»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir jetzt eine
-Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht, junger Mann!«
-
-Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn es hier gegangen
-wäre -- nun jagten sie ihre Gedanken durch viele Straßen, und als
-nichts paßte, verfielen sie auf das Dienerhaus, das neben dem sehr
-kleinen Gartenhause stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses.
-Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne gedichtet
-hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus sagte: es müsse ein ganz
-ungeheuer fröhlicher und gescheiter armer Mensch gewesen sein, und er
-sei über dem Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und
-himmelfröhliches Pfeifen.
-
-Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der angehende Kunstmaler,
-hatte zwei Stuben zu ebener Erde und über sich ein Dach. In der einen
-hatte mit knapper Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus
-vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ sich also sein
-Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.
-
-Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei einem alten
-Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am ersten Tag erschien ihm
-die Sache prächtig; denn er trat an die neue Welt heran mit dem
-selbstverständlichen Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden.
-Später saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung
-und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich zusammenschlagen. Auf
-Akt und Landschaft warf er sich mit der fröhlichen Kunst der Jugend
-zum Glücklichsein. Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes
-Vorwärtskommen, aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer es zu
-Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen Lehrern kam. Wege suchen
-und Ziele finden, wenn es auch noch so mühsam war, machte ihn warm;
-der Regel und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um Menschen
-solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen -- die einen sagten:
-»Dieser Sinsheimer kann nichts und wird nichts!« Die anderen meinten:
-»Sinsheimer ist ein eigenwilliger Kopf, aber er ist aus dem Holze derer
-geschnitten, die durchkommen!«
-
-Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung viele Bekannte;
-denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den Adern rollte und der berühmt
-war von dem Augenblick an, in dem ihn zum ersten Male die Sonne
-beschienen hatte -- das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder,
-und dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds, und die
-Augen voller Licht -- »Donnerwetter!« schrieb Doris Rinkhaus hinter
-Jakob Sinsheimer. Nach vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch
-einen anderem Namen trüge als Jockele -- und das kam ihm von Maria Reh.
-
-In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in das Leben, das
-Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der sie alle Erscheinungen erfaßte,
-die ›Filiale von München-Schwabing‹ genannt hatte. Es ist ein Gemisch
-von Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen Zusatz
-ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher Genialität. Zu
-den äußeren Kennzeichen rechnete Jockele, daß jeder, der in diesem
-Leben stand -- sei es Jüngling oder Mädchen -- die unverbrüchliche
-Verpflichtung eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten mindestens
-einmal die Worte genial, Genialität oder Genie zu gebrauchen. Darüber
-gelangte man zu der Annahme, die Genies wüchsen in der Welt wie gelber
-Löwenzahn, und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor ihnen
-retten.
-
-Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis kam, daß
-ein Monat zwanzig Tage länger sein kann als hundert Mark.
-
-Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen. Einmal machte
-er sich auf den Weg, die Schuld einzufordern. Da schloß ihn der
-Kunstschüler gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum
-Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er berühmt wäre.
-
-Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine Straße und war froh,
-daß er über den alten Schießstand unter den mächtigen Kastanienbäumen
-nach Hause gehen konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn
-er dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit drei Tagen
-nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche trüge. Weil der Magen gegen
-solche Behandlung knurrend Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den
-Hausgang einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig Weißbrot.
-Auf dem Walle des Schießstandes, um den Maienwind und Grün wirbelten,
-verschlang er die Semmel und sah dabei manchmal über die Gartenzäune,
-ob da wohl einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte. Aber
-es war niemand da als der Frühling, und der hatte alle Hände voll zu
-tun; denn da warteten die tausendarmigen Leuchter der Kastanien und
-wollten angezündet sein.
-
-Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und durch die Schlüpfe
-des Gartenzauns in die grüngoldene Einsamkeit verschwinden wollte,
-setzte sich ein Mann im Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem
-blonden Vollbart und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden
-Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den Schlüssel
-hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte: »Ah, Sie wohnen hier?«
-
-»Zu dienen -- in dem ganz kleinen Hause da.«
-
-»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus Sinsheimer. Ich heiße
-Fridolin Hartwig.«
-
-»Angenehm. Auch Maler?«
-
-»O nein, ich bin Schriftsteller. Darf ich Ihnen für wenige Augenblicke
-in das grüne Idyll folgen? Ich interessiere mich dafür -- man kann Sie
-ja wohl darum beneiden.«
-
-»Das wohl!« sagte Jockele. -- Sie schritten über das Gras, das unter
-den schon schattenden Obstbäumen noch morgenfeucht war.
-
-»Sie haben ja einen romantischen Einzug in die Welt gehalten,« begann
-Hartwig, »und wollen es im Leben zu etwas bringen, hm?«
-
-»Ich hoffe.«
-
-Sie waren eine halbe Stunde beisammen, und als sie wieder vor der
-Pforte im Zaune standen, kam Doris Rinkhaus den Gartenweg daher und ein
-Paar aufdringliche Männeraugen begegneten ihr.
-
-»Was hatten Sie denn für einen Herrn in Ihrer Gesellschaft?« fragte sie
-später. Sie ließ es sich berichten ...
-
-»Er hat unehrliche Augen,« sagte sie -- »solche, die gern um die Ecke
-gucken. Und wissen Sie, derartige Koketterien wie die dünne silberne
-Uhrkette um den Hals, die große Silbermünze mitten auf der Brust, und
-dies Spazierstöckchen neben so mächtigen Gliedern -- so etwas wirkt auf
-mich einfach peinlich.«
-
-»Aber liebes Fräulein Rinkhaus ...«
-
-Sie sprang mitten hinein in seine Rede --
-
-»Ach, sagen Sie, was Sie wollen, so trägt sich ein Mann nicht, und
-wenn er sich noch so ernst gebärdet! Ich würde das nicht einmal einem
-halbwüchsigen Kunstschüler verzeihen.«
-
-»Sie verschießen Ihre Worte ja wie vergiftete Pfeile,« lachte Jockele;
-aber es war nicht das fröhliche Draufgängertum der anderen Tage in ihm.
-
-»Jawohl, Pfeile! Und ich wünsche, Sie würden getroffen! Ich glaube, es
-ist die höchste Zeit, Sie einmal auszuputzen. Sie laufen seit ein paar
-Tagen in der Welt herum und tragen den Kopf unter dem Arm. Kommen Sie
-mal gleich rein, da kann ich lauter reden!«
-
-Sie faßte ihn am Jackenzipfel und zog ihn hinter sich her in das
-kleine Haus. Da hatte die Sonne tausend Goldstücke auf die Dielen
-gelegt -- Jockele sah dies poesievolle Leuchten zum erstenmal aus dem
-nüchternen Gesichtswinkel geprägten Edelmetalls. Das ist ein kläglicher
-Standpunkt; die meisten Menschen sagen: er ist richtig, aber sie
-unterbinden sich damit das Herz, kriegen scheele Augen, puddeln sich
-darüber ins Grab und haben ihr Leben zuletzt doch um das bißchen Himmel
-betrogen.
-
-Doris Rinkhaus schob die Staffelei und den Stuhl in den Winkel -- es
-war weiter nichts da, das sie am Auffahren ihres Geschützes hinderte.
-Jockele suchte einen Stützpunkt und wählte sich dazu den Stuhl. Sie
-wollte gleich ein richtiges Maschinengewehrfeuer auf ihn eröffnen, da
-befiel sie ein letztes Mitleid -- »Mensch, sind Sie krank?« fragte sie.
-
-»Ja,« sagte er, »sehr! Ich habe kein Geld und habe seit drei Tagen
-eigentlich nichts mehr gegessen.«
-
-»Was fällt Ihnen ein, -- sehen Sie denn nicht, daß Sie mich damit
-einfach entwaffnen?«
-
-»Das einzige Gute an diesem verzweifelten Zustande!« sagte
-Jockele. »Sehen Sie, ich habe mein Portemonnaie vor ein paar Tagen
-auseinandergezogen und in die alte Vase gesteckt, als Blume der
-Erinnerung an schöne Zeiten.«
-
-Er trug vom Fensterbrett nebenan die Vase herüber, die er in einem
-Winkel des Schuppens gefunden hatte, und darin steckte die zerknüllte
-Geldtasche und machte eine schmerzensreiche Verbeugung vor Doris
-Rinkhaus. Die hatte über Jockele im besonderen und über die schiefe
-Stellung zum Leben reden wollen, in die er hineintrieb -- nun aber
-sprach sie über die Männer im allgemeinen und teilte sie ein in Helden,
-Dummköpfe und Kinder. Die Helden kämen hier gar nicht in Frage;
-denn sie wüchsen spärlich wie Mohn im Winter. Die Dummköpfe müßten
-ausgeschaltet werden, weil sie in Riesenauflagen erschienen und von der
-fixen Idee befallen seien, sie wären als würdige Vertreter des starken
-Geschlechts in die Weltregierung eingesetzt und wären so etwas wie die
-Staatsminister des lieben Gottes. Und die dritte Sorte: die Kinder
--- aus denen in allen Fällen etwas würde, wenn sie beizeiten einer
-gescheiten Frau in die Hände fielen ...
-
-Jockele bekam eine Anwandlung verzweifelten Humors und sagte: »Darüber
-müssen Sie mal einen öffentlichen Vortrag halten.«
-
-Da merkte sie, daß sie sich nun doch mäßig aneinander erbost hatten,
-und fragte ihn, wie es käme, daß sie nur zwei Jahre älter und dennoch
-um ein Menschenalter gescheiter wäre als er?
-
-»Das ist wohl so etwas wie Notreife, die ich als peinliche Tatsache
-empfinde, bis ich wieder Geld habe,« sagte er.
-
-»So kann ich bis dahin auch nicht mit Ihnen kämpfen! -- Sie müssen also
-heute an Tante Veronika schreiben, ich bringe Ihnen Briefpapier und
-eine Marke.«
-
-»Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte Jockele, »denken Sie, ich mache
-mich auch dort lächerlich?«
-
-Hinter diese Rede setzte Doris Rinkhaus ein Ausrufezeichen; sie ließ es
-ihn aber nicht merken.
-
-»Es muß doch irgendetwas geschehen!«
-
-»Natürlich -- ich hungre die zwanzig Tage, und wenn es nicht mehr geht,
-fresse ich Gras.«
-
-Da machte sie wieder ein Ausrufezeichen.
-
-Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte einen Zweck hätte,
-aber sie sagte dennoch: »Sie gehen augenblicklich mit zu mir hinüber
-und essen sich satt! Ich lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag
-und Abend -- zwischendurch gibt es nichts!«
-
-»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber es wird sich nicht
-anders machen lassen. Ein Trost ist, daß es zwischendurch nichts gibt,
-sonst würde ich für meine Eselei ja gar nicht gestraft werden.«
-
-Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der klaren
-Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit ganzer Seele hin. Maria
-Reh war schon seit drei Tagen in ihre westfälische Heimat gereist und
-blieb über Pfingsten fort.
-
-Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie nicht auch?«
-
-»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen, erzähl' ich Ihnen
-diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze Jahr hier.«
-
-»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er. »Ich muß erst
-weiter abrücken von den Dingen und Menschen, die dort um mich gewesen
-sind, seit ich vor der Tür aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer
-allein geblieben, aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu gut,
-und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir herumnagen.«
-
-»Augen, die an einem herumnagen ...,« wiederholte sie nachdenklich,
--- »jawohl, das ist das richtige Wort dafür; jener Herr Fridolin
-Hartwig hat auch solche Augen. Vielleicht nur Frauen gegenüber ... Es
-gibt viele Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen sich
-dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie damit auf ein Feld
-geraten war, auf dem die Jugend Jockeles noch nicht säete. Sie dachte
-auch, vielleicht wäre sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn
-Maria Reh hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen auf,
-die gar nicht so widerlich sind.« -- Nun ja, Maria Reh, mit ihrem
-sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe! Maria Reh stand nicht
-mehr weit von der Schwelle der Dreißig.
-
-»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß findet,«
-sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte und keinen Freund oder
-keine Freundin. So ist es auch mit ihrer Kunst -- sie malt tausend
-Landschaften und kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese
-›Malerinnen‹; sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt
-an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber nicht von einem
-gewaltigen Willen und überzeugendem Talente geführt worden sind. Nun
-halten sie zwar erträglich damit Haus, aber sie finden sich darüber
-doch nicht zu einem Glücke des Lebens.«
-
-»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.
-
-»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf einer fortwährenden
-Selbstentschuldigung, oder nicht einmal das -- sondern sie sind froh,
-daß sie ihr Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können, die
-sie -- sind sie Frauen -- auch zu physischem Ruin führen.«
-
-Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz andere Kräfte lebendig,
-es war ein Licht in ihr in einer fast wilden, unbändigen Helligkeit,
-das nun in ihn hineinstürmte.
-
-»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.
-
-»Mit mir auch nicht!« lachte sie -- »sonst wär' ich nicht so querköpfig
-geworden. Querköpfig daheim und querköpfig unter den Menschen. Ich ecke
-an, wo ich mich sehen lasse.«
-
-»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.
-
-»Ach Unsinn -- oder besser: leider nein; denn was ich schaffe, schaff
-ich für mich, zu einem Mehr reicht's nicht aus.«
-
-»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin geworden?«
-
-»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur dazu gegangen, damit
-ich aus Verhältnissen herauskam, die mich in ein paar Jahren auch um
-das betrogen hätten, was mich heute noch apart -- oder sagen Sie: so
-fröhlich eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in
-Bonn, er ist ein reicher Mann -- na, was soll ich Ihnen sagen: da
-fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins Haus, daß es eine Art
-hat! Natürlich -- ich will heiraten -- aber +ich+ will heiraten ... Sie
-verstehen ja davon nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre,
-hätt' ich studiert -- Kunstgeschichte meinetwegen oder Germanistik,
-oder auch Staatswissenschaften, und hätte promoviert -- aus purem
-Eigenwillen, wissen Sie. Aber dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in
-die Vorlesungen laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem ~Dr.
-phil.~, ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Da hab ich mich
-nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese Stadt, sie ist voll berauschenden
-Lebens -- die meisten laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen
-und schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹, unter dem ihr
-kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins Wackeln kommt. Ich bin hier,
-weil ich mir hier selbst gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den
-Titel einer angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal
-... Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten sollen,
-wenn Sie mal Weltschmerz haben -- vielleicht hätte ich Sie dann wieder
-aufgebaut. Na, Hunger und Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut
-abend um sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen Sie wieder an
-zu arbeiten. Adieu.«
-
-Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich vor den Tisch am
-Fenster, und Jockele ging hinüber in seinen Malraum; er ging wortlos
-und dachte, was das mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria
-Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit gezeigt wie
-jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend. Es waren Schauer wollüstiger
-Ergebenheit, zu beiden Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der
-anderen Art -- dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte sanfte
-Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen ergab ... und diese
-schöne klare Doris Rinkhaus kam über ihn als ein jauchzender Sieg.
-
-Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens wert schien, aber
-er zerbrach sich nicht den Kopf, weder darüber, ob es so in Ordnung
-sei, noch darüber, ob es daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur
-Frauen um sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben
-und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung zu setzen
-wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen -- für jeden Menschen ist der
-Weg siebenmal um die Erde viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und
-zwischen diesem Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt
-neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so fest zu, daß ein
-großes Glück, welches mit Leichtigkeit den Himmel samt allen Sternen in
-die Arme schließt, kaum mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch
-zu gucken, ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid aber
-bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch -- ein großes Leid tritt
-die Tür ein; denn es hat eiserne Füße und Fäuste von Stein.
-
-Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und das war gut;
-sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie einer, der in Kniehosen
-und hohem Glanzhut durch die Welt läuft. -- Er steckte noch bis
-über die Ohren in der landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum
-Arbeiten da sei -- eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen
-als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das ganze
-Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig erträumte
-Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm Arbeit und Leben eine
-fröhliche Gemeinsamkeit geworden sind.
-
-Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel Himmel erobert,
-als sich denken läßt; aber wie sie ihre Weisheit dem Jungen beibringen
-sollte, ohne die heillosesten Verwirrungen in ihm anzurichten, das war
-ihr dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge gerührt.
-
-Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt, erweckte keiner
-den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse in ihm -- ein Erbe aus dem
-Frühlingshause; und an die älteren unter den Akademikern, die schon
-nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die Gelegenheit gefehlt,
-heranzukommen. Er arbeitete in diesem Sommer mit immer wachsender
-Zähigkeit. Ein über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich
-selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem Gartenhause
-wieder zusammensuchen. Aber raten konnten sie ihm nicht; denn Doris
-Rinkhaus stand diesen Erscheinungen fremd gegenüber, und in Maria Reh
-traten sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte sich
-schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an ihre erste Leinwand
-geriet.
-
-In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott und die Welt
-verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte es unter Beobachtung aller
-Vorsicht wagen, ihm über den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch
-ein ganz passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn einmal
-ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria Reh aber wurde
-bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage unsichtbar für ihn und
-ließ sich nur langsam wieder finden. Er hielt auch diese Entladungen
-für ganz in der Ordnung und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er
-einem Zusammenstoße zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte, in dem
-Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem jungen Manne, der
-so allein steht und sich seine Stellung in der Welt zu erkämpfen hat,
-sammelt sich allerlei Zündstoff -- wo will er denn hin damit?« sagte
-Doris Rinkhaus. Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden. Sie
-hatte sich über manche geheiligte Form und Regel des Kleinbürgertum
-hinweggesetzt, aber sie war doch ohne jene königliche Beschwingtheit
-der Seele, die der anderen ihren leuchtenden und freien Flug sicherte.
-So stand Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche Art
-den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich in Gefahr brachte
--- das Barometer maß Tief und Hoch und zeigte so häufig himmelblaue
-Beständigkeit, als sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden
-kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen, aber man schlug
-seinetwegen den lieben Gott nicht tot.
-
-Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf, aber es war nirgend
-Sieg.
-
-Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit Fruchtbäumen, der
-nach zwei Seiten durch die Gebäude, nach den anderen beiden durch
-Hecken und Zäune begrenzt wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich
-der Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her durch die
-Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten während des Sommers
-häufig. Er kam immer mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf
-ein schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte von
-einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche Einnahmen beziehe.
-Er war auch nie aufdringlich, suchte sich einen Platz in dem sachte
-durchsonnten Grase nahe der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht
-allzu tiefen und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich
-durch die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken zu einem
-tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er mit Respekt von sich selber,
-oder er brachte seinem jungen Freunde das Heft einer Zeitschrift, in
-der sich ein Artikel oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder
-befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« -- Wenn es geschah,
-daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen Morgenkleide aus dem
-jenseitigen Gartenteil in ihr Haus schlüpfte, befiel sein besinnliches
-Wesen eine Bestürzung, und er raffte sich zusammen wie einer, der eine
-Attacke reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber Doris
-Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert; nun ließ sie sich
-zwar sehen, so oft er da war, aber sie setzte ihn auf einen stummen
-Gruß und wußte: ›die nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der
-blaue Schein ihres Kleides darin verlöschte -- oder auch noch länger.
-
-Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal sagte Hartwig:
-»Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein Rinkhaus ist eifersüchtig auf
-mich, oder sie ist hochmütig.«
-
-»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur eigenwillig!«
-
-»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«
-
-»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie wieder -- sie fragte
-damals die gleichgültigen Fragen. Aber das ist ja natürlich; denn wir
-drei gehören nun doch zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein
-Reh kehrt erst im September zurück.«
-
-Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da besuchte Jakobus
-Fridolin Hartwig mehrmals; denn die Bilder, die im Sonnenschatten des
-Apfelgartens begonnen waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert
-werden. Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er nach
-den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe sie in ein Kloster
-gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie, und sie störten mich häufig.
-Außerdem konnten wir uns der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das
-wir für wünschenswert hielten.«
-
-Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und Hartwig ging hinaus.
-Er sprach da mit einem Manne, der sich nicht abweisen zu lassen
-schien, und kam nach geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr
-Jockele -- haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir eine
-Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld in den allernächsten
-Tagen zurück ... Nicht? Das ist peinlich! Sie ahnen nicht, mit
-welchen Widerwärtigkeiten ein ringender starker Geist zu kämpfen
-hat!« Dann ließ er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage
-des Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal mit der
-Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte. ... »Guten Morgen,
-Herr Hartwig.« -- »Guten Morgen, Herr Hucke --« Die beiden kannten
-sich offenbar schon von früher. Und da war die Sache geschehen.
-
-»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele. »Sie haben ja da noch
-den Herder.«
-
-»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische Angaben,
-und da hab' ich mir noch den Meyer zugelegt -- auf Raten, na, und die
-hab' ich ein paarmal vergessen ... das ist doch menschlich, nicht? Wer
-soll denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?« Hartwig reichte
-Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte er, »setzen wir uns einen
-Dämpfer auf!«
-
-Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die Sprache gefallen -- --
-drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher, und dabei das großmännische
-Behaben ... Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln, das sie
-Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris Rinkhaus. Er gab
-sich auch gar keine Mühe, Teilnahme zu heucheln oder sein Befremden zu
-verbergen, sondern verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später
-in die Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.
-
-Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte ihn, daß er
-übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch war in dieser Stunde in einer
-so fremden Erscheinung vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie
-in einem nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der er diesem
-Manne gegenübergestanden hatte, bäumten sich alle seine Sinne auf, und
-er begriff nicht, wie Doris Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam.
-Er berichtete mit einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein
-Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und sagte:
-
-»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«
-
-In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder die goldenen Flaggen
-des hohen Sommers wehten, malte Jockele im Apfelgarten. Rings lag
-bienendurchsummtes Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen
-Frauenstimmen auf dem breiten Wege, der von dem eisernen Tore herläuft
--- und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen so besinnlich vor den
-Himmel auf die Leinwand tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen
-... »Na!« -- Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch die
-goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante Veronika neben dem
-blauen Morgenkleide den breiten Weg unter den Kastanien daher -- den
-Kapotthut auf dem weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem
-Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang fiel so zier um
-die kleine feine Person, und die schritt so klar und sauber daher wie
-ihre Sprache; der gelbe Krückstock stabte immer eine Spanne vor ihrem
-rechten Fuße -- das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit, es
-flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch gar nicht altmodisch.
-
-In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel, und den ein
-wenig verdrückten Panama weit ins Genick geschoben, so lief er den
-Damen entgegen und wagte bei Tante Veronika eine Umarmung, die er in
-gefälligerer Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug los
-wäre.
-
-»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne dieser freien Augen
-über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts merken lassen wollte, war sie
-undurchsichtig wie ein Dachziegel. Und jetzt +wollte+ sie sich nichts
-merken lassen.
-
-Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor Tante Veronika
-aufgegangen wäre, hätte sie sie schon erkannt. Sie hatte im Liegestuhl
-unter den Bäumen eine Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen --
-die sie überdies nicht im mindesten berührt hatte --, da war das
-alte Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten, und
-der Gedanke war ihr voraufgelaufen: dort hinten, wo die Bäume das
-flitternde Gold herniederschütteten, dort müßte es sein! Da flatterte
-ihr das blaue Kleid schon entgegen ... »Ich werde Sie doch kennen --
-sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«
-
-Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen, was sie sagte.
-
-Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten Damen alle.« Und Jockele
-meinte: er müßte wohl einen Schritt zurücktreten und sie einmal
-ordentlich ins Auge fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr
-ganz richtig zu gehen.
-
-Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte: »Es ist nicht
-sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles -- bitte, treten Sie bei mir
-ein, wenn Sie sich ausruhen wollen; ich werde indes an eine Erfrischung
-denken.« Und als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es
-Fräulein Sinsheimer ein wenig -- »Ich wußte schon seit Deinem ersten
-Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich wußte auch, daß diese Studien
-unten an den Wänden liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand
-er ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle, und daß er
-manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem ›Laboratorium‹ habe. Tante
-Veronika sagte: »Wenn Du nach allem noch länger hier bleiben willst,
-läßt sich das ja wohl auch machen ...«
-
-Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten; sie sah ihm dabei
-ins Herz, aber sie fand keinen Schatten. Da fing sie in Gedanken gleich
-an einzurichten -- hier könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch
-besser im Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal; dazu
-nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube. ... Die ganze
-Freude, die in der Sorge um den Jungen das späte Glück ihres Lebens
-geworden war, hatte wieder ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann
-faßte sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie sehen
-sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus. Vor der Türe wurde
-ihre Stimme noch einmal vorsichtig: »Kann man denn vor dem Fräulein
-alles reden, was Dich angeht?«
-
-»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen heraus. Und
-als Tante Veronika in der sicheren Sofaecke die Lippen mit einem
-Himbeerwasser angefeuchtet hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.
-
-»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?« fragte sie. Da sah sie
-in zwei Paar erstaunte junge Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu
-mir gesandt, der mir etwas ausrichten sollte?«
-
-»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«
-
-»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein paar Verschiebungen
-leicht wieder ins Gleichgewicht kommen könnte -- mehr als hundert Mark
-seien dazu nicht nötig ...«
-
-»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer an etwas herum --
-siehst Du denn nicht, daß Du uns beide peinigst?«
-
-»Verstehen +Sie+ mich, Fräulein Rinkhaus?«
-
-»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten sich starr und
-weit offen auf die alte Dame.
-
-»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe ans Lachen, »es
-scheint, die alte Tante Veronika ist wieder einmal sehr klug gewesen!«
-Sie begann, die crèmefarbenen Glacéhandschuhe abzustreifen. -- »Ich
-sehe, Sie haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also
-erzählen -- doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für heute nicht
-erwartet?«
-
-»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«
-
-Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer lachenden Genugtuung:
-»Und ich dachte, das Fräulein Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang
-genommen, weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig ins
-Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich Tag werden! Es ist da
-vorgestern ein Herr in Ibenheim erschienen, mit blondem Vollbart und
-goldener Brille; er schickte seine Karte herein, und ich habe eine
-Stunde mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn er nicht
-zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es wäre Dir mit Deinem
-Geld ein kleines Malheur passiert ... ein paar Schulden ...«
-
-So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten, den jungen
-Mann zu rangieren, und Tante Veronika solle ihm nur gleich die hundert
-Mark mitgeben ... Das hatte sie ihm aber verweigert und war nun selbst
-gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen stand.
-
-So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht, den Zehrpfennig für
-eine letzte Sommerfahrt zu erlangen, die ihn bis an die Pforte des
-Vergessens führen sollte! Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem
-Jungen als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut,
-sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern, mit dem er
-niemals fertig geworden war; denn am Tage darauf, während Veronika
-schon längst wieder in ihrem Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus
-auf die Malwiese Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus -- Herr
-Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner Frau einen Brief
-zurückgelassen, darin stand:
-
-»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt müde -- in der Stille
-eines Klosters hoffe ich Rast und Sühne zu finden.«
-
-Jockele besann sich in seiner Bestürzung auf kein Wort, das er ihr
-sagen sollte. Er legte sein Malzeug ins Gras und ging in das kleine
-Haus, das noch ganz voll war von dem hellen Scheine, den Tante Veronika
-gestern hindurchgeschienen hatte. Er setzte sich auf den Stuhl wie ein
-Reiter in den Sattel, kreuzte die Arme über der Lehne und legte das
-Kinn darauf. Er machte sich schwere Bedenken über die Menschen, mit
-denen er in diesen Monaten zusammengetroffen war. Darüber wurde es ganz
-finster in ihm, und in der Finsternis standen zwei sehr helle Sterne,
-die hießen Veronika und Doris; und es glimmten noch zwei kleinere in
-weiter Ferne herauf: das Zinzilein und Matthias Prinz.
-
-Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, der heimliche Friede des
-Frühlingshauses könnte daran schuld sein, und sein Leben wäre zu weit
-abgerückt gewesen von dem der anderen. Er saß eine Stunde und sann sich
-brunnentief in den Gedanken: er wäre wohl ein Mensch, der nicht zu
-anderen paßte; denn in Doris Rinkhaus war über der wilden Geschichte
-mit Hartwig nicht eine einzige Kerze verlöscht von den vielen, die in
-ihr leuchteten. Und in ihm sah es aus, als wäre er in ein Burgverließ
-gestoßen worden.
-
-Da ging er wieder hinaus und nahm sein Malzeug auf und setzte einen
-Farbenfleck neben den andern. Aber es kam nichts zustande; denn seine
-Gedanken flogen umher wie Tauben, die sich nicht mehr zu ihrem Schlage
-finden.
-
-Doris Rinkhaus kam, und er sagte zu ihr: »Es ist eine verrückte Sache,
-und ich bin darüber ganz von mir selber gekommen. Haben Sie Lust? Ich
-möchte mit Ihnen in die Welt laufen -- vielleicht entdecke ich da den
-Jockele Sinsheimer in irgendeinem Waldwinkel; denn der jetzt mit Ihnen
-redet, heißt etwa Emil Meyer.«
-
-Da machten sie sich fertig und gingen durch die Pforte im Zaun über
-die Raine und kamen in den Kastanienwald, der an der Viehleite nach
-Oberweimar liegt.
-
-»Warum sind wir eigentlich noch nie so miteinander gegangen?« fragte
-er. »Es sind doch Ferien, und es ist Sommer in der Welt.«
-
-»Weil Sie immer fleißig gewesen sind und auch gar keine Wünsche hatten.«
-
-»Es ist richtig -- ich habe kaum gemerkt, daß ich bis zum Rande voll
-Glück war. Aber durch die mancherlei Erlebnisse ist darüber vieles in
-den Sand geronnen.«
-
-»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit; dann haben Sie
-menschenfresserische Gelüste. Aber die soll man Ihnen gern lassen; denn
-auch damit hat es bei Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.
-
-So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und Sommerlicht, und
-dieser Tag ward ein Meilenstein am Weg ihres Lebens, und sie wußten
-es nicht. Doris Rinkhaus hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten
-hinweglachen,« aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger Arbeit an
-sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben wollte. Einmal
-schritten sie zwischen hohem Hafer; es war ganz still, nur der
-Sang einer Sommerlerche war noch da und sehr viel Sonne. Da lachte
-Doris Rinkhaus und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der
-Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die ihnen die Zeit
-vertreiben; es sieht aus, als wollten sie immer etwas apportieren, was
-ihnen die Laune auf den Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und
-langweilen sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück durch das
-Wäldchen, das das Webicht heißt -- »Hoffmann von Fallersleben hat in
-den Erinnerungen aus seinem Leben manches hübsche dichterische Bild aus
-diesem Walde aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch
-Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal: ›Diese sprossenden
-Frühlingskinder strecken im Webicht dem besiegten Winter schon die
-Zünglein heraus.‹ Und Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen
-sehen ...«
-
-»Das wissen Sie alles?«
-
-»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast stets allein
-mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann immer einen Dichter zur
-Begleitung gebeten.«
-
-»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich aufbauen?«
-
-»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel Sie wollen.«
-
-Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte Schloß, das einst ein
-Bauernhaus gewesen ist, und gelangten in schauerndem Erleben hinein in
-die Tage, da sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder
-und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und Corona Schröter
-bildete, der zu einem Zauberringe geworden ist, in dem Lust, Genie und
-Freundschaft vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge und sich
-hinüberleben aus einem Jahrhundert in das andere.
-
-Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen des Parks, auf denen
-sonst die Allzuvielen dahinwandeln in der Ahnungslosigkeit ihres
-Schauens und meinen, was sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber
-Weimar -- das Unsichtbare -- ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit
-ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands. Vielleicht
-ist es die Seele der Welt.
-
-»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier durchläuft,« sagte
-Jakobus, »und ich habe damals einige Scherze Goethes gesehen, wie sie
-die Neugier sich ansieht.«
-
-»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst diese Scherze auf die
-Schwelle der Unsterblichkeit versetzt hat?« fragte sie.
-
-»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt, vor dem Ewigen
-zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe keine Rede, die nicht mit den
-Ohren zu hören wäre. Aber vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte,
-wie wir so zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und dem
-Ufer der Ilm dahinschritten -- vorhin hab' ich einer Aufführung der
-›Fischerin‹ beigewohnt -- ich danke Ihnen viele tausend Mal, Fräulein
-Rinkhaus!«
-
-Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte: »Kommen Sie, jetzt
-müssen wir zu Tisch.« Sie waren auch da allein und so voll freudiger
-Weihe, daß Doris Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in
-den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir abhanden. -- So
-haben Sie heute also doch noch den Namen Goethes leuchten sehen, den
-der Genius an jenem Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva
-ihre Kränze flocht -- ob man damals ahnte, daß er für Deutschland ein
-Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und hieß ›Minervens Geburt,
-Leben und Taten‹. -- Seckendorff hatte Reime und Musik geschrieben
-und Karl August stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das
-alles von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz leuchtete
-ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte, daß sie über ihn
-hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort fröhlichen Mutwillens daneben ...
-»Hätschelhans!« sagte sie jetzt -- »so hat die Herzogin Anna Amalia in
-einem Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete,
-daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte stehe. Vielleicht ist ihr
-der Gedanke, es zu gründen, an dieser Stelle eingefallen ... Jawohl,
-Hätschelhans -- ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen
-und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär' ich dazu auf
-die Welt gekommen, Sie weise zu machen. Was gehen Sie mich eigentlich
-an? ... Hätschelhans ist eine feine Bezeichnung für Sie ... Erst das
-Fräulein Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus,
-dann ... und dann ... na, und dann ... Die Gurke ist einfach erhaben
-die müssen Sie probieren!« Dabei schaute sie sich aber schon wieder in
-ihr Herz: »Vielleicht bin ich Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und
-legte gleich einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn er
-sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle. Aber er fragte
-nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir morgen?« -- »Auf die Entdeckung
-Weimars!« lachte sie. Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit
-Ihnen wag' ich mich auch nach Ibenheim.«
-
-Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am Ende des Walles
-vom alten Schießstande steht, und sah den Tag über dem Silberblick
-in sein blutrotes Sterben sinken und erkannte, daß er das nun ganz
-anders sah als damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem
-›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete, meermäßig,
-aber unverstürmt, eine korpulente Dame den Wall daher, den Panama
-romantisch aufgestülpt ... »Die sieht stets aus, als regnete es,«
-dachte er und lachte so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er
-sich bei ihrem Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er
-kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme und ihre Worte
-waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein erbaut ... »Was wissen Sie
-von Wildenbruch?« fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese Frage
-fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung und sagte: »Daß
-er dem deutschen Volke zwanzig Jahre zu früh gestorben ist.«
-
-Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben an ihm herumgefragt
--- zuerst: Was wissen Sie von den Menschen? Was wissen Sie von Goethe,
-Herder, Wieland, was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging noch
-einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber, zu sehen, ob Do
-noch in der Weinlaube säße. Da rief sie von oben: »Was treiben Sie denn
-da, Jo?« -- »Ich ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte
-er. -- »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« -- »Die einzige,
-die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus unverhohlener
-Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen, Kräutern, Moosen und
-Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim im Thüringer Walde wachsen. Aber
-lassen Sie mir doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem Faden
-herunter -- ich will mich bilden!«
-
-Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche Dunkelheit,
-und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen darauf hernieder. »Es sind die
-Gedichte, und es ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen
-nicht gleich in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen Sie
-sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug war und der Pack
-vor der Mitte des Fensters in neckische Schwingungen geriet, mußte
-Jockele ein paarmal danach springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen
-Sie, jetzt malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert:
-›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«
-
-Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen, sich der
-Kürze halber Do und Jo zu nennen. Das Fenster ging wieder zu. Fräulein
-Rinkhaus ließ sich nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und
-auf geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein war,
-rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus in befremdende Fernen.
