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-The Project Gutenberg EBook of Die Naturwissenschaften in ihrer
-Entwicklung und in ihrem Zusamme, by Friedrich Dannemann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange
- I. Band: Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften
-
-Author: Friedrich Dannemann
-
-Release Date: November 1, 2016 [EBook #53428]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATURWISSENSCHAFTEN IN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
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-
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-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
-Umschließungen mit _ kursiven Text, und Umschließungen mit = fett
-gedruckten Text.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
-Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
-belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des
-Buchs.
-
-
- *Dannemann.* Entwicklung der Naturw. Bd. I.
-
- [Illustration:
-
- ARISTOTELES
-
- (Marmorkopf im k. k. Hofmuseum zu Wien).]
-
-
-
-
- DIE NATURWISSENSCHAFTEN
-
- IN IHRER ENTWICKLUNG UND
- IN IHREM ZUSAMMENHANGE
-
- DARGESTELLT VON
-
- FRIEDRICH DANNEMANN
-
- ZWEITE AUFLAGE
-
- I. BAND:
-
- VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUM WIEDERAUFLEBEN
- DER WISSENSCHAFTEN
-
- MIT 64 ABBILDUNGEN IM TEXT UND
- MIT EINEM BILDNIS VON ARISTOTELES
-
-
- LEIPZIG
-
- VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
-
- 1920
-
-
- Copyright 1920 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.
-
-
- HERRN GEH. HOFRAT PROF. DR.
-
- EILHARD WIEDEMANN
-
- AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE
- MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE
- DER NEUEN AUFLAGE
-
- GEWIDMET
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Das vorliegende Werk wurde kurz vor dem Kriege vollendet. Die
-Aufnahme war so günstig, daß der erste Band schon während des Krieges
-vergriffen war. Leider konnte die zweite Auflage, weil das deutsche
-Verlagsgeschäft mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat,
-nicht sofort erscheinen, so daß das vollständige Werk längere Zeit im
-Buchhandel fehlte.
-
-Die zweite Auflage stellt sich nicht nur als eine vermehrte, sondern,
-zumal in einem Punkte, als eine ganz wesentlich verbesserte dar. Da
-es nämlich dem einzelnen nicht wohl möglich ist, auf allen Gebieten
-gleich gründliche Vorarbeiten zu machen, haben sich mir dieses Mal
-einige hervorragende Forscher zugesellt. Insbesondere bin ich den
-Herren Geh. Hofrat Prof. Dr. *E. Wiedemann* (Erlangen), Prof. Dr. *E.
-v. Lippmann* (Halle a. S.) und Prof. Dr. *J. Würschmidt* (Erlangen)
-zu großem Dank verpflichtet. Ich empfing von den Genannten nicht
-nur zahlreiche Anregungen; sie haben auch die Korrektur des Satzes
-bis in alle Einzelheiten überwacht. Die Mehrzahl der von ihnen
-ausgehenden Verbesserungsvorschläge konnte noch Verwendung finden.
-Manches ließ sich erst am Schlusse in einem besonderen Abschnitt (s.
-S. 478) bringen. Einzelne weitergehende Vorschläge mußten vorläufig
-zurückgestellt werden.
-
-Wenn ich die drei ersten Bände den Herren *Wiedemann*, *v. Lippmann*
-und *Würschmidt* widme, so ist dies nur ein schwacher Ausdruck meines
-Dankes. Auch verkenne ich nicht, daß diese Mitwirkung in erster Linie
-erfolgt ist, um das Werk für den Gebrauch geeigneter zu machen. Manche
-Anregung ging mir ferner in den zahlreichen Besprechungen, sowie von
-befreundeter Seite zu. Eine Aufzählung würde zu weit führen. Doch
-drängt es mich, besonders für die nachfolgenden Bände den verstorbenen
-Geh. Rat. Dr. *G. Berthold*, einen verdienten Forscher auf dem Gebiete
-der neueren Geschichte der Wissenschaften, zu nennen. Seine bedeutende
-Bibliothek, die durch Ankauf in den Besitz des Münchener Deutschen
-Museums für Meisterwerke auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und
-der Technik übergegangen ist, stand mir jeder Zeit zur Verfügung.
-Auch der häufige persönliche Verkehr mit *Berthold*, den die
-Bayrische Akademie der Wissenschaften mit der Abfassung einer von ihr
-herauszugebenden großen Geschichte der Physik betraut hatte[1], war für
-die Neuherausgabe des ganzen Werkes von Belang.
-
-Über die Ziele wiederhole ich hier die Worte, die ich der ersten
-Auflage vorausgeschickt habe: Die Anteilnahme an der Geschichte der
-Wissenschaften ist seit mehreren Jahrzehnten sehr lebhaft. Je mehr
-man erkennt, daß sich einer Enträtselung der Natur mit jedem Schritte
-weitere Schwierigkeiten entgegenstellen, um so lieber richtet man den
-Blick auch wieder rückwärts, um den durchmessenen Weg zu überschauen
-und aus dem reichen Gesamtergebnis der bisherigen Forschung neue
-Hoffnung auf ein immer tieferes Eindringen in den Zusammenhang der
-Naturerscheinungen zu schöpfen. In dem Maße, wie sich ferner die
-Tätigkeit des einzelnen auf ein kleines Arbeitsfeld beschränkt, um
-so dringender wird das Bedürfnis, das Augenmerk häufiger auf die
-Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen Umfange
-zu überschauen, ist nicht möglich. Wohl aber können wir sie uns in
-einem historischen Rückblick vergegenwärtigen, der die Haupttatsachen
-hervorhebt, sie verknüpft und zu einer vertieften Auffassung anregt.
-
-Eine wertvolle Frucht des geschichtlichen Studiums ist ferner darin
-zu erblicken, daß es vor dogmatischer Einseitigkeit bewahrt, wenn man
-sich die Wissenschaft als etwas Werdendes und infolgedessen Unfertiges
-vergegenwärtigt. Auch gelangt man zu der Einsicht, daß uns dieselben
-oder ähnliche Methoden und Schlußweisen, die man heute anwendet, in der
-Entwicklung der Wissenschaft begegnen. Manche Gebiete lassen sich daher
-kaum darstellen, ohne an die früheren Untersuchungen, Vorstellungen
-und Gedankengänge anzuknüpfen. Aus diesem Grunde ist die genetische
-Betrachtungsweise nicht nur in manche Lehrbücher eingedrungen. Es sind
-auch zahlreiche Geschichten der Einzelwissenschaften entstanden, und
-das Quellenstudium ist durch Neudrucke der oft schwer zugänglichen
-älteren Arbeiten belebt worden. Erinnert sei hier nur an *Ostwalds*
-großes Unternehmen. Seine »Klassiker der exakten Wissenschaften«
-enthalten in 195 Bänden die grundlegenden Abhandlungen aus den Gebieten
-der Mathematik, Astronomie, Physik, Kristallographie und Physiologie.
-
-*Das vorliegende Werk soll gewissermaßen den Rahmen für »Ostwalds
-Klassiker der exakten Wissenschaften« abgeben und dartun, wie sich
-die einzelnen Gebiete gegenseitig auf ihrem Werdegange beeinflußt
-haben.* Die Wissenschaftsgeschichte ist vor allem ein wichtiger Teil
-der Kulturgeschichte. Sie kann daher nur verstanden werden, wenn wir
-sie in ihrem Zusammenhange mit dieser und der allgemeinen Geschichte
-betrachten. Eine von solchen Gesichtspunkten ausgehende Darstellung des
-Entwicklungsganges der Naturwissenschaften ist von anderer Seite wohl
-kaum versucht worden. Wenn ein einzelner sie unternimmt, so muß er in
-mancher Beziehung um Nachsicht bitten. Eine Teilung der Arbeit unter
-viele erschien nicht angängig, wenn etwas Ganzes entstehen sollte.
-
-Nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Fachmanne, der ein
-Einzelgebiet bearbeitet, dem Lehrenden, dem Techniker, dem Arzte und
-jedem, der sich für die Naturwissenschaften lebhafter interessiert,
-dürfte damit gedient sein, ein Werk zu besitzen, das einen Gedanken zu
-verwirklichen sucht, dem der Altmeister der historischen Forschung,
-*Leopold v. Ranke*, im fünften Bande seiner deutschen Geschichte
-Ausdruck verleiht. *Ranke* schreibt dort, es müsse ein herrliches Werk
-sein, einmal die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung
-der Wissenschaften genommen, im Rahmen der europäischen Entwicklung
-mit gerechter Würdigung darzustellen. »Zu einer allgemeinen Geschichte
-der Nation«, fügt *Ranke* hinzu, »wäre ein solches eigentlich
-unentbehrlich.«
-
-Über dieses von *Ranke* gesteckte Ziel geht das vorliegende Werk
-allerdings noch hinaus, da es die Geschichte der exakten Wissenschaften
-in ihrem ganzen Umfange schildert. Im übrigen dürfte die von
-*Ranke* gestellte Aufgabe erfüllt sein, da sich die »Geschichte
-der Wissenschaften in Deutschland« nicht anders als im Rahmen der
-Gesamtentwicklung darstellen läßt. Wenn wir die letztere im Auge
-behalten, so sind die Naturwissenschaften nicht nur als ein Ergebnis
-der gesamten Kultur zu betrachten, sondern auch in ihren Beziehungen
-zu den übrigen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, zur
-Mathematik, zur Medizin und Technik; und es ist zu zeigen, wie sich
-diese Zweige des Denkens und der Forschung gegenseitig gefördert und
-bedingt haben.
-
-Von einem Werke, das diese Aufgabe zu erfüllen sucht, darf man keine
-Vollständigkeit in Bezug auf die biographischen und bibliographischen
-Daten erwarten. Doch sind zumal die letzteren in solchem Umfange
-aufgenommen worden, daß es zwar nicht als Nachschlagebuch, wohl
-aber zur Einführung in das Studium der älteren und neueren
-naturwissenschaftlichen Literatur dienen kann. Um diesem Zwecke zu
-entsprechen, bringt der letzte Band ausführliche, sich über alle Teile
-erstreckende Literatur-, Sach- und Namenregister. Die übrigen Bände
-enthalten ein kürzeres Sach- und Namenverzeichnis.
-
-Die Geschichte der Naturwissenschaften ist einer der jüngsten Zweige
-der historischen Forschung. Daher ist besonders für die entlegeneren
-Zeiten vieles noch unaufgeklärt. Manches ist erst neuerdings mit
-dem Fortschreiten der archäologischen und der philologischen
-Untersuchungen bekannt geworden. Es sei nur an die wertvollen
-Ergebnisse erinnert, die uns die Erschließung der altorientalischen
-Kultur und die Erforschung der arabischen Literaturschätze gebracht
-haben. Allerdings sind gerade hier die Urteile noch nicht genügend
-geklärt, ja häufig genug in wichtigen Punkten einander widersprechend.
-Für denjenigen, der in zusammenhängender Darstellung die Entwicklung
-der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im Altertum und Mittelalter
-schildern will, ergeben sich daraus nicht geringe Schwierigkeiten.
-Manche Angabe wird bei dem einen auf Zustimmung, bei dem anderen auf
-Widerspruch stoßen. Das Gleiche gilt von den Ansichten, die wir uns
-über die Zusammenhänge und die Ursachen bilden können.
-
-Diese Umstände haben mich aber nicht abgehalten, ein Gesamtbild zu
-entwerfen und damit eine schon lange angestrebte Aufgabe, deren
-Bewältigung immer dringender wird, in Angriff zu nehmen. Denn nur in
-dem Gesamtbilde erhalten die zahllosen Einzelergebnisse der Forschung
-erst ihren vollen Wert, während sie in ihrer Vereinzelung oft genug
-geringwertig oder gar bedeutungslos erscheinen.
-
-Zur Belebung der Wissenschaftsgeschichte ist bisher recht wenig
-geschehen. Umfassende Vorlesungen darüber fehlen selbst an den
-größeren Hochschulen wohl noch überall. Ja, es gibt sogar eine ganze
-Reihe von Universitäten, an denen auch nicht einmal das bescheidenste
-historische Kolleg über einen besonderen Zweig der so gewaltig
-emporgeblühten Naturwissenschaften gehalten wird, während Vorlesungen
-über die Geschichte der Philosophie, der Kunst, der Literaturen usw.
-nirgends fehlen. Was uns nottut, ist ein besonderer Lehrstuhl für die
-Geschichte der Naturwissenschaften an jeder Hochschule. Solange solche
-fehlen, dürfte ein Werk wie das vorliegende dem wissenschaftlichen
-Nachwuchs einen gewissen Ersatz bieten. Ich habe es daher mit
-Freuden begrüßt, daß einzelne Hochschullehrer ihre Hörer auf die
-Wichtigkeit des eindringenderen geschichtlichen Studiums hinweisen.
-So schreibt Herr Dr. *A. Stock*, Prof. an der Universität Berlin und
-am Kaiser-Wilhelmsinstitut in Dahlem, seit Jahren empfehle er seinen
-Hörern in der einführenden Vorlesung über experimentelle Chemie »Die
-Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange.«
-Es ist also zu hoffen, daß das unter der Mitwirkung mehrerer
-Hochschullehrer erneut erscheinende Werk auch in dieser Hinsicht seine
-Aufgabe erfüllen wird.
-
- Friedrich Dannemann.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
-1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
-
-(S. 1-62.)
-
-1. Einleitendes. -- 2. Die Kultur der alten Ägypter. -- 3. Die
-Literatur der Ägypter. -- 6. Mathematik und Technik der Ägypter. --
-14. Die Anfänge der Metallurgie. -- 15. Die babylonisch-assyrische
-Kultur. -- 17. Keilschriftfunde. -- 18. Die Mathematik der Babylonier.
--- 20. Der Ursprung der Astronomie. -- 22. Einteilung des Jahres. --
-24. Anfänge der Astrologie. -- 26. Astronomische Urkunden. -- 28.
-Finsternisse, Kometen, Schaltjahr. -- 31. Genauigkeit der Messungen.
--- 33. Die Chaldäer. -- 35. Mondbewegung. -- 36. Der Gnomon. -- 38.
-Maße und Gewichte. -- 41. Die Gewinnung des Eisens. -- 42. Kupfer,
-Zink und Zinn. -- 44. Glasbereitung. -- 45. Die Anfänge der Heilkunde.
--- 48. Erstes naturgeschichtliches Wissen. -- 51. Die alte Kultur
-Süd- und Ostasiens. -- 53. Die Mathematik der Inder. -- 56. Indische
-Rechenkunst. -- 59. Heilkunde und Chemie bei den Indern. -- 61. Die
-Astronomie der Chinesen.
-
-
-2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum
-Zeitalter des Aristoteles.
-
-(S. 63-103.)
-
-65. Anfänge der griechischen Astronomie. -- 67. Anfänge der
-Erdbeschreibung. -- 69. Ionische Naturphilosophie. -- 71. Mechanische
-Naturerklärung. -- 73. Zweckbegriff. -- 79. Pythagoras und seine
-Schule. -- 84. Quadratur des Kreises und Würfelverdopplung. -- 86.
-Kegelschnitte. -- 89. Kalenderrechnung. -- 91. Die sieben Planeten.
--- 93. Die heliozentrische Weltanschauung. -- 96. Gestalt und Größe
-der Erde. -- 97. Pflanzenkenntnis der Griechen. -- 99. Die Anfänge
-der Zoologie. -- 100. Keime der Descendenzlehre. -- 101. Ursprung der
-griechischen Heilkunde.
-
-
-3. Das aristotelische Zeitalter.
-
-(S. 104-151.)
-
-104. Aristoteles und seine Zeit. -- 107. Die Werke des Aristoteles. --
-109. Die Philosophie des Aristoteles. -- 112. Fall und Hebelgesetz.
--- 114. Parallelogrammgesetz. -- 115. Die Anfänge der Akustik und
-der Optik. -- 117. Das Himmelsgebäude nach Aristoteles. -- 121. Die
-Natur der Weltkörper. -- 123. Anfänge der physischen Erdkunde. -- 125.
-Einsicht in die geologischen Vorgänge. -- 127. Die vier aristotelischen
-Elemente. -- 129. Die Begründung der Zoologie. -- 133. Die Einteilung
-des Tierreichs. -- 137. Bau und Lebensweise. -- 138. Ernährung und
-Sexualität der Pflanzen. -- 141. Botanik und Heilkunde. -- 143.
-Geographie der Pflanzen. -- 146. Bau und Entwicklung der Pflanzen.
--- 148. Mineralogie und Bergbau. -- 149. Einfluß und Dauer des
-aristotelischen Lehrgebäudes.
-
-
-4. Das alexandrinische Zeitalter.
-
-(S. 152-207.)
-
-154. Die Begründung eines Systems der Mathematik. -- 157. Das Leben und
-die Bedeutung des Archimedes. -- 159. Die Erfindungen des Archimedes.
--- 163. Die Anfänge der höheren Mathematik. -- 165. Rotationskörper.
--- 167. Kegelschnitte. -- 170. Das archimedische Prinzip. -- 172.
-Fortschritte der Optik und Akustik. -- 174. Die Grundlagen der
-wissenschaftlichen Erdkunde. -- 177. -- Die Ausmessung der Erde. --
-180. Die Bestimmung von Sternörtern. -- 182. Entfernung und Größe
-von Mond und Sonne. -- 184. Astronomie und Geometrie. -- 186. Die
-Entdeckung der Präzession. -- 188. Die Anfänge der wissenschaftlichen
-Kartographie. -- 190. Physik der Gase und der Flüssigkeiten. -- 193.
-Herons Apparate und Automaten. -- 196. Wasserorgel. -- 197. Thermoskop.
--- 198. Flaschenzug. -- 199. Wegmesser. -- 200. Grundlagen der
-Vermessungskunde. -- 201. Herons Werke. -- 205. Naturbeschreibung und
-Medizin im alexandrinischen Zeitalter.
-
-
-5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
-
-(S. 208-245.)
-
-208. Allgemeingeschichtliches. -- 209. Einfluß des Hellenismus. -- 211.
-Meßkunst und Astronomie bei den Römern. -- 213. Regelung des Kalenders.
--- 215. Pflege der Ingenieurmechanik. -- 219. Die Literatur während der
-Kaiserzeit. -- 220. Plinius. -- 222. Quellen des Plinius. -- 226. Die
-»Naturgeschichte« des Plinius. -- 233. Fortschritte der Anatomie und
-der Heilkunde. -- 239. Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.
--- 240. Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneka. -- 244.
-Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.
-
-
-6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.
-
-(S. 246-284.)
-
-246. Das ptolemäische Weltsystem. -- 249. Die Epizyklentheorie. -- 252.
-Hilfswissenschaften der Astronomie. -- 255. Astronomische Meßwerkzeuge.
--- 257. Fortschritte der Geographie. -- 258. Astronomie und Geographie.
--- 260. Physische Geographie. -- 262. Forschungsreisen. -- 265.
-Förderung der Optik. -- 267. Theorie des Sehens. -- 268. Elektrizität
-und Magnetismus. -- 270. Die Anfänge der Chemie. -- 272. Metallurgie
-und Alchemie. -- 277. Alchemie und Astrologie. -- 278. Alchemistische
-Urkunden. -- 281. Altertum und Mittelalter.
-
-
-7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
-
-(S. 285-295.)
-
-285. Allgemeingeschichtliches. -- 286. Wissenschaft und Kirche. -- 289.
-Christentum und Germanentum. -- 291. Wissenschaft und Klosterwesen. --
-293. Die Erhaltung der alten Schriftwerke. -- 294. Enzyklopädien der
-Wissenschaften.
-
-
-8. Das arabische Zeitalter.
-
-(S. 296-331.)
-
-296. Die Wissenschaften und der Islam. -- 299. Vermittlerrolle der
-Araber. -- 301. Die Bedeutung der arabischen Literatur. -- 303.
-Mathematische Geographie und Astronomie. -- 305. Astronomie und
-Trigonometrie. -- 306. Astronomische Instrumente. -- 308. Der Kompaß.
--- 310. Die Rechenkunst der Araber. -- 312. Die Ausbreitung der
-arabischen Wissenschaft. -- 314. Die Optik bei den Arabern. -- 319.
-Die Chemie im arabischen Zeitalter. -- 322. Alchemistische Schriften.
--- 324. Säuren und Metalle. -- 325. Alchemistische Theorien. -- 326.
-Stein der Weisen. -- 327. Mineralogische Kenntnisse der Araber. -- 328.
-Arabische Bearbeitungen der Zoologie. -- 329. Botanische Schriften. --
-330. Heilkunde. -- 331. Verfall der arabischen Kultur.
-
-
-9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen
-Kultur.
-
-(S. 332-369.)
-
-332. Allgemeingeschichtliches. -- 335. Die Kultur im Reiche der
-Franken. -- 336. Anfänge einer mitteleuropäischen Literatur.
--- 338. Christliche Völker und Islam. -- 341. Erweiterung des
-geographischen Gesichtskreises. -- 342. Handel und Städtewesen. --
-343. Die Wiederbelebung der alten Literatur. -- 346. Die Zoologie
-im Mittelalter. -- 350. Die Botanik im Mittelalter. -- 352. Die
-»Tiergeschichte« des Albertus Magnus. -- 353. Roger Bacon. -- 355.
-Bacons Naturlehre. -- 357. Bacons optische Kenntnisse. -- 361.
-Mittelalterliches Denken. -- 365. Die Naturwissenschaften im 14.
-Jahrhundert. -- 366. Das Weltbild des Mittelalters.
-
-
-10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.
-
-(S. 370-402.)
-
-370. Mittelalter und Renaissance. -- 372. Dante und Petrarka. -- 373.
-Die Ausbreitung des Humanismus. -- 377. Humanismus und Kirche. --
-379. Humanismus und Naturwissenschaft. -- 382. Lionardo da Vinci. --
-384. Lionardos Manuskripte. -- 386. Lionardos Erfindungen. -- 388.
-Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft. -- 392. Das Wiedererwachen
-der Astronomie. -- 395. Astronomische Tafeln. -- 396. Astronomische
-Instrumente. -- 398. Astronomie und Nautik. -- 400. Die Wiederbelebung
-der Naturbeschreibung.
-
-
-11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch Koppernikus.
-
-(S. 403-419.)
-
-403. Koppernikus. -- 407. Die Vorläufer des Koppernikus. -- 408. Das
-Koppernikanische Weltsystem. -- 412. Aufnahme und Ausbreitung der
-heliozentrischen Lehre. -- 415. Das unendliche Universum. -- 417.
-Astronomie und Kartographie.
-
-
-12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen
-Naturwissenschaften.
-
-(S. 420-445.)
-
-421. Die Physik im 16. Jahrhundert. -- 428. Entdeckungen auf dem
-Gebiete der Optik. -- 429. Die Lehre vom Magnetismus. -- 430. Anfänge
-der Dynamik. -- 431. Alchemie und Jatrochemie. -- 435. Paracelsus.
--- 437. Die Neubegründung der Mineralogie. -- 439. Agricolas
-mineralogische Schriften. -- 441. Anfänge der neueren Geologie. -- 443.
-Anfänge der Paläontologie.
-
-
-13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
-Naturwissenschaften.
-
-(S. 446-467.)
-
-446. Naturwissenschaften und Entdeckungsreisen. -- 450. Die Erneuerung
-der Botanik. -- 451. Kräuterbücher. -- 455. Die Anordnung der Pflanzen.
--- 458. Die Erneuerung der Zoologie. -- 462. Das Wiederaufleben der
-Anatomie. -- 464. Vesals anatomisches Hauptwerk. -- 466. Anatomie und
-Chirurgie.
-
-
-
-
-1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
-
-
-Den ersten naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrgebäuden,
-die in der Blütezeit des griechischen Geisteslebens entstanden, gingen
-ungemessene Zeiträume voraus, in denen die einfachsten Überlegungen
-und Beobachtungen, die Grundlagen aller Wissenschaft, teils zufällig,
-teils auch schon mit bestimmter Absicht angestellt, selten aber nach
-ihrem Werte gesichtet und aufgezeichnet wurden. Aus dieser Periode
-stammende Urkunden sind deshalb höchst spärlich, so daß sich die
-Wurzeln der Naturwissenschaften wie so mancher anderen Betätigungen des
-menschlichen Geistes, im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten verlieren.
-Soviel ist jedoch gewiß, daß wir diese Wurzeln nicht in Griechenland
-zu suchen haben, wo uns die ersten wissenschaftlichen Systeme
-entgegentreten.
-
-In den Niederungen des Nils und des Euphrats, den ältesten Stätten
-der Kultur, haben sich auch die ersten Kenntnisse entwickelt, die
-sich über die Ergebnisse der oberflächlichen Betrachtung und der
-naiven Anschauung erhoben. Durch die Berührung mit den in Ägypten und
-in Vorderasien entstandenen Elementen entzündete sich alsdann der
-prometheische Funke, der in den Griechen schlummerte. Ihnen gelang es,
-diese Elemente nicht nur in sich aufzunehmen, sondern sie durch eigenes
-Forschen zu vervielfältigen und den Baum der Erkenntnis zu pflanzen,
-der nach einer langen Zeit der Dürre zu dem gewaltigen Stamme erwuchs,
-von dem die Segnungen der heutigen Kultur in erster Linie ausgegangen
-sind.
-
-Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist seit der frühesten Zeit
-mit derjenigen des mathematischen Denkens Hand in Hand gegangen. Auch
-in dieser Hinsicht sind die ersten Regungen auf die Ägypter und die
-Babylonier zurückzuführen. War man früher bezüglich dieser beiden
-Völker fast nur auf die uns durch die Literatur übermittelten, zum
-Teil recht zweifelhaften Berichte angewiesen, so hat unser Zeitalter,
-indem es den Schutt von den Ruinen Ägyptens und Mesopotamiens wegräumte
-und die alten Schriftzeichen entziffern lernte, die Geschichte, die
-Kenntnisse, ja das gesamte Leben jener ältesten Völker aus dem Dunkel
-und der Vergessenheit nach Jahrtausenden ans Licht gebracht.
-
-Zwar ist die Kultur im Osten und im Süden Asiens vielleicht ebenso
-früh entstanden wie diejenige, die in den Tälern des Nils und des
-Euphrats emporblühte. Dennoch wird eine Geschichte der gesamten exakten
-Wissenschaften auf Indien und China nur wenig Rücksicht zu nehmen
-brauchen, weil die dort wohnende Bevölkerung sehr abgeschlossen lebte
-und infolgedessen auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen
-Kenntnisse in Vorderasien und Europa nur geringen Einfluß gehabt hat.
-
-
-Die Kultur der Ägypter.
-
-Wenden wir uns daher zunächst den Ägyptern zu, dem Volke, das
-wohl die älteste Literatur und die ersten mathematischen,
-naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse hervorbrachte.
-Die griechische Überlieferung, nach welcher die Ägypter von
-Süden her aus Äthiopien in das Niltal eingewandert sind, hat der
-neueren anthropologischen und Altertumsforschung gegenüber nicht
-Stand gehalten[2]. Wir müssen vielmehr annehmen, daß die alten
-Ägypter protosemitischen Ursprungs, also mit den Babyloniern durch
-Abstammung verwandt waren[3]. Darauf weisen nicht nur sprachliche
-Eigentümlichkeiten, sondern auch der Umstand hin, daß die Kultur sich
-in Ägypten[4] von der Mündung aus stromaufwärts ausbreitete.
-
-Der fruchtbare, zu beiden Ufern des Nils sich durch die Wüste
-hinziehende Streifen Landes, der das eigentliche Ägypten bildet, erwies
-sich in der Hand der geistig höher begabten Ankömmlinge als ein für die
-Entwicklung einer hohen Kultur vortrefflich geeigneter Boden. Zuerst
-erblühte sie in Memphis, in dessen Mauern die Wissenschaften gepflegt
-wurden und die Künstler Meisterwerke hervorbrachten. Die höchste Blüte
-entfaltete sie indessen, nachdem um das Jahr 1600 v. Chr. das neue
-Reich mit der Hauptstadt Theben gegründet war. In der Nähe der beiden
-Hauptplätze entstanden in der Wüste monumentale Begräbnisstätten,
-welche den Wechsel der Zeiten in solchem Maße überstanden haben,
-daß durch die neuere archäologische Forschung, wie einer ihrer
-Hauptvertreter sagt[5], nach und nach das ganze alte Ägypten wieder
-emporsteigt und im vollen Lichte der Geschichte erscheint, so daß die
-Menschen jener entlegenen Zeiten für uns die gleiche Wirklichkeit
-erhalten wie die alten Griechen und Römer.
-
-Bis zum 19. Jahrhundert war man im wesentlichen auf die Berichte
-griechischer und römischer Schriftsteller angewiesen. Zahlreiche,
-mit der ägyptischen Hieroglyphenschrift bedeckte Schriftdenkmäler
-waren zwar nach Europa gelangt. Die Kenntnis dieser Schrift, sowie
-der daraus durch Abkürzung entstandenen hieratischen und demotischen
-Form[6], war aber mit dem Ende des 3. Jahrhunderts infolge des
-siegreichen Vordringens des Christentums verloren gegangen. Um ihre
-Entzifferung bemühte man[7] sich schon im 17. Jahrhundert. Sie gelang
-erst, als nach dem ägyptischen Feldzuge Napoleons die archäologische
-Erforschung des Nillandes in Angriff genommen wurde. Epochemachend war
-die Entdeckung einiger in Stein gemeißelter Erlasse, wie desjenigen
-von Rosette (1799). Es ist das eine Basalttafel (jetzt im Britischen
-Museum), welche die nämliche Bekanntmachung (von 197 v. Chr.) in
-drei verschiedenen Sprachen enthält. Der eine Text bedient sich der
-altägyptischen Sprache und der Hieroglyphenschrift. Die Übersetzungen
-dagegen sind in der Volkssprache und der ihr entsprechenden demotischen
-Schrift, sowie in griechischer Sprache und Schrift erfolgt. Das größte
-Verdienst um die Entzifferung hat sich *Champollion*, der Begründer
-der Ägyptologie, erworben. Unter den Fortsetzern seines Werkes ist
-vor allem *Lepsius*, der eine preußische Expedition zur Erforschung
-der Denkmäler Ägyptens (1842-45) leitete, zu nennen. Er entdeckte
-das in zwei Sprachen abgefaßte Dekret von Kanopus (238 v. Chr.), das
-einen Einblick in die Zeitrechnung der alten Ägypter gewährt. Zu den
-Steininschriften sind in großer Zahl Texte auf Papyrus, Leder und
-Tonscherben getreten. Auch Keilschriften haben sich auf ägyptischem
-Boden (in Tell el-Amarna; siehe S. 15) gefunden.
-
-Der Gründung der ersten ägyptischen Dynastie, die um 3300 v. Chr.
-durch Mena (Menes) erfolgte, müssen schon ausgedehnte Zeiträume einer
-ruhigen Entwicklung vorausgegangen sein, da uns schon während der
-ersten Dynastien, deren die ägyptische Geschichte bis zum Beginn der
-griechischen Herrschaft insgesamt dreißig zählt, eine hochentwickelte
-Kultur entgegentritt. Dies spricht sich sowohl in den erhaltenen
-Baudenkmälern, wie in den schriftlichen Überlieferungen jenes
-Zeitraumes aus. So sind die während der vierten Dynastie von Chufu,
-Chafra und Menkera errichteten großen Pyramiden nicht nur wahre Wunder
-der Baukunst, sondern die ganze Anlage dieser, im 4. Jahrtausend
-v. Chr. Geburt entstandenen Werke weist auf astronomische und
-mathematische Kenntnisse hin, die man in solch altersgrauer Zeit kaum
-vermuten sollte. So sind die vier Seiten der Pyramiden genau nach den
-Haupthimmelsgegenden gerichtet, während der Winkel, den die Seitenwände
-mit der Grundfläche bilden, wenig oder gar nicht von 52° abweicht, eine
-Tatsache, die, wie wir später sehen werden, auf elementare Kenntnisse
-in der Trigonometrie und Ähnlichkeitslehre hinweist.
-
-Auch daß man schon ein Jahrtausend vor Menes, nämlich im Jahre 4241
-v. Chr., in Unterägypten nach einem verbesserten Kalender zu rechnen
-begann, spricht dafür, daß die Ägypter bereits ein Kulturvolk waren,
-als sonst überall auf der Erde, Babylonien nicht ausgeschlossen, das
-Dunkel vorgeschichtlicher Zustände herrschte[8].
-
-Daß für die Anlage der altägyptischen Bauwerke häufig astronomische
-Gesichtspunkte maßgebend waren, beweist uns auch die Lage mancher
-Tempel. So ist durch den englischen Astronomen *Lockyer* ein Tempel
-bekannt geworden, dessen Hauptachse gegen den Aufgangspunkt des von
-den Ägyptern als Gottheit verehrten Sirius gerichtet ist[9]. Nach
-*Lockyer* weist die Achse eines anderen Tempels auf den Punkt, an dem
-die Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende untergeht. Bei der gewaltigen
-Länge des Tempels vermochten die Sonnenstrahlen nur an diesem einen
-Zeitpunkt des Jahres durch den ganzen Tempel hindurch zu scheinen. Auf
-solche Weise wurden die Tempel zu astronomischen Observatorien, die
-eine genauere Bestimmung der Jahreslänge ermöglicht haben[10].
-
-Aus den ägyptischen Baudenkmälern läßt sich auch ermitteln, wann die
-Bewohner des Nillandes mit der babylonischen Sechsteilung des Kreises
-bekannt wurden. Bis zur Zeit der 18. Dynastie begegnen uns nämlich nur
-Verzierungen, die auf der Vierteilung des Kreises beruhen. Mit der
-19. Dynastie tritt an Ornamenten und an Wagenrädern die Teilung nach
-der Sechs auf. Nun ist bekannt geworden, daß um jenen Zeitpunkt, als
-Vorderasien den Ägyptern tributpflichtig wurde, Geschenke an den Hof
-der Pharaonen gelangten, welche die Sechs- und Zwölfteilung des Kreises
-aufweisen[11]. Wir können also an diesem Beispiel verfolgen, auf
-welchen Wegen die Kenntnisse von Volk zu Volk übermittelt wurden.
-
-Der außerordentlich frühen Verwendung von Schriftzeichen entspricht
-es, daß die ältesten Dynastien bereits Aufzeichnungen sammelten. Im
-3. Jahrtausend v. Chr. gab es schon besondere Beamte, welche die
-Bibliotheken verwalteten. Ja, ein Sohn des Mena, des Begründers der
-ersten Dynastie, wird als Verfasser medizinischer Schriften erwähnt[12].
-
-Die ägyptische Bilder- oder Hieroglyphenschrift tritt uns auf den
-älteren ägyptischen Denkmälern als etwas Fertiges entgegen. Offenbar
-ist sie aber das Erzeugnis einer langen vorgeschichtlichen Entwicklung.
-Nicht nur Gegenstände, sondern auch abstrakte Begriffe und Zeitwörter
-vermochte diese Schrift zum Ausdruck zu bringen. Ohne Verkürzung und
-Vereinfachung finden wir die Hieroglyphen[13] nur auf Steindenkmälern,
-deren sorgfältig bearbeitete Flächen jeden Beschauer in Erstaunen
-setzen. Für den täglichen Gebrauch wurden die Zeichen später in solchem
-Grade vereinfacht, daß ihre ursprüngliche Form kaum wieder zu erkennen
-ist (s. S. 3).
-
-Indes nicht nur von den Geschehnissen, der Tracht und den Gebräuchen,
-sondern auch von dem Wissen jener Zeiten können wir uns auf Grund
-der aus den Gräbern und Tempeln von Memphis und Theben herrührenden
-Schriftdenkmäler heute ein ziemlich zutreffendes Bild machen.
-
-Daß schon zur Zeit des alten Reiches in Ägypten eine umfangreiche
-Literatur bestand, kann mit Sicherheit angenommen werden. Besaß doch,
-wie aus einer Grabinschrift bei Gizeh hervorgeht, ein Großwürdenträger,
-der um 2200 v. Chr. lebte, den Titel »Verwalter des Bücherhauses«[14].
-Von jener ältesten Literatur sind jedoch nur spärliche Bruchteile
-erhalten geblieben. Neben religiösen, moralphilosophischen und
-geschichtlichen Schriften umfaßte diese Literatur auch Abhandlungen
-über Astronomie, Mathematik und Heilkunde, welche die Grundlagen für
-spätere vollständigere, auf uns gekommene ägyptische Schriftdenkmäler
-gebildet haben.
-
-Ihren Höhepunkt erreichte die altägyptische Kultur um das Jahr 2000
-vor Christi Geburt. Um diese Zeit wurde Ägypten zur Großmacht, die
-erobernd in Vorderasien eindrang und mit dem babylonischen Reich in
-enge Fühlung trat. Es entwickelte sich sogar ein reger schriftlicher
-Verkehr zwischen den Pharaonen und den Königen Babylons, sowie den
-asiatischen Vasallen. Dies beweisen die in großer Zahl im Jahre 1888 in
-Ägypten[15] aufgefundenen Tontafeln mit Keilinschriften, welche heute
-den wertvollsten Schatz der Museen von Kairo, London und Paris bilden.
-
-
-Mathematik und Technik der Ägypter.
-
-In Ägypten, sagt *Aristoteles* (Metaphys. I, 1), entstand die
-mathematische Wissenschaft, denn hier war den Priestern die dazu
-nötige Muße vergönnt. Nach einer Erzählung *Herodots*[16] dagegen
-entsprang für die Ägypter die Notwendigkeit, die Geometrie zu
-erfinden, dem Umstande, daß die Grenzen ihrer Ländereien durch die
-jährlichen Überschwemmungen des Nils verwischt wurden und deshalb
-durch Vermessung wiederhergestellt werden mußten. Welche Bewandtnis
-es auch mit diesem Bericht des griechischen Geschichtsschreibers
-haben mag, jedenfalls ist die Geometrie der frühesten Kulturvölker
-aus den Bedürfnissen des Lebens hervorgegangen. Die Ansicht, daß
-sie einem idealistischen Drange entsprungen sei, dürfte nur für die
-späteren Entwicklungsstufen zutreffen[17]. Für das ehrwürdige Alter
-der Mathematik in Ägypten spricht auch die von dort stammende älteste
-Urkunde dieser Wissenschaft[18]. Es ist dies eine Art Handbuch für
-den praktischen Gebrauch, das um das Jahr 1800 v. Chr. verfaßt
-wurde und neben zahlreichen arithmetischen Aufgaben, bei denen
-schon die Bruchrechnung Anwendung findet, auch die erste Behandlung
-arithmetischer und geometrischer Reihen, Flächenberechnungen der
-einfacheren Figuren, wie sie für die Absteckung der Felder in Betracht
-kommen, sowie die Bestimmung des Rauminhalts von Fruchtspeichern
-enthält. Sogar der Flächeninhalt des Kreises wird in diesem Papyrus
-ermittelt. Dies wird in der Weise bewerkstelligt, daß man über dem um
-1/9 verminderten Durchmesser ein Quadrat errichtet. Hieraus läßt sich
-für π der überraschend genaue Wert 3,16 (statt 3,14) berechnen.
-
-Bezeichnend sind die Worte, mit denen *Ahmes* sein Handbuch einleitet.
-Sie lauten: »Vorschrift, zu gelangen zur Kenntnis aller dunklen Dinge
-und Geheimnisse, welche in den Gegenständen enthalten sind.« Sie
-erinnern an die 1-1/2 Jahrtausend später auftretenden Pythagoreer,
-die auch Zahl und Maß als wirkliche, in den Dingen geheimnisvoll
-schlummernde Wesen betrachteten. Auf das außerordentlich hohe Alter der
-Mathematik in Ägypten läßt sich übrigens auch daraus schließen, daß
-*Ahmes* in seiner Einleitung ausdrücklich sagt, er habe sein Buch nach
-alten Schriften verfaßt, die zur Zeit eines früheren Königs entstanden
-seien. Diese Schriften waren, wie aus jener Zeitangabe hervorgeht, etwa
-500 Jahre älter als das Buch des *Ahmes* und setzen ihrerseits wieder
-eine lange Periode voraus, in welcher die niedergelegten Kenntnisse
-langsam heranwuchsen, ohne schriftlich festgelegt zu werden.
-
-Ohne Zweifel hat man, da das Rechnen aus den Bedürfnissen des Lebens
-entsprungen ist, zuerst mit benannten Zahlen gerechnet und ist erst
-später zu abstrakten Zahlen übergegangen. Das Rechnen mit diesen stand,
-wie der Papyrus Rhind beweist, im 20. Jahrhundert v. Chr. bereits auf
-einer Höhe, wie man sie vor dem Bekanntwerden jener wichtigen Urkunde
-nicht vermuten konnte[19].
-
-*Ahmes* setzt das Rechnen mit ganzen Zahlen voraus und befaßt sich in
-seinen Aufgaben unter Anwendung der Brüche besonders mit dem, was wir
-heute Gesellschaftsrechnung nennen. Die von ihm benutzten Brüche sind
-Stammbrüche, d. h. solche, die eins als Zähler haben. Einen Stammbruch
-schreibt er, indem er über die Zahl des Nenners einen Punkt setzt.
-Jeder andere Bruch wird als Summe von Stammbrüchen ausgedrückt, z. B.
-2/5 durch 1/3 und 1/15, die ohne Additionszeichen nebeneinander gesetzt
-werden. Die Darstellung eines beliebigen Bruches durch Stammbrüche
-stellt *Ahmes* an die Spitze.
-
-Um Brüche, die keine Stammbrüche sind, in Summen von Stammbrüchen zu
-verwandeln, gibt *Ahmes* eine Tafel der Brüche[20] von der Form 2/(2n +
-1) (n = 1, 2, 3 ... 49). Brüche mit höherem Zähler werden in eine Summe
-gleichnamiger Brüche zerlegt. An solchen Stammbruchsummen werden die
-Grundrechnungsarten vollzogen.
-
-Manche Aufgabe, die *Ahmes* bringt, stellt sich als eine Gleichung
-ersten Grades mit einer Unbekannten dar. Letztere wird als Haufen
-bezeichnet. So lautet ein Beispiel: »Haufen, sein 2/3, sein 1/2, sein
-1/7, sein Ganzes, es beträgt 33.« Das heißt nach heutiger Schreibweise:
-(2/3)x + (1/2)x + (1/7)x + x = 33. Um x zu finden, wird dann (2/3 + 1/2
-+ 1/7 + 1) so lange vervielfältigt, bis 33 herauskommt. Als weiteres
-Beispiel sei eine von den Aufgaben aus der Gesellschaftsrechnung
-mitgeteilt. Sie lautet: »Zu verteilen 700 Brote unter vier Personen,
-2/3 für den Einen, 1/2 für den Zweiten, 1/3 für den Dritten, 1/4
-für den Vierten.« Als Gleichung geschrieben würde die Aufgabe in
-der Ausdrucksweise der heutigen Arithmetik lauten: (2/3)x + (1/2)x
-+ (1/3)x + (1/4)x = 700. Der Wert für x wird dann nach folgender
-Vorschrift gefunden: Addiere 2/3, 1/2, 1/3 und 1/4; das gibt 1 + 1/2 +
-1/4. Teile dann 1 durch 1 + 1/2 + 1/4; das gibt 1/2 + 1/14. Nimm dann
-1/2 und 1/14 von 700; das ergibt 400 für x.
-
-Außer der Hieroglyphe für die Unbekannte (unser x) besaßen die alten
-Ägypter noch einige andere Operationszeichen. Z. B. galt ein Zeichen,
-das schreitende Beine darstellt, je nach der Richtung als Zeichen
-für die Addition oder als solches für die Subtraktion. Auch für die
-Gleichsetzung war ein Zeichen vorhanden. Bekannt war auch schon der
-Begriff der Wurzel. Bis vor kurzem nahm man an, daß die alten Ägypter
-diesen Begriff nicht kannten. Neuerdings sind aber Papyrusfragmente
-(aus der 12. Dynastie) bekannt geworden, in denen sich vermerkt findet,
-daß √(16) = 4, √(6-1/4) = 2-1/2 und √(1-9/16) = 1-1/4 ist[21].
-
-Das Verfahren des Wurzelziehens dagegen ist wahrscheinlich erst in der
-pythagoreischen Schule entwickelt worden, als man größere Quadratzahlen
-bildete, deren Grundzahl nicht ohne weiteres ersichtlich war, vor allem
-aber, als es galt, nach dem pythagoreischen Lehrsatz die Hypotenuse aus
-den Katheten zu berechnen.
-
-Ferner begegnen uns Gleichungen wie die folgenden:
-
- 2^2 + (1-1/2)^2 = (2-1/2)^2
-
- 6^2 + 8^2 = 10^2.
-
-Endlich sind Rollen aus der Zeit um 2000 v. Chr. bekannt geworden,
-in denen sich Anweisungen über die Festlegung der Wandrichtungen bei
-Tempelbauten finden. Das Verfahren bestand im »Seilspannen«, das heißt,
-man teilte ein Seil im Verhältnis 3 : 4 : 5 und bildete aus diesen
-Stücken ein Dreieck, um so den gesuchten rechten Winkel zu erhalten.
-Darauf stützt sich die Ansicht, daß der pythagoreische Lehrsatz wohl
-auf ägyptische Anregungen zurückzuführen sei[22].
-
-Ganz geschickt waren die Ägypter, wie aus dem Handbuch des *Ahmes*
-hervorgeht, auch schon in der Lösung von Aufgaben, die auf die
-Anwendung von arithmetischen und geometrischen Reihen hinauslaufen.
-Auch hier mögen einige Beispiele uns mit den ersten Schritten auf
-diesem Gebiete bekannt machen. *Ahmes* stellt die Aufgabe, 100 Brote
-an 5 Personen in arithmetischer Progression so zu verteilen, daß
-die zwei ersten Personen, welche die geringeren Anteile erhalten,
-zusammen 1/7 von dem bekommen, was auf die 3 übrigen Personen entfällt.
-*Ahmes* setzt zunächst das kleinste Glied gleich 1 und sagt dann ohne
-Begründung: »Mache, wie geschieht, den Unterschied gleich 5-1/2«. So
-erhält er die arithmetische Reihe: 1, 6-1/2, 12, 17-1/2, 23. Sie genügt
-zwar der Bedingung, daß die Summe der beiden ersten Glieder gleich 1/7
-von der Summe der drei letzten ist. Indessen enthält diese Reihe statt
-der gegebenen 100 nur 60 Einheiten. Da aber 100 das 1-2/3fache von 60
-ist, verbessert *Ahmes* den unrichtigen, aber auch nur vorläufigen
-Ansatz, indem er jedes Glied der Reihe mit 1-2/3 multipliziert. Er
-findet so ganz richtig die allen Bedingungen entsprechende Reihe 1-2/3,
-10-5/6, 20, 29-1/6, 38-1/3.
-
-Bei einer anderen Aufgabe schimmert schon die Kenntnis der
-Summierungsformel[23] für die geometrische Reihe durch. Als Summe der
-fünf ersten Potenzen von sieben: 7 + 49 + 343 + 2401 + 16807 wird
-19607 gefunden. Dies geschieht nicht nur durch Addition, sondern indem
-*Ahmes* das Produkt von 2801 und 7 bildet. Letzteres Verfahren steht
-nun in auffallender Übereinstimmung mit der Summenformel s = ((a^n -
-1)/(a - 1)) · a. Denn für den vorliegenden Fall ist ((a^n - 1)/(a - 1))
-· a = ((7^5 - 1)/6) · 7 = 2801 · 7.
-
-Weit verbreitet war bei den Ägyptern wie bei den Griechen und den
-übrigen Völkern des Altertums das Rechenbrett (Abacus). Die Zahlen
-wurden eingeschrieben oder durch Steinchen, Stifte oder sonstige Marken
-bezeichnet[24].
-
-Vergegenwärtigt man sich die Wunder der Ingenieur- und der Baukunst,
-welche die alten Ägypter schufen, sowie ihre von *Herodot* erwähnten
-Kenntnisse in der Vermessungskunde, so muß man annehmen, daß die
-Geometrie bei diesem Volke nicht minder wie das Rechnen gepflegt wurde.
-
-Höchst wahrscheinlich gab es auch für die Geometrie schon Lehrbücher
-von der Art, wie uns der Zufall ein solches in dem Handbuch des
-*Ahmes* für die Arithmetik in die Hände gespielt hat. Leider ist ein
-ausschließlich der Geometrie gewidmeter Papyrus bisher noch nicht
-entdeckt worden. Indessen hat sich das Handbuch des *Ahmes* auch für
-die Kenntnis des geometrischen Wissens der Ägypter als eine Fundgrube
-erwiesen[25]. In welcher Weise die Fläche des Kreises ermittelt
-wurde, haben wir schon erwähnt. Hier sei noch ein Beispiel für die
-Dreiecksberechnung mitgeteilt. Es handelt sich um ein gleichschenkliges
-Dreieck, dessen Schenkel 10 und dessen Grundlinie 4 Maßeinheiten lang
-sind. »Die Hälfte von 4 wird mit 10 vervielfältigt; sein Flächeninhalt
-ist es.« So lautet die Lösung bei *Ahmes*[26]. Eine Begründung dieses
-Verfahrens, das ja zwar kein richtiges, indessen, wenn die Basis
-verhältnismäßig klein ist, ein von der Wahrheit nur wenig abweichendes
-Ergebnis liefert, findet sich bei *Ahmes* nicht. Seiner Lösung liegt
-die Formel (b/2) · a zugrunde (siehe Abb. 1), während die richtige
-Formel b/2 · √(a^2 - (b^2/4)) lautet. Letztere läuft also auf die
-Ausziehung einer Quadratwurzel hinaus, ein Verfahren, das bei *Ahmes*
-nirgends vorkommt, und das er vermutlich auch nicht kannte, so daß wir
-eine genaue Berechnung des Flächeninhalts von ihm auch nicht erwarten
-dürfen.
-
-[Illustration: Abb. 1.]
-
-Handelte es sich um das Ausmessen von weniger einfachen Figuren, so
-bedienten sich die Ägypter der Zerlegung durch Hilfslinien. So hat man
-alte Zeichnungen gefunden, in denen das Paralleltrapez auf mehrfache
-Weise zerlegt ist (s. Abb. 2).
-
-[Illustration: Abb. 2. Geometrische Elemente in altägyptischen
-Verzierungen[27].]
-
-In den Geräten und Zieraten, die auf der Kreisteilung beruhen, kommt
-die Teilung in 4 und 8, sowie in 6 und 12 Sektoren vor, während man
-einer Teilung in 5 und 10 Sektoren nicht begegnet[28].
-
-Nicht nur mit Flächen- und Inhaltsbestimmungen, sondern auch mit
-Streckenverhältnissen und den Eigenschaften der Winkel waren die
-Ägypter zur Zeit des mittleren Reiches schon bis zu einem gewissen
-Grade vertraut. Auch die Konstruktion des rechtwinkligen Dreiecks aus
-den Strecken 3, 4 und 5 scheint ihnen schon sehr früh bekannt gewesen
-zu sein, wenn sie auch nicht durch mathematische Ableitung, sondern
-als Erzeugnis der Erfahrung in ihren Besitz gelangt sein werden[29].
-
-Um die große Genauigkeit zu erklären, die uns bei den Pyramiden
-nicht nur in den Abmessungen des ganzen Bauwerkes, sondern auch
-in der Bearbeitung der einzelnen Steine begegnet, muß man bei den
-alten Ägyptern schon einige Bekanntschaft mit den Grundlehren der
-Ähnlichkeitslehre und der Trigonometrie voraussetzen. Dafür sprechen
-auch die Abschnitte, die *Ahmes* in seinem Handbuch dem Pyramidenbau
-widmet. In diesen Abschnitten begegnet uns nämlich ein Ausdruck[30],
-der wahrscheinlich das Verhältnis der halben Diagonale zur Seitenkante
-der Pyramide bedeutet, also dem Cosinus des Winkels, den diese beiden
-Linien bilden, entsprechen würde. Dieses oder ein entsprechendes
-Verhältnis muß den Bauleitern und Steinmetzen stets gegenwärtig gewesen
-sein, da sich die genaue Übereinstimmung der Winkel, welche die Kanten
-mit dem Erdboden bilden, sonst nicht erklären läßt.
-
-In Anbetracht dieser frühen Entwicklung der Geometrie muß es auffallen,
-daß die Ägypter die Kunst des perspektivischen Zeichnens noch nicht
-entwickelt haben, wie aus ihren Reliefs und Wandgemälden, die in so
-großer Fülle und in solch vortrefflichem Zustande auf unsere Zeit
-gelangt sind, hervorgeht.
-
-Das Handbuch des *Ahmes* beweist, daß die Mathematik fast zwei
-Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung in Ägypten schon eine hohe
-Entwicklungsstufe erreicht hatte. Dabei ist noch zu berücksichtigen,
-daß sich in dieser Urkunde manche Fehler finden, welche die Vermutung
-nahe legen, daß es sich hier nur um eine Schülerarbeit handelt. An die
-Mathematik der Ägypter haben zunächst die Griechen angeknüpft. Die
-ägyptische Stammbruchlehre läßt sich sogar über die Zeit der Araber
-hinaus, bis in das deutsche Mittelalter verfolgen. Ferner ist die
-Beweisform des Euklid, der wir noch heute folgen, ägyptischen Mustern
-nachgebildet[31].
-
-Wie auf dem Gebiete der Wissenschaften, so haben die Ägypter auch auf
-dem Gebiete der Technik Grundlegendes geschaffen. Vergegenwärtigt man
-sich ihre Leistungen auf diesem Gebiete, so erscheint es durchaus
-berechtigt, von einer Ingenieurtechnik und einer Ingenieurmechanik
-schon bei den alten Ägyptern zu reden[32]. Durch ähnliche Bedingungen
-hervorgerufen, entstanden diese Zweige menschlichen Schaffens bei den
-Bewohnern des Zweistromlandes, um dann ihre weitere Entwicklung zu
-erstaunlichen Leistungen bei den Griechen und den Römern zu erfahren.
-
-Die Ingenieurtechnik entstand im steten Kampfe des Menschen mit den
-Kräften der Natur und durch sein Bestreben, sich nicht nur gegen
-diese Kräfte zu behaupten, sondern sie sich dienstbar zu machen.
-Die frühesten Aufgaben der Ingenieurtechnik betrafen das Wasser in
-allen seinen Formen und Wirkungen. Durch alle Mittel der künstlichen
-Bewässerung gelang es den Ägyptern und den Babyloniern, ihre Wohnsitze
-zu Kornkammern für die Alte Welt zu machen. Mit der Pflege und mit der
-Vernachlässigung der hierfür geschaffenen Einrichtungen stieg und sank
-die Bedeutung jener Länder und ihrer Bewohner. Da dem Unterlauf des
-Nils, sowie Mesopotamien der Regen fast ganz fehlt, so ließ sich der
-Ackerbau in diesen Landstrichen nur dadurch heben, daß ein verwickeltes
-System von Stauwerken und Kanälen unter Anpassung an die wechselnde
-Wassermenge der Flüsse geschaffen wurde.
-
-Aufgaben ganz anderer Art erwuchsen der Ingenieurmechanik schon im
-Altertum aus dem Bemühen, das Wasser als Verkehrsmittel zu benutzen,
-Wasserwege zu schaffen. Das Großartigste, was uns auf diesem Gebiete im
-alten Ägypten begegnet, ist die Herstellung einer Verbindung zwischen
-dem Mittelländischen und dem Roten Meer. Man ist geneigt, die Idee
-und die Ausführung dieses Projektes als etwas ganz Neuzeitliches zu
-betrachten, und dennoch sind der Plan und seine Verwirklichung uralt.
-Schon zur Zeit Ramses des Zweiten, um 1300 vor Christi Geburt, bestand
-ein Kanal, welcher den mittelsten der kleinen, auf der Landenge von
-Suez befindlichen Seen mit einem etwa 70 km westlich fließenden Arm
-des Nils verband. Was lag näher als der Gedanke, eine Fortsetzung nach
-dem Roten Meere zu schaffen und so zwei Weltmeere, wenn auch durch
-die Vermittelung eines Flusses, in Verbindung zu setzen? Unter den
-Ptolemäern und den Arabern wurde diese Wasserstraße ihrer Bedeutung
-entsprechend gut im Stande gehalten. Erst vom 8. Jahrhundert n. Chr. an
-verfiel der Kanal, welcher dem später infolge der Entdeckungsreisen
-aufkommenden Weltverkehr auch nicht genügt haben würde.
-
-Geradezu rätselhaft sind die technischen Leistungen, die uns im alten
-Ägypten dort begegnen, wo es sich um die Fortbewegung gewaltiger Lasten
-handelt. Auf weite Strecken wurden Steinmassen fortgeschafft, deren
-Gewicht sich auf 3-400 Tonnen beziffert. Das Aufrichten der aus einem
-einzigen Granitblock gemeißelten, bis zu 30 m hohen, ein Gewicht von
-3-400000 kg besitzenden Obelisken würde selbst der heutigen Technik
-große Schwierigkeiten bereiten[33]. Über die Ausführung bestehen nur
-Vermutungen. Daß es dabei an maschinellen Hilfsmitteln nicht fehlte,
-unterliegt indessen keinem Zweifel. Ungeheure Sklavenheere ersetzten
-zwar im Altertum bis zu einem gewissen Grade die Maschinen. Dies
-allein genügt indes nicht zur Erklärung solcher Leistungen. Es mußten
-intelligente Führer, die mit der Konstruktion und der Handhabung
-mechanischer, wenn auch nur empirisch beherrschter Mittel vertraut
-waren, hinzukommen.
-
-Auch mit der Metallbereitung waren die Ägypter früh bekannt. Um die
-Zeit des Menes (3300 v. Chr.) war das Kupfer schon ziemlich verbreitet.
-Es wurde besonders auf der Halbinsel Sinai gewonnen. Silber und Eisen
-waren fast ebenso früh bekannt.
-
-Bis zum Jahre 3000 etwa haben die Ägypter reines Kupfer verwandt. Von
-diesem Zeitpunkt an haben sie das Kupfer mit Zinn legieren gelernt.
-
-Das erste Metall, das die Völker der Alten Welt kennen und bearbeiten
-lernten, war ohne Zweifel das Gold. Für die Ägypter kam als Fundort
-besonders das Bergland zwischen dem Nile und dem Roten Meer in
-Betracht. Auch Arabien war reich an Gold. An den Küsten des Roten
-Meeres wird wohl auch Salomos Goldland Ophir zu suchen sein.
-
-Eigentümlich ist dem ägyptischen Wesen, daß es vorwiegend auf
-das Praktische gerichtet war. Die alten Ägypter besaßen eine
-hochentwickelte Heilkunde; sie waren geschickt im Feldmessen und im
-Rechnen. Sie haben sich schon gut am Himmel zu orientieren verstanden.
-Die Sterne zu deuten, wie es die Babylonier taten, lag ihnen jedoch
-fern.
-
-
-Die babylonisch-assyrische Kultur.
-
-Viel später als die Kultur der alten Ägypter ist diejenige der
-Babylonier auf Grund der archäologischen Durchforschung ihres Landes
-bekannt geworden. Auch hier lieferten die zwischen den Ruinen
-untergegangener Städte aufgehäuften oder verschütteten Trümmer eine
-bei weitem zuverlässigere und wertvollere Ausbeute als die auf uns
-gekommene, die Babylonier betreffende Literatur.
-
-Das älteste Volk Mesopotamiens, von dem wir Kenntnis besitzen, sind
-die Sumerer. Man nimmt an, daß sie zur mongolischen Rasse im weiteren
-Sinne gehörten. Es würde danach ein gewisser Zusammenhang zwischen der
-ältesten ostasiatischen und der ersten Kultur Vorderasiens bestanden
-haben. Der Beginn der letzteren wird bis in das 5. Jahrtausend v. Chr.
-zurückverlegt.
-
-Um das Jahr 3000 drang ein Volk semitischer Abstammung in Mesopotamien
-ein. Bis in jene Zeit hinauf besitzen wir geschriebene Urkunden, die
-allerdings über die Eroberung selbst nichts besagen[34]. Wie in Ägypten
-entstanden zuerst einzelne kleine Reiche, die später vereinigt wurden.
-Als der älteste König des gesamten Babyloniens wird der um 2200 v. Chr.
-lebende Hammurabi genannt.
-
-Wie später in Europa das Lateinische, so blieb in Vorderasien das
-Sumerische als die Sprache des älteren Kulturvolkes lange Zeit erhalten
-und für wissenschaftliche Zwecke im Gebrauch. Die frühzeitige, hohe
-Entwicklung des geistigen Lebens der Babylonier erkennen wir daraus,
-daß dieses Volk sich schon gegen das Ende des dritten Jahrtausends v.
-Chr. mit grammatischen Studien, wichtigen Rechtsfragen und vor allem
-mit der aufmerksamen Erforschung der Himmelserscheinungen beschäftigte.
-
-Daß die Beziehungen des babylonischen Reiches bis nach Ägypten
-reichten, beweisen die erwähnten, aus dem 16. Jahrhundert v. Chr.
-stammenden Tell el-Amarna[35]-Funde, unter denen sich Briefe des
-Königs von Babylonien an den ägyptischen Herrscher Amenophis IV.
-befinden. Neben dem babylonischen und dem ägyptischen bestand in
-Kleinasien das Reich der Hettiter (Chatti)[36]. Daß auch Griechenland
-mit dem alten Orient in engen Beziehungen stand, hat die neuere
-archäologische Forschung gleichfalls dargetan. Die Vermittlung erfolgte
-insbesondere durch die Phönizier, die bis zum Jahre 1300 v. Chr. im
-Besitz von Kreta waren und damals das Ägäische Meer beherrschten.
-
-Um 1300 v. Chr. eroberten die Assyrer das Zweistromland. Sie haben
-es durch ausgedehnte Bewässerungsanlagen gehoben, über die uns
-*Herodot* berichtet hat[37]. Nicht minder wurde die Wissenschaft
-gepflegt. Besonders seit der Zeit des Assyrerkönigs Assurbanipal oder
-Sardanapal (7. Jahrhundert v. Chr.) entwickelte sich die Astrologie
-zur astronomischen, auf steten und genauen Beobachtungen fußenden
-Wissenschaft. Mit der Entdeckung der Bibliothek dieses Königs
-gelangte auch ein großes babylonisches Werk über die Astrologie
-ans Tageslicht[38], das seitdem die wichtigste Quelle für die
-astronomischen Kenntnisse der älteren babylonischen Zeit bildet.
-
-Die in Ninive, Babylon und an anderen Stätten in neuerer Zeit
-durch die Ausgrabungen der Engländer, Amerikaner und neuerdings
-auch der Deutschen in großer Menge an das Tageslicht geförderten
-Schriftdenkmäler sind gebrannte Tontafeln, auf denen die Schriftzüge
-als keilförmige Eindrücke eingeritzt sind (s. Abb. 3).
-
-Ihre Entzifferung gelang erst, seitdem man (1835) mehrsprachige
-Texte entdeckte. Für diese Entzifferung und damit für die
-Erforschung der babylonischen und assyrischen Geschichte sind
-die Inschriften grundlegend gewesen, die sich in den Ruinen der
-persischen Königspaläste in Persepolis und Susa befinden. Heute sind
-Hunderttausende von Keilschrifttafeln zutage gefördert[39]. Eine ganze
-Bibliothek entdeckte 1848 der englische Altertumsforscher *Layard*[40].
-
-Für die Kenntnis der ältesten Entwicklung der Mathematik sind die
-sogenannten »Nippurtexte« von großer Wichtigkeit. Sie umfassen etwa
-50000 Keilschrifttafeln, die in dem Tempel zu Nippur aufbewahrt und
-durch amerikanische Ausgrabungen ans Tageslicht gefördert wurden. Die
-»Nippurtafeln« sind in der Zeit von 2200-1350 v. Chr. entstanden. In
-Nippur wurden, wie die Texte bezeugen, nicht nur Mathematik, sondern
-auch Astronomie und Heilkunde betrieben[41]. Aus den gefundenen
-Multiplikationstafeln geht hervor, daß die Babylonier das Prinzip des
-Stellenwertes kannten, allerdings ohne sich der Null zu bedienen[42].
-
-Es ist anzunehmen, daß die Keilschrift in ähnlicher Weise aus einer
-hieroglyphischen oder Bilderschrift entstanden ist, wie es mit der
-hieratischen Schrift der Ägypter der Fall war. Durch Keilstriche
-wurden auch die Zahlen bezeichnet. Der Vertikalkeil [Symbol: Keil
-mit dickem Ende oben] bedeutete die Einheit. Zehn wurde durch zwei
-einen Winkel bildende Keile ausgedrückt [Symbol: zwei am dicken Ende
-verbundene Keile] und weitere Zahlen durch Nebeneinanderstellung
-dieser beiden Elemente gebildet. Für hundert war ein besonderes
-Zeichen, nämlich ein Vertikalkeil in Verbindung mit einem rechts
-davon stehenden Horizontalkeil im Gebrauch [Symbol: Vertikalkeil
-neben nach rechts weisendem Keil]. Größere Zahlen wurden meist durch
-Nebeneinanderstellen, aber auch durch Vervielfältigung gebildet,
-indem die Zahl links von dem Zeichen als Faktor auftrat. Tausend z.
-B. wurde [Symbol: Keilwinkel, dann Vertikalkeil, dann Horizontalkeil
-nach rechts], also 10 mal hundert geschrieben. Tausend selbst wird
-wieder mit Koeffizienten versehen, um größere Zahlen auszudrücken,
-so daß z. B. [Symbol: 2 Keilwinkel, dann Vertikalkeil, dann
-Horizontalkeil nach rechts] nicht etwa 20 mal hundert, sondern 10
-mal tausend, also 10000 bedeutet. Es ist also eine Vervielfältigung
-von Einheiten verschiedener dekadischer Ordnung, die uns bei den
-Babyloniern begegnet. Auch in der Bibel wird dieses Verfahren, in
-offenbarer Anlehnung an das babylonische, zur Abschätzung großer Mengen
-gebraucht[43].
-
-Die Keilschrifttafeln besaßen vor den Papyrusrollen den Vorzug, daß sie
-so gut wie unzerstörbar waren, zumal wenn sie gebrannt wurden.
-
-Ein sehr reiches Material förderte die Entdeckung der Bibliothek
-Assurbanipals (Sardanapals) durch *Layard* (s. vor. Seite) zutage.
-Dieser König (668-626) unterhielt eine Bibliothek, für die er
-zahlreiche Werke anderer Archive, die bis auf das Jahr 1900 v.
-Chr. zurückgehen, abschreiben ließ. Von dieser Sammlung sind etwa
-25000 Tafeln auf uns gekommen. Sie sind die wichtigste Fundstelle
-der babylonisch-assyrischen Literatur. Für die Geschichte der
-Wissenschaften sind sie dadurch besonders wertvoll, daß sie manches
-Bruchstück mathematischer, medizinischer und astrologischer Werke
-enthalten. Bei der Eigenart und Unvollständigkeit dieser Urkunden kann
-es nicht wundernehmen, wenn sich im Beginn ihres Bekanntwerdens auch
-manche unhaltbare Kombination auf ihnen aufgebaut hat.
-
-Die Bibliothek Sardanapals befindet sich heute im Britischen Museum.
-Sie wurde besonders in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
-in Ninive ausgegraben und enthält allein etwa 4000 Tafeln mit
-astrologischen Aufzeichnungen. Seitdem erkannte man mit Bestimmtheit,
-daß die Astrologie auf die Babylonier und die Assyrer zurückgeht,
-während man früher darüber nur die Nachrichten der griechisch-römischen
-Literatur (z. B. *Diodor*, Bibliotheca historica 2, 29 u. f.) besaß.
-Die astrologischen Keilschriftfunde der Bibliothek Sardanapals sind die
-weitaus wichtigsten, die man kennen gelernt hat.
-
-
-Die Mathematik der Babylonier.
-
-Außer der dezimalen Schreibweise findet sich bei den Babyloniern eine
-andere, die auf dem Sexagesimalsystem beruht und mit der Teilung des
-Kreisumfanges durch Abtragen des Radius, sowie der Einteilung des
-Jahres in 360 Tage zusammenhängt. Die Auffindung und die Entzifferung
-von Keilschrifttafeln hat bewiesen, daß das Sexagesimalsystem von den
-Babyloniern schon unter Berücksichtigung des Prinzips des Stellenwertes
-angewandt wurde. So enthält eine Tafel, die 1854 bei Senkereh gefunden
-wurde, die ersten 60 Quadratzahlen in folgender Anordnung:
-
- 1 ist das Quadrat von 1
- 4 » » » » 2
- 9 » » » » 3
- Anstatt 64 » » » » 8 usw.
- heißt es aber[44] 1 + 4 » » » » 8
- 1 + 21 » » » » 9
- 1 + 40 » » » » 10
-
-Dies ist nur verständlich, wenn die 1 vor 4, 21 und 40 als sexagesimale
-Einheit höherer Ordnung, nämlich als 60 aufgefaßt wird.
-
-Ein anderes Täfelchen von Senkereh enthält die Kubikzahlen von 1
-bis 32 unter Anwendung des Sexagesimalsystems und des Prinzips des
-Stellenwertes. Ob für fehlende Einheiten ein besonderes Symbol, also
-etwas, das der Null entspricht, gebraucht wurde, ist nicht ersichtlich,
-weil unter den Kubikzahlen von 1 bis 32 keine vorkommt, die nur aus
-Einheiten der ersten und dritten Stufe zusammengesetzt ist[45]. Neben
-ganzen, nach dem Sexagesimalsystem gebildeten Zahlen kommen auch
-Sexagesimalbrüche vor.
-
-Während die Ägypter dem Zähler ihrer Brüche den konstanten Wert 1
-beilegten, begegnet uns in den Brüchen der Babylonier der konstante
-Nenner 60 oder 3600 (60 × 60). Die Brüche 1/2 oder 1/3 wurden durch
-30/60 oder 20/60 ausgedrückt und eine der Dezimalbruchform ähnliche
-Schreibweise benutzt[46].
-
-Das Sexagesimalsystem nahmen später die griechischen Astronomen an.
-Ihrem Beispiele folgten die Araber und das Mittelalter, bis endlich in
-der Neuzeit die dezimale Schreibweise aufkam.
-
-Die für die Geschichte der Mathematik so wichtigen Tafeln von
-Senkereh dürften etwa um dieselbe Zeit entstanden sein, in der das
-mathematische Handbuch des *Ahmes* in Ägypten verfaßt wurde.
-
-Die Rechenkunst der Chaldäer war, nicht nur nach den gefundenen
-Schriftdenkmälern, sondern auch nach griechischen Quellenschriften
-zu urteilen, eine uralte. So heißt es bei Theon von Smyrna[47], die
-Ägypter hätten bei der Untersuchung der Planetenbewegungen gezeichnet,
-die Chaldäer dagegen gerechnet, und von diesen beiden Völkern hätten
-die griechischen Astronomen die Anfänge ihrer Kenntnisse erhalten.
-Daß indessen auch die geometrischen Kenntnisse der Babylonier nicht
-gering waren, ist aus ihren Wandzeichnungen und ihrer hochentwickelten
-Baukunst -- wandten sie doch bereits lange vor den Etruskern
-Bogengewölbe an -- zu schließen. So findet sich die Sechsteilung
-des Kreises als bewußte geometrische Konstruktion; eine Tontafel
-geometrischen Inhalts enthält sogar die Dreiteilung des rechten
-Winkels. An die Sechsteilung des Kreises schloß sich ferner die Teilung
-des ganzen Kreisumfanges in 360 Grade.
-
-
-Der Ursprung der Astronomie.
-
-Nachdem wir die Anfänge der Mathematik kennen gelernt haben, wenden
-wir uns den frühesten naturwissenschaftlichen Problemen zu, an
-denen sich das mathematische Denken erproben sollte. Die am Himmel
-sich abspielenden Vorgänge waren es, die zuerst den Begriff einer
-gesetzmäßig verlaufenden Erscheinung aufkommen ließen. Es ist daher
-kein Zufall, daß man sich diesen Vorgängen vor allen anderen mit
-forschendem Blick zuwandte und daß die Astronomie neben der Mathematik
-zu den ersten Betätigungen des menschlichen Geistes gehört, die
-Anspruch auf den Namen einer Wissenschaft erheben können. Auch auf
-diesem Gebiete sind nicht etwa die Griechen die Urheber gewesen,
-sondern Hand in Hand mit der Entstehung der Mathematik entwickelte sich
-bei den Ägyptern und den Chaldäern, begünstigt durch die wolkenlose
-Atmosphäre des Niltals und Mesopotamiens, eine Summe von astronomischen
-Kenntnissen, die für die Griechen und die späteren Völker die Grundlage
-für jeden weiteren Fortschritt geworden sind.
-
-Die frühesten astronomischen Eindrücke, denen sich der Mensch selbst
-auf der tiefsten Stufe seiner Entwicklung nicht entzogen haben kann,
-sind die scheinbare tägliche Bewegung der Gestirne, die im steten
-Wechsel sich wiederholenden Lichtgestalten des Mondes, sowie die
-scheinbare jährliche Bewegung der Sonne mit dem dadurch bedingten
-Kreislauf der Jahreszeiten gewesen. Einer etwas aufmerksameren
-Beobachtung konnte es nicht entgehen, daß die Mehrzahl der Sterne
-ihre Stellung zueinander nicht verändert, während die Sonne, der Mond
-und die bald in die Augen fallenden Wandelsterne an den Fixsternen
-vorüberziehen.
-
-So unterschieden schon die älteren ägyptischen Sternkundigen die
-»nimmer ruhenden« von den »sich nie *rührenden*« *Sternen*. Zu den
-ersteren zählten sie Jupiter, Saturn, Mars, den sie seiner Farbe wegen
-auch den Roten nannten, Merkur und Venus. Die Gruppierung der Sterne zu
-Sternbildern als erstes Mittel zur Orientierung am Fixsternhimmel rührt
-nicht, wie man früher annahm, von den Griechen her. Die Sternbilder
-entstanden vielmehr, wie die Astronomie überhaupt, im alten Orient.
-
-Ein aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammendes ägyptisches
-Verzeichnis der Planeten und Tierkreisbilder ist vor einigen Jahren
-bekannt geworden[48]. Es lautet: Das Verzeichnis der fünf lebenden
-Sterne:
-
- Horus (Saturn)
- Horus, der Rote (Mars)
- Stern des Thot (Merkur)
- Gott des Morgensterns (Venus)
- Stern des Ammon (Jupiter).
-
-Die Tierkreisbilder werden genannt »Die zwölf Sterne für jeden der
-zwölf Monate«. Es gelang, die ägyptischen Benennungen für folgende
-Tierkreisbilder zu identifizieren: Wage, Stier, Zwillinge, Krebs (?),
-Löwe, Jungfrau, Schütze (?), Skorpion und Fische.
-
-Schon den ältesten Beobachtern mußte es auffallen, daß hervorragende
-Fixsterne bald in der Nähe der untergehenden Sonne gesehen werden,
-dann in ihren Strahlen verschwinden, um nach einiger Zeit vor der
-aufgehenden Sonne zu erscheinen, und schließlich wieder in der Nacht zu
-glänzen.
-
-So gelangte man zu der Erkenntnis, daß die Sonne im Laufe einer
-Periode, die sich mit demjenigen Zeitraum deckt, innerhalb dessen
-sich die Jahreszeiten abspielen, einen Umlauf am Himmel vollendet.
-Diejenigen Sternbilder, durch welche sich das Tagesgestirn dabei
-hindurchbewegt, nannte man den Tierkreis.
-
-Unter allen Fixsternen schenkten die alten ägyptischen Astronomen
-dem Sirius die meiste Beachtung. Sie nannten ihn Sopd, woraus die
-Griechen Sothis gemacht haben. Mit dem heliakischen Aufgang[49] des
-Sirius, der mit dem Beginn der Nilschwelle zusammenfiel, ließ man das
-Jahr anfangen. Man teilte es in zwölf Monate, von denen jeder dreißig
-Tage zählte[50]. Sternwarten befanden sich in Dendera, Memphis und
-Heliopolis. Dort wurden alle deutlich sichtbaren Sterne aufgezeichnet
-und in ihrer Bewegung verfolgt. Von den auf diese Weise entstandenen
-Tafeln sind nur wenige Trümmer auf uns gelangt. Den Himmel stellte man
-sich, wie es später der Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte
-getan, als eine die Erde umgebende Flüssigkeit vor. Auf dieser ließ
-man die Gestirne schwimmen. Dementsprechend sehen wir auf ägyptischen
-Denkmälern jedes Gestirn, durch seinen Genius in Menschen- oder
-Tiergestalt repräsentiert, in einer Barke hinter dem Sonnengott Osiris
-herfahren.
-
-Anfangs werden die Ägypter wie wohl alle Völker nach Monaten gerechnet
-haben. Daß sie so früh zu einem Sonnenjahr übergingen, hängt damit
-zusammen, daß die Nilschwellen, nach denen sich das Leben in Ägypten
-regelt, von dem Gang der Sonne abhängen. Das erste Anschwellen des
-Niles fiel Jahrtausende mit dem heliakischen Aufgang des Sirius, d.
-h. mit seinem Erscheinen in der Morgendämmerung zusammen[51]. Mit dem
-Zeitpunkt, an dem der Sirius frühmorgens wieder sichtbar wurde, ließen
-die Ägypter ihr Kalenderjahr beginnen. Es zerfiel in drei Jahreszeiten
-(Überschwemmung, Aussaat, Ernte) von je 4 Monaten zu 30 Tagen. Nach
-Ablauf dieser 360 Tage wurden 5 Tage eingeschoben, bevor man das neue
-Jahr beginnen ließ. Da aber das Jahr nicht 365, sondern etwa 365-1/4
-Tage umfaßt, so mußte sich der Frühaufgang des Sirius alle vier Jahre
-um einen Tag verschieben, und erst nach Ablauf von 4·365 Jahren fiel
-der Frühaufgang des Sirius wieder mit dem Beginn des bürgerlichen
-Jahres von 365 Tagen zusammen. Daß es sich so verhielt, erkennt
-man noch aus manchen Grabinschriften, die das bürgerliche und das
-Siriusneujahr nebeneinander aufweisen[52].
-
-Wie die astronomischen Elemente entstanden sind, hat gleichfalls die
-neuere archäologische Forschung dargetan. Die Astronomie wurde erst
-dadurch ermöglicht, daß zur Bestimmung von Winkeln und zur Ausbildung
-des Ziffernsystems und der Rechenkunst die Zeitmessung hinzutrat.
-Als die Erfinder eines Verfahrens, die Zeit genauer zu messen und
-einzuteilen, müssen die Babylonier gelten. Sie bedienten sich dazu der
-Wasseruhren (Klepshydren)[53].
-
-In dem Augenblicke, in dem sich der obere Rand der Sonnenscheibe am
-Horizonte zeigte, öffnete man ein mit Wasser gefülltes Gefäß, das
-durch Zufluß stets gefüllt blieb. Der Abfluß geschah tropfenweise
-in einen Behälter und dauerte solange, bis sich der untere Rand der
-Sonnenscheibe vom Horizonte löste. Von diesem Augenblicke an sammelte
-man das abtropfende Wasser in einem zweiten, größeren Behälter,
-bis die Sonne am folgenden Morgen wieder aufging. Die Wassermengen
-in dem kleineren und diejenige in dem größeren Behälter wurden
-genau gewogen. Sie ergaben nicht nur ein bestimmtes Zeitverhältnis,
-sondern mit einiger Genauigkeit auch das Verhältnis des scheinbaren
-Sonnendurchmessers zum ganzen Kreise. Waren die Wassermengen q und Q,
-so ergab (Q + q) : q = 360° : D für den Durchmesser D der Sonne den
-Wert von etwa einem halben Grad. Die Babylonier setzten deshalb das
-Verhältnis des Sonnendurchmessers zur Ekliptik = 1 : 720[54].
-
-Genau würde dieses Verfahren ja nur unter dem Äquator gewesen sein.
-Da indessen die Schiefe der Sphäre im Lande der Chaldäer nicht allzu
-groß ist, so ergab sich ein für rohe Messungen genügendes Resultat[55].
-Aus den babylonischen Überlieferungen ist ferner ersichtlich, daß man
-das Sonnenjahr zu 365 Tagen rechnete und selbst die ungleich schnelle
-Bewegung der Sonne während eines Jahres bemerkte[56].
-
-Den Tag teilten die Chaldäer in 12 Doppelstunden. Die Doppelstunde
-wurde erhalten, indem man die Zeit, welche die Sonnenscheibe gebraucht,
-um am Himmel um ihren eigenen Durchmesser vorzurücken, und die man
-als Doppelminute bezeichnen kann, dem Sexagesimalsystem gemäß mit 60
-multiplizierte.
-
-Dieses durch die Verbindung von Mathematik und Astronomie gewonnene
-System der Zeitmessung blieb für die Folge bestehen, so daß Babyloniens
-Kulturmission schon allein hieraus ersichtlich ist. Daß später der
-Zeitabschnitt, nach welchem man den Tag einteilte, und dementsprechend
-die Unterabteilungen jener Einheit, halbiert wurden, wodurch die
-heutige Stunde, Minute und Sekunde entstanden, ist von nebensächlicher
-Bedeutung.
-
-Die Astronomie wurde von den ältesten Völkern nicht nur ihres Nutzens
-halber gepflegt, sie war gleichzeitig Vorbedeutungslehre, so daß sie
-infolge der fatalistischen, von der Phantasie beherrschten Anlage
-der Orientalen sehr bald in Astrologie ausartete. Dazu kam, daß jene
-Wissenschaft besonders von der Priesterkaste gepflegt wurde, die sich
-bemühte, ihr Ansehen zu erhöhen, indem sie ihr Tun und Treiben mit dem
-Schleier des Übernatürlichen und Geheimnisvollen umgab.
-
-Die Anfänge der Astrologie, der man einen semitischen Ursprung
-zuzuschreiben hat, begegnen uns bei den Sumerern. Besonders der Venus
-schrieben sie Bedeutung zu. Auch die Symbole der Sonne und des Mondes
-kehren in ihren Urkunden wieder. Daneben findet sich oft eine Schlange,
-die vielleicht die Milchstraße vorstellen sollte. Die Anfänge einer
-wissenschaftlichen Astronomie entwickelten sich erst, nachdem der Stamm
-der Chaldäer um 1000 v. Chr. in Babylonien eingedrungen war. Von diesem
-Volksstamm ging der Name »Chaldäer« auf die babylonische Priesterschaft
-über. Wie diese Namensübertragung zustande kam, ist nicht bekannt[57].
-Man teilte jetzt, zwar immer mit dem Hauptzweck, die astrologischen
-Untersuchungen methodischer zu gestalten, Äquator und Ekliptik in 360
-Grade, bediente sich der Tierkreiszeichen, verfolgte die Wandelsterne
-und sammelte zahlreiche Sternbeobachtungen, besonders seit der
-Regierung Nabonassars (747-734), die später die Astronomen Alexandriens
-benutzt haben, so daß sie uns noch heute im Almagest[58] begegnen. Was
-vor dem chaldäischen Zeitalter an astronomischen Kenntnissen bestand,
-verdient nicht den Namen einer wissenschaftlichen Sternkunde. Daraus,
-daß man auf alten steinernen Urkunden mitunter ein Sternbild mit dem
-Bildnis einer Gottheit vereinigt findet, darf man keine allzuweit
-gehenden Schlüsse ziehen[59].
-
-Es kann nicht wundernehmen, daß uns unter den astrologischen
-Planetenbeobachtungen am häufigsten solche über die Venus begegnen.
-Ist sie doch, von Mond und Sonne abgesehen, das einzige Gestirn, das
-mitunter am Tage, selbst um Mittag, wahrgenommen wird. Die Annäherung
-der Venus an den Jupiter, den Mars und den Saturn, ihr Eintritt in
-den Hof des Mondes, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr galten
-als bedeutungsvolle Ereignisse. Daß die Venus als Abend- und als
-Morgenstern dasselbe Gestirn ist, wußten die Babylonier schon in der
-älteren Periode ihrer Astronomie, d. h. um 2000 v. Chr. (S. Abb. 3.)
-
-[Illustration: Abb. 3. Keilschriftprobe.
-
- Dilbat ina sensi adi Istar kakkabi
- Dilbat ina âribi Bilit ili
-
-Die Übersetzung lautet:
-
- Die Delephat bei aufgehender Sonne ist die Istar unter den Sternen,
- Die Delephat bei untergehender Sonne ist die Beltis unter den Göttern.
-
-Dies bedeutet, daß die Delephat, d.i. die Venus, als Morgenstern der
-Stern der Istar-Astarte und als Abendstern der Stern der Beltis-Baaltis
-ist.
-
- (III. Rawlinson 53, 36. 37.)
-
-]
-
-An Fixsternen und Sternbildern zählen die Texte nach den bisherigen
-Feststellungen etwa 200 auf. Darunter begegnen uns schon früh als
-wichtigste gewisse Tierkreisbilder (Stier, Löwe, Zwillinge). Die
-Zuweisung von zwölf Tierkreisbildern an ebensoviel Regionen der
-Ekliptik findet sich indessen erst in späteren rein astronomischen
-Texten[60].
-
-Neben den Keilschrifttafeln (s. Abb. 4) sind auch die Darstellungen,
-die sich auf Grenzsteinen, Reliefs und Grabdenkmälern[61] finden, zu
-erwähnen. Sie gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück.
-
-Der hier wiedergegebene Grenzstein umfaßt 16 Symbole. Auf der
-dargestellten Seite befinden sich zu oberst die Venus, dann die
-Mondsichel und daneben die Sonne. Die linke Seite nimmt eine thronende
-Gottheit ein, zu deren Füßen ein Hund sitzt. In der Kopfhöhe sehen wir
-einen Skorpion und darunter in der Höhe der Arme eine Lampe.
-
-Regelmäßige Beobachtungen der Bahnen, welche die Planeten am
-Fixsternhimmel beschreiben, setzen erst um 750 ein. Später werden die
-fünf Planeten bestimmten Gottheiten zugeteilt und gelten als »Lenker
-der Schicksale«. Seitdem ist die Sternbeobachtung von Astrologie und
-Fatalismus beherrscht und allein diese Periode ist es, von der die
-alten Schriftsteller *Herodot* (um 450 v. Chr.), *Diodor* (um 45 v.
-Chr.), *Plinius* (70 n. Chr.) berichten[62].
-
-[Illustration: Abb. 4. Babylonischer Grenzstein.]
-
-Seit der Erschließung der Keilschriftfunde (die erste Übersetzung von
-Keilschrifttafeln astronomischen Inhalts erschien im Jahre 1874) wurde
-nachgewiesen, daß manche Namen von Sternbildern, in der ihnen von den
-Griechen und uns beigelegten Bedeutung, schon bei den Babyloniern
-vorkamen. In Mesopotamien aufgefundene Grenzsteine besitzen sogar
-graphische Darstellungen der Tierkreiszeichen, deren wir uns noch jetzt
-in Sternatlanten bedienen[63]. Wie es noch heute geschieht, teilten die
-Chaldäer den Tierkreis in 12 Sternbilder ein. Unter diesen begegnen uns
-die Wage, der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Skorpion und der
-Schütze, die wir noch besitzen. Die übrigen Bilder haben sich geändert.
-Von Babylon hat sich die Zwölfteilung der Sonnenbahn dann nach Ägypten
-und nach Griechenland ausgebreitet. So wurde im Anfange des 19.
-Jahrhunderts in Dendera (Oberägypten) an der Decke eines Tempels eine
-Darstellung des Tierkreises aufgefunden, die in Paris aufbewahrt wird.
-Die Tierkreiszeichen sind hier den ägyptischen Bildern eingefügt (Abb.
-5). Man schrieb diesem Dokumente anfangs ein sehr hohes Alter zu. Doch
-gilt es heute als ausgemacht, daß der Tierkreis von Dendera aus der
-Zeit der Römerherrschaft stammt. Man nimmt ferner an, daß die Griechen
-ihre Zeichen von den Chaldäern übernahmen und daß die Ägypter die
-chaldäischen Zeichen mit ihren eigenen Bildern in Verbindung setzten.
-
-[Illustration: Abb. 5. Der Tierkreis von Dendera.
-
-Wi = Widder; Str = Stier; Z = Zwillinge; K = Krebs; L = Löwe; J =
-Jungfrau; W = Wage; Sk = Skorpion; Sch = Schütze; Ste = Steinbock; Wt =
-Wasserträger; F = Fische.]
-
-Für die astrologische Richtung[64] der ältesten Astronomie spricht ein
-chaldäisches Literaturdenkmal, das etwa zu derselben Zeit entstanden
-ist, als in Ägypten das älteste auf uns gelangte mathematische Lehrbuch
-geschrieben wurde (um 1700 v. Chr.). Es handelt sich um einen mit
-astrologischen Prophezeiungen versehenen Vorbedeutungskalender, den die
-moderne Orientforschung entziffert hat[65]. Dieser Kalender enthält
-Voraussagen von Finsternissen nebst Andeutungen, welche Ereignisse die
-Folge jener Finsternisse sein würden.
-
-In besonders hohem Grade werden ungewöhnliche, die Menschheit
-in abergläubische Furcht versetzende Himmelserscheinungen, wie
-Finsternisse und Kometen, die Aufmerksamkeit auf die Sternenwelt
-gerichtet haben. Bezüglich der Finsternisse und der Kometen wurden
-auch zuerst Aufzeichnungen gemacht. Sie reichen bei den Chinesen,
-den Ägyptern und den Chaldäern Jahrtausende vor den Beginn unserer
-Zeitrechnung zurück. Welcher Zeitraum mag verflossen sein, bis
-die Chaldäer endlich die Regel erkannten, daß die Wiederkehr der
-Finsternisse innerhalb 6585 Tagen erfolgt. Für das hohe Alter
-der orientalischen Astronomie spricht auch die Erzählung, daß
-*Aristoteles*[66] die Begleiter Alexanders des Großen bat, in Babylon
-nach den alten astronomischen Beobachtungen der Chaldäer zu forschen.
-Daraufhin sollen denn auch Ziegel nach Griechenland gelangt sein, auf
-welchen Nachrichten über 2000 Jahre vor Alexander zurückreichende
-Beobachtungen eingegraben waren[67]. Die chinesischen Nachrichten
-über Kometen reichen wahrscheinlich ebensoweit zurück. Und die
-astronomischen Jahrbücher der Ägypter endlich berichten von nicht
-weniger als 373 Sonnen- und 832 Mondfinsternissen, die vor Beginn der
-alexandrinischen Periode beobachtet wurden[68].
-
-Die Dauer eines Umlaufs der Sonne wurde in Ägypten wie in Babylon
-anfangs zu 12 Monaten, jeder zu 30 Tagen, also zu 360 Tagen gerechnet.
-Jeder Monat zerfiel in 3 Dekaden, das Jahr somit in 36 Dekaden, denen
-36 hervorragende Einzelsterne und Sternbilder zugeteilt waren. Die
-Abweichung eines Zeitraums von nur 360 Tagen von dem tropischen, auf
-365-1/4 Tagen sich belaufenden Jahre war jedoch so groß, daß sie schon
-in der ältesten Zeit auffallen mußte. Man schaltete daher nach jedem
-Jahre 5 Tage ein, die man »die übrigen Tage« nannte. Diese Änderung der
-Zeitrechnung erfolgte jedenfalls schon während des alten Reiches, ja
-sie wird von den Ägyptern selbst in die Zeit vor Mena zurückverlegt.
-Aber auch nach dieser Einrichtung bemerkten die Ägypter nach längerer
-Zeit, daß das Jahr zu kurz bemessen sei und infolgedessen eine
-Verschiebung der Feste eintrat. Diese Beobachtung führte dann zu einer
-238 v. Chr. in Kraft tretenden Anordnung[69], nach welcher jedes vierte
-Jahr zu 366 Tagen gerechnet werden sollte, »damit es nicht vorkommt,
-daß einige der öffentlichen Feste, die man im Winter begeht, dereinst
-im Sommer gefeiert werden«.
-
-Die Ägypter sind also dasjenige Volk, denen wir die Einrichtung des
-Schaltjahres verdanken. Die astronomischen Ratgeber, welche Cäsar bei
-seiner Kalenderverbesserung vom Jahre 46 v. Chr. zu Rate zog, kannten
-nämlich die in Ägypten getroffene Einrichtung. Dieser Umstand schmälert
-jedoch keineswegs das Verdienst Cäsars; ihm verdankt das Abendland die
-bis ins 16. Jahrhundert dauernde Feststellung seiner Zeitrechnung, die
-so sehr in Unordnung geraten war, daß im Jahre 46 v. Chr. nicht weniger
-als 85 fehlende Tage eingeschaltet werden mußten.
-
-Bis in das 19. Jahrhundert beschränkte sich unser Wissen von der
-Astronomie des Altertums im wesentlichen auf dasjenige, was uns die
-Griechen davon übermittelten. Einen weit tieferen Einblick in die
-Entstehung der Astronomie hat uns die Entzifferung der Keilschriftfunde
-gebracht, in denen die Chaldäer ihre astronomischen Kenntnisse
-niedergelegt haben[70]. Heute gilt als sicher, daß die Babylonier den
-Äquator und die Ekliptik, die meisten Sternbilder des Tierkreises und
-der übrigen Regionen des Himmels, sowie die Wandelsterne festgestellt
-hatten und daß sie die Sterne systematisch beobachteten, lange bevor
-die Griechen dazu übergegangen waren[71].
-
-Zuerst wurde von der Keilschriftforschung Capella (ein Fixstern
-erster Größe im Fuhrmann) aus Abbildungen identifiziert. Dann geschah
-dasselbe für zahlreiche Sterne der Ekliptik. Sehr alt sind nicht nur
-die Tierkreiszeichen, die man auf Grenzsteinen aus dem 12. Jahrh. v.
-Chr. auffand, sondern auch die Einführung der etwa 30 Planeten- und
-Mondstationen, deren Gebrauch von Babylon wahrscheinlich nach Indien
-und nach China gewandert ist[72].
-
-Ferner begegnen uns schon in sehr alten Keilschrifttexten Namen für die
-Planeten. Sie sind mit bestimmten Gottheiten in Verbindung gesetzt, so
-Venus mit Istar (Astarte?), Mars mit dem Kriegsgott. Letztere Zuweisung
-begegnet uns bekanntlich fast immer wieder und ist aus der rötlichen
-Farbe des Gestirns erklärlich.
-
-Die Planetenbeobachtungen der Babylonier beschränken sich im
-wesentlichen auf die Angabe der Stellung zu den Sternbildern, der
-Oppositionen und der Kehrpunkte, sowie der heliakischen Auf- und
-Untergänge. Ein Beispiel[73] ist folgendes: »Im 7. Jahre des Kambyses,
-am 22. Abu des Jahres 523 v. Chr. befand sich Jupiter im ersten Teile
-von Siru (der Jungfrau) im heliakischen Untergange.«
-
-Die Finsternisse und die Kometen wurden frühzeitig als
-Vorbedeutungszeichen von ganz besonderer Wichtigkeit betrachtet und
-aus diesem Grunde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es finden sich
-auch Berichte über die Stellung, die bestimmte Planeten während
-einer Finsternis einnahmen. Solche, aus astrologischem Interesse
-unternommenen Aufzeichnungen gehen außerordentlich weit zurück. Aus
-ihnen entwickelte sich ein regelmäßiger Beobachtungsdienst[74],
-der bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht und sich nach der
-Regierungszeit Sardanapals, während des neubabylonisch-chaldäischen
-Reiches, wie die jüngsten Aufschlüsse[75] ergeben haben, zu hoher Blüte
-entfaltete.
-
-Das erwähnte, der Bibliothek Sardanapals entstammende astrologische
-Werk enthält[76] Listen von Fixsternen, Angaben über Planeten,
-Kometen, Meteore, Verfinsterungen usw. Doch scheint weniger Wert auf
-die Tatsachen als auf die ihnen zugeschriebene Bedeutung gelegt zu
-sein[77]. Seit 700 v. Chr. zeigt sich aber deutlich das Bestreben,
-die Bewegungen der Himmelskörper mit möglichster Genauigkeit
-räumlich und zeitlich zu verfolgen. Die Winkel werden bis auf 6
-Minuten, der Zeitablauf bis auf 3/4 Minuten richtig bestimmt[78].
-Die Zeitunterschiede zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang wurden
-so genau ermittelt, daß die erhaltenen Angaben noch für die heutige
-Astronomie von Wert sind. Nach *Kugler*, der sich um die Entzifferung
-der astronomischen Keilschrifttexte das größte Verdienst erworben
-hat, war es mit Hilfe dieser Texte möglich, einen Fehler aufzudecken,
-den die heutigen Berechnungen der Mondbewegung aufwiesen. Wie weit
-sich die Genauigkeit einer Bestimmung durch die, über lange Zeiträume
-fortgesetzte Beobachtung einer periodischen Bewegung steigern läßt,
-zeigt folgendes Beispiel. Die Babylonier ermittelten, daß der Mond in
-669 Monaten 723-32/360 Umläufe am Fixsternhimmel zurücklegt[79]. Daraus
-ergibt sich für die mittlere Dauer des synodischen Monats ein Wert von
-29^d 12^h 44' 7,5''. Die heutige Astronomie berechnet den mittleren
-synodischen Monat zu 29^d 12^h 44' 2,9''. Die Abweichung beträgt also
-nur wenige Sekunden.
-
-Die mittlere tägliche Bewegung des Mondes, d. h. den Bogen, den dieses
-Gestirn durchschnittlich in 24 Stunden durchläuft, bestimmten die
-Babylonier[80] zu 13° 10' 35''.
-
-Mit gleicher Sorgfalt wurden die Bewegungen der Planeten verfolgt.
-Sie galten den Babyloniern gleich Mond und Sonne als göttliche Wesen
-und ihre Wanderung durch die Sternbilder des Tierkreises, den die
-Babylonier als das »himmlische Erdreich« bezeichneten, war ihrer
-Ansicht nach für die Geschichte der Erdbewohner von ausschlaggebender
-Bedeutung[81]. Diesen mythologischen Grundzug der babylonischen
-Sternkunde hat schon *Diodor* dargestellt. Er schreibt darüber:
-
-»Die Chaldäer[82] behaupten, die Welt sei ihrem Wesen nach ewig, sie
-habe nie einen Anfang genommen und könne auch niemals untergehen; aber
-durch eine göttliche Vorsehung sei das All geordnet und ausgebildet
-worden, und noch seien alle Veränderungen am Himmel nicht Wirkungen
-des Zufalls, auch nicht innerer Gesetze, sondern einer bestimmten und
-unwandelbar gültigen Entscheidung der Götter. Über die Gestirne haben
-die Chaldäer seit langer Zeit Beobachtungen angestellt, und niemand
-hat genauer als sie die Bewegungen und die Kräfte der einzelnen
-Sterne erforscht. Daher wissen sie auch so vieles von der Zukunft
-den Leuten vorherzusagen. Am wichtigsten ist ihnen die Untersuchung
-über die Bewegungen der fünf Sterne, die man Planeten heißt. Sie
-nennen sie: >Verkündiger<. Dem, der bei uns Saturn heißt, geben sie
-als dem ausgezeichnetsten, dem sie die meisten und die bedeutendsten
-Weissagungen verdanken, den Namen >Sonnenstern<. Die vier andern aber
-haben bei ihnen dieselben Benennungen, wie bei unseren Sternkundigen:
-Mars, Venus, Merkur und Jupiter. Verkündiger nennen sie die Planeten
-deswegen, weil sie, während die anderen Sterne von ihrer ordentlichen
-Bahn nie abirren, allein ihre eigenen Bahnen gehen und eben damit die
-Zukunft andeuten und den Menschen die Gnade der Götter kund machen.
-Vorbedeutungen, sagen sie, könne man teils an dem Aufgang, teils an dem
-Untergang der Planeten erkennen, manchmal auch an ihrer Farbe, wenn
-man aufmerksam darauf achte. Bald seien es heftige Stürme, die sie
-anzeigen, bald ungewöhnlich nasse oder trockene Witterung, zuweilen
-Erscheinungen von Kometen, Sonnen- und Mondfinsternissen, überhaupt
-Veränderungen jeder Art im Luftraum, welche Nutzen oder Schaden bringen
-für ganze Völker und Länder nicht nur, sondern auch für Könige und
-gemeine Leute. Dem Laufe der Planeten seien Sterne untergeordnet,
-welche >beratende Götter< heißen. Die eine Hälfte dieser Sterne führe
-die Aufsicht in dem Raum über der Erde, die andere unter der Erde. So
-überschauten sie, was unter den Menschen und was am Himmel vorgehe.
-Je nach 10 Tagen werde von den oberen zu den unteren einer der Sterne
-als Bote gesandt und ebenso wiederum einer von den unteren zu den
-oberen. Die Bewegung der untergeordneten Sterne sei fest bestimmt und
-gehe regelmäßig fort im ewigen Kreislauf. >Fürsten der Götter< gebe es
-zwölf, und jedem von ihnen gehöre ein Monat und eines der zwölf Zeichen
-des Tierkreises zu, durch welche die Bahn der Sonne, des Mondes und der
-fünf Planeten gehe. Dort vollende auch die Sonne ihren Kreis in einem
-Jahre, und der Mond durchlaufe dort seinen Weg in einem Monat.«
-
-Die chaldäischen Priester haben ihre astrologische Tätigkeit auch
-nach dem Beginn der Perserherrschaft eifrig fortgesetzt. Ähnlich
-wie die Mönche der späteren Zeit erblickten sie ihre Hauptaufgabe
-darin, daß sie das vorhandene Wissen durch Abschriften erhielten. Ihr
-Ansehen beruhte vor allem darauf, daß sie aus den Sternen Menschen-
-und Völkerschicksal verkündeten. Zu diesem Zwecke unterhielten sie
-in Verbindung mit den Tempeln Observatorien und an diesen wieder
-Schulen. Ihre Beobachtungen leiteten zu gewissen Zahlen, nach
-denen sie Finsternisse und Sternkonjunktionen berechneten. Solche
-Berechnungen sind noch auf Tontafeln erhalten, z. B. diejenige über
-die Mondfinsternis vom 16. Juli 523, die in den Almagest übergegangen
-ist. Nach der herrschenden Anschauung sollten sich die Götter in den
-Gestirnen, besonders in den Planeten verkörpern und letztere die
-irdischen Vorgänge bestimmen. Es galt daher, für jede wichtige Handlung
-den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen und ungünstige Konstellationen zu
-vermeiden. Eine Priesterschaft, die es wie die chaldäische verstand,
-diesen Glauben zu nähren, besaß dadurch Macht und Ansehen, sowie die
-Möglichkeit, sich reiche Mittel zu erwerben[83].
-
-Bei den Planeten achteten die Chaldäer vor allem auf die gegenseitige
-Stellung, ihre Entfernung von Mond und Sonne, den Wechsel der
-Bewegungsrichtung und ihren Kehrpunkt. Man kann sich leicht vorstellen,
-mit welcher Spannung die alten Astronomen z. B. das Verschwinden der
-Venus in den Strahlen der Abendsonne (den heliakischen Untergang
-des Planeten) und ihr Wiederauftauchen kurz vor Sonnenaufgang (den
-heliakischen Aufgang der Venus) verfolgten.
-
-Die Beobachtungen der heliakischen Auf- und Untergänge bildeten das
-Fundament der Planetenkunde[84]. Die Umlaufszeit eines Planeten ist
-bekanntlich diejenige Zeit, nach welcher der Planet, von der Sonne
-gesehen, wieder bei demselben Fixstern angelangt ist. Nun läßt sich
-wohl der geozentrische Ort des Planeten direkt beobachten, nicht aber
-der heliozentrische. Dagegen war man in der Lage, durch die Beobachtung
-der heliakischen Auf- und Untergänge wenigstens annähernd die Zeit zu
-bestimmen, die zwischen zwei Konjunktionen des Planeten mit der Sonne
-verläuft, d. h. die synodische Umlaufszeit zu ermitteln. Ließen sich
-die Konjunktionen selbst auch nicht beobachten, so nahmen die Planeten
-doch während der heliakischen Auf- oder Untergänge dieselbe relative
-Stellung zur Sonne ein.
-
-Um die Wanderung eines Planeten durch die Tierkreisbilder zu verfolgen,
-ist kein Gestirn geeigneter als Jupiter. Sein Durchgang zwischen den
-Hyaden und den Plejaden z. B. ist ein astronomisches Schauspiel,
-das sich den ältesten Beobachtern des Himmels einprägen mußte. Daß
-sich der Vorgang nach etwa 12 und beim Saturn nach etwa 30 Jahren
-wiederholt, mußte frühzeitig auffallen. Während für diese beiden, von
-Sonne und Erde weit entfernten und außerhalb der Erdbahn befindlichen
-äußeren Planeten die Umlaufsbewegung, vom geozentrischen und vom
-heliozentrischen Standpunkte gesehen, sich annähernd decken, waren die
-Erscheinungen für Mars, Venus und Merkur ihrer Nähe wegen bedeutend
-verwickelter. Doch ergaben die beiden scheinbaren Stillstände, die
-Opposition des Mars und das Verschwinden in den Sonnenstrahlen auch für
-diese Planeten eine Periode von steter Wiederkehr und bestimmter Dauer.
-
-Zur Seleucidenzeit gelangte man sogar zu Planeten-Ephemeriden. Für
-Saturn z. B. wurde eine Periode von 59 Jahren, für Venus eine solche
-von 8 Jahren ermittelt. Der Fehler in der ersteren belief sich auf etwa
-einen halben Grad. Die aus den Ephemeriden berechnete Bewegung der
-Venus wich von der beobachteten sogar nur um 5 Minuten ab[85].
-
-Venus galt mit Mond und Sonne als die Beherrscherin des Tierkreises.
-Die Symbole dieser Dreieinigkeit erscheinen seit dem 14. Jahrhundert
-auf den Spitzen der Grenzsteine (s. Abb. 4 auf S. 26)[86]. Diese
-Bedeutung der Venus erklärt sich daraus, daß sie alle übrigen Planeten
-an Glanz weit übertrifft. Beeinflußt durch chaldäische Weisheit nennt
-daher *Plinius* die Venus Nebenbuhlerin von Sonne und Mond, denn sie
-verbreite ein so helles Licht, daß es Schatten werfe.
-
-Mit gleicher Sorgfalt wie die Bewegung der Sonne haben die Babylonier
-auch die Mondbewegung verfolgt. Welch langer Zeitraum mag dazu gehört
-haben, bis ihre Aufzeichnungen jene Periode von 223 synodischen
-Monaten erkennen ließen, innerhalb deren der Mond bezüglich seiner
-Knoten und seiner Entfernung von der Erde fast zur selben Stellung
-zurückkehrt. Jene Periode von 18 Jahren und 11 Tagen bezeichneten
-die babylonischen Astronomen als Saros. Die Kenntnis dieser Periode
-ermöglichte ihnen die Voraussage von Finsternissen. Auch *Ptolemäos*
-handelt in seinem Almagest, dem bedeutendsten astronomischen Lehrbuch
-des Altertums, von dem wir später noch ausführlich handeln werden, von
-mehreren Mondfinsternissen, welche die Chaldäer aufzeichneten. Die
-älteste chaldäische Beobachtung einer Mondfinsternis, die *Ptolemäos*
-verwertete, datiert vom Jahre 721 v. Chr. Daß *Ptolemäos* nicht auf
-noch ältere, zweifellos vorhandene chaldäische Daten zurückgriff, ist
-wohl daraus erklärlich, daß er den älteren Angaben keine hinreichende
-Genauigkeit zuschrieb[87]. Die letzten chaldäischen Beobachtungen,
-die *Ptolemäos* erwähnt, gehören der Zeit um 240 v. Chr. an. Sie
-beziehen sich auf Vergleichungen von Merkur und Saturn in ihrer
-Stellung zu den Fixsternen. Um die erwähnte Zeit hatte indessen
-schon eine gegenseitige Durchdringung chaldäischer und griechischer
-Gelehrsamkeit stattgefunden. Schrieb doch schon um 280 v. Chr. der
-Babylonier *Berosos*[88] über die Geschichte seines Volkes ein Werk
-in griechischer Sprache, von dem leider nur Bruchstücke bei anderen
-Schriftstellern erhalten sind. Es ist das um so bedauerlicher,
-als das Werk manche Mitteilung über die Sternkunde der Chaldäer
-enthielt. Auch die jetzt durch die Keilschriftforschung erwiesene,
-offenbare Übereinstimmung der biblischen mit der babylonischen
-Schöpfungsgeschichte geht schon aus dem Bericht des *Berosos*
-hervor[89].
-
-Von den Chaldäern wanderte auch das älteste astronomische Werkzeug,
-der Gnomon, nach dem Zeugnisse *Herodots* nach Griechenland. Wann dies
-geschah, läßt sich mit Sicherheit nicht feststellen, zumal von alten
-Schriftstellern verschiedenen Personen (darunter *Anaximander* um 550
-v. Chr.) das Verdienst zugeschrieben wird, dieses wichtige Werkzeug in
-Griechenland eingeführt zu haben.
-
-Der Standpunkt, den die Astronomie bei den Chaldäern schließlich
-erreicht hatte, läßt sich in der Kürze wie folgt kennzeichnen[90]:
-Beobachtungen, bei denen die Winkel bis auf 6' und die Zeit bis auf
-40'' genau bestimmt waren, reichten bis ins 7. Jahrhundert v. Chr.
-zurück. Der Lauf der Sonne und die ungleiche Länge der Jahreszeiten
-waren bekannt. Vielleicht besaß man sogar eine rohe Kenntnis der
-Präzession der Nachtgleichen[91]. Die Länge der Monate hatte man mit
-einer Genauigkeit ermittelt, welche der von *Hipparch* erreichten
-gleichkam. Der Begründung der Trigonometrie war durch eine Art
-Sehnenrechnung vorgearbeitet, so daß auch hierin die Chaldäer als die
-Vorläufer der Alexandriner, insbesondere des *Hipparch*, gelten können.
-Endlich vermochte man mit Hilfe von Ephemeriden den Lauf des Mondes
-und der Sonne, sowie das Eintreten der Finsternisse mit ziemlicher
-Sicherheit anzugeben.
-
-Die besonders von *Winckler* vertretene Annahme von dem hohen Alter
-der babylonischen Astronomie hat neuerdings *Kugler* auf das richtige
-Maß zurückgeführt[92]. Nach ihm gab es vor dem 8. Jahrhundert noch
-keine Himmelsbeobachtungen von wissenschaftlicher Genauigkeit. Man
-kann den Babyloniern daher nach *Kugler* auch nicht die Entdeckung der
-Präzession zuschreiben, wie es *Winckler* (siehe Anm. 4 S. 36) getan
-hat.
-
-Erblicken wir das Ziel der Wissenschaft darin, daß man das Eintreten
-zukünftiger Erscheinungen mit einem gewissen Grade von Genauigkeit
-vorherzusagen vermag, so müssen wir zugeben, daß die Babylonier diese
-Stufe auf dem Gebiete der Astronomie schon erreicht hatten. Allem
-Anschein nach ruhte das astronomische Wissen eines *Hipparch* und
-eines *Ptolemäos*, an welche im 15. Jahrhundert *Regiomontan* und
-*Koppernikus* anknüpften, in letzter Linie auf den in Babylonien
-geschaffenen Grundlagen der Sternkunde[93].
-
-*Ptolemäos* beruft sich 13 mal auf babylonische Beobachtungen.
-Sie fallen alle in die Jahre 721-229 v. Chr. Die Astronomie hat
-danach wenigstens zum Teil ihren Weg nach Griechenland über
-Ägypten genommen[94]. Auch ihre astronomischen Hilfsmittel
-verdankten die Griechen zum Teil den Babyloniern, wie sie auch die
-Ekliptiksternbilder, die Einteilung der Ekliptik in 360 Grade und
-anderes mehr übernahmen. Durch die Babylonier sind sie ferner mit
-der Sarosperiode (s. S. 35), sowie mit der mittleren täglichen
-Geschwindigkeit des Mondes (13° 10' 36'') bekannt geworden.
-
-
-Die ersten Maße und Gewichte.
-
-Über die von den alten Völkern gebrauchten Maße und Gewichte hat schon
-vor 80 Jahren *Boeckh*, den man als den Begründer der vergleichenden
-Metrologie zu betrachten hat, eingehende Untersuchungen angestellt[95].
-*Boeckh* kam zu dem Ergebnis, daß die meisten antiken Systeme von den
-Babyloniern herstammen, daß sich bei dieser Entwicklung indessen auch
-in einem nicht geringen Grade ägyptischer Einfluß geltend macht. Diese
-Auffassung hat denn auch die neuere archäologische Forschung bestätigt
-und wesentlich vertieft[96].
-
-Die Babylonier fanden nicht nur die Mittel zur Zeitmessung und ein
-Zeitmaß, das sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, sondern sie
-schufen, wie neuere archäologische Forschungen dargetan, auch ein Maß-
-und Gewichtssystem, das für das Altertum grundlegend wurde.
-
-Die Einheit für die Längenmessung, die Doppelelle, war 992-1/3 mm
-lang. Dies Maß ist neuerdings auf Statuen bei Ausgrabungen entdeckt
-worden. Daß die babylonische Doppelelle und das Sekundenpendel fast
-übereinstimmen[97], ist wohl als Zufall aufzufassen. Dagegen hat
-man angenommen, daß die Gewichtseinheit, die Mine, wie das heutige
-Kilogramm nach einem bestimmten Grundsatz aus der Längeneinheit
-abgeleitet worden sei[98].
-
-Wird die Doppelelle nämlich in 10 Teile zerlegt und dieses Zehntel
-als Kantenlänge für einen Würfel gewählt, den man mit Wasser füllt,
-so kommt das Gewicht dieser Wassermasse einem Kilogramm sehr nahe, da
-ja die Doppelelle nur wenig von dem Meter abwich. Das Gewicht dieser
-Wassermasse stimmt mit der Mine (984 g) nahezu überein. Die Hälfte
-dieses Gewichtes, die leichte Mine von 492 g, war während des ganzen
-Altertums gebräuchlich[99].
-
-[Illustration: Abb. 6. Altbabylonisches Gewichtsstück. Nach *Layard*.]
-
-[Illustration: Abb. 7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche entnommen.]
-
-Mit der Anwendung des Hebels zum Abwägen von Waren, Heilmitteln usw.
-waren schon die ältesten Kulturvölker vertraut. Die Ausgrabungen in
-Mesopotamien haben zahlreiche, mitunter sehr handlich gestaltete (s.
-Abb. 6) Gewichtsstücke zutage gefördert. In Ägypten hat man nicht
-nur solche bis herab zu Stücken, die wenige Gramm anzeigen, sondern
-auch zahlreiche Abbildungen von Wagen (siehe Abb. 7) gefunden. Die
-ägyptischen Wagen waren sämtlich zweiarmig. An dem oberen Teile des
-Gestelles befand sich ein Lot, um die richtige Einstellung der Wage zu
-kontrollieren. Die Ägypter müssen es verstanden haben, schon ziemlich
-empfindliche Wagen herzustellen. Aus den Rezepten des Papyrus Ebers
-geht nämlich hervor, daß man als kleinstes Gewichtsstück ein solches
-benutzte, das nur 0,71 g wog[100].
-
-Nach den bisher gewonnenen archäologischen Aufschlüssen haben sich die
-Ägypter der ungleicharmigen Wage noch nicht bedient. Daß die Ägypter
-aber mit der Wirkung des ungleicharmigen Hebels schon in grauer Vorzeit
-bekannt waren, beweisen die Wandgemälde Thebens.
-
-Die auf dem Prinzip des ungleicharmigen Hebels beruhende Schnellwage
-begegnet uns zuerst in Italien. Gut erhaltene Exemplare wurden in
-Etrurien und in Pompeji ausgegraben[101].
-
-
-Die Anfänge der Metallurgie und anderer chemisch-technischer Gewerbe.
-
-Nicht nur auf den Gebieten der Mathematik und der Astronomie, die wir
-bisher vorzugsweise gewürdigt haben, erlangten die Babylonier und
-die Ägypter im großen und ganzen die gleiche Stufe der Entwicklung,
-sondern auch im übrigen ist die Höhe des Wissens und der Kultur im
-allgemeinen bei den beiden uralten, unter fast gleichen Bedingungen
-lebenden und wohl auch stammverwandten Völkern fast dieselbe gewesen.
-So haben die neueren Forschungen erwiesen, daß die Babylonier wie
-die Ägypter Eisen herstellten und verarbeiteten. Schon *Lepsius* hat
-darauf aufmerksam gemacht[102], daß auf den, auch in den Farben so
-wohlerhaltenen, ägyptischen Wandbildern der Kriegshelm blau gemalt
-ist. Im Grabe Rhamses des Dritten sind auch die Schwerter blau gemalt.
-In beiden Fällen kann es sich wohl nur um die Wiedergabe eiserner
-Waffen handeln. Gemalte Holzlanzen der ägyptischen Gräber tragen rote
-und blaue Spitzen. Wir erkennen daraus, daß neben Eisen auch Kupfer
-zur Herstellung von Waffen gebraucht wurde. Um den Granit in solch
-vollkommener Weise zu bearbeiten, wie es ihre Sarkophage und Obelisken
-zeigen, mußten die Ägypter wohl auch schon mit dem Härten des Eisens
-vertraut sein[103].
-
-Neuerdings haben sowohl die ägyptischen als auch die babylonischen
-Ausgrabungen zahlreiche Beweisstücke für eine frühe Bekanntschaft mit
-dem Eisen zutage gefördert. Immerhin ist nach Ansicht der meisten
-Ägyptologen das Eisen im alten ägyptischen Reich noch sehr wenig in
-Gebrauch gewesen.
-
-Als älteste Spur dieses Metalls gilt ein in dem Mauerwerk der um 2500
-errichteten Cheops-Pyramide gefundenes Eisenstück. Ähnliche Funde
-liegen aus anderen fast ebenso alten Pyramiden vor (*E. v. Lippmann*,
-Alchemie, 1919, S. 610).
-
-[Illustration: Abb. 8. Gewinnung von Eisen nach altägyptischen
-Wandgemälden.]
-
-Sicher ist die Erfindung des Eisens nicht einem bestimmten Volke
-zuzuschreiben, sondern sie ist zu verschiedenen Zeiten überall dort
-erfolgt, wo leicht reduzierbare Eisenerze zur Verfügung standen. Das
-war nicht nur in Ägypten, sondern auch in Indien, Persien, Palästina
-und anderen Ländern der alten Kulturwelt der Fall. Eisenerz fehlte
-auch im mittleren und südlichen Afrika nicht, und es ist anzunehmen,
-daß man auch dort auf eine primitive Art der Eisengewinnung, die man
-selbst bei den Hottentotten antrifft, gekommen ist. Die Frage, ob etwa
-die Ägypter durch die Nubier oder durch die Bewohner Vorderasiens mit
-der Eisengewinnung bekannt geworden sind oder ob sie sie selbständig
-entdeckt haben, wird sich wohl kaum je mit Sicherheit entscheiden
-lassen trotz aller Kontroversen, die schon über diese Frage geführt
-wurden.
-
-Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus vorstehender
-Abbildung ersichtlich[104]. Sie benutzten Blasebälge aus Leder, die
-mit den Füßen getreten wurden. Ein Arbeiter bediente zwei solcher
-Säcke, von denen abwechselnd der eine durch den Zug einer Schnur mit
-Luft gefüllt wurde, während sich der andere unter dem Druck des Fußes
-entleerte. Die gepreßte Luft gelangte in eine Feuerung, in welcher
-das Eisenerz unter der reduzierenden Wirkung eines Kohlenfeuers zu
-Eisen niedergeschmolzen wurde. Den altägyptischen ähnliche Blasebälge
-sind noch heutzutage im Innern Afrikas in Gebrauch. Daß auch die
-Babylonier Eisen herstellten und verarbeiteten, ist nicht nur durch
-keilschriftliche Aufzeichnungen, sondern auch durch Funde von Helmen,
-Panzern und Geräten erwiesen.
-
-Noch leichter als das Eisen aus seinen Erzen ließ sich das Kupfer aus
-Malachit erschmelzen. Zudem besaßen die alten Ägypter Fundstätten, an
-welchen dieses Metall vorkam. So betrieb dieses Volk bereits im 5.
-Jahrtausend v. Chr. auf der Insel Meroë einen umfangreichen Bergbau auf
-Kupfer[105].
-
-Metallisches Zink[106] und reines Zinn waren zwar den beiden ältesten
-Kulturvölkern nicht bekannt[107], doch verstanden sie es, durch
-einen Zusatz von Erzen dieser Metalle, insbesondere von Galmei, beim
-Niederschmelzen der Kupfererze Bronze herzustellen, deren Verwendung zu
-Waffen, Schmucksachen und Geräten bis in die älteste Zeit hinaufreicht.
-Oft tragen auch die Bronzegegenstände Spuren einer Bearbeitung mit
-Stahl[108]. Am frühesten sind Silber und besonders Gold gewonnen und
-verarbeitet worden, da beide Metalle an vielen Orten gediegen vorkommen
-und ihres Glanzes und ihrer Beständigkeit wegen geschätzt wurden.
-Die Ägypter betrieben Goldbergwerke in Nubien. Sie kannten die Kunst
-des Vergoldens und schmolzen Gold in einem bestimmten Verhältnisse
-mit Silber zu einer Legierung zusammen. Die Ausbeute Nubiens an Gold
-soll sich zur Zeit Rhamses des Zweiten auf viele Millionen jährlich
-beziffert haben.
-
-Ein interessantes Schriftdenkmal aus jener Zeit ist ein Grubenriß, der
-sich auf einem in Turin bewahrten Papyros aus dem 15. Jahrhundert v.
-Chr. befindet. Er stellt den Plan eines Tagebaues auf Gold in allen
-seinen Einzelheiten dar und ist das älteste Dokument dieser Art, das
-auf uns gekommen ist[109].
-
-Eine aus Kupfer hergestellte Wasserleitung weist ein um 2500 v. Chr.
-entstandener Tempel auf, der in der Nähe des alten Memphis freigelegt
-wurde. Die Leitung hatte eine Länge von 400 Metern. Die Röhren
-bestanden aus getriebenem Kupfer und besaßen etwa 4 cm Durchmesser
-und 1 mm Wandstärke[110]. Die althergebrachte Meinung, daß der Name
-Kupfer von Cypern stamme, wird neuerdings angefochten. Das Kupfer wurde
-schon im Altertum auch in den Alpen und in Skandinavien gewonnen. Sein
-lateinischer Name »Cuprum« wurde wahrscheinlich von den Römern den
-nordischen Völkern entlehnt[111].
-
-Ein Beispiel von den Leistungen der alten Völker im Schmieden ist die
-berühmte Eisensäule in Delhi. Sie wiegt 11000 kg und hat ein Alter von
-etwa 2000 Jahren[112]. Die Säule besteht aus sehr reinem Eisen und ist
-trotz des feuchten Klimas des Landes kaum verrostet. Die Reisenden des
-Mittelalters erwähnen sie unter Ausdrücken der größten Bewunderung. Sie
-ist etwa 7-1/2 m hoch und besitzt einen Durchmesser von 1/2 m.
-
-Hand in Hand mit der Gewinnung und der Verarbeitung der Metalle
-ging die Herstellung von Glas, Email, gefärbten Glaswaren und von
-Erzeugnissen der Töpferei. Sowohl in Babylonien als in Ägypten war man
-mit diesen Gewerben vertraut. Die Glasflüsse und Emaillen wurden mit
-Kupferoxyd und mit Kobaltverbindungen rot und blau gefärbt. Daß man
-es auch in der Kunst des Schleifens weit gebracht hatte, beweist die
-Auffindung einer Linse durch *Layard*[113] in den Ruinen Ninives. Diese
-Linse befindet sich im Britischen Museum; sie ist 0,2 Zoll dick und
-besitzt eine Brennweite von 4,2 Zoll. Welchem Zweck sie diente, läßt
-sich nicht angeben.
-
-Die Glasbereitung, deren Erfindung man mit Unrecht den Phöniziern
-zugeschrieben hat, wurde in Ägypten schon in der ältesten Zeit geübt.
-Als Materialien wurden Sand, Soda, Muschelschalen usw. verwendet. Das
-bekannte Relief von Beni Hassan stellt nicht, wie man früher annahm,
-Glasbläser, sondern wahrscheinlich Metallarbeiter vor. Das Blasen
-des Glases kam nämlich erst um den Beginn unserer Zeitrechnung auf.
-Anfangs wurden die Gläser über einem Tonkern geformt, oder man goß
-die flüssige Glasmasse in Tonmodelle, die man hin- und herschwenkte,
-um dem erkaltenden Glase die gewünschte Form zu geben[114]. Eine
-ausführliche Darstellung über das Glas im Altertum verdankt man *A.
-Kisa* (*A. Kisa*, Das Glas im Altertume. 978 Seiten mit 395 Abbildungen
-im Text und zahlreichen Tafeln. Leipzig, K. W. Hiersemann 1908). *Kisa*
-erwähnt ägyptische Glasfabriken, die zur Zeit Amenophis des Vierten
-in Tell el Amarna bestanden. Die Ägypter vertrieben ihre Erzeugnisse
-(z. B. Glasperlen) schon im Massenexport. Von Ägypten aus wurden die
-Phönizier und die übrigen Mittelmeervölker mit der Bereitung und der
-künstlerischen Verarbeitung des Glases bekannt.
-
-Von sonstigen chemisch-technischen Gewerben wurden nicht nur die
-Töpferei unter Anwendung von Email, sondern auch die Färberei mit
-Benutzung des Alauns als Beize ausgeübt. Als Mineralfarben gebrauchte
-man Zinnober und Eisenoxyd, wie sie die Natur darbietet. Mennige,
-Bleiweiß und Kienruß wurden künstlich hergestellt. Indem man die in
-Ägypten natürlich vorkommende Soda der Natronseen mit Öl behandelte,
-gelangte man zur Erfindung der Seife.
-
-
-Die Anfänge der Heilkunde.
-
-Ein erstaunlich hohes Alter besitzt auch die Heilkunde. Manches
-ist darüber aus den in Ägypten gemachten Papyrusfunden und aus
-babylonischen Keilschrifttexten bekannt geworden, doch ist es oft nicht
-möglich, aus den Beschreibungen die Krankheiten wiederzuerkennen.
-Welche Entwicklung die Heilkunde in Ägypten genommen, das nebenbei als
-ein gesundes Land galt, erkennen wir aus den Angaben *Herodots*. Er
-erzählt: »Die Heilkunde ist bei ihnen geteilt, jeder Arzt beschäftigt
-sich mit einer Art von Krankheit. Die einen sind Augenärzte, die
-anderen Ärzte für den Kopf, andere für die Zähne und wieder andere für
-nicht sichtbare Krankheiten«[115].
-
-Nicht nur das Bedürfnis, Krankheiten zu heilen, sondern auch der
-Brauch, Leichen zu mumifizieren, wird die Ägypter frühzeitig zur
-Beschäftigung mit dem Bau des menschlichen Körpers geführt haben, wenn
-auch religiöse Gründe einer, zu wissenschaftlichen Zwecken erfolgenden
-Zergliederung der Leichen im Altertum wie im Mittelalter recht hindernd
-im Wege standen.
-
-Das hohe Alter der babylonischen Heilkunde geht schon daraus hervor,
-daß die Gesetzessammlung Hammurabis auch von medizinischen Gebühren und
-von der Haftpflicht der Chirurgen handelt. Ein Paragraph[116] bestimmt
-unter anderem, daß man einem Chirurgen, der das Auge eines Menschen
-öffne, um den Star zu operieren, beide Hände abhauen solle, wenn das
-Auge durch den chirurgischen Eingriff zerstört werde[117]. Nicht
-minder barbarisch waren die ägyptischen Vorschriften. Berichtet uns
-doch *Diodor*[118], daß Ärzte, wenn der Patient starb, Gefahr liefen,
-als Mörder bestraft zu werden. Da jene ältesten Ärzte ihre Heilmittel
-aus allen Naturreichen wählten, so waren Medizin und Naturkunde von
-vornherein aufs engste miteinander verschwistert. Die medizinischen
-Papyrusfunde zählen über 50 Pflanzen auf, die zu Heilzwecken gebraucht
-wurden. Daneben fanden auch Organe und Sekrete von Tieren, wie Herz,
-Leber, Blut, Galle usw., ferner Mineralien wie Kupfersalze und Natron
-Verwendung.
-
-Ein interessanter Abschnitt aus der Geschichte der Heilkunde ist auch
-die Behandlung der Zahnkaries. Die Babylonier nahmen an, daß das
-Hohlwerden der Zähne von Würmern herrühre, welche die Zähne ausnagen
-sollten. Eine Heilung erwartete man von Beschwörungsformeln. Diese
-Formeln verbreiteten sich nach Europa und erhielten sich dort bis ins
-Mittelalter. An die Stelle der Beschwörung oder neben diese trat aber
-schon sehr frühzeitig eine sachgemäße Behandlung der Krankheit. Man
-stillte den Schmerz mit giftigen Kräutern und füllte den hohlen Zahn
-mit Harz[119].
-
-Ein Keilschrifttext, der erkennen läßt, in welcher Art oft
-kosmogonische Vorstellungen mit Gebetformeln und Heilvorschriften
-vereinigt wurden, lautet folgendermaßen:
-
- »Als Gott Anu schuf den Himmel,
- der Himmel schuf die Erde,
- die Erde schuf die Flüsse,
- die Flüsse schufen die Kanäle,
- die Kanäle schufen den Schlamm,
- der Schlamm schuf den Wurm.
- Da ging der Wurm; beim Anblick der Sonne weinte er.
- Vor das Angesicht des Gottes Ea kamen seine Tränen:
- Was gibst du mir zu meiner Speise?
- Was gibst du mir zu meinem Tranke?
- Ich gebe dir das Holz, das faul ist und die Frucht des Baumes.
- Was ist für mich faules Holz und die Frucht des Baumes?
- Laß mich nisten im Innern des Zahnes.
- Seine Höhlungen gib mir als Wohnung.
- Aus dem Zahne will ich saugen sein Blut.
- Weil du dies gesagt hast, Wurm,
- möge dich schlagen der Gott Ea
- mit der Stärke seiner Hände.
- Dies diene zur Beschwörung für den Schmerz der Zähne.
- Dabei sollst du Bilsenkraut pulvern und mit Baumharz zusammenkneten.
- Dies sollst du in den Zahn bringen, während du die Beschwörung dreimal
- hersagst[120].«
-
-Daß sich durch das Zusammenleben in den oft stark bevölkerten Städten
-der alten Kulturwelt auch schon eine gewisse Wohnungs- und Volkshygiene
-herausbildete, darf als sichergestellt gelten. Die Erbauung der Städte
-erfolgte oft schon nach bestimmten Plänen. Einen Stadtplan von Ninive
-hat man auf einer Statue gefunden, deren Alter auf 5000 Jahre beziffert
-wird. Selbst Wasserleitungen und Kloaken begegnen uns schon bei den
-Babyloniern und bei den Ägyptern. Wahrscheinlich sind die Griechen,
-wie in so vielen anderen Dingen, auch hierin die Schüler dieser Völker
-gewesen. Bei den Assyrern gab es um 700 v. Chr. Städte mit geraden,
-gepflasterten Straßen, die sogar Bürgersteige aufwiesen[121].
-
-Welchen Umfang die Kenntnisse der Ägypter in medizinischen, botanischen
-und zoologischen Dingen besaßen, kann man kaum noch feststellen.
-Viele Einzelheiten lassen sich zwar aus Abbildungen und den auf
-uns gekommenen Papyrusfunden entnehmen. Wir wissen ferner, daß die
-angewandte Botanik in Ägypten und in Vorderasien ihren Ursprung
-genommen hat. So wurden in Ägypten drei Weizen- und zwei Gerstenarten,
-sowie die Hirse (Sorghum) gebaut[122]. Auch betrieb man den Anbau des
-Rizinus, der Dattel und der Feige, des Weinstocks, der Linsen, Erbsen
-usw.
-
-Das umfangreichste medizinische Schriftdenkmal ist der Papyrus
-Ebers. Er stammt aus Theben und wurde vermutlich um 1500 v. Chr.
-niedergeschrieben. Der Papyrus Ebers ist in der Hauptsache eine
-Sammlung von Rezepten (z. B. Rizinus gegen Verstopfung), Gebeten und
-Beschwörungsformeln für die verschiedensten Krankheiten. Er gestattet
-daher keinen Schluß auf den Stand der Medizin im allgemeinen. Obgleich
-wir keinen, die Chirurgie in gleicher Ausführlichkeit behandelnden Text
-besitzen, läßt sich aus den Beobachtungen gut geheilter Knochenbrüche
-und ähnlicher Dinge an Mumien wohl schließen, daß der Stand dieses,
-durch anatomische Kenntnisse bedingten medizinischen Wissenszweiges ein
-verhältnismäßig hoher gewesen ist[123].
-
-Die Bereitung der Arzneien erfolgte anfangs durch die Ärzte selbst.
-Indessen begegnen uns schon im alten Alexandrien und im alten Rom
-besondere Arzneibereiter. Die Einrichtung von Handapotheken geht bis
-in die älteste ägyptische Zeit zurück. Die ägyptische Sammlung des
-Berliner Museums besitzt eine aus dem Jahre 2000 v. Chr. stammende
-Handapotheke einer ägyptischen Königin. Diese Apotheke war laut
-geschriebener Widmung ein Geschenk. In den mit Pfropfen verschlossenen
-Alabastergefäßen befinden sich noch Wurzeln, die Heilzwecken
-dienten[124].
-
-
-Erstes naturgeschichtliches Wissen.
-
-Manchen Aufschluß über das Verhältnis der alten Ägypter zu der sie
-umgebenden Tier- und Pflanzenwelt erhalten wir aus den Wandgemälden
-der Gräber und den Verzierungen der den Toten mit ins Grab gegebenen
-Schminktafeln. Der Papyrus Ebers enthält auch einige Andeutungen über
-die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der
-Larve, des Frosches aus der Kaulquappe[125]. Eine Fülle wohlerhaltener
-Abbildungen von Tieren und Pflanzen enthalten die aus dem alten Reiche
-(der V. Dynastie) stammenden Gräber des Ptahhotep und des Ti. Sie
-gehören der Nekropole des alten Memphis an und liegen in der Nähe
-der Stufenpyramide von Sakkara. Das Grab des Ptahhotep zeigt uns den
-Verstorbenen umgeben von seinen Windhunden und Schoßaffen. Diener
-sind mit dem Schlachten von Opfertieren beschäftigt, oder sie führen
-Jagdbeute herbei, wie Gazellen und Löwen. Die Jagdszenen enthalten
-manche Beobachtung aus dem Tierleben, z. B. einen Löwen, der einen vor
-Schreck gelähmten Ochsen überfällt. Ausführlich wird die Weingewinnung
-dargestellt. Die Bilder zeigen die Pflege des Weinstocks, die
-Traubenlese und das Keltern. Sehr früh verschwinden aus den Abbildungen
-die Darstellungen phantastischer Mischgestalten. Besonders die
-Schminktafeln (die alten Ägypter schminkten die Augenbrauen) zeigen,
-daß man schon von der ersten Dynastie an mit wenigen Ausnahmen nur
-wirklich beobachtete Tierformen zur Darstellung brachte[126].
-
-Mit dem Pferde sind die Ägypter und die Babylonier erst verhältnismäßig
-spät bekannt geworden. So enthält die Gesetzessammlung *Hammurabis*
-zahlreiche Bestimmungen, in denen von Rindern, Eseln, Schafen und
-anderen Haustieren die Rede ist, aber keine, die das Pferd betreffen.
-Dieses ist allem Anschein nach erst zu Beginn des 2. Jahrtausends durch
-arische Stämme, die vom Aralsee her vordrangen, nach Vorderasien und
-Ägypten gelangt. Durch die Einführung des Pferdes kam der Streitwagen
-in Aufnahme, welcher der Kriegsführung ein ganz neues Aussehen verlieh.
-
-Den Übergang von Kulturpflanzen und Haustieren aus Asien nach Europa
-behandelt *Victor Hehn* auf Grund der Angaben der griechischen und
-der römischen Schriftsteller. In seinem Buche konnten, als es 1870
-zuerst erschien, die wesentlichsten Ergebnisse der ägyptologischen
-und assyriologischen Forschungen noch nicht berücksichtigt werden.
-Die neueren Auflagen des seinerzeit epochemachenden Buches von *Hehn*
-haben sich darin nur wenig geändert. Es ist das Verdienst *Hehns*,
-zuerst nachdrücklich darauf hingewiesen zu haben, daß die Fauna und
-die Flora der Kulturländer durch die Einwirkung des Menschen ganz
-wesentlich umgestaltet wurden. Dabei bediente sich *Hehn* indessen
-noch vorwiegend der rein philologischen Untersuchung. Daß z. B. das
-Huhn erst verhältnismäßig spät in Vorderasien und in Europa bekannt
-wurde, schließt *Hehn* daraus, daß dieses Tier im Alten Testamente
-nicht erwähnt wird und sich auch nicht auf den ägyptischen Wandgemälden
-findet, die im übrigen alles, was den Haushalt der alten Ägypter
-betrifft, vor Augen führen. In bezug auf Italien kommt *Hehn* zu
-dem allgemeinen Ergebnis, daß seine Pflanzenwelt unter dem Einfluß
-des Menschen immer mehr einen südlichen und asiatischen Charakter
-angenommen habe[127]. Meldet doch *Plinius*, daß z. B. der Kirschbaum
-erst durch *Lucullus* von der pontischen Küste nach Italien verpflanzt
-sei.
-
-Die literarischen Belege und die Abbildungen von Pflanzen und Tieren
-finden eine wertvolle Ergänzung durch die Naturgegenstände selbst, die
-man in den alten Nekropolen Ägyptens gefunden und in dem großen Museum
-von Kairo vereinigt hat. Man findet dort zahlreiche Mumien von Hunden,
-Krokodilen, Fischen, Vögeln (besonders dem Ibis), Spitzmäusen, Bos
-africanus usw. Die Insekten sind besonders durch Skarabäen vertreten.
-Nicht minder zahlreich sind die Pflanzenreste.
-
-Die Ägypter gelangten auch zu chemischen Operationen, deren Ziel
-die Herstellung von Heilmitteln aus pflanzlichen Stoffen war. So
-ist bekannt geworden, daß sie in späterer Zeit zu diesem Zwecke
-die Destillation ausübten[128] und sich dabei der von ihnen
-erfundenen Glasgefäße bedienten. In geringem Umfange fanden
-auch schon anorganische Stoffe, wie Eisenoxyd, Alaun usw., als
-Heilmittel Verwendung, so daß schon in den ältesten Zeiten ein
-gewisser Zusammenhang von chemischem Können mit der Pharmazie sich
-herausbildete[129].
-
-Der ägyptische Alaun galt als der beste (*Plin.* 35, 184). Besondere
-Alaunwerke, die großen Gewinn abwarfen, bestanden nach *Diodor* (V,
-15) auf Lipara. Wie heute wurden mehrere Abarten unterschieden. Man
-benutzte Alaun nicht nur in der Heilkunde, sondern auch als Beize, zum
-Imprägnieren von Holz, um es vor Feuer zu schützen, zum Gerben (*Plin.*
-XXXV, 190), also zu vielen Zwecken, denen er noch jetzt dient.
-
-
-Die alte Kultur Süd- und Ostasiens.
-
-Nachdem wir das Entstehen der ersten Wurzeln von Kultur und
-Wissenschaft in Vorderasien und Ägypten geschildert haben, erübrigt
-noch eine kurze Betrachtung der in Indien und in China entstandenen
-Elemente. Die Bedeutung der Inder für die Entwicklung der
-Wissenschaften ist erst auf Grund der neueren Sanskritforschung in
-das rechte Licht gerückt worden, wenn auch noch manche Zweifel und
-Unklarheiten geblieben sind. Erst seit der Begründung der neueren
-vergleichenden Sprachforschung ist man zu der Erkenntnis gelangt, daß
-die Inder mit den Griechen, Römern und Germanen eines Stammes sind.
-Welches die Heimat des vermuteten indogermanischen Urvolkes war, wird
-sich wohl nie ermitteln lassen. Soviel dürfen wir indessen annehmen,
-daß es sich um ein Hirtenvolk handelte, das innerhalb eines gemäßigten
-Klimas erstarkt war und infolgedessen zu wandern begann. Der neue Boden
-mußte aber nicht nur der Natur, sondern auch einer auf niedriger Stufe
-stehenden Urbevölkerung abgerungen werden. So drangen die Inder mit
-ihren Rossen und Rindern von Nordwesten her, einige Jahrtausende vor
-Beginn unserer Zeitrechnung, in die nach ihnen benannte Halbinsel ein.
-Zunächst setzten sie sich im Gebiete des Indus fest und drängten von
-hier aus die dunklen Urbewohner nach Süden und in die Gebirge zurück.
-
-Während der ersten Stufen, welche die Entwicklung in Indien durchlief,
-wird keine oder nur eine geringe Fühlung mit den Mittelmeervölkern
-bestanden haben. Indes schon mit dem ersten Aufdämmern der Geschichte
-ist ein Verkehr Indiens mit dem Westen wie mit China nachweisbar, so
-daß der frühere Glaube an die völlige Abgeschlossenheit der süd- und
-ostasiatischen Kultur einer anderen Auffassung hat weichen müssen. In
-der allerersten Zeit war es der Handel, der eine Verbindung herstellte
-und dabei den Seeweg bevorzugte. Auf diesem Wege gelangten die
-Erzeugnisse Indiens nach dem Arabischen Meerbusen und von dort den
-Euphrat und Tigris hinauf. Selbst die Ostküste des entfernten Ägyptens
-unterhielt lebhafte Handelsbeziehungen zu Indien. Und in späterer Zeit
-durchfuhren selbst römische Schiffe das Rote Meer und den Indischen
-Ozean, in welchem sich die Seefahrer den regelmäßigen Wechsel der
-Monsunwinde zunutze machten[130].
-
-Einem Austausch der Waren wird zu allen Zeiten ein Austausch des
-Wissens parallel gegangen sein. Ein weiteres kräftiges Ferment für eine
-wechselseitige Befruchtung waren ferner die Ausbreitung der Religionen
-und die Eroberungszüge. So entstanden später infolge des Alexanderzuges
-an den Grenzen Indiens griechische Königreiche, die einen regen
-Austausch auch geistiger Erzeugnisse zwischen den Bewohnern der
-Mittelmeerländer und Südasiens vermittelten. Zur römischen Kaiserzeit
-und während der byzantinischen Periode fand sogar ein Verkehr zwischen
-den indischen und den westlichen Höfen durch Gesandtschaften statt.
-Ja, unter Kaiser Antoninus ist sogar eine römische Gesandtschaft am
-chinesischen Hofe erschienen[131].
-
-Für die Geschichte der Wissenschaften kommt insbesondere der
-Einfluß in Betracht, den die Inder auf medizinischem und
-astronomisch-mathematischem Gebiete auf die westlich von ihnen
-wohnenden Völker ausgeübt haben. Besaßen doch später die Araber nicht
-nur in Galen, sondern nicht minder in den Indern Lehrmeister in der
-Anatomie und Chirurgie. Unter den Naturerzeugnissen Indiens befand sich
-ferner mancher Stoff, der von den Bewohnern als heilkräftig erkannt und
-anderen Völkern übermittelt wurde. So hatten sich bei Alexander[132]
-geschickte indische Ärzte eingefunden, die sich besonders auf die
-Heilung von Schlangenbissen verstanden. Als ein Beweis für das Alter
-der indischen Medizin mag auch gelten, daß die Ärzte bei den Indern in
-hoher Achtung standen[133].
-
-Unter den späteren astronomisch-mathematischen Schriftstellern der
-Inder sind besonders *Aryabhatta* (um 500 n. Chr.) und *Brahmagupta*
-(um 600 n. Chr.) zu nennen. Bei der Beurteilung ihrer Leistungen ist
-indessen zu berücksichtigen, daß in den Werken der Sanskritliteratur,
-die vor *Aryabhatta* entstanden, auch griechische Einflüsse auf
-die indische Wissenschaft nachweisbar sind. Hatte es doch lange
-den Anschein, als ob manche Lehren älterer Sanskritwerke von den
-Griechen stammen[134]. Doch wird neuerdings den Erzeugnissen der
-Sanskritliteratur eine größere Selbständigkeit zuerkannt.
