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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Der Stechlin</p> -<p>Author: Theodor Fontane</p> -<p>Release Date: November 28, 2016 [eBook #53628]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN***</p> -<p> </p> -<h3>E-text prepared by Peter Becker<br /> - and the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (http://www.pgdp.net)</h3> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>, -in Antiqua gesetzte Passagen sind <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/logo.png" alt="Signet" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Theodor Fontane</p> - -<h1>Der Stechlin</h1> - -<p class="center">Roman</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center p2">S. Fischer, Verlag, Berlin<br /> -1922</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center gesperrt">43. bis 46. Auflage</p> - -<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Der Stechlin</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<h2 id="Schloss_Stechlin">Schloß Stechlin</h2> - -<h3 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen -Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee -bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine -mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, -nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich -mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. -Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der -<em class="gesperrt">Stechlin</em>«. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle -steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum -von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eigenen -Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. -Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf, -aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur -selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten -auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von -Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, -wenn es weit draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf -Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen -der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben -wird. Dann regt sich's auch <em class="gesperrt">hier</em>, und ein Wasserstrahl -springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen -alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, -so setzen sie wohl auch hinzu: »Das mit dem Wasserstrahl, das<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber draußen -was Großes gibt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann -brodelts hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt -statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in -die Lande hinein.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das ist der Stechlin, der <em class="gesperrt">See</em> Stechlin.</p> - -<p>Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der -Wald, der ihn umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte -Dorf, das sich, den Windungen des Sees folgend, um -seine Südspitze herumzieht. Etwa hundert Häuser und Hütten -bilden hier eine lange, schmale Gasse, die sich nur da, wo eine -von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee die Gasse -durchschneidet, platzartig erweitert. An eben dieser Stelle -findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf Stechlin -zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der -Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem -kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in -seinem Schaufenster. Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar -hinter dem Pfarrhause, steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, -so ziemlich in seiner Mitte, die frühmittelalterliche Feldsteinkirche -mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden -Dachreiter und einem zur Seite des alten Rundbogenportals -angebrachten Holzarm, dran eine Glocke hängt. Neben diesem -Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her -heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter -fort, bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden -und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten -Bohlenbrücke haltmacht. Diese Brücke ist sehr primitiv. -Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter -Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern.</p> - -<p>Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, <em class="gesperrt">Schloß</em> Stechlin.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p class="drop">Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches -Schloß, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher -Zeit her auch noch der Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, -sich in den See hinein erstreckende Landzunge zu einer -kleinen Insel machte. Das ging so bis in die Tage der Reformation. -Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß -niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall überlassen, -auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis kurz -nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">I.</em> die ganze -Trümmermasse beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. -Dieser Neubau war das Haus, das jetzt noch stand. Es hatte -denselben nüchternen Charakter wie fast alles, was unter dem -Soldatenkönig entstand, und war nichts weiter als ein einfaches -<em class="antiqua">Corps de logis</em>, dessen zwei vorspringende, bis dicht an -den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und innerhalb -desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges -Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte. -Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende -Rampe, von deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk -schon wieder abfiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben -unverkennbar, gerade diese Rampe zu was Besonderem zu -machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit exotischen -Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch -gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade -diese kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden -Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. -Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben -hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn -in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen -infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter -die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des <em class="antiqua">Butomus -umbellatus</em> auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig -ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten,<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, -der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören.</p> - -<p>Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin -führte, so natürlich auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein -Stechlin.</p> - -<p>Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut -Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen -von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen -Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in -Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich -sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die »schon vor -den Hohenzollern da waren,« aber er hegte dieses Selbstgefühl -nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, -so kleidete sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er -seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen -machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus -dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit -(während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade -sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn -empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und -extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen -deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil. -Paradoxen waren seine Passion. »Ich bin nicht klug genug, -selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's andere -tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten -gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie -langweilig.« Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte -selber gern.</p> - -<p>Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich -gewesen. Von jung an lieber im Sattel als bei den -Büchern, war er erst nach zweimaliger Scheiterung siegreich -durch das Fähnrichsexamen gesteuert und gleich danach bei -den brandenburgischen Kürassieren eingetreten, bei denen selbstverständlich<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -auch schon sein Vater gestanden hatte. Dieser sein -Eintritt ins Regiment fiel so ziemlich mit dem Regierungsantritt -Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">IV.</em> zusammen, und wenn er dessen -erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor, -»daß alles Große seine Begleiterscheinungen habe.« Seine -Jahre bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre -gewesen; nur Anno vierundsechzig war er mit in Schleswig, -aber auch hier, ohne »zur Aktion« zu kommen. »Es kommt für -einen Märkischen nur darauf an, überhaupt mit dabei gewesen -zu sein; das andre steht in Gottes Hand.« Und er schmunzelte, -wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal in Zweifel -darüber lassend, ob er's ernsthaft oder scherzhaft gemeint habe. -Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger -Kriegs war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder -in seine Garnison Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied, -um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb verödetes -Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier warteten seiner -glückliche Tage, seine glücklichsten, aber sie waren von kurzer -Dauer – schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich -eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn -und halb aus ästhetischer Rücksicht. »Wir glauben doch alle -mehr oder weniger an eine Auferstehung« (das heißt, er persönlich -glaubte eigentlich nicht daran), »und wenn ich dann oben -ankomme mit einer rechts und einer links, so is das doch -immer eine genierliche Sache.« Diese Worte – wie denn der -Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der Kinder -begegnet – richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal -verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes -und Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man -ihm, dem Sohne, den pommerschen Namen »Dubslav« -beigelegt hatte. »Gewiß, meine Mutter war eine Pommersche, -noch dazu von der Insel Usedom, und ihr Bruder, nun ja, -der hieß Dubslav. Und so war denn gegen den Namen schon<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger, -als er ein Erbonkel war. (Daß er mich schließlich schändlich im -Stich gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich -dabei, solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein Märkischer -ist, der muß Joachim heißen oder Woldemar. Bleib im -Lande und taufe dich redlich. Wer aus Friesack is, darf nicht -Raoul heißen.«</p> - -<p>Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun -schon an die dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, -aber jetzt lag alles hinter ihm, und er lebte »<em class="antiqua">comme -philosophe</em>« nach dem Wort und Vorbild des großen Königs, -zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war sein Mann, -mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen gemacht -hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß -er einen Bismarckkopf habe. »Nun ja, ja, den hab ich; ich soll -ihm sogar ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, -als ob ich mich dafür bedanken müßte. Wenn ich nur wüßte, -bei wem; vielleicht beim lieben Gott, oder am Ende gar bei -Bismarck selbst. Die Stechline sind aber auch nicht von schlechten -Eltern. Außerdem, ich für meine Person, ich habe bei den -sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei den -siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich -immer die größere; – ich bin ihm also einen über. Und -Friedrichsruh, wo alles jetzt hinpilgert, soll auch bloß ne Kate -sein. Darin sind wir uns also gleich. Und solchen See, wie den -›Stechlin‹, nu, den hat er schon ganz gewiß nicht. So was -kommt überhaupt bloß selten vor.«</p> - -<p>Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber destoweniger -stolz war er auf sein Schloß, weshalb es ihn auch verdroß, wenn -es überhaupt so genannt wurde. Von den armen Leuten ließ -er sich's gefallen: »Für die ist es ein ›Schloß‹, aber sonst ist es -ein alter Kasten und weiter nichts.« Und so sprach er denn -lieber von seinem »Haus«, und wenn er einen Brief schrieb,<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -so stand darüber »Haus Stechlin«. Er war sich auch bewußt, -daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem, als -der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Türmen und -seinem Luginsland, von dem aus man, über die Kronen der -Bäume weg, weit ins Land hinaussah, ja, damals war hier -ein Schloßleben gewesen, und die derzeitigen alten Stechline -hatten teilgenommen an allen Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner -Grafen und die mecklenburgischen Herzöge gaben, und -waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens verschwägert -gewesen. Aber heute waren die Stechliner Leute -von schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und beständig -bemüht waren, durch eine »gute Partie« sich wieder -leidlich in die Höhe zu bringen. Auch Dubslavs Vater war -auf diese Weise zu seinen drei Frauen gekommen, unter denen -freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt -hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von der zweiten Frau -stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer Vorteil -ergeben, und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer -Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn -er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten Freund -Baruch Hirschfeld gehabt hätte. Dieser Alte, der den großen -Tuchladen am Markt und außerdem die Modesachen und -Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer hieß, »Gerson -schicke ihm alles zuerst« – dieser alte Baruch, ohne das »Geschäftliche« -darüber zu vergessen, hing in der Tat mit einer -Art Zärtlichkeit an dem Stechliner Schloßherrn, was, wenn es -sich mal wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte, -regelmäßig zu heikeln Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld -Vater und Hirschfeld Sohn führte.</p> - -<p>»Gott, Isidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist -das Neue? Das Neue versammelt sich immer auf unserm -Markt, und mal stürmt es uns den Laden und nimmt uns die -Hüte, Stück für Stück, und die Reiherfedern und die Straußenfedern.<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Ich bin fürs Alte und für den guten, alten Herrn von -Stechlin. Is doch der Vater von seinem Großvater gefallen -in der großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem -Leben.«</p> - -<p>»Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit seinem -Leben. Aber der von heute …«</p> - -<p>»Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und -wenn er nicht hat, und ich sage: ›Herr von Stechlin, ich werde -schreiben siebeneinhalb‹, dann feilscht er nicht und dann zwackt -er nicht. Und wenn er kippt, nu, da haben wir das Objekt: -Mittelboden und Wald und Jagd und viel Fischfang. Ich seh -es immer so ganz klein in der Perspektiv, und ich seh auch schon -den Kirchturm.«</p> - -<p>»Aber Vaterleben, was sollen wir mit'm Kirchturm?«</p> - -<p>In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen -Vater und Sohn, und was der Alte vorläufig noch in der -»Perspektive« sah, das wäre vielleicht schon Wirklichkeit geworden, -wenn nicht des alten Dubslav um zehn Jahre ältere -Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten Vermögen -gewesen wäre: Schwester Adelheid, Domina zu Kloster Wutz. -Die half und sagte gut, wenn es schlecht stand oder gar zum -Äußersten zu kommen schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu -dem Bruder – gegen den sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden -hatte –, sondern lediglich aus einem allgemeinen -Stechlinschen Familiengefühl. Preußen war was und die -Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die -Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß in andern Besitz -und nun gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich. -Und über all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind -da, ihr Neffe Woldemar, für den sie all die Liebe hegte, die sie -dem Bruder versagte.</p> - -<p>Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet wuchs -das Gefühl der Entfremdung zwischen den Geschwistern, und<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -so kam es denn, daß der alte Dubslav, der die Schwester in -Kloster Wutz weder gern besuchte noch auch ihren Besuch gern -empfing, nichts von Umgang besaß als seinen Pastor Lorenzen -(den früheren Erzieher Woldemars) und seinen Küster und -Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch -Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen war -und ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei -kamen nur, wenn sie gerufen wurden, und so war eigentlich -nur einer da, der in jedem Augenblick Red und Antwort stand. -Das war Engelke, sein alter Diener, der seit beinahe fünfzig -Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt hatte, seine glücklichen -Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit. -Engelke, noch um ein Jahr älter als sein Herr, war dessen Vertrauter -geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav verstand -es, die Scheidewand zu ziehen. Übrigens wär es auch -ohne diese Kunst gegangen. Denn Engelke war einer von den -guten Menschen, die nicht aus Berechnung oder Klugheit, -sondern von Natur hingebend und demütig sind und in einem -treuen Dienen ihr Genüge finden. Alltags war er, so Winter -wie Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es -zu Tisch ging, trug er eine richtige Livree von sandfarbenem -Tuch mit großen Knöpfen dran. Es waren Knöpfe, die noch die -Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen hatten, -weshalb Dubslav, als er mal wieder in Verlegenheit war, -zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn von Kortschädel gesagt -hatte: »Ja, Kortschädel, wenn ich so meinen Engelke, wie er -da geht und steht, ins märkische Provinzialmuseum abliefern -könnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das war im Mai, daß der alte Stechlin diese Worte zu -seinem Freunde Kortschädel gesprochen hatte. Heute aber -war dritter Oktober und ein wundervoller Herbsttag dazu. -Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug, hatte die Türen aufmachen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -lassen, und von dem großen Portal her zog ein erquicklicher -Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen -gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Marquise -war hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne, -deren Lichter durch die schadhaften Stellen hindurchschienen -und auf den Fliesen ein Schattenspiel aufführten. Gartenstühle -standen umher, vor einer Bank aber, die sich an die -Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten gelegt. Auf -eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, saß der alte Stechlin -in Joppe und breitkrempigem Filzhut und sah, während er -aus seinem Meerschaum allerlei Ringe blies, auf ein Rundell, -in dessen Mitte, von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontäne -plätscherte. Rechts daneben lief ein sogenannter Poetensteig, -an dessen Ausgang ein ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk -zusammengezimmerter Aussichtsturm aufragte. Ganz oben -eine Plattform mit Fahnenstange, daran die preußische Flagge -wehte, schwarz und weiß, alles schon ziemlich verschlissen.</p> - -<p>Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen -wollen, war aber mit seinem Vorschlag nicht durchgedrungen. -»Laß. Ich bin nicht dafür. Das alte Schwarz und Weiß hält -gerade noch; aber wenn du was Rotes dran nähst, dann reißt -es gewiß.«</p> - -<p>Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben -von seinem Platz erheben und nach Engelke rufen, als dieser -vom Gartensaal her auf die Veranda heraustrat.</p> - -<p>»Das ist recht, Engelke, daß du kommst … Aber du hast -da ja was wie'n Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms -nicht leiden. Immer is einer dod, oder es kommt wer, -der besser zu Hause geblieben wäre.«</p> - -<p>Engelke griente. »Der junge Herr kommt.«</p> - -<p>»Und das weißt du schon?«</p> - -<p>»Ja, Brose hat es mir gesagt.«</p> - -<p>»So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und -las: »Lieber Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako -begleiten mich. Dein Woldemar.«</p> - -<p>Engelke stand und wartete.</p> - -<p>»Ja, was da tun, Engelke?« sagte Dubslav und drehte -das Telegramm hin und her. »Und aus Cremmen und von -heute früh,« fuhr er fort. »Da müssen sie also die Nacht über -schon in Cremmen gewesen sein. Auch kein Spaß.«</p> - -<p>»Aber Cremmen is doch soweit ganz gut.«</p> - -<p>»Nu, gewiß, gewiß. Bloß sie haben da so kurze Betten … -Und, wenn man, wie Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja -doch auch die acht Meilen von Berlin bis Stechlin in einer Pace -machen. Warum also Nachtquartier? Und Rex und von -Czako begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von Czako -nicht. Wahrscheinlich Regimentskameraden. Haben wir denn -was?«</p> - -<p>»Ich denk doch, gnäd'ger Herr. Und wovor haben wir -denn unsre Mamsell? Die wird schon was finden.«</p> - -<p>»Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden wir dazu -ein? So bloß ich, das geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen -mehr vorsetzen. Czako, das ginge vielleicht noch. Aber -Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne, zu so was Feinem wie -Rex pass' ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch geworden. Was -meinst du, ob die Gundermanns wohl können?«</p> - -<p>»Ach, die können schon. Er gewiß, und sie kluckt auch bloß -immer so rum.«</p> - -<p>»Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberförsters. -Das älteste Kind hat freilich die Masern, und die -Frau, das heißt die Gemahlin (und Gemahlin is eigentlich -auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet wieder. Man -weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie nennen -soll, Oberförsterin Katzler oder Durchlaucht. Aber man kann's -am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -wenigstens die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig -und eigentlich bloß ein Klutentreter. Und seitdem er die Siebenmühlen -hat, ist er noch weniger geworden.«</p> - -<p>Engelke nickte.</p> - -<p>»Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich proper -machen. Oder vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem -Retourgang bei Gundermanns mit rangehen. Und soll ihnen -sagen sieben Uhr, aber nicht früher; sie sitzen sonst so lange -rum, und man weiß nicht, wovon man reden soll. Das heißt -mit ihm; sie red't immerzu … Und gib Brosen auch nen -Kornus und funfzig Pfennig.«</p> - -<p>»Ich werd ihm dreißig geben.«</p> - -<p>»Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was gebracht -und nu nimmt er wieder was mit. Das is ja so gut wie -doppelt. Also funfzig. Knaps ihm nichts ab.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei -Gundermanns vorsprach, um die Bestellung des alten Herrn -von Stechlin auszurichten, ritten Woldemar, Rex und Czako, -die sich für sechs Uhr angemeldet hatten, in breiter Front von -Cremmen ab; Fritz, Woldemars Reitknecht, folgte den dreien. -Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von Dorf -und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Woldemar -vorsichtig nach links hin aus, weil er der Möglichkeit entgehen -wollte, seiner Tante Adelheid, der Domina des Klosters, zu -begegnen. Er stand zwar gut mit dieser und hatte sogar vor, -ihr, wie herkömmlich, auf dem Rückwege nach Berlin seinen -Besuch zu machen; aber in diesem Augenblick paßte ihm solche -Begegnung, die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin gehindert -haben würde, herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen weiten<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine Viertelstunde -hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, -durch Moor- und Wiesengründe führend, war ein vorzüglicher -Reitweg, der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, -weshalb es anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe -vorwärts ging, bis an eine Avenue heran, die geradlinig auf -Schloß Stechlin zuführte. Hier ließen alle drei die Zügel -fallen und ritten im Schritt weiter. Über ihnen wölbten sich -die schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas -Anheimelndes und zugleich etwas beinah Feierliches gab.</p> - -<p>»Das ist ja wie ein Kirchenschiff,« sagte Rex, der am linken -Flügel ritt. »Finden Sie nicht auch, Czako?«</p> - -<p>»Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die -Wendung etwas trivial für einen Ministerialassessor.«</p> - -<p>»Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.«</p> - -<p>»Ich werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen -was Besseres sagen will, sagt immer was Schlechteres.«</p> - -<p>Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche -waren sie bis an einen Punkt gekommen, von dem aus man -das am Ende der Avenue sich aufbauende Bild in aller Klarheit -überblicken konnte. Dabei war das Bild nicht bloß klar, sondern -auch so frappierend, daß Rex und Czako unwillkürlich anhielten.</p> - -<p>»Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,« wandte sich -Czako zu dem am andern Flügel reitenden Woldemar. »Ich -find es geradezu märchenhaft, Fata Morgana – das heißt, -ich habe noch keine gesehn. Die gelbe Wand, die da noch das -letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr Zauberschloß? -Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine -Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern -Seite; – da wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge -mich, daß ich's damit getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, -die da grad in der Mitte stehn und sich von der gelben Wand<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -abheben (›abheben‹ ist übrigens auch trivial; entschuldigen -Sie, Rex), die stehen ja da wie die Cherubim. Allerdings etwas -zu schwarz. Was sind das für Leute?«</p> - -<p>»Das sind Findlinge?«</p> - -<p>»Findlinge.«</p> - -<p>»Ja, Findlinge,« wiederholte Woldemar. »Aber wenn -Ihnen das Wort anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe -nennen. Es ist merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt -im Ausdruck Sie sind, wenn Sie nicht gerade selber das Wort -haben … Aber nun, meine Herren, müssen wir uns wieder -in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa steht schon ungeduldig -auf seiner Rampe, und wenn er uns so in Schritt -ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauernachricht -oder einen Verwundeten.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch -wirklich, von Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in -den Vorhof hinein und dann an der blanken Glaskugel vorüber. -Der Alte stand bereits auf der Rampe, Engelke hinter -ihm und hinter diesem Martin, der alte Kutscher. Im Nu -waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und Fritz -nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. »Erlaube, -lieber Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: -Assessor von Rex, Hauptmann von Czako.«</p> - -<p>Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach -ihnen aus, wie glücklich er über ihren Besuch sei. »Seien Sie -mir herzlich willkommen, meine Herren. Sie haben keine -Ahnung, welche Freude Sie mir machen, mir, einem vergrätzten, -alten Einsiedler. Man sieht nichts mehr, man hört nichts -mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.«</p> - -<p>»Ach, Herr Major,« sagte Czako, »wir sind ja schon vierundzwanzig -Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, -wer kann heutzutage noch mit den Zeitungen konkurrieren!<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Ein Glück, daß manche prinzipiell einen Posttag zu spät kommen. -Ich meine mit den neuesten Nachrichten. Vielleicht auch sonst -noch.«</p> - -<p>»Sehr wahr,« lachte Dubslav. »Der Konservatismus soll -übrigens, seinem Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß -man vieles entschuldigen. Aber da kommen Ihre Mantelsäcke, -meine Herren. Engelke, führe die Herren auf ihr Zimmer. -Wir haben jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten darf.«</p> - -<p>Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas -altmodisch als »Mantelsäcke« bezeichneten Plaidrollen in die -Hand genommen und ging damit, den beiden Herren voran, -auf die doppelarmige Treppe zu, die gerade da, wo die beiden -Arme derselben sich kreuzten, einen ziemlich geräumigen Podest -mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den Säulchen aber, -und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr angebracht, -mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. -Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex: »Ein bißchen -graulich,« – ein Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis -auf den mit ungeheurer Raumverschwendung angelegten Oberflur -gekommen war. Über einer nach hinten zu gelegenen Saaltür -hing eine Holztafel mit der Inschrift: »Museum«, während -hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts, -mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre -Prachtstücke, mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine -Burg mit dicken Backsteintürmen, das andre ein überlebensgroßer -Ritter, augenscheinlich aus der Frundsbergzeit, wo das -bunt Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren begann.</p> - -<p>»Is wohl ein Ahn?« fragte Czako.</p> - -<p>»Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche.«</p> - -<p>»Auch so wie hier?«</p> - -<p>»Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber -man sieht doch noch, daß es derselbe ist.«</p> - -<p>Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -das mit der einen Seite nach dem Flur, mit der -andern Seite nach einem schmalen Gang hin lag. Hier war -auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und hing die -beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür -stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein -Klingelzug mit einer grünen, etwas ausgefransten Puschel -daran. Engelke wies darauf hin und sagte: »Wenn die Herren -noch was wünschen … Und um sieben … Zweimal wird -angeschlagen.«</p> - -<p>Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.</p> - -<p>Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen -man Rex und Czako untergebracht hatte, das vordere größer -und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet, mit Stehspiegel -und Toilette, der Spiegel sogar zum Kippen. Das Bett in -diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und -daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner -Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während -auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch -und Kreuz und einem Palmenzweig auf dem Deckel.</p> - -<p>Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: »Wenn -nicht unser Freund Woldemar bei diesem Arrangement seine -Hand mit im Spiele gehabt hat, so haben wir hier in bezug -auf Requisiten ein Ahnungsvermögen, wie's nicht größer gedacht -werden kann. Das Püppchen <em class="antiqua">pour moi</em>, das Testament -<em class="antiqua">pour vous</em>.«</p> - -<p>»Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten!«</p> - -<p>»Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich -ja bloß um meiner Neckereien willen.«</p> - -<p>Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den -etwas kleineren Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette -fehlten. Dafür aber war ein Rokokosofa da, mit hellblauem -Atlas und weißen Blumen darauf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>»Ja, Rex,« sagte Czako, »wie teilen wir nun? Ich denke, -Sie nehmen nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, -noch dazu mit weißen Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette, -das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte.«</p> - -<p>»Rokoko hat immer eine Geschichte,« bestätigte Rex. »Aber -hundert Jahr zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei -Dank, nicht danach aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem -alten Kasten allerdings schon zu; aber keine Rokokogeschichte. -Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie gefällt Ihnen übrigens -der Alte?«</p> - -<p>»Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund -Woldemar solchen famosen Alten haben könnte.«</p> - -<p>»Das klingt ja beinah,« sagte Rex, »wie wenn Sie gegen -unsern Stechlin etwas hätten.«</p> - -<p>»Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin ist der -beste Kerl von der Welt, und wenn ich das verdammte Wort -nicht haßte, würd ich ihn sogar einen ›perfekten Gentleman‹ -nennen müssen. Aber …«</p> - -<p>»Nun …«</p> - -<p>»Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle.«</p> - -<p>»An welche?«</p> - -<p>»In sein Regiment.«</p> - -<p>»Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant -angeschrieben. Liebling bei jedem. Der Oberst hält große -Stücke von ihm, und die Prinzen machen ihm beinah den -Hof …«</p> - -<p>»Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.«</p> - -<p>»Was denn, wie denn?«</p> - -<p>»Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier -vor Tisch noch auszukramen. Denn es ist bereits halb, und wir -müssen uns eilen. Übrigens trifft es viele, nicht bloß unsern -Stechlin.«</p> - -<p>»Immer dunkler, immer rätselvoller,« sagte Rex.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Nun, vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse. Schließlich -kann man ja Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben -haben. ›Die Prinzen machen ihm den Hof,‹ so geruhten Sie -zu bemerken, und ich antwortete: ›Ja, das ist es eben.‹ Und -diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen. Die Prinzen – -ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit, daß die -feinen Regimenter immer feiner werden. Kucken Sie sich mal -die alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert -und dann so bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment -Garde du Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere -guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz, Kracht, Löschebrand, -Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher betitelter -Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch Prinzen -damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen -mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es -nun aber, seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich -sprech ich nicht von der Provinz, nicht von Litauen und -Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter -den Augen Seiner Majestät. Und nun gar erst diese Gardedragoner! -Die waren immer pik, aber seit sie, <em class="antiqua">pour combler -le bonheur</em>, auch noch ›Königin von Großbritannien und -Irland‹ sind, wird es immer mehr davon, und je piker sie -werden, desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens -auch jetzt schon mehr da sind, als es so obenhin aussieht, -denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht -sagen. Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet, -die bloß <em class="antiqua">à la suite</em> stehen, aber doch immer noch mit dabei sind, -wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der Kreis geschlossen -wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch einen -Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin -gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse -Luxusse mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse und, wenn es -sein muß, auch Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -Sozialdemokratie. Das ist aber auf die Dauer schwierig. -Richtige Prinzen können sich das leisten, die verbebeln nicht -leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist -doch bloß ein Mensch.«</p> - -<p>»Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche -stets betonen?«</p> - -<p>»Ja, Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schickt -sich nicht für alle. Der eine darf's, der andre nicht. Wenn -unser Freund Stechlin sich in diese seine alte Schloßkate zurückzieht, -so darf er Mensch sein, soviel er will, aber als Gardedragoner -kommt er damit nicht aus. Vom alten Adam will -ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne Nebenbedeutung.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd -über den alten und den jungen Stechlin verhandelten, schritten -die, die den Gegenstand dieser Unterhaltung bildeten, Vater -und Sohn, im Garten auf und ab und hatten auch ihrerseits -ihr Gespräch.</p> - -<p>»Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde mitgebracht -hast. Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten. Mein -Leben verläuft ein bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut -sein, wenn ich mich wieder an Menschen gewöhne. Du wirst -gelesen haben, daß unser guter alter Kortschädel gestorben ist, -und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne Neuwahl. -Da muß ich dann ran und mich populär machen. Die Konservativen -wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag -ich nicht, aber ich soll, und da paßt es mir denn, daß du mir -Leute bringst, an denen ich mich für die Welt sozusagen wieder -wie einüben kann. Sind sie denn ausgiebig und plauderhaft?«</p> - -<p>»O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.«</p> - -<p>»Das is gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander -reden alle gern. Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't -nicht jeden. Und dann sollen wir uns ja auch durch die Sprache<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -vom Tier unterscheiden. Also wer am meisten red't, ist der -reinste Mensch. Und diesem Czako, den hab ich es gleich angesehn. -Aber der Rex. Du sagst Ministerialassessor. Ist er denn -von der frommen Familie?«</p> - -<p>»Nein, Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah -alle machen. Die fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich -und sehr vornehm. Die Rex natürlich auch, aber doch nicht -so hoch hinaus und auch nicht so fromm. Allerdings nimmt -mein Freund, der Ministerialassessor, einen Anlauf dazu, die -Reckes womöglich einzuholen.«</p> - -<p>»Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, -die so was vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so -glatt rasiert. Habt ihr denn beim Rasieren in Cremmen gleich -einen gefunden?«</p> - -<p>»Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Solingen -oder Suhl will er nichts wissen.«</p> - -<p>»Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das -Gespräch auf kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, -eigentlich kirchlich, wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor -(es wird immer schlimmer mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck -mitunter ungenierter, als man vielleicht sein soll, und bei -›niedergefahren zur Hölle‹ kann mir's passieren, daß ich nolens -volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie steht es denn da mit -ihm? Muß ich mich in acht nehmen? Oder macht er bloß so mit?«</p> - -<p>»Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, -er steht so wie die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht -recht.«</p> - -<p>»Ja, ja, den Zustand kenn ich.«</p> - -<p>»Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die -Auswahl und wählt das, was gerade gilt und nach oben hin -empfiehlt. Ich kann das auch so schlimm nicht finden. Einige -nennen ihn einen ›Streber‹. Aber wenn er es ist, ist er jedenfalls -keiner von den schlimmsten. Er hat eigentlich einen guten<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -Charakter, und im <em class="antiqua">cercle intime</em> kann er reizend sein. Er verändert -sich dann nicht in dem, was er sagt, oder doch nur ganz -wenig, aber ich möchte sagen, er verändert sich in der Art, wie -er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit dem -Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt. -Czako wird überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt -ihn beständig, und Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese -Schraubereien gefallen. Daran siehst du schon, daß sich mit -ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit ist keine Lüge, bloß Erziehung, -Angewohnheit, und so schließlich seine zweite Natur -geworden.«</p> - -<p>»Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen -dann beide sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht -erleben wir ne Bekehrung. Das heißt Rex den Pastor. Aber -da höre ich eine Kutsche die Dorfstraße raufkommen. Das -sind natürlich Gundermanns; die kommen immer zu früh. Der -arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der Könige gehört -und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon. Autodidakten -übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann -also mitreden. Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute -wird es nichts mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen -striegeln müssen, und ich will mir nen schwarzen Rock anziehn. -Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig; -sie putzt sich übrigens nach wie vor wie'n Schlittenpferd und -hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf – -das heißt, wenn's ihrer ist.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, -als Tamtam fungierenden Schild, der an einem der zwei -vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Pfeiler hing. Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit -dem Podest und der in Front desselben angebrachten Rokokouhr -einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des Erdgeschosses, -führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem -ein auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal -gesagt hatte: sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin -würden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall -wieder gutgemacht.</p> - -<p>Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex -und Czako die Treppe herunter kamen und, eine Biegung -machend, auf den von berufener Seite so glimpflich beurteilten -sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als die Freunde diesen -passierten, sahen sie – die Türflügel waren schon geöffnet – -in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier -wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits erschienen -waren. Dubslav, in dunklem Überrock und die Bändchenrosette -sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens -im Knopfloch, ging den Eintretenden entgegen, begrüßte -sie nochmals mit der ihm eigenen Herzlichkeit, und beide Herren -gleich danach in den Kreis der schon Versammelten einführend, -sagte er: »Bitte die Herrschaften miteinander bekannt machen -zu dürfen: Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen, -Pastor Lorenzen, Oberförster Katzler,« und dann, -nach links sich wendend, »Ministerialassessor von Rex, Hauptmann -von Czako vom Regiment Alexander.« Man verneigte -sich gegenseitig, worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor -Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus seines Vaters, zwischen -Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen suchte, was -auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und drüben weder -an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach. -Nur konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener -etwas eindringlich zu mustern, trotzdem Herr von Gundermann -in Frack und weißer Binde, Frau von Gundermann<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen war, – -er augenscheinlich Parvenu, sie Berlinerin aus einem nordöstlichen -Vorstadtgebiet.</p> - -<p>Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich -lange damit zu beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm -der Frau von Gundermann nahm und dadurch das Zeichen -zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab. -Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher zusammengefunden, -kamen aber durch die von seiten Dubslavs schon vorher festgesetzte -Tafelordnung wieder auseinander. Die beiden Stechlins, -Vater und Sohn, plazierten sich an den beiden Schmalseiten -einander gegenüber, während zur Rechten und Linken -von Dubslav Herr und Frau von Gundermann, rechts und -links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen. Die -Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem -großen alten Eichenbüfett, ganz in Nähe der Tür, standen -Engelke und Martin, Engelke in seiner sandfarbenen Livree -mit den großen Knöpfen, Martin, dem nur oblag, mit der -Küche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem Rock und -Stulpstiefeln.</p> - -<p>Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach -den ersten Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich -an, dankte für ihr Erscheinen und entschuldigte sich -wegen der späten Einladung: »Aber erst um zwölf kam Woldemars -Telegramm. Es ist das mit dem Telegraphieren solche -Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter, -und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon die -Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich -kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur -von Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise -gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen -Freund, der ganz ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops -sei der schönste;‹ so läßt sich jetzt beinahe sagen, ›das gröbste<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -Telegramm ist das feinste‹. Wenigstens das in seiner Art -vollendetste. Jeder, der wieder eine neue Fünfpfennigersparnis -herausdoktert, ist ein Genie.«</p> - -<p>Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau -von Gundermann, sehr bald aber mehr an Gundermann -selbst gerichtet, weshalb dieser letztere denn auch antwortete: -»Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen der Zeit. Und ganz -bezeichnend, daß gerade das Wort ›Herr‹, wie Sie schon hervorzuheben -die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. ›Herr‹ ist -Unsinn geworden, ›Herr‹ paßt den Herren nicht mehr, – -ich meine natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. -Aber es ist auch danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich -leider auch der Staat beteiligt, was sind sie? Begünstigungen -der Unbotmäßigkeit, also Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie. -Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und -Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr -von Stechlin – ich würde nicht widersprechen, wenn mich -das Tatsächliche nicht dazu zwänge –, trotzdem geht es nicht -ohne Telegraphie, gerade hier in unsrer Einsamkeit. Und dabei -das beständige Schwanken der Kurse. Namentlich auch in der -Mühlen- und Brettschneidebranche …«</p> - -<p>»Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt -habe … Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso -richtig. Der Teufel is nich so schwarz, wie er gemalt wird, und -die Telegraphie auch nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist -es doch was Großes, diese Naturwissenschaften, dieser elektrische -Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns daran läge -(aber uns liegt nichts daran), so könnten wir den Kaiser von -China wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und seiner -gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen -in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die -Pariser Septemberrevolution ausbrach, wußte man's in Amerika -drüben um ein paar Stunden früher, als die Revolution<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -überhaupt da war. Ich sagte: Septemberrevolution. Es kann -aber auch ne andre gewesen sein; sie haben da so viele, daß -man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre war im -Juli, – wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß da notwendig -reinfallen … Engelke, präsentiere der gnädgen Frau -den Fisch noch mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von -Czako …«</p> - -<p>»Gewiß, Herr von Stechlin,« sagte Czako. »Erstlich aus -reiner Gourmandise, dann aber auch aus Forschertrieb oder -Fortschrittsbedürfnis. Man will doch an dem, was gerade -gilt oder überhaupt Menschheitsentwicklung bedeutet, auch -seinerseits nach Möglichkeit teilnehmen, und da steht denn -Fischnahrung jetzt obenan. Fische sollen außerdem viel Phosphor -enthalten, und Phosphor, so heißt es, macht ›helle‹.«</p> - -<p>»Gewiß,« kicherte Frau von Gundermann, die sich bei -dem Wort »helle« wie persönlich getroffen fühlte. »Phosphor -war ja auch schon, eh die Schwedischen aufkamen.«</p> - -<p>»O, lange vorher,« bestätigte Czako. »Was mich aber,« -fuhr er, sich an Dubslav wendend, fort, »an diesen Karpfen -noch ganz besonders fesselt – beiläufig ein Prachtexemplar –, -das ist das, daß er doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten -See stammt, über den ich durch Woldemar, Ihren -Herrn Sohn, bereits unterrichtet bin. Dieser merkwürdige -See, dieser Stechlin! Und da frag ich mich denn unwillkürlich -(denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die Mooskarpfen), -welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden -Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen? Ich -weiß nicht, ob ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf; -wenn aber, so würde er als Jüngling die Lissaboner Aktion und -als Urgreis den neuerlichen Ausbruch des Krakatowa mitgemacht -haben. Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage -auf …«</p> - -<p>Dubslav lächelte zustimmend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<p>»… Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage auf, -wenn's nun in Ihrem Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar -die große Trichterbildung anhebt, aus der dann und wann, -wenn ich recht gehört habe, der krähende Hahn aufsteigt, wie -verhält sich da der Stechlinkarpfen, dieser doch offenbar Nächstbeteiligte, -bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse? Beneidet -er den Hahn, dem es vergönnt ist, in die Ruppiner -Lande hineinzukrähen, oder ist er umgekehrt ein Feigling, der -sich in seinem Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der -am andern Morgen fragt: ›Schießen sie noch?‹«</p> - -<p>»Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer -Frage hat selbst für einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten. -Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist. -Und zu dem innerlichsten und verschlossensten zählt der Karpfen; -er ist nämlich sehr dumm. Aber nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung -wird er sich beim Eintreten der großen Eruption wohl -verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle. Heldentum -ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage. -Sie brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie -sind noch im Dienst.«</p> - -<p>»Bitte, bitte,« sagte Czako.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Sehr, sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten -Seite der Tafel. Rex, der, wenn er dienstlich oder -außerdienstlich aufs Land kam, immer eine Neigung spürte, -sozialen Fragen nachzuhängen, und beispielsweise jedesmal -mit Vorliebe darauf aus war, an das Zahlenverhältnis der in -und außer der Ehe geborenen Kinder alle möglichen, teils dem -Gemeinwohl, teils der Sittlichkeit zugute kommende Betrachtungen -zu knüpfen, hatte sich auch heute wieder in einem -mit Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema -zugewandt, war aber, weil Dubslav durch eine -Zwischenfrage den Faden abschnitt, in die Lage gekommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -sich vorübergehend statt mit Lorenzen mit Katzler beschäftigen -zu müssen, von dem er zufällig in Erfahrung gebracht hatte, -daß er früher Feldjäger gewesen sei. Das gab ihm einen guten -Gesprächsstoff und ließ ihn fragen, ob der Herr Oberförster -nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit -und seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde, – sein -früherer Feldjägerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite -Welt hinausgeführt, während er jetzt »stabiliert« sei. »Stabilierung« -zählte zu Rex' Lieblingswendungen und entstammte -jenem sorglich ausgewählten Fremdwörterschatz, den er sich – -er hatte diese Dinge dienstlich zu bearbeiten gehabt – aus den -Erlassen König Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">I.</em> angeeignet und mit in -sein Aktendeutsch herübergenommen hatte. Katzler, ein vorzüglicher -Herr, aber auf dem Gebiete der Konversation doch -nur von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit, -fand sich in des Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange -nicht gleich zurecht und war froh, als ihm der -hellhörige, mittlerweile wieder frei gewordene Pastor in der -durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam. »Ich glaube -herauszuhören,« sagte Lorenzen, »daß Herr von Rex geneigt -ist, dem Leben draußen in der Welt vor dem in unsrer stillen -Grafschaft den Vorzug zu geben. Ich weiß aber nicht, ob wir -ihm darin folgen können, ich nun schon gewiß nicht; aber auch -unser Herr Oberförster wird mutmaßlich froh sein, seine vordem -im Eisenbahncoupé verbrachten Feldjägertage hinter -sich zu haben. Es heißt freilich, ›im engen Kreis verengert -sich der Sinn‹, und in den meisten Fällen mag es zutreffen. -Aber doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde -bestimmte große Vorzüge.«</p> - -<p>»Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr Pastor -Lorenzen,« sagte Rex. »Wenn es einen Augenblick vielleicht so -klang, als ob der ›Globetrotter‹ mein Ideal sei, so bin ich sehr -geneigt, mit mir handeln zu lassen. Aber etwas hat es doch<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -mit dem ›Auch-draußen-zu-Hause-sein‹ auf sich, und wenn Sie -trotzdem für Einsamkeit und Stille plädieren, so plädieren Sie -wohl in eigner Sache. Denn wie sich der Herr Oberförster -aus der Welt zurückgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie sind -beide darin, ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt, -und vielleicht, daß meine persönliche Neigung dieselben Wege -ginge. Dennoch wird es andre geben, die von einem solchen -Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen wollen, die vielleicht -umgekehrt, statt in einem Sichhingeben an den einzelnen, in -der Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung finden. -Ich glaube durch Freund Stechlin zu wissen, welche Fragen -Sie seit lange beschäftigen, und bitte, Sie dazu beglückwünschen -zu dürfen. Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung. -Aber nehmen Sie deren Schöpfer, der Ihnen persönlich vielleicht -nahesteht, er und sein Tun sprechen doch recht eigentlich -für mich; sein Feld ist nicht einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, -sondern eine Weltstadt. Stöckers Auftreten und -seine Mission sind eine Widerlegung davon, daß das Schaffen -im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere -sein müsse.«</p> - -<p>Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel, -sich mit dem ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in -Parallele gestellt zu sehen, und empfand dies jedesmal als eine -Huldigung. Aber nicht minder empfand er dabei regelmäßig -den tiefen Unterschied, der zwischen dem großen Agitator und -seiner stillen Weise lag. »Ich glaube, Herr von Rex,« nahm er -wieder das Wort, »daß Sie den ›Vater der Berliner Bewegung‹ -sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur Zufriedenheit -des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht -eben leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend -in einem Siegeszeichen; hüben und drüben hat er Wurzel -geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt, nicht nur seitens -derer, denen er mildtätig die Schuhe schneidet, sondern beinah<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -mehr noch im Lager derer, denen er das Leder zu den Schuhen -nimmt. Er hat schon so viele Beinamen, und der des heiligen -Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele wird es geben, die -sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich fürchte, der Tag -ist nahe, wo der so Rührige und zugleich so Mutige, der seine -Ziele so weit steckte, sich in die Enge des Daseins zurücksehnen -wird. Er besitzt, wenn ich recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut -irgendwo in Franken, und wohl möglich, ja, mir persönlich -geradezu wahrscheinlich, daß ihm an jener stillen Stelle früher -oder später ein echteres Glück erblüht, als er es jetzt hat. Es -heißt wohl, ›Gehet hin und lehret alle Heiden‹, aber schöner ist -es doch, wenn die Welt, uns suchend, an uns herankommt. -Und die Welt kommt schon, wenn die richtige Persönlichkeit -sich ihr auftut. Da ist dieser Wörishofener Pfarrer – er sucht -nicht die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie -kommen, so heilt er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und -Natürlichsten. Übertragen Sie das vom Äußern aufs Innere, -so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen graben just an der -Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in nächster -Nähe, sei's mit dem Alten, sei's mit etwas Neuem.«</p> - -<p>»Also mit dem Neuen,« sagte Woldemar und reichte seinem -alten Lehrer die Hand.</p> - -<p>Aber dieser antwortete: »Nicht so ganz unbedingt mit dem -Neuen. Lieber mit dem Alten, soweit es irgend geht, und mit -dem Neuen nur, soweit es muß.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem -Gange angelangt, der eine Spezialität von Schloß Stechlin war -und jedesmal die Bewunderung seiner Gäste bildete: losgelöste -Krammetsvögelbrüste, mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet, -die, wenn die Herbst- und Ebereschentage da waren, -als eine höhere Form von Schwarzsauer auf den Tisch zu -kommen pflegten. Engelke präsentierte Burgunder dazu,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -der schon lange lag, noch aus alten, besseren Tagen her, und -als jeder davon genommen, erhob sich Dubslav, um erst kurz -seine lieben Gäste zu begrüßen, dann aber die Damen leben zu -lassen. Er müsse bei diesem Plural bleiben, trotzdem die Damenwelt -nur in einer Einheit vertreten sei; doch er gedenke dabei -neben seiner lieben Freundin und Tischnachbarin (er küßte dieser -huldigend die Hand) zugleich auch der »Gemahlin« seines -Freundes Katzler, die leider – wenn auch vom Familienstandpunkt -aus in hocherfreulichster Veranlassung – am Erscheinen -in ihrer Mitte verhindert sei: »Meine Herren, Frau Oberförster -Katzler« – er machte hier eine kleine Pause, wie wenn er -eine höhere Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen -hätte – »Frau Oberförster Katzler und Frau von Gundermann, -sie leben hoch!« Rex, Czako, Katzler erhoben sich, um mit Frau -von Gundermann anzustoßen; als aber jeder von ihnen auf -seinen Platz zurückgekehrt war, nahmen sie die durch den Toast -unterbrochenen Privatgespräche wieder auf, wobei Dubslav -als guter Wirt sich darauf beschränkte, kurze Bemerkungen -nach links und rechts hin einzustreuen. Dies war indessen nicht -immer leicht, am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der -Hauptmann und Frau von Gundermann führten, und das -so pausenlos verlief, daß ein Einhaken sich kaum ermöglichte. -Czako war ein guter Sprecher, aber er verschwand neben seiner -Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der es (ursprünglich -Schreib- und Zeichenlehrer) in einer langen, schon mit anno 13 -beginnenden Dienstzeit bis zum Hauptmann in der »Plankammer« -gebracht hatte, gab ihr in ihren Augen eine gewisse -militärische Zugehörigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen, -endlich den ihr wohlbekannten Namenszug des Regiments -Alexander auf Czakos Achselklappe erkannt hatte, sagte -sie: »Gott …, Alexander. Nein, ich sage. Mir war aber doch -auch gleich so; Münzstraße. Wir wohnten ja Linienstraße, -Ecke der Weinmeister – das heißt, als ich meinen Mann kennen<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -lernte. Vorher draußen, Schönhauser Allee. Wenn man so -wen aus seiner Gegend wieder sieht! Ich bin ganz glücklich, -Herr Hauptmann. Ach, es ist zu traurig hier. Und wenn wir -nicht den Herrn von Stechlin hätten, so hätten wir so gut wie gar -nichts. Mit Katzlers,« aber dies flüsterte sie nur leise, »mit -Katzlers ist es nichts, die sind zu hoch raus. Da muß man -sich denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch auch -noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber abwarten.«</p> - -<p>»Sehr wahr, sehr wahr,« sagte Czako, der, ohne was -Sicheres zu verstehen, nur ein während des Dubslavschen -Toastes schon gehabtes Gefühl bestätigt sah, daß es mit den -Katzlers was Besonderes auf sich haben müsse. Frau von -Gundermann aber, den ihr unbequemen Flüsterton aufgebend, -fuhr mit wieder lauter werdender Stimme fort: »Wir haben -den Herrn von Stechlin, und das ist ein Glück, und es ist auch -bloß eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel -zu weit, und wenn sie auch näher wohnten, sie wollen alle nicht -recht; die Leute hier, mit denen wir eigentlich Umgang haben -müßten, sind so difficil und legen alles auf die Goldwage. -Das heißt, vieles legen sie nicht auf die Goldwage, dazu reicht -es bei den meisten nicht aus; nur immer die Ahnen. Und -sechzehn ist das wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn? Gundermann -ist erst geadelt, und wenn er nicht Glück gehabt hätte, so -wär es gar nichts. Er hat nämlich klein angefangen, bloß mit -einer Mühle; jetzt haben wir nun freilich sieben, immer den Rhin -entlang, lauter Schneidemühlen, Bohlen und Bretter, einzöllig, -zweizöllig und noch mehr. Und die Berliner Dielen, die sind -fast alle von uns.«</p> - -<p>»Aber, meine gnädigste Frau, das muß Ihnen doch ein -Hochgefühl geben. Alle Berliner Dielen! Und dieser Rhinfluß, -von dem Sie sprechen, der vielleicht eine ganze Seenkette -verbindet, und woran mutmaßlich eine reizende Villa liegt! -Und darin hören Sie Tag und Nacht, wie nebenan in der<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -Mühle die Säge geht, und die dicht herumstehenden Bäume -bewegen sich leise. Mitunter natürlich ist auch Sturm. Und -Sie haben eine Pony-Equipage für Ihre Kinder. Ich darf -doch annehmen, daß Sie Kinder haben? Wenn man so abgeschieden -lebt und so beständig aufeinander angewiesen ist …«</p> - -<p>»Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe Kinder, -aber schon erwachsen, beinah alle, denn ich habe mich jung verheiratet. -Ja, Herr von Czako, man ist auch einmal jung -gewesen. Und es ist ein Glück, daß ich die Kinder habe. Sonst -ist kein Mensch da, mit dem man ein gebildetes Gespräch führen -kann. Mein Mann hat seine Politik und möchte sich wählen -lassen, aber es wird nichts, und wenn ich die Journale bringe, -nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die Geschichten, sagt -er, seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen -der Sozialdemokratie. Seine Mühlen, was ich übrigens recht -und billig finde, sind ihm lieber.«</p> - -<p>»Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben, -schon in Ihrer Wirtschaft.«</p> - -<p>»Ja, die hab ich, und die Mamsells, die man so kriegt, -ja, ein paar Wochen geht es; aber dann bändeln sie gleich an, -am liebsten mit nem Volontär; wir haben nämlich auch -Volontärs in der Mühlenbranche. Und die meisten sind aus -ganz gutem Hause. Die jungen Menschen passen aber nicht -auf, und da hat man's denn, und immer gleich Knall und Fall. -All das ist doch traurig, und mitunter ist es auch so, daß man -sich geradezu genieren muß.«</p> - -<p>Czako seufzte. »Mir ein Greuel, all dergleichen. Aber ich -weiß vom Manöver her, was alles vorkommt. Und mit einer -Schläue … nichts schlauer, als verliebte Menschen. Ach, das -ist ein Kapitel, womit man nicht fertig wird. Aber Sie sagten -Linienstraße, meine Gnädigste. Welche Nummer denn? Ich -kenne da beinah jedes Haus, kleine, nette Häuser, immer bloß -Bel-Etage, höchstens mal ein <em class="antiqua">Oeil de Boeuf</em>.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<p>»Wie? was?«</p> - -<p>»Großes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe diese -Häuser.«</p> - -<p>»Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in gerade -solchen Häusern hab ich meine beste Zeit verbracht, als ich noch -ein Quack war, höchstens vierzehn. Und so grausam wild. -Damals waren nämlich noch die Rinnsteine, und wenn es -dann regnete und alles überschwemmt war und die Bretter -anfingen, sich zu heben, und schon so halb herumschwammen, -und die Ratten, die da drunter steckten, nicht mehr wußten, -wo sie hin sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf, -und nun die Biester raus, links und rechts, und die Jungens -hinterher, immer aufgekrempelt und ganz nackigt. Und einmal, -weil der eine Junge nicht abließ und mit seinen Holzpantinen -immer drauflos schlug, da wurde das Untier falsch und -biß den Jungen so, daß er schrie! Nein, so hab ich noch keinen -Menschen wieder schreien hören. Und es war auch fürchterlich.«</p> - -<p>»Ja, das ist es. Und da helfen bloß Rattenfänger.«</p> - -<p>»Ja, Rattenfänger, davon hab ich auch gehört – Rattenfänger -von Hameln. Aber die gibt es doch nicht mehr.«</p> - -<p>»Nein, gnädige Frau, die gibt es nicht mehr, wenigstens -nicht mehr solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer -Pfeife zum Pfeifen. Aber die meine ich auch gar nicht. Ich -meine überhaupt nicht Menschen, die dergleichen als Metier -betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen, unheimliche Gesichter -mit einer Pelzkappe. Was ich meine, sind bloß Pinscher, -die nebenher auch noch ›Rattenfänger‹ heißen und es auch -wirklich sind. Und mit einem solchen Rattenfänger auf die -Jagd gehen, das ist eigentlich das Schönste, was es gibt.«</p> - -<p>»Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die -Jagd gehen!«</p> - -<p>»Doch, doch, meine gnädigste Frau. Als ich in Paris war -(ich war da nämlich mal hinkommandiert), da bin ich mit<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -runtergestiegen in die sogenannten Katakomben, hochgewölbte -Kanäle, die sich unter der Erde hinziehen. Und diese Kanäle -sind das wahre Ratteneldorado; da sind sie zu Millionen. -Oben drei Millionen Franzosen, unten drei Millionen Ratten. -Und einmal, wie gesagt, bin ich da mit runtergeklettert und in -einem Boote durch diese Unterwelt hingefahren, immer mitten -in die Ratten hinein.«</p> - -<p>»Gräßlich, gräßlich. Und sind Sie heil wieder raus gekommen?«</p> - -<p>»Im ganzen, ja. Denn, meine gnädigste Frau, eigentlich -war es doch ein Vergnügen. In unserm Kahn hatten wir -nämlich zwei solche Rattenfänger, einen vorn und einen hinten. -Und nun hätten Sie sehen sollen, wie das losging. ›Schnapp,‹ -und das Tier um die Ohren geschlagen, und tot war es. Und -so weiter, so schnell wie Sie nur zählen können, und mitunter -noch schneller. Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver, -dem bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewiß einmal gelesen -haben, der in der Sekunde drei Glaskugeln wegschoß. -Und so immerzu, viele Hundert. Ja, so was wie diese Rattenjagd -da unten, das vergißt man nicht wieder. Es war aber -auch das Beste da. Denn was sonst noch von Paris geredet -wird, das ist alles übertrieben; meist dummes Zeug. Was -haben sie denn Großes? Opern und Zirkus und Museum, -und in einem Saal ne Venus, die man sich nicht recht ansieht, -weil sie das Gefühl verletzt, namentlich wenn man mit Damen -da ist. Und das alles haben wir schließlich auch, und manches -haben wir noch besser. So zum Beispiel Niemann und die dell' -Era. Aber solche Rattenschlacht, das muß wahr sein, die haben -wir nicht. Und warum nicht? Weil wir keine Katakomben haben.«</p> - -<p>Der alte Dubslav, der das Wort »Katakomben« gehört -hatte, wandte sich jetzt wieder über den Tisch hin und sagte: -»Pardon, Herr von Czako, aber Sie müssen meiner lieben Frau -von Gundermann nicht mit so furchtbar ernsten Sachen kommen<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -und noch dazu hier bei Tisch, gleich nach Karpfen und -Meerrettich. Katakomben! Ich bitte Sie. Die waren ja doch -eigentlich in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten -Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen -und seine Fackeln. Und da war dann noch einer mit einem -etwas längeren Namen, der noch viel grausamer war, und da -verkrochen sich diese armen Christen gerade in eben diese Katakomben, -und manche wurden verraten und gemordet. Nein, -Herr von Czako, da lieber was Heiteres. Nicht wahr, meine -liebe Frau von Gundermann?«</p> - -<p>»Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles so sehr gelehrig. -Und wenn man so selten Gelegenheit hat …«</p> - -<p>»Na, wie Sie wollen. Ich hab es gut gemeint. Stoßen -wir an! Ihr Rudolf soll leben; das ist doch der Liebling, trotzdem -er der älteste ist. Wie alt ist er denn jetzt?«</p> - -<p>»Vierundzwanzig.«</p> - -<p>»Ein schönes Alter. Und wie ich höre, ein guter Mensch. -Er müßte nur mehr raus. Er versauert hier ein bißchen.«</p> - -<p>»Sag ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er sagt, zu -Hause sei es am besten.«</p> - -<p>»Bravo. Da nehm ich alles zurück. Lassen Sie ihn. Zu -Hause ist es am Ende wirklich am besten. Und gerade wir -hier, die wir den Vorzug haben, in der Rheinsberger Gegend -zu leben. Ja, wo ist so was? Erst der große König, und dann -Prinz Heinrich, der nie ne Schlacht verloren. Und einige sagen, -er wäre noch klüger gewesen als sein Bruder. Aber ich will so -was nicht gesagt haben.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger, -also auch ältester Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -zu wollen und wartete, bis statt ihrer der schon seit einer -Viertelstunde sich nach seiner Meerschaumpfeife sehnende -Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles erhob sich jetzt -rasch, um vom Eßzimmer aus in den nach dem Garten hinaussehenden -Salon zurückzukehren, dem es – war es Zufall oder -Absicht? – in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung -fehlte; nur im Kamin glühten ein paar Scheite, die während -der Essenszeit halb niedergebrannt waren, und durch die offenstehende -hohe Glastür fiel von der Veranda her das Licht der -über den Parkbäumen stehenden Mondsichel. Alles gruppierte -sich alsbald um Frau von Gundermann, um dieser die pflichtschuldigen -Honneurs zu machen, während Martin die Lampen, -Engelke den Kaffee brachte. Das ein paar Minuten lang geführte -gemeinschaftliche Gespräch kam, all die Zeit über, über -ein unruhiges Hin und Her nicht hinaus, bis der Knäuel, in -dem man stand, sich wieder in Gruppen auflöste.</p> - -<p>Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler, -beide passionierte Billardspieler, die sich – Katzler übernahm -die Führung – erst in den Eßsaal zurück und von diesem aus -in das daneben gelegene Spielzimmer begaben. Das hier -stehende, ziemlich vernachlässigte Billard war schon an die -fünfzig Jahre alt und stammte noch aus des Vaters Zeiten her. -Dubslav selbst machte sich nicht viel aus dem Spiel, aus Spiel -überhaupt nicht und interessierte sich, soweit sein Billard in Betracht -kam, nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline, von der -ein Berliner Besucher mal gesagt hatte: »Alle Wetter, Stechlin, -wo haben Sie <em class="gesperrt">die</em> her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich -all mein Lebtag gesehen habe,« – Worte, die damals solchen -Eindruck auf Dubslav gemacht hatten, daß er seitdem ein etwas -freundlicheres Verhältnis zu seinem Billard unterhielt und -nicht ungern von »seiner Karoline« sprach.</p> - -<p>Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte, -waren Woldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -an Kongestionen Leidende, fand es überall zu heiß und wies, -als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende -Tür. »Es ist ein so schöner Abend, Herr von Stechlin; -könnten wir nicht auf die Veranda hinaustreten?«</p> - -<p>»Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns -absentieren, wollen wir auch alles Gute gleich mitnehmen. -Engelke, bring uns die kleine Kiste, du weißt schon.«</p> - -<p>»Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlägt nieder, besser -als Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im -Freien. Meine Frau, wenn wir zuhause sind, hat sich zwar -daran gewöhnen müssen und spricht höchstens mal von ›paffen‹ -(na, das is nicht anders, dafür is man eben verheiratet), aber -in einem fremden Hause, da fangen denn doch die Rücksichten -an. Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von -›Dehors‹.«</p> - -<p>Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann -vom Salon her auf die Veranda hinausgetreten, bis dicht an -die Treppenstufen heran, und sahen auf den kleinen Wasserstrahl, -der auf dem Rundell aufsprang.</p> - -<p>»Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe,« fuhr Gundermann -fort, »muß ich wieder an unsern guten alten Kortschädel -denken. Is nu auch hinüber. Na, jeder muß mal, und -wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher hat, <em class="gesperrt">der</em> hat ihn. -Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die Knochen. -Redner war er nicht, was eigentlich immer ein Vorzug, und -hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet; -aber er wußte ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich -habe Sachen von ihm gehört, großartig. Und ich sage mir, -solchen kriegen wir nicht wieder …«</p> - -<p>»Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich -glaube, wir haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich -sehe nicht ein, warum nicht ein Mann wie Sie …«</p> - -<p>»Geht nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p> - -<p>»Warum nicht?«</p> - -<p>»Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da muß ich -zurückstehen. Ich bin hier ein Neuling. Und die Stechlins -waren hier schon …«</p> - -<p>»Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was -das Kandidieren meines Vaters angeht – ich denke mir, es -ist noch nicht so weit, vieles kann noch dazwischen kommen, -und jedenfalls wird er schwanken. Aber nehmen wir mal an, -es sei, wie Sie vermuten. In diesem Falle träfe doch gerade das -zu, was ich mir soeben zu sagen erlaubt habe. Mein Vater ist -in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse Kortschädels, -und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da verloren? Die -Lage bleibt dieselbe.«</p> - -<p>»Nein, Herr von Stechlin.«</p> - -<p>»Nun, was ändert sich?«</p> - -<p>»Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen -unerbittlich, und Ihr Herr Vater läßt mit sich reden …«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so -wäre, so wäre das doch ein Glück …«</p> - -<p>»Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden läßt, -ist nicht stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und -Schwäche (die destruktiven Elemente haben dafür eine feine -Fühlung), Schwäche ist immer Wasser auf die Mühlen der -Sozialdemokratie.«</p> - -<p>Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon -zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei und zwei -zusammengetan. In der einen Fensternische, so daß sie den -Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf -der Veranda auf und ab schreitenden beiden Herren hatten, -saßen Lorenzen und Frau von Gundermann. Die Gundermann -war glücklich über das Tete-a-tete, denn sie hatte wegen -ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder -bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -sie für gar nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin, -die sie war, reden können.</p> - -<p>»Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch einmal -Gelegenheit finde. Gott, wer Kinder hat, der hat auch immer -Sorgen. Ich möchte wegen meines Jüngsten so gerne mal -mit Ihnen sprechen, wegen meines Arthur. Rudolf hat mir -keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun jetzt eingesegnet, -und Sie haben ihm, Herr Prediger, den schönen Spruch mitgegeben, -und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen -großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei -Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus -wie'n Plakat. Und diesen großen Bogen hat er sich in die -Waschtoilette geklebt, und da mahnt es ihn immer.«</p> - -<p>»Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts -zu sagen.«</p> - -<p>»Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat -ja doch was Rührendes, daß es einer so ernst nimmt. Denn -er hat zwei Tage dran gesessen. Aber wenn solch junger Mensch -es so immer liest, so gewöhnt er sich dran. Und dann ist ja -auch gleich wieder die Verführung da. Gott, daß man gerade -immer über solche Dinge reden muß; noch keine Stunde, daß -ich mit dem Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer -gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder -mit Ihnen, Herr Pastor, auch über so was. Aber es geht nicht -anders. Und dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich für -seine Seele.«</p> - -<p>Lorenzen lächelte. »Gewiß, liebe Frau von Gundermann. -Aber was ist es denn? Um was handelt es sich denn eigentlich?«</p> - -<p>»Ach, es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder -eine recht ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jüngste -von unserm Schullehrer Brandt ins Haus genommen, ein -hübsches Balg, rotbraun und ganz kraus, und Brandt wollte, -sie solle bei uns angelernt werden. Nun, wir sind kein großes<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Haus, gewiß nicht, aber Mäntel abnehmen und rumpräsentieren, -und daß sie weiß, ob links oder rechts, so viel lernt sie -am Ende doch.«</p> - -<p>»Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich ganz gut; -die wurde jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie -Sie sagen, ein allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt, -ein bißchen zu sehr. Sie will zu Ostern nach Berlin.«</p> - -<p>»Wenn sie nur erst da wäre. Mir tut es beinahe schon leid, -daß ich ihr nicht gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer.«</p> - -<p>»Ist denn was vorgefallen?«</p> - -<p>»Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst -sechzehn und eine Dusche dazu, gerade wie sein Vater; <em class="gesperrt">der</em> -hat sich auch erst rausgemausert, seit er grau geworden. Was -beiläufig auch nicht gut ist. Und da komme ich nun gestern -vormittag die Treppe rauf und will dem Jungen sagen, daß -er in den Dohnenstrich geht und nachsieht, ob Krammetsvögel -da sind, und die Tür steht halb auf, was noch das beste war, -und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze -raussteckt; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch -nicht gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie mir noch -zu jung. Und als ich nu dazwischen trete, da kriegt ja nu der -arme Junge das Zittern, und weil ich nicht recht wußte, was -ich sagen sollte, ging ich bloß hin und klappte den Waschtischdeckel -auf, wo der Spruch stand, und sah ihn scharf an. Und da -wurde er ganz blaß. Aber das Balg lachte.«</p> - -<p>»Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend hat -keine Tugend.«</p> - -<p>»Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen …«</p> - -<p>»Ja, Damen …«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in -der Fensternische mit derartigen Intimitäten kam und den -guten Pastor Lorenzen abwechselnd in Verlegenheit und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -auch wieder in stille Heiterkeit versetzte, hatte sich Dubslav mit -Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber gelegene Ecke -zurückgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit einem -Marmortischchen davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen -samt aufgeklapptem Likörkasten, aus dem Dubslav eine Flasche -nach der andern herausnahm. »Jetzt, wenn man von Tisch -kommt, muß es immer ein Cognac sein. Aber ich bekenne -Ihnen, lieber Hauptmann, ich mache die Mode nicht mit; -wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs Süße. -Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damenschnaps, davon -kann keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen, -Curaçao, das ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder -vielleicht lieber Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch -empfehlen.«</p> - -<p>»Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer, -und dann bekenne ich Ihnen offen, Herr Major … Sie kennen -ja unsre Verhältnisse, so'n bißchen Gold heimelt einen immer -an. Man hat keins und dabei doch zugleich die Vorstellung, -daß man es trinken kann – es hat eigentlich was Großartiges.«</p> - -<p>Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst für -Czako, dann für sich selbst, und sagte: »Bei Tische hab ich die -Damen leben lassen und Frau von Gundermann im speziellen. -Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen's. Diese Rattengeschichte …«</p> - -<p>»Vielleicht war es ein bißchen zu viel.«</p> - -<p>»I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig, -die Gnädge fing ja davon an; erinnern Sie sich, sie verliebte -sich ordentlich in die Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und -wie sie drauf rumgetrampelt, bis die Ratten rauskamen. -Ich glaube sogar, sie sagte ›Biester‹. Aber das schadet nicht. -Das ist so Berliner Stil. Und unsre Gnädge hier (beiläufig -eine geborene Helfrich) is eine Vollblutberlinerin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>»Ein Wort, das mich doch einigermaßen überrascht.«</p> - -<p>»Ah,« drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger, »ich -verstehe. Sie sind einer gewissen Unausreichendheit begegnet -und verlangen mindestens mehr Quadrat (von Kubik will ich -nicht sprechen). Aber wir von Adel müssen in diesem Punkte -doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken, wenn das das -richtige Wort ist. Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch -in Extremen und hat einen linken und einen rechten Flügel; -der linke nähert sich unsrer geborenen Helfrich. Übrigens unterhaltliche -Madam. Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug -auf Ihrer Achselklappe glücklich entdeckt und damit den -Anmarsch auf die Münzstraße gewonnen hatte. Was es doch -alles für Lokalpatriotismen gibt!«</p> - -<p>»An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht. -Die Welt um den Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren -eigenen Zauber, schon um einer gewissen Unresidenzlichkeit -willen. Ich sehe nichts lieber als die große Markthalle, -wenn beispielsweise die Fischtonnen mit fünfhundert Aalen -in die Netze gegossen werden. Etwas Unglaubliches von -Gezappel.«</p> - -<p>»Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz -und Alexanderkaserne samt allem, was dazu gehört. -Und so brech ich denn auch die Gelegenheit vom Zaun, um nach -einem Ihrer früheren Regimentskommandeure zu fragen, -dem liebenswürdigen Obersten von Zeuner, den ich noch persönlich -gekannt habe. Hier unsere Stechliner Gegend ist nämlich -Zeunergegend. Keine Stunde von hier liegt Köpernitz, eine -reizende Besitzung, drauf die Zeunersche Familie schon in fridericianischen -Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun -freilich schon zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal -mit der Frage: Haben Sie den Obersten noch gekannt?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum Regimente -kam. Aber ich habe viel von ihm gehört und auch von<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -Köpernitz, weiß aber freilich nicht mehr, in welchem Zusammenhange.«</p> - -<p>»Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt -haben, sonst müßten Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentümlich -und besonders auch ein Grabstein, unter dem eine -uralte Dame von beinah neunzig Jahren begraben liegt, eine -geborne von Zeuner, die sich in früher Jugend schon mit einem -Emigranten am Rheinsberger Hof, mit dem Grafen La -Roche-Aymon, vermählt hatte. Merkwürdige Frau, von der -ich Ihnen erzähle, wenn ich Sie mal wiedersehe. Nur eins -müssen Sie heute schon mit anhören, denn ich glaube, Sie haben -den Gustus dafür.«</p> - -<p>»Für alles, was Sie erzählen.«</p> - -<p>»Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen -doch als Andenken mitgeben. Andre schenken sich Photographien, -was ich, selbst wenn es hübsche Menschen sind (ein -Fall, der übrigens selten zutrifft), immer greulich finde.«</p> - -<p>»Schenke nie welche.«</p> - -<p>»Was meine Gefühle für Sie steigert. Aber die Geschichte: -Da war also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und -weil sie noch die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während -derselben eine Rolle gespielt hatte, so zählte sie zu den besonderen -Lieblingen Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">IV.</em> Und als nun – sagen -wir ums Jahr fünfzig – der Zufall es fügte, daß dem zur -Jagd hier erschienenen König das Köpernitzer Frühstück, ganz -besonders aber eine Blut- und Zungenwurst, über die Maßen -gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin, -am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach -Potsdam hin in die königliche Küche zu liefern. Und das ging -so durch Jahre. Da beschloß zuletzt der gute König, sich für all -die gute Gabe zu revanchieren, und als wieder Weihnachten -war, traf in Köpernitz ein Postpaket ein, Inhalt: eine zierliche, -kleine Blutwurst! Und zwar war es ein wunderschöner, rundlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Blutkarneol mit Goldspeilerchen an beiden Seiten und -die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt. Und neben diesem -Geschenk lag ein Zettelchen: ›Wurst wider Wurst.‹«</p> - -<p>»Allerliebst.«</p> - -<p>»Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall -einer guten Verfassung vor. Der König, glaub ich, tat es auch. -Und es denken auch heute noch viele so.«</p> - -<p>»Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so, -und bei dem Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde, -sind meine persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab -davon. Aber ich fürchte doch, daß wir mit dieser unsrer Anschauung -sehr in der Minorität bleiben.«</p> - -<p>»Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen. -Es wäre das beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand -die ganze Geschichte regulieren könnte. Freilich braucht ein -solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge. Die haben wir -aber noch in unserm Adel, in unsrer Armee und speziell auch in -Ihrem Regiment.«</p> - -<p>Während der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam Engelke, -um ein paar neue Tassen zu präsentieren.</p> - -<p>»Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell -nur hin … In Ihrem Regiment, sag ich, Herr von Czako; -schon sein Name bedeutet ein Programm, und dieses Programm -heißt: Rußland. Heutzutage darf man freilich kaum noch -davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen, Hauptmann, -das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam -herum die ›russische Kirche‹ und das ›russische Haus‹ gebaut -wurden, und als es immer hin und her ging zwischen Berlin -und Petersburg. Ihr Regiment, Gott sei Dank, unterhält -noch was von den alten Beziehungen, und ich freue mich -immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein russischer -Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander -vor seinem Palais steht. Und noch mehr freu ich mich, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -das Regiment Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag -des hohen Chefs, oder wenn sich's auch bloß um Uniformabänderungen -handelt, beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen -(diese verdammten Stehkragen) – und wie dann der -Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei sich denkt: -›Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich meinen Halt.‹«</p> - -<p>Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil -er, trotz seiner vorher versicherten »Sympathien«, ein ganz -moderner, politisch stark angekränkelter Mensch war, der, bei -strammster Dienstlichkeit, zu all dergleichen Überspanntheiten -ziemlich kritisch stand. Der alte Dubslav nahm indessen von -alledem nichts wahr und fuhr fort: »Und sehen Sie, lieber -Hauptmann, so hab ich's persönlich in meinen jungen Jahren -auch noch erlebt und vielleicht noch ein bißchen besser; denn, -Pardon, jeder hält seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar, -daß Sie mir zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst -ganz hergesagt haben werde. Da haben wir ja nun ›jenseits des -Njemen‹, wie manche Gebildete jetzt sagen, die ›drei Alexander‹ -gehabt, den ersten, den zweiten und den dritten, alle drei große -Herren und alle drei richtige Kaiser und fromme Leute, oder -doch beinah fromm, die's gut mit ihrem Volk und mit der -Menschheit meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber -in dies Alexandertum, das so beinah das ganze Jahrhundert -ausfüllt, da schiebt sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander, -und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, <em class="gesperrt">der</em> war doch der -Häupter. Und das war unser Nikolaus. Manche dummen -Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und vom schwarzen -Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen Mann -graulich macht, aber war das ein Mann! Und dieser selbige -Nikolaus, nun, der hatte hier, ganz wie die drei Alexander, -auch ein Regiment, und das waren die Nikolaus-Kürassiere, -oder sag ich lieber: das sind die Nikolaus-Kürassiere, denn wir -haben sie, Gott sei Dank, noch. Und sehen Sie, lieber Czako,<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -das war mein Regiment, dabei hab ich gestanden, als ich noch -ein junger Dachs war, und habe dann den Abschied genommen; -viel zu früh; Dummheit, hätte lieber dabei bleiben sollen.«</p> - -<p>Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem -Goldwasser. »Unsere Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte sie, -wie sie sind. Ich möchte sagen, in dem Regimente lebt noch -die heilige Alliance fort, die Waffenbrüderschaft von Anno -dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir mit den Russen -zusammen durchgemacht haben, immer nebeneinander im Biwak, -in Glück und Unglück, das war doch unsre größte Zeit. Größer -als die jetzt große. Große Zeit ist es immer nur, wenn's beinah -schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ›Jetzt ist -alles vorbei.‹ Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer -ist besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache. Nichts im Leibe, -nichts auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und Schnee, so daß man -so in der nassen Patsche liegt, und höchstens nen Kornus (Kognak, -ja hast du was, den gab es damals kaum) und so die Nacht -durch, da konnte man Jesum Christum erkennen lernen. Ich -sage das, wenn ich auch nicht mit dabei gewesen. Anno dreizehn, -bei Großgörschen, das war für uns die richtige Waffenbrüderschaft: -jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher -und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, -für Nikolaus und Alexander. Preobraschensk, Semenow, -Kaluga, – da hat man die richtige Anlehnung; alles andre -ist revolutionär, und was revolutionär ist, das wackelt.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man -auf, und die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen, -dann die Gundermannsche Chaise; Martin aber, mit -einer Stallaterne, leuchtete dem Pastor über Vorhof und -Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz im Dunkel liegende Pfarre. -Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde zurück und -stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die große Treppe hinauf,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -bis auf den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von -Woldemar, dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen -war.</p> - -<p>Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. »Es bleibt -also dabei, Rex, Sie logieren sich in dem Rokokozimmer -ein – wir wollen es ohne weiteres so nennen – und -ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins. -Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber Sie haben es -so gewollt.«</p> - -<p>Und während er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf -den Flur hinaus, schloß ab und legte sich nieder.</p> - -<p>Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt, aus -der er allerlei Toilettengegenstände hervorholte. »Sie müssen -mich entschuldigen, Czako, wenn ich mich noch eine Viertelstunde -hier bei Ihnen aufhalte. Habe nämlich die Angewohnheit, -mich abends zu rasieren, und der Toilettentisch mit Spiegel, -ohne den es doch nicht gut geht, der steht nun mal hier an -Ihrem, statt an meinem Fenster. Ich muß also stören.«</p> - -<p>»Mir sehr recht, trotz aller Müdigkeit. Nichts besser, als -noch ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern können. Und -dabei so warm eingemummelt. Die Betten auf dem Lande sind -überhaupt das beste.«</p> - -<p>»Nun, Czako, das freut mich, daß Sie so bereit sind, mir -Quartier zu gönnen. Aber wenn Sie noch eine Plauderei -haben wollen, so müssen Sie sich die Hauptsache selber leisten. -Ich schneide mich sonst, was dann hinterher immer ganz schändlich -aussieht. Übrigens muß ich erst Schaum schlagen, und so -lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort stehen. -Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch -diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und -links habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt -zwar (alle diese dünnen Silberleuchter wackeln), aber ›wenn -gute Reden sie begleiten …‹ Also strengen Sie sich an. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -fanden Sie die Gundermanns? Sonderbare Leute – haben -Sie schon mal den Namen Gundermann gehört?«</p> - -<p>»Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.«</p> - -<p>»Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau. -Der einzige, der sich sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein -Karambolespieler ersten Ranges. Übrigens Eisernes Kreuz.«</p> - -<p>»Und dann der Pastor.«</p> - -<p>»Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer. Aber -doch ein wunderbarer Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er -gehört. Er hält zu Stöcker, sprach es auch aus, was neuerdings -nicht jeder tut; aber der ›neue Luther‹, der doch schon gerade -bedenklich genug ist – Majestät hat ganz recht mit seiner Verurteilung, -der geht ihm gewiß nicht weit genug. Dieser -Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren, als -einer der allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß -der Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir -davon erzählt. Der Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein -geliebter Pastor den Ast absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von -der neuesten Schule, das sind die allerschlimmsten. Immer -Volk und wieder Volk, und mal auch etwas Christus dazwischen. -Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft -alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und -mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das -überlieferte behandeln sie despektierlich.«</p> - -<p>»Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien -Sie gut, Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. -Das Überlieferte, was einem da so vor die Klinge kommt, -namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun -mal sind, ist doch sehr reparaturbedürftig, und auf solche -Reparatur ist ein Mann wie dieser Lorenzen eben aus. Machen -Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie Gundermann. Und Ihren -guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen Gundermann -doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller -aus der Brettschneidebranche, so sind die meisten. Phrase, -Phrase. Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres.«</p> - -<p>»Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, -berührt eine große Frage, bei der man doch aufpassen muß. -Und so mit dem Messer in der Hand, da verbietet sich's. Und -das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb. Erzählen -Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann. -Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern, -brauch ich bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch nen -langen Vortrag gehalten.«</p> - -<p>»Ja. Und noch dazu über Ratten.«</p> - -<p>»Nein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann -doch lieber über alten und neuen Glauben. Und gerade hier. -In solchem alten Kasten ist man nie sicher vor Spuk und -Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen, dann bitt ich um die -Geschichte, bei der wir heute früh in Cremmen unterbrochen -wurden. Es schien mir was Pikantes.«</p> - -<p>»Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja, hören -Sie, Rex, das regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht -schlafen kann, ist es am Ende gleich, ob wegen der Ratten oder -wegen der Stubbe.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig, -über Spuk und Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war -nicht nötig, nichts war da, was sie hätte stören können. Kurz -vor acht erschien das alte Faktotum mit einem silbernen Deckelkrug, -aus dem der Wrasen heißen Wassers aufstieg, einem der -wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin verfügte. -Dazu bot Engelke den Herren einen guten Morgen und stattete<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schönen Tag, -und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten -um das Rundell herum.</p> - -<p>So war es denn auch. Woldemar war schon gleich nach -sieben unten im Salon erschienen, um mit seinem Vater, von -dem er wußte, daß er ein Frühauf war, ein Familiengespräch -über allerhand difficile Dinge zu führen. Aber er war entschlossen, -seinerseits damit nicht anzufangen, sondern alles -von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten. -Und darin sah er sich auch nicht getäuscht.</p> - -<p>»Ah, Woldemar, das ist recht, daß du schon da bist. Nur -nicht zu lang im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen -Knacks. Es können aber sonst ganz gute Leute sein. Ich wette, -dein Freund Rex schläft bis neun.«</p> - -<p>»Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist, kann sich -das nicht gönnen. Er hat nämlich einen Verein gegründet für -Frühgottesdienste, abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug. -Aber es ist noch nicht perfekt geworden.«</p> - -<p>»Freut mich, daß es noch hapert. Ich mag so was nicht. -Der alte Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wiedergeben -wollen, was ein schönes Wort von ihm war – alles, -was er tat und sagte, war gut – aber Religion und Landpartie, -dagegen bin ich doch. Ich bin überhaupt gegen alle -falschen Mischungen. Auch bei den Menschen. Die reine Rasse, -das ist das eigentlich Legitime. Das andre, was sie nebenher -noch Legitimität nennen, das ist schon alles mehr künstlich. -Sage, wie steht es denn eigentlich damit? Du weißt schon, -was ich meine.«</p> - -<p>»Ja, Papa …«</p> - -<p>»Nein, nicht so; nicht immer bloß ›ja, Papa‹. So fängst du -jedesmal an, wenn ich auf dies Thema komme. Da liegt schon -ein halber Refus drin, oder ein Hinausschieben, ein Abwartenwollen. -Und damit kann ich mich nicht befreunden. Du bist<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -jetzt zweiunddreißig, oder doch beinah, da muß der mit der -Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih den Kalauer, ich bin -eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr für Handlungsreisende), -also du fackelst, sag ich, und ist kein Ernst dahinter. Und soviel -kann ich dir außerdem sagen, deine Tante Sanctissima drüben -in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig. Und das sollte -dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt; -wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn -so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange, -mit der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes -Wort ist immer ihr Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundsiebzig, -so erfänd ich mir eine Geschichte dazu.«</p> - -<p>»Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und -mit mir nun schon ganz gewiß.«</p> - -<p>»Gnädig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen. -Nur fürcht ich, es wird nicht viel dabei herauskommen. Da -heißt es immer, man solle Familiengefühl haben, aber es -wird einem doch auch zu blutsauer gemacht, und ich kann umgekehrt -der Versuchung nicht widerstehen, eine richtige Familienkritik -zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus. Andrerseits -freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie Geld -und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel -ist gewiß, ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen, ich -meine dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr -zu danken, und weil sie das gerade so gut weiß wie wir, oder -vielleicht noch ein bißchen besser, gerade deshalb wird sie ungeduldig; -sie will Taten sehen, was vom Weiberstandpunkt aus -allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und wenn man will, -kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Es ist und -bleibt ein Heroismus. Wer Tante Adelheid geheiratet hätte, -hätte sich die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich -schändlich sein wollte, so sagte ich das Eiserne Kreuz.«</p> - -<p>»Ja, Papa …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<p>»Schon wieder ›ja, Papa‹. Nun, meinetwegen, ich will -dich schließlich in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber -bekenne mir nebenher – denn das ist doch schließlich das, um -was sich's handelt –, liegst du mit was im Anschlag, hast du -was auf dem Korn?«</p> - -<p>»Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber -wenn denn schon so jägermäßig gesprochen werden soll, ja; -meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel, und ich darf sagen, -mich beschäftigen diese Dinge.«</p> - -<p>»Mich beschäftigen diese Dinge … Nimm mir's nicht -übel, Woldemar, das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin -nicht fürs Poetische, das ist für Gouvernanten und arme Lehrer, -die nach Görbersdorf müssen (bloß, daß sie meistens kein Geld -dazu haben), aber diese Wendung ›sich beschäftigen‹, das ist mir -denn doch zu prosaisch. Wenn es sich um solche Dinge wie -Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel günstiger denke -wie über Poesie, bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet, -weil sie noch allgemeiner auftritt) – wenn es sich um Dinge -wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ›ich habe mich damit -beschäftigt‹. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, -sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen, und da möcht -ich denn doch etwas von dir hören, was ein bißchen wie Leidenschaft -aussieht. Es braucht ja nicht gleich was Schreckliches zu -sein. Aber so ganz ohne Stimulus, wie man, glaub ich, jetzt -sagt, so ganz ohne so was geht es nicht; alle Menschheit ist darauf -gestellt, und wo's einschläft, ist so gut wie alles vorbei. -Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber das -ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen -aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht, -aber auch immer recht hat, will von dem allem nichts wissen -und besteht darauf, daß die Stechline weiterleben, wenn es -sein kann, <em class="antiqua">in aeternum</em>. Ewig weiterleben; – ich räume ein, -es hat ein bißchen was Komisches, aber es gibt wenig ernste<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten … Also -dich ›beschäftigen‹ diese Dinge. Kannst du Namen nennen? -Auf wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?«</p> - -<p>»Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner -Sache noch nicht sicher genug, und das ist auch der Grund, -warum ich Wendungen gebraucht habe, die dir nüchtern und -prosaisch erschienen sind. Ich kann dir aber sagen, ich hätte -mich lieber anders ausgedrückt; nur darf ich es noch nicht. Und -dann weiß ich ja auch, daß du selber einen abergläubischen Zug -hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man sich sein Glück -verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon spricht.«</p> - -<p>»Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir sind immer -von neidischen und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und -Fledermausflügeln umstellt, und wenn wir renommieren oder -sicher tun, dann lachen sie. Und wenn sie erst lachen, dann sind -wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer eignen Kraft ist nichts -getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den ich hier ausreiße. -Demut, Demut … Aber trotzdem komm ich dir mit -der naiven Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), -ist es was Vornehmes, was Pikfeines?«</p> - -<p>»Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß.«</p> - -<p>»Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir ein -Greuel; aber richtige Vornehmheit, – <em class="antiqua">à la bonne heure</em>. -Sage mal, vielleicht was vom Hofe?«</p> - -<p>»Nein, Papa.«</p> - -<p>»Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren. Der -Rex sieht wirklich verdeubelt gut aus, ganz das, was wir früher -einen Garde-Assessor nannten. Und fromm, sagst du, – -wird also wohl Karriere machen; ›fromm‹ is wie ne untergelegte -Hand.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen -zum Garten hinunter und begrüßten den Alten. Er erkundigte<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -sich nach ihren nächtlichen Schicksalen, freute sich, daß sie »durchgeschlafen« -hätten, und nahm dann Czakos Arm, um vom -Garten her auf die Veranda, wo Engelke mittlerweile unter -der großen Marquise den Frühstückstisch hergerichtet hatte, -zurückzukehren. »Darf ich bitten, Herr von Rex.« Und er wies -auf einen Gartenstuhl, ihm gerade gegenüber, während Woldemar -und Czako links und rechts neben ihm Platz nahmen. -»Ich habe neuerdings den Tee eingeführt, das heißt nicht obligatorisch; -im Gegenteil, ich persönlich bleibe lieber bei Kaffee, -›schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde, heiß wie die Hölle‹, -wie bereits Talleyrand gesagt haben soll. Aber, Pardon, -daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige. Schon mein -Vater sagte mal: ›Ja, wir auf dem Lande, wir haben immer -noch die alten Wiener Kongreßwitze.‹ Und das ist nun schon -wieder ein Menschenalter her.«</p> - -<p>»Ach, diese alten Kongreßwitze,« sagte Rex verbindlich, »ich -möchte mir die Bemerkung erlauben, Herr Major, daß diese -alten Witze besser sind als die neuen. Und kann auch kaum -anders sein. Denn wer waren denn die Verfasser von damals? -Talleyrand, den Sie schon genannt haben, und Wilhelm von -Humboldt und Friedrich Gentz und ihresgleichen. Ich glaube, -daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist.«</p> - -<p>»Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer weiter -nach unten. Das ist, was man neue Zeit nennt, immer weiter -runter. Und mein Pastor, den Sie ja gestern abend kennen -gelernt haben, der behauptet sogar, das sei das Wahre, das sei -das, was man Kultur nenne, daß immer weiter nach unten -gestiegen würde. Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet, -und nun komme die demokratische …«</p> - -<p>»Sonderbare Worte für einen Geistlichen,« sagte Rex, -»für einen Mann, der doch die durch Gott gegebenen Ordnungen -kennen sollte.«</p> - -<p>Dubslav lachte. »Ja, das bestreitet er Ihnen. Und ich<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -muß bekennen, es hat manches für sich, trotzdem es mir nicht -recht paßt. Im übrigen, wir werden ihn, ich meine den Pastor, -ja wohl noch beim zweiten Frühstück sehen, wo Sie dann Gelegenheit -nehmen können, sich mit ihm persönlich darüber auseinanderzusetzen; -er liebt solche Gespräche, wie Sie wohl schon -gemerkt haben, und hat eine kleine Lutherneigung, sich immer -auf das jetzt übliche: ›Hier steh ich, ich kann nicht anders‹ auszuspielen. -Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine -gewisse Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre, bloß ich -trau dem Frieden noch nicht so recht.«</p> - -<p>»Ich auch nicht,« bemerkte Rex, »meistens Renommisterei.«</p> - -<p>»Na, na,« sagte Czako. »Da hab ich doch noch diese letzten -Tage von einem armen russischen Lehrer gelesen, der unter die -Soldaten gesteckt wurde (sie haben da jetzt auch so was wie -allgemeine Dienstpflicht), und dieser Mensch, der Lehrer, hat -sich geweigert, eine Flinte loszuschießen, weil das bloß Vorschule -sei zu Mord und Totschlag, also ganz und gar gegen das -fünfte Gebot. Und dieser Mensch ist sehr gequält worden, -und zuletzt ist er gestorben. Wollen Sie das auch Renommisterei -nennen?«</p> - -<p>»Gewiß will ich das.«</p> - -<p>»Herr von Rex,« sagte Dubslav, »sollten Sie dabei nicht -zu weit gehen? Wenn sich's ums Sterben handelt, da hört -das Renommieren auf. Aber diese Sache, von der ich übrigens -auch gehört habe, hat einen ganz andern Schlüssel. Das liegt -nicht an der allgemein gewordenen Renommisterei, das liegt -am Lehrertum. Alle Lehrer sind nämlich verrückt. Ich habe -hier auch einen, an dem ich meine Studien gemacht habe; -heißt Krippenstapel, was allein schon was sagen will. Er ist -grad um ein Jahr älter als ich, also runde siebenundsechzig, -und eigentlich ein Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzüglicher -Lehrer. Aber verrückt ist er doch.«</p> - -<p>»Das sind alle,« sagte Rex. »Alle Lehrer sind ein Schrecknis.