-
-Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte Stearin
-auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein und las sich über der
-›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz. Manchmal stolperte er und rückte
-mit dem Schnitt des Buches ganz dicht unter das Licht ... »Es liegen
-Feldsteine in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich über diese
-holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht erklären. Als er
-das Buch zugeklappt hatte, griff er nach den Gedichten -- es war nur
-noch ein winziger Stumpf Stearin da -- und fand das ›Hexenlied‹ und
-ließ die heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter,
-das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie ein Gebet. Er fühlte das
-Blut schäumen in seinen Adern und hielt den Band in den Händen, daß
-er in den Heften knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine
-heilige Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und las laut
-in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht. Da fiel der Docht
-in den flüssigen Talg, und er ließ sich von der Benzinflamme seiner
-Feuermaschine leuchten.
-
-Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete droben ganz
-leise das Fenster und hörte, daß er mit sich allein sprach. Dann
-versickerte auch das kleine Licht, da lief er in das Gras unter den
-Bäumen und wunderte sich, daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen
-flog. Die Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich
-und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do: es war eine
-Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit aus den Saiten strich,
-und die silberne Exzellenz saß am Flügel und begleitete. Verspätete
-Leuchtkäfer zogen zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre
-goldene Bahn.
-
-Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war, dachte er: »Ich
-weiß auch von Klavier und Geige nicht mehr, als daß sie da sind.
-Sahara! Sie sagen: die Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein
-in ihr Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen beginnt,
-wenn man es in Wind oder Sonne stellt ... Warum hab ich nicht solch
-ein Herz? ... Oha,« lachte er ingrimmig -- »wenn das Mädchen Mali
-in der Sandkuhle zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen
-Kieselstein auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik. Darüber
-ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden gesungen worden.«
-
-Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein Licht und war, als ob
-es ihn riefe.
-
-Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest geschlossen, es war der
-Schein einer Laterne, der sich durch die Hecke und das weite Dunkel des
-Gartens gefunden hatte und sich nun im Fenster brach.
-
-Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus in dieser Stunde
-bei sich zu haben -- wenn sie jetzt da wäre, würde er ihr alle Türen
-seines Herzens aufreißen, und es müßten brausende Ströme von Gold über
-sie schießen ... Morgen früh? Ach, morgen früh ist das schöne wilde
-Feuer darnieder!
-
-Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab, und lehnte sie an
-die Mauer unter Dos Fenster und stieg empor. Das Feuerzeug raffte sich
-noch auf zu einem halbverlorenen Flämmlein -- er schrieb auf ein Stück
-Papier:
-
-»Do -- wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten nicht schlafen!
-Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien im Frühling -- nein: ich bin
-voller Sterne wie die Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen
-ist.«
-
-Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den Rahmen, damit sie
-ihn lesen mußte, wenn sie morgens den Vorhang aufzog. Er kletterte die
-Leiter wieder hinab und wunderte sich, daß er nicht sprang.
-
-Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen und kam
-sich nicht entfernt vor wie eine Brandstätte.
-
-Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein paar Besorgungen in
-der Stadt machen wollen, und weil es ein Markttag war, war die Luft
-in der Nähe der Sternbrücke auch schon voll von Umgegend, und das
-andere Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße Am Horn
-herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem Wall den Spiegel des
-flachen Beckens zerbricht, den Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte
-ihn gleich in den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen
-gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes
-Semester und von durchschnittlichem Talente. Von diesen dreien sind
-Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen oder zu vergeigen, aber das
-Teufelsgeschenk einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den
-Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen. Zu allem besaß
-Erich Meyer noch ein Herz von Gold in kaum je dagewesener Echtheit.
-So war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite hin fast
-lebensgefährlich.
-
-Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender Betrachtung entdeckt
-hatte, sprang er gleich den Hang hinab und setzte über die Leutra und
-erfuhr, daß Erich Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein
-bescheidenes Stipendium erhalten hatte -- dreihundert Mark, die ihm
-von einer mitleidigen Fürsprache unter dreifachem Hinweis auf seine
-Entsagungs- und Gemütskraft ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich
-Meyer mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen, und Jockele
-sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie flackerndes Sonnenlicht
-im Spiele mit den Wassern in Töne um!«
-
-»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich, »sondern ich
-freute mich gerade darüber, daß ich über jene dreihundert Mark mit
-einer Genialität verfügt habe, die mir die Frage nahelegt, ob ich
-nicht doch noch umsattele und mich dem Bankfache widme.«
-
-»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem Ernst.
-
-Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie nehmen wollten, und
-kamen ins Wippen. Der lange Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien,
-weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und
-während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn
-nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen, stracken, blonden
-Haare über dem Rockkragen von links und rechts. Meyer hatte einmal eine
-unmöblierte Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer einem Bett und
-dem, was er auf dem Leibe trug, kaum etwas. Eine leere Kiste, von der
-er behauptete, er brauche sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und
-einen Stuhl hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über die
-Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um das immerwährendes
-Rauschen des Wassers und der Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet,
-und die fünf hellhaarigen Mädel des Brückenmannes waren seine treuen
-Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber keine richtige
-Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für die Musikschule vor,
-natürlich umsonst, und war nun in eine Gesprächigkeit verfallen,
-die seinem Wesen ganz fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen
-alle seine Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das
-Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus bezahlt. Das war
-die Hauptursache seines hochgehenden Glücks. »Und jetzt hab' ich noch
-zehn Mark und gehe, einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung
-allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich wohnlich werden.
-Kommen Sie, helfen Sie mir beim Einkauf!«
-
-Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz schritten, kreuzte
-eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren Weg. Es war Therese Hartwig.
-Niedergegangenes Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und was
-in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war von den Gewittern
-des Lebens zerschlagen. Es war alles hausmachen an ihr. Sie fing
-gleich an, ihr Klagelied zu singen; denn sie hatte sich Erich Meyer
-schon in besseren Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in
-mitleidvolles Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf den stillen
-Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich, daß er in die rechte
-Westentasche griff und darin etwas losmachte. »Es fällt mir eben
-ein,« sagte er -- »Fridolin Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark
-geliehen. Ich konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie
-es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein waren, sagte
-Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick zum Glücklichsein. Erst
-ist sie die Frau eines anderen gewesen und hat Kinder gehabt. Dann ist
-sie jenem mit Fridolin Hartwig davongelaufen -- und nun hat ihr der
-Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen lassen.«
-
-Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar nichts besessen
-als diese zehn Mark?«
-
-»Natürlich nicht.«
-
-»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts schuldig geworden?«
-
-»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die Frau ist damals doch immer
-so freundlich zu mir gewesen, und solch eine tiefe Not kann ich nicht
-mitansehen.«
-
-»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal auf,« sagte Jockele,
-»ich glaube, Sie passen nicht recht für einen solchen Posten. Was soll
-denn nun mit Ihnen werden?«
-
-»Ach, der liebe Gott und meine fünf Brückenmädel lassen mich nicht
-verderben.«
-
-Vor dem Theater gingen sie auseinander, und als Jakobus einige Tuben
-Farben erstanden, eilte er nach Hause. Doris Rinkhaus sah ihn den hohen
-Wall des Schießstands daherkommen --
-
-»Sie haben die Augen schon wieder voll Erlebnisse!« sagte sie.
-
-»Mir begegnet auf allen Wegen ein Wunder! Dieser Erich Meyer ist ein
-Genie des Herzens ... Hören Sie!« Und als sie gehört hatte, sagte sie:
-»Genie des Herzens! Er liegt unter den Rädern des Lebens und macht aus
-seinem Dasein ein Fastnachtsspiel! Aber ein Mann muß Stahl im Herzen
-haben.«
-
-Dann gingen sie um die Stadt herum und wanderten nach dem Ettersberg.
-Erich Meyers gigantische Gemütskraft in ihrem Verhältnis zum Dasein
-wurde erörtert und schlug heftige Reden aus ihnen.
-
-Jockele hatte das heilige Feuer der vorigen Nacht darüber fast
-vergessen. Auf einmal waren sie im Walde, und das sachte Rauschen der
-hohen Fichten lag um sie wie schwarzer Samt.
-
-»Was hatte das Hexenlied in der Nacht für eine Verwirrung in Ihnen
-angerichtet?« fragte Do.
-
-Es schoß eine heiße, heiße Welle Blutes in seine Stirn, aber er
-jauchzte sich darüber hinweg und breitete die Arme weit aus:
-
-»Ich bin zu einem neuen Lande gefahren -- warum waren Sie nicht bei
-mir?«
-
-Sie hatte sich vorgenommen, dies neue Land auszukundschaften, und zog
-alle Segel hoch --
-
-»Nun, und wenn ich dagewesen wäre?«
-
-»Dann -- -- ich glaube, es wäre für Sie sehr gefährlich geworden!«
-
-»Donnerwetter!« lachte sie, »das heißt, Sie hätten mir eine Vorlesung
-über Wildenbruch gehalten?«
-
-»Nein, nein -- ich hatte eine Sehnsucht ... Es war alles wild geworden
-in mir, ich dachte, ich müßte die Zähne in blühende Frühlingsgaben
-schlagen!«
-
-»Das klingt allerdings genau wie der Zettel,« sagte sie ein bißchen
-verächtlich und merkte, daß sie den Ton getroffen hatte, nach dem sie
-suchen gegangen war.
-
-»Sagen Sie mir die Worte -- sagen Sie sie mir!« bat er und stand schon
-wieder in hohem Feuer.
-
-»Ich weiß sie nicht mehr, und den Zettel hab' ich in den Ofen gesteckt.
-So kleine Entgleisungen muß eine Freundschaft vergessen können.«
-
-Das klang sehr wohltemperiert.
-
-»Ach,« jubilierte er, »nennen Sie es tausendmal eine Entgleisung -- es
-war doch fein, und ich war voll purpurnem Lichte wie der Abendhimmel!«
-
-»So etwas ist wahrscheinlich immer am feinsten allein,« sagte sie
-unwissend.
-
-Aber er fragte fürwitzig: »Ist es Ihnen auch schon so ergangen?«
-
-Da wäre sie am liebsten davongeflogen wie ein kleiner roter Luftballon.
-Sie strich sich mit beiden Händen über das Gesicht und sagte, die Sonne
-hätte sie verbrannt ... »Sie hören wohl nicht gut?« schalt sie, weil
-sie sich so in Not sah. »Ich sagte, wahrscheinlich!«
-
-Da zwang er sie, in die dunklen Brunnen seiner Augen zu schauen und sie
-merkte: es standen Sterne darin, die vorher nicht dagewesen waren. Und
-sie versuchte ihre Siegeraugen; es war mühevoll und kam nicht weit über
-den Vorsatz hinaus. Aber sie war froh, daß ihm das Leben aufging, und
-daß sie nun auf einer Wacht sein mußte, die sie die Zeit her lächelnd
-für unnötig gehalten hatte. Frauen spielen gern mit Feuer und fangen an
-zu blasen, wenn sie eine Glut vermuten. Und als Doris Rinkhaus fühlte,
-daß ihre Bedrängnis fort war, blies sie ein bißchen.
-
-Sie schritten nun auf dem Ettersberge an dem schönen Waldsaum nach
-dem Bismarck-Denkmale dahin. Rings lag die Erde in breiten, bunten
-Erntefarben, die im Tale zwischen den Häusern mit den funkelnden
-Fenstern versickerten.
-
-Auf einmal stand ein gelbes Kleid im Walde hinter einer Staffelei, und
-obendarauf war ein breiter Sonnenhut mit einem Kranz aus wilden Rosen.
-Wilde Rosen waren auch über das Kleid gestreut.
-
-»Jakobus Sinsheimer,« sagte Do und ging im Hinschauen unter, »das ist
-Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung! Kennen Sie die?«
-
-»Nein,« sagte er, »aber sie scheint so lang zu sein wie ihr Name.«
-
-»Die Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.«
-
-»Einstweilen sieht man noch gar nicht, was unter dem Wildrosenhute
-steckt!«
-
-»Kommen Sie, die führ' ich Ihnen vor!«
-
-Sie hatte da ein Waldinneres mit breitem Pinsel etwas pastos auf die
-Leinwand gestrichen und ihm eine ganz wundervolle Durchleuchtung
-gegeben. Während sie mit Doris Rinkhaus redete, sah sich Jakobus an
-dem Bild in ein Sonnenglück hinein, das er gleich in lautem Lob über
-sie ausschüttete. Da hörte er, daß sie solches Malen förmlich mit auf
-die Welt gebracht hätte, daß sie aber am liebsten mit der kalten Nadel
-arbeitete und derlei Leinwanden nur zum Verkaufe bemalte. Sie hatte in
-Frankfurt und München Kunsthändler, die ihr diese Sachen bescheiden
-bezahlten, aber sie verkaufte und brachte sich mit dem Ertrage gut
-durchs Leben.
-
-Sie stellten das Malzeug im Dorfe ein, streiften bis Abends im Walde
-herum und fanden nicht, daß der Spruch: ›~Two is company, three is
-none~‹ in allen Fällen wahr wäre. Einmal lagerten sie sich auf einem
-Anger, der ganz voll hoher Spätsommerblumen war, darüber schwammen die
-Schmetterlinge in breiten Flügen, und Jockele dachte, er möchte mit
-diesem langen, leuchtenden Mädchen auch in der Folge zusammensein.
-Darum sagte er:
-
-»Gwendolin, wir wollen den Anger malen -- beide das gleiche Bild.«
-
-»Warum?« fragte sie.
-
-»Ich will sehen, wie viel weniger ich kann als Sie,« sagte er sehr
-ernsthaft, und Doris Rinkhaus saß dabei und bekam weite und kalte Augen.
-
-Am anderen Tag, als Jockele daheim auszog, lief ihm das blaue
-Morgenkleid über den Weg zur Schlüpfe im Zaun -- Do ertappte sich auf
-dem mädchenhaften Gedanken, er hätte sie doch wenigstens auffordern
-können, mitzugehen. Aber es war morgendlich um ihn, und er sagte: »Ich
-werde mir heute eine Niederlage holen.« Da nahm sie ein herbes Wort in
-den Mund, ließ es aber nicht fliegen und sagte ohne Bitterkeit und ohne
-Teilnahme: »Es ist wahrscheinlich. Mag es nun so oder so kommen -- das
-Spiel wird nicht ohne Gewinn für Sie sein.«
-
-Er hatte die Gedichte Wildenbruchs in der Tasche, und über dem weiten
-Wanderwege wurde ihm das Malzeug lästig. Da dachte er: »Ich hätte Do
-sagen können, daß ich heute vielleicht in Ettersburg schlafe ...«
-Mit diesem Gedanken lief er seine Straße, und es blühten um ihn noch
-andere blutrote heiße Blumen: Gwendolin hatte all die Tage her schon
-in Ettersburg gewohnt; er wollte ihr das Hexenlied vorlesen, wenn die
-Schatten auf den Anger traten wie die äugenden Rehe. Das mußte schön
-sein, so im Lichte der Blumen, die ihre schmeichelnden Seelen in den
-müden Tag strömten.
-
-Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde, wenn die sachten
-Netze der Nacht fielen? Und ob ihre Augen auch Sterne würden, die immer
-als die ersten in der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre
-Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos Stimme einmal
-gewesen war, nur ein einziges Mal? Und ob sie wieder das Kleid mit
-den winden Rosen trüge? Auf einmal summte er das Heideröslein grausam
-unmusikalisch vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht,
-weil sie noch nicht da war.
-
-Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der Blumenwiese
-lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen der ersten Weidenröschen
-schwebten als weiße, stille Flugzeuge vorüber.
-
-Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte Gwendolin
-ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte er sich an den Waldgrund
-und las in den Gedichten. Er geriet wieder an das Hexenlied, und sein
-Herz blühte daran auf wie in der anderen Nacht.
-
-Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das Wildrosenkleid
-an und trug den Sonnenhut von gestern, und sah gerade so brünett und
-heiß aus wie gestern -- so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie
-redete genau so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu essen
-mitgebracht hätte.
-
-»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«
-
-»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu -- es ist um Mittag
-so köstlich und leuchtend hier, daß einem das Ultramarin von der
-Palette läuft. Aber jetzt los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es
-hing eine Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte, und
-der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine Glocke aus blauem
-Glas, durch die die Welt von draußen hereinschauen mochte, wenn sie
-Lust hatte.
-
-Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren, die sich beim
-ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen sich in eine tiefe
-Farbenfreude hinein und sagten sich bei drei Stunden kein Wort und
-hatten kaum einmal einen Blick. Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele
-da ein gefährliches Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt
-gewesen, daß ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch
-nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und vergaß, daß er in
-klingenden Farben alles so breit und voll hinstreichen wollte, wie er
-es gestern bei ihr gesehen hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab,
-aus der strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot
-vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht war. Sie hatten
-sich alle Neugier verbeten, hörten die Mittagsglocke aus dem Dorfe
-läuten, sahen, wie die Luft flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber
-hindurch, und schwiegen.
-
-Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten und warf den Deckel zu
-und trat mit einem Pack raschelnder Papiere in den Schatten des Waldes.
-Als ihr Jakobus nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen +müssen+, so
-arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich habe ich gewußt,
-daß Sie auf alles vergessen, was der Mensch außer Pinsel und Farben
-nötig hat!« Dieses ›auf alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in
-ihn hinein; es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich freue
-mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann will ich Sie immer
-reden hören.«
-
-»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief zu ihrer
-Staffelei ... »Es ist ein grausames Bild,« sagte er; »es ist herrisch,
-und es kann dagegen kein anderes aufkommen. Aber es ist doch königlich.«
-
-»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so nennen. Wenn Sie mich
-einmal nicht leiden mögen, sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat
-mir die Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich dafür, daß
-sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«
-
-»Es kommt auf das Herz an,« sagte er. »Sie streichen das in einer
-wilden Lichtlust daraus hervor, und jedes Ding stellt sich dagegen,
-wie sich die Wolken stellen gegen die Feuerfanfaren, die der Himmel
-über das Sterben des Tages bläst. Mir ist bange gewesen vor Ihnen, aber
-ich schäme mich nun nicht -- wenn Sie Wasser sehen, malen Sie Perlen,
-und wenn Sie Licht sehen, malen Sie Jauchzen. Ein Feld voll Blumen wird
-auf dem Wege durch Ihr Herz zu einem taumelnden Märchen oder zu einem
-himmlischen Farbenrausche. Aber ich male die Erde ...« So redete er
-sich in Flammen.
-
-Gwendolin sagte: »Meine Bilder sind Lügen für jeden, der die
-Wirklichkeit nimmt und damit ein zentimetermäßiges Messen an
-ihnen beginnt. Aber für mich ist es Wahrhaftigkeit; denn es ist
-künstlerisches Erleben.«
-
-Dann traten sie zur Staffelei Jockeles. Es stand ein Idyll darauf, das
-versickerte -- letzte Blütenfreude des Sommers -- in dunkelgrüne kühle
-Waldestiefe.
-
-»Ich kann das nicht,« sagte sie -- »Sie suchen die Seele einer Handvoll
-Welt, und ich blase eine hinein, die mir gerade paßt.«
-
-Da nahmen sie ihr Malzeug auf und trugen es ins Dorf, saßen in dem
-Baumgarten des Gasthofs und aßen Pflaumenkuchen.
-
-»Wann gehen Sie?« fragte sie.
-
-»Heute nicht,« sagte er und bestellte ein Zimmer für die Nacht.
-
-»Das ist fein. Da machen wir eine Waldstreife. Also los!«
-
-Den Band Gedichte nahm er mit. Im Ettersburger Schloßgarten fiel das
-Blühen über sie. »Ich kann mir denken, daß Ihre Lichtfreude hier
-wohnen muß, Gwendolin!« sagte er voll Innigkeit. Ueber die blaue
-Weltenwiese jauchzt die Sonne im goldenen Sechsergespann, aber im
-Garten von Ettersburg geht sie spazieren; draußen ist sie das große
-Licht, hier ist sie sanftes Leuchten; draußen ist sie Sieg, hier ist
-sie Liebe; und die Menschen werden leise auf diesen Wegen. Die Tage
-liegen darauf wie Falter mit breiten Schwingen -- der Schloßgarten
-von Ettersburg ist ein ewiges Ostern der Herzen ... Darüber gerieten
-Gwendolin und Jakobus immer tiefer in sich hinein.
-
-Es war, als wären sie allein auf der Welt.
-
-Sie gingen nun unter den hohen Buchen, die sich so sachte mit Himmel
-zudecken lassen. Aber unter den Wurzeln heraus atmete die Erde den
-berauschenden Herbstodem, der voll Traum heißer Auferstehungsfeste ist,
-und sie bekamen Augen wie der Hochwald, voll heimlicher Dämmerungen.
-Augen wie junge Menschen, die herumirren in den Rätseln ihres
-Frühlings. Augen wie junge Menschen, die über und über in Blüte stehen
-und die Seligkeit ihrer Seelen dahinströmen wie die Blumen und ihre
-klingende Helligkeit ineinandergießen wie die Quellen, wenn die Erde
-birst unter dem Jauchzen des Himmels.
-
-An einem Hange, an dem die Sonne gelegen hatte, umarmte sie die heiße
-Dämmerung. Da sanken sie hinein, und das Moos war voll vom Dufte später
-Veilchen.
-
-Gwendolin saß neben ihm.
-
-»So war es schon einmal,« sagte er -- »damals mit Maria Reh! Da war
-ich ein kleiner Junge und hatte Sehnsucht nach ihren Händen.«
-
-Da setzte sie den Hut ab und legte ihn über den Band Gedichte.
-
-»Wie war das mit Maria Reh?« fragte sie und stemmte ihre Ellenbogen auf
-seine Brust.
-
-»Rosenrot!« sagte er. Und ihre Augen waren einander nahe und kamen sich
-immer näher --
-
-»Und jetzt?« fragte sie.
-
-»Dunkelblau mit Sternen!« sagte er. »Aber was ist das für ein
-verrücktes Reden! Komm doch!«
-
-»Komm doch!« lockte sie.
-
-Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff ihren roten,
-roten Mund mit den Zähnen -- der Vorhang im Tempel zerriß, und sie
-fanden sich mit geschlossenen Augen in das Allerheiligste des Lebens.
-
-Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen, und wand sich über
-ihm und bekam ihre Lippen los aus der schmerzenden heißen Verheißung
-seines Mundes. »Du bist zu wild!« sagte sie.
-
-»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so heiß und schön geworden
--- nun mußt Du das leiden.«
-
-Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein in die
-kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die Dorfuhr über die
-Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken, daß sie noch ganz
-allein wach wären. Im Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten
-sie sich hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen, in dem
-Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters drinnen bei dem Licht.
-Gwendolin fing an, sich das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie
-in der mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen doch
-nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist mir ganz egal! Doch morgen
-mußt Du warten, bis ich komme und Dich hole.«
-
-Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in einen abgrundtiefen
-Schlaf. Aber früh ärgerte er sich, daß er nicht mehr an Gwendolin
-gedacht hatte, und die Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn.
-Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee saß; ein Fink
-war auf seinen Tisch geflogen und pickte die Krumen auf.
-
-Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten Tage kam Doris
-Rinkhaus. Sie hatte vormittags den Wald nach ihnen durchsucht, sagte
-das aber nicht, sondern spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr
-durch den Garten des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den
-großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen und klug und klar
-wie der Tag. Deshalb ging er am Spätnachmittag mit ihr heim, aber das
-Malzeug ließ er bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über das
-Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu der großen Eiche,
-die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv, steht. Es war schon
-Abend geworden. Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an sein
-Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von der Sendung der
-Tante Veronika zu reden gehabt, die inzwischen für Jockele eingetroffen
-war -- »Die freundliche alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer
-ganz unverdienten Güte --« sagte sie ... und da war der Stein durch das
-sorglich gehütete Fenster geflogen!
-
-Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit auf Gwendolin
-zielen, so finde ich das unbeschreiblich komisch: erst haben Sie mich
-auf sie losgelassen, und jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem
-Finger und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do, fühlen Sie
-wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle gegriffen haben, die Ihnen
-ganz und gar nicht auf den Leib geschrieben ist?«
-
-Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie damit hatte
-warten lassen, bis die Nacht um sie hing. Das Buschwerk zu beiden
-Seiten des Weges von der großen Eiche herauf half bei der gütigen
-Finsternis.
-
-Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder -- »So ist das gar nicht
-gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser gesagt: Sie sind sehr keck
-geworden in diesen vier Tagen.« Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch
-die sie in ihn hinein kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend
-gewählt, hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt. Wollte er
-Gwendolin schonen? War er wieder in eine rosenrote Anbetung versunken
-wie damals vor Maria Reh, die noch heute lustig davon berichtete? ...
-Sie fing also an zu klopfen. -- »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht
-daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«
-
-Nun schlug er alle Türen weit auf und trat heraus und sagte: »Es war
-fein! Gwendolin ist ein süßes, heißes Mädel.« Er wollte mit vollem
-Atem das Lied vom ersten Liebesrausche blasen, aber die Worte lagen
-neben dem Erleben wie welke Blüten. Da sagte er: »Ich will Gwendolin
-heiraten!« und hatte damit einen Heiterkeitserfolg. Es war schrecklich
--- bei dem dramatischen Höhepunkte, bei der Stelle, die er mit wahrer
-Heldengröße herausgeschleudert hatte, bekam Doris Rinkhaus das
-ungeheure Lachen! Und der Vorhang mußte heruntergehen. Sie lachte
-sich auch durch die Pforte im Zaun und sagte: »Sie sind heute abend
-zu ulkig! Sie dürfen deshalb ausnahmsweise noch eine Stunde zu mir
-herüberkommen. Ich muß Ihnen eine Kerze geben; denn es sieht in Ihrer
-Wohnung aus wie in einem Lagerhause.«
-
-Sie bereitete in der Küche das Nachtmahl; Jockele entzog ihr seine
-Mitarbeit und dachte in der dunklen Stube darüber nach, wie sich das
-Spiel für ihn gewinnen ließe.
-
-Als sie gegessen hatten und der Samowar summte, setzte sie sich wieder
-in den vorigen Gang. »Haben Sie schon Bestimmungen über die Hochzeit
-getroffen?«
-
-Da schwieg er sie gekränkt an; sie aber nahm noch mehr überhand. »Mein
-lieber Junge Jo, wenn Sie nicht so grausam lächerlich aus diesen ersten
-verliebten Stunden hervorgegangen wären, würde ich sagen: Mein werter
-Herr Jakobus Sinsheimer -- es senkt sich zwar schon der sachte Schatten
-eines Bartes auf Ihren verräterischen roten Mund, aber mit dem Gewaffen
-holder siebzehn Sommer läßt sich ein leidlich befestigtes Mädchen
-nicht fürs Leben erobern! Sind Sie denn wirklich so einfältig, zu
-meinen, eine Kette angereihter Küsse hielte über ein paar Meilen Zeit?
-Und glauben Sie, Sie wären der erste, der Gwendolin Vogelgesang hübsch
-findet? Und das ›süße heiße Mädel‹ hätten Sie entdeckt? Meinetwegen
-küssen Sie sie ab, soviel sie es verdient -- aber geraten Sie darüber
-nicht in Unordnung und reden Sie nicht ein tragisches Pathos übers
-Land.«
-
-Er kreuzte die Arme vor der Brust, und auf seiner Stirne stand kalter
-Schweiß. »Was geht Sie denn das alles an, daß Sie so in Harnisch
-geraten?«
-
-»Es täte mir leid, wenn Sie vor sich selbst lächerlich würden,« sagte
-sie. »Sehen Sie, wie Sie neulich aus dem wildgewordenen Herzen mit
-feurigen Buchstaben etwas von ihrem Frühlingssturm auf ein Stück
-Papier schrieben und es mir vors Fenster hingen, das war jung und
-gesund. Und jung und gesund ist es auch, wenn Sie mal über die lange
-Gwendolin kommen -- aber daß Sie jede Seifenblase für eine Weltkugel
-halten und den Eroberer spielen, das ist Ihr hartnäckiges Mißgeschick.«
-Sie steckte eine Kerze an und gab sie ihm in die Hand: »So, und nun
-leuchten Sie sich mal nach Hause.«
-
-Da sagte er: »Wenn ich Sie nicht bis zu dieser Stunde für einen Ausbund
-von Klugheit gehalten und nicht allerlei Ursache zur Dankbarkeit gegen
-Sie hätte, würden wir uns morgen kaum noch kennen, Fräulein Rinkhaus!«
-
-»Sie, das ist ein famoser Einfall,« lachte sie -- »betrachten wir
-diese Stunde als Mobilmachung zu einem achtwöchigen Kriege! Am ersten
-November wird Friede geschlossen.«
-
-»Und wenn ich dann noch Krieg will?«
-
-»Mir auch recht!« lachte Do.
-
-»Ich gebe mein erlösendes Einverständnis. Gute Nacht.«
-
-Sie drehte den Schlüssel schon feindlich im Schloß herum.
-
-»Do hat ihre giftiggelbe Eifersucht vor mir verbergen wollen, und damit
-ich es nicht merkte, hat sie Esel zu mir gesagt,« dachte er. Aber nun,
-da er durch das Stück dunkelblaue Spätsommernacht stieg und die Linke
-vor das kärgliche Fünkchen Licht hielt, kam er sich wirklich sehr
-komisch vor -- diese Rolle mit der Hand vor dem bißchen Flamme hatte
-er den ganzen Abend gespielt. Und gestern -- vorgestern sicherlich! --
-hatte er geglaubt, es wäre so etwas wie der große Brand in ihm, den der
-Sommer des Abends vor den Toren der Welt für Himmel und Erde aufführt.
-
-Er leuchtete sich in einen mäßigen Schmerz hinein, der sich über dem
-Haufen mit Latten verschlagener Möbelstücke zu einer tiefen Verstimmung
-auswuchs. Die Liebe, mit welcher Tante Veronika und Mali diese Dinge
-ausgewählt und verpackt hatten, wollte sich heimlich an sein Herz
-schmeicheln, aber sie war ihm peinlich: die treuen alten Mädchen
-hatten das im Frühlingshause mit der Sonne ihres Vertrauens für ihn
-umschienen -- vielleicht in der gleichen Stunde, in der er sich draußen
-am Waldrande gewälzt hatte wie ein jähriger Hirsch ...
-
-Er fuhr in ein Land tiefen Nebels hinein und verbiesterte sich ...
-
-»Was ist das wieder mal für eine Sache, die Du da aufgemacht hast,
-Jakobus Sinsheimer! Es ist der niederträchtigste Vertrauensbruch, der
-einem Menschen je Scham auf die Stirn getrieben hat. Du kommst Deiner
-Tage zu nichts -- gib's auf, Jakobus Sinsheimer, Du bist ein Zigeuner.
-Wie ein Zigeuner hast Du den Wald zum Nachtquartier gemacht ...«
-
-Er nahm wieder einmal Seifenblasen für Weltkugeln! Da schlug er mit
-der flachen Hand auf das Zünglein Licht und warf sich aufs Bett und
-wühlte sich in eine wilde Selbstverachtung hinein. Auf einmal hüpfte
-Gwendolin aus dem zähen Nebel und war vergnügt wie der Frühling. Das
-Wildrosenkleid war längst ausgeplättet, ihr Mund blühte wie roter Mohn,
-und die ganze Nacht wurde zu tausend feuerroten Blumen. Er lag mitten
-darin und schlief ein.
-
-Am Morgen, als er sich in den Kleidern auf dem Bette fand, fiel ihn der
-Jammer an. Aber er raffte sich zusammen, zog andere Wäsche und Kleider
-an und begann auszupacken.
-
-Tante Veronika und Mali, manchmal auch das Zinzilein, waren dabei immer
-um ihn, und er werkte sich in eine vergessende Freude.
-
-Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den Schuppen, schloß er die
-Schubfächer des Schrankes auf und fand darin Vorhänge für drei Fenster,
-und in dem Kleiderschrank die drei Leisten dazu -- es war auch ein
-Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das erkannte, schauerte
-ihm die ferne sorgende Liebe durchs Herz, daß ihm ganz bange wurde.
-
-Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte mit allen Glocken
-Frieden geläutet -- nein, diesmal sollte sie gewiß nicht triumphieren!
-Wenn sie ihm jetzt ihre Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie
-gerne ertragen; aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur von
-Gwendolin machen.«
-
-Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen war, damals, als
-er ihr die Stecknadeln gereicht hatte.
-
-Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen und gewahrte die
-Bänder, die da angenagelt waren. Dann pfiff er seine Entdeckerfreude
-sachte vor sich hin und kam auch mit den Vorhängen zustande.
-
-So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war alles durch viele
-Jahre in einer schönen Sonne gewesen -- das ganze kleine Haus schien
-sich nun daran heimlich voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte
-ihm auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark gewährt, dafür
-sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die Wohnung säuberte. Ueber
-allem hatte er sich wieder zu sich selber gefunden, und weil er den
-Ueberschuß an Seligkeit merkte, packte er ihn in einen Brief und
-schickte ihn nach Ibenheim.
-
-Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum, und als sein
-Verglimmen durch die neuen Vorhänge sickerte, gab er sich der
-Wohligkeit des Daheimseins hin. Es war, als legte die sorgte alte Tante
-Veronika ihre reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein
-braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der abendlichen Lampe
-in dem kleinen Haus; die warf die goldenen Fächer ihres Lichts über
-die bunte Tischdecke, und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die
-Aufschriften der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit.
-Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter Weisheit
-besaß -- die zweihundert Bände umfaßten die Welt; und es lag in der
-Uebergabe dieses Schatzes eine rührende Erklärung der Liebe ...
-
-Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war, und wie dessen
-großsprecherische Schwächlichkeit strandete an einer Insel der
-Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis erkannt; die Nacht im
-Jägerhaus am Hörselberg stand in seiner Jugend als eine bunte
-Lichtkugel, nach der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete
-noch immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener Becher,
-von dem er meinte, er wäre reich genug, sein ganzes Leben mit Glanz
-zu erfüllen ... So standen viele Tage in der vergangenen Zeit, von
-denen er sagte: ich werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein
-Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm gefunden
-hatte -- dies Heute erkannte er nicht. Es war für ihn eine liebe
-freundliche Begegnung von jener lächelnden Innigkeit, die ihn über dem
-Kommen Tante Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem
-blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert war. Und doch
-war dieser Tag eine Weiche, über die das Leben Jakobus Sinsheimers
-auf das Geleise lief, das er sich selbst in Spiel und Ernst seiner
-Frühlingsjahre gelegt hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der
-Jugend sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen den
-Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel, sie halten Dasein
-für Ewigkeit.