-
-Die ältesten Schriften der indischen Literatur sind die *Vedas*. In
-ihnen spiegelt sich das religiöse und soziale Leben der Inder wieder;
-sie enthalten aber auch die ersten Anfänge der Wissenschaften, die
-sich bei diesem merkwürdigen Volke zumeist im engsten Zusammenhange
-mit religiösen Gebräuchen und Empfindungen entwickelt haben. In
-höchst eigenartiger Weise hat z. B. der Opferdienst die Entwicklung
-der indischen Mathematik beeinflußt. Die Gestaltung der Altäre war
-nämlich nach der Ansicht der Inder für den Erfolg des Opfers von der
-allergrößten Bedeutung. So heißt es in einer Vorschrift: »Wer die
-himmlische Welt zu erlangen wünscht, schichte den Altar in Gestalt
-eines Falken.« Diese Aufgabe setzt aber eine bedeutende Kenntnis der
-Flächengeometrie voraus, da sämtliche Steine einer Schicht polyedrisch
-gestaltet und lückenlos aneinander gefügt die Figur des Falken ergeben
-mußten. Erhöht wurde die Schwierigkeit dadurch, daß die zweite Schicht,
-die gleich der ersten etwa zweihundert Steine enthielt, eine andere
-Anordnung aufweisen und dennoch als Ganzes die erste Schicht decken
-mußte. Dabei war jedes Formverhältnis von entscheidender Wichtigkeit,
-da es nach der Auffassung der Inder Segen oder Unheil bringen
-konnte[135].
-
-[Illustration: Abb. 9. Geometrische Konstruktionen der Inder.]
-
-Die Schrift über die Altäre ist nach der Ansicht des Herausgebers
-(*Bürk*, s. unten) im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht
-früher, verfaßt worden. Durch ihre, beim Bau der Altäre geübte Technik
-sind die Inder wahrscheinlich auch mit dem Satze vom Quadrat der
-Hypothenuse schon vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. bekannt geworden.
-Damit ist jedoch nicht etwa gesagt, daß sie den allgemeinen Beweis
-des pythagoreischen Lehrsatzes gefunden hätten. Wir dürfen nämlich
-nicht vergessen, daß auch die unmittelbare geometrische Anschauung
-sehr oft die Quelle neuer Wahrheiten gewesen ist. So finden wir,
-daß bei gewissen indischen Altären vier Quadrate (Abb. 9) sich zu
-einem größeren Quadrat ergänzen. Die vier Diagonalen der kleineren
-Quadrate ergeben ein neues, über der Hypothenuse AC des gleichseitigen
-rechtwinkligen Dreiecks ABC errichtetes Quadrat. Hier beweist die
-unmittelbare Anschauung die Gültigkeit des pythagoreischen Lehrsatzes
-für diesen besonderen Fall. In der von *Bürk* veröffentlichten
-indischen Quelle[136] heißt es demnach in weiterer Verallgemeinerung:
-»Die Diagonale eines Rechtecks bringt beides hervor, was die längere
-und die kürzere Seite des Rechtecks jede für sich hervorbringen[137].«
-
-Die früher wohl geltende Meinung, daß die indische Geometrie in der
-Hauptsache griechischen Ursprungs sei, kann also heute, nach der
-Veröffentlichung wichtiger indischer Quellen[138], nicht mehr aufrecht
-erhalten werden[139].
-
-Unter den rechtwinkligen rationalen Dreiecken waren den Indern im 8.
-vorchristlichen Jahrhundert z. B. diejenigen bekannt, deren Seiten sich
-verhalten wie:
-
- 3 : 4 : 5
- 5 : 12 : 13
- 8 : 15 : 17.
-
-Um einen rechten Winkel abzustecken, bediente man sich, wie in Ägypten
-und später in Griechenland, des Verfahrens des Seilspannens. Die
-Seitenlängen, welche die Inder dabei benutzten, verhielten sich in
-der Regel wie 15 : 36 : 39[140], entsprachen also gleichfalls dem
-pythagoreischen Lehrsatz. Trotz alledem bleibt es wahrscheinlich,
-daß erst die Griechen von den zahlreichen, bekannt gewordenen
-Einzelfällen zu dem allgemeinen, früher dem Pythagoras zugeschriebenen,
-geometrischen Satz gelangt sind.
-
-Auch für eine annähernde Quadratur des Kreises findet sich[141] bei den
-alten Indern eine Regel. Handelt es sich darum, einen dem Quadrate ABCD
-flächengleichen Kreis zu finden, so wird ME = AM und zwar senkrecht zu
-AB gezogen (Abb. 10). Zu MG wird NG = (1/3)GE hinzugefügt. Mit der so
-erhaltenen Strecke MN als Radius wird dann der Kreis um M geschlagen.
-In der indischen Vorschrift heißt es: »Soviel wie (an den Ecken)
-verloren geht, kommt (die Segmente) hinzu.«
-
-Von jeher haben die Inder als ein besonders für die Arithmetik
-beanlagtes Volk gegolten. Ist es doch ihr Verdienst, das
-Positionssystem und seine irrtümlich als arabisch bezeichneten Ziffern
-erfunden zu haben. Wie uns die Tafeln von *Senkereh*[142] beweisen,
-besaßen die Babylonier ein Positionssystem, das sexagesimal war, aber
-die Null entbehrte. Die späteren Inder entwickelten durch Einführung
-der Null und der dekadischen Einheiten die heutige Positionsarithmetik,
-die dann dem Abendlande durch die Araber übermittelt wurde.
-
-[Illustration: Abb. 10. Die Quadratur des Kreises bei den Indern.]
-
-Je mehr die archäologischen Forschungen uns mit dem Wissen des alten
-Orients bekannt machen, um so mehr befestigt sich die Überzeugung,
-daß in einer drei- bis viertausend Jahre zurückliegenden Zeit die
-Babylonier, die Inder und die Ägypter einen gemeinsamen Besitz an
-Kenntnissen besaßen. Ohne Zweifel sind jene ersten Kulturvölker
-unabhängig voneinander in den Besitz mancher Wahrheit gelangt. Doch hat
-gewiß auch ein viel regerer Austausch der Kenntnisse stattgefunden als
-man bisher angenommen hat[143].
-
-Für die engen Beziehungen, die zwischen Babylon und Ägypten bestanden,
-fehlt es nicht an Beweisen[144]. Als ein Zeichen, daß der babylonische
-Einfluß auch nach Indien, ja selbst bis China reichte, kann die
-Tatsache betrachtet werden, daß die indischen und die chinesischen
-Quellen die Dauer des längsten Tages auf 14^h 24' angeben, ein Wert,
-der für Babylon bis auf eine Minute zutrifft[145].
-
-Während die wechselseitige Beeinflussung des ältesten ägyptischen,
-babylonischen und indischen Wissens mehr vermutet als im einzelnen
-nachgewiesen werden kann, sind die Beziehungen einerseits zwischen
-indischer, andererseits zwischen griechischer und arabischer
-Wissenschaft deutlich zu erkennen. Insbesondere hat zwischen Indern,
-Griechen und Arabern ein Austausch mathematischer und astronomischer
-Kenntnisse stattgefunden. Da wir auf die Inder in späteren Abschnitten
-nicht mehr zurückkommen werden, so soll an dieser Stelle noch einiges
-über die Entwicklung, die besonders die Rechenkunst bei den für die
-Arithmetik so gut beanlagten Indern genommen hat, ins Auge gefaßt
-werden.
-
-Unbestritten ist das Verdienst der Inder, die neuen Zahlzeichen
-und die Null geschaffen und das Ziffernrechnen unter Anwendung des
-Stellenwertes zu hoher Ausbildung gebracht zu haben. Das Rechnen mit
-der Null ist schon zur Zeit des *Brahmagupta* in Gebrauch gewesen.
-Auch die Schreibweise für die Brüche und die Bruchrechnung weichen von
-den heute geltenden Regeln kaum ab. Zwar fehlte der Bruchstrich, doch
-wurde der Zähler schon über den Nenner gestellt. Bei gemischten Brüchen
-kamen die Ganzen in eine dritte, noch höhere Stufe; 2-3/4 schrieb man
-z. B. 2/3/4. Das Multiplizieren der Brüche lehrt *Brahmagupta* mit
-folgenden Worten: »Das Produkt aus den Zählern teile durch das Produkt
-aus den Nennern.« Bei den indischen Mathematikern finden sich ferner
-Regeldetriaufgaben mit direktem, indirektem und zusammengesetztem
-Ansatz. Letztere werden in mehrere einfache Regeldetriaufgaben zerlegt.
-Es sind sogar besondere Kunstausdrücke für die Regeldetri-Rechnung in
-Gebrauch[146].
-
-Wie die Inder durch Einführung der Null und des Positionssystems den
-größten Fortschritt für die Arithmetik schufen, so erwarben sie sich
-für die Algebra kein geringeres Verdienst durch die Einführung der
-Begriffe positiv und negativ. Sogar die Erläuterung dieser Begriffe
-durch die Worte Schulden und Vermögen, ja ihre Erklärung durch
-Vorwärts- und Rückwärtsschreiten auf einer gegebenen Strecke war
-ihnen schon geläufig. Wollte man eine Zahl als negativ bezeichnen, so
-wurde ein Punkt darüber gesetzt. Selbst bei den Gleichungen wurden
-negative Lösungen, welche *Diophant* (350 n. Chr.) noch für unstatthaft
-erklärte, zugelassen.
-
-Was die arithmetischen und die geometrischen Reihen, die Quadrat-
-und die Kubikzahlen anbelangt, so konnten die Griechen in dieser
-Hinsicht von den Indern wenig lernen. Letzteres Volk schuf jedoch die
-Kombinationslehre und die Anfangsgründe der Algebra. Ferner gelangte
-man in Indien dadurch über die Lehre von den Potenzen einen Schritt
-hinaus, daß man für die irrationale Quadratwurzel eine Bezeichnung
-einführte. An das Erheben in die 2. und die 3. Potenz schlossen die
-Inder als Umkehrungen dieser Operationen das Ausziehen der Quadrat-
-und der Kubikwurzel. Hierbei bedienten sie sich schon der binomischen
-Formeln für (a + b)^2 und (a + b)^3. Ja, ihre Art, die Wurzeln zu
-finden, stimmte soweit mit dem heutigen Verfahren überein, daß bei
-ihnen selbst das Abteilen der zu radizierenden Zahl zu je zwei oder
-drei Stellen nicht fehlte.
-
-Auf dem Gebiete der Algebra entwickelten die Inder vor allem die
-Lehre von den Gleichungen verschiedenen Grades. Für die unbekannte
-Größe wird ein Zeichen gebraucht. Als ein Beispiel zugleich für die
-poetische Form, in welche die Inder solche Aufgaben einkleideten, diene
-folgendes: Von einem Schwarm Bienen läßt 1/4 sich auf einer Blume
-nieder, 2/3 fliegt zu einer anderen Blume, eine Biene bleibt übrig,
-indem sie gleichsam durch den lieblichen Duft beider Blumen angezogen
-in der Luft schwebt. Sage mir, reizendes Weib, die Anzahl der Bienen.
-
-Noch bedeutender waren die Leistungen der Inder in der Theorie der
-Zahlen, doch würde ein näheres Eingehen auf diese Seite der Mathematik
-zu weit von dem Zwecke dieses Buches entfernen, das die Mathematik
-nur insoweit berücksichtigen will, als sie für die Entwicklung der
-Naturwissenschaften von Bedeutung gewesen ist. Für die Auflösung von
-kubischen Gleichungen findet sich bei den Indern wie bei *Diophant* nur
-ein vereinzeltes Beispiel.
-
-Nicht uninteressant ist ein kurzer Überblick über den Umfang der
-indischen Arithmetik. Sie umfaßte zwanzig Operationen und acht
-Bestimmungen, die jedem Meister der Rechenkunst geläufig sein
-mußten[147]. Zu den 4 Grundrechnungsarten, dem Potenzieren und dem
-Wurzelziehen traten 6 Operationen mit Brüchen und 5 als einfache und
-zusammengesetzte Regeldetri; ferner gab es eine Regel über den Tausch.
-Die Bestimmungen betrafen Mischungen, Flächen- und Körperinhalte,
-Zinsberechnung, Schattenrechnung usw. Nach *Burkhardt* (Wie man vor
-Zeiten rechnete, Zeitschr. f. d. math. u. naturw. Unterr. 1905. 1.
-Heft) läßt sich annehmen, daß seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. in Indien
-im wesentlichen ebenso gerechnet wurde, wie heute bei uns. Auch steht
-fest, daß die Araber ihre Ziffern und ihre Rechenmethode von den Indern
-erhalten haben.
-
-Was man in den Sanskritwerken an geometrischen Lehren angetroffen
-hat, ist weniger bedeutend und nach *Cantor* wohl zum Teil
-auf alexandrinischen Ursprung, insbesondere auf *Heron*
-zurückzuführen[148]. Davon, daß die Inder mit den Kegelschnitten
-bekannt gewesen, findet sich nirgends eine Andeutung. Dieser Teil
-der Geometrie ist ausschließlich griechischen Ursprungs. Dagegen
-blieb es den Indern als dem vorwiegend für die Arithmetik veranlagten
-Volke vorbehalten, die ersten allgemeinen Sätze der Kombinationslehre
-zu finden, eine Errungenschaft, zu der die Griechen, soweit unsere
-Kenntnis reicht, nicht durchgedrungen sind.
-
-Einen wesentlichen Fortschritt erfuhr die Trigonometrie bei den Indern,
-indem sie für die Sehne des Winkels deren Hälfte und somit den Sinus
-einführten. Es war dies ein Fortschritt, den erst die Araber in seiner
-vollen Bedeutung erkannten und zur Geltung brachten.
-
-Die erste indische Sinustabelle begegnet uns um 500 n. Chr.[149].
-Der Kreis hat dort wie bei den Babyloniern und den Alexandrinern 360
-gleiche Teile. Jeder Teil zerfällt in 60 kleinere Abschnitte (unsere
-Minuten), von denen der ganze Kreis also 60 · 360 = 21600 enthält. Der
-Radius wird durch diese kleinsten Teile des Kreises gemessen. Nach
-einem von den Indern für das Verhältnis der Peripherie zum Durchmesser
-angenommenen Werte ergab sich für den Radius die Zahl 3448. Da der
-Sinus, als halbe Sehne des doppelten Winkels betrachtet, für 90° gleich
-dem Radius wird, so erscheint für 90° in der Tabelle jener Wert 3448.
-Für sin 60° wird 2978, für sin 30° wird 1719 angegeben.
-
-In bezug auf die Naturwissenschaften besaßen die Inder zwar zahlreiche
-Einzelkenntnisse. Zur Aufstellung naturwissenschaftlicher Lehrgebäude
-gelangten sie indessen ebensowenig wie die Babylonier oder die Ägypter.
-Diese Tat blieb vielmehr den Griechen vorbehalten. In physikalischer
-Hinsicht ist erwähnenswert, daß die Kenntnis des Brennglases und der
-Brennspiegel bei den Indern sehr weit zurückreicht. So erwähnt eins
-ihrer ältesten Bücher[150], daß getrockneter Mist sich entzünde, wenn
-man die Sonnenstrahlen mittelst eines Steines oder Glases oder auch
-eines Metallgefäßes darauf werfe[151]. Übrigens kannten die Griechen
-im Zeitalter des *Aristoteles* gleichfalls schon die Feuererzeugung
-mit Hilfe eines durchsichtigen Steines[152]. Auf Grund einiger
-Sanskritstellen hat man den alten Indern die Kenntnis des Schießpulvers
-zugeschrieben. So wird ein König aus dem dritten vorchristlichen
-Jahrhundert genannt, der »Feuerwerke« angeordnet habe. Daraus aber auf
-eine so frühzeitige Kenntnis der Inder zu schließen, erscheint doch
-recht gewagt[153].
-
-Daß die so überaus üppige Natur eines Landes wie Indien ein
-frühzeitiges Emporblühen der Pflanzenkunde und einer auf ihr beruhenden
-Heilkunde hervorrief, ist leicht erklärlich. In der Sanskritliteratur
-fehlt es daher nicht an Werken, die eine große Menge von Heilmitteln,
-Nahrungsmitteln und Giften anführen. Es ist jedoch nur selten möglich,
-die Art, um die es sich handelt, zu bestimmen. Am häufigsten wird
-Nelumbium speciosum, eine prächtige Seerose, erwähnt. Neben den
-Pflanzen wurden aber auch Metalle und Chemikalien von den alten
-Indern zu Heilzwecken verwendet. Am ausführlichsten berichtet über
-den Stand ihrer naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse
-die Ayur-Veda *Susrutas*. Das Werk umfaßt sechs Bücher, die sich
-im wesentlichen mit der Lehre von den Heilmitteln, der Anatomie,
-der Pathologie und der Therapie beschäftigen. Das Knochensystem des
-Menschen enthält nach *Susrutas* Aufzählung 300 Knochen. In der Schule
-des *Susruta* wurden schon Leichen zergliedert und in fließendem Wasser
-präpariert.
-
-Daraus erklärt sich die erstaunliche Höhe der anatomischen Kenntnisse,
-welche die Inder schon im 6. Jahrhundert v. Chr. besaßen[154].
-*Susruta* war auch schon mit dem diabetischen Zucker bekannt, während
-die Beobachtung, daß der diabetische Harn auffallend süß ist, in Europa
-erst im 17. Jahrhundert gemacht wurde[155].
-
-Unter den Heilmitteln[156] erwähnt *Susruta* Quecksilber, Silber,
-Arsen, Antimon, Blei, Eisen und Kupfer. Auch Alaun und Salmiak fanden
-sich im Arzneischatz der alten Inder. Wann die Ayur-Veda entstand,
-ist nicht sicher bekannt. Einige legen die Zeit ihrer Entstehung
-weit vor Christi Geburt. *Susrutas* Werk erwähnt nicht weniger als
-760 Heilmittel, die zum weitaus größten Teile aus dem Pflanzenreiche
-stammen[157].
-
-Wie die alten Babylonier, so operierten auch die Inder den Star.
-Nachrichten darüber reichen etwa bis zum Beginn unserer Zeitrechnung
-zurück. Die Operation wurde mit zwei Instrumenten ausgeführt. Das eine
-diente zum Öffnen des Augapfels; mit dem andern wurde die getrübte
-Linse entfernt[158].
-
-Weit isolierter als die indische Kultur, welche doch mit der
-griechischen und mit der arabischen Welt in mannigfache Berührung kam,
-blieb die chinesische. Nicht nur, daß China durch riesige Gebirge
-und weite, öde Länderstrecken von den Völkern Vorderasiens und der
-Mittelmeerländer getrennt war, es fehlte auch die Rassengemeinschaft,
-welche die Arier Indiens mit den Persern und den westlichen
-Indogermanen verband. Dennoch hat schon im Altertum der Handel eine
-Verbindung zwischen dem äußersten Osten Asiens und dem Mittelmeer
-geknüpft. Diese Verbindung erfolgte durch den Seeverkehr über den
-Indischen Ozean. China lieferte dem Westen besonders Seide und empfing
-dafür Edelmetall, Glasgegenstände und Bernstein. Durch die immer
-weitere Ausdehnung ihrer Eroberungszüge kamen das römische und das
-chinesische Reich am Kaspischen Meere einander nahe. Sogar der Einfluß
-der in Vorderasien entstandenen Nestorianersekte hat sich bis nach
-China ausgedehnt. Ein in Singanfu errichtetes Denkmal mit chinesischer
-und syrischer Inschrift gibt uns davon Kunde[159]. Trotzdem hat keine
-andere Kultur der alten Welt so wenig Einflüsse von außen erfahren
-und so wenig wiederum nach außen gewirkt wie diejenige Chinas, so daß
-dieses Land für die Entwicklung, welche die Wissenschaften genommen
-haben, kaum in Betracht kommt. Zwar hat sich das Interesse seiner
-Bewohner frühzeitig mathematischen und astronomischen Dingen zugewandt,
-ein wenn auch unvollkommenes Verfahren des Buchdrucks wurde erfunden,
-und eine Literatur entstand, die der arabischen an Umfang wohl gleich
-kam. Die gewerblichen Erzeugnisse übertrafen oft diejenigen der
-westlichen Völker. Dennoch war der Einfluß nach außen sehr gering.
-Selbst eine so wichtige Erfindung wie diejenige des Kompasses, die
-in China erfolgte, blieb den Mittelmeervölkern über ein Jahrtausend
-unbekannt.
-
-Für das hohe Alter der Astronomie bei den Chinesen spricht die
-frühzeitige Erwähnung von Kometen- und Planetenkonjunktionen in ihrer
-Literatur. Als Europa mit der Literatur der Inder näher bekannt
-wurde, erstaunte man über das hohe Alter der astronomischen Tafeln
-dieses Volkes. Das gleiche gilt von den Chinesen, deren astronomische
-Literatur zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Jesuiten, die in
-China Aufnahme gefunden hatten, bekannt wurde. Es zeigte sich, daß
-die Astronomie dort schon um 1000 v. Chr. eine nicht geringe Höhe
-erreicht hatte. Indessen ist ihre weitere Entwicklung nur sehr langsam
-gewesen[160]. So geht z. B. ein Kometenverzeichnis bis auf das Jahr
-2296 v. Chr. zurück[161]. Ferner erwähnt einer der Jesuiten, welche
-die Chinesen mit der europäischen Astronomie bekannt machten[162],
-eine von den Chinesen aufgezeichnete Planetenkonjunktion vom Jahre
-2461 v. Chr.[163]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß es sich dabei
-nicht um eine wirkliche Beobachtung, sondern nur um eine rückwärts
-berechnete astronomische Erscheinung gehandelt hat. Mit dem Gnomon
-waren die Chinesen schon um 1100 v. Chr. bekannt. Sie ermittelten
-daran die Schiefe der Ekliptik, bestimmten die Dauer des Jahres zu
-365-1/4 Tagen[164] und kannten schon die regelmäßige Wiederkehr der
-Finsternisse. Es kam vor, daß man Astronomen mit dem Tode bestrafte,
-wenn sie eine Finsternis nicht richtig vorhergesagt hatten. Ein Fall
-dieser Art soll sich schon um 2000 v. Chr. zugetragen haben[165].
-
-Daß Ostasien auch während des Mittelalters mit der übrigen Kulturwelt
-Beziehungen unterhielt, beweist uns das Auftauchen alchemistischer
-Bestrebungen in China um 800 n. Chr. Die chinesischen Quellen
-lassen erkennen, daß auch die theoretischen Vorstellungen, denen
-die Alchemisten im Reiche der Mitte huldigten, von den Arabern
-stammen[166].
-
-
-
-
-2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum
-Zeitalter des Aristoteles.
-
-
-Manche von den in Vorderasien und Unterägypten entstandenen Grundlagen
-der Wissenschaften wurden nebst anderen Kulturelementen von den
-Phöniziern aufgenommen, welche sie, als das wichtigste Handelsvolk der
-alten Welt, den übrigen Anwohnern des Mittelmeeres überbrachten. Bei
-den Griechen, die mit der am Nil und am Euphrat entstandenen Kultur
-später auch in unmittelbare Fühlung kamen, fielen diese aus dem Orient
-stammenden Ansätze auf den fruchtbarsten Boden. Sie wurden nicht etwa
-nur aufgenommen, sondern als das Fundament für geradezu bewundernswerte
-Neuschöpfungen verwendet. Die Phönizier verbreiteten als das wichtigste
-Mittel für jede weitere Entfaltung wissenschaftlicher Tätigkeit
-auch die Buchstabenschrift[167], die sich aus den, Silben und ganze
-Wörter bezeichnenden Hieroglyphen entwickelt hatte. Erst nachdem dies
-geschehen, vermochte man mit klarem Bewußtsein das Abstrakte von den
-Dingen zu trennen und auf solche Weise zur Ausbildung systematisch
-geordneter Wissenschaften vorzudringen[168].
-
-Eine wichtige Rolle spielten in dieser Übermittlung der orientalischen
-Kulturelemente auch die Bewohner Kretas und Vorderasiens. Auf die
-letzteren hat Babylonien Jahrtausende eine tiefe Wirkung ausgeübt. In
-religiöser Hinsicht hat dieser Einfluß besonders stark auf das Judentum
-und damit weiterhin auf die Entwicklung des Christentums gewirkt.
-
-Das Neue an der phönizischen Schrift bestand darin, daß sie für jeden
-Konsonanten und für jeden Vokal ein besonderes Zeichen besaß. Die
-ältesten in dieser Schrift verfaßten Urkunden begegnen uns um das Jahr
-950.
-
-Sobald die Griechen aus dem Dunkel der Sage in das Licht der
-Geschichte treten, zeigt sich uns bei ihnen das Bestreben, die
-Welt der Erscheinungen nicht bloß betrachtend in sich aufzunehmen,
-sondern sie auch in ihrem ursächlichen Zusammenhange zu begreifen.
-Dies geschah einmal dadurch, daß sie die Anfänge der mathematischen
-Erkenntnis auf die Naturvorgänge anwandten. Zum anderen aber auch,
-indem sie, weit über alles Maß hinausschreitend, sofort den letzten
-Grund des Geschehens zu begreifen trachteten. Und zwar erfolgten diese
-ersten Regungen des wissenschaftlichen Denkens nicht im eigentlichen
-Hellas, sondern in den ionischen Kolonien. Letztere nahmen zwischen
-der asiatischen Welt und dem jungfräulichen Boden Griechenlands eine
-vermittelnde Stellung ein. Auch hatten sie schon einige Jahrhunderte
-vor dem Beginn der Philosophie und der Naturwissenschaften ihre
-Blütezeit auf dem Gebiete der Dichtkunst erlebt.
-
-
-Der Beginn der griechischen Naturwissenschaft.
-
-Als der erste Grieche, der in den beiden soeben gekennzeichneten
-Richtungen wirkte, gilt *Thales* von Milet. Obgleich von ihm
-herrührende Werke nicht auf uns gekommen sind und er seine Lehren
-wahrscheinlich auch nur mündlich überliefert hat, sind uns doch
-letztere, sowie seine Entdeckungen und sein Lebensgang durch die
-Aufzeichnungen alter Schriftsteller hinlänglich bekannt geworden, um
-uns ein ungefähres Bild von *Thales*[169] machen zu können.
-
-*Thales* wurde um 640 v. Chr. geboren, wirkte also zu der Zeit, als
-Athen durch *Solon* die Grundlagen seiner Verfassung erhielt. Darin,
-daß *Thales* in Ägypten gewesen und dort mit der Priesterkaste, damals
-die Hüterin aller mathematischen und astronomischen Kenntnisse, in
-Berührung getreten sei, stimmen alle Berichte überein. »*Thales*, der
-nach Ägypten ging«, so wird uns erzählt, »brachte zuerst die Geometrie
-nach Hellas. Vieles entdeckte er selbst, von vielem aber überlieferte
-er die Anfänge seinen Nachfolgern«[170]. An anderer Stelle heißt es
-von ihm: »Er beobachtete den Himmel, musterte die Sterne und sagte
-öffentlich allen Miletern vorher, daß am Tage Nacht eintreten, die
-Sonne sich verbergen und der Mond sich davorlegen werde[171].«
-
-Die älteste Auffassung, die uns bezüglich der Finsternisse begegnet,
-ist die, daß der Sonne oder dem Monde durch irgendeine fremde Macht
-Gewalt angetan würde. Es erscheint zweifelhaft, ob die Babylonier
-schon einen wirklichen Einblick in den Vorgang besaßen. Seine
-natürliche Ursache erkannten wohl erst die Griechen. Nach einigen war
-es *Anaxagoras*, nach anderen waren es die Pythagoreer, denen die
-Astronomie diesen Fortschritt verdankte[172].
-
-Die Vorausbestimmung des *Thales* ist nicht etwa eine solche im
-heutigen Sinne. Sie erfolgte nämlich nicht durch Messen und Rechnen,
-sondern beruhte ausschließlich auf der Beobachtung derjenigen Periode,
-innerhalb deren die Finsternisse regelmäßig wiederkehren. Jene Periode
-war den Babyloniern nicht entgangen. Sie befanden sich im Besitz von
-Aufzeichnungen, die sich über Jahrhunderte erstreckten und einen
-Zeitraum von 6585 Tagen bezüglich der regelmäßigen Wiederkehr der
-Finsternisse erkennen ließen. Innerhalb dieses 223 Monate umfassenden
-Zeitraums, den die Babylonier Saros nannten[173], kehrt nämlich der
-Mond fast genau in dieselbe Stellung zur Erde und zur Sonne zurück.
-Allerdings machte man auch die Erfahrung, daß sich der Saros,
-insbesondere für die Voraussage der Sonnenfinsternisse, nicht immer
-bewährte[174].
-
-Auch bei der Benennung der fünf Planeten hat sich anscheinend der sehr
-früh einsetzende (s. S. 30) babylonische Einfluß geltend gemacht. Die
-alten griechischen Namen bezeichneten nämlich Eigenschaften (Mars hieß
-der Feurige, Jupiter der Leuchtende usw.). Seit dem 4. vorchristlichen
-Jahrhundert bedient man sich dagegen folgender Namen:
-
- Stern des Hermes (Merkur),
- » der Aphrodite (Venus),
- » des Ares (Mars),
- » des Zeus (Jupiter),
- » des Kronos (Saturn).
-
-Die kurze Bezeichnung Hermes, Aphrodite usw. kam erst später auf. Es
-ist anzunehmen, daß hierin die Griechen den Babyloniern gefolgt sind,
-die gleichfalls die Planeten ihren Hauptgöttern geweiht hatten. Mit
-einigen Elementen des babylonischen Wissens sind nach neuerer Annahme
-schon die Pythagoreer bekannt gewesen[175].
-
-Wie unentwickelt im übrigen die astronomischen Vorstellungen der
-Griechen zur Zeit des *Thales* noch waren, geht daraus hervor, daß nach
-den ihm zugeschriebenen Lehren die Erde eine vom Okeanos umflossene
-Scheibe ist, über die sich der Himmel wie eine Kristallglocke
-wölbt. Unter solchen Umständen konnte noch nicht einmal von einer
-Kreisbewegung der Gestirne die Rede sein. In Übereinstimmung mit dieser
-Lehre nahm man zur Zeit des *Thales* an, die Sterne sänken bei ihrem
-Untergange in den Ozean und schwömmen in diesem am Rande der Scheibe
-entlang zu ihren Aufgangspunkten zurück.
-
-Auf *Thales* werden ferner von den Griechen, die über die Mathematik
-geschrieben haben, einige der wichtigsten geometrischen Sätze
-zurückgeführt, so der Satz von der Gleichheit der Winkel an der
-Grundlinie eines gleichschenkeligen Dreiecks, sowie der Satz, daß ein
-Dreieck durch eine Seite und die anliegenden Winkel bestimmt ist. Mit
-Hilfe dieses Satzes wurde z. B. die Entfernung der Schiffe vom Lande
-ermittelt.
-
-Bezüglich der geometrischen Kenntnisse des *Thales* läßt sich jedoch
-nicht mehr entscheiden, wieviel Eigenes und wieviel von den Ägyptern
-Entlehntes darunter ist. Eine bekannte Anwendung der Mathematik
-ist seine Schattenmessung. Es ist dies ein Verfahren, die Höhe
-hervorragender Gegenstände zu bestimmen. *Thales* soll dadurch die
-Bewunderung seiner Zeitgenossen erregt haben. Das Verfahren bestand
-darin[176], daß er zu der Zeit, wenn Schatten und Höhe der Körper
-gleich sind, was er an einem Stock ermittelte, den Schatten des
-betreffenden Gegenstandes, z. B. einer Pyramide, maß, womit dann auch
-sofort die Höhe des Gegenstandes gefunden war.
-
-Mit dem Gnomon, einem Werkzeug, das zur Bestimmung des Mittags aus
-der Schattenlänge diente, sollen die Griechen durch *Anaximander* von
-Milet, den bedeutendsten Schüler des *Thales*, bekannt geworden sein.
-*Anaximander* (610-546 v. Chr.) hat nach *Strabon* auch die erste Karte
-der Welt, soweit damals die Länderkenntnis reichte, entworfen[177].
-
-[Illustration: Abb. 11. Radkarte der Erde.]
-
-Sein Landsmann *Hekataeos* (geb. um 550), der weite Reisen gemacht
-hatte, soll die neue Kunst in solchem Maße entwickelt haben, daß er
-Erstaunen erregte. *Hekataeos* verfaßte eine Erdbeschreibung, der er
-eine Weltkarte beigab. Er gilt als der älteste griechische Geograph
-und der Vorgänger *Herodots*. Erhalten ist von den Karten jener Zeit
-nichts mehr. Sie glichen wahrscheinlich den Radkarten des früheren
-Mittelalters (Abb. 11), d. h. sie waren lediglich rohe Orientierungen
-ohne jeden wissenschaftlichen Wert, so daß sie den Spott *Herodots*
-herausforderten.
-
-Die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen, zu welcher
-*Thales* bei den Ioniern allen Nachrichten zufolge den Anstoß gab
--- nennt ihn doch *Aristoteles* den »Beginner« der philosophischen
-Naturforschung[178] -- rief nun auch ein Streben nach einer
-ursächlichen Erklärung der gesamten Erscheinungswelt hervor. Eine
-auf den letzten Gründen fußende Erklärung ist seitdem das Ziel der
-Philosophie gewesen, ohne daß sie, wie es in der Natur der Sache
-liegt, jemals zu einer befriedigenden Lösung eines so weit gespannten
-Problems gelangt wäre. Was die Frage nach dem Ursprung der griechischen
-Philosophie anlangt, so neigt ihr hervorragendster Geschichtsschreiber,
-*Zeller*, zu der Ansicht, daß sie selbständig geworden und nicht
-orientalischer Herkunft sei[179]. »Wenn es je ein Volk gegeben«, sagt
-*Zeller*, »das seine Wissenschaft selbst zu erzeugen imstande war, so
-waren es die Griechen«.
-
-Dem ersten Ausdruck für ihre Weltanschauung begegnen wir bei
-den Dichtern. Insbesondere war es der im 8. Jahrhundert v. Chr.
-lebende *Hesiod*, der in den »Werken und Tagen« die Frage nach der
-Weltentstehung aufwarf. Für *Hesiod* war die Weltentstehungslehre
-wesentlich Götterlehre. Kosmogonie und Theogonie waren in jenem
-Zeitalter noch zu einer in mystisches Gewand gekleideten Einheit
-verschmolzen. *Thales* und seinen unmittelbaren Nachfolgern, die
-sich über den Begriff des Stoffes kaum zu erheben vermochten,
-genügte dann die Annahme, daß alle Dinge auf einen einzigen Urstoff
-zurückzuführen seien. Als solcher dünkte dem *Thales* nichts geeigneter
-als das Wasser, weil es ihm, nach seinen Eigenschaften zu urteilen,
-zwischen der Erde und der Luft zu stehen schien. Eine Stütze fand
-diese Lehre in gewissen Beobachtungen. Wurde doch z. B. Ägypten,
-woher viele Anschauungen des *Thales* stammten, als ein Erzeugnis
-des Niles angesehen. Entwickelten sich nicht ferner aus der feuchten
-Erde die Pflanzen? Selbst als man später genauer beobachten lernte,
-hat jene Lehre immer wieder Anhänger gefunden. *Van Helmont*, ein
-hervorragender Forscher des 17. Jahrhunderts, war noch in ihr befangen.
-Erst *Lavoisier* und *Scheele*, die an der Schwelle der neuesten Zeit
-stehen, vermochten den Glauben an die Umwandlung des Wassers in Erde,
-der stets wieder auf mangelhafte Beobachtungen gestützt wurde, durch
-einwandfreie Versuche endgültig zu widerlegen.
-
-Das Streben nach einer Erklärung der Welt in ihrer Beziehung zum
-Menschen hat seit der Zeit des *Thales* nicht aufgehört, die
-hervorragendsten Geister zu beschäftigen. Hier ist es nur insofern
-von Belang, als die Ergebnisse des philosophischen Denkens einen
-Einfluß auf die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften ausgeübt
-haben. Letztere steckten sich alsbald das bescheidenere, aber
-erreichbare Ziel, einen Einblick in den gesetzmäßigen Zusammenhang der
-Erscheinungen zu gewinnen. In dem Maße, wie man dieses Ziel ins Auge
-faßte, hat sich die Beseitigung phantastischer Auswüchse vollzogen,
-wie sie in der Alchemie und Astrologie z. B. zum Ausdruck kamen, und
-in eben demselben Maße näherte sich die Wissenschaft ihrer jetzigen
-Gestalt.
-
-Mit der ionischen Naturphilosophie trat »ein neues Element in das
-geistige Leben der Menschheit«. Es begegnen uns zum ersten Male
-wissenschaftliche Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen, die durch
-angestrengte Geistesarbeit zu ihren Ergebnissen gelangen. Für die
-weitere Entwicklung echter Wissenschaft war ein solches Hervortreten
-der Individualität die unerläßliche Voraussetzung[180].
-
-Die rein philosophische Betrachtungsweise besitzt trotz der Nachteile,
-die ihr gegenüber der exakten Forschung innewohnen, doch unleugbar
-das Verdienst, die empirischen Wissenschaften ununterbrochen angeregt
-zu haben. Manche philosophische Ansicht, welche das griechische
-Altertum entwickelte, beeinflußte bis in die neuere Zeit hinein
-die Naturwissenschaften. So hat sich z. B. das Bestreben, die
-Mannigfaltigkeit der Stoffe auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen,
-bis auf unsere Tage erhalten. Zuerst wurde von den ionischen
-Philosophen eine der bekannten Materien, wie die Luft oder das Wasser,
-zu einem solchen Urstoff gestempelt. Später faßte *Aristoteles* Luft,
-Wasser, Erde und Feuer als die verschiedenen Erscheinungsformen eines
-und desselben Urprinzips auf. Infolgedessen hielt man eine Verwandlung
-der bekannten Stoffe ineinander für möglich. Und so war es besonders
-die aristotelische Philosophie, auf die sich im Mittelalter das
-Bemühen, unedle Metalle in edle überzuführen, stützen konnte.
-
-Die Lehre von den Elementen ist ihrem Ursprung nach auf *Empedokles*
-aus Agrigent (um 440 v. Chr.) zurückzuführen. Für ihn waren die
-Urstoffe ewig, selbständig und nicht auseinander ableitbar. Durch zwei
-bewegende Kräfte, die Freundschaft und den Streit, den *Heraklit* den
-Vater aller Dinge nannte, wurden die Elemente gemischt und zu Dingen
-gestaltet. Die Entmischung sollte in der Weise erfolgen, daß die
-Teilchen des einen Stoffes sich unsichtbar von den Teilchen des anderen
-ablösen. Auf diesem Wege ließ *Empedokles* auch die Sinnesempfindungen
-entstehen[181].
-
-*Empedokles* wußte sich auch über die Naturdinge im besonderen manche
-zutreffende oder doch beachtenswerte Meinung zu bilden. So nahm er
-anstatt des Zentralfeuers, um das die Pythagoreer die Erde kreisen
-ließen, einen feurig-flüssigen Erdkern an, von dem die heißen Quellen
-und die Vulkane ihre Wärme erhalten sollten. Das unterirdische Feuer
-sollte ferner die Gebirge emporgehoben haben. Aus großen, auf Sizilien
-gefundenen Knochen schloß *Empedokles* auf die vorgeschichtliche
-Existenz eines Riesengeschlechts. Seine Ansichten entwickelte er in
-einem Gedicht »Von der Natur«. Leider sind davon nur wenige Bruchstücke
-erhalten. Diese lassen indes erkennen, daß *Empedokles* auch über die
-Natur der Pflanze nachgedacht hat. Letztere erklärte er für beseelt.
-Als Zeichen der Beseelung deutete er allerdings Erscheinungen, die man
-heute mechanisch erklärt, wie das Erzittern, das Ausstrecken der Zweige
-und das kräftige Zurückschnellen gebogener Äste. Auch die Behauptung,
-daß die Pflanzen zweierlei Geschlecht besäßen, wird auf *Empedokles*
-zurückgeführt. Selbst die später oft wiederkehrende Lehre von den
-periodischen Weltumbildungen begegnet uns schon bei diesem Philosophen.
-Man darf deshalb[182] aus den vorhandenen Bruchstücken altgriechischer
-Philosophie schließen, daß eine der wichtigsten Annahmen der neueren
-Geologie, die Lehre nämlich, daß unser Erdball eine Reihe von
-Umwandlungen erlitten, bei denen Tiere und Pflanzen untergingen, um
-sich in anderen Arten wieder zu erneuern, als Ahnung schon im Altertum
-vorhanden war[183].
-
-»Der Tatsachen, auf die man sich dabei stützte, waren vielleicht nicht
-viele, um so schärfer war aber der Blick, der schon das Richtige
-traf«[184].
-
-
-Erster Versuch einer Erklärung der Natur aus den Prinzipien der
-Mechanik.
-
-Hatte man zuerst die Stoffumwandlungen, denen man auf Schritt und
-Tritt begegnete, als ein Entstehen und Vergehen aufgefaßt, so waren es
-Philosophen, welche lehrten, daß alle Veränderung auf ein Mischen und
-Entmischen zurückzuführen sei, und daß dabei der Stoff selbst weder
-sich bilde noch vernichtet werde. Dem philosophischen Denken entsprang
-ferner die Vorstellung, daß der Stoff aus kleinsten Teilchen bestehe,
-durch deren Umlagerung jenes Mischen und Entmischen bedingt sei --
-beides Grundsätze, deren sich die Forschung bemächtigte, um sie als
-Leitsterne bei ihren, auf die denkende Erfassung der Natur gerichteten
-Bemühungen zu verwerten.
-
-Die angedeutete Durchführung der mechanischen Naturerklärung vollzog
-sich im Anschluß an die Lehren des *Empedokles* durch die Atomisten
-genannten Philosophen *Leukipp* und *Demokrit*. Ihre Anschauungen
-lassen sich in folgende Sätze fassen: Das All ist anfangslos und auf
-keine Weise von irgend jemandem geschaffen. Überhaupt ist alles seit
-ewigen Zeiten in der Notwendigkeit begründet, sowohl was war, als auch
-was ist und was sein wird[185]. Das Weltall besteht aus qualitativ
-gleichen Teilchen, den Atomen, die ihrer Form nach verschieden sind und
-ihre Lage gegeneinander ändern. Damit letzteres möglich ist, muß der
-Raum im übrigen leer sein. Die Atome sind ewig und unzerstörbar. Aus
-Nichts wird nichts. Nichts kann vernichtet werden. Jede Veränderung
-besteht nur in der Verbindung und in der Trennung der Atome. Aus der
-Zahl, der Gestalt, dem Zusammentreffen und der Trennung der Atome geht
-die Mannigfaltigkeit der Dinge hervor. Die Vorgänge in der Natur hängen
-nicht von den Launen übernatürlicher Wesen ab, sondern sind ursächlich
-bedingt; nichts geschieht zufällig[186]. Die Bewegung der Atome ist
-seit Anbeginn vorhanden, sie hat zur Bildung unzähliger Welten geführt.
-Außer den Atomen und dem leeren Raum gibt es nichts. Eine Schwäche
-dieser atomistischen Lehre, die ihr auch heute noch anhaftet, liegt
-darin, daß nach ihr auch das Seelische aus Atomen, und zwar aus
-Atomen feinerer Art bestehen soll, welche die gröberen Körperatome
-durchdringen, sehr beweglich sind und auf diese Weise die Erscheinungen
-des Lebens hervorrufen. So wurden z. B. die Empfindungen des Süßen,
-Herben, Scharfen daraus erklärt, daß die Atome teils kugelig, teils
-kantig, teils zackig seien. Die Wahrnehmung, sowie überhaupt jede
-Wirkung der Dinge aufeinander sind nach *Demokrit* durch Ausströmung
-und Einströmung bedingt. Aus diesem Grunde mußten die Körper zwischen
-den Atomen Poren haben. Die Zahl der Atome ist unendlich groß und
-ihre Form unendlich verschieden. Qualitativ sind sie jedoch einander
-völlig gleich. Bei ihrer Bewegung durch den unendlichen Raum stoßen
-sie aufeinander. Dadurch entstehen Wirbel, aus denen die Weltkörper
-hervorgehen. Letztere entstehen und vergehen und sind in ihrer Zahl
-gleichfalls unbegrenzt. Diese Lehre von der Weltenbildung[187] wurde
-im 18. Jahrhundert durch *Kant* und durch *Laplace* zu neuem Leben
-erweckt. Sie hat auch *Giordano Bruno* zu seinen Spekulationen über die
-Unendlichkeit der Welten angeregt.
-
-*Demokrit* wurde um 460 v. Chr. in der ionischen Kolonie Abdera
-geboren und starb um 370. Er sammelte auf vielen Reisen zahlreiche
-Kenntnisse. »Ich habe«, sagt er, »unter allen Menschen meiner Zeit
-die größten Länderstrecken durchwandert, das Entfernteste erforscht,
-die meisten Länder gesehen und kundige Menschen gehört.« Von seinen
-zahlreichen Schriften ist leider nur wenig erhalten geblieben. Soviel
-läßt sich jedoch erkennen, daß er in systematischen Werken, sowie in
-Einzelabhandlungen das ganze Gebiet menschlichen Wissens zu umspannen
-gesucht hat. Er schrieb nicht nur über Sternkunde, Medizin, Ackerbau,
-Technologie, Kriegskunst wie viele andere vor ihm, sondern von ihm
-rührt auch der erste Versuch einer wissenschaftlichen Zoologie, Botanik
-und Mineralogie her[188]. Gefördert und bereichert hat *Demokrit*
-die Wissenschaften im einzelnen kaum in erheblichem Maße. Ihn als
-den größten Naturforscher des Altertums zu bezeichnen, ist daher
-nicht berechtigt. In der Astronomie haben ihn *Oenopides* und *Meton*
-übertroffen. Hielt er doch an der Scheibengestalt der Erde fest, so daß
-er in seinen kosmischen Vorstellungen weit unter *Platon* stand. Auch
-die Mathematik hat er trotz zahlreicher mathematischer Schriften nicht
-wesentlich gefördert. Trotzdem muß man bedauern, daß von seinen Werken
-nur geringe Bruchstücke[189] übrig geblieben sind. *Demokrit* war
-ohne Zweifel der größte Polyhistor (d. h. kein bloßer Vielwisser) vor
-*Aristoteles*. Letzterer rühmt von ihm, daß er überall die natürlichen
-Ursachen aufgesucht und vieles früher Vernachlässigte festgestellt
-habe. Trotz seiner materialistischen Weltanschauung war *Demokrit* nach
-den Zeugnissen der Alten eine edle, reichbegabte, für Wahrheit und
-Wissenschaft begeisterte Natur.
-
-Hatte *Demokrit* die von *Leukipp* (um 500. v. Chr.) herrührende
-atomistische Lehre in ein System gebracht, so ist für ihre
-Weiterverbreitung besonders *Epikur* tätig gewesen. Während des
-römischen Zeitalters wurde sie dann durch *Lucretius Carus* (um 50 v.
-Chr.) in einem »Über die Natur der Dinge« betitelten Lehrgedicht[190]
-dargestellt.
-
-Am meisten Schwierigkeiten machte es diesen als Atomisten bezeichneten
-Philosophen, die zweckmäßige Beschaffenheit der Naturerzeugnisse, die
-auch *Demokrit* nach einer Stelle des *Aristoteles* bewundert haben
-soll, ohne die Mitwirkung einer Zwecktätigkeit, sondern lediglich aus
-der Notwendigkeit zu erklären. *Aristoteles* (Physik II, 8) wirft die
-Frage auf, »ob die Natur nur infolge einer blinden Notwendigkeit oder
-nach Zwecken handle«. Falle doch auch der Regen nicht etwa, damit das
-Getreide wächst, sondern weil die aufsteigenden Dünste sich verdichten.
-Daß das Getreide dann wächst, treffe sich nur so nebenbei. »Könnte
-nicht«, fragt *Aristoteles*, »dasselbe von allen Naturerzeugnissen
-gelten und könnten beispielsweise die Vorderzähne nicht zufällig scharf
-und die Backenzähne zufällig stumpf sein. Dann wäre der Dienst, den
-sie uns leisten, eine unbeabsichtigte Folge dieses Zufalls und dem
-Zusammentreffen ähnlich, das zwischen der Verdichtung der Dämpfe und
-dem Wachsen des Getreides besteht. Diejenigen Wesen nun, bei denen sich
-alles so traf, wie wenn es zu einem Zwecke entstanden wäre, blieben
-erhalten, dagegen ging unter und geht noch fortwährend zugrunde, was
-der Zufall nicht zweckmäßig gebildet hat«. *Aristoteles* weist diese
-Einwendungen, die man, wie er sagt, machen könnte, zurück. Nach ihm
-gibt es überall einen Zweck (»ein Weswegen«) in dem, was von Natur
-geschieht. In ihr herrsche der Zweck ebenso wie in der Kunst.
-
-Wie sich die Atomisten die Welt ohne eine Zwecke setzende Tätigkeit
-entstanden dachten, ersieht man aus einigen Stellen des *Lukrez*, so
-insbesondere aus folgenden Versen[191]:
-
- »Sage mir ferner, woher ist gekommen den Göttern das Vorbild
- Der zu erzeugenden Dinge, ja selbst der Begriff nur des Menschen;
- Daß sie wußten und sahen im Geiste, was schaffen sie wollten.
- Woher erhielten sie jemals von Kräften der Urstoffe Kenntnis,
- Was durch veränderte Ordnung sie alles zu leisten vermöchten,
- Hätte Natur nicht selbst eine Probe des Schaffens gegeben?
- Denn gar viele der Urkörper pflegten seit ewigen Zeiten
- Durch ihr eignes Gewicht und durch Stöße von außen getrieben,
- Sich zu bewegen und mischen auf alle nur mögliche Weise
- Und zu versuchen, was sie für Verbindungen schaffen wohl könnten,
- Wenn sie bald so, bald anders sich zueinander gesellten.
- Ist da wohl zu verwundern, daß endlich sie nun auch in solche
- Lage gerieten und auch in solche Bewegungen kamen,
- Durch die das ganze All jetzt besteht und stets sich erneuert?«
-
-Und etwas später[192]:
-
- »Denn nicht haben Atome nach reiflich erwogenem Plane
- Jedes zur richtigen Stell' sich begeben mit rechnendem Geiste,
- Wahrlich auch nicht durch Verträge bestimmt eines jeden Bewegung.«
-
-Den Gedanken, daß die Natur oft neue Arten schaffe, die wieder
-untergehen, wenn sie sich nicht erhalten können, hat nach dem
-Wiederaufleben der Wissenschaften zuerst *Cardanus* ausgesprochen[193].
-Er tat dies in Anlehnung an die durch *Lukrez* verbreiteten Lehren
-*Demokrits* und *Epikurs*. Es ergibt sich somit ein ununterbrochener
-Zusammenhang zwischen den schon im Altertum ausgesprochenen Vorahnungen
-der Deszendenztheorie und ihrer wissenschaftlichen Gestaltung durch
-*Lamarck* und *Darwin*. Übte doch die um 1715 entstandene Schrift
-*de Maillets* einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der
-evolutionistischen Ideen aus, der sich besonders ein Jahrhundert später
-bei *Lamarck* bemerklich machte (s. i. IV. Bande). Wie *Cardanus* ist
-aber auch *de Maillet* sehr wahrscheinlich durch die aus dem Altertum
-stammenden Keime zur Aufstellung seiner Lehre veranlaßt worden[194].
-
-Mag man vom philosophischen Standpunkte aus der mechanischen
-Welterklärung Wert beilegen oder sie für überwunden halten, man wird
-immer die vorurteilsfreie und konsequente Denkweise ihrer Schöpfer
-anerkennen müssen. Besteht doch auch heute das Bestreben der Forschung
-darin, Qualität auf Quantität zurückzuführen und in der Meßbarkeit
-einer Erscheinung ihre Erklärung zu finden. »Wer weiß, daß erst durch
-diese Methode die großen Triumphe der Naturwissenschaft errungen
-wurden, wird die Größe des demokritischen Gedankens zu würdigen
-wissen. Die atomistische Theorie ist zwar ein Gewebe von Hypothesen.
-Und doch haben wir kein besseres Netz, um die Naturerscheinungen
-für unser Verständnis einzufangen«[195]. Die atomistische Lehre hat
-ein sonderbares Schicksal erlitten. Auf das Zeitalter, in dem sie
-entstanden war, hat sie nur einen geringen Einfluß ausgeübt. Erst 2000
-Jahre später wurde sie durch *Gassendi* und besonders durch *Dalton*
-wieder ins Leben gerufen. Seitdem hat sie die größte wissenschaftliche
-Bedeutung erlangt, weil die Mechanik der Atome allen Naturerscheinungen
-zugrunde gelegt wurde[196].
-
-
-Der Beginn der idealistischen Weltanschauung.
-
-Eine weitere Tat der alten Philosophie bestand in der Aufstellung
-und Durchführung des Zweckbegriffs an Stelle der von den Atomisten
-behaupteten bewußtlosen Notwendigkeit durch *Anaxagoras*. Nach allem,
-was wir von ihm wissen, war *Anaxagoras* einer der bedeutendsten
-Philosophen des Altertums. Er wurde um 500 v. Chr. in Kleinasien
-geboren und siedelte nach den Perserkriegen nach Athen über, wo er
-zu *Perikles* in freundschaftliche Beziehungen trat. *Anaxagoras*
-erblickte im Nachdenken über die Natur und das Geschehen seine Aufgabe
-und verpflanzte diese Art des Philosophierens nach Athen, das in der
-Folge zum Mittelpunkt des geistigen Lebens der Alten wurde. Seine
-Schrift über die Natur war zur Zeit des *Sokrates* sehr verbreitet. Von
-dieser Schrift sind leider nur Fragmente erhalten geblieben[197].
-
-Wie *Empedokles* geht *Anaxagoras* von der Ansicht aus, daß alles
-Geschehen ein Gemischtwerden und eine Entmischung sei, wobei sich
-die Menge des Stoffes im Weltall weder mehre noch mindere. Die
-hierzu erforderliche bewegende Kraft erblickte er in einer vom Stoff
-gesonderten, freiwaltenden, selbst unbewegten Intelligenz. Diese nach
-Zwecken handelnde Intelligenz wird aber von ihm mehr vorausgesetzt als
-nachgewiesen. Daher werfen ihm *Plato* und *Aristoteles* vor, sein
-»νοῦϛ«[198] habe ihm zur Erklärung nur als deus ex machina gedient.
-
-Aus dem Urzustande oder dem Chaos hat der »νοῦϛ« nach *Anaxagoras*
-als ordnendes, nicht als schaffendes Prinzip das Universum entstehen
-lassen. Eine Erschaffung aus dem Nichts ist eine orientalische
-Vorstellung, welche dem griechischen Geiste wenig zusagte und uns
-daher bei den griechischen Philosophen kaum begegnet. Der »νοῦϛ« und
-die Urbestandteile der Dinge sind vielmehr von Anbeginn vorhanden.
-Es ist der philosophische Keim der Lehre von der Erhaltung von Stoff
-und Kraft, der uns hier begegnet. Der »νοῦϛ« versetzte die Masse in
-eine Art Wirbelbewegung, welche das Gleichartige zusammenführte und
-das Weltall in seiner jetzigen Verfassung entstehen ließ. Die später
-von *Kant* und *Laplace* entwickelte Nebularhypothese besagt, wie
-wir sehen werden, im Grunde dasselbe. Nur daß die Neueren diese
-Vorstellungen von der alten geozentrischen Ansicht loslösten und sie
-vom Standpunkte der koppernikanischen Lehre entwickelten. Infolge der
-Wirbelbewegung trennen sich nach *Anaxagoras* Äther, Luft, Wasser und
-Erde voneinander. Vom letzteren Elemente verharren einzelne Massen
-infolge der Wirbelbewegung im Äther, der ihnen Leuchtkraft verleiht und
-sie uns als Gestirne erscheinen läßt. Für diese Ansicht sprechen nach
-*Anaxagoras* die vom Himmel fallenden Meteoriten, von denen er den 423
-v. Chr. in Aegospotamoi (Thrazien) gefallenen erwähnt. Er meint, dieses
-Eisenstück, das bei Tageslicht auf die Erde herabgefallen sei[199],
-stamme von der Sonne, und mache es wahrscheinlich, daß letztere aus
-glühendem Eisen bestehe. Auch der Mond sei ein Weltkörper wie unsere
-Erde und besitze Berge und Täler, eine Vorahnung, deren Richtigkeit
-erst 2000 Jahre später durch Galilei erwiesen werden konnte[200].
-*Anaxagoras* teilte das Schicksal vieler aufgeklärten Geister. Er wurde
-im hohen Alter als Gottesleugner ins Gefängnis geworfen und nur auf die
-Verwendung des *Perikles* hin wieder in Freiheit gesetzt. Die Anklage
-stützte sich besonders darauf, daß *Anaxagoras* die Sonne für einen
-glühenden Meteorstein erklärt hatte. Ihm, wie später dem *Sokrates* und
-*Aristoteles*, hat das atheniensische Volk mit Undank gelohnt.
-
-Erwies sich auch der auf *Anaxagoras* zurückzuführende Begriff der
-Zweckmäßigkeit, der in den platonischen Ideen seine Fortbildung
-fand, während der späteren Entwicklungsstufen der Wissenschaft als
-unzureichend, so war er doch für die Naturforschung des Altertums von
-Bedeutung und bei dem Aufbau des das Wissen jener Zeit umfassenden,
-aristotelischen Lehrgebäudes das eigentlich Treibende.
-
-Hinderlich wurde die alte Philosophie der Wissenschaft zuweilen
-dadurch, daß sie sich mehr dichterisch schaffend als kritisch forschend
-verhielt. Man war zu leicht geneigt, das Wort für das Ding und den
-Begriff für das eigentliche Wesen des Dinges zu nehmen. »Durch die
-Wörter«, sagt daher *Lange* in seiner Geschichte des Materialismus[201]
-mit Recht, »ließen *Sokrates*, *Plato* und *Aristoteles* sich
-täuschen. Wo ein Wort war, wurde ein Wesen vorausgesetzt. Gerechtigkeit
-z. B. mußte doch etwas bedeuten. Es mußte also Wesen geben, welche den
-Ausdrücken entsprechen.«
-
-In *Platon* (427-347) erreichte die griechische Philosophie ihren
-Höhepunkt. Sein System gipfelt darin, daß er die Idee als die Ursache
-und den Zweck des Geschehens betrachtet und auf diese Weise das
-Geistige und die Körperwelt aus einem Prinzip ableitet. Obgleich
-*Platon* wenig Eigenes auf dem Gebiete der Mathematik geschaffen hat
-und seine Neigung zu den Naturwissenschaften nur gering war, hat er
-dennoch diese beiden Wissensgebiete in nicht geringem Maße befruchtet.
-Groß war vor allen Dingen der persönliche Einfluß, den er als Gründer
-der atheniensischen Akademie auf seine Schüler ausübte. Zu ihnen
-zählten *Aristoteles*, *Eudoxos* und *Herakleides Pontikos*. *Platon*
-selbst wurde besonders durch die Pythagoreer angeregt, mit deren Lehren
-er in Großgriechenland bekannt geworden war. Auch in Ägypten ist
-*Platon* gewesen.
-
-Seine Ansichten über die Natur entwickelt *Platon* in demjenigen seiner
-Dialoge, der den Titel »Timäos« führt. Diese Schrift ist in besonders
-hohem Grade durch mythische und pythagoreische Lehren beeinflußt.
-Nach *Platon* besteht die Welt nicht seit Ewigkeit, wie der fast
-gleichzeitig lebende *Demokrit* lehrte, sondern sie hat einen Beginn
-und einen Schöpfer. Ewig sind nur die Ideen, welche der Schöpfer,
-das ist das bewegende Prinzip, mit dem zunächst ungeformten Urgrund
-der materiellen Welt (etwa dem Chaos zu vergleichen) verbindet.
-Das Ergebnis ist nicht eine Unendlichkeit von Welten, sondern nur
-eine Welt, der die vollkommenste Gestalt, das ist die Kugelform,
-zukommt. Auch in den Einzelheiten weicht die platonische Auffassung
-in solchem Maße von der mechanischen ab, daß sie nicht die Grundlage
-der nach einer Erklärung aus mechanischen Prinzipien suchenden
-Naturwissenschaften werden konnte.
-
-
-Die Begründung der griechischen Mathematik.
-
-In gleichem Maße, wie die ersten philosophischen Bestrebungen anregend
-auf die Forschung gewirkt haben, war dies auch hinsichtlich der
-Mathematik der Fall. Zur vollen Erkenntnis der Wahrheit, daß nur durch
-die Vereinigung des mathematischen Verfahrens mit der experimentellen
-Forschungsweise Aussicht auf eine Lösung der naturwissenschaftlichen
-Probleme vorhanden ist, sollte jedoch erst die neuere Zeit gelangen. Es
-ist ein wesentlicher Mangel der Alten, welche die Mathematik wohl zu
-handhaben wußten, daß sie sich nicht in gleichem Maße für die Ausübung
-des Experiments befähigt zeigten. Mannigfache Gründe sind hierfür
-ins Feld geführt worden. Einer der wichtigsten bestand wohl in dem
-Überschätzen der reinen Geistestätigkeit gegenüber jeder Beschäftigung
-mit materiellen Dingen. Auch der Umstand, daß die Ausübung gewerblichen
-Schaffens eines freien Mannes unwürdig galt und in die Hand der Sklaven
-gelegt wurde, war dem Entstehen der experimentellen Forschungsweise in
-hohem Grade hinderlich[202].
-
-Wenn wir die Entwicklung der Mathematik, die hier gleich den
-Ergebnissen der Philosophie nur soweit in Betracht kommt, wie sie die
-Naturwissenschaften beeinflußt hat, nach ihren ersten, an ägyptische
-und babylonische Elemente anknüpfenden Schritten weiter verfolgen,
-so richtet sich unser Blick von Ionien nach einem anderen Hauptsitz
-hellenischer Bildung, nämlich nach Großgriechenland. Hatte man den
-Wert der mathematischen Betrachtungsweise in Ionien überhaupt erst
-schätzen gelernt, so finden wir dort, bei *Pythagoras* und seinen
-Anhängern eine beträchtliche Überschätzung derselben. Wichtig ist vor
-allem, daß auch im übrigen Griechenland Männer auftraten, die in der
-denkenden Betrachtung der Welt ihre Lebensaufgabe erblickten. Als
-einer der ersten wird uns *Pythagoras* genannt. Da indes von seinem
-Leben fast nichts verlautet und auch keine von ihm herrührende Schrift
-auf uns gekommen ist, so tritt uns in *Pythagoras* wie in *Thales*
-eine sagenumwobene Gestalt entgegen. Ersterer galt lange als der
-eigentliche Begründer der griechischen Mathematik, während für *Thales*
-und *Anaximander* die Mathematik als Hilfswissenschaft zur Lösung
-astronomischer Aufgaben in Betracht kam. Heute ist das Urteil über die
-Bedeutung des *Pythagoras* wesentlich eingeschränkt worden (s. S. 80).
-
-*Pythagoras* wurde um 550 v. Chr. in Samos geboren. Über die Gründung
-seiner Schule gehen die Nachrichten sehr auseinander. Es läßt sich
-annehmen, daß er sich vorher gleich *Thales* in Ägypten, vielleicht
-auch in Babylon[203] aufgehalten hat. Auch in diesem Falle würde es
-sich also um eine Verpflanzung orientalischer Wissenschaft auf den,
-ihrer weiteren Entwicklung besonders günstigen Boden Griechenlands
-gehandelt haben.
-
-*Pythagoras* und seine Schüler gingen, mehr ahnend als in wirklicher
-Erkenntnis, von der Voraussetzung aus, daß eine durch Maß und Zahl
-bestimmte Gesetzmäßigkeit alles natürliche Geschehen beherrsche. In
-einseitiger Übertreibung dieses Gedankens erblickten sie dann in den
-Zahlen den ursächlichen Grund der Erscheinungswelt. »Den Pythagoreern,«
-sagt *Aristoteles*, »ward die Mathematik zur Philosophie.« Es handelte
-sich indessen bei ihnen mehr um bloße Zahlenmystik, als um die Pflege
-und Förderung exakter Wissenschaft. So bezogen sie die Sechs auf
-Belebung, die Sieben auf Gesundheit, die Acht auf Freundschaft usw.
-Diese Zahlenmystik der Pythagoreer ist zum Teil wohl auf akustische
-Versuche und das Nachdenken über das Wesen der Harmonie zurückzuführen.
-Man hatte bemerkt, daß der Ton einer Saite von bestimmter Spannung
-in die Oktave übergeht, wenn man die Länge der Saite auf die Hälfte
-herabsetzt, oder daß gleich gespannte und gleich dicke Saiten
-konsonierende Töne geben, wenn sich ihre Längen wie 1 : 2, 2 : 3,
-3 : 4, 4 : 5 verhalten. Den Grund dieser Erscheinung suchten die
-Pythagoreer nun in dem geheimnisvollen Wesen der Zahlen. Auch darin
-kam die Vorstellung von der Bedeutung der Harmonie zum Ausdruck, daß
-die von der pythagoreischen Schule beeinflußte Medizin Gesundheit als
-die Symmetrie gewisser Qualitäten wie Warm, Kalt, Trocken, Feucht usw.
-betrachtete, während Krankheit in der Störung dieser Symmetrie bestehen
-sollte[204].
-
-Auf die Pythagoreer werden zurückgeführt -- wobei sich indes nicht
-unterscheiden läßt, was selbst gefunden und was an fremden Elementen
-aufgenommen wurde -- die Sätze über die Winkelsumme im Dreieck, über
-die Kongruenz der Dreiecke, der sogenannte pythagoreische Lehrsatz,
-sowie die Kenntnis des goldenen Schnitts; ferner die ersten Kenntnisse
-der Stereometrie, insbesondere der fünf regelmäßigen Polyeder und der
-Kugel.
-
-Zeugnisse für geometrische Entdeckungen des *Pythagoras* enthält die
-Literatur des Altertums an etwa zwölf Stellen. Bei der Beurteilung der
-Zuverlässigkeit dieser Zeugnisse ist indessen zu berücksichtigen, daß
-die ältesten Angaben 500 Jahre, die Hauptquelle (*Proklos*) sogar 1000
-Jahre nach *Pythagoras* niedergeschrieben wurden[205]. *Proklos*, der
-sich auf die beiden verloren gegangenen Schriften des *Eudemos*, des
-ältesten Geschichtsschreibers der griechischen Mathematik[206], stützt,
-hat *Pythagoras* nicht für den Entdecker des Begriffes der irrationalen
-Größen gehalten und ihm weder die Konstruktion der regulären Körper
-noch die Entdeckung des pythagoreischen Lehrsatzes zugeschrieben.
-Auch *Zeller*, der Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie,
-ist schon der althergebrachten Ansicht entgegengetreten, nach welcher
-*Pythagoras* selbst als Mathematiker Hervorragendes geleistet haben
-soll. Das Ergebnis aller neueren Nachforschungen besteht darin,
-daß sich eine bestimmte Leistung auf dem Gebiete der Mathematik
-*Pythagoras* mit Sicherheit überhaupt nicht zuweisen läßt.
-
-Die den Griechen im allgemeinen nachgerühmte Strenge der Beweisführung
-war bei den Pythagoreern noch wenig entwickelt. Sie verfuhren häufig
-noch induktiv und wußten das Allgemeine von den Einzelfällen noch
-nicht recht zu trennen. Immerhin kommt ihnen das Verdienst zu, daß
-sie die Mathematik von den Bedürfnissen des Lebens gesondert und sie
-als reine Wissenschaft aufgefaßt haben[207]. Vor allem wurde die
-Lehre vom Dreieck durch *Pythagoras* und seine Schule so vollständig
-entwickelt, daß *Euklid*, als er die mathematischen Kenntnisse der
-Griechen in seinen »Elementen« zusammenstellte, nur wenig hinzuzufügen
-brauchte. Daß die Winkel des Dreiecks zusammen zwei Rechte betragen,
-bewiesen die Pythagoreer, indem sie durch eine Ecke eine Parallele
-zur Gegenseite zogen[208]. Auf den nach *Pythagoras* benannten Satz
-wurde man wahrscheinlich dadurch geführt, daß man die aus Ägypten
-oder Babylon zu den Griechen gedrungene Erkenntnis, ein Dreieck sei
-rechtwinklig, wenn sich seine Seiten wie 3 : 4 : 5 verhalten, mit
-dem arithmetischen Satze, daß 3^2 + 4^2 gleich 5^2 ist, zu verbinden
-wußte; wie denn überhaupt die Stärke der späteren Pythagoreer in
-der Anwendung der Zahlenlehre auf die Geometrie bestand. Auch den
-Satz, daß die drei Winkelhalbierenden eines Dreiecks sich in einem
-Punkte schneiden, haben die Pythagoreer gekannt und zur Auffindung
-des dem Dreieck eingeschriebenen Kreises verwertet[209]. Eingehend
-haben sie sich ferner mit den regelmäßigen Polygonen und mit den fünf
-regelmäßigen Polyedern beschäftigt. Von letzteren waren der Würfel,
-das Tetraëder und das Oktaëder schon Gegenstand der orientalischen
-Mathematik gewesen. Das Ikosaëder und das Dodekaëder dagegen hat erst
-die pythagoreische Schule konstruiert. Alle fünf Körper legten die
-Pythagoreer ihren mystischen Welterklärungsversuchen zugrunde. Die Welt
-sollte die Form des Dodekaëders besitzen, die vier übrigen regulären
-Körper dagegen für die Teilchen der vier Grundstoffe, Feuer, Erde,
-Luft und Wasser, formbestimmend sein[210]. Zu der Erkenntnis, daß
-es nur fünf reguläre Polyeder gibt, d. h. Körper, die von gleichen,
-gleichseitigen und gleichwinkligen Ebenen begrenzt sind, gelangte erst
-*Euklid*.
-
-Wie für die Geometrie, so wurde damals auch in der Arithmetik eine
-Grundlage geschaffen, welche den raschen Aufschwung ermöglichte,
-den die Mathematik bald darauf in Griechenland erfuhr. Die
-Pythagoreer schufen die Begriffe der Prim- und der relativen Prim-
-oder teilerfremden Zahlen. Aus dem Orient übernahmen sie dann die
-Begriffe Quadrat- und Kubikzahl, mit denen die Babylonier schon im 3.
-Jahrtausend v. Chr. vertraut waren. Auch die Lehre von den Proportionen
-wurde von den Pythagoreern gepflegt, da die Proportionen sich für
-manche Aufgaben, die man heute durch Gleichungen löst, als besonders
-geeignet erwiesen. Neben der arithmetischen (a - b = c - d) und der
-geometrischen (a : b = c : d) erregten auch die durch Gleichsetzung der
-inneren Glieder sich ergebenden stetigen Proportionen (a - b = b - c
-und a : b = b : c) die Aufmerksamkeit der pythagoreischen Schule.
-
-Auf den Begriff des Irrationalen wurden die Pythagoreer geführt, indem
-sie erkannten, daß die Diagonale und die Seite eines Quadrates kein
-gemeinschaftliches Maß besitzen. Die systematische Darstellung der
-Lehre von der Irrationalität erfolgte durch *Euklid*. Er dehnt sie auf
-mehrfache Quadratwurzeln aus, behandelt aber nur solche Ausdrücke, die
-sich mit Zirkel und Lineal konstruieren lassen[211].
-
-Einige Jahrhunderte unausgesetzter Pflege der mathematischen
-Wissenschaften, mit denen sich auch die hervorragendsten unter den
-Philosophen, wie *Platon* und *Aristoteles*, beschäftigten, genügte
-dann, um in den Werken des *Apollonios* und des *Archimedes* Leistungen
-allerersten Ranges heranreifen zu lassen. Besonders in der Hand des
-letzteren wurde die Mathematik zu einem Werkzeug, mit dem schon die
-Bewältigung mancher physikalischen Aufgabe gelang.
-
-In der Geschichte der griechischen Mathematik nimmt der um 440 wirkende
-*Hippokrates* von Chios eine vermittelnde Stellung zwischen der älteren
-Schule der Pythagoreer und den Mathematikern des 4. Jahrhunderts v.
-Chr. ein. *Hippokrates* begründete eine strengere Beweisführung.
-Auch war er der erste, der ein mathematisches Lehrgebäude
-veröffentlichte[212]. Am bekanntesten ist sein Satz von den Möndchen
-(Lunulae Hippokratis). Er lautet: Gegeben sei ein dem Halbkreise
-eingeschriebenes, gleichschenkliges, rechtwinkliges Dreieck. Errichtet
-man dann Halbkreise über den Katheten, so sind a und a_{'} (die
-Lunulae) den Stücken b und b_{'} flächengleich (Abb. 12). *Hippokrates*
-hat ferner bewiesen, daß sich die Kreisflächen wie die Quadrate der
-zugehörigen Durchmesser verhalten. Auf ihn ist wahrscheinlich auch die
-Exhaustionsmethode zurückzuführen, die uns im Verfolg der weiteren
-Entwicklung der griechischen Mathematik noch wiederholt beschäftigen
-wird.
-
-[Illustration: Abb. 12. Der Satz des Hippokrates.]
-
-Der Satz über die Lunulae ist deshalb von besonderem Interesse,
-weil er der erste gelungene Versuch ist, eine krummlinige Figur zu
-quadrieren. *Hippokrates*[213] glaubte sogar, durch seinen Satz der
-Quadratur des Kreises einen Schritt näher gekommen zu sein. Seine
-auf die Lösung dieses Problems hinzielenden Versuche mußten indessen
-schon deshalb ergebnislos bleiben, weil, wie die neuere Mathematik
-bewiesen hat, die wahre Quadratur des Kreises nicht möglich ist. Des
-*Hippokrates* Satz über die Lunulae war eine wichtige Verallgemeinerung
-des pythagoreischen Lehrsatzes. Letzterer beschränkte sich auf
-Quadrate. Das Hinzukommen des neuen Satzes ließ schon die Erkenntnis
-durchschimmern, daß, ganz allgemein, ähnliche Figuren über den Katheten
-zusammen einer ähnlichen Figur über der Hypotenuse flächengleich sind.
-
-Für die alte Mathematik besaßen drei Probleme eine treibende Kraft,
-wie wir sie für die Chemie in dem Problem der Metallverwandlung
-kennen lernen werden. Es waren dies die Quadratur des Kreises, die
-Verdopplung des Würfels oder das delische Problem und die Dreiteilung
-eines beliebigen Winkels. Alle drei Aufgaben waren so naheliegend
-und schienen so einfach zu sein. Und doch haben sie, soweit sie
-überhaupt lösbar sind, den größten Mathematikern kaum überwindbare
-Schwierigkeiten bereitet.
-
-Mit den Versuchen, die Quadratur des Kreises zu finden, beginnt die
-griechische Mathematik im 5. Jahrhundert v. Chr. reine Wissenschaft
-zu werden. Das Problem beschäftigt schon den *Anaxagoras*. Es führt
-bereits um jene Zeit[214] zum Exhaustionsverfahren, das *Archimedes*
-weiter entwickelte und das als Vorstufe zur Integrationsmethode der
-neueren Mathematik betrachtet werden kann. Da eine vollkommene Lösung
-der Quadratur nicht gefunden werden konnte, so begnügte man sich
-bei der Exhaustionsmethode mit einer angenäherten Bestimmung. Man
-zeichnete in den Kreis zunächst ein Quadrat. Über den Seiten dieser
-Figur errichtete man die Seiten des dem Kreise eingeschriebenen
-Achtecks, darüber das eingeschriebene Sechszehneck und so fort, bis
-das schließlich erhaltene Vieleck von dem Kreise kaum noch abwich.
-Dieses Vieleck wurde dann nach den bekannten Verfahrungsweisen
-der Elementarmathematik so oft in ein flächengleiches Vieleck von
-geringerer Seitenzahl umgeformt, bis man schließlich das dem Kreise
-annähernd flächengleiche Quadrat gefunden hatte. Ein derartiges
-konstruktives Verfahren war sehr umständlich und um so fehlerhafter,
-je größer die Zahl der vorgenommenen Konstruktionen war, da ja jede
-einzelne von dem wahren Werte mehr oder weniger abwich.
-
-Gleichfalls im 5. Jahrh. v. Chr. tauchte das delische Problem auf.
-Seinen Namen soll es daher erhalten haben, daß den Deliern durch
-ein Orakel befohlen wurde, einem würfelförmigen Altar den doppelten
-räumlichen Inhalt zu geben. Das Problem, mit dem sich alle bedeutenden
-griechischen Mathematiker, unter ihnen auch *Hippokrates* von Chios
-und *Platon* beschäftigt haben, führte zunächst zum Begriff der
-Kubikwurzel. Ist nämlich die Kante des gegebenen Würfels a, diejenige
-des gesuchten x, so ist x^3 = 2a^3 und x = a∛2. Auf diesen Ausdruck kam
-schon *Hippokrates*. Während aber für die Quadratwurzeln geometrische
-Konstruktionen gefunden werden konnten, versagte dieser Weg zunächst
-bei der Kubikwurzel[215]. Die Gleichung x = a∛2 bedeutet, daß die
-gesuchte Seite des doppelten Würfels die erste (x) von zwei mittleren
-Proportionalen (x und y) ist, die man in Form einer laufenden
-Proportion zwischen die einfache (a) und die doppelte Seite (2a) des
-gegebenen Würfels einschaltet. Ist nämlich
-
- a : x = x : y = y : 2a, so ist
- (1) a : x = x : y und
- (2) x : y = y : 2a.
-
-Setzen wir den aus (2) ermittelten Wert für y, nämlich y = √(2ax) in
-Gleichung (1) ein, so erhalten wir a : x = x : √(2ax), daraus folgt:
-
- x^2 = a√(2ax)
- x^4 = a^2 · 2ax
- x^3 = 2a^3
- x = a∛2.
-
-Die Aufgabe war also gelöst, wenn es gelang den Wert x, ausgehend von
-der laufenden Proportion a : x = x : y = y : 2a, zu konstruieren.
-Geometrisch ist diese Proportion durch beistehende Figur (Abb. 13)
-ausgedrückt: ABCD ist ein Rechteck. ACD und CDE sind rechtwinklige
-Dreiecke. Für die in der Figur mit a, b, x, y bezeichneten Stücke
-gelten dann nach einem bekannten Satz über die Proportionalität
-rechtwinkliger Dreiecke die Verhältnisse a : x = x : y und x : y = y :
-b[216].
-
-Spätere Mathematiker, unter denen vor allen *Platons* Schüler
-*Menächmos* (etwa 350 v. Chr.) zu nennen ist, gelangten durch die
-Beschäftigung mit dem delischen Problem über die Geometrie der Geraden
-und des Kreises hinaus zu den für die Astronomie und die Mechanik so
-überaus wichtigen, als Parabel, Ellipse und Hyperbel bezeichneten
-Kurven.
-
-Ausgehend von der schon *Hippokrates* geläufigen Proportion a : x = x :
-y = y : b, in welcher b für den besonderen Fall der Würfelverdoppelung
-gleich 2a ist, erkannte *Menächmos*, daß die aus jener Proportion
-folgenden Ausdrücke x^2 = ay und y^2 = bx zu einer neuen Kurve führen.
-Beide Ausdrücke sind nämlich in der Form gleich und enthalten daher
-auch die gleiche Forderung. Ins Geometrische übersetzt bedeuten sie
-nämlich, an eine Gerade ein Rechteck (ay) so anzutragen (παραβύλλειν),
-daß der Inhalt einem Quadrate (x^2) gleich ist.
-
-[Illustration: Abb. 13. Konstruktion zur Lösung des delischen Problems.]
-
-*Menächmos* erkannte, daß der geometrische Ort für die Schnittpunkte
-aller, dieser Bedingung genügenden Rechtecke eine vom Kreise
-abweichende krumme Linie bildet, die später wegen des Antragens
-(παραβολή) des Rechteckes an die Gerade den Namen Parabel erhielt. Er
-zeigte weiter, daß sich der für die Würfelverdoppelung gesuchte Wert x
-als Schnittpunkt einer Parabel mit einer Hyperbel oder als Schnittpunkt
-zweier Parabeln ermitteln läßt. Doch würde ein weiteres Eingehen auf
-diese Konstruktionen hier zu weit führen. Jedenfalls steht fest, daß
-*Menächmos* mit einer punktweisen Konstruktion beider Kurven und mit
-ihren Grundeigenschaften, ja sogar mit den Asymptoten der Hyperbel
-bekannt war[217]. Die Beziehung der von ihm untersuchten Kurven zur
-Kegeloberfläche hat *Menächmos* wahrscheinlich noch nicht erkannt,
-jedenfalls gelangte er zu diesen Kurven, indem er sich bemühte, für
-einen arithmetischen Ausdruck den zugehörigen geometrischen Ort zu
-bestimmen[218].
-
-Auch die Aufgabe, einen Winkel in drei gleiche Winkel zu zerlegen,
-führte, wie das delische Problem, auf kubische Gleichungen und höhere
-Kurven. So gelang es um 400 v. Chr.[219] die Dreiteilung des Winkels
-mit Hilfe der Quadratrix genannten Kurve auszuführen[220].
-
-Die Beschäftigung mit dem delischen Problem und den Kegelschnitten
-führte im Verlauf der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. auch
-zu einem tieferen Eindringen in die Wahrheiten der Stereometrie.
-Vor allem sehen wir *Platon* und seine Schüler auf diesem Gebiete
-tätig. Auf den unbefriedigenden Zustand dieser Wissenschaft wies er
-mit folgenden Worten hin: »Hinsichtlich der Messungen von allem,
-was Länge, Breite und Höhe hat, legen die Griechen eine in allen
-Menschen von Natur vorhandene, aber ebenso lächerliche wie schmähliche
-Unwissenheit an den Tag«. *Platon* gebührt aber auch das allgemeinere
-Verdienst, die mathematische Methode dadurch verbessert zu haben,
-daß er jeden Satz auf Vordersätze zurückführte, bis er endlich zu
-Axiomen und Definitionen als den, weitere Voraussetzungen entbehrenden
-Grundlagen der Mathematik gelangte. Auch die Erfindung des indirekten
-Beweisverfahrens wird *Platon* zugeschrieben[221].
-
-Unter den stereometrischen Sätzen, welche die platonische Schule
-auffand, verdienen besonders zwei hervorgehoben zu werden. Es ist
-das der Satz von der Raumgleichheit der Pyramide mit dem dritten
-Teile des Prismas von gleicher Grundfläche und gleicher Höhe. Ferner
-erkannte man, daß Kugeln sich in bezug auf den Rauminhalt wie die
-dritten Potenzen ihrer Durchmesser verhalten[222]. Um jene Zeit
-scheint auch die Entdeckung stattgefunden zu haben, daß Ellipse,
-Parabel und Hyperbel wie der Kreis als Kurven auf der Kegeloberfläche
-(Kegelschnitte) entstehen, wenn man Ebenen in verschiedener Neigung zur
-Kegelachse durch den Kegel legt[223].
-
-
-Die Anfänge der griechischen Astronomie[224].
-
-Nicht so erfolgreich wie auf den Gebieten der Philosophie und der
-Mathematik sind die Griechen während dieser Periode in der Astronomie
-gewesen. Die Anfänge dieser Wissenschaft verdankten sie den Sternwarten
-Mesopotamiens, so die Kenntnis der Ekliptik, der Tierkreiszeichen, der
-Planetenreihe usw. Auch das Duodezimal- sowie das Sexagesimalsystem und
-die auf diesen Systemen beruhenden Maße gelangten über die ionischen
-Städte, welche dem babylonischen Einfluß weit geöffnet waren, nach
-Griechenland[225]. Große Schwierigkeiten bereitete den Griechen
-ihre Zeitrechnung, der sie anfangs die Bewegung des Mondes zugrunde
-legten. Man sah dieses Gestirn in rascher Folge einen Wechsel von
-Lichtgestalten durchlaufen und gelangte dadurch zur Aufstellung des
-synodischen Monats, dessen Dauer 29 Tage 12 Stunden und 44 Minuten
-beträgt. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der erste Versuch, die
-Rechnung nach Mond und Sonne zu regeln, zur Festsetzung eines Zeitraums
-von 12 Monaten zu 30 Tagen führte. Ein solcher Kalender konnte den
-Bedürfnissen jedoch nicht lange genügen, da er dem tatsächlichen
-Verlauf der himmlischen Bewegungen zu wenig entsprach. Der nächste
-Schritt bestand deshalb darin, daß man den Monat abwechselnd zu 29
-und 30 Tagen rechnete. Dadurch wurde das Jahr aber auf 354 Tage
-verkürzt. Mit diesem Zeitabschnitt rechneten die Griechen, bis *Solon*
-den bedeutenden Ausfall, den man erlitten, dadurch ausglich, daß er
-jedem zweiten Jahre einen vollen Monat von 30 Tagen zulegte. Auf das
-Jahr kamen also im Mittel (2 · 354 + 30)/2 = 369 Tage, was noch immer
-eine starke Abweichung von der wirklichen Dauer bedeutete. Einer der
-ersten, der sich (um 460 v. Chr.) bemühte, die Kalenderrechnung durch
-einen besseren Ausgleich zwischen dem Mondumlauf und dem Sonnenjahr
-zu regeln, war der Astronom *Oenopides* auf Chios, zu dessen Schülern
-wahrscheinlich *Hippokrates* von Chios zählte. *Oenopides* setzte 730
-Mond-Monate 59 Sonnen-Jahren gleich und kam so zu einer Jahreslänge von
-365,373 Tagen. Er soll auch viel zur Übermittlung der ägyptischen und
-babylonischen Astronomie beigetragen und den aus gleichen Abschnitten
-bestehenden Tierkreis in Griechenland eingeführt haben. Auch dadurch
-hat er sich einen Namen gemacht, daß er die regelmäßig wiederkehrenden
-Nilschwellen auf kosmische Ursachen zurückführte.
-
-Die Verwirrung, in welche der Kalender der Griechen geraten war, hat
-ihr großer Lustspieldichter *Aristophanes*[226] dadurch verspottet, daß
-er den Mond über einen solch unhaltbaren Zustand sich beklagen läßt.
-Erst dem atheniensischen Mathematiker *Meton* gelang 433 v. Chr. die
-endgültige Beseitigung dieses Wirrsals. Er führte einen Zyklus ein, der
-19 Jahre und innerhalb dieses Zeitraums 125 »volle« und 110 »leere«
-Monate umfaßte, so daß das Jahr (125 · 30 + 110 · 29)/19 = 365,263 Tage
-enthielt, während der wahre Wert des Sonnenjahres sich auf 365,242 Tage
-beläuft[227].
-
-Die Einteilung nach Stunden, für die sich bei *Herodot* noch keine
-besondere Bezeichnung findet, scheint erst gegen das Ende des 4.
-vorchristlichen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein. Vorher
-begnügte man sich damit, daß man aus der Schattenlänge des eigenen
-Körpers oder eines senkrechten Sonnenzeigers auf das Vorrücken der
-Tageszeit schloß[228].
-
-Zu einer annähernden Bestimmung des Sonnenjahres mußte man gelangen,
-sobald man zur genaueren Messung der Schattenlänge mit Hilfe des
-Gnomons überging. Man erkannte, daß die Mittagshöhen und damit die
-Tageslängen und die Jahreszeiten innerhalb einer Periode von 365-1/4
-Tagen wiederkehren. Zu dieser Erkenntnis kam die Beobachtung, daß
-innerhalb derselben Periode gewisse Fixsterne nacheinander in der Nähe
-der auf- oder untergehenden Sonne gesehen werden. Daraus schloß man,
-daß die stete Änderung in der Kulmination der Sonne daher rühre, daß
-dieses Gestirn im Laufe eines Jahres einen zum Himmelsäquator geneigten
-Kreis beschreibt. Um die Neigung dieses, als Ekliptik[229] bezeichneten
-Kreises zu bestimmen, war es erforderlich, die größte und die geringste
-Mittagshöhe an einem Orte zu messen und das Mittel aus der Differenz
-dieser Höhen zu nehmen. Der erste Grieche, der die Schiefe der Ekliptik
-auf diesem Wege bestimmte, soll *Anaximander* gewesen sein[230]. Indes
-begegnen wir weit früheren Angaben. So fanden chinesische Astronomen
-schon um 1100 v. Chr. für die Schiefe der Ekliptik ziemlich richtig den
-Wert von 23° 52'.
-
-Hinsichtlich der Beschaffenheit des Mondes gelangte man schon
-frühzeitig zu der Vorstellung, daß es sich um eine freischwebende, von
-der Sonne beleuchtete Kugel handele. Seine Flecken wurden von einigen
-als Unebenheiten, von anderen (wie *Aristoteles*) als Spiegelbilder
-unserer Erdteile und Meere aufgefaßt. Schon *Anaxagoras* hat sich
-die Frage vorgelegt, weshalb ein, der Erde so naher und vermutlich
-um vieles kleinerer Himmelskörper nicht zur Erde herunterfalle. Er
-trifft auch so ziemlich das Richtige, wenn er die Mondbewegung mit der
-Bewegung in einer Schleuder vergleicht, durch deren raschen Umschwung
-die Neigung zu fallen gleichfalls aufgehoben werde.
-
-Während die Entdeckung der größeren Planeten aus der Veränderung ihrer
-Stellung zu den Fixsternen auf den ersten Blick erfolgen mußte, setzte
-die Auffindung des Merkur, der sich im Mittel nur um 23 Grade von
-der Sonne entfernt und daher in höheren Breiten nur in der Dämmerung
-mit guten Augen wahrzunehmen ist, schon eine größere Aufmerksamkeit
-voraus. Auch der Saturn wird wegen seines langsamen Fortrückens
-erst verhältnismäßig spät als Wandelstern erkannt worden sein. Eine
-systematisch geordnete Reihe von Beobachtungen gehörte dazu, die Zeiten
-festzustellen, innerhalb deren die Planeten in ihre frühere Stellung
-zurückkehren. So gelangte man zu der Erkenntnis, daß Jupiter in 12,
-Saturn dagegen erst in 30 Jahren ihren Weg am Fixsternhimmel vollenden.
-
-Größere Schwierigkeiten boten der Mars und die innerhalb der Erdbahn
-befindlichen Planeten Merkur und Venus dar. Da letztere beiden
-jedoch stets in der Nähe der Sonne erscheinen, so mußten sie der
-geozentrischen Vorstellung gemäß etwa dieselbe Umlaufszeit besitzen.
-Als Grund dieser sämtlichen Unterschiede nahm man einen verschieden
-großen Abstand der Himmelskörper von der im Mittelpunkte ruhend
-gedachten Erde an. Saturn, dessen Umlauf die längste Zeit erfordert,
-mußte dementsprechend auch am weitesten von der Erde entfernt sein,
-während der Mond, der zwölfmal in einem Jahre seinen Umlauf vollendet,
-als der dem Mittelpunkte am nächsten befindliche Himmelskörper galt.
-Man gelangte daher zu dieser Reihenfolge: Mond, Sonne, Merkur, Venus,
-Mars, Jupiter, Saturn.
-
-Die Pythagoreer legten sich zuerst die Frage nach dem Verhältnis
-der Abstände der Planeten vor. Sie bewegten sich hierbei jedoch auf
-dem Gebiet der bloßen Zahlenmystik. Da sie bei ihren akustischen
-Untersuchungen auf einfache Beziehungen zwischen den Längen harmonisch
-tönender Saiten gestoßen waren, hielten sie sich für berechtigt, auch
-am Himmel solche einfachen Verhältnisse ohne weiteres anzunehmen.
-So nahm später *Platon* an, daß sich Mond, Sonne, Venus, Merkur,
-Mars, Jupiter, Saturn in Abständen von der Erde befänden, die sich
-wie 1 : 2 : 3 : 4 : 8 : 9 : 27 verhielten[231]. Durch das Obwalten
-solcher Beziehungen sollte dann, ähnlich wie im Reiche der Töne, eine
-Konsonanz entstehen. Man dachte sich nämlich, jeder Planet rufe als
-ein in rascher Bewegung befindlicher Körper einen Ton hervor, und dies
-verursache die Harmonie der Sphären. Über die Entfernung der Fixsterne,
-welche der äußersten der acht konzentrischen Sphären angehören sollten,
-läßt *Platon* nichts verlauten.
-
-Derartige Spekulationen, so überflüssig sie auch nach der Entdeckung
-der tatsächlich obwaltenden Verhältnisse erscheinen mögen, sind für die
-Entwicklung der astronomischen Wissenschaft durchaus nicht ohne Belang
-gewesen. Sie waren es, die zu Versuchen anregten, die Richtigkeit der
-angenommenen Werte zu prüfen. Und wir werden sehen, auf welche Weise
-man in der nächstfolgenden, schon der Messung zugewandten Periode der
-griechischen Astronomie, der Lösung dieser Aufgabe näher kam. Zu
-allen Zeiten hat der Weg der Forschung darin bestanden, daß auf einer
-gewissen Stufe der Erkenntnis Hypothesen ersonnen wurden, an welche
-sich die weiteren Versuche behufs einer Prüfung anschlossen. Auch als
-später *Kepler* das Problem, das wir jetzt verlassen, wieder aufnahm,
-trat er mit der vorgefaßten Meinung an dasselbe heran, die Planeten
-müßten, wie so manches in der Natur, nach einfachen Verhältnissen
-geordnet sein. So ist das von den Pythagoreern aufgeworfene Problem
-bis in die neueste Zeit eine der fundamentalen Aufgaben geblieben,
-welche die Astronomie mit immer größerer Genauigkeit zu bewältigen
-strebt. Hatten die Chaldäer und die Ägypter die Himmelserscheinungen
-in Jahrhunderte umfassenden Beobachtungsreihen nur aufgezeichnet und
-dadurch das wertvollste, den Griechen zu Gebote stehende Material
-für eine weitere Entwicklung der Astronomie geschaffen, so ging das
-jüngere, der Ergründung der Ursachen mit regem Geiste zustrebende Volk
-zuerst zu einer *Erklärung* dieser Erscheinungen über. Einen besonderen
-Anreiz bot diese Aufgabe den Schülern *Platons*, der in seinem Timäos
-die Frage nach der Entstehung und der Anordnung des Weltgebäudes
-aufgeworfen hatte. Mehr aus philosophischen als aus deutlich erkannten
-astronomischen Gründen war man gleich den Pythagoreern geneigt, der
-Erde keine das All beherrschende, zentrale Stellung zuzuschreiben.
-Dieser Gedanke wurde von *Platons* Schüler *Herakleides Pontikos*
-weiter verfolgt und zu einer heliozentrischen Theorie erweitert,
-welche besonders durch *Aristarch von Samos* im 3. Jahrhundert v. Chr.
-ausgebildet wurde.
-
-Über die Anfänge der heliozentrischen Weltanschauung, die bis in
-die Schule des *Pythagoras* und *Platons* zurückreichen, haben
-insbesondere die Forschungen *Boeckhs*[232] und *Schiaparellis*[233]
-Licht verbreitet. Es ist früher wohl behauptet worden, daß *Pythagoras*
-selbst schon die Bewegung der Erde gelehrt habe. Für die Ansicht,
-daß *Pythagoras* eine andere als die im frühen griechischen Altertum
-herrschende geozentrische Ansicht gelehrt habe, spricht jedoch
-nichts Sicheres. Dagegen müssen wir annehmen, daß die Lehre von der
-Kugelgestalt der Erde in der pythagoreischen Schule schon galt, als sie
-in Griechenland noch unbekannt war[234]. Früher als die Erde stellte
-man sich den Himmel als eine Kugel vor, an deren Oberfläche die Sterne
-angeheftet seien. Als man jedoch bemerkte, daß der Mond, die Sonne
-und die Planeten an den Sternbildern vorüberziehen und die Planeten
-mitunter für kurze Zeit von dem Monde verdeckt werden, da konnte man
-sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Entfernungen der
-Himmelskörper von der Erde verschieden seien. Den Versuch, die Bewegung
-und die gegenseitige Stellung der Himmelskörper in ihrem Verhältnis zur
-Erde zu erklären, machten unter den Griechen zuerst die Pythagoreer.
-Unter ihnen war es der im 5. Jahrhundert lebende *Philolaos*, dem wir
-die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über diese, für die weitere
-Entwicklung der Weltanschauung grundlegenden Lehren verdanken. Man hat
-es hier keineswegs mit bloßen Phantasieerzeugnissen zu tun. Mit Recht
-sagt daher *Schiaparelli*: »Das System des *Philolaos* ist nicht die
-Frucht einer ungeordneten Einbildung, sondern es ist aus der Tendenz
-entstanden, die Daten der Beobachtung mit einem prästabilierten Prinzip
-über die Natur der Dinge in Übereinstimmung zu bringen«[235]: Dieses
-Prinzip war die in der pythagoreischen Schule entstandene Lehre von der
-Harmonie, die überall, also auch im Kosmos, herrschen sollte.
-
-Bei der Wichtigkeit der durch *Philolaos* übermittelten Lehren für
-das Verständnis der von *Platon*, von *Herakleides* und *Aristarch*
-entwickelten Ansichten wollen wir an der Hand der von *Boeckh*
-herausgegebenen Bruchstücke uns ein Bild von diesen frühesten
-kosmologischen Vorstellungen zu machen suchen; letztere führten in
-ihrer weiteren Entwicklung schon im Altertum zu einer heliozentrischen
-Weltansicht.
-
-Nach *Philolaos* gibt es nur eine Welt, den Kosmos, und dieser besitzt
-die Gestalt einer Kugel[236]. In der Mitte des Alls befindet sich das
-Zentralfeuer. Die Peripherie wird von dem unbegrenzten Olymp gebildet,
-der seiner Natur nach ebenfalls Feuer ist, wenn wir dieses völlig
-farblose Feuer auch nicht wahrnehmen können. Nur durch die Sonne,
-die an sich ein dunkler, glasartiger Körper ist, wird das Feuer des
-Olymps so modifiziert, daß wir es wahrnehmen. Vielleicht ist man durch
-die Milchstraße zu der Annahme eines alles umschließenden feurigen
-Olymps geführt worden. Zwischen dem letzteren und dem Zentralfeuer
-bewegen sich zehn göttliche Körper, nämlich die Fixsternsphäre,
-die fünf Planeten, dann die Sonne, unter ihr der Mond, wie man aus
-den Verfinsterungen der Sonne schließen mußte, dann die Erde und
-endlich, dem Zentralfeuer zunächst, die Gegenerde. Während *Platon*
-im »Timäos« die Erde als den Mittelpunkt bezeichnet, wird also bei
-*Philolaos* -- und zwar zuerst -- der Erde eine Bewegung zugeschrieben.
-Erde und Gegenerde bewegen sich in 24 Stunden um das Zentralfeuer.
-Daraus erklärt sich die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels. Die
-Gegenerde ist im Grunde genommen die den Bewohnern des Mittelmeeres
-entgegengesetzte Hemisphäre. Denken wir uns diese Hemisphäre von
-der den Griechen bekannten losgelöst und das Zentralfeuer, das man
-später in den Mittelpunkt der Erde versetzte, gleichfalls in den
-Weltraum hinausverlegt, so erkennen wir, daß *Philolaos* mit seiner
-Erde und Gegenerde und ihrer gleichlaufenden täglichen Bewegung um
-das Zentralfeuer die scheinbare tägliche Bewegung des Fixsternhimmels
-begreiflich gemacht hat.
-
-Bei einer solchen Bewegung bekommen wir die Gegenerde natürlich nie zu
-sehen, ebensowenig wie wir die der unseren entgegengesetzte Hemisphäre
-von unserem Standort aus erblicken können. Indem sich die Gegenerde
-innerhalb der Erdbahn um das Zentralfeuer bewegt, und zwar so, daß sich
-die Gegenerde stets zwischen der Erde und dem Zentralfeuer befindet,
-bekommen wir die weit außerhalb des Systems »Zentralfeuer, Gegenerde,
-Erde« befindliche Sonne während dieser parallelen und konzentrisch
-erfolgenden Bewegung der Erde und der Gegenerde so lange nicht zu
-sehen, als wir uns auf der von der Sonne abgekehrten Seite befinden.
-Wir sind dann im Schatten der Gegenerde, die uns das Sonnenlicht
-während der Hälfte des Tages genau so verbirgt, wie es in Wirklichkeit
-die aus der Vereinigung von Erde und Gegenerde hervorgehende Erdkugel
-tut.
-
-Derjenige, der an Stelle der täglichen Bewegung um ein Zentralfeuer
-die tägliche Rotation unseres Planeten um seine Achse setzte und damit
-die Annahme der Gegenerde und jenes Zentrums überflüssig machte, war
-*Herakleides Pontikos*. *Herakleides*[237] ging aber noch einen
-Schritt weiter, indem er die Sonne schon als Mittelpunkt für die
-Bewegungen der beiden inneren Planeten, Merkur und Venus, ansprach.
-Diese Vorstellung hat später bekanntlich *Tycho* auf alle Planeten mit
-alleiniger Ausnahme der Erde ausgedehnt[238].
-
-Die Annahme, daß Merkur und Venus sich um die Sonne bewegen, entsprang
-der Beobachtung, daß beide Planeten sich nur wenig von der Sonne
-entfernen, nämlich Merkur im Mittel 23°, Venus höchstens 48°. Daher
-sagt auch *Vitruv*: »Merkur und Venus haben, da sie sich um die Sonne
-als Mittelpunkt ihres Laufes bewegen, ihre Stillstände und Rückläufe
-in die Sonnenstrahlen eingetaucht«[239]. Auch *Platon* beschäftigt
-sich mit diesem Problem, und zwar im »Timäos«. Nach ihm setzte Gott
-den Mond in den ersten Kreis um die Erde, die Sonne dagegen in den
-zweiten Kreis. Von Merkur und Venus heißt es dort[240], sie seien in
-die Kreise gesetzt worden, »welche an Schnelligkeit sich zwar mit dem
-Kreislauf der Sonne gleich bewegen, jedoch eine diesem entgegengesetzte
-Wirksamkeit erlangt haben. Deswegen holen die Sonne, Merkur und Venus
-auf gleiche Weise einander ein und werden voneinander eingeholt.«
-Mit solchen dunklen Andeutungen war das Problem der Stillstände
-und Rückläufe indessen nicht gelöst. Eine Theorie, die sich diesen
-Erscheinungen schon besser anpaßte, gab *Eudoxos* durch die Annahme von
-»homozentrischen Sphären«. Vermittelst dieser Theorie gelang es, die
-Bewegungen des Jupiter und des Saturn vom geozentrischen Standpunkte
-aus begreiflich zu machen.
-
-Da die Hypothese des *Herakleides Pontikos* eine Erklärung für
-das Verhalten von Merkur und Venus gab, während die Theorie der
-homozentrischen Sphären hier versagte, lag es nahe, zu untersuchen, ob
-die Hypothese des *Herakleides* sich nicht auf die äußeren Planeten
-ausdehnen ließe. So gelangte man zu dem System, das später *Tycho*
-annahm. Mond und Sonne bewegen sich danach um die Erde, während die
-sämtlichen Planeten gleichzeitig die Sonne umkreisen.
-
-Alle übrigen Gestirne betrachtete man wohl als Gesteinsmassen, welche
-durch die Schnelligkeit des Umschwungs erglühten. So dachten *Demokrit*
-und *Anaxagoras*, während andere sie für Öffnungen des Himmelsgewölbes
-hielten, aus denen das äußerste Element, das Feuer, hervorbrechen
-sollte. Später sah man die Fixsterne als Weltkörper an, die ihrem Wesen
-nach der Sonne und dem Monde gleich seien. Nach *Herakleides Pontikos*
-(s. vorige Seite) endlich war jedes Gestirn wie das unsere eine Welt
-für sich.
-
-Daß die Fixsterne sich in verschiedener Entfernung von uns befinden
-könnten, vermutete man im Altertum noch kaum[241]. Es herrschte
-vielmehr die Vorstellung, daß sämtliche Fixsterne einer Sphäre
-angehörten[242]. *Platon* und *Herakleides* waren dagegen der Ansicht,
-daß das Weltall unendlich und ebenso wie jedes einzelne Gestirn beseelt
-sei.
-
-Gleichzeitig mit den ersten Beobachtungen und Spekulationen über
-die Himmelskörper beginnt die Frage nach der Beschaffenheit unseres
-irdischen Wohnsitzes den forschenden Geist zu beschäftigen. Lange
-dauerte es, bis man sich von dem Eindruck, daß die Erde eine
-kreisförmige Scheibe sei, losgerungen hatte. *Homer* und *Hesiod*
-waren noch darin befangen. Letzterer läßt die Sonne während der Nacht
-im Ozean nach Osten schwimmen, wo sie sich frühmorgens wieder erhebt.
-Der Himmel selbst ist nach ihm ein Gewölbe von solcher Höhe, daß ein
-schwerer Gegenstand von dort neun Tage und neun Nächte fällt, bis er
-die Erde erreicht.
-
-Die Überzeugung, daß die um das Mittelmeer gelegenen Länder nur einen
-kleinen Teil der Erde ausmachen, hatte schon vor *Aristoteles* Platz
-gegriffen. So sagt *Platon* im Phaedon[243]: »Die Erde ist groß. Wir
-haben davon nur einen kleinen Teil um das Mittelmeer herum inne,
-während andere Menschen viele andere ähnliche Räume bewohnen.« In
-derselben Schrift heißt es, die Erde schwebe in der reinen Himmelsluft
-oder dem Äther und sei, von ferne betrachtet, einem Balle ähnlich.
-
-
-Der Ursprung der Zoologie und der Botanik.
-
-Während die Mathematik, die Philosophie und die Astronomie bei den
-Griechen der voraristotelischen Zeit schon deutlich als besondere
-Wissenszweige hervortreten, ist dies bezüglich der Botanik und
-der Zoologie noch kaum der Fall. Den Pflanzen wandte man sich aus
-medizinischem und landwirtschaftlichem Interesse zu. So erzählt
-uns *Theophrast*, den wir als einen der frühesten botanischen
-Schriftsteller kennen lernen werden, von den Rhizotomen (Wurzelgräbern)
-und den Pharmakopolen (Arzneihändlern) der ersten griechischen Zeit.
-War das Ziel dieser Männer auch ein überwiegend praktisches und ihr Tun
-mit vielen abergläubischen Gebräuchen gemischt, so schufen sie doch
-die erste Quelle des Wissens, nämlich die empirische Grundlage, zu der
-dann später die Spekulation als zweites nicht weniger wichtiges Element
-hinzutreten mußte, um mit der Empirie vereint zu wahrer Wissenschaft
-heranzuwachsen[244].
-
-*Theophrast* sagt von den Rhizotomen, sie hätten vieles richtig
-bemerkt, vieles aber auch marktschreierisch übertrieben. Daß sie beim
-Ausgraben der Wurzeln auf den Flug der Vögel und den Stand der Sonne
-achteten, erschien *Theophrast* als Torheit.
-
-Die Pflanzenkenntnis der Griechen und die Zahl der den Hirten, Jägern,
-Landleuten und den erwähnten Rhizotomen bekannten Pflanzen waren bei
-einer so vielseitigen, mehrere tausend Blütenpflanzen umfassenden
-Flora, wie sie Griechenland beherbergt, gewiß nicht unbedeutend.
-Einen Rückschluß gestattet uns der Sprachschatz jenes Zeitalters. In
-den homerischen Gesängen z. B. werden 63 Pflanzen erwähnt. In den
-hippokratischen Schriften finden sich 236 Pflanzennamen, und bei
-*Theophrast*, dem Zeitgenossen des *Aristoteles*, begegnen uns gar
-455, unter denen nur wenige sind, die nicht der Flora Griechenlands
-angehören. Die ältesten fragmentarischen Aufzeichnungen über botanische
-Dinge treffen wir bei dem Philosophen *Empedokles*, dem Begründer
-der Lehre von den vier Elementen oder, wie er sich ausdrückte, den
-Wurzeln der Dinge[245]. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus sind
-die Ansichten, welche *Empedokles* über die Natur der Pflanze äußert,
-nicht allzu hoch einzuschätzen. Er meint, unter allen lebenden Wesen
-seien zuerst die Bäume aus der Erde hervorgegangen. Seiner Lehre von
-der Allbeseelung der Natur entspricht die Meinung, daß die Pflanzen
-wie die Tiere Gefühle der Lust und Unlust, ja Einsicht und Verstand
-besäßen. »Wisse denn, alles erhielt Anteil an Sinn und Verständnis« ist
-ein Wort, das man dem Philosophen zuschreibt[246].
-
-Aus der Beseelung der Pflanzen erklärte *Empedokles* Erscheinungen,
-die wir auf mechanische Ursachen zurückführen, wie das Erzittern,
-das Ausstrecken der Zweige gegen das Licht und das Emporschnellen
-herabgebogener Äste[247]. Auch die ersten Keime der Lehre von den
-Geschlechtern der Pflanzen begegnen uns bei *Empedokles*, wenn es
-sich bei ihm auch nur um eine dunkle Ahnung handelte. So berichtet
-*Aristoteles*, *Empedokles* habe gemeint, auch die Bäume brächten Eier
-hervor. Und wie in dem Ei aus einem Teile das Tier entstände, das
-Übrige aber Nahrung sei, so entstehe auch aus einem Teile des Samens
-die Pflanze, das Übrige aber diene dem Keim und der ersten Wurzel als
-Nahrung[248].
-
-Auch anderen griechischen Philosophen werden Äußerungen über die Natur
-der Pflanzen zugeschrieben. Sie verdienen zum Teil Erwähnung, wenn wir
-uns von den Vorstellungen jener Männer auch kein solch abgerundetes
-Bild machen können, wie von denjenigen des *Empedokles*. So soll auch
-*Demokrit* aus Abdera über die Pflanzen geschrieben, und einer seiner
-Schüler soll bemerkt haben, daß die Blätter einer im Orient wachsenden
-Pflanze bei der Berührung zusammenfallen. Wahrscheinlich handelt es
-sich um eine dort wachsende Mimosenart. *Anaxagoras* nennt die Sonne
-den Vater und die Erde die Mutter der Pflanzen. Auch soll er den
-Blättern das Vermögen zu atmen beigelegt haben.
-
-In fast noch engerer Beziehung als zu den Pflanzen befand sich der
-Mensch zur Tierwelt. Hier fesselten ihn nicht nur die Formen, sondern
-auch die den seinen oft so nahe verwandten Lebensäußerungen und der
-innere Bau, der bei den höheren Tieren so große Übereinstimmung mit
-dem Bau des menschlichen Körpers darbot. Vor allem waren es die
-Haustiere, an denen die ersten zoologischen Kenntnisse gewonnen wurden.
-Beim Schlachten und Opfern gewann man einen Einblick in die Anatomie
-dieser Geschöpfe. An Haustieren besaßen die Griechen vornehmlich
-das Rind, das Pferd, das Schaf, die Ziege, das Schwein und den Hund,
-auch wurden Hühner, Gänse, Enten und Tauben gehalten. Was die übrige
-Tierwelt anbetrifft, so blieben den Griechen die anthropomorphen
-Affen unbekannt. Dagegen kannten sie manche andere Affenart, wie die
-Paviane und die Makaken. Mit den großen Raubtieren wurde man besonders
-bekannt, nachdem *Alexander* und später die Römer ein Weltreich
-gegründet hatten. So gelangten durch *Pompejus* die ersten Tiger und
-schon um 200 v. Chr. die ersten Löwen nach Rom. Von den Waltieren war
-besonders der Delphin bekannt. Die Papageien erwähnt *Aristoteles*
-als indische Vögel. Außer zahlreichen Arten der Knochenfische kannte
-man auch die Haifische und die Rochen, zumal den elektrischen Rochen,
-ziemlich genau. Von den Weichtieren hatten besonders die Tintenfische
-die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Kenntnis von den niederen
-Tieren blieb, vielleicht von den Insekten abgesehen, indessen auf einer
-niedrigen Stufe.
-
-Einer der ersten, der allgemeine Betrachtungen über das Wesen der
-Tierwelt anstellte, war wieder *Empedokles*, mit dessen Ansichten
-über die Pflanzen wir uns soeben beschäftigt haben. *Empedokles*
-suchte nämlich, bei der näheren Ausführung seiner Lehre von den vier
-Elementen, Bestandteile des Tierkörpers, wie das Fleisch, das Blut und
-die Knochen, auf eine Mischung jener vier Elemente zurückzuführen.
-Vom Rückgrat der Säugetiere meinte er, es sei bei der Entstehung in
-einzelne Wirbel zerbrochen[249]. Unter den späteren Philosophen soll
-besonders *Demokrit* Tierzergliederungen vorgenommen haben. Seine
-Ansichten finden bei *Aristoteles* oft Erwähnung und zeugen mitunter
-von einer klaren Einsicht. Der Gegensatz zwischen *Demokrit* und
-*Aristoteles* geht besonders aus der Bemerkung des letzteren hervor,
-daß *Demokrit* nie vom Zwecke gesprochen habe, sondern »alles, dessen
-sich die Natur bedient, auf die Notwendigkeit zurückführe«[250].
-
-*Demokrit* hat seine Ansichten über das Wesen des Organischen in einer
-besonderen Schrift entwickelt. Leider ist uns nur der Titel (Über die
-Ursachen der Tiere) bekannt[251].
-
-Bei den spekulativen Neigungen der Griechen kann es nicht Wunder
-nehmen, daß uns schon bei den ältesten griechischen Philosophen
-Anklänge an die Deszendenztheorie begegnen[252]. So lehrte
-*Anaximander*, durch die Sonnenwärme seien im Schlamme zuerst
-blasige Gebilde entstanden. Daraus seien dann fischartige Geschöpfe
-hervorgegangen. Einige von ihnen seien auf das Land gekrochen. Die so
-bedingte Änderung der Lebensweise habe auch zu einer Umwandlung der
-Gestalt geführt. Auf diese Weise sollten zunächst die landbewohnenden
-Tiere und endlich der Mensch entstanden sein. Von letzterem nahm man
-an, daß er ursprünglich einem Fische ähnlich gewesen sei. Die gleichen
-Ansichten hat *Demokrit* entwickelt. Auch *Epikur* betrachtete alle
-Geschöpfe einschließlich des Menschen als Kinder der Erde, die nur
-stufenweise Verschiedenheiten aufweisen.
-
-Bei dem Römer *Lucretius*, der in seinem Werke »De natura rerum«
-im wesentlichen die Ansichten der griechischen Naturphilosophen
-wiedergibt, finden sich gleichfalls Anklänge an die Selektionstheorie,
-unter anderm auch der Gedanke, daß das Unzweckmäßige untergehe[253].
-Derartige, gelegentlich geäußerte, später als zutreffend anerkannte
-Gedanken haben indessen mit der wissenschaftlichen Begründung der
-Deszendenztheorie nur wenig gemein. Letztere ist und bleibt eine Tat
-des 19. Jahrhunderts, für die in erster Linie *Lamarck* und *Darwin* in
-Betracht kommen.
-
-Daß *Darwin* übrigens von den deszendenztheoretischen Ansichten des
-Altertums, zwar ohne sie genauer zu kennen, wußte, geht aus seinen
-eigenen Worten hervor, in denen er »von den auf seinen Gegenstand
-zu beziehenden Andeutungen in den Schriftstellern des klassischen
-Altertums« spricht.
-
-
-Erste Schritte zur Begründung der griechischen Heilkunde.
-
-Zu den frühesten Ursachen, die zur Begründung der Naturwissenschaften
-führten, gehört auch das Bestreben, die Krankheiten des menschlichen
-Körpers zu heilen. Dieses Bestreben schärfte das Beobachtungsvermögen
-und lenkte den Blick auf die umgebende Natur, die man der Heilkunde
-dienstbar zu machen suchte. Bevor wir die erste Periode der Entwicklung
-der griechischen Wissenschaft verlassen und zu *Aristoteles* und
-seine Schule übergehen, wollen wir daher einen kurzen Blick auf eine
-der wichtigsten Anwendungen der Naturwissenschaft, auf die Medizin,
-werfen. Es ist dies zum Verständnis des Folgenden um so wichtiger,
-als *Aristoteles* aus einer alten Ärztefamilie hervorgegangen war und
-bei der Errichtung eines philosophischen und naturwissenschaftlichen
-Lehrgebäudes zum Teil auf medizinischen Anschauungen fußte.
-
-Aus dem Orient und Ägypten stammende Kenntnisse und Geheimlehren haben
-ohne Zweifel die griechische Heilkunde stark beeinflußt, ja sie bilden
-vielleicht die Grundlage, auf der sich die Heilkunde in Griechenland
-weiter entwickelte. Es blieb jedoch den Griechen vorbehalten, das
-Zauberwesen, das den Anfängen dieser Wissenschaft anhaftete, allmählich
-abzustreifen und auch hier nach unbefangener Erkenntnis und Verknüpfung
-der Tatsachen zu streben[254]. Unter den älteren Ärzten ist besonders
-*Alkmäon* von Kroton, ein Schüler des *Pythagoras*, zu nennen[255].
-Er wird als der Begründer der Embryologie betrachtet und hat manche
-wertvolle anatomische und physiologische Beobachtung gemacht. Nach ihm
-wird jede Empfindung durch das Gehirn vermittelt und jede Bewegung von
-dort aus geleitet. *Alkmäon* war der Hauptvertreter der im Einklang mit
-den Vorstellungen der Pythagoreer ausgebildeten Lehre, daß Gesundheit
-und Krankheit aus der harmonischen Mischung gewisser Qualitäten oder
-deren Störung zu erklären seien (s. S. 80). Dieser Lehre liegt die uns
-sogleich begegnende Anschauung von den vier Temperamenten zugrunde, die
-auch auf richtiger Mischung beruhen sollten.
-
-Das wichtigste Dokument, das wir über die medizinische Wissenschaft
-der Griechen besitzen, ist die sog. hippokratische Büchersammlung.
-Wir begegnen dieser Sammlung seit der Begründung der großen
-Bibliotheken in Alexandrien. Als das Werk eines einzigen Mannes sind
-die hippokratischen Bücher nicht zu betrachten[256], wenn sich auch
-nicht in Abrede stellen läßt, daß *Hippokrates* als Begründer der
-wissenschaftlichen Heilkunde, der zuerst das Zerstreute sammelte
-und zum Gesamtbild vereinigte, zu betrachten ist[257]. Außer
-*Hippokrates*[258], der den Beinamen der Große erhielt, sind noch sechs
-andere Ärzte gleichen Namens aus der alten Literatur bekannt. Es kann
-daher nicht Wunder nehmen, wenn die Frage nach der Person des großen
-*Hippokrates* wenig geklärt ist, zumal keine zuverlässige Biographie
-über ihn existiert. Daß nicht *Hippokrates* allein der Verfasser der
-ihm zugeschriebenen Schriften sein kann, wird daraus geschlossen, daß
-sich in diesen Schriften[259] nicht nur manche Widersprüche finden,
-sondern daß uns darin sogar eine Polemik der einzelnen Verfasser
-gegeneinander begegnet[260].
-
-Was die Anatomie anlangt, so stützt sich das in den hippokratischen
-Schriften enthaltene medizinische Wissen vorzugsweise auf die
-Untersuchung der Tiere; doch lagen auch für den Menschen insbesondere
-auf dem Gebiete der Osteologie zahlreiche Beobachtungen und Erfahrungen
-vor. Am wenigsten waren den Alten der Bau und die Aufgabe des
-Nervensystems bekannt. Als besondere Ausläufer dieses Systems entdeckte
-man wohl zuerst den Sehnerven, den Gehörnerven und den Trigeminus.
-Im übrigen wurden die Nerven und Sehnen zunächst zusammengeworfen.
-Empfindung und Bewegung hielt man für immanente Fähigkeiten. Als ihre
-Quelle galt das »Pneuma«, das vom Gehirn aus durch die Adern zu allen
-Teilen des Körpers fließen sollte[261].
-
-Ein großer Fortschritt gegenüber der ältesten dämonologischen
-Auffassung der Krankheiten bestand darin, daß die hippokratischen
-Schriften die psychischen Störungen als Wirkungen körperlicher
-Krankheitszustände auffaßten. Letztere werden durch eine Störung des
-Gleichgewichtes zwischen den vier Flüssigkeiten (Humores) aufgefaßt,
-die den Körper bilden. Als solche galten das Blut, der Schleim, die
-gelbe und die schwarze Galle. Die Natur wird als heilbringender Faktor
-gewürdigt. Sie finde, heißt es von ihr, auch ohne Überlegung immer
-Mittel und Wege. Auch einer vernünftigen Prophylaxe wird das Wort
-geredet. Die Gicht wird z. B. auf Wohlleben zurückgeführt und Mäßigkeit
-und Unverdrossenheit hygienisch außerordentlich hoch gewertet. Als
-therapeutisches Mittel wird schon die Musik empfohlen. Von der Höhe
-der gesamten Auffassung, die uns in den hippokratischen Schriften
-begegnet, zeugt der Ausspruch: Das Kennen erzeugt die Wissenschaft, das
-Nichtwissen den Glauben. Jedoch war man sich der Grenzen des ärztlichen
-Könnens wohl bewußt und erkannte an, daß der beste Arzt die Natur
-selbst sei. Im Einklang damit war man in erster Linie bestrebt, den
-natürlichen Vorgang der Heilung zu unterstützen. An Amputationen wagte
-man sich noch nicht heran, da man das Unterbinden der Adern noch nicht
-verstand. Bekannt ist der Hippokratische Satz: »Was die Arzneimittel
-nicht heilen, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt das
-Feuer. Was endlich das Feuer nicht heilt, das ist überhaupt nicht zu
-heilen«[262].
-
-Unter den hippokratischen Schriften ist diejenige »Über die Diät«
-in zoologischer Hinsicht wichtig. Sie enthält nämlich unter den
-Nahrungsmitteln eine Aufzählung von etwa 50 Tieren in absteigender
-Reihenfolge. Auf die Säugetiere folgen die Land- und Wasservögel, die
-Fische, dann die Muscheltiere und endlich die Krebse. Reptilien und
-Insekten werden nicht erwähnt, weil sie nicht gegessen wurden. Dieses
-Tiersystem, das man wohl als das »koische« bezeichnet hat (etwa 410 v.
-Chr.), kann als ein Vorläufer des Aristotelischen Tiersystems, das uns
-im nächsten Abschnitt beschäftigen soll, betrachtet werden[263].
-
-
-
-
-3. Das aristotelische Zeitalter.
-
-
-Für das griechische Volk war mit dem vierten vorchristlichen
-Jahrhundert schon eine Zeit des staatlichen Niederganges angebrochen.
-Kunst und Philosophie hatten gleichfalls ihre Blütezeit gehabt.
-Die wissenschaftliche Entwicklung tritt indessen jetzt in eine
-Phase, welche für die Folge von nicht geringerem Einfluß als die
-von den Griechen auf dem Gebiete des staatlichen Lebens und der
-künstlerischen Betätigung geschaffenen Vorbilder sein sollte. Es ist
-das wissenschaftliche, auf die Erfassung des Naturganzen in seinem
-Zusammenhange gerichtete Streben des Menschengeistes, das uns jetzt zum
-ersten Male in seiner vollen Bedeutung entgegentritt. Dieses Streben
-verkörpert sich in *Aristoteles* und seinen Schülern. Mögen auch die
-Vorstellungen, welche diese Männer leiteten, mit den Prinzipien der
-heutigen Naturforschung oft nicht vereinbar erscheinen, so kann man
-dennoch das Grundlegende ihrer Tätigkeit und die Bedeutung, die sie
-nicht nur für das Altertum und für das Mittelalter, sondern auch für
-die Entstehung der neueren Naturwissenschaft besitzen, nicht in Abrede
-stellen.
-
-
-Aristoteles.
-
-In *Aristoteles* begegnet uns eine der bedeutendsten Erscheinungen
-des Altertums, in der sich die Wissenschaft jenes Zeitraums
-gleichsam verkörperte[264]. Er war der Sprößling einer griechischen
-Ärztefamilie[265], die am mazedonischen Hofe in hohem Ansehen stand.
-*Aristoteles* wurde im Jahre 384 v. Chr. in Stagira, einer in der Nähe
-des Athos gelegenen griechischen Kolonie, geboren. Seine Erziehung
-lag, wie es damals häufiger der Fall war, in der Hand eines einzigen
-Mannes. Diesem bewahrte *Aristoteles* eine Dankbarkeit, wie sie später
-ihm selbst wieder von seinem großen Schüler *Alexander* erwiesen
-wurde. Im übrigen fehlen über die Jugend und den Entwicklungsgang des
-*Aristoteles* nähere Nachrichten. Doch darf man annehmen, daß er gemäß
-der in seiner Familie herrschenden Tradition für den ärztlichen Beruf
-bestimmt war und sich zunächst für diesen vorbereitete. Auf diesen
-Umstand wird vor allem der empirische Grundzug der aristotelischen
-Philosophie zurückzuführen sein.
-
-War das Wissen im 5. Jahrhundert noch im Besitze weniger hervorragender
-Geister, so wird es im vierten immer mehr zum Gemeingut der Gebildeten.
-Die Literatur wuchs an Umfang und an Spezialisierung. Schon in der
-ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts gab es kaum noch einen Gegenstand,
-über den nicht bereits Schriften erschienen wären[266].
-
-Der Brennpunkt des geistigen Lebens war um die Mitte des vierten
-vorchristlichen Jahrhunderts Athen. Hier hatte *Sokrates* gelehrt und
-*Platon* eine blühende Philosophenschule gegründet. Was Wunder, daß der
-begüterte und für die Wissenschaft begeisterte Jüngling seine Schritte
-zunächst dorthin lenkte. Im Jahre 367 trat er in die Akademie ein, an
-welcher *Platon* lehrte. Er gehörte ihr bis zu dem 347 erfolgenden Tode
-des Meisters ununterbrochen an. *Platon* soll *Aristoteles* seines
-unermüdlichen Lernens halber den Leser genannt und ihn mit einem
-anderen Schüler mit den Worten verglichen haben, dieser bedürfe des
-Sporns, *Aristoteles* dagegen des Zügels. Mit Recht ist *Aristoteles*
-auch später als einer der fleißigsten Gelehrten bezeichnet worden, den
-die Geschichte der Wissenschaft kennt[267]. Sein Ruf muß unterdessen
-ein hervorragender geworden sein. Es wird nämlich berichtet, daß
-König Philipp von Mazedonien, als er ihm im Jahre 343 die Erziehung
-seines im 14. Lebensjahre stehenden Sohnes übertrug, folgende Worte an
-*Aristoteles* geschrieben habe: »Ich fühle mich den Göttern zu Dank
-verpflichtet, daß sie den Knaben zu Deiner Zeit geboren werden ließen.
-Denn von Dir erzogen, hoffe ich, soll er der Nachfolge auf meinem
-Throne würdig werden.« Und so wurde denn -- ein Verhältnis, das einzig
-in der Geschichte dasteht -- der bedeutendste Denker jener Zeit mit der
-Erziehung des größten Herrschers betraut.
-
-Über das Erziehungswerk selbst, das nur die ersten Jahre des
-mazedonischen Aufenthaltes unseres Philosophen (343-340) umfaßte,
-fehlen nähere Nachrichten. Auch sind die Erzählungen, daß der
-königliche Schüler seinem Lehrer 800 Talente[268], sowie einen ganzen
-Trupp Leute zum Sammeln von Naturkörpern zur Verfügung gestellt habe,
-mindestens übertrieben. Soviel ist jedoch gewiß, daß *Alexander*
-wohl zu schätzen wußte, was er dem *Aristoteles* verdankte. Durch
-unverschuldete Umstände geriet letzterer gegen das Ende der Regierung
-*Alexanders* in Ungnade. Nach Ablauf eines acht Jahre umfassenden
-Aufenthaltes in Mazedonien, der eine Zeit des Sammelns und der
-Vorbereitung gewesen ist, in welcher ihn der Gedanke, eine Enzyklopädie
-der Wissenschaften zu verfassen, jedenfalls schon beherrscht hat,
-kehrte *Aristoteles* im Jahre 335 nach Athen zurück.
-
-Um eine solch umfassende wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben, wie sie
-uns bei *Aristoteles* begegnet, waren bedeutende Mittel erforderlich.
-Ob ihm diese durch die Gunst der mazedonischen Könige oder aus eigenem
-Vermögen zur Verfügung standen, läßt sich nicht mit Sicherheit
-entscheiden. Sehr wahrscheinlich trafen beide Umstände zusammen und
-ermöglichten es dem *Aristoteles*, daß er, als erster unter den
-griechischen Philosophen, in den Besitz einer größeren Bibliothek
-gelangte. Die Herstellung von Büchern war damals eine mühselige und
-kostspielige Arbeit, und die Anzahl der Exemplare einer Schrift
-naturgemäß gering. Es ist daher begreiflich, daß bedeutende Summen
-dazu gehörten, um die Schriften seines Zeitalters sich in solchem Maße
-zugänglich zu machen, wie es *Aristoteles* verstanden hat. Allein für
-die Werke eines Philosophen soll er drei Talente bezahlt haben[269].
-
-In Athen hat *Aristoteles* im Lykeion, einem gymnastischen Spielen
-dienenden Gebäude der Stadt, unterrichtet. Nach der Gewohnheit des
-Meisters, dies im Auf- und Abwandeln zu tun, erhielt seine Schule den
-Namen der Peripatetiker. Während *Alexander* die Welt eroberte, war
-*Aristoteles* hier ein König im Reiche der Wissenschaften. Von seinen
-zahlreichen Schriften ist indes nur der kleinere, aber wichtigere Teil
-erhalten geblieben.
-
-Die Stellung des *Aristoteles* in dem antimazedonisch gesinnten Athen,
-wo er als Fremder und wegen seiner Beziehungen zu dem verhaßten großen
-Könige von manchem ungern gesehen wurde, ist während seines 13jährigen
-Aufenthalts in jener Stadt eine wenig angenehme gewesen. Als 323 v.
-Chr. die Kunde von dem plötzlichen Tode *Alexanders* eintraf und von
-den meisten als ein Zeichen zur Befreiung vom mazedonischen Joche
-begrüßt wurde, erhoben sich daher zahlreiche Neider und Widersacher
-gegen *Aristoteles*. Er wurde der Lästerung der Götter geziehen, zog
-es aber vor, nicht eine Gerichtsverhandlung abzuwarten, sondern der
-ihm feindlich gesinnten Stadt den Rücken zu kehren, damit diese, wie
-er im Hinblick auf *Sokrates* sagte, sich nicht zum zweiten Male an
-der Philosophie versündige. Wie richtig *Aristoteles* seine Lage
-erkannt hatte, geht daraus hervor, daß der Areopag ihn bald darauf,
-trotz seiner Abwesenheit, zum Tode verurteilte. *Aristoteles* hatte
-sich indessen nicht weit entfernt. Er war nach Euböa übergesiedelt in
-der Erwartung, durch einen Sieg der Mazedonier über die Athener nach
-seinem langjährigen Wohnsitz zurückgeführt zu werden. Diese Hoffnung
-sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen, denn schon in dem auf das Ende
-*Alexanders* folgenden Jahre, bevor man in Griechenland die frühere
-Ordnung wieder hergestellt hatte, setzte der Tod seinem reichen Leben
-ein Ziel.
-
-Die Schriften und die Bücher des großen Philosophen gingen zunächst in
-den Besitz seines Lieblingsschülers, des *Theophrast*, über. Manches
-wird unvollendet gewesen und später ergänzt worden sein. *Theophrast*
-hinterließ die Schriften wieder einem Schüler. Anderthalb Jahrhunderte
-blieben sie darauf verborgen. Endlich gelangten sie, nachdem *Sulla*
-Athen erobert hatte, nach Rom, wo sie in zahlreichen Exemplaren
-abgeschrieben und verbreitet wurden. Daß dabei manches verunstaltet und
-verdorben wurde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Die auf uns gekommenen
-Werke nehmen im Oktavformat fast 3800 Seiten in Anspruch[270]. Davon
-ist indessen ein Teil als unecht zu betrachten[271].
-
-Eine gänzlich unverändert gebliebene Schrift des *Aristoteles* gibt es
-sehr wahrscheinlich nicht. Auch bei einigen Hauptwerken handelt es sich
-wohl um Ausarbeitungen der Schüler. Dafür spricht unter anderem auch
-das Fehlen eines einheitlichen Stiles. Andere Schriften sind bloße
-Entwürfe oder Zusammenstellungen von Auszügen. Dazu kommen von späteren
-Herausgebern herrührende Zusätze, die selten als solche kenntlich
-gemacht sind. Endlich fehlt es nicht an Werken, die zwar den Namen des
-*Aristoteles* tragen, die indessen als unecht oder nur zum geringen
-Teil als aristotelisch gelten. Unter diesen sei nur die von *Nikolaos
-Damaskenos* im augusteischen Zeitalter herausgegebene Schrift Ȇber die
-Pflanzen« genannt. Über diesen Gegenstand gab es eine echte Schrift,
-die verloren ging (s. S. 138). Auch eine mit Abbildungen versehene
-Schrift »Über die Zergliederung der Tiere« ist leider nicht auf uns
-gelangt.
-
-
-Aristoteles als Philosoph und seine Stellung zur Naturwissenschaft.
-
-Den breitesten Raum unter den Werken des *Aristoteles* nehmen seine
-naturwissenschaftlichen Schriften ein. Sie betreffen das gesamte
-Universum von den allgemeinen Bedingungen der Körperwelt und dem
-Weltgebäude bis herab zur Beschreibung und Zergliederung der die Erde
-als Tiere und Pflanzen bevölkernden Einzelwesen. Folgende Schriften
-naturwissenschaftlichen Inhalts sind bei der nachfolgenden Darstellung
-des aristotelischen Lehrgebäudes vor allem in Betracht gezogen: »Die
-physikalischen Vorträge«, »Über das Weltgebäude«, »Über Entstehen und
-Vergehen«, »Die Meteorologie« und »Die mechanischen Probleme«[272].
-Unter den rein philosophischen Werken des *Aristoteles* verdient wegen
-ihrer Bedeutung für jeden Zweig besonderer Wissenschaft das später
-»Organon« genannte hervorgehoben zu werden. Es sind dies die von
-*Aristoteles* zum ersten Male in ausführlicher Darstellung entwickelten
-Grundzüge der formalen Logik.
-
-Des *Aristoteles* Verdienst um die Naturwissenschaften ist ein
-doppeltes. Einmal hat er das zerstreute Einzelwissen seiner Vorgänger
-vereinigt und der Nachwelt durch eine außerordentlich fruchtbare
-schriftstellerische Tätigkeit überliefert. Zum andern beschränkte
-er sich keineswegs auf eine kritiklose Kompilation dieses Wissens.
-Vielmehr stellte er sich die gewaltige Aufgabe, aus philosophischen
-Prinzipien heraus ein System aller Wissenschaften zu entwickeln. Die
-Philosophie, das Streben nach Welterklärung, war also der Ausgangs-
-und der Angelpunkt, aus dem bei ihm die Wissenschaft erwuchs. Denken
-und Welt in ihrem Gegensatz und in ihrer Wechselbeziehung wollte
-*Aristoteles* begreifen und begreiflich machen. Die Philosophie,
-die bei *Platon* noch voll poetischen Schwunges gewesen, wurde bei
-*Aristoteles* nüchterne Betrachtung des Ichs mit seiner Denktätigkeit
-und seinen Anschauungsformen, sowie der Welt mit ihren Einzeldingen.
-In ihnen suchte er die Idee, welche bei *Platon* über und hinter
-den Dingen stand, sowie die Zwecke nachzuweisen. Man kann *Platon*
-den Vorwurf nicht ersparen, daß er die Wirklichkeit allzusehr
-vernachlässigte und an ihre Stelle ein System aus häufig inhaltsleeren
-Begriffen setzte, während *Aristoteles* sich von der Überzeugung leiten
-ließ, daß wirkliche Erkenntnis nur aus der Erfahrung entspringen kann.
-*Aristoteles* fordert daher, man solle »zuerst die Erscheinungen
-auffassen und dann erst die Ursachen angeben«.
-
-In der Befolgung des dialektischen Verfahrens, das er meisterhaft
-zu handhaben wußte, ist *Aristoteles* ein Jünger des *Sokrates*
-und des *Platon*. Während indessen die Philosophie der letzteren
-vorzugsweise auf dem Boden der Dialektik wurzelte, sucht *Aristoteles*
-das beobachtende Verfahren der Naturwissenschaft mit der Dialektik
-zu verknüpfen, was seine Lehrmeister nicht vermocht hatten. »Zwar
-gelang es ihm nicht, beide Elemente völlig ins Gleichgewicht zu
-bringen, doch hat er durch ihre Verknüpfung das Höchste unter den
-Griechen geleistet«[273]. *Sokrates* und *Platon* hatten zuerst
-nach den Begriffen gefragt und die oft nur aus der Betrachtung des
-Sprachgebrauches und der herrschenden Meinung gewonnene Erkenntnis des
-Begriffes dem weiteren Forschen zugrunde gelegt, während *Aristoteles*
-außer dem Begriff die bewegenden und stofflichen Ursachen ins Auge
-faßte. Er ist nicht nur ein scharfer Denker, sondern ein solch
-unermüdlicher Beobachter, daß ihm nicht selten ein übertriebener
-Empirismus zum Vorwurf gemacht worden ist. Die bei der Naturerklärung
-zu befolgenden Grundsätze finden sich bei ihm nicht zusammenhängend
-entwickelt, sondern in zahlreichen Einzelbemerkungen zerstreut. Aus
-ihnen läßt sich folgendes entnehmen: Stets hat der Erklärung die
-Beobachtung vorauszugehen. Daß man die Theorie auf die Erkenntnis des
-Einzelnen stützen müsse, wird häufiger betont. Von der Beobachtung
-wird verlangt, daß sie sorgfältig, umfassend und vor allem frei von
-jeder vorgefaßten Meinung sei. Handelt es sich um die Beobachtungen
-anderer, so ist strenge Kritik anzulegen. Kurz, es begegnen uns bei
-*Aristoteles* Grundsätze, wie sie die dem Empirismus huldigenden
-Philosophen der neueren Zeit, wie *Bacon*, kaum besser entwickelt
-haben. Indessen entsprach dem Wollen, wie es auch bei *Bacon* der
-Fall war, nicht das Vermögen. Es lassen sich dafür verschiedene
-Gründe anführen. Einmal waren die Hilfsmittel der wissenschaftlichen
-Forschung zur Zeit des *Aristoteles* noch sehr wenig entwickelt. Vor
-allem mangelte es auf fast allen Gebieten noch an der Möglichkeit
-einer schärferen Bestimmung der quantitativen Verhältnisse.
-*Aristoteles* empfindet dies schon, wo er von der Wärme handelt. Von
-einer Vervollkommnung der Sinne und der dadurch zu ermöglichenden
-weitgehenden Schärfung der Beobachtung besaß er aber wohl keine auch
-nur dunkle Ahnung. Was für die Sinne nicht existierte, galt ihm noch
-als nicht vorhanden[274].
-
-In treffender Würdigung der aristotelischen Denkweise sagt *Zeller*:
-»Da die griechische Wissenschaft mit der Spekulation angefangen hatte
-und die Erfahrungswissenschaften erst spät zu einiger Ausbildung
-gelangten, so war es natürlich, daß das dialektische Verfahren eines
-*Sokrates* und *Platon* einer strengeren Empirie den Rang ablief. Auch
-*Aristoteles* hält sich zunächst an dies Verfahren, ja er bringt es
-theoretisch und praktisch zur Vollendung. Daß die Kunst der empirischen
-Forschung bei ihm eine gleichmäßige Ausbildung erfahren werde, ließ
-sich nicht erwarten. Und ebenso lag ihm eine schärfere Unterscheidung
-beider Methoden noch fern. Diese ist erst durch die höhere Entwicklung
-der Erfahrungswissenschaften und, von philosophischer Seite, durch die
-erkenntnistheoretischen Untersuchungen herbeigeführt worden, welche die
-neuere Zeit ins Leben gerufen hat.«
-
-Eine Reihe von Grundbegriffen oder Kategorien sind es, unter welche
-*Aristoteles* sämtliche Gegenstände der denkenden Betrachtung
-einzugliedern suchte. Die wichtigsten sind Substanz, Quantität,
-Qualität, Lage, Wirken und Leiden. Als Endzweck der gesamten Natur
-erschien ihm der Mensch. Im Besitz der aristotelischen Philosophie und
-Wissenschaftslehre hat letzterer an dieser ihm zugewiesenen Stellung
-zwei Jahrtausende festgehalten, bis man den Zweckbegriff durch den
-Begriff der mechanischen Kausalität ersetzte und den Menschen als ein
-Glied in der Kette der übrigen Wesen begreifen lernte.
-
-
-Die Grundlehren der Mechanik bei Aristoteles.
-
-Wir gehen nach dieser allgemeinen Charakteristik zu dem Verhältnis
-über, in welchem *Aristoteles* zu den Einzelwissenschaften gestanden
-hat.
-
-Die Bedeutung der Mathematik hat er in seinen Schriften oft
-hervorgehoben, doch sind eigentliche mathematische Entwicklungen in
-ihnen nicht enthalten. Wohl aber bieten sie manche beachtenswerte
-Äußerung über schwierige Begriffe, wie über den Grenzbegriff und das
-Unendliche. »Stetig«, sagt *Aristoteles* z. B., »ist ein Ding, wenn
-die Grenze eines jeden von zwei aufeinander folgenden Teilen, in der
-sie sich berühren, eine und die nämliche wird.« Er löste ferner das
-Paradoxon vom Durchlaufen unendlich vieler Raumpunkte in endlicher
-Zeit dadurch, daß er innerhalb der endlichen Zeit unendlich viele
-Zeitteilchen von unendlich kleiner Dauer annahm. Das Unendliche ist
-ferner für ihn nichts Wirkliches, sondern es gibt nur Endliches von
-beliebiger Größe und von beliebiger Kleinheit[275].
-
-Am meisten Erfolg hatte man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft dort
-aufzuweisen, wo die rasch emporblühende Mathematik Anwendung finden
-konnte. Wie die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der
-Astronomie, so waren die Anfänge der Mechanik von dem Erreichen einer
-gewissen Stufe des mathematischen Denkens abhängig. Dem Verlauf der
-mechanischen Vorgänge angemessene Begriffe entwickeln sich daher weit
-später als das Vermögen, die Gesetze der Mechanik anzuwenden, ohne sich
-ihrer klar bewußt zu sein. Das letztere mußte nämlich schon bei der
-frühesten Ausübung jeder gewerblichen Tätigkeit eintreten.
-
-Mit den Grundfragen der Mechanik hat sich die griechische Philosophie
-schon in der vorsokratischen Zeit beschäftigt. Insbesondere wandte man
-sich den Problemen der Schwere und der Bewegung zu[276]. Auch daß aus
-der Bewegung, infolge der damit verbundenen Reibung, Wärme hervorgeht,
-wurde frühzeitig erkannt. *Anaxagoras* wollte sogar das Licht der
-Gestirne aus diesem Vorgange herleiten (s. S. 77).
-
-Zu den alltäglichsten Erscheinungen, die vor allem dazu angetan
-sind, das Nachdenken wachzurufen, gehört die Bewegung frei fallender
-Körper. Diese Erscheinung, von der ausgehend später *Newton* zur
-Entdeckung des Weltgesetzes geführt wurde, faßte *Aristoteles* irrig
-auf. Bezeichnend für seine ganze Geistesrichtung ist es, daß er nicht
-von der Erscheinung selbst, sondern von begrifflichen Festsetzungen
-ausging und bei diesen stehen blieb. Er betrachtet zunächst die
-Bewegung im allgemeinen und unterscheidet zwei Arten derselben, die
-begrenzte, geradlinige, und die unbegrenzte, kreisförmige. Letztere,
-als die angeblich vollkommenere, schreibt er den himmlischen Körpern
-zu. Die geradlinige Bewegung wird aus einem entweder zum Zentrum hin
-oder vom Zentrum fort gerichteten Streben der Körper erklärt, und so
-werden die Begriffe Leichtigkeit und Schwere abgeleitet. Die erstere
-Eigenschaft wird der Luft und dem Feuer, die zweite dem Wasser und
-der Erde, d. h. allen flüssigen und festen Körpern zugeschrieben.
-Aus diesen Erklärungen folgt nun für *Aristoteles* mit zwingender
-Notwendigkeit, daß der schwerere Körper, weil sein Streben zum Zentrum
-ein größeres sei, sich schneller abwärts bewegen müsse als der
-leichtere. Hieraus wurde dann später geschlossen, daß die Körper genau
-in demselben Verhältnis schneller fielen, je größer ihr Gewicht sei,
-so daß beispielsweise ein hundertpfündiges Stück Eisen auch hundertmal
-so schnell zur Erde gelange wie ein solches von einem Pfund Gewicht.
-Jeder, ohne Voreingenommenheit angestellte Versuch, hätte diesen Schluß
-als unhaltbar dartun müssen. Trotzdem blieb er, wenn schon sich hin
-und wieder Zweifel regten, in Geltung, bis *Galilei* ihn durch seine
-Fallversuche glänzend widerlegte.