<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -Wir im Kultusministerium können ein Lied davon singen. -Diese Abc-Pauker wissen alles, und seitdem Anno sechsundsechzig -der unsinnige Satz in die Mode kam, ›der preußische -Schulmeister habe die Österreicher geschlagen‹ – ich meinerseits -würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten Steinmetz, -der alles, nur kein Schulmeister war, den Preis zuerkennen -–, seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr -auszuhalten. Herr von Stechlin hat eben von einem der -Humboldts gesprochen; nun, an Wilhelm von Humboldt -trauen sie sich noch nicht recht heran, aber was Alexander von -Humboldt konnte, das können sie nun schon lange.«</p> - -<p>»Da treffen Sie's, Herr von Rex,« sagte Dubslav. »Genau -so ist meiner auch. Ich kann nur wiederholen, ein vorzüglicher -Mann; aber er hat den Prioritätswahnsinn. Wenn Koch das -Heilserum erfindet oder Edison Ihnen auf fünfzig Meilen eine -Oper vorspielt, mit Getrampel und Händeklatschen dazwischen, -so weist Ihnen mein Krippenstapel nach, daß er das vor dreißig -Jahren auch schon mit sich rumgetragen habe.«</p> - -<p>»Ja, ja, so sind sie alle.«</p> - -<p>»Übrigens … Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem -gebackenen Schinken vorlegen? … Übrigens mahnt mich -Krippenstapel daran, daß die Feststellung eines Vormittagsprogramms -wohl an der Zeit sein dürfte; Krippenstapel ist -nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden, und durch -Woldemar weiß ich bereits, daß Sie uns die Freude machen -wollen, sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu -kümmern, Dorf, Kirche, Wald, See – um den See natürlich -am meisten, denn der ist unsre <em class="antiqua">pièce de résistance</em>. Das andere -gibt es wo anders auch, aber der See … Lorenzen erklärt -ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär, der gleich -mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch wirklich -so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt, so was -lieber nicht sagen. Das sind so Geistreichigkeiten, die leicht übel<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -vermerkt werden. Ich persönlich lass' es laufen. Es gibt nichts, -was mir so verhaßt wäre wie Polizeimaßregeln, oder einem -Menschen, der gern ein freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnüren. -Ich rede selber gern, wie mir der Schnabel gewachsen -ist.«</p> - -<p>»Und verplauderst dich dabei,« sagte Woldemar, »und -vergißt zunächst unser Programm. Um spätestens zwei müssen -wir fort; wir haben also nur noch vier Stunden. Und Globsow, -ohne das es nicht gehen wird, ist weit und kostet uns -wenigstens die Hälfte davon.«</p> - -<p>»Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich denke -mir die Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumgange) -Besteigung des Aussichtsturms, – noch eine Anlage von -meinem Vater her, die sich, nach Ansicht der Leute hier, -vordem um vieles schöner ausnahm als jetzt. Damals waren -nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben, und alles, was -man sah, sah rot oder blau oder orangefarben aus. Und alle -Welt hier war unglücklich, als ich diese bunten Gläser wegnehmen -ließ. Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung. -Grün ist grün, und Wald ist Wald … Also Nummer eins der -Aussichtsturm; Nummer zwei Krippenstapel und die Schule; -Nummer drei die Kirche samt Kirchhof. Pfarre schenken wir -uns. Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich eine -Glasindustrie befindet. Und dann wieder zurück, und zum -Abschluß ein zweites Frühstück, eine altmodische Bezeichnung, -die mir aber trotzdem immer besser klingt als Lunch. ›Zweites -Frühstück‹ hat etwas ausgesprochen Behagliches und gibt zu -verstehen, daß man ein erstes schon hinter sich hat … Woldemar, -dies ist mein Programm, das ich dir, als einem Eingeweihten, -hiermit unterbreite. Ja oder nein?«</p> - -<p>»Natürlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer am -besten. Ich meinerseits mache aber nur die erste Hälfte mit. -Wenn wir in der Kirche fertig sind, muß ich zu Lorenzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Krippenstapel kann mich ja mehr als ersetzen, und in Globsow -weiß er all und jedes. Er spricht, als ob er Glasbläser gewesen -wäre.«</p> - -<p>»Darf dich nicht wundern. Dafür ist er Lehrer im allgemeinen -und Krippenstapel im besonderen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">So war denn also das Programm festgestellt, und nachdem -Dubslav mit Engelkes Hilfe seinen noch ziemlich neuen -weißen Filzhut, den er sehr schonte, mit einem wotanartigen -schwarzen Filzhut vertauscht und einen schweren Eichenstock -in die Hand genommen hatte, brach man auf, um zunächst auf -den als erste Sehenswürdigkeit festgesetzten Aussichtsturm -hinaufzusteigen. Der Weg dahin, keine hundert Schritte, -führte durch einen sogenannten »Poetensteig«. »Ich weiß -nicht,« sagte Dubslav, »warum meine Mutter diesen etwas -anspruchsvollen Namen hier einführte. Soviel mir bekannt, -hat sich hier niemals etwas betreffen lassen, was zu dieser -Rangerhöhung einer ehemaligen Taxushecke hätte Veranlassung -geben können. Und ist auch recht gut so.«</p> - -<p>»Warum gut, Papa?«</p> - -<p>»Nun, nimm es nicht übel,« lachte Dubslav. »Du sprichst -ja, wie wenn du selber einer wärst. Im übrigen räum ich dir -ein, daß ich kein rechtes Urteil über derlei Dinge habe. Bei -den Kürassieren war keiner, und ich habe überhaupt nur einmal -einen gesehen, mit einem kleinen Verdruß und einer Goldbrille, -die er beständig abnahm und putzte. Natürlich bloß ein Männchen, -klein und eitel. Aber sehr elegant.«</p> - -<p>»Elegant?« fragte Czako. »Dann stimmt es nicht; dann -haben Sie so gut wie keinen gesehen.«</p> - -<p>Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm gekommen, -der in mehreren Etagen und zuletzt auf bloßen Leitern -anstieg. Man mußte schwindelfrei sein, um gut hinaufzukommen. -Oben aber war es wieder gefahrlos, weil eine feste<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -Wandung das Podium umgab. Rex und Czako hielten Umschau. -Nach Süden hin lag das Land frei, nach den drei andern -Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt, zwischen -denen gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende -Seenkette sichtbar wurde. Der nächste See war der Stechlin.</p> - -<p>»Wo ist nun die Stelle?« fragte Czako. »Natürlich die, -wo's sprudelt und strudelt.«</p> - -<p>»Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weißen Steinbank?«</p> - -<p>»Jawohl; ganz deutlich.«</p> - -<p>»Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in -den See hinein, da haben Sie die Stelle, die, wenn's sein muß, -mit Java telephoniert.«</p> - -<p>»Ich gäbe was drum,« sagte Czako, »wenn jetzt der Hahn zu -krähen anfinge.«</p> - -<p>»Diese kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider schuldig -bleiben und hab überhaupt da nach rechts hin nichts anderes -mehr für Sie als die roten Ziegeldächer, die sich zwischen dem -Waldrand und dem See wie auf einem Bollwerk hinziehen. -Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die Glasbläser. Und -dahinter liegt die Glashütte. Sie ist noch unter dem alten -Fritzen entstanden und heißt die ›grüne Glashütte‹«.</p> - -<p>»Die grüne? Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen.«</p> - -<p>»Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt nämlich -so, weil man da grünes Glas macht, allergewöhnlichstes -Flaschenglas. An Rubinglas mit Goldrand dürfen Sie hier -nicht denken. Das ist nichts für unsre Gegend.«</p> - -<p>Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten, nach -Passierung des Schloßvorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz -hinaus, an dessen einer Ecke die Schule gelegen war. Es -mußte die Schule sein, das sah man an den offenstehenden -Fenstern und den Malven davor, und als die Herren bis an -den grünen Staketenzaun heran waren, hörten sie auch schon<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -den prompten Schulgang da drinnen, erst die scharfe, kurze -Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort. -Im nächsten Augenblick, unter Vorantritt Dubslavs, betraten -alle den Flur, und weil ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar -zu bellen anfing, erschien Krippenstapel, um zu sehen, was -los sei.</p> - -<p>»Guten Morgen, Krippenstapel,« sagte Dubslav. »Ich -bring Ihnen Besuch.«</p> - -<p>»Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.«</p> - -<p>»Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber unter -allen Umständen lassen Sie den Baron aus dem Spiel … -Sehen Sie, meine Herren, mein Freund Krippenstapel is ein -ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich ›Herr von Stechlin‹ -(den Major unterschlägt er), und wenn er ärgerlich ist, nennt er -mich ›gnädger Herr‹. Aber sowie ich mit Fremden komme, -betitelt er mich ›Herr Baron‹. Er will was für mich tun.«</p> - -<p>Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte mittlerweile -die Tür zu der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen -Wohnstube geöffnet und bat die Herren, eintreten zu wollen. -Sie nahmen auch jeder einen Stuhl in die Hand, aber stützten -sich nur auf die Lehne, während das Gespräch zwischen Dubslav -und dem Lehrer seinen Fortgang nahm. »Sagen Sie, -Krippenstapel, wird es denn überhaupt gehen? Sie sollen uns -natürlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.«</p> - -<p>»O, gewiß geht es, Herr von Stechlin.«</p> - -<p>»Ja, hören Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde …«</p> - -<p>»Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war mal -ein Burgemeister, achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber -nicht nennen, der sagte: ›Wenn ich meinen Stiefel ans Fenster -stelle, regier ich die ganze Stadt.‹ Das war mein Mann.«</p> - -<p>»Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand -es. Überhaupt immer in der Furcht des Herrn. Dann geht -alles am besten. Der Hauptregente bleibt doch der Krückstock.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<p>»Der Krückstock,« bestätigte Krippenstapel. »Und dann -freilich die Belohnungen.«</p> - -<p>»Belohnungen?« lachte Dubslav. »Aber Krippenstapel, -wo nehmen Sie denn die her?«</p> - -<p>»O, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit -Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der Junge -bloß nen Katzenkopp weniger, ist es aber was Großes, dann -kriegt er ne Wabe.«</p> - -<p>»Ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute früh -beim Frühstück gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam. -Ich habe den Herren dabei gesagt, Sie wären der beste Imker -in der ganzen Grafschaft.«</p> - -<p>»Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen, -ich versteh es. Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das -Volk bei der Arbeit zu sehen – es ist jetzt gerade beste Zeit.«</p> - -<p>Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den -Flur bis in Hof und Garten hinaus und nahmen hier Stellung -vor einem offenen Etageschuppen, drin die Stöcke standen, nicht -altmodische Bienenkörbe, sondern richtige Bienenhäuser, nach -der Dzierzonschen Methode, wo man alles herausnehmen und -jeden Augenblick in das Innere bequem hineingucken kann. -Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und Czako -waren ganz aufrichtig interessiert.</p> - -<p>»Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel,« sagte Czako, »nun -bitte, geben Sie uns auch einen Kommentar. Wie is das -eigentlich mit den Bienen? Es soll ja was ganz Besondres -damit sein.«</p> - -<p>»Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist -eigentlich feiner und vornehmer als das Menschenleben.«</p> - -<p>»Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer? -Was Vornehmeres als den Menschen gibt es nicht. -Indessen, wie's damit auch sei, ›ja‹ oder ›nein‹, Sie machen -einen nur immer neugieriger. Ich habe mal gehört, die Bienen<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -sollen sich auf das Staatliche so gut verstehen; beinah vorbildlich.«</p> - -<p>»So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da, -worüber sich als Thema vielleicht reden läßt. Da sind nämlich -in jedem Stock drei Gruppen oder Klassen. In Klasse eins -haben wir die Königin, in Klasse zwei haben wir die Arbeitsbienen -(die, was für alles Arbeitsvolk wohl eigentlich immer -das beste ist, geschlechtslos sind), und in Klasse drei haben wir -die Drohnen; die sind männlich, worin zugleich ihr eigentlicher -Beruf besteht. Denn im übrigen tun sie gar nichts.«</p> - -<p>»Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer noch nicht -vorbildlich genug.«</p> - -<p>»Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang -haben sie so dagesessen und gearbeitet oder auch geschlafen. -Und nun kommt der Frühling, und das erwachende neue Leben -ergreift auch die Bienen, am mächtigsten aber die Klasse eins, -die Königin. Und sie beschließt nun, mit ihrem ganzen Volk -einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für sie persönlich -sogar zu einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich es -nennen. Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der -Ferse sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen -einen Tänzer, der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch -intimere Stellung zu ihr einzurücken. Etwa nach einer Stunde -kehrt die Königin und ihr Hochzeitszug in die beengenden -Schranken ihres Staates zurück. Ihr Dasein hat sich inzwischen -erfüllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen wird geboren, aber -weitere Beziehungen zu dem bewußten Tänzer sind ein für -allemal ausgeschlossen. Es ist das gerade das, was ich vorhin -als fein und vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen -lieben nur einmal. Die Bienenkönigin liebt und stirbt.«</p> - -<p>»Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem -Prinzessinnen-Tänzer, dem Prince-Consort, wenn dieser Titel -ausreicht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Dieser Tänzer wird ermordet.«</p> - -<p>»Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter -dieser letzten Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder -zusammen. Das ist ja schlimmer als der Heinesche Asra. Der -stirbt doch bloß. Aber hier haben wir Ermordung. Sagen Sie, -Rex, wie stehen Sie dazu?«</p> - -<p>»Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich unsre -ganze Kultur hängt, kann nicht strenger und überzeugender -demonstriert werden. Ich finde es großartig.«</p> - -<p>Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu, -weil in diesem Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam -machte, daß man noch viel vor sich habe. Zunächst die Kirche. -»Seine Hochwürden, der wohl eigentlich dabei sein müßte, -wird es nicht übelnehmen, wenn wir auf ihn verzichten. Aber -Sie, Krippenstapel, können Sie?«</p> - -<p>Krippenstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe. Zudem -schlug die Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hörte -man, wie's drinnen in der Klasse lebendig wurde und die Jungens -in ihren Holzpantinen über den Flur weg auf die Straße -stürzten. Draußen aber stellten sie sich militärisch auf, weil -sie mittlerweile gehört hatten, daß der gnädige Herr gekommen -sei.</p> - -<p>»Morgen, Jungens,« sagte Dubslav, an einen kleinen -Schwarzhaarigen herantretend. »Bist von Globsow?«</p> - -<p>»Nein, gnädger Herr, von Dagow.«</p> - -<p>»Na, lernst auch gut?«</p> - -<p>Der Junge griente.</p> - -<p>»Wann war denn Fehrbellin?«</p> - -<p>»Achtzehnter Juni.«</p> - -<p>»Und Leipzig?«</p> - -<p>»Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.«</p> - -<p>»Das ist recht, Junge … Da.«</p> - -<p>Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Nickel. »Sehen Sie, Hauptmann, Sie sind ein bißchen ein -Spötter, soviel hab ich schon gemerkt; aber so muß es gemacht -werden. Der Junge weiß von Fehrbellin und von Leipzig -und hat ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort. Und -rote Backen hat er auch. Sieht er aus, als ob er einen Kummer -hätte oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn. Ordnung -und immer feste. Na, so lange ich hier sitze, so lange hält es -noch. Aber freilich, es kommen andre Tage.«</p> - -<p>Woldemar lächelte.</p> - -<p>»Na,« fuhr der Alte fort, »will mich trösten. Als der alte -Fritz zu sterben kam, dacht er auch, nu ginge die Welt unter. -Und sie steht immer noch, und wir Deutsche sind wieder obenauf, -ein bißchen zu sehr. Aber immer besser als zu wenig.«</p> - -<p>Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper -gemacht: schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers -von Hohenzollern, den ihm sein gütiger Gutsherr verschafft -hatte. Statt des Hutes, den er in der Eile nicht hatte finden -können, trug er eine Mütze von sonderbarer Form. In der -Rechten aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchenschlüssel, der -wie ne rostige Pistole aussah.</p> - -<p>Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen -sie dem Portal gegenüber.</p> - -<p>Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte -sein Pincenez auf und musterte. »Sehr interessant. Ich setze -das Portal in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenserbau. -Wenn mich nicht alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger -Krypte. Also sagen wir zwölfhundert. Wenn ich -fragen darf, Herr von Stechlin, existieren Urkunden? Und -war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat Adler, -unser bester Kenner?«</p> - -<p>Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich -einer solchen Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. »Herr von -Quast war einmal hier, aber in Wahlangelegenheiten. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -mit den Urkunden ist es gründlich vorbei, seit Wrangel hier -alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel spreche, mein ich -natürlich nicht unsern ›Vater Wrangel‹, der übrigens auch keinen -Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel … Und -außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber -Sie, Krippenstapel, was meinen Sie?«</p> - -<p>Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen -war, zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin -gewandt, wenn nicht als an einen Wissenden, so doch als an -einen Ebenbürtigen, und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert -wurde, das entscheidende Wort in dieser Angelegenheit zu -sprechen, wollte ihm nicht recht passend erscheinen. Überhaupt, -was wollte diese Figur, die doch schon stark die Karikatur -streifte. Schon der Bericht über die Bienen und namentlich -was er über die Haltung der Königin und den Prince-Consort -gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und -nun wurde dies Schulmeister-Original auch noch aufgefordert, -über bauliche Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche -stamme, sein Urteil abzugeben. Er hatte wohlweislich nach -Quast und Adler gefragt, und nun kam Krippenstapel! Wenn -man durchaus wollte, konnte man das alles patriarchalisch -finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war Krippenstapel -– der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch den ganzen -Trotz des Autodidakten gesellte – keineswegs angetan, die -kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war, -wieder glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frage: ›Krippenstapel, -was meinen Sie,‹ ganz ernsthaft auf und sagte:</p> - -<p>»Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung -an eine neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers -Tucheband in Templin zu widersprechen wage. Dieser -Grafschaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem und -uckermärkischem als brandenburgischem Charakter, und wenn -wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen wollen,<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder -Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg. -Ich möchte hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands -Aufstellungen, soviel ich weiß, unwidersprochen geblieben sind.«</p> - -<p>Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem -Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit größtem -Vergnügen folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen; -Woldemar aber empfand, daß es höchste Zeit sei, zu -intervenieren, und bemerkte: nichts sei schwerer, als auf diesem -Gebiete Bestimmungen zu treffen – ein Satz, den übrigens -sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen schienen –, -und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst einzutreten, -als hier draußen über die Säulen und Kapitelle -weiter zu debattieren.</p> - -<p>Man fand sich in diesen Vorschlag; Krippenstapel öffnete -die Kirche mit seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Gleich nach zwölf – Woldemar hatte sich, wie geplant, -schon lange vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen, von den -andern Herrn getrennt – waren Dubslav, Rex und Czako -von dem Globsower Ausfluge zurück, und Rex, feiner Mann, -der er war, war bei Passierung des Vorhofs verbindlich an die -mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten, um ihr, -als einem mutmaßlichen Produkte der eben besichtigten »grünen -Glashütte,« seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er -ging dabei so weit, von »Industriestaat« zu sprechen. Czako, -der gemeinschaftlich mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, -war mit allem einverstanden, nur nicht mit seinem Spiegelbilde. -»Wenn man nur bloß etwas besser aussähe …« Rex -versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und versicherte:<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -»Ja, Rex, Sie sind ein schöner Mann, Sie haben -eben mehr zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was -übrig.«</p> - -<p>Oben auf der Rampe stand Engelke.</p> - -<p>»Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor -schon da?«</p> - -<p>»Nein, gnädger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken.«</p> - -<p>»Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber warten -wollen wir auch nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als -ich dachte; das heißt, eigentlich war es nicht weiter, bloß die -Beine wollen nicht mehr recht. Und hat solche Anstrengung -bloß das eine Gute, daß man hungrig und durstig wird. Aber -da kommen ja die Herren.«</p> - -<p>Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke -hinüber, über die Woldemar und Lorenzen eben in den Schloßhof -eintraten. Rex ging ihnen entgegen. Dubslav dagegen -nahm Czakos Arm und sagte: »Nun kommen Sie, Hauptmann, -wir wollen derweilen ein bißchen recherchieren und uns -einen guten Platz aussuchen. Mit der ewigen Veranda, das is -nichts; unter der Marquise steht die Luft wie ne Mauer, und ich -muß frische Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie. -Kann eigentlich Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind -sie doch ein Segen. Wenn ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht -die Wahl habe, bin ich immer für Hydropsie. Wassersucht -hat so was kolossal Anschauliches.«</p> - -<p>Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen, -an eine Stelle, wo viel Buchsbaum stand, dem -Poetensteige gerad gegenüber. »Sehen Sie hier, Hauptmann, -das wäre so was. Niedrige Buchsbaumwand. Da haben wir -Luft und doch keinen Zug. Denn vor Zug muß ich mich auch -hüten wegen Rheumatismus, oder vielleicht ist es auch Gicht. -Und dabei hören wir das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne. -Was meinen Sie?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>»Kapital, Herr Major.«</p> - -<p>»Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer so dienstlich -… Also hier, Engelke, hier decke den Tisch und stell auch -ein paar Fuchsien oder was gerade blüht in die Mitte. Nur -nicht Astern. Astern sind ganz gut, aber doch sozusagen unterm -Stand und sehen immer aus wie'n Bauerngarten. Und dann -mache dich in den Keller und hol uns was Ordentliches herauf. -Du weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten habe. Vielleicht -hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.«</p> - -<p>»Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr von -Stechlin; aber ich möchte mich für Übereinstimmung schon jetzt -verbürgen.«</p> - -<p>Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor -vom Gartensalon her auf die Veranda hinausgetreten, und -Dubslav ging ihnen entgegen. »Guten Tag, Pastor. Nun, -das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar würde von Ihnen -annektiert werden.«</p> - -<p>»Aber, Herr von Stechlin … Ihre Gäste … Und Woldemars -Freunde.«</p> - -<p>»Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangsformen -und Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber das alles reicht -nicht weit. Was der Mensch am ehesten durchbricht, das sind -gerade solche Formen. Und wer sie nicht durchbricht, der -kann einem auch leid tun. Wie geht es denn in der Ehe? -Haben Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen wahrt, -wenn seine Frau ihn ärgert? Ich nicht. Leidenschaft ist immer -siegreich.«</p> - -<p>»Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich …«</p> - -<p>»Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschaftsleidenschaft, -Orest und Pylades – so was hat es immer gegeben. -Und dann, was noch viel mehr sagen will, Sie haben -nebenher die Konspirationsleidenschaft …«</p> - -<p>»Aber, Herr von Stechlin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>»Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es -zurück; aber Sie haben dafür was anderes, nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft. -Und das ist eine der größten, die -es gibt. Und wenn solche zwei Weltverbesserer zusammen sind, -da können Rex und Czako warten, und da kann selbst ein -warmes Frühstück warten. Sagt man noch <em class="antiqua">Déjeuner à la -fourchette</em>?«</p> - -<p>»Kaum, Papa. Wie du weißt, es ist jetzt alles englisch.«</p> - -<p>»Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch -recht gut so, wiewohl unsre Vettern drüben erst recht nichts -taugen. Selbst ist der Mann. Aber ich glaube, das Frühstück -wartet.«</p> - -<p>Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei und -zwei an der Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte -Engelke den Tisch arrangiert, an den jetzt Wirt und Gäste -herantraten.</p> - -<p>Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte -Längsseite man frei gelassen hatte, was allen einen Überblick -über das hübsche Gartenbild gestattete. Dubslav, das Arrangement -musternd, nickte Engelke zu, zum Zeichen, daß er's getroffen -habe. Dann aber nahm er die Mittelschüssel und sagte, -während er sie Rex reichte: »<em class="antiqua">Toujours perdrix.</em> Das heißt, -es sind eigentlich Krammetsvögel, wie schon gestern abend. -Aber wer weiß, wie Krammetsvögel auf französisch heißen? -Ich wenigstens weiß es nicht. Und ich glaube, nicht einmal -Tucheband wird uns helfen können.«</p> - -<p>Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslavs -Vermutung über französische Vokabelkenntnis.</p> - -<p>»Wir kamen übrigens,« fuhr dieser fort, »dicht vor Globsow -durch einen Dohnenstrich, überall hingen noch viele Krammetsvögel -in den Schleifen, was mir auffiel und was ich doch, -wie so vieles Gute, meinem alten Krippenstapel zuschreiben -muß. Es wäre doch ne Kleinigkeit für die Jungens, den<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -Dohnenstrich auszuplündern. Aber so was kommt nicht vor. -Was meinen Sie, Lorenzen?«</p> - -<p>»Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die Dohnenstriche -nicht ausgeplündert werden. Aber ich glaube, Herr von -Stechlin, Sie dürfen es Krippenstapel nicht anrechnen.«</p> - -<p>Dubslav lachte herzlich. »Da haben wir wieder die alte -Geschichte. Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor -herum, und jeder Pastor pastort über seinen Schulmeister. -Ewige Rivalität. Der natürliche Zug ist doch, daß die Jungens -nehmen, was sie kriegen können. Der Mensch stiehlt wie'n -Rabe. Und wenn er's mit einmal unterläßt, so muß das doch -nen Grund haben.«</p> - -<p>»Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen andern. -Was sollen sie mit nem Krammetsvogel machen? Für uns -ist es eine Delikatesse, für einen armen Menschen ist es gar nichts, -knapp soviel wie'n Sperling.«</p> - -<p>»Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit -dem ›Patrimonium der Enterbten‹ im Anschlag; Sperling, -das klingt ganz so. Aber soviel ist doch richtig, daß Krippenstapel -die Jungens brillant in Ordnung hält; wie ging das -heute Schlag auf Schlag, als ich den kurzgeschorenen Schwarzkopp -ins Examen nahm, und wie stramm waren die Jungens -und wie manierlich, als wir sie nach ner Stunde in Globsow -wiedersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll Respekt -in allem. ›Frei, aber nicht frech‹, das ist so mein Satz.«</p> - -<p>Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen waren, -waren neugierig, auf welchen Vorgang sich all dies Lob des -Alten bezöge.</p> - -<p>»Was hat denn,« fragte Woldemar, »die Globsower -Jungens mit einemmal zu so guter Reputation gebracht?«</p> - -<p>»O, es war wirklich scharmant,« sagte Czako, »wir steckten -noch unter den Waldbäumen, als wir auch schon Stimmen -wie Kommandorufe hörten, und kaum daß wir auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -freien, von Kastanien umstellten Platz hinausgetreten waren -(eigentlich war es wohl schon ein großer Fabrikhof), so sahen -wir uns wie mitten in einer Bataille.«</p> - -<p>Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr: »Auf -unserer Seite stand die bis dahin augenscheinlich siegreiche -Partei, deren weiterer Angriff aber wegen der guten gegnerischen -Deckung mit einem Male stoppte. Kaum zu verwundern. -Denn eben diese Deckung bestand aus wohl tausend, ein großes -Karree bildenden Glasballons, hinter die sich die geschlagene -Truppe wie hinter eine Barrikade zurückgezogen hatte. Da -standen sie nun und nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden -Kastanien geführtes Feuergefecht auf. Die meisten -ihrer Schüsse gingen zu kurz und fielen klappernd wie Hagel -auf die Ballons nieder. Ich hätte dem Spiel, ich weiß nicht -wie lange, zusehn können. Als man unserer aber ansichtig -wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken auseinander. -Überall sind Photographen. Nur wo sie hingehören, -da fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei.«</p> - -<p>Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört.</p> - -<p>»Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen es aber; Sie -können mit nem Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Stiche lassend, -»das tut unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer -Dichtung.«</p> - -<p>»Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am -wenigsten für einen korrekten Aktenmenschen.«</p> - -<p>»Und dabei, lieber Czako,« nahm jetzt Dubslav das Wort, -»dabei bleiben Sie nur. Auf Ihr Spezielles! In so wichtiger -Sache müssen Sie mir aber in meiner Lieblingssorte Bescheid -tun, nicht in Rotwein, den mein berühmter Miteinsiedler das -›natürliche Getränk des norddeutschen Menschen‹ genannt -hatte. Einer seiner mannigfachen Irrtümer; vielleicht der -größte. Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -ist am Rhein und Main zu finden. Und am vorzüglichsten da, -wo sich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermählen. -Ungefähr von dieser Vermählungsstelle kommt auch -der hier.« Und dabei wies er auf eine vor ihm stehende Bocksbeutelflasche. -»Sehen Sie, meine Herren, verhaßt sind mir alle -langen Hälse; das hier aber, das nenn ich eine gefällige Form. -Heißt es nicht irgendwo: ›Laßt mich dicke Leute sehn,‹ oder so -ähnlich. Da stimm ich zu; dicke Flaschen, die sind mein Fall.« -Und dabei stieß er wiederholt mit Czako an. »Noch einmal, -auf Ihr Wohl. Und auf Ihres, Herr von Rex. Und dann auf -das Wohl meiner Globsower, oder wenigstens meiner Globsower -Jungens, die sich nicht bloß um Fehrbellin kümmern -und um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch selber -ihre Schlachten schlagen. Ich ärgere mich nur immer, wenn -ich diese riesigen Ballons da zwischen meinen Globsowern sehe. -Und hinter dem ersten Fabrikhof (ich wollte Sie nur nicht weiter -damit behelligen), da ist noch ein zweiter Hof, der sieht noch -schlimmer aus. Da stehen nämlich wahre Glasungeheuer, auch -Ballons, aber mit langem Hals dran, und die heißen dann -Retorten.«</p> - -<p>»Aber Papa,« sagte Woldemar, »daß du dich über die -paar Retorten und Ballons nie beruhigen kannst. So lang ich -nur denken kann, eiferst du dagegen. Es ist doch ein wahres -Glück, daß so viel davon in die Welt geht und den armen Fabrikleuten -einen guten Lohn sichert. So was wie Streik kommt -hier ja gar nicht vor, und in diesem Punkt ist unsre Stechliner -Gegend doch wirklich noch wie ein Paradies.«</p> - -<p>Lorenzen lachte.</p> - -<p>»Ja, Lorenzen, Sie lachen,« warf Dubslav hier ein. »Aber -bei Lichte besehen hat Woldemar doch recht, was (und Sie -wissen auch warum) eigentlich nicht oft vorkommt. Es ist -genau so, wie er sagt. Natürlich bleibt uns Eva und die Schlange; -das ist uralte Erbschaft. Aber so viel noch von guter alter<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Zeit in dieser Welt zu finden ist, so viel findet sich hier, hier in -unsrer lieben alten Grafschaft. Und in dies Bild richtiger Gliederung, -oder meinetwegen auch richtiger Unterordnung (denn -ich erschrecke vor solchem Worte nicht), in dieses Bild des Friedens -paßt mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht -hinein. Und wenn ich nicht fürchten müßte, für einen Querkopf -gehalten zu werden, so hätt ich bei hoher Behörde schon -lange meine Vorschläge wegen dieser Retorten und Ballons -eingereicht. Und natürlich <em class="gesperrt">gegen</em> beide. Warum müssen es -immer Ballons sein? Und wenn schon, na, dann lieber solche -wie diese. Die lass' ich mir gefallen.« Und dabei hob er die -Bocksbeutelflasche.</p> - -<p>»Wie diese,« bestätigte Czako.</p> - -<p>»Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa in seiner -Idiosynkrasie zu bestärken.«</p> - -<p>»Idiosynkrasie,« wiederholte der Alte. »Wenn ich so was -höre. Ja, Woldemar, da glaubst du nun wieder wunder was -Feines gesagt zu haben. Aber es ist doch bloß ein Wort. Und -was bloß ein Wort ist, ist nie was Feines, auch wenn es so -aussieht. Dunkle Gefühle, die sind fein. Und so gewiß die -Vorstellung, die ich mit dieser lieben Flasche hier verbinde, -für mich persönlich was Celestes hat … kann man Celestes -sagen? …« Lorenzen nickte zustimmend, »so gewiß hat die Vorstellung, -die sich für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen -knüpft, etwas Infernalisches.«</p> - -<p>»Aber Papa.«</p> - -<p>»Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich komme -jetzt eben an eine Berechnung, und bei Berechnungen darf -man nicht gestört werden. Über hundert Jahre besteht nun -schon diese Glashütte, und wenn ich nun so das jedesmalige -Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne ich mir -alles in allem wenigstens eine Million heraus. Die schicken sie -zunächst in andre Fabriken, und da destillieren sie flott drauflos,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -und zwar allerhand schreckliches Zeug in diese grünen -Ballons hinein: Salzsäure, Schwefelsäure, rauchende Salpetersäure. -Das ist die schlimmste, die hat immer einen rotgelben -Rauch, der einem gleich die Lunge anfrißt. Aber wenn -einen der Rauch auch zufrieden läßt, jeder Tropfen brennt ein -Loch, in Leinwand oder in Tuch, oder in Leder, überhaupt in -alles; alles wird angebrannt und angeätzt. Das ist das Zeichen -unsrer Zeit jetzt, ›angebrannt und angeätzt‹. Und wenn ich -dann bedenke, daß meine Globsower da mittun und ganz gemütlich -die Werkzeuge liefern für die große Generalweltanbrennung, -ja, hören Sie, meine Herren, das gibt mir einen -Stich. Und ich muß Ihnen sagen, ich wollte, jeder kriegte lieber -einen halben Morgen Land von Staats wegen und kaufte sich -zu Ostern ein Ferkelchen, und zu Martini schlachteten sie ein -Schwein und hätten den Winter über zwei Speckseiten, jeden -Sonntag eine ordentliche Scheibe, und alltags Kartoffeln und -Grieben.«</p> - -<p>»Aber Herr von Stechlin,« lachte Lorenzen, »das ist ja die -reine Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten -auch.«</p> - -<p>»Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden … -Übrigens Prosit … wenn Sie's auch eigentlich nicht verdienen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das Frühstück zog sich lange hin, und das dabei geführte -Gespräch nahm noch ein paarmal einen Anlauf ins Politische -hinein; Lorenzen aber, der kleine Schraubereien gern vermeiden -wollte, wich jedesmal geschickt aus und kam lieber auf -die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war aber auch hier vorsichtig -und beschränkte sich, unter Anlehnung an Tucheband, -auf Architektonisches und Historisches, bis Dubslav, ziemlich -abrupt, ihn fragte: »Wissen Sie denn, Lorenzen, auf unserm -Kirchenboden Bescheid? Krippenstapel hat mich erst heute<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -wissen lassen, daß wir da zwei vergoldete Bischöfe mit Krummstab -haben. Oder vielleicht sind es auch bloß Äbte.« Lorenzen -wußte nichts davon, weshalb ihm Dubslav gutmütig mit dem -Finger drohte.</p> - -<p>So ging das Gespräch. Aber kurz vor zwei mußte dem -allen ein Ende gemacht werden. Engelke kam und meldete, -daß die Pferde da und die Mantelsäcke bereits aufgeschnallt -seien. Dubslav ergriff sein Glas, um auf ein frohes Wiedersehn -anzustoßen. Dann erhob man sich.</p> - -<p>Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an die -kranke Aloe heran und versicherte, daß solche Blüte doch etwas -eigentümlich Geheimnisvolles habe. Dubslav hütete sich, zu -widersprechen, und freute sich, daß der Besuch mit etwas für -ihn so Erheiterndem abschloß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel -vorbeikamen, wandten sich alle drei noch einmal zurück, und -jeder lüpfte seine Mütze. Dann ging es, zwischen den Findlingen -hin, auf die Dorfstraße hinaus, auf der eben eine ziemlich -ramponiert aussehende Halbchaise, das lederne Verdeck -zurückgeschlagen, an ihnen vorüberfuhr; die Sitze leer, alles -an dem Fuhrwerk ließ Ordnung und Sauberkeit vermissen; -das eine Pferd war leidlich gut, das andre schlecht, und zu dem -neuen Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie -ein fuchsiges Torfstück aussah, nicht recht passen.</p> - -<p>»Das war ja Gundermanns Wagen.«</p> - -<p>»So, so,« sagte Czako. »Auf den hätt ich beinah geraten.«</p> - -<p>»Ja, dieser Gundermann,« lachte Woldemar. »Mein -Vater wollt Ihnen gestern gern etwas Grafschaftliches vorsetzen, -aber er vergriff sich. Gundermann auf Siebenmühlen -ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer. Ich sehe, er hat Ihnen -nicht recht gefallen.«</p> - -<p>»Gott, gefallen, Stechlin, – was heißt gefallen? Eigentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -gefällt mir jeder oder auch keiner. Eine Dame hat mir mal -gesagt, die langweiligen Leute wären schließlich gerade so gut -wie die interessanten, und es hat was für sich. Aber dieser -Gundermann! Zu welchem Zwecke läßt er denn eigentlich -seinen leeren Wagen in der Welt herumkutschieren?«</p> - -<p>»Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in Wahlangelegenheiten. -Er persönlich wird irgendwo hängen geblieben -sein, um Stimmen einzufangen. Unser alter braver -Kortschädel nämlich, der allgemein beliebt war, ist diesen Sommer -gestorben, und da will nun Gundermann, der sich auf den -Konservativen hin ausspielt, aber keiner ist, im trüben fischen. -Er intrigiert. Ich habe das in einem Gespräch, das ich mit -ihm hatte, ziemlich deutlich herausgehört, und Lorenzen hat es -mir bestätigt.«</p> - -<p>»Ich kann mir denken,« sagte Rex, »daß gerade Lorenzen -gegen ihn ist. Aber dieser Gundermann, für den ich weiter nichts -übrig habe, hat doch wenigstens die richtigen Prinzipien.«</p> - -<p>»Ach, Rex, ich bitte Sie,« sagte Czako, »richtige Prinzipien! -Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten. Dreimal -hab ich ihn sagen hören: ›Das wäre wieder Wasser auf -die Mühlen der Sozialdemokratie.‹ So was sagt kein anständiger -Mensch mehr, und jedenfalls setzt er nicht hinzu: ›daß -er das Wasser abstellen wolle‹. Das ist ja eine schreckliche -Wendung.«</p> - -<p>Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten -Teil der Kastanienallee gekommen.</p> - -<p>Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter -in Aussicht gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein -richtiger Oktobertag, klar und frisch und milde zugleich. Die Sonne -fiel hie und da durch das noch ziemlich dichte Laub, und die -Reiter freuten sich des Spielens der Schatten und Lichter. -Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als sie bald danach -in einen Seitenweg einmündeten, der sich durch eine flache,<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -nur hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft -hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das eigentlich -Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels -bilden, traten an dieser Stelle weit zurück, und nur ein paar -einzelne, wie vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen -wurden sichtbar.</p> - -<p>Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken zu lassen; -aber sie kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich umschauten, -eines alten Mannes ansichtig wurden, der, nur durch -einen flachen Graben von ihnen getrennt, auf einem Stück -Wiese stand und das hochstehende Gras mähte. Jetzt erst sah -auch er von seiner Arbeit auf und zog seine Mütze. Die Herren -taten ein Gleiches und schwankten, ob sie näher heranreiten -und eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien das -weder zu wünschen noch zu erwarten, und so ritten sie denn -weiter.</p> - -<p>»Mein Gott,« sagte Rex, »das war ja Krippenstapel. Und -hier draußen, so weit ab von seiner Schule. Wenn er nicht die -Seehundsfellmütze gehabt hätte, die wie aus einer konfiszierten -Schulmappe geschnitten aussah, hätt ich ihn nicht wieder -erkannt.«</p> - -<p>»Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl -auch zutreffen,« sagte Woldemar. »Krippenstapel kann eben -alles – der reine Robinson.«</p> - -<p>»Ja, Stechlin,« warf Czako hier ein, »Sie sagen das so -hin, als ob Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist es doch aber -was Großes, sich immer selber helfen zu können. Er wird wohl -nen Sparren haben, zugegeben, aber Ihrem gepriesenen -Lorenzen ist er denn doch um ein gut Stück überlegen. Schon -weil er ein Original ist und ein Eulengesicht hat. Eulengesichtsmenschen -sind anderen Menschen fast immer überlegen.«</p> - -<p>»Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn. -Und Sie wissen es auch. Sie möchten nur, ganz wie Rex,<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -wenn auch aus einem andern Motiv, dem armen Lorenzen -was am Zeug flicken, bloß weil Sie herausfühlen: ›das ist eine -lautere Persönlichkeit‹.«</p> - -<p>»Da tun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich -bin auch fürs Lautere, wenn ich nur persönlich nicht in Anspruch -genommen werde.«</p> - -<p>»Nun, davor sind Sie sicher, – vom Brombeerstrauch keine -Trauben. Im übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten, -mich auf ein Weilchen entschuldigen zu wollen. Ich muß da nämlich -nach dem Forsthause hinüber, da drüben neben der Waldecke.«</p> - -<p>»Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei nem Förster?«</p> - -<p>»Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich will, und -zwar derselbe, den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehen -haben. Oberförster Katzler, bürgerlich, aber doch beinah schon -historischer Name.«</p> - -<p>»So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzählt, ein -brillanter Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz -intim mit ihm sind, find ich diesen Abstecher übertrieben artig.«</p> - -<p>»Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler -handelte. Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um -ihn, sondern um seine junge Frau.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">A la bonne heure.</em>«</p> - -<p>»Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fährte. -So was kann nicht vorkommen, ganz abgesehen davon, daß -mit Oberförstern immer schlecht Kirschen pflücken ist; die blasen -einen weg, man weiß nicht wie … Es handelt sich hier einfach -um einen Teilnahmebesuch, um etwas, wenn Sie wollen, schön -Menschliches. Frau Katzler erwartet nämlich.«</p> - -<p>»Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer -rätselhafter. Sie können doch nicht bei jeder Oberförstersfrau, -die ›erwartet‹, eine Visite machen wollen. Das wäre denn doch -eine Riesenaufgabe, selbst wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft -hier beschränken wollten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<p>»Es liegt alles ganz exceptionell. Übrigens mach ich es -kurz mit meinem Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum -ich bitte, so hol ich Sie bei Genshagen noch wieder ein. Von -da bis Wutz haben wir kaum noch eine Stunde, und wenn wir's -forcieren wollen, keine halbe.«</p> - -<p>Und während er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt -auf das Forsthaus zu.</p> - -<p>Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt; -jetzt ritten diese beiden nebeneinander. Czako war neugierig -und hätte gern Fritz herangerufen, um dies und das über -Katzler und Frau zu hören. Aber er sah ein, daß das nicht -ginge. So blieb ihm nichts als ein Meinungsaustausch -mit Rex.</p> - -<p>»Sehen Sie,« hob er an, »unser Freund Woldemar, trabt -er da nicht hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben -Sie mir, da steckt ne Geschichte dahinter. Er hat die Frau geliebt -oder liebt sie noch. Und dies merkwürdige Interesse für -den in Sicht stehenden Erdenbürger. Übrigens vielleicht ein -Mädchen. Was meinen Sie dazu, Rex?«</p> - -<p>»Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was Ihrer -eignen frivolen Natur entspricht. Sie haben keinen Glauben -an reine Verhältnisse. Sehr mit Unrecht. Ich kann Ihnen versichern, -es gibt dergleichen.«</p> - -<p>»Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frühgottesdienste leistet. -Aber Stechlin …«</p> - -<p>»Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm -angeboren, und was er von Natur mitbrachte, das hat sein -Regiment weiter in ihm ausgebildet.«</p> - -<p>Czako lachte. »Nun hören Sie, Rex, Regimenter kenn ich -doch auch. Es gibt ihrer von allen Arten, aber Sittlichkeitsregimenter -kenn ich noch nicht.«</p> - -<p>»Es gibt's ihrer aber. Zum mindesten hat's ihrer immer -gegeben, sogar solche mit Askese.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<p>»Nun ja, Cromwell und die Puritaner. Aber, <em class="antiqua">long, long -ago</em>. Verzeihen Sie die abgedudelte Phrase. Aber wenn sich's -um so feine Dinge wie Askese handelt, muß man notwendig -einen englischen Brocken einschalten. In Wirklichkeit bleibt -alles beim alten. Sie sind ein schlechter Menschenkenner, Rex, -wie alle Konventikler. Die glauben immer, was sie wünschen. -Und auch an unserm Stechlin werden Sie mutmaßlich erfahren, -wie falsch Sie gerechnet haben. Im übrigen kommt da gerade -zu rechter Zeit ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo -wir eigentlich sind. Wir reiten so immer drauflos und wissen -nicht mehr, ob links oder rechts.«</p> - -<p>Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte, war -einfach für Weiterreiten, und das war auch das Richtige. -Denn keine halbe Stunde mehr, so holte Stechlin sie wieder ein. -»Ich wußte, daß ich Sie noch vor Genshagen treffen würde. -Die Frau Oberförsterin läßt sich übrigens den Herren empfehlen. -Er war nicht da, was recht gut war.«</p> - -<p>»Kann ich mir denken,« sagte Czako.</p> - -<p>»Und was noch besser war, sie sah brillant aus. Eigentlich -ist sie nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen -und etwas lymphatisch; auch wohl nicht ganz gesund. Aber -sonderbar, solche Damen, wenn was in Sicht steht, sehen immer -besser aus als in natürlicher Verfassung, ein Zustand, der -allerdings bei der Katzler kaum vorkommt. Sie ist noch nicht -volle sechs Jahre verheiratet und erwartet mit nächstem das -Siebente.«</p> - -<p>»Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.«</p> - -<p>»Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht sehr -wahrscheinlich. Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als -Scheidungsgrund nehmen.«</p> - -<p>»Die Prinzessin?« fuhren Rex und Czako a tempo heraus.</p> - -<p>»Ja, die Prinzessin,« wiederholte Woldemar. »Ich war<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -all die Zeit über gespannt, was das wohl für einen Eindruck -auf Sie machen würde, weshalb ich mich auch gehütet habe, -vorher mit Andeutungen zu kommen. Und es traf sich gut, -daß mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drüber hinging, -ich möchte beinah sagen diskret, was sonst nicht seine Sache ist.«</p> - -<p>»Prinzessin,« wiederholte Rex, dem die Sache beinah den -Atem nahm. »Und aus einem regierenden Hause?«</p> - -<p>»Ja, was heißt aus einem regierenden Hause? Regiert -haben sie alle mal. Und soviel ich weiß, wird ihnen dies ›mal -regiert haben‹ auch immer noch angerechnet, wenigstens sowie -sich's um Eheschließungen handelt. Um so großartiger, wenn -einzelne der hier in Betracht kommenden Damen auf alle diese -Vorrechte verzichten und ohne Rücksicht auf Ebenbürtigkeit sich -aus reiner Liebe vermählen. Ich sage ›vermählen‹, weil ›sich -verheiraten‹ etwas plebeje klingt. Frau Katzler ist eine Ippe-Büchsenstein.«</p> - -<p>»Eine Ippe!« sagte Rex. »Nicht zu glauben. Und erwartet -wieder. Ich bekenne, daß mich das am meisten chokiert. Diese -Ausgiebigkeit, ich finde kein anderes Wort, oder richtiger, ich -<em class="gesperrt">will</em> kein andres finden, ist doch eigentlich das Bürgerlichste, -was es gibt.«</p> - -<p>»Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber -aufgefaßt. Aber das ist gerade das Große an der Sache; ja, -so sonderbar es klingt, das Ideale.«</p> - -<p>»Stechlin, Sie können nicht verlangen, daß man das so -ohne weiteres versteht. Ein halb Dutzend Bälge, wo steckt da -das Ideale?«</p> - -<p>»Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das ist das -Rührendste, hat sich darüber ganz unumwunden ausgesprochen. -Und zwar zu meinem Alten. Sie sieht ihn öfter und möcht -ihn, glaub ich, bekehren, – sie ist nämlich von der strengen -Richtung und hält sich auch zu Superintendent Koseleger, unserm -Papst hier. Und kurz und gut, sie macht meinem Papa beinah<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -den Hof und erklärt ihn für einen perfekten Kavalier, wobei -Katzler immer ein etwas süßsaures Gesicht macht, aber natürlich -nicht widerspricht.«</p> - -<p>»Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade Konfessions -in einer so delikaten Sache zu machen?«</p> - -<p>»Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als sie auch -mal wieder erwartete. Da war mein Vater drüben und sprach, -als das durch die Situation gegebene Thema berührt wurde, -halb diplomatisch, halb humoristisch von der Königin Luise, -hinsichtlich deren der alte Doktor Heim, als der Königin das -›Sechste oder Siebente‹ geboren werden sollte, ziemlich freiweg -von der Notwendigkeit der ›Brache‹ gesprochen hatte.«</p> - -<p>»Bißchen stark,« sagte Rex. »Ganz im alten Heimstil. -Aber freilich, Königinnen lassen sich viel gefallen. Und wie -nahm es die Prinzessin auf?«</p> - -<p>»O, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch verstimmt, -sondern nahm meines Vaters Hand so zutraulich, -wie wenn sie seine Tochter gewesen wäre. ›Ja, lieber Herr von -Stechlin,‹ sagte sie, ›wer A sagt, der muß auch B sagen. Wenn -ich diesen Segen durchaus nicht wollte, dann mußt ich einen -Durchschnittsprinzen heiraten, – da hätt ich vielleicht das gehabt, -was der alte Heim empfehlen zu müssen glaubte. Statt -dessen nahm ich aber meinen guten Katzler. Herrlicher Mann. -Sie kennen ihn und wissen, er hat die schöne Einfachheit aller -stattlichen Männer, und seine Fähigkeiten, soweit sich überhaupt -davon sprechen läßt, haben etwas Einseitiges. Als ich -ihn heiratete, war ich deshalb ganz von dem einen Gedanken -erfüllt, alles Prinzeßliche von mir abzustreifen und nichts bestehen -zu lassen, woraus Übelwollende hätten herleiten können: -›Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein.‹ Ich entschloß -mich also für das Bürgerliche, und zwar ›voll und ganz‹, -wie man jetzt, glaub ich, sagt. Und was dann kam, nun, das -war einfach die natürliche Konsequenz.‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<p>»Großartig,« sagte Rex. »Ich entschlage mich nach solchen -Mitteilungen jeder weiteren Opposition. Welch ein Maß von -Entsagung! Denn auch im Nichtentsagen kann ein Entsagen -liegen. Andauernde Opferung eines Innersten und Höchsten.«</p> - -<p>»Unglaublich!« lachte Czako. »Rex, Rex. Ich hab Ihnen -da schon vorhin alle Menschenkenntnis abgesprochen. Aber -hier übertrumpfen Sie sich selbst. Wer Konventikel leitet, der -sollte doch wenigstens die Weiber kennen. Erinnern Sie sich, -Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe Vergißmeinnichtaugen. -Und nun sehen Sie sich den Katzler an. Beinah sechs -Fuß und rotblond und das Eiserne Kreuz.«</p> - -<p>»Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit -Ihnen nicht so genau nehmen. Das ist das Slawische, was in -Ihnen nachspukt; latente Sinnlichkeit.«</p> - -<p>»Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich -wollte wohl, daß ich in die Lage käme, besser damit wuchern zu -können. Aber …«</p> - -<p>So ging das Gespräch noch eine gute Weile.</p> - -<p>Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet, -stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt -dieser Steigung erreicht hatte, lag das Kloster samt seinem -gleichnamigen Städtchen in verhältnismäßiger Nähe vor -ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so wenig -davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses Betroffensein -über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden Landschafts- -und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako besonders -war ganz aus dem Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein. -»Die große Feldsteingiebelwand,« sagte er, »so gewagt im allgemeinen -bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht ich -in das Jahr 1375, also Landbuch Kaiser Karls <em class="antiqua">IV.</em>, setzen dürfen.«</p> - -<p>»Wohl möglich,« lachte Woldemar. »Es gibt nämlich -Zahlen, die nicht gut widerlegt werden können, und ›Landbuch -Kaiser Karls <em class="antiqua">IV.</em>‹ paßt beinah immer.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder -einer allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge -zustrebte. »Ja, meine Herren,« hob er an, »das geschmähte -Mittelalter. Da verstand man's. Ich wage den Ausspruch, -den ich übrigens nicht einem Kunsthandbuch entnehme, sondern -der langsam in mir herangereift ist: ›Die Platzfrage geht über -die Stilfrage.‹ Jetzt wählt man immer die häßlichste Stelle. -Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man sah besser.«</p> - -<p>»Gewiß,« sagte Czako. »Aber dieser Angriff auf die Brillen, -Rex, ist nichts für Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle -so viel operiert …«</p> - -<p>Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblick -mächtige Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen. -Man hielt an, und jeder zählte »Vier«. Kaum -aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann eine zweite und tat -auch ihre vier Schläge.</p> - -<p>»Das ist die Klosteruhr,« sagte Czako.</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich. -Aber wie dem auch sei, Freund Woldemar hat uns, -glaub ich, für vier Uhr angemeldet, und so werden wir uns -eilen müssen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<h2><a id="Kloster_Wutz">Kloster Wutz</a></h2> - -<h3 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen -Fritz, der dabei näher an die voraufreitenden Herren herankam. -Das Gespräch schwieg ganz, weil jeder in Erwartung der -kommenden Dinge war.</p> - -<p>Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen -Pappeln hin; als man aber bis in unmittelbare Nähe von -Kloster Wutz gekommen war, hörten diese Pappeln auf, und -der sich mehr und mehr verschmälernde Weg wurde zu beiden -Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man alsbald -in die verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchen- -und Blumenbeeten und mit vielen Obstbäumen dazwischen -hineinsah. Alle drei ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt -fallen.</p> - -<p>»Der Garten hier links,« sagte Woldemar, »ist der Garten -der Domina, meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber -wundervolles Obst. Und hier gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen -ihren Dill und ihren Meiran. Es sind aber nur ihrer -vier, und wenn welche gestorben sind – aber sie sterben selten –, -so sind es noch weniger.«</p> - -<p>Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus -seinen Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar -waren alle durch eine Maueröffnung in einen großen Wirtschaftshof -eingeritten, der baulich so ziemlich jegliches enthielt,<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -was hier, bis in die Tage des Dreißigjährigen Krieges hinein, -der dann freilich alles zerstörte, mal Kloster Wutz gewesen war. -Vom Sattel aus ließ sich alles bequem überblicken. Das meiste, -was sie sahen, waren wirr durcheinander geworfene, von Baum -und Strauch überwachsene Trümmermassen.</p> - -<p>»Es erinnert mich an den Palatin,« sagte Rex, »nur ins -christlich Gotische transponiert.«</p> - -<p>»Gewiß,« bestätigte Czako lachend. »Soweit ich urteilen -kann, sehr ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder -Tucheband.«</p> - -<p>Damit brach das Gespräch wieder ab.</p> - -<p>In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, -seltsamlich genug, die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut -waren, zunächst die größere der Domina, daneben die kleineren -der vier Stiftsdamen, alles an der vorderen Langseite hin. -Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite, parallel laufende -Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen und die -Rollkammern untergebracht waren. Verblieben nur noch die -zwei Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von -Holunderbüschen übergrünte Mauer, die andere dagegen eine -hochaufragende mächtige Giebelwand war, dieselbe, die man -schon beim Anritt aus einiger Entfernung gesehen hatte. Sie -stand da, wie bereit, alles unter ihrem beständig drohenden -Niedersturz zu begraben, und nur das eine konnte wieder beruhigen, -daß sich auf höchster Spitze der Wand ein Storchenpaar -eingenistet hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer -weiß, ob etwas hält oder fällt.</p> - -<p>Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis -an die in die Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude -waren nur wenige Schritte, und als man davor hielt, erschien -alsbald die Domina selbst, um ihren Neffen und seine beiden -Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall, so auch hier Bescheid -wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der andern<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Seite gelegenen Stallgebäude hinüberzuführen, während Rex -und Czako nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten -Flur eintraten.</p> - -<p>»Ich habe dein Telegramm,« sagte die Domina, »erst um -ein Uhr erhalten. Es geht über Gransee, und der Bote muß -weit laufen. Aber sie wollen ihm ein Rad anschaffen, solches, -wie jetzt überall Mode ist. Ich sage Rad, weil ich das fremde -Wort, das so verschieden ausgesprochen wird, nicht leiden kann. -Manche sagen ›ci,‹ und manche sagen ›schi‹. Bildungsprätensionen -sind mir fremd, aber man will sich doch auch nicht -bloßstellen.«</p> - -<p>Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich -war es nur eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren -bis an die unterste Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier -auf eine Weile. »Du wirst so gut sein, Woldemar, alles in deine -Hand zu nehmen. Führe die Herren hinauf. Ich habe unser -bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr angeordnet; also noch -eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren.«</p> - -<p>Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet -worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und -Krügen in Kleinformat war aufgestellt worden, was in Erwägung -der beinah liliputanischen Raumverhältnisse durchaus -passend gewesen wäre, wenn nicht sechs an ebenso vielen Türhaken -hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder gestört -hätten. Rex, der sich – ihn drückten die Stiefel – auf kurze -zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente -sich eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein -Gesicht in einer der kleinen Waschschüsseln begrub und beim -Abreiben das feste Gewebe der Handtücher lobte.</p> - -<p>»Sicherlich Eigengespinst. Überhaupt, Stechlin, das muß -wahr sein, Ihre Tante hat so was; man merkt doch, daß sie -das Regiment führt. Und wohl schon seit lange. Wenn ich -recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p> - -<p>»O, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.«</p> - -<p>»Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert.«</p> - -<p>»Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug -solcher, die man ›schlank‹ nennt. Beiläufig ein Euphemismus. -Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren und die Zeit -natürlich auch; sie kann nichts nehmen, wo sie nichts mehr -findet. Aber ich denke – Rex tut mir übrigens leid, weil er -wieder in seine Stiefel muß – wir begeben uns jetzt nach unten -und machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante. Sie -wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren Liebling vorzustellen.«</p> - -<p>»Wer ist das?«</p> - -<p>»Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein können, so -kommt jeder bald wieder an die Reihe. Während ich das -letztemal hier war, war es ein Fräulein von Schmargendorf. -Und es ist leicht möglich, daß sie jetzt gerade wieder dran ist.«</p> - -<p>»Eine nette Dame?«</p> - -<p>»O ja. Ein Pummel.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Und wie vorgeschlagen, nach kurzem »Sichadjustieren« in -der improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei Herren in -Tante Adelheids Salon zurück, der niedrig und verblakt -und etwas altmodisch war. Die Möbel, lauter Erbschaftsstücke, -wirkten in dem niedrigen Raume beinah grotesk, und -die schwere Tischdecke, mit einer mächtigen, ziemlich modernen -Astrallampe darauf, paßte schlecht zu dem Zeisigbauer am -Fenster und noch schlechter zu dem über einem kleinen Klavier -hängenden Schlachtenbilde: »König Wilhelm auf der Höhe -von Lipa«. Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas -Anheimelndes. In dem primitiven Kamin – nur eine Steinplatte -mit Rauchfang – war ein Holzfeuer angezündet; beide<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Fenster standen auf, waren aber durch schwere Gardinen so -gut wie wieder geschlossen, und aus dem etwas schief über -dem Sofa hängenden Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern -heraus.</p> - -<p>Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre -Karlsbader Granatbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav -wegen der sieben mittelgroßen Steine, die einen größeren -und buckelartig vorspringenden umstanden, die »Sieben-Kurfürsten-Brosche« -nannte. Der hohe hagere Hals ließ die -Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war, -und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: »Wickelkinder, -wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich -wird, fangen sie an zu schreien.« Man sah ihr an, daß sie -nur immer vorübergehend in einer höheren Gesellschaftssphäre -gelebt hatte, sich trotzdem aber zeitlebens der angeborenen -Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewußt gewesen war. -Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billigen. -Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von -sehr gutem natürlichen Verstand, sondern unter Umständen -auch voller Interesse für ganz bestimmte Personen und Dinge. -Was aber, trotz solcher Vorzüge, den Verkehr mit ihr so schwer -machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge, -das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder -gar der Freiheit auch nur streifte.</p> - -<p>Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war -gegen Rex und Czako aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen. -»Ich muß Ihnen noch einmal aussprechen, meine -Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur so kurze Zeit unter meinem -Dache sehen zu dürfen.«</p> - -<p>»Du vergißt mich, liebe Tante,« sagte Woldemar. »Ich -bleibe dir noch eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst -um neun. Und bis dahin erzähl ich dir eine Welt und – -beichte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span></p> - -<p>»Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen -sollst du mir recht, recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf -dem Herzen. Du weißt wohl schon, welche. Aber nur nicht -beichten. Schon das Wort macht mir jedesmal ein Unbehagen. -Es hat solch ausgesprochen katholischen Beigeschmack. -Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ›Beichte sei nichts, -weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin – aber das -sei nun freilich schon sehr, sehr lange her – einen Geistlichen -gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt.‹ -Das find ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch -in diesem Sinne zu Fix geäußert. Aber andrerseits freue ich -mich doch immer aufrichtig, einem so mutig protestantischen -Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not tut. Ein fester -Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir jedesmal -eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch -wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?«</p> - -<p>Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako: »Ja, -Czako, da sehen Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. -Eine Domina – verzeih, Tante – bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen -aus.«</p> - -<p>Die Tante lächelte gnädig und sagte: »Herr von Czako ist -Offizier. Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. -Das aber muß ich aussprechen, der Unglaube wächst, und das -Katholische wächst auch. Und das Katholische, das ist das -Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als Unglaube.«</p> - -<p>»Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?«</p> - -<p>»Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, -kann den lieben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt -ihn. Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht -es. Und nun gar der Papst in Rom, der ein Obergott sein will -und unfehlbar.«</p> - -<p>Czako, während Rex schwieg und nur seine Verbeugung -wiederholte, kam auf die verwegene Idee, für Papst und<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Papsttum eine Lanze brechen zu wollen, entschlug sich dieses -Vorhabens aber, als er wahrnahm, daß die alte Dame ihr -Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur eine rasch -vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Tante Adelheid, das -Thema wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune -fort: »Ich habe die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch, -meine Herren, ist es ein wenig stickig. Das macht die niedrige -Decke. Darf ich Sie vielleicht auffordern, noch eine Promenade -durch unsern Garten zu machen? Unser Klostergarten ist eigentlich -das Beste, was wir hier haben. Nur der unsers Rentmeisters -ist noch gepflegter und größer und liegt auch am See. Rentmeister -Fix, der hier alles zusammenhält, ist uns, wie in -wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen Gartenanlagen, -ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und -dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und -seine Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. -Ich hatte Fix denn auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; -er versteht so gut zu plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig -und doch immer durchaus diskret. Aber er ist dienstlich -verhindert. Die Herren müssen sich also mit mir begnügen -und mit einer unsrer Konventualinnen, einem mir lieben -Fräulein, das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich -bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit, -die man bloß bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln -getrieben hat. Ein gut Gewissen ist das beste Ruhekissen. -Damit hängt es wohl zusammen.«</p> - -<p>Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, -drückte wiederholt seine Zustimmung aus, während Czako -beklagte, daß Fix verhindert sei. »Solche Männer sprechen zu -hören, die mit dem Volke Fühlung haben und genau wissen, -wie's einerseits in den Schlössern, andrerseits in den Hütten -der Armut aussieht, das ist immer in hohem Maße fördernd und -lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern verzichte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.</p> - -<p>Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine -ganze Länge hin zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter -Gang, neben dem links und rechts, in wohlgepflegten -Beeten, Rittersporn und Studentenblumen blühten. Gerade -in seiner Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu einem -runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an -die Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier -das eingelegte blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten -natürlich aus der Globsower »grünen Hütte«. Weiterhin, -ganz am Ausgange des Gartens, wurde man eines etwas -schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem Pflaumenbaum -dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten -her in den der Domina herüberreichte.</p> - -<p>Rex führte die Tante. Dann folgte Woldemar mit Hauptmann -Czako, weit genug ab von dem vorausgehenden Paar, -um ungeniert miteinander sprechen zu können.</p> - -<p>»Nun, Czako,« sagte Woldemar, »bleiben wir, wenn's -sein kann, noch ein bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen -gar nicht sagen, wie gern ich in diesem Garten bin. Allen Ernstes. -Ich habe hier nämlich als Junge hundertmal gespielt und in -den Birnbäumen gesessen; damals standen hier noch etliche, -hier links, wo jetzt die Mohrrübenbeete stehen. Ich mache mir -nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir -heute welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?«</p> - -<p>»Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, -aber doch mit viel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn -gehört eine Stiftsdame.«</p> - -<p>»Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, -ob Sie solche Gärten leiden können.«</p> - -<p>»Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden, wenn sie -eine Kegelbahn haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, -lang und schmal. Alle unsre modernen Kegelbahnen sind zu<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -kurz, wie früher alle Betten zu kurz waren. Wenn die Kugel -aufsetzt, ist sie auch schon da, und der Bengel unten schreit einen -an mit seinem ›acht um den König‹. Für mich fängt das Vergnügen -erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel -anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene -Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf -der rechten Bahn. Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches, -oder meinetwegen auch Politisches.«</p> - -<p>Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hin, -bis an die Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum -seinen Zweig über den Zaun wegstreckte. Neben dem -Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm, stand eine grüngestrichene -Bank, auf der, von dem Gezweig überdacht, eine -Dame saß, mit einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder. -Als sich die Herrschaften ihr näherten, erhob sie sich und schritt -auf die Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte -sie sich gegen die drei Herren.</p> - -<p>»Erlauben Sie mir,« sagte Adelheid, »Sie mit meiner -lieben Freundin, Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu -machen. Hauptmann von Czako, Ministerialassessor von -Rex … Meinen Neffen, liebe Schmargendorf, kennen Sie ja.«</p> - -<p>Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr -aus dem Gürtel hervor und sagte: »Wir haben noch zehn -Minuten. Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir noch in Gottes -freier Natur. Woldemar, führe meine liebe Freundin, oder -lieber Sie, Herr Hauptmann, – Fräulein von Schmargendorf -wird ohnehin Ihre Tischdame sein.«</p> - -<p>Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich, -einige vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. -Von den sieben Schönheiten, über die jede Evastochter Verfügung -haben soll, hatte sie, soweit sich ihr »Kredit« feststellen -ließ, nur die Büste. Sie war sich dessen denn auch bewußt und -trug immer dunkle Tuchkleider, mit einem Sammetbesatz oberhalb<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -der Taille. Dieser Besatz bestand aus drei Dreiecken, -deren Spitze nach unten lief. Sie war immer fidel, zunächst -aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal -gehört hatte: Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung -zu sein, obwohl sie keinen rechten Nutzen mehr daraus -ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es nicht, der Pastor war -natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter nach unten -ging es nicht.</p> - -<p>Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich -immer erst an der Glaskugel traf, wenn das voranschreitende -Paar schon wieder auf dem Rückwege war. Czako grüßte dann -jedesmal militärisch zur Domina hinüber.</p> - -<p>Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest engagiert -und verhandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des -Sektiererwesens. Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst -auf dem Punkte stand, Irvingianer zu werden; er war aber -Lebemann genug, um sich schnell zurechtzufinden und vor -allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von Adelheid geäußerten -Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in das -Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort einer -vollen Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging weiter, -und sich abwechselnd auf die Apokalypse und dann wieder auf -Fix berufend, betonte sie, daß wir am Anfang vom Ende -stünden. Fix gehe freilich wohl etwas zu weit, wenn er eigentlich -keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose Beunruhigungen, -weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von -solchen Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens -alles nochmals zu prüfen. »Kein Zweifel,« so schloß sie, »Fix -ist für Rechnungssachen entschieden talentiert, aber ich habe -ihm trotzdem sagen müssen, daß zwischen Rechnungen und -Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.«</p> - -<p>Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm -gereicht; Woldemar, weil der Mittelgang zu schmal war, folgte<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -wenige Schritte hinter den beiden und trat nur immer da, -wo der Weg sich erweiterte, vorübergehend an ihre Seite.</p> - -<p>»Wie glücklich ich bin, Herr Hauptmann,« sagte die Schmargendorf, -»Ihre Partnerin zu sein, jetzt schon hier und dann -später bei Tisch.«</p> - -<p>Czako verneigte sich.</p> - -<p>»Und merkwürdig,« fuhr sie fort, »daß gerade das Regiment -Alexander immer so vergnügte Herren hat; einen Namensvetter -von Ihnen, oder vielleicht war es auch Ihr älterer Herr -Bruder, den hab ich noch von einer Einquartierung in der -Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung, trotzdem es schon an -die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich war damals noch -blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen -Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber schon nicht -mehr so recht. Und ich hab auch noch den Namenszug und -einen kleinen Vers von ihm in meinem Album. ›Jegor von -Baczko, Secondelieutenant im Regiment Alexander.‹ Ja, -Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen. Oder -wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens.«</p> - -<p>Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen -überhaupt nicht liebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehört -und in bezug auf solche Dinge kleinlicher als sein Freund, der -Hauptmann, dachte, wollte durchaus Remedur schaffen und -bat, das Fräulein darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß -der Herr, der den Vorzug habe, sie zu führen, nicht ein Herr von -Baczko, sondern ein Herr von Czako sei.</p> - -<p>Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, -Czako selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.</p> - -<p>»Lieber Stechlin,« begann er, »ich beschwöre Sie um -sechsundsechzig Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie -doch nicht mit solchen Kleinigkeiten, die man jetzt, glaub ich, -Velleitäten nennt. Wenigstens hab ich das Wort immer so -übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako – wie kann man davon<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -so viel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen, ist Schall -und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in -Widerspruch mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch -am Ende nicht aus.«</p> - -<p>»Hihi.«</p> - -<p>»Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus -fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten -Kreuzzug zurückzuführen, ein Mann wie Sie sollte mir doch -diese kleine Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in -den Schoß gefallene ›Baczko‹ … Gott sei Dank, daß auch -unsereinem noch was in den Schoß fallen kann …«</p> - -<p>»Hihi.«</p> - -<p>»Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch -einfach eine Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement. -Die Baczkos reichen mindestens bis Huß oder Ziska, -und wenn es vielleicht Ungarn sind, bis auf die Hunyadis -zurück, während der erste wirkliche Czako noch keine zweihundert -Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen -wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen wirklichen -Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder -oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen ›<em class="gesperrt">von</em> Czako‹ -gegeben haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen -seiner Umgebung oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung -her. Wenn ich wirklich noch mal Lust verspüren sollte, mich -standesgemäß zu verheiraten, so scheitre ich vielleicht an der -Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde -wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn auch nur durch -eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu erhöhen -trachtete.«</p> - -<p>Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich -wieder zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: »Sie -glauben also wirklich, Herr von … Herr Hauptmann … -daß Sie von einem Czako herstammen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> - -<p>»Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt -möglich ist, bin ich fest davon durchdrungen.«</p> - -<p>In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des -Platzes mit der Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter -dem Pflaumenbaumzweige. Die Schmargendorf hatte schon -lange vorher nach zwei großen, dicht zusammensitzenden Pflaumen -hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt ihre Hand danach -ausstreckte: »Nun wollen wir aber ein Vielliebchen essen, -Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist -immer ein Vielliebchen.«</p> - -<p>»Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber -mein gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit -dieser herrlichen Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu -warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für Vielliebchen.«</p> - -<p>»Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde -diese zwei bis dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier, -die nicht mehr so ganz dazu gehört, die werd ich essen. Ich -esse so gern Pflaumen. Und Sie werden sie mir auch gönnen.«</p> - -<p>»Alles, alles. Eine Welt.«</p> - -<p>Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies -Pflaumenthema, namentlich auch über die sich darin bergenden -Wagnisse verbreiten wollte, kam aber nicht dazu, weil eben -jetzt ein Diener in weißen Baumwollhandschuhen, augenscheinlich -eine Gelegenheitsschöpfung, in der Hoftür sichtbar wurde. -Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen, daß der -Tisch gedeckt sei. Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht -in diese zu raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte -sich deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein -großes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden -rotgetüpfelten Pflaumen legte. Gleich danach aber aufs neue -des Hauptmanns Arm nehmend, schritt sie, unter Vorantritt -der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt auf den Salon -zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin -stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, -starren Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen -schienen.</p> - -<p>»Ah, meine Liebste,« sagte die Domina, auf diese zweite -Konventualin zuschreitend, »es freut mich herzlich, daß Sie sich, -trotz Migräne, noch herausgemacht haben; wir wären sonst -ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: -Herr von Rex, Herr von Czako … Fräulein von Triglaff -aus dem Hause Triglaff.«</p> - -<p>Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem -sie keine Fremde war, an die Konventualin herantrat, um ein -Wort der Begrüßung an sie zu richten. Czako, die Triglaff -unwillkürlich musternd, war sofort von einer ihn frappierenden -Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich danach dem sein Monocle -wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu: -»Krippenstapel, weibliche Linie.«</p> - -<p>Rex nickte.</p> - -<p>Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde -stehende Diener den oberen und unteren Türriegel mit einer -gewissen Ostentation zurückgezogen; einen Augenblick noch, -und beide Flügel zu dem neben dem Salon gelegenen Eßzimmer -taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf.</p> - -<p>»Herr von Rex,« sagte die Domina, »darf ich um Ihren -Arm bitten?«</p> - -<p>Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten -alle drei Paare in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher -und nicht ohne Geschick hergerichteter Tafel zwei Blumenvasen -und zwei silberne Doppelleuchter standen. Auch der Diener -war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen am Büfett in Front -einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem er den -Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg -der Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<h3 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches -ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß -neben anderm auch jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel -bedeuten; aber <em class="gesperrt">eine</em> Gabe besaß sie nicht, die, das Gespräch, -wie's in einem engsten Zirkel doch sein sollte, zusammenzufassen. -So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei -Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam, -doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die -Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders -sein. Die Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so -häufig findet, verband in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit -mit ganz ungewöhnlicher Umnachtung, und ein letzter Rest -von Helle, der ihr vielleicht geblieben sein mochte, war ihr durch -eine stupende Triglaffvorstellung schließlich doch auch noch abhanden -gekommen. Eine direkte Deszendenz von dem gleichnamigen -Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war freilich -nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, -und wenn dergleichen überhaupt vorkommen oder nach stiller -Übereinkunft auch nur allgemein angenommen werden konnte, -so war nicht abzusehen, warum gerade <em class="gesperrt">sie</em> leer ausgehen oder -auf solche Möglichkeit verzichten sollte. Dieser hochgespannten, -ganz im Speziellen sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach -denn auch das gereizte Gefühl, das sie gegen <em class="gesperrt">den</em> Zweig des -Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach seinem pommerschen -Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, – eine Zubenennung, -die <em class="gesperrt">ihr</em>, der einzig wirklichen Triglaff, einfach als ein Übergriff -oder doch mindestens als eine Beeinträchtigung erschien. -Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte -seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff -als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der -übrigens öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -auswendig gelernt, die während seiner Kinderzeit -in Kloster Wutz gelebt hatten und von denen er recht gut -wußte, daß sie seit lange tot waren. Er begann aber trotzdem -regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob das Dasein dieser -längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit unterläge.</p> - -<p>»Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine -Drachenhausen, Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte -dann, wenn ich nicht irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde -mich lebhaft interessieren, in Erfahrung zu bringen, ob sie noch -lebt oder ob sie vielleicht schon tot ist.«</p> - -<p>Die Triglaff nickte.</p> - -<p>Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen -Rex dahin aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff -ganz natürlich zusammenhänge. »Götzen nicken bloß.«</p> - -<p>Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen -Tante Adelheid und dem Ministerialassessor, und das Gespräch -beider, das nur sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus -den Charakter einer gemütlichen, aber doch durch Ernst -geweihten Synodalplauderei gehabt, wenn sich nicht die Gestalt -des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt hätte, dieses -Dominaprotegés, von dem Rex, unter Zurückhaltung seiner -wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, »daß in diesem -klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge -mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine«.</p> - -<p>Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise -die Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren -waren aber doch Czako und die Schmargendorf, die -ganz nach rechts hin saßen, in Nähe der dicken Fenstergardinen -aus Wollstoff, in deren Falten denn auch vieles glücklicherweise -verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch und an diesen ein -Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun wurden -gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Sauce, die zugleich -Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako,<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen -hatte, nahm ein zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht -und fühlte das Bedürfnis, dies zu motivieren.</p> - -<p>»Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier,« begann -er. »Aber freilich heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern -abend bei Dubslav von Stechlin Krammetsvögelbrüste, heute -bei Adelheid von Stechlin Rebhuhnflügel.«</p> - -<p>»Und was ziehen Sie vor?« fragte die Schmargendorf.</p> - -<p>»Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage -wohl zugunsten ersterer entschieden. Aber hier und speziell -für mich ist doch wohl der Ausnahmefall gegeben.«</p> - -<p>»Warum ein Ausnahmefall?«</p> - -<p>»Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen. Und ich antworte, -so gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel …«</p> - -<p>»Hihi.«</p> - -<p>»In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will, -ein großartiger Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts -Diesseitigeres als Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als -Flügel. Der Flügel trägt uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz -aller nach der andern Seite hin liegenden Verlockung, möchte -ich alles, was Flügel heißt, doch höher stellen.«</p> - -<p>Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen. -Aber es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm -zunächst sitzende Triglaff aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen -alles, was gesprochen wurde, verschloß, während andrerseits -die Domina, nachdem der Diener allerlei kleine Spitzgläser -herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit einer Ansprache beschäftigt -war.</p> - -<p>»Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen,« sagte -sie, während sie sich halb erhob, »wie glücklich es mich macht, -Sie in meinem Kloster begrüßen zu können. Herr von Rex, -Herr von Czako, Ihr Wohl.«</p> - -<p>Man stieß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -man sich wieder gesetzt hatte, seine Bewunderung über den -schönen Wein aus. »Ich vermute Montefiascone.«</p> - -<p>»Vornehmer, Herr von Rex,« sagte Adelheid in guter Stimmung, -»eine Rangstufe höher. Nicht Montefiascone, den wir -allerdings unter meiner Amtsvorgängerin auch hier im Keller -hatten, sondern <em class="antiqua">Lacrimae Christi</em>. Mein Bruder, der alles bemängelt, -meinte freilich, als ich ihm vor einiger Zeit davon -vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein, höchstens -Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte.«</p> - -<p>»Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich Ihren -Herrn Bruder durchaus wiedererkenne.«</p> - -<p>»Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns -der Name gerade dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. -Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem -Stift, einem Kloster sind … und so meine ich denn, der Ort, -an dem wir leben, gibt uns doch auch ein Recht und eine -Weihe.«</p> - -<p>»Kein Zweifel. Und ich muß nachträglich die Bedenken -Ihres Herrn Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn -ich mich so ausdrücken darf, ein kleidsamer Irrtum … Auf -das Wohl Ihres Herrn Bruders.«</p> - -<p>Damit schloß das etwas difficile Zwiegespräch, dem alle -mit einiger Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. -»Ach,« sagte diese, während sie sich halb in den Vorhängen -versteckte, »wenn wir von dem Wein trinken, dann -hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die Domina muß -sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert -haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name -stimmt ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem -Christenmenschen denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn -man so recht vergnügt ist.«</p> - -<p>»Darauf wollen wir anstoßen,« sagte Czako, völlig im<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -Dunkeln lassend, ob er mehr den Christenmenschen oder den -Ernst oder das Vergnügtsein meinte.</p> - -<p>»Und überhaupt,« fuhr die Schmargendorf fort, »die -Weine müßten eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens -sehr, sehr viele.«</p> - -<p>»Ganz meine Meinung, meine Gnädigste,« sagte Czako. -»Da sind wirklich so manche … Man darf aber andrerseits -das Zartgefühl nicht überspannen. Will man das, so bringen -wir uns einfach um die reichsten Quellen wahrer Poesie. Da -haben wir beispielsweise, so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff, -die ›Milch der Greise‹ – zunächst ein durchaus -unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache -liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen, -selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und -ehe wir's uns versehen, hat sich die ›Milch der Greise‹ in eine -›Liebfrauenmilch‹ verwandelt.«</p> - -<p>»Hihi … Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber -nur selten. Und es ist auch nicht <em class="gesperrt">der</em> Name, woran ich eigentlich -dachte.«</p> - -<p>»Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben eben -noch andre, decidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch -das Refugium der französischen Aussprache bleibt.«</p> - -<p>»Hihi … Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht -immer, und jedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist -und die Triglaff die Flasche hin und her dreht (und ich habe -gesehen, daß sie sie dreimal herumdrehte), dann lacht Fix … -Übrigens sieht es so aus, als ob die Domina noch was auf -dem Herzen hätte; sie macht ein so feierliches Gesicht. Oder -vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben.«</p> - -<p>Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. -»Meine Herren,« sagte die Domina, »da Sie zu meinem Leidwesen -so früh fort wollen (wir haben nur noch wenig über eine -Viertelstunde), so geb ich anheim, ob wir den Kaffee lieber in<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem -Holunderbaum.«</p> - -<p>Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man -sich unmittelbar danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf -die Hand und sagte mit einem gewissen Empressement: »Unter -dem Holunderbaum also.«</p> - -<p>Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf -was es sich bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich -daran, sich ganz privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf -auf einen kurzen, aber großen Augenblick als »Käthchen« -vorstellen zu können.</p> - -<p>Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern -auch Rex und Woldemar für den Holunderbaum waren, -und so näherte man sich denn diesem.</p> - -<p>Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten -in den Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick -wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten sie, was es mit -ihm auf sich habe. Der Baum, der uralt sein mochte, stand -außerhalb des Gehöftes, war aber, ähnlich wie der Pflaumenbaum -im Garten, mit seinem Gezweig über das zerbröckelte -Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine -Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, -das war, daß sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden -Ebereschenbäumen wie durchwachsen war, so daß man überall -neben den schwarzen Fruchtdolden des Holunders die leuchtenden -roten Ebereschenbüschel sah. Auch das verschiedene Laub -schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig entzückt, beinahe -mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst war, -so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung -und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete -Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte -Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase, dazwischen Karren -und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe, während ein<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube -herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff -zu messen.</p> - -<p>Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die -Pferde vor. Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an -die Domina herantreten und ihr einige Dankesworte sagen -konnte, kam die Schmargendorf, die kurz vorher ihren Platz -verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf dem die beiden -zusammengewachsenen Pflaumen lagen. »Sie wollten mir -entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich -will mein Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege.«</p> - -<p>»Sie siegen immer, meine Gnädigste.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Woldemars Pferd -am Zügel. Aber weder die Schmargendorf noch die Triglaff -erwiesen sich, als die beiden Herren fort und die drei Damen -samt Woldemar in die Wohnräume zurückgekehrt waren, -irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die Domina, -die wegen zu verhandelnder difficiler Dinge mit ihrem Neffen -allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war -steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf -mit einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse -sie's; sie habe noch eine Photographie, die wolle sie gleich an -Herrn von Czako schicken, und wenn er dann morgen mittag -von Cremmen her in Berlin einträfe, dann werd er Brief und -Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes ein -»Guten Morgen, Vielliebchen«. Die Domina fand alles so -lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran -lag, die Schmargendorf loszuwerden, so hielt sie mit ihrer -wahren Meinung zurück und sagte: »Ja, liebe Schmargendorf,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -wenn Sie so was vorhaben, dann ist es allerdings die höchste -Zeit. Der Postbote kann gleich kommen.« Und wirklich, die -Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurücklassend, deren -Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann -wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war -bei dem allem ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen -oder von ungefähr in Familienangelegenheiten eingeweiht -zu werden, lag ihr völlig fern, und alles, was sie trotzdem -zum Ausharren bestimmte, war lediglich der Wunsch, -solchem historischen Beisammensein eine durch ihre Triglaffgegenwart -gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich -ging auch sie. Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und -Tante und Neffe ließen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei -braune Plüschfauteuils (Erbstücke noch vom Schloß Stechlin -her) nieder, Woldemar allerdings mit äußerster Vorsicht, -weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad erreicht hatten, -wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben, sondern -auch zu stechen anfangen.</p> - -<p>Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren -Neffen endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem -Behagen: »Ich hätte dir schon bei Tische gern -was Bessres an die Seite gegeben; aber wir haben hier, wie -du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und von diesen -vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch -die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig -wird, ist eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die -Teschendorf, die mal Gouvernante bei den Esterhazys war -und auch noch den Fürsten Schwarzenberg, dessen Frau in -Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die hätt ich natürlich solchem -feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt, aber es -ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf, ist so zittrig -und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab ich denn -doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -doch wenigstens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und -die Schmargendorf …«</p> - -<p>Woldemar lachte.</p> - -<p>»Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten, -daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie -hat doch auch was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst -neulich wieder in einem intimen Gespräch mit unserm Fix -zeigte, der trotz aller Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm -zugesteht) an unserm letzten Whistabend Äußerungen tat, die -wir alle tief bedauern mußten, wir, die wir die Whistpartie -machten, nun schon ganz gewiß, aber auch die gute, taube -Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah, alles auf -einen Zettel schreiben mußten.«</p> - -<p>»Und was war es denn?«</p> - -<p>»Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir -denken kannst, jetzt das Teuerste bedeutet, um den ›Wortlaut‹. -Und denke dir, unser Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben -Tag was gelesen haben, was ihn abtrünnig gemacht -hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar. Und kurz und -gut, er sagte: das mit dem ›Wortlaut‹, das ginge nicht länger -mehr, die ›Werte‹ wären jetzt anders, und weil die Werte nicht -mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten -und müßten gemodelt werden. Er sagte ›gemodelt‹. Aber was -er am meisten immer wieder betonte, das waren die ›Werte‹ -und die Notwendigkeit der ›Umwertung‹.«</p> - -<p>»Und was sagte die Schmargendorf dazu?«</p> - -<p>»Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf -zu bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende -Nacht nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam -ihr ein tiefer Schlaf, und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir -und dem Superintendenten versichert, einen Engel, der mit -seinem Flammenfinger immer auf ein Buch wies und in dem -Buch auf eine und dieselbe Stelle.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<p>»Welche Stelle?«</p> - -<p>»Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte -sie genau gelesen und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie -falsch, weil sie Sonntags in der Kirche nie recht aufpaßt. Und -wir sagten ihr das auch. Und denke dir, sie widersprach nicht -und blieb überhaupt ganz ruhig dabei. ›Ja,‹ sagte sie, ›sie wisse -recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt hätte, sie habe nie -was richtig hersagen können; aber das wisse sie ganz genau, die -Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der ›Wortlaut‹ gewesen.‹«</p> - -<p>»Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? -Diese gute Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; -aber was ihren Traum angeht, da kann ich beim besten Willen -nicht mit. Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein oder ein -Pastor. Dreißig Jahre früher wär es ein Student gewesen.«</p> - -<p>»Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue -Façon, in der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer -wie der andre. Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst -dich jetzt über die gute Schmargendorf, und dein Freund, -der Hauptmann, soviel hab ich ganz deutlich gesehen, tat es -auch und hat sie bei Tische geuzt.«</p> - -<p>»Geuzt?«</p> - -<p>»Du wunderst dich über das Wort, und ich wundre mich -selber darüber. Aber daran ist auch unser guter Fix schuld. -Der ist alle Monat mal nach Berlin rüber, und wenn er dann -wiederkommt, dann bringt er so was mit, und wiewohl ich's -unpassend finde, nehm ich's doch an und die Schmargendorf -auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute Schimonski -auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage ›geuzt‹, -und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen sollen. Aber -das muß wahr sein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf -der Wippe. Siehst du ihn oft?«</p> - -<p>»Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. -Von unsrer Kaserne bis zu seiner, oder auch umgekehrt,<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -das ist eine kleine Reise. Dazu kommt noch, daß wir -vor unserm Halleschen Tor eigentlich gar nichts haben, bloß -die Kirchhöfe, das Tempelhofer Feld und das Rotherstift.«</p> - -<p>»Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgendwo hin -wollt. Beinah muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer -einen Stich, wenn ich mal in Berlin bin, so die Offiziere zu -sehen, wie sie da hinten stehen und Platz machen, wenn eine -Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und manchmal -auch mit ner Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.«</p> - -<p>»Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, -und man kann mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos -Kaserne. Der weite Weg ist es auch eigentlich nicht, wenigstens -nicht allein, weshalb ich Czako so selten sehe. Der Hauptgrund -ist doch wohl der, er paßt nicht so ganz zu uns und eigentlich -auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein -Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten. -Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein Publikum, -dann kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das Publikum ist, -desto mehr. Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht. -Ich muß sagen, ich hab ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm -Rex doch sehr überlegen.«</p> - -<p>»Ja, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, -ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es -aber wissen, wodurch er ihm überlegen ist.«</p> - -<p>»Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. -Rex ist mehr als Czako. Und dann ist Rex Kavallerist.«</p> - -<p>»Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.«</p> - -<p>»Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch -darüber hinaus, ist er Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade.«</p> - -<p>»Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad -von dir.«</p> - -<p>»Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -erstens ist er in der Reserve, und zweitens steht er bei den -zweiten Dragonern.«</p> - -<p>»Macht das nen Unterschied?«</p> - -<p>»Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. -Bei Mars la Tour haben wir dieselbe Attacke geritten.«</p> - -<p>»Und doch …«</p> - -<p>»Und doch ist da ein gewisses <em class="antiqua">je ne sais quoi</em>.«</p> - -<p>»Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. -Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt. -Aber lassen wir das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, -wenn es so bloß nach der Zahl ginge. Was sollte denn da -das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unsrer guten -Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das hundertfünfundvierzigste.«</p> - -<p>»Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. -Aber so bei der Garde …«</p> - -<p>Die Domina schüttelte den Kopf. »Darin, mein lieber -Woldemar, kann ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt -mitunter, ich sei zu exklusiv, aber so exklusiv bin ich doch noch -lange nicht. Und solch Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig -und dabei so ›abgeklärt‹, wie manche jetzt sagen, und, Gott -verzeih mir die Sünde, auch so liberal, worüber selbst dein Vater -klagt. Und nun kommst du mir mit solchem Vorurteil, ja, -verzeih mir das Wort, mit solchen Überheblichkeiten. Ich erkenne -dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste -Garderegiment nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es -denn mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will -ich zugeben, sie haben die Blechmützen und sehen aus, als ob -sie lauter Holländerinnen heiraten wollten … Was ihnen -schon gefallen sollte.«</p> - -<p>»Den Holländerinnen?«</p> - -<p>»Nun, denen auch,« lachte die Tante. »Aber ich meinte -jetzt unsre Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -recht gut, was es mit den großen Grenadieren auf sich hat; -aber die andern sind doch ebensogut, und Potsdam ist doch -schließlich bloß Potsdam.«</p> - -<p>»Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam -sind, das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ›Potsdamer -Wachtparade‹. Und dann das Wort ›erstes‹ spielt allerdings -auch mit. Ein alter Römer, mit dessen Namen ich dich -nicht behelligen will, der wollte in seinem Potsdam lieber der -Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist, -nun, der ist eben der Erste, und als die andern aufstanden, -da hatte dieser ›Erste‹ schon seinen Morgenspaziergang gemacht -und mitunter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment -geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen -schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit -wie mit dem ältesten Sohn. Der älteste Sohn kann unter -Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder, aber -er ist der älteste, das kann ihm keiner nehmen, und das gibt -ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen -Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine -hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen. -In das eine Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt -bloß Mauerblümchen. Es wird jedem seine Stelle gegeben. -Und so ist es auch mit unserm Regiment. Wir mögen nicht -besser sein als die andern, aber wir sind die ersten, wir haben -die Nummer eins.«</p> - -<p>»Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar. -Was in unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer -die Schneidigkeit.«</p> - -<p>»Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. -Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was -wir zu tun haben. Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist bloß -Renommisterei. Und das ist das, was bei uns am niedrigsten -steht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>»Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast, das gefällt -mir. Und in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater -loben. Er hat vieles, was mir nicht zusagt, aber darin ist er -doch ein echter Stechlin. Und du bist auch so. Und das hab ich -immer gefunden, alle, die so sind, die schießen zuletzt doch den -Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen.«</p> - -<p>Dies »bei den Damen« war nicht ohne Absicht gesprochen -und schien auf das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema -hinüberführen zu sollen. Aber ehe die Tante noch eine -direkte Frage stellen konnte, wurde der Rentmeister gemeldet, -der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina -wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar -und sagte: »Soll ich ihn fortschicken?«</p> - -<p>»Es wird kaum gehen, liebe Tante.«</p> - -<p>»Nun denn.«</p> - -<p>Und gleich danach trat Fix ein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten, -erst im Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister -Fix, ritten Rex und Czako (Fritz mit dem Leinpferd -folgend) auf Cremmen zu. Das war noch eine tüchtige Strecke, -gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide Reiter übereingekommen, -nichts zu übereilen und sich's nach Möglichkeit -bequem zu machen. »Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um -acht oder um neun über den Cremmer Damm reiten. Das -bißchen Abendrot, das da drüben noch hinter dem Kirchturm -steht … Fritz, wie heißt er? Welcher Kirchturm ist es? …« -– »Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann!« – »… Also, -das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen -steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -also doch, und von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens -gern einmal näher angesehen hätte (man muß so was immer -auf dem Hinwege mitnehmen), kommt uns bei Tageslicht -nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt etwas ab vom -Wege.«</p> - -<p>»Schade,« sagte Rex.</p> - -<p>»Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person -komme schließlich drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, -sollte dergleichen mehr wallfahrtartig auffassen.«</p> - -<p>»Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem -kleinen Abstecher ins Lästerliche. Was soll ›Wallfahrt‹ hier -überhaupt? Und dann, was haben Sie gegen Wallfahrten? -Und was haben Sie gegen die Hohenlohes?«</p> - -<p>»Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen -die einen, und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was -ich von Wallfahrten gelesen habe, hat mich immer nur wünschen -lassen, mal mit dabei zu sein. Und <em class="antiqua">ad vocem</em> der Hohenlohes, -so kann ich Ihnen nur sagen, für die hab ich sogar was übrig -in meinem Herzen, viel, viel mehr als für unser eigentliches -Landesgewächs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre Autochthonen.«</p> - -<p>»Und das meinen Sie ganz ernsthaft?«</p> - -<p>»Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie -vernünftige Leute darüber reden. Wenn ich sage ›wir‹, so meine -ich natürlich mich. Denn Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht -ein bißchen zu sehr.«</p> - -<p>Rex lächelte. »Nun gut; ich will's Ihnen glauben.«</p> - -<p>»Also die Hohenlohes,« fuhr Czako fort. »Ja, wie steht es -damit? Wie liegt da die Sache? Da kommt hier so Anno -Domini ein Burggraf ins Land, und das Land will ihn nicht, -und er muß sich alles erst erobern, die Städte beinah und die -Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich erst recht. Und der -Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht helfen.<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch -kommt, ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische -Leute, die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen. Denn -ein bißchen so was war es. Und geht auch gleich los, und die -Quitzows und die, die's sein wollen, rufen die Pommern ins -Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoßen sie -zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die -Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen -waren. Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren -Jahren. Der fiel zuerst und versank in den Sumpf, und da -liegt er. Das heißt, sie haben ihn rausgeholt, und nun liegt -er in der Klosterkirche. Und dieser eine, der da voran fiel, der -hieß Hohenlohe.«</p> - -<p>»Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im -Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer, -Sie haben so was allein gepachtet.«</p> - -<p>»Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß. -Aber was steht nicht alles – von Kinderfreund gar nicht -zu reden – in Bibel und Katechismus, und die Leute wissen -es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und ob es nun drin steht -oder nicht drin steht, ich sage nur: so hat es angefangen, und so -läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte Fürst, der -jetzt dran ist, daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes -Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin die Bismarckschen -Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre -Tage vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, -und ein Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der -damals am Cremmer Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen, -Rex, das ist das, was mir imponiert; immer da sein, wenn Not -an Mann ist. Die Kleinen von hier, trotz der ›Loyalität bis auf -die Knochen‹, die mucken immer bloß auf, aber die wirklich -Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber, sondern -dem Gefühl ihrer Pflicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<p>Rex war einverstanden und wiederholte nur: »Schade, -daß wir so spät an dem Denkmal vorbeikommen.«</p> - -<p>»Ja, schade,« sagte Czako. »Wir müssen es uns aber schenken. -Im übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns -noch weiter zu sagen haben, die Hohenlohes aus dem Spiel. -Andres liegt uns heute näher. Wie hat Ihnen denn eigentlich -die Schmargendorf gefallen?«</p> - -<p>»Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. -Außerdem haben Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich, -und mir war immer, als ob ich Faust und Gretchen sähe.«</p> - -<p>Czako lachte. »Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar -vor, und ich bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei -zufällt – der mit der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre -Nummer wie der sentimentale ›Habe-nun-ach-Mann‹ – diese -Mephistorolle, sag ich, gefällt mir besser, und was die Schmargendorf -angeht, so kann ich nur sagen: Von meiner Martha lass' -ich nicht.«</p> - -<p>»Czako, Sie münden wieder ins Frivole.«</p> - -<p>»Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht -haben. Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. -Aber über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und -sind wir erst bei der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. -Ich fürchte, unser Freund Woldemar befindet sich in diesem -Augenblick in einer scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt -ihm seit Jahr und Tag (er hat mir selber Andeutungen darüber -gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren, mutmaßlich weil ihr -die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach ein Schrecknis -ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben -immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie. -Freilich auch andre, die klüger sein sollten. Unsre Leute gefallen -sich nun mal in der Idee, sie hingen mit dem Fortbestande -der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen. In Wahrheit -liegt es so, daß wir sämtlich abkommen können. Ohne die<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -Czakos geht es nun schon gewiß, wofür sozusagen historisch-symbolisch -der Beweis erbracht ist.«</p> - -<p>»Und die Rex?«</p> - -<p>»Vor diesem Namen mach ich halt.«</p> - -<p>»Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen -wir die Czakos, und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen -bei unserm Freunde Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten, -darin haben Sie recht.«</p> - -<p>»Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle -Lage nenne. Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren -will und mit Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert.«</p> - -<p>»Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal, -wenn Sie zu glauben anfangen, in einem großen Irrtum -befinden.«</p> - -<p>»Das kann nicht sein.«</p> - -<p>»Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre mich nur, -daß gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören -und allen Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter, -daß gerade Sie von dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen -haben sollen. Sie verkehren doch auch bei den Xylanders, -ja, ich glaube, Sie da, letzten Winter, mal kämpfend am Büfett -gesehen zu haben.«</p> - -<p>»Gewiß.«</p> - -<p>»Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, -Baron und Frau, und in lebhaftestem Gespräche mit diesem -bayerischen Baron ein distinguierter alter Herr und zwei Damen. -Und diese drei, das waren die Barbys.«</p> - -<p>»Die Barbys,« wiederholte Czako, »Botschaftsrat oder -dergleichen. Ja, gewiß, ich habe davon gehört; aber ich kann -mich jedenfalls nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu -haben. Und sicherlich nicht an jenem Abend, wo ja von Vorstellen -keine Rede war, die reine Völkerschlacht. Aber Sie wollten -mir, glaube ich, von eben diesen Barbys erzählen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>»Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen, -daß Ihr Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben -diesem Hause regelmäßig verkehrt.«</p> - -<p>»Er wird wohl in vielen Häusern verkehren.«</p> - -<p>»Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus -ihn ganz in Anspruch nimmt.«</p> - -<p>»Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was -bedeutet das?«</p> - -<p>»Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und -sich mit einer Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist. -Bloß eine Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen -müssen, auch wenn sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt -bereits anders verfügt haben sollte. Solche Dinge begleichen -sich indessen fast immer. Unser Woldemar wird sich aber -mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten gestellt sehen.«</p> - -<p>»Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert -vielleicht Gegenliebe?«</p> - -<p>»Nein, Czako, von ›mankierender Gegenliebe‹, wie Sie sich -auszudrücken belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten -liegen in was anderm. Es sind da nämlich, wie ich mir -schon anzudeuten erlaubte, zwei Komtessen im Hause. Nun, -die jüngere wird es wohl werden, schon weil sie eben die jüngere -ist. Aber so ganz sicher ist es doch keineswegs. Denn auch die -ältere, wiewohl schon über dreißig, ist sehr reizend und zum Überfluß -auch noch Witwe – das heißt eigentlich nicht Witwe, sondern -richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau. Sie war nur -ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet.«</p> - -<p>»Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet,« wiederholte -Czako, während er unwillkürlich sein Pferd anhielt. »Aber -Rex, das ist ja hoch pikant. Und daß ich erst heute davon höre -und noch dazu durch Sie, der Sie sich von solchen Dingen doch -zunächst entsetzt abwenden müßten. Aber so seid ihr Konventikler. -Schließlich ist all dergleichen doch eigentlich euer Lieblingsfeld.<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -Und nun erzählen Sie weiter, ich bin neugierig -wie ein Backfisch. Wer war denn der unglücklich Glückliche?«</p> - -<p>»Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, -der diese ältere Komtesse heiratete. Nun dieser glücklich Unglückliche -– oder vielleicht auch umgekehrt – war auch Graf, -sogar ein italienischer (vorausgesetzt, daß Sie dies als eine -Steigerung ansehn), und hatte natürlich einen echt italienischen -Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name wie der des florentinischen -Bildhauers, von dem die berühmten Türen herrühren.«</p> - -<p>»Welche Türen?«</p> - -<p>»Nun, die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz, von -denen Michelangelo gesagt haben soll, ›sie wären wert, den Eingang -zum Paradiese zu bilden‹. Und diese Türen heißen denn auch, -ihrem großen Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Türen. Übrigens -eine Sache, von der ein Mann wie Sie was wissen müßte.«</p> - -<p>»Ja, Rex, Sie haben gut reden von ›wissen müssen‹. Sie -sind aus einem großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen -Kandidaten als Lehrer gehabt und sind dann auf Reisen gegangen, -wo man so feine Dinge wegkriegt. Aber ich! Ich bin -aus Ostrowo.«</p> - -<p>»Das ändert nichts.«</p> - -<p>»Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, -wo soll dergleichen bei mir herkommen? Was Hänschen nicht -lernt, – dabei bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz -deutlich einer Auktion in Ostrowo, bei der (es war in einem -kommerzienrätlichen Hause) schließlich ein roter Kasten zur -Versteigerung kam, ein Kasten mit Doppelbildern und einem -Opernkucker dazu, der aber keiner war. Und all das kaufte sich -meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein Wort, -das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische Kunst -gelernt. Die ›Türen‹ waren aber nicht dabei. Was können Sie -da groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen -wollen, ne Panoptikumbildung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>Rex lachte. »Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere -Komtesse Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten -indes durchaus die Himmelstüren, – soviel läßt sich mit aller -Bestimmtheit sagen. Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja, -mehr, die scharmante Frau (›scharmant‹ ist übrigens ein viel -zu plebejes und minderwertiges Wort) hat in ihrer Empörung -den Namen Ghiberti wieder abgetan, und alle Welt nennt sie -jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.«</p> - -<p>»Und der ist?«</p> - -<p>»Melusine.«</p> - -<p>»Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer -Damm herangekommen. Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk, -das am Himmel hinzog, verbarg die Mondsichel. Ein -paarmal indessen trat sie hervor, und dann sahen sie bei halber -Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten im Luche -schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in -Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich -in einen munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen -vor dem Gasthause zum »Markgrafen Otto«. Es schlug eben -neun von der Nikolaikirche.</p> - -<p>Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in -dem sich Rex über die in der Stadt herrschende Gesinnung -und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte. Der Wirt stellte der -einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte -die Genugtuung, daß ihm Rex freundlich zunickte. Czako aber -sagte: »Sagen Sie, Herr Wirt, Sie haben da ein so schönes -Billard; ich habe mir jüngst erst sagen lassen, wenn's wirklich -flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend Mark -bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht -es damit? Für möglich halt ich es.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p> - -<h2 id="Nach_dem_Eierhaeuschen">Nach dem Eierhäuschen</h2> - -<h3 id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter, lebten -seit einer Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, -zwischen Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus, -dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied sich, ohne sonst -irgendwie hervorragend zu sein (Berlin ist nicht reich an Privathäusern, -die Schönheit und Eigenart in sich vereinigen), immerhin -vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von denen es durch -zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon ein kleiner -Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre ein -Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebäude, -dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung -befand, von wildem Wein umwachsen waren. Schon -diese Lage des Hauses hätte demselben ein bestimmtes Maß -von Aufmerksamkeit gesichert, aber auch seine Fassade mit ihren -zwei Loggien links und rechts ließ die des Weges Kommenden -unwillkürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben diesen -Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und -Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit, -mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in -pompejischem Rot gehaltenen Einbau, mal die gleichartige -Loggia, die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehörte. -Dazwischen lag ein dritter großer Raum, der als Repräsentations- -und zugleich als Eßzimmer diente. Das war, mit Ausnahme<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -der Schlaf- und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber -man Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt, -hing aber sehr an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel, -oder auch nur der Gedanke daran, so gut wie ausgeschlossen -war. Einmal hatte die liebenswürdige, besonders mit -Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen -solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um -sofort einem lebhaften Widerspruche zu begegnen. »Ich sehe -schon, Baronin, Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz -gegen uns ins Gefecht. Ihre Lennéstraße! Nun ja, wenn's -sein muß. Aber was haben Sie da groß? Sie haben den Lessing -ganz und den Goethe halb. Und um beides will ich Sie -beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung -stellen. Aber die Lennéstraßenwelt ist geschlossen, ist zu, sie hat -keinen Blick ins Weite, kein Wasser, das fließt, keinen Verkehr, -der flutet. Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der -herankommenden Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah -und nicht zu weit, und sehe dabei, wie das Abendrot den Lokomotivenrauch -durchglüht und in dem Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen -schimmert, was will Ihre grüne Tiergartenwand -dagegen?« Und dabei wies die Gräfin auf einen -gerade vorüberdampfenden Zug, und die Baronin gab sich zufrieden.</p> - -<p>Ein solcher Abend war auch heute; die Balkontür stand -auf, und ein kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den -schweren Teppich, der durch das ganze Zimmer hin lag. Es -mochte die sechste Stunde sein, und die Fenster drüben an den -Häusern der andern Seite standen wie in roter Glut. Ganz in -der Nähe des Kamins saß Armgard, die jüngere Tochter, in -ihren Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht auf den -Ständer gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin gearbeitet, -hatte sie, seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und -spielte statt dessen mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -griff, wenn es galt, leere Minuten auszufüllen. Sie spielte das -Spiel sehr geschickt, und es gab immer einen kleinen hellen -Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel. Melusine stand -draußen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um -sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen.</p> - -<p>»Armgard,« rief sie in das Zimmer hinein, »komm; die -Sonne geht eben unter!«</p> - -<p>»Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe -auch schon zwölfmal gefangen.«</p> - -<p>»Wen?«</p> - -<p>»Nun natürlich den Ball.«</p> - -<p>»Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich -dich so dasitzen sehe, so kommt es mir fast vor, als dächtest du -selber auch so was. Du sitzt so märchenhaft da.«</p> - -<p>»Ach, du denkst immer nur an Märchen und glaubst, weil -du Melusine heißt, du hast so was wie eine Verpflichtung -dazu.«</p> - -<p>»Kann sein. Aber vor allem glaub ich, daß ich es getroffen -habe. Weißt du, was?«</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu weit ab.«</p> - -<p>»Dann komm und sag es mir ins Ohr.«</p> - -<p>»Das ist zuviel verlangt. Denn erstens bin ich die ältere, -und zweitens bist du's, die was von mir will. Aber ich will es -so genau nicht nehmen.«</p> - -<p>Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester -zu, nahm ihr das Fangspiel fort und sagte, während sie ihr die -Hand auf die Stirn legte: »Du bist verliebt.«</p> - -<p>»Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man -so klug ist wie du … Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas -verliebt ist man immer.«</p> - -<p>»Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und die -Finessen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<p>In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen, und Armgard -horchte.</p> - -<p>»Wie du dich verrätst,« lachte Melusine. »Du horchst und -willst wissen, wer kommt.«</p> - -<p>Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die Tür ging -bereits auf und Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern, -trat ein, unmittelbar hinter ihr ein Gersonscher Livreediener -mit einem in einen Riemen geschnallten Karton. »Er -bringt die Hüte,« sagte die Kammerjungfer.</p> - -<p>»Ah, die Hüte. Ja, Armgard, da müssen wir freilich unsre -Frage vertagen. Was doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte, -stellen Sie hin. Aber Lizzi, du, du bleibst und mußt uns -helfen; du hast einen guten Geschmack. Übrigens, ist kein Stehspiegel -da?«</p> - -<p>»Soll ich ihn holen?«</p> - -<p>»Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch bloß ankommt, -können wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen … -Ich denke, Armgard, du läßt mir die Vorhand; dieser hier -mit dem Heliotrop und den Stiefmütterchen, der ist natürlich -für mich; er hat den richtigen Frauencharakter, fast schon -Witwe.«</p> - -<p>Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an -den Spiegel. »Nun, Lizzi, sprich.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint mir nicht modern -genug. Der, den Komtesse Armgard eben aufsetzt, der -würde wohl auch für Frau Gräfin besser passen – die hohen -Straußfedern, wie ein Ritterhelm, und auch die Hutform selbst. -Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah noch hübscher.«</p> - -<p>Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard, -hinter der Schwester stehend und größer als diese, sah über -deren linke Schulter fort. Beide gefielen sich ungemein, und -schließlich lachten sie, weil jede der andern ansah, wie hübsch -sie sich fand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<p>»Ich möchte doch beinah glauben …,« sagte Melusine, -kam aber nicht weiter, denn in eben diesem Augenblicke trat -ein in schwarzen Frack und Escarpins gekleideter alter Diener -ein und meldete: »Rittmeister von Stechlin.«</p> - -<p>Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst -und verbeugte sich gegen die Damen. »Ich fürchte, daß ich zu -sehr ungelegener Stunde komme.«</p> - -<p>»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen -quälen wir uns denn überhaupt mit solchen Sachen? Doch -bloß um unsrer Gebieter willen, die man ja (vielleicht leider) -auch noch hat, wenn man sie nicht mehr hat.«</p> - -<p>»Immer die liebenswürdige Frau.«</p> - -<p>»Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind wichtig. -Ich nehm es als eine Fügung, daß Sie da gerade hinzukommen; -Sie sollen entscheiden. Wir haben freilich schon Lizzis -Meinung angerufen, aber Lizzi ist zu diplomatisch; Sie sind -Soldat und müssen mehr Mut haben; Armgard, sprich auch; -du bist nicht mehr jung genug, um noch ewig die Verlegene zu -spielen. Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in -Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein Gutachten -von Ihnen, da laß ich all meine Bedenken fallen. Außerdem -bin ich für Autoritäten, und wenn es überhaupt Autoritäten -in Sachen von Geschmack und Mode gibt, wo wären sie besser -zu finden als im Regiment Ihrer Kaiserlich Königlichen Majestät -von Großbritannien und Indien? Irland laß ich absichtlich -fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute Geschmack -kommt, alle alte Kultur, alle Schals und Teppiche, -Buddha und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard; -du natürlich an den rechten Flügel, denn du bist größer. Und -nun, lieber Stechlin, wie finden Sie uns?«</p> - -<p>»Aber, meine Damen …«</p> - -<p>»Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?«</p> - -<p>»Unendlich nett.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>»Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens -kein nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend.«</p> - -<p>»Also schlankweg entzückend.«</p> - -<p>»Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzückender?«</p> - -<p>»Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem -seligen Paris. Bloß, er hatte es viel leichter, weil es drei -waren. Aber zwei. Und noch dazu Schwestern.«</p> - -<p>»Wer? Wer?«</p> - -<p>»Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie, gnädigste -Frau.«</p> - -<p>»Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese zwei Hüte. -Lizzi, gib all das andre zurück. Und Jeserich soll die Lampen -bringen; draußen ein Streifen Abendrot und hier drinnen ein -verglimmendes Feuer, – das ist denn doch zu wenig oder, -wenn man will, zu gemütlich.«</p> - -<p>Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so daß sie -gleich da waren.</p> - -<p>»Und nun schließen Sie die Balkontür, Jeserich, und sagen -Sie's Papa, daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist -nicht gut bei Wege, wieder die neuralgischen Schmerzen; aber -wenn er hört, daß Sie da sind, so tut er ein übriges. Sie wissen, -Sie sind sein Verzug. Man weiß immer, wenn man Verzug ist. -Ich wenigstens hab es immer gewußt.«</p> - -<p>»Das glaub ich.«</p> - -<p>»Das glaub ich! Wie wollen Sie das erklären?«</p> - -<p>»Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache will gelernt -sein. Alles ist schließlich Erfahrung. Und ich glaube, daß -Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben wurde, der Frage ›Verzug -oder Nichtverzug‹ praktisch näherzutreten.«</p> - -<p>»Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn -von Stechlin (ich persönlich getraue mich's nicht), daß wir in -einer halben Stunde fort müssen, Opernhaus, ›Tristan und<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Isolde‹. Was sagen Sie dazu? Nicht zu Tristan und Isolde, -nein, zu der heikleren Frage, daß wir eben gehen, im selben -Augenblick, wo Sie kommen. Denn ich seh es Ihnen an, Sie -kamen nicht so bloß um ›<em class="antiqua">five o'clock tea's</em>‹ willen, Sie hatten -es besser mit uns vor. Sie wollten bleiben …«</p> - -<p>»Ich bekenne …«</p> - -<p>»Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig -sind und Verzeihung üben, versprechen Sie, daß wir Sie bald -wiedersehen, recht, recht bald. Ihr Wort darauf. Und dem -Papa, der Sie vielleicht erwartet, wenn es Jeserich für gut befunden -hat, die Meldung auszurichten, – dem Papa werd ich -sagen, Sie hätten nicht bleiben können, eine Verabredung, -Klub oder sonst was.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch -mit Melusine die Treppe hinabstieg und auf den nächsten -Droschkenstand zuschritt, saß der alte Graf in seinem Zimmer -und sah, den rechten Fuß auf einen Stuhl gelehnt, durch das -Balkonfenster auf den Abendhimmel. Er liebte diese Dämmerstunde, -drin er sich nicht gerne stören ließ (am wenigsten gern -durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich, der das also -wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen die Lampe -zu bringen, sondern nur um ein paar Kohlen aufzuschütten.</p> - -<p>»Wer war denn da, Jeserich?«</p> - -<p>»Der Herr Rittmeister.«</p> - -<p>»So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber freilich, -was soll er mit mir? Und der Fuß und die Schmerzen, dadurch -wird man auch nicht interessanter. Armgard und nun gar erst -Melusine, ja, da geht es, da redet sich's schon besser, und das -wird der Rittmeister wohl auch finden. Aber soviel ist richtig, -ich spreche gern mit ihm; er hat so was Ruhiges und Gesetztes -und immer schlicht und natürlich. Meinst du nicht auch?«</p> - -<p>Jeserich nickte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<p>»Und glaubst du nicht auch (denn warum käme er sonst so -oft), daß er was vorhat?«</p> - -<p>»Glaub ich auch, Herr Graf.«</p> - -<p>»Na, was glaubst du?«</p> - -<p>»Gott, Herr Graf …«</p> - -<p>»Ja, Jeserich, du willst nicht raus mit der Sprache. Das -hilft dir aber nichts. Wie denkst du dir die Sache?«</p> - -<p>Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten -Grafen nichts übrig blieb, als seinerseits fortzufahren. »Natürlich -paßt Armgard besser, weil sie jung ist; es ist so mehr -das richtige Verhältnis, und überhaupt, Armgard ist sozusagen -dran. Aber, weiß der Teufel, Melusine …«</p> - -<p>»Freilich, Herr Graf.«</p> - -<p>»Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich -immer um die. Wie denkst du dir nun den Rittmeister? Und -wie denkst du dir die Damen? Und wie steht es überhaupt? -Ist es die oder ist es die?«</p> - -<p>»Ja, Herr Graf, wie soll ich darüber denken? Mit Damen -weiß man ja nie – vornehm und nicht vornehm, klein und -groß, arm und reich, das is all eins. Mit unsrer Lizzi is es -gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine. Wenn man denkt, -es is so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn is -es wieder so. Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig, -die sagte auch immer: ›Ja, Jeserich, was du dir bloß denkst; -wir sind eben ein Rätsel.‹ Ach Gott, sie war ja man einfach, -aber das können Sie mir glauben, Herr Graf, so sind sie alle.«</p> - -<p>»Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können wir auch -nicht gegen an. Und ich freue mich, daß du das auch so scharf -aufgefaßt hast. Du bist überhaupt ein Menschenkenner. Wo -du's bloß her hast? Du hast so was von nem Philosophen. -Hast du schon mal einen gesehen?«</p> - -<p>»Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer -Silber putzen muß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>»Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann ich dich -nicht freimachen …«</p> - -<p>»Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin -ja auch fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ›man -gehört so halb wie mit dazu,‹ – dafür bin ich. Und manche -sollen ja auch halb mit dazu gehören … Aber ein bißchen anstrengend -is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch -ein Mensch …«</p> - -<p>»Na, höre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.«</p> - -<p>»Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. -Aber ein bißchen is es doch damit …«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Woldemar – wie Rex seinem Freunde Czako, als beide -über den Cremmer Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt -hatte – verkehrte seit Ausgang des Winters im Barbyschen -Hause, das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft -bevorzugte. Vieles war es, was ihn da fesselte, voran die beiden -Damen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten, selbst -in der äußern Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem -Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, -in altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich -am ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den -beiden geäußert. Es hieß da unterm achtzehnten April: »Ich -kann Wedel nicht dankbar genug sein, mich bei den Barbys eingeführt -zu haben; alles, was er von dem Hause gesagt, fand -ich bestätigt. Diese Gräfin, wie charmant, und die Schwester -ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind. An -der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles -Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; -die Gräfin ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. -Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennen gelernt, -noch dazu bloß als Bühnenfigur, und ich mußte beständig -an diese denken, wie sie da (ich glaube, es war Fräulein -Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem Landvogt so -mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard! -Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, -daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war. -Und dazu der alte Graf! Wie ein Zwillingsbruder von Papa; -derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane Wesen, dieselbe Freundlichkeit, -dieselbe gute Laune. Papa ist aber ausgiebiger und auch -wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang -diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit -richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der -Graf war ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was -anderes als ein Ritterschaftsrat, und an der Themse wächst -man sich anders aus als am ›Stechlin‹ – unsern Stechlin dabei -natürlich in Ehren. Trotzdem, die Verwandtschaft bleibt. -Und der alte Diener, den sie Jeserich nennen, der ist nun schon -ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber was -am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre, -das Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen – -er lacht über nichts so sehr wie über Liberalismus –, und doch -kenne ich keinen Menschen, der innerlich so frei wäre, wie gerade -mein guter Alter. Zugeben wird er's freilich nie und wird in -dem Glauben sterben: ›Morgen tragen sie einen echten alten -Junker zu Grabe.‹ Das ist er auch, aber doch auch wieder das -volle Gegenteil davon. Er hat keine Spur von Selbstsucht. -Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte -Graf. Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann -den Unterschied und das Übergewicht. Er weiß – was sie hierzulande -nicht wissen oder nicht wissen wollen –, daß hinterm<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter noch ganz -andre.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. -Von allem, was er gesehen, war er angenehm berührt -worden, auch von Haus und Wohnung. Und dazu war guter -Grund da, mehr als er nach seinem ersten Besuche wissen konnte. -Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus mit seinen -Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich in -zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre besondern Annexe -hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene -pittoreske Hof- und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher, -Herr Imme, residierte, während zu dem die zweite Hälfte des -Hauses bildenden Hochparterre ziemlich selbstverständlich noch -das kleine niedrige Souterrain gerechnet wurde, drin, außer -Portier Hartwig selbst, dessen Frau, sein Sohn Rudolf und seine -Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und zwar -immer nur dann, wenn sie, was allerdings ziemlich häufig -vorkam, mal wieder ohne Stellung war. Die Wirtin des Hauses, -Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte diesen gelegentlichen -Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden -müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, -quickes und sehr anstelliges Ding war und manches besaß, -was die Schickedanz mit der Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels -wieder aussöhnte.</p> - -<p>Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, -als im Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse -Armgard damals erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war -um jene Zeit noch in Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, -erst im Dezember des vorausgegangenen Jahres gestorben -war, »drei Tage vor Weihnachten«, ein Umstand, -auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner Leichenrede -beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung auch<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst -und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der -ganzen Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich -ihrem Manne bemerkt hatte: »Ja. Hartwig, da liegt doch was -drin.« Hartwig selber indes, der, im Gegensatz zu den meisten -seines Standes, humoristisch angeflogen war, hatte für die -merkwürdige Fügung von »drei Tage vor Weihnachten« nicht -das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die Bemerkung -dafür gehabt: »Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich -dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man -ran,« – worauf die Frau jedoch geantwortet hatte: »Ja, Hartwig, -das sagst du so immer; aber wenn du dran bist, dann redst -du anders.«</p> - -<p>Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam, -ein Leben hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene -Hälften, in eine ganz kleine unbedeutende und in eine ganz -große, teilte. Die unbedeutende Hälfte hatte lange gedauert, -die große nur ganz kurz. Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem -bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er, als er aus dem -diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war, in -Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich -der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil -er sah, daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, -ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben und behaupteten: -Schickedanz sei nicht bloß ein Charakter, sondern auch -eine bescheidene Natur.</p> - -<p>Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war sicher, -daß er sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt -hatte. Schon mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutsch-englische -Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und -hatte mit sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum -in eben dieser Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten -Gründen ein großer Tag gewesen. Denn als Schickedanz ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -erlebte, hieß er nur noch so ganz obenhin »Herr Versicherungssekretär«, -war aber in Wahrheit über diesen seinen Titel weit -hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am Kronprinzenufer. -Er hatte sich das leisten können, weil er im Laufe -der letzten fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom -großen Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als -persönliches Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht. -Denn arbeiten kann jeder, das große Los gewinnen kann nicht -jeder. Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft -lediglich nur noch als verhätscheltes Zierstück, weil es damals -wie jetzt einen guten Eindruck machte, Personen der Art -im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben. An der Spitze muß -immer ein Fürst stehen. Und Schickedanz war jetzt Fürst. Alles -drängte sich nicht bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde, -die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes -Vertrauen hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn, die -Lotterielose für sie zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich -einen Umschlag schuf und einzelne von »bösem Blick« und -sogar ganz unsinnigerweise von Mogelei sprechen ließ. Die -meisten indessen hielten es für klug, ihr Übelwollen zurückzuhalten; -war er doch immerhin ein Mann, der jedem, wenn er -wollte, Deckung und Stütze geben konnte. Ja, Schickedanz' -Glück und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem -Jubiläumstage. Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein -Orden kam nicht, was denn auch von einigen Schickedanzfanatikern -sehr mißliebig bemerkt wurde. Besonders schmerzlich -empfand es die Frau. »Gott, er hat doch immer so treu -gewählt,« sagte sie. Sie kam aber nicht in die Lage, sich in diesen -Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt -waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war -das Jubiläum gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember -starb er. Auf dem Notizenzettel, den man damals dem -Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser dreimal wiederkehrende<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -»einundzwanzigste« gefehlt, was alles in allem wohl als ein -Glück angesehen werden konnte, weil, entgegengesetztenfalls -die »drei Tage vor Weihnachten« entweder gar nicht zustande -gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in ihrer -Wirkung abgeschwächt worden wären.</p> - -<p>Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief, -kurz vor seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: -»Riekchen, sei ruhig. Jeder muß. Ein Testament hab ich nicht -gemacht. Es gibt doch bloß immer Zank und Streit. Auf -meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf hab ich alles -Nötige geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus. -Du mußt es behalten, damit die Leute sagen können: ›Da wohnt -Frau Schickedanz.‹ Hausname, Straßenname, das ist überhaupt -das Beste. Straßenname dauert noch länger als Denkmal.«</p> - -<p>»Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt dich an. -Ich will es ja alles heilig halten, schon aus Liebe …«</p> - -<p>»Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute -Frau, wenn wir auch keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum -bitte ich dich, vergiß nie, daß es meine Puppe war. Du darfst -bloß vornehme Leute nehmen; reiche Leute, die bloß reich sind, -nimm nicht; die quängeln bloß und schlagen große Haken in -die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran. Überhaupt, -wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du -behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut. -Und der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt -wird, soll er hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und -der Schullehrer in Kaputt soll auch hundert Taler kriegen. -Der wird sich wundern. Aber darauf freu ich mich schon. Und -auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein, wenn es -irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und anno -siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den -Feind, trotzdem Luchterhand immer sagte: ›Nicht so nah ran.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>‹ -Sei freundlich gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist -ein bißchen zu sparsam) und bewahre mir einen Platz in deinem -Herzen. Denn treu warst du, das sagt mir eine innere Stimme.«</p> - -<p>Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage, -die leer stand, als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre -unbewohnt, trotzdem sich viele Herrschaften meldeten. -Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung, die Schickedanz -vor seinem Hinscheiden gestellt hatte. Herbst fünfundachtzig -kamen dann die Barbys. Die kleine Frau sah gleich »ja, das -sind die, die mein Seliger gemeint hat«. Und sie hatte wirklich -richtig gewählt. In den fast zehn Jahren, die seitdem verflossen -waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten gekommen, -mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber -auch kaum mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr -zwischen Erdgeschoß und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden, -– Hartwig war einfach der <em class="antiqua">alter ego</em>, der mit Jeserich -alles Nötige durchzusprechen hatte. Kam es aber ausnahmsweise -zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner Begegnung, -so bewahrte dabei die kleine winzige Frau (die nie »viel« war -und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden -war) eine merkwürdig gemessene Haltung, die jedem mit dem -Berliner Wesen Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt -haben würde. Riekchen empfand sich nämlich in solchem Augenblicke -durchaus als »Macht gegen Macht«. Wie beinah jedem -hierlandes Geborenen, war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens -völlig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser -getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand -nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an -der Welt draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt ist, weder -eine Vorstellung hat noch überhaupt haben will. Der autochthone -»Kellerwurm«, wenn er fünfzig Jahre später in eine -Steglitzer Villa zieht, bildet – auch wenn er seiner Natur nach -eigentlich der bescheidenste Mensch ist – eine gewisse naive<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz ernsthaft, jenen -Gold- und Silberkönigen zuzugehören, die die Welt regieren. -So war auch die Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in der -Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später -für ein Weißzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben, wenn -sie rückblickte, wie ein Märchen vor, drin sie die Rolle der Prinzessin -spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still aber -stark, mit einem Hochgefühl, das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen -gegenüber auf Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte -sich ein und wies sich, soweit ihre historische Kenntnis das -zuließ, einen ganz bestimmten Platz an: Fürst Dolgorucki, Herzog -von Devonshire, Schickedanz.</p> - -<p>Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken -ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und mehr -zum Kult. Die Vormittagsstunden jedes Tages gehörten -dem hohen Palisanderschrank an, drin die Jubiläumsgeschenke -wohlgeordnet standen: ein großer Silberpokal mit einem -drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel, ein Album -mit photographischen Aufnahmen aller Sehenswürdigkeiten -von Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken, -mehrere Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied -mit dem Refrain »alle Neune«), Riesensträuße von -Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem Eisernen Kreuz und einem -aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee herrührend, -in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis vor -Paris gebracht hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsäule, -stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch -angehörigen Bildhauers, der daraufhin einen leider ausgebliebenen -Auftrag in Marmor erwartet hatte. Fauteuils -und Stühle steckten in großblumigen Überzügen, desgleichen -der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an den Frontfenstern -standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen -trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war überhaupt,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -seit das Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch -ihre Gestalt noch unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag -im Monat war allgemeines Reinmachen, auch bei Wind -und Kälte. Dies war immer ein Tag größter Aufregung, weil -jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das -blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig, -die sich einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in diesem -Punkte schaffte. Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, -und Riekchen war um so glücklicher darüber, als Hartwigs -hübsche Nichte, wenn sie mal wieder den Dienst gekündigt -hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und mit immer -neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken -wußte.</p> - -<p>Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen -Hause zufrieden zu sein. Nur eines störte, das war, daß -jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche geklopft wurden, -immer gerade zu der Stunde, wo der alte Graf seine Nachmittagsruhe -halten wollte. Das verdroß ihn eine Weile, bis -er schließlich zu dem Ergebnis kam: »Eigentlich bin ich doch -selber schuld daran. Warum setz ich mich immer wieder in die -Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier -ich wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; -willst es doch noch mal versuchen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu -haben, er hielt auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lange -er darin wohnte, war es ihm gut ergangen, nicht glänzender als -früher, aber sorgenloser. Und das sagte er sich jeden neuen Tag.</p> - -<p>Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem -Sinne durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie das Leben -eines preußischen »Magnaten« (worunter man in der Regel -Schlesier versteht; aber es gibt doch auch andre) zu verlaufen -pflegt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bomdardierten -und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten, -war der Graf auf einem der an der mittleren Elbe -gelegenen Barbyschen Güter geboren worden. Auf eben diesem -Gute – das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten -Administration unterstand – vergingen ihm die -Kinderjahre; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie, -mit achtzehn in das Regiment Garde-du-Corps, drin die Barbys -standen, solang es ein Regiment Garde-du-Corps gab. Mit -dreißig war er Rittmeister und führte eine Schwadron. Aber -nicht lange mehr. Auf einem in der Nähe von Potsdam veranstalteten -Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach -den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen, -ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung -zu suchen, und machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn -von Planta, der ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud. -Weil diese ganz in der Nähe lagen, nahm er die Einladung -nach Schloß Schuder an. Hier blieb er länger als erwartet, -und als er das schön gelegene Bergschloß wieder verließ, war -er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war eine -große Neigung, was sie zusammenführte. Die junge Freiin -drang alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach -dem um so lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht -ganz sicher war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem -militärischen in den diplomatischen Dienst über, wozu seine -Bildung, sein Vermögen, seine gesellschaftliche Stellung ihn -gleichmäßig geeignet erscheinen ließen. Noch im selben Jahre -ging er nach London, erst als Attaché, wurde dann Botschaftsrat -und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage der -Aufrichtung des Deutschen Reiches. Seine Beziehungen sowohl -zu der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen -Aristokratie waren jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis -zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -jener Zeit. Er hing sehr an London. Das englische Leben, an -dem er manches, vor allem die geschraubte Kirchlichkeit, beanstandete, -war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch, und -er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen damit anzusehen. -Auch seine Familie, die Frau und die zwei Töchter – -beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner -Tage geboren – teilten des Vaters Vorliebe für England und -englisches Leben. Aber ein harter Schlag warf alles um, was -der Graf geplant: die Frau starb plötzlich, und der Aufenthalt -an der ihm so lieb gewordenen Stätte war ihm vergällt. Er -nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine Demission, -ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden -und dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu -machen. Die Luft, die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles -tat ihm hier wohl, und er fühlte, daß er genas, soweit er wieder -genesen konnte. Glückliche Tage brachen für ihn an, und sein -Glück schien sich noch steigern zu sollen, als sich die ältere Tochter -mit dem italienischen Grafen Ghiberti verlobte. Die Hochzeit -folgte beinah unmittelbar. Aber die Fortdauer dieser Ehe stellte -sich bald als eine Unmöglichkeit heraus, und ehe ein Jahr um -war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit danach -kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, seit einem -Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen -hatte. Sich auf das eine oder andere seiner Elbgüter zu -begeben, widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er -sich für Berlin entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer -und lebte hier ganz sich, seinem Hause, seinen Töchtern. -Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so weit -wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von Freunden, -darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von -London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren, -versammelte sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren -es vorzugsweise Hofprediger Frommel, Doktor Wrschowitz und<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -seit letztem Frühjahr auch Rittmeister von Stechlin, die den -Barbyschen Kreis bildeten. An Woldemar hatte man sich rasch -attachiert, und die freundlichen Gefühle, denen er bei dem alten -Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete, wurden von -allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs interessierten -sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der Portierloge -vorüberkam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen -und sagte: »So einen, – ja, das lass' ich mir gefallen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen -Hause verabschiedet hatte, hatte versprechen müssen, -seinen Besuch recht bald zu wiederholen.</p> - -<p>Aber was war »recht bald«? Er rechnete hin und her und -fand, daß der dritte Tag dem etwa entsprechen würde; das war -»recht bald« und doch auch wieder nicht zu früh. Und so ging -er denn, als der Abend dieses dritten Tages da war, auf die -Hallesche Brücke zu, wartete hier die Ringbahn ab und fuhr, -am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber, bis an jene -sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger Giebelwand -herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen -mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich -auf die Welt der Vorübereilenden herniederblickt, um -ihnen ein Paket Kneippschen Malzkaffee zu präsentieren. An -dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab, um -die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer -zu Fuß zurückzulegen.</p> - -<p>Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit -Teppich überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel -zog. Im selben Augenblick, wo Jeserich öffnete, sah Woldemar -an des Alten verlegenem Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -nach wieder nicht zu Hause waren. Aber eine Verstimmung -darüber durfte nicht aufkommen, und so ließ er es -geschehen, daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete.</p> - -<p>»Der Herr Graf lassen bitten.«</p> - -<p>Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal -von Neuralgie Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock -gestützt, unter freundlichem Gruß entgegenkam.</p> - -<p>»Aber Herr Graf,« sagte Woldemar und nahm des alten -Herrn linken Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine -für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage zurückzuführen. -»Ich fürchte, daß ich störe.«</p> - -<p>»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. -Außerdem hab ich strikten Befehl, Sie, <em class="antiqua">coûte que coûte</em>, festzuhalten; -Sie wissen, Damen sind groß in Ahnungen, und bei -Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches.«</p> - -<p>Woldemar lächelte.</p> - -<p>»Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß -sie nun schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens) -ist ein Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch -auch wieder einigermaßen mißtraute. Aber man ist immer nur -klug und weise für andre. Die Doktors machen es ebenso; -wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die Verantwortung -von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. -Aber was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in -unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches -darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint -ist. Armgard ist übrigens in Sicht; keine zehn Minuten -mehr, so werden wir sie hier haben.«</p> - -<p>»Ist sie mit bei der Baronin?«</p> - -<p>»Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in -ihrem Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann -aber nicht lange mehr dauern.«</p> - -<p>»Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>»Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, -sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig -noch nicht gehört, weil erst vorige Woche, nach einer -langen, langen Pause, die Musikstunden wieder aufgenommen -wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards -Lehrer.«</p> - -<p>»Musikdoktor? Gibt es denn die?«</p> - -<p>»Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. -Und so sehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so -liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen -Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muß. Er -hat den Titel auch noch nicht lange.«</p> - -<p>»Das klingt ja fast wie ne Geschichte.«</p> - -<p>»Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz -aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist?«</p> - -<p>»Kaum. Und wenn kein Geheimnis …«</p> - -<p>»Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß -nämlich bis vor zwei Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als -ein höherer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser -Haus kam, einfach Niels Wrschowitz, und er ist bloß Doktor -geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden.«</p> - -<p>»Und das ist ihm auch geglückt?«</p> - -<p>»Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß -ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall -oder auch wohl aus Schändlichkeit. In letzterem Falle -sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten -Menschen. Meist denkt man, die Prediger und die Schauspieler -seien die schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die Musiker sind -ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die sogenannte -heilige Musik machen.«</p> - -<p>»Ich habe dergleichen auch schon gehört,« sagte Woldemar. -»Aber was ist das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich -ein hübscher und ganz harmloser Name. Nichts Anzügliches drin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<p>»Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels. Er litt, glaub -ich, unter diesem Gegensatz.«</p> - -<p>Woldemar lachte. »Das kenn ich. Das kenn ich von meinem -Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst -unbequem war. Und da reichen wohl nicht hundertmal, daß -ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen -hören.«</p> - -<p>»Genau so hier,« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort. -»Wrschowitz' Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen -Grenze, war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin -er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das war nun wegen -des Kontrastes schon gerade bedenklich genug. Aber das eigentlich -Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich ein scharfer -Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade-Verächter -ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff -alles Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, -wie Amen in der Kirche, daß unser junger Freund, wenn er -als ›Niels Wrschowitz‹ vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit -der Phrase begegnete: ›Niels? Ah, Niels. Ein schöner -Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch erfreulich, -ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.‹ All das -konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so -kam er auf den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte -durch einen Doktortitel wegzueskamotieren.«</p> - -<p>Woldemar nickte.</p> - -<p>»Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, -daß unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe -<em class="antiqua">gens irritabilis</em> gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert -haben sollte, zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich, -dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein. Wenn irgend möglich, -vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt, -besonders aber auf Dänemark direkt. Er wittert überall Verrat. -Übrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er ein feiner<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er anders -ist wie andre.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard -hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und -als bald danach Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar -zum Tee zu bitten, fanden diese beim Eintritt in das -Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern auch Wrschowitz vor, -der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in dem Salon stand -und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen -Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein -und erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte -dem Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf -Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus, daß er gekommen; -auch Melusine werde gewiß bald da sein; sie habe noch zuletzt -gesagt: »Du sollst sehen, heute kommt Stechlin.« Danach -wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu, der sich -eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen -Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend, -»Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.« Woldemar, -seiner Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während -Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen -Doppelausdruck von Künstler und Hussiten gab.</p> - -<p>Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte -sich, mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen -zu müssen, und bat die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, -während Armgard, dem Vater gegenüber, an der -andern Schmalseite des Tisches saß. Der alte Graf nahm seine -Tasse Tee, schob den Kognak, »des Tees bessren Teil,« mit einem -humoristischen Seufzer beiseit und sagte, während er sich links -zu Wrschowitz wandte: »Wenn ich recht gehört habe – so ein -bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben –, so war es -Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>Wrschowitz verneigte sich.</p> - -<p>»Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen, -vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch -Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit -ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, -weil ich Deutscher und sogar Preuße bin.«</p> - -<p>»Sehr warr, sehr warr,« sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig -als artig.</p> - -<p>»Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen -frühesten Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe -gehabt habe. Da gab es unter anderm eine Polonaise von -Oginski, die damals so regelmäßig und mit soviel Passion gespielt -wurde, wie später der ›Erlkönig‹ oder die ›Glocken von -Speier‹. Es war auch die Zeit vom ›Alten Feldherrn‹ und von -›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹.«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir -immerdarr eine besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle -wieder fällt. Immer merr, immer merr. Ich hasse das Sentimentalle -<em class="antiqua">de tout mon cœur</em>.«</p> - -<p>»Worin ich,« sagte Woldemar, »Herrn Doktor Wrschowitz -durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. -Da gab es auch dergleichen, und ich bekenne, daß ich als Knabe -für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere -Schwärmerei war ›König Renés Tochter‹ von Henrik -Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn ich nicht irre …«</p> - -<p>Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, -zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte. »… ›König -Renés Tochter‹, ein lyrisches Drama. Aber schon seit lange wieder -vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoj und der -Kreutzersonate.«</p> - -<p>»Sehr warr, sehr warr,« sagte der rasch wieder beruhigte -Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen -die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den russischen -Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn -derartige Themata berührt wurden, der Salonfähigkeit ihres -Freundes Wrschowitz arg mißtraute, war sofort aufrichtig -bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete hinüberzuspielen. -Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien ihr in diesem -Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren -abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen -war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn -über seinen jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu -sehen. »Ich weiß wohl, daß ich meiner Schwester Melusine -(die voll Neugier und Verlangen ist, auch davon zu hören) -einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es -aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da -ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, -nicht alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. -Papa hat auch einzelnes, das er öfter erzählt.«</p> - -<p>»Einzelnes?« lachte der alte Graf, »meine Tochter Armgard -meint ›vieles‹.«</p> - -<p>»Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch -ganz andre, zum Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin -sieht auch immer weg, wenn er anfängt. Aber lassen wir -den Baron und seine Geschichten, und hören wir lieber von -Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt gewiß -meinen Geschmack.«</p> - -<p>»Teile vollkommen.«</p> - -<p>»Also, Herr von Stechlin,« fuhr Armgard fort. »Sie -haben nach diesen Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz -einen freundlichen Zuhörer mehr, vielleicht sogar einen begeisterten. -Auch für Papa möcht ich mich verbürgen. Wir sind -ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah, und wissen trotzdem -so wenig davon, weil wir immer draußen waren. Ich kenne -wohl Saatwinkel und den Grunewald, aber das eigentliche<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -brandenburgische Land, das ist doch noch etwas andres. Es -soll alles so romantisch sein und so melancholisch, Sand und -Sumpf und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran -das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so?«</p> - -<p>»Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte -Mecklenburgische Seenplatte.«</p> - -<p>»Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens -erst neulich versichert haben, hat auch seine Romantik.«</p> - -<p>»Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen -Franzosentid …«</p> - -<p>»Und dann glaub ich auch zu wissen,« fuhr Armgard fort, -»daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig? -Und kennen Sie's? Es soll soviel Interessantes bieten. Ich erinnere -mich seiner aus meinen Kindertagen her, trotzdem wir -damals in London lebten. Oder vielleicht auch gerade deshalb. -Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch über Friedrich -den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten -Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci -zu kümmern, sondern auch um Rheinsberg und den Orden <em class="antiqua">de -la générosité</em>. Lebt das alles noch da? Spricht das Volk noch -davon?«</p> - -<p>»Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von -dem großen König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, -was auch kaum anders sein kann. Der große König war als -Kronprinz nur kurze Zeit da, sein Bruder Heinrich aber fünfzig -Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit beklagenswerterweise -die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber beklagenswert -doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch bedeutend -und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist.«</p> - -<p>»Sehr warr, sehr warr,« unterbrach hier Wrschowitz.</p> - -<p>»Er war sehr kritisch,« wiederholte Woldemar. »Namentlich -auch gegen seinen Bruder, den König. Und die Malkontenten, -deren es auch damals schon die Hülle und Fülle gab,<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -waren beständig um ihn herum. Und dabei kommt immer -was heraus.«</p> - -<p>»Sehr warr, sehr warr …«</p> - -<p>»Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig, -aber die Frondeurs, wenn <em class="gesperrt">die</em> den Mund auftun, da -kann man was hören, da tut sich einem was auf.«</p> - -<p>»Gewiß,« sagte Armgard. »Aber trotzdem, Herr von Stechlin, -ich kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch -immer nur der gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer -unzufrieden ist, der taugt nichts. Immer Unzufriedene -sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und während sie sich -über andre lustig machen, lassen sie selber viel zu wünschen -übrig.«</p> - -<p>»Sehr warr, sehr warr, gnädigste Komtesse,« verbeugte -sich Wrschowitz. »Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn -ich trotzdem bin für Frondeur. Frondeur ist Krittikk, und wo -Guttes sein will, muß sein Krittikk. Deutsche Kunst viel Krittikk. -Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber gleich danach muß -sein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution. Kopf ab aus -Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp -is, is Kopf ab.«</p> - -<p>Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als -etwas verspätet seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard -ihrerseits beeilte sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, -das ihr, trotz des fatalen Zwischenfalls mit »Kopf ab,« im Vergleich -zu vielleicht wiederkehrenden Musikgesprächen immer -noch als wenigstens ein Nothafen erschien.</p> - -<p>»Ich glaube,« sagte sie, »neben manchem andern auch mal -von der Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll -– irre ich mich, so werden Sie mich korrigieren – ein sogenannter -Misogyne gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes -in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p> - -<p>»Sehr sonderbarr,« sagte Wrschowitz, während sich, unter -huldigendem Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte.</p> - -<p>»Wie gut, lieber Wrschowitz,« fuhr Armgard fort, »daß -Sie, mein Wort bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen -eintreten. Es gibt immer noch Ritter, und wir sind ihrer -so sehr benötigt. Denn wie mir Melusine erzählt hat, sind die -Weiberfeinde sogar stolz darauf, Weiberfeinde zu sein, und behandeln -ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform. -Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche -Leute kennen, wie denken Sie darüber?«</p> - -<p>»Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche.«</p> - -<p>»Das ist recht.«</p> - -<p>»Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie Komtesse -schon ganz richtig ausgesprochen haben, war auch ein solcher -Kranker.«</p> - -<p>»Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht -möglich, über das Thema zu sprechen?«</p> - -<p>»Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn -Grafen und nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor -Wrschowitz, der so schön und ritterlich gegen die Misogynität -Partei genommen, unter solchem Beistande will ich es doch -wagen.«</p> - -<p>»Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier.«</p> - -<p>»Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen. -Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus -dem vorigen Jahrhundert. Die jetzigen sind Menschen; die -damaligen waren <em class="gesperrt">nur</em> Prinzen. Eine der Passionen unsers -Rheinsberger Prinzen – wenn man will, in einer Art Gegensatz -von dem, was schon gesagt wurde – war eine geheimnisvolle -Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn -eine Braut im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, -gestorben war, so lud er sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -eh der Geistliche noch da sein konnte (den vermied er), erschien -er und stellte sich an das Fußende des Sarges und starrte die -Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und aussehen wie das -Leben.«</p> - -<p>»Aber das ist ja schrecklich,« brach es beinahe leidenschaftlich -aus Armgard hervor. »Ich mag diesen Prinzen nicht und -seine ganze Fronde nicht. Denn die müssen ebenso gewesen -sein. Das ist ja Blasphemie, das ist ja Gräberschändung, -– ich muß das Wort aussprechen, weil ich so empört bin und -nicht anders kann.«</p> - -<p>Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl -umleuchtete sein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand -so was von unbedingter Huldigung, bezwang sich aber und -sah, statt auf Armgard, auf das Bild der Gräfin-Mutter, das -von der Wand niederblickte.</p> - -<p>Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: »Komtesse, Sie -gehen vielleicht zu weit. Wissen Sie, was in der Seele des -Prinzen vorgegangen ist? Es kann etwas Infernales gewesen -sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen es nicht. Und -weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich dafür, -ihm das in Rechnung zu stellen.«</p> - -<p>»Bravo, Stechlin,« sagte der alte Graf. »Ich war erst -Armgards Meinung. Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht. -Und soviel weiß ich noch von der Juristerei her, in der ich, wohl -oder übel, eine Gastrolle gab, daß man in zweifelhaften Fällen -<em class="antiqua">in favorem</em> entscheiden muß. Übrigens geht eben die Klingel. -An bester Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen. Es -wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte, sie wäre -von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem -Male dazwischen fährt, ist selbst Melusine eine Störung.«</p> - -<p>Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt -zu haben, ins Zimmer, warf das schottische Cape, das -sie trug, in eine Sofaecke und schritt, während sie noch den Hut<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -aus dem Haare nestelte, bis an den Tisch, um hier zunächst den -Vater, dann aber die beiden andern Herren zu begrüßen. »Ich -seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben etwas Gefährliches -gesagt worden ist. Also etwas über mich.«</p> - -<p>»Aber, Melusine, wie eitel.«</p> - -<p>»Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das -wenigstens will ich wissen. Von wem war die Rede?«</p> - -<p>»Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der -schon fast hundert Jahre tot ist.«</p> - -<p>»Da konntet ihr auch was Besseres tun.«</p> - -<p>»Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt -hat, und daß er – nicht Stechlin, aber der Prinz – ein Misogyne -war, so würdest du vielleicht anders sprechen.«</p> - -<p>»Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber -Stechlin, da kann ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch -noch hören. Und wenn Sie mir's abschlagen, so wenigstens -was Gleichwertiges.«</p> - -<p>»Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht.«</p> - -<p>»Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber dann bitt -ich um etwas zweiten Ranges. Ich sehe, daß Sie von Ihrem -Ausfluge erzählt haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin -selbst oder von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend. Und davon -möcht ich auch hören, wenn es auch freilich nicht an das andre -heranreicht.«</p> - -<p>»Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserm -Stechliner Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem -Pastor abgesehen, der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren -von einem Oberförster abgesehen, der eine Prinzessin, eine -Ippe-Büchsenstein, geheiratet hat …«</p> - -<p>»Aber das ist ja alles großartig …«</p> - -<p>»Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten -abgesehen, eigentlich nur noch den ›Stechlin‹. Der ginge vielleicht, -über den ließe sich vielleicht etwas sagen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p>»Den ›Stechlin?‹ Was ist das? Ich bin so glücklich zu -wissen« (und sie machte verbindlich eine Handbewegung auf -Woldemar zu), »ich bin so glücklich, zu wissen, daß es Stechline -gibt. Aber der Stechlin! Was ist der Stechlin?«</p> - -<p>»Das ist ein See.«</p> - -<p>»Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht -grade der Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant -durch ihre Fische, durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht -weiter aufzählen. Aber was hat der Stechlin? Ich vermute, -Steckerlinge.«</p> - -<p>»Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau -das, was Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat -Weltbeziehungen, vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, -und nur alles Gewöhnliche, wie beispielsweise Steckerlinge, -hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm.«</p> - -<p>»Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen -spielen. Rittmeister in der Garde!«</p> - -<p>»Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt ich sehen, der -das Ihnen gegenüber zuwege brächte.«</p> - -<p>»Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen -Beziehungen?«</p> - -<p>»Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften, -deren genealogischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst, -auf du und du. Und wenn es in Java oder auf -Island rumort oder der Geiser mal in Doppelhöhe dampft und -springt, dann springt auch in unserm Stechlin ein Wasserstrahl -auf, und einige (wenn es auch noch niemand gesehen hat), einige -behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine zwischen den -Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die Ruppiner -Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme Beziehungen.«</p> - -<p>»Ich auch,« sagte Melusine.</p> - -<p>Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden -waren, murmelte vor sich hin: »Sehr warr, sehr warr.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<h3 id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Es war zu Beginn der Woche, daß Woldemar seinen Besuch -im Barbyschen Hause gemacht hatte. Schon am Mittwoch -früh empfing er ein Billett von Melusine.</p> - -<p>»Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich -mein Bedauern aussprechen, daß ich vorgestern nur gerade -noch die letzte Szene des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin) -miterleben konnte. Mich verlangt es aber lebhaft, mehr davon -zu wissen. In unsrer sogenannten großen Welt gibt es so -wenig, was sich zu sehen und zu hören verlohnt; das meiste hat -sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen vorauf, -wie mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette, Sie -haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann nur wiederholen, -ich möchte davon hören. Unsre gute Baronin, der ich -davon erzählt habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven -und liebenswürdigen Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die -genannten Vorbedingungen zu erfüllen, bin ihr trotzdem an -Neugier gleich. Und so haben wir denn eine Nachmittagspartie -verabredet, bei der Sie der große Erzähler sein sollen. -In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht, und man -hört nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber in -unserm guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin hat mir -etwas vorgeschwärmt von einer Gegend, die sie ›Oberspree‹ -nannte (die vielleicht auch wirklich so heißt), und wo's so schön -sein soll, daß sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken -müssen. Ich will es ihr glauben, und jedenfalls werd ich es -ihr nachträglich versichern, auch wenn ich es nicht gefunden -haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt – ein Punkt, den übrigens -die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher immer -erheblich weiter flußaufwärts – das Ziel unsrer Reise hat einen -ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ›Eierhäuschen‹. -Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar -benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird. -Also morgen, Donnerstag: Eierhäuschen. Ein ›Nein‹ gibt es -natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr, Jannowitzbrücke. Papa -begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles besser, so daß er -sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber wir haben -dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt die -Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch -irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann die Raketen steigen. -Armgard ist in Aufregung, fast auch ich. <em class="antiqua">Au revoir.</em> Eines -Herrn Rittmeisters wohlaffektionierte</p> - -<p class="right"> -Melusine.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier -Uhr fuhren erst die Berchtesgadens und gleich danach auch -die Barbys bei der Jannowitzbrücke vor. Woldemar wartete -schon. Alle waren in jener heitern Stimmung, in der man geneigt -ist, alles schön und reizend zu finden. Und diese Stimmung -kam denn auch gleich der Dampfschiffahrtsstation zustatten. -Unter lachender Bewunderung der sich hier darbietenden -Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen und -Treppen hinab und schritt, unten angekommen, an den um diese -Stunde noch leeren Tischen eines hier etablierten »Lokals« -vorüber, unmittelbar auf das Schiff zu, dessen Glocke schon -zum erstenmal geläutet hatte. Das Wetter war prachtvoll, -flußaufwärts alles klar und sonnig, während über der Stadt -ein dünner Nebel lag. Zu beiden Seiten des Hinterdecks nahm -man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier aus auf -das verschleierte Stadtbild zurück.</p> - -<p>»Da heißt es nun immer,« sagte Melusine, »Berlin sei -so kirchenarm; aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem -Felde geschlagen haben. Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche, -die Waisenkirche, die Schloßkuppel, und das Dach da, -mit einer Art von chinesischer Deckelmütze, das ist, glaub ich,<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -der Rathausturm. Aber freilich, ich weiß nicht, ob ich den mitrechnen -darf.«</p> - -<p>»Turm ist Turm,« sagte die Baronin. »Das fehlte so gerade -noch, daß man dem armen alten Berlin auch seinen Rathausturm -als Turm abstritte. Man eifersüchtelt schon genug.«</p> - -<p>Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang -das Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete dazwischen, und als -diese wieder schwieg, wurde das Brett aufgeklappt, und unter -einem schrillen Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere -Brückenjoch zu in Bewegung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten immer noch -die beiden herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten -mochten, ehe sie selber aufbrachen, zuvor den Aufbruch -des Schiffes abzuwarten, und erst als dieses unter der Brücke -verschwunden war, fuhr der gräflich Barbysche Kutscher neben -den freiherrlich Berchtesgadenschen, um mit diesem einen Gruß -auszutauschen. Beide kannten sich seit lange, schon von London -her, wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst gestanden -hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst aber so -verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren Erscheinung. -Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso martialisch -wie gutmütig dreinschauender Mecklenburger, hätte mit -seinem angegrauten Sappeurbart ohne weiteres vor eine -Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor eröffnen -können, während der Berchtesgadensche, der seine Jugend als -Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte, nicht bloß -einen englischen Namen führte, sondern auch ein typischer Engländer -war, hager, sehnig, kurz geschoren und glatt rasiert. -Seine Glotzaugen hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem -klug genug und wußte, wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen. -Das Deutsche machte ihm noch immer Schwierigkeiten, -trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und sogar das<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am meisten -dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen -sah, ihm mit »<em class="antiqua">well, well, Mr. Robinson</em>« oder gar mit -einem geheimnisvollen »<em class="antiqua">indeed</em>« zu Hilfe zu kommen. Nur mit -dem einen war er einverstanden, daß man ihn »Mr. Robinson« -nannte. Das ließ er sich gefallen.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Now, Mr. Robinson</em>,« sagte Imme, als sie Bock an Bock -nebeneinander hielten, »<em class="antiqua">how are you? I hope quite well.</em>«</p> - -<p>»Danke, Mr. Imme, danke! Was macht die Frau?«</p> - -<p>»Ja, Robinson, da müssen Sie, denk ich, selber nachsehen, -und zwar gleich heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spät -wiederkommen. Noch dazu mit der Stadtbahn. Wenigstens -von hier aus, Jannowitzbrücke. Sagen wir also neun; eher -sind sie nicht zurück. Und bis dahin haben wir einen guten -Skat. Hartwig als dritter wird schon kommen; Portiers -können immer. Die Frau zieht ebensogut die Tür auf wie er, -und weiter ist es ja nichts. Also Klocker fünf: ein ›Nein‹ gilt -nicht; <em class="antiqua">where there is a will, there is a way</em>. Ein bißchen ist doch -noch hängen geblieben von <em class="antiqua">dear old England</em>.«</p> - -<p>»Danke, Mr. Imme,« sagte Robinson, »danke! Ja, Skat -ist das Beste von <em class="antiqua">all Germany</em>. Komme gern. Skat ist noch -besser als Bayrisch.«</p> - -<p>»Hören Sie, Robinson, ich weiß doch nicht, ob das stimmt. -Ich denke mir, so beides zusammen, das ist das Wahre. -<em class="antiqua">That's it.</em>«</p> - -<p>Robinson war einverstanden, und da beide weiter nichts -auf dem Herzen hatten, so brach man hier ab und schickte sich -an, die Rückfahrt in einem mäßig raschen Trab anzutreten, -wobei der Berchtesgadensche Kutscher den Weg über Molkenmarkt -und Schloßplatz, der Barbysche den auf die Neue Friedrichstraße -nahm. Jenseits der Friedrichsbrücke hielt sich dieser -dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an -sein Kronprinzenufer.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<p class="drop">Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch passiert -hatte, setzte sich in ein rascheres Tempo, dabei die linke Flußseite -haltend, so daß immer nur eine geringe Entfernung zwischen -dem Schiff und den sich dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen -war. Jeder Bogen schuf den Rahmen für ein dahinter -gelegenes Bild, das natürlich die Form einer Lunette -hatte. Mauerwerk jeglicher Art, Schuppen, Zäune zogen in -buntem Wechsel vorüber, aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit -und der Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer -wieder ein Stück Gartenland, darin ein paar verspätete Malven -oder Sonnenblumen blühten. Erst als man die zweitfolgende -Brücke passiert hatte, traten die Stadtbahnbögen so weit zurück, -daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein konnte; -statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege -sichtbar, und wo das Ufer kaiartig abfiel, lagen mit Sand -beladene Kähne, große Zillen, aus deren Innerem eine baggerartige -Vorrichtung die Kies- und Sandmassen in die dicht am -Ufer hin etablierten Kalkgruben schüttete. Es waren dies die -Berliner Mörtelwerke, die hier die Herrschaft behaupteten und -das Uferbild bestimmten.</p> - -<p>Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem raschen -Wechsel der Bilder eine Frage die andre zurückdrängte. Nur -als der Dampfer an Treptow vorüber zwischen den kleinen -Inseln hinfuhr, die hier mannigfach aus dem Fluß aufwachsen, -wandte sich Melusine an Woldemar und sagte: »Lizzi hat mir -erzählt, hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die ›Liebesinsel‹; -da stürben immer die Liebespaare, meist mit einem Zettel -in der Hand, drauf alles stünde. Trifft das zu?«</p> - -<p>»Ja, Gräfin, soviel ich weiß, trifft es zu. Solche Liebesinseln -gibt es übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann -als Beweis gelten, wie weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen -werden soll, und wenn's auch durch Sterben wäre.«</p> - -<p>»Das nehm ich Ihnen übel, daß Sie darüber spotten. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -Armgard wird es noch mehr tun, weil sie gefühlvoller ist als -ich. Zudem sollten Sie wissen, daß sich so was rächt.«</p> - -<p>»Ich weiß es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner -Seele. Sicher haben Sie mal gehört, daß der, der Furcht hat, -zu singen anfängt, und wer nicht singen kann, nun, der witzelt -eben. Übrigens, so schön ›Liebesinsel‹ klingt, der Zauber davon -geht wieder verloren, wenn Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen. -Die sich so mächtig hier verbreiternde Spreefläche -heißt nämlich der ›Rummelsburger‹ See.«</p> - -<p>»Freilich nicht hübsch; das kann ich zugeben. Aber die -Stelle selbst ist schön, und Namen bedeuten nichts.«</p> - -<p>»Wer Melusine heißt, sollte wissen, was Namen bedeuten.«</p> - -<p>»Ich weiß es leider. Denn es gibt Leute, die sich vor ›Melusine‹ -fürchten.«</p> - -<p>»Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr noch eine -Huldigung ist.«</p> - -<p>Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung -der Spree hinaus gekommen und fuhren wieder in das schmaler -werdende Flußbett ein. An beiden Ufern hörten die Häuserreihen -auf, sich in dünnen Zellen hinzuziehen, Baumgruppen -traten in nächster Nähe dafür ein, und weiter landeinwärts -wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar, über die hinweg -die Telegraphenstangen ragten und ihre Drähte von Pfahl zu -Pfahl spannten. Hie und da, bis ziemlich weit in den Fluß hinein, -stand ein Schilfgürtel, aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten -aufflogen.</p> - -<p>»Es ist doch weiter, als ich dachte,« sagte Melusine. »Wir -sind ja schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es -frisch. Ein Glück, daß wir Decken mitgenommen. Denn wir -bleiben doch wohl im Freien? Oder gibt es auch Zimmer da? -Freilich kann ich mir kaum denken, daß wir zu sechs in einem -Eierhäuschen Platz haben.«</p> - -<p>»Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -Idyllisches und erwarten, wenn wir angelangt sein werden, -einen Mischling von Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber -eine grausame Enttäuschung. Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes -›Lokal‹, und wenn uns die Lust anwandelt, so können -wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten. Raum -genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der -rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und -Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen.«</p> - -<p>»O weh! Ein Palazzo,« sagte die Baronin und war auf -dem Punkt, ihrer Mißstimmung einen Ausdruck zu geben. -Aber ehe sie dazu kam, schob sich das Schiff schon an den vorgebauten -Anlegesteg, über den hinweg man, einen Uferweg -einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt. Dieser Uferweg -setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht hatte, -jenseits desselben noch eine gute Strecke fort, und weil die -wundervolle Frische dazu einlud, beschloß man, ehe man sich -im Eierhäuschen selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen -Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer -weiter flußaufwärts.</p> - -<p>Der Enge des Weges halber ging man zu zweien, vorauf -Woldemar mit Melusine, dann die Baronin mit Armgard. -Erheblich zurück erst folgten die beiden älteren Herren, die schon -auf dem Dampfschiff ein politisches Gespräch angeschnitten -hatten. Beide waren liberal, aber der Umstand, daß der Baron -ein Bayer und unter katholischen Anschauungen aufgewachsen -war, ließ doch beständig Unterschiede hervortreten.</p> - -<p>»Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle -Trümpfe heut, und zwar mehr denn je, sind in des Papstes -Hand. Rom ist ewig und Italien nicht so fest aufgebaut, als -es die Welt glauben machen möchte. Der Quirinal zieht wieder -aus, und der Vatikan zieht wieder ein. Und was dann?«</p> - -<p>»Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es wirklich -dazu kommen sollte, was, glaub ich, ausgeschlossen ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>»Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur, wenn -man sicher ist. Sind Sie's? Und wenn Sie's sind, dürfen -Sie's sein? Ich wiederhole, die letzten Entscheidungen liegen -immer bei dieser Papst- und Rom-Frage.«</p> - -<p>»Lagen einmal. Aber damit ist es gründlich vorbei, auch -in Italien selbst. Die letzten Entscheidungen, von denen Sie -sprechen, liegen heutzutage ganz wo anders, und es sind bloß -ein paar Ihrer Zeitungen, die nicht müde werden, der Welt -das Gegenteil zu versichern. Alles bloße Nachklänge. Das -moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem Überkommenen -auf. Ob es glückt, ein Nilreich aufzurichten, ob Japan -ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen -vierhundert Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine -Hand erhebend, uns und der Welt zuruft: ›Hier bin ich,‹ allem -vorauf aber, ob sich der vierte Stand etabliert und stabiliert -(denn darauf läuft doch in ihrem vernünftigen Kern die ganze -Sache hinaus) – das alles fällt ganz anders ins Gewicht als -die Frage ›Quirinal oder Vatikan‹. Es hat sich überlebt. Und -anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so weiter -geht. Das ist der Wunder größtes.«</p> - -<p>»Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen so -nahe gestanden?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Weil</em> ich ihnen so nahe gestanden.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem -Gespräch.</p> - -<p>An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont -stiegen die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf, -und die Rauchfahnen zogen in langsamem Zuge durch die -Luft.</p> - -<p>»Was ist das?« fragte die Baronin, sich an Woldemar -wendend.</p> - -<p>»Das ist Spindlersfelde.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>»Kenn ich nicht.«</p> - -<p>»Doch vielleicht, gnädigste Frau, wenn Sie hören, daß -in eben diesem Spindlersfelde der für die weibliche Welt so -wichtige Spindler seine geheimnisvollen Künste treibt. Besser -noch seine verschwiegenen. Denn unsre Damen bekennen sich -nicht gern dazu.«</p> - -<p>»So, der! Ja, dieser unser Wohltäter, den wir – Sie -haben ganz recht – in unserm Undank so gern unterschlagen. -Aber dies Unterschlagen hat doch auch wieder sein Verzeihliches. -Wir tun jetzt (leider) so vieles, was wir, nach einer alten -Anschauung, eigentlich nicht tun sollten. Es ist, mein ich, nicht -passend, auf einem Pferdebahnperron zu stehen, zwischen einem -Schaffner und einer Kiepenfrau, und es ist noch weniger passend, -in einem Fünfzigpfennigbasar allerhand Einkäufe zu -machen und an der sich dabei aufdrängenden Frage: ›Wodurch -ermöglichen sich diese Preise?‹ still vorbeizugehen. Unser Freund -in Spindlersfelde da drüben degradiert uns vielleicht auch -durch das, was er so hilfreich für uns tut. Armgard, wie denken -Sie darüber?«</p> - -<p>»Ganz wie Sie, Baronin.«</p> - -<p>»Und Melusine?«</p> - -<p>Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf, -daß die beiden älteren Herren, die mittlerweile herangekommen -waren, den Ausschlag geben sollten. Aber der alte -Graf wollte davon nichts wissen. »Das sind Doktorfragen. -Auf derlei Dinge lass' ich mich nicht ein. Ich schlage vor, wir -machen lieber kehrt und suchen uns im Eierhäuschen einen -hübschen Platz, von dem aus wir das Leben auf dem Fluß beobachten -und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut -sehen können.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und -Berchtesgadenschen Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -zu machten, erschien unser Freund Mr. Robinson, von -seinem Stallgebäude her, in Front der Lennéstraße, sah erst -gewohnheitsmäßig nach dem Wetter und ging dann quer -durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die -Immes ihn bereits erwarteten.</p> - -<p>Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen (und -Frauen mit Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos), -einen großen Wirtschafts- und Sauberkeitssinn hatte, hatte -zu Mr. Robinsons Empfang alles in die schönste Ordnung gebracht, -um so mehr, als sie wußte, daß ihr Gast, als ein verwöhnter -Engländer, immer der Neigung nachgab, alles Deutsche, -wenn auch nur andeutungsweise, zu bemängeln. Es lag ihr -daran, ihn fühlen zu lassen, daß man's hier auch verstehe. -So war denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette, -sondern auch eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern -links und rechts aufgestellt worden. Frau Imme -konnte das alles und noch mehr infolge der bevorzugten Stellung, -die sie von langer Zeit her bei den Barbys einnahm, -zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen -und in deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben -war. Auch jetzt noch hingen beide Damen an ihr, und mit -Hilfe Lizzis, die, so diskret sie war, doch gerne plauderte, war -Frau Imme jederzeit über alles unterrichtet, was im Vorderhause -vorging. Daß der Rittmeister sich für die Damen interessierte, -wußte sie natürlich wie jeder andre, nur nicht – auch -darin wie jeder andre –, für welche.</p> - -<p>Ja, für welche?</p> - -<p>Das war die große Frage, selbst für Mr. Robinson, der -regelmäßig, wenn er die Immes sah, sich danach erkundigte. -Dazu kam es denn auch heute wieder, und zwar sehr bald nach -seinem Eintreffen.</p> - -<p>Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels -den Bogen spannenden Amor war vor ihn hingestellt<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -worden, und als er dem Streuselkuchen (für den er eine so -große Vorliebe hatte, daß er regelmäßig erklärte, so was gäb -es in den vereinigten drei Königreichen nicht) – als er dem -Streusel liebevoll und doch auch wieder maßvoll zugesprochen -hatte, betrachtete er das Bild auf der großen Tasse, zeigte, was -bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte, schelmisch -lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte: »Hier -hinten ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier -<em class="antiqua">this little fellow with his arrow</em>. Ich möchte mir die Frage gestatten -– Sie sind eine so kluge Frau, Frau Imme –: wird -er den Pfeil fliegen lassen oder nicht, und wenn er den Pfeil -fliegen läßt, ist es die Priesterin, die hier neben dem Lorbeer -steht, oder ist es eine andre?«</p> - -<p>»Ja, Mr. Robinson,« sagte Frau Imme, »darauf ist schwer -zu antworten. Denn erstens wissen wir nicht, was er überhaupt -vorhat, und dann wissen wir auch nicht: wer ist die -Priesterin? Ist die Komtesse die Priesterin, oder ist die Gräfin -die Priesterin? Ich glaube, wer schon verheiratet war, kann -wohl eigentlich nicht Priesterin sein.«</p> - -<p>»Ach,« sagte Imme, in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger -regte, »sein kann alles. Über so was wächst Gras. Ich -glaube, es is die Gräfin.«</p> - -<p>Robinson nickte. »Glaub ich auch. <em class="antiqua">And what's the reason, -dear</em> Mrs. Imme? Weil Witib vor Jungfrau geht. Ich weiß -wohl, es ist immer viel die Rede von <em class="antiqua">virginity</em>, aber <em class="antiqua">widow</em> ist -mehr als <em class="antiqua">virgin</em>.«</p> - -<p>Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand doch -genug, um zu kichern, was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung -begleitete, sie habe so was von Mr. Robinson nicht -geglaubt.</p> - -<p>Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem er -sich mit Erlaubnis der »Lady« ein kurzes Pfeifchen mit türkischem -Tabak angesteckt hatte, an ein Fensterchen, in dessen<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -mit einer kleinen Laubsäge gemachten Blumenkasten rote Verbenen -blühten, und sagte, während er auf den Hof mit seinen -drei Akazienbäumen herunterblickte: »Wer ist denn der hübsche -Junge da, der da mit seinem <em class="antiqua">hoop</em> spielt? Hier sagen sie -Reifen.«</p> - -<p>»Das is ja Hartwigs Rudolf,« sagte Frau Imme. »Ja, -der Junge hat viel Chic. Und wie er da mit dem Reifen spielt -und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl sie doch beinahe -seine Mutter sein könnte. Na, ich freue mich immer, wenn -ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig kommt – -ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist –, da können Sie -ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range -finden. Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute -sind eitel. Aber das muß wahr sein, es ist ein reizender -Junge.«</p> - -<p>Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den -Imme, skatdurstig, schon seit einer Viertelstunde gewartet -hatte, und keine drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da, -die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in -dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide wurden mit gleicher -Herzlichkeit empfangen, Hartwig, weil nach seinem Erscheinen -die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme -nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll -erzählen und brachte jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte -vierundzwanzig sein, war immer sehr sauber gekleidet und von -heiter-übermütigem Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes -Haar. Es traf sich, daß sie mal wieder außer Dienst war.</p> - -<p>»Nun, das ist recht, Hedwig, daß du kommst,« sagte Frau -Imme. »Rudolfen hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben -wärst, denn ich habe dich ja mit ihm spielen sehen; aber solch -Junge weiß nie was; der denkt bloß immer an sich, und ob er -sein Stück Kuchen kriegt. Na, wenn er kommt, er soll's haben; -Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streusel ungeheuer<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -gern mag. Aber so sind die Engländer, sie sind nicht -so zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die -Hälfte bleibt übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder -da bist. Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht -ordentlich gesehen. Es war ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, -die kenn ich. Aber es gibt auch gute. Wie war <em class="gesperrt">er</em> -denn?«</p> - -<p>»Na, mit <em class="gesperrt">ihm</em> ging es.«</p> - -<p>»Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein. Die -können manche nicht vertragen. Und wenn dann die Frau -was merkt, dann is es vorbei.«</p> - -<p>»Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann. -Beinahe zu sehr.«</p> - -<p>»Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann -einer <em class="gesperrt">zu</em> anständig sein?«</p> - -<p>»Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht, -das ist einem auch nicht recht.«</p> - -<p>»Ach, Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich -nich wüßte, daß du gar nich so bist … Aber was war es -denn?«</p> - -<p>»Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is -ja immer wieder dasselbe. Die Herrschaften können einen -nicht richtig unterbringen. Oder wollen auch nich. Immer -wieder die Schlafstelle oder, wie manche hier sagen, die Schlafgelegenheit.«</p> - -<p>»Aber, Kind, wie denn? Du mußt doch ne Gelegenheit -zum Schlafen haben.«</p> - -<p>»Gewiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher, -is ne Gelegenheit. Aber gerade <em class="gesperrt">die</em>, die hat man nich. -Man ist müde zum Umfallen und kann doch nicht schlafen.«</p> - -<p>»Versteh ich nich.«</p> - -<p>»Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen -an immer bei so gute Herrschaften waren, und mit Lizzi is es<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -jetzt wieder ebenso. Die hat es auch gut un is, wie wenn sie -mit dazu gehörte. Meine Tante Hartwig erzählt mir immer -davon. Und einmal hab ich es auch so gut getroffen. Aber bloß -das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit.«</p> - -<p>Frau Imme lachte.</p> - -<p>»Sie lachen darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht, -daß Sie lachen. Glauben Sie mir, es is eigentlich zum Weinen. -Und mitunter hab ich auch schon geweint. Als ich nach Berlin -kam, da gab es ja noch die Hängeböden.«</p> - -<p>»Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört.«</p> - -<p>»Ja, wenn man davon gehört hat, das is nich viel. Man -muß sie richtig kennen lernen. Immer sind sie in der Küche, -mitunter dicht am Herd oder auch gerade gegenüber. Und nun -steigt man auf eine Leiter, und wenn man müde is, kann man -auch runterfallen. Aber meistens geht es. Und nun macht -man die Tür auf und schiebt sich in das Loch hinein, ganz so -wie in einen Backofen. Das is, was sie ne Schlafgelegenheit -nennen. Und ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden -is es besser, auch wenn Mäuse da sind. Und am schlimmsten -is es im Sommer. Draußen sind dreißig Grad, und auf dem -Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob man -auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin -kam. Aber ich glaube, sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen. -Polizeiverbot. Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter -Segen. Wenn wir die Polizei nich hätten (und sie sind auch -immer so artig gegen einen), so hätten wir gar nichts. Mein -Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle, daß man nicht schlafen -kann, der sagt auch immer: ›Kenn ich, kenn ich; der Bourgeois -tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die Menschheit -tut, der muß abgeschafft werden.‹«</p> - -<p>»Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem -Hofrat, wo du nu zuletzt warst, auch so?«</p> - -<p>»Nein, bei Hofrats war es <em class="gesperrt">nicht</em> so. Die wohnten ja auch<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -in einem ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner. -Und in dem, was jetzt die neuen Häuser sind, da kommen, -glaub ich, die Hängeböden gar nicht mehr vor; da haben sie -bloß noch die Badestuben.«</p> - -<p>»Nu, das is aber doch ein Fortschritt.«</p> - -<p>»Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist -ein Fortschritt oder, wie Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. -Er hat meistens solche Wörter. Aber Badestube -als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt.«</p> - -<p>»Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne -gepackt haben?«</p> - -<p>»I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. -Da werden sie sich hüten. Aber … Ach, Frau Imme, ich -kann nur immer wieder sagen, Sie wissen nich Bescheid; Sie -hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet waren, und nu haben -Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung, -un daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das -schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und -all seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das -edle Pferd. Und außerdem soll es so gesund sein, fast so gut -wie Kuhstall, womit sie ja die Schwindsucht kurieren. Und dazu -haben Sie hier den Blick auf die Kugelakazien und drüben -auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie alles is, -und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, -wo es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft -hat. Aber bei Hofrats … Nein, diese Badestube!«</p> - -<p>»Gott, Hedwig,« sagte Frau Imme, »du tust ja, wie wenn -es eine Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre.«</p> - -<p>»Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. -Ich habe Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da -trinken sie Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer -Ecke wird was ausbaldowert, aber davon merkt man nichts.«</p> - -<p>»Und die Badestube … warum is sie dir denn so furchtbar,<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -daß du dich ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch -am Ende baden können.«</p> - -<p>»Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie -ne Badestube. Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is -ne Rumpelkammer, wo man alles unterbringt, alles, wofür -man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen. -Meine eiserne Bettstelle, die abends aufgeklappt -wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle alten -Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen -aus. Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins -ihre Wäsche hineinstopften, und in der andern Ecke war eine -kleine Tür. Aber davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil -ich einen Widerwillen gegen Unanständigkeiten habe, weshalb -schon meine Mutter immer sagte: ›Hedwig, du wirst noch Jesum -Christum erkennen lernen.‹ Und ich muß sagen, das hat sich bei -Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie weiter nich.«</p> - -<p>Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß -draußen die Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand -Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte, daß er Vatern holen -solle und Hedwigen auch; Mutter müsse weg.</p> - -<p>»Na,« sagte Frau Imme, »dann komm nur, Rudolf, un -iß erst ein Stück Streusel und bestell es nachher bei deinem -Vater.«</p> - -<p>Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand -und führte ihn in das Nebenzimmer, wo die drei Männer -vergnügt an ihrem Skattisch saßen. Ein großes Spiel war -eben gemacht; alles noch in Aufregung.</p> - -<p>Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte -zu Imme: »Das is ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf -dem Hof gesehen habe mit seinem <em class="antiqua">hoop</em>; – <em class="antiqua">nice boy</em>.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Imme, »das ist unserm Freund Hartwig seiner.« -Hartwig selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: »Na, -Rudolf, was gibt's? Du willst mich holen. Du sollst aber auch<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -noch ne Freude haben. Kuck dir mal den Herrn da an, der dich -so freundlich ansieht. Das is Robinson.«</p> - -<p>»Haha.«</p> - -<p>»Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn -ich dir sage, das is Robinson?«</p> - -<p>»I bewahre, Vater. Robinson, <em class="gesperrt">den</em> kenn ich. Robinson -hat nen Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon -lange dod.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde -nach dem Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich -hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen, -eine Laube von Baumkronen über sich. Sperlinge hüpften -umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien -auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen. -Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand -wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm -einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies, drauf »Wiener Würstel« -und daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort -»Löwenbräu« stand. In kürzester Frist erschien denn auch -der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und ließ -das Eierhäuschen und die Spree leben, zugleich versichernd, -»daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin -tränke«. Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon -wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, -um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; »der -sei freilich in Berlin ebenso gut wie wo anders«. Die Baronin -hielt aber aus und rührte sich nicht. »Was Sonnenuntergang! -den seh ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue mich -schon auf die Lichter.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p> - -<p>Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich -da. Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf -dem drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme -zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während -mitten auf der Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen, -ein verblaktes Rot aus den Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei -wurde es kühl, und die Damen wickelten sich in ihre Plaids -und Mäntel.