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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Stechlin, by Theodor Fontane</title>
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-<h1>The Project Gutenberg eBook, Der Stechlin, by Theodor Fontane</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Der Stechlin</p>
-<p>Author: Theodor Fontane</p>
-<p>Release Date: November 28, 2016 [eBook #53628]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h3>E-text prepared by Peter Becker<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (http://www.pgdp.net)</h3>
-<p>&nbsp;</p>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>,
-in Antiqua gesetzte Passagen sind <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
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-
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-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Theodor Fontane</p>
-
-<h1>Der Stechlin</h1>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
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-
-<p class="center p2">S. Fischer, Verlag, Berlin<br />
-1922</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center gesperrt">43. bis 46. Auflage</p>
-
-<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten</p>
-
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-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Der Stechlin</p>
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-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<h2 id="Schloss_Stechlin">Schloß Stechlin</h2>
-
-<h3 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen
-Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee
-bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine
-mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme,
-nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich
-mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung.
-Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der
-<em class="gesperrt">Stechlin</em>«. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle
-steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum
-von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eigenen
-Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren.
-Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf,
-aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur
-selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten
-auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von
-Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist,
-wenn es weit draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf
-Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen
-der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben
-wird. Dann regt sich's auch <em class="gesperrt">hier</em>, und ein Wasserstrahl
-springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen
-alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen,
-so setzen sie wohl auch hinzu: »Das mit dem Wasserstrahl, das<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber draußen
-was Großes gibt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann
-brodelts hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt
-statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in
-die Lande hinein.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das ist der Stechlin, der <em class="gesperrt">See</em> Stechlin.</p>
-
-<p>Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der
-Wald, der ihn umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte
-Dorf, das sich, den Windungen des Sees folgend, um
-seine Südspitze herumzieht. Etwa hundert Häuser und Hütten
-bilden hier eine lange, schmale Gasse, die sich nur da, wo eine
-von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee die Gasse
-durchschneidet, platzartig erweitert. An eben dieser Stelle
-findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf Stechlin
-zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der
-Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem
-kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in
-seinem Schaufenster. Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar
-hinter dem Pfarrhause, steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm,
-so ziemlich in seiner Mitte, die frühmittelalterliche Feldsteinkirche
-mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden
-Dachreiter und einem zur Seite des alten Rundbogenportals
-angebrachten Holzarm, dran eine Glocke hängt. Neben diesem
-Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her
-heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter
-fort, bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden
-und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten
-Bohlenbrücke haltmacht. Diese Brücke ist sehr primitiv.
-Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter
-Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern.</p>
-
-<p>Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, <em class="gesperrt">Schloß</em> Stechlin.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches
-Schloß, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher
-Zeit her auch noch der Graben stammt, der die von ihm durchschnittene,
-sich in den See hinein erstreckende Landzunge zu einer
-kleinen Insel machte. Das ging so bis in die Tage der Reformation.
-Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß
-niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall überlassen,
-auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis kurz
-nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">I.</em> die ganze
-Trümmermasse beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde.
-Dieser Neubau war das Haus, das jetzt noch stand. Es hatte
-denselben nüchternen Charakter wie fast alles, was unter dem
-Soldatenkönig entstand, und war nichts weiter als ein einfaches
-<em class="antiqua">Corps de logis</em>, dessen zwei vorspringende, bis dicht an
-den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und innerhalb
-desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges
-Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte.
-Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende
-Rampe, von deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk
-schon wieder abfiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben
-unverkennbar, gerade diese Rampe zu was Besonderem zu
-machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit exotischen
-Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch
-gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade
-diese kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden
-Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand.
-Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben
-hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn
-in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen
-infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter
-die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des <em class="antiqua">Butomus
-umbellatus</em> auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig
-ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten,<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben,
-der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören.</p>
-
-<p>Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin
-führte, so natürlich auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein
-Stechlin.</p>
-
-<p>Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut
-Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen
-von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen
-Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in
-Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich
-sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die »schon vor
-den Hohenzollern da waren,« aber er hegte dieses Selbstgefühl
-nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam,
-so kleidete sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er
-seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen
-machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus
-dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit
-(während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade
-sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn
-empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und
-extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen
-deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil.
-Paradoxen waren seine Passion. »Ich bin nicht klug genug,
-selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's andere
-tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten
-gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie
-langweilig.« Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte
-selber gern.</p>
-
-<p>Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich
-gewesen. Von jung an lieber im Sattel als bei den
-Büchern, war er erst nach zweimaliger Scheiterung siegreich
-durch das Fähnrichsexamen gesteuert und gleich danach bei
-den brandenburgischen Kürassieren eingetreten, bei denen selbstverständlich<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-auch schon sein Vater gestanden hatte. Dieser sein
-Eintritt ins Regiment fiel so ziemlich mit dem Regierungsantritt
-Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">IV.</em> zusammen, und wenn er dessen
-erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor,
-»daß alles Große seine Begleiterscheinungen habe.« Seine
-Jahre bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre
-gewesen; nur Anno vierundsechzig war er mit in Schleswig,
-aber auch hier, ohne »zur Aktion« zu kommen. »Es kommt für
-einen Märkischen nur darauf an, überhaupt mit dabei gewesen
-zu sein; das andre steht in Gottes Hand.« Und er schmunzelte,
-wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal in Zweifel
-darüber lassend, ob er's ernsthaft oder scherzhaft gemeint habe.
-Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger
-Kriegs war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder
-in seine Garnison Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied,
-um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb verödetes
-Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier warteten seiner
-glückliche Tage, seine glücklichsten, aber sie waren von kurzer
-Dauer &ndash; schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich
-eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn
-und halb aus ästhetischer Rücksicht. »Wir glauben doch alle
-mehr oder weniger an eine Auferstehung« (das heißt, er persönlich
-glaubte eigentlich nicht daran), »und wenn ich dann oben
-ankomme mit einer rechts und einer links, so is das doch
-immer eine genierliche Sache.« Diese Worte &ndash; wie denn der
-Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der Kinder
-begegnet &ndash; richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal
-verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes
-und Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man
-ihm, dem Sohne, den pommerschen Namen »Dubslav«
-beigelegt hatte. »Gewiß, meine Mutter war eine Pommersche,
-noch dazu von der Insel Usedom, und ihr Bruder, nun ja,
-der hieß Dubslav. Und so war denn gegen den Namen schon<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger,
-als er ein Erbonkel war. (Daß er mich schließlich schändlich im
-Stich gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich
-dabei, solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein Märkischer
-ist, der muß Joachim heißen oder Woldemar. Bleib im
-Lande und taufe dich redlich. Wer aus Friesack is, darf nicht
-Raoul heißen.«</p>
-
-<p>Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun
-schon an die dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden,
-aber jetzt lag alles hinter ihm, und er lebte »<em class="antiqua">comme
-philosophe</em>« nach dem Wort und Vorbild des großen Königs,
-zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war sein Mann,
-mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen gemacht
-hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß
-er einen Bismarckkopf habe. »Nun ja, ja, den hab ich; ich soll
-ihm sogar ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so,
-als ob ich mich dafür bedanken müßte. Wenn ich nur wüßte,
-bei wem; vielleicht beim lieben Gott, oder am Ende gar bei
-Bismarck selbst. Die Stechline sind aber auch nicht von schlechten
-Eltern. Außerdem, ich für meine Person, ich habe bei den
-sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei den
-siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich
-immer die größere; &ndash; ich bin ihm also einen über. Und
-Friedrichsruh, wo alles jetzt hinpilgert, soll auch bloß ne Kate
-sein. Darin sind wir uns also gleich. Und solchen See, wie den
-›Stechlin‹, nu, den hat er schon ganz gewiß nicht. So was
-kommt überhaupt bloß selten vor.«</p>
-
-<p>Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber destoweniger
-stolz war er auf sein Schloß, weshalb es ihn auch verdroß, wenn
-es überhaupt so genannt wurde. Von den armen Leuten ließ
-er sich's gefallen: »Für die ist es ein ›Schloß‹, aber sonst ist es
-ein alter Kasten und weiter nichts.« Und so sprach er denn
-lieber von seinem »Haus«, und wenn er einen Brief schrieb,<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-so stand darüber »Haus Stechlin«. Er war sich auch bewußt,
-daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem, als
-der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Türmen und
-seinem Luginsland, von dem aus man, über die Kronen der
-Bäume weg, weit ins Land hinaussah, ja, damals war hier
-ein Schloßleben gewesen, und die derzeitigen alten Stechline
-hatten teilgenommen an allen Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner
-Grafen und die mecklenburgischen Herzöge gaben, und
-waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens verschwägert
-gewesen. Aber heute waren die Stechliner Leute
-von schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und beständig
-bemüht waren, durch eine »gute Partie« sich wieder
-leidlich in die Höhe zu bringen. Auch Dubslavs Vater war
-auf diese Weise zu seinen drei Frauen gekommen, unter denen
-freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt
-hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von der zweiten Frau
-stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer Vorteil
-ergeben, und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer
-Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn
-er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten Freund
-Baruch Hirschfeld gehabt hätte. Dieser Alte, der den großen
-Tuchladen am Markt und außerdem die Modesachen und
-Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer hieß, »Gerson
-schicke ihm alles zuerst« &ndash; dieser alte Baruch, ohne das »Geschäftliche«
-darüber zu vergessen, hing in der Tat mit einer
-Art Zärtlichkeit an dem Stechliner Schloßherrn, was, wenn es
-sich mal wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte,
-regelmäßig zu heikeln Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld
-Vater und Hirschfeld Sohn führte.</p>
-
-<p>»Gott, Isidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist
-das Neue? Das Neue versammelt sich immer auf unserm
-Markt, und mal stürmt es uns den Laden und nimmt uns die
-Hüte, Stück für Stück, und die Reiherfedern und die Straußenfedern.<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Ich bin fürs Alte und für den guten, alten Herrn von
-Stechlin. Is doch der Vater von seinem Großvater gefallen
-in der großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem
-Leben.«</p>
-
-<p>»Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit seinem
-Leben. Aber der von heute&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und
-wenn er nicht hat, und ich sage: ›Herr von Stechlin, ich werde
-schreiben siebeneinhalb‹, dann feilscht er nicht und dann zwackt
-er nicht. Und wenn er kippt, nu, da haben wir das Objekt:
-Mittelboden und Wald und Jagd und viel Fischfang. Ich seh
-es immer so ganz klein in der Perspektiv, und ich seh auch schon
-den Kirchturm.«</p>
-
-<p>»Aber Vaterleben, was sollen wir mit'm Kirchturm?«</p>
-
-<p>In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen
-Vater und Sohn, und was der Alte vorläufig noch in der
-»Perspektive« sah, das wäre vielleicht schon Wirklichkeit geworden,
-wenn nicht des alten Dubslav um zehn Jahre ältere
-Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten Vermögen
-gewesen wäre: Schwester Adelheid, Domina zu Kloster Wutz.
-Die half und sagte gut, wenn es schlecht stand oder gar zum
-Äußersten zu kommen schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu
-dem Bruder &ndash; gegen den sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden
-hatte &ndash;, sondern lediglich aus einem allgemeinen
-Stechlinschen Familiengefühl. Preußen war was und die
-Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die
-Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß in andern Besitz
-und nun gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich.
-Und über all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind
-da, ihr Neffe Woldemar, für den sie all die Liebe hegte, die sie
-dem Bruder versagte.</p>
-
-<p>Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet wuchs
-das Gefühl der Entfremdung zwischen den Geschwistern, und<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-so kam es denn, daß der alte Dubslav, der die Schwester in
-Kloster Wutz weder gern besuchte noch auch ihren Besuch gern
-empfing, nichts von Umgang besaß als seinen Pastor Lorenzen
-(den früheren Erzieher Woldemars) und seinen Küster und
-Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch
-Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen war
-und ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei
-kamen nur, wenn sie gerufen wurden, und so war eigentlich
-nur einer da, der in jedem Augenblick Red und Antwort stand.
-Das war Engelke, sein alter Diener, der seit beinahe fünfzig
-Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt hatte, seine glücklichen
-Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit.
-Engelke, noch um ein Jahr älter als sein Herr, war dessen Vertrauter
-geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav verstand
-es, die Scheidewand zu ziehen. Übrigens wär es auch
-ohne diese Kunst gegangen. Denn Engelke war einer von den
-guten Menschen, die nicht aus Berechnung oder Klugheit,
-sondern von Natur hingebend und demütig sind und in einem
-treuen Dienen ihr Genüge finden. Alltags war er, so Winter
-wie Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es
-zu Tisch ging, trug er eine richtige Livree von sandfarbenem
-Tuch mit großen Knöpfen dran. Es waren Knöpfe, die noch die
-Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen hatten,
-weshalb Dubslav, als er mal wieder in Verlegenheit war,
-zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn von Kortschädel gesagt
-hatte: »Ja, Kortschädel, wenn ich so meinen Engelke, wie er
-da geht und steht, ins märkische Provinzialmuseum abliefern
-könnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das war im Mai, daß der alte Stechlin diese Worte zu
-seinem Freunde Kortschädel gesprochen hatte. Heute aber
-war dritter Oktober und ein wundervoller Herbsttag dazu.
-Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug, hatte die Türen aufmachen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-lassen, und von dem großen Portal her zog ein erquicklicher
-Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen
-gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Marquise
-war hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne,
-deren Lichter durch die schadhaften Stellen hindurchschienen
-und auf den Fliesen ein Schattenspiel aufführten. Gartenstühle
-standen umher, vor einer Bank aber, die sich an die
-Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten gelegt. Auf
-eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, saß der alte Stechlin
-in Joppe und breitkrempigem Filzhut und sah, während er
-aus seinem Meerschaum allerlei Ringe blies, auf ein Rundell,
-in dessen Mitte, von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontäne
-plätscherte. Rechts daneben lief ein sogenannter Poetensteig,
-an dessen Ausgang ein ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk
-zusammengezimmerter Aussichtsturm aufragte. Ganz oben
-eine Plattform mit Fahnenstange, daran die preußische Flagge
-wehte, schwarz und weiß, alles schon ziemlich verschlissen.</p>
-
-<p>Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen
-wollen, war aber mit seinem Vorschlag nicht durchgedrungen.
-»Laß. Ich bin nicht dafür. Das alte Schwarz und Weiß hält
-gerade noch; aber wenn du was Rotes dran nähst, dann reißt
-es gewiß.«</p>
-
-<p>Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben
-von seinem Platz erheben und nach Engelke rufen, als dieser
-vom Gartensaal her auf die Veranda heraustrat.</p>
-
-<p>»Das ist recht, Engelke, daß du kommst … Aber du hast
-da ja was wie'n Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms
-nicht leiden. Immer is einer dod, oder es kommt wer,
-der besser zu Hause geblieben wäre.«</p>
-
-<p>Engelke griente. »Der junge Herr kommt.«</p>
-
-<p>»Und das weißt du schon?«</p>
-
-<p>»Ja, Brose hat es mir gesagt.«</p>
-
-<p>»So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und
-las: »Lieber Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako
-begleiten mich. Dein Woldemar.«</p>
-
-<p>Engelke stand und wartete.</p>
-
-<p>»Ja, was da tun, Engelke?« sagte Dubslav und drehte
-das Telegramm hin und her. »Und aus Cremmen und von
-heute früh,« fuhr er fort. »Da müssen sie also die Nacht über
-schon in Cremmen gewesen sein. Auch kein Spaß.«</p>
-
-<p>»Aber Cremmen is doch soweit ganz gut.«</p>
-
-<p>»Nu, gewiß, gewiß. Bloß sie haben da so kurze Betten …
-Und, wenn man, wie Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja
-doch auch die acht Meilen von Berlin bis Stechlin in einer Pace
-machen. Warum also Nachtquartier? Und Rex und von
-Czako begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von Czako
-nicht. Wahrscheinlich Regimentskameraden. Haben wir denn
-was?«</p>
-
-<p>»Ich denk doch, gnäd'ger Herr. Und wovor haben wir
-denn unsre Mamsell? Die wird schon was finden.«</p>
-
-<p>»Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden wir dazu
-ein? So bloß ich, das geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen
-mehr vorsetzen. Czako, das ginge vielleicht noch. Aber
-Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne, zu so was Feinem wie
-Rex pass' ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch geworden. Was
-meinst du, ob die Gundermanns wohl können?«</p>
-
-<p>»Ach, die können schon. Er gewiß, und sie kluckt auch bloß
-immer so rum.«</p>
-
-<p>»Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberförsters.
-Das älteste Kind hat freilich die Masern, und die
-Frau, das heißt die Gemahlin (und Gemahlin is eigentlich
-auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet wieder. Man
-weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie nennen
-soll, Oberförsterin Katzler oder Durchlaucht. Aber man kann's
-am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-wenigstens die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig
-und eigentlich bloß ein Klutentreter. Und seitdem er die Siebenmühlen
-hat, ist er noch weniger geworden.«</p>
-
-<p>Engelke nickte.</p>
-
-<p>»Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich proper
-machen. Oder vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem
-Retourgang bei Gundermanns mit rangehen. Und soll ihnen
-sagen sieben Uhr, aber nicht früher; sie sitzen sonst so lange
-rum, und man weiß nicht, wovon man reden soll. Das heißt
-mit ihm; sie red't immerzu … Und gib Brosen auch nen
-Kornus und funfzig Pfennig.«</p>
-
-<p>»Ich werd ihm dreißig geben.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was gebracht
-und nu nimmt er wieder was mit. Das is ja so gut wie
-doppelt. Also funfzig. Knaps ihm nichts ab.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei
-Gundermanns vorsprach, um die Bestellung des alten Herrn
-von Stechlin auszurichten, ritten Woldemar, Rex und Czako,
-die sich für sechs Uhr angemeldet hatten, in breiter Front von
-Cremmen ab; Fritz, Woldemars Reitknecht, folgte den dreien.
-Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von Dorf
-und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Woldemar
-vorsichtig nach links hin aus, weil er der Möglichkeit entgehen
-wollte, seiner Tante Adelheid, der Domina des Klosters, zu
-begegnen. Er stand zwar gut mit dieser und hatte sogar vor,
-ihr, wie herkömmlich, auf dem Rückwege nach Berlin seinen
-Besuch zu machen; aber in diesem Augenblick paßte ihm solche
-Begegnung, die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin gehindert
-haben würde, herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen weiten<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine Viertelstunde
-hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese,
-durch Moor- und Wiesengründe führend, war ein vorzüglicher
-Reitweg, der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug,
-weshalb es anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe
-vorwärts ging, bis an eine Avenue heran, die geradlinig auf
-Schloß Stechlin zuführte. Hier ließen alle drei die Zügel
-fallen und ritten im Schritt weiter. Über ihnen wölbten sich
-die schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas
-Anheimelndes und zugleich etwas beinah Feierliches gab.</p>
-
-<p>»Das ist ja wie ein Kirchenschiff,« sagte Rex, der am linken
-Flügel ritt. »Finden Sie nicht auch, Czako?«</p>
-
-<p>»Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die
-Wendung etwas trivial für einen Ministerialassessor.«</p>
-
-<p>»Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.«</p>
-
-<p>»Ich werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen
-was Besseres sagen will, sagt immer was Schlechteres.«</p>
-
-<p>Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche
-waren sie bis an einen Punkt gekommen, von dem aus man
-das am Ende der Avenue sich aufbauende Bild in aller Klarheit
-überblicken konnte. Dabei war das Bild nicht bloß klar, sondern
-auch so frappierend, daß Rex und Czako unwillkürlich anhielten.</p>
-
-<p>»Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,« wandte sich
-Czako zu dem am andern Flügel reitenden Woldemar. »Ich
-find es geradezu märchenhaft, Fata Morgana &ndash; das heißt,
-ich habe noch keine gesehn. Die gelbe Wand, die da noch das
-letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr Zauberschloß?
-Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine
-Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern
-Seite; &ndash; da wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge
-mich, daß ich's damit getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen,
-die da grad in der Mitte stehn und sich von der gelben Wand<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-abheben (›abheben‹ ist übrigens auch trivial; entschuldigen
-Sie, Rex), die stehen ja da wie die Cherubim. Allerdings etwas
-zu schwarz. Was sind das für Leute?«</p>
-
-<p>»Das sind Findlinge?«</p>
-
-<p>»Findlinge.«</p>
-
-<p>»Ja, Findlinge,« wiederholte Woldemar. »Aber wenn
-Ihnen das Wort anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe
-nennen. Es ist merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt
-im Ausdruck Sie sind, wenn Sie nicht gerade selber das Wort
-haben … Aber nun, meine Herren, müssen wir uns wieder
-in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa steht schon ungeduldig
-auf seiner Rampe, und wenn er uns so in Schritt
-ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauernachricht
-oder einen Verwundeten.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch
-wirklich, von Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in
-den Vorhof hinein und dann an der blanken Glaskugel vorüber.
-Der Alte stand bereits auf der Rampe, Engelke hinter
-ihm und hinter diesem Martin, der alte Kutscher. Im Nu
-waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und Fritz
-nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. »Erlaube,
-lieber Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen:
-Assessor von Rex, Hauptmann von Czako.«</p>
-
-<p>Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach
-ihnen aus, wie glücklich er über ihren Besuch sei. »Seien Sie
-mir herzlich willkommen, meine Herren. Sie haben keine
-Ahnung, welche Freude Sie mir machen, mir, einem vergrätzten,
-alten Einsiedler. Man sieht nichts mehr, man hört nichts
-mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.«</p>
-
-<p>»Ach, Herr Major,« sagte Czako, »wir sind ja schon vierundzwanzig
-Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon,
-wer kann heutzutage noch mit den Zeitungen konkurrieren!<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Ein Glück, daß manche prinzipiell einen Posttag zu spät kommen.
-Ich meine mit den neuesten Nachrichten. Vielleicht auch sonst
-noch.«</p>
-
-<p>»Sehr wahr,« lachte Dubslav. »Der Konservatismus soll
-übrigens, seinem Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß
-man vieles entschuldigen. Aber da kommen Ihre Mantelsäcke,
-meine Herren. Engelke, führe die Herren auf ihr Zimmer.
-Wir haben jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten darf.«</p>
-
-<p>Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas
-altmodisch als »Mantelsäcke« bezeichneten Plaidrollen in die
-Hand genommen und ging damit, den beiden Herren voran,
-auf die doppelarmige Treppe zu, die gerade da, wo die beiden
-Arme derselben sich kreuzten, einen ziemlich geräumigen Podest
-mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den Säulchen aber,
-und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr angebracht,
-mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte.
-Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex: »Ein bißchen
-graulich,« &ndash; ein Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis
-auf den mit ungeheurer Raumverschwendung angelegten Oberflur
-gekommen war. Über einer nach hinten zu gelegenen Saaltür
-hing eine Holztafel mit der Inschrift: »Museum«, während
-hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts,
-mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre
-Prachtstücke, mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine
-Burg mit dicken Backsteintürmen, das andre ein überlebensgroßer
-Ritter, augenscheinlich aus der Frundsbergzeit, wo das
-bunt Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren begann.</p>
-
-<p>»Is wohl ein Ahn?« fragte Czako.</p>
-
-<p>»Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche.«</p>
-
-<p>»Auch so wie hier?«</p>
-
-<p>»Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber
-man sieht doch noch, daß es derselbe ist.«</p>
-
-<p>Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-das mit der einen Seite nach dem Flur, mit der
-andern Seite nach einem schmalen Gang hin lag. Hier war
-auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und hing die
-beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür
-stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein
-Klingelzug mit einer grünen, etwas ausgefransten Puschel
-daran. Engelke wies darauf hin und sagte: »Wenn die Herren
-noch was wünschen … Und um sieben … Zweimal wird
-angeschlagen.«</p>
-
-<p>Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.</p>
-
-<p>Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen
-man Rex und Czako untergebracht hatte, das vordere größer
-und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet, mit Stehspiegel
-und Toilette, der Spiegel sogar zum Kippen. Das Bett in
-diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und
-daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner
-Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während
-auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch
-und Kreuz und einem Palmenzweig auf dem Deckel.</p>
-
-<p>Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: »Wenn
-nicht unser Freund Woldemar bei diesem Arrangement seine
-Hand mit im Spiele gehabt hat, so haben wir hier in bezug
-auf Requisiten ein Ahnungsvermögen, wie's nicht größer gedacht
-werden kann. Das Püppchen <em class="antiqua">pour moi</em>, das Testament
-<em class="antiqua">pour vous</em>.«</p>
-
-<p>»Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten!«</p>
-
-<p>»Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich
-ja bloß um meiner Neckereien willen.«</p>
-
-<p>Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den
-etwas kleineren Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette
-fehlten. Dafür aber war ein Rokokosofa da, mit hellblauem
-Atlas und weißen Blumen darauf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Rex,« sagte Czako, »wie teilen wir nun? Ich denke,
-Sie nehmen nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa,
-noch dazu mit weißen Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette,
-das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte.«</p>
-
-<p>»Rokoko hat immer eine Geschichte,« bestätigte Rex. »Aber
-hundert Jahr zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei
-Dank, nicht danach aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem
-alten Kasten allerdings schon zu; aber keine Rokokogeschichte.
-Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie gefällt Ihnen übrigens
-der Alte?«</p>
-
-<p>»Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund
-Woldemar solchen famosen Alten haben könnte.«</p>
-
-<p>»Das klingt ja beinah,« sagte Rex, »wie wenn Sie gegen
-unsern Stechlin etwas hätten.«</p>
-
-<p>»Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin ist der
-beste Kerl von der Welt, und wenn ich das verdammte Wort
-nicht haßte, würd ich ihn sogar einen ›perfekten Gentleman‹
-nennen müssen. Aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle.«</p>
-
-<p>»An welche?«</p>
-
-<p>»In sein Regiment.«</p>
-
-<p>»Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant
-angeschrieben. Liebling bei jedem. Der Oberst hält große
-Stücke von ihm, und die Prinzen machen ihm beinah den
-Hof&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.«</p>
-
-<p>»Was denn, wie denn?«</p>
-
-<p>»Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier
-vor Tisch noch auszukramen. Denn es ist bereits halb, und wir
-müssen uns eilen. Übrigens trifft es viele, nicht bloß unsern
-Stechlin.«</p>
-
-<p>»Immer dunkler, immer rätselvoller,« sagte Rex.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse. Schließlich
-kann man ja Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben
-haben. ›Die Prinzen machen ihm den Hof,‹ so geruhten Sie
-zu bemerken, und ich antwortete: ›Ja, das ist es eben.‹ Und
-diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen. Die Prinzen &ndash;
-ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit, daß die
-feinen Regimenter immer feiner werden. Kucken Sie sich mal
-die alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert
-und dann so bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment
-Garde du Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere
-guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz, Kracht, Löschebrand,
-Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher betitelter
-Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch Prinzen
-damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen
-mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es
-nun aber, seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich
-sprech ich nicht von der Provinz, nicht von Litauen und
-Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter
-den Augen Seiner Majestät. Und nun gar erst diese Gardedragoner!
-Die waren immer pik, aber seit sie, <em class="antiqua">pour combler
-le bonheur</em>, auch noch ›Königin von Großbritannien und
-Irland‹ sind, wird es immer mehr davon, und je piker sie
-werden, desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens
-auch jetzt schon mehr da sind, als es so obenhin aussieht,
-denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht
-sagen. Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet,
-die bloß <em class="antiqua">à la suite</em> stehen, aber doch immer noch mit dabei sind,
-wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der Kreis geschlossen
-wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch einen
-Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin
-gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse
-Luxusse mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse und, wenn es
-sein muß, auch Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Sozialdemokratie. Das ist aber auf die Dauer schwierig.
-Richtige Prinzen können sich das leisten, die verbebeln nicht
-leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist
-doch bloß ein Mensch.«</p>
-
-<p>»Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche
-stets betonen?«</p>
-
-<p>»Ja, Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schickt
-sich nicht für alle. Der eine darf's, der andre nicht. Wenn
-unser Freund Stechlin sich in diese seine alte Schloßkate zurückzieht,
-so darf er Mensch sein, soviel er will, aber als Gardedragoner
-kommt er damit nicht aus. Vom alten Adam will
-ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne Nebenbedeutung.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd
-über den alten und den jungen Stechlin verhandelten, schritten
-die, die den Gegenstand dieser Unterhaltung bildeten, Vater
-und Sohn, im Garten auf und ab und hatten auch ihrerseits
-ihr Gespräch.</p>
-
-<p>»Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde mitgebracht
-hast. Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten. Mein
-Leben verläuft ein bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut
-sein, wenn ich mich wieder an Menschen gewöhne. Du wirst
-gelesen haben, daß unser guter alter Kortschädel gestorben ist,
-und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne Neuwahl.
-Da muß ich dann ran und mich populär machen. Die Konservativen
-wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag
-ich nicht, aber ich soll, und da paßt es mir denn, daß du mir
-Leute bringst, an denen ich mich für die Welt sozusagen wieder
-wie einüben kann. Sind sie denn ausgiebig und plauderhaft?«</p>
-
-<p>»O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.«</p>
-
-<p>»Das is gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander
-reden alle gern. Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't
-nicht jeden. Und dann sollen wir uns ja auch durch die Sprache<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-vom Tier unterscheiden. Also wer am meisten red't, ist der
-reinste Mensch. Und diesem Czako, den hab ich es gleich angesehn.
-Aber der Rex. Du sagst Ministerialassessor. Ist er denn
-von der frommen Familie?«</p>
-
-<p>»Nein, Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah
-alle machen. Die fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich
-und sehr vornehm. Die Rex natürlich auch, aber doch nicht
-so hoch hinaus und auch nicht so fromm. Allerdings nimmt
-mein Freund, der Ministerialassessor, einen Anlauf dazu, die
-Reckes womöglich einzuholen.«</p>
-
-<p>»Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur,
-die so was vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so
-glatt rasiert. Habt ihr denn beim Rasieren in Cremmen gleich
-einen gefunden?«</p>
-
-<p>»Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Solingen
-oder Suhl will er nichts wissen.«</p>
-
-<p>»Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das
-Gespräch auf kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt,
-eigentlich kirchlich, wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor
-(es wird immer schlimmer mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck
-mitunter ungenierter, als man vielleicht sein soll, und bei
-›niedergefahren zur Hölle‹ kann mir's passieren, daß ich nolens
-volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie steht es denn da mit
-ihm? Muß ich mich in acht nehmen? Oder macht er bloß so mit?«</p>
-
-<p>»Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir,
-er steht so wie die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht
-recht.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, den Zustand kenn ich.«</p>
-
-<p>»Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die
-Auswahl und wählt das, was gerade gilt und nach oben hin
-empfiehlt. Ich kann das auch so schlimm nicht finden. Einige
-nennen ihn einen ›Streber‹. Aber wenn er es ist, ist er jedenfalls
-keiner von den schlimmsten. Er hat eigentlich einen guten<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-Charakter, und im <em class="antiqua">cercle intime</em> kann er reizend sein. Er verändert
-sich dann nicht in dem, was er sagt, oder doch nur ganz
-wenig, aber ich möchte sagen, er verändert sich in der Art, wie
-er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit dem
-Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt.
-Czako wird überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt
-ihn beständig, und Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese
-Schraubereien gefallen. Daran siehst du schon, daß sich mit
-ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit ist keine Lüge, bloß Erziehung,
-Angewohnheit, und so schließlich seine zweite Natur
-geworden.«</p>
-
-<p>»Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen
-dann beide sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht
-erleben wir ne Bekehrung. Das heißt Rex den Pastor. Aber
-da höre ich eine Kutsche die Dorfstraße raufkommen. Das
-sind natürlich Gundermanns; die kommen immer zu früh. Der
-arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der Könige gehört
-und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon. Autodidakten
-übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann
-also mitreden. Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute
-wird es nichts mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen
-striegeln müssen, und ich will mir nen schwarzen Rock anziehn.
-Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig;
-sie putzt sich übrigens nach wie vor wie'n Schlittenpferd und
-hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf &ndash;
-das heißt, wenn's ihrer ist.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten,
-als Tamtam fungierenden Schild, der an einem der zwei
-vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Pfeiler hing. Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit
-dem Podest und der in Front desselben angebrachten Rokokouhr
-einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des Erdgeschosses,
-führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem
-ein auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal
-gesagt hatte: sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin
-würden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall
-wieder gutgemacht.</p>
-
-<p>Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex
-und Czako die Treppe herunter kamen und, eine Biegung
-machend, auf den von berufener Seite so glimpflich beurteilten
-sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als die Freunde diesen
-passierten, sahen sie &ndash; die Türflügel waren schon geöffnet &ndash;
-in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier
-wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits erschienen
-waren. Dubslav, in dunklem Überrock und die Bändchenrosette
-sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens
-im Knopfloch, ging den Eintretenden entgegen, begrüßte
-sie nochmals mit der ihm eigenen Herzlichkeit, und beide Herren
-gleich danach in den Kreis der schon Versammelten einführend,
-sagte er: »Bitte die Herrschaften miteinander bekannt machen
-zu dürfen: Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen,
-Pastor Lorenzen, Oberförster Katzler,« und dann,
-nach links sich wendend, »Ministerialassessor von Rex, Hauptmann
-von Czako vom Regiment Alexander.« Man verneigte
-sich gegenseitig, worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor
-Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus seines Vaters, zwischen
-Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen suchte, was
-auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und drüben weder
-an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach.
-Nur konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener
-etwas eindringlich zu mustern, trotzdem Herr von Gundermann
-in Frack und weißer Binde, Frau von Gundermann<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen war, &ndash;
-er augenscheinlich Parvenu, sie Berlinerin aus einem nordöstlichen
-Vorstadtgebiet.</p>
-
-<p>Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich
-lange damit zu beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm
-der Frau von Gundermann nahm und dadurch das Zeichen
-zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab.
-Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher zusammengefunden,
-kamen aber durch die von seiten Dubslavs schon vorher festgesetzte
-Tafelordnung wieder auseinander. Die beiden Stechlins,
-Vater und Sohn, plazierten sich an den beiden Schmalseiten
-einander gegenüber, während zur Rechten und Linken
-von Dubslav Herr und Frau von Gundermann, rechts und
-links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen. Die
-Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem
-großen alten Eichenbüfett, ganz in Nähe der Tür, standen
-Engelke und Martin, Engelke in seiner sandfarbenen Livree
-mit den großen Knöpfen, Martin, dem nur oblag, mit der
-Küche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem Rock und
-Stulpstiefeln.</p>
-
-<p>Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach
-den ersten Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich
-an, dankte für ihr Erscheinen und entschuldigte sich
-wegen der späten Einladung: »Aber erst um zwölf kam Woldemars
-Telegramm. Es ist das mit dem Telegraphieren solche
-Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter,
-und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon die
-Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich
-kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur
-von Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise
-gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen
-Freund, der ganz ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops
-sei der schönste;‹ so läßt sich jetzt beinahe sagen, ›das gröbste<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-Telegramm ist das feinste‹. Wenigstens das in seiner Art
-vollendetste. Jeder, der wieder eine neue Fünfpfennigersparnis
-herausdoktert, ist ein Genie.«</p>
-
-<p>Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau
-von Gundermann, sehr bald aber mehr an Gundermann
-selbst gerichtet, weshalb dieser letztere denn auch antwortete:
-»Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen der Zeit. Und ganz
-bezeichnend, daß gerade das Wort ›Herr‹, wie Sie schon hervorzuheben
-die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. ›Herr‹ ist
-Unsinn geworden, ›Herr‹ paßt den Herren nicht mehr, &ndash;
-ich meine natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen.
-Aber es ist auch danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich
-leider auch der Staat beteiligt, was sind sie? Begünstigungen
-der Unbotmäßigkeit, also Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.
-Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und
-Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr
-von Stechlin &ndash; ich würde nicht widersprechen, wenn mich
-das Tatsächliche nicht dazu zwänge &ndash;, trotzdem geht es nicht
-ohne Telegraphie, gerade hier in unsrer Einsamkeit. Und dabei
-das beständige Schwanken der Kurse. Namentlich auch in der
-Mühlen- und Brettschneidebranche&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt
-habe … Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso
-richtig. Der Teufel is nich so schwarz, wie er gemalt wird, und
-die Telegraphie auch nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist
-es doch was Großes, diese Naturwissenschaften, dieser elektrische
-Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns daran läge
-(aber uns liegt nichts daran), so könnten wir den Kaiser von
-China wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und seiner
-gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen
-in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die
-Pariser Septemberrevolution ausbrach, wußte man's in Amerika
-drüben um ein paar Stunden früher, als die Revolution<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-überhaupt da war. Ich sagte: Septemberrevolution. Es kann
-aber auch ne andre gewesen sein; sie haben da so viele, daß
-man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre war im
-Juli, &ndash; wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß da notwendig
-reinfallen … Engelke, präsentiere der gnädgen Frau
-den Fisch noch mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von
-Czako&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr von Stechlin,« sagte Czako. »Erstlich aus
-reiner Gourmandise, dann aber auch aus Forschertrieb oder
-Fortschrittsbedürfnis. Man will doch an dem, was gerade
-gilt oder überhaupt Menschheitsentwicklung bedeutet, auch
-seinerseits nach Möglichkeit teilnehmen, und da steht denn
-Fischnahrung jetzt obenan. Fische sollen außerdem viel Phosphor
-enthalten, und Phosphor, so heißt es, macht ›helle‹.«</p>
-
-<p>»Gewiß,« kicherte Frau von Gundermann, die sich bei
-dem Wort »helle« wie persönlich getroffen fühlte. »Phosphor
-war ja auch schon, eh die Schwedischen aufkamen.«</p>
-
-<p>»O, lange vorher,« bestätigte Czako. »Was mich aber,«
-fuhr er, sich an Dubslav wendend, fort, »an diesen Karpfen
-noch ganz besonders fesselt &ndash; beiläufig ein Prachtexemplar &ndash;,
-das ist das, daß er doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten
-See stammt, über den ich durch Woldemar, Ihren
-Herrn Sohn, bereits unterrichtet bin. Dieser merkwürdige
-See, dieser Stechlin! Und da frag ich mich denn unwillkürlich
-(denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die Mooskarpfen),
-welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden
-Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen? Ich
-weiß nicht, ob ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf;
-wenn aber, so würde er als Jüngling die Lissaboner Aktion und
-als Urgreis den neuerlichen Ausbruch des Krakatowa mitgemacht
-haben. Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage
-auf&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dubslav lächelte zustimmend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>»… Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage auf,
-wenn's nun in Ihrem Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar
-die große Trichterbildung anhebt, aus der dann und wann,
-wenn ich recht gehört habe, der krähende Hahn aufsteigt, wie
-verhält sich da der Stechlinkarpfen, dieser doch offenbar Nächstbeteiligte,
-bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse? Beneidet
-er den Hahn, dem es vergönnt ist, in die Ruppiner
-Lande hineinzukrähen, oder ist er umgekehrt ein Feigling, der
-sich in seinem Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der
-am andern Morgen fragt: ›Schießen sie noch?‹«</p>
-
-<p>»Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer
-Frage hat selbst für einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten.
-Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist.
-Und zu dem innerlichsten und verschlossensten zählt der Karpfen;
-er ist nämlich sehr dumm. Aber nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung
-wird er sich beim Eintreten der großen Eruption wohl
-verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle. Heldentum
-ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage.
-Sie brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie
-sind noch im Dienst.«</p>
-
-<p>»Bitte, bitte,« sagte Czako.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Sehr, sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten
-Seite der Tafel. Rex, der, wenn er dienstlich oder
-außerdienstlich aufs Land kam, immer eine Neigung spürte,
-sozialen Fragen nachzuhängen, und beispielsweise jedesmal
-mit Vorliebe darauf aus war, an das Zahlenverhältnis der in
-und außer der Ehe geborenen Kinder alle möglichen, teils dem
-Gemeinwohl, teils der Sittlichkeit zugute kommende Betrachtungen
-zu knüpfen, hatte sich auch heute wieder in einem
-mit Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema
-zugewandt, war aber, weil Dubslav durch eine
-Zwischenfrage den Faden abschnitt, in die Lage gekommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-sich vorübergehend statt mit Lorenzen mit Katzler beschäftigen
-zu müssen, von dem er zufällig in Erfahrung gebracht hatte,
-daß er früher Feldjäger gewesen sei. Das gab ihm einen guten
-Gesprächsstoff und ließ ihn fragen, ob der Herr Oberförster
-nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit
-und seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde, &ndash; sein
-früherer Feldjägerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite
-Welt hinausgeführt, während er jetzt »stabiliert« sei. »Stabilierung«
-zählte zu Rex' Lieblingswendungen und entstammte
-jenem sorglich ausgewählten Fremdwörterschatz, den er sich &ndash;
-er hatte diese Dinge dienstlich zu bearbeiten gehabt &ndash; aus den
-Erlassen König Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">I.</em> angeeignet und mit in
-sein Aktendeutsch herübergenommen hatte. Katzler, ein vorzüglicher
-Herr, aber auf dem Gebiete der Konversation doch
-nur von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit,
-fand sich in des Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange
-nicht gleich zurecht und war froh, als ihm der
-hellhörige, mittlerweile wieder frei gewordene Pastor in der
-durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam. »Ich glaube
-herauszuhören,« sagte Lorenzen, »daß Herr von Rex geneigt
-ist, dem Leben draußen in der Welt vor dem in unsrer stillen
-Grafschaft den Vorzug zu geben. Ich weiß aber nicht, ob wir
-ihm darin folgen können, ich nun schon gewiß nicht; aber auch
-unser Herr Oberförster wird mutmaßlich froh sein, seine vordem
-im Eisenbahncoupé verbrachten Feldjägertage hinter
-sich zu haben. Es heißt freilich, ›im engen Kreis verengert
-sich der Sinn‹, und in den meisten Fällen mag es zutreffen.
-Aber doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde
-bestimmte große Vorzüge.«</p>
-
-<p>»Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr Pastor
-Lorenzen,« sagte Rex. »Wenn es einen Augenblick vielleicht so
-klang, als ob der ›Globetrotter‹ mein Ideal sei, so bin ich sehr
-geneigt, mit mir handeln zu lassen. Aber etwas hat es doch<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-mit dem ›Auch-draußen-zu-Hause-sein‹ auf sich, und wenn Sie
-trotzdem für Einsamkeit und Stille plädieren, so plädieren Sie
-wohl in eigner Sache. Denn wie sich der Herr Oberförster
-aus der Welt zurückgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie sind
-beide darin, ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt,
-und vielleicht, daß meine persönliche Neigung dieselben Wege
-ginge. Dennoch wird es andre geben, die von einem solchen
-Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen wollen, die vielleicht
-umgekehrt, statt in einem Sichhingeben an den einzelnen, in
-der Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung finden.
-Ich glaube durch Freund Stechlin zu wissen, welche Fragen
-Sie seit lange beschäftigen, und bitte, Sie dazu beglückwünschen
-zu dürfen. Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung.
-Aber nehmen Sie deren Schöpfer, der Ihnen persönlich vielleicht
-nahesteht, er und sein Tun sprechen doch recht eigentlich
-für mich; sein Feld ist nicht einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde,
-sondern eine Weltstadt. Stöckers Auftreten und
-seine Mission sind eine Widerlegung davon, daß das Schaffen
-im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere
-sein müsse.«</p>
-
-<p>Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel,
-sich mit dem ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in
-Parallele gestellt zu sehen, und empfand dies jedesmal als eine
-Huldigung. Aber nicht minder empfand er dabei regelmäßig
-den tiefen Unterschied, der zwischen dem großen Agitator und
-seiner stillen Weise lag. »Ich glaube, Herr von Rex,« nahm er
-wieder das Wort, »daß Sie den ›Vater der Berliner Bewegung‹
-sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur Zufriedenheit
-des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht
-eben leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend
-in einem Siegeszeichen; hüben und drüben hat er Wurzel
-geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt, nicht nur seitens
-derer, denen er mildtätig die Schuhe schneidet, sondern beinah<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-mehr noch im Lager derer, denen er das Leder zu den Schuhen
-nimmt. Er hat schon so viele Beinamen, und der des heiligen
-Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele wird es geben, die
-sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich fürchte, der Tag
-ist nahe, wo der so Rührige und zugleich so Mutige, der seine
-Ziele so weit steckte, sich in die Enge des Daseins zurücksehnen
-wird. Er besitzt, wenn ich recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut
-irgendwo in Franken, und wohl möglich, ja, mir persönlich
-geradezu wahrscheinlich, daß ihm an jener stillen Stelle früher
-oder später ein echteres Glück erblüht, als er es jetzt hat. Es
-heißt wohl, ›Gehet hin und lehret alle Heiden‹, aber schöner ist
-es doch, wenn die Welt, uns suchend, an uns herankommt.
-Und die Welt kommt schon, wenn die richtige Persönlichkeit
-sich ihr auftut. Da ist dieser Wörishofener Pfarrer &ndash; er sucht
-nicht die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie
-kommen, so heilt er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und
-Natürlichsten. Übertragen Sie das vom Äußern aufs Innere,
-so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen graben just an der
-Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in nächster
-Nähe, sei's mit dem Alten, sei's mit etwas Neuem.«</p>
-
-<p>»Also mit dem Neuen,« sagte Woldemar und reichte seinem
-alten Lehrer die Hand.</p>
-
-<p>Aber dieser antwortete: »Nicht so ganz unbedingt mit dem
-Neuen. Lieber mit dem Alten, soweit es irgend geht, und mit
-dem Neuen nur, soweit es muß.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem
-Gange angelangt, der eine Spezialität von Schloß Stechlin war
-und jedesmal die Bewunderung seiner Gäste bildete: losgelöste
-Krammetsvögelbrüste, mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet,
-die, wenn die Herbst- und Ebereschentage da waren,
-als eine höhere Form von Schwarzsauer auf den Tisch zu
-kommen pflegten. Engelke präsentierte Burgunder dazu,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-der schon lange lag, noch aus alten, besseren Tagen her, und
-als jeder davon genommen, erhob sich Dubslav, um erst kurz
-seine lieben Gäste zu begrüßen, dann aber die Damen leben zu
-lassen. Er müsse bei diesem Plural bleiben, trotzdem die Damenwelt
-nur in einer Einheit vertreten sei; doch er gedenke dabei
-neben seiner lieben Freundin und Tischnachbarin (er küßte dieser
-huldigend die Hand) zugleich auch der »Gemahlin« seines
-Freundes Katzler, die leider &ndash; wenn auch vom Familienstandpunkt
-aus in hocherfreulichster Veranlassung &ndash; am Erscheinen
-in ihrer Mitte verhindert sei: »Meine Herren, Frau Oberförster
-Katzler« &ndash; er machte hier eine kleine Pause, wie wenn er
-eine höhere Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen
-hätte &ndash; »Frau Oberförster Katzler und Frau von Gundermann,
-sie leben hoch!« Rex, Czako, Katzler erhoben sich, um mit Frau
-von Gundermann anzustoßen; als aber jeder von ihnen auf
-seinen Platz zurückgekehrt war, nahmen sie die durch den Toast
-unterbrochenen Privatgespräche wieder auf, wobei Dubslav
-als guter Wirt sich darauf beschränkte, kurze Bemerkungen
-nach links und rechts hin einzustreuen. Dies war indessen nicht
-immer leicht, am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der
-Hauptmann und Frau von Gundermann führten, und das
-so pausenlos verlief, daß ein Einhaken sich kaum ermöglichte.
-Czako war ein guter Sprecher, aber er verschwand neben seiner
-Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der es (ursprünglich
-Schreib- und Zeichenlehrer) in einer langen, schon mit anno 13
-beginnenden Dienstzeit bis zum Hauptmann in der »Plankammer«
-gebracht hatte, gab ihr in ihren Augen eine gewisse
-militärische Zugehörigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen,
-endlich den ihr wohlbekannten Namenszug des Regiments
-Alexander auf Czakos Achselklappe erkannt hatte, sagte
-sie: »Gott …, Alexander. Nein, ich sage. Mir war aber doch
-auch gleich so; Münzstraße. Wir wohnten ja Linienstraße,
-Ecke der Weinmeister &ndash; das heißt, als ich meinen Mann kennen<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-lernte. Vorher draußen, Schönhauser Allee. Wenn man so
-wen aus seiner Gegend wieder sieht! Ich bin ganz glücklich,
-Herr Hauptmann. Ach, es ist zu traurig hier. Und wenn wir
-nicht den Herrn von Stechlin hätten, so hätten wir so gut wie gar
-nichts. Mit Katzlers,« aber dies flüsterte sie nur leise, »mit
-Katzlers ist es nichts, die sind zu hoch raus. Da muß man
-sich denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch auch
-noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber abwarten.«</p>
-
-<p>»Sehr wahr, sehr wahr,« sagte Czako, der, ohne was
-Sicheres zu verstehen, nur ein während des Dubslavschen
-Toastes schon gehabtes Gefühl bestätigt sah, daß es mit den
-Katzlers was Besonderes auf sich haben müsse. Frau von
-Gundermann aber, den ihr unbequemen Flüsterton aufgebend,
-fuhr mit wieder lauter werdender Stimme fort: »Wir haben
-den Herrn von Stechlin, und das ist ein Glück, und es ist auch
-bloß eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel
-zu weit, und wenn sie auch näher wohnten, sie wollen alle nicht
-recht; die Leute hier, mit denen wir eigentlich Umgang haben
-müßten, sind so difficil und legen alles auf die Goldwage.
-Das heißt, vieles legen sie nicht auf die Goldwage, dazu reicht
-es bei den meisten nicht aus; nur immer die Ahnen. Und
-sechzehn ist das wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn? Gundermann
-ist erst geadelt, und wenn er nicht Glück gehabt hätte, so
-wär es gar nichts. Er hat nämlich klein angefangen, bloß mit
-einer Mühle; jetzt haben wir nun freilich sieben, immer den Rhin
-entlang, lauter Schneidemühlen, Bohlen und Bretter, einzöllig,
-zweizöllig und noch mehr. Und die Berliner Dielen, die sind
-fast alle von uns.«</p>
-
-<p>»Aber, meine gnädigste Frau, das muß Ihnen doch ein
-Hochgefühl geben. Alle Berliner Dielen! Und dieser Rhinfluß,
-von dem Sie sprechen, der vielleicht eine ganze Seenkette
-verbindet, und woran mutmaßlich eine reizende Villa liegt!
-Und darin hören Sie Tag und Nacht, wie nebenan in der<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-Mühle die Säge geht, und die dicht herumstehenden Bäume
-bewegen sich leise. Mitunter natürlich ist auch Sturm. Und
-Sie haben eine Pony-Equipage für Ihre Kinder. Ich darf
-doch annehmen, daß Sie Kinder haben? Wenn man so abgeschieden
-lebt und so beständig aufeinander angewiesen ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe Kinder,
-aber schon erwachsen, beinah alle, denn ich habe mich jung verheiratet.
-Ja, Herr von Czako, man ist auch einmal jung
-gewesen. Und es ist ein Glück, daß ich die Kinder habe. Sonst
-ist kein Mensch da, mit dem man ein gebildetes Gespräch führen
-kann. Mein Mann hat seine Politik und möchte sich wählen
-lassen, aber es wird nichts, und wenn ich die Journale bringe,
-nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die Geschichten, sagt
-er, seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen
-der Sozialdemokratie. Seine Mühlen, was ich übrigens recht
-und billig finde, sind ihm lieber.«</p>
-
-<p>»Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben,
-schon in Ihrer Wirtschaft.«</p>
-
-<p>»Ja, die hab ich, und die Mamsells, die man so kriegt,
-ja, ein paar Wochen geht es; aber dann bändeln sie gleich an,
-am liebsten mit nem Volontär; wir haben nämlich auch
-Volontärs in der Mühlenbranche. Und die meisten sind aus
-ganz gutem Hause. Die jungen Menschen passen aber nicht
-auf, und da hat man's denn, und immer gleich Knall und Fall.
-All das ist doch traurig, und mitunter ist es auch so, daß man
-sich geradezu genieren muß.«</p>
-
-<p>Czako seufzte. »Mir ein Greuel, all dergleichen. Aber ich
-weiß vom Manöver her, was alles vorkommt. Und mit einer
-Schläue … nichts schlauer, als verliebte Menschen. Ach, das
-ist ein Kapitel, womit man nicht fertig wird. Aber Sie sagten
-Linienstraße, meine Gnädigste. Welche Nummer denn? Ich
-kenne da beinah jedes Haus, kleine, nette Häuser, immer bloß
-Bel-Etage, höchstens mal ein <em class="antiqua">Oeil de Boeuf</em>.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p>
-
-<p>»Wie? was?«</p>
-
-<p>»Großes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe diese
-Häuser.«</p>
-
-<p>»Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in gerade
-solchen Häusern hab ich meine beste Zeit verbracht, als ich noch
-ein Quack war, höchstens vierzehn. Und so grausam wild.
-Damals waren nämlich noch die Rinnsteine, und wenn es
-dann regnete und alles überschwemmt war und die Bretter
-anfingen, sich zu heben, und schon so halb herumschwammen,
-und die Ratten, die da drunter steckten, nicht mehr wußten,
-wo sie hin sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf,
-und nun die Biester raus, links und rechts, und die Jungens
-hinterher, immer aufgekrempelt und ganz nackigt. Und einmal,
-weil der eine Junge nicht abließ und mit seinen Holzpantinen
-immer drauflos schlug, da wurde das Untier falsch und
-biß den Jungen so, daß er schrie! Nein, so hab ich noch keinen
-Menschen wieder schreien hören. Und es war auch fürchterlich.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist es. Und da helfen bloß Rattenfänger.«</p>
-
-<p>»Ja, Rattenfänger, davon hab ich auch gehört &ndash; Rattenfänger
-von Hameln. Aber die gibt es doch nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Nein, gnädige Frau, die gibt es nicht mehr, wenigstens
-nicht mehr solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer
-Pfeife zum Pfeifen. Aber die meine ich auch gar nicht. Ich
-meine überhaupt nicht Menschen, die dergleichen als Metier
-betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen, unheimliche Gesichter
-mit einer Pelzkappe. Was ich meine, sind bloß Pinscher,
-die nebenher auch noch ›Rattenfänger‹ heißen und es auch
-wirklich sind. Und mit einem solchen Rattenfänger auf die
-Jagd gehen, das ist eigentlich das Schönste, was es gibt.«</p>
-
-<p>»Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die
-Jagd gehen!«</p>
-
-<p>»Doch, doch, meine gnädigste Frau. Als ich in Paris war
-(ich war da nämlich mal hinkommandiert), da bin ich mit<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-runtergestiegen in die sogenannten Katakomben, hochgewölbte
-Kanäle, die sich unter der Erde hinziehen. Und diese Kanäle
-sind das wahre Ratteneldorado; da sind sie zu Millionen.
-Oben drei Millionen Franzosen, unten drei Millionen Ratten.
-Und einmal, wie gesagt, bin ich da mit runtergeklettert und in
-einem Boote durch diese Unterwelt hingefahren, immer mitten
-in die Ratten hinein.«</p>
-
-<p>»Gräßlich, gräßlich. Und sind Sie heil wieder raus gekommen?«</p>
-
-<p>»Im ganzen, ja. Denn, meine gnädigste Frau, eigentlich
-war es doch ein Vergnügen. In unserm Kahn hatten wir
-nämlich zwei solche Rattenfänger, einen vorn und einen hinten.
-Und nun hätten Sie sehen sollen, wie das losging. ›Schnapp,‹
-und das Tier um die Ohren geschlagen, und tot war es. Und
-so weiter, so schnell wie Sie nur zählen können, und mitunter
-noch schneller. Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver,
-dem bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewiß einmal gelesen
-haben, der in der Sekunde drei Glaskugeln wegschoß.
-Und so immerzu, viele Hundert. Ja, so was wie diese Rattenjagd
-da unten, das vergißt man nicht wieder. Es war aber
-auch das Beste da. Denn was sonst noch von Paris geredet
-wird, das ist alles übertrieben; meist dummes Zeug. Was
-haben sie denn Großes? Opern und Zirkus und Museum,
-und in einem Saal ne Venus, die man sich nicht recht ansieht,
-weil sie das Gefühl verletzt, namentlich wenn man mit Damen
-da ist. Und das alles haben wir schließlich auch, und manches
-haben wir noch besser. So zum Beispiel Niemann und die dell'
-Era. Aber solche Rattenschlacht, das muß wahr sein, die haben
-wir nicht. Und warum nicht? Weil wir keine Katakomben haben.«</p>
-
-<p>Der alte Dubslav, der das Wort »Katakomben« gehört
-hatte, wandte sich jetzt wieder über den Tisch hin und sagte:
-»Pardon, Herr von Czako, aber Sie müssen meiner lieben Frau
-von Gundermann nicht mit so furchtbar ernsten Sachen kommen<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-und noch dazu hier bei Tisch, gleich nach Karpfen und
-Meerrettich. Katakomben! Ich bitte Sie. Die waren ja doch
-eigentlich in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten
-Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen
-und seine Fackeln. Und da war dann noch einer mit einem
-etwas längeren Namen, der noch viel grausamer war, und da
-verkrochen sich diese armen Christen gerade in eben diese Katakomben,
-und manche wurden verraten und gemordet. Nein,
-Herr von Czako, da lieber was Heiteres. Nicht wahr, meine
-liebe Frau von Gundermann?«</p>
-
-<p>»Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles so sehr gelehrig.
-Und wenn man so selten Gelegenheit hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na, wie Sie wollen. Ich hab es gut gemeint. Stoßen
-wir an! Ihr Rudolf soll leben; das ist doch der Liebling, trotzdem
-er der älteste ist. Wie alt ist er denn jetzt?«</p>
-
-<p>»Vierundzwanzig.«</p>
-
-<p>»Ein schönes Alter. Und wie ich höre, ein guter Mensch.
-Er müßte nur mehr raus. Er versauert hier ein bißchen.«</p>
-
-<p>»Sag ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er sagt, zu
-Hause sei es am besten.«</p>
-
-<p>»Bravo. Da nehm ich alles zurück. Lassen Sie ihn. Zu
-Hause ist es am Ende wirklich am besten. Und gerade wir
-hier, die wir den Vorzug haben, in der Rheinsberger Gegend
-zu leben. Ja, wo ist so was? Erst der große König, und dann
-Prinz Heinrich, der nie ne Schlacht verloren. Und einige sagen,
-er wäre noch klüger gewesen als sein Bruder. Aber ich will so
-was nicht gesagt haben.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger,
-also auch ältester Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-zu wollen und wartete, bis statt ihrer der schon seit einer
-Viertelstunde sich nach seiner Meerschaumpfeife sehnende
-Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles erhob sich jetzt
-rasch, um vom Eßzimmer aus in den nach dem Garten hinaussehenden
-Salon zurückzukehren, dem es &ndash; war es Zufall oder
-Absicht? &ndash; in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung
-fehlte; nur im Kamin glühten ein paar Scheite, die während
-der Essenszeit halb niedergebrannt waren, und durch die offenstehende
-hohe Glastür fiel von der Veranda her das Licht der
-über den Parkbäumen stehenden Mondsichel. Alles gruppierte
-sich alsbald um Frau von Gundermann, um dieser die pflichtschuldigen
-Honneurs zu machen, während Martin die Lampen,
-Engelke den Kaffee brachte. Das ein paar Minuten lang geführte
-gemeinschaftliche Gespräch kam, all die Zeit über, über
-ein unruhiges Hin und Her nicht hinaus, bis der Knäuel, in
-dem man stand, sich wieder in Gruppen auflöste.</p>
-
-<p>Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler,
-beide passionierte Billardspieler, die sich &ndash; Katzler übernahm
-die Führung &ndash; erst in den Eßsaal zurück und von diesem aus
-in das daneben gelegene Spielzimmer begaben. Das hier
-stehende, ziemlich vernachlässigte Billard war schon an die
-fünfzig Jahre alt und stammte noch aus des Vaters Zeiten her.
-Dubslav selbst machte sich nicht viel aus dem Spiel, aus Spiel
-überhaupt nicht und interessierte sich, soweit sein Billard in Betracht
-kam, nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline, von der
-ein Berliner Besucher mal gesagt hatte: »Alle Wetter, Stechlin,
-wo haben Sie <em class="gesperrt">die</em> her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich
-all mein Lebtag gesehen habe,« &ndash; Worte, die damals solchen
-Eindruck auf Dubslav gemacht hatten, daß er seitdem ein etwas
-freundlicheres Verhältnis zu seinem Billard unterhielt und
-nicht ungern von »seiner Karoline« sprach.</p>
-
-<p>Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte,
-waren Woldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-an Kongestionen Leidende, fand es überall zu heiß und wies,
-als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende
-Tür. »Es ist ein so schöner Abend, Herr von Stechlin;
-könnten wir nicht auf die Veranda hinaustreten?«</p>
-
-<p>»Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns
-absentieren, wollen wir auch alles Gute gleich mitnehmen.
-Engelke, bring uns die kleine Kiste, du weißt schon.«</p>
-
-<p>»Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlägt nieder, besser
-als Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im
-Freien. Meine Frau, wenn wir zuhause sind, hat sich zwar
-daran gewöhnen müssen und spricht höchstens mal von ›paffen‹
-(na, das is nicht anders, dafür is man eben verheiratet), aber
-in einem fremden Hause, da fangen denn doch die Rücksichten
-an. Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von
-›Dehors‹.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann
-vom Salon her auf die Veranda hinausgetreten, bis dicht an
-die Treppenstufen heran, und sahen auf den kleinen Wasserstrahl,
-der auf dem Rundell aufsprang.</p>
-
-<p>»Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe,« fuhr Gundermann
-fort, »muß ich wieder an unsern guten alten Kortschädel
-denken. Is nu auch hinüber. Na, jeder muß mal, und
-wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher hat, <em class="gesperrt">der</em> hat ihn.
-Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die Knochen.
-Redner war er nicht, was eigentlich immer ein Vorzug, und
-hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet;
-aber er wußte ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich
-habe Sachen von ihm gehört, großartig. Und ich sage mir,
-solchen kriegen wir nicht wieder&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich
-glaube, wir haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich
-sehe nicht ein, warum nicht ein Mann wie Sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Geht nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>»Warum nicht?«</p>
-
-<p>»Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da muß ich
-zurückstehen. Ich bin hier ein Neuling. Und die Stechlins
-waren hier schon&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was
-das Kandidieren meines Vaters angeht &ndash; ich denke mir, es
-ist noch nicht so weit, vieles kann noch dazwischen kommen,
-und jedenfalls wird er schwanken. Aber nehmen wir mal an,
-es sei, wie Sie vermuten. In diesem Falle träfe doch gerade das
-zu, was ich mir soeben zu sagen erlaubt habe. Mein Vater ist
-in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse Kortschädels,
-und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da verloren? Die
-Lage bleibt dieselbe.«</p>
-
-<p>»Nein, Herr von Stechlin.«</p>
-
-<p>»Nun, was ändert sich?«</p>
-
-<p>»Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen
-unerbittlich, und Ihr Herr Vater läßt mit sich reden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so
-wäre, so wäre das doch ein Glück&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden läßt,
-ist nicht stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und
-Schwäche (die destruktiven Elemente haben dafür eine feine
-Fühlung), Schwäche ist immer Wasser auf die Mühlen der
-Sozialdemokratie.«</p>
-
-<p>Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon
-zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei und zwei
-zusammengetan. In der einen Fensternische, so daß sie den
-Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf
-der Veranda auf und ab schreitenden beiden Herren hatten,
-saßen Lorenzen und Frau von Gundermann. Die Gundermann
-war glücklich über das Tete-a-tete, denn sie hatte wegen
-ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder
-bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-sie für gar nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin,
-die sie war, reden können.</p>
-
-<p>»Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch einmal
-Gelegenheit finde. Gott, wer Kinder hat, der hat auch immer
-Sorgen. Ich möchte wegen meines Jüngsten so gerne mal
-mit Ihnen sprechen, wegen meines Arthur. Rudolf hat mir
-keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun jetzt eingesegnet,
-und Sie haben ihm, Herr Prediger, den schönen Spruch mitgegeben,
-und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen
-großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei
-Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus
-wie'n Plakat. Und diesen großen Bogen hat er sich in die
-Waschtoilette geklebt, und da mahnt es ihn immer.«</p>
-
-<p>»Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts
-zu sagen.«</p>
-
-<p>»Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat
-ja doch was Rührendes, daß es einer so ernst nimmt. Denn
-er hat zwei Tage dran gesessen. Aber wenn solch junger Mensch
-es so immer liest, so gewöhnt er sich dran. Und dann ist ja
-auch gleich wieder die Verführung da. Gott, daß man gerade
-immer über solche Dinge reden muß; noch keine Stunde, daß
-ich mit dem Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer
-gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder
-mit Ihnen, Herr Pastor, auch über so was. Aber es geht nicht
-anders. Und dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich für
-seine Seele.«</p>
-
-<p>Lorenzen lächelte. »Gewiß, liebe Frau von Gundermann.
-Aber was ist es denn? Um was handelt es sich denn eigentlich?«</p>
-
-<p>»Ach, es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder
-eine recht ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jüngste
-von unserm Schullehrer Brandt ins Haus genommen, ein
-hübsches Balg, rotbraun und ganz kraus, und Brandt wollte,
-sie solle bei uns angelernt werden. Nun, wir sind kein großes<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Haus, gewiß nicht, aber Mäntel abnehmen und rumpräsentieren,
-und daß sie weiß, ob links oder rechts, so viel lernt sie
-am Ende doch.«</p>
-
-<p>»Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich ganz gut;
-die wurde jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie
-Sie sagen, ein allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt,
-ein bißchen zu sehr. Sie will zu Ostern nach Berlin.«</p>
-
-<p>»Wenn sie nur erst da wäre. Mir tut es beinahe schon leid,
-daß ich ihr nicht gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer.«</p>
-
-<p>»Ist denn was vorgefallen?«</p>
-
-<p>»Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst
-sechzehn und eine Dusche dazu, gerade wie sein Vater; <em class="gesperrt">der</em>
-hat sich auch erst rausgemausert, seit er grau geworden. Was
-beiläufig auch nicht gut ist. Und da komme ich nun gestern
-vormittag die Treppe rauf und will dem Jungen sagen, daß
-er in den Dohnenstrich geht und nachsieht, ob Krammetsvögel
-da sind, und die Tür steht halb auf, was noch das beste war,
-und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze
-raussteckt; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch
-nicht gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie mir noch
-zu jung. Und als ich nu dazwischen trete, da kriegt ja nu der
-arme Junge das Zittern, und weil ich nicht recht wußte, was
-ich sagen sollte, ging ich bloß hin und klappte den Waschtischdeckel
-auf, wo der Spruch stand, und sah ihn scharf an. Und da
-wurde er ganz blaß. Aber das Balg lachte.«</p>
-
-<p>»Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend hat
-keine Tugend.«</p>
-
-<p>»Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, Damen&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in
-der Fensternische mit derartigen Intimitäten kam und den
-guten Pastor Lorenzen abwechselnd in Verlegenheit und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-auch wieder in stille Heiterkeit versetzte, hatte sich Dubslav mit
-Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber gelegene Ecke
-zurückgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit einem
-Marmortischchen davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen
-samt aufgeklapptem Likörkasten, aus dem Dubslav eine Flasche
-nach der andern herausnahm. »Jetzt, wenn man von Tisch
-kommt, muß es immer ein Cognac sein. Aber ich bekenne
-Ihnen, lieber Hauptmann, ich mache die Mode nicht mit;
-wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs Süße.
-Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damenschnaps, davon
-kann keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen,
-Curaçao, das ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder
-vielleicht lieber Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch
-empfehlen.«</p>
-
-<p>»Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer,
-und dann bekenne ich Ihnen offen, Herr Major … Sie kennen
-ja unsre Verhältnisse, so'n bißchen Gold heimelt einen immer
-an. Man hat keins und dabei doch zugleich die Vorstellung,
-daß man es trinken kann &ndash; es hat eigentlich was Großartiges.«</p>
-
-<p>Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst für
-Czako, dann für sich selbst, und sagte: »Bei Tische hab ich die
-Damen leben lassen und Frau von Gundermann im speziellen.
-Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen's. Diese Rattengeschichte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Vielleicht war es ein bißchen zu viel.«</p>
-
-<p>»I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig,
-die Gnädge fing ja davon an; erinnern Sie sich, sie verliebte
-sich ordentlich in die Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und
-wie sie drauf rumgetrampelt, bis die Ratten rauskamen.
-Ich glaube sogar, sie sagte ›Biester‹. Aber das schadet nicht.
-Das ist so Berliner Stil. Und unsre Gnädge hier (beiläufig
-eine geborene Helfrich) is eine Vollblutberlinerin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>»Ein Wort, das mich doch einigermaßen überrascht.«</p>
-
-<p>»Ah,« drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger, »ich
-verstehe. Sie sind einer gewissen Unausreichendheit begegnet
-und verlangen mindestens mehr Quadrat (von Kubik will ich
-nicht sprechen). Aber wir von Adel müssen in diesem Punkte
-doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken, wenn das das
-richtige Wort ist. Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch
-in Extremen und hat einen linken und einen rechten Flügel;
-der linke nähert sich unsrer geborenen Helfrich. Übrigens unterhaltliche
-Madam. Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug
-auf Ihrer Achselklappe glücklich entdeckt und damit den
-Anmarsch auf die Münzstraße gewonnen hatte. Was es doch
-alles für Lokalpatriotismen gibt!«</p>
-
-<p>»An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht.
-Die Welt um den Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren
-eigenen Zauber, schon um einer gewissen Unresidenzlichkeit
-willen. Ich sehe nichts lieber als die große Markthalle,
-wenn beispielsweise die Fischtonnen mit fünfhundert Aalen
-in die Netze gegossen werden. Etwas Unglaubliches von
-Gezappel.«</p>
-
-<p>»Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz
-und Alexanderkaserne samt allem, was dazu gehört.
-Und so brech ich denn auch die Gelegenheit vom Zaun, um nach
-einem Ihrer früheren Regimentskommandeure zu fragen,
-dem liebenswürdigen Obersten von Zeuner, den ich noch persönlich
-gekannt habe. Hier unsere Stechliner Gegend ist nämlich
-Zeunergegend. Keine Stunde von hier liegt Köpernitz, eine
-reizende Besitzung, drauf die Zeunersche Familie schon in fridericianischen
-Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun
-freilich schon zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal
-mit der Frage: Haben Sie den Obersten noch gekannt?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum Regimente
-kam. Aber ich habe viel von ihm gehört und auch von<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Köpernitz, weiß aber freilich nicht mehr, in welchem Zusammenhange.«</p>
-
-<p>»Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt
-haben, sonst müßten Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentümlich
-und besonders auch ein Grabstein, unter dem eine
-uralte Dame von beinah neunzig Jahren begraben liegt, eine
-geborne von Zeuner, die sich in früher Jugend schon mit einem
-Emigranten am Rheinsberger Hof, mit dem Grafen La
-Roche-Aymon, vermählt hatte. Merkwürdige Frau, von der
-ich Ihnen erzähle, wenn ich Sie mal wiedersehe. Nur eins
-müssen Sie heute schon mit anhören, denn ich glaube, Sie haben
-den Gustus dafür.«</p>
-
-<p>»Für alles, was Sie erzählen.«</p>
-
-<p>»Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen
-doch als Andenken mitgeben. Andre schenken sich Photographien,
-was ich, selbst wenn es hübsche Menschen sind (ein
-Fall, der übrigens selten zutrifft), immer greulich finde.«</p>
-
-<p>»Schenke nie welche.«</p>
-
-<p>»Was meine Gefühle für Sie steigert. Aber die Geschichte:
-Da war also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und
-weil sie noch die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während
-derselben eine Rolle gespielt hatte, so zählte sie zu den besonderen
-Lieblingen Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">IV.</em> Und als nun &ndash; sagen
-wir ums Jahr fünfzig &ndash; der Zufall es fügte, daß dem zur
-Jagd hier erschienenen König das Köpernitzer Frühstück, ganz
-besonders aber eine Blut- und Zungenwurst, über die Maßen
-gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin,
-am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach
-Potsdam hin in die königliche Küche zu liefern. Und das ging
-so durch Jahre. Da beschloß zuletzt der gute König, sich für all
-die gute Gabe zu revanchieren, und als wieder Weihnachten
-war, traf in Köpernitz ein Postpaket ein, Inhalt: eine zierliche,
-kleine Blutwurst! Und zwar war es ein wunderschöner, rundlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Blutkarneol mit Goldspeilerchen an beiden Seiten und
-die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt. Und neben diesem
-Geschenk lag ein Zettelchen: ›Wurst wider Wurst.‹«</p>
-
-<p>»Allerliebst.«</p>
-
-<p>»Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall
-einer guten Verfassung vor. Der König, glaub ich, tat es auch.
-Und es denken auch heute noch viele so.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so,
-und bei dem Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde,
-sind meine persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab
-davon. Aber ich fürchte doch, daß wir mit dieser unsrer Anschauung
-sehr in der Minorität bleiben.«</p>
-
-<p>»Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen.
-Es wäre das beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand
-die ganze Geschichte regulieren könnte. Freilich braucht ein
-solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge. Die haben wir
-aber noch in unserm Adel, in unsrer Armee und speziell auch in
-Ihrem Regiment.«</p>
-
-<p>Während der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam Engelke,
-um ein paar neue Tassen zu präsentieren.</p>
-
-<p>»Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell
-nur hin … In Ihrem Regiment, sag ich, Herr von Czako;
-schon sein Name bedeutet ein Programm, und dieses Programm
-heißt: Rußland. Heutzutage darf man freilich kaum noch
-davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen, Hauptmann,
-das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam
-herum die ›russische Kirche‹ und das ›russische Haus‹ gebaut
-wurden, und als es immer hin und her ging zwischen Berlin
-und Petersburg. Ihr Regiment, Gott sei Dank, unterhält
-noch was von den alten Beziehungen, und ich freue mich
-immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein russischer
-Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander
-vor seinem Palais steht. Und noch mehr freu ich mich, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-das Regiment Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag
-des hohen Chefs, oder wenn sich's auch bloß um Uniformabänderungen
-handelt, beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen
-(diese verdammten Stehkragen) &ndash; und wie dann der
-Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei sich denkt:
-›Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich meinen Halt.‹«</p>
-
-<p>Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil
-er, trotz seiner vorher versicherten »Sympathien«, ein ganz
-moderner, politisch stark angekränkelter Mensch war, der, bei
-strammster Dienstlichkeit, zu all dergleichen Überspanntheiten
-ziemlich kritisch stand. Der alte Dubslav nahm indessen von
-alledem nichts wahr und fuhr fort: »Und sehen Sie, lieber
-Hauptmann, so hab ich's persönlich in meinen jungen Jahren
-auch noch erlebt und vielleicht noch ein bißchen besser; denn,
-Pardon, jeder hält seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar,
-daß Sie mir zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst
-ganz hergesagt haben werde. Da haben wir ja nun ›jenseits des
-Njemen‹, wie manche Gebildete jetzt sagen, die ›drei Alexander‹
-gehabt, den ersten, den zweiten und den dritten, alle drei große
-Herren und alle drei richtige Kaiser und fromme Leute, oder
-doch beinah fromm, die's gut mit ihrem Volk und mit der
-Menschheit meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber
-in dies Alexandertum, das so beinah das ganze Jahrhundert
-ausfüllt, da schiebt sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander,
-und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, <em class="gesperrt">der</em> war doch der
-Häupter. Und das war unser Nikolaus. Manche dummen
-Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und vom schwarzen
-Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen Mann
-graulich macht, aber war das ein Mann! Und dieser selbige
-Nikolaus, nun, der hatte hier, ganz wie die drei Alexander,
-auch ein Regiment, und das waren die Nikolaus-Kürassiere,
-oder sag ich lieber: das sind die Nikolaus-Kürassiere, denn wir
-haben sie, Gott sei Dank, noch. Und sehen Sie, lieber Czako,<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-das war mein Regiment, dabei hab ich gestanden, als ich noch
-ein junger Dachs war, und habe dann den Abschied genommen;
-viel zu früh; Dummheit, hätte lieber dabei bleiben sollen.«</p>
-
-<p>Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem
-Goldwasser. »Unsere Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte sie,
-wie sie sind. Ich möchte sagen, in dem Regimente lebt noch
-die heilige Alliance fort, die Waffenbrüderschaft von Anno
-dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir mit den Russen
-zusammen durchgemacht haben, immer nebeneinander im Biwak,
-in Glück und Unglück, das war doch unsre größte Zeit. Größer
-als die jetzt große. Große Zeit ist es immer nur, wenn's beinah
-schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ›Jetzt ist
-alles vorbei.‹ Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer
-ist besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache. Nichts im Leibe,
-nichts auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und Schnee, so daß man
-so in der nassen Patsche liegt, und höchstens nen Kornus (Kognak,
-ja hast du was, den gab es damals kaum) und so die Nacht
-durch, da konnte man Jesum Christum erkennen lernen. Ich
-sage das, wenn ich auch nicht mit dabei gewesen. Anno dreizehn,
-bei Großgörschen, das war für uns die richtige Waffenbrüderschaft:
-jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher
-und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland,
-für Nikolaus und Alexander. Preobraschensk, Semenow,
-Kaluga, &ndash; da hat man die richtige Anlehnung; alles andre
-ist revolutionär, und was revolutionär ist, das wackelt.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man
-auf, und die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen,
-dann die Gundermannsche Chaise; Martin aber, mit
-einer Stallaterne, leuchtete dem Pastor über Vorhof und
-Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz im Dunkel liegende Pfarre.
-Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde zurück und
-stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die große Treppe hinauf,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-bis auf den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von
-Woldemar, dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen
-war.</p>
-
-<p>Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. »Es bleibt
-also dabei, Rex, Sie logieren sich in dem Rokokozimmer
-ein &ndash; wir wollen es ohne weiteres so nennen &ndash; und
-ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins.
-Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber Sie haben es
-so gewollt.«</p>
-
-<p>Und während er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf
-den Flur hinaus, schloß ab und legte sich nieder.</p>
-
-<p>Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt, aus
-der er allerlei Toilettengegenstände hervorholte. »Sie müssen
-mich entschuldigen, Czako, wenn ich mich noch eine Viertelstunde
-hier bei Ihnen aufhalte. Habe nämlich die Angewohnheit,
-mich abends zu rasieren, und der Toilettentisch mit Spiegel,
-ohne den es doch nicht gut geht, der steht nun mal hier an
-Ihrem, statt an meinem Fenster. Ich muß also stören.«</p>
-
-<p>»Mir sehr recht, trotz aller Müdigkeit. Nichts besser, als
-noch ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern können. Und
-dabei so warm eingemummelt. Die Betten auf dem Lande sind
-überhaupt das beste.«</p>
-
-<p>»Nun, Czako, das freut mich, daß Sie so bereit sind, mir
-Quartier zu gönnen. Aber wenn Sie noch eine Plauderei
-haben wollen, so müssen Sie sich die Hauptsache selber leisten.
-Ich schneide mich sonst, was dann hinterher immer ganz schändlich
-aussieht. Übrigens muß ich erst Schaum schlagen, und so
-lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort stehen.
-Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch
-diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und
-links habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt
-zwar (alle diese dünnen Silberleuchter wackeln), aber ›wenn
-gute Reden sie begleiten …‹ Also strengen Sie sich an. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-fanden Sie die Gundermanns? Sonderbare Leute &ndash; haben
-Sie schon mal den Namen Gundermann gehört?«</p>
-
-<p>»Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.«</p>
-
-<p>»Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau.
-Der einzige, der sich sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein
-Karambolespieler ersten Ranges. Übrigens Eisernes Kreuz.«</p>
-
-<p>»Und dann der Pastor.«</p>
-
-<p>»Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer. Aber
-doch ein wunderbarer Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er
-gehört. Er hält zu Stöcker, sprach es auch aus, was neuerdings
-nicht jeder tut; aber der ›neue Luther‹, der doch schon gerade
-bedenklich genug ist &ndash; Majestät hat ganz recht mit seiner Verurteilung,
-der geht ihm gewiß nicht weit genug. Dieser
-Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren, als
-einer der allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß
-der Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir
-davon erzählt. Der Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein
-geliebter Pastor den Ast absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von
-der neuesten Schule, das sind die allerschlimmsten. Immer
-Volk und wieder Volk, und mal auch etwas Christus dazwischen.
-Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft
-alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und
-mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das
-überlieferte behandeln sie despektierlich.«</p>
-
-<p>»Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien
-Sie gut, Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite.
-Das Überlieferte, was einem da so vor die Klinge kommt,
-namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun
-mal sind, ist doch sehr reparaturbedürftig, und auf solche
-Reparatur ist ein Mann wie dieser Lorenzen eben aus. Machen
-Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie Gundermann. Und Ihren
-guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen Gundermann
-doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller
-aus der Brettschneidebranche, so sind die meisten. Phrase,
-Phrase. Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres.«</p>
-
-<p>»Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen,
-berührt eine große Frage, bei der man doch aufpassen muß.
-Und so mit dem Messer in der Hand, da verbietet sich's. Und
-das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb. Erzählen
-Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann.
-Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern,
-brauch ich bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch nen
-langen Vortrag gehalten.«</p>
-
-<p>»Ja. Und noch dazu über Ratten.«</p>
-
-<p>»Nein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann
-doch lieber über alten und neuen Glauben. Und gerade hier.
-In solchem alten Kasten ist man nie sicher vor Spuk und
-Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen, dann bitt ich um die
-Geschichte, bei der wir heute früh in Cremmen unterbrochen
-wurden. Es schien mir was Pikantes.«</p>
-
-<p>»Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja, hören
-Sie, Rex, das regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht
-schlafen kann, ist es am Ende gleich, ob wegen der Ratten oder
-wegen der Stubbe.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig,
-über Spuk und Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war
-nicht nötig, nichts war da, was sie hätte stören können. Kurz
-vor acht erschien das alte Faktotum mit einem silbernen Deckelkrug,
-aus dem der Wrasen heißen Wassers aufstieg, einem der
-wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin verfügte.
-Dazu bot Engelke den Herren einen guten Morgen und stattete<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schönen Tag,
-und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten
-um das Rundell herum.</p>
-
-<p>So war es denn auch. Woldemar war schon gleich nach
-sieben unten im Salon erschienen, um mit seinem Vater, von
-dem er wußte, daß er ein Frühauf war, ein Familiengespräch
-über allerhand difficile Dinge zu führen. Aber er war entschlossen,
-seinerseits damit nicht anzufangen, sondern alles
-von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten.
-Und darin sah er sich auch nicht getäuscht.</p>
-
-<p>»Ah, Woldemar, das ist recht, daß du schon da bist. Nur
-nicht zu lang im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen
-Knacks. Es können aber sonst ganz gute Leute sein. Ich wette,
-dein Freund Rex schläft bis neun.«</p>
-
-<p>»Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist, kann sich
-das nicht gönnen. Er hat nämlich einen Verein gegründet für
-Frühgottesdienste, abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug.
-Aber es ist noch nicht perfekt geworden.«</p>
-
-<p>»Freut mich, daß es noch hapert. Ich mag so was nicht.
-Der alte Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wiedergeben
-wollen, was ein schönes Wort von ihm war &ndash; alles,
-was er tat und sagte, war gut &ndash; aber Religion und Landpartie,
-dagegen bin ich doch. Ich bin überhaupt gegen alle
-falschen Mischungen. Auch bei den Menschen. Die reine Rasse,
-das ist das eigentlich Legitime. Das andre, was sie nebenher
-noch Legitimität nennen, das ist schon alles mehr künstlich.
-Sage, wie steht es denn eigentlich damit? Du weißt schon,
-was ich meine.«</p>
-
-<p>»Ja, Papa&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nein, nicht so; nicht immer bloß ›ja, Papa‹. So fängst du
-jedesmal an, wenn ich auf dies Thema komme. Da liegt schon
-ein halber Refus drin, oder ein Hinausschieben, ein Abwartenwollen.
-Und damit kann ich mich nicht befreunden. Du bist<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-jetzt zweiunddreißig, oder doch beinah, da muß der mit der
-Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih den Kalauer, ich bin
-eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr für Handlungsreisende),
-also du fackelst, sag ich, und ist kein Ernst dahinter. Und soviel
-kann ich dir außerdem sagen, deine Tante Sanctissima drüben
-in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig. Und das sollte
-dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt;
-wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn
-so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange,
-mit der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes
-Wort ist immer ihr Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundsiebzig,
-so erfänd ich mir eine Geschichte dazu.«</p>
-
-<p>»Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und
-mit mir nun schon ganz gewiß.«</p>
-
-<p>»Gnädig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen.
-Nur fürcht ich, es wird nicht viel dabei herauskommen. Da
-heißt es immer, man solle Familiengefühl haben, aber es
-wird einem doch auch zu blutsauer gemacht, und ich kann umgekehrt
-der Versuchung nicht widerstehen, eine richtige Familienkritik
-zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus. Andrerseits
-freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie Geld
-und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel
-ist gewiß, ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen, ich
-meine dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr
-zu danken, und weil sie das gerade so gut weiß wie wir, oder
-vielleicht noch ein bißchen besser, gerade deshalb wird sie ungeduldig;
-sie will Taten sehen, was vom Weiberstandpunkt aus
-allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und wenn man will,
-kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Es ist und
-bleibt ein Heroismus. Wer Tante Adelheid geheiratet hätte,
-hätte sich die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich
-schändlich sein wollte, so sagte ich das Eiserne Kreuz.«</p>
-
-<p>»Ja, Papa&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>»Schon wieder ›ja, Papa‹. Nun, meinetwegen, ich will
-dich schließlich in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber
-bekenne mir nebenher &ndash; denn das ist doch schließlich das, um
-was sich's handelt &ndash;, liegst du mit was im Anschlag, hast du
-was auf dem Korn?«</p>
-
-<p>»Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber
-wenn denn schon so jägermäßig gesprochen werden soll, ja;
-meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel, und ich darf sagen,
-mich beschäftigen diese Dinge.«</p>
-
-<p>»Mich beschäftigen diese Dinge … Nimm mir's nicht
-übel, Woldemar, das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin
-nicht fürs Poetische, das ist für Gouvernanten und arme Lehrer,
-die nach Görbersdorf müssen (bloß, daß sie meistens kein Geld
-dazu haben), aber diese Wendung ›sich beschäftigen‹, das ist mir
-denn doch zu prosaisch. Wenn es sich um solche Dinge wie
-Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel günstiger denke
-wie über Poesie, bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet,
-weil sie noch allgemeiner auftritt) &ndash; wenn es sich um Dinge
-wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ›ich habe mich damit
-beschäftigt‹. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches,
-sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen, und da möcht
-ich denn doch etwas von dir hören, was ein bißchen wie Leidenschaft
-aussieht. Es braucht ja nicht gleich was Schreckliches zu
-sein. Aber so ganz ohne Stimulus, wie man, glaub ich, jetzt
-sagt, so ganz ohne so was geht es nicht; alle Menschheit ist darauf
-gestellt, und wo's einschläft, ist so gut wie alles vorbei.
-Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber das
-ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen
-aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht,
-aber auch immer recht hat, will von dem allem nichts wissen
-und besteht darauf, daß die Stechline weiterleben, wenn es
-sein kann, <em class="antiqua">in aeternum</em>. Ewig weiterleben; &ndash; ich räume ein,
-es hat ein bißchen was Komisches, aber es gibt wenig ernste<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten … Also
-dich ›beschäftigen‹ diese Dinge. Kannst du Namen nennen?
-Auf wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?«</p>
-
-<p>»Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner
-Sache noch nicht sicher genug, und das ist auch der Grund,
-warum ich Wendungen gebraucht habe, die dir nüchtern und
-prosaisch erschienen sind. Ich kann dir aber sagen, ich hätte
-mich lieber anders ausgedrückt; nur darf ich es noch nicht. Und
-dann weiß ich ja auch, daß du selber einen abergläubischen Zug
-hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man sich sein Glück
-verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon spricht.«</p>
-
-<p>»Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir sind immer
-von neidischen und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und
-Fledermausflügeln umstellt, und wenn wir renommieren oder
-sicher tun, dann lachen sie. Und wenn sie erst lachen, dann sind
-wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer eignen Kraft ist nichts
-getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den ich hier ausreiße.
-Demut, Demut … Aber trotzdem komm ich dir mit
-der naiven Frage (denn man widerspricht sich in einem fort),
-ist es was Vornehmes, was Pikfeines?«</p>
-
-<p>»Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß.«</p>
-
-<p>»Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir ein
-Greuel; aber richtige Vornehmheit, &ndash; <em class="antiqua">à la bonne heure</em>.
-Sage mal, vielleicht was vom Hofe?«</p>
-
-<p>»Nein, Papa.«</p>
-
-<p>»Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren. Der
-Rex sieht wirklich verdeubelt gut aus, ganz das, was wir früher
-einen Garde-Assessor nannten. Und fromm, sagst du, &ndash;
-wird also wohl Karriere machen; ›fromm‹ is wie ne untergelegte
-Hand.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen
-zum Garten hinunter und begrüßten den Alten. Er erkundigte<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-sich nach ihren nächtlichen Schicksalen, freute sich, daß sie »durchgeschlafen«
-hätten, und nahm dann Czakos Arm, um vom
-Garten her auf die Veranda, wo Engelke mittlerweile unter
-der großen Marquise den Frühstückstisch hergerichtet hatte,
-zurückzukehren. »Darf ich bitten, Herr von Rex.« Und er wies
-auf einen Gartenstuhl, ihm gerade gegenüber, während Woldemar
-und Czako links und rechts neben ihm Platz nahmen.
-»Ich habe neuerdings den Tee eingeführt, das heißt nicht obligatorisch;
-im Gegenteil, ich persönlich bleibe lieber bei Kaffee,
-›schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde, heiß wie die Hölle‹,
-wie bereits Talleyrand gesagt haben soll. Aber, Pardon,
-daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige. Schon mein
-Vater sagte mal: ›Ja, wir auf dem Lande, wir haben immer
-noch die alten Wiener Kongreßwitze.‹ Und das ist nun schon
-wieder ein Menschenalter her.«</p>
-
-<p>»Ach, diese alten Kongreßwitze,« sagte Rex verbindlich, »ich
-möchte mir die Bemerkung erlauben, Herr Major, daß diese
-alten Witze besser sind als die neuen. Und kann auch kaum
-anders sein. Denn wer waren denn die Verfasser von damals?
-Talleyrand, den Sie schon genannt haben, und Wilhelm von
-Humboldt und Friedrich Gentz und ihresgleichen. Ich glaube,
-daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist.«</p>
-
-<p>»Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer weiter
-nach unten. Das ist, was man neue Zeit nennt, immer weiter
-runter. Und mein Pastor, den Sie ja gestern abend kennen
-gelernt haben, der behauptet sogar, das sei das Wahre, das sei
-das, was man Kultur nenne, daß immer weiter nach unten
-gestiegen würde. Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet,
-und nun komme die demokratische&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sonderbare Worte für einen Geistlichen,« sagte Rex,
-»für einen Mann, der doch die durch Gott gegebenen Ordnungen
-kennen sollte.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte. »Ja, das bestreitet er Ihnen. Und ich<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-muß bekennen, es hat manches für sich, trotzdem es mir nicht
-recht paßt. Im übrigen, wir werden ihn, ich meine den Pastor,
-ja wohl noch beim zweiten Frühstück sehen, wo Sie dann Gelegenheit
-nehmen können, sich mit ihm persönlich darüber auseinanderzusetzen;
-er liebt solche Gespräche, wie Sie wohl schon
-gemerkt haben, und hat eine kleine Lutherneigung, sich immer
-auf das jetzt übliche: ›Hier steh ich, ich kann nicht anders‹ auszuspielen.
-Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine
-gewisse Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre, bloß ich
-trau dem Frieden noch nicht so recht.«</p>
-
-<p>»Ich auch nicht,« bemerkte Rex, »meistens Renommisterei.«</p>
-
-<p>»Na, na,« sagte Czako. »Da hab ich doch noch diese letzten
-Tage von einem armen russischen Lehrer gelesen, der unter die
-Soldaten gesteckt wurde (sie haben da jetzt auch so was wie
-allgemeine Dienstpflicht), und dieser Mensch, der Lehrer, hat
-sich geweigert, eine Flinte loszuschießen, weil das bloß Vorschule
-sei zu Mord und Totschlag, also ganz und gar gegen das
-fünfte Gebot. Und dieser Mensch ist sehr gequält worden,
-und zuletzt ist er gestorben. Wollen Sie das auch Renommisterei
-nennen?«</p>
-
-<p>»Gewiß will ich das.«</p>
-
-<p>»Herr von Rex,« sagte Dubslav, »sollten Sie dabei nicht
-zu weit gehen? Wenn sich's ums Sterben handelt, da hört
-das Renommieren auf. Aber diese Sache, von der ich übrigens
-auch gehört habe, hat einen ganz andern Schlüssel. Das liegt
-nicht an der allgemein gewordenen Renommisterei, das liegt
-am Lehrertum. Alle Lehrer sind nämlich verrückt. Ich habe
-hier auch einen, an dem ich meine Studien gemacht habe;
-heißt Krippenstapel, was allein schon was sagen will. Er ist
-grad um ein Jahr älter als ich, also runde siebenundsechzig,
-und eigentlich ein Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzüglicher
-Lehrer. Aber verrückt ist er doch.«</p>
-
-<p>»Das sind alle,« sagte Rex. »Alle Lehrer sind ein Schrecknis.<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Wir im Kultusministerium können ein Lied davon singen.
-Diese Abc-Pauker wissen alles, und seitdem Anno sechsundsechzig
-der unsinnige Satz in die Mode kam, ›der preußische
-Schulmeister habe die Österreicher geschlagen‹ &ndash; ich meinerseits
-würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten Steinmetz,
-der alles, nur kein Schulmeister war, den Preis zuerkennen
-&ndash;, seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr
-auszuhalten. Herr von Stechlin hat eben von einem der
-Humboldts gesprochen; nun, an Wilhelm von Humboldt
-trauen sie sich noch nicht recht heran, aber was Alexander von
-Humboldt konnte, das können sie nun schon lange.«</p>
-
-<p>»Da treffen Sie's, Herr von Rex,« sagte Dubslav. »Genau
-so ist meiner auch. Ich kann nur wiederholen, ein vorzüglicher
-Mann; aber er hat den Prioritätswahnsinn. Wenn Koch das
-Heilserum erfindet oder Edison Ihnen auf fünfzig Meilen eine
-Oper vorspielt, mit Getrampel und Händeklatschen dazwischen,
-so weist Ihnen mein Krippenstapel nach, daß er das vor dreißig
-Jahren auch schon mit sich rumgetragen habe.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, so sind sie alle.«</p>
-
-<p>»Übrigens … Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem
-gebackenen Schinken vorlegen? … Übrigens mahnt mich
-Krippenstapel daran, daß die Feststellung eines Vormittagsprogramms
-wohl an der Zeit sein dürfte; Krippenstapel ist
-nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden, und durch
-Woldemar weiß ich bereits, daß Sie uns die Freude machen
-wollen, sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu
-kümmern, Dorf, Kirche, Wald, See &ndash; um den See natürlich
-am meisten, denn der ist unsre <em class="antiqua">pièce de résistance</em>. Das andere
-gibt es wo anders auch, aber der See … Lorenzen erklärt
-ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär, der gleich
-mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch wirklich
-so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt, so was
-lieber nicht sagen. Das sind so Geistreichigkeiten, die leicht übel<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-vermerkt werden. Ich persönlich lass' es laufen. Es gibt nichts,
-was mir so verhaßt wäre wie Polizeimaßregeln, oder einem
-Menschen, der gern ein freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnüren.
-Ich rede selber gern, wie mir der Schnabel gewachsen
-ist.«</p>
-
-<p>»Und verplauderst dich dabei,« sagte Woldemar, »und
-vergißt zunächst unser Programm. Um spätestens zwei müssen
-wir fort; wir haben also nur noch vier Stunden. Und Globsow,
-ohne das es nicht gehen wird, ist weit und kostet uns
-wenigstens die Hälfte davon.«</p>
-
-<p>»Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich denke
-mir die Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumgange)
-Besteigung des Aussichtsturms, &ndash; noch eine Anlage von
-meinem Vater her, die sich, nach Ansicht der Leute hier,
-vordem um vieles schöner ausnahm als jetzt. Damals waren
-nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben, und alles, was
-man sah, sah rot oder blau oder orangefarben aus. Und alle
-Welt hier war unglücklich, als ich diese bunten Gläser wegnehmen
-ließ. Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung.
-Grün ist grün, und Wald ist Wald … Also Nummer eins der
-Aussichtsturm; Nummer zwei Krippenstapel und die Schule;
-Nummer drei die Kirche samt Kirchhof. Pfarre schenken wir
-uns. Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich eine
-Glasindustrie befindet. Und dann wieder zurück, und zum
-Abschluß ein zweites Frühstück, eine altmodische Bezeichnung,
-die mir aber trotzdem immer besser klingt als Lunch. ›Zweites
-Frühstück‹ hat etwas ausgesprochen Behagliches und gibt zu
-verstehen, daß man ein erstes schon hinter sich hat … Woldemar,
-dies ist mein Programm, das ich dir, als einem Eingeweihten,
-hiermit unterbreite. Ja oder nein?«</p>
-
-<p>»Natürlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer am
-besten. Ich meinerseits mache aber nur die erste Hälfte mit.
-Wenn wir in der Kirche fertig sind, muß ich zu Lorenzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Krippenstapel kann mich ja mehr als ersetzen, und in Globsow
-weiß er all und jedes. Er spricht, als ob er Glasbläser gewesen
-wäre.«</p>
-
-<p>»Darf dich nicht wundern. Dafür ist er Lehrer im allgemeinen
-und Krippenstapel im besonderen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">So war denn also das Programm festgestellt, und nachdem
-Dubslav mit Engelkes Hilfe seinen noch ziemlich neuen
-weißen Filzhut, den er sehr schonte, mit einem wotanartigen
-schwarzen Filzhut vertauscht und einen schweren Eichenstock
-in die Hand genommen hatte, brach man auf, um zunächst auf
-den als erste Sehenswürdigkeit festgesetzten Aussichtsturm
-hinaufzusteigen. Der Weg dahin, keine hundert Schritte,
-führte durch einen sogenannten »Poetensteig«. »Ich weiß
-nicht,« sagte Dubslav, »warum meine Mutter diesen etwas
-anspruchsvollen Namen hier einführte. Soviel mir bekannt,
-hat sich hier niemals etwas betreffen lassen, was zu dieser
-Rangerhöhung einer ehemaligen Taxushecke hätte Veranlassung
-geben können. Und ist auch recht gut so.«</p>
-
-<p>»Warum gut, Papa?«</p>
-
-<p>»Nun, nimm es nicht übel,« lachte Dubslav. »Du sprichst
-ja, wie wenn du selber einer wärst. Im übrigen räum ich dir
-ein, daß ich kein rechtes Urteil über derlei Dinge habe. Bei
-den Kürassieren war keiner, und ich habe überhaupt nur einmal
-einen gesehen, mit einem kleinen Verdruß und einer Goldbrille,
-die er beständig abnahm und putzte. Natürlich bloß ein Männchen,
-klein und eitel. Aber sehr elegant.«</p>
-
-<p>»Elegant?« fragte Czako. »Dann stimmt es nicht; dann
-haben Sie so gut wie keinen gesehen.«</p>
-
-<p>Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm gekommen,
-der in mehreren Etagen und zuletzt auf bloßen Leitern
-anstieg. Man mußte schwindelfrei sein, um gut hinaufzukommen.
-Oben aber war es wieder gefahrlos, weil eine feste<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-Wandung das Podium umgab. Rex und Czako hielten Umschau.
-Nach Süden hin lag das Land frei, nach den drei andern
-Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt, zwischen
-denen gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende
-Seenkette sichtbar wurde. Der nächste See war der Stechlin.</p>
-
-<p>»Wo ist nun die Stelle?« fragte Czako. »Natürlich die,
-wo's sprudelt und strudelt.«</p>
-
-<p>»Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weißen Steinbank?«</p>
-
-<p>»Jawohl; ganz deutlich.«</p>
-
-<p>»Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in
-den See hinein, da haben Sie die Stelle, die, wenn's sein muß,
-mit Java telephoniert.«</p>
-
-<p>»Ich gäbe was drum,« sagte Czako, »wenn jetzt der Hahn zu
-krähen anfinge.«</p>
-
-<p>»Diese kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider schuldig
-bleiben und hab überhaupt da nach rechts hin nichts anderes
-mehr für Sie als die roten Ziegeldächer, die sich zwischen dem
-Waldrand und dem See wie auf einem Bollwerk hinziehen.
-Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die Glasbläser. Und
-dahinter liegt die Glashütte. Sie ist noch unter dem alten
-Fritzen entstanden und heißt die ›grüne Glashütte‹«.</p>
-
-<p>»Die grüne? Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen.«</p>
-
-<p>»Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt nämlich
-so, weil man da grünes Glas macht, allergewöhnlichstes
-Flaschenglas. An Rubinglas mit Goldrand dürfen Sie hier
-nicht denken. Das ist nichts für unsre Gegend.«</p>
-
-<p>Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten, nach
-Passierung des Schloßvorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz
-hinaus, an dessen einer Ecke die Schule gelegen war. Es
-mußte die Schule sein, das sah man an den offenstehenden
-Fenstern und den Malven davor, und als die Herren bis an
-den grünen Staketenzaun heran waren, hörten sie auch schon<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-den prompten Schulgang da drinnen, erst die scharfe, kurze
-Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort.
-Im nächsten Augenblick, unter Vorantritt Dubslavs, betraten
-alle den Flur, und weil ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar
-zu bellen anfing, erschien Krippenstapel, um zu sehen, was
-los sei.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Krippenstapel,« sagte Dubslav. »Ich
-bring Ihnen Besuch.«</p>
-
-<p>»Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.«</p>
-
-<p>»Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber unter
-allen Umständen lassen Sie den Baron aus dem Spiel …
-Sehen Sie, meine Herren, mein Freund Krippenstapel is ein
-ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich ›Herr von Stechlin‹
-(den Major unterschlägt er), und wenn er ärgerlich ist, nennt er
-mich ›gnädger Herr‹. Aber sowie ich mit Fremden komme,
-betitelt er mich ›Herr Baron‹. Er will was für mich tun.«</p>
-
-<p>Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte mittlerweile
-die Tür zu der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen
-Wohnstube geöffnet und bat die Herren, eintreten zu wollen.
-Sie nahmen auch jeder einen Stuhl in die Hand, aber stützten
-sich nur auf die Lehne, während das Gespräch zwischen Dubslav
-und dem Lehrer seinen Fortgang nahm. »Sagen Sie,
-Krippenstapel, wird es denn überhaupt gehen? Sie sollen uns
-natürlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.«</p>
-
-<p>»O, gewiß geht es, Herr von Stechlin.«</p>
-
-<p>»Ja, hören Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war mal
-ein Burgemeister, achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber
-nicht nennen, der sagte: ›Wenn ich meinen Stiefel ans Fenster
-stelle, regier ich die ganze Stadt.‹ Das war mein Mann.«</p>
-
-<p>»Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand
-es. Überhaupt immer in der Furcht des Herrn. Dann geht
-alles am besten. Der Hauptregente bleibt doch der Krückstock.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p>
-
-<p>»Der Krückstock,« bestätigte Krippenstapel. »Und dann
-freilich die Belohnungen.«</p>
-
-<p>»Belohnungen?« lachte Dubslav. »Aber Krippenstapel,
-wo nehmen Sie denn die her?«</p>
-
-<p>»O, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit
-Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der Junge
-bloß nen Katzenkopp weniger, ist es aber was Großes, dann
-kriegt er ne Wabe.«</p>
-
-<p>»Ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute früh
-beim Frühstück gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam.
-Ich habe den Herren dabei gesagt, Sie wären der beste Imker
-in der ganzen Grafschaft.«</p>
-
-<p>»Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen,
-ich versteh es. Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das
-Volk bei der Arbeit zu sehen &ndash; es ist jetzt gerade beste Zeit.«</p>
-
-<p>Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den
-Flur bis in Hof und Garten hinaus und nahmen hier Stellung
-vor einem offenen Etageschuppen, drin die Stöcke standen, nicht
-altmodische Bienenkörbe, sondern richtige Bienenhäuser, nach
-der Dzierzonschen Methode, wo man alles herausnehmen und
-jeden Augenblick in das Innere bequem hineingucken kann.
-Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und Czako
-waren ganz aufrichtig interessiert.</p>
-
-<p>»Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel,« sagte Czako, »nun
-bitte, geben Sie uns auch einen Kommentar. Wie is das
-eigentlich mit den Bienen? Es soll ja was ganz Besondres
-damit sein.«</p>
-
-<p>»Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist
-eigentlich feiner und vornehmer als das Menschenleben.«</p>
-
-<p>»Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer?
-Was Vornehmeres als den Menschen gibt es nicht.
-Indessen, wie's damit auch sei, ›ja‹ oder ›nein‹, Sie machen
-einen nur immer neugieriger. Ich habe mal gehört, die Bienen<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-sollen sich auf das Staatliche so gut verstehen; beinah vorbildlich.«</p>
-
-<p>»So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da,
-worüber sich als Thema vielleicht reden läßt. Da sind nämlich
-in jedem Stock drei Gruppen oder Klassen. In Klasse eins
-haben wir die Königin, in Klasse zwei haben wir die Arbeitsbienen
-(die, was für alles Arbeitsvolk wohl eigentlich immer
-das beste ist, geschlechtslos sind), und in Klasse drei haben wir
-die Drohnen; die sind männlich, worin zugleich ihr eigentlicher
-Beruf besteht. Denn im übrigen tun sie gar nichts.«</p>
-
-<p>»Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer noch nicht
-vorbildlich genug.«</p>
-
-<p>»Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang
-haben sie so dagesessen und gearbeitet oder auch geschlafen.
-Und nun kommt der Frühling, und das erwachende neue Leben
-ergreift auch die Bienen, am mächtigsten aber die Klasse eins,
-die Königin. Und sie beschließt nun, mit ihrem ganzen Volk
-einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für sie persönlich
-sogar zu einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich es
-nennen. Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der
-Ferse sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen
-einen Tänzer, der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch
-intimere Stellung zu ihr einzurücken. Etwa nach einer Stunde
-kehrt die Königin und ihr Hochzeitszug in die beengenden
-Schranken ihres Staates zurück. Ihr Dasein hat sich inzwischen
-erfüllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen wird geboren, aber
-weitere Beziehungen zu dem bewußten Tänzer sind ein für
-allemal ausgeschlossen. Es ist das gerade das, was ich vorhin
-als fein und vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen
-lieben nur einmal. Die Bienenkönigin liebt und stirbt.«</p>
-
-<p>»Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem
-Prinzessinnen-Tänzer, dem Prince-Consort, wenn dieser Titel
-ausreicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Dieser Tänzer wird ermordet.«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter
-dieser letzten Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder
-zusammen. Das ist ja schlimmer als der Heinesche Asra. Der
-stirbt doch bloß. Aber hier haben wir Ermordung. Sagen Sie,
-Rex, wie stehen Sie dazu?«</p>
-
-<p>»Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich unsre
-ganze Kultur hängt, kann nicht strenger und überzeugender
-demonstriert werden. Ich finde es großartig.«</p>
-
-<p>Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu,
-weil in diesem Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam
-machte, daß man noch viel vor sich habe. Zunächst die Kirche.
-»Seine Hochwürden, der wohl eigentlich dabei sein müßte,
-wird es nicht übelnehmen, wenn wir auf ihn verzichten. Aber
-Sie, Krippenstapel, können Sie?«</p>
-
-<p>Krippenstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe. Zudem
-schlug die Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hörte
-man, wie's drinnen in der Klasse lebendig wurde und die Jungens
-in ihren Holzpantinen über den Flur weg auf die Straße
-stürzten. Draußen aber stellten sie sich militärisch auf, weil
-sie mittlerweile gehört hatten, daß der gnädige Herr gekommen
-sei.</p>
-
-<p>»Morgen, Jungens,« sagte Dubslav, an einen kleinen
-Schwarzhaarigen herantretend. »Bist von Globsow?«</p>
-
-<p>»Nein, gnädger Herr, von Dagow.«</p>
-
-<p>»Na, lernst auch gut?«</p>
-
-<p>Der Junge griente.</p>
-
-<p>»Wann war denn Fehrbellin?«</p>
-
-<p>»Achtzehnter Juni.«</p>
-
-<p>»Und Leipzig?«</p>
-
-<p>»Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.«</p>
-
-<p>»Das ist recht, Junge … Da.«</p>
-
-<p>Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Nickel. »Sehen Sie, Hauptmann, Sie sind ein bißchen ein
-Spötter, soviel hab ich schon gemerkt; aber so muß es gemacht
-werden. Der Junge weiß von Fehrbellin und von Leipzig
-und hat ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort. Und
-rote Backen hat er auch. Sieht er aus, als ob er einen Kummer
-hätte oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn. Ordnung
-und immer feste. Na, so lange ich hier sitze, so lange hält es
-noch. Aber freilich, es kommen andre Tage.«</p>
-
-<p>Woldemar lächelte.</p>
-
-<p>»Na,« fuhr der Alte fort, »will mich trösten. Als der alte
-Fritz zu sterben kam, dacht er auch, nu ginge die Welt unter.
-Und sie steht immer noch, und wir Deutsche sind wieder obenauf,
-ein bißchen zu sehr. Aber immer besser als zu wenig.«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper
-gemacht: schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers
-von Hohenzollern, den ihm sein gütiger Gutsherr verschafft
-hatte. Statt des Hutes, den er in der Eile nicht hatte finden
-können, trug er eine Mütze von sonderbarer Form. In der
-Rechten aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchenschlüssel, der
-wie ne rostige Pistole aussah.</p>
-
-<p>Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen
-sie dem Portal gegenüber.</p>
-
-<p>Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte
-sein Pincenez auf und musterte. »Sehr interessant. Ich setze
-das Portal in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenserbau.
-Wenn mich nicht alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger
-Krypte. Also sagen wir zwölfhundert. Wenn ich
-fragen darf, Herr von Stechlin, existieren Urkunden? Und
-war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat Adler,
-unser bester Kenner?«</p>
-
-<p>Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich
-einer solchen Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. »Herr von
-Quast war einmal hier, aber in Wahlangelegenheiten. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-mit den Urkunden ist es gründlich vorbei, seit Wrangel hier
-alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel spreche, mein ich
-natürlich nicht unsern ›Vater Wrangel‹, der übrigens auch keinen
-Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel … Und
-außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber
-Sie, Krippenstapel, was meinen Sie?«</p>
-
-<p>Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen
-war, zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin
-gewandt, wenn nicht als an einen Wissenden, so doch als an
-einen Ebenbürtigen, und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert
-wurde, das entscheidende Wort in dieser Angelegenheit zu
-sprechen, wollte ihm nicht recht passend erscheinen. Überhaupt,
-was wollte diese Figur, die doch schon stark die Karikatur
-streifte. Schon der Bericht über die Bienen und namentlich
-was er über die Haltung der Königin und den Prince-Consort
-gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und
-nun wurde dies Schulmeister-Original auch noch aufgefordert,
-über bauliche Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche
-stamme, sein Urteil abzugeben. Er hatte wohlweislich nach
-Quast und Adler gefragt, und nun kam Krippenstapel! Wenn
-man durchaus wollte, konnte man das alles patriarchalisch
-finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war Krippenstapel
-&ndash; der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch den ganzen
-Trotz des Autodidakten gesellte &ndash; keineswegs angetan, die
-kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war,
-wieder glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frage: ›Krippenstapel,
-was meinen Sie,‹ ganz ernsthaft auf und sagte:</p>
-
-<p>»Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung
-an eine neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers
-Tucheband in Templin zu widersprechen wage. Dieser
-Grafschaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem und
-uckermärkischem als brandenburgischem Charakter, und wenn
-wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen wollen,<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder
-Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg.
-Ich möchte hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands
-Aufstellungen, soviel ich weiß, unwidersprochen geblieben sind.«</p>
-
-<p>Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem
-Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit größtem
-Vergnügen folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen;
-Woldemar aber empfand, daß es höchste Zeit sei, zu
-intervenieren, und bemerkte: nichts sei schwerer, als auf diesem
-Gebiete Bestimmungen zu treffen &ndash; ein Satz, den übrigens
-sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen schienen &ndash;,
-und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst einzutreten,
-als hier draußen über die Säulen und Kapitelle
-weiter zu debattieren.</p>
-
-<p>Man fand sich in diesen Vorschlag; Krippenstapel öffnete
-die Kirche mit seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Gleich nach zwölf &ndash; Woldemar hatte sich, wie geplant,
-schon lange vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen, von den
-andern Herrn getrennt &ndash; waren Dubslav, Rex und Czako
-von dem Globsower Ausfluge zurück, und Rex, feiner Mann,
-der er war, war bei Passierung des Vorhofs verbindlich an die
-mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten, um ihr,
-als einem mutmaßlichen Produkte der eben besichtigten »grünen
-Glashütte,« seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er
-ging dabei so weit, von »Industriestaat« zu sprechen. Czako,
-der gemeinschaftlich mit Rex in die Glaskugel hineinguckte,
-war mit allem einverstanden, nur nicht mit seinem Spiegelbilde.
-»Wenn man nur bloß etwas besser aussähe …« Rex
-versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und versicherte:<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-»Ja, Rex, Sie sind ein schöner Mann, Sie haben
-eben mehr zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was
-übrig.«</p>
-
-<p>Oben auf der Rampe stand Engelke.</p>
-
-<p>»Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor
-schon da?«</p>
-
-<p>»Nein, gnädger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber warten
-wollen wir auch nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als
-ich dachte; das heißt, eigentlich war es nicht weiter, bloß die
-Beine wollen nicht mehr recht. Und hat solche Anstrengung
-bloß das eine Gute, daß man hungrig und durstig wird. Aber
-da kommen ja die Herren.«</p>
-
-<p>Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke
-hinüber, über die Woldemar und Lorenzen eben in den Schloßhof
-eintraten. Rex ging ihnen entgegen. Dubslav dagegen
-nahm Czakos Arm und sagte: »Nun kommen Sie, Hauptmann,
-wir wollen derweilen ein bißchen recherchieren und uns
-einen guten Platz aussuchen. Mit der ewigen Veranda, das is
-nichts; unter der Marquise steht die Luft wie ne Mauer, und ich
-muß frische Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie.
-Kann eigentlich Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind
-sie doch ein Segen. Wenn ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht
-die Wahl habe, bin ich immer für Hydropsie. Wassersucht
-hat so was kolossal Anschauliches.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen,
-an eine Stelle, wo viel Buchsbaum stand, dem
-Poetensteige gerad gegenüber. »Sehen Sie hier, Hauptmann,
-das wäre so was. Niedrige Buchsbaumwand. Da haben wir
-Luft und doch keinen Zug. Denn vor Zug muß ich mich auch
-hüten wegen Rheumatismus, oder vielleicht ist es auch Gicht.
-Und dabei hören wir das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne.
-Was meinen Sie?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>»Kapital, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer so dienstlich
-… Also hier, Engelke, hier decke den Tisch und stell auch
-ein paar Fuchsien oder was gerade blüht in die Mitte. Nur
-nicht Astern. Astern sind ganz gut, aber doch sozusagen unterm
-Stand und sehen immer aus wie'n Bauerngarten. Und dann
-mache dich in den Keller und hol uns was Ordentliches herauf.
-Du weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten habe. Vielleicht
-hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.«</p>
-
-<p>»Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr von
-Stechlin; aber ich möchte mich für Übereinstimmung schon jetzt
-verbürgen.«</p>
-
-<p>Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor
-vom Gartensalon her auf die Veranda hinausgetreten, und
-Dubslav ging ihnen entgegen. »Guten Tag, Pastor. Nun,
-das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar würde von Ihnen
-annektiert werden.«</p>
-
-<p>»Aber, Herr von Stechlin … Ihre Gäste … Und Woldemars
-Freunde.«</p>
-
-<p>»Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangsformen
-und Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber das alles reicht
-nicht weit. Was der Mensch am ehesten durchbricht, das sind
-gerade solche Formen. Und wer sie nicht durchbricht, der
-kann einem auch leid tun. Wie geht es denn in der Ehe?
-Haben Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen wahrt,
-wenn seine Frau ihn ärgert? Ich nicht. Leidenschaft ist immer
-siegreich.«</p>
-
-<p>»Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschaftsleidenschaft,
-Orest und Pylades &ndash; so was hat es immer gegeben.
-Und dann, was noch viel mehr sagen will, Sie haben
-nebenher die Konspirationsleidenschaft&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber, Herr von Stechlin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es
-zurück; aber Sie haben dafür was anderes, nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft.
-Und das ist eine der größten, die
-es gibt. Und wenn solche zwei Weltverbesserer zusammen sind,
-da können Rex und Czako warten, und da kann selbst ein
-warmes Frühstück warten. Sagt man noch <em class="antiqua">Déjeuner à la
-fourchette</em>?«</p>
-
-<p>»Kaum, Papa. Wie du weißt, es ist jetzt alles englisch.«</p>
-
-<p>»Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch
-recht gut so, wiewohl unsre Vettern drüben erst recht nichts
-taugen. Selbst ist der Mann. Aber ich glaube, das Frühstück
-wartet.«</p>
-
-<p>Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei und
-zwei an der Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte
-Engelke den Tisch arrangiert, an den jetzt Wirt und Gäste
-herantraten.</p>
-
-<p>Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte
-Längsseite man frei gelassen hatte, was allen einen Überblick
-über das hübsche Gartenbild gestattete. Dubslav, das Arrangement
-musternd, nickte Engelke zu, zum Zeichen, daß er's getroffen
-habe. Dann aber nahm er die Mittelschüssel und sagte,
-während er sie Rex reichte: »<em class="antiqua">Toujours perdrix.</em> Das heißt,
-es sind eigentlich Krammetsvögel, wie schon gestern abend.
-Aber wer weiß, wie Krammetsvögel auf französisch heißen?
-Ich wenigstens weiß es nicht. Und ich glaube, nicht einmal
-Tucheband wird uns helfen können.«</p>
-
-<p>Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslavs
-Vermutung über französische Vokabelkenntnis.</p>
-
-<p>»Wir kamen übrigens,« fuhr dieser fort, »dicht vor Globsow
-durch einen Dohnenstrich, überall hingen noch viele Krammetsvögel
-in den Schleifen, was mir auffiel und was ich doch,
-wie so vieles Gute, meinem alten Krippenstapel zuschreiben
-muß. Es wäre doch ne Kleinigkeit für die Jungens, den<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-Dohnenstrich auszuplündern. Aber so was kommt nicht vor.
-Was meinen Sie, Lorenzen?«</p>
-
-<p>»Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die Dohnenstriche
-nicht ausgeplündert werden. Aber ich glaube, Herr von
-Stechlin, Sie dürfen es Krippenstapel nicht anrechnen.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte herzlich. »Da haben wir wieder die alte
-Geschichte. Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor
-herum, und jeder Pastor pastort über seinen Schulmeister.
-Ewige Rivalität. Der natürliche Zug ist doch, daß die Jungens
-nehmen, was sie kriegen können. Der Mensch stiehlt wie'n
-Rabe. Und wenn er's mit einmal unterläßt, so muß das doch
-nen Grund haben.«</p>
-
-<p>»Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen andern.
-Was sollen sie mit nem Krammetsvogel machen? Für uns
-ist es eine Delikatesse, für einen armen Menschen ist es gar nichts,
-knapp soviel wie'n Sperling.«</p>
-
-<p>»Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit
-dem ›Patrimonium der Enterbten‹ im Anschlag; Sperling,
-das klingt ganz so. Aber soviel ist doch richtig, daß Krippenstapel
-die Jungens brillant in Ordnung hält; wie ging das
-heute Schlag auf Schlag, als ich den kurzgeschorenen Schwarzkopp
-ins Examen nahm, und wie stramm waren die Jungens
-und wie manierlich, als wir sie nach ner Stunde in Globsow
-wiedersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll Respekt
-in allem. ›Frei, aber nicht frech‹, das ist so mein Satz.«</p>
-
-<p>Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen waren,
-waren neugierig, auf welchen Vorgang sich all dies Lob des
-Alten bezöge.</p>
-
-<p>»Was hat denn,« fragte Woldemar, »die Globsower
-Jungens mit einemmal zu so guter Reputation gebracht?«</p>
-
-<p>»O, es war wirklich scharmant,« sagte Czako, »wir steckten
-noch unter den Waldbäumen, als wir auch schon Stimmen
-wie Kommandorufe hörten, und kaum daß wir auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-freien, von Kastanien umstellten Platz hinausgetreten waren
-(eigentlich war es wohl schon ein großer Fabrikhof), so sahen
-wir uns wie mitten in einer Bataille.«</p>
-
-<p>Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr: »Auf
-unserer Seite stand die bis dahin augenscheinlich siegreiche
-Partei, deren weiterer Angriff aber wegen der guten gegnerischen
-Deckung mit einem Male stoppte. Kaum zu verwundern.
-Denn eben diese Deckung bestand aus wohl tausend, ein großes
-Karree bildenden Glasballons, hinter die sich die geschlagene
-Truppe wie hinter eine Barrikade zurückgezogen hatte. Da
-standen sie nun und nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden
-Kastanien geführtes Feuergefecht auf. Die meisten
-ihrer Schüsse gingen zu kurz und fielen klappernd wie Hagel
-auf die Ballons nieder. Ich hätte dem Spiel, ich weiß nicht
-wie lange, zusehn können. Als man unserer aber ansichtig
-wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken auseinander.
-Überall sind Photographen. Nur wo sie hingehören,
-da fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei.«</p>
-
-<p>Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört.</p>
-
-<p>»Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen es aber; Sie
-können mit nem Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Stiche lassend,
-»das tut unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer
-Dichtung.«</p>
-
-<p>»Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am
-wenigsten für einen korrekten Aktenmenschen.«</p>
-
-<p>»Und dabei, lieber Czako,« nahm jetzt Dubslav das Wort,
-»dabei bleiben Sie nur. Auf Ihr Spezielles! In so wichtiger
-Sache müssen Sie mir aber in meiner Lieblingssorte Bescheid
-tun, nicht in Rotwein, den mein berühmter Miteinsiedler das
-›natürliche Getränk des norddeutschen Menschen‹ genannt
-hatte. Einer seiner mannigfachen Irrtümer; vielleicht der
-größte. Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-ist am Rhein und Main zu finden. Und am vorzüglichsten da,
-wo sich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermählen.
-Ungefähr von dieser Vermählungsstelle kommt auch
-der hier.« Und dabei wies er auf eine vor ihm stehende Bocksbeutelflasche.
-»Sehen Sie, meine Herren, verhaßt sind mir alle
-langen Hälse; das hier aber, das nenn ich eine gefällige Form.
-Heißt es nicht irgendwo: ›Laßt mich dicke Leute sehn,‹ oder so
-ähnlich. Da stimm ich zu; dicke Flaschen, die sind mein Fall.«
-Und dabei stieß er wiederholt mit Czako an. »Noch einmal,
-auf Ihr Wohl. Und auf Ihres, Herr von Rex. Und dann auf
-das Wohl meiner Globsower, oder wenigstens meiner Globsower
-Jungens, die sich nicht bloß um Fehrbellin kümmern
-und um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch selber
-ihre Schlachten schlagen. Ich ärgere mich nur immer, wenn
-ich diese riesigen Ballons da zwischen meinen Globsowern sehe.
-Und hinter dem ersten Fabrikhof (ich wollte Sie nur nicht weiter
-damit behelligen), da ist noch ein zweiter Hof, der sieht noch
-schlimmer aus. Da stehen nämlich wahre Glasungeheuer, auch
-Ballons, aber mit langem Hals dran, und die heißen dann
-Retorten.«</p>
-
-<p>»Aber Papa,« sagte Woldemar, »daß du dich über die
-paar Retorten und Ballons nie beruhigen kannst. So lang ich
-nur denken kann, eiferst du dagegen. Es ist doch ein wahres
-Glück, daß so viel davon in die Welt geht und den armen Fabrikleuten
-einen guten Lohn sichert. So was wie Streik kommt
-hier ja gar nicht vor, und in diesem Punkt ist unsre Stechliner
-Gegend doch wirklich noch wie ein Paradies.«</p>
-
-<p>Lorenzen lachte.</p>
-
-<p>»Ja, Lorenzen, Sie lachen,« warf Dubslav hier ein. »Aber
-bei Lichte besehen hat Woldemar doch recht, was (und Sie
-wissen auch warum) eigentlich nicht oft vorkommt. Es ist
-genau so, wie er sagt. Natürlich bleibt uns Eva und die Schlange;
-das ist uralte Erbschaft. Aber so viel noch von guter alter<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Zeit in dieser Welt zu finden ist, so viel findet sich hier, hier in
-unsrer lieben alten Grafschaft. Und in dies Bild richtiger Gliederung,
-oder meinetwegen auch richtiger Unterordnung (denn
-ich erschrecke vor solchem Worte nicht), in dieses Bild des Friedens
-paßt mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht
-hinein. Und wenn ich nicht fürchten müßte, für einen Querkopf
-gehalten zu werden, so hätt ich bei hoher Behörde schon
-lange meine Vorschläge wegen dieser Retorten und Ballons
-eingereicht. Und natürlich <em class="gesperrt">gegen</em> beide. Warum müssen es
-immer Ballons sein? Und wenn schon, na, dann lieber solche
-wie diese. Die lass' ich mir gefallen.« Und dabei hob er die
-Bocksbeutelflasche.</p>
-
-<p>»Wie diese,« bestätigte Czako.</p>
-
-<p>»Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa in seiner
-Idiosynkrasie zu bestärken.«</p>
-
-<p>»Idiosynkrasie,« wiederholte der Alte. »Wenn ich so was
-höre. Ja, Woldemar, da glaubst du nun wieder wunder was
-Feines gesagt zu haben. Aber es ist doch bloß ein Wort. Und
-was bloß ein Wort ist, ist nie was Feines, auch wenn es so
-aussieht. Dunkle Gefühle, die sind fein. Und so gewiß die
-Vorstellung, die ich mit dieser lieben Flasche hier verbinde,
-für mich persönlich was Celestes hat … kann man Celestes
-sagen? …« Lorenzen nickte zustimmend, »so gewiß hat die Vorstellung,
-die sich für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen
-knüpft, etwas Infernalisches.«</p>
-
-<p>»Aber Papa.«</p>
-
-<p>»Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich komme
-jetzt eben an eine Berechnung, und bei Berechnungen darf
-man nicht gestört werden. Über hundert Jahre besteht nun
-schon diese Glashütte, und wenn ich nun so das jedesmalige
-Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne ich mir
-alles in allem wenigstens eine Million heraus. Die schicken sie
-zunächst in andre Fabriken, und da destillieren sie flott drauflos,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-und zwar allerhand schreckliches Zeug in diese grünen
-Ballons hinein: Salzsäure, Schwefelsäure, rauchende Salpetersäure.
-Das ist die schlimmste, die hat immer einen rotgelben
-Rauch, der einem gleich die Lunge anfrißt. Aber wenn
-einen der Rauch auch zufrieden läßt, jeder Tropfen brennt ein
-Loch, in Leinwand oder in Tuch, oder in Leder, überhaupt in
-alles; alles wird angebrannt und angeätzt. Das ist das Zeichen
-unsrer Zeit jetzt, ›angebrannt und angeätzt‹. Und wenn ich
-dann bedenke, daß meine Globsower da mittun und ganz gemütlich
-die Werkzeuge liefern für die große Generalweltanbrennung,
-ja, hören Sie, meine Herren, das gibt mir einen
-Stich. Und ich muß Ihnen sagen, ich wollte, jeder kriegte lieber
-einen halben Morgen Land von Staats wegen und kaufte sich
-zu Ostern ein Ferkelchen, und zu Martini schlachteten sie ein
-Schwein und hätten den Winter über zwei Speckseiten, jeden
-Sonntag eine ordentliche Scheibe, und alltags Kartoffeln und
-Grieben.«</p>
-
-<p>»Aber Herr von Stechlin,« lachte Lorenzen, »das ist ja die
-reine Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten
-auch.«</p>
-
-<p>»Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden …
-Übrigens Prosit … wenn Sie's auch eigentlich nicht verdienen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das Frühstück zog sich lange hin, und das dabei geführte
-Gespräch nahm noch ein paarmal einen Anlauf ins Politische
-hinein; Lorenzen aber, der kleine Schraubereien gern vermeiden
-wollte, wich jedesmal geschickt aus und kam lieber auf
-die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war aber auch hier vorsichtig
-und beschränkte sich, unter Anlehnung an Tucheband,
-auf Architektonisches und Historisches, bis Dubslav, ziemlich
-abrupt, ihn fragte: »Wissen Sie denn, Lorenzen, auf unserm
-Kirchenboden Bescheid? Krippenstapel hat mich erst heute<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-wissen lassen, daß wir da zwei vergoldete Bischöfe mit Krummstab
-haben. Oder vielleicht sind es auch bloß Äbte.« Lorenzen
-wußte nichts davon, weshalb ihm Dubslav gutmütig mit dem
-Finger drohte.</p>
-
-<p>So ging das Gespräch. Aber kurz vor zwei mußte dem
-allen ein Ende gemacht werden. Engelke kam und meldete,
-daß die Pferde da und die Mantelsäcke bereits aufgeschnallt
-seien. Dubslav ergriff sein Glas, um auf ein frohes Wiedersehn
-anzustoßen. Dann erhob man sich.</p>
-
-<p>Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an die
-kranke Aloe heran und versicherte, daß solche Blüte doch etwas
-eigentümlich Geheimnisvolles habe. Dubslav hütete sich, zu
-widersprechen, und freute sich, daß der Besuch mit etwas für
-ihn so Erheiterndem abschloß.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel
-vorbeikamen, wandten sich alle drei noch einmal zurück, und
-jeder lüpfte seine Mütze. Dann ging es, zwischen den Findlingen
-hin, auf die Dorfstraße hinaus, auf der eben eine ziemlich
-ramponiert aussehende Halbchaise, das lederne Verdeck
-zurückgeschlagen, an ihnen vorüberfuhr; die Sitze leer, alles
-an dem Fuhrwerk ließ Ordnung und Sauberkeit vermissen;
-das eine Pferd war leidlich gut, das andre schlecht, und zu dem
-neuen Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie
-ein fuchsiges Torfstück aussah, nicht recht passen.</p>
-
-<p>»Das war ja Gundermanns Wagen.«</p>
-
-<p>»So, so,« sagte Czako. »Auf den hätt ich beinah geraten.«</p>
-
-<p>»Ja, dieser Gundermann,« lachte Woldemar. »Mein
-Vater wollt Ihnen gestern gern etwas Grafschaftliches vorsetzen,
-aber er vergriff sich. Gundermann auf Siebenmühlen
-ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer. Ich sehe, er hat Ihnen
-nicht recht gefallen.«</p>
-
-<p>»Gott, gefallen, Stechlin, &ndash; was heißt gefallen? Eigentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-gefällt mir jeder oder auch keiner. Eine Dame hat mir mal
-gesagt, die langweiligen Leute wären schließlich gerade so gut
-wie die interessanten, und es hat was für sich. Aber dieser
-Gundermann! Zu welchem Zwecke läßt er denn eigentlich
-seinen leeren Wagen in der Welt herumkutschieren?«</p>
-
-<p>»Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in Wahlangelegenheiten.
-Er persönlich wird irgendwo hängen geblieben
-sein, um Stimmen einzufangen. Unser alter braver
-Kortschädel nämlich, der allgemein beliebt war, ist diesen Sommer
-gestorben, und da will nun Gundermann, der sich auf den
-Konservativen hin ausspielt, aber keiner ist, im trüben fischen.
-Er intrigiert. Ich habe das in einem Gespräch, das ich mit
-ihm hatte, ziemlich deutlich herausgehört, und Lorenzen hat es
-mir bestätigt.«</p>
-
-<p>»Ich kann mir denken,« sagte Rex, »daß gerade Lorenzen
-gegen ihn ist. Aber dieser Gundermann, für den ich weiter nichts
-übrig habe, hat doch wenigstens die richtigen Prinzipien.«</p>
-
-<p>»Ach, Rex, ich bitte Sie,« sagte Czako, »richtige Prinzipien!
-Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten. Dreimal
-hab ich ihn sagen hören: ›Das wäre wieder Wasser auf
-die Mühlen der Sozialdemokratie.‹ So was sagt kein anständiger
-Mensch mehr, und jedenfalls setzt er nicht hinzu: ›daß
-er das Wasser abstellen wolle‹. Das ist ja eine schreckliche
-Wendung.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten
-Teil der Kastanienallee gekommen.</p>
-
-<p>Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter
-in Aussicht gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein
-richtiger Oktobertag, klar und frisch und milde zugleich. Die Sonne
-fiel hie und da durch das noch ziemlich dichte Laub, und die
-Reiter freuten sich des Spielens der Schatten und Lichter.
-Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als sie bald danach
-in einen Seitenweg einmündeten, der sich durch eine flache,<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-nur hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft
-hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das eigentlich
-Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels
-bilden, traten an dieser Stelle weit zurück, und nur ein paar
-einzelne, wie vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen
-wurden sichtbar.</p>
-
-<p>Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken zu lassen;
-aber sie kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich umschauten,
-eines alten Mannes ansichtig wurden, der, nur durch
-einen flachen Graben von ihnen getrennt, auf einem Stück
-Wiese stand und das hochstehende Gras mähte. Jetzt erst sah
-auch er von seiner Arbeit auf und zog seine Mütze. Die Herren
-taten ein Gleiches und schwankten, ob sie näher heranreiten
-und eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien das
-weder zu wünschen noch zu erwarten, und so ritten sie denn
-weiter.</p>
-
-<p>»Mein Gott,« sagte Rex, »das war ja Krippenstapel. Und
-hier draußen, so weit ab von seiner Schule. Wenn er nicht die
-Seehundsfellmütze gehabt hätte, die wie aus einer konfiszierten
-Schulmappe geschnitten aussah, hätt ich ihn nicht wieder
-erkannt.«</p>
-
-<p>»Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl
-auch zutreffen,« sagte Woldemar. »Krippenstapel kann eben
-alles &ndash; der reine Robinson.«</p>
-
-<p>»Ja, Stechlin,« warf Czako hier ein, »Sie sagen das so
-hin, als ob Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist es doch aber
-was Großes, sich immer selber helfen zu können. Er wird wohl
-nen Sparren haben, zugegeben, aber Ihrem gepriesenen
-Lorenzen ist er denn doch um ein gut Stück überlegen. Schon
-weil er ein Original ist und ein Eulengesicht hat. Eulengesichtsmenschen
-sind anderen Menschen fast immer überlegen.«</p>
-
-<p>»Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn.
-Und Sie wissen es auch. Sie möchten nur, ganz wie Rex,<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-wenn auch aus einem andern Motiv, dem armen Lorenzen
-was am Zeug flicken, bloß weil Sie herausfühlen: ›das ist eine
-lautere Persönlichkeit‹.«</p>
-
-<p>»Da tun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich
-bin auch fürs Lautere, wenn ich nur persönlich nicht in Anspruch
-genommen werde.«</p>
-
-<p>»Nun, davor sind Sie sicher, &ndash; vom Brombeerstrauch keine
-Trauben. Im übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten,
-mich auf ein Weilchen entschuldigen zu wollen. Ich muß da nämlich
-nach dem Forsthause hinüber, da drüben neben der Waldecke.«</p>
-
-<p>»Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei nem Förster?«</p>
-
-<p>»Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich will, und
-zwar derselbe, den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehen
-haben. Oberförster Katzler, bürgerlich, aber doch beinah schon
-historischer Name.«</p>
-
-<p>»So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzählt, ein
-brillanter Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz
-intim mit ihm sind, find ich diesen Abstecher übertrieben artig.«</p>
-
-<p>»Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler
-handelte. Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um
-ihn, sondern um seine junge Frau.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">A la bonne heure.</em>«</p>
-
-<p>»Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fährte.
-So was kann nicht vorkommen, ganz abgesehen davon, daß
-mit Oberförstern immer schlecht Kirschen pflücken ist; die blasen
-einen weg, man weiß nicht wie … Es handelt sich hier einfach
-um einen Teilnahmebesuch, um etwas, wenn Sie wollen, schön
-Menschliches. Frau Katzler erwartet nämlich.«</p>
-
-<p>»Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer
-rätselhafter. Sie können doch nicht bei jeder Oberförstersfrau,
-die ›erwartet‹, eine Visite machen wollen. Das wäre denn doch
-eine Riesenaufgabe, selbst wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft
-hier beschränken wollten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>»Es liegt alles ganz exceptionell. Übrigens mach ich es
-kurz mit meinem Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum
-ich bitte, so hol ich Sie bei Genshagen noch wieder ein. Von
-da bis Wutz haben wir kaum noch eine Stunde, und wenn wir's
-forcieren wollen, keine halbe.«</p>
-
-<p>Und während er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt
-auf das Forsthaus zu.</p>
-
-<p>Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt;
-jetzt ritten diese beiden nebeneinander. Czako war neugierig
-und hätte gern Fritz herangerufen, um dies und das über
-Katzler und Frau zu hören. Aber er sah ein, daß das nicht
-ginge. So blieb ihm nichts als ein Meinungsaustausch
-mit Rex.</p>
-
-<p>»Sehen Sie,« hob er an, »unser Freund Woldemar, trabt
-er da nicht hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben
-Sie mir, da steckt ne Geschichte dahinter. Er hat die Frau geliebt
-oder liebt sie noch. Und dies merkwürdige Interesse für
-den in Sicht stehenden Erdenbürger. Übrigens vielleicht ein
-Mädchen. Was meinen Sie dazu, Rex?«</p>
-
-<p>»Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was Ihrer
-eignen frivolen Natur entspricht. Sie haben keinen Glauben
-an reine Verhältnisse. Sehr mit Unrecht. Ich kann Ihnen versichern,
-es gibt dergleichen.«</p>
-
-<p>»Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frühgottesdienste leistet.
-Aber Stechlin&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm
-angeboren, und was er von Natur mitbrachte, das hat sein
-Regiment weiter in ihm ausgebildet.«</p>
-
-<p>Czako lachte. »Nun hören Sie, Rex, Regimenter kenn ich
-doch auch. Es gibt ihrer von allen Arten, aber Sittlichkeitsregimenter
-kenn ich noch nicht.«</p>
-
-<p>»Es gibt's ihrer aber. Zum mindesten hat's ihrer immer
-gegeben, sogar solche mit Askese.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>»Nun ja, Cromwell und die Puritaner. Aber, <em class="antiqua">long, long
-ago</em>. Verzeihen Sie die abgedudelte Phrase. Aber wenn sich's
-um so feine Dinge wie Askese handelt, muß man notwendig
-einen englischen Brocken einschalten. In Wirklichkeit bleibt
-alles beim alten. Sie sind ein schlechter Menschenkenner, Rex,
-wie alle Konventikler. Die glauben immer, was sie wünschen.
-Und auch an unserm Stechlin werden Sie mutmaßlich erfahren,
-wie falsch Sie gerechnet haben. Im übrigen kommt da gerade
-zu rechter Zeit ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo
-wir eigentlich sind. Wir reiten so immer drauflos und wissen
-nicht mehr, ob links oder rechts.«</p>
-
-<p>Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte, war
-einfach für Weiterreiten, und das war auch das Richtige.
-Denn keine halbe Stunde mehr, so holte Stechlin sie wieder ein.
-»Ich wußte, daß ich Sie noch vor Genshagen treffen würde.
-Die Frau Oberförsterin läßt sich übrigens den Herren empfehlen.
-Er war nicht da, was recht gut war.«</p>
-
-<p>»Kann ich mir denken,« sagte Czako.</p>
-
-<p>»Und was noch besser war, sie sah brillant aus. Eigentlich
-ist sie nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen
-und etwas lymphatisch; auch wohl nicht ganz gesund. Aber
-sonderbar, solche Damen, wenn was in Sicht steht, sehen immer
-besser aus als in natürlicher Verfassung, ein Zustand, der
-allerdings bei der Katzler kaum vorkommt. Sie ist noch nicht
-volle sechs Jahre verheiratet und erwartet mit nächstem das
-Siebente.«</p>
-
-<p>»Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.«</p>
-
-<p>»Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht sehr
-wahrscheinlich. Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als
-Scheidungsgrund nehmen.«</p>
-
-<p>»Die Prinzessin?« fuhren Rex und Czako a tempo heraus.</p>
-
-<p>»Ja, die Prinzessin,« wiederholte Woldemar. »Ich war<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-all die Zeit über gespannt, was das wohl für einen Eindruck
-auf Sie machen würde, weshalb ich mich auch gehütet habe,
-vorher mit Andeutungen zu kommen. Und es traf sich gut,
-daß mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drüber hinging,
-ich möchte beinah sagen diskret, was sonst nicht seine Sache ist.«</p>
-
-<p>»Prinzessin,« wiederholte Rex, dem die Sache beinah den
-Atem nahm. »Und aus einem regierenden Hause?«</p>
-
-<p>»Ja, was heißt aus einem regierenden Hause? Regiert
-haben sie alle mal. Und soviel ich weiß, wird ihnen dies ›mal
-regiert haben‹ auch immer noch angerechnet, wenigstens sowie
-sich's um Eheschließungen handelt. Um so großartiger, wenn
-einzelne der hier in Betracht kommenden Damen auf alle diese
-Vorrechte verzichten und ohne Rücksicht auf Ebenbürtigkeit sich
-aus reiner Liebe vermählen. Ich sage ›vermählen‹, weil ›sich
-verheiraten‹ etwas plebeje klingt. Frau Katzler ist eine Ippe-Büchsenstein.«</p>
-
-<p>»Eine Ippe!« sagte Rex. »Nicht zu glauben. Und erwartet
-wieder. Ich bekenne, daß mich das am meisten chokiert. Diese
-Ausgiebigkeit, ich finde kein anderes Wort, oder richtiger, ich
-<em class="gesperrt">will</em> kein andres finden, ist doch eigentlich das Bürgerlichste,
-was es gibt.«</p>
-
-<p>»Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber
-aufgefaßt. Aber das ist gerade das Große an der Sache; ja,
-so sonderbar es klingt, das Ideale.«</p>
-
-<p>»Stechlin, Sie können nicht verlangen, daß man das so
-ohne weiteres versteht. Ein halb Dutzend Bälge, wo steckt da
-das Ideale?«</p>
-
-<p>»Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das ist das
-Rührendste, hat sich darüber ganz unumwunden ausgesprochen.
-Und zwar zu meinem Alten. Sie sieht ihn öfter und möcht
-ihn, glaub ich, bekehren, &ndash; sie ist nämlich von der strengen
-Richtung und hält sich auch zu Superintendent Koseleger, unserm
-Papst hier. Und kurz und gut, sie macht meinem Papa beinah<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-den Hof und erklärt ihn für einen perfekten Kavalier, wobei
-Katzler immer ein etwas süßsaures Gesicht macht, aber natürlich
-nicht widerspricht.«</p>
-
-<p>»Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade Konfessions
-in einer so delikaten Sache zu machen?«</p>
-
-<p>»Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als sie auch
-mal wieder erwartete. Da war mein Vater drüben und sprach,
-als das durch die Situation gegebene Thema berührt wurde,
-halb diplomatisch, halb humoristisch von der Königin Luise,
-hinsichtlich deren der alte Doktor Heim, als der Königin das
-›Sechste oder Siebente‹ geboren werden sollte, ziemlich freiweg
-von der Notwendigkeit der ›Brache‹ gesprochen hatte.«</p>
-
-<p>»Bißchen stark,« sagte Rex. »Ganz im alten Heimstil.
-Aber freilich, Königinnen lassen sich viel gefallen. Und wie
-nahm es die Prinzessin auf?«</p>
-
-<p>»O, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch verstimmt,
-sondern nahm meines Vaters Hand so zutraulich,
-wie wenn sie seine Tochter gewesen wäre. ›Ja, lieber Herr von
-Stechlin,‹ sagte sie, ›wer A sagt, der muß auch B sagen. Wenn
-ich diesen Segen durchaus nicht wollte, dann mußt ich einen
-Durchschnittsprinzen heiraten, &ndash; da hätt ich vielleicht das gehabt,
-was der alte Heim empfehlen zu müssen glaubte. Statt
-dessen nahm ich aber meinen guten Katzler. Herrlicher Mann.
-Sie kennen ihn und wissen, er hat die schöne Einfachheit aller
-stattlichen Männer, und seine Fähigkeiten, soweit sich überhaupt
-davon sprechen läßt, haben etwas Einseitiges. Als ich
-ihn heiratete, war ich deshalb ganz von dem einen Gedanken
-erfüllt, alles Prinzeßliche von mir abzustreifen und nichts bestehen
-zu lassen, woraus Übelwollende hätten herleiten können:
-›Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein.‹ Ich entschloß
-mich also für das Bürgerliche, und zwar ›voll und ganz‹,
-wie man jetzt, glaub ich, sagt. Und was dann kam, nun, das
-war einfach die natürliche Konsequenz.‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>»Großartig,« sagte Rex. »Ich entschlage mich nach solchen
-Mitteilungen jeder weiteren Opposition. Welch ein Maß von
-Entsagung! Denn auch im Nichtentsagen kann ein Entsagen
-liegen. Andauernde Opferung eines Innersten und Höchsten.«</p>
-
-<p>»Unglaublich!« lachte Czako. »Rex, Rex. Ich hab Ihnen
-da schon vorhin alle Menschenkenntnis abgesprochen. Aber
-hier übertrumpfen Sie sich selbst. Wer Konventikel leitet, der
-sollte doch wenigstens die Weiber kennen. Erinnern Sie sich,
-Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe Vergißmeinnichtaugen.
-Und nun sehen Sie sich den Katzler an. Beinah sechs
-Fuß und rotblond und das Eiserne Kreuz.«</p>
-
-<p>»Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit
-Ihnen nicht so genau nehmen. Das ist das Slawische, was in
-Ihnen nachspukt; latente Sinnlichkeit.«</p>
-
-<p>»Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich
-wollte wohl, daß ich in die Lage käme, besser damit wuchern zu
-können. Aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>So ging das Gespräch noch eine gute Weile.</p>
-
-<p>Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet,
-stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt
-dieser Steigung erreicht hatte, lag das Kloster samt seinem
-gleichnamigen Städtchen in verhältnismäßiger Nähe vor
-ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so wenig
-davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses Betroffensein
-über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden Landschafts-
-und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako besonders
-war ganz aus dem Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein.
-»Die große Feldsteingiebelwand,« sagte er, »so gewagt im allgemeinen
-bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht ich
-in das Jahr 1375, also Landbuch Kaiser Karls <em class="antiqua">IV.</em>, setzen dürfen.«</p>
-
-<p>»Wohl möglich,« lachte Woldemar. »Es gibt nämlich
-Zahlen, die nicht gut widerlegt werden können, und ›Landbuch
-Kaiser Karls <em class="antiqua">IV.</em>‹ paßt beinah immer.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder
-einer allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge
-zustrebte. »Ja, meine Herren,« hob er an, »das geschmähte
-Mittelalter. Da verstand man's. Ich wage den Ausspruch,
-den ich übrigens nicht einem Kunsthandbuch entnehme, sondern
-der langsam in mir herangereift ist: ›Die Platzfrage geht über
-die Stilfrage.‹ Jetzt wählt man immer die häßlichste Stelle.
-Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man sah besser.«</p>
-
-<p>»Gewiß,« sagte Czako. »Aber dieser Angriff auf die Brillen,
-Rex, ist nichts für Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle
-so viel operiert&nbsp;…«</p>
-
-<p>Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblick
-mächtige Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen.
-Man hielt an, und jeder zählte »Vier«. Kaum
-aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann eine zweite und tat
-auch ihre vier Schläge.</p>
-
-<p>»Das ist die Klosteruhr,« sagte Czako.</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich.
-Aber wie dem auch sei, Freund Woldemar hat uns,
-glaub ich, für vier Uhr angemeldet, und so werden wir uns
-eilen müssen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<h2><a id="Kloster_Wutz">Kloster Wutz</a></h2>
-
-<h3 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen
-Fritz, der dabei näher an die voraufreitenden Herren herankam.
-Das Gespräch schwieg ganz, weil jeder in Erwartung der
-kommenden Dinge war.</p>
-
-<p>Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen
-Pappeln hin; als man aber bis in unmittelbare Nähe von
-Kloster Wutz gekommen war, hörten diese Pappeln auf, und
-der sich mehr und mehr verschmälernde Weg wurde zu beiden
-Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man alsbald
-in die verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchen-
-und Blumenbeeten und mit vielen Obstbäumen dazwischen
-hineinsah. Alle drei ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt
-fallen.</p>
-
-<p>»Der Garten hier links,« sagte Woldemar, »ist der Garten
-der Domina, meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber
-wundervolles Obst. Und hier gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen
-ihren Dill und ihren Meiran. Es sind aber nur ihrer
-vier, und wenn welche gestorben sind &ndash; aber sie sterben selten &ndash;,
-so sind es noch weniger.«</p>
-
-<p>Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus
-seinen Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar
-waren alle durch eine Maueröffnung in einen großen Wirtschaftshof
-eingeritten, der baulich so ziemlich jegliches enthielt,<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-was hier, bis in die Tage des Dreißigjährigen Krieges hinein,
-der dann freilich alles zerstörte, mal Kloster Wutz gewesen war.
-Vom Sattel aus ließ sich alles bequem überblicken. Das meiste,
-was sie sahen, waren wirr durcheinander geworfene, von Baum
-und Strauch überwachsene Trümmermassen.</p>
-
-<p>»Es erinnert mich an den Palatin,« sagte Rex, »nur ins
-christlich Gotische transponiert.«</p>
-
-<p>»Gewiß,« bestätigte Czako lachend. »Soweit ich urteilen
-kann, sehr ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder
-Tucheband.«</p>
-
-<p>Damit brach das Gespräch wieder ab.</p>
-
-<p>In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die,
-seltsamlich genug, die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut
-waren, zunächst die größere der Domina, daneben die kleineren
-der vier Stiftsdamen, alles an der vorderen Langseite hin.
-Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite, parallel laufende
-Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen und die
-Rollkammern untergebracht waren. Verblieben nur noch die
-zwei Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von
-Holunderbüschen übergrünte Mauer, die andere dagegen eine
-hochaufragende mächtige Giebelwand war, dieselbe, die man
-schon beim Anritt aus einiger Entfernung gesehen hatte. Sie
-stand da, wie bereit, alles unter ihrem beständig drohenden
-Niedersturz zu begraben, und nur das eine konnte wieder beruhigen,
-daß sich auf höchster Spitze der Wand ein Storchenpaar
-eingenistet hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer
-weiß, ob etwas hält oder fällt.</p>
-
-<p>Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis
-an die in die Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude
-waren nur wenige Schritte, und als man davor hielt, erschien
-alsbald die Domina selbst, um ihren Neffen und seine beiden
-Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall, so auch hier Bescheid
-wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der andern<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Seite gelegenen Stallgebäude hinüberzuführen, während Rex
-und Czako nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten
-Flur eintraten.</p>
-
-<p>»Ich habe dein Telegramm,« sagte die Domina, »erst um
-ein Uhr erhalten. Es geht über Gransee, und der Bote muß
-weit laufen. Aber sie wollen ihm ein Rad anschaffen, solches,
-wie jetzt überall Mode ist. Ich sage Rad, weil ich das fremde
-Wort, das so verschieden ausgesprochen wird, nicht leiden kann.
-Manche sagen ›ci,‹ und manche sagen ›schi‹. Bildungsprätensionen
-sind mir fremd, aber man will sich doch auch nicht
-bloßstellen.«</p>
-
-<p>Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich
-war es nur eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren
-bis an die unterste Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier
-auf eine Weile. »Du wirst so gut sein, Woldemar, alles in deine
-Hand zu nehmen. Führe die Herren hinauf. Ich habe unser
-bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr angeordnet; also noch
-eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren.«</p>
-
-<p>Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet
-worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und
-Krügen in Kleinformat war aufgestellt worden, was in Erwägung
-der beinah liliputanischen Raumverhältnisse durchaus
-passend gewesen wäre, wenn nicht sechs an ebenso vielen Türhaken
-hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder gestört
-hätten. Rex, der sich &ndash; ihn drückten die Stiefel &ndash; auf kurze
-zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente
-sich eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein
-Gesicht in einer der kleinen Waschschüsseln begrub und beim
-Abreiben das feste Gewebe der Handtücher lobte.</p>
-
-<p>»Sicherlich Eigengespinst. Überhaupt, Stechlin, das muß
-wahr sein, Ihre Tante hat so was; man merkt doch, daß sie
-das Regiment führt. Und wohl schon seit lange. Wenn ich
-recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>»O, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.«</p>
-
-<p>»Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert.«</p>
-
-<p>»Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug
-solcher, die man ›schlank‹ nennt. Beiläufig ein Euphemismus.
-Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren und die Zeit
-natürlich auch; sie kann nichts nehmen, wo sie nichts mehr
-findet. Aber ich denke &ndash; Rex tut mir übrigens leid, weil er
-wieder in seine Stiefel muß &ndash; wir begeben uns jetzt nach unten
-und machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante. Sie
-wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren Liebling vorzustellen.«</p>
-
-<p>»Wer ist das?«</p>
-
-<p>»Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein können, so
-kommt jeder bald wieder an die Reihe. Während ich das
-letztemal hier war, war es ein Fräulein von Schmargendorf.
-Und es ist leicht möglich, daß sie jetzt gerade wieder dran ist.«</p>
-
-<p>»Eine nette Dame?«</p>
-
-<p>»O ja. Ein Pummel.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Und wie vorgeschlagen, nach kurzem »Sichadjustieren« in
-der improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei Herren in
-Tante Adelheids Salon zurück, der niedrig und verblakt
-und etwas altmodisch war. Die Möbel, lauter Erbschaftsstücke,
-wirkten in dem niedrigen Raume beinah grotesk, und
-die schwere Tischdecke, mit einer mächtigen, ziemlich modernen
-Astrallampe darauf, paßte schlecht zu dem Zeisigbauer am
-Fenster und noch schlechter zu dem über einem kleinen Klavier
-hängenden Schlachtenbilde: »König Wilhelm auf der Höhe
-von Lipa«. Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas
-Anheimelndes. In dem primitiven Kamin &ndash; nur eine Steinplatte
-mit Rauchfang &ndash; war ein Holzfeuer angezündet; beide<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Fenster standen auf, waren aber durch schwere Gardinen so
-gut wie wieder geschlossen, und aus dem etwas schief über
-dem Sofa hängenden Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern
-heraus.</p>
-
-<p>Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre
-Karlsbader Granatbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav
-wegen der sieben mittelgroßen Steine, die einen größeren
-und buckelartig vorspringenden umstanden, die »Sieben-Kurfürsten-Brosche«
-nannte. Der hohe hagere Hals ließ die
-Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war,
-und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: »Wickelkinder,
-wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich
-wird, fangen sie an zu schreien.« Man sah ihr an, daß sie
-nur immer vorübergehend in einer höheren Gesellschaftssphäre
-gelebt hatte, sich trotzdem aber zeitlebens der angeborenen
-Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewußt gewesen war.
-Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billigen.
-Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von
-sehr gutem natürlichen Verstand, sondern unter Umständen
-auch voller Interesse für ganz bestimmte Personen und Dinge.
-Was aber, trotz solcher Vorzüge, den Verkehr mit ihr so schwer
-machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge,
-das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder
-gar der Freiheit auch nur streifte.</p>
-
-<p>Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war
-gegen Rex und Czako aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen.
-»Ich muß Ihnen noch einmal aussprechen, meine
-Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur so kurze Zeit unter meinem
-Dache sehen zu dürfen.«</p>
-
-<p>»Du vergißt mich, liebe Tante,« sagte Woldemar. »Ich
-bleibe dir noch eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst
-um neun. Und bis dahin erzähl ich dir eine Welt und &ndash;
-beichte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen
-sollst du mir recht, recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf
-dem Herzen. Du weißt wohl schon, welche. Aber nur nicht
-beichten. Schon das Wort macht mir jedesmal ein Unbehagen.
-Es hat solch ausgesprochen katholischen Beigeschmack.
-Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ›Beichte sei nichts,
-weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin &ndash; aber das
-sei nun freilich schon sehr, sehr lange her &ndash; einen Geistlichen
-gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt.‹
-Das find ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch
-in diesem Sinne zu Fix geäußert. Aber andrerseits freue ich
-mich doch immer aufrichtig, einem so mutig protestantischen
-Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not tut. Ein fester
-Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir jedesmal
-eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch
-wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?«</p>
-
-<p>Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako: »Ja,
-Czako, da sehen Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden.
-Eine Domina &ndash; verzeih, Tante &ndash; bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen
-aus.«</p>
-
-<p>Die Tante lächelte gnädig und sagte: »Herr von Czako ist
-Offizier. Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause.
-Das aber muß ich aussprechen, der Unglaube wächst, und das
-Katholische wächst auch. Und das Katholische, das ist das
-Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als Unglaube.«</p>
-
-<p>»Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?«</p>
-
-<p>»Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist,
-kann den lieben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt
-ihn. Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht
-es. Und nun gar der Papst in Rom, der ein Obergott sein will
-und unfehlbar.«</p>
-
-<p>Czako, während Rex schwieg und nur seine Verbeugung
-wiederholte, kam auf die verwegene Idee, für Papst und<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Papsttum eine Lanze brechen zu wollen, entschlug sich dieses
-Vorhabens aber, als er wahrnahm, daß die alte Dame ihr
-Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur eine rasch
-vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Tante Adelheid, das
-Thema wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune
-fort: »Ich habe die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch,
-meine Herren, ist es ein wenig stickig. Das macht die niedrige
-Decke. Darf ich Sie vielleicht auffordern, noch eine Promenade
-durch unsern Garten zu machen? Unser Klostergarten ist eigentlich
-das Beste, was wir hier haben. Nur der unsers Rentmeisters
-ist noch gepflegter und größer und liegt auch am See. Rentmeister
-Fix, der hier alles zusammenhält, ist uns, wie in
-wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen Gartenanlagen,
-ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und
-dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und
-seine Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben.
-Ich hatte Fix denn auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein;
-er versteht so gut zu plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig
-und doch immer durchaus diskret. Aber er ist dienstlich
-verhindert. Die Herren müssen sich also mit mir begnügen
-und mit einer unsrer Konventualinnen, einem mir lieben
-Fräulein, das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich
-bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit,
-die man bloß bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln
-getrieben hat. Ein gut Gewissen ist das beste Ruhekissen.
-Damit hängt es wohl zusammen.«</p>
-
-<p>Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten,
-drückte wiederholt seine Zustimmung aus, während Czako
-beklagte, daß Fix verhindert sei. »Solche Männer sprechen zu
-hören, die mit dem Volke Fühlung haben und genau wissen,
-wie's einerseits in den Schlössern, andrerseits in den Hütten
-der Armut aussieht, das ist immer in hohem Maße fördernd und
-lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern verzichte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p>Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.</p>
-
-<p>Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine
-ganze Länge hin zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter
-Gang, neben dem links und rechts, in wohlgepflegten
-Beeten, Rittersporn und Studentenblumen blühten. Gerade
-in seiner Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu einem
-runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an
-die Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier
-das eingelegte blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten
-natürlich aus der Globsower »grünen Hütte«. Weiterhin,
-ganz am Ausgange des Gartens, wurde man eines etwas
-schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem Pflaumenbaum
-dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten
-her in den der Domina herüberreichte.</p>
-
-<p>Rex führte die Tante. Dann folgte Woldemar mit Hauptmann
-Czako, weit genug ab von dem vorausgehenden Paar,
-um ungeniert miteinander sprechen zu können.</p>
-
-<p>»Nun, Czako,« sagte Woldemar, »bleiben wir, wenn's
-sein kann, noch ein bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen
-gar nicht sagen, wie gern ich in diesem Garten bin. Allen Ernstes.
-Ich habe hier nämlich als Junge hundertmal gespielt und in
-den Birnbäumen gesessen; damals standen hier noch etliche,
-hier links, wo jetzt die Mohrrübenbeete stehen. Ich mache mir
-nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir
-heute welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?«</p>
-
-<p>»Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten,
-aber doch mit viel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn
-gehört eine Stiftsdame.«</p>
-
-<p>»Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft,
-ob Sie solche Gärten leiden können.«</p>
-
-<p>»Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden, wenn sie
-eine Kegelbahn haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu,
-lang und schmal. Alle unsre modernen Kegelbahnen sind zu<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-kurz, wie früher alle Betten zu kurz waren. Wenn die Kugel
-aufsetzt, ist sie auch schon da, und der Bengel unten schreit einen
-an mit seinem ›acht um den König‹. Für mich fängt das Vergnügen
-erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel
-anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene
-Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf
-der rechten Bahn. Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches,
-oder meinetwegen auch Politisches.«</p>
-
-<p>Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hin,
-bis an die Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum
-seinen Zweig über den Zaun wegstreckte. Neben dem
-Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm, stand eine grüngestrichene
-Bank, auf der, von dem Gezweig überdacht, eine
-Dame saß, mit einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder.
-Als sich die Herrschaften ihr näherten, erhob sie sich und schritt
-auf die Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte
-sie sich gegen die drei Herren.</p>
-
-<p>»Erlauben Sie mir,« sagte Adelheid, »Sie mit meiner
-lieben Freundin, Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu
-machen. Hauptmann von Czako, Ministerialassessor von
-Rex … Meinen Neffen, liebe Schmargendorf, kennen Sie ja.«</p>
-
-<p>Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr
-aus dem Gürtel hervor und sagte: »Wir haben noch zehn
-Minuten. Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir noch in Gottes
-freier Natur. Woldemar, führe meine liebe Freundin, oder
-lieber Sie, Herr Hauptmann, &ndash; Fräulein von Schmargendorf
-wird ohnehin Ihre Tischdame sein.«</p>
-
-<p>Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich,
-einige vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille.
-Von den sieben Schönheiten, über die jede Evastochter Verfügung
-haben soll, hatte sie, soweit sich ihr »Kredit« feststellen
-ließ, nur die Büste. Sie war sich dessen denn auch bewußt und
-trug immer dunkle Tuchkleider, mit einem Sammetbesatz oberhalb<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-der Taille. Dieser Besatz bestand aus drei Dreiecken,
-deren Spitze nach unten lief. Sie war immer fidel, zunächst
-aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal
-gehört hatte: Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung
-zu sein, obwohl sie keinen rechten Nutzen mehr daraus
-ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es nicht, der Pastor war
-natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter nach unten
-ging es nicht.</p>
-
-<p>Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich
-immer erst an der Glaskugel traf, wenn das voranschreitende
-Paar schon wieder auf dem Rückwege war. Czako grüßte dann
-jedesmal militärisch zur Domina hinüber.</p>
-
-<p>Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest engagiert
-und verhandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des
-Sektiererwesens. Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst
-auf dem Punkte stand, Irvingianer zu werden; er war aber
-Lebemann genug, um sich schnell zurechtzufinden und vor
-allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von Adelheid geäußerten
-Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in das
-Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort einer
-vollen Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging weiter,
-und sich abwechselnd auf die Apokalypse und dann wieder auf
-Fix berufend, betonte sie, daß wir am Anfang vom Ende
-stünden. Fix gehe freilich wohl etwas zu weit, wenn er eigentlich
-keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose Beunruhigungen,
-weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von
-solchen Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens
-alles nochmals zu prüfen. »Kein Zweifel,« so schloß sie, »Fix
-ist für Rechnungssachen entschieden talentiert, aber ich habe
-ihm trotzdem sagen müssen, daß zwischen Rechnungen und
-Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.«</p>
-
-<p>Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm
-gereicht; Woldemar, weil der Mittelgang zu schmal war, folgte<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-wenige Schritte hinter den beiden und trat nur immer da,
-wo der Weg sich erweiterte, vorübergehend an ihre Seite.</p>
-
-<p>»Wie glücklich ich bin, Herr Hauptmann,« sagte die Schmargendorf,
-»Ihre Partnerin zu sein, jetzt schon hier und dann
-später bei Tisch.«</p>
-
-<p>Czako verneigte sich.</p>
-
-<p>»Und merkwürdig,« fuhr sie fort, »daß gerade das Regiment
-Alexander immer so vergnügte Herren hat; einen Namensvetter
-von Ihnen, oder vielleicht war es auch Ihr älterer Herr
-Bruder, den hab ich noch von einer Einquartierung in der
-Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung, trotzdem es schon an
-die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich war damals noch
-blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen
-Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber schon nicht
-mehr so recht. Und ich hab auch noch den Namenszug und
-einen kleinen Vers von ihm in meinem Album. ›Jegor von
-Baczko, Secondelieutenant im Regiment Alexander.‹ Ja,
-Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen. Oder
-wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens.«</p>
-
-<p>Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen
-überhaupt nicht liebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehört
-und in bezug auf solche Dinge kleinlicher als sein Freund, der
-Hauptmann, dachte, wollte durchaus Remedur schaffen und
-bat, das Fräulein darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß
-der Herr, der den Vorzug habe, sie zu führen, nicht ein Herr von
-Baczko, sondern ein Herr von Czako sei.</p>
-
-<p>Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit,
-Czako selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.</p>
-
-<p>»Lieber Stechlin,« begann er, »ich beschwöre Sie um
-sechsundsechzig Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie
-doch nicht mit solchen Kleinigkeiten, die man jetzt, glaub ich,
-Velleitäten nennt. Wenigstens hab ich das Wort immer so
-übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako &ndash; wie kann man davon<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-so viel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen, ist Schall
-und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in
-Widerspruch mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch
-am Ende nicht aus.«</p>
-
-<p>»Hihi.«</p>
-
-<p>»Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus
-fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten
-Kreuzzug zurückzuführen, ein Mann wie Sie sollte mir doch
-diese kleine Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in
-den Schoß gefallene ›Baczko‹ … Gott sei Dank, daß auch
-unsereinem noch was in den Schoß fallen kann&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Hihi.«</p>
-
-<p>»Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch
-einfach eine Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement.
-Die Baczkos reichen mindestens bis Huß oder Ziska,
-und wenn es vielleicht Ungarn sind, bis auf die Hunyadis
-zurück, während der erste wirkliche Czako noch keine zweihundert
-Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen
-wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen wirklichen
-Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder
-oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen ›<em class="gesperrt">von</em> Czako‹
-gegeben haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen
-seiner Umgebung oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung
-her. Wenn ich wirklich noch mal Lust verspüren sollte, mich
-standesgemäß zu verheiraten, so scheitre ich vielleicht an der
-Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde
-wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn auch nur durch
-eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu erhöhen
-trachtete.«</p>
-
-<p>Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich
-wieder zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: »Sie
-glauben also wirklich, Herr von … Herr Hauptmann …
-daß Sie von einem Czako herstammen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>»Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt
-möglich ist, bin ich fest davon durchdrungen.«</p>
-
-<p>In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des
-Platzes mit der Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter
-dem Pflaumenbaumzweige. Die Schmargendorf hatte schon
-lange vorher nach zwei großen, dicht zusammensitzenden Pflaumen
-hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt ihre Hand danach
-ausstreckte: »Nun wollen wir aber ein Vielliebchen essen,
-Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist
-immer ein Vielliebchen.«</p>
-
-<p>»Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber
-mein gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit
-dieser herrlichen Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu
-warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für Vielliebchen.«</p>
-
-<p>»Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde
-diese zwei bis dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier,
-die nicht mehr so ganz dazu gehört, die werd ich essen. Ich
-esse so gern Pflaumen. Und Sie werden sie mir auch gönnen.«</p>
-
-<p>»Alles, alles. Eine Welt.«</p>
-
-<p>Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies
-Pflaumenthema, namentlich auch über die sich darin bergenden
-Wagnisse verbreiten wollte, kam aber nicht dazu, weil eben
-jetzt ein Diener in weißen Baumwollhandschuhen, augenscheinlich
-eine Gelegenheitsschöpfung, in der Hoftür sichtbar wurde.
-Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen, daß der
-Tisch gedeckt sei. Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht
-in diese zu raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte
-sich deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein
-großes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden
-rotgetüpfelten Pflaumen legte. Gleich danach aber aufs neue
-des Hauptmanns Arm nehmend, schritt sie, unter Vorantritt
-der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt auf den Salon
-zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin
-stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden,
-starren Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen
-schienen.</p>
-
-<p>»Ah, meine Liebste,« sagte die Domina, auf diese zweite
-Konventualin zuschreitend, »es freut mich herzlich, daß Sie sich,
-trotz Migräne, noch herausgemacht haben; wir wären sonst
-ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen:
-Herr von Rex, Herr von Czako … Fräulein von Triglaff
-aus dem Hause Triglaff.«</p>
-
-<p>Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem
-sie keine Fremde war, an die Konventualin herantrat, um ein
-Wort der Begrüßung an sie zu richten. Czako, die Triglaff
-unwillkürlich musternd, war sofort von einer ihn frappierenden
-Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich danach dem sein Monocle
-wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu:
-»Krippenstapel, weibliche Linie.«</p>
-
-<p>Rex nickte.</p>
-
-<p>Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde
-stehende Diener den oberen und unteren Türriegel mit einer
-gewissen Ostentation zurückgezogen; einen Augenblick noch,
-und beide Flügel zu dem neben dem Salon gelegenen Eßzimmer
-taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf.</p>
-
-<p>»Herr von Rex,« sagte die Domina, »darf ich um Ihren
-Arm bitten?«</p>
-
-<p>Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten
-alle drei Paare in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher
-und nicht ohne Geschick hergerichteter Tafel zwei Blumenvasen
-und zwei silberne Doppelleuchter standen. Auch der Diener
-war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen am Büfett in Front
-einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem er den
-Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg
-der Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<h3 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches
-ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß
-neben anderm auch jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel
-bedeuten; aber <em class="gesperrt">eine</em> Gabe besaß sie nicht, die, das Gespräch,
-wie's in einem engsten Zirkel doch sein sollte, zusammenzufassen.
-So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei
-Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam,
-doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die
-Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders
-sein. Die Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so
-häufig findet, verband in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit
-mit ganz ungewöhnlicher Umnachtung, und ein letzter Rest
-von Helle, der ihr vielleicht geblieben sein mochte, war ihr durch
-eine stupende Triglaffvorstellung schließlich doch auch noch abhanden
-gekommen. Eine direkte Deszendenz von dem gleichnamigen
-Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war freilich
-nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen,
-und wenn dergleichen überhaupt vorkommen oder nach stiller
-Übereinkunft auch nur allgemein angenommen werden konnte,
-so war nicht abzusehen, warum gerade <em class="gesperrt">sie</em> leer ausgehen oder
-auf solche Möglichkeit verzichten sollte. Dieser hochgespannten,
-ganz im Speziellen sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach
-denn auch das gereizte Gefühl, das sie gegen <em class="gesperrt">den</em> Zweig des
-Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach seinem pommerschen
-Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, &ndash; eine Zubenennung,
-die <em class="gesperrt">ihr</em>, der einzig wirklichen Triglaff, einfach als ein Übergriff
-oder doch mindestens als eine Beeinträchtigung erschien.
-Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte
-seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff
-als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der
-übrigens öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-auswendig gelernt, die während seiner Kinderzeit
-in Kloster Wutz gelebt hatten und von denen er recht gut
-wußte, daß sie seit lange tot waren. Er begann aber trotzdem
-regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob das Dasein dieser
-längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit unterläge.</p>
-
-<p>»Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine
-Drachenhausen, Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte
-dann, wenn ich nicht irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde
-mich lebhaft interessieren, in Erfahrung zu bringen, ob sie noch
-lebt oder ob sie vielleicht schon tot ist.«</p>
-
-<p>Die Triglaff nickte.</p>
-
-<p>Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen
-Rex dahin aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff
-ganz natürlich zusammenhänge. »Götzen nicken bloß.«</p>
-
-<p>Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen
-Tante Adelheid und dem Ministerialassessor, und das Gespräch
-beider, das nur sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus
-den Charakter einer gemütlichen, aber doch durch Ernst
-geweihten Synodalplauderei gehabt, wenn sich nicht die Gestalt
-des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt hätte, dieses
-Dominaprotegés, von dem Rex, unter Zurückhaltung seiner
-wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, »daß in diesem
-klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge
-mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine«.</p>
-
-<p>Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise
-die Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren
-waren aber doch Czako und die Schmargendorf, die
-ganz nach rechts hin saßen, in Nähe der dicken Fenstergardinen
-aus Wollstoff, in deren Falten denn auch vieles glücklicherweise
-verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch und an diesen ein
-Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun wurden
-gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Sauce, die zugleich
-Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako,<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen
-hatte, nahm ein zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht
-und fühlte das Bedürfnis, dies zu motivieren.</p>
-
-<p>»Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier,« begann
-er. »Aber freilich heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern
-abend bei Dubslav von Stechlin Krammetsvögelbrüste, heute
-bei Adelheid von Stechlin Rebhuhnflügel.«</p>
-
-<p>»Und was ziehen Sie vor?« fragte die Schmargendorf.</p>
-
-<p>»Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage
-wohl zugunsten ersterer entschieden. Aber hier und speziell
-für mich ist doch wohl der Ausnahmefall gegeben.«</p>
-
-<p>»Warum ein Ausnahmefall?«</p>
-
-<p>»Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen. Und ich antworte,
-so gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Hihi.«</p>
-
-<p>»In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will,
-ein großartiger Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts
-Diesseitigeres als Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als
-Flügel. Der Flügel trägt uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz
-aller nach der andern Seite hin liegenden Verlockung, möchte
-ich alles, was Flügel heißt, doch höher stellen.«</p>
-
-<p>Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen.
-Aber es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm
-zunächst sitzende Triglaff aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen
-alles, was gesprochen wurde, verschloß, während andrerseits
-die Domina, nachdem der Diener allerlei kleine Spitzgläser
-herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit einer Ansprache beschäftigt
-war.</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen,« sagte
-sie, während sie sich halb erhob, »wie glücklich es mich macht,
-Sie in meinem Kloster begrüßen zu können. Herr von Rex,
-Herr von Czako, Ihr Wohl.«</p>
-
-<p>Man stieß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-man sich wieder gesetzt hatte, seine Bewunderung über den
-schönen Wein aus. »Ich vermute Montefiascone.«</p>
-
-<p>»Vornehmer, Herr von Rex,« sagte Adelheid in guter Stimmung,
-»eine Rangstufe höher. Nicht Montefiascone, den wir
-allerdings unter meiner Amtsvorgängerin auch hier im Keller
-hatten, sondern <em class="antiqua">Lacrimae Christi</em>. Mein Bruder, der alles bemängelt,
-meinte freilich, als ich ihm vor einiger Zeit davon
-vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein, höchstens
-Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte.«</p>
-
-<p>»Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich Ihren
-Herrn Bruder durchaus wiedererkenne.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns
-der Name gerade dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt.
-Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem
-Stift, einem Kloster sind … und so meine ich denn, der Ort,
-an dem wir leben, gibt uns doch auch ein Recht und eine
-Weihe.«</p>
-
-<p>»Kein Zweifel. Und ich muß nachträglich die Bedenken
-Ihres Herrn Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn
-ich mich so ausdrücken darf, ein kleidsamer Irrtum … Auf
-das Wohl Ihres Herrn Bruders.«</p>
-
-<p>Damit schloß das etwas difficile Zwiegespräch, dem alle
-mit einiger Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf.
-»Ach,« sagte diese, während sie sich halb in den Vorhängen
-versteckte, »wenn wir von dem Wein trinken, dann
-hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die Domina muß
-sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert
-haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name
-stimmt ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem
-Christenmenschen denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn
-man so recht vergnügt ist.«</p>
-
-<p>»Darauf wollen wir anstoßen,« sagte Czako, völlig im<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-Dunkeln lassend, ob er mehr den Christenmenschen oder den
-Ernst oder das Vergnügtsein meinte.</p>
-
-<p>»Und überhaupt,« fuhr die Schmargendorf fort, »die
-Weine müßten eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens
-sehr, sehr viele.«</p>
-
-<p>»Ganz meine Meinung, meine Gnädigste,« sagte Czako.
-»Da sind wirklich so manche … Man darf aber andrerseits
-das Zartgefühl nicht überspannen. Will man das, so bringen
-wir uns einfach um die reichsten Quellen wahrer Poesie. Da
-haben wir beispielsweise, so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff,
-die ›Milch der Greise‹ &ndash; zunächst ein durchaus
-unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache
-liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen,
-selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und
-ehe wir's uns versehen, hat sich die ›Milch der Greise‹ in eine
-›Liebfrauenmilch‹ verwandelt.«</p>
-
-<p>»Hihi … Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber
-nur selten. Und es ist auch nicht <em class="gesperrt">der</em> Name, woran ich eigentlich
-dachte.«</p>
-
-<p>»Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben eben
-noch andre, decidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch
-das Refugium der französischen Aussprache bleibt.«</p>
-
-<p>»Hihi … Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht
-immer, und jedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist
-und die Triglaff die Flasche hin und her dreht (und ich habe
-gesehen, daß sie sie dreimal herumdrehte), dann lacht Fix …
-Übrigens sieht es so aus, als ob die Domina noch was auf
-dem Herzen hätte; sie macht ein so feierliches Gesicht. Oder
-vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben.«</p>
-
-<p>Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete.
-»Meine Herren,« sagte die Domina, »da Sie zu meinem Leidwesen
-so früh fort wollen (wir haben nur noch wenig über eine
-Viertelstunde), so geb ich anheim, ob wir den Kaffee lieber in<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem
-Holunderbaum.«</p>
-
-<p>Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man
-sich unmittelbar danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf
-die Hand und sagte mit einem gewissen Empressement: »Unter
-dem Holunderbaum also.«</p>
-
-<p>Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf
-was es sich bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich
-daran, sich ganz privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf
-auf einen kurzen, aber großen Augenblick als »Käthchen«
-vorstellen zu können.</p>
-
-<p>Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern
-auch Rex und Woldemar für den Holunderbaum waren,
-und so näherte man sich denn diesem.</p>
-
-<p>Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten
-in den Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick
-wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten sie, was es mit
-ihm auf sich habe. Der Baum, der uralt sein mochte, stand
-außerhalb des Gehöftes, war aber, ähnlich wie der Pflaumenbaum
-im Garten, mit seinem Gezweig über das zerbröckelte
-Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine
-Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh,
-das war, daß sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden
-Ebereschenbäumen wie durchwachsen war, so daß man überall
-neben den schwarzen Fruchtdolden des Holunders die leuchtenden
-roten Ebereschenbüschel sah. Auch das verschiedene Laub
-schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig entzückt, beinahe
-mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst war,
-so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung
-und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete
-Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte
-Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase, dazwischen Karren
-und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe, während ein<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube
-herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff
-zu messen.</p>
-
-<p>Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die
-Pferde vor. Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an
-die Domina herantreten und ihr einige Dankesworte sagen
-konnte, kam die Schmargendorf, die kurz vorher ihren Platz
-verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf dem die beiden
-zusammengewachsenen Pflaumen lagen. »Sie wollten mir
-entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich
-will mein Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege.«</p>
-
-<p>»Sie siegen immer, meine Gnädigste.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Woldemars Pferd
-am Zügel. Aber weder die Schmargendorf noch die Triglaff
-erwiesen sich, als die beiden Herren fort und die drei Damen
-samt Woldemar in die Wohnräume zurückgekehrt waren,
-irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die Domina,
-die wegen zu verhandelnder difficiler Dinge mit ihrem Neffen
-allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war
-steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf
-mit einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse
-sie's; sie habe noch eine Photographie, die wolle sie gleich an
-Herrn von Czako schicken, und wenn er dann morgen mittag
-von Cremmen her in Berlin einträfe, dann werd er Brief und
-Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes ein
-»Guten Morgen, Vielliebchen«. Die Domina fand alles so
-lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran
-lag, die Schmargendorf loszuwerden, so hielt sie mit ihrer
-wahren Meinung zurück und sagte: »Ja, liebe Schmargendorf,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-wenn Sie so was vorhaben, dann ist es allerdings die höchste
-Zeit. Der Postbote kann gleich kommen.« Und wirklich, die
-Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurücklassend, deren
-Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann
-wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war
-bei dem allem ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen
-oder von ungefähr in Familienangelegenheiten eingeweiht
-zu werden, lag ihr völlig fern, und alles, was sie trotzdem
-zum Ausharren bestimmte, war lediglich der Wunsch,
-solchem historischen Beisammensein eine durch ihre Triglaffgegenwart
-gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich
-ging auch sie. Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und
-Tante und Neffe ließen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei
-braune Plüschfauteuils (Erbstücke noch vom Schloß Stechlin
-her) nieder, Woldemar allerdings mit äußerster Vorsicht,
-weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad erreicht hatten,
-wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben, sondern
-auch zu stechen anfangen.</p>
-
-<p>Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren
-Neffen endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem
-Behagen: »Ich hätte dir schon bei Tische gern
-was Bessres an die Seite gegeben; aber wir haben hier, wie
-du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und von diesen
-vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch
-die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig
-wird, ist eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die
-Teschendorf, die mal Gouvernante bei den Esterhazys war
-und auch noch den Fürsten Schwarzenberg, dessen Frau in
-Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die hätt ich natürlich solchem
-feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt, aber es
-ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf, ist so zittrig
-und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab ich denn
-doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-doch wenigstens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und
-die Schmargendorf&nbsp;…«</p>
-
-<p>Woldemar lachte.</p>
-
-<p>»Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten,
-daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie
-hat doch auch was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst
-neulich wieder in einem intimen Gespräch mit unserm Fix
-zeigte, der trotz aller Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm
-zugesteht) an unserm letzten Whistabend Äußerungen tat, die
-wir alle tief bedauern mußten, wir, die wir die Whistpartie
-machten, nun schon ganz gewiß, aber auch die gute, taube
-Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah, alles auf
-einen Zettel schreiben mußten.«</p>
-
-<p>»Und was war es denn?«</p>
-
-<p>»Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir
-denken kannst, jetzt das Teuerste bedeutet, um den ›Wortlaut‹.
-Und denke dir, unser Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben
-Tag was gelesen haben, was ihn abtrünnig gemacht
-hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar. Und kurz und
-gut, er sagte: das mit dem ›Wortlaut‹, das ginge nicht länger
-mehr, die ›Werte‹ wären jetzt anders, und weil die Werte nicht
-mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten
-und müßten gemodelt werden. Er sagte ›gemodelt‹. Aber was
-er am meisten immer wieder betonte, das waren die ›Werte‹
-und die Notwendigkeit der ›Umwertung‹.«</p>
-
-<p>»Und was sagte die Schmargendorf dazu?«</p>
-
-<p>»Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf
-zu bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende
-Nacht nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam
-ihr ein tiefer Schlaf, und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir
-und dem Superintendenten versichert, einen Engel, der mit
-seinem Flammenfinger immer auf ein Buch wies und in dem
-Buch auf eine und dieselbe Stelle.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<p>»Welche Stelle?«</p>
-
-<p>»Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte
-sie genau gelesen und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie
-falsch, weil sie Sonntags in der Kirche nie recht aufpaßt. Und
-wir sagten ihr das auch. Und denke dir, sie widersprach nicht
-und blieb überhaupt ganz ruhig dabei. ›Ja,‹ sagte sie, ›sie wisse
-recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt hätte, sie habe nie
-was richtig hersagen können; aber das wisse sie ganz genau, die
-Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der ›Wortlaut‹ gewesen.‹«</p>
-
-<p>»Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante?