-
-Man kann[277] die Unterscheidung zwischen irdischen und himmlischen,
-sowie zwischen natürlichen und erzwungenen Bewegungen in erster Linie
-als das Hindernis ansehen, das der Entwicklung der Mechanik im Altertum
-und Mittelalter im Wege stand. Erst als diese Schranken fielen, war
-die Errichtung der neueren Mechanik möglich. Zu den Schwächen der
-antiken Mechanik rechnet auch der Umstand, daß man nicht zu einer
-klaren Vorstellung von dem Begriff des Beharrungsvermögens gelangte.
-Zwar finden sich Ansätze[278], doch hielten alle Physiker an der
-Annahme fest, ein Körper könne sich unmöglich bewegen, wenn nicht eine
-äußere Kraft oder die ihm innewohnende Schwere und Leichtigkeit auf ihn
-wirkten[279]. Den letzteren Begriff vermieden wenigstens die Atomisten,
-die alle Körper als schwer betrachteten.
-
-Über den Inhalt der mechanischen Lehren des *Aristoteles* sei noch
-einiges im einzelnen mitgeteilt. Die Art der Darstellung besteht
-darin, daß der Philosoph an Erfahrungstatsachen eine Anzahl von Fragen
-anknüpft[280], die er selten auf mathematischem Wege, wie später mit so
-großem Erfolge *Archimedes*, sondern meist, ausgehend von bestimmten
-Definitionen, durch dialektische Kunststücke zu lösen sucht. Den Stoff
-zu seinen Untersuchungen bieten ihm das Rad, der Hebel, das Ruder, die
-Zange, die Wage und andere bekannte Werkzeuge. Die Beantwortung der
-Fragen geschieht oft wieder in Frageform. So heißt es im 6. Kapitel:
-»Warum das an sich kleine Steuer, am Ende des Schiffes angebracht, eine
-so große Gewalt hat? Weil vielleicht das Steuer ein Hebel ist, die Last
-das Meer und der Steuermann das Bewegende«.
-
-[Illustration: Abb. 14. Der Tragbalken bei Aristoteles.]
-
-Auffallend erscheint es *Aristoteles* zunächst, daß eine große
-Last durch eine kleine Kraft bewegt werden kann, wie beim Hebel.
-Die an diesem Werkzeug sich das Gleichgewicht haltenden Lasten
-setzt *Aristoteles* ganz richtig den Längen der Hebelarme umgekehrt
-proportional. Den Grund für dieses Gesetz findet er darin, daß die
-kleinere Last, ihrer größeren Entfernung vom Stützpunkt entsprechend,
-einen größeren Kreisbogen durchlaufen müsse. Auf den Hebel wird auch
-der Keil und der Tragbalken zurückgeführt. Letzteres geschieht (Abb.
-14) durch folgende Erörterung: »Zwei Leute tragen auf einer Stange
-AB eine Last G.« Warum, fragt *Aristoteles*, wird der am stärksten
-gedrückt, dem G am nächsten ist? AB sagt er darauf, wird hier gebraucht
-wie ein Hebel. »Der G nächste Träger bei A ist das Bewegte, der andere
-Träger bei B ist das Bewegende. Und je weiter dieser von der Last
-entfernt ist, desto leichter bewegt er.« Den einarmigen Hebel hat
-*Aristoteles* nicht als eine besondere Art betrachtet.
-
-Ein wichtiger Abschnitt des aristotelischen Werkes ist auch derjenige,
-der den Satz vom Parallelogramm der Bewegungen enthält. »Wenn etwas«,
-heißt es dort, »nach irgendeinem Verhältnis bewegt wird, so daß es eine
-Linie durchlaufen muß, so wird diese Gerade die Diagonale einer Figur
-sein, welche durch die nach dem gegebenen Verhältnis zusammengesetzten
-Linien bestimmt wird. Sei zum Beispiel das Verhältnis der Bewegung
-dasjenige, welches AB zu AC hat. Es werde also A nach B getrieben, AB
-aber nach CG. Ebenso gelangt in derselben Zeit A nach D, in welcher
-AD nach EF gelangt. Ist dann das Verhältnis der Bewegung in letzterem
-Falle dasselbe, d. h. verhält sich AD : AE wie AB : AC, so ist das
-kleine Parallelogramm dem größeren ähnlich; und es wird folglich die
-Diagonale AF in die Diagonale AG fallen. Hieraus wird also offenbar,
-daß ein auf der Diagonale nach zwei Richtungen bewegter Gegenstand
-notwendig in dem Verhältnis der Seiten bewegt wird. Ändern dagegen
-zwei Bewegungen in jedem Augenblick ihr Verhältnis, so kann der Körper
-unmöglich eine geradlinige, sondern er muß eine krummlinige Bewegung
-durchlaufen.« Auch der Satz, daß die Bewegung im Kreise aus zwei
-Bewegungen, die nach dem Mittelpunkt und in der Richtung der Tangente
-erfolgen, zusammengesetzt gedacht werden kann, ist auf *Aristoteles*
-zurückzuführen. Ferner hat sich *Aristoteles* mit dem Problem des
-Stoßes beschäftigt, das erst durch *Wallis*, *Wren* und *Huygens*
-seine Lösung finden sollte. Er stellt nämlich die Frage, weshalb ein
-geringer Stoß auf einen Keil viel ausrichten könne, während ein gegen
-den gleichen Keil ausgeübter Druck nur wenig leiste[281].
-
-[Illustration: Abb. 15. Der Satz vom Parallelogramm der Bewegungen.]
-
-In exakt-wissenschaftlicher Hinsicht sind dem *Aristoteles* noch zwei
-Verdienste zuzuschreiben. Einmal war er wohl einer der ersten, der
-seine Erörterungen durch Zeichnungen zu unterstützen suchte. Ferner
-befindet sich bei ihm der Keim zu dem Gedanken, die in Beziehung zu
-setzenden Größen mit Buchstaben zu bezeichnen.
-
-
-Die Anfänge der Akustik und der Optik.
-
-Ein anderes Gebiet, das sich gleichfalls schon im Altertum der
-exakten Behandlung zugänglich erwies, war die Akustik. So hatten
-z. B. die Pythagoreer erkannt, daß die Längen von gleich dicken
-und in gleichem Maße gespannten Saiten, wenn sich Konsonanzen
-ergeben sollen, in einem einfachen Verhältnis stehen müssen. Dieses
-Verhältnis fanden sie für die Oktave gleich 1 : 2. Und zwar geschah
-dies mit Hilfe eines Monochords. Der Apparat besaß die Einrichtung,
-daß eine Saite über einen Steg geführt und durch Gewichte beliebig
-gespannt werden konnte. In dieser Vorrichtung begegnet uns der erste
-Apparat, vermittelst dessen auf experimentellem Wege ein Naturgesetz
-gefunden wurde. Auch bei *Aristoteles* finden wir einige zutreffende
-Vorstellungen über akustische Vorgänge. *Aristoteles* schreibt z. B.
-der Luft die vermittelnde Rolle bei den Schallerscheinungen zu und
-führt die letzteren auf Schwingungen zurück, die sich bis zu unserem
-Ohre fortpflanzen. »Ein Ton«, sagt er, »entsteht nicht dadurch, daß
-der tönende Körper der Luft, wie einige glauben, eine gewisse Form
-einprägt, sondern dadurch, daß er die Luft auf eine angemessene
-Weise in Bewegung setzt. Die Luft wird dabei zusammengedrückt und
-auseinandergezogen und durch die Stöße des tönenden Körpers immer
-wieder fortgestoßen, so daß sich der Schall nach allen Richtungen
-ausbreitet.« Auch das Echo wurde von *Aristoteles* ganz richtig als ein
-Reflex erkannt.
-
-Die gleiche Anschauung, die er sich vom Schall gebildet, übertrug
-*Aristoteles* auf das Gebiet der Optik. Vor ihm hatte sich die
-wunderliche Vorstellung entwickelt, das Sehen sei eine Art Tasten,
-bei dem das Auge sich aktiv verhalte und sozusagen Fühlfäden nach
-den Körpern hin erstrecke. Nach den ältesten Ansichten ist das Auge
-sogar feuriger Natur. Auch bei den Indern begegnen wir dieser Meinung.
-So schreibt *Susruta* der Linse, die häufig als das Hauptorgan des
-Auges betrachtet wurde, ewiges Feuer zu[282]. In Übereinstimmung
-damit betrachteten die ältesten griechischen Philosophen, wie die
-Pythagoreer, das Sehen als eine heiße Ausdünstung, die vom Auge nach
-dem wahrgenommenen Gegenstande strömen sollte.
-
-*Aristoteles* wendet dagegen ein[283], daß man dann auch während der
-Nacht zum Sehen befähigt sein müsse. Ähnlich wie beim Schall die Luft
-zur Übermittlung erforderlich sei, setze auch die Lichtempfindung
-zwischen dem Auge und dem gesehenen Gegenstande ein Medium voraus, das
-die Wirkung zu übertragen vermöge. Das Innere des Auges ist ferner
-nach *Aristoteles* deshalb durchsichtig, weil sich der Sitz des
-Sehvermögens auf der hinteren Seite befinde. Auch an eine Erklärung
-der Farben wagt sich *Aristoteles*. Sie sollen aus der Mischung von
-Weiß und Schwarz, die er als Grundfarben bezeichnet, hervorgehen, ein
-Gedanke, der später oft wiederkehrte. Er wendet sich dann gegen die
-Annahme, die Farben seien Ausflüsse der farbigen Körper. »Man muß nicht
-annehmen,« fügt er hinzu, »daß alles durch Berührung empfunden wird.
-Sondern es ist besser zu sagen, die Empfindung des Sehens erfolge
-durch eine Bewegung des Mittels zwischen dem Auge und dem Gesehenen.«
-Es begegnet uns also hier schon im Keime der Widerstreit zwischen der
-Emanations- und der Vibrationstheorie, der sich durch das 17. und
-18. Jahrhundert hindurchzog und erst im 19. entschieden wurde[284].
-Trotz mancher Unrichtigkeiten, die sich bei *Aristoteles* finden,
-hat kaum ein anderer Denker des Altertums solch klare Vorstellungen
-über optische Dinge entwickelt, wie er. Daher knüpft selbst *Goethe*
-in seiner Schrift »Zur Farbenlehre« wieder an ihn an und gibt dort
-eine Darstellung der aristotelischen Ansichten über das Licht und die
-Farben[285].
-
-Erwähnt sei noch, daß die von den Atomisten (*Leukipp*, *Demokrit*)
-geschaffenen optischen Vorstellungen einen Rückschritt bedeuteten.
-Die Atomisten fielen eigentlich in die alten Vorstellungen zurück.
-Sie kehrten das Verhältnis aber um und ließen Abbilder der Dinge
-von den Gegenständen sich loslösen und ins Auge strömen. Mit beiden
-Anschauungen brach *Aristoteles*, indem er die Bedeutung des Mediums
-für den Vorgang des Sehens erkannte. Im Mittelalter glaubte man
-von jeder physikalischen Erklärung absehen zu dürfen, da die Seele
-keiner äußeren Beihilfe bedürfe[286]. Man nahm vielmehr beim Sehen
-eine unvermittelte Fernwirkung an und schuf damit einen Begriff, der
-lange dazu dienen mußte, einen aus mechanischen Prinzipien nicht zu
-erklärenden Vorgang wenigstens mit einem Worte zu verbinden.
-
-Obgleich die Beschäftigung mit Fragen der Mechanik, der Optik und der
-Akustik ganz besonders zu wissenschaftlichen Beobachtungen und zu
-Versuchen anregt, finden wir bei *Aristoteles*, wie fast überall im
-Altertum, nur geringe Ansätze nach dieser Richtung. Stets wird an die
-Meinungen früherer angeknüpft, darauf werden Tatsachen der gewöhnlichen
-Erfahrung herangezogen und daraus auf dialektischem Wege, unter
-Gedankensprüngen und logischen Kunstgriffen, ein Ergebnis gewonnen,
-das sich dem herrschenden System anpaßt, oft aber auch auf eine bloße
-Worterklärung hinausläuft. Das Ergebnis der so geübten Spekulation
-sucht *Aristoteles* mitunter wieder durch neue Beispiele aus der
-Erfahrung zu stützen. Das Unzulängliche seines Verfahrens scheint ihm
-indessen manchmal selbst zum Bewußtsein gekommen zu sein. So sagt er an
-einer Stelle: »Noch sind die Erscheinungen nicht hinreichend erforscht.
-Wenn sie es aber dereinst sein werden, ist der Beobachtung mehr zu
-trauen, als der Spekulation und letzterer nur insoweit, als sie mit den
-Erscheinungen Übereinstimmendes ergibt.«
-
-
-Das Himmelsgebäude nach Aristoteles.
-
-Auf dem Gebiete der Astronomie hat *Aristoteles* den soeben erwähnten
-Grundsatz, den im übrigen erst die neuere Naturforschung zur vollen
-Geltung brachte, auch hin und wieder befolgt[287]. Andererseits
-verleugnet er in seinem, von diesem Gebiete handelnden Werke an manchen
-Stellen die an ihm gewohnte Denkart nicht. So bemüht er sich, aus
-Vernunftgründen darzutun, daß es nur ein Himmelsgewölbe geben könne
-und daß das Universum ohne Ursprung und unvergänglich sei. Sehr klar
-ist seine Zusammenstellung der Gründe für die Kugelgestalt der Erde.
-Der betreffende Abschnitt möge hier in etwas freierer Wiedergabe
-folgen[288]: »Daß die Erde eine Kugel ist, ergibt sich auch aus
-der Sinneswahrnehmung. Bei den Mondfinsternissen ist nämlich die
-abgrenzende Linie, welche der Schatten der Erde zeigt, immer gekrümmt.
-Ferner ist durch das Erscheinen der Sterne nicht bloß augenfällig, daß
-die Erde rund ist, sondern auch, daß sie nicht eben groß sein kann.
-Wenn wir nämlich nur eine geringe Ortsveränderung gegen Süden oder
-Norden vornehmen, so zeigen die Sterne über unserem Haupte eine große
-Veränderung, denn einige Sterne werden in Ägypten gesehen, hingegen
-in den nördlichen Ländern nicht. Und diejenigen Sterne, welche in
-den nördlichen Gegenden immerwährend am Himmel stehen, gehen in den
-südlichen unter. Folglich ist die Erde nicht nur kugelförmig, sondern
-auch nicht groß, denn sonst würde sich bei einer nur so geringen
-Ortsveränderung nicht die beschriebene Erscheinung zeigen. Es ist daher
-nicht unglaublich, daß die Gegend um die Säulen des Herkules mit jener
-von Indien zusammenhängt und daß es auf diese Weise nur ein Meer gibt.
-Ferner behaupten die Mathematiker, daß der Umfang der Erde etwa 400000
-Stadien betrage. Auch daraus würde folgen, daß die Erde nicht nur
-kugelförmig, sondern im Vergleich zu den übrigen Gestirnen nicht groß
-ist.«
-
-Gleichzeitig mit der Lehre von der Kugelgestalt der Erde entstand die
-Vorstellung, daß es Antipoden geben müsse. Schon die Pythagoreer sollen
-dies angenommen haben[289]. Als der »Erfinder« des Wortes Antipoden
-wird *Platon* genannt. Daß die Erde in ihrem ganzen Umfange bewohnt
-sei, wird indessen nicht etwa als Tatsache, sondern nur als nicht zu
-umgehende Annahme hingestellt.
-
-Von eigener Beobachtung eines seltenen astronomischen Ereignisses zeugt
-folgende Stelle, die gleichfalls im Wortlaute mitgeteilt sei[290]:
-»Wir haben nämlich gesehen, wie der Mond einmal halbkreisförmig
-war und *unter* dem Mars vorüberging. Letzterer verschwand an der
-dunklen Hälfte des Mondes und kam an der beleuchteten wieder hervor.
-In gleicher Weise berichten solches, auch bezüglich der übrigen
-Gestirne, diejenigen, die schon seit einer sehr langen Reihe von Jahren
-Beobachtungen angestellt haben, nämlich die Ägypter und die Babylonier,
-von denen wir viele beglaubigte Nachrichten betreffs eines jeden
-Gestirns besitzen.«
-
-Die Kugelform legt *Aristoteles* nicht nur der Erde, sondern auch
-dem Himmelsgewölbe bei. Letzteres müsse notwendig kugelförmig sein,
-denn die Kugel sei sowohl für das Wesen des Universums die am meisten
-ansprechende, als auch von Natur aus die ursprünglich erste Form[291].
-Für die Welt nimmt *Aristoteles* räumliche Begrenzung an. Die Gestirne
-seien aus Äther gebildet, dessen Bewegung die kreisförmige sei, während
-den irdischen Elementen die geradlinige zukomme. Die fünf Planeten,
-die Sonne und der Mond sollen, wie schon *Eudoxos* behauptet, jeder in
-seiner eigenen Sphäre bewegt werden. An diesen Sphären, unter denen
-man sich konzentrische, die im Mittelpunkte ruhende Erde umgebende
-Kugelschalen vorstellte, sind diese sieben Weltkörper befestigt,
-während die Fixsterne eine gemeinsame Sphäre besitzen und ihre
-gegenseitige Lage innerhalb dieser Sphäre nicht ändern.
-
-Astrologische Vorstellungen kommen in den Schriften des *Aristoteles*
-nicht vor. Zwar hatte *Platon* die Ansicht vertreten, daß die Gestirne
-göttliche Wesen seien. *Aristoteles* teilte diese Ansicht, sowie die
-Lehre von der Sterndeutung jedoch nicht, wenn auch den Griechen damals
-schon die astronomischen und die astrologischen Lehren der Chaldäer
-bekannt waren. Auch *Eudoxos*, der sich zur Zeit *Platons* eingehend
-mit der Astronomie befaßte, verhielt sich diesen Lehren gegenüber
-ablehnend. Erst in der späteren, als hellenistisch bezeichneten Periode
-wurde die Astrologie zu einer herrschenden geistigen Strömung.
-
-Um die Ungleichheiten in der Bewegung der Planeten zu erklären, hatte
-schon *Eudoxos*, der Begründer der Theorie der homozentrischen Sphären,
-für jeden Wandelstern mehrere Sphären eingeführt. Für jedes dieser
-Gestirne mußte, da es wie die Fixsterne auf- und unterging, eine der
-Fixsternbewegung entsprechende Sphäre angenommen werden. Eine zweite,
-deren größter Kreis in die Ekliptik fiel, bewegte den Planeten dann
-entgegengesetzt zur täglichen Drehung, also von West nach Ost, in einer
-Zeit, innerhalb welcher der Planet den Tierkreis durchläuft. Weitere
-Sphären waren zur Erklärung der Stillstände und der zeitweiligen
-Rückwärtsbewegung von Ost nach West nötig. Für den Mond und für die
-Sonne waren gleichfalls zwei Sphären nicht ausreichend. Im ganzen
-benötigte *Eudoxos* zur Darstellung der Bewegungen der Himmelskörper 27
-Sphären. Zu diesen fügte *Kalippos* 7 und *Aristoteles* noch 22 weitere
-hinzu. Dadurch wurde der Mechanismus so verwickelt, daß man ihn endlich
-aufgab und durch die Epizyklentheorie ersetzte.
-
-Eine Rekonstruktion der Anschauungen des *Eudoxos* verdanken wir
-*Schiaparelli*[292]. Es handelt sich bei der Annahme der Sphären
-um keine mystischen Ungereimtheiten, sondern um eine kinetische
-Hilfsvorstellung zur möglichst genauen Beschreibung der beobachteten
-Vorgänge. Man darf bei der Beurteilung älterer Hypothesen nie
-vergessen, daß auch unsere modernen Theorien im Grunde genommen solche
-Hilfsvorstellungen sind, die mit dem Fortschreiten der Wissenschaft
-oft durch neue Vorstellungen verdrängt werden. Man darf ferner
-wohl annehmen, daß *Eudoxos* selbst seine Hilfsvorstellung als das
-betrachtete, was sie war, und daß erst Spätere seinen homozentrischen
-Sphären Wirklichkeit beigemessen haben. Bezeichnend ist auch der
-Ausdruck, der bei den alten Schriftstellern oft wiederkehrt, daß
-man für die Bewegung der Himmelskörper Theorien aufgestellt habe,
-»um die Erscheinungen zu retten«, d. h. sie mit einer, den Verstand
-befriedigenden, kinetischen Darstellung in Einklang zu bringen. Hielt
-man an dem Grundsatz fest, am Himmel seien nur gleichmäßige und
-kreisförmige Bewegungen möglich, so boten die Sphärentheorie und später
-die Epizyklentheorie eine Lösung der den alten Astronomen gestellten
-Aufgabe, die dem damaligen Stande des Wissens entsprach.
-
-Die Vorstellung, die Erde und der Himmel seien kugelförmig, führte
-schon im Altertum zur Verfertigung von Globen. Zuerst begegnen
-uns Himmelsgloben. Ein solcher ist uns in dem »*Farnesischen*
-Globus« erhalten geblieben. Er wird im Nationalmuseum zu Neapel
-aufbewahrt und bildet die Marmorkugel, welche der »*Farnesische*
-Atlas« trägt. Dieser Globus ist vermutlich eine Nachbildung einer
-von *Eudoxos* hergestellten Sphäre. Auf dem *Farnesischen* Globus
-sind die Sternbilder in reliefartiger Darstellung gemeißelt. Nach
-der Lage des Frühlingspunktes zu urteilen, stammt das Kunstwerk aus
-dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. Später haben die Araber, unter
-Benutzung der griechischen Sternverzeichnisse, in der Anfertigung
-von Himmelsgloben Hervorragendes geleistet. Von solchen aus dem
-13. Jahrhundert stammenden Globen sind mehrere erhalten[293]. Die
-Verfertigung von Erdgloben kam erst im Zeitalter der Entdeckungen
-auf, als sich der geographische Gesichtskreis über die gesamte Erde
-auszudehnen begann[294]. Die von den Himmelskörpern ausgehende
-Wärme und ihr Licht führt *Aristoteles* darauf zurück, daß »die Luft
-unterhalb der Sphäre erhitzt wird«. »Denn,« fügt er hinzu, »von
-Natur aus versetzt Bewegung sowohl Hölzer als auch Steine und Eisen
-in Feuerhitze[295].« Aber nicht nur die Erde und das Himmelsgewölbe
-sind nach *Aristoteles* kugelförmig, sondern er legt diese Form den
-Gestirnen ganz allgemein bei[296]. Die Ansicht, letztere müßten eine
-Art Sphärenmusik erzeugen, kann er nicht teilen. Denn übermäßiges
-Geräusch, meint er, zerstöre selbst die widerstandsfähigsten
-Körper[297]. Bei der Erklärung des Flimmerns fällt er in die an anderer
-Stelle von ihm bestrittene Sehtheorie zurück. Er meint nämlich, die
-Planeten besäßen ein ruhiges Licht, weil sie nahe seien und der »Blick
-sie deshalb in seiner vollen Kraft erreiche«. »Hingegen auf die
-Fixsterne gerichtet,« fährt er fort, »wankt der Blick wegen der Länge
-des Abstandes, daher flimmern die am Himmel fest eingefügten Sterne,
-die Planeten aber nicht[298].«
-
-Was endlich die Kometen anbetrifft, so rechnete *Aristoteles* sie nicht
-zu den Himmelskörpern, sondern er hielt sie für Gebilde der irdischen
-Atmosphäre. Welchen Wert man dieser Meinung beilegte und wie sehr die
-Kometen das allgemeine Interesse fesselten, geht daraus hervor, daß
-noch am Ende des 17. Jahrhunderts in manchen Ländern kein Professor
-angestellt wurde, wenn er nicht öffentlich erklärte, daß er außer mit
-den übrigen Grundsätzen des *Aristoteles* auch mit dessen Ansichten
-über die Kometen einverstanden sei[299].
-
-Bis auf *Aristoteles* zurückzuverfolgen ist auch eine andere Lehre
-(orientalischen Ursprungs), die in ihren letzten Konsequenzen das
-paradoxeste Erzeugnis des menschlichen Geistes darstellt, die Lehre
-von der steten Wiederkehr[300]. *Aristoteles* spricht an einigen
-Stellen seiner Werke den Gedanken aus, ähnlich der Bewegung der
-Gestirne vollziehe sich alles irdische Geschehen periodisch in stetem
-Kreislauf. So finde z. B. auch ein steter Wechsel zwischen Meer
-und Land statt[301]. Spätere Philosophen, so die *Stoiker*, waren
-schon, wie später *Nietzsche*, in maßloser Übertreibung eines an
-sich richtigen Gedankens, auf die sonderbare Lehre gekommen, daß
-in großen Weltperioden in steter Folge selbst das Einzelwesen in
-seiner ganz bestimmten Individualität, z. B. ein bestimmtes Dorf,
-ein *Sokrates* usw. mit allen gleichzeitigen Wesen, Dingen und
-Erscheinungen wiederkehren müsse[302]. Erklärlich wird dieser Irrgang
-des menschlichen Geistes daraus, daß für die Gestirne, denen man
-einen maßgebenden Einfluß auf alles Werden und Vergehen zuschrieb,
-eine Rückkehr in die Anfangsstellung angenommen wurde. Sobald diese
-erreicht sei, sollten sich alle Geschehnisse in der gleichen Folge von
-neuem abspielen. Man unternahm es sogar, auf Grund der vorhandenen
-Beobachtungen die Rückkehr der Planeten in dasselbe Ortsverhältnis zu
-berechnen. *Aristarch* hatte dafür einen Zeitablauf von 2484 Jahren
-angenommen. Andere hatten Jahrmillionen herausgerechnet. Unter den
-Neueren hat sich selbst *Tycho* mit der Berechnung dieses »annus
-mundanus« genannten Zeitraumes befaßt und 25816 Jahre gefunden. Ganz
-aufgegeben wurde dieser Gedanke wohl erst, als man erkannte, daß die
-Zahl der Planeten weit größer ist, als bisher angenommen war.
-
-Zu den astronomischen Grundlagen der Lehre von der steten Wiederkehr
-ist auch *Hipparchs* Entdeckung der Präzession der Nachtgleichen zu
-rechnen. Sie führte gleichfalls auf eine Periode von etwa 25000 Jahren,
-die als platonisches Jahr bezeichnet wurde. (Siehe a. spät. Stelle.)
-
-Außer den astronomischen kommen auch geophysische Grundlagen für diese
-Lehre in Betracht, indem man die regelmäßige Wiederkehr gewaltiger
-Überflutungen oder auch von Perioden gesteigerter vulkanischer
-Tätigkeit voraussetzte. Gewöhnlich wurden diese Ereignisse in der
-Art miteinander verbunden, daß man die irdischen Katastrophen an die
-periodisch wiederkehrenden astronomischen Erscheinungen knüpfte[303].
-
-Um die regelmäßige Wiederkehr der Überflutungen zu erklären, dachte
-man sich entweder die Erde von Adern und Spalten durchzogen, die das
-Wasser in sich aufnehmen und sich wieder leeren sollten, oder man nahm
-an, daß sich in den oberen Schichten der Atmosphäre die Luft in Wasser
-verwandele. Zu den Anhängern dieser Auffassung gehörte *Aristoteles*,
-der sich mit den meteorologischen Erscheinungen eingehend beschäftigte.
-
-
-Die Grundzüge der physischen Erdkunde und der Geologie.
-
-In seinen vier Büchern über die Meteorologie beschreibt und erörtert
-*Aristoteles* das Auftreten der Kometen und der Sternschnuppen, welche
-er als Erzeugnisse unserer Atmosphäre betrachtet, die Gestalt und die
-Höhe der Wolken, die Bildung von Tau, Eis, Schnee, die Entstehung der
-Winde und des Gewitters usw.
-
-Im ersten Buche[304] spricht *Aristoteles* von Erscheinungen, die wohl
-nur dahin gedeutet werden können, daß es sich um das Nordlicht handelt.
-Er erzählt, daß man in klaren Nächten mitunter Schlünde erblicke, die
-blutigrote Fackeln hinauszuschleudern schienen. Die Erscheinung mache
-den Eindruck, als ob sie von einem weit entfernten Brande herrühre.
-Weniger bestimmt lassen sich einige bei *Plinius* und *Seneca*
-vorkommende Stellen auf das Nordlicht deuten.
-
-Erdbeben werden nach *Aristoteles* durch eingeschlossene Luft erzeugt.
-Sehr ausführlich wird vom Regenbogen gehandelt. *Aristoteles* sucht
-diese Erscheinung einzig aus der Reflexion des Lichtes abzuleiten.
-Die Wassertröpfchen, meint er, seien Spiegelchen, die indessen
-infolge ihrer Kleinheit nicht die Form, sondern nur die Farbe
-des leuchtenden Gegenstandes, gemischt mit ihrer eigenen Farbe,
-zurückwürfen. Dem Regenbogen werden nur die drei Farben rot, grün
-und violett zugeschrieben. Doch zeige sich zwischen rot und grün
-eine fahle Farbe (das Gelb). Auch die Beziehung des Regenbogens zur
-Sonnenhöhe wird erörtert und es wird erwähnt, daß es um Mittag im
-Sommer in Griechenland keinen Regenbogen gebe. Den Mondregenbogen,
-sagt *Aristoteles*, habe er in 50 Jahren nur zweimal beobachtet. Die
-Erscheinung sei so selten, weil sie nur bei Vollmond eintrete. Auch der
-künstliche Regenbogen, der sich im zerstäubten Wasser zeigt, findet
-Erwähnung.
-
-Die ersten geologischen Vorstellungen begegneten uns schon bei
-*Thales* und bei *Empedokles* (s. S. 70). Bei dem mit vielen Teilen
-der Erde bekannt gewordenen *Demokrit* hatten diese Vorstellungen
-eine erstaunliche Höhe erreicht. Man kann das aus der auf *Demokrit*
-zurückgehenden Darstellung schließen, welche *Aristoteles* über die
-geologischen Vorgänge gibt. Seine Worte lauten[305]: »Nicht immer sind
-dieselben Orte der Erde feucht oder trocken, sondern sie verändern sich
-je nach dem Entstehen und dem Verschwinden der Flüsse. Ebenso verändert
-sich das Verhältnis des festen Landes zum Meere. Wo festes Land ist,
-da wird Meer, und wo jetzt Meer ist, da entsteht wiederum festes
-Land[306]. Man muß annehmen, daß dies periodenweise geschieht[307].
-
-*Da die ganze natürliche Entstehung eines Landes allmählich und
-in Zeiträumen vor sich geht, die im Vergleich mit unserem Leben
-außerordentlich lang sind, so bemerken wir nichts davon[308].*
-
-Ägypten z. B. scheint immer trockner geworden zu sein. Das ganze Land
-muß wohl als eine Anschwemmung des Niles betrachtet werden. Ähnlich
-verhält es sich mit Argos. Vor alters war diese Landschaft sumpfig
-und fast unbewohnt. Heute dagegen ist sie angebaut. Was von dieser
-engbegrenzten Gegend gilt, das geschieht auch bei ganzen Ländern.
-Einige nehmen an, daß die Ursache solcher Vorgänge eine Veränderung des
-ganzen Himmelsgebäudes ist, als sei dies dem Wechsel unterworfen. Oder
-man behauptet, das Meer nehme ab, indem es austrockne. Dabei übersieht
-man, daß gleichzeitig Teile der Erde trocken werden, während das Meer
-andere überflutet[309].«
-
-Die Annahme, daß die Menge des Meeres geringer werde und das Meer
-schließlich ganz verschwinden müsse, rührt von *Demokrit* her.
-Letzterer ist zu dem großartigen Gedanken, daß die Konfiguration der
-Erdoberfläche sich im Lauf der geologischen Perioden ändere, schon vor
-*Aristoteles* gelangt[310]. Auch die Ansicht, daß die geologischen
-Änderungen auf kosmologische Ursachen zurückzuführen seien, rührt von
-*Demokrit* her. *Aristoteles* verwirft sie, weil er den Himmel als
-den Ort des unveränderlichen Seins betrachtet. Wir sehen aus alledem,
-daß *Demokrits* Naturauffassung in vielem höher steht als diejenige
-des *Aristoteles* und sich der unseren nähert, denn die Einwirkung
-kosmischer Vorgänge auf die säkularen Änderungen der Erdoberfläche wird
-heute nicht mehr in Abrede gestellt. Ferner entspricht *Demokrits*
-Annahme einer steten Verringerung der auf der Erde befindlichen
-Wassermenge den heutigen geologischen Vorstellungen. Das Ende dieses
-Vorgangs würde darin bestehen, daß alles Wasser durch die Verwitterung
-und andere Veränderungen der Gesteine gebunden ist.
-
-Daß das Meer nicht etwa dadurch verschwindet, daß es sich durch die
-Sonne in Dampf verwandelt, war *Demokrit* ganz klar, denn er wußte,
-daß das Wasser des Meeres immer wieder in Gestalt von Regen auf die
-Erde herabfällt. Dies ist aus seiner Erklärung der Nilüberschwemmungen
-ersichtlich[311].
-
-Es ist anzunehmen, daß *Demokrits* ganz klare Lehre vom Kreislauf des
-Wassers der von *Aristoteles* gegebenen Darstellung zugrunde gelegen
-hat. Sie lautet: »Einige behaupten, daß die Flüsse nicht allein in
-das Meer fließen, sondern auch aus demselben.« Das Wasser des Meeres
-verdampfe und steige nach oben. Dort werde es durch Abkühlung wieder
-verdichtet und falle infolgedessen wieder zur Erde herunter[312].
-
-Für das Entstehen der ersten geologischen Anschauungen ist der Umstand
-von großer Bedeutung gewesen, daß das Land, in dem das älteste
-Kulturvolk der Ägypter wohnte, alle Anzeichen dafür darbot, daß es
-sich in langsamer, stetiger Änderung befindet. Die Erinnerungen und
-Aufzeichnungen der Ägypter umfaßten einen Zeitraum von Jahrtausenden,
-der wohl erkennen ließ, daß sich das Land am unteren Lauf des Niles
-fortgesetzt nach Norden ausdehnte[313]. Die salzigen Seen auf der
-Landenge von Suez konnten kaum anders denn als Überbleibsel des Meeres
-gedeutet werden. Auf das allmähliche Emportauchen Ägyptens aus dem
-Meere wiesen auch die in seinen gebirgigen Teilen sich findenden
-Versteinerungen hin. Trotzdem ist es erstaunlich, daß man auf Grund
-von einer immerhin nur geringen Summe von Beobachtungen im Altertum
-schon zu einer so klaren Einsicht in die geologischen Vorgänge gelangt
-ist, wie sie uns bei *Eratosthenes*, bei *Aristoteles*, der allerdings
-nur berichtet, und ganz besonders bei *Demokrit* begegnet. Es läßt
-sich nicht verkennen, daß diese antiken Anfänge der geologischen
-Wissenschaft auf ihre eigentliche Begründung im 16. und 17. Jahrhundert
-von nicht geringem Einfluß gewesen sind, wie an späterer Stelle gezeigt
-werden soll. Dieser Einfluß geht so weit, daß zwischen den am klarsten
-von *Demokrit* entwickelten Lehren des Altertums eine besonders
-durch *Aristoteles* vermittelte Wirkung auf die Geologie der Neuzeit
-nachzuweisen ist.
-
-
-Die vier aristotelischen Elemente.
-
-Am Schlusse seiner »Meteorologie« handelt *Aristoteles* von den vier
-Elementen. Ausführlichere Darlegungen über diesen Gegenstand enthält
-die Schrift über »Entstehen und Vergehen«. Daß nur vier Elemente
-möglich seien, beweist *Aristoteles* auf spekulativem Wege. Seine
-Ausführungen sind für die Beurteilung der aristotelischen Denkweise so
-bezeichnend, daß wir auf sie etwas näher eingehen wollen[314].
-
-Es gibt, meint er, vier Grundempfindungen: warm, kalt, feucht und
-trocken. Diese Empfindungen werden paarweise vereint wahrgenommen.
-Mathematisch betrachtet, können sich sechs solcher Vereinigungen (sechs
-Kombinationen zu zwei) bilden. Doch sind zwei als sich widersprechend
-unmöglich, nämlich die Vereinigung warm und kalt und die Vereinigung
-feucht und trocken. Es bleiben folglich nur vier Gegensätze bestehen,
-und dementsprechend sind nur vier Elemente möglich. Dem Gegensatz kalt
-und trocken entspricht die Erde, kalt und feucht das Wasser, warm und
-feucht die Luft, warm und trocken das Feuer. Durch die Mischung dieser
-vier Elemente entstehen nun nach *Aristoteles* sämtliche irdischen
-Stoffe[315]. Ferner kommt jedem Element sein bestimmter »natürlicher«
-Ort zu, gegen den hin es sich bewegt.
-
-Die Materie setzt *Aristoteles* als gegeben voraus. Sie kann nicht
-etwa aus dem Nichts entstehen, auch sich nicht vermehren oder
-sich vermindern[316]. Sie ist vielmehr nur der Veränderung fähig.
-Veränderungen werden dadurch hervorgerufen, daß Ungleichartiges
-oder Gegensätzliches aufeinander wirkt. Dies setzt Berührung voraus.
-Letztere braucht nicht immer eine unmittelbare zu sein. Es kann
-vielmehr auch eine Vermittlung durch eine Zwischensubstanz stattfinden,
-von der jeder Teil den zunächst liegenden in Bewegung setzt. In
-letzter Linie beruht jede Veränderung, einerlei ob sie qualitativ oder
-quantitativ ist, auf Bewegungen. Ist ein Körper einmal in Bewegung,
-so ist kein Grund denkbar, daß er stillstehen sollte, wenn er keinen
-Widerstand findet. Indes auch das Ruhende widerstrebt und verharrt an
-seinem Orte[317].
-
-In all diesen Sätzen begegnen uns schon Keime und Vorahnungen, die
-sich später ganz oder teilweise bewahrheiten sollten. Der Andeutung
-des Gesetzes von der Erhaltung der Materie trat auch schon eine
-Vorahnung des Energiegesetzes zur Seite. Sie begegnet uns in dem
-Ausspruch, daß die in der Natur vorhandene Bewegung weder entstehen
-noch vergehen könne[318]. Man darf indessen nicht außer Acht lassen,
-daß *Aristoteles* mitunter rein zufällig das Richtige trifft. So, wenn
-er sagt, die Luft bestehe aus zwei Bestandteilen. In der Nähe des
-Erdbodens herrsche nämlich ein feuchter und kühler, in der Höhe dagegen
-ein trockner und warmer vor.
-
-Für das Entstehen gibt es nach *Aristoteles* drei Ursachen, den
-Stoff, als das dem Werden zugrunde Liegende, die Form als Zweck und
-die Bewegung als Veranlassung. Die den Stoff gestaltende Form ist
-nach *Aristoteles* für die Lebewesen mit dem, was wir Seele nennen,
-einerlei. Die Artunterschiede der Seele sollen die Stufenreihe der
-Lebewesen bestimmen. Die niedrigste Seelenstufe ist die vegetative.
-Sie beschränkt sich auf die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzung und
-ist in den Pflanzen wirksam. Die Tierseele ist außerdem der Empfindung
-fähig, zu welcher bei dem Menschen noch die Vernunft hinzutritt. Der
-Mensch selbst erscheint dem *Aristoteles* als Zweck und Mittelpunkt
-der ganzen Schöpfung. In ihm gelangt das göttliche Empfinden zum
-Bewußtsein[319]. Die Seele ist indessen für *Aristoteles* nichts für
-sich Bestehendes. Sondern sie ist an den Stoff gebunden, ohne selbst
-körperlich zu sein. Sie ist es, welche aus dem Stoff den Leib aufbaut
-und bewirkt, daß letzterer zweckmäßig eingerichtet ist.
-
-Die Lehre von den vier Elementen genügte schon den Hippokratikern und
-auch *Platon*, um daraus die Entstehung der Krankheiten abzuleiten. Da
-der Körper aus Erde, Feuer, Luft und Wasser zusammengesetzt sei, so
-müsse ein Zuviel oder Zuwenig von einem dieser Grundstoffe, sowie eine
-Veränderung ihres Sitzes Aufruhr, d. h. Krankheit, zur Folge haben.
-
-Auch *Aristoteles* führt einige Krankheiten auf ein Übermaß an
-Feuchtigkeit, andere auf ein Zuviel an Wärme zurück. In den Lungen
-häufen sich nach ihm mit zunehmendem Alter erdige Bestandteile an,
-durch die das Feuer endlich erlischt und der Tod eintritt.
-
-Die Elemente sind bei *Aristoteles* nicht etwa Grundstoffe im heutigen
-Sinne. Andererseits verwirft er aber auch den Hylozoismus der ionischen
-Naturphilosophen (»daß nur Eines, z. B. Luft, das Sämtliche sei, ist
-nicht möglich«)[320]. *Aristoteles* ist der Ansicht, daß es »eine
-Substanz der sinnlich wahrnehmbaren Körper gibt, die aber immer mit
-einer Gegensätzlichkeit verbunden ist, aus welcher die sogenannten
-Elemente entstehen«[321].
-
-
-Die Begründung der Zoologie.
-
-Während die Mathematik und die Astronomie schon vor dem Auftreten des
-*Aristoteles* die ersten Stufen ihrer Entwicklung zurückgelegt hatten
-und in zielbewußter Weise die Lösung bestimmter Aufgaben anstrebten,
-war das Gleiche bezüglich der beschreibenden Naturwissenschaften noch
-nicht der Fall. Zwar waren die Grundlagen auch auf diesem Gebiete wie
-auf demjenigen der Astronomie in der sich unmittelbar aufdrängenden
-Beobachtung gegeben. Dem *Aristoteles* und seiner Schule blieb indes
-die erste denkende Erfassung und die systematische Gestaltung der
-noch wenig zusammenhängenden naturgeschichtlichen Einzelkenntnisse
-vorbehalten.
-
-Das wichtigste zoologische Werk des *Aristoteles* ist seine
-Tierkunde[322]. Es ist ein grundlegendes Werk und das bedeutendste
-zoologische Buch des Altertums. Es enthält nicht nur Beschreibungen
-der Tiere, sondern es geht auch auf den Bau und die Verrichtungen der
-Organe, sowie auf die Entwicklung und die Lebensweise ein. Eine kurze
-Betrachtung möge uns eine Probe von dem Wissen des *Aristoteles* und
-der Art, wie er seinen Gegenstand behandelt, bieten. Begonnen wird
-mit der Beschreibung des menschlichen Körpers. Zur Erforschung der
-inneren Organe mußte jedoch das Tier dienen, da man sich noch nicht an
-die Zergliederung menschlicher Leichen heranwagte. Die anatomischen
-Kenntnisse des *Aristoteles* sind infolgedessen noch gering.
-
-Das Herz, von dem er sagt, es enthalte von allen Eingeweiden allein
-Blut, ist ihm auch allein das Organ, in dem das Blut bereitet
-wird[323]. Vom Herzen aus läßt er diese Flüssigkeit sich durch den
-ganzen Körper verbreiten, ohne jedoch damit die Vorstellung von einem
-Kreislauf zu verbinden[324]. Das Blut ist ihm ferner der Träger der
-dem Menschen eingepflanzten Wärme. Die Aufgabe der Atmung soll darin
-bestehen, diese Wärme auf das richtige Maß herabzumindern. Man darf
-sich nicht wundern, daß die Anschauungen des *Aristoteles* noch so
-weit von den heute als richtig erkannten und jedermann geläufigen
-abweichen. Denn gerade die Erforschung der Vorgänge, die sich in
-den Lebewesen abspielen, hat den späteren Jahrhunderten die größten
-Schwierigkeiten gemacht, so daß wir selbst zurzeit noch kaum zu einem
-befriedigenden Einblick in den Zusammenhang dieser Vorgänge gelangt
-sind. Die Aufdeckung eines solchen Zusammenhanges ist nämlich vor allem
-von den Fortschritten der Chemie und der Physik abhängig gewesen,
-Wissenschaften, die zur Zeit des *Aristoteles* erst im Keime vorhanden
-waren. So konnte, um hier nur eins zu erwähnen, der Vorgang der Atmung
-und der Entstehung tierischer Wärme erst richtig gedeutet werden,
-nachdem man die Zusammensetzung und die Rolle der atmosphärischen
-Luft erkannt hatte. Und dies geschah erst gegen das Ende des 18.
-Jahrhunderts, an der Schwelle des letzten Abschnittes der Geschichte
-der Naturwissenschaften. Es ist Verdienst genug, daß *Aristoteles*
-die Fragen nach den Verrichtungen, sowie nach der Entwicklung der
-organischen Wesen[325] gestellt und dadurch späteren Geschlechtern den
-Anlaß geboten hat, die Erforschung dieser Dinge weiter zu betreiben.
-So ist die Entwicklung des Hühnchens im Ei ein Problem, das schon
-*Aristoteles* beschäftigte. Die eingehendere Untersuchung wurde indes
-erst 2000 Jahre später wieder aufgenommen und erst in neuester Zeit,
-auf Grund der Vervollkommnung aller Hilfsmittel, zu einem gewissen
-Abschluß geführt.
-
-Mit Recht mag es dagegen Verwunderung erregen, daß *Aristoteles*
-nicht nur die niederen, sondern selbst höher entwickelte Tiere durch
-Urzeugung entstehen ließ. Es begegnet uns auch hier wieder ein Problem,
-das wir durch den Verlauf der Jahrhunderte in seinen Wandlungen
-verfolgen werden, bis es endlich im neuesten Zeitalter seine Lösung
-gefunden hat. Zwar ist es begreiflich, wenn *Aristoteles* Läuse aus
-Fleisch und Wanzen aus tierischen Feuchtigkeiten herleitet. Man höre
-aber, welch sonderbare Vorstellungen er sich über die Entstehung der
-Aale gebildet hat: »Sie legen«, sagt er[326], »keine Eier. Und man hat
-noch nie in ihnen einen der Fortpflanzung dienenden Teil entdecken
-können. Es gibt sumpfige Teiche, in denen sie wieder entstehen, wenn
-auch das Wasser und der Schlamm herausgeschafft sind, sobald diese
-Teiche wieder durch den Regen gefüllt werden. Die Aale gehen nämlich
-aus Regenwürmern hervor, die sich von selbst aus dem Schlamme bilden.«
-Zur Entschuldigung mag es demgegenüber dienen, daß die Fortpflanzung
-der Aale bis in die neueste Zeit hinein ein dunkles Gebiet der Zoologie
-gewesen ist.
-
-Keineswegs nahm aber *Aristoteles* die Urzeugung für die niederen
-Tiere als den einzigen Weg der Entstehung an. So sagt er von den
-Insekten ausdrücklich, sie zeugten, entständen aber auch spontan.
-Die Urzeugung war ihm und späteren Zoologen ein Glaubenssatz, um aus
-der Verlegenheit, in die man häufig durch Unkenntnis der obwaltenden
-Verhältnisse geraten war, herauszukommen. Über den Vorgang der
-Entwicklung selbst läßt *Aristoteles* sich in seiner Schrift über die
-Zeugung und Entwicklung der Tiere mit folgenden zutreffenden Worten
-aus: »Entweder entstehen alle Teile des Tieres auf einmal; oder sie
-entstehen nacheinander wie die Maschen eines Netzes. Daß letzteres
-geschieht, ist deutlich. Denn man sieht, daß manche Teile schon
-vorhanden sind, andere aber noch nicht. Es ist unzweifelhaft, daß man
-sie nicht nur etwa ihrer Kleinheit wegen nicht sieht. Obgleich die
-Lunge nämlich einen größeren Umfang hat als das Herz, so zeigt sie sich
-doch später als dieses[327]«.
-
-Bezüglich der anatomischen Kenntnisse des *Aristoteles* sei
-hervorgehoben, daß er die schneckenförmige Gestalt des inneren Ohres
-und die Verbindung zwischen dem Gehörorgan und der Mundhöhle kannte.
-Vom Innern des Auges, sagt er, es bestehe aus einer Flüssigkeit, welche
-das Sehen vermittle. Um diese sei eine schwarze und außerhalb der
-letzteren eine weiße Haut vorhanden. Beim Gehirn unterscheidet er die
-stärkere, dem Schädel anliegende Haut von der schwächeren, welche das
-Gehirn unmittelbar umschließt[328].
-
-Auch die Drüsen der Verdauungsorgane hat *Aristoteles* im ganzen
-richtig beschrieben und sie sogar bei einigen Wirbellosen gekannt.
-Ferner hat er seine Schriften durch Zeichnungen erläutert und soll
-hierin vorbildlich gewesen sein. Andererseits wußte *Aristoteles*
-Nerven und Sehnen noch nicht scharf genug zu unterscheiden. Die
-Bedeutung der Muskeln war ihm noch nicht bekannt. Er führte vielmehr
-die Bewegungen der Glieder auf die Tätigkeit der Sehnen zurück und
-betrachtete das Fleisch als das Organ für die Empfindung.
-
-Es sind etwa 500 Tierformen, die *Aristoteles* in den auf uns
-gelangten Schriften erwähnt; doch lassen sich diese Formen nicht
-sämtlich identifizieren. So werden zwar mehrere Arten von Vierhändern
-unterschieden, mit den menschenähnlichen Affen war man zur Zeit des
-*Aristoteles* jedoch noch nicht bekannt[329]. Auch wußte man sehr wenig
-von den niederen Tieren. Doch bewältigt und beherrscht *Aristoteles*
-die ihm bekannten Formen, -- und das ist sein wesentlichstes Verdienst
---, indem er sie in ein der Natur entsprechendes, wissenschaftliches
-System gliedert, das erst durch *Cuvier* im Beginn des 19. Jahrhunderts
-eine wesentliche Verbesserung gefunden hat. Es erscheint deshalb
-gerechtfertigt, auf diesen ersten und auch gleich so wohlgelungenen
-Versuch eines natürlichen Systems der Tiere etwas näher einzugehen.
-
-Zunächst teilte *Aristoteles* das gesamte Tierreich in Bluttiere und
-Blutlose. Ging er auch hierbei von der unrichtigen Annahme aus, daß
-die rote Farbe ein notwendiges Kennzeichen des Blutes sei, so decken
-sich doch tatsächlich seine beiden großen Gruppen, wie wir aus ihrer
-weiteren Einteilung erkennen, mit unseren heutigen Wirbeltieren und
-Wirbellosen. Die Bluttiere zerfallen bei *Aristoteles* in lebendig
-gebärende Vierfüßler (Säugetiere), Vögel, eierlegende Vierfüßler
-(unsere heutigen Klassen der Reptilien und Amphibien, zu denen er
-ganz richtig trotz des Fehlens der Gliedmaßen, wegen ihrer sonstigen
-Beschaffenheit, die, Schlangen rechnet) und in die von den Fischen
-scharf abgesonderten Waltiere. Für letztere gibt er an, daß sie
-durch Lungen atmen und lebendig gebären. »Die lebendig gebärenden
-Vierfüßler«, sagt *Aristoteles*, »sind fast alle dicht behaart. Sie
-sind ferner entweder vielzehig wie der Löwe, der Hund und der Panther,
-oder zweihufig wie Schaf, Ziege und Hirsch. Oder sie besitzen nur einen
-Huf wie das Pferd. Den Tieren, welche Hörner tragen, hat die Natur
-meist zwei Hufe verliehen. Ein Einhufer mit Hörnern ist uns niemals
-zu Gesicht gekommen. Auch im Gebiß weichen die Tiere untereinander
-und vom Menschen vielfach ab. Zähne besitzen alle lebendig
-gebärenden Vierfüßler. Und zwar haben sie in beiden Kiefern entweder
-zusammenhängende Zahnreihen oder unterbrochene. Allen Hörnertragenden
-fehlen nämlich die Vorderzähne im Oberkiefer. Doch gibt es auch Arten
-mit unvollkommenen Zahnreihen ohne Hörner, wie das Kamel. Manche haben
-Hauzähne, z. B. der Eber. Ferner gibt es Tiere mit Reißzähnen, wie der
-Löwe, Panther und Hund. Hauzähne und Hörner zugleich besitzt kein Tier.
-Auch kommen nicht Reißzähne neben Hauzähnen und Hörnern vor.«
-
-Obgleich *Aristoteles* hier manche Mitteilungen und Verallgemeinerungen
-über die Zähne und den Bau der Füße bei den Säugetieren macht, gelangt
-er doch nicht etwa zur Aufstellung von Ordnungen oder Unterordnungen im
-heutigen Sinne. Bei den Vögeln indessen unterscheidet er die Ordnung
-der Raubvögel von den Ordnungen der Schwimm- und der Stelzvögel.
-Besonders gekennzeichnet wird die Gruppe der Vögel noch durch folgende
-Bemerkungen: »Sie allein unter allen Tieren sind zweibeinig wie der
-Mensch, sie haben weder Hände noch Vorderfüße, sondern Flügel. Das
-sind Organe, welche dieser Tierklasse eigentümlich sind. Alle haben
-mehrspaltige Füße. In der Regel sind die Zehen getrennt. Bei den
-Schwimmvögeln aber sind die gegliederten, deutlich gesonderten Zehen
-durch Schwimmhäute verbunden. Die Vögel, welche hoch fliegen, haben
-sämtlich vier Zehen, von denen meistens drei nach vorn und eine nach
-hinten gestellt sind. Einige haben zwei nach vorn und zwei nach hinten
-gerichtete Zehen.«
-
-Für seine fünfte und letzte Gruppe, die Fische nämlich, hebt er das
-Vorhandensein von Kiemen und Flossen hervor[330]. Auch ist ihm bekannt,
-daß nicht nur die Waltiere, sondern auch gewisse Haie lebendige
-Junge zur Welt bringen. Ja, er zeigt sich mit Verhältnissen in der
-Entwicklung der Haie vertraut, welche erst in neuerer Zeit ihre
-Bestätigung gefunden haben. So erzählt er, daß es unter den Haien
-eierlegende und lebendig gebärende gäbe, und unter den letzteren auch
-solche, bei denen der Fötus mit dem Uterus wie bei den Säugetieren
-durch einen Mutterkuchen verbunden sei (s. Abb. 16). Diese Tatsache
-wurde erst im 19. Jahrhundert durch *Johannes Müller* an Mustela laevis
-wieder entdeckt[331].
-
-Unter den Blutlosen (Wirbellosen) gelten ihm als die entwickeltsten
-die Kopffüßler (Tintenfische), mit deren Bau und Lebensweise er sich
-eingehend befaßt. »Sie besitzen«, sagt er, »Füße, die sich am Kopf
-befinden, einen Mantel, der das Innere umschließt, und Flossen rings
-um den Mantel. Es sind acht mit Saugnäpfen versehene Füße vorhanden.
-Einige Arten, wie die Sepien, haben außerdem zwei lange Fangarme. Mit
-diesen ergreifen sie die Nahrung und führen sie zum Maule. Bei Sturm
-befestigen sie diese Arme wie Anker an einem Felsen und lassen sich
-so von den Wogen hin und hertreiben. Auf die Füße folgt bei allen der
-Kopf, in dessen Mitte sich das mit zwei Zähnen versehene Maul befindet.
-Darüber liegen die großen Augen, und zwischen diesen eine knorpelige
-Masse, welche das Gehirn einschließt.«
-
-[Illustration: Abb. 16. Der Embryo des glatten Hais des Aristoteles.
-
-Dp, der Mutterkuchen in Verbindung mit dem Uterus[332].]
-
-Dann folgen die Krebse, von *Aristoteles* Weichschalige genannt. Die
-dritte Gruppe bilden die Kerbtiere. *Aristoteles* begreift darunter
-sämtliche Tiere mit geringeltem Körper, also nicht nur die Insekten,
-sondern auch die Spinnen, die Tausendfüßler und die Gliederwürmer.
-Er hebt hervor, daß der Körper aller Insekten in drei Abschnitte
-zerfällt, den Kopf, den Körperteil, welcher Magen und Darm enthält, und
-drittens den dazwischen liegenden Abschnitt, dem bei anderen Tieren
-Brust und Rücken entsprechen. »Außer den Augen«, fährt *Aristoteles*
-fort, »haben die Insekten kein deutliches Sinnesorgan. Manche besitzen
-einen Stachel, der sich entweder innerhalb des Körpers befindet, wie
-bei den Bienen und Wespen, oder außerhalb, wie beim Skorpion[333].
-Letzterer ist allein unter allen Insekten lang geschwänzt; ferner
-besitzt er Scheren. Einige Insekten haben über den Augen Fühler, z. B.
-die Schmetterlinge und die Käfer. Im Innern findet sich ein Darm, der
-in der Regel bis zum After gerade verläuft, mitunter aber auch gewunden
-ist.«
-
-Bei den Insekten fesseln *Aristoteles* besonders der Bau und die
-Lebensweise der Honigbiene. Er erwähnt, daß sie das Bienenbrot an den
-Schenkeln einträgt und den Honig in ihre Zellen speit. Er erzählt
-von dem Bau der Waben, den Maden und Puppen und kennt die Herkunft,
-sowie die Rolle, die das sogenannte Vorwachs besitzt, so daß wir vor
-*Swammerdam*, welcher durch die Anwendung des Mikroskops und durch
-die Befolgung der Grundsätze der neueren Naturforschung zu einem weit
-tieferen Einblick befähigt war, kaum eine gleich gute Schilderung
-dieses wichtigen Insektes antreffen.
-
-Die vierte Gruppe, ausgezeichnet durch harte Schalen, die einen
-weichen ungegliederten Körper umschließen, bilden die Schnecken und
-die Muscheln, die von *Aristoteles* als Schaltiere zusammengefaßt
-werden. Der fünften und letzten Gruppe, den Seewalzen, Seesternen und
-Schwämmen, wird eine vermittelnde Stellung zwischen dem Tier- und
-Pflanzenreiche zugewiesen.
-
-Viele Betrachtungen, die *Aristoteles* in seinen zoologischen Schriften
-anstellt, lassen erkennen, daß er, wenn auch vom teleologischen
-Standpunkt, doch schon von dem Gedanken geleitet wird, den die neuere
-Biologie als Erhaltungsmäßigkeit bezeichnet. Das Wort soll ausdrücken,
-daß Lebensweise, Aufenthaltsort und Einrichtung eines Tieres einander
-entsprechen. Nicht minder stehen aber die einzelnen Organe zueinander
-und zum Gesamtbau in einem gewissen Verhältnis, das *Cuvier*, der
-größte Zoologe der Neuzeit, als die Korrelation der Organe bezeichnet
-hat. In welchem Maße *Cuvier* und die neuere Biologie hierin mit
-*Aristoteles* übereinstimmen, lassen z. B. dessen Betrachtungen über
-die Zähne erkennen. Sie lauten[334]: »Die Zähne haben die Tiere
-im allgemeinen zur Zerkleinerung der Nahrung, dann aber auch als
-Waffen zu Angriff und Abwehr. Von denen, die sie zu Schutz und Trutz
-besitzen, haben einige Hauer wie der Eber, andere scharf ineinander
-greifende Zähne. Die Stärke dieser Tiere beruht auf ihren Zähnen.
-Diese müssen also scharf sein und zweckmäßig ineinander greifen, damit
-sie sich nicht durch gegenseitige Reibung abstumpfen. Ferner haben
-die spitzzähnigen ein weit geschlitztes Maul. Da nämlich ihre Wehr im
-Beißen besteht, haben sie ein weites Maul nötig, denn sie werden mit um
-so mehr Zähnen und um so stärker beißen, je weiter das Maul geschlitzt
-ist[335].«
-
-Auch über die Ernährung der Tiere wie über diejenige der Pflanzen
-hatte sich *Aristoteles* schon Vorstellungen gebildet, die viel
-Zutreffendes enthalten. Sämtliche Bestandteile des Körpers läßt er
-durch die Umwandlung der aufgenommenen Nahrungsmittel entstehen[336].
-Für einzelne Substanzen wie das Fett, die Galle usw. gebe es
-wahrscheinlich auch bestimmte Nährstoffe. Diese sollen aus dem Blute
-durch die Wandungen der Adern hindurchsickern und auf diese Weise an
-den Ort gelangen, wo sie abgeschieden werden. Das Fett entstehe aus
-mehliger und süßer Nahrung, die sich leicht in Fett umwandele. Als die
-wichtigste Ausscheidung des Blutes betrachtet *Aristoteles* den Samen.
-Er enthalte neben Wasser und Erde vor allem den warmen, lebenerregenden
-Luftgeist, das Pneuma (s. S. 102). Wie sich die Erde in ein Mineral
-verwandeln könne, so verwandele die im Samen enthaltene Erde sich in
-einen Menschen. Tiere mit starken Knochen läßt *Aristoteles* aus einem
-besonders erdhaltigen Samen hervorgehen. Seele und Körper der Lebewesen
-bilden nach ihm eine Einheit, allerdings nur in dem Sinne, daß der
-Körper das Organ der Seele ist[337]. Dafür spreche auch, daß manche
-Tiere, die man zerschneide, in jedem ihrer Teile weiterleben.
-
-
-Aristoteles über die Pflanzen.
-
-In seinem Bestreben, das gesamte Wissen seiner Zeit vom Standpunkte des
-Philosophen zu sammeln, zu prüfen und systematisch zu gliedern, konnte
-*Aristoteles* auch an der Pflanzenwelt nicht achtlos vorübergehen.
-Leider ist indessen seine diesem Gegenstande gewidmete »Theorie der
-Pflanzen« verloren gegangen. Was wir an Ansichten des *Aristoteles*
-über die Natur der Pflanzen kennen, sind vereinzelte, aber immerhin
-zahlreiche Äußerungen des Philosophen, die sich in seinen übrigen
-Werken zerstreut finden[338]. Von besonderem Interesse ist, was
-*Aristoteles* über die Verwandtschaft der Tiere mit den Pflanzen
-sagt[339]. Die Natur geht allmählich vom Unbeseelten zum Beseelten
-über. Auf die unbeseelten Dinge läßt sie zunächst die Pflanzen folgen.
-Unter diesen unterscheide sich die eine von der anderen darin, daß sie
-teils mehr, teils weniger Anteil am Leben zeige. Vergleiche man die
-Pflanzen mit den leblosen Dingen, so seien erstere wie beseelt, dagegen
-erscheine die Pflanze im Vergleich zum Tiere wie unbeseelt. Und doch
-sei der Übergang zwischen Pflanze und Tier ununterbrochen. Denn bei
-einigen Wesen des Meeres könne man zweifeln, ob sie Tiere oder Pflanzen
-seien. Auch über die Teilbarkeit der Pflanzen und der Tiere stellt
-*Aristoteles* Betrachtungen an[340]. »Nimmt man von einer Zahl«, sagt
-er, »eine Zahl weg, so bleibt eine andere Zahl. Die Pflanzen dagegen
-und viele Tiere bleiben bestehen, wenn man sie teilt.« Die niederen
-Tiere und die Pflanzen stimmen, wie *Aristoteles* richtig hervorhebt,
-eben darin überein, daß ihnen die Einheit der Organisation fehlt.
-Infolgedessen können abgetrennte Teile des Organismus fortleben und
-sich zu selbständigen Wesen entwickeln[341]. Auch darin seien sie
-einander ähnlich, daß bei beiden der Hauptzweck die Fortpflanzung sei
-und alle Einrichtungen sich auf diesen Zweck zurückführen ließen.
-
-Auch über die Ernährung der Pflanzen hat *Aristoteles* nachgedacht.
-Die Wurzeln nennt er ein Analogon des Mundes, da beide die Nahrung
-einnehmen[342]. Die Erde enthalte eine für die Pflanze zubereitete
-Nahrung und diene ihr sozusagen als Bauch, während die Tiere gleichsam
-die Erde als Inhalt des Darms in sich trügen, aus dem sie, wie die
-Pflanzen mit den Wurzeln, mit etwas Ähnlichem die Nahrung aufnehmen
-müßten[343]. Wem fällt bei dieser originellen, im Grunde aber richtigen
-Auffassung des Philosophen nicht die so treffende Benennung der
-Darmzotten als innere Wurzeln des Tieres ein? Ein ähnliches Verhältnis,
-wie für die Ernährung von Tier und Pflanze, nimmt *Aristoteles* für
-die Entwicklung an. Er sagt nämlich: »Wie sich die Gewächse des Bodens
-bedienen, so bedienen sich die Embryonen des Uterus«[344].
-
-Was die Entstehung anbetrifft, so wird auch für die Pflanzen
-angenommen, daß sie entweder aus Samen oder von selbst entständen.
-Letzteres geschehe, wenn die Erde oder Pflanzenteile faulten. Was
-endlich die Sexualität anlangt, so meint *Aristoteles*, bei den
-Pflanzen sei das Männliche und das Weibliche nicht getrennt; sie
-zeugten daher aus sich selbst. Das Gleiche finde gewissermaßen bei den
-Tieren statt. Denn wenn sie zeugen wollten, so werde sozusagen ein
-Tier aus zweien. Die Tiere seien somit gleichsam Pflanzen, in denen
-das Männliche und das Weibliche voneinander geschieden sei. Aus den
-zerstreuten Bemerkungen des *Aristoteles* erkennen wir somit, daß das
-Nachdenken über botanische Dinge rege geworden war und manche wertvolle
-Beobachtung und Verallgemeinerung vorlag. Der erste, dem wir ein
-zusammenhängendes Werk über die Pflanzen verdanken, ist denn auch ein
-Schüler des großen Philosophen, *Theophrast*. Dieser nimmt der Botanik
-gegenüber eine ähnliche Bedeutung ein, wie sie *Aristoteles* für die
-Zoologie besitzt.
-
-
-Theophrast begründet die Botanik.
-
-Über das Leben des *Theophrast* sind wir besonders durch *Diogenes
-Laertios* und durch *Plutarch* unterrichtet. Doch sind seine
-Lebensumstände wenig bekannt und durch Sagen und Übertreibungen
-verdunkelt. *Theophrast* wurde 371 v. Chr. zu Eresos auf der Insel
-Lesbos geboren. Er widmete sich der Philosophie. Und zwar schloß
-er sich zuerst an die Atomisten (*Leukipp*), dann an *Platon* und
-schließlich an *Aristoteles* an. *Theophrast* nannte man ihn seiner
-Beredsamkeit wegen[345].
-
-Nach dem Tode des *Aristoteles*, dessen Lieblingsschüler und
-langjähriger Freund er war, übernahm *Theophrast* die Führung der
-von *Aristoteles* in Athen gegründeten Philosophenschule, die er zur
-höchsten Blüte brachte. *Theophrast* genoß in Athen das größte Ansehen.
-Sein Ruhm drang auch ins Ausland, so daß *Ptolemäos der Lagide* ihn
-nach Alexandrien zu ziehen suchte. Wie sehr man *Theophrast* in
-seinem Vaterlande schätzte, geht auch aus folgender Erzählung hervor.
-*Theophrast* wurde des Mangels an Religion beschuldigt. Man gab
-indessen dieser Klage nicht nur keine Folge, sondern es fehlte nicht
-viel, daß der Kläger selbst in den Anklagezustand gesetzt wurde[346].
-
-War *Theophrast* auch nicht an schöpferischer Kraft mit *Aristoteles*
-zu vergleichen, so überragte er ihn durch den Umfang seiner
-naturwissenschaftlichen Einzelkenntnisse. Auf die Beobachtung
-zahlreicher Einzelfälle, wodurch man allein zur Bildung richtiger
-Begriffe gelangen könne, legte er den größten Wert. Wo *Theophrast*
-nur fremde Beobachtungen zu Gebote stehen, verhält er sich durchaus
-kritisch und macht aus etwaigem Zweifel kein Hehl. Sein Fleiß war
-unermüdlich und begleitete ihn bis ins höchste Alter. Sterbend klagte
-er noch im Hinblick auf das Aufhören seiner wissenschaftlichen
-Tätigkeit über die Kürze des menschlichen Lebens[347]. Das Altertum
-pries auch seine Umgangsformen. *Cicero* läßt ihn sagen, die rauhe
-Tugend allein mache keineswegs die Glückseligkeit aus. Er galt ferner
-als einer der bedeutendsten Redner, der vortrefflich und wohlberechnet
-seine Worte mit seinen Gebärden und seinem Mienenspiel in Einklang zu
-bringen wußte.
-
-Von einem ganz ungewöhnlichen Fleiße legt auch die Zahl seiner
-Schriften Zeugnis ab[348]. Leider sind die wichtigsten verloren
-gegangen. Sie erstreckten sich auf Mathematik, Astronomie, Botanik,
-Mineralogie und alle Teile des von *Aristoteles* gegründeten
-philosophischen Systems. *Theophrast* starb 286 v. Chr. Er ist also
-85 Jahre alt geworden. Seiner Schule soll er einen Pflanzengarten und
-eine Halle, in welcher der Unterricht stattfinden sollte, vermacht
-haben[349].
-
-Außer dem botanischen Hauptwerk, dessen neun Bücher vollständig auf
-uns gekommen sind, und mit dessen Inhalt wir uns im nachfolgenden
-in der Hauptsache bekannt machen wollen, verfaßte *Theophrast* noch
-eine Schrift »Von den Ursachen der Pflanzen«. Sie ist leider nur
-unvollständig vorhanden. Die Schrift von den Ursachen der Pflanzen
-(περὶ φυτῶν αἰτίαι) verhielt sich zur Geschichte der Pflanzen ähnlich
-wie die mehr philosophischen zu den beschreibenden Büchern, die
-*Aristoteles* über die Tierkunde verfaßt hatte[350].
-
-Vor *Aristoteles* hatte man sich den Gewächsen, soweit sie nicht dem
-unmittelbaren Unterhalt von Mensch und Tier dienten, vorzugsweise
-aus medizinischem Interesse zugewandt. Das Sammeln der Pflanzen und
-ihre Verarbeitung zu heilkräftigen Säften wurde berufsmäßig von den
-schon erwähnten Rhizotomen (Wurzelschneidern) betrieben. Es waren dies
-die Vorläufer unserer heutigen Pharmazeuten. Jetzt wandte sich das
-wissenschaftliche Interesse neben der Tierwelt auch dem Pflanzenreiche
-zu. Wenn wir von der verloren gegangenen Schrift des *Aristoteles*
-über die Theorie der Pflanzen absehen, lieferte *Theophrast* die
-erste, eingehende Bearbeitung der den Griechen bekannten Gewächse
-unter Berücksichtigung ihrer Lebensbedingungen, sowie der allgemeinen
-Morphologie. Die Schrift, auf die wir jetzt näher eingehen wollen,
-führt den Titel: Naturgeschichte der Gewächse[351].
-
-Was beim Lesen dieses Buches zunächst auffällt, ist das Fehlen
-genauer Beschreibungen, die erst später in immer höherem Grade
-als das nächstliegende Ziel der botanischen Wissenschaft erkannt
-wurden. Oft fehlt eine Beschreibung der zur Besprechung gelangenden
-Pflanze ganz, da *Theophrast* sie als den Lesern hinreichend
-bekannt voraussetzt. In anderen Fällen beschränkt er sich darauf,
-augenfällige Eigentümlichkeiten hervorzuheben, so daß es später oft
-schwer, ja manchmal unmöglich gewesen ist, selbst nachdem man die
-Flora Griechenlands genauer kennen gelernt hatte, die Identität
-der einzelnen Pflanzen festzustellen. Als gegen den Ausgang des
-Mittelalters die Botanik eine Weiterentwicklung erfuhr, war man
-zunächst in der Vorstellung befangen, alle Pflanzen, über welche die
-Alten, insbesondere der später zu erwähnende *Dioskurides* geschrieben,
-seien auch im westlichen Europa zu finden. Erst nachdem man sich
-lange in dieser Richtung abgemüht und nur in wenigen Fällen etwas
-erreicht hatte, weil man der geographischen Verbreitung der Gewächse
-noch nicht die gebührende Beachtung schenkte, ging man zur möglichst
-genauen Beschreibung der Pflanzen über. So entstanden die Kräuterbücher
-der ersten neueren Botaniker. Die Schwierigkeit, die von den Alten
-beschriebenen Pflanzen zu identifizieren, wurde noch durch den Umstand
-vergrößert, daß sich die Flora der in Betracht kommenden Länder im
-Laufe der Jahrtausende durch Wanderungen, durch klimatische Änderungen
-und ganz besonders durch die Einwirkung des Menschen geändert
-hatte[352].
-
-Das den Griechen zur Zeit des *Theophrast* floristisch bekannt
-gewordene Gebiet war ein sehr beträchtliches. War man doch durch die
-Züge *Alexanders* des Großen auch mit Persien, Baktrien und Indien
-bekannt geworden, während man schon vorher über die in Vorderasien und
-Ägypten vorkommenden Pflanzen vieles erfahren hatte. Allerdings lernten
-die Griechen auf ihren Eroberungszügen die Naturkörper zunächst mehr im
-Vorübergehen kennen und achteten fast nur auf das, was auf den fremden
-Märkten ihr Erstaunen hervorrief[353].
-
-Ein neues Licht haben die Untersuchungen *Bretzls* auf die botanischen
-Ergebnisse des Alexanderzuges geworfen[354]. Das griechische Heer
-wurde von Gelehrten begleitet. Ihre Aufzeichnungen bildeten einen Teil
-dessen, was man heute das »Generalstabswerk« über den indischen Feldzug
-nennen würde. Dieses Werk ist leider verloren, doch sind Auszüge in
-*Theophrasts* Geschichte der Pflanzen[355] übergegangen. Von den
-fremden Vegetationsbildern, welche *Theophrast* genauer schildert und
-mit der Vegetation der Länder des östlichen Mittelmeeres vergleicht,
-ist vor allem die Mangroveformation des persischen Golfes zu nennen.
-*Theophrast* gibt eine genaue Beschreibung der eigenartigen Pflanzen
-jener Formation. Er schildert die Lebensweise der Mangrovegewächse,
-die auf Stelzenwurzeln weit über das Meeresufer hinauswachsen, so
-richtig, daß neuere Reisende, wie *Schweinfurth*, seine Angaben nur
-bestätigen konnten. Einen »Glanzpunkt« nennt *Bretzl* die Beschreibung,
-welche *Theophrast* vom indischen Feigenbaum gegeben, der mit seinen,
-von den Ästen her in die Erde eindringenden, Stützwurzeln einem Walde
-gleicht. Daß es sich bei den Stützen, welche die fast horizontal sich
-ausbreitenden Äste in den Boden hinabsenden, um eigentliche Wurzeln
-handelt, erkannte schon *Theophrast*, wie er auch das Bambusrohr als
-eine Schilfart erkennt und das vom Rande her einreißende Blatt der
-Banane sehr zutreffend mit den Schwungfedern eines Vogels vergleicht.
-
-Wahrscheinlich sind die Griechen auch mit der Baumwolle erst nach den
-Zügen *Alexanders* genauer bekannt geworden, während in Ägypten die
-Baumwollweberei schon früh anzutreffen war. Durch die Beobachtungen,
-die man auf dem Alexanderzuge anstellte, wurden die Griechen auch mit
-der Tatsache vertraut, daß gewisse Pflanzen Bewegungen ausführen,
-wie man sie bisher nur bei den Tieren kannte. Es handelt sich um die
-periodischen Bewegungen der Blattfiedern von Tamarindus indica. Diese
-Bewegungen werden in ihren einzelnen Stadien so genau beschrieben,
-daß sie bis zum Beginn der neueren physiologischen Untersuchungen
-über diesen Gegenstand die beste Schilderung sind, die wir über
-den Pflanzenschlaf besitzen. Die betreffende Stelle lautet bei
-*Theophrast*[356]: »Der Baum besitzt zahlreiche Fiederblättchen. Sie
-legen sich während der Nacht leise zusammen. Bei Sonnenaufgang öffnen
-sie sich, und um Mittag entfaltet sich der Baum völlig. Am Nachmittage
-ziehen sich die Blättchen allmählich wieder zusammen und in der Nacht
-schließt sich die Pflanze wieder. Man sagt dort zu Lande, sie schlafe.«
-
-Dadurch, daß die Griechen die Pflanzenwelt vom Mittelmeerbecken bis
-in die tropischen Gebiete Asiens kennen lernten, wurden sie nicht nur
-mit gewissen Grundtatsachen der Pflanzengeographie, sondern auch schon
-mit einigen wichtigen, pflanzengeographischen Gesetzen bekannt, so
-daß es nicht ganz zutreffend ist, die Anfänge dieser Wissenschaft auf
-*A. v. Humboldt* zurückzuführen. Die Erscheinung, daß die Flora ihren
-Charakter mit der Erhebung des Bodens über das Meer ändert, hatten die
-Griechen schon in ihrer Heimat beobachtet. Sie hatten dort bemerkt, daß
-sich an die Mittelmeerflora mit ihren immergrünen Gewächsen zunächst
-eine Laubwaldregion, darüber Nadelholzwälder und noch höher hinauf
-eine Region anschloß, die wir heute als alpin bezeichnen würden. Die
-gleiche Erscheinung nahmen sie noch deutlicher wahr, als sie an den Fuß
-der Berge gelangten, die Indien vom Rumpf des asiatischen Kontinentes
-trennen. Dort herrschte noch die tropische Flora mit ihren Palmen und
-Bananen in reicher Fülle. Unmittelbar darüber erblickten die Griechen
-Pflanzen, die sie an diejenigen der Mittelmeerländer erinnerten. Dann
-folgten wieder Laubhölzer, Nadelhölzer und alpine Pflanzen. Einen
-ähnlichen Wechsel der Flora nahmen sie wahr, als sie die Pflanzen
-nördlicher Landstriche mit denen südlicher verglichen. Dieser Vergleich
-drängte sich ihnen nicht nur in Europa, sondern auch in Asien auf.
-Auch hier fanden sie in den nördlicher gelegenen Teilen die mächtigen
-dunklen Nadelholzwaldungen wieder, die sie als charakteristisch für das
-mittlere Europa betrachtet hatten.
-
-In *Theophrasts* »Geschichte der Pflanzen« überwiegt das praktische
-Interesse häufig das wissenschaftliche. Die Beschreibung gewisser
-technischer Verrichtungen, wie der Gewinnung von Holzkohle, Pech, Harz
-und Spezereien, ferner der Verwendung der Holzarten, insbesondere
-aber der Wirkung von Pflanzen auf den menschlichen Körper, nehmen
-dementsprechend einen breiten Raum ein[357]. Aber auch von der
-geographischen Verbreitung, den Krankheiten, der Lebensdauer, dem
-Einfluß des Klimas, sowie der Ernährung der Pflanzen ist die Rede. Daß
-dabei zu einer Zeit, in der man kaum beobachten, geschweige denn mit
-Pflanzen experimentieren gelernt hatte, manche irrtümliche Ansicht
-ausgesprochen wird, ist leicht begreiflich. So führt *Theophrast*
-die Erscheinung, daß die Bäume, wenn sie dicht gedrängt stehen,
-keinen kräftigen Wuchs aufweisen, sondern dünn und lang werden,
-nicht auf den Einfluß des Lichtes, sondern auf Mangel an Nahrung
-zurück. An Krankheiten der Pflanzen erwähnt er den Wurmstich, den
-Rost des Getreides und den Honigtau. Letzteren leitet er aus einem
-zu großen Feuchtigkeitsgehalt der Pflanzen ab, während es sich in
-der Tat um Ausscheidungen von Blattläusen handelt. Als eine Wirkung
-des Klimas betrachtet *Theophrast* die Erscheinung, daß in heißen
-Ländern der jährliche Laubfall bei Pflanzen unterbleibt, die in den
-Mittelmeerländern ihr Laub im Winter verlieren. Dies sei z. B. bei dem
-Feigenbaum und dem Weinstock der Fall[358].
-
-Als Ernährungsorgane werden nicht nur die Wurzeln, sondern auch die
-Blätter betrachtet. Die Ernährung soll auf beiden Flächen durch
-Einsaugung vor sich gehen. Das Wachstum der Blätter und das Ansetzen
-der Früchte stehen, wie *Theophrast* sehr richtig bemerkt, in solchem
-Verhältnis, daß, wenn der eine Vorgang stattfindet, der andere
-zurückgehalten wird[359]. Auch die Möglichkeit, daß sich die eine
-Pflanzenart in eine andere umwandele, ein häufig wiederkehrender
-Irrtum, wird bei *Theophrast* erörtert. So sagt er: »Die wilde
-Minze soll sich in Gartenminze umändern, auch soll sich der Weizen
-in Lolch verwandeln.« Von der Sexualität der Pflanzen vermochte er
-sich ebensowenig wie das übrige Altertum eine klare Vorstellung zu
-machen. Doch erwähnt er, daß man bei den Dattelpalmen das Ansetzen von
-Früchten dadurch fördere, daß man die stauberzeugenden Zweige über die
-fruchttragenden hänge:
-
-»Manche Bäume«, sagt er, »werfen ihre Früchte vor der Reife ab, wogegen
-man auch Anstalten trifft. Bei den Datteln besteht das Hilfsmittel
-darin, daß man die männliche Blüte der weiblichen nähert, denn jene
-macht, daß die Früchte dauern und reif werden. Es geschieht dies aber
-auf folgende Weise: Blüht die männliche Pflanze, so schneidet man die
-Blütenscheide ab und schüttelt sie mit dem Staube auf die weibliche
-Frucht. Wird diese so behandelt, so dauert sie aus und fällt nicht ab.«
-Anknüpfend an diese und ähnliche Beobachtungen der Alten begründete
-in der neueren Zeit *Camerarius* die Lehre von der Sexualität der
-Pflanzen.
-
-Ein Verdienst erwarb sich *Theophrast* auch durch die begriffliche
-Bestimmung, sowie die Morphologie der wichtigsten Pflanzenorgane. Z.
-B. begegnet uns bei ihm der Begriff des gefiederten Blattes, das man
-bis dahin für einen Zweig gehalten hatte. Dagegen gelang es ihm nicht,
-eine naturgemäße Einteilung des Pflanzenreichs zu schaffen und damit
-das zu leisten, was *Aristoteles* für die Zoologie getan. *Theophrast*
-unterscheidet Bäume, Sträucher, Stauden und Kräuter und spricht
-innerhalb dieser vier Gruppen wieder von zahmen und wilden Pflanzen. So
-überschreibt er z. B. ein Kapitel: »Von den wilden Bäumen«, während er
-ein anderes mit den Worten beginnt: »Jetzt soll von den Gewächsen der
-Flüsse, Sümpfe und Teiche die Rede sein.« Immerhin werden bei seiner
-Einteilung der Kräuter mitunter natürliche Gruppen angedeutet. Endlich
-verdanken wir dem *Theophrast* auch eine Reihe wertvoller Mitteilungen
-über den Bau und die Entwicklung der Pflanzen. Sie erscheinen ihm
-als lebende Wesen, welche als Voraussetzungen des Lebens Wärme und
-Feuchtigkeit in sich bergen. Daher ist er auch bemüht, eine Ähnlichkeit
-im Bau der Pflanzen und der Tiere nachzuweisen. Als innere Teile der
-Pflanzen unterscheidet er Rinde, Holz und Mark. Diese Teile seien aus
-Fasern, Adern, Fleisch und Saft gebildet. Das Fleisch entspricht dem,
-was wir heute als Parenchym oder Grundgewebe bezeichnen. Die Fasern
-sind dagegen die Gefäßbündel. *Theophrast* bemerkt sogar, daß sie
-mitunter regelmäßig angeordnet, bei anderen Pflanzen, wie den Gräsern
-und Palmen, dagegen unregelmäßig im Fleisch (Grundgewebe) zerstreut
-seien.
-
-Auch über die Entwicklung der Pflanzen finden sich bei *Theophrast*
-einige Beobachtungen. Er weist darauf hin, daß der Keim sowohl
-Wurzel als Stamm enthält[360], und daß die Wurzel zuerst aus dem
-Samen hervorbricht. Darauf entwickle sich der Stamm, dessen erste
-Blätter durch einfachere Gestalt von den späteren abwichen. Treffend
-wird ferner bemerkt, daß das Winklige und die Gliederung mit dem
-Fortschreiten der Entwicklung zunehmen[361]. Daß uns die Botanik
-bei *Theophrast* sofort als eine ziemlich entwickelte Wissenschaft
-entgegentritt, darf uns nicht in Erstaunen setzen, denn ohne Zweifel
-konnte *Theophrast* auf Vorgänger fußen, die er zum Teil auch
-erwähnt[362]. Neben *Theophrast* wären zwar noch einige Mitglieder
-der peripatetischen Schule zu nennen, die sich mit Botanik beschäftigt
-haben. Da sich aber nicht viel mehr als ihre Namen und die Titel ihrer
-Schriften erhielten, wollen wir uns mit dem weiteren Schicksal der
-botanischen Wissenschaft erst wieder befassen, wenn sie uns bei den
-Römern von neuem begegnen wird.
-
-Wie für die Tiere so sahen die Griechen auch für die Pflanzen, als
-eine besondere Art der Vermehrung, die Urzeugung an. Man nahm sie
-nicht nur für kleinere Pflanzen, sondern mitunter selbst für Bäume
-in Anspruch. *Theophrast* war dieser Ansicht gegenüber indes schon
-skeptisch. Er suchte angebliche Fälle von Urzeugung auf die Verbreitung
-der Samen durch Regengüsse, Vögel, Überschwemmungen oder durch den
-Wind zurückzuführen. Auch darauf weist er hin, daß manche Samen ihrer
-geringen Größe wegen leicht übersehen werden. Die Fortpflanzung durch
-Samen erklärt er für die gewöhnliche. Der Pflanzensamen sei dem
-tierischen Ei zu vergleichen. Beide enthielten die erste Nahrung des
-Keimes in sich. Daß aber Urzeugung insbesondere bei kleineren Pflanzen
-vorkomme, stellt er nicht in Abrede. Er nimmt vielmehr an, daß Pflanzen
-sowohl wie Tiere bei der Zersetzung von Stoffen unter dem Einfluß von
-Feuchtigkeit und Wärme entstehen können.
-
-
-Theophrast als der Begründer der Mineralogie.
-
-Auch die dritte der beschreibenden Naturwissenschaften, die
-Mineralogie, fand ihre erste Bearbeitung in demselben Zeitalter,
-in welchem die Zoologie und die Botanik ins Leben gerufen wurden.
-Dies geschah gleichfalls durch *Theophrast*, und zwar in seinem
-Werke »Über die Steine«[363]. Jedoch handelt es sich hier in noch
-höherem Grade wie in der Botanik um eine Zusammenstellung von
-chemischen und mineralogischen Einzelkenntnissen, in deren Besitz
-man durch die Ausübung hüttenmännischer Prozesse gelangt war. Mit
-dem Eisen war man schon in der mykenischen Zeit bekannt. Obgleich
-Griechenland reich an Eisenerz war, benutzte man das Metall anfangs
-nur zu Schmuckgegenständen (z. B. zu Ringen). Nachdem man es härten
-gelernt hatte, diente es auch zur Herstellung von Waffen. Bei *Homer*
-ist meist von Bronze die Rede, doch wird das Eisen auch öfters
-erwähnt[364]. Auch das Silbererz des Laurions wurde seit recht frühen
-Zeiten abgebaut. Die dortigen Bergwerke besaßen ausgedehnte Schächte
-und Stollen mit Holzzimmerung. Ihre reichen Erträgnisse ermöglichten
-es Athen, zur Abwehr der Perser, Rüstungen von einem Umfange zu
-betreiben, wie sie sich ein solch kleiner Staat sonst schwerlich
-hätte auferlegen können. Es handelte sich am Laurion um silberhaltige
-Bleierze, aus denen man zunächst, wie es noch heute geschieht, durch
-Rösten und darauffolgendes Niederschmelzen das rohe Blei gewann. Ein
-der Treibarbeit entsprechendes Verfahren lieferte dann, infolge der
-Oxydation des Bleies zu Glätte, das Silber[365].
-
-*Theophrast* hebt bei der Besprechung der Mineralien hervor, daß sie
-sich besonders in der Farbe und im Gewichte unterscheiden. Zu den
-Mineralien rechnet er auch die Korallen, die im Meere entständen.
-Ferner erwähnt er ein Mineral, das wie der Bernstein Holz, indessen
-auch Erz und Eisen anziehe. *Theophrast* nennt es Lynkurion. Es
-ist nicht aufgeklärt, welchen Stoff er damit gemeint hat. Manchen
-Mineralien wurden auch heilkräftige Wirkungen zugeschrieben. So wurde
-der Rauch von Gagat, einer sehr bituminösen Braunkohle, eingeatmet, um
-epileptische Anfälle zu bekämpfen. Malachitpulver diente als Mittel
-gegen gewisse Erkrankungen der Augen usw.[366].
-
-Als dasjenige Volk, das als erstes in den Mittelmeerländern Bergbau
-betrieben haben soll, werden seit alters die Phönizier bezeichnet.
-Sie waren es, die in dem an Erzen reichsten Lande des alten Europas,
-in Spanien, den Metallreichtum durch Betriebe größeren Umfangs
-aufschlossen. In der griechischen Literatur ist von Bergwerken zuerst
-bei *Herodot* die Rede. Bei *Homer* findet sich jedenfalls noch keine
-Andeutung[367].
-
-Genauere Kenntnis über den Bergbau im Altertum hat man erhalten,
-seitdem man den Betrieb verlassener alter Bergwerke in Spanien und
-am Laurion wieder aufnahm. Es geschah dies um die Mitte des 19.
-Jahrhunderts. Am Laurion hat man zahlreiche Tagebaue und Stollen, sowie
-an 2000 Schächte wieder aufgedeckt. Man fand auch die Geräte, welche
-die Alten beim Bergbau benutzten, z. B. Grubenlampen, eiserne Hämmer,
-Meißel, Brechstangen usw. Die Schächte gehen bis über hundert Meter in
-die Tiefe. Ein weiteres Eindringen wird die Ansammlung von Grubenwasser
-verhindert haben. Auch in Ton geformte Nachbildungen, die sich auf den
-Betrieb beziehen, hat man ausgegraben. Diese archäologischen Funde
-ergänzen die erhaltene Literatur in solchem Maße, daß wir uns von dem
-bis in das 7. vorchristliche Jahrhundert zurückreichenden Bergbau und
-Hüttenbetrieb der Athener ein zutreffendes und deutliches Bild machen
-können[368].
-
-
-Einfluß und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.
-
-Wir haben uns in diesem Abschnitt insbesondere ein Bild von den
-Leistungen des *Aristoteles* und desjenigen, der vor allem auf
-dem Gebiete der Naturwissenschaften in seine Fußtapfen trat, des
-*Theophrast*, gemacht. Bevor wir uns dem alexandrinischen Zeitalter
-zuwenden, sei noch ein Wort über die Bedeutung des *Aristoteles*
-gesagt. Sein Einfluß hat sich auf 2000 Jahre erstreckt, und jedes
-Zeitalter hat, wenn auch in sehr verschiedener Weise, zu ihm, wie
-zu der griechischen Philosophie und Naturwissenschaft überhaupt,
-Stellung nehmen müssen. Die Schätzung, welche sie gefunden haben,
-ist eine recht wechselnde gewesen, je nach dem Standpunkt, den die
-Beurteiler einnahmen. Während des größten Teiles des Mittelalters
-galt *Aristoteles* als unanfechtbare Autorität. Noch *Dante* erkennt
-ihn voll an und nennt ihn »il maestro di color che sanno«[369]. Der
-Ansturm, der sich zu Beginn der neueren Zeit gegen *Aristoteles* erhob,
-betraf weniger ihn selbst als seine mittelalterlichen Anhänger und
-Ausleger, die manchen eigenen Irrtum durch seine Autorität zu decken
-suchten.
-
-Ein scharfer Gegensatz zu *Aristoteles* entstand erst mit dem
-immer konsequenter werdenden Bemühen, die Natur aus mechanischen
-Prinzipien zu erklären, unter Beseitigung des Zweckbegriffs, der
-in der aristotelischen Philosophie dasjenige ist, um das sich alles
-dreht. Aufs Schärfste verurteilt wurde demgemäß *Aristoteles* im
-Jahrhundert der Aufklärung, der Zeit der französischen Materialisten
-und des l'homme machine. Es gehörte damals zum guten Ton, von den
-nutzlosen Hirngespinsten des *Aristoteles* zu reden, ohne seine
-Schriften gelesen zu haben. Eine Ausnahme bildete damals *Cuvier*,
-der ihm für seine Leistungen auf zoologischem Gebiete geradezu
-Bewunderung zollte. Mit der Überwindung des reinen Materialismus durch
-das erneute Emporblühen der Philosophie stellte sich ein Rückschlag
-ein. Es war vor allem *Hegel*[370], der den großen Stagiriten wieder
-anerkannte: »*Aristoteles* ist,« sagt *Hegel*, »in die ganze Masse des
-realen Universums eingedrungen und hat ihre Zerstreuung dem Begriffe
-untergeordnet.« Ziehen wir von diesem Ausspruch *Hegels* soviel ab,
-daß wir für die Tat das Wollen setzen, so ist die Bedeutung des
-*Aristoteles* richtig erfaßt. In ihm begegnet uns ein Mensch, der sich
-die Erklärung des Weltganzen und der Natur im einzelnen zum Ziele
-machte und diese Aufgabe in umfassender Weise zu lösen suchte. Ihn
-dabei an dem Maßstabe des modernen Naturforschers zu messen, wie es in
-England[371] geschehen, ist nicht gerecht.
-
-Durch *Aristoteles* wurde zum ersten Male ein Lehrgebäude errichtet,
-das die Ergebnisse der Beobachtung und der Erfahrung, zwar unter allzu
-starker Hervorhebung bloßer Denkbegriffe, indes unter Vermeidung
-religiöser, mystischer und nationaler Vorurteile, umfaßt. In diesem
-allgemein wissenschaftlichen Grundzug liegt die Bedeutung und die
-treibende Kraft seiner Lehre. Das war es, was *Aristoteles* die Wirkung
-für alle Zeiten und auf alle Völker sicherte.
-
-Ganz abgesehen von dieser allgemeinen Bedeutung des *Aristoteles*
-wird man zugeben müssen, daß in seinen Werken eine Menge von
-Einzelkenntnissen zusammengestellt und gesichtet sind. Mit Recht
-nennen daher die Herausgeber[372] der Tierkunde des *Aristoteles*
-dieses bedeutendste naturwissenschaftliche Werk des Altertums eine
-»Biologie der gesamten Tierwelt, gegründet auf eine große Menge von
-Einzelkenntnissen, belebt durch den großartigen Gedanken, alles
-tierische Leben als einen Teil des Weltalls in allen seinen unendlichen
-Abwandlungen zu einem einheitlichen Gemälde zusammenzufassen, und
-erfüllt von der Weltanschauung, für die Gesetze des natürlichen
-Geschehens einen vernünftigen Endzweck vorauszusetzen.«
-
-Auch für die Entstehung der Geschichte der Wissenschaften als einer
-besonderen Disziplin ist *Aristoteles* grundlegend gewesen. Er war es,
-der z. B. *Eudemos* zur Abfassung seiner Geschichte der Mathematik
-anregte (s. S. 81) und andere seiner Schüler veranlaßte, dasselbe für
-die Heilkunde und die Physik zu unternehmen.
-
-
-
-
-4. Das alexandrinische Zeitalter.
-
-
-Wir haben uns in den ersten Abschnitten diejenige Periode in ihren
-Grundzügen vergegenwärtigt, in der die Keime der Naturwissenschaften
-entstanden, eine Periode, die in der zusammenfassenden,
-systematisierenden Tätigkeit des *Aristoteles* ihren Höhepunkt
-erreichte. Frühzeitig traten uns geistige Regungen in den ionischen
-Kolonien entgegen, wo die Berührung des Griechentums mit der
-älteren, orientalischen Kultur besonders innig war. Zu Hauptsitzen
-der Wissenschaft wurden darauf Athen und die blühenden Städte
-Unteritaliens, dort durch *Aristoteles* und seine Schule, hier durch
-die Pythagoreer.
-
-Wie *Alexander* durch gewaltige Machtentfaltung die Welt, so hatte
-*Aristoteles* das gesamte Wissen seiner Zeit zu umspannen gesucht. Zu
-einer dauernden Beherrschung der übrigen Völker waren die Griechen
-indessen nicht imstande. Mit dem Tode des großen Eroberers zerfiel
-auch sein Reich. Anders gestalteten sich die Dinge auf dem Gebiete
-der Wissenschaft. Hier kann wohl von einer das Altertum überdauernden
-Herrschaft der Griechen die Rede sein. Sie wurden die Lehrer der alten
-Völker, während Rom die Rolle der Weltbeherrscherin zufiel.
-
-Bei den Griechen hatte die persönliche Eigenart eine bisher unerreichte
-Bedeutung erlangt, doch war die Schaffenskraft dieses Volkes nicht
-mehr die frühere, nachdem es seine politische Selbständigkeit verloren
-hatte. Zwar machte sich diese Schwächung mehr auf dem Gebiete der
-Kunst, vor allem auf dem der Dichtkunst, und weniger auf dem Gebiete
-der Wissenschaften bemerkbar. Doch zeigte sich hier eine andere,
-eigenartige Erscheinung. Während des nationalen und wirtschaftlichen
-Niederganges, der im Mutterlande selbst, schon im dritten Jahrhundert,
-eintrat, wurde nämlich das gelehrte Griechentum kosmopolitisch. Der
-Hauptsitz griechischer Weisheit wurde gleichzeitig von Athen nach
-Alexandrien verlegt, das durch seine günstige Lage, seinen Reichtum,
-sowie durch das Interesse, das die ägyptischen Herrscher bekundeten,
-besonders geeignet war, die weitere Pflege der Wissenschaften zu
-übernehmen.
-
-Sehr eng gestalteten sich seit der Hellenisierung Vorderasiens auch die
-schon seit Jahrhunderten vorhandenen Beziehungen der griechischen zur
-babylonischen Wissenschaft. Die Griechen rechneten sich den Besuch der
-Tempelschulen Babylons geradezu als Ehre an. Besonders rege war dieser
-Verkehr unter der Herrschaft der Seleukiden und der Ptolemäer.
-
-Die Herrschaft über Ägypten war nach dem Tode *Alexanders* (323 v.
-Chr.) in die Hände des *Ptolemäos Lagi* übergegangen. Dieser Fürst,
-dessen Geschlecht den ägyptischen Thron inne hatte, bis im Jahre 30 v.
-Chr. das Land römische Provinz wurde, zog viele griechische Gelehrte,
-insbesondere aus Athen, an seinen Hof. Er wurde dadurch der Begründer
-der alexandrinischen Akademie, die berufen war, die Wissenschaft durch
-eine Reihe von Jahrhunderten zu fördern und sie für die nachfolgenden
-Zeiten zu erhalten. Die äußeren Einrichtungen für jene gelehrte
-Körperschaft fanden ihre Vollendung durch *Ptolemäos Philadelphos*.
-Letzterer errichtete ein prächtiges Gebäude, das den Gelehrten
-Wohnungen und Räume zur Ausübung ihrer Tätigkeit bot. Auch gründete
-er die berühmte alexandrinische Bibliothek. In einem in der Nähe des
-Königsschlosses gelegenen Garten wurden Tiere aus den tropischen
-Regionen Afrikas, darunter auch riesige Schlangen, unterhalten.
-
-Der dritte *Ptolemäos*, welcher den Beinamen *Euergetes* führte
-(247-222 v. Chr.), hat der Bibliothek den Bücherschatz hinzugefügt,
-den einst *Aristoteles* und *Theophrast* besaßen[373]. In späteren
-Zeiten umfaßte die große Bibliothek des alexandrinischen Museums
-etwa 400000 Rollen. Dazu kam noch eine zweite Büchersammlung im
-Serapeion. Bei der Belagerung Alexandriens durch *Cäsar* (47 v.
-Chr.) wurden die dort befindlichen Bücherschätze, die *Cäsar* nach
-Rom zu schaffen beabsichtigte, teilweise zerstört. Später wurden sie
-durch Einverleibung der pergamenischen Bibliothek um 200000 Rollen
-bereichert[374].
-
-Fast sämtliche Gelehrte der alten Zeit, von denen noch die Rede sein
-wird, gehörten entweder der alexandrinischen Akademie an, oder
-standen mit ihr in mehr oder weniger enger Fühlung. Im allgemeinen
-ist das Wirken dieser Männer indes nicht mehr grundlegend, sondern
-auf die Erhaltung und die Fortentwicklung aller während des Altertums
-gewonnenen Ansätze gerichtet gewesen. Ihre Arbeiten betrafen
-dementsprechend nicht nur die Mathematik und die Naturwissenschaften,
-sondern das ganze Gebiet des damaligen Wissens, von der Philosophie
-und anderen Gebieten des reinen Denkens bis zu der Beschäftigung mit
-den konkretesten Dingen, gehörte zu ihrem Bereich. Häufig beschränkten
-sie sich auf bloßes Kommentieren der vorhandenen Schriften, wie es
-bezüglich der Zoologie und der Botanik der Fall war. Wo aber das
-deduktive Verfahren Anwendung finden konnte, wie auf dem Gebiete der
-reinen Mathematik, fand eine Fortentwicklung der übermittelten Keime
-statt. Auch einige Teilgebiete der Physik erfuhren eine namhafte
-Förderung. Vor allem gilt dies von der Physik der Gase. In der späteren
-alexandrinischen Zeit begegnen uns endlich die Anfänge der Alchemie und
-somit die Wurzeln der chemischen Wissenschaft.
-
-Als Mathematiker sind unter den Mitgliedern der alexandrinischen
-Akademie besonders *Euklid*, *Apollonios* und *Diophant* zu nennen. Als
-Astronomen wirkten *Hipparch* und *Ptolemäos*, während die Physik durch
-*Ktesibios* und *Heron* gefördert wurde.
-
-
-Die Begründung eines Systems der Mathematik.
-
-Zu den frühesten Mitgliedern der alexandrinischen Schule gehört
-*Euklid* (*Eukleides*), dessen Name eng mit der Geschichte der
-Mathematik verbunden ist, einer Wissenschaft, die nicht etwa erst in
-der neueren Zeit, sondern auch schon im Altertum in hohem Grade das
-Emporblühen der Naturwissenschaften bedingt hat. Die Lebensumstände
-*Euklids* sind wenig bekannt. Bezüglich seines Geburtsortes, sowie
-seines Studienganges schwanken die Angaben[375]. Sicher ist, daß
-*Euklid* zu Beginn der Ptolemäerzeit, also um 300 v. Chr., in
-Alexandrien gelebt hat. Dem *Ptolemäos Lagi* gegenüber, der das
-mathematische Studium erleichtert zu sehen wünschte, soll er den
-bekannten Ausspruch: »Es gibt keinen Königsweg zur Mathematik!« getan
-haben.
-
-Unter den auf uns gekommenen Werken *Euklids* nehmen die »Elemente« den
-ersten Platz ein. Sie wurden wegen ihrer Vollständigkeit und ihrer
-strengen Beweisführung in solchem Grade als mustergültig anerkannt,
-daß sie bis in die neueste Zeit hinein sehr oft dem Anfangsunterricht
-zugrunde gelegt wurden. In seine »Elemente« hat *Euklid* im
-wesentlichen das damals bekannte mathematische Wissen aufgenommen und
-es, wo dies noch nicht geschehen war, auf strenge Beweise gestützt. Das
-Werk umfaßt die Geometrie der Ebene und des Raumes und geht auch auf
-die Lehre von den Zahlen, als der Grundlage allen Messens, ein.
-
-Eine genauere Inhaltsangabe der 13 Bücher, in welche die »Elemente«
-*Euklids* zerfallen, findet sich bei *Cantor* (Gesch. d. Mathematik
-Bd. I. S. 221-252)[376]. Das 1. Buch handelt von den Linien, Dreiecken
-und Parallelogrammen. Den Abschluß bildet der pythagoreische Lehrsatz.
-Das 2. Buch gipfelt in der Aufgabe, für jede gegebene, geradlinige
-Figur ein gleich großes Quadrat zu zeichnen. Im folgenden Buch wird
-dann die Lehre vom Kreise behandelt. Das vierte handelt von den ein-
-und umgeschriebenen Vielecken. Die Konstruktion des Fünfecks macht
-die Anwendung des goldenen Schnitts erforderlich. Das 6. Buch ist
-dadurch besonders fesselnd, daß uns darin die erste Lösung einer
-Maximum-Aufgabe begegnet. Es wird nämlich gezeigt, daß x(a - x) seinen
-größten Wert erhält, wenn x = a/2 wird.
-
-Im 7., 8. und 9. Buche findet sich die Lehre von den Zahlen. Begonnen
-wird mit teilerfremden Zahlen und solchen, die ein gemeinsames Maß
-besitzen. Die Auffindung geschieht wie heute durch fortgesetzte Teilung
-des letztmaligen Divisors durch den erhaltenen Rest. Ferner werden die
-Proportionen und die Primzahlen untersucht und z. B. bewiesen, daß es
-unendlich viele Primzahlen gibt. Dann lehrt *Euklid* die Summierung der
-geometrischen Reihe und befaßt sich mit Untersuchungen über irrationale
-Zahlen. Das 12. Buch handelt von der Pyramide, dem Kegel, dem Zylinder
-und der Kugel. *Euklid* läßt den Zylinder durch Drehung eines Rechtecks
-um eine feststehende Seite und den Kegel, sowie die Kugel durch eine
-entsprechende Drehung eines Dreiecks bzw. eines Halbkreises entstehen.
-Er erwähnt zwar, daß sich die Inhalte von Kugeln wie die Kuben ihrer
-Durchmesser verhalten, den Inhalt der Kugel vermochte jedoch erst
-*Archimedes* zu bestimmen. Auch findet sich bei *Euklid* schon die
-Bemerkung, daß man durch den schrägen Schnitt eines Zylinders oder
-eines Kegels eine wie ein Schild aussehende Kurve (die Ellipse)
-erhalte[377].
-
-Das 13. Buch endlich handelt von den Polyedern, die sich aus
-regelmäßigen Vielecken bilden lassen. Es schließt mit der Bemerkung,
-daß es nur fünf regelmäßige Polyeder geben könne, nämlich das
-Tetraeder, das Oktaeder und das Ikosaeder, die von Dreiecken begrenzt
-sind, den Würfel und das von Fünfecken eingeschlossene Dodekaeder[378].
-
-Die Klarheit und die strenge Form der Beweisführung, die *Euklid*
-geschaffen, sind den späteren griechischen Mathematikern eigen
-geblieben. Doch fehlt ihnen meist noch der Sinn für eine allgemeinere
-Fassung der Probleme. Soviel Fälle bezüglich der Lage von Linien
-in einer Aufgabe möglich sind, soviel Probleme waren auch für die
-griechische Mathematik vorhanden[379]. Daher sehen wir oft ihre
-hervorragendsten Schöpfer sämtliche, mitunter sehr zahlreichen Fälle
-eines Problems erledigen, ohne durch eine Erweiterung der Begriffe zu
-allgemeineren Sätzen zu gelangen. Daß der neueren Mathematik in dieser
-Hinsicht gelang, was der griechischen versagt blieb, liegt daran, daß
-erst in der viel später entstehenden Verknüpfung der Geometrie mit der
-Algebra ein Mittel zur allgemeineren Lösung mathematischer Aufgaben
-gewonnen wurde.
-
-Die Bedeutung der *Euklid*ischen »Elemente« wird durch folgende Worte
-treffend gekennzeichnet: »Was der Alexandriner *Euklid* um 300 vor
-Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, ist auch heute in Form und Inhalt
-der eiserne Bestand der Schulmathematik. Nur wenig Zusätze sind dem
-Euklidischen System eingegliedert worden. Stolzer als ein Denkmal
-von Stein, schärfer und reiner in der Linienführung als irgend ein
-Kunstwerk, hat es sich der Jetztzeit erhalten. Was der junge Grieche
-durchdenken, lernen und üben mußte, das arbeitet mit gleicher Andacht
-heute der strebsame Schüler durch[380].«
-
-*Euklid* hatte das mathematische Wissen seiner Zeit in ein System
-gebracht[381]. Er hatte zwar viel Eigenes hinzugefügt. Der weitere
-Ausbau und die Erschließung neuer Gebiete erfolgte jedoch durch
-*Archimedes*. In ihm begegnet uns der genialste Mathematiker des
-Altertums. Zwischen *Aristoteles*, dem Hauptrepräsentanten des
-vorigen Zeitabschnitts, und *Archimedes* liegt ein Zeitraum von
-etwa hundert Jahren. Dieser Zeitraum ist geschichtlich dadurch von
-Bedeutung, daß seit dem Eroberungszuge *Alexanders* der Orient mit
-den Völkern des Mittelmeeres in die engste Fühlung kam, während
-gleichzeitig ein neues Reich, dasjenige der Römer, zunächst das
-westliche Mittelmeerbecken, später aber die gesamte alte Kulturwelt
-zu umfassen strebte. Eine ähnliche Expansivkraft entfaltete auf dem
-Gebiete der Kunst und der Wissenschaft das Griechentum, das überall,
-im fernen Orient, in Ägypten, in Italien, ja selbst an den Küsten
-des westlichen Mittelmeeres seine Stützpunkte fand. Griechentum und
-Römerherrschaft sollten dann im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte
-die Bindemittel abgeben, welche die so verschiedenartigen Völker
-Südeuropas, Vorderasiens und Nordafrikas bis zu einem gewissen Grade
-zu einer staatlichen, geistigen und Handelsgemeinschaft verband, einer
-Gemeinschaft, welche den Boden für die so überraschend schnelle, alles
-bezwingende Ausbreitung des Christentums bereiten half.
-
-
-Das Leben und die Bedeutung des Archimedes.
-
-Bevor wir uns mit dem weiteren Ausbau der reinen und der angewandten
-Mathematik durch *Archimedes* beschäftigen, wollen wir uns in aller
-Kürze die bisherige Entwicklung der Mathematik vergegenwärtigen und
-dann einen Blick auf die Lebensverhältnisse des großen Mathematikers
-werfen.
-
-Überwog im 4. Jahrhundert v. Chr. noch der philosophierende, auf die
-Entwicklung von umfassenden Lehrsystemen gerichtete Grundzug des
-griechischen Geistes, so tritt uns in dem auf *Alexander den Großen*
-folgenden Zeitabschnitt mehr die Richtung auf das Empirische und
-Nützliche, in Verbindung mit einer raschen Entwicklung der Mathematik
-und einer Beschränkung der Spekulation auf ein bescheideneres Maß,
-entgegen. Neben den Forderungen des praktischen Lebens (Handel,
-Vermessungen usw.) waren es drei Probleme der reinen Wissenschaft,
-welche die Mathematik bei den Griechen schon vor *Archimedes*[382]
-auf eine ungewöhnliche Höhe gebracht hatten. Es waren dies die
-Quadratur des Kreises, die Würfelverdoppelung und die Dreiteilung des
-Winkels. So hatten die vergeblichen Versuche, den Kreis zu quadrieren,
-*Hippokrates* zur Auffindung des Satzes geführt, der noch jetzt
-unter dem Namen der Lunulae (kleine Monde) Hippokratis bekannt ist.
-*Hippokrates*[383] hatte mit Hilfe des erweiterten pythagoreischen
-Lehrsatzes bewiesen, daß sich zwei von krummen Linien begrenzte Flächen
-auf ein aus geraden Linien gebildetes Flächenstück zurückführen
-lassen[384]. Die Würfelverdoppelung oder das Delische Problem forderte,
-die Seite (a) eines Würfels zu finden, der doppelt so groß ist wie ein
-gegebener Würfel. Anders ausgedrückt, wenn x^3 = 2a^2 gegeben ist, soll
-x durch Konstruktion gefunden werden. Das Bemühen, dies Problem zu
-lösen, wurde durch die Auffindung einer Anzahl neuer Kurven (Cissoide,
-Konchoide, Kegelschnitte) belohnt. Auch das Problem der Dreiteilung
-des Winkels führte zur Auffindung neuer, bestimmte Eigenschaften
-aufweisender und auf Grund derselben konstruierbarer, krummer Linien.
-Eine Zusammenfassung der mathematischen Kenntnisse der Griechen
-erfolgte durch *Euklid*, von dem zu Beginn des vorigen Abschnitts die
-Rede gewesen ist.
-
-[Illustration: Abb. 17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten.]
-
-Über *Archimedes* ist wenig Zuverlässiges bekannt. Er wurde um 287 v.
-Chr. in Syrakus geboren, gehört also in die für Sizilien so bewegte
-Zeit der großen Entscheidungskämpfe, welche Rom und Karthago um die
-Weltherrschaft führten. Die Geschichtsschreiber dieser Periode,
-*Livius*, *Polybios* und *Plutarch*, sind es auch, denen wir die
-meisten Nachrichten über *Archimedes* verdanken. Was diese und andere
-über ihn erzählen, setzt sich indessen zum großen Teil aus Anekdoten
-zusammen, mit denen das Altertum das Leben seiner berühmten Männer,
-insbesondere seiner hervorragenden Denker, auszuschmücken liebte.
-*Archimedes* war nach *Plutarch*[385] ein Verwandter *Hierons* II., des
-Tyrannen von Syrakus. Sein Vater war Astronom und machte ihn sehr früh
-mit astronomischen Beobachtungen vertraut. *Archimedes* lebte, ohne
-ein öffentliches Amt zu bekleiden, ganz der Wissenschaft. Eine Zeitlang
-hielt er sich in Ägypten auf. Dort war nach dem Tode *Alexanders des
-Großen* in der alexandrinischen Akademie, zu der man *Archimedes*
-rechnen kann, eine Stätte hellenischer Weisheit emporgeblüht, die
-berufen war, in den nachfolgenden Jahrhunderten die Fackel der
-Wissenschaft hochzuhalten. Die alexandrinische Schule soll deshalb
-auch noch in einem späteren Abschnitt Gegenstand der Betrachtung sein.
-In Alexandrien zählte *Archimedes* zu den Schülern des Mathematikers
-*Konon*. Diesem soll *Archimedes* auch nach seiner Rückkehr nach
-Syrakus, wo er den größten Teil seines Lebens zubrachte, Schriften
-zur Durchsicht geschickt haben, auch stand er mit ihm in regelmäßigem
-brieflichen Verkehr. Seine Beziehungen zu den syrakusanischen
-Machthabern veranlaßten ihn, sein außerordentliches Geschick in
-mechanischen Dingen auf die Vervollkommnung der Schleuderwerkzeuge und
-anderer Kriegsgeräte zu verwenden. Die Alten schrieben *Archimedes* die
-Erfindung zahlreicher Maschinen zu. Unter diesen werden der Flaschenzug
-und die Archimedische Schraube genannt. Letztere findet noch heute in
-Ägypten zum Bewässern der dem Nil benachbarten Ländereien Verwendung.
-Bei manchen Angaben, insbesondere denjenigen, die sich auf die von
-*Archimedes* geleitete Verteidigung seiner Vaterstadt beziehen, ist es
-nicht leicht, Wahrheit und Irrtum voneinander zu scheiden. *Archimedes*
-dürfte z. B. wohl selbst die Wirkung der Brennspiegel besser gekannt
-haben als die späteren Schriftsteller, die ihm das Unmögliche
-zuschrieben, er habe die Schiffe der Belagerer mit Brennspiegeln in
-Brand gesetzt. Es wird ferner erzählt, *Hieron* habe ihn aufgefordert,
-vermittelst einer geringen Kraft eine große Last zu bewegen. Dies
-habe *Archimedes* zur Erfindung des Flaschenzuges geführt, mit dem
-er dann vor den Augen des erstaunten Königs eine schwer beladene
-Triëre ohne Anstrengung an das Land zog. Vielleicht hat *Archimedes*
-auch zu diesem Zwecke die Schraube ohne Ende in Verbindung mit einer
-Zahnradübersetzung benutzt[386], einen Apparat, den uns die vorstehende
-Abbildung vorführt.
-
-Große Bewunderung erregte ferner eine Art Planetarium, das *Archimedes*
-konstruierte. Im Mittelpunkt befand sich die Erde. Mond, Sonne und
-Planeten wurden durch einen, wahrscheinlich hydraulisch betriebenen,
-Mechanismus um den Zentralkörper herumgeführt. *Cicero* erwähnt dieses
-Kunstwerk, das als Vorbild für die im Mittelalter (z. B. an der Uhr des
-Straßburger Münsters) entstandenen Planetarien diente[387].
-
-Ausführlicher lauten die Berichte über die letzten Lebensjahre des
-*Archimedes*, da sie in die Zeit der Belagerung von Syrakus fallen.
-Hierbei hat *Archimedes*, den Nachrichten der Geschichtsschreiber[388]
-zufolge, eine wichtige Rolle gespielt und schließlich ein trauriges
-Ende gefunden. Auch bezüglich der über diese Begebenheit auf uns
-gelangten Nachrichten sind Wahrheit und Dichtung vermengt. Der
-zweite punische Krieg, der über das Schicksal Siziliens entscheiden
-sollte, hatte im Jahre 218 v. Chr. mit einem Siegeslauf Hannibals
-begonnen, wie ihn die Welt seit den Tagen Alexanders nicht gesehen.
-Bald jedoch wandte sich das Glück, und während Hannibal sich nur
-durch geschickte Züge in Italien zu halten wußte, brachten die Römer
-eine Stadt Siziliens nach der andern zu Fall, bis sich endlich die
-ganze Insel in ihren Händen befand. Am meisten Schwierigkeiten
-bereitete dem römischen Feldherrn *Marcellus* die Stadt Syrakus.
-Daß sie viele Monate der Belagerung zu trotzen vermochte, wird vor
-allem den Verteidigungsmaßregeln des *Archimedes* zugeschrieben.
-Wurfmaschinen von ganz hervorragender Wirkung und Treffsicherheit, die
-nach *Plutarch* Steinblöcke von Zentnerschwere auf große Entfernung
-schleuderten, schreckten die Stürmenden zurück. Dem Angriff der Flotte
-suchte man mit Feuerbränden zu begegnen. Spätere Berichterstatter
-haben daraus die erwähnte, völlig unglaubwürdige Erzählung gemacht,
-*Archimedes* habe die Schiffe der Belagerer mit Hilfe von Hohlspiegeln
-in Brand gesetzt.
-
-Als endlich die Römer Syrakus einnahmen und die Soldaten, voll Wut
-über die erlittenen Mühsale und Verluste, ein furchtbares Gemetzel
-anstellten, zählte *Archimedes* zu den Opfern. Über sein Ende, das
-*Marcellus* sehr betrübt haben soll, lauten die Berichte verschieden.
-Am bekanntesten ist die Erzählung, *Archimedes* sei, in Nachdenken über
-ein mathematisches Problem versunken, von einem römischen Soldaten
-niedergestoßen worden. Seine letzten Worte sollen »Noli turbare
-circulos meos« gelautet haben. Das Grab des Gelehrten wurde mit einem
-Stein geschmückt, in den die von dem Zylinder eingeschlossene Kugel
-eingemeißelt war. So soll *Archimedes* es selbst gewünscht haben, ein
-Zeichen, welchen Wert er auf seine Entdeckung legte, daß der Inhalt der
-Kugel zum Inhalt des umschließenden Zylinders sich wie 2 : 3 verhält.
-Dieses Grabmal, das *Marcellus* errichten ließ, wurde später von
-*Cicero* in einem sehr vernachlässigten Zustande wieder aufgefunden und
-der Vergessenheit entrissen[389].
-
-Seine Bewunderung für den größten Mathematiker des Altertums hat
-*Cicero* in die Worte gekleidet, *Archimedes* habe mehr Genie
-besessen, als mit der menschlichen Natur verträglich zu sein
-scheine[390]. An Vielseitigkeit und Genialität kann ihm unter den
-Neueren vielleicht nur *Gauß* an die Seite gestellt werden[391].
-
-Die Probleme, welche etwa 100 Jahre nach *Aristoteles* den *Archimedes*
-beschäftigten, betrafen insbesondere das Gebiet der Statik. Sie
-wurden nach echt naturwissenschaftlichem Verfahren, d. h. gestützt
-auf Versuche und mathematische Ableitung und deshalb mit dem besten
-Erfolge, behandelt. Seine Werke sind daher als das hervorragendste
-Erzeugnis des griechischen Geistes auf exaktem Gebiete zu bezeichnen.
-Es scheint kein Zufall zu sein, daß diese Werke nicht in dem vorwiegend
-der Kunst und der Philosophie zugewandten Mutterlande, sondern in
-Großgriechenland entstanden sind, wo der Handel blühte und eine
-gewisse, die forschende Tätigkeit begünstigende Nüchternheit des
-Verstandes vorherrschte.
-
-
-Die griechische Mathematik erreicht in Archimedes und in Apollonios
-ihren Höhepunkt.
-
-Die wissenschaftliche Bedeutung des *Archimedes*[392] ist in gleicher
-Weise auf den Gebieten der reinen Mathematik und der Mechanik zu
-suchen. Außer dem soeben erwähnten, wichtigen Satze über den Inhalt der
-Kugel und des sie umschließenden Zylinders, deren Oberflächenverhältnis
-er gleichfalls auffand, lieferte *Archimedes* eine Arbeit über die
-Kreismessung, die eine Berechnung der Zahl π enthält. Diese Arbeit
-ist, sowohl nach ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Geometrie,
-als auch für die Geschichte der Rechenkunst, von Wichtigkeit. Sein
-Verfahren ist das in der elementaren Geometrie noch jetzt gelehrte.
-Ausgehend von dem Satze, daß der Umfang des Kreises kleiner als der
-Umfang des umschriebenen und größer als derjenige des eingeschriebenen
-regelmäßigen Vielecks ist, berechnet *Archimedes* als Grenzwerte für
-π die Zahlen 3,141 und 3,142. Es sind dies die Werte, die sich für den
-Umfang des ein- und umgeschriebenen regelmäßigen 96-Ecks ergeben. Das
-erwähnte Verfahren wird als Exhaustionsverfahren bezeichnet, könnte
-aber auch die Integrationsmethode der alten Mathematik genannt werden.
-Aus dem Bestreben, bei derartigen Aufgaben die Grenzwerte beliebig nahe
-zu rücken, ohne dazu umständliche, zeitraubende Berechnungen nötig zu
-haben, ist im 17. Jahrhundert die Infinitesimalrechnung erwachsen.
-
-Auch mit isoperimetrischen Problemen, d. h. Aufgaben, bei denen
-es sich um die Bestimmung größter oder kleinster Werte handelt,
-beschäftigte sich schon das Altertum. So war schon vor *Aristoteles*
-bekannt, daß der Kreis unter allen Flächen gleichen Umfangs den größten
-Flächeninhalt und die Kugel unter allen Körpern von gleicher Oberfläche
-den größten Rauminhalt besitzt[393].
-
-Das Exhaustionsverfahren wurde von den Alten nicht nur auf krummlinige
-Figuren, sondern auch auf Flächen und auf Raumgebilde angewandt.
-Das Verfahren lief stets darauf hinaus, den Unterschied zwischen
-der zu messenden Linie, Fläche oder Raumgröße und den diesen Formen
-sich nähernden, leicht zu berechnenden Hilfsgebilden immer kleiner
-zu machen. Man erhielt eine noch größere Sicherheit, wenn man zwei
-Hilfsgebilde, z. B. das ein- und umgeschriebene Polygon beim Kreise,
-wählte und auf diese Weise zwei Grenzwerte für die zu messende
-Größe ermittelte. Was den Inhalt des Kreises anbetrifft, so bewies
-*Archimedes*, daß er gleich demjenigen eines rechtwinkeligen Dreiecks
-ist, dessen eine Kathete gleich dem Halbmesser und dessen andere gleich
-dem Umfang des Kreises ist.
-
-Die Behandlung ebener Figuren wurde von *Archimedes* jedoch über das
-Gebiet der elementaren Mathematik hinausgeführt, indem er den Inhalt
-der Parabel und der Ellipse berechnen lehrte und die Eigenschaften von
-Kurven höherer Ordnung, wie der Spiralen, ermittelte. Mit Hilfe der
-soeben besprochenen Exhaustionsmethode wies *Archimedes* z. B. nach,
-daß das Parabelsegment 4/3 eines Dreiecks von gleicher Grundlinie und
-Höhe beträgt. Für die Ellipse zeigte er, daß sich ihre Fläche zur
-Fläche eines mit der großen Achse als Durchmesser geschlagenen Kreises
-wie die kleine Achse zur großen Achse verhält usw. Die merkwürdigste
-Schrift über die Kurven ist sein Buch von den Schneckenlinien. Die nach
-ihm als archimedische Spirale bezeichnete Schneckenlinie definiert
-er mit folgenden Worten: »Wenn eine gerade Linie in einer Ebene um
-einen ihrer Endpunkte, der unbeweglich bleibt, mit gleichförmiger
-Geschwindigkeit sich dreht, und wenn gleichzeitig in der bewegten
-Linie ein Punkt vom unbewegten Endpunkte aus sich gleichförmig bewegt,
-so beschreibt dieser Punkt eine Schneckenlinie.« Eine derartige,
-zuerst bei *Hippias* anzutreffende Verbindung von zwei bestimmt
-gekennzeichneten Bewegungen stellte eine nicht geringe Bereicherung der
-Wissenschaft dar[394].
-
-Auch gelang es *Archimedes*, durch ein ähnliches Verfahren, wie
-er es beim Kreise und bei der Parabel anwandte, die Quadratur der
-Schneckenlinie zu finden. Sogar das Tangentenproblem vermochte er für
-diese Kurve zu lösen, indem er zeigte, wie die Berührungslinie an
-irgend einen ihrer Punkte gezogen werden kann.
-
-Daß *Archimedes* sich schon einer Methode bediente, die in ihrem Wesen
-unserem heutigen Integrationsverfahren entsprach, läßt sich noch
-deutlicher, als aus den hier besprochenen Werken, aus der vor kurzem
-durch *Heiberg* entdeckten Methodenlehre (Ephodion) ersehen[395].
-Es hat den Anschein, als ob *Archimedes* die im Ephodion enthaltene
-Infinitesimalmethode gewissermaßen nur zu seinem Privatgebrauch
-entwickelt hätte, weil die Anwendung der Unendlichkeitsbegriffe bei
-den Mathematikern, welche die Einwände der Philosophen fürchteten,
-verpönt war. Als vollgültig wurde für die hier in Betracht kommenden
-Probleme nur das Exhaustionsverfahren angesehen. In dieses kleidete
-*Archimedes*, offenbar der herrschenden Schule zuliebe, Sätze,
-die er zunächst ausgehend von der Mechanik oder mit Hilfe seiner
-Infinitesimalmethode gefunden hatte. Als Beispiel dafür verdient
-der Satz vom Zylinderhuf genannt zu werden[396]. Für diesen gibt
-*Archimedes* einen mechanischen Beweis, einen Beweis nach dem
-Exhaustionsverfahren und einen solchen mit Hilfe seiner jetzt bekannt
-gewordenen Infinitesimalmethode. Letztere bestand darin, daß er die
-Flächen auf Gerade und die Körper auf Flächen zurückführte, wie es
-unter den neueren Mathematikern zuerst *Cavalieri* getan. Erläutert
-wird die neue Methode unter anderem an dem Satz vom Flächeninhalt
-des Parabelsegments und an mehreren Sätzen über Volum- und
-Schwerpunktsbestimmungen.
-
-Ein Buch des *Archimedes* über das Siebeneck im Kreise und ein anderes
-über die Berührung von Kreisen sind leider verlorengegangen. Von
-hervorragender Wichtigkeit sind die erhalten gebliebenen archimedischen
-Schriften über die Kugel und den Zylinder. Es wird darin bewiesen,
-daß die Kugeloberfläche dem Vierfachen ihres größten Kreises gleich
-ist (O = 4 r^2 π). Ferner wird die Oberfläche der Kalotte oder des
-Kugelabschnittes berechnet. Und endlich wird gezeigt, daß ein Zylinder,
-der zur Grundfläche einen größten Kreis der Kugel, zur Höhe aber den
-Durchmesser der Kugel hat, mit anderen Worten, daß ein der Kugel
-umschriebener Zylinder seinem Inhalt nach sich zur Kugel selbst wie 3 :
-2 verhält. Die Oberfläche dieses Zylinders fand *Archimedes* gleich dem
-Anderthalbfachen der Kugeloberfläche. Die betreffende Figur hat nicht
-nur auf seinem Grabstein Platz gefunden. Sie erhielt sich auch auf
-Münzen der Stadt Syrakus.
-
-Seine Untersuchungen über die Kugel führten *Archimedes* endlich noch
-auf die Rotationskörper, welche durch die Umdrehung von Kegelschnitten
-entstehen, seine Konoide und Sphäroide. Auch in diesen Fällen bediente
-er sich der Exhaustionsmethode, indem er die zu kubierenden Körper in
-Scheiben von gleicher Dicke zerlegte und die ein- und umgeschriebenen
-Zylinder summierte. Die erhaltenen Summen stellen Grenzwerte dar, die
-sich dem zu ermittelnden Rauminhalt um so mehr nähern, je geringer der
-Abstand der Schnitte ist.
-
-Über die Kegelschnitte hatte schon *Euklid* geschrieben. Doch hat sich
-um die Begründung dieses Gegenstandes keiner unter den alexandrinischen
-Mathematikern ein so großes Verdienst erworben wie *Apollonios* von
-Pergä. Er war ein Zeitgenosse von *Archimedes* und *Eratosthenes*.
-Seine Werke entstanden in der Zeit von 240-200 v. Chr. Erhalten ist
-nur das bedeutendste, als κωνικά (Kegelschnitte) bezeichnete Werk. In
-diesem zeigte *Apollonios*, daß die als Ellipse, Parabel und Hyperbel
-bezeichneten Kurven auf der Oberfläche eines Kegels entstehen, wenn
-durch letzteren Ebenen gelegt werden. Auch das schwierige Gebiet
-der Asymptoten, die sich den Ästen der Hyperbel nähern, ohne sie zu
-schneiden, hat *Apollonios* erschlossen. Seine acht Bücher über die
-Kegelschnitte[397] erregten nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern
-auch bei den späteren Geschlechtern die größte Bewunderung, wenn auch
-von einigen Verkleinerern dem *Apollonios* mit Unrecht vorgeworfen
-wurde, daß er sich zu sehr auf die von *Euklid* und *Archimedes*
-geschaffenen, indes verlorengegangenen Vorarbeiten über diesen
-Gegenstand gestützt habe[398]. Besteht doch eine grundlegende Neuerung
-des *Apollonios* schon darin, daß er sich nicht wie seine Vorgänger
-auf den geraden Kegel beschränkte, sondern nachwies, daß alle Schnitte
-auch an dem schiefen Kegel hervorgebracht werden können. Auch war
-er der erste, welcher an den Kegelschnitten die Mehrzahl derjenigen
-Eigenschaften nachwies, die man heute aus den Gleichungen dieser Kurven
-ableitet. Der Inhalt seines Werkes ist der Hauptsache nach folgender.
-Zunächst wird der Kegel als die Oberfläche definiert, welche durch
-eine Linie entsteht, wenn man sie in einer Kreisperipherie herumführt,
-während diese Linie zugleich durch einen festen, außerhalb der Ebene
-des Kreises liegenden Punkt geht. Jeder Schnitt, welcher durch den
-festen Punkt geht, erzeugt ein Dreieck. Liegt in der Schnittebene
-auch die Verbindungsgrade zwischen dem Mittelpunkt des Kreises und
-dem festen Punkt, welcher die Spitze des Kegels bildet, so nennt man
-das entstandene Dreieck, weil es jene Verbindungsgrade oder die Achse
-enthält, ein Achsendreieck. Neue Schnittebenen liefern dann, je nach
-ihrer Richtung, die verschiedenen Kegelschnittkurven auf der Oberfläche
-des Kegels. Es werden sodann Betrachtungen über konjungierte
-Durchmesser, über die Tangente an irgendeinen Punkt des Kegelschnittes,
-sowie über die Asymptoten der Hyperbel angestellt. Eingehend wird auch
-von denjenigen Punkten gehandelt, die wir heute als die Brennpunkte
-der Kegelschnitte bezeichnen. Bewiesen wird der wichtige Satz über
-die Gleichheit der Winkel, welche die Normallinie mit den beiden
-Brennstrahlen des Berührungspunktes bildet, sowie auch der Satz von
-der Konstanz der Summe, bzw. der Differenz der Brennstrahlen. Die
-betreffenden Abschnitte des Werkes enthalten also fast sämtliche
-grundlegenden Sätze der Lehre von den Kegelschnitten.
-
-Auf dem Satz, daß die Summe der Brennstrahlen gleich der großen
-Achse ist (r + r' = 2a), beruht bekanntlich die gebräuchliche
-Fadenkonstruktion der Ellipse. Dies Verfahren findet sich jedoch
-noch nicht bei *Apollonios*, sondern es kam erst weit später auf.
-Hinsichtlich der Hyperbel sei bemerkt, daß man vor *Apollonios* die
-Zusammensetzung der Kurve aus zwei Ästen nicht kannte, sondern die
-Untersuchungen immer nur an einem Ast anstellte. *Apollonios* selbst
-führte den zweiten Ast noch unter einem besonderen Namen auf. Die
-Quadratur der Hyperbel gelang den alten Mathematikern nicht. Sie
-erfolgte erst, als im 17. Jahrhundert neuere, die höhere Mathematik
-ausmachende Methoden gefunden waren.
-
-Den Höhepunkt des Werkes bildet das Buch, das von größten und
-kleinsten Werten handelt, die in Verbindung mit den Kegelschnitten
-auftreten[399]. Insbesondere sind es Untersuchungen über die längsten
-und kürzesten Linien, die von irgendeinem Punkte der Ebene an einen
-Kegelschnitt gezogen werden können.
-
-Infinitesimalbetrachtungen, die sich schon bei *Euklid* und
-*Archimedes* finden, vermochten die Alten noch nicht zu einer
-allgemeinen Methode zu erweitern. Die alte Mathematik hat vielmehr
-in den Werken des *Archimedes* und des *Apollonios* das erreicht,
-was ohne den Besitz der Infinitesimalmethode und des analytischen
-Kalkuls, die erst im 16. und 17. Jahrhundert zu allgemeinerer Anwendung
-gelangten, zu erreichen möglich war[400]. Mit der Lehre von den
-Kegelschnitten wurde für die spätere Entwicklung der Astronomie und
-der Mechanik eine wichtige Grundlage geschaffen. Das gleiche gilt
-auch von der Trigonometrie, die aus den Bedürfnissen der Astronomie
-entsprang und von den späteren Alexandrinern begründet wurde. Wie wir
-später sehen werden, konnte *Aristarch*, als er den Sonnenabstand aus
-gegebenen Stücken eines Dreiecks ohne die Hilfsmittel der Trigonometrie
-berechnete, die gesuchte Größe nur auf umständlichem Wege durch
-Näherungswerte bestimmen.
-
-Anhangsweise sei hier noch eine Schrift des *Archimedes* erwähnt, die
-früher viel gelesen wurde und auch heute noch Beachtung verdient. Es
-ist dies seine »Sandesrechnung«. Zum Verständnis der in dieser Schrift
-gelösten Aufgabe müssen wir vorausschicken, daß die Griechen etwas
-unserem heutigen Ziffernsystem Entsprechendes noch nicht besaßen. Die
-Zahlen wurden durch Buchstaben bezeichnet. Größere Zahlen zu schreiben,
-war daher sehr unbequem, weil man das Prinzip des Stellenwertes, das
-erst durch Vermittlung der Araber aus dem Orient nach Europa gelangte,
-noch nicht kannte und auch noch kein Zeichen für die Null besaß. Es ist
-erstaunlich, wie weit es die Alten trotzdem in der Arithmetik gebracht
-haben. Wagte sich *Archimedes* doch sogar an die geometrische Reihe 1,
-1/4, 1/16, 1/64..., deren Summe er gleich 4/3 fand. Sie diente ihm bei
-der Berechnung der Fläche des Parabelabschnittes. Auch vermochte er es
-schon, schwierige Quadratwurzeln zu berechnen[401].
-
-In der Sandesrechnung[402] wird gezeigt, daß sich jede, noch so
-große Menge durch eine Zahl ausdrücken läßt. Indem *Archimedes* die
-Abmessungen der aristarchischen Fixsternsphäre zugrunde legt, berechnet
-er, wieviel Sandkörner von bestimmter Größe darin Platz finden können.
-Die meisten Sternkundigen verstanden zur Zeit des *Archimedes* unter
-dem Ausdruck Welt eine Kugel, deren Zentrum der Mittelpunkt der Erde
-und deren Radius eine gerade Linie zwischen den Mittelpunkten von Erde
-und Sonne ist. In seiner Schrift »Wider die Sternkundigen«, so erzählt
-uns *Archimedes*, suchte nun *Aristarch* von Samos zu beweisen, daß
-die Welt ein Vielfaches der oben bezeichneten Kugel ist. Er sei zu
-der Annahme gelangt, die Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich,
-die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne, die inmitten
-der Erdbahn stehe, herumgeführt. »Der Durchmesser der Fixsternkugel
-möge sich«, sagt *Archimedes*, »zu demjenigen der Welt (in dem zuerst
-erwähnten Sinne) verhalten, wie der letztere zum Durchmesser der
-Erde.« Er behauptet dann, wenn es auch eine Sandkugel gäbe von der
-Größe dieser aristarchischen Fixsternsphäre, so lasse sich doch eine
-Zahl angeben, deren Größe selbst die Menge der Körner in der gedachten
-Kugel übertreffe. Nach einigen Voraussetzungen über den Umfang der
-Erde, das Größenverhältnis von Erde und Sonne, aus dem, nach Bestimmung
-des scheinbaren Sonnendurchmessers, die Entfernung der Sonne zu 10000
-Erdhalbmessern ermittelt wird, berechnet *Archimedes* die Zahl der
-Sandkörner, die innerhalb der Fixsternsphäre Platz finden, auf 10^{63}
-oder 1000 Dezillionen.
-
-
-Archimedes entwickelt die Prinzipien der Mechanik.
-
-An hervorragenden Mathematikern besaß das Altertum keinen Mangel. Wir
-brauchen neben *Archimedes* nur *Euklid* und *Apollonios* zu nennen.
-Es gab aber niemanden bis in die neuere Periode der Geschichte der
-Wissenschaften, der ähnliche Leistungen auf dem Gebiete der Mechanik
-vollbracht hätte wie *Archimedes*. Letzterer muß als der Hauptbegründer
-dieser Wissenschaft bezeichnet werden. Es sind die wichtigsten Sätze
-vom Hebel, vom Schwerpunkt und aus der Hydrostatik, die uns bei
-*Archimedes*, zum ersten Male klar ausgedrückt, begegnen. Die Gesetze
-vom gleicharmigen Hebel spricht *Archimedes* in folgenden Worten aus:
-
-a) Gleich schwere Größen, in ungleichen Entfernungen wirkend, sind
-nicht im Gleichgewicht, sondern die in der größeren Entfernung wirkende
-sinkt.
-
-b) Ungleich schwere Größen sind, bei gleichen Entfernungen, nicht im
-Gleichgewicht, sondern die schwerere wird sinken.
-
-c) Wenn ungleich schwere Größen in ungleichen Entfernungen im
-Gleichgewicht sind, so befindet sich die schwerere in der kleineren
-Entfernung.
-
-d) Ungleiche Gewichte stehen im Gleichgewicht, sobald sie ihren
-Entfernungen umgekehrt proportional sind.
-
-An den letzten, das Hebelgesetz zum Ausdruck bringenden Satz knüpft
-sich das *Archimedes* zugeschriebene Wort: »Gib mir einen Ort, wo ich
-mich hinstellen kann, und ich will die Erde bewegen[403].«
-
-Die Schwerpunktsbestimmungen dehnt *Archimedes* im zweiten Teile
-der Abhandlung vom Gleichgewicht[404] sogar auf das Parabelsegment
-aus, nachdem er zuvor die Quadratur der Parabel gelehrt hat. In
-den Büchern, die von den schwimmenden Körpern handeln, leitet er
-aus den Grundeigenschaften der Flüssigkeiten, nämlich der leichten
-Verschiebbarkeit ihrer Teilchen und der Druckfortpflanzung, eine Reihe
-von Sätzen ab, von denen die wichtigsten folgendermaßen lauten:
-
-a) Die Oberfläche einer jeden zusammenhängenden Flüssigkeit im Zustande
-der Ruhe ist sphärisch, und ihr Mittelpunkt fällt mit dem Mittelpunkt
-der Erde zusammen.
-
-b) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt einerlei Gewicht mit einer
-Flüssigkeit haben, sinken, in diese eingetaucht, so weit ein, daß
-nichts von ihnen über die Oberfläche der Flüssigkeit hervorragt.
-
-c) Jeder feste Körper, der leichter ist als eine Flüssigkeit und in
-diese eingetaucht wird, sinkt so tief, daß die Masse der Flüssigkeit,
-die dem eingesunkenen Teil an Volumen gleich ist, ebensoviel wiegt wie
-der ganze Körper.
-
-d) Wenn Körper, die leichter sind als eine Flüssigkeit, in diese
-eingetaucht werden, so erheben sie sich wieder mit einer Kraft, die
-gleich ist dem Gewichte des dem Körper gleichen Volumens Flüssigkeit,
-vermindert um das Gewicht des Körpers selbst.
-
-e) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt schwerer als eine
-Flüssigkeit sind und in diese eingetaucht werden, sinken, solange sie
-noch tiefer kommen können, und werden in der Flüssigkeit um so viel
-leichter, wie das Gewicht einer Masse Flüssigkeit von der Größe des
-eingetauchten Körpers beträgt.
-
-Das zuletzt erwähnte Gesetz, das archimedische Prinzip, ist für die
-Mechanik der Flüssigkeiten von derselben fundamentalen Bedeutung wie
-das Hebelgesetz für die Mechanik der festen Körper[405]. Auf das
-nach ihm benannte hydrostatische Prinzip soll *Archimedes* nach der
-Erzählung des *Vitruv*[406] durch einen besonderen Anlaß gekommen
-sein. Danach hatte *Hieron* aus einer abgewogenen Menge Gold einen
-Kranz anfertigen lassen. Als man ihm nun hinterbrachte, daß ein Teil
-des Goldes unterschlagen und durch Silber ersetzt worden sei, wurde
-*Archimedes* zu Rate gezogen, um den Betrug nachzuweisen. »Dieser,
-eifrig damit beschäftigt,« fährt *Vitruv* fort, »kam zufällig in ein
-Bad. Als er dort in die gefüllte Wanne stieg, bemerkte er, daß das
-Wasser in gleichem Maße austrat, in welchem er seinen Körper in die
-Wanne niederließ. Sobald er auf den Grund dieser Erscheinung gekommen
-war, verweilte er nicht länger, sondern sprang, von Freude getrieben,
-aus dem Bad und rief, nackend seinem Hause zulaufend, mit lauter
-Stimme: Εὕρηκα! εὕρηκα! (Ich habe es gefunden!).«
-
-Die Lösung des von *Hieron* gestellten Problems, der sogenannten
-Kronenrechnung, erzählt *Vitruv* mit folgenden Worten: »Dann soll
-*Archimedes*, von jener Entdeckung ausgehend, zwei Klumpen von
-demselben Gewicht, das der Kranz besaß, den einen von Gold, den andern
-von Silber, hergestellt haben. Hierauf füllte er ein weites Gefäß bis
-zum obersten Rande mit Wasser und senkte dann den Silberklumpen hinein,
-worauf das Wasser in gleichem Maße ausfloß, wie der Klumpen in das
-Gefäß getaucht wurde. Nachdem er den Klumpen wieder herausgenommen
-hatte, füllte er das Wasser um so viel wieder auf, als es weniger
-geworden war, und maß dabei die zugegebene Menge. Daraus ergab sich,
-welches Gewicht Silber einem bestimmten Rauminhalt Wasser entspricht.
-Nachdem er dies erforscht hatte, senkte er den Goldklumpen in das volle
-Gefäß und füllte das verdrängte Wasser vermittelst eines Hohlmaßes
-nach. Es ergab sich, daß diesmal von dem Wasser um soviel weniger
-abgeflossen war, wie der Goldklumpen einen minder großen Rauminhalt
-besaß als ein Silberklumpen von gleichem Gewicht. Nachdem er hierauf
-das Gefäß abermals gefüllt und den Kranz selbst in das Wasser
-gesenkt hatte, fand er, daß mehr Wasser bei dem Kranze als bei dem
-gleichschweren Goldklumpen abfloß, und entzifferte aus dem, was mehr
-bei dem Kranze abfloß, die Beimischung an Silber und machte so die
-Unterschlagung offenbar.«
-
-Im weiteren Verlaufe seiner Abhandlung über das Schwimmen untersucht
-*Archimedes* die Stabilität gewisser schwimmender Körper, wie des
-Kugelabschnitts und des parabolischen Konoids, wobei es ihm offenbar
-mehr auf eine Betätigung seines mathematischen Geschicks als auf eine
-Bereicherung der Mechanik ankam.