-
-
-Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach Ettersburg, äußerlich
-angetan wie ein junger Kavalier. Er wollte an diesem Tage nicht malen,
-aber er wollte sich auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren.
-Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert Mark im Portemonnaie
-geben einem jungen Menschen Haltung.
-
-Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch, und die Herrschaften
-seien wahrscheinlich im Baumgarten des Gasthofs beim Frühstück.
-
-Da fragte er sich ein wenig an der Frau zurecht, aber er wandelte noch
-auf Wegen aus Himmelblau seinen heißen Wünschen nach.
-
-Als er das Wildrosenkleid und den blühenden Sonnenhut sah, ward er
-beschwingter Sommerwind und flog ihr entgegen. Der Herr, der mit
-Gwendolin an dem übersonnten Tische saß, nestelte ihr aus einem
-schäkernden Besitzrecht heraus an dem goldenen Halskettlein. Und als
-der lustige Sommerwind dazwischenflog, blies ihn eine morgenkühle
-Gleichgültigkeit an. Gwendolin tat sehr überrascht, den Herrn
-Sinsheimer zu sehen, und stellte ihn vor als einen Malschüler, mit
-dem sie gelegentlich eine Stunde da oben am Waldrande zusammen eine
-Farbenskizze gemacht habe.
-
-»Und Sie wollen Ihre Staffelei holen?« fragte sie.
-
-»Eigentlich nicht,« antwortete er und setzte sich steil in eine Art von
-Fassung.
-
-Da kam der Kellner und meldete, der Wagen sei da.
-
-»Wir fahren nach Belvedere,« sagte Gwendolin. »Wenn Sie Ihr Malzeug
-heute mitnehmen wollen -- meine Mietsfrau kennt Sie ja und wird Ihnen
-willig alles einhändigen. Adieu, Herr Sinsheimer.«
-
-Sie legte die Spitzen ihrer Finger in seine Hand, und nach einer
-förmlichen Verbeugung ihres Begleiters hüpften die beiden durch den
-Sonnenschatten der Zwetschenbäume in klingender Unbekümmertheit dahin.
-
-Der Kellner klemmte seine Serviette unter den Arm, und während der
-Kavalier Jockele sich erhob und zu einem entfernten Tische schritt,
-starrten sie einander an -- Jockele als Hypnotiseur, der Kellner
-als zweifelndes Medium zwischen Lächeln und sachtem Verkommen des
-Bewußtseins. Am Gefrierpunkte der Sinne bäumte er sich auf.
-
-»Ich dachte immer, Fräulein Vogelgesang wäre Ihre Braut ...«
-
-»Das dachte ich auch,« sagte Jakobus; »aber nun bringen Sie mir mal
-schnell drei Zigaretten und eine Tasse Kaffee.«
-
-»Sehr wohl, drei Zigaretten und 'ne Selters.«
-
-»Kaffee!« brüllte Jockele. -- »Halt, kommen Sie mal her. Sie sind ein
-unverschämter Mensch! Da -- zwanzig Pfennig für die Beleidigung! Adieu!«
-
-Er zog das Etui aus der Tasche, brannte sich eine Zigarette an und
-wirbelte sich hinter seinem zwischen den Fingern drehenden Spazierstock
-aus dem Gesichtskreise.
-
-Die Sonne roch nach dem Staube, der unter dem enteilenden Wagen
-hervorbrach; der goldene Septemberwind machte sich ein billiges
-Vergnügen daraus, mit dem Geräusche rollender Räder und klapperndem
-Hufschlag die Dorfstraße entlangzuschlendern und Jockele zu fragen,
-ob er das hübsch finde; und der Himmel stand über dieser Erde,
-durchsichtig vor leuchtender Ahnungslosigkeit, und ein paar Engel
-guckten zum Fenster heraus und flatterten mit den Flügeln.
-
-Jockele verfiel in ein stürmisches Dahinschreiten. Er dachte, er
-müsse mit erhobenen Armen und einem ungeheueren fanfarenden Schreien
-das Licht zerreißen. Aber es schoben sich da und dort Frauenköpfe
-mit neugierigen Augen durch niedere Fenster; es standen schwätzende
-Weiber hinter den Zäunen und sahen ihm nach; und wie die Gattertür vor
-der Auffahrt zum Schloßgarten hinter ihm zuschlug und Falterstille,
-mit großen stummen Augen auf den Schwingen, um ihn schwebte, schlug
-sich der Drang zu dem ungeheueren himmelzerreißenden Schrei nieder in
-Bitternis und Schweigen.
-
-Er hatte den Rausch der vier Tage in windigen Kniehosen und in einer
-Gürteljoppe bestanden und hatte ausgesehen wie Samstag. Nun schmiegte
-sich freudiger Sommerstoff um ihn. Er hatte eine blaue Krawatte
-umgetan, die an Daseinslust mit der Seide des Himmels wetteiferte,
-und seine Augen liefen an der gepflegten Bügelfalte hinab, die in den
-Aufschlag der Hose versickerte; dazu hatte er chamoisfarbene Gamaschen
-über die gelben Schule gestreift -- -- die sehr frühe Stunde fiel ihm
-ein, in der er den langen Menschen Jakobus mit beseligter Hingabe für
-Gwendolin Vogelgesang bereitet hatte ...
-
-Er suchte nach dem Winkel in seinem Herzen, in dem eine annähernd
-höllische Teufelei aufgehen könnte, und fand ihn nicht.
-
-Oder war das Benehmen Gwendolins von der Verzweiflung des Augenblicks
-geboren? War es Verwirrung gewesen, die der Ueberfall angerichtet
-hatte? Oder war es die mädchenhafte Scheu, sich zu verraten?
-
-Vielleicht, wenn er ihr morgen entgegenlief, breitete sie die Arme weit
-aus wie ein Sommertag, wenn er die Sonne kommen sieht!
-
-Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster seines Herzens
-weit auf -- aber der liebe glockenklare Morgenwind lief nicht hinein.
-
-Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der Frühling eine
-erwachende Blume! Und als Do ihren wissenden Finger erhob, der da
-fragte: »Sie denken wohl ...?« hatte er seine Empörung gegen diesen
-Finger geblasen.
-
-Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem morgendlichen
-Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem Munde gelegen hatten, am Wegrande
-gewachsen!
-
-Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte: ein Mädchenmund
-voll so staubiger Süßigkeiten müßte von Rechts wegen gekennzeichnet
-sein -- und nörgelte eine Stunde lang an der Weltordnung herum.
-
-Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und es blühten da
-und dort auf umschatteten Wegen junge Stimmen. Da setzte er sich auf
-eine Bank und saß bis an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden
-Frauenmund -- ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude am Licht,
-ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder dankbarem Traum am
-Glück sei, oder ob er blühe wie ein Mohnfeld, lichterloh und in
-seelenzehrendem Brand ...
-
-Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half ihm die Küsse
-zählen, die verschwenderisch auf diese roten Blumen hingedrückt worden,
-und rieb sich die Hände.
-
-So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die Schmerzen in Betrachtung
-übergehn‹ ... Er wußte nicht, daß er damit heimlich in die Gärten
-Goethes getreten war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf
-seine Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter am Wege
-durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis auf ihn.
-
-Der Traum des Mittags war aufgestanden und wandelte mit erhobenen
-Händen, unter denen es sonnenstill wird. Die goldenen Netze der Luft
-fielen über das Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in
-dieser Stunde den Seelen der Bäume ...
-
-Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in ein Gespräch kam,
-solche Worte aus einer seherischen Erschütterung ihres Herzens zu ihm
-redete, wunderte er sich; denn es war eine fremde Art. Die Frauen,
-die seither um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer
-Sinnlichkeit -- vor allem Gwendolin die Sonnenseitige. Und Doris
-Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll Märzenlicht ... Er lächelte
-sich in ein heimliches Vergleichen hinein und merkte, daß Do ihm ihre
-Siegeraugen machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die Engel
-Feste feierten und grüne Gläser mit sachte spritzendem Moselwein
-aneinanderklangen, sondern sie sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?«
-Damit verbriefte sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die Füße
-gekommen war. Aber er dachte, jener unter die Füße zu kommen wäre
-besser, als der Gwendolin unter die Lippen -- zwar ...
-
-Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken stolperten darüber und
-stolperten zu einem gelben Buch, das auf der Bank unter der Hängebuche
-lag. Es lag auf der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so
-von oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von Wolfgang
-von Goethe.‹
-
-Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen -- der ganze zwanzig Bogen
-umfassende Band, von der ›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war
-Zeile für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht,
-alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon hinter der ersten
-Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben: ›August 1784 auf einer
-Reise nach Braunschweig, ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite
-Strophe des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der
-Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,« daneben in Blei und
-emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte sich sehr für Wolken.‹ Vor
-allem waren die Beziehungen zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem
-Bemühen gesucht und vermerkt -- gleich zu Anfang der dritten Strophe
-der Zueignung: »Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, im Nebel
-ließ sich eine Klarheit sehn ...,« war notiert: ›Faust II, 1: Im
-Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen.‹
-
-War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?
-
-Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie von Goethe, Herr Jo?«
-hinter der damals im Tiefurter Park seine Jugend in so beängstigender
-Finsternis gestanden hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren
-Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden -- und nun sollte
-er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das über ihn fiel? Ein
-unersetzbarer Schatz!
-
-Er schaute um sich ... rings waren die schirmenden Aeste der Buche ...
-vielleicht hatte einer den Band zum Finden dahingelegt ... ›Zigeuner!‹
-sagte er laut und bitter.
-
-Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals, las sich das
-Herz heiß und dachte: »Ich will es dem Kastellan bringen und will mein
-Besitzrecht geltend machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht
-meldet. Oder -- ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will jeden
-Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben ...« Er dachte sich
-ganz wirbelig, und dann schritt er den Gartenweg entlang.
-
-Da begegnete ihm eine Dame --
-
-»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band Goethe auf der Bank
-unter jener Buche gefunden ...«
-
-»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut dabei in der Hand,
-»ich wollte ihn dem Kastellan übergeben; denn ich sah, daß der
-Eigentümer den Verlust sehr schmerzlich empfinden würde.«
-
-»Ich danke Ihnen tausendmal,« sagte das ältliche Fräulein mit jenem
-norddeutschen Ausdrucke, den er selbst von Tante Veronika angenommen
-hatte. Da faßte er Mut --
-
-»Darf ich mir als Finderlohn die Erlaubnis ausbitten, alle Anmerkungen
-in einen eigenen Band zu übertragen?«
-
-»Gerne, wenn wir einen Weg dazu finden,« antwortete sie. »Ich komme
-von weit her -- ich bin eine Sucherin nach herrlichen Schätzen, mein
-Herr -- eine Schatzgräberin in des Wortes ursprünglichster Bedeutung:
-ich werde den Faust finden, von dem Goethe in seinen Tagebüchern redet
-als von dem ›Hauptgeschäft‹. Diese letzte Fassung ist der Welt noch
-vorenthalten; er selbst redet von einem Schelmenstück, das er damit
-beabsichtigte -- bis ins Jahr 1775 zurück läßt sich das Vorhaben
-verfolgen, dies Werk den Augen der Menschen zu entziehen -- und er ist
-hingegangen in den Garten Am Horn zu Weimar und hat während der letzten
-Jahre seines Lebens die Vorbereitungen getroffen. In jenem Garten,
-in den er seinen ewigen Tempel baute, hat er am 16. August 1831 die
-Handschrift vergraben.«
-
-Das alles kam aus einem lodenen Fräulein und unter einem Jägerhütchen
-hervor und stürmte auf ihn ein mit kühn vorgehaltenem Fahnenschafte.
-
-»Ah,« sagte er, »und wenn ich recht verstanden habe, so wollen Sie
-diese endgültige Fassung des ›Faust‹ im Garten des kleinen Hauses
-entdecken?«
-
-»Ich +werde+ sie entdecken!«
-
-»Dann -- dann müßten Sie aber wohl den ganzen Garten umwühlen?«
-
-»Oh, ich werde die Stellen zu bezeichnen wissen!«
-
-»Das ist ja ein Fund, der die Welt erschüttern wird!« stammelte
-Jakobus. »Ich fange an, die Hand einer gütigen Vorsehung zu erkennen,«
-sagte er, schon mit allen Sinnen hineingebettet in den schwärmerischen
-Ton des Fräuleins Erika Flucht -- »mein Weg führt mich täglich an jenem
-Garten Goethes vorüber ... Haben Sie ihn vorhin nicht den ewigen
-Tempel genannt? Auch ich wohne in einem Gartenhäuschen am Horn.«
-
-»So seien Sie mir gegrüßt!« rief sie, reichte ihm die Hand und
-versprach, ihm noch an diesem Abend die Bezeichnung ›der ewige Tempel‹
-zu erläutern. Dann erhob sie ihre Stimme und sprach, mit einer großen
-Geste nach Weimar:
-
- »Gab die liebende Natur,
- Gab der Geist Euch Flügel,
- Folget meiner leichten Spur --
- Auf, zum Rosenhügel!«
-
-Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu sofortigem Aufbruche, und
-weil seine Augen dies Ahnen spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl
-nicht, daß der Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg
-heißt?«
-
-»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als wüßte ich gar
-nichts.«
-
-»Sehen Sie -- und die Stelle, die ich Ihnen soeben vorsprach --
-ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr, denen der Geist Flügel
-schenkte, folgt mir ... unter dem von Geisterstimmen umraunten Rasen
-des Rosenhügels findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen
-sind +voll+ von solchen Rufen und Lockungen nach dem Geheimnisse, das
-er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute. Kommen Sie, sehen Sie
-mit Ihren Augen die Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das
-königliche Vermächtnis schlug!«
-
-Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn -- noch zitterte der
-Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den die Frühlingsgaben
-Gwendolins hindurchgejauchzt hatten, nun ruderte er schon wieder mit
-schwunghafter Leichtherzigkeit hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und
-fühlte: die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.
-
-Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief er der Frau hinein,
-er werde das Malzeug in den nächsten Tagen holen lassen.
-
-Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs über einem
-verspäteten Mahle zueinander: das Glück, aus gerütteltem Ueberflusse
-Weisheit zu spenden, führte Erika Flucht -- die Frage Dos: Was wissen
-Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr ... Aber er selbst war viel zu sehr
-bedrängt vom Erleben. Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und
-kam sich vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind fangen
-wollte; da rettete der sich vor den tappenden Händen in einen blühenden
-Kirschbaum und wirbelte einen Haufen Silberzindel herab -- und der
-lange Mensch Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch der
-gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle Teilnahme.
-
-Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte auf halbem Wege
-warten; denn zwischen Lipp' und Kelchesrand warf Erika Fluchts
-stürmende Begeisterung den Peneios, den Olymp, Persephoneien und
-Orpheus und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.
-
-Das geschah an dem gleichen Tische, um den die Scherben der vor vier
-Stunden jäh zerbrochenen Liebe lagen.
-
-Sollte er ihr gestehen, daß wenigstem Peneios und Persephoneia
-unentdeckte Welten für ihn waren? ...
-
-Nachdem der Kellner abgetragen hatte, legte Jockele die Arme um die
-Kante des Tisches, als wären auf der Platte tausend surrende Firlchen
-losgelassen -- Knöpfe, die auf dem durchgesteckten Holze tanzen --
-und gebärdete sich, als dürfe von dem närrischen Schwarme keines
-hinabschnorren in den Sand. Aber das war ein eitles Beginnen. Darum
-sann er auf Rettung und sagte: »Verehrtes Fräulein, bitte, nehmen Sie
-eine Zigarette.«
-
-Er hatte gerechnet: sie ist von ganz anderer Art als Gwendolin
-Vogelgesang, die oft sogar beim Malen rauchte, und gedachte nun
-Feuer mit Feuer zu dämpfen; auch Maria Reh hatte sich vom Rauchen so
-hinnehmen lassen als von einem mühseligen Geschäft -- und mild lächelnd
-senkte sich die Ruhe über sie.
-
-Als der rote Bronnen der Weisheit gestopft war, lenkte er das Gespräch
-nicht ungeschickt auf ein Nebengeleis -- »Durch die Kronen der Bäume
-wehen Duftwogen aus der blütenbunten Stille des Schloßgartens,« sagte
-er, der Würde der Stunde entsprechend. Aber Erika Flucht warf sich
-gleich in diese Wogen hinein und sprach, als läse sie ihm vor: »In
-Ettersburg vollendete Stiller ›Maria Stuart‹, und hier wurde Goethes
-›Iphigenie‹ zum erstenmal in geschlossenem Raum aufgeführt. Goethe
-spielte den Orest, und -- wenn ich nicht irre -- Karl August den
-Pylades.«
-
-»So, so,« sagte Jockele aus seiner tiefen Zerschmetterung heraus und
-rang mit sich, ob er ihr erklären sollte, daß er für die nächste Stunde
-nicht mehr aufnahmefähig sei -- wegen des Erlebnisses vom Vormittag,
-oder weil das Feld seines Geistes, auf dem sie mit beglücktem Fleiße
-baute, noch zu wenig vorbereitet wäre?
-
-Er entschied sich für das letztere und erzählte ihr den Roman seines
-Lebens. Darüber traten sie die Wanderung nach Weimar an, und der
-Bericht war auf eine Meile verteilt.
-
-Als es dämmerig wurde, traten sie unter dem Gewölbe der Sternbrücke
-heraus in den weimarischen Park. Ein später Nebel spann aus dem
-abendruhigen Spiegel der Ilm, ganz dünn und zauberisch und von leisem
-Glanz: er hatte an den Kahn des Mondes gestreift, der auf dem Wasser
-lag.
-
-Sie gingen an der Sphinx vorüber, und Erika Flucht sprach unter dem
-Silberschleier hervor, der sich auf ihre Seele gelegt hatte, sprach ein
-paar Verse Goethes -- »auch aus diesen Versen von der Sphinx ruft das
-Geheimnis von dem nahe verborgenen Schatze,« erläuterte sie.
-
-Der Abend im Park war voll heimlicher Verheißungen. Und Jockele war
-gefaßt.
-
-Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause fragte er: »Sie
-redeten von dem ewigen Tempel -- wo ist er?«
-
-»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen Walpurgisnacht
--- dies ist die Landschaft! Rechts die Ilm, die Goethe den Peneios
-nennt; links der Rosenberg oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden.
-Und daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem
-Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor Oberweimar
-hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war ein Exerzierplatz. Sehen Sie --
-so führt der Dichter selbst alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu
-dem Schatze seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie die
-Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:
-
- In des Olympus hohlem Fuß
- Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß;
- Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;
- Benutz' es besser, frisch! beherzt!
-
-Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben wollte,
-unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift, von der er als von
-dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er
-klarer den Weg dazu weisen?«
-
-Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen. Aber der Gedanke
-an den Reif, den der Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe
-seines Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein Herz
-lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel heraus:
-
-»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von Goethes Hand in der
-Tat nie gesehen?«
-
-»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung seines Tagebuchs aus
-der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.« Erika Flucht zitierte aus einem
-sicheren Gedächtnis alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten. Sie
-hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem sie in ahnender
-Erleuchtung nachzog.
-
-Da waren sie an die untere Pforte des Gartens gelangt.
-
-Erika Flucht öffnete sie und sagte: »Man hat mir den Schlüssel
-übergeben, damit ich des Traumes Deutung nachspüre, so oft mich der
-Geist ergreift. Sieben Stufen führen empor -- eine geheiligte Zahl!«
-Das silberne Dämmerlicht sickerte um die hohen Säulen der Bäume. --
-
- »Blick auf, hier steht bedeutend nah
- Im Mondenschein der ewige Tempel da!
-
-Wir schreiten in diesem Augenblicke hinein! Und niemand erriet, was
-mir die Seele dieses Ortes offenbarte! Zuerst fand ich unter Moos dies
-Mosaik, und eingelegt in das Gestein das Zeichen des Pentagrammas.
-Goethe setzte dies Ausrufezeichen an die Schwelle des Tempels -- aber
-die Menschen bedachten es nicht und schritten darüber ...«
-
-»Und warum nennen Sie diesen Teil des Gartens immer ›Tempel‹, Fräulein
-Flucht?«
-
-»Meine Entdeckung, Herr Sinsheimer! Die Gartenanlage trägt die
-Grundform eines altchristlichen Heiligtums -- dieser Weg nach
-Osten stellt das Hauptschiff dar, jener das Querschiff --, dort in
-der Verlängerung des Mittelschiffs sehen Sie den muschelförmigen
-Abschluß, Chor und Apsis, den Goethe durch die im Bogen gepflanzten
-Linden andeutete, und an der gleichen Stelle wie in der Basilika, der
-Hochaltar: das Allerheiligste mit dem Tisch aus Stein, um den Sie
-den welligen Saum des Altartuchs gemeißelt finden, und darüber das
-Altarbild, die Tafel mit den Versen:
-
- Hier in Stille gedachte der liebende seiner Geliebten;
- Heiter sprach er zu mir: werde mir Zeuge, Du Stein!«
-
-»Und der Faust?« fragte er erschüttert.
-
-»Dieser wunderbare Naturtempel kann nichts anderes sein als die Folie
-zu dem tiefen, ernsten Vermächtnis -- ›blick auf, er steht bedeutend
-nah!‹ ruft der Dichter der Menschheit ins Herz -- aber sie versteht
-seine Mahnung nicht ... Hier, mein Herr, hat Goethe die Urschrift zu
-seinem Faust vergraben.«
-
-Erika hatte alles zusammengetragen an Daten und Veränderungen, die in
-dem unteren Garten während der letzten Lebensjahre Goethes vorgenommen
-worden waren. Sie ließ in den folgenden Tagen an Stellen des
-umrauschten Hanges graben, von denen sie vermutete, daß sie des Rätsels
-Lösung brächten -- vergebens!
-
-In Jakobus klang jedes ihrer Worte nach, als sie abgereist war.
-
-Den Band Goethe ließ sie ihm zur Abschrift der Anmerkungen und sagte,
-wenn sie wiederkäme, würde sie der Enthüllung des Vermächtnisses,
-das ›in den Fuß des Olympus eingeschwärzt‹ sei, ein gut Stück näher
-sein. --
-
-Seine Tage -- die letzten im lichten Scheinen des Jahres, die es
-im Scheiden abbrennt als ein königliches Feuerwerk, zogen dahin
-in tapferer Feindschaft gegen Doris Rinkhaus. Das hatte Gwendolin
-Vogelgesang getan! Do und Jo gingen aneinander grußlos vorüber, wenn es
-einmal kam, daß sie nicht ausweichen konnten.
-
-Da hing oft mitternächtige Finsternis um ihn, und er rief sich den
-Geist Dos wie einer Abgeschiedenen und sagte zu ihm: »Wie denken Sie
-über die vergrabene Handschrift zum Faust?« Es war komisch -- er
-nannte das Bild mit den hellen Augen und der klaren Sichtigkeit des
-Märztages immer ›Sie‹. Und Do lehnte sich mit vor der Brust gekreuzten
-Armen rückwärts gegen das Fensterbrett, wie es ihre Gewohnheit war,
-wenn sie einen Angriff plante oder sich eine Stellung zu erfolgreicher
-Verteidigung eroberte --
-
-»Hm,« sagte sie, »es wäre eine Roheit, diese wunderliche Idee vor der
-Welt ins Lächerliche zu ziehen. Da die Handschrift in der Tat fehlt
-und die Tagebuchaufzeichnungen Goethes den Schluß auf eine zurzeit
-verlorene Fassung des Dramas zulassen, so muß man wohl auch jeden
-Versuch, ihrer habhaft zu werden, achten. Aber ich halte die Kette der
-Schlüsse jenes Fräuleins doch für eine sehr phantastische Anreihung und
-glaube nicht, daß sie im Besitz der Wunderlampe ist, die zu dem Schatze
-leuchtet.«
-
-Aber Jockele, der Dos Geist nun auf dies heimliche Zwiegespräch
-gefordert hatte, beschied sich damit nicht --
-
-»Und warum sind Sie dieser Ansicht?«
-
-»Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir die Beweisführung zu phantastisch
-erscheint -- vor allem aber: es gehört doch eine merkwürdige Auffassung
-von der Psyche eines ernsten und bedeutenden Mannes dazu, ihr ein
-derartiges Versteckspiel anzudichten, das ohne Zweifel kindsköpfisch
-aussieht.«
-
-»Sie kennen die Beweisführung nicht in allen Stücken, Do!«
-
-»Aber das Fundament ist für mich Luft! Es gehört der unbegreifliche Mut
-einer Frau dazu, darauf ein Gebäude zu errichten.«
-
-Draußen ging ein langer spinnwebfeiner Septemberregen nieder.
-
-Da wühlte sich Jakobus in dem sanft durchwärmten Gartenhäuschen
-tiefer in Goethe und die Gedankengänge Erika Fluchts hinein -- bis zu
-selbstvergessender Forscherfreude. Der zweite Teil des Faust wurde
-auch für ihn ein mächtiger Bund von Schlüsseln. Er probierte jeden
-an den vielen Türen, die der Dichter vor dem ›großen Schelmenstück‹
-seines Lebens aufgerichtet hatte. Zu dem dunklen Gange, der den Schatz
-bewahrte und zu Persephoneien führte, sah er Wegzeichen --: ›Von der
-Erde muß das Heil uns kommen!‹ stand da geschrieben, und er fand die
-Verse, die Goethe mit Bezug auf den Hügel seines Gartens gedichtet
-haben mußte, wenn in der griechischen Landschaft des Peneios das Ilmtal
-dargestellt war:
-
- Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
- Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
- Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen --
- Das wäre hier für sie ein würdig Ziel!
-
-Bei der Papiergeldszene, von der ihm Erika Flucht mit geheimnisreicher
-Inbrunst ihre Deutung gegeben, verweilte er lange. Ihre Fragen klangen
-ihm in den Ohren -- Glocken, die am längsten läuten: »Was soll diese
-Szene, wenn sie nicht ein Hinweis auf die vergrabene Handschrift wäre?«
-
-Er las:
-
- Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
- Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
- In Berges Adern, Mauergründen
- Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden;
- Und fragt Ihr mich, wer es zutage schafft?
- Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.
-
-Und daneben stellte Goethe die anderen Worte des Mephistopheles:
-
- Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.
- Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
- Das ist die Kunst; wer weiß es anzufangen?
- Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,
- Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,
- Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
- Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte ...
-
-Aber durch jedes Fenster, das er aufschlug, um Licht durch die zähe
-Dämmerung fluten zu lassen, steckte Doris Rinkhaus den Kopf mit den
-unbarmherzig hellen Augen und sagte: »Ich höre doppelt, was er spricht
--- und dennoch überzeugt's mich nicht!«
-
-Jockele hieß die Gelegenheit willkommen, mit dem ›Lichte von drüben‹
-sich über den Fall auseinanderzusetzen -- es war kurzweiliger, als
-immerfort Erika Flucht im Geiste reden zu hören, die die ganze
-Papiergeldgeschichte auswendig wußte. --
-
-»Es steht hier ja mit nahezu unheimlicher Deutlichkeit, wie die
-Entdeckung des Schatzes vor sich gehen wird,« sagte er und pochte mit
-den Fingern auf die bedruckten Seiten, als gälte es, den Geist Dos, den
-stets verneinenden, für diesen Himmel zu gewinnen --
-
- Doch kann ich nicht genug verkünden,
- Was überall besitzlos harrend liegt.
- Der Bauer, der die Furche pflügt,
- Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,
- Salpeter hofft er von der Leimenwand
- Und findet golden-goldne Rolle,
- Erschreckt, erfreut, in kümmerlicher Hand ...
- Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,
- Die Bauernarbeit macht Dich groß,
- Und eine Herde goldner Kälber,
- Sie reißen sich vom Boden los.
-
-Er las in unablässigem Wandelgange so laut, daß Do hätte aufhorchen
-müssen, wenn sie im Garten gewesen wäre. Aber der Nebel kroch draußen
-über das Gras, zog seine Netze von Stamm zu Stamm und fing darin
-schlafmüde Blätter.
-
-So oft Jo sich Doris Rinkhaus in den Lehnstuhl am wärmelnden Ofen
-dachte, hatte sie immer die gleichen mitleidlosen Augen.
-
-Dann kam ein Tag, da schritt er ohne Buch durch die trauliche niedere
-Stube und wußte die Szene auswendig wie Erika Flucht. Aber die
-Freudigkeit der Gefolgschaft hatte er verloren.
-
-An diesem Tage schrieb er an die ferne Erika Flucht: »Manchmal fällt
-himmelfrohes Leuchten in mich und ich grüße Sie in Ihr beseligtes
-Suchen. Aber zuletzt steht doch stets der Zweifel -- ich kann Ihnen
-nicht mehr helfen, verehrte Freundin; denn ich finde keinen Vers,
-der sich nicht viel müheloser anders deuten ließe als im Sinne Ihres
-wertvollen und interessanten Bemühens. Und doch: ich habe meinen
-Schatz gefunden, indem ich hinter dem Lichte wanderte, das Sie vor mir
-hertrugen -- sehen Sie zu, daß auch Ihnen Ihre Sehnsucht Erfüllung
-werde!«
-
-Zwei Jahre später erhielt er ein Buch, das sie über diese Dinge
-geschrieben hatte. Es trug den Titel: »Das Vermächtnis« und er erkannte
-daraus, daß sie ihres Traumes Deutung nicht näher gekommen war.
-
-Ihr Name wurde später noch oft von Do und ihm genannt, aber sie
-lächelten doch zuletzt über ihn hin -- ›im Finstern sind Mysterien zu
-Haus‹.
-
-Leibhaftig gesehen hatte er Do nicht in diesen Tagen, die so schläfrig
-im Nebel herumliefen. Aber nun ging er des Mittags immer den breiten
-Gartenweg, und nicht mehr durch die Schlüpfe, und richtete seine Blicke
-bei jeder Heimkehr aus der Stadt gegen ihre Fenster.
-
-Es lag immer die gleiche undurchdringliche Ruhe dort.
-
-Da befiel ihn die Sorge, es könnte Do etwas zugestoßen sein. Er suchte
-vor der Tür in dem aufgeweichten Wege nach der Spur ihrer Füße und fand
-sie nicht. Er ging an einem Abend viermal hinaus und sah, ob Licht
-hinter den Fenstern ihres Zimmers wäre -- das Haus war gestorben.
-Er riß an dem Klingelstrange, daß die Glocke drinnen jäh aus ihrem
-Schlafe schreckte und Sturm läutete -- »Wenn sie jetzt kommt,« dachte
-er, »so sag' ich: ›ich wollte sie nur noch mehr ärgern, als dies schon
-geschehen ist‹ -- und dann frier' ich zu bis auf den Grund.«
-
-Aber sie kam nicht. Da lief er gegen seine Gewohnheit in die Stadt, um
-eine ihrer Bekannten zu treffen. Vor jedem Menschen hatte er die Frage
-auf den Lippen: »Kennen Sie Doris Rinkhaus? Wo ist sie hingekommen?«
-
-Als er beim Kaisercafé um die Ecke in die Schillerstraße einbog, war
-der Bummel der Weimaraner schon im Einschlafen. Die Rathausuhr schlug
-acht. Die Laternen spannten gelbe Brücken auf die glitschigen Steige,
-und was da in Regenzeug mit hochgeschlagenen Rockkragen dahinstapfte,
-waren »die nach Ladenschluß«. Nur aus dem Fauserschen Blumengeschäft
-bei dem Gänsemännchen brach noch ein verspäteter Strom Licht in den
-Nebel -- Gwendolin stand drinnen in Blüten und steckte sich gerade drei
-rote Nelken in den Gürtel!
-
-Er hatte all die Zeit her nicht das leiseste Verlangen gespürt, sie
-über ihr Verhalten in Ettersburg zur Rede zu stellen. Nun, da nur die
-blanke Scheibe zwischen ihm und ihr war, prallte er zurück -- aber:
-»Träf' ich Dich nicht heute, träf' ich Dich ein andermal,« dachte
-er, sprang die Stufe empor und stieß hart gegen die Glastür; sie war
-geschlossen.
-
-Da öffnete ihm Gwendolin --
-
-»Wissen Sie, wo Doris Rinkhaus hingekommen ist?« fragte er.
-
-»Aber ja,« sagte sie, »sie ist in Ibenheim! Und Sie wissen das nicht?«
-
-»Nein. Was soll denn das heißen? -- Nun ja, wir haben doch noch vier
-Wochen Krieg miteinander.«
-
-»Geschieht Ihnen recht. Halt, halt! Warten Sie, ich gehe mit Ihnen!«
-
-Das war Gwendolin -- sie hatte ihn schon wieder in beiden Händen.
-
-»Ich gehe nach Hause,« sagte er.
-
-»Ich gehe mit,« sagte sie. »Warum haben Sie sich in diesen vier Wochen
-eigentlich nicht sehen lassen?«
-
-»Vor Ihnen?«
-
-»Natürlich vor mir! Aber diese Sache machen wir daheim ab. Los!«
-kommandierte sie.
-
-Sie gingen über den Markt und gingen über die Sternbrücke. Als sie in
-den dunklen Fußweg nach dem Horn einbogen, sprengte ihr ein Lachen
-den Mund -- diesen Mund, der über seine rauchenden Sinne geblüht war
-wie die rote Seide des Feldmohns, wenn sie sich voll Sonne getrunken
-hat! Und Doris Rinkhaus in Ibenheim! Krieg auf Kündigung! Dazu Erika
-Flucht, die den Olympus durchwühlte, in den Goethe sein Vermächtnis
-eingeschwärzt hat ... Und das alles auf einem kleinen Zirkel Zeit
-und Erde! ... Jakobus Sinsheimer stand in der Mitte dieser verrückt
-gewordenen Drehscheibe, wirbelte sich um seine eigene Achse und bekam
-das wüste Sehen.
-
-»Du,« sagte sie, »willst Du den ganzen Abend so zugenagelt sein? Rede!«
-
-»Frage nur weiter,« sagte er -- »vielleicht rat' ich mich dann aus
-meinem Staunen heraus.«
-
-Sie lachte, daß ihm das Herz klang.
-
-»Verrückte Geschichte!« sagte er. »Und nun kommt das auch noch, sagt
-›Du‹ zu mir und stattet mir einen mitternächtigen Besuch ab. Nimm Dich
-in acht vor mir!«
-
-»Fällt mir ja gar nicht ein!«
-
-Teufel, wie das lachen konnte! ... Jakobus Sinsheimer fing an,
-nachsichtig gegen sich selbst zu werden und dachte an vollkommene
-Verzeihung -- »das heißt,« erläuterte er laut, als ob sie seine
-Gedanken gehört hätte -- »ich selbst will mir verzeihen. Du bist
-hoffentlich vernünftig genug und verzichtest für Dich!«
-
-Es knisterte und tropfte im Laubdache der Kastanien, und auf dem
-breiten Gartenwege lag mitternächtige Finsternis.