</p> - -<p>Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der -ersichtlich etwas planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten -an das in der Nähe befindliche Büfett heran, um da -zur Herstellung einer besseren Innentemperatur das Nötige -zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange mehr, so stand auch -schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen vor ihnen -und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel -aufklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in -solchen Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und -sagte: »Lieber Stechlin, ich beglückwünsche Sie. Das war eine -große Idee.«</p> - -<p>»Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse, -sonst haben wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. -Und zurück müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe, -wo solche Hilfsmittel, glaub ich, fehlen, sind wir allen Unbilden -der Elemente preisgegeben.«</p> - -<p>»Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen,« unterbrach -Melusine. »Schwedischer Punsch, für den ich ein <em class="antiqua">liking</em> habe. -Wie für Schweden überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht -da ist, können wir uns ungestraft einem gewissen Maß von -Skandinavismus überlassen.«</p> - -<p>»Am liebsten ohne alles Maß,« sagte Woldemar, »so skandinavisch -bin ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst ›Meistbegünstigten‹ -unter den Nationen immer noch vor. Alle Länder -erweitern übrigens ihre Spezialgebiete. Früher hatte Schweden<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -nur zweierlei: Mut und Eisen, von denen man sagen muß, -daß sie gut zusammen passen. Dann kamen die ›Säkerhets -Tändstickors‹, und nun haben wir den schwedischen Punsch, -den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr -Wohl, meine Damen.«</p> - -<p>»Und das Ihre,« sagte Melusine, »denn Sie sind doch der -Schöpfer dieses glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber -Stechlin, daß ich in Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten -etwas vermißt habe. Die Schweden haben noch eins – -oder hatten es wenigstens. Und das war die schwedische Nachtigall.«</p> - -<p>»Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit.«</p> - -<p>»Ich müßte,« lachte die Gräfin, »vielleicht auch sagen: -es fällt vor <em class="gesperrt">meine</em> Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht -verschweigen, die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich -nicht mehr so eigentlich als schwedische Nachtigall. Und -überhaupt unter anderm Namen.«</p> - -<p>»Ja, ich erinnere mich,« sagte Woldemar, »sie hatte sich -verheiratet. Wie hieß sie doch?«</p> - -<p>»Goldschmidt, – ein Name, den man schon um ›Goldschmieds -Töchterlein‹ willen gelten lassen kann. Aber an Jenny -Lind reicht er allerdings nicht heran.«</p> - -<p>»Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten -sie noch persönlich gekannt?«</p> - -<p>»Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn -auch nicht mehr öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichen -Salon. Diese Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten -und stolzesten Erinnerungen. Ich war noch ein halbes Kind, -aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir allein schon etwas -bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die Villa -hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und -einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. -Die Lind beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -gefiel. Wenn man Eindruck macht, das behält man. Und nun -gar mit vierzehn!«</p> - -<p>»Die Lind,« warf die Baronin etwas prosaisch ein, »soll -ihrerseits als Kind sehr häßlich gewesen sein.«</p> - -<p>»Ich hätte das Gegenteil vermutet,« bemerkte Woldemar.</p> - -<p>»Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?«</p> - -<p>»Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, -seit einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf -unsrer Nationalgalerie. Aber lange bevor ich es da sah, kannt -ich es schon <em class="antiqua">en miniature</em>, und zwar aus einer im Besitz meines -Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle. Diese Kopie hängt -über seinem Sofa, dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme. -Wenn man will, eine etwas sonderbare Zusammenstellung.«</p> - -<p>»Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!« sagte Melusine. -»Wissen Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was -überhaupt in einem kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem -berühmten See beinah gleichstelle? Unsre schwedische Nachtigall -in Ihrem ›Ruppiner Winkel‹, wie Sie selbst beständig sich -auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor dazu?«</p> - -<p>»Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich -auch seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank -und schlug sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte -die Diva trotzdem jeden Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster -Mittel, das Bildchen zu verschaffen. Fast grenzt -es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die Dinge meist so. -Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig vertan -und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen -bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen -liegt; aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas -sehr Schönes, daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das -Schönste.«</p> - -<p>»Das will ich meinen,« sagte die Gräfin. »Und ich dank -es Ihnen, lieber Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -war ein gutes Wort, das ich Ihnen nicht vergessen will. Und -dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher?«</p> - -<p>»Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein Freund -und Berater. Der, den ich über alles liebe.«</p> - -<p>»Gehen Sie darin nicht zu weit?« lachte Melusine.</p> - -<p>»Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich -hätte dessen eingedenk sein sollen, gerade heut und gerade hier. -Aber soviel bleibt: ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, -was ich bin, und weil er reinen Herzens ist.«</p> - -<p>»Reinen Herzens,« sagte Melusine. »Das ist viel. Und Sie -sind dessen sicher?«</p> - -<p>»Ganz sicher.«</p> - -<p>»Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute! -Da waren Sie neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und -haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem misogynen -Prinzen wissen lassen. Und während Sie den in den Vordergrund -stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemütlich -in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit seinen Berichten -und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen -Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen -drängen sich ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall, -Ihnen einen solchen Erzieher zu geben? Und wie kam -ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden? Und wie -kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so selten.«</p> - -<p>Armgard und die Baronin nickten.</p> - -<p>»Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu -hören,« fuhr Melusine fort. »Und er ist unverheiratet? Schon -das allein ist immer ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen -glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit -die Herrlichkeit nicht ausstirbt. Ihr Lorenzen ist eben in -allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch. Also beginnen.«</p> - -<p>»Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist -zu spät dazu, denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -bereits unser Dampfer. Wir haben keine Wahl mehr, wir -müssen abbrechen, wenn wir nicht im Eierhäuschen ein Nachtquartier -nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens Lorenzen -ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick -der Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber -hören Sie … der Dampfer läutet schon … wir müssen eilen. -Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem -Woldemar und die Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegehabten -Plätze sofort wieder einnahmen. Nur die beiden in -ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und -ab und sahen, wenn sie vorn am Bugspriet eine kurze Rast -machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von beiden -Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte -man das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube -das Wasser nach hinten schleuderte, daß es in einem weißen -Schaumstreifen dem Schiffe folgte. Sonst war alles still, so still, -daß die Damen ihr Gespräch unterbrachen. »Armgard, du bist so -schweigsam,« sagte Melusine, »finden Sie nicht auch, lieber Stechlin? -Meine Schwester hat noch keine zehn Worte gesprochen.«</p> - -<p>»Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen -kleidet es zu sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen. -Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger.«</p> - -<p>»Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.«</p> - -<p>»Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich es -nicht. Wer könnt es wünschen?«</p> - -<p>Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder -und sah auf die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende -Straßenzug breite Lücken aufwies, in tiefem Dunkel -lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein -Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da, wobei rote und -blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p> - -<p>»Wie schön,« sagte Melusine. »Das ist mehr, als wir erwarten -durften; Ende gut, alles gut, – nun haben wir auch -noch ein Feuerwerk. Wo mag es sein? Welche Dörfer liegen -da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein Generalstäbler, lieber -Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute Friedrichsfelde. -Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal da; -die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülsen. -Ist es Friedrichsfelde?«</p> - -<p>»Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich. -Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte, -wo Feuerwerke sozusagen auf dem Programm stehen. Ich -denke, wir lassen es im Ungewissen und freuen uns der Sache -selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt es erst recht eigentlich. Die -Rakete, die wir da vorhin gesehen haben, das war nur Vorspiel. -Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit ab, sonst würden -wir das Knattern hören und die Kanonenschläge. Wahrscheinlich -ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang nach Alsen. -Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden.«</p> - -<p>»Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben -und ihr Vermögen hinopfern wie früher die Holländer für die -Tulpen. Tulpen wäre nun freilich nicht mein Geschmack! -Aber Feuerwerk!«</p> - -<p>»Ja, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit -zu tun haben, über kurz oder lang in die Luft fliegen.«</p> - -<p>»Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch wieder -den Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen -eine Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen. -Interesse hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote, -Tunnel unter dem Meere, Luftballons. Ich denke mir, das -Nächste, was wir erleben, sind Luftschifferschlachten. Wenn -dann so eine Gondel die andre entert. Ich kann mich in solche -Vorstellungen geradezu verlieben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p>»Ja, liebe Melusine, das seh ich,« unterbrach hier die Baronin. -»Sie verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen -darüber die Wirklichkeiten und sogar unser Programm. Ich -muß angesichts dieser doch erst kommenden Luftschifferschlachten -ganz ergebenst daran erinnern, daß für heute noch wer anders -in der Luft schwebt, und zwar Pastor Lorenzen. Von <em class="gesperrt">dem</em> sollte -die Rede sein. Freilich, der ist kein Pyrotechniker.«</p> - -<p>»Nein,« lachte Woldemar, »<em class="gesperrt">das</em> ist er nicht. Aber als -einen Aeronauten kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er -ist so recht ein Excelsior-, ein Aufsteigemensch, einer aus der -wirklichen Obersphäre, genau von daher, wo alles Hohe zu -Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.«</p> - -<p>»Ja,« lachte die Baronin, »die Hoffnung und sogar die -Liebe! Wo bleibt aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen. -Wir haben noch das Dritte; das heißt also, wir wissen -auch, was wir <em class="gesperrt">glauben</em> sollen.«</p> - -<p>»Ja, <em class="gesperrt">sollen</em>.«</p> - -<p>»Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn -man weiß, was man soll, so find't sich's schon. Aber wo das -Sollen fehlt, da fehlt auch das Wollen. Es ist halt a Glück, -daß wir Rom haben und den heiligen Vater.«</p> - -<p>»Ach,« sagte Melusine, »wer's Ihnen glaubt, Baronin! -Aber lassen wir so heikle Fragen und hören wir lieber von -<em class="gesperrt">dem</em>, den ich – ich bin beschämt darüber – in so wenig verbindlicher -Weise vergessen konnte, von unserm Wundermann -mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen, der reinen -Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen -Nährvater unsers Freundes Stechlin. <em class="antiqua">Eh bien</em>, was ist es mit -ihm? ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,‹ – das könnt -uns beinahe genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so -denn <em class="antiqua">attention au jeu</em>. Unser Freund Stechlin hat das Wort.«</p> - -<p>»Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,« wiederholte -Woldemar, »so sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. -Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine Schwierigkeiten. -Und dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte, -selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich, was diese -Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe. Sie -gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das -Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen.«</p> - -<p>»Keine Ausflüchte!«</p> - -<p>»Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege -versuchen und Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, -wie meine letzte Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, -als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich großer Erregung, und zwar -über ein Büchelchen, das er in Händen hielt.«</p> - -<p>»Und ich will raten, was es war,« unterbrach Melusine.</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. -Anpreisung von Askese.«</p> - -<p>»Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht -geographisch. Es handelt sich nämlich nicht östlich um einen -Russen, sondern westlich um einen Portugiesen.«</p> - -<p>»Um einen Portugiesen,« lachte die Baronin. »O, ich -kenne welche. Sie sind alle so klein und gelblich. Und einer fand -einen Seeweg. Freilich schon lange her. Ist es nicht so?«</p> - -<p>»Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich -hier handelt, das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß -ein Dichter.«</p> - -<p>»Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen -Namen auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber -Calderon ist es nicht.«</p> - -<p>»Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, -auch schon rein landkartlich, nicht mit <em class="gesperrt">dem</em>, um den sich's -hier handelt. Und ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein -neuer. Und heißt Joao de Deus.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p> - -<p>»Joao de Deus,« wiederholte die Gräfin. »Schon der -Name. Sonderbar. Und was war es mit dem?«</p> - -<p>»Ja, was war es mit <em class="gesperrt">dem</em>? Dieselbe Frage tat ich auch, -und ich habe nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete: -›Dieser Joao de Deus,‹ so etwa waren seine Worte, ›war genau -<em class="gesperrt">das</em>, was ich wohl sein möchte, wonach ich suche, seit ich zu -leben, <em class="gesperrt">wirklich</em> zu leben angefangen, und wovon es beständig -draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen nicht mehr. -Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben oder -doch <em class="gesperrt">wieder</em> geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar -erst das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf -dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde -gehen. Die zehn Gebote, das war der Alte Bund, der Neue -Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und das klingt -aus in: Und du hättest der Liebe nicht …‹«</p> - -<p>»Ja, so sprach Lorenzen,« fuhr Woldemar nach einer Pause -fort, »und sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und -ihm zurief: ›Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. -Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus erzählen. -Was ist es mit dem? Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?‹«</p> - -<p>»›Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode -spricht das kleine Heft hier. Höre.‹ Und nun begann er zu lesen. -Das aber, was er las, das lautete etwa so: ›… Und als er -nun tot war, der Joao de Deus, da gab es eine Landestrauer, -und alle Schulen der Hauptstadt waren geschlossen, und die -Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die -Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt, und die -Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh -und zeigten auf den Toten und sagten: <em class="antiqua">Un Santo, un Santo.</em> -Und sie taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt -hatte und <em class="gesperrt">nicht für sich</em>.‹«</p> - -<p>»Das ist schön,« sagte Melusine.</p> - -<p>»Ja, das ist schön,« wiederholte Woldemar, »und ich darf<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -hinzusetzen, in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao -de Deus, sondern auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht -nicht ganz wie sein Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit.«</p> - -<p>»Und so schlag ich denn vor,« sagte die Baronin, »daß -wir den mit dem C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen -wird, vorläufig absetzen und statt seiner den neuen mit dem D -leben lassen. Und natürlich unsern Lorenzen dazu.«</p> - -<p>»Ja, leben lassen,« lachte Woldemar. »Aber womit? worin? -<em class="antiqua">Les jours de fête</em> …« und er wies auf das Eierhäuschen -zurück.</p> - -<p>»In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, -und uns statt andrer Beschwörung einfach die Hände reichen, -selbstverständlich über Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard -und dann Melusine und ich.«</p> - -<p>Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die -Hände.</p> - -<p>Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die -Gruppe heran, und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli.«</p> - -<p>»Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen -Liebe!«</p> - -<p>»So, hat's denn eine Verlobung gegeben?«</p> - -<p>»Nein … noch nicht,« lachte Melusine.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p> - -<h2 id="Wahl_in_Rheinsberg_Wutz">Wahl in Rheinsberg-Wutz</h2> - -<h3 id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. -Als er um neun Uhr auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er -auf dem Frühstückstisch Zeitungen und Briefe. Darunter war -einer mit einem ziemlich großen Siegel, der Lack schlecht und -der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung, ein -bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel -und Handschrift sehr wohl wissend, woher und von -wem der Brief kam, schob ihn, während Fritz den Tee brachte, -beiseite, und erst als er eine Tasse genommen und länger als -nötig dabei verweilt hatte, griff er wieder nach dem Brief -und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Ich hätte -mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres gewünscht -als gerade <em class="gesperrt">diesen</em> Brief.« Und während er das so vor sich hin -sprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten -Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte, -kurz bevor er das Kloster verließ, noch einmal vertraulich seine -Hand genommen und ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, -was sie seit lange bedrückte.</p> - -<p>»Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein -Vater war auch schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will -nicht in deine Geheimnisse eindringen, aber ich möchte doch -fragen dürfen: wie stehst du dazu?«</p> - -<p>»Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p> - -<p>»Berlinerin?«</p> - -<p>»Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe von -Jahren in Berlin und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit -ist sie Berlinerin. Aber eigentlich ist sie doch keine; sie -wurde drüben in London geboren, und ihre Mutter war eine -Schweizerin.«</p> - -<p>»Um Gottes willen!«</p> - -<p>»Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen -von einer Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm -und mit einem Milchkübel.«</p> - -<p>»Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich weiß nur, -daß es ein wildes Land ist.«</p> - -<p>»Ein freies Land, liebe Tante.«</p> - -<p>»Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen -in der Hand hast, so beschwör ich dich …«</p> - -<p>An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals -(weil eine Störung kam) das Gespräch mit der Tante auf andre -Dinge hingeleitet worden, und nun hielt er ihren Brief in Händen -und zögerte, das Siegel zu brechen. »Ich weiß, was drin -steht, und ängstige mich doch beinahe. Wenn es nicht Kämpfe -gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die sind -mir womöglich noch fataler … Aber was hilft es!«</p> - -<p>Und nun brach er den Brief auf und las:</p> - -<p>»Ich nehme an, mein lieber Woldemar, daß Du meine -letzten Worte noch in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat -und die Bitte hinaus: gib auch in dieser Frage die Heimat -nicht auf, halte Dich, wenn es sein kann, an das Nächste. Schon -unsre Provinzen sind so sehr verschieden. Ich sehe Dich über -solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei. Was ich Adel -nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer alten -Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht noch reiner -als bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem -Zusehen auf dem adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -ein paar Andeutungen will ich machen. Ich habe sie von -allen Arten gesehen. Da sind zum Beispiel die rheinischen -jungen Damen, also die von Köln und Aachen; nun ja, die -mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn sie nicht -katholisch sind, dann sind sie was anders, wo der Vater erst -geadelt wurde. Neben den rheinischen haben wir dann die westfälischen. -Über die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen -Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten nennen, -sind alle so gut wie polnisch und leben vom Jeu und haben die -hübschesten Erzieherinnen; immer ganz jung, da macht es sich -am leichtesten. Und dann sind da noch weiterhin die preußischen, -das heißt die ostpreußischen, wo schon alles aufhört. Nun -die kenn ich, die sind ganz wie ihre Litauer Füllen und schlagen -aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto schlimmer. -Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so -streng und so sehr für unsre Mark bin, ja speziell für unsre -Mittelmark. Deshalb, mein lieber Woldemar, weil wir in unsrer -Mittelmark nicht so bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern -weil wir auch in allem die rechte Mitte haben und halten. -Ich habe mal gehört, unser märkisches Land sei <em class="gesperrt">das</em> Land, -drin es nie Heilige gegeben, drin man aber auch keine Ketzer -verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt, -Mittelzustand, – darauf baut sich das Glück auf. Und dann -haben wir hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die -reine Lehre und in unserm Adel das reine Blut. <em class="gesperrt">Die</em>, wo das -nicht zutrifft, die kennt man. Einige meinen freilich, das, was -sie das ›Geistige‹ nennen, das litte darunter. Das ist aber -alles Torheit. Und wenn es litte (es leidet aber nicht), so -schadet das gar nichts. Wenn das Herz gesund ist, ist der Kopf -nie ganz schlecht. Auf diesen Satz kannst Du Dich verlassen. -Und so bleibe denn, wenn Du suchst, in unsrer Mark und vergiß -nie, daß wir das sind, was man so ›brandenburgische Geschichte‹ -nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -Gegend empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger – trotzdem -seine Feinde behaupten, er betrachte sich hier bloß wie in Verbannung -und sehne sich fort nach einer Berliner Domstelle – -von der mir selbst Koseleger sagte: ›Wenn man sich die preußische -Geschichte genau ansieht, so findet man immer, daß sich -alles auf unsre alte, liebe Grafschaft zurückführen läßt; da liegen -die Wurzeln unsrer Kraft.‹ Und so schließe ich denn mit der -Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und nicht nach -Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der Liebe -Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin Adelheid von St.«</p> - -<p>Woldemar lachte. »Heirate heimisch und heirate lutherisch -– das hör ich nun schon seit Jahren. Und auch das dritte höre -ich immer wieder: ›Geld erniedrigt.‹ Aber das kenn ich. Wenn's -nur recht viel ist, kann es schließlich auch eine Chinesin sein. -In der Mark ist alles Geldfrage. Geld – weil keins da ist – -spricht Person und Sache heilig und, was noch mehr sagen will, -beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante.«</p> - -<p>Während er lachend so vor sich hin sprach, überflog er noch -einmal den Brief und sah jetzt, daß eine Nachschrift an den -Rand der vierten Seite gekritzelt war. »Eben war Katzler hier, -der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise stattfindenden -Nachwahl erzählte. Dein Vater ist aufgestellt worden und -hat auch angenommen. Er bleibt doch immer der Alte. Gewiß -wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, – er litt von -Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer -bedünkte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten. -Deine A. von St.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav hatte sich -als konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -Woldemar noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten -einige am Tage darauf von Lorenzen eintreffende Zeilen diese -Zweifel beseitigt. Es hieß in Lorenzens Brief:</p> - -<p>»Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Großes -zugetragen. Noch am selben Abend erschienen Gundermann -und Koseleger und drangen in Deinen Vater, zu kandidieren. -Er lehnte zunächst natürlich ab; er sei weltfremd und verstehe -nichts davon. Aber damit kam er nicht weit. Koseleger, der – -was ihm auch später noch von Nutzen sein wird – immer ein -paar Anekdoten auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß -vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister -Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem ›Ich verstehe -nichts davon‹ aus der Affäre ziehen wollte, der bismarckisch-prompten -Antwort begegnet sei: ›Darum wähle ich Sie ja -gerade, mein Lieber,‹ – eine Geschichte, der Dein Vater natürlich -nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von -Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen worden, -ebenso vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben -wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel. Ich -glaube, daß er siegt. Nur die Fortschrittler können in Betracht -kommen und allenfalls die Sozialdemokraten, wenn vom -Fortschritt (was leicht möglich ist) einiges abbröckelt. Unter -allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du Dich seines -Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen. -Bringen wir ihn durch, so weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag -sitzt und daß wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren -können. Er sich persönlich allerdings auch. Denn sein Leben -hier ist zu einsam, so sehr, daß er, was doch sonst nicht seine -Sache ist, mitunter darüber klagt. Das war das, was ich Dich -wissen lassen mußte. ›Sonst nichts Neues vor Paris.‹ Krippenstapel -geht in großer Aufregung einher; ich glaube, wegen -unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten Vorversammlung, -wo er mutmaßlich seine herkömmliche Rede<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -über den Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei -liebenswürdigen Freunden, besonders Czako. Wie immer, -Dein alter Freund Lorenzen.«</p> - -<p>Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich -dazu stellen sollte. Was Lorenzen da schrieb, »daß kein Besserer -im Hause sitzen würde«, war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken -und Sorge. Der Alte war durchaus kein Politiker, er -konnte sich also stark in die Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen -Figur werden. Und dieser Gedanke war ihm, dem -Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr schmerzlich. -Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß er -in dem Wahlkampf unterlag.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. -Es stand durchaus nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt -er selbst bei den Gegnern war, als Sieger aus der Wahlschlacht -hervorgehen müsse. Die Konservativen hatten sich freilich -daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz als eine »Hochburg« anzusehen, -die der staatserhaltenden Partei nicht verloren gehen -könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum, und die bisherige -Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte lediglich -in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen -und Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen -persönlichen Rücksichtnahme mußte doch mal ein Ende nehmen, -und das Anrecht, das sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit -diesem mußt es vorbei sein, eben weil sich's endlich um einen -Neuen handelte. Kein Zweifel, die gegnerischen Parteien regten -sich, und es lag genau so, wie Lorenzen an Woldemar geschrieben, -»daß ein Fortschrittler, aber auch ein Sozialdemokrat -gewählt werden könne«.</p> - -<p>Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der -am besten erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür -des alten Baruch Hirschfeld gehorcht hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p> - -<p>»Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten -Herrn von Stechlin.«</p> - -<p>»Nein, Vater. Ich werde <em class="gesperrt">nicht</em> wählen den guten alten -Herrn von Stechlin.«</p> - -<p>»Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und hat das -richtige Herz.«</p> - -<p>»Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.«</p> - -<p>»Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, -als du hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und -hast ihr aufgebunden das Schürzenband, und sie hat dir gegeben -einen Klaps. Du hast gebuhlt um das christliche Mädchen. -Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt, um die öffentliche Meinung. -Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir verziehen. -Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht.«</p> - -<p>»Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. -Und wenn ich wähle, wähl ich für die Menschheit.«</p> - -<p>»Geh mir, Isidor, <em class="gesperrt">die</em> kenn ich. Die Menschheit, die will -haben, aber nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen.«</p> - -<p>»Laß sie teilen, Vater.«</p> - -<p>»Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht -den zehnten Teil.«</p> - -<p>Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften. In Wutz -sprach Fix für das Kloster und die Konservativen im allgemeinen, -ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu bringen, weil er -wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder stand. Ein Linkskandidat -aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer Gegend -die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die -ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin, -der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte, -daß es ein Unsinn sei, von Adel und Kirche was zu erwarten. -Die vertrösteten immer bloß auf den Himmel. Achtstündiger -Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie nach -Finkenkrug, – <em class="gesperrt">das</em> sei das Wahre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p> - -<p>So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um -den Stechlin herum hoffte man der Sache noch Herr werden -und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu können. Im -Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke beraten, und Donnerstag -sieben Uhr war dazu festgesetzt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung -der von Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der -eigentlichen Dorfstraße gebildet wurde, und war unter den -vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste. Vor seiner Front -standen ein paar uralte Linden, und drei, vier Stehkrippen -waren bis dicht an die Hauswand herangeschoben, aber alle -ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden, -während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem -heute Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, -und wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für -Stechlin und Umgegend proklamiert werden sollte. Dieser -große Saal war ein fünffenstriger Längsraum, der schon manchen -Schottischen erlebt, was er in seiner Erscheinung auch -heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur waren -ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige -Baßgeige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam -gewesen wäre, guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen Halse -von der Musikempore her über die Brüstung fort.</p> - -<p>Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein -für das Komitee bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, -während auf den links und rechts sich hinziehenden Bänken -einige zwanzig Vertrauensmänner saßen, denen es hinterher -oblag, im Sinne der Komiteebeschlüsse weiter zu wirken. Die -Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stechliner -Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen Leuten -aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner -von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -gesellte sich noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, -ein Steueroffiziant und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der -jetzt Agent war und die Post besorgte. Natürlich war auch -Landbriefträger Brose da samt der gesamten Sicherheitsbehörde: -Fußgensdarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von -der reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit zum -Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber -trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab -nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres, als seinen Kameraden -und Amtsgenossen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten -und sich dabei seiner ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten -Überlegenheit als schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier -bewußt zu werden. Uncke war ihm der Inbegriff des -Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte Gesicht -an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der gefärbte -Schuhbürstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, -mit dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke -hatte recht: Uncke war wirklich eine komische Figur. Seine -Miene sagte beständig: »An mir hängt es.« Dabei war er ein -höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als nötig aufschrieb -und auch nur selten auflöste.</p> - -<p>Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der -Mitteltür standen die beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht, -als sich der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlag -sieben von seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet -erklärte. Dieser Vorsitzende war natürlich Oberförster -Katzler, der heute, statt des bloßen schwarz-weißen Bandes, -sein bei St. Marie aux Chênes erworbenes Eisernes Kreuz in -Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm saßen Superintendent -Koseleger und Pastor Lorenzen, an der linken Schmalseite -Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer auch -dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei -Düppel in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -sagte, während er seine beneidenswerten Zähne zeigte: »Ja, -Kinder, so geht es. Bei Alsen war ich, aber bei Düppel war ich -nich, und dafür hab ich nu die Düppelmedaille.«</p> - -<p>Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene -Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat -immer, wenn sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig -und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten, für die von -vierundsechzig ein. »Ja, vierundsechzig, Kinder, da fing es an. -Und aller Anfang ist schwer. Anfangen ist immer die Hauptsache; -das andre kommt dann schon wie von selbst.« Ein alter -Globsower, der bei Spichern mitgestürmt und sich durch besondere -Tapferkeit hervorgetan hatte, war denn auch, bloß -weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen -Bemängelungen. »Ich will ja nich sagen, Tübbecke, -daß es bei Spichern gar nichts war; aber gegen Düppel (wenn -ich auch nicht mit dabei gewesen), gegen Düppel war es gar -nichts. Wie war es denn bei Spichern, wovon du soviel redst, -als ob sich vierundsechzig daneben verstecken müßte? Bei -Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren -Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin. -Da pfeift es ganz anders. Das heißt, von Pfeifen war schon -eigentlich gar keine Rede mehr.« Eine Folge dieser Anschauung -war es denn auch, daß in den Augen Kluckhuhns der Pionier -Klinke, der bei Düppel unter Opferung seines Lebens den Palisadenpfahl -von Schanze drei weggesprengt hatte, der eigentliche -Held aller drei Kriege war und alles in allem nur einen -Rivalen hatte. Dieser <em class="gesperrt">eine</em> Rivale stand aber drüben auf Seite -der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff -und hieß Rolf Krake. »Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber -gondelten, da lag das schwarze Biest immer dicht neben uns -und sah aus wie'n Sarg. Und wenn es gewollt hätte, so wär -es auch alle mit uns gewesen und bloß noch plumps in den -Alsensund. Und weil wir das wußten, schossen wir immer drauflos,<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -denn wenn einem so zu Mute ist, dann schießt der Mensch -immerzu.«</p> - -<p>Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen. -Aber dasselbe schwarze Schiff, das ihm damals so viel -Furcht und Sorge gemacht hatte, war doch auch wieder ein -Segen für ihn geworden, und man durfte sagen, sein Leben -stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake. Wie Gundermann -immer der Sozialdemokratie das »Wasser abstellen« wollte, -so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit -dem schwarzen Ungetüm im Alsensund. »Ich sag euch, was -sie jetzt die soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie -damals Rolf Krake; Bebel wartet bloß, und mit eins fegt er -dazwischen.«</p> - -<p>Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend -sehr angesehen, und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß, -dicht neben Koseleger, war er sich dessen auch wohl bewußt. -Aber gegen Krippenstapel, den er als Schulpauker und Bienenvater -eigentlich nicht für voll ansah, kam er bei dieser Gelegenheit -doch nicht an; Krippenstapel hatte heute ganz seinen großen -Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton herabstimmen -mußte.</p> - -<p>Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich -mit seinem Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge -standen, erhoben hatte, mit der Versicherung, daß er den so -zahlreich Anwesenden, unter denen vielleicht auch einige Andersdenkende -seien, für ihr Erscheinen danke. Sie wüßten alle, -zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschädel sei tot, -»er ist in Ehren hingegangen«, und es handle sich heute darum, -dem alten Herrn von Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger -zu geben. Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt; -es sei Ehrensache, wieder konservativ zu wählen. »Und -ob die Welt voll Teufel wär'.« Es liege der Grafschaft ob, -dieser Welt des Abfalls zu zeigen, daß es noch »Stätten« gäbe.<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -Und hier sei eine solche Stätte. »Wir haben, glaub ich,« so -schloß er, »niemand an diesem Tisch, der das Parlamentarische -voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen bin, das, was uns -hier zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist -ein schwacher Versuch. Jeder tut, soviel er kann, und der Brombeerstrauch -hat eben nur seine Beeren. Aber auch <em class="gesperrt">sie</em> können -den durstigen Wanderer erfrischen. Und so bitte ich denn unsern -politischen Freund, dem wir außerdem für die Erforschung -dieser Gegenden so viel verdanken, ich bitte Herrn Lehrer Krippenstapel, -uns das von mir Aufgesetzte vorlesen zu wollen. Ein -<em class="antiqua">pro memoria</em>. Man kann es vielleicht so nennen.«</p> - -<p>Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich -Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer -Anzahl von Papieren und sagte dann: »Ich folge der Aufforderung -des Herrn Vorsitzenden und freue mich, berufen zu -sein, ein Schriftstück zur Verlesung zu bringen, das unser <em class="gesperrt">aller</em> -Gefühlen – ich bin dessen sicher und glaube von den Einschränkungen, -die unser Herr Vorsitzender gemacht hat, absehen -zu dürfen – zu kräftigstem Ausdruck verhilft.«</p> - -<p>Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. -Es war ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich -dasselbe, was Katzler schon gesagt hatte. Die Betonungen -Krippenstapels sorgten aber dafür, daß der Beifall reichlicher -war, und daß die Schlußwendung »und so vereinigen wir uns -denn in dem Satze: was um den Stechlin herum wohnt, das -ist <em class="gesperrt">für</em> Stechlin,« einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke hob -seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf, während Uncke -sich umsah, ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu -notieren sei. Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur -Kenntnisnahme. Brose, der (wohl eine Folge seines Berufs) -unter dem ungewohnten langen Stillstehen gelitten hatte, -nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung seiner Beinnervosität, -eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder auf, während<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob, um Katzler erst militärisch -und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, -wobei seine Düppelmedaille dem Katzlerschen Eisernen Kreuz -entgegenpendelte. Nur Koseleger und Lorenzen blieben ruhig. -Um des Superintendenten Mund war ein leiser ironischer -Zug.</p> - -<p>Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen; -alles brach auf, und nur Uncke sagte zu Brose: »Wir bleiben -noch, Brose; morgen wird es Lauferei genug geben.«</p> - -<p>»Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier so stillestehen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Draußen, unter dem Gezweig der alten Linden, standen -mehrere Kaleschwagen, aber der des Superintendenten fehlte noch, -weil Koseleger eine viel längere Sitzung erwartet und daraufhin -seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin war -noch eine hübsche Zeit; der Superintendent indessen schien nicht -unzufrieden darüber, und seines Amtsbruders Arm nehmend, -sagte er: »Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie Sie sehen, bei -Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie, so -hoffe ich, über die Störung leicht hinwegkommen. Die Ehe bedeutet -in der Regel Segen, wenigstens an Kindern, aber die -Nichtehe hat auch ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen -sich dieser Einsicht, und dieser unbedingte Glauben an -sich und ihre Wichtigkeit hat oft was Rührendes.«</p> - -<p>Lorenzen, der sich – bei voller Würdigung der Gaben seines -ihm vorgesetzten und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden -Amtsbruders – im allgemeinen nicht viel aus -ihm machte, war diesmal mit allem einverstanden und nickte, -während sie, schräg über den Platz fort, auf die Pfarre zuschritten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p> - -<p>»Ja, diese Einbildungen!« fuhr Koseleger fort, zu dessen -Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte. »Gewiß ist es -richtig, daß wir samt und sonders von Einbildungen leben, -aber für die Frauen ist es das tägliche Brot. Sie malträtieren -ihren Mann und sprechen dabei von Liebe, sie <em class="gesperrt">werden</em> malträtiert -und sprechen erst recht von Liebe; sie sehen alles so, wie -sie's sehen wollen, und vor allem haben sie ein Talent, sich mit -Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden aufzuzählen), -die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist -nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich -auch die der Gastlichkeit, wenigstens hierlandes. Und nun gar -unsre Pfarrmütter! Eine jede hält sich für die heilige Elisabeth -mit den bekannten Broten im Korb. Haben Sie übrigens das -Bild auf der Wartburg gesehen? Unter allen Schwindschen -Sachen steht es mir so ziemlich obenan. Und in Wahrheit, -um auf unsere Pfarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so, -daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am besten -aufgehoben gefühlt habe.«</p> - -<p>Lorenzen lachte: »Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, -Herr Superintendent.«</p> - -<p>»Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lange -in dieser Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da -drüben, aber wenn auch nicht lange, so doch lange genug, um -zu wissen, wie's hier herum aussieht. Und Ihr Renommee … -Sie sollen so was von einem Feinschmecker an sich haben. -Kann ich mir übrigens denken. Sie sind Ästhetikus, und das -ist man nicht ungestraft, am wenigsten in bezug auf die Zunge. -Ja, das Ästhetische. Für manchen ist es ein Unglück. Ich weiß -davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus? -Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine, das ist immer ne -preußische Schule. So wird bei uns die Volksseele für das, -was schön ist, großgezogen. Aber es kommt auch was dabei -heraus! Mitunter wundert's mich nur, daß sie die Bauten<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -aus der Zeit Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">I.</em> nicht besser konservieren. -Eigentlich war <em class="gesperrt">das</em> doch das Ideal. Graue Wand, hundert -Löcher drin und unten großes Hauptloch. Und natürlich ein -Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß -so was verloren geht. Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun -das Ganze … Wie heißt doch der Lehrer?«</p> - -<p>»Krippenstapel.«</p> - -<p>»Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja während -der Sitzung mit einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, -wie mir der Name wohltat, als ich ihn das erstemal hörte. -So heißt nicht jeder. Wie kommen Sie mit dem Manne aus?«</p> - -<p>»Sehr gut, Herr Superintendent.«</p> - -<p>»Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein. -Er hat ein Gesicht wie ne Eule. Dabei so was Steifleinenes -und zugleich Selbstbewußtes. Der richtige Lehrer. Meiner in -Quaden-Hennersdorf war ebenso. Aber er läßt nun schon -ein bißchen nach.«</p> - -<p>Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen, -in der man, ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre, -doch schon wußte, daß der Herr Superintendent mit erscheinen -würde. Nun war er da. Nur wenige Minuten waren seit dem -Aufbruch vom Krug her vergangen, die trotz Kürze für Frau -Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die Wirtschaft führte) -ausgereicht hatten, alles in Schick und Ordnung zu bringen. -Auf dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man -gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah, brannten ein -paar helle Paraffinkerzen, während rechts daneben, in der offenstehenden -Studierstube, eine große Lampe mit grünem Bilderschirm -ein gedämpftes Licht gab. Lorenzen schob den Sofatisch, -darauf Zeitungen hoch aufgeschichtet lagen, ein wenig -zurück und bat Koseleger, Platz zu nehmen. Aber dieser, eben -jetzt das große Bild bemerkend, das in beinahe reicher Umrahmung -über dem Sofa hing, nahm den ihm angebotenen<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend: -»Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens. -Das ist ja ein wunderschöner Stich. Oder eigentlich Aquatinta. -Dergleichen wird hier wohl im siebenmeiligen Umkreis nicht -oft betroffen werden, nicht einmal in dem etwas heraufgepufften -Rheinsberg; in Rheinsberg war man für Watteausche -Reifrockdamen auf einer Schaukel, aber nicht für Kreuzabnahmen -und dergleichen. Und stammt auch sicher nicht aus -dem sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn -drüben, Riesenkate mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese -Glaskugeln sehe. Und daneben <em class="gesperrt">das</em> hier! Wissen Sie, Lorenzen, -das Bild hier ruft mir eine schöne Stunde meines -Lebens zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin Wera -vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in -der Kathedrale. Waren Sie da?«</p> - -<p>Lorenzen verneinte.</p> - -<p>»Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original, in -seiner Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur Flamänderinnen -hätte malen können. Nun, das wäre wohl auch -noch nicht das Schlimmste gewesen. Aber er konnte mehr. -Sehen Sie den Christus. Wohl jedem, der draußen war, und -zu dem die Welt mal in andern Zungen redete! Hier blüht der -Bilderbogen, Türke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es -ist traurig, hier versauern zu müssen.«</p> - -<p>Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in -die Sofaecke nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah -erst wieder auf, als ein junges Ding ins Zimmer trat, groß -und schlank und blond, und dem Pastor verlegen und errötend -etwas zuflüsterte.</p> - -<p>»Meine gute Frau Kulicke,« sagte Lorenzen, »läßt eben -fragen, ob wir unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen? -Ich möchte beinahe glauben, es ist das beste, wir bleiben hier. -Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse kalt sein. Nun, das hätten<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -wir nebenan. Ich persönlich finde jedoch das Temperierte -besser. Aber ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr Superintendent.«</p> - -<p>»Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir -bleiben, wo wir sind … Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer -war das entzückende Geschöpf? Wie ein Bild von Knaus. -Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen. Wie alt ist sie denn?«</p> - -<p>»Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.«</p> - -<p>»Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind. -Immer solche Menschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen -Sie. Ja, das ist das Eigentliche. Sechzehn hat noch ein bißchen -von der Eierschale, noch ein bißchen den Einsegnungscharakter, -und achtzehn ist schon wieder alltäglich. Achtzehn -kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer Mittelzustand. -Und wie heißt sie?«</p> - -<p>»Elfriede.«</p> - -<p>»Auch <em class="gesperrt">das</em> noch.«</p> - -<p>Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte.</p> - -<p>»Ja, Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut Sie's -haben in dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt -mich an, das ganze Dorf, alles. Wenn ich mir da beispielsweise -den Tisch wieder vergegenwärtige, dran wir, drüben im -Krug, vor einer halben Stunde gesessen haben, an der linken -Seite dieser Krippenstapel (er sei wie er sei) und an der rechten -Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch lauter Größen. -Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht die -schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud. -All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese -Elfriede, die hoffentlich nicht Kulicke heißt, – sonst bricht freilich -mein ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen. -Und nun nehmen Sie <em class="gesperrt">mich</em>, Ihren Superintendenten, das -große Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles nackte Prosa, widerhaarige -Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht verzeihen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -können, daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über -Land fahren konnte. Glauben Sie mir, Großfürstinnen, -selbst wenn sie Mängel haben (und sie haben Mängel), sind -mir immer noch lieber als das Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf, -und mitunter ist mir zumut, als gäbe es keine -Weltordnung mehr.«</p> - -<p>»Aber Herr Superintendent …«</p> - -<p>»Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf -und wundern sich, daß einer, für den die hohe Klerisei so viel -getan und ihn zum Superintendenten in der gesegneten Mittelmark -und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht -hat, – Sie wundern sich, daß solch zehnmal Glücklicher solchen -Hochverrat redet. Aber bin ich ein Glücklicher? Ich bin ein -Unglücklicher …«</p> - -<p>»Aber Herr Superintendent …«</p> - -<p>»… Und möchte, daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde -hätte, sagen wir auf dem ›toten Mann‹ oder in der -Tuchler Heide. Sehen Sie, dann wär es vorbei, dann wüßt -ich bestimmt: ›du bist in den Skat gelegt‹. Und das kann unter -Umständen ein Trost sein. Die Leute, die Schiffbruch gelitten -und nun in einer Isolierzelle sitzen und Tüten kleben oder Wolle -zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten. Unglücklich sind immer -bloß die Halben. Und als einen solchen habe ich die Ehre mich -Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht sogar in <em class="gesperrt">dem</em>, -worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier nur vom -allgemein Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem -Menschlichen ein Halber bin, das quält mich. Über das andre -käm ich vielleicht weg.«</p> - -<p>Lorenzens Augen wurden immer größer.</p> - -<p>»Sehen Sie, da war ich also – verzeihen Sie, daß ich -immer wieder darauf zurückkomme – da war ich also mit -siebenundzwanzig im Haag und kam in die vornehme Welt, -die da zu Hause ist. Und da war ich denn heut in Amsterdam<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent -oder in Brügge. Brügge, Reliquienschrein, Hans Memling -– so was müßten Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen -oder gar die faule Grete? Mancher, ich weiß wohl, -ist für's härene Gewand oder zum Eremiten geboren. Ich -nicht. Ich bin von der andern Seite; meine Seele hängt an -Leben und Schönheit. Und nun spricht da draußen all dergleichen -zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz, -nicht einen kindischen, sondern einen echten, der höher -hinauf will, weil man da wirken und schaffen kann, für sich -gewiß, aber auch für andre. Danach dürstet einen. Und nun -kommt der Becher, der diesen Durst stillen soll. Und dieser -Becher heißt Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das mich umgibt, -ist ein großes Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen -und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die -Leute hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach, Lorenzen, -immer wieder, wie beneide ich Sie!«</p> - -<p>Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke. -Sie schob die Zeitungen zurück, um zwei Kuverts legen zu -können, und nun brachte sie den Rotwein und ein Kabarett mit -Brötchen. In dünngeschliffene große Gläser schenkte Lorenzen -ein, und die beiden Amtsbrüder stießen an »auf bessere Zeiten«. -Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil sich der eine -nur mit sich, der andre nur mit andern beschäftigte.</p> - -<p>»Wir könnten, glaub ich,« sagte Lorenzen, »neben den -›besseren Zeiten‹ noch dies und das leben lassen. Zunächst -<em class="gesperrt">Ihr</em> Wohl, Herr Superintendent. Und zum zweiten auf das -Wohl unsers guten alten Stechlin, der uns doch heute zusammengeführt. -Ob wir ihn durchbringen? Katzler tat so sicher und -Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz gewiß. Aber ich -habe trotzdem Zweifel. Die Konservativen – ich kann kaum -sagen ›unsere Parteigenossen‹, oder doch nur in sehr bedingtem -Sinne – die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist. -›<em class="antiqua">Fortiter in re, suaviter in modo</em>,‹ hat neulich einer, der sich auf -Bildung ausspielt, von dem Alten gesagt, und von ›<em class="antiqua">suaviter</em>,‹ -wenn auch nur ›<em class="antiqua">in modo</em>‹, wollen alle diese Herren nichts wissen. -Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen, -der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist …«</p> - -<p>»Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei -Redensarten, von denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre -genommen sind.«</p> - -<p>»Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen, -ist zugleich Intrigant, und während er vorgibt, für unsern -guten alten Stechlin zu werben, tropft er den Leuten Gift ins -Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte senil sei und keinen Schneid -habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben -Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein -Parvenu, also so ziemlich das Schlechteste, was einer sein kann. -Ich bin schon zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt. -Aber um den Alten bin ich besorgt. Ich kann nur wiederholen: -es liegt nicht so günstig für ihn, wie die Gegend hier sich einbildet. -Denn auf das arme Volk ist kein Verlaß. Ein Versprechen -und ein Kornus, und alles schnappt ab.«</p> - -<p>»Ich werde das meine tun,« sagte Koseleger mit einer -Mischung von Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte -dabei den Eindruck, daß sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent -bereits ganz andern Bildern nachhing. Und so war -es auch. Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart? -Ihn beschäftigte nur die Zukunft, und wenn er in die hineinsah, -so sah er einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und am -Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger, -Generalsuperintendent.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüder -»auf bessere Zeiten« anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -– die Sterne blinkten schon – vor seiner Oberförsterei. -Das Blaffen der Hunde, das, solange der Wagen noch weit -ab war, unausgesetzt über die Waldwiese hingeklungen war, -verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und wunderliche -Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den -Hut an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen -»Geweihen« wollte er als feiner Mann nichts wissen) und trat -gleich danach in das an der linken Flurseite gelegene, matt -erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau. Das gedämpfte Licht -ließ sie noch blasser erscheinen, als sie war. Sie hatte sich, als -der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem -Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus dem -Walde zurückkehrte, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein -als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes -Batisttuch, in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen -Krone hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa -erhob, aus der Hand gelegt. Sie war nicht schön, dazu von -einem lymphatisch-sentimentalen Ausdruck, aber ihre stattliche -Haltung und mehr noch die Art, wie sie sich kleidete, ließen -sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches -erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes, -ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und -als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff -hergestellten Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen -Turban oder eine Krone darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas -Gewolltes, war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder -kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin aus, etwas aus sich -zu machen.</p> - -<p>»Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist,« sagte Ermyntrud. -»Ich habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, -sondern um mich. Ich muß dies egoistischerweise gestehen. -Es waren recht schwere Stunden für mich, die ganze Zeit, daß -du fort warst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p> - -<p>Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz -zurück. »Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist -du auch wieder bei der Stickerei. Das strengt dich an und hat, -wie du weißt, auf <em class="gesperrt">alles</em> Einfluß. Der gute Doktor sagte noch -gestern, alles sei im Zusammenhang. Ich seh auch, wie blaß -du bist.«</p> - -<p>»O, das macht der Schirm.«</p> - -<p>»Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was -vielleicht wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber -den Vorwurf selbst. Ich mußte hier bleiben und nicht hin zu -dieser Stechliner Wahlversammlung.«</p> - -<p>»Du <em class="gesperrt">mußtest</em> hin, Wladimir.«</p> - -<p>»Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst. -Aber es wäre schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger -war da, der konnte das Präsidium nehmen so gut wie ich. -Und wenn der nicht wollte, so konnte Torfinspektor Etzelius -einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel. Krippenstapel -ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt es so, wenn -es der eine nicht ist, ist es der andre.«</p> - -<p>»Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen? -Es gibt nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung -von der Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf -kommt es nicht an. Worauf es ankommt, das ist Erfüllung -unsrer Pflicht.«</p> - -<p>Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas -um, das ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine -andere Wendung zu geben. Aber, wie stets in solchen Momenten, -das, was retten konnte, war nicht zu finden, und so sah -er denn wohl, daß er einem Vortrage der Prinzessin über ihr -Lieblingsthema »von der Pflicht« verfallen sei. Dabei war er -eigentlich hungrig.</p> - -<p>Ermyntrud wies auf ein Taburett, das sie mittlerweile -neben ihren Sofaplatz geschoben, und sagte: »Daß ich immer<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -wieder davon sprechen muß, Wladimir. Wir leben eben nicht -in der Welt um unsert-, sondern um andrer willen. Ich will -nicht sagen um der Menschheit willen, was eitel klingt, wiewohl -es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist nicht die -Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern -lediglich die Pflicht …«</p> - -<p>»Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies -außerdem auch etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch -vor andern Nationen ausgezeichnet, und selbst bei denen, die -uns nicht begreifen oder übelwollen, dämmert die Vorstellung -von unsrer daraus entspringenden Überlegenheit. Aber es -gibt doch Unterschiede, Grade. Wenn ich statt zu der Stechliner -Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur alten -Stinten in Kloster Wutz (die ja schon früher einmal dabei war) -gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Bessere gewesen. -Es ist ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber -darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen.«</p> - -<p>»Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. -Aber man darf darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße -tut, man zugleich auch das Rechte tut. Es hängt so viel -an der Wahl unsers alten trefflichen Stechlin. Er steht außerdem -sittlich höher als Kortschädel, dem man, trotz seiner siebzig, -allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz intakt. Etwas -sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu -verhelfen, dafür leben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe -wenigstens <em class="gesperrt">ich</em>.«</p> - -<p>»Gewiß, Ermyntrud, gewiß.«</p> - -<p>»In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk -sein, ohne erst bei Neigung oder Stimmung anzufragen, -<em class="gesperrt">das</em> hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt, du weißt, in -welcher, und du wirst mir das Zeugnis ausstellen, daß ich diesem -Gelöbnis nachgekommen …«</p> - -<p>»Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> - -<p>»Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch -heute ganz offenbar, wie hätt ich da sagen wollen: bleibe. Ich -wäre mir klein vorgekommen, klein und untreu.«</p> - -<p>»Nicht untreu, Ermyntrud.«</p> - -<p>»Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche -hat sich der Familie zu bequemen und unterzuordnen -und die Familie wieder der Gesellschaft. In diesem Sinne -bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat ich den Schritt. Verlange -nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt zurücktue.«</p> - -<p>»Nie.«</p> - -<p>Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren -storres Haar, von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand, -erschien in diesem Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug -gebracht habe.</p> - -<p>Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, -nach dem Hof hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber -wahrnahm, wie schwer ihr das Gehen wurde, sagte er: »Ich -freue mich, dich so sprechen zu hören. Immer du selbst. Ich -bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken.«</p> - -<p>Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick -den guten Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte -Gespräch über Pflicht gedauert hatte, von Minute -zu Minute verlegener geworden war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien -Lorenzen auf dem Schloß, um in Dubslavs schon auf der Rampe -haltenden Kaleschewagen einzusteigen und mit nach Rheinsberg -zu fahren. Der Alte, bereits gestiefelt und gespornt, -empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und guter Laune. -»Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem -Pfarrgarten erwartet? Muß ja doch dran vorüber« – und dabei -schob er ihm voll Sorglichkeit eine Decke zu, während die -Pferde schon anrückten. »Übrigens freut es mich trotzdem -(man widerspricht sich immer), daß Sie nicht so praktisch gewesen -und doch lieber gekommen sind. Es is ne Politesse. -Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und geradezu -unmanierlich … Aber lassen wir's; ich kann es nicht ändern, -und es grämt mich auch nicht.«</p> - -<p>»Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich -angesehn, so ziemlich unser Bestes ist.«</p> - -<p>Dubslav lachte. »Ja, soviel ist richtig; Kopfhängerei war -nie meine Sache, und wäre das verdammte Geld nicht … -Hören Sie, Lorenzen, das mit dem Mammon und dem goldnen -Kalb, das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen.«</p> - -<p>»Gewiß, Herr von Stechlin.«</p> - -<p>»… Und wäre das verdammte Geld nicht, so hätt ich den -Kopf noch weniger hängen lassen, als ich getan. Aber das -Geld. Da war, noch unter Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">III.</em>, der alte -General von der Marwitz auf Friedersdorf, von dem Sie -gewiß mal gehört haben, der hat in seinen Memoiren irgendwo -gesagt: ›er hätte sich aus dem Dienst gern schon früher zurückgezogen -und sei bloß geblieben um des Schlechtesten willen, -was es überhaupt gäbe, um des Geldes willen‹ – und das -hat damals, als ich es las, einen großen Eindruck auf mich -gemacht. Denn es gehört was dazu, das so ruhig auszusprechen. -Die Menschen sind in allen Stücken so verlogen und unehrlich, -auch in Geldsachen, fast noch mehr als in Tugend. Und das -will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es … Na, lassen wir's, -Sie wissen ja auch Bescheid. Und dann sind das schließlich auch -keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden und -den Triumphator spielen soll. Übrigens geh ich einem totalen -Kladderadatsch entgegen. Ich werde nicht gewählt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<p>Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt -sagte, das stimmte nur zu sehr mit seiner eigenen Meinung. -Aber er mußte wohl oder übel, so schwer es ihm wurde, das -Gegenteil versichern. »Ihre Wahl, Herr von Stechlin, steht, -glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens. Die Globsower -und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter gute -Leute.«</p> - -<p>»Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind -Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und -wir selber machen's auch so. Schwapp, sind wir auf der andern -Seite.«</p> - -<p>»Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all -und jeden verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle … -Selbst Koseleger schien mir voll Zuversicht und Vertrauen, als -er am Donnerstag noch mit mir plauderte.«</p> - -<p>»Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewiß in die -Brüche. Wo Koseleger Amen sagt, das ist schon so gut wie letzte -Ölung. Er hat keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder -und Vorgesetzter.«</p> - -<p>»Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn. -Aber was vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme -Formen und durchaus etwas Verbindliches.«</p> - -<p>»Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und -Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einem Menschen -nicht seinen Namen vorhalten. Aber Koseleger! Ich -weiß immer nicht, ob er mehr Kose oder mehr Leger ist; vielleicht -beides gleich. Er ist wie ne Baisertorte, süß, aber ungesund. -Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr für Sie. Sie taugen auch -nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens ehrlich.«</p> - -<p>»Vielleicht,« sagte Lorenzen. »Übrigens hat Koseleger inmitten -seiner Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch -wieder was Freies, beinah Gewagtes und ist mir da neulich -mit Bekenntnissen gekommen, fast wie ein Charakter.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<p>Dubslav lachte hell auf. »Charakter. Aber Lorenzen. -Wie können Sie sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette -mich, er hat Ihnen irgendwas über Ihre ›Gaben‹ gesagt; -das ist jetzt so Lieblingswort, das die Pastoren immer -gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und unpersönlich klingen -und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen, für die man -ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann. -Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste … War es so -was? Hat er meinen klugen Lorenzen, eh er sich als ›Charakter‹ -ausspielte, durch solche Schmeicheleien eingefangen?«</p> - -<p>»Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier -ausnahmsweise unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich, -sondern über sich, und machte mir dabei seine Konfessions. -Er gestand mir beispielsweise, daß er sich unglücklich fühle.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaziert sei.«</p> - -<p>»Deplaziert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn -man durchaus will, ist jeder deplaziert, ich, Sie, Krippenstapel, -Engelke. Ich müßte Präses von einem Stammtisch oder vielleicht -auch ein Badedirektor sein, Sie Missionar am Kongo, -Krippenstapel Kustos an einem märkischen Museum und Engelke, -nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer hundertdreizehn. -Deplaziert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn. -Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war -Galopin bei ner Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit -will er's nun zwingen, und in seinem Ärger und Unmut -spielt er sich auf den Charakter aus und versteigt sich, wie Sie -sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten. Und wenn er -nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den Scheiterhaufenmann -<em class="antiqua">comme il faut</em>. Und der erste, der raus muß, -das sind Sie. Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren, -seine Gewagtheiten von heute durch irgendein Brandopfer -wieder wettzumachen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde -heraus und näherten sich einem beinah meilenlangen und bis -an den Horizont sich ausdehnenden Stück Bruchland, über das -mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln besetzte Wege -strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen. Alle diese Wege waren -belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit Fuhrwerken. -Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne blinkte, -war leicht zu erkennen.</p> - -<p>»Da fährt ja Katzler,« sagte Dubslav. »Überrascht mich beinah. -Es ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, -wieder was einpassiert; er schickte mir heute früh einen -Boten mit der Nachricht davon, und daraus schloß ich, er würde -<em class="gesperrt">nicht</em> zur Wahl kommen. Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen -Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder fortgeschickt -haben.«</p> - -<p>»Ist es wieder ein Mädchen?« fragte Lorenzen.</p> - -<p>»Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich -müssen es Jungens sein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu -Gevatter laden. Übrigens sind mehrere bereits tot, und alles -in allem ist es wohl möglich, daß sich Ermyntrud über das -beständige ›bloß Mädchen‹ allerlei Sorgen und Gedanken -macht.«</p> - -<p>Lorenzen nickte. »Kann mir's denken, daß die Prinzessin -etwas wie eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen -des von ihr getanen Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig -überspannt. Und doch ist es eine sehr liebenswürdige Dame.«</p> - -<p>»Wovon niemand überzeugter ist als ich,« sagte Dubslav. -»Freilich bin ich bestochen, denn sie sagt mir immer das -Schmeichelhafteste. Sie plaudre so gern mit mir, was auch am -Ende wohl zutrifft. Und dabei wird sie dann jedesmal ganz -ausgelassen, trotzdem sie eigentlich hochgradig sentimental ist. -Sentimental, was nicht überraschen darf; denn aus Sentimentalität -ist doch schließlich die ganze Katzlerei hervorgegangen.<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den richtigen Taufnamen -für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem -Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar -Prinzessin geblieben. Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei -sicherlich mit zu Rate gezogen werden.«</p> - -<p>»Was ich mir nicht schwierig denken kann.«</p> - -<p>»Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger -Brauchbares, als Sie sich vorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen -an und für sich, ohne weitere Zutat, ja, die gibt es genug. -Aber damit ist Ermyntrud nicht zufrieden; sie verlangt -ihrer Natur nach zu dem Dynastisch-Genealogischen auch noch -etwas poetisch Märchenhaftes. Und das kompliziert die Sache -ganz erheblich. Sie können das sehen, wenn Sie die Katzlersche -Kinderstube durchmustern oder sich die Namen der bisher Getauften -ins Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche Kronprinzeß -heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso -selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen -wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber -bei Arabella können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit -wahrnehmen. Ich würde ihr, wenn sie sich wegen des -Jüngstgeborenen an mich wendete, was Altjüdisches vorschlagen; -das ist schließlich immer das Beste. Was meinen Sie zu Rebekka?«</p> - -<p>Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu -beantworten, denn eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland -hindurch und rasselten bereits über einen ein weiteres -Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg, scharf auf -Rheinsberg zu.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle -Herbstwetter, dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung -gehoben, am meisten aber, daß er unterwegs und beim -Passieren der Hauptstraße bereits Gelegenheit gehabt hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von der Kirche her -schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause -»Zum Prinzregenten« hielt, in dessen Front denn auch -bereits etliche mehr oder weniger <span id="corr216">verwegen</span> aussehende Wahlmänner -standen, alle bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche -Parteigenossen aufzuteilen.</p> - -<p>Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter -der Urne präsidierte der alte Herr von Zühlen, ein guter Siebziger, -der die groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker -Bonhomie zu verbinden wußte, was ihm, auch bei seinen -politischen Gegnern, eine große Beliebtheit sicherte. Neben ihm, -links und rechts, saßen Herr von Storbeck und Herr van dem -Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der Gegend von Delft, -der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner Kreise -gekauft und sich seitdem zum Preußen und, was noch mehr -sagen wollte, zum ›Grafschaftler‹ herangebildet hatte. Man -sah ihn aus allen möglichen Gründen – auch schon um seines -›van‹ willen – nicht ganz für voll an, ließ aber nichts davon -merken, weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins -Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor so und soviel -Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen Kaffeehändlers -nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck -Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter denen, die sonst -noch am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud -(wie Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, -»daß im modernen bürgerlichen Staate Wählen so gut wie -Kämpfen sei,« von ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte. »Das -Kind wird inzwischen mein Engel sein, und das Gefühl erfüllter -Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.« Auch Gundermann, der -immer mit dabei sein mußte, saß am Komiteetisch. Sein Benehmen -hatte was Aufgeregtes, weil er – wie Lorenzen bereits -angedeutet – wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert -hatte. Daß er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -ihn kaum noch, aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes -doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen -könne.</p> - -<p>Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat -deshalb, nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt -und an jeden einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom -Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich -seinen Zettel in die Urne zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur -der Blick des alten Zühlen, der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit -und Ulk sagen zu wollen schien: »Ja, Stechlin, das -hilft nu mal nicht; man muß die Komödie mit durchmachen.« -Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz -zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat, -um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten -Töchterchen zu gratulieren. An Gundermann ging der Alte -ohne Notiznahme vorüber. Dies war aber nur Zufall; er -wußte nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners, -und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde -verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage.</p> - -<p>Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich die große -Frage: »Ja, was jetzt tun?« Es ging erst auf elf, und vor -sechs war die Geschichte nicht vorbei, wenn sich's nicht noch -länger hinzog. Er sprach dies auch einer Anzahl von Herren -aus, die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen -und hier dem Likörkasten des »Prinzregenten«, -der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte, vorgreifend -zugesprochen hatten.</p> - -<p>Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, -aber nicht eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war -nicht sehr für Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen -fehlte. Die da saßen und aus purer Langeweile sich -über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten, waren -die Herren von Molchow, von Krangen und von Gnewkow,<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne, den die -Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt -zu haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, darauf -ein kleiner vermickerter Kopf saß, und wenn er sprach, war es, -wie wenn Mäuse pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises -und wurde gehänselt, nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter -eine schlesische Gräfin auf »inski« war, was ihm in seinen Augen -ein solches Übergewicht sicherte, daß er, wie Friedrich der Große, -jeden Augenblick bereit war, »die sich etwa einstellenden Pasquille -niedriger hängen zu lassen«.</p> - -<p>»Ich denke, meine Herren,« sagte Dubslav, »wir gehen -in den Park. Da hat man doch immer was. An der einen -Stelle ruht das Herz des Prinzen, und an der andern Stelle -ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten, wie -wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen andern -nennen, aber ich kenne bloß den.«</p> - -<p>»Natürlich gehen wir in den Park,« sagte von Gnewkow. »Und -es ist schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat …«</p> - -<p>»Und auch ein Glück,« ergänzte von Molchow, »daß man -solchen Wahltag wie heute hat, der einen ordentlich zwingt, -sich mal um Historisches und Bildungsmäßiges zu kümmern. -Bismarcken is es auch mal so gegangen, noch dazu mit ner -reichen Amerikanerin, und hat auch gleich (das heißt eigentlich -lange nachher) das rechte Wort dafür gefunden.«</p> - -<p>»Der hat immer das rechte Wort gefunden.«</p> - -<p>»Immer. Aber weiter, Molchow.«</p> - -<p>»… Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde -vierzig Jahr später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken -wollte von wegen des Bildermuseums, in das er sie halb aus -Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr -mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt hatte, da hat er all diesen -Dank abgewiesen und ihr – ich seh und hör ihn ordentlich – -in aller Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm, sondern er habe ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre, so hätt -er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen -gekriegt. Ja, Glück hat er immer gehabt. Im großen und im -kleinen. Es fehlt bloß noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor -der königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich -doch auch noch gekonnt hätte. Denn eigentlich konnt er -alles und ist auch beinah alles gewesen.«</p> - -<p>»Ja,« nahm Gnewkow, der aus Langeweile viel gereist -war, seinen Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück -sei, wieder auf. »Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz -richtig; es kommt drauf an, daß man reingezwungen wird, sonst -weiß man überhaupt gar nichts. Wenn ich so bloß an Italien -zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu so rum, was einen -doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige pralle Sonnenschein. -Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon -zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es -ist noch nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? -Was fängt man da an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich -Ihnen bloß sagen, da bin ich ein kirchlicher Mensch geworden. -Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat -mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da will man gar -nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder an, man -weiß nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und -die Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Reguläres kriegt, -läppert sich so heran.«</p> - -<p>»Ich glaube doch,« sagte der für kirchliche Kunst schwärmende -Baron Beetz, »unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung, -die, vielleicht gegen seinen Willen, die Quattrozentisten auf -ihn gemacht haben. Er hat ihre Macht an sich selbst empfunden, -aber er will es nicht wahr haben, daß die Frische von ihnen -ausgegangen sei. Jeder, der was davon versteht …«</p> - -<p>»Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht! -Aber wer versteht was davon? Ich jedenfalls nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>Unter diesen Worten war man, vom »Prinzregenten« -aus, die Hauptstraße hinuntergeschritten und über eine kleine -Brücke fort erst in den Schloßhof und dann in den Park eingetreten. -Der See plätscherte leis. Kähne lagen da, mehrere -an einem Steg, der von dem Kiesufer her in den See hineinlief. -Ein paar der Herren, unter ihnen auch Dubslav, schritten die -ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blickten, als sie -bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel -und ihre kurz abgestumpften Türme zurück. Der Turm -rechts war der, wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt -hatte.</p> - -<p>»Dort hat er gewohnt,« sagte von der Nonne. »Wie begrenzt -ist doch unser Können. Mir weckt der Anblick solcher -Fridericianischen Stätten immer ein Schmerzgefühl über das -Unzulängliche des Menschlichen überhaupt, freilich auch wieder -ein Hochgefühl, daß wir dieser Unzulänglichkeit und Schwäche -Herr werden können. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist -dein Sieg? Dieser König. Er war ein großer Geist, gewiß; -aber doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer wir -fühlen, je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil -seiner Seele. Die Seelenmessen – das empfind ich in solchem -Augenblicke – sind doch eine wirklich trostspendende Seite des -Katholizismus, und daß es (selbstverständlich unter Gewähr -eines höchsten Willens) in die Macht Überlebender gelegt ist, eine -Seele freizubeten, das ist und bleibt eine große Sache.«</p> - -<p>»Nonne,« sagte Molchow, »machen Sie sich nicht komisch. -Was haben Sie für ne Vorstellung vom lieben Gott? Wenn -Sie kommen und den alten Fritzen freibeten wollen, werden -Sie rausgeschmissen.«</p> - -<p>Baron Beetz – auch ein Anzweifler des Philosophen von -Sanssouci – wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen -und erwog einen Augenblick ernstlich, ob er nicht seinen in der -ganzen Grafschaft längst bekannten Vortrag über die »schiefe<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -Ebene« oder »<em class="antiqua">c'est le premier pas qui coute</em>« noch einmal zum -besten geben solle. Klugerweise jedoch ließ er es wieder fallen -und war einverstanden, als Dubslav sagte: »Meine Herren, -ich meinerseits schlage vor, daß wir unsern Auslug von dem -Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer -von uns ins Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in -einem der hier herumliegenden Kähne über den See setzen -lassen. Unterwegs, wenn noch welche da sind, können wir -Teichrosen pflücken und drüben am andern Ufer den großen -Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen Inschriften -durchstudieren. Solche Rekapitulation stärkt einen immer -historisch und patriotisch, und unser Etappenfranzösisch kommt -auch wieder zu Kräften.«</p> - -<p>Alle waren einverstanden, selbst Nonne.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt -wieder vor dem »Prinzregenten«, auf einem mit alten Bäumen -besetzten Platz, der wegen seiner Dreiecksform schon von alter -Zeit her den Namen Triangelplatz führte. Die Wahlresultate -lagen noch keineswegs sicher vor; es ließ sich aber schon -ziemlich deutlich erkennen, daß viele Fortschrittlerstimmen -auf den sozialdemokratischen Kandidaten, Feilenhauer Torgelow, -übergehen würden, der, trotzdem er nicht persönlich zugegen -war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte seiner -Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher -und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während -der letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf -dem platten Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten -worden waren. Einer der mit unter den Bäumen -Stehenden, ein Intimus Torgelows, war der Drechslergeselle -Söderkopp, der sich schon lediglich in seiner Eigenschaft als -Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jeder dachte: -der kann auch noch mal Bebel werden. »Warum nicht? Bebel<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -is alt, und dann haben wir den.« Aber Söderkopp verstand -es auch wirklich, die Leute zu packen. Am schärfsten ging er -gegen Gundermann vor. »Ja, dieser Gundermann, den kenn -ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert. -Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei -Redensarten, und der Fortschritt ist abwechselnd die ›Vorfrucht‹ -und dann wieder der ›Vater‹ der Sozialdemokratie. Vielleicht -stammen wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt -alles fertig.«</p> - -<p>Uncke, während Söderkopp so sprach, war von Baum zu -Baum immer näher gerückt und machte seine Notizen. In -weiterer Entfernung stand Pyterke, schmunzelnd und sichtlich -verwundert, was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe.</p> - -<p>Pyterkes Verwunderung über das »Aufschreiben« war -nur zu berechtigt, aber sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen, -wenn sich Unckes aufhorchender Diensteifer statt dem -Sozialdemokraten Söderkopp lieber dem Gespräch einer nebenstehenden -Gruppe zugewandt hätte. Hier plauderten nämlich -mehrere »Staatserhaltende« von dem mutmaßlichen Ausgange -der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin -von Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger -schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu -sollen.</p> - -<p>»Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!« verschwor sich -ein alter Herr von Kraatz, dessen roter Kopf, während er so -sprach, immer röter wurde. »Dies elende Nest! Wir bringen -ihn wahr und wahrhaftig nicht durch, unsern guten alten Stechlin. -Und was das sagen will, das wissen wir. Wer gegen -<em class="gesperrt">uns</em> stimmt, stimmt auch gegen den König. Das ist all eins. -Das ist das, was man jetzt solidarisch nennt.«</p> - -<p>»Ja, Kraatz,« nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise -gerichtet hatte, das Wort, »nennen Sie's, wie Sie wollen, -solidarisch oder nicht; das eine sagt nichts, und das andre sagt auch<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -nichts. Aber mit Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie's -freilich getroffen. Aufmuckung war hier immer zu Hause, von -Anfang an. Erst frondierte Fritz gegen seinen Vater, dann -frondierte Heinrich gegen seinen Bruder, und zuletzt frondierte -August, unser alter forscher Prinz August, den manche von uns -ja noch gut gekannt haben, ich sage: frondierte unser alter -August gegen die Moral. Und das war natürlich das Schlimmste. -(Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch -immer. Denn wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit -Augusten schließlich ging, als er durchaus in den Himmel wollte?«</p> - -<p>»Nein. Wie war es denn, Molchow?«</p> - -<p>»Ja, er mußte da wohl ne halbe Stunde warten, und als -er nu mit nem Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte, -da sagte ihm der Fels der Kirche: ›Königliche Hoheit, halten zu -Gnaden, aber es ging nicht anders.‹ Und warum nicht? Er -hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen -müssen.«</p> - -<p>»Stimmt, stimmt,« sagte Kraatz. »So war der Alte. -Der reine Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz. -Und dann, meine Herren, – ja, du mein Gott, wenn man nu -mal Prinz is, irgend was muß man doch von der Sache haben … -Und soviel weiß ich, wenn ich Prinz wäre …«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige -Meldungen fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die -mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern konnten. Es lag -zutage, daß die Sozialdemokraten einen beinahe glänzenden -Sieg davongetragen hatten; der alte Stechlin stand weit -zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter. -Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -sich ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen -gar nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav -nahm es ganz von der heiteren Seite, seine Parteigenossen -noch mehr, von denen eigentlich ein jeder dachte: »Siegen ist -gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.« Und in der Tat, gegessen -mußte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen -und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen. -Und war man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der -Rehrücken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in Sicht. -Im »Prinzregenten« hielt man auf eine gute Marke.</p> - -<p>Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel: der Mehrzahl -nach Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch -Gerichtsräte, die so glücklich waren, den »Hauptmann in der -Reserve« mit auf ihre Karte setzen zu können. Zu diesem -<em class="antiqua">gros d'armée</em> gesellten sich Forst- und Steuerbeamte, Rentmeister, -Prediger und Gymnasiallehrer. An der Spitze dieser -stand Rektor Thormeyer aus Rheinsberg, der große, vorstehende -Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als Koseleger, -und außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten hatte. -Daß er nebenher auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer -war, versteht sich von selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte -zurücklag, den großartigen Gedanken gefaßt und verwirklicht: -die ostelbischen Provinzen, da, wo sie strauchelten, -durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen Pfad -zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es hieß -denn auch von ihm, »er gelte was nach oben hin,« was aber -nicht recht zutraf. Man kannte ihn »oben« ganz gut.</p> - -<p>Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) -war man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie -und da schon ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar -vorher hatte noch ein Schwanken wegen des Präsidiums -bei Tafel stattgefunden. Einige waren für Dubslav gewesen, -weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität hatte doch -schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt, da der -Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur -Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß -es, sei doch nun mal – und von einem gewissen Standpunkt aus -auch mit Fug und Recht – der Stolz der Grafschaft, überhaupt -ein Unikum, und ob er nun sprechen könne oder nicht, das -sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage handle, durchaus gleichgültig. -Überhaupt, die ganze Geschichte mit dem »Sprechenkönnen« -sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache, daß -der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger -als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht -bloß ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich -immer von seinem Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch -das schade nichts. Heutzutage, wo die meisten Menschen einen -Friseurkopf hätten, sei es eine ordentliche Erquickung, einem -Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht -unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zühlen, trotz seiner -Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein -zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den götzenhaften -Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich -gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, -der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: »Wahres -Glück, Katzler, daß der Alte drüben die große Blumenvase vor -sich hat; sonst, so bei <em class="antiqua">veau en tortue</em>, – vorausgesetzt, daß so -was Feines überhaupt in Sicht steht – würd ich der Sache nicht -gewachsen sein.«</p> - -<p>Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer -gespielte Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte -Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war, erhob -sich Baron Beetz und sagte: »Meine Herren. Unser Edler Herr -von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt, -den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen.«<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -Und während der Alte, das Gesagte bestätigend, -mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner <em class="antiqua">alter ego</em>-Rolle -verbleibende Baron Beetz hinzu: »Seine Majestät der Kaiser -und König lebe hoch!« Der Alten-Friesacker gab auch hierzu -durch Nicken seine Zustimmung, und während der junge Lehrer -abermals auf den auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen -alten Flügel zueilte, stimmte man an der ganzen -Tafel hin das »Heil dir im Siegerkranz« an, dessen erster Vers -stehend gesungen wurde.</p> - -<p>Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse -Fidelitas, an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt -hatte, konnte jetzt nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings -war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger Toast -in Sicht, <em class="gesperrt">der</em>, der sich mit Dubslav und dem unglücklichen -Wahlausgange zu beschäftigen hatte. Wer sollte den ausbringen? -Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach und -war eigentlich froh, als es mit einemmale hieß, Gundermann -werde sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener -nicht ernsthaft zu nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht -sogar Scheiterungen in Sicht stünden, aber man tröstete -sich, je mehr er scheitere, desto besser. Die meisten waren bereits -in erheblicher Aufregung, also sehr unkritisch. Eine kleine Weile -verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem die Rolle des -Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf -Siebenmühlen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter; -»Ruhe, Ruhe!« riefen andre dazwischen, und als Baron Beetz -noch einmal an das Glas geklopft und nun, auch seinerseits -um Ruhe bittend, eine leidliche Stille hergestellt hatte, trat -Gundermann hinter seinen Stuhl und begann, während er mit -affektierter Nonchalance seine Linke in die Hosentasche steckte:</p> - -<p>»Meine Herren. Als ich vor so und soviel Jahren in Berlin -studierte« (»na nu«), »als ich vor Jahren in Berlin studierte, -war da mal ne Hinrichtung …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p> - -<p>»Alle Wetter, <em class="gesperrt">der</em> setzt gut ein.«</p> - -<p>»… war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, -nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren -Mann, einen würdigen Klempnermeister, vergiftet hatte. Und -der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, soviel muß ich -sagen, es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und -ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte, ich hatte Zutritt -zu der Hinrichtung, und um mich rum standen lauter Assessoren -und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem -Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam -die Witwe, wenn man sie so nennen darf, und sah soweit ganz -behäbig und beinahe füllig aus, weil sie, was damals viel besprochen -wurde, nen Kropf hatte, weshalb auch der Block -ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen. Sozusagen -mit nem Ausschnitt.«</p> - -<p>»Mit nem Ausschnitt …; gut, Gundermann.«</p> - -<p>»Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen -Referendare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte …«</p> - -<p>»Keine Verspottung unsrer Referendare …«</p> - -<p>»… Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, -da trat sie ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte -uns zu (ich sage ›uns,‹ weil sie mich auch ansah) und sagte: -›Ja, ja, meine jungen Herrens, <em class="gesperrt">dat kommt davon</em> …‹ -Und sehen Sie, meine Herren, <em class="gesperrt">dieses</em> Wort, wenn auch von -einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder -losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann -<em class="gesperrt">muß</em> einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung -kommen, und ich sage dann auch, ganz wie die Alte damals -sagte: ›Ja, meine Herren, dat kommt davon.‹ Und wovon -kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen -die Sozialdemokraten?«</p> - -<p>»Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was -Neues!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<p>»Es gibt da nichts Neues. Ich kann nur bestätigen, vom -Fortschritt kommt es. Und wovon kommt <em class="gesperrt">der</em>? Davon, daß -wir die Abstimmungsmaschine haben und das große Haus -mit den vier Ecktürmen. Und wenn es meinetwegen ohne das -große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat am Ende -bewilligt werden muß – und ohne Geld, meine Herren, geht -es nicht« (Zustimmung: »ohne Geld hört die Gemütlichkeit -auf«) –, »nun denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, -was sollen wir, auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen, -anfangen mit einem Wahlrecht, wo Herr von Stechlin -gewählt werden soll, und wo sein Kutscher Martin, der ihn zur -Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt -werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn -von Stechlin ist mir immer noch lieber als dieser Torgelow. -Und all das nennt sich Freiheit. Ich nenn es Unsinn, und viele -tun desgleichen. Ich denke mir aber, gerade <em class="gesperrt">diese</em> Wahl, in -einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt, gerade diese Wahl -wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen. Ich sage -nicht, welche Augen.«</p> - -<p>»Schluß, Schluß!«</p> - -<p>»Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich -die Franzosen als die ›glorreich Besiegten‹ bezeichnet hätten. -Ein stolzes und nachahmenswertes Wort. Auch für uns, -meine Herren. Und wie wir, ohne uns was zu vergeben, diesen -Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir, glaub ich, auch -das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen. -Wir sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir haben -eine Revanche. <em class="gesperrt">Die</em> nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege: -Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!«</p> - -<p>Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich -lachten, und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, -sagte zu dem neben ihm sitzenden Katzler: »Weiß der -Himmel, dieser Gundermann ist und bleibt ein Esel. Was<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -sollen wir mit solchen Leuten? Erst beschreibt er uns die Frau -mit nem Kropf, und dann will er das große Haus abschaffen. -Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr -haben, haben wir gar nichts; das ist noch unsre Rettung und -die beinah einzige Stelle, wo wir den Mund (ich sage Mund) -einigermaßen auftun und was durchsetzen können. Wir müssen -mit dem Zentrum paktieren. Dann sind wir egal raus. Und -nun kommt dieser Gundermann und will uns auch das noch -nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und -die Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von ›Ständen‹ -kann hier eigentlich nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann -gehört nicht mit dazu. Seine Mutter war ne Hebamme -in Wrietzen. Drum drängt er sich auch immer vor.«</p> - -<p>Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel -gewesen war, flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker -zu, daß es Zeit sei, die Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch -noch nicht recht, denn wenn er mal saß, saß er; aber als -gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden, blieb ihm nichts -anderes übrig, als sich anzuschließen, und unter den Klängen -des »Hohenfriedbergers« – der »Prager«, darin es heißt: -»Schwerin fällt,« wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation -vielleicht paßlicher gewesen – kehrte man in die Parterreräume -zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte, -während eine kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße -hinaustrat, um da, unter den Bäumen des »Triangelplatzes,« -sich bei Sekt und Kognak des weiteren <em class="antiqua">bene</em> zu tun. Obenan -saß von Molchow, neben ihm von Kraatz und van Peerenboom; -Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin -mit der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten -überhaupt Thormeyers Adlatus war. Sonderbarerweise -hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich -wohl nach Eindrücken, die jenseits aller »Pflicht« lagen), und -neben ihm, was beinahe noch mehr überraschen konnte, saß<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -von der Nonne. Molchow und Thormeyer führten das Wort. -Von Wahl und Politik – nur über Gundermann fiel gelegentlich -eine spöttische Bemerkung – war längst keine Rede mehr, -statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten -aus der Grafschaft heranzuziehen. »Ist es denn wahr,« sagte -Kraatz, »daß die schöne Lilli nun doch ihren Vetter heiraten -wird, oder richtiger, der Vetter die schöne Lilli?«</p> - -<p>»Vetter?« fragte Peerenboom.</p> - -<p>»Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen -immer noch zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch -schon ne ganze Weile hier, als die Lilli-Geschichte spielte.«</p> - -<p>Peerenboom ließ sich's gesagt sein und begrub jede weitere -Frage, was er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da -kein Zweifel war, daß der, der das Lilli-Thema heraufbeschworen, -über kurz oder lang ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah -denn auch.</p> - -<p>»Ja, diese verdammten Kerle,« fuhr von Kraatz fort, »diese -Lehrer! Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie sind ja beim -Gymnasium, da liegt alles anders, und <em class="gesperrt">der</em>, der hier ne Rolle -spielt, war ja natürlich bloß ein Hauslehrer, Hauslehrer bei -Lillis jüngstem Bruder. Und eines Tages waren beide weg, -der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach England. Es -kann einer noch so dumm sein, aber von Gretna Green hat er -doch mal gehört oder gelesen. Und da wollten sie denn auch -beide hin. Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna Greensche -darf nicht mehr trauen. Und so nahmen sie denn Lodgings -in London, ganz ohne Trauung. Und es ging auch so, -bis ihnen das kleine Geld ausging.«</p> - -<p>»Ja, das kennt man.«</p> - -<p>»Und da kamen sie denn also wieder. Das heißt, Lilli -kam wieder. Und sie war auch schon vorher mit dem Vetter -so gut wie verlobt gewesen.«</p> - -<p>»Und der sprang nu ab?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p> - -<p>»Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli ist -sehr hübsch und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn -der Vetter gesagt haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe, -da verzeihe man auch. Und er halte auch eine Entsühnung für -durchaus möglich. Ja, er soll dabei von Purgatorium gesprochen -haben.«</p> - -<p>»Mißfällt mir, klingt schlecht,« sagte Molchow. »Aber was -er vorher gesagt, ›Entsühnung,‹ das ist ein schönes Wort und -eine schöne Sache. Nur das ›Wie,‹ – ach, man weiß immer -so wenig von diesen Dingen, – will mir nicht recht einleuchten. -Als Christ weiß ich natürlich (so schlimm steht es am Ende auch -nicht mit einem), als Christ weiß ich, daß es eine Sühne gibt. -Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen Sie, was -sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben -alle Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr.«</p> - -<p>Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema -nach seinem Geschmack; seine Augen wurden größer und sein -glattes Gesicht noch glatter.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow -vorbeugte, »so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so -was gibt. Denn die arme Menschheit braucht es. Das Wort -Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein protestantisches -Gewissen dagegen sträubt, und dann auch wegen -des Anklangs; aber es gibt eine Purifikation. Und das ist doch -eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheitswiederherstellung. -Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's -hier handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem -Hange nach Restitution überall, und namentlich im Orient – -aus dem doch unsre ganze Kultur stammt – finden Sie diese -Lehre, dieses Dogma, diese Tatsache.«</p> - -<p>»Ja, ist es eine Tatsache?«</p> - -<p>»Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen. -Und das ist ebensogut. <em class="gesperrt">Blut sühnt.</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span></p> - -<p>»Blut sühnt,« wiederholte Molchow. »Gewiß. Daher -haben wir ja auch unsere Duellinstitution. Aber wo wollen -Sie hier die Blutsühne hernehmen? In diesem Spezialfalle -ganz undurchführbar. Der Hauslehrer ist drüben in England -geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist. Und -wenn er auch wiederkäme, er ist nicht satisfaktionsfähig. Wär -er Reserveoffizier, so hätt ich das längst erfahren …«</p> - -<p>»Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. -Etwas primitiv, naturwüchsig, das sogenannte Blutracheprinzip. -Aber es braucht nicht immer das Blut des Übeltäters -selbst zu sein. Bei den Orientalen …«</p> - -<p>»Ach, Orientalen … dolle Gesellschaft …«</p> - -<p>»Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern des Ostens -sühnt Blut überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung -– ich kann das Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow, -ich muß immer wieder darauf zurückkommen – nach orientalischer -Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her.«</p> - -<p>»Na, hören Sie, Rektor.