-
-Auch mit Schwerpunktsbestimmungen befaßte sich *Archimedes*. So war
-ihm bekannt, daß der Punkt, in welchem sich zwei Seitenhalbierende
-treffen, der Schwerpunkt des Dreiecks ist. Überhaupt erweisen sich die
-mathematischen Hilfsmittel des *Archimedes* den ihn beschäftigenden
-mechanischen Problemen gegenüber als der überlegene Teil, während in
-der neueren Periode mitunter das umgekehrte Verhältnis obwaltete, so
-daß der von *Leibniz* herrührende Ausspruch: »Wer in die Werke des
-*Archimedes* eindringt, wird die Entdeckungen der Neueren weniger
-bewundern« wohl gerechtfertigt erscheint.
-
-
-Fortschritte der Optik und Akustik.
-
-Durch die bedeutenden Fortschritte der Mathematik wurden vor allem die
-Physik, die Astronomie und die mathematische Geographie gefördert.
-Die ältesten Ansichten über den Schall und über das Licht haben
-wir bei den Pythagoreern und bei *Aristoteles* kennen gelernt. Den
-Alexandrinern, die ja besonders zur Zusammenfassung des Wissens
-neigten, verdanken wir die erste zusammenfassende Bearbeitung der
-Optik. Diese Bearbeitung wird dem *Euklid* zugeschrieben. Sie erfolgte
-in zwei Büchern, der »Optik« und der »Katoptrik«, und ist wohl der
-erste Versuch, die Geometrie, unter Benutzung des Satzes von der
-geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes und des Reflexionsgesetzes, auf
-die Erklärung der scheinbaren Größe, der Gestalt, der Spiegelung und
-anderer optischen Erscheinungen anzuwenden[407]. Von Interesse ist
-der Satz[408], daß »von Hohlspiegeln, welche gegen die Sonne gehalten
-werden, Feuer erzeugt wird«. Doch wird irrtümlich behauptet, die
-Entzündung erfolge im Krümmungsmittelpunkt.
-
-[Illustration: Abb. 18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach
-Euklid[410].]
-
-*Euklid* sucht dies geometrisch durch obige Figur[409] (Abb. 18)
-darzutun und bemerkt zu seiner Konstruktion: »Alle Strahlen, die
-von der Sonne (Δ Ε Ζ) aus durch das Zentrum Θ des Spiegels (Α Β Γ)
-gehen, fallen in das Zentrum Θ zurück. Durch diese Strahlen wird
-daher im Zentrum die Sonnenwärme gesammelt und infolgedessen ein dort
-befindlicher Körper entzündet.« Die Annahme, daß die Sonnenstrahlen
-parallel in den Hohlspiegel fallen, hätte *Euklid* zur Auffindung des
-richtigen Verhältnisses leiten müssen. Den Irrtum *Euklids* erkannte
-schon *Apollonios*[411].
-
-Die Spiegelung an Konkav- und Konvexspiegeln wird von *Euklid* dahin
-erläutert, daß an ihnen, wie an ebenen Spiegeln, die Strahlen unter
-gleichen Winkeln zurückgeworfen werden. Zur Erläuterung dient folgende
-Abbildung[412]. Auch mit einem der bekanntesten Versuche über die
-Brechung des Lichtes war *Euklid* schon vertraut. Er berichtet darüber
-mit folgenden Worten[413]: »Legt man einen Gegenstand auf den Boden
-eines Gefäßes und schiebt letzteres so weit zurück, daß der Gegenstand
-eben verschwindet, so wird dieser wieder sichtbar, wenn wir Wasser in
-das Gefäß gießen.«
-
-[Illustration: Abb. 19. Die Spiegelung an einem Konkav- (links) und an
-einem Konvex-Spiegel (rechts) nach der Darstellung Euklids.]
-
-Wie die Geometrie von gewissen Grundsätzen ausgeht, die sich auf
-wenige Axiome zurückführen lassen, so geht auch die Optik *Euklids*
-von einer Anzahl -- es sind acht -- Grunderfahrungen aus, aus denen
-*Euklid* seine Theoreme durch geometrische Konstruktion ableitet. Die
-wichtigsten der von *Euklid* hervorgehobenen optischen Grundtatsachen
-sind die folgenden: Die Lichtstrahlen[414] sind gerade Linien. Die
-von den Strahlen eingeschlossene Figur ist ein Kegel, dessen Spitze
-im Auge liegt, während der Grundfläche dieses Kegels die Umgrenzung
-des gesehenen Gegenstandes entspricht. Unter größerem Winkel gesehene
-Gegenstände erscheinen größer als unter kleinerem Winkel gesehene,
-oder die scheinbare Größe eines Gegenstandes hängt von dem Sehwinkel ab.
-
-Auch in der Katoptrik wird von bestimmten Erfahrungssätzen -- es sind
-deren 7 -- ausgegangen. Aus ihnen werden etwa 30 Theoreme abgeleitet.
-
-Höchstwahrscheinlich sind die optischen Schriften *Euklids* in sehr
-verdorbener Gestalt auf uns gekommen. Sie waren indes trotz mancher
-Mängel und Unrichtigkeiten bis zur Zeit *Keplers*, der die Optik um ein
-Bedeutendes förderte, allgemein im Gebrauch.
-
-Auch mit akustischen Problemen hat man sich in Alexandrien befaßt.
-Hatten die Pythagoreer die Erscheinung der Konsonanz und Dissonanz von
-Tönen einfach als Tatsache hingenommen, so finden wir bei *Euklid* zum
-ersten Male das Bestreben, sich von der Ursache dieser merkwürdigen
-Erscheinung Rechenschaft zu geben. Dissonanz ist für ihn die
-Unfähigkeit der Töne, sich zu mischen, wodurch der Klang für das Gehör
-rauh werde, während konsonierende Töne sich zu mischen vermöchten.
-*Euklid* kommt damit vorahnend der später gegebenen Erklärung nahe[415].
-
-
-Die Grundlagen der wissenschaftlichen Erdkunde.
-
-Im engsten Zusammenhange mit dem Fortschreiten der gesamten
-Kultur, der politischen Entwicklung und den übrigen Wissenschaften
-erreichte in diesem Zeitalter die Erdkunde eine Höhe, die sie bis
-zum Beginn der Neuzeit nicht überschritten hat. Vor allem kommt für
-das alexandrinische Zeitalter in Betracht, daß das Verkehrs- und
-Nachrichtenwesen den damaligen Gelehrten schon ausgedehnte Reisen
-und weitreichende Erkundigungen gestattete. Die Bekanntschaft mit
-dem fernen Osten wurde der wissenschaftlichen Erdkunde durch den
-Alexanderzug erschlossen. Daß die auf diesem Zuge gesammelten
-Erfahrungen die Grundlagen der Pflanzengeographie entstehen ließen,
-haben wir schon an früherer Stelle gesehen. Afrika wurde seit der
-Ptolemäerzeit immer weiter von Ägypten aus erschlossen. Nach Norden
-hatte sich der geographische Gesichtskreis fast bis zum Lande der
-Mitternachtssonne erweitert.
-
-Mit den nördlichen Ländern Europas wurde das Altertum besonders durch
-die Reisen des Massiliers *Pytheas*, eines Zeitgenossen *Alexanders*
-des Großen, bekannt. *Pytheas* unternahm eine Forschungsreise bis zur
-Nordspitze Britanniens. Die frühere Annahme, er sei bis nach Island
-vorgedrungen, hat man nicht aufrechterhalten können. Jedenfalls
-brachte er aber Kunde von der Erscheinung, daß im hohen Norden in
-der Mittsommerzeit die Sonne nicht untergehe. Im Zusammenhange damit
-erwähnt er das sagenhafte Thule[416].
-
-Der geographische Gesichtskreis der Alten hat sich also von der
-südlichen Halbkugel bis zum nördlichen Polarkreis erstreckt[417].
-Die Ergebnisse der alten Forschungsreisen waren besonders wertvoll,
-wo es sich, wie bei *Pytheas*, um einen Mann handelte, der mit
-physikalischen und astronomischen Kenntnissen ausgerüstet war. Leider
-sind eigene Schriften von *Pytheas* nicht erhalten und die von ihm
-gewonnenen Ergebnisse nur zum geringen Teil durch Fragmente bei anderen
-Schriftstellern bekanntgeworden[418].
-
-Verarbeitet wurde das reiche, durch die Züge *Alexanders* und durch
-Entdeckungsreisen gleich derjenigen des *Pytheas* gewonnene Material
-durch *Dikaiarchos*, einen Schüler des *Aristoteles*, und etwa ein
-halbes Jahrhundert später am umfassendsten durch *Eratosthenes*.
-*Dikäarch* schätzte die Breite der den Alten bekannten Welt von Meroë
-bis zum Polarkreis auf 40000 Stadien. (Die Länge des attischen Stadiums
-belief sich auf 177,6 Meter.) Die Längenausdehnung von den Säulen des
-Herkules (der Straße von Gibraltar) bis zur Mündung des Ganges wurde
-von ihm auf 60000 Stadien veranschlagt[419].
-
-Nach *Dikäarch* (350-290) sollten die Säulen des Herkules, die Straße
-von Messina, die peloponnesische Halbinsel, die Südküste Kleinasiens
-und Indien auf dem nämlichen Breitenkreise liegen und dieser sollte
-die Ökumene, d. h. den als bewohnt angenommenen Teil der Erde, etwa
-halbieren. Die Orientierungsfehler, die *Dikäarch* bei der Feststellung
-dieser Linie beging, waren also nicht unerheblich.
-
-Von *Dikäarch* rühren auch die ersten Höhenbestimmungen her, die über
-bloße Schätzungen hinausgingen. Anfangs hatten die Alten übertriebene
-Vorstellungen von der Höhe der Gebirge. So ließ *Aristoteles* die
-Höhen des Kaukasusgebirges noch 4 Stunden, nachdem die Sonne für den
-Fuß des Gebirges untergegangen war, in ihrem Lichte glänzen, und
-*Plinius* schätzte die Alpen zehnmal zu hoch[420]. Er hätte eine solche
-Übertreibung vermeiden können, wenn er die Werte mehr beachtet hätte,
-die *Dikäarch* und nach ihm *Eratosthenes* schon für bedeutende Höhen
-ermittelt hatte. So bestimmte *Dikäarch* die Höhe des Pelion (1620
-Meter) und die Höhe von Akrokorinth (575 Meter) annähernd richtig. Als
-allgemeines Ergebnis hob er schon hervor, daß solche Werte im Vergleich
-zum Durchmesser der Erde verschwindend klein seien. *Dikäarch* ist wohl
-als der Begründer der mathematischen Erdkunde bezeichnet worden[421].
-Dieser Ehrentitel bleibt indessen besser dem etwa ein halbes
-Jahrhundert nach ihm lebenden *Eratosthenes* vorbehalten.
-
-*Eratosthenes* wurde 275 v. Chr. in Kyrene geboren. *Ptolemäos III
-Euergetes* berief ihn nach Alexandria und ernannte ihn zum Bibliothekar
-der großen alexandrinischen Bibliothek. Des *Eratosthenes* Hauptwerk
-war seine »Erdbeschreibung«, das erste wissenschaftliche Werk über
-Geographie, das indes nur aus Bruchstücken bei *Strabon* bekannt
-ist[422]. Es zerfiel in drei Bücher. Das erste handelte von der
-physikalischen, das zweite von der mathematischen Geographie, während
-das dritte die Chorographie, d. h. die Beschreibung der einzelnen
-Länder, enthielt. Außerdem hat *Eratosthenes* auch auf den Gebieten der
-Astronomie Hervorragendes geleistet. Vorhanden ist ferner ein Brief,
-in dem er sich mit dem berühmten delischen Problem der Verdoppelung
-des Würfels beschäftigt. Auch eine Regel zur Auffindung der Primzahlen
-rührt von ihm her. Im Jahre 220 v. Chr. soll *Eratosthenes* in
-Alexandrien Armillen[423] aufgestellt und damit den Abstand der
-Wendekreise zu 11/83 des Kreisumfanges, das sind 47,7 Bogengrade,
-ermittelt haben.
-
-Nachdem man erkannt hatte, daß die Erde die Gestalt einer Kugel
-besitzt, lag der Gedanke nahe, die Größe dieser Kugel zu bestimmen. Der
-Ruhm, den richtigen Weg zu einer solchen Messung eingeschlagen und auf
-ihm ein, im Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln annähernd richtiges,
-Ergebnis gefunden zu haben, gebührt gleichfalls dem *Eratosthenes*[424].
-
-Bei größerer Ausdehnung der Reisen mußte es den Alten auffallen, daß
-die täglichen Kreise, welche bekannte Sterne beschreiben, nicht überall
-die gleiche Neigung zur Ebene des Horizontes besitzen. Insbesondere
-konnte ihnen dies nicht lange bezüglich der Sonne verborgen bleiben. So
-wußte *Eratosthenes*, daß dies Gestirn zur Zeit der Sommersonnenwende
-im südlichen Ägypten mittags durch den Zenit geht, während es in
-Alexandrien an diesem Tage einen südlich vom Zenit gelegenen Punkt
-durchläuft. Infolgedessen zeigte der Gnomon an dem Mittag jenes Tages
-in Syene[425] keinen Schatten. Anknüpfend an diese, ihm bekannte
-Tatsache, ging *Eratosthenes* bei der Lösung seiner Aufgabe von einigen
-Voraussetzungen aus, die zwar nicht ganz zutreffend sind, der Wahrheit
-aber doch so nahe kommen, daß bei dem nur rohen Verfahren, um das es
-sich hier handelt, das Ergebnis dadurch nicht wesentlich beeinflußt
-wird. Zunächst war dies die Annahme, daß die Erde eine vollkommene
-Kugel sei. Ferner, daß die genannten Städte auf demselben Meridian
-gelegen seien, während sie in Wahrheit einen Längenunterschied von
-mehreren Graden[426] aufweisen.
-
-[Illustration: Abb. 20. Das zum Messen der Sonnenhöhe dienende
-Instrument der Alten[427].]
-
-In A (Abb. 20) befindet sich das Instrument, das die Alten bei der
-Bestimmung der Sonnenhöhe gewöhnlich benutzten. Es war dies eine
-halbkugelige Höhlung, aus deren Mitte sich ein Gnomon (GC) erhob.
-Dieses Werkzeug wurde so aufgestellt, daß der Gnomon senkrecht zum
-Horizonte stand, also die Verlängerung des Erdradius bildete. Der
-Winkel EDA (Abb. 21) ließ sich auf einer Gradeinteilung ablesen.
-Er war gleich dem zu messenden Bogen AB des Meridians (siehe Abb.
-21). *Eratosthenes* fand nun EDA gleich 1/50 des Kreisumfanges oder
-gleich 7° 12'. Er schätzte ferner die Strecke Syene-Alexandrien auf
-5000 Stadien. Genauere Landesvermessungen gab es nämlich nur für das
-untere Ägypten, so daß *Eratosthenes* auf die Angabe von Reisenden
-angewiesen war, welche die Entfernungen in Tagesmärschen aufgezeichnet
-hatten[428]. Der Umfang der Erde ergab sich somit gleich 5000 × 50 =
-250000 Stadien, eine Größe, die sich in heutigem Maße auf etwa 45000
-Kilometer beläuft, während der wahre Wert 40000 Kilometer beträgt[429].
-Diese wissenschaftliche Tat des *Eratosthenes* erregte die Bewunderung
-des Altertums, das nur in den besprochenen Messungen des *Aristarch*
-etwas Ähnliches aufzuweisen hatte.
-
-[Illustration: Abb. 21. Die Gradmessung des Eratosthenes.]
-
-Das Nächstliegende wäre nun gewesen, die Gradmessung auf einem nicht
-lediglich abgeschätzten, sondern genauer gemessenen Teil des Meridians
-zu wiederholen. Eine solche Untersuchung gelangte jedoch erst viel
-später zur Ausführung.
-
-Wie *Dikäarch*, so hat auch *Eratosthenes* die Messung der
-Erdoberfläche durch die Bestimmung der sie überragenden Höhen zu
-ergänzen gesucht. *Eratosthenes* verfuhr dabei wie *Dikäarch* auf
-trigonometrischem Wege und gelangte zu dem Ergebnis, daß es sich bei
-den höchsten von ihm gemessenen Berghöhen um Werte von etwa 10 Stadien
-handele.
-
-
-Die Anfänge der heliozentrischen Lehre.
-
-Daß schon während der ersten Periode der alexandrinischen Akademie
-die Astronomie zur Wissenschaft heranreifte, indem sie sich von der
-Spekulation der messenden Beobachtung zuwandte, ersehen wir vor allem
-aus den im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Arbeiten
-der Alexandriner *Aristyllos* und *Timocharis*, sowie des mit der
-alexandrinischen Schule in enger Fühlung stehenden *Aristarchos*
-von Samos. Dem letzteren gebührt das Verdienst, die heliozentrische
-Theorie in voller Klarheit entwickelt zu haben. Daran, daß die Erde im
-Mittelpunkt der Welt ruhe, haben zuerst die Pythagoreer gezweifelt.
-Unter ihnen entwickelte *Philolaos* eine Theorie[430], nach der sich
-die Erde innerhalb eines Tages um ein Zentralfeuer drehe. Auf diese
-Weise wurde die tägliche Bewegung des Himmels als eine nur scheinbare
-erklärt. Sobald man das Zentralfeuer in die Mitte der Erdkugel
-verlegte, hatte man den einen Bestandteil der koppernikanischen
-Lehre, nämlich die Drehung unseres Weltkörpers um seine Achse, schon
-vorweggenommen.
-
-Der Kern dieser Lehre, die Umlaufsbewegung der Erde und der übrigen
-Planeten um die Sonne, läßt sich heute in seiner allmählichen
-Entwicklung zurückverfolgen. Den Ausgang bilden die Beobachtungen an
-Venus und Merkur. Sie führten, wie wir sahen[431], zu der Lehre des
-*Herakleides Pontikos*, nach welcher diese Himmelskörper um die Sonne
-kreisen. Von dieser Lehre, die früher wohl den Ägyptern zugeschrieben
-wurde, hat *Koppernikus* nach seinen eigenen Worten sehr wohl gewußt.
-Von hier aus konnte man leicht zu einer richtigen Auffassung des
-Weltsystems gelangen, wenn man die Sonne als Mittelpunkt der Bahnen
-auch der übrigen Planeten betrachtete. Sieht man von den heute schwer
-sicherzustellenden Spekulationen der Pythagoreer ab, so war es vor
-allem *Aristarch*, der die heliozentrische Weltansicht mit voller
-Klarheit aussprach. Ihn soll die Überzeugung, daß die Sonne weit
-größer als die Erde und der Mond sei, zur Aufstellung seines Systems
-geführt haben. Auch ohne eine Kenntnis der Gesetze der Dynamik
-fühlte *Aristarch* sozusagen durch, daß es ungereimt sei, den Umlauf
-eines gewaltigen Weltkörpers um einen im Verhältnis winzig kleinen
-anzunehmen. *Koppernikus* fügte zu diesem Grund noch den hinzu, daß die
-Sonne als Leuchte der Welt auch in deren Mitte gehöre[432].
-
-Bis zum Ende der ersten, etwa bis *Aristoteles* reichenden Periode der
-griechischen Astronomie hatte die Spekulation überwuchert. Zum Glück
-traten jedoch in der alexandrinischen Schule, und im Zusammenhange
-mit dieser, Männer auf, die sich mit nüchternem Sinne der Erforschung
-der Himmelserscheinungen zuwandten. Die Astronomie ging damit von den
-durch mangelhafte Beobachtung gestützten Philosophemen zum messenden
-Verfahren über und erhob sich dadurch auf die Stufe einer Wissenschaft
-im strengen Sinne des Wortes. Als diejenigen unter den Griechen, die
-zuerst diesen Weg beschritten haben, sind die Alexandriner *Aristyll*
-und *Timocharis* und vor allem der schon erwähnte *Aristarch* von Samos
-zu nennen. Mit der Forschertätigkeit dieser Männer heben zwei Probleme
-an, die seitdem den menschlichen Geist beschäftigt haben und mit immer
-größerer Schärfe ihrer Lösung zugeführt worden sind. Es sind dies die
-Topographie des Fixsternhimmels, d. h. die genaue Bestimmung möglichst
-vieler Sternörter, sowie die Ermittelung der Abmessungen der Erde und
-unseres Planetensystems, zunächst der Entfernung der Sonne und des
-Mondes. In welchem Maße die Ägypter und ganz besonders die Chaldäer
-den alexandrinischen Astronomen durch das Sammeln eines reichen, sich
-über lange Zeiträume erstreckenden Beobachtungsmaterials vorgearbeitet
-hatten, wurde an früherer Stelle dargetan.
-
-*Aristyll* und *Timocharis*, die ihre Beobachtungen um das Jahr 300 v.
-Chr. anstellten, bedienten sich der Armillen, d. h. geteilter Kreise,
-von denen der eine in der Ebene des Äquators lag, während der andere
-um die Weltachse gedreht werden konnte. Mit Hilfe dieses Apparates
-bestimmten sie die Lage einzelner Sterne, indem sie ihre Deklination
-oder den Bogenabstand vom Äquator bis auf Bruchteile von Graden
-ermittelten und gleichzeitig den Ort der Sterne auf den Frühlingspunkt
-bezogen. Das von ihnen herrührende Verzeichnis, das bis auf wenige
-Angaben verlorengegangen ist, gab 170 Jahre später *Hipparch* die
-Möglichkeit, das Vorrücken der Nachtgleichen zu entdecken[433].
-*Timocharis* bediente sich bei seinen astronomischen Beobachtungen auch
-der Stundenangaben. Die (babylonische) Zwölfteilung des Tages läßt sich
-bei den Griechen nicht vor *Alexander* dem Großen nachweisen[434].
-Vorher richtete man sich im praktischen Leben nach der Länge des
-eigenen Schattens und verabredete z. B. eine Zusammenkunft für die
-Tageszeit, wann der Schatten 6 oder 8 Fuß lang sei.
-
-[Illustration: Abb. 22. Aristarchs Verfahren, die Entfernung des Mondes
-und der Sonne zu bestimmen.]
-
-Über die Größenverhältnisse des Planetensystems hat *Aristarch* die
-ersten Untersuchungen angestellt. Er war ohne Zweifel einer der
-bedeutendsten Astronomen seiner Zeit. Von seinem Leben ist indessen
-keine nähere Kunde auf uns gelangt. *Aristarch* wurde um das Jahr
-270 v. Chr. in Samos geboren. Das einzige, was von seinen Schriften
-erhalten blieb, sind Teile einer Abhandlung, die von der Größe und
-den Entfernungen des Mondes und der Sonne handelt[435]. Die Abstände
-dieser Weltkörper von der Erde verhalten sich nach *Aristarch* etwa wie
-1 : 19, während das wahre Verhältnis annähernd 1 : 400 ist. Zu seinem
-Ergebnis gelangte *Aristarch* durch folgende Überlegung. Erscheint von
-einem Punkte E der Erde (siehe Abb. 22) der Mond genau zur Hälfte von
-der Sonne beleuchtet, so bildet jener Punkt E mit den Mittelpunkten
-des Mondes und der Sonne ein rechtwinkliges Dreieck, in welchem der
-Abstand des Mondes eine Kathete (ME) und die Entfernung der Sonne die
-Hypotenuse (ES) ist. Der Winkel bei E mißt nun nach *Aristarch* 87°,
-während er in Wahrheit viel weniger von einem Rechten abweicht und
-sich auf 89° 50' beläuft. Das gesuchte Verhältnis, das *Aristarch* auf
-mühsame Weise in die Grenzen 1 : 18 und 1 : 20 einschloß, ist gleich
-dem Cosinus des Winkels bei E, unter dem beide Weltkörper in dem
-angegebenen Falle von der Erde aus gesehen werden (EM : ES, siehe Abb.
-22).
-
-Auch die Raumverhältnisse der Weltkörper berechnete *Aristarch*. So
-fand er, daß der Mond etwa 25 (statt 48) mal so klein, die Sonne
-dagegen 300 (statt 1300000) mal so groß wie die Erde sei[436].
-
-Der Weg, auf dem *Aristarch* seine Aufgabe zu lösen suchte, ist,
-theoretisch genommen, zwar richtig. Daß sich trotzdem ein Resultat
-ergab, das von dem heute gültigen Wert in solch erheblichem Maße
-abwich, ist aus mehreren Umständen zu erklären. Einmal war man zu
-jener Zeit noch nicht imstande, solch kleine Winkelunterschiede wie
-diejenigen, um die es sich hier handelt, zu messen. Zum andern aber
-besitzt die gesuchte Grenze zwischen dem beleuchteten und dem dunklen
-Teile des Mondes keine hinlängliche Schärfe. Immerhin verdiente
-*Aristarch* in vollem Maße die Anerkennung, die ihm das Altertum
-dieser Bestimmung wegen zollte. Daß *Aristarch* die heliozentrische
-Theorie 1-1/2 Jahrtausende vor *Koppernikus* klar aussprach, geht auch
-aus einer Äußerung des *Archimedes* hervor. Sie lautet: »*Aristarch*
-gelangt zu der Annahme, die Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich.
-Die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne, die in der Mitte
-der Erdbahn stehe, herumgeführt[437].«
-
-Zu den Vorläufern des *Koppernikus* ist auch der Pythagoreer *Niketas*
-zu rechnen. Auf ihn führt *Koppernikus* selbst die Anregung zurück,
-die ihn veranlaßte, den geozentrischen Standpunkt aufzugeben. Von der
-Lehre des *Niketas* gibt uns eine kurze Bemerkung Kunde, die sich bei
-*Cicero* findet und auf die sich später *Koppernikus* berufen hat. Sie
-lautet: »*Niketas* aus Syrakus nimmt an, wie *Theophrast* erzählt, daß
-der Himmel, die Sonne, der Mond und die Sterne stillstehen, und daß
-sich außer der Erde nichts im Weltall bewegt. Die Erde dreht sich um
-eine Achse. Dadurch scheint sich der Himmel zu bewegen.« Ohne Zweifel
-ist dies ein deutliches Zeugnis dafür, daß man im frühen Altertum, wenn
-auch nur vereinzelt, den Versuch gemacht hat, die scheinbare tägliche
-Umdrehung des Himmels aus einer Rotation der Erde zu erklären. Auch auf
-*Plutarch* konnte sich *Koppernikus* berufen, da *Plutarch* in seiner
-Schrift »Von den Meinungen der Philosophen« die astronomischen Lehren
-des *Philolaos* und des *Herakleides Pontikos* erwähnt sowie an anderer
-Stelle auch auf die Ansichten *Aristarchs* bezug genommen hat.
-
-
-Fortschritte der messenden Astronomie.
-
-Die bedeutendste Förderung während des vorchristlichen Abschnittes des
-alexandrinischen Zeitalters erfuhr die Astronomie durch *Hipparch*.
-Seine wissenschaftliche Tätigkeit fällt etwa in die Zeit von 160-125
-v. Chr. Von seinem Leben ist wenig bekannt. Er lebte in Rhodos,
-hielt sich wahrscheinlich aber auch in Ägypten auf[438]. *Hipparch*
-erleichterte die Arbeit des Astronomen vor allem dadurch, daß er als
-trigonometrisches Hilfsmittel eine Sehnentafel schuf. Sie enthielt für
-die Winkel im Kreise den Wert der zugehörigen Sehnen, in Teilen des
-Halbmessers ausgedrückt. Die Berechnung war sehr mühsam. Sie geschah,
-indem man von den Sehnen der Winkel 120°, 90°, 72°, 60°, 36° ausging.
-Diese Sehnen ließen sich als Seiten des regelmäßigen 3-, 4-, 5-, 6-
-und 10-Ecks leicht in Teilen des Radius ausdrücken. Mit Hilfe des
-Pythagoreischen Lehrsatzes und eines Hilfssatzes bestimmte man dann
-die Sehnen von halben Bogen, sowie die Sehnen von Bogensummen und
-Bogendifferenzen und gelangte so zu einer Tafel von zahlreichen Bogen
-nebst den entsprechenden Sehnen. Anfangs wies diese Tafel bedeutende
-Lücken auf, die man indessen durch Interpolation nach und nach
-ausfüllte. Erst von *Ptolemäos* wurden die Sehnen aller Winkel, nach
-halben Graden fortschreitend, mit hinreichender Genauigkeit bestimmt.
-Seine Tafel, die einen wesentlichen Teil des 1-1/2 Jahrtausende die
-Astronomie beherrschenden *Ptolemäi*schen Werkes ausmachte, hat während
-jenes langen Zeitraumes den Astronomen an Stelle unserer heutigen
-trigonometrischen Tabellen große Dienste geleistet.
-
-*Ptolemäos* teilte den Radius in 60 Teile und führte diese Teilung
-sexagesimal weiter. Die Sehnen wurden dann für die verschiedenen
-Winkel in Sechzigsteln des Radius ausgedrückt. So wurden feststehende
-Verhältnisse gewonnen, da die absolute Größe des Radius und der Sehnen
-nicht in Betracht kam. Es kam auch vor, daß *Ptolemäos* mitunter statt
-der ganzen die halben Sehnen benutzte, doch blieb die konsequente
-Durchführung dieser Maßregel, die ja die Einführung der Sinusfunktion
-bedeutet haben würde, den Indern vorbehalten.
-
-Die Trigonometrie beschränkte sich bei den Alten auf das rechtwinklige
-Dreieck. Die Ausdehnung der trigonometrischen Funktionen auf Winkel von
-90°-180° erfolgte erst durch die Araber, die auch die Trigonometrie
-des schiefwinkligen Dreiecks begründeten[439]. Kamen solche Dreiecke
-für die alten Astronomen in Betracht, so wurden sie in rechtwinklige
-Dreiecke, die man berechnen konnte, zerlegt.
-
-Aus den Fortschritten, welche die Mathematik im alexandrinischen
-Zeitalter erfuhr, zog unter allen Wissenschaften die Astronomie auch
-weiterhin den größten Nutzen. Es begann für sie die Periode der
-systematischen, messenden Beobachtungen. Und wenn das Ergebnis auch
-noch nicht in der allgemeinen Annahme des wahren Weltsystems bestand,
-so gelangte man doch zur klaren Auffassung vieler, nur vermöge exakter
-Messung wahrnehmbarer Erscheinungen. Vor allem ist hier *Hipparch*
-zu nennen, der für die Astronomie dieselbe Bedeutung besitzt, die
-*Aristoteles* hinsichtlich der Zoologie und *Archimedes* in bezug auf
-die Mechanik zugeschrieben werden muß.
-
-Während der ersten Entwicklungsstadien der Astronomie hatte man sich
-darauf beschränkt, die Stellung der wichtigeren Fixsterne dadurch
-festzulegen, daß man am Himmel gewisse Figuren einzeichnete. Mitunter
-brachten diese Sternbilder auch äußerliche Ähnlichkeiten zum Ausdruck,
-wie z. B. beim Wagen.
-
-In die Blütezeit der alexandrinischen Schule fällt nun der Versuch
-einer genaueren, durch Winkelmessung ermittelten Ortsbestimmung der
-wichtigsten Fixsterne. Man bezog ihre Stellungen auf die Punkte, in
-denen die Ekliptik den Himmelsäquator schneidet, und bestimmte bei
-einer größeren Anzahl auch den Abstand vom Äquator bis auf Teile eines
-Grades. Ein solches, von *Aristyll* und *Timocharis* herrührendes
-Fixsternverzeichnis, das etwa 150 Angaben umfaßte, befand sich in
-den Händen des *Hipparch*, als plötzlich, im Jahre 134 v. Chr., ein
-seltenes astronomisches Ereignis, nämlich das Auftreten eines neuen
-Sternes erster Größe, eintrat[440]. Bot aber die Fixsternregion, die
-*Aristoteles* als den Ort des unwandelbaren Seins bezeichnet hatte,
-derartige plötzliche Veränderungen dar, so mußte sich in den Astronomen
-der Wunsch nach einer genauen Topographie des Himmels regen, um auf
-solche Weise späteren Zeiten eine stete Kontrolle zu ermöglichen. In
-den auf jenes Ereignis folgenden Jahren bestimmte deshalb *Hipparch*
-etwa tausend Sternörter[441]. *Hipparch* löste dadurch nicht nur die
-gestellte Aufgabe, sondern er machte außerdem die wichtige Entdeckung,
-daß der Frühlings- und der Herbstpunkt ihre Lage langsam ändern. Für
-einen der hervorragendsten Sterne des Tierkreises, die Spica in der
-Jungfrau nämlich, ergab sich, daß er 6° vom Herbstpunkte entfernt war,
-während der 170 Jahre früher gemessene Abstand 8° betrug. Die Breite
-der Fixsterne war dagegen unverändert geblieben. Dieses Vorrücken der
-Äquinoktialpunkte[442] glaubte *Hipparch* aus seinen und den älteren
-Beobachtungen auf mindestens einen Grad für ein Jahrhundert, also auf
-36'' für das Jahr ansetzen zu dürfen, während es in Wahrheit 50''
-beträgt.
-
-Die Arbeiten, in denen *Hipparch* von der Präzession der Nachtgleichen
-handelt, sind leider bis auf dasjenige, was der »Almagest« darüber
-bringt, verlorengegangen. Nach *Tannery* beläuft sich der von
-*Hipparch* gefundene Betrag des Vorrückens auf 1° 23' 25'' für das
-Jahrhundert[443]. Auf die Entdeckung der Präzession gründet sich
-die Vorstellung von einem 26000 Jahre umfassenden Zeitraum (dem
-platonischen Jahr), der mit der Lehre von der steten Wiederkehr in
-Beziehung gebracht wurde. Auf diese Lehre abzielende Andeutungen
-finden sich schon bei *Platon*, später auch bei *Cicero*, *Seneca* und
-anderen Schriftstellern des Altertums. Die Vorstellung, daß die Natur
-einem regelmäßig wiederkehrenden Wechsel unterliegt, hatte ja auch
-manches für sich. Die Kirchenväter verhielten sich jedoch ihr gegenüber
-ablehnend, weil sie den christlichen Vorstellungen nicht entsprach.
-Unter den Arabern finden sich dagegen wieder Anhänger der Lehre von der
-steten Wiederkehr[444].
-
-Auch daß sich die Erde in der Sonnennähe schneller bewegt als in der
-Sonnenferne, wurde von *Hipparch* beobachtet, wenn er auch diese
-Bewegung auf unser Zentralgestirn übertrug, an dem sie ja scheinbar
-vorsichgeht. Da man im Altertum an der aristotelischen Voraussetzung
-festhielt, daß die Bewegung der Himmelskörper gleichförmig und in
-Kreisen erfolge, so erklärte *Hipparch* die beobachtete Erscheinung aus
-der Epizyklentheorie, indem er die Sonne einen Kreis durchlaufen ließ,
-dessen Mittelpunkt sich auf einem größeren, um die Erde gespannten
-Kreise fortbewegen sollte.
-
-Die genauere Erforschung der scheinbaren Sonnenbewegung führte
-*Hipparch* ferner zu der Entdeckung, daß die Länge des Jahres, d.
-h. der Zeit zwischen zwei Durchgängen des Sonnenzentrums durch den
-Frühlingspunkt, nicht, wie vor ihm angenommen, 365-1/4 Tage beträgt,
-sondern daß sie etwas kürzer ist[445].
-
-Eine schärfere Bestimmung der Mond- und der Planetenbewegungen, wie sie
-am Himmelsgewölbe vorsichzugehen scheinen, hat *Hipparch* gleichfalls
-in Angriff genommen. Die Lösung dieser Aufgabe gelang jedoch erst
-mehrere Jahrhunderte später dem *Ptolemäos*, dessen Bedeutung für die
-astronomische Wissenschaft späterer Würdigung vorbehalten bleibt.
-
-Auch das durch die Zahlenmystik der Pythagoreer angeregte, schon von
-*Aristarch* behandelte Problem, die Entfernungen und die Größe der
-Himmelskörper zu bestimmen, beschäftigte *Hipparch*. Behufs der Lösung
-dieser Aufgabe führte er den Begriff der Parallaxe ein. Man versteht
-darunter den Winkel, unter dem der Erdhalbmesser von dem Gestirne
-aus erscheint, dessen Abstand gemessen werden soll. *Hipparchs*
-Bestimmungen ergaben für die Entfernung des Mondes 59 Erdhalbmesser.
-Dieser Wert kommt der Wahrheit ziemlich nahe[446], während die von
-*Hipparch* herrührenden Werte für die Entfernung und die Größe der
-Sonne von der Wirklichkeit erheblich abweichen.
-
-Die wichtigsten Lehren der antiken Astronomie wurden nach dem von
-*Hipparch* gewonnenen Standpunkte von *Geminos* zusammengestellt.
-*Geminos* aus Rhodos lebte um 70 v. Chr. in Rom. Seine Einführung
-in die Astronomie (εἰσαγωγή) wurde 1590 unter dem Titel Elementa
-astronomiae herausgegeben[447]. Sie zeugt von großer Sachkunde,
-ist frei von allem hergebrachten Aberglauben, kurz, durchaus
-wissenschaftlich gehalten. Einen entschieden ablehnenden Standpunkt
-nimmt *Geminos* manchen herrschenden Lehren gegenüber ein. So
-spricht er sich z. B. dahin aus, daß die Hitze des Sommers nicht
-von dem Hundsstern (Sirius) abhänge, sondern in dem Stande der
-Sonne ihre Ursache habe. Für *Geminos* liegen ferner die Fixsterne
-nicht sämtlich in einer Sphäre. Ihre Entfernung von der Erde werde
-wohl sehr verschieden sein. Es fehle uns nur an einem Mittel, diese
-Verschiedenheit wahrzunehmen. Das Werk des *Geminos* hat späteren
-Zeiten als wertvolle Quelle für die antike Astronomie gedient.
-
-
-Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie.
-
-[Illustration: Abb. 23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon.]
-
-Die geschilderten Fortschritte der Astronomie trugen dazu bei, daß
-auch die Geographie immer mehr einen wissenschaftlichen Grundzug
-erhielt. Dies sprach sich vor allem darin aus, daß man sich der
-astronomischen Ortsbestimmung zu bedienen anfing. Anfangs waren die
-geographischen Karten bloße Itinerarien, d. h. sie wurden auf Grund
-der von den Reisenden angegebenen Wegelängen und der eingeschlagenen
-Himmelsrichtung entworfen. Während *Eratosthenes* bei seiner
-Bearbeitung der Länderkunde sich auf die Angabe der Polhöhe eines Ortes
-oder einer Landschaft beschränkte, führte *Hipparch* die Bestimmung
-nach geographischer Länge und Breite ein. Um die Breite eines Ortes zu
-finden, brauchte man nur die Höhe der Sonne um Mittag während der Zeit
-der Tag- und Nachtgleiche zu ermitteln und den so erhaltenen Winkel
-von 90° abzuziehen. Dazu bediente man sich des Gnomons. Bei diesen
-Messungen, die bis auf 1-2 Bogenminuten genau erfolgten, begingen die
-alten Astronomen einen Fehler von 16 Bogenminuten, ein Wert, der dem
-Halbmesser der Sonne gleichkommt. Den Ursprung dieses Fehlers erläutert
-Abb. 23. Sie läßt erkennen, daß aus dem Schatten als Höhenwinkel der
-Winkel BDA resultiert, während die wahre Sonnenhöhe BCA ist[448].
-*Hipparch* teilte den Äquator in 360 Grade. Als Anfangsmeridian wählte
-er denjenigen, welcher die Insel Rhodos schneidet, da er hier einen
-Teil seiner Beobachtungen angestellt hatte. Während die Breite, nachdem
-man ihren Zusammenhang mit der Polhöhe erkannt, leicht bestimmt werden
-konnte, machte die Feststellung der Länge Schwierigkeiten. Diese
-wurden noch im Zeitalter *Newtons* lebhaft empfunden und erst durch
-die immer weiter gehende Vervollkommnung der Chronometer gehoben.
-Auch *Hipparch* brachte eine Art von chronometrischem Verfahren
-in Vorschlag. Unter der Voraussetzung, daß der Eintritt einer
-Himmelserscheinung, z. B. der Beginn einer Mondfinsternis, von allen
-Bewohnern eines Erdteils in demselben Augenblick gesehen wird, sollte
-die Zeit des Eintritts für verschiedene Orte festgestellt und aus dem
-Unterschied der Ortszeiten der Unterschied der Längen berechnet werden.
-
-[Illustration: Abb. 24. Stereographische und orthographische
-Projektion.]
-
-Für die kartographische Darstellung bediente sich *Hipparch* zur
-Abbildung des Himmels der stereographischen[449], zur Abbildung
-von Ländern meist der orthographischen Projektion. Bei der ersten
-Projektionsart wird eine Ebene zwischen das Auge und die abzubildende
-krumme Fläche gebracht. Jeder Strahl, der einen Punkt der letzteren mit
-dem Auge verbindet, schneidet jene Ebene. Infolgedessen projizieren
-sich die Punkte der krummen Fläche in der Weise auf die Ebene, daß
-das Auge von dem Bilde auf der Ebene denselben Eindruck bekommt, den
-es von der krummen Fläche, z. B. der Halbkugel des Himmels, erhält.
-Bei der orthographischen Projektion dagegen wird von jedem Punkte der
-darzustellenden krummen Fläche eine Senkrechte auf die Projektionsebene
-gefällt. Das Bild auf dieser macht also den Eindruck, den die krumme
-Fläche einem weit entfernten Auge bietet.
-
-
-Die Begründung einer Physik der Gase und der Flüssigkeiten.
-
-Während die Astronomie und die Geographie sich mächtig entwickelten
-und im 2. Jahrhundert nach dem Beginn der christlichen Zeitrechnung
-innerhalb derselben alexandrinischen Akademie durch *Ptolemäos* eine
-zweite Blütezeit erlebten, schien die wissenschaftliche Mechanik nach
-den hoffnungsvollen Anfängen, die man dem *Archimedes* verdankte, zum
-Stillstande verurteilt zu sein, obgleich sich auch diese Wissenschaft
-für die Anwendung des durch die Mathematik gebotenen, deduktiven
-Verfahrens so sehr eignete. Abgesehen von der Schwerpunktsbestimmung
-körperlicher Gebilde -- *Archimedes* hatte sich hierbei auf Flächen
-beschränkt -- machte die theoretische Mechanik kaum wesentliche
-Fortschritte. Jene Bestimmungen rühren von *Pappos* von Alexandrien
-her, der im 4. nachchristlichen Jahrhundert lebte und somit einer
-späteren Periode angehört.
-
-*Pappos* befaßte sich nach dem Vorbilde des *Archimedes* auch mit der
-Untersuchung von Rotationskörpern und kam dabei auf einen wichtigen
-allgemeinen Satz, der später unter dem Namen der *Guldin*schen Regel
-bekannt geworden ist. *Pappos* fand nämlich, daß der Inhalt eines
-Rotationskörpers aus der Fläche der sich drehenden Figur und dem von
-ihrem Schwerpunkt beschriebenen Kreise berechnet werden kann. Diese
-Regel wurde im Laufe der Jahrhunderte vergessen und von *Guldin*
-(1577-1643), nach dem sie heute die *Guldin*sche Regel genannt wird,
-von neuem gefunden.
-
-Weit mehr als um die Fortbildung der theoretischen hat man sich während
-der alexandrinischen Zeit um die der praktischen Mechanik bemüht. Man
-versah z. B. die Wasseruhren mit einer Zeigervorrichtung und erfand
-die Feuerspritze[450]. Diese besaß, nach einem im 18. Jahrhundert
-aufgefundenen, aus der römischen Kaiserzeit herstammenden Exemplar[451]
-zu urteilen, schon im Altertum eine im wesentlichen der heutigen
-entsprechende Einrichtung. (Abb. 25.)
-
-Auch gewann man damals einige Kenntnis von der Natur der Gase und
-der Dämpfe. Besonders verdient um dieses Gebiet machte sich *Heron*
-von Alexandrien, dessen Name noch heute in einem bekannten Apparat
-unserer physikalischen Sammlungen, dem Heronsball, fortlebt[452].
-*Herons* Tätigkeit fällt vielleicht um das Jahr 100 v. Chr. Doch ist
-die Frage, welchem Zeitalter er eigentlich angehört hat, noch immer
-nicht mit Bestimmtheit gelöst. Näheres über diese »Heronische Frage«
-enthält die Einleitung der unten erwähnten Ausgabe der Werke *Herons*
-(s. S. 192 Anm. 4). Sein Verdienst bestand darin, daß er zahlreiche
-Erfindungen der alten Physiker und Techniker zusammenstellte und
-dadurch die Entwicklung, welche die Physik seit dem 16. Jahrhundert
-nahm, in hohem Grade befruchtete. Von eigenen Erfindungen *Herons* ist
-in seinen Schriften kaum die Rede. Seine »Pneumatik« ist das erste auf
-uns gelangte Werk[453], das sich mit Versuchen über die Eigenschaften
-der Luft und der gespannten Dämpfe beschäftigt. Daß *Heron* auf diesem
-Gebiete zahlreiche Vorgänger besaß, ist daraus ersichtlich, daß er
-seine »Pneumatik« mit folgenden Worten beginnt: »Die Beschäftigung mit
-Luft- und Wasserkünsten ist von den alten Philosophen und Mathematikern
-hoch geschätzt worden. Es ist daher notwendig, das seit alters darüber
-Bekannte in gehörige Ordnung zu bringen ...«
-
-[Illustration: Abb. 25. Die Feuerspritze nach Heron.]
-
-Unter den Vorläufern *Herons* ist als einer der frühesten, der uns
-bekanntgeworden ist, *Ktesibios* von Alexandrien zu nennen (um 140 v.
-Chr.).
-
-Letzterer fand einen Nachahmer in *Philon* von Byzanz. Bei ihm findet
-sich schon die Beschreibung des Heronsballs, der also eigentlich als
-Philonsball bezeichnet werden müßte[454]. Auch das Thermoskop begegnet
-uns schon bei *Philon*[455]. *Philons* »Pneumatik« und *Herons*
-»Mechanik« waren bis vor kurzem nur in spärlichen Fragmenten bekannt.
-Da entdeckte man, daß arabische Übersetzungen der griechischen Texte
-existieren. So wurde man[456] 1894 mit der »Mechanik« *Herons* und 1897
-mit der »Pneumatik« des *Philon* von Byzanz bekannt. Die Gesamtausgabe
-der Werke *Herons* ist für die Geschichte der Mathematik sowie der
-reinen und der angewandten Naturwissenschaften von großer Bedeutung.
-Das Automatenwerk *Herons* ist auch kunstgeschichtlich von Wichtigkeit,
-da es manchen Aufschluß über die antiken Bühneneinrichtungen gibt[457].
-*Heron* beschreibt in seiner »Pneumatik« eine große Anzahl von
-Apparaten, welche durch erwärmte Luft oder Dampf in Bewegung gesetzt
-werden. Die Abbildungen, von denen wir einige hier wiedergeben, rühren
-nicht von *Heron* selbst, sondern von einem späteren Herausgeber
-her[458].
-
-Handelt es sich zum Teil auch um physikalische Spielereien, so begegnet
-uns doch manches, was den Anstoß zu späteren Erfindungen gegeben
-hat. Insbesondere gilt dies von einem Apparat, bei dem der Dampf in
-derselben Weise einen Körper in drehende Bewegung versetzt, wie es
-das ausströmende Wasser bei den Reaktionsrädern bewirkt. Die Maschine
-*Herons* (Abb. 26) besteht aus einem Kessel, von dem zwei senkrechte
-Röhren ausgehen. Zwischen ihnen befindet sich eine drehbare Halbkugel
-mit zwei Ansätzen, aus welchen der in die Halbkugel geleitete Dampf
-in tangentialer Richtung entweicht. Dadurch wird die Kugel in Drehung
-versetzt.
-
-[Illustration: Abb. 26. Heron verwendet den Dampf zum Betriebe einer
-maschinellen Einrichtung.]
-
-Den nach ihm benannten Ball (s. Abb. 27) beschreibt *Heron* in
-folgender Weise: »In die Öffnung eines Gefäßes wird eine Röhre
-eingelötet, die fast bis auf den Boden reicht und in eine enge Mündung
-ausläuft. Durch eine seitliche Öffnung gießen wir Wasser in das Gefäß.
-Darauf blasen wir in diese Öffnung hinein, während wir auf die enge
-Mündung der senkrechten Röhre den Finger legen. Schließen wir dann
-die seitliche Öffnung und nehmen wir den Finger von der senkrechten
-Röhre fort, so wird in ihr das Wasser durch die hineingeblasene,
-zusammengepreßte Luft emporgetrieben.«
-
-[Illustration: Abb. 27. Der Heronsball.]
-
-Endlich sei hier noch *Herons* Abbildung des Hebers wiedergegeben (s.
-Abb. 28). »Befindet sich«, sagt *Heron* in seiner Erläuterung dieses
-Apparates, »die Hebermündung in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel,
-so wird der Heber, obgleich er voll Wasser ist, nicht fließen, sondern
-gefüllt bleiben. Es ist nämlich, wie bei einer Wage, das Wasser in
-diesem Falle im Gleichgewicht, indem es bestrebt ist, auf der Seite
-θβ sich zu heben und auf Seite βγ sich zu senken. Ist aber die äußere
-Mündung des Hebers niedriger als der Wasserspiegel, so fließt das
-Wasser aus, da das in dem Abschnitte κβ befindliche Wasser, das
-schwerer ist als das in βθ, letzteres überwältigt und anzieht.«
-
-[Illustration: Abb. 28. Herons Abbildung eines Hebers.]
-
-Was die Natur der Luft betrifft, so meint *Heron*, daß sie aus Teilchen
-bestehe, die wie die Körnchen des Sandes durch leere Zwischenräume
-getrennt seien. Dies beweise zumal der Umstand, daß sich noch Luft in
-eine Kugel zu der darin vorhandenen füllen lasse, was darauf beruhe,
-daß die neuen Luftteilchen an Stelle der leeren Räume treten. Wolle man
-annehmen, die Luft fülle den vorhandenen Raum ganz aus, so würde eine
-Kugel beim Hineinbringen einer weiteren Luftmenge platzen müssen. Gäbe
-es keine Vakua, fügt *Heron* noch hinzu, so könnten weder Licht noch
-Wärme durch Wasser oder andere Flüssigkeiten dringen. Wenn nämlich die
-Flüssigkeit keine Poren hätte, die Strahlen also mit Gewalt ins Wasser
-drängen, so müßten volle Gefäße überlaufen[459]. Jeder Körper besteht
-deshalb, nach *Heron*, aus kleinen Teilchen und dazwischen befindlichen
-leeren Räumen. Ein kontinuierliches Vakuum sei dagegen ohne Mitwirkung
-einer äußeren Kraft nicht möglich[460]. Daß die Luft ein Körper ist,
-beweist *Heron*, indem er ein leeres Gefäß umgekehrt ins Wasser taucht.
-Auch bemerkt er, die Luft habe eine eigentümliche Spannkraft, indem
-sie sich, wie ein trockener Schwamm, nach dem Zusammendrücken wieder
-ausdehne.
-
-Zu welch überraschenden Kunststücken man diese Kenntnisse zu verwerten
-wußte, zeigt uns die, durch nebenstehende Abbildung (29) erläuterte,
-auf der Ausdehnung und der Zusammenziehung der Luft beruhende
-Vorrichtung.
-
-Wird auf dem Altar E ein Feuer angezündet, so treibt die erwärmte Luft
-infolge ihrer Ausdehnung das Wasser, das sich in der Kugel P befindet,
-in das aufgehängte, mit einem Drehwerk verbundene Gefäß M. Letzteres
-sinkt infolge seiner Gewichtszunahme und öffnet die Tür. Nach dem
-Erkalten der Luft strömt das Wasser durch die Röhre L nach P zurück,
-und die Tür wird durch das Gegengewicht D geschlossen, während das
-Gefäß M in seine frühere Lage zurückkehrt.
-
-[Illustration: Abb. 29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel[461].]
-
-Sowohl eine Beschreibung in *Herons* »Pneumatica«, als auch die
-archäologischen Funde liefern den Beweis, daß man im späteren Altertum
-schon Orgeln mit Klaviaturen besaß, die man wie unsere heutigen Orgeln
-und Klaviere benutzte (Abb. 30). Sie wurden durch Wasser betrieben, mit
-dessen Hilfe man die Luft in einem Kasten zusammenpreßte (Wasserorgel
-oder hydraulus). Eine aus Ton verfertigte Orgel wurde vor einiger Zeit
-in Karthago aufgefunden. Sie läßt außer den Einrichtungen, die zur
-Herstellung des Luftstromes dienen, drei Reihen von Orgelpfeifen und
-eine Klaviatur erkennen[462].
-
-[Illustration: Abb. 30. Wasserorgel oder hydraulus.]
-
-*Heron* bringt ferner eine Beschreibung der Feuerspritze, deren
-Rekonstruktion in Abb. 25 wiedergegeben wurde (s. S. 191). Seine
-Beschreibung lautet: »Es seien αβγδ und εζηθ zwei bronzene Stiefel,
-deren Inneres für zwei Kolben ausgedrechselt ist. Die Kolben müssen
-luftdicht in die Stiefel passen. Letztere seien durch das an beiden
-Enden offene Rohr ξοδζ miteinander verbunden. Außerhalb der Stiefel,
-aber innerhalb dieses Rohres, sollen Klappenventile π und ρ derart
-angebracht sein, daß sie sich nach der Außenseite öffnen können. Die
-Stiefel sollen auch auf dem Boden runde Löcher haben, die mit kleinen,
-geschliffenen Scheibchen bedeckt werden. Letztere sind durch Stifte und
-Häkchen so angebracht, daß sie sich wohl auf- und abbewegen, aber sich
-nicht von den Öffnungen seitlich entfernen können. Mit den Kolben seien
-Kolbenstangen und ein Querbalken verbunden. Mit dem Rohre, das die
-beiden Stiefel verbindet, stehe ein vertikales Steigrohr in Verbindung.
-Dieses verzweige sich bei ϛ zu einem Doppelarm, der zu einer drehbaren
-Mündung führt[463].« Die beschriebene Vorrichtung stimmt also mit der
-heutigen Feuerspritze überein, nur daß der Windkessel fehlt.
-
-Ein Teil der zahlreichen, in *Herons* »Pneumatica« beschriebenen
-Versuche stammt von *Philon* von Byzanz, der gleich *Heron* ein Schüler
-des *Ktesibios* war. Da einige von diesen Versuchen eine grundlegende
-Bedeutung haben, so seien sie hier angeführt. So stellte *Philon*
-ein Thermoskop her, das auf der Ausdehnung der Luft durch die Wärme
-beruhte. In eine Bleikugel a wurde das doppelt gebogene Rohr b (s.
-Abb. 31) luftdicht eingefügt. Das andere Ende des Rohres mündete unter
-Wasser. Brachte man die Bleikugel in die Sonne, so strömte die Luft
-durch b aus. Wurde dagegen die Bleikugel abgekühlt, so gelangte Wasser
-durch b in die Kugel a[464].
-
-[Illustration: Abb. 31. Philons Thermoskop.]
-
-[Illustration: Abb. 32. Philons Saugkerze.]
-
-Die Abbildung 32 zeigt uns *Philons* Saugkerze. In dem Gefäße a
-befindet sich Wasser und eine brennende Kerze. Über diese wird
-d gestülpt[465]. »Man wird«, sagt *Philon*, »bald das Wasser
-aufwärtssteigen sehen. Dies geschieht, weil die in d enthaltene Luft
-durch die Bewegung des Feuers verflüchtigt wird. Das Wasser steigt
-empor, je nach der Quantität Luft, welche verflüchtigt wird.« Daß stets
-nur eine gewisse Menge Luft verschwindet, entging also der Beobachtung
-des alten Physikers. Immerhin begegnet uns hier schon derselbe Versuch,
-den im 18. Jahrhundert *Scheele* und andere anstellten, um zu beweisen,
-daß die Luft aus zwei verschiedenen Gasen zusammengesetzt ist.
-
-
-Weitere Fortschritte der Mechanik.
-
-[Illustration: Abb. 33. Herons Flaschenzug.]
-
-*Heron* hat auch über die Mechanik der festen Körper ein Werk
-geschrieben, das lange als verloren galt und nur auszugsweise durch
-den späteren Alexandriner *Pappos* (um 300 n. Chr.) erhalten geblieben
-ist[466]. Wie *Pappos* mitteilt, hat *Heron* in diesem Werk die fünf
-Potenzen behandelt, nämlich den Hebel, das Rad an der Welle, den Keil,
-die Schraube und den Flaschenzug. So wird, um ein Beispiel zu bringen,
-der Flaschenzug mit folgenden Worten beschrieben: »Wenn wir eine Last
-aufziehen wollen, so müssen wir an einem daran gebundenen Seil mit
-einer Kraft ziehen, welche der Last gleich ist. Wenn wir aber das
-eine Ende des Seils an einem festen Ort anbinden und das andere Ende
-um eine an der Last befestigte Rolle legen, so werden wir die Last
-leichter bewegen. Und wenn wir an dem festen Ort eine zweite Rolle
-anbringen und das Seil auch um diese legen, werden wir die Last noch
-leichter bewegen. Aber wir bringen nicht die einzelnen Rollen an dem
-festen Ort, sondern, um ihre Achse drehbar, in einem hölzernen Gehäuse
-an, das wir eine Flasche nennen, und binden diese Flasche mit einem
-Seile an den festen Ort. Diejenigen Rollen, die mit der Last verbunden
-werden sollen, schließen wir in eine andere, der ersten gleiche
-Flasche ein[467]. Je zahlreicher die Rollen, desto leichter läßt sich
-die Last heben.« An anderer Stelle löst *Heron* die Aufgabe, durch
-Zahnradübertragungen vermöge der Kraft 5 die Last 1000 zu heben (s.
-Abb. 17)[468].
-
-[Illustration: Abb. 34. Herons Wegmesser[469].]
-
-Durch eine ähnliche Übertragung finden wir schon bei *Heron* das
-Prinzip des Taxameters gelöst. Seine Einrichtung ist aus Abb. 34
-ersichtlich. An der Nabe des Rades befindet sich ein Stift, der das
-horizontale, mit 8 Speichen versehene Rad EZ jedesmal um eine Speiche
-weiter dreht. Einer Umdrehung des Rades EZ entspricht eine Fortbewegung
-des über EZ befindlichen Zahnrades um einen Zahn. Die Übertragung
-erfolgt durch das Schneckengewinde über EZ. Diese Übertragung
-wiederholt sich so oft, daß eine Umdrehung des letzten Zeigers mehrere
-tausend Umdrehungen des Wagenrades oder auch direkt den zurückgelegten
-Weg in Stadien anzeigt[470].
-
-Neuerdings ist die Mechanik *Herons* nach einer arabischen
-Handschrift in französischer Übersetzung herausgegeben worden[471].
-*Heron* bringt nicht nur die Beschreibung und die Theorie der fünf
-einfachen Maschinen, sondern er beschäftigt sich auch eingehend mit
-Schwerpunktsbestimmungen. So findet er den Schwerpunkt des Dreiecks
-als den Schnittpunkt der Mitteltransversalen, die sich im Verhältnis 2
-: 1 teilen. Um den Schwerpunkt des unregelmäßigen Vierecks zu finden,
-zerlegt er es durch eine Diagonale in zwei Dreiecke, verbindet deren
-Schwerpunkte und teilt dann diese Verbindungslinie im umgekehrten
-Verhältnis der Gewichte dieser Dreiecke.
-
-Beim Hebel und beim Flaschenzug untersucht *Heron* das Verhältnis des
-Kraftweges zum Lastwege oder das der Zeiten, welche die Last, je nach
-dem Kraftgewinn, zum Emporsteigen auf eine bestimmte Höhe gebraucht. Er
-gelangt dabei zu dem Gesetz, das wir heute als die goldene Regel der
-Mechanik bezeichnen. Die Fassung, welche er diesem Gesetz gibt, lautet:
-»Das Verhältnis der Zeiten ist gleich dem umgekehrten Verhältnis
-der bewegenden Kräfte[472].« Nicht so klar ist *Heron* die Theorie
-der Schraube und des Keiles geworden. Hier vermag er das Verhältnis
-von Kraft zu Last nicht anzugeben. Es rührt dies daher, daß er Keil
-und Schraube nicht auf die schiefe Ebene zurückführt, sondern sich
-vergeblich abmüht, sie aus der Hebelwirkung zu erklären. Die schiefe
-Ebene wird von ihm nicht zu den einfachen Maschinen gerechnet und
-gleichfalls in ihrer Wirkung noch nicht richtig erkannt[473].
-
-
-Die wissenschaftlichen Grundlagen der Vermessungskunde.
-
-Eine besondere Würdigung verdienen noch *Herons* Bemühungen um die
-Ausgestaltung der Feldmeßkunst. *Heron* verfaßte eine Schrift »Über
-die Dioptra«[474]. Es ist das ein Meßapparat, in dem wir das Urbild
-des heutigen Theodolithen erblicken müssen. Eine Rekonstruktion
-des interessanten Instrumentes ist in nebenstehender Abbildung
-wiedergegeben[475]. Die Hauptteile waren die auf dem Stativ ruhende
-Platte ΑΒ und das Zahnrad ΓΔ, welches durch die Archimedische
-Schraube ΕΖ in Bewegung gesetzt wurde und dadurch eine Drehung des
-ganzen Instrumentes um eine vertikale Achse ermöglichte. Eine zweite
-Archimedische Schraube befand sich über ΚΛ. Man erkennt, daß sie die
-Aufgabe hatte, vermittelst des vertikal gestellten, halbkreisförmigen
-Zahnrades die oberste, mit dem Visierlineal versehene Platte um eine
-horizontale Achse zu drehen. Da die Platte nicht unmittelbar auf
-dem halbkreisförmigen Zahnrade aufsaß, sondern an eine rechteckige
-Fortsetzung des letzteren angeschlossen war, so konnte die Drehung um
-die horizontale Achse vermittelst der oberen Archimedischen Schraube
-so lange fortgesetzt werden, bis die große Platte eine senkrechte
-Stellung eingenommen hatte. Es ließ sich somit jeder Horizontal- und
-jeder Höhenwinkel mit Hilfe dieses Apparates messen, so daß die Dioptra
-zur Lösung von Aufgaben der Feldmeßkunst vortrefflich geeignet war.
-Die Einstellungen wurden durch Wasserwage und Bleisenkel vermittelt.
-Ferner besaß das Diopterlineal, um auch kleinere Winkel noch ablesen zu
-können, eine bedeutende Länge.
-
-[Illustration: Abb. 35. Herons Winkelmeßapparat.]
-
-Von den zahlreichen Aufgaben, für welche *Heron* in seiner Schrift
-das einzuschlagende Meß- und Berechnungsverfahren angibt, seien hier
-nur einige erwähnt. Die wichtigste Aufgabe war die Aufnahme eines
-Feldes von beliebiger Umgrenzung. *Heron* verfuhr dabei wie folgt:
-Zunächst wurde ein großes Rechteck so abgesteckt, daß es innerhalb
-der Umgrenzung lag (siehe Abb. 36). Dann wurde für viele Punkte der
-Umgrenzung der senkrechte Abstand von der zugewandten Seite des
-großen Rechtecks gemessen. Auf diese Weise wurde der außerhalb des
-Rechtecks liegende Teil des zu messenden Feldes in kleinere Abschnitte
-von möglichst regelmäßiger Form zerlegt, deren Flächeninhalt leicht
-annähernd ausgemessen werden konnte.
-
-[Illustration: Abb. 36. Herons Vermessung eines Feldes.]
-
-Ein Blick auf die Abbildung lehrt uns, daß *Heron* hier mit
-rechtwinkligen Koordinaten arbeitet, und daß er die umgrenzende Linie
-recht genau in den Plan einzeichnen konnte, wenn er nur recht viele
-Senkrechte von den Punkten der Linie aus nach den Rechteckseiten
-errichtete und ausmaß.
-
-Weiter zeigt *Heron*, wie man die Breite eines Flusses ermittelt,
-ohne ihn zu überschreiten. In einem andern Abschnitt wird die Aufgabe
-gelöst, ein Feld mit Hilfe eines Planes wieder abzustecken, wenn
-die Umfriedigung mit Ausnahme weniger Grenzsteine verlorengegangen
-ist[476]. Ein Abschnitt (30) entwickelt die *Heron*sche Formel für die
-Fläche eines Dreiecks, dessen drei Seiten gegeben sind. Sie lautet:
-
- ∆ = √(((a + b + c)/2)·((a + b - c)/2)·((a + c - b)/2)·((b + c - a)/2)))
-
-Ob *Heron* diese Formel selbst gefunden oder anderen entlehnt hat,
-ist nicht bekannt. Auch weiß man nicht, wie groß sein Anteil an der
-Konstruktion der Dioptra ist. Sicherlich bestand die Feldmeßkunst
-in Ägypten schon Jahrtausende vor *Heron*. Doch waren ihre Regeln
-zum Teil recht mangelhaft, so daß man[477] annimmt, daß *Heron*,
-auf den Arbeiten seiner Vorgänger fußend, ein amtliches, zahlreiche
-Verbesserungen aufweisendes Lehrbuch der Feldmeßkunst lieferte. Dieses
-hat dann auch den Römern als Handbuch gedient. Stand doch bei diesem
-Volke die Vermessungskunde, wie bei dem praktischen Grundzuge der Römer
-nicht anders zu erwarten ist, in hoher Blüte. Wie hätte sich z. B. die
-Anlage ausgedehnter Wasserleitungen ermöglichen lassen, wenn die Kunst
-des Nivellierens, für welche man sich ebenfalls der Dioptra bediente,
-den Römern nicht geläufig gewesen wäre.
-
-Während der griechische Text der »Dioptra« schon seit 1858 bekannt ist,
-entdeckte man erst 1896 *Herons* »Metrika«, ein Werk, das seit dem
-6. Jahrhundert verschollen war. Die »Metrika« *Herons*[478] stellen
-ein Handbuch dar, das eine Anweisung zur Teilung und Berechnung von
-Flächen enthält, während die »Dioptra«[479] *Herons* die Beschreibung
-der wichtigsten geodätischen Hilfsmittel und eine Anzahl von
-Aufgabenbeispielen lieferte.
-
-Zu den Aufgaben, deren Lösung *Heron* bringt, gehört außer den
-Nivellierungen auch die Absteckung von Geraden zwischen zwei Punkten,
-von denen der eine nicht vom andern aus gesehen werden kann. Die
-Aufgabe war schon im Altertum praktisch wichtig, z. B. wenn es galt,
-einen Tunnel durch einen Berg zu graben. Daß die alten Ingenieure schon
-Tunnelbauten von beträchtlicher Länge ausführten, beweist die im Jahre
-1884 erfolgte Freilegung eines Tunnels von etwa 1000 m Länge durch den
-Kastroberg (auf Samos).
-
-Wie *Heron* die Aufgabe löste, einen Berg zu durchstechen, wenn die
-Mündungspunkte des Durchstichs gegeben sind, zeigt uns Abb. 37. Wir
-sehen, daß er sich auch hierbei wieder eines Systems von rechtwinkligen
-Koordinaten bediente.
-
-*Heron* schließt seine Darstellung mit den zuversichtlichen Worten:
-»Wird der Tunnel auf diese Weise hergestellt, so werden sich die
-Arbeiter von beiden Seiten treffen.«
-
-[Illustration: Abb. 37. Herons Tunnelaufgabe.]
-
-Der Tunnel durch den Kastroberg ist durch deutsche Forschungen
-wieder entdeckt worden. Er hatte den Zweck, eine jenseits des
-Berges befindliche Quelle mit der Stadt zu verbinden. Diese Anlage,
-die *Herodot* als ein Wunderwerk preist, entstand zur Zeit des
-*Polykrates*. Sie verdient auch deshalb Bewunderung, weil die Arbeit ja
-ohne die modernen Sprengmittel geleistet werden mußte[480].
-
-Ein weiteres Beispiel für den Tunnelbau der Alten bietet der noch
-jetzt vorhandene Abfluß (Emissar) des Albaner Sees. Dieser Abflußkanal
-ist ein Stollen von 1200 m Länge. Seine Breite beträgt 1-1/2 m, seine
-Höhe 2-3 m[481]. Als eine Ingenieurarbeit größeren Umfangs ist aus
-der griechischen Geschichte die Trockenlegung des Kopaissees unter
-*Alexander* dem Großen zu erwähnen[482].
-
-Bei *Heron* begegnen uns auch die ersten Anweisungen darüber,
-wie man sich beim Bergbau unter der Erde zu orientieren hat. Aus
-diesen Anfängen hat sich, besonders seit dem Zeitalter *Agricolas*,
-des Begründers der neueren Mineralogie (16. Jahrhundert), die
-Markscheidekunst entwickelt.
-
-Durch *Herons* Schriften wird man am besten mit dem konkreten Messen
-und Rechnen seiner Zeit und mit den damals gebräuchlichen Maßen
-bekannt. Für das kaufmännische Rechnen fehlt es leider an einer
-ähnlichen Überlieferung[483]. Doch begegnet uns bei *Heron* die schon
-im alten Ägypten gepflegte Verteilungs- und Gesellschaftsrechnung.
-Bekannt ist beispielsweise *Herons* Brunnenaufgabe. Es wird darin nach
-der Zeit gefragt, innerhalb deren durch mehrere Röhren ein Behälter mit
-Wasser gefüllt werden kann, wenn man die Füllzeit für jede einzelne
-Röhre kennt.
-
-*Heron* hat auch eine Katoptrik geschrieben. Sie läßt uns erkennen, daß
-schon im Altertum die Ansicht bestand, daß die Natur nichts vergeblich
-tue. Von diesem Prinzip ausgehend, wurde die gradlinige Ausbreitung des
-Lichtes erklärt. Die gleiche Betrachtungsweise leitete *Heron* bei dem
-Nachweise, daß der Weg, den das einfallende und das reflektierte Licht
-zurücklegt, nur dann ein Minimum ist, wenn der Einfallswinkel gleich
-dem Reflexionswinkel ist[484].
-
-
-Naturbeschreibung und Heilkunde im alexandrinischen Zeitalter.
-
-Bei der Beurteilung der Schriften eines *Ptolemäos*, *Euklid* und
-*Heron* läßt es sich schwer entscheiden, was diese Männer auf den von
-ihnen behandelten Gebieten Eigenes, Neues geschaffen, und was sie
-ihren Zeitgenossen und Vorgängern entlehnt haben. Es kann indessen
-auch gar nicht die Aufgabe der hier gebotenen, zusammenhängenden
-Darstellung einer Geschichte der Wissenschaften sein, im einzelnen
-Prioritätsansprüche gegeneinander abzuwägen. Diese, in der Regel
-wenig fruchtbringende Aufgabe muß der historischen Einzelforschung
-überlassen bleiben, eine Einschränkung, die hier auch gleich für die
-Behandlung späterer Perioden der Wissenschaft gemacht sei. Für uns ist
-es viel wichtiger, in den jeweiligen Stand der Kenntnisse einzudringen
-und den logischen Zusammenhang, die bedingenden Ursachen aufzuweisen.
-Für diesen Zweck war die etwas ausführlichere Darstellung, die wir den
-genannten drei alexandrinischen Gelehrten gewidmet haben, von Wert.
-
-Während die Astronomie, die Mathematik und einige Zweige der Physik
-von den Alexandrinern sehr gepflegt und gefördert wurden, wandten sie
-den beschreibenden Naturwissenschaften eine geringere Anteilnahme
-zu. Vielleicht ist dies in der kommentatorischen Gelehrsamkeit
-der Alexandriner begründet. Bestand doch ihre Hauptaufgabe darin,
-Handschriften zu vergleichen, zu erläutern und zu ergänzen. So sagt
-*Plinius* von ihnen: »In den Schulen sitzen und Vorträge anhören, war
-angenehmer, als durch Einöden zu gehen und Tag für Tag neue Pflanzen
-zu suchen[485].« Als selbständige Wissenschaft hörte die Botanik
-auf. Sie bestand in der alexandrinischen Schule nur noch als ein
-Zweig der Heilkunde, als Heilmittellehre, weiter. Es war deshalb von
-Bedeutung für die Entwicklung der Botanik, daß auch die Geographen
-dieses Zeitalters der Pflanzenwelt ihre Aufmerksamkeit zuwandten.
-Vor allem ist hier *Strabon* als der größte unter den Geographen der
-spätalexandrinischen Schule zu nennen. Wenn dieser Mann auch nicht
-selbst Pflanzenkenner war, so nahm er doch die Pflanzen- und die
-Tierwelt als Gegenstand seiner Wissenschaft mit Recht in Anspruch,
-so daß seit *Strabons* Auftreten die Bedeutung der Botanik für die
-allgemeine Erdkunde stets gewürdigt worden ist.
-
-In höherem Maße als die Botanik wurde die Anatomie bei den
-Alexandrinern gepflegt. An erster Stelle sind hier *Herophilos* (um
-300 v. Chr.) und *Erasistratos*[486] (um 280 v. Chr.) zu nennen.
-Von *Herophilos*, einem der bedeutendsten Ärzte des Altertums[487],
-rührt die erste eingehendere Untersuchung des Auges her, während
-*Erasistratos* die blutführenden Venen von den, nach damaliger Ansicht,
-mit Pneuma gefüllten Arterien unterschied. *Erasistratos* war auch
-nahe daran, den Kreislauf des Blutes zu erkennen. Er scheiterte nur
-an dem soeben erwähnten Irrtum, daß die Arterien das Pneuma (den
-Luftgeist) enthielten. Andererseits erkannte er ganz richtig das
-Herz als den Ausgangspunkt der Gefäße, sowie das Gehirn als die
-Ursprungsstelle der Nerven. Vor allem wurde die Anatomie dadurch auf
-eine sichere Grundlage gestellt, daß man die Sehnen von den Nerven
-unterschied und letztere als die Organe der Empfindung sowie die
-Muskeln als die Werkzeuge der Bewegung kennenlernte. Allerdings waren
-die Alexandriner in ihren Mitteln nicht sehr wählerisch, da sie selbst
-vor Vivisektionen an Menschen nicht zurückscheuten[488].
-
-
-
-
-5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
-
-
-Weit später als in Griechenland und in dem von Griechen bewohnten Süden
-Italiens entwickelte sich eine höhere geistige Kultur in Mittelitalien.
-Die Hauptmasse der Bevölkerung dieses Teiles der Apenninenhalbinsel
-war in vorgeschichtlichen Zeiten, als ein den Hellenen und Kelten
-verwandtes Volk, über die Alpen eingedrungen. Sie war dort zunächst
-mit den Etruskern, einem Volk, dessen Abstammung zweifelhaft ist,
-in Berührung getreten. Erst weit später machte sich der Einfluß
-der in Süditalien bestehenden griechischen Ansiedelungen auf die
-mittelitalischen Völkerschaften geltend. Es geschah dies erst, nachdem
-letztere unter der Führung Roms eine staatliche Einigung erfahren
-hatten.
-
-Während man sich in den unserer Zeitrechnung vorangehenden
-Jahrhunderten in der Stille des alexandrinischen Gelehrtentempels die
-Welt zu erkennen mühte, hatte man sie von Mittelitalien aus durch die
-Gewalt der Waffen unterjocht. Griechenland war schon länger als ein
-Jahrhundert römische Provinz, als im Jahre 30 v. Chr. Ägypten dasselbe
-Schicksal ereilte. Die politische Umgestaltung dieses Landes vollzog
-sich jedoch allmählich, da der römische Einfluß sich schon lange vor
-jenem Zeitpunkt in stetig wachsendem Maße geltendgemacht hatte. Diese
-Umgestaltung war daher auch für die Wissenschaften nicht von solch
-einschneidender Bedeutung, wie später das Hereinbrechen entfesselter,
-barbarischer Horden. In dem Maße nämlich, wie die Römer das dem Osten
-sein geistiges Gepräge verleihende Griechenland politisch überwanden,
-nahmen sie den Inhalt der griechischen Bildung in sich auf. Sie
-wurden die Herren, aber zugleich die Schüler der Griechen. Auch aus
-den reichen literarischen Schöpfungen der Semiten und der Ägypter
-vermochten die Römer zu schöpfen[489]. Meister sind sie auf dem Gebiete
-der Kunst und Wissenschaft indessen nicht geworden. Weit mehr entsprach
-ihrem ganzen Sinne sowie ihren Bedürfnissen eine Fortentwicklung der
-Technik. Auf diesem Felde haben sie, wie die großartigen Überreste
-ihrer Werke noch heute bezeugen, die Griechen zweifelsohne übertroffen.
-Doch erfuhr die wissenschaftliche Grundlage der Technik, die Mechanik
-nämlich, durch die Römer keinen wesentlichen Fortschritt. Wurde auch
-während der Kaiserzeit Rom, nachdem es zum politischen Mittelpunkt
-der Welt geworden, neben Alexandria mehr und mehr zu einem Sitz der
-Wissenschaften, so kann man doch von einem römischen Zeitalter der
-letzteren nicht sprechen. Darüber, sich die Elemente der griechischen
-Bildung anzueignen, sind die Römer kaum hinausgekommen, während in dem
-römisch gewordenen Alexandria ein neuer, bedeutender Aufschwung die
-ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ausfüllt.
-
-Als der Hellenismus etwa um die Zeit des zweiten punischen Krieges
-das römische Geistesleben zu durchdringen begann, hatte die römische
-Literatur noch keine Schöpfung von einiger Bedeutung aufzuweisen.
-Ein mit wissenschaftlichen Dingen sich befassendes Prosaschrifttum
-fehlte ihr bis zu dem angegebenen Zeitpunkt noch fast gänzlich. Was
-auf diesem Gebiete vorhanden war, betraf lediglich die Grundlagen des
-Rechtswesens, die Führung von Chroniken, den Kultus und die engeren
-Bedürfnisse des praktischen Lebens. Vom größten Einfluß auf die
-Literatur des römischen Volkes wurde seine Berührung mit den Griechen,
-zunächst mit den Kolonien Süditaliens und später mit dem griechischen
-Mutterlande. Eingeleitet wurde die Berührung zwischen Römer- und
-Griechentum durch den Handel. Zu einer innigeren Durchdringung kam es
-jedoch erst durch den kriegerischen Zusammenstoß, der die römischen
-Heere in die griechischen Kolonien und nach Hellas führte und umgekehrt
-zahlreiche Griechen sowie griechische Kunst- und Wissensschätze nach
-Rom gelangen ließ. Diese Umwälzungen begannen im 3. vorchristlichen
-Jahrhundert mit dem tarentinischen (282-272) und dem ersten punischen
-Kriege (264-241). Um 200 folgte die Besiegung Makedoniens, und wenige
-Jahrzehnte später wurde durch *Aemilius Paulus* dem einst dem römischen
-an Umfang und Bedeutung gleichen makedonischen Reiche durch die
-Schlacht bei Pydna (168 v. Chr.) ein Ende bereitet. Zahlreiche Geiseln,
-zumeist vornehmen und gebildeten hellenischen Familien entsprossen,
-kamen infolge dieses Sieges nach Rom. Eins der wertvollsten
-Beutestücke, welche der Sieger heimbrachte, war die Bibliothek des
-makedonischen Königs. Infolge dieser Geschehnisse bildete sich in Rom
-ein stetig wachsender Kreis von Freunden griechischer Bildung, die
-voll Bewunderung den Vorträgen nach Rom gewanderter Rhetoren und
-Philosophen lauschten. Aus dieser geistigen Verbrüderung trat mit immer
-größerer Deutlichkeit das Bestreben hervor, durch die Vereinigung der
-realen römischen Macht mit dem Inhalt des griechischen Geisteslebens
-innerhalb eines einzigen Staatsgebildes ein von den bisherigen engen
-nationalen Schranken befreites Weltbürgertum entstehen zu lassen.
-
-Unter den Männern, die sich gegen diese Entwicklung stemmten, ohne
-sie jedoch nur im geringsten hemmen zu können, ist besonders *Marcus
-Portius Cato* zu nennen. Dem Haß, mit dem er in jeder Sitzung des
-Senats die Zerstörung Karthagos forderte, kam seine Erbitterung
-gegen griechische Bildung und griechisches Geistesleben gleich. Aus
-dieser Stellungnahme erwuchsen *Catos* »Unterweisungen«, ein Werk,
-das eine Art Enzyklopädie darstellte und zeigen sollte, daß die
-ältere römische Literatur es mit der besonders ihrer Neuheit wegen so
-hoch eingeschätzten griechischen wohl aufnehmen könne. Von *Catos*
-»Unterweisungen« sind nur einige Fragmente erhalten geblieben. Dagegen
-besitzen wir in seinem Buche über die Landwirtschaft (De agricultura)
-das älteste auf unsere Zeit gekommene Werk des lateinischen
-Prosaschrifttums. Es ist eine der wichtigsten Quellen für die an
-späterer Stelle ausführlich zu besprechende »Naturgeschichte« des
-*Plinius* gewesen.
-
-Von dem die Hellenen beherrschenden Streben, im Einzelnen das
-Allgemeine, die Idee zu finden, gingen die Römer später zu einem mehr
-empirischen, oft unkritischen Beobachten des Äußerlichen über und
-gelangten auf diesem Wege mitunter zu Plattheiten, wie sie uns bei
-*Cicero* begegnen, der da meinte, die Naturwissenschaft suche entweder
-nach Dingen, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand
-zu wissen brauche. Es sind manche Vermutungen darüber ausgesprochen
-worden, weshalb die Römer das von den Griechen begonnene Werk nicht
-fortgesetzt haben, so daß auf die Begründung der Wissenschaften
-unmittelbar ihr weiterer Ausbau gefolgt wäre. Die einen erblicken
-die Ursache dieser Erscheinung in dem Fehlen der experimentellen
-Forschungsweise, obgleich doch, wie wir sahen, die Ansätze zu einer
-solchen in der Blütezeit der alexandrinischen Periode wohl vorhanden
-waren. Andere meinen, die Römer, welche zwar die berufenen Erben der
-Griechen gewesen seien, hätten bei ihrer Aufgabe, die Welt zuerst zu
-erobern und sie dann zu beherrschen, weder Zeit noch Sinn für die
-Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen gehabt. Auch den Mangel an
-Werkzeugen für die wissenschaftliche Arbeit, wie sie die neuere Zeit
-in Fülle hervorbrachte, hat man dafür verantwortlich machen wollen,
-daß die Wissenschaft nach ihrer Begründung zunächst keine wesentlichen
-Fortschritte aufwies.
-
-Die Einflüsse, welche die in Frage stehenden sowie ähnliche
-Erscheinungen in der Entwicklung der Zivilisation und des Geisteslebens
-herbeigeführt haben, sind für uns, die wir solch entlegene Zeiten durch
-ein sehr getrübtes Medium erblicken, nicht mehr scharf erkennbar.
-Jedenfalls haben hier nicht nur eine oder einige der genannten Ursachen
-mitgespielt, sondern es hat ein Zusammenwirken zahlreicher Umstände
-stattgefunden. Die natürlichen Anlagen, die auch bei nahe verwandten
-Völkern nicht immer die gleichen sind, sowie die Macht der politischen
-und der religiösen Verhältnisse werden jedenfalls hierbei in erster
-Linie den Ausschlag gegeben haben. So war[490] »die ganze Geistesanlage
-der Römer nach wesentlich anderen Gebieten gerichtet als dem der reinen
-Wissenschaft«. Und selbst als Rom Weltreich geworden, betonte *Cicero*,
-daß die griechischen Mathematiker auf dem Gebiete der reinen Geometrie
-das Glänzendste geleistet, während sich die Römer nur auf die Ausübung
-des Rechnens und des Ausmessens beschränkt hätten[491].
-
-
-Meßkunst und Astronomie bei den Römern.
-
-Die Römer hielten die Feldmeßkunst für wenigstens eben so alt wie
-Rom. Sie wurde zuerst von Priestern ausgeübt, um das zu den Tempeln
-gehörende Land abzugrenzen. In der Kaiserzeit war die Feldmeßkunst sehr
-entwickelt. Wer sie ausüben wollte, mußte eine Schule durchmachen und
-eine Prüfung ablegen[492].
-
-[Illustration: Abb. 38. Der Meßapparat der Römer.]
-
-[Illustration: Abb. 39. Die Rekonstruktion der Groma.]
-
-Die ersten Kenntnisse in der Feldmeßkunst verdankten die Römer
-sehr wahrscheinlich den Etruskern. Als Meßapparat benutzten sie
-ein Winkelkreuz, das aus zwei in der horizontalen Ebene sich
-schneidenden Linealen bestand. Eine Abbildung dieses Apparates wurde
-auf dem Grabe eines römischen Feldmessers gefunden[493]. An den
-Enden der Lineale befanden sich Lote. Die alten Italer vermochten
-mit Hilfe dieses Instrumentes, der Groma, und der Meßstange
-schon die Breite eines Flusses von einem Ufer aus zu bestimmen,
-ohne den Fluß zu überschreiten. Für diese Aufgabe war sogar eine
-bestimmte Bezeichnung im Gebrauch[494]. Das erwähnte, von den
-Römern benutzte Winkelmeßinstrument haben neuere Ausgrabungen ans
-Licht gebracht. Die nebenstehende Abbildung 38 stellt ein bei der
-Limesforschung[495] entdecktes Exemplar dar. Die Abbildung 39 zeigt
-uns eine Rekonstruktion. Das Instrument[496] der Römer bedeutet gegen
-*Herons* Dioptra einen Rückschritt. Sie benutzten es zur Festlegung der
-Nord-Süd-Linie und zum Abstecken rechter Winkel. Als Nivellierlineal
-bedienten sie sich einer Art Kanalwage. Besonders fand die Groma
-Verwendung, wenn es sich darum handelte, eine Niederlassung oder eine
-Flur durch ein System rechtwinklig sich schneidender Wege einzuteilen.
-
-Einen Aufschwung erfuhr die Mathematik zur Zeit *Cäsars*. Es zeigten
-sich die Anfänge einer eigenen mathematischen Literatur, wie denn auch
-*Cäsar* selbst als Schriftsteller auf mathematischem Gebiete tätig
-gewesen ist. Hat doch *Plinius* ein von *Cäsar* verfaßtes und »De
-astris« betiteltes Werk vielfach als Quelle für das XVIII. Buch seiner
-»Naturgeschichte« benutzt. *Cäsar* hatte sich zwei große Aufgaben auf
-dem Gebiete der angewandten Mathematik gestellt. Er wollte den in die
-größte Verwirrung geratenen römischen Kalender verbessern und eine
-Vermessung des ganzen römischen Reiches ins Werk setzen.
-
-Bis zum Jahre 46 v. Chr. hatte man in Rom nach Mondjahren gerechnet
-und durch ziemlich regelloses Einschieben von Schaltmonaten den
-Kalender den Jahreszeiten anzupassen gesucht. Der Fehler war indessen
-schließlich so groß geworden, daß um die Zeit *Cäsars* der Tag der
-Frühlingsnachtgleiche 85 Tage vor die wirkliche Nachtgleiche, also
-mitten in den Winter fiel. Nach der Rückkehr von dem ägyptischen
-Feldzug (47 v. Chr.) regelte *Cäsar* den Kalender unter Mitwirkung des
-alexandrinischen Astronomen *Sosigenes*. Es gelangte die Zeitrechnung
-zur Einführung, von der uns das Dekret von Kanopus schon Kunde
-gibt[497]. Das Jahr wurde nämlich in der Folge zu 365 Tagen gerechnet
-und im 4. Jahre, jedesmal vor dem 24. Februar, dem dies sextus ante
-calendas Martis, ein Tag als bissextus (daher auch annus bissextilis)
-eingeschaltet.
-
-Die von *Cäsar* geplante Vermessung des römischen Reiches ist
-wahrscheinlich auch durch alexandrinische Gelehrte angeregt worden.
-Die Verpachtung der Provinzen, die Heereszüge und die Ausdehnung
-der Kriegs- und Handelsflotte ließen diese Arbeit als dringend
-erforderlich erscheinen. Da *Cäsar* indessen vorzeitig durch Mörderhand
-hinweggerafft wurde, blieb die Ausführung dem *Augustus* vorbehalten.
-Die Vermessung, welche der *Augustus* nahestehende Feldherr und
-Staatsmann *Agrippa* leitete, wurde nach fast dreißigjähriger Arbeit
-im Jahre 20 v. Chr. beendet und besaß für Italien, Griechenland und
-Ägypten einen ziemlich hohen Grad von Genauigkeit, während andere
-Länder nur durch Leute, die man Dimensoren nannte, ausgeschritten
-wurden. Ihr Ergebnis war eine gewaltige Karte, welche in einer für
-diesen Zweck errichteten Säulenhalle »der Welt die Welt als Schauspiel«
-darbot[498]. Neuerdings sind Zweifel darüber entstanden, ob diese
-auch wohl nach *Agrippa* benannte Karte auf Grund genauerer Messungen
-entworfen wurde. Indessen, selbst wenn es unentschieden bleibt, welchen
-Wert die Karte besessen, so ist *Agrippas* Unternehmen doch ohne
-Zweifel das Vorbild für spätere, den orbis terrarum umfassende Karten
-gewesen. Von diesen ist noch heute ein Exemplar erhalten, das offenbar
-für strategische Zwecke gedient hat. Es ist unter dem Namen der Tabula
-Peutingeriana bekannt, enthält die Heerstraßen für das ganze römische
-Reich und befindet sich in Wien[499]. Abb. 40 zeigt den Teil, der die
-Balkanhalbinsel darstellt.
-
-[Illustration: Abb. 40. Peutingers Karte (Balkanhalbinsel).]
-
-Die ganze Karte (Abb. 40 stellt ein Stück aus der Mitte dar), besteht
-aus einer Rolle von 11 Pergamentblättern und ist etwa 7 m lang und 0,3
-m hoch. Die eigentümliche Verzerrung in der Richtung Ost-West ist aus
-der Rollenform zu erklären. Bei dem Entwurf trat nämlich offenbar der
-kartographische Gesichtspunkt hinter dem rein praktischen, eine bequeme
-Übersicht über die Wege zu haben, zurück. Durch die hakenförmigen
-Unterbrechungen der Wege (Itinerarien) sind die Stationen angedeutet.
-Ihre Entfernungen sind durch Zahlen bezeichnet. Meist handelt es sich
-um römische Meilen, das sind 1000 Schritte (milia passuum) oder 1482
-m[500].
-
-Mit astronomischen Dingen haben sich die Römer erst verhältnismäßig
-spät und meist nur aus praktischen Gründen beschäftigt. Mit den
-Sonnenuhren wurden sie[501] erst um die Mitte des 3. vorchristlichen
-Jahrhunderts, mit den Wasseruhren etwa ein Jahrhundert später
-bekannt, während die Chaldäer sich der Sonnenuhren schon 750 v. Chr.
-bedienten[502].
-
-
-Die Pflege der »Ingenieurmechanik«.
-
-Wie die Mathematik und die Astronomie, so wurde auch die Mechanik bei
-den Römern weniger ihrer selbst, als ihres praktischen Nutzens wegen
-gepflegt. Es erwuchs ein Gebiet, das die Bezeichnung Ingenieurkunst
-oder Ingenieurmechanik verdient und bei den Römern zu hoher Blüte
-gedieh[503].
-
-Einen guten Einblick in die Ingenieurmechanik der Römer erhält
-man durch das den wenig zutreffenden Titel »Über die Architektur«
-tragende Werk *Vitruvs*[504]. *M. Vitruvius Pollio* lebte zur Zeit des
-*Augustus*. Er befaßte sich besonders mit dem Bau von Kriegsmaschinen
-und wurde von *Augustus* mit der Leitung des Bauwesens betraut. Eine
-kurze Inhaltsangabe des Werkes von *Vitruv* möge uns den damaligen
-Stand des Wissens erläutern. *Vitruv* beginnt damit, daß er für den
-Ingenieur eine vielseitige wissenschaftliche Ausbildung verlangt.
-Er soll nicht nur in der Mathematik bewandert, sondern auch mit den
-Grundzügen des Rechtes und mit der Heilkunde vertraut sein. Komme
-doch letztere schon in Frage, wenn es sich um die Wahl passender und
-gesunder Bauplätze handle.
-
-Sehr zutreffend ist auch, was *Vitruv* über das Verhältnis zwischen
-Theorie und Praxis sagt: »Diejenigen, die ohne Wissenschaft nur nach
-mechanischer Fertigkeit strebten, haben sich durch ihre Arbeiten
-niemals maßgebenden Einfluß erwerben können. Umgekehrt scheinen
-diejenigen, die sich lediglich auf die Wissenschaft verlassen haben,
-dem Schatten nachgejagt zu sein. Nur die, welche Theorie und Praxis
-gründlich beherrschen, haben die volle Rüstung, um das Ziel, das sie
-sich gesteckt haben, zu erreichen.«
-
-Die in diesen Worten ausgesprochene Mahnung gilt bis auf den heutigen
-Tag[505].
-
-[Illustration: Abb. 41. Römisches Hebezeug[506].]
-
-Im zweiten Buche bespricht *Vitruv* die Baumaterialien. Geschildert
-wird das Brennen und das Löschen des Kalkes. Auch die Puzzolanerde, die
-mit Kalk vermischt für Wasserbauten Verwendung fand, wird erwähnt. Dann
-folgen Angaben über den Bau von Häusern, Tempeln, Bädern usw. In einem
-Abschnitte über die Wandmalerei werden als geeignete Farben Zinnober,
-Kupfergrün und Ocker genannt. Das achte Buch handelt von den Quellen
-und der Anlage von Wasserleitungen. Erwähnung finden auch bittere
-Quellen und Erdölquellen sowie der Asphaltsee bei Babylon, welcher
-das Bindematerial für die dortigen Bauten lieferte. Im neunten Buche
-ist besonders von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede,
-während das letzte von Pumpwerken, Feuerspritzen und anderen Maschinen
-handelt. Von den praktisch-physikalischen Instrumenten ist die
-Schnellwage, die auch heute noch den Namen der römischen Wage führt,
-wohl dasjenige, das die Römer selbständig erfunden haben und schon in
-der altrömischen Zeit anwandten[507]. Abb. 42 zeigt uns zwei in Pompeji
-entdeckte Schnellwagen. Sie werden, wie die Mehrzahl der in Pompeji
-gemachten Funde, im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt. Die Erfindung
-der römischen Wage reicht mindestens bis in das 3. Jahrhundert v. Chr.
-zurück. Das Laufgewicht wurde sehr oft künstlerisch gestaltet, indem
-man diesem Teil der Wage die Form einer Frucht (Granatapfel) oder einer
-Büste (Merkur) gab.
-
-[Illustration: Abb. 42. Römische Schnellwagen.]
-
-Die Leistungen der Römer gingen auf den Gebieten der Architektur und
-der Ingenieurkunst (Brückenbau, Schiffsbau, Anlage von Wasserleitungen,
-Heerstraßen, kriegstechnischen Arbeiten) jedenfalls über das rein
-handwerksmäßige Schaffen hinaus. Diese Leistungen setzen nämlich
-wissenschaftlich und praktisch vorgebildete Architekten und Ingenieure
-voraus. Besondere Schulen, wie sie für Philosophie, Rhetorik,
-Jurisprudenz und Medizin bestanden, gab es für die Ingenieure zwar
-nicht. Wer das Ingenieurfach ergreifen wollte, wurde in jugendlichem
-Alter einem Fachmann in die Lehre gegeben. Voraussetzung für die
-Erlernung der Ingenieurkunst waren Kenntnisse in der Mathematik, der
-Optik, der Astronomie, der Geschichte und im Rechtswesen. Während
-der Kaiserzeit wirkten in Rom neben den Lehrern für Rhetorik,
-Heilkunde usw. auch solche, die in der Mechanik und in der Architektur
-unterrichteten. Für Gehalt und Lehrsäle sorgte der Staat. Auch
-befreite er wohl die Väter, die ihre Söhne die Ingenieurkunst
-erlernen lassen wollten, von der Zahlung der Steuern. Die gleiche
-Vergünstigung erhielten Ingenieure, die sich als Lehrer in ihrem
-Fache auszeichneten. Wie sehr man die Bedeutung der Ingenieure zu
-würdigen wußte, beweist folgende Stelle aus einem Briefe, den Kaiser
-*Konstantin* (323-337) an einen seiner Statthalter richtete. Sie
-lautet: »Wir brauchen möglichst viele Ingenieure. Da es an solchen
-mangelt, veranlasse zu diesem Studium Personen, die ungefähr 18 Jahre
-alt sind und die zur allgemeinen Bildung nötigen Wissenschaften bereits
-kennengelernt haben. Befreie die Eltern von den Steuern und gewähre den
-Schülern ausreichende Mittel[508].«
-
-Die Mechanik hatte also, wo es sich um praktische Anwendungen handelte,
-zur Zeit der Alexandriner und der Römerherrschaft schon manche Frucht
-gezeitigt. Anders stand es um die Mechanik als wissenschaftliche
-Disziplin. Welch unvollkommene Vorstellungen in mechanischen Dingen
-die meisten Schriftsteller des Altertums hegten, davon läßt sich
-manches Beispiel nachweisen. So erzählt *Plinius* folgende Fabel von
-dem Schiffshalter (Echineis remora), einem Fisch des Mittelmeeres,
-der eine Anzahl Saugnäpfe auf der Stirn trägt, mit denen er sich an
-Schiffen und anderen Gegenständen festhält: »Mögen die Stürme wüten und
-die Wogen rasen, dieses kleine Geschöpf spottet ihrer Wut, zähmt ihre
-Kraft und zwingt ein Schiff zu stehen, während kein Tau und kein Anker
-dazu imstande sind. Und zwar hemmt es den Ansturm und bezwingt es die
-Elemente nicht durch eigene Arbeit oder Gegenwirkung, sondern einzig
-und allein dadurch, daß es sich anhängt.«
-
-Eine solche Unklarheit herrschte also bezüglich eines so einfachen
-mechanischen Begriffes, daß ein Schriftsteller wie *Plinius*, lange
-nachdem die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der Mechanik
-durch *Archimedes* getan waren, derartige Fabeln ohne Widerspruch
-aufnahm. Hierin zeigt sich aber auch, daß *Archimedes* auf das
-physikalische Denken der auf ihn folgenden Jahrhunderte einen nur
-geringen Einfluß ausgeübt hat. Das volle Verständnis für seine Werke
-sowie die Fähigkeit, an das von ihm Geleistete anzuknüpfen und darauf
-weiterzubauen, scheint in den nächsten anderthalb Jahrtausenden mit
-geringen Ausnahmen gefehlt zu haben.
-
-
-Die Literatur während der Kaiserzeit.
-
-Die Literatur eines Volkes ist stets nicht nur von seiner Eigenart
-und fremden Einflüssen, sondern auch von dem Gange der politischen
-Entwicklung in hohem Grade abhängig gewesen. Diese Abhängigkeit war
-im Altertum weit größer als in der Neuzeit, in der das geistige Leben
-weniger an nationale Schranken gebunden ist und die Freiheit der
-Einzelpersönlichkeit erheblich zugenommen hat. Wie im alten Athen, in
-Alexandria und in anderen wissenschaftlichen Mittelpunkten, so war auch
-im kaiserlichen Rom die Stellung, welche das Oberhaupt des Staates
-zu Kunst und Wissenschaft einnahm, für das Gedeihen dieser Gebiete
-von großer Bedeutung. Schon *Augustus*, der die kaiserliche Gewalt
-begründete, brachte der Literatur Interesse und Verständnis entgegen.
-Hat er sich doch selbst als Dichter und als Prosaschriftsteller
-versucht. *Augustus* wußte auch in vollem Maße zu würdigen, daß
-die Literatur der staatlichen Macht, von der sie abhängt, entweder
-dienstbar gemacht oder durch eine verkehrte Behandlung in einen
-Gegensatz zur Staatsgewalt gebracht werden kann, wodurch die letztere
-stets mehr oder minder Abbruch erleidet.
-
-Auf die reiche Entfaltung der römischen Literatur im Augusteischen
-Zeitalter folgten unter der Herrschaft des finsteren *Tiberius* und des
-dem Cäsarenwahn verfallenen *Caligula* Jahrzehnte, die weniger günstig
-waren. Der lähmende Druck, der damals auf allen Kreisen lastete, machte
-sich auch auf dem Gebiete des geistigen Schaffens fühlbar. Er wich
-erst, als nach dem Tode *Neros* mit *Vespasian* ein milder Herrscher
-den Kaiserthron bestieg, auf den ihm -- leider nur für wenige Jahre --
-sein Sohn *Titus* folgte. *Plinius* stand zu beiden in naher Beziehung,
-insbesondere zu *Titus*. Zwar ist dieser erst in dem Jahre zur
-Regierung gekommen, in dem *Plinius* starb. Doch hat *Titus* schon bei
-Lebzeiten seines Vaters wie im Staats- so auch im wissenschaftlichen
-Leben einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Während *Vespasian* noch
-in erster Linie Kriegsmann war, hatte sich *Titus* mit der gelehrten
-Bildung seines Zeitalters schon in dem Maße befreundet, daß er, wie
-*Plinius* berichtet, ein Gedicht über das Erscheinen eines Kometen
-verfaßte.
-
-Ein Erzeugnis dieses für die Literatur so günstigen Zeitalters
-der Kaiser aus dem Hause der Flavier ist die »Naturgeschichte«
-des *Plinius*. Sie ist das umfassendste Denkmal, das wir von den
-naturwissenschaftlichen Kenntnissen der Römer besitzen und enthält
-zahlreiche Angaben, die ohne die gewissenhaften Aufzeichnungen des
-*Plinius* verlorengegangen wären. Sie wurde, wie aus der Vorrede zu
-entnehmen ist, im 77. oder 78. Jahre n. Chr. vollendet.
-
-
-Plinius.
-
-*Cajus Plinius Secundus Major* wurde im Jahre 23 n. Chr. zu Como
-geboren. Er empfing den Beinamen Major (der Ältere), um ihn von
-seinem gleichfalls als Schriftsteller bekanntgewordenen Neffen
-gleichen Namens, der den Zusatz Minor (der Jüngere) erhielt, zu
-unterscheiden. *Plinius* kam frühzeitig nach Rom, wo er sich den
-*Pomponius Mela* zum Vorbild erkor. Dieser hatte es verstanden, mit
-einer verantwortungsvollen amtlichen Tätigkeit eine große Vorliebe
-zum literarischen Schaffen zu verbinden. Hierin ist ihm *Plinius*
-gefolgt. Gleich *Pomponius Mela* war er militärischer Befehlshaber. Von
-*Vespasian* wurde er häufig als Berater zu den Regierungsgeschäften
-herangezogen. In jüngeren Jahren hat ihn der Kriegsdienst auch nach
-Germanien geführt. Obgleich er höhere Ämter bekleidete und stets im
-Drange der Geschäfte lebte, fand *Plinius* doch Muße, das Wissen seiner
-Zeit in einem Sammelwerke zu umspannen. In der an *Titus* gerichteten
-Widmung sagt er von seinem Unternehmen: »Der Weg, den ich wandeln
-werde, ist unbetreten; keiner von uns, keiner von den Griechen hat es
-unternommen, allein das Ganze der Natur zu behandeln. Gelingt mir mein
-Unternehmen nicht, so ist es doch großartig und schön, danach gestrebt
-zu haben.«
-
-Die »Naturgeschichte« wird um 77 n. Chr. ziemlich abgeschlossen gewesen
-sein. Da ihr Verfasser bald darauf plötzlich aus seiner Tätigkeit
-herausgerissen wurde, so erfolgte die Herausgabe durch seinen Neffen,
-den schon erwähnten *Plinius Secundus Minor*. Offenbar hat dieser
-nur wenig an dem Werk geändert. Er nennt es[509] ein »weitläufiges
-gelehrtes Werk, das nicht minder mannigfaltig wie die Natur selbst ist«.
-
-Bekannt ist das tragische Ende des *Plinius*. Als er sich im Jahre
-79 n. Chr. in der Nähe von Neapel aufhielt, begann plötzlich jener
-furchtbare Ausbruch des Vesuvs, durch den Herculanum und Pompeji
-vernichtet wurden. Der unerschrockene Römer ließ sich nicht abhalten,
-der Stätte des Verderbens zuzueilen; mag ihn nun Pflichtgefühl oder
-Wißbegierde dazu getrieben haben. Nach der Landung ist er dann der Wut
-der entfesselten Elemente zum Opfer gefallen.
-
-Die Katastrophe selbst hat der jüngere *Plinius* in einem an den
-Geschichtsschreiber *Tacitus* gerichteten Briefe geschildert. Aus
-diesem mögen einige Stellen hier Platz finden:
-
-»Du bittest mich, dir den Tod meines Oheims zu schildern, eines Mannes,
-der das Glück hatte, große Taten zu vollbringen und herrliche Bücher zu
-schreiben. Ein wunderbares Geschick fügte es, daß er beim Untergange
-einer herrlichen Landschaft den Tod fand. Sein Andenken wird jedoch
-ewig leben.
-
-Mein Onkel befand sich mit der Flotte, die er als Admiral befehligte,
-bei Misenum. Am 22. August meldete man ihm, daß sich eine Wolke von
-ungewöhnlicher Gestalt zeige. Sie hatte das Aussehen einer Pinie,
-deren Stamm sich himmelhoch erhebt und deren Zweige sich schirmartig
-ausbreiten. Mit dem Eifer eines Naturforschers, der etwas zu
-untersuchen wünscht, befahl mein Oheim, sogleich ein Schiff zur Abfahrt
-bereit zu machen. Noch bevor er es bestiegen, erhielt er einen am Fuße
-des Vesuvs geschriebenen Brief, in dem er um Hilfe gebeten wurde.
-Infolgedessen mußte die ganze Flotte auslaufen. Mein Oheim steuerte auf
-dem Admiralsschiff kühn der Gefahr entgegen und beobachtete vom Verdeck
-aus den Verlauf der furchtbaren Erscheinung. Gleichzeitig diktierte er
-seine Beobachtungen einem Schreiber. Als man sich der Unglücksstätte
-näherte, fiel die Asche immer dichter und heißer auf die Schiffe. Sogar
-Stücke von Bimsstein und Lava mengten sich darunter. Man landete in
-Stabiae. Unterdessen wurde es Nacht. Vom Vesuv brachen die Flammen
-hoch empor. Gleichzeitig bebte die Erde, so daß das Haus, in dem sich
-*Plinius* mit seiner Begleitung aufhielt, ins Wanken geriet. Man
-verließ das Haus, nachdem sich jeder zum Schutze gegen den Steinregen
-ein Kissen über den Kopf gebunden hatte. Als man dem Schwefelqualm und
-der Feuersglut zu entkommen suchte, sank *Plinius* plötzlich erschöpft
-nieder. Einmal gelang es ihm noch, sich mit Hilfe zweier Sklaven wieder
-aufzurichten. Dann brach er sterbend zusammen.«
-
-Auch über die Persönlichkeit und die Arbeitsweise seines Onkels hat der
-jüngere *Plinius* einiges mitgeteilt[510]. Was ihn danach auszeichnete,
-war ein unglaublicher Fleiß. Er schlief nur wenig und aß auch nur
-wenig, und zwar nach der Sitte der Väter ganz einfach. Auch auf seinen
-Reisen studierte er unermüdlich. Dabei hatte er seinen Schreiber stets
-neben sich.
-
-Die literarische Fruchtbarkeit des *Plinius* war eine ganz
-ungewöhnliche. Außer der »Naturgeschichte« hat er noch eine Reihe
-anderer Werke geschrieben, die indessen verlorengegangen oder nur
-in Fragmenten, d. h. als Bestandteile anderer Werke, erhalten
-geblieben sind. So verfaßte *Plinius* während seines Aufenthaltes in
-Germanien ein Werk, das von den Kriegen handelt, welche die Römer auf
-germanischem Boden geführt haben.
-
-
-Die Quellen des Plinius.
-
-Aus nicht weniger als 2000 Werken hat *Plinius* den Stoff für seine
-»Naturgeschichte« geschöpft. Seine Leistung verdient um so größere
-Anerkennung, als er nur die Stunden, die ihm die Geschäfte übrig
-ließen, also besonders, wie er selbst erzählt, die Nacht, auf sein Werk
-verwenden konnte. Ohne *Plinius* würden wir von manchen Schriften keine
-Kenntnis besitzen. Andererseits muß aber betont werden, daß *Plinius*
-sich nicht auf die Stufe selbständigen Forschens und Denkens erhebt. Er
-bringt sogar manches, was er offenbar nicht einmal richtig verstanden
-hat. Oft wird Wahres und Falsches von ihm miteinander vermengt. Man
-gewinnt den Eindruck, daß *Plinius* sein Wissen weniger aus der Natur,
-sondern vorzugsweise aus Büchern geschöpft hat, was bei einem Manne,
-der schon einen Spaziergang als Zeitvergeudung betrachtete, nicht
-wundernehmen kann.
-
-Das Verzeichnis der Quellen, aus denen *Plinius* nach seiner Angabe
-schöpfte, umfaßt 146 römische und 327 fremde Schriftsteller. Unter
-diesen befinden sich viele, deren Schriften ganz verlorengegangen sind
-und von denen man auch nicht einmal die Namen wüßte, wenn *Plinius* sie
-nicht unter seinen Gewährsmännern aufzählte.
-
-Unter den römischen Schriftstellern, auf welchen *Plinius* fußt, ist
-vor allem *Marcus Terentius Varro* (116-27 v. Chr.) zu nennen. Er
-hat eine ganze Anzahl von Wissenschaften enzyklopädisch bearbeitet.
-Seine Schriften sind das Vorbild für die im Mittelalter so häufig
-anzutreffenden Werke über die »sieben freien Künste« gewesen[511].
-Wie *Cato*, so bemühte sich auch *Varro*, den alten Wissensschatz zu
-sammeln und ihn der eindringenden griechischen Literatur gegenüber
-in seiner Selbständigkeit und in seinem wahren Werte hervortreten zu
-lassen. Unter den *Varro*nischen Schriften, die *Plinius* benutzt
-hat, ist vor allem das Werk über die Landwirtschaft zu nennen (Rerum
-rusticarum libri III). *Varro* handelt darin vom Ackerbau, von der
-Viehzucht, den Bienen, den Fischen und dem Wild. Wenn sich *Varro*
-auch an *Cato* (s. S. 210) anlehnt, so entwickelt er doch überall ein
-sicheres, auf reicher Erfahrung und umspannendem Wissen gegründetes
-Urteil. Von besonderem Interesse ist eine Stelle[512], in der man eine
-Art Vorwegnahme der Bazillentheorie erblicken kann. *Varro* vermutet
-nämlich, in sumpfigen Gegenden entstünden Lebewesen, die so winzig
-seien, daß man sie nicht sehen könne. Diese Geschöpfe sollen nach
-ihm durch den Mund und die Nase in den Körper eindringen und schwere
-Krankheiten verursachen.
-
-Der Wert solcher mit unseren heutigen Anschauungen sich teilweise
-deckenden Vorstellungen wird von philologischer Seite oft überschätzt.
-*Varros* Meinung ist für die Begründung der modernen Bazillentheorie
-sicherlich belanglos gewesen, eben so wenig wie die Ansichten
-*Epikurs*[513] *Lamarck* oder *Darwin* zur Aufstellung ihrer Theorien
-veranlaßten. Trotzdem haben divinatorische Eingebungen, wie sie uns
-in der Entwicklung der Wissenschaften so oft begegnen, ein Anrecht
-darauf, in der Geschichte des menschlichen Geistes genannt zu werden.
-Ihr Wert ist unbestritten. Nur darf man sie in ihrer Bedeutung
-nicht derart überschätzen, daß man sie mit sicheren neuzeitlichen
-Forschungsergebnissen in Parallele zu stellen sucht.
-
-Unter den medizinischen Schriftstellern, die *Plinius* den Stoff für
-seine der Heilkunde gewidmeten Bücher geliefert haben, ist neben
-*Hippokrates*, *Erasistratos* und vielen anderen besonders *Cornelius
-Celsus* (etwa 35 v. Chr. bis etwa 45 n. Chr.) zu nennen. Ähnlich wie
-*Varro* und schon lange vor ihm *Cato* suchte *Celsus* das Wissen
-seiner Zeit in einer Enzyklopädie zusammenzufassen. Sie erhielt den
-Titel »Artes«. Erhalten geblieben ist nur der Teil, der von der
-Heilkunde handelt. Auf diesem Gebiete vermochte es *Celsus*, ohne
-selbst Arzt zu sein, auf Grund von Erfahrungen eigene Anschauungen
-zu entwickeln. Als griechische Quellen hat *Celsus* neben den
-*Hippokrati*schen hauptsächlich die alexandrinischen Schriften
-benutzt. Mit diesen und den Schriften *Galens* hat man das medizinische
-Buch des *Celsus* auf eine Linie zu stellen[514]. Es behandelt in
-klarer, schmuckloser Darstellung zunächst die Lebensweise, darauf die
-Krankheiten und endlich deren Heilung durch Arzneien und chirurgische
-Eingriffe[515]. So beschreibt *Celsus* das Verfahren des Unterbindens,
-das die *Hippokrati*schen Schriften noch nicht erwähnen, wenn man
-auch schon sehr früh blutstillende Mittel, die verklebend oder
-zusammenziehend wirkten, benutzte. Derartige Mittel finden nämlich
-schon bei *Homer* Erwähnung[516].
-
-Sehr zutreffend hat *Celsus* unter anderem die Krankheiten der Leber
-und des Magens beschrieben. Das von ihm bei diesen Krankheiten
-empfohlene Heilverfahren und seine Begründung auf diätetischen Regeln
-ist selbst heute noch von Wert[517].
-
-Einer etwas späteren Zeit als *Celsus* gehört *Asklepiades* an. Er war
-hellenischer Herkunft[518] und lebte im Anfang des 1. Jahrhunderts
-v. Chr. in Rom. *Asklepiades* wirkte dort zuerst als Lehrer der
-Beredsamkeit. Später erwarb er sich als Arzt große Anerkennung. Er wird
-als der Erfinder der Tracheotomie genannt. Anklänge an die moderne
-Zellentheorie enthält seine Lehre, daß die Lebewesen aus einer sehr
-großen Zahl von Körperchen zusammengesetzt seien. Sie sollten sich in
-steter Bewegung und Veränderung befinden und beim Menschen durch ihr
-Verhalten und ihre Beschaffenheit Gesundsein und Krankheit bedingen.
-
-Auch den als Schöpfer der Äneïde bekannten *Virgil* erwähnt *Plinius*
-als Quelle für eine Anzahl seiner Bücher. In einer »Georgika« genannten
-Dichtung schildert und preist nämlich *Virgil* das Leben auf dem Lande.
-In der Hauptsache handeln die »Georgika« vom Ackerbau, der Baumpflege,
-der Viehzucht und der Imkerei. Das Leben der Bienen wird anschaulich
-und in der fesselnden Sprache des Dichters geschildert.
-
-Von den zahlreichen ausländischen Schriftstellern, die *Plinius*
-als seine Quellen nennt, seien hier nur folgende genannt: *Thales*,
-*Aristoteles*, *Theophrast*, *Demokrit*, *Hipparch*, *Herophilos*,
-*Eudoxos*, *Pytheas*, *Juba* usw. *Juba* war nach Besiegung seines
-Vaters als Geisel aus Numidien nach Rom gekommen. Dort widmete er sich
-ganz den Wissenschaften. Auch *Plutarch* und andere Schriftsteller
-gehen häufig auf *Juba* zurück, von dessen Schriften nur noch Fragmente
-erhalten sind.
-
-Die Frage nach den Quellen, die *Plinius* benutzte, hat eine
-umfangreiche Literatur hervorgerufen. Insbesondere hat man das
-Verhältnis eingehend erörtert, in dem *Plinius* zu *Aristoteles*, zu
-*Cato* und zu *Varro* steht[519].
-
-Als Schriftsteller, dem besonders die Rolle eines Vermittlers zwischen
-*Plinius* und der griechischen Literatur zuzuschreiben ist, wird *Juba*
-betrachtet. Letzterer ging auf *Aristoteles* und *Theophrast* zurück
-und hatte für *Plinius* hinsichtlich der griechischen Literatur etwa
-die Bedeutung, die *Varro* für ihn bezüglich der römischen besaß.
-
-Gebricht der »Naturgeschichte« des *Plinius* auch die Einheitlichkeit
-des Aufbaues, so ist doch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen
-fortschreitende Gliederung des Stoffes nicht zu verkennen. *Plinius*
-beginnt seine Darstellung mit der Schilderung des Weltgebäudes sowie
-den Erscheinungen, die uns das Luftmeer und die Oberfläche der Erde
-im allgemeinen darbieten. Darauf folgt das Wesentlichste aus der
-Geographie und der Völkerkunde. Im Anschluß daran werden die Tiere,
-beginnend mit den Säugetieren und schließend mit den Insekten,
-behandelt. Es folgen die Bücher über die Pflanzen sowie über die
-dem Pflanzenreich entstammenden Heilmittel und ihre Wirkungen. Den
-Schluß bilden die Bücher mineralogischen Inhalts. Den Edelsteinen
-sowie den Mineralfarben sind je ein besonderes Buch gewidmet. In den
-letzten Büchern wird die Verwendung der Metalle und der Gesteine
-zu künstlerischen Zwecken eingehend unter Aufzählung zahlreicher
-hervorragender Kunstwerke geschildert[520].
-
-Unter den Geographen, auf die sich *Plinius* stützte, ist vor allem
-*Pomponius Mela*, ein Zeitgenosse des Kaisers *Claudius*, zu nennen.
-Seine »Chorographie« (Ortskunde) entstand wahrscheinlich um das Jahr
-43 n. Chr. Sie ist das älteste römische Werk über Geographie, das
-uns erhalten geblieben ist[521]. *Pomponius* beschreibt, den Küsten
-folgend, die Länder und enthält über die mathematische Geographie, mit
-der *Plinius* sein Werk anhebt, fast nichts.
-
-
-Die »Naturgeschichte« des Plinius.
-
-Wir gehen jetzt zu *Plinius* selbst über. In seiner »Naturgeschichte«,
-die 37 Bücher umfaßt, stellt er sich die Aufgabe, das in den
-zahlreichen erwähnten Quellen zerstreute Wissen seiner Zeit zu sammeln
-und zu sichten. Durch die mühevolle Lösung dieser Aufgabe hat er sich
-ein großes Verdienst erworben, wenn er auch oft kritiklos zusammenträgt
-und den Stoff nicht immer beherrscht. So hält er beispielsweise die
-fabelhaftesten Nachrichten über afrikanische Völker für erwähnenswert.
-Er berichtet von einem dieser Volksstämme, seine Angehörigen besäßen
-keine Köpfe, sondern trügen Mund und Augen auf der Brust. Der
-Grundgedanke, welcher das Werk durchzieht, ist der, daß die Natur
-des Menschen wegen alles erzeugt zu haben scheine. Die beschriebenen
-Naturkörper werden daher kaum als solche, sondern vorzugsweise in
-ihrer Beziehung zum Menschen betrachtet[522]. Über den Menschen selbst
-spricht er sich in folgenden, für ihn charakteristischen Worten aus:
-»Die anderen Tiere fühlen sich sogleich im Besitz ihres Wesens. Nur
-der Mensch kann nichts ohne Unterweisung. Er allein kennt Ehrgeiz,
-Habsucht, sorgt für sein Grab, ja sogar für die Zukunft nach seinem
-Tode. Keinem Geschöpf raubt die Angst so die Besinnung. Bei keinem
-wird die Wut heftiger. Alle anderen Tiere leben mit ihresgleichen in
-Frieden. Die Löwen kämpfen trotz ihrer Wildheit nicht gegeneinander,
-ebensowenig die Seeungeheuer. Aber fürwahr, dem Menschen schafft das
-größte Leid der Mensch«[523].
-
-Daß *Plinius* übrigens sich des öfteren auch mit den Gegenständen
-selbst bekannt machte und sich eine eigene Meinung bildete, geht aus
-verschiedenen Stellen seines Werkes hervor. Manches von den Dingen,
-über die er berichtet, wird ihm auch das vielgestaltige Leben der
-Kaiserzeit ganz von selbst aufgedrängt haben. Gar manches Tier, das er
-beschreibt, wurde zur Befriedigung der Schaulust, für die Arena oder
-für den Gaumen aus den entferntesten Teilen des Orbis antiquus nach der
-Welthauptstadt gebracht. Ähnlich stand es mit den Pflanzen. Erzählt
-doch *Plinius* von einem botanischen Garten[524], den ein römischer
-Gelehrter unterhielt, um die Wirkungen der Kräuter kennen zu lernen.
-Unter seiner Anleitung ist *Plinius* mit zahlreichen heilkräftigen
-Pflanzen bekannt geworden.
-
-Zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde ist die Ansicht getreten,
-daß das Menschengeschlecht viel weiter verbreitet sei, als man früher
-glaubte, ja, daß es Gegenfüßler geben müsse. »Die Wissenschaft und
-die Meinung des großen Haufens«, sagt *Plinius*[525], »befinden sich
-in gewaltigem Widerspruch. Jener zufolge wird die Erde ringsum von
-Menschen bewohnt, so daß sie mit den Füßen gegeneinander stehen und
-den Himmel alle gleichmäßig über dem Scheitel haben. Nach der anderen
-Meinung fragt man, weshalb denn die Antipoden nicht abfielen. Als ob
-nicht die Gegenfrage zur Hand wäre, warum jene sich nicht verwundern,
-daß wir nicht abfallen. Am meisten aber sträubt sich der große Haufe,
-wenn man ihm glaublich machen will, daß auch das Wasser gewölbt sei.
-Und doch ist nichts augenfälliger, denn überall bilden hängende Tropfen
-sich zu kleinen Kugeln.«
-
-Aus der Tatsache, daß der längste Tag in Alexandrien 14, in Italien
-15 und in Britannien 17 Stunden hat, folgert *Plinius*, daß die
-dem Pol benachbarten Länder im Sommer 24 Stunden Tag, zur Zeit des
-Wintersolstitiums dagegen eben so lange Nacht haben müssen[526].
-Bei *Plinius* finden wir unter den Beweisen für die Krümmung der
-Erdoberfläche auch die Erscheinung angeführt, daß auf dem Meere zuerst
-der Mast der Schiffe und erst später der Rumpf sichtbar wird.
-
-Während zur Zeit der römischen Weltherrschaft die Lehre von der
-Kugelgestalt der Erde zu einem Gemeingut der Gebildeten geworden war,
-hat man vereinzelt auch schon eine richtige Auffassung vom Verhältnis
-der Sonne zu den Planeten gehegt. Infolgedessen blieben die bei den
-Griechen entstandenen Keime der heliozentrischen Lehre bei den späteren
-Schriftstellern nicht unbeachtet. *Koppernikus* konnte seine Lehre
-daher unmittelbar an die aus dem Altertum überlieferten Anschauungen
-anknüpfen[527].
-
-Dem Monde und sogar den Fixsternen, denen wir heute keine nachweisbaren
-Einflüsse auf irdische Vorgänge beimessen, schrieben die Römer, wie
-wir aus der »Naturgeschichte« des *Plinius* ersehen, solche zu. So
-heißt es dort[528]: »Daß beim Aufgang des Hundes der Einfluß dieses
-Gestirns auf die Erde in der weitesten Ausdehnung empfunden wird, wer
-wüßte das nicht? Bei seinem Aufgang schäumt das Meer, der Wein wird
-unruhig in den Kellern und die Sümpfe beginnen zu gären.« Daß der
-Mond bei der Erregung von Ebbe und Flut eine wichtige Rolle spielt,
-hatte man wohl erkannt, doch erklärte man diese Erscheinung in einem
-durchaus mystischen Sinne, indem man den Mond als das Gestirn des
-Odems ansah. Daher sollten sich bei der Annäherung des Mondes alle
-Körper füllen. *Plinius* behauptet sogar, daß bei zunehmendem Monde
-die Muscheln größer würden. Ja, auch das Blut im menschlichen Körper
-mehre und mindere sich wie das Licht dieses Gestirnes[529]. »Ebbe und
-Flut des Meeres«, sagt *Plinius*, »haben bei aller Abwechslung doch
-ihre Ursache nur in der Sonne und in dem Monde. Indessen treten die
-Gezeiten nie wieder zu derselben Stunde ein wie am Tage zuvor, weil sie
-dem gierigen Gestirn, das alle Tage an einer anderen Stelle aufgeht,
-gewissermaßen dienstbar sind. Bei Vollmond ist die Flut am heftigsten.
-Auch tritt die Flut zwei Stunden später ein, als sich der Mond aus
-der Mittagslinie abwärts senkt, da die Wirkungen aller Erscheinungen
-am Himmel erst später zur Erde gelangen, als die Erscheinungen selbst
-stattfinden. Die offene, große Fläche des Meeres empfindet die Macht
-des weithin wirkenden Gestirns nachdrücklicher als engbegrenzte Räume.
-Daher werden weder Seen noch Flüsse auf solche Weise in Bewegung
-versetzt[530].«
-
-Die Zahl der Sterne, welche die Astronomen mit Namen bezeichnet hatten,
-gibt *Plinius* auf 1600 an[531]. Sie sollen aus dem das All umgebenden
-Feuer entstanden sein und werden nach ihm von der belebenden, alle
-Räume durchdringenden Luft, die sich dem Feuer am nächsten befindet, in
-der Schwebe gehalten. Von der Luft getragen, ruht die Erde, verbunden
-mit dem Wasser als viertem Element, im Raume. Zwischen der Erde und
-dem Himmelsgewölbe schweben der Mond, die Sonne und die fünf Planeten.
-Ihrer Bewegung wegen würden diese wohl Irrsterne genannt, obgleich
-keine weniger irrten als gerade sie.
-
-Das ist in großen Zügen das Weltbild, das sich das Altertum gebildet.
-In dieser Vorstellung gab es keinen Raum mehr für die anthropomorphen
-Götter der früheren Zeit, an denen das Volk unter der Führung der
-Priester festhielt. Ein unüberwindlicher Zwiespalt zwischen Wissen und
-Glauben war somit auch im Altertum das Ergebnis der ganzen geistigen
-Entwicklung. Dem Fortschreiten der Erkenntnis hat sich indessen stets
-der religiöse Glaube anzupassen gesucht. So hat im Altertum der
-Gang der Wissenschaft einer neuen, monotheistischen Gestaltung der
-Religion vorgearbeitet. Hatten in dem gewonnenen Weltbilde die vielen
-Gottheiten der früheren Zeit keinen Raum mehr, so mußte, wie *Plinius*
-es ausdrückt, die Welt selbst als Gottheit gelten. Dem pantheistischen
-Standpunkte des *Plinius* entspricht seine Auffassung, daß, wenn man
-von einer Gottheit rede, damit nur die Natur gemeint sein könne. Von
-der Auffassung, die Welt sei ein Ganzes, zu dem Glauben, daß die Welt
-zwar nicht Gott selbst, wohl aber die Kundgebung eines einzigen Gottes
-sei, war aber nur ein Schritt. Und dieser führte in dem Zeitalter,
-von dem wir handeln, zur Begründung des Monotheismus. Weil der alte
-Götterglaube für den Gebildeten überwunden war, fehlte es an einem
-innerlichen Verhältnis zwischen Gott-Natur und dem Menschen. Daher das
-Unbefriedigte und der pessimistische Grundzug, welcher der christlichen
-Religion in jener Zeit den geeignetsten Boden bereitete. Bezeichnet es
-doch *Plinius* als den einzigen Trost gegenüber der Unvollkommenheit
-des Daseins, daß der Mensch diesem Dasein jederzeit freiwillig entsagen
-könne.
-
-Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften finden wir bei
-*Plinius* einen Rückgang gegen *Aristoteles* und *Theophrast*. Manche
-zoologische Mitteilung älterer Schriftsteller, die *Aristoteles* in
-das Gebiet der Fabel verwiesen hatte, nimmt *Plinius* unbedenklich
-wieder auf. Von einem systematischen Aufbau der Zoologie und der
-Botanik ist bei ihm nicht die Rede. Bezüglich der letzteren bleibt er
-weit hinter *Theophrast* zurück, da er bei der Einteilung der Pflanzen
-den reinen Nützlichkeitsstandpunkt vertritt. Er unterscheidet nämlich
-Arzneipflanzen, Spezereien usw. Eine richtige Auffassung finden wir
-hingegen bei *Plinius* bezüglich derjenigen Tiere, die *Aristoteles*
-»Blutlose« genannt hatte. »Daß die Insekten kein Blut haben«, sagt er,
-»gebe ich zu, doch besitzen sie dafür eine gewisse Lebensfeuchtigkeit,
-die für sie Blut ist.«
-
-Seine der Botanik gewidmeten Bücher beginnen mit den Bäumen. Nicht
-etwa, daß er in ihnen die höchste Stufe pflanzlicher Organisation
-erblickt hätte, sondern weil sie zuerst die einfachsten Bedürfnisse des
-Menschen befriedigten. Zunächst bespricht er (12. und 13. Buch) die
-bemerkenswerteren fremden Bäume nach ihrem geographischen Vorkommen.
-Dann handelt er vom Weinstock, vom Ölbaum und von den Obstbäumen. Ein
-Buch ist den Zierpflanzen und den Bienenpflanzen gewidmet. Letztere
-unterscheidet er in empfehlenswerte und in solche, die den Honig
-verderben.
-
-Am ausführlichsten werden die Arzneipflanzen behandelt. *Plinius*
-ist dabei von dem Gedanken durchdrungen, daß auch das unscheinbarste
-Kraut seine, wenn auch oft noch verborgenen, Heilkräfte haben müsse.
-Wie hier, so ist auch an den übrigen Stellen der »Naturgeschichte«
-der leitende Gedanke der, daß die Natur alles um des Menschen willen
-erzeugt habe. Das Nützlichkeitsprinzip beherrscht also die Darstellung,
-die dementsprechend oft recht trocken ist und nicht selten auf eine
-bloße Aufzählung hinausläuft. Stellenweise erhebt sie sich jedoch
-auch zu rhetorischem Schwung, zumal wo *Plinius* seine stoische
-Weltanschauung durchblicken läßt oder, wo er sich als laudator temporis
-acti, d. h. als Lobredner auf die gute alte Zeit, zu erkennen gibt.
-
-Die Hauptquelle für die botanischen Kenntnisse des *Plinius* ist
-*Theophrast*. So entnahm er z. B. *Theophrast* die Schilderung der
-indischen Pflanzenwelt. Doch geschah es ohne tieferes Urteil und
-Verständnis. Das Feine und Exakte ist zumeist verwischt und kaum
-merklich hebt sich bei *Plinius* dieser Teil aus der Menge der übrigen
-Einzelheiten ab[532]. Eigene Beobachtungen kann *Plinius* in Anbetracht
-seiner oben erwähnten Lebensweise nicht oft gemacht haben. Wenn er
-gelegentlich in seinem Werke von Erfahrungen spricht, so ist damit wohl
-in den meisten Fällen ihm mündlich zuteil gewordene Auskunft gemeint.
-Die Zahl der bei *Plinius* vorkommenden Pflanzen ist eine recht
-beträchtliche. Sie beläuft sich auf nahezu tausend, etwa das Doppelte
-der bei *Dioskurides* aufgezählten Arten[533]. Es entspricht das zwar
-dem enzyklopädischen Grundsatz des *Plinius*, verdient aber immerhin
-Beachtung, wenn wir bedenken, daß *Linné* den Pflanzenreichtum der
-ganzen Erde auf nur 10000 Arten schätzte.
-
-Auch über die Wirkung, welche die »Naturgeschichte« des *Plinius*
-auf die Nachwelt ausgeübt, und über die Würdigung, die das Werk
-erfahren hat, mögen hier einige Bemerkungen Platz finden. Hatte doch
-die »Naturgeschichte« für die gesamten nachchristlichen Jahrhunderte
-bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften eine Bedeutung wie nur
-wenige Bücher. Sie war die wichtigste Quelle für jede Belehrung über
-naturwissenschaftliche und viele andere Dinge. Dies dauerte so lange,
-bis man das eigene Beobachten und Forschen höher als Autorität und
-Bücherweisheit einschätzen lernte und damit die Grundlagen für einen
-Neubau der Naturwissenschaften zu schaffen begann.
-
-Daß die Elemente des alten Wissens nicht nur manches wertvolle Stück
-für diesen Neubau lieferten, sondern auch durch ihre Unzulänglichkeit
-den Anstoß zur Weiterentwicklung gegeben haben, wird bei der
-Beurteilung der antiken Schriften oft vergessen. Daher rührt es, daß
-das Urteil je nach der Stellung, die man einnimmt, außerordentlich
-schwankend und widerspruchsvoll ist. Es gilt das von *Plinius* nicht
-minder wie von *Theophrast*, *Aristoteles* und viele andere. Man hat
-sie bald hoch gepriesen, bald herabgesetzt, selten aber sie nach Gebühr
-gewürdigt.
-
-Selbst ein *Cuvier* und ein *Buffon*, Forscher, die zu den
-bedeutendsten der Neuzeit zählen, haben *Plinius* ihre Anerkennung
-nicht versagt. So schreibt *Buffon* in seiner großen »Naturgeschichte«,
-der er ein Wort des *Plinius* voranstellt, über diesen: »Sein Werk
-umfaßt nicht nur die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien, sondern
-auch die Erd- und Himmelskunde, die Medizin, die Entwicklung des
-Handels und der Künste, kurz alle Wissenschaften. Erstaunlich ist, wie
-bewandert *Plinius* sich auf allen Gebieten zeigt. Erhabenheit der
-Gedanken und Schönheit des Ausdrucks vereinigen sich bei ihm mit tiefer
-Gelehrsamkeit.«
-
-Auch *A. v. Humboldt*, der uns im 2. Bande seines »Kosmos« eine
-Geschichte der physischen Weltanschauung hinterließ, hat für *Plinius*
-Worte der Anerkennung. Er bezeichnet die »Naturgeschichte«, dem das
-Altertum nichts Ähnliches an die Seite zu stellen habe, als das
-großartige Unternehmen einer Weltbeschreibung. Trotz aller Mängel des
-Werkes habe dem Verfasser ein einziges großes Bild vorgeschwebt. Man
-möchte hinzufügen, daß *Plinius* für seine Zeit das versucht hat,
-was *v. Humboldt* im »Kosmos« anstrebte. Und wenn *Plinius* selbst
-sein Werk als eine Enzyklopädie bezeichnete, so ist zu bedenken,
-daß dieses Wort seit dem Altertum seine Bedeutung gewechselt hat.
-Es bedeutete nämlich etwa soviel wie »Vollkreis und Inbegriff
-der allgemeinen Wissenschaften«[534], während man heute eine Art
-Wörter- und Nachschlagebuch darunter versteht. Neuere geschichtliche
-Darstellungen, deren Verfasser die »Naturgeschichte« vielleicht nicht
-einmal genauer kennen, haben *Plinius* mitunter als enzyklopädischen
-Vielschreiber und geistlosen Kompilator abgetan. Dabei verfielen sie
-selbst in den Fehler, zu Nachbetern der absprechenden Urteile zu
-werden, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts über das Altertum und
-seine Schriftsteller (besonders von naturwissenschaftlicher Seite) in
-Umlauf gesetzt wurden. Heute ist dagegen eine sachlichere Würdigung
-der geschichtlichen Entwicklung im Entstehen begriffen, so daß man es
-wohl allgemein ablehnen würde, wenn jemand *Plinius* oder *Aristoteles*
-an dem Maße eines neueren Forschers messen wollte. Um den richtigen
-Maßstab zu gewinnen, müssen wir sie aus der Zeit, die sie erzeugt
-hat, zu verstehen suchen und ihre Werke mit denen der nämlichen oder
-einer noch naheliegenden Periode vergleichen. Dabei richtet sich der
-Blick zunächst auf die christliche und die arabische Literatur des
-Mittelalters. Und wenn man die »Naturgeschichte« des *Plinius* mit
-einem Erzeugnis jener Literatur, das das gleiche Ziel verfolgt, z.
-B. mit dem »Buch der Natur« des *Konrad Megenberg*, vergleicht, dann
-erscheint das Werk des Römers in einer ganz anderen und vor allem in
-der richtigen Beleuchtung.
-
-Der Anerkennung, die man der »Naturgeschichte« des *Plinius* während
-des ganzen Mittelalters zollte, entspricht es, daß aus diesem Zeitraum
-eine große Zahl von Handschriften -- es sind nicht weniger als
-zweihundert -- auf uns gelangt sind. Von den älteren ist allerdings
-keine einzige vollständig. Sie sind sogar oft sehr fragmentarisch.
-Sämtliche neueren Handschriften lassen übrigens erkennen, daß sie auf
-einen Archetyp (d. h. die nämliche alte Vorlage) zurückzuführen sind.
-
-
-Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde.
-
-Für die Beschäftigung mit den Tieren und den Pflanzen waren bei
-den Römern, wie in der alexandrinischen Akademie, an erster Stelle
-medizinische und landwirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend. Wichtig
-war es auch, daß man sich über die Bedenken hinwegsetzte, die bis
-dahin von einem Eindringen in den Bau und die Verrichtungen des
-menschlichen Körpers abgehalten hatten. Schon bald nach *Aristoteles*,
-dessen anatomisches Wissen, wie wir sahen, wenigstens in bezug auf den
-Menschen, noch gering war, unterschied man Arterien und Venen. Auch
-bemerkte man, daß ihre Verzweigungen dicht nebeneinander liegen. Da
-man die Arterien jedoch beim Zerschneiden des toten Körpers leer fand,
-so glaubte man, daß es ihre Aufgabe sei, im lebenden Organismus Luft
-zu führen. Zu einer zwar noch mit vielen Unrichtigkeiten durchsetzten
-Vorstellung von der Bewegung des Blutes, deren wahren Verlauf
-erst *Harvey* im 17. Jahrhundert erkannte, kam der römische Arzt
-*Galen*[535] (131-201 n. Chr.). *Galen* wurde in Pergamon geboren. Er
-empfing seine Ausbildung in Griechenland, übte aber die ärztliche Kunst
-in Rom aus (von 164-201 n. Chr.) und hielt dort auch Vorlesungen über
-Anatomie, für die er schätzenswerte Beiträge auf Grund zootomischer
-Untersuchungen lieferte.
-
-*Galen* erkannte die Anatomie und die Physiologie als die Grundlagen
-der Heilkunde und bemühte sich schon, physiologische Fragen
-auf experimentellem Wege zu entscheiden[536]. Die Bewegung des
-Blutes schildert er folgendermaßen, wobei wir uns der heutigen
-Bezeichnungweise bedienen wollen[537]: »Durch die Venen gelangt das
-Blut zum rechten Teile des Herzens. Mittels der Wärme des Herzens
-werden die noch brauchbaren Teile von den unbrauchbaren geschieden.
-Die letzteren werden durch die Lungenarterie zu den Lungen geführt und
-beim Ausatmen entfernt, während gleichzeitig die Lungen Pneuma aus der
-Atmosphäre anziehen[538]. Das Pneuma gelangt durch die Lungenvenen
-zum linken Herzen, verbindet sich hier mit dem Blut, das durch die
-Herzscheidewand treten sollte, und wird alsdann durch die Aorta in alle
-Teile des Körpers und endlich wieder in die Venen zurückgeführt.«
-
-Von dem großen Kreislauf des Blutes hatte *Galen*[539] also schon eine
-Vorstellung, während ihm unbekannt blieb, daß die ganze Masse des
-Blutes nach Vollendung dieses Kreislaufs durch die Lungen getrieben
-wird. An die Stelle einer richtigen Auffassung von der Rolle des
-Luftsauerstoffs, die erst durch die fortschreitende Einsicht in den
-chemischen Prozeß ermöglicht wurde, tritt bei *Galen* die Annahme des
-mystischen Pneumas. Darunter dachte man sich nicht die Luft selbst,
-sondern ein ihr innewohnendes, belebendes Prinzip.
-
-Über die Fortschritte, welche die Anatomie zur Zeit der Römerherrschaft
-erfahren, gibt uns das Werk *Galens* die beste Auskunft[540]. Es
-verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil es die einzige
-ausführliche, aus dem Altertum vorhandene Darstellung der Anatomie
-ist. *Galen* beginnt mit der Anatomie des Gehirns und der daraus
-entspringenden Nervenpaare. Es folgt die Beschreibung des Auges,
-der Zunge und der Lippen. Die Bewegung wird aus dem Verhalten der
-Muskeln erklärt, von denen *Galen* angibt, daß sie sich zusammenziehen
-und wieder erschlaffen[541]. Zu sehr wichtigen physiologischen
-Ergebnissen gelangte *Galen*, weil er sich als einer der ersten des
-vivisektorischen Versuchs bediente. So finden wir in seinem Buche die
-Wirkungen geschildert, welche das Durchschneiden des Glossopharyngeus
-(Zungenschlundkopfnerv), des Seh- und des Gehörnerven zur Folge
-hat. Besonders fesselnd sind die an dem Zungenschlundkopfnerven
-vorgenommenen Experimente. *Galen* erwähnt, daß sich auf jeder Seite
-der Zunge zwei Nerven befinden. Schneide man das eine Paar durch,
-so sei die ganze Zunge der willkürlichen Bewegung beraubt, während
-die Durchschneidung nur eines dieser Nerven nur die Hälfte der Zunge
-lähme[542]. Das zweite Nervenpaar, sagt *Galen* weiter, vereinige sich
-nicht mit den Muskeln, sondern verteile sich in der Decke der Zunge und
-vermittle die Empfindung. »Der Nerv bringt die Geschmacksempfindung vom
-Gehirn herab«, heißt es bei ihm.
-
-Hervorzuheben ist auch *Galens* Beschreibung des Lidhebemuskels und
-ganz besonders seine anatomische Untersuchung der Nerven und Muskeln
-des Kehlkopfs, eine Untersuchung, bei der es ihm vor allem auf die
-Feststellung des Wesens der Stimmbildung ankam.
-
-Ein Buch *Galens* handelt von den Venen und den Arterien, ein zweites
-von den Fortpflanzungsorganen. Auch der *Fötus* mit seinen Hüllen und
-die Plazenta (Mutterkuchen) werden beschrieben.
-
-[Illustration: Abb. 43. Chirurgische Instrumente.]
-
-Ist es für die Entwicklung der Medizin von großer Bedeutung,
-daß ein *Galen* in einem umfassenden Lehrgebäude das Ganze der
-griechischen Heilkunde zur Darstellung brachte, so ist es von rein
-wissenschaftlichem Standpunkt das *Verfahren Galens*, das unser
-höchstes Interesse beansprucht. War er es doch, der zuerst in größerem
-Umfange durch seine an lebenden Tieren ausgeführten Untersuchungen
-sich der Erforschung der Verrichtungen des Organismus zuwandte. Mit
-Recht verdient deshalb *Galen* als der Begründer der experimentellen
-Physiologie bezeichnet zu werden[543]. In welchem Grade die Heilkunde
-schon durch die Leistungen der Mechaniker gefördert wurde, zeigen uns
-die aus dem Altertum erhaltenen ärztlichen Bestecke (Abb. 43). Erwähnt
-sei noch, daß *Galen*, wie Jahrhunderte vor ihm die Verfasser der
-hippokratischen Schriften, auf die hygienisch-diätetische Seite der
-Heilkunde großen Wert legte. *Galen* hat eingehend seine Ansichten
-über die Wirkung der Luft und der Nahrungsmittel entwickelt und auch
-Schlaf und Wachen, Ruhe, Bewegung und Gemütszustände vom ärztlichen
-Standpunkte aus gewürdigt. In dieser prophylaktischen Richtung folgte
-ihm im Mittelalter die Schule von Salerno[544].
-
-Erst dadurch, daß *Galen* zu einem im ganzen richtigen Verständnis des
-Wesens der Muskeln, Sehnen und Nerven gelangte, wurde die Heilkunde
-auf die Stufe einer Wissenschaft emporgehoben. Vor allem war es die
-Chirurgie, die aus der gewonnenen Einsicht in den anatomischen Bau
-des Körpers Nutzen zog. Die Zoologie und die Botanik büßten dagegen
-im Vergleich zu der Behandlung, die *Aristoteles* und *Theophrast*
-diesen Gebieten angedeihen ließen, an Wissenschaftlichkeit ein und
-wurden nur noch mit Rücksicht auf das medizinische Bedürfnis gefördert.
-So entstand, kurz bevor *Plinius* schrieb, die Arzneimittellehre des
-*Dioskurides*[545]. In ihr finden wir etwa 600 Pflanzen erwähnt, die
-indes so oberflächlich beschrieben sind, daß es meist schwer hält, die
-Arten sicher zu erkennen.