-
-»Es ist schaurig einsam hier,« sagte Gwendolin und legte ihren Arm um
-den seinen; da fühlte sie, daß der von Holz war und ohne Bedürfnis,
-sich anzuschmiegen.
-
-In der Türe des Hauses ließ er sie stehen und brannte die Lampe an, und
-Licht und Wärme nahmen ihr das Regencape ab --
-
-»Ah,« sagte sie voll Rührung, »wie lieb hier alles ist! Und dahinein
-hast Du mich nicht ein einziges Mal gerufen?«
-
-»Nein,« sagte er -- »der Name Gwendolin Vogelgesang ringelt sich aus
-dem Mund als eine Schlange und zischt, ehe er noch ganz hervorgekrochen
-ist! ... Ich weiß das leider erst seit diesem Augenblick.«
-
-Sie setzte auch den braunen Hut ab, um den ein schmales Band aus
-schwarzem Glanztuch geschnallt war, und rückte sich den Lehnstuhl an
-den Tisch.
-
-»Du, mach' eine Tasse Tee!« lockte sie.
-
-Da holte er den Spirituskocher von dem Fensterbrett in der Kammer. Sie
-hörte, wie er draußen Wasser in einen Blechtopf goß, dann stellte er
-den ganzen Betrieb auf die Diele vor den Ofen und zündete an.
-
-»Pfui, wie männermäßig und stimmungslos! Ich werde Dir morgen einen
-Samowar schicken, der kommt auf den Tisch, und Du läßt Dir des Abends
-etwas von ihm vorsingen, wenn ich nicht da bin.«
-
-»Das klingt ja gerade, als wolltest Du wiederkommen?«
-
-»Du lieber dummer Junge -- selbstverständlich will ich wiederkommen!«
-
-Da legte er das Kinn auf die gelbgemusterte Tischdecke und sagte:
-»Gwendolin Vogelgesang! Gwendolin Vogelgesang! So -- jetzt kriechen
-zwei Schlangen auf dem Tische herum ... Ich wollte, Du entsetztest Dich
-davor -- vor Dir und Deinem Namen und vor Deiner bittersüßen Seele und
-vor Deinen Tollkirschenaugen.«
-
-»Ich habe gar nicht gewußt, welch eine komplizierte Einrichtung ich
-bin,« sagte sie.
-
-»Hm. Ich habe mir die Lippen abgewischt neulich in Ettersburg, weil ich
-auf dem Wege zu Dir Deine Küsse darauf gefühlt hatte.«
-
-»Den Samowar kriegst Du aber doch; denn ... Sie sind einfach süß in
-Ihrer Dummheit, Herr Sinsheimer!«
-
-Aber sie lachte nun nicht mehr, und es wurde ihr schwer, ihn anzusehen;
-sein Mund, der so wild und süßschmerzlich küssen konnte, verzog sich in
-gallebitterem Widerwillen. Sie hatte in ihrer sonnenseitigen Art über
-den Graben hinwegsetzen wollen, den sie gerissen -- nun war er breiter,
-als sie ahnen konnte, und Jockele stand drüben und reichte ihr keine
-helfende Hand.
-
-Die kleine Uhr mit den Alabastersäulchen und dem gewölbten Glas über
-dem Zifferblatt rief mit heller Stimme neun -- es war die gleiche
-Glocke, die schon in Tante Veronikas Jungmädchenträume geklungen
-hatte ... Die mußten aus kleinen Rosen gewoben gewesen sein, aber die
-Gwendolins waren aus violettem Nachtschatten, der in jeder Dämmerung
-ein schwüles Leuchten anhebt und Perlen aus Granatrot und Gift trägt.
-
-Jakobus nahm eine Tasse aus dem Schrank, füllte die kleine Meißener
-Kanne mit Tee und goß für Gwendolin ein. Da ging sie an den Schrank,
-nahm für ihn eine Tasse heraus und bediente ihn in der gleichen Weise.
-
-»Heute gefällst Du mir,« lächelte sie so über ihn hin, »Du bist nicht
-nur dumm, Du bist auch tapfer.« Während sie die Teekanne abstellte,
-streifte sie ihm mit der Hand über das Haar -- »Du,« sagte sie, »warum
-rauchst Du nicht auf -- ich habe Dich nun schon dreimal dumm genannt!«
-
-»Weil Du recht hast. Wär' ich sonst auf Dich hineingefallen?«
-
-Auf dem Tische stand ein Strauß von Herbstgräsern. Den hatte die
-Aufwärterin zusammengetragen, und Gwendolin hatte ihre Nelken
-dazugefügt. Aus diesem Strauße zog er einen Halm Zittergras und tupfte
-ihr damit an die Lippen: »Walderdbeeren, die im Straßengraben wachsen,«
-sagte er.
-
-Da wurde das hohe sonnige Mädchen leise, es gingen vier Lichter aus
-an dem siebenarmigen Leuchter ihrer Zuversicht. »Jockele,« sagte sie,
-»denkst Du, ich hätte Dir diesen Mund gegeben, wenn Du nicht voll
-Sehnsucht nach ihm gewesen wärst?« Sie zog mit dem Löffel das Muster
-der Decke nach und glitt sich sachte aus den Händen.
-
-Er sprang auf und ging mit harten Schritten durch das Zimmer -- »Du
-hättest mich nicht so stumpfherzig verleugnen sollen -- dann wärest Du
-nicht so tief untergegangen für mich, Gwendolin,« sagte er; »denn Du
-bist nicht so arm, daß Du Dich selbst einem Bräutigam gegenüber nicht
-verteidigen könntest.«
-
-Er ließ seine Augen nicht von ihr, denn sie war für ihn Komödie
-geworden. Aber sie schaute nicht auf. Dann sagte sie mit gesprungener
-Stimme: »Ich habe gedacht, es könnte Dir daran gelegen sein ...«
-
-»Daß Du mich vor einem Kellner zu einem Narren machst?«
-
-Da erschrak sie und stand auf und legte ihre Arme um ihn. Er wehrte sie
-ab --
-
-»Jetzt hast Du mir mitten aufs Herz getreten,« knirschte sie und setzte
-sich voll Bitternis in den Stuhl. »Ich habe Dich für jünger gehalten,
-als Du bist.«
-
-Da lachte er gell auf -- »Wär' ich älter, so hätt' ich Dich zur Dirne
-gemacht!« schrie er. »Aus! -- Und nun sage mir: was weißt Du von Doris
-Rinkhaus? Ich werde von ihr das Leben erlernen müssen. Macht es Dich
-nicht nachdenklich, daß ich mich nicht an ihren Mund wagen würde?
-An diese hellen, kühlen, sauberen Lippen! Doris Rinkhaus hat einmal
-gesagt: Wer den Glauben an die Menschen nicht verlieren will, muß den
-Verkehr mit ihnen nach Möglichkeit einschränken. Warum denke ich nun
-daran, da ich Dich vor mir habe? Was weißt Du von ihr?«
-
-»Daß sie nach Ibenheim gereist ist und in dem Hause wohnen wollte, in
-dem einst Maria Reh gewohnt hat. Sie wollte wohl auch wissen, wo Du
-daheim wärst, und wollte mit Tante Veronika zusammensein, die sie sehr
-schätzt.«
-
-Das war so ohne Verhehlungen hingesagt, daß er ganz ruhig daran wurde.
--- Doris Rinkhaus hatte es sonst nicht leicht mit den Menschen, sie war
-hellsichtiger als alle ihres Alters, sie war fertig und selbstbewußt,
-und was ihr noch zu erleben blieb, nahm sie hin in der klaren
-Bewußtheit, mit der sie sich zu leben gewöhnt hatte. Sie machte sich
-ihre Tage selber.
-
-Menschen solcher Art wachsen wenige und stehen fremd inmitten der
-zehntausend Schablonen, die um sie herumlaufen, und sie haben viele
-Feinde.
-
-Gwendolin sagte: »Doris Rinkhaus ist eine kaltherzige Egoistin.«
-
-»Nein,« sagte Jakobus, »sie ist blank und klar wie der volle Mond, der
-in der Hochnacht hängt.«
-
-»Er wärmt nicht.«
-
-»Das Bild war auch nicht klug gewählt,« sagte er -- »manchmal kann
-ich mir denken, daß sie über ein dürres Feld schreitet, und es fängt
-um ihre Schuhe an zu blühen. Aber es ist richtig: sie redet oft mit
-Menschen und ist doch weit weg von ihnen. Alle Mädchen müßten so sein
-wie sie, so königlich und klar. Sie ist ein Quell voll Erfrischung. Ihr
-andern habt nur Kleider und Sinne, aber sie hat eine Krone. Oh, wenn
-Ihr wüßtet, wie Ihr Euch erniedrigt mit Eurer dürftigen Rechnung auf
-das andere Geschlecht!«
-
-Gedanken, die Do auf ernsten Wanderungen in ihn geworfen hatte,
-wollten sich in Helligkeit ringen, aber sie fanden den Weg nicht; denn
-Gwendolins Augen stellten sich vor ihn hin und fragten: »Was verstehst
-Du von diesen Dingen?« Und ihre schwüle Art, ihn anzusehen, machte ihn
-wieder unsicher an sich selbst.
-
-»Du wirst nach Hause gehen müssen,« sagte er -- und sie: »Es ist
-schade, daß Du nicht zehn Jahre älter bist. Ich glaube, ich könnte Dich
-dann richtig lieb haben.«
-
-Sie machte sich fertig, und er führte sie die Kastanienallee entlang
-und ging noch ein paar Schritte mit ihr draußen vor der Hecke.
-
-»Du bist nun doch anders als andere, und ich hätte gegen Dich nicht so
-freigebig sein dürfen,« sagte sie. »Aber Du darfst mich deswegen nicht
-steinigen und meinen, ich allein trüge die Schuld. Vor solch einem
-feuerroten Aufblühen will ich mich aber in Zukunft hüten.«
-
-Vom Tor aus sah er ihr noch einmal nach -- die Nebel schlugen über
-ihrem Schatten zusammen.
-
-Er trat hochaufgerichtet in sein Haus und dachte, sie wäre nach seiner
-Aufforderung ohne Säumen gegangen, weil er von Do zu ihr geredet hatte,
-und wie die so schön und hoheitsvoll sei; gegangen aber auch deshalb,
-weil sie seine ehrliche Bitternis gefühlt hatte.
-
-Dann holte er die Gedichte Goethes mit den Anmerkungen der Erika Flucht
-vom Regale. Da fiel ihm ein, daß es viele Mädchen leicht hätten, neben
-den suchenden Sinnen der jungen Männer dahinzuleben -- die heidegraue
-Norddeutsche mit dem Faustfimmel hatte keiner schön gefunden!
-
-Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte; darüber ward sein
-Herz noch versöhnlicher gestimmt, und er fragte sich, ob er Gwendolin
-nicht unrecht getan hätte. »Nein -- nur quitt sind wir geworden,«
-sagte er. Und am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in helle
-Glückseligkeit freuen.
-
-Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber sie hatte kein
-Wort dazu geschrieben.
-
-Da suchte er sie während der folgenden Tage in der Stadt zu treffen.
-Wie er sie sah, traten sie sich ernst und freundschaftlich gegenüber,
-und ehe sie auseinandergingen, sagte er:
-
-»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher Art der
-Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen Männer und jungen Mädchen
-vertändeln sich aneinander -- aber so zwei wie wir müssen darüber
-hinwegkommen. -- Wann besuchst Du mich?«
-
-»Morgen abend -- wenn Du willst,« sagte sie.
-
-Er hatte sich und sie besiegt.
-
-
-Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter gemacht als
-denen anderswo -- nicht, als ob sich die Steuerlokalkommission weniger
-anmaßend gebärdete -- o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie
-zuletzt immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung
-geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht zum Pessimismus. Und
-nicht, als ob die Weimarer Bürger und Dichter, die den Hauptteil der
-Bevölkerung bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften,
-wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen -- o nein, o
-siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein ebenso eigenartiges als
-lustiges Verfahren herausgebildet. Regnet es, und es beabsichtigt
-trotzdem jemand aus einer der grünen stillen Vorstadtstraßen einen
-Ausgang, so wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer
-Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges. Darauf erläßt der
-Stadtbaumeister ein Rundschreiben an alle Anlieger der Straße, ob sie
-für die Kosten der Instandsetzung aufzukommen gedächten. Wenn diese
-zurückgeschrieben haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um ein so
-vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann ist seit mehreren Wochen
-so trockenes Wetter, daß die Entnahme von Wasser aus der städtischen
-Leitung bei Strafe verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt
-kann ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die Eingabe, die
-bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung übergegangen.
-
-Trotz alledem -- das Glücklichsein ist den Menschen in Weimar leichter
-als denen draußen; denn jeder treibt sich an dem andern rasch und
-fremd vorüber und fraget nicht nach seinem Schmerz. Es gibt keine
-aufdringlichen Nachbarn, und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich
-leicht zu grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar,
-aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses der
-Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie in Ibenheim am Walde; denn
-Weimar ist die Stadt mit der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn
-der Mond Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele
-ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen und Wege das
-Scheinen der Ewigkeit.
-
-»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht in geradem
-Verhältnisse zum inneren Reichtum eines Menschen,« hatte Doris Rinkhaus
-einmal zu Jockele gesagt. Das war zu einer Zeit gewesen, in der er
-noch nicht wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in
-Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es war die
-Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander trafen.
-
-Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß das Glück von
-Weimar sich ihm um so inniger ans Herz legte, je heimlicher er sich in
-die Stille dieser beseelten Gärten hineinlebte. Er war daheim wie in
-den himmelumdrängten Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die Namen
-der Großen von Weimar blühten für ihn von allen Fenstersteinen, und er
-sah klingende Ewigkeit ranken um alle Giebel.
-
-Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach in das Dasein als
-Verirrungen verkümmerter Herzen und Geister, die das Bedürfnis haben,
-sich das Firmament der Sterne zu vermauern -- wie er einmal von einem
-Dichter hatte sagen hören -- aber er dachte: wie kann man seine Augen
-so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem jubilierenden Hochgesang
-der Erde! Wie kann man Gott absetzen und den Göttern der Gassen und
-Gossen dienen, solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel
-dehnen?
-
-Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug mit goldenen
-Sporen. Er trug eine blaue Aster am Helm, und die Sonnenrosen lehnten
-sich über die Zäune und mußten seinen Weg bescheinen.
-
-Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten Wäldern der Berge und
-sah aus wie die Braut des silbernen Reiters: kriegsfroh und sieghaft --
-sah aus, als liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie
-machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander vorübergingen
--- sie wartete auf die rote Fahne, die Jockele aufzog, sobald sie in
-Sicht kam, und freute sich, wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.
-
-Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während Do in Ibenheim
-war. Und diese Tante war auch darin eine Ausnahme, daß sie von ihrem
-Jungen nicht einen Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige
-verlangte.
-
-Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich belaubten
-Wipfel gestiegen und blies den Frieden über den Garten. Gwendolin
-war da, und während sie beim Tee saßen, brachte Maria Reh -- noch im
-Reisekleide -- die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus dem
-Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh hatte von den Dingen,
-die sich über Sommer zugetragen hatten, keine Ahnung. Und es wäre
-noch lustiger gewesen, wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte
-begrüßen wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung des
-Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte -- nun war aus ihm
-ein junger Mann geworden, der seine Erlebnisse hatte, und der auf dem
-Wege zu einer Weltanschauung war.
-
-Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und aus dem Kaffee ein
-Mittagsmahl. Die Aufwärterin Jockeles wurde in die Küche gestellt;
-denn die Damen konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben
-während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch gelebt, und er
-stand schon wieder hoch darüber auf einer heiteren Höhe, von der er
-sich die Welt unter ihm mit Humor betrachtete.
-
-Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die erste Nacht von
-Ettersburg auf seinen Lippen leuchten sehen -- auf dem gleichen Munde,
-der sich zu dem begeisterungsvollen Ausspruche von der bevorstehenden
-Eheschließung mit Gwendolin hinreißen ließ.
-
-Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen, weder gegen
-die bunten Wälder von Ibenheim noch gegen Maria Reh; und auch er
-spielte nicht den Verräter; denn Gwendolin hatte sich Do an jenem
-Sonntag in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle seine
-Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.
-
-Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers wildes Jahr ein.
-
-Zuerst verlor er Gwendolin. Sie kam noch ein paarmal, dann stürzte er
-sich in ein ausgelassenes Malen. An einem verschneiten Tage betraf
-ihn Maria Reh dabei, wie er Stöße bemalter Leinewand in den Schuppen
-hinter dem Hause trug -- um die Holzdieme im Zwetschengarten hatten
-sich Sturm und Winter gejagt, und die Schuppentüre lag hinter einer
-Schneelast. Da wühlte er sich Bahn und warf alle Landschaften der
-anderen Zeit zu Staub und Moder. Dann verfiel er in einen unwirschen
-Fleiß und verlernte darüber zu lachen und zu reden. Er sah die
-Freundinnen aus dem Gartenhause tagelang nicht, wußte nicht, was sie
-trieben, und es kümmerte ihn nicht, ob sie daheim oder verreist waren.
-Er verbrachte Wochen in der Akademie, er verbrachte lange Tage in der
-Büchereinsamkeit seines Hauses. Es gingen alte und junge männliche
-Modelle darin ein und aus, und es kam auch ein ganz junges blondes
-Mädchen der Armut mit einem Madonnengesichte. Die hatte ihm die
-Aufwärterin zugeführt.
-
-Danach entließ er die Frau und hatte die jungen sechzehn Jahre der
-Husch um sich; die behauptete, sie wäre auf diesen Namen getauft.
-
-Er gebot über ihre junge unterwürfige Jugend wie er wollte. An ihrer
-sanften Schönheit sannen sich seine Augen in Träume wie vor dem Bilde
-des Mondes; und die Kümmernis ihrer Jugend erbarmte ihn. Sie lebte sich
-in ihn und das kleine Haus hinein als in ein fremdes schönes Glück und
-litt an der Ahnung, der Märchenglanz werde vergehen, wenn der Schatten
-von Menschen darüberfiele.
-
-Da geriet sie in eine eifersüchtige Wachsamkeit und haßte Doris
-Rinkhaus, daß sie zitterte, wenn ihr Name von ihm genannt wurde, und
-daß sie in Tränen ausbrach, wenn Jakobus drüben im Gartenhause war.
-
-Einmal hatte er mit Do verabredet, Husch sollte für die Damen und
-ihn in der Küche drüben die Mahlzeiten bereiten, aber sie war nicht
-dazu zu bringen -- »Fordere, daß ich in den Winternächten an der Erde
-vor Deinem Bette schlafe oder draußen beim Holz,« flehte sie, »aber
-beschütze Dich und mich vor jener!«
-
-Da machte sie aus dem kleinen Schuppen eine armselige Küche und
-wirtschaftete darin und aß dort, wenn er nicht daheim war. Des Abends
-ging sie über den Wall nach Hause, sie bewohnte mit ihrer Mutter
-eine Mansarde in der Musäusstraße, und war früh vor Tag wieder da
-und wartete, daß er über sie befahl. Sie waltete in dem Häuschen mit
-blumenhafter Stille und Hingabe an die Sonne, die darin für sie schien,
-und dachte: »Wenn diese Sonne untergeht, muß ich sterben.«
-
-Einmal hatte sie ein Märchen von einer Fee gelesen, die in eine
-Blume verzaubert war. Aus dieser Blume durfte sie um die Mitternacht
-herausschreiten. Da schlief der Mann, der die Blume in einen Scherben
-gepflanzt hatte, nebenan in dem Kämmerchen, die Fee aber fegte die
-Stube und wischte den Staub und trug Wasser herzu und war so leise
-wie der Sonnenschein, der über die Diele schreitet. Dann zündete sie
-Feuer unter dem Herde und setzte das Essen daran, daß es sich bis zum
-Morgen koche; denn sie mußte wieder zur Blume werden, ehe der erste
-Sonnenstrahl kam -- sonst war es um sie geschehen.
-
-Dies Märchen erzählte Husch eines Tages dem Jakobus und ward traurig
-und sagte:
-
-»Dieser erste Sonnenstrahl -- ich muß dabei an etwas ganz anderes
-denken ... davor fürchte ich mich!«
-
-Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit dem Kopfe und
-schwieg. Dann sagte sie:
-
-»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst Du es doch, wenn
-dieser Sonnenstrahl gekommen ist; denn dann ist es um mich geschehen.«
-
-In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht alle Dinge in
-der Stube wieder an den richtigen Platz und in die Stellung bringen,
-die sie zuvor gehabt hatten, weil ihre Hände und Augen nicht dazu
-geschickt wären. --
-
-Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und schönen Mädchentages
-aufgelesen und wohnte noch immer in dem gleichen Dachstübchen, in dem
-ihrem Schoße die weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden,
-und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn sie in fremden
-Gärten und in den Stuben der anderen Leute lag.
-
-Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug tiefer Schmerzen in das
-junge Gesicht getragen. Eines Tages saß sie am Fenster -- es war ein
-frostheller Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie
-dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen Hauses nicht
-mehr um sie wäre, und blickte empor zu den kahlen Zweigen, die vom
-Winde geschlagen wurden.
-
-Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles Gesicht. Aber
-sie merkte es nicht. Es schien ihm, als wandele sie in einem tiefen,
-öden Felsentale, das auf allen Seiten verschlossen war, und sie ging
-dahin und sah die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen
-legen.
-
-Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes, blondes Haar
-lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.
-
-Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes Kind, das in
-erdenfernen Gärten schritt -- einmal auch als die Fee in dem Märchen,
-die sich aus der Blume befreite -- da wob sie sich aus sanften Linien,
-die zuvor Blütenodem gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt.
-Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln entgegen, die dort
-auf den lieben Gott warteten.
-
-Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male zu dem
-schmerzensvollen Erdenmädchen.
-
-Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes Bild zu stellen,
-das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen wollte. Wenn die hohen Bäume
-wieder Frühling über sich warfen und nur verirrtes Licht durch die
-Wogen der Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.
-
-Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling dieses
-Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen, und er hatte ihr die
-Augen verbinden müssen.
-
-Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als durchleuchtete die
-Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib, so oft er sie rief. An diesem
-Tage sagte er ihr, daß sie mit dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen
-Schmerzes dastehen müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden
-Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten ...
-
-Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war ohne Grenzen in ihrer
-Kraft, wenn er ihr gesagt hatte: »Du sollst ...«
-
-Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche Kraft kam.
-Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren Füßen war, wenn er es ihr
-gebot; und sie litt Qualen einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem
-namenlosen Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte -- sie
-litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die Arme -- nicht
-nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem Saume der Berge, über die sie
-ihn schreiten sah, und mit jedem Schritte zog er weiter von ihr fort ...
-
-Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres Schmerzes herauf und
-brach in die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.
-
-Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine Hand auf ihr
-Haar legte, und nicht hörte, daß er da war und mit ihr redete, nahm er
-sie auf die Arme und trug sie auf sein Bett. --
-
-Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber Abstammung und
-Erziehung hatten es ihm zur beglückenden Gewohnheit werden lassen, sich
-nicht in die Märkte und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen
-ihre Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen. Wer
-der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen vorhanden wären,
-der ist gar sehr im Irrtum; denn es ist zu schätzen, daß es an nahezu
-fünf Prozent aller neuzeitlichen Kulturstätten annähernd ein Prozent
-immer noch ganz vernünftige Leute geben mag.
-
-In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen ist, daß dort
-sehr viele Dichter leben.
-
-Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer keineswegs, aber er
-legte um das Bild jeden Tages einen Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn
-beides nicht zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der Engel und
-das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun hatten, so nahm er mit freiem
-Weltenlicht und mit Himmel vorlieb.
-
-Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in Erstaunen. Nur
-darüber -- dachte er -- würde er sich bis in die goldene Ewigkeit
-hinein wundern, daß die Menschen mit dem Himmel fast gar nichts mehr
-anzufangen wüßten.
-
-So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den Händen zu halten.
-Und das war gut; denn damit findet sich der Mensch durch Nacht und
-Licht und findet sich auf die Sonnenraine, die auch mitten durch die
-lautesten Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein bißchen
-Glück blüht.
-
-Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses Vorstadtwinters
-mit einer ungekannten Freude.
-
-Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für landschaftliche Motive
-verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer gediehen war, mit dem er sich
-den Dichtern gewidmet -- auf einmal waren seine Gedanken bei Doris
-Rinkhaus. Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er an
-Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch immer dazwischen.
-Sie erklärte ihm den Krieg und guckte ihm über die Achsel in jedes
-Buch; sie verreiste und blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine
-brennende Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die
-ewige Lampe.
-
-Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren -- es war das
-wilde Jahr!
-
-In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter gemeinhin für
-altmodische Tröpfe und ihre Mütter für abgestandene Frauen, die aus
-ihrem späten Leben in das Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden
-möchten und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt sich
-eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der Riese Goliath,
-und für den, der daneben steht, wie ein Embryo, an dem schon alles da
-ist, aber das Maul ist aus seiner Natur heraus am größten. In diesem
-Jahre hält der junge Mann von Begabung die Mädchen und die Ellbogen für
-die vornehmsten Einrichtungen und hat niederreißende Gelüste. Wenn man
-ihn gewähren ließe, würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt
-zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.
-
-Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft alle Gesichtswinkel
-verschieben -- auf einmal sieht die Welt aus wie vor den Toren im
-November: vor den Toren sind die Schrebergärten mit den tausend
-Lauben, die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides wird im
-abgeblühten Jahr offenbarer.
-
-Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden Jahres dahin, gerät
-in Sand und Nebel und wird besinnlich und gibt dem lieben Gott eine
-Gnadenfrist ... Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner. --
-
-Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl am Ofen saß. Er
-hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur angelehnt und horchte manchmal
-hinaus, was es mit Husch wäre.
-
-»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,« dachte er.
-
-Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er kannte die Reden der
-beiden zur Genüge: Maria Reh sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts,
-und ließ sich auf Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden
-›Ueberhaupt‹ nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen Fällen von
-einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.
-
-Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem regelmäßiggehenden
-Atem, daß sie eingeschlafen war.
-
-Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe Zeit gerückten
-Eheschließung war diesmal nicht dabei, aber auch nicht die Absicht
-einer sanften Entwöhnung. Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der
-Frühling in diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie
-draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ schuf ...
-
-Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große Sache
-am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam die Leinwand, der er
-beiläufig zehn Geviertmeter Fläche gab -- und er mußte das von der
-Leiter aus malen. Der Gedanke hatte etwas Berauschendes ... so hoch da
-droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das Feuer bringt!
-
-Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase hervor -- wahrhaftig,
-in den vergangenen drei Tagen, in denen ein Weststurm den Schnee
-zusammengekehrt hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und
-ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt, und hing doch
-noch tiefe Winternacht ringsum. So war dies Fünklein Licht aus dem
-Frühling herübergeweht, und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel
-die silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte den Hut
-auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch drei Modelle: einen Mann
-auf der Höhe des Lebens und einen, der ganz voll war von dem Klange der
-Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe trinken läßt, wenn
-der Tod über die letzte Brücke reitet. Und ein Weib.
-
-Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem Vorderstübchen. Sie
-stickte und hatte die Füße auf einem Backstein, den sie so oft gegen
-den anderen auf dem eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde.
-Der Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes Lied.
-
-Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre, und daß sie nun
-in seinem Bette läge und schliefe.
-
-Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie ist schon viel
-freudiger geworden, seit sie um Sie sein darf. Es ist schlimm mit einem
-so wunderlichen Mädchen in solcher Zeit -- die Husch hat eine grausame
-Lust, leiden zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen
-Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß es nicht. Sie ist
-über einer ewigen Selbstopferung, und Leiden ist ihr Freude. Aber wenn
-sie hier unter dem Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«
-
-Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das dem aussätzigen
-Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will. Er hatte in dem Gedichte des
-Hartmann von der Aue am Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr
-sagt:
-
- Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß;
- Ist das nicht Not genug, so groß,
- Daß Du mit Recht vor Scham vergehst,
- Wenn Du so nackend vor mir stehst?
- An Beinen bind' ich Dich und Armen;
- Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen,
- Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!
- Ich schneide Dich bis tief zum Herzen
- Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir ...
-
-Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern, die gleich in
-seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.
-
-Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem Vergessen hin.
-Das sah die Frau, und weil sie es sich nicht anders deuten konnte,
-sagte sie: »Sie sind nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch
-nicht mehr schicken soll!«
-
-»Oh, ich brauche sie -- ich brauche sie vielleicht den ganzen Sommer
-über!« rief er und sah, wie froh die bleiche Stickerin an seinen Worten
-wurde.
-
-Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der Schlüssel wäre, und
-ging in einem wilden Glücke davon.
-
-Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die Sternbrücke in die
-Wagnergasse, wo er das Modell zum Armen Heinrich wußte, dachte er an
-Husch und wie er ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er
-war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei Frauen geworden,
-die auf den Dächern lebten und sich nicht herabfanden auf die Erde. Er
-war ein Mann und eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm
-in ihm.
-
-Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch aufgestanden.
-
-Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach Hause gegangen
-wäre.
-
-Sie lachte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie noch alles hätte um
-ihn bereiten wollen, was ihre Pflicht wäre. Sie ließ sich auch nicht
-heimschicken und wurde ganz ängstlich, weil sie fühlte, daß er sie
-schonen wollte. Da litt er es, aber er sagte: »Du machst mir damit
-große Sorge, daß Du mir mehr geben willst, als in Deiner Kraft ist.
-Wenn ich mich und Dich über dem Malen vergesse wie heute, so mußt Du es
-mir sagen.«
-
-»Ich bin ganz allein daran schuld gewesen,« sprach sie -- »ich habe
-Dich so weit fortgehen sehen ...«
-
-Im Gartenhause nebenan bildete diese Sache den Gegenstand einer
-Auseinandersetzung zwischen Maria Reh und Do. Maria hatte mit Huschs
-Mutter gesprochen und von ihr erfahren, warum sie da war und nun
-forderte Maria, sie müßten diesem Zusammenleben der beiden ein Ende
-machen.
-
-Sie stellte sich dabei auf den Standpunkt einer Fürsorge, der Doris
-Rinkhaus aufs höchste befremdete.
-
-»Es ist eine Modellgeschichte,« sagte Do, »und was geht sie uns an?«
-
-»Es ist eine Herzensgeschichte, die für beide ein Unglück werden kann,«
-sagte Maria -- »und überhaupt, wie läßt sich so etwas billigen?«
-
-»Billigen oder nicht -- darauf kommt es gar nicht an! An irgend einem
-Mädchen muß ein Junge zum Manne werden! Möchtest Du Dich vielleicht
-dazu hergeben? Das läßt sich dann nicht immer über den Spießerleisten
-schlagen, und ich finde es sehr sonderbar, daß gerade Du Dir dabei eine
-Rettungsmedaille verdienen willst.«
-
-»Weißt Du denn, wie sich Tante Veronika dazu stellen würde?« fragte
-Maria Reh.
-
-»Das ist nicht Deine Sache! Aber so viel weiß ich, sie hat Vertrauen
-zu Jo. Und ich habe es auch. Ich denke: sie würde nicht die Dritte im
-Bunde sein wollen; aber wenn ihr das Frühlingshaus als der richtige
-Platz für ihn erschienen wäre, so hätte sie ihn ja wohl daheim
-behalten. Es ist am besten, wir sehen und hören nichts von allem.
-Jedenfalls taugt Dein Schürzenschutz nichts für ihn, und wenn ich
-Jo wäre, so würde ich jeden sehr unsanft hinauskomplimentieren, der
-mir in meine Tage reden wollte. Basta! Du darfst nicht vergessen,
-daß die meisten jungen Männer auf dem gesicherten Geleise einer
-Familientradition hineinfahren ins Leben -- Jo aber ist auf eine
-Schwelle gesetzt und steht noch heute darauf. Ich kann nicht sehen, daß
-er töricht ist oder mit blinden Augen dahintappt.«
-
-Draußen schloß um diese Zeit Husch die Schlüpfe im Gartenzaun hinter
-sich zu.
-
-Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und blätterte in Goethes
-Gedichten mit den Anmerkungen. Aber die Bilder dieses Tages drängten
-sich zu laut um ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld
-geben und sechzig Mark für den Haushalt -- darüber verfiel er in ein
-mühsames Rechnen und erkannte, so ging das nicht. Aber Tante Veronika
-wollte er nicht helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie
-erwogen, so sollte er auch ohne sie ausgeführt werden! Er mußte in den
-Bildern zum Armen Heinrich etwas Ordentliches schaffen, etwas, das sich
-zu Gelde machen ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und
-Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.
-
-Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern an einem
-Tische, die voller Pläne für einen großen Faschingszug waren, der im
-nächsten Monate abgebrannt werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich
-mit der Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache aufbaute;
-und Jockele mußte dabei helfen.
-
-Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde im winterlichen
-Baumgarten am Horn aufgeschrieben, riesenwüchsig -- die Dreier und
-Zweier wurden zu Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und
-rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.
-
-Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er zwanzig Tage
-niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do genossen, war er ein
-gut Stück in die Lebenskunst gewachsen. Nun saß er in einem Kreise
-junger Leute, bei denen das Exempel in der Regel +nach+ dem Vergnügen
-ausgerechnet wurde -- da brachte auch er den Armen Heinrich, die Gruppe
-aus dem Tartarus, die männliche Fürsorge für Husch und den Prinzen
-Karneval zusammen, und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter
-mitzumachen.
-
-Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der Kunstschule und
-verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches Gespräch.
-
-Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer hast Du Dir einen
-neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich mal acht Tage nicht gesehen hat,«
-und sie legte einen Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt
-war.
-
-Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden wäre, sagte
-sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich mit beiden Händen und mit
-dem Herzen an und stellst Dich zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm
-verheiraten. Wenn Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst,
-kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«
-
-»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.
-
-»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und gefährlich.«
-
-Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um ihn, aber er vergrübelte
-sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit, wie ihm das vordem geschehen
-war, sondern dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme,
-muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer anderen frühzeitig auf
-eigenen Füßen gestanden, aber sie bleibt auch immer dieselbe. Bei einem
-Mann ist das eine ganz andere Sache.«
-
-Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten zu genau besehen
-und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen konnte. Aber er wußte nicht,
-was er Do in diesem Jahre schuldig geworden war, die ihn mit ihrer
-sichtigen Klugheit auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das
-eigene und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte nicht
-zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel oder als wildes
-Rankenwerk über eine jugendliche Kraft legen und sie ersticken. --
-
-Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen Glücke durchleuchtet,
-daß er gleich alles bereitete, um an dem Armen Heinrich zu beginnen.
-Er erzählte ihr die Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das
-seelenverwandte Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit hinein, deren
-sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste Preislied der
-Jungfrauenliebe, das die Erde kennt, gewann da zum anderen Male Gestalt.
-
-Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen Kopfputze sehr
-lieblich aus, und er versank in das süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf
-einem Fußschemel und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der
-nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen Schmerzes.
-
-Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken, daß er Dir Ringe für
-Deine Hände und goldene Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun
-sitzt er Dir gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen
-Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe geopferte Herzblut
-eines schuldlosen Mädchens dies Wunder vollbrächte ...« Da trat der
-große Schmerz vor sie hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und
-sie schlief einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.