-Diese gute Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen;
-aber was ihren Traum angeht, da kann ich beim besten Willen
-nicht mit. Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein oder ein
-Pastor. Dreißig Jahre früher wär es ein Student gewesen.«</p>
-
-<p>»Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue
-Façon, in der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer
-wie der andre. Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst
-dich jetzt über die gute Schmargendorf, und dein Freund,
-der Hauptmann, soviel hab ich ganz deutlich gesehen, tat es
-auch und hat sie bei Tische geuzt.«</p>
-
-<p>»Geuzt?«</p>
-
-<p>»Du wunderst dich über das Wort, und ich wundre mich
-selber darüber. Aber daran ist auch unser guter Fix schuld.
-Der ist alle Monat mal nach Berlin rüber, und wenn er dann
-wiederkommt, dann bringt er so was mit, und wiewohl ich's
-unpassend finde, nehm ich's doch an und die Schmargendorf
-auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute Schimonski
-auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage ›geuzt‹,
-und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen sollen. Aber
-das muß wahr sein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf
-der Wippe. Siehst du ihn oft?«</p>
-
-<p>»Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen.
-Von unsrer Kaserne bis zu seiner, oder auch umgekehrt,<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-das ist eine kleine Reise. Dazu kommt noch, daß wir
-vor unserm Halleschen Tor eigentlich gar nichts haben, bloß
-die Kirchhöfe, das Tempelhofer Feld und das Rotherstift.«</p>
-
-<p>»Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgendwo hin
-wollt. Beinah muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer
-einen Stich, wenn ich mal in Berlin bin, so die Offiziere zu
-sehen, wie sie da hinten stehen und Platz machen, wenn eine
-Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und manchmal
-auch mit ner Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.«</p>
-
-<p>»Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich,
-und man kann mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos
-Kaserne. Der weite Weg ist es auch eigentlich nicht, wenigstens
-nicht allein, weshalb ich Czako so selten sehe. Der Hauptgrund
-ist doch wohl der, er paßt nicht so ganz zu uns und eigentlich
-auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein
-Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten.
-Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein Publikum,
-dann kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das Publikum ist,
-desto mehr. Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht.
-Ich muß sagen, ich hab ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm
-Rex doch sehr überlegen.«</p>
-
-<p>»Ja, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt,
-ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es
-aber wissen, wodurch er ihm überlegen ist.«</p>
-
-<p>»Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt.
-Rex ist mehr als Czako. Und dann ist Rex Kavallerist.«</p>
-
-<p>»Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch
-darüber hinaus, ist er Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade.«</p>
-
-<p>»Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad
-von dir.«</p>
-
-<p>»Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-erstens ist er in der Reserve, und zweitens steht er bei den
-zweiten Dragonern.«</p>
-
-<p>»Macht das nen Unterschied?«</p>
-
-<p>»Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein.
-Bei Mars la Tour haben wir dieselbe Attacke geritten.«</p>
-
-<p>»Und doch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und doch ist da ein gewisses <em class="antiqua">je ne sais quoi</em>.«</p>
-
-<p>»Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer.
-Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt.
-Aber lassen wir das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich,
-wenn es so bloß nach der Zahl ginge. Was sollte denn da
-das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unsrer guten
-Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das hundertfünfundvierzigste.«</p>
-
-<p>»Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder.
-Aber so bei der Garde&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Domina schüttelte den Kopf. »Darin, mein lieber
-Woldemar, kann ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt
-mitunter, ich sei zu exklusiv, aber so exklusiv bin ich doch noch
-lange nicht. Und solch Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig
-und dabei so ›abgeklärt‹, wie manche jetzt sagen, und, Gott
-verzeih mir die Sünde, auch so liberal, worüber selbst dein Vater
-klagt. Und nun kommst du mir mit solchem Vorurteil, ja,
-verzeih mir das Wort, mit solchen Überheblichkeiten. Ich erkenne
-dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste
-Garderegiment nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es
-denn mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will
-ich zugeben, sie haben die Blechmützen und sehen aus, als ob
-sie lauter Holländerinnen heiraten wollten … Was ihnen
-schon gefallen sollte.«</p>
-
-<p>»Den Holländerinnen?«</p>
-
-<p>»Nun, denen auch,« lachte die Tante. »Aber ich meinte
-jetzt unsre Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-recht gut, was es mit den großen Grenadieren auf sich hat;
-aber die andern sind doch ebensogut, und Potsdam ist doch
-schließlich bloß Potsdam.«</p>
-
-<p>»Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam
-sind, das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ›Potsdamer
-Wachtparade‹. Und dann das Wort ›erstes‹ spielt allerdings
-auch mit. Ein alter Römer, mit dessen Namen ich dich
-nicht behelligen will, der wollte in seinem Potsdam lieber der
-Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist,
-nun, der ist eben der Erste, und als die andern aufstanden,
-da hatte dieser ›Erste‹ schon seinen Morgenspaziergang gemacht
-und mitunter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment
-geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen
-schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit
-wie mit dem ältesten Sohn. Der älteste Sohn kann unter
-Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder, aber
-er ist der älteste, das kann ihm keiner nehmen, und das gibt
-ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen
-Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine
-hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen.
-In das eine Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt
-bloß Mauerblümchen. Es wird jedem seine Stelle gegeben.
-Und so ist es auch mit unserm Regiment. Wir mögen nicht
-besser sein als die andern, aber wir sind die ersten, wir haben
-die Nummer eins.«</p>
-
-<p>»Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar.
-Was in unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer
-die Schneidigkeit.«</p>
-
-<p>»Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon.
-Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was
-wir zu tun haben. Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist bloß
-Renommisterei. Und das ist das, was bei uns am niedrigsten
-steht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>»Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast, das gefällt
-mir. Und in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater
-loben. Er hat vieles, was mir nicht zusagt, aber darin ist er
-doch ein echter Stechlin. Und du bist auch so. Und das hab ich
-immer gefunden, alle, die so sind, die schießen zuletzt doch den
-Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen.«</p>
-
-<p>Dies »bei den Damen« war nicht ohne Absicht gesprochen
-und schien auf das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema
-hinüberführen zu sollen. Aber ehe die Tante noch eine
-direkte Frage stellen konnte, wurde der Rentmeister gemeldet,
-der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina
-wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar
-und sagte: »Soll ich ihn fortschicken?«</p>
-
-<p>»Es wird kaum gehen, liebe Tante.«</p>
-
-<p>»Nun denn.«</p>
-
-<p>Und gleich danach trat Fix ein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten,
-erst im Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister
-Fix, ritten Rex und Czako (Fritz mit dem Leinpferd
-folgend) auf Cremmen zu. Das war noch eine tüchtige Strecke,
-gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide Reiter übereingekommen,
-nichts zu übereilen und sich's nach Möglichkeit
-bequem zu machen. »Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um
-acht oder um neun über den Cremmer Damm reiten. Das
-bißchen Abendrot, das da drüben noch hinter dem Kirchturm
-steht … Fritz, wie heißt er? Welcher Kirchturm ist es? …«
-&ndash; »Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann!« &ndash; »… Also,
-das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen
-steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-also doch, und von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens
-gern einmal näher angesehen hätte (man muß so was immer
-auf dem Hinwege mitnehmen), kommt uns bei Tageslicht
-nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt etwas ab vom
-Wege.«</p>
-
-<p>»Schade,« sagte Rex.</p>
-
-<p>»Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person
-komme schließlich drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex,
-sollte dergleichen mehr wallfahrtartig auffassen.«</p>
-
-<p>»Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem
-kleinen Abstecher ins Lästerliche. Was soll ›Wallfahrt‹ hier
-überhaupt? Und dann, was haben Sie gegen Wallfahrten?
-Und was haben Sie gegen die Hohenlohes?«</p>
-
-<p>»Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen
-die einen, und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was
-ich von Wallfahrten gelesen habe, hat mich immer nur wünschen
-lassen, mal mit dabei zu sein. Und <em class="antiqua">ad vocem</em> der Hohenlohes,
-so kann ich Ihnen nur sagen, für die hab ich sogar was übrig
-in meinem Herzen, viel, viel mehr als für unser eigentliches
-Landesgewächs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre Autochthonen.«</p>
-
-<p>»Und das meinen Sie ganz ernsthaft?«</p>
-
-<p>»Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie
-vernünftige Leute darüber reden. Wenn ich sage ›wir‹, so meine
-ich natürlich mich. Denn Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht
-ein bißchen zu sehr.«</p>
-
-<p>Rex lächelte. »Nun gut; ich will's Ihnen glauben.«</p>
-
-<p>»Also die Hohenlohes,« fuhr Czako fort. »Ja, wie steht es
-damit? Wie liegt da die Sache? Da kommt hier so Anno
-Domini ein Burggraf ins Land, und das Land will ihn nicht,
-und er muß sich alles erst erobern, die Städte beinah und die
-Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich erst recht. Und der
-Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht helfen.<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch
-kommt, ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische
-Leute, die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen. Denn
-ein bißchen so was war es. Und geht auch gleich los, und die
-Quitzows und die, die's sein wollen, rufen die Pommern ins
-Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoßen sie
-zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die
-Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen
-waren. Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren
-Jahren. Der fiel zuerst und versank in den Sumpf, und da
-liegt er. Das heißt, sie haben ihn rausgeholt, und nun liegt
-er in der Klosterkirche. Und dieser eine, der da voran fiel, der
-hieß Hohenlohe.«</p>
-
-<p>»Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im
-Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer,
-Sie haben so was allein gepachtet.«</p>
-
-<p>»Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß.
-Aber was steht nicht alles &ndash; von Kinderfreund gar nicht
-zu reden &ndash; in Bibel und Katechismus, und die Leute wissen
-es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und ob es nun drin steht
-oder nicht drin steht, ich sage nur: so hat es angefangen, und so
-läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte Fürst, der
-jetzt dran ist, daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes
-Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin die Bismarckschen
-Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre
-Tage vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger,
-und ein Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der
-damals am Cremmer Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen,
-Rex, das ist das, was mir imponiert; immer da sein, wenn Not
-an Mann ist. Die Kleinen von hier, trotz der ›Loyalität bis auf
-die Knochen‹, die mucken immer bloß auf, aber die wirklich
-Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber, sondern
-dem Gefühl ihrer Pflicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<p>Rex war einverstanden und wiederholte nur: »Schade,
-daß wir so spät an dem Denkmal vorbeikommen.«</p>
-
-<p>»Ja, schade,« sagte Czako. »Wir müssen es uns aber schenken.
-Im übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns
-noch weiter zu sagen haben, die Hohenlohes aus dem Spiel.
-Andres liegt uns heute näher. Wie hat Ihnen denn eigentlich
-die Schmargendorf gefallen?«</p>
-
-<p>»Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten.
-Außerdem haben Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich,
-und mir war immer, als ob ich Faust und Gretchen sähe.«</p>
-
-<p>Czako lachte. »Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar
-vor, und ich bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei
-zufällt &ndash; der mit der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre
-Nummer wie der sentimentale ›Habe-nun-ach-Mann‹ &ndash; diese
-Mephistorolle, sag ich, gefällt mir besser, und was die Schmargendorf
-angeht, so kann ich nur sagen: Von meiner Martha lass'
-ich nicht.«</p>
-
-<p>»Czako, Sie münden wieder ins Frivole.«</p>
-
-<p>»Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht
-haben. Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes.
-Aber über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und
-sind wir erst bei der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen.
-Ich fürchte, unser Freund Woldemar befindet sich in diesem
-Augenblick in einer scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt
-ihm seit Jahr und Tag (er hat mir selber Andeutungen darüber
-gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren, mutmaßlich weil ihr
-die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach ein Schrecknis
-ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben
-immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie.
-Freilich auch andre, die klüger sein sollten. Unsre Leute gefallen
-sich nun mal in der Idee, sie hingen mit dem Fortbestande
-der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen. In Wahrheit
-liegt es so, daß wir sämtlich abkommen können. Ohne die<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-Czakos geht es nun schon gewiß, wofür sozusagen historisch-symbolisch
-der Beweis erbracht ist.«</p>
-
-<p>»Und die Rex?«</p>
-
-<p>»Vor diesem Namen mach ich halt.«</p>
-
-<p>»Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen
-wir die Czakos, und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen
-bei unserm Freunde Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten,
-darin haben Sie recht.«</p>
-
-<p>»Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle
-Lage nenne. Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren
-will und mit Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert.«</p>
-
-<p>»Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal,
-wenn Sie zu glauben anfangen, in einem großen Irrtum
-befinden.«</p>
-
-<p>»Das kann nicht sein.«</p>
-
-<p>»Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre mich nur,
-daß gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören
-und allen Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter,
-daß gerade Sie von dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen
-haben sollen. Sie verkehren doch auch bei den Xylanders,
-ja, ich glaube, Sie da, letzten Winter, mal kämpfend am Büfett
-gesehen zu haben.«</p>
-
-<p>»Gewiß.«</p>
-
-<p>»Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens,
-Baron und Frau, und in lebhaftestem Gespräche mit diesem
-bayerischen Baron ein distinguierter alter Herr und zwei Damen.
-Und diese drei, das waren die Barbys.«</p>
-
-<p>»Die Barbys,« wiederholte Czako, »Botschaftsrat oder
-dergleichen. Ja, gewiß, ich habe davon gehört; aber ich kann
-mich jedenfalls nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu
-haben. Und sicherlich nicht an jenem Abend, wo ja von Vorstellen
-keine Rede war, die reine Völkerschlacht. Aber Sie wollten
-mir, glaube ich, von eben diesen Barbys erzählen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen,
-daß Ihr Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben
-diesem Hause regelmäßig verkehrt.«</p>
-
-<p>»Er wird wohl in vielen Häusern verkehren.«</p>
-
-<p>»Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus
-ihn ganz in Anspruch nimmt.«</p>
-
-<p>»Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was
-bedeutet das?«</p>
-
-<p>»Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und
-sich mit einer Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist.
-Bloß eine Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen
-müssen, auch wenn sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt
-bereits anders verfügt haben sollte. Solche Dinge begleichen
-sich indessen fast immer. Unser Woldemar wird sich aber
-mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten gestellt sehen.«</p>
-
-<p>»Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert
-vielleicht Gegenliebe?«</p>
-
-<p>»Nein, Czako, von ›mankierender Gegenliebe‹, wie Sie sich
-auszudrücken belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten
-liegen in was anderm. Es sind da nämlich, wie ich mir
-schon anzudeuten erlaubte, zwei Komtessen im Hause. Nun,
-die jüngere wird es wohl werden, schon weil sie eben die jüngere
-ist. Aber so ganz sicher ist es doch keineswegs. Denn auch die
-ältere, wiewohl schon über dreißig, ist sehr reizend und zum Überfluß
-auch noch Witwe &ndash; das heißt eigentlich nicht Witwe, sondern
-richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau. Sie war nur
-ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet.«</p>
-
-<p>»Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet,« wiederholte
-Czako, während er unwillkürlich sein Pferd anhielt. »Aber
-Rex, das ist ja hoch pikant. Und daß ich erst heute davon höre
-und noch dazu durch Sie, der Sie sich von solchen Dingen doch
-zunächst entsetzt abwenden müßten. Aber so seid ihr Konventikler.
-Schließlich ist all dergleichen doch eigentlich euer Lieblingsfeld.<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-Und nun erzählen Sie weiter, ich bin neugierig
-wie ein Backfisch. Wer war denn der unglücklich Glückliche?«</p>
-
-<p>»Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war,
-der diese ältere Komtesse heiratete. Nun dieser glücklich Unglückliche
-&ndash; oder vielleicht auch umgekehrt &ndash; war auch Graf,
-sogar ein italienischer (vorausgesetzt, daß Sie dies als eine
-Steigerung ansehn), und hatte natürlich einen echt italienischen
-Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name wie der des florentinischen
-Bildhauers, von dem die berühmten Türen herrühren.«</p>
-
-<p>»Welche Türen?«</p>
-
-<p>»Nun, die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz, von
-denen Michelangelo gesagt haben soll, ›sie wären wert, den Eingang
-zum Paradiese zu bilden‹. Und diese Türen heißen denn auch,
-ihrem großen Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Türen. Übrigens
-eine Sache, von der ein Mann wie Sie was wissen müßte.«</p>
-
-<p>»Ja, Rex, Sie haben gut reden von ›wissen müssen‹. Sie
-sind aus einem großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen
-Kandidaten als Lehrer gehabt und sind dann auf Reisen gegangen,
-wo man so feine Dinge wegkriegt. Aber ich! Ich bin
-aus Ostrowo.«</p>
-
-<p>»Das ändert nichts.«</p>
-
-<p>»Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie,
-wo soll dergleichen bei mir herkommen? Was Hänschen nicht
-lernt, &ndash; dabei bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz
-deutlich einer Auktion in Ostrowo, bei der (es war in einem
-kommerzienrätlichen Hause) schließlich ein roter Kasten zur
-Versteigerung kam, ein Kasten mit Doppelbildern und einem
-Opernkucker dazu, der aber keiner war. Und all das kaufte sich
-meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein Wort,
-das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische Kunst
-gelernt. Die ›Türen‹ waren aber nicht dabei. Was können Sie
-da groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen
-wollen, ne Panoptikumbildung.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>Rex lachte. »Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere
-Komtesse Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten
-indes durchaus die Himmelstüren, &ndash; soviel läßt sich mit aller
-Bestimmtheit sagen. Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja,
-mehr, die scharmante Frau (›scharmant‹ ist übrigens ein viel
-zu plebejes und minderwertiges Wort) hat in ihrer Empörung
-den Namen Ghiberti wieder abgetan, und alle Welt nennt sie
-jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.«</p>
-
-<p>»Und der ist?«</p>
-
-<p>»Melusine.«</p>
-
-<p>»Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer
-Damm herangekommen. Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk,
-das am Himmel hinzog, verbarg die Mondsichel. Ein
-paarmal indessen trat sie hervor, und dann sahen sie bei halber
-Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten im Luche
-schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in
-Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich
-in einen munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen
-vor dem Gasthause zum »Markgrafen Otto«. Es schlug eben
-neun von der Nikolaikirche.</p>
-
-<p>Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in
-dem sich Rex über die in der Stadt herrschende Gesinnung
-und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte. Der Wirt stellte der
-einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte
-die Genugtuung, daß ihm Rex freundlich zunickte. Czako aber
-sagte: »Sagen Sie, Herr Wirt, Sie haben da ein so schönes
-Billard; ich habe mir jüngst erst sagen lassen, wenn's wirklich
-flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend Mark
-bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht
-es damit? Für möglich halt ich es.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p>
-
-<h2 id="Nach_dem_Eierhaeuschen">Nach dem Eierhäuschen</h2>
-
-<h3 id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter, lebten
-seit einer Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer,
-zwischen Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus,
-dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied sich, ohne sonst
-irgendwie hervorragend zu sein (Berlin ist nicht reich an Privathäusern,
-die Schönheit und Eigenart in sich vereinigen), immerhin
-vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von denen es durch
-zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon ein kleiner
-Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre ein
-Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebäude,
-dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung
-befand, von wildem Wein umwachsen waren. Schon
-diese Lage des Hauses hätte demselben ein bestimmtes Maß
-von Aufmerksamkeit gesichert, aber auch seine Fassade mit ihren
-zwei Loggien links und rechts ließ die des Weges Kommenden
-unwillkürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben diesen
-Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und
-Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit,
-mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in
-pompejischem Rot gehaltenen Einbau, mal die gleichartige
-Loggia, die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehörte.
-Dazwischen lag ein dritter großer Raum, der als Repräsentations-
-und zugleich als Eßzimmer diente. Das war, mit Ausnahme<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-der Schlaf- und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber
-man Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt,
-hing aber sehr an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel,
-oder auch nur der Gedanke daran, so gut wie ausgeschlossen
-war. Einmal hatte die liebenswürdige, besonders mit
-Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen
-solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um
-sofort einem lebhaften Widerspruche zu begegnen. »Ich sehe
-schon, Baronin, Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz
-gegen uns ins Gefecht. Ihre Lennéstraße! Nun ja, wenn's
-sein muß. Aber was haben Sie da groß? Sie haben den Lessing
-ganz und den Goethe halb. Und um beides will ich Sie
-beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung
-stellen. Aber die Lennéstraßenwelt ist geschlossen, ist zu, sie hat
-keinen Blick ins Weite, kein Wasser, das fließt, keinen Verkehr,
-der flutet. Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der
-herankommenden Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah
-und nicht zu weit, und sehe dabei, wie das Abendrot den Lokomotivenrauch
-durchglüht und in dem Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen
-schimmert, was will Ihre grüne Tiergartenwand
-dagegen?« Und dabei wies die Gräfin auf einen
-gerade vorüberdampfenden Zug, und die Baronin gab sich zufrieden.</p>
-
-<p>Ein solcher Abend war auch heute; die Balkontür stand
-auf, und ein kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den
-schweren Teppich, der durch das ganze Zimmer hin lag. Es
-mochte die sechste Stunde sein, und die Fenster drüben an den
-Häusern der andern Seite standen wie in roter Glut. Ganz in
-der Nähe des Kamins saß Armgard, die jüngere Tochter, in
-ihren Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht auf den
-Ständer gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin gearbeitet,
-hatte sie, seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und
-spielte statt dessen mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-griff, wenn es galt, leere Minuten auszufüllen. Sie spielte das
-Spiel sehr geschickt, und es gab immer einen kleinen hellen
-Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel. Melusine stand
-draußen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um
-sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen.</p>
-
-<p>»Armgard,« rief sie in das Zimmer hinein, »komm; die
-Sonne geht eben unter!«</p>
-
-<p>»Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe
-auch schon zwölfmal gefangen.«</p>
-
-<p>»Wen?«</p>
-
-<p>»Nun natürlich den Ball.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich
-dich so dasitzen sehe, so kommt es mir fast vor, als dächtest du
-selber auch so was. Du sitzt so märchenhaft da.«</p>
-
-<p>»Ach, du denkst immer nur an Märchen und glaubst, weil
-du Melusine heißt, du hast so was wie eine Verpflichtung
-dazu.«</p>
-
-<p>»Kann sein. Aber vor allem glaub ich, daß ich es getroffen
-habe. Weißt du, was?«</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu weit ab.«</p>
-
-<p>»Dann komm und sag es mir ins Ohr.«</p>
-
-<p>»Das ist zuviel verlangt. Denn erstens bin ich die ältere,
-und zweitens bist du's, die was von mir will. Aber ich will es
-so genau nicht nehmen.«</p>
-
-<p>Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester
-zu, nahm ihr das Fangspiel fort und sagte, während sie ihr die
-Hand auf die Stirn legte: »Du bist verliebt.«</p>
-
-<p>»Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man
-so klug ist wie du … Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas
-verliebt ist man immer.«</p>
-
-<p>»Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und die
-Finessen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen, und Armgard
-horchte.</p>
-
-<p>»Wie du dich verrätst,« lachte Melusine. »Du horchst und
-willst wissen, wer kommt.«</p>
-
-<p>Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die Tür ging
-bereits auf und Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern,
-trat ein, unmittelbar hinter ihr ein Gersonscher Livreediener
-mit einem in einen Riemen geschnallten Karton. »Er
-bringt die Hüte,« sagte die Kammerjungfer.</p>
-
-<p>»Ah, die Hüte. Ja, Armgard, da müssen wir freilich unsre
-Frage vertagen. Was doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte,
-stellen Sie hin. Aber Lizzi, du, du bleibst und mußt uns
-helfen; du hast einen guten Geschmack. Übrigens, ist kein Stehspiegel
-da?«</p>
-
-<p>»Soll ich ihn holen?«</p>
-
-<p>»Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch bloß ankommt,
-können wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen …
-Ich denke, Armgard, du läßt mir die Vorhand; dieser hier
-mit dem Heliotrop und den Stiefmütterchen, der ist natürlich
-für mich; er hat den richtigen Frauencharakter, fast schon
-Witwe.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an
-den Spiegel. »Nun, Lizzi, sprich.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint mir nicht modern
-genug. Der, den Komtesse Armgard eben aufsetzt, der
-würde wohl auch für Frau Gräfin besser passen &ndash; die hohen
-Straußfedern, wie ein Ritterhelm, und auch die Hutform selbst.
-Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah noch hübscher.«</p>
-
-<p>Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard,
-hinter der Schwester stehend und größer als diese, sah über
-deren linke Schulter fort. Beide gefielen sich ungemein, und
-schließlich lachten sie, weil jede der andern ansah, wie hübsch
-sie sich fand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>»Ich möchte doch beinah glauben …,« sagte Melusine,
-kam aber nicht weiter, denn in eben diesem Augenblicke trat
-ein in schwarzen Frack und Escarpins gekleideter alter Diener
-ein und meldete: »Rittmeister von Stechlin.«</p>
-
-<p>Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst
-und verbeugte sich gegen die Damen. »Ich fürchte, daß ich zu
-sehr ungelegener Stunde komme.«</p>
-
-<p>»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen
-quälen wir uns denn überhaupt mit solchen Sachen? Doch
-bloß um unsrer Gebieter willen, die man ja (vielleicht leider)
-auch noch hat, wenn man sie nicht mehr hat.«</p>
-
-<p>»Immer die liebenswürdige Frau.«</p>
-
-<p>»Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind wichtig.
-Ich nehm es als eine Fügung, daß Sie da gerade hinzukommen;
-Sie sollen entscheiden. Wir haben freilich schon Lizzis
-Meinung angerufen, aber Lizzi ist zu diplomatisch; Sie sind
-Soldat und müssen mehr Mut haben; Armgard, sprich auch;
-du bist nicht mehr jung genug, um noch ewig die Verlegene zu
-spielen. Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in
-Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein Gutachten
-von Ihnen, da laß ich all meine Bedenken fallen. Außerdem
-bin ich für Autoritäten, und wenn es überhaupt Autoritäten
-in Sachen von Geschmack und Mode gibt, wo wären sie besser
-zu finden als im Regiment Ihrer Kaiserlich Königlichen Majestät
-von Großbritannien und Indien? Irland laß ich absichtlich
-fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute Geschmack
-kommt, alle alte Kultur, alle Schals und Teppiche,
-Buddha und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard;
-du natürlich an den rechten Flügel, denn du bist größer. Und
-nun, lieber Stechlin, wie finden Sie uns?«</p>
-
-<p>»Aber, meine Damen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?«</p>
-
-<p>»Unendlich nett.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>»Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens
-kein nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend.«</p>
-
-<p>»Also schlankweg entzückend.«</p>
-
-<p>»Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzückender?«</p>
-
-<p>»Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem
-seligen Paris. Bloß, er hatte es viel leichter, weil es drei
-waren. Aber zwei. Und noch dazu Schwestern.«</p>
-
-<p>»Wer? Wer?«</p>
-
-<p>»Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie, gnädigste
-Frau.«</p>
-
-<p>»Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese zwei Hüte.
-Lizzi, gib all das andre zurück. Und Jeserich soll die Lampen
-bringen; draußen ein Streifen Abendrot und hier drinnen ein
-verglimmendes Feuer, &ndash; das ist denn doch zu wenig oder,
-wenn man will, zu gemütlich.«</p>
-
-<p>Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so daß sie
-gleich da waren.</p>
-
-<p>»Und nun schließen Sie die Balkontür, Jeserich, und sagen
-Sie's Papa, daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist
-nicht gut bei Wege, wieder die neuralgischen Schmerzen; aber
-wenn er hört, daß Sie da sind, so tut er ein übriges. Sie wissen,
-Sie sind sein Verzug. Man weiß immer, wenn man Verzug ist.
-Ich wenigstens hab es immer gewußt.«</p>
-
-<p>»Das glaub ich.«</p>
-
-<p>»Das glaub ich! Wie wollen Sie das erklären?«</p>
-
-<p>»Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache will gelernt
-sein. Alles ist schließlich Erfahrung. Und ich glaube, daß
-Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben wurde, der Frage ›Verzug
-oder Nichtverzug‹ praktisch näherzutreten.«</p>
-
-<p>»Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn
-von Stechlin (ich persönlich getraue mich's nicht), daß wir in
-einer halben Stunde fort müssen, Opernhaus, ›Tristan und<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Isolde‹. Was sagen Sie dazu? Nicht zu Tristan und Isolde,
-nein, zu der heikleren Frage, daß wir eben gehen, im selben
-Augenblick, wo Sie kommen. Denn ich seh es Ihnen an, Sie
-kamen nicht so bloß um ›<em class="antiqua">five o'clock tea's</em>‹ willen, Sie hatten
-es besser mit uns vor. Sie wollten bleiben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich bekenne&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig
-sind und Verzeihung üben, versprechen Sie, daß wir Sie bald
-wiedersehen, recht, recht bald. Ihr Wort darauf. Und dem
-Papa, der Sie vielleicht erwartet, wenn es Jeserich für gut befunden
-hat, die Meldung auszurichten, &ndash; dem Papa werd ich
-sagen, Sie hätten nicht bleiben können, eine Verabredung,
-Klub oder sonst was.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch
-mit Melusine die Treppe hinabstieg und auf den nächsten
-Droschkenstand zuschritt, saß der alte Graf in seinem Zimmer
-und sah, den rechten Fuß auf einen Stuhl gelehnt, durch das
-Balkonfenster auf den Abendhimmel. Er liebte diese Dämmerstunde,
-drin er sich nicht gerne stören ließ (am wenigsten gern
-durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich, der das also
-wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen die Lampe
-zu bringen, sondern nur um ein paar Kohlen aufzuschütten.</p>
-
-<p>»Wer war denn da, Jeserich?«</p>
-
-<p>»Der Herr Rittmeister.«</p>
-
-<p>»So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber freilich,
-was soll er mit mir? Und der Fuß und die Schmerzen, dadurch
-wird man auch nicht interessanter. Armgard und nun gar erst
-Melusine, ja, da geht es, da redet sich's schon besser, und das
-wird der Rittmeister wohl auch finden. Aber soviel ist richtig,
-ich spreche gern mit ihm; er hat so was Ruhiges und Gesetztes
-und immer schlicht und natürlich. Meinst du nicht auch?«</p>
-
-<p>Jeserich nickte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p>
-
-<p>»Und glaubst du nicht auch (denn warum käme er sonst so
-oft), daß er was vorhat?«</p>
-
-<p>»Glaub ich auch, Herr Graf.«</p>
-
-<p>»Na, was glaubst du?«</p>
-
-<p>»Gott, Herr Graf&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, Jeserich, du willst nicht raus mit der Sprache. Das
-hilft dir aber nichts. Wie denkst du dir die Sache?«</p>
-
-<p>Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten
-Grafen nichts übrig blieb, als seinerseits fortzufahren. »Natürlich
-paßt Armgard besser, weil sie jung ist; es ist so mehr
-das richtige Verhältnis, und überhaupt, Armgard ist sozusagen
-dran. Aber, weiß der Teufel, Melusine&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Freilich, Herr Graf.«</p>
-
-<p>»Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich
-immer um die. Wie denkst du dir nun den Rittmeister? Und
-wie denkst du dir die Damen? Und wie steht es überhaupt?
-Ist es die oder ist es die?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Graf, wie soll ich darüber denken? Mit Damen
-weiß man ja nie &ndash; vornehm und nicht vornehm, klein und
-groß, arm und reich, das is all eins. Mit unsrer Lizzi is es
-gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine. Wenn man denkt,
-es is so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn is
-es wieder so. Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig,
-die sagte auch immer: ›Ja, Jeserich, was du dir bloß denkst;
-wir sind eben ein Rätsel.‹ Ach Gott, sie war ja man einfach,
-aber das können Sie mir glauben, Herr Graf, so sind sie alle.«</p>
-
-<p>»Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können wir auch
-nicht gegen an. Und ich freue mich, daß du das auch so scharf
-aufgefaßt hast. Du bist überhaupt ein Menschenkenner. Wo
-du's bloß her hast? Du hast so was von nem Philosophen.
-Hast du schon mal einen gesehen?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer
-Silber putzen muß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann ich dich
-nicht freimachen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin
-ja auch fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ›man
-gehört so halb wie mit dazu,‹ &ndash; dafür bin ich. Und manche
-sollen ja auch halb mit dazu gehören … Aber ein bißchen anstrengend
-is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch
-ein Mensch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na, höre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß.
-Aber ein bißchen is es doch damit&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Woldemar &ndash; wie Rex seinem Freunde Czako, als beide
-über den Cremmer Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt
-hatte &ndash; verkehrte seit Ausgang des Winters im Barbyschen
-Hause, das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft
-bevorzugte. Vieles war es, was ihn da fesselte, voran die beiden
-Damen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten, selbst
-in der äußern Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem
-Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität,
-in altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich
-am ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den
-beiden geäußert. Es hieß da unterm achtzehnten April: »Ich
-kann Wedel nicht dankbar genug sein, mich bei den Barbys eingeführt
-zu haben; alles, was er von dem Hause gesagt, fand
-ich bestätigt. Diese Gräfin, wie charmant, und die Schwester
-ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind. An
-der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles
-Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache;
-die Gräfin ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard.
-Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennen gelernt,
-noch dazu bloß als Bühnenfigur, und ich mußte beständig
-an diese denken, wie sie da (ich glaube, es war Fräulein
-Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem Landvogt so
-mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard!
-Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen,
-daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war.
-Und dazu der alte Graf! Wie ein Zwillingsbruder von Papa;
-derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane Wesen, dieselbe Freundlichkeit,
-dieselbe gute Laune. Papa ist aber ausgiebiger und auch
-wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang
-diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit
-richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der
-Graf war ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was
-anderes als ein Ritterschaftsrat, und an der Themse wächst
-man sich anders aus als am ›Stechlin‹ &ndash; unsern Stechlin dabei
-natürlich in Ehren. Trotzdem, die Verwandtschaft bleibt.
-Und der alte Diener, den sie Jeserich nennen, der ist nun schon
-ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber was
-am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre,
-das Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen &ndash;
-er lacht über nichts so sehr wie über Liberalismus &ndash;, und doch
-kenne ich keinen Menschen, der innerlich so frei wäre, wie gerade
-mein guter Alter. Zugeben wird er's freilich nie und wird in
-dem Glauben sterben: ›Morgen tragen sie einen echten alten
-Junker zu Grabe.‹ Das ist er auch, aber doch auch wieder das
-volle Gegenteil davon. Er hat keine Spur von Selbstsucht.
-Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte
-Graf. Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann
-den Unterschied und das Übergewicht. Er weiß &ndash; was sie hierzulande
-nicht wissen oder nicht wissen wollen &ndash;, daß hinterm<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter noch ganz
-andre.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug.
-Von allem, was er gesehen, war er angenehm berührt
-worden, auch von Haus und Wohnung. Und dazu war guter
-Grund da, mehr als er nach seinem ersten Besuche wissen konnte.
-Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus mit seinen
-Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich in
-zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre besondern Annexe
-hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene
-pittoreske Hof- und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher,
-Herr Imme, residierte, während zu dem die zweite Hälfte des
-Hauses bildenden Hochparterre ziemlich selbstverständlich noch
-das kleine niedrige Souterrain gerechnet wurde, drin, außer
-Portier Hartwig selbst, dessen Frau, sein Sohn Rudolf und seine
-Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und zwar
-immer nur dann, wenn sie, was allerdings ziemlich häufig
-vorkam, mal wieder ohne Stellung war. Die Wirtin des Hauses,
-Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte diesen gelegentlichen
-Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden
-müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres,
-quickes und sehr anstelliges Ding war und manches besaß,
-was die Schickedanz mit der Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels
-wieder aussöhnte.</p>
-
-<p>Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet,
-als im Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse
-Armgard damals erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war
-um jene Zeit noch in Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär,
-erst im Dezember des vorausgegangenen Jahres gestorben
-war, »drei Tage vor Weihnachten«, ein Umstand,
-auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner Leichenrede
-beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung auch<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst
-und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der
-ganzen Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich
-ihrem Manne bemerkt hatte: »Ja. Hartwig, da liegt doch was
-drin.« Hartwig selber indes, der, im Gegensatz zu den meisten
-seines Standes, humoristisch angeflogen war, hatte für die
-merkwürdige Fügung von »drei Tage vor Weihnachten« nicht
-das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die Bemerkung
-dafür gehabt: »Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich
-dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man
-ran,« &ndash; worauf die Frau jedoch geantwortet hatte: »Ja, Hartwig,
-das sagst du so immer; aber wenn du dran bist, dann redst
-du anders.«</p>
-
-<p>Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam,
-ein Leben hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene
-Hälften, in eine ganz kleine unbedeutende und in eine ganz
-große, teilte. Die unbedeutende Hälfte hatte lange gedauert,
-die große nur ganz kurz. Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem
-bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er, als er aus dem
-diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war, in
-Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich
-der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil
-er sah, daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit,
-ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben und behaupteten:
-Schickedanz sei nicht bloß ein Charakter, sondern auch
-eine bescheidene Natur.</p>
-
-<p>Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war sicher,
-daß er sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt
-hatte. Schon mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutsch-englische
-Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und
-hatte mit sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum
-in eben dieser Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten
-Gründen ein großer Tag gewesen. Denn als Schickedanz ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-erlebte, hieß er nur noch so ganz obenhin »Herr Versicherungssekretär«,
-war aber in Wahrheit über diesen seinen Titel weit
-hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am Kronprinzenufer.
-Er hatte sich das leisten können, weil er im Laufe
-der letzten fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom
-großen Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als
-persönliches Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht.
-Denn arbeiten kann jeder, das große Los gewinnen kann nicht
-jeder. Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft
-lediglich nur noch als verhätscheltes Zierstück, weil es damals
-wie jetzt einen guten Eindruck machte, Personen der Art
-im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben. An der Spitze muß
-immer ein Fürst stehen. Und Schickedanz war jetzt Fürst. Alles
-drängte sich nicht bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde,
-die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes
-Vertrauen hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn, die
-Lotterielose für sie zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich
-einen Umschlag schuf und einzelne von »bösem Blick« und
-sogar ganz unsinnigerweise von Mogelei sprechen ließ. Die
-meisten indessen hielten es für klug, ihr Übelwollen zurückzuhalten;
-war er doch immerhin ein Mann, der jedem, wenn er
-wollte, Deckung und Stütze geben konnte. Ja, Schickedanz'
-Glück und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem
-Jubiläumstage. Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein
-Orden kam nicht, was denn auch von einigen Schickedanzfanatikern
-sehr mißliebig bemerkt wurde. Besonders schmerzlich
-empfand es die Frau. »Gott, er hat doch immer so treu
-gewählt,« sagte sie. Sie kam aber nicht in die Lage, sich in diesen
-Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt
-waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war
-das Jubiläum gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember
-starb er. Auf dem Notizenzettel, den man damals dem
-Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser dreimal wiederkehrende<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-»einundzwanzigste« gefehlt, was alles in allem wohl als ein
-Glück angesehen werden konnte, weil, entgegengesetztenfalls
-die »drei Tage vor Weihnachten« entweder gar nicht zustande
-gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in ihrer
-Wirkung abgeschwächt worden wären.</p>
-
-<p>Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief,
-kurz vor seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte:
-»Riekchen, sei ruhig. Jeder muß. Ein Testament hab ich nicht
-gemacht. Es gibt doch bloß immer Zank und Streit. Auf
-meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf hab ich alles
-Nötige geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus.
-Du mußt es behalten, damit die Leute sagen können: ›Da wohnt
-Frau Schickedanz.‹ Hausname, Straßenname, das ist überhaupt
-das Beste. Straßenname dauert noch länger als Denkmal.«</p>
-
-<p>»Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt dich an.
-Ich will es ja alles heilig halten, schon aus Liebe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute
-Frau, wenn wir auch keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum
-bitte ich dich, vergiß nie, daß es meine Puppe war. Du darfst
-bloß vornehme Leute nehmen; reiche Leute, die bloß reich sind,
-nimm nicht; die quängeln bloß und schlagen große Haken in
-die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran. Überhaupt,
-wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du
-behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut.
-Und der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt
-wird, soll er hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und
-der Schullehrer in Kaputt soll auch hundert Taler kriegen.
-Der wird sich wundern. Aber darauf freu ich mich schon. Und
-auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein, wenn es
-irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und anno
-siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den
-Feind, trotzdem Luchterhand immer sagte: ›Nicht so nah ran.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>‹
-Sei freundlich gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist
-ein bißchen zu sparsam) und bewahre mir einen Platz in deinem
-Herzen. Denn treu warst du, das sagt mir eine innere Stimme.«</p>
-
-<p>Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage,
-die leer stand, als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre
-unbewohnt, trotzdem sich viele Herrschaften meldeten.
-Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung, die Schickedanz
-vor seinem Hinscheiden gestellt hatte. Herbst fünfundachtzig
-kamen dann die Barbys. Die kleine Frau sah gleich »ja, das
-sind die, die mein Seliger gemeint hat«. Und sie hatte wirklich
-richtig gewählt. In den fast zehn Jahren, die seitdem verflossen
-waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten gekommen,
-mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber
-auch kaum mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr
-zwischen Erdgeschoß und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden,
-&ndash; Hartwig war einfach der <em class="antiqua">alter ego</em>, der mit Jeserich
-alles Nötige durchzusprechen hatte. Kam es aber ausnahmsweise
-zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner Begegnung,
-so bewahrte dabei die kleine winzige Frau (die nie »viel« war
-und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden
-war) eine merkwürdig gemessene Haltung, die jedem mit dem
-Berliner Wesen Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt
-haben würde. Riekchen empfand sich nämlich in solchem Augenblicke
-durchaus als »Macht gegen Macht«. Wie beinah jedem
-hierlandes Geborenen, war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens
-völlig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser
-getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand
-nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an
-der Welt draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt ist, weder
-eine Vorstellung hat noch überhaupt haben will. Der autochthone
-»Kellerwurm«, wenn er fünfzig Jahre später in eine
-Steglitzer Villa zieht, bildet &ndash; auch wenn er seiner Natur nach
-eigentlich der bescheidenste Mensch ist &ndash; eine gewisse naive<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz ernsthaft, jenen
-Gold- und Silberkönigen zuzugehören, die die Welt regieren.
-So war auch die Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in der
-Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später
-für ein Weißzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben, wenn
-sie rückblickte, wie ein Märchen vor, drin sie die Rolle der Prinzessin
-spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still aber
-stark, mit einem Hochgefühl, das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen
-gegenüber auf Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte
-sich ein und wies sich, soweit ihre historische Kenntnis das
-zuließ, einen ganz bestimmten Platz an: Fürst Dolgorucki, Herzog
-von Devonshire, Schickedanz.</p>
-
-<p>Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken
-ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und mehr
-zum Kult. Die Vormittagsstunden jedes Tages gehörten
-dem hohen Palisanderschrank an, drin die Jubiläumsgeschenke
-wohlgeordnet standen: ein großer Silberpokal mit einem
-drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel, ein Album
-mit photographischen Aufnahmen aller Sehenswürdigkeiten
-von Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken,
-mehrere Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied
-mit dem Refrain »alle Neune«), Riesensträuße von
-Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem Eisernen Kreuz und einem
-aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee herrührend,
-in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis vor
-Paris gebracht hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsäule,
-stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch
-angehörigen Bildhauers, der daraufhin einen leider ausgebliebenen
-Auftrag in Marmor erwartet hatte. Fauteuils
-und Stühle steckten in großblumigen Überzügen, desgleichen
-der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an den Frontfenstern
-standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen
-trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war überhaupt,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-seit das Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch
-ihre Gestalt noch unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag
-im Monat war allgemeines Reinmachen, auch bei Wind
-und Kälte. Dies war immer ein Tag größter Aufregung, weil
-jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das
-blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig,
-die sich einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in diesem
-Punkte schaffte. Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr,
-und Riekchen war um so glücklicher darüber, als Hartwigs
-hübsche Nichte, wenn sie mal wieder den Dienst gekündigt
-hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und mit immer
-neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken
-wußte.</p>
-
-<p>Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen
-Hause zufrieden zu sein. Nur eines störte, das war, daß
-jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche geklopft wurden,
-immer gerade zu der Stunde, wo der alte Graf seine Nachmittagsruhe
-halten wollte. Das verdroß ihn eine Weile, bis
-er schließlich zu dem Ergebnis kam: »Eigentlich bin ich doch
-selber schuld daran. Warum setz ich mich immer wieder in die
-Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier
-ich wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig;
-willst es doch noch mal versuchen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu
-haben, er hielt auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lange
-er darin wohnte, war es ihm gut ergangen, nicht glänzender als
-früher, aber sorgenloser. Und das sagte er sich jeden neuen Tag.</p>
-
-<p>Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem
-Sinne durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie das Leben
-eines preußischen »Magnaten« (worunter man in der Regel
-Schlesier versteht; aber es gibt doch auch andre) zu verlaufen
-pflegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bomdardierten
-und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten,
-war der Graf auf einem der an der mittleren Elbe
-gelegenen Barbyschen Güter geboren worden. Auf eben diesem
-Gute &ndash; das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten
-Administration unterstand &ndash; vergingen ihm die
-Kinderjahre; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie,
-mit achtzehn in das Regiment Garde-du-Corps, drin die Barbys
-standen, solang es ein Regiment Garde-du-Corps gab. Mit
-dreißig war er Rittmeister und führte eine Schwadron. Aber
-nicht lange mehr. Auf einem in der Nähe von Potsdam veranstalteten
-Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach
-den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen,
-ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung
-zu suchen, und machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn
-von Planta, der ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud.
-Weil diese ganz in der Nähe lagen, nahm er die Einladung
-nach Schloß Schuder an. Hier blieb er länger als erwartet,
-und als er das schön gelegene Bergschloß wieder verließ, war
-er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war eine
-große Neigung, was sie zusammenführte. Die junge Freiin
-drang alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach
-dem um so lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht
-ganz sicher war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem
-militärischen in den diplomatischen Dienst über, wozu seine
-Bildung, sein Vermögen, seine gesellschaftliche Stellung ihn
-gleichmäßig geeignet erscheinen ließen. Noch im selben Jahre
-ging er nach London, erst als Attaché, wurde dann Botschaftsrat
-und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage der
-Aufrichtung des Deutschen Reiches. Seine Beziehungen sowohl
-zu der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen
-Aristokratie waren jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis
-zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-jener Zeit. Er hing sehr an London. Das englische Leben, an
-dem er manches, vor allem die geschraubte Kirchlichkeit, beanstandete,
-war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch, und
-er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen damit anzusehen.
-Auch seine Familie, die Frau und die zwei Töchter &ndash;
-beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner
-Tage geboren &ndash; teilten des Vaters Vorliebe für England und
-englisches Leben. Aber ein harter Schlag warf alles um, was
-der Graf geplant: die Frau starb plötzlich, und der Aufenthalt
-an der ihm so lieb gewordenen Stätte war ihm vergällt. Er
-nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine Demission,
-ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden
-und dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu
-machen. Die Luft, die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles
-tat ihm hier wohl, und er fühlte, daß er genas, soweit er wieder
-genesen konnte. Glückliche Tage brachen für ihn an, und sein
-Glück schien sich noch steigern zu sollen, als sich die ältere Tochter
-mit dem italienischen Grafen Ghiberti verlobte. Die Hochzeit
-folgte beinah unmittelbar. Aber die Fortdauer dieser Ehe stellte
-sich bald als eine Unmöglichkeit heraus, und ehe ein Jahr um
-war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit danach
-kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, seit einem
-Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen
-hatte. Sich auf das eine oder andere seiner Elbgüter zu
-begeben, widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er
-sich für Berlin entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer
-und lebte hier ganz sich, seinem Hause, seinen Töchtern.
-Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so weit
-wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von Freunden,
-darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von
-London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren,
-versammelte sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren
-es vorzugsweise Hofprediger Frommel, Doktor Wrschowitz und<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-seit letztem Frühjahr auch Rittmeister von Stechlin, die den
-Barbyschen Kreis bildeten. An Woldemar hatte man sich rasch
-attachiert, und die freundlichen Gefühle, denen er bei dem alten
-Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete, wurden von
-allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs interessierten
-sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der Portierloge
-vorüberkam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen
-und sagte: »So einen, &ndash; ja, das lass' ich mir gefallen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen
-Hause verabschiedet hatte, hatte versprechen müssen,
-seinen Besuch recht bald zu wiederholen.</p>
-
-<p>Aber was war »recht bald«? Er rechnete hin und her und
-fand, daß der dritte Tag dem etwa entsprechen würde; das war
-»recht bald« und doch auch wieder nicht zu früh. Und so ging
-er denn, als der Abend dieses dritten Tages da war, auf die
-Hallesche Brücke zu, wartete hier die Ringbahn ab und fuhr,
-am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber, bis an jene
-sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger Giebelwand
-herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen
-mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich
-auf die Welt der Vorübereilenden herniederblickt, um
-ihnen ein Paket Kneippschen Malzkaffee zu präsentieren. An
-dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab, um
-die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer
-zu Fuß zurückzulegen.</p>
-
-<p>Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit
-Teppich überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel
-zog. Im selben Augenblick, wo Jeserich öffnete, sah Woldemar
-an des Alten verlegenem Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-nach wieder nicht zu Hause waren. Aber eine Verstimmung
-darüber durfte nicht aufkommen, und so ließ er es
-geschehen, daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete.</p>
-
-<p>»Der Herr Graf lassen bitten.«</p>
-
-<p>Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal
-von Neuralgie Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock
-gestützt, unter freundlichem Gruß entgegenkam.</p>
-
-<p>»Aber Herr Graf,« sagte Woldemar und nahm des alten
-Herrn linken Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine
-für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage zurückzuführen.
-»Ich fürchte, daß ich störe.«</p>
-
-<p>»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen.
-Außerdem hab ich strikten Befehl, Sie, <em class="antiqua">coûte que coûte</em>, festzuhalten;
-Sie wissen, Damen sind groß in Ahnungen, und bei
-Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches.«</p>
-
-<p>Woldemar lächelte.</p>
-
-<p>»Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß
-sie nun schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens)
-ist ein Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch
-auch wieder einigermaßen mißtraute. Aber man ist immer nur
-klug und weise für andre. Die Doktors machen es ebenso;
-wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die Verantwortung
-von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand.
-Aber was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in
-unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches
-darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint
-ist. Armgard ist übrigens in Sicht; keine zehn Minuten
-mehr, so werden wir sie hier haben.«</p>
-
-<p>»Ist sie mit bei der Baronin?«</p>
-
-<p>»Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in
-ihrem Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann
-aber nicht lange mehr dauern.«</p>
-
-<p>»Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>»Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor,
-sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig
-noch nicht gehört, weil erst vorige Woche, nach einer
-langen, langen Pause, die Musikstunden wieder aufgenommen
-wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards
-Lehrer.«</p>
-
-<p>»Musikdoktor? Gibt es denn die?«</p>
-
-<p>»Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das.
-Und so sehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so
-liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen
-Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muß. Er
-hat den Titel auch noch nicht lange.«</p>
-
-<p>»Das klingt ja fast wie ne Geschichte.«</p>
-
-<p>»Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz
-aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist?«</p>
-
-<p>»Kaum. Und wenn kein Geheimnis&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß
-nämlich bis vor zwei Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als
-ein höherer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser
-Haus kam, einfach Niels Wrschowitz, und er ist bloß Doktor
-geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden.«</p>
-
-<p>»Und das ist ihm auch geglückt?«</p>
-
-<p>»Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß
-ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall
-oder auch wohl aus Schändlichkeit. In letzterem Falle
-sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten
-Menschen. Meist denkt man, die Prediger und die Schauspieler
-seien die schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die Musiker sind
-ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die sogenannte
-heilige Musik machen.«</p>
-
-<p>»Ich habe dergleichen auch schon gehört,« sagte Woldemar.
-»Aber was ist das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich
-ein hübscher und ganz harmloser Name. Nichts Anzügliches drin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<p>»Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels. Er litt, glaub
-ich, unter diesem Gegensatz.«</p>
-
-<p>Woldemar lachte. »Das kenn ich. Das kenn ich von meinem
-Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst
-unbequem war. Und da reichen wohl nicht hundertmal, daß
-ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen
-hören.«</p>
-
-<p>»Genau so hier,« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort.
-»Wrschowitz' Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen
-Grenze, war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin
-er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das war nun wegen
-des Kontrastes schon gerade bedenklich genug. Aber das eigentlich
-Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich ein scharfer
-Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade-Verächter
-ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff
-alles Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch,
-wie Amen in der Kirche, daß unser junger Freund, wenn er
-als ›Niels Wrschowitz‹ vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit
-der Phrase begegnete: ›Niels? Ah, Niels. Ein schöner
-Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch erfreulich,
-ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.‹ All das
-konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so
-kam er auf den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte
-durch einen Doktortitel wegzueskamotieren.«</p>
-
-<p>Woldemar nickte.</p>
-
-<p>»Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge,
-daß unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe
-<em class="antiqua">gens irritabilis</em> gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert
-haben sollte, zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich,
-dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein. Wenn irgend möglich,
-vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt,
-besonders aber auf Dänemark direkt. Er wittert überall Verrat.
-Übrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er ein feiner<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er anders
-ist wie andre.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard
-hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und
-als bald danach Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar
-zum Tee zu bitten, fanden diese beim Eintritt in das
-Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern auch Wrschowitz vor,
-der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in dem Salon stand
-und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen
-Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein
-und erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte
-dem Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf
-Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus, daß er gekommen;
-auch Melusine werde gewiß bald da sein; sie habe noch zuletzt
-gesagt: »Du sollst sehen, heute kommt Stechlin.« Danach
-wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu, der sich
-eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen
-Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend,
-»Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.« Woldemar,
-seiner Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während
-Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen
-Doppelausdruck von Künstler und Hussiten gab.</p>
-
-<p>Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte
-sich, mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen
-zu müssen, und bat die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen,
-während Armgard, dem Vater gegenüber, an der
-andern Schmalseite des Tisches saß. Der alte Graf nahm seine
-Tasse Tee, schob den Kognak, »des Tees bessren Teil,« mit einem
-humoristischen Seufzer beiseit und sagte, während er sich links
-zu Wrschowitz wandte: »Wenn ich recht gehört habe &ndash; so ein
-bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben &ndash;, so war es
-Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>Wrschowitz verneigte sich.</p>
-
-<p>»Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen,
-vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch
-Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit
-ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht,
-weil ich Deutscher und sogar Preuße bin.«</p>
-
-<p>»Sehr warr, sehr warr,« sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig
-als artig.</p>
-
-<p>»Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen
-frühesten Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe
-gehabt habe. Da gab es unter anderm eine Polonaise von
-Oginski, die damals so regelmäßig und mit soviel Passion gespielt
-wurde, wie später der ›Erlkönig‹ oder die ›Glocken von
-Speier‹. Es war auch die Zeit vom ›Alten Feldherrn‹ und von
-›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹.«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir
-immerdarr eine besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle
-wieder fällt. Immer merr, immer merr. Ich hasse das Sentimentalle
-<em class="antiqua">de tout mon cœur</em>.«</p>
-
-<p>»Worin ich,« sagte Woldemar, »Herrn Doktor Wrschowitz
-durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe.
-Da gab es auch dergleichen, und ich bekenne, daß ich als Knabe
-für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere
-Schwärmerei war ›König Renés Tochter‹ von Henrik
-Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn ich nicht irre&nbsp;…«</p>
-
-<p>Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm,
-zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte. »…&nbsp;›König
-Renés Tochter‹, ein lyrisches Drama. Aber schon seit lange wieder
-vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoj und der
-Kreutzersonate.«</p>
-
-<p>»Sehr warr, sehr warr,« sagte der rasch wieder beruhigte
-Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen
-die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den russischen
-Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn
-derartige Themata berührt wurden, der Salonfähigkeit ihres
-Freundes Wrschowitz arg mißtraute, war sofort aufrichtig
-bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete hinüberzuspielen.
-Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien ihr in diesem
-Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren
-abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen
-war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn
-über seinen jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu
-sehen. »Ich weiß wohl, daß ich meiner Schwester Melusine
-(die voll Neugier und Verlangen ist, auch davon zu hören)
-einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es
-aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da
-ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert,
-nicht alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen.
-Papa hat auch einzelnes, das er öfter erzählt.«</p>
-
-<p>»Einzelnes?« lachte der alte Graf, »meine Tochter Armgard
-meint ›vieles‹.«</p>
-
-<p>»Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch
-ganz andre, zum Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin
-sieht auch immer weg, wenn er anfängt. Aber lassen wir
-den Baron und seine Geschichten, und hören wir lieber von
-Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt gewiß
-meinen Geschmack.«</p>
-
-<p>»Teile vollkommen.«</p>
-
-<p>»Also, Herr von Stechlin,« fuhr Armgard fort. »Sie
-haben nach diesen Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz
-einen freundlichen Zuhörer mehr, vielleicht sogar einen begeisterten.
-Auch für Papa möcht ich mich verbürgen. Wir sind
-ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah, und wissen trotzdem
-so wenig davon, weil wir immer draußen waren. Ich kenne
-wohl Saatwinkel und den Grunewald, aber das eigentliche<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-brandenburgische Land, das ist doch noch etwas andres. Es
-soll alles so romantisch sein und so melancholisch, Sand und
-Sumpf und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran
-das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so?«</p>
-
-<p>»Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte
-Mecklenburgische Seenplatte.«</p>
-
-<p>»Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens
-erst neulich versichert haben, hat auch seine Romantik.«</p>
-
-<p>»Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen
-Franzosentid&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und dann glaub ich auch zu wissen,« fuhr Armgard fort,
-»daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig?
-Und kennen Sie's? Es soll soviel Interessantes bieten. Ich erinnere
-mich seiner aus meinen Kindertagen her, trotzdem wir
-damals in London lebten. Oder vielleicht auch gerade deshalb.
-Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch über Friedrich
-den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten
-Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci
-zu kümmern, sondern auch um Rheinsberg und den Orden <em class="antiqua">de
-la générosité</em>. Lebt das alles noch da? Spricht das Volk noch
-davon?«</p>
-
-<p>»Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von
-dem großen König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr,
-was auch kaum anders sein kann. Der große König war als
-Kronprinz nur kurze Zeit da, sein Bruder Heinrich aber fünfzig
-Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit beklagenswerterweise
-die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber beklagenswert
-doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch bedeutend
-und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist.«</p>
-
-<p>»Sehr warr, sehr warr,« unterbrach hier Wrschowitz.</p>
-
-<p>»Er war sehr kritisch,« wiederholte Woldemar. »Namentlich
-auch gegen seinen Bruder, den König. Und die Malkontenten,
-deren es auch damals schon die Hülle und Fülle gab,<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-waren beständig um ihn herum. Und dabei kommt immer
-was heraus.«</p>
-
-<p>»Sehr warr, sehr warr&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig,
-aber die Frondeurs, wenn <em class="gesperrt">die</em> den Mund auftun, da
-kann man was hören, da tut sich einem was auf.«</p>
-
-<p>»Gewiß,« sagte Armgard. »Aber trotzdem, Herr von Stechlin,
-ich kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch
-immer nur der gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer
-unzufrieden ist, der taugt nichts. Immer Unzufriedene
-sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und während sie sich
-über andre lustig machen, lassen sie selber viel zu wünschen
-übrig.«</p>
-
-<p>»Sehr warr, sehr warr, gnädigste Komtesse,« verbeugte
-sich Wrschowitz. »Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn
-ich trotzdem bin für Frondeur. Frondeur ist Krittikk, und wo
-Guttes sein will, muß sein Krittikk. Deutsche Kunst viel Krittikk.
-Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber gleich danach muß
-sein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution. Kopf ab aus
-Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp
-is, is Kopf ab.«</p>
-
-<p>Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als
-etwas verspätet seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard
-ihrerseits beeilte sich, auf Rheinsberg zurückzukommen,
-das ihr, trotz des fatalen Zwischenfalls mit »Kopf ab,« im Vergleich
-zu vielleicht wiederkehrenden Musikgesprächen immer
-noch als wenigstens ein Nothafen erschien.</p>
-
-<p>»Ich glaube,« sagte sie, »neben manchem andern auch mal
-von der Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll
-&ndash; irre ich mich, so werden Sie mich korrigieren &ndash; ein sogenannter
-Misogyne gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes
-in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p>
-
-<p>»Sehr sonderbarr,« sagte Wrschowitz, während sich, unter
-huldigendem Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte.</p>
-
-<p>»Wie gut, lieber Wrschowitz,« fuhr Armgard fort, »daß
-Sie, mein Wort bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen
-eintreten. Es gibt immer noch Ritter, und wir sind ihrer
-so sehr benötigt. Denn wie mir Melusine erzählt hat, sind die
-Weiberfeinde sogar stolz darauf, Weiberfeinde zu sein, und behandeln
-ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform.
-Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche
-Leute kennen, wie denken Sie darüber?«</p>
-
-<p>»Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche.«</p>
-
-<p>»Das ist recht.«</p>
-
-<p>»Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie Komtesse
-schon ganz richtig ausgesprochen haben, war auch ein solcher
-Kranker.«</p>
-
-<p>»Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht
-möglich, über das Thema zu sprechen?«</p>
-
-<p>»Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn
-Grafen und nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor
-Wrschowitz, der so schön und ritterlich gegen die Misogynität
-Partei genommen, unter solchem Beistande will ich es doch
-wagen.«</p>
-
-<p>»Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier.«</p>
-
-<p>»Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen.
-Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus
-dem vorigen Jahrhundert. Die jetzigen sind Menschen; die
-damaligen waren <em class="gesperrt">nur</em> Prinzen. Eine der Passionen unsers
-Rheinsberger Prinzen &ndash; wenn man will, in einer Art Gegensatz
-von dem, was schon gesagt wurde &ndash; war eine geheimnisvolle
-Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn
-eine Braut im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande,
-gestorben war, so lud er sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-eh der Geistliche noch da sein konnte (den vermied er), erschien
-er und stellte sich an das Fußende des Sarges und starrte die
-Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und aussehen wie das
-Leben.«</p>
-
-<p>»Aber das ist ja schrecklich,« brach es beinahe leidenschaftlich
-aus Armgard hervor. »Ich mag diesen Prinzen nicht und
-seine ganze Fronde nicht. Denn die müssen ebenso gewesen
-sein. Das ist ja Blasphemie, das ist ja Gräberschändung,
-&ndash; ich muß das Wort aussprechen, weil ich so empört bin und
-nicht anders kann.«</p>
-
-<p>Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl
-umleuchtete sein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand
-so was von unbedingter Huldigung, bezwang sich aber und
-sah, statt auf Armgard, auf das Bild der Gräfin-Mutter, das
-von der Wand niederblickte.</p>
-
-<p>Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: »Komtesse, Sie
-gehen vielleicht zu weit. Wissen Sie, was in der Seele des
-Prinzen vorgegangen ist? Es kann etwas Infernales gewesen
-sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen es nicht. Und
-weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich dafür,
-ihm das in Rechnung zu stellen.«</p>
-
-<p>»Bravo, Stechlin,« sagte der alte Graf. »Ich war erst
-Armgards Meinung. Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht.
-Und soviel weiß ich noch von der Juristerei her, in der ich, wohl
-oder übel, eine Gastrolle gab, daß man in zweifelhaften Fällen
-<em class="antiqua">in favorem</em> entscheiden muß. Übrigens geht eben die Klingel.
-An bester Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen. Es
-wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte, sie wäre
-von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem
-Male dazwischen fährt, ist selbst Melusine eine Störung.«</p>
-
-<p>Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt
-zu haben, ins Zimmer, warf das schottische Cape, das
-sie trug, in eine Sofaecke und schritt, während sie noch den Hut<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-aus dem Haare nestelte, bis an den Tisch, um hier zunächst den
-Vater, dann aber die beiden andern Herren zu begrüßen. »Ich
-seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben etwas Gefährliches
-gesagt worden ist. Also etwas über mich.«</p>
-
-<p>»Aber, Melusine, wie eitel.«</p>
-
-<p>»Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das
-wenigstens will ich wissen. Von wem war die Rede?«</p>
-
-<p>»Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der
-schon fast hundert Jahre tot ist.«</p>
-
-<p>»Da konntet ihr auch was Besseres tun.«</p>
-
-<p>»Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt
-hat, und daß er &ndash; nicht Stechlin, aber der Prinz &ndash; ein Misogyne
-war, so würdest du vielleicht anders sprechen.«</p>
-
-<p>»Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber
-Stechlin, da kann ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch
-noch hören. Und wenn Sie mir's abschlagen, so wenigstens
-was Gleichwertiges.«</p>
-
-<p>»Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht.«</p>
-
-<p>»Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber dann bitt
-ich um etwas zweiten Ranges. Ich sehe, daß Sie von Ihrem
-Ausfluge erzählt haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin
-selbst oder von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend. Und davon
-möcht ich auch hören, wenn es auch freilich nicht an das andre
-heranreicht.«</p>
-
-<p>»Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserm
-Stechliner Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem
-Pastor abgesehen, der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren
-von einem Oberförster abgesehen, der eine Prinzessin, eine
-Ippe-Büchsenstein, geheiratet hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber das ist ja alles großartig&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten
-abgesehen, eigentlich nur noch den ›Stechlin‹. Der ginge vielleicht,
-über den ließe sich vielleicht etwas sagen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>»Den ›Stechlin?‹ Was ist das? Ich bin so glücklich zu
-wissen« (und sie machte verbindlich eine Handbewegung auf
-Woldemar zu), »ich bin so glücklich, zu wissen, daß es Stechline
-gibt. Aber der Stechlin! Was ist der Stechlin?«</p>
-
-<p>»Das ist ein See.«</p>
-
-<p>»Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht
-grade der Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant
-durch ihre Fische, durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht
-weiter aufzählen. Aber was hat der Stechlin? Ich vermute,
-Steckerlinge.«</p>
-
-<p>»Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau
-das, was Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat
-Weltbeziehungen, vornehme, geheimnisvolle Beziehungen,
-und nur alles Gewöhnliche, wie beispielsweise Steckerlinge,
-hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm.«</p>
-
-<p>»Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen
-spielen. Rittmeister in der Garde!«</p>
-
-<p>»Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt ich sehen, der
-das Ihnen gegenüber zuwege brächte.«</p>
-
-<p>»Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen
-Beziehungen?«</p>
-
-<p>»Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften,
-deren genealogischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst,
-auf du und du. Und wenn es in Java oder auf
-Island rumort oder der Geiser mal in Doppelhöhe dampft und
-springt, dann springt auch in unserm Stechlin ein Wasserstrahl
-auf, und einige (wenn es auch noch niemand gesehen hat), einige
-behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine zwischen den
-Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die Ruppiner
-Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme Beziehungen.«</p>
-
-<p>»Ich auch,« sagte Melusine.</p>
-
-<p>Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden
-waren, murmelte vor sich hin: »Sehr warr, sehr warr.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<h3 id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Es war zu Beginn der Woche, daß Woldemar seinen Besuch
-im Barbyschen Hause gemacht hatte. Schon am Mittwoch
-früh empfing er ein Billett von Melusine.</p>
-
-<p>»Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich
-mein Bedauern aussprechen, daß ich vorgestern nur gerade
-noch die letzte Szene des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin)
-miterleben konnte. Mich verlangt es aber lebhaft, mehr davon
-zu wissen. In unsrer sogenannten großen Welt gibt es so
-wenig, was sich zu sehen und zu hören verlohnt; das meiste hat
-sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen vorauf,
-wie mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette, Sie
-haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann nur wiederholen,
-ich möchte davon hören. Unsre gute Baronin, der ich
-davon erzählt habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven
-und liebenswürdigen Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die
-genannten Vorbedingungen zu erfüllen, bin ihr trotzdem an
-Neugier gleich. Und so haben wir denn eine Nachmittagspartie
-verabredet, bei der Sie der große Erzähler sein sollen.
-In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht, und man
-hört nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber in
-unserm guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin hat mir
-etwas vorgeschwärmt von einer Gegend, die sie ›Oberspree‹
-nannte (die vielleicht auch wirklich so heißt), und wo's so schön
-sein soll, daß sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken
-müssen. Ich will es ihr glauben, und jedenfalls werd ich es
-ihr nachträglich versichern, auch wenn ich es nicht gefunden
-haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt &ndash; ein Punkt, den übrigens
-die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher immer
-erheblich weiter flußaufwärts &ndash; das Ziel unsrer Reise hat einen
-ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ›Eierhäuschen‹.
-Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar
-benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird.
-Also morgen, Donnerstag: Eierhäuschen. Ein ›Nein‹ gibt es
-natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr, Jannowitzbrücke. Papa
-begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles besser, so daß er
-sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber wir haben
-dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt die
-Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch
-irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann die Raketen steigen.
-Armgard ist in Aufregung, fast auch ich. <em class="antiqua">Au revoir.</em> Eines
-Herrn Rittmeisters wohlaffektionierte</p>
-
-<p class="right">
-Melusine.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier
-Uhr fuhren erst die Berchtesgadens und gleich danach auch
-die Barbys bei der Jannowitzbrücke vor. Woldemar wartete
-schon. Alle waren in jener heitern Stimmung, in der man geneigt
-ist, alles schön und reizend zu finden. Und diese Stimmung
-kam denn auch gleich der Dampfschiffahrtsstation zustatten.
-Unter lachender Bewunderung der sich hier darbietenden
-Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen und
-Treppen hinab und schritt, unten angekommen, an den um diese
-Stunde noch leeren Tischen eines hier etablierten »Lokals«
-vorüber, unmittelbar auf das Schiff zu, dessen Glocke schon
-zum erstenmal geläutet hatte. Das Wetter war prachtvoll,
-flußaufwärts alles klar und sonnig, während über der Stadt
-ein dünner Nebel lag. Zu beiden Seiten des Hinterdecks nahm
-man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier aus auf
-das verschleierte Stadtbild zurück.</p>
-
-<p>»Da heißt es nun immer,« sagte Melusine, »Berlin sei
-so kirchenarm; aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem
-Felde geschlagen haben. Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche,
-die Waisenkirche, die Schloßkuppel, und das Dach da,
-mit einer Art von chinesischer Deckelmütze, das ist, glaub ich,<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-der Rathausturm. Aber freilich, ich weiß nicht, ob ich den mitrechnen
-darf.«</p>
-
-<p>»Turm ist Turm,« sagte die Baronin. »Das fehlte so gerade
-noch, daß man dem armen alten Berlin auch seinen Rathausturm
-als Turm abstritte. Man eifersüchtelt schon genug.«</p>
-
-<p>Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang
-das Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete dazwischen, und als
-diese wieder schwieg, wurde das Brett aufgeklappt, und unter
-einem schrillen Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere
-Brückenjoch zu in Bewegung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten immer noch
-die beiden herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten
-mochten, ehe sie selber aufbrachen, zuvor den Aufbruch
-des Schiffes abzuwarten, und erst als dieses unter der Brücke
-verschwunden war, fuhr der gräflich Barbysche Kutscher neben
-den freiherrlich Berchtesgadenschen, um mit diesem einen Gruß
-auszutauschen. Beide kannten sich seit lange, schon von London
-her, wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst gestanden
-hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst aber so
-verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren Erscheinung.
-Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso martialisch
-wie gutmütig dreinschauender Mecklenburger, hätte mit
-seinem angegrauten Sappeurbart ohne weiteres vor eine
-Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor eröffnen
-können, während der Berchtesgadensche, der seine Jugend als
-Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte, nicht bloß
-einen englischen Namen führte, sondern auch ein typischer Engländer
-war, hager, sehnig, kurz geschoren und glatt rasiert.
-Seine Glotzaugen hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem
-klug genug und wußte, wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen.
-Das Deutsche machte ihm noch immer Schwierigkeiten,
-trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und sogar das<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am meisten
-dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen
-sah, ihm mit »<em class="antiqua">well, well, Mr. Robinson</em>« oder gar mit
-einem geheimnisvollen »<em class="antiqua">indeed</em>« zu Hilfe zu kommen. Nur mit
-dem einen war er einverstanden, daß man ihn »Mr. Robinson«
-nannte. Das ließ er sich gefallen.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Now, Mr. Robinson</em>,« sagte Imme, als sie Bock an Bock
-nebeneinander hielten, »<em class="antiqua">how are you? I hope quite well.</em>«</p>
-
-<p>»Danke, Mr. Imme, danke! Was macht die Frau?«</p>
-
-<p>»Ja, Robinson, da müssen Sie, denk ich, selber nachsehen,
-und zwar gleich heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spät
-wiederkommen. Noch dazu mit der Stadtbahn. Wenigstens
-von hier aus, Jannowitzbrücke. Sagen wir also neun; eher
-sind sie nicht zurück. Und bis dahin haben wir einen guten
-Skat. Hartwig als dritter wird schon kommen; Portiers
-können immer. Die Frau zieht ebensogut die Tür auf wie er,
-und weiter ist es ja nichts. Also Klocker fünf: ein ›Nein‹ gilt
-nicht; <em class="antiqua">where there is a will, there is a way</em>. Ein bißchen ist doch
-noch hängen geblieben von <em class="antiqua">dear old England</em>.«</p>
-
-<p>»Danke, Mr. Imme,« sagte Robinson, »danke! Ja, Skat
-ist das Beste von <em class="antiqua">all Germany</em>. Komme gern. Skat ist noch
-besser als Bayrisch.«</p>
-
-<p>»Hören Sie, Robinson, ich weiß doch nicht, ob das stimmt.
-Ich denke mir, so beides zusammen, das ist das Wahre.
-<em class="antiqua">That's it.</em>«</p>
-
-<p>Robinson war einverstanden, und da beide weiter nichts
-auf dem Herzen hatten, so brach man hier ab und schickte sich
-an, die Rückfahrt in einem mäßig raschen Trab anzutreten,
-wobei der Berchtesgadensche Kutscher den Weg über Molkenmarkt
-und Schloßplatz, der Barbysche den auf die Neue Friedrichstraße
-nahm. Jenseits der Friedrichsbrücke hielt sich dieser
-dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an
-sein Kronprinzenufer.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch passiert
-hatte, setzte sich in ein rascheres Tempo, dabei die linke Flußseite
-haltend, so daß immer nur eine geringe Entfernung zwischen
-dem Schiff und den sich dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen
-war. Jeder Bogen schuf den Rahmen für ein dahinter
-gelegenes Bild, das natürlich die Form einer Lunette
-hatte. Mauerwerk jeglicher Art, Schuppen, Zäune zogen in
-buntem Wechsel vorüber, aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit
-und der Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer
-wieder ein Stück Gartenland, darin ein paar verspätete Malven
-oder Sonnenblumen blühten. Erst als man die zweitfolgende
-Brücke passiert hatte, traten die Stadtbahnbögen so weit zurück,
-daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein konnte;
-statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege
-sichtbar, und wo das Ufer kaiartig abfiel, lagen mit Sand
-beladene Kähne, große Zillen, aus deren Innerem eine baggerartige
-Vorrichtung die Kies- und Sandmassen in die dicht am
-Ufer hin etablierten Kalkgruben schüttete. Es waren dies die
-Berliner Mörtelwerke, die hier die Herrschaft behaupteten und
-das Uferbild bestimmten.</p>
-
-<p>Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem raschen
-Wechsel der Bilder eine Frage die andre zurückdrängte. Nur
-als der Dampfer an Treptow vorüber zwischen den kleinen
-Inseln hinfuhr, die hier mannigfach aus dem Fluß aufwachsen,
-wandte sich Melusine an Woldemar und sagte: »Lizzi hat mir
-erzählt, hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die ›Liebesinsel‹;
-da stürben immer die Liebespaare, meist mit einem Zettel
-in der Hand, drauf alles stünde. Trifft das zu?«</p>
-
-<p>»Ja, Gräfin, soviel ich weiß, trifft es zu. Solche Liebesinseln
-gibt es übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann
-als Beweis gelten, wie weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen
-werden soll, und wenn's auch durch Sterben wäre.«</p>
-
-<p>»Das nehm ich Ihnen übel, daß Sie darüber spotten. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-Armgard wird es noch mehr tun, weil sie gefühlvoller ist als
-ich. Zudem sollten Sie wissen, daß sich so was rächt.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner
-Seele. Sicher haben Sie mal gehört, daß der, der Furcht hat,
-zu singen anfängt, und wer nicht singen kann, nun, der witzelt
-eben. Übrigens, so schön ›Liebesinsel‹ klingt, der Zauber davon
-geht wieder verloren, wenn Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen.
-Die sich so mächtig hier verbreiternde Spreefläche
-heißt nämlich der ›Rummelsburger‹ See.«</p>
-
-<p>»Freilich nicht hübsch; das kann ich zugeben. Aber die
-Stelle selbst ist schön, und Namen bedeuten nichts.«</p>
-
-<p>»Wer Melusine heißt, sollte wissen, was Namen bedeuten.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es leider. Denn es gibt Leute, die sich vor ›Melusine‹
-fürchten.«</p>
-
-<p>»Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr noch eine
-Huldigung ist.«</p>
-
-<p>Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung
-der Spree hinaus gekommen und fuhren wieder in das schmaler
-werdende Flußbett ein. An beiden Ufern hörten die Häuserreihen
-auf, sich in dünnen Zellen hinzuziehen, Baumgruppen
-traten in nächster Nähe dafür ein, und weiter landeinwärts
-wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar, über die hinweg
-die Telegraphenstangen ragten und ihre Drähte von Pfahl zu
-Pfahl spannten. Hie und da, bis ziemlich weit in den Fluß hinein,
-stand ein Schilfgürtel, aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten
-aufflogen.</p>
-
-<p>»Es ist doch weiter, als ich dachte,« sagte Melusine. »Wir
-sind ja schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es
-frisch. Ein Glück, daß wir Decken mitgenommen. Denn wir
-bleiben doch wohl im Freien? Oder gibt es auch Zimmer da?
-Freilich kann ich mir kaum denken, daß wir zu sechs in einem
-Eierhäuschen Platz haben.«</p>
-
-<p>»Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-Idyllisches und erwarten, wenn wir angelangt sein werden,
-einen Mischling von Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber
-eine grausame Enttäuschung. Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes
-›Lokal‹, und wenn uns die Lust anwandelt, so können
-wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten. Raum
-genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der
-rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und
-Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen.«</p>
-
-<p>»O weh! Ein Palazzo,« sagte die Baronin und war auf
-dem Punkt, ihrer Mißstimmung einen Ausdruck zu geben.
-Aber ehe sie dazu kam, schob sich das Schiff schon an den vorgebauten
-Anlegesteg, über den hinweg man, einen Uferweg
-einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt. Dieser Uferweg
-setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht hatte,
-jenseits desselben noch eine gute Strecke fort, und weil die
-wundervolle Frische dazu einlud, beschloß man, ehe man sich
-im Eierhäuschen selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen
-Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer
-weiter flußaufwärts.</p>
-
-<p>Der Enge des Weges halber ging man zu zweien, vorauf
-Woldemar mit Melusine, dann die Baronin mit Armgard.
-Erheblich zurück erst folgten die beiden älteren Herren, die schon
-auf dem Dampfschiff ein politisches Gespräch angeschnitten
-hatten. Beide waren liberal, aber der Umstand, daß der Baron
-ein Bayer und unter katholischen Anschauungen aufgewachsen
-war, ließ doch beständig Unterschiede hervortreten.</p>
-
-<p>»Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle
-Trümpfe heut, und zwar mehr denn je, sind in des Papstes
-Hand. Rom ist ewig und Italien nicht so fest aufgebaut, als
-es die Welt glauben machen möchte. Der Quirinal zieht wieder
-aus, und der Vatikan zieht wieder ein. Und was dann?«</p>
-
-<p>»Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es wirklich
-dazu kommen sollte, was, glaub ich, ausgeschlossen ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>»Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur, wenn
-man sicher ist. Sind Sie's? Und wenn Sie's sind, dürfen
-Sie's sein? Ich wiederhole, die letzten Entscheidungen liegen
-immer bei dieser Papst- und Rom-Frage.«</p>
-
-<p>»Lagen einmal. Aber damit ist es gründlich vorbei, auch
-in Italien selbst. Die letzten Entscheidungen, von denen Sie
-sprechen, liegen heutzutage ganz wo anders, und es sind bloß
-ein paar Ihrer Zeitungen, die nicht müde werden, der Welt
-das Gegenteil zu versichern. Alles bloße Nachklänge. Das
-moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem Überkommenen
-auf. Ob es glückt, ein Nilreich aufzurichten, ob Japan
-ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen
-vierhundert Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine
-Hand erhebend, uns und der Welt zuruft: ›Hier bin ich,‹ allem
-vorauf aber, ob sich der vierte Stand etabliert und stabiliert
-(denn darauf läuft doch in ihrem vernünftigen Kern die ganze
-Sache hinaus) &ndash; das alles fällt ganz anders ins Gewicht als
-die Frage ›Quirinal oder Vatikan‹. Es hat sich überlebt. Und
-anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so weiter
-geht. Das ist der Wunder größtes.«</p>
-
-<p>»Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen so
-nahe gestanden?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Weil</em> ich ihnen so nahe gestanden.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem
-Gespräch.</p>
-
-<p>An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont
-stiegen die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf,
-und die Rauchfahnen zogen in langsamem Zuge durch die
-Luft.</p>
-
-<p>»Was ist das?« fragte die Baronin, sich an Woldemar
-wendend.</p>
-
-<p>»Das ist Spindlersfelde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>»Kenn ich nicht.«</p>
-
-<p>»Doch vielleicht, gnädigste Frau, wenn Sie hören, daß
-in eben diesem Spindlersfelde der für die weibliche Welt so
-wichtige Spindler seine geheimnisvollen Künste treibt. Besser
-noch seine verschwiegenen. Denn unsre Damen bekennen sich
-nicht gern dazu.«</p>
-
-<p>»So, der! Ja, dieser unser Wohltäter, den wir &ndash; Sie
-haben ganz recht &ndash; in unserm Undank so gern unterschlagen.
-Aber dies Unterschlagen hat doch auch wieder sein Verzeihliches.
-Wir tun jetzt (leider) so vieles, was wir, nach einer alten
-Anschauung, eigentlich nicht tun sollten. Es ist, mein ich, nicht
-passend, auf einem Pferdebahnperron zu stehen, zwischen einem
-Schaffner und einer Kiepenfrau, und es ist noch weniger passend,
-in einem Fünfzigpfennigbasar allerhand Einkäufe zu
-machen und an der sich dabei aufdrängenden Frage: ›Wodurch
-ermöglichen sich diese Preise?‹ still vorbeizugehen. Unser Freund
-in Spindlersfelde da drüben degradiert uns vielleicht auch
-durch das, was er so hilfreich für uns tut. Armgard, wie denken
-Sie darüber?«</p>
-
-<p>»Ganz wie Sie, Baronin.«</p>
-
-<p>»Und Melusine?«</p>
-
-<p>Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf,
-daß die beiden älteren Herren, die mittlerweile herangekommen
-waren, den Ausschlag geben sollten. Aber der alte
-Graf wollte davon nichts wissen. »Das sind Doktorfragen.
-Auf derlei Dinge lass' ich mich nicht ein. Ich schlage vor, wir
-machen lieber kehrt und suchen uns im Eierhäuschen einen
-hübschen Platz, von dem aus wir das Leben auf dem Fluß beobachten
-und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut
-sehen können.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und
-Berchtesgadenschen Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-zu machten, erschien unser Freund Mr. Robinson, von
-seinem Stallgebäude her, in Front der Lennéstraße, sah erst
-gewohnheitsmäßig nach dem Wetter und ging dann quer
-durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die
-Immes ihn bereits erwarteten.</p>
-
-<p>Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen (und
-Frauen mit Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos),
-einen großen Wirtschafts- und Sauberkeitssinn hatte, hatte
-zu Mr. Robinsons Empfang alles in die schönste Ordnung gebracht,
-um so mehr, als sie wußte, daß ihr Gast, als ein verwöhnter
-Engländer, immer der Neigung nachgab, alles Deutsche,
-wenn auch nur andeutungsweise, zu bemängeln. Es lag ihr
-daran, ihn fühlen zu lassen, daß man's hier auch verstehe.
-So war denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette,
-sondern auch eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern
-links und rechts aufgestellt worden. Frau Imme
-konnte das alles und noch mehr infolge der bevorzugten Stellung,
-die sie von langer Zeit her bei den Barbys einnahm,
-zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen
-und in deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben
-war. Auch jetzt noch hingen beide Damen an ihr, und mit
-Hilfe Lizzis, die, so diskret sie war, doch gerne plauderte, war
-Frau Imme jederzeit über alles unterrichtet, was im Vorderhause
-vorging. Daß der Rittmeister sich für die Damen interessierte,
-wußte sie natürlich wie jeder andre, nur nicht &ndash; auch
-darin wie jeder andre &ndash;, für welche.</p>
-
-<p>Ja, für welche?</p>
-
-<p>Das war die große Frage, selbst für Mr. Robinson, der
-regelmäßig, wenn er die Immes sah, sich danach erkundigte.
-Dazu kam es denn auch heute wieder, und zwar sehr bald nach
-seinem Eintreffen.</p>
-
-<p>Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels
-den Bogen spannenden Amor war vor ihn hingestellt<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-worden, und als er dem Streuselkuchen (für den er eine so
-große Vorliebe hatte, daß er regelmäßig erklärte, so was gäb
-es in den vereinigten drei Königreichen nicht) &ndash; als er dem
-Streusel liebevoll und doch auch wieder maßvoll zugesprochen
-hatte, betrachtete er das Bild auf der großen Tasse, zeigte, was
-bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte, schelmisch
-lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte: »Hier
-hinten ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier
-<em class="antiqua">this little fellow with his arrow</em>. Ich möchte mir die Frage gestatten
-&ndash; Sie sind eine so kluge Frau, Frau Imme &ndash;: wird
-er den Pfeil fliegen lassen oder nicht, und wenn er den Pfeil
-fliegen läßt, ist es die Priesterin, die hier neben dem Lorbeer
-steht, oder ist es eine andre?«</p>
-
-<p>»Ja, Mr. Robinson,« sagte Frau Imme, »darauf ist schwer
-zu antworten. Denn erstens wissen wir nicht, was er überhaupt
-vorhat, und dann wissen wir auch nicht: wer ist die
-Priesterin? Ist die Komtesse die Priesterin, oder ist die Gräfin
-die Priesterin? Ich glaube, wer schon verheiratet war, kann
-wohl eigentlich nicht Priesterin sein.«</p>
-
-<p>»Ach,« sagte Imme, in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger
-regte, »sein kann alles. Über so was wächst Gras. Ich
-glaube, es is die Gräfin.«</p>
-
-<p>Robinson nickte. »Glaub ich auch. <em class="antiqua">And what's the reason,
-dear</em> Mrs. Imme? Weil Witib vor Jungfrau geht. Ich weiß
-wohl, es ist immer viel die Rede von <em class="antiqua">virginity</em>, aber <em class="antiqua">widow</em> ist
-mehr als <em class="antiqua">virgin</em>.«</p>
-
-<p>Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand doch
-genug, um zu kichern, was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung
-begleitete, sie habe so was von Mr. Robinson nicht
-geglaubt.</p>
-
-<p>Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem er
-sich mit Erlaubnis der »Lady« ein kurzes Pfeifchen mit türkischem
-Tabak angesteckt hatte, an ein Fensterchen, in dessen<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-mit einer kleinen Laubsäge gemachten Blumenkasten rote Verbenen
-blühten, und sagte, während er auf den Hof mit seinen
-drei Akazienbäumen herunterblickte: »Wer ist denn der hübsche
-Junge da, der da mit seinem <em class="antiqua">hoop</em> spielt? Hier sagen sie
-Reifen.«</p>
-
-<p>»Das is ja Hartwigs Rudolf,« sagte Frau Imme. »Ja,
-der Junge hat viel Chic. Und wie er da mit dem Reifen spielt
-und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl sie doch beinahe
-seine Mutter sein könnte. Na, ich freue mich immer, wenn
-ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig kommt &ndash;
-ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist &ndash;, da können Sie
-ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range
-finden. Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute
-sind eitel. Aber das muß wahr sein, es ist ein reizender
-Junge.«</p>
-
-<p>Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den
-Imme, skatdurstig, schon seit einer Viertelstunde gewartet
-hatte, und keine drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da,
-die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in
-dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide wurden mit gleicher
-Herzlichkeit empfangen, Hartwig, weil nach seinem Erscheinen
-die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme
-nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll
-erzählen und brachte jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte
-vierundzwanzig sein, war immer sehr sauber gekleidet und von
-heiter-übermütigem Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes
-Haar. Es traf sich, daß sie mal wieder außer Dienst war.</p>
-
-<p>»Nun, das ist recht, Hedwig, daß du kommst,« sagte Frau
-Imme. »Rudolfen hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben
-wärst, denn ich habe dich ja mit ihm spielen sehen; aber solch
-Junge weiß nie was; der denkt bloß immer an sich, und ob er
-sein Stück Kuchen kriegt. Na, wenn er kommt, er soll's haben;
-Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streusel ungeheuer<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-gern mag. Aber so sind die Engländer, sie sind nicht
-so zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die
-Hälfte bleibt übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder
-da bist. Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht
-ordentlich gesehen. Es war ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen,
-die kenn ich. Aber es gibt auch gute. Wie war <em class="gesperrt">er</em>
-denn?«</p>
-
-<p>»Na, mit <em class="gesperrt">ihm</em> ging es.«</p>
-
-<p>»Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein. Die
-können manche nicht vertragen. Und wenn dann die Frau
-was merkt, dann is es vorbei.«</p>
-
-<p>»Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann.
-Beinahe zu sehr.«</p>
-
-<p>»Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann
-einer <em class="gesperrt">zu</em> anständig sein?«</p>
-
-<p>»Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht,
-das ist einem auch nicht recht.«</p>
-
-<p>»Ach, Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich
-nich wüßte, daß du gar nich so bist … Aber was war es
-denn?«</p>
-
-<p>»Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is
-ja immer wieder dasselbe. Die Herrschaften können einen
-nicht richtig unterbringen. Oder wollen auch nich. Immer
-wieder die Schlafstelle oder, wie manche hier sagen, die Schlafgelegenheit.«</p>
-
-<p>»Aber, Kind, wie denn? Du mußt doch ne Gelegenheit
-zum Schlafen haben.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher,
-is ne Gelegenheit. Aber gerade <em class="gesperrt">die</em>, die hat man nich.
-Man ist müde zum Umfallen und kann doch nicht schlafen.«</p>
-
-<p>»Versteh ich nich.«</p>
-
-<p>»Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen
-an immer bei so gute Herrschaften waren, und mit Lizzi is es<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-jetzt wieder ebenso. Die hat es auch gut un is, wie wenn sie
-mit dazu gehörte. Meine Tante Hartwig erzählt mir immer
-davon. Und einmal hab ich es auch so gut getroffen. Aber bloß
-das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit.«</p>
-
-<p>Frau Imme lachte.</p>
-
-<p>»Sie lachen darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht,
-daß Sie lachen. Glauben Sie mir, es is eigentlich zum Weinen.