-
-Bei den Bearbeitern der Schriften des *Dioskurides* finden wir
-nämlich als einen Grundzug, der uns bei allen naturwissenschaftlichen
-Schriftstellern des Mittelalters begegnet, daß man dem Wort eine fast
-größere Bedeutung zuschrieb als dem Dinge selbst. Genaue Überlieferung
-der Namen, möglichst vollständige Aufzählung der Synonyme, der
-volkstümlichen und der Geheimbezeichnungen nehmen in jenen Schriften
-den ersten Platz ein. Ja, es gab Schriftsteller, deren Hauptgegenstand
-die Nomenklatur der Pflanzen und im Anschluß daran angestellte
-Betrachtungen über Besonderheiten der Grammatik und der Synonymik
-war[546]. Die Botanik berücksichtigte *Dioskurides* nur insoweit, als
-es sein Zweck erforderte. Die bei manchem seiner Vorgänger übliche
-alphabetische Anordnung der Pflanzen verwarf er, um sie nach ihm
-natürlich erscheinenden Gruppen zusammenzustellen. Doch begegnete ihm
-dabei mancher Mißgriff. Freilich ist es schwer, zu entscheiden, was er
-selbst gefunden und was er seinen Vorgängern entlehnt hat.
-
-Das Werk des *Dioskurides* blieb für das gesamte Mittelalter und noch
-darüber hinaus von großer Bedeutung. »Was einer späteren Zeit«, sagt
-*Meyer* in seiner Geschichte der Botanik[547], »*Linnés* Systema
-naturae wurde, das war für jene Zeit die Arzneimittellehre des
-*Dioskurides*; nur mit dem Unterschiede, daß man auf *Linnés* Werk
-fortzubauen nicht lange säumte, auf dem des *Dioskurides* dagegen wie
-auf einem Ruhekissen schlummerte.« Indessen galt *Dioskurides* nicht
-nur für das Mittelalter als unanfechtbare Autorität auf dem erwähnten
-Gebiete, sondern noch die Begründer der neueren Botanik knüpften im
-Anfange des 16. Jahrhunderts vielfach an ihn an. Sie waren dabei von
-dem Bemühen geleitet, die von *Dioskurides* beschriebenen Pflanzen
-wieder aufzufinden, wodurch die Liebe zur Natur zu neuem Leben erweckt
-wurde.
-
-Während die Griechen sich auf dem Gebiete der Pflanzenkunde mehr
-als Theoretiker erwiesen, haben die Römer, ihrem auf das Nützliche
-gerichteten Sinne entsprechend, vorzugsweise die angewandte Botanik
-gefördert[548]. Eine Anregung dazu empfingen sie von den Karthagern.
-Dort entstand schon im 6. Jahrhundert v. Chr., also lange vor den
-griechischen Georgikern, *Magos* Werk über die Landwirtschaft, das der
-römische Senat später ins Lateinische übersetzen ließ. Die Bedeutung
-der Karthager auf diesem Gebiete ist wohl auf ihre Abhängigkeit
-von der phönizischen Kultur zurückzuführen[549]. Der Sinn für die
-Pflanzenkunde wurde bei den Römern auch dadurch gefördert, daß sie
-sich mit besonderer Vorliebe dem Gartenbau zuwandten. So kamen bei
-ihnen auch die Fensterbeete auf, welche die jungen Pflanzen vor Kälte
-schützten, aber durch ihre Marienglasscheiben die Sonnenstrahlen
-hindurchließen[550].
-
-Berühmt waren die Gärten, welche Kaiser *Hadrian* bei seinem Landsitz
-in Tibur, dem heutigen Tivoli, unterhielt. Auch die Landsitze, mit
-denen die römischen Großen die felsigen Gestade des Mittelmeers
-umsäumten, erhielten reichen gärtnerischen Schmuck. Die römischen
-Gärten wiesen jedoch auch manche Künsteleien auf, so daß sich Stimmen
-erhoben, die, wie z. B. *Horaz*, die Rückkehr zur Natur predigten.
-
-Eins der besten Werke über die Landwirtschaft verfaßte *M. Portius
-Cato*, der durch sein Bemühen, die Römer zur Einfachheit und
-Sittenreinheit zurückzuführen, bekannt gewordene Zensor. Das Werk[551]
-beginnt mit dem Lobe des Landbaues und enthält Vorschriften über die
-Obstzucht, den Anbau des Getreides und die Pflege anderer nützlicher
-Gewächse[552]. Wir haben es schon als eine der Quellen, aus denen
-*Plinius* schöpfte, gewürdigt.
-
-
-Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.
-
-Vom medizinischen Standpunkte aus hat sich auch der als Anatom und Arzt
-zu großer Berühmtheit gelangte *Galen* mit den Pflanzen beschäftigt.
-Auf seinen Reisen, die ihn nach Griechenland, Kleinasien, Ägypten
-und Palästina führten, bemühte er sich, alle Pflanzen, denen man
-Heilwirkungen zuschrieb, an ihrem natürlichen Standorte zu beobachten
-und zu sammeln. Welchen Wert man diesem Gegenstande beimaß, geht auch
-daraus hervor, daß die römischen Kaiser jener Zeit Kräutersammler auf
-Kreta unterhielten, weil die Arzneipflanzen dieser Insel besonders
-hoch geschätzt waren. *Galen* bekämpfte diese Meinung und vertrat die
-Ansicht, daß Italien ebenso wirksame Arzneipflanzen beherberge.
-
-Durch manchen archäologischen Fund ist unsere Zeit mit den Pflanzen
-selbst bekannt geworden, mit denen sich das Altertum beschäftigte. Zu
-jenen, welche die Mumiensärge Ägyptens lieferten, sind vor allem die
-pflanzlichen Reste getreten, die bei der Ausgrabung Pompejis zutage
-gefördert wurden. Sie sind im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt und
-zum Teil so gut erhalten, daß sie identifiziert werden konnten[553].
-
-Ein besonderes Interesse, das mitunter selbst gekrönte Häupter
-beherrschte, wandte man im Altertum der Erforschung giftiger Pflanzen
-zu. König *Attalos* von Pergamon, so erzählt uns *Plutarch*[554], baute
-giftige Gewächse an, wie Bilsenkraut, Nieswurz, Schierling, Sturmhut,
-und machte ein besonderes Studium daraus, ihre Säfte kennen zu lernen
-und zu sammeln. Überhaupt wetteiferte Pergamon eine Zeitlang in der
-Pflege der Wissenschaften mit Alexandrien.
-
-
-Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneca.
-
-Außer *Plinius* sind insbesondere noch zwei andere römische
-Schriftsteller zu nennen, die über die Naturwissenschaften geschrieben
-haben, *Lukrez* und *Seneca*. *Lucretius Carus* (er starb 55 v.
-Chr.) hat seine naturphilosophischen, auf *Epikur* zurückgreifenden
-Anschauungen in einem Lehrgedicht entwickelt, das manche beachtenswerte
-Stelle enthält. Es führt den Titel »De rerum natura«, wurde unter den
-literarischen Erzeugnissen der voraugusteischen Zeit hoch geschätzt
-und ist sowohl der Form als dem Inhalt nach griechischen Mustern
-entlehnt. Als seine Quellen nennt *Lukrez* neben *Empedokles*, dem
-»herrlichsten Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands«, vor allem
-*Epikur*. Aus den Schriften dieses Mannes, welcher »die anderen
-Weisen überstrahle wie die Sonne die Sterne verdunkle, habe er die
-goldenen Worte entnommen«, welche uns sein Lehrgedicht biete. Eine
-dankbare Aufgabe für einen Dichter war es wohl kaum, die mechanische
-Weltanschauung poetisch zu entwickeln. Um so mehr verdient die Art,
-wie *Lukrez* sie löste und durch die er den Kranz der Musen davontrug,
-unsere Bewunderung. Es ist nicht nur die Schönheit der Gleichnisse und
-die lebensvolle Schilderung gewaltiger Naturerscheinungen, die uns in
-seinem Werke fesselt, sondern vor allem die Genialität der auf der
-Ablehnung alles Götter- und Aberglaubens beruhenden Lebensauffassung.
-Bezüglich seiner Auffassung der Naturvorgänge[555] müssen wir uns hier
-auf einige Andeutungen beschränken.
-
-Nichts entsteht aus nichts, sagt *Lukrez* mit *Demokrit* und *Epikur*,
-wenn selbst die Götter es wollten. Sondern die Natur erzeugt stets
-das eine aus dem andern. Die Dinge läßt *Lukrez* aus unendlich feinen
-Teilchen bestehen. Sonst sei z. B. das allmähliche Dünnerwerden der im
-Gebrauch befindlichen, metallenen Gegenstände ganz unerklärlich. Da bei
-absoluter Raumerfüllung Bewegung unmöglich sei, so müsse man annehmen,
-die Teilchen seien nicht dicht zusammengedrängt, sondern durch leere
-Zwischenräume geschieden. Alles sei ferner schwer. Im leeren Raume
-müsse selbst die Flamme schwer sein. Ihr Emporsteigen sei dadurch
-bedingt, daß der Lufthauch sie trotz ihrer natürlichen Schwere in die
-Höhe treibe, wie ja auch das schwere Holz im Wasser emporschnelle.
-Schall, Licht und Wärme sind für *Lukrez* körperliche Ausflüsse.
-Sonderbar ist seine, dem *Epikur* entlehnte Bildertheorie. Wir nehmen
-nach ihr die Dinge wahr, indem sich dünne Häutchen von ihrer Oberfläche
-lösen und durch die Lüfte zu unserem Auge schwimmen. Die magnetischen
-Erscheinungen werden gleichfalls aus der Annahme erklärt, daß feine
-Teilchen von dem Magneten ausströmen. Selbst den Blitz läßt *Lukrez*
-aus glatten und winzigen Teilchen bestehen.
-
-Eine Andeutung des Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft
-kann man in folgenden Zeilen erblicken:
-
- »Denn er (der Stoff) vermehrt sich nie, noch vermindert er sich durch
- Zerstörung,
- Ferner war die Bewegung, die jetzt in den Urelementen
- Herrscht, schon von jeher da, und so wird sie auch künftig noch da
- sein. --
- Denn kein Platz ist vorhanden, nach welchem die Teile des Urstoffs
- Könnten entfliehen, kein Platz, von wo aus erneuerte Kräfte
- Brächen herein, die Natur und Bewegung der Dinge zu ändern[556].«
-
-Interessant ist, wie *Lukrez* das Verhältnis von Empfindung und Materie
-erörtert. Er schreibt die Empfindung nämlich nicht den Atomen, sondern
-nur ihrer Zusammenfassung zu. Denn, so meint er, die Menschenatome
-könnten doch nicht weinen und lachen. Indem er das tut, erhebt sich
-*Lukrez* über den krassen Materialismus der demokritischen Lehre. Des
-weiteren bringt er bemerkenswerte Anschauungen über Gegenstände der
-physikalischen Geographie. So erklärt er den gleichmäßigen Bestand des
-Meeres als eine Folge des Kreislaufs des Wassers. Nach seiner Annahme
-gelangt das Wasser aus dem Meere auf unterirdischem Wege in die Gebirge
-zurück[557] und speist dort unter Abgabe des Salzgehaltes die Quellen.
-Die Erdbeben werden darauf zurückgeführt, daß die Erde mit Höhlungen,
-Strömen, Sümpfen und geborstenem Gestein ausgefüllt sei. Durch den
-Einsturz der Höhlen entständen Erschütterungen, die man als Erdbeben
-bezeichne.
-
-Nicht minder merkwürdig als die Schrift des *Lukrez* sind die[558]
-»Quaestiones naturales« des römischen Dichters und Philosophen
-*Seneca*, der im Jahre 65 n. Chr. starb.
-
-*Seneca* meint, das Gesicht sei der trügerischste Sinn, da z. B.
-ein Ruder im Wasser wie gebrochen erscheine. Den Regenbogen hält er
-für das Spiegelbild der Sonne, denn einige Spiegel, sagt er, sind
-so beschaffen, daß sie die Gegenstände zu einer entsetzlichen Größe
-ausdehnen. Bei *Seneca* findet sich auch die einzige Stelle, welche
-darauf hindeutet, daß die Alten das Prisma gekannt und das Spektrum
-beobachtet haben. *Seneca* sagt nämlich, wenn man Glasstücke mit
-mehreren Kanten anfertige und die Sonnenstrahlen auf sie fallen lasse,
-so erblicke man die Farben des Regenbogens. Er erwähnt ferner mit
-Wasser gefüllte Glaskugeln und ihre Eigenschaft, dahinter befindliche
-Gegenstände vergrößert zu zeigen[559]. Dafür, daß die Römer mit den
-optischen Eigenschaften geschliffener Gläser bekannt waren, soll auch
-eine Angabe des *Plinius* sprechen. Es heißt dort, daß *Nero* sich
-eines Smaragds bediente, um besser sehen zu können. Dieser Stein sei
-konkav und dadurch geeignet gewesen, »die Sehstrahlen zu sammeln«[560].
-Man hat auch bei Ausgrabungen (so in Pompeji) linsenförmig geschliffene
-Gläser gefunden und nimmt an, daß sie als Brenngläser gedient haben.
-Auch bei den Ausgrabungen in Ninive hat man eine plankonvexe Linse aus
-Bergkristall entdeckt, die angeblich auch optischen Zwecken gedient
-hat[561].
-
-Der Schall ist für *Seneca* ein Druck der Luft. Er begegnet sich in
-dieser, annähernd das Richtige treffenden Anschauung mit *Vitruv*, der
-im Gegensatz zu dem, alles als Ausflüsse auffassenden *Lukrez* den
-Schall als eine Lufterschütterung betrachtet. Diese Erschütterung läßt
-*Vitruv* ähnlich entstehen, wie sich durch einen Stein im Wasser die
-Wellenkreise bilden. Nur entständen die Wellen beim Schall nicht allein
-in der Fläche, sondern sie dehnten sich auch in die Breite und in die
-Höhe (somit kugelförmig) aus.
-
-Im 3. Buche findet sich ein Anklang an den als Apokatastasis
-bezeichneten periodischen Wechsel. Die Erde sollte danach[562]
-verbrennen, wenn alle Wandelsterne im Krebse zusammenkämen und
-somit eine gerade Linie bildeten. Dagegen würde eine allgemeine
-Überschwemmung eintreten, wenn sich diese Konstellation im Steinbock
-wiederhole.
-
-Die Höhe der Naturanschauung *Senecas* zeigt sich besonders in den
-Ansichten, die er über die Kometen entwickelt[563]. Seine Zeitgenossen,
-sagt er, seien der Meinung, die Kometen entständen aus verdichteter
-Luft. Er aber halte sie für »ewige Werke der Natur«, und zwar deshalb,
-weil auch ihnen ein Kreislauf eigen sei.
-
-Von Beobachtungsgabe und Scharfsinn zeugen auch die Ansichten, die
-*Seneca* über die geologischen Erscheinungen entwickelt. Die Erdbeben
-werden teils auf den Einsturz von Höhlungen des Erdinnern, teils
-auf dort angesammelte Gase zurückgeführt. Die Vulkane stellen die
-Verbindung zwischen der Oberfläche und dem glutflüssigen Erdinnern
-her. Unter den Vulkanen, welche *Seneca* aufzählt, findet der Vesuv
-keine Erwähnung, während *Strabon* ihn wegen der in seiner Nähe sich
-findenden Schlacken als einen erloschenen Vulkan betrachtete. Manche
-Bemerkungen *Senecas* über die lösende und die abtragende Tätigkeit
-des Wassers und die Bildung von Ablagerungen stimmen mit den neueren
-geologischen Anschauungen gut überein und »verraten durchweg ein
-gesundes Urteil«[564]. Auch *Vitruv* äußert in seiner Schrift »De
-architectura« die Ansicht, daß in der Nähe des Vesuvs das Innere der
-Erde glühend sein müsse. Er schließt dies daraus, daß bei Bajae heiße
-Dämpfe aus dem Boden entweichen. *Vitruv* erwähnt ferner auf Grund der
-Überlieferungen, daß die Glut des Erdinnern in alten Zeiten Ausbrüche
-des Vesuvs veranlaßt habe, daher rühre auch wohl der Bimsstein in
-der Nähe von Pompeji, der infolge der Hitze aus einem anderen Steine
-entstanden sei. *Vitruv* erwähnt auch, daß es Quellen gäbe, die vermöge
-ihrer Säure Blasensteine aufzulösen vermöchten, wie der Essig die
-Eierschalen löse[565].
-
-
-Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.
-
-Über die mineralogischen und die chemischen Kenntnisse der Römer
-erfahren wir manches durch *Plinius*[566]. Eingehender befaßt sich
-dieser mit dem Glase. Er schildert seine Herstellung aus Sand, Soda
-(Nitrum) und Muschelschalen[567]. Auch ist ihm bekannt, daß man mit
-Kugeln aus Glas oder Kristall sowie mit kugeligen, mit Wasser gefüllten
-Glasgefäßen in der Sonne Hitze erzeugen kann[568]. Die Römer stellten
-sogar Treibhäuser mit gläsernen Wänden her, um auf diese Weise
-frühzeitig frisches Gemüse zu erhalten. Aus Glas verfertigte Spiegel
-finden gleichfalls schon bei *Plinius* Erwähnung. Neuere Ausgrabungen
-haben solche auch zutage gefördert. Der Belag dieser antiken Spiegel
-besteht bald aus reinem Blei[569], bald aus anderen Metallen.
-
-Auch über die wichtigsten Farbstoffe und ihre Verwendung berichtet
-*Plinius*. Er erwähnt den Krapp und den Indigo, mit denen man die Wolle
-färbte. Wie man in Indien den Indigo gewinnt, ist ihm indessen nicht
-bekannt. Am weitesten hatten es in der Kunst zu färben nach *Plinius*
-die Ägypter gebracht. Er erzählt von ihnen, daß sie die Stoffe vor dem
-Färben mit besonderen Flüssigkeiten (Beizen) behandelten.
-
-*Plinius* kannte auch schon die Seife. Er erzählt, daß sie von den
-Galliern und den Germanen durch Kochen von Talg mit Pflanzenasche
-hergestellt werde. Wahrscheinlich wurde die Aschenlauge durch Zusatz
-von Kalk kaustisch gemacht[570].
-
-Mancherlei über die chemischen Kenntnisse zur Zeit der Römerherrschaft
-erfahren wir auch durch die um 75 n. Chr. entstandene Arzneimittellehre
-des *Dioskurides*. So spricht dieser vom Verzinnen von Kesseln[571].
-Daß gewisse Mineralien beim Übergießen mit Essig Gas entwickeln, war
-im Altertum bekannt. *Plinius* knüpft daran die Bemerkung, der Essig
-sei stärker als das Feuer, denn er bezwinge Felsen, die dem Feuer
-Widerstand leisteten[572].
-
-
-
-
-6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.
-
-
-In die Zeit der römischen Weltherrschaft fällt eine nochmalige
-Blüteperiode der alexandrinischen Akademie. Die mit ihr verbundene
-große Bibliothek war zwar im Jahre 47 v. Chr. zum größten Teile
-vernichtet worden. Als Ersatz dafür gelangten zahlreiche Rollen der
-pergamenischen Bibliothek nach Alexandrien (s. S. 153). Eine zweite
-kleinere Bibliothek befand sich dort im Serapeion. Sie wurde gegen das
-Ende des 4. Jahrhunderts bei einem von den Christen hervorgerufenen
-Aufstand zerstört. Trotzdem blieb Alexandrien noch lange über das 4.
-nachchristliche Jahrhundert hinaus die bedeutendste Hochschule des
-Orients[573].
-
-
-Das ptolemäische Weltsystem.
-
-Als ruhmvollster Name unter den alexandrinischen Gelehrten der
-nachchristlichen Jahrhunderte leuchtet uns derjenige des *Ptolemäos*
-entgegen. Mit seinen Verdiensten um die Fortentwicklung der Astronomie
-und der Geographie haben wir uns zunächst zu beschäftigen.
-
-*Ptolemäos* lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandrien. Er hat
-sich als Mathematiker, Astronom, Physiker und Geograph die größten
-Verdienste erworben. Wahrscheinlich ist er in Ptolemais in Oberägypten
-geboren. Im übrigen ist über sein Leben fast nichts bekannt.
-*Ptolemäos* hat zahlreiche Schriften verfaßt, die zum Teil im Original,
-zum Teil in arabischer oder in lateinischer Sprache erhalten geblieben
-sind. Die wichtigsten sind die »Erdbeschreibung«, der »Almagest« (das
-astronomische Hauptwerk) und die »Optik«.
-
-Das Weltsystem des *Aristarch* war zwar ein glücklicher Einfall
-gewesen; die heliozentrische Auffassung allein vermochte jedoch noch
-nicht, der genaueren Beschreibung der sich am Himmel abspielenden
-Vorgänge eine sichere Grundlage zu bieten. Dies System konnte daher im
-Altertum keine allgemeine Geltung finden, zumal es an den mechanischen
-Begriffen fehlte, welche damit in Einklang gebracht werden mußten.
-So erhob *Ptolemäos* den später auch *Koppernikus* und *Galilei*
-gegenüber gemachten, von letzterem aber entkräfteten Einwand, daß eine
-Drehung der Erde um ihre Achse die Ablenkung eines senkrecht in die
-Höhe geworfenen Körpers zur Folge haben müßte. Ferner galt der von
-*Aristoteles* herrührende Satz, daß die Bewegungen der Himmelskörper,
-weil die letzteren göttlich und ewig seien, gleichmäßig und im Kreise
-vor sich gehen müßten, dem *Ptolemäos*, wie dem gesamten Altertum,
-als eine unumstößliche Wahrheit. Zwar hatte es den Anschein, als ob
-sich die Planeten, sowie die Sonne und der Mond am Fixsternhimmel bald
-schneller, bald langsamer bewegten; erstere schienen sogar zeitweilig
-stillzustehen und sich bald vor-, bald rückwärts zu bewegen.
-
-Die Unregelmäßigkeit der jährlichen Sonnenbewegung machte sich dem
-*Ptolemäos* vor allem darin bemerkbar, daß die Sonne 178 Tage und 18
-Stunden gebraucht, um im Verlaufe des Winterhalbjahres vom Herbstpunkt
-zum Frühlingspunkt zu gelangen, während sie die andere Hälfte der
-Ekliptik, also den Weg vom Frühlings- zum Herbstpunkt, in weit längerer
-Zeit, nämlich in 186 Tagen und 11 Stunden, zurücklegt[574]. Diese
-als die erste Ungleichheit bezeichnete Unregelmäßigkeit entspringt,
-wie wir heute wissen, daraus, daß die Himmelskörper sich nicht in
-Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen. Die zweite Ungleichheit, die
-nur bei den Planeten auftritt, wird dadurch hervorgerufen, daß wir
-unsere Beobachtungen von der Erde aus anstellen, die sich ihrerseits
-wieder um die Sonne bewegt. Dieser Umstand ist es, der die scheinbaren
-Stillstände und Rückgänge der Planeten verursacht. Auch daß an dem
-Monde eine als Evektion bezeichnete Ungleichheit in die Erscheinung
-tritt, bemerkte *Ptolemäos* schon[575]. Wir führen sie heute auf
-Störungen zurück, welche die Mondbewegung durch die Sonne erleidet. Sie
-ist die bedeutendste unter den Unregelmäßigkeiten der Mondbewegung und
-erreicht einen Betrag von mehr als einem Grad.
-
-Schon *Platon* hatte es als die wichtigste Aufgabe der Astronomie
-bezeichnet, die beobachteten, scheinbar unregelmäßigen Bewegungen
-auf gleichförmige zurückzuführen, da, wie er sagte, keine Ursache
-dafür vorhanden sei, daß die himmlischen Körper sich anders als
-gleichförmig bewegen sollten. Der erste, der eine Lösung der von
-*Platon* gestellten Aufgabe versuchte, war sein Schüler *Eudoxos* von
-Knidos. Er bediente sich dazu der Theorie der homozentrischen Sphären;
-und es gelang ihm so, die zweite Ungleichheit als ein gesetzmäßig
-bestimmtes Bewegungsphänomen darzustellen. Nach *Eudoxos* ist jeder
-Planet auf einer rotierenden Sphäre befestigt. Die Pole dieser Sphäre
-liegen in einer zweiten Sphäre, die ebenfalls um eine Achse rotiert.
-Es kam nun darauf an, die Geschwindigkeiten jener Sphären und die
-Lage ihrer Achsen so zu wählen, daß dadurch dem tatsächlichen Verlauf
-der Erscheinungen möglichst Rechnung getragen wurde. Zu diesem
-Zwecke mußten für den Mond und für die Sonne je drei und für jeden
-Planeten vier Sphären angenommen werden. Am besten gelang es auf diese
-Weise, die Bewegungen der entfernteren Planeten Saturn und Jupiter
-gewissermaßen in eine Regel zu fassen. Die größten Schwierigkeiten
-bereitete der Mars, an dem später *Tycho* und *Kepler* den wahren
-Ablauf der Planetenbewegungen nach endlosen Mühen entdecken sollten.
-
-Um die Theorie mit den Erscheinungen in besseren Einklang zu bringen,
-wurde später die Zahl der Sphären noch vermehrt[576]. Einen anderen Weg
-schlugen *Hipparch* und *Ptolemäos* ein. Sie benutzten zur Auflösung
-der ersten Ungleichheit exzentrische Kreise und zur Bewältigung der
-zweiten Ungleichheit den Epizykel[577]. *Hipparch* erklärte die
-Erscheinung, daß die Sonne auf ihrer jährlichen Bahn eine größte und
-eine geringste Geschwindigkeit annimmt, indem er die Erde aus dem
-Mittelpunkt rückte und die Sonne um sie in gleichförmiger Bewegung
-einen exzentrischen Kreis beschreiben ließ. Die Größe der Exzentrizität
-ließ sich nun leicht so wählen, daß damit dem Verlauf der Erscheinungen
-Rechnung getragen wurde. Die Annahme von exzentrischen Kreisen hatte
-aber nicht einmal die Bewegung des Mondes, geschweige denn diejenige
-der Planeten zu erklären vermocht. *Ptolemäos* griff deshalb einen
-Gedanken auf, den der Mathematiker *Apollonios* geäußert hatte, und
-nahm zwei oder mehr Kreisbewegungen zu Hilfe. Zur Erklärung diene Abb.
-44. Es sei E die Erde, um die mit einem Radius R = Mm ein exzentrischer
-Kreis gezogen ist. Auf letzterem bewegt sich indes nicht der in Frage
-kommende Himmelskörper, sondern der Mittelpunkt der Kreisbahn p q t
-s, in der erst der Planet mit gleichförmiger Geschwindigkeit sich
-bewegt. Diese Kreisbahn wird der Epizykel, die Theorie daher die
-Epizyklentheorie genannt. Es ist ersichtlich, daß der Himmelskörper,
-von der Erde gesehen, sich in p rascher bewegt als in t, wo seine
-Bewegung derjenigen des Epizykels entgegengesetzt ist. Auch ist klar,
-daß trotz der gleichförmig gedachten Bewegung, mit deren Annahme der
-Forderung *Platons* Genüge geleistet war, scheinbare Stillstände und
-Rückgänge eintreten können. Es kam nur darauf an, das Verhältnis von r
-und ME zu R, sowie die Umlaufszeiten um M und m so zu wählen, daß dem
-Verlauf der Erscheinungen durch die hypothetischen Bewegungen Genüge
-geleistet war und erstere aus den angenommenen Verhältnissen berechnet
-werden konnten. Stimmten dann die Berechnungen mit neuen, auf Grund der
-Rechnung angestellten Beobachtungen nicht überein, so führte man einen
-dritten Epizykel ein, dessen Mittelpunkt den Kreis p q t s beschrieb.
-Durch eine Verknüpfung derartiger Kreisbewegungen läßt sich offenbar
-jede, nach einem bestimmten Gesetze auf beliebiger Bahn ablaufende
-Bewegung darstellen.
-
-[Illustration: Abb. 44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie.]
-
-*Ptolemäos* wandte die Epizyklentheorie zunächst auf die Erklärung
-der Mondbewegung an. Daß die Entfernung des Mondes von der Erde
-beträchtlichen Schwankungen unterworfen ist, hatte sich ihm aus der
-Tatsache ergeben, daß der scheinbare Durchmesser des Mondes nach
-seinen Beobachtungen zwischen 31-1/3 und 35-1/3 Minuten schwankt.
-*Aristoteles* hatte also recht, wenn er behauptete, »daß derselbe
-Diskus, bei sich gleichbleibender Entfernung vom Auge, den Mond bald
-bedecke, bald nicht«.
-
-Um die Ungleichheiten des Mondumlaufes zu erklären, ließ *Ptolemäos*
-das Gestirn einen Epizykel beschreiben, der sich innerhalb eines
-Zeitraumes vollziehen sollte, in welchem der Mond zu demselben
-Endpunkte seiner großen Bahnachse zurückkehrt. Der Mittelpunkt dieses
-Epizykels umlief die Erde in einem Kreislauf, der gegen die Ekliptik,
-der Neigung der Mondbahn entsprechend, schief gerichtet war. Die
-Zeitdauer dieses Kreislaufs währte bis zur Rückkehr zu den Knoten, den
-Punkten, in denen die Ekliptik und die Mondbahn sich schneiden. Auf
-diese Weise erzielte *Ptolemäos*, daß sich Rechnung und Beobachtung,
-wenigstens für den damaligen Stand der astronomischen Wissenschaft, in
-etwa deckten.
-
-Dasselbe Ziel suchte *Ptolemäos* bezüglich der Planetenbewegung unter
-Zuhilfenahme der Epizyklen und der exzentrischen Kreise zu erreichen.
-Doch waren die Schwierigkeiten hier fast noch größer.
-
-So lange man die Epizyklentheorie als bloße Hilfshypothese ansah und
-benutzte, ließ sich gegen sie nichts einwenden. Wir bedienen uns
-noch heute zur Beschreibung von Naturvorgängen mancher Fiktionen,
-die dem Fortschritt der Erkenntnis nur dann gefährlich werden, wenn
-wir uns daran gewöhnen, in ihnen den wahren Grund der Erscheinungen
-zu erblicken. Erinnert sei nur an die Annahme magnetischer und
-elektrischer Fluida, an deren wirkliches Vorhandensein kein Physiker
-glaubt, obgleich sie einer elementaren Beschreibung der magnetischen
-und der elektrischen Vorgänge zugrunde gelegt werden. Mit der
-zunehmenden Kompliziertheit solcher Hypothesen wird indes ihre
-Anwendung immer mehr erschwert. So trug schon aus dieser Ursache die
-Epizyklentheorie den Keim des Todes in sich, wenn auch ihre Herrschaft
-noch lange dauern sollte. Denn selbst *Koppernikus* war, nachdem er die
-Sonne, wie er sich ausdrückt, auf ihren königlichen Thron in die Mitte
-der sie umkreisenden Gestirne gesetzt hatte, sofort gezwungen, sich
-der Epizykel wieder als Hilfskonstruktion zu bedienen, weil er an der
-Vorstellung einer kreisförmigen Bewegung der Planeten festhielt.
-
-Zwar kam bei Annahme der heliozentrischen Lehre die sogenannte zweite
-Ungleichheit in Fortfall, da sie ja daraus entsprang, daß man die Erde
-als den Mittelpunkt der Bewegungen betrachtete. Anders stand es mit der
-ersten Ungleichheit, welche daraus hervorgeht, daß die Himmelskörper
-sich nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen. Da *Koppernikus*
-an die Möglichkeit einer anderen als der kreisförmigen Bewegung noch
-gar nicht dachte, so blieb ihm zur Erklärung der ersten Ungleichheit
-nichts anderes übrig, als auf sie die Epizyklentheorie anzuwenden.
-Das astronomische und das trigonometrische Wissen seiner Zeit legte
-*Ptolemäos*, nachdem es durch ihn eine beträchtliche Vermehrung
-erfahren, in einem Lehrbuche nieder, das von den Arabern Almagest[578]
-genannt wurde und dem gesamten Mittelalter in astronomischer Hinsicht
-als ein Evangelium galt.
-
-Das Bedürfnis nach einer Verbesserung der von *Ptolemäos* mitgeteilten
-Planetentafeln machte sich schon im Mittelalter geltend. Um das Jahr
-1250 berief daher König *Alfons* von Kastilien eine Anzahl Gelehrter,
-welche neue astronomische Tafeln, die sogenannten alfonsinischen,
-entwarfen, die einen wesentlichen Fortschritt gegenüber denjenigen
-des *Ptolemäos* bedeuteten. An der Epizyklentheorie wurde indes trotz
-ihrer wachsenden Kompliziertheit nicht gerüttelt, was *Alfons* zu dem
-Ausspruch veranlaßt haben soll, die Welt wäre einfacher geworden, wenn
-Gott ihn bei ihrer Erschaffung zu Rate gezogen hätte.
-
-Außer der vorstehend skizzierten, dem damaligen Standpunkte der
-Astronomie genügenden Epizyklentheorie finden wir im Almagest die
-schon von den älteren alexandrinischen Astronomen sowie von *Hipparch*
-in Angriff genommene Bestimmung der Fixsternörter fortgesetzt[579].
-Das von *Ptolemäos* entworfene Verzeichnis[580] umfaßt 1022 Sterne,
-die nach ihrer Lage innerhalb der von den Griechen angenommenen
-Sternbilder, sowie nach Länge und Breite bestimmt sind.
-
-Auch die Untersuchung der von *Hipparch* entdeckten und ihrer Größe
-nach gleich etwa einem Grad für das Jahrhundert angegebenen Präzession
-der Tag- und Nachtgleichen wurde von *Ptolemäos* wieder aufgenommen.
-Eine Bestätigung dieser Erscheinung war nämlich sehr wichtig, da
-*Hipparch* sich nur auf die wenig genauen Beobachtungen der älteren
-Alexandriner stützen konnte.
-
-Bevor wir die Schilderung der astronomischen Verdienste des *Ptolemäos*
-beenden, sei noch einiges aus dem Inhalt des Almagest mitgeteilt,
-woraus sich der Standpunkt, den die Sternkunde in Alexandrien erreicht
-hatte, ermessen läßt. Die Erde ist eine Kugel. Sie befindet sich in der
-Mitte des Himmels, kann aber im Vergleich zu den Himmelsräumen nur als
-ein Punkt betrachtet werden. Während die Erde unbeweglich feststeht,
-bewegen sich die Gestirne in kreisförmigen Bahnen. Dies sind die Sätze,
-welche an der Spitze des Werkes stehen. Die Länge des Jahres wird im
-Almagest zu 365 Tagen 5 Stunden und 55 Minuten angegeben. Die Erde ist
-39 mal so groß wie der Mond, während die Sonne den Mond 6600 mal an
-Größe übertreffen sollte. Bezüglich der Entfernungen wird angegeben,
-daß der Mond 59, die Sohne dagegen 1210 Erdhalbmesser von uns entfernt
-sei.
-
-Die Abstände der Gestirne von der Erde regeln sich nach *Ptolemäos*
-folgendermaßen: Auf den Mond folgt zunächst Merkur, dann Venus und
-darauf die Sonne. Die weitere Reihenfolge ist Mars, Jupiter und Saturn.
-Auf diese sieben Wandelsterne, deren Zahl erst durch *Herschels*
-Entdeckung des Uranus vermehrt wurde, folgen die Fixsterne.
-
-An die Beschreibung dieses seinen Namen tragenden Weltsystems schließt
-sich eine Darstellung der Grundzüge der ebenen und der sphärischen
-Trigonometrie, der wichtigsten Hilfswissenschaft der Astronomen.
-
-
-Hilfswissenschaften der Astronomie.
-
-Die astronomischen Leistungen des *Ptolemäos* wurden dadurch
-ermöglicht, daß die beiden wichtigsten Hilfswissenschaften der
-Astronomie, die Mathematik und die Meßkunde, bedeutende Fortschritte
-aufzuweisen hatten. Die wichtigste Vorarbeit auf dem Gebiete der
-Mathematik lieferte der Astronom *Menelaos* von Alexandrien, dessen
-Sternbeobachtungen im Almagest Erwähnung finden. *Menelaos* verfaßte
-ein Werk über die Berechnung der Sehnen, das verloren ging, und ein
-zweites, »Sphärik« genannt, welches die Grundzüge der sphärischen
-Trigonometrie entwickelte, indessen nur in Übersetzungen bekannt
-geworden ist[581]. *Menelaos* bringt schon den Satz, daß in jedem
-sphärischen Dreieck die Summe der drei Winkel größer als zwei Rechte
-ist. Er zeigt, daß gleichen Seiten desselben sphärischen Dreiecks
-gleiche, ungleichen Seiten ungleiche Winkel gegenüberliegen, und
-zwar den größeren Seiten die größeren Winkel. Sein Werk enthält die
-wichtigsten Sätze über die Kongruenz sphärischer Dreiecke, ferner
-diejenigen Sätze über Transversalen im ebenen und im sphärischen
-Dreieck, die man noch jetzt als die Sätze des *Menelaos* bezeichnet.
-*Ptolemäos* vollendete, was *Hipparch* und *Menelaos* auf dem Gebiete
-der ebenen und der sphärischen Trigonometrie begonnen hatten. Er gab
-dieser Wissenschaft für den astronomischen Gebrauch eine Form, die
-sich, wie seine Lehre, länger als ein Jahrtausend erhalten hat.
-
-Als der letzte unter den großen Mathematikern des Altertums ist
-*Diophant* von Alexandrien zu nennen. Dieser schrieb ein Werk über
-Arithmetik, das etwa zur Hälfte erhalten geblieben ist[582]. Er
-betitelte es ἀριθμητικά und erschloß damit ein bisher kaum betretenes
-Gebiet.
-
-Bei *Diophant* begegnen uns schon gewisse Zeichen und Abkürzungen,
-während vor ihm die Rechnungen zumeist nur durch Worte
-auseinandergesetzt wurden und höchstens gewisse Fachausdrücke (wie
-bei den alten Ägyptern) wiederkehren. Für die Unbekannte (unser x)
-gebrauchte *Diophant* z. B. das Sigma, ς, den einzigen griechischen
-Buchstaben, der keine bestimmte Zahl bedeutete. Für die zweite Potenz
-lautet sein Zeichen δ^ῦ (δύναμίς = Quadrat), für die dritte k^ῦ (κύβος
-= Würfel). Für die sechste Potenz schrieb *Diophant* κ^ῦ κ^ῦ. Höhere
-Potenzen kommen bei ihm nicht vor. Für die Subtraktion verwendet er
-ein besonderes Zeichen (⋔ = umgekehrtes ψ). Zu addierende Größen
-dagegen werden ohne ein Zeichen nebeneinander gestellt. Selbst ein
-Gleichheitszeichen (ι als Abkürzung von ἴσοι, gleich) fehlt nicht[583].
-Diese Beispiele zeigen zur Genüge, daß uns bei *Diophant* schon ein
-Verfahren begegnet, das seine hervorragenden Erfolge erklärlich macht.
-Ein wesentlicher Mangel der diophantischen Algebra besteht darin, daß
-sie den Gegensatz von positiv und negativ noch nicht kennt. Dies
-hat darin seinen Grund, daß *Diophant* nur Differenzen bildet, bei
-welchen der Minuend größer als der Subtrahend ist. Eine größere Zahl
-von einer kleineren abzuziehen, die algebraische Operation, die ja
-zum Begriff der negativen Zahl geführt hat, erschien ihm als etwas
-Unmögliches. Führte die Lösung einer Gleichung auf negative Werte, so
-erklärte *Diophant* einen derartigen Fall für unzulässig. Eine Rolle
-spielte diese Beschränkung besonders bei der Auflösung quadratischer
-Gleichungen, mit der *Diophant* sich sehr vertraut zeigt. Bei ihm
-begegnet uns auch die erste kubische Gleichung. Doch bleibt der
-Fall vereinzelt. Auch ließ sich die betreffende Gleichung auf einen
-niedrigeren Grad reduzieren[584]. *Diophant* gibt die Lösung, ohne
-jedoch sein Verfahren anzudeuten.
-
-Was *Diophant* vor allem auszeichnet, ist die Art, in der er sich
-bei fast allen Problemen von den Einzelfällen loslöst und sich zur
-allgemeineren Betrachtung erhebt.
-
-Die Stellung, die *Diophant* in der Entwicklung der Wissenschaften
-einnimmt, ist infolgedessen eine ganz einzigartige. Einmal treten
-uns seine Schöpfungen, die von allem, was vor ihnen liegt, so sehr
-verschieden sind, ganz unvermittelt entgegen. »Eine ganz andere Luft
-weht in den Schriften dieses Arithmetikers als in denjenigen der
-klassischen Geometer«[585]. Und wie es an nachweisbaren Vorstufen
-und Vorläufern fehlt, so mangelt es in dem auf *Diophant* folgenden
-Jahrtausend auch an Mathematikern, die das von ihm Begonnene
-fortgesetzt hätten. Erst zu Beginn der neueren Periode vermochte man an
-*Diophant* anzuknüpfen und eine höhere Mathematik zu schaffen, deren
-wichtigstes Element, wie bei *Diophant*, allgemeine Zahlen, für sich
-betrachtet und in ihrer Beziehung zu geometrischen und physikalischen
-Größen, sind.
-
-*Diophant* lebte vermutlich im 3. nachchristlichen Jahrhundert,
-jedenfalls ist aber sein Werk später als die Schriften des *Ptolemäos*
-verfaßt. Auf die Entwicklung der alten Astronomie hat es keinen Einfluß
-ausgeübt[586].
-
-Die Förderung, welche die Meßkunde bei den Vorgängern des *Ptolemäos*
-erfahren hatte, wußte dieser sich nicht weniger als die mathematischen
-Fortschritte zunutze zu machen. Im Jugendzeitalter der Astronomie
-wird man wohl die Entfernungen am Himmelsgewölbe nach Mondbreiten
-abgeschätzt und dabei wahrscheinlich zwei um ein Scharnier
-drehbare Stäbe, in deren Treffpunkt sich das Auge des Beobachters
-befand, gebraucht haben. Die Alexandriner benutzten zwei Arten von
-Winkelmeßinstrumenten. Bei der einen kam eine geradlinige, bei der
-anderen die Kreisteilung in Anwendung. Zur ersten Art gehört das
-parallaktische Lineal, auch Regula Ptolemaica genannt, das *Ptolemäos*
-im Almagest beschreibt. Es besteht aus einem lotrecht und drehbar
-aufgestellten Stabe, um dessen oberen Endpunkt sich ein gleich langer
-Stab mit Dioptern, zum Anvisieren des Gestirnes, bewegen ließ. Am
-unteren Ende des senkrechten Stabes war ein dritter drehbarer Stab mit
-Längseinteilung angebracht. Dieser Stab ließ sich in einer Rille des
-Diopterlineals verschieben. Bei jeder Höhenmessung konnte die Lage des
-Diopterlineals auf der Gradeinteilung des zweiten beweglichen Lineals
-abgelesen und danach der entsprechende Winkel aus der Sehnentafel
-entnommen werden.
-
-[Illustration: Abb. 45. Das parallaktische Lineal.]
-
-Indessen bediente sich *Ptolemäos* nach dem Beispiel von *Aristyll*
-und *Timocharis* (300 v. Chr.) auch der mit Gradeinteilung
-versehenen, miteinander verbundenen Kreise, der sogenannten Armillen.
-*Eratosthenes* hatte 220 v. Chr. in Alexandrien Armillen von
-bedeutender Größe errichtet und vermittelst dieser Instrumente den
-Abstand der Wendekreise zu 11/83 des Kreisumfanges bestimmt. Eine der
-von *Ptolemäos* benutzten Armillen zeigt uns die Abbildung 46[587]
-auf S. 256. Sie bestand aus einem aus Kupfer oder Bronze verfertigten
-Ring, der in 360 Grade geteilt war. Der Ring war in senkrechter
-Lage auf einer Säule errichtet und fiel mit dem Meridian zusammen.
-Diesem Ringe war ein zweiter drehbarer Ring mit zwei diametral
-gegenüber befindlichen Vorsprüngen eingepaßt. Wollte man z. B. die
-Mittagshöhe der Sonne messen, so wurde der innere Ring gedreht, bis
-der Schatten des einen Vorsprunges auf den anderen Vorsprung fiel.
-Eine Armillarsphäre (Ringkugel) bestand aus zwei festverbundenen,
-rechtwinklig zueinander stehenden Kreisen, von denen der eine in der
-Ebene des Meridians, der andere in der Ebene des Himmelsäquators lag.
-In dem Meridiankreis war ein dritter Kreis drehbar angebracht, dessen
-Drehachse mit der Weltachse zusammenfiel. In diesem dritten Kreise
-befand sich, konzentrisch und verschiebbar, ein vierter. Durch Diopter
-wurde ein Anvisieren ermöglicht, während Gradeinteilungen ein Ablesen
-der Deklination und des Stundenwinkels gestatteten. Dem Instrument lag
-also der Gedanke zugrunde, die an der Himmelskugel erkannten Kreise
-und Kreisbewegungen im kleinen nachzubilden. Zum Messen von Winkeln
-diente auch wohl der astronomische Ring oder das Astrolabium[588]. Es
-bestand aus zwei konzentrischen, gegeneinander verschiebbaren Ringen,
-die mit je zwei gegenüberstehenden Dioptern versehen waren. Wollte man
-Horizontalwinkel messen, so wurde der Ring hingelegt. Handelte es sich
-um das Messen von Höhenwinkeln, so hing man ihn auf.
-
-[Illustration: Abb. 46. Solstitial-Armille des Ptolemäos. Schematische
-Skizze nach dem Almagest.]
-
-Außer den Armillen benutzte *Ptolemäos*, wie die chaldäischen
-Astronomen, auch aus Stein verfertigte Mauerquadranten, die in der
-Ebene des Meridians errichtet waren.
-
-Wir erkennen, daß schon bei den frühesten astronomischen Beobachtungen
-der Forscher wesentlich auf die Geschicklichkeit des Mechanikers
-angewiesen war. Die Entwicklung der Astronomie ist daher mit der steten
-Vervollkommnung und mit der wachsenden Genauigkeit der Meßwerkzeuge
-Hand in Hand gegangen[589]. Schon die Herstellung der Ringinstrumente,
-welche die Alexandriner benutzten, erforderte eine hervorragende
-Fertigkeit. »Noch jetzt«, so lautet das Urteil eines hervorragenden
-Kenners der Präzisionsmechanik, »würde nur von einem geschickten,
-mit einer Drehbank ausgerüsteten Arbeiter die auch nur für primitive
-Beobachtungen genügende Genauigkeit solcher Meßinstrumente zu erwarten
-sein«[590].
-
-Die für die Astronomie gleich wichtige Zeitbestimmung erfolgte,
-wie es schon bei den Chaldäern geschah, durch Wassermessung. Schon
-im 5. Jahrhundert v. Chr. begnügte man sich nicht mehr mit einer
-Abschätzung der Tagesstunden aus der Länge des Schattens, sondern man
-baute Wasseruhren (Klepsydren). Ja sogar solche mit Weckvorrichtung
-begegnen uns schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert[591]. Die hierbei
-Verwendung findenden Instrumente vervollkommnete der um 270 v. Chr.
-lebende Alexandriner *Ktesibios*, der auch als der Erfinder der
-Feuerspritze, der Wasserorgeln usw. genannt wird, und der in *Heron*
-einen Fortsetzer seiner Arbeiten fand. Damit die Öffnung, durch welche
-das Wasser bei seinen Uhren strömte, unverändert blieb, stellte
-*Ktesibios* diese Öffnung nicht in gewöhnlichem Metall, sondern in
-Gold oder Edelstein her. Ferner sorgte er für ein konstantes Niveau
-des Wassers in dem Abflußgefäß, damit in gleichen Zeiten stets gleiche
-Mengen ausströmten. Mitunter wurden durch das ausströmende Wasser
-Gegenstände gehoben, die ihre Bewegung wieder auf ein Räder- oder
-Zeigerwerk übertrugen.
-
-
-Fortschritte der Geographie.
-
-Wie durch *Hipparch*, so erfuhr auch durch *Ptolemäos* die Geographie
-eine bedeutende Förderung. Das von letzterem um 140 n. Chr.
-geschaffene Lehrbuch[592] dieser Wissenschaft genoß, gleich dem
-Almagest, bis gegen das Ende des Mittelalters eine unbestrittene
-Herrschaft. Durch beide Schriften ist *Ptolemäos* einer der großen
-Lehrer für alle Zeiten geworden, da an den »Almagest« und die
-»Geographie« die großen Entdeckungen anknüpften, welche die Neuzeit
-auf astronomischem und geographischem Gebiete gemacht hat. Wie der
-»Almagest«, so enthält auch die »Geographie« eine erstaunliche Fülle
-von Tatsachen. Nicht weniger als 5000 Punkte des damals bekannten
-Teiles der Erdoberfläche werden nämlich in der »Geographie« nach Länge
-und Breite angegeben. Und zwar sind nicht nur Städte, sondern auch
-Flußmündungen, Berge und andere bemerkenswerte Orte berücksichtigt. Die
-Ermittelung der Breite geschah mit einer solchen Genauigkeit, daß die
-nach *Ptolemäos'* Angaben entworfenen Karten in meridionaler Richtung
-nur geringe Verzerrungen aufweisen. *Ptolemäos* selbst hat Anleitungen
-für die Ortsbestimmung und das Entwerfen von Karten gegeben. Die den
-alten Handschriften seiner Geographie beigegebenen Karten (10 über
-Europa, 5 über Afrika und 12 über Asien) entstammen indessen erst
-dem 6. Jahrhundert, wenn sie auch zweifellos auf antike Vorlagen
-zurückgehen. »Sie sind«, sagt *Ritter*[593], »die Grundlage aller
-neueren Landkarten geworden. Ohne sie würden die unserigen schwerlich
-ihren jetzigen Grad von Vollkommenheit erlangt haben.«
-
-Das bei den Alten übliche Verfahren der Längenbestimmung wurde schon
-erörtert[594]. Es lieferte sehr unvollkommene Ergebnisse[595]. Auch
-wechselte man schon im Altertum mit der Lage des Nullmeridians. So
-rechnete *Ptolemäos* nicht nach dem durch die Insel Rhodos gezogenen
-Meridian, sondern er verlegte den Anfang der Zählung nach den
-»glücklichen Inseln« des äußersten Westens. Diese Einrichtung bot
-den Vorzug, daß für die in Betracht kommenden Gegenden der Erde die
-Unterscheidung zwischen westlicher und östlicher Länge in Wegfall kam.
-
-Bei der kartographischen Darstellung des ihm bekannten Teiles
-der Erdoberfläche konnte *Ptolemäos* ihre Krümmung nicht mehr
-unberücksichtigt lassen. Es galt daher, eine Methode zu benutzen,
-welche Teile einer Kugelfläche in der Ebene zu zeichnen ermöglichte.
-Diese Aufgabe löste *Ptolemäos*, indem er eine Projektionsart empfahl,
-die grundlegend für die weitere Entwicklung der Kartographie gewesen
-ist.
-
-*Marinus* von Tyrus, der Vorgänger des *Ptolemäos*, hatte die Parallel-
-und die Längenkreise sämtlich als gerade Linien und die letzteren
-parallel zueinander gezeichnet. Die Längengrade wurden dadurch für die
-nördlichen Gegenden der Erde viel zu groß, was *Ptolemäos* durch sein
-Projektionsverfahren zu vermeiden suchte. *Ptolemäos* erläutert es mit
-folgenden Worten: »Es wird richtig sein, zwar die Meridiane als gerade
-Linien zu zeichnen, die Breitengrade dagegen als Stücke von Kreisen,
-die um ein und dasselbe Zentrum gezogen sind. Dieses wird senkrecht
-über den Nordpol gedacht. Von dort aus wird man die Meridiane als
-gerade Linien zeichnen müssen, damit die annähernde Ähnlichkeit mit der
-Kugelfläche gesichert wird. Dies geschieht dadurch, daß die Meridiane
-senkrecht zu den Breitenkreisen bleiben und in dem gemeinsamen Pole
-zusammenlaufen«[596].
-
-Während der mathematische Teil der Erdkunde infolge der bedeutenden
-Fortschritte der Astronomie sehr gefördert wurde, blieb auch die
-physische Erdkunde nicht zurück. Von großem Einfluß war hier die
-Erweiterung des Gesichtskreises durch die römischen Eroberungszüge und
-der dadurch bedingte kosmopolitische Zug, welcher die gesamte Erde als
-Wohnsitz des Menschen aufzufassen lehrte. Insbesondere spricht sich
-dieser Zug in *Strabon* aus, von dessen Erdbeschreibung *Humboldt*[597]
-sagt, sie übertreffe an Mannigfaltigkeit und Großartigkeit alle
-geographischen Arbeiten des Altertums. *Strabon* läßt Inseln und ganze
-Kontinente, in Übereinstimmung mit den Ansichten der heutigen Geologen,
-durch vulkanische Kräfte emporgehoben werden. »Nicht nur kleine Inseln
-können gehoben werden«, heißt es bei *Strabon*[598], »sondern auch
-große, ja selbst Festland«. Von Sizilien sagt er, man möchte es »nicht
-für ein Bruchstück Italiens halten, sondern vermuten, es sei durch
-das Feuer des Ätna aus der Tiefe emporgehoben worden«. Doch erörtert
-*Strabon* auch die Möglichkeit, daß Sizilien durch ein Erdbeben von
-Italien getrennt worden sei. Als Beweis, daß Inseln auf vulkanischem
-Wege entstehen, führt er an, daß sich im Jahre 196 v. Chr. in der Nähe
-von Thera, dem heutigen Santorin, unter Feuererscheinung eine Insel von
-12 Stadien Umfang erhoben habe. Wie Sizilien, so betrachtete *Strabon*
-auch Capri und andere der Küste benachbarte Inseln als frühere Teile
-des Festlandes, während inmitten des Meeres gelegene Inseln, wie jene
-Neubildung in der Nähe Theras, durch vulkanische Tätigkeit entstanden
-sein sollten.
-
-Bei *Strabon* begegnet uns übrigens auch zuerst die Ansicht, daß die
-Vulkane Sicherheitsventile der Erde seien. Die Alten wollten nämlich
-beobachtet haben, daß Sizilien in Zeiten einer erhöhten Tätigkeit der
-in der Nähe dieser Insel liegenden Vulkane und des Ätna weniger unter
-Erdbeben zu leiden habe.
-
-Auch die Versteinerungen werden von *Strabon* richtig gedeutet.
-So tritt er bei der Besprechung der linsenförmigen Nummuliten des
-Kalksteins, aus dem die Pyramiden von Gizeh erbaut sind, der Meinung
-entgegen, daß es sich hier um erhärtete Überreste von den Speisen
-der Erbauer handeln könne. Schon *Eratosthenes* habe erwähnt, daß
-Tausende von Stadien vom Meere entfernt Schnecken und Muscheln gefunden
-würden[599]. Man müsse daher annehmen, daß einst große Teile des
-Festlandes für eine gewisse Zeit überschwemmt gewesen und dann wieder
-trocken geworden seien. Der Boden des Meeres sei ferner uneben wie die
-Oberfläche des Landes und das Meer infolgedessen von verschiedener
-Tiefe.
-
-Als Beweis für eine außerordentliche, in historischer Zeit erfolgte
-Verschiebung der Meeresküste erwähnt *Strabon* von einer früheren
-Seestadt südlich der Pomündung, daß sie 90 Stadien vom Ufer entfernt
-liege. Seit jener Zeit ist diese Küste bekanntlich um einen weiteren
-erheblichen Betrag meerwärts hinausgeschoben worden, so daß Ravenna,
-das z. B. zur Zeit *Strabons* noch Seestadt war, jetzt sieben Kilometer
-von der Küste entfernt liegt.
-
-*Strabon* besitzt auch bezüglich der erodierenden Tätigkeit des
-Wassers, der Ursache von Ebbe und Flut, sowie der Abnahme der
-Temperatur mit der Erhebung richtige Vorstellungen. Er ahnt sogar das
-Vorhandensein einer zweiten Kontinentalmasse neben der von Europa,
-Asien und Afrika gebildeten, wenn er sagt: »Es ist wohl möglich, daß
-in demselben gemäßigten Erdgürtel, welcher durch das Atlantische Meer
-geht, außer der von uns bewohnten Welt noch eine andere oder selbst
-mehrere liegen.« *Columbus* ließ sich dagegen von der Vorstellung
-leiten, daß eine Fahrt nach Westen unmittelbar zu den östlichen
-Gestaden des asiatischen Festlandes führen müsse.
-
-Auch bei den Römern war man auf dem Gebiete der physikalischen
-Geographie gegen den Ausgang des Altertums zu ziemlich klaren
-Vorstellungen gelangt. So verdankt man dem *Vitruvius*[600] eine
-im ganzen richtige Theorie der Quellenbildung nebst einer darauf
-beruhenden Anweisung zur Auffindung von Quellen, während *Seneca*[601]
-die durch das Wasser auf der Erdoberfläche hervorgerufenen
-Veränderungen recht gut schildert und die Springfluten darauf
-zurückführt, daß bei ihnen außer dem Monde auch die Sonne zur Wirkung
-gelangt.
-
-Nicht gering waren ferner die Kenntnisse auf dem Gebiete der
-Länderkunde während der letzten Jahrhunderte vor Beginn unserer
-Zeitrechnung. Was die Kenntnis der einzelnen Länder anbelangt, so
-ergänzt die Erdbeschreibung *Strabons* in glücklicher Weise diejenige
-des *Ptolemäos*. *Strabon* hat mehr die europäischen, *Ptolemäos*
-dagegen mehr die asiatischen Länder berücksichtigt. Nur in bezug auf
-das nördliche und östliche Germanien ist der Bericht des *Ptolemäos*
-wieder als der reichhaltigere zu bezeichnen. »*Ptolemäos* eröffnete«,
-sagt *Ranke*[602], »durch seine Beschreibung der Länder jenseits des
-Rheines und der Donau gleichsam eine neue Welt.« Er zerstörte ferner
-den Wahn, daß das Kaspische Meer in das Weltmeer münde und wies
-die Abgeschlossenheit jenes Beckens nach. Seine Darstellung stützte
-*Ptolemäos* besonders auf die geographischen Kenntnisse der Phönizier
-und auf die Berichte, welche ihm der Karawanenhandel zuführte. Auch
-die Züge Alexanders, die gewaltige Ausdehnung der Römerherrschaft,
-sowie die Reisen, welche die damaligen Geographen im Gefolge der Heere,
-der Statthalter und Gesandtschaften unternahmen, hatten eine Fülle
-von Material geliefert. So wußte man z. B. über Indien zur Zeit des
-*Ptolemäos* viel mehr als zur Zeit *Mercators* am Schlusse des 16.
-Jahrhunderts[603].
-
-Nach *Herodots* Erzählung (IV, 42) ließ der ägyptische König *Necho* um
-600 v. Chr. phönizische Schiffer vom Roten Meere aus Afrika umsegeln
-und durch die Straße von Gibraltar nach Ägypten zurückkehren. Die Fahrt
-soll 3 Jahre gedauert haben. *Herodots* Erzählung ist oft angezweifelt
-worden. Soviel ist indes gewiß, daß im Altertum der Äquator
-überschritten wurde. Denn die Schiffer sagten aus, bei ihrer Fahrt um
-Lybien herum nach Westen habe die Sonne um Mittag zur rechten Hand,
-also im Norden, gestanden. *Herodot* fügt dieser Angabe hinzu, er könne
-das nicht glauben; vielleicht gäbe es andere, die es glauben könnten.
-Diese Erzählung *Herodots* hat man als einen Beweis dafür betrachtet,
-daß die Fahrt wirklich stattgefunden hat[604].
-
-Die Quelle, aus welcher *Ptolemäos* bei der Abfassung seiner,
-acht Bücher umfassenden, Geographie besonders schöpfte, waren die
-Reiseberichte des *Marinus* aus Tyrus[605]. In den phönizischen
-Häfen besaß man auf Grund des ausgedehnten Handels, der von dort aus
-getrieben wurde, eine ausgedehnte Kenntnis aller von phönizischen
-Schiffen besuchten Länder, Inseln und Meere. Nach diesem Material
-entwarf *Marinus* eine Karte, die sich unter dem Namen der Tyrischen
-Weltkarte in der Bibliothek zu Alexandrien befand.
-
-Die Längen- und die Breitengrade waren bei *Marinus* gerade Linien, die
-sich unter rechten Winkeln schnitten. Für den damals bekannten Teil der
-Erde (30.-40. Breitengrad) ergab diese Projektionsart, die man wohl als
-die »platte« bezeichnet, ein Netz von Rechtecken. Für den Äquator als
-mittleren Breitengrad würde das Netz aus Quadraten bestanden haben.
-
-*Marinus* von Tyrus wurde durch seine Plattkarte der Begründer der
-mathematischen Geographie. Er ging von einem Gradkreuz aus, das er aus
-dem Meridian und dem Breitenparallel von Rhodos (36°) bildete und zu
-einem Netz rechtwinklig sich schneidender Linien erweiterte.
-
-*Ptolemäos* sagt von *Marinus*, auf dessen Arbeiten er sich besonders
-stützt, dieser habe einen so großen Reichtum an Nachrichten der Alten
-und der Neueren zusammengebracht und so viele Reiseberichte und Werke
-berücksichtigt, wie keiner seiner Vorgänger. Dementsprechend sind auch
-die Angaben, die *Ptolemäos* von den asiatischen Ländern macht, weit
-reichhaltiger als diejenigen, welche durch die römischen Geographen auf
-uns gekommen sind. So nennt *Ptolemäos* viele Städte, Flüsse und Berge
-der Insel Ceylon (Taprobane), von der *Plinius* kaum etwas zu erzählen
-weiß. *Ptolemäos* kennt auch die Sundainseln. Vorderindien ist ihm
-so gut bekannt, daß er von 39 Orten nicht nur die Lage, sondern auch
-die Dauer des längsten Tages nach genaueren Beobachtungen angibt. Die
-Flüsse und Berge Indiens, die er nennt, sind den Europäern bis ins 16.
-Jahrhundert hinein unbekannt geblieben.
-
-Die geographischen Kenntnisse der Phönizier, auf denen *Ptolemäos*
-fußte, erstreckten sich also keineswegs nur auf die Meere und die
-Küsten, sondern auch auf das Innere der Kontinente. Sogar der Weg über
-Land vom Euphrat über Baktrien und ein hohes Gebirge, das sich bis nach
-China erstrecke, wird beschrieben[606].
-
-
-Weitere Fortschritte der Physik.
-
-Wir haben die Fortschritte, welche die Astronomie und die mit ihr
-emporblühende Geographie in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten
-erlebten, als die wichtigsten wissenschaftlichen Ereignisse an die
-Spitze dieses Zeitraumes gestellt. Es gilt jetzt, der Naturlehre
-und der Naturbeschreibung, die weniger hervortreten, eine kurze
-Darstellung zu widmen. Die Mechanik hatte in der vorchristlichen Zeit
-in *Archimedes* und in *Heron* ihren Höhepunkt erreicht. Als ihr
-Hauptvertreter während des jetzt zu schildernden Zeitraumes ist der
-Alexandriner *Pappos* zu nennen, der sich auch um die Weiterbildung der
-Mathematik verdient gemacht hat. *Pappos* lebte gegen das Ende des 3.
-Jahrhunderts n. Chr. Sein auf uns gekommenes Werk besteht aus 8 Büchern
-und führt den Namen »Die Sammlung«[607]. Besonders das letzte Buch
-bringt geometrisch begründete Lehren der Mechanik, wie die Lehre vom
-Schwerpunkt und von der schiefen Ebene. Es behandelt auch die Aufgabe,
-eine gegebene Last durch eine gegebene Kraft mit Hilfe von Zahnrädern
-zu bewegen, deren Durchmesser in gewissen Verhältnissen stehen. Das 7.
-Buch des *Pappos* enthält jenen wichtigen Satz, der unter dem Namen
-der *Guldin*schen Regel erst im 17. Jahrhundert wieder allgemeiner
-bekannt wurde, den Satz nämlich, daß der Inhalt eines Rotationskörpers
-gleich dem Produkt aus der rotierenden Fläche und dem Wege ihres
-Schwerpunktes ist. Erwähnt sei ferner noch, daß sich bei *Pappos* in
-solch ausgedehntem Maße die Verwendung von Buchstaben zur Bezeichnung
-allgemeiner Zahlen findet, wie bei keinem Schriftsteller vor ihm, so
-daß uns bei *Pappos* schon die Elemente der Buchstabenrechnung begegnen.
-
-Von der Förderung der Optik und der Akustik während der ersten
-Blütezeit der alexandrinischen Schule wurde an früherer Stelle
-gehandelt. Bemerkenswert ist, daß die Optik auch während der zweiten
-Blütezeit erheblich gefördert wurde. Und zwar geschah dies durch
-denselben *Ptolemäos*, dessen Verdienste auf dem Gebiete der Astronomie
-und der Geographie wir soeben als so hervorragend anerkannt haben[608].
-Wir finden nämlich bei *Ptolemäos* einen der merkwürdigsten Ansätze zu
-der dem Altertum im übrigen nur wenig geläufigen induktiven Behandlung
-einer physikalischen Erscheinung.
-
-Es handelt sich um die Ablenkung, die ein Lichtstrahl beim Übergange
-aus einem Mittel in ein zweites von anderer Dichte erfährt, während
-das Licht sich in ein- und derselben Substanz geradlinig fortpflanzt.
-Selbst der frühesten Beobachtung konnte es nicht entgehen, daß diese
-Brechung um so größer ist, je schräger das Licht die Grenzfläche
-zwischen beiden Mitteln trifft. Der erste Schritt auf dem Wege des
-induktiven Verfahrens mußte darin bestehen, daß man die Erscheinung
-messend verfolgte und für eine Reihe von Einfallswinkeln die Größe der
-entsprechenden Brechungswinkel durch den Versuch bestimmte. Letzteres
-geschah durch *Ptolemäos*. Mit einem für diesen Zweck verfertigten
-Werkzeug maß er für die Einfallswinkel von 10°, 20°, 30° usw. die
-zugehörigen Brechungswinkel. Sein Apparat bestand aus einer Scheibe,
-die in Grade geteilt war und bis zum Mittelpunkt in Wasser tauchte
-(Abb. 47). Das Verfahren war folgendes: Ein Lichtstrahl BC wurde durch
-eine Marke B des über dem Wasserspiegel MN befindlichen Scheibenstückes
-nach dem Mittelpunkte C der Scheibe geleitet. An dieser Stelle fand
-beim Eintritt in das Wasser die Brechung statt. Der gebrochene Strahl
-CD setzte seinen Weg unter Wasser fort, bis er den Umfang der Scheibe
-in einem auf der Gradeinteilung abzulesenden Punkt D wieder traf. Die
-Werte, welche *Ptolemäos* auf solche Weise erhielt, sind in folgender
-Tabelle zusammengestellt:
-
- Einfallswinkel (α) Brechungswinkel (β)
- 10° 8° (statt 7° 29')
- 20° 15° 30' ( » 14° 51')
- 30° 22° 30' ( » 22° --)
- 40° 29° ( » 28° 49')
- 50° 35° ( » 34° 3')
- 60° 40° 30' ( » 40° 30')
- 70° 45° 50' ( » 44° 48')
- 80° 50° ( » 47° 36')
-
-[Illustration: Abb. 47. Ptolemäos mißt die Brechungswinkel.]
-
-Der Brechungsexponent für den Übergang des Lichtes aus Luft in Wasser
-ergibt sich daraus gleich 1,31, während dieser Wert nach neueren
-Messungen 1,33 beträgt[609]. Das Ergebnis war also im Hinblick auf die
-Art des Verfahrens recht genau, ein Beweis, daß eins der wichtigsten
-Erfordernisse der exakten Forschung, die Schärfe der Messung nämlich,
-dem *Ptolemäos* nicht mangelte.
-
-*Ptolemäos* benutzte sein Ergebnis auch zur Erklärung einer
-astronomischen Erscheinung. Er schloß nämlich, daß der Lichtstrahl
-auch beim Durchgange durch die Atmosphäre eine Brechung erleidet,
-die vom Zenith nach dem Horizont allmählich zunimmt und unter dem
-Namen der atmosphärischen Refraktion bekannt ist. Diese Refraktion
-machte sich ihm z. B. dadurch bemerklich, daß er die Poldistanz eines
-Gestirnes beim Auf- und Untergang kleiner fand als zur Zeit der oberen
-Kulmination.
-
-Nach dem Messen besteht der nächste Schritt auf dem Wege des induktiven
-Verfahrens in dem Auffinden einer gesetzmäßigen Beziehung zwischen
-den gegebenen und den gefundenen Größen. *Ptolemäos* hat auch diesen
-Schritt auf dem Gebiete der Physik zu machen versucht. Wenn es ihm
-auch nicht gelang, die gefundenen Beziehungen auf einen mathematischen
-Ausdruck zurückzuführen, so sprach er doch das Grundgesetz der Dioptrik
-dahin aus, daß der Lichtstrahl beim Übergänge aus einem dünneren in
-ein dichteres Mittel zum Einfallslote hin gebrochen wird. Er findet
-es sogar wahrscheinlich, daß für je zwei Stoffe stets ein bestimmtes
-Verhältnis zwischen dem Einfalls- und Brechungswinkel obwaltet.
-
-Nachdem das Problem der Brechung soweit gefördert war, hat es lange
-geruht. Zwar beschäftigte es die gerade auf dem Gebiete der Optik
-sehr tätigen Araber[610]. Doch gelangten diese nicht wesentlich über
-*Ptolemäos* hinaus. Auch *Johann Kepler* hat sich damit befaßt, indem
-er nach einem später zu beschreibenden Verfahren Messungen über die
-Brechung anstellte und den Begriff des Grenzwinkels einführte. Seine
-Lösung fand das Problem indes erst im 17. Jahrhundert durch *Snellius*,
-den wir als den Entdecker des Brechungsgesetzes kennen lernen werden.
-
-Erwähnung verdient auch des *Damianos* Schrift über die Optik[611].
-Über die Lebensumstände *Damians* ist nichts Näheres bekannt. Seine
-Schrift über die Optik ist jedenfalls später als diejenige des
-*Ptolemäos* verfaßt. Eigentümlich ist die Begründung, welche *Damian*
-über die optischen Ansichten der Griechen bringt. Es sollen hier
-deshalb einige Stellen in freier Übersetzung Platz finden:
-
- * * * * *
-
-»Die Gestalt unserer Augen, die nicht wie die übrigen Sinneswerkzeuge
-hohl und dadurch für die Aufnahme von irgend etwas eingerichtet,
-sondern kugelförmig sind, beweist, daß eine Ausstrahlung von uns
-ausgeht. Daß diese Ausstrahlung Licht ist, das zeigen die von den Augen
-aufleuchtenden Blitze. Bei den Nachttieren erscheinen die Augen bei
-Nacht sogar leuchtend. Noch deutlicher wird diese Ansicht, wenn wir die
-Gleichartigkeit unseres Sehorgans mit der Sonne dargelegt haben werden.
-
-Da die Sehstrahlen, die von unserem Auge ausgehen, möglichst schnell
-zu dem sichtbaren Gegenstande gelangen sollen, so müssen sie sich
-in gerader Linie bewegen. Und ferner, wenn sie davon möglichst viel
-erfassen sollen, werden sie in Kreisform darauf losgehen. Denn alles
-was den lebenden Wesen nützlich ist, pflegt die Natur zu tun. Um die
-sichtbaren Gegenstände in Kreisform zu treffen, müssen die Sehstrahlen
-entweder die Gestalt eines Zylinders oder eines Kegels haben. Ein
-Zylinder kann nicht in Betracht kommen, weil dann nicht Gegenstände
-erfaßt werden könnten, die größer als das Auge sind. Die Sehstrahlen
-haben daher die Gestalt eines Kegels.
-
-Die geradlinige Fortbewegung des Sehstrahls, seine Zurückwerfung und
-seine in große Entfernung reichende und *zeitlos* sich vollziehende
-Fortbewegung: Dies alles kann man auch an den Sonnenstrahlen
-beobachten. Auch vermag unser Sehstrahl durch diejenigen Gegenstände,
-durch welche die Sonnenstrahlen hindurchdringen, wie Glas und Wasser,
-gleichfalls seinen Weg zu nehmen.«
-
- * * * * *
-
-Nach der Betrachtung der Fortschritte, die sich besonders unter
-der Mitwirkung des *Ptolemäos* auf dem Gebiete der Astronomie,
-der Geographie und der Physik vollzogen, wollen wir uns in großen
-Zügen den Besitz vergegenwärtigen, über den das Altertum während
-der römisch-alexandrinischen Periode in den übrigen Zweigen der
-Naturwissenschaften verfügte.
-
-Während die Mechanik, die Optik und die Akustik ihre Grundlagen
-erhielten, blieb man auf den Gebieten der Wärme, des Magnetismus und
-der Elektrizität bei einigen rohen Beobachtungen und dunklen Deutungen
-stehen. Der Magnetstein und seine Eigenschaft, das Eisen anzuziehen,
-waren schon dem frühesten griechischen Altertum bekannt. Da man der
-Seele das Vermögen, etwas zu bewegen, zuschrieb, glaubte man, daß der
-Magnet, ähnlich wie das Tier und die Pflanze, beseelt sei[612].
-
-Auch die Eigenschaft des Magneten, durch andere Stoffe hindurch zu
-wirken, konnte nicht lange verborgen bleiben. So erzählt *Lukrez*,
-der in seinem Werke »De rerum natura« die magnetischen Erscheinungen
-mit behaglicher Breite schildert: »Ich sah eiserne Spän' aufkochen
-und wallen in ehernen Schalen, wenn der magnetische Stein denselbigen
-untergelegt ward«[613]. Auch die bei Uneingeweihten das größte Staunen
-erregenden, schon *Platon* bekannten Ketten, welche aus eisernen,
-magnetisch gemachten Ringen bestanden, die nicht ineinander griffen,
-sondern sich nur berührten, beschreibt *Lukrez*. Er wagt sich sogar an
-eine Erklärung der magnetischen Erscheinungen. Wie von manchen Körpern,
-so sollen auch vom Magneten Teilchen ausströmen, welche die benachbarte
-Luft zurückdrängen. Infolgedessen »stürzen urplötzlich des Eisens
-Stoffe sich hin nach dem Leeren, und also geschieht es«[614]. Daß der
-Magnet zwei Pole besitzt, und zwischen diesen eine Indifferenzzone
-liegt, scheint den Alten entgangen zu sein[615]. Auch die Richtkraft
-kannten sie nicht, während die Chinesen mit ihr schon vor Beginn
-unserer Zeitrechnung vertraut waren.
-
-Die Grunderscheinung der Reibungselektrizität ist den alten Völkern
-jedenfalls bekannt geworden, sobald sie durch den Handel in den
-Besitz des Bernsteins gelangten, da dieser in besonders auffallender
-Weise nach dem Reiben leichte Körperchen anzieht. So sagt *Plinius*:
-Ȇbrigens zieht Bernstein, wenn er durch Reiben mit den Fingern
-Lebenswärme erhalten hat, trockene Blätter, Spreu und Bast gerade so
-an wie der Magnet das Eisen«[616]. Den Bernstein nannten die Alten
-Elektrum. Aus diesem Worte ist die Bezeichnung »Elektrizität« für die
-am Bernstein zuerst beobachtete Eigenschaft entstanden.
-
-Auch an anderen Stoffen scheinen die Alten jene Eigenschaft
-gelegentlich bemerkt zu haben[617], doch ahnten sie keinen Zusammenhang
-zwischen ihr und dem Gewitter. Zwar erblickten die Philosophen in dem
-Blitz und dem Donner nicht mehr, wie das in den Anschauungen einer
-heidnischen Naturreligion befangene Volk, das Geschoß und die Stimme
-des Zeus. Man war aber auch noch weit entfernt von einer richtigen
-Deutung der Erscheinung. *Anaximander* z. B. hielt den Blitz für die in
-den Wolken verdichtete Luft, die plötzlich mit Geräusch hervorbreche.
-
-*Plinius* spricht vom Blitz und vom Donner mit folgenden Worten:
-»Bricht der Wind aus einer größeren Höhlung einer herabgedrückten Wolke
-hervor, so nennt man ihn Orkan. Hat sich der Wind in dem Augenblicke,
-in dem er die Wolke durchbrach, entzündet, so ist er ein Blitz. Daß man
-den Blitz eher sieht, als man den Donner hört, obgleich sie zugleich
-entstehen, ist gewiß nicht zu verwundern, da das Licht schneller ist
-als der Schall. Blitz und Donner erfolgen gleichzeitig, so hat es die
-Natur geordnet«[618].
-
-Auch mit den stillen elektrischen Entladungen, die man als Elmsfeuer
-bezeichnet, waren die Alten wohl bekannt. *Plinius* beschreibt die
-Erscheinung folgendermaßen: »Es entstehen sogar auch Sterne zu Wasser
-und zu Lande. Ich selbst sah bei dem nächtlichen Wachtdienst der
-Soldaten auf den Speeren außerhalb des Walles einen Lichtschein von
-dieser Gestalt haften. Auch auf die Rahen und andere Teile der Schiffe
-setzen sich dergleichen Sterne mit einem eigentümlichen, vernehmbaren
-Ton, wobei sie, wie Vögel, ihren Sitz oft wechseln«[619].
-
-Aus manchen Literaturstellen und antiken Einrichtungen (vergoldete
-Spitzen von Tempeln, mit Kupfer beschlagene Stangen) glaubte man
-schließen zu dürfen, daß die alten Völker schon Blitzableiter verwendet
-hätten. Aus der Kritik des vorhandenen Materials ergibt sich jedoch,
-daß von einer *bewußten* Anwendung von Blitzableitern vor *Benjamin
-Franklin* nicht die Rede sein kann[620].
-
-Auch das Phänomen der tierischen Elektrizität war den Alten wohl
-bekannt. Es entzog sich aber gleichfalls ihrer Einsicht. Gelang doch
-eine Erklärung der atmosphärischen Erscheinungen aus den Gesetzen der
-Reibungselektrizität erst im 18. Jahrhundert, während ein Verständnis
-der Gesetze der tierischen Elektrizität erst in der neuesten Periode,
-nach der Entdeckung des Galvanismus, anbrach. »Dem Zitterrochen steht
-ein gefährliches Gift zu Gebote«, schreibt der griechische Verfasser
-eines im 2. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Werkes[621], »von Natur
-ist er schwach und so langsam, daß es aussieht, als könne er nur
-kriechen. Er besitzt auf jeder Seite ein Gewebe, das denjenigen, der
-es berührt, sogleich jeder Kraft beraubt, sein Blut erstarren macht
-und seine Glieder lähmt.« *Plinius* ahnt schon, daß man es hier mit
-einem Vorgang ganz eigener Art zu tun hat, wenn er sagt[622]: »Der
-Zitterrochen lähmt selbst aus der Ferne, sobald er nur mit der Lanze
-berührt wird, den stärksten Arm. Man ersieht daraus, daß es unsichtbare
-Kräfte gibt.« Daß auch der menschliche Körper wie die Lanze diese
-eigentümliche Wirkung fortzuleiten vermag, ist zwar eine Entdeckung der
-neueren Zeit, doch erwähnt ein anderer Schriftsteller des Altertums,
-daß schon Erschütterung eintritt, wenn man Wasser aus einem Gefäß,
-in dem sich ein Zitterrochen befindet, auf die Hand oder den Fuß
-gieße[623].
-
-Die Heilkunde versäumte nicht, aus dieser merkwürdigen Erscheinung
-Nutzen zu ziehen. So finden wir bei *Galen* berichtet, daß er einem an
-Kopfschmerzen leidenden Menschen einen lebenden Zitterrochen genähert,
-und daß dieser sich als schmerzstillendes Mittel erwiesen habe[624].
-*Avicenna* (*Ibn Sina*), der arabische Bearbeiter der Schriften
-*Galens*, wiederholt diese Angabe.
-
-
-Die Anfänge der Chemie.
-
-Erfreute sich die Physik im Altertum wenigstens auf einigen ihrer
-Gebiete schon einer wissenschaftlichen Behandlung, so war dies
-bezüglich der Chemie noch nicht der Fall. Hier konnte ein Einblick in
-das Wesen der Erscheinungen nur auf Grund zahlreicher, zielbewußter
-Versuche erlangt werden, und einer solchen Forschungsrichtung erwies
-sich die ältere Periode wenig geneigt. Was wir über die Anfänge der
-Chemie berichten können, ist, daß man durch die Heilkunde und durch
-die Gewerbe, insbesondere den Hüttenbetrieb, allmählich mit einer
-Anzahl von chemischen Vorgängen bekannt wurde, ohne daß es gelang, eine
-Verknüpfung dieser Vorgänge unter sich oder mit anderen Gruppen von
-Erscheinungen zu finden. Alle Erklärungen, die man für die stofflichen
-Veränderungen aufstellte, hatten nur den Wert bloßer Philosopheme, zu
-deren Prüfung man noch keine Mittel besaß.
-
-Den größten Einfluß auf die weitere Beschäftigung mit chemischen
-Dingen hat wohl jene Lehre gehabt, welche die Welt auf einen einzigen
-Urstoff zurückführte, der sich den Sinnen in vier Erscheinungsformen,
-als Feuer, Erde, Luft und Wasser, offenbaren sollte. Im Einklang mit
-dieser Lehre stand auch das gegen den Ausgang des Altertums auftretende
-Bestreben, unedle Metalle in edle zu verwandeln, ein Problem, das
-während des ganzen Mittelalters als Ziel und Zweck der Chemie
-betrachtet wurde.
-
-Die Kenntnis und die Verwendung der Metalle war im Altertum schon eine
-recht ausgedehnte. Blei z. B., das gleich dem Eisen sich nur selten als
-solches findet und aus Bleiglanz dargestellt wurde, fand schon im alten
-Rom zu Wasserleitungsröhren Verwendung. Zinn und Zink waren nicht in
-reinem Zustande, sondern nur als Bestandteile von Legierungen bekannt.
-Diese wurden erhalten, indem man Zinnstein oder den zinkhaltigen Galmei
-den Kupfererzen bei ihrer Verhüttung zusetzte. Auch die Gewinnung
-des Quecksilbers durch Erhitzen von Zinnober mit Eisen war schon dem
-Altertum geläufig.
-
-Die Darstellung von chemischen Präparaten, soweit sie nicht durch bloße
-Oxydation entstehen, war kaum möglich, so lange man sich nicht im
-Besitze der Mineralsäuren befand. Mit ihrer Darstellung waren die Alten
-jedoch noch nicht vertraut. Die einzige ihnen bekannte Säure war eine
-organische, die Essigsäure.
-
-Die Tatsache, daß Marmor und Kalkstein beim Glühen eine neue Substanz
-liefern, die, mit Wasser in Verbindung gebracht, ein vorzügliches
-Baumaterial abgibt, wußte man indes wohl zu verwerten. In der späteren
-Römerzeit finden wir auch Zement in Anwendung, ohne den manches
-gewaltige Bauwerk nicht ausführbar gewesen wäre. Auch daß der gebrannte
-Kalk die Soda ätzender macht, war schon im Altertum bekannt[625].
-Dagegen blieb die chemische Natur gasförmiger Substanzen in Dunkel
-gehüllt. Zwar bemerkte man, daß bei der Gärung und an manchen Stellen
-der Erde ein Gas auftritt, das zur Atmung nicht geeignet ist. Es kam
-jedoch niemandem in den Sinn, in dieser Luftart ein von der natürlichen
-Luft verschiedenes Gas zu erkennen.
-
-Einen gewaltigen Anstoß zur Beschäftigung mit stofflichen Veränderungen
-rief der Gedanke hervor, durch geeignete Behandlung könne aus unedlen
-Metallen Edelmetall gewonnen werden. Eine gewissermaßen theoretische
-Grundlage fand dieses Streben in den Lehren des *Platon* und des
-*Aristoteles*. Das alchemistische Problem begegnet uns schon in
-den ersten Jahrhunderten n. Chr. in Ägypten bei Gelehrten der
-alexandrinischen Schule. Es stützte sich auf die, während einer
-langen vorhergehenden Periode rein empirisch erworbenen, nicht
-unbeträchtlichen Kenntnisse über die Metalle, ihre Gewinnung und ihre
-wichtigsten Legierungen.
-
-Auch für die Folgezeit kann man wohl sagen, daß die Geschichte
-der Alchemie und diejenige der Metallurgie im wesentlichen
-zusammenfallen[626]. Die Ägypter unterschieden nach *Lepsius* in ihren
-Inschriften acht mineralische Erzeugnisse, die sie für besonders
-wertvoll hielten. Es waren vor allem das Gold, die als Elektrum
-bezeichnete Legierung von Gold und Silber, das Silber und der Lapis
-lazuli.
-
-Bei den ersten Alchemisten spielte das Blei eine große Rolle. Da man
-aus dem Rohblei Silber abzuscheiden vermochte, glaubte man, das Blei
-sei für die Erzeugung von anderen Metallen hervorragend geeignet. Zinn
-findet sich zwar in den Bronzen der alten Ägypter. Wahrscheinlich
-kannten sie das reine Zinn aber nicht[627]. Auch das Quecksilber, das
-seiner merkwürdigen Eigenschaften wegen bei den Alchemisten die größte
-Rolle spielte, war den alten Ägyptern wohl noch nicht bekannt. Es kam
-erst bei den Griechen und Römern in Gebrauch. *Plinius* nennt es eine
-beständige Flüssigkeit und ein Gift für alles[628].
-
-Nachdem durch lange Zeiträume chemische, vor allem metallurgische
-Einzelkenntnisse gesammelt waren, begegnet uns bald nach Beginn der
-christlichen Zeitrechnung die bestimmte, als Alchemie bezeichnete
-Richtung, deren Ziel die Umwandlung unedler Stoffe in edle Metalle
-war. Die älteste ägyptische Handschrift, die uns davon Kenntnis gibt,
-stammt aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Die Alchemie tritt uns darin in
-Verbindung mit der Astrologie entgegen. Darauf deutet auch hin, daß
-dem Gold die Sonne, dem Silber der Mond und den übrigen Metallen die
-Planeten entsprachen.
-
-Aus der Beobachtung, daß man durch Zusammenschmelzen unedler Metalle
-dem Golde und dem Silber ähnliche Legierungen erhält, daß aus Rohblei
-durch geeignete Behandlung wirkliches Silber und aus Amalgam Gold
-abgeschieden werden kann, hatte sich nämlich die Annahme von der
-Möglichkeit, unedle Metalle in edle zu verwandeln, gebildet. Bei dem
-Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß hielt man die genannten
-Vorgänge für wirkliche Umwandlungen der Stoffe. Da man nun durch
-Verbesserung der hüttenmännischen Betriebe eine größere Ausbeute
-erzielte, so lag der Gedanke nahe, ob nicht durch geeignete Behandlung
-das gesamte Rohmaterial in edles Metall verwandelt werden könne. Die
-Periode, in welcher die Erforschung stofflicher Veränderungen von
-diesem Bestreben geleitet wurde, hat man als das Zeitalter der Alchemie
-bezeichnet.
-
-Die ersten alchemistischen Regungen begegneten uns schon bei den
-Alexandrinern. Aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert sind nämlich
-Schriften alexandrinischen Ursprungs bekannt geworden, die sich mit
-dem Problem der Metallveredelung beschäftigen[629]. Von den Gelehrten
-des unterjochten Ägyptens und den nestorianischen Schulen Vorderasiens
-ging zweifelsohne für die Araber der Antrieb aus, sich mit dem gleichen
-Problem zu befassen. Schon das Wort Chemie deutet vielleicht darauf
-hin. Es ist nämlich gleichlautend mit einer alten Benennung Ägyptens.
-Wie *Plutarch* berichtet, haben die Bewohner dieses Land der schwarzen
-Farbe seines Erdreichs wegen chêmi genannt. Auch die Bezeichnung
-»schwarze Kunst« würde dadurch vielleicht ihre Erklärung finden.
-
-Nach neueren philologischen Untersuchungen ist diese Ableitung
-zweifelhaft geworden. Man ist heute geneigt, mit *Zosimos*, einem
-alchemistischen Schriftsteller des 4. nachchristlichen Jahrhunderts,
-das Wort Chemie von *Chemes* abzuleiten, den *Zosimos* als den
-Verfasser des ersten chemischen Buches bezeichnet. Eine dritte
-Auffassung geht dahin, daß das Wort χύμα, welches »Metallguß« bedeutet,
-das Stammwort für »Chemie« sei[630]. Bei diesem Stande der ganzen Frage
-wird man sich also wohl dahin entscheiden müssen, daß der Ursprung des
-Wortes Chemie völlig dunkel ist.
-
-Die alexandrinischen Gelehrten, sowie auch später die Araber, die sich
-mit chemischen Vorgängen befaßten, ließen sich in ihren Anschauungen
-von den Theorien leiten, die *Platon* und *Aristoteles* über die Natur
-der Materie entwickelt hatten.
-
-Die praktische Grundlage, auf der sich die Alchemie erhob, war neben
-der hüttenmännischen Gewinnung der Metalle, vor allem die Verarbeitung
-der Edelmetalle zu Schmuckgegenständen. In dieser Industrie regte
-sich seit den frühesten Zeiten das Bestreben, Minderwertiges an die
-Stelle von Wertvollem zu setzen und auf diese Weise den Käufer zu
-übervorteilen. Man erreichte dies entweder dadurch, daß man dem Golde
-und dem Silber andere Metalle beimengte oder daß man Metalle und
-Legierungen oberflächlich färbte, um ihnen ein dem Golde oder dem
-Silber ähnliches Aussehen zu verleihen. Als ein Mittel dieser Art
-diente zum Beispiel die Verbindung des Arsens mit dem Schwefel, die
-in der Mineralogie noch heute den Namen Auripigment führt. Auch das
-Quecksilber, mit dem man in Kleinasien und durch den von den Karthagern
-in Spanien betriebenen Bergbau bekannt wurde, fand zur Herstellung
-von Legierungen und oberflächlichen Veränderungen schon lange vor dem
-Beginn der christlichen Zeitrechnung Verwendung. Wenn man all diese
-Praktiken, an die sich bald gewisse Vorstellungen und Spekulationen
-anschlossen, schon mit dem Namen Chemie belegen will, so geht die
-chemische Wissenschaft in ihren Anfängen bis tief ins Altertum zurück.
-Das Bekanntwerden mit Stoffen, welche die Metalle oberflächlich
-veränderten, führte ganz von selbst zum Suchen nach einem, die
-gewünschten Veränderungen hervorrufenden Universalmittel. So entstand
-die Lehre vom »Stein der Weisen«, dem man, ohne ihn gefunden zu
-haben, später immer neue Wirkungen beilegte, insbesondere diejenige,
-Krankheiten zu heilen und das Leben zu verlängern[631].
-
-Eine wichtige Rolle spielte bei jenen Veränderungen das Quecksilber. Es
-ist begreiflich, daß ein so sonderbares Metall bei seiner Entdeckung
-angestaunt wurde und die Phantasie erregte. Welch universelle Bedeutung
-man dem Quecksilber zuschrieb, beweist die Stelle eines Briefes
-aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert[632]. Sie lautet: »Was ich
-lernen möchte, lehre es mich. Das ist das Werk, das Du kannst, die
-Transmutation. Das Quecksilber nimmt doch auf jede Art das Aussehen
-aller Körper an. Es bleicht alle Körper und zieht ihre Seelen an,
-nimmt sie durch Sieden in sich und bemächtigt sich ihrer. Ist es doch
-dazu geeignet, weil es in sich selbst die Prinzipien alles Flüssigen
-enthält. Wenn es die Transmutation durchgemacht hat, bereitet es alle
-Farbenwechsel vor. Es bildet den feststehenden Grund, während doch die
-Farben keine eigentliche Grundlage haben. Das Quecksilber wird, indem
-es seinen eigenen Grund verliert, ein abänderungsfähiges Etwas, und
-zwar abänderungsfähig durch die auf die metallischen Körper ausgeübten
-Behandlungen.«
-
-Die hellenistischen Schriftsteller nennen als den Begründer der
-Alchemie den *Hermes Trismegistos* (den Dreimalgrößten)[633]. Es ist
-das eine durchaus mystische, auch wohl mit einem der ägyptischen
-Hauptgötter (*Ptah*, *Thot*) identifizierte Persönlichkeit. Dem
-*Hermes* wurden zahllose Werke (20000 und mehr) zugeschrieben.
-Ausdrücke wie hermetische Kunst, hermetischer Verschluß, hermetische
-Bücher erinnern noch heute an ihn. Auch Tafeln wurden auf *Hermes*
-zurückgeführt. Unter ihnen trug die berühmteste die Überschrift: De
-operatione solis, d. h. vom Machen der Sonne (des Goldes). Von dem
-mystischen Inhalt dieser im Mittelalter hochgeschätzten Tafel geben
-folgende Zeilen eine Vorstellung: »Wie alle Dinge wurden aus Einem, so
-sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen Dinge. Sein Vater ist
-die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche.
-Seine Nährerin ist die Erde. Du scheide das Erdige vom Feurigen, die
-dunstartigen Teile von den dichten, so gewinnst du das Rühmlichste der
-ganzen Welt«[634].
-
-Bestimmtere, wenn auch nur spärliche Überreste werden auf einen
-alexandrinischen Schriftsteller namens *Zosimos* zurückgeführt. Er war
-in Panopolis (Oberägypten) geboren und lebte um 300 n. Chr. *Zosimos*
-ist ohne Zweifel auf die Entwicklung der Alchemie von großem Einfluß
-gewesen. In einem umfangreichen Werke stellte er die Kenntnisse seiner
-Vorgänger und seine eigenen Erfahrungen zusammen. Doch handelt es sich
-zumeist um kaum verständliche, in mystischen Ausdrücken niedergelegte
-Rezepte. Nach *Zosimos* waren diese Rezepte in Ägypten entstanden.
-Sie befanden sich im Besitz der Priesterschaft und wurden auf das
-strengste geheimgehalten. Wer in die alchemistische Kunst eindringen
-wollte, mußte eine Reihe von sittlichen Vorbedingungen erfüllen. Er
-mußte reinen Sinnes und frei von Habgier sein. Er mußte sich ferner
-aus tiefster Seele in seinen Gegenstand versenken können[635]. Erfolg
-hatte nur, wer nach Erkenntnis strebte, nicht aber der Ungelehrte
-oder gar derjenige, der von unlauterer Gesinnung erfüllt war. Eine
-weitere Vorbedingung bestand darin, daß man »die richtige Zeit und die
-glücklichen Augenblicke« wählte. Um sie herbeizuführen, waren nicht nur
-Beschwörungen, Zaubermittel und Gebete, sondern auch die Mitwirkung der
-Planeten erforderlich.
-
-[Illustration: Abb. 48. Von Zosimos geschilderter Destillierapparat.]
-
-Jene Werke des *Zosimos*, die in Bruchstücken durch syrische
-Manuskripte bekannt geworden sind, enthalten manches über die von den
-Alchemisten benutzten Apparate, wie Öfen, Destilliervorrichtungen usw.
-
-Was die planetarischen Einflüsse betrifft, so stützt sich *Zosimos*
-besonders auf *Hermes Trismegistos*. Die wirksamste Sphäre sollte
-diejenige des Merkur sein, weil der Schattenkegel der Erde gerade bis
-zu ihm reiche[636].
-
-An einer Stelle beschreibt *Zosimos*, wie sich erhitztes Quecksilber
-und Schwefel zu Zinnober vereinigen, der zunächst eine schwarze
-Masse bilde, die erst beim Sublimieren rot werde. Wird Zinnober mit
-gewissen Zutaten in einem geschlossenen Gefäß erhitzt, so steigt aus
-dem Zinnober das Quecksilber als »Silberwasser« oder »göttliches
-Wasser« empor. Es ist ein furchtbar giftiges, in der Hitze nicht
-festzuhaltendes Pneuma, das beim Abkühlen seinen »flüchtigen Schwung«
-verliert und sich an dem Deckel des Gefäßes in Form von Tropfen
-festsetzt[637].
-
-Die von *Zosimos* im Anschluß an *Hermes* entwickelte Lehre von dem
-Einfluß der Planeten auf das Gelingen des »heiligen Werkes« findet sich
-im 5. Jahrhundert bei dem Neuplatoniker *Olympiodor* zu einem System
-entwickelt[638]. Er schrieb nämlich jedes von den sieben Metallen den
-den Alten gleichfalls nur in der heiligen Siebenzahl bekannten Planeten
-zu. Das Gold entsprach bei ihm der Sonne, das
-
- Silber dem Monde,
- Kupfer der Venus,
- Eisen dem Mars,
- Zinn dem Jupiter,
- Quecksilber dem Merkur,
- Blei dem Saturn.
-
-Das Gestirn sowie das entsprechende Metall erhielten dasselbe
-Zeichen[639]. Diese mystischen Beziehungen zwischen der Alchemie und
-der Astrologie wurden später von den Arabern mit Vorliebe weiter
-gepflegt.
-
-Man hat sich bemüht, durch archäologische Nachforschungen in Ägypten
-Stätten nachzuweisen, wo man chemische Prozesse ausübte, sozusagen
-die Laboratorien jenes ersten alchemistischen Zeitalters und die in
-diesen Stätten zur Anwendung kommenden Gerätschaften. Der Erfolg ist
-bisher nur ein geringer gewesen. So beschreibt *Berthelot* nach den
-Angaben *Masperos* eine Stätte, die an eine Grabkammer stößt und die,
-nach allen Anzeichen zu urteilen, während des 6. Jahrhunderts unserer
-Zeitrechnung als Laboratorium gedient hat. Die Wände jener Stätte waren
-angeräuchert, und am Boden befand sich ein Herd aus Bronze und allerlei
-Gerät aus Bronze, Alabaster und anderen Mineralien.
-
-Unter den noch vorhandenen Überresten der alchemistischen Literatur
-sind vor allem die Schriften, die fälschlich unter dem Namen
-*Demokrits* gehen, und zwei in Theben in Ägypten aufgefundene
-Papyrusurkunden zu nennen.
-
-Das Werk des *Pseudo-Demokrit* ist ursprünglich wohl um 200 v. Chr.
-in Ägypten entstanden; es enthielt eine Zusammenfassung des gesamten
-chemisch-technischen Wissens jener Zeit[640], aber noch nicht
-Alchemistisches (nach *v. Lippmann*). Unter den aus dieser Quelle
-stammenden Bearbeitungen ist vor allem ein umfangreiches Werk zu
-nennen, das sich »Demokrits Physik und Mystik« betitelt. Was davon
-auf uns gekommen ist, erweist sich als lückenhaft und entstellt. Der
-Neuzeit wurden die pseudo-demokritischen Lehren genauer erst im 16.
-Jahrhundert bekannt[641].
-
-Aus den erhaltenen Fragmenten geht hervor, daß »Demokrits Physik und
-Mystik« besonders über Gold, Silber, Perlen, Edelsteine und Purpur
-handelte. Ein Beispiel möge uns einen Begriff von dem Inhalt geben. Es
-lautet[642]: »Nimm Quecksilber, fixiere es mit Magnesia. Wirf die weiße
-Erde auf Kupfer. Wirfst du gelbes Silber darauf, so erhältst du Gold.
-Die Natur besiegt die Natur.«
-
-Der demokritische Spruch:
-
- Eine Natur vergewaltigt die andere,
- Eine Natur besiegt die andere
-
-ist für die Goldmacherkunst durch alle Jahrhunderte das Leitwort
-geblieben.
-
-Ein ganz neues Licht haben die Papyrusfunde der thebanischen
-Ausgrabungen auf die Vorgeschichte der Alchemie geworfen. Diese
-Funde wurden 1828 beim Aufdecken eines Grabes gemacht. Sie gelangten
-mit zahlreichen anderen Papyrusrollen nach Europa, fanden aber erst
-neuerdings Beachtung. Die in Leyden befindliche Urkunde wurde 1885
-und die Stockholmer 1913 veröffentlicht. Beide Papyri stammen aus dem
-3. Jahrhundert n. Chr. und enthalten im wesentlichen Vorschriften,
-welche die Verfälschung der edlen Metalle, das Färben mit Purpur und
-Waid (Isatis tinctoria), sowie die Edelsteine und Perlen betreffen. So
-enthält der Stockholmer Papyrus Anweisungen, den Perlen den verloren
-gegangenen Glanz wiederzugeben. Andere Vorschriften betreffen die
-Anfertigung von Perlen aus Glimmer und anderem minderwertigen Material.
-Sie werden als »besser als die echten« angepriesen.
-
-[Illustration: Abb. 49. Eine Probe aus dem Stockholmer Papyrus.]
-
-Von der Herstellung goldähnlicher Legierungen handeln Rezepte,
-denen nachgerühmt wird, daß selbst Fachmänner über die Herkunft des
-Erzeugnisses getäuscht würden[643]. Die erste Seite des berühmten
-Stockholmer Papyrus ist in Abb. 49 teilweise wiedergegeben. Sie
-betrifft, wie aus der Überschrift hervorgeht, die Darstellung des
-Silbers (Ἀργύρου ποίησις) und beginnt mit den Worten: χαλκόν τὸν
-Κύπριον τὸν ἤδη εἰρκασμένος ...
-
-Die Übersetzung der hier gebotenen Textprobe lautet folgendermaßen:
-
-»Schön bearbeitetes und abgeputztes Kupfer tauche in ein scharfes
-Alaunbad und laß es drei Tage darin erweichen. Dann schmilz es
-zusammen mit einer Mine (= 43,6 g) Erz aus chiischer Erde, nachdem Du
-kapadokisches Salz und kristallinischen Alaun zu 200 Drachmen[644]
-beigemischt hast. Schmilz es sorgsam, und es wird kostbar sein. Dazu
-gib nicht mehr als 20 Drachmen schönen und reinen Silbers; das wird die
-ganze Mischung unlöslich erhalten.«
-
-Den Ausgangspunkt für die Legierungen bildet meist das Kupfer. Es
-wird durch Arsen-, Blei- oder Zinnverbindungen zu Silber geweißt
-(der Vorgang wird λεύκωσις genannt). Die oberflächliche Vergoldung
-des Kupfers erfolgt durch Quecksilber (Feuervergoldung). Auch die im
-Mittelalter wieder anzutreffende Vorschrift, Blattgold in Eiweiß zu
-verteilen und mit dieser Tinte Manuskripte anzufertigen, findet sich
-unter den Rezepten.
-
-Wieder andere Abschnitte betreffen die Vermehrung (Verdoppelung,
-Verdreifachung) des Silbers[645].
-
-Die Ausführungen über Farbstoffe und Färberei, die sich im Stockholmer
-Papyrus befinden, lassen den hohen Stand erkennen, den die chemische
-Technik dieser Gebiete schon im Altertum erreicht hatte. Die zum
-Färben bestimmte Wolle wird durch Waschen und Kochen unter Zusatz von
-Seifenwurzel, Kalkwasser oder Sodalösung gereinigt. Dann wird die Wolle
-gebeizt, wozu in der Hauptsache Alaun oder alaunhaltige Mineralien
-genommen werden. Die Farbstoffe wie auch die übrigen Materialien
-werden vor dem Gebrauch geprüft. Und zwar prüft man das Aussehen, das
-Verhalten beim Zerreiben, zu Lösungsmitteln usw. Endlich folgt die
-Auflösung, die Erzielung bestimmter Nuancen und das Färben selbst.
-Gefärbt wird fast nur Wolle, und zwar mit syrischem Kermes (Scharlach),
-Krapp, Schöllkraut und Purpur. Die Indigo enthaltende Waidpflanze
-diente zum Blaufärben. Durch geeignete Mischungen von Waid und Kermes
-erzielte man täuschende Nachahmungen von Purpur. Die betreffende
-Vorschrift schließt mit den Worten: »Du wirst sehen, der Purpur wird
-unbeschreiblich schön.«
-
-Zu den wenigen Vorgängern, welche die Verfasser des Leydener und des
-Stockholmer Papyrus flüchtig anführen, gehört auch der oben erwähnte
-*Pseudo-Demokritos*.
-
-Die Anfänge der Chemie lassen schon zwei Einflüsse erkennen, die
-ihre Entwicklung bis in die neuere Zeit bestimmt haben. Es war dies
-erstens das Bestreben, die entdeckten Tatsachen und ersonnenen
-Verfahrungsweisen geheim zu halten, und zweitens die Verknüpfung
-dieses Gebietes mit Magie und Mystik. Erklärlich wird dies daraus,
-daß die chemischen Vorgänge in ganz besonderem Maße den Charakter des
-Rätselhaften und Wunderbaren tragen und erst nach langem Forschen
-wissenschaftlich erfaßbar wurden. Ferner handelte es sich um Gebiete,
-auf denen Gewinnsucht, Aberglaube und Betrug seit alters eine
-große Rolle spielten. Begegnet uns doch die Verwendung gold- und
-silberähnlicher Legierungen zu Zwecken der Falschmünzerei schon im
-frühen Altertum.
-
-Die Geheimhaltung der Vorschriften wird schon im Stockholmer Papyrus
-verlangt und die so viel spätere Mappae clavicula stellt den Eid der
-Geheimhaltung sogar an die Spitze. Durch die Geheimhaltung wollte der
-Chemiker nicht nur seine Kenntnisse, sondern vor allem auch sich selbst
-persönlich schützen. Drohten ihm doch Anfeindungen von der Kirche, von
-den Regierenden und der besonders abergläubischen Masse. Wie die Chemie
-seit den Tagen der Renaissance aus diesen Fesseln befreit und in der
-Neuzeit zu einer führenden Stellung auf dem Gebiet der Wissenschaften
-und der Technik emporgehoben wurde, soll Gegenstand der späteren
-Betrachtungen sein.
-
-
-Der Übergang vom Altertum zum Mittelalter.
-
-Mit der zweiten Blüteperiode der alexandrinischen Schule und dem mehr
-kommentierenden Verhalten, das die Folgezeit den Naturwissenschaften
-entgegenbrachte, ist die Entwicklung, welche diese Wissenschaften
-im Altertum erfuhren, beendet. Es trat nunmehr eine lange Zeit des
-Stillstandes, ja des Verlustes an manchem erworbenen Besitz ein, die
-sich etwa mit demjenigen Zeitraum deckt, den man in der Weltgeschichte
-als das Mittelalter bezeichnet. Erst im 13. Jahrhundert mehren sich,
-abgesehen von vereinzelten, insbesondere bei den Syrern und den
-Arabern anzutreffenden Bestrebungen, auf die wir näher eingehen
-werden, die Anzeichen, die auf ein Wiederaufleben der Wissenschaften
-schließen lassen. Und erst, nachdem man das Studium der alten
-Literatur auf allen Gebieten aufgenommen, nachdem in Italien und den
-benachbarten Ländern im 15. und 16. Jahrhundert die Kunst geblüht,
-nachdem endlich der geographische Gesichtskreis sich über die ganze
-Erde ausgedehnt, sowie die allgemeine Kultur sich beträchtlich gehoben
-hatte, sehen wir mit dem Anfange des 17. Jahrhunderts eine neue Blüte
-der Naturwissenschaften anheben, welche dem geistigen Leben der
-letztverflossenen Jahrhunderte den Stempel aufgedrückt hat. Ja, dieser
-neue Aufschwung ist so eng mit der gesamten Kultur unseres Zeitalters
-verknüpft, daß ein abermaliger Verfall der Wissenschaften zugleich das
-Ende dieser Kultur bedeuten würde. Man hat viel nach den Gründen der
-Erscheinung gesucht, daß die Wissenschaft und die Kultur des Altertums
-untergegangen sind und das menschliche Geschlecht während eines
-Zeitraums von tausend Jahren fast dem Stillstande verfallen war. Ist
-doch unsere Zeit von dem Gefühl beherrscht, daß sich die Menschheit
-auf der Bahn, die sie seit dem Ausgang des Mittelalters eingeschlagen
-hat, in einem unaufhaltsamen Fortschritt zu weiterer Erkenntnis und
-höherer Gesittung befindet. Ein wichtiger Grund, der diesem Gefühle
-Sicherheit verleiht, besteht darin, daß die neuere Wissenschaft eine
-gewaltige Technik ins Leben rief, wie sie das Altertum, während dessen
-das gewerbliche Schaffen wesentlich auf der Stufe eines noch nicht von
-wissenschaftlichen Grundsätzen durchdrungenen Handwerks verblieb, nicht
-kannte. Dadurch, daß sich in der Neuzeit der Mensch auf dem Wege des
-experimentellen Verfahrens zum Herren der Naturkräfte machte, erfuhr
-die Wissenschaft eine weit innigere Verschmelzung mit der gesamten
-Kultur, als dies im Altertum der Fall gewesen.
-
-Es hat nicht an Verkleinerern der wissenschaftlichen Leistungen
-des Altertums gefehlt[646]. Man darf jedoch nicht vergessen, daß
-im Altertum mangels jedweder Vorarbeit überall erst die Grundlagen
-geschaffen werden mußten. Mag man auch zugeben, daß die Alten auf
-den Gebieten der Mathematik, der Dichtkunst und der Philosophie mehr
-leisteten als auf demjenigen der Naturwissenschaften, so kann sie
-deshalb doch kein Vorwurf treffen. Ihre Beobachtungen konnten nicht
-weiter gehen, als die unbewaffneten Sinne reichen. Und das bloße
-Nachdenken auf Grund einer nur oberflächlichen, nicht durch besondere
-Hilfsmittel geschärften Beobachtung, sowie der Mangel einer induktiven
-Forschungsweise mußten auf manchen Irrweg führen. Eine rühmliche
-Ausnahme machten wieder die Araber, unter denen sich auch bedeutende
-Experimentatoren befanden. Erst als gegen das Ende des Mittelalters
-allgemeiner das Bewußtsein durchbrach, »daß bloßes Spekulieren nichts
-helfe, daß nicht nur die Tatsachen, sondern auch ihre Gründe erkundet
-werden müßten«, erstand eine im modernen Sinne ausgeübte Forschung[647].
-
-Es ist ferner zu bedenken, daß es im Altertum an einem folgerichtig
-durchgeführten Verfahren der wissenschaftlichen Forschung noch gebrach.
-Ihr Wesen ist damit noch lange nicht erschöpft, daß man von der
-Erfahrung ausgeht, wie es im Altertum schon viele forderten. Es besteht
-vielmehr darin, daß der Forscher seine Vorstellungen, die aus der
-Untersuchung der Erfahrungswelt entspringen, unausgesetzt und möglichst
-vollkommen den Tatsachen anzupassen sucht. Den Alten fehlte es nicht
-an solchen Vorstellungen, wohl aber fehlte es noch an der Einsicht,
-daß nur der unausgesetzte Vergleich der Ideen mit den Erscheinungen,
-die Abänderung der Idee, ihre deduktive Gestaltung, ihr Ersatz durch
-eine neue Vorstellung, wenn die alte nicht genügt, das Wesen der
-Naturwissenschaft ausmachen. Hat sich doch gerade das Festhalten an
-einer Idee einem Vorurteil zuliebe als das größte Hemmnis für den
-Fortschritt erwiesen.
-
-Die erwähnten Mängel des Altertums gehören zu den Ursachen, daß
-politische und religiöse Umwälzungen von solchem Umfang eintraten,
-wie sie der neueren Kulturwelt, der vielleicht andere Gefahren
-drohen, hoffentlich erspart bleiben werden. Es war der durch eine
-jahrhundertlange Zersetzung vorbereitete, durch den Ansturm der
-germanischen Stämme herbeigeführte Zerfall des Römerreiches, sowie die
-Überwindung des Heidentums -- oder der angesichts der Unhaltbarkeit
-des Götterglaubens eingetretenen Indifferenz -- durch das Christentum
-und den Islam. Von diesen wirkte das erstere mehr innerlich, indes
-nachhaltiger, während der Islam, das Feuer und das Schwert mit dem
-Bekehrungseifer[648] verbindend, unmittelbar in die Geschicke eines
-großen Teiles der Welt eingriff. Mit dem zunächst zersetzenden Wirken
-all dieser Einflüsse beginnt für die allgemeine Geschichte wie für
-die Geschichte der Wissenschaften das Mittelalter, dem wir uns jetzt
-zuwenden wollen.
-
-
-
-
-7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
-
-
-Der tiefste Eingriff, den die Entwicklung der allgemeinen Kultur und
-der Wissenschaft erlitt, bestand in der Vernichtung des römischen
-Weltreichs durch die germanischen Völker. Die meisten Städte wurden
-zerstört. An die Stelle des Städtewesens, das in Griechenland und
-in Italien zu hoher Blüte gelangt war und allein die feineren, auf
-Kunst und Wissenschaft gerichteten Kräfte zu entwickeln vermochte,
-trat wieder eine mehr ländliche, den geistigen Bestrebungen
-abholde Lebensweise. Die Bevölkerung der Städte, wie diejenige der
-Mittelmeerländer im allgemeinen, verminderte sich trotz des Zuflusses
-von neuen, erobernd einbrechenden Völkermassen. Unermeßlich waren
-auch die Verluste an den seit Jahrhunderten aufgespeicherten Schätzen
-der Kunst und Wissenschaft. Hatte doch Rom z. B. zu Beginn des 5.
-nachchristlichen Jahrhunderts, von den ältesten Zeiten abgesehen,
-noch nie einen Feind in seinen Mauern beherbergt. Zwar hatten
-blutige Kämpfe in seinen Straßen getobt, doch waren Verwüstung und
-Plünderung bis dahin von Rom ferngehalten worden. Das erste Ereignis
-dieser Art erfolgte durch *Alarich* und seine Westgoten im Jahre
-410. »Ungeheuer war der Eindruck auf die Zeitgenossen. Die römische
-Welt zuckte von Riesenschmerz überwältigt zusammen«[649]. Auf
-diese erste Verwüstung folgten andere, weit schlimmere. Nicht nur
-Rom, sondern auch andere Zentren der geistigen und künstlerischen
-Bestrebungen wurden von solchen Ereignissen heimgesucht. Unter diesen
-Verhältnissen war der Zerfall des gewaltigen römischen Weltreichs
-unausbleiblich. Der Historiker, der es liebt, seinen Einteilungen
-in die Augen springende Ereignisse zugrunde zu legen, läßt daher
-das Mittelalter mit dem Eintritt der Völkerwanderung oder mit der
-Errichtung der ersten germanischen Herrschaft auf italischem Boden
-beginnen. In der Geschichte der Wissenschaften hat man wohl nach
-ähnlichen, epochemachenden Ereignissen gesucht und die Auflösung der
-Philosophenschule zu Athen oder die Eroberung Alexandriens durch die
-Araber im Jahre 642 als solche betrachtet (so *Heller* in seiner Gesch.
-der Physik). Man darf jedoch nicht vergessen, daß auf diesem Gebiet die
-Ereignisse geräuschlos vor sich gehen, daß es wohl von den Katastrophen
-der Weltgeschichte beeinflußt wird, aber niemals den Charakter einer
-ruhigen Entwicklung verleugnet.
-
-Der Geist der zweiten alexandrinischen Blüteperiode war um das Jahr
-600 längst erloschen. Die alexandrinischen Gelehrten verstanden die
-alten Schätze, von denen das meiste schon vernichtet war, kaum noch
-zu hüten. Seitdem moralische Fäule auf der einen und das der Welt mit
-ihrem Wissen abgewandte Christentum auf der anderen Seite das Leben
-immer mehr durchdrangen, also schon eine ganze Reihe von Jahrzehnten
-vor dem endgültigen Siege des germanischen Elementes, fanden auch
-in Rom die Wissenschaften nicht mehr die frühere Pflege. Rom und
-Alexandrien wurden Hauptsitze der christlichen Kirche. Und diese kehrte
-sich, da es ihr Ziel war, die antiken Elemente zu überwinden und neue
-an deren Stelle zu setzen, in mißverstandener Auslegung der heiligen
-Schriften auch gegen die antike Wissenschaft. Das Verhältnis der Seele
-zu Gott und gar nichts anderes sollte erkannt werden; dies allein
-hielt man für erkennbar. Der Verstand dagegen galt als machtlos. Nur
-die durch Gottes Gnade geschehene Offenbarung sollte imstande sein,
-die Menschen zu erleuchten[650]. »Forschung«, sagt *Tertullian*[651],
-»ist nach dem Evangelium nicht mehr vonnöten«. Und *Eusebius* meint
-von den Naturforschern seiner Zeit: »Nicht aus Unkenntnis der Dinge,
-die sie bewundern, sondern aus Verachtung ihrer nutzlosen Arbeit
-denken wir gering von ihrem Gegenstande und wenden unsere Seele der
-Beschäftigung mit besseren Dingen zu.« Konnten doch diese Kirchenväter
-der ältesten christlichen Zeit selbst Meinungen heidnischer Philosophen
-für ihre Ansicht ins Feld führen, wie diejenige des *Sokrates*, der die
-menschliche Seele mit ihren inneren Zuständen für den einzigen, des
-Nachdenkens würdigen Gegenstand erklärt hatte.
-
-Mit einem wahren Ingrimm wandten sich die ersten christlichen Gelehrten
-gegen den von *Leukipp*, *Demokrit* und *Epikur* herrührenden
-Versuch einer mechanischen Welterklärung. »Es wäre mir besser«, ruft
-*Augustinus* aus, »ich hätte den Namen *Demokrits* nie vernommen!« Die
-Atomisten werden als blinde und bedauernswerte Menschen bezeichnet.
-Besonders eifert gegen sie der alexandrinische Bischof *Dionysios der
-Große* in seiner Schrift »Über die Natur«[652]. Die Mitteilungen,
-welche *Dionysios* über die Lehren der Atomisten macht, dienen trotz
-ihrer polemischen Richtung als wertvolle Quelle über diesen wichtigen
-Abschnitt der griechischen Philosophie.
-
-*Dionys* bekämpft die Atomisten vor allem, indem er die Zweckmäßigkeit
-der Welt betont und für das Kunstwerk, als das sie dem Menschen
-erscheint, in Gott den Künstler und Schöpfer erblickt. Kann doch nicht
-einmal, so etwa lauten einige seiner Ausführungen, ein Kleid oder ein
-Haus von selbst entstehen, sondern es bedarf dazu einer geregelten
-Leitung. Und nun soll das große, aus Erde und Himmel bestehende Haus,
-der Kosmos, die Ordnung selbst, aus dem Chaos geworden sein. Zu den
-Gestirnen übergehend, sagt er: »Aber wenn auch jene Elenden es nicht
-wollen, so ist es doch, wie die Gerechten glauben, der große Gott, der
-sie gemacht hat und durch seine Worte ihre Bahn leitet.« Weder der Bau
-der menschlichen Organe und ihr Zusammenwirken, noch weniger aber die
-geistige Tätigkeit sind, wie *Dionys* ausführt, mit der Atomenlehre
-vereinbar. Der Philosoph könne seine Vernunft doch nicht von den
-vernunftlosen Atomen erhalten haben.
-
-Während *Dionys* der mechanischen Naturerklärung gegenüber den
-Standpunkt des eifernden Theologen einnimmt und mit Gründen ficht, die
-sich der wissenschaftlichen Erörterung entziehen, erhebt *Lactantius*
-gegen die atomistische Lehre physikalische und philosophische Einwürfe.
-*Lactantius* fragt, woher denn jene Teilchen stammen sollten und wie
-sich ihr Dasein beweisen lasse, da niemand sie gesehen oder gefühlt
-habe. Aber, selbst das Vorhandensein der Atome zugegeben, würden diese
-leichten und runden Teilchen doch keinen Zusammenhang äußern und feste
-Körper bilden können. Wolle man, um dieser Schwierigkeit zu begegnen,
-den Atomen Ecken und Haken beilegen, so habe man keine Atome mehr,
-da solche Hervorragungen doch abgetrennt werden könnten. Das Bemühen,
-die Gesetzmäßigkeit des Geschehens zu erklären oder es auch nur zu
-verfolgen, wurde abgelehnt. Und dieser Standpunkt, den die Kirche
-einnahm, hat sich, mit wenigen Zugeständnissen an die Fortschritte der
-Wissenschaft, durch lange Zeiträume in ihr erhalten. »Je mehr[653] die
-Macht der christlichen Lehre fortschreitet, um so mehr schwindet das
-Verständnis für die kausale Erklärungsweise. Das Wunder reicht überall
-aus. Was also sollen die Bemühungen, Erklärungen aufzufinden?«
-
-Dies Verhalten, das die Kirchenlehrer der naturwissenschaftlichen
-Erklärungs- und Betrachtungsweise gegenüber einnahmen, ist bei
-dem Ansehen, das ihre Schriften bis in die neuere Zeit genossen
-haben, für die weitere Entwicklung von schlimmen Folgen gewesen. Es
-erregte auch sehr oft den Fanatismus der Menge, die sich keineswegs
-mit dem Streit der Meinungen begnügte, sondern nicht nur gegen die
-Wissenschaft, sondern auch gegen ihre Denkmäler und Schätze zu Felde
-zog. So wurde z. B., lange bevor die Araber Alexandrien einnahmen, in
-dieser Stadt, unter der Führung eines christlichen Patriarchen, die
-wertvolle Bibliothek des Serapeions den Flammen überliefert. Schon im
-3. Jahrhundert hatte ein Patriarch die Gelehrten der alexandrinischen
-Akademie vertrieben. Unter Kaiser *Julian* durften sie zurückkehren.
-Indessen unter *Theodosios* begann die Verfolgung von neuem. Damals
-war es, daß der Patriarch *Theophilos* sich von dem Kaiser die
-Erlaubnis erwirkte, das Serapeion zerstören zu dürfen. Mit dem gleichen
-Unverstand, wie gegen die weltliche Wissenschaft, verfuhren die ersten
-Bekenner des neuen Glaubens auch gegen die von den Alten überlieferte
-Heilkunde. Krankheit wurde mit Gebet und Beschwörung bekämpft oder gar
-als eine Strafe Gottes betrachtet, in die man sich willenlos fügen
-müsse, während glückliche Heilungen als Teufelswerk galten.
-
-Sogar die Lehre von der Kugelgestalt der Erde, eine Lehre, die auf
-ein Alter von Jahrhunderten zurückblicken konnte und die allein die
-geographische Ortsbestimmung ermöglicht hatte, ging im Mittelalter,
-nachdem Kirchenväter wie *Lactantius* sie verdammt hatten, verloren
-oder wurde wenigstens durch mystische Vorstellungen verdunkelt. So
-begegnen wir der Ansicht, daß die Erde ein Hügel sei, um den sich
-die Sonne im Laufe eines Tages bewege. *Augustin* sprach sich gegen
-die Existenz von Antipoden aus, weil ein Geschlecht dieser Art in der
-heiligen Schrift unter den Abkömmlingen Adams nicht aufgeführt werde.
-Bei *Rhabanus Maurus* besitzt die Erde eine radförmige Gestalt und
-wird vom Ozean umflossen. Welcher Rückschritt gegenüber den Astronomen
-der alexandrinischen Schule! Befanden sich die Gelehrten des frühen
-Mittelalters mit ihrer Weltauffassung doch fast wieder auf dem naiven
-Standpunkt, den *Hesiod* im 8. Jahrhundert v. Chr. einnahm. Erst seit
-dem 8. nachchristlichen Jahrhundert etwa schrieb man der Erde die
-Gestalt einer Kugel zu. In einer Hinsicht wirkten die Kirchenväter
-übrigens auch Gutes. Sie verhielten sich nämlich im allgemeinen den
-astrologischen Lehren gegenüber, die während der Kaiserzeit das
-astronomische Wissen verdunkelt hatten, ablehnend. Dies geschah zwar
-weniger aus wissenschaftlicher Überzeugung, sondern weil es frevelhaft
-sei, Menschen- und Völkerschicksal aus den Sternen erkennen zu
-wollen[654].
-
-In demselben Maße bildungsfeindlich wie die ersten Christen, wenn auch
-aus anderen Gründen, verhielt sich die zweite Macht, die von der Welt
-auf den Trümmern der Antike Besitz ergriffen hatte, das Germanentum.
-Seine Träger waren Volksstämme, die erst von dem Augenblicke an, in
-dem sie mit der alten Kultur in Berührung kamen, in das Licht der
-Geschichte traten. Ihnen galten nicht nur die zivilisierten Bewohner
-des südlichen Europas, sondern auch deren Geisteserzeugnisse zunächst
-als feindliche Mächte. So erzählt *Prokop* von den Goten, die nach den
-langen Wirren der Völkerwanderung in Italien zuerst wieder geordnete
-Verhältnisse schufen, sie seien der Ansicht gewesen, daß derjenige, der
-die Rute des Lehrers gefürchtet, keinem Schwert und keinem Speer mehr
-festen Blickes begegnen könne.
-
-Bedenkt man nun, daß diese beiden Mächte, das Christentum und
-das Germanentum, das eine geistig, das andere physisch, von dem
-abendländischen Teil der alten Welt Besitz ergriffen, während bald
-darauf im Morgenlande der Islam mit ähnlichen Tendenzen ins Leben
-trat, so läßt es sich begreifen, daß die im Altertum gegründete
-Wissenschaft in dem Geistesleben des Mittelalters zunächst keinen
-Platz fand. Man wird vielmehr darüber staunen, daß diese Wissenschaft
-Kraft genug besaß, nicht gänzlich unterzugehen, sondern unter der
-Asche fortzuglimmen, bis sie, seit dem 13. Jahrhundert etwa, von neuem
-entfacht wurde.
-
-Einer Fortentwicklung der vom Altertum geschaffenen Anfänge wirkte
-nicht nur das geschilderte Streben entgegen, welches dem Christentum
-und dem Germanentum zu Beginn ihres Auftretens innewohnte, es brach
-auch eine Summe von Geschehnissen über die alte Welt herein, die an
-Furchtbarkeit nicht ihresgleichen hatten und das südliche Europa in
-einen Trümmerhaufen verwandelten, so daß dort der Wohlstand, der
-doch bis zu einem gewissen Grade die Vorbedingung aller Kunst und
-Wissenschaft ist, vernichtet wurde.
-
-Während sich das oströmische Reich einer gewissen Beständigkeit
-erfreute, wurde der Westen ein Spielball der germanischen Stämme. Auf
-die Verwüstung durch die Goten folgte der Einfall der Vandalen, die
-überall Ruinen als die Spur ihrer Züge zurückließen. »Sie zerstörten
-alles«, berichtet der Chronist von ihnen, »was sie fanden. Die Pest
-konnte nicht verheerender sein. Auch wütete eine fürchterliche
-Hungersnot, so daß die Überlebenden die Körper der Gestorbenen
-verzehrten.« Es klingt kaum glaublich, wenn uns die Geschichtsschreiber
-jener Zeiten erzählen, daß man Festungen durch den Leichengeruch zur
-Übergabe zwang, indem man die Gefangenen vor den Wällen niedermetzelte.
-
-Fast zur selben Zeit, als die Vandalen Rom plünderten, wurde
-Oberitalien durch die Hunnen verwüstet, deren Zug durch die von
-*Aëtius* gewonnene Schlacht bei Châlons nach Süden abgelenkt worden
-war. Nach diesen völkermordenden Kriegen nahmen todbringende Seuchen
-von dem aus vielen Wunden blutenden Europa Besitz. Vielleicht war
-infolge der vorhergegangenen Ereignisse eine allgemeine Schwächung
-der europäischen Menschheit eingetreten und dadurch der Pest der
-Boden bereitet worden. Zum ersten Male hatte diese Geißel unter *Marc
-Aurel* ihren Zug durch das römische Reich gehalten und weit mehr Opfer
-gefordert, als die Seuchen der Neuzeit. Nach dem von *Prokop*, dem
-Geheimschreiber *Belisars*, hinterlassenen Bericht wütete sie volle 50
-Jahre im ganzen römischen Reiche dermaßen, daß in Italien stellenweise
-die Weinstöcke und das Getreide vermoderten, weil es an Arbeitskräften
-fehlte.
-
-Allmählich erhoben sich indes aus der Verworrenheit und der Verwüstung,
-welche die ersten Jahrhunderte des Mittelalters kennzeichnen und
-das Erlahmen des wissenschaftlichen Geistes begreiflich erscheinen
-lassen, gefestigte Verhältnisse. Rom war dadurch, daß es im 5.
-Jahrhundert in den Besitz der kirchlichen Vorherrschaft gelangt war,
-wieder, wenn auch in anderem Sinne als im Altertum, zum geachteten
-Mittelpunkt des Abendlandes und die römische Sprache zur Weltsprache
-geworden. *Benedikt* von Nursia hatte im Anfang des 6. Jahrhunderts
-das Klosterwesen in Westeuropa begründet. Der Gedanke, sich um der
-Erfüllung religiöser Pflichten willen von der Welt zurückzuziehen, ist
-orientalischen Ursprungs und schon dem Heidentum des Orients geläufig.
-Er ergriff mit besonderer Macht die ersten Christen, welche die
-Satzungen der neuen Religion mit den Forderungen und Schwierigkeiten
-des Lebens nicht in Einklang zu bringen vermochten. So sehen wir bald
-nach der Ausbreitung des Christentums Tausende sich in entlegene Teile
-Syriens und Ägyptens zurückziehen. Es entstand ein von bestimmten
-Regeln abhängiges Mönchstum, das für jene Zeiten eine berechtigte
-Erscheinung war und die Erhaltung der geistigen Kultur begünstigte.
-Schon um die Mitte des 4. Jahrhunderts verbreitete sich das Mönchswesen
-besonders durch den Bischof *Basilius den Großen* in Kleinasien und auf
-der Balkanhalbinsel. Bald fand es auch im weströmischen Reiche Eingang,
-wo namentlich *Augustinus* für diese Form des religiösen Lebens den
-Boden bereitet hatte. *Benedikt* von Nursia gebührt das Verdienst,
-daß er zuerst die umherschweifenden, zuchtlosen, dem Mönchstum
-ergebenen Scharen zum Zusammenleben und zu geordneter Tätigkeit
-zwang. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften bezeichnete er als
-eine der wichtigsten Pflichten seines Ordens. »Den Klöstern«, sagt
-*Lindner*[655], »verdanken wir alles oder das weitaus meiste, was von
-antik-lateinischen Schriften und selbst von den alten germanischen auf
-uns gekommen ist, sie haben den Rückweg zum Altertum offen gehalten.«
-
-Zwar, das Studium der nicht philosophischen Schriften des Altertums
-wurde von den kirchlichen Machthabern nur ungern gesehen. So
-begegnet uns um 1200 ein Verbot[656], welches den Mönchen das Lesen
-naturwissenschaftlicher Schriften als sündhaft untersagte. Im ganzen
-war jedoch die Tätigkeit der Orden auf die Erhaltung der alten
-Schriftwerke und die Ausbreitung der Bildung gerichtet, so daß die
-Benediktiner mit Recht den Wahlspruch »Ex scholis omnis nostra salus«
-führten.
-
-Auch im politischen Leben Italiens machte die Brandung, welche dort
-Jahrhunderte gewütet, endlich einer ruhigen Entwicklung Platz. Während
-der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts herrschten hier die Ostgoten.
-Unter ihrem großen König *Theoderich* (475-526), der eine Verschmelzung
-des germanischen mit dem römischen Element herbeizuführen suchte,
-erlebte das Land sogar einen kurzen Aufschwung. Der wissenschaftliche
-Sinn wurde von neuem lebendig, die Schulen blühten und die Gelehrten
-wurden wieder geachtet[657]. In diesem Zeitraum verdienen besonders
-*Cassiodor* und *Boëthius* Erwähnung.
-
-*Cassiodor* wurde in Süditalien geboren und war um 500 *Theoderichs*
-Geheimschreiber und Ratgeber. Nach der Besiegung der Ostgoten durch
-die Byzantiner zog er sich in die klösterliche Einsamkeit zurück.
-Durch ihn und *Benedikt* von Nursia, der im Jahre 529 das Kloster zu
-Monte Cassino bei Neapel gestiftet hatte, wurde an Stelle der früheren
-Beschaulichkeit der Mönche rege Tätigkeit als oberster Grundsatz
-hingestellt. Unermüdlich wurden in schöner Schrift die im Besitze
-der Klöster befindlichen Werke auf Pergament übertragen und so neben
-manchem Wertlosen doch auch das Wertvolle der Nachwelt erhalten.
-*Cassiodor* selbst empfiehlt das Abschreiben von Büchern den Mönchen
-als die verdienstlichste Arbeit. Seine letzte Schrift verfaßte er
-im 93. Lebensjahre. Er hinterließ 12 Bücher Briefe[658] und eine
-Enzyklopädie[659] der sogenannten sieben freien Künste (Grammatik,
-Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie).
-Indessen handelt es sich für ihn nicht um eine ausführliche Darstellung
-dieser Wissenszweige, sondern mehr um eine Aufzählung derjenigen
-griechischen und lateinischen Schriftsteller, deren Studium dem
-Anfänger zu empfehlen sei.
-
-Das Urbild derartiger, im Mittelalter so häufigen Sammelwerke über
-die freien Künste rührt von *Marcus Terentius Varro* her, der im 1.
-Jahrhundert v. Chr. lebte und neun Wissenschaften enzyklopädisch
-behandelte[660]. Außer den genannten hatte er nämlich auch die Medizin
-und die Baukunst in Betracht gezogen.
-
-Der in einer Geschichte der Wissenschaften Erwähnung verdienende
-Genosse *Cassiodors* war der aus altem römischen Geschlecht
-entstammende *Boëthius*. Nachdem er in seiner Vaterstadt die
-höchsten Ämter bekleidet, fiel er in Ungnade und wurde nach längerer
-Gefangenschaft enthauptet. Im Kerker entstand seine berühmte Schrift
-»Über die Tröstungen der Philosophie«, ein Werk, das in viele Sprachen
-übersetzt wurde[661]. *Boëthius* machte das Studium der griechischen
-Schriftsteller wieder zugänglich, indem er sie in das Lateinische
-übersetzte und erläuterte. *Cassiodor*, der Geschichtsschreiber
-der Ostgotenzeit, hat der Nachwelt eine Stelle aus einem Briefe
-*Theoderichs* an *Boëthius* aufbewahrt, welche den König wie den
-Empfänger in gleicher Weise ehrt. »In deinen Übertragungen«, heißt es
-in diesem Schreiben, »wird die Astronomie des *Ptolemäos*, sowie die
-Geometrie des *Euklid* lateinisch gelesen. *Platon*, der Erforscher
-göttlicher Dinge, und *Aristoteles*, der Logiker, streiten in der
-Sprache Roms. Auch *Archimedes*, den Mechaniker, hast du lateinisch
-wiedergegeben. Welche Wissenschaften und Künste auch das fruchtbare
-Griechenland erzeugte, Rom empfing sie in vaterländischer Sprache durch
-deine Vermittlung«[662].
-
-Lieblingsgebiete des *Boëthius* waren die Musik und die Akustik. Er
-stellte zahlreiche Versuche mit dem Monochord und mit Pfeifen an und
-schrieb ein Werk über die Musik[663], in dem manche klare Anschauung
-entwickelt ist. Wichtiger ist dieses Buch dadurch, daß wir uns nach
-ihm eine gewisse Vorstellung von der Tonkunst des Altertums und des
-früheren Mittelalters machen können. Auch der Astronomie und der Physik
-brachten die gebildeteren Goten, geschichtlichen Berichten zufolge, ein
-großes Interesse entgegen.
-
-Leider sollte dieser hoffnungsvolle Ansatz, den der italische Boden
-gezeitigt, noch in der Blüte geknickt werden. Ebenso rasch, wie das
-Ostgotenreich emporgekommen war, wurde es durch die furchtbaren Kriege,
-welche der oströmische Kaiser gegen die Ostgoten führte, wieder
-hinweggefegt. Zehn Jahre später fiel das verwüstete Italien in die
-Hände der Langobarden. Einen ähnlichen Aufschwung, wie zur Zeit der
-Ostgoten, hat es unter der, Jahrhunderte dauernden Herrschaft dieses
-Volkes nicht wieder erlebt. Doch fand in dieser verhältnismäßig ruhigen
-Zeit eine allmähliche Verschmelzung des germanischen Elementes mit
-dem römischen statt, wodurch die Vorbedingung für eine höhere Kultur
-geschaffen wurde.
-
-Neben *Cassiodor* und *Boëthius* verdient für dieses Zeitalter der
-Bischof *Isidor* von Sevilla erwähnt zu werden. Er wurde im Jahre
-570 in Cartagena geboren und starb 636. In einem, aus 20 Büchern
-bestehenden Werk, das den Titel »Origines« (die Ursprünge) führt,
-gab er, wie es *Cassiodor* und *Martianus Capella* getan, eine Art
-Enzyklopädie der Wissenschaften heraus. Die »Origines« berücksichtigen
-nicht nur die freien Künste, das Trivium (Grammatik, Rhetorik und
-Dialektik) und das Quadrivium (Arithmetik, Musik, Geometrie und
-Astronomie), sondern auch die Medizin, die Naturgeschichte, die
-Geographie usw. Das Werk verdrängte die Enzyklopädien des *Cassiodor*
-und des *Martianus Capella* und war neben *Plinius* und *Aristoteles*
-bis gegen das Ende des Mittelalters für alle späteren Sammelwerke die
-wichtigste Fundgrube. Es führt auch wohl den Titel »Die Etymologien«
-(Libri originum seu etymologiarum). Dementsprechend finden wir für alle
-Gegenstände die Etymologien des Namens an die Spitze gestellt, ja oft
-allein gegeben. In den meisten Fällen waren die Wortableitungen jedoch
-sehr willkürlich und wertlos.
-
-Männer, wie die Genannten, haben das Vorhandene nicht vermehrt,
-sondern, wie *Plinius*, als literarische Sammler gewirkt. Als solche
-sind sie aber für die Erhaltung des Wissens und des wissenschaftlichen
-Interesses für das ganze Mittelalter von Bedeutung gewesen. Fast
-allen lag daran, die Beschäftigung mit den Wissenschaften in weitere
-Kreise zu tragen, indem sie für die Verbreitung und Verbesserung des
-Schulwesens wirkten. Das ist nicht nur *Cassiodor* und *Rhabanus
-Maurus*, sondern auch *Isidor* von Sevilla nachzurühmen.
-
-Wie die Klöster zu Mittelpunkten literarischer Beschäftigung wurden, so
-fand in ihnen auch, zumal in den sich erst der Kultur erschließenden
-germanischen Ländern, die Heilkunde eine Stätte. Die Mönche bereiteten
-Arzneien nicht nur für ihren eigenen Gebrauch, sondern auch für die
-Bewohner der Umgegend. Die heilbringenden Kräuter wurden in besonderen
-Gärten im Schutze der Klostermauern gezogen. Genauere Angaben besitzt
-man über den Kräutergarten des Klosters St. Gallen, aus dem schon im
-9. Jahrhundert die benachbarten Dörfer mit Arzneien versorgt wurden.
-Von den zahlreichen Kräutern, die man in St. Gallen zu diesem Zwecke
-zog, seien beispielsweise Salbei, Raute, Minze und Fenchel genannt.
-Ein selbständiges Apothekenwesen entwickelte sich im germanischen
-Kulturbereich erst im späteren Mittelalter[664]. Im Altertum hatte der
-Arzt die Arzneien in der Regel selbst bereitet.
-
-
-
-
-8. Das arabische Zeitalter.
-
-
-Ein neuer Anlaß zur Beschäftigung mit der Wissenschaft des Altertums
-sollte im Abendlande nicht mehr, wie zur Zeit *Theoderichs*,
-auf eigenem Boden ersprießen, sondern von einem orientalischen
-Volke ausgehen, das bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte.
-Diese Erscheinung ist eine der merkwürdigsten, die uns in der
-Entwicklung der Wissenschaften begegnet, weshalb wir ihr eine etwas
-eingehendere Betrachtung schenken müssen. Während das Christentum die
-abendländischen Völker durchdrang, bemächtigte sich der Islam des
-gesamten Orients. Die Ausbreitung der neuen Lehre erfolgte durch Feuer
-und Schwert und ging Hand in Hand mit der Errichtung eines Weltreiches
-durch die Araber. Auch die letzteren traten, wie die ersten Bekenner
-des Christentums, den vorhandenen Bildungselementen zunächst feindlich
-gegenüber. Von fanatischem Eifer verblendet, soll der Kalif *Omar*
-dem arabischen Feldherrn, der Alexandrien eroberte, den Befehl zur
-Vernichtung der noch vorhandenen Bücherschätze mit den Worten gegeben
-haben: »Wenn diese Bücher das enthalten, was im Koran steht, so sind
-sie unnütz, wenn sie etwas anderes enthalten, so sind sie schädlich.
-Sie sind deshalb in beiden Fällen zu verbrennen.«
-
-Nach anderen Nachrichten[665] soll dieses Wort bei der Eroberung
-Persiens gefallen sein. Bei diesem Ausspruch und manchen anderen,
-geschichtlichen Persönlichkeiten zugeschriebenen Worten ist der
-Nachweis, daß es sich um eine verbürgte Äußerung handelt, in vielen
-Fällen nicht zu erbringen. Wenn sie trotzdem, wie beispielsweise
-*Galileis* Wort: »Und sie bewegt sich doch«, in der Geschichte der
-Wissenschaften Erwähnung finden, so geschieht dies, weil sie häufig
-Personen, Zeitverhältnisse oder geistige Strömungen vortrefflich
-kennzeichnen.
-
-Wie groß der Verlust an Bücherschätzen infolge der von den Arabern
-zu Beginn ihres Auftretens bewiesenen Zerstörungswut gewesen ist,
-läßt sich nicht mehr ermessen. Diese Verluste begannen übrigens in
-Alexandria schon weit früher, nämlich zur Zeit der Belagerung durch
-*Julius Caesar*. Unter *Kleopatra* wurden sie jedoch durch die
-Erwerbung der pergamenischen Bibliothek ausgeglichen. Die Zerstörung
-des Serapeions fand unter *Theodosios* statt. Es wurde jedoch soviel
-gerettet, daß eine neue Bibliothek gegründet werden konnte. Mit den
-etwa noch vorhanden gewesenen Überresten an literarischen Schätzen
-scheinen dann die Araber bei der Eroberung Alexandriens nicht allzu
-glimpflich umgegangen zu sein, wenn auch die Nachrichten über den von
-ihnen bewiesenen Vandalismus ohne Zweifel stark übertrieben sind[666].
-Im allgemeinen waren die Bekenner des Islams nämlich duldsamer als die
-Christen. Während letztere die Unterworfenen zur Bekehrung zwangen
-und keine Religion neben der christlichen anerkannten, war der Islam
-mehr darauf bedacht, zu herrschen. Die Christen behielten unter
-dieser Herrschaft ihre Glaubensfreiheit, ja selbst ihre Kirchen und
-Klöster. Der Islam ließ den unterworfenen Völkern mehr ihre Eigenart.
-Auch behielten die von ihm unterjochten Städte als Mittelpunkte des
-geistigen Lebens und eines größeren Wohlstandes ihre Bedeutung,
-während das Abendland durch die Germanen einer mehr ländlichen,
-naturalwirtschaftlichen Lebensweise anheimfiel. Die Kultur des
-Morgenlandes erlitt daher durch den Islam in ihrer Entwicklung keine
-solch gewaltsame Unterbrechung, wie sie das Abendland erfuhr. Die
-morgenländische Kultur des Mittelalters verdient auch die Bezeichnung
-einer arabischen weniger ihrer Eigenart wegen als dem Umstande, daß
-die Sprache der Araber die herrschende wurde. Mit dieser Erkenntnis
-fällt auch die Paradoxie, die darin liegen würde, wenn man einem bis
-dahin unbekannten Nomadenvolke alle Schöpfungen, welche der Orient im
-Mittelalter hervorbrachte, zuschreiben wollte.
-
-Die Araber verstanden es vortrefflich, dasjenige, was die unterjochten
-Völker an Kulturelementen besaßen, zu sammeln und zu sichten. Nachdem
-sie in der kurzen Zeit vom Auftreten *Mohammeds* bis zum Beginn des
-8. Jahrhunderts Syrien, Palästina, Ägypten, Persien, Nordafrika
-und Spanien erobert hatten, nahmen sie die Bildungselemente, die
-sie in diesen Ländern vorfanden, in sich auf, um sie später den
-abendländischen Völkern zu übermitteln. Den letzteren blieb es
-vorbehalten, auf diesen Grundlagen erfolgreich weiter zu bauen, was die
-Araber nur in bescheidenem Maße vermocht hatten. Es ist ein Verdienst
-der arabischen Literatur, wichtige Teile der griechischen Wissenschaft
-erhalten und sie durch das Dunkel des Mittelalters in die neuere Zeit
-hinüber gerettet zu haben.
-
-Nach dem Untergange der alten Kultur wurden die Wissenschaften in
-Syrien und Persien in griechisch-christlichen und jüdischen Schulen
-gepflegt. Als die Araber diese Länder eroberten, fanden sie dort
-ein reiches geistiges Leben vor[667]. Wahrscheinlich ist aber bei
-dem ersten Anprall die ältere Literatur jener Länder zum Teil
-vernichtet worden, so daß man sich bei dem erwachenden Interesse für
-wissenschaftliche Dinge veranlaßt sah, auf die griechischen Originale
-zurückzugehen, woraus sich z. B. das später zu erwähnende Verhalten
-des Kalifen *Al Mamûn* erklärt[668]. Mit dem Übersetzen ging das
-Kommentieren Hand in Hand. So soll *Ibn Sina* (Avicenna, 980-1037)
-die Schriften des *Aristoteles* in 20 Bänden kommentiert haben. Seine
-Arbeit ging verloren, doch blieb sein Kommentar zu den aristotelischen
-Schriften über die Tiere in lateinischer Übersetzung (von *Michael
-Scotus*) erhalten.