-
-Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er Farben und eine Tafel,
-machte mit Kohle eine rasche Skizze und begann zu malen.
-
-Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag. Das Licht wurde müde,
-aber Husch ahnte es nicht. Da hob er sie auf und streifte ihr das
-fremde Kleid ab und legte sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.
-
-Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an Tragik
-verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes war, so war es doch
-ein Rausch, und der mußte verschlafen werden. Mochte der Trank für
-Husch süß oder bitter sein, ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die
-Sache fing an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu
-vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend hatte über aller
-Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der Erkenntnis, daß der Sieg
-über sich selbst auch den Sieg über jedes unerlaubte Maul bedeutet.
-
-Deshalb ließ er das Modell für den Armen Heinrich zu einer Zeit kommen,
-in der er Husch zu einer Besorgung in die Stadt geschickt hatte, oder
-in der sie in ihrem ekstatischen Schlummer lag.
-
-Das zweite Bild stellte die Szene dar, in der das Mädchen ihren Eltern
-offenbart, sie wolle für Herrn Heinrich sterben; das dritte die
-Unterredung mit dem Arzte von Salerno, der sie nicht wankend machen
-kann in ihrem Entschlusse. Das wurde das beste von allen; denn der
-verzückte Opfermut durchschauerte ihre Seele als ein unirdisches Licht,
-und sie versank in das qualvolle Glück des Martyriums. --
-
-Zuletzt stellte er sie dar, wie sie vor Heinrich kniete, als der die
-Heilung durch die Gnade Gottes empfangen. Aber dazu gebrach ihr die
-Kraft des Einfühlens, es fehlte ihr der Glaube an die hohe Sonne. Was
-sie beseligen konnte, lag in Bitternis und Dämmerung.
-
-An diesem Stück saß er vier Tage, und all sein Wille reichte nicht
-aus, sie zu bekehren, und weder sein Stift noch sein Pinsel fand, was
-blühender Traum in ihm gewesen war.
-
-Husch lag schlafen. Da ergriff er in der Freude am Gelingen die
-Zeichnungen und Tafeln und lief mit Erobererschritten zu Do und Maria.
-Sie waren beide überrascht bis zur Betroffenheit. Maria Reh lobte
-nach Frauenart im Ueberfluß, Do war froh und kritisch und sagte: »Es
-ist alles famos, Jo! Aber nun kommen Sie mal her und lassen Sie sich
-angucken.« Sie rückte ihn ins Licht. -- »Na ja! Warum machen Sie sich
-so gewaltsam krank, Sie waldgesunder Zigeuner?«
-
-Maria Reh trat dazwischen und sagte: »Sie sieht in den Künstler hinein,
-was er seinem Stoff entnahm! Sie gedachte es böse mit Ihnen zu machen
-und lobt Sie!«
-
-Da bliesen sie zu einem lustigen Kriege, und Maria Reh jubelte:
-
-»Verehrungswürdiger Jo, ich möchte wieder Ihren Kopf zwischen diese
-Hände nehmen und in den schwarzen Ringeln Ihrer Haare wühlen -- aber es
-geht nicht mehr. Donnerwetter, wie erwachsen sind Sie!«
-
-Von der andren Seite ritt Do zur Attacke: »Lassen Sie sich nicht von
-ihr in einen gefährlichen Uebermut hineinloben! Ich klatsche Ihnen von
-Herzen Beifall, aber Ihre gesunden Sinne sind nicht frei dabei gewesen
--- haben Sie die Luft Ihres Hauses mit Heliotrop geschwängert, wie Sie
-das malten?«
-
-»Nein.«
-
-»Haben Sie dabei eine Toga aus Zindel getragen und sich Sandalen aus
-Rauschgold unter die Füße gebunden?«
-
-»Unsinn! Meine Kniehosen hab' ich angehabt und die Bergsteigstiefel!«
-
-»Natürlich,« sagte Do, »aber ich schwöre Ihnen: in vier Wochen sind Sie
-hysterisch, wenn Sie diese Husch als Modell behalten.«
-
-»Nein, in vier Wochen reit' ich im Faschingszug,« sagte Jockele. Aber
-er strich sich über Stirn und Augen, als läge da das leise Gewebe einer
-Müdigkeit. Er reckte sich empor, daß seine Gelenke knackten, und er
-hätte in diesem Augenblick den Schleier des fremden Wesens vielleicht
-auch zerstoßen, wenn Maria Reh in Schweigen geblieben wäre. Aber sie
-erfaßte die Gelegenheit und führte neben Dos blankes Reiten drei
-spießig gesattelte ›Ueberhaupt‹. Die sahen aus wie Esel und malten die
-Wirkung des schneidigen Angriffs zuschanden.
-
-Darüber ward Jakobus Sinsheimer rebellisch und forderte Sachlichkeit;
-denn nach der Erlaubnis, sich dieses oder jenes Modell wählen zu
-dürfen, hatte er nicht gefragt.
-
-Do machte der Maria ihr Siegergesicht, und Jockele nahm sein Werk unter
-den Arm und empfahl sich höflich und aufrecht. Abends lernte er reiten.
-
-Gwendolin, die er am nächsten Tage besuchte, fragte nicht nach
-Krankheit oder Gesundheit -- sie fragte: »Kann das einem Menschen
-gefallen und kann man es zu Gelde machen?« Sie lief vor und zurück
-und lief hin und her, verfiel in ein leises Pfeifen und sagte: »Machen
-wir!« Sie lobte mit keinem Worte, aber sie war entschlossen. Da
-schickte sie Jakobus Sinsheimers ›Armen Heinrich‹ nach München zu ihrem
-Kunsthändler. Und er ging nach Hause und stieg in den Tartarus. --
-
-Als im Februar die Sonne schon auf der frischblauen Himmelswiese
-spazierte und die kleinen Engel um sie herum in Scharen Purzelbäume
-schossen, wurde die Leinwand zu der ›Gruppe‹ am Zaun im Baumwinkel
-aufgestellt. Es wurde auch eine Vorrichtung getroffen, daß sie des
-Nachts an der rückwärtigen Hauswand lehnen konnte, ohne den Unbilden
-des ungeschickten Vorjahres ausgesetzt zu sein, das noch nicht mit der
-Sonne umzugehen weiß.
-
-Und das Schicksal nahm seinen Gang.
-
-Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren gemacht. Es sollten
-fünf Figuren in dem Bilde stehen: Husch und ihre Mutter, ein nackter
-Jüngling, ein Mann und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein
-schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr nach unten
-gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden Frühling ihrer Glieder
-ahnen. Die anderen starrten oder schrien oder hoben ihre sehnenden Arme
-nach dem Lichte des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.
-
-Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von der Gruppe nur noch
-als von seinem ›Monumentalgemälde‹ oder von dem ›Galeriestück‹, oder
-in sonstigen Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die
-Vorstellung warfen, welche er damit verband.
-
-Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf der Leiter stand und
-die Figuren mit Kohle umriß, verbat er sich von den beiden Freundinnen
-alles kritische Dreinreden -- er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.
-
-Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt eines maienhaften
-kleinen Mädchens durch die Zinzeln des Zaunes, stocherte mit einem
-blühenden Mandelzweig hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie
-gemünztes Gold in das lichtahnende Gras fiel ... Aber Jockele hörte es
-nicht.
-
-Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter vorm
-Faschingszug.
-
-Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel und enganliegende
-weiße Lederhosen, einen feuerroten Reitrock, Perücke und Dreimaster.
-Und die schwarze Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll
-Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.
-
-Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann, wenn junge Leute
-ihren Witz auf die verblüffte Menge loslassen, die ihren künftigen Ruhm
-verbrieft in der Rocktasche tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest
-hat seine geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und
-schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der Stadt
-schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie Froriep in violettem
-Professorentalar mit einer Miene, die der Würde der Sache entsprach,
-das Problem des Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht,
-damit er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt, Cranach
-traten aus den Pforten der historischen Häuser, begrüßten mit Humor
-und Behagen das närrische Treiben ihrer Stadt und reihten sich fahrend
-in den Zug ein. Der Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter
-jeden auf den Wagen.
-
-Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee in die
-Marienstraße mündet und um das Liszthaus der weiche, grüne Traum weht,
-der zu klingen anhebt für den, der mit der Seele hinhorcht -- gleich
-beim ersten Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem
-Fenster.
-
-Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens -- das lange
-Totsein hatte ihm nicht geschadet, und just so, wie er durch das
-Gedächtnis der Nachwelt wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte
-die Menge mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der voll
-ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.
-
-Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu der staunenden
-Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.
-
-In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit beim Schopfe;
-denn wer hat eine Ahnung, wie putzig und liebenswert die Welt aussieht,
-wenn sie betrachtet wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und
-von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder durch die
-Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als wäre sie eins der blanken
-Sonnenpferde?
-
-Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus dem des Herrn
-Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin Pauline herausschaute und ihr
-Glück über das Volk lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder
-einmal Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung gleich
-selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe sie in Augen, die
-ihr ein helles Hurra von den Steigen emporriefen; denn dieser Franz
-Liszt von heute war bei aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein
-trefflicher Darsteller lieh, doch nur ein Spiel -- sie aber war noch
-die echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte gesteckt
-und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen Tuche gewischt hatte
-(wiewohl er keinen je in Gebrauch nahm), während er im Vorplatz den
-Glanzhut auf dem Aermel bürstete für den Ausgang ...
-
-Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne so strahlende
-Menschenblüten hervorgelockt wie in Weimar?
-
-Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie in diesen warmen
-Winkeln zwischen den bemoosten Dächern und kleinen Fenstern?
-
-Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß sie sich um die
-Stirnen schmiegt wie atmender Duft des Hochwalds? -- -- -- -- -- --
-
-Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein war es nicht, für
-das Jockele die Raketen seiner Blicke abbrannte. Das Feuerwerk galt
-dem jungen Mädchen, das der Frühling daneben ins Fenster gestellt
-hatte. Er hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre schon
-über und über in Blüte stand, und wollte zeigen, daß er auch schon um
-die Mitte des Hornung, wenn er gerade die Stare losgelassen, etwas
-Rechtschaffenes zuwege brächte.
-
-Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte die Haare voll
-Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen Schnecken gedreht. Das ganze
-Röckchen und die rosa Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das
-silberne Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt
-trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.
-
-Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen ringsum hatten alle Hände
-voll zu tun, um von dem eben begonnenen Ereignisse kein Korn bunten
-Glücks fallen zu lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und
-Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein brandendes Meer, das
-wogte um den Frühling neben Paulinen und um Jockele auf der Rappstute
-als wohlige Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen an,
-sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden jedes Wort.
-Die unter dem Dreimaster standen hoch und hell im Tage und taten, als
-müßten sie zwei Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:
-
-»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin! Warum
-hab' ich Dich zuvor nie in Weimar gesehen?«
-
-Da sagten die Augen hinter den blühenden Mandeln: »Oh, ich kenn' Dich!
-Du bist der Maler aus dem Baumwinkel am Horn. Was bist Du für ein
-ranker, feiner Junge! Ich habe Dich schon durch die Zaunzinzeln gesehen
-und habe Dich ausgelacht, wie Du auf der Jakobsleiter standest. Aber Du
-nahmst Dich so wichtig, als müßtest Du den lieben Gott malen, und sahst
-mich nicht.«
-
-Weil sie Miene machte, ihm den Mandelbuschen herüberzuwerfen, ließ er
-die Stute ein wenig seitlich treten, und er fing den Strauß ...
-
-Drüben aus einem Fenster der Kunstschule guckte Gwendolin und sah das
-und sagte zu ihrer Nachbarin: »Jakobus Sinsheimer ist dabei, sich
-wieder zu verheiraten.«
-
-Hinter ihm hatte Liszt indes sein Volk begrüßt, und es begann,
-vorwärtszudrängen. Da legte Jockele die Hand an den Hut -- natürlich
-für den Frühling, und der Frühling wedelte mit Herz und Händen. Und
-Jockele stieß den rechten Zeigefinger gegen die Brust und dann dreimal
-deutend halb nach unten gegen das Fenster, und malte mit den Augen ein
-mächtiges Fragezeichen in die Luft.
-
-Der Frühling mit den goldenen Schnecken verstand das und geriet in
-ein beifälliges Nicken: »Ich warte, bis Du kommst, und wär' es bis
-übermorgen!« Und vorn der Jockele dachte, er wäre Kapellmeister
-geworden, und schlug mit dem Mandelblütenbusche der Narrenmusik einen
-flotteren Takt in das Blaszeug; denn sein Herz wollte mit der Musik
-Schritt halten.
-
-So wurde die Sache, die eben noch feierlich gewesen war, lustig. Von
-oben herab zischten die Papierschlangen, wirbelten die zitternden
-Konfetti, und Weimars Ewigkeit schwang sich ein bißchen darüber hinaus
-aus dem Staube und flog an den hohen stillen Fenstern dahin.
-
-Aber schließlich hat ja auch ein Fastnachtszug sein Ziel. Es war
-kurzweilig, die Welt in so feuerroter äußerer und innerer Aufmachung zu
-durchschreiten, aber manchmal stahl Jockele sich doch eine Minute aus
-den vielen, vielen, die da an bunten Papierstreifen herumhingen, und
-drückte sie in seiner sattelhohen Einsamkeit voll Inbrunst ans Herz,
-damit sie ganz ihm gehöre.
-
-Darüber fiel ihm ein, welchen Namen die Kleine im Liszthause wohl hätte?
-
-Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner passen. Er verfaßte
-in träumendem Reiten durch dies Chaos der Lust eine ganze Spalte
-Familiennachrichten und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue
-über Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob so
-etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne Bräutigam wäre;
-sehr grüne über ihre allgemeinen Fähigkeiten zu lieben und über ihre
-besonderen, ihm die Treue zu halten ...
-
-Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden über die Augen
-schlug, um klarer sehen zu können, stand sie noch immer im Fenster des
-dunkelgelben Eckhauses am Park, aber sie hatte nun auch den anderen
-Buschen Mandelblüten verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen
-Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen nennen, und die
-vielen, vielen Herzen baumelten über den Köpfen der jungen Männer, die
-unter dem Fenster vorübergingen, und jeder konnte eines haben, wenn er
-gut danach hüpfen konnte.
-
-Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr nachgegangen, daß ein
-Frauenherz eine Einrichtung mit beliebig auswechselbarer Liebe und
-Treue sei, und der Sitz in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm
-unbequem.
-
-Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief unter ihm, und die
-Leute stünden alle auf dem Kopfe und schrien ihre Begeisterung über
-das Straßenpflaster. Zuletzt aber setzte sich das ganze Ringsum in
-ein wohliges Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine
-pfirsichrote Crêpe-de-chine-Beleuchtung.
-
-Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen Becher Sekt in den
-Sattel reichte, und Schiller unter die Menge trat und eine erstaunte
-Rede hielt, die mit den denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was
-rennt das Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?« tat
-Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die lächelnde Spenderin. Aber
-er beging damit einen schändlichen Verrat und trank auf den Frühling im
-Liszthause. Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling, der
-sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen wollte, ward auf einmal
-zu Minchen Herzlieb, und »Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz,
-und er brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den rosa Blüten
-Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem silbernen Becher hinab.
-
-Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve knatternder
-Jamben auf das Volk abgefeuert -- Jockele wollte wetten, es wäre ein
-Akrostichon auf Minchen Herzlieb gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf:
-seitdem das Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz wie
-ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus Mandelblüten.
-
-Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte nun alle sein, sang
-er leis und laut in die Musik. Das Lied setzte sich nur aus den zwei
-Worten Minchen und Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was
-ein junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht, über das sich
-die himmlischen Englein wundern müßten, wenn sie so etwas schmecken
-könnten.
-
-Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in der Schützengasse
-geleitet hatte und den Knecht sah, der dort auf die Rappstute wartete,
-glitt er aus dem Sattel, warf dem Jungen die Zügel zu und versickerte
-in die jubelnde Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf er
-sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand Minchen Herzlieb
-als süße Treuhalterin, hatte die langen Stengel mit den vielen, vielen
-Herzen gar nicht in den Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende
-Verlegenheit in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder mal
-was angerichtet!«
-
-Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch an der gleichen
-Stelle fand, und er läutete sich gleich mit allen Glocken in sie
-hinein --
-
-»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen Ritte
-siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und zweitens ist
-Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest der Menschheit -- guten
-Tag, Minchen Herzlieb!«
-
-Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das Tirilieren kam auch
-über sie --
-
-»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja Sibylle Bach!«
-
-»Auch ganz schön,« sagte er -- »Sibylle Bach ... das geht in den Mund
-wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb läuft ins Herz wie der blühende
-Frühling! Guten Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und
-laß mich hinein!«
-
-Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie hatte es aus ihrem
-ahnungsvollen Frauenherzen heraus so eingerichtet und stattete damit
-einem Manne, der schon längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen
-hatte, eine liebe Dankesschuld ab.
-
-Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs und hatte sechzig
-Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte mit Paulinen erlebt; das wirkte
-nun über Zeit und Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu
-festlichen Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses jungen Männern
-die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß zu Minchens Ehre gesagt werden,
-daß sie auch zu anderen Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen
-Beschäftigung nachging.
-
-So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem die weißen
-Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste feierten, verfiel die
-alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles Schweigen. Minchen Herzlieb
-verhielt sich dann abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf
-der Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte Wirbel, auf
-dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief immer den gleichen Worten
-voraus -- »Ja ja, Dein Großvater hat mich einmal heiraten wollen,
-Sibyllchen, aber es ist hernach nichts daraus geworden ...«
-
-Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an den Kindern
-heimgesucht durch viele Glieder. Jockele widmete dem alten Herrn im
-Himmel ein paar rührende Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise
-Schließerin, daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen,
-auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte sich voll gütigen
-Verständnisses auf den Weg.
-
-Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in den Räumen des
-Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim; aus allen Winkeln atmete die alte
-Zeit, und draußen auf der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und
-tanzte mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.
-
-Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango könnte.
-
-»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger Mann mit
-vielen Mädchenbekanntschaften universale Kenntnisse besitzen müsse
--- was wissen Sie von Goethe, von Wieland, von Wildenbruch, von dem
-›Hauptgeschäft‹, vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von
-Tango? -- Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen wollen
-als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst verziehen, daß sie
-so übel mit ihm verfahren war, und manchmal in diesen Winternächten
-im Baumwinkel waren ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren
-verzehrenden Küssen heiß geworden.
-
-Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit, wenn die jungen
-Männer auf die ersten Fragen warteten, die ihnen von einem Mädchen
-vorgelegt würden. Diese ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie
-ihnen Botschaft bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren Strand
-sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach diese Tauben vor allem
-Ausschau halten.
-
-Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit. Es war ihm
-schon zur belustigenden Gewißheit geworden, daß Minchen Herzlieb gar
-nicht ahnte, daß er sie zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht
-hatte. Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht
-entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr, daß sie
-furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen Vergleichen und
-hielt sich an das Greifbare. Das Sofa mit dem Kirschbaumrahmen, durch
-den sich zierliche Einlagen schlängelten, sagte zwar ein verwundertes
-›Na!‹; denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung
-gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war doch wieder nur der
-kleine fixe Schlag der Pendule hörbar, und die Geranien am Fenster
-waren die Fackelträger.
-
-An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen Herzlieb viel
-weicher und ergebungsvoller benahm. Die Liebesstunden mit Gwendolin
-waren ein Flammentanz, ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein
-Vergehen in feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden
-gewesen.
-
-Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute die
-Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche in die jungen Halme, voll
-Lütütü und hellgrünem Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden
-sich alle Mächte des Himmels und der Erde. Gwendolin sprang in eine
-Liebesstunde vom Turme -- Minchen Herzlieb dachte daran, ob er hernach
-wohl mit ihr zum Faschingsball gehen werde. Wenn er diesen famosen
-Einfall hatte, durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für
-die ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken, nur
-+einem+ zu gefallen, stand sie mit lachendem Unverstande gegenüber,
-aber es war doch eine schauerliche Süßigkeit, mit der er über sie kam.
-Und als er die Perücke ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte,
-weil er dachte, Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie
-davon nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung in ein
-gefährliches Schwanken.
-
-Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die Fenster, und draußen in
-der blauen Küche bekam Frau Pauline Apel einen diskreten Husten und
-läutete mit zwei Tellern Feierabend.
-
-Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust zum
-Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der ganzen Stadt
-Minchen Herzlieb.
-
-Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und schwamm in
-Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele die vorige Stunde in ihren
-Augen suchte, stand sie doch noch darin. Gwendolin dagegen konnte
-zwischen zwei Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten --
-die Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir mit Deinen
-Küssen die Seele aus,« schwuren in der nächsten: »Ich kenne diesen
-Menschen nicht.«
-
-Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere von ihm
-ab samt Armem Heinrich und Tartarus und Huschs Anfällen; denn das
-Mädchen lag ihm im Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte
-er sie in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte ihm
-noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube. Der Wind, der durch die
-Windmühlenstraße am Silberblick hinauf in die Felder lief, tat die
-vorjährigen Blätter der Clematis auseinander und wollte ein bißchen
-gucken, konnte aber nichts sehen.
-
-Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang und leichtsinnig
-sein sollte wie das schöne Wetter. Er dauerte drei Vormittage. Der
-erste Morgen in den Stadtratstannen und Buchfart war ein wenig
-müde, und Jockele war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war
-voll Ueberstrom an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen
-Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere standen -- in jenem
-Gartenteile, in dem der alte Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen die
-Eiche gepflanzt -- nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender
-Siegerfreude den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum im Tale.
-
-Dort lag die Sonne in zehntausend Anemonen und Veilchen und hatte sich
-den Frühling hinbestellt. Da spielten sie zu Vieren Küssen.
-
-Nach einiger Zeit erklangen junge Stimmen auf dem Grashange gegenüber,
-und wie die vier himmelfreudigen Spieler die Zweige der Jungfichte
-auseinanderbogen, sahen sie die kleine Prinzessin Sophie und den noch
-kleineren Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. Die Kleine kauerte vor einer
-Röhre, die unter dem Parkwege hindurchführte, und hatte das Tirilieren
-wie Minchen Herzlieb; denn Flipp, der stichelhaarige Dackel, war von
-seinem Forschertriebe in die Röhre getrieben worden und suchte da nach
-Wundern. Und das Kleine wollte ihn am Schwanze herausziehen. Wilhelm
-Ernst der Jüngere aber hatte sich von einer Parkfrau den Rechen geben
-lassen, der älter war als er selber, und versuchte sich damit am Ernste
-des Lebens.
-
-Da lief die Sonne hin und faßte das Vorfrühlingsidyll mit den
-Fürstenkindern und Flipp dem Dackel in einen goldenen Rahmen. --
-
-Am dritten Tage waren sie in der Fasanerie im Webicht. Es waren
-da schon viele Lichter ausgelöscht in der Welt, und was sich an
-verfrühten Blumengesichtern aus dem vorjährigen Laube hob, hatte die
-Augen zu, und der Wald trauerte um den leuchtenden Irrtum der letzten
-zwei Tage.
-
-Es war wieder Februar geworden.
-
-In der niederen Stube der Fasanerie waren sie allein, um sie ein
-bißchen verblichene Weidmannsfreude des abseitigen Jägerhauses an den
-Wänden -- auf einmal war Jockele im Forsthaus an der Hörsel, und das
-Zinzilein stand in der Stube und schaukelte ein kleines Mädchen auf dem
-Arme ...
-
-Gott, das Zinzilein! Wo war es gewesen all die Zeit her!
-
-Es hatte genau solche goldenen Haare und solche Maifestaugen wie
-Minchen Herzlieb. Aber es war kaum der Schule entlaufen, da hatte es
-schon ausgesehen wie ein durchsonntes stilles Waldwasser, aus dem die
-weißen Sterne des Hahnenfußes aufgehen und die silbernen Kronen der
-Teichrosen. Es blühte an ihm alles so von innen heraus; wo es seine
-Augen hatte, ward's hell, und wo seine liebe Stimme erklang, ward's
-warm ... Nun war ein schlankes, junges Mütterchen aus ihr geworden!
-
-Die Sehnsucht faßte Jockele an -- heißer, träumerischer
-Hochsommermittag, in dem alle Düfte Farben bekommen und Säulen von Gold
-in den thüringischen Buchenwäldern stehen. Und seine Seele schwamm
-darin mit breiten Schwingen ...
-
-»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb und riß ihm einen
-seiner schönen bunten Flügel aus ... »Ich gefalle Dir nicht in Blau,
-gelt?«
-
-»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf der Welt als
-Frauenkleider!«
-
-»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie und wurde steil.
-
-Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle, die packte die
-Frage Minchens und schnickte sie unter den Tisch.
-
-Dann ging die Tür auf --
-
-»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! ... Sie, Jakobus Sinsheimer,
-ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹ verkauft! Und Sie sitzen mit einer
-Ihrer zahllosen Bräute beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit
-in die andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese Dame
-heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr im Sattel vor dem
-Liszthause verheiratet.«
-
-Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung voller Erlösung und
-seelenerstürmenden Jubels -- Jockele dachte gar nicht mehr an den
-abgerissenen Flügel, er breitete seine Arme weit aus und riß das lange
-Mädel an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging daran etwas
-in Stücke --
-
-»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels und der Erde!
-Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du Zauberin!« Und dann geriet er
-über ihre Lippen, und die beiden ranken jungen Menschen schossen
-durcheinander wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln und
-Aesten.
-
-Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen. Die Wirtin
-sprang hinein und wollte retten, was zu retten wäre. Aber schon in der
-Türe kriegte sie die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße:
-»Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in Rührung.
-
-Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle und dachte:
-»Scheidungsgrund!«
-
-Husch war an einen abseitigen Tisch gesunken -- es glitt ihr nichts aus
-den Händen; denn sie hatte sich gehütet, etwas zu halten; darum setzte
-sie sich nun neben das Leben und wartete, ob für sie etwas am Rande
-liegen bliebe.
-
-»So -- nun laß mich los! Mensch, Du bist ja immer noch -- waldwild wie
-damals -- und tollwüchsig -- und -- -- Hilfe!! Es sind bloß dreihundert
-Mark -- Du küßt ja für fünfhundert!«
-
-Da wurde Jockele barmherzig, aber er schwur, daß es erst hätte angehen
-sollen.
-
-»Geschenkt! Geschenkt!« keuchte sie.
-
-Da ließ er sie los, und Minchen Herzlieb quittierte ihren Aerger und
-sagte zu Gwendolin: »Ich kenne das!«
-
-»Ach nein? Wirklich?« sagte Gwendolin, aber sie tröpfelte ein
-bißchen Gift darauf. Da merkte das Kleine, daß es renommiert hätte,
-und Gwendolin führte Husch an den Tisch, warf ein paar Hände voll
-Frohmut über sie und ließ sich das Hütchen mit der Spielhahnfeder
-zurechtschieben, das ihr obenauf saß wie ein hingeschmettertes
-Juchtrala.
-
-Minchen Herzlieb konnte inzwischen den Gedanken nicht loswerden,
-die Sache mit dem Armen Heinrich wäre nur eine Finte, und die lange
-Gwendolin hätte den Hieb geschlagen, um ihr -- dem Minchen -- eine
-blutige Abfuhr zu bereiten. Darum fragte sie, wo denn das Geld wäre,
-und es entstand eine elektrische Schwüle, die der armen Husch auf die
-Nerven fiel.
-
-Aber Jockele rettete die Situation mit einer Flasche Sekt und einem
-Frühstück. -- Ein Münchener Verleger hatte die Zeichnungen für eine
-neue Uebertragung des Gedichts vom Armen Heinrich erstanden, und der
-Kunsthändler hatte dafür -- natürlich samt den vier Tafeln in Oel --
-den Betrag geboten; die Verhandlungen waren zwischen ihm und Gwendolin
-durch den Draht gepflogen worden.
-
-So war alles sternenwunderbar und märchenhaft, und ein gewöhnlicher
-Mensch konnte darüber den Verstand verlieren. Jockele aber ging nur
-über die Baumwipfel nach Hause, und Gwendolin scherzte: »Ich wußte, daß
-ich einen schweren Gang tat, darum hab' ich mir die Husch mitgenommen.«
-
-Sie spazierten über die Felder und Gleise hinter dem Luftbad und
-setzten Husch an der Schlüpfe im Zaun ab; dann ging Gwendolin, die in
-der Kurthstraße wohnte, und die allen Bitten Jockeles, den Umweg über
-den Silberblick zu machen, kein Gehör gab.
-
-So lieferte sie ihn Minchen Herzliebs Zorn aus, und die knatterte auch
-gleich los, als hätte es kein Verbrüderungsfest auf dem Sofa Paulinens
-und kein Vorfrühlingsglück im Park zu Belvedere gegeben --
-
-Er wäre wohl mit allen Mädchen auf Du und Du in Weimar? Und ob er sich
-einbilde, daß sie gerade auf ihn gewartet hätte? Und was das für ein
-unsauberes Küssen gewesen wäre mit dieser Gwendolin Vogelgesang -- pfui
-tausend! Und warum er ihr verschwiegen hätte, daß die Husch sogar bei
-ihm im Hause wohne -- oh!
-
-Sie ging mit ihm die Windmühlenstraße hin bis in das Wäldchen um Hases
-Ruhe und hatte sich in eine rauchende, allgemein menschliche Entrüstung
-hineingeredet. Darüber konnte er noch lange nicht zu Worte kommen.
-Zuletzt wartete sie mit einem Platzregen von Tränen auf.
-
-Aber Jockele hätte nicht an einer Wegscheide stehen dürfen -- wiewohl
-er sie längst noch nicht klar zu sehen vermochte -- und er hätte nicht
-das schöne fremde Scheinen des blauen Geldes ums Herz tragen müssen!
-Die Rede ging Minchen Herzlieb aus dem Munde wie Gift und Oel und war
-voll weiheloser Empörung, aber sie trat keine Türen ein.
-
-Sie schritten hundertmal den kleinen Weg durch das ausgeholzte
-Wäldchen, grauer Alltag stand ringsherum, und dem Jockele gefror das
-Herz vor dieser Millionenschablone bis auf den Grund.
-
-»Minchen Herzlieb, Du warst eine Faschingsdummheit!« sagte er.
-
-Darüber verlor sie die schöne Sicherheit, mit der sie ihm den Tisch
-voll bittere Mandeln getragen hatte, und die Sache bekam eine neue
-Wendung; denn Minchen befand sich nicht zum ersten Male in solcher
-Lage, aber vordem hatte so etwas wenigstens drei Wochen gedauert, nun
-war es gar auf drei Tage zusammengeschrumpft.
-
-Und sie verfiel in eine grausame Selbstquälerei ... »Warum bist Du erst
-gekommen, wenn Du mich nicht liebgehabt hast?«
-
-»Natürlich hab ich Dich liebgehabt.«
-
-»Gehabt!«
-
-Er zog die Achseln und redete wie aus tausendjähriger Erfahrung: »Es
-steht schlimm um die meisten Mädchen -- entweder können sie das Feuer
-nicht anblasen, oder sie können es nicht unterhalten.«
-
-»Anblasen ...,« sagte sie schokiert.
-
-»Oh, anblasen kannst Du, aber es fehlt das Oel auf der Lampe. Ihr habt
-die pudelnärrische Ansicht, ein Mann sei ein Ding wie ein Spiegel, der
-Ja sagt, so oft ihr hineinguckt. Der Spiegel gehorcht sieben Jahre, der
-Mann ist des Schauspiels am siebenten Tage müde ...«
-
-Sie bekam das Zittern ins Herz und schwur sich, sie wollte zuhören bis
-zum Abend. Das ›Oel auf der Lampe‹ quälte sie -- -- wenn man einen Mund
-hat so voller Blühen und den besten Willen zum Küssen und siebzehn
-Blusen und vier Kostüme und drei Kästen bunte Schleifen ... ist das
-kein Oel? Aber sie sagte das nicht, sondern wartete, was er meinte.
-
-Die Stunden in diesem Wäldchen vor dem Südtore der Stadt gehörten zu
-denen, die in seinem Leben stehenblieben -- nicht, weil er da zwei
-Tage einer Liebe begrub, die vormärzlich und sonnenfieberisch gewesen
-war, und die ihn betrogen hatte, sondern weil er in diesen Stunden in
-die Tiefen des wilden Jahres schritt, in denen ihn das Leben jählings
-zerriß.
-
-Die stille und klare Feierlichkeit des Hauses am Buchenwalde schien aus
-Fernen in sein Herz, die er verloren gab. Aber das Licht von den ersten
-Blumensteigen des Daseins leuchtet bis auf die andere Seite, und kein
-Leben kommt darüber hinweg.
-
-Nun erfüllte das leidsüchtige Wesen der Husch sein Schaffen ...
-
-Doris Rinkhaus hatte den Finger gehoben -- er verstand ihn nicht.
-Und nun hatte er sein Herz an ein junges Gesicht vertrödelt, weil es
-lustig lachen konnte! Dies Herz hatte Sehnsucht nach einer kindhaften
-Fröhlichkeit gehabt, wie sie das Zinzilein ausgestrahlt hatte. Aber
-nach drei Tagen war der perlende Trunk abgestanden, und Huschs
-Veilchenstille, die an dem bißchen Schimmer blühte, der in die Winkel
-fiel -- ach nein, die lockte ihn nicht, aber er war ihr dankbar.
-
-So vergrübelte er sich und lief seiner Sehnsucht nach, und Minchen
-Herzlieb war ihm ganz aus den Gedanken gekommen. Da fing sie ihn sich
-wieder --
-
-»Ach ja,« sagte er, »ich glaube, die meisten von Euch halten die Männer
-für Narren.«
-
-»Vielleicht haben wir ein Recht dazu,« sagte sie schnippisch.
-
-»Ihr macht Euch zu Blumen fürs Knopfloch. Es fehlt das eine, das
-nottut.«
-
-Damit hatte er einen großen Stein vor sich auf den Weg gewälzt und
-mühte sich eine lange Rede hindurch damit herum. Er sprach von breiter,
-schöner Menschlichkeit, in die ein Mädchen schon hineinwachsen müßte,
-während der junge Mann auf dem Bauplatze für seinen künftigen Beruf
-Kärrnerarbeit verrichtet. Er redete von früherwachender Sinnlichkeit,
-die in Putzsucht geriete und zu der jämmerlichen Frauenhalbheit führe,
-die ebenso arrogant wie unfruchtbar wäre. Aber der Stein im Wege
-wollte nicht weichen, und der Herr Jakobus Sinsheimer, der sich so
-männlich-kraftvoll gebärdete, schritt doch immer nur mit einer mehr
-oder weniger höflichen Verbeugung um ihn herum.
-
-Das merkte Minchen Herzlieb natürlich und sagte: »Du hast da eine wirre
-Sache auf mich losgelassen, mit der Du selbst nichts anzufangen weißt!