«</p> - -<p>»Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt -das zu dem Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und -ich habe da auch neulich erst eine Geschichte gelesen, die das -alles nicht bloß so obenhin bestätigt, sondern beinahe <em class="gesperrt">großartig</em> -bestätigt. Und noch dazu aus Siam.«</p> - -<p>»Aus Siam?«</p> - -<p>»Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, -wenn die Sache nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren -vom Lande werden so leicht ungeduldig, und ich wundere mich -oft, daß sie die Predigt bis zu Ende mitanhören. Daneben ist -freilich meine Geschichte aus Siam …«</p> - -<p>»Erzählen, Direktorchen, erzählen.«</p> - -<p>»Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine … -Da war also, und es ist noch gar nicht lange her, ein König von -Siam. Die Siamesen haben nämlich auch Könige.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<p>»Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht.«</p> - -<p>»Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte -eine Tochter.«</p> - -<p>»Klingt ja wie aus'm Märchen.«</p> - -<p>»Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, -und ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so -daß man doch auch hier wieder an den Kandidaten erinnert -wird) – dieser Nachbarfürst raubte die Prinzessin und nahm -sie mit in seine Heimat und seinen Harem, trotz alles Sträubens.«</p> - -<p>»Na, na.«</p> - -<p>»So wenigstens wird berichtet. Aber der König von Siam -war nicht der Mann, so was ruhig einzustecken. Er unternahm -vielmehr einen heiligen Krieg gegen den Nachbarfürsten, -schlug ihn und führte die Prinzessin im Triumphe wieder zurück. -Und alles Volk war wie von Sieg und Glück berauscht. -Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.«</p> - -<p>»Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.«</p> - -<p>»Nein, ihr Herren. Wollte <em class="gesperrt">nicht</em> zurück. Denn es war eine -sehr feine Dame, die gelitten hatte …«</p> - -<p>»Ja. Aber wie …«</p> - -<p>»Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken -der Entsühnung lebte, dem Gedanken, wie das Unheilige, das -Berührtsein, wieder von ihr genommen werden könne.«</p> - -<p>»Geht nicht. Berührt is berührt.«</p> - -<p>»Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft -wurde herangezogen und hielt, wie man hier vielleicht sagen -würde, einen Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung -oder, was dasselbe sagen will, mit der Frage der -Wiederherstellung der Virginität beschäftigte. Man kam -überein (oder fand es auch vielleicht in alten Büchern), daß -sie in Blut gebadet werden müsse.«</p> - -<p>»Brrr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p> - -<p>»Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle -geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine -von rotem Porphyr und eine von weißem Marmor, und zwischen -diesen Wannen, auf einer Art Treppe, stand die Prinzessin -selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel in die Tempelhalle -gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem Schnitt -jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in -die daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das -Bad bereitet, und die Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen -sie entkleidet hatten, stieg in das Büffelblut hinab, -und der Hohepriester nahm ein heiliges Gefäß und schöpfte -damit und goß es aus über die Prinzessin.«</p> - -<p>»Eine starke Geschichte; bei Tisch hätt ich mehrere Gänge -passieren lassen. Ich find es doch entschieden zu viel.«</p> - -<p>»Ich nicht,« sagte der alte Zühlen, der sich inzwischen eingefunden -und seit ein paar Minuten mit zugehört hatte. »Was -heißt zuviel oder zu stark? Stark ist es, soviel geb ich zu; aber -nicht <em class="gesperrt">zu</em> stark. Daß es stark ist, das ist ja eben der Witz von der -Sache. Wenn die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte, -so fänd ich es ohne weiteres zu stark; es muß immer ein richtiges -Verhältnis da sein zwischen Mittel und Zweck. Ein Leberfleck -ist gar nichts. Aber bedenken Sie, ne richtige Prinzessin als -Sklavin in einem Harem; da muß denn doch ganz anders vorgegangen -werden. Wir reden jetzt so viel von ›großen Mitteln‹. -Ja, meine Herren, auch <em class="gesperrt">hier</em> war nur mit großen Mitteln was -auszurichten.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Igni et ferro</em>,« bestätigte der Rektor.</p> - -<p>»Und,« fuhr der alte Zühlen fort, »soviel wird jedem einleuchten, -um den Teufel auszutreiben (als den ich diesen -Nachbarfürsten und seine Tat durchaus ansehe), dazu mußte -was Besonderes geschehn, etwas Beelzebubartiges. Und -das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich find es <em class="gesperrt">nicht</em> -zu viel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p> - -<p>Thormeyer hob sein Glas, um mit dem alten Zühlen anzustoßen. -»Es ist genau so, wie Herr von Zühlen sagt. Und -zuletzt geschah denn auch glücklicherweise das, was unsre mehr -auf Schönheit gerichteten Wünsche – denn wir leben nun -mal in einer Welt der Schönheit – zufriedenstellen konnte. -Direkt aus der Porphyrwanne stieg die Prinzessin in die Marmorwanne, -drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre Heimstätte -hatten, und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen aufs -neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin, -und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und -wie all das wieder aufblühte, was ihr der räuberische Nachbarfürst -genommen. Und zuletzt schlugen die Dienerinnen -ihre Herrin in schneeweiße Gewänder und führten sie bis an -ein Lager und fächelten sie hier mit Pfauenwedeln, bis sie den -Kopf still neigte und entschlief. Und ist nichts zurückgeblieben, -und ist später die Gattin des Königs von Annam geworden. -Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil Frankreich -schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.«</p> - -<p>»Hoffen wir, daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.«</p> - -<p>»Er wird, er wird.«</p> - -<p>Darauf stieß man an, und alles brach auf. Die Wagen -waren bereits vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen -dem »Prinzregenten« und dem Triangelplatz.</p> - -<p>Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin, um -sich die Zeit zu vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav -suchte nach seinem Pastor und begann schon ungeduldig zu -werden, als Lorenzen endlich an ihn herantrat und um Entschuldigung -bat, daß er habe warten lassen. Aber der Oberförster -sei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt, das -auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, die Rückfahrt -mit Katzler gemeinschaftlich zu machen.</p> - -<p>Dubslav lachte. »Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie -sich nicht zu viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -spielen oder noch wahrscheinlicher der neuzufindende Name. -Werde wohl recht behalten … Und nun vorwärts, Martin.«</p> - -<p>Damit ging es über das holperige Pflaster fort.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf der -Landstraße kam man an großen und kleinen Trupps von -Häuslern, Teerschwelern und Glashüttenleuten vorüber, die -sich einen guten Tag gemacht hatten und nun singend und johlend -nach Hause zogen. Auch Frauensvolk war dazwischen -und gab allem einen Beigeschmack.</p> - -<p>So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden -Nehmitzsee zu. Nicht weit davon befand sich ein Kohlenmeiler, -Dietrichsofen, und als Martin jetzt um die nach Süden vorgeschobene -Seespitze herumbiegen wollte, sah er, daß wer am -Wege lag, den Oberkörper unter Gras und Binsen versteckt, -aber die Füße quer über das Fahrgeleise.</p> - -<p>Martin hielt an. »Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, -es ist der alte Tuxen.«</p> - -<p>»Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?«</p> - -<p>»Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit -ihm is.«</p> - -<p>Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und -rüttelte und schüttelte den am Wege Liegenden. »Awer Tuxen, -wat moakst du denn hier? Wenn keen Moonschien wiehr, -wiehrst du nu all kaput.«</p> - -<p>»Joa, joa,« sagte der Alte. Aber man sah, daß er ohne -rechte Besinnung war.</p> - -<p>Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilflichen -mit Martin gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und -bei dieser Prozedur kam der Trunkene einigermaßen wieder -zu sich und sagte: »Nei, nei, Martin, nich doa; pack mi lewer -vörn upp'n Bock.«</p> - -<p>Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -auch ganz still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem -gnädigen Herrn.</p> - -<p>Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte: -»Nu sage mal, Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein -nich lassen? Legst dich da hin; is ja schon Nachtfrost. Noch -ne Stunde, dann warst du dod. Waren sie denn alle so?«</p> - -<p>»Mehrschtendeels.«</p> - -<p>»Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?«</p> - -<p>»Nei, gnädger Herr, vör Katzenstein nich.«</p> - -<p>Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock -unsicher hin und her schwankte.</p> - -<p>»Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß -keinem den Kopp ab. Is auch alles egal. Also für Katzenstein -nich. Na, für wen denn?«</p> - -<p>»För Torgelow'n.«</p> - -<p>Dubslav lachte. »Für Torgelow, den euch die Berliner -hergeschickt haben. Hat er denn schon was für euch getan?«</p> - -<p>»Nei, noch nich.«</p> - -<p>»Na, warum denn?«</p> - -<p>»Joa, se seggen joa, he <em class="gesperrt">will</em> wat för uns duhn un is so -sihr för de armen Lüd. Un denn kriegen wi joa'n Stück Tüffelland. -Un se seggen ook, he is klöger, as de annern sinn.«</p> - -<p>»Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr -dumm seid. Habt ihr denn schon gehungert?«</p> - -<p>»Nei, dat grad nich.«</p> - -<p>»Na, das kann auch noch kommen.«</p> - -<p>»Ach, gnädger Herr, dat wihrd joa woll nich.«</p> - -<p>»Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsöfen. -Nu steigt ab und seht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die -Pferde anrucken. Und hier habt Ihr was. Aber nich mehr für -heut. Für heut habt Ihr genug. Und nu macht, daß Ihr zu -Bett kommt, und träumt von ›Tüffelland‹.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p> - -<h2 id="In_Mission_nach_England">In Mission nach England</h2> - -<h3 id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, -daß der sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer -Torgelow, im Wahlkreise Rheinsberg-Wutz gesiegt habe. -Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen ein, der zunächst -die Telegramme bestätigte und am Schlusse hinzusetzte, daß -Dubslav eigentlich herzlich froh über den Ausgang sei. Woldemar -war es auch. Er ging davon aus, daß sein Vater wohl -das Zeug habe, bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand -und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung -über allerhand politische Dinge zum besten zu geben; aber im -Reichstage fach- und sachgemäß sprechen, das konnt er nicht -und wollt er auch nicht. Woldemar war so durchdrungen davon, -daß er über die Vorstellung einer Niederlage, dran er als -Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig -rasch hinwegkam, pries es aber doch, um eben diese Zeit mit -einem Kommando nach Ostpreußen hin betraut zu werden, das -ihn auf ein paar Wochen von Berlin fernhielt. Kam er dann -zurück, so waren Anfragen in dieser Wahlangelegenheit nicht -mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb seines Regiments, -in dem man sich, von ein paar Intimsten abgesehen, eigentlich -schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.</p> - -<p>Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer, -als Woldemar hier am Abend vor seiner Abreise noch<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -einmal vorsprach, um sich bei der gräflichen Familie zu verabschieden. -Es wurde nur ganz obenhin von einem abermaligen -Siege der Sozialdemokratie gesprochen, ein absichtlich flüchtiges -Berühren, das nicht auffiel, weil sich das Gespräch sehr -bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit lange dazu -aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im -Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten -Grafen viel Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine -hatte sich durch den Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt -gesehen, trotzdem ihr nicht entgangen war, was, nach freilich -entgegengesetzten Seiten hin, die Schwäche beider ausmachte.</p> - -<p>»Wovon der eine zu wenig hat,« sagte sie, »davon hat der -andre zu viel.«</p> - -<p>»Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?«</p> - -<p>»O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß im selben Augenblicke, -wo die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der -Gnadenkirche geläutet wurden, was denn – man ist bei solchen -ersten Besuchen immer dankbar, an irgendwas anknüpfen zu -können – unser Gespräch sofort aufs Kirchliche hinüberlenkte. -Da legitimierten sich dann beide. Hauptmann Czako, weil er -ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen würde, -gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von -Rex in der Tat nicht nur von dem ›Ernst der Zeiten‹ zu sprechen -anfing, sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, -uns nahe bevorstehenden Umschwung erwartete. -Was mich natürlich erheiterte.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis auf -Anfang November berechnet, und mehr als einmal sprachen -im Verlaufe dieser Zeit Rex und Czako bei den Barbys vor. -Freilich immer nur einzeln. Verabredungen zu gemeinschaftlichem -Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden, aber -jedesmal erfolglos, und erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -fügte es sich, daß sich die beiden Freunde bei den Barbys -trafen. Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben -der Baronin Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein -alter Malerprofessor (eine neue Bekanntschaft des Hauses) -zugegen waren, was eine sehr belebte Konversation herbeiführte. -Besonders der neben seinen andern Apartheiten auch -durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen ausgezeichnete -Professor hatte – gestützt auf einen unentwegten -Peter-Cornelius-Enthusiasmus – alles hinzureißen gewußt. -»Ich bin glücklich, noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden -Künstlers gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons, -die mir das Bedeutendste scheinen, was wir überhaupt -hier haben. Auf dem einen Karton steht im Vordergrund ein -Tubabläser und setzt das Horn an den Mund, um zu Gericht -zu rufen. Diese eine Gestalt balanciert fünf Kunstausstellungen, -will also sagen netto 15 000 Bilder. Und eben diese Kartons, -samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt fortschaffen und -sagen dabei in naiver Effronterie, solch schwarzes Zeug mit -Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht so viel Raum einnehmen. -Ich aber sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von -Cornelius ist mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen, -und die Tuba, die dieser Tubabläser da an den -Mund setzt – verzeihen Sie mir altem Jüngling diesen Kalauer -–, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen sie jetzt -ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine miserable -Neuerung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel, und diese Beutel -aus Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres Glück, daß -König Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">IV.</em> diese jetzt etablierte Niedergangsepoche -nicht mehr erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht -eigentlich eine Zeit der apokalyptischen Reiter. Bloß zu den -dreien, die der große Meister uns da geschaffen hat, ist heutzutage -noch ein vierter Reiter gekommen, ein Mischling von -Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am stärksten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p> - -<p>Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der -Alte mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen. -Nur Melusine blieb in einer stillen Opposition und -flüsterte der Baronin zu: »Tubabläser. Mir persönlich ist die -Böcklinsche Meerfrau mit dem Fischleib lieber. Ich bin freilich -Partei.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher -Stunde. So war es auch heute wieder. Es schlug eben erst -zehn, als Rex und Czako auf die Straße hinaustraten und -drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende von Lichtern vor -sich hatten, von denen die vordersten sich im Wasser spiegelten.</p> - -<p>»Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen,« sagte -Czako. »Was meinen Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir -gehen hier am Ufer entlang, an den Zelten vorüber bis Bellevue, -und da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurück, -Sie bis an die Friedrichstraße, ich bis an den Alexanderplatz. -Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus.«</p> - -<p>Rex war einverstanden. »Ein wahres Glück,« sagte er, -»daß wir uns endlich mal getroffen haben. Seit fast drei Wochen -kennen wir nun das Haus und haben noch keine Aussprache -darüber gehabt. Und das ist doch immer die Hauptsache. -Für Sie gewiß.«</p> - -<p>»Ja, Rex, das ›für Sie gewiß‹, das sagen Sie so spöttisch -und überheblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores -und für mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner -Meinung nach einen doppelten Fehler. Denn erstlich ist Klatschen -überhaupt nicht inferior, und zweitens klatschen Sie gerade so -gern wie ich und vielleicht noch ein bißchen lieber. Sie bleiben -nur immer etwas steifer dabei, lehnen meine Frivolitäten zunächst -ab, warten aber eigentlich darauf. Im übrigen denk ich -wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber von der -Hauptsache. Ich finde, wir können unserm Freunde Stechlin<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -nicht dankbar genug dafür sein, uns mit einem so liebenswürdigen -Hause bekannt gemacht zu haben. Den Wrschowitz -und den alten Malerprofessor, der von dem Engel des Gerichts -nicht loskonnte, – nun die beiden schenk ich Ihnen (ich denke -mir, der Maler wird wohl nach Ihrem Geschmacke sein), aber -die andern, die man da trifft, wie reizend alle, wie natürlich. -Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der mir am Teetisch -fast noch besser gefällt als auf der Kanzel. Und dann diese -bayrische Baronin. Es ist doch merkwürdig, daß die Süddeutschen -uns im Gesellschaftlichen immer um einen guten -Schritt vorauf sind, nicht von Bildungs-, aber von glücklicher -Natur wegen. Und diese glückliche Natur, das ist doch die wahre -Bildung.«</p> - -<p>»Ach Czako, Sie überschätzen das. Es ist ja richtig, wenn -Sie da so die Würstel aus dem großen Kessel herausholen -und irgendeine Loni oder Toni mit dem Maßkrug kommt, -so sieht das nach was aus, und wir kommen uns wie verhungerte -Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was wir -haben, doch das Höhere.«</p> - -<p>»Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen -zusammenhängt, ist nie das Höhere. Waren die Patriarchen -examiniert, oder Moses oder Christus? Die Pharisäer waren -examiniert. Und da sehen Sie, was dabei herauskommt. Aber, -um mehr in der Nähe zu bleiben, nehmen Sie den alten Grafen. -Er war freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen nach -was; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter Naturmensch, -und das gerade gibt ihm seinen Charme. Beiläufig, -finden Sie nicht auch, daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht?«</p> - -<p>»Ja, äußerlich.«</p> - -<p>»Auch innerlich. Natürlich ne andre Nummer, aber doch -derselbe Zwirn, – Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus. -Und wenn Sie vielleicht an Politik gedacht haben, -auch da ist wenig Unterschied. Der alte Graf ist lange nicht so<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -liberal, und der alte Dubslav lange nicht so junkerlich, wie's -aussieht. Dieser Barby, dessen Familie, glaub ich, vordem zu -den Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch so was von -›Gottesgnadenschaft‹ in den Knochen, und das gibt dann die -bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus -glaubt gönnen zu können. Und der alte Dubslav, nun, der -hat dafür das im Leibe, was die richtigen Junker alle haben: -ein Stück Sozialdemokratie. Wenn sie gereizt werden, bekennen -sie sich selber dazu.«</p> - -<p>»Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja bloß Spielerei.«</p> - -<p>»Ja, was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben schöne -alte Fibelverse, die vor der Gefährlichkeit des Mit-dem-Feuerspielens -warnen. Aber lassen wir Dubslav und den alten Barby. -Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen, die Gräfin und -die Komtesse. Welche wird es? Ich glaube, wir haben schon mal -darüber gesprochen, damals, als wir von Kloster Wutz her über -den Cremmer Damm ritten. Viel Vertrauen zu Freund Woldemars -richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber -ich sage trotzdem: Melusine.«</p> - -<p>»Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im stillen -auch.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreußen, -daß Rex und Czako dies Tiergartengespräch führten. -Eine halbe Stunde später fuhren sie, wie verabredet, vom -Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt zurück. Überall -war noch ein reges Leben und Treiben, und Leben war denn auch -in dem aus bloß drei Zimmern verschiedener Größe sich zusammensetzenden -Kasino der Gardedragoner. In dem zunächst -am Flur gelegenen großen Speisesaale, von dessen Wänden -die früheren Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen, -herniederblickten, sah man nur wenig Gäste. Daneben -aber lag ein Eckzimmer, das mehr Insassen und mehr flotte<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -Bewegung hatte. Hier über dem schräg gestellten Kamin, drin -ein kleines Feuer flackerte, hing seit kurzem das Bildnis des -»hohen Chefs« des Regiments, der Königin von England, -und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück -aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: -die Trompete, darauf derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, -erst am 3. Juli auf der Höhe von Lipa und dann am -16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur Attacke gerufen -hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der Oberst -mit ihm.</p> - -<p>Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute der bevorzugte -kleine Raum, drin sich jüngere und ältere Offiziere -zu Spiel und Plauderei zusammengefunden hatten, unter -ihnen die Herren von Wolfshagen, von Herbstfelde, von -Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe.</p> - -<p>»Weiß der Himmel,« sagte Raspe, »wir kommen aus den -Abordnungen auch gar nicht mehr heraus. Wir haben freilich -drei Sendens im Regiment, aber es sind der Sendbotschaften -doch fast zuviel. Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei. -Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreußen von der ihm -zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte Gefühle -haben. Übermorgen ist er von Trakehnen wieder da, mutmaßlich -bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert, und dann -Hals über Kopf und in großem Trara nach London. Und London -ginge noch. Aber auch nach Windsor. Alles, wenn es sich -um Chic handelt, will doch seine Zeit haben, und gerade die -Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger.«</p> - -<p>»Laß sie sehn,« sagte Herbstfelde. »Wir sehen auch. Und -Stechlin ist nicht der Mann, sich über derlei Dinge graue Haare -wachsen zu lassen. Ich glaube, daß ihn was ganz andres geniert. -Es ist doch immerhin was, daß er da mit nach England -hinüber soll, und einer solchen Auszeichnung entspricht selbstverständlich -eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -jedem, und nach dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin -mache, gehört er zu diesen. Er ficht nicht gern unter der Devise -›nur über Leichen‹, hat vielmehr umgekehrt den Zug, sich in die -zweite Linie zu stellen. Und nun sieht es aus, als wär er ein -Streber.«</p> - -<p>»Stimmt nicht,« sagte Raspe. »Für so verrannt kann ich -keinen von uns halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen -und kann doch unmöglich in seinen Mußestunden hierher intrigiert -und einen etwaigen Rivalen aus dem Sattel geworfen -haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch nicht -der Mann dazu, sich irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt -seine Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht, -dann weiß er, warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht -nicht, weil man will, sondern weil man muß. Spricht er denn -Englisch?«</p> - -<p>»Ich glaube nicht,« sagte von Grumbach. »Soviel ich weiß, -hat er vor kurzem damit angefangen, aber natürlich nicht wegen -dieser Mission, die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt, -sondern der Barbys wegen, die beinah zwanzig Jahre in -England waren und halb englisch sind. Im übrigen hab ich mir -sagen lassen, es geht drüben auch ohne die Sprache. Herbstfelde, -Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem Deutsch und -schlechtem Französisch kommt man überall durch.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Herbstfelde. »Bloß ein bißchen Landessprache -muß doch noch dazu kommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademekums, -und da muß man dann eben nachschlagen, bis man's -hat. Sonst sind hundert Vokabeln genug. Als ich noch zu -Hause war, hatten wir da ganz in unsrer Nachbarschaft einen -verdrehten alten Herrn, der – eh ihn die Gicht unterkriegte – -sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben hatte. -Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm -war er auch mal in Südrußland gewesen, von welcher Zeit -ab – und zwar nach vorgängiger, vor einem großen Likörkasten<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -stattgehabten Anfreundung mit einem uralten Popen – -er das Amendement zu stellen pflegte: ›Hundert Vokabeln; -aber bei nem Popen bloß fünfzig.‹ Und das muß ich sagen, -ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt -gefunden. ›<em class="antiqua">Mary, please, a jug of hot water</em>,‹ soviel muß -man weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer -weiß gar nichts.«</p> - -<p>»Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstfelde?«</p> - -<p>»Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.«</p> - -<p>»Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? -Einblick ins Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge, -Gladstone?«</p> - -<p>Herbstfelde nickte.</p> - -<p>»Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat -da so den meisten Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, -Kunst, Leben, die Schiffe, die großen Brücken? Die Straßenjungens, -wenn man in einem Cab vorüberfährt, sollen ja -immer Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmädchen, -was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben -und Tändelschürze.«</p> - -<p>»Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auch das -Interessanteste. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja -jetzt überall, von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden. -Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein Parlament. -Und manche sagen, unsres sei noch besser. Aber das Volk. -Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles.«</p> - -<p>»Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und dasselbe. -Was da los ist, das wissen wir.«</p> - -<p>»Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem -Omnibus gesessen und bin abends in die Matrosenkneipen -an der Themse gegangen. Ein bißchen gefährlich; man hat -da seinen Messerstich weg, man weiß nicht wie, ganz wie in<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -Italien. Bloß in Italien gibt es vorher doch immer noch ein -Liebesverhältnis, was in Old-Wapping – so heißt nämlich der -Stadtteil an der Themse – nicht mal nötig ist. Und dann, -wenn ich zu Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel -war es nicht. Denn die hundert Vokabeln, die dazu nötig sind -die hatte ich damals noch nicht voll.«</p> - -<p>»Na, 's ging aber doch?«</p> - -<p>»So leidlich. Und dabei hatt ich mal ne Szene, die war -eigentlich das Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich -eine Treppe hoch in einer kleinen stillen Querstraße von Oxford-Street. -Und Mary war gerade bei mir. Und in dem Augenblicke, -wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu verständigen -suche …«</p> - -<p>»Worüber?«</p> - -<p>»In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein -Fenster hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte.«</p> - -<p>»Wie war denn das aber möglich?«</p> - -<p>»Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben -nenne. Alles mögliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung -haben, vollzieht sich da mitten auf dem Straßendamm. -Und so waren denn auch an jenem Tage zwei Chinesen, ihres -Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street -gekommen, und der eine, ein dicker starker Kerl, hatte einen -Gurt um den Leib, und in der Öse dieses Gurtes steckte ne -Stange, auf die der zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er -da oben war, war er gerade in Höhe meiner Beletage und sah -hinein, als ich mich eben bemühte, mich Mary klar zu machen.«</p> - -<p>»Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn -Sie wieder drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen -oder höher hinauf. Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle -nur, daß Stechlin in eine gleiche Lage kommen wird.«</p> - -<p>»Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten.«</p> - -<p>»Und noch mehr die Barbys.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p> - -<h3 id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung -unterrichtet, kürzte seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig -Stunden ab, hatte trotzdem aber, nach seinem -Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei Tage zur Verfügung. -Das war wenig. Denn außer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen -lag ihm doch auch noch ob, verschiedene Besuche -zu machen, so bei den Barbys, bei denen er sich für den letzten -Abend schon brieflich angemeldet hatte.</p> - -<p>Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt -um ihn her, er selber aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in -seinen Schaukelstuhl zurück, nochmals überschlagend, ob auch -nichts vergessen sei. Zuletzt sagte er sich: »Was nun noch fehlt, -fehlt; ich kann nicht mehr.« Und dabei sah er nach der Uhr. -Bis zu seinem am Kronprinzenufer angesagten Besuche war -noch fast eine Stunde. Die wollt er ausnutzen und sich vorher -nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche -trat ein und meldete: »Hauptmann von Czako.«</p> - -<p>»Ah, sehr willkommen.«</p> - -<p>Und Woldemar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam, -sprang doch auf und reichte dem Freunde die Hand. »Sie -kommen, um mir zu meiner englischen Reise zu gratulieren. -Und wiewohl es so so damit steht, <em class="gesperrt">Ihnen</em> glaub ich's, daß -Sie's ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die -keinen Neid kennen.«</p> - -<p>»Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so -ganz sicher; mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich -komm ich, um Ihnen wohl oder übel meine Glückwünsche zu -bringen und meinen Reisesegen dazu. Donnerwetter, Stechlin, -wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie werden natürlich -Londoner Militärattaché, sagen wir in einem halben Jahr, und -in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt und<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -etablieren sich als Sieger in einem Steeple Chase, vorausgesetzt, -daß es so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt -es jetzt alles ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem -ersten großen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel -oder mit Geraldine Cavendish, haben den Bedforder- oder den -Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als Generalgouverneur -nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die -Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen -sein.«</p> - -<p>»Czako, Sie machen sich's zunutze, daß die Mittagsstunde -glücklich vorüber ist, sonst könnten Sie's kaum verantworten. -Aber rücken Sie sich einen Sessel ran, und hier sind Zigaretten. -Oder lieber Zigarre?«</p> - -<p>»Nein, Zigaretten … Ja, sehen Sie, Stechlin, solche -Mission oder wenn auch nur ein Bruchteil davon …«</p> - -<p>»Sagen wir Anhängsel.«</p> - -<p>»… Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein -Lebtag gewünscht habe. Bloß ›Erhörung kam nicht geschritten‹. -Und doch ist gerad in unserm Regiment immer was los. Immer -ist wer auf dem Wege nach Petersburg. Aber weiß der Teufel, -trotz der vielen Schickerei, meine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen. -Ich denke mir, es liegt an meinem Namen. Hier -hat ›Czako‹ ja auch schon einen Beigeschmack, einen Stich ins -Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin etwas -Apartes, während es in Petersburg wahrscheinlich heißen -würde: ›Czako, was soll das? Was soll Czako? Dergleichen -haben wir hier echter und besser.‹ Ja, ich gehe noch weiter -und bin nicht einmal sicher, ob man da drüben nicht Lust bezeugen -könnte, in der Wahl von ›Czako‹ einen Witz oder versteckten -Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winterpalais -und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie -nach London und sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch -nun mal das denkbar Feinste. Rußland, wenn Sie mir solche<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -Frühstücksvergleiche gestatten wollen, hat immer was von -Astrachan, England immer was von Colchester. Und ich glaube, -Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. Ach, Stechlin, -Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner erregten -Stimmung zugute halten müssen. Ich werde wohl an der -Majorsecke scheitern, wegen verschiedener Mankos. Aber sehn -Sie, daß ich das einsehe, das könnte das Schicksal doch auch -wieder mit mir versöhnen.«</p> - -<p>»Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich -schade, daß wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment -haben. Oder wenigstens nicht genug. ›Fein‹ ist ja ganz -gut, aber es muß doch auch mal ein Donnerwetter dazwischen -fahren, ein Zynismus, eine Bosheit; sie braucht ja nicht gleich -einen Giftzahn zu haben. Übrigens, was die Patentheit angeht, -so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade noch passiere. -Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer -heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehört in die Ecke …«</p> - -<p>»Sag ich mir auch. Und ich habe deshalb auch mit dem -Russischen angefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und -über meine Fortschritte beinah erstaune, dann berapple ich -mich momentan wieder und sage mir: ›Courage gewonnen, -alles gewonnen.‹ Und dabei laß ich dann zu meinem weitern -Trost all unsre preußischen Helden zu Fuß und zu Pferde an mir -vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen -und mitunter auch moralischen Überlegenheit. -Da ist zuerst der Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen -sein. Dann kam Blücher, – der war einfach ein ›<em class="antiqua">Jeu</em>‹er. -Und dann kam Wrangel und trieb sein verwegenes Spiel mit -›mir und mich‹.«</p> - -<p>»Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie sprechen -müssen. Und Sie werden auch nicht an der Majorsecke scheitern. -Eigentlich läuft doch alles bloß darauf hinaus, wie hoch man -sich selber einschätzt. Das ist freilich eine Kunst, die nicht jeder<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -versteht. Das Wort vom alten Fritz: ›Denk Er nur immer, -daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat,‹ dies Trostwort -ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz -unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb. Siege produzieren -unter Umständen auch Bescheidenheit.«</p> - -<p>»Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. -Aber wenn Sie erst Ihre Ruth haben …«</p> - -<p>»Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit Ruth. -Oder eigentlich, seien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser -weibliche Name mahnt mich, daß ich mich für heut abend am -Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den Barbys, wo's, wie -Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine Melusine, -was fast noch mehr ist.«</p> - -<p>»Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem -Wasser kommt, ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso -Hero … Nein, nein, entschuldigen Sie, es war Leander.«</p> - -<p>»Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle -tut einem immer wohl. Übrigens können Sie mich in -meinem Coupé begleiten; vom Kronprinzenufer aus haben -Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das Coupé tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst -acht, als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und, -sich von Czako verabschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand -nur die Familie vor, was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines -Gespräch führen, sondern sich lediglich für seine Reise -Rats erholen wollte. Der alte Graf kannte London besser als -Berlin, und auch Melusine war schon über siebzehn, als man, -bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und sich -auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber -waren nun wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, -aber Vater und Töchter hingen nach wie vor an Hydepark und -dem schönen Hause, das sie da bewohnt hatten, und gedachten<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -dankbar der in London verlebten Tage. Selbst Armgard sprach -gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus ihrer frühen -Kindheit her erinnerte.</p> - -<p>»Wie glücklich bin ich,« sagte Woldemar, »Sie allein zu -finden! Das klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht -entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise -Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin -von Wales und in natürlicher Konsequenz von ihren -zwei Schwestern Dagmar und Thyra zu sprechen, so hätt ich -vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit heut abend noch ein Duell -auszufechten. Was mir doch unbequem wäre. Besser ist -besser.«</p> - -<p>Der alte Barby nickte vergnüglich.</p> - -<p>»Ja, Herr Graf,« fuhr Woldemar fort, »ich komme, mich -von Ihnen und den Damen zu verabschieden: aber ich komme -vor allem auch, um mich in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit -zu informieren. In dem Augenblick, wo der gänzlich -ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt, guckt er – so was -soll vorkommen – noch einmal ins Corpus juris und liest, -sagen wir zehn Zeilen, und gerad über diese wird er nachher gefragt -und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch vorbehalten -sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso. -Auf was muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, -was muß ich sehn und was nicht sehn? Das letztere vielleicht -das Wichtigste von allem.«</p> - -<p>»Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken -Sie hier ein und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß -Sie den Tee würdigen werden, ist so gut wie ausgeschlossen; -dazu sind Sie viel zu aufgeregt. Sie sind ja wie ein Wasserfall; -ich erkenne Sie kaum wieder.«</p> - -<p>Woldemar wollte sich entschuldigen.</p> - -<p>»Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über -das. Alles ist heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin,<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -mal einer Aufregung zu begegnen; Aufregung kleidet besser als -Indifferenz, und jedenfalls ist sie interessanter. Was meinst -du dazu, Melusine?«</p> - -<p>»Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten.«</p> - -<p>»Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was -tun, was sehn? Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was -nicht sehn? Überall etwas sehr Schwieriges. In Italien vertrödelt -man die Zeit mit Bildern, in England mit Hinrichtungsblöcken. -Sie haben drüben ganze Kollektionen davon. Also -möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen, -immer mit Ausnahme von Westminster. Ich glaube, was -man so mit billiger Wendung »Land und Leute« nennt, das -ist und bleibt das Beste. Die Themse hinauf und hinunter, -Richmond-Hill (auch jetzt noch, trotzdem wir schon November -haben) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer. Und wenn -Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten -›Straßen-Raffael‹ begegnen, dann stehenbleiben und zusehen, -was das sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten -Hand auf die breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese -Straßen-Raffaels haben immer nur eine linke Hand.«</p> - -<p>»Und was malt er?«</p> - -<p>»Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen -in zehn Minuten eine richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in -der Regel ist er mehr Ruysdael oder Hobbema. Landschaften -sind seine Force; dazu Seestücke. Die Klippe von Dover hab -ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer hin den zitternden -Mondstrahl. Da haben Sie schon was zur Auswahl. -Und nun fragen Sie Melusine. Die hat von London und Umgegend -viel mehr gesehn als ich und weiß, glaub ich, in Hampton-Court -und Waltham-Abbey besser Bescheid als an der -Oberspree, natürlich das Eierhäuschen ausgenommen. Und -wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja noch unsere<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -Tochter Cordelia. Cordelia war damals freilich erst sechs oder -doch nicht viel mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard, -wie wär es, wenn du dich unsers Freundes annähmest?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden -ist oder auch nur sein kann. Vielleicht ging es, wenn -du nur nicht von meinen sechs Jahren gesprochen hättest. Aber -so. Mit sechs Jahren hat man eben nichts erlebt, was, in den -Augen andrer, des Erzählens wert wäre.«</p> - -<p>»Komtesse, gestatten Sie mir … die Dinge an sich sind -gleichgültig. Alles Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.«</p> - -<p>»Ei,« sagte Melusine. »So bin ich zum Erzählen noch mein -Lebtag nicht aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen -müssen, Armgard.«</p> - -<p>»Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage.«</p> - -<p>»Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie -wie Selbstlob klingen.«</p> - -<p>»Also wir hatten damals eine alte Person im Hause, die -schon bei Melusine Kindermuhme gewesen war, und hieß Susan. -Ich liebte sie sehr, denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas -ungemein Heiteres und Gütiges. Ich ging viel mit ihr im -Hydepark spazieren, wohnten wir doch in der an seiner Nordseite -sich hinziehenden großen Straße. Hydepark erschien mir -immer sehr schön. Aber weil es tagaus, tagein dasselbe war, -wollt ich doch gern einmal was andres sehen, worauf Susan -auch gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war. -›Ei freilich, Komtesse,‹ sagte sie, ›da wollen wir nach Martins -le Grand.‹ ›Was ist das?‹ fragte ich; aber statt aller Antwort -gab sie mir nur ein kleines Mäntelchen um, denn es war schon -Spätherbst, so etwa wie jetzt, und dunkelte auch schon. Aus -dem, was dann kam, muß ich annehmen, daß es um die fünfte -Stunde war. Und so brachen wir denn auf, unsre Straße hinunter,<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Röhren -gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, so sprang ich auf -die Röhren hinauf, und Susan hielt mich an meinem linken -Zeigefinger. So gingen wir, ich immer auf den Röhren oben, -bis wir an eine Stelle kamen, wo der Park aufhörte. Hier war -gerad ein Droschkenstand, und Hafer und Häcksel lagen umher -und zahllose Sperlinge dazwischen. In der Mitte von dem -allem aber stand ein eiserner Brunnen. Auf den wies Susan -hin und sagte: ›<em class="antiqua">Look at it, dear Armgard. There stood Tyburn-Gallows.</em>‹ -Und wer soviel gestohlen hatte, wie gerad ein Strick -kostete, der wurde da gehängt.«</p> - -<p>»Eine merkwürdige Kindermuhme,« sagte Stechlin. »Und -erschraken Sie nicht, Komtesse?«</p> - -<p>»Nein, von Erschrecken, solange Susan bei mir war, war -keine Rede. Sie hätte mich gegen eine Welt verteidigt.«</p> - -<p>»Das söhnt wieder aus.«</p> - -<p>»Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg und stiegen -alsbald in ein zweirädriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut -sehen konnten, und jagten die Oxfordstraße hinunter in die -City hinein, in ein immer dichter werdendes Straßengewirr, -drin ich nie vorher gekommen war und auch nachher nicht -wieder gekommen bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir auf Besuch -drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging.«</p> - -<p>»Ich glaube,« sagte Melusine, »daß du bei diesem zweiten -Besuch eine gute Anleihe machst. Denn von dem mit Susan -Gesehenen wirst du zurzeit nicht mehr viel zur Verfügung -haben.«</p> - -<p>»Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab vor einem -großen Hause, das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer -Tempel aussah und unter dessen Säulengang hinweg wir -in eine große, mit vielen hundert Menschen erfüllte Halle traten. -Über ihren Köpfen aber lag es wie ein Strom von Licht, und -ganz nach hinten zu, wo die Lichtmasse sich zu verdichten schien,<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -standen auf einem Podium zwei in rote Röcke gekleidete Bedienstete -mit ein paar großen Behältern links und rechts neben -sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel aussahen.«</p> - -<p>»Und nun laß Stechlin raten, was es war.«</p> - -<p>»Er braucht es nicht zu raten,« fuhr Armgard fort, »er -weiß es natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten. -Denn er hat es selber so gewollt. Also Podium und Rotröcke -samt aufgeklappter Kiste links und rechts. Und die hell erleuchtete -Uhr darüber zeigte, daß es nur noch eine Minute bis -sechs war. An ein Sichherandrängen war nicht zu denken, und -so flogen denn die Brief- und Zeitungspakete, die noch mit den -letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die Köpfe -der in Front Stehenden weg; was aber dabei statt in die Behälter -bloß auf das Podium fiel, das wurde von den Rotröcken -mit einer geschickten Fußbewegung in die Futterkisten wie -hineingeharkt. Und nun setzte der Uhrzeiger ein, und das Fliegen -der Pakete steigerte sich, bis genau mit dem sechsten Schlag -auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.«</p> - -<p>»Reizend, Komtesse. Natürlich seh ich mir das an, und -wenn ich ein Rendezvous mit der Königin darüber versäumen -müßte.«</p> - -<p>»Nichts Antimonarchisches,« lachte der alte Graf. »Und -so kommen Susans Untaten schließlich noch ans Licht.«</p> - -<p>»Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch mich selbst.«</p> - -<p>Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei -Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei -die Oberhand. Ein paarmal, weil er wohl sah, daß Woldemar -gern auch andres zu hören wünschte, versuchte der alte -Graf das Thema zu wechseln, aber beide Damen blieben bei -»<em class="antiqua">shopping</em>« und »<em class="antiqua">five o'clock tea</em>«, bis Melusine, der Woldemars -Ungeduld ebenfalls nicht entgangen war, mit einem -Male fragte: »Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p>»Nein,« sagte Woldemar. »Ich kann es mir aber übersetzen -und meine Schlüsse daraus ziehn.«</p> - -<p>»Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun sehen Sie, -Traitors-Gate, das war meine Domäne, wenn Besuch aus -Deutschland kam und ich wohl oder übel den Führer machen -mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber Traitors-Gate -nie, vielleicht deshalb nicht, weil es ziemlich zu Anfang -liegt, so daß ich, wenn wir's erreichten, immer noch bei Frische -war, nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten, die dann -weiterhin folgen.«</p> - -<p>»Also Traitors-Gate muß ich sehn?«</p> - -<p>»Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß -an dieser berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles -zu sehn ist, so muß ich mich bei meinen Ratschlägen auf -Ihre Phantasie verlassen können. Und ob das geht, weiß ich -nicht. Wer aus der Mark ist, hat meist keine Phantasie.«</p> - -<p>Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch Melusine -sah wohl, daß sie mit ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen -war. Irgendeine Reparierung schien also geboten. -»Ich will's aber doch mit Ihnen wagen,« nahm sie das Gespräch -wieder auf und lachte. »Traitors-Gate. Nun sehen Sie, -Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang entlang, -und mit einem Male haben Sie statt der grauen Steinwand -ein eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem -Tor aber befindet sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener -Wasserhof, von dem aus eine mehrstufige Treppe heraufführt -und an eben der Stelle mündet, an der Sie stehn. Und -nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück. Wem sich die -Pforte damals auftat, um sich hinter ihm wieder zu schließen, -der hatte vom Leben Abschied genommen … Es sind da, -verzeihen Sie das Wort, lauter glibbrige Stufen, und <em class="gesperrt">wer</em> -alles stieg diese Stufen hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh, -Thomas Morus und zuletzt noch jene Clanhäuptlinge, die für<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -Prince Charlie gefochten hatten und deren Köpfe wenige Tage -später von Temple-Bar herab auf die City niedersahen.«</p> - -<p>»Liegt, Gott sei Dank, weit zurück.«</p> - -<p>»Ja, weit zurück. Aber es kann wiederkommen. Und gerade -<em class="gesperrt">das</em> war es, was immer, wenn ich da so stand, den größten -Eindruck auf mich machte. Diese Möglichkeit, daß es wiederkehre. -Denn ich erinnere mich noch sehr wohl – ja, du warst -es selbst, Papa, der es mir erzählte –, daß Lord Palmerston -einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpolitik (ich glaube -während der Krimkriegtage) sich dahin geäußert hätte: ›Dieser -Prince-Consort, er täte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit -anzusehen. Es ist zwar schon lange, daß Könige da -die glibbrige Treppe hinaufgestiegen sind, aber es ist doch -noch nicht <em class="gesperrt">so</em> lange, daß wir uns dessen nicht mehr entsinnen -könnten. Und ein Prince-Consort ist noch lange nicht ein -König.‹«</p> - -<p>Woldemar, als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt -hatte, lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß, -daß sie mit einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte: »Sie lächeln. -Da seh ich doch, wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie -abzusprechen.«</p> - -<p>»Verzeihen Sie mir …«</p> - -<p>»Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die -richtige Ergänzung. Im übrigen, wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft -zürnen! Ein berühmter deutscher Professor soll einmal -irgendwo gesagt haben: ›niemand sei verpflichtet, ein großer -Mann zu sein.‹ Und ebensowenig wird er ›große Phantasie‹ -als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben.«</p> - -<p>Woldemar küßte ihr die Hand. »Wissen Sie, Gräfin, daß -Sie doch eigentlich recht hochmütig sind?«</p> - -<p>»Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder. Und -zu diesen gehören Sie.«</p> - -<p>»Das ist nun auch wieder aus dem Ton.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen -Sie mir lieber, mir von Windsor oder London aus eine Karte -zu schreiben … nein, eine Karte, das geht nicht … also einen -Brief, darin Sie mir ein Wort über die Engländerinnen sagen, -und ob Sie jede taillenlose Rotblondine drüben auch so schön -gefunden haben werden, wie's von den Kontinentalen, wenn -sie dies Thema berühren, fast immer versichert wird.«</p> - -<p>»Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke.«</p> - -<p>»Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen, -in denen er sich anmeldete, die Damen wissen lassen, daß er -seinen Besuch auf eine kurze Stunde beschränken müsse. So -war er denn bei guter Zeit wieder daheim. Auf seinem Tische -fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex' Handschrift. »Lieber -Stechlin,« so schrieb dieser, »ich höre eben, daß Sie nach London -gehn. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben soll, hab -ich es übersehn. Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser -Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei, die Sie (wenn's -Ihnen paßt) bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen -soll. Er ist Advokat und einer der angesehensten Führer unter -den Irvingianern. Fürchten Sie übrigens keine Bekehrungsversuche. -Waddington ist ein durchaus feiner Mann, also -zurückhaltend. Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich sein, -wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der -englischen Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern. -Er ist ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja -Ihre Vorliebe für derlei Fragen.«</p> - -<p>Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und -sagte: »Der gute Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien. -Es genügt mir, wenn ich einen einzigen Quäker sehe.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p> - -<h3 id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt; Woldemar, -erheitert bei dem Gedanken, sich durch Ralph Waddington -in ein Tabernakel eingeführt zu sehn, sah sich mit einemmale -einer gewissen Abspannung entrissen und war froh darüber, -denn er brauchte durchaus Stimmung, um noch einige Briefe -zu schreiben. Das ging ihm nun leichter von der Hand, und als -elf Uhr kaum heran war, war alles erledigt.</p> - -<p>Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf. -Fritz war um ihn her und half, wo noch zu helfen war. »Und -nun, Fritz,« so waren Woldemars letzte Worte, »sieh nach dem -Rechten. Schicke mir nichts nach; Zeitungen wirf weg. Und -die drei Briefe hier, wenn ich fort bin, die tue sofort in den -Kasten … Ist die Droschke schon da?«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«</p> - -<p>»Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften. Und paß auf -die Pferde.«</p> - -<p>Damit verabschiedete sich Woldemar.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert. -Er traf, weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich -nach Tische bei dem Alten ein und lautete:</p> - -<p>»Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind -wir schon auf dem Wege. ›Wir,‹ das will sagen, unser Oberst, -unser zweitältester Stabsoffizier, ich und zwei jüngere Offiziere. -Aus Deinen eignen Soldatentagen her kennst Du den Charakter -solcher Abordnungen. Nachdem wir ›Regiment Königin von -Großbritannien und Irland‹ geworden sind, war dies ›uns -drüben vorstellen‹ nur noch eine Frage der Zeit. Dieser Mission -beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre für mich, -doppelt, wenn ich die Namen, über die wir in unserm Regiment -Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -Wort ›historische Familie‹ betonte, sind vorüber. Auch an -Tante Adelheid hab ich in dieser Sache geschrieben. Was mir -persönlich an Glücksgefühl vielleicht noch fehlen mag, wird sie -leicht aufbringen. Und ich freue mich dessen, weil ich ihr, alles -in allem, doch so viel verdanke. Daß ich mich von Berlin gerade -jetzt nicht gerne trenne, sei nur angedeutet; Du wirst den Grund -davon unschwer erraten. Mit besten Wünschen für Dein Wohl, -unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer Dein Woldemar.«</p> - -<p>Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte. -Nun war der Alte mit dem Lesen durch und sagte: »Woldemar -geht nach England. Was sagst du dazu, Engelke?«</p> - -<p>»So was hab ich mir all immer gedacht.«</p> - -<p>»Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich habe mir -gar nichts gedacht. Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit -seinem Oberst und seinem Major vor die Königin von England -hin und sagt: ›Hier bin ich.‹«</p> - -<p>»Ja, gnädger Herr, warum soll er nich?«</p> - -<p>»Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige. -Volksstimme, Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor -Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn bitten. Aber sage nichts -von dem Brief; ich will ihn überraschen. Du bist mitunter ne -alte Plappertasche.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.</p> - -<p>»Haben befohlen …«</p> - -<p>»Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige; -sieht mir ähnlich … Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal -nen Stuhl ran, und wenn Engelke nicht geplaudert hat -(denn er hält nicht immer dicht), so hab ich eine richtige Neuigkeit -für Sie. Woldemar ist nach England …«</p> - -<p>»Ah, mit der Abordnung.«</p> - -<p>»Also wissen Sie schon davon?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p> - -<p>»Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder -Gesandtschaft beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich -dann freilich auch an Woldemar gedacht.«</p> - -<p>Dubslav lachte. »Sonderbar. Engelke hat sich so was -gedacht, Lorenzen hat sich auch so was gedacht. Nur der eigne -Vater hat an gar nichts gedacht.«</p> - -<p>»Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter sind -Väter und können nie vergessen, daß die Kinder Kinder waren. -Und doch hört es mal auf damit. Napoleon war mit zwanzig -ein armer Leutnant und an Ansehn noch lange kein Stechlin. -Und als er so alt war wie jetzt unser Woldemar, ja, da stand -er schon zwischen Marengo und Austerlitz.«</p> - -<p>»Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine -Schwester Adelheid wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen -und von heut ab eine neue Zeitrechnung datieren. Ich nehm -es ruhiger, trotzdem ich einsehe, daß es nach großer Auszeichnung -schmeckt. Und ist er wieder zurück, dann wird er auch -allerlei Gutes davon haben. Aber so lang er drüben ist! Ich -trau der Sache nicht. Von Behagen jedenfalls keine Rede. Die -Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen; vielleicht ärgern -sie sich, daß es draußen in der Welt auch noch ein ›Regiment -Königin von Großbritannien und Irland‹ gibt. Das besorgen -sie sich lieber selbst und nehmen so was, wenn andre damit -kommen, wie ne Prätension. Wie stehen denn Sie dazu? -Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz geschlossen -wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch noch -Gourmand war, soll mal gesagt haben: ›Schreckliches Volk; -hundert Sekten und bloß eine Sauce.‹«</p> - -<p>»Ja,« lachte Lorenzen, »da bin ich freilich für die ›Beefeaters‹, -wie Sie sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den -hundert Sekten laß ich auf sich beruhn (mein Geschmack, beiläufig, -ist es nicht), aber unter allen Umständen bin ich für -höchstens eine Sauce. Das ist das einzig Richtige, weil Gesunde.<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -Die Dinge müssen in sich etwas sein, und wenn das zutrifft, -so ist eigentlich jede Sauce, und nun gar erst die Sauce im -Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den -Kardinal und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand -seiner Abneigung: England. Es hat für mich eine Zeit -gegeben, wo ich bedingungslos dafür schwärmte. Nicht zu -verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen Kreise, -drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen, -was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe -Vergötterung hab ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das -ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, -weil der Kult vor dem goldenen Kalbe beständig -wächst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und -dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen Kattun.«</p> - -<p>»Is leider so, wenigstens nach dem bißchen, was ich davon -weiß. Und alles in allem, und neuerdings erst recht, bin ich -deshalb immer für Rußland gewesen. Wenn ich da so an unsern -Kaiser Nikolaus zurückdenke und an die Zeit, wo seine Uniform -als Geschenk bei uns eintraf und dann als Kirchenstück in die -Garnisonskirche kam. Natürlich in Potsdam. Wir haben -zwar die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf -unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal nicht. Mit -dem alten Fritzen fing es natürlich an. Wir haben seinen -Krückstock und den Dreimaster und das Taschentuch (na, das -hätten sie vielleicht weglassen können), und zu den drei Stücken -haben wir nu jetzt auch noch die Nikolaus-Uniform.«</p> - -<p>Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen sagen -ging nicht, und zustimmen noch weniger.</p> - -<p>Dubslav aber fuhr fort: »Und dann sind sie da forscher -in Petersburg und geht alles mehr aus dem Vollen, auch wenn -die besten Steine mitunter schon rausgebrochen sind. So was -kommt vor; is eben noch ein Naturvolk. Ich kann das ›Schenken‹ -eigentlich nicht leiden, es hat so was von Bestechung und<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -sieht aus wie'n Trinkgeld. Und Trinkgeld ist noch schlimmer -als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und gar nicht. -Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche Tabatiere. -Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und -wenn es einem schlecht geht, ist es ne letzte Zuflucht. Natürlich, -ein ganz reinliches Gefühl hat man nicht dabei.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer -froh, wenn sich ihm Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu -können, und heute standen ja die denkbar besten Themata zur -Verfügung: Woldemar, England, Kaiser Nikolaus und dazwischen -Tante Adelheid, über die zwar immer nur kurze Worte -fielen, aber doch so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des -Alten wesentlich steigerten.</p> - -<p>Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um -die fünfte Stunde seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten -Filzhut vom Riegel nahm, um am See hin, in der Richtung auf -Globsow zu, seinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen. -Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil abfiel, befand -sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank. Das war -sein Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont, -und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume. Da saß -er nun und überdachte sein Leben, Altes und Neues, seine -Kindheits- und seine Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner -Verheiratung, wo das junge, blasse Fräulein, das seine Frau -werden sollte, noch Lieblingshofdame bei der alten Prinzeß -Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm vorüber, und dazwischen -seine Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch leidlich -gut bei Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß -sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er über ein -schon halbabgestorbenes ›Verhältnis‹ und eine freilich noch -fortlebende Spielschuld verfügte, durch ihre Tugend weggegrault -hatte. Das waren die alten Geschichten. Und dann wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -Woldemar geboren, und die junge Frau starb, und der Junge -wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug, -das Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er nach -England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein -paar Stunden in Ostende.</p> - -<p>Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock -Figuren in den Sand. Der Wald war ganz still; auf dem See -schwanden die letzten roten Lichter, und aus einiger Entfernung -klangen Schläge herüber, wie wenn Leute Holz fällen. Er hörte -mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von Globsow her -heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von -wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten -Kiepe, den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte -vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand. -Das Kind, ein Mädchen, mochte zehn Jahr sein, und das Licht -fiel so, daß das blonde wirre Haar wie leuchtend um des Kindes -Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die Bank heran war, blieb -sie stehn und erwartete da das Näherkommen der alten Frau. -Diese, die wohl sah, daß das Kind in Furcht oder doch in Verlegenheit -war, sagte: »Geih man vorupp, Agnes; he deiht di nix.«</p> - -<p>Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und -während es an der Bank vorüberkam, sah es den alten Herrn -mit großen, klugen Augen an.</p> - -<p>Inzwischen war auch die Alte herangekommen.</p> - -<p>»Na, Buschen,« sagte Dubslav, »habt Ihr denn auch bloß -Bruchholz in Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster.«</p> - -<p>Die Alte griente. »Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi -sinn, denn wird he joa woll nich.«</p> - -<p>»Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is -denn das Kind da?«</p> - -<p>»Dat is joa Karlinens.«</p> - -<p>»So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird -er sie denn heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p> - -<p>»Ne, he will joa nich.«</p> - -<p>»Is aber doch von ihm?«</p> - -<p>»Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.«</p> - -<p>Der alte Dubslav lachte. »Na, hört, Buschen, ich kann's -ihm eigentlich nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein -ganz schwarzer Kerl. Un nu seht Euch mal das Kind an.«</p> - -<p>»Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook -nich so recht un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich.«</p> - -<p>»Geht es ihr denn so gut?«</p> - -<p>»Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle -so'ne plätten ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen -(se heet Agnes) in Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen in'n -Zirkus. Ud Karline wihr ganz fidel.«</p> - -<p>»Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is -ein hübsches Kind.«</p> - -<p>»Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks -un is immer so patschlich mit ehre lütten Hänn'. Sünne sinn -immer so.«</p> - -<p>»Ja, das is richtig. Aber Ihr müßt aufpassen, sonst habt -Ihr nen Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Abend, Buschen.«</p> - -<p>»'n Abend, jnädger Herr.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">Vierundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer -vor, und die Baronin, als sie gehört hatte, daß -die Herrschaften oben zu Hause seien, stieg langsam die Treppe -hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß und ein wenig asthmatisch. -Armgard und Melusine begrüßten sie mit großer Freude. -»Wie gut, wie hübsch, Baronin,« sagte Melusine, »daß wir Sie -sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich. -Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -kommt immer wer. Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage -lang nicht hier) und vielleicht auch Professor Cujacius. Und -wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie noch nicht kennen, -trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, – noch alte Bekanntschaft -aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt -auch Frommel. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie -für Wetter mit? Lizzi sagte mir eben, es neble so stark, man -könne die Hand vor Augen nicht sehn.«</p> - -<p>»Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige <em class="antiqua">London -fog</em>, wobei mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber -über den sprechen wir nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel. -Es war draußen wirklich so, daß ich immer dachte, wir würden -zusammenfahren; und am Brandenburger Tor, mit den großen -Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein Bild von -Skarbina. Kennen Sie Skarbina?«</p> - -<p>»Gewiß,« sagte Melusine, »den kenn ich sehr gut. Aber -allerdings erst von der letzten Ausstellung her. Und was, -außer den Gaslaternen im Nebel, mir so eigentlich von ihm -vorschwebt, das ist ein kleines Bild: langer Hotelkorridor, -Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen ein paar Damenstiefelchen. -Reizend. Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung. -Von irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete -das Ganze, den Flur und die Stiefelchen.«</p> - -<p>»Richtig,« sagte die Baronin. »Das war von ihm. Und -gerade das hat Ihnen so sehr gefallen?«</p> - -<p>»Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen -Tagen – wenn ich von ›italienischen Tagen‹ spreche, so meine -ich übrigens nie meine Verheiratungstage; während meiner -Verheiratungstage hab ich Gott sei Dank so gut wie gar nichts -gesehn, kaum meinen Mann, aber freilich immer noch zu viel –, -also während meiner italienischen Tage hab ich vor so vielen -Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten im -Sonnenschein bin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span></p> - -<p>»Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt -nebenher auch noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen -und ein Storch daneben. In meinen Jahren darf ich ja von -Storch sprechen. Früher hätt ich vielleicht Kranich gesagt.«</p> - -<p>»Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren -immer für das, was sie jetzt Realismus nennen, was meistens -mehr Ton und Farbe hat, und dazu gehört auch der Storch. -Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr. Ach, daß doch das Natürliche -wieder obenauf käme.«</p> - -<p>»Kommt, liebe Melusine.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es -kam wirklich Besuch, erst Wrschowitz, dann aber – statt der -drei, die sie noch nebenher gemutmaßt hatte – nur Czako.</p> - -<p>Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren -hatte vorn im Damenzimmer stattgefunden, ohne Gegenwart -des alten Grafen. Dieser erschien erst, als man zum Tee ging; -er hieß seine Gäste herzlich willkommen, weil er jederzeit das -Bedürfnis hatte, von dem, was draußen in der Welt vorging, -etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch jeder auf seine Weise: -die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen Gesellschaftssphäre, -Czako durch Avancements und Demissionen und -Wrschowitz durch »Krittikk.« Alles, was zur Sprache kam, hatte -für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das -Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit -glücklicher Ungeniertheit zum besten gab. Wendungen wie -»ich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert halten« waren -ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz allgemein den -Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer -jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich -sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedürftig war.</p> - -<p>»Sagen Sie, liebe Freundin,« begann der alte Graf, »was -wird das jetzt so eigentlich mit den Briefen bei Hofe?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p> - -<p>»Mit den Briefen? O, das wird immer schöner.«</p> - -<p>»Immer schöner?«</p> - -<p>»Nun, immer schöner,« lachte hier die Baronin, »ist vielleicht -nicht gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. -Und das Geheimnisvolle hat nun mal das, -worauf es ankommt, will sagen den Charme. Schon die beliebte -Wendung ›rätselhafte Frau‹ spricht dafür; eine Frau, -die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit ich mir -persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich -bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man -ist, und so muß ich dies Manko zu verwinden suchen … Es -heißt immer, ›üble Nachrede, drin man sich mehr oder weniger -mit Vorliebe gefalle, sei was Sündhaftes‹. Aber was heißt -hier ›üble Nachrede‹? Vielleicht ist das, was uns so bruchstückweise -zu Gehör kommt, nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen -und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel. Im -übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das -Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen gestanden, -etwas durchschnittsmäßig, also langweilig, und weil dem so ist, -setz ich getrost hinzu: ›Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.‹ -Freilich für Armgard ist so was nicht gesagt. Die darf es nicht -hören.«</p> - -<p>»Sie hört es aber doch,« lachte die Komtesse, »und denkt -dabei: was es doch für sonderbare Neigungen und Glücke -gibt. Ich habe für dergleichen kein Organ. Unsre teure Baronin -findet unser Leben langweilig und solche Chronik interessant. -Ich, umgekehrt, finde solche Chronik langweilig und unser -alltägliches Leben interessant. Wenn ich den Rudolf unsers -Portier Hartwig unten mit seinem <em class="antiqua">hoop</em> und seinen dünnen -langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find -ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie.«</p> - -<p>Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß. »Du -bist doch deiner Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt,<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -und zum erstenmal in meinem Leben muß ich meine -teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist nichts mit diesem -Klatsch; es kommt nichts dabei heraus.«</p> - -<p>»Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es -kommt umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid -alle so schrecklich diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich -bin anders und nehme die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein -Schnaderhüpfl und mal ein Haberfeldtreiben, damit kommt -man am weitesten. Was wir da jetzt hier erleben, das ist auch -solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme.«</p> - -<p>»Nur keine heilige.«</p> - -<p>»Nein,« sagte die Baronin, »keine heilige. Die Feme -war aber auch nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst -den Götz wieder angesehn, bloß wegen dieser Szene. Die -Poppe beiläufig vorzüglich. Und der schwarze Mann von der -Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein, so daß -man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich kaum -lesen kann. Ich würde mir's aber doch getrauen. Und nun -wend ich mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld, -ich weiß nicht ritterlicher- oder unritterlicherweise, mir ganz allein -überlassen haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?«</p> - -<p>»Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da -lesen wie Runenschrift … nein, <em class="gesperrt">nicht</em> wie Runenschrift … -(Wrschowitz unterbrach sich hier mißmutig über sein eignes -Hineingeraten ins Skandinavische) – was wir da lesen in -Briefen vom Hofe, das ist Krittikk. Und weil es Krittikk ist, -ist es gutt. Mag es auch sein Mißbrauch von Krittikk. Alles -hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, -Krittikk hat Mißbrauch. Aber trotzdem. Auf die Feme -kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im -Baum.«</p> - -<p>»Brrr,« sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag -von Wrschowitz eintrug. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span></p> - -<p>Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben -hatte, wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer -zurück, weil der alte Graf etwas Musik hören und sich -von Armgards Fortschritten überzeugen wollte. »Doktor -Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu begleiten.«</p> - -<p>So folgte denn ein Quatremains, und als man damit -aufhörte, nahm der alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe -für solch vierhändiges Spiel Ausdruck zu geben, was -Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen kannte, -zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte, daß man -dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne. Der -alte Graf, wenig befriedigt von dieser »Krittikk«, war doch -andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen -und mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich -über solche Worte zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr -mit einer gemessenen Verbeugung gegen den Musikdoktor und -zog, auf einer nebenstehenden Causeuse Platz nehmend, die gute -Frau von Berchtesgaden ins Gespräch, von der er wußte, daß -ihre Munterkeiten nie den Charakter »goldener Rücksichtslosigkeiten« -annahmen.</p> - -<p>Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel -stehen geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein -Sichkümmern um ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre. -Trotzdem hielt es Czako für angezeigt, sich seiner anzunehmen -und dabei die herkömmliche Frage zu tun, »ob er, der Herr -Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin eingelebt habe«.</p> - -<p>»Hab ich,« sagte Wrschowitz kurz.</p> - -<p>»Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen -zu haben?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Au contraire.</em> Berlin eine schöne Stadt, eine serr gutte -Stadt. Eine serr gutte Stadt <em class="antiqua">pour moi en particulier et pour -les étrangers en général</em>. Eine serr gutte Stadt, weil es hat -Musikk und weil es hat Krittikk.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p> - -<p>»Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem -Munde so viel Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen -ist die slawische, besonders die tschechische Welt …«</p> - -<p>»O, die tschechische Welt. <em class="antiqua">Vanitas vanitatum.</em>«</p> - -<p>»Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien -Drüberstehn zu begegnen … Aber wenn es Ihnen recht ist, -Doktor Wrschowitz, wir stehen hier wie zwei Schildhalter neben -diesem aufgeklappten Klavier, – vielleicht daß wir uns setzen -könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus.« -Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschlage -Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier -her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem -Fauteuil niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen, -drauf sie den linken Arm stützte.</p> - -<p>»Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie -Stühle heran. Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend -intimen Gespräche. Wenn es sich um etwas handelte, dran ich -teilnehmen darf, so gönnen Sie mir diesen Vorzug. Papa -hat sich, wie Sie sehn, mit der Baronin engagiert, ich denke mir -über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und Armgard -denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was -müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, -Hauptmann Czako, worüber plauderten Sie?«</p> - -<p>»Berlin.«</p> - -<p>»Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance.«</p> - -<p>»Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. -Denken Sie sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben -zu wollen. Allerdings waren wir erst bei Musik und Kritik. -Über die Menschen noch kein Wort.«</p> - -<p>»O, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder -sieht mehr als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. -Wie sind die Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?«</p> - -<p>Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er überlege,<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -wie weit er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem -Male schien er einen Entschluß gefaßt zu haben und sagte: -»Oberklasse gutt, Unterklasse serr gutt; Mittelklasse <em class="gesperrt">nicht</em> -serr gutt.«</p> - -<p>»Kann ich zustimmen,« lachte Melusine. »Fehlen nur noch -ein paar Details. Wie wär es damit?«</p> - -<p>»Mittelklassberliner findet gutt, was <em class="gesperrt">er</em> sagt, aber findet -<em class="gesperrt">nicht</em> gutt, was sagt ein andrer.«</p> - -<p>Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.</p> - -<p>»Mittelklassberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf. -In versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. -In verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht -verstecktem Krampf ist er ein Affront.«</p> - -<p>»Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.«</p> - -<p>»Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er. -Berliner immer Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt -alles. Erst Borsig, dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog, -dann Herzog Rudolf, erst Pfefferküchler Hildebrand, dann Papst -Hildebrand.«</p> - -<p>»Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, -noch eins, dann sind Sie wieder frei … Wie sind die Damen?«</p> - -<p>»Ach, gnädigste Gräfin …«</p> - -<p>»Nichts, nichts. Die Damen.«</p> - -<p>»Die Damen. O, die Damen serr gutt. Aber nicht speziffisch. -Speziffisch in Berlin bloß die Madamm.«</p> - -<p>»Da bin ich aber doch neugierig.«</p> - -<p>»Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin, -in Pettersburg und ich war in Moscou. Und war in Budapest. -Und war auch in Saloniki. Ah, Saloniki! Schöne Damen von -Helikon und schöne Damen von Libanon, hoch und schlank wie -die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo; -Madamm bloß in Berlin.«</p> - -<p>»Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -da sein. Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, -wenigstens eine Art Dame. Schon das Wort spricht es aus.«</p> - -<p>»Nein, gnäddigste Gräfin; <em class="antiqua">rien du tout</em> Dame! Dame -denkt an Galan, Dame denkt an Putz; oder vielleicht auch an -<em class="antiqua">Divorçons</em>. Aber Madamm denkt bloß an Rieke draußen -und mitunter auch an Paul. Und wenn sie zu Paul spricht, der -ihr Jüngster ist, so sagt sie: ›Jott, dein Vater.‹ Oh, die Madamm! -Einige sagen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe nie.«</p> - -<p>»Wrschowitz,« sagte Melusine, »wie schade, daß die Baronin -und Papa nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin, -der solche Themata liebt, nicht hier ist. Übrigens hatten wir -heut ein Telegramm von ihm. Haben Sie vielleicht auch Nachricht, -Herr Hauptmann?«</p> - -<p>»Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich -hab es mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte …«</p> - -<p>»Bitte, lesen.«</p> - -<p>Und Czako las: »London, Charing Croß-Hotel. Alles über -Erwarten groß. Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. -Windsor schöner. Und die Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St.«</p> - -<p>Melusine lachte. »Das hat er uns auch telegraphiert.«</p> - -<p>»Ich fand es wenig,« stotterte Czako verlegen, »und als -Doublette find ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, -ein Mann in Mission! Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer -Majestät von Großbritannien und Indien.«</p> - -<p>Alles stimmte dem, »daß es wenig sei«, zu. Nur der alte -Graf wollte davon nichts wissen.</p> - -<p>»Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, -weil ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, -Nelsonsäule. Soll er etwa telegraphieren, daß er sich sehnt, uns -wiederzusehn? Und das wird er nicht einmal können, so -riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch alle sehr zusammennehmen -müssen. Auch du, Melusine.«</p> - -<p>»Natürlich, ich am meisten.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span></p> - -<h2 id="Verlobung">Verlobung<br /> -Weihnachtsreise nach Stechlin</h2> - -<h3 id="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel">Fünfundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich -für den nächsten Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur -die beiden Damen, die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer -Freude machten. »Papa läßt Ihnen sein Bedauern aussprechen, -Sie nicht gleich heute mitbegrüßen zu können. Er -ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er natürlich -nicht fehlen durfte. Das ist ›Dienst‹, weit strenger als der Ihrige. -Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. -An Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine -kurze Visite hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, und -mit Ihrem Freunde Czako haben wir letzten Sonnabend eine -Stunde verplaudern können. Wrschowitz war an demselben -Abend auch da; beide treffen sich jetzt öfter und vertragen sich -besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte. Wer also -sollte noch kommen? … Und nun setzen Sie sich, um Ihr -Reisefüllhorn über uns auszuschütten; – die Füllhörner, die -jetzt Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was -erwart ich auch von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe -von den Engländerinnen schreiben. Aber wer darüber nicht -schrieb, das waren Sie, wenn wir uns auch entschließen wollen, -Ihr Telegramm für voll anzusehn.« Und dabei lachte Melusine. -»Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht kränken -wollen. Aber offen Spiel ist immer das beste. Wovon Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -nicht geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es -drüben? Ich meine mit der Schönheit.«</p> - -<p>»Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder -gar hingerissen hätte.«</p> - -<p>»Nichts einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze -beinah bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?«</p> - -<p>»Fast könnt ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß -mir vor Jahr und Tag schon ein Freund einmal sagte, ›in der -ganzen Welt fände man, Gott sei Dank, schöne Frauen, aber -nur in England seien die Frauen überhaupt schön‹.«</p> - -<p>»Und das haben Sie geglaubt?«</p> - -<p>»Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab -es nicht geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum -Trotz, nachträglich bestätigt gefunden.«</p> - -<p>»Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung?«</p> - -<p>»Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung -dazu fühle …«</p> - -<p>»Keine Bestechungen.«</p> - -<p>»Ich soll schaudern vor einer Übertreibung,« fuhr Woldemar -fort. »Aber Sie werden mir, Frau Gräfin, dies Schaudern -vielleicht erlassen, wenn ich Erklärungen abgegeben haben -werde. Der Englandschwärmer, den ich da vorhin zitierte, -war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und zugespitzte Sätze -darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf diesem -diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten -wie die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten -sind schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht -selten, so wären sie nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil -wir einen andern Maßstab hätten. All das steht fest. Aber es -gibt doch Durchschnittsvorzüge, die den Typus des Ganzen -bestimmen, und diesem Maße nicht geradezu frappierender, -aber doch immerhin noch sehr gefälliger Durchschnittsschönheit, -dem bin ich drüben begegnet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p> - -<p>»Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie -werden in Papa, mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt -für Ihre Meinung finden. Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. -Aber was sich darin ausspricht, das beinah Unpersönliche, -das Typische …«</p> - -<p>Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil -sie draußen die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich, -Jeserich trat ein und meldete: Professor Cujacius. »Um Gottes -willen,« entfuhr es der Gräfin, und die kleine Pause benutzend, -die ihr noch blieb, flüsterte sie Woldemar zu: »Cujacius … -Malerprofessor. Er wird über Kunst sprechen; bitte, widersprechen -Sie ihm nicht, er gerät dabei so leicht in Feuer oder -in mehr als das.« Und kaum, daß Melusine soweit gekommen -war, erschien auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung -gegen Armgard auf die Gräfin zu, dieser die Hand zu -küssen. Sie hatte sich inzwischen gesammelt und stellte vor: -»Professor Cujacius, … Rittmeister von Stechlin.« Beide -verneigten sich gegeneinander, Woldemar ruhig, Cujacius mit -dem ihm eignen superioren Apostelausdruck, der, wenn auch -ungewollt, immer was Provozierendes hatte. »Bin,« so ließ -er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, »durch Gräfin -Melusine ganz auf dem Laufenden. Abordnung, England, -Windsor. Ich habe Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so -schöne Reise.«</p> - -<p>»Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich intimeren -Dingen, beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige -Maß von Aufmerksamkeit widmen konnte.«</p> - -<p>»Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich -an solcher Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich -die großen Gesamteindrücke, der Hof und die Lords, die die -Geschichte des Landes bedeuten.«</p> - -<p>»All das war auch mir die Hauptsache, mußt es sein. Aber -ich hätte mich dem ohnerachtet auch gern um Künstlerisches<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -gekümmert, speziell um Malerisches. So zum Beispiel um die -Schule der Präraffaeliten.«</p> - -<p>»Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da, deren -Auftreten auch von uns (ich spreche von den Künstlern meiner -Richtung) mit Aufmerksamkeit und selbst mit Achtung verfolgt -wurde. So beispielsweise Millais …«</p> - -<p>»Ah, <em class="gesperrt">der</em>. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten -Bildes, das leider nach Amerika hin verkauft wurde. -Wenn ich nicht irre, zu einem enormen Preise.«</p> - -<p>Cujacius nickte. »Mutmaßlich das vielgefeierte ›Angelusbild‹, -was Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Händlern -heraufgepuffte Marktware, für die Sie glücklicherweise den -englischen Millais, will also sagen den ›<em class="gesperrt">ais</em>‹-Millais, nicht -verantwortlich machen dürfen. <em class="gesperrt">Der</em> Millet, der für eine, wie -Sie schon bemerkten, lächerlich hohe Summe nach Amerika -hin verkauft wurde, war ein ›<em class="gesperrt">et</em>‹-Millet, Vollblutpariser -oder wenigstens Franzose.«</p> - -<p>Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine -Verlegenheit, die Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung -des Professors, dessen rasch wachsendes Überlegenheitsgefühl -unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer neue Blüten übermütiger -Laune trieb. »Im übrigen sei mir's verziehen,« fuhr -er, immer leuchtender werdend, fort, »wenn ich mein Urteil -über beide kurz dahin zusammenfasse: ›sie sind einander wert,‹ -und die zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber -streiten, wer von ihnen am meisten genasführt wurde. Der -französische Millet ist eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische -vergleichsweise zum Riesen anwächst, wohlverstanden vergleichsweise. -Trotzdem, wie mir gestattet sein mag zu wiederholen, -war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand -unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das -Präraffaelitentum, als dessen Begründer und Vertreter ich -ihn ansehe, trug damals einen Zukunftskeim in sich; eine große<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span> -Revolution schien sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, -die Rückkehr heißt. Oder wenn Sie wollen ›Reaktion‹. -Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken. Wörter sind -Kinderklappern.«</p> - -<p>»Und dieser englische Millais, – den mit dem französischen -verwechselt zu haben ich aufrichtig bedaure, – dieser ›<em class="gesperrt">ais</em>‹-Millais, -dieser großer Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, -sich selber untreu geworden.«</p> - -<p>»Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen -in Excentricitäten. Die Zucht ging verloren, und das -straft sich auf jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt -zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen und amerikanischen -Schule, die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht, -das ist der Überschwang einer an sich beachtenswerten Richtung. -Der Zug, der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr, -unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal aus) -ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und -keucht. Und ein Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf -dem Platze geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat … -ich verzichte darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu -Ende zu führen.«</p> - -<p>Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß -irgendwas gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte: -»Von Neueren hab ich eigentlich nur Seestücke kennen -gelernt; dazu die Phantastika des Malers William Turner, -leider nur flüchtig. Er hat die ›drei Männer im feurigen <span id="corr279">Ofen</span>‹ -gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen -Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit -angeht.«</p> - -<p>»Eine gewisse Großartigkeit,« nahm Cujacius mit lächelnd -überlegener Miene wieder das Wort, »ist ihm nicht abzusprechen. -Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht ins Großartige -hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge. <em class="antiqua">Mundus vult<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -decipi</em>. Allem vorauf in England. Es gibt nur ein Heil: Umkehr, -Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen sind das -Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber -nicht <em class="antiqua">parceque</em>, sondern <em class="antiqua">quoique</em>. Noch heute wird es mir obliegen, -in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. -Gewiß unter Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; -denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die -richtigen Formen in der Gesellschaft verloren gegangen. Aber -viel Feind, viel Ehr, und jede Stelle verlangt heutzutage ihren -Mann von Worms, ihren Luther. ›Hier stehe ich.‹ Am elendesten -aber sind die paktierenwollenden Halben. Zwischen schön -und häßlich ist nicht zu paktieren.«</p> - -<p>»Und schön und häßlich,« unterbrach hier Melusine (froh, -überhaupt unterbrechen zu können), »war auch die große Frage, -die wir, als wir Sie begrüßen durften, eben unter Diskussion -stellten. Herr von Stechlin sollte beichten über die Schönheit -der Engländerinnen. Und nun frag ich <em class="gesperrt">Sie</em>, Herr Professor, -finden auch Sie sie so schön, wie einem hierlandes immer versichert -wird?«</p> - -<p>»Ich spreche nicht gern über Engländerinnen,« fuhr Cujacius -fort. »Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese -Töchter Albions, sie singen so viel und musizieren so viel und -malen so viel. Und haben eigentlich kein Talent.«</p> - -<p>»Vielleicht. Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen. -Bloß das eine: schön oder nicht schön?«</p> - -<p>»Schön? Nun denn ›nein‹. Alles wirkt wie tot. Und -was wie tot wirkt, wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schön. -Im übrigen, ich sehe, daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie -gerne wär ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis -und Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin, -ich erlaube mir, Ihnen morgen eine Radierung nach einem -Bilde des richtigen englischen Millais zu schicken. Dragonerkaserne, -Hallesches Tor, – ich weiß. Übermorgen laß ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -Mappe wieder abholen. Name des Bildes: ›Sir Isumbras.‹ -Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des -Präraffaelitentums, dabei nicht aushielt. Aber nicht zu verwundern. -Nichts hält jetzt aus, und mit nächstem werden wir -die Berühmtheiten nach Tagen zählen. Tizian entzückte noch -mit hundert Jahren; wer jetzt fünf Jahre gemalt hat, ist altes -Eisen. Gnädigste Gräfin, Komtesse Armgard … Darf ich -bitten, mich meinem Gönner, Ihrem Herrn Vater, dem -Grafen, angelegentlichst empfehlen zu wollen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was er -bei seiner intimen Stellung durfte, hatte den Professor bis -auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel -umgegeben, den er, in unverändertem Schnitt, seit seinen Romtagen -trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein Kalabreser von -Seidenfilz.</p> - -<p>»Er ist doch auf seine Weise nicht übel,« sagte Woldemar, -als er bei den Damen wieder eintrat. »An einem starken Selbstbewußtsein, -dran er wohl leidet, darf man heutzutage nicht -Anstoß nehmen, vorausgesetzt, daß die Tatsachen es einigermaßen -rechtfertigen.«</p> - -<p>»Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt,« sagte -Armgard, »Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also -in jedem Jahrhundert einer.«</p> - -<p>»Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre,« -lachte Woldemar. »Wie steht es eigentlich mit ihm? Ich -habe nie von ihm gehört, was aber nicht viel besagen will, -namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich verwechselt -habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein Mann, -den ich eigentlich kennen müßte?«</p> - -<p>»Das hängt ganz davon ab,« sagte Melusine, »wie Sie sich -einschätzen. Haben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen -alten Giotto von Florenz zu kennen, sondern auch all die<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span> -Giottinos, die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu -Rittergut ziehn, um für Kunst und Christentum ein übriges -zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich kennen. Er hat da -die große Lieferung; ist übrigens lange nicht der Schlimmste. -Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerüttelt und geschüttelt -Maß, gestehen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt -er alles durch seinen Dünkel. Und so hat er denn keine -Freunde, trotzdem er beständig von Richtungsgenossen spricht -und auch heute wieder sprach. Gerade diese Richtungsgenossen -aber hat er aufs entschiedenste gegen sich, was übrigens nicht -bloß an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die, -die dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen sich immer am heftigsten -untereinander, vor allem auf christlichem Gebiet, auch wenn es -sich nicht um christliche Dogmen, sondern bloß um christliche -Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt -die, daß er ›in der Tradition stehe‹, was ihm indessen nur -Spott und Achselzucken einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen -– als ob er mich persönlich dafür hätte verantwortlich -machen wollen – fragte mich erst neulich voll ironischer Teilnahme: -›Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition?‹ -Und als ich ihm antwortete: ›Sie spötteln darüber, -hat er denn aber keine?‹ bemerkte dieser Spezialkollege: ›Gewiß -hat er eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit fünfundvierzig -Jahren malt er immer denselben Christus und -bereist als Kunst-, aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die -ihm unterstellten Provinzen, so daß man betreffs seiner beinah -sagen kann: Es predigt sein Christus allerorten, ist aber drum -nicht schöner geworden.‹«</p> - -<p>»Melusine, du darfst so nicht weitersprechen,« unterbrach -hier Armgard. »Sie wissen übrigens, Herr von Stechlin, wie's -hier steht, und daß ich meine ältere Schwester, die mich erzogen -hat (hoffentlich gut), jetzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen -muß.« Dabei reichte sie Melusine die Hand. »Eben erst<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span> -ist er fort, der arme Professor, und jetzt schon so schlechte Nachrede. -Welchen Trost soll sich unser Freund Stechlin daraus -schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir.«</p> - -<p>»Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in -diesem letzten. Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er -geliebt wird oder nicht, vorausgesetzt, daß er ein Gentleman -und nicht ein Gigerl ist. Aber Gentleman. Da hab ich wieder -die Einhakeöse für England. Das Schönheitskapitel ist erledigt, -war ohnehin nur Kaprize. Von all dem andern aber, -das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer so gut -wie gar nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten -mit Traitors Gate?«</p> - -<p>»Nur in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen -meine Phantasie. Die versagte da total, wenn es nicht doch -vielleicht an der Sache selbst, also an Traitors Gate, gelegen -hat. Denn an einer anderen Stelle konnt ich mich meiner Phantasie -beinah berühmen und am meisten da, wo (wie mir übrigens -nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so viel Vorliebe verweilt -haben.«</p> - -<p>»Und welche Stelle war das?«</p> - -<p>»Waltham-Abbey.«</p> - -<p>»Waltham-Abbey. Aber davon weiß ich ja gar nichts. -Waltham-Abbey kenn ich nicht, kaum dem Namen nach.«</p> - -<p>»Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr Papa -gerade am Abend vor meiner Abreise sagte: ›das muß Melusine -wissen; die weiß ja dort überall Bescheid und kennt, glaub ich, -Waltham-Abbey besser als Treptow oder Stralau.‹«</p> - -<p>»So bilden sich Renommees,« lachte Melusine. »Der Papa -hat das auf gut Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel -herausgegriffen. Und nun diese Tragweite! Lassen wir -das aber und sagen Sie mir lieber: was ist Waltham-Abbey? -Und wo liegt es?«</p> - -<p>»Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt,<span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span> -etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg -besucht oder das in der Potsdamer Friedenskirche.«</p> - -<p>»Hat es denn etwas von einem Mausoleum?«</p> - -<p>»Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze Kirche -kann als ein Denkmal gelten.«</p> - -<p>»Als ein Denkmal für wen?«</p> - -<p>»Für König Harald.«</p> - -<p>»Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde -von Hastings suchte?«</p> - -<p>»Für denselben.«</p> - -<p>»Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von -Horace Vernet gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne -Col de Cygne zwischen den Toten umherirrt. Und ich erinnre -mich auch, daß zwei Mönche neben ihr herschritten. Aber weiter -weiß ich nichts. Und am wenigsten weiß ich, was daraus -wurde.«</p> - -<p>»Was daraus wurde, – das ist eben der Schlußakt des -Dramas. Und dieser Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die -Mönche, deren Sie sich erinnern und die da neben Editha herschritten, -das waren Waltham-Abbeymönche, und als sie -schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den König -auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg -bis nach Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn.«</p> - -<p>»Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie -besucht?«</p> - -<p>»Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur, -daß man ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die -Sonne ging eben unter, in einem uralten Lindengange stand, -zwischen Grabsteinen links und rechts, und das Abendläuten -von der Kirche her begann, da war es mir, als käme wieder -der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und ich sah -Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span> -verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld -ist und nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer -Dankbarkeit.«</p> - -<p>»Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das sage nur ich. -Sie sagen es natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, -sich eines Sieges zu rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey -kenn ich nun, und an Ihre Phantasie glaub ich -von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stich -gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu -Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und -ebenso, daß Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der -Kapelle Heinrichs <em class="antiqua">VII.</em> Ihren Besuch gemacht haben, diesem -Wunderwerk der Tudors. Welchen Eindruck hatten Sie von der -Kapelle?«</p> - -<p>»Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden -Trichter, die sie ›Tromben‹ nennen, unschön gefunden -hat; aber ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht. -Was auf mich wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. -Trotzdem, das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres -und kam erst, als ich da zwischen den Sarkophagen der beiden -feindlichen Königinnen stand. Ich wüßte nicht, daß etwas je -so beweglich und eindringlich zu mir gepredigt hätte wie gerade -diese Stelle.«</p> - -<p>»Und was war es, was Sie da so bewegte?«</p> - -<p>»Das Gefühl: ›zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt -die Weltgeschichte.‹ Zunächst freilich scheinen wir da nur den -Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu -haben, aber weit darüber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit -gebunden) haben wir bei tiefergehender Betrachtung den Gegensatz -von Leidenschaft und Berechnung, von Schönheit und -Klugheit. Und das ist der Grund, warum das Interesse daran -nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese feindlichen Königinnen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p> - -<p>Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der -daran lag, wieder ins Heitere hinüber zu lenken: »Und nun, -Armgard, sage, für welche von den beiden Königinnen bist du?«</p> - -<p>»Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal -für beide. Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir -mehr bedeuten, und, um es kurz zu sagen, Elisabeth von -Thüringen ist mir lieber als Elisabeth von England. Andern -leben und der Armut das Brot geben – darin allein ruht das -Glück. Ich möchte, daß ich mir <em class="gesperrt">das</em> erringen könnte. Aber -man erringt sich nichts. Alles ist Gnade.«</p> - -<p>»Du bist ein Kind,« sagte Melusine, während sie sich mühte, -ihrer Bewegung Herr zu werden. »Du wirst noch Unter den -Linden für Geld gezeigt werden. Auf der einen Seite die ›Mädchen -von Dahomey‹, auf der andern du.«</p> - -<p>Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den -Korridor. Es war eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar -fühlte, daß er etwas sagen müsse. »Welche liebenswürdige -Schwester Sie haben.«</p> - -<p>Armgard errötete. »Sie werden mich eifersüchtig machen.«</p> - -<p>»Wirklich, Komtesse?«</p> - -<p>»Vielleicht … Gute Nacht.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett -der Schwester, und beide plauderten noch. Aber Armgard war -einsilbig, und Melusine bemerkte wohl, daß die Schwester etwas -auf dem Herzen habe.</p> - -<p>»Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend.«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast …«</p> - -<p>»Nun was?«</p> - -<p>»Ich glaube fast, ich bin verlobt.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p> - -<h3 id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel">Sechsundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert -hatte, das wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem -ersten Wiedersehn waren Armgard und Woldemar Verlobte. -Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt, den er seit lange -gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer Herzlichkeit, -als ob sie selber die Glückliche wäre.</p> - -<p>»Du gönnst ihn mir doch?«</p> - -<p>»Ach, meine liebe Armgard,« sagte Melusine, »wenn du -wüßtest! Ich habe nur die Freude, du hast auch die Last.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden -hatte, schrieb Woldemar nach Stechlin und nach Wutz; -der eine Brief war so wichtig wie der andre, denn die Tante-Domina, -deren Mißstimmung so gut wie gewiß war, mußte -nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden. Freilich blieb -es fraglich, ob es glücken würde.</p> - -<p>Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da, von denen -diesmal der Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach -daran lag, daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen, -von Stechlin her nur Entzücken erwartet hatte. Das traf aber -nun beides nicht zu. Was die Tante schrieb, war durchaus nicht -so schlimm (sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon -mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken), und was der -Alte schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht so der -Situation angepaßt, wie's Woldemar gewärtigte. Natürlich -war es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer -Exkurs. Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei -Nebensächlichkeiten zu verweilen und gelegentlich über die -Hauptsache wegzusehn. Er schrieb:</p> - -<p>»Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen -(früher hieß es <em class="antiqua">alea jacta est</em>, aber so altmodisch bin ich<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span> -denn doch nicht mehr), und da zwei Sechsen obenauf liegen, -kann ich nur sagen: ich gratuliere. Nach dem Gespräch übrigens, -das ich am 3. Oktober morgens mit Dir führte, während -wir um unsern Stechliner Springbrunnen herumgingen (seit -drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die -Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) – seit jenem -Oktobermorgen hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch -nicht weniger. Du wirst nun also Karriere machen, glücklicherweise -zunächst durch Dich selbst und dann allerdings auch durch -Deine Braut und deren Familie. Graf Barby – mit Rübenboden -im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im Graubündischen -– höher hinauf geht es kaum, Du müßtest Dich -denn bis ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, -aber Ermyntrud doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls -zu viel. Ja, mein lieber Woldemar, Du kommst nun also zu -Vermögen und Einfluß und kannst die Stechlins wieder raufbringen -(gestern war Baruch Hirschfeld hier und in allem willfährig; -die Juden sind nicht so schlimm, wie manche meinen), -und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so -was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht -anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser -selbst bei Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise -selbst das erreichen, was Dein alter Vater, weil -Feilenhauer Torgelow mächtiger war als er, nicht erreichen -konnte: den Einzug ins Reichshaus mit dem freien Blick auf -Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen, auch -meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen -Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit -mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis -im letzten darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel, -Junker über Graf. Ja, ich fühle, Deinen Gräflichkeiten -gegenüber, wie sich der Junker ein bißchen in mir regt. Die -reichen und vornehmen Herren sind doch immer ganz eigene<span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span> -Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen auch -suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich -doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer »wir Kleinen, -wir machten alles und könnten alles,« aber bei Lichte besehn, ist -es bloß das alte: ›Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.