-
-Trotz aller Verfolgungen, denen die griechische Wissenschaft ausgesetzt
-gewesen, fanden sich also im Orient doch noch zahlreiche, wertvolle
-Überreste. Vor allem war es die zur Zeit der Eroberungskriege der
-Araber in Syrien und Persien verbreitete christliche Sekte der
-Nestorianer, die sich um die Erhaltung dieser Überreste ein großes
-Verdienst erworben hatte[669]. Seit dem Zeitalter *Alexanders*
-hatten sich viele Griechen in den bedeutenderen Städten Syriens und
-Persiens niedergelassen und ihr Wissen und ihre Sprache in Vorderasien
-verbreitet. Mit dem Griechentum berührte sich dort alsbald das
-jüdische Element. Beide wurden nach Beginn unserer Zeitrechnung durch
-die Ausbreitung des christlichen Glaubens noch enger verbunden. Der
-den Griechen eigene Drang, überall, wo sie in fremden Ländern sich
-niederließen, als Lehrer ihrer neuen Landsleute aufzutreten, empfing
-dadurch eine neue Anregung. Die Schulen wurden christlich, behielten
-aber ihre Richtung auf die Pflege und Verbreitung der weltlichen
-Wissenschaft, getreu dem Geiste des Griechentums, bei.
-
-Als Sitz einer Akademie sei Edessa erwähnt. Dort entstand auch eine
-bedeutende Bibliothek. Vom 5. Jahrhundert etwa an wurden die Werke des
-*Aristoteles*, sowie griechische Schriften über Medizin, Mathematik,
-Astronomie usw. ins Syrische übertragen. Die Syrer sind als die
-unmittelbaren Schüler der Griechen zu betrachten. Eine nennenswerte
-Förderung der Wissenschaften scheint durch die Syrer aber nicht
-stattgefunden zu haben. Ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie die
-Kenntnisse und Anschauungen der Alten den Arabern übermittelten. Die in
-Mesopotamien entstandenen Nestorianerschulen blühten vom 5. bis ins 11.
-Jahrhundert. Und hier war es, wo die Elemente der antiken Wissenschaft,
-darunter auch diejenigen der Alchemie, den Arabern bekannt wurden,
-durch die sie dann nach Spanien und darauf zu den übrigen Ländern
-Europas gelangten. Durch die Beschäftigung mit chemischen Vorgängen
-sind die syrischen Gelehrten Mesopotamiens vielleicht auf die Erfindung
-des sogenannten griechischen Feuers gelangt, das seit dem Ende des 7.
-Jahrhunderts bei Belagerungen und in Seeschlachten benutzt wurde[670].
-
-Das griechische Feuer wurde im Jahre 678 durch einen Syrer in
-Konstantinopel eingeführt und bestand vermutlich aus einer Mischung
-von leichtflüchtigen Erdölen, Asphalt und gebranntem Kalk. Letzterer
-bewirkte, daß sich die Masse beim Zusammentreffen mit Wasser
-entzündete. Die Verwendung von Salpeter zu Zündsätzen, Raketen usw. ist
-hingegen erst weit später anzusetzen[671].
-
-Von den syrischen Handschriften, die sich mit chemischen Dingen
-beschäftigen, sind noch mehrere erhalten und durch *Berthelot* ihrem
-Inhalt nach bekannt geworden. Es gehört dahin eine Aufzählung[672] der
-Metalle, der sieben Erden, der zwölf als Amulette dienenden Steine und
-einer Anzahl zum Färben des Glases dienender Mineralien. Als Amulette,
-denen man Zauberkräfte zuschrieb, galten z. B. der Amethyst (gegen
-Trunkenheit) und der Bernstein (gegen die Gelbsucht). Eine zweite
-syrische Handschrift[673] kann als das älteste methodische Buch über
-Chemie betrachtet werden. Seine Abschnitte sind überschrieben: Die
-Bearbeitung des Kupfers, des Quecksilbers, des Bleies, des Eisens usw.
-Die syrische Alchemie besteht in der Hauptsache aus der Übersetzung
-griechischer Quellenschriften. In der erwähnten Aufzählung finden sich
-dem Namen jedes Metalls der Name eines bestimmten Planeten und einer
-bestimmten Gottheit beigefügt.
-
-Dogmatische Streitigkeiten riefen einen Gegensatz zwischen den
-syrischen, an der Lehre des Bischofs *Nestorios*[674] festhaltenden
-Christen und der Hierarchie von Alexandrien und Byzanz hervor. Die
-Bedrückung, welche die in Syrien an den Schulen wirkenden Gelehrten
-infolgedessen erfuhren, veranlaßte diese Männer, sich in den persischen
-Christengemeinden, und zwar besonders in Mesopotamien, niederzulassen
-und dort im 5. Jahrhundert neue Pflanzstätten zu gründen[675]. Dadurch
-wurden die Nestorianer die Vermittler zwischen dem Osten und dem Westen
-der alten Welt. Die in Indien entstandenen Wissenselemente fanden
-nämlich in Persien Eingang und wurden später den Arabern und durch sie
-Europa übermittelt.
-
-Als in Bagdad unter *Almansur* das Kalifat allen Glanz des Morgenlandes
-um sich verbreitete, wurden die Nestorianer, sowie andere griechische
-Gelehrte an den Hof gezogen und damit betraut, die in ihrem Besitz
-befindlichen Wissensschätze ins Arabische zu übertragen. Die
-mohammedanischen Machthaber scheint dabei zuerst mehr eine Art von
-Sammeleifer als ein Verständnis für die Bedeutung des Errungenen
-geleitet zu haben. So wird z. B. berichtet, daß *Harun al Raschid*, der
-zur Zeit *Karls des Großen* lebende Kalif aus dem Hause des Omejaden,
-sich von den griechischen Kaisern alles ausgebeten habe, was ihr Land
-an philosophischen Werken besaß. Die Stellung, welche die Araber
-diesen Werken gegenüber einnahmen, war zunächst die blinde Achtung
-gegenüber der Autorität. Wie der Koran in der Religion und im Leben,
-so dienten die vorhandenen, insbesondere die griechischen Vorbilder
-ihnen als unbedingte Richtschnur für das Studium der Wissenschaften.
-Bei diesem Grundzug ihres Wesens war zwar ein wesentlicher Fortschritt
-nicht zu erwarten, doch hatte die von ihnen geübte Überschätzung das
-Gute im Gefolge, daß ihre Literatur in erster Linie der Erhaltung der
-gewonnenen Geistesschätze diente. Darauf und weniger auf dem Inhalt an
-eigenen Gedanken beruht die weltgeschichtliche Bedeutung der arabischen
-Literatur[676].
-
-Die Begierde, Bücher zu sammeln, war in den Ländern, in denen die
-arabische Kultur aufblühte, allgemein. So gab es in Bagdad angeblich
-über hundert Buchhandlungen, und viele Privatleute besaßen größere
-Bibliotheken. Es entstanden sogar gelehrte Gesellschaften, wie sie uns
-im Abendlande erst mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften zu Beginn
-der neueren Zeit begegnen. Auch der Mittelstand war in den Städten
-bemüht, sich die Elemente der Bildung anzueignen, für deren Ausbreitung
-Schulen sorgten. Während in Rom zur Kaiserzeit etwa 30 öffentliche
-Bibliotheken vorhanden waren, bestanden in Bagdad deren weit mehr.
-Die Lehrer, die an den mohammedanischen Schulen wirkten, wurden vom
-Staate besoldet. Legten sie ihrem Vortrage auch meist Bücher zugrunde,
-so gestaltete sich der Unterricht, der meist das theologische und das
-juristische Gebiet betraf, doch zu einem belehrenden Gespräch mit den
-Schülern. Er befand sich also auf einer hohen Stufe. Als weiteres
-Ausbildungsmittel waren ausgedehnte Studienreisen üblich. Solche Reisen
-gaben wieder den Anlaß zur Entstehung vortrefflicher geographischer
-Werke. Mit offenem Blicke schildern ihre Verfasser nicht nur die
-topographischen, sondern auch die klimatologischen Verhältnisse der
-besuchten Länder, sowie ihre Erzeugnisse. Ja, wir besitzen arabische
-Berichte, die uns sogar über den Zustand von Mainz, Fulda und anderen
-deutschen Städten des frühen Mittelalters wertvolle Aufschlüsse geben.
-
-Auch das Interesse für mechanische Dinge war bei den Arabern nicht
-gering. So übersandte, wie *Einhard* berichtet, *Harun al Raschid*
-*Karl dem Großen* unter den zur Krönungsfeier bestimmten Geschenken
-eine Wasseruhr, die ein Zeigerwerk besaß und die Stunden dadurch
-ankündete, daß eine Metallkugel in ein aus Erz gefertigtes Becken
-fiel[677].
-
-Tatsache ist, daß die Präzisionsmechanik bei den Arabern einen hohen
-Grad der Ausbildung erreicht hatte und daß sie bei der Herstellung von
-verschiedenen Arten der Wasseruhren »ein fabelhaftes Talent an den Tag
-legten«[678].
-
-Nicht minder groß war die Vorliebe, welche der Sohn und Nachfolger
-*Haruns*, der Kalif *Al Mamûn*, für die Wissenschaft bekundete. Er
-errichtete in Bagdad eine Sternwarte und gründete in zahlreichen
-Städten seines Reiches Schulen und Bibliotheken. Hatte schon *Harun*
-eigene Übersetzer angestellt, so gründete sein Nachfolger zu diesem
-Zwecke ein förmliches Institut, zu dem eine große Anzahl, der
-verschiedenen Sprachen kundiger, Gelehrten vereinigt wurden. In
-Syrien, Armenien und Ägypten wurden durch besondere Abgesandte Bücher
-aufgekauft. Vor allem übertrug man sämtliche Werke des *Aristoteles*
-und des *Galen*. Auch *Euklid*, *Ptolemäos* und *Hippokrates* lernte
-man kennen. Selbst aus dem Persischen und dem Indischen wurde eifrig
-übersetzt. Nach einem erfolgreichen Kriege gegen den byzantinischen
-Kaiser legte *Al-Mamûn* letzterem die Bedingung auf, ihm von
-sämtlichen, in den Bibliotheken des griechischen Reiches befindlichen
-Werken je ein Exemplar zu überlassen, damit diese Werke ins Arabische
-übertragen würden. Darunter befand sich auch das oben erwähnte
-astronomische Hauptwerk des *Ptolemäos*, das in der Folge Almagest
-genannt wurde.
-
-
-Mathematische Geographie und Astronomie bei den Arabern.
-
-Die Araber haben oft bewiesen, daß sie sich den Alten gegenüber nicht
-bloß rezeptiv verhalten wollten. So wurde z. B. die Messung eines
-Breitengrades zur Bestimmung des Erdumfanges unter *Al Mamûn* wieder
-vorgenommen und zwar, ohne daß man sich an das von den Griechen
-geschaffene Verfahren klammerte[679]. Ein wesentlicher Fortschritt dem
-*Eratosthenes* gegenüber lag bei diesem Unternehmen nämlich darin, daß
-die zugrunde gelegte Strecke nicht in Tagereisen ausgedrückt, sondern
-in der Richtung des Meridians mit Hilfe der Meßschnur ausgemessen
-wurde. Man fand die Länge des Grades gleich 56 und bei einer zweiten
-Messung gleich 56-2/3 arabischen Meilen[680] oder gleich etwa 113040 m,
-woraus sich der Erdumfang zu 40700 km berechnet.
-
-[Illustration: Abb. 50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges.]
-
-*Albiruni* (um 1000) berichtet über das eingeschlagene Verfahren mit
-folgenden Worten[681]: »Man wähle einen Ort in einer ebenen Wüste und
-bestimme dessen Breite. Dann ziehe man die Mittagslinie und schreite
-längs derselben nach dem Polarstern. Miß den Weg in Ellen. Dann miß
-die Breite des zweiten Ortes. Ziehe die Breite des ersten davon ab
-und dividiere die Differenz durch den Abstand der Orte in Parasangen.
-Das Resultat, multipliziert mit 360, ergibt den Umfang der Erde in
-Parasangen.«
-
-Von Interesse ist ein zweites Verfahren, das *Albiruni* zur Ermittlung
-des Erdumfanges anwandte. Es besteht darin, daß man einen hohen Berg
-besteigt, der sich in der Nähe des Meeres befindet, und von hier
-aus durch Beobachtung des Sonnenunterganges den Winkel α, d. h. die
-Depression (Abb. 50) bestimmt. *Albiruni* zeigt dann weiter, wie man
-aus diesem Winkel und der Höhe des Berges den Radius der Erde durch
-trigonometrische Rechnung ermittelt. Eine solche Bestimmung hat er
-wirklich ausgeführt. Er hat in Indien einen Berg, der 652 Ellen über
-das Meer emporragt, bestiegen und den Winkel gemessen, den die nach
-dem Horizont gerichtete Sehlinie mit der Horizontalen auf dem Gipfel
-bildet. Dieser Winkel wurde mit Hilfe des Astrolabs gefunden und belief
-sich auf 34'. Aus diesem Werte und der Höhe des Berges wurde der Radius
-und die Länge eines Grades berechnet. Die Berechnung ergab für den
-Umfang der Erde etwa 5600 Meilen[682], das sind 41550 km.
-
-Auf Befehl des *Al Mamûn*, der die erwähnte Gradmessung in der Nähe des
-Roten Meeres anstellen ließ, wurde auch die Schiefe der Ekliptik mit
-großer Genauigkeit ermittelt. Der gefundene Wert belief sich auf 23°
-35'. Heute beträgt er 23° 27'. Die Änderung beläuft sich also in einem
-Jahrhundert auf etwa 48''.
-
-Die Astronomie fand bei den Arabern eine zusammenfassende Bearbeitung
-durch den unter *Al Mamûn* lebenden *Alfragani* oder *Alfergani*. Dem
-Werk, das *Melanchthon* 1537 unter dem Titel »Alfragani rudimenta
-astronomiae« aus dem Nachlaß *Regiomontans* herausgab, lag zwar der
-Almagest zugrunde, es zeigt aber, daß sein Verfasser ein fleißiger
-Astronom war, der die Methoden seiner Vorgänger zu verbessern
-suchte. Auch beschrieb *Alfragani* die zu seiner Zeit gebrauchten
-astronomischen Instrumente. Er stellte seine Beobachtungen auf der von
-*Al Mamûn* errichteten Sternwarte an und wurde dabei häufig von dem
-Kalifen unterstützt.
-
-*Alfragani* wurde weit übertroffen durch den etwa ein Jahrhundert
-später lebenden *Al Battani* (Albategnius haben ihn seine Übersetzer
-genannt). *Al Battani* war prinzlichen Geblütes und hat sich
-nicht nur um die Astronomie, sondern auch um die Einführung der
-trigonometrischen Funktionen große Verdienste erworben. Seine
-Beobachtungen, die er etwa von 880-910 anstellte, wurden von den
-Arabern als die genauesten gepriesen. *Albattani* hat viele Angaben
-des *Ptolemäos* nachgeprüft und verbessert. Das von ihm verfaßte Werk
-»Über die Bewegung der Sterne« erschien in lateinischer Übersetzung
-und mit Zusätzen *Regiomontans* im Jahre 1537. Aus diesem Werke
-ist die Bezeichnung Sinus, für das Verhältnis der halben Sehne zum
-Radius, in die mathematische Literatur aller Völker übergegangen.
-Die mit der Anwendung der ganzen Sehnen verknüpfte rechnerische
-Unbequemlichkeit, welche der Almagest aufwies, kam damit in Fortfall.
-Die trigonometrischen Sätze nehmen ferner bei *Albattani* mehr den
-Charakter für die Rechnung bestimmter Formeln an. Aus sin α/cos α =
-D wird sin α = D/√(1 + D^2) berechnet und α dann in den Sinustafeln
-aufgefunden. Auch der Bruch cos α/sin α wird einer Rechnung zugrunde
-gelegt. Bedeutet nämlich α die Höhe der Sonne über dem Horizont und ist
-h die Höhe eines Schattenmessers, l die Länge des Schattens, dann ist
-
-[Illustration: Abb. 51. Trigonometrische Berechnungen.]
-
-*Albattani* berechnete danach die Länge von l bei einer bestimmten Höhe
-von h (= 12) für α = 1°, 2°, 3° usw. Er erhielt auf diese Weise eine
-kleine Tabelle für die Kotangenten der ganzen Winkel.
-
-Die Trigonometrie erscheint als eines der Gebiete, das die Araber
-nicht nur wegen ihrer Beziehung zur Astronomie, sondern auch seiner
-selbst wegen mit Vorliebe angebaut haben. Auf die Tangensfunktion
-mußte schon *Albattani* kommen, als er den Stab h horizontal in der
-Wand AB befestigte und das Verhältnis der Schattenlänge l zu der Länge
-des Stabes h zur Bestimmung des Winkels α benutzte. Daß sich die
-Tangensfunktion zur Berechnung von Dreiecken vorzüglich eignet, wurde
-bald nach *Albattani* erkannt[683].
-
-[Illustration: Abb. 52. Einführung der Tangensfunktion.]
-
-Ihren Höhepunkt erreichte die Trigonometrie der Araber um 1250 in
-dem Werke »Über die Figur der Schneidenden«. Es wird darin das
-rechtwinklige und, ausgehend vom Sinussatz, das schiefwinklige Dreieck
-behandelt. Auch die Trigonometrie des schiefwinkligen sphärischen
-Dreiecks wird in dem genannten Werke in den Grundzügen entwickelt. Der
-weitere Ausbau der Trigonometrie, vor allem die Formulierung des so
-wichtigen Cosinussatzes, erfolgte erst einige hundert Jahre später, als
-im Abendlande die Wissenschaften wieder auflebten, durch *Regiomontan*.
-
-Wir haben an früherer Stelle den hohen Grad von Kunstfertigkeit
-erwähnt, den die alexandrinischen Mechaniker bei der Herstellung
-astronomischer Meßinstrumente, insbesondere der Astrolabien, bewiesen.
-In dieser Kunst war die praktische Astronomie der Araber derjenigen der
-Griechen mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen[684]. Neben
-den ringförmigen Astrolabien benutzten die Araber als Meßwerkzeuge
-auch Quadranten und Halbkreise, ferner parallaktische Lineale und
-Instrumente, welche die trigonometrischen Funktionen, wie den Sinus
-und den Sinus versus, anzeigten[685]. Die Einführung dieser Funktionen
-in die Astronomie ist an den Namen *Al Battanis* (Albategnius)
-geknüpft, der in den Jahren 882-910 seine Beobachtungen anstellte und
-Tabellen entwarf[686]. Auf Grund der astronomischen Beobachtungen der
-arabischen Sternwarten in Damaskus und Bagdad wurde eine Revision der
-ptolemäischen Tafeln vorgenommen[687].
-
-Die Blüte der arabischen Wissenschaft war keine kurze, wie man hin und
-wieder behauptet hat, denn ein Jahrhundert später begegnen wir wieder
-einem hervorragenden Astronomen *Ibn Junis* (gestorben 1008), der in
-Kairo auf Befehl des Kalifen *Al Hâkim* wertvolle astronomische Tafeln
-über die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Planeten anfertigte.
-Auch dort stand den Astronomen eine mit großer Freigebigkeit
-eingerichtete Sternwarte zu Gebote. Auf Grund der Sternverzeichnisse
-verstand man es, vortreffliche Himmelsgloben aus Silber oder Kupfer
-anzufertigen, von denen einige erhalten geblieben sind. Eine
-weitgehende Genauigkeit der Winkelmessung suchte man dadurch zu
-erreichen, daß man den mit der Gradeinteilung versehenen Instrumenten
-gewaltige Dimensionen gab. So soll ein in Bagdad aufgestellter Sextant,
-mit dem man im Jahre 992 die Schiefe der Ekliptik maß, einen Radius
-von 58 Fuß gehabt und einzelne Sekunden angezeigt haben. Auch das
-Verfahren, zum Messen der Kulmination bestimmte Instrumente fest im
-Meridian aufzustellen, indem man Mauerquadranten errichtete, treffen
-wir bei den Arabern. Sogar ein Instrument mit einem Horizontalkreis,
-über dem zwei Quadranten drehbar angebracht waren, findet man bei ihnen
-in Gebrauch. Dieses Instrument, dem später *Tychos* Azimutalquadrant im
-wesentlichen entsprach, ermöglichte es, von zwei Gestirnen gleichzeitig
-Azimut und Höhe zu bestimmen. Jene »drehenden Quadranten« der Araber
-und *Tychos* Instrument sind grundlegend für die Konstruktion des
-heutigen Theodoliten gewesen.
-
-Die Astronomie, die immer mehr in Astrologie ausartete, die Mathematik
-und die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik, ferner auch die
-Chemie in ihrem ersten, von mystischen Vorstellungen durchwebten
-Gewande, waren die Gebiete, denen sich die Araber mit Vorliebe
-zuwandten. Auf diesen haben sie, zumal was die, wenn auch nicht
-ihrem Ursprunge, so doch ihrer ersten Entwicklung nach vorwiegend
-arabische Wissenschaft der Chemie betrifft, anerkennenswerte Leistungen
-aufzuweisen.
-
-Eine Anregung zur Beschäftigung mit der Mathematik empfingen die Araber
-nicht nur durch die griechischen Schriften, die von einem vorzugsweise
-für die Geometrie veranlagten Volke herrührten, sondern in nicht
-geringerem Maße von den Indern, die sich durch ihre rechnerische
-Begabung auszeichneten. Von den letzteren erhielten sie, soweit die
-vorliegenden, noch mangelhaften Angaben zu schließen gestatten,
-vermutlich auch das auf dem Stellenwert beruhende Ziffernsystem, das
-wir noch heute als das arabische bezeichnen, weil die Araber es den
-abendländischen Völkern übermittelt haben. Auch die Algebra, soweit
-sie indischen Ursprungs ist, erfuhr durch die Araber eine wesentliche
-Fortbildung.
-
-Von den griechischen Mathematikern ist *Euklid* für die Entwicklung
-der Mathematik bei den Arabern von großem Einfluß gewesen. Zur
-Weiterentwicklung der Arithmetik wurden sie besonders durch die
-Übernahme des indischen Ziffernsystems angeregt. Die indischen
-Zahlzeichen verbreiteten sich übrigens schon sehr früh von Alexandrien
-aus nach Rom[688].
-
-Bevor wir auf die Weiterentwicklung der Mathematik durch die Araber
-näher eingehen, sei noch erwähnt, daß gegen den Ausgang des
-Mittelalters das westliche Europa, wahrscheinlich gleichfalls durch
-Vermittlung dieses Volkes, in den Besitz der in Ostasien erfundenen
-Bussole und sehr wahrscheinlich auch des Schießpulvers gelangt ist.
-Eine Nachricht über die Bussole begegnet uns in einer chinesischen
-Schrift aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Dort wird der Magnet als ein
-Stein bezeichnet, mit dem man der Nadel Richtung gebe[689]. Ferner ist
-nachgewiesen, daß die Chinesen schon im 12. Jahrhundert n. Chr. mit der
-Erscheinung der magnetischen Deklination bekannt waren. Die betreffende
-Stelle der chinesischen Literatur lautet[690]: »Wenn man die Spitze
-einer Nadel mit dem Magnetstein bestreicht, so zeigt sie nach Süden,
-jedoch nicht genau, sondern etwas nach Osten. Die Abweichung beträgt
-etwa 1/24 des Kreisumfanges (also etwa 15°).«
-
-Daß die Bussole durch den Schiffer *Flavio Gioja* aus Amalfi erfunden
-oder in Europa bekannt geworden sei, hat sich als eine der vielen, in
-der Geschichte der Wissenschaften vorkommenden Legenden erwiesen. Es
-unterliegt keinem Zweifel, daß man mit dem Gebrauche der Magnetnadel
-in Europa lange vor dem im 14. Jahrhundert lebenden *Gioja* bekannt
-war. So erwähnt ein provenzalisches, im 12. Jahrhundert entstandenes
-Buch[691], daß der Schiffer, wenn er weder Mond noch Sterne sehen
-könne, sich nach der Magnetnadel richte. Auch in einer um 1180
-entstandenen Schrift[692] heißt es, die Eisennadel erlange durch die
-Berührung mit dem Magneten die Fähigkeit, nach Norden zu zeigen,
-was für den Schiffer wichtig sei. *Gioja* gebührt vielleicht das
-Verdienst, daß er die Nadel mit der Windrose verbunden und damit für
-den Gebrauch geeigneter gemacht hat[693]. Ob die Bussole in Europa
-selbständig erfunden ist oder durch die Vermittlung der Araber von
-Ostasien nach dort gelangte, ließ sich bisher nicht mit Sicherheit
-nachweisen. Letztere Annahme ist aber bei dem regen Handelsverkehr,
-den die Länder des Islams mit Indien und China unterhielten, die
-wahrscheinlichere[694].
-
-Interessant ist auch, wie sich die Anbringung der Magnetnadel
-allmählich immer praktischer gestaltete. Zuerst ließ man die Nadel
-schwimmen. So heißt es an einer Stelle[695] in dem 1232 verfaßten
-»Buche des Schatzes der Kaufleute in Kenntnis der Steine«: »Wenn die
-Nacht so dunkel ist, daß die Kapitäne keinen Stern wahrnehmen können,
-um sich zu orientieren, so füllen sie ein Gefäß mit Wasser und stellen
-dieses im Innern des Schiffes, gegen den Wind geschützt, auf; dann
-nehmen sie eine Nadel und stecken sie in einen Strohhalm, derart, daß
-beide ein Kreuz bilden. Dieses werfen sie auf das in dem erwähnten
-Gefäß befindliche Wasser und lassen es auf dessen Oberfläche schwimmen.
-Hierauf nehmen sie einen Magneten, nähern ihn der Wasseroberfläche
-und geben ihrer Hand eine Drehung. Dabei dreht sich die Nadel auf
-der Wasseroberfläche; dann ziehen sie ihre Hände plötzlich und rasch
-zurück, worauf die Nadel nach zwei Punkten, nämlich Nord und Süd,
-zeigt.«
-
-Die nächste Verbesserung bestand darin, daß man den Magneten auf einer
-Nadel schweben ließ. Die Verbindung des Magneten mit der Windrose, die
-man auf solche Weise beweglich machte, erfolgte wahrscheinlich im 14.
-Jahrhundert. Seine Vollendung erhielt der Kompaß, als ihn *Cardanus*
-(im 16. Jahrhundert) mit der nach ihm benannten Aufhängung versah[696].
-
-Wie mit der Bussole verhält es sich wahrscheinlich auch mit dem
-Schießpulver, das in China weit früher als in Europa bekannt war. Die
-älteste Nachricht, welche die europäische Literatur über das Pulver
-aufweist, enthält wohl das Manuskript des *Marcus Graecus*[697]. Es
-gibt an, man solle Schwefel, Kolophonium oder Kohle und Salpeter
-zusammenreiben und mit dieser Mischung lange Röhren füllen. Zünde man
-die Mischung dann an, so flögen die Röhren in die Luft oder sie würden
-mit donnerähnlichem Knall zerplatzen.
-
-Nach *M. Graecus* wurden 1 Teil Kolophonium, 1 Teil Schwefel, 6 Teile
-Salpeter gepulvert, mit Öl gebunden und dann in ein Rohr gefüllt. Nach
-einer anderen dort mitgeteilten Vorschrift wurden 1 Teil Schwefel,
-2 Teile Linden- oder Weidenkohle und 6 Teile Salpeter gepulvert
-und zur Füllung einer Art Rakete benutzt, um »fliegendes Feuer«
-herzustellen[698]. Derartige Raketen wurden auch gegen feindliche
-Schiffe geschleudert, um sie in Brand zu stecken[699].
-
-
-Die Rechenkunst der Araber.
-
-Zur Beschäftigung mit der Mathematik gelangten die Araber dadurch,
-daß ihnen die Schriften der Griechen und der Inder bekannt wurden.
-*Ptolemäos* und *Euklid*, *Apollonios*, *Heron* und *Diophant* wurden
-in zahlreichen arabischen Übersetzungen verbreitet[700]. Welche Rolle
-hierbei christlich-griechische Schulen spielten, die unter dem Einfluß
-der Sekte der Nestorianer in Syrien entstanden waren, haben wir schon
-erwähnt. Im 8. Jahrhundert gelangte ein Auszug aus dem Werke des Inders
-*Brahmagupta* nach Bagdad. Dieser Auszug wurde um 820 durch *Mohammed
-ibn Musa Alchwarizmi* einer Umarbeitung unterzogen.
-
-*Ibn Musa* (*ben Musa*), der bekannteste arabische Mathematiker,
-lebte unter *Al Mamûn*. Er war nicht nur an der Herausgabe indischer
-Werke, sondern auch an einer Neubearbeitung der ptolemäischen Tafeln,
-sowie an der erwähnten arabischen Gradmessung beteiligt[701]. Ferner
-schrieb *Ibn Musa* über die Rechenkunst und die Algebra. Ein Übersetzer
-des Buches über die Rechenkunst hat aus *Alchwarizmi* den Namen
-*Algorithmus* gemacht, der noch jetzt für jedes zur Regel gewordene
-Rechnungsverfahren benutzt wird.
-
-Den Ziffern wird von *Ibn Musa* nach indischem Vorbild ein Stellenwert
-beigelegt. Übersteigt beim Addieren die Summe der Ziffern 9, so sollen
-die Zehner der folgenden Stelle zugerechnet und an der ursprünglichen
-Stelle nur das geschrieben werden, was unter 10 übrig ist. »Bleibt
-nichts übrig«, fährt *Ibn Musa* fort, »so setze den Kreis (die Null),
-damit die Stelle nicht leer sei. Der Kreis muß sie einnehmen, damit
-nicht durch das Leersein die Zahl der Stellen vermindert und die zweite
-für die erste gehalten wird«[702].
-
-*Ibn Musas* Werk über die »Algebra« ist das erste, das diese
-Bezeichnung trägt. Das Wort Algebra bedeutet soviel wie Ergänzung und
-bezieht sich auf die Auflösung der Gleichungen. Das Verfahren der
-Ergänzung (Algebr) besteht darin, daß man, um die negativen Glieder aus
-einer Gleichung zu entfernen, auf beiden Seiten die gleichen, positiven
-Werte hinzufügt.
-
-Das Buch war weniger für den wissenschaftlichen als für den praktischen
-Gebrauch bestimmt. Dies geht auch aus folgenden Worten hervor, mit
-denen *Ibn Musa* sein Buch einleitet: »Die Liebe zu den Wissenschaften,
-durch die Gott den *Al Mamûn*, den Beherrscher der Gläubigen,
-ausgezeichnet hat, und seine Freundlichkeit gegen die Gelehrten haben
-mich ermuntert, ein kurzes Werk über Rechnungen durch Ergänzung und
-Reduktion zu schreiben. Hierbei beschränke ich mich auf das Leichteste
-und das, was die Menschen am meisten bei Teilungen, Erbschaften,
-Handelsgeschäften, Ausmessung von Ländereien usw. gebrauchen.«
-
-*Ibn Musa* unterscheidet sechs Arten von Gleichungen, die in heutiger
-Schreibweise folgendermaßen lauten würden:
-
- bx = c
- ax^2 = c
- x^2 + bx = c
- x^2 = bx + c
- x^2 + c = bx
- ax^2 = bx
-
-Für die Gleichung x^2 + c = bx gibt er die Lösung:
-
- x = b/2 ± √((b/2)^2 - c).
-
-Er erwähnt, daß die Aufgabe für den Fall, daß c > (b/2)^2 unmöglich
-sei. Auch die Regel de tri, und zwar nach indischen Mustern, ist in
-dem Werke behandelt, das nicht nur für die arabische, sondern auch für
-die Entwicklung der abendländischen Mathematik von großer Wichtigkeit
-gewesen ist.
-
-
-Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft.
-
-Nach der Eroberung Spaniens errichteten die Araber das Kalifat zu
-Cordova, das für den westlichen Teil ihres Reiches eine ähnliche
-Bedeutung erhielt, wie sie Bagdad für den Osten besaß. Handel und
-Gewerbe gelangten zu hoher Blüte. Prächtige Bauten entstanden. Neue
-Pflanzen, vor allem die Dattelpalme, wurden verbreitet. In Spanien
-war es, wo die Berührung der abendländischen Christenheit mit der
-Wissenschaft des Islams vorzugsweise stattfand. Von hier erfolgte die
-Wiederbelebung der gelehrten Studien in den christlichen Ländern, die
-im 9. und 10. Jahrhundert die griechischen Schriftsteller in arabischer
-Übersetzung und kommentiert von arabischen Gelehrten, wie *Avicenna*
-und *Averroes*, kennen lernten.
-
-*Avicenna* (*Ibn Sina* lautet sein arabischer Name) lebte von 980-1037
-in Persien. Als Philosoph schließt er sich an *Alfarabi* an, welcher
-die platonische und die aristotelische Philosophie zu übermitteln
-gesucht und der Astrologie diejenige Form gegeben hat, die sie durch
-das ganze Mittelalter behielt[703]. *Avicenna* befaßte sich besonders
-mit der Medizin. Was seine Zeit auf diesen Gebieten an Kenntnissen
-besaß, vereinigte er in einem großen Werk, dem Kanon[704].
-
-Die Bedeutung des *Averroes* (*Ibn Roschd*, 1120-1198) besteht vor
-allem darin, daß er die Werke des *Aristoteles* dem arabischen und
-christlichen Mittelalter zugänglich machte. Seine Verehrung für diesen
-Philosophen war so groß, daß er behauptete, die Welt sei erst durch
-die Geburt des *Aristoteles* vollständig geworden. Trotzdem kann man
-*Averroes* eine gewisse Selbstständigkeit bei seinem Philosophieren
-nicht absprechen[705]. Seine ganze Naturauffassung trägt einen, man
-könnte fast sagen, modernen Grundzug. Gott und die Materie sind
-danach ewig. Eine Schöpfung aus dem Nichts, die beliebte Vorstellung
-orientalisch-christlicher Mystik, ist undenkbar. Das Geistige ist
-dasjenige, was die Materie bewegt und ihre Form bestimmt. Auch die
-menschliche Seele ist nichts anderes als die formbestimmende Kraft
-unseres Seins. Daß die Kirche solche Lehren als ketzerisch verwarf,
-läßt sich wohl denken. Es ist sogar wahrscheinlich, daß man die
-Naturanschauung des *Averroes*, weil sie mit den physikalischen Lehren
-des *Aristoteles* verknüpft wurde, durch das zeitweilige Verbot der
-physikalischen Schriften dieses Philosophen zu bekämpfen suchte.
-
-Für die hohe Blüte der Wissenschaft unter der westarabischen Herrschaft
-spricht auch, daß in Cordova um das Jahr 900 eine hohe Schule mit einer
-Bibliothek von mehreren hunderttausend Bänden entstand. Ähnliches wurde
-in anderen, unter der maurischen Herrschaft durch Handel und Wohlstand
-emporblühenden Plätzen, wie Granada, Toledo und Salamanca, geschaffen.
-Aus allen Teilen des übrigen Westeuropas zogen Wißbegierige an diese
-Stätten, denen man daheim nichts an die Seite zu stellen hatte. Nachdem
-die Araber in Süditalien Fuß gefaßt hatten, wußte der hochsinnige
-Staufenkaiser *Friedrich II.* auch dort arabische Weisheit wohl zu
-schätzen. Auf seine Anregung wurde der Almagest nach einer arabischen
-Handschrift ins Lateinische übersetzt. Den Naturwissenschaften wandte
-dieser Kaiser, gleichfalls auf arabischen Quellen, jedoch auch auf
-eigenen Beobachtungen fußend, ein großes Interesse zu. So entstand
-sein Werk über die Jagd mit Vögeln, in dem er an manchen Stellen den
-zoologischen Betrachtungen eine anatomische Begründung zu geben
-wußte[706]. Das Buch enthält eine gute Beschreibung des Vogelskeletts,
-sowie eine Anatomie der Eingeweide. Es handelt von den mechanischen
-Bedingungen des Fliegens, den Wanderungen der Vögel usw. Die Anleitung
-zur anatomischen Untersuchung des Vogels verdankte der Kaiser wohl den
-Gelehrten der medizinischen Schule zu Salerno.
-
-*Friedrich II.* soll auch als erster Herrscher die Zerlegung
-menschlicher Leichen gestattet haben, weil er von der Überzeugung
-durchdrungen war, daß nur dadurch eine Förderung der Heilkunde zu
-erwarten sei.
-
-
-Optik und Mechanik bei den Arabern.
-
-Wie schon erwähnt, wurde neben der Mathematik und der Astronomie
-besonders die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik von den
-Arabern gepflegt. Das auf diesem Gebiete teils gesammelte, teils
-erworbene Wissen ist uns am vollständigsten in dem Werke des im
-11. Jahrhundert in Spanien lebenden Physikers *Alhazen* (*Ibn al
-Haitam*) übermittelt worden[707]. Dieses Werk stand in hohem Ansehen
-und verdient es, daß wir uns mit seinem Inhalt etwas eingehender
-beschäftigen, um uns einen Begriff von den damaligen Kenntnissen zu
-verschaffen. Zunächst handelt *Alhazen* von dem Organ des Sehens. Zwar
-hatten sich schon die Alexandriner mit dem Bau des Auges befaßt. Die
-Beschreibung, die uns *Alhazen* liefert, ist jedoch die erste, die
-den Namen einer anatomischen verdient. Die noch heute gebräuchlichen
-Bezeichnungen für die Hauptteile des Auges, wie Humor vitreus
-(Glaskörper), Cornea (Hornhaut), Retina (Netzhaut) usw. gehen auf
-*Alhazens* Optik zurück.
-
-Das Verhältnis von Linse und Netzhaut in seiner Bedeutung für das
-Zustandekommen des Bildes zu erkennen, blieb allerdings späteren
-Untersuchungen vorbehalten. Wie aus der beistehenden, der Ausgabe
-*Risners* entnommenen Abbildung ersichtlich ist, verlegte *Alhazen*
-die Linse in die Mitte des Auges. Dorthin sollten alle, die vordere
-Wölbung des Auges senkrecht treffenden Strahlen gelangen. Nur diese
-Strahlen vermitteln nach seiner Annahme das deutliche Sehen und werden
-von der Linse empfunden[708]. Die Gesamtheit dieser Strahlen bildet die
-Sehpyramide. Ihre Spitze liegt also im Mittelpunkte des Auges, während
-ihre Grundfläche die Oberfläche des gesehenen Gegenstandes ist.
-
-[Illustration: Abb. 53. Alhazens Darstellung des Auges.]
-
-Im 2. Buche werden die 22 Eigenschaften untersucht, welche das Auge an
-den Körpern unterscheide, nämlich Licht, Farbe, Entfernung, Gestalt,
-Größe, Zahl, Bewegung, Ruhe, Durchsichtigkeit usw.
-
-Das Licht braucht nach *Alhazens* Annahme zu seiner Fortpflanzung Zeit.
-Auch den optischen Täuschungen widmet er eine Betrachtung[709].
-
-In der Behandlung der Reflexion und der Brechung, denen das Werk der
-Hauptsache nach gewidmet ist, zeigt sich ein Fortschritt den Griechen
-gegenüber[710]. Nicht nur ebene, sondern auch sphärische, zylindrische
-und konische Konkav- und Konvexspiegel werden zur Erzeugung von
-Bildern herangezogen und Lage und Größe der letzteren bestimmt. Für
-sämtliche untersuchten Spiegel fand *Alhazen* das Reflexionsgesetz
-bestätigt. Er kennt die Lage des Brennpunktes, den *Euklid* noch in den
-Krümmungsmittelpunkt verlegt hatte. Auch mit der Tatsache, daß nicht
-alle Strahlen in einem und demselben Punkte vereinigt werden, zeigt
-sich *Alhazen* vertraut. Seine Messungen an der Brennkugel führten zu
-dem Ergebnis, daß bei jeder glatten, durchsichtigen Kugel aus Glas
-oder einer ähnlichen Masse die Strahlen in einer Entfernung von der
-Kugel vereinigt werden, die etwa ein Viertel des Durchmessers beträgt.
-Selbst die Eigenschaft des Rotationsparaboloids, die vom Brennpunkte
-ausgehenden Strahlen parallel zu reflektieren, wird erörtert. In
-*Alhazens* Optik[711] wird ferner auf die Erscheinung hingewiesen,
-daß ein aus durchsichtigem Material verfertigtes Kugelsegment die
-Gegenstände größer erscheinen läßt.
-
-[Illustration: Abb. 54. Alhazen untersucht die Brechung.]
-
-Hatte *Ptolemäos* gefunden, daß jedem Einfallswinkel ein bestimmter
-Brechungswinkel entspricht, so fügte *Alhazen* die Erkenntnis hinzu,
-daß der einfallende und der gebrochene Strahl mit dem Einfallslot in
-einer Ebene liegen. Die ältere Annahme, daß das Verhältnis zwischen dem
-Einfalls- und dem Brechungswinkel ein konstantes sei, erkennt *Alhazen*
-nur für kleine Werte als richtig an. Bei seinen Untersuchungen über
-die Brechung des Lichtes bediente er sich eines Apparates, der dem
-von *Ptolemäos* (siehe S. 265) benutzten entspricht. Er nahm eine
-kreisförmige Scheibe aus Kupfer, die einen Rand mit Gradeinteilung
-besaß (siehe Abb. 54). In dem Rande befand sich eine Öffnung c. Eine
-zweite Öffnung (d) war in einer nahe der Mitte der Scheibe gelegenen
-Platte angebracht. Dieser Apparat wurde bis zum Mittelpunkt in die
-Flüssigkeit getaucht. Fiel dann ein Lichtstrahl durch die beiden
-Öffnungen c und d, so traf er die Flüssigkeit im Mittelpunkt der
-Scheibe, auf deren Rand der Einfallswinkel und der Brechungswinkel
-abgelesen werden konnten.
-
-Aus der Spiegelung und der Brechung erklärt *Alhazen* einige wichtige
-astronomische Erscheinungen. So wird die Dämmerung auf die Reflexion
-des Lichtes zurückgeführt. Die Tatsache, daß die Dämmerung nur so
-lange dauert, bis die Sonne sich 19° unter dem Horizont befindet,
-gibt *Alhazen* ein Mittel an die Hand, die Höhe unserer Atmosphäre zu
-bestimmen[712]. Es sei M, so führt er aus, die äußerste Luftschicht,
-welche den Strahl SM noch zu reflektieren vermag, und A der Ort des
-Beobachters. Der Winkel *HMS*, den der Sonnenstrahl *SM* mit dem
-Horizont bildet, beträgt dann 19°. Nach dem Reflexionsgesetz ist nun
-*∡BMC* = *∡AMC*. Da ferner die Summe der drei Winkel bei M = 180° ist,
-so ergibt sich für den Winkel *AMC* der Wert (180° - 19°)/2 = 80° 30'.
-Da die Seite *AC* = r bekannt ist, so ist das rechtwinklige Dreieck ACM
-bestimmt. Die gesuchte Höhe ergibt sich, wenn man aus den gegebenen
-Stücken die Hypotenuse *MC* berechnet (*MC* = r : sin 80° 30') und
-davon r abzieht. *MD* = h ist also = (r : sin 80° 30') - r. Diese Größe
-beträgt nach der Berechnung *Alhazens* 52000 Schritt (5-6 Meilen),
-während wir dafür 10 Meilen annehmen[713].
-
-[Illustration: Abb. 55. Alhazen bestimmt die Höhe der Atmosphäre.]
-
-Gegen diese Berechnung läßt sich ein Einwand erheben, den *Alhazen*
-selbst schon hätte machen können. Er wußte nämlich, daß ein
-Lichtstrahl, der schräg in die Atmosphäre einfällt, keine gerade Linie
-beschreibt, sondern, da er auf immer dichtere, das Licht in wachsendem
-Maße brechende Schichten trifft, einen krummen Weg nimmt. Diese, mit
-dem Namen der astronomischen Refraktion bezeichnete Erscheinung war
-schon dem *Ptolemäos* bekannt. Man führte sie im Altertum jedoch nicht
-auf die zunehmende Dichte der Atmosphäre, sondern auf die in ihr
-enthaltenen Dünste zurück. Das Funkeln der Sterne rührt nach *Alhazen*
-von raschen Änderungen in der Atmosphäre her, während die Erscheinung,
-daß Mond und Sonne in der Nähe des Horizontes abgeplattet erscheinen,
-aus der astronomischen Refraktion erklärt wird.
-
-Außer der »Optik« gibt es auch eine kleinere Abhandlung *Alhazens*, in
-der er von der Durchsichtigkeit und über die Natur des Lichtes handelt.
-Sie beginnt mit folgenden Worten[714]: »Die Behandlung des >Was<
-des Lichtes gehört zu den Naturwissenschaften. Aber die Behandlung
-des >Wie<, der Strahlung des Lichtes, bedarf der mathematischen
-Wissenschaften wegen der Linien, auf denen sich das Licht ausbreitet.
-Ebenso verhält es sich mit den durchsichtigen Körpern, in die das Licht
-eindringt. Die Behandlung des >Was< ihrer Durchsichtigkeit gehört zu
-den Naturwissenschaften und die Behandlung des >Wie<, der Ausbreitung
-des Lichtes in ihnen, zu den mathematischen Wissenschaften.« Von
-Interesse sind auch die in dieser Schrift entwickelten Ansichten über
-den Grad der Durchsichtigkeit, für die es nach *Alhazen* keine Grenzen
-gibt.
-
-Durch *Alhazen* wurde man besonders auf die vergrößernde Kraft
-gläserner Kugelsegmente aufmerksam[715]. Es ist sehr wohl möglich,
-daß sein Hinweis auf die Herstellung von Brillen geführt hat. Wenn
-sich *Alhazen* auch auf die antiken Optiker stützt, so ragt er über
-*Ptolemäos* als den letzten und bedeutendsten, den wir erwähnt haben,
-doch hinaus. Während die frühere Geschichtsschreibung *Alhazen* nur
-gering einschätzte[716], ist sein Verdienst und die Selbständigkeit,
-die er in vielen Teilen seiner Schriften zeigt, durch die neuere
-Forschung gewürdigt worden[717].
-
-Neben der Optik wurde auch die Mechanik von den Arabern gepflegt. So
-begegnen uns bei ihnen genauere Bestimmungen der spezifischen Gewichte.
-Eine aus dem 12. Jahrhundert herrührende Tabelle[718] enthält folgende
-Werte:
-
- Gold 19,05 (statt 19,26 nach neuerer Bestimmung),
- Quecksilber 13,56 ( » 13,59 » » » ),
- Kupfer 8,66 ( » 8,85 » » » ),
- Blei 11,32 ( » 11,35 » » » ),
- Seewasser 1,041 ( » 1,027 » » » ),
- Blut 1,033 ( » 1,045 » » » ).
-
-Die Bestimmungen erfolgten vermittelst der Wage oder eines Gefäßes, das
-die von einer gewogenen Menge des zu untersuchenden Körpers verdrängte
-Menge Wassers zu finden gestattet. Für Flüssigkeiten bediente man sich
-des Aräometers, das schon die späteren Alexandriner zu diesem Zwecke
-benutzten[719].
-
-Die Wägungen waren schon recht genau. Bei einem Gesamtgewicht von mehr
-als zwei Kilogramm wurden noch 0,06 g angezeigt[720].
-
-Diese Leistungen der Araber verdienen um so mehr Bewunderung, wenn man
-bedenkt, daß zur selben Zeit das christliche Abendland meist noch von
-scholastischen Zänkereien erfüllt war. So befindet sich z. B. in dem
-Hauptwerk des *Thomas von Aquino*[721] unter mehreren hundert Kapiteln
-nur ein einziges, das von den »natürlichen Wirkungen der Dinge«
-handelt, während sich eine ganze Anzahl mit der Nahrung, der Verdauung
-und dem Schlaf der Engel beschäftigen. Derselbe *Thomas von Aquino*,
-den die Scholastiker als ihren großen Meister verehrten, erklärte das
-Streben nach Erkenntnis der Dinge für Sünde, soweit es nicht auf die
-Erkenntnis Gottes abziele[722].
-
-
-Die Chemie im arabischen Zeitalter.
-
-Große Verdienste haben sich die Araber auch um die Entwicklung
-der Chemie erworben. Zwar wurde man schon lange vor ihnen durch
-hüttenmännisches und gewerbliches Schaffen mit einer Reihe stofflicher
-Veränderungen vertraut. Auch empfingen zweifelsohne die Araber die
-erste Anregung zu ihrer Beschäftigung mit der Chemie in Syrien,
-Mesopotamien und Ägypten, wo man zahlreiche Erfahrungen gesammelt
-hatte. Bei den späteren Alexandrinern und den Arabern finden wir
-indes die Beschäftigung mit den stofflichen Veränderungen losgelöst
-von den alltäglichen Nützlichkeitszwecken und in den Dienst eines
-Strebens gestellt, das einen Ansporn verlieh, wie es kein rein
-wissenschaftliches Interesse in höherem Grade vermocht hätte.
-
-Zahlreiche, aus dem Orient stammende, chemische Kenntnisse gelangten
-durch die Araber nach Spanien. Von hier aus wurden sie dem christlichen
-Abendlande übermittelt, wo sie einen besonders günstigen Boden fanden.
-Seit dem 13. Jahrhundert stand infolgedessen die alchimistische Kunst
-in Frankreich, in Deutschland und in England in Blüte. Eine nicht
-geringe Zahl von Kenntnissen, die sich auf das Verhalten und die
-Verarbeitung der Metalle beziehen, war zweifelsohne im Abendlande
-selbst aus dem Altertum ins Mittelalter hinüber gerettet worden. Man
-darf daher die Rolle, welche die Araber gespielt haben, auch nicht zu
-hoch einschätzen. So existiert noch heute ein Manuskript aus der Zeit
-*Karls des Großen*[723], das den Titel »Compositiones ad tingenda«
-führt und Vorschriften über das Färben von Mosaiken und Häuten, über
-das Vergolden, das Löten usw. enthält. Unter den Manuskripten des 10.
-Jahrhunderts ist man ferner mit einem größeren Werke über Färberei
-(Mappae clavicula) bekannt geworden, das nach *Berthelot* keine Spur
-von arabischer Beeinflussung zeigt. Die Vorschriften, welche diese
-abendländischen Schriften des Mittelalters enthalten, sind vielmehr
-oft wörtlich den griechischen Alchemisten entnommen. Die Mappae
-clavicula enthält nämlich Vorschriften, die mit solchen der kürzlich
-bekannt gewordenen antiken chemischen Urkunden (des Leydener und des
-Stockholmer Papyrus, s. S. 279) wörtlich übereinstimmen. Die frühere
-Meinung, daß man es in der Alchemie ausschließlich mit einer Schöpfung
-der Araber zu tun habe, hat sich somit als unhaltbar erwiesen. Trotzdem
-ist das Verdienst der Araber auf dem Gebiete der Alchemie nicht gering
-einzuschätzen. Sie haben diese Wissenschaft, wie sie ihnen aus dem
-Altertum überkommen war, nicht nur erhalten und verbreitet, sie haben
-sie auch fortgeführt und wesentlich bereichert.
-
-Bereits im 8. und 9. Jahrhundert erlangte die arabische Literatur
-über Alchemie einen bedeutenden Umfang. Etwas später haben die schon
-erwähnten arabischen Gelehrten (s. S. 312) *Alfarabi* und *Avicenna*
-neben vielem anderen auch über Alchemie geschrieben. *Avicenna*, den
-spätere Alchemisten als einen ihrer Gewährsmänner ausgaben, erklärte,
-Gold und Silber entständen unter dem Einfluß des Mondes und der Sonne
-aus den Dünsten der Erde mit allen ihren besonderen Eigenschaften, die
-kein Mensch künstlich nachzuahmen vermöge. Auch den astrologischen
-Lehren gegenüber hat sich *Avicenna* skeptisch verhalten[724].
-
-Über die chemischen Einzelkenntnisse der Araber erfahren wir manches
-aus dem um 975 von *Abu Mansur* verfaßten »Buch der pharmakologischen
-Grundsätze«[725]. *Abu Mansur* erwähnt z. B. die Anwendung des
-Gipsverbandes bei Knochenbrüchen, ein Verfahren, das die neuere Medizin
-erst im 19. Jahrhundert wieder aufnahm. Trinkbares Wasser, heißt es
-an einer anderen Stelle des Buches, läßt sich durch Destillation von
-Meerwasser in ähnlicher Weise bereiten, wie man Rosenwasser destilliert.
-
-Hatte man die Schwefelverbindungen des Arsens (Realgar und
-Auripigment) schon im Altertum unterschieden, so bringt uns das
-Buch *Abu Mansurs* eine der ersten Nachrichten über den weißen
-Arsenik. Die Arsenikverbindungen werden als flüchtig und giftig,
-aber als heilkräftig bezeichnet. Das Gleiche wird beim Quecksilber
-hervorgehoben, das in Form von Salbe gegen Ungeziefer empfohlen wird.
-Die mineralischen Säuren finden dagegen bei *Abu Mansur* noch keine
-Erwähnung. Es ist daher wohl anzunehmen, daß sie zu seiner Zeit noch
-nicht dargestellt waren. Die Salpetersäure und das Königswasser
-begegnen uns in der Literatur des Mittelalters zuerst im 13.
-Jahrhundert[726]. Diese chemischen Agentien können auch nicht viel
-früher bekannt geworden sein, weil der Salpeter dem Altertum unbekannt
-war und erst um 1200 durch die Araber als »Salz von China« nach Europa
-gelangte. In China selbst ist dieses Salz zu explosiven Mischungen
-wahrscheinlich nicht schon vor Beginn unserer Zeitrechnung, sondern
-erst viel später angewendet worden[727].
-
-Durch die Araber wurde auch der Anbau des Zuckerrohrs von Indien nach
-den westlichen Kulturländern verbreitet. Das Zuckerrohr hatte man
-durch den Zug *Alexanders des Großen* kennen gelernt. Die Bereitung des
-festen Zuckers wurde erst mehrere hundert Jahre n. Chr. erfunden[728].
-Seit etwa 750 n. Chr. wurde das Zuckerrohr in Ägypten angebaut. Bald
-nach der Entdeckung Amerikas wurde es nach St. Domingo verpflanzt.
-So sehen wir, wie die Ausbreitung einer Pflanze, die uns eine der
-wichtigsten organischen Verbindungen liefert, aufs engste mit dem Gange
-der geschichtlichen Ereignisse verknüpft ist.
-
-Technisch und wissenschaftlich von großer Wichtigkeit, aber auch von
-unheilvollen Folgen war die früher den arabischen Chemikern und Ärzten
-zugeschriebene Entdeckung, daß sich durch Destillation aus dem Wein
-der berauschende Stoff dieses Getränkes absondern läßt. Später nannte
-man ihn *Al-kohol* und nahm ihn zum größten Unsegen für die Menschheit
-unter die Arzneimittel auf[729]. Insbesondere wurde der Alkohol als
-Vorbeugungsmittel gegen die großen Seuchen (Pest, schwarzer Tod)
-betrachtet, die im Mittelalter Europa heimsuchten.
-
-Als der bedeutendste arabische Schriftsteller des alchemistischen
-Zeitalters hat lange Zeit *Geber* gegolten, der während der ersten
-Hälfte des 8. Jahrhunderts gelebt haben soll. Er wurde als der
-Verfasser einer Anzahl Schriften genannt, die in lateinischer
-Übersetzung auf uns gekommen seien[730]. Diese Schriften, insbesondere
-das »Summa perfectionis magisterii« betitelte Hauptwerk, sind in der
-Form, in der sie sich erhalten haben, im christlichen Europa etwa seit
-dem 13. Jahrhundert bekannt. Nach den Untersuchungen[731] *Berthelots*
-und *Steinschneiders* sind *Gebers* Person und seine Bedeutung in
-geschichtlicher Hinsicht sehr in Dunkel gehüllt. Diejenigen arabischen
-Originalschriften, als deren Verfasser er allenfalls angesehen werden
-kann, enthalten nämlich wenig von dem Inhalt der später unter seinem
-Namen gehenden lateinischen Übersetzungen. Eine Probe aus einer dieser
-Schriften hat *Berthelot* mitgeteilt[732]. Danach handelt es sich
-meist um marktschreierische Anpreisungen und unklare Darstellungen.
-*Geber* empfiehlt in seinen Schriften, seine Mitteilungen geheim
-zu halten. Er beruft sich oft auf seinen religiösen Standpunkt als
-Muselmann, um dem etwaigen Verdacht, daß er übertreibe oder schwindele,
-zu begegnen. Die Metalle vergleicht *Geber* mit lebenden Wesen, wie
-es schon die alexandrinischen Alchemisten taten. Auch begegnet uns
-bei ihm die Lehre, daß jedes Ding neben seinen äußeren, erkennbaren
-noch geheime (okkulte) Eigenschaften habe. So sagt er »Das Blei ist
-im Äußeren kalt und trocken und im Innern warm und feucht, während
-das Gold warm und feucht ist im Äußern, dagegen kalt und trocken im
-Innern«. Dem entspricht die Anschauung, die uns bei *Rhases* begegnet,
-nach der das Kupfer in seinen verborgenen Eigenschaften Silber sei. Wem
-es gelänge, die rote Farbe aus dem Kupfer auszuscheiden, der führe es
-in das Silber, das es seiner verborgenen Natur nach sei, zurück. Eine
-kurze Darstellung des Inhalts der Pseudo-*Geber*schen Schriften[733]
-wird am besten über das Ziel und den Umfang der chemischen Kenntnisse
-des späteren Mittelalters belehren, wenn sich auch, in Anbetracht
-der großen Unvollständigkeit, in der die Literatur des Mittelalters
-durchforscht ist, nicht sicher feststellen läßt, wieviel die
-Verfasser jener Schriften selbständig gefunden und was sie früheren
-Schriftstellern entlehnt haben.
-
-Die wichtigste Tatsache, die uns in den Pseudo-*Geber*schen Werken
-begegnet, ist die, daß man mit der Salpetersäure, der Schwefelsäure
-und dem Königswasser bekannt ist, während sich das Altertum nur im
-Besitz der Essigsäure befand. Die erstgenannten Säuren erhielt man
-durch Erhitzen von Salzen und Salzgemischen, eine Darstellungsart, die
-für die Schwefelsäure bis zur Erfindung des englischen Verfahrens die
-einzige blieb. Salpetersäure erhielt man durch Erhitzen eines Gemenges
-von Salpeter und Vitriol. Ein Zusatz von Salmiak zur Salpetersäure
-lieferte das Königswasser, dessen Eigenschaft, das Gold, den König der
-Metalle, aufzulösen, den Alchemisten nicht entging. Die Herstellung
-einer solchen Lösung hatte man lange angestrebt, weil man sich von ihr
-die Heilung aller Krankheiten versprach.
-
-Auf Grund der Kenntnis der Mineralsäuren konnte sich nun eine
-Chemie entwickeln, die auf nassem Wege verfuhr, während man bis
-dahin vorzugsweise eine Chemie der Schmelzprozesse betrieben hatte.
-So gelangte man durch Auflösen von Silber und anderen Metallen in
-Salpetersäure zum Höllenstein und vielen Salzen, welche den Alten, wie
-z. B. die Salze des Quecksilbers, nicht bekannt waren. Es bedarf kaum
-der Erwähnung, daß die erhaltenen Verbindungen zunächst sehr unrein
-waren. Doch kannte man auch schon die wichtigsten Verrichtungen, die
-auf eine Reindarstellung der gewonnenen Präparate abzielten. Es waren
-dies außer der Destillation, die man schon bei den Alexandrinern
-erwähnt findet, vor allem das Umkristallisieren, die Sublimation und
-das Filtrieren. Auch Wasserbäder und Öfen zu chemischem Gebrauch finden
-sich in den Pseudo-*Geber*schen Werken beschrieben[734].
-
-Mit dem chemischen Verhalten der Metalle waren die Verfasser jener
-Werke weit besser als das Altertum bekannt; sie stellten z. B. aus den
-Metallen eine Reihe von Sauerstoffverbindungen her. So finden wir bei
-ihnen die erste Nachricht über die Gewinnung des Quecksilberoxyds[735],
-einer Substanz, die in der späteren Entwicklung der Chemie die größte
-Rolle gespielt hat. Nicht nur mit Sauerstoff, sondern auch mit Schwefel
-wußte man die Metalle zu verbinden. Die entstandenen Sulfide fand
-man schwerer als das zur Verwendung kommende Metall, während man
-unrichtigerweise annahm, daß mit der Oxydation eine Verminderung des
-Stoffes verbunden sei.
-
-Auch in der Kenntnis der Verbindungen der Leichtmetalle war
-man in dieser Periode einen Schritt weiter gekommen. Pottasche
-wurde durch Verbrennen von Weinstein, Soda nach dem bis zur
-Einführung des Leblancprozesses üblichen Verfahren (Einäschern von
-Seepflanzen) dargestellt. Durch einen Zusatz von Kalk machte man
-die Lösungen dieser beiden Salze ätzend und erhielt so Kalilauge und
-Natronlauge[736]. Letztere dienten zur Auflösung von Schwefel, der
-aus der alkalischen Lösung durch Säuren in feinster Verteilung als
-Schwefelmilch wieder ausgefällt wurde[737].
-
-Die chemischen Einzelkenntnisse suchte man auch unter den Gesichtspunkt
-einer Theorie (sie ist durch *E. v. Lippmann* in seiner »Alchemie«
-als alexandrinisch nachgewiesen) zu bringen, die bei dem damals noch
-herrschenden Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß die Wahrheit
-allerdings noch gänzlich verfehlte. Die Metalle hielt man für Gemenge
-von Quecksilber und Schwefel[738]. Der Schwefel (Sulphur) war in den
-Metallen, wie in den brennbaren Substanzen überhaupt, der Träger
-der Brennbarkeit. Er sollte den Metallen auch die Farbe verleihen.
-Mercurius (Quecksilber) dagegen galt als derjenige Grundbestandteil,
-der die Schmelzbarkeit, den Glanz und die Dehnbarkeit bedingte. Unter
-dem Sulphur und dem Mercurius der Alchemisten muß man sich indessen
-nicht den gemeinen Schwefel und das gewöhnliche Quecksilber vorstellen.
-Diese Elemente bestanden nur vorwiegend aus Sulphur, beziehungsweise
-Mercurius, waren aber nicht damit identisch. Der gemeine Schwefel und
-der Sulphur der Alchemisten verhielten sich vielmehr zueinander etwa
-wie die Steinkohle und das Element Kohlenstoff. In den edlen Metallen
-sollte Mercurius überwiegen. Durch Abänderung des Verhältnisses dieser
-vermeintlichen Bestandteile konnten die Metalle ineinander übergeführt
-werden. So nahm das Kupfer eine Stelle zwischen Gold und Silber ein.
-Es mußte sich daher leicht in das eine oder in das andere umwandeln
-lassen. Durch Erhitzen mit Galmei[739] wurde es dem Golde, durch
-Zusammenschmelzen mit Arsenik dem Silber angenähert. Die auf solche
-Weise herbeigeführte Änderung der roten Farbe in Gelb und Weiß hielt
-man für den Beginn des Überganges in ein anderes Metall[740]. Zinn war
-reiner und enthielt mehr Mercurius als Blei. Daß letzteres sich durch
-Zusatz von Quecksilber in Zinn umwandeln lasse, galt als Tatsache. Bei
-allem weiteren Herumprobieren verfolgte man das Ziel, zunächst einen
-Stoff herzustellen, mit dem die Metallverwandlung völlig gelingen
-sollte. Diesen hypothetischen Stoff nannte man den Stein der Weisen.
-Die späteren Alchemisten des christlichen Abendlandes legten ihm die
-wunderbarsten Wirkungen bei. Da sie, wie auch die späteren arabischen
-Alchemisten im wesentlichen den gleichen, soeben entwickelten
-Ansichten huldigten und da zunächst auch keine bedeutende Vermehrung
-der Einzelkenntnisse stattfand, so kann von einem nennenswerten
-Fortschritt der Chemie im weiteren Verlaufe dieser Periode kaum die
-Rede sein. Vielmehr fand zwischen den beiden Pseudowissenschaften, der
-Alchemie und der Astrologie, eine immer größere Verschmelzung unter
-gleichzeitiger Durchtränkung mit mystischen Elementen statt.
-
-Die Frage, woher das in den Pseudo-*Geber*schen Schriften enthaltene
-Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts
-»in völliger Vollendung und demnach als das Ergebnis einer längeren
-Entwicklung« entgegentritt, gehört auch heute noch zu den dunkelsten in
-der Geschichte der Chemie[741].
-
-
-Die Pflege der Naturbeschreibung und der Heilkunde.
-
-Wir wenden uns jetzt den Verdiensten zu, die sich die Araber um die
-Erhaltung der alten naturgeschichtlichen Schriften erworben haben. Von
-einem wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Zoologie und der
-Botanik kann im Zeitalter dieses Volkes nicht die Rede sein, zumal
-die Araber vor anatomischen Untersuchungen geradezu einen Abscheu
-hegten. Auf dem Gebiete der menschlichen Anatomie beschränkten sie sich
-daher ganz auf *Aristoteles* und *Galen*, während sie sich bei der
-Beschäftigung mit der Tier- und Pflanzenwelt, wie das spätere Altertum,
-vorzugsweise von dem Bestreben leiten ließen, den Schatz der Heilmittel
-kennen zu lernen und zu vermehren.
-
-Von dem gleichen Standpunkt aus wandten die Araber den Mineralien
-ihr Interesse zu. Ein Bild von den mineralogischen Kenntnissen
-und Anschauungen der Araber erhält man aus der im 13. Jahrhundert
-entstandenen Kosmographie des *Ibn Mahmud al Qazwini*[742]. Danach
-entstehen die durchsichtigen Mineralien aus Flüssigkeiten, die übrigen
-aus der Mischung des Wassers mit der Erde. Das Wasser soll ebenso
-zu Stein werden, wie sich Wasser aus der Luft verdichtet. »Wenn es
-möglich ist«, sagt *Al Qazwini*, »daß das Wasser Luftform annimmt,
-so muß es auch möglich sein, daß es die Form des Wassers ablegt und
-diejenige der Erde annimmt.« Die Besprechung im einzelnen wird mit der
-Bemerkung eingeleitet, daß nicht alle, sondern nur die wunderbarsten
-Eigenschaften der Mineralien beschrieben werden sollen. Unter diesen
-Eigenschaften sind vor allem Heil- und Zauberwirkungen verstanden. So
-heißt es vom Bleiglanz: »*Aristoteles* sagt: Dies ist ein bekannter
-Stein, der in vielen Gruben gewonnen wird. Es ist ein bleihaltiges
-Mineral; als Augenpulver ist es gut für die Augen, es verschönt sie und
-beseitigt das Fließen der Tränen.« Die Eigenschaften des Bergkristalls
-werden mit folgenden Worten beschrieben: »Der Bergkristall ist eine
-Art Glas, nur daß er härter ist. Die Könige benutzen Gefäße aus
-Bergkristall auf Grund der Überzeugung, daß das Trinken daraus gesund
-sei.«
-
-Die Darstellung des roten Quecksilberoxyds durch längeres Erhitzen des
-Quecksilbers war bekannt. Die entstehende rote Masse wurde indessen für
-künstlichen Zinnober gehalten. Der natürliche Zinnober entstehe dagegen
-durch die Vereinigung von Quecksilber und Schwefel im Innern der Erde.
-Unter den Eigenschaften des Alauns wird erwähnt, daß er Blutungen zum
-Stillstand bringe. Weiter heißt es: »Wenn die Färber ein Kleid färben
-wollen, tauchen sie es zuvor in Alaun. Die Farbe geht dann nie wieder
-weg.« Besondere Zauberkräfte wurden dem Amethyst beigelegt: »Das ist
-ein Stein, der das Feuer auslöscht, wenn er darin liegt. Legt man
-ihn unter die Zunge und trinkt ein berauschendes Getränk darüber weg,
-so steigen die Dünste nicht zu Kopf, und man wird nicht betrunken.«
-Interessant ist, daß das Bohren mit Diamanten schon Erwähnung findet.
-Die Werkleute befestigen nach *Al Qazwini* Stücke des Diamanten an
-den Rand des Bohrers und bohren damit die harten Steine. Mit einem
-auf geeignete Weise gefaßten Diamanten dringt ferner der Arzt in die
-Harnröhre ein, um steinige Konkretionen zu zerbröckeln. Vom Magneten
-wird berichtet: »Im indischen Ozean befindet sich eine Insel aus diesem
-Mineral. Wenn die Schiffe in die Nähe gelangen und etwas an ihnen aus
-Eisen ist, so fliegt es wie ein Vogel fort und heftet sich an den
-Magneten.« Die Kosmographie *Al Qazwinis* gestattet auch einen Einblick
-in die zoologischen Kenntnisse und Anschauungen der Araber. Auch auf
-diesem Gebiete sind die letzteren im wesentlichen nur die Vermittler
-zwischen dem Altertum und der neueren Zeit gewesen. Selbständige
-Leistungen und neue Auffassungen lassen sich in den auf uns gekommenen
-arabischen Schriften zoologischen Inhalts kaum nachweisen, wenn es auch
-an einzelnen zutreffenden Bemerkungen nicht fehlt. So sagt *Al Qazwini*
-an einer Stelle, jedes Tier besitze die Glieder, die zu seinem Körper
-stimmen und solche Gelenke, welche zu seinen Bewegungen passen. Auch
-sei die Haut so beschaffen, wie es der Schutz der Tiere erfordere.
-
-Die Einzelkenntnis der Tierformen erhielt durch die Araber eine
-bedeutende Erweiterung, da sich ihre Forschungsreisen nach China,
-Südasien, Ostafrika, ja selbst bis Sumatra und Java erstreckten. Wie in
-den zur Zeit des Mittelalters im Abendlande entstandenen zoologischen
-Schriften[743], so nahmen auch in den Kosmographien der Araber die
-Tierfabeln einen großen Raum ein. Die Erzählung von dem Walfisch, der
-für eine Insel gehalten wird, an welcher die Schiffe landen, begegnet
-uns mit der Abänderung, daß die Rolle dieses Tieres bei den Arabern
-eine riesige Seeschildkröte einnimmt.
-
-Neben den arabischen Bearbeitungen der Naturgeschichte der Tiere
-sind die Übersetzungen der Werke des *Aristoteles* und des *Galen*
-zu nennen. *Ibn Sina* (Avicenna), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts
-lebte, soll sämtliche Schriften des *Aristoteles* in 20 Bänden
-erläutert haben. Ein Kommentar zu den von *Aristoteles* verfaßten
-Büchern über die Tiere hat sich in lateinischer Übersetzung
-erhalten[744]. Auch *Ibn Roschd* (Averroes), der gleich *Avicenna*
-für die Philosophie des Mittelalters von hervorragender Bedeutung
-war, schrieb Kommentare zu den naturgeschichtlichen Schriften des
-*Aristoteles*.
-
-Rein botanische Werke entstanden bei den Arabern ebensowenig wie
-bei den auf *Theophrast* folgenden griechischen Schriftstellern.
-Die Pflanzenkunde verfolgte auch bei ihnen fast ausschließlich
-praktische Zwecke, indem sie als Heilmittelkunde, Ackerbau oder
-Gartenbaulehre auftrat. Gleichzeitig schleppte sie dabei einen immer
-mehr anschwellenden, auf Nomenklatur und Synonymik hinauslaufenden Wust
-philologischer Gelehrsamkeit mit sich. Von den Schriften griechischen
-Ursprungs wurde besonders *Dioskurides* ins Arabische übersetzt und
-kommentiert. Zu allgemeineren Betrachtungen über die Pflanze hat
-sich wohl nur *Avicenna* erhoben. Letzterer unterschied drei Stufen
-der Beseelung: die Pflanzen-, die Tier- und die Menschenseele. Der
-Pflanzenseele schrieb er eine ernährende, eine auf das Wachstum
-gerichtete und eine erzeugende Kraft zu.
-
-Unter den auf Landwirtschaft bezüglichen arabischen Schriften ist das
-Werk von *Ibn Alawwâm* zu nennen, von dem noch mehrere vollständige
-Handschriften vorhanden sind. Es entstand im 12. Jahrhundert in Spanien
-und handelt vom Boden, von der Düngung und der Bewässerung, ferner von
-der Baumzucht, vom Getreide- und vom Gartenbau[745]. Am genauesten wird
-über die Baumzucht berichtet. Zahlreiche Arten der Veredelung werden
-beschrieben und zum Teil durch Abbildungen erläutert. Ein besonderer
-Abschnitt handelt von dem Alter der Bäume. Viele, die Pflanzen und
-ihre Verbreitung betreffenden Mitteilungen finden sich auch in der
-umfangreichen geographischen Literatur der Araber zerstreut.
-
-Im 14. Jahrhundert ragt das Reisewerk *Ibn Batutas*, das demjenigen
-*Marco Polos* an die Seite gestellt werden kann, hervor[746]. Sein
-Verfasser bereiste nicht nur die Mittelmeerländer, sondern gelangte
-auch nach Indien und China. Es wird manche Pflanze der bereisten Länder
-beschrieben und ihre Verwendung gewürdigt. Doch hat *Ibn Batuta*
-seine Kenntnisse mehr auf den Marktplätzen als in der freien Natur
-gesammelt, so daß der botanische Inhalt des Werkes dem geographischen
-gegenüber an Bedeutung zurücktritt.
-
-Endlich ist noch zu erwähnen, daß im Anschluß an die Chemie und die
-Botanik auch die Heilkunde bei den Arabern eifrig gefördert wurde.
-Sie knüpften dabei an die ihnen von den Griechen (*Galen*) und von
-den Indern übermittelten Kenntnisse an. Was sie neu schufen, war
-insbesondere die Pharmazie, die im 8. Jahrhundert, in enger Verbindung
-mit der Chemie, in den arabischen Ländern zuerst als selbständige
-Wissenschaft aufkam[747]. Auch auf den Gebieten der Krankenpflege,
-des Hospitalwesens und der Heilmittellehre ist manches auf die Araber
-zurückzuführen. Da ihnen ihre Satzungen die Zergliederung von Leichen
-verboten, blieben sie hinsichtlich der Anatomie auf *Galen* angewiesen.
-Daß die Chirurgie bei ihnen dennoch Fortschritte machte, ist auf
-indische Einflüsse zurückzuführen. Die Bearbeitung, welche *Galens*
-Schriften durch *Ibn Sina* (Avicenna) erfuhr, erschien um das Jahr 1000
-unter dem Namen des »Kanon« und blieb für das Mittelalter maßgebend,
-bis *Paracelsus* die Werke *Avicennas* den Flammen übergab. Auch
-auf dem Gebiete der Augenheilkunde haben sich die Araber Verdienste
-erworben. Zwar fußten sie auf der von den Griechen geschaffenen
-Grundlage. Doch versahen sie diesen Teil der Medizin »mit eigenen
-Zutaten« und gestalteten ihn »nach eigenem Plan«[748].
-
-Nachdem die arabische Kultur ihren anregenden Einfluß auf das
-christliche Abendland ausgeübt hatte, ging sie einem raschen Verfall
-entgegen. Das mächtige Kalifat von Bagdad löste sich in eine Anzahl
-kleinerer Reiche auf. Durch den im 13. Jahrhundert daherbrausenden
-mongolischen Völkerstrom wurden aber auch sie vernichtet. »Bis
-heute hat sich der Orient von den Schlägen jener grausigen Zeit
-noch nicht wieder erholen können[749].« Ähnlich erging es der
-maurischen Herrschaft in Spanien. Die kleinen Reiche mohammedanischen
-Bekenntnisses, die sich dort gebildet hatten, wurden durch die von
-Norden her vordringende christliche Bevölkerung unterjocht. Dadurch
-wurde über die blühende Halbinsel zunächst der Fluch der Verödung
-gebracht. Die fanatische Zerstörungswut, welche die ersten Christen,
-wie auch die Araber im Beginn ihrer Laufbahn an den Schätzen der
-Wissenschaft ausließen, schien wieder aufgelebt zu sein. Als nach der
-Vereinigung von Kastilien und Aragon Granada fiel, ging z. B. die
-dortige große Bibliothek mit ihren Hunderttausenden von Bänden in
-Flammen auf, ein unersetzlicher Verlust, da sie zahlreiche arabische
-Ausgaben der alten Schriftsteller enthielt. Nach der durch die Mongolen
-herbeigeführten Vernichtung der arabischen Kultur in Vorderasien
-fand die arabische Wissenschaft zwar Zufluchtsstätten in Syrien und
-in Ägypten. Die arabische Literatur bildete aber seitdem kein Ganzes
-mehr, sondern sie fristete nur noch in den einzelnen Ländern ein
-Sonderdasein[750]. Die Astronomie sank zu einer Art Küsterdienst an
-den Moscheen herab. Die Naturwissenschaften endeten in Zauberspuk und
-Spielereien. Schließlich gerieten Syrien und Ägypten in die Hände der
-osmanischen Sultane. Ein Glück war es noch immerhin, daß die Osmanen
-während der Blüte ihrer Herrschaft im Gegensatz zu den sinnlos wütenden
-Mongolen die Pflege der geistigen Güter nicht vernachlässigten.
-*Muhammed*, der Eroberer Konstantinopels, hat sich sogar eingehender
-mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigt. Doch hatte damals der Orient
-schon längst die Führung auf den Gebieten des geistigen Lebens an den
-Occident, vor allem an Italien, abgetreten.
-
-Indessen nicht nur die Befehdung durch andere Staaten brachte die
-Entwicklung der arabischen Kultur zum Stillstand. Es fehlte ihr
-vielmehr, gleich allen übrigen, dem Orient entsprungenen älteren
-Kulturen, an innerer Kraft, um dauernd Neues aus sich hervorzubringen.
-So kam es, daß mit dem Nachlassen des arabischen Einflusses gegen
-das Ende des Mittelalters der Orient aufhörte, in der allgemeinen
-Geistesentwicklung eine Rolle zu spielen. Die Führung ging vielmehr um
-jenen Zeitpunkt auf das Abendland mit seinen in Italien, Deutschland,
-England und Frankreich nach der Völkerwanderung seßhaft gewordenen
-Bewohnern germanischer Abstammung über.
-
-
-
-
-9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen
-Kultur.
-
-
-Während die arabische Wissenschaft und Literatur vom 9. bis zum 12.
-Jahrhundert einen fast ununterbrochenen Aufschwung nahm, finden wir
-während dieses Zeitraums im Abendlande nur unbedeutende Reste einer
-früheren Epoche und nur selten neue verheißungsvolle Ansätze. Was dort
-an Kenntnissen und an Kunstübung vorhanden war, kann in der Hauptsache
-nur als ein Überbleibsel der römischen Kulturwelt gelten, dem die
-germanischen Völker zunächst wenig hinzuzufügen wußten. Kennzeichnend
-für diese gesamte Periode in der Entwicklung des westlichen Europas
-ist das Übergewicht der religiösen Vorstellungen auf geistigem Gebiete
-und dasjenige der Kirche im gesamten öffentlichen Leben gegenüber
-allen anderen Regungen und Institutionen. Alle Wissenschaften sollten
-zur Erhöhung der Ehre Gottes beitragen. In Wahrheit dienten sie der
-Kirche und ihren Machthabern. Die sieben freien Künste oder das Trivium
-und das Quadrivium umfaßten die Summe des damaligen gelehrten Wissens
-unter jenem einen und einzigen Gesichtspunkt. Grammatik trieb man, um
-die Kirchensprache zu verstehen, Rhetorik, um sie anwenden zu können.
-Die Arithmetik offenbarte in mystischer Deutung die Geheimnisse der
-Zahlen. Die Hauptaufgabe der Astronomie bestand darin, den kirchlichen
-Kalender festzustellen. Auch die unter den sieben freien Künsten
-aufgeführte Musik verleugnete nicht ihren kirchlichen Charakter. Was
-man im Mittelalter anfangs an astronomischen Kenntnissen besaß, waren
-nur spärliche Reste der griechisch-römischen Literatur über diesen
-Gegenstand. Zumal die germanischen Völker hatten nichts Eigenes auf dem
-Gebiete der Astronomie geschaffen. Erst durch die Berührung mit den
-Arabern trat hierin eine Änderung ein.
-
-Daß die Araber schon so frühzeitig wissenschaftliche astronomische
-Kenntnisse besaßen, liegt daran, daß sie bald nach ihrem Auftreten in
-der Geschichte mit dem wichtigsten astronomischen Werk des Altertums,
-dem Almagest, bekannt geworden waren. Dadurch wurden sie in die Lage
-gesetzt, die vorbildliche griechische Wissenschaft fortzuführen und
-wesentlich zu bereichern.
-
-Die nördlichen Länder Europas, die sich im frühen Mittelalter
-der Kultur erschlossen, lernten die Astronomie dagegen durch das
-wissenschaftlich ganz unbedeutende Werk des *Martianus Capella*
-kennen, das man dem Unterrichte im Quadrivium zugrunde legte. Es
-vermittelte einige Kenntnisse über die Sternbilder, die Planeten,
-die Sphärenharmonie, die Jahreszeiten usw., gab aber nirgends eine
-Begründung, sondern überall nur Zusammenfassungen. Außerdem wurde
-man mit einfachen astrologischen Texten griechischen Ursprungs durch
-lateinische Vermittlung bekannt. Das selbstgewonnene Wissen war so
-geringfügig, daß man nicht einmal zu Begriffen wie den Äquinoktien
-und den Solstitien gelangt war[751]. Neben *Martianus Capella* war
-*Plinius* in Geltung. Auf diese beiden stützten sich besonders *Isidor*
-von Sevilla und *Rhabanus Maurus*.
-
-Erst nach und nach begann, von den Arabern angefacht, ein
-wissenschaftlicher Geist sich in den nördlichen Ländern Europas
-auszubreiten. Unter seinem Einfluß entstanden die Schriften des
-gleich zu erwähnenden *Gerbert*, des späteren Papstes Sylvester
-II. (940-1003). Auch ging man damals unter Benutzung der im
-Altertum geschaffenen Armillen und Astrolabien zu eigenen messenden
-Beobachtungen über. Auch mit der Sonnenuhr wurde der germanische
-Kulturkreis erst durch die Alten bekannt. Zuerst geschah dies in
-England und Irland im 7. Jahrhundert. In Deutschland verfertigte
-*Gerbert* die erste Sonnenuhr für *Otto III.* Er schrieb auch ein
-Buch über diesen Gegenstand. Erst seit dem 15. Jahrhundert wurden
-in Deutschland die zahlreichen Sonnenuhren an Burgen und an Kirchen
-angebracht, die oft noch heute erhalten sind. Sie bestanden aus einer
-vertikalen Scheibe mit einem Gnomon, der mit ihr einen Winkel von 45°
-bildete.
-
-Auch die Wagen, darunter die Schnellwagen, die in der Merowingerzeit
-aufkamen und heute noch als Grabbeilagen gefunden werden, lassen schon
-durch die Form erkennen, daß sie nach römischem Vorbild geschaffen
-waren.
-
-Während das wissenschaftliche Denken in den Ländern einer neuen, auf
-den Trümmern der Antike sich entwickelnden germanischen Kultur nur in
-engster Anlehnung an die vom Altertum empfangenen spärlichen Dokumente
-erfolgte, verhielt es sich mit den im Mittelalter emporblühenden
-Gewerben wesentlich anders. Auf diesem Boden waren es nicht selten die
-Kelten, deren Erbe die Germanen übernahmen und selbständig vermehrten.
-Dies galt z. B. vom Bergbau, den die Kelten vor dem Eindringen der
-Germanen in Mitteleuropa schon auf eine ziemlich hohe Stufe gebracht
-hatten. In der Salzgewinnung trat kaum ein Rückgang ein. In der
-frühesten Zeit gewann man Salz, indem man nach dem Zeugnis römischer
-Schriftsteller brennendes Holz mit dem Wasser salzhaltiger Quellen
-übergoß. Um den Besitz solcher Quellen führten germanische Stämme nicht
-selten untereinander Kämpfe. Später dampfte man die Soole in irdenen
-Töpfen ein; schließlich kam der Pfännereibetrieb auf. Seit der Zeit der
-Merowinger wurde Salz in zahlreichen größeren Betrieben gewonnen.
-
-Bergbauliche Überreste, welche den Abbau der Erze bezeugen, reichen
-bis in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Nach *Tacitus* erzeugte
-Deutschland indessen nur wenig Eisen und weder Gold noch Silber.
-Urkundlich bezeugt wird der Abbau von Eisenerzlagern erst seit dem 8.
-Jahrhundert, so der auf dem Wetzlarer Gebiet im Jahre 780. Er reicht
-indessen viel weiter zurück. Auch Gold wird man früh in den Flüssen
-der Alpen durch Waschen gewonnen haben. Zunächst gab es nur Tagebau.
-Tiefbau war erst mit der Einrichtung größerer Betriebe möglich, und im
-12. Jahrhundert war man mit der Herstellung von Schächten und Stollen
-schon ziemlich vertraut.
-
-Das Ausschmelzen der Metalle aus den Erzen setzte die Gewinnung von
-Holzkohle voraus. Mit ihrer Hilfe wurden die Eisenerze in Vertiefungen
-oder auf besonderen Herden niedergeschmolzen. Man erhielt durch diesen,
-als Rennarbeit bezeichneten Prozeß, der anfangs durch Gebläse mit
-Handbetrieb unterhalten wurde, sogenannte Luppen von schmiedbarem
-Eisen. Indem man die Vertiefung, um die Flamme zusammenzuhalten, mit
-einer ringförmigen Mauer versah und diese nach und nach erhöhte,
-entstanden die Hochöfen, die uns in ihrer Urgestalt etwa zu Beginn des
-15. Jahrhunderts begegnen. Ihr Erzeugnis war das kohlenstoffreiche
-Gußeisen, das erst durch weitere hüttenmännische Prozesse in
-Schmiedeeisen umgewandelt werden mußte.
-
-Mit dem Abbau von Silber, Kupfer, Zinn und Blei wurde man in
-Mitteleuropa erst verhältnismäßig spät bekannt. Der Goslarer Bergbau
-auf Silber und Blei begann unter *Otto dem Ersten*[752]. Zinn wurde
-in Böhmen etwa seit dem 13. Jahrhundert abgebaut. Um diese Zeit besaß
-der Silberbergbau in Mitteleuropa schon eine große Ausdehnung. Er wurde
-nicht nur am Harz, sondern auch in der Gegend von Meißen, in Freiberg,
-im Jura und in den Alpen betrieben.
-
-Zwischen diesen Anfängen der metallurgischen Technik und der
-Wissenschaft bestand zunächst nur eine sehr geringe Fühlung. Erst seit
-dem 15. Jahrhundert, nachdem *Agricola* seine gelehrten Werke über
-den Bergbau geschrieben hatte, begannen die Gelehrten sich diesem für
-das Emporblühen der neueren Naturwissenschaft so wichtigen Gebiete
-menschlicher Tätigkeit zuzuwenden.
-
-Die Elemente der Bildung, welche die Römer nach Frankreich, England
-und Deutschland gebracht hatten, waren durch die Ereignisse der
-Völkerwanderung zum größten Teile vernichtet worden. Als nach der
-Beendigung der Wanderungen in Deutschland und im nördlichen Gallien
-das Reich der Franken entstand, und die Ausbreitung des Christentums
-durch diese politische Schöpfung sehr gefördert wurde, befanden sich
-die genannten Länder daher wieder im Zustande tiefer Unkultur. Der
-Gefahr einer Zersplitterung entging das neue Reich dadurch, daß es in
-die Hände der Pippiniden gelangte. Diese setzten der Überschwemmung
-Westeuropas durch die Araber einen Damm entgegen und begründeten
-eine christlich-germanische Bildung in ihrem, sich immer gewaltiger
-ausdehnenden Reiche. Durch die tatkräftige, persönliche Anteilnahme,
-die *Karl der Große* trotz seiner zahlreichen Kriege für die
-Wissenschaft bekundete, kam die geistige Entwicklung des Abendlandes in
-etwas schnelleren Fluß. Insbesondere scheint sich nach der Eroberung
-Italiens in dem Kaiser der Wunsch geregt zu haben, seinem eigenen Lande
-literarische Hilfsmittel zuzuführen und dadurch das Wissen zu fördern.
-Auch von Britannien her wurde die gelehrte Bildung in Deutschland
-während jenes Zeitalters günstig beeinflußt. *Gregor der Große* hatte
-um 600 nach diesem entlegenen Lande eine Anzahl Benediktinermönche
-gesandt, und diese hatten dort durch Urbarmachen des Bodens und
-Milderung der Sitten große Aufgaben gelöst, daneben aber auch die
-Pflege der Wissenschaften nicht verabsäumt. Nachdem diese Mönche sich
-auf solche Weise im nördlichen Europa einen Stützpunkt geschaffen,
-traten sie belehrend und bekehrend unter den germanischen Stämmen
-Mitteleuropas auf. Der hervorragendste unter ihnen war *Winfried*
-oder *Bonifazius*[753]. Seine Schüler gründeten die Klosterschule zu
-Fulda. Ein anderer britischer Mönch, *Alkuin*, unterwies den Kaiser
-in gelehrten Dingen. Und so kam es, daß dieser, von dem günstigen
-Einfluß der Mönche auf die besiegten Völker überzeugt, die Wirksamkeit
-dieser Männer nach Kräften förderte. Gelehrte Ausländer wurden an
-den Hof gezogen und eine Art Akademie gebildet, die indessen fast
-ausschließlich aus Briten bestand. Die Schulen sollten nach der Absicht
-*Karls* nicht ausschließlich der Erziehung der Geistlichen dienen,
-sondern Bildung in weitere Kreise tragen.
-
-*Alkuin* wurde berufen, eine Palastschule zu leiten. Sie umfaßte
-Schüler sehr verschiedenen Alters und Standes, die der Kaiser für
-leitende Stellungen ausersehen hatte. Auf *Alkuin* ist wahrscheinlich
-auch die Anordnung zurückzuführen, daß die Geistlichen ein bestimmtes
-Maß von wissenschaftlichen Kenntnissen haben sollten.
-
-Den Gedanken, allgemeine Volksschulen zu gründen, hat der Kaiser
-indessen noch nicht gehegt. Die Klosterschulen zu Fulda, zu St. Gallen
-und Corvey wurden zu wissenschaftlichen Pflanzstätten ihrer Zeit und
-ihres Landes. Der gelehrte Leiter der ersteren, *Rhabanus Maurus*,
-welcher den Ehrennamen primus Germaniae praeceptor erhielt, hinterließ
-ein Sammelwerk[754], das unter anderem einen Abriß der Naturkunde
-bietet. Man erkennt, daß dieses Wissen weit geringer war als dasjenige
-des Altertums. Der Abriß des *Rhabanus Maurus* enthält nämlich nichts
-Eigenes, sondern fußt auf den Schriften der Alten, deren Inhalt in
-verdorbener Darstellung wiedergegeben wird.
-
-Sein Werk verfaßte *Rhabanus Maurus* in der Absicht, wie er sagt,
-nach Art der Alten über die Natur der Dinge und den Ursprung
-ihrer Benennungen zu schreiben. Daraus wird die vorwiegend
-grammatisch-philologische Behandlung erklärlich, die nicht nur
-seinen Vorgängern anhaftete, sondern bis in die neuere Zeit hinein
-überwog. Dadurch, daß *Rhabanus Maurus* ferner alle Dinge in Beziehung
-zur biblischen Überlieferung brachte, kam in sein Werk jener
-mystisch-allegorische Zug, der fast alle Schriften des Mittelalters
-kennzeichnet. Die erste Hälfte handelt von Gott, den Engeln, vom
-christlichen Leben und Gebräuchen. Im zweiten Teile ist von der
-Astronomie, der Geographie, der Medizin und anderen Wissenschaften die
-Rede. Ein Buch handelt in neun Kapiteln vom Ackerbau, vom Getreide, von
-den Hülsenfrüchten, vom Weinstock, von den Bäumen, von den aromatischen
-Kräutern und vom Gemüse. Es sind im ganzen etwa hundert Pflanzen, die
-nach ihrem Vorkommen und ihren Eigenschaften betrachtet werden.
-
-Ein Seitenstück zu diesem botanischen Buche bildet das »Capitulare de
-villis et cortis imperialibus«, eine ausführliche Verordnung über die
-Verwaltung der kaiserlichen Güter. Es finden sich darin unter anderem
-auch die Pflanzen verzeichnet, die in den Gärten des Kaisers gezogen
-werden sollten. Das Capitulare de villis ist eine der wichtigsten
-Quellen für die agrarischen Verhältnisse der Karolingischen Zeit.
-
-Vorgeschrieben war z. B. der Bau von Krapp und Waid zum Färben, sowie
-der Anbau der Kardendistel, die bei der Bereitung des Tuches benutzt
-wurde. An Bäumen sollten die kaiserlichen Domänen neben Apfel-, Birn-
-und Kirschbäumen auch Kastanien, Pfirsiche, Mandel- und Maulbeerbäume,
-den Lorbeer und den Nußbaum ziehen.
-
-Als das Frankenreich zerfiel und Kriege ohne Ende zwischen den
-neu entstandenen Reichen, sowie Fehden im Innern und zur Abwehr
-von außen herandrängender Feinde herrschten, wurden die geringen
-wissenschaftlichen Ansätze welche insbesondere die Regierung des großen
-Kaisers gezeitigt hatte, zum größten Teile wieder vernichtet. Vieles
-ist gänzlich verloren gegangen, anderes besaß nicht mehr die Kraft zu
-weiterer Entfaltung, weil das geistige Interesse durch den Wetteifer,
-der zwischen der Theologie und der scholastischen Philosophie
-entbrannte, völlig in Anspruch genommen wurde.
-
-Erwähnenswert für die Zeit zwischen *Karl dem Großen* und *Albertus
-Magnus* ist *Hildegard*, die Äbtissin des Klosters zu Disibodenberg,
-die meist als *Hildegard von Bingen* bezeichnet wird. Sie ist die
-Verfasserin von vier Büchern »Physica«. Ihr Werk enthält nicht nur
-die ersten Anfänge vaterländischer Tier- und Pflanzenkunde, sondern
-es bietet überraschenderweise eine, nicht allein aus *Dioskurides*
-geschöpfte, sondern auch aus der Überlieferung des Volkes
-hervorgegangene Heilmittellehre.
-
-Die »Physica« wurden um 1150 geschrieben und enthalten viel
-Selbstbeobachtetes. In der Hauptsache bieten sie eine Flora und Fauna
-des Nahegebietes. Die Deutung der beschriebenen Arten, für welche die
-zu jener Zeit beim Volke üblichen Namen gebraucht werden, ist meist
-nicht leicht und häufig unsicher[755]. *Hildegard* hat fast alle
-heutigen Obstarten, vor allem aber die im »Capitulare« aufgezählten
-Pflanzen berücksichtigt und erweist sich weniger von den Alten
-beeinflußt als zahlreiche Verfasser späterer botanischer Bücher.
-
-Auf das Zeitalter *Karls des Großen* folgte eine Periode, in welcher
-das Abendland fast ausschließlich in der Bekämpfung des Orients
-aufging. Dann erst setzte eine stetige Aufwärtsbewegung ein. Zwar
-hatten die Kreuzzüge dem westlichen Europa manche Wunde geschlagen;
-sie hatten aber auch den Gesichtskreis in ähnlicher Weise erweitert,
-wie es zur Zeit des Griechentums die Züge Alexanders bewirkt hatten.
-Waren ferner in den vorhergehenden Jahrhunderten geistige Anregungen
-besonders von den mohammedanischen Bewohnern Spaniens ausgegangen, so
-kam man jetzt mit der während des Stillstandes der germanischen Völker
-ihre Blütezeit erlebenden islamitischen Kultur auch vom südlichen
-Italien her in Berührung. Dieser Einfluß erstreckte sich nicht nur
-auf den Norden der Halbinsel, sondern er wurde, zum Teil infolge der
-Romfahrten, auch auf den nördlich der Alpen gelegenen Teil Europas
-ausgedehnt. Auch von Byzanz und dem Orient selbst gelangten mannigfache
-Anregungen nach Mittel- und Westeuropa.
-
-Wir haben im vorhergehenden Abschnitt erfahren, daß die Araber die
-von den Griechen und den Indern empfangenen Kenntnisse nicht nur
-zu erhalten, sondern auch weiterzuentwickeln und mit ihren eigenen
-Geistesschöpfungen zu einer gewaltigen Literatur zu verschmelzen
-verstanden. Diese arabische Literatur war während des späteren
-Mittelalters, wenn auch meist in lateinischer Übersetzung, im
-Abendlande die herrschende. Da der Hauptgegenstand der arabischen oder
-aus arabischen Quellen entstandenen Schriften neben der Heilkunde die
-Astronomie und die Mathematik war, so ist es begreiflich, daß sich zu
-Beginn der Renaissance das Abendland zunächst diesen Wissenschaften
-zuwandte.
-
-Die erste Bekanntschaft mit den von den Arabern gehüteten
-Geistesschätzen machte das Abendland in dem seit 711 im
-mohammedanischen Besitze befindlichen Spanien. Dorthin strömten aus
-Frankreich, England und Mitteleuropa wissensdurstige Männer in großer
-Zahl, um die erworbenen Kenntnisse später ihrer Heimat zuzuführen.
-Unter diesen Männern seien *Gerbert*, der spätere Papst *Sylvester der
-Zweite* und *Gerhard von Cremona* genannt.
-
-Durch *Gerbert* (940-1003) und seine Schüler lernte man unsere
-heutigen, noch jetzt arabisch genannten Ziffern kennen[756].
-
-*Gerhard von Cremona* (1114-1187) lieferte die erste Übersetzung des
-Almagest, jenes von *Ptolemäos* verfaßten Hauptwerks der Astronomie,
-das dieser Wissenschaft im Altertum und im Mittelalter ihre Bahnen
-vorgezeichnet hat[757].
-
-Auch die Elemente *Euklids* wurden aus dem Arabischen übersetzt[758].
-Das mathematische Werk *Ibn Musas* und die arabischen Schriften, die
-sich auf *Aristoteles* bezogen, wurden durch *Johannes von Sevilla*
-(um 1150) in lateinischer Übersetzung den Abendländern zugänglich
-gemacht. Von der aristotelischen Philosophie empfing man allerdings
-nur einen höchst verderbten Abklatsch. Dies wird begreiflich, wenn man
-bedenkt, daß das griechische Original zuerst ins Arabische, dann ins
-Castilianische und endlich ins Lateinische übersetzt, und daß ferner
-manche schwierige Stelle nicht verstanden und infolgedessen unrichtig
-wiedergegeben wurde.
-
-Nach Italien gelangten die mathematischen Kenntnisse der Araber um das
-Jahr 1200 durch *Leonardo von Pisa*[759]. Die Geschichte dieses Mannes
-und seines mathematischen Werkes zeigt uns, wie eng die Entwicklung und
-die Ausbreitung der Wissenschaften mit den jeweiligen Kulturzuständen
-verbunden sind. *Leonardos* Vaterstadt Pisa war um 1200, infolge
-der im Zeitalter der Kreuzzüge entstandenen Beziehungen zum Orient,
-die mächtigste Handelsstadt Italiens geworden. Ihr Reichtum hatte
-mitgewirkt, um die ersten, noch heute jeden Besucher entzückenden
-Schöpfungen der neueren italienischen Kunst entstehen zu lassen. Der
-Handel entsprang praktischen Bedürfnissen und verfolgte materielle
-Ziele. Er suchte daher jeden geistigen Fortschritt, insbesondere auf
-dem Gebiete der Mathematik, unmittelbar nutzbringend zu machen.
-Zu diesem Zwecke studierte *Leonardo*, der Sohn eines Pisaner
-Handelsherrn, auf seinen Geschäftsreisen, die ihn nach Sizilien,
-Griechenland, Ägypten und Syrien führten, die in jenen Ländern
-gebräuchlichen Rechnungsweisen. So entstand um 1200 das mathematische
-Hauptwerk des Mittelalters, *Leonardos* »Liber abaci«, mit dem die
-Geschichte der Mathematik wohl einen neuen Zeitabschnitt beginnen
-läßt[760].
-
-In der Einleitung sagt *Leonardo*, die früheren Methoden seien
-ihm, verglichen mit derjenigen der Inder, als ebensoviele Irrtümer
-erschienen. Er habe daher das indische Verfahren seinem Werke zugrunde
-gelegt, habe eigenes hinzugefügt, auch manches aus der geometrischen
-Kunst des *Euklid* verwendet, damit das Geschlecht der Lateiner hinfort
-nicht mehr unwissend in diesen Dingen befunden werde[761].
-
-Die ersten Abschnitte handeln von den Grundoperationen mit ganzen
-Zahlen und Brüchen. Zum ersten Male begegnet uns der Bruchstrich, der
-auch als Zeichen für die Division gebraucht wird. An die ägyptische
-Bruchrechnung erinnert die im Liber abaci vorkommende Zerlegung von
-Brüchen in eine Summe von Stammbrüchen. Die weiteren Abschnitte
-befassen sich mit Regel de tri, Gesellschafts- und Mischungsrechnung,
-Potenzen und Wurzeln und endlich mit den Aufgaben der »Algebra und
-Almukabala«, d. h. der Lehre von den Gleichungen, die im engen
-Anschluß an *Ibn Musa* behandelt werden. Im einzelnen enthält das Buch
-*Leonardos* auch manches, was dem Verfasser angehört; vor allem ist
-dieser Herr über den von ihm behandelten Stoff, den er in eigener,
-sicherer Auffassung seinen Landsleuten übermittelt.
-
-Gleichzeitig mit den mathematischen wurden auch naturwissenschaftliche
-Kenntnisse von den Arabern dem Abendlande übermittelt. Infolgedessen
-treten hier zu Beginn des 12. Jahrhunderts Männer auf, die sich der
-Alchemie und der von den Arabern besonders gepflegten Optik widmeten.
-Unter ihnen sind vor allem *Albertus Magnus* und *Roger Bacon* zu
-nennen, mit denen wir uns noch eingehend beschäftigen werden. Nach dem
-Vorbild der Araber wurde ferner die Heilkunde im 12. Jahrhundert in
-Salerno wieder zu einer Wissenschaft erhoben, während die Behandlung
-der Krankheiten in den christlichen Ländern bis dahin vorzugsweise eine
-Domäne des frommen Aberglaubens gewesen war.
-
-Auf dem Gebiete der Optik verdient vor allem *Vitello* (Witelo)
-Erwähnung. Er stammte aus Polen und schrieb in der zweiten Hälfte des
-13. Jahrhunderts ein Werk über Optik, in dem er die Lehren *Alhazens*
-in Verbindung mit den von *Euklid* und *Ptolemäos* herrührenden Sätzen
-vortrug. *Vitellos* Werk wurde wiederholt gedruckt[762]. Es gehört zu
-den umfangreichsten, die über Optik geschrieben sind, enthält aber
-wenig Eigenes. Später hat *Kepler* seine optischen Untersuchungen an
-*Vitello* angeknüpft und sie in einem »Zusätze zu Vitello« betitelten
-Werk veröffentlicht[763].
-
-Vergegenwärtigen wir uns, daß um 1200 der große, von den älteren
-Völkern geschaffene Schatz von Anregungen und Keimen, die nur der
-Weiterentwicklung harrten, den romanischen und den germanischen Völkern
-durch die Verbreitung der arabischen Literatur zugänglich gemacht
-war, so läßt es sich begreifen, daß dieser Zeitpunkt von der neueren
-historischen Forschung wohl als ein Markstein in der Geschichte der
-Wissenschaften hingestellt worden ist[764].
-
-Von nicht geringem Einfluß war auch die Erweiterung des geographischen
-Gesichtskreises durch die Reisen[765] des Venezianers *Marco Polo*.
-*Marco Polo* gelangte bis nach Peking und im Süden bis nach Sumatra.
-Er brachte viele Jahre (1275-1292) im Dienste eines mongolischen
-Fürsten zu und richtete seine Aufmerksamkeit auf alles, was ihm in
-den fremden Ländern begegnete. Seine Mitteilungen erstrecken sich
-auf sämtliche drei Naturreiche. Er erwähnt zahlreiche Edelsteine und
-Halbedelsteine. Durch ihn wurde erst allgemein bekannt, daß sich die
-Steinkohle als Brennstoff verwenden läßt. Auch auf das Petroleum,
-die Tusche, das Porzellan lenkte er die Aufmerksamkeit. Aus dem
-Pflanzenreich erwähnt *Marco Polo* zahlreiche Drogen, Arzneimittel,
-aromatische Stoffe, Farbhölzer, den Indigo usw. Die Verarbeitung des
-Bambus, der Baumwolle und der Seide werden geschildert. Zahlreich sind
-auch die Mitteilungen über die Fauna des ganzen asiatischen Kontinents.
-Die Angaben erstrecken sich auf das Zebu, den Yack, verschiedene
-Pferderassen, Elefant, Rhinozeros, Moschustier, menschenähnliche Affen,
-Tiger, Schlangen usw. Von den Angaben über die Vogelwelt interessiert
-besonders die Erwähnung eines Riesenvogels auf Madagaskar, dessen
-Flügel sechzehn Schritt gespannt haben sollen[766].
-
-Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaften in dieser
-wie in jeder anderen Periode war auch das Emporblühen des Handels. Der
-Handel hob sich insbesondere durch die enge Fühlung, in die Italien,
-Deutschland und Frankreich sowohl unter sich wie mit dem Morgenlande
-traten. Mit dem Handel blühte das Städtewesen empor. Der in den Städten
-sich mehrende Wohlstand weckte die Teilnahme weiterer Kreise an
-geistigen Dingen. Reiche Städte haben auch stets die Wissenschaften im
-wohlverstandenen eigenen Interesse begünstigt. Gegen den Ausgang des
-Mittelalters entwickelten sich solche Städte besonders in Italien, wo
-in erster Linie Venedig, Pisa, Florenz und Genua zu nennen sind. Sie
-besaßen staatliche Macht und führten, wenn auch unter gegenseitiger
-Befehdung, durch das Streben, ihren Einfluß weithin auszudehnen, zur
-regsten Entfaltung aller gewerblichen, kommerziellen und künstlerischen
-Tätigkeit. In hoher Blüte stand z. B. die Kunst Metalle zu gießen
-und Glas zu formen. Etwas später entstanden im Norden städtische
-Gemeinwesen, die nicht nur Handelsemporien, sondern gleichzeitig die
-Pflegestätten eines ganz neuen Geistes waren. Die gewaltige Hansa
-und der rheinische Städtebund sind hier vor allem zu nennen. »Es
-ist«, sagt *Ranke*, »eine prächtige, lebensvolle Entwicklung, die
-sich damit anbahnt. Die Städte bilden eine Weltmacht, an welche die
-bürgerliche Freiheit und die großen Staatsbildungen anknüpfen«[767].
-Als fernere Umstände, die für die gesamte Entwicklung von Bedeutung
-waren, sind das Schwinden der Sklaverei, der Übergang von der Natural-
-zur Geldwirtschaft[768] und endlich, vor allem für das Gebiet der
-Geisteskultur, die Einführung der Papiererzeugung in Europa zu nennen,
-alles Geschehnisse des 13. Jahrhunderts, in dem somit eine ganze
-Reihe von Grundlagen für die gegen das Ende des Mittelalters vor sich
-gehende Neugestaltung des staatlichen und geistigen Lebens geschaffen
-wurde. Gleichzeitig begegnen uns der erste große Dichter der Neuzeit
-in *Dante* und die ersten vorurteilsfreieren Denker des christlichen
-Abendlandes in *Albertus Magnus* und *Roger Bacon*, deren Leben und
-Wirken uns in den nächsten Abschnitten am besten in die Denkweise und
-die wissenschaftlichen Bemühungen dieses Zeitraumes einführen werden.
-Auch die bildnerische Kunst erlebte im 13. und 14. Jahrhundert ihre
-Wiedergeburt. Zunächst geschah dies auf dem Boden Italiens. Es braucht
-nur an die Schöpfungen *Nicolo Pisanos* und *Giottos* erinnert zu
-werden[769], deren Erzeugnisse auf dem Gebiete der Bildhauerkunst und
-der Malerei noch heute in ergreifender Weise Zeugnis von der Gewalt
-jener künstlerischen Regungen des 13. und 14. Jahrhunderts ablegen,
-die auch in den zahlreichen gotischen Domen jenes Zeitraums ihren
-unvergänglichen Ausdruck fanden.
-
-
-Die Wiederbelebung der alten Literatur.
-
-Die Schwelle des 13. Jahrhunderts bedeutet nach *Chamberlains* Ausdruck
-den Zeitpunkt, an dem »die Menschheit unter der Führung der Germanen«
-ein neues geistiges Leben begann. Aus diesem Grunde hält dieser
-Verherrlicher der Kulturmission des Germanentums es für angezeigt, das
-Jahr 1200 als die Grenzscheide zwischen dem Mittelalter und der neueren
-Zeit zu betrachten. Jedenfalls erscheint es berechtigt, den Beginn der
-Renaissance bis an die Schwelle des 13. Jahrhunderts zurückzuverlegen.
-
-Auch auf dem Gebiete des Bildungswesens fand die neue Zeit ihren
-Ausdruck. Hochschulen nach dem Muster der arabischen gelehrten Schulen
-entstanden in Neapel, Salerno und Bologna, darauf in Paris, Oxford
-und Cambridge. Im 14. Jahrhundert folgte Deutschland mit der Gründung
-der Universitäten zu Prag, Wien und Heidelberg. Zwar waren auch sie
-anfangs vorwiegend Stätten scholastischen Gezänks. Die Gelehrten waren
-jedoch vom klösterlichen Zwange befreit worden, ein Umstand, der für
-die Folge von großer Bedeutung war. Um der Beengung zu entgehen,
-welche die Kirche während des Mittelalters jeder wissenschaftlichen
-Betätigung auferlegte, erfand man den Satz von der zwiefachen Wahrheit.
-Man verstand darunter die Lehre, es könne etwas in kirchlichen Dingen
-als wahr gelten, was in der Wissenschaft als falsch bewiesen sei.
-Dieselbe Person durfte somit, je nachdem sie sich auf den Standpunkt
-des Philosophen oder des Theologen stellte, ein und dieselbe Ansicht
-für richtig halten und sie in demselben Atemzuge verdammen[770].
-
-Man darf dieses auf den ersten Blick ganz unmoralisch erscheinende
-Verhalten nicht allzusehr verurteilen. Gilt doch auch heute noch für
-manchen der Satz, daß Glauben und Wissen als unvereinbare Gebiete
-scharf zu trennen sind, während man sich auf der anderen Seite bemüht,
-beide miteinander zu versöhnen. Man muß daher den zuerst in Paris
-und in Padua aufkommenden Satz von der zwiefachen Wahrheit als den
-ersten Versuch der Forschung ansehen, sich aus den Banden der Kirche
-zu befreien. Diese Lehre ist, sagt einer ihrer Beurteiler[771], »ein
-Denkmal des forschenden Geistes, sich ein freies, weites Gebiet zu
-verschaffen«. Insbesondere gelangte der Geist der wiederauflebenden
-Wissenschaften in zwei Männern zum Ausdruck, deren Lebensumstände und
-Verdienste uns zunächst beschäftigen sollen. Es waren dies *Albertus
-Magnus* in Deutschland und sein Zeitgenosse *Roger Bacon* in England.
-
-Beide Männer gehören dem 13. Jahrhundert an. Es war die Zeit des
-großen Staufenkaisers Friedrichs des Zweiten und seines vergeblichen
-Ringens mit dem Papsttum. In das 13. Jahrhundert fallen einerseits
-die letzten Kreuzzüge und das Umsichgreifen der von fanatischen
-Mönchen geübten Ketzergerichte, während auf der anderen Seite Handel
-und Gewerbe, sowie die Schulen aufzublühen begannen. Auch auf dem
-Gebiete des geistigen Werdens war diese Zeit erfüllt von Gegensätzen.
-Bis gegen das 13. Jahrhundert hatte im Mittelalter ausschließlich
-die Macht der Kirche und ihrer Dogmen gegolten. Die philosophischen
-Schriften des Altertums, insbesondere die Logik des *Aristoteles*,
-hatten Geltung, weil sie spitzfindigen, theologischen Streitigkeiten
-zu dienen vermochten. Was indessen die naturwissenschaftlichen Werke
-des *Aristoteles* anbetraf, so war fast jede Erinnerung an sie verloren
-gegangen. Auch die Auffassung von der Natur war zu einem Zerrbilde
-geworden. Hatten die älteren Kirchenväter sie zum Teil noch als einen
-Spiegel göttlicher Weisheit angesehen, so hatte später eine geradezu
-verächtliche Vorstellung Platz gegriffen. Die Natur erschien dem
-Menschen des eigentlichen Mittelalters im trüben Widerschein einer
-Teufelslehre, geeignet, ihn mit Sinnenlust zu umstricken und von
-seiner, im Überirdischen ruhenden Bestimmung abzulenken.
-
-Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck auf ein so geartetes
-Geschlecht das überraschend schnell erfolgende Bekanntwerden der
-naturgeschichtlichen Schriften des *Aristoteles* zu Beginn des 13.
-Jahrhunderts ausüben mußte. In lateinischer, teils aus dem Arabischen,
-teils aus griechischen Originalen geschöpfter Übersetzung, verbreiteten
-sie sich bald über das ganze Abendland. Mit den griechischen Originalen
-war man im Verlauf der späteren Kreuzzüge in Konstantinopel und an
-anderen Orten des Orients bekannt geworden[772]. Wie ganz anders
-stellte sich in diesen, die Gemüter wie eine neue Offenbarung
-ergreifenden Werken die Welt dar. Sie war hier nicht die Inkarnation
-des Bösen und die Quelle der Verdammnis, sondern »ein wunderbar
-harmonisches, ineinander greifendes Geflecht vernünftiger Zwecke
-und Mittel«[773], deren Erforschung als die würdigste Aufgabe des
-denkenden Menschen hingestellt wurde. Daß die Kirche der geschilderten
-Bewegung der Geister gegenüber nicht gleichgültig blieb, läßt sich
-denken. So verfügte sie z. B. im Jahre 1209 in Paris, daß bei Strafe
-der Exkommunikation weder die naturwissenschaftlichen Schriften des
-*Aristoteles*, noch die Kommentare dazu, sei es öffentlich, sei es
-insgeheim, gelesen werden dürften.
-
-
-Albertus Magnus.
-
-Ein Mann war es vor allem, in welchem die Naturphilosophie des
-*Aristoteles* einen begeisterten Vertreter fand. Das war *Albertus
-Magnus*. Das Bild seines Lebens und Wirkens wird uns deshalb am besten
-in den geschilderten Zeitraum zu versetzen vermögen.
-
-*Albertus Magnus*, dessen eigentlicher Name *Albert von Bollstätt*
-lautet, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einem schwäbischen
-Städtchen geboren[774]. Er empfing seine Vorbildung in Padua.
-Später lehrte er an der Dominikanerschule zu Köln, zeitweilig
-auch an der Universität in Paris, wo sein Orden einige Lehrstühle
-besetzen durfte. In die Zeit seines Kölner Aufenthaltes fallen die
-Ausschachtungsarbeiten zur Fundamentierung des Domes. In Paris fand er
-einen solchen Zulauf, daß kein Gebäude die Schar seiner Hörer zu fassen
-vermochte. An Wissensdrang fehlte es im 13. Jahrhundert also nicht,
-wohl aber an einem würdigen Gegenstand zur Befriedigung dieses Dranges.
-Handelte es sich doch nur um Schriftwerke, die durch Übersetzungen
-bekannt wurden. Ihr Inhalt war es, welcher das damalige Wissen
-ausmachte. Jede selbständige Regung wurde durch einen Autoritätsglauben
-niedergehalten, wie ihn kein Zeitalter in solchem Grade wieder besessen
-hat. Verfolgung und Tod trafen denjenigen, der sich gegen diesen
-Autoritätsglauben, der alles mit Blindheit geschlagen zu haben schien,
-auflehnte. Man darf daher auch von *Albertus Magnus* nicht allzuviel
-Eigenes erwarten, wenn er auch zu den hervorragendsten Gelehrten
-gehört, die uns in der Geschichte des Mittelalters begegnen. Ihm ist es
-vor allem zu danken, daß man auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
-wieder an die Schriften des Altertums anknüpfte. Und zwar begann man
-auf den griechischen Texten zu fußen, die zum Teil um diese Zeit schon
-von Konstantinopel aus in das Abendland gelangten, während man vorher
-die arabischen Bearbeitungen in das Lateinische übertragen hatte,
-eine zwiefache Hinüberleitung, durch welche der Inhalt entstellt und
-unrichtig übermittelt worden war.
-
-Was man vor *Albertus Magnus* an Kenntnissen über die Tier- und
-Pflanzenwelt besaß, verdiente kaum noch den Namen einer Zoologie und
-Botanik. Einiges Interesse brachte man zwar den in der Bibel erwähnten
-Geschöpfen entgegen, die in dem »Physiologus«, einem sehr verbreiteten,
-in vielen Bearbeitungen vorhandenen Buche, behandelt wurden[775]. Es
-enthielt indessen die unglaublichsten Fabeln. Trotzdem erfüllte der
-Physiologus fast 1000 Jahre die Rolle eines elementaren zoologischen
-Lehrbuches[776], wenn auch nicht eines solchen in unserem Sinne, da er
-in den Schulen in erster Linie zu religiös erbaulichen Zwecken benutzt
-wurde[777]. Berücksichtigt sind besonders Säugetiere und Vögel, ferner
-einige Reptilien und Amphibien und nur ein Geschöpf aus der Reihe der
-Gliedertiere, nämlich die Ameise. An Pflanzen kommen der Feigenbaum,
-der Schierling und die Nießwurz in Betracht. Auch einige Mineralien
-werden erwähnt; es sind der Diamant, der Achat, der »indische Stein«,
-welcher die Wassersucht heilen sollte, und die feuerbringenden Steine.
-
-Noch dürftiger erscheint dieser Inhalt, wenn man bedenkt, daß der
-Physiologus nicht etwa eine einigermaßen vollständige Schilderung
-der erwähnten Geschöpfe enthält, sondern meist nur Hinweise auf
-Bibelstellen, einzelne Züge aus der Lebensweise, Erzählungen und
-Fabeln. So wird vom Panther erzählt, daß er bunt sei, nach der
-Sättigung drei Tage schlafe, dann mit Gebrüll erwache und einen so
-angenehmen Geruch verbreite, daß alle Tiere zu ihm kämen; nur der
-Drache sei sein Feind. Der Prophet *Hosea* sage: Ich werde wie ein
-Löwe sein dem Hause Juda und wie ein Panther dem Hause Ephraim usw.
-An die meisten Tierfabeln werden moralische Bemerkungen geknüpft. Von
-den Affen heißt es, man fange sie, indem man sie veranlasse, sich
-die Augen mit Leim zu verschmieren. So jage uns der Teufel mit dem
-Leim der Sünde. Wie der Biber sich die Hoden abbeiße, wenn man ihn
-verfolge, so solle der Mensch seine bösen Leidenschaften austilgen
-usw. Auch bloße Fabelwesen, wie die Sirenen und das in der Bibel
-mehrfach erwähnte Einhorn, bilden einen Gegenstand verschiedener
-Ausgaben des Physiologus. Welch gewaltiger Abstand zwischen dem
-mittelalterlich-kirchlichen Naturwissen und demjenigen der Blütezeit
-des griechischen Geisteslebens bestand, braucht nach dieser Probe nicht
-weiter ausgeführt zu werden.
-
-Der älteste Physiologus entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. in
-Alexandrien. Auf dieser griechischen Schrift beruhen eine Anzahl
-orientalischer Bearbeitungen der biblischen Zoologie. *Albertus
-Magnus* schöpfte aus einem lateinischen Physiologus, der auch ins
-Althochdeutsche und andere nordische Sprachen übersetzt wurde. In
-erster Linie ist aber das zoologische Werk *Alberts*, das in 26 Bücher
-zerfällt, eine Wiedergabe der zoologischen Schriften des *Aristoteles*.
-Indessen verraten insbesondere die letzten Bücher eine größere
-Selbständigkeit. Auch die Naturgeschichte des gleichfalls dem 13.
-Jahrhundert angehörenden *Thomas von Cantimpré* hat *Albert* benutzt,
-doch ist dasjenige, was er selbst uns bietet, weit durchgearbeiteter.
-Daß sich bei ihm noch die alten anatomischen Unrichtigkeiten des
-*Aristoteles* finden, darf nicht wundernehmen. So nennt er gleichfalls
-die Sehnen Nerven und legt ihnen die eigentliche bewegende Kraft bei.
-Er läßt sie aus dem Herzen entspringen, während er von den eigentlichen
-Nerven noch keine Vorstellung hat[778].
-
-*Albertus Magnus* hat eine sehr umfangreiche literarische Tätigkeit
-entfaltet[779]. Eine allerdings nur mangelhafte Ausgabe seiner
-sämtlichen Werke rührt von *Jammy* her; sie erschien in 21
-Foliobänden im Jahre 1651. Der 2., 5. und 6. Band enthalten die
-naturwissenschaftlichen Schriften. Der 2. Band enthält neben einer
-Wiedergabe der aristotelischen Physik die Grundzüge der Himmelskunde
-und fünf Bücher über die Mineralien. Bemerkenswert ist, daß *Albert*
-die Milchstraße für eine Anhäufung kleiner Sterne hielt, sowie seine
-Meinung, das Erscheinen der Kometen könne nicht mit den Geschicken
-einzelner Menschen verknüpft sein. Der 5. Band bringt Geographisches,
-sowie die sieben Bücher über die Pflanzen. Hervorgehoben sei eine
-Äußerung über die Antipoden. Nur rohe Unwissenheit, meint *Albertus*,
-könne behaupten, daß diejenigen fallen müßten, die uns die Füße
-zukehrten. Der 6. Band der Gesamtausgabe endlich umfaßt die 26
-zoologischen Bücher.
-
-Das Verdienst *Alberts* besteht darin, daß er über alle Dinge, über die
-er aristotelische Schriften kannte, ausführlich schrieb. Dabei leiteten
-ihn einerseits offener Sinn und liebevolle Hingabe an die Natur.
-Andererseits beengte ihn das Streben, die Naturauffassung des Altertums
-mit den Dogmen der katholischen Kirche in Einklang zu bringen. Aus
-dieser Abhängigkeit sich zur Freiheit des Denkens durchzuringen,
-war ihm nicht gegeben. Den Vortrag der aristotelischen Lehren wußte
-*Albertus* mit seinen eigenen Ansichten in der Weise zu vereinigen,
-daß er zunächst dem *Aristoteles* folgt und dann jedesmal hinzufügt,
-er wolle eine Disgression einschalten. Als eine solche ist das ganze
-zweite Buch der Botanik zu betrachten[780]. Es beginnt mit den Worten:
-»Das alles -- nämlich den Inhalt des ersten Buches -- haben die alten
-Naturforscher begründet. Doch scheint das etwas verworren zu sein. Ich
-werde daher von neuem beginnen und die allgemeine Botanik nach der
-Ordnung der Natur geben.«
-
-Daß *Albertus* auch auf anderen Gebieten nach Selbständigkeit
-strebte[781], bezeugen die Worte, mit denen er die spezielle Botanik
-einleitet. Sie lauten: »Was ich hier schreibe, habe ich teils selbst
-erfahren, teils verdanke ich es Leuten, von denen ich überzeugt bin,
-daß sie nur das vorbringen, was sie selbst erfahren haben.« Bei dem
-Wissen von den Einzelwesen handele es sich allein um Erfahrung, da hier
-Vernunftschlüsse nicht möglich seien. Trotzdem finden sich, besonders
-bei der Beschreibung der Tiere, dem Geist der Zeit entsprechend, manche
-alten Fabeln wieder.
-
-Sein Werk über die Pflanzen schrieb *Albert* in Anlehnung an eine
-Schrift[782], die damals für aristotelisch gehalten wurde. Es umfaßt
-sieben umfangreiche Bücher und gehört zu den bedeutendsten älteren
-Werken botanischen Inhalts. Von *Aristoteles*, dem Begründer der
-Botanik, bis auf die Zeit *Alberts des Großen* war diese Wissenschaft
-immer tiefer gesunken; mit *Albert* erstand sie »wie der Phönix aus
-seiner Asche«[783]. Zuerst befaßt sich *Albert* mit den Grundzügen der
-allgemeinen Botanik. Insbesondere beschäftigt er sich mit der Frage,
-ob die Pflanze beseelt ist. Sie ist es, führt er aus, gleich jedem
-Körper, der sich aus eigener Kraft bewegt. Ohne jene Bewegung sei kein
-Wachstum, keine Ernährung und keine Fortpflanzung möglich. Auf diese
-Funktionen beschränke sich indes die Tätigkeit der Pflanzenseele.
-Diesem geringen Umfang ihrer Tätigkeit entspreche auch die geringe
-äußere Verschiedenheit der Pflanzenteile, sowie das Vermögen der
-Pflanze, aus jedem ihrer Teile wie aus dem Samen neues zu erzeugen.
-
-Bemerkenswert sind auch die Äußerungen *Alberts* über den Schlaf der
-Pflanzen. Wenn die Pflanze während des Winters infolge der Kälte
-zusammengezogen und ihr Saft und ihre Wärme nach innen zurückgedrängt
-seien, so schlafe sie. Daß einige Pflanzen ihre Blüten abends
-zusammenlegen und bei Tagesanbruch wieder öffnen, wird auch als Schlaf
-gedeutet.
-
-Bezüglich der Sexualität räumt *Albert* den Pflanzen nur eine sehr
-entfernte Ähnlichkeit mit den Tieren ein. Das Wachstum der Pflanzen,
-so meint er im Hinblick auf die Eiche, die Zeder und andere Bäume,
-scheine wie das der Mineralien an kein bestimmtes Maß gebunden zu
-sein. Das Fehlen der Sinnes- und der Bewegungsorgane, durch die sich
-das höhere tierische Leben bekunde, sei der Grund, weshalb die Wurzel,
-als Mund der Pflanze, in die Erde gesenkt sei. Ströme die Nahrung
-nicht von selbst herbei, umgäbe sie die Wurzel nicht unablässig, so
-könne die Pflanze gar keine Nahrung zu sich nehmen. Würde ferner die
-geringe Eigenwärme der Pflanze nicht von außen durch die Sonnenwärme
-unterstützt, so würde jene allein nicht hinreichen, den eingesogenen
-Nahrungsstoff zu verdauen und zum Wachstum und zur Fortpflanzung
-geeignet zu machen.
-
-Da also die Pflanze ihre Nahrung auf weit einfachere Weise zu sich
-nimmt und in sich verteilt wie das Tier, so hat sie nach *Albert* weder
-Adern, noch einen Magen, sondern nur Poren, wie sie auch das Tier
-unsichtbar auf seiner ganzen Oberfläche besitze. *Alberts* Kenntnisse
-in der speziellen Botanik, die er im 6. Buche bekundet, sind nicht
-gering. Doch teilt er mit vielen Schriftstellern des Altertums den
-Glauben an eine Umwandlung der Pflanzen. So sollen sich infolge des
-Alterns oder infolge mehr oder weniger guter Nahrung die Getreidearten
-ineinander umwandeln können. Auch entständen durch die Fäulnis einer
-Pflanze andere Arten. So überziehe sich ein kränkelnder Baum mit
-Parasiten, namentlich mit Misteln.
-
-*Alberts* Darstellung der allgemeinen Botanik ist der erste Versuch
-einer solchen. Denn was er in der Schrift des *Nikolaos* vorfand,
-hat sein Unternehmen eher ungünstig beeinflußt als gefördert.
-Es verstrichen Jahrhunderte, bevor ein zweites, dem seinigen
-vergleichbares Werk erschien. »Die Fehler des letzteren verschuldete
-sein Zeitalter, die Vorzüge gehören ihm allein an«[784]. In seiner
-speziellen Botanik handelt *Albert* von den Bäumen und Sträuchern,
-den Stauden und Kräutern. Die Anordnung ist die alphabetische. Die
-Schärfe der Beobachtungen ist anzuerkennen. Beschreibungen von einer
-Genauigkeit, wie sie uns im Altertum nicht begegnet, widmete er z. B.
-der Esche und der Erle, dem Mohn, dem Borretsch und der Rose.
-
-Seit *Albertus Magnus* war man auch bestrebt, die von den Alten
-beschriebenen Pflanzen wieder aufzufinden. Dies Bemühen war jedoch nur
-von geringem Erfolg, da einmal die vorhandenen Beschreibungen meist
-nicht hinlänglich genau waren, um danach die Arten feststellen zu
-können, und da man ferner, ohne Berücksichtigung der geographischen
-Verbreitung, die Pflanzen Griechenlands und Kleinasiens in Mitteleuropa
-suchte. Immerhin war es ein großer Fortschritt, daß man sich mit
-den Naturkörpern wieder unmittelbar zu beschäftigen begann. Die
-Wiederbelebung der beschreibenden Naturwissenschaften war in erster
-Linie die Folge eines solchen Bemühens. Dieses führte weiterhin zur
-Anlegung von botanischen Gärten und zur Herausgabe von Kräuterbüchern,
-den ersten botanischen Dingen, die uns an der Schwelle der neueren Zeit
-begegnen.
-
-Von *Albert dem Großen* bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
-waren die Fortschritte auf dem Gebiete der Botanik im übrigen nur
-gering[785]. Manche Nachricht über neue Pflanzen gelangte aus den durch
-die Kreuzzüge dem Abendlande erschlossenen Ländern nach Europa, jedoch
-ohne daß dadurch die wissenschaftliche Einsicht wesentlich gefördert
-worden wäre. Auch durch die Reisen *Marco Polos* in Ostasien erfuhr die
-spezielle Pflanzenkenntnis eine nicht unbeträchtliche Erweiterung, wenn
-es sich naturgemäß in den Mitteilungen dieses Mannes auch in erster
-Linie um solche Pflanzen handelte, die für den Handel in Betracht kamen.
-
-Wie die botanischen, so enthalten auch die zoologischen Schriften des
-*Albertus* zahlreiche Angaben über eigene Beobachtungen. Insbesondere
-gilt dies von der deutschen Tierwelt. Es finden sich z. B. recht gute
-Schilderungen des Maulwurfs, der Spitzmaus, des Eichhörnchens und des
-Igels. *Albert* führt fast alle deutschen Nager auf und zeichnet das
-Treiben des Eichhörnchens ganz musterhaft. Sehr zutreffend beschreibt
-er auch das Gebiß der Nagetiere. Erwähnung findet auch der Eisbär. Vom
-Walroß wird erzählt, daß es lange Eckzähne besitze, und daß man seine
-Haut zu Riemen zerschneide, die in Deutschland in den Handel kämen.
-Ferner wird der Grönlandwal beschrieben und sein Fang geschildert.
-Die Robben und die Delphine bezeichnet *Albert* als »Säugetiere mit
-festen Knochen, lebenden Jungen und einer Luftröhre«. Er fügt hinzu:
-»Die Angaben der Alten übergehe ich, denn sie stimmen mit denen
-erfahrener Leute nicht überein.« Über die Gliedertiere macht *Albertus*
-sogar die Angabe, daß sich beim Krebs und Skorpion ein dem Rückenmark
-entsprechender Strang findet, der auf der Bauchseite durch den Körper
-läuft. Das Treiben des Ameisenlöwen schildert er mit folgenden Worten:
-»Der Ameisenlöwe ist nicht vorher eine Ameise, wie viele sagen. Denn
-ich habe oft beobachtet und habe es häufig Freunden gezeigt, daß dieses
-Tier Zeckengestalt hat. Es versteckt sich im Sande und gräbt darin eine
-halbkugelförmige Höhle, in deren Pol sein Mund ist. Läuft nun eine
-Ameise futtersuchend darüber, so fängt und frißt er sie. Dem haben wir
-oft zugesehen«[786].
-
-*Albertus Magnus* war auch einer der ersten, der sich in Deutschland
-auf dem Gebiete der Chemie schriftstellerisch betätigte, ohne
-sich jedoch über die Araber zu erheben. Daß unedle Metalle sich
-in edle verwandeln lassen, war für ihn eine ausgemachte Sache.
-Dies geht aus dem von ihm verfaßten Werk »De rebus metallicis et
-mineralibus« mit Bestimmtheit hervor. *Albertus* glaubte auch an die
-Darstellbarkeit eines Elixiers, das imstande sei, allen Metallen
-die schönste Goldfarbe zu verleihen. Er warnte zwar vor scheinbaren
-Umwandlungen, indessen wurden durch das hohe Ansehen, das er genoß, die
-alchemistischen Bestrebungen gefördert[787].
-
-Auszüge aus dem Werke »De rebus metallicis et mineralibus« sind durch
-*Kopp* bekannt geworden[788]. Aus ihnen geht hervor, daß es sich
-bei *Albertus Magnus* zum Teil um rein aristotelische, zum Teil um
-arabische Meinungen und Anschauungen handelt. Er nimmt an, daß die
-Metalle wie alles aus den vier Elementen zusammengesetzt sind. Bestehen
-sie auch zunächst aus Schwefel und Quecksilber, so ist ersterer doch
-wieder aus Luft und Feuer, das Quecksilber dagegen aus Wasser und Erde
-entstanden.
-
-
-Roger Bacon.
-
-Ein fast noch höheres Interesse als der »Doctor universalis«, wie
-man *Albertus Magnus* nannte, beansprucht *Roger Bacon*, der »Doctor
-mirabilis«. Seine Schriften umfassen nicht nur die Naturbeschreibung,
-die Chemie und die Physik, sondern alle Wissenszweige, insbesondere
-auch die Philosophie und die Theologie. Der englische Franziskanermönch
-*Roger Bacon* ist ferner einer der ersten in der Reihe der Märtyrer,
-welche die Geschichte seit der Zeit des Wiederauflebens der
-Wissenschaften aufzuweisen hat.
-
-*Roger Bacon* wurde im Jahre 1214 geboren[789]. Er studierte in Paris
-und dann in Oxford, wo er später ein Lehramt bekleidete. Von großem
-Einfluß auf die Entwicklung *Bacons* war *Petrus Peregrinus*, der in
-Paris lehrte und als Experimentator gerühmt wurde. *Bacon* sagt von
-ihm, was dunkel sei, ziehe *Peregrinus* als Meister des Experiments
-ans Tageslicht[790]. Auch daß dieser für seine Zeit seltene Mann
-keine Wortgefechte liebte, sondern Beweise und Tatsachen verlangte,
-war für *Peregrinus* charakteristisch und für *Bacon*, der das Wort
-»Scientia experimentalis« prägte, von bestimmendem Einfluß[791].
-Schon *Gerbert*[792] hatte übrigens die Beschäftigung mit der Natur
-als Gegengewicht gegen die scholastischen Streitereien empfohlen.
-*Bacon* tat dasselbe, indes mit größerem Nachdruck[793]. Als Quellen
-für seine Naturlehre benutzte *Bacon* die Griechen (*Aristoteles*,
-*Euklid*, *Ptolemäos*), die Römer (*Plinius*, *Boëthius*, *Cassiodor*)
-und die Araber. Unter den letzteren sind vor allem *Avicenna* (*Ibn
-Sina*) und *Al Farabi* zu nennen. Das Werk des letzteren, das eine Art
-Enzyklopädie darstellt, hatte *Gerhard von Cremona* unter dem Titel
-»Liber de scientiis« ins Lateinische übersetzt. *Bacon* besaß nicht
-nur die umfassende Gelehrsamkeit eines *Albertus Magnus*, sondern er
-zeichnete sich vor diesem durch größere Klarheit und Freiheit des
-Denkens aus. In seiner Schrift über die Nichtigkeit der Magie[794]
-bekämpfte *Bacon* den Glauben an die Zauberei. Den Anhängern dieses
-Glaubens verdankte er selbst gegen das Ende seines Lebens eine
-zehnjährige Kerkerhaft. Sehr wahrscheinlich hat jedoch die Anklage auf
-Zauberei seinem Orden nur als Vorwand gedient, um ihn daran zu hindern,
-daß er fortfuhr, gegen die kirchlichen Mißstände zu eifern. Besaß doch
-*Bacon* die Kühnheit, auf eine Reformation der Kirche an Haupt und
-Gliedern, sowie auf eine kritische Behandlung der heiligen Schrift auf
-Grund der Urtexte zu dringen.
-
-Daß die Menschen in früheren Jahrhunderten nicht viel anders gewesen
-sind als heute, lassen folgende Stellen aus *Bacons* »Compendium studii
-theologiae« erkennen: »Das Haupthindernis für das Studium der Weisheit
-ist die unermeßliche Verderbnis, die in allen Ständen herrscht. Der
-ganze Klerus ist dem Hochmut, der Unzucht und der Habsucht ergeben. Wo
-Kleriker zusammenkommen, geben sie dem Laien Ärgernis. Die Fürsten und
-Herren drücken und plündern sich gegenseitig und richten das ihnen
-untertänige Volk durch Krieg und Steuern zugrunde. In den Königreichen
-geht man nur auf Vergrößerung aus. Man kümmert sich nicht darum, ob
-etwas mit Recht oder mit Unrecht erreicht wird, wenn man nur seinen
-Plan durchsetzt. Die oberen Stände dienen nur dem Bauch und den
-fleischlichen Lüsten. Das Volk wird durch dies schlechte Beispiel
-aufgereizt und zu Haß und Treubruch veranlaßt, oder es wird durch das
-schlechte Beispiel der Großen verdorben. Unzucht und Genußsucht sind
-schlimmer, als man es schildern kann. Bei den Kaufleuten herrschen
-List, Betrug, maßlose Falschheit usw.« So sieht *Bacons* Sittengemälde
-aus dem 14. Jahrhundert aus.
-
-Was *Bacon* anstrebte, war eine freiere Gestaltung des religiösen
-Lebens. Und zwar geschah dies fast zur selben Zeit, als die Albigenser
-Südfrankreichs ihren Abfall von der Kirche schwer büßen mußten. Wenn
-*Bacons* Mahnung auch verhallte und nicht imstande war, einen Sturm zu
-entfesseln, wie ihn z. B. das Auftreten eines *Huß* zur Folge hatte,
-so verdient *Bacon* doch unter den Vorboten der Reformationsbewegung
-genannt zu werden. Daß er sich der Autorität des *Aristoteles* nicht
-unbedingt unterwarf, war für die damalige Zeit ein nicht geringeres
-Verbrechen.
-
-Andererseits vermag auch *Bacon* es nicht, sich gänzlich von den
-Fesseln der griechischen Philosophie und der mittelalterlichen
-Theologie zu befreien. So hält er mit *Aristoteles* an dem Glauben
-fest, daß die Welt räumlich begrenzt sei. Er sucht auch dialektisch zu
-beweisen, daß es nicht mehrere Welten oder gar eine unendliche Welt
-geben könne. Erst viel später, bei *Giordano Bruno*, tritt uns der
-Begriff des unendlichen Alls entgegen. Wie *Aristoteles*, so weist auch
-*Bacon* mit dialektischen Gründen die Lehre vom Vakuum zurück, das die
-von *Aristoteles* bekämpften Anhänger der Atomenlehre als notwendige
-Voraussetzung für die Bewegung der Atome angenommen hatten[795].
-Als Herrin der Wissenschaften gilt *Bacon* nicht die Philosophie,
-sondern die Theologie. Wenn ein Wissen, meint er, der heiligen Schrift
-widerspricht, so ist es irrig[796]. Innerhalb dieser Beschränkung
-verlangt er eine Erneuerung der Wissenschaften und eine Begründung
-der Naturwissenschaften auf Beobachtung und Versuch. Manches, was
-später, im 16. Jahrhundert, sein Namensvetter *Francis Bacon*
-gesagt hat, klingt an die schon von *Roger Bacon* ausgesprochenen
-Mahnungen und Forderungen an. »Diejenigen, die in den Wissenschaften
-neue Bahnen einschlugen«, sagt *Roger Bacon*[797], »hatten alle Zeit
-mit Widerspruch und Hindernissen zu kämpfen. Doch erstarkte die
-Wahrheit und wird erstarken bis zu den Tagen des Antichrist.« Für
-die Wissenschaft gibt es nach *Bacon* drei Wege, die Erfahrung, das
-Experiment und den Beweis. Insbesondere wird die Mathematik gepriesen,
-aber auch der Sprache, als dem formalen Ausdruck des Denkens, wird
-die größte Bedeutung beigelegt. So heißt es bei ihm: »Wir müssen
-bedenken, daß Worte den größten Eindruck ausüben. Fast alle Wunder
-sind durch das Wort vollbracht worden. In den Worten äußert sich die
-höchste Begeisterung. Deshalb haben Worte, welche tief gedacht, lebhaft
-empfunden, gut berechnet und mit Nachdruck gesprochen werden, eine
-bedeutende Gewalt.«
-
-Selbst wenn man annimmt, daß *Bacons* Wissen vollständig auf den alten
-Schriftstellern und den Arabern beruhe, muß man doch zugeben[798], daß
-er kein bloßer Kompilator war, sondern das Vorhandene zu prüfen, sich
-anzueignen und selbständig wiederzugeben verstand. Sein Hauptverdienst
-bleibt aber, daß er zu den ersten Männern zählt, die auf den Weg des
-eigenen Forschens im Gegensatz zum Autoritätsglauben, hingewiesen
-haben, wenn es ihm selbst auch noch an Mitteln gebrach, diesen Weg
-unbeirrt zu verfolgen. Aus diesem Mangel an Befriedigung eines
-vorhandenen Dranges entspringt eine gewisse Sehnsucht, die sich darin
-ausspricht, daß *Bacons* Schriften mit häufigen Ausblicken auf eine
-größere Herrschaft des Menschen über die Natur erfüllt sind[799].
-Dieser Grundzug seines Wesens wird uns im 17. Jahrhundert bei seinem
-Namensvetter *Franz Bacon* wieder begegnen. Und es erscheint nicht
-ausgeschlossen, daß letzterer *Roger* mehr zu verdanken hat, als er
-durchblicken läßt[800]. Man kann dies als wahrscheinlich annehmen, ohne
-damit den späteren *Bacon* etwa des Plagiats bezichtigen zu wollen.
-
-*Bacons* Hauptwerk führt den Titel »Opus majus«. Es wurde 1267
-vollendet und von *Bacon* dem Papste[801] gewidmet[802]. Im ersten
-Teil des Opus majus spricht *Bacon* von den Hauptursachen der
-herrschenden Unwissenheit. Als solche gelten ihm die Eitelkeit und der
-Autoritätsglaube, die althergebrachten Vorurteile und die zahlreichen
-unrichtigen und unzulänglichen Begriffe. Der zweite Abschnitt bietet
-einen Überblick über die Fundamente, welche die Griechen und die Araber
-geschaffen. Im Mittelpunkte dieser Darstellung steht selbstverständlich
-*Aristoteles*, von dem in freimütiger Kritik gezeigt wird, daß seine
-Schriften weder erschöpfend noch frei von Fehlern seien. Um die
-bisherigen Leistungen würdigen zu können, fordert *Bacon* im dritten
-Abschnitt das Studium der Urtexte an Stelle des bis dahin üblichen
-Lesens lateinischer und arabischer Übersetzungen. Vor allem stellt
-er diese Forderung in bezug auf die Bibel und die Schriften des
-*Aristoteles* auf. Der vierte Abschnitt handelt von der Mathematik,
-einschließlich der Astronomie und ihrer Anwendungen. *Bacon* erkannte
-die Fehlerhaftigkeit des julianischen Kalenders und machte dem
-Oberhaupt der Kirche Verbesserungsvorschläge. Der julianische Kalender,
-so führt er aus, rechne das Jahr zu 365-1/4 Tagen. Es sei aber
-erwiesen, daß es kürzer sei und in 130 Jahren ein Tag zuviel gerechnet
-werde.
-
-Der nächste Abschnitt, der sich auf *Alhazen* stützt, handelt von der
-Optik. Die Reflexionen durch parabolische Spiegel, sowie die Anatomie
-und Physiologie des Auges sind so klar und treffend dargestellt, daß
-diese Abschnitte besonders den fortgeschrittenen Standpunkt *Bacons*
-erkennen lassen. Den eigentlichen Vorgang des Sehens verlegt er in das
-Gehirn, mit der Begründung, daß sich nur so die Vereinigung der in den
-beiden Augen entstehenden Sinneseindrücke zu einer einzigen Wahrnehmung
-erklären lasse[803].
-
-*Bacons* optische Kenntnisse gingen über diejenigen *Alhazens* hinaus.