-Wenn Du mich wieder einmal sehen willst, so wirst Du mich ja wohl
-finden. Jetzt geh ich nach Hause; denn ich habe Hunger.«
-
-Und das war eine ganz vernünftige Lösung. Der Glaube an ihre brauchbare
-Art war ihr nicht erschüttert worden -- warum auch?
-
-Sie ahnte, daß es in einem jungen Künstlerherzen so aussehen könnte. Es
-war das etwas anderes als bei einem Menschen, der mit dem Reisekoffer
-hineinfährt ins Leben, den ihm die Alten daheim gepackt haben.
-Aber die Verwirrung, die Jockele angerichtet hatte, blieb auch für
-sie undurchsichtig. Es kam ihr vor, als hätte sie sich an den Rand
-eines Abgrunds gewagt, an dem nicht spazieren zu gehen war nach der
-Mädchenweise:
-
- Hüpft's Herz hinterm Mieder,
- Wird's inwendig heiß.
- Und Küsse sind Lieder,
- Die man auswendig weiß.
-
-Schon der Wanderweg durch das Webicht und das Wäldchen um Hases Ruhe
-war eine Strapaze gewesen, wie jene Viertelstunde auf dem Pferde, auf
-dem sie einmal im Zuckeltrab über einen Acker geritten war. Aber für
-solche Reisen ins Land der Liebe dankte sie ein- für allemal -- dieser
-Jockele hatte zuletzt Dinge geredet, die genau so aussahen, als mute
-er seinem Mädchen zu, daß es ihm im Kampfe gegen das Leben beistehen
-sollte ... Dabei packte er dies Leben an ganz anderen Zipfeln an und
-tat, als ob es sich nach der zufriedenen und hergebrachten Art nicht
-anständig leben ließe. Er hatte seine Augen immer in Gegenden, in denen
-die netten Kleider und die tausend interessanten Dinge, die in der
-Stadt passieren, gar keiner Rede wert waren.
-
-So dachte sie sich in eine lustig-wehmütige Befreiung hinein und daß
-sie nachmittags zur Anprobe bestellt wäre.
-
-Für Jockele war sie Vergangenheit geworden. In tiefer Dankbarkeit gegen
-diesen Tag ging er hin und kaufte einen silbernen Armring. Den brachte
-er Husch mit.
-
-Es war ein unbändiger Drang zur Klarheit in ihm. Er hatte mit Husch nie
-ein Wort von Liebe gesprochen, nie ein Wort über Gwendolin und Minchen
-Herzlieb. Das Gefühl, daß er ihr wunderlich ergebungsvolles Herz
-schonen müßte, hatte ihn gegen seine Art verschwiegen gemacht. Aber nun
-waren die Mädchen zu dritt um ihn gewesen, und die Freundschaft hatte
-die Liebe in der Narrenkappe aus dem Lande gejagt.
-
-An diesem Tag schloß er Husch alle Türen und Fenster seines Herzens
-auf. Wenn einmal die Unordnung über ihn hereinbrach, daß er aus dem
-Hause floh -- Huschs Hände vermochten Wunder zu tun; und so oft er
-heimkam, umarmte ihn wieder die liebe Stille und sonnige Sauberkeit.
-Sie sollte ihm auch über sein ungeratenes Herz hinweghelfen.
-
-Es war ihm nicht katerjämmerlich zumute, aber er fühlte, daß er sich
-eine moralische Schlappe beigebracht hatte, und litt wieder einmal an
-sich selbst. Doch ging er aufrecht in der Kraft, die im Haus am Walde
-von Tante Veronikas Treue in heiliger Bewußtheit in ihn gepflanzt
-war, und sagte: »Wie kann sich ein so langer und tapferer Mensch so
-verplempern!«
-
-Er ließ Wind und Feldfrische durch sein Herz laufen, atmete über dem
-großen Lüftungsfeste auf und sagte: »Es ist nicht zu glauben, wie einem
-ein so kleines, blankes Mädel das Haus verstauben kann!«
-
-Darüber mußte auch Husch lachen. Sie teilte sich ihr bißchen laute
-Freude ein und lachte in jedem Monat einmal.
-
-Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende Gwendolin
-im Wege gewesen, und es hätte deshalb ein Zerwürfnis gegeben, das sie
-schon auf dem Heimgang ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu
-sein brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und wunderte
-sich über die Maßen, daß er des frischen Mädchens mit den trällernden
-Augen so bald überdrüssig geworden war.
-
-Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete vor Husch immer
-wieder in grausamer Selbstentblößung auf den ›langen und tapferen
-Menschen‹, der so eigenwillig in seinem Schaffen und seinen Tagen
-stand und doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den Weg
-kreuzte.
-
-Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war als er, war keine
-glückliche Wahl gewesen. Und so weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem
-irrenden Herzen in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution
-und fand für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war schon
-damals voll schöner Sommerreife gewesen, die nun in Ausdehnungen und
-Behaglichkeit hineinwuchs; Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den
-lieben Gott besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor
-Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung gelangt --
-sie suchte nach Blumen auf späteren Feldern und liebte bis auf weiteres
-über das Zeitliche dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück
-Weges geführt ...
-
-So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die Mädchen‹
-gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen Haus im Pflaumenwinkel
-auf. -- Doris Rinkhaus kam zuletzt und weitab von den anderen. Er
-sagte außer ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte
-Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus setzen können,
-während er mit Minchen Herzlieb das Verbrüderungsfest feierte -- Husch
-hätte ihn deshalb nicht scheel angesehen; aber sie geriet an die
-Qualen des höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in die
-Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren Augen nicht,
-daß sie eine Studie Jockeles betrachtete. Darum: als die Reihe an
-Doris Rinkhaus kam, entwischte Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit
-und leitete ihn zu klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des
-Frühlingshauses.
-
-Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien -- heller,
-als er den lieben Glanz empfunden hatte, wie er noch mitten darin
-stand. Und sie wurden lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig
-gebracht hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe
-zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes Zigeunerherz
-hineingeboren war.
-
-
-Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen gefallen. Er hatte
-sie nicht mehr gesehen seit jener Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo
-haben Sie Ihre waldwüchsige Zigeunergesundheit hingebracht?«
-
-Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte sich nicht in seine
-Angelegenheiten und war immer ganz unsichtbar, wenn er sein Herz
-auf Abenteuer schickte. Es war, als hätten sie drüben im Gartenhaus
-ein Barometer, das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit
-verräterischer Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß beide Augen,
-wenn sie merkte, daß er wieder einmal in eine blutjunge Geschichte
-hineinsegelte, aus der er sich doch alsbald rettete.
-
-So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte. Auch den
-Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und einem trauernden Auge
-betrachtet -- solche Dinge lagen ihr nun einmal nicht.
-
-Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille der Baumwinkel
-eingesponnen wurden, hingen sie an den goldgeschmiedeten Lichtketten,
-die im Schattengarten umherlagen. Aber nun plätscherte ein
-langweiliger Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus der
-Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von der kleinen Person am
-Silberblick festgenommen worden.
-
-Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und dachte: es wäre
-fein, daß von dieser dreitägigen Haft nichts ruchbar geworden.
-
-»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do -- »wie kannst Du
-darüber so vergnügt sein?«
-
-»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!« lachte Do. »So hol'
-ihn herüber und laß ihn die Mädchen abschwören für alle Zeiten!
-Warum willst Du nun gerade diesen hübschen, langen Bengel zu einem
-Mönch machen? Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im
-Ibenheimer Waldmärchen -- das sollte Dich doch nicht zur Beschließerin
-seines Herzens machen!«
-
-Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer langer und
-schweigender Stunden, über die sie sich oft recht mühsam wieder
-zueinander fanden: »Du bist es dem Vertrauen der alten Dame schuldig,
-daß Du mal zu einem kleinen Familienrat reisest.«
-
-Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem bekam sie
-verzweifelte Augen von diesem Liberalismus artigen Frauentums und
-knurrte sich in ein rebellisches Kopfschütteln über verrückte Erziehung
-hinein.
-
-Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und hatte eine lange,
-eindringliche Parkwanderung mit ihr. Der Regen war fort, ein kalter
-Nebel reifte durch die Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm
-rauchte, und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die alten
-Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling unter dem weißen
-Glanze nicht wieder einschliefe.
-
-Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die Mädchen zur
-Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde Gwendolin von ausgelassener
-Lustigkeit an Maria Rehs komischer Sorge -- die Geschichte mit
-Minchen Herzlieb wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel
-›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel eine
-verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich, weil er sie hatte,
-der zweite, weil er sie los wurde! Es wäre ein Lustspiel, das diese
-Sorte Mädchen in jedem Monat einmal als Heldinnen durchlebte!
-
-Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete sich hinter Tante
-Veronika und tat, als wäre sie von ihr als Agentin der Sittenpolizei
-eingesetzt.
-
-Aber Gwendolin ließ dafür ein verständnisloses und erschütterndes
-Lachen auf sie los.
-
-Auf dem Heimweg ging Maria den Philosophenweg entlang durch die Kiefern
-nach dem Walle des alten Schießstandes und kämpfte dabei einen harten
-Kampf ums Recht. Weil sie erkannte, daß sie in dieser Gefahr für
-Jockele ganz allein sehende Augen behalten hätte und am Ausgange der
-Dinge triumphieren wollte, beschloß sie ein Tagebuch. Darin wollte
-sie sich alle Bitternis über den leichtsinnigen Verkehr Jockeles und
-die noch viel leichtsinnigere Beurteilung durch Doris Rinkhaus vom
-Herzen schreiben. Sie machte sich auch gleich einen Plan. Es sollte
-ausgiebig von Erziehung und Vererbung darin die Rede sein und von den
-Gefahren, die mütterliche Nachsicht über einen Menschen bringen könne.
-Und zuletzt -- zuletzt würden die denkwürdigen Worte stehen: »Das war
-das Ende: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen habe! Ein leuchtendes
-Talent ist zerbrochen am Zigeunertume des Herzens.«
-
-So war Maria Reh durch eine närrische Rechthaberei viel zu früh auf
-den Distelrain der Altjüngferlichkeit gedrängt worden. Sie verfiel von
-Stund an in eine selbstquälerische Wachsamkeit. Und weil sie sich vor
-Doris Rinkhaus nicht verbergen konnte und doch vor Fragen verschont
-bleiben wollte, sagte sie ihr, was sie vorhätte. Aber sie stellte es
-so dar, als ob es sich um die Niederschrift von Erinnerungen aus dem
-Baumgarten handelte, die sie zur leidlich nutzbringenden Anwendung der
-langen Abende ersonnen habe.
-
-So oft Doris Rinkhaus die emsige Feder über das Papier knirschen hörte,
-saß sie ohne die leiseste Anwandlung von Neugier über ihrer Büchern.
-Sie dachte sich eine Darstellung der kleinen Ereignisse durch Maria
-Reh nicht sehr interessant; denn es fehlte der Scheinwerfer einer
-rotblütigen Lebensauffassung und rassiger Freude am Dasein.
-
-Sie kamen darüber aber doch nicht selten ins Scherzen --
-
-»Wo stehst Du jetzt?« fragte Do.
-
-»Immer noch beim Sommer in Ibenheim!«
-
-»Du bist ausführlich, Maria! Vergiß die Geschichte mit dem Druckknopf
-nicht -- sie ist lehrreich.«
-
-»Wie meinst Du das?«
-
-»Nun, wenn Du mal Großtante geworden bist, so läßt sich dann durch
-Deinen verblühten Mund eine weise Nutzanwendung machen, etwa mit der
-Ueberschrift ›von der Niedertracht der leblosen Dinge‹.«
-
-Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim -- die
-Zigeunergeschichte und das romantische Sterben von Jockeles Mutter, die
-Gartenhütte mit der aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte
-Schmetterlingsbuch, Tante Veronika -- -- sie schätzte den Umfang
-auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich in die Seele eines
-Jungen hineinzudenken. Ueber die erste Schwärmerei, in der sie selbst
-doch mittendrein gestanden hatte, schrieb sie sich ein lästerliches
-Kopfweh. --
-
-Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst wieder in
-schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in erhöhtem Grade der
-Gegenstand des Interesses aller Malmädchen geworden. Es war, als
-hätten sie ihn über dem heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich
-auf einsamer Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf
-Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.
-
-Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines Ruhms nicht ahnte
--- -- Spitzenreiter! Es war kein Mädchen in Weimar, das nicht
-mindestens eine Handvoll verliebter Konfetti oder zwei Augen voll
-Wohlgefallen über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische
-Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem Jockele auf dem
-Hainturm eingefallen, und zur selbigen Stunde hätte die Husch im
-Gartenhaus am Horn schon einen verzückten Leidrausch bekommen ...
-
-Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe Gott den Menschen
-gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen an seiner Schöpfung
-werden. Wo sie ahnen, weil sie nicht wissen können, geben sie sich
-damit eine Zaubervorstellung.
-
-Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus den dreihundert Mark für
-den Armen Heinrich dreitausend geworden. »Dreihundert, dreihundert!«
-riefen die Besonnenen, aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz
-hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel im Aufgehen war.
-
-Während sich die anderen noch schülermäßig in der Aktklasse mühten,
-warf er in der Einsamkeit seines Gartenhauses einen unerhörten Glanz
-in sein Modell und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an der
-Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen -- aber was wollte dies
-alles besagen gegen das siebenfache Mirakel: die schöne, klare Doris
-Rinkhaus liebte ihn! Die Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein
-wildes, geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und sah
-sie nicht! -- So redeten die Leute in Weimar von ihm, und was zwischen
-diese leuchtenden Fäden hineingesponnen wurde, war nicht minder bunt
-und unterhaltsam. Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in
-dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter die Menschen
-ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der Leiter und steckte bis über die
-Ohren im Tartarus. Wer neugierig war und auf dem hohen Wall des alten
-Schießstandes dahinwandelte, konnte ihn sehen.
-
-Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die Lippen und erzählte Do:
-die Leute wüßten, daß sie an einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die
-sich aber gar sehr nach Erde sehne ...
-
-Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem Distelraine, nahm zu
-an ofenhafter Ausdehnung und hatte sich schon in eine rechtschaffene
-Verbitterung hineingeschrieben.
-
-»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen Klatsch wieder das
-springseilhüpfende Jungsein kriegen,« lachte Do, und sie lachte so
-lange, bis sie auch Maria Reh von der angenommenen Entrüstung geholfen
-hatte. --
-
-Weimar hing nun ganz voll Maienseligkeit -- jawohl, auch der Frühling
-ist in Weimar voll inbrünstigerem Glück als anderswo; denn es rauschen
-die hellen Ewigkeiten darin um die klingenden Tore der Stadt.
-
-Jockele wurde von Grün und Blühen in seliger Vergessenheit gefangen.
-Die Blüten fielen, und die große Gruppe aus dem Tartarus ward fertig.
-
-Do, die oft einmal in den Baumwinkel gekommen war, wurde immer
-schweigsamer, und auch Maria Reh war nur mäßig beglückt.
-
-»Er hat sich da an eine Sache gewagt, die noch über seine Kraft geht,«
-sagte sie eines Tages zu Doris Rinkhaus.
-
-»Das wird ihm noch oft passieren,« sagte Do. Es klang hart und
-mitleidlos; und gleich darauf kam Jo selber und setzte sich zu den
-Mädchen an den Gartentisch. Er war versonnen und ließ seine Augen über
-die hohen Kastanienwipfel gehen -- er hatte sich den Tag, an dem er
-die letzten Farbentupfen in das Bild setzte, anders gedacht. Maria Reh
-hatte sich fertig gemacht zu einem Ausgang --
-
-»Kommen Sie mit -- wir wollen Jakobus Sinsheimer suchen!« lachte sie.
-
-Da lehnten sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gegen die Hauswand und
-gingen zu dritt in die Felder und redeten immerfort von dem Bilde. Do
-sagte:
-
-»Es ist äußerlich geblieben im Empfinden. Sie sind über das hysterische
-Mädchen dazu gekommen; aber Ihre gesunde Art hat sich zuletzt nicht
-unterkriegen lassen -- das ist es!«
-
-Genau so hatte Do über den Armen Heinrich geurteilt, der ihm seinen
-ersten Ruhm eingetragen. Aber nun stand er doch mit gebrochenen Flügeln
-vor Do, und Marias scheue Zugeknöpftheit quälte ihn. Langsam fing er
-wieder an zu leuchten, und abends brachten sie ihn frohmütiger und mit
-neuen Plänen heim: er wollte die Tiefen und Schründe übermalen, die
-Figuren mit strahlendem Himmel umhängen und sie auf die Spitze eines
-Berges stellen, der im letzten Scheine des Abends lag. Dann sollte das
-Bild ›Schmerz‹ heißen.
-
-Do hatte ihre Einwände; aber er ließ sie nicht an sich kommen, und die
-nächsten Tage fanden ihn wieder im Baumwinkel. Er legte Himmel über
-die Felsen; die Figuren blieben in ihrer Stellung, aber er verlieh den
-Gesichtern die stille Erhabenheit des Leides, das in die Nachbarschaft
-Gottes führt. Aus treibenden Wolken stieg ein umglühter Bergkegel
-hervor, wo zuerst die Abgründe des Tartarus gegähnt hatten.
-
-Aber das selige Leuchten, das er in seinen Träumen gehabt, verlor sich
-dennoch über allem und ward Finsternis.
-
-Als er am vierten Abende mit Do und Maria vor dem Bilde stand, die in
-diesen Tagen nicht gekommen waren, weil er sie darum gebeten hatte,
-legte sich ein schweres Schweigen auf ihn und die Mädchen. Das zerriß
-er mit einem gellen Auflachen; dann rannte er in den Schuppen und
-stürzte mit einem hocherhobenen Grabscheit heraus und schlug blindwütig
-auf die Leinwand ein, bis sie in bunten Fetzen herumlag, und der Rahmen
-krachend zusammensank.
-
-Husch hörte im Hause das wilde Schlagen und Knattern des Holzes.
-
-Sie stürzte heraus und warf sich über die Trümmer und achtete des
-niedersausenden Spatens nicht.
-
-Darüber kam er zu sich, und er sah sie vor dem Haufen Fetzen knien, wie
-sie Doris Rinkhaus anstarrte.
-
-Da schleuderte er das Grabscheit fort und lief in das Haus.
-
-Husch aber schritt auf Do zu, die vor Maria stand, und streckte ihre
-Arme aus und war anzusehen, als käme sie aus dem Grabe.
-
-»Sie sind es gewesen!« schrie sie Do ins Gesicht -- »Sie haben ihn so
-von sich gebracht! Nun ist er wahnsinnig geworden.«
-
-»Nein -- +Sie+ sind es gewesen!« sagte Do, und ihre Stimme zitterte zum
-ersten Male. Sie wandte sich ab und wollte zu Jakobus gehen und mit ihm
-reden. Aber Husch kam ihr zuvor und warf sich mit heiserem Schrei auf
-die Schwelle.
-
-Da trat Jakobus heraus und gebot ihr, stille zu sein, und trug sie auf
-seinen Armen hinein. Er hatte Do und Maria einen Wink gegeben, daß sie
-in ihr Haus gehen sollten, er wollte später hinüberkommen.
-
-Wie er Husch zu Bette gelegt hatte, schlug ein grimmiges Lachen aus
-ihm -- zwanzigmal hatte er sie nun so auf sein Lager geschleppt und
-war voll Erbarmen mit ihr gewesen ... nun dachte er, er hätte sich
-von ihrer krankhaften Art niedertreten lassen und hätte diese Wochen
-jauchzenden Mühens verloren wegen ihr. Und hätte sich selbst verloren.
-
-Da warf er den Malkittel ab und ging hinüber in das Gartenhaus. Er
-hatte sich wieder fest in den Händen. Maria Reh war in das Nebenzimmer
-geflohen, als sie ihn kommen hörte.
-
-»Es ist gut,« sagte er, »ich bin froh, daß ich so rasch gewesen bin!«
-
-»Ich auch!« sagte Do. »Es war eine wilde Geschichte, aber es war ein
-kurzes Leid. Sie müssen nun zusehen, daß Sie die ›Gruppe aus dem
-Tartarus‹ auch in Ihrem Kopfe zerschlagen können! Reisen Sie mit mir
-nach Ibenheim -- mit mir ganz allein?«
-
-»Wann?«
-
-»Morgen?«
-
-»Heut abend wäre es noch besser.«
-
-»So reisen wir heute abend. Wie steht es mit Husch?«
-
-»Sie schläft,« sagte Jo. »Aber diesmal ist es zu Ende zwischen mir und
-ihr! Wo ist Fräulein Reh?«
-
-Da rief Do Maria herein --
-
-»Bitte, gehen Sie zu Husch's Mutter,« sagte er, »und bringen Sie ihr
-diese fünfzig Mark. Ich kann das Mädchen nicht mehr um mich haben --
-ich kann nicht! Sie wissen, was Sie der Frau sagen werden. Und wenn
-Sie mehr Geld braucht, so soll sie später zu mir kommen, ich will ihr
-geben, was mir möglich ist; denn Husch ist leidender geworden durch
-mich, viel leidender. Ich hätte sie mehr schonen sollen.«
-
-»Noch mehr?« fragte Do. »Sie hätten sie nach dem Armen Heinrich
-abschaffen müssen.«
-
-In Maria Reh aber ging eine ungeheure Fülle von Lichtern an -- es waren
-ihrer so viele, daß sie geblendet dazwischen umhertappte.
-
-Zuerst wollte sie erkennen, daß Do nun doch an der himmlischen Liebe
-litte, die sie als einfältige Dichtung der Menschen belacht hatte.
-War Do in gut gespielter Gefrorenheit all die Zeit her nur zur Seite
-gestanden voll Erwartung, daß die Stunde ja kommen müßte, in der
-ihr diese ringende Jugend in die Hände fiel? Hatte man sie mit der
-Sendung zu Husch's Mutter betraut, damit die beiden schon bei den
-Vorbereitungen zur Reise unbeobachtet wären?
-
-Es schoß Licht in rasenden Pfeilen um sie her und wurde doch nur
-langsam Tag.
-
-Aber zuletzt ärgerte sie sich über ihr verwinkeltes Herz und begriff
-die Stunde als einen Sieg ihrer längst gehegten Ueberzeugungen.
-
-Jockele ging hinüber, um sich zu der schnellen Abfahrt zu bereiten. Er
-traf Husch in den Tiefen ihres krankhaften Schlafes. Und als er so alle
-Dinge zusammenwarf, die er mitnehmen wollte, ward ihm doch bange vor
-der Zeit, in der ihre ordnenden Hände und ihre sorgende Stille nicht
-mehr um ihn wären. Einmal hatte sie gesagt, sie würde sich in den Tod
-hinüberschlafen, wenn er sie fortschickte ...
-
-Daran dachte er nun und sah immer einmal zu der Türe nach dem
-Kämmerchen; denn es war ihm, als müßte sie mit entgeisterten Augen und
-halb erstarrten Gliedern hereintreten und ihn fragen: »Was willst Du
-mit mir und Dir beginnen?«
-
-Aber sie kam nicht, und er ging zu Maria Reh und sagte ihr, ob es nicht
-besser wäre, man ließe sie noch ein paar Tage kommen. Dann würde sie
-fragen, wo er hingegangen sei und was überhaupt geschehen wäre, und
-Maria Reh sollte in Ruhe mit ihr reden. Da wehrten die Mädchen beide
-ab und wunderten sich über die Macht, die dies krankhafte Wesen bis
-zuletzt über seine Kraft und Jugend behalten hatte.
-
-Gegen Abend reisten sie ab.
-
-Maria Reh schickte nach einem Arzte und besprach das ganze wunderliche
-Erleben mit ihm.
-
-
-Zweimal hatte der Frühling um Ibenheim am Walde geblüht und hatte
-Jakobus vergeblich gesucht.
-
-Nun stürzte der dem grünen Bergsommer mit ausgebreiteten Armen ans
-Herz.
-
-Was war das für ein überschäumendes Jauchzen! Und was war das für
-ein Finden der alten Steige und durchsonnten Waldwinkel, die alle
-auf ihn gewartet hatten! Die Erde erschauerte, wo sein Fuß über sie
-schritt, und die blaue Seide der Lüfte flatterte, wenn sie an seine
-Stirne streifte. Der Sandbruch, um dessen Säume der Wind und die
-Herbstblätter gelaufen waren, und die gelben Wände, über die Regen und
-Sonne gegangen, aber kein Menschenfuß -- das alles lag da als eine
-schlummernde Welt von Wundern. Und was die jubilierende, sinnende,
-träumende Jungenseele in Jahren hineingedichtet hatte, wurde wach und
-wandelte, wie es den Klang seiner Stimme hörte.
-
-O Menschen, die Ihr in den Steinbrüchen der Städte jung gewesen seid,
-was ahnt Ihr von den atmenden Geheimnissen der Erde! Was wißt Ihr vom
-Glück! Und was wißt Ihr vom Himmel!
-
-Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da pendelte noch die
-geschwärzte Weltkugel, die einmal ein Behälter für Schokoladenpfennige
-gewesen war, und geriet in ein stürmische Schwingen. Da hingen die
-Kästen mit den Schmetterlingen, da war ... es war alles da, was ein
-wundertätiges Jungenherz in Verstand und Unverstand als nötig zur
-Seligkeit erkannt hatte. Auch die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde
-Jockele besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs liegen auch
-in dem kleinen Haus am Horn -- aber sie liegen wohl in allen Häusern!«
-
-
-Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris Rinkhaus jemals
-oder gar schon an jenem Tag ihres ersten Zusammentreffens im
-Baumgarten am Horn einen Zweibund geschlossen -- aus dem Gefühl einer
-Interessengemeinschaft an Jockele -- ist nicht bekannt geworden. Es
-ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der alten Dame zu ihrem
-Pflegesohne war unbegrenzt von Anbeginn und wollte so bleiben bis
-zu dem Augenblick, in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding
-geworden wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie war
-mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere, eigenwillige Herz Dos
-eingezogen, als sie in der Kriegszeit zu ihr sagte:
-
-»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies unbegrenzte Vertrauen
-gestellt, weil ich meine, es ist keine Grundlage sicherer, Eltern und
-Kinder in alles überwindender Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die
-Bande des Bluts vermögen das nicht.«
-
-Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus geworden: man
-hatte in dem reichen Haus am Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die
-sie mit List oder elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie
-war aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren nicht zerrissen,
-aber die des Vertrauens wollte sie sich erkämpfen; darüber hatte sie
-das elterliche Haus verlassen, eine längst Mündige. Und sie wollte
-heimkehren, wenn ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen
-zugesprochen sein würde. --
-
-In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei Wandel eingetreten. Zuerst
-hatte sie ihn gesehen mit den Augen Maria Rehs: als den dunklen,
-blauäugigen Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des Lebens
-ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus seiner umblühten
-Waldjugend rein und schön und schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis
-des Lebens geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die ihm
-nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter Wunder heimlich in
-sein Herz fallen, wie der Frühling fällt in das Herz des Waldes. Und
-erschauerte in Ahnung harrender Herrlichkeiten.
-
-Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte die Fülle und
-Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus am Walde ward offen für sie --
-von Stund an wußte Do, daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die
-die Uhr seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.
-
-Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz anders als Maria Reh;
-denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig Jahren eine Distelbauerin, Tante
-Veronika aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen Welt
-unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein Staub in das blanke
-Getriebe fiel. Dabei war sie aber immer lächelnd bereit, es auch einmal
-putzen zu müssen.
-
-Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel und Erde zumeist
-bewunderte, so stand die freundliche Greisin mit den Scheiteln aus
-Silber ganz vorn. Und wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen
-zumeist liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden
-Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten Bändern, dem
-gelben Krückstock und dem ganzen sauberen Drum und Dran unter den
-Kastanien des durchsonnten Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl
-das kleine Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer wohnt?«
-
-Do ließ Fräulein Veronika an jenem Sommertage auf diese Frage hin auch
-gleich in ihr Herz spazieren; denn der Jakobus Sinsheimer hatte ja auch
-dort sein Kämmerchen gemietet.
-
-Wie dann Gwendolin mit den dürstenden Sinnen über Jockele kam, ward ihm
-nicht gekündigt ... aber es hockte sich doch eine frauenhafte, wachsame
-Eifersucht vor alle Türen dieses Herzens und hatte den Finger immerfort
-auf dem Schellenknopf.
-
-Darüber ärgerte sich Doris Rinkhaus, sandte Jockele eine
-Kriegserklärung und führte einen Kampf mit sich selber. Und weil sie
-auch in ihren Schlummer läuten hörte, reiste sie vor die bunten Tore
-des Bergwalds und wurde an Tante Veronika zu einer lächelnden Königin
-über sich selbst.
-
-Maria Reh fuhr gleich das schwere Geschütz der Sittlichkeit auf, als
-Jockele in Huschs Nebelnetze fiel. Doris Rinkhaus ließ sich von ihr die
-›leichtsinnige Lebensauffassung‹ vorwerfen und sagte: »Husch ist ein
-Irrtum, aber sie ist nur eine Gefahr für den Maler und nicht für den
-Menschen.« Und dann fand sie das leuchtende Wort, das für Maria Reh
-zu einem Stachel wurde: »Möchtest Du etwa die sein, an der er seine
-Jungmännlichkeit schleift?«
-
-Maria Reh fand sich nicht in die Fernen des anderen Geschlechts, die so
-nahe sind, daß sie sich mit den Händen greifen lassen, aber ihre Rätsel
-doch nicht enthüllen; sie sticken den Himmel der Nächte mit Sternen und
-müssen ihn schön und ahnungsvoll erhalten in Ewigkeit.
-
-
-Am zweiten Tage gingen Do und Jo miteinander auf den Steigen der
-Jugend. Da sagte Do zu ihm: »Sie müssen Tante Veronika verraten, daß
-Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ zu einer Art ›Berg der Seligkeiten‹
-gemacht haben, und daß Sie dann einen Glauben bekamen, der auch diesen
-Berg zu versetzen vermochte.«
-
-»Ja. Aber es ist grausam,« sagte er. »Ich habe ihr rauschende Briefe
-geschrieben und habe ihr gesagt, der ›Arme Heinrich‹ wäre nur ein
-sanftes, sentimentale Lied auf zwei Saiten; die ›Gruppe aus dem
-Tartarus‹ dagegen würde eine wilde Sinfonie des Schmerzes auf neuen,
-unerhörten Instrumenten sein.«
-
-»Sie haben da kaum ein Wort zu viel gesagt,« scherzte Do, »denn sogar
-ein Grabscheit hat mitgespielt.«
-
-»Mir ist heute, als würde ich nie wieder einen Pinsel anfassen! Wäre es
-nicht am besten gewesen, wenn ich auch die Farbentruhe mit zertrümmert
-hätte?«
-
-Da horchte Do auf in den Tiefen ihres Herzens; denn in diesen geheimen
-Kammern lagen heiße und freudige Wünsche, vor denen sie selbst
-erschrak, wenn sie merkte, daß sie anfingen, sie zu bedrängen.
-
-Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte: »Was wissen Sie
-von Goethe?« damals hätte sie diese Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm
-ausgebreitet.
-
-Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes Frauentum noch
-immer nicht zu wehren brauchte -- diese ungeschlossene Kraft reichte
-nicht an sie heran -- und vor dem es sich nicht beugen konnte ... aber
-es schritten da ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht
-hatten, und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die des
-langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem Bergwald heraus in die
-Arme gelaufen war.
-
-Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört hätte, wäre sie
-kampfwütig gegen Do geworden; denn es war ihr Stolz, daß sie dies
-Talent im Walde gefunden hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie
-an, mit Rührung Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit
-allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim kleinen Haus gepflanzt
-habe. -- Daß zuletzt doch der weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und
-den Jungen jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz in
-Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm darüber nicht
-schmälern.
-
-Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen künstlerischen
-Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten hatte -- wer
-aber wollte die Keckheit besitzen und ihm sagen, daß er einer der
-vielzuvielen wäre, die einem Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das
-sie für die Fackel des Genius hielten? --
-
-Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen worden, nun ward
-Do auf einmal bange, einem Quell nachzugraben, der am ersten heißen
-Tage wieder versiechen konnte.
-
-Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die Sterne lassen
-sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie sich auf dem Wege über die
-blauem Berge einmal die Knie zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies
-Pflücken der fernen Lichter gedacht?«
-
-Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter dem Kampf um Glück
-und Ruhm eines Künstlers? Was denken sich die Menschen dabei? Und was
-selbst der Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er Sieg
-wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war Glück! Aber wenn er nie
-zum Siege führt, dann heißt er Künstlerelend, und sein Symbol ist der
-Schmachtriemen. -- Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten
-fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu schauen; denn
-das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber ertappt -- ich hätte mich
-dieser guten, sorglichen Mutter nicht einen Tag lang verborgen! Es
-hätte sich dann wohl auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den
-Drängen meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch erst an
-zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich Tante Veronika und ihre
-Bücherei, kannte ich das Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und
-mich selber.«
-
-Do kam ins Wundern -- »Davon haben Sie mir nie ein Wort gesagt.«
-
-»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele. »Was hat man
-überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen! Aber nun, da ich mit dem
-Grabscheit auf mich losgehauen habe ...,« er blieb stehen und sah
-ihr lange und tief ins Herz ... »warum haben mir Zorn und Zufall ein
-Ding in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt, was tot
-ist? ... Kommen Sie,« rief er und faßte sie an der Hand, »wir wollen
-jenen glückseligen grünen Waldjahren ein Opfer bringen -- wir wollen
-pflanzenhaft und erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit
-Maria Reh!«
-
-Da liefen sie in kindhafter Fröhlichkeit über den Waldgrund, der ganz
-warm war von dem Lichte, das den junglaubigen Bäumen aus den Händen
-fiel, und sie warfen sich an einen Mooshang. Der war mit einem dünnen
-Schattennetze überstrickt; die hohen Stauden des Fingerhutes standen
-umher und hauchten aus den ersten offenen Blüten süßes Gift.
-
-Do hatte diesen roten Zauber im Walde nie zuvor gesehen. Hinter ihnen
-reckte sich ein schlanker Buchenbestand mit glänzenden Stämmen, der
-hatte ein goldenes Dach. Vor ihnen trällerte ein fußbreites Bergwasser
-an einer Kiefernschonung dahin, und der frühe Sommer hatte ihm die
-Ränder zu bunten Wundern gesäumt.
-
-Jockele stapfte in dem blühenden Glück der Heimaterde herum und brach
-einen Armvoll davon. Dann setzte er sich neben Do in das gebrochene
-Licht und suchte aus seinem Herzen hervor, was er dort in der ersten
-heißen Freude an der Welt zusammengetragen hatte. Da merkte er, daß die
-ganze Naturwissenschaft noch in feierlichster Ordnung war -- selbst
-das Linnésche System; aber er warf in seiner Freude tiefe und schöne
-Gedanken über das trockene Rüstzeug der anderen Jahre. Da wurde ein
-lustiger Tempel aus lebendigen Blumen daraus. Er blätterte weiter in
-dem Buche des Glücks, das nun längst ganz oben auf dem Regale seiner
-Erinnerungen gestanden hatte -- »Erde, heilige Erde!« rief er und
-drückte seine Lippen hin ins Moos. Und »Erde, heilige Erde!« rief er
-und schüttete alle Blüten über Do aus ...