-Und mitunter hab ich auch schon geweint. Als ich nach Berlin
-kam, da gab es ja noch die Hängeböden.«</p>
-
-<p>»Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört.«</p>
-
-<p>»Ja, wenn man davon gehört hat, das is nich viel. Man
-muß sie richtig kennen lernen. Immer sind sie in der Küche,
-mitunter dicht am Herd oder auch gerade gegenüber. Und nun
-steigt man auf eine Leiter, und wenn man müde is, kann man
-auch runterfallen. Aber meistens geht es. Und nun macht
-man die Tür auf und schiebt sich in das Loch hinein, ganz so
-wie in einen Backofen. Das is, was sie ne Schlafgelegenheit
-nennen. Und ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden
-is es besser, auch wenn Mäuse da sind. Und am schlimmsten
-is es im Sommer. Draußen sind dreißig Grad, und auf dem
-Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob man
-auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin
-kam. Aber ich glaube, sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen.
-Polizeiverbot. Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter
-Segen. Wenn wir die Polizei nich hätten (und sie sind auch
-immer so artig gegen einen), so hätten wir gar nichts. Mein
-Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle, daß man nicht schlafen
-kann, der sagt auch immer: ›Kenn ich, kenn ich; der Bourgeois
-tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die Menschheit
-tut, der muß abgeschafft werden.‹«</p>
-
-<p>»Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem
-Hofrat, wo du nu zuletzt warst, auch so?«</p>
-
-<p>»Nein, bei Hofrats war es <em class="gesperrt">nicht</em> so. Die wohnten ja auch<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-in einem ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner.
-Und in dem, was jetzt die neuen Häuser sind, da kommen,
-glaub ich, die Hängeböden gar nicht mehr vor; da haben sie
-bloß noch die Badestuben.«</p>
-
-<p>»Nu, das is aber doch ein Fortschritt.«</p>
-
-<p>»Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist
-ein Fortschritt oder, wie Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt.
-Er hat meistens solche Wörter. Aber Badestube
-als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt.«</p>
-
-<p>»Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne
-gepackt haben?«</p>
-
-<p>»I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich.
-Da werden sie sich hüten. Aber … Ach, Frau Imme, ich
-kann nur immer wieder sagen, Sie wissen nich Bescheid; Sie
-hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet waren, und nu haben
-Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung,
-un daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das
-schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und
-all seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das
-edle Pferd. Und außerdem soll es so gesund sein, fast so gut
-wie Kuhstall, womit sie ja die Schwindsucht kurieren. Und dazu
-haben Sie hier den Blick auf die Kugelakazien und drüben
-auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie alles is,
-und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung,
-wo es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft
-hat. Aber bei Hofrats … Nein, diese Badestube!«</p>
-
-<p>»Gott, Hedwig,« sagte Frau Imme, »du tust ja, wie wenn
-es eine Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre.«</p>
-
-<p>»Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts.
-Ich habe Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da
-trinken sie Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer
-Ecke wird was ausbaldowert, aber davon merkt man nichts.«</p>
-
-<p>»Und die Badestube … warum is sie dir denn so furchtbar,<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-daß du dich ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch
-am Ende baden können.«</p>
-
-<p>»Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie
-ne Badestube. Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is
-ne Rumpelkammer, wo man alles unterbringt, alles, wofür
-man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen.
-Meine eiserne Bettstelle, die abends aufgeklappt
-wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle alten
-Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen
-aus. Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins
-ihre Wäsche hineinstopften, und in der andern Ecke war eine
-kleine Tür. Aber davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil
-ich einen Widerwillen gegen Unanständigkeiten habe, weshalb
-schon meine Mutter immer sagte: ›Hedwig, du wirst noch Jesum
-Christum erkennen lernen.‹ Und ich muß sagen, das hat sich bei
-Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie weiter nich.«</p>
-
-<p>Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß
-draußen die Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand
-Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte, daß er Vatern holen
-solle und Hedwigen auch; Mutter müsse weg.</p>
-
-<p>»Na,« sagte Frau Imme, »dann komm nur, Rudolf, un
-iß erst ein Stück Streusel und bestell es nachher bei deinem
-Vater.«</p>
-
-<p>Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand
-und führte ihn in das Nebenzimmer, wo die drei Männer
-vergnügt an ihrem Skattisch saßen. Ein großes Spiel war
-eben gemacht; alles noch in Aufregung.</p>
-
-<p>Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte
-zu Imme: »Das is ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf
-dem Hof gesehen habe mit seinem <em class="antiqua">hoop</em>; &ndash; <em class="antiqua">nice boy</em>.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Imme, »das ist unserm Freund Hartwig seiner.«
-Hartwig selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: »Na,
-Rudolf, was gibt's? Du willst mich holen. Du sollst aber auch<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-noch ne Freude haben. Kuck dir mal den Herrn da an, der dich
-so freundlich ansieht. Das is Robinson.«</p>
-
-<p>»Haha.«</p>
-
-<p>»Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn
-ich dir sage, das is Robinson?«</p>
-
-<p>»I bewahre, Vater. Robinson, <em class="gesperrt">den</em> kenn ich. Robinson
-hat nen Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon
-lange dod.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde
-nach dem Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich
-hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen,
-eine Laube von Baumkronen über sich. Sperlinge hüpften
-umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien
-auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen.
-Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand
-wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm
-einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies, drauf »Wiener Würstel«
-und daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort
-»Löwenbräu« stand. In kürzester Frist erschien denn auch
-der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und ließ
-das Eierhäuschen und die Spree leben, zugleich versichernd,
-»daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin
-tränke«. Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon
-wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken,
-um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; »der
-sei freilich in Berlin ebenso gut wie wo anders«. Die Baronin
-hielt aber aus und rührte sich nicht. »Was Sonnenuntergang!
-den seh ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue mich
-schon auf die Lichter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p>
-
-<p>Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich
-da. Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf
-dem drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme
-zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während
-mitten auf der Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen,
-ein verblaktes Rot aus den Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei
-wurde es kühl, und die Damen wickelten sich in ihre Plaids
-und Mäntel.</p>
-
-<p>Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der
-ersichtlich etwas planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten
-an das in der Nähe befindliche Büfett heran, um da
-zur Herstellung einer besseren Innentemperatur das Nötige
-zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange mehr, so stand auch
-schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen vor ihnen
-und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel
-aufklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in
-solchen Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und
-sagte: »Lieber Stechlin, ich beglückwünsche Sie. Das war eine
-große Idee.«</p>
-
-<p>»Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse,
-sonst haben wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus.
-Und zurück müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe,
-wo solche Hilfsmittel, glaub ich, fehlen, sind wir allen Unbilden
-der Elemente preisgegeben.«</p>
-
-<p>»Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen,« unterbrach
-Melusine. »Schwedischer Punsch, für den ich ein <em class="antiqua">liking</em> habe.
-Wie für Schweden überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht
-da ist, können wir uns ungestraft einem gewissen Maß von
-Skandinavismus überlassen.«</p>
-
-<p>»Am liebsten ohne alles Maß,« sagte Woldemar, »so skandinavisch
-bin ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst ›Meistbegünstigten‹
-unter den Nationen immer noch vor. Alle Länder
-erweitern übrigens ihre Spezialgebiete. Früher hatte Schweden<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-nur zweierlei: Mut und Eisen, von denen man sagen muß,
-daß sie gut zusammen passen. Dann kamen die ›Säkerhets
-Tändstickors‹, und nun haben wir den schwedischen Punsch,
-den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr
-Wohl, meine Damen.«</p>
-
-<p>»Und das Ihre,« sagte Melusine, »denn Sie sind doch der
-Schöpfer dieses glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber
-Stechlin, daß ich in Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten
-etwas vermißt habe. Die Schweden haben noch eins &ndash;
-oder hatten es wenigstens. Und das war die schwedische Nachtigall.«</p>
-
-<p>»Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit.«</p>
-
-<p>»Ich müßte,« lachte die Gräfin, »vielleicht auch sagen:
-es fällt vor <em class="gesperrt">meine</em> Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht
-verschweigen, die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich
-nicht mehr so eigentlich als schwedische Nachtigall. Und
-überhaupt unter anderm Namen.«</p>
-
-<p>»Ja, ich erinnere mich,« sagte Woldemar, »sie hatte sich
-verheiratet. Wie hieß sie doch?«</p>
-
-<p>»Goldschmidt, &ndash; ein Name, den man schon um ›Goldschmieds
-Töchterlein‹ willen gelten lassen kann. Aber an Jenny
-Lind reicht er allerdings nicht heran.«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten
-sie noch persönlich gekannt?«</p>
-
-<p>»Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn
-auch nicht mehr öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichen
-Salon. Diese Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten
-und stolzesten Erinnerungen. Ich war noch ein halbes Kind,
-aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir allein schon etwas
-bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die Villa
-hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und
-einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst.
-Die Lind beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-gefiel. Wenn man Eindruck macht, das behält man. Und nun
-gar mit vierzehn!«</p>
-
-<p>»Die Lind,« warf die Baronin etwas prosaisch ein, »soll
-ihrerseits als Kind sehr häßlich gewesen sein.«</p>
-
-<p>»Ich hätte das Gegenteil vermutet,« bemerkte Woldemar.</p>
-
-<p>»Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?«</p>
-
-<p>»Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt,
-seit einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf
-unsrer Nationalgalerie. Aber lange bevor ich es da sah, kannt
-ich es schon <em class="antiqua">en miniature</em>, und zwar aus einer im Besitz meines
-Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle. Diese Kopie hängt
-über seinem Sofa, dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme.
-Wenn man will, eine etwas sonderbare Zusammenstellung.«</p>
-
-<p>»Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!« sagte Melusine.
-»Wissen Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was
-überhaupt in einem kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem
-berühmten See beinah gleichstelle? Unsre schwedische Nachtigall
-in Ihrem ›Ruppiner Winkel‹, wie Sie selbst beständig sich
-auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor dazu?«</p>
-
-<p>»Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich
-auch seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank
-und schlug sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte
-die Diva trotzdem jeden Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster
-Mittel, das Bildchen zu verschaffen. Fast grenzt
-es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die Dinge meist so.
-Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig vertan
-und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen
-bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen
-liegt; aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas
-sehr Schönes, daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das
-Schönste.«</p>
-
-<p>»Das will ich meinen,« sagte die Gräfin. »Und ich dank
-es Ihnen, lieber Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-war ein gutes Wort, das ich Ihnen nicht vergessen will. Und
-dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher?«</p>
-
-<p>»Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein Freund
-und Berater. Der, den ich über alles liebe.«</p>
-
-<p>»Gehen Sie darin nicht zu weit?« lachte Melusine.</p>
-
-<p>»Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich
-hätte dessen eingedenk sein sollen, gerade heut und gerade hier.
-Aber soviel bleibt: ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke,
-was ich bin, und weil er reinen Herzens ist.«</p>
-
-<p>»Reinen Herzens,« sagte Melusine. »Das ist viel. Und Sie
-sind dessen sicher?«</p>
-
-<p>»Ganz sicher.«</p>
-
-<p>»Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute!
-Da waren Sie neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und
-haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem misogynen
-Prinzen wissen lassen. Und während Sie den in den Vordergrund
-stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemütlich
-in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit seinen Berichten
-und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen
-Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen
-drängen sich ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall,
-Ihnen einen solchen Erzieher zu geben? Und wie kam
-ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden? Und wie
-kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so selten.«</p>
-
-<p>Armgard und die Baronin nickten.</p>
-
-<p>»Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu
-hören,« fuhr Melusine fort. »Und er ist unverheiratet? Schon
-das allein ist immer ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen
-glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit
-die Herrlichkeit nicht ausstirbt. Ihr Lorenzen ist eben in
-allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch. Also beginnen.«</p>
-
-<p>»Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist
-zu spät dazu, denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-bereits unser Dampfer. Wir haben keine Wahl mehr, wir
-müssen abbrechen, wenn wir nicht im Eierhäuschen ein Nachtquartier
-nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens Lorenzen
-ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick
-der Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber
-hören Sie … der Dampfer läutet schon … wir müssen eilen.
-Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem
-Woldemar und die Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegehabten
-Plätze sofort wieder einnahmen. Nur die beiden in
-ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und
-ab und sahen, wenn sie vorn am Bugspriet eine kurze Rast
-machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von beiden
-Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte
-man das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube
-das Wasser nach hinten schleuderte, daß es in einem weißen
-Schaumstreifen dem Schiffe folgte. Sonst war alles still, so still,
-daß die Damen ihr Gespräch unterbrachen. »Armgard, du bist so
-schweigsam,« sagte Melusine, »finden Sie nicht auch, lieber Stechlin?
-Meine Schwester hat noch keine zehn Worte gesprochen.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen
-kleidet es zu sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen.
-Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger.«</p>
-
-<p>»Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.«</p>
-
-<p>»Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich es
-nicht. Wer könnt es wünschen?«</p>
-
-<p>Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder
-und sah auf die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende
-Straßenzug breite Lücken aufwies, in tiefem Dunkel
-lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein
-Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da, wobei rote und
-blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>»Wie schön,« sagte Melusine. »Das ist mehr, als wir erwarten
-durften; Ende gut, alles gut, &ndash; nun haben wir auch
-noch ein Feuerwerk. Wo mag es sein? Welche Dörfer liegen
-da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein Generalstäbler, lieber
-Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute Friedrichsfelde.
-Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal da;
-die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülsen.
-Ist es Friedrichsfelde?«</p>
-
-<p>»Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich.
-Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte,
-wo Feuerwerke sozusagen auf dem Programm stehen. Ich
-denke, wir lassen es im Ungewissen und freuen uns der Sache
-selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt es erst recht eigentlich. Die
-Rakete, die wir da vorhin gesehen haben, das war nur Vorspiel.
-Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit ab, sonst würden
-wir das Knattern hören und die Kanonenschläge. Wahrscheinlich
-ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang nach Alsen.
-Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden.«</p>
-
-<p>»Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben
-und ihr Vermögen hinopfern wie früher die Holländer für die
-Tulpen. Tulpen wäre nun freilich nicht mein Geschmack!
-Aber Feuerwerk!«</p>
-
-<p>»Ja, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit
-zu tun haben, über kurz oder lang in die Luft fliegen.«</p>
-
-<p>»Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch wieder
-den Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen
-eine Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen.
-Interesse hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote,
-Tunnel unter dem Meere, Luftballons. Ich denke mir, das
-Nächste, was wir erleben, sind Luftschifferschlachten. Wenn
-dann so eine Gondel die andre entert. Ich kann mich in solche
-Vorstellungen geradezu verlieben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, liebe Melusine, das seh ich,« unterbrach hier die Baronin.
-»Sie verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen
-darüber die Wirklichkeiten und sogar unser Programm. Ich
-muß angesichts dieser doch erst kommenden Luftschifferschlachten
-ganz ergebenst daran erinnern, daß für heute noch wer anders
-in der Luft schwebt, und zwar Pastor Lorenzen. Von <em class="gesperrt">dem</em> sollte
-die Rede sein. Freilich, der ist kein Pyrotechniker.«</p>
-
-<p>»Nein,« lachte Woldemar, »<em class="gesperrt">das</em> ist er nicht. Aber als
-einen Aeronauten kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er
-ist so recht ein Excelsior-, ein Aufsteigemensch, einer aus der
-wirklichen Obersphäre, genau von daher, wo alles Hohe zu
-Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte die Baronin, »die Hoffnung und sogar die
-Liebe! Wo bleibt aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen.
-Wir haben noch das Dritte; das heißt also, wir wissen
-auch, was wir <em class="gesperrt">glauben</em> sollen.«</p>
-
-<p>»Ja, <em class="gesperrt">sollen</em>.«</p>
-
-<p>»Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn
-man weiß, was man soll, so find't sich's schon. Aber wo das
-Sollen fehlt, da fehlt auch das Wollen. Es ist halt a Glück,
-daß wir Rom haben und den heiligen Vater.«</p>
-
-<p>»Ach,« sagte Melusine, »wer's Ihnen glaubt, Baronin!
-Aber lassen wir so heikle Fragen und hören wir lieber von
-<em class="gesperrt">dem</em>, den ich &ndash; ich bin beschämt darüber &ndash; in so wenig verbindlicher
-Weise vergessen konnte, von unserm Wundermann
-mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen, der reinen
-Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen
-Nährvater unsers Freundes Stechlin. <em class="antiqua">Eh bien</em>, was ist es mit
-ihm? ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,‹ &ndash; das könnt
-uns beinahe genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so
-denn <em class="antiqua">attention au jeu</em>. Unser Freund Stechlin hat das Wort.«</p>
-
-<p>»Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,« wiederholte
-Woldemar, »so sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da war ich im Zuge.
-Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine Schwierigkeiten.
-Und dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte,
-selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich, was diese
-Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe. Sie
-gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das
-Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen.«</p>
-
-<p>»Keine Ausflüchte!«</p>
-
-<p>»Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege
-versuchen und Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern,
-wie meine letzte Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war,
-als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich großer Erregung, und zwar
-über ein Büchelchen, das er in Händen hielt.«</p>
-
-<p>»Und ich will raten, was es war,« unterbrach Melusine.</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und Entsagung.
-Anpreisung von Askese.«</p>
-
-<p>»Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht
-geographisch. Es handelt sich nämlich nicht östlich um einen
-Russen, sondern westlich um einen Portugiesen.«</p>
-
-<p>»Um einen Portugiesen,« lachte die Baronin. »O, ich
-kenne welche. Sie sind alle so klein und gelblich. Und einer fand
-einen Seeweg. Freilich schon lange her. Ist es nicht so?«</p>
-
-<p>»Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich
-hier handelt, das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß
-ein Dichter.«</p>
-
-<p>»Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen
-Namen auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber
-Calderon ist es nicht.«</p>
-
-<p>»Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches,
-auch schon rein landkartlich, nicht mit <em class="gesperrt">dem</em>, um den sich's
-hier handelt. Und ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein
-neuer. Und heißt Joao de Deus.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p>
-
-<p>»Joao de Deus,« wiederholte die Gräfin. »Schon der
-Name. Sonderbar. Und was war es mit dem?«</p>
-
-<p>»Ja, was war es mit <em class="gesperrt">dem</em>? Dieselbe Frage tat ich auch,
-und ich habe nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete:
-›Dieser Joao de Deus,‹ so etwa waren seine Worte, ›war genau
-<em class="gesperrt">das</em>, was ich wohl sein möchte, wonach ich suche, seit ich zu
-leben, <em class="gesperrt">wirklich</em> zu leben angefangen, und wovon es beständig
-draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen nicht mehr.
-Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben oder
-doch <em class="gesperrt">wieder</em> geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar
-erst das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf
-dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde
-gehen. Die zehn Gebote, das war der Alte Bund, der Neue
-Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und das klingt
-aus in: Und du hättest der Liebe nicht&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>»Ja, so sprach Lorenzen,« fuhr Woldemar nach einer Pause
-fort, »und sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und
-ihm zurief: ›Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten.
-Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus erzählen.
-Was ist es mit dem? Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?‹«</p>
-
-<p>»›Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode
-spricht das kleine Heft hier. Höre.‹ Und nun begann er zu lesen.
-Das aber, was er las, das lautete etwa so: ›… Und als er
-nun tot war, der Joao de Deus, da gab es eine Landestrauer,
-und alle Schulen der Hauptstadt waren geschlossen, und die
-Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die
-Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt, und die
-Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh
-und zeigten auf den Toten und sagten: <em class="antiqua">Un Santo, un Santo.</em>
-Und sie taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt
-hatte und <em class="gesperrt">nicht für sich</em>.‹«</p>
-
-<p>»Das ist schön,« sagte Melusine.</p>
-
-<p>»Ja, das ist schön,« wiederholte Woldemar, »und ich darf<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-hinzusetzen, in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao
-de Deus, sondern auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht
-nicht ganz wie sein Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit.«</p>
-
-<p>»Und so schlag ich denn vor,« sagte die Baronin, »daß
-wir den mit dem C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen
-wird, vorläufig absetzen und statt seiner den neuen mit dem D
-leben lassen. Und natürlich unsern Lorenzen dazu.«</p>
-
-<p>»Ja, leben lassen,« lachte Woldemar. »Aber womit? worin?
-<em class="antiqua">Les jours de fête</em> …« und er wies auf das Eierhäuschen
-zurück.</p>
-
-<p>»In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht,
-und uns statt andrer Beschwörung einfach die Hände reichen,
-selbstverständlich über Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard
-und dann Melusine und ich.«</p>
-
-<p>Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die
-Hände.</p>
-
-<p>Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die
-Gruppe heran, und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli.«</p>
-
-<p>»Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen
-Liebe!«</p>
-
-<p>»So, hat's denn eine Verlobung gegeben?«</p>
-
-<p>»Nein … noch nicht,« lachte Melusine.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wahl_in_Rheinsberg_Wutz">Wahl in Rheinsberg-Wutz</h2>
-
-<h3 id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst.
-Als er um neun Uhr auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er
-auf dem Frühstückstisch Zeitungen und Briefe. Darunter war
-einer mit einem ziemlich großen Siegel, der Lack schlecht und
-der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung, ein
-bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel
-und Handschrift sehr wohl wissend, woher und von
-wem der Brief kam, schob ihn, während Fritz den Tee brachte,
-beiseite, und erst als er eine Tasse genommen und länger als
-nötig dabei verweilt hatte, griff er wieder nach dem Brief
-und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Ich hätte
-mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres gewünscht
-als gerade <em class="gesperrt">diesen</em> Brief.« Und während er das so vor sich hin
-sprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten
-Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte,
-kurz bevor er das Kloster verließ, noch einmal vertraulich seine
-Hand genommen und ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen,
-was sie seit lange bedrückte.</p>
-
-<p>»Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein
-Vater war auch schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will
-nicht in deine Geheimnisse eindringen, aber ich möchte doch
-fragen dürfen: wie stehst du dazu?«</p>
-
-<p>»Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>»Berlinerin?«</p>
-
-<p>»Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe von
-Jahren in Berlin und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit
-ist sie Berlinerin. Aber eigentlich ist sie doch keine; sie
-wurde drüben in London geboren, und ihre Mutter war eine
-Schweizerin.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen!«</p>
-
-<p>»Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen
-von einer Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm
-und mit einem Milchkübel.«</p>
-
-<p>»Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich weiß nur,
-daß es ein wildes Land ist.«</p>
-
-<p>»Ein freies Land, liebe Tante.«</p>
-
-<p>»Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen
-in der Hand hast, so beschwör ich dich&nbsp;…«</p>
-
-<p>An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals
-(weil eine Störung kam) das Gespräch mit der Tante auf andre
-Dinge hingeleitet worden, und nun hielt er ihren Brief in Händen
-und zögerte, das Siegel zu brechen. »Ich weiß, was drin
-steht, und ängstige mich doch beinahe. Wenn es nicht Kämpfe
-gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die sind
-mir womöglich noch fataler … Aber was hilft es!«</p>
-
-<p>Und nun brach er den Brief auf und las:</p>
-
-<p>»Ich nehme an, mein lieber Woldemar, daß Du meine
-letzten Worte noch in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat
-und die Bitte hinaus: gib auch in dieser Frage die Heimat
-nicht auf, halte Dich, wenn es sein kann, an das Nächste. Schon
-unsre Provinzen sind so sehr verschieden. Ich sehe Dich über
-solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei. Was ich Adel
-nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer alten
-Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht noch reiner
-als bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem
-Zusehen auf dem adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-ein paar Andeutungen will ich machen. Ich habe sie von
-allen Arten gesehen. Da sind zum Beispiel die rheinischen
-jungen Damen, also die von Köln und Aachen; nun ja, die
-mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn sie nicht
-katholisch sind, dann sind sie was anders, wo der Vater erst
-geadelt wurde. Neben den rheinischen haben wir dann die westfälischen.
-Über die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen
-Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten nennen,
-sind alle so gut wie polnisch und leben vom Jeu und haben die
-hübschesten Erzieherinnen; immer ganz jung, da macht es sich
-am leichtesten. Und dann sind da noch weiterhin die preußischen,
-das heißt die ostpreußischen, wo schon alles aufhört. Nun
-die kenn ich, die sind ganz wie ihre Litauer Füllen und schlagen
-aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto schlimmer.
-Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so
-streng und so sehr für unsre Mark bin, ja speziell für unsre
-Mittelmark. Deshalb, mein lieber Woldemar, weil wir in unsrer
-Mittelmark nicht so bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern
-weil wir auch in allem die rechte Mitte haben und halten.
-Ich habe mal gehört, unser märkisches Land sei <em class="gesperrt">das</em> Land,
-drin es nie Heilige gegeben, drin man aber auch keine Ketzer
-verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt,
-Mittelzustand, &ndash; darauf baut sich das Glück auf. Und dann
-haben wir hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die
-reine Lehre und in unserm Adel das reine Blut. <em class="gesperrt">Die</em>, wo das
-nicht zutrifft, die kennt man. Einige meinen freilich, das, was
-sie das ›Geistige‹ nennen, das litte darunter. Das ist aber
-alles Torheit. Und wenn es litte (es leidet aber nicht), so
-schadet das gar nichts. Wenn das Herz gesund ist, ist der Kopf
-nie ganz schlecht. Auf diesen Satz kannst Du Dich verlassen.
-Und so bleibe denn, wenn Du suchst, in unsrer Mark und vergiß
-nie, daß wir das sind, was man so ›brandenburgische Geschichte‹
-nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-Gegend empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger &ndash; trotzdem
-seine Feinde behaupten, er betrachte sich hier bloß wie in Verbannung
-und sehne sich fort nach einer Berliner Domstelle &ndash;
-von der mir selbst Koseleger sagte: ›Wenn man sich die preußische
-Geschichte genau ansieht, so findet man immer, daß sich
-alles auf unsre alte, liebe Grafschaft zurückführen läßt; da liegen
-die Wurzeln unsrer Kraft.‹ Und so schließe ich denn mit der
-Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und nicht nach
-Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der Liebe
-Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin Adelheid von St.«</p>
-
-<p>Woldemar lachte. »Heirate heimisch und heirate lutherisch
-&ndash; das hör ich nun schon seit Jahren. Und auch das dritte höre
-ich immer wieder: ›Geld erniedrigt.‹ Aber das kenn ich. Wenn's
-nur recht viel ist, kann es schließlich auch eine Chinesin sein.
-In der Mark ist alles Geldfrage. Geld &ndash; weil keins da ist &ndash;
-spricht Person und Sache heilig und, was noch mehr sagen will,
-beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante.«</p>
-
-<p>Während er lachend so vor sich hin sprach, überflog er noch
-einmal den Brief und sah jetzt, daß eine Nachschrift an den
-Rand der vierten Seite gekritzelt war. »Eben war Katzler hier,
-der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise stattfindenden
-Nachwahl erzählte. Dein Vater ist aufgestellt worden und
-hat auch angenommen. Er bleibt doch immer der Alte. Gewiß
-wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, &ndash; er litt von
-Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer
-bedünkte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten.
-Deine A. von St.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav hatte sich
-als konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-Woldemar noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten
-einige am Tage darauf von Lorenzen eintreffende Zeilen diese
-Zweifel beseitigt. Es hieß in Lorenzens Brief:</p>
-
-<p>»Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Großes
-zugetragen. Noch am selben Abend erschienen Gundermann
-und Koseleger und drangen in Deinen Vater, zu kandidieren.
-Er lehnte zunächst natürlich ab; er sei weltfremd und verstehe
-nichts davon. Aber damit kam er nicht weit. Koseleger, der &ndash;
-was ihm auch später noch von Nutzen sein wird &ndash; immer ein
-paar Anekdoten auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß
-vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister
-Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem ›Ich verstehe
-nichts davon‹ aus der Affäre ziehen wollte, der bismarckisch-prompten
-Antwort begegnet sei: ›Darum wähle ich Sie ja
-gerade, mein Lieber,‹ &ndash; eine Geschichte, der Dein Vater natürlich
-nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von
-Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen worden,
-ebenso vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben
-wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel. Ich
-glaube, daß er siegt. Nur die Fortschrittler können in Betracht
-kommen und allenfalls die Sozialdemokraten, wenn vom
-Fortschritt (was leicht möglich ist) einiges abbröckelt. Unter
-allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du Dich seines
-Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen.
-Bringen wir ihn durch, so weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag
-sitzt und daß wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren
-können. Er sich persönlich allerdings auch. Denn sein Leben
-hier ist zu einsam, so sehr, daß er, was doch sonst nicht seine
-Sache ist, mitunter darüber klagt. Das war das, was ich Dich
-wissen lassen mußte. ›Sonst nichts Neues vor Paris.‹ Krippenstapel
-geht in großer Aufregung einher; ich glaube, wegen
-unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten Vorversammlung,
-wo er mutmaßlich seine herkömmliche Rede<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-über den Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei
-liebenswürdigen Freunden, besonders Czako. Wie immer,
-Dein alter Freund Lorenzen.«</p>
-
-<p>Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich
-dazu stellen sollte. Was Lorenzen da schrieb, »daß kein Besserer
-im Hause sitzen würde«, war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken
-und Sorge. Der Alte war durchaus kein Politiker, er
-konnte sich also stark in die Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen
-Figur werden. Und dieser Gedanke war ihm, dem
-Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr schmerzlich.
-Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß er
-in dem Wahlkampf unterlag.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt.
-Es stand durchaus nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt
-er selbst bei den Gegnern war, als Sieger aus der Wahlschlacht
-hervorgehen müsse. Die Konservativen hatten sich freilich
-daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz als eine »Hochburg« anzusehen,
-die der staatserhaltenden Partei nicht verloren gehen
-könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum, und die bisherige
-Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte lediglich
-in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen
-und Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen
-persönlichen Rücksichtnahme mußte doch mal ein Ende nehmen,
-und das Anrecht, das sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit
-diesem mußt es vorbei sein, eben weil sich's endlich um einen
-Neuen handelte. Kein Zweifel, die gegnerischen Parteien regten
-sich, und es lag genau so, wie Lorenzen an Woldemar geschrieben,
-»daß ein Fortschrittler, aber auch ein Sozialdemokrat
-gewählt werden könne«.</p>
-
-<p>Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der
-am besten erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür
-des alten Baruch Hirschfeld gehorcht hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>»Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten
-Herrn von Stechlin.«</p>
-
-<p>»Nein, Vater. Ich werde <em class="gesperrt">nicht</em> wählen den guten alten
-Herrn von Stechlin.«</p>
-
-<p>»Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und hat das
-richtige Herz.«</p>
-
-<p>»Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.«</p>
-
-<p>»Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn,
-als du hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und
-hast ihr aufgebunden das Schürzenband, und sie hat dir gegeben
-einen Klaps. Du hast gebuhlt um das christliche Mädchen.
-Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt, um die öffentliche Meinung.
-Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir verziehen.
-Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht.«</p>
-
-<p>»Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit.
-Und wenn ich wähle, wähl ich für die Menschheit.«</p>
-
-<p>»Geh mir, Isidor, <em class="gesperrt">die</em> kenn ich. Die Menschheit, die will
-haben, aber nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen.«</p>
-
-<p>»Laß sie teilen, Vater.«</p>
-
-<p>»Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht
-den zehnten Teil.«</p>
-
-<p>Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften. In Wutz
-sprach Fix für das Kloster und die Konservativen im allgemeinen,
-ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu bringen, weil er
-wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder stand. Ein Linkskandidat
-aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer Gegend
-die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die
-ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin,
-der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte,
-daß es ein Unsinn sei, von Adel und Kirche was zu erwarten.
-Die vertrösteten immer bloß auf den Himmel. Achtstündiger
-Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie nach
-Finkenkrug, &ndash; <em class="gesperrt">das</em> sei das Wahre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um
-den Stechlin herum hoffte man der Sache noch Herr werden
-und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu können. Im
-Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke beraten, und Donnerstag
-sieben Uhr war dazu festgesetzt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung
-der von Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der
-eigentlichen Dorfstraße gebildet wurde, und war unter den
-vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste. Vor seiner Front
-standen ein paar uralte Linden, und drei, vier Stehkrippen
-waren bis dicht an die Hauswand herangeschoben, aber alle
-ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden,
-während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem
-heute Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz,
-und wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für
-Stechlin und Umgegend proklamiert werden sollte. Dieser
-große Saal war ein fünffenstriger Längsraum, der schon manchen
-Schottischen erlebt, was er in seiner Erscheinung auch
-heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur waren
-ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige
-Baßgeige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam
-gewesen wäre, guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen Halse
-von der Musikempore her über die Brüstung fort.</p>
-
-<p>Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein
-für das Komitee bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke,
-während auf den links und rechts sich hinziehenden Bänken
-einige zwanzig Vertrauensmänner saßen, denen es hinterher
-oblag, im Sinne der Komiteebeschlüsse weiter zu wirken. Die
-Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stechliner
-Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen Leuten
-aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner
-von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-gesellte sich noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter,
-ein Steueroffiziant und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der
-jetzt Agent war und die Post besorgte. Natürlich war auch
-Landbriefträger Brose da samt der gesamten Sicherheitsbehörde:
-Fußgensdarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von
-der reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit zum
-Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber
-trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab
-nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres, als seinen Kameraden
-und Amtsgenossen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten
-und sich dabei seiner ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten
-Überlegenheit als schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier
-bewußt zu werden. Uncke war ihm der Inbegriff des
-Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte Gesicht
-an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der gefärbte
-Schuhbürstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel,
-mit dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke
-hatte recht: Uncke war wirklich eine komische Figur. Seine
-Miene sagte beständig: »An mir hängt es.« Dabei war er ein
-höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als nötig aufschrieb
-und auch nur selten auflöste.</p>
-
-<p>Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der
-Mitteltür standen die beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht,
-als sich der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlag
-sieben von seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet
-erklärte. Dieser Vorsitzende war natürlich Oberförster
-Katzler, der heute, statt des bloßen schwarz-weißen Bandes,
-sein bei St. Marie aux Chênes erworbenes Eisernes Kreuz in
-Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm saßen Superintendent
-Koseleger und Pastor Lorenzen, an der linken Schmalseite
-Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer auch
-dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei
-Düppel in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-sagte, während er seine beneidenswerten Zähne zeigte: »Ja,
-Kinder, so geht es. Bei Alsen war ich, aber bei Düppel war ich
-nich, und dafür hab ich nu die Düppelmedaille.«</p>
-
-<p>Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene
-Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat
-immer, wenn sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig
-und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten, für die von
-vierundsechzig ein. »Ja, vierundsechzig, Kinder, da fing es an.
-Und aller Anfang ist schwer. Anfangen ist immer die Hauptsache;
-das andre kommt dann schon wie von selbst.« Ein alter
-Globsower, der bei Spichern mitgestürmt und sich durch besondere
-Tapferkeit hervorgetan hatte, war denn auch, bloß
-weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen
-Bemängelungen. »Ich will ja nich sagen, Tübbecke,
-daß es bei Spichern gar nichts war; aber gegen Düppel (wenn
-ich auch nicht mit dabei gewesen), gegen Düppel war es gar
-nichts. Wie war es denn bei Spichern, wovon du soviel redst,
-als ob sich vierundsechzig daneben verstecken müßte? Bei
-Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren
-Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin.
-Da pfeift es ganz anders. Das heißt, von Pfeifen war schon
-eigentlich gar keine Rede mehr.« Eine Folge dieser Anschauung
-war es denn auch, daß in den Augen Kluckhuhns der Pionier
-Klinke, der bei Düppel unter Opferung seines Lebens den Palisadenpfahl
-von Schanze drei weggesprengt hatte, der eigentliche
-Held aller drei Kriege war und alles in allem nur einen
-Rivalen hatte. Dieser <em class="gesperrt">eine</em> Rivale stand aber drüben auf Seite
-der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff
-und hieß Rolf Krake. »Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber
-gondelten, da lag das schwarze Biest immer dicht neben uns
-und sah aus wie'n Sarg. Und wenn es gewollt hätte, so wär
-es auch alle mit uns gewesen und bloß noch plumps in den
-Alsensund. Und weil wir das wußten, schossen wir immer drauflos,<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-denn wenn einem so zu Mute ist, dann schießt der Mensch
-immerzu.«</p>
-
-<p>Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen.
-Aber dasselbe schwarze Schiff, das ihm damals so viel
-Furcht und Sorge gemacht hatte, war doch auch wieder ein
-Segen für ihn geworden, und man durfte sagen, sein Leben
-stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake. Wie Gundermann
-immer der Sozialdemokratie das »Wasser abstellen« wollte,
-so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit
-dem schwarzen Ungetüm im Alsensund. »Ich sag euch, was
-sie jetzt die soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie
-damals Rolf Krake; Bebel wartet bloß, und mit eins fegt er
-dazwischen.«</p>
-
-<p>Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend
-sehr angesehen, und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß,
-dicht neben Koseleger, war er sich dessen auch wohl bewußt.
-Aber gegen Krippenstapel, den er als Schulpauker und Bienenvater
-eigentlich nicht für voll ansah, kam er bei dieser Gelegenheit
-doch nicht an; Krippenstapel hatte heute ganz seinen großen
-Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton herabstimmen
-mußte.</p>
-
-<p>Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich
-mit seinem Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge
-standen, erhoben hatte, mit der Versicherung, daß er den so
-zahlreich Anwesenden, unter denen vielleicht auch einige Andersdenkende
-seien, für ihr Erscheinen danke. Sie wüßten alle,
-zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschädel sei tot,
-»er ist in Ehren hingegangen«, und es handle sich heute darum,
-dem alten Herrn von Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger
-zu geben. Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt;
-es sei Ehrensache, wieder konservativ zu wählen. »Und
-ob die Welt voll Teufel wär'.« Es liege der Grafschaft ob,
-dieser Welt des Abfalls zu zeigen, daß es noch »Stätten« gäbe.<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-Und hier sei eine solche Stätte. »Wir haben, glaub ich,« so
-schloß er, »niemand an diesem Tisch, der das Parlamentarische
-voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen bin, das, was uns
-hier zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist
-ein schwacher Versuch. Jeder tut, soviel er kann, und der Brombeerstrauch
-hat eben nur seine Beeren. Aber auch <em class="gesperrt">sie</em> können
-den durstigen Wanderer erfrischen. Und so bitte ich denn unsern
-politischen Freund, dem wir außerdem für die Erforschung
-dieser Gegenden so viel verdanken, ich bitte Herrn Lehrer Krippenstapel,
-uns das von mir Aufgesetzte vorlesen zu wollen. Ein
-<em class="antiqua">pro memoria</em>. Man kann es vielleicht so nennen.«</p>
-
-<p>Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich
-Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer
-Anzahl von Papieren und sagte dann: »Ich folge der Aufforderung
-des Herrn Vorsitzenden und freue mich, berufen zu
-sein, ein Schriftstück zur Verlesung zu bringen, das unser <em class="gesperrt">aller</em>
-Gefühlen &ndash; ich bin dessen sicher und glaube von den Einschränkungen,
-die unser Herr Vorsitzender gemacht hat, absehen
-zu dürfen &ndash; zu kräftigstem Ausdruck verhilft.«</p>
-
-<p>Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las.
-Es war ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich
-dasselbe, was Katzler schon gesagt hatte. Die Betonungen
-Krippenstapels sorgten aber dafür, daß der Beifall reichlicher
-war, und daß die Schlußwendung »und so vereinigen wir uns
-denn in dem Satze: was um den Stechlin herum wohnt, das
-ist <em class="gesperrt">für</em> Stechlin,« einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke hob
-seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf, während Uncke
-sich umsah, ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu
-notieren sei. Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur
-Kenntnisnahme. Brose, der (wohl eine Folge seines Berufs)
-unter dem ungewohnten langen Stillstehen gelitten hatte,
-nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung seiner Beinnervosität,
-eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder auf, während<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob, um Katzler erst militärisch
-und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen,
-wobei seine Düppelmedaille dem Katzlerschen Eisernen Kreuz
-entgegenpendelte. Nur Koseleger und Lorenzen blieben ruhig.
-Um des Superintendenten Mund war ein leiser ironischer
-Zug.</p>
-
-<p>Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen;
-alles brach auf, und nur Uncke sagte zu Brose: »Wir bleiben
-noch, Brose; morgen wird es Lauferei genug geben.«</p>
-
-<p>»Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier so stillestehen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Draußen, unter dem Gezweig der alten Linden, standen
-mehrere Kaleschwagen, aber der des Superintendenten fehlte noch,
-weil Koseleger eine viel längere Sitzung erwartet und daraufhin
-seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin war
-noch eine hübsche Zeit; der Superintendent indessen schien nicht
-unzufrieden darüber, und seines Amtsbruders Arm nehmend,
-sagte er: »Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie Sie sehen, bei
-Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie, so
-hoffe ich, über die Störung leicht hinwegkommen. Die Ehe bedeutet
-in der Regel Segen, wenigstens an Kindern, aber die
-Nichtehe hat auch ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen
-sich dieser Einsicht, und dieser unbedingte Glauben an
-sich und ihre Wichtigkeit hat oft was Rührendes.«</p>
-
-<p>Lorenzen, der sich &ndash; bei voller Würdigung der Gaben seines
-ihm vorgesetzten und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden
-Amtsbruders &ndash; im allgemeinen nicht viel aus
-ihm machte, war diesmal mit allem einverstanden und nickte,
-während sie, schräg über den Platz fort, auf die Pfarre zuschritten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, diese Einbildungen!« fuhr Koseleger fort, zu dessen
-Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte. »Gewiß ist es
-richtig, daß wir samt und sonders von Einbildungen leben,
-aber für die Frauen ist es das tägliche Brot. Sie malträtieren
-ihren Mann und sprechen dabei von Liebe, sie <em class="gesperrt">werden</em> malträtiert
-und sprechen erst recht von Liebe; sie sehen alles so, wie
-sie's sehen wollen, und vor allem haben sie ein Talent, sich mit
-Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden aufzuzählen),
-die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist
-nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich
-auch die der Gastlichkeit, wenigstens hierlandes. Und nun gar
-unsre Pfarrmütter! Eine jede hält sich für die heilige Elisabeth
-mit den bekannten Broten im Korb. Haben Sie übrigens das
-Bild auf der Wartburg gesehen? Unter allen Schwindschen
-Sachen steht es mir so ziemlich obenan. Und in Wahrheit,
-um auf unsere Pfarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so,
-daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am besten
-aufgehoben gefühlt habe.«</p>
-
-<p>Lorenzen lachte: »Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden,
-Herr Superintendent.«</p>
-
-<p>»Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lange
-in dieser Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da
-drüben, aber wenn auch nicht lange, so doch lange genug, um
-zu wissen, wie's hier herum aussieht. Und Ihr Renommee …
-Sie sollen so was von einem Feinschmecker an sich haben.
-Kann ich mir übrigens denken. Sie sind Ästhetikus, und das
-ist man nicht ungestraft, am wenigsten in bezug auf die Zunge.
-Ja, das Ästhetische. Für manchen ist es ein Unglück. Ich weiß
-davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus?
-Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine, das ist immer ne
-preußische Schule. So wird bei uns die Volksseele für das,
-was schön ist, großgezogen. Aber es kommt auch was dabei
-heraus! Mitunter wundert's mich nur, daß sie die Bauten<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-aus der Zeit Friedrich Wilhelms <em class="antiqua">I.</em> nicht besser konservieren.
-Eigentlich war <em class="gesperrt">das</em> doch das Ideal. Graue Wand, hundert
-Löcher drin und unten großes Hauptloch. Und natürlich ein
-Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß
-so was verloren geht. Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun
-das Ganze … Wie heißt doch der Lehrer?«</p>
-
-<p>»Krippenstapel.«</p>
-
-<p>»Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja während
-der Sitzung mit einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch,
-wie mir der Name wohltat, als ich ihn das erstemal hörte.
-So heißt nicht jeder. Wie kommen Sie mit dem Manne aus?«</p>
-
-<p>»Sehr gut, Herr Superintendent.«</p>
-
-<p>»Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein.
-Er hat ein Gesicht wie ne Eule. Dabei so was Steifleinenes
-und zugleich Selbstbewußtes. Der richtige Lehrer. Meiner in
-Quaden-Hennersdorf war ebenso. Aber er läßt nun schon
-ein bißchen nach.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen,
-in der man, ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre,
-doch schon wußte, daß der Herr Superintendent mit erscheinen
-würde. Nun war er da. Nur wenige Minuten waren seit dem
-Aufbruch vom Krug her vergangen, die trotz Kürze für Frau
-Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die Wirtschaft führte)
-ausgereicht hatten, alles in Schick und Ordnung zu bringen.
-Auf dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man
-gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah, brannten ein
-paar helle Paraffinkerzen, während rechts daneben, in der offenstehenden
-Studierstube, eine große Lampe mit grünem Bilderschirm
-ein gedämpftes Licht gab. Lorenzen schob den Sofatisch,
-darauf Zeitungen hoch aufgeschichtet lagen, ein wenig
-zurück und bat Koseleger, Platz zu nehmen. Aber dieser, eben
-jetzt das große Bild bemerkend, das in beinahe reicher Umrahmung
-über dem Sofa hing, nahm den ihm angebotenen<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend:
-»Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens.
-Das ist ja ein wunderschöner Stich. Oder eigentlich Aquatinta.
-Dergleichen wird hier wohl im siebenmeiligen Umkreis nicht
-oft betroffen werden, nicht einmal in dem etwas heraufgepufften
-Rheinsberg; in Rheinsberg war man für Watteausche
-Reifrockdamen auf einer Schaukel, aber nicht für Kreuzabnahmen
-und dergleichen. Und stammt auch sicher nicht aus
-dem sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn
-drüben, Riesenkate mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese
-Glaskugeln sehe. Und daneben <em class="gesperrt">das</em> hier! Wissen Sie, Lorenzen,
-das Bild hier ruft mir eine schöne Stunde meines
-Lebens zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin Wera
-vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in
-der Kathedrale. Waren Sie da?«</p>
-
-<p>Lorenzen verneinte.</p>
-
-<p>»Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original, in
-seiner Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur Flamänderinnen
-hätte malen können. Nun, das wäre wohl auch
-noch nicht das Schlimmste gewesen. Aber er konnte mehr.
-Sehen Sie den Christus. Wohl jedem, der draußen war, und
-zu dem die Welt mal in andern Zungen redete! Hier blüht der
-Bilderbogen, Türke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es
-ist traurig, hier versauern zu müssen.«</p>
-
-<p>Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in
-die Sofaecke nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah
-erst wieder auf, als ein junges Ding ins Zimmer trat, groß
-und schlank und blond, und dem Pastor verlegen und errötend
-etwas zuflüsterte.</p>
-
-<p>»Meine gute Frau Kulicke,« sagte Lorenzen, »läßt eben
-fragen, ob wir unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen?
-Ich möchte beinahe glauben, es ist das beste, wir bleiben hier.
-Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse kalt sein. Nun, das hätten<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-wir nebenan. Ich persönlich finde jedoch das Temperierte
-besser. Aber ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr Superintendent.«</p>
-
-<p>»Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir
-bleiben, wo wir sind … Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer
-war das entzückende Geschöpf? Wie ein Bild von Knaus.
-Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen. Wie alt ist sie denn?«</p>
-
-<p>»Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.«</p>
-
-<p>»Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind.
-Immer solche Menschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen
-Sie. Ja, das ist das Eigentliche. Sechzehn hat noch ein bißchen
-von der Eierschale, noch ein bißchen den Einsegnungscharakter,
-und achtzehn ist schon wieder alltäglich. Achtzehn
-kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer Mittelzustand.
-Und wie heißt sie?«</p>
-
-<p>»Elfriede.«</p>
-
-<p>»Auch <em class="gesperrt">das</em> noch.«</p>
-
-<p>Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte.</p>
-
-<p>»Ja, Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut Sie's
-haben in dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt
-mich an, das ganze Dorf, alles. Wenn ich mir da beispielsweise
-den Tisch wieder vergegenwärtige, dran wir, drüben im
-Krug, vor einer halben Stunde gesessen haben, an der linken
-Seite dieser Krippenstapel (er sei wie er sei) und an der rechten
-Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch lauter Größen.
-Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht die
-schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud.
-All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese
-Elfriede, die hoffentlich nicht Kulicke heißt, &ndash; sonst bricht freilich
-mein ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen.
-Und nun nehmen Sie <em class="gesperrt">mich</em>, Ihren Superintendenten, das
-große Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles nackte Prosa, widerhaarige
-Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht verzeihen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-können, daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über
-Land fahren konnte. Glauben Sie mir, Großfürstinnen,
-selbst wenn sie Mängel haben (und sie haben Mängel), sind
-mir immer noch lieber als das Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf,
-und mitunter ist mir zumut, als gäbe es keine
-Weltordnung mehr.«</p>
-
-<p>»Aber Herr Superintendent&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf
-und wundern sich, daß einer, für den die hohe Klerisei so viel
-getan und ihn zum Superintendenten in der gesegneten Mittelmark
-und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht
-hat, &ndash; Sie wundern sich, daß solch zehnmal Glücklicher solchen
-Hochverrat redet. Aber bin ich ein Glücklicher? Ich bin ein
-Unglücklicher&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber Herr Superintendent&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… Und möchte, daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde
-hätte, sagen wir auf dem ›toten Mann‹ oder in der
-Tuchler Heide. Sehen Sie, dann wär es vorbei, dann wüßt
-ich bestimmt: ›du bist in den Skat gelegt‹. Und das kann unter
-Umständen ein Trost sein. Die Leute, die Schiffbruch gelitten
-und nun in einer Isolierzelle sitzen und Tüten kleben oder Wolle
-zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten. Unglücklich sind immer
-bloß die Halben. Und als einen solchen habe ich die Ehre mich
-Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht sogar in <em class="gesperrt">dem</em>,
-worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier nur vom
-allgemein Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem
-Menschlichen ein Halber bin, das quält mich. Über das andre
-käm ich vielleicht weg.«</p>
-
-<p>Lorenzens Augen wurden immer größer.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, da war ich also &ndash; verzeihen Sie, daß ich
-immer wieder darauf zurückkomme &ndash; da war ich also mit
-siebenundzwanzig im Haag und kam in die vornehme Welt,
-die da zu Hause ist. Und da war ich denn heut in Amsterdam<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent
-oder in Brügge. Brügge, Reliquienschrein, Hans Memling
-&ndash; so was müßten Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen
-oder gar die faule Grete? Mancher, ich weiß wohl,
-ist für's härene Gewand oder zum Eremiten geboren. Ich
-nicht. Ich bin von der andern Seite; meine Seele hängt an
-Leben und Schönheit. Und nun spricht da draußen all dergleichen
-zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz,
-nicht einen kindischen, sondern einen echten, der höher
-hinauf will, weil man da wirken und schaffen kann, für sich
-gewiß, aber auch für andre. Danach dürstet einen. Und nun
-kommt der Becher, der diesen Durst stillen soll. Und dieser
-Becher heißt Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das mich umgibt,
-ist ein großes Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen
-und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die
-Leute hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach, Lorenzen,
-immer wieder, wie beneide ich Sie!«</p>
-
-<p>Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke.
-Sie schob die Zeitungen zurück, um zwei Kuverts legen zu
-können, und nun brachte sie den Rotwein und ein Kabarett mit
-Brötchen. In dünngeschliffene große Gläser schenkte Lorenzen
-ein, und die beiden Amtsbrüder stießen an »auf bessere Zeiten«.
-Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil sich der eine
-nur mit sich, der andre nur mit andern beschäftigte.</p>
-
-<p>»Wir könnten, glaub ich,« sagte Lorenzen, »neben den
-›besseren Zeiten‹ noch dies und das leben lassen. Zunächst
-<em class="gesperrt">Ihr</em> Wohl, Herr Superintendent. Und zum zweiten auf das
-Wohl unsers guten alten Stechlin, der uns doch heute zusammengeführt.
-Ob wir ihn durchbringen? Katzler tat so sicher und
-Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz gewiß. Aber ich
-habe trotzdem Zweifel. Die Konservativen &ndash; ich kann kaum
-sagen ›unsere Parteigenossen‹, oder doch nur in sehr bedingtem
-Sinne &ndash; die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist.
-›<em class="antiqua">Fortiter in re, suaviter in modo</em>,‹ hat neulich einer, der sich auf
-Bildung ausspielt, von dem Alten gesagt, und von ›<em class="antiqua">suaviter</em>,‹
-wenn auch nur ›<em class="antiqua">in modo</em>‹, wollen alle diese Herren nichts wissen.
-Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen,
-der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei
-Redensarten, von denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre
-genommen sind.«</p>
-
-<p>»Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen,
-ist zugleich Intrigant, und während er vorgibt, für unsern
-guten alten Stechlin zu werben, tropft er den Leuten Gift ins
-Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte senil sei und keinen Schneid
-habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben
-Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein
-Parvenu, also so ziemlich das Schlechteste, was einer sein kann.
-Ich bin schon zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt.
-Aber um den Alten bin ich besorgt. Ich kann nur wiederholen:
-es liegt nicht so günstig für ihn, wie die Gegend hier sich einbildet.
-Denn auf das arme Volk ist kein Verlaß. Ein Versprechen
-und ein Kornus, und alles schnappt ab.«</p>
-
-<p>»Ich werde das meine tun,« sagte Koseleger mit einer
-Mischung von Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte
-dabei den Eindruck, daß sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent
-bereits ganz andern Bildern nachhing. Und so war
-es auch. Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart?
-Ihn beschäftigte nur die Zukunft, und wenn er in die hineinsah,
-so sah er einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und am
-Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger,
-Generalsuperintendent.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüder
-»auf bessere Zeiten« anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-&ndash; die Sterne blinkten schon &ndash; vor seiner Oberförsterei.
-Das Blaffen der Hunde, das, solange der Wagen noch weit
-ab war, unausgesetzt über die Waldwiese hingeklungen war,
-verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und wunderliche
-Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den
-Hut an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen
-»Geweihen« wollte er als feiner Mann nichts wissen) und trat
-gleich danach in das an der linken Flurseite gelegene, matt
-erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau. Das gedämpfte Licht
-ließ sie noch blasser erscheinen, als sie war. Sie hatte sich, als
-der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem
-Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus dem
-Walde zurückkehrte, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein
-als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes
-Batisttuch, in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen
-Krone hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa
-erhob, aus der Hand gelegt. Sie war nicht schön, dazu von
-einem lymphatisch-sentimentalen Ausdruck, aber ihre stattliche
-Haltung und mehr noch die Art, wie sie sich kleidete, ließen
-sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches
-erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes,
-ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und
-als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff
-hergestellten Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen
-Turban oder eine Krone darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas
-Gewolltes, war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder
-kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin aus, etwas aus sich
-zu machen.</p>
-
-<p>»Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist,« sagte Ermyntrud.
-»Ich habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich,
-sondern um mich. Ich muß dies egoistischerweise gestehen.
-Es waren recht schwere Stunden für mich, die ganze Zeit, daß
-du fort warst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p>
-
-<p>Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz
-zurück. »Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist
-du auch wieder bei der Stickerei. Das strengt dich an und hat,
-wie du weißt, auf <em class="gesperrt">alles</em> Einfluß. Der gute Doktor sagte noch
-gestern, alles sei im Zusammenhang. Ich seh auch, wie blaß
-du bist.«</p>
-
-<p>»O, das macht der Schirm.«</p>
-
-<p>»Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was
-vielleicht wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber
-den Vorwurf selbst. Ich mußte hier bleiben und nicht hin zu
-dieser Stechliner Wahlversammlung.«</p>
-
-<p>»Du <em class="gesperrt">mußtest</em> hin, Wladimir.«</p>
-
-<p>»Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst.
-Aber es wäre schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger
-war da, der konnte das Präsidium nehmen so gut wie ich.
-Und wenn der nicht wollte, so konnte Torfinspektor Etzelius
-einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel. Krippenstapel
-ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt es so, wenn
-es der eine nicht ist, ist es der andre.«</p>
-
-<p>»Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen?
-Es gibt nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung
-von der Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf
-kommt es nicht an. Worauf es ankommt, das ist Erfüllung
-unsrer Pflicht.«</p>
-
-<p>Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas
-um, das ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine
-andere Wendung zu geben. Aber, wie stets in solchen Momenten,
-das, was retten konnte, war nicht zu finden, und so sah
-er denn wohl, daß er einem Vortrage der Prinzessin über ihr
-Lieblingsthema »von der Pflicht« verfallen sei. Dabei war er
-eigentlich hungrig.</p>
-
-<p>Ermyntrud wies auf ein Taburett, das sie mittlerweile
-neben ihren Sofaplatz geschoben, und sagte: »Daß ich immer<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-wieder davon sprechen muß, Wladimir. Wir leben eben nicht
-in der Welt um unsert-, sondern um andrer willen. Ich will
-nicht sagen um der Menschheit willen, was eitel klingt, wiewohl
-es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist nicht die
-Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern
-lediglich die Pflicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies
-außerdem auch etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch
-vor andern Nationen ausgezeichnet, und selbst bei denen, die
-uns nicht begreifen oder übelwollen, dämmert die Vorstellung
-von unsrer daraus entspringenden Überlegenheit. Aber es
-gibt doch Unterschiede, Grade. Wenn ich statt zu der Stechliner
-Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur alten
-Stinten in Kloster Wutz (die ja schon früher einmal dabei war)
-gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Bessere gewesen.
-Es ist ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber
-darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen.«</p>
-
-<p>»Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen.
-Aber man darf darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße
-tut, man zugleich auch das Rechte tut. Es hängt so viel
-an der Wahl unsers alten trefflichen Stechlin. Er steht außerdem
-sittlich höher als Kortschädel, dem man, trotz seiner siebzig,
-allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz intakt. Etwas
-sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu
-verhelfen, dafür leben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe
-wenigstens <em class="gesperrt">ich</em>.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Ermyntrud, gewiß.«</p>
-
-<p>»In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk
-sein, ohne erst bei Neigung oder Stimmung anzufragen,
-<em class="gesperrt">das</em> hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt, du weißt, in
-welcher, und du wirst mir das Zeugnis ausstellen, daß ich diesem
-Gelöbnis nachgekommen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>»Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch
-heute ganz offenbar, wie hätt ich da sagen wollen: bleibe. Ich
-wäre mir klein vorgekommen, klein und untreu.«</p>
-
-<p>»Nicht untreu, Ermyntrud.«</p>
-
-<p>»Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche
-hat sich der Familie zu bequemen und unterzuordnen
-und die Familie wieder der Gesellschaft. In diesem Sinne
-bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat ich den Schritt. Verlange
-nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt zurücktue.«</p>
-
-<p>»Nie.«</p>
-
-<p>Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren
-storres Haar, von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand,
-erschien in diesem Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug
-gebracht habe.</p>
-
-<p>Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite,
-nach dem Hof hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber
-wahrnahm, wie schwer ihr das Gehen wurde, sagte er: »Ich
-freue mich, dich so sprechen zu hören. Immer du selbst. Ich
-bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken.«</p>
-
-<p>Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick
-den guten Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte
-Gespräch über Pflicht gedauert hatte, von Minute
-zu Minute verlegener geworden war.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien
-Lorenzen auf dem Schloß, um in Dubslavs schon auf der Rampe
-haltenden Kaleschewagen einzusteigen und mit nach Rheinsberg
-zu fahren. Der Alte, bereits gestiefelt und gespornt,
-empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und guter Laune.
-»Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem
-Pfarrgarten erwartet? Muß ja doch dran vorüber« &ndash; und dabei
-schob er ihm voll Sorglichkeit eine Decke zu, während die
-Pferde schon anrückten. »Übrigens freut es mich trotzdem
-(man widerspricht sich immer), daß Sie nicht so praktisch gewesen
-und doch lieber gekommen sind. Es is ne Politesse.
-Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und geradezu
-unmanierlich … Aber lassen wir's; ich kann es nicht ändern,
-und es grämt mich auch nicht.«</p>
-
-<p>»Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich
-angesehn, so ziemlich unser Bestes ist.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte. »Ja, soviel ist richtig; Kopfhängerei war
-nie meine Sache, und wäre das verdammte Geld nicht …
-Hören Sie, Lorenzen, das mit dem Mammon und dem goldnen
-Kalb, das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr von Stechlin.«</p>
-
-<p>»… Und wäre das verdammte Geld nicht, so hätt ich den
-Kopf noch weniger hängen lassen, als ich getan. Aber das
-Geld. Da war, noch unter Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">III.</em>, der alte
-General von der Marwitz auf Friedersdorf, von dem Sie
-gewiß mal gehört haben, der hat in seinen Memoiren irgendwo
-gesagt: ›er hätte sich aus dem Dienst gern schon früher zurückgezogen
-und sei bloß geblieben um des Schlechtesten willen,
-was es überhaupt gäbe, um des Geldes willen‹ &ndash; und das
-hat damals, als ich es las, einen großen Eindruck auf mich
-gemacht. Denn es gehört was dazu, das so ruhig auszusprechen.
-Die Menschen sind in allen Stücken so verlogen und unehrlich,
-auch in Geldsachen, fast noch mehr als in Tugend. Und das
-will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es … Na, lassen wir's,
-Sie wissen ja auch Bescheid. Und dann sind das schließlich auch
-keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden und
-den Triumphator spielen soll. Übrigens geh ich einem totalen
-Kladderadatsch entgegen. Ich werde nicht gewählt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p>
-
-<p>Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt
-sagte, das stimmte nur zu sehr mit seiner eigenen Meinung.
-Aber er mußte wohl oder übel, so schwer es ihm wurde, das
-Gegenteil versichern. »Ihre Wahl, Herr von Stechlin, steht,
-glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens. Die Globsower
-und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter gute
-Leute.«</p>
-
-<p>»Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind
-Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und
-wir selber machen's auch so. Schwapp, sind wir auf der andern
-Seite.«</p>
-
-<p>»Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all
-und jeden verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle …
-Selbst Koseleger schien mir voll Zuversicht und Vertrauen, als
-er am Donnerstag noch mit mir plauderte.«</p>
-
-<p>»Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewiß in die
-Brüche. Wo Koseleger Amen sagt, das ist schon so gut wie letzte
-Ölung. Er hat keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder
-und Vorgesetzter.«</p>
-
-<p>»Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn.
-Aber was vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme
-Formen und durchaus etwas Verbindliches.«</p>
-
-<p>»Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und
-Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einem Menschen
-nicht seinen Namen vorhalten. Aber Koseleger! Ich
-weiß immer nicht, ob er mehr Kose oder mehr Leger ist; vielleicht
-beides gleich. Er ist wie ne Baisertorte, süß, aber ungesund.
-Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr für Sie. Sie taugen auch
-nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens ehrlich.«</p>
-
-<p>»Vielleicht,« sagte Lorenzen. »Übrigens hat Koseleger inmitten
-seiner Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch
-wieder was Freies, beinah Gewagtes und ist mir da neulich
-mit Bekenntnissen gekommen, fast wie ein Charakter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<p>Dubslav lachte hell auf. »Charakter. Aber Lorenzen.
-Wie können Sie sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette
-mich, er hat Ihnen irgendwas über Ihre ›Gaben‹ gesagt;
-das ist jetzt so Lieblingswort, das die Pastoren immer
-gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und unpersönlich klingen
-und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen, für die man
-ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann.
-Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste … War es so
-was? Hat er meinen klugen Lorenzen, eh er sich als ›Charakter‹
-ausspielte, durch solche Schmeicheleien eingefangen?«</p>
-
-<p>»Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier
-ausnahmsweise unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich,
-sondern über sich, und machte mir dabei seine Konfessions.
-Er gestand mir beispielsweise, daß er sich unglücklich fühle.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaziert sei.«</p>
-
-<p>»Deplaziert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn
-man durchaus will, ist jeder deplaziert, ich, Sie, Krippenstapel,
-Engelke. Ich müßte Präses von einem Stammtisch oder vielleicht
-auch ein Badedirektor sein, Sie Missionar am Kongo,
-Krippenstapel Kustos an einem märkischen Museum und Engelke,
-nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer hundertdreizehn.
-Deplaziert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn.
-Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war
-Galopin bei ner Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit
-will er's nun zwingen, und in seinem Ärger und Unmut
-spielt er sich auf den Charakter aus und versteigt sich, wie Sie
-sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten. Und wenn er
-nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den Scheiterhaufenmann
-<em class="antiqua">comme il faut</em>. Und der erste, der raus muß,
-das sind Sie. Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren,
-seine Gewagtheiten von heute durch irgendein Brandopfer
-wieder wettzumachen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde
-heraus und näherten sich einem beinah meilenlangen und bis
-an den Horizont sich ausdehnenden Stück Bruchland, über das
-mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln besetzte Wege
-strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen. Alle diese Wege waren
-belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit Fuhrwerken.
-Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne blinkte,
-war leicht zu erkennen.</p>
-
-<p>»Da fährt ja Katzler,« sagte Dubslav. »Überrascht mich beinah.
-Es ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden,
-wieder was einpassiert; er schickte mir heute früh einen
-Boten mit der Nachricht davon, und daraus schloß ich, er würde
-<em class="gesperrt">nicht</em> zur Wahl kommen. Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen
-Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder fortgeschickt
-haben.«</p>
-
-<p>»Ist es wieder ein Mädchen?« fragte Lorenzen.</p>
-
-<p>»Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich
-müssen es Jungens sein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu
-Gevatter laden. Übrigens sind mehrere bereits tot, und alles
-in allem ist es wohl möglich, daß sich Ermyntrud über das
-beständige ›bloß Mädchen‹ allerlei Sorgen und Gedanken
-macht.«</p>
-
-<p>Lorenzen nickte. »Kann mir's denken, daß die Prinzessin
-etwas wie eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen
-des von ihr getanen Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig
-überspannt. Und doch ist es eine sehr liebenswürdige Dame.«</p>
-
-<p>»Wovon niemand überzeugter ist als ich,« sagte Dubslav.
-»Freilich bin ich bestochen, denn sie sagt mir immer das
-Schmeichelhafteste. Sie plaudre so gern mit mir, was auch am
-Ende wohl zutrifft. Und dabei wird sie dann jedesmal ganz
-ausgelassen, trotzdem sie eigentlich hochgradig sentimental ist.
-Sentimental, was nicht überraschen darf; denn aus Sentimentalität
-ist doch schließlich die ganze Katzlerei hervorgegangen.<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den richtigen Taufnamen
-für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem
-Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar
-Prinzessin geblieben. Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei
-sicherlich mit zu Rate gezogen werden.«</p>
-
-<p>»Was ich mir nicht schwierig denken kann.«</p>
-
-<p>»Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger
-Brauchbares, als Sie sich vorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen
-an und für sich, ohne weitere Zutat, ja, die gibt es genug.
-Aber damit ist Ermyntrud nicht zufrieden; sie verlangt
-ihrer Natur nach zu dem Dynastisch-Genealogischen auch noch
-etwas poetisch Märchenhaftes. Und das kompliziert die Sache
-ganz erheblich. Sie können das sehen, wenn Sie die Katzlersche
-Kinderstube durchmustern oder sich die Namen der bisher Getauften
-ins Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche Kronprinzeß
-heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso
-selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen
-wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber
-bei Arabella können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit
-wahrnehmen. Ich würde ihr, wenn sie sich wegen des
-Jüngstgeborenen an mich wendete, was Altjüdisches vorschlagen;
-das ist schließlich immer das Beste. Was meinen Sie zu Rebekka?«</p>
-
-<p>Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu
-beantworten, denn eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland
-hindurch und rasselten bereits über einen ein weiteres
-Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg, scharf auf
-Rheinsberg zu.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle
-Herbstwetter, dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung
-gehoben, am meisten aber, daß er unterwegs und beim
-Passieren der Hauptstraße bereits Gelegenheit gehabt hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von der Kirche her
-schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause
-»Zum Prinzregenten« hielt, in dessen Front denn auch
-bereits etliche mehr oder weniger <span id="corr216">verwegen</span> aussehende Wahlmänner
-standen, alle bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche
-Parteigenossen aufzuteilen.</p>
-
-<p>Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter
-der Urne präsidierte der alte Herr von Zühlen, ein guter Siebziger,
-der die groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker
-Bonhomie zu verbinden wußte, was ihm, auch bei seinen
-politischen Gegnern, eine große Beliebtheit sicherte. Neben ihm,
-links und rechts, saßen Herr von Storbeck und Herr van dem
-Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der Gegend von Delft,
-der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner Kreise
-gekauft und sich seitdem zum Preußen und, was noch mehr
-sagen wollte, zum ›Grafschaftler‹ herangebildet hatte. Man
-sah ihn aus allen möglichen Gründen &ndash; auch schon um seines
-›van‹ willen &ndash; nicht ganz für voll an, ließ aber nichts davon
-merken, weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins
-Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor so und soviel
-Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen Kaffeehändlers
-nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck
-Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter denen, die sonst
-noch am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud
-(wie Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung,
-»daß im modernen bürgerlichen Staate Wählen so gut wie
-Kämpfen sei,« von ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte. »Das
-Kind wird inzwischen mein Engel sein, und das Gefühl erfüllter
-Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.« Auch Gundermann, der
-immer mit dabei sein mußte, saß am Komiteetisch. Sein Benehmen
-hatte was Aufgeregtes, weil er &ndash; wie Lorenzen bereits
-angedeutet &ndash; wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert
-hatte. Daß er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-ihn kaum noch, aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes
-doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen
-könne.</p>
-
-<p>Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat
-deshalb, nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt
-und an jeden einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom
-Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich
-seinen Zettel in die Urne zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur
-der Blick des alten Zühlen, der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit
-und Ulk sagen zu wollen schien: »Ja, Stechlin, das
-hilft nu mal nicht; man muß die Komödie mit durchmachen.«
-Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz
-zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat,
-um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten
-Töchterchen zu gratulieren. An Gundermann ging der Alte
-ohne Notiznahme vorüber. Dies war aber nur Zufall; er
-wußte nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners,
-und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde
-verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage.</p>
-
-<p>Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich die große
-Frage: »Ja, was jetzt tun?« Es ging erst auf elf, und vor
-sechs war die Geschichte nicht vorbei, wenn sich's nicht noch
-länger hinzog. Er sprach dies auch einer Anzahl von Herren
-aus, die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen
-und hier dem Likörkasten des »Prinzregenten«,
-der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte, vorgreifend
-zugesprochen hatten.</p>
-
-<p>Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen,
-aber nicht eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war
-nicht sehr für Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen
-fehlte. Die da saßen und aus purer Langeweile sich
-über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten, waren
-die Herren von Molchow, von Krangen und von Gnewkow,<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne, den die
-Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt
-zu haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, darauf
-ein kleiner vermickerter Kopf saß, und wenn er sprach, war es,
-wie wenn Mäuse pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises
-und wurde gehänselt, nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter
-eine schlesische Gräfin auf »inski« war, was ihm in seinen Augen
-ein solches Übergewicht sicherte, daß er, wie Friedrich der Große,
-jeden Augenblick bereit war, »die sich etwa einstellenden Pasquille
-niedriger hängen zu lassen«.</p>
-
-<p>»Ich denke, meine Herren,« sagte Dubslav, »wir gehen
-in den Park. Da hat man doch immer was. An der einen
-Stelle ruht das Herz des Prinzen, und an der andern Stelle
-ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten, wie
-wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen andern
-nennen, aber ich kenne bloß den.«</p>
-
-<p>»Natürlich gehen wir in den Park,« sagte von Gnewkow. »Und
-es ist schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und auch ein Glück,« ergänzte von Molchow, »daß man
-solchen Wahltag wie heute hat, der einen ordentlich zwingt,
-sich mal um Historisches und Bildungsmäßiges zu kümmern.
-Bismarcken is es auch mal so gegangen, noch dazu mit ner
-reichen Amerikanerin, und hat auch gleich (das heißt eigentlich
-lange nachher) das rechte Wort dafür gefunden.«</p>
-
-<p>»Der hat immer das rechte Wort gefunden.«</p>
-
-<p>»Immer. Aber weiter, Molchow.«</p>
-
-<p>»… Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde
-vierzig Jahr später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken
-wollte von wegen des Bildermuseums, in das er sie halb aus
-Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr
-mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt hatte, da hat er all diesen
-Dank abgewiesen und ihr &ndash; ich seh und hör ihn ordentlich &ndash;
-in aller Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm, sondern er habe ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre, so hätt
-er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen
-gekriegt. Ja, Glück hat er immer gehabt. Im großen und im
-kleinen. Es fehlt bloß noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor
-der königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich
-doch auch noch gekonnt hätte. Denn eigentlich konnt er
-alles und ist auch beinah alles gewesen.«</p>
-
-<p>»Ja,« nahm Gnewkow, der aus Langeweile viel gereist
-war, seinen Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück
-sei, wieder auf. »Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz
-richtig; es kommt drauf an, daß man reingezwungen wird, sonst
-weiß man überhaupt gar nichts. Wenn ich so bloß an Italien
-zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu so rum, was einen
-doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige pralle Sonnenschein.
-Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon
-zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es
-ist noch nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da?
-Was fängt man da an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich
-Ihnen bloß sagen, da bin ich ein kirchlicher Mensch geworden.
-Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat
-mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da will man gar
-nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder an, man
-weiß nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und
-die Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Reguläres kriegt,
-läppert sich so heran.«</p>
-
-<p>»Ich glaube doch,« sagte der für kirchliche Kunst schwärmende
-Baron Beetz, »unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung,
-die, vielleicht gegen seinen Willen, die Quattrozentisten auf
-ihn gemacht haben. Er hat ihre Macht an sich selbst empfunden,
-aber er will es nicht wahr haben, daß die Frische von ihnen
-ausgegangen sei. Jeder, der was davon versteht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht!
-Aber wer versteht was davon? Ich jedenfalls nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Unter diesen Worten war man, vom »Prinzregenten«
-aus, die Hauptstraße hinuntergeschritten und über eine kleine
-Brücke fort erst in den Schloßhof und dann in den Park eingetreten.
-Der See plätscherte leis. Kähne lagen da, mehrere
-an einem Steg, der von dem Kiesufer her in den See hineinlief.
-Ein paar der Herren, unter ihnen auch Dubslav, schritten die
-ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blickten, als sie
-bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel
-und ihre kurz abgestumpften Türme zurück. Der Turm
-rechts war der, wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt
-hatte.</p>
-
-<p>»Dort hat er gewohnt,« sagte von der Nonne. »Wie begrenzt
-ist doch unser Können. Mir weckt der Anblick solcher
-Fridericianischen Stätten immer ein Schmerzgefühl über das
-Unzulängliche des Menschlichen überhaupt, freilich auch wieder
-ein Hochgefühl, daß wir dieser Unzulänglichkeit und Schwäche
-Herr werden können. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist
-dein Sieg? Dieser König. Er war ein großer Geist, gewiß;
-aber doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer wir
-fühlen, je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil
-seiner Seele. Die Seelenmessen &ndash; das empfind ich in solchem
-Augenblicke &ndash; sind doch eine wirklich trostspendende Seite des
-Katholizismus, und daß es (selbstverständlich unter Gewähr
-eines höchsten Willens) in die Macht Überlebender gelegt ist, eine
-Seele freizubeten, das ist und bleibt eine große Sache.«</p>
-
-<p>»Nonne,« sagte Molchow, »machen Sie sich nicht komisch.
-Was haben Sie für ne Vorstellung vom lieben Gott? Wenn
-Sie kommen und den alten Fritzen freibeten wollen, werden
-Sie rausgeschmissen.«</p>
-
-<p>Baron Beetz &ndash; auch ein Anzweifler des Philosophen von
-Sanssouci &ndash; wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen
-und erwog einen Augenblick ernstlich, ob er nicht seinen in der
-ganzen Grafschaft längst bekannten Vortrag über die »schiefe<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-Ebene« oder »<em class="antiqua">c'est le premier pas qui coute</em>« noch einmal zum
-besten geben solle. Klugerweise jedoch ließ er es wieder fallen
-und war einverstanden, als Dubslav sagte: »Meine Herren,
-ich meinerseits schlage vor, daß wir unsern Auslug von dem
-Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer
-von uns ins Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in
-einem der hier herumliegenden Kähne über den See setzen
-lassen. Unterwegs, wenn noch welche da sind, können wir
-Teichrosen pflücken und drüben am andern Ufer den großen
-Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen Inschriften
-durchstudieren. Solche Rekapitulation stärkt einen immer
-historisch und patriotisch, und unser Etappenfranzösisch kommt
-auch wieder zu Kräften.«</p>
-
-<p>Alle waren einverstanden, selbst Nonne.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt
-wieder vor dem »Prinzregenten«, auf einem mit alten Bäumen
-besetzten Platz, der wegen seiner Dreiecksform schon von alter
-Zeit her den Namen Triangelplatz führte. Die Wahlresultate
-lagen noch keineswegs sicher vor; es ließ sich aber schon
-ziemlich deutlich erkennen, daß viele Fortschrittlerstimmen
-auf den sozialdemokratischen Kandidaten, Feilenhauer Torgelow,
-übergehen würden, der, trotzdem er nicht persönlich zugegen
-war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte seiner
-Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher
-und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während
-der letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf
-dem platten Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten
-worden waren. Einer der mit unter den Bäumen
-Stehenden, ein Intimus Torgelows, war der Drechslergeselle
-Söderkopp, der sich schon lediglich in seiner Eigenschaft als
-Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jeder dachte:
-der kann auch noch mal Bebel werden. »Warum nicht? Bebel<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-is alt, und dann haben wir den.« Aber Söderkopp verstand
-es auch wirklich, die Leute zu packen. Am schärfsten ging er
-gegen Gundermann vor. »Ja, dieser Gundermann, den kenn
-ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert.
-Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei
-Redensarten, und der Fortschritt ist abwechselnd die ›Vorfrucht‹
-und dann wieder der ›Vater‹ der Sozialdemokratie. Vielleicht
-stammen wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt
-alles fertig.«</p>
-
-<p>Uncke, während Söderkopp so sprach, war von Baum zu
-Baum immer näher gerückt und machte seine Notizen. In
-weiterer Entfernung stand Pyterke, schmunzelnd und sichtlich
-verwundert, was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe.</p>
-
-<p>Pyterkes Verwunderung über das »Aufschreiben« war
-nur zu berechtigt, aber sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen,
-wenn sich Unckes aufhorchender Diensteifer statt dem
-Sozialdemokraten Söderkopp lieber dem Gespräch einer nebenstehenden
-Gruppe zugewandt hätte. Hier plauderten nämlich
-mehrere »Staatserhaltende« von dem mutmaßlichen Ausgange
-der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin
-von Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger
-schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu
-sollen.</p>
-
-<p>»Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!« verschwor sich
-ein alter Herr von Kraatz, dessen roter Kopf, während er so
-sprach, immer röter wurde. »Dies elende Nest! Wir bringen
-ihn wahr und wahrhaftig nicht durch, unsern guten alten Stechlin.
-Und was das sagen will, das wissen wir. Wer gegen
-<em class="gesperrt">uns</em> stimmt, stimmt auch gegen den König. Das ist all eins.
-Das ist das, was man jetzt solidarisch nennt.«</p>
-
-<p>»Ja, Kraatz,« nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise
-gerichtet hatte, das Wort, »nennen Sie's, wie Sie wollen,
-solidarisch oder nicht; das eine sagt nichts, und das andre sagt auch<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-nichts. Aber mit Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie's
-freilich getroffen. Aufmuckung war hier immer zu Hause, von
-Anfang an. Erst frondierte Fritz gegen seinen Vater, dann
-frondierte Heinrich gegen seinen Bruder, und zuletzt frondierte
-August, unser alter forscher Prinz August, den manche von uns
-ja noch gut gekannt haben, ich sage: frondierte unser alter
-August gegen die Moral. Und das war natürlich das Schlimmste.
-(Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch
-immer. Denn wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit
-Augusten schließlich ging, als er durchaus in den Himmel wollte?«</p>
-
-<p>»Nein. Wie war es denn, Molchow?«</p>
-
-<p>»Ja, er mußte da wohl ne halbe Stunde warten, und als
-er nu mit nem Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte,
-da sagte ihm der Fels der Kirche: ›Königliche Hoheit, halten zu
-Gnaden, aber es ging nicht anders.‹ Und warum nicht? Er
-hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen
-müssen.«</p>
-
-<p>»Stimmt, stimmt,« sagte Kraatz. »So war der Alte.
-Der reine Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz.
-Und dann, meine Herren, &ndash; ja, du mein Gott, wenn man nu
-mal Prinz is, irgend was muß man doch von der Sache haben …
-Und soviel weiß ich, wenn ich Prinz wäre&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige
-Meldungen fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die
-mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern konnten. Es lag
-zutage, daß die Sozialdemokraten einen beinahe glänzenden
-Sieg davongetragen hatten; der alte Stechlin stand weit
-zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter.
-Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-sich ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen
-gar nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav
-nahm es ganz von der heiteren Seite, seine Parteigenossen
-noch mehr, von denen eigentlich ein jeder dachte: »Siegen ist
-gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.« Und in der Tat, gegessen
-mußte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen
-und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen.
-Und war man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der
-Rehrücken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in Sicht.
-Im »Prinzregenten« hielt man auf eine gute Marke.</p>
-
-<p>Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel: der Mehrzahl
-nach Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch
-Gerichtsräte, die so glücklich waren, den »Hauptmann in der
-Reserve« mit auf ihre Karte setzen zu können. Zu diesem
-<em class="antiqua">gros d'armée</em> gesellten sich Forst- und Steuerbeamte, Rentmeister,
-Prediger und Gymnasiallehrer. An der Spitze dieser
-stand Rektor Thormeyer aus Rheinsberg, der große, vorstehende
-Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als Koseleger,
-und außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten hatte.
-Daß er nebenher auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer
-war, versteht sich von selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte
-zurücklag, den großartigen Gedanken gefaßt und verwirklicht:
-die ostelbischen Provinzen, da, wo sie strauchelten,
-durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen Pfad
-zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es hieß
-denn auch von ihm, »er gelte was nach oben hin,« was aber
-nicht recht zutraf. Man kannte ihn »oben« ganz gut.</p>
-
-<p>Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits)
-war man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie
-und da schon ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar
-vorher hatte noch ein Schwanken wegen des Präsidiums
-bei Tafel stattgefunden. Einige waren für Dubslav gewesen,
-weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität hatte doch
-schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt, da der
-Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur
-Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß
-es, sei doch nun mal &ndash; und von einem gewissen Standpunkt aus
-auch mit Fug und Recht &ndash; der Stolz der Grafschaft, überhaupt
-ein Unikum, und ob er nun sprechen könne oder nicht, das
-sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage handle, durchaus gleichgültig.
-Überhaupt, die ganze Geschichte mit dem »Sprechenkönnen«
-sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache, daß
-der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger
-als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht
-bloß ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich
-immer von seinem Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch
-das schade nichts. Heutzutage, wo die meisten Menschen einen
-Friseurkopf hätten, sei es eine ordentliche Erquickung, einem
-Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht
-unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zühlen, trotz seiner
-Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein
-zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den götzenhaften
-Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich
-gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow,
-der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: »Wahres
-Glück, Katzler, daß der Alte drüben die große Blumenvase vor
-sich hat; sonst, so bei <em class="antiqua">veau en tortue</em>, &ndash; vorausgesetzt, daß so
-was Feines überhaupt in Sicht steht &ndash; würd ich der Sache nicht
-gewachsen sein.«</p>
-
-<p>Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer
-gespielte Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte
-Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war, erhob
-sich Baron Beetz und sagte: »Meine Herren. Unser Edler Herr
-von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt,
-den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen.«<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-Und während der Alte, das Gesagte bestätigend,
-mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner <em class="antiqua">alter ego</em>-Rolle
-verbleibende Baron Beetz hinzu: »Seine Majestät der Kaiser
-und König lebe hoch!« Der Alten-Friesacker gab auch hierzu
-durch Nicken seine Zustimmung, und während der junge Lehrer
-abermals auf den auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen
-alten Flügel zueilte, stimmte man an der ganzen
-Tafel hin das »Heil dir im Siegerkranz« an, dessen erster Vers
-stehend gesungen wurde.</p>
-
-<p>Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse
-Fidelitas, an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt
-hatte, konnte jetzt nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings
-war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger Toast
-in Sicht, <em class="gesperrt">der</em>, der sich mit Dubslav und dem unglücklichen
-Wahlausgange zu beschäftigen hatte. Wer sollte den ausbringen?
-Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach und
-war eigentlich froh, als es mit einemmale hieß, Gundermann
-werde sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener
-nicht ernsthaft zu nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht
-sogar Scheiterungen in Sicht stünden, aber man tröstete
-sich, je mehr er scheitere, desto besser. Die meisten waren bereits
-in erheblicher Aufregung, also sehr unkritisch. Eine kleine Weile
-verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem die Rolle des
-Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf
-Siebenmühlen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter;
-»Ruhe, Ruhe!« riefen andre dazwischen, und als Baron Beetz
-noch einmal an das Glas geklopft und nun, auch seinerseits
-um Ruhe bittend, eine leidliche Stille hergestellt hatte, trat
-Gundermann hinter seinen Stuhl und begann, während er mit
-affektierter Nonchalance seine Linke in die Hosentasche steckte:</p>
-
-<p>»Meine Herren. Als ich vor so und soviel Jahren in Berlin
-studierte« (»na nu«), »als ich vor Jahren in Berlin studierte,
-war da mal ne Hinrichtung&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>»Alle Wetter, <em class="gesperrt">der</em> setzt gut ein.«</p>
-
-<p>»… war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam,
-nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren
-Mann, einen würdigen Klempnermeister, vergiftet hatte. Und
-der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, soviel muß ich
-sagen, es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und
-ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte, ich hatte Zutritt
-zu der Hinrichtung, und um mich rum standen lauter Assessoren
-und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem
-Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam
-die Witwe, wenn man sie so nennen darf, und sah soweit ganz
-behäbig und beinahe füllig aus, weil sie, was damals viel besprochen
-wurde, nen Kropf hatte, weshalb auch der Block
-ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen. Sozusagen
-mit nem Ausschnitt.«</p>
-
-<p>»Mit nem Ausschnitt …; gut, Gundermann.«</p>
-
-<p>»Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen
-Referendare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Keine Verspottung unsrer Referendare&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte,
-da trat sie ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte
-uns zu (ich sage ›uns,‹ weil sie mich auch ansah) und sagte:
-›Ja, ja, meine jungen Herrens, <em class="gesperrt">dat kommt davon</em> …‹
-Und sehen Sie, meine Herren, <em class="gesperrt">dieses</em> Wort, wenn auch von
-einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder
-losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann
-<em class="gesperrt">muß</em> einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung
-kommen, und ich sage dann auch, ganz wie die Alte damals
-sagte: ›Ja, meine Herren, dat kommt davon.‹ Und wovon
-kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen
-die Sozialdemokraten?«</p>
-
-<p>»Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was
-Neues!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<p>»Es gibt da nichts Neues. Ich kann nur bestätigen, vom
-Fortschritt kommt es. Und wovon kommt <em class="gesperrt">der</em>? Davon, daß
-wir die Abstimmungsmaschine haben und das große Haus
-mit den vier Ecktürmen. Und wenn es meinetwegen ohne das
-große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat am Ende
-bewilligt werden muß &ndash; und ohne Geld, meine Herren, geht
-es nicht« (Zustimmung: »ohne Geld hört die Gemütlichkeit
-auf«) &ndash;, »nun denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe,
-was sollen wir, auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen,
-anfangen mit einem Wahlrecht, wo Herr von Stechlin
-gewählt werden soll, und wo sein Kutscher Martin, der ihn zur
-Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt
-werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn
-von Stechlin ist mir immer noch lieber als dieser Torgelow.
-Und all das nennt sich Freiheit. Ich nenn es Unsinn, und viele
-tun desgleichen. Ich denke mir aber, gerade <em class="gesperrt">diese</em> Wahl, in
-einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt, gerade diese Wahl
-wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen. Ich sage
-nicht, welche Augen.«</p>
-
-<p>»Schluß, Schluß!«</p>
-
-<p>»Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich
-die Franzosen als die ›glorreich Besiegten‹ bezeichnet hätten.
-Ein stolzes und nachahmenswertes Wort. Auch für uns,
-meine Herren. Und wie wir, ohne uns was zu vergeben, diesen
-Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir, glaub ich, auch
-das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen.
-Wir sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir haben
-eine Revanche. <em class="gesperrt">Die</em> nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege:
-Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!«</p>
-
-<p>Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich
-lachten, und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte,
-sagte zu dem neben ihm sitzenden Katzler: »Weiß der
-Himmel, dieser Gundermann ist und bleibt ein Esel. Was<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-sollen wir mit solchen Leuten? Erst beschreibt er uns die Frau
-mit nem Kropf, und dann will er das große Haus abschaffen.
-Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr
-haben, haben wir gar nichts; das ist noch unsre Rettung und
-die beinah einzige Stelle, wo wir den Mund (ich sage Mund)
-einigermaßen auftun und was durchsetzen können. Wir müssen
-mit dem Zentrum paktieren. Dann sind wir egal raus. Und
-nun kommt dieser Gundermann und will uns auch das noch
-nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und
-die Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von ›Ständen‹
-kann hier eigentlich nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann
-gehört nicht mit dazu. Seine Mutter war ne Hebamme
-in Wrietzen. Drum drängt er sich auch immer vor.«</p>
-
-<p>Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel
-gewesen war, flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker
-zu, daß es Zeit sei, die Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch
-noch nicht recht, denn wenn er mal saß, saß er; aber als
-gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden, blieb ihm nichts
-anderes übrig, als sich anzuschließen, und unter den Klängen
-des »Hohenfriedbergers« &ndash; der »Prager«, darin es heißt:
-»Schwerin fällt,« wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation
-vielleicht paßlicher gewesen &ndash; kehrte man in die Parterreräume
-zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte,
-während eine kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße
-hinaustrat, um da, unter den Bäumen des »Triangelplatzes,«
-sich bei Sekt und Kognak des weiteren <em class="antiqua">bene</em> zu tun. Obenan
-saß von Molchow, neben ihm von Kraatz und van Peerenboom;
-Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin
-mit der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten
-überhaupt Thormeyers Adlatus war. Sonderbarerweise
-hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich
-wohl nach Eindrücken, die jenseits aller »Pflicht« lagen), und
-neben ihm, was beinahe noch mehr überraschen konnte, saß<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-von der Nonne. Molchow und Thormeyer führten das Wort.