‹ -Glaube mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind -bloß Sturmbock. Immer dieselbe Geschichte, wie mit Protz -und Proletarier. Die Proletarier – wie sie noch echt waren, -jetzt mag es wohl anders damit sein – waren auch bloß immer -dazu da, die Kastanien aus dem Feuer zu holen; aber ging es -dann schief, dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau -und Bruder Protz legte sich zu Bett. Und mit Hochadel und -Kleinadel ist es beinah ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud -mal einen Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach -einem Stuart oder Wasa, wenn es deren noch gibt. Wird aber -wohl nich. Entschuldige diesen Herzenserguß, dem Du nicht -mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt. Es kam mir -das alles so von ungefähr in die Feder, weil ich grade heute -wieder gelesen habe, wie man einen von uns, der durch Eintreten -eines Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können, -schändlich im Stich gelassen hat. Ippe-Büchsenstein ist natürlich -nur Begriff. Alles in allem: ich habe zu Dir das Vertrauen, -daß Du richtig gewählt hast, und daß man Dich nicht im Stiche -lassen wird. Außerdem, ein richtiger Märker hat Augen im -Kopf und is beinah so helle wie'n Sachse.</p> - -<p>Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt. -Er überwand ihn rasch, und am dritten Tag las er -alles schon mit einer gewissen Freudigkeit. Ganz der Alte; -jede Zeile voll Liebe, voll Güte, voll Schnurrigkeiten. Und -eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel -auf den Kopf? Sicherlich. Was aber das Beste war, so sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span> -das alles im allgemeinen passen mochte, auf die Barbys paßte -so gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten -nicht Fühlung nach oben und nicht nach unten, die marchandierten -nicht mit links und nicht mit rechts, die waren nur -Menschen, und daß sie nur <em class="gesperrt">das</em> sein wollten, das war ihr -Glück und zugleich ihr Hochgefühl. Woldemar sagte sich denn -auch, daß der Alte, wenn er sie nur erst kennen gelernt haben -würde, mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen -würde. Der alte Graf, Armgard und vor allem Melusine. -Die war genau das, was der Alte brauchte, wobei ihm das -Herz aufging.</p> - -<p>Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. -Auch Wrschowitz und Cujacius – von denen -jener natürlich unverheiratet, dieser wegen beständiger Streiterei -von seiner Frau geschieden war – waren zugegen. Cujacius -hatte gebeten, ein Krippentransparent malen zu dürfen, was -denn auch, als es erschien, auf einen Nebentisch gestellt und allseitig -bewundert wurde. Die drei Könige waren Porträts: -der alte Graf, Cujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenkönig); -letzterer, trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe, -von frappanter Ähnlichkeit. Auch in der Maria suchte man nach -Anlehnungen und fand sie zuletzt; es war Lizzi, die, wie so viele -Berliner Kammerjungfern, einen sittig verschämten Ausdruck -hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und Wrschowitz spielte -– weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu erweisen -wünschte – die Polonaise von Oginski, bei deren erster, nunmehr -um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung, einem -alten <em class="antiqua">on dit</em> zufolge, der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente -sich erschossen haben sollte. Natürlich aus Liebe. -»Brav, brav,« sagte der alte Graf und war, während er sich -beinah überschwenglich bedankte, so sehr aus dem Häuschen, -daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte: »Den Piffpaffschluß -muß ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine Vererrung<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span> -(Blick auf Armgard) serr groß ist, fast so groß wie die -Vererrung des Grafen vor Graff Oginski.«</p> - -<p>So verlief der Heiligabend.</p> - -<p>Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten -Feiertage zu dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen, -um dort die künftige Schwiegertochter dem Schwiegervater -vorzustellen. Noch am Christabend selbst, trotzdem Mitternacht -schon vorüber, schrieb denn auch Woldemar einige Zeilen nach -Stechlin hin, in denen er sich samt Braut und Schwägerin für -den zweiten Feiertagabend anmeldete.</p> - -<p>Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein. -»Lieber Papa. Wir haben vor, am zweiten Feiertage mit dem -Spätnachmittagszuge von hier aufzubrechen. Wir sind dann -um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun oder nicht -viel später bei Dir. Armgard ist glücklich, Dich endlich -kennen zu lernen, <em class="gesperrt">den</em> kennen zu lernen, den sie seit lange verehrt. -Dafür, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen. Graf -Barby, der nicht gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen, -will Dir angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen -Gräfin Ghiberti, die uns als Dame d'honneur begleiten wird. -Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem Examen. -Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die Güte und -Liebe selbst ist. Wie immer Dein Woldemar.«</p> - -<p>Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die -Zeilen halblaut, aber doch in aller Deutlichkeit vorlas. »Nun, -Engelke, was sagst du dazu?«</p> - -<p>»Ja, gnädger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch, -was man sone ›gute Nachricht‹ nennt.«</p> - -<p>»Natürlich is es ne gute Nachricht. Aber hast du noch nicht -erlebt, daß einen gute Nachrichten auch genieren können?«</p> - -<p>»Jott, gnädger Herr, ich kriege keine.«</p> - -<p>»Na, denn sei froh; dann weißt du nicht, was ›gemischte -Gefühle‹ sind. Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span> -kommt nun mein Woldemar. Das is gut. Und da bringt er -seine Braut mit, das is wieder gut. Und da bringt er seine -Schwägerin mit, und das is wahrscheinlich auch gut. Aber die -Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen, -und die Braut heißt Armgard, was doch auch schon sonderbar -ist. Und beide sind in England geboren, und ihre Mutter war -aus der Schweiz, von einer Stelle her, von der man nicht recht -weiß, wozu sie gehört, weil da alles schon durcheinander geht. -Und überall haben sie Besitzungen, und Stechlin ist doch bloß -ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und gibt das, was -ich ›gemischte Gefühle‹ nenne.«</p> - -<p>»Nu ja, nu ja.«</p> - -<p>»Und dann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich muß -ihnen doch irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich -ihnen vorsetzen? Viel is hier nich. Da hab ich Adelheiden. -Natürlich, die muß ich einladen, und sie wird auch kommen, -trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann ja nen Schlitten -nehmen. Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr Wagen. Gott, -wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke, da -wird mir auch nicht besser. Und dabei denkt sie, ›sie is was‹, -was am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst -denkt, ›es is gar nichts mit ihm‹, dann is es auch nichts.«</p> - -<p>»Und dann, gnädger Herr, sie is ja doch ne Domina und -hat nen Rang. Und ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich -mehr als ein Major.«</p> - -<p>»Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so'n vergessener -Major is ein Jammer. Aber Adelheid selbst, so auf'n -ersten Anhieb, is auch bloß so so. Wir müssen jedenfalls noch wen -dazu haben. Schlage was vor. Baron Beetz und der alte Zühlen, -die die besten sind, die wohnen zu weit ab, und ich weiß nicht, seit -wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter. Oder es -kommt einem auch bloß so vor. Also die guten Nummern fallen -aus. Und da sind wir denn wieder bei Gundermann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span></p> - -<p>»Ach, gnädger Herr, den nich. Un er soll ja auch so zweideutig -sein. Uncke hat es mir gesagt; Uncke hat freilich immer -das Wort ›zweideutig‹. Aber es wird wohl stimmen. Un -dann die Frau Gundermann. Das is ne richtige Berlinsche. -Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich.«</p> - -<p>»Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß noch -schlimmer. Wir könnten es mit Katzler versuchen, aber da ist -das Kind krank, und vielleicht stirbt es. Und dann haben wir -natürlich noch unsern Pastor; nu der ginge, bloß daß er immer -so still dasitzt, wie wenn er auf den heiligen Geist wartet. Und -mitunter kommt er; aber noch öfter kommt er nicht. Und solche -Herrschaften, die dran gewöhnt sind, daß einer in einem fort -was Feines sagt, ja, was sollen die mit unserm Lorenzen? Er -ist ein Schweiger.«</p> - -<p>»Aber er schweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche -red't.«</p> - -<p>»Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das -Kind sich wieder erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr, -als er hat. Und dann, Engelke, solche Damen, die überall -rum in der Welt waren, da weiß man nie, wie der Hase läuft. -Es ist möglich, daß sie sich für Krippenstapel interessieren. Oder -höre, da fällt mir noch was ein. Was meinst du zu Koseleger?«</p> - -<p>»Den hatten wir ja noch nie.«</p> - -<p>»Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht -viel aus ihm, indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent, -und das klingt nach was. Und dann war er ja -mit ner russischen Großfürstin auf Reisen, und solche Großfürstin -is eigentlich noch mehr als ne Prinzessin. Also sprich -mal mit Kluckhuhn, der soll nen Boten schicken. Ich schreibe -gleich ne Karte.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er kommen -könne, Koseleger dagegen, was ein Glück war, nahm an, und<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span> -auch Schwester Adelheid antwortete durch den Boten, den -Dubslav geschickt hatte: »daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin -eintreffen und soweit wie dienlich und schicklich nach dem -Rechten sehen würde.« Adelheid war in ihrer Art eine gute -Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten, wo die Damen -bis zum »Schlachten« und »Aalabziehen« herunter alles lernten -und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich -Dubslav jeder Befürchtung. Aber wenn er sich dann mit einem -Male vergegenwärtigte, daß es seiner Schwester vielleicht in -den Sinn kommen könne, sich auf ihren Uradel oder auf die -Vorzüge sechshundertjähriger märkischer »Eingesessenheit« zu -besinnen, so fiel alles, was er sich in dem mit Engelke geführten -Gespräch an Trost zugesprochen hatte, doch wieder von ihm ab. -Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens seiner Schwester -»aufgesetzten hohen Miene« wie vor einem Gespenst, und desgleichen -vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine -rote Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen -Frack anlegte, seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt, -aber nebenher, was seine Person anging, doch auch wieder -einer gewissen Patriarchalität. Einen gleichen Trost konnt er -dem äußern Menschen seiner Schwester Adelheid nicht entnehmen. -Er wußte genau, wie sie kommen würde: schwarzes -Seidenkleid, Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die Siebenkurfürstenbrosche. -Was ihn aber am meisten ängstigte, war der -Moment nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich -zu fühlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter -zu stellen und die Wärme von unten her einzusaugen -pflegte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen -Damen auf dem Granseer Bahnhof ein und fanden Martin -und den Stechlinschen Schlitten vor, letzterer insoweit ein Prachtstück, -als er ein richtiges Bärenfell hatte, während andrerseits<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span> -Geläut und Schneedecken und fast auch die Pferde mehr oder -weniger zu wünschen übrigließen. Aber Melusine sah nichts -davon und Armgard noch weniger. Es war eine reizende Fahrt; -die Luft stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die -Sterne. So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin, -und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die herniederhängenden -Zweige streiften, fielen die Flocken in ihren Schlitten. -In den Dörfern war überall noch Leben, und das Anschlagen -der Hunde, das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde, -klang übers Feld. Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich, -und ohne daß sie viel gesprochen hätten, bogen sie zuletzt, eine -weite Kurve machend, in die Kastanienallee ein, die sie nun rasch, -über Dorfplatz und Brücke fort, bis auf die Rampe von Schloß -Stechlin führte. Dubslav und Engelke standen hier schon im -Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich. Beim -Eintritt in den großen Flur war für diese das erste, was sie -sahen, ein mächtiger, von der Decke herabhängender Mistelbusch; -zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippenmann wie -verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste -herniedersah. Viele Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem -alles wie dunkel. Woldemar war ein wenig befangen, Dubslav -auch. Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand küssen. Aber -das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder: »Umgekehrt -wird ein Schuh draus.«</p> - -<p>»Und zuletzt ein Pantoffel,« lachte Melusine.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel">Siebenundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">»Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu,« sagte -sich Dubslav still in seinem alten Herzen, als er jetzt Melusine -den Arm bot, um sie vom Flur her in den Salon zu führen. -»So müssen Weiber sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span></p> - -<p>Auch Adelheid mühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber -sie war wie gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghafte, -das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte, das alles -war ihr eine fremde Welt, und daß ihr eine innere Stimme -dabei beständig zuraunte: »Ja, dies Leichte, das du nicht hast, -das ist das Leben, und das Schwere, das du hast, das ist eben -das Gegenteil davon,« – das verdroß sie. Denn trotzdem sie -beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in -Demut zu überwinden. So war denn alles, was über ihre -Lippen kam, mehr oder weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, -die schließlich in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, -der erschienen war, half nach Möglichkeit aus, aber er war kein -Damenmann, noch weniger ein Causeur, und so kam es denn, -daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster -aufblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er nicht -kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben -und sollte den andern Tag schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen -umstellten Privatfriedhofe, den sich Katzler -zwischen Garten und Wald angelegt hatte, begraben werden. -Es war das vierte Töchterchen in der Reihe; jede lag in einer -Art Gartenbeet und hatte, wie ein Samenkorn, dessen Aufgehen -man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der -Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen war, war -Ermyntrud, wie gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung -zu folgen. »Ich wünsche nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen -Pflichten entziehst, auch heute nicht, trotz des -Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten. -Und die Barbyschen Damen – ich erinnere mich der Familie – -werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehn, in deinem -Erscheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist -genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über -kurz oder lang unsre nächste Nachbarin sein.« Aber Katzler war -fest geblieben und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span> -und daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt -werde. Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte -hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem Ausdruck, der sagen -zu wollen schien: »Ich weiß, daß ich meine Hand keinem Unwürdigen -gereicht habe.«</p> - -<p>Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, -war noch nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, -sich den Quaden-Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts -machte, herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koseleger vor, -sein etwas verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend. -Unmittelbar danach ging man zu Tisch, und ein Gespräch -leitete sich ein. Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen, -die, seit der neuen Kopenhagener Linie, den ihr von -früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich überwunden -habe. Jetzt heiße sie die »Apfelsinenbahn,« was doch kaum -noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten -Grafen und seine Besitzungen im Graubündischen über, endlich -aber auf den langen Aufenthalt der Familie drüben in England, -wo beide Töchter geboren seien.</p> - -<p>Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich -von Tisch erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über -eben dasselbe Thema beim Kaffee, der im Gartensalon und zwar -in einem Halbzirkel um den Kamin herum eingenommen -wurde, fortsetzte. Dubslav sprach sein Bedauern aus, daß ihn -in seiner Jugend der Dienst und später die Verhältnisse daran -gehindert hätten, England kennen zu lernen; es sei nun doch -mal das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien, auch für -die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut -verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft -zu, während andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen -von Ungeduld gab. England war ihr kein erfreuliches Gesprächsthema, -was selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte, -dabei zu verharren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span></p> - -<p>»Ich möchte mich,« fuhr Dubslav fort, »in dieser Angelegenheit -an unsern Herrn Superintendenten wenden dürfen. -Waren Sie drüben?«</p> - -<p>»Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr -zu meinem Bedauern. Und ich hätt es so leicht haben können. -Aber es ist immer wieder die alte Geschichte: was man in ein -paar Stunden und mitunter in ein paar Minuten erreichen kann, -das verschiebt man, eben weil es so nah ist, und mit einemmal -ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag im Haag, und von da -nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach Potsdam. -Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich -den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das könnt ich mir -verzeihn. Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das -viel zitierte Wort von dem ›in einem Tag mehr gewinnen, als -in des Jahres Einerlei‹ hinpaßt, so da drüben. Alles modern -und zugleich alles alt, eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig -da; mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der -Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen kaum noch -dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer verfeinerten -Sitte.«</p> - -<p>Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr -unangenehm berührt, besonders als sie sah, daß Melusine zu -dem, was Koseleger ausführte, beständig zustimmend nickte. -Schließlich wurd es ihr zu viel. »Alles, was ich da so höre,« -sagte sie, »kann mich für dieses Volk nicht einnehmen, und weil -sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so kalt und feucht -und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinauf, sind beinah -immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen nennen -mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wenn es dann -neblig ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, -und fallen zu Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie -geblieben sind. Denn, wie mir unser Rentmeister Fix, der -drüben war, aufs Wort versichert hat, sie stehen in keinem Buch<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span> -und haben auch nicht einmal das, was wir Einwohnermeldeamt -nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so gut wie gar -nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles fast noch blutig, -besonders das, was wir hier ›englische Beefsteaks‹ nennen. -Und kann auch nicht anders sein, weil sie so viel mit Wilden umgehn -und gar keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung -anzuschließen.«</p> - -<p>Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. -Die Domina aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: -»Fix ist ein guter Beobachter, auch von Sittenzuständen, und -einer ihrer Könige, worüber ich auch schon als Mädchen einen -Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen gehabt, meist Hofdamen. -Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat er wieder -nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und -sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal -ein Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als -alle weg waren, haben sie gewöhnliche Leute rangezogen und -ihnen die alten Namen gegeben, und wenn man denkt, es ist -ein Graf, so ist es ein Bäcker oder höchstens ein Bierbrauer. -Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre Schiffe sollen gut sein -und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon wie holländisch; -aber in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon -wieder an katholisch zu werden.«</p> - -<p>Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag -über England einsetzte, hatte sich mit einem »Schicksal, nimm -deinen Lauf« sofort resigniert. Woldemar aber war immer -wieder und wieder bemüht gewesen, einen Themawechsel eintreten -zu lassen, worin er vielleicht auch reüssiert hätte, wenn -nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser – entweder weil er als -ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges -Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst -angeregte Frage hinsichtlich »Natur und Sitte« (die sein -Steckenpferd war) gern weiterspinnen wollte – hielt an England<span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span> -fest und sagte: »Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, -daß gerade der mitunter schon an den Wilden grenzende -Naturmensch drüben in vollster Blüte steht. Und ich will das -auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber daneben begegnen -wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das ich, trotz -manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen -muß. Ich erinnere mich unter anderm eines gerade -damals geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag -lebte, meiner kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte -(High life-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand, -um den sich's dabei handelte, war so recht der Ausdruck eines -verfeinerten oder meinetwegen auch überfeinerten Kulturlebens. -So recht das Gegenteil von bloßem Naturburschentum. Es ist -freilich eine ziemlich lange Geschichte …«</p> - -<p>»Schade,« sagte Dubslav. »Aber trotzdem, – wenn überhaupt -erzählbar …«</p> - -<p>»O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste …«</p> - -<p>»Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos, -so mach ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß -neugierigen Damen, meine Schwester, die Domina, mit eingeschlossen. -Wie war es? Wie verlief die Geschichte, für die sich -eine kaiserliche Hoheit so lebhaft interessieren konnte?«</p> - -<p>»Nun, wenn es denn sein soll,« nahm Koseleger langsam -und wie bloß einer Pression nachgebend das Wort, »es lebte -da zu jener Zeit eine schöne Herzogin in London, die's nicht -ertragen konnte, daß die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergehen -wollten; Fältchen und Krähenfüße zeigten sich. In dieser -Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer ›plastischen Künstlerin‹, -die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend wiederherzustellen -wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, und die -Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die -Rechnung ein, ›die Bill‹, wie sie da drüben sagen. Es war eine -Summe, vor der selbst eine Herzogin erschrecken durfte. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span> -da die Künstlerin auf ihrer Forderung beharrte, so kam es zu -dem angedeuteten Prozeß, der sich alsbald zu einer <em class="antiqua">cause célèbre</em> -gestaltete.«</p> - -<p>»Sehr begreiflich,« versicherte Dubslav, und Melusine -stimmte zu.</p> - -<p>»Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und -als Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf -diesem Spezialgebiete der ›plastischen Kunst‹ vernommen. Alle -fanden die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg schien sich -rasch der Herzogin zuneigen zu wollen. Aber in eben diesem -Augenblicke trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an -den Vorsitzenden des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die -erschienenen Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer -der durch ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und Schönheit -richten zu wollen, eine Bitte, der der Oberrichter auch sofort -nachkam. Was darauf geantwortet wurde, lautete hinsichtlich -der Dauer sehr verschieden. Als aber, trotz der Verschiedenheit -dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr als ein Vierteljahr -zu garantieren wagte, wandte sich die Verklagte ruhig an -den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde: ›Meine -Herren Richter: meine Mitkünstlerinnen, wie Sie soeben vernommen -haben, helfen auf <em class="gesperrt">Zeit</em>; was ich leiste, ist, ›<em class="antiqua">beautifying -for ever</em>‹.‹ Und alles war von diesem Worte hingerissen, der -hohe Gerichtshof mit, und die Herzogin hatte die Riesensumme -zu zahlen.«</p> - -<p>»Und wäre dergleichen hierlandes möglich?« fragte Melusine.</p> - -<p>»Ganz unmöglich,« erwiderte der für alles Fremde schwärmende -Koseleger. »Es kann hier einfach deshalb nicht vorkommen, -weil uns der dazu nötige höhere Kulturzustand und -die dementsprechende Anschauung fehlt. In unserm guten -Preußen, und nun gar erst in unsrer Mark, sieht man in einem -derartigen Hergange nur das Karikierte, günstigstenfalls das<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span> -Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, -aus dem allein sich solche Dinge, die man im übrigen -um ihres Raffinements willen belächeln oder verurteilen mag, -entwickeln können.«</p> - -<p>Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav, -dem dergleichen immer einleuchtete, während die Domina von -»Horreur« sprach und sichtlich unmutig den Kopf hin und her -bewegte. Woldemar erneute natürlich seine Versuche, die -der Tante so mißfällige Konversation auf andres überzulenken, -bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren verschiedenster -Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den -englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina.</p> - -<p>»Ja, Gemüsebau,« sagte sie, »das ist eine wunderbare -Sache, daran hat man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist -eigentlich eine Gartengegend; unser Spargel ist denn auch weit -und breit der beste, und meine gute Schmargendorf hat Artischocken -gezogen so groß wie ne Sonnenblume. Freilich, es -will sie keiner so recht, und alle sagen immer: ›es dauert so -lange, wenn man so jedes Blatt nehmen muß, und eigentlich -hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so dick ist.‹ -Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen -Erdbeeren – ich meine natürlich nicht die Schimonski selber; -sie selber kann gar nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person -– und ein Berliner Händler kauft ihr alles ab, bloß daß die -Schnecken oft die Hälfte jeder Erdbeere wegfressen. Man sollte -nicht glauben, daß solche Tiere solchen feinen Geschmack haben. -Aber wenn es wegen der Schnecken auch unsicher ist, Dubslav, -du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es einschlägt, -ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr -davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn -mal sind sie billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, -und die schlechten werden einem berechnet und abgezogen, und -die Streiterei nimmt kein Ende.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span></p> - -<p>Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog sich zurück. -Der alte Dubslav ließ es sich nicht nehmen, die Damen persönlich -treppauf bis an ihre Zimmer zu führen und sich da unter -Handkuß von ihnen zu verabschieden. Es waren dieselben zwei -Räume, die vor gerad einem Vierteljahr Rex und Czako bewohnt -hatten, das größere Zimmer jetzt für Melusine, das -kleinere für Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor ihren -Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu tun machten, -sagte Melusine: »Dies Himmelbett ist also für mich. Wenn es -dir gleich ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse mir das -kleine Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tür -steht auf.«</p> - -<p>»Ja, Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann natürlich. -Aber ich verstehe dich nicht recht. Man will dich auszeichnen, -und wenn du das ablehnst, so kann es auffallen. Man -muß doch in einem Hause, wo man noch halb fremd ist, alles so -tun, wie's gewünscht wird.«</p> - -<p>Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen, -halb schelmisch an und sagte: »Natürlich hast du recht. Aber ich -bitte dich trotzdem darum. Und es braucht es ja auch keiner zu -merken. Direkte Kontrolle wird ja wohl ausgeschlossen sein, -und ich mache keine tiefere Kute wie du.«</p> - -<p>»Gut, gut,« lachte Armgard. »Aber sage, was soll das -alles? Du bist doch sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier -in dem ersten Zimmer, weil es so nah an der scharfen Flurecke -liegt, wirklich etwas ängstlich zumute sein sollte, nun, so können -wir ja zuriegeln.«</p> - -<p>»Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlössern -gibt es immer Tapetentüren. Und was <em class="gesperrt">das</em> hier angeht,« -und sie wies dabei auf das Bett, »alle Spukgeschichten sind -immer gerad in Himmelbetten passiert; ich habe noch nie gehört, -daß Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle herangetreten -wären. Und hast du nicht unten den <em class="antiqua">mistle-toe</em> gesehn? Mistelbusch<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span> -ist auch noch so Überbleibsel aus heidnischer Zeit her, bei -den alten Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch, -für den Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn ich -Tante Adelheid ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von -den Hühnern sprach und den Eiern. Alles so wendisch. Ich -glaube ja nicht eigentlich an Gespenster, wiewohl ich auch nicht -ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein möge, wenn ich mir -denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir eine -Erdbeere, die die Schnecken schon angeknabbert haben, so wäre -das mein Tod.«</p> - -<p>Armgard lachte.</p> - -<p>»Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn? -Und hast du ihre Stimme gehört? Und die Stimme, -wie du doch weißt, ist die Seele.«</p> - -<p>»Gewiß. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts -tun mit ihrer Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn -sie trotzdem kommt, nun, so rufst du mich.«</p> - -<p>»Am liebsten wär es mir, du bliebst gleich bei mir.«</p> - -<p>»Aber Melusine …«</p> - -<p>»Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das nicht gut -geht. Aber was anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder -vielleicht auch bloß ein Gesangbuch liegen sehn, da auf dem -Brettchen, wo die kleine Puppe steht. Beiläufig auch was -Sonderbares, diese Puppe. Bitte, nimm die Bibel von der -Etagere fort und lege sie mir hier auf den Nachttisch. Und das -Licht laß brennen. Und wenn du im Bett liegst, sprich immerzu, -bis ich einschlafe.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Achtundzwanzigstes_Kapitel">Achtundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück. Es -war ziemlich spät geworden, ohne daß Dubslav, wie das sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span> -wohl auf dem Lande Gewohnheit ist, ungeduldig geworden -wäre. Nicht dasselbe ließ sich von Tante Adelheid sagen. »Ich -finde das lange Wartenlassen nicht gerade passend, am wenigsten -Personen gegenüber, denen man Respekt bezeigen will. Oder -geh ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von Respektbezeigung -spreche?« So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert. Als -nun aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang -sich die Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem -Begrüßungsmorgen zu stellen pflegt. In aller Unbefangenheit -antworteten die Schwestern, am unbefangensten Melusine, die -bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte, daß sie nicht -umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr Bett zu legen.</p> - -<p>»Und mit der Absicht, drin zu lesen?«</p> - -<p>»Beinah. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte -so viel, freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte von der -Treppe her immer die Uhr schlagen und las dabei beständig das -Wort ›Museum‹. Aber das war natürlich schon im Traum. -Ich schlief schon ganz fest. Und heute früh bin ich wie der Fisch -im Wasser.«</p> - -<p>Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem Spezialfisch -suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaßt -hätte. Die Blicke seiner Schwester aber, die zu fragen schienen -»hast du gehört?« ließen ihn wieder davon abstehn, und nachdem -noch einiges über den großen Oberflur und seine Bilder -und Schränke gesprochen worden war, wurde, genau wie vor -einem Vierteljahr, wo Rex und Czako zu Besuch da waren, -ein Programm verabredet, das dem damaligen sehr ähnlich -sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Rückwege -die Kirche, vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das -»Museum«. Aber manches davon war unsicher und hing vom -Wetter ab. Nur den See wollte man unter allen Umständen -sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und Decken vorauszugehn -und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees<span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span> -mitzunehmen, lediglich für den Fall, daß die Damen vielleicht -Lust bezeigen sollten, die Sprudel- und Trichterstelle genauer -zu studieren. »Und wenn wir auf unserm Hofe keine Leute -haben, so geh ins Schulzenamt und bitte Rolf Krake, daß er -aushilft.«</p> - -<p>Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte, war -überrascht, in einem märkischen Dorfe dem Namen »Rolf Krake« -zu begegnen, und erfuhr denn auch alsbald den Zusammenhang -der Dinge. Sie war ganz enchantiert davon und sagte: -»Das ist hübsch. Aller aufgesteifter Patriotismus ist mir ein -Greuel, aber wenn er diese Formen annimmt und sich in Humor -und selbst in Ironie kleidet, dann ist er das Beste, was man -haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt, der -ist in sich eine Geschichte.« Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid -aber wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge -dieser ewigen Huldigungen sein. »Wenn man ein alter Major -ist, ist man eben ein alter Major und nicht ein junger Leutnant. -Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig Jahr a. D.«</p> - -<p>Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst auf den -Aussichtsturm zu steigen, und nachdem man von der obersten -Etage her die Waldlandschaft, die sich auch in ihrem -Schneeschmuck wundervoll ausnahm, gebührend bewundert und -dann den Abstieg glücklich bewerkstelligt hatte, passierte man den -Schloßhof mit der Glaskugel, um über den Dorfplatz fort in -die nach dem See hinunterführende große Straße einzubiegen. -Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur vor dem -Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper -vorausgeschickt hatte, mit seinen Plaids über dem Arm, neben -ihm Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm Uncke, -das Karabinergewehr über die Schulter gehängt.</p> - -<p>»Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit,« sagte Dubslav. -»Engelke kann ich auch mitrechnen, der regiert mich, is -also eigentlich die Feudalitätsspitze.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span></p> - -<p>Während dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe -herangetreten.</p> - -<p>»Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke, -Sie begleiten uns … Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unsern -Dorfherrscher vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger.«</p> - -<p>Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen -ab, Woldemar, Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; -Melusine schritt voran, Rolf Krake neben ihr.</p> - -<p>»Ich bin froh,« sagte Melusine, »Sie bei dieser Partie mit -dabei zu sehn. Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von -Ihnen erzählt, und daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen. -Und ich weiß auch Ihren Namen; das heißt den zweiten. Und -ich darf sagen, ich freue mich immer, wenn ich so was Hübsches -höre.«</p> - -<p>»Ach, Rolf Krake,« lachte Kluckhuhn. »Ja, Frau Gräfin, -wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das -heißt, von ›Schaden‹ darf ich eigentlich nicht reden, den hab ich -nicht so recht davon gehabt; ich bin nicht mal angeschossen -worden. Und doch is so was billig, wenn's erst losgeht.«</p> - -<p>»Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider immer -verschlossen oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch -ist das das eigentliche Leben. So immer bloß einsitzen und ein -bißchen Charpie zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein, -das macht glücklich. Es war aber trotzdem wohl ein eigenes -Gefühl, als Sie da so von Düppel nach Alsen rüberfuhren -und das unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht daneben lag.«</p> - -<p>»Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes Gefühl. -Und mitunter erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. -Und is auch nicht zu verwundern. Denn Rolf Krake war wie -ein richtiges Gespenst. Und wenn solch Gespenst einen packt, -ja, da ist man weg … Und dabei bleib ich, Frau Gräfin, -sechsundsechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht viel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span></p> - -<p>»Aber die großen Verluste …«</p> - -<p>»Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste, -Frau Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es -trifft, für den is es was. Aber ich meine jetzt das, was man -dabei so das Moralische nennt; und darauf kommt es an, nicht -auf die Verluste, nicht auf viel oder wenig. Wenn einer eine -Böschung raufklettert und nu steht er oben und schleicht sich -ran, immer mit nem Pulversack und nem Zünder in der -Hand, und nu legt er an, und nu fliegt alles in die Luft und er -mit. Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau -Gräfin, das ist was. Und das hat unser Pionier Klinke getan. -Der war moralisch. Ich weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von -ihm gehört haben, aber dafür leb ich und sterb ich: immer bloß -das Kleine, da zeigt sich's, was einer kann. Wenn ein Bataillon -ran muß un ich stecke mitten drin, ja, was will ich da machen? -Da muß ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin ich ein -Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß ›Muß‹, -und solche Mußhelden gibt es viele. Das is, was ich die großen -Kriege nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß -was Kleines, aber er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch -unser Feind war) dieser Rolf Krake.«</p> - -<p>So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete, -während Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem -Thema mehr in der Gegenwart standen.</p> - -<p>»Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg -hab ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow -is nu wohl schon im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege -natürlich jeden Tag meine Zeitung, aber es is mir immer zu -viel und das große Format und das dünne Papier. Da kuck ich -denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn schon gesprochen?«</p> - -<p>»Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel. -Un war auch kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen -eignen Leuten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span></p> - -<p>»Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben. Ich -meine das, was sie jetzt das Parlamentarische nennen. Das -schad't aber nichts und ist eigentlich egal. Wichtiger is, wie sie -hier in unserm Ruppiner Winkel, in unserm Rheinsberg-Wutz -über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm zufrieden?«</p> - -<p>»Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.«</p> - -<p>»Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nu mal so, das is -nicht zu ändern. In Frankreich heißt es immer gleich ›Verrat‹, -und hier sagen sie ›zweideutig‹. Da war auch einer von uns, -den ich nicht nennen will, von dem hieß es auch so …«</p> - -<p>»Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major. Und Pyterke, -der immer gut Bescheid weiß, der sagte mir schon damals in -Rheinsberg: ›Uncke, glauben Sie mir, da hat sich der Herr -Major eine Schlange an seinem Busen großgezogen.‹«</p> - -<p>»Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke. Der spricht -immer so gebildet. Aber is es auch richtig?«</p> - -<p>»Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken immer -das Gute von nem Menschen, weil Sie so viel zu Hause -sitzen und selber so sind. Aber wer so rum kommt wie ich. -Alle lügen sie. Was sie meinen, das sagen sie nich, und was -sie sagen, das meinen sie nich. Is kein Verlaß mehr; alles -zweideutig.«</p> - -<p>»Ja, so rund raus, Uncke, das war früher, aber das geht -jetzt nicht mehr. Man darf keinem so alles auf die Nase binden. -Das is eben, was sie jetzt ›politisches Leben‹ nennen.«</p> - -<p>»Ach, Herr Major, das mein ich ja gar nicht. Das Politische -… Jott, wenn einer sich ins Politische zweideutig macht, -na, dann muß ich ihn anzeigen, das is Dienst. Darum gräm -ich mich aber nich. Aber was nich Dienst is, was man so bloß -noch nebenbei sieht, das kann einen mitunter leid tun. So bloß -als Mensch.«</p> - -<p>»Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? Wenn -man Sie so hört, da sollte man ja wahrhaftig glauben, es ginge<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span> -zu Ende … Nu ja, in der Welt draußen, da klappt nich immer -alles. Aber so im Schoß der Familie …«</p> - -<p>»Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem Schoß -der Familie, da is es ja gerad am schlimmsten. Und sogar in -dem jüdischen Schoß, der doch immer noch der beste war.«</p> - -<p>»Beispiele, Uncke, Beispiele.«</p> - -<p>»Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu geben, -unsern guten alten Baruch Hirschfeld in Gransee. Frommer -alter Jude …«</p> - -<p>»Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat -nen Sohn, und mit dem is er mitunter verschiedner Meinung. -Aber dagegen is doch nicht viel zu sagen; das is in der ganzen -Welt so. Der Alte hängt noch am Alten, und der Junge, nu, -der is eben ein Jungscher und bramarbasiert ein bißchen. Ich -weiß nicht recht, zu welcher Partei er sich hält, er wird aber wohl -für Torgelow gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht? -Das tun jetzt viele. Daran muß man sich gewöhnen. Das is -eben das Politische.«</p> - -<p>»Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei -diesem Isidor is es nicht das Politische. Komme ja jeden dritten -Tag hin und seh den Alten in seinem Laden und höre, was er -da red't und red't. Und der Junge red't auch und red't immer -vons ›Prinzip‹. Das Prinzip is ihm aber egal. Er will bloß -mogeln und den Alten an die Wand drücken. Und das ist das, -was ich das Zweideutige nenne.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte -genommen. Als sie bis in die Nähe der Seespitze gekommen -waren, immer unter einem verschneiten Buchen- und Eichengange -hin, wurden sie durch ein Geräusch wie von brechenden -kleinen Ästen aufmerksam gemacht, und ihr Auge nach oben -richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen -spielten und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span> -sprangen. Die Zweige knickten, und der Schnee stäubte hernieder. -Armgard mochte sich von dem Schauspiel nicht trennen, -lachte, wenn die momentan verschwundenen Tierchen mit einem -Male wieder zum Vorschein kamen, und gab ihre Beobachtung -erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich, aber doch -ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu ihr -bemerkte: »Ja, Komtesse, die springen; es sind eben Eichhörnchen.« -Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht, -von der aus man den besten Blick auf den zugefrorenen -See hatte. Das Eis zeigte sich hoch mit Schnee bedeckt, aber -in seiner Mitte war doch schon eine gefegte Stelle, zu der vom -Ufer her eine schmale, gleichfalls freigeschaufelte Straße hinüberführte. -Engelke legte die Decken über die Bank, und die -Damen, die von dem halbstündigen und zuletzt etwas ansteigenden -Wege müde geworden waren, nahmen alle drei -Platz, während sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu -beiden Seiten der Bank aufstellten. Dubslav dagegen plazierte -sich in Front und machte, während er einen landläufigen -Führerton anschlug, den Cicerone. »Hab die Ehr, Ihnen hier -die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß Stechlin zu -präsentieren, unsern See, <em class="gesperrt">meinen</em> See, wenn Sie mir das -Wort gestatten wollen. Alle möglichen berühmten Naturforscher -waren hier und haben sich höchst schmeichelhaft über -den See geäußert. Immer hieß es: ›es stehe wissenschaftlich -fest.‹ Und das ist jetzt das Höchste. Früher sagte man: ›es -steht in den Akten‹. Ich lasse dabei dahingestellt sein, wovor -man sich tiefer verbeugen muß.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Melusine, »das ist nun also der große Moment. -Orientiert bin ich. Aber wie das mit allem Großen geht, ich -empfinde doch auch etwas von Enttäuschung.«</p> - -<p>»Das ist, weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin. Wenn -Sie die offene Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung -stünden: ›jetzt bildet sich der Trichter und jetzt steigt es herauf‹,<span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span> -so würden Sie mutmaßlich nichts von Enttäuschung empfinden. -Aber jetzt! Das Eis macht still und duckt das Revolutionäre. -Da kann selbst unser Uncke nichts notieren. Nicht wahr, Uncke?«</p> - -<p>Uncke schmunzelte.</p> - -<p>»Im übrigen seh ich zu meiner Freude – und das verdanken -wir wieder unserm guten Kluckhuhn, der an alles denkt -und alles vorsieht –, daß die Schneeschipper auch ein paar -ihrer Pickäxte mitgebracht haben. Ich taxiere das Eis auf nicht -dicker als zwei Fuß, und wenn sich die Leute dran machen, so -haben wir in zehn Minuten eine große Lune, und der Hahn, -wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus seiner Tiefe herauf. -Befehlen Frau Gräfin?«</p> - -<p>»Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für solche Geschichten -und bin glücklich, daß die Familie Stechlin diesen See hat. -Aber ich bin zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen -ins Elementare. Die Natur hat jetzt den See überdeckt; -da werd ich mich also hüten, irgendwas ändern zu -wollen. Ich würde glauben, eine Hand führe heraus und -packte mich.«</p> - -<p>Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger -geworden und rückte mit Ostentation von Melusine weg, mehr -der Banklehne zu, wo, halb wie das gute Gewissen, halb wie die -göttliche Weltordnung, Uncke stand und durch seine bloße -Gegenwart den Gemütszustand der Domina wieder beschwichtigte. -Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend, forschend und -vorwurfsvoll auf ihren Bruder.</p> - -<p>Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele vorging. -Es erheiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte ihn -doch auch. Wenn diese Gefühle wuchsen, wohin sollte das -führen? Die Möglichkeit einer schrecklichen Szene, die sein -Haus mit einer nicht zu tilgenden Blame behaftet hätte, -trat dabei vor seine Seele.</p> - -<p>Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span> -Viertelstunde lag ein grauer Ton über der Landschaft, und -plötzlich fielen Flocken, erst vereinzelte, dann dicht und reichlich. -Den Weg bis Globsow fortzusetzen, daran war unter diesen -Umständen gar nicht mehr zu denken, und so brach man denn -auf, um ins Schloß zurückzukehren. Auch auf einen Besuch in -der Kirche, weil es da zu kalt sei, wurde verzichtet.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Neunundzwanzigstes_Kapitel">Neunundzwanzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden, -aber doch nur bis an die Dorfstraße. Hier teilte man sich in -drei Gruppen, eine jede mit verschiedenem Ziel: Dubslav, -Tante Adelheid und Armgard gingen auf das Herrenhaus, -Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt, Woldemar -und Melusine dagegen auf die Pfarre zu. Woldemar -freilich nur bis an den Vorgarten, wo er sich von Melusine -verabschiedete.</p> - -<p>Lorenzen, so lang er Woldemar und Melusine sich seiner -Pfarre nähern sah, hatte verlegen am Fenster gestanden, kam -aber, als das Paar sich draußen trennte, so ziemlich wieder zu -sich. Er war nun schon so lange jeder Damenunterhaltung -entwöhnt, daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin zunächst nur -Verlegenheit schaffen konnte; wenn's denn aber durchaus sein -mußte, so war ihm ein Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber, -als eine Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den -Flur entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach -ihr – weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte – ganz -aufrichtig seine Freude aus, sie in seiner Pfarre begrüßen zu -dürfen. »Und nun bitt ich Sie, Frau Gräfin, sich's unter -meinen Büchern hier nach Möglichkeit bequem machen zu -wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube, mit einem -dezenten Teppich und einem kalten Ofen; aber ich könnte das<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span> -gesundheitlich nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens -eine gute Temperatur.«</p> - -<p>»Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur! -Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch -so selten. Ich kenne Häuser, wo, wenn Sie den Widersinn -verzeihen wollen, der kalte Ofen gar nicht ausgeht. Aber erlassen -Sie mir gütigst den Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu -noch nicht ›alte Dame‹ genug und möcht auch gern <em class="antiqua">en vue</em> -der beiden Bilder bleiben, trotzdem ich das eine davon schon so -gut wie kenne.«</p> - -<p>»Die Kreuzabnahme?«</p> - -<p>»Nein! das andre.«</p> - -<p>»Die Lind also?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie -gesehn?«</p> - -<p>»Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, während -ich von Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß. -Das war auf einer Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten -Eierhäuschen machten, und der Ausplauderer über -das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zögling -Woldemar, auf den Sie stolz sein können. Er freilich würde -den Satz umkehren, oder sage ich lieber, er tat es. Denn er -sprach mit solcher Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag -an auch herzlich liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen. -Ein Glück nur, daß er sich draußen verabschiedet hat und nicht -hören kann, was ich hier sage …«</p> - -<p>Lorenzen lächelte.</p> - -<p>»Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da -sie nun mal gemacht sind und man nie weiß, wann und wie -man wieder zusammenkommt, so lassen Sie mich darin fortfahren. -Woldemar erzählte mir – Pardon für meine Indiskretion -– von Ihrer Schwärmerei für die Lind. Und da<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span> -horchten wir denn auf und beneideten Sie fast. Nichts beneidenswerter -als eine Seele, die schwärmen kann. Schwärmen -ist fliegen, eine himmlische Bewegung nach oben.«</p> - -<p>Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige -Dame aus der Gesellschaft.</p> - -<p>»Und um es kurz zu machen,« fuhr Melusine fort, »Woldemar -sprach bei dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe« -(und dabei wies sie lächelnd auf das Bildchen der Lind) »so auch -von Ihrer letzten – nein, nein, nicht von Ihrer letzten; <em class="gesperrt">Sie</em> -werden immer eine neue finden –, sprach also von Ihrer Begeisterung -für den herrlichen Mann da weit unten am Tajo, von -Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er ausgesprochen -hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um -den ›<em class="antiqua">Un Santo</em>‹ geschart und einen geheimen Bund geschlossen. Erst -um den ›<em class="antiqua">Un Santo</em>‹ und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag -ich Sie, wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne sie -gar nicht existierte? Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich -bin, denk ich, dem Tage nahe, der mich ahnen läßt, daß unsre -Prüfungen auch unsre Segnungen sind und daß mir alles Leid nur -kam, um den Stab, der trägt und stützt, fester zu umklammern. Ich -darf leider nicht hinzusetzen, daß dieser Stab (möglich, daß er sich -einst dazu auswächst) das Kreuz sei. Meiner ganzen Natur nach -bin ich ungläubig. Aber ich hoffe sagen zu dürfen: ich bin -wenigstens demütig.«</p> - -<p>»Wenigstens demütig,« wiederholte Lorenzen langsam, zugleich -halb verlegen vor sich hinblickend, und Melusine, die -Zweifel, die sich in der Wiederholung dieser Worte ziemlich -deutlich aussprachen, mit scharfem Ohre heraushörend, fuhr in -plötzlich verändertem und beinah heiterem Tone fort: »Wie -grausam Sie sind. Aber Sie haben recht. Demütig. Und daß -ich mich dessen auch noch berühme. Wer ist demütig? Wir -alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber -das darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span></p> - -<p>»Und schon <em class="gesperrt">der</em> gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist Demut -nicht genug; sie schafft nicht, sie fördert nicht nach außen, sie -belebt kaum.«</p> - -<p>»Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie -mit dem Egoismus aufräumt. Wer die Staffel hinauf will, -muß eben von unten an dienen. Und soviel bleibt, es birgt -sich in ihr die Lösung jeder Frage, die jetzt die Welt bewegt. -Demütig sein heißt christlich sein, christlich in meinem, vielleicht -darf ich sagen in <em class="gesperrt">unsrem</em> Sinne. Demut erschrickt vor dem -zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist duldsam, weil er weiß, -wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf; wer demütig ist, der -sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im -Menschen.«</p> - -<p>»Ich kann Ihnen zustimmen,« lächelte Lorenzen. »Aber -wenn ich, Frau Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind -diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was andrem. Sie -halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer -Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas Spezielles und -beinah Praktisches.«</p> - -<p>»Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben. -Es ist so. Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her, -von Ihrem See, dem Besten, was Sie hier haben. Ich habe -mich dagegen gewehrt, als das Eis aufgeschlagen werden sollte, -denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das, was sich -verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere das Gegebene. Daneben -aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende -wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. -Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, -aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor -allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang -der Dinge nie vergessen. Sich abschließen heißt -sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf -an, daß wir gerade <em class="gesperrt">das</em> beständig gegenwärtig haben. Mein<span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span> -Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen -edeln Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen -Charakter hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft -bestimmbar. Er ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich -gegen abweichende Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile -wehren zu können. Er bedarf der Stütze. Diese Stütze -sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen. -Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ›Seien Sie's ferner.‹«</p> - -<p>»Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren -Dienst trete, gnädigste Gräfin. Und ich kann es um so leichter, -als Ihre Ideale, wie Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich -lebe darin und empfind es als eine Gnade, da, wo das Alte -versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um ein solches -›Neues‹ handelt es sich. Ob ein solches ›Neues‹ sein soll (weil -es sein muß), oder ob es <em class="gesperrt">nicht</em> sein soll, um diese Frage dreht -sich alles. Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher -Leute, die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte – das -Kirchliche voran (leider nicht das Christliche) – müsse verteidigt -werden wie der salomonische Tempel. In unserer Obersphäre -herrscht außerdem eine naive Neigung, alles ›Preußische‹ -für eine höhere Kulturform zu halten.«</p> - -<p>»Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit -willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive -Glaube nicht eine gewisse Berechtigung hat?«</p> - -<p>»Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht -anders sein. Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das -Alte besteht darin, daß die Menschen nicht mehr durch ihre -Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt werden. -Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten nach allen -Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war -man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber; -jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr -sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span></p> - -<p>»Und beinah auch umgekehrt,« lachte Melusine. »Doch -lassen wir dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör ich ein Wort -von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen, -über unsre Gesamtanschauungsweise, deren besondere -Zulässigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrücklich anzweifeln.«</p> - -<p>»Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel -nicht so sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens -daran. Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes -und Überlegenes und deshalb, wenn's sein kann, für etwas -ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme. Was -mal galt, soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein -Gutes oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist aber unmöglich, -auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer gewissen -Herrlichkeitsvorstellung entspräche … Wir haben, wenn wir -rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk -sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die -unter dem Soldatenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender -Mann, seiner Zeit wunderbar angepaßt und ihr zugleich -voraus. Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert, er hat auch, -was viel wichtiger, die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen -und an die Stelle von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft -und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt, -Gerechtigkeit, das war sein bester ›<em class="antiqua">rocher de bronce</em>‹.«</p> - -<p>»Und dann?«</p> - -<p>»Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht -lange mehr auf sich warten, und das seiner Natur und seiner -Geschichte nach gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male -von Genie durchblitzt.«</p> - -<p>»Muß das ein Staunen gewesen sein.«</p> - -<p>»Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. -Anstaunen ist auch eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes -als groß zu begreifen … Und dann kam die dritte Zeit. Nicht -groß und doch auch wieder ganz groß. Da war das arme,<span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span> -elende, halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie, -wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben -an die höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der -Freiheit.«</p> - -<p>»Gut, Lorenzen. Aber weiter.«</p> - -<p>»Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein -Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter -geistig und moralisch gewiß. Aber der ›<em class="antiqua">Non soli cedo</em>-Adler‹ -mit seinem Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und -die Begeisterung ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, -längst Abgestorbenes, ich muß es wiederholen, soll neu erblühn. -Es tut es nicht. In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal -wieder, aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen; -wir können die römischen Kaiserzeiten, Gutes und -Schlechtes, wieder haben, aber nicht das spanische Rohr aus -dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von -Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was -einmal Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus -der modernen Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, -verschwinden die Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich -beständig vermehren) und wenn sie nicht selbst verschwinden, -so schwindet doch das Interesse daran. Und mit dem Interesse -das Prestige. An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker, -und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als -du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet -und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben, -aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, -und anstatt sich in diese Tatsache zu finden, versucht es unser -Regime, dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu -geben.«</p> - -<p>»Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's? -Sie sprachen von ›Regime‹. Wer ist dies Regime? Mensch -oder Ding? Ist es die von alter Zeit her übernommene Maschine,<span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span> -deren Räderwerk tot weiterklappert, oder ist es der, -der an der Maschine steht? Oder endlich, ist es eine bestimmte -abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine -zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen, -klingt eine sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den -Adel? Stehen Sie gegen die ›alten Familien‹?«</p> - -<p>»Zunächst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die -alten Familien und möchte beinah glauben, jeder liebt sie. -Die alten Familien sind immer noch populär, auch heute noch. -Aber sie vertun und verschütten diese Sympathien, die doch -jeder braucht, jeder Mensch und jeder Stand. Unsre alten -Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, ›daß es -ohne sie nicht gehe‹, was aber weit gefehlt ist, denn es geht -sicher auch ohne sie; – sie sind nicht mehr die Säule, die das -Ganze trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl -noch lastet und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen -kann. Wohl möglich, daß aristokratische Tage mal wiederkehren, -vorläufig, wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen einer -demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an. -Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch -nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr -Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. -Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Woldemar -angeht, <em class="gesperrt">meiner</em> sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt -freilich, als Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für <em class="gesperrt">die</em> müssen -<em class="gesperrt">Sie</em> die Bürgschaft übernehmen. Die Frauen bestimmen -schließlich doch alles.«</p> - -<p>»So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es zu -glauben. Aber das führt uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig -Ihre Hand zur Besieglung. Und nun erlauben Sie mir, -nach diesem unserm revolutionären Diskurse, zu den Hütten -friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei dem -alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne<span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span> -darauf, daß Sie mich, wenn nicht bis ins ›Museum‹ selbst -(das dem Programm nach besucht werden sollte), so doch -wenigstens bis auf die Schloßrampe begleiten.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Dreissigstes_Kapitel">Dreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum -Schloß plauderten beide weiter, wenn auch über sehr andere -Dinge.</p> - -<p>»Was ist es eigentlich mit diesem ›Museum‹?« fragte -Melusine; »kann ich mir doch kaum was Rechtes darunter -vorstellen. Eine alte Papptafel mit Inschrift hängt da schräg -über der Saaltür, alles dicht neben meinem Schlafzimmer, -und ich habe mich etwas davor geängstigt.«</p> - -<p>»Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel, -die freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur -andeuten, daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen -Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei -Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen. Und -Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsamkeiten begegnen. -Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches -Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr -von Stechlin anfänglich aus war.«</p> - -<p>»Und das war?«</p> - -<p>»Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl -schon zwanzig Jahre sein, da las er eines Tages in der Zeitung -von einem Engländer, der historische Türen sammle und neuerdings -sogar für eine enorme Summe, ich glaube es waren -tausend Pfund, die Gefängnistür erstanden habe, durch die -Ludwig <em class="antiqua">XVI.</em> und dann später Danton und Robespierre zur -Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz -machte solchen Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span> -Schloßherrn, daß er auch solche historische Türensammlung anzulegen -beschloß. Er ist aber nicht weit damit gekommen und -hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster begnügen müssen. -an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur Enthauptung -vorübergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die -meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält -noch daran fest.«</p> - -<p>»Krippenstapel?«</p> - -<p>»Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser -Lehrer hier, Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei -Dingen. Der hat ihm denn auch das gegenwärtige ›Museum‹, -das man als Abschlagszahlung auf die ›historischen Türen‹ -ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem angezweifelten -Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen -finden und vor allem viele Wetterhähne, die von alten -märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige -sollen ganz interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. -Aber Krippenstapel hat einen Katalog angefertigt.«</p> - -<p>Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, -auf der Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete. -Lorenzen empfahl sich. Aber auch Melusine wollte nicht -gleich ins Museum hinauf, zog es vielmehr vor, erst unten in -das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen.</p> - -<p>Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, -was der Gräfin gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.</p> - -<p>»Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und -auch Kienäpfel. Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt. -Und oben im ›Museum‹ wird es wohl noch kalt sein.«</p> - -<p>»Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na, -das ging am Ende noch, und der viele Staub, der oben liegt, -das ginge vielleicht auch noch; Staub wärmt. Und die Dachtraufen -und Wetterhähne tun auch keinem Menschen was …«</p> - -<p>»Aber was ist denn sonst noch?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span></p> - -<p>»Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die Spinnen …«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Spinnen?« erschrak Melusine.</p> - -<p>»Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind -nich dabei. Solche mit'm Kreuz oben hab ich bei uns noch -nicht gesehn. Bloß solche, die Schneider heißen.«</p> - -<p>»Ach, das sind die, die die langen Beine haben.«</p> - -<p>»Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts. -Und eigentlich sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich, -wenn sie hören, daß aufgeschlossen wird, und bloß wenn -Krippenstapel kommt, dann kommen sie alle raus un kucken sich -um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut, und ich hab auch -mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt, und machen sich -dann gleich drüber her.«</p> - -<p>»Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?«</p> - -<p>»O, sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal so was -sagte, sagte er: ›Ja, Engelke, das is nu mal so; einer frißt den -andern auf.‹«</p> - -<p>Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte -Melusine: »Nun, Engelke, ist es aber wohl die höchste Zeit -für das Museum, sonst komm ich zu spät und seh und höre gar -nichts mehr. Ich bin nun auch wieder warm geworden.« -Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe hinauf und klopfte. -Sie wollte nicht gleich eintreten.</p> - -<p>Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet, -und Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte -sich und trat zurück, um den Platz freizugeben. Aber -Melusine, deren Angst vor ihm wiederkehrte, zauderte, was -eine momentane Verlegenheit schuf. Inzwischen war aber -auch Dubslav herangekommen. »Ich fürchtete schon, daß -Lorenzen Sie nicht herausgeben würde. Seine Gelegenheiten, -hier in Stechlin ein Gespräch zu führen, sind nicht groß, und nun -gar ein Gespräch mit Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig<span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span> -gemacht. Jetzt aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau; -vielleicht daß Lorenzen schon geplaudert hat oder gar Engelke.«</p> - -<p>»So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein Küstriner -Schloßfenster, ein paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne -– lauter Gegenstände (denn ich bin auch ein bißchen -fürs Aparte), zu deren Auswahl ich Ihnen gratuliere.«</p> - -<p>»Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne sonderlich -überrascht zu sein. Ich wußte, Damen wie Gräfin Ghiberti -haben Sinn für derlei Dinge. Darf ich Ihnen übrigens zunächst -hier diesen Lebuser Bischof zeigen und hier weiter einen -Heiligen oder vielleicht Anachoreten? Beide, Bischof und -Anachoret, sind sehr unähnlich untereinander, schon in bezug -auf Leibesumfang, – der richtige Gegensatz von Refektorium -und Wüste. Wenn ich den Heiligen hier so sehe, taxier ich ihn -höchstens auf eine Dattel täglich. Und nun denk ich, wir fahren -in unsrer Besichtigung fort. Krippenstapel war nämlich eben -dabei, der Komtesse Armgard unsern Derfflingerschen Dragoner -mit der kleinen Standarte und der Jahreszahl 1675 zu -zeigen. Bitte, Gräfin Melusine, bemerken Sie hier die Zahl, -dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt, wie wenn -er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle. -Daß es ein Dragoner ist, ist klar; der Filzhut mit der breiten -Krempe hebt jeden Zweifel, und ich hab es für mein gutes Recht -gehalten, ihn auch speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen. -Aber mein Freund Krippenstapel will davon nichts -wissen, und wir liegen darüber seit Jahr und Tag in einer -ernsten Fehde. Glücklicherweise unsre einzige. Nicht wahr, -Krippenstapel?«</p> - -<p>Dieser lächelte und verbeugte sich.</p> - -<p>»Die beiden Damen,« fuhr Dubslav fort, »mögen aber -nicht etwa glauben, daß ich mich für berechtigt halte, die freie -Wissenschaft hier in meinem Museum in Banden zu schlagen. -Grad umgekehrt. Ich kann also nur wiederholen: ›Krippenstapel,<span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span> -Sie haben das Wort.‹ Und nun bitte, setzen Sie den -Damen Ihrerseits auseinander, warum es nach ganz bestimmten -Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher <em class="gesperrt">nicht</em> sein kann. -Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht, und die großen -Gobelins lassen einen im Stich und beweisen gar nichts.«</p> - -<p>Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand -des Streits bildende Wetterfahne wieder in die Hand -genommen, und als er sah, daß die Gräfin – die, wie das in -ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten noch so gefürchteten -›Fliegentöter‹ längst in ihr Herz geschlossen hatte – ihm freundlich -zunickte, ließ er auf Geltendmachung seines Standpunktes -auch nicht lange mehr warten und sagte: »Ja, Frau Gräfin, -der Streit schwebt nun schon so lange, wie wir den Dragoner -überhaupt haben, und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst -in das gegnerische Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband -stehn, übergegangen, wenn er nicht an meiner wissenschaftlichen -Ereiferung seine beständige Freude hätte. Tucheband, -einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht vorbeischießt, -hat auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen. -Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen, von wo diese -Wetterfahne stammt. Sie stammt aus dem wenigstens damals -noch der alten Familie von Mörner zugehörigen Dorfe -Zellin in der Neumark. Das Regiment aber, das sich bei Fehrbellin -vor allen andern auszeichnete, war das Dragonerregiment -Mörner. Es ist also kein Derfflingerscher, sondern -ein Mörnerscher Dragoner, der, in fliegender Eile, die Nachricht -von dem erfochtenen Siege nach Zellin bringt.«</p> - -<p>»Bravo,« sagte Melusine. »Wenn ich je eine richtige Schlußfolgerung -gehört habe (die meisten sind Blender), so haben wir -sie hier. Herr von Stechlin, ich kann Ihnen nicht helfen, Sie -sind besiegt.«</p> - -<p>Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die Hand, -ohne sich um die mißbilligenden Blicke seiner Schwester zu<span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span> -kümmern, die jetzt ihrerseits auf endliche Vorführung der ›beiden -Mühlen‹ drang, ihrer zwei Lieblingsstücke. Diese beiden -Mühlen, so versicherte sie, seien das einzige, was hier überhaupt -einen Anspruch auf ›Museum‹ erheben dürfe. Beinah -war es wirklich so, wie selbst Krippenstapel zugab, trotzdem sich, -bis wenigstens ganz vor kurzem, nichts von historischer Kontroverse -(die doch schließlich immer die Hauptsache bleibt) daran -geknüpft hatte. Neuerdings freilich hatte sich das geändert. -Zwei Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die -Mühlen in Streit geraten, speziell über ihren Ursprungsort. -Zwar hatte man sich vorläufig dahin geeinigt, daß die Wassermühle -holländisch, die Windmühle dagegen (eine richtige alte -Bockmühle) eine Nürnberger Arbeit sei; Krippenstapel aber hatte -bei diesem Friedensschlusse nur gelächelt. Er war viel zu sehr -ernster Wissenschaftsmensch, als daß er nicht hätte herausfühlen -sollen, wie diese sogenannte ›Beilegung‹ nichts als eine Verkleisterung -war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten stand nahe -bevor.</p> - -<p>Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen, da beide -Schwestern, Armgard wie Melusine, wie Kinder vor einem -Lieblingsspielzeug, in einem ganz ausbündigen Vergnügen -aufgingen. Die Windmühle klapperte, daß es eine Lust war, -und das Rad der Wassermühle, wenn es grad in der Sonne -blitzte, gab einen solchen Silberschein, daß es aussah, als fiele -das blinkende Wasser wirklich über die Schaufelbretter. All -das wurde gesehn und bewundert, und was nicht gesehn wurde, -nahm man auf Treu und Glauben mit in den Kauf. Von -den Spinnen kam keine zum Vorschein; nur hier und da hingen -lange graue Gewebe, was jedoch nur feierlich aussah, und als -Mittag heran war, verließ man das »Museum«, um sich erst -eine Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die -Gräfin aber, ehe sie den großen, wüsten Raum verließ, trat -noch einmal an Krippenstapel heran, um ihn, unter gewinnendstem<span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span> -Lächeln, zu bitten, ihr, sobald ein ernsterer Streit über die -beiden Mühlen entbrennen sollte, die betreffenden Schriftstücke -nicht vorzuenthalten.</p> - -<p>Krippenstapel versprach alles.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon eine -Viertelstunde vorher erschien Lorenzen und traf den alten -Dubslav in einer gewissen stattlichen Herrichtung an oder, wie -er sich selbst zu Engelke geäußert hatte, »ganz feudal«.</p> - -<p>»Ach, das ist gut, Lorenzen, daß Sie schon kommen. Ich -habe noch allerhand auf dem Herzen. Es muß doch was geschehn, -eine richtige Begrüßung (denn das gestern abend war -zu wenig) oder aber ein solennes Abschiedswort, kurzum irgendwas, -das in das Gebiet der Toaste gehört. Und da müssen Sie -helfen. Sie sind ein Mann von Fach, und wer jeden Sonntag -predigen kann, kann doch schließlich auch ne Tischrede halten.«</p> - -<p>»Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter -ist eine Tischrede leicht und eine Predigt schwer, aber es kann -auch umgekehrt liegen. Außerdem, wenn Sie sich nur erst mit -dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß es so sein muß, -dann geht es auch. Sie werden sehn, das Herz, wie immer, -macht den Redner. Und dazu diese Damen, beide von so seltener -Liebenswürdigkeit. Was die Gräfin angeht …«</p> - -<p>»Ja,« lachte der Alte, »was die Gräfin angeht … Sie -machen sich's bequem, Pastor. Die Gräfin, – wenn sich's -um die handelte, da könnt ich's vielleicht auch. Aber die Komtesse, -die hat so was Ernstes. Und dann ist sie zum übrigen -auch noch meine Schwiegertochter oder soll es wenigstens -werden, und da muß ich doch sprechen wie ne Respektsperson. -Und das ist schwer, vielleicht, weil sich in meiner Vorstellung -die Gräfin immer vor die Komtesse schiebt.«</p> - -<p>Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm nichts; -Lorenzen war in seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so<span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span> -kam denn die Tisch- und endlich auch die gefürchtete Redezeit -heran. Der Alte hatte sich schließlich drin gefunden. »Meine -lieben Gäste,« hob er an, »geliebte Braut, hochverehrte Brautschwester! -Ein andres Wort, um meine Beziehungen zu Gräfin -Melusine zu bezeichnen, hat vorläufig die deutsche Sprache nicht, -was ich bedaure. Denn das Wort sagt mir lange nicht genug. -Wenige Stunden erst ist es, daß ich Sie, meine Damen, an -dieser Stelle begrüßen durfte, noch kein voller Tag, und schon -ist der Abschied da. Währenddem hab ich kein ›Du‹ beantragt, -aber es liegt doch in der Luft, mehr noch auf meiner Lippe … -Teuerste Armgard! dies alte Haus Stechlin also soll Ihre dereinstige -Heimstätte werden; Sie werden sie zu neuem Leben erheben. -Unter meinem Regime war es nicht viel damit. Auch -heute nicht. Ich habe nur das gute Gewissen, Ihnen während -dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu haben, was gezeigt -werden konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle -(die Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber mein -Derfflingerscher Dragoner – in Krippenstapels Abwesenheit -darf ich ihn ja wieder so nennen – hat dafür um so deutlicher -zu Ihnen gesprochen. Er hat die Zahl 1675 in seiner Standarte -und trägt die Siegesnachricht von Fehrbellin ins märkische Land. -Erleb ich's noch und gibt Krippenstapel seine Zustimmung, so -stell ich, kurz oder lang, auch meinerseits einen Dragoner auf -meinen Dachreiter (einen Turm hab ich nicht) und zwar einen -Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien und -Irland, und auch er trägt eine Siegesbotschaft ins Land. Nicht -die von Königgrätz und nicht die von Mars-la-Tour, aber die -von einem gleich gewichtigen Siege. Das Haus Barby lebe hoch -und meine liebe Schwiegertochter Armgard!«</p> - -<p>Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er an den -Alten herantrat, flüsterte er ihm zu: »Sehn Sie. Ich wußt -es.« Armgard küßte dem Alten die Hand, Melusine strahlte. -»Ja, die alte Garde!« sagte sie. Nur Schwester Adelheid konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span> -sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut zurechtfinden. Alle -Feierungen mußten eben das Maß halten, das sie vorschrieb. Sie -hatte den landesüblichen Zug: »Nur nicht zuviel von irgendwas, -am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung.«</p> - -<p>Als man wieder saß, sagte Melusine: »Krippenstapel wird -übrigens verstimmt sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hört. -Es war doch eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des -Derfflingerschen. Und was bei solcher Gelegenheit gesagt -wird, das gilt … Interessiert sich übrigens irgendwer für dies -Ihr Museum?«</p> - -<p>»Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst niemand.«</p> - -<p>»Was Sie verdrießt.«</p> - -<p>»Nein, gnädigste Gräfin. Nicht im geringsten. Ich nehme -nicht vieles ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft nehm ich -mein Museum. Es ist freilich von mir ausgegangen und interessierte -mich auch eine Weile; hinterher aber hat sich eigentlich -alles ohne mich gemacht. Das ist so die Regel. Ist überhaupt -erst ein Anfang da, so laufen die Dinge von selber weiter, und -die Leute lassen einen nicht wieder los, halten einen fest, man -mag wollen oder nicht. Ich hätte vielleicht alles schon längst -wieder aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen gereicht -es zur Befriedigung, mich für einen Querkopf halten zu können, -und andre sprechen wenigstens von Originalitätshascherei. -Man muß eben allerhand über sich ergehen lassen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Einunddreissigstes_Kapitel">Einunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen -Damen auf, um den Zug, der um sieben Uhr Gransee passierte, -nicht zu versäumen. Es dunkelte schon, aber der Schnee sorgte für -einen Lichtschimmer; so ging es über die Bohlenbrücke fort in die -Kastanienallee mit ihrem kahlen und übereisten Gezweige hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span></p> - -<p>Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte -sich, um wieder warm zu werden – auf der Rampe war's -kalt und zugig gewesen –, in die Nähe des Kamins, dem alten -Dubslav gegenüber. Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet -und sah behaglich in die Flamme, blieb aber ganz gegen -seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine dritte Person -da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die sich -auszulassen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich -nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante -Adelheid. <em class="gesperrt">Die</em> wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus -der Versuch einer Konversation gemacht werden, und so griff -denn Dubslav zu den Gundermanns hinüber, um in ein paar -Worten sein Bedauern darüber auszudrücken, daß er die Siebenmühlner -nicht habe mit heranziehn können. »Engelke sei so -sehr dagegen gewesen.« All dies Bedauern – wie's der ganzen -Sachlage nach nicht anders sein konnte – kam flau genug -heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß -ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche nur ganz leise, nur -ganz ohnehin streifende Worte schon zuwider waren. »Ach, -laß doch diese geborne Helfrich,« sagte sie, »diese Tochter von -dem alten Hauptmann, der die Schlacht bei Leipzig gewonnen -haben soll. So wenigstens erzählt sie beständig. Eine schreckliche -Frau, die gar nicht in unsre Gesellschaft paßt. Und dabei -so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn wir so mit Gewalt nach -oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das muß ich sagen, ist denn -doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte das Untersichbleiben -für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse, -aber bestimmt gezogene Grenzen.«</p> - -<p>Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr -umgekehrt, durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren -Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen. Als er aber sah, -daß er damit scheiterte, brach er auf.</p> - -<p>Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p> - -<p>Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur -dann und wann an den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee -her die Likörflaschen standen. Er wollte was sagen, traute -sich's aber nicht recht, und erst als er zu zwei Curaçaos auch -noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte er sich an -die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene -Kette hin und her zog.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, »jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.«</p> - -<p>»Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde -natürlich ausholen lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht -gerne langsam fahren.«</p> - -<p>»Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, -überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. -Das sollte mir leid tun. Ich bin sehr glücklich über die Partie. -Gewiß, sowohl die Gräfin wie die Komtesse sind verwöhnt; das -merkt man. Aber ich möchte sagen, je verwöhnter sie sind …«</p> - -<p>»Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich -liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.«</p> - -<p>»Nun, das ist nicht schlimm.«</p> - -<p>»Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. -Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorf in Berlin -und ging zu Josty, weil die Schmargendorf, die so was liebt, -gern eine Tasse Schokolade trinken wollte.«</p> - -<p>»Du hoffentlich auch.«</p> - -<p>»Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, -nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn -an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame, wenn es -überhaupt eine Dame war. Aber Engländer waren es. Er -steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider umgekrempelt, -und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut. -Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer -zitterte, trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.«</p> - -<p>»Ja, warum nicht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span></p> - -<p>»Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und -Kognak, und die Dame hielt außerdem noch eine Zigarette -zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein, -die sie blies.«</p> - -<p>»Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.«</p> - -<p>»Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.«</p> - -<p>»Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum -soll Melusine nicht rauchen?«</p> - -<p>»Weil Rauchen männlich ist.«</p> - -<p>»Und Schlachten weiblich … Ach, Adelheid, wir können -uns über so was nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, -aber du, du bist ja geradezu petrefakt.«</p> - -<p>»Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es -etwas ist, dessen du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar -genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch -(und hast so deine Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.«</p> - -<p>»Kann ich beinah sagen.«</p> - -<p>»Ich dacht es mir.«</p> - -<p>»Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt -eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. -Und im Kirchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, -steht sogar Adelheide. Das Schluß-›e‹ ist bei der schlechten Wirtschaft -in unserm Hause so mit drauf gegangen. Die Stechline -haben immer alles verurscht.«</p> - -<p>»Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.«</p> - -<p>»Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, -schon der alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen -Wörter nicht so streng sein und gegen Namen erst recht nicht, -da sitze manch einer in einem Glashause. Hältst du Rentmeister -Fix für einen schönen Namen? Und als ich noch bei den Kürassieren -in Brandenburg war, in meinem letzten Dienstjahr, -da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung, -der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span> -ich <em class="gesperrt">dem</em> gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin -Melusine, so hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe -vorstellen müssen oder als einen Kugelmann. Denn damals, -es war anno vierundsechzig, waren alle ›Briefbeschwerer‹ -bloß ›Kugelmänner‹: ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln -unten. Und natürlich ne Kartätschenkugel als Bauch -in der Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das -zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie'n Strich.«</p> - -<p>»Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst -da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage -Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will.«</p> - -<p>»Küss' die Hand …«</p> - -<p>»Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist -das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer -heißt, und überlass' es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann -sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine. Briefbeschwerer, -nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, -und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine -richtige Melusine. Alles an dieser Person …«</p> - -<p>»Ich bitte dich, Adelheid …«</p> - -<p>»Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein -soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie -gesehn. Und wenn ich mir dann unsern armen Woldemar -daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang -an verloren. Eh er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt, -trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder vielleicht auch -grade deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen -in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange -denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem -Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch -leichter zu fangen als Woldemar. Er sah sie immer an wie ne -Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. -Aber wovon?«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p> - -<h2 id="Hochzeit">Hochzeit</h2> - -<h3 id="Zweiunddreissigstes_Kapitel">Zweiunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. -Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer -begleitet, mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen -Hause verzichten, weil im Kasino eine kleine Festlichkeit -stattfand, der er beiwohnen wollte.</p> - -<p>Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich -auf seinem Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein -Fuß, wie stets, wenn das Wetter umschlug, mal wieder mit einer -ziemlich heftigen Neuralgie quälte.</p> - -<p>»Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung -gehabt haben. Und wo ist Woldemar?«</p> - -<p>Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines -Nichterscheinens um Entschuldigung bäte. »Gut, gut. Und -nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ damals -allerlei zu wünschen übrig … verzeih, Melusine. Da möcht -ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal besser ginge. -Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber die -Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich -auf eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht -will, wiewohl erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen -Schwiegermüttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter -verbindlicher als der Sohn.«</p> - -<p>Armgard lachte. »Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span> -Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der -alte Stechlin fing an, und der Pastor folgte. Wenigstens -schien es mir so.«</p> - -<p>»Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über -den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht -vergißt.«</p> - -<p>Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.</p> - -<p>»Dann bin ich beruhigt,« wiederholte der Alte. »Melusine -gefällt fast immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. -Es gibt so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß -gegen alles, was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig -sind. Alle beschränkten und aufgesteiften Individuen, -alle, die eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben – -das richtige sieht ganz anders aus –, alle Pharisäer und Gernegroß, -alle Selbstgerechten und Eiteln fühlen sich durch Personen -wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn sich der alte Stechlin -in Melusine verliebt hat, dann lieb ich ihn schon darum, denn -er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich von ihm -gar nicht zu wissen. Übrigens konnt es kaum anders sein. Der -Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: -wenn ich den Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm … Und -wer war denn noch da? Ich meine, von Verwandtschaft?«</p> - -<p>»Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz,« sagte Armgard.</p> - -<p>»Das ist die Schwester des Alten?«</p> - -<p>»Ja, Papa. Ältere Schwester. Wohl um zehn Jahr älter -und auch nur Halbschwester. Und eine Domina.«</p> - -<p>»Sehr fromm?«</p> - -<p>»Das wohl eigentlich nicht.«</p> - -<p>»Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen -zu haben.«</p> - -<p>Armgard schwieg.</p> - -<p>»Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das -ist gut. Aber vielleicht <em class="antiqua">hautaine</em>?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p> - -<p>»Fast könnte man's sagen,« antwortete Melusine. »Doch -paßt es auch wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein -französisches Wort ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch.«</p> - -<p>»Ah, ich versteh. Also komische Figur.«</p> - -<p>»Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben, -vorweltlich.«</p> - -<p>Der alte Graf lachte. »Ja, das ist in allen alten Familien -so, vor allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das -noch von Wien her, wo man überhaupt solche Fragen studieren -kann. Ich verkehrte da viel in einem großen Bankierhause, -drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern auch voll Orden -und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem -Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich, -einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo -– der in dem Stück von Shakespeare vorkommt – aussah, -und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte, wer -denn das sei, da hieß es: ›Ach, das ist ja Onkel Manasse.‹ Solche -Onkel Manasses gibt es überall, und sie können unter Umständen -auch Tante Adelheid heißen.«</p> - -<p>Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter -sichtlich, und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte, -wurd auch Armgard mitteilsamer und erzählte zunächst von -Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, danach vom -Stechlinsee (der ganz überfroren gewesen sei, so daß sie die berühmte -Stelle nicht hätten sehen können) und zuletzt von dem -Museum und den Wetterfahnen.</p> - -<p>Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte. -»Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, -nicht bloß alte Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch -allermodernste Silhouetten, sagen wir aus der Diplomatenloge. -Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen. -Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum gibt mir<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span> -erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung, -beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen -hat. Ich bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen -sammelt, das will doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute -Seele, sondern auch eine kluge Seele, denn es is da so was drin, -wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft. Und wer den -machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann ich leben.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, -ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh -zurück, aber ihr Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden -Geistlichen und vor allem über die Domina (gegen die Melusine -heftig eiferte) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort.</p> - -<p>»Ich glaube,« sagte Armgard, »du legst zuviel Gewicht -auf das, was du das Ästhetische nennst. Und Woldemar tut -es leider auch. Er läßt auf seine Mark Brandenburg sonst nichts -kommen, aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie du. -Wohin er blickt, überall vermißt er das Schönheitliche. Das -Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig, sei bloß -Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts -der Art geboren.«</p> - -<p>»Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am -meisten an ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der -Domina spreche, zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen -Dinge lege. Glaube mir, diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. -Wer kein feines Gefühl hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der -existiert für mich überhaupt nicht und für meine Freundschaft -und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da hast du mein Programm. -Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich wunder -wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von -dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen -mich ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die -Heidenzeit, die wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span> -selbst unser ›dunkles Mittelalter‹ – schönheitlich stand es höher -als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst -an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm.«</p> - -<p>»Ich erlebe noch,« lachte Armgard, »daß du nen neuen -Kreuzzug oder ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm -eigentlichen Thema ganz abgekommen, von der Domina. Du -sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich untereinander. Welche -Gefühle?«</p> - -<p>»Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglückwünscht sie -sich zu sich selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. -Und daß sie das <em class="gesperrt">muß</em>, daran sind wir schuld, und das kann sie -uns nicht verzeihn.«</p> - -<p>»Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da -sagst, nicht gar so eitel klänge … Sie hat übrigens einen guten -Verstand.«</p> - -<p>»Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die -meisten. Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder -recht wenig, und schließlich – ich muß leider zu diesem Berolinismus -greifen – ist diese gute Domina doch nichts weiter -als eine Stakete, lang und spitz. Und nicht mal grün gestrichen.«</p> - -<p>»Und der Alte? <em class="gesperrt">Der</em> wenigstens wird doch vor deiner Kritik -bestehn.«</p> - -<p>»O, der; der ist <em class="antiqua">hors concours</em> und geht noch über Woldemar -hinaus. Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?«</p> - -<p>»Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das -alles von dir gemeint ist, Übermut und wieder Übermut. Aber -er ist doch am Ende noch nicht so steinalt. Und <em class="gesperrt">du</em>, so lieb ich -dich habe, du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten -von Schwiegervater und Schwager, alles in einem, -und womöglich noch allerhand dazu, zu verlieben.«</p> - -<p>»Jedenfalls mehr als in <em class="gesperrt">den</em>, der diese Kompliziertheiten -darstellt oder gar erst schaffen soll … Also sei ruhig, freundlich -Element.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span></p> - -<h3 id="Dreiunddreissigstes_Kapitel">Dreiunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar -hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der -Zwischenzeit war seitens des alten Grafen erwogen worden, -ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen -Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst aber war dagegen gewesen -und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen Lebhaftigkeit -versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie – ganz abgesehn -von ihrem teuren Frommel – die Berliner Garnisonkirche weit -vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen -sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche -soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und -ein Gotteshaus, drin die Schwerins und die Zietens ständen -(und wenn sie nicht drin ständen, so doch andre, die kaum schlechter -wären) – eine historisch so bevorzugte Stelle wäre ihr an -ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche, trotz der -Särge so vieler Barbys unterm Altar. Woldemar war sehr -glücklich darüber, seine Braut so preußisch-militärisch zu finden, -die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage -nach ›Verbleib oder Nichtverbleib‹ in der Armee durchgesprochen -wurde, lachend erwidert hatte: »Nein, Woldemar, nicht jetzt -schon Abschied; ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr -noch für Major.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe -Stunde vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem -Schickedanzschen Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die -Frau Versicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen. Von -der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten -Blumenestraden aufgestellt, auf denen die Lieblinge der Frau -Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen, als ob es -sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span> -den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung -genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs -und natürlich auch Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst -im Kommerzienrat Seligmannschen Hause, vor etwa acht Tagen -ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.</p> - -<p>»Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?«</p> - -<p>»Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von -bloß Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel einsetzte, die -merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien -eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte -Graf, was man ihm auch noch ansehe, sei in seinen jungen -Jahren unter den Carbonaris gewesen; aber mit einem Male -hab er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sache -geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur Vollstreckung -der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf -auch recht gut gewußt habe), hab er vorsichtigerweise seine schöne -Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar -an den Hof. Und Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">IV.</em>, der ihn sehr gern gemocht, -hab auch immer Italienisch mit ihm gesprochen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen -<em class="antiqua">en petit comité</em>, da das große Mittelzimmer, auch -bei geschicktester Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen -aufnehmen konnte. Der weitaus größte Teil der Gesellschaft -setzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen, obenan -natürlich der alte Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem -ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den Entschluß -anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. »Trösten -wir uns,« sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit. -Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen -Rex und Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz.<span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span> -Außerdem ein behufs Abschluß seiner landwirtschaftlichen -Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron von -Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu dem sich zunächst -ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer Regimentskamerad -von Woldemar) und des weiteren ein Doktor -Pusch gesellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen -her gut kannten. Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden -Väter, beziehungsweise Schwiegerväter. Da weder der eine -noch der andre zu den Rednern zählte, so ließ Frommel das -Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und Scherz, -Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt waren. -Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar, -am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher angefreundet, -und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch -ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging, -sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung -einer intimeren Privatunterhaltung nicht weiter behindert.</p> - -<p>»Ihr Herr Sohn,« sagte Frommel, »wovon ich mich persönlich -überzeugen konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus -schließen, daß Sie sich bei ihm einlogiert haben?«</p> - -<p>»Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer -mißlich. Und mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack -oder meinetwegen auch bloß die Schrullenhaftigkeit seines -Vaters, und so hat er mich, was immer das Beste bleibt, in -einem Hotel untergebracht.«</p> - -<p>»Und Sie sind da zufrieden?«</p> - -<p>»Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich -hinausgeht. Ich bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg, -an dem mich immer nur die Französierung ärgerte, -– sonst alles vorzüglich. Aber solche Gasthäuser sind eben, -seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger altmodisch -geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel -Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel,<span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span> -wozu noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, -der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich -noch Leutnant war, freilich lange her, mußten alle Witze von -Glasbrenner oder von Beckmann sein. Beckmann war erster -Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte: ›da hat ja wieder -der Beckmann …‹, so war man mit seiner Geschichte so gut wie -raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels. -Alle müssen ›Bristol‹ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, -wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende -nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer -prima. Ob es hier wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehn -haben? Viele gewiß nicht, denn Schiffskapitäne, die zwischen -Bristol und Newyork fahren, sind in unserm guten Berlin -immer noch Raritäten. Übrigens darf ich bei allem Respekt -vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist -interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, -wo man eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie sei -mal schön gewesen und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof -gemacht. Und dazu dann Forellen und ein Landjäger, der -eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über den stillen See -bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und ist der See -aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir unser -Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen, -und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich -auch. Denn mir fällt eben ein, Sie waren ja mit unserm guten -Kaiser Wilhelm, dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher -Mensch war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner -Seite. Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten -Übermenschen etabliert; eigentlich gibt es aber bloß -noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man -durchaus zu einem ›Über‹ machen will. Ich habe von solchen -Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es, -nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren<span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span> -sind, sonst könnte man verzweifeln. Und daneben unser -alter Wilhelm! Wie war er denn so, wenn er so still seine -Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm erzählen? -So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt.«</p> - -<p>»Ich darf sagen ›ja‹, Herr von Stechlin. Habe so was mit -ihm erlebt. Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade -die besten. Da hatten wir mal einen schweren Regentag in -Gastein, so daß der alte Herr nicht ins Freie kam und, statt -draußen in den Bergen, in seinem großen Wohnzimmer -seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut es eben -ging. Unter ihm aber (was er wußte) lag ein Schwerkranker. -Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete, -seh ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt -und übereinander packt, und als er mein Erstaunen -sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen -Lächeln: ›Ja, lieber Frommel, da unter mir liegt -ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung hat, ich -trample ihm da so über den Kopf hin …‹ Sehn Sie, Herr -von Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser.«</p> - -<p>Dubslav schwieg und nickte. »Wie beneid ich Sie, so was -erlebt zu haben,« hob er nach einer Weile an. »Ich kannt ihn -auch ganz gut, das heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm -war, und dann oberflächlich auch später noch. Aber seine eigentliche -Zeit ist doch seine Kaiserzeit.«</p> - -<p>»Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit -seinen größern Zwecken.«</p> - -<p>»Richtig, richtig,« sagte Dubslav, »das schwebte mir auch -vor; ich konnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und -so einen kriegen wir nicht wieder. Übrigens sag ich das in aller -Reverenz. Denn ich bin kein Frondeur. <span id="corr343">Fronde ist</span> mir gräßlich -und paßt nicht für uns. Bloß mitunter, da paßt sie doch vielleicht.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span></p> - -<p class="drop">Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, -und um halb acht ging der Zug, mit dem das junge Paar noch -bis Dresden wollte, dieser herkömmlich ersten Etappe für jede -Hochzeitsreise nach dem Süden. Man erhob sich von der Tafel, -und während die Gäste, bunte Reihe machend, untereinander -zu plaudern begannen, zogen sich Woldemar und Armgard -unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon -voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem -Barbyschen Hause. Die Baronin und Melusine hatten sich -zur Begleitung des jungen Paares miteinander verabredet -und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard es -hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab -aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene -Rang- und Höflichkeitsstreiterei. »Ja, wenn es jetzt in die -Kirche ginge,« sagte Armgard, »so hättest du recht. Aber unser -Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, -und Woldemar und ich sind, vier Stunden nach der Trauung, -schon wieder wie zwei gewöhnliche Menschen. Und sich dessen -bewußt zu werden, damit kann man nicht früh genug anfangen.«</p> - -<p>»Armgard, du wirst mir zu gescheit,« sagte Melusine.</p> - -<p>Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter -Bahnhof eintraf, waren Rex und Czako bereits da – beide -mit Riesensträußen –, zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung -ihrer Buketts wieder zurück. Nur die Baronin und -Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter -lebhafter Plauderei bis zum Abgange des Zuges. In dem -von dem jungen Paare gewählten Coupé befanden sich noch -zwei Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, -konnte nur ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und -Juchtenkoffer, war augenscheinlich ein »Internationaler« aus -dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas.</p> - -<p>Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in -Bewegung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span></p> - -<p class="drop">Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. -Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden Wagen. -Es war ein herrliches Wetter, einer jener Vorfrühlingstage, -wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen.</p> - -<p>»Es ist so schön,« sagte Melusine. »Benutzen wir's. Ich -denke, liebe Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin -in den Tiergarten hinein und dann an den Zelten vorbei bis -in Ihre Wohnung.«</p> - -<p>Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, -wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg -einbogen, sagte die Baronin: »Ich begreife Stechlin nicht, -daß er nicht ein Coupé apart genommen.«</p> - -<p>Melusine wiegte den Kopf.</p> - -<p>»Den mit der goldenen Brille,« fuhr die Baronin fort, -»den nehm ich nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist -auch kaum eine Störung. Aber der andre mit dem Juchtenkoffer. -Er schien ein Russe, wenn nicht gar ein Rumäne. Die -arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch -wieder nicht.«</p> - -<p>»Wohl ihr.«</p> - -<p>»Aber Gräfin …«</p> - -<p>»Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu -hören. Und doch hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit: -gebranntes Kind scheut das Feuer.«</p> - -<p>»Aber Gräfin …«</p> - -<p>»Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und -fuhr an demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in -einem Punkte ganz wie Dresden: nämlich erste Station bei -Vermählungen. Auch Ghiberti – ich sage immer noch lieber -›Ghiberti‹ als ›mein Mann‹; ›mein Mann‹ ist überhaupt ein -furchtbares Wort – auch Ghiberti also hatte sich für Venedig -entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel -zu passieren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span></p> - -<p>»Weiß, weiß. Endlos.«</p> - -<p>»Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit -uns gewesen, ein Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren -aber allein. Und als ich aus dem Tunnel heraus war, wußt -ich, welchem Elend ich entgegenlebte.«</p> - -<p>»Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste -Freundin, und ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. -Es ist doch auch wie ein Schicksal.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung -ihrer Buketts vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße -zurückgezogen, und hier angekommen, sagte Czako: »Wenn -es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir bis in das Restaurant -Bellevue.«</p> - -<p>»Tasse Kaffee?«</p> - -<p>»Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel -Suppe, ne Forelle <em class="antiqua">en miniature</em> und ein Poulardenflügel, – -das ist zu wenig für meine Verhältnisse. Rund heraus, ich -habe Hunger.«</p> - -<p>»Sie werden sich zu gut unterhalten haben.«</p> - -<p>»Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem, -wenigstens Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen, -aufs Geistige gestellt sind. Ein bißchen mag ich übrigens an -meinem elenden Zustande selbst schuld sein. Ich habe nämlich -immer nur die Gräfin angesehn und begreife nach wie vor unsren -Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am -Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und ihr kleiner -Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze Komtesse.«</p> - -<p>»Czako, Sie werden wieder frivol.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span></p> - -<h3 id="Vierunddreissigstes_Kapitel">Vierunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz erwähnt, -auch ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus -weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon -angegrautem Backenbart. Er war vor etwa fünfundzwanzig -Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht -Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu -lassen. »Das Studium der Juristerei ist langweilig und die -Karriere hinterher miserabel« – so war er denn als Korrespondent -für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen -und hatte sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen -gewußt. Das ging so durch Jahre. Ziemlich um dieselbe -Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner Stellung aufgab, -war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach -Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort -freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst -in Newyork, dann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück. -Und zwar nach Deutschland. »Wo soll man am Ende -leben?« Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich in Berlin -wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert von Natur und ein -klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis seiner letzten -sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom Pilsener zum Weihenstephan. -»Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum -Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. -Chinesen werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein -Chinese wird, das ist doch immer noch eine Sache von Belang.«</p> - -<p>Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei -den Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner -noch, und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten -wieder durchsprechen und von Sandrigham und Hatfieldhouse, -von Chatsworth und Prembroke-Lodge plaudern zu können. -Eigentlich paßte der etwas weitgehende Ungeniertheitston,<span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span> -in dem der Doktor seiner Natur wie seiner Newyorker Schulung -nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu den Gepflogenheiten -des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein gewisser -Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, -was Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter -Korrespondent, der er war, unterhielt er Beziehungen zu den -Ministerien und, was fast noch schwerer ins Gewicht fiel, auch -zu den Gesandtschaften. Er hörte das Gras wachsen. Auf -Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen Telegramme hatten -einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm gezeitigt, -dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es -war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: »Wirklicher -Geheimer Oberregierungsrat« einen förmlichen Haß -unterhielt. Herzog von Ujest oder Herzog von Ratibor waren -ihm, trotz ihrer Kürze, immer noch zu lang, und so warf er denn -statt ihrer einfach mit »Hohenlohes« um sich. In der Tat, er -hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch wieder -von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah -er über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer -beinah vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr -zu paß kam. Ob dies Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime -war, oder ob er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb -mehr oder weniger langweilig fand, war nicht recht festzustellen; -er kultivierte dafür mit Vorliebe das Finanzielle, vielleicht davon -ausgehend, daß, wer die Finanzen hat, auch selbstverständlich -alles andere hat, besonders die Liebe.</p> - -<p>Das war <em class="antiqua">Dr.</em> Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, -einer Gruppe von Personen an, die den »angerissenen Abend« -noch in einem Lokal verbringen wollten.</p> - -<p>»Ja, wo?«</p> - -<p>»Natürlich Siechen.«</p> - -<p>»Ach, Siechen. Siechen ist für Philister.«</p> - -<p>»Nun denn also, beim ›schweren Wagner‹.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span></p> - -<p>»Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan.«</p> - -<p>»Und ich für Pilsener.«</p> - -<p>Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße, -wo man beides haben könne.</p> - -<p>Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch -der junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und -abschließend Premierleutnant von Szilagy, der, wie schon -angedeutet, früher bei den Gardedragonern gestanden, aber -wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste, das -Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen Jahren seinen -Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war er -nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings -der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter -dem bescheidenen Titel »<em class="antiqua">Bellis perennis</em>« veröffentlicht hatte. -Lauter kleine Liebesgeschichten.</p> - -<p>Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen -Graubündner Barons, erwiesen sich von Anfang an als ziemlich -aufgeregt, und jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das -Gefühl haben müssen, daß hier viel Explosionsstoff aufgehäuft -sei. Trotzdem ging es zunächst gut; Wrschowitz hielt sich in -Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern andern das Wort -ließ, freute sich über Puschs Schwadronage, vielleicht weil er -nur das heraushörte, was ihm gerade paßte.</p> - -<p>Leutnant von Szilagy – man kam vom Hundertsten aufs -Tausendste – wurde bei den Fragen, die hin und her gingen, -von ungefähr auch nach seinem Novellenbande gefragt und -ob er Freude daran gehabt habe.</p> - -<p>»Nein, meine Herren,« sagte Szilagy, »das kann ich leider -nicht sagen. Ich habe <em class="antiqua">Bellis perennis</em> auf eigne Kosten herstellen -lassen und hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt, -unter Beilegung eines Zettels; der ist denn auch von einigen -Zeitungen abgedruckt worden, aber nur von ganz wenigen. -Im übrigen schweigt die Kritik.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span></p> - -<p>»O, Krittikk« sagte Wrschowitz. »Ich liebe Krittikk. Aber -gutte Krittikk schweigt.«</p> - -<p>»Und doch,« fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen -Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden -konnte, »doch sind diese schmerzlichen Gefühle nichts -gegen das, was voraufgegangen. Ich unterhielt nämlich vor -Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung in mir, einige dieser -kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als dies mißlang, in -einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich -scheiterte …«</p> - -<p>»Ja, natürlich scheiterten Sie,« sagte Pusch, »das spricht -für Sie. Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in -diesen Dingen einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben, -ja ich darf beinah sagen, ich war doppelt drüben, erst drüben -in England und dann drüben in Amerika. Da versteht man's. -Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte Löschpapier! Man lebt -davon und es regiert eigentlich die Welt. Aber, aber … Und -dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von Parteiblatt, -– furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal, -– zweimal furchtbar!«</p> - -<p>»Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen -Gebiete?«</p> - -<p>»Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die Gnade nicht -sinken. Aber ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn -man so Wand an Wand wohnt, da weiß man doch einigermaßen, -wie's bei dem Nachbar aussieht. Ach, und außerdem, -wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet und mir dabei -seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren. -Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der -großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und -wenn er das redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt -eine Normalnovelle. Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Assessor -und ›Sommerleutnant‹ liebt Gouvernante von stupender<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span> -Tugend, so stupende, daß sie, wenn geprüft, selbst auf diesem -schwierigsten Gebiete bestehen würde. Plötzlich aber ist ein alter -Onkel da, der den halb entgleisten Neffen an eine reiche Cousine -standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der Situation! -Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment -entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin -auch ihr Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind, -so leben sie heute noch … Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie -damit konkurrieren?«</p> - -<p>Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: »Doktor Pusch, -Pardon, aber ich glaube beinah, Sie übertreiben. Und Sie -wissen es auch.«</p> - -<p>Pusch lachte: »Wenn man etwas der Art sagt, übertreibt man -immer. Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe -Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung. -Glauben Sie, daß Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt -hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken -einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei -vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!«</p> - -<p>»Serr gutt, serr gutt.«</p> - -<p>»Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur -spreche. Herr von Szilagy, den wir so glücklich sind unter -uns zu sehn, soll aufgerichtet, seine Seele soll mit neuem Vertrauen -erfüllt werden. Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser -ist. Er soll wieder lachen können. Und wenn man solche Wirkung -erzielen will, ja, dann muß man eben deutlich und zugleich -etwas phantastisch sprechen. Indessen auch ernsthaft -angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung (ich vermeide -mit Vorbedacht das Wort ›Schöpfung‹) oder gar mit dem Verschleiß -der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem -Bilde sprechen. Da haben wir jetzt in unsern Blumenläden -allerlei Kränze, voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden -und meist noch behufs besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte<span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span> -Weidenrute geflochtenen Urkranz. Und nun treten Sie, -je nach der Situation, an die sich Ihnen mit betrübter oder auch -mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin heran, um zu -Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen, zu drei -Mark oder zu fünf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung -entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche -Georginen oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter -Höchstbewilligung sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher -Form und Farbe.«</p> - -<p>»Kenne die Orchidee,« rief Wrschowitz in höchster Ekstase, -»lila mit gelb.«</p> - -<p>Pusch nickte, zugleich in steigendem Übermut fortfahrend: -»Und genau so mit der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der -Urkranz; nichts fehlt als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich -verabredet wird. Bei Höchstbewilligung wird ein Verstoß -gegen die Sittlichkeit eingeflochten. Das ist dann die große -Orchidee, lila mit gelb, wie Freund Wrschowitz sehr richtig -hervorgehoben hat.«</p> - -<p>»Unter diesen Umständen,« bemerkte hier Baron Planta, -»will es mir als ein wahres Glück erscheinen, daß Herr von -Szilagy, wie ich höre, mehrere Eisen im Feuer hat. Was ihm -die Novellistik schuldig bleibt, muß ihm die Malerei bringen.«</p> - -<p>»Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie -tun wird,« lachte Szilagy halb wehmütig, »trotzdem ich vom -Genrebild aus, mit dem ich anfing, eine Schwenkung gemacht -und mich unter Anleitung meines Freundes Salzmann neuerdings -der Marinemalerei zugewandt habe. Mitunter auch -Bataillen. Und was die blauen Töne betrifft, so darf ich vielleicht -behaupten, hinter keinem zurückgeblieben zu sein. Habe -mich außerdem in Gudin und William Turner vergafft. Aber -trotzdem …«</p> - -<p>»Aber trotzdem ohne rechten Erfolg,« unterbrach hier Cujacius, -»was mich nicht Wunder nimmt. Was wollen Sie mit<span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span> -Gudin oder gar mit Turner? Wer das Meer malen will, muß -nach Holland gehn und die alten Niederländer studieren. Und -unter den Modernen vor allem die Skandinaven: die Norweger, -die Dänen.«</p> - -<p>Wrschowitz zuckte zusammen.</p> - -<p>»Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne <em class="antiqua">pur sang</em>, -der sehr gut und beinah bedeutend ist.«</p> - -<p>»O nein, nein,« platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr -erzitternder Stimme heraus. »Nicht serr gutt, nicht bedeutend, -auch nicht einmal <em class="gesperrt">beinah</em> bedeutend.«</p> - -<p>»Der <em class="gesperrt">sehr</em> bedeutend ist,« wiederholte Cujacius. »Grade -darin bedeutend, daß er nicht bedeutend sein will. Er erhebt -keine falschen Prätensionen; er ist schlicht, ohne Phantastereien, -aber stimmungsvoll; und wenn ich Bilder von -ihm sehe, besonders solche, wo das graublaue Meer an einer -Klippe brandet, so berührt mich das jedesmal spezifisch skandinavisch, -etwa wie der ossianische Meereszauber in den Kompositionen -unsers trefflichen Niels Gade.«</p> - -<p>»Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.«</p> - -<p>»Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen -bis an Mendelssohn heran.«</p> - -<p>»Was ihn nicht größer macht.«</p> - -<p>»Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen, -dazu reichen Überheblichkeiten nicht aus.«</p> - -<p>»Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den großen -Gudin culbütieren zu wollen.«</p> - -<p>»Über Malerei zu sprechen steht mir zu.«</p> - -<p>»Über Musik zu sprechen steht mir zu.«</p> - -<p>»Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren -Grenzbezirken führen bei uns das große Wort.«</p> - -<p>»Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort -gibt: ›Der Deutsche lüggt, wenn er höfflich wird.‹«</p> - -<p>»Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p> - -<p>»<em class="antiqua">En quoi vous réussissez à merveille.</em>«</p> - -<p>»Aber, meine Herren,« warf Pusch hier ein, den die ganze -Streiterei natürlich entzückte, »könnten wir nicht das Kriegsbeil -begraben? Proponiere: Begegnung auf halbem Wege; -<em class="antiqua">shaking hands</em>. Nehmen Sie zurück, hüben und drüben.«</p> - -<p>»Nie,« donnerte Cujacius.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Jamais</em>,« sagte Wrschowitz.</p> - -<p>Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten -die Tete, Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger -Entfernung. Szilagy war vorsichtigerweise abgeschwenkt.</p> - -<p>Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich, -dem jungen Graubündner auseinanderzusetzen, daß Cujacius -ganz allgemein den Ruf eines Krakeelers habe. »<em class="antiqua">Je vous -assure, Monsieur le Baron, il est un fou et plus que ça – un -blagueur.</em>«</p> - -<p>Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich -lassen zu wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick -danach von der Front her die mit immer steigender Heftigkeit -ausgestoßenen Worte hörte: Kaschube, Wende, Böhmake.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Fuenfunddreissigstes_Kapitel">Fünfunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen -Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden -und Hofprediger Frommel aufgebrochen, so daß sich, -außer dem Brautvater, nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause -befand. Dieser hatte sich – Melusine war vom Bahnhofe -noch nicht wieder da – vom Eßsaal her zunächst in das -verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia -zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu sehn -und einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn -denn auch schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span> -Staunen über den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt -Ausdruck gegeben hatte: »Nun aber, mein lieber Stechlin, -wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher -miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehn ein halb; -wir haben also noch beinah anderthalb Stunden.«</p> - -<p>Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, -das bis dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzuführen.</p> - -<p>»Erlauben Sie mir,« fuhr er hier fort, »daß ich zunächst -mein halb eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein -auf einen Stuhl strecke; es hat mich all die Zeit über ganz -gehörig gezwickt, und namentlich das Stehen vor dem Altar -ist mir blutsauer geworden. Bitte, rücken Sie heran. Es ging -während unsers kleinen Diners alles so rasch, und ich wette, -Sie sind bei dem Kaffee ganz erheblich zu kurz gekommen. Der -Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen des -modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann -der Kaffeezeit manches abgeknapst.«</p> - -<p>Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.</p> - -<p>»Jeserich, noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und -natürlich einen Kognak oder Curaçao oder lieber die ganze -›Benediktinerabtei‹, – Witz von Cujacius, für den Sie mich -also nicht verantwortlich machen dürfen … Leider werde ich -Ihnen bei diesem ›zweiten Kaffee‹ nicht Gesellschaft leisten können; -ich habe mich schon bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber -in einen Champagnerkübel gestellten Apollinarisflasche -begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch -nicht auffallen mit all seinen Gebresten.«</p> - -<p>Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen -und saß, eine Lampe mit grünem Schirm zwischen -sich und ihm, seinem Wirte gerade gegenüber. Jeserich kam -mit der Tablette.</p> - -<p>»Den Kognak,« fuhr der alte Barby fort, »kann ich Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span> -empfehlen; noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit -einem Franzosen ungeniert sprechen und nach einer guten Firma -fragen konnte. Waren Sie siebzig noch mit dabei?«</p> - -<p>»Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem -Regiment war ich lange heraus. Nur als Johanniter.«</p> - -<p>»Ganz wie ich selber.«</p> - -<p>»Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig,« fuhr Dubslav -fort, »auch rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, -was mir zeitlebens, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als -wünschenswert gefehlt hatte: Fühlung mit der großen Welt. -Es heißt immer, der Adel gehöre auf seine Scholle, und je mehr -er mit der verwachse, desto besser sei es. Das ist auch richtig. -Aber etwas ganz Richtiges gibt es nicht. Und so muß ich denn -sagen, es war doch was Erquickliches, den alten Wilhelm so -jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer nur -flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. -Sie nennen ihn jetzt den ›Großen‹ und stellen ihn neben Fridericus -Rex. Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht -er nicht ran. Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, -mein ich, in gewissem Sinne den Ausschlag, wenn auch zur -›Größe‹ noch was anders gehört. Ja, der alte Fritz! Man -kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem Punkte find -ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber einnehmen, -gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, -wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. -Er war für sich und für das Land oder, wie er zu sagen -liebte, ›für den Staat‹. Aber daß wir als Stand und Kaste -so recht was von ihm gehabt hätten, das ist eine Einbildung.«</p> - -<p>»Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.«</p> - -<p>»Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? -Wir hatten die Ehre, für König und Vaterland hungern und -dursten und sterben zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, -ob uns das auch passe. Nur dann und wann erfuhren wir,<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span> -daß wir ›Edelleute‹ seien und als solche mehr ›Ehre‹ hätten. -Aber damit war es auch getan. In seiner innersten Seele rief -er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren bei -Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit -meist sehr kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber -Graf, find ich unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches -größer, weil alles, was geschah, weniger den Befehlscharakter -trug und mehr Freiheit und Selbstentschließung hatte. Ich -bin nicht für die patentierte Freiheit der Parteiliberalen, aber -ich bin doch für ein bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt. -Und wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch in unsern Reihen -allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei – besonders -auch rein praktisch-egoistisch – am besten stehn.«</p> - -<p>Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav -aber fuhr fort: »Übrigens, <em class="gesperrt">das</em> muß ich sagen dürfen, lieber -Graf, Sie wohnen hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; -ein entzückender Blick, und Fremde würden vielleicht kaum -glauben, daß an unsrer alten Spree so was Hübsches zu finden -sei. Die Niederlassungs- und speziell die Wohnungsfrage spielt -doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt, immer stark -mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen waren, werden, -ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten, -nicht ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft -gewiß und in bezug auf die Menschen vielleicht.«</p> - -<p>»Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. -Aber sie sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus -nicht, als ich, nach langen, langen Jahren, aus der Fremde -wieder nach hier zurückkam, und vieles gefällt mir auch noch -nicht. Überall ein zu langsames Tempo. Wir haben in jedem -Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand ist, -da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber -dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, -aber sicher. Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span> -Witterung haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. -Und ich glaube, Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung -gebracht.«</p> - -<p>»Ich glaub es nicht,« sagte Dubslav.</p> - -<p>»Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter -Ernst mit der Sache war?«</p> - -<p>»O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber -es würd ihm zu schwer gemacht worden sein. Rund heraus, -er wäre gescheitert.«</p> - -<p>»Woran?«</p> - -<p>»An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewiß. -Und das waren die Junker. Es heißt immer, das Junkertum -sei keine Macht mehr, die Junker fräßen den Hohenzollern aus -der Hand und die Dynastie züchte sie bloß, um sie für alle Fälle -parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig -gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig, es ist heute grundfalsch. -Das Junkertum (trotzdem es vorgibt, seine Strohdächer -zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich flickt), dies -Junkertum – und ich bin inmitten aller Loyalität und Devotion -doch stolz, dies sagen zu können – hat in dem Kampf -dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine -andre Partei, die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und -mitunter ist mir's, als stiegen die seligen Quitzows wieder aus -dem Grabe herauf. Und wenn das geschieht, wenn unsre Leute -sich auf das besinnen, worauf sie sich seit über vierhundert -Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was erleben. -Es heißt immer: ›unmöglich.‹ Ah bah, was ist unmöglich? -Nichts ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den -18. März für möglich gehalten, für möglich in diesem echten -und rechten Philisternest Berlin! Es kommt eben alles mal -an die Reihe; das darf nicht vergessen werden. Und die Armee! -Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen? Aber jeder -glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter Umständen<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span> -auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder -an, unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch -Gott weiß was werden können.«</p> - -<p>»Und Sie glauben,« warf der Graf hier ein, »an dieser -scharfen Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?«</p> - -<p>»Ich glaub es.«</p> - -<p>»Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär es schließlich -ein Glück, daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam -und wir nicht vor diese Frage gestellt wurden.«</p> - -<p>»Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen -Zug hat (ich kann es nicht loben und mag's nicht tadeln) oft -über diese Sache gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also -für Experimente … Nun hat er inzwischen das bessere Teil -erwählt, und während wir hier sprechen, ist er schon über Trebbin -hinaus. Sonderbar, ich bin nicht allzuviel gereist, aber immer, -wenn ich an diesem märkischen Neste vorbeikam, hatt ich das -Gefühl: ›jetzt wird es besser, jetzt bist du frei.‹ Ich kann sagen, -ich liebe die ganze Sandbüchse da herum, schon bloß aus diesem -Grunde.«</p> - -<p>Der alte Graf lachte behaglich. »Und Trebbin wird sich -von dieser Ihrer Schwärmerei nichts träumen lassen. Übrigens -haben Sie recht. Jeder lebt zu Hause mehr oder weniger wie in -einem Gefängnis und will weg. Und doch bin ich eigentlich -gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen die Hochzeitsreiserei. -Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien einsteigen -sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ›höchste -Glück auf Erden‹ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es ist doch -eigentlich eine Qual, und die Welt wird auch wieder davon -zurückkommen; über kurz oder lang wird man nur noch reisen, -wie man in den Krieg zieht oder in einen Luftballon steigt, -bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens willen. -Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. -In alten Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht<span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span> -sich das Wunder und der Berg kommt zu uns. Das Beste vom -Parthenon sieht man in London und das Beste von Pergamum -in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig mit den lieben, -nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich (am Kupfergraben) -im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags -in Olympia ergehn.«</p> - -<p>»Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich -auch ein wenig betrübt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu -finden. Ich stand nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin -hin einzuladen, in meine alte Kate, die meine guten Globsower -unentwegt ein ›Schloß‹ nennen.«</p> - -<p>»Ja, lieber Stechlin, Ihre ›Kate‹, das ist was andres. -Und um Ihnen ganz die Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich -nicht eingeladen hätten (eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, -aber ich greife bereits vor), so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet. -Das war schon lange mein Plan.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel. Es war -Melusine.</p> - -<p>»Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern allerschönste -Grüße. Die Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, -die große Luther- beziehungsweise Apfelkuchenstation, -hinaus, und in weniger als zwei Stunden fahren sie in den -Dresdener Bahnhof ein. O diese Glücklichen! Und dabei verwett -ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin -zurück. Vielleicht sogar nach mir.«</p> - -<p>»Kein Zweifel,« sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber fuhr -fort: »Ehe man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben -nimmt, sehnt man sich noch einmal gründlich danach zurück. -Freilich, Schwester Armgard wird weniger davon empfinden -als andere. Sie hat eben den liebenswürdigsten und besten -Mann, und ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich noch -im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn -sagen hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische<span class="pagenum"><a id="Seite_361">[361]</a></span> -Madonna treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu -wie verklärt aussah. Und das find ich einfach unerhört. Warum, -werden Sie mich vielleicht fragen. Nun denn, weil es erstens eine -Beleidigung ist, sich auf eine Madonna so extrem zu freuen, wenn -man eine Braut oder gar eine junge Frau zur Seite hat, und -zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch einen Mangel -an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für Woldemars -ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt -doch am Ende nach der agrarischen Seite hin, und richtige ›Dispositionen‹ -bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.«</p> - -<p>Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ -es nicht dazu kommen und fuhr ihrerseits fort: »Jedenfalls -– das ist nicht wegzudisputieren – fährt unser Woldemar -jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmaßlich -mit leidlich frischen Kräften antreten; wenn er sich aber -schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird er, wenn er -in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Café Cavour -eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo -Borghese Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: -eine <em class="gesperrt">Berliner</em> Zeitung, denn wir werden jetzt Weltstadt und -wachsen mit unserer Presse schon über Charlottenburg hinaus … -Übrigens läßt, wie das junge Paar, so auch die Baronin bestens -grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin, die grad Ihnen -ganz besonders gefallen würde. Glaubt eigentlich gar nichts -und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig -und ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen -sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die -natürlichsten, sind die Bayern.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_362">[362]</a></span></p> - -<h2 id="Sonnenuntergang">Sonnenuntergang</h2> - -<h3 id="Sechsunddreissigstes_Kapitel">Sechsunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer -Bahnhof eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits -vor. Engelke hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, -denn es war inzwischen recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke -tat dem Alten, in dessen Coupé die herkömmliche Stickluft -gebrütet hatte, der draußen wehende Ostwind überaus -wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein. Schon tags -zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht zumute -gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe -Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in -das Sterngeflimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden -Pappeln warfen dunkle, groteske Schatten über den Weg, -während er die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder -mit den wechselnden Bildern alles dessen, was ihm der -zurückliegende Tag gebracht harte, belebte. Da sah er wieder -die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe mit dem -Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten -Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für -einen zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte. -Daneben aber stand die blasse, schöne Braut und die reizende, -bieg- und schmiegsame Melusine. »Ja, der alte Barby, wenn -er auf <em class="gesperrt">die</em> sieht, der hat's gut, der kann es aushalten. Immer -einen guten und klugen Menschen um sich haben, immer was<span class="pagenum"><a id="Seite_363">[363]</a></span> -hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das ist was. -Aber ich! Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne -Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, – als -Kind, weil ich faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was -hatte. Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, -die mir Stab und Stütze hätte sein können, und durch all die -dreißig Jahre, die seitdem kamen und gingen, blieb mir nichts -als Engelke (der noch das Beste war) und meine Schwester -Adelheid. Gott, verzeih mir's, aber ein Trost war die nicht; -immer bloß herbe wie'n Holzapfel.«</p> - -<p>Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und -hielt gleich danach vor der Tür seines alten Hauses. Engelke -war schon da, half ihm und tat sein Bestes, ihn aus der schweren -Wolfsschur herauszuwickeln. Der immer noch Fröstelnde -stapfte dabei mit den Füßen, warf seinen Staatshut – den er -unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal verwünscht -hatte – mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte gleich -danach beim Eintreten in sein Zimmer: »Ach, das is recht, Engelke. -Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten -Menschen gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl -unten noch heißes Wasser ist? So'n fester Grog, der sollte mir -jetzt passen; ich friere Stein und Bein.«</p> - -<p>»Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann -ja ne Kasseroll aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.«</p> - -<p>»Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstände. Das mag -ich nicht. Und den Petroleumkocher, den erst recht nich; da -kriegt man bloß Kopfweh, und ich habe schon genug davon. -Aber bringe mir den Kognak und kaltes Wasser. Und wenn -man dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut, als wär -es ganz heiß gewesen.«</p> - -<p>Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach -ging Dubslav zu Bett.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_364">[364]</a></span></p> - -<p class="drop">Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach -und druste nur noch so hin. So kam endlich der Morgen heran.</p> - -<p>Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, -schleppte sich Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis -an den Frühstückstisch. Aber es schmeckte ihm nicht. »Engelke, -mir ist schlecht; der Fuß ist geschwollen, und das mit dem Kognak -gestern abend war auch nicht richtig. Sage Martin, daß er -nach Gransee fährt und Doktor Sponholz mitbringt. Und wenn -Sponholz nicht da ist – der arme Kerl kutschiert in einem fort -rum; ohne Landpraxis geht es nicht –, dann soll er warten, -bis er kommt.«</p> - -<p>Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz -war wirklich auf Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. -Er aß einen Bissen und stieg dann auf den Stechliner Wagen.</p> - -<p>»Na, Martin, was macht denn der gnädge Herr?«</p> - -<p>»Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht en beten -verännert ut; em wihr schon nich so recht letzten Sünndag, -un doa müßt he joa nu grad nach Berlin. Un ick weet schon, -wenn ihrst een nach Berlin muß, denn is ook ümmer wat los. -Ick weet nich, wat se doa mit'n ollen Minschen moaken.«</p> - -<p>»Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie -sich denn. Und dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie -wohl ein bißchen gepichelt haben. Und vorher die kalte Kirche. -Und dazu so viele feine Damen. Daran ist der gnädge Herr nicht -mehr gewöhnt, und dann will er sich berappeln und strengt sich -an, und da hat man denn gleich was weg.«</p> - -<p>Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der -Rampe vorfuhr. Sponholz stieg aus, und Engelke nahm ihm -den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch die hohe -Lammfellmütze, darin er – freilich das einzige an ihm, das -diese Wirkung ausübte – wie ein Perser aussah.</p> - -<p>So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an -seinem Kamin und sah in die Flamme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_365">[365]</a></span></p> - -<p>»Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. -Es geht jetzt scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. -Natürlich Influenza. Ganz verdeubelte Krankheit.«</p> - -<p>»Na, <em class="gesperrt">die</em> wenigstens hab ich nicht.«</p> - -<p>»Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht -an. Nun, wo sitzt es?«</p> - -<p>Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte: »Stark geschwollen. -Und das andre fängt auch an.«</p> - -<p>»Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?«</p> - -<p>Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter -und sagte: »Da is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe -keine Schmerzen … Also was andres.«</p> - -<p>Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen -Fuß herum und sagte dann: »Nichts von Belang, Herr von -Stechlin. Einhalten, Diät, wenig trinken, auch wenig Wasser. -Das verdammte Wasser drückt gleich nach oben, und dann haben -Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar Tropfen. Bitte -bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.« Und dabei ging er -an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück Papier -ab und schrieb ein Rezept. »Ihr Kutscher, das wird das beste -sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.«</p> - -<p>Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr -Sponholz alsbald wieder in seinen Mantel. Engelke half ihm -und sagte dabei: »Na, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Nichts, nichts, Engelke!«</p> - -<p>Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf -der Rampe draußen, und so ging es denn in rascher Fahrt -wieder nach der Stadt zurück, von wo der alte Kutscher die -Tropfen gleich mitbringen sollte.</p> - -<p>Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war -und die Medizin an Engelke abgab. Der brachte sie seinem -Herrn.</p> - -<p>»Sieh mal,« sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen<span class="pagenum"><a id="Seite_366">[366]</a></span> -in Händen hielt, »die Granseer werden jetzt auch fein. Alles -in rosa Seidenpapier gewickelt.« Auf einem angebundenen -Zettel aber stand: »Herrn Major von Stechlin. Dreimal täglich -zehn Tropfen.« Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das -Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel voll -Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen -hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte -probt. Dann nickte er und sagte: »Ja, Engelke, nu geht es los. -Fingerhut.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine -Tropfen ganz gewissenhaft und fand auch, daß sich's etwas -bessere. Die Geschwulst ging um ein geringes zurück. Aber die -Tropfen nahmen ihm den Appetit, so daß er noch weniger aß, -als ihm gestattet war.</p> - -<p>Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon -vorüber. Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür -seines Gartensalons und las die Zeitung. Es schien indes, -daß ihm das, was er las, nicht sonderlich gefiel. »Ach, Engelke, -die Zeitung ist ja soweit ganz gut; nur so für den ganzen Tag -ist sie doch zu wenig. Du könntest mir lieber ein Buch bringen.«</p> - -<p>»Was für eines?«</p> - -<p>»Is egal.«</p> - -<p>»Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ›Keine Lupine -mehr!‹«</p> - -<p>»Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon -so viel gelesen; das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm -wie das andre. Die Landwirtschaft kommt doch nicht wieder -obenauf oder wenigstens nicht durch so was. Bringe mir -lieber einen Roman; früher in meiner Jugend sagte man -Schmöker. Ja, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt. -Weißt du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde, -den ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort<span class="pagenum"><a id="Seite_367">[367]</a></span> -und doch wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was -Fideles: Einsegnung, Hochzeit, Kindtaufe.«</p> - -<p>»Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nicht so. -Die meisten Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird.«</p> - -<p>»Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war -ein guter Einfall von dir. Früher würd ich gesagt haben ›zeitgemäß‹; -jetzt sagt man ›opportun‹. Hast du schon mal davon -gehört?«</p> - -<p>»Ja, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon.«</p> - -<p>»Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens -nicht so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.«</p> - -<p>»Nein, gnädiger Herr.«</p> - -<p>»Alles in allem, sei froh drüber … Aber, Engelke, wenn -du mir nu ein Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem -Stuhl doch lieber gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist -wie Frühling heut. Solche guten Tage muß man mitnehmen. -Und bringe mir auch ne Decke. Früher war ich nich so fürs -Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als beklagt.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz -und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav -ernster Erkrankung mehr und mehr herumgesprochen, und es -war wohl im Zusammenhange damit, daß ungefähr um dieselbe -Stunde, wo Dubslav und Engelke sich über »Schniepel« -und »opportun« unterhielten, ein Einspänner auf die Stechliner -Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte -Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke -war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der -Alte da sei.</p> - -<p>»Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will -denn der? Es ist ja doch glücklicherweise nichts los. Und so -ganz aus freien Stücken. Na, laß ihn kommen.«</p> - -<p>Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_368">[368]</a></span></p> - -<p>Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten. -»Aber, Baruch, um alles in der Welt, was gibt es? Was -bringen Sie? Gleichviel übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. -Machen Sie sich's so bequem, wie's auf den drei Latten eines -Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und dann noch einmal: -Was gibt es? Was bringen Sie?«</p> - -<p>»Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich -bringe auch nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit -Herrn von Gundermann, und da wollt ich mir doch die Freiheit -genommen haben, mal nach der Gesundheit zu fragen. Habe -gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege.«</p> - -<p>»Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon -schlecht genug. Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte -war doch eigentlich besser (das heißt dann und wann), und manchmal -denk ich so an alles zurück, was wir so gemeinschaftlich -miteinander durchgemacht haben.«</p> - -<p>»Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.«</p> - -<p>»Ja,« lachte Dubslav, »<em class="gesperrt">gemacht</em> hab ich keine Schwierigkeiten, -aber <em class="gesperrt">gehabt</em> hab ich genug. Und das weiß keiner besser -als mein Freund Baruch. Und nun sagen Sie mir vor allem, -was macht Ihr Isidor, der große Volksfreund? Ist er mit -Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er, daß sie da auch mit -Wasser kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn von -Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den -Umsturz ist.«</p> - -<p>»Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so -sagen darf, ist für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein -Herz für die Menschheit.«</p> - -<p>»Hat er? Na, das ist recht.«</p> - -<p>»Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr -Major. Und kommt uns dabei was heraus, so haben wir, -wenn ich so sagen darf, die Dividende. Gott der Gerechte,<span class="pagenum"><a id="Seite_369">[369]</a></span> -wir brauchen's. Und weil ich rede von Dividende, will ich -auch reden von Hypothek. Wir haben da seit letzten Freitag -'n Kapital, Granseer Bürger, und will's hergeben zu dreiundeinhalb.«</p> - -<p>»Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich's -nicht benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, -wie Sie wissen, ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, -der braucht auch viel. Man denkt immer, ›dann hört -es auf‹, aber das ist falsch, dann fängt es erst recht an. Unter -allen Umständen seien Sie bedankt, daß Sie mal haben sehen -wollen, wie's mit mir steht. Ich kann leider nur wiederholen, -schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch. Und wenn -auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade so wie -zwischen uns zwei beiden, alles glatt abwickeln, glatter noch, -und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes -herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich -sehen lassen kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun, -Baruch, müssen Sie noch ein Glas Sherry nehmen. In unserm -Alter ist das immer das beste. Das heißt für Sie, der Sie noch -gut im Gange sind. Ich darf bloß noch mit anstoßen.«</p> - -<p>Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen -wieder in den Stechliner Wald hinein und dachte wenig -befriedigt über alles nach, was er da drinnen gehört hatte. -Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage schienen mit einemmale -für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da so nebenher -von »gemeinschaftlich herauswirtschaften« gesagt hatte, war -doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen.</p> - -<p>Ja, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav -auch. Es war ihm zu Sinn, als hätt er seinen alten Granseer -Geld- und Geschäftsfreund (trotzdem er dessen letzte Pläne nicht -einmal ahnte) zum erstenmal auf etwas Heimlichem und Verstecktem -ertappt, und als Engelke kam, um die Sherryflasche -wieder wegzuräumen, sagte er: »Engelke, mit Baruch is es auch<span class="pagenum"><a id="Seite_370">[370]</a></span> -nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär, und -nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte -mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht -schon genug davon hätte … Sonderbar, Uncke, mit seinem -ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt -solche Polizeimenschen mit nem Karabiner über die Schulter, -das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. -Ich ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt habe. So -dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war -mir doch zuviel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, -dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem -gleich, wie's einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, -die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und -Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Siebenunddreissigstes_Kapitel">Siebenunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten -dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann -wieder zu hoffen, sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster -und war nicht bloß voll wiedererwachten Interesses, sondern -überhaupt guter Dinge.</p> - -<p>So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav -saß auf seiner Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, -und sah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen. Vom Park -her vernahm er den ersten Finkenschlag. Er mochte wohl schon -eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor -meldete.</p> - -<p>»Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht um -mir zu helfen (das ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen -werden soll), nein, um zu sehen, daß Sie mir schon geholfen haben. -Diese Tropfen. Es ist doch was damit. Wenn sie nur nicht so<span class="pagenum"><a id="Seite_371">[371]</a></span> -schlecht schmeckten; ich muß mir immer einen Ruck geben. -Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten. -Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese -sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes.«</p> - -<p>»Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die -Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und -ich bin doppelt froh, weil ich mich auf sechs Wochen von Ihnen -verabschieden muß.«</p> - -<p>»Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit. -Haben Sie Schulden gemacht und sollen in Prison?«</p> - -<p>»Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee -historisch beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs -Wochen weg gewesen, noch dazu ein Kreisphysikus. Eine -Doktorexistenz gestattet solchen Luxus nicht. Wie lebt man -denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer Furunkel aufgeschnitten, -immer Karbolwatte, immer in den Wagen gestiegen, -immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein -ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und -nun sechs Wochen weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden -werde … nu, vielleicht hat Gott ein Einsehen.«</p> - -<p>»Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.«</p> - -<p>»Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus -Berlin habe verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei), -der ist teurer. Und meine Reise kommt mir ohnedies schon -teuer genug.«</p> - -<p>»Aber wohin denn, Doktor?«</p> - -<p>»Nach Pfäffers.«</p> - -<p>»Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? -Warum? Wozu?«</p> - -<p>»Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, -schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der -letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich -auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings<span class="pagenum"><a id="Seite_372">[372]</a></span> -für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen -Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon -gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen -und unter anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der -Tamina heißt. Erinnert ein bißchen an Zauberflöte und klingt -soweit ganz gut. Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. -Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es -nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man -hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer -hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten -herauf. Wer da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt -einpacken. Übrigens will ich für meine Person gleich mit -hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig -Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert -ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich -verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine -Frau gefallen ist.«</p> - -<p>»Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe …«</p> - -<p>»Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit ›christlicher -Ehe‹ auch immer bloß so so ist. Da hatten wir, als ich -noch Militär war, einen Kompaniechirurgus, richtige alte -Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: ›Ja, christliche -Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken in Burgunder. -Das eine is immer da, aber das andere fehlt.‹«</p> - -<p>»Ja,« sagte Dubslav, »diese richtigen alten Kompaniechirurgusse, -die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, -jetzt leider ausgestorben … Und in solchem Pfäfferschen Backofen -wollen Sie sechs Wochen zubringen?«</p> - -<p>»Nein, Herr von Stechlin, nicht solange. Bloß vier, höchstens -vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch -mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise -schon Italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch -gern in das gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben<span class="pagenum"><a id="Seite_373">[373]</a></span> -wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfäffers -aus erst noch durch die Viamala zu fahren, den Splügen hinauf -oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen -Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann -kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir -wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir -einen neuen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch -Kreis Gransee.«</p> - -<p>»Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal -rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die Viamala fahren, -da müssen Sie sich in acht nehmen.«</p> - -<p>»Waren Sie denn mal da, Herr Major?«</p> - -<p>»Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, -lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. -Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayrische. Wenn -man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich -nach Dresden. Also Viamala nie gesehen. Aber ein Bild davon. -Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein -Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten -sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man -doch so was, und war da auf dem Viamala-Bilde ne Felsenschlucht -mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen, -der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.«</p> - -<p>»Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.«</p> - -<p>»Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr -wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also -auf diesem Bilde diese Viamala, mit einem kleinen Fluß unten, -und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug -von Menschen (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam -grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke.«</p> - -<p>»Sehr interessant.«</p> - -<p>»Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben -dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit<span class="pagenum"><a id="Seite_374">[374]</a></span> -einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger -Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will, -wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr -rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger, -sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Ähnliches -aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß -selbst der älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht -dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug -eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten -Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich -kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir stand, als ich das sah, -der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick, -dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg.«</p> - -<p>»Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die -Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner -Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die -kriegt nämlich mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist -immer was los.«</p> - -<p>Dubslav nickte.</p> - -<p>»Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von -Stechlin, mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn -der Appetit nicht wiederkommt, lieber nur zweimal täglich. -Und nie mehr als zehn Tropfen. Und wenn Sie sich unpaß -fühlen, mein Stellvertreter ist von allem unterrichtet. Er wird -Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch; aber doch -nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls sehr -gescheit. An seinem Namen – er heißt nämlich Moscheles – -dürfen Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig, -und da heißen die meisten so.«</p> - -<p>Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch -mit dem Namen, trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen -weckte. Schon vor etlichen fünfzig Jahren habe er Musikstücke -spielen müssen, die alle auf den Namen Moscheles liefen.<span class="pagenum"><a id="Seite_375">[375]</a></span> -Aber das wolle er dem Insichtstehenden nicht weiter entgelten -lassen.</p> - -<p>Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich -Sponholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft -hinein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute -von Gransee nach Pfäffers hin auf; die Frau, sehr leidend, -war schweigsam, er aber befand sich in einem hochgradigen -Reisefieber, was sich, als sie draußen auf dem Bahnhof angelangt -waren, in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte.</p> - -<p>Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus -begleitet. Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs -Tausendste. »Ja, unser guter Stechlin, mit dem steht es so -so … Baruch hat ihn auch gesehn und ihn einigermaßen verändert -gefunden … Und Sie, Kirstein, Sie schreiben mir natürlich, -wenn der junge Burmeister eintritt; ich weiß, er will -nicht recht (bloß der Vater will) und soll sogar von ›Hokuspokus‹ -gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht -nehmen. Unwissenheit, Verkennungen, über so was sind wir -weg; viel Feind, viel Ehr … Nur, es noch einmal zu sagen, -der Alte drüben in Stechlin macht mir Sorge. Man muß aber -hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und zu Moscheles hab -ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres Vergnügen -für nen Fachmann.«</p> - -<p>So klang, was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupéfenster -aus zum besten gab. Alles, am meisten aber das über -den alten Stechlin Gesagte, wurde weitergetragen und drang -bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich auch bis nach -Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit -kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt -und, angeregt durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende -Prinzessin, einen energischen Vorstoß gegen den Unglauben<span class="pagenum"><a id="Seite_376">[376]</a></span> -und die in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante. -Koseleger sowohl wie die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke -beim alten Dubslav als »nächstem Objekt« einsetzen und hielten -sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt. In einem Briefe -der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend: »Ich will -die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem -hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich -durchaus zugetan. Aber sein Prinzip, das nichts Höheres kennt, -als ›leben und leben lassen‹, hat in unsrer Gegend alle möglichen -Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen -lassen. Nehmen Sie beispielsweise diesen Krippenstapel. Und -nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich gestern über unsern -Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf die Krankheit -des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu -nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit -(soviel ist richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten -Momenten auch wiederum ebenso gefügig, und es sind -wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitternisse, -daraus ein Segen für den Kranken und jedenfalls für -die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird. Unter allen -Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht -erfüllt zu haben.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, daß Ermyntrud -diese Zeilen schrieb, und schon am andern Vormittage fuhr -Koseleger, der mit der Prinzessin im wesentlichen derselben -Meinung war, auf die Stechliner Rampe. Gleich danach -trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten.</p> - -<p>»Superintendent? Koseleger?«</p> - -<p>»Ja, gnädger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht -sehr wohl aus, und ganz blank.«</p> - -<p>»Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst<span class="pagenum"><a id="Seite_377">[377]</a></span> -sehn) ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem -Herrn Superintendenten, ich ließe bitten.«</p> - -<p>»Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin.«</p> - -<p>»Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue -Doktor hier. Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem ›<em class="antiqua">praesente -medico</em>‹ nur ein ganz klein wenig auf sich hat, muß solche -Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken.«</p> - -<p>»Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. -Die Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was -nach <em class="gesperrt">der</em> Seite hin liegt.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Dubslav, »nach <em class="gesperrt">der</em> Seite hin,« und wies -auf Brust und Herz. »Aber, offen gestanden, nach mancher -andern Seite hin ist mir dieser Moscheles nicht sehr sympathisch. -Er faßt seinen Stock so sonderbar an und schlenkert auch so.«</p> - -<p>»Ja, so was muß man unter Umständen mit in den Kauf -nehmen. Und dann heißt es ja auch, der Major von Stechlin -habe mehr oder weniger einen philosemitischen Zug.«</p> - -<p>»Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er -Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien -erst recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall -ansehn. Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht. -So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor. Und auch -mein alter Baruch Hirschfeld, den der Herr Superintendent -mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt mir nicht mehr -so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber – vielleicht daß -sein Sohn Isidor schuld ist – mit einemmal ist der Pferdefuß -rausgekommen.«</p> - -<p>»Ja,« lachte Koseleger, »der kommt immer mal raus. -Und nicht bloß bei Baruch. Ich muß aber sagen, das alles hat -mit der Rasse viel, viel weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen -Beruf. Da war ich eben bei der Frau von Gundermann …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_378">[378]</a></span></p> - -<p>»Und da war auch so was?«</p> - -<p>»In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders, -weil es sich um etwas Weibliches handelte. ›Stütze der Hausfrau‹. -Und da bändelt sich denn leicht was an. Eben diese -›Stütze der Hausfrau‹ war bis vor kurzem noch Erzieherin, -und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer einen -Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. -Und der Seminarist steht obenan.«</p> - -<p>»Ich kann mich nicht erinnern,« sagte Dubslav, »in unserer -Gegend irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben.«</p> - -<p>»O, ich bin mißverstanden,« beschwichtigte Koseleger und -rieb sich mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten -Hände. »Nichts von Vergehungen auf erotischem Gebiet, -wiewohl es bei den Gundermanns (die gerad in <em class="gesperrt">diesem</em> Punkte -viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder, ich möchte sagen -diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der große -Seminaristenpferdefuß, an den ich bei meiner ersten Bemerkung -dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, -Überschätzung und infolge davon ein eigentümliches Bestreben, -sich von den Heilsgütern loszulösen und die Befriedigung des -inneren Menschen in einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen.«</p> - -<p>»Ich will das nicht loben; aber auch solche ›falsche Wissenschaftlichkeit‹ -zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu den -allerseltensten Ausnahmen.«</p> - -<p>»Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus -Ihrer eigenen Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich -gerichteter Eltern über solche Dinge zugegangen. Allerdings -Altlutheraner aus der Globsower Gegend. Indessen, so lästig -diese Leute zuzeiten sind, so haben sie doch andrerseits den Ernst -des Glaubens und finden, wie sie sich in einem Skriptum an -mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen Lehrmethode -diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt.«</p> - -<p>Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz<span class="pagenum"><a id="Seite_379">[379]</a></span> -allen Respekts vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde -wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz geantwortet, wenn ihm -nicht alles, was er da hörte, gleichzeitig in einem heiteren Licht -erschienen wäre. Krippenstapel, sein Krippenstapel, er, der den -alten Fritzen so gut wie den Katechismus, aber den Katechismus -auch reichlich so gut wie den alten Fritzen kannte, – Krippenstapel, -sein großartiger Bienenvater, sein korrespondierendes -Mitglied märkisch-historischer Vereine, die Seele seines »Museums«, -sein guter Freund, dieser Krippenstapel sollte den »Ernst -des Glaubens« verkannt haben, bei ihm sollte der Seminaristenhochmut -zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl -entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick -ein wenig verstimmte) gelegentlich sehr Ähnliches gesagt -zu haben. Aber doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei -dasselbe tun, so ist es nicht mehr dasselbe. Traf dieser Satz je -zu, so hier. Er erhob sich also mit einiger Anstrengung von -seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte ihm die Hand -und sagte: »Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so -kann es nicht sein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier -überhaupt nichts, und am wenigsten in Globsow; die glauben -sozusagen gar nichts. Ich wittere da was von Intrigue. Da -stecken andere dahinter. Bei meinem alten Baruch ist der -Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem alten Krippenstapel -ist er <em class="gesperrt">nicht</em> rausgekommen und wird auch nicht rauskommen, -weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel, -den kenn ich.«</p> - -<p>Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach -von Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer -Intrigue zu.</p> - -<p>»Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel -an derlei Dinge zu glauben, denn ›Intrigue‹ zählt ganz eminent -zu den höheren Kulturformen. Intrigue hat hier in unserer -alten Grafschaft, glaub ich, noch keinen Boden. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_380">[380]</a></span> -andrerseits ist es doch freilich wahr, daß heutzutage die Verwerflichkeiten, -ja selbst die Verbrechen und Laster, nicht bloß im -Gefolge der Kultur auftreten, sondern umgekehrt ihr voranschreiten, -als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken -Sie, was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen -erlebt haben. Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben -wir ihre Greuel. Man erschauert, wenn man davon liest, und -freut sich der kleinen und alltäglichen Verhältnisse, drin der Wille -Gottes uns gnädig stellte.«</p> - -<p>Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang -hatten, erhob sich Koseleger, und der Alte, seinerseits seinen -Arm in den des Superintendenten einhakend, »um sich,« wie -er sagte, »auf die Kirche zu stützen,« begleitete seinen Besuch -bis wieder auf die Rampe hinaus und grüßte noch mit der -Hand, als der Wagen schon über die Bohlenbrücke fuhr. Dann -wandte er sich rasch an Engelke, der neben ihm stand, und sagte:</p> - -<p>»Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust -hätt ich. Heute kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche -lang läßt sich keine Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst -mal nen Entschluß gefaßt hat, dann kann es sich auch wieder -nicht genug tun. Man gewinnt dreimal das große Los, oder -man stößt sich dreimal den Kopp. Und immer an derselben -Stelle.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den -Flur passierte. Dabei sah er nach dem Hippenmann hinauf -und zählte die Schläge. »Zwölf,« sagte er, »und um zwölf ist -alles aus, und dann fängt der neue Tag an. Es gibt freilich -zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt schlägt, das is -die Mittagszwölf. Aber Mittag! … Wo bist du Sonne geblieben!« -All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat, -kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die -Hand. Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_381">[381]</a></span> -während er zu lesen schien, eigentlich nur mit der Frage, »wer -wohl heute noch kommen könne,« und dabei neben andren -Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend, kam -er zu dem Schlußresultat, daß ihm Lorenzen »mit all seinem -neuen Unsinn« doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen -Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen -hatte. »Ja, die Heilsgüter, die sind ganz gut. Versteht sich. Ich -werde mich nicht so versündigen. Die Kirche kann was, is was, -und der alte Luther, nu, der war schon ganz gewiß was, weil er -ehrlich war und für seine Sache sterben wollte. Nahe dran war -er. Eigentlich kommt's doch immer bloß darauf an, daß einer -sagt, ›dafür sterb ich‹. Und es dann aber auch tut. Für was, is -beinah gleich. Daß man überhaupt so was kann, wie sich opfern, -das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da -so sage; aber was sie jetzt ›sittlich‹ nennen (und manche sagen -auch ›schönheitlich‹, aber das is ein zu dolles Wort), also was -sie jetzt sittlich nennen, so bloß auf <em class="gesperrt">das</em> hin angesehn, da is -das persönliche Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und --wollen doch das Höchste. Mehr kann der Mensch nich. Aber -Koseleger. Der will leben.«</p> - -<p>Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann, -war sein gutes, altes Faktotum eingetreten, an das er denn -auch ohne weiteres und bloß zu eignem Ergötzen die Frage -richtete: »Nich wahr, Engelke?«</p> - -<p>Der aber hörte gar nichts mehr, so sehr war er in Verwirrung, -und stotterte nur aus sich heraus: »Ach Gott, gnädger -Herr, nu is es doch so gekommen.«</p> - -<p>»Wie? Was?«</p> - -<p>»Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster …«</p> - -<p>»Was? Die Prinzessin?«</p> - -<p>»Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.«</p> - -<p>»Alle Wetter, Engelke … Da haben wir's. Aber ich hab -es ja gesagt, ich wußt es. Wie so'n Tag anfängt, so bleibt er,<span class="pagenum"><a id="Seite_382">[382]</a></span> -so geht es weiter … Und wie das hier durcheinander liegt, -alles wie Kraut und Rüben. Nimm die Zudecke weg, ach was -Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen eine andre haben. -Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht gleich -aussieht wie ne Krankenstube … Die Prinzessin … Aber -rasch, Engelke, flink … Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin -bitten.«</p> - -<p>Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen -aber hielt er's in seinem desolaten Zustande doch für besser, in -seinem Rollstuhl zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn -oder sie durch ein Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger -feierlich zu begrüßen. Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen -denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu -verstehen, daß sie nicht zu stören wünsche. Gleich danach legte sie -den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles -und sagte: »Ich komme, Herr von Stechlin, um nach Ihrem -Befinden zu fragen; Katzler (sie nannte ihn, unter geflissentlichster -Vermeidung des allerdings plebejen »mein Mann«, -immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem -Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich -hoffe, es geht besser.«</p> - -<p>Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das -um ihn her herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen -zu wollen. »Wo die weibliche Hand fehlt, fehlt alles.« Er fuhr -so noch eine Weile fort, in allerlei Worten und Wendungen, wie -sie ihm von alter Zeit her geläufig waren; eigentlich aber war -er wenig bei dem, was er sagte, sondern hing ausschließlich an -dem halb nonnen-, halb heiligenbildartigen ihrer Erscheinung, -das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln bestehenden -Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde. Sie -mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, -der – so sehr er dagegen ankämpfte – ganz unter der Vorstellung -ihrer Prinzessinnenschaft stand, vergaß auf Augenblicke<span class="pagenum"><a id="Seite_383">[383]</a></span> -Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter -seiner Dame. Daß sie stehenblieb, war ihm im ersten Augenblicke -störend, bald aber war es ihm recht, weil ihm einleuchtete, -daß ihr »Bild« erst dadurch zu voller Wirkung kam. Ermyntrud -selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug, -auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten.</p> - -<p>»Ich höre, daß Doktor Sponholz, den ich als Arzt sehr -schätzen gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers -ist, einem jungen Stellvertreter anvertraut hat. Junge Ärzte -sind meist klüger als die alten, aber doch weniger Ärzte. Man -bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte -Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart. -Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen, -der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich -Heilsame bleibt. Ärzte selbst – ich hab einen Teil meiner Jugend -in einem Diakonissenhause verbracht – Ärzte selbst, wenn -sie ihren Beruf recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte -Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf; -alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort. Aber freilich, das richtige -Wort wird nicht überall gesprochen.«</p> - -<p>Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz -klar, daß die Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten. -Aber woher kam ihr die Wissenschaft, daß seine Seele dessen -bedürftig sei? Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu bringen, -und so bezwang er sich denn und sagte: »Gewiß, Durchlaucht, -das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das Wunder; es -läßt uns lachen und weinen; es erhebt uns und demütigt uns, -es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst -das wahre Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort, -das haben wir in der Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn -ich manches Wort nicht verstehe, wie wir die Sterne nicht verstehn, -so haben wir dafür die Deuter.«</p> - -<p>»Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_384">[384]</a></span></p> - -<p>»Ja,« lachte Dubslav, »und wer die Wahl hat, hat die -Qual. Aber ich persönlich, ich habe keine Wahl. Denn genau -so wie mit dem Körper, so steht es für mich auch mit der Seele. -Man behilft sich mit dem, was man hat. Nehm ich da zunächst -meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es mir hier und steigt -und drückt und quält mich und ängstigt mich, und wenn die -Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn -es mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein, -und dann kommt Sponholz. Das heißt, wenn er gerade da ist. -Ja, dieser Sponholz ist auch ein Wissender und ein ›Deuter‹. -Sehr wahrscheinlich, daß es klügere und bessere gibt; aber in -Ermangelung dieser besseren muß er für mich ausreichen.«</p> - -<p>Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung -ausdrücken zu wollen.</p> - -<p>»Und,« fuhr Dubslav fort, »ich muß es wiederholen, genau -so wie mit dem Leib, so auch mit der Seele. Wenn sich -meine arme Seele ängstigt, dann nehm ich mir Trost und -Hilfe, so gut ich sie gerade finden kann. Und dabei denk ich -dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man am schnellsten, -und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß -man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn, -wenn benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber, -den Arzt für die Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher -und brauche nicht mal nach Gransee hinüberzuschicken. Alle -Worte, die von Herzen kommen, sind gute Worte, und wenn -sie mir helfen (und sie helfen mir), so frag ich nicht viel danach, -ob es sogenannte ›richtige‹ Worte sind oder nicht.«</p> - -<p>Ermyntrud richtete sich höher auf; ihr bis dahin verbindliches -Lächeln war sichtlich in raschem Hinschwinden.</p> - -<p>»Überdies,« so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, »was -sind die richtigen Worte? Wo sind sie?«</p> - -<p>»Sie haben sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben -wollen. Und Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten<span class="pagenum"><a id="Seite_385">[385]</a></span> -Nähe. Mich persönlich haben diese Worte während -schwerer Tage gestützt und aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, -voran im eignen Lager. Und diese Feinde sprechen von ›schönen -Worten‹. Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen, -weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich eine mich segnende -Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist? Sie haben -Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit -über diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen -wäre, würd ich eine gnädge Fügung darin zu sehn glauben, -daß er an diese sterile Küste verschlagen werden mußte, gerade -mir eine Hilfe zu sein. Aber was er an mir tat, kann er auch -an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege führt; wer -die Seele hat, hat auch den Leib.«</p> - -<p>Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl -an Dubslav herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm, -halb wie segnend, die Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte -dabei seine Brust. Sie ließ es eine Weile da ruhen. Dann -aber trat sie wieder zurück, und sich zweimal unter hoheitsvollem -Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer. Engelke, der -draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Einsteigen in den -kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.</p> - -<p>Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen, -das grad vor ihm auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb -niedergebrannten Scheite. Die Flamme schlug auf und etliche -Funken stoben. »Arme Durchlaucht. Es ist doch nicht gut, wenn -Prinzessinnen in Oberförsterhäuser einziehn. Sie sind dann -aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen, -um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit nicht unterzugehn. -Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte sie -freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen sie selber bedürftig -ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von -wem sie will. Der Alte auf Sanssouci, mit seinem nach der -eignen Fasson selig werden hat's auch darin getroffen. Gewiß.<span class="pagenum"><a id="Seite_386">[386]</a></span> -Aber wenn ich euch eure Fasson lasse, so laßt mir auch die -meine. Wollt nicht alles besser wissen, kommt mir nicht mit -Anzettelungen, erst gegen meinen guten Krippenstapel, der -kein Wässerchen trübt, und nun gar gegen meinen klugen -Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn persönlich -wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und -wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß -ich auch schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin -schlecht, und er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen. -Auch sogar gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, -die ja schon der reine Rosenkranz sind. Und es wird -auch noch so was. Eigentlich bin ich übrigens selber schuld. -Ich habe mir durch den prinzeßlichen Augenaufschlag und die -vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren lassen. Aber -es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich meinen -Engelke habe.«</p> - -<p>Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden -und drückte auf den Klingelknopf. »Engelke, geh zu Lorenzen -und sag ihm, ich ließ ihn bitten. Der soll dann aber heut -auch der letzte sein … Denke dir, Engelke, sie wollen mich -bekehren!«</p> - -<p>»Aber, gnädger Herr, das is ja doch das Beste.«</p> - -<p>»Gott, nu fängt der auch noch an.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Achtunddreissigstes_Kapitel">Achtunddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen -aus dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz -hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach -von allem möglichen, erst ganz kurz von Dubslavs Zustand, -den er nicht gut und nicht schlecht fand, dann von Koseleger, -von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen<span class="pagenum"><a id="Seite_387">[387]</a></span> -war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein -und von Torgelow. »Ja, dieser Torgelow,« sagte Moscheles. -»Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig -gewesen wäre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte! -Aber da haben sie denn doch noch ganz andre Leute.« Dubslav -war davon wenig angenehm berührt, weil er aus der persönlichen -Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen -Partei heraushörte.</p> - -<p>Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als -Moscheles wieder fort war, sagte Dubslav: »Engelke, wenn er -wiederkommt, so sag ihm, ich sei nicht da. Das wird er natürlich -nicht glauben; weiß er doch am besten, daß ich an mein Zimmer -und meinen Rollstuhl gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag -ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz, sich grade -diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie -schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar anfaßt, -immer grad in der Mitte. Und dazu auch noch nen roten -Schlips.«</p> - -<p>»Es sind aber schwarze Käfer drin.«</p> - -<p>»Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, -damit es nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer -ist und wohin er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch, -auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit ner -papiernen Kornblume kommt. Also du sagst ihm, ich sei -nicht da.«</p> - -<p>Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken -dabei. »Der alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. -Un den aus Wutz will er auch nich, weil der so viel mit der -Domina zusammenhockt. Un dabei kommt er doch immer mehr -runter. Er denkt: ›Es is noch nich so schlimm.‹ Aber es is -schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un Kluckhuhn -sagte mir schon vorige Woche: ›Engelke, glaube mir, es wird -nichts; ich weiß Bescheid.‹«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_388">[388]</a></span></p> - -<p class="drop">Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder -vor und verfärbte sich, als Engelke sagte, der gnädge Herr -sei nicht da.</p> - -<p>»So, so. Nicht da.«</p> - -<p>Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf -seinen Wagen und bestärkte sich, während er nach Gransee -zurückfuhr, in seinen durchaus ablehnenden Anschauungen -über den derzeitigen Gesellschaftszustand. »Einer ist wie der -andre. Was wir brauchen, is ein Generalkladderadatsch, -Krach, <em class="antiqua">tabula rasa</em>.« Zugleich war er entschlossen, von einem -erneuten Krankenbesuch abzustehen. »Der gnädge Herr auf, -von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich -braucht. Hoffentlich unterläßt er's.«</p> - -<p>Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn -nicht rufen, wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn -die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig -nachließen, waren die geschwollenen Füße sofort wieder -da. Engelke sah das alles mit Sorge. Was blieb ihm noch -vom Leben, wenn er seinen gnädgen Herrn nicht mehr hatte? -Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, -als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige -Stube trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu -dieser: »Ick weet nich, Mutter, worüm he den jungschen Dokter -rutgrulen däd. De Jungsche is doch klöger, as de olle Sponholz -is. Doa möt man blot de Globsower über Sponholzen -hüren. ›Joa, oll Sponholz,‹ so seggen se, ›de is joa so wiet ganz -good, awers he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he egentlich -nich, he brukt man blot ne Supp mit en beten wat in!‹ -Joa, Sponholz, de kann so wat seggen, de hett wat da to. Awers -de Globsower! Wo salln de ne Supp herkregen mit en beten -wat in?«</p> - -<p>So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht -war, sah nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_389">[389]</a></span> -Moscheles war doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, -und wenn er jetzt einen andern nahm, so traf das Sponholzen -auch mit. Und das mocht er nicht. In dieser Notlage -sann er hin und her, und eines Tages, als er mal wieder in -rechter Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und -sagte: »Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nicht von dem -Doktor. Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, -wie steht das eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten -Herbst uns' Kossät Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht -haben.«</p> - -<p>»Ja, die Buschen …«</p> - -<p>»Na, was meinst du?«</p> - -<p>»Ja, die Buschen, <em class="gesperrt">die</em> weiß Bescheid. Versteht sich. Man -bloß, daß sie ne richtige alte Hexe is, und um Walpurgis weiß -keiner, wo sie is. Und die Mächens gehen Sonnabends auch -immer hin, wenn's schummert, und Uncke hat auch schon welche -notiert und beim Landrat Anzeige gemacht. Aber sie streiten -alle Stein und Bein; und ein paar haben auch schon geschworen, -sie wüßten von gar nichts.«</p> - -<p>»Kann ich mir denken, und vielleicht war's auch nich so -schlimm. Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut -Bescheid weiß, da wär's am Ende das beste, du gingst mal hin -oder schicktest wen. Denn deine alten Beine wollen auch nich -mehr so recht, und außerdem is Schlackerwetter. Und wenn du -mir auch noch krank wirst, so hab ich ja keine Katze mehr, die sich -um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und wenn er auch -in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine Schwadron -und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater -sitzen. Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was -Schweres; darum haben die Katholiken auch nen eignen Segen -dafür. Ja, die verstehn es. So was verstehn sie besser als -wir.«</p> - -<p>»Nei, gnädger Herr, besser doch wohl nich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_390">[390]</a></span></p> - -<p>»Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, -und weil heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben -sich ja die Menschen auch das angeschafft, was sie ne ›Enquete‹ -nennen. Keiner kann sich freilich so recht was dabei denken. -Ich gewiß nicht. Weißt du, was es ist?«</p> - -<p>»Nei, gnädger Herr.«</p> - -<p>»Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das -merkt man gleich, und hast auch ein Einsehn davon, daß es -eigentlich am besten wäre, wenn ich zu der Buschen schicke. -Was die Leute von ihr reden, geht mich nichts an. Und dann -bin ich auch kein Mächen. Und Uncke wird mich ja wohl nicht -aufschreiben.«</p> - -<p>Engelke lächelte: »Na, gnädger Herr, dann werd ich man -unten mit unse Mamsell Pritzbur sprechen; die kann die lütte -Marie rausschicken. Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet, -aber sie war auch schon da.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im -Herrenhause. Sie hatte sich für den Besuch etwas zurecht gemacht -und trug ihre besten Kleider, auch ein neues schwarzes -Kopftuch. Aber man konnte nicht sagen, daß sie dadurch gewonnen -hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so mit nem -Sack über die Schulter oder mit ner Kiepe voll Reisig aus -dem Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib; -jetzt aber, wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht -wußte, warum man sie gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit -an, und daß sie für all und jedes zu haben sei.</p> - -<p>Sie blieb an der Tür stehen.</p> - -<p>»Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans -Fenster, daß ich Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz -schummrig.«</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>»Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is<span class="pagenum"><a id="Seite_391">[391]</a></span> -auch noch Sponholz weg. Und den neuen Berlinschen, den -mag ich nicht. Ihr sollt ja Kossät Rohrbeckens Frau damals -wieder auf die Beine gebracht haben. Mit mir is es auch so -was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen? Ich -zeig Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles -gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht -sein.«</p> - -<p>»Ick weet joa, jnädger Herr … Se wihren joa nich. -Un denn de Lüd', de denken ümmer, ick kann hexen un all so -wat. Ick kann awer joar nix un hebb man blot en beten Liebstöckel -un Wacholder un Allermannsharnisch. Un alles blot, -wie't sinn muß. Un de Gerichten können mi nix dohn.«</p> - -<p>»Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an. -Mit so was komm ich Euch nich. Kann ›Gerichte‹ selber nich -gut leiden. Und nu sagt mir, Buschen, wollt Ihr den Fuß -sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso aus. Oder doch -beinah.«</p> - -<p>»Nei, jnädger Herr. Loaten's man. Ick weet joa, wi dat -is. Ihrst sitt et hier up de Bost, nu denn sackt et sich, un denn -sitt et hier unnen. Un is all een un dat sülwige. Dat möt -allens rut, un wenn et rut is, denn drückt et nich mihr, un -denn künnen Se wedder gapsen.«</p> - -<p>»Gut. Leuchtet mir ein. ›Et muß rut,‹ sagt Ihr. Und -das sag ich auch. Aber womit wollt Ihr's ›rut‹-bringen? Das -is die Sache. Welche Mittel, welche Wege?«</p> - -<p>»Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel, -denn finnen sich ook de Weg. Ick schick' hüt noch Agnessen mit -twee Tüten; Agnes, dat is Karlinen ehr lütt Deern.«</p> - -<p>»Ich weiß, ich weiß.«</p> - -<p>»Un Agnes, de soll denn unnen in den Küch goahn, to Mamsell -Pritzbur, un de Pritzburn de sall denn den Tee moaken -für'n jnädgen Herrn. Morgens ut de witte Tüt, un abens -ut de blue Tüt. Un ümmer man nen gestrichnen Eßlöffel vull<span class="pagenum"><a id="Seite_392">[392]</a></span> -un nich to veel Woater; awers bullern möt et. Un wenn de -Tüten all sinn, denn is et rut. Dat Woater nimmt dat Woater -weg.«</p> - -<p>»Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und -ich bin nicht bloß ein geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer -Kranker. Nun will ich aber bloß noch wissen, was -Ihr mir da in Euern Tüten schicken wollt, in der weißen und in -der blauen. Is doch kein Geheimnis?«</p> - -<p>»Nei, jnädger Herr.«</p> - -<p>»Na also.«</p> - -<p>»In de witte Tüt is Bärlapp un in de blue Tür is, wat -de Lüd hier Katzenpoot nennen.«</p> - -<p>»Versteh, versteh,« lächelte Dubslav, und dann sprach er -wie zu sich selbst: »Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen -liegt eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp -zum Einstreuen fängt die süße Gewohnheit des Daseins an -und mit Katzenpfötchen hört es auf. So verläuft es. Katzenpfötchen -… die gelben Blumen, draus sie die letzten Kränze -machen … Na, wir wollen sehn.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden -Tüten, und es geschah, was beinah über alles Erwarten hinaus -lag: es wurde wirklich besser. Die Geschwulst schwand, und -Dubslav atmete leichter. »Dat Woater nimmt dat Woater,« -an diesem Hexenspruch – den er, wenn er mit Engelke plauderte, -gern zitierte – richteten sich seine Hoffnungen und seine -Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung -und ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen -Rollstuhl nicht bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern -fuhr auch um das Rundell herum und sah dem kleinen Springbrunnen -zu, der wieder sprang. Ja, es kam ihm vor, als ob er -höher spränge. »Findest du nich auch, Engelke? Vor vier -Wochen wollt er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht<span class="pagenum"><a id="Seite_393">[393]</a></span> -wieder, und es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; -wozu hat man sie denn?«</p> - -<p>Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die gekommen -waren, auf einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl, -zuunterst die »Kreuzzeitung« als Fundament, auf diese -dann die »Post« und zuletzt die Briefe. Die meisten waren offen, -Anzeigen und Anpreisungen, nur einer war geschlossen, ja sogar -gesiegelt. Poststempel: Berlin. »Gib mir mal das Papiermesser, -daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er sieht -nach was aus, und die Handschrift is wie von ner Dame, bloß -ein bißchen zu dicke Grundstriche.«</p> - -<p>»Is am Ende von der Gräfin.«</p> - -<p>»Engelke,« sagte Dubslav, »du wirst mir zu klug. Natürlich -is er von der Gräfin. Hier is ja die Krone.«</p> - -<p>Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. -Melusinens Zeilen aber lauteten am Schluß: »Und nun -bitt ich, Ihnen einen Brief beilegen zu dürfen, den unsre liebe -Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat und -zwar von Armgard, deren volles Glück ich aus diesem Brief und -allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich fernliegenden -Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.«</p> - -<p>Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:</p> - -<p class="right"> -»Rom, im März.</p> -<p class="center"> -Teuerste Baronin!</p> - -<p>An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? -Vatikan und Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn -ich Glück habe, bin ich auch noch mit dabei, wenn am Gründonnerstag -der große Segen gespendet wird. Man muß eben -alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos -und überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner -Vorgänger doch nie heranreicht. Aber von unserer Reise will -ich Ihnen statt dessen erzählen. Wir nahmen den Weg über den<span class="pagenum"><a id="Seite_394">[394]</a></span> -Brenner und waren am selben Abend noch in Verona. ›Torre -di Londra‹. Was mich andern Tags in der Capuletti- und -Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer Parkgarten, -der ›Giardino Giusti‹, mit über zweihundert Zypressen, -alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das -Berliner Schloß. Ich ging mit Woldemar auf und ab, und -dabei berechneten wir uns, ob wohl die schöne Julia hier auch -schon auf und ab gegangen sei? Nur eins störte uns. Zu -solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört als Abschluß -notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ›Giardino -Guisti‹ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment, -der, von Neapel kommend, bereits alle Schönheit -Italiens gesehen hatte. Wir fragten ihn, ob Verona, wie -einem beständig versichert wird, wirklich die ›italienischste der -italienischen Städte‹ sei? Hauptmann von Gaza lachte. ›Von -Potsdam,‹ so meinte er, ›könne man vielleicht sagen, daß es -die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste? -Nie und nimmer.‹</p> - -<p>Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das -eine. Unser Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen -Kirche: San Mose. Daß es einen Sankt Moses gibt, war mir -fremd und verwunderlich zugleich. Aber gleich danach dacht -ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt. Moses -geht doch immer noch vor Gendarm.</p> - -<p>Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom -Trasimenischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten. -Woldemar, ein ganz klein wenig ›Taschen-Moltke‹, -mochte nicht darauf verzichten, den großen Hannibal auf Herz -und Nieren zu prüfen, und so stiegen wir denn in Nähe des -Sees aus, an einer kleinen Station, die, glaub ich, Borghetto-Tuoro -heißt. Es war auch für einen Laien über Erwarten -interessant, und selbst ich, die ich sonst gar reinen Sinn für derlei -Dinge habe, verstand alles, und fand mich leicht in jeglichem<span class="pagenum"><a id="Seite_395">[395]</a></span> -zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen -Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde. -Der See hat viele Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse -(mehr Kanal als Fluß) nennt sich der ›Emissarius‹, was mich -sehr erheiterte. Noch interessanter aber erschien mir ein anderer -Flußlauf, der, weil er am Schlachttage von Blut sich rötete, -der ›Sanguinetto‹ heißt. Das Diminutiv steigert hier ganz -entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß, zehn -Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon -ihn auspumpen lassen wollte. Da hätte sich dann ein neues -Herzogtum gründen lassen …«</p> - -<p>»Schau, schau,« sagte der alte Dubslav, »wer der blassen -Komtesse das zugetraut hätte! Ja, reisen und in den Krieg -ziehen, da lernt man, da wird man anders.«</p> - -<p>Und er legte den Brief beiseite.</p> - -<p>Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen, -und er überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer -noch habe. Vor ihm, in den Parkbäumen, schlugen die Vögel, -und ein Buchfink kam bis auf den Tisch und sah ihn an, ganz -ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl. »Etwas ganz -besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und wenn's -auch bloß ein Piepvogel is, der's einem entgegenbringt. Einige -haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang an -auf Mord und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.«</p> - -<p>Engelke kam, um abzuräumen. »Is ein schöner Tag heut,« -sagte Dubslav, »und die Krokusse kommen auch schon raus. -Eigentlich hab ich nich geglaubt, daß ich so was Hübsches noch -mal sehen würde. Und wenn ich dann denke, daß ich das alles -der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt! Sponholz hatte -bloß immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte nichts -als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen, und -mit einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu -krieg ich auch noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen<span class="pagenum"><a id="Seite_396">[396]</a></span> -Brief von einer hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. -Ja, Engelke, so geht's; nich zu glauben. Und da hättest -du vorhin den Buchfinken sehen sollen, wie mich der ansah. -Bloß als du kamst, da flog er weg; er muß sich vor dir gegrault -haben.«</p> - -<p>»Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.«</p> - -<p>»Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir -nen guten Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man -sich freuen kann. Wie mir schlecht war, da kam Koseleger und -die Prinzessin. Aber heute kam ein Buchfink. Und ich bin ganz -sicher, der hat noch ein Gefolge.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag -da war, kam Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen -Katzenpfötchentee trank, nur selten und immer bloß flüchtig -hatte sehen lassen. Aber das war rein zufällig und sollte nicht -eine Mißbilligung darüber ausdrücken, daß sich der Alte bei der -Buschen in die Kur gegeben.</p> - -<p>»Nun endlich,« empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. -»Wo bleiben Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären -kleine Könige. Ja, wer's glaubt! Alle kleinen Könige haben -ein Cortege, das sich in Huldigungen und Purzelbäumen -überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel -gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger -und dann die Prinzessin, aber der, der so halb <em class="antiqua">ex officio</em> kommen -sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder -die Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann -man. Und das heißt dann Seelsorge.«</p> - -<p>Lorenzen lächelte. »Herr von Stechlin, Ihre Seele macht -mir, trotz dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn -sie zählt zu denen, die jeder Spezialempfehlung entbehren -können. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja für einen Pfarrer -beinah lästerlich sprechen. Aber ich muß es. Ich lebe nämlich<span class="pagenum"><a id="Seite_397">[397]</a></span> -der Überzeugung, der liebe Gott, wenn es mal soweit ist, -freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit ist. Aber -es ist noch nicht soweit.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls -aber befind ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande -nur mit Hilfe der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders -empfehlen kann, ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir -die heikle Frage. Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches -und Heiteres, auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist, -etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das ist mir immer -das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in den -Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer -alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig -– natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt -aus – eine wahres Glück, daß es Unglücksfälle -gibt, sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar -nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter -sogar Gutes (freilich nur selten), und haben ein wundervolles -Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen -fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-Rex-Mann, -was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Friederikus-Rex-Leute, -die haben alle Herz und Verstand auf dem -rechten Fleck. Also suchen Sie nach irgendwas der Art, nach -einer alten Zieten- oder Blücheranekdote, kann meinetwegen -auch Wrangel sein – ich bin dankbar für alles. Je schlechter es -einem geht, je schöner kommt einem so was kavalleristisch Frisches -und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf -Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber -das darf ich sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank -kommt dergleichen immer noch vor.«</p> - -<p>»Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von -Stechlin, all dies Heldische …«</p> - -<p>»Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das<span class="pagenum"><a id="Seite_398">[398]</a></span> -Heldische sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn -es wäre, da würd ich ernstlich böse.«</p> - -<p>»Das läßt Ihre Güte nicht zu.«</p> - -<p>»Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. -Was haben Sie gegen das Heldische?«</p> - -<p>»Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. -Heldentum ist gut und groß. Und unter Umständen ist es das -Allergrößte. Lasse mir also den Heroenkultus durchaus gefallen, -das heißt, den echten und rechten. Aber was Sie da -von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für das Wort, ein -Heldentum zweiter Güte. <em class="gesperrt">Mein</em> Heldentum – soll heißen, -was ich für Heldentum halte – das ist nicht auf dem Schlachtfelde -zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, -die mit zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, -weltabgewandt. Wenigstens als Regel. Aber freilich, <em class="gesperrt">wenn</em> -die Welt dann ausnahmsweise davon hört, dann horch ich -mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein Kavalleriepferd, das -die Trompete hört.«</p> - -<p>»Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.«</p> - -<p>»Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, -die nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein -Blitz sie niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; -da sind des weiteren die großen Kletterer und Steiger, sei's -in die Höh, sei's in die Tiefe, da sind zum dritten die, die den -Meeresgrund absuchen wie ne Wiese, und da sind endlich die -Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer.«</p> - -<p>»Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits -verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken -kam: ›Was die Hose kann, kann ich auch.‹ Und daraufhin -fuhr er über den Pol. Oder wollte wenigstens.«</p> - -<p>Lorenzen nickte.