-
-»Wann war das doch, wissen Sie -- wie ich mit dem Grabscheit den Berg
-der Seligkeiten zerschlug?«
-
-»Das ist schon sehr lange her,« sagte sie. --
-
-Aber nun ging es doch wunderlich mit Doris Rinkhaus.
-
-Wenn ihr jemand das Wort Schicksal zuwarf, so fing sie es mit hellem
-Lachen und spielte damit als mit einem goldenen Balle; dann ließ sie es
-fallen und sagte: »Ach was! Es gibt kein Schicksal!«
-
-Wer das aus ihrem Munde hörte, stellte sich ihr entgegen und dachte:
-»Wie kann ein so kluges, klares Mädchen solch eine Lächerlichkeit
-reden!«
-
-»Ich habe noch nie ein Schicksal gehabt,« sagte sie dann; »denn ich
-habe mein Leben immer nach meinem Willen gelenkt. Es waren Irrtümer da,
-und es lag Gelingen und Freude daneben -- aber Schicksal? Nein und
-tausendmal nein! Wenn man wach ist, und wenn man stark ist, gibt es
-kein Schicksal. Aber jeder Tag wird dazu, der mit Händen voll Gaben an
-Dich herantritt, und Du fragst ihn nicht: was will das werden?«
-
- * * * * *
-
-Allein -- es kommen Stunden mit geschlossenen Händen und ahnungsreichen
-Augen. Die sehen aus wie Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne.
-Und der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich tragen
-in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle -- dünke sie ihn nun
-ein Paradies oder eine Wüste. Die Menschen sagen dann: »Ich bin an
-diese Stelle verschlagen worden -- es ist das Schicksal.« Do sagte:
-»Das ist ein Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem
-Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet Euch tragen
-mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer frohen Hoffnung hingabt.
-Wo sind die Tage, die man nicht anders hätte leben können, wenn man
-gewollt hätte?«
-
-Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung gegen einen Jenenser
-Universitätsprofessor gestanden, der dem jungen Viktor von Scheffel
-sehr ähnlich war, und den sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie:
-»Das Schicksal eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines
-Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war, debattierte er mit
-lachender Losgelassenheit auf sie hin. Er sagte: »Ich sollte Offizier
-werden und trat in die Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich
-aus einer gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur
-Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille -- meine Augen
-waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen Rußland und Frankreich
-nicht als Kommandeur des dreizehnten Armeekorps mitmachte.«
-
-Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do; denn der gescheiterte
-General bewies ihr ihr Recht -- »Sie haben sich einer bunten Hoffnung
-an die Schürze gehängt«, lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum
-Offizier schlecht erwogen -- das nennen Sie nun Schicksal! Aber ich
-will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter machen können:
-ein Granatsplitter, der die Tücke des Feindes zertrümmern sollte,
-zertrümmerte den Himmel Ihres Auges -- das kann Schicksal sein. Es
-muß nicht; denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in
-diesen Kasten gebracht werden.«
-
-Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend küssende Sonne,
-jubilierende Blumen und trällernde Bäche, und was alles über eine
-himmelgesegnete Hochwaldstunde hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und
-Sinnenseligkeit, kann Schicksal werden.
-
-Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es vermag sich im Raum
-einer Stunde zehntausendmal zu verwandeln.
-
-Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.
-
-Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und flatterte ihren Wünschen
-nach. Sie dachte: »Soll ich mit dem Schicksal ein bißchen Verstecken
-spielen?«
-
-Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen und Anschläge und
-redete mit ihr: »Die Gwendolin hat er geküßt, und die Husch hat er
-geküßt -- was ist das für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen
-Herzlieb ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit der
-behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt gehabt. Am Rhein
-sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen -- weil sie
-wußten, daß ich reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn
-und hat lodernde Sinne ... Minchen Herzlieb hat tirilierende Augen
-und hat die Seidenbluse und das Röckchen voll Frühling ... Husch --
-na, Husch hat vielleicht die Seele einer Lilie, die sich als singende
-Sehnsucht über das närrische Herz eines Mannes tastet ... und Maria Reh
-lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den lustigen Halmen
-des Wachtelweizens -- vielleicht hat sie auch ein bißchen gelockt:
-›Junge, lieber Junge, komm und rat' mich!‹«
-
-So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen des
-Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen nach -- »Vor mich aber
-hat er noch nicht einmal seine Augen hingestellt, damit sie sagten: Do,
-Du bist auch hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« ... Die
-Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten
-Glase. »Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal
-schäumte wie vor Gwendolin -- man würde sich ja wohl helfen können ...
-Und wenn nicht? -- Na ...«
-
-Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen Hände der Sonne
-über ihre schlanken Glieder streichen. Es war süß und wohltätig. Sie
-bedeckte ihr Gesicht mit dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen,
-bunten, sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war, und
-schloß die Augen.
-
-So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise gehen.
-
-Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er nicht dachte, sie
-wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so ruhig weiterspinnen an dem
-langen Faden ihrer Erwartung -- warum prickelte er nicht?
-
-Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte sich über
-eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht -- -- Jakobus war da
-immer neben ihr gewesen und lächelte zurück auf die ferne Zeit seines
-jugendlichen Irrtums, in der er auf der Leiter geschwebt und die
-›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena
-die Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes
-gelehrtes Kunststück den ~Dr. phil.~ erworben.
-
-Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum erzählen. Sollte sie
-ein bißchen Schicksal spielen, das in Gestalt eines Traumes durch ihren
-Schlummer gezogen sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein
-unter dem trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten der
-Sonne?
-
-Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und schön war der Traum
-doch nur deswegen, weil er sie so heiß, heiß lieb hatte und weil sie
-geholfen, ihm den Weg zu bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.
-
-Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden Wunsche
-nachlaufen und mitten im Jauchzen den Boden unter den Füßen verlieren
-und um Hilfe rufen. Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum
-erzählte -- mochte er nun im Wachen oder im Schlummer zu ihr gekommen
-sein -- dann geschah es ihr wohl, daß sie in ein Paar sehr blaue, sehr
-schöne und sehr wehmütige Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog
-und sagte: »Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris Rinkhaus
-selber. Aber wenn ich den Willen hätte und die Kraft, nachzuholen,
-was ich zu diesem Ziele brauche -- wo wäre das Geld?« Dann könnte sie
-lächeln und sagen: »Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch
-keine Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe, werde ich
-natürlich auch für das bißchen Geld sorgen ...«
-
-Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in der auch die
-klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk des Hutes sickerten,
-ganz versiegt waren. Alles heimliche Glück war fort. Sie dachte
-den Traum zu Ende -- aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein
-Herzbeben. Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte: »Dann
-würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich werfen, oder er würde
-die wilde Art kriegen, in der er mit dem Grabscheit auf sich losschlug,
-und würde sagen: ›Wissen Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer
-kaufen?‹« Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort -- beides war in
-diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke schlug wild und
-häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich mit einem wilden Ruck
-empor --
-
-»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und warum rufen Sie mich
-nicht?«
-
-»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er erstaunt.
-
-»Ach, Unsinn,« sagte sie.
-
-»Warum machen Sie solch ein verlorenes Gesicht?«
-
-»Ich hatte mich in einen Gedanken verfitzt. Er war dumm und kindisch.«
-
-
-Es lag nichts gefestigter in dem Wesen Dos als der Wille, sich das
-königliche Recht der Selbstbestimmung in allen Stücken zu wahren,
-zumeist in den Angelegenheiten des Herzens. Der Gedanke, daß sie sich
-verschachern könnte, hetzte ein ganzes Heer von Gespenstern auf sie.
-
-Und es lag nicht minder in ihrer eigenwilligen Art, die nach keiner
-Seite hin eigensinnig oder gar verstockt war, sich den Platz an der
-Seite eines Mannes zu erkämpfen.
-
-Sie wollte nicht ›genommen‹ sein, wie man ein Stück aus dem
-Schaufenster des Krämers ersteht. Sie haßte lärmende Kleider und
-Hüte. Sie haßte die im Schwunge stehende Ausstellung, der die
-Mädchen gemeinhin huldigen, und konnte bitter und verächtlich von
-ihrem Geschlechte reden, wenn sie in den Zeitungen das verzweifelte
-Lockmittel der Mitgift ausgestreut fand.
-
-Ihre Empfindlichkeit in diesen Dingen wurde von niemandem verstanden.
-Am wenigsten von Maria Reh. Man kannte diese Empfindlichkeit auch in
-der Stadt. Es gingen da Gerüchte von ihrem überschwänglichen Reichtume,
-aber man wußte, daß sie sich jedem mädchenhaften Flirt gegenüber
-ablehnend verhielt. Daraus wuchs dann die Sage von der himmlischen
-Liebe zu Jakobus -- Maria Reh war daran nicht schuldlos; denn Do war
-durchsichtig -- wie denn starke Seelen alles Versteckspiel verschmähen
--- und sie hatte der Freundin nicht verborgen, daß sie den Gedanken
-als einen lieben Genossen träumerischer Stunden hätschelte: einen Mann
-durch sie zu einem Sieger des Lebens werden zu sehen.
-
-Als Jakobus die lodernde Stunde hatte und das Feuer seines Zornes
-über sich und sein Werk dahinrasen ließ, weil er nicht hatte einlösen
-können, was ihm der Rausch eines schaffenden Glücks versprochen,
-da stand sie daneben und fiel ihm nicht in die Arme; denn ihr Herz
-bewunderte ihn und jauchzte ihm zu.
-
-Und sie fühlte, daß sie unter den drei Mädchen, die um ihn gewesen
-waren, die einzige sei, die Seite an Seite mit ihm stand. Maria Reh
-lähmte dieser heilige Brand -- sie sah Wut und Enttäuschung. Husch sah
-ein Unglück und ging unter in Mitleid. Aber Doris Rinkhaus erkannte den
-Sieger.
-
-In jenem Augenblicke verschwieg sie sich Maria Reh; da hatten die
-Gedanken der Freundin freies Spiel, und sie erinnerte sich an Huschs
-krankhafte Furcht vor Do und sagte zu sich: »Dieses Mädchen sieht
-mit ihren wunderlichen Ahnungen in Fernen, die unseren hellen Augen
-verschlossen sind.« --
-
-Nun streifte Do mit Jakobus durch die heimatlichen Wälder. Sie fühlte,
-wie ihm das Herz aufging in Frohsinn, aber sie quälte sich mit einem
-Glück, vor dem ihr bange ward. Darüber verlor sie ihre Durchsichtigkeit
-für Jo.
-
-Sie kam in dem Kampfe mit sich selbst nicht zurecht; und vor dem einen
--- vor dem, was die zehntausend anderen für die einsamste Lösung
-gehalten hätten, prallte sie zurück.
-
-»Ueberlaß es der Zeit!« beriet sie sich und ward eine Stunde lang ganz
-frei und sorglos. Dann ärgerte sie sich darüber und sagte: »Er hat
-davongelaufene Jahre einzuholen -- ich werde zu einer Feindin an ihm,
-wenn ich nicht rede!«
-
-Sie war nicht mit ihm gegangen, weil sie in den Wäldern von Ibenheim
-von ihm hören wollte: »Ich werde keinen Pinsel wieder anfassen!« Aber
-nun, da er es gesagt hatte, war sie ihren heimlichen Plänen näher denn
-je.
-
-Sie wußte auch nicht, daß es zuletzt doch nur ihr überlegenes Alter
-und ihr geschlosseneres Menschentum waren, was ihm seine sanfte Scheu
-auferlegte. Er kam nicht zu dem Gefühle, daß er ihre Klugheit und klare
-Art beherrschte, wie es der Mann in ihm forderte -- die anderen Mädchen
-hatten ihm gegeben, was er wollte, er hatte sie gleich in die Hände
-bekommen, wie er sie in den Sinnen hatte. Und Husch war gar in ihm
-untergegangen. Doris Rinkhaus aber hatte für ihn immer den Königsmantel
-um, auch wenn sie im Moose lag und die Zärtlichkeiten des Sommers
-empfand, als kämen sie ihr von seinen Händen und seinen Lippen. --
-
-Sie hatten Sehnsucht nacheinander, wenn weiter nichts zwischen ihnen
-war als ein Streifen Sonne und Waldrauschen.
-
-Diese Sehnsucht war für ihn fremd und schön und sah genau so aus wie
-jene, mit welcher er den Prinzessinnen der Märchen nachgeträumt hatte,
-die sich von vier Schimmeln mit blauen Federstützen auf den Köpfen in
-einem goldenen Wagen durch den Wald kutschieren ließen.
-
-Und diese Sehnsucht war für sie ein ganz mädchenhaftes Wünschen nach
-junger Kraft und einem jubelnden Sieg über sie selbst.
-
-Aber so oft sie dachte, daß ihre Lippen verräterisch rot aufblühen
-könnten, ward sie noch wachsamer; denn sie sagte sich:
-
-»Wenn ich in diesem Kampf unterliege, komm' ich heim und habe seit zwei
-Jahren ein albernes Spiel mit mir und den Meinen getrieben ...«
-
-Die Schablone des Durchschnitts konnte an diese beiden jungen Menschen
-gelegt werden so oder so -- sie paßte nicht.
-
-Sie waren voll von den Drängen der Frühlingserde, aber sie streiften
-mit den Spitzen ihrer Finger die Säume eines Himmels, den sie über
-sich gewölbt hatten in ihrer reichen und glaubensvollen Jugend. -- Und
-zuletzt hatte sich Doris Rinkhaus doch in einen edlen Trotz des Herzens
-hineingelebt, der für Jakobus eine fremde, unnahbare Herrlichkeit war
--- er hatte für ihn um kein Mädchenherz gelegen. --
-
-So führten sie ihre Sehnsüchte spazieren im sommerstillen Bergwalde.
-Eins lief dem Herzen des anderen nach, und sie kamen sich doch nicht
-näher.
-
-Sie wanderten den weiten Weg zum Forsthaus an der Hörsel und fanden
-Matthias Prinz und das Zinzilein und das Kleine, dem der Kopf von
-hellgelben Haarringlein umweht war. Es hieß Maria und konnte sein
-junges Lachen schlagen wie ein Buchfink.
-
-Sie kehrten zurück in das Haus vorm Walde und hatten die Herzen voll
-Frohmut. Das Zinzilein war eine schlanke, junge Jägersfrau, war voll
-Waldfrische wie einst und suchte nach Geheimnissen an diesen beiden,
-wie sie nach Geheimnissen an Jockele gesucht hatte, als seine Augen
-voll erster heißer und seliger Ahnungen waren. Die Herzen im Jagdhause
-jubilierten hinter dem Zaun ihres Glücks, aber das war ein anderes
-Glück, als es die hochgemuten Träume suchen, die ausziehen, zu erobern.
-
-An diesem Abende rettete sich Do zu Tante Veronika.
-
-Jakobus war bei dem Pastor, mit dem er die Leiden und Freuden des
-zweiten lateinischen Uebersetzungsbuches, der Musterstücke aus
-lateinischen Klassikern und des Gallischen Krieges, durchlebt hatte.
-
-Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der wilden Stunde im
-Baumwinkel angehört, dazu die lange Geschichte, die vom Tartarus bis
-zum Berge der Seligkeiten reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen,
-wenn ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein wollte,
-nicht nur aus ferner genießender Betrachtung bekannt geworden wäre.
-
-Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den sachte wehenden
-Vorhängen saßen, brachte Veronika wieder die Rede darauf. Es lag ihr
-daran, den Jungen glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz
-freudig in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus in seinen
-Tagen gestanden hatte --
-
-»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit ihm sind,«
-sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig, ihm nicht
-wenigstens einen anderen Weg zu +zeigen+. Dieser Weg ist nicht leichter
-und nicht schwerer, und doch scheint mir, als würde er durch die
-Wissenschaft, durch die Tore einer Universität hindurch zu reinerer
-Befriedigung gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird.
-Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage zu ihr
-zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt, daß es so am besten für
-ihn wäre.«
-
-Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen Seiten sie alles
-Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und schritt ganz in Klarheit und
-Freude.
-
-»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie, »und könnte
-damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung anfangen. Läßt er
-dies Jahr jetzt verstreichen oder eine noch längere Zeit, so verschlägt
-er sich alle anderen Straßen ins Leben.«
-
-Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge, die ihn in die
-Akademie geführt hatten. Sie kannten auch beide seine Neigungen viel
-zu gut, als daß sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in
-die Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend und umschien
-Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.
-
-Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht zurück, kniete der
-alten Dame zu Füßen und legte ihr die Hände in den Schoß --
-
-»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie mir, daß Sie ihm
-nichts von allem verraten, was ich Ihnen nun sage! Sie brauchen mir
-meinen Wunsch ja nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich
-erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«
-
-Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre Worte als
-unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.
-
-Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen, und lassen Sie mich
-alle Kosten bestreiten! ... Das ist es, wovon er nichts erfahren darf,
-bis ich es ihm selber sage -- -- Himmel, was ist mir dies Wort so
-schwer geworden!« sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich dränge
-mich damit in Sie hinein -- Sie könnten auch meinen: ich dränge mich
-zwischen Sie und ihn. Aber nun, da es gesprochen ist, nun kann ich mir
-das Herz freireden! ... Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich
-werden als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz
-verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der in diesen Tagen
-aus der andern Zeit über ihn gekommen ist. Ich denke mir die Sache so:
-schalten wir drei Jahre der Studien in sein junges Leben, so bereichern
-wir ihn, und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit, auch
-wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche der Kunst ein König
-hätte werden können. Dann mag er alles wieder aufnehmen, was einst sein
-war; denn von dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit
-Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn Sie ihn nicht
-jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«
-
-»Haben Sie schon mit ihm darüber geredet?« fragte Veronika.
-
-»Nein,« sagte sie, »ich habe aber alles mit mir erwogen seit jener
-Stunde, in der ich ihn im Baumwinkel die große Leinwand begeistert
-aufrichten sah.«
-
-»Sie wußten also, daß es damit nichts werden würde?«
-
-»Nein -- ich fürchtete es nur. Es hat nichts zu bedeuten.
-Enttäuschungen, wie sie am Wege wachsen und wie sie auf eine stürmische
-talentvolle Jugend an allen Enden warten! Es hat sicherlich nichts zu
-bedeuten,« beruhigte sie.
-
-»Warum wollen Sie ihm das nicht alles selber so schön und glücklich
-sagen?« forschte Veronika.
-
-Da senkte Do ihre Stirn auf die Knie der alten Frau und sagte: »Ich
-kann es ja nicht! Er würde mich auch an Sie weisen, weil ich ihm nicht
-verraten darf, daß ich ihm die Mittel dazu anbiete. Oder er würde sich
-vorkommen als ein Ding, mit dem ich Versuche machen will, weil ich es
-mir so in mein närrisches, eigenwilliges Herz gesetzt habe; und er
-könnte aufwieglerisch werden und sagen: Probieren Sie das mit einem
-anderen oder mit sich selbst!« Da merkte sie, daß sie um die Sache klug
-und eindringlich herumredete ... »Ach Gott,« sagte sie, »ich müßte
-Ihnen da wohl noch etwas erzählen, aber Sie wollen es nicht wissen;
-denn Sie fühlen, daß ich dafür keine Worte finde!« Dann richtete
-sie sich auf und trat wieder hinter den blauen Vorhang der Nacht:
-»Denken Sie so: was ich selbst bei meinen Eltern niemals durchzusetzen
-vermochte, und was ich auch nicht mehr wollte, als ich älter geworden
-war, das möchte ich nun an Ihrem Sohne zur Tat werden sehen! Ich hoffe,
-es wird ein großes Glück -- hätte ich sonst zu Ihnen davon geredet?«
-
-
-In den nächsten Tagen war sie oft mit Veronika allein. Veronika sagte:
-
-»Ich bin über die Jahre hinaus, in denen man sich in rauchende
-Begeisterung sinnt, und ich liebe ein klares und richtiges Sehen. Ich
-will mit Jakobus sprechen -- nein, wir beide wollen mit ihm sprechen;
-denn Sie sollen sehen, wie er den Gedanken erfaßt. Aber das kann ich
-Ihnen schon sagen: ich gehe in großer Freude mit Ihnen; denn ich
-habe mich oft gefragt, ob ich in allen Stücken richtig mit dieser
-Jungenjugend verfahren bin.«
-
-So wurden sie sich über alles einig. Und am vierten Tage danach, zur
-Teestunde, baute Tante Veronika sicher und umsichtig den Plan vor ihm
-auf. Es konnte natürlich kein Geheimnis daraus gemacht werden, von
-welcher Seite er kam.
-
-Da jubelte Jockele nicht, und er war nicht betrübt, sondern blieb in
-allerschönster Ordnung und fragte besinnlich: wie es denn mit dem Gelde
-wäre?
-
-»Sie würde dafür sorgen,« sagte Tante Veronika.
-
-Da sagte er: »Es ist ein sehr weiter Weg, aber er ist verlockend, und
-Du hast ein großes Vertrauen zu mir.«
-
-Dann ging er hinüber in die Gartenhütte und blieb dort allein bis zur
-Stunde des Nachtmahls.
-
-Was sollte das heißen? Das kleine blühende Waldmädel hatte zuerst zu
-ihm gesagt: »Du mußt ein Naturforscher werden.« Und nun wachte dies
-Wort eines Kindes noch in dem alten, lieben Haus und durchlief als Echo
-alle Winkel und Herzen. Und Doris Rinkhaus, die ihr Leben so fest in
-den Händen hielt, fing den silbernen Ball und warf ihn ihm zu. Wollte
-sie damit sagen: »Jakobus Sinsheimer, haben Sie denn an der ›Gruppe
-aus dem Tartarus‹ nicht erkannt, daß Ihre Kunst bankrott ist?« Wollte
-man ihm die Einsicht Dos verheimlichen und ihn schonen? Oder dachten
-sie, daß er durch sein wurzelgründiges Verfahren im Baumwinkel diesen
-Bankrott selbst angesagt hätte und nun nicht mehr wüßte, wohin er sich
-wenden sollte? ... Wenn er wirklich einmal zu der Erkenntnis käme, daß
-er damals Maria Reh in einen Irrtum hinein gefolgt sei, in den ihn der
-Jammer jenes fremden Sterbens im Winterwalde gedrängt hatte -- was dann?
-
-Nun, dann mußte er doch noch von neuem zu lernen anfangen, um sich eine
-Stellung im Leben zu erkämpfen, vielleicht einen mühseligen, armen
-Posten.
-
-Es war zum zweiten Male, daß er so ans Rechnen geriet. Einst, wenn
-Tante Veronika die Augen schloß, mußte er sie beerben. Er hatte sich
-nie um ihre Vermögensverhältnisse gekümmert, Wenn sie ihren kleinen
-Schatz seinetwegen in diesen letzten Jahren ihres Lebens verringerte,
-wenn sie in jedem Monate davon nahm, um ihm zu geben -- konnte sie ihn
-nicht eines Tages rufen und zu ihm sagen: »Jakobus, Du mußt nun auf Dir
-selbst stehen; denn alle Güte und Liebe einer Greisin kann die kleine
-Truhe nicht mehr mit Gold füllen. Ich habe Dir alles gegeben, was ich
-hatte, bis auf den kargen Rest, an dem ich mich ins Grab leben muß.«
-
-Was dann?
-
-Sie hatte ihm gesagt, für fünf oder sechs Jahre, und -- wenn er mit dem
-auskommen könnte, was sie für ihn bestimmt hatte -- wohl auch noch für
-länger, wollte sie mit dankbarer Freude für ihn sorgen.
-
-Aber was dann?
-
-Mit dieser Frage in den Augen erschien er beim Nachtmahle.
-
-... »Ich habe wohl ein bißchen in den Tag hinein gelebt,« sagte er;
-»ich weiß nicht, ob nach der Art der vielen oder nach meiner eigenen.
-Es schadet nicht, wenn ich besinnlicher werde.«
-
-Er redete das aus einer Versonnenheit des Herzens heraus, in die er in
-der Gartenhütte geraten war, und es klang, als hätte er ganz vergessen,
-daß die Frauen mit ihm zu Tische saßen.
-
-»Es ist aber ein wunderlicher Kram, wenn einer sich schieben läßt aus
-der einen Sache in die andere. Das darf nicht sein, wenn er nahe an
-die Zwanzig gerückt und ein so langer, gesunder Mensch ist, der schon
-einmal ein Galeriestück, ein Monumentalgemälde verpatzt hat ...«
-
-Darüber wachte er auf und lachte.
-
-»Du sollst gar nicht geschoben werden,« sagte Tante Veronika.
-
-»Ich habe das auch nicht so gemeint,« sagte er und hatte seine hellen
-Augen wieder. »Ich reise morgen früh nach Weimar und will zusehen, wie
-man so etwas eigentlich macht. Es ist eine feine Sache, meine Damen,«
-scherzte er, »aber sie ist für den, der sie angreifen möchte, doch
-etwas ganz Ungeheuerliches. Heute früh sagte ich noch: ich habe einen
-solchen Haufen Naturwissenschaft im Kopfe, daß ich mich wundere, wohin
-das alles über dem Armen Heinrich und dem Tartarus und den Stößen von
-Akten und Landschaften gekommen war. Ich habe auch gedacht, es ließen
-sich drei dicke Bände damit füllen -- aber nun, da ich nicht mehr damit
-spielen soll, ist auf einmal nichts Gescheites mehr vorhanden ...« Er
-verfiel wieder in das Alleinsein -- »Jakobus Sinsheimer, Du sollst
-Student werden! Du Waldjunge, Du Schmetterlingsjäger, Du Stein- und
-Pflanzensammler, Du Zigeunerfindling sollst an die Türen der Hochschule
-klopfen und Einlaß fordern! ... Es sitzt da einer an seinem Tische und
-fragt: Auf welchem Gymnasium waren Sie?«
-
-»Auf keinem.«
-
-»Wo haben Sie Ihre Zeugnisse?«
-
-»Es sind keine da.«
-
-»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für eine Vorbildung?«
-
-»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe eine Gruppe aus dem
-Tartarus zerhauen. Ich kann die Klassen des Linnéschen Systems seit
-vier Jahren vor- und rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern
-des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der Grundformen bei
-den Organismen. Ich weiß ...«
-
-Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können Sie sich allenfalls ein
-paar Kollegs -- nicht ohne Nutzen für sich selbst -- schinden, wenn Sie
-sehr viel Zeit haben. Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude
-ersetzt Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann ...«
-
-Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem Zuhören darauf los.
-Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen Appetit nicht dazu,
-dieses Selbstgespräch als prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er
-redete mit langen Unterbrechungen.
-
-Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er sich mit Stolz
-neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem Hiersein oft von Tante
-Veronikas großem Schrankspiegel bestätigen lassen, daß sein hoher,
-geschlossener Aufbau mit gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig
-geltend machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus
-ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart zwar noch bis auf
-weiteres zum Opfer fiel. Aber vor den Ohren hatte er sich kecke
-Kotelettchen stehen lassen, die ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend
-bezeugten.
-
-Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen ungewaschen
-daherschreitet, und das den Robespierrekragen und den in der Hand
-getragenen Hut sowie ein durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes
-Wesen als zur ›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er
-geschmackvoll aus dem Wege gegangen.
-
-Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur Schau getragenen
-Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad in der Woche dem Menschen genau so
-nötig wäre wie jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.
-
-Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu der rauchenden
-Auflehnung verstiegen: es wäre eine brüchige Weisheit geworden: ›Sage
-mir, mit wem Du umgehst, so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ -- es
-müßte heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen,
-was Du wirst‹. -- Er hatte wenig Verständnis mit dieser unerhört
-rebellischen Anschauung gefunden.
-
-Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg gefahren, erklärte
-ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika vereinbart, den Sommer über im
-Frühlingshause zu wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende
-Fäden aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr schöne und
-reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen wollte.
-
-»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu haben bis zum
-Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.
-
-»Den Winter über reise ich vielleicht nach Bonn, oder ich bleibe in
-Weimar -- ich weiß das noch nicht. Ich will aber meine Wohnung im
-Gartenhaus am Horn nicht aufgeben.«
-
-»So!« sagte Jockele und setzte das kleine Wort hin wie ein Siegel. Er
-war horchend geworden -- »Ist das etwa, weil ich gedacht habe, ein so
-langer und so alter Mensch dürfe sich nicht aus einer Sache in die
-andere schieben lassen?«
-
-»Nein,« sagte sie.
-
-»Dann werde ich sehr einsam sein.«
-
-»Wissen Sie, daß wir uns im Baumgarten oft wochenlang kaum gesehen
-haben?«
-
-»Es ist wahr,« sagte er -- »in Zeiten, in denen ich sehr fleißig
-gewesen bin.«
-
-Am andern Morgen reiste er nach Weimar. Als er unter den Kastanien
-durch den Garten schritt, sah ihn Maria Reh kommen und lief ihm
-entgegen.
-
-»Wie steht es mit Husch?« fragte er.
-
-»Der Arzt hat sie in eine Nervenheilanstalt geschickt,« sagte sie; »er
-erklärte für ausgeschlossen, daß sie je wieder in Ihre Dienste träte.
-Sie haben einen ganz wilden Einfluß auf dies Mädchen gehabt und haben
-Sie physisch und seelisch zerbrochen.«
-
-»Ich habe gar nichts dazu getan,« sagte er; »aber vielleicht wäre ich
-ihr Schicksal geworden.«
-
-»Das ist die selbstsüchtige, harte Männerart -- ›ich habe gar nichts
-dazu getan!‹ Hätten Sie sie früher fortgeschickt! Nun müssen Sie doch
-auch ohne das arme Geschöpf auskommen.«
-
-»Nun! Nun ist das ganz etwas anderes.«
-
-Er ging mit ihr durch sein kleines Haus -- »Husch ist wirklich nicht
-mehr darin!« sagte er, »das haben nicht ihre Hände getan!«
-
-»Nein, ich selbst habe ein bißchen Ordnung geschafft.«
-
-Dann ging er mit ihr durch den Garten und setzte sich an den Tisch mit
-der machtvollen Bank, die am Südzaune steht, und erzählte ihr, wie es
-mit Do und mit ihm wäre.
-
-Maria Reh fand das unerhört. Sie faßte den Plan als einen ganz
-persönlichen Kampf Dos gegen sie auf, so, als ob sich Do ärgerte, weil
-Maria Reh Jakobus aus dem Bergwald in die Akademie gebracht hatte ...
-»Nun will sie mich übertrumpfen und will Sie in die Universität führen!«
-
-Sie sagte das, als hätte sie einen Stengel Wolfsmilch zwischen den
-Zähnen.
-
-»Die Sache sieht also genau so aus, als würde ich zum drittenmal in die
-Schule gebracht,« lachte Jockele, »zuerst von Tante Veronika, dann von
-Maria Reh, zuletzt von Doris Rinkhaus ... Aber dies dritte Mal findet
-Jakobus Sinsheimer seinen Weg allein.«
-
-»Sie denken überhaupt daran, ihn zu gehen?«
-
-Er zog die Achseln -- »Es läßt sich doch nicht so ohne weiteres von der
-Hand weisen. Einstweilen: auf gute Nachbarschaft, liebe Maria!«
-
-Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie er sich
-abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft -- bis Sie sich
-selbst untreu werden!«
-
-
-In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht. Er war wieder
-einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen war bis unter das Dach
-voll von der anderen Zeit. Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der
-Seligkeiten -- es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten dabei,
-das er damals mit erschauernder Hand aus dem innersten Herzen Gottes
-heraus gemalt hatte.
-
-Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie dann doch nicht.
-Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte Worte gehabt, nun fastete
-er seine Seele durch eine verlorene Stille und wußte nicht, was das
-werden sollte.
-
-Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena -- es jährte sich nun, daß
-ihn Gwendolin so hart auf den Rand des Lebens aufgeklopft hatte -- und
-eine Stunde später stand er im Zimmer Ernst Haeckels.
-
-Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher er den Mut
-genommen hatte, sie zu erleben.
-
-Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er saß in seinem Lehnstuhl
-und schaute ihn aus seinen gütigen, hellen Augen an und ließ sich
-erzählen, wie es um diesen Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch
-geführt, welches jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl
-am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.
-
-Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute Wort -- es muß verraten
-werden, daß er in diesen Tagen Goethes naturwissenschaftliche Schriften
-gelesen hatte und an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam
-herangetreten war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl ausgerüstet
-anträte.
-
-Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht, bleibt lebendig
-bis an die Pforten des Todes. Eine Stunde, die das Licht eines großen
-Mannes durchstrahlt, wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer
-Wunderlampe -- Türen der Finsternis springen vor ihr auf und werden
-Glanz, Schlacken werden Brand und Steine fangen vor ihr an zu blühen ...
-
-Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt aus der
-Gegend des Tartarus. Er fühlte Flügel, wo er die Arme trug, und es war
-wieder eine Fackel in seiner Hand -- just wie damals, als er der Welt
-das neue Licht zu bringen hatte.
-
-An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften. Er schrieb
-einen Brief nach Ibenheim, der war stolz und mutig, aber er hütete sich
-doch vor Flügen, die ihm -- so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern
-des Berges der Seligkeiten -- ihre Gefahren hatten. Doris Rinkhaus mit
-den sichtigen Augen würde diesen Brief auch lesen, und sie war Zeuge
-seines jammervollen Absturzes gewesen.
-
-Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe er dem
-anderen seine Seele: »Ich will nun doch nicht mit beiden Füßen in das
-tiefe Meer springen, das sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter
-den Rändern des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine
-Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt sein. Ich
-will ruhig meines Weges fahren ... Es muß nicht die Matura sein, es
-geht auch mit dem Einjährigenzeugnis der Kunstschule, es geht zwar nur
-bis zur kleinen Matrikel -- aber wenn dann der Maler den Studierenden
-der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen hat, wird es ja
-wohl auch weiter gehen. Im Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum
-einjährig-freiwilligen Militärdienst ...«
-
-Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur Schwunglosigkeit. Er
-verbarg das Glück an dem gefundenen Wege nicht, aber der Tartarus war
-zu nahe, und die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu einer
-höchst gemäßigten Begeisterung. --
-
-Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und kann darüber mit
-sich und der Welt zerfallen; einem Windhund passiert das nicht; denn
-sein ganzes Leben ist ein Irrtum.
-
-Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge Mensch -- warum
-setzt er sich nicht ein Jahr hinter die Bücher und läßt sich testieren,
-was er gelernt hat? Es warten Tausende von jungen Leuten in der Welt
-auf ein Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb
-unentschlossen davor -- es fehlt ihm der Trieb, und er ist zuletzt doch
-nur ein Blender.
-
-Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen wilden und bitteren
-Kampf mit sich selbst; denn es ward herrschend, was die Erziehung in
-sorgsam gehüteten Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man
-ihm ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles will ich
-Dir geben, wenn ...« Und auf der anderen Seite stand Maria Reh, die
-ihn damals zu sich selbst geführt hatte, und kämpfte um ihn. Sie war
-verärgert und hatte der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn
-schiffbrüchig machen wollte.