-Von Wahl und Politik &ndash; nur über Gundermann fiel gelegentlich
-eine spöttische Bemerkung &ndash; war längst keine Rede mehr,
-statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten
-aus der Grafschaft heranzuziehen. »Ist es denn wahr,« sagte
-Kraatz, »daß die schöne Lilli nun doch ihren Vetter heiraten
-wird, oder richtiger, der Vetter die schöne Lilli?«</p>
-
-<p>»Vetter?« fragte Peerenboom.</p>
-
-<p>»Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen
-immer noch zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch
-schon ne ganze Weile hier, als die Lilli-Geschichte spielte.«</p>
-
-<p>Peerenboom ließ sich's gesagt sein und begrub jede weitere
-Frage, was er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da
-kein Zweifel war, daß der, der das Lilli-Thema heraufbeschworen,
-über kurz oder lang ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah
-denn auch.</p>
-
-<p>»Ja, diese verdammten Kerle,« fuhr von Kraatz fort, »diese
-Lehrer! Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie sind ja beim
-Gymnasium, da liegt alles anders, und <em class="gesperrt">der</em>, der hier ne Rolle
-spielt, war ja natürlich bloß ein Hauslehrer, Hauslehrer bei
-Lillis jüngstem Bruder. Und eines Tages waren beide weg,
-der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach England. Es
-kann einer noch so dumm sein, aber von Gretna Green hat er
-doch mal gehört oder gelesen. Und da wollten sie denn auch
-beide hin. Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna Greensche
-darf nicht mehr trauen. Und so nahmen sie denn Lodgings
-in London, ganz ohne Trauung. Und es ging auch so,
-bis ihnen das kleine Geld ausging.«</p>
-
-<p>»Ja, das kennt man.«</p>
-
-<p>»Und da kamen sie denn also wieder. Das heißt, Lilli
-kam wieder. Und sie war auch schon vorher mit dem Vetter
-so gut wie verlobt gewesen.«</p>
-
-<p>»Und der sprang nu ab?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p>
-
-<p>»Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli ist
-sehr hübsch und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn
-der Vetter gesagt haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe,
-da verzeihe man auch. Und er halte auch eine Entsühnung für
-durchaus möglich. Ja, er soll dabei von Purgatorium gesprochen
-haben.«</p>
-
-<p>»Mißfällt mir, klingt schlecht,« sagte Molchow. »Aber was
-er vorher gesagt, ›Entsühnung,‹ das ist ein schönes Wort und
-eine schöne Sache. Nur das ›Wie,‹ &ndash; ach, man weiß immer
-so wenig von diesen Dingen, &ndash; will mir nicht recht einleuchten.
-Als Christ weiß ich natürlich (so schlimm steht es am Ende auch
-nicht mit einem), als Christ weiß ich, daß es eine Sühne gibt.
-Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen Sie, was
-sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben
-alle Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr.«</p>
-
-<p>Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema
-nach seinem Geschmack; seine Augen wurden größer und sein
-glattes Gesicht noch glatter.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow
-vorbeugte, »so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so
-was gibt. Denn die arme Menschheit braucht es. Das Wort
-Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein protestantisches
-Gewissen dagegen sträubt, und dann auch wegen
-des Anklangs; aber es gibt eine Purifikation. Und das ist doch
-eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheitswiederherstellung.
-Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's
-hier handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem
-Hange nach Restitution überall, und namentlich im Orient &ndash;
-aus dem doch unsre ganze Kultur stammt &ndash; finden Sie diese
-Lehre, dieses Dogma, diese Tatsache.«</p>
-
-<p>»Ja, ist es eine Tatsache?«</p>
-
-<p>»Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen.
-Und das ist ebensogut. <em class="gesperrt">Blut sühnt.</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span></p>
-
-<p>»Blut sühnt,« wiederholte Molchow. »Gewiß. Daher
-haben wir ja auch unsere Duellinstitution. Aber wo wollen
-Sie hier die Blutsühne hernehmen? In diesem Spezialfalle
-ganz undurchführbar. Der Hauslehrer ist drüben in England
-geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist. Und
-wenn er auch wiederkäme, er ist nicht satisfaktionsfähig. Wär
-er Reserveoffizier, so hätt ich das längst erfahren&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung.
-Etwas primitiv, naturwüchsig, das sogenannte Blutracheprinzip.
-Aber es braucht nicht immer das Blut des Übeltäters
-selbst zu sein. Bei den Orientalen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, Orientalen … dolle Gesellschaft&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern des Ostens
-sühnt Blut überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung
-&ndash; ich kann das Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow,
-ich muß immer wieder darauf zurückkommen &ndash; nach orientalischer
-Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her.«</p>
-
-<p>»Na, hören Sie, Rektor.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt
-das zu dem Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und
-ich habe da auch neulich erst eine Geschichte gelesen, die das
-alles nicht bloß so obenhin bestätigt, sondern beinahe <em class="gesperrt">großartig</em>
-bestätigt. Und noch dazu aus Siam.«</p>
-
-<p>»Aus Siam?«</p>
-
-<p>»Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen,
-wenn die Sache nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren
-vom Lande werden so leicht ungeduldig, und ich wundere mich
-oft, daß sie die Predigt bis zu Ende mitanhören. Daneben ist
-freilich meine Geschichte aus Siam&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Erzählen, Direktorchen, erzählen.«</p>
-
-<p>»Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine …
-Da war also, und es ist noch gar nicht lange her, ein König von
-Siam. Die Siamesen haben nämlich auch Könige.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p>
-
-<p>»Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht.«</p>
-
-<p>»Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte
-eine Tochter.«</p>
-
-<p>»Klingt ja wie aus'm Märchen.«</p>
-
-<p>»Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin,
-und ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so
-daß man doch auch hier wieder an den Kandidaten erinnert
-wird) &ndash; dieser Nachbarfürst raubte die Prinzessin und nahm
-sie mit in seine Heimat und seinen Harem, trotz alles Sträubens.«</p>
-
-<p>»Na, na.«</p>
-
-<p>»So wenigstens wird berichtet. Aber der König von Siam
-war nicht der Mann, so was ruhig einzustecken. Er unternahm
-vielmehr einen heiligen Krieg gegen den Nachbarfürsten,
-schlug ihn und führte die Prinzessin im Triumphe wieder zurück.
-Und alles Volk war wie von Sieg und Glück berauscht.
-Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.«</p>
-
-<p>»Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.«</p>
-
-<p>»Nein, ihr Herren. Wollte <em class="gesperrt">nicht</em> zurück. Denn es war eine
-sehr feine Dame, die gelitten hatte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja. Aber wie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken
-der Entsühnung lebte, dem Gedanken, wie das Unheilige, das
-Berührtsein, wieder von ihr genommen werden könne.«</p>
-
-<p>»Geht nicht. Berührt is berührt.«</p>
-
-<p>»Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft
-wurde herangezogen und hielt, wie man hier vielleicht sagen
-würde, einen Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung
-oder, was dasselbe sagen will, mit der Frage der
-Wiederherstellung der Virginität beschäftigte. Man kam
-überein (oder fand es auch vielleicht in alten Büchern), daß
-sie in Blut gebadet werden müsse.«</p>
-
-<p>»Brrr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p>
-
-<p>»Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle
-geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine
-von rotem Porphyr und eine von weißem Marmor, und zwischen
-diesen Wannen, auf einer Art Treppe, stand die Prinzessin
-selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel in die Tempelhalle
-gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem Schnitt
-jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in
-die daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das
-Bad bereitet, und die Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen
-sie entkleidet hatten, stieg in das Büffelblut hinab,
-und der Hohepriester nahm ein heiliges Gefäß und schöpfte
-damit und goß es aus über die Prinzessin.«</p>
-
-<p>»Eine starke Geschichte; bei Tisch hätt ich mehrere Gänge
-passieren lassen. Ich find es doch entschieden zu viel.«</p>
-
-<p>»Ich nicht,« sagte der alte Zühlen, der sich inzwischen eingefunden
-und seit ein paar Minuten mit zugehört hatte. »Was
-heißt zuviel oder zu stark? Stark ist es, soviel geb ich zu; aber
-nicht <em class="gesperrt">zu</em> stark. Daß es stark ist, das ist ja eben der Witz von der
-Sache. Wenn die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte,
-so fänd ich es ohne weiteres zu stark; es muß immer ein richtiges
-Verhältnis da sein zwischen Mittel und Zweck. Ein Leberfleck
-ist gar nichts. Aber bedenken Sie, ne richtige Prinzessin als
-Sklavin in einem Harem; da muß denn doch ganz anders vorgegangen
-werden. Wir reden jetzt so viel von ›großen Mitteln‹.
-Ja, meine Herren, auch <em class="gesperrt">hier</em> war nur mit großen Mitteln was
-auszurichten.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Igni et ferro</em>,« bestätigte der Rektor.</p>
-
-<p>»Und,« fuhr der alte Zühlen fort, »soviel wird jedem einleuchten,
-um den Teufel auszutreiben (als den ich diesen
-Nachbarfürsten und seine Tat durchaus ansehe), dazu mußte
-was Besonderes geschehn, etwas Beelzebubartiges. Und
-das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich find es <em class="gesperrt">nicht</em>
-zu viel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p>
-
-<p>Thormeyer hob sein Glas, um mit dem alten Zühlen anzustoßen.
-»Es ist genau so, wie Herr von Zühlen sagt. Und
-zuletzt geschah denn auch glücklicherweise das, was unsre mehr
-auf Schönheit gerichteten Wünsche &ndash; denn wir leben nun
-mal in einer Welt der Schönheit &ndash; zufriedenstellen konnte.
-Direkt aus der Porphyrwanne stieg die Prinzessin in die Marmorwanne,
-drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre Heimstätte
-hatten, und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen aufs
-neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin,
-und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und
-wie all das wieder aufblühte, was ihr der räuberische Nachbarfürst
-genommen. Und zuletzt schlugen die Dienerinnen
-ihre Herrin in schneeweiße Gewänder und führten sie bis an
-ein Lager und fächelten sie hier mit Pfauenwedeln, bis sie den
-Kopf still neigte und entschlief. Und ist nichts zurückgeblieben,
-und ist später die Gattin des Königs von Annam geworden.
-Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil Frankreich
-schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.«</p>
-
-<p>»Hoffen wir, daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.«</p>
-
-<p>»Er wird, er wird.«</p>
-
-<p>Darauf stieß man an, und alles brach auf. Die Wagen
-waren bereits vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen
-dem »Prinzregenten« und dem Triangelplatz.</p>
-
-<p>Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin, um
-sich die Zeit zu vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav
-suchte nach seinem Pastor und begann schon ungeduldig zu
-werden, als Lorenzen endlich an ihn herantrat und um Entschuldigung
-bat, daß er habe warten lassen. Aber der Oberförster
-sei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt, das
-auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, die Rückfahrt
-mit Katzler gemeinschaftlich zu machen.</p>
-
-<p>Dubslav lachte. »Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie
-sich nicht zu viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-spielen oder noch wahrscheinlicher der neuzufindende Name.
-Werde wohl recht behalten … Und nun vorwärts, Martin.«</p>
-
-<p>Damit ging es über das holperige Pflaster fort.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf der
-Landstraße kam man an großen und kleinen Trupps von
-Häuslern, Teerschwelern und Glashüttenleuten vorüber, die
-sich einen guten Tag gemacht hatten und nun singend und johlend
-nach Hause zogen. Auch Frauensvolk war dazwischen
-und gab allem einen Beigeschmack.</p>
-
-<p>So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden
-Nehmitzsee zu. Nicht weit davon befand sich ein Kohlenmeiler,
-Dietrichsofen, und als Martin jetzt um die nach Süden vorgeschobene
-Seespitze herumbiegen wollte, sah er, daß wer am
-Wege lag, den Oberkörper unter Gras und Binsen versteckt,
-aber die Füße quer über das Fahrgeleise.</p>
-
-<p>Martin hielt an. »Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub,
-es ist der alte Tuxen.«</p>
-
-<p>»Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit
-ihm is.«</p>
-
-<p>Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und
-rüttelte und schüttelte den am Wege Liegenden. »Awer Tuxen,
-wat moakst du denn hier? Wenn keen Moonschien wiehr,
-wiehrst du nu all kaput.«</p>
-
-<p>»Joa, joa,« sagte der Alte. Aber man sah, daß er ohne
-rechte Besinnung war.</p>
-
-<p>Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilflichen
-mit Martin gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und
-bei dieser Prozedur kam der Trunkene einigermaßen wieder
-zu sich und sagte: »Nei, nei, Martin, nich doa; pack mi lewer
-vörn upp'n Bock.«</p>
-
-<p>Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-auch ganz still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem
-gnädigen Herrn.</p>
-
-<p>Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte:
-»Nu sage mal, Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein
-nich lassen? Legst dich da hin; is ja schon Nachtfrost. Noch
-ne Stunde, dann warst du dod. Waren sie denn alle so?«</p>
-
-<p>»Mehrschtendeels.«</p>
-
-<p>»Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?«</p>
-
-<p>»Nei, gnädger Herr, vör Katzenstein nich.«</p>
-
-<p>Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock
-unsicher hin und her schwankte.</p>
-
-<p>»Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß
-keinem den Kopp ab. Is auch alles egal. Also für Katzenstein
-nich. Na, für wen denn?«</p>
-
-<p>»För Torgelow'n.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte. »Für Torgelow, den euch die Berliner
-hergeschickt haben. Hat er denn schon was für euch getan?«</p>
-
-<p>»Nei, noch nich.«</p>
-
-<p>»Na, warum denn?«</p>
-
-<p>»Joa, se seggen joa, he <em class="gesperrt">will</em> wat för uns duhn un is so
-sihr för de armen Lüd. Un denn kriegen wi joa'n Stück Tüffelland.
-Un se seggen ook, he is klöger, as de annern sinn.«</p>
-
-<p>»Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr
-dumm seid. Habt ihr denn schon gehungert?«</p>
-
-<p>»Nei, dat grad nich.«</p>
-
-<p>»Na, das kann auch noch kommen.«</p>
-
-<p>»Ach, gnädger Herr, dat wihrd joa woll nich.«</p>
-
-<p>»Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsöfen.
-Nu steigt ab und seht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die
-Pferde anrucken. Und hier habt Ihr was. Aber nich mehr für
-heut. Für heut habt Ihr genug. Und nu macht, daß Ihr zu
-Bett kommt, und träumt von ›Tüffelland‹.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p>
-
-<h2 id="In_Mission_nach_England">In Mission nach England</h2>
-
-<h3 id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen,
-daß der sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer
-Torgelow, im Wahlkreise Rheinsberg-Wutz gesiegt habe.
-Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen ein, der zunächst
-die Telegramme bestätigte und am Schlusse hinzusetzte, daß
-Dubslav eigentlich herzlich froh über den Ausgang sei. Woldemar
-war es auch. Er ging davon aus, daß sein Vater wohl
-das Zeug habe, bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand
-und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung
-über allerhand politische Dinge zum besten zu geben; aber im
-Reichstage fach- und sachgemäß sprechen, das konnt er nicht
-und wollt er auch nicht. Woldemar war so durchdrungen davon,
-daß er über die Vorstellung einer Niederlage, dran er als
-Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig
-rasch hinwegkam, pries es aber doch, um eben diese Zeit mit
-einem Kommando nach Ostpreußen hin betraut zu werden, das
-ihn auf ein paar Wochen von Berlin fernhielt. Kam er dann
-zurück, so waren Anfragen in dieser Wahlangelegenheit nicht
-mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb seines Regiments,
-in dem man sich, von ein paar Intimsten abgesehen, eigentlich
-schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.</p>
-
-<p>Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer,
-als Woldemar hier am Abend vor seiner Abreise noch<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-einmal vorsprach, um sich bei der gräflichen Familie zu verabschieden.
-Es wurde nur ganz obenhin von einem abermaligen
-Siege der Sozialdemokratie gesprochen, ein absichtlich flüchtiges
-Berühren, das nicht auffiel, weil sich das Gespräch sehr
-bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit lange dazu
-aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im
-Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten
-Grafen viel Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine
-hatte sich durch den Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt
-gesehen, trotzdem ihr nicht entgangen war, was, nach freilich
-entgegengesetzten Seiten hin, die Schwäche beider ausmachte.</p>
-
-<p>»Wovon der eine zu wenig hat,« sagte sie, »davon hat der
-andre zu viel.«</p>
-
-<p>»Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?«</p>
-
-<p>»O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß im selben Augenblicke,
-wo die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der
-Gnadenkirche geläutet wurden, was denn &ndash; man ist bei solchen
-ersten Besuchen immer dankbar, an irgendwas anknüpfen zu
-können &ndash; unser Gespräch sofort aufs Kirchliche hinüberlenkte.
-Da legitimierten sich dann beide. Hauptmann Czako, weil er
-ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen würde,
-gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von
-Rex in der Tat nicht nur von dem ›Ernst der Zeiten‹ zu sprechen
-anfing, sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen,
-uns nahe bevorstehenden Umschwung erwartete.
-Was mich natürlich erheiterte.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis auf
-Anfang November berechnet, und mehr als einmal sprachen
-im Verlaufe dieser Zeit Rex und Czako bei den Barbys vor.
-Freilich immer nur einzeln. Verabredungen zu gemeinschaftlichem
-Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden, aber
-jedesmal erfolglos, und erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-fügte es sich, daß sich die beiden Freunde bei den Barbys
-trafen. Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben
-der Baronin Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein
-alter Malerprofessor (eine neue Bekanntschaft des Hauses)
-zugegen waren, was eine sehr belebte Konversation herbeiführte.
-Besonders der neben seinen andern Apartheiten auch
-durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen ausgezeichnete
-Professor hatte &ndash; gestützt auf einen unentwegten
-Peter-Cornelius-Enthusiasmus &ndash; alles hinzureißen gewußt.
-»Ich bin glücklich, noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden
-Künstlers gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons,
-die mir das Bedeutendste scheinen, was wir überhaupt
-hier haben. Auf dem einen Karton steht im Vordergrund ein
-Tubabläser und setzt das Horn an den Mund, um zu Gericht
-zu rufen. Diese eine Gestalt balanciert fünf Kunstausstellungen,
-will also sagen netto 15&nbsp;000 Bilder. Und eben diese Kartons,
-samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt fortschaffen und
-sagen dabei in naiver Effronterie, solch schwarzes Zeug mit
-Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht so viel Raum einnehmen.
-Ich aber sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von
-Cornelius ist mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen,
-und die Tuba, die dieser Tubabläser da an den
-Mund setzt &ndash; verzeihen Sie mir altem Jüngling diesen Kalauer
-&ndash;, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen sie jetzt
-ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine miserable
-Neuerung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel, und diese Beutel
-aus Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres Glück, daß
-König Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">IV.</em> diese jetzt etablierte Niedergangsepoche
-nicht mehr erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht
-eigentlich eine Zeit der apokalyptischen Reiter. Bloß zu den
-dreien, die der große Meister uns da geschaffen hat, ist heutzutage
-noch ein vierter Reiter gekommen, ein Mischling von
-Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am stärksten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p>
-
-<p>Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der
-Alte mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen.
-Nur Melusine blieb in einer stillen Opposition und
-flüsterte der Baronin zu: »Tubabläser. Mir persönlich ist die
-Böcklinsche Meerfrau mit dem Fischleib lieber. Ich bin freilich
-Partei.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher
-Stunde. So war es auch heute wieder. Es schlug eben erst
-zehn, als Rex und Czako auf die Straße hinaustraten und
-drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende von Lichtern vor
-sich hatten, von denen die vordersten sich im Wasser spiegelten.</p>
-
-<p>»Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen,« sagte
-Czako. »Was meinen Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir
-gehen hier am Ufer entlang, an den Zelten vorüber bis Bellevue,
-und da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurück,
-Sie bis an die Friedrichstraße, ich bis an den Alexanderplatz.
-Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus.«</p>
-
-<p>Rex war einverstanden. »Ein wahres Glück,« sagte er,
-»daß wir uns endlich mal getroffen haben. Seit fast drei Wochen
-kennen wir nun das Haus und haben noch keine Aussprache
-darüber gehabt. Und das ist doch immer die Hauptsache.
-Für Sie gewiß.«</p>
-
-<p>»Ja, Rex, das ›für Sie gewiß‹, das sagen Sie so spöttisch
-und überheblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores
-und für mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner
-Meinung nach einen doppelten Fehler. Denn erstlich ist Klatschen
-überhaupt nicht inferior, und zweitens klatschen Sie gerade so
-gern wie ich und vielleicht noch ein bißchen lieber. Sie bleiben
-nur immer etwas steifer dabei, lehnen meine Frivolitäten zunächst
-ab, warten aber eigentlich darauf. Im übrigen denk ich
-wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber von der
-Hauptsache. Ich finde, wir können unserm Freunde Stechlin<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-nicht dankbar genug dafür sein, uns mit einem so liebenswürdigen
-Hause bekannt gemacht zu haben. Den Wrschowitz
-und den alten Malerprofessor, der von dem Engel des Gerichts
-nicht loskonnte, &ndash; nun die beiden schenk ich Ihnen (ich denke
-mir, der Maler wird wohl nach Ihrem Geschmacke sein), aber
-die andern, die man da trifft, wie reizend alle, wie natürlich.
-Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der mir am Teetisch
-fast noch besser gefällt als auf der Kanzel. Und dann diese
-bayrische Baronin. Es ist doch merkwürdig, daß die Süddeutschen
-uns im Gesellschaftlichen immer um einen guten
-Schritt vorauf sind, nicht von Bildungs-, aber von glücklicher
-Natur wegen. Und diese glückliche Natur, das ist doch die wahre
-Bildung.«</p>
-
-<p>»Ach Czako, Sie überschätzen das. Es ist ja richtig, wenn
-Sie da so die Würstel aus dem großen Kessel herausholen
-und irgendeine Loni oder Toni mit dem Maßkrug kommt,
-so sieht das nach was aus, und wir kommen uns wie verhungerte
-Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was wir
-haben, doch das Höhere.«</p>
-
-<p>»Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen
-zusammenhängt, ist nie das Höhere. Waren die Patriarchen
-examiniert, oder Moses oder Christus? Die Pharisäer waren
-examiniert. Und da sehen Sie, was dabei herauskommt. Aber,
-um mehr in der Nähe zu bleiben, nehmen Sie den alten Grafen.
-Er war freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen nach
-was; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter Naturmensch,
-und das gerade gibt ihm seinen Charme. Beiläufig,
-finden Sie nicht auch, daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht?«</p>
-
-<p>»Ja, äußerlich.«</p>
-
-<p>»Auch innerlich. Natürlich ne andre Nummer, aber doch
-derselbe Zwirn, &ndash; Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus.
-Und wenn Sie vielleicht an Politik gedacht haben,
-auch da ist wenig Unterschied. Der alte Graf ist lange nicht so<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-liberal, und der alte Dubslav lange nicht so junkerlich, wie's
-aussieht. Dieser Barby, dessen Familie, glaub ich, vordem zu
-den Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch so was von
-›Gottesgnadenschaft‹ in den Knochen, und das gibt dann die
-bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus
-glaubt gönnen zu können. Und der alte Dubslav, nun, der
-hat dafür das im Leibe, was die richtigen Junker alle haben:
-ein Stück Sozialdemokratie. Wenn sie gereizt werden, bekennen
-sie sich selber dazu.«</p>
-
-<p>»Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja bloß Spielerei.«</p>
-
-<p>»Ja, was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben schöne
-alte Fibelverse, die vor der Gefährlichkeit des Mit-dem-Feuerspielens
-warnen. Aber lassen wir Dubslav und den alten Barby.
-Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen, die Gräfin und
-die Komtesse. Welche wird es? Ich glaube, wir haben schon mal
-darüber gesprochen, damals, als wir von Kloster Wutz her über
-den Cremmer Damm ritten. Viel Vertrauen zu Freund Woldemars
-richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber
-ich sage trotzdem: Melusine.«</p>
-
-<p>»Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im stillen
-auch.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreußen,
-daß Rex und Czako dies Tiergartengespräch führten.
-Eine halbe Stunde später fuhren sie, wie verabredet, vom
-Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt zurück. Überall
-war noch ein reges Leben und Treiben, und Leben war denn auch
-in dem aus bloß drei Zimmern verschiedener Größe sich zusammensetzenden
-Kasino der Gardedragoner. In dem zunächst
-am Flur gelegenen großen Speisesaale, von dessen Wänden
-die früheren Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen,
-herniederblickten, sah man nur wenig Gäste. Daneben
-aber lag ein Eckzimmer, das mehr Insassen und mehr flotte<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-Bewegung hatte. Hier über dem schräg gestellten Kamin, drin
-ein kleines Feuer flackerte, hing seit kurzem das Bildnis des
-»hohen Chefs« des Regiments, der Königin von England,
-und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück
-aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege:
-die Trompete, darauf derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt,
-erst am 3. Juli auf der Höhe von Lipa und dann am
-16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur Attacke gerufen
-hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der Oberst
-mit ihm.</p>
-
-<p>Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute der bevorzugte
-kleine Raum, drin sich jüngere und ältere Offiziere
-zu Spiel und Plauderei zusammengefunden hatten, unter
-ihnen die Herren von Wolfshagen, von Herbstfelde, von
-Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe.</p>
-
-<p>»Weiß der Himmel,« sagte Raspe, »wir kommen aus den
-Abordnungen auch gar nicht mehr heraus. Wir haben freilich
-drei Sendens im Regiment, aber es sind der Sendbotschaften
-doch fast zuviel. Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei.
-Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreußen von der ihm
-zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte Gefühle
-haben. Übermorgen ist er von Trakehnen wieder da, mutmaßlich
-bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert, und dann
-Hals über Kopf und in großem Trara nach London. Und London
-ginge noch. Aber auch nach Windsor. Alles, wenn es sich
-um Chic handelt, will doch seine Zeit haben, und gerade die
-Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger.«</p>
-
-<p>»Laß sie sehn,« sagte Herbstfelde. »Wir sehen auch. Und
-Stechlin ist nicht der Mann, sich über derlei Dinge graue Haare
-wachsen zu lassen. Ich glaube, daß ihn was ganz andres geniert.
-Es ist doch immerhin was, daß er da mit nach England
-hinüber soll, und einer solchen Auszeichnung entspricht selbstverständlich
-eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-jedem, und nach dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin
-mache, gehört er zu diesen. Er ficht nicht gern unter der Devise
-›nur über Leichen‹, hat vielmehr umgekehrt den Zug, sich in die
-zweite Linie zu stellen. Und nun sieht es aus, als wär er ein
-Streber.«</p>
-
-<p>»Stimmt nicht,« sagte Raspe. »Für so verrannt kann ich
-keinen von uns halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen
-und kann doch unmöglich in seinen Mußestunden hierher intrigiert
-und einen etwaigen Rivalen aus dem Sattel geworfen
-haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch nicht
-der Mann dazu, sich irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt
-seine Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht,
-dann weiß er, warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht
-nicht, weil man will, sondern weil man muß. Spricht er denn
-Englisch?«</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht,« sagte von Grumbach. »Soviel ich weiß,
-hat er vor kurzem damit angefangen, aber natürlich nicht wegen
-dieser Mission, die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt,
-sondern der Barbys wegen, die beinah zwanzig Jahre in
-England waren und halb englisch sind. Im übrigen hab ich mir
-sagen lassen, es geht drüben auch ohne die Sprache. Herbstfelde,
-Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem Deutsch und
-schlechtem Französisch kommt man überall durch.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Herbstfelde. »Bloß ein bißchen Landessprache
-muß doch noch dazu kommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademekums,
-und da muß man dann eben nachschlagen, bis man's
-hat. Sonst sind hundert Vokabeln genug. Als ich noch zu
-Hause war, hatten wir da ganz in unsrer Nachbarschaft einen
-verdrehten alten Herrn, der &ndash; eh ihn die Gicht unterkriegte &ndash;
-sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben hatte.
-Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm
-war er auch mal in Südrußland gewesen, von welcher Zeit
-ab &ndash; und zwar nach vorgängiger, vor einem großen Likörkasten<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-stattgehabten Anfreundung mit einem uralten Popen &ndash;
-er das Amendement zu stellen pflegte: ›Hundert Vokabeln;
-aber bei nem Popen bloß fünfzig.‹ Und das muß ich sagen,
-ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt
-gefunden. ›<em class="antiqua">Mary, please, a jug of hot water</em>,‹ soviel muß
-man weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer
-weiß gar nichts.«</p>
-
-<p>»Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstfelde?«</p>
-
-<p>»Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.«</p>
-
-<p>»Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen?
-Einblick ins Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge,
-Gladstone?«</p>
-
-<p>Herbstfelde nickte.</p>
-
-<p>»Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat
-da so den meisten Eindruck auf Sie gemacht? Architektur,
-Kunst, Leben, die Schiffe, die großen Brücken? Die Straßenjungens,
-wenn man in einem Cab vorüberfährt, sollen ja
-immer Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmädchen,
-was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben
-und Tändelschürze.«</p>
-
-<p>»Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auch das
-Interessanteste. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja
-jetzt überall, von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden.
-Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein Parlament.
-Und manche sagen, unsres sei noch besser. Aber das Volk.
-Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles.«</p>
-
-<p>»Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und dasselbe.
-Was da los ist, das wissen wir.«</p>
-
-<p>»Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem
-Omnibus gesessen und bin abends in die Matrosenkneipen
-an der Themse gegangen. Ein bißchen gefährlich; man hat
-da seinen Messerstich weg, man weiß nicht wie, ganz wie in<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-Italien. Bloß in Italien gibt es vorher doch immer noch ein
-Liebesverhältnis, was in Old-Wapping &ndash; so heißt nämlich der
-Stadtteil an der Themse &ndash; nicht mal nötig ist. Und dann,
-wenn ich zu Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel
-war es nicht. Denn die hundert Vokabeln, die dazu nötig sind
-die hatte ich damals noch nicht voll.«</p>
-
-<p>»Na, 's ging aber doch?«</p>
-
-<p>»So leidlich. Und dabei hatt ich mal ne Szene, die war
-eigentlich das Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich
-eine Treppe hoch in einer kleinen stillen Querstraße von Oxford-Street.
-Und Mary war gerade bei mir. Und in dem Augenblicke,
-wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu verständigen
-suche&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Worüber?«</p>
-
-<p>»In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein
-Fenster hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte.«</p>
-
-<p>»Wie war denn das aber möglich?«</p>
-
-<p>»Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben
-nenne. Alles mögliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung
-haben, vollzieht sich da mitten auf dem Straßendamm.
-Und so waren denn auch an jenem Tage zwei Chinesen, ihres
-Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street
-gekommen, und der eine, ein dicker starker Kerl, hatte einen
-Gurt um den Leib, und in der Öse dieses Gurtes steckte ne
-Stange, auf die der zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er
-da oben war, war er gerade in Höhe meiner Beletage und sah
-hinein, als ich mich eben bemühte, mich Mary klar zu machen.«</p>
-
-<p>»Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn
-Sie wieder drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen
-oder höher hinauf. Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle
-nur, daß Stechlin in eine gleiche Lage kommen wird.«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten.«</p>
-
-<p>»Und noch mehr die Barbys.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p>
-
-<h3 id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung
-unterrichtet, kürzte seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig
-Stunden ab, hatte trotzdem aber, nach seinem
-Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei Tage zur Verfügung.
-Das war wenig. Denn außer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen
-lag ihm doch auch noch ob, verschiedene Besuche
-zu machen, so bei den Barbys, bei denen er sich für den letzten
-Abend schon brieflich angemeldet hatte.</p>
-
-<p>Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt
-um ihn her, er selber aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in
-seinen Schaukelstuhl zurück, nochmals überschlagend, ob auch
-nichts vergessen sei. Zuletzt sagte er sich: »Was nun noch fehlt,
-fehlt; ich kann nicht mehr.« Und dabei sah er nach der Uhr.
-Bis zu seinem am Kronprinzenufer angesagten Besuche war
-noch fast eine Stunde. Die wollt er ausnutzen und sich vorher
-nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche
-trat ein und meldete: »Hauptmann von Czako.«</p>
-
-<p>»Ah, sehr willkommen.«</p>
-
-<p>Und Woldemar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam,
-sprang doch auf und reichte dem Freunde die Hand. »Sie
-kommen, um mir zu meiner englischen Reise zu gratulieren.
-Und wiewohl es so so damit steht, <em class="gesperrt">Ihnen</em> glaub ich's, daß
-Sie's ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die
-keinen Neid kennen.«</p>
-
-<p>»Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so
-ganz sicher; mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich
-komm ich, um Ihnen wohl oder übel meine Glückwünsche zu
-bringen und meinen Reisesegen dazu. Donnerwetter, Stechlin,
-wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie werden natürlich
-Londoner Militärattaché, sagen wir in einem halben Jahr, und
-in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt und<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-etablieren sich als Sieger in einem Steeple Chase, vorausgesetzt,
-daß es so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt
-es jetzt alles ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem
-ersten großen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel
-oder mit Geraldine Cavendish, haben den Bedforder- oder den
-Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als Generalgouverneur
-nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die
-Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen
-sein.«</p>
-
-<p>»Czako, Sie machen sich's zunutze, daß die Mittagsstunde
-glücklich vorüber ist, sonst könnten Sie's kaum verantworten.
-Aber rücken Sie sich einen Sessel ran, und hier sind Zigaretten.
-Oder lieber Zigarre?«</p>
-
-<p>»Nein, Zigaretten … Ja, sehen Sie, Stechlin, solche
-Mission oder wenn auch nur ein Bruchteil davon&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sagen wir Anhängsel.«</p>
-
-<p>»… Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein
-Lebtag gewünscht habe. Bloß ›Erhörung kam nicht geschritten‹.
-Und doch ist gerad in unserm Regiment immer was los. Immer
-ist wer auf dem Wege nach Petersburg. Aber weiß der Teufel,
-trotz der vielen Schickerei, meine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen.
-Ich denke mir, es liegt an meinem Namen. Hier
-hat ›Czako‹ ja auch schon einen Beigeschmack, einen Stich ins
-Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin etwas
-Apartes, während es in Petersburg wahrscheinlich heißen
-würde: ›Czako, was soll das? Was soll Czako? Dergleichen
-haben wir hier echter und besser.‹ Ja, ich gehe noch weiter
-und bin nicht einmal sicher, ob man da drüben nicht Lust bezeugen
-könnte, in der Wahl von ›Czako‹ einen Witz oder versteckten
-Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winterpalais
-und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie
-nach London und sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch
-nun mal das denkbar Feinste. Rußland, wenn Sie mir solche<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Frühstücksvergleiche gestatten wollen, hat immer was von
-Astrachan, England immer was von Colchester. Und ich glaube,
-Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. Ach, Stechlin,
-Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner erregten
-Stimmung zugute halten müssen. Ich werde wohl an der
-Majorsecke scheitern, wegen verschiedener Mankos. Aber sehn
-Sie, daß ich das einsehe, das könnte das Schicksal doch auch
-wieder mit mir versöhnen.«</p>
-
-<p>»Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich
-schade, daß wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment
-haben. Oder wenigstens nicht genug. ›Fein‹ ist ja ganz
-gut, aber es muß doch auch mal ein Donnerwetter dazwischen
-fahren, ein Zynismus, eine Bosheit; sie braucht ja nicht gleich
-einen Giftzahn zu haben. Übrigens, was die Patentheit angeht,
-so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade noch passiere.
-Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer
-heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehört in die Ecke&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sag ich mir auch. Und ich habe deshalb auch mit dem
-Russischen angefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und
-über meine Fortschritte beinah erstaune, dann berapple ich
-mich momentan wieder und sage mir: ›Courage gewonnen,
-alles gewonnen.‹ Und dabei laß ich dann zu meinem weitern
-Trost all unsre preußischen Helden zu Fuß und zu Pferde an mir
-vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen
-und mitunter auch moralischen Überlegenheit.
-Da ist zuerst der Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen
-sein. Dann kam Blücher, &ndash; der war einfach ein ›<em class="antiqua">Jeu</em>‹er.
-Und dann kam Wrangel und trieb sein verwegenes Spiel mit
-›mir und mich‹.«</p>
-
-<p>»Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie sprechen
-müssen. Und Sie werden auch nicht an der Majorsecke scheitern.
-Eigentlich läuft doch alles bloß darauf hinaus, wie hoch man
-sich selber einschätzt. Das ist freilich eine Kunst, die nicht jeder<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-versteht. Das Wort vom alten Fritz: ›Denk Er nur immer,
-daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat,‹ dies Trostwort
-ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz
-unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb. Siege produzieren
-unter Umständen auch Bescheidenheit.«</p>
-
-<p>»Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon.
-Aber wenn Sie erst Ihre Ruth haben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit Ruth.
-Oder eigentlich, seien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser
-weibliche Name mahnt mich, daß ich mich für heut abend am
-Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den Barbys, wo's, wie
-Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine Melusine,
-was fast noch mehr ist.«</p>
-
-<p>»Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem
-Wasser kommt, ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso
-Hero … Nein, nein, entschuldigen Sie, es war Leander.«</p>
-
-<p>»Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle
-tut einem immer wohl. Übrigens können Sie mich in
-meinem Coupé begleiten; vom Kronprinzenufer aus haben
-Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das Coupé tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst
-acht, als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und,
-sich von Czako verabschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand
-nur die Familie vor, was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines
-Gespräch führen, sondern sich lediglich für seine Reise
-Rats erholen wollte. Der alte Graf kannte London besser als
-Berlin, und auch Melusine war schon über siebzehn, als man,
-bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und sich
-auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber
-waren nun wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen,
-aber Vater und Töchter hingen nach wie vor an Hydepark und
-dem schönen Hause, das sie da bewohnt hatten, und gedachten<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-dankbar der in London verlebten Tage. Selbst Armgard sprach
-gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus ihrer frühen
-Kindheit her erinnerte.</p>
-
-<p>»Wie glücklich bin ich,« sagte Woldemar, »Sie allein zu
-finden! Das klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht
-entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise
-Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin
-von Wales und in natürlicher Konsequenz von ihren
-zwei Schwestern Dagmar und Thyra zu sprechen, so hätt ich
-vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit heut abend noch ein Duell
-auszufechten. Was mir doch unbequem wäre. Besser ist
-besser.«</p>
-
-<p>Der alte Barby nickte vergnüglich.</p>
-
-<p>»Ja, Herr Graf,« fuhr Woldemar fort, »ich komme, mich
-von Ihnen und den Damen zu verabschieden: aber ich komme
-vor allem auch, um mich in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit
-zu informieren. In dem Augenblick, wo der gänzlich
-ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt, guckt er &ndash; so was
-soll vorkommen &ndash; noch einmal ins Corpus juris und liest,
-sagen wir zehn Zeilen, und gerad über diese wird er nachher gefragt
-und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch vorbehalten
-sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso.
-Auf was muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem,
-was muß ich sehn und was nicht sehn? Das letztere vielleicht
-das Wichtigste von allem.«</p>
-
-<p>»Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken
-Sie hier ein und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß
-Sie den Tee würdigen werden, ist so gut wie ausgeschlossen;
-dazu sind Sie viel zu aufgeregt. Sie sind ja wie ein Wasserfall;
-ich erkenne Sie kaum wieder.«</p>
-
-<p>Woldemar wollte sich entschuldigen.</p>
-
-<p>»Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über
-das. Alles ist heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin,<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-mal einer Aufregung zu begegnen; Aufregung kleidet besser als
-Indifferenz, und jedenfalls ist sie interessanter. Was meinst
-du dazu, Melusine?«</p>
-
-<p>»Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten.«</p>
-
-<p>»Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was
-tun, was sehn? Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was
-nicht sehn? Überall etwas sehr Schwieriges. In Italien vertrödelt
-man die Zeit mit Bildern, in England mit Hinrichtungsblöcken.
-Sie haben drüben ganze Kollektionen davon. Also
-möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen,
-immer mit Ausnahme von Westminster. Ich glaube, was
-man so mit billiger Wendung »Land und Leute« nennt, das
-ist und bleibt das Beste. Die Themse hinauf und hinunter,
-Richmond-Hill (auch jetzt noch, trotzdem wir schon November
-haben) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer. Und wenn
-Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten
-›Straßen-Raffael‹ begegnen, dann stehenbleiben und zusehen,
-was das sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten
-Hand auf die breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese
-Straßen-Raffaels haben immer nur eine linke Hand.«</p>
-
-<p>»Und was malt er?«</p>
-
-<p>»Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen
-in zehn Minuten eine richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in
-der Regel ist er mehr Ruysdael oder Hobbema. Landschaften
-sind seine Force; dazu Seestücke. Die Klippe von Dover hab
-ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer hin den zitternden
-Mondstrahl. Da haben Sie schon was zur Auswahl.
-Und nun fragen Sie Melusine. Die hat von London und Umgegend
-viel mehr gesehn als ich und weiß, glaub ich, in Hampton-Court
-und Waltham-Abbey besser Bescheid als an der
-Oberspree, natürlich das Eierhäuschen ausgenommen. Und
-wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja noch unsere<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-Tochter Cordelia. Cordelia war damals freilich erst sechs oder
-doch nicht viel mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard,
-wie wär es, wenn du dich unsers Freundes annähmest?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden
-ist oder auch nur sein kann. Vielleicht ging es, wenn
-du nur nicht von meinen sechs Jahren gesprochen hättest. Aber
-so. Mit sechs Jahren hat man eben nichts erlebt, was, in den
-Augen andrer, des Erzählens wert wäre.«</p>
-
-<p>»Komtesse, gestatten Sie mir … die Dinge an sich sind
-gleichgültig. Alles Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.«</p>
-
-<p>»Ei,« sagte Melusine. »So bin ich zum Erzählen noch mein
-Lebtag nicht aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen
-müssen, Armgard.«</p>
-
-<p>»Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage.«</p>
-
-<p>»Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie
-wie Selbstlob klingen.«</p>
-
-<p>»Also wir hatten damals eine alte Person im Hause, die
-schon bei Melusine Kindermuhme gewesen war, und hieß Susan.
-Ich liebte sie sehr, denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas
-ungemein Heiteres und Gütiges. Ich ging viel mit ihr im
-Hydepark spazieren, wohnten wir doch in der an seiner Nordseite
-sich hinziehenden großen Straße. Hydepark erschien mir
-immer sehr schön. Aber weil es tagaus, tagein dasselbe war,
-wollt ich doch gern einmal was andres sehen, worauf Susan
-auch gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war.
-›Ei freilich, Komtesse,‹ sagte sie, ›da wollen wir nach Martins
-le Grand.‹ ›Was ist das?‹ fragte ich; aber statt aller Antwort
-gab sie mir nur ein kleines Mäntelchen um, denn es war schon
-Spätherbst, so etwa wie jetzt, und dunkelte auch schon. Aus
-dem, was dann kam, muß ich annehmen, daß es um die fünfte
-Stunde war. Und so brachen wir denn auf, unsre Straße hinunter,<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Röhren
-gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, so sprang ich auf
-die Röhren hinauf, und Susan hielt mich an meinem linken
-Zeigefinger. So gingen wir, ich immer auf den Röhren oben,
-bis wir an eine Stelle kamen, wo der Park aufhörte. Hier war
-gerad ein Droschkenstand, und Hafer und Häcksel lagen umher
-und zahllose Sperlinge dazwischen. In der Mitte von dem
-allem aber stand ein eiserner Brunnen. Auf den wies Susan
-hin und sagte: ›<em class="antiqua">Look at it, dear Armgard. There stood Tyburn-Gallows.</em>‹
-Und wer soviel gestohlen hatte, wie gerad ein Strick
-kostete, der wurde da gehängt.«</p>
-
-<p>»Eine merkwürdige Kindermuhme,« sagte Stechlin. »Und
-erschraken Sie nicht, Komtesse?«</p>
-
-<p>»Nein, von Erschrecken, solange Susan bei mir war, war
-keine Rede. Sie hätte mich gegen eine Welt verteidigt.«</p>
-
-<p>»Das söhnt wieder aus.«</p>
-
-<p>»Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg und stiegen
-alsbald in ein zweirädriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut
-sehen konnten, und jagten die Oxfordstraße hinunter in die
-City hinein, in ein immer dichter werdendes Straßengewirr,
-drin ich nie vorher gekommen war und auch nachher nicht
-wieder gekommen bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir auf Besuch
-drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging.«</p>
-
-<p>»Ich glaube,« sagte Melusine, »daß du bei diesem zweiten
-Besuch eine gute Anleihe machst. Denn von dem mit Susan
-Gesehenen wirst du zurzeit nicht mehr viel zur Verfügung
-haben.«</p>
-
-<p>»Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab vor einem
-großen Hause, das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer
-Tempel aussah und unter dessen Säulengang hinweg wir
-in eine große, mit vielen hundert Menschen erfüllte Halle traten.
-Über ihren Köpfen aber lag es wie ein Strom von Licht, und
-ganz nach hinten zu, wo die Lichtmasse sich zu verdichten schien,<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-standen auf einem Podium zwei in rote Röcke gekleidete Bedienstete
-mit ein paar großen Behältern links und rechts neben
-sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel aussahen.«</p>
-
-<p>»Und nun laß Stechlin raten, was es war.«</p>
-
-<p>»Er braucht es nicht zu raten,« fuhr Armgard fort, »er
-weiß es natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten.
-Denn er hat es selber so gewollt. Also Podium und Rotröcke
-samt aufgeklappter Kiste links und rechts. Und die hell erleuchtete
-Uhr darüber zeigte, daß es nur noch eine Minute bis
-sechs war. An ein Sichherandrängen war nicht zu denken, und
-so flogen denn die Brief- und Zeitungspakete, die noch mit den
-letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die Köpfe
-der in Front Stehenden weg; was aber dabei statt in die Behälter
-bloß auf das Podium fiel, das wurde von den Rotröcken
-mit einer geschickten Fußbewegung in die Futterkisten wie
-hineingeharkt. Und nun setzte der Uhrzeiger ein, und das Fliegen
-der Pakete steigerte sich, bis genau mit dem sechsten Schlag
-auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.«</p>
-
-<p>»Reizend, Komtesse. Natürlich seh ich mir das an, und
-wenn ich ein Rendezvous mit der Königin darüber versäumen
-müßte.«</p>
-
-<p>»Nichts Antimonarchisches,« lachte der alte Graf. »Und
-so kommen Susans Untaten schließlich noch ans Licht.«</p>
-
-<p>»Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch mich selbst.«</p>
-
-<p>Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei
-Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei
-die Oberhand. Ein paarmal, weil er wohl sah, daß Woldemar
-gern auch andres zu hören wünschte, versuchte der alte
-Graf das Thema zu wechseln, aber beide Damen blieben bei
-»<em class="antiqua">shopping</em>« und »<em class="antiqua">five o'clock tea</em>«, bis Melusine, der Woldemars
-Ungeduld ebenfalls nicht entgangen war, mit einem
-Male fragte: »Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>»Nein,« sagte Woldemar. »Ich kann es mir aber übersetzen
-und meine Schlüsse daraus ziehn.«</p>
-
-<p>»Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun sehen Sie,
-Traitors-Gate, das war meine Domäne, wenn Besuch aus
-Deutschland kam und ich wohl oder übel den Führer machen
-mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber Traitors-Gate
-nie, vielleicht deshalb nicht, weil es ziemlich zu Anfang
-liegt, so daß ich, wenn wir's erreichten, immer noch bei Frische
-war, nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten, die dann
-weiterhin folgen.«</p>
-
-<p>»Also Traitors-Gate muß ich sehn?«</p>
-
-<p>»Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß
-an dieser berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles
-zu sehn ist, so muß ich mich bei meinen Ratschlägen auf
-Ihre Phantasie verlassen können. Und ob das geht, weiß ich
-nicht. Wer aus der Mark ist, hat meist keine Phantasie.«</p>
-
-<p>Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch Melusine
-sah wohl, daß sie mit ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen
-war. Irgendeine Reparierung schien also geboten.
-»Ich will's aber doch mit Ihnen wagen,« nahm sie das Gespräch
-wieder auf und lachte. »Traitors-Gate. Nun sehen Sie,
-Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang entlang,
-und mit einem Male haben Sie statt der grauen Steinwand
-ein eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem
-Tor aber befindet sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener
-Wasserhof, von dem aus eine mehrstufige Treppe heraufführt
-und an eben der Stelle mündet, an der Sie stehn. Und
-nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück. Wem sich die
-Pforte damals auftat, um sich hinter ihm wieder zu schließen,
-der hatte vom Leben Abschied genommen … Es sind da,
-verzeihen Sie das Wort, lauter glibbrige Stufen, und <em class="gesperrt">wer</em>
-alles stieg diese Stufen hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh,
-Thomas Morus und zuletzt noch jene Clanhäuptlinge, die für<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-Prince Charlie gefochten hatten und deren Köpfe wenige Tage
-später von Temple-Bar herab auf die City niedersahen.«</p>
-
-<p>»Liegt, Gott sei Dank, weit zurück.«</p>
-
-<p>»Ja, weit zurück. Aber es kann wiederkommen. Und gerade
-<em class="gesperrt">das</em> war es, was immer, wenn ich da so stand, den größten
-Eindruck auf mich machte. Diese Möglichkeit, daß es wiederkehre.
-Denn ich erinnere mich noch sehr wohl &ndash; ja, du warst
-es selbst, Papa, der es mir erzählte &ndash;, daß Lord Palmerston
-einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpolitik (ich glaube
-während der Krimkriegtage) sich dahin geäußert hätte: ›Dieser
-Prince-Consort, er täte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit
-anzusehen. Es ist zwar schon lange, daß Könige da
-die glibbrige Treppe hinaufgestiegen sind, aber es ist doch
-noch nicht <em class="gesperrt">so</em> lange, daß wir uns dessen nicht mehr entsinnen
-könnten. Und ein Prince-Consort ist noch lange nicht ein
-König.‹«</p>
-
-<p>Woldemar, als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt
-hatte, lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß,
-daß sie mit einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte: »Sie lächeln.
-Da seh ich doch, wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie
-abzusprechen.«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie mir&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die
-richtige Ergänzung. Im übrigen, wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft
-zürnen! Ein berühmter deutscher Professor soll einmal
-irgendwo gesagt haben: ›niemand sei verpflichtet, ein großer
-Mann zu sein.‹ Und ebensowenig wird er ›große Phantasie‹
-als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben.«</p>
-
-<p>Woldemar küßte ihr die Hand. »Wissen Sie, Gräfin, daß
-Sie doch eigentlich recht hochmütig sind?«</p>
-
-<p>»Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder. Und
-zu diesen gehören Sie.«</p>
-
-<p>»Das ist nun auch wieder aus dem Ton.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen
-Sie mir lieber, mir von Windsor oder London aus eine Karte
-zu schreiben … nein, eine Karte, das geht nicht … also einen
-Brief, darin Sie mir ein Wort über die Engländerinnen sagen,
-und ob Sie jede taillenlose Rotblondine drüben auch so schön
-gefunden haben werden, wie's von den Kontinentalen, wenn
-sie dies Thema berühren, fast immer versichert wird.«</p>
-
-<p>»Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke.«</p>
-
-<p>»Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen,
-in denen er sich anmeldete, die Damen wissen lassen, daß er
-seinen Besuch auf eine kurze Stunde beschränken müsse. So
-war er denn bei guter Zeit wieder daheim. Auf seinem Tische
-fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex' Handschrift. »Lieber
-Stechlin,« so schrieb dieser, »ich höre eben, daß Sie nach London
-gehn. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben soll, hab
-ich es übersehn. Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser
-Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei, die Sie (wenn's
-Ihnen paßt) bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen
-soll. Er ist Advokat und einer der angesehensten Führer unter
-den Irvingianern. Fürchten Sie übrigens keine Bekehrungsversuche.
-Waddington ist ein durchaus feiner Mann, also
-zurückhaltend. Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich sein,
-wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der
-englischen Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern.
-Er ist ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja
-Ihre Vorliebe für derlei Fragen.«</p>
-
-<p>Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und
-sagte: »Der gute Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien.
-Es genügt mir, wenn ich einen einzigen Quäker sehe.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p>
-
-<h3 id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt; Woldemar,
-erheitert bei dem Gedanken, sich durch Ralph Waddington
-in ein Tabernakel eingeführt zu sehn, sah sich mit einemmale
-einer gewissen Abspannung entrissen und war froh darüber,
-denn er brauchte durchaus Stimmung, um noch einige Briefe
-zu schreiben. Das ging ihm nun leichter von der Hand, und als
-elf Uhr kaum heran war, war alles erledigt.</p>
-
-<p>Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf.
-Fritz war um ihn her und half, wo noch zu helfen war. »Und
-nun, Fritz,« so waren Woldemars letzte Worte, »sieh nach dem
-Rechten. Schicke mir nichts nach; Zeitungen wirf weg. Und
-die drei Briefe hier, wenn ich fort bin, die tue sofort in den
-Kasten … Ist die Droschke schon da?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«</p>
-
-<p>»Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften. Und paß auf
-die Pferde.«</p>
-
-<p>Damit verabschiedete sich Woldemar.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert.
-Er traf, weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich
-nach Tische bei dem Alten ein und lautete:</p>
-
-<p>»Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind
-wir schon auf dem Wege. ›Wir,‹ das will sagen, unser Oberst,
-unser zweitältester Stabsoffizier, ich und zwei jüngere Offiziere.
-Aus Deinen eignen Soldatentagen her kennst Du den Charakter
-solcher Abordnungen. Nachdem wir ›Regiment Königin von
-Großbritannien und Irland‹ geworden sind, war dies ›uns
-drüben vorstellen‹ nur noch eine Frage der Zeit. Dieser Mission
-beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre für mich,
-doppelt, wenn ich die Namen, über die wir in unserm Regiment
-Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-Wort ›historische Familie‹ betonte, sind vorüber. Auch an
-Tante Adelheid hab ich in dieser Sache geschrieben. Was mir
-persönlich an Glücksgefühl vielleicht noch fehlen mag, wird sie
-leicht aufbringen. Und ich freue mich dessen, weil ich ihr, alles
-in allem, doch so viel verdanke. Daß ich mich von Berlin gerade
-jetzt nicht gerne trenne, sei nur angedeutet; Du wirst den Grund
-davon unschwer erraten. Mit besten Wünschen für Dein Wohl,
-unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer Dein Woldemar.«</p>
-
-<p>Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte.
-Nun war der Alte mit dem Lesen durch und sagte: »Woldemar
-geht nach England. Was sagst du dazu, Engelke?«</p>
-
-<p>»So was hab ich mir all immer gedacht.«</p>
-
-<p>»Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich habe mir
-gar nichts gedacht. Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit
-seinem Oberst und seinem Major vor die Königin von England
-hin und sagt: ›Hier bin ich.‹«</p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr, warum soll er nich?«</p>
-
-<p>»Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige.
-Volksstimme, Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor
-Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn bitten. Aber sage nichts
-von dem Brief; ich will ihn überraschen. Du bist mitunter ne
-alte Plappertasche.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.</p>
-
-<p>»Haben befohlen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige;
-sieht mir ähnlich … Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal
-nen Stuhl ran, und wenn Engelke nicht geplaudert hat
-(denn er hält nicht immer dicht), so hab ich eine richtige Neuigkeit
-für Sie. Woldemar ist nach England&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ah, mit der Abordnung.«</p>
-
-<p>»Also wissen Sie schon davon?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder
-Gesandtschaft beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich
-dann freilich auch an Woldemar gedacht.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte. »Sonderbar. Engelke hat sich so was
-gedacht, Lorenzen hat sich auch so was gedacht. Nur der eigne
-Vater hat an gar nichts gedacht.«</p>
-
-<p>»Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter sind
-Väter und können nie vergessen, daß die Kinder Kinder waren.
-Und doch hört es mal auf damit. Napoleon war mit zwanzig
-ein armer Leutnant und an Ansehn noch lange kein Stechlin.
-Und als er so alt war wie jetzt unser Woldemar, ja, da stand
-er schon zwischen Marengo und Austerlitz.«</p>
-
-<p>»Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine
-Schwester Adelheid wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen
-und von heut ab eine neue Zeitrechnung datieren. Ich nehm
-es ruhiger, trotzdem ich einsehe, daß es nach großer Auszeichnung
-schmeckt. Und ist er wieder zurück, dann wird er auch
-allerlei Gutes davon haben. Aber so lang er drüben ist! Ich
-trau der Sache nicht. Von Behagen jedenfalls keine Rede. Die
-Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen; vielleicht ärgern
-sie sich, daß es draußen in der Welt auch noch ein ›Regiment
-Königin von Großbritannien und Irland‹ gibt. Das besorgen
-sie sich lieber selbst und nehmen so was, wenn andre damit
-kommen, wie ne Prätension. Wie stehen denn Sie dazu?
-Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz geschlossen
-wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch noch
-Gourmand war, soll mal gesagt haben: ›Schreckliches Volk;
-hundert Sekten und bloß eine Sauce.‹«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte Lorenzen, »da bin ich freilich für die ›Beefeaters‹,
-wie Sie sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den
-hundert Sekten laß ich auf sich beruhn (mein Geschmack, beiläufig,
-ist es nicht), aber unter allen Umständen bin ich für
-höchstens eine Sauce. Das ist das einzig Richtige, weil Gesunde.<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-Die Dinge müssen in sich etwas sein, und wenn das zutrifft,
-so ist eigentlich jede Sauce, und nun gar erst die Sauce im
-Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den
-Kardinal und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand
-seiner Abneigung: England. Es hat für mich eine Zeit
-gegeben, wo ich bedingungslos dafür schwärmte. Nicht zu
-verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen Kreise,
-drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen,
-was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe
-Vergötterung hab ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das
-ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen,
-weil der Kult vor dem goldenen Kalbe beständig
-wächst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und
-dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen Kattun.«</p>
-
-<p>»Is leider so, wenigstens nach dem bißchen, was ich davon
-weiß. Und alles in allem, und neuerdings erst recht, bin ich
-deshalb immer für Rußland gewesen. Wenn ich da so an unsern
-Kaiser Nikolaus zurückdenke und an die Zeit, wo seine Uniform
-als Geschenk bei uns eintraf und dann als Kirchenstück in die
-Garnisonskirche kam. Natürlich in Potsdam. Wir haben
-zwar die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf
-unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal nicht. Mit
-dem alten Fritzen fing es natürlich an. Wir haben seinen
-Krückstock und den Dreimaster und das Taschentuch (na, das
-hätten sie vielleicht weglassen können), und zu den drei Stücken
-haben wir nu jetzt auch noch die Nikolaus-Uniform.«</p>
-
-<p>Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen sagen
-ging nicht, und zustimmen noch weniger.</p>
-
-<p>Dubslav aber fuhr fort: »Und dann sind sie da forscher
-in Petersburg und geht alles mehr aus dem Vollen, auch wenn
-die besten Steine mitunter schon rausgebrochen sind. So was
-kommt vor; is eben noch ein Naturvolk. Ich kann das ›Schenken‹
-eigentlich nicht leiden, es hat so was von Bestechung und<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-sieht aus wie'n Trinkgeld. Und Trinkgeld ist noch schlimmer
-als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und gar nicht.
-Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche Tabatiere.
-Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und
-wenn es einem schlecht geht, ist es ne letzte Zuflucht. Natürlich,
-ein ganz reinliches Gefühl hat man nicht dabei.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer
-froh, wenn sich ihm Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu
-können, und heute standen ja die denkbar besten Themata zur
-Verfügung: Woldemar, England, Kaiser Nikolaus und dazwischen
-Tante Adelheid, über die zwar immer nur kurze Worte
-fielen, aber doch so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des
-Alten wesentlich steigerten.</p>
-
-<p>Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um
-die fünfte Stunde seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten
-Filzhut vom Riegel nahm, um am See hin, in der Richtung auf
-Globsow zu, seinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen.
-Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil abfiel, befand
-sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank. Das war
-sein Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont,
-und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume. Da saß
-er nun und überdachte sein Leben, Altes und Neues, seine
-Kindheits- und seine Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner
-Verheiratung, wo das junge, blasse Fräulein, das seine Frau
-werden sollte, noch Lieblingshofdame bei der alten Prinzeß
-Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm vorüber, und dazwischen
-seine Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch leidlich
-gut bei Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß
-sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er über ein
-schon halbabgestorbenes ›Verhältnis‹ und eine freilich noch
-fortlebende Spielschuld verfügte, durch ihre Tugend weggegrault
-hatte. Das waren die alten Geschichten. Und dann wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-Woldemar geboren, und die junge Frau starb, und der Junge
-wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug,
-das Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er nach
-England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein
-paar Stunden in Ostende.</p>
-
-<p>Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock
-Figuren in den Sand. Der Wald war ganz still; auf dem See
-schwanden die letzten roten Lichter, und aus einiger Entfernung
-klangen Schläge herüber, wie wenn Leute Holz fällen. Er hörte
-mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von Globsow her
-heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von
-wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten
-Kiepe, den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte
-vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand.
-Das Kind, ein Mädchen, mochte zehn Jahr sein, und das Licht
-fiel so, daß das blonde wirre Haar wie leuchtend um des Kindes
-Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die Bank heran war, blieb
-sie stehn und erwartete da das Näherkommen der alten Frau.
-Diese, die wohl sah, daß das Kind in Furcht oder doch in Verlegenheit
-war, sagte: »Geih man vorupp, Agnes; he deiht di nix.«</p>
-
-<p>Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und
-während es an der Bank vorüberkam, sah es den alten Herrn
-mit großen, klugen Augen an.</p>
-
-<p>Inzwischen war auch die Alte herangekommen.</p>
-
-<p>»Na, Buschen,« sagte Dubslav, »habt Ihr denn auch bloß
-Bruchholz in Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster.«</p>
-
-<p>Die Alte griente. »Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi
-sinn, denn wird he joa woll nich.«</p>
-
-<p>»Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is
-denn das Kind da?«</p>
-
-<p>»Dat is joa Karlinens.«</p>
-
-<p>»So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird
-er sie denn heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p>
-
-<p>»Ne, he will joa nich.«</p>
-
-<p>»Is aber doch von ihm?«</p>
-
-<p>»Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.«</p>
-
-<p>Der alte Dubslav lachte. »Na, hört, Buschen, ich kann's
-ihm eigentlich nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein
-ganz schwarzer Kerl. Un nu seht Euch mal das Kind an.«</p>
-
-<p>»Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook
-nich so recht un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich.«</p>
-
-<p>»Geht es ihr denn so gut?«</p>
-
-<p>»Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle
-so'ne plätten ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen
-(se heet Agnes) in Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen in'n
-Zirkus. Ud Karline wihr ganz fidel.«</p>
-
-<p>»Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is
-ein hübsches Kind.«</p>
-
-<p>»Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks
-un is immer so patschlich mit ehre lütten Hänn'. Sünne sinn
-immer so.«</p>
-
-<p>»Ja, das is richtig. Aber Ihr müßt aufpassen, sonst habt
-Ihr nen Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Abend, Buschen.«</p>
-
-<p>»'n Abend, jnädger Herr.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">Vierundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer
-vor, und die Baronin, als sie gehört hatte, daß
-die Herrschaften oben zu Hause seien, stieg langsam die Treppe
-hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß und ein wenig asthmatisch.
-Armgard und Melusine begrüßten sie mit großer Freude.
-»Wie gut, wie hübsch, Baronin,« sagte Melusine, »daß wir Sie
-sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich.
-Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-kommt immer wer. Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage
-lang nicht hier) und vielleicht auch Professor Cujacius. Und
-wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie noch nicht kennen,
-trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, &ndash; noch alte Bekanntschaft
-aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt
-auch Frommel. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie
-für Wetter mit? Lizzi sagte mir eben, es neble so stark, man
-könne die Hand vor Augen nicht sehn.«</p>
-
-<p>»Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige <em class="antiqua">London
-fog</em>, wobei mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber
-über den sprechen wir nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel.
-Es war draußen wirklich so, daß ich immer dachte, wir würden
-zusammenfahren; und am Brandenburger Tor, mit den großen
-Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein Bild von
-Skarbina. Kennen Sie Skarbina?«</p>
-
-<p>»Gewiß,« sagte Melusine, »den kenn ich sehr gut. Aber
-allerdings erst von der letzten Ausstellung her. Und was,
-außer den Gaslaternen im Nebel, mir so eigentlich von ihm
-vorschwebt, das ist ein kleines Bild: langer Hotelkorridor,
-Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen ein paar Damenstiefelchen.
-Reizend. Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung.
-Von irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete
-das Ganze, den Flur und die Stiefelchen.«</p>
-
-<p>»Richtig,« sagte die Baronin. »Das war von ihm. Und
-gerade das hat Ihnen so sehr gefallen?«</p>
-
-<p>»Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen
-Tagen &ndash; wenn ich von ›italienischen Tagen‹ spreche, so meine
-ich übrigens nie meine Verheiratungstage; während meiner
-Verheiratungstage hab ich Gott sei Dank so gut wie gar nichts
-gesehn, kaum meinen Mann, aber freilich immer noch zu viel &ndash;,
-also während meiner italienischen Tage hab ich vor so vielen
-Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten im
-Sonnenschein bin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span></p>
-
-<p>»Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt
-nebenher auch noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen
-und ein Storch daneben. In meinen Jahren darf ich ja von
-Storch sprechen. Früher hätt ich vielleicht Kranich gesagt.«</p>
-
-<p>»Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren
-immer für das, was sie jetzt Realismus nennen, was meistens
-mehr Ton und Farbe hat, und dazu gehört auch der Storch.
-Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr. Ach, daß doch das Natürliche
-wieder obenauf käme.«</p>
-
-<p>»Kommt, liebe Melusine.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es
-kam wirklich Besuch, erst Wrschowitz, dann aber &ndash; statt der
-drei, die sie noch nebenher gemutmaßt hatte &ndash; nur Czako.</p>
-
-<p>Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren
-hatte vorn im Damenzimmer stattgefunden, ohne Gegenwart
-des alten Grafen. Dieser erschien erst, als man zum Tee ging;
-er hieß seine Gäste herzlich willkommen, weil er jederzeit das
-Bedürfnis hatte, von dem, was draußen in der Welt vorging,
-etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch jeder auf seine Weise:
-die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen Gesellschaftssphäre,
-Czako durch Avancements und Demissionen und
-Wrschowitz durch »Krittikk.« Alles, was zur Sprache kam, hatte
-für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das
-Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit
-glücklicher Ungeniertheit zum besten gab. Wendungen wie
-»ich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert halten« waren
-ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz allgemein den
-Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer
-jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich
-sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedürftig war.</p>
-
-<p>»Sagen Sie, liebe Freundin,« begann der alte Graf, »was
-wird das jetzt so eigentlich mit den Briefen bei Hofe?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p>
-
-<p>»Mit den Briefen? O, das wird immer schöner.«</p>
-
-<p>»Immer schöner?«</p>
-
-<p>»Nun, immer schöner,« lachte hier die Baronin, »ist vielleicht
-nicht gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller.
-Und das Geheimnisvolle hat nun mal das,
-worauf es ankommt, will sagen den Charme. Schon die beliebte
-Wendung ›rätselhafte Frau‹ spricht dafür; eine Frau,
-die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit ich mir
-persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich
-bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man
-ist, und so muß ich dies Manko zu verwinden suchen … Es
-heißt immer, ›üble Nachrede, drin man sich mehr oder weniger
-mit Vorliebe gefalle, sei was Sündhaftes‹. Aber was heißt
-hier ›üble Nachrede‹? Vielleicht ist das, was uns so bruchstückweise
-zu Gehör kommt, nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen
-und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel. Im
-übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das
-Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen gestanden,
-etwas durchschnittsmäßig, also langweilig, und weil dem so ist,
-setz ich getrost hinzu: ›Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.‹
-Freilich für Armgard ist so was nicht gesagt. Die darf es nicht
-hören.«</p>
-
-<p>»Sie hört es aber doch,« lachte die Komtesse, »und denkt
-dabei: was es doch für sonderbare Neigungen und Glücke
-gibt. Ich habe für dergleichen kein Organ. Unsre teure Baronin
-findet unser Leben langweilig und solche Chronik interessant.
-Ich, umgekehrt, finde solche Chronik langweilig und unser
-alltägliches Leben interessant. Wenn ich den Rudolf unsers
-Portier Hartwig unten mit seinem <em class="antiqua">hoop</em> und seinen dünnen
-langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find
-ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie.«</p>
-
-<p>Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß. »Du
-bist doch deiner Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt,<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-und zum erstenmal in meinem Leben muß ich meine
-teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist nichts mit diesem
-Klatsch; es kommt nichts dabei heraus.«</p>
-
-<p>»Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es
-kommt umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid
-alle so schrecklich diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich
-bin anders und nehme die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein
-Schnaderhüpfl und mal ein Haberfeldtreiben, damit kommt
-man am weitesten. Was wir da jetzt hier erleben, das ist auch
-solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme.«</p>
-
-<p>»Nur keine heilige.«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte die Baronin, »keine heilige. Die Feme
-war aber auch nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst
-den Götz wieder angesehn, bloß wegen dieser Szene. Die
-Poppe beiläufig vorzüglich. Und der schwarze Mann von der
-Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein, so daß
-man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich kaum
-lesen kann. Ich würde mir's aber doch getrauen. Und nun
-wend ich mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld,
-ich weiß nicht ritterlicher- oder unritterlicherweise, mir ganz allein
-überlassen haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?«</p>
-
-<p>»Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da
-lesen wie Runenschrift … nein, <em class="gesperrt">nicht</em> wie Runenschrift …
-(Wrschowitz unterbrach sich hier mißmutig über sein eignes
-Hineingeraten ins Skandinavische) &ndash; was wir da lesen in
-Briefen vom Hofe, das ist Krittikk. Und weil es Krittikk ist,
-ist es gutt. Mag es auch sein Mißbrauch von Krittikk. Alles
-hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch,
-Krittikk hat Mißbrauch. Aber trotzdem. Auf die Feme
-kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im
-Baum.«</p>
-
-<p>»Brrr,« sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag
-von Wrschowitz eintrug.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span></p>
-
-<p>Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben
-hatte, wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer
-zurück, weil der alte Graf etwas Musik hören und sich
-von Armgards Fortschritten überzeugen wollte. »Doktor
-Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu begleiten.«</p>
-
-<p>So folgte denn ein Quatremains, und als man damit
-aufhörte, nahm der alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe
-für solch vierhändiges Spiel Ausdruck zu geben, was
-Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen kannte,
-zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte, daß man
-dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne. Der
-alte Graf, wenig befriedigt von dieser »Krittikk«, war doch
-andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen
-und mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich
-über solche Worte zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr
-mit einer gemessenen Verbeugung gegen den Musikdoktor und
-zog, auf einer nebenstehenden Causeuse Platz nehmend, die gute
-Frau von Berchtesgaden ins Gespräch, von der er wußte, daß
-ihre Munterkeiten nie den Charakter »goldener Rücksichtslosigkeiten«
-annahmen.</p>
-
-<p>Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel
-stehen geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein
-Sichkümmern um ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre.
-Trotzdem hielt es Czako für angezeigt, sich seiner anzunehmen
-und dabei die herkömmliche Frage zu tun, »ob er, der Herr
-Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin eingelebt habe«.</p>
-
-<p>»Hab ich,« sagte Wrschowitz kurz.</p>
-
-<p>»Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen
-zu haben?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Au contraire.</em> Berlin eine schöne Stadt, eine serr gutte
-Stadt. Eine serr gutte Stadt <em class="antiqua">pour moi en particulier et pour
-les étrangers en général</em>. Eine serr gutte Stadt, weil es hat
-Musikk und weil es hat Krittikk.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem
-Munde so viel Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen
-ist die slawische, besonders die tschechische Welt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, die tschechische Welt. <em class="antiqua">Vanitas vanitatum.</em>«</p>
-
-<p>»Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien
-Drüberstehn zu begegnen … Aber wenn es Ihnen recht ist,
-Doktor Wrschowitz, wir stehen hier wie zwei Schildhalter neben
-diesem aufgeklappten Klavier, &ndash; vielleicht daß wir uns setzen
-könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus.«
-Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschlage
-Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier
-her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem
-Fauteuil niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen,
-drauf sie den linken Arm stützte.</p>
-
-<p>»Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie
-Stühle heran. Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend
-intimen Gespräche. Wenn es sich um etwas handelte, dran ich
-teilnehmen darf, so gönnen Sie mir diesen Vorzug. Papa
-hat sich, wie Sie sehn, mit der Baronin engagiert, ich denke mir
-über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und Armgard
-denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was
-müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal,
-Hauptmann Czako, worüber plauderten Sie?«</p>
-
-<p>»Berlin.«</p>
-
-<p>»Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance.«</p>
-
-<p>»Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete.
-Denken Sie sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben
-zu wollen. Allerdings waren wir erst bei Musik und Kritik.
-Über die Menschen noch kein Wort.«</p>
-
-<p>»O, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder
-sieht mehr als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu.
-Wie sind die Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?«</p>
-
-<p>Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er überlege,<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-wie weit er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem
-Male schien er einen Entschluß gefaßt zu haben und sagte:
-»Oberklasse gutt, Unterklasse serr gutt; Mittelklasse <em class="gesperrt">nicht</em>
-serr gutt.«</p>
-
-<p>»Kann ich zustimmen,« lachte Melusine. »Fehlen nur noch
-ein paar Details. Wie wär es damit?«</p>
-
-<p>»Mittelklassberliner findet gutt, was <em class="gesperrt">er</em> sagt, aber findet
-<em class="gesperrt">nicht</em> gutt, was sagt ein andrer.«</p>
-
-<p>Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.</p>
-
-<p>»Mittelklassberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf.
-In versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf.
-In verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht
-verstecktem Krampf ist er ein Affront.«</p>
-
-<p>»Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.«</p>
-
-<p>»Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er.
-Berliner immer Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt
-alles. Erst Borsig, dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog,
-dann Herzog Rudolf, erst Pfefferküchler Hildebrand, dann Papst
-Hildebrand.«</p>
-
-<p>»Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz,
-noch eins, dann sind Sie wieder frei … Wie sind die Damen?«</p>
-
-<p>»Ach, gnädigste Gräfin&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nichts, nichts. Die Damen.«</p>
-
-<p>»Die Damen. O, die Damen serr gutt. Aber nicht speziffisch.
-Speziffisch in Berlin bloß die Madamm.«</p>
-
-<p>»Da bin ich aber doch neugierig.«</p>
-
-<p>»Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin,
-in Pettersburg und ich war in Moscou. Und war in Budapest.
-Und war auch in Saloniki. Ah, Saloniki! Schöne Damen von
-Helikon und schöne Damen von Libanon, hoch und schlank wie
-die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo;
-Madamm bloß in Berlin.«</p>
-
-<p>»Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-da sein. Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame,
-wenigstens eine Art Dame. Schon das Wort spricht es aus.«</p>
-
-<p>»Nein, gnäddigste Gräfin; <em class="antiqua">rien du tout</em> Dame! Dame
-denkt an Galan, Dame denkt an Putz; oder vielleicht auch an
-<em class="antiqua">Divorçons</em>. Aber Madamm denkt bloß an Rieke draußen
-und mitunter auch an Paul. Und wenn sie zu Paul spricht, der
-ihr Jüngster ist, so sagt sie: ›Jott, dein Vater.‹ Oh, die Madamm!
-Einige sagen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe nie.«</p>
-
-<p>»Wrschowitz,« sagte Melusine, »wie schade, daß die Baronin
-und Papa nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin,
-der solche Themata liebt, nicht hier ist. Übrigens hatten wir
-heut ein Telegramm von ihm. Haben Sie vielleicht auch Nachricht,
-Herr Hauptmann?«</p>
-
-<p>»Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich
-hab es mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Bitte, lesen.«</p>
-
-<p>Und Czako las: »London, Charing Croß-Hotel. Alles über
-Erwarten groß. Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön.
-Windsor schöner. Und die Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St.«</p>
-
-<p>Melusine lachte. »Das hat er uns auch telegraphiert.«</p>
-
-<p>»Ich fand es wenig,« stotterte Czako verlegen, »und als
-Doublette find ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin,
-ein Mann in Mission! Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer
-Majestät von Großbritannien und Indien.«</p>
-
-<p>Alles stimmte dem, »daß es wenig sei«, zu. Nur der alte
-Graf wollte davon nichts wissen.</p>
-
-<p>»Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm,
-weil ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor,
-Nelsonsäule. Soll er etwa telegraphieren, daß er sich sehnt, uns
-wiederzusehn? Und das wird er nicht einmal können, so
-riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch alle sehr zusammennehmen
-müssen. Auch du, Melusine.«</p>
-
-<p>»Natürlich, ich am meisten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span></p>
-
-<h2 id="Verlobung">Verlobung<br />
-Weihnachtsreise nach Stechlin</h2>
-
-<h3 id="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel">Fünfundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich
-für den nächsten Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur
-die beiden Damen, die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer
-Freude machten. »Papa läßt Ihnen sein Bedauern aussprechen,
-Sie nicht gleich heute mitbegrüßen zu können. Er
-ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er natürlich
-nicht fehlen durfte. Das ist ›Dienst‹, weit strenger als der Ihrige.
-Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes.
-An Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine
-kurze Visite hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, und
-mit Ihrem Freunde Czako haben wir letzten Sonnabend eine
-Stunde verplaudern können. Wrschowitz war an demselben
-Abend auch da; beide treffen sich jetzt öfter und vertragen sich
-besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte. Wer also
-sollte noch kommen? … Und nun setzen Sie sich, um Ihr
-Reisefüllhorn über uns auszuschütten; &ndash; die Füllhörner, die
-jetzt Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was
-erwart ich auch von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe
-von den Engländerinnen schreiben. Aber wer darüber nicht
-schrieb, das waren Sie, wenn wir uns auch entschließen wollen,
-Ihr Telegramm für voll anzusehn.« Und dabei lachte Melusine.
-»Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht kränken
-wollen. Aber offen Spiel ist immer das beste. Wovon Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-nicht geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es
-drüben? Ich meine mit der Schönheit.«</p>
-
-<p>»Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder
-gar hingerissen hätte.«</p>
-
-<p>»Nichts einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze
-beinah bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?«</p>
-
-<p>»Fast könnt ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß
-mir vor Jahr und Tag schon ein Freund einmal sagte, ›in der
-ganzen Welt fände man, Gott sei Dank, schöne Frauen, aber
-nur in England seien die Frauen überhaupt schön‹.«</p>
-
-<p>»Und das haben Sie geglaubt?«</p>
-
-<p>»Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab
-es nicht geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum
-Trotz, nachträglich bestätigt gefunden.«</p>
-
-<p>»Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung?«</p>
-
-<p>»Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung
-dazu fühle&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Keine Bestechungen.«</p>
-
-<p>»Ich soll schaudern vor einer Übertreibung,« fuhr Woldemar
-fort. »Aber Sie werden mir, Frau Gräfin, dies Schaudern
-vielleicht erlassen, wenn ich Erklärungen abgegeben haben
-werde. Der Englandschwärmer, den ich da vorhin zitierte,
-war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und zugespitzte Sätze
-darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf diesem
-diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten
-wie die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten
-sind schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht
-selten, so wären sie nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil
-wir einen andern Maßstab hätten. All das steht fest. Aber es
-gibt doch Durchschnittsvorzüge, die den Typus des Ganzen
-bestimmen, und diesem Maße nicht geradezu frappierender,
-aber doch immerhin noch sehr gefälliger Durchschnittsschönheit,
-dem bin ich drüben begegnet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p>
-
-<p>»Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie
-werden in Papa, mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt
-für Ihre Meinung finden. Durchschnittsvorzüge. Zugegeben.
-Aber was sich darin ausspricht, das beinah Unpersönliche,
-das Typische&nbsp;…«</p>
-
-<p>Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil
-sie draußen die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich,
-Jeserich trat ein und meldete: Professor Cujacius. »Um Gottes
-willen,« entfuhr es der Gräfin, und die kleine Pause benutzend,
-die ihr noch blieb, flüsterte sie Woldemar zu: »Cujacius …
-Malerprofessor. Er wird über Kunst sprechen; bitte, widersprechen
-Sie ihm nicht, er gerät dabei so leicht in Feuer oder
-in mehr als das.« Und kaum, daß Melusine soweit gekommen
-war, erschien auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung
-gegen Armgard auf die Gräfin zu, dieser die Hand zu
-küssen. Sie hatte sich inzwischen gesammelt und stellte vor:
-»Professor Cujacius, … Rittmeister von Stechlin.« Beide
-verneigten sich gegeneinander, Woldemar ruhig, Cujacius mit
-dem ihm eignen superioren Apostelausdruck, der, wenn auch
-ungewollt, immer was Provozierendes hatte. »Bin,« so ließ
-er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, »durch Gräfin
-Melusine ganz auf dem Laufenden. Abordnung, England,
-Windsor. Ich habe Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so
-schöne Reise.«</p>
-
-<p>»Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich intimeren
-Dingen, beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige
-Maß von Aufmerksamkeit widmen konnte.«</p>
-
-<p>»Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich
-an solcher Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich
-die großen Gesamteindrücke, der Hof und die Lords, die die
-Geschichte des Landes bedeuten.«</p>
-
-<p>»All das war auch mir die Hauptsache, mußt es sein. Aber
-ich hätte mich dem ohnerachtet auch gern um Künstlerisches<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-gekümmert, speziell um Malerisches. So zum Beispiel um die
-Schule der Präraffaeliten.«</p>
-
-<p>»Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da, deren
-Auftreten auch von uns (ich spreche von den Künstlern meiner
-Richtung) mit Aufmerksamkeit und selbst mit Achtung verfolgt
-wurde. So beispielsweise Millais&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ah, <em class="gesperrt">der</em>. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten
-Bildes, das leider nach Amerika hin verkauft wurde.
-Wenn ich nicht irre, zu einem enormen Preise.«</p>
-
-<p>Cujacius nickte. »Mutmaßlich das vielgefeierte ›Angelusbild‹,
-was Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Händlern
-heraufgepuffte Marktware, für die Sie glücklicherweise den
-englischen Millais, will also sagen den ›<em class="gesperrt">ais</em>‹-Millais, nicht
-verantwortlich machen dürfen. <em class="gesperrt">Der</em> Millet, der für eine, wie
-Sie schon bemerkten, lächerlich hohe Summe nach Amerika
-hin verkauft wurde, war ein ›<em class="gesperrt">et</em>‹-Millet, Vollblutpariser
-oder wenigstens Franzose.«</p>
-
-<p>Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine
-Verlegenheit, die Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung
-des Professors, dessen rasch wachsendes Überlegenheitsgefühl
-unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer neue Blüten übermütiger
-Laune trieb. »Im übrigen sei mir's verziehen,« fuhr
-er, immer leuchtender werdend, fort, »wenn ich mein Urteil
-über beide kurz dahin zusammenfasse: ›sie sind einander wert,‹
-und die zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber
-streiten, wer von ihnen am meisten genasführt wurde. Der
-französische Millet ist eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische
-vergleichsweise zum Riesen anwächst, wohlverstanden vergleichsweise.
-Trotzdem, wie mir gestattet sein mag zu wiederholen,
-war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand
-unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das
-Präraffaelitentum, als dessen Begründer und Vertreter ich
-ihn ansehe, trug damals einen Zukunftskeim in sich; eine große<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span>
-Revolution schien sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution,
-die Rückkehr heißt. Oder wenn Sie wollen ›Reaktion‹.
-Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken. Wörter sind
-Kinderklappern.«</p>
-
-<p>»Und dieser englische Millais, &ndash; den mit dem französischen
-verwechselt zu haben ich aufrichtig bedaure, &ndash; dieser ›<em class="gesperrt">ais</em>‹-Millais,
-dieser großer Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe,
-sich selber untreu geworden.«</p>
-
-<p>»Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen
-in Excentricitäten. Die Zucht ging verloren, und das
-straft sich auf jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt
-zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen und amerikanischen
-Schule, die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht,
-das ist der Überschwang einer an sich beachtenswerten Richtung.
-Der Zug, der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr,
-unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal aus)
-ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und
-keucht. Und ein Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf
-dem Platze geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat …
-ich verzichte darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu
-Ende zu führen.«</p>
-
-<p>Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß
-irgendwas gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte:
-»Von Neueren hab ich eigentlich nur Seestücke kennen
-gelernt; dazu die Phantastika des Malers William Turner,
-leider nur flüchtig. Er hat die ›drei Männer im feurigen <span id="corr279">Ofen</span>‹
-gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen
-Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit
-angeht.«</p>
-
-<p>»Eine gewisse Großartigkeit,« nahm Cujacius mit lächelnd
-überlegener Miene wieder das Wort, »ist ihm nicht abzusprechen.
-Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht ins Großartige
-hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge. <em class="antiqua">Mundus vult<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-decipi</em>. Allem vorauf in England. Es gibt nur ein Heil: Umkehr,
-Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen sind das
-Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber
-nicht <em class="antiqua">parceque</em>, sondern <em class="antiqua">quoique</em>. Noch heute wird es mir obliegen,
-in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen.
-Gewiß unter Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter;
-denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die
-richtigen Formen in der Gesellschaft verloren gegangen. Aber
-viel Feind, viel Ehr, und jede Stelle verlangt heutzutage ihren
-Mann von Worms, ihren Luther. ›Hier stehe ich.‹ Am elendesten
-aber sind die paktierenwollenden Halben. Zwischen schön
-und häßlich ist nicht zu paktieren.«</p>
-
-<p>»Und schön und häßlich,« unterbrach hier Melusine (froh,
-überhaupt unterbrechen zu können), »war auch die große Frage,
-die wir, als wir Sie begrüßen durften, eben unter Diskussion
-stellten. Herr von Stechlin sollte beichten über die Schönheit
-der Engländerinnen. Und nun frag ich <em class="gesperrt">Sie</em>, Herr Professor,
-finden auch Sie sie so schön, wie einem hierlandes immer versichert
-wird?«</p>
-
-<p>»Ich spreche nicht gern über Engländerinnen,« fuhr Cujacius
-fort. »Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese
-Töchter Albions, sie singen so viel und musizieren so viel und
-malen so viel. Und haben eigentlich kein Talent.«</p>
-
-<p>»Vielleicht. Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen.
-Bloß das eine: schön oder nicht schön?«</p>
-
-<p>»Schön? Nun denn ›nein‹. Alles wirkt wie tot. Und
-was wie tot wirkt, wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schön.
-Im übrigen, ich sehe, daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie
-gerne wär ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis
-und Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin,
-ich erlaube mir, Ihnen morgen eine Radierung nach einem
-Bilde des richtigen englischen Millais zu schicken. Dragonerkaserne,
-Hallesches Tor, &ndash; ich weiß. Übermorgen laß ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-Mappe wieder abholen. Name des Bildes: ›Sir Isumbras.‹
-Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des
-Präraffaelitentums, dabei nicht aushielt. Aber nicht zu verwundern.
-Nichts hält jetzt aus, und mit nächstem werden wir
-die Berühmtheiten nach Tagen zählen. Tizian entzückte noch
-mit hundert Jahren; wer jetzt fünf Jahre gemalt hat, ist altes
-Eisen. Gnädigste Gräfin, Komtesse Armgard … Darf ich
-bitten, mich meinem Gönner, Ihrem Herrn Vater, dem
-Grafen, angelegentlichst empfehlen zu wollen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was er
-bei seiner intimen Stellung durfte, hatte den Professor bis
-auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel
-umgegeben, den er, in unverändertem Schnitt, seit seinen Romtagen
-trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein Kalabreser von
-Seidenfilz.</p>
-
-<p>»Er ist doch auf seine Weise nicht übel,« sagte Woldemar,
-als er bei den Damen wieder eintrat. »An einem starken Selbstbewußtsein,
-dran er wohl leidet, darf man heutzutage nicht
-Anstoß nehmen, vorausgesetzt, daß die Tatsachen es einigermaßen
-rechtfertigen.«</p>
-
-<p>»Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt,« sagte
-Armgard, »Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also
-in jedem Jahrhundert einer.«</p>
-
-<p>»Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre,«
-lachte Woldemar. »Wie steht es eigentlich mit ihm? Ich
-habe nie von ihm gehört, was aber nicht viel besagen will,
-namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich verwechselt
-habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein Mann,
-den ich eigentlich kennen müßte?«</p>
-
-<p>»Das hängt ganz davon ab,« sagte Melusine, »wie Sie sich
-einschätzen. Haben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen
-alten Giotto von Florenz zu kennen, sondern auch all die<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-Giottinos, die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu
-Rittergut ziehn, um für Kunst und Christentum ein übriges
-zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich kennen. Er hat da
-die große Lieferung; ist übrigens lange nicht der Schlimmste.
-Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerüttelt und geschüttelt
-Maß, gestehen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt
-er alles durch seinen Dünkel. Und so hat er denn keine
-Freunde, trotzdem er beständig von Richtungsgenossen spricht
-und auch heute wieder sprach. Gerade diese Richtungsgenossen
-aber hat er aufs entschiedenste gegen sich, was übrigens nicht
-bloß an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die,
-die dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen sich immer am heftigsten
-untereinander, vor allem auf christlichem Gebiet, auch wenn es
-sich nicht um christliche Dogmen, sondern bloß um christliche
-Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt
-die, daß er ›in der Tradition stehe‹, was ihm indessen nur
-Spott und Achselzucken einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen
-&ndash; als ob er mich persönlich dafür hätte verantwortlich
-machen wollen &ndash; fragte mich erst neulich voll ironischer Teilnahme:
-›Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition?‹
-Und als ich ihm antwortete: ›Sie spötteln darüber,
-hat er denn aber keine?‹ bemerkte dieser Spezialkollege: ›Gewiß
-hat er eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit fünfundvierzig
-Jahren malt er immer denselben Christus und
-bereist als Kunst-, aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die
-ihm unterstellten Provinzen, so daß man betreffs seiner beinah
-sagen kann: Es predigt sein Christus allerorten, ist aber drum
-nicht schöner geworden.‹«</p>
-
-<p>»Melusine, du darfst so nicht weitersprechen,« unterbrach
-hier Armgard. »Sie wissen übrigens, Herr von Stechlin, wie's
-hier steht, und daß ich meine ältere Schwester, die mich erzogen
-hat (hoffentlich gut), jetzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen
-muß.« Dabei reichte sie Melusine die Hand. »Eben erst<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span>
-ist er fort, der arme Professor, und jetzt schon so schlechte Nachrede.
-Welchen Trost soll sich unser Freund Stechlin daraus
-schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir.«</p>
-
-<p>»Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in
-diesem letzten. Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er
-geliebt wird oder nicht, vorausgesetzt, daß er ein Gentleman
-und nicht ein Gigerl ist. Aber Gentleman. Da hab ich wieder
-die Einhakeöse für England. Das Schönheitskapitel ist erledigt,
-war ohnehin nur Kaprize. Von all dem andern aber,
-das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer so gut
-wie gar nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten
-mit Traitors Gate?«</p>
-
-<p>»Nur in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen
-meine Phantasie. Die versagte da total, wenn es nicht doch
-vielleicht an der Sache selbst, also an Traitors Gate, gelegen
-hat. Denn an einer anderen Stelle konnt ich mich meiner Phantasie
-beinah berühmen und am meisten da, wo (wie mir übrigens
-nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so viel Vorliebe verweilt
-haben.«</p>
-
-<p>»Und welche Stelle war das?«</p>
-
-<p>»Waltham-Abbey.«</p>
-
-<p>»Waltham-Abbey. Aber davon weiß ich ja gar nichts.
-Waltham-Abbey kenn ich nicht, kaum dem Namen nach.«</p>
-
-<p>»Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr Papa
-gerade am Abend vor meiner Abreise sagte: ›das muß Melusine
-wissen; die weiß ja dort überall Bescheid und kennt, glaub ich,
-Waltham-Abbey besser als Treptow oder Stralau.‹«</p>
-
-<p>»So bilden sich Renommees,« lachte Melusine. »Der Papa
-hat das auf gut Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel
-herausgegriffen. Und nun diese Tragweite! Lassen wir
-das aber und sagen Sie mir lieber: was ist Waltham-Abbey?
-Und wo liegt es?«</p>
-
-<p>»Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt,<span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span>
-etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg
-besucht oder das in der Potsdamer Friedenskirche.«</p>
-
-<p>»Hat es denn etwas von einem Mausoleum?«</p>
-
-<p>»Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze Kirche
-kann als ein Denkmal gelten.«</p>
-
-<p>»Als ein Denkmal für wen?«</p>
-
-<p>»Für König Harald.«</p>
-
-<p>»Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde
-von Hastings suchte?«</p>
-
-<p>»Für denselben.«</p>
-
-<p>»Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von
-Horace Vernet gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne
-Col de Cygne zwischen den Toten umherirrt. Und ich erinnre
-mich auch, daß zwei Mönche neben ihr herschritten. Aber weiter
-weiß ich nichts. Und am wenigsten weiß ich, was daraus
-wurde.«</p>
-
-<p>»Was daraus wurde, &ndash; das ist eben der Schlußakt des
-Dramas. Und dieser Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die
-Mönche, deren Sie sich erinnern und die da neben Editha herschritten,
-das waren Waltham-Abbeymönche, und als sie
-schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den König
-auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg
-bis nach Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn.«</p>
-
-<p>»Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie
-besucht?«</p>
-
-<p>»Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur,
-daß man ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die
-Sonne ging eben unter, in einem uralten Lindengange stand,
-zwischen Grabsteinen links und rechts, und das Abendläuten
-von der Kirche her begann, da war es mir, als käme wieder
-der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und ich sah
-Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span>
-verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld
-ist und nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer
-Dankbarkeit.«</p>
-
-<p>»Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das sage nur ich.