-So ist *Bacon* die sphärische Aberration bekannt, d. h. die Tatsache,
-daß Strahlen, die parallel der Achse einfallen, sich nur dann in
-einem Punkte schneiden, wenn sie den Spiegel in gleichem Abstände
-vom optischen Mittelpunkte treffen. Auch mit der Brennkugel[804]
-und den Konvexspiegeln befaßt er sich in Anlehnung an *Alhazen*.
-Ferner untersucht *Bacon*, ob der Brennpunkt eines Hohlspiegels im
-Kugelmittelpunkte oder im Halbierungspunkte des Radius liegt. Er
-entscheidet sich für das letztere, also für die richtige Ansicht,
-und bemerkt ganz zutreffend, eigentlich könne nicht von einem Punkte
-der Strahlenvereinigung die Rede sein, sondern nur von einer kleinen
-Stelle. Damit ist schon das Wesen der Katakaustik angedeutet[805].
-
-Von der Fata morgana heißt es, sie werde von manchen für eine
-teuflische Gaukelei gehalten, während sie aus natürlichen Ursachen zu
-erklären sei. *Bacon* beschreibt ferner die Instrumente zur Bestimmung
-des Durchmessers von Mond und Sonne. Die Größe der Erde stehe zur
-Größe des Himmels und der übrigen Gestirne in gar keinem Verhältnis.
-So sei die Sonne 170 mal so groß wie die Erde. Auch die Milchstraße
-bestehe aus vielen, zusammengedrängten Sternen, deren Licht sich mit
-dem der Sonne mische. Ebbe und Flut sollen dadurch zustande kommen,
-daß die Mondstrahlen beim senkrechten Auffallen die Dünste aufsaugen,
-auf deren Anwesenheit auch das Funkeln der Sterne zurückgeführt
-wird. Die Erscheinung, daß eine Flutwelle auch auf der dem Monde
-entgegengesetzten Seite der Erde entsteht, erklärt *Bacon* auf folgende
-Weise. Er nimmt an, die Fixsternsphäre sei fest; daher werfe sie die
-Strahlen des Mondes zurück. Diese reflektierten Strahlen treffen dann
-die dem Monde entgegengesetzte Seite der Erde und rufen dort dieselbe
-Erscheinung hervor, die sie beim direkten Einfallen erzeugen. Nach
-dieser Vorstellung sind der Fixsternhimmel und somit die Welt räumlich
-begrenzt. Hatte doch auch *Aristoteles* angenommen, daß die Fixsterne
-ihr Licht von der Sonne erhalten. Der Gedanke von der Unendlichkeit des
-Weltalls und der Vielzahl der Sonnen- und Weltsysteme konnte erst nach
-der Begründung des Kopernikanischen Systems aufkommen.
-
-Der Regenbogen wird von *Bacon* in Anlehnung an *Aristoteles* und
-*Avicenna* zu erklären gesucht. Daß der Regenbogen verschwindet,
-sobald die Sonne sich 42° über den Horizont erhebt, ist *Bacon*
-bekannt. Für das runde Sonnenbildchen, das entsteht, wenn die Sonne
-durch unregelmäßige Öffnungen in dunkle Räume scheint, kann er keine
-Erklärung finden. Das Licht erfordert nach seiner Meinung Zeit
-und besteht nicht in einer Absonderung von Teilchen, da sonst die
-leuchtenden Substanzen wie der Moschus sich verflüchtigen müßten. Zur
-Erläuterung der Art, wie das Licht sich fortpflanzt, führt *Bacon*
-folgenden, schon *Alhazen* bekannten Versuch an. Werden drei Lichter
-vor die enge Öffnung eines Schirmes gestellt, so kreuzen sich die
-Strahlen in dieser Öffnung. *Bacon* betrachtete dies als einen Beweis
-dafür, daß sich die Spezies, d. h. dasjenige, worin er die Natur des
-Lichtes erblickte, nicht vermischen. Wir würden dafür heute sagen, daß
-die Lichtstrahlen, ohne sich gegenseitig zu stören, durch einen Punkt
-hindurchgehen.
-
-Der sechste Abschnitt ist der Wissenschaft vom Experiment gewidmet. Er
-beginnt mit den Worten: »Ohne eigene Erfahrung (Versuche) ist keine
-tiefere Erkenntnis möglich«[806]. Das Experiment wird hier schon als
-das wichtigste Mittel hingestellt, die Theorie zu stützen und sie zu
-neuen Folgerungen zu führen. Den Schluß des Werkes (7. Teil) bilden
-Betrachtungen über die Aufgabe der Wissenschaft, die Menschheit nicht
-nur zur Erkenntnis, sondern auch zu höheren sittlichen Zielen zu
-leiten. Von besonderem Interesse ist die Stellung, die *Bacon* der
-Mathematik gegenüber einnimmt. Er nennt sie das Tor und den Schlüssel
-der übrigen Wissenschaften. Die mathematischen Grundwahrheiten sind
-seiner Meinung nach dem Menschen eingeboren. Nur durch die Mathematik
-können wir zur vollen Wahrheit gelangen[807]. In den übrigen
-Wissenschaften herrscht umso weniger Irrtum und Zweifel, je mehr wir
-sie auf die Mathematik zu gründen verstehen[808].
-
-*Bacons* Schriften sind von phantastischen Ausblicken in die Zukunft
-erfüllt. So schreibt er: »Es können Wasserfahrzeuge gemacht werden,
-welche rudern ohne Menschen, so daß sie, während ein einziger Mensch
-sie regiert, mit einer größeren Schnelligkeit dahinfahren, als wenn sie
-voll schiffbewegender Leute wären. Auch können Wagen gebaut werden,
-die ohne Tiere mit einem unermeßlichen Ungestüm in Bewegung gesetzt
-werden«[809]. Wie *Bacon* sich indessen die Ausführung dieser Gedanken
-dachte, gibt er nicht an. Es würde daher verfehlt sein, wollte man
-solchen Aussprüchen, wie es wohl geschehen ist, eine weitergehende
-Bedeutung beimessen.
-
-Ferner finden sich Bemerkungen, auf Grund deren man *Bacon* die
-Priorität hinsichtlich der Erfindung des Fernrohres zugeschrieben hat.
-Da aber nicht erwiesen ist, daß Versuche oder auch nur eine klare
-Einsicht in die Grundzüge der Konstruktion vorlagen, so sind solche
-Ansprüche, die von englischer Seite herrühren, zurückzuweisen, ohne
-daß hierdurch die Bedeutung des eigenartigen Mannes eine Schmälerung
-erlitte. *Bacon* konnte in Wirklichkeit nicht einmal mit dem Gebrauch
-der Brillen bekannt sein. Diese kamen wahrscheinlich erst um 1280
-auf[810]. Wohl die erste handschriftliche Erwähnung findet sich in
-einem Briefe vom Jahre 1299. Jemand sagt dort, daß er ohne Brille, die
-vor kurzem zum Besten alter Leute mit geschwächtem Sehvermögen erfunden
-sei, weder lesen noch schreiben könne.
-
-Gleich allen seinen Zeitgenossen, war *Bacon* in dem Glauben an die
-Möglichkeit der Metallveredelung befangen, wie er auch von dem Gedanken
-durchdrungen war, daß die Gestirne einen Einfluß auf die Erde und das
-Schicksal der Menschen ausüben.
-
-Die astrologischen Lehren, zu denen das 13. Jahrhundert im Anschluß
-an das Altertum und an das frühe Mittelalter gelangt war, finden
-sich daher bei *Bacon* in großer Ausführlichkeit entwickelt. Die
-Astrologie hatte damals ihren Höhepunkt erreicht. Später büßte sie an
-überzeugender Kraft ein, bis sie im 17. Jahrhundert aus der gelehrten
-Bildung ganz verschwand. Man muß sich eigentlich wundern, daß sich bei
-einem im übrigen so hervorragenden Geist wie *Bacon* keine Zweifel
-regten. Da die astrologischen Lehren besonders geeignet sind, den Geist
-des Mittelalters zu kennzeichnen, soll noch einiges daraus in der ihnen
-von *Bacon* gegebenen Fassung Platz finden.
-
-Die Astrologen teilten den Himmel in zwölf »Häuser«. Jeder Planet
-(Mond und Sonne eingerechnet) hat ein »Haus«, in dem er erschaffen
-ist. Der Löwe ist das Haus der Sonne, der Krebs das des Mondes, die
-Jungfrau dasjenige des Merkur usw. Jedem der fünf Planeten ist außerdem
-noch eins der fünf übrigen Häuser zugeteilt. Jupiter und Venus sind
-Glückssterne, Mars und Saturn Unglückssterne.
-
-Von großem Einfluß sind die Konjunktionen der Planeten, d. h. ihr
-Zusammentreffen in einem und demselben Hause. Solche Konjunktionen
-zeigen Thronwechsel, Hungersnot und ähnliche Ereignisse an. Sie wirken
-auch auf den einzelnen Menschen. Zwar sollen sie nicht den Willen
-bestimmen. Wohl aber sollen die Himmelskräfte den Körper und, bei dem
-engen Zusammenhang von Leib und Seele, auch letztere beeinflussen.
-
-*Bacon* schloß sich auch den orientalischen Lehren an, nach welchen
-bestimmte Planeten über gewissen Reichen dominieren, z. B. Saturn über
-Indien, Jupiter über Babylon, Merkur über Ägypten, der Mond über Asien.
-Vielleicht ist es auf astrologische Vorstellungen zurückzuführen, daß
-der Halbmond das Abzeichen der Türkei geworden ist.
-
-Was den chemischen Inhalt der *Bacon*ischen Schriften[811] anbetrifft,
-so verdient hervorgehoben zu werden, daß *Bacon* ein Gemenge erwähnt,
-dessen Entzündung eine furchtbare Erschütterung hervorbringe. Als einen
-Bestandteil dieses Gemenges nennt er Salpeter[812]. Offenbar haben wir
-es hier mit dem Schießpulver zu tun, das um diese Zeit von Ostasien her
-seinen Weg nach Europa gefunden hatte. Es wurde zuerst in Bergwerken
-zum Sprengen gebraucht[813]. Seit dem 14. Jahrhundert führte das Pulver
-eine Umwälzung in der Art der Kriegsführung herbei, die von großem
-Einfluß auf die politische Gestaltung Europas wurde[814].
-
-Gewissermaßen gehört *Bacon* auch zu den geistigen Urhebern der großen
-Entdeckungsreisen. Er vertrat nämlich die Ansicht, Asien erstrecke
-sich so weit nach Osten, daß seine östliche Küste durch eine kurze
-Fahrt über den atlantischen Ozean erreicht werden könne. Diese Ansicht
-*Bacons* nebst ihrer Begründung nahm *Pierre d'Ailly* in sein »Imago
-mundi« betiteltes Werk[815] auf. Und es ist bekannt, daß *Columbus*
-später insbesondere auch durch das Lesen dieses Werkes zu seiner Fahrt
-nach Westen angeregt wurde[816].
-
-Aus allem geht hervor, daß wir es in *Bacon* mit einem hochbedeutenden
-Menschen zu tun haben, der in der Entwicklung der Wissenschaften eine
-hervorragende Rolle gespielt und die Bewunderung, die man ihm gezollt,
-verdient hat[817]. *Bacon* ist einer der wenigen, das Dunkel des
-christlichen Mittelalters durchdringenden Sterne. Daß er sich nicht
-völlig von den Vorurteilen seiner Zeit frei zu machen wußte, darf die
-Anerkennung, die wir ihm spenden müssen, nicht beeinträchtigen.
-
-
-Auswüchse des mitteltalterlichen Denkens.
-
-Auf dem Gebiete der Wissenschaften tritt die Eigenart des Mittelalters
-besonders in den Bestrebungen der Astrologen und der Alchemisten
-zutage. Astrologie und Alchemie sind Wörter, bei deren Klang man sich
-sofort in jene Zeit, von der wir handeln, zurückversetzt fühlt. Nicht
-nur die mit diesen Namen bezeichneten Pseudowissenschaften, sondern
-mitunter auch Magie und Nekromantie waren damals Gegenstand von
-Universitätsvorlesungen.
-
-Die größten alchemistischen Torheiten bezüglich der Wirkung der Materia
-prima oder des Steins der Weisen gingen von *Raymundus Lullus* aus.
-*Lullus*, der Doctor illuminatissimus, wurde um 1230 geboren. Seine
-Schriften, oder vielmehr was an solchen unter seinem Namen ging,
-fanden besonders im 14. Jahrhundert zahlreiche Leichtgläubige. Als
-eine Ausgeburt der Phantasie des *Lullus* begegnet uns seine Lehre von
-der Multiplikation. Der Stein der Weisen verwandelt danach zunächst
-die 1000fache Menge Quecksilber in Materia prima. Und dies konnte
-mehrfach wiederholt werden, bis nach einer gewissen Abschwächung der
-verwandelnden Kraft die Materia prima die 1000fache Menge Quecksilber
-in reines Gold verwandelte. In Anbetracht derartiger Übertreibungen des
-alchemistischen Gedankens kann es nicht wundernehmen, wenn er sich zu
-dem Ausspruch verstieg: »Mare tingerem, si Mercurius esset« (das Meer
-würde ich in Gold verwandeln, wenn es aus Quecksilber bestände).
-
-Unter den Auswüchsen und Irrungen, die uns im Mittelalter begegnen,
-sind neben der Alchemie, der Astrologie und der Magie der Hexenglauben
-zu nennen. Auch von dieser so unheilvollen, in der Hand des kirchlichen
-Fanatismus oft zur furchtbarsten Geißel[818] gewordenen Verirrung wurde
-die Menschheit durch das Emporkommen einer naturwissenschaftlichen
-Weltanschauung in Jahrhunderte dauerndem Kampf befreit. Zu den ersten,
-die den Kampf gegen die Astrologie aufnahmen, zählt der in der zweiten
-Hälfte des 15. Jahrhunderts lebende *Pico von Mirandola*.
-
-*Pico von Mirandola* gehörte den humanistischen Gelehrten an, die
-im allgemeinen der Astrologie zugetan waren, da letztere ja dem
-späteren Altertum entsprungen war. Gehörte doch selbst *Melanchthon*
-zu ihren Anhängern, während *Luther* sich von den Sterndeutereien
-abwandte und sie für grobe Lügen erklärte, denen gegenüber man bei
-seinem einfachen Verstande bleiben müsse. Aus diesem heraus ist auch
-*Pico von Mirandolas* Einspruch hervorgegangen. Will man sich von der
-Trüglichkeit aller Wahrsagerei überzeugen, so frage man die Sterndeuter
-und die Handlinienbeschauer zu gleicher Zeit und sehe, wie sie
-einander widersprechen. Ihre Wetterprophezeiungen sind nicht minder
-unzuverlässig. So und ähnlich lauten seine Gründe. Daß der Himmel die
-allgemeine Ursache des irdischen Geschehens sei, erkennt *Pico* an.
-Alles Besondere müsse aber aus den nächstliegenden Ursachen erklärt
-werden.
-
-Über das Unheil, das die astrologische Lehre anrichtete, sagt *Pico*,
-sie zerstöre die Philosophie, verfälsche die Heilkunde, untergrabe
-die Religion, erzeuge den Aberglauben, begünstige die Abgötterei,
-verunreinige die Sitten, verleumde den Himmel und mache den Menschen
-zum unglücklichen Sklaven von Vorurteilen und Verführern.
-
-Schon ein Jahrhundert vor *Pico* hat einer der größten unter den
-Humanisten, *Francesco Petrarca*, den Kampf gegen die Astrologie, die
-Magie und andere Ausflüsse des Aberglaubens geführt. Sein Bemühen war
-jedoch nicht minder erfolglos gewesen wie dasjenige seines Nachfolgers.
-Beide Männer haben indessen das Verdienst, daß sie den späteren
-Geschlechtern die Waffen in diesem Kampfe geschmiedet haben[819].
-
-Mit ähnlichen überzeugenden Gründen, wie *Pico von Mirandola* die
-Astrologie, bekämpfte der Arzt *Jacob Weyer* den Hexenglauben und
-die damit im Zusammenhange stehenden Verfolgungen. Er wies z. B.
-nach, daß das Alpdrücken eine Folge körperlicher Zustände sei und
-nicht etwa durch einen Dämon veranlaßt werde. Er erkannte die Rolle,
-welche die Phantasie, sowie die Neigung der Frauen zur Hysterie beim
-Zustandekommen abergläubischer Vorstellungen spielt. Doch fand er nur
-wenig Anhänger und zahlreiche Widersacher. Die angeblichen Hexen wurden
-noch bis in das 18. Jahrhundert hinein von Geistlichen, Inquisitoren
-und der fanatisierten Menge verfolgt und verbrannt.
-
-Das Heilmittel für all diese Gebrechen der Zeit konnten nur die
-Naturwissenschaften sein. Sie waren zwar auf dem Marsche. Um die
-Beseitigung von Aberglauben und Vorurteilen, sowie um Anerkennung als
-Bildungsmittel für die breite Masse des Volkes mußten sie aber noch
-lange, ja selbst bis auf den heutigen Tag ringen.
-
-
-Die Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert.
-
-Von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Vorstellungen, die um
-die Mitte des 14. Jahrhunderts herrschten, erhält man ein in mancher
-Hinsicht zutreffendes Bild durch *Megenbergs* Buch der Natur.
-
-*Konrad von Megenberg* wurde um 1309 in der Maingegend geboren. Er
-empfing seine Vorbildung in Deutschland und Paris, wo er den Doktorgrad
-erwarb. Darauf lehrte er in Wien und schließlich wirkte er als
-Kanonikus in Regensburg. Dort schrieb er sein Werk, das er um 1350
-bekannt gab[820]. Er starb in Jahre 1374.
-
-*Megenbergs* Hauptquelle ist eine von *Thomas von Cantimpré* um 1250
-verfaßte Schrift: Über die Natur der Dinge (De naturis rerum). Sie
-bietet eine Übersicht über das damalige Wissen von den lebenden und
-den leblosen Naturgegenständen. Und zwar ist *Cantimprés* Buch das
-erste Werk dieser Art, welches das Mittelalter hervorbrachte[821].
-In zwanzig Büchern behandelt *Thomas* die Anatomie des Menschen, die
-Tiere, die Pflanzen, die Metalle und Edelsteine, die vier Elemente
-und das Himmelsgewölbe mit den sieben Planeten. Das Werk ist indessen
-nicht auf eigene Anschauung gegründet, sondern aus den verschiedensten
-Schriftstellern geschöpft. Am meisten benutzt sind *Aristoteles*,
-*Galen* und *Plinius*. Aber auch *Theophrast*, *Isidor von Sevilla*
-und die Kirchenväter werden herangezogen.
-
-*Megenbergs* Buch der Natur lehnt sich so eng an die besprochene
-Schrift des *Thomas* an, daß es als eine gekürzte und dem Fortschritt
-des seitdem verflossenen Jahrhunderts Rechnung tragende deutsche
-Bearbeitung bezeichnet werden kann[822]. Doch hat *Megenberg*, wie
-er ausdrücklich bemerkt, wenn ihn das Buch des *Thomas* im Stiche
-ließ, auch andere Bücher benutzt. Dabei ist er durchaus kein bloßer
-Kompilator. Er weist sogar manches, was *Thomas* unbeanstandet
-aufnimmt, als unglaubwürdig zurück. Daß er trotzdem an Wunder,
-Zauberei und Beschwörungen glaubt, muß man auf Rechnung des Geistes
-seiner Zeit setzen. So ist das Buch *Megenbergs* eins der geeignetsten
-Zeugnisse für das vor dem Wiederaufleben der Wissenschaften selbst
-bei aufgeklärten Männern anzutreffende Fühlen und Denken. Einige
-Mitteilungen aus dem Inhalt des Buches mögen dies des Näheren dartun.
-
-Der erste Abschnitt betrifft den Menschen. Es sind die Lehren des
-*Aristoteles* und des *Galen*, die uns hier in derjenigen Gestalt
-begegnen, die sie durch spätere Schriftsteller erfahren haben[823].
-Das Gehirn soll von Natur kalt, das Herz dagegen warm sein. Das
-Gehirn liege oberhalb des Herzens, damit seine Kälte durch die Wärme
-des Herzens gemildert werden könne. Die Natur lasse zuerst das Herz
-entstehen und danach das Gehirn. Vom Auge heißt es, es sei von dünnen
-Häuten umgeben. Diese umschlössen die kristallinische Feuchtigkeit,
-auf welcher die Sehkraft beruhe. Der Sehnerv wird als eine hohle
-Ader bezeichnet, deren Aufgabe es sei, den Augen die eigentliche
-geistige Sinnestätigkeit zuzuführen. Man sieht, es sind verworrene
-Vorstellungen, aus denen nicht ersichtlich ist, wie sich *Megenberg*
-den Vorgang des Sehens eigentlich denkt. Über das Herz und die Lungen
-äußert er sich mit folgenden Worten: Das Herz ist das erste Lebendige
-und das letzte Organ, das stirbt. Es besitzt zwei Kammern, eine rechte
-und eine linke. Sie bergen das Blut und die besonderen Geister,
-welche das Leben bedingen. Die Geister und das Blut strömen durch
-die Adern vom Herzen zu den übrigen Organen hin. Das Herz ist der
-Lunge angelagert, weil die weiche Lunge durch ihre Tätigkeit, Luft
-aufzunehmen, das Herz kühl halten kann, so daß es nicht in seiner
-eigenen Hitze erstickt. Eine genauere Unterscheidung zwischen Adern,
-Nerven und Sehnen findet auch bei *Megenberg* noch nicht statt.
-
-Der zweite Abschnitt handelt »von den Himmeln und den sieben
-Planeten«. Außerhalb des Firmaments, an dem die Fixsterne befestigt
-sind, unterscheidet *Megenberg* noch zwei Sphären, den Wälzer und
-den Feuerhimmel. Nach innen folgen die sieben Planetenhimmel, von
-denen jeder nur einen Stern trägt. Alles bewegt sich in verschiedenen
-Zeiträumen um den Mittelpunkt der Welt, die Erde. Jeder Planet hat
-seine besonderen Eigenschaften und Wirkungen. So ist Jupiter warm und
-trocken. Deshalb macht er das Erdreich fruchtbar und bringt ein gutes
-Jahr, wenn er in seiner vollen Kraft und günstigsten Stellung scheint.
-Mars ist heiß und trocken; daher erhitzt er der Menschen Herz und macht
-sie zornig. Der Sonne werden fünfzehn Eigenschaften zugeschrieben, die
-dann in allegorischer Weise auf die heilige Jungfrau bezogen werden.
-
-Hinsichtlich der Kometen begegnen wir einer Auffassung, die von
-*Aristoteles* bis zu *Tychos* und *Keplers* Zeiten die herrschende
-blieb. Ein Komet ist danach kein eigentlicher Stern, sondern ein
-»Feuer, das im obersten Luftreich brennt«. Genährt wird dieses
-Feuer durch fettigen, der Erde entstammenden Dunst. Die Dauer des
-Kometen hängt davon ab, wie lange dieser Dunst in hinreichender
-Menge nachströmt. Betrachtete man die Kometen als atmosphärische
-Erscheinungen, so war die Annahme, daß sie auf die Erde eine tiefere
-Wirkung als die Gestirne ausüben, ganz folgerichtig. Der Komet muß für
-das Land, dem er den Schweif zukehrt »ein Hungerjahr bringen, weil dem
-Boden dort die Feuchtigkeit entzogen wird«. Die Milchstraße endlich
-wird ganz zutreffend auf »zahlreiche, nahe beieinander befindliche
-Sterne zurückgeführt, deren Schein vereint leuchtet«.
-
-*Megenberg* bespricht dann die atmosphärischen Vorgänge. Der Wind wird
-nicht etwa als eine Bewegung der Luft in ihrer ganzen Masse aufgefaßt,
-sondern als ein »angesammelter irdischer Dunst« betrachtet, der sich
-durch die Luft bewegt. Aus dem irdischen fetten Dunst, der gegen die
-Wolken stößt, sucht *Megenberg* auch Blitz und Donner zu erklären.
-Die Kraft des Anpralls bewirke die Entzündung, d. h. den Blitz. Der
-Regenbogen endlich wird als eine Spiegelung des Sonnenlichtes in den
-Wolken aufgefaßt. Durch die Annahme von Dünsten im Innern der Erde
-wird, unter Zurückweisung alter Fabeleien, auch das Erdbeben erklärt.
-Auf die in den Höhlen der Gebirge befindlichen Dünste sollen die
-Gestirne, besonders Mars und Jupiter in der Art wirken, daß sie ihren
-Andrang gegen die Wände der einschließenden Hohlräume vermehren.
-Dadurch komme eine Erschütterung der Erde zustande. *Megenberg*
-berichtet dann über ein starkes Erdbeben, das 1348 in den Alpen und in
-Süddeutschland verspürt wurde. In demselben Jahre wurde Europa durch
-den schwarzen Tod heimgesucht, das »größte Sterben, das je nach oder
-vielleicht auch vor Christi Geburt dagewesen«. Allein in Wien seien
-an dieser Seuche 40000 Menschen in wenigen Monaten zugrunde gegangen.
-*Megenberg* ist nun geneigt, zwischen dem Erdbeben und jener Krankheit
-einen ursächlichen Zusammenhang anzunehmen. Bei dem Erdbeben entweiche
-nämlich giftiger Dunst aus dem Innern der Erde. Das Weltbild, das sich
-das Mittelalter nach dem Vorgange der Alten geschaffen und wie es uns
-in *Megenbergs* Schrift entgegentritt, wird durch eine Schilderung
-der Tiere, der Pflanzen und der wichtigsten anorganischen Naturkörper
-vervollständigt. Auf die Beschreibung des Tieres im allgemeinen, die
-ganz im Geiste und oft in wörtlicher Übereinstimmung mit *Aristoteles*
-gehalten ist, folgen Mitteilungen über das Aussehen und die Lebensweise
-der einzelnen Geschöpfe. Von einer systematischen Einteilung nach
-irgend welchen wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist dabei noch
-keine Rede. Die Anordnung ist vielmehr die alphabetische. Auch wird
-über manches Tierwunder berichtet, das sich später als eine Ausgeburt
-der Phantasie älterer Schriftsteller erwiesen hat. So wird auch die
-alte Geschichte des Physiologus von dem Walfisch, dessen Rücken für
-eine Insel gehalten wird, wieder aufgefrischt. Manche Bemerkung über
-einheimische Tiere beruht auf eigener Beobachtung oder wenigstens auf
-der Beobachtung Mitlebender. Doch fehlen auch nicht Angaben alter
-Schriftsteller, die ohne Nachprüfung aufgenommen werden, so heißt es
-beim Pferde, *Aristoteles* sage, aus dem Haare dieses Tieres entstehe
-im Wasser ein Wurm. Nicht selten wird aber derartigen Mitteilungen ein
-treuherziges: »Das glaube ich nicht« hinzugefügt, so der Erzählung des
-*Plinius*, daß der Luchs durch eine Wand zu sehen vermöge.
-
-Die nächsten Abschnitte handeln -- gleichfalls in alphabetischer Folge
--- von den Bäumen und von den Kräutern. Die Beschreibungen beschränken
-sich auf den äußeren Habitus der ganzen Pflanze und das Aussehen der
-Früchte. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die physiologischen
-Wirkungen, die von den Pflanzen ausgehen. Zur Erklärung dieser
-wunderbaren Wirkungen genügt nach *Megenberg* jedoch nicht die Mischung
-der in den Kräutern enthaltenen Elemente, sondern er nimmt daneben den
-Einfluß der Gestirne an. Oft komme auch der Einfluß der heiligen Worte
-in Betracht, mit denen man Gott anrufe, und durch die man die Kräuter
-beschwöre und segne, wie man ja auch das Weihwasser einsegne.
-
-Durch den göttlichen Willen haben auch die Steine wunderbare
-Eigenschaften und Kräfte, vor allem besitzen sie einen segenbringenden
-Einfluß. Manche Mineralien sind giftwidrig, ja sie zeigen sogar durch
-Ausschwitzungen an, ob sich Gift in der Nähe befindet. Der Karneol
-besänftigt den Zorn und stillt Blutungen. Offenbar wurde ihm seit
-jeher diese Eigenschaft seiner roten Farbe wegen zugeschrieben. Auch
-bei den übrigen Mineralien werden die Eigenschaften ganz obenhin
-erwähnt, dagegen um so ausführlicher wird ihre Verwendung zu Amuletten
-gewürdigt, ohne daß *Megenberg* Zweifel an der Richtigkeit der an
-die Mineralien sich knüpfenden, damals herrschenden, abergläubischen
-Vorstellungen kamen.
-
-Wir haben das Buch der Natur etwas eingehender gewürdigt, weil eine
-derartige Probe lehrreicher ist als lange Betrachtungen über den Geist
-des Mittelalters. Erst wenn wir uns den geistigen Besitz und das Fühlen
-und Denken jener Zeit an einem Schriftsteller wie *Megenberg* oder
-*Thomas von Cantimpré* vergegenwärtigt haben, können wir den Umschwung
-ermessen, der mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften eintrat und
-der neueren mit *Koppernikus*, *Galilei* und *Kepler* anhebenden
-Naturforschung den Weg bereiten half.
-
-
-
-
-10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.
-
-
-Bis zur Beendigung der Kreuzzüge hatte Westeuropa unter einer
-überwiegend kirchlichen Führung gestanden. Probleme religiöser und
-scholastisch-philosophischer Art nahmen während dieser Zeit das Denken
-vorzugsweise in Anspruch. Das nunmehr eintretende Sinken der Hierarchie
-hatte zur Folge, daß man sich auch anderen Gegenständen zuwandte.
-
-Es sind vor allem zwei mächtige neue Bewegungen von nie versiegender
-Wirkung, welche die europäische Menschheit gegen den Ausgang des
-Mittelalters ergreifen, die Wiederbelebung des klassischen Altertums
-und die durch die Entdeckungsreisen erfolgende Ausdehnung des
-geographischen Gesichtskreises über die gesamte Erde.
-
-Vorbereitet wurde der große geistige Umschwung, dessen Vorboten bis
-in das 13. Jahrhundert zurückreichen, durch einen wirtschaftlichen
-Vorgang, nämlich durch das Emporblühen des Städtewesens. Vor allem
-sind hier Pisa, Florenz, Venedig und Genua zu nennen. Diese waren
-durch den Handel zu Wohlstand und Macht und schließlich sogar zu einer
-meerbeherrschenden Stellung gelangt. Die Berührung mit sämtlichen
-Völkern des Mittelmeeres, das Emporblühen der Kunst und der Gewerbe,
-kurz die Erweiterung des gesamten Gesichtskreises brachten es mit sich,
-daß an diesen Stätten die Nacht des Mittelalters zuerst der Morgenröte
-eines neuen, besseren Tages wich.
-
-Die ältere Geschichtsschreibung liebte es, die Renaissance als
-ein fast blitzartiges Aufleuchten hinzustellen, wodurch das tiefe
-Dunkel des Mittelalters verscheucht und von Italien aus das übrige
-Europa allmählich erhellt worden sei. Es war dies die besonders
-durch *Burkhardt*[824] vertretene Anschauung. *Burkhardt* stand
-noch allzusehr unter dem Einflüsse *Vasaris*, des frühesten
-Geschichtsschreibers der Renaissance. *Vasari*[825], der um die Mitte
-des 16. Jahrhunderts schrieb, stand offenbar den von ihm geschilderten
-Begebenheiten zeitlich noch zu nahe, um ein zutreffendes, allgemeines
-Urteil fällen zu können. Auch war er bestrebt, die von ihm behandelte
-Epoche der vorangehenden Zeit gegenüber in hellem Glanze hervortreten
-zu lassen[826].
-
-Die neuesten Forschungen über die Entwicklung des geistigen Lebens
-und der Kunst lassen immer deutlicher erkennen, daß sich zwischen
-Mittelalter und Renaissance keine scharfe Grenze ziehen läßt. Vielmehr
-reicht die Bewegung, die wir mit dem Worte Renaissance kennzeichnen,
-in ihren Anfängen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Auch war sie
-keineswegs auf den Boden Italiens beschränkt. Erlebte sie auch dort
-ihre höchste Blüte, so begegnet uns die Wiedergeburt der Künste und
-der Wissenschaften doch auch in Frankreich, in Deutschland und den
-Niederlanden. Und zwar lassen sich auch in diesen Ländern das Streben
-nach selbständiger Auffassung und eine dadurch bedingte Abkehr von der
-bisherigen Denkweise, gewissermaßen eine allmähliche Umwertung der
-Werte, bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Dennoch darf man,
-im Gegensatz zur älteren historischen Schule (*Burkhardt*, *Voigt*,
-*Libri*) nicht so weit gehen, die Renaissance »als das Resultat und
-die feinste Blüte des Mittelalters« zu bezeichnen[827]. Ist doch die
-Renaissance, die wenn auch lange vorbereitete, allmähliche Überwindung
-derjenigen Momente, welche das christliche Mittelalter kennzeichnen.
-Als diese im geistigen Leben des Mittelalters überwiegenden
-Momente werden stets gelten müssen: erstens die Unterordnung der
-wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigung unter den Einfluß der
-Kirche, ferner die Herrschaft der Autorität des geschriebenen Wortes
-und drittens die Abkehr von realistischer und die Versenkung in die
-spiritualistische Denkweise.
-
-Die Wiederbelebung der römischen und der griechischen Literatur
-erfolgte seit dem 14. Jahrhundert in immer größerem Umfange und führte
-zu einer wachsenden Vertiefung in den Geist der Antike. Es entstand
-die Richtung, die man als den Humanismus bezeichnet. Brachte sie den
-Naturwissenschaften auch keinen unmittelbaren Gewinn, so bewirkte
-sie doch, daß mit den erwähnten mittelalterlichen Elementen, welche
-das Denken bisher gefangen hielten, gebrochen und für die Behandlung
-und die Darstellung wissenschaftlicher Gegenstände Vorbilder gewonnen
-wurden. Es wurde, wie ein hervorragender Geschichtsschreiber der
-Periode des Humanismus sagt[828], »die vergessene Tiefe der Vorzeit
-heraufbeschworen und diese in ihren edelsten Schöpfungen noch einmal
-durchlebt«. Das Land, wo der Humanismus seine erste Blüte erlebte, war
-Italien. Dort waren nämlich die Scholastik, die romantische Poesie und
-die gotische Baukunst nie zur vollständigen Herrschaft gelangt und
-immer noch eine Erinnerung an das Altertum übrig geblieben, die endlich
-im 15. Jahrhundert alle Geister ergriff und der Literatur ein neues
-Leben einhauchte[829].
-
-Auf dem Boden Italiens hatte die Berührung der antiken Welt mit
-dem germanischen Elemente vorzugsweise stattgefunden. War Italien
-dabei auch von vielen Völkern zertreten worden, so hatten sich doch
-manche Reste und Vermächtnisse der alten Kultur in die neue Zeit
-hinübergerettet. Die führenden Männer, denen wir die Wiederbelebung
-dieser Keime verdanken, waren vor allem *Petrarka* und *Boccaccio*.
-In den Beginn der großen literarischen Epoche, welche diese Männer
-verkörpern, gehört der bewundertste Dichter der italienischen Nation,
-*Dante*. Geboren wurde *Dante* 1265 in Florenz; er starb im Jahre
-1321. *Dante* hat zwar von den besten römischen Dichtern, wie *Horaz*,
-*Ovid* und *Vergil*, manche Anregung empfangen, doch gehört er noch
-nicht zu den Erneuerern der alten Literatur. Seine Bildung beruht
-vielmehr noch vorzugsweise auf dem Trivium und dem Quadrivium der
-mittelalterlichen Philosophen. Der Geist, der aus *Dante* spricht, ist
-aus der Vereinigung der Scholastik mit der provenzalischen Romantik
-hervorgegangen. Und diesen Geist verrät auch sein geniales Meisterwerk,
-die göttliche Komödie. Sie ist nicht nur als ein hervorragendes Werk
-der Dichtkunst, sondern auch als eine Fundgrube für den Stand der
-Kenntnisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu schätzen[830]. Es war
-nicht viel mehr als eine dunkle Ahnung, mit der *Dante* das Wesen der
-Antike erfaßte, in ihre Tiefen ist er noch nicht eingedrungen. Das
-geschah erst durch *Francesco Petrarka*[831].
-
-*Petrarkas* Vater besaß einige Schriften *Ciceros*. Sie und die
-Dichtungen *Vergils*, die das Mittelalter nie vergessen hatte, kamen
-dem jungen *Petrarka* in die Hände und wurden von ihm weniger des
-Inhalts als des Wohllauts der Sprache und des beredten Ausdrucks wegen
-mit Begeisterung gelesen. Da man nur einen kleinen Teil der Schriften
-*Ciceros* besaß -- die Briefe z. B. waren in Vergessenheit geraten
---, so begann *Petrarka*, als er heranwuchs, nach den verschollenen
-Werken des von ihm so hoch verehrten Schriftstellers zu suchen. Sein
-Umherstöbern in alten Klosterbibliotheken wurde mit Erfolg belohnt.
-Er selbst begab sich ans Abschreiben und wußte zahlreiche Männer in
-den Dienst seiner Bestrebungen zu stellen. Nach Spanien, Frankreich,
-Deutschland und Britannien, ja selbst nach Griechenland sandte er die
-Aufforderung, nach bestimmten, verschollenen Schriften zu forschen.
-Oft fügte er seinen Bitten und Mahnungen auch Geldbeträge bei. Die
-Schriften der Alten wurden aber nicht nur gesammelt und vervielfältigt,
-man betrachtete sie auch als Muster für den Ausdruck und bemühte sich,
-den eigenen Ausdruck danach zu vervollkommnen.
-
-*Petrarka* wandte sein Interesse nicht nur den Literaturwerken, sondern
-auch allen übrigen antiken Überresten, wie Bauwerken, Münzen usw. zu,
-an denen der Boden Italiens so reich ist. Auch auf die griechische
-Kultur lenkten *Petrarka* und seine Nachfolger die Aufmerksamkeit des
-Abendlandes. Zwar fehlte es im 14. Jahrhundert zunächst noch sehr an
-der Kenntnis der griechischen Sprache. Hierin trat aber eine Änderung
-nach dem Fall Konstantinopels ein, da viele griechische Flüchtlinge
-infolge dieses Ereignisses sich nach Italien wandten. Der treueste
-und eifrigste Jünger *Petrarkas* war *Giovanni Boccaccio*. Der Eifer
-von den alten Schätzen zu sammeln, was noch zu retten war, wurde fast
-durch die Besorgnis übertroffen, daß es schon zu spät sein möchte. Daß
-diese Besorgnis sehr gerechtfertigt war, beweist *Boccaccios* Bericht
-über seinen Besuch der Bibliothek zu Monte Cassino. Er fand sie in
-einem vernachlässigten Raume und weder durch Schlösser noch durch Türen
-abgesperrt. Als er die Codices öffnete, bemerkte er Verstümmelungen
-aller Art. Weinend vor Unwillen verließ er den Raum. Seine Frage, warum
-man die herrlichen Schätze so schmählich behandle, wurde von den
-Mönchen dahin beantwortet, daß man das herausgeschnittene Pergament
-zu Psaltern und Breven verwende, die an Frauen und Kinder verkauft
-würden[832]. Und das geschah in Monte Cassino, einer Pflanzstätte der
-Gelehrsamkeit.
-
-
-Die Wissenschaften im Zeitalter des Humanismus.
-
-Auf die Zeit des Beginns des Humanismus folgte seine Ausbreitung.
-Sie geschah besonders durch Wanderlehrer und durch die Gründung von
-Gelehrtenrepubliken nach platonischem Muster. Es ist als eine große
-Tat der ersten Humanisten zu betrachten, daß sie die Fürsten, vor
-allem die Mediceer, ja den gesamten Adel des Landes, aber nicht minder
-das wohlhabende Bürgertum der italienischen Stadtrepubliken für ihre
-Bemühungen zu begeistern wußten. Dies war um so schwieriger, als ja zu
-jener Zeit die beweglichen Lettern noch nicht der Wissenschaft Flügel
-verliehen hatten, sondern die gehobenen literarischen Schätze noch
-durch Abschreiben vervielfältigt werden mußten. Per Humanismus fand
-auch an den Universitäten und bei den kirchlichen Machthabern eine
-Heimstätte. Vor allem war es Papst *Nikolaus* V., der nach mediceischem
-Vorbilde große Mittel für literarische Bestrebungen hergab. Auf seine
-Anregung hin wandte man sich besonders der griechischen Literatur
-zu. An Stelle der alten scholastischen Bearbeitungen traten jetzt
-im Abendlande die wirklichen aristotelischen und platonischen
-Schriften. Papst *Nikolaus*, dem es in erster Linie auf das Sammeln
-der Bücher ankam, der Begründer der großen, dem Ansehen des Papsttums
-entsprechenden vatikanischen Bibliothek, zog viele griechische Gelehrte
-nach Rom und ließ nach dem Fall Konstantinopels durch reisende Händler
-zahlreiche Bücher in Griechenland und in Kleinasien aufkaufen. Seitdem
-die humanistischen Bestrebungen durch *Nikolaus V.* ihren Mittelpunkt
-in Rom gefunden hatten, dehnte sich ihr Einfluß auch nördlich von
-den Alpen aus. Mit den Gelehrten waren zahlreiche griechische Texte,
-darunter z. B. die Werke des *Archimedes*, von Konstantinopel nach
-Italien gelangt. Der Humanismus erlebte jetzt nicht nur hier die Zeit
-seiner höchsten Blüte, sondern auch im übrigen Europa, vor allem in
-Deutschland, wo er durch den Kardinal *Nicolaus von Cusa* besonders
-Eingang fand, sowie in England.
-
-Hatte Papst *Nikolaus V.* die humanistischen Studien mehr aus
-Liebhaberei und in der Absicht gefördert, Rom zum Mittelpunkt auch für
-die geistigen Bestrebungen zu machen, so bestieg bald nach ihm in *Pius
-II.*[833] ein wirklicher Humanist den päpstlichen Stuhl. Er wandte sich
-der Geographie und der Geschichte zu, suchte beide Wissenschaften in
-Beziehung zu setzen und schuf eine Kosmographie, die auch *Columbus*
-angeregt hat[834].
-
-*Pius II.* verdient um so mehr Anerkennung, als die übrigen
-Humanisten dem wissenschaftlichen Vermächtnis des Altertums zunächst
-wenig Interesse und Verständnis entgegenbrachten. Mathematik,
-Naturwissenschaften und Medizin, kurz, strengere Wissenschaften fanden
-nur geringe Beachtung. Der Humanismus war herrschende Mode geworden
-und diese verlangte schöngeistige Leistungen. Das größte Gewicht
-wurde bei allem literarischen Schaffen auf die Form gelegt, und durch
-dieses Bestreben erlangte, wiederum unter der Führung *Petrarkas* und
-*Boccaccios*, die heimatliche Sprache eine solche Vollendung, daß
-*Galilei* und seine Schüler es vorzogen, in der Sprache ihres Landes
-zu schreiben, während in Deutschland und den übrigen Ländern unter den
-Gelehrten kaum jemand daran dachte, sich einer anderen Sprache als der
-lateinischen zu bedienen.
-
-Trotz aller Bestrebungen der Päpste, Rom zum Mittelpunkt der
-humanistischen Bestrebungen zu machen, gebührt Florenz der Ruhm,
-nicht nur die Wiege, sondern in der Folge auch der bedeutendste Hort
-des Humanismus gewesen zu sein. Die Geschicke von Florenz hingen
-während des gesamten 15. Jahrhunderts auf das Engste mit der über
-ungemessene Reichtümer verfügenden, gleichzeitig aber für Kunst und
-Wissenschaft begeisterten Familie der Mediceer zusammen. In *Cosmo* und
-in seinem Enkel *Lorenzo*, dem »Prächtigen«, fanden die Künstler und
-die Gelehrten Gönner, die ihren Bestrebungen nicht nur eine jederzeit
-offene Hand, sondern auch ein volles Verständnis entgegenbrachten.
-*Cosmo* selbst war der Stifter einer Akademie, in der sich die
-geistig und künstlerisch hervorragenden Männer aneinanderschlossen.
-Dem Beispiele der Päpste und der Mediceer folgte, wie nicht anders
-zu erwarten, alles, was Anspruch auf Reichtum und vornehme Herkunft
-machte. Auch die Frauen nahmen einen hervorragenden Anteil an dieser
-Bewegung, die ihre Kehrseite leider in den politischen und sittlichen
-Zuständen des damaligen Italiens fand. Die Freude, welche jene Bewegung
-in ihrer Lebensfülle hervorruft, wandelt sich in Anbetracht mancher
-Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung mitunter in das Gefühl
-des Schauderns, während die älteren Schilderer jenes Zeitalters jene
-Kehrseite zu wenig beachteten und in dem Gemälde, das sie uns von der
-Renaissance entwarfen, nur die lichten Seiten hervortreten ließen[835].
-
-Es war für die weitere Entwicklung des geistigen Lebens von der größten
-Bedeutung, daß mit dem Einsetzen der humanistischen Strömung die
-Erfindung des Buchdrucks und die Errichtung der ersten Universitäten
-auf deutschem Boden zusammenfielen. Das Universitätswesen war
-im 13. Jahrhundert in Spanien, Italien, Frankreich und England
-herangeblüht. In Deutschland fehlte es zwar nicht an Privat-, Pfarr-
-und Stadtschulen, eine weitergehende wissenschaftliche Bildung und
-akademische Würden konnten aber nur im Auslande erlangt werden. Eine
-Änderung trat erst ein, als *Karl IV.*, gestützt auf Erfahrungen,
-die er selbst in Paris gemacht hatte, die erste deutsche Universität
-in Prag (1348) begründete. Noch in demselben Jahrhundert wurden die
-Universitäten zu Wien (1365) und Heidelberg (1386) ins Leben gerufen.
-Auch die norddeutschen Städte wollten nicht zurückstehen. Unter ihnen
-sind vor allem Köln und Erfurt zu nennen, weil sie gleichfalls noch im
-14. Jahrhundert in ihren Mauern Hochschulen gründeten.
-
-Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Institute war, mit heutigem
-Maßstabe gemessen, allerdings noch gering. Ihre wichtigste Aufgabe
-erblickten sie in der Vorbildung der Geistlichkeit. Im Zusammenhange
-damit war im Universitätswesen der geistliche Einfluß der überwiegende.
-Die freie Forschung sollte sich an diesen Stätten erst allmählich und
-mit Überwindung des hartnäckigsten Widerstandes entwickeln. Im 15.
-Jahrhundert und weit darüber hinaus übte Hand in Hand mit der Kirche
-die scholastische Philosophie eine fast unbestrittene, jedes freiere
-Geistesleben einengende Herrschaft aus. Der Universitätsunterricht
-regte nicht zum Forschen an, sondern er vermittelte wesentlich durch
-Diktate und Disputierübungen Wortglauben und Autoritätsdünkel.
-
-Durch das Eindringen des Humanismus in Deutschland wurden die deutschen
-Universitäten wesentlich gehoben. Sie übernahmen die Pflege jener
-neuen Richtung, wodurch ein freierer Zug in die bisherigen Stätten
-scholastischen Gezänkes, theologischer Disputierwut und Unduldsamkeit
-kam. Am erfreulichsten trat dieser günstige Einfluß in der Um- und
-Fortbildung des Unterrichts in die Erscheinung. Man schuf bessere
-Lehrbücher, ersetzte das Diktieren und Auswendiglernen durch fleißige
-Lektüre der durch bessere Textkritik geläuterten, alten Schriften und
-kehrte mit offenerem Blick zu den Erscheinungen zurück, die Natur-
-und Menschenleben darboten. Auch das Emporblühen einer volkstümlichen
-Kunst wirkte in dem Deutschland des 15. Jahrhunderts befreiend und
-fördernd[836]. Erlebte doch Deutschland damals in *Albrecht Dürer*
-eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft, wie wir sie in Italien an
-*Lionardo da Vinci* bewundern.
-
-Die hervorragendsten unter den Humanisten Mitteleuropas waren
-*Agricola*, *Erasmus von Rotterdam*, dem wir die erste griechische
-Ausgabe des Neuen Testaments verdanken, *Reuchlin*, der die hebräischen
-Studien ins Leben rief, und *Melanchthon*. Letzterer entfaltete
-eine ähnliche Tätigkeit wie *Rhabanus Maurus* und hat deshalb in
-der Geschichte des Bildungswesens gleichfalls den Ehrentitel eines
-Praeceptor Germaniae erhalten. Er setzte sich vor allem das Ziel,
-in der Philosophie eine Reformation durch das Zurückgehen auf die
-echten Schriften des *Aristoteles* zu bewirken, wie sie Luther in der
-Theologie dadurch herbeizuführen suchte, daß er einzig und allein
-das reine Evangelium als die wahre Quelle des religiösen Glaubens
-hinstellte[837].
-
-In Deutschland wurde *Wittenberg* zum Mittelpunkt des Humanismus. Von
-hier ging auch, durch letzteren gefördert, diejenige freiere Gestaltung
-des religiösen Lebens aus, die für das mittlere und nördliche Europa
-einen Aufschwung von nie gesehenem Umfang einleiten sollte. Hatte
-doch bis dahin die hierarchische Gewalt nicht nur die Normen für
-den Glauben, sondern alle weltlichen Einrichtungen und Anschauungen
-beherrscht. Daß diese Gewalt ins Wanken geriet, mußte nicht nur
-in den Zuständen jener Zeit, sondern auch im Reiche der Gedanken
-eine unermeßliche Veränderung hervorbringen[838]. Zu diesen beiden
-Elementen, der Renaissance, die erst wieder »das Auge für den Menschen
-und für die Dinge öffnete«[839] und als das Grundelement bezeichnet
-werden muß, und zu der Reformation trat die Naturwissenschaft hinzu,
-um im Verein mit ihnen die Weltanschauung und die Welt von Grund aus
-umzugestalten. An die Stelle der Lehre wurde die Forschung und an die
-Stelle des Himmels die veredelte Weltlichkeit gesetzt. Die Verheißung
-lautete nicht mehr »Unsterblichkeit«, sondern »ewiger Ruhm«[840].
-
-Der Angriff des Humanismus gegen die Scholastik ging besonders von
-*Erasmus von Rotterdam* aus. Er machte den Kampf gegen die Scholastiker
-der Klöster und der Universitäten zu seiner Lebensaufgabe. Sein »Lob
-der Narrheit« ist voll Spott und Bitterkeit gegen die Fesseln, welche
-die Philosophie und die Theologie jener Zeit beengten und jede freie
-Regung erstickten[841]. Das Büchlein, das in zahllosen Auflagen
-erschien und in viele Sprachen übersetzt wurde, hat besonders dazu
-beigetragen, dem 16. Jahrhundert eine antiklerikale Richtung zu
-geben[842]. Mit dem populären Angriff verband *Erasmus* den gelehrten.
-Wie die Humanisten Italiens forderte er, man solle die Wissenschaften
-aus den Schriften des Altertums erlernen, so die Naturgeschichte aus
-*Plinius*, die Erdbeschreibung aus *Platon*, die Gottesgelehrtheit
-nicht aus den Kirchenvätern, sondern aus dem neuen Testamente,
-usw. Es war also noch kein Kampf gegen den Autoritätsglauben, der
-mit den Humanisten anhob, sondern zunächst nur ein Zurückgehen auf
-ursprüngliche, reinere Quellen. Indes schon diese Wandlung, obgleich so
-maßvoll in ihren Zielen, ging nicht ohne den heftigsten Widerstand von
-seiten der kirchlichen Scholastiker vor sich.
-
-Mit welcher Erbitterung gekämpft wurde, zeigt uns der Lebensgang eines
-*Hutten*. Daß es den Führern an Siegeszuversicht und an Begeisterung
-für die große Sache nicht fehlte, bekundet uns derselbe *Hutten* durch
-sein Wort: »O Jahrhundert, die Studien blühen, die Geister erwachen; es
-ist eine Lust zu leben«[843]. Dieses Erwachen der Geister machte sich
-zunächst weniger durch Neuschöpfungen geltend, als dadurch, daß man
-den Unterricht naturgemäßer gestaltete und auf wertvolleren Grundlagen
-errichtete, sowie vor allem dadurch, daß das ausschließlich kirchliche
-Denken, die »hierarchische Weltansicht«, wenn auch nicht gebrochen, so
-doch eingeschränkt und daneben wenigstens die Duldung anders gearteter
-Ansichten erkämpft wurde.
-
-Fast unvermittelt schloß sich an das Zeitalter des Humanismus für die
-Naturwissenschaften die Periode an, die auch den alten Schriftstellern
-keine unbedingte Autorität zuerkannte, mit dem Glauben brach und
-an seine Stelle die freie, unabhängige Forschung setzte. Diese
-Periode wird in Deutschland vor allem durch *Koppernikus* und durch
-*Paracelsus*, sowie durch die Begründung der neueren Naturbeschreibung
-(*Brunfels*, *Bock*, *Gesner* und *Agricola*) eröffnet. Mit dem Wirken
-dieser Männer werden wir uns in den nächsten Abschnitten eingehend zu
-befassen haben.
-
-Die Wiederbelebung der Wissensschätze des Altertums kam auf
-naturwissenschaftlichem Gebiete vor allem der Astronomie zu gute, für
-welche selbst die Kirche immer ein, wenn auch zunächst nur praktisches,
-Interesse bewiesen hatte. Kleriker wie Laien waren nämlich ängstlich
-darauf bedacht, eine Verschiebung der Fasttage auf profane Tage,
-wie sie jede Unvollkommenheit des Kalenders mit sich bringen mußte,
-zu vermeiden. So waren, um ein Beispiel zu erwähnen, die Begleiter
-*Magelhaens* in hohem Grade bestürzt, als sich nach der ersten
-Weltumsegelung bei ihrem Eintreffen in Spanien aus der Schiffsrechnung
-ergab, daß man um einen Tag hinter dem Kalender zurückgeblieben war und
-infolgedessen zu unrechter Zeit gefastet hatte. Anfangs glaubte man
-an einen Irrtum, bis man die Notwendigkeit einer solchen Erscheinung
-einsah und infolgedessen später die Datumsgrenze einführte[844].
-
-
-Nicolaus von Cusa.
-
-Bei der Wiederbelebung der naturwissenschaftlichen Forschung spielte
-in diesem Zeitalter der Kardinal *Nicolaus von Cusa* eine bedeutende
-Rolle. Wie einst *Roger Bacon*, so machte er[845] Vorschläge zur
-Verbesserung des Kalenders, sowie der alfonsinischen Tafeln, ohne
-jedoch damit durchzudringen. *Nicolaus von Cusa* wurde im Jahre 1401
-zu Cues an der Mosel als Sohn eines armen Fischers geboren. Seiner
-Begabung wegen fand er Unterstützung, studierte in Padua und zeichnete
-sich durch große, mit gewandtem Wesen vereinigte Gelehrsamkeit aus.
-In päpstlichem Auftrage reiste er nach Konstantinopel und brachte von
-dort wertvolle griechische Manuskripte nach Italien. Hier war er auch
-mit dem fast gleichaltrigen *Paolo Toscanelli* (geb. 1397 zu Florenz)
-bekannt geworden, welcher, durch die alten Schriftsteller angeregt, die
-beobachtende Astronomie auf europäischem Boden zu neuem Leben erweckte.
-*Toscanelli* hatte im Dome zu Florenz einen Gnomon angebracht, mit
-dem er die Kulmination der Sonne auf die Sekunde genau zu ermitteln
-vermochte. Die Einrichtung bestand in einer Platte, die sich 270 Fuß
-über dem Boden des Domes befand. Sie besaß eine Öffnung, durch welche
-ein Sonnenstrahl auf den Boden fiel. *Nicolaus von Cusa* zählte zu
-den Schülern *Toscanellis*, der auch eine, leider verloren gegangene,
-Seekarte entwarf. Sie ist sehr wahrscheinlich von *Behaim* bei der
-Anfertigung seines Globus verwertet worden. Zur Zeit *Toscanellis*
-kamen wahrscheinlich auch die ersten in Kupfer gestochenen Karten auf.
-Daran schlossen sich noch vor Ablauf des 15. Jahrhunderts die ersten in
-Holz geschnittenen und gedruckten Karten[846].
-
-In Italien wurde *Nicolaus von Cusa* mit den aristotelischen Schriften
-im griechischen Original bekannt, und zwar geschah dies zu einer Zeit,
-als man in Deutschland nur die arabisch-lateinischen Bearbeitungen
-des *Aristoteles* kannte. Die Folge war, daß *Nicolaus* sich um die
-Ausbreitung des Humanismus in seiner deutschen Heimat sehr verdient
-gemacht hat. Im Verein mit dem Papste *Nicolaus* V. bemühte er sich,
-griechische Werke durch Übersetzung ins Lateinische zugänglicher zu
-machen. So hat er an der Herausgabe des *Archimedes* auf Grund des
-griechischen Originals hervorragenden Anteil genommen. Bei seiner
-Beschäftigung mit Mathematik, Mechanik und Astronomie knüpfte er
-überall an *Euklid*, *Archimedes* und andere alte Schriftsteller an. Er
-war es auch, der zuerst unter den Neueren die eingewurzelte Ansicht,
-daß die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, erschütterte. Nach seiner
-Lehre ist sie ein Gestirn und befindet sich, wie alles in der Natur, in
-Bewegung.
-
-Gleich einer Stelle aus dem Dialog des *Galilei* mutet es uns an, wenn
-*Nicolaus von Cusa*[847] schreibt: »Es ist jetzt klar, daß die Erde
-sich wirklich bewegt, wenn wir es gleich nicht bemerken, da wir die
-Bewegung nur durch den Vergleich mit etwas Unbeweglichem wahrnehmen.«
-Auf den Gedanken, daß die Fixsterne ein solches Unbewegliches sind,
-kam *Nicolaus von Cusa* indessen nicht. Er würde sonst den Kern der
-koppernikanischen Lehre vorweg genommen haben. »Wüßte jemand nicht,«
-so fährt er fort, »daß das Wasser fließt und sähe er das Ufer nicht,
-wie würde er, wenn er in einem auf dem Wasser dahingleitenden Schiffe
-steht, bemerken, daß das Schiff sich bewegt? Da es daher jedem, er
-mag auf der Erde, der Sonne oder einem anderen Sterne sich befinden,
-vorkommen wird, als stände er im unbeweglichen Mittelpunkte, während
-alles um ihn her sich bewege, so würde er in der Sonne, im Monde, im
-Mars stehend, immer wieder andere Pole angeben.«
-
-Die Bewegung der Erde um die Sonne hat *Nicolaus von Cusa* indessen
-noch nicht gelehrt. Auch gründen sich seine Behauptungen oft mehr auf
-allgemeine Überlegungen, denn auf Beobachtungen und mathematische
-Schlüsse. Blieb somit sein System[848] auch weit von der Wahrheit
-entfernt, so wurde doch zum erstenmal an der durch tausendjähriges
-Bestehen geheiligten Autorität des *Ptolemäos* gerüttelt und der großen
-Umwälzung, die 100 Jahre später durch *Koppernikus* auf dem Gebiete der
-Astronomie eintrat, vorgearbeitet[849].
-
-Auch um die Kartographie hat *Nicolaus von Cusa* sich Verdienste
-erworben. Sogar der Versuch, eine Weltkarte zu entwerfen, rührt von
-ihm her. Er bediente sich dabei der Kegelprojektion. Seine Karte, die
-während der Renaissancezeit sehr geschätzt wurde, ist noch in mehreren
-Exemplaren erhalten[850].
-
-Auch mit mechanischen Dingen hat sich *Nicolaus von Cusa* beschäftigt.
-So erdachte er zur Bestimmung der Tiefe eines Gewässers ein Bathometer.
-Eine leichte Kugel sollte mit einem Gewichte beschwert und dadurch
-zum Untersinken gebracht werden. Beim Berühren des Bodens sollte sich
-das Gewicht loslösen und die Kugel emporsteigen. Aus dem für beide
-Bewegungen erforderlichen Zeitaufwand konnte man dann die Tiefe des
-Gewässers berechnen. *Nicolaus von Cusa* ist einer der ersten gewesen,
-der verlangte, man solle bei allen Untersuchungen messend verfahren.
-Er knüpft diese Bemerkung an seine Betrachtungen über die Wage[851]
-und erläutert sie durch Beispiele. So heißt es, man könne leicht
-feststellen, ob die Pflanzen ihre Nahrung aus der Luft oder aus dem
-Boden bekämen. Man brauche nur die Samen und die erforderliche Menge
-Erde abzuwägen und die Wägung nach dem Heranwachsen der Pflanze zu
-wiederholen. Solche Anregungen blieben jedoch zunächst noch vereinzelt.
-Sie wurden oft von denen, die sie aussprachen, nicht einmal verfolgt.
-So sollten noch zwei Jahrhunderte verfließen, bis *Stephan Hales*
-als der Erste die Methode des Wägens und des Messens in ausgedehnten
-Versuchsreihen auf pflanzenphysiologische Vorgänge anwandte.
-
-
-Lionardo da Vinci.
-
-Ein ähnliches Verhältnis wie zwischen dem *Cusaner* und *Koppernikus*
-begegnet uns auf dem Boden Italiens zwischen *Lionardo da Vinci* und
-*Galilei*. *Lionardo da Vinci* wurde im Jahre 1452 in der Nähe von
-Florenz geboren. (Er starb 1519.) Da er frühzeitig künstlerische
-Begabung zeigte, führte ihn sein Vater einem Meister zu, bei dem
-er malen und modellieren, sowie Metall gießen und Gold schmieden
-lernte. Ein späterer Kunsthistoriker[852] erzählt, *Lionardo* sei die
-Darstellung einer kleinen Nebenfigur auf dem Gemälde dieses Meisters
-in solchem Grade gelungen, daß letzterer sich verschworen habe, keinen
-Pinsel mehr anzurühren, weil ihn ein Knabe übertroffen. Im beginnenden
-Mannesalter entwickelte *Lionardo* eine Vielseitigkeit sondergleichen.
-Er vereinigte mit körperlichen Vorzügen ungewöhnliche Verstandesschärfe
-und Genialität des künstlerischen Wirkens. Als Architekt, Bildhauer und
-Maler hat er Werke von unübertroffener Schönheit geschaffen[853].
-
-Der Herzog *Ludwig Sforza* zog *Lionardo* nach Mailand. Den Anlaß dazu
-bot ein Sieg, den letzterer als Violinspieler in einem musikalischen
-Wettstreit errungen hatte. Und wie lohnte der Künstler die fürstliche
-Gunst! Er beteiligte sich mit Eifer an dem Bau des Mailänder
-Domes und gründete, indem er schon damals seine Vorliebe für die
-mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung bekundete, eine Art
-Akademie. Auch die Schöpfung des Abendmahles, jenes Kolossalgemäldes,
-durch das sich *Lionardo* mit *Raphael* und *Michel Angelo* auf eine
-Stufe stellte, fällt in die Zeit seines Aufenthalts in Mailand.
-
-Später sehen wir *Lionardo da Vinci* an verschiedenen Orten seines
-Vaterlandes als Ingenieur und Architekt mit Arbeiten großen Umfangs,
-wie Kanalbauten[854], der Anlage von Befestigungswerken, sowie der
-Anfertigung von Maschinen aller Art -- selbst Flugmaschinen fehlen
-nicht -- beschäftigt. Aus dieser, auf das Praktische gerichteten
-Tätigkeit erklärt es sich, daß er viel über mechanische Probleme
-nachgedacht und Schriften darüber verfaßt hat, die allerdings infolge
-ungünstiger Umstände die Entwicklung der Wissenschaften wenig
-beeinflußt und erst in neuerer Zeit ihre Würdigung gefunden haben[855].
-Diese Aufzeichnungen enthalten nämlich manche bemerkenswerten Ansätze,
-die zu den Arbeiten *Galileis* hinüberleiten.
-
-Zwölf Codices von *Lionardos* Manuskripten werden in der Bibliothek
-der französischen Akademie aufbewahrt. Vorher befanden sie sich in
-der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand. Von dort wurden sie 1796
-von den Franzosen nach Paris gebracht, wo sie *Venturi* eingehend
-studierte. Er bezeichnete die dreizehn Folianten mit den Buchstaben A
-bis N. Im Jahre 1815 erhielt die Ambrosiana den Codex atlanticus (N),
-der sich besonders mit technischen Dingen befaßt, zurück. Mit der
-Veröffentlichung dieses wertvollen Nachlasses wurde erst 1881 begonnen:
-Les manuscrits de *Lionarde de Vinci*, publiés en facsimilés avec
-transcription littérale, traduction française etc. Im Druck erschienen
-war vor dem Ende des 19. Jahrhunderts nur *Lionardos* Abhandlung über
-die Malkunst (1651).
-
-*Lionardos* wissenschaftliche und technische Bedeutung wurde
-anfangs kaum beachtet. Erst nachdem *Libri* und *Venturi* darauf
-hingewiesen hatten, fand *Lionardo* auch auf diesen Gebieten die
-verdiente Anerkennung, die allerdings nicht selten in ein kritikloses
-Überschätzen ausartete[856].
-
-Unter den alten Schriftstellern, auf welchen *Lionardo da Vinci* fußt,
-ist besonders *Heron* zu nennen. Er findet sich im Codex Atlanticus
-auch zitiert. *W. Schmidt* wies darauf hin, daß manche Ausführungen
-*Lionardos* augenfällig mit solchen der *Heron*schen Pneumatik
-übereinstimmen (Math. Bibl. [3.] III. 180-187).
-
-Eine genauere Untersuchung über die Quellen, welche *Lionardo* benutzt
-hat, verdankt man dem französischen Physiker *P. Duhem* (Études sur
-*Léonard de Vinci*, ceux qu'il a lus et ceux qui l'ont lu. Paris
-1906.). Danach hat *da Vinci* weit mehr gelesen, als es den Anschein
-hat. Er zitiert nämlich sehr selten. Infolgedessen kann man seine
-Quellen nur schwer ermitteln.
-
-Nach *Duhem* (Études sur *Léonard de Vinci*, Troisième série. Paris
-1913) und nach den »Origines de la Statique« (2 Bde. Paris 1905/6)
-desselben Verfassers hat die Scholastik auf dem Gebiete der Mechanik
-weit mehr geleistet als man bisher anzunehmen geneigt war. *Duhem*
-kommt zu dem Ergebnis, daß die dynamischen Lehren, die im 14.
-Jahrhundert insbesondere von französischen Scholastikern ausgingen, die
-Grundlagen gebildet haben, auf der *Galilei* und seine unmittelbaren
-Vorgänger weiter arbeiten konnten. Bei der Beurteilung der Ergebnisse
-*Duhems* darf aber nicht vergessen werden, daß der französische
-Historiker dazu neigt, dasjenige besonders hoch einzuschätzen, was
-für das eigene Land und Volk als rühmlich gelten kann. Unter den
-Scholastikern, die zu richtigen dynamischen Vorstellungen gelangten,
-ist auch *Albert von Sachsen* zu nennen. Er erkannte etwa 1368, daß der
-freie Fall ein Beispiel für die gleichförmig beschleunigte Bewegung
-sei. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß es den Scholastikern mehr
-um spekulative Definitionen als um die Untersuchung physikalischer
-Vorgänge zu tun war[857].
-
-Auf dem Gebiete der Mechanik stützte sich *Lionardo* auf *Heron*,
-*Vitruv* und auf die mittelalterlichen Lehrbücher des *Jordanus
-Nemorarius* und anderer. Die Lehre vom Erdschwerpunkt und die
-Gleichgewichtstheorie der Meere läßt sich auf *Albert von Sachsen*
-zurückführen, den *Lionardo* auch gelegentlich zitiert. Bezüglich der
-Erklärung von Ebbe und Flut stützt sich *Lionardo* auf den Scholastiker
-*Themon*. Andererseits hat *Lionardo* aber auch einen nachweisbaren
-Einfluß auf *Roberval*, *Cardano*, *Palissy* und andere ausgeübt[858].
-
-Bekannt ist *Lionardos* Ausspruch, daß die Mechanik das Paradies der
-mathematischen Wissenschaften sei, weil man durch die Mechanik erst
-zu den Früchten dieser Wissenschaften gelange. *Lionardo da Vinci*
-handelt aber auch nach diesem Ausspruch, dessen Bedeutung erst die
-nächsten Jahrhunderte in vollem Maße gewürdigt haben. So untersucht
-er die Wirkung des Hebels für den Fall, daß die Kräfte in beliebiger
-Richtung auf ihn wirken. Die Rolle und das Rad an der Welle werden auf
-den Hebel zurückgeführt. Seine auf das Praktische gerichtete Tätigkeit
-brachte es mit sich, daß er theoretisch und durch Versuche den
-Einfluß untersuchte, den der Reibungswiderstand auf die Bewegung der
-Maschinen ausübt. Es sind die ersten genaueren Untersuchungen dieser
-Art, die uns bei *Lionardo* begegnen. Ferner werden der freie Fall und
-der Fall auf der schiefen Ebene in Betracht gezogen, wenn auch hier
-*Galilei* die erschöpfende Behandlung vorbehalten blieb. In einigen
-Äußerungen *Lionardos* lassen sich schon die Keime des Trägheits- und
-des Energiegesetzes erkennen; so, wenn er sagt, jedes Ding »trachte in
-seinem gegebenen Zustande zu verharren« oder der bewegte Körper besitze
-»Wirkungsfähigkeit« und »wuchte in der Richtung seiner Bewegung«.
-
-Für die einfachen Maschinen sprach *Lionardo* schon das Prinzip aus,
-daß die im Gleichgewicht befindlichen Kräfte sich umgekehrt wie die
-virtuellen Geschwindigkeiten verhalten[859]. Seine klare Auffassung des
-Beharrungsvermögens bezeugen folgende Sätze[860]: »Keine vernunftlose
-Sache bewegt sich von selbst.« »Jeder Impuls neigt zu ewiger Dauer.«
-
-Ferner stellt *Lionardo* die Möglichkeit des Perpetuum mobile[861] in
-Abrede und entwickelt unter Ablehnung aller Wunder- und Geheimkräfte,
-insbesondere der scholastischen qualitates occultae, den Kraftbegriff
-in einem fast modernen Sinne. So heißt es bei *Lionardo da Vinci*:
-»Kraft ist Ursache der Bewegung und die Bewegung ist die Ursache der
-Kraft«. Wenn er letztere eine geistige Wesenheit nennt, die sich mit
-den schweren Körpern verbinde, so erläutert er dies mit folgenden
-Worten: »Geistig, sage ich, weil in ihr unsichtbares Leben ist, weil
-der Körper, in dem sie geboren wird, weder in der Form noch im Gewichte
-wächst. Die berührte Saite einer Laute bewegt ein wenig eine andere
-gleiche Saite von gleicher Stimme einer anderen Laute. Du wirst dies
-sehen durch Auflegen eines Strohhalmes auf die zweite Saite[862].«
-
-[Illustration: Abb. 56. Lionardos Hygrometer.]
-
-Beobachtungen, die *Lionardo* beim Wägen hygroskopischer Substanzen
-machte, führten ihn zur Konstruktion eines, wenn auch noch recht
-unvollkommenen Hygrometers. An den Enden eines zweiarmigen Hebels
-brachte er zwei gleich schwere Kugeln an, von denen die eine mit
-Wachs, die zweite dagegen mit Baumwolle überzogen war. Nahm die
-Feuchtigkeit der Luft zu, so sank die zweite Kugel. Der Ausschlag
-konnte auf einer ringförmigen Skala abgelesen werden.
-
-Ein Seitenstück zu diesem Feuchtigkeitsmesser ist der von *Lionardo*
-abgebildete und beschriebene Windmesser[863]. Er besteht aus einem
-mit Gradeinteilung versehenen Quadranten, der, wie aus der Abbildung
-ersichtlich ist, mit einer beweglichen Platte verbunden wird. Diese
-wird durch den Wind gehoben, so daß man die jeweilige Stärke des Windes
-auf der Gradeinteilung ablesen kann. Die gleiche Einrichtung besaß das
-fast 200 Jahre später erfundene Pendelanemometer *Hookes*, der bisher
-als der Erfinder dieses Instrumentes galt[864].
-
-[Illustration: Abb. 57. Lionardos Windmesser.]
-
-Auch die Theorie der Reibung und das schwierige Gebiet der
-Festigkeitslehre[865] beschäftigten *Lionardo da Vinci*, der auf fast
-allen Gebieten der Naturwissenschaft Anschauungen entwickelte, die
-ihn als einen seine Zeit und deren Denken überragenden Geist erkennen
-lassen.
-
-So spricht er sich über die Rolle, welche die Luft bei der Verbrennung
-und der Atmung spielt, mit folgenden Worten aus: »Wo eine Flamme
-entsteht, da erzeugt sich ein Luftstrom um sie. Dieser dient dazu,
-die Flamme zu erhalten. Das Feuer zerstört ohne Unterlaß die Luft,
-durch die es unterhalten wird. Sobald die Luft nicht geeignet ist, die
-Flamme zu unterhalten, kann in ihr kein Geschöpf leben. Die Flamme
-disponiert zuerst die Materie, aus der sie entsteht, und kann sich dann
-davon ernähren. Indem sie Nahrung für die Flamme wird, formt sie sich
-in sie um.« Daß *Lionardo* mit diesen Erklärungen fast überall den
-wahren Sachverhalt traf, setzt geradezu in Erstaunen. Um das Zuströmen
-der Luft zu erhöhen und dadurch die Leuchtkraft zu vergrößern, erfand
-*Lionardo* den Lampenzylinder. Auch die Idee des Fallschirmes, »mit
-dem sich ein Mensch aus beliebiger Höhe herunterlassen könne«, ist auf
-*Lionardo* zurückzuführen. Der Gedanke wurde erst dreihundert Jahre
-später verwirklicht[866].
-
-Auf die Versteinerungen und andere geologische Dinge, z. B. die
-Entstehung der Schichten durch Ablagerung, sowie auf mineralogische
-Fragen war *Lionardo* gelegentlich der Wasserbauten, die er als
-Ingenieur ausführte, aufmerksam geworden.
-
-Die Versteinerungen, die man, entgegen den Lehren der Alten, immer noch
-meist für Naturspiele hielt, wurden von ihm als Überreste von Lebewesen
-gedeutet.
-
-Um *Lionardo* voll zu würdigen, muß man bedenken, daß er einem vom
-Mystizismus noch ganz durchdrungenen Zeitalter angehörte. So mußte er
-in seinen Betrachtungen über die Versteinerungen besonders die Ansicht
-zurückweisen, daß die Versteinerungen als Naturspiele unter dem Einfluß
-der Sterne hervorgebracht seien. Auch zwei andere Vorstellungen seiner
-Zeit, die Quadratur des Zirkels und das Perpetuum mobile, bekämpfte
-*Lionardo* schon mit wissenschaftlichen Gründen.
-
-Seine Tätigkeit als Künstler hat ihn veranlaßt, sich eingehend mit
-anatomischen Studien zu befassen. Zu diesem Zwecke setzte er sich mit
-einem Arzte in Verbindung[867]. Die Frucht der gemeinsamen Tätigkeit
-des Künstlers und des Naturforschers sind etwa 800 Bilder, die wir
-als die ersten, naturgetreuen anatomischen Zeichnungen ansprechen
-müssen[868]. Sie betreffen vor allem das Knochen- und das Muskelsystem.
-Doch sind auch Abbildungen der inneren Organe (Herz, Leber usw.)
-vorhanden.
-
-*Lionardo* war wohl der erste, der sich eingehender mit Untersuchungen
-über die Mechanik des Körpers beschäftigte. Er studierte die Beugung
-und Streckung der Glieder, sowie das Gehen ganz im Sinne der heutigen
-Physiologie. Ferner setzte er auseinander, wie die Beschäftigung auf
-die Haltung wirkt, und welche Muskeln beim Werfen, Heben, Tragen usw.
-in Betracht kommen. Mit Vorliebe belehrte er sich und seine Schüler
-auf dem Fechtboden über die verschiedenen Bewegungen des Körpers. Aus
-künstlerischem Drange hat sich *Lionardo* auch mit der Anatomie des
-Pferdes beschäftigt[869].
-
-Eine der wichtigsten unter den wissenschaftlichen Grundlagen der
-Kunst hat *Lionardo* erst geschaffen. Das ist die Lehre von der
-Perspektive, um die sich außer ihm auch die Brüder *van Eyck* und
-*Battista Alberti* verdient gemacht haben. Daß die Alten mit den Lehren
-der Perspektive nicht vertraut waren, haben schon *Lessing*[870] und
-*Lambert* nachgewiesen. *Lambert* pries *Lionardo* als »den ersten,
-der an die Verfeinerung der Malkunst und an die Perspektive gedacht«
-habe. Dem Verfahren lag folgender Gedanke zugrunde. Bringt man zwischen
-das Auge und den Gegenstand, den man perspektivisch richtig zeichnen
-will, eine durchsichtige Tafel, so wird jeder Lichtstrahl die Tafel in
-einem bestimmten Punkte schneiden. Die Gesamtheit dieser Schnittpunkte
-gibt uns das perspektivische Bild, und die Lehre von der Perspektive
-läuft darauf hinaus, wie man ein solches Bild zeichnet, ohne die zur
-Erläuterung dienende Tafel zu benutzen.
-
-Vom Auge handelt *Lionardo* eingehender im Manuskript D[871]. Seine
-Ausführungen betreffen die Größe des Gesichtswinkels und den Vorgang
-des Sehens. Aus Versuchen wird geschlossen, daß der Gesichtssinn
-seinen Sitz in den Endigungen des Sehnerven habe (Manuskript D. S. 3).
-Zu dieser Erkenntnis war übrigens auch schon *Roger Bacon* gelangt.
-Im Manuskript C wird die Lehre vom Schatten durch viele Zeichnungen
-erläutert. Hier wie überall finden sich nur Ansätze. Ihre Bedeutung
-liegt darin, daß stets experimentell und geometrisch verfahren, und
-daß jedes Problem frei von vorgefaßten Meinungen in Angriff genommen
-wird.
-
-Bemerkenswert sind auch *Lionardos* gelegentliche Äußerungen über
-astronomische Gegenstände. Von der Erde heißt es, sie müsse den
-Bewohnern des Mondes und anderer Gestirne als Himmelskörper erscheinen,
-auch befinde sie sich nicht im Mittelpunkt der Sonnenbahn, ebensowenig
-wie sie die Mitte des Weltalls einnehme. »Die Erde«, heißt es an einer
-Stelle[872], »ist ein Stern ähnlich wie der Mond.« Und ferner: »Mache
-Gläser, um den Mond groß zu sehen«[873].
-
-[Illustration: Abb. 58. Lionardos Erläuterung des Sehens[874].]
-
-Das Sehen führt *Lionardo* darauf zurück, daß das Auge nach Art einer
-Camera obscura Bilder hervorbringe. Er erläutert dies in folgender
-Weise: »Man lasse durch eine kleine Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines
-beleuchteten Gegenstandes in ein dunkles Zimmer treten. Dann fange man
-dieses Bild auf einem weißen Papier, das man in dem dunklen Raum nahe
-der Öffnung anbringt, auf. Man wird dann den Gegenstand auf dem Papier
-in seiner wirklichen Gestalt und Farbe sehen, aber viel kleiner und
-umgekehrt. Es sei ABCDE der von der Sonne erleuchtete Gegenstand. ST
-sei der Schirm, der die Strahlen auffängt. Weil die Strahlen gerade
-sind, wird der von A ausgehende nach K, der von E ausgehende nach F
-gelangen. Dasselbe findet bei der Pupille statt«. Dazu bemerkt er
-noch beim Studium der Natur des Auges[875]: »Hier sind die Figuren,
-die Farben, alle Wirkungen des Weltalls in einem Punkt gesammelt, und
-dieser Punkt ist ein solches Wunder! O staunenswerte Notwendigkeit! Du
-zwingst mit deinem Gesetz alle Wirkungen, auf kürzestem Wege an ihren
-Ursachen teilzuhaben. Schreibe in deiner Anatomie, wie in dem winzigen
-Raume des Auges das Bild der sichtbaren Dinge wiedergeboren wird und
-sich in seiner Ausdehnung wiederherstellt«.
-
-Ähnlich tief empfunden zeigt sich die Darstellung *Lionardos* an vielen
-Stellen seiner Aufzeichnungen. Man wird an die später von *Fechner*
-entwickelten Anschauungen erinnert, wenn man bei *Lionardo da Vinci*
-liest, die Erde sei gleichsam ein organisches Wesen, das Meer ihr Herz
-und das Wasser ihr Blut. Und wenn er schließlich das Wasser als den
-»Kärrner der Natur« bezeichnet, so dürfte der moderne Geologe kaum
-einen treffenderen Ausdruck für die Rolle des flüssigen Elementes
-finden.
-
-Die Sonne hielt *Lionardo* für einen sehr heißen Weltkörper. Auch wußte
-er das sogenannte aschfarbene Licht des Mondes, das wir neben der
-leuchtenden Sichel wahrnehmen, aus dem Wiederschein des von der Sonne
-auf die Erde gelangenden Lichtes zu erklären[876].
-
-Leider haben sich die Aufzeichnungen *Lionardo da Vincis* nirgends zu
-einer abgeschlossenen, in sich abgerundeten Leistung verdichtet. Es
-sind meist geistreiche, treffende Einzeleinfälle, die erst die neuere
-Zeit voll Staunen über die Eigenart des Menschen, dem sie entstammen,
-der Vergessenheit entrissen hat. Die gelehrte Zunft würde ihn wohl
-schwerlich verstanden und gewürdigt haben. Für sie galt in erster
-Linie die Autorität, die *Lionardo* mit den Worten geißelt: »Wer sich
-auf die Autorität beruft, verwendet nicht seinen Geist, sondern sein
-Gedächtnis«. »Das Experiment irrt nie«, ruft er den Zeitgenossen zu,
-»sondern es irren nur eure Urteile«. Auf den Weg, den seiner Meinung
-nach die Forschung zu gehen hat, weist *Lionardo* mit folgenden Worten
-hin: »Der Interpret der Wunderwerke der Natur ist die Erfahrung. Sie
-täuscht niemals; es ist nur unsere Auffassung, die zuweilen sich selbst
-täuscht. Wir müssen die Erfahrung in der Verschiedenheit der Fälle und
-der Umstände solange zu Rate ziehen, bis wir daraus eine allgemeine
-Regel ziehen können. Wenngleich die Natur mit der Ursache beginnt und
-mit dem Experiment endet, so müssen wir doch den entgegengesetzten Weg
-verfolgen, d. h. wir beginnen mit dem Experiment und müssen mit diesem
-die Ursache untersuchen«[877].
-
-Diese Worte bekunden, daß *Lionardo* schon ein Jahrhundert vor
-*Francis Bacon* die Induktion für die allein sichere Methode der
-Naturwissenschaft hielt. Auf Grund dieser Erkenntnis vermochte er
-es, einen bewunderungswürdig tiefen Einblick in die Natur zu tun.
-Die Vorstellungen, zu denen er gelangte, blieben leider in seinen
-Manuskripten vergraben, sonst würde sein Einfluß auf die Entwicklung
-der neueren Naturwissenschaft ein ganz anderer gewesen sein, worauf
-schon *A. v. Humboldt* hinwies.
-
-Haben Männer wie *Lionardo da Vinci*[878] und *Nicolaus von Cusa* auch
-keine derartigen Grundlagen für die weitere Entwicklung geschaffen,
-wie *Koppernikus* und *Galilei*, welche das zur Ausführung brachten,
-wozu jenen das volle Vermögen fehlte, so erkennen wir doch aus der
-Betrachtung, die wir ihnen widmeten, daß das Wirken der großen
-Begründer der Wissenschaft kein unvermitteltes ist und keineswegs
-mit dem bisher Erstrebten und Erreichten außer Beziehung steht. Jene
-Großen haben häufig das, was ihre Zeitgenossen zwar ahnten, aber nur
-unvollkommen zum Ausdruck zu bringen vermochten, in voller Klarheit
-erfaßt und so begründet, daß es zum unveräußerlichen Besitz der
-Menschheit wurde. Auf dieser Errungenschaft bauten dann bescheidenere
-Kräfte weiter, bis ihr unverdrossenes Mühen, das für den Fortgang der
-Entwicklung aber unumgänglich nötig ist und nicht gering geachtet
-werden darf, wieder einem der Großen auf dem Gebiete der Wissenschaft
-den Weg geebnet. So hatte auch die Astronomie, bevor *Koppernikus* sein
-Wirken begann, in Deutschland eine besondere Pflege durch *Peurbach*
-und *Regiomontan* gefunden. Diese Männer, die ihrerseits wieder an die
-Alten anknüpften, haben *Koppernikus* besonders dadurch vorgearbeitet,
-daß sie die Beobachtungskunst förderten.
-
-
-Das Wiedererwachen der astronomischen Wissenschaft.
-
-Die Astronomie war zwar durch *Cusa* und *Toscanelli* zu neuem Leben
-erweckt worden. An Einsicht und an Kenntnissen standen diese Männer
-jedoch tief unter *Hipparch* und *Ptolemäos*. Die astronomische
-Wissenschaft mußte zunächst wieder auf diejenige Höhe gebracht
-werden, die sie im Altertum zur Zeit der Alexandriner besaß. Daß dies
-geschah, war vor allem das Verdienst *Peurbachs*, des Begründers
-der beobachtenden und rechnenden Astronomie im Abendlande[879].
-*Georg Peurbach* wurde im Jahre 1423 in Oberösterreich geboren. Als
-Zwanzigjähriger war er in Rom mit *Nicolaus von Cusa* in Berührung
-gekommen. Um 1450 kehrte er nach Wien, wo er studiert hatte, zurück und
-erhielt dort den Lehrstuhl für Astronomie und Mathematik.
-
-*Peurbach* übersetzte den Almagest. Er erkannte, daß eine Verbesserung
-der vorhandenen Planetentafeln die erste Bedingung für jeden weiteren
-Fortschritt der Astronomie sei. Die Abweichungen, die sich zwischen
-den alfonsinischen Tafeln[880] und *Peurbachs* Beobachtungen ergaben,
-erreichten für den Mars z. B. Werte von mehreren Graden. Auch die
-trigonometrischen Tafeln des Almagest erfuhren durch *Peurbach* eine
-wesentliche Verbesserung, indem er statt der Sehne den Sinus einführte
-und eine Berechnung für alle Werte von 10 zu 10 Sekunden unter
-Zugrundelegung eines Radius von 60000 Einheiten lieferte.
-
-[Illustration: Abb. 59. Peurbachs Quadratum geometricum[881].]
-
-Für seine astronomischen Messungen benutzte *Peurbach* das »Quadratum
-geometricum« (s. Abb. 59). Dies ist ein quadratischer Rahmen, an dem
-ein bewegliches Lineal mit Dioptervorrichtungen angebracht ist. Die
-Seiten des Quadrats waren in 120 Abschnitte eingeteilt. Auf diese
-Weise ließ sich die Tangente des beobachteten Winkels mit ziemlicher
-Genauigkeit ablesen.
-
-Mit dem Almagest, dem Hauptwerk der griechischen Astronomie, war das
-Abendland zuerst durch die im 10. und 11. Jahrhundert in Spanien
-entstandenen arabischen Hochschulen bekannt geworden. Der Almagest,
-die Schriften des *Euklid* und des *Aristoteles* wurden von hier
-aus den Hochschulen des christlichen Abendlandes in lateinischer
-Übersetzung zugänglich. Durch diese Übertragung und die Vermengung
-mit Zutaten aller Art hatte der ursprüngliche Text natürlich manche
-Änderung erlitten und dadurch viel von seinem Werte eingebüßt. Auch
-die Astronomie der Griechen hatte durch die Araber keine wesentliche
-Förderung, dagegen eine Vermengung mit astrologischen Zutaten erfahren
-und so an wissenschaftlichem Gehalt Einbuße erlitten. Es war daher
-ein wichtiges Ereignis, daß im 15. Jahrhundert das astronomische Werk
-des *Ptolemäos* von Griechenland nach Italien gelangte. *Peurbach*
-war zwar auf das griechische Manuskript aufmerksam geworden[882].
-Er benutzte aber dennoch den aus dem Arabischen ins Lateinische
-übersetzten minderwertigen Text, da er die griechische Sprache nicht
-verstand. Erst sein begabter Schüler, sein Nachfolger auf dem Wiener
-Lehrstuhl, *Johann Müller* aus Königsberg[883], genannt *Regiomontanus*
-(1436-1476) fußte auf dem griechischen Text des Almagest. Er gab im
-Jahre 1475 neue Tafeln heraus, die nicht nur für die Astronomie,
-sondern auch für die Entdeckungsreisen jener Zeit ein wichtiges
-Hilfsmittel wurden.
-
-*Regiomontan* war ferner in Deutschland einer der ersten, der das
-Studium der Algebra förderte. Auch soll er die alte Hypothese von
-der Erdbewegung, die ihm schon wenigstens 60 Jahre vor *Koppernikus*
-zu gleicher Zeit mit *Cusa* »in den Sinn gekommen sei, zum besseren
-Verständnis der Astronomie wieder hervorgeholt haben«[884]. In
-mechanischen Dingen, erzählt sein Biograph[885] weiter, war er
-einer der ersten, der »eine künstliche Einrichtung mit Rädern, durch
-welche die eigentliche Bewegung der Sterne wiedergegeben wurde, zu
-vieler Verwunderung anfertigte«. Ferner stellte *Regiomontan* einen
-parabolischen Brennspiegel von fünf Fuß Durchmesser aus Metall her.
-*Regiomontans* Tafeln wurden von ihm als »Ephemeriden« bezeichnet. Sie
-erschienen 1473, umfaßten den Zeitraum von 1474-1560 und enthielten
-für Sonne und Mond die Längen- und außerdem für den Mond die
-Breitenangaben. Ferner boten sie ein Verzeichnis der für die Zeit von
-1475-1530 zu erwartenden Finsternisse.
-
-Große Verdienste hat sich *Regiomontan* auch um die Trigonometrie,
-die wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, erworben. Er war es,
-der die Tangensfunktion, mit welcher die Araber gleichfalls schon
-vertraut waren, im Abendlande einführte. Ein weiterer Fortschritt
-bestand darin, daß er sich der dezimalen Teilung bediente, indem
-er für seine Tangententafeln den Radius r = 100000 zugrunde legte.
-Unzweifelhaft schöpfte *Regiomontan* bei seiner Darstellung der
-Trigonometrie auch aus arabischen Quellen. Doch ist der Zusammenhang
-im einzelnen nicht mehr nachzuweisen, da er in der Darstellung wie in
-der Fortbildung des empfangenen Wissenstoffes sehr selbständig verfuhr.
-Sein trigonometrisches Hauptwerk »De triangulis« entstand 1464. Durch
-letzteres lernte das Abendland den Sinussatz und die Tangensfunktion
-kennen. Auch entwickelte *Regiomontan* als erster darin den allgemeinen
-sphärischen Cosinussatz.
-
-*Regiomontans* Tafeln waren in den Händen von *Bartholomäos Diaz*,
-sowie in denen *Vasco da Gamas* auf seinem Wege nach Ostindien. Sie
-halfen *Columbus* den neuen Weltteil entdecken. *Amerigo Vespucci*
-benutzte sie, um 1499 Längenbestimmungen in Südamerika auszuführen.
-So sehen wir, wie dasjenige, was der stille Gelehrte in einsamen
-Nachtwachen erdacht und erforscht, die kühnen Seefahrer und
-Konquistadoren befähigte, dem europäischen Teil der Menschheit die Erde
-in ihrem ganzen Umfange zu erschließen. Trotz der schon um das Jahr
-1200 erfolgten Einführung des Kompasses wagten nämlich die Portugiesen,
-selbst nachdem Heinrich der Seefahrer die Entdeckungsreisen organisiert
-hatte, zunächst nicht, von der Küstenschiffahrt abzugehen. Viele Jahre
-kamen ihre Fahrzeuge nicht über Kap Bojador hinaus, weil man dort ein
-Riff sah, dessen Brandung sich weit hinaus ins Meer erstreckte. Dem
-Ungewissen, das die Wasserwüste des atlantischen Ozeans in sich barg,
-vermochte man erst zu begegnen, nachdem die Astronomie der Schiffahrt
-die zur Ortsbestimmung geeigneten Hilfsmittel verliehen hatte.
-
-Zu diesen gehörte in erster Linie der Kreuz- oder Jakobsstab (siehe
-Abb. 60), ein Werkzeug, das zum Messen von Winkeln auf bewegter
-See geeigneter war als die von *Ptolemäos* und *Koppernikus*
-benutzten Instrumente, unter denen das mit Kreisteilung versehene
-Astrolabium[886] und das parallaktische Lineal an erster Stelle zu
-nennen sind[887]. Der Kreuz- oder Jakobsstab mit verschiebbarem
-Querriegel, den *Regiomontan* benutzte, besaß eine Länge von 2-1/2
-Metern. Seine Anwendung hat man bis ins 14. Jahrhundert zurück
-verfolgen können. Waren die erwähnten Meßinstrumente fest aufgestellt
-und von hinlänglicher Größe, so ließen sich ziemlich scharfe Messungen
-damit anstellen. *Tycho*, dessen Arbeiten infolge ihrer Genauigkeit
-die Entdeckungen *Keplers* erst ermöglichten, berichtet, an seinen
-Astrolabien noch eine sechstel Bogenminute abgelesen zu haben.
-
-[Illustration: Abb. 60. Der Kreuzstab[888].]
-
-Wahrscheinlich hat der Nürnberger *Martin Behaim* (1459 bis 1506), dem
-man den ersten neueren Erdglobus verdankt, den Kreuzstab nach Portugal
-gebracht und letzteren zu Messungen auf bewegter See empfohlen[889].
-Aus Abbildung 61 ersehen wir den Gebrauch dieses Instrumentes. Der
-Querstab a wurde so lange verschoben, bis das am Ende des Längsstabes b
-befindliche Auge die beiden Gegenstände, deren Winkelabstand gefunden
-werden sollte, über die Enden von a anvisierte; b trug eine Skala, von
-der man unmittelbar die jeder Stellung entsprechenden Winkel ablesen
-konnte. Mit einiger Zuverlässigkeit vermochte man indes um diese Zeit
-nur die geographische Breite zu bestimmen. Hinsichtlich der Länge mußte
-man sich mit einem Abschätzen begnügen. Die enge Beziehung, in welche
-zu Beginn des neueren Zeitalters die Astronomie zur Nautik trat, war
-beiden Gebieten sehr förderlich. Während der nächsten Jahrhunderte
-wurde die Mitarbeit der Astronomen außerdem durch hohe Belohnungen
-angeregt, welche die Schiffahrt treibenden Nationen auf die Lösung
-praktisch wichtiger Aufgaben setzten. Geister ersten Ranges, wie
-*Galilei* und *Euler*, verschmähten es nicht, ihre Arbeit in den Dienst
-dieser Sache zu stellen.
-
-[Illustration: Abb. 61. Schematische Erläuterung des Kreuzstabes.]
-
-Den ersten, noch erhaltenen Globus, fertigte *Behaim* 1492 an[890].
-Erhalten sind auch noch Globen aus den Jahren 1515, 1520 und
-1532. *Mercator* machte aus der Herstellung vorzüglicher Erd- und
-Himmelsgloben schon ein Gewerbe. Zu seinen Abnehmern gehörten Kaiser
-Karl V. und andere Fürsten. Von *Mercator* herrührende Globen finden
-sich noch in Duisburg, Nürnberg, Weimar und Wien[891].
-
-Das Duisburger Museum, das sich bemüht, die Werke *Mercators* entweder
-im Original oder in Nachbildungen zu erwerben, besitzt einen von
-ihm verfertigten Erd- und Himmelsglobus. Sie wurden 1908 bei einem
-toskanischen Edelmann gefunden und gelangten durch Kauf in den Besitz
-des Museums. Der Erdglobus stammt aus dem Jahre 1541, der andere
-ist 1551 hergestellt. Auf ihm sind die Sternbilder farbenprächtig
-ausgeführt. Während die früheren Globen aus Holz oder Metall verfertigt
-waren, benutzte *Mercator* eine Mischung aus Gips, Sägespänen und Leim,
-die er auf eine aus Stäben hergestellte Hohlkugel auftrug.
-
-Die Anregung zu den Entdeckungsreisen ist nicht nur auf die
-Fortschritte der Astronomie und die Bedürfnisse des Handels, sondern
-auch auf die Lektüre der alten Schriftsteller zurückzuführen.
-Insbesondere gilt dies von *Columbus*. Die von den Alten
-herrührenden Nachrichten, welche die allmähliche Ausdehnung ihres
-geographischen Horizontes erkennen lassen, waren ihm durch das
-Weltbuch *Alliacos*[892] geläufig geworden. Je weiter die Alten die
-östlichen Grenzen Asiens hinaus verlegt hatten, um so größer war die
-Wahrscheinlichkeit, daß eine Fahrt nach Westen bald zu bewohnten
-Ländern führen würde.
-
-Dieser Gedanke erfüllte außer *Columbus* besonders den italienischen
-Astronomen *Toscanelli*, dessen Lieblingsprojekt die Verbindung
-Europas und Asiens auf dem Seewege nach Westen war. *Toscanelli*
-war der Meinung, daß die asiatische Küste höchstens 120 Längengrade
-von Lissabon entfernt sein könne. Er stand mit *Columbus* in
-Briefwechsel und hat ihn in einem Schreiben vom 25. VI. 1474 von
-der Durchführbarkeit des Gedankens, der ihn erfüllte, zu überzeugen
-gewußt. Nach allem, was an eigenen und fremden Überlegungen, von
-denen sich *Columbus* leiten ließ, bekannt geworden, muß man seine
-Entdeckungsreisen über die früheren Unternehmungen dieser Art stellen.
-Welche Schwierigkeiten es zu überwinden galt, braucht hier nicht
-des näheren erörtert zu werden. Erinnert sei nur an die Versammlung
-zu Salamanca, welche den Plan des *Columbus* prüfen sollte. Was mag
-letzterer wohl empfunden haben, als man ihm entgegenhielt, wenn es auch
-gelingen sollte, zu den seiner Ansicht nach vorhandenen Gegenfüßlern
-hinunter zu fahren, so würde es doch unmöglich sein, wieder nach
-Spanien hinauf zu gelangen?
-
-Daß sich trotz des gelehrten, am Buchstaben klebenden Dünkels, der
-nicht etwa nur diese Versammlung erfüllte, das Neue siegreich Bahn
-brach, ist vor allem der Erfindung der Buchdruckerkunst, sowie dem
-Umstande zu verdanken, daß man im Latein eine Weltsprache besaß, die
-einen raschen Austausch der Gedanken zwischen den Angehörigen aller
-Völker ermöglichte.
-
-Es war um 1450, als *Gutenberg* das erste, mit beweglichen Lettern
-hergestellte Buch herausgab. In Paris, in Nürnberg und an anderen Orten
-entstanden darauf große Druckereien, die für die damalige gelehrte
-Welt arbeiteten. Mit der Ausbreitung des Buchdruckes verringerte sich
-allmählich der Abstand zwischen dem zunftmäßigen Gelehrten- und dem
-Laientum. Die Errungenschaften des Forschens und Denkens wurden immer
-mehr zu einem Gemeingut.
-
-Eins der glänzendsten Beispiele für die Vereinigung geistigen und
-gewerblichen Schaffens und für das Zusammengehen des gebildeten
-Bürgertums mit Künstlern und Gelehrten bot vor allem Nürnberg,
-wo vorübergehend auch *Regiomontan* und *Behaim* wirkten. Für
-*Regiomontan* errichtetete ein Nürnberger Kaufherr mit fürstlicher
-Freigebigkeit eine Sternwarte, die von hervorragenden Mechanikern mit
-Astrolabien, Armillarsphären und anderen astronomischen Instrumenten
-ausgerüstet wurde. Öffentliche Vorträge belebten das Interesse für
-die Mathematik und die Naturwissenschaften. Eine im Jahre 1470, kurz
-vor der Ankunft *Regiomontans* in Nürnberg gegründete Druckerei wurde
-bald die bedeutendste in Deutschland[893]. *Behaim* übermittelte die
-gewonnenen astronomischen Kenntnisse den seefahrenden Völkern. Er hielt
-sich von 1480-1484 in Portugal auf, zur Zeit, als auch *Columbus* dort
-weilte, und stand den Portugiesen bei ihren Unternehmungen zur Seite.
-Es ist sehr wahrscheinlich, daß *Diaz*, *Columbus* und *da Gama* ihm
-die Bekanntschaft mit den Ephemeriden *Regiomontans*, sowie manche
-Belehrung über die Kunst, nach der Beobachtung der Sterne zu segeln,
-verdanken[894].
-
-Man darf jedoch neben den gelehrten Deutschen, die hier, wie so oft
-in der Entwicklung der Wissenschaften, wohl den Gedanken, aber nicht
-die Tat brachten, den Portugiesen *Pedro Nunez* aus Coimbra nicht
-vergessen. Er war es, der zuerst ein Werk schuf, in dem die Nautik auf
-wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurde (De arte atque ratione
-navigandi). Er war es ferner, der die Genauigkeit der Ablesung an den
-astronomischen Instrumenten verbesserte. Der Nonius wird nach ihm
-fälschlich so benannt. Der Erfinder dieser Einrichtung ist *Pierre
-Vernier* (1580-1637).
-
-
-Die Wiederbelebung der Naturbeschreibung.
-
-Auch die beschreibenden Naturwissenschaften, die Zoologie und die
-Botanik, erfuhren gegen den Anfang des Mittelalters manche Förderung.
-Das Wiederaufleben der alten Literatur, insbesondere das Bekanntwerden
-mit den zoologischen Schriften des *Aristoteles*, den man vorher ja nur
-aus arabischen und lateinischen Bearbeitungen kannte, war auch hier
-von Einfluß. Noch wichtiger war es aber, daß man sich immer mehr mit
-offenen Sinnen der eigenen Beobachtung zuwandte und nach naturgetreuer
-Darstellung des Gesehenen strebte. Erinnert sei nur an die oben
-erwähnten anatomischen Abbildungen *Lionardo da Vincis*. Die Ausdehnung
-des geographischen Gesichtskreises führte dazu, daß man schon gegen
-den Ausgang des Mittelalters mit zahlreichen neuen Tieren und Pflanzen
-bekannt wurde. Das Wiederaufleben des wissenschaftlichen Sinnes machte
-sich auf dem Gebiete der Botanik nicht nur durch die zunehmende Neigung
-für eigenes Beobachten, sondern auch durch das allmähliche Zurücktreten
-der Rücksicht auf die Nutzanwendung der Pflanzen geltend. Das
-Beobachtungsvermögen wurde insbesondere durch zwei Umstände gefördert.
-Es waren dies die Einrichtung botanischer Gärten und die Anfertigung
-von Herbarien.
-
-Den ersten botanischen Garten der neueren Zeit legte ein venetianischer
-Arzt[895] im Jahre 1333 an, nachdem ihm die Republik dazu einen wüsten
-Platz überlassen hatte. Der erste Universitätsgarten begegnet uns in
-Padua. Er wurde 1545 gegründet. Einige Jahre später folgte Pisa. Und
-noch während des 16. Jahrhundert ahmten viele Universitäten des übrigen
-Europas das von Italien gegebene Beispiel nach[896].
-
-Nicht minder wichtig für die Erweckung selbsttätiger Beobachtung
-und Forschung war das Aufkommen der Herbarien. Ein eigentlicher
-Erfinder dieser Einrichtung läßt sich wohl nicht angeben. Die ersten
-Nachrichten über umfangreichere Sammlungen getrockneter Pflanzen
-stammen aus dem 16. Jahrhundert[897]. Die älteste Anweisung zur
-Einrichtung von Herbarien begegnet uns nach *Meyer* (Gesch. der
-Botanik. Bd. IV. S. 267) indes erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts.
-»Im Winter«, heißt es dort, »muß man, da fast alle Pflanzen umkommen,
-die Wintergärten betrachten. So nenne ich die Bücher, in denen man
-getrocknete Pflanzen, auf Papier geklebt, verwahrt.«
-
-Ein weiteres Mittel, die Beobachtung anzuregen, war das Abbilden von
-Pflanzen und anderen Naturkörpern. Zwar, das Altertum hatte sich
-dieses Mittels ebenso bedient wie der Pflanzengärten. Kennt man doch
-noch heute mit Abbildungen versehene Ausgaben des *Dioskurides*, die
-aus dem 6. Jahrhundert stammen. Während des Mittelalters hatte die
-philologische Gelehrsamkeit und der Autoritätsglauben indessen die
-Wissenschaft in solchem Maße überwuchert, daß die Kunst, das Studium
-der Natur durch Abbildungen zu fördern, erst wieder zu neuem Leben
-erweckt werden mußte.
-
-Zu den ältesten gedruckten Büchern mit Abbildungen von Naturkörpern
-gehört auch *Konrad Megenbergs* »Buch der Natur«, auf das wir schon
-an anderer Stelle eingegangen sind. *Megenbergs* Buch enthält
-in Holzschnitt hergestellte, charakteristische Abbildungen von
-Säugetieren, Vögeln, Bäumen und Kräutern, unter denen sich z. B.
-Ranunculus acris, Viola odorata, Convallaria majalis und andere recht
-gut erkennen lassen. Allerdings fehlt es bei der Beschreibung der
-Meeresungeheuer, der wunderlichen Menschen und anderer Dinge nicht
-an Abbildungen, die nur als fratzenhafte Phantasieerzeugnisse gelten
-können.
-
-Erwähnenswert ist auch der gegen 1485 erschienene »Ortus sanitatis«
-(Garten der Gesundheit), der zahlreiche, oft nachträglich kolorierte
-Abbildungen enthält, von denen manche der Natur ziemlich nahe kommen,
-während die Abbildungen exotischer Pflanzen meist erfunden sind[898].
-
-Wir haben hiermit die Betrachtung desjenigen Zeitabschnitts beendet,
-in dem das Wiederaufleben der Wissenschaften anhob. Zwar stützte
-man sich noch auf allen Gebieten auf die seit der Mitte des 15.
-Jahrhunderts aus reinerer Quelle fließenden Kenntnisse der Alten. Doch
-gab man sich nicht mehr wie früher gänzlich der Autorität gefangen.
-Selbstbeobachten, eigenes Forschen wurde in den hervorragendsten Köpfen
-dieses Zeitalters zum Losungswort. Und wenn auch noch kein neues
-Gebäude der Wissenschaften erstand, so wurde doch auf allen Gebieten
-mit den Vorarbeiten begonnen und die Tätigkeit des nachfolgenden
-Zeitalters erst ermöglicht, dessen Aufgabe es war, die Fundamente der
-neueren Naturwissenschaft zu legen.
-
-Wenn wir uns die hier skizzierte Entwicklung vergegenwärtigen, welche
-die Wissenschaft seit ihrem Wiederaufleben im 14. und 15. Jahrhundert
-genommen, so sehen wir, daß sie nicht mehr in solchem Maße wie früher
-von den Geschicken eines oder einiger Völker abhängt, sondern daß
-ihr Gang stetiger und weniger als bisher durch gewaltsame Ereignisse
-der äußeren Geschichte beeinflußt erscheint. Die Geschichte der
-Wissenschaften ist auch in der Folge nicht so eng mit dem Gange der
-Weltgeschichte verknüpft wie in den früheren Perioden, in denen wir
-häufig genötigt waren, das Verständnis der Wissenschaftsgeschichte
-durch Heranziehen der allgemeinen Geschichte zu erschließen.
-
-
-
-
-11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch
-Koppernikus[899].
-
-
-Das 16. Jahrhundert war auf allen Gebieten eine Zeit der Vorbereitung.
-Nur zögernd und langsam, gleichsam tastend, entwickelte sich während
-dieses Zeitraumes die neuere Methode der Naturforschung. Das 17.
-Jahrhundert bietet uns dagegen das Schauspiel eines nie vorher
-gesehenen Siegeslaufes unter der Führung eines *Galilei*, *Kepler*
-und *Newton*. Nunmehr vollzog sich die innige Verschmelzung der
-Naturwissenschaften mit der Mathematik, sowie die Ausgestaltung einer
-streng induktiven Forschungsweise. Durch diese beiden Momente wurde
-ein Umschwung herbeigeführt, wie ihn die Geschichte der Wissenschaften
-nicht wieder erlebt hat.
-
-Das wichtigste Ereignis des 16. Jahrhunderts ist die Aufstellung
-des heliozentrischen Weltsystems durch *Koppernikus* und die
-hierdurch herbeigeführte Umgestaltung des gesamten Weltbildes.
-*Nicolaus Koppernikus* wurde am 19. Februar (alten Stils) des Jahres
-1473 in Thorn geboren. Polen und Deutsche haben sich um den Ruhm
-gestritten, ihn zu den Ihren zählen zu dürfen. Ein solcher Streit
-ist müßig. *Koppernikus* war einer der großen Geister, die durch ihr
-Wirken der Welt gehören. Tatsache ist, daß Thorn zur Zeit seiner
-Geburt unter polnischer Oberhoheit stand, im übrigen aber, was den
-gebildeten Teil der Bevölkerung anbetraf, eine deutsche Stadt war.
-Die Mutter des *Koppernikus* ist deutscher Abkunft gewesen. Über
-die Stammeszugehörigkeit des Vaters läßt sich dagegen keine sichere
-Entscheidung treffen. Soviel ist jedoch gewiß, daß *Koppernikus* selbst
-in seinem Fühlen und Denken ein Deutscher war und sich in allen
-Dokumenten, die auf uns gelangt sind, wenn er nicht Latein schrieb, der
-deutschen Sprache bediente.
-
-Nachdem *Koppernikus* das Vaterhaus verlassen, bereitete er sich in
-Krakau für den medizinischen Beruf vor. Bei der Vielseitigkeit, mit
-der man in früheren Jahrhunderten die Universitätsstudien betrieb,
-wurde er indes auch mit der Mathematik und mit der Astronomie vertraut.
-Auf letzterem Gebiete genoß die Universität Wien, wo *Peurbach* und
-*Regiomontan* gelehrt hatten, einen vorzüglichen Ruf. Dorthin begab
-sich deshalb nach Beendigung seiner medizinischen Studien der spätere
-Reformator der astronomischen Wissenschaft. Zum Glück für letztere
-war *Koppernikus* nicht gezwungen, sofort dem ärztlichen Berufe
-nachzugehen. Er war nämlich dadurch günstig gestellt, daß sein Oheim
-mütterlicherseits, der Bischof von Ermeland, sich seiner annahm und
-ihm später eine Domherrenstelle des Frauenburger Kapitels verschaffte.
-Von 1495-1505 hielt sich *Koppernikus* meist in Italien auf. Dort
-war im Zeitalter der Renaissance die Astronomie emporgeblüht. In
-Florenz war unter den Mediceern die erste Akademie nach platonischem
-Vorbild entstanden. Sternwarten wurden errichtet und Lehrstellen
-geschaffen. In Italien hatte auch *Nicolaus von Cusa* seine Anregungen
-empfangen und sie von dort nach Deutschland verpflanzt. Diesem Vorbild
-folgte *Koppernikus*, indem er sich in Italien fast ein Jahrzehnt
-in der praktischen Astronomie vervollkommnete. Doch ist aus diesem
-langen Abschnitt seines Lebens, der für die Entwicklung seiner
-wissenschaftlichen Vorstellungen ohne Zweifel von großer Bedeutung
-gewesen ist, sehr wenig bekannt geworden. Auch von den astronomischen
-Hilfsmitteln, deren sich *Koppernikus* bediente, weiß man nur wenig.
-Jedenfalls besaßen sie keinen hohen Grad von Genauigkeit. Wie die
-astronomischen Instrumente im Zeitalter des *Koppernikus* beschaffen
-waren, erfahren wir aus dem von dem Astronomen *Apian*[900] um jene
-Zeit verfaßten »Instrument-Buch«.
-
-Der Gedanke, der seinem System zugrunde liegt, bemächtigte sich des
-*Koppernikus*, sobald er in der Blütezeit des Mannesalters selbständig
-forschend an die Natur herantrat. Diesen Gedanken zu verfolgen und
-zu begründen, erschien ihm als eine Aufgabe, wohl wert, sein ganzes
-übriges Leben in stiller Forscherarbeit ihr zu widmen. Seit der im
-Jahre 1505 erfolgten Rückkehr aus Italien bis zu seinem Tode am 24. Mai
-des Jahres 1543 blieb er deshalb, von einigen kleinen Reisen abgesehen,
-in seinem Bistum. Ein beschauliches Leben hat *Koppernikus* jedoch in
-dieser Zurückgezogenheit nicht geführt. Die Zeit, welche ihm die mit
-dem Domherrnamt verbundenen Pflichten übrig ließen, war der Armenpraxis
-in Frauenburg und der sorgfältigen Ausarbeitung jenes großen Werkes
-gewidmet, in dem er seine Theorie, sowie die jahrelangen Beobachtungen,
-auf die er sie stützte, niedergelegt hat.
-
-Das für die neuere Astronomie grundlegende Hauptwerk des *Koppernikus*
-erhielt den Titel »Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper«. In
-der an den Papst gerichteten Vorrede wird der Anlaß zu dem Werke und
-seine Geschichte mitgeteilt. Wir erfahren daraus, daß die Schrift »bis
-in das vierte Jahrneunt hinein«[901] verborgen blieb, bis sie zum
-Druck gelangte. Obgleich *Koppernikus* um das Jahr 1530 den Ausbau der
-heliozentrischen Lehre beendet hatte, schwankte er, ob er mit seinen
-Ansichten an die Öffentlichkeit treten sollte. »Die Verachtung«, sagt
-er, »die ich wegen der Neuheit und der scheinbaren Widersinnigkeit
-meiner Meinung zu befürchten hatte, bewog mich fast, das fertige Werk
-beiseite zu legen.«
-
-Jedoch hatten befreundete Astronomen, sowie Geistliche, die sich mit
-Astronomie beschäftigten, Kenntnis von dem Werk erhalten. Ihrem Drängen
-nach Veröffentlichung setzte *Koppernikus* nicht nur aus dem erwähnten
-Grunde anfangs Widerstand entgegen, sondern er zögerte auch, weil ihn
-der Wunsch beseelte, wirklich Besseres an die Stelle des Vorhandenen
-zu setzen. Kam es ihm doch vor allem darauf an, der beobachtenden
-Astronomie einen Dienst zu erweisen und ihr das neue Lehrgebäude in
-einem solch vollkommenen Zustande zu übermitteln, daß es an die Stelle
-des alten, mit den praktischen Bedürfnissen eng verwachsenen Systems
-treten konnte. Von einem völligen Gelingen blieb *Koppernikus*, wie
-er wohl selbst am besten wußte, indes noch weit entfernt. Auch mochte
-er wohl ahnen, welchen Sturm sein Versuch entfesseln sollte. Galt es
-doch, einer seit Jahrtausenden geheiligten Anschauung den Boden zu
-entziehen[902] und an ihre Stelle eine neue Lehre zu setzen, welche
-der bisher den wesentlichsten Teil der Welt ausmachenden Erde eine nur
-bescheidene Stelle unter zahllosen Körpern gleichen, ja selbst höheren
-Ranges einräumte. Ganz zu geschweigen der Gefahr, der eine solche
-Neuerung ausgesetzt war, als ketzerisch verdammt zu werden.
-
-Erst ein Jahr vor seinem Tode vermochte man *Koppernikus* zur
-Herausgabe seiner »Kreisbewegungen«[903] zu bestimmen. *Osiander*,
-welcher den in Nürnberg erfolgenden Druck des Buches überwachte, hielt
-es, ohne von *Koppernikus* hierzu ermächtigt zu sein, für geraten,
-in einer besonderen Einleitung das Ganze als eine bloße Hypothese
-hinzustellen. Wenn die Wissenschaft Hypothesen ersinne, so beanspruche
-sie damit keineswegs, daß man nun auch davon überzeugt sei. Sie
-wolle nur eine Grundlage für ihre Berechnungen schaffen. Hypothesen
-brauchten also nicht einmal wahrscheinlich zu sein. Es genüge vielmehr,
-daß sie eine Rechnung ermöglichen, die zu den Beobachtungen paßt.
-Mit diesen Ausführungen hat *Osiander* dasjenige, was wir heute als
-bloße Arbeitshypothese bezeichnen, durchaus richtig gekennzeichnet.
-Daß eine Abschwächung seiner Lehre jedoch durchaus nicht im Sinne
-des Verfassers lag, geht aus der von *Koppernikus* herrührenden
-Vorrede deutlich genug hervor. Er sei, sagt er, entgegen der Meinung
-der Astronomen, ja beinahe gegen den gemeinen Menschenverstand
-dazu gekommen, sich eine Bewegung der Erde vorzustellen. Zu dieser
-Annahme habe ihn der Umstand veranlaßt, daß die Astronomen bei
-ihren Untersuchungen sich über die Bewegungen der Himmelskörper gar
-nicht einig seien und die Gestalt der Welt und die Symmetrie ihrer
-Teile bisher nicht hätten finden können. Man habe zur Erklärung der
-astronomischen Erscheinungen die verschiedensten Arten von Bewegungen
-angenommen. Die einen bedienten sich nur der konzentrischen, die
-anderen der exzentrischen und epizyklischen[904] Kreise. Doch sei das
-Erstrebte dadurch nicht erreicht worden. Endlich habe er durch viele
-und fortgesetzte Beobachtungen gefunden, daß, wenn die Bewegungen der
-übrigen Wandelsterne auf einen Kreislauf der Erde bezogen, und dieser
-dem Kreislauf jedes Gestirns zugrunde gelegt werde, nicht nur die
-Erscheinungen der Wandelsterne daraus folgten, sondern daß dann auch
-die Gesetze und Größen der Gestirne und ihre Bahnen so zusammenhingen,
-daß in keinem Teile des Systems ohne Verwirrung der übrigen Teile und
-des ganzen Weltalls irgend etwas geändert werden könne. Die Astronomen
-möchten die neue Lehre prüfen, und er zweifle nicht, daß sie ihm
-beipflichten würden. Damit aber Gelehrte und Ungelehrte sähen, daß er
-durchaus niemandes Urteil scheue, so wolle er sein Werk lieber dem
-Papste als irgend einem andern widmen.
-
-Die Anregung zu seinem System empfing *Koppernikus* offenbar aus
-den Schriften der Alten. Nachdem er über die Unzulänglichkeit der
-bestehenden Theorien nachgedacht, durchforschte er alle Schriften,
-deren er habhaft werden konnte, um festzustellen, ob nicht irgend
-jemand einmal andere Ansichten als die herrschenden über die Bewegungen
-der Weltkörper geäußert habe. Da fand er denn zuerst bei *Cicero*,
-daß *Nicetas* geglaubt habe, die Erde bewege sich. Nachher fand er
-auch bei *Plutarch*, daß andere ebenfalls dieser Meinung gewesen
-seien. Hierdurch veranlaßt, fing er an, über die Bewegung der Erde
-nachzudenken, obgleich diese Ansicht ihm zuerst selbst widersinnig zu
-sein schien.
-
-Indessen nicht nur unbestimmte Meinungen, sondern auch einen recht
-brauchbaren Ansatz zu seiner Theorie fand *Koppernikus* bei den Alten
-vor. Es war ihm nämlich die Meinung einiger alten Schriftsteller
-begegnet, daß Venus und Merkur sich um die Sonne als ihren Mittelpunkt
-bewegten und deswegen von ihr nicht weiter fortgehen könnten, als es
-die Kreise ihrer Bahnen erlaubten. *Koppernikus* nennt *Martianus
-Capella* (5. Jahrhundert nach Chr. Geb.) als seinen Gewährsmann. Es
-heißt bei ihm: »Venus und Merkur bewegen sich nicht um die Erde, die
-nicht für alle Planetenbahnen den Mittelpunkt bildet, wenngleich sie
-unzweifelhaft der Mittelpunkt der Welt ist. Beide Planeten gehen zwar
-täglich auf und unter, sie bewegen sich aber um die Sonne. In dieser,
-die viel größer als die Erde ist, haben sie ihren Bahnmittelpunkt.«
-*Martianus Capella* verlegte gleich anderen Berichterstattern den
-Ursprung der erwähnten Lehre nach Ägypten. Neuere Forschungen haben
-jedoch den Beweis geliefert, daß sie auf *Herakleides Pontikos*, einen
-Schüler *Platons*, zurückzuführen ist[905]. *Herakleides* war auch
-darin ein Vorläufer des *Koppernikus*, daß er die tägliche, scheinbare
-Bewegung der Himmelkugel aus einer Drehung der Erde von West nach
-Ost erklärte. Ihre Fortsetzung fanden diese Lehren durch *Aristarch
-von Samos*. *Aristarch*[906] setzte die Sonne, die er für 300 mal
-so groß wie die Erde hielt, in den Mittelpunkt und ließ die Erde
-sich in jährlichem Umlauf um die Sonne bewegen. Die heliozentrische
-Weltansicht war dem Altertum also wohl bekannt. Sie fand sogar den
-Beifall vieler, trug indes ihrem Urheber, ganz ähnlich, wie es später
-den ersten erklärten Anhängern des koppernikanischen Systems erging,
-von gegnerischer Seite eine Anklage wegen Gottlosigkeit ein. Doch
-konnte die heliozentrische Theorie im Altertum nicht recht Wurzel
-schlagen, da sie noch nicht imstande war, den Anforderungen der
-praktischen Astronomie zu genügen. Letztere erblickte ihre Aufgabe ja
-weniger darin, die beobachteten Bewegungen der Sonne, des Mondes und
-der Planeten zu erklären, als sie genau zu messen und im voraus zu
-bestimmen.
-
-Indem nun *Koppernikus* von der Ansicht des *Martianus Capella* ausging
-und Saturn, Jupiter und Mars auf denselben Mittelpunkt, die Sonne
-nämlich, bezog, gleichzeitig aber die große Ausdehnung der Bahnen der
-genannten Planeten berücksichtigte, die außer den Bahnen des Merkur
-und der Venus auch die der Erde umschließen, gelangte er zu seiner
-Erklärung der Planetenbewegung. Es stehe nämlich fest, führt er des
-weiteren aus, daß Saturn, Jupiter und Mars der Erde immer dann am
-nächsten seien, wenn sie des Abends aufgingen, d. h. wenn sie in
-Opposition zur Sonne ständen, oder die Erde sich zwischen ihnen und
-der Sonne befinde. Dagegen seien Mars und Jupiter am weitesten von der
-Erde entfernt, wenn sie des Abends untergingen, wir also die Sonne
-zwischen ihnen und der Erde hätten. Dies beweise hinreichend, daß
-der Mittelpunkt ihrer Bahn die Sonne und somit derselbe sei, um den
-auch Venus und Merkur kreisen. Da somit alle Planeten sich um einen
-Mittelpunkt bewegen, sei es notwendig, daß der Raum, der zwischen dem
-Kreise der Venus und dem des Mars übrig bleibe, die Erde mit dem sie
-begleitenden Monde aufnehme. Er scheue sich daher nicht, zu behaupten,
-daß die Erde mit dem sie umkreisenden Monde zwischen den Planeten
-einen großen Kreis in jährlicher Bewegung um die Sonne durchlaufe. Auf
-solche Weise finde die Bewegung der Sonne in der Bewegung der Erde ihre
-Erklärung. Die Welt aber sei so groß, daß die Entfernung der Planeten
-von der Sonne, mit der Fixsternsphäre verglichen, verschwindend klein
-sei. Er halte dies alles für leichter begreiflich, als wenn der
-Geist durch eine fast endlose Menge von Kreisen verwirrt werde, was
-diejenigen herbeiführten, welche die Erde in den Mittelpunkt der Welt
-setzten.
-
-[Illustration: Abb. 62. Das koppernikanische Weltsystem.
-
-(Aus Koppernikus' Werk über die Bewegung der Weltkörper.)]
-
-*Koppernikus* bringt dann die vorstehend wiedergegebene Abbildung (62)
-seines Weltsystems und erläutert sie mit folgenden Worten: »Die erste
-und höchste von allen Sphären ist diejenige der Fixsterne, die sich
-selbst und alles übrige enthält und daher unbeweglich ist. Es folgt der
-äußerste Planet, Saturn[907], der in 30 Jahren seinen Lauf vollendet;
-hierauf Jupiter mit einem zwölfjährigen Umlauf; dann Mars, der in zwei
-Jahren seine Bahn beschreibt. Die vierte Stelle nimmt der jährliche
-Kreislauf ein, in dem die Erde mit der Mondbahn enthalten ist. An
-fünfter Stelle kreist Venus in neun Monaten. Den sechsten Platz nimmt
-Merkur ein, der in einem Zeitraum von 80 Tagen seinen Umlauf vollendet.
-In der Mitte aber von allem steht die Sonne. Denn wer möchte in diesem
-schönsten Tempel diese Leuchte an einen anderen oder besseren Ort
-setzen?«
-
-»So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen Throne sitzend,
-die sie umkreisende Familie der Gestirne. Wir finden also in dieser
-Anordnung einen harmonischen Zusammenhang, wie er anderweitig nicht
-gefunden werden kann. Denn hier kann man bemerken, warum das Vor- und
-Zurückgehen beim Jupiter größer erscheint als beim Saturn und kleiner
-als beim Mars und wiederum bei der Venus größer als beim Merkur.
-Außerdem, warum Saturn, Jupiter und Mars, wenn sie des Abends aufgehen,
-der Erde näher sind als bei ihrem Verschwinden in den Strahlen der
-Sonne. Vorzüglich aber scheint Mars, wenn er des Nachts am Himmel
-steht, an Größe dem Jupiter gleich zu sein, während er bald darauf
-unter den Sternen zweiter Größe gefunden wird. Und dies alles ergibt
-sich aus derselben Ursache, nämlich aus der Bewegung der Erde. Daß aber
-an den Fixsternen nichts davon in die Erscheinung tritt, ist ein Beweis
-für die unermeßliche Entfernung dieser Sterne, eine Entfernung, welche
-selbst die Bahn der Erde oder das Abbild dieser Bahn am Himmel für
-unsere Augen verschwinden läßt[908].«
-
-Die Grundlagen seines Systems hat *Koppernikus* am klarsten in einem
-»kurzen Abriß«[909] niedergeschrieben, den er wahrscheinlich schon bald
-nach 1530 verfaßte. Er stellt diese Grundlagen in folgenden Sätzen
-zusammen:
-
- 1. Es gibt nur einen Mittelpunkt für die Gestirne und ihre Bahnen.
-
- 2. Der Erdmittelpunkt ist nicht auch der Mittelpunkt für die Welt,
- sondern nur für die Mondbahn und für die Schwere.
-
- 3. Alle Planeten bewegen sich um die im Mittelpunkte ihrer Bahnen
- stehende Sonne. In sie fällt also der Weltmittelpunkt.
-
- 4. Der Abstand Erde -- Sonne ist gegenüber dem Durchmesser des
- Fixsternhimmels verschwindend klein.
-
- 5. Was als eine Bewegung am Himmel erscheint, leitet sich von einer
- Bewegung der Erde her. Sie dreht sich nämlich täglich völlig um ihre
- Axe. Dabei behalten ihre beiden Pole dauernd dieselbe Lage bei.
-
- 6. Was uns als eine Bewegung der Sonne erscheint, leitet sich auch
- nicht von diesem Gestirn, sondern von der Erde und ihrer Bahn her, in
- der sie sich um die Sonne ebenso bewegt, wie die übrigen Planeten es
- tun.
-
- 7. Das Vorschreiten und Zurückbleiben der Planeten ist nicht ihre
- eigene, sondern nur eine Folge der Erdbewegung.
-
-Wie die ältere, so entsprach auch die neuere, von *Koppernikus*
-entwickelte Theorie den Beobachtungen bei weitem nicht in dem Maße, als
-ihr Begründer anfangs hoffen mochte. Es lag das daran, daß er gleich
-den Alten daran festhielt, die Bewegung der Himmelskörper erfolge
-gleichmäßig und im Kreise. *Aristoteles* hatte dies gelehrt. Für ihn
-und alle, die sich nach ihm mit der Astronomie befaßten, *Koppernikus*
-eingeschlossen, war dies ein von vornherein feststehender Satz. Die
-Welt ist kugelförmig, die Erde ist gleichfalls kugelförmig, die
-Bewegung der Himmelskörper erfolgt gleichmäßig, ununterbrochen und im
-Kreise. So lauten die Überschriften der wichtigsten Abschnitte des
-koppernikanischen Werkes. Und warum verhält es sich so? Weil Kreis
-und Kugel die vollkommensten Formen sind und kein Grund für eine
-ungleichförmige Bewegung vorliegt, lautet die Antwort. Auch *Kepler*
-war, wie wir sehen werden, anfangs in dem erwähnten Vorurteil befangen.
-Ihm gelang es aber, sich davon frei zu machen. Als er eingesehen,
-daß die Beobachtungen sich mit den hergebrachten Anschauungen nicht
-in Einklang bringen ließen, machte er die Annahme, daß sich die
-Planeten nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen und daß ihre
-Bewegung ungleichförmig sei. Jetzt waren alle Widersprüche, in denen
-die heliozentrische Theorie sich den Beobachtungen gegenüber befand,
-gelöst, und diese Theorie damit erst lebensfähig geworden. Was ihr
-Begründer gut zu erklären wußte, waren vor allem das scheinbare
-Zurückgehen und Stillstehen der Planeten, sowie die Veränderungen
-in der scheinbaren Größe dieser Himmelskörper, die besonders beim
-Mars beträchtlich sind. Zur Erklärung anderer Ungleichmäßigkeiten
-blieb jedoch nichts weiter übrig, als auf die Epizyklentheorie
-unter Beibehaltung der Sonne als Mittelpunkt des ganzen Systems
-zurückzugreifen.
-
-Wir erkennen, daß eine neue Wahrheit bei ihrer Entdeckung selten
-vollendet ist. Sie geht gewöhnlich nicht aus dem Hirn eines einzelnen,
-sondern als Errungenschaft des Geistes einer Zeit aus den Bemühungen
-mehrerer, oft sogar zahlreicher Forscher und Denker hervor.
-
-
-Aufnahme und Ausbreitung der heliozentrischen Lehre.
-
-Für die Richtigkeit seines Weltsystems konnte *Koppernikus* noch keine
-schlagenden Beweise, sondern lediglich die größere Einfachheit ins Feld
-führen. Dem Einwand, daß die jährliche Bewegung der Erde sich in einer
-scheinbaren Veränderung der Fixsternörter offenbaren müsse, wußte er
-nur dadurch zu begegnen, daß er diese Himmelskörper in eine Entfernung
-versetzte, gegen welche der Durchmesser der Erdbahn verschwindend
-klein sei. Das Einzige, was *Koppernikus* den Angriffen seiner Gegner
-gegenüberstellen konnte, waren Gründe der Vernunft. »Es ist«, sagt er,
-»wahrscheinlicher, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, als daß alle
-Planeten mit ihren verschiedenen Entfernungen, alle herumschweifenden
-Kometen und das unendliche Heer der Fixsterne dieselbe regelmäßige
-vierundzwanzigstündige Bewegung um die Erde ausführen«.
-
-Eigentliche Beweise, sowohl für die Drehung als auch für den Umlauf
-der Erde, haben erst spätere Jahrhunderte gebracht und dadurch die
-koppernikanische Lehre auf den Rang einer unumstößlichen Wahrheit
-erhoben[910]. Neben ihrer Einfachheit konnte *Koppernikus* für seine
-Theorie wie *Aristarch* auch den Umstand ins Feld führen, daß die
-Sonne der bei weitem größere Weltkörper sei. Das Größenverhältnis von
-Mond, Erde, Sonne ist nach *Koppernikus* gleich 1 : 43 : 6937[911].
-Ferner nahm *Koppernikus* die Entfernung der Sonne auf Grund von
-Beobachtungen, die nach dem von *Aristarch* herrührenden Verfahren
-angestellt wurden, zu 1197 Erdhalbmessern an. Auch dieses Ergebnis
-blieb weit hinter der Wahrheit zurück. Erst im 18. Jahrhundert
-fand man durch Messungen, welche die Vorübergänge der Venus vor
-der Sonnenscheibe zum Ausgang nahmen, einen zuverlässigen Wert für
-jenes Grundmaß der Astronomie. Dieser übertraf den von *Koppernikus*
-angegebenen Wert fast um das Zwanzigfache.
-
-Das Erscheinen der »Kreisbewegungen«, deren erste Druckbogen
-*Koppernikus* noch auf dem Sterbebette gelesen haben soll, veranlaßte
-durchaus nicht einen solchen Aufruhr unter den Geistern, wie
-man es in Anbetracht der Wichtigkeit der darin ausgesprochenen
-Ansichten wohl hätte erwarten können. Dies hatte mehrere Gründe. Die
-zeitgenössische Astronomie beachtete die Neuerung wenig. Einige dem
-*Koppernikus* befreundete Astronomen ausgenommen, hielt man an der
-*ptolemäischen* Lehre fest, zu der man überdies in jener Zeit, die
-noch keine Lehrfreiheit kannte, verpflichtet war. Ferner gaben die dem
-neuen System noch anhaftenden Unvollkommenheiten den berufsmäßigen
-Astronomen, denen der praktische Wert ausschlaggebend sein mußte, ein
-gewisses Recht, zunächst das Hergebrachte in Geltung zu belassen.
-Brachte doch das heliozentrische System dem rechnenden Astronomen
-zunächst kaum nennenswerte Vorteile. *Koppernikus* hatte es verstanden,
-seine Neuerung in einer alles Polemische ausschließenden Weise
-vorzutragen und jedes Hinüberspielen auf das Gebiet biblischer und
-religiöser Anschauungen zu vermeiden. So kam es, daß auch die Kirche,
-die von einer astronomischen Neuerung wohl eine Verbesserung ihres
-Kalenders erhoffte, das Buch, dem ja sogar eine Widmung an den Papst
-voranging, duldete und dem Gegensatz kein Gewicht beilegte, in den es,
-vom Standpunkt des starren Wortglaubens aus betrachtet, zur biblischen
-Überlieferung trat.
-
-»Es scheint mir,« schrieb *Koppernikus* in jener Widmung, »daß die
-Kirche aus meinen Arbeiten einigen Nutzen ziehen kann. War doch
-unter *Leo* X. die Verbesserung des Kalenders nicht möglich, weil
-die Größe des Jahres und die Bewegung der Sonne und des Mondes nicht
-genau bestimmt waren. Ich habe gesucht, diese näher zu bestimmen.
-Was ich darin geleistet habe, überlasse ich dem Urteile Deiner
-Heiligkeit und der gelehrten Mathematiker.« Der großen Masse, selbst
-der Gebildeten, fehlte bei der damals herrschenden Unkenntnis in
-naturwissenschaftlichen Dingen durchaus das Vermögen, mit eigenem
-Urteil an die neue Lehre heranzutreten. Deshalb läßt sich die
-Äußerung *Luthers* wohl entschuldigen, der da meinte: »Der Narr will
-die ganze Astronomie umkehren. Aber die heilige Schrift sagt uns,
-daß Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht die Erde.« Daran, daß
-diese Neuerung auf dem Gebiete der Astronomie der Kirche schaden,
-geschweige denn das religiöse Gefühl beeinträchtigen könnte, hat
-*Luther* schwerlich gedacht. Etwas ängstlicher war schon *Melanchthon*,
-der auch mehr Verständnis für das Unerhörte jener Neuerung besaß.
-Selbst ein eifriger Astrologe, hatte er das Gebäude der damaligen
-Astronomie in seinem Lehrbuch der Physik zur Darstellung gebracht.
-Die neue heliozentrische Ansicht hielt er für so gottlos, daß er
-sie zu unterdrücken empfahl[912]. Auch der viel später lebende
-*Francis Bacon*, den übertriebene Schilderungen als den Begründer der
-neueren Naturwissenschaft gefeiert haben, war ein erklärter Gegner
-des *Koppernikus*, und zwar zu einer Zeit, als die Frage nach der
-Richtigkeit des heliozentrischen Systems die Geister bewegte. Erst
-damals, im Zeitalter *Galileis*, nahm die Kirche zu dieser Frage
-entschieden Stellung und verbot die »Kreisbewegungen«. Der bezügliche
-Erlaß stammt aus dem Jahre 1616 und wurde amtlich erst 1822 wieder
-aufgehoben, nachdem sein Bestehen jedoch fast in Vergessenheit geraten
-war. Er lautet: »Die heilige Kongregation[913] hat in Erfahrung
-gebracht, daß die falsche, der Heiligen Schrift völlig widersprechende
-Lehre der Pythagoreer, von der Bewegung der Erde, wie sie *Koppernikus*
-und einige andere vorgetragen haben, gegenwärtig verbreitet und
-vielfach angenommen wird. Damit sich eine derartige Lehre nicht zum
-Schaden der katholischen Wahrheit ausbreitet, beschloß die heilige
-Kongregation daß die Bücher des *Koppernikus* und alle anderen, die
-dasselbe lehren, bis zur Verbesserung zu verbieten sind. Sie werden
-daher alle durch diesen Erlaß verboten und verdammt.«
-
-Zu den ersten Anhängern der koppernikanischen Lehre gehörte der
-Dominikanermönch *Giordano Bruno*[914], *Spinozas* Vorläufer in der
-Begründung einer pantheistischen Weltanschauung. Seinen divinatorischen
-Blicken erweiterte sich das Fixsterngewölbe zu einem in Raum und Zeit
-unendlichen Universum. *Bruno* war auch der erste, der die Fixsterne
-als Sonnen und als Mittelpunkte ungezählter, dem unseren gleichartiger
-Planetensysteme ansah.
-
-Er hat manches intuitiv vorweggenommen, was erst spätere Zeiten auf
-Grund der Beobachtung sichergestellt haben. So nahm er an, daß nicht
-nur die Erde, sondern auch die Sonne um ihre Axe rotiere. Von der
-Erde behauptet er, daß sie an den Polen abgeplattet sein müsse. Die
-Präzession der Nachtgleichen erklärte er mit folgenden Werten: »Bei den
-unabsehbar mannigfaltig ineinandergreifenden Bewegungen der Weltkörper
-kann es nicht ausbleiben, daß auch die scheinbar festesten Punkte ihre
-gegenseitige Lage nach und nach verschieben. Die Erde wird also ihre
-Lage zum Himmelspol verändern[915]«. Die Kometen betrachtete *Bruno*
-als eine besondere Gattung der Planeten. Da die Kometen ganz ohne Regel
-erschienen, so sei auch die Zahl der unsere Sonne umkreisenden Planeten
-noch nicht festgestellt[916]. Die Welten und die Weltsysteme endlich
-sind nach *Bruno* stetigen Änderungen unterworfen. Ewig ist nur die der
-Welt zu Grunde liegende schaffende Energie. Darin spricht sich schon
-eine gewisse Ahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie aus.
-*Brunos* lange als Schwärmerei betrachtete Lehre von der Beseeltheit
-nicht nur der All-Materie, sondern auch der individuellen Beseeltheit
-der einzelnen Weltkörper hat neuerdings *Fechner* zur Anerkennung zu
-bringen gesucht.
-
-Daß die Erde selbst ein lebendes Wesen ist, schloß *Bruno* aus ihrer
-Bewegung und daraus, daß sie lebende Wesen hervorbringt. Auch die
-übrigen Weltkörper sind belebt und ein Schauplatz des Lebens. Daß sich
-letzteres in denselben Formen wie auf der Erde offenbart, darf man
-allerdings nicht annehmen.
-
-Man hat *Bruno* als den ersten monistischen Philosophen der neueren
-Zeit zu betrachten. In seinen Schriften kam die geistige Eigenart der
-italienischen Renaissance besonders zum Ausdruck. Der Lebensauffassung
-jener Zeit entsprach auch seine, im Gegensatz zum Christentum stehende
-Lehre vom heroischen Affekt. Die neue astronomische Ansicht, die sich
-ihm und den Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im
-Sinne der »Schönheitsherrlichkeit der Welt« verwertet[917].
-
-*Giordano Brunos* Reformation des Himmels: Lo spaccio (Die Vertreibung)
-della bestia trionfante (verdeutscht und erläutert von *L. Kuhlenbeck*,
-Leipzig 1889), ist eine Moralphilosophie, die an die Betrachtung
-der wichtigsten Sternbilder anknüpft. Die in italienischer Sprache
-erschienenen Werke *Brunos* gab *P. de Lagarde* (Göttingen 1888)
-heraus. Die astronomische Weltanschauung betrifft besonders das Werk
-Del infinito Universo et de i mondi[918]. Einige charakteristische
-Sätze aus diesem Werk mögen uns noch etwas eingehender mit *Brunos*
-Vorstellungen bekannt machen: »In dem unermeßlichen zusammenhängenden
-Raum, der alles in sich hegt und trägt, gibt es unzählige, dieser Welt
-ähnliche Weltkörper. Von ihnen ist der eine nicht mehr in der Mitte des
-Universums als der andere. Als unendliches All ist es ohne Mitte und
-ohne Umfang. Wie um unsere Sonne sieben Wandelsterne kreisen, so gibt
-es weitere Sonnen, die Mittelpunkte für andere Planetensysteme sind.
-Jeder dieser Weltkörper dreht sich um sein eigenes Zentrum. Trotzdem
-erscheint er seinen Bewohnern als eine stillstehende Welt, um die sich
-alle übrigen Gestirne drehen. In Wahrheit gibt es so viel Welten wie
-wir Fixsterne sehen. Sie befinden sich alle in dem einen Himmel, dem
-einen Allumfasser, wie unsere Welt, die wir bewohnen.«
-
-Daß es unendlich viele Einzelwelten geben müsse, folgert *Bruno* aus
-dem Wesen Gottes, dem er ein unendliches Können zuschreibt.
-
-
-Astronomie und wissenschaftliche Erdkunde.
-
-In engster Beziehung zur Astronomie hat sich die wissenschaftliche
-Erdkunde, d. h. eine Erdkunde, die mehr sein wollte, als eine bloße
-Beschreibung der Länder und ihrer Erzeugnisse, entwickelt. Sie fand
-in dem auf *Koppernikus* folgenden Zeitalter in Deutschland einen
-hervorragenden Vertreter in *Gerhard Kremer* oder *Mercator*, wie
-er sich selbst, nach damaliger Sitte seinen Namen latinisierend,
-nannte[919] und in *Sebastian Münster*.
-
-*Münster* verfaßte eine »Cosmographia, Beschreibung aller Länder«. Die
-darin enthaltenen Karten haben die Grundlage gebildet, von der die
-Kartographie in Deutschland ihren Ausgang nahm[920].
-
-*Mercator* wurde 1512 in einem flandrischen Städtchen geboren, wo sich
-seine, aus Jülich stammenden Eltern vorübergehend aufhielten. Als
-Arbeitsfeld wählte er, angeregt durch *Gemma Frisius*[921], mit dem er
-während seiner Studienzeit verkehrte, die mathematische Geographie,
-als deren Neubegründer er von vielen Seiten anerkannt wurde[922].
-Mit der Anfertigung von Landkarten, Globen und astronomischen
-Instrumenten erwarb sich *Mercator* seinen Unterhalt. Von 1552 bis zu
-seinem 1594 erfolgenden Tode lebte er in Duisburg, wo er neben seiner
-wissenschaftlichen Tätigkeit mathematischen Unterricht am Gymnasium
-erteilte.
-
-Sein erstes größeres Werk war ein Erdglobus, auf dessen Verfertigung er
-ein und ein halbes Jahr verwendete. Zehn Jahre später (1551) lieferte
-*Mercator* einen großen Himmelglobus. Zu seinen Verehrern zählte auch
-*Karl V.* Dieser Monarch nahm an den Fortschritten der Astronomie und
-Geographie solch lebhaften Anteil, daß er während der Belagerung einer
-Festung mit *Apianus* ein Gespräch über diese Wissenschaften führen
-konnte, während die Kugeln rechts und links von ihnen einschlugen.
-
-Mit *Apianus* und *Mercator* beginnt für die Kartographie eine neue
-Zeit. Vor ihnen hatte man sich mit einem Abschätzen der Entfernungen
-und mit Itinerarien begnügt, sowie sich abgemüht, das neu erworbene
-Wissen mit dem des *Ptolemäos* in Einklang zu bringen. Jetzt entstanden
-Karten, die auf genaueren Vermessungen beruhten. Unter diesen sind vor
-allem *Apians*[923] »Bayrische Landtafeln« zu nennen. Sie erschienen
-1568 auf 24 Blättern (Holzschnitt; Maßstab 1 : 144000) und gelten als
-das topograhische Meisterwerk des 16. Jahrhunderts. Kein Land wurde in
-jener Zeit mit gleicher Treue dargestellt.
-
-Was *Apian* für ein engbegrenztes Stück der Erde leistete, strebte der
-belgische Geograph *Ortelius*[924] für den gesamten Erdkreis an. In
-seinem »Theatrum orbis terrarum« (53 Karten in Kupferstich, Antwerpen
-1570) schuf er ein Werk, das sich von *Ptolemäos* freimachte. Die
-Mehrzahl jener von *Ortelius* herausgegebenen 53 Karten war nach den
-besten Arbeiten anderer Kartographen verfertigt.