-
-So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh, als die langen
-Sommerferien Ruhe brachten.
-
-Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber die
-Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale; denn danach
-fragte man ihn in der Oktoberprüfung nicht. Es klangen auch die Worte
-Ernst Haeckels in ihm nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten
-Semester. Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und Wiese
-gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die Naturwissenschaften
-gewesen waren, die ihn zur Kunst geführt hatten. Seine Freude an
-Farben, Formen und Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als
-Künstlerin belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher
-Entdeckerlust nachgegangen war.
-
-Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie bedrängte Tante
-Veronika nicht, aber sie quälte sich doch an dem ruhevollen Zuwarten
-der alten Freundin, und die Frage trat groß und voll Rätsel vor
-sie hin: warum diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen
-Menschen, der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald zog?
-
-Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die Mitte des Septembers
-ein Brief kam, der von der Oktoberprüfung redete, und wie er
-wohlgerüstet hineinschritte. Er hätte auch viele Tage gemalt, und die
-Sorge um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm zuletzt ganz
-aus dem Sinne gekommen ...
-
-Gwendolin hatte Weimar im September für immer verlassen. Ehe sie ging,
-hatte sie ihn noch mit Felidora Ritter bekannt gemacht. Das war etwas
-ganz Neues, Schlankes und Schwärmerisches. Sie sah aus wie ein reifes
-Kornfeld mit Mohn und Cyanen und war Kunstgewerblerin. Sie war eine
-von jenen, welche die Männer -- wenn sie brünett und sehr jung sind
--- schon über dem Begegnen in gehobene Stimmung versetzen. Dazu kam
-für Jockele, daß sein Herz einen Sommer lang verwaist gewesen war
-wie nie im Leben. Da zog er alle Wimpel und Segel hoch und fuhr der
-ährenblonden Felidora entgegen.
-
-Es war eine lumpige Zeit. Sein Herz hing wie die Weltkugel aus Blech
-an einem dünnen Faden und pendelte, wohin er es stieß.
-
-Manchmal fiel ihm ein, daß die Prüfung nahe wäre. Er hatte da einen
-Stapel Bücher auf dem Tisch und schlug hin und her eins auf: dürftiger
-Kram, den er kannte, und der neben ihm lag. Und davor hatte ihm auch
-nur eine Stunde gebangt? -- Es sah in ihm aus wie in seinem Häuschen,
-das er den Sommer über selbst in Ordnung gehalten hatte. Das Gartenhaus
-Dos stand nun seit zwei Monaten mit geschlossenen Augen ...
-
-Darüber bekam die tiefe Schattenstille und grüngoldene Einsamkeit
-Stimme und sagte: »Jakobus Sinsheimer, was ist das mit Dir? Da sitzt
-die blonde Felidora in dem Stübchen Gwendolins -- warum nimmst Du sie
-Dir nicht? Es ist ein feines, hohes und sommerliches Mädchen ...«
-
-Er ließ sein Herz reden, bis es durstig wurde. Dann lief er mit
-begehrlichem Munde zu ihr. Und als er sie fand, führte er sie auf dem
-alten Wall unter den hohen Kastanien durch die Schlüpfe im Zaun.
-
-»Eigentlich fürchte ich mich vor Ihnen,« sagte sie. »Auf diesem Weg ist
-Gwendolin und Husch und Minchen Herzlieb gegangen und Maria Reh und
-Doris Rinkhaus. Alle in zwei Sommern. Es ist ja ein ganzes Heer ...«
-
-»Und Felidora, meine große Sehnsucht,« setzte er hinzu. »Die anderen
-sind alle von selber gekommen, aber Felidora hab' ich gesucht -- schon
-seit einer Woche.«
-
-Da ging sie mit in den Baumgarten.
-
-Sie hatte ein buntes und freudiges Kleid an, und in ihrer Stimme war
-ein Klang aus sommerlichen Feldbreiten, voll von zitterndem Glanze.
-
-Jockele dachte: »Man möchte sich an Dich hinschmiegen wie in die
-Aehren, die über den Sommerrainen wehen.«
-
-Dabei sah er sie an, und sie sagte: »Jawohl, ich fürchte mich doch vor
-Ihnen.«
-
-»Das ist fein,« sagte er und faßte sie so sachte unter und schritt mit
-ihr über die blanken Netze, die auf der Baumwiese lagen. Da verfingen
-sich ihre Füße in den Maschen von Gold, und sie sanken in das Gras.
-
-Die Grillen sangen, als ob es Zeit der ersten Mahd wäre. Aus den
-Feldern zog noch der Duft von gebackenem Brot, aber die Felder waren
-längst abgeerntet. Und hin und wieder sprang ein reifer Apfel ins Gras.
-Das war unter dem Regen und der Sonne des Septembers noch einmal so
-wogehoch und blumig geworden, daß die Hasen darin Pfingsten feiern
-konnten.
-
-In diesem Grase küßte er sie, und sie wollte sich mit ihren Händen
-schützen.
-
-»Es tut nicht weh!« sagte er.
-
-»Nein?« fragte sie.
-
-»Guck an, wie fein Du küssen kannst!«
-
-»Es ist mir ja gar nicht eingefallen, Sie zu küssen.«
-
-»Du brauchst auch gar nicht! Aber leiden mußt Du es.«
-
-So schäkerten sie sich ganz hinein in das goldene Netz. Den Hut und
-die Handschuhe und die Tasche Felidoras hatten sie noch rasch daneben
-hingelegt. Und auf dem hohen Walle saß der Sommer und warf einmal eine
-grüne Schale vom Kastanienbaum, da sprangen die braunen, reifen Früchte
-heraus.
-
-Das Gebüsch des Baumwinkels hielt alle Hände über sie, und Jockele
-rauschte wie das Meer, wenn sich die Morgensonne hineinstürzt.
-
-»So -- nun laß Dir mal noch was für morgen,« sagte sie ernsthaft. »Du
-bringst mich ja um mich selber! Jetzt gehen wir hinein, oder wir gehen
-hinaus ins Feld, und Du liest mir das Hexenlied vor.«
-
-Da bekam er weite Augen und suchte nach dem Faden, an dem der Tag mit
-diesem Gedichte aufgereiht war.
-
-Sie merkte das und rettete sich rasch in die Höhe und sagte: »Denkst Du
-denn, man kennt in Weimar nur Deine irdischen Lieben?«
-
-Er besann sich, wie er an dem Hexenliede wild geworden und in
-pathetischem Rausch auf die Leiter vor Dos Fenster gestiegen war. Der
-mädchenhafte Schwatz, den nur Maria Reh betrieben haben konnte, fiel
-ihn jäh an.
-
-In diesem Augenblick schlug er sich auf und riß das Kapitel Maria
-Reh heraus und warf es in den Winkel zu dem Fastnachtsspiele Minchen
-Herzlieb.
-
-»Wie solch eine große und füllige Person ihren Nachbarn das Leben
-verleidet!« sagte er. »Sie ist wie der Papagei, der nebenan auf der
-Mauer steht und alle Sonnenruhe in Fetzen reißt. Sie braucht immer ein
-Tamtam und haut an alle Herzen. Sie ist eine Gehässigkeit oder eine
-Geschmacklosigkeit -- und dies alles, weil sie keiner geheiratet hat!«
-
-»Einst war Maria Reh aber Deine himmlische Liebe.«
-
-»Na ja!« -- Er schütterte sich lachend wieder hinein in die frühere
-Helligkeit; die blühte in roten Küssen wie Mohn im Sommerkorn.
-
-»Wir müssen doch hineingehen,« sagte er; »denn ich berausche mich über
-dem lauten Lesen an meiner Männlichkeit.«
-
-»Da auch?« neckte sie.
-
-»Es ist aber nicht mehr so schön und still bei mir und von so
-sehnsüchtig-schmerzlicher Hingebung umrankt wie einst, als ich ... als
-ich noch Maler war ... Setz Dich so,« sagte er, »mit dem Rücken nach
-mir!«
-
-Er drehte ihr den Lehnstuhl herum, daß sie nun den kleinen Ofen ansehen
-mußte.
-
-Er hatte auf einmal ein ganz feierliches Herz und eine feierliche
-Stimme, und dann las er und schaute manchmal auf, ob sie sich nach ihm
-umwende.
-
-Weil sie andächtig war, als hörte sie mit geschlossenen Augen zu,
-schwelgte er sich in ein blutrotes Martyrium hinein. In ein tiefes
-Erleben wollüstiger Schmerzen. Es rollte Donner aus der Klosterzelle
-des Mönchs Medardus, es jauchzte das wilde, verbotene Lieben, es klagte
-der Jammer, es jubelte der Sieg. Und als er geendigt hatte, wandte sich
-Felidora nicht um. Er lehnte am Fenster und fühlte, wie der Schweiß an
-seinen Schläfen herniedersickerte. Sie blieben noch lange so.
-
-Da krähte Tante Veronikas kleine Standuhr keck über das verebbende
-Meer, das da aufgewühlt war, und Felidora sprang empor und warf ihre
-Arme um ihn und sagte: »Das war schön und groß! Und solch ein Mensch
-setzt sich in solch einen Winkel und rät an sich herum, was er werden
-soll? Werde Schauspieler, Jakobus!«
-
-Sie jubelte das heraus, wie die Pendule ihren silbernen Schlag. Sie
-jubelte das mitten in die Stunde hinein, in der er das Kapitel Maria
-Reh aus seinem Leben gerissen hatte; und Doris Rinkhaus war weit, weit
-von ihm. Husch allein war nahe und fastete sich so durch ihre weißen
-Tage, an denen er selbst sacht und karg geworden war. Das Pathos des
-Berges der Seligkeiten fiel noch mit schönem, purpurnem Leuchten über
-ihn ... Und nun standen Felidoras blaue Schwärmeraugen vor ihm und
-warfen ein fremdes, nie gesehenes Licht in seine Seele.
-
-Aber es zuckte ein Wetterleuchten an dem dämmerigen Himmel seines
-Herzens. -- »Wenn sie das sagt,« dachte er, »so bin ich nichts weiter
-als ein Tag in ihrem Leben! Sie will nichts von mir; sie hält keine
-Rechnung in den Händen wie Minchen Herzlieb und sagt nicht: das und das
-bist Du mir schuldig geworden. Ich bin ihr wieder einmal zu jung, und
-sie wollte nur sehen, wie so etwas gemacht wird.«
-
-Die Gedanken flogen in ihm auf wie verstürmte Vögel.
-
-»Ich hüpfe immerfort auf Schwellen,« sagte er, »seit drei Monaten
-immer so in keuchendem Schwunge ... Naturforscher, Maler, Bräutigam,
-Schauspieler, ~Primo amoroso~, Spitzenreiter, Zerstörer des Berges der
-Seligkeiten, Zigeuner, Hypnotiseur -- hast Du die Stirn, zu sagen, ich
-hätte es mit achtzehn Jahren zu nichts gebracht? Komm!« rief er und
-langte den Hut vom Nagel am Türpfosten herab und drückte sich ihn keck
-aufs Ohr.
-
-»Wohin?«
-
-»Eine Laute will ich mir kaufen und Schellen an den Hut -- so, weißt
-Du, so!«
-
-Er wogte in komischen Sprüngen vor ihr hoch und nieder und hatte die
-Augen voll Hexenlied und Juchhei. Dann warf er den Hut auf den Stuhl
-und tobte in Anderthalbmeterschritten durch die Stube.
-
-Da ließ sie ihn toben und setzte sich mit ihrer lichten
-Sommerhelligkeit auf den Stuhl und sagte: »Du, ich glaube, Du bist ein
-richtiges Genie.«
-
-»Ja, ja, Genie!« sagte er. »Genie, das hab' ich in der langen Reihe der
-Gipfelhöhen meines ruhmreichen Daseins vorhin vergessen!«
-
-»Ach, komm doch zu Dir! Solch ein tragikomisches Gesicht paßt nicht für
-Dich und bringt mich wieder zum Fürchten.«
-
-Da zog er ihr das Kleid zurecht, und sie ließ sich von ihm fertigmachen
-zum Ausgang.
-
-»Heut abend gehen wir ins Theater. Was ist heute?«
-
-»Die Räuber. Und morgen Pygmalion.«
-
-»Wir gehen an beiden Abenden hin. Schade, daß nicht auch solch ein
-halbverblödeter Wedekind dabei ist -- ich meine, man könnte sich da
-gleich ein paar nette Rollen aussuchen,« lachte er bitter. Aber draußen
-unter den Bäumen, durch die eine nachmittägliche Drossel silberne Fäden
-zog, fand er sich und ward wieder ein brauchbarer Mensch.
-
-Sie sagte, an den Tagen, an denen sie ins Theater gingen, wollte sie
-nicht kommen. -- Er war froh, als diese Tage vorbei waren; denn danach
-trieben sie ihre junge Liebe wild und königlich in die Blüte.
-
-Er hatte sich eine Frau verschafft, die das Häuschen festlich machen
-sollte zu Felidoras Geburtstag; er war am fünften Oktober, sie wurde da
-einundzwanzig.
-
-Man sah vom Wall aus in die Gärtnereien hüben und drüben, über die der
-Herbst alle Brunnen seiner Kraft ausgoß an Astern und Dahlien. Es war
-eine ausgelassene Farbenlust, und die Kastanien taten ihre goldenen
-Königsmäntel dazu um. Auf den Feldern loderten die Kartoffelfeuer
--- es waren die Tage, in der sich Frühling, Sommer und Herbst zum
-Ringelreihen finden und noch einmal alle Vogel- und Menschenherzen
-abschießen.
-
-Jockele hatte das kleine Haus für Felidora von allen drei Jahreszeiten
-rüsten lassen; denn seine Seele feierte schon seit einer Woche Hochzeit.
-
-Am fünften Oktober, der wieder voll Sonne war, daß sie über die
-Fensterstöcke hereinquoll und über die Sündflut seiner Sinnenfreude
-klingend dahinströmte, entlockte ihm Felidora das Gelöbnis: er sollte
-zu dem Regisseur gehen und ihm das Hexenlied vorsprechen. Er konnte
-auch sagen »Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,« oder den Melchthal
--- er hatte in den Stunden, in denen Felidora nicht bei ihm war, ein
-bißchen in den Klassikern herumgelernt. Aber er ahnte das wartende
-Gelöbnis da noch nicht, sondern nur das Verlöbnis, in das er sich
-in seiner Art wieder einmal mit aller Frische und Vergessenheit
-hineinschwang.
-
-Es war noch ein Hundertmarkschein vom Armen Heinrich her dagewesen,
-den er in der kleinen Standuhr verborgen hatte. Aber die Theaterfreude
-Felidoras war nun auch über den gekommen, und in diesen fünften Oktober
-rollten die letzten beiden Zwanzigmarkstücke, rollte sein Herz in
-purpurrotem Leichtsinn, rollte die Warnung Gwendolins, sich nicht immer
-gleich zu verheiraten, rollten Gott und Teufel in ihm ...
-
-Am anderen Morgen, als die Blüten alle angewelkt waren und ein
-Herbstregen in grauer Unerbittlichkeit an die Fenster klapperte, gellte
-das wachsame Uehrlein in seinen späten Schlaf. Es hatte schon die Sechs
-und die Sieben ärgerlich gerufen, aber die Acht schrie es unheimlich
-und angstvoll.
-
-»Du, ich glaube, die Frau ist draußen und will ins Haus.«
-
-»Sie ist immer auf morgens zehn Uhr bestellt,« sagte er und fand sich
-aus der Nacht und dem anderen Tage herüber.
-
-Auf einmal -- --
-
-»Ja, was trommelt denn die draußen so wild an das Fenster?«
-
-»Herr Sinsheimer! Herr Sins--hei--mer!«
-
-»Unerhört!«
-
-»Herr Sins--hei--mer!«
-
-Herr Sinsheimer stürzte ans Fenster und riß es auf --
-
-»Zum Teufel, Frau, sind Sie denn um den Verstand gekommen?«
-
-»Ach Gott, Herr Sinsheimer, Sie haben mich doch heute so früh bestellt!
-Es ist doch heute der sechste Oktober! Ich warte schon seit einer
-geschlagenen Stunde -- Sie haben doch gesagt, am Sechsten hätten Sie
-die Einjährigenprüfung.«
-
-Jawohl. Um acht Uhr hatte die Sache begonnen. Und fünf Minuten nach
-acht Uhr stand der Herr Sinsheimer im Nachthemd am Fenster des kleinen
-Hauses am Horn Nr. 35 und stemmte den Himmel mit seinen langen Armen
-über sich, der auf ihn herniederbrach -- grauenhaft und mitleidlos, wie
-nur ein Himmel einfallen kann.
-
-
-Der Roman ›Jockele und die Mädchen‹ ist zu Ende; denn was nun kommt,
-ist eine sehr verständige und sehr symmetrische Geschichte, die mit
-einem Examen anfängt, mit einem Examen fortfährt und mit einem Examen
-endigt. Jockele bestand die Prüfungen alle drei -- und was hernach
-kommt, heißt ›Jockele und seine Frau‹, darf aber nicht beschrieben
-werden ...
-
-
-Weil der Himmel einfiel und kein Halten war, stürzte Jakobus Sinsheimer
-im Nachthemd in die Hosen. Was aus dem Nachthemd herausschaute,
-überschüttete er mit kaltem Wasser. Die Aufwartefrau erkannte
-inzwischen den Zweck des Blumenfestes; sie vergaß, den schwarzen
-Schulterkragen abzulegen und drängte dem Jockele das Handtuch und die
-Zahnbürste auf. Felidora war ein wenig kärglicher gekleidet und hob ihn
-in Weste und Joppe. Er ergriff die Mappe mit dem Schreibpapier, stülpte
-sich den Hut auf wie damals, als er die Laute der Verzweiflung erstehen
-wollte, die Krawatte schwang er in der Rechten, daß sie hinter
-ihm zur Tür hinausflatterte -- er knüpfte sie unter den triefenden
-Kastanienbäumen. So stürmte er dahin. Die Stufen vom Horn hinab in den
-Park. Ueber die Naturbrücke. Ins Fürstenhaus. In den Prüfungssaal ...
-
-Da wunderte sich der Herr Professor Redslob ein bißchen; denn das
-Thema zum deutschen Aufsatz hatte er längst gegeben, und viele Federn
-knirschten schon eifrig übers Papier. Aber er lächelte seine duldsame
-Freundlichkeit über Jockele dahin, auch ohne das Erlebnis ganz zu
-durchschauen -- denn das wird ihm erst in diesen Zeilen verraten --
-aber Jockele hatte seinen Lokalruhm. Deshalb kam ihm der Professor
-entgegen und sagte: »Na, Sie werden wohl eine überzeugende Abhaltung
-gehabt haben -- Witterungsverhältnisse oder so,« und er nannte ihm
-das Thema in Geduld noch einmal. Dann rückte sich Jockele in den
-Unbequemlichkeiten des für die obwaltenden Umstände viel zu geräumigen
-Nachthemds zurecht, überzeugte sich, daß er auch wirklich da wäre, und
-fing an, sich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst
-zu erwerben. Nach acht Tagen hatte er auch ›das Mündliche‹ bestanden.
-
-In dieser Woche, die zwischen Anfang und Ende der Prüfung lag,
-ereigneten sich zwei Dinge für ihn.
-
-Zuerst bekam er einen Brief aus Ibenheim. Der verkündigte ihm, daß
-Doris Rinkhaus mit Tante Veronika eine frohe Fahrt über die Alpen
-angetreten hatte -- sie wollten in Sestri-Levante und Nervi den
-Winter verbringen. Do schrieb, daß sie erfahren hätte, wie Tante
-Veronika, seit sie Jockele aus dem Walde gezogen, in Enthaltsamkeit und
-selbstvergessener Sorge für den Jungen, außer der raschen Fahrt nach
-Weimar, Ibenheim nicht verlassen habe; darum hätte sie die alte Dame
-aufgeladen und sei mit ihr in den Frühling an das Südmeer gezogen.
-
-Darüber kam Jockele zum drittenmal ans Rechnen, und er hatte
-feierliche Gedanken und sagte: »Was hat diese Tante Veronika für ein
-opferfreudiges und großes Herz! Und was ist diese Doris Rinkhaus für
-ein tapferes und königliches Mädchen!«
-
-Er hatte überhaupt gute Vorsätze in dieser Woche; denn gute Vorsätze
-haben ihren Platz zwischen den Schwellen und sind einundeinhalb Meter
-lang. Deshalb reichen sie noch einen Schritt weit über jede Schwelle
-hinweg. --
-
-Das andere Erlebnis betraf Felidora.
-
-Sie hatte am sechsten Oktober gegen Abend die delikate Annäherung eines
-jungen Bankbeamten gehabt, den ihre Sommeraugen und ihre ährengelbe
-Feldstille ernsthaft sehnsüchtig nach ihr machten. Da erteilte sie sich
-einen Generalpardon und zog schuldlos und schön dem neuen Glücke nach.
-
-Das gestand sie Jockele, und er stieß ein teilnahmsvolles »Oh!« hervor;
-er sagte ihr auch, daß er nicht verständnislos für ihre Wünsche sei,
-und daß sie gute Freundschaft halten wollten -- er selbst ginge mit
-Semesterbeginn nach Jena studieren.
-
-Da quittierte sie ihm über das seelenvolle »Oh!« mit einem bedauernden
-»Ach?« Und er erfaßte ihre beiden Hände und sagte: »Du schönes, hohes
-Mädel! Und nun mußt Du mir mein Wort zurückgeben; die verrückte Stunde,
-in der Du mich zum Komödianten machen wolltest -- wo ist sie geblieben?«
-
-Es schienen danach noch sonnige Oktobertage um das kleine Haus im
-Baumwinkel.
-
-Da bereitete sich Jockele zum Auszuge. Er kramte viele welke Zeichen
-des Erinnerns unter den mancherlei Dingen hervor, die er mit
-hinübernehmen wollte in das neue Leben.
-
-Als er seine Wohnung aufkündigte, erfuhr er, daß auch Maria Reh nicht
-mehr in das Gartenhaus zurückkehre. Nun hatte Doris Rinkhaus die weiße
-Stille oder grüne Einsamkeit ganz allein, so oft sie darin leben wollte.
-
-In diesen letzten Tagen stand Jockele einmal gegen den Zaun gelehnt, an
-dem er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte, und ließ die vielen
-Bilder lieben Zusammenlebens der beiden Jahre durch seine Seele gehen.
-Da merkte er: Doris Rinkhaus leuchtete über alle hinweg und stand als
-ein großer, schöner Stern an dem Himmel, an dem nun die Nacht des
-Vergessens heraufziehen sollte.
-
-Da wurde ihm, als wäre alles Licht von ihr gekommen, und als hätte sein
-Herz keiner andern gehören können, weil sie es fest in ihren Händen
-hielt. Warum hatte er ihr dies nie sagen können? Es drängte ihn, ihr
-die Stunde, diese letzte Stunde im Baumwinkel, zu beschreiben und ihr
-zu sagen, wie er seine Arme nach ihr ausgebreitet hätte. Aber ihr
-blondes Königinnentum verbat sich das. Und er -- -- so zwischen den
-Schwellen! --
-
-Es wachsen in dem Winkel, in dem der Zaun des Tartarus gegen den
-Grenzzaun nach dem Wall stößt, drei Kastanienstämme aus einer Wurzel.
-
-Zu dem einen trat er hin und schnitt mit dem Messer ihren Namen in die
-Rinde: Do -- groß und tief. Und durch das D grub er ein J. Wer nicht
-wußte, was diese Zeichen bedeuteten, der mochte lesen »Dio« -- es waren
-ihre Namen, beide in einem.
-
-Wenn Doris Rinkhaus wieder einmal auf der Schwelle zu dem Gartenhause
-stand und ihre Augen wandern ließ über die Stellen frohen Beisammensein
-aus den glücklichen Jahren, dann mußte sie die Zeichen im Stamm
-entdecken. Sie allein unter allen Menschen, die hierher kommen würden,
-verstand sie.
-
-Das war der Brief, den er ihr schrieb -- es war der erste, und sie
-sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte. --
-
-Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den Schlüssel und sagte:
-»Wenn ich wiederkäme, dann käm' ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«
-
-In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm beraten, welche
-Vorlesungen er belegen sollte, und wurde Student. Er dachte nicht
-an die Matura -- erst wollte er ein Stückchen hineinlaufen in die
-Wissenschaft.
-
-Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der Stadt, aber er fand
-sich da nicht zu sich selber. Und um die Novembermitte, als er vier
-Wochen in Unbehagen in der steinernen Straße unter vermauertem Himmel
-gelebt hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm
-den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang. Er konnte nicht
-durch die verschlossenen Schlüpfe im Zaun -- da stieg er über und
-sprang hinein in den alten, einsamen Winkel, in dem noch die Dieme
-gespaltenen Holzes stand, der so wintertraurig und so voll von Leben
-war.
-
-»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um den Stamm der
-Kastanie, in die er die Namen geschnitten. Er war Maler gewesen und war
-Student geworden, aber er hatte nicht leben gelernt in den steinernen
-Gassen; nun lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz
-an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder -- ich kann nicht daheim
-werden unter fremden Menschen, nicht daheim werden in der anderen
-Stadt, nicht daheim werden in mir selber. Ich will an jedem Tage nach
-Jena reisen -- was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«
-
-Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete sich in eine
-tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.
-
-Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und in die Einsamkeit,
-die um ihn waren.
-
-Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht. Es wurde Frühling
-und Sommer.
-
-In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen durfte,
-suchte er Farben und Pinsel hervor und den grauen Malerkittel und malte
-den Garten von allen Ecken aus, er malte die Häuser -- er malte sich
-Schätze der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte
-Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden müßte. Er dachte an Do,
-für die er dies Bild bestimmte und jenes -- und ob sie wohl einmal
-sagen würde, wenn sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer --
-den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«
-
-Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.
-
-In den langen Sommerferien reiste er nach Ibenheim.
-
-Tante Veronika tat freudig geheimnisvoll, und eines Tages ging sie mit
-ihm zur Haltestelle der Bahn -- so ganz von ungefähr, und war stolz auf
-ihren glücklichen, langen Studenten, der voll von grausam gelehrter
-Weltbetrachtung war.
-
-Da lief der Zug ein, und Doris Rinkhaus stieg heraus und stürzte der
-alten gütigen Frau ans Herz.
-
-Und weil Jakobus zur Salzsäule geworden war, da er auf das leuchtende
-Wunder hinschaute, sagte sie: »Na, Jockele?«
-
-Da zersprang er -- »Do! Do!«
-
-Die Welt ging unter, und er hatte gerade noch Zeit, Doris Rinkhaus
-zu retten, und trug sie auf seinen glückseligen Armen über den
-Bahnsteig und in seinem Herzen, in seinen Augen hinauf auf den Berg ins
-Frühlingshaus.
-
-Da hatte er sein zweites Examen bestanden -- ~summa cum laude~. Es
-dauerte viele Tage, aber das Zeugnis bekam er schon am ersten.
-
-Wie Do und Jo ›Du‹ zueinander sagten, und er längst keine Scheu mehr
-vor ihrem Königinnentum hatte, ließ sich auch Tante Veronika das
-Gelöbnis der Verschwiegenheit zurückgeben. Es war eine schöne und helle
-Stunde, in der sie ihm ihr Herz aufschloß -- diese Stunde sah aus
-wie Doris Rinkhaus. Aber Do war hinausgegangen; denn Jockele war in
-allen Stücken gewachsen, seit er mit Gwendolin das lebende Bild in der
-Fasanerie gestellt hatte. Sie ahnte, was käme, und wollte dazu ganz
-allein mit ihm sein.
-
-Danach fing er an, Hochzeit zu feiern, und sagte: das Gartenhaus am
-Horn riefe nach ihr, und er malte es ihr mit Worten von Herrlichkeit
-und Sehnsucht. Aber Doris Rinkhaus sagte: »Ich werde auch wieder einmal
-in dem Gartenhause wohnen -- da nehm' ich Tante Veronika mit, und es
-wird sehr fein.«
-
-Wieder verging ein Jahr, wieder hatten Do und Tante Veronika den
-Winter im Frühling des Südens verbracht, und wieder saßen Do und Jo
-in den Sommerferien vor dem thüringischen Buchenwalde. Da erzählte
-ihr Jockele viel von der ›Entwicklung der Organismen aus eigener
-Kraft durch die physikalische und chemische Energie der lebendigen
-Substanz‹, viel von ›plastischem Distanzgefühl‹ und wie die Natur die
-wundervollsten Kunstgebilde schaffe. Er erzählte ihr, daß er diesen
-Kunstgebilden nachginge, und just wie einst male er, was er sehe; und
-er schreibe dazu, was er erkannt hätte. Und daß dies eine Förderung
-der Wissenschaft bedeutete. Noch ein Jahr wollte er daran arbeiten,
-dann wollte er das Werk einreichen und damit zum Doktor promovieren. Es
-wurde fertig und hieß ›Der Kunsttrieb der Natur‹.
-
-Von dem ›Schmetterlingsbuche mit Illustrationen‹, das der Dorfjunge
-in der Gartenhütte von Ibenheim verfaßt hatte, bis zu diesem war ein
-weiter Weg.
-
-Sein väterlicher Freund Haeckel las es, und er klopfte ihm auf die
-Schulter und sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter -- auch ohne
-Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister, und aus
-einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein
-gelehrter Doktor.«
-
-Da bestand er sein drittes Examen -- diesmal ~cum laude~.
-
-Danach reisten sie nach Bonn -- Do und der Doktor und Tante Veronika
-und das Mädchen Mali; denn Veronikas neunundsechzig Jahre mochten die
-Hilfe der alten Dienerin auch auf der Reise nicht mehr entbehren.
-
-Damit ist die symmetrische Geschichte mit den drei Prüfungen zu Ende.
-
-Die Gartenhäuser am Horn in Weimar liegen wieder einsam. Aber unter
-den Sommerbäumen schreiten schöne, lichte Gestalten, gaukeln liebe und
-bunte Träume. Und wer am Kastanienstamm beim Zaun die eingeschnittenen
-Namen betrachtet, für den erwachen die Träume zum Dasein; denn um
-Sieger leben die Vergangenheiten.
-
-
-
-
-Von +Max Geißler+ sind im Verlage von L. Staackmann in Leipzig
-erschienen:
-
-
- Das Tristanlied. Epos
- Die Rose von Schottland. Epos
- Gedichte. Volksausgabe
- Die neuen Gedichte. Volksausgabe
- Die Bernsteinhexe. Schauspiel
- Die Herrgottswiege. Roman
- Das hohe Licht. Roman
- Am Sonnenwirbel. Roman
- Das Heidejahr. Roman
- Das Moordorf. Roman
- Das sechste Gebot. Roman
- Der Erlkönig. Roman
- Die Glocken von Robbensiel. Roman
- Nach Rußland wollen wir reiten! Roman
- Die Musikantenstadt. Roman
- Hütten im Hochland. Roman
- Inseln im Winde. Roman
- Die goldenen Türme. Roman
- Die Wacht in Polen. Roman
- Briefe an meine Frau
-
-
-
-
-Ullstein-Bücher
-
-Neue Bände:
-
-
-Vom Müller-Hannes
-
-von Clara Viebig
-
-Der Hintergrund dieses Romans von Clara Viebig ist das Eifelland mit
-seinen vulkanischen Bergkuppen, seinen Schluchten und Heiden, seinen
-weltabgeschiedenen Dörfern. Bauerntrotz und Bauernhochmut bereiten
-dem Müller-Hannes sein Schicksal. Mit staunenswerter Kraft macht die
-Dichterin diesen Charakter lebendig. Stimmungsschwere Romantik und
-meisterlicher Realismus vermählen sich in ihrem Werk, das unter den
-deutschen Volksromanen unserer Zeit einer der echtesten und stärksten
-ist.
-
-
-Die schwere Not
-
-von Richard Skowronnek
-
-»Die schwere Not« ist der dritte von Richard Skowronneks
-Ostpreußen-Romanen, die mit den »Sturmzeichen«, der Voraussage
-des großen Krieges, begannen und zu dem Roman »Das große Feuer«
-überführten. Mit herber Wucht stellt »Die schwere Not« die ersten
-Begebnisse nach der Kriegserklärung dar, den Aufmarsch der
-ostpreußischen Truppen gegen das in riesenhaften Feldlagern versammelte
-russische Millionenheer und den Einbruch der Kosakenhorden. In starker
-persönlicher Ausgestaltung gibt der Dichter wieder, was nachher kam:
-die opfermütige Abwehr und die Zeit der russischen Herrschaft in
-Masuren.
-
-
-Kriegsgetraut
-
-von Otto von Gottberg
-
-Otto von Gottbergs Erzählung, die in die Stimmungen des deutschen
-Seekriegs einen echt und warm empfundenen Liebesroman stellt,
-schildert hell und farbig die Junitage an der Kieler Regatta. Sie
-malt die Ausfahrt des deutschen Hochseegeschwaders, die Heimkehr der
-lichtweißen, von vier Kreuzern gefolgten »Hohenzollern«, ein schweres
-Seegefecht, den kühnen Flug eines Marinefliegers. Dem Heldentum der
-deutschen Flotte hat Otto von Gottberg dieses kleine Werk geweiht.
-
-
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-Bisher erschienen
-
-
-Paul Oskar Höcker:
-
-An der Spitze meiner Kompagnie
-
-
-Fedor von Zobeltitz:
-
-Kriegsfahrten eines Johanniters
-
-
-Kurt Aram:
-
-Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
-
-
-Ludwig Ganghofer:
-
-Reise zur deutschen Front 1915 / Die stählerne Mauer / Die Front im
-Osten / Der russische Niederbruch
-
-
-Ernst Freiherr von Wolzogen:
-
-Landsturm im Feuer
-
-
-Otto von Gottberg:
-
-Kreuzerfahrten und U-Bootstaten / Die Helden von Tsingtau
-
-
-Emil Zimmermann:
-
-Meine Kriegsfahrt von Kamerun zur Heimat
-
-
-Heinz Tovote:
-
-Aus einer deutschen Festung im Kriege
-
-
-Rudolf Hans Bartsch:
-
-Das deutsche Volk in schwerer Zeit
-
-
-Paul Grabein:
-
-Im Auto durch Feindesland
-
-
-Kapitänleutnant Freiherr von Forstner:
-
-Als U-Boots-Kommandant gegen England
-
-
-Ernesto Freiherr Gedult von Jungenfeld:
-
-Aus den Urwäldern Paraguays zur Fahne
-
-
-Jeder Band 1 Mark
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- Ullstein & Co
- Berlin SW 68
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt. Offensichtliche Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde
- vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 175: Stile → Stille
- dem Häuschen mit blumenhafter {Stille} und Hingabe
-
- S. 186: hinausgeführt → ausgeführt
- so sollte er auch ohne sie {ausgeführt} werden
-
- S. 205: Himmels → des Himmels
- alle Mächte {des Himmels} und der Erde
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND DIE MÄDCHEN ***
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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