-Sie sagen es natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann,
-sich eines Sieges zu rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey
-kenn ich nun, und an Ihre Phantasie glaub ich
-von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stich
-gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu
-Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und
-ebenso, daß Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der
-Kapelle Heinrichs <em class="antiqua">VII.</em> Ihren Besuch gemacht haben, diesem
-Wunderwerk der Tudors. Welchen Eindruck hatten Sie von der
-Kapelle?«</p>
-
-<p>»Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden
-Trichter, die sie ›Tromben‹ nennen, unschön gefunden
-hat; aber ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht.
-Was auf mich wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran.
-Trotzdem, das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres
-und kam erst, als ich da zwischen den Sarkophagen der beiden
-feindlichen Königinnen stand. Ich wüßte nicht, daß etwas je
-so beweglich und eindringlich zu mir gepredigt hätte wie gerade
-diese Stelle.«</p>
-
-<p>»Und was war es, was Sie da so bewegte?«</p>
-
-<p>»Das Gefühl: ›zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt
-die Weltgeschichte.‹ Zunächst freilich scheinen wir da nur den
-Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu
-haben, aber weit darüber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit
-gebunden) haben wir bei tiefergehender Betrachtung den Gegensatz
-von Leidenschaft und Berechnung, von Schönheit und
-Klugheit. Und das ist der Grund, warum das Interesse daran
-nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese feindlichen Königinnen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p>
-
-<p>Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der
-daran lag, wieder ins Heitere hinüber zu lenken: »Und nun,
-Armgard, sage, für welche von den beiden Königinnen bist du?«</p>
-
-<p>»Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal
-für beide. Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir
-mehr bedeuten, und, um es kurz zu sagen, Elisabeth von
-Thüringen ist mir lieber als Elisabeth von England. Andern
-leben und der Armut das Brot geben &ndash; darin allein ruht das
-Glück. Ich möchte, daß ich mir <em class="gesperrt">das</em> erringen könnte. Aber
-man erringt sich nichts. Alles ist Gnade.«</p>
-
-<p>»Du bist ein Kind,« sagte Melusine, während sie sich mühte,
-ihrer Bewegung Herr zu werden. »Du wirst noch Unter den
-Linden für Geld gezeigt werden. Auf der einen Seite die ›Mädchen
-von Dahomey‹, auf der andern du.«</p>
-
-<p>Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den
-Korridor. Es war eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar
-fühlte, daß er etwas sagen müsse. »Welche liebenswürdige
-Schwester Sie haben.«</p>
-
-<p>Armgard errötete. »Sie werden mich eifersüchtig machen.«</p>
-
-<p>»Wirklich, Komtesse?«</p>
-
-<p>»Vielleicht … Gute Nacht.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett
-der Schwester, und beide plauderten noch. Aber Armgard war
-einsilbig, und Melusine bemerkte wohl, daß die Schwester etwas
-auf dem Herzen habe.</p>
-
-<p>»Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun was?«</p>
-
-<p>»Ich glaube fast, ich bin verlobt.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p>
-
-<h3 id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel">Sechsundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert
-hatte, das wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem
-ersten Wiedersehn waren Armgard und Woldemar Verlobte.
-Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt, den er seit lange
-gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer Herzlichkeit,
-als ob sie selber die Glückliche wäre.</p>
-
-<p>»Du gönnst ihn mir doch?«</p>
-
-<p>»Ach, meine liebe Armgard,« sagte Melusine, »wenn du
-wüßtest! Ich habe nur die Freude, du hast auch die Last.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden
-hatte, schrieb Woldemar nach Stechlin und nach Wutz;
-der eine Brief war so wichtig wie der andre, denn die Tante-Domina,
-deren Mißstimmung so gut wie gewiß war, mußte
-nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden. Freilich blieb
-es fraglich, ob es glücken würde.</p>
-
-<p>Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da, von denen
-diesmal der Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach
-daran lag, daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen,
-von Stechlin her nur Entzücken erwartet hatte. Das traf aber
-nun beides nicht zu. Was die Tante schrieb, war durchaus nicht
-so schlimm (sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon
-mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken), und was der
-Alte schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht so der
-Situation angepaßt, wie's Woldemar gewärtigte. Natürlich
-war es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer
-Exkurs. Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei
-Nebensächlichkeiten zu verweilen und gelegentlich über die
-Hauptsache wegzusehn. Er schrieb:</p>
-
-<p>»Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen
-(früher hieß es <em class="antiqua">alea jacta est</em>, aber so altmodisch bin ich<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span>
-denn doch nicht mehr), und da zwei Sechsen obenauf liegen,
-kann ich nur sagen: ich gratuliere. Nach dem Gespräch übrigens,
-das ich am 3. Oktober morgens mit Dir führte, während
-wir um unsern Stechliner Springbrunnen herumgingen (seit
-drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die
-Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) &ndash; seit jenem
-Oktobermorgen hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch
-nicht weniger. Du wirst nun also Karriere machen, glücklicherweise
-zunächst durch Dich selbst und dann allerdings auch durch
-Deine Braut und deren Familie. Graf Barby &ndash; mit Rübenboden
-im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im Graubündischen
-&ndash; höher hinauf geht es kaum, Du müßtest Dich
-denn bis ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel,
-aber Ermyntrud doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls
-zu viel. Ja, mein lieber Woldemar, Du kommst nun also zu
-Vermögen und Einfluß und kannst die Stechlins wieder raufbringen
-(gestern war Baruch Hirschfeld hier und in allem willfährig;
-die Juden sind nicht so schlimm, wie manche meinen),
-und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so
-was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht
-anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser
-selbst bei Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise
-selbst das erreichen, was Dein alter Vater, weil
-Feilenhauer Torgelow mächtiger war als er, nicht erreichen
-konnte: den Einzug ins Reichshaus mit dem freien Blick auf
-Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen, auch
-meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen
-Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit
-mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis
-im letzten darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel,
-Junker über Graf. Ja, ich fühle, Deinen Gräflichkeiten
-gegenüber, wie sich der Junker ein bißchen in mir regt. Die
-reichen und vornehmen Herren sind doch immer ganz eigene<span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span>
-Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen auch
-suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich
-doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer »wir Kleinen,
-wir machten alles und könnten alles,« aber bei Lichte besehn, ist
-es bloß das alte: ›Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.‹
-Glaube mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind
-bloß Sturmbock. Immer dieselbe Geschichte, wie mit Protz
-und Proletarier. Die Proletarier &ndash; wie sie noch echt waren,
-jetzt mag es wohl anders damit sein &ndash; waren auch bloß immer
-dazu da, die Kastanien aus dem Feuer zu holen; aber ging es
-dann schief, dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau
-und Bruder Protz legte sich zu Bett. Und mit Hochadel und
-Kleinadel ist es beinah ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud
-mal einen Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach
-einem Stuart oder Wasa, wenn es deren noch gibt. Wird aber
-wohl nich. Entschuldige diesen Herzenserguß, dem Du nicht
-mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt. Es kam mir
-das alles so von ungefähr in die Feder, weil ich grade heute
-wieder gelesen habe, wie man einen von uns, der durch Eintreten
-eines Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können,
-schändlich im Stich gelassen hat. Ippe-Büchsenstein ist natürlich
-nur Begriff. Alles in allem: ich habe zu Dir das Vertrauen,
-daß Du richtig gewählt hast, und daß man Dich nicht im Stiche
-lassen wird. Außerdem, ein richtiger Märker hat Augen im
-Kopf und is beinah so helle wie'n Sachse.</p>
-
-<p>Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt.
-Er überwand ihn rasch, und am dritten Tag las er
-alles schon mit einer gewissen Freudigkeit. Ganz der Alte;
-jede Zeile voll Liebe, voll Güte, voll Schnurrigkeiten. Und
-eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel
-auf den Kopf? Sicherlich. Was aber das Beste war, so sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span>
-das alles im allgemeinen passen mochte, auf die Barbys paßte
-so gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten
-nicht Fühlung nach oben und nicht nach unten, die marchandierten
-nicht mit links und nicht mit rechts, die waren nur
-Menschen, und daß sie nur <em class="gesperrt">das</em> sein wollten, das war ihr
-Glück und zugleich ihr Hochgefühl. Woldemar sagte sich denn
-auch, daß der Alte, wenn er sie nur erst kennen gelernt haben
-würde, mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen
-würde. Der alte Graf, Armgard und vor allem Melusine.
-Die war genau das, was der Alte brauchte, wobei ihm das
-Herz aufging.</p>
-
-<p>Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer.
-Auch Wrschowitz und Cujacius &ndash; von denen
-jener natürlich unverheiratet, dieser wegen beständiger Streiterei
-von seiner Frau geschieden war &ndash; waren zugegen. Cujacius
-hatte gebeten, ein Krippentransparent malen zu dürfen, was
-denn auch, als es erschien, auf einen Nebentisch gestellt und allseitig
-bewundert wurde. Die drei Könige waren Porträts:
-der alte Graf, Cujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenkönig);
-letzterer, trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe,
-von frappanter Ähnlichkeit. Auch in der Maria suchte man nach
-Anlehnungen und fand sie zuletzt; es war Lizzi, die, wie so viele
-Berliner Kammerjungfern, einen sittig verschämten Ausdruck
-hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und Wrschowitz spielte
-&ndash; weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu erweisen
-wünschte &ndash; die Polonaise von Oginski, bei deren erster, nunmehr
-um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung, einem
-alten <em class="antiqua">on dit</em> zufolge, der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente
-sich erschossen haben sollte. Natürlich aus Liebe.
-»Brav, brav,« sagte der alte Graf und war, während er sich
-beinah überschwenglich bedankte, so sehr aus dem Häuschen,
-daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte: »Den Piffpaffschluß
-muß ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine Vererrung<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span>
-(Blick auf Armgard) serr groß ist, fast so groß wie die
-Vererrung des Grafen vor Graff Oginski.«</p>
-
-<p>So verlief der Heiligabend.</p>
-
-<p>Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten
-Feiertage zu dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen,
-um dort die künftige Schwiegertochter dem Schwiegervater
-vorzustellen. Noch am Christabend selbst, trotzdem Mitternacht
-schon vorüber, schrieb denn auch Woldemar einige Zeilen nach
-Stechlin hin, in denen er sich samt Braut und Schwägerin für
-den zweiten Feiertagabend anmeldete.</p>
-
-<p>Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein.
-»Lieber Papa. Wir haben vor, am zweiten Feiertage mit dem
-Spätnachmittagszuge von hier aufzubrechen. Wir sind dann
-um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun oder nicht
-viel später bei Dir. Armgard ist glücklich, Dich endlich
-kennen zu lernen, <em class="gesperrt">den</em> kennen zu lernen, den sie seit lange verehrt.
-Dafür, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen. Graf
-Barby, der nicht gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen,
-will Dir angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen
-Gräfin Ghiberti, die uns als Dame d'honneur begleiten wird.
-Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem Examen.
-Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die Güte und
-Liebe selbst ist. Wie immer Dein Woldemar.«</p>
-
-<p>Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die
-Zeilen halblaut, aber doch in aller Deutlichkeit vorlas. »Nun,
-Engelke, was sagst du dazu?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch,
-was man sone ›gute Nachricht‹ nennt.«</p>
-
-<p>»Natürlich is es ne gute Nachricht. Aber hast du noch nicht
-erlebt, daß einen gute Nachrichten auch genieren können?«</p>
-
-<p>»Jott, gnädger Herr, ich kriege keine.«</p>
-
-<p>»Na, denn sei froh; dann weißt du nicht, was ›gemischte
-Gefühle‹ sind. Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span>
-kommt nun mein Woldemar. Das is gut. Und da bringt er
-seine Braut mit, das is wieder gut. Und da bringt er seine
-Schwägerin mit, und das is wahrscheinlich auch gut. Aber die
-Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen,
-und die Braut heißt Armgard, was doch auch schon sonderbar
-ist. Und beide sind in England geboren, und ihre Mutter war
-aus der Schweiz, von einer Stelle her, von der man nicht recht
-weiß, wozu sie gehört, weil da alles schon durcheinander geht.
-Und überall haben sie Besitzungen, und Stechlin ist doch bloß
-ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und gibt das, was
-ich ›gemischte Gefühle‹ nenne.«</p>
-
-<p>»Nu ja, nu ja.«</p>
-
-<p>»Und dann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich muß
-ihnen doch irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich
-ihnen vorsetzen? Viel is hier nich. Da hab ich Adelheiden.
-Natürlich, die muß ich einladen, und sie wird auch kommen,
-trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann ja nen Schlitten
-nehmen. Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr Wagen. Gott,
-wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke, da
-wird mir auch nicht besser. Und dabei denkt sie, ›sie is was‹,
-was am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst
-denkt, ›es is gar nichts mit ihm‹, dann is es auch nichts.«</p>
-
-<p>»Und dann, gnädger Herr, sie is ja doch ne Domina und
-hat nen Rang. Und ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich
-mehr als ein Major.«</p>
-
-<p>»Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so'n vergessener
-Major is ein Jammer. Aber Adelheid selbst, so auf'n
-ersten Anhieb, is auch bloß so so. Wir müssen jedenfalls noch wen
-dazu haben. Schlage was vor. Baron Beetz und der alte Zühlen,
-die die besten sind, die wohnen zu weit ab, und ich weiß nicht, seit
-wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter. Oder es
-kommt einem auch bloß so vor. Also die guten Nummern fallen
-aus. Und da sind wir denn wieder bei Gundermann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, gnädger Herr, den nich. Un er soll ja auch so zweideutig
-sein. Uncke hat es mir gesagt; Uncke hat freilich immer
-das Wort ›zweideutig‹. Aber es wird wohl stimmen. Un
-dann die Frau Gundermann. Das is ne richtige Berlinsche.
-Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich.«</p>
-
-<p>»Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß noch
-schlimmer. Wir könnten es mit Katzler versuchen, aber da ist
-das Kind krank, und vielleicht stirbt es. Und dann haben wir
-natürlich noch unsern Pastor; nu der ginge, bloß daß er immer
-so still dasitzt, wie wenn er auf den heiligen Geist wartet. Und
-mitunter kommt er; aber noch öfter kommt er nicht. Und solche
-Herrschaften, die dran gewöhnt sind, daß einer in einem fort
-was Feines sagt, ja, was sollen die mit unserm Lorenzen? Er
-ist ein Schweiger.«</p>
-
-<p>»Aber er schweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche
-red't.«</p>
-
-<p>»Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das
-Kind sich wieder erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr,
-als er hat. Und dann, Engelke, solche Damen, die überall
-rum in der Welt waren, da weiß man nie, wie der Hase läuft.
-Es ist möglich, daß sie sich für Krippenstapel interessieren. Oder
-höre, da fällt mir noch was ein. Was meinst du zu Koseleger?«</p>
-
-<p>»Den hatten wir ja noch nie.«</p>
-
-<p>»Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht
-viel aus ihm, indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent,
-und das klingt nach was. Und dann war er ja
-mit ner russischen Großfürstin auf Reisen, und solche Großfürstin
-is eigentlich noch mehr als ne Prinzessin. Also sprich
-mal mit Kluckhuhn, der soll nen Boten schicken. Ich schreibe
-gleich ne Karte.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er kommen
-könne, Koseleger dagegen, was ein Glück war, nahm an, und<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span>
-auch Schwester Adelheid antwortete durch den Boten, den
-Dubslav geschickt hatte: »daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin
-eintreffen und soweit wie dienlich und schicklich nach dem
-Rechten sehen würde.« Adelheid war in ihrer Art eine gute
-Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten, wo die Damen
-bis zum »Schlachten« und »Aalabziehen« herunter alles lernten
-und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich
-Dubslav jeder Befürchtung. Aber wenn er sich dann mit einem
-Male vergegenwärtigte, daß es seiner Schwester vielleicht in
-den Sinn kommen könne, sich auf ihren Uradel oder auf die
-Vorzüge sechshundertjähriger märkischer »Eingesessenheit« zu
-besinnen, so fiel alles, was er sich in dem mit Engelke geführten
-Gespräch an Trost zugesprochen hatte, doch wieder von ihm ab.
-Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens seiner Schwester
-»aufgesetzten hohen Miene« wie vor einem Gespenst, und desgleichen
-vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine
-rote Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen
-Frack anlegte, seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt,
-aber nebenher, was seine Person anging, doch auch wieder
-einer gewissen Patriarchalität. Einen gleichen Trost konnt er
-dem äußern Menschen seiner Schwester Adelheid nicht entnehmen.
-Er wußte genau, wie sie kommen würde: schwarzes
-Seidenkleid, Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die Siebenkurfürstenbrosche.
-Was ihn aber am meisten ängstigte, war der
-Moment nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich
-zu fühlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter
-zu stellen und die Wärme von unten her einzusaugen
-pflegte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen
-Damen auf dem Granseer Bahnhof ein und fanden Martin
-und den Stechlinschen Schlitten vor, letzterer insoweit ein Prachtstück,
-als er ein richtiges Bärenfell hatte, während andrerseits<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span>
-Geläut und Schneedecken und fast auch die Pferde mehr oder
-weniger zu wünschen übrigließen. Aber Melusine sah nichts
-davon und Armgard noch weniger. Es war eine reizende Fahrt;
-die Luft stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die
-Sterne. So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin,
-und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die herniederhängenden
-Zweige streiften, fielen die Flocken in ihren Schlitten.
-In den Dörfern war überall noch Leben, und das Anschlagen
-der Hunde, das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde,
-klang übers Feld. Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich,
-und ohne daß sie viel gesprochen hätten, bogen sie zuletzt, eine
-weite Kurve machend, in die Kastanienallee ein, die sie nun rasch,
-über Dorfplatz und Brücke fort, bis auf die Rampe von Schloß
-Stechlin führte. Dubslav und Engelke standen hier schon im
-Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich. Beim
-Eintritt in den großen Flur war für diese das erste, was sie
-sahen, ein mächtiger, von der Decke herabhängender Mistelbusch;
-zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippenmann wie
-verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste
-herniedersah. Viele Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem
-alles wie dunkel. Woldemar war ein wenig befangen, Dubslav
-auch. Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand küssen. Aber
-das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder: »Umgekehrt
-wird ein Schuh draus.«</p>
-
-<p>»Und zuletzt ein Pantoffel,« lachte Melusine.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel">Siebenundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">»Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu,« sagte
-sich Dubslav still in seinem alten Herzen, als er jetzt Melusine
-den Arm bot, um sie vom Flur her in den Salon zu führen.
-»So müssen Weiber sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span></p>
-
-<p>Auch Adelheid mühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber
-sie war wie gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghafte,
-das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte, das alles
-war ihr eine fremde Welt, und daß ihr eine innere Stimme
-dabei beständig zuraunte: »Ja, dies Leichte, das du nicht hast,
-das ist das Leben, und das Schwere, das du hast, das ist eben
-das Gegenteil davon,« &ndash; das verdroß sie. Denn trotzdem sie
-beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in
-Demut zu überwinden. So war denn alles, was über ihre
-Lippen kam, mehr oder weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten,
-die schließlich in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen,
-der erschienen war, half nach Möglichkeit aus, aber er war kein
-Damenmann, noch weniger ein Causeur, und so kam es denn,
-daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster
-aufblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er nicht
-kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben
-und sollte den andern Tag schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen
-umstellten Privatfriedhofe, den sich Katzler
-zwischen Garten und Wald angelegt hatte, begraben werden.
-Es war das vierte Töchterchen in der Reihe; jede lag in einer
-Art Gartenbeet und hatte, wie ein Samenkorn, dessen Aufgehen
-man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der
-Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen war, war
-Ermyntrud, wie gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung
-zu folgen. »Ich wünsche nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen
-Pflichten entziehst, auch heute nicht, trotz des
-Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten.
-Und die Barbyschen Damen &ndash; ich erinnere mich der Familie &ndash;
-werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehn, in deinem
-Erscheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist
-genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über
-kurz oder lang unsre nächste Nachbarin sein.« Aber Katzler war
-fest geblieben und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span>
-und daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt
-werde. Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte
-hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem Ausdruck, der sagen
-zu wollen schien: »Ich weiß, daß ich meine Hand keinem Unwürdigen
-gereicht habe.«</p>
-
-<p>Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage,
-war noch nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam,
-sich den Quaden-Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts
-machte, herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koseleger vor,
-sein etwas verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend.
-Unmittelbar danach ging man zu Tisch, und ein Gespräch
-leitete sich ein. Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen,
-die, seit der neuen Kopenhagener Linie, den ihr von
-früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich überwunden
-habe. Jetzt heiße sie die »Apfelsinenbahn,« was doch kaum
-noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten
-Grafen und seine Besitzungen im Graubündischen über, endlich
-aber auf den langen Aufenthalt der Familie drüben in England,
-wo beide Töchter geboren seien.</p>
-
-<p>Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich
-von Tisch erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über
-eben dasselbe Thema beim Kaffee, der im Gartensalon und zwar
-in einem Halbzirkel um den Kamin herum eingenommen
-wurde, fortsetzte. Dubslav sprach sein Bedauern aus, daß ihn
-in seiner Jugend der Dienst und später die Verhältnisse daran
-gehindert hätten, England kennen zu lernen; es sei nun doch
-mal das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien, auch für
-die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut
-verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft
-zu, während andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen
-von Ungeduld gab. England war ihr kein erfreuliches Gesprächsthema,
-was selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte,
-dabei zu verharren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span></p>
-
-<p>»Ich möchte mich,« fuhr Dubslav fort, »in dieser Angelegenheit
-an unsern Herrn Superintendenten wenden dürfen.
-Waren Sie drüben?«</p>
-
-<p>»Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr
-zu meinem Bedauern. Und ich hätt es so leicht haben können.
-Aber es ist immer wieder die alte Geschichte: was man in ein
-paar Stunden und mitunter in ein paar Minuten erreichen kann,
-das verschiebt man, eben weil es so nah ist, und mit einemmal
-ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag im Haag, und von da
-nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach Potsdam.
-Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich
-den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das könnt ich mir
-verzeihn. Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das
-viel zitierte Wort von dem ›in einem Tag mehr gewinnen, als
-in des Jahres Einerlei‹ hinpaßt, so da drüben. Alles modern
-und zugleich alles alt, eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig
-da; mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der
-Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen kaum noch
-dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer verfeinerten
-Sitte.«</p>
-
-<p>Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr
-unangenehm berührt, besonders als sie sah, daß Melusine zu
-dem, was Koseleger ausführte, beständig zustimmend nickte.
-Schließlich wurd es ihr zu viel. »Alles, was ich da so höre,«
-sagte sie, »kann mich für dieses Volk nicht einnehmen, und weil
-sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so kalt und feucht
-und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinauf, sind beinah
-immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen nennen
-mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wenn es dann
-neblig ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen,
-und fallen zu Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie
-geblieben sind. Denn, wie mir unser Rentmeister Fix, der
-drüben war, aufs Wort versichert hat, sie stehen in keinem Buch<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-und haben auch nicht einmal das, was wir Einwohnermeldeamt
-nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so gut wie gar
-nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles fast noch blutig,
-besonders das, was wir hier ›englische Beefsteaks‹ nennen.
-Und kann auch nicht anders sein, weil sie so viel mit Wilden umgehn
-und gar keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung
-anzuschließen.«</p>
-
-<p>Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke.
-Die Domina aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort:
-»Fix ist ein guter Beobachter, auch von Sittenzuständen, und
-einer ihrer Könige, worüber ich auch schon als Mädchen einen
-Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen gehabt, meist Hofdamen.
-Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat er wieder
-nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und
-sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal
-ein Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als
-alle weg waren, haben sie gewöhnliche Leute rangezogen und
-ihnen die alten Namen gegeben, und wenn man denkt, es ist
-ein Graf, so ist es ein Bäcker oder höchstens ein Bierbrauer.
-Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre Schiffe sollen gut sein
-und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon wie holländisch;
-aber in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon
-wieder an katholisch zu werden.«</p>
-
-<p>Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag
-über England einsetzte, hatte sich mit einem »Schicksal, nimm
-deinen Lauf« sofort resigniert. Woldemar aber war immer
-wieder und wieder bemüht gewesen, einen Themawechsel eintreten
-zu lassen, worin er vielleicht auch reüssiert hätte, wenn
-nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser &ndash; entweder weil er als
-ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges
-Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst
-angeregte Frage hinsichtlich »Natur und Sitte« (die sein
-Steckenpferd war) gern weiterspinnen wollte &ndash; hielt an England<span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span>
-fest und sagte: »Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn,
-daß gerade der mitunter schon an den Wilden grenzende
-Naturmensch drüben in vollster Blüte steht. Und ich will das
-auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber daneben begegnen
-wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das ich, trotz
-manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen
-muß. Ich erinnere mich unter anderm eines gerade
-damals geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag
-lebte, meiner kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte
-(High life-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand,
-um den sich's dabei handelte, war so recht der Ausdruck eines
-verfeinerten oder meinetwegen auch überfeinerten Kulturlebens.
-So recht das Gegenteil von bloßem Naturburschentum. Es ist
-freilich eine ziemlich lange Geschichte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schade,« sagte Dubslav. »Aber trotzdem, &ndash; wenn überhaupt
-erzählbar&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos,
-so mach ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß
-neugierigen Damen, meine Schwester, die Domina, mit eingeschlossen.
-Wie war es? Wie verlief die Geschichte, für die sich
-eine kaiserliche Hoheit so lebhaft interessieren konnte?«</p>
-
-<p>»Nun, wenn es denn sein soll,« nahm Koseleger langsam
-und wie bloß einer Pression nachgebend das Wort, »es lebte
-da zu jener Zeit eine schöne Herzogin in London, die's nicht
-ertragen konnte, daß die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergehen
-wollten; Fältchen und Krähenfüße zeigten sich. In dieser
-Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer ›plastischen Künstlerin‹,
-die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend wiederherzustellen
-wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, und die
-Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die
-Rechnung ein, ›die Bill‹, wie sie da drüben sagen. Es war eine
-Summe, vor der selbst eine Herzogin erschrecken durfte. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span>
-da die Künstlerin auf ihrer Forderung beharrte, so kam es zu
-dem angedeuteten Prozeß, der sich alsbald zu einer <em class="antiqua">cause célèbre</em>
-gestaltete.«</p>
-
-<p>»Sehr begreiflich,« versicherte Dubslav, und Melusine
-stimmte zu.</p>
-
-<p>»Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und
-als Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf
-diesem Spezialgebiete der ›plastischen Kunst‹ vernommen. Alle
-fanden die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg schien sich
-rasch der Herzogin zuneigen zu wollen. Aber in eben diesem
-Augenblicke trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an
-den Vorsitzenden des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die
-erschienenen Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer
-der durch ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und Schönheit
-richten zu wollen, eine Bitte, der der Oberrichter auch sofort
-nachkam. Was darauf geantwortet wurde, lautete hinsichtlich
-der Dauer sehr verschieden. Als aber, trotz der Verschiedenheit
-dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr als ein Vierteljahr
-zu garantieren wagte, wandte sich die Verklagte ruhig an
-den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde: ›Meine
-Herren Richter: meine Mitkünstlerinnen, wie Sie soeben vernommen
-haben, helfen auf <em class="gesperrt">Zeit</em>; was ich leiste, ist, ›<em class="antiqua">beautifying
-for ever</em>‹.‹ Und alles war von diesem Worte hingerissen, der
-hohe Gerichtshof mit, und die Herzogin hatte die Riesensumme
-zu zahlen.«</p>
-
-<p>»Und wäre dergleichen hierlandes möglich?« fragte Melusine.</p>
-
-<p>»Ganz unmöglich,« erwiderte der für alles Fremde schwärmende
-Koseleger. »Es kann hier einfach deshalb nicht vorkommen,
-weil uns der dazu nötige höhere Kulturzustand und
-die dementsprechende Anschauung fehlt. In unserm guten
-Preußen, und nun gar erst in unsrer Mark, sieht man in einem
-derartigen Hergange nur das Karikierte, günstigstenfalls das<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span>
-Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung,
-aus dem allein sich solche Dinge, die man im übrigen
-um ihres Raffinements willen belächeln oder verurteilen mag,
-entwickeln können.«</p>
-
-<p>Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav,
-dem dergleichen immer einleuchtete, während die Domina von
-»Horreur« sprach und sichtlich unmutig den Kopf hin und her
-bewegte. Woldemar erneute natürlich seine Versuche, die
-der Tante so mißfällige Konversation auf andres überzulenken,
-bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren verschiedenster
-Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den
-englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina.</p>
-
-<p>»Ja, Gemüsebau,« sagte sie, »das ist eine wunderbare
-Sache, daran hat man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist
-eigentlich eine Gartengegend; unser Spargel ist denn auch weit
-und breit der beste, und meine gute Schmargendorf hat Artischocken
-gezogen so groß wie ne Sonnenblume. Freilich, es
-will sie keiner so recht, und alle sagen immer: ›es dauert so
-lange, wenn man so jedes Blatt nehmen muß, und eigentlich
-hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so dick ist.‹
-Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen
-Erdbeeren &ndash; ich meine natürlich nicht die Schimonski selber;
-sie selber kann gar nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person
-&ndash; und ein Berliner Händler kauft ihr alles ab, bloß daß die
-Schnecken oft die Hälfte jeder Erdbeere wegfressen. Man sollte
-nicht glauben, daß solche Tiere solchen feinen Geschmack haben.
-Aber wenn es wegen der Schnecken auch unsicher ist, Dubslav,
-du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es einschlägt,
-ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr
-davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn
-mal sind sie billig, die Eier, und dann wieder verderben sie,
-und die schlechten werden einem berechnet und abgezogen, und
-die Streiterei nimmt kein Ende.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span></p>
-
-<p>Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog sich zurück.
-Der alte Dubslav ließ es sich nicht nehmen, die Damen persönlich
-treppauf bis an ihre Zimmer zu führen und sich da unter
-Handkuß von ihnen zu verabschieden. Es waren dieselben zwei
-Räume, die vor gerad einem Vierteljahr Rex und Czako bewohnt
-hatten, das größere Zimmer jetzt für Melusine, das
-kleinere für Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor ihren
-Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu tun machten,
-sagte Melusine: »Dies Himmelbett ist also für mich. Wenn es
-dir gleich ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse mir das
-kleine Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tür
-steht auf.«</p>
-
-<p>»Ja, Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann natürlich.
-Aber ich verstehe dich nicht recht. Man will dich auszeichnen,
-und wenn du das ablehnst, so kann es auffallen. Man
-muß doch in einem Hause, wo man noch halb fremd ist, alles so
-tun, wie's gewünscht wird.«</p>
-
-<p>Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen,
-halb schelmisch an und sagte: »Natürlich hast du recht. Aber ich
-bitte dich trotzdem darum. Und es braucht es ja auch keiner zu
-merken. Direkte Kontrolle wird ja wohl ausgeschlossen sein,
-und ich mache keine tiefere Kute wie du.«</p>
-
-<p>»Gut, gut,« lachte Armgard. »Aber sage, was soll das
-alles? Du bist doch sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier
-in dem ersten Zimmer, weil es so nah an der scharfen Flurecke
-liegt, wirklich etwas ängstlich zumute sein sollte, nun, so können
-wir ja zuriegeln.«</p>
-
-<p>»Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlössern
-gibt es immer Tapetentüren. Und was <em class="gesperrt">das</em> hier angeht,«
-und sie wies dabei auf das Bett, »alle Spukgeschichten sind
-immer gerad in Himmelbetten passiert; ich habe noch nie gehört,
-daß Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle herangetreten
-wären. Und hast du nicht unten den <em class="antiqua">mistle-toe</em> gesehn? Mistelbusch<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span>
-ist auch noch so Überbleibsel aus heidnischer Zeit her, bei
-den alten Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch,
-für den Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn ich
-Tante Adelheid ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von
-den Hühnern sprach und den Eiern. Alles so wendisch. Ich
-glaube ja nicht eigentlich an Gespenster, wiewohl ich auch nicht
-ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein möge, wenn ich mir
-denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir eine
-Erdbeere, die die Schnecken schon angeknabbert haben, so wäre
-das mein Tod.«</p>
-
-<p>Armgard lachte.</p>
-
-<p>»Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn?
-Und hast du ihre Stimme gehört? Und die Stimme,
-wie du doch weißt, ist die Seele.«</p>
-
-<p>»Gewiß. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts
-tun mit ihrer Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn
-sie trotzdem kommt, nun, so rufst du mich.«</p>
-
-<p>»Am liebsten wär es mir, du bliebst gleich bei mir.«</p>
-
-<p>»Aber Melusine&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das nicht gut
-geht. Aber was anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder
-vielleicht auch bloß ein Gesangbuch liegen sehn, da auf dem
-Brettchen, wo die kleine Puppe steht. Beiläufig auch was
-Sonderbares, diese Puppe. Bitte, nimm die Bibel von der
-Etagere fort und lege sie mir hier auf den Nachttisch. Und das
-Licht laß brennen. Und wenn du im Bett liegst, sprich immerzu,
-bis ich einschlafe.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Achtundzwanzigstes_Kapitel">Achtundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück. Es
-war ziemlich spät geworden, ohne daß Dubslav, wie das sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span>
-wohl auf dem Lande Gewohnheit ist, ungeduldig geworden
-wäre. Nicht dasselbe ließ sich von Tante Adelheid sagen. »Ich
-finde das lange Wartenlassen nicht gerade passend, am wenigsten
-Personen gegenüber, denen man Respekt bezeigen will. Oder
-geh ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von Respektbezeigung
-spreche?« So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert. Als
-nun aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang
-sich die Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem
-Begrüßungsmorgen zu stellen pflegt. In aller Unbefangenheit
-antworteten die Schwestern, am unbefangensten Melusine, die
-bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte, daß sie nicht
-umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr Bett zu legen.</p>
-
-<p>»Und mit der Absicht, drin zu lesen?«</p>
-
-<p>»Beinah. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte
-so viel, freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte von der
-Treppe her immer die Uhr schlagen und las dabei beständig das
-Wort ›Museum‹. Aber das war natürlich schon im Traum.
-Ich schlief schon ganz fest. Und heute früh bin ich wie der Fisch
-im Wasser.«</p>
-
-<p>Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem Spezialfisch
-suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaßt
-hätte. Die Blicke seiner Schwester aber, die zu fragen schienen
-»hast du gehört?« ließen ihn wieder davon abstehn, und nachdem
-noch einiges über den großen Oberflur und seine Bilder
-und Schränke gesprochen worden war, wurde, genau wie vor
-einem Vierteljahr, wo Rex und Czako zu Besuch da waren,
-ein Programm verabredet, das dem damaligen sehr ähnlich
-sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Rückwege
-die Kirche, vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das
-»Museum«. Aber manches davon war unsicher und hing vom
-Wetter ab. Nur den See wollte man unter allen Umständen
-sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und Decken vorauszugehn
-und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees<span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span>
-mitzunehmen, lediglich für den Fall, daß die Damen vielleicht
-Lust bezeigen sollten, die Sprudel- und Trichterstelle genauer
-zu studieren. »Und wenn wir auf unserm Hofe keine Leute
-haben, so geh ins Schulzenamt und bitte Rolf Krake, daß er
-aushilft.«</p>
-
-<p>Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte, war
-überrascht, in einem märkischen Dorfe dem Namen »Rolf Krake«
-zu begegnen, und erfuhr denn auch alsbald den Zusammenhang
-der Dinge. Sie war ganz enchantiert davon und sagte:
-»Das ist hübsch. Aller aufgesteifter Patriotismus ist mir ein
-Greuel, aber wenn er diese Formen annimmt und sich in Humor
-und selbst in Ironie kleidet, dann ist er das Beste, was man
-haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt, der
-ist in sich eine Geschichte.« Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid
-aber wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge
-dieser ewigen Huldigungen sein. »Wenn man ein alter Major
-ist, ist man eben ein alter Major und nicht ein junger Leutnant.
-Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig Jahr a. D.«</p>
-
-<p>Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst auf den
-Aussichtsturm zu steigen, und nachdem man von der obersten
-Etage her die Waldlandschaft, die sich auch in ihrem
-Schneeschmuck wundervoll ausnahm, gebührend bewundert und
-dann den Abstieg glücklich bewerkstelligt hatte, passierte man den
-Schloßhof mit der Glaskugel, um über den Dorfplatz fort in
-die nach dem See hinunterführende große Straße einzubiegen.
-Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur vor dem
-Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper
-vorausgeschickt hatte, mit seinen Plaids über dem Arm, neben
-ihm Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm Uncke,
-das Karabinergewehr über die Schulter gehängt.</p>
-
-<p>»Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit,« sagte Dubslav.
-»Engelke kann ich auch mitrechnen, der regiert mich, is
-also eigentlich die Feudalitätsspitze.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span></p>
-
-<p>Während dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe
-herangetreten.</p>
-
-<p>»Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke,
-Sie begleiten uns … Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unsern
-Dorfherrscher vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger.«</p>
-
-<p>Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen
-ab, Woldemar, Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte;
-Melusine schritt voran, Rolf Krake neben ihr.</p>
-
-<p>»Ich bin froh,« sagte Melusine, »Sie bei dieser Partie mit
-dabei zu sehn. Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von
-Ihnen erzählt, und daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen.
-Und ich weiß auch Ihren Namen; das heißt den zweiten. Und
-ich darf sagen, ich freue mich immer, wenn ich so was Hübsches
-höre.«</p>
-
-<p>»Ach, Rolf Krake,« lachte Kluckhuhn. »Ja, Frau Gräfin,
-wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das
-heißt, von ›Schaden‹ darf ich eigentlich nicht reden, den hab ich
-nicht so recht davon gehabt; ich bin nicht mal angeschossen
-worden. Und doch is so was billig, wenn's erst losgeht.«</p>
-
-<p>»Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider immer
-verschlossen oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch
-ist das das eigentliche Leben. So immer bloß einsitzen und ein
-bißchen Charpie zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein,
-das macht glücklich. Es war aber trotzdem wohl ein eigenes
-Gefühl, als Sie da so von Düppel nach Alsen rüberfuhren
-und das unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht daneben lag.«</p>
-
-<p>»Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes Gefühl.
-Und mitunter erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum.
-Und is auch nicht zu verwundern. Denn Rolf Krake war wie
-ein richtiges Gespenst. Und wenn solch Gespenst einen packt,
-ja, da ist man weg … Und dabei bleib ich, Frau Gräfin,
-sechsundsechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht viel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span></p>
-
-<p>»Aber die großen Verluste&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste,
-Frau Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es
-trifft, für den is es was. Aber ich meine jetzt das, was man
-dabei so das Moralische nennt; und darauf kommt es an, nicht
-auf die Verluste, nicht auf viel oder wenig. Wenn einer eine
-Böschung raufklettert und nu steht er oben und schleicht sich
-ran, immer mit nem Pulversack und nem Zünder in der
-Hand, und nu legt er an, und nu fliegt alles in die Luft und er
-mit. Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau
-Gräfin, das ist was. Und das hat unser Pionier Klinke getan.
-Der war moralisch. Ich weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von
-ihm gehört haben, aber dafür leb ich und sterb ich: immer bloß
-das Kleine, da zeigt sich's, was einer kann. Wenn ein Bataillon
-ran muß un ich stecke mitten drin, ja, was will ich da machen?
-Da muß ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin ich ein
-Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß ›Muß‹,
-und solche Mußhelden gibt es viele. Das is, was ich die großen
-Kriege nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß
-was Kleines, aber er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch
-unser Feind war) dieser Rolf Krake.«</p>
-
-<p>So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete,
-während Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem
-Thema mehr in der Gegenwart standen.</p>
-
-<p>»Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg
-hab ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow
-is nu wohl schon im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege
-natürlich jeden Tag meine Zeitung, aber es is mir immer zu
-viel und das große Format und das dünne Papier. Da kuck ich
-denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn schon gesprochen?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel.
-Un war auch kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen
-eignen Leuten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span></p>
-
-<p>»Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben. Ich
-meine das, was sie jetzt das Parlamentarische nennen. Das
-schad't aber nichts und ist eigentlich egal. Wichtiger is, wie sie
-hier in unserm Ruppiner Winkel, in unserm Rheinsberg-Wutz
-über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm zufrieden?«</p>
-
-<p>»Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.«</p>
-
-<p>»Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nu mal so, das is
-nicht zu ändern. In Frankreich heißt es immer gleich ›Verrat‹,
-und hier sagen sie ›zweideutig‹. Da war auch einer von uns,
-den ich nicht nennen will, von dem hieß es auch so&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major. Und Pyterke,
-der immer gut Bescheid weiß, der sagte mir schon damals in
-Rheinsberg: ›Uncke, glauben Sie mir, da hat sich der Herr
-Major eine Schlange an seinem Busen großgezogen.‹«</p>
-
-<p>»Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke. Der spricht
-immer so gebildet. Aber is es auch richtig?«</p>
-
-<p>»Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken immer
-das Gute von nem Menschen, weil Sie so viel zu Hause
-sitzen und selber so sind. Aber wer so rum kommt wie ich.
-Alle lügen sie. Was sie meinen, das sagen sie nich, und was
-sie sagen, das meinen sie nich. Is kein Verlaß mehr; alles
-zweideutig.«</p>
-
-<p>»Ja, so rund raus, Uncke, das war früher, aber das geht
-jetzt nicht mehr. Man darf keinem so alles auf die Nase binden.
-Das is eben, was sie jetzt ›politisches Leben‹ nennen.«</p>
-
-<p>»Ach, Herr Major, das mein ich ja gar nicht. Das Politische
-… Jott, wenn einer sich ins Politische zweideutig macht,
-na, dann muß ich ihn anzeigen, das is Dienst. Darum gräm
-ich mich aber nich. Aber was nich Dienst is, was man so bloß
-noch nebenbei sieht, das kann einen mitunter leid tun. So bloß
-als Mensch.«</p>
-
-<p>»Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? Wenn
-man Sie so hört, da sollte man ja wahrhaftig glauben, es ginge<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span>
-zu Ende … Nu ja, in der Welt draußen, da klappt nich immer
-alles. Aber so im Schoß der Familie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem Schoß
-der Familie, da is es ja gerad am schlimmsten. Und sogar in
-dem jüdischen Schoß, der doch immer noch der beste war.«</p>
-
-<p>»Beispiele, Uncke, Beispiele.«</p>
-
-<p>»Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu geben,
-unsern guten alten Baruch Hirschfeld in Gransee. Frommer
-alter Jude&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat
-nen Sohn, und mit dem is er mitunter verschiedner Meinung.
-Aber dagegen is doch nicht viel zu sagen; das is in der ganzen
-Welt so. Der Alte hängt noch am Alten, und der Junge, nu,
-der is eben ein Jungscher und bramarbasiert ein bißchen. Ich
-weiß nicht recht, zu welcher Partei er sich hält, er wird aber wohl
-für Torgelow gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht?
-Das tun jetzt viele. Daran muß man sich gewöhnen. Das is
-eben das Politische.«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei
-diesem Isidor is es nicht das Politische. Komme ja jeden dritten
-Tag hin und seh den Alten in seinem Laden und höre, was er
-da red't und red't. Und der Junge red't auch und red't immer
-vons ›Prinzip‹. Das Prinzip is ihm aber egal. Er will bloß
-mogeln und den Alten an die Wand drücken. Und das ist das,
-was ich das Zweideutige nenne.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte
-genommen. Als sie bis in die Nähe der Seespitze gekommen
-waren, immer unter einem verschneiten Buchen- und Eichengange
-hin, wurden sie durch ein Geräusch wie von brechenden
-kleinen Ästen aufmerksam gemacht, und ihr Auge nach oben
-richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen
-spielten und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span>
-sprangen. Die Zweige knickten, und der Schnee stäubte hernieder.
-Armgard mochte sich von dem Schauspiel nicht trennen,
-lachte, wenn die momentan verschwundenen Tierchen mit einem
-Male wieder zum Vorschein kamen, und gab ihre Beobachtung
-erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich, aber doch
-ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu ihr
-bemerkte: »Ja, Komtesse, die springen; es sind eben Eichhörnchen.«
-Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht,
-von der aus man den besten Blick auf den zugefrorenen
-See hatte. Das Eis zeigte sich hoch mit Schnee bedeckt, aber
-in seiner Mitte war doch schon eine gefegte Stelle, zu der vom
-Ufer her eine schmale, gleichfalls freigeschaufelte Straße hinüberführte.
-Engelke legte die Decken über die Bank, und die
-Damen, die von dem halbstündigen und zuletzt etwas ansteigenden
-Wege müde geworden waren, nahmen alle drei
-Platz, während sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu
-beiden Seiten der Bank aufstellten. Dubslav dagegen plazierte
-sich in Front und machte, während er einen landläufigen
-Führerton anschlug, den Cicerone. »Hab die Ehr, Ihnen hier
-die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß Stechlin zu
-präsentieren, unsern See, <em class="gesperrt">meinen</em> See, wenn Sie mir das
-Wort gestatten wollen. Alle möglichen berühmten Naturforscher
-waren hier und haben sich höchst schmeichelhaft über
-den See geäußert. Immer hieß es: ›es stehe wissenschaftlich
-fest.‹ Und das ist jetzt das Höchste. Früher sagte man: ›es
-steht in den Akten‹. Ich lasse dabei dahingestellt sein, wovor
-man sich tiefer verbeugen muß.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Melusine, »das ist nun also der große Moment.
-Orientiert bin ich. Aber wie das mit allem Großen geht, ich
-empfinde doch auch etwas von Enttäuschung.«</p>
-
-<p>»Das ist, weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin. Wenn
-Sie die offene Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung
-stünden: ›jetzt bildet sich der Trichter und jetzt steigt es herauf‹,<span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span>
-so würden Sie mutmaßlich nichts von Enttäuschung empfinden.
-Aber jetzt! Das Eis macht still und duckt das Revolutionäre.
-Da kann selbst unser Uncke nichts notieren. Nicht wahr, Uncke?«</p>
-
-<p>Uncke schmunzelte.</p>
-
-<p>»Im übrigen seh ich zu meiner Freude &ndash; und das verdanken
-wir wieder unserm guten Kluckhuhn, der an alles denkt
-und alles vorsieht &ndash;, daß die Schneeschipper auch ein paar
-ihrer Pickäxte mitgebracht haben. Ich taxiere das Eis auf nicht
-dicker als zwei Fuß, und wenn sich die Leute dran machen, so
-haben wir in zehn Minuten eine große Lune, und der Hahn,
-wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus seiner Tiefe herauf.
-Befehlen Frau Gräfin?«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für solche Geschichten
-und bin glücklich, daß die Familie Stechlin diesen See hat.
-Aber ich bin zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen
-ins Elementare. Die Natur hat jetzt den See überdeckt;
-da werd ich mich also hüten, irgendwas ändern zu
-wollen. Ich würde glauben, eine Hand führe heraus und
-packte mich.«</p>
-
-<p>Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger
-geworden und rückte mit Ostentation von Melusine weg, mehr
-der Banklehne zu, wo, halb wie das gute Gewissen, halb wie die
-göttliche Weltordnung, Uncke stand und durch seine bloße
-Gegenwart den Gemütszustand der Domina wieder beschwichtigte.
-Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend, forschend und
-vorwurfsvoll auf ihren Bruder.</p>
-
-<p>Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele vorging.
-Es erheiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte ihn
-doch auch. Wenn diese Gefühle wuchsen, wohin sollte das
-führen? Die Möglichkeit einer schrecklichen Szene, die sein
-Haus mit einer nicht zu tilgenden Blame behaftet hätte,
-trat dabei vor seine Seele.</p>
-
-<p>Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span>
-Viertelstunde lag ein grauer Ton über der Landschaft, und
-plötzlich fielen Flocken, erst vereinzelte, dann dicht und reichlich.
-Den Weg bis Globsow fortzusetzen, daran war unter diesen
-Umständen gar nicht mehr zu denken, und so brach man denn
-auf, um ins Schloß zurückzukehren. Auch auf einen Besuch in
-der Kirche, weil es da zu kalt sei, wurde verzichtet.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Neunundzwanzigstes_Kapitel">Neunundzwanzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden,
-aber doch nur bis an die Dorfstraße. Hier teilte man sich in
-drei Gruppen, eine jede mit verschiedenem Ziel: Dubslav,
-Tante Adelheid und Armgard gingen auf das Herrenhaus,
-Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt, Woldemar
-und Melusine dagegen auf die Pfarre zu. Woldemar
-freilich nur bis an den Vorgarten, wo er sich von Melusine
-verabschiedete.</p>
-
-<p>Lorenzen, so lang er Woldemar und Melusine sich seiner
-Pfarre nähern sah, hatte verlegen am Fenster gestanden, kam
-aber, als das Paar sich draußen trennte, so ziemlich wieder zu
-sich. Er war nun schon so lange jeder Damenunterhaltung
-entwöhnt, daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin zunächst nur
-Verlegenheit schaffen konnte; wenn's denn aber durchaus sein
-mußte, so war ihm ein Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber,
-als eine Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den
-Flur entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach
-ihr &ndash; weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte &ndash; ganz
-aufrichtig seine Freude aus, sie in seiner Pfarre begrüßen zu
-dürfen. »Und nun bitt ich Sie, Frau Gräfin, sich's unter
-meinen Büchern hier nach Möglichkeit bequem machen zu
-wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube, mit einem
-dezenten Teppich und einem kalten Ofen; aber ich könnte das<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span>
-gesundheitlich nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens
-eine gute Temperatur.«</p>
-
-<p>»Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur!
-Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch
-so selten. Ich kenne Häuser, wo, wenn Sie den Widersinn
-verzeihen wollen, der kalte Ofen gar nicht ausgeht. Aber erlassen
-Sie mir gütigst den Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu
-noch nicht ›alte Dame‹ genug und möcht auch gern <em class="antiqua">en vue</em>
-der beiden Bilder bleiben, trotzdem ich das eine davon schon so
-gut wie kenne.«</p>
-
-<p>»Die Kreuzabnahme?«</p>
-
-<p>»Nein! das andre.«</p>
-
-<p>»Die Lind also?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie
-gesehn?«</p>
-
-<p>»Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, während
-ich von Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß.
-Das war auf einer Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten
-Eierhäuschen machten, und der Ausplauderer über
-das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zögling
-Woldemar, auf den Sie stolz sein können. Er freilich würde
-den Satz umkehren, oder sage ich lieber, er tat es. Denn er
-sprach mit solcher Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag
-an auch herzlich liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen.
-Ein Glück nur, daß er sich draußen verabschiedet hat und nicht
-hören kann, was ich hier sage&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lorenzen lächelte.</p>
-
-<p>»Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da
-sie nun mal gemacht sind und man nie weiß, wann und wie
-man wieder zusammenkommt, so lassen Sie mich darin fortfahren.
-Woldemar erzählte mir &ndash; Pardon für meine Indiskretion
-&ndash; von Ihrer Schwärmerei für die Lind. Und da<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span>
-horchten wir denn auf und beneideten Sie fast. Nichts beneidenswerter
-als eine Seele, die schwärmen kann. Schwärmen
-ist fliegen, eine himmlische Bewegung nach oben.«</p>
-
-<p>Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige
-Dame aus der Gesellschaft.</p>
-
-<p>»Und um es kurz zu machen,« fuhr Melusine fort, »Woldemar
-sprach bei dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe«
-(und dabei wies sie lächelnd auf das Bildchen der Lind) »so auch
-von Ihrer letzten &ndash; nein, nein, nicht von Ihrer letzten; <em class="gesperrt">Sie</em>
-werden immer eine neue finden &ndash;, sprach also von Ihrer Begeisterung
-für den herrlichen Mann da weit unten am Tajo, von
-Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er ausgesprochen
-hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um
-den ›<em class="antiqua">Un Santo</em>‹ geschart und einen geheimen Bund geschlossen. Erst
-um den ›<em class="antiqua">Un Santo</em>‹ und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag
-ich Sie, wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne sie
-gar nicht existierte? Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich
-bin, denk ich, dem Tage nahe, der mich ahnen läßt, daß unsre
-Prüfungen auch unsre Segnungen sind und daß mir alles Leid nur
-kam, um den Stab, der trägt und stützt, fester zu umklammern. Ich
-darf leider nicht hinzusetzen, daß dieser Stab (möglich, daß er sich
-einst dazu auswächst) das Kreuz sei. Meiner ganzen Natur nach
-bin ich ungläubig. Aber ich hoffe sagen zu dürfen: ich bin
-wenigstens demütig.«</p>
-
-<p>»Wenigstens demütig,« wiederholte Lorenzen langsam, zugleich
-halb verlegen vor sich hinblickend, und Melusine, die
-Zweifel, die sich in der Wiederholung dieser Worte ziemlich
-deutlich aussprachen, mit scharfem Ohre heraushörend, fuhr in
-plötzlich verändertem und beinah heiterem Tone fort: »Wie
-grausam Sie sind. Aber Sie haben recht. Demütig. Und daß
-ich mich dessen auch noch berühme. Wer ist demütig? Wir
-alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber
-das darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span></p>
-
-<p>»Und schon <em class="gesperrt">der</em> gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist Demut
-nicht genug; sie schafft nicht, sie fördert nicht nach außen, sie
-belebt kaum.«</p>
-
-<p>»Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie
-mit dem Egoismus aufräumt. Wer die Staffel hinauf will,
-muß eben von unten an dienen. Und soviel bleibt, es birgt
-sich in ihr die Lösung jeder Frage, die jetzt die Welt bewegt.
-Demütig sein heißt christlich sein, christlich in meinem, vielleicht
-darf ich sagen in <em class="gesperrt">unsrem</em> Sinne. Demut erschrickt vor dem
-zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist duldsam, weil er weiß,
-wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf; wer demütig ist, der
-sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im
-Menschen.«</p>
-
-<p>»Ich kann Ihnen zustimmen,« lächelte Lorenzen. »Aber
-wenn ich, Frau Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind
-diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was andrem. Sie
-halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer
-Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas Spezielles und
-beinah Praktisches.«</p>
-
-<p>»Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben.
-Es ist so. Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her,
-von Ihrem See, dem Besten, was Sie hier haben. Ich habe
-mich dagegen gewehrt, als das Eis aufgeschlagen werden sollte,
-denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das, was sich
-verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere das Gegebene. Daneben
-aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende
-wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein.
-Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben,
-aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor
-allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang
-der Dinge nie vergessen. Sich abschließen heißt
-sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf
-an, daß wir gerade <em class="gesperrt">das</em> beständig gegenwärtig haben. Mein<span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span>
-Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen
-edeln Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen
-Charakter hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft
-bestimmbar. Er ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich
-gegen abweichende Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile
-wehren zu können. Er bedarf der Stütze. Diese Stütze
-sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen.
-Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ›Seien Sie's ferner.‹«</p>
-
-<p>»Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren
-Dienst trete, gnädigste Gräfin. Und ich kann es um so leichter,
-als Ihre Ideale, wie Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich
-lebe darin und empfind es als eine Gnade, da, wo das Alte
-versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um ein solches
-›Neues‹ handelt es sich. Ob ein solches ›Neues‹ sein soll (weil
-es sein muß), oder ob es <em class="gesperrt">nicht</em> sein soll, um diese Frage dreht
-sich alles. Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher
-Leute, die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte &ndash; das
-Kirchliche voran (leider nicht das Christliche) &ndash; müsse verteidigt
-werden wie der salomonische Tempel. In unserer Obersphäre
-herrscht außerdem eine naive Neigung, alles ›Preußische‹
-für eine höhere Kulturform zu halten.«</p>
-
-<p>»Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit
-willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive
-Glaube nicht eine gewisse Berechtigung hat?«</p>
-
-<p>»Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht
-anders sein. Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das
-Alte besteht darin, daß die Menschen nicht mehr durch ihre
-Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt werden.
-Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten nach allen
-Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war
-man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber;
-jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr
-sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span></p>
-
-<p>»Und beinah auch umgekehrt,« lachte Melusine. »Doch
-lassen wir dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör ich ein Wort
-von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen,
-über unsre Gesamtanschauungsweise, deren besondere
-Zulässigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrücklich anzweifeln.«</p>
-
-<p>»Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel
-nicht so sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens
-daran. Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes
-und Überlegenes und deshalb, wenn's sein kann, für etwas
-ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme. Was
-mal galt, soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein
-Gutes oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist aber unmöglich,
-auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer gewissen
-Herrlichkeitsvorstellung entspräche … Wir haben, wenn wir
-rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk
-sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die
-unter dem Soldatenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender
-Mann, seiner Zeit wunderbar angepaßt und ihr zugleich
-voraus. Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert, er hat auch,
-was viel wichtiger, die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen
-und an die Stelle von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft
-und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt,
-Gerechtigkeit, das war sein bester ›<em class="antiqua">rocher de bronce</em>‹.«</p>
-
-<p>»Und dann?«</p>
-
-<p>»Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht
-lange mehr auf sich warten, und das seiner Natur und seiner
-Geschichte nach gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male
-von Genie durchblitzt.«</p>
-
-<p>»Muß das ein Staunen gewesen sein.«</p>
-
-<p>»Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim.
-Anstaunen ist auch eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes
-als groß zu begreifen … Und dann kam die dritte Zeit. Nicht
-groß und doch auch wieder ganz groß. Da war das arme,<span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span>
-elende, halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie,
-wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben
-an die höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der
-Freiheit.«</p>
-
-<p>»Gut, Lorenzen. Aber weiter.«</p>
-
-<p>»Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein
-Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter
-geistig und moralisch gewiß. Aber der ›<em class="antiqua">Non soli cedo</em>-Adler‹
-mit seinem Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und
-die Begeisterung ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da,
-längst Abgestorbenes, ich muß es wiederholen, soll neu erblühn.
-Es tut es nicht. In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal
-wieder, aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen;
-wir können die römischen Kaiserzeiten, Gutes und
-Schlechtes, wieder haben, aber nicht das spanische Rohr aus
-dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von
-Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was
-einmal Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus
-der modernen Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten,
-verschwinden die Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich
-beständig vermehren) und wenn sie nicht selbst verschwinden,
-so schwindet doch das Interesse daran. Und mit dem Interesse
-das Prestige. An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker,
-und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als
-du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet
-und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben,
-aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren,
-und anstatt sich in diese Tatsache zu finden, versucht es unser
-Regime, dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu
-geben.«</p>
-
-<p>»Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's?
-Sie sprachen von ›Regime‹. Wer ist dies Regime? Mensch
-oder Ding? Ist es die von alter Zeit her übernommene Maschine,<span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span>
-deren Räderwerk tot weiterklappert, oder ist es der,
-der an der Maschine steht? Oder endlich, ist es eine bestimmte
-abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine
-zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen,
-klingt eine sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den
-Adel? Stehen Sie gegen die ›alten Familien‹?«</p>
-
-<p>»Zunächst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die
-alten Familien und möchte beinah glauben, jeder liebt sie.
-Die alten Familien sind immer noch populär, auch heute noch.
-Aber sie vertun und verschütten diese Sympathien, die doch
-jeder braucht, jeder Mensch und jeder Stand. Unsre alten
-Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, ›daß es
-ohne sie nicht gehe‹, was aber weit gefehlt ist, denn es geht
-sicher auch ohne sie; &ndash; sie sind nicht mehr die Säule, die das
-Ganze trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl
-noch lastet und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen
-kann. Wohl möglich, daß aristokratische Tage mal wiederkehren,
-vorläufig, wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen einer
-demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an.
-Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch
-nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr
-Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können.
-Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Woldemar
-angeht, <em class="gesperrt">meiner</em> sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt
-freilich, als Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für <em class="gesperrt">die</em> müssen
-<em class="gesperrt">Sie</em> die Bürgschaft übernehmen. Die Frauen bestimmen
-schließlich doch alles.«</p>
-
-<p>»So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es zu
-glauben. Aber das führt uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig
-Ihre Hand zur Besieglung. Und nun erlauben Sie mir,
-nach diesem unserm revolutionären Diskurse, zu den Hütten
-friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei dem
-alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne<span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span>
-darauf, daß Sie mich, wenn nicht bis ins ›Museum‹ selbst
-(das dem Programm nach besucht werden sollte), so doch
-wenigstens bis auf die Schloßrampe begleiten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Dreissigstes_Kapitel">Dreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum
-Schloß plauderten beide weiter, wenn auch über sehr andere
-Dinge.</p>
-
-<p>»Was ist es eigentlich mit diesem ›Museum‹?« fragte
-Melusine; »kann ich mir doch kaum was Rechtes darunter
-vorstellen. Eine alte Papptafel mit Inschrift hängt da schräg
-über der Saaltür, alles dicht neben meinem Schlafzimmer,
-und ich habe mich etwas davor geängstigt.«</p>
-
-<p>»Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel,
-die freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur
-andeuten, daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen
-Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei
-Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen. Und
-Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsamkeiten begegnen.
-Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches
-Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr
-von Stechlin anfänglich aus war.«</p>
-
-<p>»Und das war?«</p>
-
-<p>»Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl
-schon zwanzig Jahre sein, da las er eines Tages in der Zeitung
-von einem Engländer, der historische Türen sammle und neuerdings
-sogar für eine enorme Summe, ich glaube es waren
-tausend Pfund, die Gefängnistür erstanden habe, durch die
-Ludwig <em class="antiqua">XVI.</em> und dann später Danton und Robespierre zur
-Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz
-machte solchen Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span>
-Schloßherrn, daß er auch solche historische Türensammlung anzulegen
-beschloß. Er ist aber nicht weit damit gekommen und
-hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster begnügen müssen.
-an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur Enthauptung
-vorübergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die
-meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält
-noch daran fest.«</p>
-
-<p>»Krippenstapel?«</p>
-
-<p>»Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser
-Lehrer hier, Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei
-Dingen. Der hat ihm denn auch das gegenwärtige ›Museum‹,
-das man als Abschlagszahlung auf die ›historischen Türen‹
-ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem angezweifelten
-Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen
-finden und vor allem viele Wetterhähne, die von alten
-märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige
-sollen ganz interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür.
-Aber Krippenstapel hat einen Katalog angefertigt.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen,
-auf der Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete.
-Lorenzen empfahl sich. Aber auch Melusine wollte nicht
-gleich ins Museum hinauf, zog es vielmehr vor, erst unten in
-das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen.</p>
-
-<p>Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen,
-was der Gräfin gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.</p>
-
-<p>»Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und
-auch Kienäpfel. Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt.
-Und oben im ›Museum‹ wird es wohl noch kalt sein.«</p>
-
-<p>»Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na,
-das ging am Ende noch, und der viele Staub, der oben liegt,
-das ginge vielleicht auch noch; Staub wärmt. Und die Dachtraufen
-und Wetterhähne tun auch keinem Menschen was&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber was ist denn sonst noch?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die Spinnen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Spinnen?« erschrak Melusine.</p>
-
-<p>»Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind
-nich dabei. Solche mit'm Kreuz oben hab ich bei uns noch
-nicht gesehn. Bloß solche, die Schneider heißen.«</p>
-
-<p>»Ach, das sind die, die die langen Beine haben.«</p>
-
-<p>»Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts.
-Und eigentlich sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich,
-wenn sie hören, daß aufgeschlossen wird, und bloß wenn
-Krippenstapel kommt, dann kommen sie alle raus un kucken sich
-um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut, und ich hab auch
-mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt, und machen sich
-dann gleich drüber her.«</p>
-
-<p>»Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?«</p>
-
-<p>»O, sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal so was
-sagte, sagte er: ›Ja, Engelke, das is nu mal so; einer frißt den
-andern auf.‹«</p>
-
-<p>Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte
-Melusine: »Nun, Engelke, ist es aber wohl die höchste Zeit
-für das Museum, sonst komm ich zu spät und seh und höre gar
-nichts mehr. Ich bin nun auch wieder warm geworden.«
-Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe hinauf und klopfte.
-Sie wollte nicht gleich eintreten.</p>
-
-<p>Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet,
-und Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte
-sich und trat zurück, um den Platz freizugeben. Aber
-Melusine, deren Angst vor ihm wiederkehrte, zauderte, was
-eine momentane Verlegenheit schuf. Inzwischen war aber
-auch Dubslav herangekommen. »Ich fürchtete schon, daß
-Lorenzen Sie nicht herausgeben würde. Seine Gelegenheiten,
-hier in Stechlin ein Gespräch zu führen, sind nicht groß, und nun
-gar ein Gespräch mit Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig<span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span>
-gemacht. Jetzt aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau;
-vielleicht daß Lorenzen schon geplaudert hat oder gar Engelke.«</p>
-
-<p>»So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein Küstriner
-Schloßfenster, ein paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne
-&ndash; lauter Gegenstände (denn ich bin auch ein bißchen
-fürs Aparte), zu deren Auswahl ich Ihnen gratuliere.«</p>
-
-<p>»Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne sonderlich
-überrascht zu sein. Ich wußte, Damen wie Gräfin Ghiberti
-haben Sinn für derlei Dinge. Darf ich Ihnen übrigens zunächst
-hier diesen Lebuser Bischof zeigen und hier weiter einen
-Heiligen oder vielleicht Anachoreten? Beide, Bischof und
-Anachoret, sind sehr unähnlich untereinander, schon in bezug
-auf Leibesumfang, &ndash; der richtige Gegensatz von Refektorium
-und Wüste. Wenn ich den Heiligen hier so sehe, taxier ich ihn
-höchstens auf eine Dattel täglich. Und nun denk ich, wir fahren
-in unsrer Besichtigung fort. Krippenstapel war nämlich eben
-dabei, der Komtesse Armgard unsern Derfflingerschen Dragoner
-mit der kleinen Standarte und der Jahreszahl 1675 zu
-zeigen. Bitte, Gräfin Melusine, bemerken Sie hier die Zahl,
-dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt, wie wenn
-er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle.
-Daß es ein Dragoner ist, ist klar; der Filzhut mit der breiten
-Krempe hebt jeden Zweifel, und ich hab es für mein gutes Recht
-gehalten, ihn auch speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen.
-Aber mein Freund Krippenstapel will davon nichts
-wissen, und wir liegen darüber seit Jahr und Tag in einer
-ernsten Fehde. Glücklicherweise unsre einzige. Nicht wahr,
-Krippenstapel?«</p>
-
-<p>Dieser lächelte und verbeugte sich.</p>
-
-<p>»Die beiden Damen,« fuhr Dubslav fort, »mögen aber
-nicht etwa glauben, daß ich mich für berechtigt halte, die freie
-Wissenschaft hier in meinem Museum in Banden zu schlagen.
-Grad umgekehrt. Ich kann also nur wiederholen: ›Krippenstapel,<span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span>
-Sie haben das Wort.‹ Und nun bitte, setzen Sie den
-Damen Ihrerseits auseinander, warum es nach ganz bestimmten
-Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher <em class="gesperrt">nicht</em> sein kann.
-Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht, und die großen
-Gobelins lassen einen im Stich und beweisen gar nichts.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand
-des Streits bildende Wetterfahne wieder in die Hand
-genommen, und als er sah, daß die Gräfin &ndash; die, wie das in
-ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten noch so gefürchteten
-›Fliegentöter‹ längst in ihr Herz geschlossen hatte &ndash; ihm freundlich
-zunickte, ließ er auf Geltendmachung seines Standpunktes
-auch nicht lange mehr warten und sagte: »Ja, Frau Gräfin,
-der Streit schwebt nun schon so lange, wie wir den Dragoner
-überhaupt haben, und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst
-in das gegnerische Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband
-stehn, übergegangen, wenn er nicht an meiner wissenschaftlichen
-Ereiferung seine beständige Freude hätte. Tucheband,
-einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht vorbeischießt,
-hat auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen.
-Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen, von wo diese
-Wetterfahne stammt. Sie stammt aus dem wenigstens damals
-noch der alten Familie von Mörner zugehörigen Dorfe
-Zellin in der Neumark. Das Regiment aber, das sich bei Fehrbellin
-vor allen andern auszeichnete, war das Dragonerregiment
-Mörner. Es ist also kein Derfflingerscher, sondern
-ein Mörnerscher Dragoner, der, in fliegender Eile, die Nachricht
-von dem erfochtenen Siege nach Zellin bringt.«</p>
-
-<p>»Bravo,« sagte Melusine. »Wenn ich je eine richtige Schlußfolgerung
-gehört habe (die meisten sind Blender), so haben wir
-sie hier. Herr von Stechlin, ich kann Ihnen nicht helfen, Sie
-sind besiegt.«</p>
-
-<p>Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die Hand,
-ohne sich um die mißbilligenden Blicke seiner Schwester zu<span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span>
-kümmern, die jetzt ihrerseits auf endliche Vorführung der ›beiden
-Mühlen‹ drang, ihrer zwei Lieblingsstücke. Diese beiden
-Mühlen, so versicherte sie, seien das einzige, was hier überhaupt
-einen Anspruch auf ›Museum‹ erheben dürfe. Beinah
-war es wirklich so, wie selbst Krippenstapel zugab, trotzdem sich,
-bis wenigstens ganz vor kurzem, nichts von historischer Kontroverse
-(die doch schließlich immer die Hauptsache bleibt) daran
-geknüpft hatte. Neuerdings freilich hatte sich das geändert.
-Zwei Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die
-Mühlen in Streit geraten, speziell über ihren Ursprungsort.
-Zwar hatte man sich vorläufig dahin geeinigt, daß die Wassermühle
-holländisch, die Windmühle dagegen (eine richtige alte
-Bockmühle) eine Nürnberger Arbeit sei; Krippenstapel aber hatte
-bei diesem Friedensschlusse nur gelächelt. Er war viel zu sehr
-ernster Wissenschaftsmensch, als daß er nicht hätte herausfühlen
-sollen, wie diese sogenannte ›Beilegung‹ nichts als eine Verkleisterung
-war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten stand nahe
-bevor.</p>
-
-<p>Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen, da beide
-Schwestern, Armgard wie Melusine, wie Kinder vor einem
-Lieblingsspielzeug, in einem ganz ausbündigen Vergnügen
-aufgingen. Die Windmühle klapperte, daß es eine Lust war,
-und das Rad der Wassermühle, wenn es grad in der Sonne
-blitzte, gab einen solchen Silberschein, daß es aussah, als fiele
-das blinkende Wasser wirklich über die Schaufelbretter. All
-das wurde gesehn und bewundert, und was nicht gesehn wurde,
-nahm man auf Treu und Glauben mit in den Kauf. Von
-den Spinnen kam keine zum Vorschein; nur hier und da hingen
-lange graue Gewebe, was jedoch nur feierlich aussah, und als
-Mittag heran war, verließ man das »Museum«, um sich erst
-eine Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die
-Gräfin aber, ehe sie den großen, wüsten Raum verließ, trat
-noch einmal an Krippenstapel heran, um ihn, unter gewinnendstem<span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span>
-Lächeln, zu bitten, ihr, sobald ein ernsterer Streit über die
-beiden Mühlen entbrennen sollte, die betreffenden Schriftstücke
-nicht vorzuenthalten.</p>
-
-<p>Krippenstapel versprach alles.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon eine
-Viertelstunde vorher erschien Lorenzen und traf den alten
-Dubslav in einer gewissen stattlichen Herrichtung an oder, wie
-er sich selbst zu Engelke geäußert hatte, »ganz feudal«.</p>
-
-<p>»Ach, das ist gut, Lorenzen, daß Sie schon kommen. Ich
-habe noch allerhand auf dem Herzen. Es muß doch was geschehn,
-eine richtige Begrüßung (denn das gestern abend war
-zu wenig) oder aber ein solennes Abschiedswort, kurzum irgendwas,
-das in das Gebiet der Toaste gehört. Und da müssen Sie
-helfen. Sie sind ein Mann von Fach, und wer jeden Sonntag
-predigen kann, kann doch schließlich auch ne Tischrede halten.«</p>
-
-<p>»Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter
-ist eine Tischrede leicht und eine Predigt schwer, aber es kann
-auch umgekehrt liegen. Außerdem, wenn Sie sich nur erst mit
-dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß es so sein muß,
-dann geht es auch. Sie werden sehn, das Herz, wie immer,
-macht den Redner. Und dazu diese Damen, beide von so seltener
-Liebenswürdigkeit. Was die Gräfin angeht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte der Alte, »was die Gräfin angeht … Sie
-machen sich's bequem, Pastor. Die Gräfin, &ndash; wenn sich's
-um die handelte, da könnt ich's vielleicht auch. Aber die Komtesse,
-die hat so was Ernstes. Und dann ist sie zum übrigen
-auch noch meine Schwiegertochter oder soll es wenigstens
-werden, und da muß ich doch sprechen wie ne Respektsperson.
-Und das ist schwer, vielleicht, weil sich in meiner Vorstellung
-die Gräfin immer vor die Komtesse schiebt.«</p>
-
-<p>Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm nichts;
-Lorenzen war in seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so<span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span>
-kam denn die Tisch- und endlich auch die gefürchtete Redezeit
-heran. Der Alte hatte sich schließlich drin gefunden. »Meine
-lieben Gäste,« hob er an, »geliebte Braut, hochverehrte Brautschwester!
-Ein andres Wort, um meine Beziehungen zu Gräfin
-Melusine zu bezeichnen, hat vorläufig die deutsche Sprache nicht,
-was ich bedaure. Denn das Wort sagt mir lange nicht genug.
-Wenige Stunden erst ist es, daß ich Sie, meine Damen, an
-dieser Stelle begrüßen durfte, noch kein voller Tag, und schon
-ist der Abschied da. Währenddem hab ich kein ›Du‹ beantragt,
-aber es liegt doch in der Luft, mehr noch auf meiner Lippe …
-Teuerste Armgard! dies alte Haus Stechlin also soll Ihre dereinstige
-Heimstätte werden; Sie werden sie zu neuem Leben erheben.
-Unter meinem Regime war es nicht viel damit. Auch
-heute nicht. Ich habe nur das gute Gewissen, Ihnen während
-dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu haben, was gezeigt
-werden konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle
-(die Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber mein
-Derfflingerscher Dragoner &ndash; in Krippenstapels Abwesenheit
-darf ich ihn ja wieder so nennen &ndash; hat dafür um so deutlicher
-zu Ihnen gesprochen. Er hat die Zahl 1675 in seiner Standarte
-und trägt die Siegesnachricht von Fehrbellin ins märkische Land.
-Erleb ich's noch und gibt Krippenstapel seine Zustimmung, so
-stell ich, kurz oder lang, auch meinerseits einen Dragoner auf
-meinen Dachreiter (einen Turm hab ich nicht) und zwar einen
-Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien und
-Irland, und auch er trägt eine Siegesbotschaft ins Land. Nicht
-die von Königgrätz und nicht die von Mars-la-Tour, aber die
-von einem gleich gewichtigen Siege. Das Haus Barby lebe hoch
-und meine liebe Schwiegertochter Armgard!«</p>
-
-<p>Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er an den
-Alten herantrat, flüsterte er ihm zu: »Sehn Sie. Ich wußt
-es.« Armgard küßte dem Alten die Hand, Melusine strahlte.
-»Ja, die alte Garde!« sagte sie. Nur Schwester Adelheid konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span>
-sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut zurechtfinden. Alle
-Feierungen mußten eben das Maß halten, das sie vorschrieb. Sie
-hatte den landesüblichen Zug: »Nur nicht zuviel von irgendwas,
-am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung.«</p>
-
-<p>Als man wieder saß, sagte Melusine: »Krippenstapel wird
-übrigens verstimmt sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hört.
-Es war doch eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des
-Derfflingerschen. Und was bei solcher Gelegenheit gesagt
-wird, das gilt … Interessiert sich übrigens irgendwer für dies
-Ihr Museum?«</p>
-
-<p>»Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst niemand.«</p>
-
-<p>»Was Sie verdrießt.«</p>
-
-<p>»Nein, gnädigste Gräfin. Nicht im geringsten. Ich nehme
-nicht vieles ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft nehm ich
-mein Museum. Es ist freilich von mir ausgegangen und interessierte
-mich auch eine Weile; hinterher aber hat sich eigentlich
-alles ohne mich gemacht. Das ist so die Regel. Ist überhaupt
-erst ein Anfang da, so laufen die Dinge von selber weiter, und
-die Leute lassen einen nicht wieder los, halten einen fest, man
-mag wollen oder nicht. Ich hätte vielleicht alles schon längst
-wieder aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen gereicht
-es zur Befriedigung, mich für einen Querkopf halten zu können,
-und andre sprechen wenigstens von Originalitätshascherei.
-Man muß eben allerhand über sich ergehen lassen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Einunddreissigstes_Kapitel">Einunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen
-Damen auf, um den Zug, der um sieben Uhr Gransee passierte,
-nicht zu versäumen. Es dunkelte schon, aber der Schnee sorgte für
-einen Lichtschimmer; so ging es über die Bohlenbrücke fort in die
-Kastanienallee mit ihrem kahlen und übereisten Gezweige hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span></p>
-
-<p>Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte
-sich, um wieder warm zu werden &ndash; auf der Rampe war's
-kalt und zugig gewesen &ndash;, in die Nähe des Kamins, dem alten
-Dubslav gegenüber. Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet
-und sah behaglich in die Flamme, blieb aber ganz gegen
-seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine dritte Person
-da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die sich
-auszulassen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich
-nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante
-Adelheid. <em class="gesperrt">Die</em> wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus
-der Versuch einer Konversation gemacht werden, und so griff
-denn Dubslav zu den Gundermanns hinüber, um in ein paar
-Worten sein Bedauern darüber auszudrücken, daß er die Siebenmühlner
-nicht habe mit heranziehn können. »Engelke sei so
-sehr dagegen gewesen.« All dies Bedauern &ndash; wie's der ganzen
-Sachlage nach nicht anders sein konnte &ndash; kam flau genug
-heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß
-ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche nur ganz leise, nur
-ganz ohnehin streifende Worte schon zuwider waren. »Ach,
-laß doch diese geborne Helfrich,« sagte sie, »diese Tochter von
-dem alten Hauptmann, der die Schlacht bei Leipzig gewonnen
-haben soll. So wenigstens erzählt sie beständig. Eine schreckliche
-Frau, die gar nicht in unsre Gesellschaft paßt. Und dabei
-so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn wir so mit Gewalt nach
-oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das muß ich sagen, ist denn
-doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte das Untersichbleiben
-für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse,
-aber bestimmt gezogene Grenzen.«</p>
-
-<p>Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr
-umgekehrt, durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren
-Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen. Als er aber sah,
-daß er damit scheiterte, brach er auf.</p>
-
-<p>Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p>
-
-<p>Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur
-dann und wann an den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee
-her die Likörflaschen standen. Er wollte was sagen, traute
-sich's aber nicht recht, und erst als er zu zwei Curaçaos auch
-noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte er sich an
-die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene
-Kette hin und her zog.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, »jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.«</p>
-
-<p>»Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde
-natürlich ausholen lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht
-gerne langsam fahren.«</p>
-
-<p>»Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest,
-überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten.
-Das sollte mir leid tun. Ich bin sehr glücklich über die Partie.
-Gewiß, sowohl die Gräfin wie die Komtesse sind verwöhnt; das
-merkt man. Aber ich möchte sagen, je verwöhnter sie sind&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich
-liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.«</p>
-
-<p>»Nun, das ist nicht schlimm.«</p>
-
-<p>»Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen.
-Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorf in Berlin
-und ging zu Josty, weil die Schmargendorf, die so was liebt,
-gern eine Tasse Schokolade trinken wollte.«</p>
-
-<p>»Du hoffentlich auch.«</p>
-
-<p>»Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu,
-nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn
-an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame, wenn es
-überhaupt eine Dame war. Aber Engländer waren es. Er
-steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider umgekrempelt,
-und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut.
-Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer
-zitterte, trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.«</p>
-
-<p>»Ja, warum nicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span></p>
-
-<p>»Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und
-Kognak, und die Dame hielt außerdem noch eine Zigarette
-zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein,
-die sie blies.«</p>
-
-<p>»Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.«</p>
-
-<p>»Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.«</p>
-
-<p>»Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum
-soll Melusine nicht rauchen?«</p>
-
-<p>»Weil Rauchen männlich ist.«</p>
-
-<p>»Und Schlachten weiblich … Ach, Adelheid, wir können
-uns über so was nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch,
-aber du, du bist ja geradezu petrefakt.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es
-etwas ist, dessen du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar
-genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch
-(und hast so deine Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.«</p>
-
-<p>»Kann ich beinah sagen.«</p>
-
-<p>»Ich dacht es mir.«</p>
-
-<p>»Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt
-eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer.
-Und im Kirchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat,
-steht sogar Adelheide. Das Schluß-›e‹ ist bei der schlechten Wirtschaft
-in unserm Hause so mit drauf gegangen. Die Stechline
-haben immer alles verurscht.«</p>
-
-<p>»Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.«</p>
-
-<p>»Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem,
-schon der alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen
-Wörter nicht so streng sein und gegen Namen erst recht nicht,
-da sitze manch einer in einem Glashause. Hältst du Rentmeister
-Fix für einen schönen Namen? Und als ich noch bei den Kürassieren
-in Brandenburg war, in meinem letzten Dienstjahr,
-da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung,
-der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span>
-ich <em class="gesperrt">dem</em> gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin
-Melusine, so hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe
-vorstellen müssen oder als einen Kugelmann. Denn damals,
-es war anno vierundsechzig, waren alle ›Briefbeschwerer‹
-bloß ›Kugelmänner‹: ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln
-unten. Und natürlich ne Kartätschenkugel als Bauch
-in der Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das
-zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie'n Strich.«</p>
-
-<p>»Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst
-da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage
-Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will.«</p>
-
-<p>»Küss' die Hand&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist
-das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer
-heißt, und überlass' es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann
-sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine. Briefbeschwerer,
-nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall,
-und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine
-richtige Melusine. Alles an dieser Person&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich bitte dich, Adelheid&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein
-soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie
-gesehn. Und wenn ich mir dann unsern armen Woldemar
-daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang
-an verloren. Eh er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt,
-trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder vielleicht auch
-grade deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen
-in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange
-denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem
-Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch
-leichter zu fangen als Woldemar. Er sah sie immer an wie ne
-Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel.
-Aber wovon?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p>
-
-<h2 id="Hochzeit">Hochzeit</h2>
-
-<h3 id="Zweiunddreissigstes_Kapitel">Zweiunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück.
-Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer
-begleitet, mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen
-Hause verzichten, weil im Kasino eine kleine Festlichkeit
-stattfand, der er beiwohnen wollte.</p>
-
-<p>Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich
-auf seinem Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein
-Fuß, wie stets, wenn das Wetter umschlug, mal wieder mit einer
-ziemlich heftigen Neuralgie quälte.</p>
-
-<p>»Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung
-gehabt haben. Und wo ist Woldemar?«</p>
-
-<p>Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines
-Nichterscheinens um Entschuldigung bäte. »Gut, gut. Und
-nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ damals
-allerlei zu wünschen übrig … verzeih, Melusine. Da möcht
-ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal besser ginge.
-Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber die
-Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich
-auf eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht
-will, wiewohl erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen
-Schwiegermüttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter
-verbindlicher als der Sohn.«</p>
-
-<p>Armgard lachte. »Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span>
-Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der
-alte Stechlin fing an, und der Pastor folgte. Wenigstens
-schien es mir so.«</p>
-
-<p>»Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über
-den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht
-vergißt.«</p>
-
-<p>Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.</p>
-
-<p>»Dann bin ich beruhigt,« wiederholte der Alte. »Melusine
-gefällt fast immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht.
-Es gibt so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß
-gegen alles, was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig
-sind. Alle beschränkten und aufgesteiften Individuen,
-alle, die eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben &ndash;
-das richtige sieht ganz anders aus &ndash;, alle Pharisäer und Gernegroß,
-alle Selbstgerechten und Eiteln fühlen sich durch Personen
-wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn sich der alte Stechlin
-in Melusine verliebt hat, dann lieb ich ihn schon darum, denn
-er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich von ihm
-gar nicht zu wissen. Übrigens konnt es kaum anders sein. Der
-Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt:
-wenn ich den Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm … Und
-wer war denn noch da? Ich meine, von Verwandtschaft?«</p>
-
-<p>»Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz,« sagte Armgard.</p>
-
-<p>»Das ist die Schwester des Alten?«</p>
-
-<p>»Ja, Papa. Ältere Schwester. Wohl um zehn Jahr älter
-und auch nur Halbschwester. Und eine Domina.«</p>
-
-<p>»Sehr fromm?«</p>
-
-<p>»Das wohl eigentlich nicht.«</p>
-
-<p>»Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen
-zu haben.«</p>
-
-<p>Armgard schwieg.</p>
-
-<p>»Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das
-ist gut. Aber vielleicht <em class="antiqua">hautaine</em>?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p>
-
-<p>»Fast könnte man's sagen,« antwortete Melusine. »Doch
-paßt es auch wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein
-französisches Wort ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch.«</p>
-
-<p>»Ah, ich versteh. Also komische Figur.«</p>
-
-<p>»Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben,
-vorweltlich.«</p>
-
-<p>Der alte Graf lachte. »Ja, das ist in allen alten Familien
-so, vor allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das
-noch von Wien her, wo man überhaupt solche Fragen studieren
-kann. Ich verkehrte da viel in einem großen Bankierhause,
-drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern auch voll Orden
-und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem
-Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich,
-einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo
-&ndash; der in dem Stück von Shakespeare vorkommt &ndash; aussah,
-und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte, wer
-denn das sei, da hieß es: ›Ach, das ist ja Onkel Manasse.‹ Solche
-Onkel Manasses gibt es überall, und sie können unter Umständen
-auch Tante Adelheid heißen.«</p>
-
-<p>Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter
-sichtlich, und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte,
-wurd auch Armgard mitteilsamer und erzählte zunächst von
-Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, danach vom
-Stechlinsee (der ganz überfroren gewesen sei, so daß sie die berühmte
-Stelle nicht hätten sehen können) und zuletzt von dem
-Museum und den Wetterfahnen.</p>
-
-<p>Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte.
-»Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden,
-nicht bloß alte Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch
-allermodernste Silhouetten, sagen wir aus der Diplomatenloge.
-Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen.
-Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum gibt mir<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span>
-erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung,
-beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen
-hat. Ich bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen
-sammelt, das will doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute
-Seele, sondern auch eine kluge Seele, denn es is da so was drin,
-wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft. Und wer den
-machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann ich leben.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern,
-ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh
-zurück, aber ihr Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden
-Geistlichen und vor allem über die Domina (gegen die Melusine
-heftig eiferte) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort.</p>
-
-<p>»Ich glaube,« sagte Armgard, »du legst zuviel Gewicht
-auf das, was du das Ästhetische nennst. Und Woldemar tut
-es leider auch. Er läßt auf seine Mark Brandenburg sonst nichts
-kommen, aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie du.
-Wohin er blickt, überall vermißt er das Schönheitliche. Das
-Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig, sei bloß
-Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts
-der Art geboren.«</p>
-
-<p>»Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am
-meisten an ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der
-Domina spreche, zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen
-Dinge lege. Glaube mir, diese Dinge sind nicht bloß äußerlich.
-Wer kein feines Gefühl hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der
-existiert für mich überhaupt nicht und für meine Freundschaft
-und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da hast du mein Programm.
-Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich wunder
-wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von
-dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen
-mich ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die
-Heidenzeit, die wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span>
-selbst unser ›dunkles Mittelalter‹ &ndash; schönheitlich stand es höher
-als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst
-an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm.«</p>
-
-<p>»Ich erlebe noch,« lachte Armgard, »daß du nen neuen
-Kreuzzug oder ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm
-eigentlichen Thema ganz abgekommen, von der Domina. Du
-sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich untereinander. Welche
-Gefühle?«</p>
-
-<p>»Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglückwünscht sie
-sich zu sich selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst.
-Und daß sie das <em class="gesperrt">muß</em>, daran sind wir schuld, und das kann sie
-uns nicht verzeihn.«</p>
-
-<p>»Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da
-sagst, nicht gar so eitel klänge … Sie hat übrigens einen guten
-Verstand.«</p>
-
-<p>»Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die
-meisten. Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder
-recht wenig, und schließlich &ndash; ich muß leider zu diesem Berolinismus
-greifen &ndash; ist diese gute Domina doch nichts weiter
-als eine Stakete, lang und spitz. Und nicht mal grün gestrichen.«</p>
-
-<p>»Und der Alte? <em class="gesperrt">Der</em> wenigstens wird doch vor deiner Kritik
-bestehn.«</p>
-
-<p>»O, der; der ist <em class="antiqua">hors concours</em> und geht noch über Woldemar
-hinaus. Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?«</p>
-
-<p>»Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das
-alles von dir gemeint ist, Übermut und wieder Übermut. Aber
-er ist doch am Ende noch nicht so steinalt. Und <em class="gesperrt">du</em>, so lieb ich
-dich habe, du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten
-von Schwiegervater und Schwager, alles in einem,
-und womöglich noch allerhand dazu, zu verlieben.«</p>
-
-<p>»Jedenfalls mehr als in <em class="gesperrt">den</em>, der diese Kompliziertheiten
-darstellt oder gar erst schaffen soll … Also sei ruhig, freundlich
-Element.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span></p>
-
-<h3 id="Dreiunddreissigstes_Kapitel">Dreiunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar
-hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der
-Zwischenzeit war seitens des alten Grafen erwogen worden,
-ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen
-Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst aber war dagegen gewesen
-und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen Lebhaftigkeit
-versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie &ndash; ganz abgesehn
-von ihrem teuren Frommel &ndash; die Berliner Garnisonkirche weit
-vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen
-sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche
-soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und
-ein Gotteshaus, drin die Schwerins und die Zietens ständen
-(und wenn sie nicht drin ständen, so doch andre, die kaum schlechter
-wären) &ndash; eine historisch so bevorzugte Stelle wäre ihr an
-ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche, trotz der
-Särge so vieler Barbys unterm Altar. Woldemar war sehr
-glücklich darüber, seine Braut so preußisch-militärisch zu finden,
-die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage
-nach ›Verbleib oder Nichtverbleib‹ in der Armee durchgesprochen
-wurde, lachend erwidert hatte: »Nein, Woldemar, nicht jetzt
-schon Abschied; ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr
-noch für Major.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe
-Stunde vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem
-Schickedanzschen Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die
-Frau Versicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen. Von
-der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten
-Blumenestraden aufgestellt, auf denen die Lieblinge der Frau
-Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen, als ob es
-sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span>
-den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung
-genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs
-und natürlich auch Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst
-im Kommerzienrat Seligmannschen Hause, vor etwa acht Tagen
-ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.</p>
-
-<p>»Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?«</p>
-
-<p>»Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von
-bloß Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel einsetzte, die
-merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien
-eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte
-Graf, was man ihm auch noch ansehe, sei in seinen jungen
-Jahren unter den Carbonaris gewesen; aber mit einem Male
-hab er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sache
-geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur Vollstreckung
-der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf
-auch recht gut gewußt habe), hab er vorsichtigerweise seine schöne
-Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar
-an den Hof. Und Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">IV.</em>, der ihn sehr gern gemocht,
-hab auch immer Italienisch mit ihm gesprochen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen
-<em class="antiqua">en petit comité</em>, da das große Mittelzimmer, auch
-bei geschicktester Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen
-aufnehmen konnte. Der weitaus größte Teil der Gesellschaft
-setzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen, obenan
-natürlich der alte Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem
-ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den Entschluß
-anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. »Trösten
-wir uns,« sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit.
-Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen
-Rex und Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz.<span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span>
-Außerdem ein behufs Abschluß seiner landwirtschaftlichen
-Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron von
-Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu dem sich zunächst
-ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer Regimentskamerad
-von Woldemar) und des weiteren ein Doktor
-Pusch gesellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen
-her gut kannten. Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden
-Väter, beziehungsweise Schwiegerväter. Da weder der eine
-noch der andre zu den Rednern zählte, so ließ Frommel das
-Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und Scherz,
-Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt waren.
-Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar,
-am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher angefreundet,
-und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch
-ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging,
-sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung
-einer intimeren Privatunterhaltung nicht weiter behindert.</p>
-
-<p>»Ihr Herr Sohn,« sagte Frommel, »wovon ich mich persönlich
-überzeugen konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus
-schließen, daß Sie sich bei ihm einlogiert haben?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer
-mißlich. Und mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack
-oder meinetwegen auch bloß die Schrullenhaftigkeit seines
-Vaters, und so hat er mich, was immer das Beste bleibt, in
-einem Hotel untergebracht.«</p>
-
-<p>»Und Sie sind da zufrieden?«</p>
-
-<p>»Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich
-hinausgeht. Ich bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg,
-an dem mich immer nur die Französierung ärgerte,
-&ndash; sonst alles vorzüglich. Aber solche Gasthäuser sind eben,
-seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger altmodisch
-geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel
-Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel,<span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span>
-wozu noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert,
-der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich
-noch Leutnant war, freilich lange her, mußten alle Witze von
-Glasbrenner oder von Beckmann sein. Beckmann war erster
-Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte: ›da hat ja wieder
-der Beckmann …‹, so war man mit seiner Geschichte so gut wie
-raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels.
-Alle müssen ›Bristol‹ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber,
-wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende
-nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer
-prima. Ob es hier wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehn
-haben? Viele gewiß nicht, denn Schiffskapitäne, die zwischen
-Bristol und Newyork fahren, sind in unserm guten Berlin
-immer noch Raritäten. Übrigens darf ich bei allem Respekt
-vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist
-interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge,
-wo man eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie sei
-mal schön gewesen und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof
-gemacht. Und dazu dann Forellen und ein Landjäger, der
-eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über den stillen See
-bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und ist der See
-aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir unser
-Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen,
-und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich
-auch. Denn mir fällt eben ein, Sie waren ja mit unserm guten
-Kaiser Wilhelm, dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher
-Mensch war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner
-Seite. Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten
-Übermenschen etabliert; eigentlich gibt es aber bloß
-noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man
-durchaus zu einem ›Über‹ machen will. Ich habe von solchen
-Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es,
-nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren<span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span>
-sind, sonst könnte man verzweifeln. Und daneben unser
-alter Wilhelm! Wie war er denn so, wenn er so still seine
-Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm erzählen?
-So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt.«</p>
-
-<p>»Ich darf sagen ›ja‹, Herr von Stechlin. Habe so was mit
-ihm erlebt. Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade
-die besten. Da hatten wir mal einen schweren Regentag in
-Gastein, so daß der alte Herr nicht ins Freie kam und, statt
-draußen in den Bergen, in seinem großen Wohnzimmer
-seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut es eben
-ging. Unter ihm aber (was er wußte) lag ein Schwerkranker.
-Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete,
-seh ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt
-und übereinander packt, und als er mein Erstaunen
-sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen
-Lächeln: ›Ja, lieber Frommel, da unter mir liegt
-ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung hat, ich
-trample ihm da so über den Kopf hin …‹ Sehn Sie, Herr
-von Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser.«</p>
-
-<p>Dubslav schwieg und nickte. »Wie beneid ich Sie, so was
-erlebt zu haben,« hob er nach einer Weile an. »Ich kannt ihn
-auch ganz gut, das heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm
-war, und dann oberflächlich auch später noch. Aber seine eigentliche
-Zeit ist doch seine Kaiserzeit.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit
-seinen größern Zwecken.«</p>
-
-<p>»Richtig, richtig,« sagte Dubslav, »das schwebte mir auch
-vor; ich konnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und
-so einen kriegen wir nicht wieder. Übrigens sag ich das in aller
-Reverenz. Denn ich bin kein Frondeur. <span id="corr343">Fronde ist</span> mir gräßlich
-und paßt nicht für uns. Bloß mitunter, da paßt sie doch vielleicht.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen,
-und um halb acht ging der Zug, mit dem das junge Paar noch
-bis Dresden wollte, dieser herkömmlich ersten Etappe für jede
-Hochzeitsreise nach dem Süden. Man erhob sich von der Tafel,
-und während die Gäste, bunte Reihe machend, untereinander
-zu plaudern begannen, zogen sich Woldemar und Armgard
-unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon
-voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem
-Barbyschen Hause. Die Baronin und Melusine hatten sich
-zur Begleitung des jungen Paares miteinander verabredet
-und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard es
-hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab
-aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene
-Rang- und Höflichkeitsstreiterei. »Ja, wenn es jetzt in die
-Kirche ginge,« sagte Armgard, »so hättest du recht. Aber unser
-Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden,
-und Woldemar und ich sind, vier Stunden nach der Trauung,
-schon wieder wie zwei gewöhnliche Menschen. Und sich dessen
-bewußt zu werden, damit kann man nicht früh genug anfangen.«</p>
-
-<p>»Armgard, du wirst mir zu gescheit,« sagte Melusine.</p>
-
-<p>Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter
-Bahnhof eintraf, waren Rex und Czako bereits da &ndash; beide
-mit Riesensträußen &ndash;, zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung
-ihrer Buketts wieder zurück. Nur die Baronin und
-Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter
-lebhafter Plauderei bis zum Abgange des Zuges. In dem
-von dem jungen Paare gewählten Coupé befanden sich noch
-zwei Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille,
-konnte nur ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und
-Juchtenkoffer, war augenscheinlich ein »Internationaler« aus
-dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas.</p>
-
-<p>Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in
-Bewegung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern.
-Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden Wagen.
-Es war ein herrliches Wetter, einer jener Vorfrühlingstage,
-wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen.</p>
-
-<p>»Es ist so schön,« sagte Melusine. »Benutzen wir's. Ich
-denke, liebe Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin
-in den Tiergarten hinein und dann an den Zelten vorbei bis
-in Ihre Wohnung.«</p>
-
-<p>Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber,
-wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg
-einbogen, sagte die Baronin: »Ich begreife Stechlin nicht,
-daß er nicht ein Coupé apart genommen.«</p>
-
-<p>Melusine wiegte den Kopf.</p>
-
-<p>»Den mit der goldenen Brille,« fuhr die Baronin fort,
-»den nehm ich nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist
-auch kaum eine Störung. Aber der andre mit dem Juchtenkoffer.
-Er schien ein Russe, wenn nicht gar ein Rumäne. Die
-arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch
-wieder nicht.«</p>
-
-<p>»Wohl ihr.«</p>
-
-<p>»Aber Gräfin&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu
-hören. Und doch hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit:
-gebranntes Kind scheut das Feuer.«</p>
-
-<p>»Aber Gräfin&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und
-fuhr an demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in
-einem Punkte ganz wie Dresden: nämlich erste Station bei
-Vermählungen. Auch Ghiberti &ndash; ich sage immer noch lieber
-›Ghiberti‹ als ›mein Mann‹; ›mein Mann‹ ist überhaupt ein
-furchtbares Wort &ndash; auch Ghiberti also hatte sich für Venedig
-entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel
-zu passieren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span></p>
-
-<p>»Weiß, weiß. Endlos.«</p>
-
-<p>»Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit
-uns gewesen, ein Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren
-aber allein. Und als ich aus dem Tunnel heraus war, wußt
-ich, welchem Elend ich entgegenlebte.«</p>
-
-<p>»Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste
-Freundin, und ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel.
-Es ist doch auch wie ein Schicksal.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung
-ihrer Buketts vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße
-zurückgezogen, und hier angekommen, sagte Czako: »Wenn
-es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir bis in das Restaurant
-Bellevue.«</p>
-
-<p>»Tasse Kaffee?«</p>
-
-<p>»Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel
-Suppe, ne Forelle <em class="antiqua">en miniature</em> und ein Poulardenflügel, &ndash;
-das ist zu wenig für meine Verhältnisse. Rund heraus, ich
-habe Hunger.«</p>
-
-<p>»Sie werden sich zu gut unterhalten haben.«</p>
-
-<p>»Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem,
-wenigstens Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen,
-aufs Geistige gestellt sind. Ein bißchen mag ich übrigens an
-meinem elenden Zustande selbst schuld sein. Ich habe nämlich
-immer nur die Gräfin angesehn und begreife nach wie vor unsren
-Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am
-Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und ihr kleiner
-Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze Komtesse.«</p>
-
-<p>»Czako, Sie werden wieder frivol.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span></p>
-
-<h3 id="Vierunddreissigstes_Kapitel">Vierunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz erwähnt,
-auch ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus
-weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon
-angegrautem Backenbart. Er war vor etwa fünfundzwanzig
-Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht
-Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu
-lassen. »Das Studium der Juristerei ist langweilig und die
-Karriere hinterher miserabel« &ndash; so war er denn als Korrespondent
-für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen
-und hatte sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen
-gewußt. Das ging so durch Jahre. Ziemlich um dieselbe
-Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner Stellung aufgab,
-war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach
-Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort
-freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst
-in Newyork, dann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück.
-Und zwar nach Deutschland. »Wo soll man am Ende
-leben?« Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich in Berlin
-wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert von Natur und ein
-klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis seiner letzten
-sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom Pilsener zum Weihenstephan.
-»Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum
-Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was.
-Chinesen werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein
-Chinese wird, das ist doch immer noch eine Sache von Belang.«</p>
-
-<p>Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei
-den Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner
-noch, und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten
-wieder durchsprechen und von Sandrigham und Hatfieldhouse,
-von Chatsworth und Prembroke-Lodge plaudern zu können.
-Eigentlich paßte der etwas weitgehende Ungeniertheitston,<span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span>
-in dem der Doktor seiner Natur wie seiner Newyorker Schulung
-nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu den Gepflogenheiten
-des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein gewisser
-Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das,
-was Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter
-Korrespondent, der er war, unterhielt er Beziehungen zu den
-Ministerien und, was fast noch schwerer ins Gewicht fiel, auch
-zu den Gesandtschaften. Er hörte das Gras wachsen. Auf
-Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen Telegramme hatten
-einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm gezeitigt,
-dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es
-war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: »Wirklicher
-Geheimer Oberregierungsrat« einen förmlichen Haß
-unterhielt. Herzog von Ujest oder Herzog von Ratibor waren
-ihm, trotz ihrer Kürze, immer noch zu lang, und so warf er denn
-statt ihrer einfach mit »Hohenlohes« um sich. In der Tat, er
-hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch wieder
-von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah
-er über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer
-beinah vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr
-zu paß kam. Ob dies Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime
-war, oder ob er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb
-mehr oder weniger langweilig fand, war nicht recht festzustellen;
-er kultivierte dafür mit Vorliebe das Finanzielle, vielleicht davon
-ausgehend, daß, wer die Finanzen hat, auch selbstverständlich
-alles andere hat, besonders die Liebe.</p>
-
-<p>Das war <em class="antiqua">Dr.</em> Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach,
-einer Gruppe von Personen an, die den »angerissenen Abend«
-noch in einem Lokal verbringen wollten.</p>
-
-<p>»Ja, wo?«</p>
-
-<p>»Natürlich Siechen.«</p>
-
-<p>»Ach, Siechen. Siechen ist für Philister.«</p>
-
-<p>»Nun denn also, beim ›schweren Wagner‹.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span></p>
-
-<p>»Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan.«</p>
-
-<p>»Und ich für Pilsener.«</p>
-
-<p>Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße,
-wo man beides haben könne.</p>
-
-<p>Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch
-der junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und
-abschließend Premierleutnant von Szilagy, der, wie schon
-angedeutet, früher bei den Gardedragonern gestanden, aber
-wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste, das
-Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen Jahren seinen
-Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war er
-nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings
-der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter
-dem bescheidenen Titel »<em class="antiqua">Bellis perennis</em>« veröffentlicht hatte.
-Lauter kleine Liebesgeschichten.</p>
-
-<p>Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen
-Graubündner Barons, erwiesen sich von Anfang an als ziemlich
-aufgeregt, und jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das
-Gefühl haben müssen, daß hier viel Explosionsstoff aufgehäuft
-sei. Trotzdem ging es zunächst gut; Wrschowitz hielt sich in
-Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern andern das Wort
-ließ, freute sich über Puschs Schwadronage, vielleicht weil er
-nur das heraushörte, was ihm gerade paßte.</p>
-
-<p>Leutnant von Szilagy &ndash; man kam vom Hundertsten aufs
-Tausendste &ndash; wurde bei den Fragen, die hin und her gingen,
-von ungefähr auch nach seinem Novellenbande gefragt und
-ob er Freude daran gehabt habe.</p>
-
-<p>»Nein, meine Herren,« sagte Szilagy, »das kann ich leider
-nicht sagen. Ich habe <em class="antiqua">Bellis perennis</em> auf eigne Kosten herstellen
-lassen und hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt,
-unter Beilegung eines Zettels; der ist denn auch von einigen
-Zeitungen abgedruckt worden, aber nur von ganz wenigen.
-Im übrigen schweigt die Kritik.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span></p>
-
-<p>»O, Krittikk« sagte Wrschowitz. »Ich liebe Krittikk. Aber
-gutte Krittikk schweigt.«</p>
-
-<p>»Und doch,« fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen
-Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden
-konnte, »doch sind diese schmerzlichen Gefühle nichts
-gegen das, was voraufgegangen. Ich unterhielt nämlich vor
-Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung in mir, einige dieser
-kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als dies mißlang, in
-einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich
-scheiterte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, natürlich scheiterten Sie,« sagte Pusch, »das spricht
-für Sie. Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in
-diesen Dingen einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben,
-ja ich darf beinah sagen, ich war doppelt drüben, erst drüben
-in England und dann drüben in Amerika. Da versteht man's.
-Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte Löschpapier! Man lebt
-davon und es regiert eigentlich die Welt. Aber, aber … Und
-dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von Parteiblatt,
-&ndash; furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal,
-&ndash; zweimal furchtbar!«</p>
-
-<p>»Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen
-Gebiete?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die Gnade nicht
-sinken. Aber ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn
-man so Wand an Wand wohnt, da weiß man doch einigermaßen,
-wie's bei dem Nachbar aussieht. Ach, und außerdem,
-wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet und mir dabei
-seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren.
-Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der
-großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und
-wenn er das redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt
-eine Normalnovelle. Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Assessor
-und ›Sommerleutnant‹ liebt Gouvernante von stupender<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span>
-Tugend, so stupende, daß sie, wenn geprüft, selbst auf diesem
-schwierigsten Gebiete bestehen würde. Plötzlich aber ist ein alter
-Onkel da, der den halb entgleisten Neffen an eine reiche Cousine
-standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der Situation!
-Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment
-entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin
-auch ihr Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind,
-so leben sie heute noch … Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie
-damit konkurrieren?«</p>
-
-<p>Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: »Doktor Pusch,
-Pardon, aber ich glaube beinah, Sie übertreiben. Und Sie
-wissen es auch.«</p>
-
-<p>Pusch lachte: »Wenn man etwas der Art sagt, übertreibt man
-immer. Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe
-Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung.
-Glauben Sie, daß Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt
-hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken
-einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei
-vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!«</p>
-
-<p>»Serr gutt, serr gutt.«</p>
-
-<p>»Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur
-spreche. Herr von Szilagy, den wir so glücklich sind unter
-uns zu sehn, soll aufgerichtet, seine Seele soll mit neuem Vertrauen
-erfüllt werden. Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser
-ist. Er soll wieder lachen können. Und wenn man solche Wirkung
-erzielen will, ja, dann muß man eben deutlich und zugleich
-etwas phantastisch sprechen. Indessen auch ernsthaft
-angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung (ich vermeide
-mit Vorbedacht das Wort ›Schöpfung‹) oder gar mit dem Verschleiß
-der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem
-Bilde sprechen. Da haben wir jetzt in unsern Blumenläden
-allerlei Kränze, voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden
-und meist noch behufs besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte<span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span>
-Weidenrute geflochtenen Urkranz. Und nun treten Sie,
-je nach der Situation, an die sich Ihnen mit betrübter oder auch
-mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin heran, um zu
-Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen, zu drei
-Mark oder zu fünf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung
-entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche
-Georginen oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter
-Höchstbewilligung sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher
-Form und Farbe.«</p>
-
-<p>»Kenne die Orchidee,« rief Wrschowitz in höchster Ekstase,
-»lila mit gelb.«</p>
-
-<p>Pusch nickte, zugleich in steigendem Übermut fortfahrend:
-»Und genau so mit der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der
-Urkranz; nichts fehlt als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich
-verabredet wird. Bei Höchstbewilligung wird ein Verstoß
-gegen die Sittlichkeit eingeflochten. Das ist dann die große
-Orchidee, lila mit gelb, wie Freund Wrschowitz sehr richtig
-hervorgehoben hat.«</p>
-
-<p>»Unter diesen Umständen,« bemerkte hier Baron Planta,
-»will es mir als ein wahres Glück erscheinen, daß Herr von
-Szilagy, wie ich höre, mehrere Eisen im Feuer hat. Was ihm
-die Novellistik schuldig bleibt, muß ihm die Malerei bringen.«</p>
-
-<p>»Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie
-tun wird,« lachte Szilagy halb wehmütig, »trotzdem ich vom
-Genrebild aus, mit dem ich anfing, eine Schwenkung gemacht
-und mich unter Anleitung meines Freundes Salzmann neuerdings
-der Marinemalerei zugewandt habe. Mitunter auch
-Bataillen. Und was die blauen Töne betrifft, so darf ich vielleicht
-behaupten, hinter keinem zurückgeblieben zu sein. Habe
-mich außerdem in Gudin und William Turner vergafft. Aber
-trotzdem&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber trotzdem ohne rechten Erfolg,« unterbrach hier Cujacius,
-»was mich nicht Wunder nimmt. Was wollen Sie mit<span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span>
-Gudin oder gar mit Turner? Wer das Meer malen will, muß
-nach Holland gehn und die alten Niederländer studieren. Und
-unter den Modernen vor allem die Skandinaven: die Norweger,
-die Dänen.«</p>
-
-<p>Wrschowitz zuckte zusammen.</p>
-
-<p>»Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne <em class="antiqua">pur sang</em>,
-der sehr gut und beinah bedeutend ist.«</p>
-
-<p>»O nein, nein,« platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr
-erzitternder Stimme heraus. »Nicht serr gutt, nicht bedeutend,
-auch nicht einmal <em class="gesperrt">beinah</em> bedeutend.«</p>
-
-<p>»Der <em class="gesperrt">sehr</em> bedeutend ist,« wiederholte Cujacius. »Grade
-darin bedeutend, daß er nicht bedeutend sein will. Er erhebt
-keine falschen Prätensionen; er ist schlicht, ohne Phantastereien,
-aber stimmungsvoll; und wenn ich Bilder von
-ihm sehe, besonders solche, wo das graublaue Meer an einer
-Klippe brandet, so berührt mich das jedesmal spezifisch skandinavisch,
-etwa wie der ossianische Meereszauber in den Kompositionen
-unsers trefflichen Niels Gade.«</p>
-
-<p>»Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.«</p>
-
-<p>»Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen
-bis an Mendelssohn heran.«</p>
-
-<p>»Was ihn nicht größer macht.«</p>
-
-<p>»Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen,
-dazu reichen Überheblichkeiten nicht aus.«</p>
-
-<p>»Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den großen
-Gudin culbütieren zu wollen.«</p>
-
-<p>»Über Malerei zu sprechen steht mir zu.«</p>
-
-<p>»Über Musik zu sprechen steht mir zu.«</p>
-
-<p>»Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren
-Grenzbezirken führen bei uns das große Wort.«</p>
-
-<p>»Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort
-gibt: ›Der Deutsche lüggt, wenn er höfflich wird.‹«</p>
-
-<p>»Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p>
-
-<p>»<em class="antiqua">En quoi vous réussissez à merveille.</em>«</p>
-
-<p>»Aber, meine Herren,« warf Pusch hier ein, den die ganze
-Streiterei natürlich entzückte, »könnten wir nicht das Kriegsbeil
-begraben? Proponiere: Begegnung auf halbem Wege;
-<em class="antiqua">shaking hands</em>. Nehmen Sie zurück, hüben und drüben.«</p>
-
-<p>»Nie,« donnerte Cujacius.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Jamais</em>,« sagte Wrschowitz.</p>
-
-<p>Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten
-die Tete, Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger
-Entfernung. Szilagy war vorsichtigerweise abgeschwenkt.</p>
-
-<p>Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich,
-dem jungen Graubündner auseinanderzusetzen, daß Cujacius
-ganz allgemein den Ruf eines Krakeelers habe. »<em class="antiqua">Je vous
-assure, Monsieur le Baron, il est un fou et plus que ça &ndash; un
-blagueur.</em>«</p>
-
-<p>Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich
-lassen zu wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick
-danach von der Front her die mit immer steigender Heftigkeit
-ausgestoßenen Worte hörte: Kaschube, Wende, Böhmake.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Fuenfunddreissigstes_Kapitel">Fünfunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen
-Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden
-und Hofprediger Frommel aufgebrochen, so daß sich,
-außer dem Brautvater, nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause
-befand. Dieser hatte sich &ndash; Melusine war vom Bahnhofe
-noch nicht wieder da &ndash; vom Eßsaal her zunächst in das
-verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia
-zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu sehn
-und einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn
-denn auch schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span>
-Staunen über den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt
-Ausdruck gegeben hatte: »Nun aber, mein lieber Stechlin,
-wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher
-miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehn ein halb;
-wir haben also noch beinah anderthalb Stunden.«</p>
-
-<p>Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in sein Wohnzimmer,
-das bis dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzuführen.</p>
-
-<p>»Erlauben Sie mir,« fuhr er hier fort, »daß ich zunächst
-mein halb eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein
-auf einen Stuhl strecke; es hat mich all die Zeit über ganz
-gehörig gezwickt, und namentlich das Stehen vor dem Altar
-ist mir blutsauer geworden. Bitte, rücken Sie heran. Es ging
-während unsers kleinen Diners alles so rasch, und ich wette,
-Sie sind bei dem Kaffee ganz erheblich zu kurz gekommen. Der
-Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen des
-modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann
-der Kaffeezeit manches abgeknapst.«</p>
-
-<p>Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.</p>
-
-<p>»Jeserich, noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und
-natürlich einen Kognak oder Curaçao oder lieber die ganze
-›Benediktinerabtei‹, &ndash; Witz von Cujacius, für den Sie mich
-also nicht verantwortlich machen dürfen … Leider werde ich
-Ihnen bei diesem ›zweiten Kaffee‹ nicht Gesellschaft leisten können;
-ich habe mich schon bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber
-in einen Champagnerkübel gestellten Apollinarisflasche
-begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch
-nicht auffallen mit all seinen Gebresten.«</p>
-
-<p>Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen
-und saß, eine Lampe mit grünem Schirm zwischen
-sich und ihm, seinem Wirte gerade gegenüber. Jeserich kam
-mit der Tablette.</p>
-
-<p>»Den Kognak,« fuhr der alte Barby fort, »kann ich Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span>
-empfehlen; noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit
-einem Franzosen ungeniert sprechen und nach einer guten Firma
-fragen konnte. Waren Sie siebzig noch mit dabei?«</p>
-
-<p>»Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem
-Regiment war ich lange heraus. Nur als Johanniter.«</p>
-
-<p>»Ganz wie ich selber.«</p>
-
-<p>»Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig,« fuhr Dubslav
-fort, »auch rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das,
-was mir zeitlebens, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als
-wünschenswert gefehlt hatte: Fühlung mit der großen Welt.
-Es heißt immer, der Adel gehöre auf seine Scholle, und je mehr
-er mit der verwachse, desto besser sei es. Das ist auch richtig.
-Aber etwas ganz Richtiges gibt es nicht. Und so muß ich denn
-sagen, es war doch was Erquickliches, den alten Wilhelm so
-jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer nur
-flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude.
-Sie nennen ihn jetzt den ›Großen‹ und stellen ihn neben Fridericus
-Rex. Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht
-er nicht ran. Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt,
-mein ich, in gewissem Sinne den Ausschlag, wenn auch zur
-›Größe‹ noch was anders gehört. Ja, der alte Fritz! Man
-kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem Punkte find
-ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber einnehmen,
-gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns,
-wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern.
-Er war für sich und für das Land oder, wie er zu sagen
-liebte, ›für den Staat‹. Aber daß wir als Stand und Kaste
-so recht was von ihm gehabt hätten, das ist eine Einbildung.«</p>
-
-<p>»Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.«</p>
-
-<p>»Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich?
-Wir hatten die Ehre, für König und Vaterland hungern und
-dursten und sterben zu dürfen, sind aber nie gefragt worden,
-ob uns das auch passe. Nur dann und wann erfuhren wir,<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span>
-daß wir ›Edelleute‹ seien und als solche mehr ›Ehre‹ hätten.
-Aber damit war es auch getan. In seiner innersten Seele rief
-er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren bei
-Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit
-meist sehr kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber
-Graf, find ich unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches
-größer, weil alles, was geschah, weniger den Befehlscharakter
-trug und mehr Freiheit und Selbstentschließung hatte. Ich
-bin nicht für die patentierte Freiheit der Parteiliberalen, aber
-ich bin doch für ein bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt.
-Und wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch in unsern Reihen
-allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei &ndash; besonders
-auch rein praktisch-egoistisch &ndash; am besten stehn.«</p>
-
-<p>Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav
-aber fuhr fort: »Übrigens, <em class="gesperrt">das</em> muß ich sagen dürfen, lieber
-Graf, Sie wohnen hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer;
-ein entzückender Blick, und Fremde würden vielleicht kaum
-glauben, daß an unsrer alten Spree so was Hübsches zu finden
-sei. Die Niederlassungs- und speziell die Wohnungsfrage spielt
-doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt, immer stark
-mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen waren, werden,
-ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten,
-nicht ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft
-gewiß und in bezug auf die Menschen vielleicht.«</p>
-
-<p>»Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken.
-Aber sie sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus
-nicht, als ich, nach langen, langen Jahren, aus der Fremde
-wieder nach hier zurückkam, und vieles gefällt mir auch noch
-nicht. Überall ein zu langsames Tempo. Wir haben in jedem
-Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand ist,
-da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber
-dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend,
-aber sicher. Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span>
-Witterung haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein.
-Und ich glaube, Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung
-gebracht.«</p>
-
-<p>»Ich glaub es nicht,« sagte Dubslav.</p>
-
-<p>»Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter
-Ernst mit der Sache war?«</p>
-
-<p>»O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber
-es würd ihm zu schwer gemacht worden sein. Rund heraus,
-er wäre gescheitert.«</p>
-
-<p>»Woran?«</p>
-
-<p>»An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewiß.
-Und das waren die Junker. Es heißt immer, das Junkertum
-sei keine Macht mehr, die Junker fräßen den Hohenzollern aus
-der Hand und die Dynastie züchte sie bloß, um sie für alle Fälle
-parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig
-gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig, es ist heute grundfalsch.
-Das Junkertum (trotzdem es vorgibt, seine Strohdächer
-zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich flickt), dies
-Junkertum &ndash; und ich bin inmitten aller Loyalität und Devotion
-doch stolz, dies sagen zu können &ndash; hat in dem Kampf
-dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine
-andre Partei, die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und
-mitunter ist mir's, als stiegen die seligen Quitzows wieder aus
-dem Grabe herauf. Und wenn das geschieht, wenn unsre Leute
-sich auf das besinnen, worauf sie sich seit über vierhundert
-Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was erleben.
-Es heißt immer: ›unmöglich.‹ Ah bah, was ist unmöglich?
-Nichts ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den
-18. März für möglich gehalten, für möglich in diesem echten
-und rechten Philisternest Berlin! Es kommt eben alles mal
-an die Reihe; das darf nicht vergessen werden. Und die Armee!
-Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen? Aber jeder
-glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter Umständen<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span>
-auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder
-an, unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch
-Gott weiß was werden können.«</p>
-
-<p>»Und Sie glauben,« warf der Graf hier ein, »an dieser
-scharfen Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?«</p>
-
-<p>»Ich glaub es.«</p>
-
-<p>»Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär es schließlich
-ein Glück, daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam
-und wir nicht vor diese Frage gestellt wurden.«</p>
-
-<p>»Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen
-Zug hat (ich kann es nicht loben und mag's nicht tadeln) oft
-über diese Sache gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also
-für Experimente … Nun hat er inzwischen das bessere Teil
-erwählt, und während wir hier sprechen, ist er schon über Trebbin
-hinaus. Sonderbar, ich bin nicht allzuviel gereist, aber immer,
-wenn ich an diesem märkischen Neste vorbeikam, hatt ich das
-Gefühl: ›jetzt wird es besser, jetzt bist du frei.‹ Ich kann sagen,
-ich liebe die ganze Sandbüchse da herum, schon bloß aus diesem
-Grunde.«</p>
-
-<p>Der alte Graf lachte behaglich. »Und Trebbin wird sich
-von dieser Ihrer Schwärmerei nichts träumen lassen. Übrigens
-haben Sie recht. Jeder lebt zu Hause mehr oder weniger wie in
-einem Gefängnis und will weg. Und doch bin ich eigentlich
-gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen die Hochzeitsreiserei.
-Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien einsteigen
-sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ›höchste
-Glück auf Erden‹ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es ist doch
-eigentlich eine Qual, und die Welt wird auch wieder davon
-zurückkommen; über kurz oder lang wird man nur noch reisen,
-wie man in den Krieg zieht oder in einen Luftballon steigt,
-bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens willen.
-Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr.
-In alten Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht<span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span>
-sich das Wunder und der Berg kommt zu uns. Das Beste vom
-Parthenon sieht man in London und das Beste von Pergamum
-in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig mit den lieben,
-nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich (am Kupfergraben)
-im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags
-in Olympia ergehn.«</p>
-
-<p>»Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich
-auch ein wenig betrübt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu
-finden. Ich stand nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin
-hin einzuladen, in meine alte Kate, die meine guten Globsower
-unentwegt ein ›Schloß‹ nennen.«</p>
-
-<p>»Ja, lieber Stechlin, Ihre ›Kate‹, das ist was andres.
-Und um Ihnen ganz die Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich
-nicht eingeladen hätten (eigentlich ist es ja noch nicht geschehn,
-aber ich greife bereits vor), so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet.
-Das war schon lange mein Plan.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel. Es war
-Melusine.</p>
-
-<p>»Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern allerschönste
-Grüße. Die Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg,
-die große Luther- beziehungsweise Apfelkuchenstation,
-hinaus, und in weniger als zwei Stunden fahren sie in den
-Dresdener Bahnhof ein. O diese Glücklichen! Und dabei verwett
-ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin
-zurück. Vielleicht sogar nach mir.«</p>
-
-<p>»Kein Zweifel,« sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber fuhr
-fort: »Ehe man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben
-nimmt, sehnt man sich noch einmal gründlich danach zurück.
-Freilich, Schwester Armgard wird weniger davon empfinden
-als andere. Sie hat eben den liebenswürdigsten und besten
-Mann, und ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich noch
-im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn
-sagen hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische<span class="pagenum"><a id="Seite_361">[361]</a></span>
-Madonna treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu
-wie verklärt aussah. Und das find ich einfach unerhört. Warum,
-werden Sie mich vielleicht fragen. Nun denn, weil es erstens eine
-Beleidigung ist, sich auf eine Madonna so extrem zu freuen, wenn
-man eine Braut oder gar eine junge Frau zur Seite hat, und
-zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch einen Mangel
-an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für Woldemars
-ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt
-doch am Ende nach der agrarischen Seite hin, und richtige ›Dispositionen‹
-bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.«</p>
-
-<p>Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ
-es nicht dazu kommen und fuhr ihrerseits fort: »Jedenfalls
-&ndash; das ist nicht wegzudisputieren &ndash; fährt unser Woldemar
-jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmaßlich
-mit leidlich frischen Kräften antreten; wenn er sich aber
-schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird er, wenn er
-in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Café Cavour
-eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo
-Borghese Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht:
-eine <em class="gesperrt">Berliner</em> Zeitung, denn wir werden jetzt Weltstadt und
-wachsen mit unserer Presse schon über Charlottenburg hinaus …
-Übrigens läßt, wie das junge Paar, so auch die Baronin bestens
-grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin, die grad Ihnen
-ganz besonders gefallen würde. Glaubt eigentlich gar nichts
-und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig
-und ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen
-sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die
-natürlichsten, sind die Bayern.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_362">[362]</a></span></p>
-
-<h2 id="Sonnenuntergang">Sonnenuntergang</h2>
-
-<h3 id="Sechsunddreissigstes_Kapitel">Sechsunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer
-Bahnhof eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits
-vor. Engelke hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt,
-denn es war inzwischen recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke
-tat dem Alten, in dessen Coupé die herkömmliche Stickluft
-gebrütet hatte, der draußen wehende Ostwind überaus
-wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein. Schon tags
-zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht zumute
-gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe
-Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in
-das Sterngeflimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden
-Pappeln warfen dunkle, groteske Schatten über den Weg,
-während er die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder
-mit den wechselnden Bildern alles dessen, was ihm der
-zurückliegende Tag gebracht harte, belebte. Da sah er wieder
-die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe mit dem
-Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten
-Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für
-einen zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte.
-Daneben aber stand die blasse, schöne Braut und die reizende,
-bieg- und schmiegsame Melusine. »Ja, der alte Barby, wenn
-er auf <em class="gesperrt">die</em> sieht, der hat's gut, der kann es aushalten. Immer
-einen guten und klugen Menschen um sich haben, immer was<span class="pagenum"><a id="Seite_363">[363]</a></span>
-hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das ist was.
-Aber ich! Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne
-Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, &ndash; als
-Kind, weil ich faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was
-hatte. Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie,
-die mir Stab und Stütze hätte sein können, und durch all die
-dreißig Jahre, die seitdem kamen und gingen, blieb mir nichts
-als Engelke (der noch das Beste war) und meine Schwester
-Adelheid. Gott, verzeih mir's, aber ein Trost war die nicht;
-immer bloß herbe wie'n Holzapfel.«</p>
-
-<p>Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und
-hielt gleich danach vor der Tür seines alten Hauses. Engelke
-war schon da, half ihm und tat sein Bestes, ihn aus der schweren
-Wolfsschur herauszuwickeln. Der immer noch Fröstelnde
-stapfte dabei mit den Füßen, warf seinen Staatshut &ndash; den er
-unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal verwünscht
-hatte &ndash; mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte gleich
-danach beim Eintreten in sein Zimmer: »Ach, das is recht, Engelke.
-Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten
-Menschen gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl
-unten noch heißes Wasser ist? So'n fester Grog, der sollte mir
-jetzt passen; ich friere Stein und Bein.«</p>
-
-<p>»Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann
-ja ne Kasseroll aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstände. Das mag
-ich nicht. Und den Petroleumkocher, den erst recht nich; da
-kriegt man bloß Kopfweh, und ich habe schon genug davon.
-Aber bringe mir den Kognak und kaltes Wasser. Und wenn
-man dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut, als wär
-es ganz heiß gewesen.«</p>
-
-<p>Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach
-ging Dubslav zu Bett.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_364">[364]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach
-und druste nur noch so hin. So kam endlich der Morgen heran.</p>
-
-<p>Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte,
-schleppte sich Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis
-an den Frühstückstisch. Aber es schmeckte ihm nicht. »Engelke,
-mir ist schlecht; der Fuß ist geschwollen, und das mit dem Kognak
-gestern abend war auch nicht richtig. Sage Martin, daß er
-nach Gransee fährt und Doktor Sponholz mitbringt. Und wenn
-Sponholz nicht da ist &ndash; der arme Kerl kutschiert in einem fort
-rum; ohne Landpraxis geht es nicht &ndash;, dann soll er warten,
-bis er kommt.«</p>
-
-<p>Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz
-war wirklich auf Landpraxis und kam erst nachmittags zurück.
-Er aß einen Bissen und stieg dann auf den Stechliner Wagen.</p>
-
-<p>»Na, Martin, was macht denn der gnädge Herr?«</p>
-
-<p>»Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht en beten
-verännert ut; em wihr schon nich so recht letzten Sünndag,
-un doa müßt he joa nu grad nach Berlin. Un ick weet schon,
-wenn ihrst een nach Berlin muß, denn is ook ümmer wat los.
-Ick weet nich, wat se doa mit'n ollen Minschen moaken.«</p>
-
-<p>»Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie
-sich denn. Und dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie
-wohl ein bißchen gepichelt haben. Und vorher die kalte Kirche.
-Und dazu so viele feine Damen. Daran ist der gnädge Herr nicht
-mehr gewöhnt, und dann will er sich berappeln und strengt sich
-an, und da hat man denn gleich was weg.«</p>
-
-<p>Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der
-Rampe vorfuhr. Sponholz stieg aus, und Engelke nahm ihm
-den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch die hohe
-Lammfellmütze, darin er &ndash; freilich das einzige an ihm, das
-diese Wirkung ausübte &ndash; wie ein Perser aussah.</p>
-
-<p>So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an
-seinem Kamin und sah in die Flamme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_365">[365]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land.
-Es geht jetzt scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh.
-Natürlich Influenza. Ganz verdeubelte Krankheit.«</p>
-
-<p>»Na, <em class="gesperrt">die</em> wenigstens hab ich nicht.«</p>
-
-<p>»Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht
-an. Nun, wo sitzt es?«</p>
-
-<p>Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte: »Stark geschwollen.
-Und das andre fängt auch an.«</p>
-
-<p>»Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?«</p>
-
-<p>Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter
-und sagte: »Da is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe
-keine Schmerzen … Also was andres.«</p>
-
-<p>Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen
-Fuß herum und sagte dann: »Nichts von Belang, Herr von
-Stechlin. Einhalten, Diät, wenig trinken, auch wenig Wasser.
-Das verdammte Wasser drückt gleich nach oben, und dann haben
-Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar Tropfen. Bitte
-bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.« Und dabei ging er
-an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück Papier
-ab und schrieb ein Rezept. »Ihr Kutscher, das wird das beste
-sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.«</p>
-
-<p>Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr
-Sponholz alsbald wieder in seinen Mantel. Engelke half ihm
-und sagte dabei: »Na, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Nichts, nichts, Engelke!«</p>
-
-<p>Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf
-der Rampe draußen, und so ging es denn in rascher Fahrt
-wieder nach der Stadt zurück, von wo der alte Kutscher die
-Tropfen gleich mitbringen sollte.</p>
-
-<p>Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war
-und die Medizin an Engelke abgab. Der brachte sie seinem
-Herrn.</p>
-
-<p>»Sieh mal,« sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen<span class="pagenum"><a id="Seite_366">[366]</a></span>
-in Händen hielt, »die Granseer werden jetzt auch fein. Alles
-in rosa Seidenpapier gewickelt.« Auf einem angebundenen
-Zettel aber stand: »Herrn Major von Stechlin. Dreimal täglich
-zehn Tropfen.« Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das
-Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel voll
-Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen
-hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte
-probt. Dann nickte er und sagte: »Ja, Engelke, nu geht es los.
-Fingerhut.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine
-Tropfen ganz gewissenhaft und fand auch, daß sich's etwas
-bessere. Die Geschwulst ging um ein geringes zurück. Aber die
-Tropfen nahmen ihm den Appetit, so daß er noch weniger aß,
-als ihm gestattet war.</p>
-
-<p>Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon
-vorüber. Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür
-seines Gartensalons und las die Zeitung. Es schien indes,
-daß ihm das, was er las, nicht sonderlich gefiel. »Ach, Engelke,
-die Zeitung ist ja soweit ganz gut; nur so für den ganzen Tag
-ist sie doch zu wenig. Du könntest mir lieber ein Buch bringen.«</p>
-
-<p>»Was für eines?«</p>
-
-<p>»Is egal.«</p>
-
-<p>»Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ›Keine Lupine
-mehr!‹«</p>
-
-<p>»Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon
-so viel gelesen; das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm
-wie das andre. Die Landwirtschaft kommt doch nicht wieder
-obenauf oder wenigstens nicht durch so was. Bringe mir
-lieber einen Roman; früher in meiner Jugend sagte man
-Schmöker. Ja, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt.
-Weißt du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde,
-den ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort<span class="pagenum"><a id="Seite_367">[367]</a></span>
-und doch wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was
-Fideles: Einsegnung, Hochzeit, Kindtaufe.«</p>
-
-<p>»Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nicht so.
-Die meisten Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird.«</p>
-
-<p>»Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war
-ein guter Einfall von dir. Früher würd ich gesagt haben ›zeitgemäß‹;
-jetzt sagt man ›opportun‹. Hast du schon mal davon
-gehört?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon.«</p>
-
-<p>»Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens
-nicht so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.«</p>
-
-<p>»Nein, gnädiger Herr.«</p>
-
-<p>»Alles in allem, sei froh drüber … Aber, Engelke, wenn
-du mir nu ein Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem
-Stuhl doch lieber gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist
-wie Frühling heut. Solche guten Tage muß man mitnehmen.
-Und bringe mir auch ne Decke. Früher war ich nich so fürs
-Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als beklagt.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz
-und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav
-ernster Erkrankung mehr und mehr herumgesprochen, und es
-war wohl im Zusammenhange damit, daß ungefähr um dieselbe
-Stunde, wo Dubslav und Engelke sich über »Schniepel«
-und »opportun« unterhielten, ein Einspänner auf die Stechliner
-Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte
-Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke
-war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der
-Alte da sei.</p>
-
-<p>»Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will
-denn der? Es ist ja doch glücklicherweise nichts los. Und so
-ganz aus freien Stücken. Na, laß ihn kommen.«</p>
-
-<p>Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_368">[368]</a></span></p>
-
-<p>Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten.
-»Aber, Baruch, um alles in der Welt, was gibt es? Was
-bringen Sie? Gleichviel übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn.
-Machen Sie sich's so bequem, wie's auf den drei Latten eines
-Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und dann noch einmal:
-Was gibt es? Was bringen Sie?«</p>
-
-<p>»Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich
-bringe auch nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit
-Herrn von Gundermann, und da wollt ich mir doch die Freiheit
-genommen haben, mal nach der Gesundheit zu fragen. Habe
-gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege.«</p>
-
-<p>»Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon
-schlecht genug. Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte
-war doch eigentlich besser (das heißt dann und wann), und manchmal
-denk ich so an alles zurück, was wir so gemeinschaftlich
-miteinander durchgemacht haben.«</p>
-
-<p>»Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte Dubslav, »<em class="gesperrt">gemacht</em> hab ich keine Schwierigkeiten,
-aber <em class="gesperrt">gehabt</em> hab ich genug. Und das weiß keiner besser
-als mein Freund Baruch. Und nun sagen Sie mir vor allem,
-was macht Ihr Isidor, der große Volksfreund? Ist er mit
-Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er, daß sie da auch mit
-Wasser kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn von
-Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den
-Umsturz ist.«</p>
-
-<p>»Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so
-sagen darf, ist für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein
-Herz für die Menschheit.«</p>
-
-<p>»Hat er? Na, das ist recht.«</p>
-
-<p>»Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr
-Major. Und kommt uns dabei was heraus, so haben wir,
-wenn ich so sagen darf, die Dividende. Gott der Gerechte,<span class="pagenum"><a id="Seite_369">[369]</a></span>
-wir brauchen's. Und weil ich rede von Dividende, will ich
-auch reden von Hypothek. Wir haben da seit letzten Freitag
-'n Kapital, Granseer Bürger, und will's hergeben zu dreiundeinhalb.«</p>
-
-<p>»Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich's
-nicht benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat,
-wie Sie wissen, ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet,
-der braucht auch viel. Man denkt immer, ›dann hört
-es auf‹, aber das ist falsch, dann fängt es erst recht an. Unter
-allen Umständen seien Sie bedankt, daß Sie mal haben sehen
-wollen, wie's mit mir steht. Ich kann leider nur wiederholen,
-schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch. Und wenn
-auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade so wie
-zwischen uns zwei beiden, alles glatt abwickeln, glatter noch,
-und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes
-herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich
-sehen lassen kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun,
-Baruch, müssen Sie noch ein Glas Sherry nehmen. In unserm
-Alter ist das immer das beste. Das heißt für Sie, der Sie noch
-gut im Gange sind. Ich darf bloß noch mit anstoßen.«</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen
-wieder in den Stechliner Wald hinein und dachte wenig
-befriedigt über alles nach, was er da drinnen gehört hatte.
-Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage schienen mit einemmale
-für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da so nebenher
-von »gemeinschaftlich herauswirtschaften« gesagt hatte, war
-doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen.</p>
-
-<p>Ja, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav
-auch. Es war ihm zu Sinn, als hätt er seinen alten Granseer
-Geld- und Geschäftsfreund (trotzdem er dessen letzte Pläne nicht
-einmal ahnte) zum erstenmal auf etwas Heimlichem und Verstecktem
-ertappt, und als Engelke kam, um die Sherryflasche
-wieder wegzuräumen, sagte er: »Engelke, mit Baruch is es auch<span class="pagenum"><a id="Seite_370">[370]</a></span>
-nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär, und
-nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte
-mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht
-schon genug davon hätte … Sonderbar, Uncke, mit seinem
-ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt
-solche Polizeimenschen mit nem Karabiner über die Schulter,
-das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner.
-Ich ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt habe. So
-dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war
-mir doch zuviel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen,
-dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem
-gleich, wie's einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt,
-die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und
-Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Siebenunddreissigstes_Kapitel">Siebenunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten
-dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann
-wieder zu hoffen, sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster
-und war nicht bloß voll wiedererwachten Interesses, sondern
-überhaupt guter Dinge.</p>
-
-<p>So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav
-saß auf seiner Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich,
-und sah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen. Vom Park
-her vernahm er den ersten Finkenschlag. Er mochte wohl schon
-eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor
-meldete.</p>
-
-<p>»Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht um
-mir zu helfen (das ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen
-werden soll), nein, um zu sehen, daß Sie mir schon geholfen haben.
-Diese Tropfen. Es ist doch was damit. Wenn sie nur nicht so<span class="pagenum"><a id="Seite_371">[371]</a></span>
-schlecht schmeckten; ich muß mir immer einen Ruck geben.
-Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten.
-Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese
-sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die
-Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und
-ich bin doppelt froh, weil ich mich auf sechs Wochen von Ihnen
-verabschieden muß.«</p>
-
-<p>»Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit.
-Haben Sie Schulden gemacht und sollen in Prison?«</p>
-
-<p>»Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee
-historisch beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs
-Wochen weg gewesen, noch dazu ein Kreisphysikus. Eine
-Doktorexistenz gestattet solchen Luxus nicht. Wie lebt man
-denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer Furunkel aufgeschnitten,
-immer Karbolwatte, immer in den Wagen gestiegen,
-immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein
-ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und
-nun sechs Wochen weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden
-werde … nu, vielleicht hat Gott ein Einsehen.«</p>
-
-<p>»Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.«</p>
-
-<p>»Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus
-Berlin habe verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei),
-der ist teurer. Und meine Reise kommt mir ohnedies schon
-teuer genug.«</p>
-
-<p>»Aber wohin denn, Doktor?«</p>
-
-<p>»Nach Pfäffers.«</p>
-
-<p>»Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da?
-Warum? Wozu?«</p>
-
-<p>»Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig,
-schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der
-letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich
-auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings<span class="pagenum"><a id="Seite_372">[372]</a></span>
-für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen
-Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon
-gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen
-und unter anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der
-Tamina heißt. Erinnert ein bißchen an Zauberflöte und klingt
-soweit ganz gut. Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers.
-Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es
-nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man
-hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer
-hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten
-herauf. Wer da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt
-einpacken. Übrigens will ich für meine Person gleich mit
-hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig
-Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert
-ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich
-verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine
-Frau gefallen ist.«</p>
-
-<p>»Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit ›christlicher
-Ehe‹ auch immer bloß so so ist. Da hatten wir, als ich
-noch Militär war, einen Kompaniechirurgus, richtige alte
-Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: ›Ja, christliche
-Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken in Burgunder.
-Das eine is immer da, aber das andere fehlt.‹«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Dubslav, »diese richtigen alten Kompaniechirurgusse,
-die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker,
-jetzt leider ausgestorben … Und in solchem Pfäfferschen Backofen
-wollen Sie sechs Wochen zubringen?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr von Stechlin, nicht solange. Bloß vier, höchstens
-vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch
-mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise
-schon Italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch
-gern in das gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben<span class="pagenum"><a id="Seite_373">[373]</a></span>
-wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfäffers
-aus erst noch durch die Viamala zu fahren, den Splügen hinauf
-oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen
-Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann
-kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir
-wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir
-einen neuen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch
-Kreis Gransee.«</p>
-
-<p>»Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal
-rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die Viamala fahren,
-da müssen Sie sich in acht nehmen.«</p>
-
-<p>»Waren Sie denn mal da, Herr Major?«</p>
-
-<p>»Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen,
-lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin.
-Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayrische. Wenn
-man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich
-nach Dresden. Also Viamala nie gesehen. Aber ein Bild davon.
-Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein
-Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten
-sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man
-doch so was, und war da auf dem Viamala-Bilde ne Felsenschlucht
-mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen,
-der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.«</p>
-
-<p>»Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.«</p>
-
-<p>»Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr
-wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also
-auf diesem Bilde diese Viamala, mit einem kleinen Fluß unten,
-und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug
-von Menschen (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam
-grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke.«</p>
-
-<p>»Sehr interessant.«</p>
-
-<p>»Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben
-dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit<span class="pagenum"><a id="Seite_374">[374]</a></span>
-einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger
-Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will,
-wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr
-rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger,
-sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Ähnliches
-aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß
-selbst der älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht
-dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug
-eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten
-Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich
-kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir stand, als ich das sah,
-der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick,
-dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg.«</p>
-
-<p>»Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die
-Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner
-Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die
-kriegt nämlich mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist
-immer was los.«</p>
-
-<p>Dubslav nickte.</p>
-
-<p>»Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von
-Stechlin, mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn
-der Appetit nicht wiederkommt, lieber nur zweimal täglich.
-Und nie mehr als zehn Tropfen. Und wenn Sie sich unpaß
-fühlen, mein Stellvertreter ist von allem unterrichtet. Er wird
-Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch; aber doch
-nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls sehr
-gescheit. An seinem Namen &ndash; er heißt nämlich Moscheles &ndash;
-dürfen Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig,
-und da heißen die meisten so.«</p>
-
-<p>Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch
-mit dem Namen, trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen
-weckte. Schon vor etlichen fünfzig Jahren habe er Musikstücke
-spielen müssen, die alle auf den Namen Moscheles liefen.<span class="pagenum"><a id="Seite_375">[375]</a></span>
-Aber das wolle er dem Insichtstehenden nicht weiter entgelten
-lassen.</p>
-
-<p>Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich
-Sponholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft
-hinein.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute
-von Gransee nach Pfäffers hin auf; die Frau, sehr leidend,
-war schweigsam, er aber befand sich in einem hochgradigen
-Reisefieber, was sich, als sie draußen auf dem Bahnhof angelangt
-waren, in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte.</p>
-
-<p>Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus
-begleitet. Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs
-Tausendste. »Ja, unser guter Stechlin, mit dem steht es so
-so … Baruch hat ihn auch gesehn und ihn einigermaßen verändert
-gefunden … Und Sie, Kirstein, Sie schreiben mir natürlich,
-wenn der junge Burmeister eintritt; ich weiß, er will
-nicht recht (bloß der Vater will) und soll sogar von ›Hokuspokus‹
-gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht
-nehmen. Unwissenheit, Verkennungen, über so was sind wir
-weg; viel Feind, viel Ehr … Nur, es noch einmal zu sagen,
-der Alte drüben in Stechlin macht mir Sorge. Man muß aber
-hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und zu Moscheles hab
-ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres Vergnügen
-für nen Fachmann.«</p>
-
-<p>So klang, was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupéfenster
-aus zum besten gab. Alles, am meisten aber das über
-den alten Stechlin Gesagte, wurde weitergetragen und drang
-bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich auch bis nach
-Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit
-kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt
-und, angeregt durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende
-Prinzessin, einen energischen Vorstoß gegen den Unglauben<span class="pagenum"><a id="Seite_376">[376]</a></span>
-und die in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante.
-Koseleger sowohl wie die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke
-beim alten Dubslav als »nächstem Objekt« einsetzen und hielten
-sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt. In einem Briefe
-der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend: »Ich will
-die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem
-hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich
-durchaus zugetan. Aber sein Prinzip, das nichts Höheres kennt,
-als ›leben und leben lassen‹, hat in unsrer Gegend alle möglichen
-Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen
-lassen. Nehmen Sie beispielsweise diesen Krippenstapel. Und
-nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich gestern über unsern
-Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf die Krankheit
-des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu
-nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit
-(soviel ist richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten
-Momenten auch wiederum ebenso gefügig, und es sind
-wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitternisse,
-daraus ein Segen für den Kranken und jedenfalls für
-die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird. Unter allen
-Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht
-erfüllt zu haben.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, daß Ermyntrud
-diese Zeilen schrieb, und schon am andern Vormittage fuhr
-Koseleger, der mit der Prinzessin im wesentlichen derselben
-Meinung war, auf die Stechliner Rampe. Gleich danach
-trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten.</p>
-
-<p>»Superintendent? Koseleger?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht
-sehr wohl aus, und ganz blank.«</p>
-
-<p>»Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst<span class="pagenum"><a id="Seite_377">[377]</a></span>
-sehn) ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem
-Herrn Superintendenten, ich ließe bitten.«</p>
-
-<p>»Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin.«</p>
-
-<p>»Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue
-Doktor hier. Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem ›<em class="antiqua">praesente
-medico</em>‹ nur ein ganz klein wenig auf sich hat, muß solche
-Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken.«</p>
-
-<p>»Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein.
-Die Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was
-nach <em class="gesperrt">der</em> Seite hin liegt.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Dubslav, »nach <em class="gesperrt">der</em> Seite hin,« und wies
-auf Brust und Herz. »Aber, offen gestanden, nach mancher
-andern Seite hin ist mir dieser Moscheles nicht sehr sympathisch.
-Er faßt seinen Stock so sonderbar an und schlenkert auch so.«</p>
-
-<p>»Ja, so was muß man unter Umständen mit in den Kauf
-nehmen. Und dann heißt es ja auch, der Major von Stechlin
-habe mehr oder weniger einen philosemitischen Zug.«</p>
-
-<p>»Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er
-Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien
-erst recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall
-ansehn. Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht.
-So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor. Und auch
-mein alter Baruch Hirschfeld, den der Herr Superintendent
-mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt mir nicht mehr
-so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber &ndash; vielleicht daß
-sein Sohn Isidor schuld ist &ndash; mit einemmal ist der Pferdefuß
-rausgekommen.«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte Koseleger, »der kommt immer mal raus.
-Und nicht bloß bei Baruch. Ich muß aber sagen, das alles hat
-mit der Rasse viel, viel weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen
-Beruf. Da war ich eben bei der Frau von Gundermann&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_378">[378]</a></span></p>
-
-<p>»Und da war auch so was?«</p>
-
-<p>»In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders,
-weil es sich um etwas Weibliches handelte. ›Stütze der Hausfrau‹.
-Und da bändelt sich denn leicht was an. Eben diese
-›Stütze der Hausfrau‹ war bis vor kurzem noch Erzieherin,
-und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer einen
-Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf.
-Und der Seminarist steht obenan.«</p>
-
-<p>»Ich kann mich nicht erinnern,« sagte Dubslav, »in unserer
-Gegend irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben.«</p>
-
-<p>»O, ich bin mißverstanden,« beschwichtigte Koseleger und
-rieb sich mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten
-Hände. »Nichts von Vergehungen auf erotischem Gebiet,
-wiewohl es bei den Gundermanns (die gerad in <em class="gesperrt">diesem</em> Punkte
-viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder, ich möchte sagen
-diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der große
-Seminaristenpferdefuß, an den ich bei meiner ersten Bemerkung
-dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit,
-Überschätzung und infolge davon ein eigentümliches Bestreben,
-sich von den Heilsgütern loszulösen und die Befriedigung des
-inneren Menschen in einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen.«</p>
-
-<p>»Ich will das nicht loben; aber auch solche ›falsche Wissenschaftlichkeit‹
-zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu den
-allerseltensten Ausnahmen.«</p>
-
-<p>»Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus
-Ihrer eigenen Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich
-gerichteter Eltern über solche Dinge zugegangen. Allerdings
-Altlutheraner aus der Globsower Gegend. Indessen, so lästig
-diese Leute zuzeiten sind, so haben sie doch andrerseits den Ernst
-des Glaubens und finden, wie sie sich in einem Skriptum an
-mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen Lehrmethode
-diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt.«</p>
-
-<p>Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz<span class="pagenum"><a id="Seite_379">[379]</a></span>
-allen Respekts vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde
-wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz geantwortet, wenn ihm
-nicht alles, was er da hörte, gleichzeitig in einem heiteren Licht
-erschienen wäre. Krippenstapel, sein Krippenstapel, er, der den
-alten Fritzen so gut wie den Katechismus, aber den Katechismus
-auch reichlich so gut wie den alten Fritzen kannte, &ndash; Krippenstapel,
-sein großartiger Bienenvater, sein korrespondierendes
-Mitglied märkisch-historischer Vereine, die Seele seines »Museums«,
-sein guter Freund, dieser Krippenstapel sollte den »Ernst
-des Glaubens« verkannt haben, bei ihm sollte der Seminaristenhochmut
-zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl
-entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick
-ein wenig verstimmte) gelegentlich sehr Ähnliches gesagt
-zu haben. Aber doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei
-dasselbe tun, so ist es nicht mehr dasselbe. Traf dieser Satz je
-zu, so hier. Er erhob sich also mit einiger Anstrengung von
-seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte ihm die Hand
-und sagte: »Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so
-kann es nicht sein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier
-überhaupt nichts, und am wenigsten in Globsow; die glauben
-sozusagen gar nichts. Ich wittere da was von Intrigue. Da
-stecken andere dahinter. Bei meinem alten Baruch ist der
-Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem alten Krippenstapel
-ist er <em class="gesperrt">nicht</em> rausgekommen und wird auch nicht rauskommen,
-weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel,
-den kenn ich.«</p>
-
-<p>Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach
-von Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer
-Intrigue zu.</p>
-
-<p>»Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel
-an derlei Dinge zu glauben, denn ›Intrigue‹ zählt ganz eminent
-zu den höheren Kulturformen. Intrigue hat hier in unserer
-alten Grafschaft, glaub ich, noch keinen Boden. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_380">[380]</a></span>
-andrerseits ist es doch freilich wahr, daß heutzutage die Verwerflichkeiten,
-ja selbst die Verbrechen und Laster, nicht bloß im
-Gefolge der Kultur auftreten, sondern umgekehrt ihr voranschreiten,
-als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken
-Sie, was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen
-erlebt haben. Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben
-wir ihre Greuel. Man erschauert, wenn man davon liest, und
-freut sich der kleinen und alltäglichen Verhältnisse, drin der Wille
-Gottes uns gnädig stellte.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang
-hatten, erhob sich Koseleger, und der Alte, seinerseits seinen
-Arm in den des Superintendenten einhakend, »um sich,« wie
-er sagte, »auf die Kirche zu stützen,« begleitete seinen Besuch
-bis wieder auf die Rampe hinaus und grüßte noch mit der
-Hand, als der Wagen schon über die Bohlenbrücke fuhr. Dann
-wandte er sich rasch an Engelke, der neben ihm stand, und sagte:</p>
-
-<p>»Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust
-hätt ich. Heute kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche
-lang läßt sich keine Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst
-mal nen Entschluß gefaßt hat, dann kann es sich auch wieder
-nicht genug tun. Man gewinnt dreimal das große Los, oder
-man stößt sich dreimal den Kopp. Und immer an derselben
-Stelle.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den
-Flur passierte. Dabei sah er nach dem Hippenmann hinauf
-und zählte die Schläge. »Zwölf,« sagte er, »und um zwölf ist
-alles aus, und dann fängt der neue Tag an. Es gibt freilich
-zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt schlägt, das is
-die Mittagszwölf. Aber Mittag! … Wo bist du Sonne geblieben!«
-All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat,
-kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die
-Hand. Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_381">[381]</a></span>
-während er zu lesen schien, eigentlich nur mit der Frage, »wer
-wohl heute noch kommen könne,« und dabei neben andren
-Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend, kam
-er zu dem Schlußresultat, daß ihm Lorenzen »mit all seinem
-neuen Unsinn« doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen
-Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen
-hatte. »Ja, die Heilsgüter, die sind ganz gut. Versteht sich. Ich
-werde mich nicht so versündigen. Die Kirche kann was, is was,
-und der alte Luther, nu, der war schon ganz gewiß was, weil er
-ehrlich war und für seine Sache sterben wollte. Nahe dran war
-er. Eigentlich kommt's doch immer bloß darauf an, daß einer
-sagt, ›dafür sterb ich‹. Und es dann aber auch tut. Für was, is
-beinah gleich. Daß man überhaupt so was kann, wie sich opfern,
-das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da
-so sage; aber was sie jetzt ›sittlich‹ nennen (und manche sagen
-auch ›schönheitlich‹, aber das is ein zu dolles Wort), also was
-sie jetzt sittlich nennen, so bloß auf <em class="gesperrt">das</em> hin angesehn, da is
-das persönliche Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und
--wollen doch das Höchste. Mehr kann der Mensch nich. Aber
-Koseleger. Der will leben.«</p>
-
-<p>Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann,
-war sein gutes, altes Faktotum eingetreten, an das er denn
-auch ohne weiteres und bloß zu eignem Ergötzen die Frage
-richtete: »Nich wahr, Engelke?«</p>
-
-<p>Der aber hörte gar nichts mehr, so sehr war er in Verwirrung,
-und stotterte nur aus sich heraus: »Ach Gott, gnädger
-Herr, nu is es doch so gekommen.«</p>
-
-<p>»Wie? Was?«</p>
-
-<p>»Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was? Die Prinzessin?«</p>
-
-<p>»Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.«</p>
-
-<p>»Alle Wetter, Engelke … Da haben wir's. Aber ich hab
-es ja gesagt, ich wußt es. Wie so'n Tag anfängt, so bleibt er,<span class="pagenum"><a id="Seite_382">[382]</a></span>
-so geht es weiter … Und wie das hier durcheinander liegt,
-alles wie Kraut und Rüben. Nimm die Zudecke weg, ach was
-Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen eine andre haben.
-Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht gleich
-aussieht wie ne Krankenstube … Die Prinzessin … Aber
-rasch, Engelke, flink … Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin
-bitten.«</p>
-
-<p>Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen
-aber hielt er's in seinem desolaten Zustande doch für besser, in
-seinem Rollstuhl zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn
-oder sie durch ein Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger
-feierlich zu begrüßen. Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen
-denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu
-verstehen, daß sie nicht zu stören wünsche. Gleich danach legte sie
-den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles
-und sagte: »Ich komme, Herr von Stechlin, um nach Ihrem
-Befinden zu fragen; Katzler (sie nannte ihn, unter geflissentlichster
-Vermeidung des allerdings plebejen »mein Mann«,
-immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem
-Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich
-hoffe, es geht besser.«</p>
-
-<p>Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das
-um ihn her herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen
-zu wollen. »Wo die weibliche Hand fehlt, fehlt alles.« Er fuhr
-so noch eine Weile fort, in allerlei Worten und Wendungen, wie
-sie ihm von alter Zeit her geläufig waren; eigentlich aber war
-er wenig bei dem, was er sagte, sondern hing ausschließlich an
-dem halb nonnen-, halb heiligenbildartigen ihrer Erscheinung,
-das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln bestehenden
-Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde. Sie
-mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav,
-der &ndash; so sehr er dagegen ankämpfte &ndash; ganz unter der Vorstellung
-ihrer Prinzessinnenschaft stand, vergaß auf Augenblicke<span class="pagenum"><a id="Seite_383">[383]</a></span>
-Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter
-seiner Dame. Daß sie stehenblieb, war ihm im ersten Augenblicke
-störend, bald aber war es ihm recht, weil ihm einleuchtete,
-daß ihr »Bild« erst dadurch zu voller Wirkung kam. Ermyntrud
-selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug,
-auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten.</p>
-
-<p>»Ich höre, daß Doktor Sponholz, den ich als Arzt sehr
-schätzen gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers
-ist, einem jungen Stellvertreter anvertraut hat. Junge Ärzte
-sind meist klüger als die alten, aber doch weniger Ärzte. Man
-bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte
-Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart.
-Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen,
-der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich
-Heilsame bleibt. Ärzte selbst &ndash; ich hab einen Teil meiner Jugend
-in einem Diakonissenhause verbracht &ndash; Ärzte selbst, wenn
-sie ihren Beruf recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte
-Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf;
-alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort. Aber freilich, das richtige
-Wort wird nicht überall gesprochen.«</p>
-
-<p>Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz
-klar, daß die Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten.
-Aber woher kam ihr die Wissenschaft, daß seine Seele dessen
-bedürftig sei? Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu bringen,
-und so bezwang er sich denn und sagte: »Gewiß, Durchlaucht,
-das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das Wunder; es
-läßt uns lachen und weinen; es erhebt uns und demütigt uns,
-es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst
-das wahre Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort,
-das haben wir in der Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn
-ich manches Wort nicht verstehe, wie wir die Sterne nicht verstehn,
-so haben wir dafür die Deuter.«</p>
-
-<p>»Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_384">[384]</a></span></p>
-
-<p>»Ja,« lachte Dubslav, »und wer die Wahl hat, hat die
-Qual. Aber ich persönlich, ich habe keine Wahl. Denn genau
-so wie mit dem Körper, so steht es für mich auch mit der Seele.
-Man behilft sich mit dem, was man hat. Nehm ich da zunächst
-meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es mir hier und steigt
-und drückt und quält mich und ängstigt mich, und wenn die
-Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn
-es mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein,
-und dann kommt Sponholz. Das heißt, wenn er gerade da ist.
-Ja, dieser Sponholz ist auch ein Wissender und ein ›Deuter‹.
-Sehr wahrscheinlich, daß es klügere und bessere gibt; aber in
-Ermangelung dieser besseren muß er für mich ausreichen.«</p>
-
-<p>Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung
-ausdrücken zu wollen.</p>
-
-<p>»Und,« fuhr Dubslav fort, »ich muß es wiederholen, genau
-so wie mit dem Leib, so auch mit der Seele. Wenn sich
-meine arme Seele ängstigt, dann nehm ich mir Trost und
-Hilfe, so gut ich sie gerade finden kann. Und dabei denk ich
-dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man am schnellsten,
-und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß
-man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn,
-wenn benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber,
-den Arzt für die Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher
-und brauche nicht mal nach Gransee hinüberzuschicken. Alle
-Worte, die von Herzen kommen, sind gute Worte, und wenn
-sie mir helfen (und sie helfen mir), so frag ich nicht viel danach,
-ob es sogenannte ›richtige‹ Worte sind oder nicht.«</p>
-
-<p>Ermyntrud richtete sich höher auf; ihr bis dahin verbindliches
-Lächeln war sichtlich in raschem Hinschwinden.</p>
-
-<p>»Überdies,« so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, »was
-sind die richtigen Worte? Wo sind sie?«</p>
-
-<p>»Sie haben sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben
-wollen. Und Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten<span class="pagenum"><a id="Seite_385">[385]</a></span>
-Nähe. Mich persönlich haben diese Worte während
-schwerer Tage gestützt und aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde,
-voran im eignen Lager. Und diese Feinde sprechen von ›schönen
-Worten‹. Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen,
-weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich eine mich segnende
-Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist? Sie haben
-Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit
-über diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen
-wäre, würd ich eine gnädge Fügung darin zu sehn glauben,
-daß er an diese sterile Küste verschlagen werden mußte, gerade
-mir eine Hilfe zu sein. Aber was er an mir tat, kann er auch
-an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege führt; wer
-die Seele hat, hat auch den Leib.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl
-an Dubslav herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm,
-halb wie segnend, die Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte
-dabei seine Brust. Sie ließ es eine Weile da ruhen. Dann
-aber trat sie wieder zurück, und sich zweimal unter hoheitsvollem
-Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer. Engelke, der
-draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Einsteigen in den
-kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.</p>
-
-<p>Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen,
-das grad vor ihm auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb
-niedergebrannten Scheite. Die Flamme schlug auf und etliche
-Funken stoben. »Arme Durchlaucht. Es ist doch nicht gut, wenn
-Prinzessinnen in Oberförsterhäuser einziehn. Sie sind dann
-aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen,
-um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit nicht unterzugehn.
-Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte sie
-freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen sie selber bedürftig
-ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von
-wem sie will. Der Alte auf Sanssouci, mit seinem nach der
-eignen Fasson selig werden hat's auch darin getroffen. Gewiß.<span class="pagenum"><a id="Seite_386">[386]</a></span>
-Aber wenn ich euch eure Fasson lasse, so laßt mir auch die
-meine. Wollt nicht alles besser wissen, kommt mir nicht mit
-Anzettelungen, erst gegen meinen guten Krippenstapel, der
-kein Wässerchen trübt, und nun gar gegen meinen klugen
-Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn persönlich
-wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und
-wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß
-ich auch schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin
-schlecht, und er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen.
-Auch sogar gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln,
-die ja schon der reine Rosenkranz sind. Und es wird
-auch noch so was. Eigentlich bin ich übrigens selber schuld.
-Ich habe mir durch den prinzeßlichen Augenaufschlag und die
-vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren lassen. Aber
-es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich meinen
-Engelke habe.«</p>
-
-<p>Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden
-und drückte auf den Klingelknopf. »Engelke, geh zu Lorenzen
-und sag ihm, ich ließ ihn bitten. Der soll dann aber heut
-auch der letzte sein … Denke dir, Engelke, sie wollen mich
-bekehren!«</p>
-
-<p>»Aber, gnädger Herr, das is ja doch das Beste.«</p>
-
-<p>»Gott, nu fängt der auch noch an.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Achtunddreissigstes_Kapitel">Achtunddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen
-aus dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz
-hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach
-von allem möglichen, erst ganz kurz von Dubslavs Zustand,
-den er nicht gut und nicht schlecht fand, dann von Koseleger,
-von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen<span class="pagenum"><a id="Seite_387">[387]</a></span>
-war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein
-und von Torgelow. »Ja, dieser Torgelow,« sagte Moscheles.
-»Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig
-gewesen wäre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte!
-Aber da haben sie denn doch noch ganz andre Leute.« Dubslav
-war davon wenig angenehm berührt, weil er aus der persönlichen
-Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen
-Partei heraushörte.</p>
-
-<p>Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als
-Moscheles wieder fort war, sagte Dubslav: »Engelke, wenn er
-wiederkommt, so sag ihm, ich sei nicht da. Das wird er natürlich
-nicht glauben; weiß er doch am besten, daß ich an mein Zimmer
-und meinen Rollstuhl gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag
-ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz, sich grade
-diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie
-schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar anfaßt,
-immer grad in der Mitte. Und dazu auch noch nen roten
-Schlips.«</p>
-
-<p>»Es sind aber schwarze Käfer drin.«</p>
-
-<p>»Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so,
-damit es nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer
-ist und wohin er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch,
-auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit ner
-papiernen Kornblume kommt. Also du sagst ihm, ich sei
-nicht da.«</p>
-
-<p>Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken
-dabei. »Der alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht.
-Un den aus Wutz will er auch nich, weil der so viel mit der
-Domina zusammenhockt. Un dabei kommt er doch immer mehr
-runter. Er denkt: ›Es is noch nich so schlimm.‹ Aber es is
-schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un Kluckhuhn
-sagte mir schon vorige Woche: ›Engelke, glaube mir, es wird
-nichts; ich weiß Bescheid.‹«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_388">[388]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder
-vor und verfärbte sich, als Engelke sagte, der gnädge Herr
-sei nicht da.</p>
-
-<p>»So, so. Nicht da.«</p>
-
-<p>Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf
-seinen Wagen und bestärkte sich, während er nach Gransee
-zurückfuhr, in seinen durchaus ablehnenden Anschauungen
-über den derzeitigen Gesellschaftszustand. »Einer ist wie der
-andre. Was wir brauchen, is ein Generalkladderadatsch,
-Krach, <em class="antiqua">tabula rasa</em>.« Zugleich war er entschlossen, von einem
-erneuten Krankenbesuch abzustehen. »Der gnädge Herr auf,
-von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich
-braucht. Hoffentlich unterläßt er's.«</p>
-
-<p>Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn
-nicht rufen, wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn
-die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig
-nachließen, waren die geschwollenen Füße sofort wieder
-da. Engelke sah das alles mit Sorge. Was blieb ihm noch
-vom Leben, wenn er seinen gnädgen Herrn nicht mehr hatte?
-Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin,
-als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige
-Stube trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu
-dieser: »Ick weet nich, Mutter, worüm he den jungschen Dokter
-rutgrulen däd. De Jungsche is doch klöger, as de olle Sponholz
-is. Doa möt man blot de Globsower über Sponholzen
-hüren. ›Joa, oll Sponholz,‹ so seggen se, ›de is joa so wiet ganz
-good, awers he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he egentlich
-nich, he brukt man blot ne Supp mit en beten wat in!‹
-Joa, Sponholz, de kann so wat seggen, de hett wat da to. Awers
-de Globsower! Wo salln de ne Supp herkregen mit en beten
-wat in?«</p>
-
-<p>So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht
-war, sah nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_389">[389]</a></span>
-Moscheles war doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen,
-und wenn er jetzt einen andern nahm, so traf das Sponholzen
-auch mit. Und das mocht er nicht. In dieser Notlage
-sann er hin und her, und eines Tages, als er mal wieder in
-rechter Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und
-sagte: »Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nicht von dem
-Doktor. Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage,
-wie steht das eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten
-Herbst uns' Kossät Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht
-haben.«</p>
-
-<p>»Ja, die Buschen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na, was meinst du?«</p>
-
-<p>»Ja, die Buschen, <em class="gesperrt">die</em> weiß Bescheid. Versteht sich. Man
-bloß, daß sie ne richtige alte Hexe is, und um Walpurgis weiß
-keiner, wo sie is. Und die Mächens gehen Sonnabends auch
-immer hin, wenn's schummert, und Uncke hat auch schon welche
-notiert und beim Landrat Anzeige gemacht. Aber sie streiten
-alle Stein und Bein; und ein paar haben auch schon geschworen,
-sie wüßten von gar nichts.«</p>
-
-<p>»Kann ich mir denken, und vielleicht war's auch nich so
-schlimm. Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut
-Bescheid weiß, da wär's am Ende das beste, du gingst mal hin
-oder schicktest wen. Denn deine alten Beine wollen auch nich
-mehr so recht, und außerdem is Schlackerwetter. Und wenn du
-mir auch noch krank wirst, so hab ich ja keine Katze mehr, die sich
-um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und wenn er auch
-in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine Schwadron
-und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater
-sitzen. Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was
-Schweres; darum haben die Katholiken auch nen eignen Segen
-dafür. Ja, die verstehn es. So was verstehn sie besser als
-wir.«</p>
-
-<p>»Nei, gnädger Herr, besser doch wohl nich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_390">[390]</a></span></p>
-
-<p>»Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen,
-und weil heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben
-sich ja die Menschen auch das angeschafft, was sie ne ›Enquete‹
-nennen. Keiner kann sich freilich so recht was dabei denken.
-Ich gewiß nicht. Weißt du, was es ist?«</p>
-
-<p>»Nei, gnädger Herr.«</p>
-
-<p>»Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das
-merkt man gleich, und hast auch ein Einsehn davon, daß es
-eigentlich am besten wäre, wenn ich zu der Buschen schicke.
-Was die Leute von ihr reden, geht mich nichts an. Und dann
-bin ich auch kein Mächen. Und Uncke wird mich ja wohl nicht
-aufschreiben.«</p>
-
-<p>Engelke lächelte: »Na, gnädger Herr, dann werd ich man
-unten mit unse Mamsell Pritzbur sprechen; die kann die lütte
-Marie rausschicken. Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet,
-aber sie war auch schon da.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im
-Herrenhause. Sie hatte sich für den Besuch etwas zurecht gemacht
-und trug ihre besten Kleider, auch ein neues schwarzes
-Kopftuch. Aber man konnte nicht sagen, daß sie dadurch gewonnen
-hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so mit nem
-Sack über die Schulter oder mit ner Kiepe voll Reisig aus
-dem Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib;
-jetzt aber, wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht
-wußte, warum man sie gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit
-an, und daß sie für all und jedes zu haben sei.</p>
-
-<p>Sie blieb an der Tür stehen.</p>
-
-<p>»Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans
-Fenster, daß ich Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz
-schummrig.«</p>
-
-<p>Sie nickte.</p>
-
-<p>»Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is<span class="pagenum"><a id="Seite_391">[391]</a></span>
-auch noch Sponholz weg. Und den neuen Berlinschen, den
-mag ich nicht. Ihr sollt ja Kossät Rohrbeckens Frau damals
-wieder auf die Beine gebracht haben. Mit mir is es auch so
-was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen? Ich
-zeig Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles
-gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht
-sein.«</p>
-
-<p>»Ick weet joa, jnädger Herr … Se wihren joa nich.
-Un denn de Lüd', de denken ümmer, ick kann hexen un all so
-wat. Ick kann awer joar nix un hebb man blot en beten Liebstöckel
-un Wacholder un Allermannsharnisch. Un alles blot,
-wie't sinn muß. Un de Gerichten können mi nix dohn.«</p>
-
-<p>»Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an.
-Mit so was komm ich Euch nich. Kann ›Gerichte‹ selber nich
-gut leiden. Und nu sagt mir, Buschen, wollt Ihr den Fuß
-sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso aus. Oder doch
-beinah.«</p>
-
-<p>»Nei, jnädger Herr. Loaten's man. Ick weet joa, wi dat
-is. Ihrst sitt et hier up de Bost, nu denn sackt et sich, un denn
-sitt et hier unnen. Un is all een un dat sülwige. Dat möt
-allens rut, un wenn et rut is, denn drückt et nich mihr, un
-denn künnen Se wedder gapsen.«</p>
-
-<p>»Gut. Leuchtet mir ein. ›Et muß rut,‹ sagt Ihr. Und
-das sag ich auch. Aber womit wollt Ihr's ›rut‹-bringen? Das
-is die Sache. Welche Mittel, welche Wege?«</p>
-
-<p>»Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel,
-denn finnen sich ook de Weg. Ick schick' hüt noch Agnessen mit
-twee Tüten; Agnes, dat is Karlinen ehr lütt Deern.«</p>
-
-<p>»Ich weiß, ich weiß.«</p>
-
-<p>»Un Agnes, de soll denn unnen in den Küch goahn, to Mamsell
-Pritzbur, un de Pritzburn de sall denn den Tee moaken
-für'n jnädgen Herrn. Morgens ut de witte Tüt, un abens
-ut de blue Tüt. Un ümmer man nen gestrichnen Eßlöffel vull<span class="pagenum"><a id="Seite_392">[392]</a></span>
-un nich to veel Woater; awers bullern möt et. Un wenn de
-Tüten all sinn, denn is et rut. Dat Woater nimmt dat Woater
-weg.«</p>
-
-<p>»Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und
-ich bin nicht bloß ein geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer
-Kranker. Nun will ich aber bloß noch wissen, was
-Ihr mir da in Euern Tüten schicken wollt, in der weißen und in
-der blauen. Is doch kein Geheimnis?«</p>
-
-<p>»Nei, jnädger Herr.«</p>
-
-<p>»Na also.«</p>
-
-<p>»In de witte Tüt is Bärlapp un in de blue Tür is, wat
-de Lüd hier Katzenpoot nennen.«</p>
-
-<p>»Versteh, versteh,« lächelte Dubslav, und dann sprach er
-wie zu sich selbst: »Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen
-liegt eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp
-zum Einstreuen fängt die süße Gewohnheit des Daseins an
-und mit Katzenpfötchen hört es auf. So verläuft es. Katzenpfötchen
-… die gelben Blumen, draus sie die letzten Kränze
-machen … Na, wir wollen sehn.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden
-Tüten, und es geschah, was beinah über alles Erwarten hinaus
-lag: es wurde wirklich besser. Die Geschwulst schwand, und
-Dubslav atmete leichter. »Dat Woater nimmt dat Woater,«
-an diesem Hexenspruch &ndash; den er, wenn er mit Engelke plauderte,
-gern zitierte &ndash; richteten sich seine Hoffnungen und seine
-Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung
-und ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen
-Rollstuhl nicht bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern
-fuhr auch um das Rundell herum und sah dem kleinen Springbrunnen
-zu, der wieder sprang. Ja, es kam ihm vor, als ob er
-höher spränge. »Findest du nich auch, Engelke? Vor vier
-Wochen wollt er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht<span class="pagenum"><a id="Seite_393">[393]</a></span>
-wieder, und es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben;
-wozu hat man sie denn?«</p>
-
-<p>Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die gekommen
-waren, auf einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl,
-zuunterst die »Kreuzzeitung« als Fundament, auf diese
-dann die »Post« und zuletzt die Briefe. Die meisten waren offen,
-Anzeigen und Anpreisungen, nur einer war geschlossen, ja sogar
-gesiegelt. Poststempel: Berlin. »Gib mir mal das Papiermesser,
-daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er sieht
-nach was aus, und die Handschrift is wie von ner Dame, bloß
-ein bißchen zu dicke Grundstriche.«</p>
-
-<p>»Is am Ende von der Gräfin.«</p>
-
-<p>»Engelke,« sagte Dubslav, »du wirst mir zu klug. Natürlich
-is er von der Gräfin. Hier is ja die Krone.«</p>
-
-<p>Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage.
-Melusinens Zeilen aber lauteten am Schluß: »Und nun
-bitt ich, Ihnen einen Brief beilegen zu dürfen, den unsre liebe
-Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat und
-zwar von Armgard, deren volles Glück ich aus diesem Brief und
-allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich fernliegenden
-Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.«</p>
-
-<p>Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:</p>
-
-<p class="right">
-»Rom, im März.</p>
-<p class="center">
-Teuerste Baronin!</p>
-
-<p>An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie?
-Vatikan und Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn
-ich Glück habe, bin ich auch noch mit dabei, wenn am Gründonnerstag
-der große Segen gespendet wird. Man muß eben
-alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos
-und überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner
-Vorgänger doch nie heranreicht. Aber von unserer Reise will
-ich Ihnen statt dessen erzählen. Wir nahmen den Weg über den<span class="pagenum"><a id="Seite_394">[394]</a></span>
-Brenner und waren am selben Abend noch in Verona. ›Torre
-di Londra‹. Was mich andern Tags in der Capuletti- und
-Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer Parkgarten,
-der ›Giardino Giusti‹, mit über zweihundert Zypressen,
-alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das
-Berliner Schloß. Ich ging mit Woldemar auf und ab, und
-dabei berechneten wir uns, ob wohl die schöne Julia hier auch
-schon auf und ab gegangen sei? Nur eins störte uns. Zu
-solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört als Abschluß
-notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ›Giardino
-Guisti‹ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment,
-der, von Neapel kommend, bereits alle Schönheit
-Italiens gesehen hatte. Wir fragten ihn, ob Verona, wie
-einem beständig versichert wird, wirklich die ›italienischste der
-italienischen Städte‹ sei? Hauptmann von Gaza lachte. ›Von
-Potsdam,‹ so meinte er, ›könne man vielleicht sagen, daß es
-die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste?
-Nie und nimmer.‹</p>
-
-<p>Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das
-eine. Unser Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen
-Kirche: San Mose. Daß es einen Sankt Moses gibt, war mir
-fremd und verwunderlich zugleich. Aber gleich danach dacht
-ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt. Moses
-geht doch immer noch vor Gendarm.</p>
-
-<p>Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom
-Trasimenischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten.
-Woldemar, ein ganz klein wenig ›Taschen-Moltke‹,
-mochte nicht darauf verzichten, den großen Hannibal auf Herz
-und Nieren zu prüfen, und so stiegen wir denn in Nähe des
-Sees aus, an einer kleinen Station, die, glaub ich, Borghetto-Tuoro
-heißt. Es war auch für einen Laien über Erwarten
-interessant, und selbst ich, die ich sonst gar reinen Sinn für derlei
-Dinge habe, verstand alles, und fand mich leicht in jeglichem<span class="pagenum"><a id="Seite_395">[395]</a></span>
-zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen
-Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde.
-Der See hat viele Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse
-(mehr Kanal als Fluß) nennt sich der ›Emissarius‹, was mich
-sehr erheiterte. Noch interessanter aber erschien mir ein anderer
-Flußlauf, der, weil er am Schlachttage von Blut sich rötete,
-der ›Sanguinetto‹ heißt. Das Diminutiv steigert hier ganz
-entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß, zehn
-Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon
-ihn auspumpen lassen wollte. Da hätte sich dann ein neues
-Herzogtum gründen lassen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schau, schau,« sagte der alte Dubslav, »wer der blassen
-Komtesse das zugetraut hätte! Ja, reisen und in den Krieg
-ziehen, da lernt man, da wird man anders.«</p>
-
-<p>Und er legte den Brief beiseite.</p>
-
-<p>Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen,
-und er überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer
-noch habe. Vor ihm, in den Parkbäumen, schlugen die Vögel,
-und ein Buchfink kam bis auf den Tisch und sah ihn an, ganz
-ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl. »Etwas ganz
-besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und wenn's
-auch bloß ein Piepvogel is, der's einem entgegenbringt. Einige
-haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang an
-auf Mord und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.«</p>
-
-<p>Engelke kam, um abzuräumen. »Is ein schöner Tag heut,«
-sagte Dubslav, »und die Krokusse kommen auch schon raus.
-Eigentlich hab ich nich geglaubt, daß ich so was Hübsches noch
-mal sehen würde. Und wenn ich dann denke, daß ich das alles
-der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt! Sponholz hatte
-bloß immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte nichts
-als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen, und
-mit einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu
-krieg ich auch noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen<span class="pagenum"><a id="Seite_396">[396]</a></span>
-Brief von einer hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter.
-Ja, Engelke, so geht's; nich zu glauben. Und da hättest
-du vorhin den Buchfinken sehen sollen, wie mich der ansah.
-Bloß als du kamst, da flog er weg; er muß sich vor dir gegrault
-haben.«</p>
-
-<p>»Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.«</p>
-
-<p>»Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir
-nen guten Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man
-sich freuen kann. Wie mir schlecht war, da kam Koseleger und
-die Prinzessin. Aber heute kam ein Buchfink. Und ich bin ganz
-sicher, der hat noch ein Gefolge.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag
-da war, kam Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen
-Katzenpfötchentee trank, nur selten und immer bloß flüchtig
-hatte sehen lassen. Aber das war rein zufällig und sollte nicht
-eine Mißbilligung darüber ausdrücken, daß sich der Alte bei der
-Buschen in die Kur gegeben.</p>
-
-<p>»Nun endlich,« empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat.
-»Wo bleiben Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären
-kleine Könige. Ja, wer's glaubt! Alle kleinen Könige haben
-ein Cortege, das sich in Huldigungen und Purzelbäumen
-überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel
-gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger
-und dann die Prinzessin, aber der, der so halb <em class="antiqua">ex officio</em> kommen
-sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder
-die Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann
-man. Und das heißt dann Seelsorge.«</p>
-
-<p>Lorenzen lächelte. »Herr von Stechlin, Ihre Seele macht
-mir, trotz dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn
-sie zählt zu denen, die jeder Spezialempfehlung entbehren
-können. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja für einen Pfarrer
-beinah lästerlich sprechen. Aber ich muß es. Ich lebe nämlich<span class="pagenum"><a id="Seite_397">[397]</a></span>
-der Überzeugung, der liebe Gott, wenn es mal soweit ist,
-freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit ist. Aber
-es ist noch nicht soweit.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls
-aber befind ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande
-nur mit Hilfe der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders
-empfehlen kann, ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir
-die heikle Frage. Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches
-und Heiteres, auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist,
-etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das ist mir immer
-das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in den
-Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer
-alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig
-&ndash; natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt
-aus &ndash; eine wahres Glück, daß es Unglücksfälle
-gibt, sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar
-nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter
-sogar Gutes (freilich nur selten), und haben ein wundervolles
-Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen
-fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-Rex-Mann,
-was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Friederikus-Rex-Leute,
-die haben alle Herz und Verstand auf dem
-rechten Fleck. Also suchen Sie nach irgendwas der Art, nach
-einer alten Zieten- oder Blücheranekdote, kann meinetwegen
-auch Wrangel sein &ndash; ich bin dankbar für alles. Je schlechter es
-einem geht, je schöner kommt einem so was kavalleristisch Frisches
-und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf
-Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber
-das darf ich sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank
-kommt dergleichen immer noch vor.«</p>
-
-<p>»Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von
-Stechlin, all dies Heldische&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das<span class="pagenum"><a id="Seite_398">[398]</a></span>
-Heldische sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn
-es wäre, da würd ich ernstlich böse.«</p>
-
-<p>»Das läßt Ihre Güte nicht zu.«</p>
-
-<p>»Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht.
-Was haben Sie gegen das Heldische?«</p>
-
-<p>»Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil.
-Heldentum ist gut und groß. Und unter Umständen ist es das
-Allergrößte. Lasse mir also den Heroenkultus durchaus gefallen,
-das heißt, den echten und rechten. Aber was Sie da
-von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für das Wort, ein
-Heldentum zweiter Güte. <em class="gesperrt">Mein</em> Heldentum &ndash; soll heißen,
-was ich für Heldentum halte &ndash; das ist nicht auf dem Schlachtfelde
-zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche,
-die mit zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam,
-weltabgewandt. Wenigstens als Regel. Aber freilich, <em class="gesperrt">wenn</em>
-die Welt dann ausnahmsweise davon hört, dann horch ich
-mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein Kavalleriepferd, das
-die Trompete hört.«</p>
-
-<p>»Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.«</p>
-
-<p>»Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder,
-die nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein
-Blitz sie niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert;
-da sind des weiteren die großen Kletterer und Steiger, sei's
-in die Höh, sei's in die Tiefe, da sind zum dritten die, die den
-Meeresgrund absuchen wie ne Wiese, und da sind endlich die
-Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer.«</p>
-
-<p>»Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits
-verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken
-kam: ›Was die Hose kann, kann ich auch.‹ Und daraufhin
-fuhr er über den Pol. Oder wollte wenigstens.«</p>
-
-<p>Lorenzen nickte.</p>
-
-<p>»Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen
-sich an die Sache ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_399">[399]</a></span>
-nichts draus wurde. Bleibt immer noch ein Bravourstück.