</p> - -<p>»Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen -sich an die Sache ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_399">[399]</a></span> -nichts draus wurde. Bleibt immer noch ein Bravourstück. -Gewiß, da sitzt nu so wer im Eise, sieht nichts, hört nichts, und -wenn wer kommt, ist es höchstens ein Eisbär. Indessen, er -freut sich doch, weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf -sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen. Aber trotzdem, -Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, -oder um's noch einmal einzuschränken, ein solches, das mich -persönlich hinreißen soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, -eines allereigensten Entschlusses. Auch dann noch (ja mitunter -dann erst recht), wenn dieser Entschluß schon das Verbrechen -streift. Oder, was fast noch schlimmer, das Häßliche. -Kennen Sie den Cooperschen ›Spy‹? Da haben Sie den Spion -als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. -Die Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt -der Beispiele noch andere, noch bessere!«</p> - -<p>»Da bin ich neugierig,« sagte Dubslav. »Also wenn's -sein kann: Name.«</p> - -<p>»Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee <em class="antiqua">pur sang</em>. -Und im übrigen auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.«</p> - -<p>»Will also sagen: Nansen der Zweite.«</p> - -<p>»Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor -Nansen.«</p> - -<p>»Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol zu? Oder -waren seine Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?«</p> - -<p>»All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich -Heldische fehlt in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle -tritt, ist ein ganz andres. Aber dies andre, <em class="gesperrt">das</em> gerade macht es.«</p> - -<p>»Und das war?«</p> - -<p>»Nun denn, – ich erzähle nach dem Gedächtnis und im -Einzelnen und Nebensächlichen irr ich vielleicht … Aber in -der Hauptsache stimmt es … Also zuletzt, nach langer Irrfahrt, -waren's noch ihrer fünf: Greeley selbst und vier seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_400">[400]</a></span> -Leute. Das Schiff hatten sie verlassen, und so zogen sie hin -über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit sich da -von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen -Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes -Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle -reichen würde. Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch -wieder geringstes Maß als tägliche Provision zubewilligt, und -wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam, so -mußt es reichen. Und einer, der noch am meisten bei Kräften -war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so durch Tage. -Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller -hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger -selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den -Rationen nahm. Das war eine schreckliche Wahrnehmung. -Denn ging es so fort, so waren sie samt und sonders verloren. -Da nahm Greeley die drei andern beiseit und beriet mit ihnen. -Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht, und auf -einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht. Sie hatten dazu -die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es -war Greeley, der es sagte: ›Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‹ -Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder -aufbrachen, der heimlich Verurteilte vorn an der Tete, trat -Greeley von hintenher an ihn heran und schoß ihn nieder. Und -die Tat war nicht umsonst getan; ihre Rationen reichten aus, -und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen verzehrten, kamen -sie bis an eine Station.«</p> - -<p>»Und was wurde weiter?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr -nach Newyork als Ankläger gegen sich auftrat; aber -das weiß ich, daß es zu einer großen Verhandlung kam.«</p> - -<p>»Und in dieser …«</p> - -<p>»… In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph -nach Hause getragen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_401">[401]</a></span></p> - -<p>»Und Sie sind einverstanden damit?«</p> - -<p>»Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun, -was er tat, hätte zu den Gefährten sagen können: ›Unser Exempel -wird falsch, und wir gehen an des einen Schuld zugrunde; -töten mag ich ihn nicht, – sterben wir also alle.‹ Für seine -Person hätt er so sprechen und handeln können. Aber es handelte -sich nicht bloß um ihn; er hatte die Führer- und die Befehlshaberrolle, -zugleich die Richterpflicht, und hatte die Majorität -von drei gegen eine Minorität von einem zu schützen. -Was dieser eine getan, an und für sich ein Nichts, war unter -den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges -Verbrechen. Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere -Tat die schwere Gegentat auf sich. In solchem Augenblicke -richtig fühlen und in der Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt -ein furchtbares Etwas tun, ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange -gerissen, allem göttlichen Gebot, allem Gesetz und -aller Ehre widerspricht, <em class="gesperrt">das</em> imponiert mir ganz ungeheuer und ist -in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut. Schmach und -Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben sich -von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut -in der Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.«</p> - -<p>Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem -Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens -und sagte: »Sie sollen recht haben.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Neununddreissigstes_Kapitel">Neununddreißigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht. -»Wenn man mal so was andres hört, wird einem gleich besser.« -Aber auch der Katzenpfötchentee fuhr fort, seine Wirkung zu -tun, und was dem Kranken am meisten half, war, daß er die -grünen Tropfen fortließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_402">[402]</a></span></p> - -<p>»Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wie gefallen -dir meine Beine? Wenn ich drücke, keine Kute mehr.«</p> - -<p>»Gewiß, gnädger Herr, es wird nu wieder, un das macht -alles der Tee. Ja, die Buschen versteht es, das hab ich immer -gesagt. Und gestern abend, als Lorenzen hier war, war auch -lütt Agnes hier un hat unten in der Küche gefragt, wie's -denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn? Und die -Mamsell hat ihr gesagt, ›es stünde gut‹.«</p> - -<p>»Na, das is recht, daß die Alte, wie 'n richtiger Doktor, -sich um einen kümmert und von allem wissen will. Und daß -sie nicht selber kommt, ist noch besser. So'n bißchen schlecht -Gewissen hat sie doch woll. Ich glaube, daß sie viel auf'm -Kerbholz hat, und daß die Karline so is, wie sie is, daran is -doch auch bloß die Alte schuld. Und das Kind wird vielleicht -auch noch so; sie dreht sich schon wie ne Puppe, und dazu das -lange, blonde Zoddelhaar. Ich muß dabei immer an Bellchen -denken, – weißt du noch, als die gnädge Frau noch -lebte. Bellchen hatte auch solche Haare. Und war auch der -Liebling. Solche sind immer Liebling. Krippenstapel, hör ich, -soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn die andern ihn -noch anglotzen, dann schießt sie schon los. Es ist ein kluges Ding.«</p> - -<p>Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach -unten, um dem gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen: -ein weiches Ei und eine Tasse Fleischbrühe. Als er aber aus dem -Gartenzimmer auf den großen Hausflur hinaustrat, sah er, -daß ein Wagen vorgefahren war, und statt in die Küche zu -gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurück, um mit -verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnädge Fräulein da sei.</p> - -<p>»Wie? Meine Schwester?«</p> - -<p>»Ja, das gnädge Frölen.«</p> - -<p>»I, da soll doch gleich ne alte Wand wackeln,« sagte Dubslav, -der einen ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher -war, daß es jetzt mit Ruh und Frieden auf Tage, vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_403">[403]</a></span> -auf Wochen, vorbei sei. Denn Adelheid mit ihren sechsundsiebzig -setzte sich nicht gern auf eine Kleinigkeit hin in Bewegung, -und wenn sie die beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her -herüberkam, so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern Einquartierung. -Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit einem -Male wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im -Nu wieder da war.</p> - -<p>Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, -denn Engelke öffnete bereits die Tür, und Adelheid kam auf -ihn zu. »Tag, Dubslav. Ich muß doch mal sehn. Unser Rentmeister -Fix ist vorgestern hier in Stechlin gewesen und hat dabei -von deinem letzten Unwohlsein gehört. Und daher weiß -ich es. Eh du persönlich deine Schwester so was wissen läßt -oder einen Boten schickst …«</p> - -<p>»Da muß ich schon tot sein,« ergänzte der alte Stechlin -und lachte. »Nun, laß es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem -und rücke den Stuhl da heran.«</p> - -<p>»Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst! -Das ist ja ein Großvaterstuhl oder doch beinah.« Und dabei -nahm sie statt dessen einen kleinen, leichten Rohrsessel und ließ -sich drauf nieder. »Ich komme doch nicht zu dir, um mich hier -in einen großen Polsterstuhl mit Backen zu setzen. Ich will -meinen lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht selber eine -Kranke sein. Wenn es so mit mir stünde, wär ich zu Hause geblieben. -Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter bin als -du. Nun, ja, ich bin zehn Jahre älter. Aber was sind die Jahre? -Die Wutzer Luft ist gesund, und wenn ich die Grabsteine bei -uns lese, unter achtzig ist da beinah keine von uns abgegangen. -Du wirst erst siebenundsechzig. Aber ich glaube, du hast dein -Leben nicht richtig angelegt, ich meine deine Jugend, als du noch -in Brandenburg warst. Und von Brandenburg immer rüber -nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was Statistisches -gelesen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_404">[404]</a></span></p> - -<p>»Damen dürfen nie Statistisches lesen,« sagte Dubslav, -»es ist entweder zu langweilig oder zu interessant, – und das -ist dann noch schlimmer. Aber nun klingle (verzeih, mir wird -das Aufstehn so schwer), daß uns Engelke das Frühstück bringt; -du kommst <em class="antiqua">à la fortune du pot</em> und mußt fürlieb nehmen. -Mein Trost ist, daß du drei Stunden unterwegs gewesen, -Hunger ist der beste Koch.«</p> - -<p>Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde – -die Jahreszeit gestattete, daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern -aufgesetzt werden konnte – verbesserte sich die Stimmung -ein wenig; Dubslav ergab sich in sein Schicksal, und Adelheid -wurde weniger herbe.</p> - -<p>»Wo hast du nur die Kiebitzeier her?« sagte sie. »Das ist -was Neues. Als ich noch hier lebte, hatten wir keine.«</p> - -<p>»Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden, -an unserm Stechlin, da, wo die Binsen stehn; aber bloß auf -der Globsower Seite. Nach der andern Seite hin wollen sie -nicht. Ich habe mir gedacht, es sei vielleicht ein Fingerzeig, -daß ich nun auch welche nach Friedrichsruh schicken soll. Aber -das geht nicht; dann gelt ich am Ende gleich für eingeschworen, -und Uncke notiert mich. Wer dreimal Kiebitzeier schickt, kommt -ins schwarze Buch. Und das kann ich schon Woldemars wegen -nicht.«</p> - -<p>»Is auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll -sich ja mit der Lucca zusammen haben photographieren lassen. -Und während sie da oben in der Regierung und mitunter auch -bei Hofe so was tun, fordern sie Tugend und Sitte. Das -geht nicht. Bei sich selber muß man anfangen. Und dann ist -er doch auch schließlich bloß ein Mensch, und alle Menschenanbetung -ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch schlimmer -als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl, Götzendienst kommt -jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch – so -wenigstens hat mir Fix erzählt – nach der Buschen geschickt haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_405">[405]</a></span></p> - -<p>»Ja, es ging mir schlecht.«</p> - -<p>»Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll man Gott -und Jesum Christum erkennen lernen, aber nicht die Buschen. -Und sie soll dir Katzenpfötchentee gebracht haben und soll auch -gesagt haben: ›Wasser treibt das Wasser.‹ Das mußt du doch -heraushören, daß das ein unchristlicher Spruch ist. Das ist, -was sie ›besprechen‹ nennen oder auch ›böten‹. Und wo das alles -herstammt, … Dubslav, Dubslav, … Warum bist du nicht -bei den grünen Tropfen geblieben und bei Sponholz? Seine -Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf.«</p> - -<p>»Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in -Pfäffers, einem Schweizerbadeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich -in einem Backofen. Er hat es mir selbst erzählt, -daß es ein Backofen is.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid -erzählte von Fix, von der Schmargendorf und der Schimonski -und zuletzt auch von Maurermeister Lebenius in Berlin, -der in Wutz eine Ferienkolonie gründen wolle. »Gott, wir -kriegen dann so viel armes Volk in unsern Ort und noch dazu -lauter Berliner Bälge mit Plieraugen. Aber die grünen Wiesen -sollen ja gut dafür sein und unser See soll Jod haben, freilich -wenig, aber doch so, daß man's noch gerade finden kann.« -Adelheid sprach in einem fort, derart, daß Dubslav kaum zu -Wort kommen konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch -dazwischen, trotzdem sie beständig versicherte, daß sie gekommen -sei, ihn zu pflegen, und nur, wenn er auf Woldemar das Gespräch -brachte, hörte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu. Freilich, -die italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr -langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen, unter -denen »Tintoretto« und »Santa Maria Novella« obenan -standen, erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast -so vergnügt wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_406">[406]</a></span> -flüchtiges Interesse (wenn auch freilich kein freundliches) zeigte -sie nur, wenn Dubslav von der jungen Frau sprach und hinzusetzte: -»Sie hat so was Unberührtes.«</p> - -<p>»Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück.«</p> - -<p>»Wer keusch ist, bleibt keusch.«</p> - -<p>»Meinst du das ernsthaft?«</p> - -<p>»Natürlich mein ich es ernsthaft. Über solche Dinge spaß -ich überhaupt nicht.«</p> - -<p>Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte: »Dubslav, -was hast du nur wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst -kannst du doch so was nicht haben. Und von deinem Pastor -Lorenzen auch nicht. Der wird ja wohl nächstens ne ›freie Gemeinde‹ -gründen.«</p> - -<p>So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem, -trotz kleiner Ärgerlichkeiten, unterhaltlich genug für den Alten, -der, unter seiner Einsamkeit leidend, meist froh war, irgendeinen -Plauderer zu finden, auch wenn dieser im übrigen nicht gerade -der richtige war. Aber das alles dauerte nicht lange. Die -Schwester wurde von Tag zu Tag rechthaberischer und herrischer -und griff unter der Vorgabe, »daß ihr Bruder anders verpflegt -werden müsse«, in alles ein, auch in Dinge, die mit der -Verpflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie ihm -den Katzenpfötchentee wegdisputieren, und wenn abends die -kleine Meißener Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten -Disput über die Buschen und ihre Hexenkünste.</p> - -<p>So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav -feststand, daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann -er nach, wie das wohl am besten zu machen sei. Das war aber -keine ganz leichte Sache, da die »Kündigung« notwendig von -ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus ihr machte, so war er -doch zu sehr Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit, als -daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf Abreise zu dringen.</p> - -<p>Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_407">[407]</a></span> -auch frisch. Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes -Familienerbstück, und ging zu Krippenstapel, um sich seine -Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie hoffte bei der Gelegenheit -auch was über den Pastor zu hören, weil sie davon ausging, -daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Prediger -immer über den Lehrer zu klagen hat. Jedes Landfräulein -denkt so. Die Bienen nahm sie so mit in den Kauf.</p> - -<p>Es begann zu dunkeln, und als die Domina schließlich aus -dem Herrenhause fort war, war das eine freie Stunde für Dubslav, -der nun nicht länger säumen mochte, seine Mine zu legen.</p> - -<p>»Engelke,« sagte er, »du könntest in die Küche gehn und -die Marie zur Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid -da. Und da kann sie denn der alten Hexe sagen, lütt Agnes -solle heute abend mit heraufkommen und hier schlafen und immer -da sein, wenn ich was brauche.«</p> - -<p>Engelke stand verlegen da.</p> - -<p>»Nu, was hast du? Bist du dagegen?«</p> - -<p>»Nein, gnädger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich. -Aber ich schlafe doch auch nebenan, und dann is es ja, wie wenn -ich für gar nichts mehr da wär und fast so gut wie schon abgesetzt. -Und das Kind kann doch auch nich all das, was nötig -is; Agnes is ja doch noch ne lütte Krabb.«</p> - -<p>»Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern Stube -bleiben und alles tun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes -soll kommen. Ich brauche das Kind. Und du wirst auch bald -sehn, warum.«</p> - -<p>Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät, als sich -Adelheid schon zurückgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche -Ränke mittlerweile gegen sie gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung -kam es aber gerade an. Dubslav hatte sich nämlich -wie Franz Moor – an den er sonst wenig erinnerte – herausgeklügelt, -daß Überraschung und Schreck bei seinem Plan -mitwirken müßten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_408">[408]</a></span></p> - -<p>Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle. -Dubslav, gerade so wie seine Schwester, hatte das -etwas auffällig herausgeputzte Kind bei seinem Erscheinen im -Herrenhause gar nicht mehr gesehen; es trug ein langes, himmelblaues -Wollkleid ohne Taille, dazu Knöpfstiefel und lange -rote Strümpfe, – lauter Dinge, die Karline schon zu letzten -Weihnachten geschenkt hatte. Gleich damals, am ersten Feiertag, -hatte das Kind den Staat denn auch wirklich angezogen, -aber bloß so still für sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe -damit zu zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnädgen -Herrn in Krankenpflege gehen sollte, jetzt war die richtige -Zeit dafür da.</p> - -<p>Die Nacht verging still; niemand war gestört worden. Um -sieben erst kam Engelke und sagte: »Nu, lütt Deern, steih upp, -is all seben.« Agnes war auch wirklich wie der Wind aus dem -Bett, fuhr mit einem mitgebrachten Hornkamm, dem ein paar -Zähne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes Blondhaar, -putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen -Hänger, die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel -an. Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit -Milchkaffee, und als sie damit fertig war, nahm sie ihr -Strickzeug und ging in das große Zimmer nebenan, wo -Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf seine -Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste -Frühstück gemeinschaftlich.</p> - -<p>»So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast du denn -schon deinen Kaffee gehabt?«</p> - -<p>Agnes knickste.</p> - -<p>»Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei deiner Arbeit -besser sehn kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand. -Solch junges Ding wie du muß immer was zu tun haben, -sonst kommt sie auf dumme Gedanken. Nicht wahr?«</p> - -<p>Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der Alte<span class="pagenum"><a id="Seite_409">[409]</a></span> -weiter nichts zu sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete -Fenster, dran ein länglicher Eichentisch stand, und fing an zu -stricken. Es war ein sehr langer Strumpf, brandrot und, -nach seiner Schmalheit zu schließen, für sie selbst bestimmt.</p> - -<p>Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat -und auf ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt. Bei -der geringen Helle, die herrschte, traf sich's, daß sie von dem -Gast am Fenster nicht recht was wahrnahm. Erst als Engelke -mit dem Frühstück kam und die plötzlich geöffnete Tür mehr -Licht einfallen ließ, bemerkte sie das Kind und sagte: »Da sitzt -ja wer. Wer ist denn das?«</p> - -<p>»Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.«</p> - -<p>Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung. Als sie sich wieder -zurechtgefunden, sagte sie: »So, Agnes. Das Kind von der -Karline?«</p> - -<p>Dubslav nickte.</p> - -<p>»Das ist mir ja ne Überraschung. Und wo hast du sie denn, -seit ich hier bin, versteckt gehalten? Ich habe sie ja die ganze -Woche über noch nicht gesehn.«</p> - -<p>»Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit gestern -abend hier. Mit Engelke ging das nicht mehr, wenigstens -nicht auf die Dauer. Er ist ja so alt wie ich. Und immer raus in -der Nacht und rauf und runter und mich umdrehn und heben. -Das konnt ich nich mehr mit ansehn.«</p> - -<p>»Und da hast du dir die Agnes kommen lassen? Die soll -dich nun rumdrehn und heben? Das Kind, das Wurm. Haha. -Was du dir doch alles für Geschichten machst.«</p> - -<p>»Agnes,« sagte hier Dubslav, »du könntest mal zu Mamsell -Pritzbur in die Küche gehn und ihr sagen, ich möchte heute mittag -ne gefüllte Taube haben. Aber nich so mager und auch -nich so wenig Füllung, und daß es nich nach alter Semmel -schmeckt. Und dann kannst du gleich bei der Mamsell unten -bleiben und dir ne Geschichte von ihr erzählen lassen, vom<span class="pagenum"><a id="Seite_410">[410]</a></span> -›Schäfer und der Prinzessin‹ oder vom ›Fischer un sine Fru‹; -Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen.«</p> - -<p>Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch, wo Bruder -und Schwester saßen, und machte wiederholt ihren Knicks. -Dabei hielt sie das Strickzeug und den langen Strumpf in -der Hand.</p> - -<p>»Für wen strickst du denn den?« fragte die Domina.</p> - -<p>»Für mich.«</p> - -<p>Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein Unterschied -in ihrem Lachen. Agnes nahm übrigens nichts von diesem -Unterschied wahr, sah vielmehr ohne Furcht um sich und ging -aus dem Zimmer, um unten in der Küche die Bestellung auszurichten.</p> - -<p>Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids krampfhaftes -Lachen. Dann aber sagte sie: »Dubslav, ich weiß nicht, -warum du dir, so lang ich hier bin, gerade diese Hilfskraft angenommen -hast. Ich bin deine Schwester und eine Märkische -von Adel. Und bin auch die Domina von Kloster Wutz. Und -meine Mutter war eine Radegast. Und die Stechline, die drüben -in der Gruft unterm Altar stehn, die haben, soviel ich weiß, auf -ihren Namen gehalten und sich untereinander die Ehre gegeben, -die jeder beanspruchen durfte. Du nimmst hier das -Kind der Karline in dein Zimmer und setzt es ans Fenster, fast -als ob's da jeder so recht sehn sollte. Wie kommst du zu dem -Kind? Da kann sich Woldemar freuen und seine Frau auch, -die so was ›Unberührtes‹ hat. Und Gräfin Melusine! Na, -die wird sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich -wiederhole meine Frage, wie kommst du zu dem Kind?«</p> - -<p>»Ich hab es kommen lassen.«</p> - -<p>»Haha. Sehr gut; ›kommen lassen‹. Der Klapperstorch -hat es dir wohl von der grünen Wiese gebracht und natürlich -auch gleich für die roten Beine gesorgt. Aber ich kenne dich besser. -Die Leute hier tun immer so, wie wenn du dem alten Kortschädel<span class="pagenum"><a id="Seite_411">[411]</a></span> -sittlich überlegen gewesen wärst. Ich für meine Person -kann's nicht finden und sagte dir gern meine Meinung darüber. -Aber ich nehme häßliche Worte nicht gern in den Mund.«</p> - -<p>»Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich, warum? -Du bist ein bißchen gegen die Buschen, – nun gut, gegen die -Buschen kann man sein; und du bist ein bißchen gegen die -Karline, – nun gut, gegen die Karline kann man auch sein. -Aber ich sehe dir's an, das Eigentliche, was dich aufregt, das -ist nicht die Buschen und ist auch nicht die Karline, das sind bloß -die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen die roten -Strümpfe?«</p> - -<p>»Weil sie ein Zeichen sind.«</p> - -<p>»Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon -sind sie ein Zeichen? Darauf kommt es an.«</p> - -<p>»Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit. -Und ob du nun lachen magst oder nicht – denn an einem -Strohhalm sieht man eben am besten, woher der Wind weht –, -sie sind ein Zeichen davon, daß alle Vernunft aus der Welt -ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer mehr aufhört. -Und das alles unterstützt du. Du denkst wunder, wie fest du bist; -aber du bist nicht fest und kannst es auch nicht sein, denn du -steckst in allerlei Schrullen und Eitelkeiten. Und wenn sie dir -um den Bart gehn oder dich bei deinen Liebhabereien fassen, -dann läßt du das, worauf es ankommt, ohne weiteres im -Stich. Es soll jetzt viele solche geben, denen ihr Humor und -ihre Rechthaberei viel wichtiger ist als Gläubigkeit und Apostolikum. -Denn sie sind sich selber ihr Glaubensbekenntnis. Aber, -glaube mir, dahinter steckt der Versucher, und wohin der am -Ende führt, das weißt du, – soviel wird dir ja wohl noch -geblieben sein.«</p> - -<p>»Ich hoffe,« sagte Dubslav.</p> - -<p>»Und weil du bist wie du bist, freust du dich, daß diese Zierpuppe -(schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe trägt und sich<span class="pagenum"><a id="Seite_412">[412]</a></span> -neue dazu strickt. Ich aber wiederhole dir, diese roten Strümpfe, -die sind ein Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.«</p> - -<p>»Strümpfe werden nicht hochgehalten.«</p> - -<p>»Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das -ist dann die richtige Revolution, die Revolution in der Sitte, -– das, was sie jetzt das ›Letzte‹ nennen. Und ich begreife dich -nicht, daß du davon kein Einsehn hast, du, ein Mann von Familie, -von Zugehörigkeit zu Thron und Reich. Oder der sich's -wenigstens einbildet.«</p> - -<p>»Nun gut, nun gut.«</p> - -<p>»Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow oder den -Katzenstein wählen wollen, und hältst deine Reden, wiewohl -du eigentlich nicht reden kannst …«</p> - -<p>»Das is richtig. Aber ich hab auch keine gehalten …«</p> - -<p>»Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für -die alten Güter und sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh -dich nicht mit deinem ewigen ›gegen die Freiheit‹. Laß sie doch -mit ihrer ganzen dummen Freiheit machen, was sie wollen. -Was heißt Freiheit? Freiheit ist gar nichts; Freiheit ist, wenn -sie sich versammeln und Bier trinken und ein Blatt gründen. -Du hast bei den Kürassieren gestanden und mußt doch wissen, -daß Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied macht) -uns nicht erschüttern werden, uns nicht und unsern Glauben -nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange -sie bloß Globsower sind, können gar nichts erschüttern. Aber -wenn erst der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird -doch wohl schon mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten -Strümpfe tragen, als müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann -ist es vorbei. Mit der Freiheit, laß mich das wiederholen, hat es -nicht viel auf sich; aber die roten Strümpfe, das ist was. Und -dir trau ich ganz und gar nicht, und der Karline natürlich erst -recht nicht, wenn es auch vielleicht schon eine Weile her ist.«</p> - -<p>»Sagen wir ›vielleicht‹.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_413">[413]</a></span></p> - -<p>»O, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so -deine Art. Aber unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß -wir nicht auch Bescheid wüßten.«</p> - -<p>»Wozu hättet ihr sonst euern Fix?«</p> - -<p>»Kein Wort gegen den.«</p> - -<p>Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am -selben Nachmittag aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem -Bruder und fuhr nach Wutz zurück.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_414">[414]</a></span></p> - -<h2 id="Verweile_doch_Tod_Begraebnis">Verweile doch. Tod. Begräbnis.<br /> -Neue Tage.</h2> - -<h3 id="Vierzigstes_Kapitel">Vierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder -und Schwester spielte, war unten in der Küche bei Mamsell -Pritzbur und erzählte von Berlin, wo sie vorigen Sommer -bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war. »Eins war da,« -sagte sie, »das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange, die -war so dick wie'n Bein.«</p> - -<p>»Aber hast du denn schon Beine gesehn?« fragte die Pritzbur.</p> - -<p>»Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine -gesehn haben … Und dann, an einem andern Tag, da waren -wir in einem ›Tiergarten‹, aber in einem richtigen, mit allerlei -Tieren drin. Und den nennen sie den ›Zoologischen‹.«</p> - -<p>»Ja, davon hab ich auch schon gehört.«</p> - -<p>»Und in dem ›Zoologischen‹, da war ein ganz kleiner See, -noch viel kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei -Vögel. Und einer, ganz wie'n Storch, stand auf einem Bein.«</p> - -<p>Als die Mädchen das Wort »Storch« hörten, kamen sie -näher heran.</p> - -<p>»Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl -mehrere Vögel, die waren viel größer als Storchenbeine und -auch viel dicker und viel röter.«</p> - -<p>»Und taten sie dir nichts?«</p> - -<p>»Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile -gestanden hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein.<span class="pagenum"><a id="Seite_415">[415]</a></span> -Und ich sagte zu Mutter: ›Mutter, komm; der eine sieht mich -immer so an.‹ Und da gingen wir an eine andere Stelle, wo -der Bär war.«</p> - -<p>Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch -die Mamsell freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein -paar Lieder vor, die ihre Mutter, die Karline, immer sang, -wenn sie plättete, und sie tanzte auch, während sie sang, wobei -sie das himmelblaue Kleid zierlich in die Höhe nahm, ganz -so, wie sie's in der Hasenheide gesehen hatte.</p> - -<p>So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, -sagte Engelke: »Ja, gnädger Herr, wie is das nu mit Agnessen? -Sie is immer noch bei Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens -wenn sie so singt und tanzt, kucken ihr zu. Sie wird woll auch -so was wie die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll -sie hierbleiben?«</p> - -<p>»Natürlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich -das Kind sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich -will doch auch mal was andres sehn als dich. Wie das lütte -Balg da so saß, so steif wie ne Prinzeß, hab ich immer hingekuckt -und ihr wohl ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln -immer so hin und her gingen und der rote Strumpf -neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht mehr gesehn, -seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse -Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?«</p> - -<p>Engelke griente.</p> - -<p>»Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja -auch nachts mal aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee -bringen, oder was ich sonst grade brauche, und du alte Seele -kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das Leben is doch eigentlich -schwer. Das heißt, wenn's auf die Neige geht; vorher is es -soweit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg -nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los; -aber in Berlin, da ging es.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_416">[416]</a></span></p> - -<p>»Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es.«</p> - -<p>»Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was -gab es damals noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst -wird die Buschen ärgerlich, und mit alten Weibern muß man -gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, -die Agnes bleibt. Ich sehe so gern was Zierliches. Es is -ein reizendes Kind.«</p> - -<p>»Ja, das is sie. Aber …«</p> - -<p>»Ach, laß die ›Abers‹. Du sagst, sie wird wie die Karline. -Möglich is es. Aber vielleicht wird sie auch ne Nonne. Man -kann nie wissen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und -strickte. Mal in der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er -nach dem Kinde rufen wollen. Aber er stand wieder davon ab. -»Das arme Kind, was soll ich ihm den Schlaf stören? Und -helfen kann es mir doch nicht.«</p> - -<p>So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: »Engelke, -das mit der Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. -Sie sitzt da jeden Morgen und strickt. Das arme Wurm muß -ja hier umkommen. Und alles bloß, weil ich alter Sünder ein -freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr weiter. -Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind tun können. -Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?«</p> - -<p>»Ja, gnädger Herr, da sind ja noch die vier Bände, die -wir letzte Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben -einbinden lassen. Eigentlich war es bloß ne ›Landwirtschaftliche -Zeitung‹, und alle, die mal nen Preis gewonnen haben, -die waren drin. Und Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm -auch.«</p> - -<p>»Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch -nich zu sagen, daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht -keine.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_417">[417]</a></span></p> - -<p>Wirklich, die »Landwirtschaftliche Zeitung« lag am andern -Morgen da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres -zu haben als ihr Strickzeug, und die schönen Bilder ansehn zu -können. Denn es waren auch Schlösser drin und kleine Teiche, -drauf Schwäne fuhren, und auf einem Bilde, das eine Beilage -war, waren sogar Husaren. Engelke brachte jeden Morgen -einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die Lorenzen, -um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre -herübergeschickt hatte. »Die kann sich ja die Bilder mit ansehen,« -sagte Dubslav; »am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und -vielleicht kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher -erklären, und dann is es so gut wie ne Schulstunde.«</p> - -<p>Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden -Kinder nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die -Kleine sog jedes Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber -hörte zu und wußte nicht, wem von beiden er ein größeres -Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede, -weil sie den wehmütigen Zauber all derer hatte, die früh -abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib schien -zu sagen: »Ich sterbe.« Aber ihre Seele wußte nichts davon; -die leuchtete und sagte: »Ich lebe.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann -sagte Dubslav: »Engelke, das Kind fängt heute schon wieder -von vorn an; es ist mit allen vier Bänden, so dick sie sind, -schon zweimal durch; ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern. -Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache; -soweit sind wir nu schon. Übrigens ist mir was Gutes eingefallen: -hol ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die -stehn ja da bloß so rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt -wird – was sie ›ordnen‹ nennen –, dann kommt -Kupperschmied Reuter aus Gransee und taxiert es auf fünfundsiebzig -Pfennig.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_418">[418]</a></span></p> - -<p>»Aber, gnädger Herr, uns' Woldemar …«</p> - -<p>»Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich, und die -Komtesse, seine junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und -ich hab es auch nicht so schlimm gemeint; man red't bloß so. -Nur soviel is richtig: meine Sammlung oben is für Spinnweb -und weiter nichts. Alles Sammeln ist überhaupt verrückt, -und wenn Woldemar sich nich mehr drum kümmert, so is es -eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand. -Jeder hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring -aber nich gleich alles runter. Nur die Mühle bring und den -Dragoner.«</p> - -<p>Engelke gehorchte.</p> - -<p>Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für -den Dragoner, der, als man ihn vor Jahr und Tag von seinem -Zelliner Kirchturm heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt -worden war: schwarzer Hut, blauer Rock, gelbe Hosen. Aber -sehr bald hatte sich das Kind an der Buntheit des Dragoners -sattgesehen, und nun kam statt seiner die Mühle an die Reihe. -Die hielt länger vor. Meistens – wenn sie nur überhaupt erst -im Gange war – brauchte das Kind bloß zu pusten, um die -Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der -schnarrende Ton der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war -dann jedesmal eine Lust und ein Entzücken. Es waren glückliche -Tage für Agnes. Aber fast noch glücklichere für den Alten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend -ihm seine Gegenwart war, so war es auf die Dauer -doch nicht viel was andres, als ob ein Goldlack am Fenster -gestanden oder ein Zeisig gezwitschert hätte. Sein Auge richtete -sich gerne darauf; als aber eine Woche und dann eine zweite vorüber -war, wurd ihm eine gewisse Verarmung fühlbar, und das -so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die Tage zurückdachte, -wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht hatte. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_419">[419]</a></span> -war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher einen -guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber -sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und -kleinen Witzen abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine -Hauptsache war. Dubslav zählte zu den Friedliebendsten von -der Welt, aber er liebte doch andrerseits auch Friktionen, und -selbst ärgerliche Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber -als gar keine.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich -nach Menschen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn -Besucher aus Näh oder Ferne sich einstellten.</p> - -<p>Eines Tages – es schummerte schon – erschien Krippenstapel. -Er hatte seinen besten Rock angezogen und hielt ein -übermaltes Gefäß, mit einem Deckel darauf, in seinem linken -Arm.</p> - -<p>»Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß -Sie mal nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ›Chef‹ -hat. Ich sage ›Chef‹. Der Direktor sind Sie ja selber. Und -nun kommen Sie auch gleich noch mit ner Urne. Hat gewiß -Ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder is es -bloß ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden -mir doch nich ne Krankensuppe gekocht haben?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß nicht. -Und doch is es einigermaßen so was. Es ist nämlich ne Wabe. -Habe da heute mittag einen von meinen Stöcken ausgenommen -und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die beste Wabe zu bringen. -Es ist beinah so was wie der mittelalterliche Zehnte. Der Zehnte, -wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war eigentlich was -Feineres als Geld.«</p> - -<p>»Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für so -was Feines gar keinen Sinn mehr. Immer alles bar und -nochmal bar. O, das gemeine Geld! Das heißt, wenn man<span class="pagenum"><a id="Seite_420">[420]</a></span> -keins hat; wenn man's hat, ist es soweit ganz gut. Und daß -Sie gleich an Ihren alten Patron – ein Wort, das übrigens -vielleicht zu hoch gegriffen ist und unser Verhältnis nicht recht -ausdrückt – gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich nicht -übelnehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren ›Patron‹ nenne, -so gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut -mich aufrichtig. Aber ich werde mich wohl nicht drüberher -machen dürfen. Immer heißt es: ›<em class="gesperrt">das</em> nicht‹. Erst hat mir -Sponholz alles verboten und nu die Buschen, und so leb ich -eigentlich bloß noch von Bärlapp und Katzenpfötchen.«</p> - -<p>»Am Ende geht es doch,« sagte Krippenstapel. »Ich weiß -wohl, in eine richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber -der Honig macht vielleicht ne Ausnahme. Richtiger Honig ist -wie gute Medizin und hat die ganze Heilkraft der Natur.«</p> - -<p>»Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwärmen und -sammeln, und seh auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln. -Da sind voran die Linden und Akazien und das Heidekraut. -Nu, die sind die reine Unschuld; davon red ich gar nicht erst. -Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie sich auf eine giftige -Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen, niederläßt. -Und in jedem Venuswagen, besonders in dem roten -(aber doch auch in dem blauen), sitzt viel Gift.«</p> - -<p>»Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt -da die Biene?«</p> - -<p>»Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß die Heilkraft.«</p> - -<p>»Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre -Verantwortung hin will ich mir den Honig auch schmecken -lassen, und die Buschen muß sich drin finden und sich wohl oder -übel zufrieden geben. Übrigens fällt mir bei der Alten natürlich -auch das Kind ein. Da sitzt es am Fenster. Na, komm mal -her, Agnes, und sage, daß du hier auch was lernst. Ich hab<span class="pagenum"><a id="Seite_421">[421]</a></span> -ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin, und seit -vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus -guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. -Und da lernt sie, glaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?«</p> - -<p>Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.</p> - -<p>»Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und -die Mühle gegeben. Also unsre besten Stücke, soviel ist richtig. -Ich denke mir aber, mein Museumsdirektor wird über diesen -Eingriff nicht böse sein. Eigentlich is es doch besser, das Kind -hat was davon als die Spinnen. Und was macht denn Ihr -Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?«</p> - -<p>»Ja, Herr Major. Münzenfund.«</p> - -<p>»Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgstaler -oder so was; Dreißigjähriger Krieg. Es war ja ne gräßliche -Zeit. Aber daß sie damals aus Angst und Not soviel verbuddelt -haben, das is doch auch wieder ein Segen. Is es denn viel?«</p> - -<p>»Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch und profan -angesehen ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen -ist es allerdings viel. Nämlich drei römische Münzen, zwei von -Diokletian und eine von Caracalla.«</p> - -<p>»Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der -mit der Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende -nicht so schlimm. Verfolgt wird immer. Und mitunter sind -die Verfolgten obenauf.«</p> - -<p>Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß er den -Honig herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich, -seine leere Terrine vorsichtig im Arm.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Einundvierzigstes_Kapitel">Einundvierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein -Geschenk aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_422">[422]</a></span> -die alte treue Seele bringen konnte. Er bestand denn auch darauf -(trotzdem Engelke, der ein Vorurteil gegen alles Süße hatte, -dagegen war), daß ihm die Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch -gestellt werde.</p> - -<p>»Siehst du, Engelke,« sagte er nach einer Woche, »daß ich -mich wieder wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man -muß jedes Fisselchen mitessen, Wachs und alles, das hat er -mir eigens gesagt. Das is grad so wie beim Apfel die Schale; -die hat die Natur so gewollt und is ein Fingerzeig und muß -respektiert werden.«</p> - -<p>»Ich bin aber doch für abschälen,« sagte Engelke. »Wenn -man so sieht, was mitunter alles dran ist …«</p> - -<p>»Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. -Aber ich bin noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher -wirklich, daß in dem Wachs die richtige ›gesamte Heilkraft der -Natur‹ steckt, fast noch mehr als in dem Honig. Krippenstapel -übrigens is jetzt auch so furchtbar gebildet und hat so viele feine -Wendungen, wie zum Beispiel die mit der ›gesamten Heilkraft‹. -Aber so fein wie du is er doch noch lange nicht, darauf will ich -mich verschwören. Und auch darauf, daß er sich keine Birne -schält.«</p> - -<p>In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, -sich mehr und mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei -mit all dem andern Zeug eigentlich hätte sparen können; »denn -wenn <em class="gesperrt">alles</em> drin ist, so ist doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen -drin und natürlich auch Fingerhut oder wie Sponholz -sagt: ›Die Digitalis.‹« Engelke freilich wollte von diesen -Sophistereien nichts wissen; sein Herr aber ließ sich durch solche -Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: »Und dann, Engelke, -macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine -Sache kommt. Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen, -und die Wabe kommt von Krippenstapel. Das heißt also, hinter -der Wabe steht ein guter Geist, und hinter den Katzenpfötchen<span class="pagenum"><a id="Seite_423">[423]</a></span> -steht ein böser Geist. Und das kannst du mir glauben, an -solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben, und wenn -mir Lorenzen seine Patsche gibt, so ist das ganz was anders, -wie wenn mir Koseleger seine Hand gibt. Koseleger hat solche -weichen Finger und auf dem vierten einen großen Ring.«</p> - -<p>»Aber er is doch ein Superintendent.«</p> - -<p>»Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher. -Und wenn es nach der Prinzessin geht, wird er Papst. Und -dann wollen wir uns Ablaß bei ihm holen; aber viel geb ich -nicht.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß -Agnes wie gewöhnlich am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend, -und so wenig sie davon verstand, so verstand sie doch -gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist und ihre -Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht -mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie hatte schon -so vieles in ihrem Leben gehört und war wohl dazu bestimmt, -noch viel, viel andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb -denn auch derselbe. Sie träumte bloß so hin, und daß sie dies -Wesen hatte, das war es recht eigentlich, was den alten Herrn -so an sie fesselte. Das Auge, womit sie die Menschen ansah, -war anders als das der andern.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen; -ein heller Schein fiel von der Veranda her durch die -Balkontür und gab dem etwas dunklen Zimmer mehr Licht, -als es für gewöhnlich zu haben pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung -in Händen und schlug nach einem Brummer, der ihn -immer und immer wieder umsummte. »Verdammte Bestie,« -und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen konnte, -kam Engelke und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen -dürfe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_424">[424]</a></span></p> - -<p>»Uncke, unser alter Uncke?«</p> - -<p>»Ja, gnädger Herr.«</p> - -<p>»Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen -Menschen zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht -Verhaftung irgendwo: Demokratennest ausgenommen.«</p> - -<p>Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! -Das war doch noch besser als ein Märchen »vom -guten und bösen Geist«.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, -wie gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Tür -blieb er stehen und grüßte militärisch. Dubslav aber rief ihm -zu: »Nein, Uncke, nicht da. So weit reicht mein Ohr nicht -und meine Stimme erst recht nicht. Und ich denke doch, Sie -bringen was. Was Reguläres. Also ran hier. Und wenn -es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da.«</p> - -<p>Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl und sagte: -»Herr Major wollen entschuldigen. Ich komme so bloß … -Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzählt, und die alte Buschen -hat mir erzählt …«</p> - -<p>»Ach so, von wegen meiner Füße.«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Major.«</p> - -<p>»Ja, Uncke, wollte Gott, es stünde besser. Immer denk ich, -wenn wieder ein Neuer kommt, ›nu wird es‹. Aber es will -nicht mehr; es hilft immer bloß drei Tage. Die Buschen hilft -nicht mehr, und Krippenstapel hilft nicht mehr, und Sponholz -hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert so in der Welt rum. -Bleibt also bloß noch der liebe Gott.«</p> - -<p>Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die -seine respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum -lieben Gott ausdrücken sollte. Dubslav sah es und erheiterte -sich. Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort: -»Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag miteinander gelebt.<span class="pagenum"><a id="Seite_425">[425]</a></span> -Denke gern daran zurück – sind noch einer von den Alten. -Und der Pyterke auch. Was macht er denn?«</p> - -<p>»Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,« und -dabei rückte er sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene -Stattlichkeit seines Kollegen wenigstens andeuten wolle.</p> - -<p>Dubslav verstand es auch so und sagte: »Ja, der Pyterke; -natürlich immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke, ja, Sie müssen -laufen wie 'n Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes; -zu Fuß macht geschmeidig, zu Pferde macht steif. Und macht -auch faul. Und überhaupt, Gebrüder Beeneke is schon immer -das Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeder -will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt die ›Signatur -der Zeit‹ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört, -Uncke?«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Major.«</p> - -<p>»Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so -zu Pferde sitzen wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das -geht nicht gleich so. Gut Ding will Weile haben. Und Torgelow, -wenn er auch vielleicht reden kann, reiten kann er noch -lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn eigentlich? Ich -meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr -zufrieden mit ihm?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden -mit ihm. Er wollte da neulich in Berlin reden und hat auch -wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt. Und das is so dumm -gewesen, daß es die andern geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet: -›Torgelow, nu bist du still; so geht das hier nich.‹«</p> - -<p>»Ja,« lachte Dubslav, »und wo <em class="gesperrt">der</em> nu steht, da sollte -ich eigentlich stehen. Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow -zeigen, daß er nichts kann. Und die andern auch. Und -wenn sie's alle gezeigt haben, na, dann sind wir vielleicht -wieder dran und kommen noch mal oben auf, und jeder kriegt -Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natürlich auch.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_426">[426]</a></span></p> - -<p>Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die -Schläfe.</p> - -<p>»… Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten -›Ausbruch‹ verhüten und dafür sorgen, daß unsere -Globsower zufrieden sind. Und wenn wir klug sind, glückt es -vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch, Uncke, daß es kleine -Mittel gibt?«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat's -schon.«</p> - -<p>»Und welche meinen Sie?«</p> - -<p>»Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.«</p> - -<p>»Ja,« lachte Dubslav, »so was hilft. Musik und nen -Schottschen, dann sind die Mädchen zufrieden.«</p> - -<p>»Und,« bestätigte Uncke, »wenn die Mädchens zufrieden -sind, Herr Major, dann sind alle zufrieden.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen, -aber es kam nicht dazu, weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. -Von Besuchern wurde keiner mehr angenommen, -und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er kam meist nur, wenn -er gerufen wurde.</p> - -<p>»Sonderbar,« sagte der Alte, während er in den Frühlingstag -hinausblickte, »dieser Lorenzen is eigentlich gar kein -richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht -von Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags -wie zu schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was -andres, und er weiß am Ende selber nicht viel davon. Anfangs -hab ich mich darüber gewundert, weil ich mir immer sagte: -Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der muß es doch schließlich -wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt -gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein -Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch -ein paar andern gesagt: ›Nun gehet hin und lehret alle Heiden.<span class="pagenum"><a id="Seite_427">[427]</a></span>‹ -Und wenn man das so hört, ja, da verlangt man denn auch, -daß einer weiß, wie's mit einem steht. Is gerade wie mit den -Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am -liebsten, die einem ehrlich sagen: ›Hören Sie, wir wissen es auch -nicht, wir müssen es abwarten.‹ Der gute Sponholz, der nun -wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus vorbei ist, -war beinah so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß -so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, und noch hat er -mich nicht ein einziges Mal bemogelt. Und daß man <em class="gesperrt">das</em> von -einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre -… ja, du lieber Himmel, wo soll es am Ende herkommen? -Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden, -und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat, das -schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles -sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ›du -sollst <em class="gesperrt">nicht</em>‹. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger -Schultheiß gesprochen hätte.«</p> - -<p>Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. -»Engelke, du könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken -– ich ließ' ihn bitten.«</p> - -<p>Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des -Alten Seite.</p> - -<p>»Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und -ich sehe wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. -Sie müssen nämlich wissen, daß ich mich heute schon -ganz eingehend mit Ihnen beschäftigt und Ihr Charakterbild, -das ja auch schwankt wie so manch andres, nach Möglichkeit -festgestellt habe. Würde mir das Sprechen wegen meines Asthmas -nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande, gegen mich -selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern, -was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie -wissen, ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern -überhaupt, und Kortschädel, der sich im übrigen durch französische<span class="pagenum"><a id="Seite_428">[428]</a></span> -Vokabeln nicht auszeichnete, hat mich sogar einmal -einen ›Causeur‹ genannt. Aber freilich schon lange her, und jetzt -ist es damit total vorbei. Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme -in einem aus.«</p> - -<p>»Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, -sorgen für den Ausnahmefall.«</p> - -<p>»Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren. -Haben Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich -wieder dem armen Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt -es, wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist.«</p> - -<p>»Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch -ein Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für ein freudiges -›<em class="antiqua">excelsior</em>‹ ist, der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören -ja selbst mit dazu) von vornherein verdächtig und ein Gegenstand -tiefen Mißtrauens. Jedes höher gesteckte Ziel, jedes -Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein -Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer irgendein -Opfer, so heißt es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite -werfe.«</p> - -<p>Dubslav lachte. »Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem -Steckenpferd. Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam -ich auf Bennigsen! Da war das Thema gegeben, und Ihr Ritt -ins Bebelsche (denn weitab davon sind Sie nicht) konnte beginnen. -Aber daß Sie's wissen, ich hab auch mein Steckenpferd, -und das heißt: König und Kronprinz oder alte Zeit und -neue Zeit. Und darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen -wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht -mit Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade -bei mir: ›Was du tun willst, tue bald.‹«</p> - -<p>Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: »Gewiß kommen -andre Zeiten. Aber man muß mit der Frage, was kommt -und was wird, nicht zu früh anfangen. Ich seh nicht ein, warum -unser alter König von Thule hier nicht noch lange regieren<span class="pagenum"><a id="Seite_429">[429]</a></span> -sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in -den Stechlin zu werfen, damit hat es noch gute Wege.«</p> - -<p>»Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen -sind da, mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt, -geh ich nun auch gerad ins Siebenundsechzigste, und wenn ein -richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste geht, dann geht -er auch in Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich -wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch is nun mal -feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben.«</p> - -<p>»Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein -sehr gutes Leben gehabt.«</p> - -<p>»Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower -ebenso denken. Und <em class="gesperrt">die</em> bringen mich wieder auf mein Hauptthema.«</p> - -<p>»Und das lautet?«</p> - -<p>»Das lautet: ›Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß -die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen.‹«</p> - -<p>»Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute …«</p> - -<p>»Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal -richtig; heutzutage aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere -Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber -Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), -solche unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzuschieben, -kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und -sagen: ›Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‹ oder, -was noch schlimmer ist: ›Ja, ja, Jochem, wir wollen mal nachschlagen.‹«</p> - -<p>»Aber, Herr von Stechlin.«</p> - -<p>»Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht -machen, es ist doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen -andern Leisten gebracht, und wenn dann wieder eine Wahl ist, -dann fährt der Woldemar rum und erzählt überall, Katzenstein -sei der rechte Mann. Oder irgendein andrer. Aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_430">[430]</a></span> -ist Mus wie Mine; – verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen -Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau Besuch -kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz -genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann -aber renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der -Minister von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter -Bismarck, von langer Hand her eine wahre Wut auf den alten -Sachsenwalder hat, und eröffnet die Polonaise mit Armgard. -Und dann ist da ein Professor, Kathedersozialist, von dem kein -Mensch weiß, ob er die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen -bringen will, und führt eine Adelige, mit kurzgeschnittenem -Haar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille. Und dann -bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und ein -Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause -machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von -einem Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches -Stück auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen -Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin -eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil sie ihren Mann mit einem -Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat. Und dann -gibt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit seiner langen -Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube sitzen -andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten, -obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich -und Bismarck und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen -Mazzini und Garibaldi, und Marx und Lassalle, die aber -wenigstens tot sind, und daneben Bebel und Liebknecht. Und -dann sagt Woldemar: ›Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer -Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‹ -Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn -herantritt und ihm sagt: ›Ich bin überrascht, Herr von Stechlin, -– ich glaubte den Grafen Schwerin hier zu finden,‹ dann sagt -Woldemar: ›Ich habe die Fühlung mit diesem Herrn verloren.‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_431">[431]</a></span></p> - -<p>Der Pastor lachte. »Und <em class="gesperrt">Sie</em> wollen sterben. Wer so lange -sprechen kann, der lebt noch zehn Jahr.«</p> - -<p>»Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so oder kommt -es nicht so?«</p> - -<p>»Nun, es kommt sicherlich <em class="gesperrt">nicht</em> so.«</p> - -<p>»Sind Sie dessen sicher?«</p> - -<p>»Ganz sicher.«</p> - -<p>»Dann sagen Sie mir, <em class="gesperrt">wie</em> es kommt, aber ehrlich.«</p> - -<p>»Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den -Weg gewiesen, als Sie gleich anfangs von ›König und Kronprinz‹ -sprachen. Dieser Gegensatz existiert natürlich überall -und in allen Lebensverhältnissen. Es kommen eben immer Tage, -wo die Leute nach irgendeinem ›Kronprinzen‹ aussehn. Aber -so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz, -nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das, was man von -ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in -plötzlich erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren -zu wollen; in der Regel aber macht er einen leidlich -ehrlichen Versuch, als Neugestalter aufzutreten, und holt ein -Volksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur -nicht auf lange. ›Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch -eng im Raume stoßen sich die Sachen.‹ Und nach einem halben -Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein.«</p> - -<p>»Und so wird es Woldemar auch machen?«</p> - -<p>»So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn -die Lust sehr bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder -einzulenken.«</p> - -<p>»Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie -haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues -kommen müsse. Sogar ein neues Christentum.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich -so sprach, dies neue Christentum ist gerade das alte.«</p> - -<p>»Glauben Sie das?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_432">[432]</a></span></p> - -<p>»Ich glaub es. Und was besser ist: ich fühl es.«</p> - -<p>»Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist <em class="gesperrt">Ihre</em> Sache; -da will ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie -mir was versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, -daß das alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner -Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist -als das vom neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer -Damm und von Fehrbellin her, auch wenn es uns selber schlecht -geht, immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe -haben als alle Torgelows zusammengenommen, kommt es zu -solcher Rückbekehrung, <em class="gesperrt">dann</em>, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß -nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht -an Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch.«</p> - -<p>Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und -streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. »Das -alles, Herr von Stechlin, kann ich Ihnen gern versprechen. -Ich habe Woldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben -in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen. Jetzt ist Ihr -Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat -seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie ihn -und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell -mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was -mir nicht zukommt. Nicht <em class="gesperrt">ich</em> werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. -Die Zeit wird sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, -die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine.«</p> - -<p>Der Alte lächelte. »Ja, ja.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Zweiundvierzigstes_Kapitel">Zweiundvierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte -sich der Alte wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit -viel Schlaf und wenig Beängstigung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_433">[433]</a></span></p> - -<p>Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als -der Morgen da war und Engelke das Frühstück brachte, sagte -Dubslav: »Engelke, schaff die Wabe weg; ich kann das süße -Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat es gut gemeint. Aber -es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft -der Natur.«</p> - -<p>»Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft -kann die Wabe nich an.«</p> - -<p>»Du meinst also: ›für'n Tod kein Kraut gewachsen ist‹. -Ja, das wird es wohl sein; das mein ich auch.«</p> - -<p>Engelke schwieg.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus -nächster Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden -war. Er war von Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger -und sie selbst geplante Gründung eines Rettungshauses für -verwahrloste Kinder und äußerte sich am Schlusse dahin, daß, -»wenn sich – hoffentlich binnen kurzem – ihre Wünsche für -Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden«, -Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue, -sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden -möchte.</p> - -<p>Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal -und sagte dann: »O, diese Komödie … ›wenn sich meine -Wünsche für Ihre fortschreitende Gesundheit erfüllt haben -werden‹ … das heißt doch einfach, ›wenn Sie sich demnächst -den Rasen von unten ansehn‹. Alle Menschen sind Egoisten, -Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch einen -ganz besonderen Jargon. Es mag so bleiben, es war immer -so. Wenn sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden -Menschenverstand andrer hätten.«</p> - -<p>Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in das -Kuvert und rief Agnes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_434">[434]</a></span></p> - -<p>Das Kind kam auch.</p> - -<p>»Agnes, gefällt es dir hier?«</p> - -<p>»Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier.«</p> - -<p>»Und ist dir auch nicht zu still?«</p> - -<p>»Nein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich -möchte immer hier sein.«</p> - -<p>»Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und -nachher. Ja, nachher …«</p> - -<p>Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat -an ihn heran und sagte: »Gnädger Herr, soll ich nicht in die -Stadt schicken?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Oder zu der Buschen?«</p> - -<p>»Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am -besten.«</p> - -<p>In Engelkens Augen traten Tränen.</p> - -<p>Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. -»Nein, Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich -habe es bloß so hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. -Es würde mir wohl auch nicht viel schaden, aber wenn man -schon so in sein Grab sieht, dann muß man doch anders sprechen, -sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das -möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars -wegen nich … Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein … -Die käme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten. Nein, -Engelke, nich die Buschen. Aber gib mir noch mal von den -Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind sie doch.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, -daß es zu Ende gehe. »Das ›Ich‹ ist nichts – damit muß man -sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_435">[435]</a></span> -nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er ›Tod‹ heißt, darf uns -nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht -den sittlichen Menschen und hebt ihn.«</p> - -<p>Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden -zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von -Angst, und er seufzte: »Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist -lang.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke -lief hin und her, und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit -großen Augen durch die halbgeöffnete Tür in das Zimmer -des Kranken. Erst als schon der Tag graute, wurde durch das -ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich -hin, und auch Agnes schlief ein.</p> - -<p>Es war wohl schon sieben – die Parkbäume hinter dem -Vorgarten lagen bereits in einem hellen Schein –, als Engelke -zu dem Kinde herantrat und es weckte. »Steih upp, -Agnes.«</p> - -<p>»Is he dod?«</p> - -<p>»Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr -so upp de Bost.«</p> - -<p>»Ick grul mi so.«</p> - -<p>»Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt sich wedder -gesunn … Und nu, steih upp un bind di ook en Doog um'n -Kopp. Et is noch en beten küll drut. Un denn geih in'n Goaren -nu plück em (wenn du wat finnst) en beten Krokus oder wat et -sünsten is.«</p> - -<p>Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda -hinaus und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar -Blumen zu suchen. Sie fand auch allerlei; das Beste waren -Schneeglöckchen. Und nun ging sie, mit den Blumen in der -Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie die Sonne -drüben aufstieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein Gefühl<span class="pagenum"><a id="Seite_436">[436]</a></span> -des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging -auf den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet, -stand neben seinem Herrn.</p> - -<p>Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf -den Schoß.</p> - -<p>»Dat sinn de ihrsten,« sagte Engelke, »un wihren ook woll -de besten sinn.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Dreiundvierzigstes_Kapitel">Dreiundvierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos, -das Zeitliche gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen; -auch Kluckhuhn kam, und eine Stunde später war ein Gemeindediener -unterwegs, der die Nachricht von des Alten Tode den -im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte, voran der -Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden -Gundermanns.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, -der eine von Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte -dem gräflichen Hause kurz und förmlich die Anzeige von dem -Ableben ihres Bruders, unter gleichzeitiger Mitteilung, »daß -das Begräbnis am Sonnabend mittag stattfinden werde.« -Der Brief Armgards aber lautete: »Liebe Melusine! Wir -bleiben noch bis morgen hier, – noch einmal das Forum, -noch einmal den Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana -Trevi trinken, dann kommt man wieder, und das ist für -jeden, der Rom verläßt, bekanntlich der größte Trost. Wir -gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und bleiben unter anderm -einen halben Tag in Monte Cassino, wo (verzeih meine -Weisheit) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich -liebe Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren<span class="pagenum"><a id="Seite_437">[437]</a></span> -wir nur kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir -nicht das höher gelegene Ravello bevorzugen. Dann erst über -Sorrent nach Capri, dem eigentlichen Ziel unsrer Reise. Wir -werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem Respekt vor der -Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts, etwa -auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung. -In acht Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir dann einen -Brief von Dir vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, -ein Zustand, den ich mir als Kind immer gewünscht und mir -als etwas ganz besonders Poetisches vorgestellt habe. Küsse -meinen alten Papa. Nach Stechlin hin tausend Grüße, vor -allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die Schwester, die -Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen, Dich immer -und immer wieder zärtlich liebenden Armgard.«</p> - -<p>Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil sowohl -der alte Graf wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es -nicht, trotz Armgards gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht -doch noch möglich sein würde, das junge Paar irgendwo -telegraphisch zu erreichen; aber es ging nicht, man mußte es -aufgeben und sich begnügen, allerpersönlichst Vorbereitungen -für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen. Des alten Grafen -Befinden war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes -sein Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht -wurde. Daran aber war gar nicht zu denken. Und so brachen -denn Vater und Tochter am Sonnabend früh nach Stechlin -hin auf. Jeserich wurde mitgenommen, um für alle Fälle zur -Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß -man trotz Sonnenschein fröstelte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage -sehr verändert aus; sonst so still und abgeschieden, -war heute alles Andrang und Bewegung. Zahllose Kutschen -erschienen und stellten sich auf dem Dorfplatz auf, die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_438">[438]</a></span> -ganz in Nähe der Kirche. Diese lag in prallem Sonnenschein -da, so daß man deutlich die hohen, in die Feldsteinwand -eingemauerten Grabsteine sah, die früher, vor der Restaurierung, -im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu fehlte; nur Holunderbüsche, -die zu grünen anfingen, und dazwischen Ebereschensträucher -wuchsen um den Chor herum.</p> - -<p>Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine -grüne Halle umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid -machte die Honneurs, und ihre hohen Jahre, noch mehr aber -ihr Selbstbewußtsein, ließen sie die ihr zuständige Rolle mit -einer gewissen Würde durchführen. Außer den Barbys, Vater -und Tochter, waren, von Berlin her, noch Baron und Baronin -Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von -Czako. Rex sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle, -während sich Czako darauf beschränkte, das gesellschaftliche -Durchschnittstrauermaß zu zeigen.</p> - -<p>Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem -Kontingent, das die Grafschaft gestellt hatte. Dieselben Herren, -die sich – kaum ein halbes Jahr zurück – am Rheinsberger -Wahltage zusammengefunden und sich damals, von ein paar -Ausnahmen abgesehen, über Torgelows Sieg eigentlich mehr -erheitert als geärgert hatten, waren auch heute wieder da: -Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van dem Peerenbom, -von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von -Molchow, von der Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit -sehr kritischen Gesichtern. Auch Direktor Thormeyer war gekommen, -<em class="antiqua">in pontificalibus</em>, angetan mit so vielen Orden und -Medaillen, daß er damit weit über den Landadel hinauswuchs. -Einige stießen sich denn auch an, und Molchow sagte -mit halblauter Stimme zu von der Nonne: »Sehn Sie, Nonne, -das ist die ›Schmetterlingsschlacht‹, von der man jetzt jeden Tag -in den Zeitungen liest.« Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung -wäre Thormeyer doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_439">[439]</a></span> -geblieben, wenn nicht der jeden Ordensschmuck verschmähende, -nur mit einem hochkragigen und uralten Frack -angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz -gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das -sein Kopf zeigte, gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen -Gunsten. Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien -selbst an die vom ältesten Adel die Frage zu richten: »Was -wollt ihr hier?« Er hielt sich nämlich (worin er einer ererbten -Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich berechtigten -Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.</p> - -<p>Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrängt, -und von Blechernhahn, der in bezug auf »Schneid« -beinah an von Molchow heranreichte, sagte: »Bin neugierig, was -der Lorenzen heute loslassen wird. Er gehört ja zur Richtung -Göhre.«</p> - -<p>»Ja, Göhre,« sagte von Molchow. »Merkwürdig, wie der -Zufall spielt. Das Leben macht doch immer die besten Witze.«</p> - -<p>Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung -nicht, weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen -hatte, die Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle -richtete, wo der aufgebahrte Sarg stand. Hier war nämlich, -und zwar in einem brillant sitzenden und mit Atlasaufschlägen -ausstaffierten Frack, in eben diesem Augenblicke der Rechtsanwalt -Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen -Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt -hatte, mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen -gibt, auf Adelheid zu, vor der er sich respektvollst verneigte. -Diese bewahrte gute Haltung und dankte. Von verschiedenen -Seiten her aber hörte man leise das Wort »Affront«, während -ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn von Alten-Friesack -stehender, erst seit kurzem zu Christentum und Konservatismus -übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor sich hin murmelte: -»Schlauberger!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_440">[440]</a></span></p> - -<p>Und nun war es Zeit.</p> - -<p>Der Zug ordnete sich; Militärmusik aus der nächsten Garnison -schritt vorauf; dann traten die Stechliner Bauern heran, -die darum gebeten hatten, den Sarg tragen zu dürfen. Diener -und Mädchen aus dem Hause nahmen die Kränze. Dann kam -Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die sich die Trauerversammlung -(viele von ihnen in Landstandsuniform) unmittelbar -anschloß. Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner Leute -Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie -hatten bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch -wenigstens für Katzenstein gestimmt; jetzt aber, wo der Alte -tot war, waren sie doch vorwiegend der Meinung: »He wihr -so wiet janz good.«</p> - -<p>Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten -Blumen, und so ging es den etwas ansteigenden Kirchhof -hinauf, zwischen den Gräbern hindurch und zuletzt auf das -uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem Altar stellten sie -den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung versehenen -Stein, unter dem sich die Gruft der Stechline befand. -Schiff und Emporen waren überfüllt; bis auf den Kirchhof -hinaus stand alles Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an -den Sarg heran, um über den, den er trotz aller Verschiedenheit -der Meinungen so sehr geliebt und verehrt, ein paar Worte -zu sagen.</p> - -<p>»›Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe -in der Kammer.‹ Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben -dessen, an dessen Sarge wir hier stehn. Ich gebe kein Bild seines -Lebens, denn wie dies Leben war, es wissen's alle, die hier erschienen -sind. Sein Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg -sich, weil sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so -schien er ein Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben ansah; -aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war er kein Alter, -freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was über alles<span class="pagenum"><a id="Seite_441">[441]</a></span> -Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: -ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann -nach der Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem -alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt. Er -war recht eigentlich frei. Wußt es auch, wenn er's auch oft bestritt. -Das goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache. Daher -kam es auch, daß er vor dem, was das Leben so vieler -andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor Neid -und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber -keines Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung -des alten Weisheitssatzes: ›Was du nicht willst, daß -man dir tu.‹</p> - -<p>Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach -seinem Bekenntnis. Er hatte davon weniger das Wort als -das Tun. Er hielt es mit den guten Werken und war recht -eigentlich das, was wir überhaupt einen Christen nennen sollten. -Denn er hatte die Liebe. Nichts Menschliches war ihm fremd, -weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigner menschlicher -Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was einst unser -Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er die -Segensverheißung geknüpft hat, – all das war sein: Friedfertigkeit, -Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens. -Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein -Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen -und wird da die Himmelsruhe haben, die der Segen aller -Segen ist.«</p> - -<p>Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung -an. Am meisten bemerkt wurde Gundermann, dessen -der Rede halb zustimmende, halb ablehnende Haltung bei den -versammelten »Alten und Echten« (die wohl <em class="gesperrt">sich</em>, aber nicht -<em class="gesperrt">ihm</em> ein Recht der Kritik zuschrieben) auch hier wieder ein -Lächeln hervorrief. Dann folgte mit erhobener Stimme Gebet -und Einsegnung, und als die Orgel intonierte, senkte sich der<span class="pagenum"><a id="Seite_442">[442]</a></span> -auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft. -Einen Augenblick später, als der wiederaufsteigende Stein die -Gruftöffnung mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte -man von der Kirchentür her erst ein krampfhaftes Schluchzen und -dann die Worte: »Nu is allens ut; nu möt ick ook weg.« Es -war Agnes. Man nahm das Kind von dem Schemel herunter, -auf dem es stand, um es unter Zuspruch der Nächststehenden -auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch eine -Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging -dann die Straße hinunter auf den Wald zu.</p> - -<p>Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu -sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren -auch von Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen -wartete auf seine Kutsche, die, weil der Andrang so groß war, -nicht gleich vorfahren konnte. Beide froren bitterlich bei der -scharfen Luft, die vom See her wehte.</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« sagte von der Nonne, »warum sie die Feier -nicht im Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; -es war ja da drin gar keine menschliche Temperatur mehr. -Und nun erst hier draußen.«</p> - -<p>»Is leider so,« sagte Molchow, »und ich werde wohl auch -mit ner Kopfkolik abschließen. Und mitunter stirbt man dran. -Aber wenn man in Berlin is (und ich habe da neulich auch so -was mitgemacht,) is es doch noch schlimmer. Da haben sie -was, was sie ne Leichenhalle nennen, ne Art Kapelle mit -Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken sich -ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht, -sehen sie sehr gefrühstückt aus.«</p> - -<p>»Kenn ich, kenn ich,« sagte Nonne.</p> - -<p>»Nu, der Gesang,« fuhr Molchow fort, »das ginge noch, -den kann man schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der<span class="pagenum"><a id="Seite_443">[443]</a></span> -Zug durch die offenstehende Tür. Und wenn man noch bloß -<em class="gesperrt">den</em> kriegte. Wer aber Pech hat, der kommt, wenn's Winter -is, dicht neben einen Kanonenofen zu stehn, und wenn ich sage, -›der pustet‹, so sag ich noch wenig. Und der Geistliche kann -einem auch leid tun. Er spricht sozusagen für niemanden. Wer -kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten ordentlich -zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die drei -Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, -halb Bratapfel is nich mein Fall.«</p> - -<p>»Ja, die Berliner,« sagte Nonne … »Nich zu glauben.«</p> - -<p>»Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten -eigentlich alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt -es auch wirklich. Aber die Hölle lacht.«</p> - -<p>»Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über -Berlin, na, das ginge vielleicht noch. Aber so gleich hier von -Hölle, hier mitten auf nem christlichen Kirchhof …«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, -was in der Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur -die von Berlin her erschienenen Gäste, die den nächsten, an -Gransee vorüberkommenden Rostocker Zug abzuwarten hatten, -waren in das Herrenhaus zurückgekehrt, wo mittlerweile für -einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako, desgleichen -auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und dann -eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid -knüpfte sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf -der Vorzüge des Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid -jedoch, wie so viele Schwestern, allerlei Zweifel und Bedenken -hinsichtlich des Tuns und Treibens ihres Bruders -hegte, so ging man bald zu den Kindern über und beklagte, -daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen sein -können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt -klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_444">[444]</a></span> -Aufenthalt im Süden wohl werde abbrechen müssen. Der -alte Graf in seiner Güte fand alles, was Adelheid sagte, sehr -verständig, während sich Adelheids Gefühle mit der Anerkennung -begnügten, daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer -gedacht habe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Vierundvierzigstes_Kapitel">Vierundvierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt -und widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst -ihren Freunden, den Berchtesgadens, dann Rex und Czako. -Danach ging sie in die Pfarre hinüber, um Lorenzen zu danken -und noch ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und -Armgard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung alles -dessen, was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit -ihm durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider -Wunsch und Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause -zurückkehrte, begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, -die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema mehr -zuläßt. Sie beschränkte sich deshalb auf ein paar Worte mit -Tante Adelheid. Daß man sich gegenseitig nicht mochte, war -der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden: -Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem -enge und weite Seele.</p> - -<p>»Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen,« sagte Melusine. -»Und zum Glück auch noch unverheiratet.«</p> - -<p>»Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. -Es widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann -gegeben, und widerspricht auch wohl der Natur.«</p> - -<p>»Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank, -Ausnahmen. Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine -Frau nehmen ist alltäglich …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_445">[445]</a></span></p> - -<p>»Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede -der Leute hat man noch obenein.«</p> - -<p>»Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen -man gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe.«</p> - -<p>»Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen -Menschen bezeigt sich am besten in der Familie.«</p> - -<p>»Ja, die des natürlichen Menschen …«</p> - -<p>»Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen -das Wort reden wollten.«</p> - -<p>»In gewissem Sinne ›ja‹, Frau Domina. Was entscheidet, -ist, ob man dabei nach oben oder nach unten rechnet.«</p> - -<p>»Das Leben rechnet nach unten.«</p> - -<p>»Oder nach oben; je nachdem.«</p> - -<p>Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und -heiter Melusine war, <em class="gesperrt">einen</em> Ton konnte sie nicht ertragen, den -sittlicher Überheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die -Schraubereien fortsetzen zu sehen. Aber die Meldung, daß -die Wagen vorgefahren seien, machte dieser Gefahr ein Ende. -Melusine brach ab und teilte nur noch in Kürze mit, daß sie vorhabe, -morgen mit dem frühesten von Berlin aus einen Brief -zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen Paar -in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden, -und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während -der alte Graf die Baronin führte.</p> - -<p>Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war -zurückgeschlagen, und alsbald hatten die Baronin und Melusine -im Fond, die beiden Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen. -So ging es eine schon in Kätzchen stehende Weidenallee -hinunter, die beinahe geradlinig auf Gransee zuführte. Das -Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch am Vormittag -geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel -war gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der -Rauch stand in der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf<span class="pagenum"><a id="Seite_446">[446]</a></span> -den Telegraphendrähten, und aus dem Saatengrün stiegen -die Lerchen auf. »Wie schön,« sagte Baron Berchtesgaden, -»und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit und Prosa -dieser Gegenden.« Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf, -der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach, -wie glücklich ihn diese Stunde mache. Sein Bewegtsein fiel auf.</p> - -<p>»Ich dachte, lieber Barby,« sagte der Baron, »in meinen -Huldigungen gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein -Äußerstes getan zu haben. Aber ich sehe, ich bleibe doch weit -zurück; Sie schlagen mich aus dem Felde.«</p> - -<p>»Ja,« sagte der alte Graf, »und mir kommt es wohl auch zu. -Denn ich bin der erste dran, davon Abschied nehmen zu müssen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die -beiden Schecken, kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß -man von einem Begräbnis kam, war dem Gefährt nicht recht -anzusehen.</p> - -<p>»Rex,« sagte Czako, »Sie könnten nun wieder ein ander -Gesicht aufsetzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß -Sie wirklich betrübten Herzens sind?«</p> - -<p>»Nein, Czako, so gröblich inszenier ich mich nicht. Und -käme mir so was in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem -Publikum, das Czako heißt. Übrigens wollen Sie bloß etwas -von sich auf mich abwälzen. <em class="gesperrt">Sie</em> sind betrübt, und wenn ich -mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei dem Chateau Lafitte -nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte – -denn des Alten ›Bocksbeutel‹ hab ich von unserem Oktoberbesuch -her noch in dankbarer Erinnerung –, wie wenn ihn -Tante Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte.«</p> - -<p>»Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem -Stil. Es ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest, -dies Berlin, erst hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an -zu sprechen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_447">[447]</a></span></p> - -<p>»Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache. -Meine Frage bleibt, ›warum so belegt, Czako?‹ Denn -daß Sie das sind, ist außer Zweifel. Wenn's also nicht von -dem Lafitte stammt, so kann es nur Melusine sein.«</p> - -<p>Czako seufzte.</p> - -<p>»Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren -Seufzer nicht recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten -Grund dazu. Gesamtsituation umgekehrt überaus -günstig.«</p> - -<p>»Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich.«</p> - -<p>»Das erschwert nicht, das erleichtert bloß.«</p> - -<p>»Und außerdem ist sie grundgescheit.«</p> - -<p>»Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter.«</p> - -<p>»Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin, -erst durch Geburt und dann durch Heirat noch mal. -Und dazu diese verteufelt vornehmen Namen: Barby, Ghiberti. -Was soll da Czako? Teuerster Rex, man muß den Mut haben, -den Tatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir kein Hehl draus, -Czako hat was merkwürdig Kommißmäßiges, etwa wie Landwehrmann -Schultze. Kennen Sie das reizende Ballett ›Uckermärker -und Picarde?‹ Da haben Sie die ganze Geschichte. -Melusine ist die reine Picarde.«</p> - -<p>»Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren Sie -sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind -Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft dicht auf den -Hacken.«</p> - -<p>»Sapristi, Rex, <em class="antiqua">c'est une idée</em>.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Fuenfundvierzigstes_Kapitel">Fünfundvierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt -erst in Amalfi und dann in Sorrent, in Capri angekommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_448">[448]</a></span> -Woldemar fragte nach Briefen, erfuhr aber, daß nichts eingegangen.</p> - -<p>Armgard schien verstimmt. »Melusine läßt sonst nie -warten.«</p> - -<p>»Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt.«</p> - -<p>»Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst später -einmal, nicht heute; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich -noch nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den -Flitterwochen.«</p> - -<p>Woldemar beschwichtigte. »Morgen wird ein Brief da -sein. Schließen wir also Frieden, und steigen wir, wenn dir's -paßt, nach Anacapri hinauf. Oder wenn du nicht steigen magst, -bleiben wir, wo wir sind, und suchen uns hier eine gute Aussichtsstelle.«</p> - -<p>Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang -gelegenen Albergo, daß sie dies Gespräch führten, und weil -die Mühen und Anstrengungen der letzten Tage ziemlich groß -gewesen waren, war Armgard willens, für heute wenigstens -auf Anacapri zu verzichten. Sie begnügte sich also, mit Woldemar -auf das Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da, angesichts -der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche -Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herüber, die Fischer -sangen, und der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem -Kegel des Vesuv stieg ein dünner Rauch auf, und von Zeit zu -Zeit war es, als vernähme man ein dumpfes Rollen und Grollen.</p> - -<p>»Hörst du's?« fragte Armgard.</p> - -<p>»Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. -Vielleicht erleben wir's noch.«</p> - -<p>»Das wäre herrlich.«</p> - -<p>»Und dabei,« fuhr Woldemar fort, »komm ich von der -eiteln Vorstellung nicht los, daß, wenn's da drüben ernstlich -anfängt, unser Stechlin mittut, wenn auch bescheiden. Es ist -doch eine vornehme Verwandtschaft.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_449">[449]</a></span></p> - -<p>Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner -Fischer eben anlegten, klang es herauf:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Tre giorni son che Nina, che Nina.</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">In letto ne se sta …</em><br /></span> -</div></div> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von -Melusine, diesmal aber nicht an die Schwester, sondern an -Woldemar adressiert.</p> - -<p>»Was ist?« fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, -die Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.</p> - -<p>»Lies selbst.«</p> - -<p>Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des -Alten.</p> - -<p>An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen -zu können, war längst nicht mehr zu denken; der Begräbnistag -lag zurück. So kam man denn überein, die Rückreise -langsam, in Etappen über Rom, Mailand und München -machen, aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich heim) nicht -länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm -Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von Lorbeer -und Oliven. »Den hat er sich verdient.« –</p> - -<p>Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es -denn auch, daß Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen -richtete.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -Lieber Lorenzen.</p> - -<p>Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich -schreibe diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen -Bildes von der Terrasse aus, das auch auf den Verwöhntesten -noch wirkt. Wir wollen morgen in aller Frühe -von hier fort, sind um zehn in Berlin und um zwölf in -Gransee. Denn ich will zunächst unser altes Stechlin wiedersehen -und einen Kranz am Sarge niederlegen. Bitte, sorgen -Sie, daß mich ein Wagen auf der Station erwartet. Wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_450">[450]</a></span> -ich auch Sie persönlich träfe, so wäre mir das das Erwünschteste. -Es plaudert sich unterwegs so gut. Und von -wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres erfahren -als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt haben -werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr -alter treu und dankbar ergebenster</p> - -<p class="right"> -Woldemar v. St.</p></div> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar -sah schon vom Coupé aus den Wagen; aber statt Lorenzen -war Krippenstapel da. Das war ihm zunächst nicht angenehm, -aber er nahm es bald von der guten Seite. »Krippenstapel ist -am Ende noch besser, weil er unbefangener ist und mit manchem -weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch belächeln -würde, hat einen diplomatischen Zug.«</p> - -<p>In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen -herangetretenen »Bienenvater«, und alle drei bestiegen -den Wagen, dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel -entschuldigte Lorenzen, »der wegen einer Trauung behindert -sei«, und so wäre denn alles in bester Ordnung gewesen, -wenn unser trefflicher alter Museumsdirektor nur vor -Antritt seiner Fahrt nach Gransee von einer Herausbesserung -seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das -war ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt -dem jungen Paare gegenüber, angetan mit einem Schlipsstreifen -und einem großen Chemisettevorbau. Der Schlips war -so schmal, daß nicht bloß der zur Befestigung der Vatermörder -dienende Hemdkragenrand in halber Höhe sichtbar wurde, -sondern leider auch der aus einem keilartigen Ausschnitt hervorlugende -Adamsapfel, der sich nun, wie ein Ding für sich, beständig -hin und her bewegte. Die Verlegenheit Armgards, -deren Auge sich – natürlich ganz gegen ihren Willen – unausgesetzt -auf dies Naturspiel richten mußte, wäre denn auch<span class="pagenum"><a id="Seite_451">[451]</a></span> -von Moment zu Moment immer größer geworden, wenn nicht -Krippenstapels unbefangene Haltung schließlich über alles -wieder hinweggeholfen hätte.</p> - -<p>Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit -entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer -vom Grafschaftsadel alles dagewesen sei. Dann kam Thormeyer -an die Reihe, dann Katzenstein und die Domina und zuletzt -auch »lütt Agnes«.</p> - -<p>»Des Kindes müssen wir uns annehmen,« sagte Armgard.</p> - -<p>»Wenn du darauf dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger -damit, als du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur -Pädagogenschablone, muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere -Weg, wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt, -ist jedesmal der bessere. Dann bekehren sie sich aus sich selbst -heraus. Wenn aber irgendein Zwang diese Bekehrung schaffen -will, so wird meist nichts draus. Da werden nur Heuchelei -und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert -Erziehungsmaximen auf.«</p> - -<p>Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem -Berichte fort und erzählte von Kluckhuhn, von Uncke, von -Elfriede; Sponholz werde in der nächsten Woche zurückerwartet, -und Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine Seele, -ganz besonders – und das sei das Allerneueste – seit man -für ein Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde fleißig -dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich geweigert: »so was -schaffe bloß Konfusion.«</p> - -<p>Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar -durchschritt die verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem -Sterbezimmer und ging dann in die Kirchengruft, um da den -Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.</p> - -<p>Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach -zunächst sein Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber -(Kossäth Zschocke habe sich wieder verheiratet) nicht habe kommen<span class="pagenum"><a id="Seite_452">[452]</a></span> -können. Er blieb dann noch den Abend über und erzählte vielerlei, -zuletzt auch von dem, was er dem Alten feierlich habe versprechen -müssen.</p> - -<p>Woldemar lächelte dabei. »Die Zukunft liegt also bei <em class="gesperrt">dir</em>.«</p> - -<p>Unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Sechsundvierzigstes_Kapitel">Sechsundvierzigstes Kapitel</h3> -</div> - -<p class="drop">Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden -Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke, -hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr doch vorderhand -noch fern, und so kehrte sie denn kurz nach Ablauf einer Woche -nach Berlin zurück, wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt -und eine ganz in der Nähe von Woldemars Kaserne gelegene -Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.</p> - -<p>Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar diese -Wohnung bezog, ging die Saison bereits auf die Neige. Die -Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang und gleich danach -auch die Wettrennen, an denen Armgard voller Interesse teilnahm. -Aber ihre Freude daran war doch geringer, als sie geglaubt -hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische, -weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, -den sie sich anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer -heran war, sagte sie: »Laß mich's dir gestehn, Woldemar, -ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin.«</p> - -<p>Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da -sagte, war ihm aus der eignen Seele gesprochen. Liebenswürdig -und bescheiden wie er war, stand ihm längst fest, daß er -nicht berufen sei, jemals eine Generalstabsgröße zu werden, -während das alte märkische Junkertum, von dem frei zu sein -er sich eingebildet hatte, sich allmählich in ihm zu regen begann. -Jeder neue Tag rief ihm zu: »Die Scholle daheim, die dir Freiheit<span class="pagenum"><a id="Seite_453">[453]</a></span> -gibt, ist doch das Beste.« So reichte er denn seine Demission -ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelitten -an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt. -Man gab ihm, als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein -Abschiedsfest, und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur -des Regiments sprach in seiner Rede von den »schönen, -gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor«. –</p> - -<p>All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung -aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen -an das junge Paar herangetreten. Unter diesen Sorgen – -Lizzi hatte abgelehnt, weil sie die große Stadt und die »Bildung« -nicht missen mochte – war in erster Reihe das Ausfindigmachen -einer geeigneten Kammerjungfer gewesen. Es traf sich -aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder -außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert. -Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr. »Ich weiß freilich -nicht, Hedwig, ob es Ihnen da draußen gefallen wird, -Ich hoff es aber. Und Sie werden jedenfalls zweierlei <em class="gesperrt">nicht</em> -haben: keinen Hängeboden und keinen ›Ankratz‹, wie die Leute -hier sagen. Oder wenigstens nicht mehr davon, als Ihnen -schließlich doch vielleicht lieb ist.«</p> - -<p>»Ach, das ist nicht viel,« versicherte Hedwig halb scham- halb -schalkhaft. –</p> - -<p>Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin -einziehen, und alle Vorbereitungen dazu waren getroffen: -Schulze Kluckhuhn trommelte sämtliche Kriegervereine zusammen -(die Düppelstürmer natürlich am rechten Flügel), -während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Begrüßungsgedicht -einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen -werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt weiter -und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als -einer der »Ihrigen« begrüßt werden sollte.</p> - -<p>Das alles galt dem 21.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_454">[454]</a></span></p> - -<p>Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen -ein, an dessen Schluß es hieß:</p> - -<p>»Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen -früh zieht das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine -Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit -unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes: -es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">der Stechlin</em>.« -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Werke von Theodor Fontane</p> - -<p class="center large">Gesammelte Werke</p> - -<p class="center large">Erste Reihe in fünf Bänden</p> - -<p class="center">Erzählende Werke</p> -</div> - -<p class="center small p2">1. Band:</p> - -<p class="center">Gedichte / Grete Minde / Schach von Wuthenow -/ Unterm Birnbaum</p> - -<p class="center small p2">2. Band:</p> - -<p class="center">L'Adultera / Cecile / Unwiederbringlich</p> - -<p class="center small p2">3. Band:</p> - -<p class="center">Stine / Irrungen Wirrungen / -Frau Jenny Treibel</p> - -<p class="center small p2">4. Band:</p> - -<p class="center">Die Poggenpuhls / Effi Briest</p> - -<p class="center small p2">5. Band:</p> - -<p class="center">Der Stechlin</p> - -<p class="center large p2">Zweite Reihe in fünf Bänden</p> - -<p class="center">Autobiographische Werke, Briefe</p> - -<p class="center small p2">1. Band:</p> - -<p class="center">Einleitung / Meine Kinderjahre</p> - -<p class="center small p2">2. Band:</p> - -<p class="center">Von Zwanzig bis Dreißig</p> - -<p class="center small p2">3. Band:</p> - -<p class="center">Kriegsgefangen / Aus den Tagen der Okkupation -/ Vor und nach der Reise</p> - -<p class="center small p2">4. und 5. Band:</p> - -<p class="center">Briefe</p> - -<p class="center large p2">Einzelausgaben</p> - -<p class="center p2">Effi Briest</p> - -<p class="center small">Roman. 58. Auflage</p> - -<p class="center p2">Cecile</p> - -<p class="center small">Roman. 3. Auflage</p> - -<p class="center p2">Stine</p> - -<p class="center small">Roman. 53. Tausend</p> - -<p class="center p2">Meine Kinderjahre</p> - -<p class="center small">Autobiographischer Roman. 12. Auflage</p> - -<p class="center p2">Von Zwanzig bis Dreißig</p> - -<p class="center small">Autobiographisches. 7. Tausend</p> - -<p class="center p2">Kriegsgefangen</p> - -<p class="center small">26. Tausend</p> - -<p class="center p2">Die Poggenpuhls</p> - -<p class="center small">Roman. 47. Auflage</p> - -<p class="center p2">Mathilde Möhring</p> - -<p class="center small">Roman. 60. Tausend</p> - -<p class="center p2">L'Adultera</p> - -<p class="center small">Roman. 80. Auflage</p> - -<p class="center p2">Frau Jenny Treibel</p> - -<p class="center small">Roman. 92. Auflage</p> - -<p class="center p2">Irrungen Wirrungen</p> - -<p class="center small">Roman. 148. Auflage</p> - -<p class="center p2">Aus dem Nachlaß</p> - -<p class="center small">6. Auflage</p> - -<p class="center p2">Das Fontanebuch</p> - -<p class="center small">9. Auflage</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center">Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig</p> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung -der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 216: verwogen → verwegen<br /> -etliche mehr oder weniger <a href="#corr216">verwegen</a> aussehende Wahlmänner</p> -<p> -S. 279: ofen → Ofen<br /> -drei Männer im feurigen <a href="#corr279">Ofen</a></p> -<p> -S. 343: Fronde → Fronde ist<br /> -<a href="#corr343">Fronde ist</a> mir gräßlich und paßt nicht für uns</p> -</div></div> - -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN***</p> -<p>******* This file should be named 53628-h.htm or 53628-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/3/6/2/53628">http://www.gutenberg.org/5/3/6/2/53628</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p> - -<p>1.F.</p> - -<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment.</p> - -<p>1.F.2. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition.</p> - -<p>Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org</p> - -<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> - -</body> -</html> - |