-Gewiß, da sitzt nu so wer im Eise, sieht nichts, hört nichts, und
-wenn wer kommt, ist es höchstens ein Eisbär. Indessen, er
-freut sich doch, weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf
-sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen. Aber trotzdem,
-Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum,
-oder um's noch einmal einzuschränken, ein solches, das mich
-persönlich hinreißen soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee,
-eines allereigensten Entschlusses. Auch dann noch (ja mitunter
-dann erst recht), wenn dieser Entschluß schon das Verbrechen
-streift. Oder, was fast noch schlimmer, das Häßliche.
-Kennen Sie den Cooperschen ›Spy‹? Da haben Sie den Spion
-als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes.
-Die Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt
-der Beispiele noch andere, noch bessere!«</p>
-
-<p>»Da bin ich neugierig,« sagte Dubslav. »Also wenn's
-sein kann: Name.«</p>
-
-<p>»Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee <em class="antiqua">pur sang</em>.
-Und im übrigen auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.«</p>
-
-<p>»Will also sagen: Nansen der Zweite.«</p>
-
-<p>»Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor
-Nansen.«</p>
-
-<p>»Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol zu? Oder
-waren seine Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?«</p>
-
-<p>»All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich
-Heldische fehlt in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle
-tritt, ist ein ganz andres. Aber dies andre, <em class="gesperrt">das</em> gerade macht es.«</p>
-
-<p>»Und das war?«</p>
-
-<p>»Nun denn, &ndash; ich erzähle nach dem Gedächtnis und im
-Einzelnen und Nebensächlichen irr ich vielleicht … Aber in
-der Hauptsache stimmt es … Also zuletzt, nach langer Irrfahrt,
-waren's noch ihrer fünf: Greeley selbst und vier seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_400">[400]</a></span>
-Leute. Das Schiff hatten sie verlassen, und so zogen sie hin
-über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit sich da
-von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen
-Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes
-Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle
-reichen würde. Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch
-wieder geringstes Maß als tägliche Provision zubewilligt, und
-wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam, so
-mußt es reichen. Und einer, der noch am meisten bei Kräften
-war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so durch Tage.
-Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller
-hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger
-selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den
-Rationen nahm. Das war eine schreckliche Wahrnehmung.
-Denn ging es so fort, so waren sie samt und sonders verloren.
-Da nahm Greeley die drei andern beiseit und beriet mit ihnen.
-Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht, und auf
-einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht. Sie hatten dazu
-die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es
-war Greeley, der es sagte: ›Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‹
-Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder
-aufbrachen, der heimlich Verurteilte vorn an der Tete, trat
-Greeley von hintenher an ihn heran und schoß ihn nieder. Und
-die Tat war nicht umsonst getan; ihre Rationen reichten aus,
-und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen verzehrten, kamen
-sie bis an eine Station.«</p>
-
-<p>»Und was wurde weiter?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr
-nach Newyork als Ankläger gegen sich auftrat; aber
-das weiß ich, daß es zu einer großen Verhandlung kam.«</p>
-
-<p>»Und in dieser&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph
-nach Hause getragen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_401">[401]</a></span></p>
-
-<p>»Und Sie sind einverstanden damit?«</p>
-
-<p>»Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun,
-was er tat, hätte zu den Gefährten sagen können: ›Unser Exempel
-wird falsch, und wir gehen an des einen Schuld zugrunde;
-töten mag ich ihn nicht, &ndash; sterben wir also alle.‹ Für seine
-Person hätt er so sprechen und handeln können. Aber es handelte
-sich nicht bloß um ihn; er hatte die Führer- und die Befehlshaberrolle,
-zugleich die Richterpflicht, und hatte die Majorität
-von drei gegen eine Minorität von einem zu schützen.
-Was dieser eine getan, an und für sich ein Nichts, war unter
-den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges
-Verbrechen. Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere
-Tat die schwere Gegentat auf sich. In solchem Augenblicke
-richtig fühlen und in der Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt
-ein furchtbares Etwas tun, ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange
-gerissen, allem göttlichen Gebot, allem Gesetz und
-aller Ehre widerspricht, <em class="gesperrt">das</em> imponiert mir ganz ungeheuer und ist
-in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut. Schmach und
-Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben sich
-von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut
-in der Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.«</p>
-
-<p>Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem
-Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens
-und sagte: »Sie sollen recht haben.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Neununddreissigstes_Kapitel">Neununddreißigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht.
-»Wenn man mal so was andres hört, wird einem gleich besser.«
-Aber auch der Katzenpfötchentee fuhr fort, seine Wirkung zu
-tun, und was dem Kranken am meisten half, war, daß er die
-grünen Tropfen fortließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_402">[402]</a></span></p>
-
-<p>»Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wie gefallen
-dir meine Beine? Wenn ich drücke, keine Kute mehr.«</p>
-
-<p>»Gewiß, gnädger Herr, es wird nu wieder, un das macht
-alles der Tee. Ja, die Buschen versteht es, das hab ich immer
-gesagt. Und gestern abend, als Lorenzen hier war, war auch
-lütt Agnes hier un hat unten in der Küche gefragt, wie's
-denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn? Und die
-Mamsell hat ihr gesagt, ›es stünde gut‹.«</p>
-
-<p>»Na, das is recht, daß die Alte, wie 'n richtiger Doktor,
-sich um einen kümmert und von allem wissen will. Und daß
-sie nicht selber kommt, ist noch besser. So'n bißchen schlecht
-Gewissen hat sie doch woll. Ich glaube, daß sie viel auf'm
-Kerbholz hat, und daß die Karline so is, wie sie is, daran is
-doch auch bloß die Alte schuld. Und das Kind wird vielleicht
-auch noch so; sie dreht sich schon wie ne Puppe, und dazu das
-lange, blonde Zoddelhaar. Ich muß dabei immer an Bellchen
-denken, &ndash; weißt du noch, als die gnädge Frau noch
-lebte. Bellchen hatte auch solche Haare. Und war auch der
-Liebling. Solche sind immer Liebling. Krippenstapel, hör ich,
-soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn die andern ihn
-noch anglotzen, dann schießt sie schon los. Es ist ein kluges Ding.«</p>
-
-<p>Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach
-unten, um dem gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen:
-ein weiches Ei und eine Tasse Fleischbrühe. Als er aber aus dem
-Gartenzimmer auf den großen Hausflur hinaustrat, sah er,
-daß ein Wagen vorgefahren war, und statt in die Küche zu
-gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurück, um mit
-verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnädge Fräulein da sei.</p>
-
-<p>»Wie? Meine Schwester?«</p>
-
-<p>»Ja, das gnädge Frölen.«</p>
-
-<p>»I, da soll doch gleich ne alte Wand wackeln,« sagte Dubslav,
-der einen ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher
-war, daß es jetzt mit Ruh und Frieden auf Tage, vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_403">[403]</a></span>
-auf Wochen, vorbei sei. Denn Adelheid mit ihren sechsundsiebzig
-setzte sich nicht gern auf eine Kleinigkeit hin in Bewegung,
-und wenn sie die beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her
-herüberkam, so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern Einquartierung.
-Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit einem
-Male wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im
-Nu wieder da war.</p>
-
-<p>Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen,
-denn Engelke öffnete bereits die Tür, und Adelheid kam auf
-ihn zu. »Tag, Dubslav. Ich muß doch mal sehn. Unser Rentmeister
-Fix ist vorgestern hier in Stechlin gewesen und hat dabei
-von deinem letzten Unwohlsein gehört. Und daher weiß
-ich es. Eh du persönlich deine Schwester so was wissen läßt
-oder einen Boten schickst&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Da muß ich schon tot sein,« ergänzte der alte Stechlin
-und lachte. »Nun, laß es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem
-und rücke den Stuhl da heran.«</p>
-
-<p>»Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst!
-Das ist ja ein Großvaterstuhl oder doch beinah.« Und dabei
-nahm sie statt dessen einen kleinen, leichten Rohrsessel und ließ
-sich drauf nieder. »Ich komme doch nicht zu dir, um mich hier
-in einen großen Polsterstuhl mit Backen zu setzen. Ich will
-meinen lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht selber eine
-Kranke sein. Wenn es so mit mir stünde, wär ich zu Hause geblieben.
-Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter bin als
-du. Nun, ja, ich bin zehn Jahre älter. Aber was sind die Jahre?
-Die Wutzer Luft ist gesund, und wenn ich die Grabsteine bei
-uns lese, unter achtzig ist da beinah keine von uns abgegangen.
-Du wirst erst siebenundsechzig. Aber ich glaube, du hast dein
-Leben nicht richtig angelegt, ich meine deine Jugend, als du noch
-in Brandenburg warst. Und von Brandenburg immer rüber
-nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was Statistisches
-gelesen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_404">[404]</a></span></p>
-
-<p>»Damen dürfen nie Statistisches lesen,« sagte Dubslav,
-»es ist entweder zu langweilig oder zu interessant, &ndash; und das
-ist dann noch schlimmer. Aber nun klingle (verzeih, mir wird
-das Aufstehn so schwer), daß uns Engelke das Frühstück bringt;
-du kommst <em class="antiqua">à la fortune du pot</em> und mußt fürlieb nehmen.
-Mein Trost ist, daß du drei Stunden unterwegs gewesen,
-Hunger ist der beste Koch.«</p>
-
-<p>Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde &ndash;
-die Jahreszeit gestattete, daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern
-aufgesetzt werden konnte &ndash; verbesserte sich die Stimmung
-ein wenig; Dubslav ergab sich in sein Schicksal, und Adelheid
-wurde weniger herbe.</p>
-
-<p>»Wo hast du nur die Kiebitzeier her?« sagte sie. »Das ist
-was Neues. Als ich noch hier lebte, hatten wir keine.«</p>
-
-<p>»Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden,
-an unserm Stechlin, da, wo die Binsen stehn; aber bloß auf
-der Globsower Seite. Nach der andern Seite hin wollen sie
-nicht. Ich habe mir gedacht, es sei vielleicht ein Fingerzeig,
-daß ich nun auch welche nach Friedrichsruh schicken soll. Aber
-das geht nicht; dann gelt ich am Ende gleich für eingeschworen,
-und Uncke notiert mich. Wer dreimal Kiebitzeier schickt, kommt
-ins schwarze Buch. Und das kann ich schon Woldemars wegen
-nicht.«</p>
-
-<p>»Is auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll
-sich ja mit der Lucca zusammen haben photographieren lassen.
-Und während sie da oben in der Regierung und mitunter auch
-bei Hofe so was tun, fordern sie Tugend und Sitte. Das
-geht nicht. Bei sich selber muß man anfangen. Und dann ist
-er doch auch schließlich bloß ein Mensch, und alle Menschenanbetung
-ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch schlimmer
-als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl, Götzendienst kommt
-jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch &ndash; so
-wenigstens hat mir Fix erzählt &ndash; nach der Buschen geschickt haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_405">[405]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, es ging mir schlecht.«</p>
-
-<p>»Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll man Gott
-und Jesum Christum erkennen lernen, aber nicht die Buschen.
-Und sie soll dir Katzenpfötchentee gebracht haben und soll auch
-gesagt haben: ›Wasser treibt das Wasser.‹ Das mußt du doch
-heraushören, daß das ein unchristlicher Spruch ist. Das ist,
-was sie ›besprechen‹ nennen oder auch ›böten‹. Und wo das alles
-herstammt, … Dubslav, Dubslav, … Warum bist du nicht
-bei den grünen Tropfen geblieben und bei Sponholz? Seine
-Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf.«</p>
-
-<p>»Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in
-Pfäffers, einem Schweizerbadeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich
-in einem Backofen. Er hat es mir selbst erzählt,
-daß es ein Backofen is.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid
-erzählte von Fix, von der Schmargendorf und der Schimonski
-und zuletzt auch von Maurermeister Lebenius in Berlin,
-der in Wutz eine Ferienkolonie gründen wolle. »Gott, wir
-kriegen dann so viel armes Volk in unsern Ort und noch dazu
-lauter Berliner Bälge mit Plieraugen. Aber die grünen Wiesen
-sollen ja gut dafür sein und unser See soll Jod haben, freilich
-wenig, aber doch so, daß man's noch gerade finden kann.«
-Adelheid sprach in einem fort, derart, daß Dubslav kaum zu
-Wort kommen konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch
-dazwischen, trotzdem sie beständig versicherte, daß sie gekommen
-sei, ihn zu pflegen, und nur, wenn er auf Woldemar das Gespräch
-brachte, hörte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu. Freilich,
-die italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr
-langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen, unter
-denen »Tintoretto« und »Santa Maria Novella« obenan
-standen, erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast
-so vergnügt wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_406">[406]</a></span>
-flüchtiges Interesse (wenn auch freilich kein freundliches) zeigte
-sie nur, wenn Dubslav von der jungen Frau sprach und hinzusetzte:
-»Sie hat so was Unberührtes.«</p>
-
-<p>»Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück.«</p>
-
-<p>»Wer keusch ist, bleibt keusch.«</p>
-
-<p>»Meinst du das ernsthaft?«</p>
-
-<p>»Natürlich mein ich es ernsthaft. Über solche Dinge spaß
-ich überhaupt nicht.«</p>
-
-<p>Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte: »Dubslav,
-was hast du nur wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst
-kannst du doch so was nicht haben. Und von deinem Pastor
-Lorenzen auch nicht. Der wird ja wohl nächstens ne ›freie Gemeinde‹
-gründen.«</p>
-
-<p>So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem,
-trotz kleiner Ärgerlichkeiten, unterhaltlich genug für den Alten,
-der, unter seiner Einsamkeit leidend, meist froh war, irgendeinen
-Plauderer zu finden, auch wenn dieser im übrigen nicht gerade
-der richtige war. Aber das alles dauerte nicht lange. Die
-Schwester wurde von Tag zu Tag rechthaberischer und herrischer
-und griff unter der Vorgabe, »daß ihr Bruder anders verpflegt
-werden müsse«, in alles ein, auch in Dinge, die mit der
-Verpflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie ihm
-den Katzenpfötchentee wegdisputieren, und wenn abends die
-kleine Meißener Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten
-Disput über die Buschen und ihre Hexenkünste.</p>
-
-<p>So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav
-feststand, daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann
-er nach, wie das wohl am besten zu machen sei. Das war aber
-keine ganz leichte Sache, da die »Kündigung« notwendig von
-ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus ihr machte, so war er
-doch zu sehr Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit, als
-daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf Abreise zu dringen.</p>
-
-<p>Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_407">[407]</a></span>
-auch frisch. Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes
-Familienerbstück, und ging zu Krippenstapel, um sich seine
-Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie hoffte bei der Gelegenheit
-auch was über den Pastor zu hören, weil sie davon ausging,
-daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Prediger
-immer über den Lehrer zu klagen hat. Jedes Landfräulein
-denkt so. Die Bienen nahm sie so mit in den Kauf.</p>
-
-<p>Es begann zu dunkeln, und als die Domina schließlich aus
-dem Herrenhause fort war, war das eine freie Stunde für Dubslav,
-der nun nicht länger säumen mochte, seine Mine zu legen.</p>
-
-<p>»Engelke,« sagte er, »du könntest in die Küche gehn und
-die Marie zur Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid
-da. Und da kann sie denn der alten Hexe sagen, lütt Agnes
-solle heute abend mit heraufkommen und hier schlafen und immer
-da sein, wenn ich was brauche.«</p>
-
-<p>Engelke stand verlegen da.</p>
-
-<p>»Nu, was hast du? Bist du dagegen?«</p>
-
-<p>»Nein, gnädger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich.
-Aber ich schlafe doch auch nebenan, und dann is es ja, wie wenn
-ich für gar nichts mehr da wär und fast so gut wie schon abgesetzt.
-Und das Kind kann doch auch nich all das, was nötig
-is; Agnes is ja doch noch ne lütte Krabb.«</p>
-
-<p>»Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern Stube
-bleiben und alles tun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes
-soll kommen. Ich brauche das Kind. Und du wirst auch bald
-sehn, warum.«</p>
-
-<p>Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät, als sich
-Adelheid schon zurückgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche
-Ränke mittlerweile gegen sie gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung
-kam es aber gerade an. Dubslav hatte sich nämlich
-wie Franz Moor &ndash; an den er sonst wenig erinnerte &ndash; herausgeklügelt,
-daß Überraschung und Schreck bei seinem Plan
-mitwirken müßten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_408">[408]</a></span></p>
-
-<p>Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle.
-Dubslav, gerade so wie seine Schwester, hatte das
-etwas auffällig herausgeputzte Kind bei seinem Erscheinen im
-Herrenhause gar nicht mehr gesehen; es trug ein langes, himmelblaues
-Wollkleid ohne Taille, dazu Knöpfstiefel und lange
-rote Strümpfe, &ndash; lauter Dinge, die Karline schon zu letzten
-Weihnachten geschenkt hatte. Gleich damals, am ersten Feiertag,
-hatte das Kind den Staat denn auch wirklich angezogen,
-aber bloß so still für sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe
-damit zu zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnädgen
-Herrn in Krankenpflege gehen sollte, jetzt war die richtige
-Zeit dafür da.</p>
-
-<p>Die Nacht verging still; niemand war gestört worden. Um
-sieben erst kam Engelke und sagte: »Nu, lütt Deern, steih upp,
-is all seben.« Agnes war auch wirklich wie der Wind aus dem
-Bett, fuhr mit einem mitgebrachten Hornkamm, dem ein paar
-Zähne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes Blondhaar,
-putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen
-Hänger, die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel
-an. Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit
-Milchkaffee, und als sie damit fertig war, nahm sie ihr
-Strickzeug und ging in das große Zimmer nebenan, wo
-Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf seine
-Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste
-Frühstück gemeinschaftlich.</p>
-
-<p>»So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast du denn
-schon deinen Kaffee gehabt?«</p>
-
-<p>Agnes knickste.</p>
-
-<p>»Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei deiner Arbeit
-besser sehn kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand.
-Solch junges Ding wie du muß immer was zu tun haben,
-sonst kommt sie auf dumme Gedanken. Nicht wahr?«</p>
-
-<p>Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der Alte<span class="pagenum"><a id="Seite_409">[409]</a></span>
-weiter nichts zu sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete
-Fenster, dran ein länglicher Eichentisch stand, und fing an zu
-stricken. Es war ein sehr langer Strumpf, brandrot und,
-nach seiner Schmalheit zu schließen, für sie selbst bestimmt.</p>
-
-<p>Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat
-und auf ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt. Bei
-der geringen Helle, die herrschte, traf sich's, daß sie von dem
-Gast am Fenster nicht recht was wahrnahm. Erst als Engelke
-mit dem Frühstück kam und die plötzlich geöffnete Tür mehr
-Licht einfallen ließ, bemerkte sie das Kind und sagte: »Da sitzt
-ja wer. Wer ist denn das?«</p>
-
-<p>»Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.«</p>
-
-<p>Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung. Als sie sich wieder
-zurechtgefunden, sagte sie: »So, Agnes. Das Kind von der
-Karline?«</p>
-
-<p>Dubslav nickte.</p>
-
-<p>»Das ist mir ja ne Überraschung. Und wo hast du sie denn,
-seit ich hier bin, versteckt gehalten? Ich habe sie ja die ganze
-Woche über noch nicht gesehn.«</p>
-
-<p>»Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit gestern
-abend hier. Mit Engelke ging das nicht mehr, wenigstens
-nicht auf die Dauer. Er ist ja so alt wie ich. Und immer raus in
-der Nacht und rauf und runter und mich umdrehn und heben.
-Das konnt ich nich mehr mit ansehn.«</p>
-
-<p>»Und da hast du dir die Agnes kommen lassen? Die soll
-dich nun rumdrehn und heben? Das Kind, das Wurm. Haha.
-Was du dir doch alles für Geschichten machst.«</p>
-
-<p>»Agnes,« sagte hier Dubslav, »du könntest mal zu Mamsell
-Pritzbur in die Küche gehn und ihr sagen, ich möchte heute mittag
-ne gefüllte Taube haben. Aber nich so mager und auch
-nich so wenig Füllung, und daß es nich nach alter Semmel
-schmeckt. Und dann kannst du gleich bei der Mamsell unten
-bleiben und dir ne Geschichte von ihr erzählen lassen, vom<span class="pagenum"><a id="Seite_410">[410]</a></span>
-›Schäfer und der Prinzessin‹ oder vom ›Fischer un sine Fru‹;
-Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen.«</p>
-
-<p>Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch, wo Bruder
-und Schwester saßen, und machte wiederholt ihren Knicks.
-Dabei hielt sie das Strickzeug und den langen Strumpf in
-der Hand.</p>
-
-<p>»Für wen strickst du denn den?« fragte die Domina.</p>
-
-<p>»Für mich.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein Unterschied
-in ihrem Lachen. Agnes nahm übrigens nichts von diesem
-Unterschied wahr, sah vielmehr ohne Furcht um sich und ging
-aus dem Zimmer, um unten in der Küche die Bestellung auszurichten.</p>
-
-<p>Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids krampfhaftes
-Lachen. Dann aber sagte sie: »Dubslav, ich weiß nicht,
-warum du dir, so lang ich hier bin, gerade diese Hilfskraft angenommen
-hast. Ich bin deine Schwester und eine Märkische
-von Adel. Und bin auch die Domina von Kloster Wutz. Und
-meine Mutter war eine Radegast. Und die Stechline, die drüben
-in der Gruft unterm Altar stehn, die haben, soviel ich weiß, auf
-ihren Namen gehalten und sich untereinander die Ehre gegeben,
-die jeder beanspruchen durfte. Du nimmst hier das
-Kind der Karline in dein Zimmer und setzt es ans Fenster, fast
-als ob's da jeder so recht sehn sollte. Wie kommst du zu dem
-Kind? Da kann sich Woldemar freuen und seine Frau auch,
-die so was ›Unberührtes‹ hat. Und Gräfin Melusine! Na,
-die wird sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich
-wiederhole meine Frage, wie kommst du zu dem Kind?«</p>
-
-<p>»Ich hab es kommen lassen.«</p>
-
-<p>»Haha. Sehr gut; ›kommen lassen‹. Der Klapperstorch
-hat es dir wohl von der grünen Wiese gebracht und natürlich
-auch gleich für die roten Beine gesorgt. Aber ich kenne dich besser.
-Die Leute hier tun immer so, wie wenn du dem alten Kortschädel<span class="pagenum"><a id="Seite_411">[411]</a></span>
-sittlich überlegen gewesen wärst. Ich für meine Person
-kann's nicht finden und sagte dir gern meine Meinung darüber.
-Aber ich nehme häßliche Worte nicht gern in den Mund.«</p>
-
-<p>»Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich, warum?
-Du bist ein bißchen gegen die Buschen, &ndash; nun gut, gegen die
-Buschen kann man sein; und du bist ein bißchen gegen die
-Karline, &ndash; nun gut, gegen die Karline kann man auch sein.
-Aber ich sehe dir's an, das Eigentliche, was dich aufregt, das
-ist nicht die Buschen und ist auch nicht die Karline, das sind bloß
-die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen die roten
-Strümpfe?«</p>
-
-<p>»Weil sie ein Zeichen sind.«</p>
-
-<p>»Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon
-sind sie ein Zeichen? Darauf kommt es an.«</p>
-
-<p>»Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit.
-Und ob du nun lachen magst oder nicht &ndash; denn an einem
-Strohhalm sieht man eben am besten, woher der Wind weht &ndash;,
-sie sind ein Zeichen davon, daß alle Vernunft aus der Welt
-ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer mehr aufhört.
-Und das alles unterstützt du. Du denkst wunder, wie fest du bist;
-aber du bist nicht fest und kannst es auch nicht sein, denn du
-steckst in allerlei Schrullen und Eitelkeiten. Und wenn sie dir
-um den Bart gehn oder dich bei deinen Liebhabereien fassen,
-dann läßt du das, worauf es ankommt, ohne weiteres im
-Stich. Es soll jetzt viele solche geben, denen ihr Humor und
-ihre Rechthaberei viel wichtiger ist als Gläubigkeit und Apostolikum.
-Denn sie sind sich selber ihr Glaubensbekenntnis. Aber,
-glaube mir, dahinter steckt der Versucher, und wohin der am
-Ende führt, das weißt du, &ndash; soviel wird dir ja wohl noch
-geblieben sein.«</p>
-
-<p>»Ich hoffe,« sagte Dubslav.</p>
-
-<p>»Und weil du bist wie du bist, freust du dich, daß diese Zierpuppe
-(schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe trägt und sich<span class="pagenum"><a id="Seite_412">[412]</a></span>
-neue dazu strickt. Ich aber wiederhole dir, diese roten Strümpfe,
-die sind ein Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.«</p>
-
-<p>»Strümpfe werden nicht hochgehalten.«</p>
-
-<p>»Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das
-ist dann die richtige Revolution, die Revolution in der Sitte,
-&ndash; das, was sie jetzt das ›Letzte‹ nennen. Und ich begreife dich
-nicht, daß du davon kein Einsehn hast, du, ein Mann von Familie,
-von Zugehörigkeit zu Thron und Reich. Oder der sich's
-wenigstens einbildet.«</p>
-
-<p>»Nun gut, nun gut.«</p>
-
-<p>»Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow oder den
-Katzenstein wählen wollen, und hältst deine Reden, wiewohl
-du eigentlich nicht reden kannst&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das is richtig. Aber ich hab auch keine gehalten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für
-die alten Güter und sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh
-dich nicht mit deinem ewigen ›gegen die Freiheit‹. Laß sie doch
-mit ihrer ganzen dummen Freiheit machen, was sie wollen.
-Was heißt Freiheit? Freiheit ist gar nichts; Freiheit ist, wenn
-sie sich versammeln und Bier trinken und ein Blatt gründen.
-Du hast bei den Kürassieren gestanden und mußt doch wissen,
-daß Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied macht)
-uns nicht erschüttern werden, uns nicht und unsern Glauben
-nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange
-sie bloß Globsower sind, können gar nichts erschüttern. Aber
-wenn erst der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird
-doch wohl schon mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten
-Strümpfe tragen, als müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann
-ist es vorbei. Mit der Freiheit, laß mich das wiederholen, hat es
-nicht viel auf sich; aber die roten Strümpfe, das ist was. Und
-dir trau ich ganz und gar nicht, und der Karline natürlich erst
-recht nicht, wenn es auch vielleicht schon eine Weile her ist.«</p>
-
-<p>»Sagen wir ›vielleicht‹.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_413">[413]</a></span></p>
-
-<p>»O, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so
-deine Art. Aber unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß
-wir nicht auch Bescheid wüßten.«</p>
-
-<p>»Wozu hättet ihr sonst euern Fix?«</p>
-
-<p>»Kein Wort gegen den.«</p>
-
-<p>Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am
-selben Nachmittag aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem
-Bruder und fuhr nach Wutz zurück.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_414">[414]</a></span></p>
-
-<h2 id="Verweile_doch_Tod_Begraebnis">Verweile doch. Tod. Begräbnis.<br />
-Neue Tage.</h2>
-
-<h3 id="Vierzigstes_Kapitel">Vierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder
-und Schwester spielte, war unten in der Küche bei Mamsell
-Pritzbur und erzählte von Berlin, wo sie vorigen Sommer
-bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war. »Eins war da,«
-sagte sie, »das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange, die
-war so dick wie'n Bein.«</p>
-
-<p>»Aber hast du denn schon Beine gesehn?« fragte die Pritzbur.</p>
-
-<p>»Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine
-gesehn haben … Und dann, an einem andern Tag, da waren
-wir in einem ›Tiergarten‹, aber in einem richtigen, mit allerlei
-Tieren drin. Und den nennen sie den ›Zoologischen‹.«</p>
-
-<p>»Ja, davon hab ich auch schon gehört.«</p>
-
-<p>»Und in dem ›Zoologischen‹, da war ein ganz kleiner See,
-noch viel kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei
-Vögel. Und einer, ganz wie'n Storch, stand auf einem Bein.«</p>
-
-<p>Als die Mädchen das Wort »Storch« hörten, kamen sie
-näher heran.</p>
-
-<p>»Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl
-mehrere Vögel, die waren viel größer als Storchenbeine und
-auch viel dicker und viel röter.«</p>
-
-<p>»Und taten sie dir nichts?«</p>
-
-<p>»Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile
-gestanden hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein.<span class="pagenum"><a id="Seite_415">[415]</a></span>
-Und ich sagte zu Mutter: ›Mutter, komm; der eine sieht mich
-immer so an.‹ Und da gingen wir an eine andere Stelle, wo
-der Bär war.«</p>
-
-<p>Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch
-die Mamsell freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein
-paar Lieder vor, die ihre Mutter, die Karline, immer sang,
-wenn sie plättete, und sie tanzte auch, während sie sang, wobei
-sie das himmelblaue Kleid zierlich in die Höhe nahm, ganz
-so, wie sie's in der Hasenheide gesehen hatte.</p>
-
-<p>So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte,
-sagte Engelke: »Ja, gnädger Herr, wie is das nu mit Agnessen?
-Sie is immer noch bei Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens
-wenn sie so singt und tanzt, kucken ihr zu. Sie wird woll auch
-so was wie die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll
-sie hierbleiben?«</p>
-
-<p>»Natürlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich
-das Kind sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich
-will doch auch mal was andres sehn als dich. Wie das lütte
-Balg da so saß, so steif wie ne Prinzeß, hab ich immer hingekuckt
-und ihr wohl ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln
-immer so hin und her gingen und der rote Strumpf
-neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht mehr gesehn,
-seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse
-Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?«</p>
-
-<p>Engelke griente.</p>
-
-<p>»Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja
-auch nachts mal aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee
-bringen, oder was ich sonst grade brauche, und du alte Seele
-kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das Leben is doch eigentlich
-schwer. Das heißt, wenn's auf die Neige geht; vorher is es
-soweit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg
-nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los;
-aber in Berlin, da ging es.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_416">[416]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es.«</p>
-
-<p>»Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was
-gab es damals noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst
-wird die Buschen ärgerlich, und mit alten Weibern muß man
-gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt,
-die Agnes bleibt. Ich sehe so gern was Zierliches. Es is
-ein reizendes Kind.«</p>
-
-<p>»Ja, das is sie. Aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, laß die ›Abers‹. Du sagst, sie wird wie die Karline.
-Möglich is es. Aber vielleicht wird sie auch ne Nonne. Man
-kann nie wissen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und
-strickte. Mal in der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er
-nach dem Kinde rufen wollen. Aber er stand wieder davon ab.
-»Das arme Kind, was soll ich ihm den Schlaf stören? Und
-helfen kann es mir doch nicht.«</p>
-
-<p>So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: »Engelke,
-das mit der Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn.
-Sie sitzt da jeden Morgen und strickt. Das arme Wurm muß
-ja hier umkommen. Und alles bloß, weil ich alter Sünder ein
-freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr weiter.
-Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind tun können.
-Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr, da sind ja noch die vier Bände, die
-wir letzte Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben
-einbinden lassen. Eigentlich war es bloß ne ›Landwirtschaftliche
-Zeitung‹, und alle, die mal nen Preis gewonnen haben,
-die waren drin. Und Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm
-auch.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch
-nich zu sagen, daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht
-keine.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_417">[417]</a></span></p>
-
-<p>Wirklich, die »Landwirtschaftliche Zeitung« lag am andern
-Morgen da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres
-zu haben als ihr Strickzeug, und die schönen Bilder ansehn zu
-können. Denn es waren auch Schlösser drin und kleine Teiche,
-drauf Schwäne fuhren, und auf einem Bilde, das eine Beilage
-war, waren sogar Husaren. Engelke brachte jeden Morgen
-einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die Lorenzen,
-um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre
-herübergeschickt hatte. »Die kann sich ja die Bilder mit ansehen,«
-sagte Dubslav; »am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und
-vielleicht kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher
-erklären, und dann is es so gut wie ne Schulstunde.«</p>
-
-<p>Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden
-Kinder nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die
-Kleine sog jedes Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber
-hörte zu und wußte nicht, wem von beiden er ein größeres
-Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede,
-weil sie den wehmütigen Zauber all derer hatte, die früh
-abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib schien
-zu sagen: »Ich sterbe.« Aber ihre Seele wußte nichts davon;
-die leuchtete und sagte: »Ich lebe.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann
-sagte Dubslav: »Engelke, das Kind fängt heute schon wieder
-von vorn an; es ist mit allen vier Bänden, so dick sie sind,
-schon zweimal durch; ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern.
-Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache;
-soweit sind wir nu schon. Übrigens ist mir was Gutes eingefallen:
-hol ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die
-stehn ja da bloß so rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt
-wird &ndash; was sie ›ordnen‹ nennen &ndash;, dann kommt
-Kupperschmied Reuter aus Gransee und taxiert es auf fünfundsiebzig
-Pfennig.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_418">[418]</a></span></p>
-
-<p>»Aber, gnädger Herr, uns' Woldemar&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich, und die
-Komtesse, seine junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und
-ich hab es auch nicht so schlimm gemeint; man red't bloß so.
-Nur soviel is richtig: meine Sammlung oben is für Spinnweb
-und weiter nichts. Alles Sammeln ist überhaupt verrückt,
-und wenn Woldemar sich nich mehr drum kümmert, so is es
-eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand.
-Jeder hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring
-aber nich gleich alles runter. Nur die Mühle bring und den
-Dragoner.«</p>
-
-<p>Engelke gehorchte.</p>
-
-<p>Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für
-den Dragoner, der, als man ihn vor Jahr und Tag von seinem
-Zelliner Kirchturm heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt
-worden war: schwarzer Hut, blauer Rock, gelbe Hosen. Aber
-sehr bald hatte sich das Kind an der Buntheit des Dragoners
-sattgesehen, und nun kam statt seiner die Mühle an die Reihe.
-Die hielt länger vor. Meistens &ndash; wenn sie nur überhaupt erst
-im Gange war &ndash; brauchte das Kind bloß zu pusten, um die
-Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der
-schnarrende Ton der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war
-dann jedesmal eine Lust und ein Entzücken. Es waren glückliche
-Tage für Agnes. Aber fast noch glücklichere für den Alten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend
-ihm seine Gegenwart war, so war es auf die Dauer
-doch nicht viel was andres, als ob ein Goldlack am Fenster
-gestanden oder ein Zeisig gezwitschert hätte. Sein Auge richtete
-sich gerne darauf; als aber eine Woche und dann eine zweite vorüber
-war, wurd ihm eine gewisse Verarmung fühlbar, und das
-so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die Tage zurückdachte,
-wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht hatte. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_419">[419]</a></span>
-war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher einen
-guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber
-sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und
-kleinen Witzen abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine
-Hauptsache war. Dubslav zählte zu den Friedliebendsten von
-der Welt, aber er liebte doch andrerseits auch Friktionen, und
-selbst ärgerliche Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber
-als gar keine.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich
-nach Menschen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn
-Besucher aus Näh oder Ferne sich einstellten.</p>
-
-<p>Eines Tages &ndash; es schummerte schon &ndash; erschien Krippenstapel.
-Er hatte seinen besten Rock angezogen und hielt ein
-übermaltes Gefäß, mit einem Deckel darauf, in seinem linken
-Arm.</p>
-
-<p>»Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß
-Sie mal nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ›Chef‹
-hat. Ich sage ›Chef‹. Der Direktor sind Sie ja selber. Und
-nun kommen Sie auch gleich noch mit ner Urne. Hat gewiß
-Ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder is es
-bloß ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden
-mir doch nich ne Krankensuppe gekocht haben?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß nicht.
-Und doch is es einigermaßen so was. Es ist nämlich ne Wabe.
-Habe da heute mittag einen von meinen Stöcken ausgenommen
-und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die beste Wabe zu bringen.
-Es ist beinah so was wie der mittelalterliche Zehnte. Der Zehnte,
-wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war eigentlich was
-Feineres als Geld.«</p>
-
-<p>»Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für so
-was Feines gar keinen Sinn mehr. Immer alles bar und
-nochmal bar. O, das gemeine Geld! Das heißt, wenn man<span class="pagenum"><a id="Seite_420">[420]</a></span>
-keins hat; wenn man's hat, ist es soweit ganz gut. Und daß
-Sie gleich an Ihren alten Patron &ndash; ein Wort, das übrigens
-vielleicht zu hoch gegriffen ist und unser Verhältnis nicht recht
-ausdrückt &ndash; gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich nicht
-übelnehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren ›Patron‹ nenne,
-so gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut
-mich aufrichtig. Aber ich werde mich wohl nicht drüberher
-machen dürfen. Immer heißt es: ›<em class="gesperrt">das</em> nicht‹. Erst hat mir
-Sponholz alles verboten und nu die Buschen, und so leb ich
-eigentlich bloß noch von Bärlapp und Katzenpfötchen.«</p>
-
-<p>»Am Ende geht es doch,« sagte Krippenstapel. »Ich weiß
-wohl, in eine richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber
-der Honig macht vielleicht ne Ausnahme. Richtiger Honig ist
-wie gute Medizin und hat die ganze Heilkraft der Natur.«</p>
-
-<p>»Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwärmen und
-sammeln, und seh auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln.
-Da sind voran die Linden und Akazien und das Heidekraut.
-Nu, die sind die reine Unschuld; davon red ich gar nicht erst.
-Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie sich auf eine giftige
-Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen, niederläßt.
-Und in jedem Venuswagen, besonders in dem roten
-(aber doch auch in dem blauen), sitzt viel Gift.«</p>
-
-<p>»Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt
-da die Biene?«</p>
-
-<p>»Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß die Heilkraft.«</p>
-
-<p>»Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre
-Verantwortung hin will ich mir den Honig auch schmecken
-lassen, und die Buschen muß sich drin finden und sich wohl oder
-übel zufrieden geben. Übrigens fällt mir bei der Alten natürlich
-auch das Kind ein. Da sitzt es am Fenster. Na, komm mal
-her, Agnes, und sage, daß du hier auch was lernst. Ich hab<span class="pagenum"><a id="Seite_421">[421]</a></span>
-ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin, und seit
-vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus
-guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen.
-Und da lernt sie, glaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?«</p>
-
-<p>Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.</p>
-
-<p>»Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und
-die Mühle gegeben. Also unsre besten Stücke, soviel ist richtig.
-Ich denke mir aber, mein Museumsdirektor wird über diesen
-Eingriff nicht böse sein. Eigentlich is es doch besser, das Kind
-hat was davon als die Spinnen. Und was macht denn Ihr
-Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Major. Münzenfund.«</p>
-
-<p>»Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgstaler
-oder so was; Dreißigjähriger Krieg. Es war ja ne gräßliche
-Zeit. Aber daß sie damals aus Angst und Not soviel verbuddelt
-haben, das is doch auch wieder ein Segen. Is es denn viel?«</p>
-
-<p>»Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch und profan
-angesehen ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen
-ist es allerdings viel. Nämlich drei römische Münzen, zwei von
-Diokletian und eine von Caracalla.«</p>
-
-<p>»Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der
-mit der Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende
-nicht so schlimm. Verfolgt wird immer. Und mitunter sind
-die Verfolgten obenauf.«</p>
-
-<p>Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß er den
-Honig herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich,
-seine leere Terrine vorsichtig im Arm.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Einundvierzigstes_Kapitel">Einundvierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein
-Geschenk aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_422">[422]</a></span>
-die alte treue Seele bringen konnte. Er bestand denn auch darauf
-(trotzdem Engelke, der ein Vorurteil gegen alles Süße hatte,
-dagegen war), daß ihm die Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch
-gestellt werde.</p>
-
-<p>»Siehst du, Engelke,« sagte er nach einer Woche, »daß ich
-mich wieder wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man
-muß jedes Fisselchen mitessen, Wachs und alles, das hat er
-mir eigens gesagt. Das is grad so wie beim Apfel die Schale;
-die hat die Natur so gewollt und is ein Fingerzeig und muß
-respektiert werden.«</p>
-
-<p>»Ich bin aber doch für abschälen,« sagte Engelke. »Wenn
-man so sieht, was mitunter alles dran ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden.
-Aber ich bin noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher
-wirklich, daß in dem Wachs die richtige ›gesamte Heilkraft der
-Natur‹ steckt, fast noch mehr als in dem Honig. Krippenstapel
-übrigens is jetzt auch so furchtbar gebildet und hat so viele feine
-Wendungen, wie zum Beispiel die mit der ›gesamten Heilkraft‹.
-Aber so fein wie du is er doch noch lange nicht, darauf will ich
-mich verschwören. Und auch darauf, daß er sich keine Birne
-schält.«</p>
-
-<p>In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile,
-sich mehr und mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei
-mit all dem andern Zeug eigentlich hätte sparen können; »denn
-wenn <em class="gesperrt">alles</em> drin ist, so ist doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen
-drin und natürlich auch Fingerhut oder wie Sponholz
-sagt: ›Die Digitalis.‹« Engelke freilich wollte von diesen
-Sophistereien nichts wissen; sein Herr aber ließ sich durch solche
-Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: »Und dann, Engelke,
-macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine
-Sache kommt. Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen,
-und die Wabe kommt von Krippenstapel. Das heißt also, hinter
-der Wabe steht ein guter Geist, und hinter den Katzenpfötchen<span class="pagenum"><a id="Seite_423">[423]</a></span>
-steht ein böser Geist. Und das kannst du mir glauben, an
-solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben, und wenn
-mir Lorenzen seine Patsche gibt, so ist das ganz was anders,
-wie wenn mir Koseleger seine Hand gibt. Koseleger hat solche
-weichen Finger und auf dem vierten einen großen Ring.«</p>
-
-<p>»Aber er is doch ein Superintendent.«</p>
-
-<p>»Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher.
-Und wenn es nach der Prinzessin geht, wird er Papst. Und
-dann wollen wir uns Ablaß bei ihm holen; aber viel geb ich
-nicht.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß
-Agnes wie gewöhnlich am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend,
-und so wenig sie davon verstand, so verstand sie doch
-gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist und ihre
-Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht
-mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie hatte schon
-so vieles in ihrem Leben gehört und war wohl dazu bestimmt,
-noch viel, viel andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb
-denn auch derselbe. Sie träumte bloß so hin, und daß sie dies
-Wesen hatte, das war es recht eigentlich, was den alten Herrn
-so an sie fesselte. Das Auge, womit sie die Menschen ansah,
-war anders als das der andern.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen;
-ein heller Schein fiel von der Veranda her durch die
-Balkontür und gab dem etwas dunklen Zimmer mehr Licht,
-als es für gewöhnlich zu haben pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung
-in Händen und schlug nach einem Brummer, der ihn
-immer und immer wieder umsummte. »Verdammte Bestie,«
-und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen konnte,
-kam Engelke und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen
-dürfe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_424">[424]</a></span></p>
-
-<p>»Uncke, unser alter Uncke?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr.«</p>
-
-<p>»Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen
-Menschen zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht
-Verhaftung irgendwo: Demokratennest ausgenommen.«</p>
-
-<p>Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen!
-Das war doch noch besser als ein Märchen »vom
-guten und bösen Geist«.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart,
-wie gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Tür
-blieb er stehen und grüßte militärisch. Dubslav aber rief ihm
-zu: »Nein, Uncke, nicht da. So weit reicht mein Ohr nicht
-und meine Stimme erst recht nicht. Und ich denke doch, Sie
-bringen was. Was Reguläres. Also ran hier. Und wenn
-es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da.«</p>
-
-<p>Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl und sagte:
-»Herr Major wollen entschuldigen. Ich komme so bloß …
-Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzählt, und die alte Buschen
-hat mir erzählt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach so, von wegen meiner Füße.«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Ja, Uncke, wollte Gott, es stünde besser. Immer denk ich,
-wenn wieder ein Neuer kommt, ›nu wird es‹. Aber es will
-nicht mehr; es hilft immer bloß drei Tage. Die Buschen hilft
-nicht mehr, und Krippenstapel hilft nicht mehr, und Sponholz
-hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert so in der Welt rum.
-Bleibt also bloß noch der liebe Gott.«</p>
-
-<p>Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die
-seine respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum
-lieben Gott ausdrücken sollte. Dubslav sah es und erheiterte
-sich. Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort:
-»Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag miteinander gelebt.<span class="pagenum"><a id="Seite_425">[425]</a></span>
-Denke gern daran zurück &ndash; sind noch einer von den Alten.
-Und der Pyterke auch. Was macht er denn?«</p>
-
-<p>»Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,« und
-dabei rückte er sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene
-Stattlichkeit seines Kollegen wenigstens andeuten wolle.</p>
-
-<p>Dubslav verstand es auch so und sagte: »Ja, der Pyterke;
-natürlich immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke, ja, Sie müssen
-laufen wie 'n Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes;
-zu Fuß macht geschmeidig, zu Pferde macht steif. Und macht
-auch faul. Und überhaupt, Gebrüder Beeneke is schon immer
-das Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeder
-will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt die ›Signatur
-der Zeit‹ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört,
-Uncke?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so
-zu Pferde sitzen wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das
-geht nicht gleich so. Gut Ding will Weile haben. Und Torgelow,
-wenn er auch vielleicht reden kann, reiten kann er noch
-lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn eigentlich? Ich
-meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr
-zufrieden mit ihm?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden
-mit ihm. Er wollte da neulich in Berlin reden und hat auch
-wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt. Und das is so dumm
-gewesen, daß es die andern geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet:
-›Torgelow, nu bist du still; so geht das hier nich.‹«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte Dubslav, »und wo <em class="gesperrt">der</em> nu steht, da sollte
-ich eigentlich stehen. Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow
-zeigen, daß er nichts kann. Und die andern auch. Und
-wenn sie's alle gezeigt haben, na, dann sind wir vielleicht
-wieder dran und kommen noch mal oben auf, und jeder kriegt
-Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natürlich auch.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_426">[426]</a></span></p>
-
-<p>Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die
-Schläfe.</p>
-
-<p>»… Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten
-›Ausbruch‹ verhüten und dafür sorgen, daß unsere
-Globsower zufrieden sind. Und wenn wir klug sind, glückt es
-vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch, Uncke, daß es kleine
-Mittel gibt?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat's
-schon.«</p>
-
-<p>»Und welche meinen Sie?«</p>
-
-<p>»Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte Dubslav, »so was hilft. Musik und nen
-Schottschen, dann sind die Mädchen zufrieden.«</p>
-
-<p>»Und,« bestätigte Uncke, »wenn die Mädchens zufrieden
-sind, Herr Major, dann sind alle zufrieden.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen,
-aber es kam nicht dazu, weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte.
-Von Besuchern wurde keiner mehr angenommen,
-und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er kam meist nur, wenn
-er gerufen wurde.</p>
-
-<p>»Sonderbar,« sagte der Alte, während er in den Frühlingstag
-hinausblickte, »dieser Lorenzen is eigentlich gar kein
-richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht
-von Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags
-wie zu schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was
-andres, und er weiß am Ende selber nicht viel davon. Anfangs
-hab ich mich darüber gewundert, weil ich mir immer sagte:
-Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der muß es doch schließlich
-wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt
-gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein
-Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch
-ein paar andern gesagt: ›Nun gehet hin und lehret alle Heiden.<span class="pagenum"><a id="Seite_427">[427]</a></span>‹
-Und wenn man das so hört, ja, da verlangt man denn auch,
-daß einer weiß, wie's mit einem steht. Is gerade wie mit den
-Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am
-liebsten, die einem ehrlich sagen: ›Hören Sie, wir wissen es auch
-nicht, wir müssen es abwarten.‹ Der gute Sponholz, der nun
-wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus vorbei ist,
-war beinah so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß
-so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, und noch hat er
-mich nicht ein einziges Mal bemogelt. Und daß man <em class="gesperrt">das</em> von
-einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre
-… ja, du lieber Himmel, wo soll es am Ende herkommen?
-Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden,
-und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat, das
-schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles
-sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ›du
-sollst <em class="gesperrt">nicht</em>‹. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger
-Schultheiß gesprochen hätte.«</p>
-
-<p>Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost.
-»Engelke, du könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken
-&ndash; ich ließ' ihn bitten.«</p>
-
-<p>Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des
-Alten Seite.</p>
-
-<p>»Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und
-ich sehe wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt.
-Sie müssen nämlich wissen, daß ich mich heute schon
-ganz eingehend mit Ihnen beschäftigt und Ihr Charakterbild,
-das ja auch schwankt wie so manch andres, nach Möglichkeit
-festgestellt habe. Würde mir das Sprechen wegen meines Asthmas
-nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande, gegen mich
-selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern,
-was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie
-wissen, ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern
-überhaupt, und Kortschädel, der sich im übrigen durch französische<span class="pagenum"><a id="Seite_428">[428]</a></span>
-Vokabeln nicht auszeichnete, hat mich sogar einmal
-einen ›Causeur‹ genannt. Aber freilich schon lange her, und jetzt
-ist es damit total vorbei. Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme
-in einem aus.«</p>
-
-<p>»Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin,
-sorgen für den Ausnahmefall.«</p>
-
-<p>»Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren.
-Haben Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich
-wieder dem armen Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt
-es, wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist.«</p>
-
-<p>»Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch
-ein Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für ein freudiges
-›<em class="antiqua">excelsior</em>‹ ist, der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören
-ja selbst mit dazu) von vornherein verdächtig und ein Gegenstand
-tiefen Mißtrauens. Jedes höher gesteckte Ziel, jedes
-Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein
-Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer irgendein
-Opfer, so heißt es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite
-werfe.«</p>
-
-<p>Dubslav lachte. »Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem
-Steckenpferd. Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam
-ich auf Bennigsen! Da war das Thema gegeben, und Ihr Ritt
-ins Bebelsche (denn weitab davon sind Sie nicht) konnte beginnen.
-Aber daß Sie's wissen, ich hab auch mein Steckenpferd,
-und das heißt: König und Kronprinz oder alte Zeit und
-neue Zeit. Und darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen
-wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht
-mit Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade
-bei mir: ›Was du tun willst, tue bald.‹«</p>
-
-<p>Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: »Gewiß kommen
-andre Zeiten. Aber man muß mit der Frage, was kommt
-und was wird, nicht zu früh anfangen. Ich seh nicht ein, warum
-unser alter König von Thule hier nicht noch lange regieren<span class="pagenum"><a id="Seite_429">[429]</a></span>
-sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in
-den Stechlin zu werfen, damit hat es noch gute Wege.«</p>
-
-<p>»Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen
-sind da, mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt,
-geh ich nun auch gerad ins Siebenundsechzigste, und wenn ein
-richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste geht, dann geht
-er auch in Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich
-wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch is nun mal
-feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben.«</p>
-
-<p>»Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein
-sehr gutes Leben gehabt.«</p>
-
-<p>»Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower
-ebenso denken. Und <em class="gesperrt">die</em> bringen mich wieder auf mein Hauptthema.«</p>
-
-<p>»Und das lautet?«</p>
-
-<p>»Das lautet: ›Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß
-die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen.‹«</p>
-
-<p>»Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal
-richtig; heutzutage aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere
-Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber
-Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat),
-solche unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzuschieben,
-kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und
-sagen: ›Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‹ oder,
-was noch schlimmer ist: ›Ja, ja, Jochem, wir wollen mal nachschlagen.‹«</p>
-
-<p>»Aber, Herr von Stechlin.«</p>
-
-<p>»Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht
-machen, es ist doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen
-andern Leisten gebracht, und wenn dann wieder eine Wahl ist,
-dann fährt der Woldemar rum und erzählt überall, Katzenstein
-sei der rechte Mann. Oder irgendein andrer. Aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_430">[430]</a></span>
-ist Mus wie Mine; &ndash; verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen
-Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau Besuch
-kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz
-genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann
-aber renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der
-Minister von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter
-Bismarck, von langer Hand her eine wahre Wut auf den alten
-Sachsenwalder hat, und eröffnet die Polonaise mit Armgard.
-Und dann ist da ein Professor, Kathedersozialist, von dem kein
-Mensch weiß, ob er die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen
-bringen will, und führt eine Adelige, mit kurzgeschnittenem
-Haar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille. Und dann
-bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und ein
-Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause
-machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von
-einem Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches
-Stück auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen
-Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin
-eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil sie ihren Mann mit einem
-Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat. Und dann
-gibt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit seiner langen
-Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube sitzen
-andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten,
-obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich
-und Bismarck und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen
-Mazzini und Garibaldi, und Marx und Lassalle, die aber
-wenigstens tot sind, und daneben Bebel und Liebknecht. Und
-dann sagt Woldemar: ›Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer
-Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‹
-Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn
-herantritt und ihm sagt: ›Ich bin überrascht, Herr von Stechlin,
-&ndash; ich glaubte den Grafen Schwerin hier zu finden,‹ dann sagt
-Woldemar: ›Ich habe die Fühlung mit diesem Herrn verloren.‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_431">[431]</a></span></p>
-
-<p>Der Pastor lachte. »Und <em class="gesperrt">Sie</em> wollen sterben. Wer so lange
-sprechen kann, der lebt noch zehn Jahr.«</p>
-
-<p>»Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so oder kommt
-es nicht so?«</p>
-
-<p>»Nun, es kommt sicherlich <em class="gesperrt">nicht</em> so.«</p>
-
-<p>»Sind Sie dessen sicher?«</p>
-
-<p>»Ganz sicher.«</p>
-
-<p>»Dann sagen Sie mir, <em class="gesperrt">wie</em> es kommt, aber ehrlich.«</p>
-
-<p>»Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den
-Weg gewiesen, als Sie gleich anfangs von ›König und Kronprinz‹
-sprachen. Dieser Gegensatz existiert natürlich überall
-und in allen Lebensverhältnissen. Es kommen eben immer Tage,
-wo die Leute nach irgendeinem ›Kronprinzen‹ aussehn. Aber
-so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz,
-nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das, was man von
-ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in
-plötzlich erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren
-zu wollen; in der Regel aber macht er einen leidlich
-ehrlichen Versuch, als Neugestalter aufzutreten, und holt ein
-Volksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur
-nicht auf lange. ›Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch
-eng im Raume stoßen sich die Sachen.‹ Und nach einem halben
-Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein.«</p>
-
-<p>»Und so wird es Woldemar auch machen?«</p>
-
-<p>»So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn
-die Lust sehr bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder
-einzulenken.«</p>
-
-<p>»Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie
-haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues
-kommen müsse. Sogar ein neues Christentum.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich
-so sprach, dies neue Christentum ist gerade das alte.«</p>
-
-<p>»Glauben Sie das?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_432">[432]</a></span></p>
-
-<p>»Ich glaub es. Und was besser ist: ich fühl es.«</p>
-
-<p>»Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist <em class="gesperrt">Ihre</em> Sache;
-da will ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie
-mir was versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht,
-daß das alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner
-Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist
-als das vom neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer
-Damm und von Fehrbellin her, auch wenn es uns selber schlecht
-geht, immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe
-haben als alle Torgelows zusammengenommen, kommt es zu
-solcher Rückbekehrung, <em class="gesperrt">dann</em>, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß
-nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht
-an Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch.«</p>
-
-<p>Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und
-streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. »Das
-alles, Herr von Stechlin, kann ich Ihnen gern versprechen.
-Ich habe Woldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben
-in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen. Jetzt ist Ihr
-Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat
-seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie ihn
-und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell
-mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was
-mir nicht zukommt. Nicht <em class="gesperrt">ich</em> werde ihn führen. Dafür ist gesorgt.
-Die Zeit wird sprechen, und neben der Zeit das neue Haus,
-die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine.«</p>
-
-<p>Der Alte lächelte. »Ja, ja.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zweiundvierzigstes_Kapitel">Zweiundvierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte
-sich der Alte wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit
-viel Schlaf und wenig Beängstigung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_433">[433]</a></span></p>
-
-<p>Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als
-der Morgen da war und Engelke das Frühstück brachte, sagte
-Dubslav: »Engelke, schaff die Wabe weg; ich kann das süße
-Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat es gut gemeint. Aber
-es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft
-der Natur.«</p>
-
-<p>»Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft
-kann die Wabe nich an.«</p>
-
-<p>»Du meinst also: ›für'n Tod kein Kraut gewachsen ist‹.
-Ja, das wird es wohl sein; das mein ich auch.«</p>
-
-<p>Engelke schwieg.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus
-nächster Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden
-war. Er war von Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger
-und sie selbst geplante Gründung eines Rettungshauses für
-verwahrloste Kinder und äußerte sich am Schlusse dahin, daß,
-»wenn sich &ndash; hoffentlich binnen kurzem &ndash; ihre Wünsche für
-Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden«,
-Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue,
-sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden
-möchte.</p>
-
-<p>Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal
-und sagte dann: »O, diese Komödie … ›wenn sich meine
-Wünsche für Ihre fortschreitende Gesundheit erfüllt haben
-werden‹ … das heißt doch einfach, ›wenn Sie sich demnächst
-den Rasen von unten ansehn‹. Alle Menschen sind Egoisten,
-Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch einen
-ganz besonderen Jargon. Es mag so bleiben, es war immer
-so. Wenn sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden
-Menschenverstand andrer hätten.«</p>
-
-<p>Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in das
-Kuvert und rief Agnes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_434">[434]</a></span></p>
-
-<p>Das Kind kam auch.</p>
-
-<p>»Agnes, gefällt es dir hier?«</p>
-
-<p>»Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier.«</p>
-
-<p>»Und ist dir auch nicht zu still?«</p>
-
-<p>»Nein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich
-möchte immer hier sein.«</p>
-
-<p>»Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und
-nachher. Ja, nachher&nbsp;…«</p>
-
-<p>Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat
-an ihn heran und sagte: »Gnädger Herr, soll ich nicht in die
-Stadt schicken?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Oder zu der Buschen?«</p>
-
-<p>»Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am
-besten.«</p>
-
-<p>In Engelkens Augen traten Tränen.</p>
-
-<p>Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an.
-»Nein, Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich
-habe es bloß so hingesagt. Die Buschen soll nich kommen.
-Es würde mir wohl auch nicht viel schaden, aber wenn man
-schon so in sein Grab sieht, dann muß man doch anders sprechen,
-sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das
-möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars
-wegen nich … Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein …
-Die käme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten. Nein,
-Engelke, nich die Buschen. Aber gib mir noch mal von den
-Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind sie doch.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte,
-daß es zu Ende gehe. »Das ›Ich‹ ist nichts &ndash; damit muß man
-sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_435">[435]</a></span>
-nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er ›Tod‹ heißt, darf uns
-nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht
-den sittlichen Menschen und hebt ihn.«</p>
-
-<p>Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden
-zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von
-Angst, und er seufzte: »Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist
-lang.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke
-lief hin und her, und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit
-großen Augen durch die halbgeöffnete Tür in das Zimmer
-des Kranken. Erst als schon der Tag graute, wurde durch das
-ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich
-hin, und auch Agnes schlief ein.</p>
-
-<p>Es war wohl schon sieben &ndash; die Parkbäume hinter dem
-Vorgarten lagen bereits in einem hellen Schein &ndash;, als Engelke
-zu dem Kinde herantrat und es weckte. »Steih upp,
-Agnes.«</p>
-
-<p>»Is he dod?«</p>
-
-<p>»Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr
-so upp de Bost.«</p>
-
-<p>»Ick grul mi so.«</p>
-
-<p>»Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt sich wedder
-gesunn … Und nu, steih upp un bind di ook en Doog um'n
-Kopp. Et is noch en beten küll drut. Un denn geih in'n Goaren
-nu plück em (wenn du wat finnst) en beten Krokus oder wat et
-sünsten is.«</p>
-
-<p>Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda
-hinaus und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar
-Blumen zu suchen. Sie fand auch allerlei; das Beste waren
-Schneeglöckchen. Und nun ging sie, mit den Blumen in der
-Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie die Sonne
-drüben aufstieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein Gefühl<span class="pagenum"><a id="Seite_436">[436]</a></span>
-des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging
-auf den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet,
-stand neben seinem Herrn.</p>
-
-<p>Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf
-den Schoß.</p>
-
-<p>»Dat sinn de ihrsten,« sagte Engelke, »un wihren ook woll
-de besten sinn.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Dreiundvierzigstes_Kapitel">Dreiundvierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos,
-das Zeitliche gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen;
-auch Kluckhuhn kam, und eine Stunde später war ein Gemeindediener
-unterwegs, der die Nachricht von des Alten Tode den
-im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte, voran der
-Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden
-Gundermanns.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein,
-der eine von Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte
-dem gräflichen Hause kurz und förmlich die Anzeige von dem
-Ableben ihres Bruders, unter gleichzeitiger Mitteilung, »daß
-das Begräbnis am Sonnabend mittag stattfinden werde.«
-Der Brief Armgards aber lautete: »Liebe Melusine! Wir
-bleiben noch bis morgen hier, &ndash; noch einmal das Forum,
-noch einmal den Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana
-Trevi trinken, dann kommt man wieder, und das ist für
-jeden, der Rom verläßt, bekanntlich der größte Trost. Wir
-gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und bleiben unter anderm
-einen halben Tag in Monte Cassino, wo (verzeih meine
-Weisheit) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich
-liebe Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren<span class="pagenum"><a id="Seite_437">[437]</a></span>
-wir nur kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir
-nicht das höher gelegene Ravello bevorzugen. Dann erst über
-Sorrent nach Capri, dem eigentlichen Ziel unsrer Reise. Wir
-werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem Respekt vor der
-Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts, etwa
-auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung.
-In acht Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir dann einen
-Brief von Dir vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar,
-ein Zustand, den ich mir als Kind immer gewünscht und mir
-als etwas ganz besonders Poetisches vorgestellt habe. Küsse
-meinen alten Papa. Nach Stechlin hin tausend Grüße, vor
-allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die Schwester, die
-Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen, Dich immer
-und immer wieder zärtlich liebenden Armgard.«</p>
-
-<p>Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil sowohl
-der alte Graf wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es
-nicht, trotz Armgards gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht
-doch noch möglich sein würde, das junge Paar irgendwo
-telegraphisch zu erreichen; aber es ging nicht, man mußte es
-aufgeben und sich begnügen, allerpersönlichst Vorbereitungen
-für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen. Des alten Grafen
-Befinden war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes
-sein Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht
-wurde. Daran aber war gar nicht zu denken. Und so brachen
-denn Vater und Tochter am Sonnabend früh nach Stechlin
-hin auf. Jeserich wurde mitgenommen, um für alle Fälle zur
-Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß
-man trotz Sonnenschein fröstelte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage
-sehr verändert aus; sonst so still und abgeschieden,
-war heute alles Andrang und Bewegung. Zahllose Kutschen
-erschienen und stellten sich auf dem Dorfplatz auf, die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_438">[438]</a></span>
-ganz in Nähe der Kirche. Diese lag in prallem Sonnenschein
-da, so daß man deutlich die hohen, in die Feldsteinwand
-eingemauerten Grabsteine sah, die früher, vor der Restaurierung,
-im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu fehlte; nur Holunderbüsche,
-die zu grünen anfingen, und dazwischen Ebereschensträucher
-wuchsen um den Chor herum.</p>
-
-<p>Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine
-grüne Halle umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid
-machte die Honneurs, und ihre hohen Jahre, noch mehr aber
-ihr Selbstbewußtsein, ließen sie die ihr zuständige Rolle mit
-einer gewissen Würde durchführen. Außer den Barbys, Vater
-und Tochter, waren, von Berlin her, noch Baron und Baronin
-Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von
-Czako. Rex sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle,
-während sich Czako darauf beschränkte, das gesellschaftliche
-Durchschnittstrauermaß zu zeigen.</p>
-
-<p>Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem
-Kontingent, das die Grafschaft gestellt hatte. Dieselben Herren,
-die sich &ndash; kaum ein halbes Jahr zurück &ndash; am Rheinsberger
-Wahltage zusammengefunden und sich damals, von ein paar
-Ausnahmen abgesehen, über Torgelows Sieg eigentlich mehr
-erheitert als geärgert hatten, waren auch heute wieder da:
-Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van dem Peerenbom,
-von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von
-Molchow, von der Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit
-sehr kritischen Gesichtern. Auch Direktor Thormeyer war gekommen,
-<em class="antiqua">in pontificalibus</em>, angetan mit so vielen Orden und
-Medaillen, daß er damit weit über den Landadel hinauswuchs.
-Einige stießen sich denn auch an, und Molchow sagte
-mit halblauter Stimme zu von der Nonne: »Sehn Sie, Nonne,
-das ist die ›Schmetterlingsschlacht‹, von der man jetzt jeden Tag
-in den Zeitungen liest.« Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung
-wäre Thormeyer doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_439">[439]</a></span>
-geblieben, wenn nicht der jeden Ordensschmuck verschmähende,
-nur mit einem hochkragigen und uralten Frack
-angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz
-gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das
-sein Kopf zeigte, gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen
-Gunsten. Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien
-selbst an die vom ältesten Adel die Frage zu richten: »Was
-wollt ihr hier?« Er hielt sich nämlich (worin er einer ererbten
-Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich berechtigten
-Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.</p>
-
-<p>Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrängt,
-und von Blechernhahn, der in bezug auf »Schneid«
-beinah an von Molchow heranreichte, sagte: »Bin neugierig, was
-der Lorenzen heute loslassen wird. Er gehört ja zur Richtung
-Göhre.«</p>
-
-<p>»Ja, Göhre,« sagte von Molchow. »Merkwürdig, wie der
-Zufall spielt. Das Leben macht doch immer die besten Witze.«</p>
-
-<p>Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung
-nicht, weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen
-hatte, die Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle
-richtete, wo der aufgebahrte Sarg stand. Hier war nämlich,
-und zwar in einem brillant sitzenden und mit Atlasaufschlägen
-ausstaffierten Frack, in eben diesem Augenblicke der Rechtsanwalt
-Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen
-Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt
-hatte, mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen
-gibt, auf Adelheid zu, vor der er sich respektvollst verneigte.
-Diese bewahrte gute Haltung und dankte. Von verschiedenen
-Seiten her aber hörte man leise das Wort »Affront«, während
-ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn von Alten-Friesack
-stehender, erst seit kurzem zu Christentum und Konservatismus
-übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor sich hin murmelte:
-»Schlauberger!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_440">[440]</a></span></p>
-
-<p>Und nun war es Zeit.</p>
-
-<p>Der Zug ordnete sich; Militärmusik aus der nächsten Garnison
-schritt vorauf; dann traten die Stechliner Bauern heran,
-die darum gebeten hatten, den Sarg tragen zu dürfen. Diener
-und Mädchen aus dem Hause nahmen die Kränze. Dann kam
-Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die sich die Trauerversammlung
-(viele von ihnen in Landstandsuniform) unmittelbar
-anschloß. Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner Leute
-Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie
-hatten bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch
-wenigstens für Katzenstein gestimmt; jetzt aber, wo der Alte
-tot war, waren sie doch vorwiegend der Meinung: »He wihr
-so wiet janz good.«</p>
-
-<p>Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten
-Blumen, und so ging es den etwas ansteigenden Kirchhof
-hinauf, zwischen den Gräbern hindurch und zuletzt auf das
-uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem Altar stellten sie
-den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung versehenen
-Stein, unter dem sich die Gruft der Stechline befand.
-Schiff und Emporen waren überfüllt; bis auf den Kirchhof
-hinaus stand alles Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an
-den Sarg heran, um über den, den er trotz aller Verschiedenheit
-der Meinungen so sehr geliebt und verehrt, ein paar Worte
-zu sagen.</p>
-
-<p>»›Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe
-in der Kammer.‹ Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben
-dessen, an dessen Sarge wir hier stehn. Ich gebe kein Bild seines
-Lebens, denn wie dies Leben war, es wissen's alle, die hier erschienen
-sind. Sein Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg
-sich, weil sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so
-schien er ein Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben ansah;
-aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war er kein Alter,
-freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was über alles<span class="pagenum"><a id="Seite_441">[441]</a></span>
-Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird:
-ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann
-nach der Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem
-alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt. Er
-war recht eigentlich frei. Wußt es auch, wenn er's auch oft bestritt.
-Das goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache. Daher
-kam es auch, daß er vor dem, was das Leben so vieler
-andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor Neid
-und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber
-keines Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung
-des alten Weisheitssatzes: ›Was du nicht willst, daß
-man dir tu.‹</p>
-
-<p>Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach
-seinem Bekenntnis. Er hatte davon weniger das Wort als
-das Tun. Er hielt es mit den guten Werken und war recht
-eigentlich das, was wir überhaupt einen Christen nennen sollten.
-Denn er hatte die Liebe. Nichts Menschliches war ihm fremd,
-weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigner menschlicher
-Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was einst unser
-Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er die
-Segensverheißung geknüpft hat, &ndash; all das war sein: Friedfertigkeit,
-Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens.
-Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein
-Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen
-und wird da die Himmelsruhe haben, die der Segen aller
-Segen ist.«</p>
-
-<p>Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung
-an. Am meisten bemerkt wurde Gundermann, dessen
-der Rede halb zustimmende, halb ablehnende Haltung bei den
-versammelten »Alten und Echten« (die wohl <em class="gesperrt">sich</em>, aber nicht
-<em class="gesperrt">ihm</em> ein Recht der Kritik zuschrieben) auch hier wieder ein
-Lächeln hervorrief. Dann folgte mit erhobener Stimme Gebet
-und Einsegnung, und als die Orgel intonierte, senkte sich der<span class="pagenum"><a id="Seite_442">[442]</a></span>
-auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft.
-Einen Augenblick später, als der wiederaufsteigende Stein die
-Gruftöffnung mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte
-man von der Kirchentür her erst ein krampfhaftes Schluchzen und
-dann die Worte: »Nu is allens ut; nu möt ick ook weg.« Es
-war Agnes. Man nahm das Kind von dem Schemel herunter,
-auf dem es stand, um es unter Zuspruch der Nächststehenden
-auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch eine
-Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging
-dann die Straße hinunter auf den Wald zu.</p>
-
-<p>Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu
-sein.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren
-auch von Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen
-wartete auf seine Kutsche, die, weil der Andrang so groß war,
-nicht gleich vorfahren konnte. Beide froren bitterlich bei der
-scharfen Luft, die vom See her wehte.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« sagte von der Nonne, »warum sie die Feier
-nicht im Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben;
-es war ja da drin gar keine menschliche Temperatur mehr.
-Und nun erst hier draußen.«</p>
-
-<p>»Is leider so,« sagte Molchow, »und ich werde wohl auch
-mit ner Kopfkolik abschließen. Und mitunter stirbt man dran.
-Aber wenn man in Berlin is (und ich habe da neulich auch so
-was mitgemacht,) is es doch noch schlimmer. Da haben sie
-was, was sie ne Leichenhalle nennen, ne Art Kapelle mit
-Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken sich
-ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht,
-sehen sie sehr gefrühstückt aus.«</p>
-
-<p>»Kenn ich, kenn ich,« sagte Nonne.</p>
-
-<p>»Nu, der Gesang,« fuhr Molchow fort, »das ginge noch,
-den kann man schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der<span class="pagenum"><a id="Seite_443">[443]</a></span>
-Zug durch die offenstehende Tür. Und wenn man noch bloß
-<em class="gesperrt">den</em> kriegte. Wer aber Pech hat, der kommt, wenn's Winter
-is, dicht neben einen Kanonenofen zu stehn, und wenn ich sage,
-›der pustet‹, so sag ich noch wenig. Und der Geistliche kann
-einem auch leid tun. Er spricht sozusagen für niemanden. Wer
-kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten ordentlich
-zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die drei
-Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen,
-halb Bratapfel is nich mein Fall.«</p>
-
-<p>»Ja, die Berliner,« sagte Nonne … »Nich zu glauben.«</p>
-
-<p>»Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten
-eigentlich alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt
-es auch wirklich. Aber die Hölle lacht.«</p>
-
-<p>»Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über
-Berlin, na, das ginge vielleicht noch. Aber so gleich hier von
-Hölle, hier mitten auf nem christlichen Kirchhof&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles,
-was in der Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur
-die von Berlin her erschienenen Gäste, die den nächsten, an
-Gransee vorüberkommenden Rostocker Zug abzuwarten hatten,
-waren in das Herrenhaus zurückgekehrt, wo mittlerweile für
-einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako, desgleichen
-auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und dann
-eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid
-knüpfte sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf
-der Vorzüge des Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid
-jedoch, wie so viele Schwestern, allerlei Zweifel und Bedenken
-hinsichtlich des Tuns und Treibens ihres Bruders
-hegte, so ging man bald zu den Kindern über und beklagte,
-daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen sein
-können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt
-klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_444">[444]</a></span>
-Aufenthalt im Süden wohl werde abbrechen müssen. Der
-alte Graf in seiner Güte fand alles, was Adelheid sagte, sehr
-verständig, während sich Adelheids Gefühle mit der Anerkennung
-begnügten, daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer
-gedacht habe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Vierundvierzigstes_Kapitel">Vierundvierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt
-und widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst
-ihren Freunden, den Berchtesgadens, dann Rex und Czako.
-Danach ging sie in die Pfarre hinüber, um Lorenzen zu danken
-und noch ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und
-Armgard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung alles
-dessen, was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit
-ihm durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider
-Wunsch und Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause
-zurückkehrte, begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe,
-die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema mehr
-zuläßt. Sie beschränkte sich deshalb auf ein paar Worte mit
-Tante Adelheid. Daß man sich gegenseitig nicht mochte, war
-der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden:
-Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem
-enge und weite Seele.</p>
-
-<p>»Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen,« sagte Melusine.
-»Und zum Glück auch noch unverheiratet.«</p>
-
-<p>»Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben.
-Es widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann
-gegeben, und widerspricht auch wohl der Natur.«</p>
-
-<p>»Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank,
-Ausnahmen. Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine
-Frau nehmen ist alltäglich&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_445">[445]</a></span></p>
-
-<p>»Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede
-der Leute hat man noch obenein.«</p>
-
-<p>»Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen
-man gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe.«</p>
-
-<p>»Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen
-Menschen bezeigt sich am besten in der Familie.«</p>
-
-<p>»Ja, die des natürlichen Menschen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen
-das Wort reden wollten.«</p>
-
-<p>»In gewissem Sinne ›ja‹, Frau Domina. Was entscheidet,
-ist, ob man dabei nach oben oder nach unten rechnet.«</p>
-
-<p>»Das Leben rechnet nach unten.«</p>
-
-<p>»Oder nach oben; je nachdem.«</p>
-
-<p>Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und
-heiter Melusine war, <em class="gesperrt">einen</em> Ton konnte sie nicht ertragen, den
-sittlicher Überheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die
-Schraubereien fortsetzen zu sehen. Aber die Meldung, daß
-die Wagen vorgefahren seien, machte dieser Gefahr ein Ende.
-Melusine brach ab und teilte nur noch in Kürze mit, daß sie vorhabe,
-morgen mit dem frühesten von Berlin aus einen Brief
-zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen Paar
-in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden,
-und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während
-der alte Graf die Baronin führte.</p>
-
-<p>Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war
-zurückgeschlagen, und alsbald hatten die Baronin und Melusine
-im Fond, die beiden Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen.
-So ging es eine schon in Kätzchen stehende Weidenallee
-hinunter, die beinahe geradlinig auf Gransee zuführte. Das
-Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch am Vormittag
-geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel
-war gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der
-Rauch stand in der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf<span class="pagenum"><a id="Seite_446">[446]</a></span>
-den Telegraphendrähten, und aus dem Saatengrün stiegen
-die Lerchen auf. »Wie schön,« sagte Baron Berchtesgaden,
-»und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit und Prosa
-dieser Gegenden.« Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf,
-der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach,
-wie glücklich ihn diese Stunde mache. Sein Bewegtsein fiel auf.</p>
-
-<p>»Ich dachte, lieber Barby,« sagte der Baron, »in meinen
-Huldigungen gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein
-Äußerstes getan zu haben. Aber ich sehe, ich bleibe doch weit
-zurück; Sie schlagen mich aus dem Felde.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der alte Graf, »und mir kommt es wohl auch zu.
-Denn ich bin der erste dran, davon Abschied nehmen zu müssen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die
-beiden Schecken, kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß
-man von einem Begräbnis kam, war dem Gefährt nicht recht
-anzusehen.</p>
-
-<p>»Rex,« sagte Czako, »Sie könnten nun wieder ein ander
-Gesicht aufsetzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß
-Sie wirklich betrübten Herzens sind?«</p>
-
-<p>»Nein, Czako, so gröblich inszenier ich mich nicht. Und
-käme mir so was in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem
-Publikum, das Czako heißt. Übrigens wollen Sie bloß etwas
-von sich auf mich abwälzen. <em class="gesperrt">Sie</em> sind betrübt, und wenn ich
-mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei dem Chateau Lafitte
-nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte &ndash;
-denn des Alten ›Bocksbeutel‹ hab ich von unserem Oktoberbesuch
-her noch in dankbarer Erinnerung &ndash;, wie wenn ihn
-Tante Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte.«</p>
-
-<p>»Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem
-Stil. Es ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest,
-dies Berlin, erst hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an
-zu sprechen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_447">[447]</a></span></p>
-
-<p>»Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache.
-Meine Frage bleibt, ›warum so belegt, Czako?‹ Denn
-daß Sie das sind, ist außer Zweifel. Wenn's also nicht von
-dem Lafitte stammt, so kann es nur Melusine sein.«</p>
-
-<p>Czako seufzte.</p>
-
-<p>»Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren
-Seufzer nicht recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten
-Grund dazu. Gesamtsituation umgekehrt überaus
-günstig.«</p>
-
-<p>»Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich.«</p>
-
-<p>»Das erschwert nicht, das erleichtert bloß.«</p>
-
-<p>»Und außerdem ist sie grundgescheit.«</p>
-
-<p>»Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter.«</p>
-
-<p>»Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin,
-erst durch Geburt und dann durch Heirat noch mal.
-Und dazu diese verteufelt vornehmen Namen: Barby, Ghiberti.
-Was soll da Czako? Teuerster Rex, man muß den Mut haben,
-den Tatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir kein Hehl draus,
-Czako hat was merkwürdig Kommißmäßiges, etwa wie Landwehrmann
-Schultze. Kennen Sie das reizende Ballett ›Uckermärker
-und Picarde?‹ Da haben Sie die ganze Geschichte.
-Melusine ist die reine Picarde.«</p>
-
-<p>»Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren Sie
-sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind
-Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft dicht auf den
-Hacken.«</p>
-
-<p>»Sapristi, Rex, <em class="antiqua">c'est une idée</em>.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Fuenfundvierzigstes_Kapitel">Fünfundvierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt
-erst in Amalfi und dann in Sorrent, in Capri angekommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_448">[448]</a></span>
-Woldemar fragte nach Briefen, erfuhr aber, daß nichts eingegangen.</p>
-
-<p>Armgard schien verstimmt. »Melusine läßt sonst nie
-warten.«</p>
-
-<p>»Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt.«</p>
-
-<p>»Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst später
-einmal, nicht heute; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich
-noch nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den
-Flitterwochen.«</p>
-
-<p>Woldemar beschwichtigte. »Morgen wird ein Brief da
-sein. Schließen wir also Frieden, und steigen wir, wenn dir's
-paßt, nach Anacapri hinauf. Oder wenn du nicht steigen magst,
-bleiben wir, wo wir sind, und suchen uns hier eine gute Aussichtsstelle.«</p>
-
-<p>Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang
-gelegenen Albergo, daß sie dies Gespräch führten, und weil
-die Mühen und Anstrengungen der letzten Tage ziemlich groß
-gewesen waren, war Armgard willens, für heute wenigstens
-auf Anacapri zu verzichten. Sie begnügte sich also, mit Woldemar
-auf das Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da, angesichts
-der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche
-Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herüber, die Fischer
-sangen, und der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem
-Kegel des Vesuv stieg ein dünner Rauch auf, und von Zeit zu
-Zeit war es, als vernähme man ein dumpfes Rollen und Grollen.</p>
-
-<p>»Hörst du's?« fragte Armgard.</p>
-
-<p>»Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet.
-Vielleicht erleben wir's noch.«</p>
-
-<p>»Das wäre herrlich.«</p>
-
-<p>»Und dabei,« fuhr Woldemar fort, »komm ich von der
-eiteln Vorstellung nicht los, daß, wenn's da drüben ernstlich
-anfängt, unser Stechlin mittut, wenn auch bescheiden. Es ist
-doch eine vornehme Verwandtschaft.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_449">[449]</a></span></p>
-
-<p>Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner
-Fischer eben anlegten, klang es herauf:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Tre giorni son che Nina, che Nina.</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">In letto ne se sta&nbsp;…</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von
-Melusine, diesmal aber nicht an die Schwester, sondern an
-Woldemar adressiert.</p>
-
-<p>»Was ist?« fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging,
-die Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.</p>
-
-<p>»Lies selbst.«</p>
-
-<p>Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des
-Alten.</p>
-
-<p>An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen
-zu können, war längst nicht mehr zu denken; der Begräbnistag
-lag zurück. So kam man denn überein, die Rückreise
-langsam, in Etappen über Rom, Mailand und München
-machen, aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich heim) nicht
-länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm
-Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von Lorbeer
-und Oliven. »Den hat er sich verdient.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es
-denn auch, daß Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen
-richtete.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-Lieber Lorenzen.</p>
-
-<p>Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich
-schreibe diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen
-Bildes von der Terrasse aus, das auch auf den Verwöhntesten
-noch wirkt. Wir wollen morgen in aller Frühe
-von hier fort, sind um zehn in Berlin und um zwölf in
-Gransee. Denn ich will zunächst unser altes Stechlin wiedersehen
-und einen Kranz am Sarge niederlegen. Bitte, sorgen
-Sie, daß mich ein Wagen auf der Station erwartet. Wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_450">[450]</a></span>
-ich auch Sie persönlich träfe, so wäre mir das das Erwünschteste.
-Es plaudert sich unterwegs so gut. Und von
-wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres erfahren
-als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt haben
-werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr
-alter treu und dankbar ergebenster</p>
-
-<p class="right">
-Woldemar v. St.</p></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar
-sah schon vom Coupé aus den Wagen; aber statt Lorenzen
-war Krippenstapel da. Das war ihm zunächst nicht angenehm,
-aber er nahm es bald von der guten Seite. »Krippenstapel ist
-am Ende noch besser, weil er unbefangener ist und mit manchem
-weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch belächeln
-würde, hat einen diplomatischen Zug.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen
-herangetretenen »Bienenvater«, und alle drei bestiegen
-den Wagen, dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel
-entschuldigte Lorenzen, »der wegen einer Trauung behindert
-sei«, und so wäre denn alles in bester Ordnung gewesen,
-wenn unser trefflicher alter Museumsdirektor nur vor
-Antritt seiner Fahrt nach Gransee von einer Herausbesserung
-seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das
-war ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt
-dem jungen Paare gegenüber, angetan mit einem Schlipsstreifen
-und einem großen Chemisettevorbau. Der Schlips war
-so schmal, daß nicht bloß der zur Befestigung der Vatermörder
-dienende Hemdkragenrand in halber Höhe sichtbar wurde,
-sondern leider auch der aus einem keilartigen Ausschnitt hervorlugende
-Adamsapfel, der sich nun, wie ein Ding für sich, beständig
-hin und her bewegte. Die Verlegenheit Armgards,
-deren Auge sich &ndash; natürlich ganz gegen ihren Willen &ndash; unausgesetzt
-auf dies Naturspiel richten mußte, wäre denn auch<span class="pagenum"><a id="Seite_451">[451]</a></span>
-von Moment zu Moment immer größer geworden, wenn nicht
-Krippenstapels unbefangene Haltung schließlich über alles
-wieder hinweggeholfen hätte.</p>
-
-<p>Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit
-entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer
-vom Grafschaftsadel alles dagewesen sei. Dann kam Thormeyer
-an die Reihe, dann Katzenstein und die Domina und zuletzt
-auch »lütt Agnes«.</p>
-
-<p>»Des Kindes müssen wir uns annehmen,« sagte Armgard.</p>
-
-<p>»Wenn du darauf dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger
-damit, als du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur
-Pädagogenschablone, muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere
-Weg, wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt,
-ist jedesmal der bessere. Dann bekehren sie sich aus sich selbst
-heraus. Wenn aber irgendein Zwang diese Bekehrung schaffen
-will, so wird meist nichts draus. Da werden nur Heuchelei
-und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert
-Erziehungsmaximen auf.«</p>
-
-<p>Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem
-Berichte fort und erzählte von Kluckhuhn, von Uncke, von
-Elfriede; Sponholz werde in der nächsten Woche zurückerwartet,
-und Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine Seele,
-ganz besonders &ndash; und das sei das Allerneueste &ndash; seit man
-für ein Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde fleißig
-dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich geweigert: »so was
-schaffe bloß Konfusion.«</p>
-
-<p>Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar
-durchschritt die verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem
-Sterbezimmer und ging dann in die Kirchengruft, um da den
-Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.</p>
-
-<p>Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach
-zunächst sein Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber
-(Kossäth Zschocke habe sich wieder verheiratet) nicht habe kommen<span class="pagenum"><a id="Seite_452">[452]</a></span>
-können. Er blieb dann noch den Abend über und erzählte vielerlei,
-zuletzt auch von dem, was er dem Alten feierlich habe versprechen
-müssen.</p>
-
-<p>Woldemar lächelte dabei. »Die Zukunft liegt also bei <em class="gesperrt">dir</em>.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Sechsundvierzigstes_Kapitel">Sechsundvierzigstes Kapitel</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden
-Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke,
-hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr doch vorderhand
-noch fern, und so kehrte sie denn kurz nach Ablauf einer Woche
-nach Berlin zurück, wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt
-und eine ganz in der Nähe von Woldemars Kaserne gelegene
-Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.</p>
-
-<p>Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar diese
-Wohnung bezog, ging die Saison bereits auf die Neige. Die
-Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang und gleich danach
-auch die Wettrennen, an denen Armgard voller Interesse teilnahm.
-Aber ihre Freude daran war doch geringer, als sie geglaubt
-hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische,
-weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz,
-den sie sich anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer
-heran war, sagte sie: »Laß mich's dir gestehn, Woldemar,
-ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin.«</p>
-
-<p>Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da
-sagte, war ihm aus der eignen Seele gesprochen. Liebenswürdig
-und bescheiden wie er war, stand ihm längst fest, daß er
-nicht berufen sei, jemals eine Generalstabsgröße zu werden,
-während das alte märkische Junkertum, von dem frei zu sein
-er sich eingebildet hatte, sich allmählich in ihm zu regen begann.
-Jeder neue Tag rief ihm zu: »Die Scholle daheim, die dir Freiheit<span class="pagenum"><a id="Seite_453">[453]</a></span>
-gibt, ist doch das Beste.« So reichte er denn seine Demission
-ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelitten
-an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt.
-Man gab ihm, als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein
-Abschiedsfest, und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur
-des Regiments sprach in seiner Rede von den »schönen,
-gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor«.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung
-aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen
-an das junge Paar herangetreten. Unter diesen Sorgen &ndash;
-Lizzi hatte abgelehnt, weil sie die große Stadt und die »Bildung«
-nicht missen mochte &ndash; war in erster Reihe das Ausfindigmachen
-einer geeigneten Kammerjungfer gewesen. Es traf sich
-aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder
-außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert.
-Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr. »Ich weiß freilich
-nicht, Hedwig, ob es Ihnen da draußen gefallen wird,
-Ich hoff es aber. Und Sie werden jedenfalls zweierlei <em class="gesperrt">nicht</em>
-haben: keinen Hängeboden und keinen ›Ankratz‹, wie die Leute
-hier sagen. Oder wenigstens nicht mehr davon, als Ihnen
-schließlich doch vielleicht lieb ist.«</p>
-
-<p>»Ach, das ist nicht viel,« versicherte Hedwig halb scham- halb
-schalkhaft.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin
-einziehen, und alle Vorbereitungen dazu waren getroffen:
-Schulze Kluckhuhn trommelte sämtliche Kriegervereine zusammen
-(die Düppelstürmer natürlich am rechten Flügel),
-während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Begrüßungsgedicht
-einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen
-werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt weiter
-und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als
-einer der »Ihrigen« begrüßt werden sollte.</p>
-
-<p>Das alles galt dem 21.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_454">[454]</a></span></p>
-
-<p>Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen
-ein, an dessen Schluß es hieß:</p>
-
-<p>»Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen
-früh zieht das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine
-Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit
-unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes:
-es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">der Stechlin</em>.«
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Werke von Theodor Fontane</p>
-
-<p class="center large">Gesammelte Werke</p>
-
-<p class="center large">Erste Reihe in fünf Bänden</p>
-
-<p class="center">Erzählende Werke</p>
-</div>
-
-<p class="center small p2">1. Band:</p>
-
-<p class="center">Gedichte / Grete Minde / Schach von Wuthenow
-/ Unterm Birnbaum</p>
-
-<p class="center small p2">2. Band:</p>
-
-<p class="center">L'Adultera / Cecile / Unwiederbringlich</p>
-
-<p class="center small p2">3. Band:</p>
-
-<p class="center">Stine / Irrungen Wirrungen /
-Frau Jenny Treibel</p>
-
-<p class="center small p2">4. Band:</p>
-
-<p class="center">Die Poggenpuhls / Effi Briest</p>
-
-<p class="center small p2">5. Band:</p>
-
-<p class="center">Der Stechlin</p>
-
-<p class="center large p2">Zweite Reihe in fünf Bänden</p>
-
-<p class="center">Autobiographische Werke, Briefe</p>
-
-<p class="center small p2">1. Band:</p>
-
-<p class="center">Einleitung / Meine Kinderjahre</p>
-
-<p class="center small p2">2. Band:</p>
-
-<p class="center">Von Zwanzig bis Dreißig</p>
-
-<p class="center small p2">3. Band:</p>
-
-<p class="center">Kriegsgefangen / Aus den Tagen der Okkupation
-/ Vor und nach der Reise</p>
-
-<p class="center small p2">4. und 5. Band:</p>
-
-<p class="center">Briefe</p>
-
-<p class="center large p2">Einzelausgaben</p>
-
-<p class="center p2">Effi Briest</p>
-
-<p class="center small">Roman. 58. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Cecile</p>
-
-<p class="center small">Roman. 3. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Stine</p>
-
-<p class="center small">Roman. 53. Tausend</p>
-
-<p class="center p2">Meine Kinderjahre</p>
-
-<p class="center small">Autobiographischer Roman. 12. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Von Zwanzig bis Dreißig</p>
-
-<p class="center small">Autobiographisches. 7. Tausend</p>
-
-<p class="center p2">Kriegsgefangen</p>
-
-<p class="center small">26. Tausend</p>
-
-<p class="center p2">Die Poggenpuhls</p>
-
-<p class="center small">Roman. 47. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Mathilde Möhring</p>
-
-<p class="center small">Roman. 60. Tausend</p>
-
-<p class="center p2">L'Adultera</p>
-
-<p class="center small">Roman. 80. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Frau Jenny Treibel</p>
-
-<p class="center small">Roman. 92. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Irrungen Wirrungen</p>
-
-<p class="center small">Roman. 148. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Aus dem Nachlaß</p>
-
-<p class="center small">6. Auflage</p>
-
-<p class="center p2">Das Fontanebuch</p>
-
-<p class="center small">9. Auflage</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig</p>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung
-der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 216: verwogen → verwegen<br />
-etliche mehr oder weniger <a href="#corr216">verwegen</a> aussehende Wahlmänner</p>
-<p>
-S. 279: ofen → Ofen<br />
-drei Männer im feurigen <a href="#corr279">Ofen</a></p>
-<p>
-S. 343: Fronde → Fronde ist<br />
-<a href="#corr343">Fronde ist</a> mir gräßlich und paßt nicht für uns</p>
-</div></div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN***</p>
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-</ul>
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-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
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-<p>1.F.</p>
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-DAMAGE.</p>
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-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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-or entity providing it to you may choose to give you a second
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-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.</p>
-
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-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
-<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-