-
-Fast zu selben Zeit (1569) vollendete *Mercator* seine große Weltkarte.
-Es war dies ein für die Geschichte der Erdkunde und der Nautik
-hochbedeutsames Ereignis. Von diesem Zeitpunkt, sagt *Mercators*
-Biograph, datiert die Reform der Kartographie, die kein zweites Werk
-von gleicher Bedeutung zu verzeichnen hat. Die Vorschriften, die
-*Mercator* den Seefahrern für die Benutzung seiner Karte gab, gelten
-auch heute noch[925].
-
-Ein für jene Zeit großes Verdienst erwarb sich *Mercator* dadurch, daß
-er die damals noch in hohem Ansehen stehende Geographie des *Ptolemäos*
-an Stelle der ungenauen Karten älterer Geographen mit Karten versah,
-die sich den Angaben des *Ptolemäos* genau anschlossen. Eine Sammlung
-von Karten europäischer Länder vereint mit Karten einzelner Erdteile
-und Übersichten der ganzen Erde veranstaltete *Mercator* mit seinem
-Sohne[926]. Sie erschien 1595 unter dem von *Mercator* gewählten
-Titel »Atlas«[927], der seitdem für derartige Sammlungen gang und gäbe
-geblieben ist.
-
-Die Grundsätze der Kartographie entwickelte *Mercator*[928] so klar,
-wie es kein anderer vor ihm vermocht hatte. Er war der erste, der die
-Bedingungen, die jede Projektionsart voraussetzt, genauer untersuchte,
-und den Begriff der Konformität aufstellte, d. h. der Forderung, daß
-eine ebene Figur die größtmögliche Ähnlichkeit mit der Kugelfläche
-erhalten müsse. Da die Alten immer nur Teile der Erdoberfläche
-darzustellen hatten, und ihre Projektionsarten dieser Aufgabe
-anpaßten, war *Mercator*, als es galt, die ganze Erde kartographisch
-darzustellen, vor eine ganz neue Aufgabe gestellt. Er löste sie durch
-das nach ihm benannte Verfahren in der trefflichsten, für den Gebrauch
-geeignetsten Weise. »Wenn,« sagt *Mercator* in der Erläuterung, die er
-seiner Weltkarte hinzufügt, »von den vier Beziehungen, die zwischen
-zwei Orten in Ansehung ihrer gegenseitigen Lage stattfinden, nämlich
-Breitenunterschied, Längenunterschied, Richtung und Entfernung, auch
-nur zwei berücksichtigt werden, so treffen auch die übrigen genau zu,
-und es kann nach keiner Seite hin ein Fehler begangen werden, wie
-dies bei den gewöhnlichen Seekarten so vielfach und zwar um so mehr,
-je höher die Breiten sind, der Fall sein muß.« *Mercator* erzielte
-diesen Vorteil dadurch, daß er die Erdoberfläche auf einen die Erde im
-Äquator berührenden Zylinder projizierte, dessen Achse der Erdachse
-parallel ist. Die Ausbreitung, welche dadurch die Längengrade nach
-den Polen hin erfahren, wird durch eine in demselben Verhältnis
-stattfindende Ausdehnung der Breitengrade ausgeglichen. Eine solche
-Karte ist winkeltreu, d. h. sie gibt die Winkel so wieder, wie sie
-auf der Erdoberfläche erscheinen; sie wahrt auch die Formähnlichkeit
-(Konformität) der Ländergestalten[929] sie ist jedoch nicht
-flächentreu, da ihr Maßstab mit der Entfernung vom Äquator wächst.
-
-
-
-
-12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen
-Naturwissenschaften.
-
-
-Wie auf dem astronomischen, so machte sich auch auf den übrigen
-Gebieten der Naturwissenschaft während des 16. Jahrhunderts das
-Bestreben geltend, die Fesseln der Autorität zu sprengen und
-Beobachtung und Nachdenken an ihre Stelle zu setzen. Eine zweite
-epochemachende Tat, die sich derjenigen des *Koppernikus* an die Seite
-stellen ließe, haben wir jedoch in dieser Periode nicht zu verzeichnen.
-
-Als Physiker ist unter den Zeitgenossen des *Koppernikus* vor allem
-*Maurolykus* (1494-1575) zu nennen. Er lehrte in Messina und entstammte
-einer derjenigen Familien, die nach der Eroberung Konstantinopels
-diese Stadt verlassen hatten, um sich den Verfolgungen der Türken zu
-entziehen. *Maurolykus* machte sich um die Mathematik verdient, indem
-er in einem umfangreichen Sammelwerke alles das zusammenfaßte, was
-er selbst an mathemathischem Wissen den griechischen und arabischen
-Schriftstellern verdankte. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich
-durch die Herausgabe der archimedischen Werke, sowie von Schriften
-des *Apollonios*, dessen Lehre von den Kegelschnitten durch ihn sogar
-erweitert wurde. Sein mathematisches Können betätigte *Maurolykus*
-ferner auf dem Gebiete der Optik, das sich von jeher für die
-mathematische Behandlung besonders geeignet erwiesen hatte. Sein
-optisches Werk, das er »Über Licht und Schatten« betitelte[930],
-enthält manchen Fortschritt und viele Richtigstellungen früherer
-Irrtümer. *Maurolykus* ist z. B. der erste Physiker, der die Wirkung
-der Linse im Auge erklärt, indem er dartut, daß sich die Strahlen
-hinter der Linse schneiden. Die Kurz- und Übersichtigkeit leitet er
-aus einem übermäßigen oder zu geringen Grad der Linsenkrümmung ab.
-Wenn er damit auch nicht ganz das Wesen der Sache traf, da man heute
-Unregelmäßigkeiten in den Abmessungen des Augapfels als den Grund
-dieser Mängel betrachtet, so erschloß sich doch ein theoretisches
-Verständnis der Brillen, die schon seit dem 13. Jahrhundert im Gebrauch
-waren.
-
-Ein schönes Beispiel, wie verschieden ein und dasselbe Problem in
-aristotelischem Sinne und im Geiste der neueren, den wissenschaftlichen
-Grundsätzen sich erschließenden Zeit behandelt wurde, bietet die
-Erklärung des runden Sonnenbildchens. Es ist eine allbekannte
-Erscheinung, daß die Sonnenstrahlen, die durch eine unregelmäßig
-gestaltete Öffnung senkrecht auf eine ebene Fläche fallen, dort ein
-kreisförmiges Bild hervorrufen. Die Aristoteliker waren mit ihrer
-Erklärung, welche die Hohlheit des nicht durch genügende Induktion
-gestützten philosophischen Denkens treffend dartut, bald fertig. Sie
-schrieben die Erscheinung einer »Zirkularnatur« des Sonnenlichtes zu,
-setzten also an Stelle der Erklärung ein Wort, welches das bezeichnet,
-was zu erläutern ist. Geht man dagegen von der Tatsache aus, daß
-jeder Punkt der Sonnenoberfläche Licht aussendet und ein Bild von der
-Gestalt der Öffnung gibt, so werden die unzähligen Bilder, die sich
-teilweise decken, insgesamt ein Flächengebilde entstehen lassen, das
-sich als eine Projektion des leuchtenden Körpers darstellt. Daher muß
-das Bildchen bei einer Sonnenfinsternis, der Gestalt der Sonnenscheibe
-entsprechend, sichelförmig erscheinen, wie es die Beobachtung auch
-dartut[931].
-
-Die Erklärung des kreisförmigen Sonnenbildchens aus der »zirkulären
-Natur« des Sonnenlichtes ist ein treffendes Beispiel für das, was man
-eine »verborgene Qualität«, eine »qualitas occulta« genannt hat. Solch
-unbestimmte Begriffe führten die Aristoteliker während des ganzen
-Mittelalters, oft genug einer einzigen Erscheinung wegen, ein, wenn
-sie eine aus den Tatsachen entspringende Erklärung nicht zu geben
-vermochten.
-
-Etwas später fällt die Wirksamkeit des Italieners *Johann Baptista
-Porta* (1538-1615). Dieser Mann ist typisch für diejenige Stufe einer
-Disziplin, auf der sie noch nicht zu strengerer Wissenschaftlichkeit
-gelangt ist. Wir finden bei *Porta* und seinen Zeitgenossen, die
-sich mit physikalischen und chemischen Dingen beschäftigen, eine
-Verquickung von Richtigem und Unrichtigem, von Klarheit mit Mystik und
-Aberglauben, die heute, nachdem das Niveau der gesamten Bildung ein so
-viel höheres geworden ist, eigentümlich anmutet. Das Streben dieser
-Männer nach größerer Einsicht ging ferner mit einem marktschreierischen
-Treiben Hand in Hand, durch das sie ihr eigenes Ansehen und das ihrer
-Wissenschaft den Zeitgenossen gegenüber heben wollten.
-
-Das Buch, in dem *Porta*, ganz dem Geschmacke seiner Zeit
-entsprechend, die Naturwissenschaften behandelt, ist »Die natürliche
-Magie« betitelt[932]. Es ähnelt in manchen Teilen einem modernen
-Zauberbuche, da es dem Verfasser nicht selten darauf ankommt, den
-Leser zu unterhalten oder durch das Überraschende der Erscheinung in
-Verwunderung zu setzen. Wichtig ist, daß *Porta* in seinem Buche eine
-von ihm getroffene Verbesserung der Camera obscura beschreibt. Bis
-dahin hatte man bei diesem Apparat das Licht durch eine Öffnung auf
-einen dahinter befindlichen Schirm fallen lassen. *Porta* brachte in
-der vergrößerten Öffnung eine Linse an, wodurch die Bilder bedeutend an
-Schärfe gewannen[933].
-
-Von Interesse ist ferner eine von *Porta* herrührende Einrichtung,
-den Dampf zum Heben von Wasser zu benutzen. Das Wasser befindet sich
-in einem Gefäß; der Dampf drückt auf die Oberfläche des Wassers und
-treibt es durch ein heberartiges, bis auf den Boden tauchendes Rohr aus
-dem Behälter heraus. Eine derartige Vorrichtung, die gegen das Dampfrad
-*Herons* keinen wesentlichen Fortschritt bedeutet, als die erste
-Stufe der Dampfmaschine zu bezeichnen, ist nicht gerechtfertigt. Doch
-läßt sich nicht verkennen, daß man durch die von *Heron* und *Porta*
-beschriebenen Versuche mit der Wirkung gespannter Dämpfe vertraut
-wurde, und daß dadurch der Gedanke, diese Wirkung auf die einfachen
-Maschinen der Mechanik zu übertragen, allmählich heranreifte. Erst von
-diesem Fortschritt an, den wir später zu betrachten haben, kann von
-einer eigentlichen Dampfmaschine die Rede sein.
-
-Es zeigt sich hier wie auch bei *Galilei* und anderen Forschern, daß
-die Physik der Gase und der Flüssigkeiten im 17. Jahrhundert besonders
-infolge der Anregungen ausgebaut wurde, die man dem Altertum in
-*Herons* Schriften verdankte[934]. So schuf *Porta* eine »Pneumatik«,
-die zwar keine bloße Wiedergabe der »Pneumatik« *Herons* ist, indessen
-auf ihn zurückgeht[935]. Auch *Schwenter* (s. folg. Seite) hat in
-seinen »Erquickstunden« manche Angaben *Herons*, besonders diejenigen,
-die in *Herons* Druckwerken enthalten sind, verwertet. Dasselbe gilt
-von *Schott*, dem Freunde *Guerickes*, und seiner 1657 erschienenen
-»Mechanica hydraulico-pneumatica«. Sogar *de Caus*, dem die Franzosen
-die Erfindung der Dampfmaschine zuschreiben möchten, geht auf *Heron*
-zurück[936]. Selbst die Wasserkünste der fürstlichen Gärten des 17.
-Jahrhunderts sind teilweise den von *Heron* ausgehenden Anregungen zu
-verdanken.
-
-Auch den magnetischen Erscheinungen wandte man jetzt eine größere
-Aufmerksamkeit zu. Indessen gerade dieses Gebiet wurde von *Porta*
-und Männern verwandten Geistes noch außerordentlich mit Mystik und
-Aberglauben verwoben. Mit der Deklination, deren Größe *Porta* für
-Italien gleich 9° östlich angibt, war man schon vor *Columbus*
-bekannt geworden. Letzterer machte die Beobachtung, daß sich die
-Deklination (sie war damals im ganzen Gebiete des Mittelmeeres
-östlich) bei einer Reise nach Westen verringerte und schließlich
-in eine westliche überging. Auf Grund dieser Erkenntnis suchte sich
-*Columbus* auf seiner zweiten Reise, wenn die Schiffsrechnung unsicher
-war, durch einen Vergleich der Deklinationen zu orientieren. Es war
-dies der erste, später oft wiederholte Versuch, die Deklination zur
-Auffindung der geographischen Länge zu verwerten. Eine brauchbare
-Lösung des Längenproblems, das schon *Hipparch* und *Ptolemäos* große
-Schwierigkeiten bereitet hatte, sollte jedoch nicht auf diesem Wege,
-sondern erst durch die Erfindung genauer Chronometer ermöglicht werden.
-Das zweite Element des tellurischen Magnetismus, die Erscheinung
-nämlich, daß die um eine horizontale Achse drehbare Nadel eine geneigte
-Lage einnimmt, hat zuerst der Engländer *Norman* genauer beobachtet.
-Er gab im Jahre 1576 die Größe dieser, als Inklination bezeichneten
-Neigung für London zu 71° 50' an[937]. Auf die wechselnde Intensität
-des Erdmagnetismus wurde man dann gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
-aufmerksam, so daß erst seit dieser Zeit eine allseitige, auch das
-Quantitative in der Erscheinung berücksichtigende Kenntnis dieser
-Naturkraft Platz greifen konnte.
-
-Unter den Männern, die etwas später die Naturwissenschaften ganz
-im Geiste *Portas* behandelten, ist *Daniel Schwenter* zu nennen
-(geboren 1585; gestorben 1636 als Professor der Mathematik in
-Altdorf). Sein bekanntes Werk, »Die mathematischen und philosophischen
-Erquickstunden«[938], ist ein würdiges Seitenstück zu *Portas* »Magia
-naturalis« und erscheint besonders geeignet, um den Standpunkt, den
-die Naturwissenschaften zumal in Deutschland vor der großen, durch
-*Galilei*, *Kepler* und ihre Mitarbeiter hervorgerufenen Umwälzung
-einnahmen, erkennen zu lassen.
-
-Bezeichnend ist zunächst, daß *Schwenter* es für nötig hält, die
-Beschäftigung mit der Natur gegen den Vorwurf zu verteidigen, es
-handele sich dabei um eine unnütze, ja kindliche Tätigkeit. Ein Kind,
-sagt er, werfe wohl einen Stein ins Wasser und freue sich über die
-vielen Kreise. Das sei eine kindliche Freude. Die Ursache dieser
-Erscheinung nachzuweisen, sei dagegen kein Kinderwerk. Einige Beispiele
-mögen dartun, wie unzulänglich und unbestimmt die Ansichten waren, die
-man an der Schwelle des 17. Jahrhunderts noch hegte. Wir werden dann
-den großen Fortschritt, den die Wissenschaft um jene Zeit durch die
-Begründung der induktiven Forschungsweise erfuhr, um so besser würdigen
-können. So ist das ganze Wissen *Schwenters* über die Fallbewegung in
-folgenden Sätzen enthalten[939]: »Wenn ein Körper fällt, so bewegt
-er sich um so geschwinder, je näher er der Erde kommt. Je höher der
-Körper herabfällt, eine um so größere Gewalt besitzt er. Denn alles was
-schwer ist, eilt nach der Philosophen Meinung unverhindert zu seinem
-natürlichen Ort, d. i. zum Zentrum der Erde, wie der Mensch, der in
-sein Vaterland zurückkehrt, um so begieriger ist, je näher er kommt,
-und daher um so mehr eilt. Dazu kommt noch eine andere natürliche
-Ursache. Die Luft nämlich, die von der Kugel zerteilt wird, eilt über
-der Kugel geschwind wieder zusammen und treibt sie immer stärker an.
-Was aber schon bewegt ist, läßt sich leichtlich weiter und geschwinder
-bewegen«. Ein Fortschritt dem *Aristoteles* gegenüber ist in diesen
-Auffassungen nirgends zu bemerken. Im Gegenteil, man muß sie als rein
-aristotelisch bezeichnen. Nicht minder gilt dies von *Schwenters*
-Auffassung der Wurfbewegung. Er setzt sie aus drei Bewegungen
-zusammen, die er als genötigte, als gemischte und als natürliche
-Bewegung bezeichnet. Danach treibt z. B. das Pulver die Kugel in einer
-genötigten Bewegung schräg aufwärts, bis der höchste Punkt der Flugbahn
-erreicht wird. Dann fängt, »nachdem eine solche gewalttätige Bewegung
-schier ihr Ende nehmen will, die gemischte Bewegung durch einen Bogen
-an«. Endlich gehe die Kugel in die natürliche Bewegung über und falle
-senkrecht auf die Erde. Aus dieser Theorie sucht *Schwenter* die
-Erfahrungstatsache abzuleiten, daß die größte Schußweite bei einem
-Winkel von 45° erzielt wird.
-
-Interessant sind auch die Bemerkungen über den senkrechten Schuß. Er
-verleihe dem Geschoß weit mehr Gewalt als der horizontale Schuß, »weil
-das Feuer von Natur über sich begehre«. Wenn ferner das Geschütz in die
-Höhe gerichtet werde, so presse die Kugel das Pulver und widerstrebe
-der Gewalt des Pulvers auch mehr. Dadurch werde bewirkt, daß sich das
-Pulver gleichsam erzürne, ehe es die Kugel austreibe. Endlich werde
-eine schwere Kugel, welche widerstreben könne, viel weiter getrieben
-als eine leichte, z. B. eine solche von Holz, die nicht widerstreben
-könne.
-
-Die Tatsache, daß die Kugel beim senkrechten Schuß in der Nähe des
-Geschützes wieder niederfällt, wird als Beweismittel gegen die
-koppernikanische Lehre verwertet[940]: »So die Kugel 2 Minuten in der
-Luft bleibt, müßte indessen der Böller 30 deutsche Meilen gelaufen
-sein. Dies ist unmöglich, denn man würde dann keine Kugel mehr finden«.
-Die Koppernikaner, sagt *Schwenter*, seien zwar der Ansicht, die Luft
-bewege sich mit der Erde und zwar mit der gleichen Geschwindigkeit wie
-die Erde. Die empor geworfene Kugel müsse daher von der Luft getrieben
-nicht weit von dem Böller niederfallen. »Es ist aber«, fügt *Schwenter*
-hinzu, »nicht glaublich, ja unmöglich, daß die Luft imstande ist, eine
-schwere Kugel in solch kurzer Zeit 30 Meilen fortzutreiben.« Diese
-Schwierigkeit stand der Annahme des koppernikanischen Systems also noch
-100 Jahre nach seiner Aufstellung im Wege. Sie konnte erst durch die
-allgemeine Anerkennung des Beharrungsgesetzes gehoben werden.
-
-In dem optischen Teil werden die Camera obscura, das Glasprisma, die
-Lichtbrechung und der Regenbogen abgehandelt. Trotzdem *Schwenter*
-den letzteren auch an Springbrunnen und an mit Regentropfen
-bedeckten Spinnengeweben beobachtet hat, hält er ihn dennoch für ein
-übernatürliches Werk. Der Regenbogen ist für ihn »ein Spiegel, in
-dem der menschliche Verstand seine Unwissenheit am hellen Tage sehen
-kann«. Die Physiker hätten »durch ihr vielfältiges Nachsinnen nichts
-anderes darin gefunden, als daß sie noch das Wenigste, so in der Natur
-verborgen sei, ausspekuliert hätten«.
-
-Gelegentlich der von ihm für glaubwürdig gehaltenen Erzählung von
-den Brennspiegeln des *Archimedes* bemerkt *Schwenter*, daß man auch
-durch eine Anzahl flacher Spiegel Pulver entzünden könne, wenn man die
-Sonnenstrahlen durch die Spiegel sämtlich auf einen Punkt werfe.
-
-In dem Abschnitt, der von der Wärme handelt, beschreibt *Schwenter*
-auch ein Instrument, mit dem man den Grad der Hitze und der Kälte
-messen könne. Er bringt in ein Gefäß mit langem Halse etwas Wasser und
-kehrt das Gefäß dann unter Wasser um, so daß die Flüssigkeit einen Teil
-des Halses füllt. Im Winter, sagt *Schwenter*, steigt das Wasser hoch
-herauf, so daß es fast den ganzen Hohlraum füllt; im Sommer dagegen
-sinkt es tief herab.
-
-*Schwenter* ist noch mit *Porta* der Ansicht, daß sich das Wasser durch
-einen Heber über hohe Berge leiten lasse. Man solle, meint er, eine
-Röhre über den Berg legen und an der höchsten Stelle der Röhre einen
-Trichter anbringen. Verstopfe man dann die beiden Mündungen der Röhre,
-so könne man sie ganz mit Wasser füllen. Nach diesen Vorbereitungen
-sei es nur nötig, die Mündungen gleichzeitig zu öffnen. Das Wasser
-werde dann fort und fort aus dem Behälter, in den man die eine Mündung
-getaucht, durch die Röhre ausströmen, wenn nur die zweite Mündung
-tiefer gelegen sei. Jeder Versuch würde *Porta* und *Schwenter* gelehrt
-haben, daß über einen »Berg« von 10 Metern Höhe das Wasser nicht durch
-einen Heber geführt werden kann.
-
-Daß *Schwenter* indessen fremde Angaben auch nachprüft, geht aus
-manchen Stellen seiner Schrift hervor. So hat ihm jemand mitgeteilt,
-das Wasser steige aus einem tiefer befindlichen Gefäß in ein höher
-gelegenes, wenn man beide Gefäße durch einen wollenen Faden verbinde.
-*Schwenter* bemerkt dazu: »Ich finde durch den Versuch, daß diese Kunst
-nicht angeht, denn es ist damit wie mit einem Heber beschaffen. Das
-Wasser läuft nämlich nicht durch das wollene Band, wenn sein Ende nicht
-tiefer liegt als der Wasserspiegel, in den das andere Ende eintaucht«.
-
-Wir haben *Schwenters* Werk etwas ausführlicher behandelt, nicht
-etwa, weil es die Wissenschaft durch neue Gedanken oder Entdeckungen
-bereichert hätte, sondern weil wenige von den in Deutschland zu Beginn
-des 17. Jahrhunderts verfaßten Schriften über das gesamte Gebiet der
-Naturlehre so geeignet sind, uns eine Vorstellung von dem Wissensstand
-und den Anschauungen zu geben, die damals herrschten. Im gleichen Sinne
-wie *Porta* und *Schwenter* wirkten während der ersten Hälfte des 17.
-Jahrhunderts in Deutschland *Athanasius Kircher*, *Kaspar Schott* und
-andere Männer. Sie alle waren Gelehrte von oft polyhistorischem Wissen,
-die uns wohl dickleibige, zur Beurteilung jener Zeit wichtige Folianten
-hinterlassen, die Wissenschaft selbst aber weder durch neue Ideen, noch
-durch Entdeckungen bereichert haben. Insbesondere der gelehrte Jesuit
-*Kircher* verdient mehr als bloße Erwähnung.
-
-*Athanasius Kircher* wurde in der Nähe von Fulda im Jahre 1601 geboren.
-Er wirkte als Professor der Mathematik zunächst an der Universität
-Würzburg, später in Rom, wo er 1680 starb. Von *Kirchers* zahlreichen
-Schriften sind besonders drei hervorzuheben, weil sie uns einen
-Einblick in den damaligen Zustand der Naturwissenschaften gewähren.
-Es ist das Werk vom Licht und vom Schatten (Ars magna lucis et umbrae
-1646), ferner ein Werk über den Magnetismus (Magnes, sive de arte
-magnetica 1643) und drittens die für die Entwicklung der geologischen
-Vorstellungen wichtige Schrift über »Die unterirdische Welt« (Mundus
-subterraneus 1664).
-
-In dem optischen Werke *Kirchers* wird u. a. schon auf die Fluoreszenz
-hingewiesen. *Kircher* nahm sie an dem wässerigen Auszug wahr, den man
-aus einem mexikanischen Holz, dem »Nierenholz«, herstellt[941]. Diese
-Lösung zeigte im auffallenden Lichte eine tiefblaue Farbe, während die
-Flüssigkeit beim Hindurchblicken farblos wie Brunnenwasser aussah.
-Unter Umständen erschien sie auch grün oder rötlich. Eine Erklärung
-dieser auffallenden Erscheinung vermochte *Kircher* nicht zu geben.
-
-Sehr ausführlich handelt er von dem bononischen (Bologneser)
-Leuchtstein. Ein Alchemist hatte den in der Nähe von Bologna
-vorkommenden Schwerspat unter Beimengung reduzierender Mittel im Ofen
-erhitzt und wahrgenommen, daß der Rückstand im Dunkeln leuchtet, wenn
-er vorher von der Sonne beschienen wurde. Die Entdeckung[942] erregte,
-wie begreiflich, das größte Aufsehen. Auch *Galilei* beschäftigte sich
-damit. Er meinte, sie spreche deutlich gegen die Ansicht, daß das
-Licht eine unkörperliche Qualität sei, weil der Stein das Sonnenlicht
-aufnehme, als ob es ein Körper wäre, und es nach und nach wieder
-zurückgebe. *Kircher* ist derselben Meinung. Er stellte den Bologneser
-Stein her, indem er den Spat mit Eiweiß und Leinöl mischte und das
-Gemenge glühte.
-
-Überraschende Entdeckungen sind fast immer in ihrer Tragweite
-überschätzt und zu kühnen, nicht stichhaltigen Erklärungen verwertet
-worden. Dies gilt auch von dem Bologneser Leuchtstein. So schrieb
-*Kircher* dem Auge die gleichen Eigenschaften zu, die dieser Stein
-besitzt, um die von ihm zuerst geschilderten physiologischen oder
-subjektiven Farben zu erklären. Gemeint ist die Erscheinung, daß das
-Auge, nachdem es längere Zeit auf farbige Gegenstände und dann auf eine
-weiße Fläche gerichtet wird, die Umrisse jener Gegenstände in gewissen
-Farben erblickt. Dies sollte daher rühren, daß das Auge, wie der
-Leuchtstein, das Licht einsauge und es allmählich wieder ausstrahle.
-Ein Zeitgenosse *Kirchers* suchte sogar das graue Licht des von der
-Sonne nicht beleuchteten Teiles der Mondoberfläche durch die Annahme zu
-erklären, daß auch der Mond ein Bologneser Stein sei.
-
-Von gutem Beobachtungsvermögen zeugen *Kirchers* Bemerkungen über den
-Farbenwechsel des Chamäleons. Er brachte das Tier auf weiße und rote
-Tücher und zeigte, daß sein Farbenwechsel dadurch beeinflußt wird.
-
-Bei *Kircher* begegnet uns ferner eine genaue Beschreibung der Laterna
-magica. Man hat ihn daher als den Erfinder dieses Apparats bezeichnet,
-wahrscheinlich aber mit Unrecht[943]. *Kircher* bediente sich schon
-der transparenten Glasbilder. Ein erbauliches Beispiel für seinen
-theologischen Eifer möge nicht unerwähnt bleiben. Die Zauberlaterne
-erscheint ihm nämlich als ein vortreffliches Mittel, Gottlose durch
-Vorführung des Teufels auf den rechten Weg zurückzubringen.
-
-*Kirchers* Werk über den Magneten steht hinter der viel früher
-erschienenen, den gleichen Gegenstand behandelnden Schrift des
-Engländers *Gilbert* weit zurück. Hervorzuheben ist *Kirchers*
-Verfahren, mittelst der Wage die Tragkraft des Magneten zu bestimmen.
-Auch stellt er die durch Jesuitenmissionäre im Auslande gemachten
-Beobachtungen über Größe und Änderungen der Deklination in einer
-Tabelle zusammen. Wie kritiklos indessen auch auf diesem Gebiete
-*Kircher* und *Schwenter* häufig verfahren, geht daraus hervor, daß
-sie die alte Fabel, daß der Magnet durch gewisse Pflanzen seine Kraft
-verliere, ohne Nachprüfung aufnehmen. Der Magnet verliert, sagt
-*Schwenter*, durch Feuer und durch Knoblauch seine Kraft. »Wie die
-Erfahrung bezeugt« setzt er sogar hinzu.
-
-Wie *Schwenter* handelt *Kircher* im übrigen bei der Besprechung der
-magnetischen Erscheinungen oft von Spielereien, deren Schilderung mit
-starken Übertreibungen und Fabeln aller Art durchsetzt ist. Beide
-Schriftsteller erörtern beispielsweise die Möglichkeit, vermittelst
-des Magneten eine Art Telegraphie zu bewerkstelligen. Zwei Personen,
-von denen die eine in Paris, die andere in Rom sein könne, müsse
-man mit kräftigen Magneten ausrüsten. Bei genügender Stärke werde
-der eine Magnet auf den anderen zu wirken vermögen. Es sei dann
-nur erforderlich, unter jeder Nadel eine Scheibe mit Buchstaben
-anzubringen. Der Sprechende habe nur seine Nadel auf die verschiedenen
-Buchstaben einzustellen, um die Nadel des Empfängers zu den gleichen
-Einstellungen zu veranlassen. Kurz, es ist der Grundgedanke des
-Zeigertelegraphen, der uns hier entwickelt wird. Nur schade, daß das
-Mittel zur Übertragung nicht ausreichte. Das sah auch *Schwenter* ein,
-denn er fügt hinzu: »Die Invention ist schön, aber ich achte nicht
-davor, daß ein Magnet solcher Tugend auf der Welt gefunden werde.«
-
-Das bedeutendste Ereignis der folgenden Periode ist die Begründung
-der Dynamik durch *Galilei*. Auch dies geschah nicht unvermittelt.
-Fanden sich schon bei *Lionardo da Vinci* klare, wenn auch noch nicht
-hinreichend durchgearbeitete Begriffe auf diesem Gebiete der Physik,
-z. B. bezüglich des Fallens über die schiefe Ebene[944] vor, so mehren
-sich die Ansätze, je weiter wir uns dem Auftreten *Galileis* nähern.
-Vor allem greift eine bessere, schon auf physikalischen Grundsätzen
-beruhende Auffassung der Wurfbewegung Platz. Man erkennt, daß die
-Bahn des geworfenen Körpers eine einzige krumme Linie ist, nicht
-aber aus geraden und krummen Stücken besteht, wie die Peripatetiker
-behaupteten, sowie daß die größte Wurfweite bei einem Elevationswinkel
-von 45° erzielt wird[945]. Auch die Meinung der Aristoteliker, daß
-ein Körper um so schneller falle, je schwerer er ist, wird schon vor
-*Galilei*, der sie glänzend widerlegt, durch den Italiener *Tartaglia*
-erschüttert. Dieser lehrte, daß Körper von verschiedenem Gewicht
-beim freien Fall in gleichen Zeiten gleiche Strecken zurücklegen,
-sowie daß ein im Kreise geschwungener Gegenstand beim Aufhören der
-Zentralbewegung sich in tangentialer Richtung fortbewegt.
-
-Obwohl man solche Vorarbeiten als die Anzeichen des beginnenden
-Umschwunges hoch bewerten muß, ist doch erst *Galilei* als der
-eigentliche Begründer der Dynamik zu betrachten, weil durch ihn wie mit
-einem Schlage fast alles beseitigt wurde, was jener Wissenschaft an
-Verschwommenheit und aristotelischer Betrachtungsweise noch anhaftete.
-
-Für die Chemie sollte ein entsprechender Fortschritt noch lange
-auf sich warten lassen. Zwar wurde er hier durch anerkennenswerte
-Leistungen weit mehr vorbereitet als die fast unvermittelt uns
-entgegentretenden Errungenschaften *Galileis*. Die Umgestaltung zur
-exakten Wissenschaft vollzog sich aber trotzdem auf dem Gebiete der
-Chemie erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts. Während nämlich die
-Grundlagen der Mathematik, der Astronomie und der Statik der neueren
-Epoche schon in wissenschaftlicher Gestalt vom Altertum überliefert
-wurden, war die Alchemie, deren Grundlagen zwar auch im Altertum, wenn
-auch erst in den letzten Jahrhunderten dieses Zeitraums entstanden,
-doch im wesentlichen ein Erzeugnis des Mittelalters und, dem Hange
-jener Zeit entsprechend, durch mystische Zusätze stark getrübt. Wie
-*Roger Bacon* und *Albertus Magnus* wandelten die Vertreter der
-Chemie zu Beginn der neueren Zeit noch ganz in den vom Mittelalter
-vorgezeichneten Bahnen. An den Stein der Weisen, dessen Herstellung
-nach wie vor das Hauptziel aller Bemühungen blieb, knüpfte man die
-abenteuerlichsten Hoffnungen. Der Stein sollte nicht nur, wie bei den
-älteren Alchemisten, beim Zusammenschmelzen mit unedlen Metallen Gold
-erzeugen, und zwar unbegrenzte Mengen, oder wenigstens 1000 × 1000
-Teile, sondern er sollte auch das Leben verlängern, dem Alter die
-Jugend zurückgeben und alle Krankheiten heilen. Doch begegnen uns diese
-Vorstellungen auch schon in weit früherer Zeit[946].
-
-Von der Überzeugung, daß die Darstellung der Materia prima gelungen,
-und Gold mit ihrer Hilfe dargestellt sei, war man übrigens fest
-durchdrungen. Die Alchemie erlangte sogar eine gewisse politische
-Bedeutung. An den Fürstenhöfen besaßen Männer, die sich angeblich im
-Besitze des Geheimnisses befanden, großen Einfluß. Nachdem z. B. die
-englische Regierung die Gelehrten und die Geistlichen aufgefordert
-hatte, die Hilfe Gottes zu erflehen, damit die Herstellung des Steins
-der Weisen endlich gelinge und man die Staatsschulden bezahlen
-könne[947], gedieh die Sache bald darauf schon weiter. Dasselbe Land
-nahm nämlich keinen Anstand, aus alchemistischem Golde geprägte
-Münzen in Umlauf zu bringen. Doch war man, zumal in den geschädigten
-Nachbarländern, aufgeklärt genug, um bald zu erkennen, daß es sich hier
-um eine arge Täuschung handelte[948].
-
-So bildete denn während des langen Zeitraums von mehr als einem
-Jahrtausend das Suchen nach Gold[949] die treibende Kraft für die
-chemische Wissenschaft. Denn als eine Wissenschaft müssen wir die
-Chemie auf jener Entwicklungsstufe gelten lassen, wenn auch als eine
-rein empirisch betriebene. Wurden doch während dieses ausgedehnten
-Zeitraums eine unübersehbare Fülle von Tatsachen über das chemische
-Verhalten der Körper beobachtet, eine Unzahl neuer Verbindungen
-hergestellt, die wichtigsten chemischen Operationen ausgebildet, kurz
-eine breite Grundlage geschaffen, die für die spätere Errichtung
-eines Lehrgebäudes ganz unerläßlich war. Wir dürfen ferner bei der
-Beurteilung der Alchemisten nicht vergessen, daß viele von ihnen von
-einem heißen, wenn auch noch unklaren Streben nach dem Eindringen
-in die für sie mit dem tiefen Schleier des Geheimnisvollen und
-Unerklärlichen verhüllte Natur erfüllt waren und weiter, daß auch heute
-noch die Hoffnung auf materiellen Gewinn oder wenigstens auf Nutzen
-für das Gemeinwohl für sehr viele wissenschaftliche Unternehmungen,
-insbesondere für diejenigen, welche der Staat mit seinen Mitteln
-fördert, die wichtigste Triebfeder ist.
-
-Zu den eifrigsten Beschützern der Alchemisten und der Astrologen
-gehörte der deutsche Kaiser *Rudolf II.*, der auf den Lebensgang des
-großen *Kepler* einen solch tiefgreifenden Einfluß ausgeübt hat. Als
-*Rudolf II.* im Jahre 1612 starb, fand man in seinem Nachlaß große
-Mengen Gold und Silber, die als Erzeugnisse der alchemistischen Kunst
-betrachtet wurden. Wenige Jahre später berichtet *van Helmont*,
-ein Mann, von dessen Ehrlichkeit in wissenschaftlichen Dingen wir
-überzeugt sein dürfen, der aber ein ganz unklarer Phantast war, daß es
-ihm gelungen sei, acht Unzen Quecksilber mit 1/4 Gran der gesuchten
-Substanz, die auf eine etwas mysteriöse Weise in seine Hände gelangt
-war, in Gold zu verwandeln.
-
-Unter den ersten, die sich von der Alchemie, wie auch von der
-Astrologie, abwandten, ist der an anderer Stelle wegen seiner
-Verdienste um die Geologie genannte Franzose *Palissy* (1510 bis 1590)
-zu nennen. Für seinen Zeitgenossen *Rabelais* waren die Astrologen
-und die Alchemisten sogar ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden
-Spottes. Etwa zur selben Zeit wandte sich auch *Lionardo da Vinci*
-gegen die »lügnerische und verderbliche Kunst der Alchemie und ihre
-betrügerischen Anhänger«. Er bestritt, daß Schwefel und Quecksilber
-Bestandteile der Metalle seien und erklärte die künstliche Darstellung
-des Goldes für ebenso unmöglich wie die Quadratur des Kreises und das
-Perpetuum mobile[950].
-
-Daß die alchemistischen Bestrebungen stets von neuem Nahrung fanden,
-und sich bis in das 18. Jahrhundert[951] hinein fortsetzen konnten, so
-daß wir auf sie noch zurückkommen müssen, darf unter solchen Umständen
-nicht wundernehmen. Die Chemie erhielt jedoch in dieser Periode, wenn
-sich ihr Gesamtcharakter zunächst auch wenig änderte, eine Anregung,
-die für ihre weitere Entwicklung von Bedeutung werden sollte. Als
-zweite wichtige, die Erzeugung des Steines der Weisen immer mehr in den
-Hintergrund drängende Aufgabe wurde es nämlich betrachtet, geeignete
-Präparate zum Heilen der Krankheiten herzustellen. Es beginnt damit das
-Zeitalter der medizinischen oder Jatrochemie.
-
-Der Hauptvertreter der Jatrochemie war *Paracelsus*. Dieser merkwürdige
-Mann, dessen Lebenslauf hier nicht eingehender betrachtet werden kann,
-wenn er auch ein Stück Kulturgeschichte zu entrollen geeignet ist,
-wurde im Jahre 1493 zu Einsiedeln in der Schweiz geboren. *Theophrastus
-Paracelsus* (von Hohenheim) bekleidete eine Zeitlang eine Professur
-in Basel, führte jedoch im übrigen ein unstätes Leben, bis er 1541
-gänzlich mittellos starb. Sein ganzes Auftreten kennzeichnet ihn als
-einen Vertreter des reformatorischen Geistes jener Zeit, der sich
-keineswegs auf das kirchliche Gebiet beschränkte. Insbesondere wandte
-sich *Paracelsus* gegen die anerkannten wissenschaftlichen Autoritäten,
-die bislang auf dem Gebiete der Chemie und dem der Medizin gegolten
-hatten. *Paracelsus* spricht es unumwunden aus, daß der wahre Zweck der
-Chemie nicht darin bestehe, Gold zu machen, sondern daß es ihre Aufgabe
-sei, Arzneien zu bereiten, die man bis dahin nach dem Vorgange *Galens*
-fast ausschließlich dem Pflanzenreiche entnommen hatte. In etwas
-theatralischer Weise übergab *Paracelsus*, als er seine Vorlesungen
-in Basel gegen alles Herkommen in deutscher Sprache eröffnete, ältere
-Werke, deren Inhalt er bekämpfte, den Flammen. Und zwar geschah dies,
-bald nachdem *Luther* die Brücke dadurch hinter sich vernichtet hatte,
-daß er die päpstliche Bannbulle öffentlich verbrannte.
-
-*Paracelsus* hat bis vor kurzem als umherschweifender, dem Trunke
-ergebener Charlatan gegolten. Die neuere *Paracelsus*forschung[952] hat
-mit dieser Auffassung gebrochen. Der Wandertrieb des *Paracelsus* ist
-aus einer gründlichen Abkehr vom herkömmlichen Bücherstudium und aus
-seinem Triebe zur Naturerkenntnis zu erklären. *Paracelsus* begründet
-sein ihm oft zum Vorwurf gemachtes Verhalten mit folgenden Worten: »Mir
-ist not, daß ich mich verantworte von wegen meines Landfahrens. Daß ich
-so gar nirgends bleiblich bin, zeichnet den Weg derer, die den Büchern
-den Rücken wenden und in die Natur hinaustreten. Mein Wandern hat mir
-wohl erschlossen, daß keinem sein Meister im Haus wachset noch seinen
-Lehrer hinter dem Ofen hat. Die Künste sind nicht verschlossen in Eines
-Vaterland, sondern ausgeteilt durch die ganze Welt, sie sind nicht in
-einem Menschen oder an einem Ort, sie müssen zusammengeklaubt werden
-und gesucht, da sie sind. Die Kunst geht keinem nach, aber ihr muß
-nachgegangen werden. Wie mag hinter dem Ofen ein guter Kosmographus
-wachsen oder ein Geograph?« An einer andern Stelle sagt er: »Die
-Weisheit ist eine Gabe Gottes. Da er sie hingibt, in demselbigen soll
-man sie suchen. Also auch da er die Kunst hinlegt, da soll sie gesucht
-werden ... Die Schrift wird erforschet durch ihre Buchstaben, die Natur
-aber von Land zu Land, so oft ein Land so oft ein Blatt. Also ist Codex
-Naturae, also muß man ihre Blätter umkehren«[953].
-
-*Paracelsus* verhielt sich den Anhängern *Luthers* und *Zwinglis*
-gegenüber ebenso ablehnend wie gegen das Papsttum und seine Lehre. Er
-stand über den kirchlichen Streitereien seiner Zeit. Seine Frömmigkeit
-war eine rein menschliche, sein Herz erfüllt von der Liebe zum
-Nächsten. Diese solle die Berufstätigkeit des Arztes durchdringen[954].
-
-Am größten ist der Einfluß des *Paracelsus* auf die damalige, häufig
-nur auf verderbter Überlieferung der alten Literatur beruhende
-Heilkunde gewesen. Die Werke *Galens*, das hervorragendste Erzeugnis
-der antiken Heilwissenschaft, hatten nämlich einen großen Umweg
-gemacht, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Die Araber hatten sie
-überliefert. Die Erläuterungen waren vorzugsweise in Spanien und
-Italien entstanden, und schließlich waren *Galens* Werke noch in
-jenes barbarische Latein übertragen, das vor dem Emporblühen des
-Humanismus die Schriftsprache der mitteleuropäischen Universitäten war.
-Als Lehrbuch wurde besonders der um das Jahr 1000 entstandene Kanon
-des *Avicenna* (Ibn Sina) benutzt, ein umfangreiches Werk, welches
-das Ganze der antiken und frühmittelalterlichen Chemie und Medizin
-umfaßte[955].
-
-Diesem Zustande machte *Paracelsus* durch sein kühnes Auftreten
-ein Ende. Er war es, der zuerst die in bloßer Buchgelehrsamkeit
-erstarrte Heilkunde wieder als reine Erfahrungswissenschaft auffassen
-lehrte[956]. Im Verkehr mit Bergleuten, Handwerkern und den auf
-sich angewiesenen, der Natur noch unbefangen gegenüberstehenden
-Bewohnern einsamer Wälder und Gebirge sammelte er seine Kenntnisse.
-Der Natur müsse man nachgehen von Land zu Land, und die Augen, die
-»an der Erfahrenheit Lust« hätten, seien die wahren Professoren.
-In *Paracelsus* lebte ein tiefer Geist, der aber »von dem einen
-Punkte, den er ergriffen, die Welt erobern zu können meinte: viel zu
-weit ausgreifend, selbstgenügsam, trotzig und phantastisch«[957].
-Auf die wunderlichen medizinischen Vorstellungen des *Paracelsus*
-näher einzugehen, nach denen z. B. eine schaffende Kraft alle
-Lebenstätigkeiten regelt, ihrerseits aber wieder in einem engen
-Zusammenhange mit den Gestirnen steht, verbietet sich von selbst. Die
-Verbindung der Heilkunde mit der Chemie ergibt sich nach *Paracelsus*
-daraus, daß die Krankheiten auf Änderungen in der chemischen
-Zusammensetzung des Körpers zurückzuführen seien. Chemisch wirksame
-Mittel müßten also den normalen Zustand wieder herbeiführen können.
-Alle Krankheiten sind von diesem Gesichtspunkte aus entweder durch
-Zufuhr oder durch Beseitigung des im gegebenen Falle in Betracht
-kommenden Elementes heilbar. Fieber wird auf ein Überwiegen von Sulfur
-(Schwefel), Gicht auf die Ausscheidung von Mercurius (Quecksilber)
-zurückgeführt, Elemente, die nach der Lehre des *Paracelsus* neben
-Sal (Salz) die Grundbestandteile aller Dinge sind. Kupfervitriol,
-Quecksilberchlorid, die schon vor *Paracelsus* als Heilmittel
-empfohlenen Verbindungen des Antimons und zahlreiche andere, teils
-giftige, teils ungiftige Präparate wandern damit in das Arsenal der
-ärztlichen Heilmittel. Aus den oben genannten drei Elementen sind nach
-*Paracelsus* alle Mineralien, Pflanzen und Tiere zusammengesetzt.
-Es ist im wesentlichen die alte, auf die aristotelischen Elemente
-zurückzuführende Lehre der Alchemisten. Der Sulfur war für
-*Paracelsus* das Prinzip der Verbrennlichkeit, Mercurius bedingte die
-Verflüchtigung, Sal endlich galt als der feuerbeständige Anteil, der
-nach dem Verbrennen übrig bleibt.
-
-Seit dem Zeitalter der Jatrochemie entwickelt sich der Stand der
-chemisch vorgebildeten Pharmazeuten, aus dem manches für den weiteren
-Ausbau der Wissenschaft bedeutende Talent hervorgegangen ist. Waren
-doch seit dem Verschwinden der schwarzen Küche der Adepten bis gegen
-das Ende des 18. Jahrhunderts die Apotheken vorzugsweise diejenigen
-Stätten, von denen die praktische Beschäftigung mit der Chemie und die
-Fortbildung dieser Wissenschaft ihren Ausgang nahmen.
-
-Schon Kaiser *Friedrich II.* erließ eine Verordnung, nach der die
-Arznei genau nach Vorschrift des Arztes und zwar zu einem bestimmten
-Preise herzustellen war. In Deutschland entstanden die ersten
-eigentlichen Apotheken erst gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die
-Einrichtung breitete sich indessen nur langsam aus, denn die Gründung
-der ersten Apotheke in Berlin erfolgte erst im Jahre 1488. Weit später
-folgten die nordischen Länder (Schweden 1552)[958].
-
-Mit der Entwicklung der Chemie ist das Emporblühen der Mineralogie
-stets eng verknüpft gewesen. Um 1500 begegnet uns das erste, sogar
-deutsch geschriebene mineralogische Lehrbuch, das nicht ein bloßer
-Abklatsch der aus dem Altertum überkommenen Werke ist, sondern
-Selbständigkeit und Beobachtungsgabe verrät. Es führt den Namen
-»Bergbüchlein«[959] und wurde dem lange Zeit als Verfasser zahlreicher
-chemischer Schriften geltenden *Basilius Valentinus* zugeschrieben. Wir
-haben es indessen bei diesem nicht mit einer historischen, sondern mit
-einer erst später (um 1600) erdichteten Persönlichkeit zu tun.
-
-Auch *Paracelsus* schrieb über die Mineralien. Als der eigentliche
-Vater der neueren Mineralogie ist jedoch *Georg Bauer* zu betrachten.
-Er wurde 1494 in Zwickau geboren, wo er auch einige Jahre als
-Rektor einer Schule vorstand, und nannte sich, nach der damaligen
-Gelehrtenmode seinen Namen latinisierend, *Agricola*. Später studierte
-er in Leipzig und Italien Heilkunde und wirkte von 1527 an zuerst in
-Joachimstal, später in Chemnitz als Arzt. Er starb im Jahre 1555.
-
-Das Interesse für den Bergbau und das Hüttenwesen seiner Heimat
-bewogen *Agricola*, die Zeit, welche der Beruf ihm übrig ließ, auf
-die Beobachtung jener Zweige der Gewerbtätigkeit zu verwenden und
-alles, was er vorfand, mit den mineralogischen Kenntnissen der
-Alten, deren Schriften ihm bekannt waren, zu vergleichen. *Agricolas*
-Aufmerksamkeit wurde auch dadurch auf die Mineralogie gelenkt, daß in
-der alten Literatur metallische Heilmittel erwähnt werden, deren man
-sich besonders bei äußeren Krankheiten bediente. Er sammelte daher
-alle mineralogischen Kenntnisse der Alten in der Hoffnung, damit
-seinen, im gewerblichen Leben stehenden Zeitgenossen nützen zu können.
-Zu seinem Erstaunen ward er aber gewahr, daß ohne jedes Zutun der
-zunftmäßigen Wissenschaft in den deutschen Gebirgsländern eine Kenntnis
-der Metalle, Mineralien und Gesteine, sowie der metallurgischen
-Prozesse entstanden war, die eine neue, den Alten fast unbekannte Welt
-bedeutete. Es galt nur, die Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen,
-die man im Verlauf des Mittelalters gemacht hatte, in der Sprache der
-Gelehrten darzustellen, um so eine neue Wissenschaft den früheren
-anzureihen. »Dies getan zu haben und zwar mit eigener Einsicht und dem
-unabhängigen Eifer, der allein wissenschaftliche Erfolge zu sichern
-vermag, ist *Agricolas* Verdienst. Er hatte das Glück, nicht Anfänge
-oder zweifelhafte Versuche, sondern erprobte und zusammenhängende
-Kenntnisse, beinahe Systeme der Mineralogie und der Metallurgie
-darbieten zu können, die eine Grundlage der späteren Studien geworden
-sind[960].«
-
-Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann *Agricola* nicht betrachtet
-werden. Jedenfalls sprach er sich offen gegen ihre Grundlehre aus, daß
-die Metalle aus Sulfur und Mercurius beständen. Auch äußerte er sich
-über die Möglichkeit der Metallverwandlung sehr zurückhaltend. Die
-Ergebnisse seiner Bemühungen legte *Agricola* in mehreren Schriften
-nieder, die, wie *Werner*, der Lehrer *Alexanders von Humboldt* und
-*Leopolds von Buch* dankbar anerkannte, das Fundament der Mineralogie
-bis zur neuesten, insbesondere durch die drei genannten Forscher
-begründeten Epoche dieser Wissenschaft gewesen sind. Das bedeutendste
-unter den Werken *Agricolas* ist das erst im Jahre 1556 vier Monate
-nach dem Tode des Verfassers erschienene Bergwerksbuch[961]. Es bietet
-ein vollständiges Bild des damaligen Berg- und Hüttenwesens, sowie
-der Probierkunde und enthält zahlreiche treffliche Holzschnitte, die
-nicht nur die hüttenmännischen Prozesse, sondern auch geologische
-Einzelheiten, wie Erzgänge, Durchsetzungen, Verwerfungen usw.
-darstellen.
-
-[Illustration: Abb. 63. Hüttenwerk nach Agricola.]
-
-Die Verwendung des Kompasses zu bergmännischen Zwecken wird in dem
-Buche zum ersten Male geschildert. *Agricola* bringt auch eine
-Abbildung des bergmännischen Kompasses. Das Verfahren, mit seiner Hilfe
-Gruben anzulegen nennt er Marktscheidern. Etwas später begegnet uns die
-erste ausführliche Anleitung zu dieser Kunst[962].
-
-Die maschinellen Einrichtungen, die *Agricola* beschreibt,
-unterscheiden sich nur wenig von den aus dem Altertum bekannten.
-Doch tritt schon deutlich das Bemühen hervor, an die Stelle der
-Menschenkraft diejenige der Tiere oder der unorganischen Natur zu
-setzen. Die Pumpen z. B. werden durch Wasserkraft betrieben, ebenso
-größere Hämmer, wie die aus *Agricolas* Werk herrührende Abb. 63
-erkennen läßt. Die Ventilationsapparate werden durch den Wind in
-Bewegung gesetzt usw. Man faßte also im Mittelalter die großen
-Aufgaben, welche der Technik harrten, schon ins Auge, wenn auch die
-Lösungen, zu denen man gelangte, noch recht unvollkommen waren[963].
-
-Von den neueren metallurgischen Verfahrungsweisen erwähnt *Agricola*
-auch den Amalgamationsprozeß, der für die Ausbeutung der neuentdeckten,
-an Gold und Silber reichen Länder Amerikas später eine solch große
-Bedeutung gewinnen sollte. Zwar war man schon im Altertum mit dem
-Verhalten des Quecksilbers gegen Gold und Silber bekannt. Die
-Verwendung des erstgenannten Metalles zur Gewinnung der Edelmetalle
-aus dem Muttergestein blieb jedoch der Neuzeit vorbehalten. Erfunden
-ist das Amalgamationsverfahren in Deutschland[964]. In großem Maßstabe
-wurde es aber zuerst in Mexiko[965] und in Peru[966] angewandt.
-*D'Acosta* beschrieb es in seiner Natur- und Sittengeschichte
-Indiens[967], die uns auch über die ersten Entdeckungen auf botanischem
-und zoologischem Gebiete Auskunft gibt. Das Silbererz wurde der
-Einwirkung von Kochsalz und Quecksilber ausgesetzt und das gewonnene
-Amalgam durch Erhitzen zerlegt. *Agricola* bringt auch Mitteilungen
-über das Erdöl[968].
-
-Zu der Zeit, als *Agricola* schrieb, glaubte man noch allgemein, die
-Welt sei noch heute im wesentlichen in dem Zustande, in dem Gott sie
-erschaffen habe. War es doch kein geringes Wagnis, dem in der Bibel
-enthaltenen Schöpfungsbericht zu widersprechen, an dem selbst die
-Gebildeten damals blindlings festhielten[969]. Dem gegenüber vertrat
-*Agricola* die Anschauung, daß die Gesteine und die Mineralien den
-Naturkräften ihren Ursprung verdanken. Durch welche Kräfte er sich die
-Berge entstanden denkt, schildert er mit folgenden Worten[970]: »Da wir
-sehen, daß die Gänge durch das Gestein der Gebirge gehen, so muß ich
-zunächst die Entstehung der letzteren und darauf den Ursprung der Gänge
-auseinandersetzen. Die Hügel und die Berge werden durch zwei Ursachen
-hervorgebracht, nämlich durch den Andrang der Gewässer und durch die
-Kraft der Winde. Zerstört und aufgelöst werden die Hügel und die Berge
-durch drei Ursachen, denn zu den beiden soeben genannten kommt noch die
-innere Glut der Erde hinzu.
-
-Daß die Gewässer die meisten Berge erzeugen, liegt klar vor Augen.
-Sie spülen zunächst die weiche Erde fort. Dann reißen sie die härtere
-Erde weg und endlich wälzen sie die Steine herab. Indem sie auf diese
-Weise Höhlungen hervorrufen, bewirken sie in vielen Menschenaltern,
-daß das stehenbleibende Land bedeutend hervorragt. Von dem steilen
-Abhang solcher Hervorragungen werden dann durch häufige Regengüsse
-erdige Massen so lange abgelöst, bis sich ein steiler Abhang in
-einen geneigten verwandelt.« *Agricola* schildert somit schon ganz
-zutreffend den talbildenden Vorgang, den man als Erosion bezeichnet,
-sowie die Abtragung der Gebirge. Hätte er schon eine Vorstellung von
-der gebirgsbildenden Tätigkeit des Vulkanismus gehabt, so würden seine
-Anschauungen sich den heutigen noch mehr genähert haben. Er fährt dann
-fort: »Auch die Vertiefungen, die jetzt die Meere aufnehmen, waren
-einst nicht sämtlich vorhanden. An vielen Stellen war Land, bevor die
-Kraft der Winde das in der Brandung aufbrausende Meer in das Land
-hineintrieb. In gleicher Weise zerstört auch der Andrang der Gewässer
-die Hügel und die Berge vollständig. Obgleich all diese Veränderungen
-in großem Maße stattfinden, bemerkt man sie gewöhnlich nicht, da sie
-infolge der langen Zeiträume, die sie beanspruchen, aus dem Gedächtnis
-der Menschen schwinden.«
-
-Diese Worte erinnern an diejenigen des *Aristoteles* (S. 124), den
-*Agricola* an vielen Stellen seiner Schriften zitiert.
-
-Auch *Avicenna* (S. 312) hat eine Theorie der Entstehung der Gebirge
-gegeben, die mit derjenigen *Agricolas* fast übereinstimmt, weil beide
-direkt oder durch Vermittlung auf dieselben alten Schriftsteller
-zurückgingen. Über die Ansichten *Avicennas* berichtet *Lyell*[971].
-
-Danach erwähnt *Avicenna* als Ursache der Gebirgsbildung die Erdbeben,
-durch die »Land erhoben wird und einen Berg bildet«. Eine weitere
-Ursache ist nach ihm wie nach *Agricola* »die Aushöhlung durch Wasser,
-wodurch Hohlräume entstehen und bewirkt wird, daß das angrenzende Land
-hervorragt und ein Gebirge bildet«.
-
-Die zur Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften unter dem Einfluß
-der antiken Schriftsteller entstandenen geologischen Elemente fanden
-ihre Fortsetzung besonders durch *Steno*, von dem an einer späteren
-Stelle die Rede sein wird.
-
-Ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen des Bergwerksbuches veröffentlichte
-*Agricola* sein grundlegendes Buch über die Mineralien[972]. In diesem
-Werk begründete er das erste, auf den äußerlichen Kennzeichen beruhende
-Verfahren zum Bestimmen der Mineralien. Trotz aller Unvollkommenheiten
-verdient es doch Beachtung, weil die späteren Versuche von dem
-System *Agricolas* ausgingen. *Agricola* berücksichtigt Farbe,
-Glanz, Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch und die Wirkung auf den
-Tastsinn (Fettigkeit, Glätte, Rauhigkeit usw.). Ferner kommen für ihn
-als Mittel zur genauen Beschreibung der Mineralien die Zähigkeit,
-Biegsamkeit, Schwere und Spaltbarkeit in Betracht. Seine Angaben über
-die Gestalt der Mineralien sind noch sehr unbestimmt. Er unterscheidet
-tafelförmige, eckige (drei- bis sechseckige und vieleckige) und
-gewissen Gegenständen ähnliche Mineralien (pfeilförmig, sternförmig,
-linsenförmig usw.). Die Brauchbarkeit dieser Übersicht wurde für
-spätere Mineralogen dadurch erhöht, daß jedes der erwähnten Kennzeichen
-nicht nur angegeben, sondern durch typische Mineralien erläutert und
-auf diese Weise gute Vergleichspunkte geschaffen wurden.
-
-Schon während des Altertums hatte man die Versteinerungen von den
-Mineralien unterschieden und erstere ganz richtig als die Überreste
-organischer Wesen gedeutet. Im Mittelalter dagegen war man auf Grund
-der aristotelischen Lehre von der elternlosen Zeugung niederer Tiere zu
-der sonderbaren Vorstellung gelangt, daß die Versteinerungen einem im
-Erdinnern wirkenden Bildungstrieb, einer vis plastica oder formativa,
-ihren Ursprung verdankten[973]. Es dauerte Jahrhunderte, bis die im
-15. Jahrhundert wieder auflebende Wissenschaft sich von dieser Lehre
-frei zu machen wußte. Ihren letzten Ausläufern begegnen wir sogar
-noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach *Agricolas* Auffassung
-waren also die Versteinerungen Überreste von Organismen. Insbesondere
-macht *Agricola* diesen Ursprung für fossiles Holz, Blattabdrücke,
-Knochen und die bekannten Fischabdrücke des Mannsfelder Kupferschiefers
-geltend. Dagegen hält er die in den Gesteinen eingeschlossenen
-Muscheln, Ammonshörner und Belemniten für »verhärtete Wassergemenge.«
-
-Auch in Frankreich und in Italien, wo es geringere Schwierigkeiten bot,
-die Ähnlichkeit fossiler Konchylien mit noch jetzt in den benachbarten
-Meeren lebenden Arten zu erkennen, neigten aufgeklärte Zeitgenossen
-*Agricolas* der richtigen Annahme zu, daß die Versteinerungen
-organischen Ursprungs seien. Erst als die Geologie ihr Hauptziel in
-der Deutung des mosaischen Schöpfungsberichtes erblickte und die
-Versteinerungen für die wichtigsten Zeugen der Sintflut ausgab, fand
-diese Lehre allgemeinen Anklang. Die heute geltende Ansicht findet
-sich wohl zuerst bei *Lionardo da Vinci* und vor allem bei dem in
-Verona lebenden Arzt *Fracastoro* (1483-1553) ganz klar ausgesprochen.
-Als man in Verona, bei der Errichtung von Bauten, Muscheln aus dem
-Erdinnern zutage förderte, erklärte *Fracastoro*, daß es sich hier
-weder um die Schöpfungen einer vis plastica noch um Zeugen der Sintflut
-handeln könne. Etwaige Beweisstücke einer allgemeinen Überflutung
-müßten nämlich, wie er ausführt, die Oberfläche der Erde bedecken,
-während die gefundenen Dokumente tief im Boden gefunden seien. Als
-einzige Annahme bleibe übrig, daß die Versteinerungen von Geschöpfen
-herrühren, die an der Stelle, wo sie sich befinden, früher gelebt haben
-und so erkennen lassen, daß das Meer einst dort wogte, wo jetzt festes
-Land ist.
-
-Um die Mitte des 16. Jahrhunderts begegnen uns auch die ersten,
-mit Abbildungen versehenen Werke über Versteinerungen, unter denen
-dasjenige *Gesners*, des deutschen *Plinius*, hervorzuheben ist[974].
-Allerdings gelangte auch er hinsichtlich der Versteinerungen zu keiner
-klaren Ansicht. Er vergleicht sie zwar mit Pflanzen und Tieren, ohne
-sie indessen bestimmt als Überreste organischer Wesen anzusprechen[975].
-
-Den Standpunkt *Fracastoros* vertrat unter den Schriftstellern, die
-im 16. Jahrhundert über Gegenstände der Geologie schrieben, vor
-allem der Franzose *Bernhard Palissy*. In einem, klares Denken und
-vorurteilsfreie Beobachtung bezeugenden Werke weist er darauf hin[976],
-daß manche Versteinerungen den noch jetzt lebenden Tieren und Pflanzen
-gleichen und offenbar an Orten entstanden sind, die früher vom Meere
-oder von süßem Wasser bedeckt waren[977].
-
-Die häufig anzutreffende Annahme, daß *Lionardo da Vinci*, *Fracastoro*
-und *Palissy* lediglich durch eigenes, vorurteilsfreies Denken zu
-richtigen Vorstellungen über die Versteinerungen und den Wechsel von
-Meer und Land gekommen seien, ist nicht zutreffend. Auch diese Männer
-empfingen die Anregung zu ihren Spekulationen ganz offenbar aus den
-Schriften der Alten, besonders aus den Büchern des *Aristoteles*,
-welche der Neuzeit die Vorstellungen übermittelten, zu denen die
-griechischen Forscher, besonders *Demokrit*, in geologischen Dingen
-gelangt waren. *Palissy* bedient sich in seinem »Discours admirable«
-betitelten Buche der Form des Dialogs. Seine eigenen Ansichten legt er
-der »Praxis«, die gegnerischen der »Theorie« in den Mund. Auf einen
-Einwurf der »Theorie« antwortet *Palissy*: »Wie wäre es möglich, daß
-Holz sich in Stein verwandelt, wenn es sich nicht längere Zeit in
-mineralhaltigen Gewässern befunden hätte. Wären letztere nicht ebenso
-flüssig und fein wie die gewöhnlichen, so hätten sie nicht in das Holz
-eindringen und es in allen seinen Teilen durchtränken können, ohne ihm
-irgendwie seine ursprüngliche Form zu nehmen. Wie das Holz, so wurden
-auch die Muscheln in Stein verwandelt, ohne ihre Form zu verlieren«.
-
-*Palissy* war ein einfacher Töpfer. Er hatte indessen bei dem gelehrten
-*Cardanus* gelesen, daß die Schalen der Muscheln an vielen Orten
-dadurch versteinert seien, daß die Substanz sich änderte, während
-die Form erhalten blieb[978]. Wie es kommt, daß die versteinerten
-Organismen sich nicht nur an der Oberfläche der Erde finden, sondern
-das ganze Gebirge durchsetzen, schildert *Palissy* zutreffend mit
-folgenden Worten: »Die versteinerten Organismen wurden an demselben
-Orte erzeugt, an dem wir sie finden und zwar zu einer Zeit, während
-sich an der Stelle der Felsen nur Schlamm und Wasser vorfand. Letzterer
-ist seitdem mit den Organismen versteinert. Und zwar versteinerten
-die Erde und der Schlamm durch dieselbe Kraft, die auch die Fossilien
-erzeugt hat, nämlich durch die alles durchdringenden Minerallösungen.«
-In einem Punkte urteilt *Palissy* richtiger als *Cardanus*. Letzterer
-glaubte nämlich mit den meisten Gelehrten seiner Zeit, soweit sie nicht
-die Versteinerungen für bloße Naturspiele oder »Schöpfungsübungen
-Gottes« hielten, die versteinerten Organismen seien Überbleibsel einer
-die gesamte Erde bis zu den Spitzen der Berge bedeckenden Flut, also
-gewissermaßen Zeugen der Sintflut. Gegen diese Ansicht wendet sich
-*Palissy* mit dem Hinweis darauf, daß sich die Fossilien nicht nur an
-der Oberfläche der Erde befänden, sondern auch an den tiefsten Stellen,
-an die man durch das Ausbrechen der Steine gelange. »Durch welches
-Tor«, fragt er seine Gegner, »drang denn das Meer ein, um die Fossilien
-in das Innere der dichtesten Felsen zu tragen?«
-
-
-
-
-13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
-Naturwissenschaften.
-
-
-Nicht nur für die anorganischen Naturwissenschaften, einschließlich
-der Mineralogie und der Geologie, wurden im 16. Jahrhundert Grundlagen
-geschaffen, auf denen sich mit Erfolg weiter bauen ließ, sondern das
-Gleiche gilt auch von den übrigen Gebieten der Naturbeschreibung,
-der Botanik, der Zoologie, sowie der Lehre vom Bau und von den
-Verrichtungen des menschlichen Körpers. Diese Gebiete wurden zunächst
-durch das Bekanntwerden der auf sie bezüglichen Schriften der Alten zu
-neuem Leben erweckt. Dann trat aber für sie noch ein zweiter günstiger
-Umstand hinzu. Infolge der Entdeckungsreisen und durch die daran sich
-anknüpfenden neuen Handelsverbindungen wurde nämlich die europäische
-Menschheit mit einer solchen Fülle neuer Naturerzeugnisse bekannt, wie
-es nie zuvor in gleichem Maße geschehen war.
-
-
-Naturbeschreibung und Entdeckungsreisen.
-
-Die Geschichte der Entdeckungsreisen gilt schon in der üblichen,
-mehr das Persönliche und Zufällige schildernden Darstellung als
-eine der fesselndsten Episoden der Weltgeschichte. Sie gewinnt aber
-außerordentlich an allgemeinem Interesse, wenn wir sie in ursächliche
-Beziehung zu dem Gange der wissenschaftlichen Entwicklung setzen.
-Letztere ist es, welche die Entdeckungsreisen bedingt hat, um
-andererseits durch sie auch wieder den gewaltigsten Impuls zu empfangen.
-
-Wir haben schon an anderer Stelle erfahren, daß die Schiffahrt gegen
-den Ausgang des Mittelalters durch die Einführung des Kompasses,
-sowie die Entwicklung der Astronomie und der auf astronomischen
-Prinzipien beruhenden nautischen Instrumente viel von ihren Gefahren
-und Zufälligkeiten verloren hatte. Infolgedessen vermochte die Nautik
-sich auch weitere Ziele zu stecken. Da der Verkehr zu Lande mit den
-südlichen und östlichen Teilen Asiens, die ja schon im Altertum in
-den Gesichtskreis der Europäer getreten waren und für Europa gegen
-den Ausgang des Mittelalters immer mehr an Bedeutung gewannen, in
-hohem Grade mühsam, kostspielig und gefährlich war, so regte sich in
-weiterschauenden Männern der Gedanke, ob jene asiatischen Länder nicht
-durch eine Fahrt nach Westen oder durch eine Umschiffung Afrikas zu
-erreichen seien. Dieser Gedanke fand den günstigsten Boden in Portugal
-und Spanien, die durch ihre Lage mehr als Italien auf das offene
-Meer hinausgewiesen waren und durch das Übergewicht, das Venedig im
-Mittelmeere ausübte, auf neue Wege für ihren Handel hingedrängt wurden.
-
-In Portugal wurde dieses Streben besonders durch *Heinrich* »*den
-Seefahrer*«[979] unterstützt. Um diesen scharten sich gelehrte
-und kühne Männer, unter anderen der Geograph und Astronom *Martin
-Behaim*[980] aus Nürnberg. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts begann das
-Vordringen entlang der Westküste Afrikas. Das Auftauchen bewaldeter
-Vorgebirge zerstörte zunächst das mittelalterliche Vorurteil, daß in
-der Nähe des Äquators alles Leben von der Glut der Sonne versengt sei.
-Ferner bemerkte man, daß die Küste Afrikas immer weiter nach Osten
-zurückweicht, wodurch die Hoffnung, einen östlichen Seeweg nach Indien
-zu entdecken, neue Nahrung empfing. Durch *Bartholomeo Diaz*, der
-1486 die Südspitze des dunklen Erdteils erreichte, und durch *Vasco
-da Gama*, der 1498 nach der Umschiffung Afrikas in Ostindien landete,
-wurde diese Hoffnung endlich verwirklicht. Rasch breiteten sich die
-Herrschaft und der Handel der Portugiesen über das südliche Asien und
-die im Südosten dieses Kontinentes gelegenen Inseln aus.
-
-Mit welcher Fülle von neuen Naturerzeugnissen die europäische
-Menschheit dadurch bekannt wurde, kann hier nur angedeutet werden.
-An den Küsten und auf den Inseln Ostafrikas fielen besonders die
-gewaltigen Dracaenen und der riesige Brotfruchtbaum (Adansonia
-digitata) auf. In Ceylon gelangte man in den Besitz der Zimtwälder. Man
-wurde mit der wunderbaren maledivischen Nuß, mit dem Gewürznelkenbaum
-und denjenigen Pflanzen bekannt, welche die Muskatnüsse, den Kampfer,
-Benzoe, Indigo, Strychnin usw. liefern. In nicht geringerem Maße wurde
-die Wissenschaft durch die Entdeckung zahlreicher neuer Tierformen
-bereichert. Und der gelehrte *Clusius* (geb. zu Arras 1526) unternahm
-es, das Wichtigste über die neuen fremdländischen Naturerzeugnisse
-zusammenzustellen[981]. Bei *Clusius* begegnen uns zum ersten Male, in
-Abbildungen und Beschreibungen, der fliegende Hund, der Molukkenkrebs,
-die gewaltigen, plumpen, zur Ordnung der Waltiere gehörenden Sirenen,
-der heute ausgestorbene Dodo, jener unbeholfene Vogel, den *Vasco da
-Gama* auf den Mascarenen in so großer Menge antraf. Auch die Bewohner
-Amerikas, seine Faultiere, Gürteltiere und Kolibris und endlich die
-so abenteuerlich gestalteten Fische, die das Meer der Tropen beleben,
-schildert *Clusius*.
-
-Den Portugiesen wurde der indische Handel durch die Niederländer
-entrissen, deren Seegeltung so machtvoll emporwuchs, nachdem sie das
-spanische Joch abgeschüttelt hatten. Die wissenschaftliche Erforschung
-der neuentdeckten Länder nahm unter diesem Volke, das auch daheim
-den regsten wissenschaftlichen Sinn bekundete, einen bedeutenden
-Aufschwung. War doch auch *Clusius* ein Niederländer.
-
-Der Gedanke, durch eine Seefahrt nach Westen die Küsten Ost- und
-Südasiens zu erreichen, tauchte im Renaissancezeitalter zuerst in dem
-Florentiner Astronomen *Toscanelli* (1397-1482) auf. Dieser Mann, der
-auch durch seine Einwirkung auf *Nicolaus von Cusa* zum Wiederaufleben
-der Astronomie in Deutschland beigetragen hatte, wußte den großen
-Genuesen, dem Europa die Entdeckung der westlichen Hemisphäre verdankt,
-für seinen Gedanken zu erwärmen. Dennoch sollten zehn Jahre nach
-dem Tode *Toscanellis* verfließen, bis *Columbus* nach Überwindung
-zahlloser Schwierigkeiten in Westindien landete. Schon auf der ersten
-Reise wurde man mit dem Tabak, der Yamswurzel und dem Mais bekannt.
-Bald folgte die Entdeckung der Ananas, von Agave Americana, Theobroma
-Cacao, der Batate, der Sonnenblume, von Manihot und zahlreichen
-anderen, wichtigen und charakteristischen amerikanischen Pflanzen.
-
-Nachdem *Cabot* (1497) das nordamerikanische Festland, *Cabral*
-(1500) Brasilien entdeckt hatten, und *Cortez* und *Pizzaro* erobernd
-in das Innere des neuen Kontinentes eingedrungen waren, begann eine
-sorgfältige naturgeschichtliche Erforschung der entdeckten Länder.
-Vor allem waren es gelehrte Kleriker, die sich dieser Aufgabe mit
-Eifer und Erfolg widmeten. So schrieb der Jesuit *d'Acosta* eine
-»Natur- und Sittengeschichte der Indier«, in der auch die gewaltigen
-fossilen Knochen Südamerikas Erwähnung finden. *d'Acosta* hielt sie für
-Überreste von Riesen und erörtert ganz ernsthaft die Frage, wie die
-Tiere Amerikas nach ihrem heutigen Wohnsitz gelangten, da sie doch in
-der Arche Noahs eingeschlossen gewesen seien.
-
-Mit noch größerem Eifer als den Pflanzen und den Tieren wandte man
-sich den Bodenschätzen der neu entdeckten Länder zu. In Mexiko und
-Peru wurde der Bergbau bald mit so großem Erfolge betrieben, daß
-die Einfuhr des dort gewonnenen Edelmetalls in Europa umgestaltend
-auf die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Erdteils wirkte. Auf
-die Erschließung des neuen Kontinentes folgte ein Austausch seiner
-Erzeugnisse mit denjenigen der alten Welt. So wird der Tabak schon
-1559 in Portugal gebaut[982], um in Europa zunächst als Mittel gegen
-Geschwüre Verwendung zu finden. Zu den ersten, die ihn rauchten,
-gehörte der große Naturforscher *Gesner*. Die neue Welt empfing dagegen
-u. a. den Kaffeebaum, das Zuckerrohr und die Obstarten.
-
-Hand in Hand mit der unendlichen Bereicherung, welche die Wissenschaft
-durch die Entdeckungsreisen erfuhr, ging ein Aufschwung der gesamten
-Kultur und eine Erweiterung des gesamten Gesichtskreises, wie ihn
-kein früheres oder späteres Zeitalter erfahren. Der Handel hörte
-auf, das Privilegium einiger mächtigen süd- und mitteleuropäischen
-Städte zu sein und wurde Welthandel. Die Mittelmeerländer waren nicht
-fürder eine Welt für sich, sondern die ganze Erde wurde zu einer
-Domäne der weißen Rasse. Und innerhalb dieser Rasse erlangte endlich
-immer mehr das germanische Element das Übergewicht. Waren doch die
-Völker germanischen Stammes den Romanen an Tatkraft überlegen, an
-Intelligenz mindestens gleichwertig, und endlich durch ihre Wohnsitze
-am offenen Weltmeer auf die Fortentwicklung des durch die Entdecker
-und Konquistadoren eröffneten Welthandels ganz besonders hingewiesen.
-Alles Momente, welche in Verbindung mit der im nördlichen Europa
-entstehenden Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Verpflanzung der in
-Italien wiedergeborenen Wissenschaft nach Mittel- und Nordwesteuropa
-ganz besonders begünstigten.
-
-
-Die Erneuerung der Botanik.
-
-Wir wenden uns nach diesen allgemeineren Ausführungen den organischen
-Naturwissenschaften im einzelnen zu. Daß man im Zeitalter der
-Renaissance und der Entdeckungsreisen die Augen öffnen lernte und die
-Fesseln des Autoritätsglaubens und der Büchergelehrsamkeit abstreifte,
-ist für die weitere Entwicklung der beschreibenden Naturwissenschaften
-von großem Einfluß gewesen. Waren diese Wissenszweige früher nur
-nebenbei und meist zu Heilzwecken gepflegt worden, so bot sich jetzt
-eine solche Fülle von neuem Material, daß die Tätigkeit derjenigen,
-die sich der Naturbeschreibung widmeten, dadurch vollauf in Anspruch
-genommen wurde. Damit trat die Beziehung dieser Fächer zur Heilkunde,
-ihrer eigenen Bedeutung gegenüber, allmählich zurück.
-
-Besonders für die Botanik trat im 16. Jahrhundert der Zeitpunkt ein,
-in dem dieser Wissenszweig sich über die Grenzen der Heilmittellehre
-hinaus entwickelte, da man die Pflanzen ihrer selbst wegen zu
-betrachten begann[983]. Auch wurde mit dem lange herrschenden
-Vorurteil gebrochen, als hätten die Alten schon die ganze Fülle der
-Pflanzenwelt erschöpft. Der Trieb nach eigener wissenschaftlicher
-Betätigung äußerte sich auf botanischem Gebiete in diesem Zeitalter
-vor allem darin, daß eine Anzahl von Spezialfloren mit Abbildungen,
-die sogenannten Kräuterbücher, entstanden. In weiten Kreisen wurde
-diesen Erzeugnissen des emporblühenden Buchgewerbes Interesse
-entgegengebracht. Infolgedessen verwandten die Verleger die größte
-Sorgfalt auf die Ausstattung der Kräuterbücher mit musterhaften
-Abbildungen. Und in dem Maße, wie die Kunst des Holzschnittes auf
-diesem Gebiete Fortschritte machte, nahm auch die Fähigkeit des
-Beschreibens mit zutreffenden Worten einen Aufschwung. Infolge der
-wachsenden Pflanzenkenntnis und der Verschärfung der Beobachtung wurde
-aber auch die natürliche Verwandtschaft immer mehr durchgefühlt, so daß
-man häufig zur Vereinigung verwandter Arten zu Gattungen, ja selbst
-ähnlicher Gattungen zu familienähnlichen Gruppen gelangte. Einen
-Ansatz zu dieser Art von Systematik hatte zwar schon das Altertum zu
-verzeichnen, indem z. B. *Theophrast* verschiedene Arten von Eichen,
-Fichten usw. zusammenfaßte. Da jedoch die allgemeine Botanik, abgesehen
-von dem vereinzelt gebliebenen Bemühen des *Albertus Magnus*, keine
-Fortschritte gemacht hatte, so verfuhr man bei diesen ersten Schritten
-an der Schwelle der Neuzeit mehr intuitiv, ohne imstande zu sein, die
-gewonnenen Begriffe durch klare Definitionen festzuhalten.
-
-Der im vorstehenden kurz gekennzeichnete Fortschritt der Botanik ist
-vor allem das Verdienst einiger deutschen Gelehrten, die man wohl als
-die Väter der Pflanzenkunde bezeichnet hat. Sie heißen *Brunfels*,
-*Bock* und *Fuchs*. Mit demselben Rechte, mit dem man *Agricola* den
-Vater der neueren Mineralogie genannt hat, kann man die Genannten
-als die Begründer der neueren Botanik bezeichnen. Ihre Kräuterbücher
-wurden dadurch veranlaßt, daß die kommentatorischen Bemühungen, die
-man auf die botanischen Werke der Alten verwendet hatte, aus mehreren
-Gründen gescheitert waren. Bei dem Glauben an die Unfehlbarkeit der
-Alten war man nämlich an ihre botanischen Schriften in der Meinung
-herangetreten, daß die darin abgehandelten Pflanzen das gesamte
-Pflanzenreich darstellten. Des weiteren suchte man die von den Alten
-beschriebenen Pflanzen, ohne von der geographischen Verbreitung
-eine klare Vorstellung zu besitzen, in Mitteleuropa, wo sie bei der
-bedeutenden Verschiedenheit der Floren Griechenlands und Deutschlands
-nur zum kleinsten Teil gefunden werden konnten. Erst als man die
-Unhaltbarkeit jener Voraussetzungen einsah, verlegte man sich auf das
-genaue Beschreiben derjenigen Gewächse, die man in der Heimat vorfand.
-
-An der Spitze der neueren Botaniker steht *Otto Brunfels*. *Brunfels*
-wurde um 1490 in der Nähe von Mainz geboren und empfing dort gelehrten
-Unterricht. Nachdem er einige Zeit ein Schulamt bekleidet, erwarb
-er die Würde eines Doktors der Medizin[984]. Sein Hauptverdienst
-um die Botanik besteht darin, mit Hilfe eines hervorragenden
-Künstlers die erste Sammlung naturgetreuer, künstlerisch vollendeter
-Pflanzenabbildungen herausgegeben zu haben. Das Werk erschien unter
-dem Titel »Herbarum vivae eicones« im Jahre 1532. Es enthielt mehrere
-hundert Abbildungen in so sicheren Umrissen, daß die dargestellten
-Pflanzen gar nicht verkannt werden konnten. Es handelte sich dabei in
-erster Linie um die wildwachsenden, häufiger vorkommenden Pflanzen der
-oberrheinischen Tiefebene.
-
-Der Text, den *Brunfels* diesen Abbildungen beigegeben, ist von
-geringerem Wert. Er lehnt sich noch in der Hauptsache an die älteren
-Schriftsteller an und ist bestrebt, die heimatlichen Pflanzen
-mit den von *Dioskurides*, *Plinius* und *Galen* beschriebenen
-zu identifizieren. *Brunfels* gab seinem Kräuterbuche folgende
-Einrichtung. Unter jede Abbildung setzte er zuerst einen deutschen
-Namen. Hinzugefügt wurden dann die lateinischen und die griechischen
-Benennungen, sowie Angaben aus *Theophrast*, *Dioskurides*, *Plinius*
-usw. Den Schluß bildeten Mitteilungen über die Wirkungen der Pflanzen.
-
-Gewisse Versuche, die heimatlichen Pflanzen naturgetreu abzubilden,
-wurden übrigens in Deutschland schon vor *Brunfels* im 15. Jahrhundert
-gemacht. Vorbildlich war nach dieser Richtung vor allem die Kunst eines
-*Albrecht Dürer* (1471-1528). Die Pflanzendarstellungen, die sich auf
-seinen Gemälden, sowie denjenigen mancher älteren deutschen Künstler
-finden, waren recht naturgetreu. *Dürer* liebte es, auf seinen Bildern
-als Beiwerk Pflanzen und Tiere zu malen. Er folgte darin einem damals
-herrschenden Brauche. Im ganzen hat *Dürer* etwa 180 verschiedene
-Pflanzen und Tiere dargestellt. Zumal im reiferen Alter des Künstlers
-zeigen diese Bilder, wie z. B. Veilchen, Pfingstrosen, Lilien usw.,
-einen unübertrefflichen Grad von Naturwahrheit. »*Dürer* gebührt daher
-in der Geschichte der naturkundlichen Illustration, die freilich erst
-geschrieben werden muß, ein dauernder Ehrenplatz«[985].
-
-Kunst und Wissenschaft wetteiferten somit darin, die Naturkunde wieder
-auf eigene Beobachtung zu gründen und sich von den überkommenen
-Schriften der Alten, die bis zum 15. Jahrhundert als einzige Quelle
-dem Studium zugrunde gelegt wurden, frei zu machen. Daß trotzdem der
-neueren Wissenschaft nur nach und nach die Flügel wuchsen, hat die
-verschiedensten Gründe.
-
-Ein Mitarbeiter des *Brunfels* ist *Hieronymus Bock*[986]. *Bock* wurde
-1498 in der Nähe von Zweibrücken geboren, studierte alte Sprachen
-und wurde durch den Pfalzgrafen von Zweibrücken mit der Aufsicht über
-dessen Garten betraut. Zu gleicher Zeit bekleidete er die Stelle eines
-Lehrers. *Bock* stellte botanische Wanderungen in der Eifel, dem
-Hunsrück, den Vogesen, dem Jura, den Schweizer Alpen an und beobachtete
-überall die dort wachsenden Pflanzen mit der größten Sorgfalt. Sein
-Fehler, dem jedoch sein Zeitgenosse *Fuchs*, wie wir gleich hören
-werden, entgegentrat, bestand darin, daß er den von ihm aufgefundenen
-Pflanzen griechische und lateinische Namen der alten Botaniker
-beilegte, mit welchen diese ganz andere, in Südeuropa heimische
-Gewächse bezeichnet hatten.
-
-*Bock* wagt sogar den Versuch einer natürlichen Anordnung und stellt
-zum Beispiel die Lippenblüter, die Kompositen und die meisten
-Kreuzblüter zusammen. Das Werk, das ihn in der Geschichte der Botanik
-unsterblich gemacht hat, führt den Titel »New Kreutterbuch«[987]. Es
-erschien zuerst im Jahre 1539, und zwar ohne Abbildungen, während die
-späteren Auflagen mit solchen versehen waren. Die Abbildungen *Bocks*
-bleiben hinter denjenigen des *Brunfels* zurück, dafür hat es aber
-*Bock* in der Kunst des Beschreibens viel weiter gebracht als jener,
-so daß er sich den Ruhm erwarb, er vermöge in seinen Beschreibungen
-die Natur wirklich zu malen. Vor allem versteht es *Bock*, den ganzen
-Habitus der Pflanze vortrefflich zu beschreiben, während er auf die
-Beschreibung der Blumen und Früchte geringere Sorgfalt verwendet.
-Auch berücksichtigt er keine Pflanze, die er nicht selbst gesehen,
-»soviel derselben im Teutschen Land ihm zu handen gestoßen«. Auch das
-Vorkommen und die Zeit des Blühens der beschriebenen Pflanzen findet
-man berücksichtigt. Ferner erklärt sich *Bock* entschieden gegen die
-alphabetische Anordnung, durch welche ähnliche Pflanzen getrennt
-würden. Im ganzen hat *Bock* sechshundert Pflanzen beschrieben.
-
-Als Probe möge hier seine Beschreibung der Ackerwinde (Convolvulus
-arvensis) und der Zaunwinde (Convolvulus sepium) Platz finden.
-Sie lautet: »Zwei gemeine Windenkräuter wachsen in unserem Land
-allenthalben mit weißen Schellen- oder Glockenblumen. Das größte sucht
-seine Wohnung gern bei den Zäunen, kriecht über sich, wickelt und
-windet sich. Das kleine Glockenkraut (C. arvensis) ist dem großen in
-der Wurzel, den runden Stengeln, den Blättern und den Glocken gleich,
-in allen Dingen aber dünner und kürzer. Etliche Glockenblumen an diesem
-Gewächs werden ganz weiß, etliche schön leibfarben, mit braunroten
-Strömlein gemalt. Diese wachsen in dürren Wiesen und Gärten. Es schadet
-dadurch, daß es mit seinem Kriechen und Umwickeln andere Gartenkräuter
-zu Boden drückt. Auch ist es schwer auszurotten«.
-
-Die Anordnung der Pflanzen in den Kräuterbüchern war meist die
-alphabetische. Allmählich entwickelte sich aber auf Grund der zahllosen
-Einzelbeobachtungen das Gefühl für die Zusammengehörigkeit des
-Ähnlichen und damit die Voraussetzung zur Begründung eines natürlichen
-Systems. So wurden bald die Nadelhölzer, die Lippenblüter, die
-Korbblüter und andere Familien als natürliche Gruppen herausgefühlt,
-ein großer Fortschritt gegen die Einteilung in Bäume, Sträucher und
-Kräuter, der wir im Altertum zumeist begegnen. Das medizinische
-Element nahm jedoch in den Kräuterbüchern immer noch einen breiten
-Raum ein, wie es auch bei der Anlage botanischer Gärten maßgebend
-war. Naiv genug mutet uns noch manches in den Kräuterbüchern, diesen
-Erstlingserzeugnissen der neueren botanischen Wissenschaft an. So
-beginnt *Bock* mit folgenden Worten: »Nach Erkundigung aller Geschrift
-erfindet sichs klar, daß der allmächtige Gott und Schöpfer der
-allererste Gärtner, Pflanzer und Baumann aller Gewächse ist.« Sodann
-wird *Adam* als der zweite Botaniker gepriesen, weil er alle Pflanzen
-mit ihrem rechten Namen belegt habe. Auf ihn folgen die Botaniker
-*Kain*, *Noah* usw.
-
-Als dritter in der Reihe der Begründer der neueren Botanik ist der
-Bayer *Leonhard Fuchs* zu nennen. Er wurde 1501 geboren, studierte wie
-seine Vorgänger Medizin und alte Sprachen und gab im Jahre 1542 seine
-berühmte »Historia stirpium«, eine Beschreibung vieler in Deutschland
-wild wachsender Pflanzen heraus, zu denen noch etwa 100 Gartenpflanzen
-kamen. Das Werk stellt sich denjenigen von *Bock* und *Brunfels* als
-ebenbürtig an die Seite. *Fuchs* war ein sehr gelehrter Mann. Seine
-eindringende Gelehrsamkeit ließ ihn die Mängel, die den arabischen
-Schriften über Medizin und Botanik und ihren lateinischen Nachahmungen
-anhafteten, klar erkennen. Er drang deshalb darauf, daß man in der
-Medizin auf die griechischen Urschriften, in der Botanik aber auf
-die Natur selbst zurückgehen solle. Letzteres erschien ihm als der
-einzige Ausweg, aus der Verwirrung herauszukommen, welche durch die
-Übertragung der alten Pflanzennamen auf die heimatlichen Gewächse
-entstanden war[988].
-
-Unter den Botanikern des 16. Jahrhunderts ist auch der Niederländer
-*Dodonaeus* zu nennen, wie denn überhaupt die Niederländer frühzeitig
-unter den Neubegründern der Naturwissenschaften und der Philosophie
-hervorragten, eine Erscheinung die sicherlich in der geographischen
-Lage des Wohnsitzes und in der staatlichen und religiösen Entwicklung
-dieses Volkes begründet ist.
-
-*Dodonaeus* wurde 1517 in Mecheln geboren. Sein Hauptwerk[989],
-»Die Naturgeschichte der Gewächse«, erschien im Jahre 1583. Was
-*Dodonaeus* unter den zeitgenössischen Botanikern besonders hervorhob,
-war das bewußte Streben, eine wissenschaftliche Anordnung der
-Pflanzen zu finden. Zwar blieb es bei einem rohen Versuch, doch hat
-er viele Gattungen und Familien und manche wenig ins Auge fallende
-verwandtschaftliche Beziehungen der Pflanzen schon erkannt. Die
-Pflanzen, die er beschreibt, gehören teils der heimatlichen Flora an,
-teils sind sie den Gärten entnommen, die von den Niederländern schon
-damals sehr gepflegt und infolge der ausgedehnten Handelsbeziehungen
-dieses Volkes mit mancher seltenen Art versehen wurden[990]. Selbst
-*Dodonaeus* vergleicht noch die ihm vorliegenden Pflanzen mit den
-von den alten Schriftstellern erwähnten. Doch hindert ihn das nicht,
-seine eigenen Beschreibungen auf genaue und eingehende Beobachtungen
-zu stützen, so daß seine Beschreibungen ausführlicher als diejenigen
-irgendeines seiner Vorgänger ausgefallen sind.
-
-Weit vielseitiger und vorgeschrittener als die genannten Männer war der
-große Polyhistor *Konrad Gesner*, ein Mann, der für sein Zeitalter
-etwa die Bedeutung besaß, wie sie *Albert dem Großen* für das 13.
-Jahrhundert beizumessen ist. *Konrad Gesner* wurde im Jahre 1516 in
-Zürich als der Sohn eines armen Kürschners geboren. Er erhielt jedoch
-mit Unterstützung seines Oheims eine gute Schulbildung. Sein Oheim,
-der ein großer Gartenfreund war, erweckte auch in dem jungen *Gesner*
-die Liebe zur Naturwissenschaft. *Gesner* studierte in Straßburg und
-Paris Medizin und Naturwissenschaften. Bedenkt man, daß derselbe
-Mann auch praktischer Arzt war und eine Zeitlang eine Professur der
-griechischen Sprache bekleidete, so erhalten wir einen Begriff von
-der vielseitigen Gelehrsamkeit, die uns in der auf das Emporblühen
-des Humanismus folgenden Zeit so häufig begegnet. Seine Neigung zur
-universalen Bildung brachte ihn mit den mannigfaltigsten älteren
-und neueren Schriftwerken in Berührung[991]. Zunächst verwaltete
-*Gesner* ein Lehramt. Dann ließ er sich als Arzt in Zürich nieder,
-wo er gleichzeitig eine Professur für Philosophie bekleidete. Erst
-1558 erhielt er die sichere und besser besoldete Professur für
-Naturgeschichte. Aber schon wenige Jahre später, im Dezember 1565 wurde
-er durch die Pest dahingerafft.
-
-Das Lebenswerk *Gesners* ist eine große Naturgeschichte der Pflanzen
-und Tiere, ein Unternehmen, das Zeit und Kräfte des Einzelnen trotz
-unermüdlicher Arbeit bei weitem überstieg. Für die Naturgeschichte der
-Pflanzen hat *Gesner* im wesentlichen nur die Abbildungen, etwa 1500
-an der Zahl, gesammelt und gezeichnet oder zeichnen lassen. Das große
-Verdienst, das er sich trotzdem um die Botanik erworben hat, besteht
-darin, daß uns in seinen Abbildungen zum ersten Male genaue Zeichnungen
-der Blütenteile und der Früchte begegnen, die seine Vorgänger fast ganz
-vernachlässigt hatten[992].
-
-Aus *Gesners* Briefen geht hervor, daß er diesen Teilen der Pflanze
-besonderen Wert beilegte, wenn es sich um die Verwandtschaft handelte.
-Er unterscheidet auch mit klaren Worten Gattungen und Arten. »Ich
-halte dafür«, sagt er, »daß es fast keine Pflanzen gibt, die nicht
-eine Gattung bilden, welche wieder in zwei oder mehr Arten zu
-teilen ist«[993]. Auch der Begriff der Spielart begegnet uns schon
-bei *Gesner*. Als ihm einst ein Zweig von Ilex aquifolium gesandt
-wurde, dessen Blätter nur eine Spitze aufwiesen, bat er den Einsender
-festzustellen, ob diese Abweichung konstant sei oder nicht.
-
-Der Gedanke, medizinisch wertvolle und auch andere Pflanzen nicht,
-nur vom Zufall geleitet, im Freien zu suchen, sondern sie in Gärten
-anzubauen, um dadurch jederzeit über sie verfügen zu können,
-begegnet uns zu allen Zeiten. Von den Gärten, welche *Theophrast*
-und *Mithridates* unterhalten haben sollen, können wir uns keine
-Vorstellung mehr machen. Besser sind wir durch die Kapitularien
-über die Gärten zur Zeit *Karls des Großen* unterrichtet[994]. Von
-dem Kalifen *Abdurrahman I.* wird erzählt, daß er einen botanischen
-Garten bei Cordova anlegen und ihn mit Gewächsen Asiens bepflanzen
-ließ[995]. Die Gärten, die in Salerno und in Venedig im 14. Jahrhundert
-entstanden, dienten wohl nur medizinischen Zwecken. Den venetianischen
-Garten legte ein Arzt an, um »die für seine Kunst erforderlichen
-Kräuter zur Hand zu haben«[996]. Ein im eigentlichen Sinne botanisches
-Forschungsmittel von höchstem Werte wurde aus solchen Gärten erst,
-als man sie seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als ein notwendiges
-Lehrmittel der Universitäten zu betrachten anfing und gleichzeitig die
-Botanik über eine bloße Heilmittellehre hinaushob.
-
-Die ersten Universitätsgärten entstanden in Padua und Pisa[997].
-In Pisa waren es die Mediceer, die Land für einen solchen Garten
-zur Verfügung stellten und dafür sogar Samen und Pflanzen im fernen
-Orient sammeln ließen. Bald darauf erhielten auch Florenz und
-Bologna botanische Gärten. In Venedig sorgten die Cornaros und die
-Morosinis durch ihren weitverzweigten Handel und die Anlage von
-Gärten gleichfalls für die Belebung des botanischen Interesses.
-Nachdem die reichen italienischen Handelsstädte ein solch rühmliches
-Beispiel in der Pflege der mit ihren Interessen Hand in Hand gehenden
-Naturwissenschaft gegeben, wollten auch die übrigen Länder in der
-Betätigung dieses Sinnes nicht zurückstehen. So entstanden denn in
-Montpellier, in Bern, Basel, Straßburg, Antwerpen, Leipzig, Nürnberg
-und an manchen anderen Orten, teils in Verbindung mit Universitäten,
-teils aus privaten Mitteln, noch im 16. Jahrhundert Einrichtungen, die
-als botanische Gärten bezeichnet werden können.
-
-Etwa zur selben Zeit begegnet uns zum erstenmale das Verfahren,
-Pflanzen zu pressen und in Herbarien auf Papier geklebt aufzubewahren.
-Das Herbarium *Bauhins* (1550-1624) wird noch heute in Basel
-gezeigt[998]. Als der Erfinder der Herbarien gilt *Luca Ghini*, der von
-1534-1544 in Bologna lehrte[999].
-
-
-Die Erneuerung der Zoologie.
-
-Wie auf botanischem, so regte sich auch auf zoologischem Gebiete das
-Bestreben, über das von den Alten überlieferte Maß an Kenntnissen
-hinauszuschreiten und die bekannten Tierformen, deren Zahl sich durch
-Entdeckungsreisen immerfort vergrößerte, auf Grund eigener Beobachtung
-zu beschreiben und mit möglichster Naturtreue darzustellen. So
-entstanden mehrere umfassende Werke, wie diejenigen des Schweizers
-*Konrad Gesner* (1516-1565) und des Italieners *Aldrovandi* (1522-1607).
-
-Weit größer als in der Botanik war *Gesners* Einfluß auf die
-Entwicklung der Zoologie. Hier gebührt ihm das große Verdienst, zum
-ersten Male die zu seiner Zeit bekannten Tierformen vom Standpunkte
-des Naturforschers aus geschildert zu haben. Dies geschah in seiner
-großen, vom Jahre 1551 ab erschienenen Geschichte der Tiere (Historiae
-animalium lib. V). Von den fünf Foliobänden behandelt der erste die
-Säugetiere, der zweite die eierlegenden Vierfüßer, der dritte die Vögel
-und der vierte die Fische und Wassertiere. Ein fünfter, die Insekten
-behandelnder Band wurde aus *Gesners* Nachlaß zusammengestellt.
-*Gesner*, dem sein Vaterland das erste Naturalienkabinett verdankt,
-beschrieb in seinem Werke den äußeren Bau der Tiere unter
-Berücksichtigung ihres Vorkommens, ihrer Lebensweise, des Nutzens, den
-sie gewähren usw. Seine Anordnung ist die alphabetische, was in bezug
-auf Systematik gegen *Aristoteles*, der die großen natürlichen Gruppen,
-wie wir sahen, schon erkannt hatte, einen offenbaren Rückschritt
-bedeutet. Doch macht sich bei *Gesner* das Bestreben geltend, die
-Zoologie von den gerade auf diesem Gebiete so sehr überwuchernden
-Fabeln zu reinigen. Letztere werden zwar gewissenhaft angeführt, doch
-geschieht dies nicht, ohne daß Bedenken dagegen erhoben werden.
-
-Während *Albert der Große* das zoologische Wissen im engen Anschluß an
-die dem Abendlande übermittelten naturwissenschaftlichen Schriften des
-*Aristoteles* wiederzugeben suchte, ging *Gesners* Plan dahin, unter
-Einschränkung des in den mittelalterlichen Schriften überwuchernden,
-philologischen Verbalismus, alles was man zu seiner Zeit vom Tierreich
-wußte, zusammenfassend darzustellen. Gleichzeitig suchte er jede
-Tierform, die er zum Gegenstande seiner Betrachtung machte, unter
-Berücksichtigung der Medizin und der Kulturgeschichte zu schildern.
-War auch die Anordnung, die er innerhalb der großen, natürlichen,
-schon *Aristoteles* geläufigen Gruppen befolgte, die alphabetische,
-so erkennt er doch selbst an, daß ein solches Verfahren sich nur aus
-Gründen der Bequemlichkeit empfiehlt und naturwissenschaftlich von
-keinem Wert sei. Jedes Geschöpf wird in *Gesners* Geschichte der
-Tiere nach folgenden Gesichtspunkten behandelt. Der erste Abschnitt
-gilt der Nomenklatur. Der zweite ist der wertvollste; er betrifft das
-Vorkommen und bringt die Beschreibung des Tieres. Dann folgt eine
-Schilderung der biologischen Erscheinungen unter Berücksichtigung der
-Krankheiten. Hieran schließt sich eine Schilderung des seelischen
-Lebens, d. h. der dem Instinkt entspringenden Handlungen. Die folgenden
-Abschnitte handeln dann von dem Nutzen der Tiere, insbesondere ihrer
-Jagd, Haltung und Zähmung, ferner von ihrer Nahrung, den Heilmitteln,
-die sie etwa darbieten usw. Mitunter fehlen auch nicht die Fabeln,
-Wundergeschichten und Weissagungen, die man von jeher an manche
-Tierarten geknüpft hatte. Solche Mitteilungen gibt *Gesner* indessen
-mehr der Vollständigkeit halber und nicht etwa kritiklos wie manche
-seiner Vorgänger. Dabei versäumt er selten, das Unwahrscheinliche
-zurückzuweisen oder wenigstens seinem Zweifel Ausdruck zu verleihen.
-Besteht doch der große Fortschritt, der sich bei *Gesner* geltend
-macht, darin, daß er seine Beschreibungen nach planmäßiger Beobachtung
-abfaßte, während man vor ihm die eigene Beobachtung nur gelegentlich
-zur Bestätigung der überlieferten Angaben anwandte und diesen stets den
-ausschlaggebenden Wert beimaß. Ferner beschränkt sich *Gesner* nicht
-auf eine Beschreibung des äußeren Körperbaues, sondern er geht auch auf
-anatomische Eigentümlichkeiten ein. Doch werden diese noch nicht durch
-Vergleichen in Beziehung gesetzt, so daß es an einer wissenschaftlichen
-Verwertung der anatomischen Kenntnisse zur festeren Begründung
-natürlicher Gruppen bei *Gesner* noch fehlt.
-
-In bezug auf die Abbildungen ragt sein Werk über alle früheren
-zoologischen Schriften hervor. Unter den Künstlern, die ihm zur Seite
-standen, ist *Albrecht Dürer* zu nennen.
-
-Beruht das Werk *Gesners* auch zum größten Teile auf der Verarbeitung
-des zu seiner Zeit vorhandenen zoologischen Wissens, so ist ihm deshalb
-doch nicht etwa der Vorwurf der bloßen Kompilation zu machen. »Das
-Talent zu einer solchen«, sagt *Ranke*[1000], »ist nicht so häufig, wie
-man meint. Soll sie der Wissenschaft dienen, so muß sie nicht allein
-aus vielseitiger Lektüre hervorgehen, sondern auf echtem Interesse und
-eigener Kunde beruhen und durch feste Gesichtspunkte geregelt sein. Ein
-Talent dieser Art von der größten Befähigung war *Konrad Gesner*«.
-
-*Gesner* ist als der früheste deutsche Zoologe zu bezeichnen. Sein Werk
-über das Tierreich[1001] ist die Grundlage für die neuere Zoologie
-geworden. *Gesners* Grundsatz war, nichts zu wiederholen und nichts
-fortzulassen. Da ein einzelner die unermeßliche Arbeit nicht bewältigen
-konnte, setzte er zahlreiche einheimische und auswärtige Hilfskräfte
-in Bewegung. War somit auch sein Werk in erster Linie die Leistung
-eines geschickten, seinen Stoff beherrschenden Sammlers, so ist doch
-sein Nutzen für das Leben nicht minder wie für die Wissenschaft ein
-bedeutender gewesen. Dem Menschen hat *Gesner* keinen Platz innerhalb
-des Tierreiches angewiesen.
-
-Auf dem Boden Italiens erstand *Gesner* ein gleichstrebender Genosse in
-dem etwas jüngeren *Aldrovandi*. Auch er versuchte eine enzyklopädische
-Darstellung der Tierkunde, die zwar im ganzen die Arbeit *Gesners*
-nicht erreicht, in Hinsicht auf die anatomischen Verhältnisse und die
-Anordnung indessen einen Fortschritt darbietet[1002]. Den Versuch
-einer mehr systematischen, auf die großen aristotelischen Gruppen
-zurückgehenden Anordnung des Tierreichs hatte in der Zeit zwischen dem
-Erscheinen des *Gesner*schen Werkes und desjenigen *Aldrovandis* mit
-gutem Erfolge der Engländer *Edward Wotton* (geboren in Oxford 1492)
-gemacht. Auf dieser Grundlage konnte *Aldrovandi* fußen. *Wotton* gab
-im Jahre 1552 eine Schrift »Über die Verschiedenheiten der Tiere«[1003]
-heraus, die nicht nur eine allgemeine Schilderung des tierischen
-Organismus und seiner Teile enthält, sondern auch eine auf den
-Grundzügen der natürlichen Verwandtschaft beruhende Übersicht bietet.
-Gleich *Aristoteles* beginnt *Wotton* die Reihe der blutführenden
-Tiere mit dem Menschen. Es begegnen uns die Gruppen der Einhufer, der
-Zweihufer und der Spaltfüßer. Die eierlegenden Vierfüßer werden mit
-den Schlangen zusammengefaßt. Die niederen Tiere werden in Insekten,
-Weichtiere (Kopffüßer), Krustentiere, Schaltiere und Pflanzentiere
-eingeteilt. Zu letzteren rechnet *Wotton* schon die Seesterne, Medusen,
-Holothurien und Schwämme.
-
-*Wotton* machte also, im Anschluß allerdings an *Aristoteles*, zum
-ersten Male unter den Neueren den Versuch einer naturgemäßen Einteilung
-des gesamten Tierreichs, und hierin folgte ihm *Aldrovandi*, der im
-Jahre 1599 die Herausgabe seines großen zoologischen Werkes begann.
-Es sollte zwar die ganze Naturgeschichte umfassen, doch konnte
-*Aldrovandi* selbst nur fünf Bände erscheinen lassen, nämlich drei
-Bände über die Vögel, einen Band über die Insekten und endlich einen
-Band über die »übrigen Blutlosen«. Die weiteren Bände wurden von
-anderen Zoologen herausgegeben.
-
-*Aldrovandi* konnte infolge der ausgedehnten Entdeckungsreisen seines
-Zeitalters manche Tierform berücksichtigen, die *Gesner* noch nicht
-kannte, doch verfuhr er im allgemeinen mehr kompilatorisch und weniger
-kritisch als sein großer Vorgänger. Trotz seines Strebens nach besserer
-systematischer Gruppierung bringt er es noch fertig, die Fledermaus
-und den Strauß zu einer Abteilung der »Vögel mittlerer Natur« zu
-vereinigen, während schon *Wotton* die Fledermäuse den Säugetieren
-zugerechnet hatte.
-
-Ein weiterer, wichtiger Fortschritt auf zoologischem Gebiete bestand
-darin, daß man sich nicht mehr auf das Beschreiben der äußeren Form
-beschränkte, sondern in den Bau der Tiere einzudringen suchte. Wir
-finden bei *Aldrovandi* schon Abbildungen des Skeletts, der Muskulatur,
-sowie der Eingeweide. So wird z. B. das Skelett des Adlers abgebildet.
-Beim Huhn sind mehrere, allerdings nur ungenaue Zeichnungen zur
-Erläuterung des inneren Baues beigegeben. Das Skelett der Fledermaus
-und des Straußes finden sich gleichfalls unter den Zeichnungen, die
-mitunter anatomische Einzelheiten, wie die Zunge mit ihrer Muskulatur
-beim Spechte, das Brustbein des Schwans und anderes mehr betreffen. Die
-Muskulatur wird bei mehreren Vögeln genauer beschrieben.
-
-Groß waren die Opfer, welche die Naturhistoriker jener Zeit mitunter
-bringen mußten, um ihre Pläne zu verwirklichen. So beschäftigte
-*Aldrovandi*, wie er in der Vorrede mitteilt, zur Herstellung seiner
-Originalfiguren 30 Jahre einen Maler gegen ein Gehalt von 200
-Goldstücken. Außerdem setzte er noch mehrere Zeichner und Holzschneider
-in Tätigkeit. Das Verdienst von Männern wie *Gesner* und *Aldrovandi*
-ist darum besonders hoch zu schätzen, weil sie zuerst Klarheit und
-Übersicht in dem immer mehr anschwellenden zoologischen Material zu
-schaffen suchten und in weiteren Kreisen ein lebhaftes Interesse für
-die Tierkunde und damit für die Naturkunde im allgemeinen erweckten.
-
-
-Das Wiederaufleben der Anatomie.
-
-Das Wiederaufleben der Anatomie läßt sich bis in das 13. Jahrhundert
-zurückverfolgen. Ein besonderes Interesse wandte der freigeistige
-Staufenkaiser *Friedrich II.*[1004] diesen Wissenszweigen zu. Er
-verfaßte eine Schrift über die Falken[1005], ließ ausländische Tiere
-nach Europa kommen und gestattete die anatomische Untersuchung
-menschlicher Leichen. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden
-diese Zergliederungen zu medizinischen und rein wissenschaftlichen
-Zwecken immer häufiger ausgeübt. Wurde schon dadurch der Sinn für die
-Natur erschlossen und das Studium von der bloßen Buchgelehrsamkeit
-abgelenkt, so steigerte sich das Interesse für die Anatomie dadurch um
-ein Bedeutendes, daß nicht nur die Gelehrten, sondern auch die großen
-Künstler der Renaissance mit offenem Auge und frei von Vorurteilen in
-den Wunderbau des Organismus einzudringen suchten. Hier ist vor allem,
-als einer der größten unter ihnen, *Lionardo da Vinci* zu nennen. Seine
-anatomischen Zeichnungen sind von einer derartigen Vollendung und
-Treue, daß sie alles bisher auf diesem Gebiete Geleistete übertrafen.
-Die Zeit für eine Neubegründung der Anatomie, ohne Rücksicht auf die
-Autorität *Galens* und aufgebaut auf selbständige Erforschung der
-Natur, war also gekommen. Diese Neubegründung erfolgte durch die
-Italiener *Fallopio* († 1562) und *Eustachio* († 1571)[1006], vor allem
-aber durch den Niederländer *Vesal*. Letzterer ist als der eigentliche
-Begründer der wissenschaftlichen Anatomie des Menschen zu nennen.
-
-*Andreas Vesal* (1514-1564) war der Sprößling einer aus Wesel
-stammenden deutschen Ärztefamilie. Er wurde in Brüssel geboren.
-Schon als Knabe wandte sich der spätere Professor der Anatomie und
-Chirurgie und Leibarzt Kaiser *Karls V.* der anatomischen Untersuchung
-kleinerer Tiere zu. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters
-hatten zwar hin und wieder Zergliederungen menschlicher Leichen
-stattgefunden; man verfolgte dabei indes keinen anderen Zweck als den,
-die Lehren *Galens*, der eine unbedingte Autorität genoß, als richtig
-zu bestätigen. Wie schwierig es selbst später war, sich Material zum
-Studium der Anatomie zu verschaffen, geht unter anderem daraus hervor,
-daß der junge *Vesal*, um in den Besitz eines menschlichen Skeletts zu
-gelangen, einen Gehenkten mit Gefahr seines Lebens vom Galgen entwenden
-mußte.
-
-Ähnlich lagen die Verhältnisse in Deutschland. So galt es als eine
-Aufsehen erregende Neuerung, daß im Jahre 1526 ein Anatom einen
-menschlichen Kopf zergliederte[1007]. Es blieb aber zunächst bei
-solchen gelegentlichen Versuchen, die Anatomie auf die Untersuchung
-von Leichen zu gründen. Erst *Vesal* brach gänzlich mit den
-alten Vorurteilen, indem er das Lehrgebäude der Anatomie von
-Grund aus und sogleich in fast unübertrefflicher Weise als reine
-Erfahrungswissenschaft errichtete.
-
-Sein großes Hauptwerk führt den Titel »Über den Bau des menschlichen
-Körpers«. Als es erschien, hatte *Vesal* noch nicht das dreißigste
-Lebensjahr überschritten. Durch scharfe Erfassung und klare Wiedergabe
-des Gegenstandes, durch Ursprünglichkeit des Inhalts und Schönheit
-der sprachlichen Darstellung ragt sein Werk weit über alle ähnlichen
-Erzeugnisse jener Periode hervor und erregte die höchste Bewunderung
-der späteren Jahrhunderte. Die meisterhaften Abbildungen des Werkes,
-die besonders zu seiner großen Verbreitung beitrugen, rühren von
-einem Schüler[1008] *Tizians* her. Um dem Leser einen Begriff von
-ihrer naturgetreuen Ausführung zu geben, ist in der nachfolgenden
-Abbildung 64 eine der zahlreichen, das Muskelsystem betreffenden Tafeln
-wiedergegeben.
-
-Das Abhängigkeitsverhältnis, in das *Vesal* zum Hofe *Karls V.* geriet,
-hat ihn leider gehindert, seine Untersuchungen zu vollenden. Auch hatte
-er am Hofe von den Anhängern *Galens* zu leiden[1009].
-
-Im Beginn seiner Laufbahn hatte *Vesal* mehrere Male in Padua die
-Anatomie nach *Galen* vorgetragen, sich dann aber entschieden davon
-losgesagt. Seine wissenschaftliche Überzeugung über die anerkannte
-Autorität zu setzen, war damals kein geringes Wagnis. Freunde hatten
-ihn vor der Herausgabe seines großen Werkes gewarnt. Als es erschienen
-war, erhob sich zunächst ein Sturm der Entrüstung. Man erklärte
-*Vesal* für einen wahnsinnigen Ketzer. Das Buch wurde der Inquisition
-vorgelegt. *Vesal* verließ deshalb Italien. Später lebte er in Spanien
-als Leibarzt *Philipp des Zweiten*. Schließlich wurde er, vielleicht
-infolge neuer Verfolgungen seitens der Inquisition, schwermütig[1010].
-
-*Vesal* beschränkte sich keineswegs auf den Menschen, sondern er flocht
-zahlreiche Hinweise auf die Anatomie der Tiere in seine Darstellung
-ein. Es war das um so weniger zu verwundern, als er ja von der
-anatomischen Untersuchung der Tiere ausgegangen und sich erst später
-der Anatomie des Menschen zugewandt hatte. *Vesals* Hauptwerk erschien
-1543[1011]. Die sieben Bücher behandeln: 1. Das Skelett. 2. Bänder und
-Muskeln. 3. Gefäße. 4. Nerven. 5. Eingeweide. 6. Herz. 7. Gehirn und
-Sinnesorgane.
-
-Große Verdienste um die Fortbildung der Anatomie auf der von *Vesal*
-geschaffenen Grundlage hat sich auch *Eustachio* erworben. Doch ist
-bezeichnend, daß dieser, obgleich auch ihm die Abweichungen seiner
-Befunde von den Angaben *Galens* klar zutage lagen, lieber eine
-Veränderlichkeit des Körperbaues annehmen als der gefeierten Autorität
-des Altertums Abbruch tun wollte.
-
-[Illustration: Abb. 64. Abbildung aus Vesals De humani corporis
-fabrica. 1543.
-
-(Zweite, das Muskelsystem betreffende Tafel.)]
-
-Vor dem Auftreten eines *Vesal* und *Eustachio* waren bei dem großen
-Mangel auf eigener Anschauung beruhender anatomischer Kenntnisse
-erfolgreiche chirurgische Eingriffe kaum möglich. Erst nach der durch
-diese Männer bewirkten Erneuerung der Anatomie konnte sich aus den bis
-dahin üblichen, rohen, ja oft barbarischen Operationsverfahren eine auf
-wissenschaftlicher Grundlage beruhende Chirurgie entwickeln. Daß dies
-geschah, war vor allem das Verdienst von *Ambroise Paré* (1517-1590),
-der sich den Ehrennamen eines Reformators dieses Zweiges der Medizin
-verdient hat.
-
-*Paré* war gleich *Vesal* Militärchirurg und als solcher dem
-Stande der gelehrten Ärzte verhaßt, zumal er kein Latein verstand.
-Sein hervorragendes Buch über Schußwunden (1545) ist das erste in
-französischer Sprache geschriebene wissenschaftliche medizinische
-Werk[1012]. *Paré* wandte bei Amputationen zuerst das Verfahren des
-Abbindens der Arterien an. Vor ihm hatte man sich der Cauterisation
-mittelst des Glüheisens bedient. Auch der Gebrauch des Bruchbandes
-ist auf *Paré* zurückzuführen. Die Feindschaft der Ärztezunft
-wurde besonders heftig, als *Paré* die Wirksamkeit einiger der
-gebräuchlichsten Arzneien anzweifelte. Trotzdem wurde *Paré* vom Könige
-sehr geschätzt. Er soll einer der wenigen Hugenotten gewesen sein, die
-der König in der Bartholomäusnacht zu schonen befahl.
-
-Die Erkenntnis, daß sich ein volles Verständnis der Form erst
-durch das Studium ihrer Entwicklung erschließen läßt, begegnet uns
-gleichfalls schon im 16. Jahrhundert, wenn sich auch diese Erkenntnis
-erst in späteren Perioden, gestützt auf die Verschärfung, welche
-der Gesichtssinn durch das Mikroskop erfuhr, allseitig Bahn brechen
-konnte. So wird die Entwicklung des Hühnchens im Ei, ein Problem, das
-schon *Aristoteles* beschäftigt hatte, zum Gegenstand eingehender
-Untersuchungen gemacht. Dies geschah durch den verdienten italienischen
-Anatomen *Fabricio*[1013]. Er bemerkte auch, daß sich die Klappen der
-Venen nach dem Herzen zu öffnen. Diese Entdeckung hat nebst anderen,
-die Organe des Kreislaufs betreffenden Beobachtungen[1014] einen
-der größten Fortschritte des 17. Jahrhunderts, die Entdeckung des
-Blutkreislaufs durch *Harvey* nämlich, vorbereitet.
-
-Hiermit schließt der erste Teil dieser Schilderung, die von den
-Anfängen bis gegen den Ausgang des 16. Jahrhunderts geführt hat. Der
-zweite Band wird die Begründung der neueren Naturwissenschaft, die etwa
-mit der Schwelle des 17. Jahrhunderts anhebt, zur Darstellung bringen.
-
-
-
-
-Verzeichnis der im I. Bande enthaltenen Abbildungen.
-
-
- -----------------------------------------+-------------------------------
- Figur | aus
- =========================================+===============================
- 1. Gleichschenkliges Dreieck |
- |
- 2. Geometrische Elemente aus | Cantor, Bd. I. 1880, S. 58,
- altägyptischen Verzierungen | Abb. 6 u. 7.
- |
- 3. Keilschriftprobe |
- |
- 4. Babylonischer Grenzstein |
- |
- 5. Der Tierkreis von Dendera |
- |
- 6. Altbabylonisches Gewicht | nach Layard.
- |
- 7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche | Ibel, Die Wage im Altertum und
- entnommen | Mittelalter.
- |
- 8. Gewinnung von Eisen nach | A. de Rochas, Les origines de
- altägyptischen Wandgemälden | la science et ses premières
- | applications.
- |
- 9. Geometrische Konstruktionen der Inder |
- |
- 10. Die Quadratur des Kreises bei den |
- Indern |
- |
- 11. Radkarte der Erde |
- |
- 12. Der Satz des Hippokrates |
- |
- 13. Konstruktion zur Lösung des | Cantor, Geschichte der
- delischen Problems | Mathematik. Bd. I. 1880.
- | Fig. 34.
- |
- 14. Der Tragbalken des Aristoteles |
- |
- 15. Der Satz vom Parallelogramm der |
- Kräfte |
- |
- 16. Der Embryo des glatten Hais des | Claus, Lehrbuch der Zoologie.
- Aristoteles | 1883. S. 677.
- |
- 17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten | Heronausgabe von Schmidt. Op.
- | II. 1 Fig. 62.
- |
- 18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach | Euklidausgabe von Heiberg und
- Euklid | Menge. Bd. 7.
- |
- 19. Die Spiegelung an einem Konkav- und | desgl.
- einem Konvex-Spiegel nach der |
- Darstellung Euklids |
- |
- 20. Das zum Messen der Sonnenhöhe | Schaubach, Geschichte der
- dienende Instrument der Alten | griechischen Astronomie.
- | Tab. III Fig. 2.
- |
- 21. Die Gradmessung des Eratosthenes |
- |
- 22. Aristarchs Verfahren, die |
- Entfernungen des Mondes und der Sonne|
- zu bestimmen |
- |
- 23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon | Peschel, Geschichte d.
- | Erdkunde 1877. S. 44.
- 24. Stereographische und orthographische |
- Projektion |
- |
- 25. Die Feuerspritze nach Heron | Herons Pneumatik. Ausgabe v.
- | Schmidt. Bd. I. Fig. 29.
- |
- 26. Heron verwendet den Dampf zum | Herons Pneumatik. Ausgabe v.
- Betreiben einer maschinellen | Schmidt.
- Einrichtung |
- |
- 27. Der Heronsball | desgl.
- |
- 28. Herons Abbildung eines Hebers | desgl.
- |
- 29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel | Mach, Prinzipien der
- | Wärmelehre. Leipzig 1896.
- | S. 5.
- |
- 30. Wasserorgel |
- |
- 31. Philons Thermoskop | Heronausgabe v. Schmidt.
- | Fig. 115.
- |
- 32. Philons Saugkerze | desgl.
- |
- 33. Herons Flaschenzug | Opera omnia. Ausgabe v.
- | Schmidt. Bd. II. S. 102.
- |
- 34. Herons Wegmesser |
- |
- 35. Herons Winkelmeßapparat | Jahrbuch des kaiserl.
- | deutschen archäolog.
- | Instituts. Bd. XIV 1899.
- | 3. Heft.
- |
- 36. Herons Vermessung eines Feldes | Herons Opera omnia. Ausgabe
- | v. Schmidt.
- |
- 37. Herons Tunnelaufgabe | desgl.
- |
- 38. Der Meßapparat der Römer | Neue Jahrbücher f. d. klass.
- | Altertum. Bd. 13 (1904).
- |
- 39. Die Rekonstruktion der Groma | desgl.
- |
- 40. Peutingers Karte |
- |
- 41. Römisches Hebezeug | Gerland u. Traumüller,
- | Geschichteder physikal.
- | Experimentierkunst. 1899.
- | Fig. 58.
- |
- 42. Römische Schnellwagen | desgl.
- |
- 43. Chirurgische Instrumente |
- |
- 44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie |
- |
- 45. Das parallaktische Lineal | Montucla, Histoire des
- | mathématiques. Bd. I.
- | S. 307.
- |
- 46. Solstitial-Armille des Ptolemäos | Repsold, Zur Geschichte der
- | astronomischen Meßwerkzeuge.
- 47. Ptolemäos mißt die Brechungswinkel |
- |
- 48. Destillierapparat |
- |
- 49. Probe aus dem Stockholmer Papyrus |
- |
- 50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges | Archiv für Geschichte der
- | Naturwissenschaften und der
- | Technik. Bd. I. S. 66.
- |
- 51. Trigonometrische Berechnungen |
- |
- 52. Einführung der Tangensfunktion |
- |
- 53. Alhazens Darstellung des Auges | Gerland u. Traumüller,
- | Geschichte der physikal.
- | Experimentierkunst. Fig. 62.
- |
- 54. Alhazen untersucht die Brechung | Gerland u. Traumüller,
- | Geschichte der physikal.
- | Experimentierkunst. Fig. 65.
- |
- 55. Alhazen bestimmt die Höhe der |
- Atmosphäre |
- |
- 56. Lionardo da Vincis Hygrometer | Gerland u. Traumüller. Fig.
- | 99.
- |
- 57. Lionardos Windmesser |
- |
- 58. Lionardos Erläuterung des Sehens |
- |
- 59. Peurbachs Quadratum geometricum | Repsold, Zur Geschichte der
- | astronomischen Meßwerkzeuge.
- | Fig. 7.
- |
- 60. Der Kreuzstab | Repsold, a. a. O. Fig. 12.
- |
- 61. Schematische Erläuterung des |
- Kreuzstabes |
- |
- 62. Das Koppernikanische Weltsystem | Aus Koppernikus Werk über die
- | Bewegung der Weltkörper.
- |
- 63. Hüttenwerk nach Agricola |
- |
- 64. Das Muskelsystem darstellende Tafel | Aus Vesals Werk: De humani
- | corporis fabrica.
-
-
-
-
-Namen- und Sachverzeichnis.
-
-
- A.
-
- Abendstern, 25.
-
- Aberration, sphärische, 358.
-
- Abu Mansur, 321.
-
- Acosta D', 440, 449.
-
- Ägyptische Bauwerke, 3.
-
- Ägyptische Kultur, 2.
-
- Äquinoktialpunkte, 36.
-
- Agricola, 437, 443.
-
- Ahmes, 7, 11.
-
- Akustik, 115.
-
- Alaun, 50.
-
- Albattani, 304, 306.
-
- Albertus Magnus, 346-353, 443.
-
- Albiruni, 303.
-
- Alchemie, 278, 353, 363, 431, 432.
-
- Alchemistische Theorien, 325.
-
- Aldrovandi, 460, 461.
-
- Alfarabi, 312.
-
- Alfons von Kastilien, 251.
-
- Alfragani, 304.
-
- Algebra, 57, 253, 311.
-
- Alhazen, 314, 315, 316, 357.
-
- Alkmäon, 101.
-
- Alkohol, 322.
-
- Alkuin, 336.
-
- Alliaco, 398.
-
- Almagest, 33, 255, 302.
-
- Altäre, 53.
-
- Altertum, Verfall, 283.
-
- Amalgamationsprozeß, 440.
-
- Amulette, 300.
-
- Anatomie, 59, 102, 206, 235, 326, 366, 462, 463, 464.
-
- Anaxagoras, 76, 77, 98.
-
- Anaximander, 36, 67, 79, 90, 100, 269.
-
- Antipoden, 118, 227, 289.
-
- Apianus, 404, 418.
-
- Apokatastasis, 243.
-
- Apollonios, 248.
-
- Apotheken, 48, 60, 437.
-
- Arabische Kultur, 331.
-
- Archimedes, 218.
-
- Aristarch von Samos, 92, 93, 122, 408.
-
- Aristophanes, 89.
-
- Aristoteles, 28, 69, 73, 74, 78, 97-151, 233, 345, 355.
-
- Aristoteliker, 421.
-
- Armillen, 255, 256.
-
- Arsenik, 321.
-
- Aryabhatta, 52, 58.
-
- Arzneipflanzen, 230.
-
- Asklepiades, 208.
-
- Astrolabium, 306, 396.
-
- Astrologie, 16, 24, 31, 364.
-
- Astronomie, 20, 332, 393.
-
- --, griechische, 80.
-
- --, Ursprung, 20.
-
- --, Wiedererwachen, 393.
-
- Astronomische Meßwerkzeuge, 256.
-
- --, Urkunden, 26.
-
- Asymptoten, 86.
-
- Atmosphäre, Höhe, 317.
-
- Atome, 71, 75, 241.
-
- Attalos, 240.
-
- Aufgang, heliakischer, 22.
-
- Auge, 315, 389, 420.
-
- Augustin, 289, 287.
-
- Averroes, 313.
-
- Avicenna, 270, 312, 321, 435, 442, 443.
-
-
- B.
-
- Bacon, Francis, 414.
-
- Bacon, Roger, 353-362.
-
- Bartholomeo Diaz, 447.
-
- Bäume, 230.
-
- Baumzucht, 329.
-
- Bazillentheorie, 223.
-
- Behaim, 396, 397, 447.
-
- Benedikt von Nursia, 271.
-
- Bergbau, 334, 437, 440.
-
- Bernstein, 268.
-
- Berosos, 368.
-
- Bessarion, 394.
-
- Bibel, 18.
-
- Bibliothek, alexandrinische, 297.
-
- Bibliotheken, 301, 302.
-
- Blitzableiter, 269.
-
- Blütenteile, 456.
-
- Blutkreislauf, 234.
-
- Boccaccio, 372, 373.
-
- Bock, 458.
-
- Boëthius, 293.
-
- Bologneser Leuchtstein, 429.
-
- Botanik, Erneuerung, 450.
-
- Botanische Gärten, 400, 457.
-
- Brahmagupta, 52, 56, 310.
-
- Brechung, 260, 265, 316.
-
- Brennglas, 58.
-
- Brennkugel, 358.
-
- Brennspiegel, 58, 395, 428.
-
- Brillen, 318, 360.
-
- Bronze, 42.
-
- Brüche, 19.
-
- Brunfels, 451, 452.
-
- Brunnenaufgabe, 205.
-
- Buffon, 231.
-
- Bussole, 308.
-
-
- C.
-
- Caesar, 213.
-
- Camera obscura, 423, 426.
-
- Capitulare de villis, 337.
-
- Cardanus, 74, 445.
-
- Cassiodor, 292.
-
- Cato, 210, 239.
-
- Celsus, 223.
-
- Celtes, 214.
-
- Chaldäer, 32, 33, 37, 89.
-
- Chemes, 274.
-
- China, 60.
-
- Chinesische Astronomie, 61.
-
- Chirurgie, 48, 466.
-
- Chronometer, 424.
-
- Cicero, 210, 407.
-
- Clusius, 448.
-
- Columbus, 261, 362, 375, 398, 423, 424, 448.
-
-
- D.
-
- Damianos, 266.
-
- Dämmerung, 317.
-
- Dante, 372.
-
- Datumsgrenze, 379.
-
- De Caus, 423.
-
- Deklination, 423.
-
- Delisches Problem, 85.
-
- Demokrit, 71, 73, 75, 78, 99.
-
- Destillation, 50, 321.
-
- Destillierapparat, 276.
-
- Deszendenzlehre, Keime, 100.
-
- Diamanten, 328.
-
- Dionysios der Große, 287.
-
- Diophant, 56, 57, 253, 254.
-
- Dioptra, 201, 203.
-
- Dioskurides, 231, 238, 245, 337, 401.
-
- Dodonaeus, 455.
-
- Doppelelle, babylonische, 38.
-
- Doppelstunden, 24.
-
- Dreiecksberechnung, 11.
-
- Dreiteilung eines Winkels, 84.
-
- Dürer, 377, 452, 460.
-
- Dynamik, Begründung, 430.
-
-
- E.
-
- Einhardt, 302.
-
- Eisen, 41.
-
- Ekliptik, Schiefe, 90.
-
- Elemente, 70, 436.
-
- Ellipse, 87.
-
- Elmsfeuer, 269.
-
- Emissar, 204.
-
- Empedokles, 70, 76, 97-99.
-
- Entdeckungsreisen, 362, 398, 448, 449.
-
- Enzyklopädie, 292.
-
- Ephemeriden, 395.
-
- Epikur, 75, 100.
-
- Epizyklentheorie, 120, 249, 250.
-
- Erasistratos, 206, 233.
-
- Erasmus v. Rotterdam, 378.
-
- Eratosthenes, 255.
-
- Erdbeben, 368.
-
- Erde, Bewegung, 381.
-
- --, Gestalt, 96, 117, 227, 289.
-
- Erdkern, 70.
-
- Eudemos, 81, 95.
-
- Eudoxos, 78, 119, 120, 248.
-
- Euklid, 82.
-
- Eutokios, 85.
-
- Evektion, 247.
-
- Exhaustionsmethode, 84.
-
- Experimente, 79, 235, 356, 359, 391.
-
-
- F.
-
- Fabricio, 466.
-
- Fallversuche, 412.
-
- Farbenwechsel, 429.
-
- Färber, 327.
-
- Färberei, 280, 320.
-
- Fechner, 415.
-
- Feldmeßkunst, 200, 211.
-
- Fernrohr, 360.
-
- Feuervergoldung, 280.
-
- Fibonacci, 339.
-
- Finsternisse, 65.
-
- Flaschenzug, 198.
-
- Flavio Gioja, 308.
-
- Fluorescenz, 428.
-
- Fracastoro, 444.
-
- Francesco Petrarca, 364.
-
- Friedrich II., 313, 437, 462.
-
- Fuchs, 454.
-
-
- G.
-
- Galen, 233-237, 239, 270.
-
- Galle, 103.
-
- Gas, 277.
-
- Gassendi, 75.
-
- Geber, 322.
-
- Gebirgsbildung, 442.
-
- Gegenerde, 94.
-
- Geld, 14.
-
- Geminos, 31.
-
- Gemma Frisius, 417.
-
- Geologie, 70, 391, 411.
-
- Geometrie, 6, 53, 66.
-
- Gerbert, 333.
-
- Gerhard von Cremona, 338.
-
- Germanentum, 290.
-
- Gesner, 447, 449, 455, 460.
-
- Gewichte, 38.
-
- Gewichtsstücke, 39.
-
- Gewitter, 269, 367.
-
- Gezeiten, 358.
-
- Gift, 240.
-
- Gilbert, 424.
-
- Giordano Bruno, 415.
-
- Glas, 44, 244.
-
- Gleichungen, 9, 56, 254, 311, 340.
-
- Globus, 120, 397, 417.
-
- Gnomon, 36, 61, 67, 89, 380.
-
- Gold, 43.
-
- Gradmesser, 303.
-
- Grenzstein, 26.
-
- Groma, 212.
-
- Guldinsche Regel, 264.
-
-
- H.
-
- Hammurabi, 45.
-
- Harmonie, 80.
-
- Harmonie der Sphären, 91.
-
- Hartmann, 424.
-
- Haustiere, 49.
-
- Hebelgesetz, 113.
-
- Heber, 194, 427.
-
- Hebezeug, römisches, 216.
-
- Heilkunde, Anfänge, 45, 101, 236, 294, 314, 330, 435.
-
- Heilmittel, 46, 60.
-
- Heilvorschriften, 46.
-
- Hekataeos, 67.
-
- Hellenismus, 209.
-
- Helmont, van, 433.
-
- Herakleides Pontikos, 78, 92, 93, 94, 96.
-
- Heraklit, 70.
-
- Herbarien, 401, 458.
-
- Hermes Trismegistos, 275.
-
- Herodot, 6, 36, 45, 89, 262.
-
- Heron, 58, 193, 205, 257.
-
- Herophilos, 206, 233.
-
- Herons Automaten, 195.
-
- Herons Ball, 193.
-
- Herons Dampfkugel, 193.
-
- Heronsche Formel, 203.
-
- Hesiod, 68, 96.
-
- Hettiter, 16.
-
- Hexenglauben, 364.
-
- Hieroglyphenschrift, 3.
-
- Hildegard von Bingen, 337.
-
- Himmelsgebäude, 118.
-
- Himmelsgloben, 120, 306.
-
- Hipparch, 37, 122, 248, 251.
-
- Hippias von Elis, 87.
-
- Hippokrates von Chios, 83, 84, 89.
-
- Hippokrates aus Kos, 102.
-
- Hochöfen, 234.
-
- Höllenstein, 324.
-
- Homer, 96.
-
- Horaz, 239.
-
- Humanismus, 372, 374.
-
- Humboldt, 232.
-
- Hutten, 378.
-
- Hüttenwesen, 437.
-
- Hygrometer, 386.
-
- Hyperbel, 86, 87.
-
-
- J.
-
- Jahr, 88.
-
- Jatrochemie, 433, 434.
-
- Ibn al Haitam, 314.
-
- Ibn Alawwâm, 329.
-
- Ibn Batuta, 329.
-
- Ibn Junis, 306.
-
- Ibn Musa, 311.
-
- Ibn Roschd, 329.
-
- Ibn Sina, 298, 312, 328, 330.
-
- Indien, 51.
-
- Indigo, 245.
-
- Ingenieur, 217, 218.
-
- Ingenieurmechanik, 13, 215.
-
- Inhaltsbestimmungen, 11.
-
- Inklination, 424.
-
- Insekten, 230.
-
- Instrumente, chirurgische, 236.
-
- Johannes von Sevilla, 339.
-
- Jordanus Nemorarius, 430.
-
- Irrationalität, 83.
-
- Isidor von Sevilla, 294.
-
- Islamitische Kultur, 338.
-
- Jupiter, 34.
-
-
- K.
-
- Kaiserzeit, 219.
-
- Kalender, 88, 89, 213, 357.
-
- Kanäle, 13.
-
- Karl der Große, 335.
-
- Karten, 380.
-
- Kartographie, 259, 381, 417, 419.
-
- Katakaustik, 358.
-
- Kegelschnitte, 86.
-
- Keilschriftfunde, 16, 17, 25.
-
- Kepler, 92, 411.
-
- Kirchenväter, 286.
-
- Kircher, 427-429.
-
- Knochenbrüche, 48.
-
- Königswasser, 321.
-
- Kombinationslehre, 57.
-
- Kometen, 61, 121, 243, 367.
-
- Kompaß, 61.
-
- Konformität, 419.
-
- Konjunktionen, 34, 361.
-
- Koppernikus, 403-414.
-
- Krankheiten, 101.
-
- Kräuterbücher, 453, 454.
-
- Kreis, 5, 7.
-
- Kreta, 63.
-
- Ktesibios, 257.
-
- Kugel, 87.
-
- Kulturpflanzen, 49.
-
- Kupfer, 14, 42, 43.
-
-
- L.
-
- Lactantius, 287, 288.
-
- Länderkunde, 261.
-
- Landwirtschaft, 238.
-
- Längenbestimmungen, 395.
-
- Längenproblem, 424.
-
- Laterna magica, 429.
-
- Leidener Papyros, 279.
-
- Leonardo von Pisa, 339.
-
- Leukipp, 71, 73.
-
- Levi ben Gerson, 396.
-
- Liber Abaci, 340.
-
- Licht, 318.
-
- Lionardo da Vinci, 382-392, 400.
-
- Literatur, babylonisch-assyrische, 18.
-
- Literatur, indische, 52.
-
- Luca Ghini, 458.
-
- Lucretius Carus, 74, 100, 240, 242, 268.
-
- Luft, 194.
-
- Lunulae Hippokratis, 83.
-
- Luther, 414.
-
-
- M.
-
- Magie, 422.
-
- Magnet, 268, 429, 430.
-
- Mago, 238.
-
- Marco Polo, 329, 341.
-
- Marcus Graecus, 310.
-
- Marinus, 259, 262, 263.
-
- Martianus Capella, 294, 333, 407, 408.
-
- Maschinen, 385.
-
- Maße, 38.
-
- Mathematik, Anfänge, 7.
-
- --, griechische, 78.
-
- Maurolykus, 420, 421.
-
- Mechanik, 111, 218, 385.
-
- Mediceer, 375.
-
- Megenberg, 232, 365, 368, 369, 401.
-
- Melanchthon, 414.
-
- Menächmos, 87.
-
- Menelaos, 252.
-
- Mensch, 226.
-
- Mercator, 397, 417, 418, 419.
-
- Meßapparat, 212.
-
- Metallurgie, Anfänge, 40.
-
- Metallveredelung, 278.
-
- Meteoriten, 77.
-
- Metrologie, 38.
-
- Milchstraße, 358.
-
- Mine, 38.
-
- Mineralien, 327, 369, 442.
-
- Mineralogie, Neubegründung, 438.
-
- Mönchstum, 291.
-
- Mond, 37, 88, 90.
-
- Mondbewegung, 31, 35.
-
- Monddistanzen, 404.
-
- Mondfinsternis, 33.
-
- Morgenstern, 25.
-
- Musik, 293.
-
- Münster, 417.
-
-
- N.
-
- Naturalienkabinett, 458.
-
- Naturerklärung, 71.
-
- -- philosophie, 69.
-
- Nestorianer, 299, 300.
-
- Nicetas, 407.
-
- Nicolaus von Cusa, 379, 382.
-
- Nikolaus V., 374.
-
- Nippurtafeln, 17.
-
- Nonius, 400.
-
- Norman, 424.
-
- Null, 56.
-
- Nullmeridian, 258.
-
-
- O.
-
- Obelisk, 14.
-
- Observatorium, 5.
-
- Oenopides, 89.
-
- Olympiodor, 277.
-
- Optik, 341.
-
- Opus majus, 357.
-
- Osiander, 406.
-
-
- P.
-
- Paläontologie, Anfänge, 443.
-
- Palissy, 438, 444, 445.
-
- Pappos, 198, 264.
-
- Papyrus Ebers, 48.
-
- -- Rhind, 7.
-
- Parabel, 86, 87.
-
- Paracelsus, 42, 434-436.
-
- Parallaktisches Lineal, 255.
-
- Parallelogrammgesetz, 114.
-
- Paré, 466.
-
- Peregrinus, 353.
-
- Perpetuum mobile, 386.
-
- Perspektive, 389.
-
- Petrarka, 372, 373.
-
- Peurbach, 393.
-
- Peutingers Karte, 214.
-
- Pflanzenabbildungen, 451.
-
- -- beschreibungen, 351, 453.
-
- -- kenntnis, 47, 59, 97.
-
- Pflanzen, Anordnung, 455.
-
- --, Beseelung, 70.
-
- --, Nahrung, 382.
-
- --, Schlaf, 350.
-
- --, Sexualität, 350.
-
- Philolaos, 92, 93, 94.
-
- Philon, 197.
-
- Philons Saugkerze, 197.
-
- Phönizier, 63.
-
- Phosphoreszenz, 428.
-
- Physiologie, 388.
-
- Physiologus, 347.
-
- Pico von Mirandola, 363.
-
- Pierre d'Ailly, 362.
-
- Pius II., 375.
-
- Planeten, 32, 34, 66, 90, 91, 114, 247, 248, 251.
-
- Platon, 78, 85, 92, 95, 96, 102, 118, 119, 248, 268.
-
- Plattkarte, 268.
-
- Plinius, 206, 210, 218, 220-232, 239, 244, 245, 268, 270.
-
- Plinius der Jüngere, 221.
-
- Plutarch, 407.
-
- Pneuma, 207.
-
- Polyeder, reguläre, 82.
-
- Pompeji, 240, 243.
-
- Pomponios Mela, 220, 226.
-
- Positionssystem, 56.
-
- Präzession der Nachtgleichen, 122, 252, 415.
-
- Projektionsart, 262.
-
- Proklos, 81.
-
- Prokop, 289.
-
- Proportionen, 82.
-
- Pseudo-Demokritos, 281, 278.
-
- -- -Gebersche Schriften, 323.
-
- Ptolemäos, 35, 246-266.
-
- Pyramiden, 4, 12, 87.
-
- Pythagoras, 79-82, 101.
-
- Pythagoreer, 80, 91.
-
- Pythagoreischer Lehrsatz, 9, 53.
-
-
- Q.
-
- Qazwini, 327.
-
- Quadratrix, 87.
-
- Quadratum geometricum, 393.
-
- Quadratur des Kreises, 54, 84.
-
- Quadrivium, 332.
-
- Quecksilber, 272.
-
- Quecksilberoxyd, 324, 327.
-
- Quellen, 242.
-
-
- R.
-
- Radkarte der Erde, 67.
-
- Raymundus Lullus, 363.
-
- Rechenkunst, 20, 56.
-
- Reformation, 355, 377.
-
- Refraktion, atmosphärische, 266, 318.
-
- Regenbogen, 359, 428.
-
- Regiomontanus, 394, 395, 399.
-
- Reguläre Körper, 81.
-
- Reihen, 9, 56.
-
- Renaissance, 334, 371.
-
- Rennarbeit, 334.
-
- Rhabanus Maurus, 289, 336.
-
- Rhases, 323.
-
- Römer, 208.
-
- Rudolf II., 433.
-
-
- S.
-
- Salpeter, 300.
-
- -- säure, 321, 323.
-
- Salzgewinnung, 334.
-
- Saros, 37, 65.
-
- Sehen, 116, 315, 389, 390.
-
- Sehstrahlen, 267.
-
- Seife, 245.
-
- Seilspannen, 54.
-
- Seneca, 242, 243, 261.
-
- Sexagesimalsystem, 18.
-
- Sinus, 59.
-
- Sirius, 22.
-
- Snellius, 268.
-
- Sonnenbewegung, 247.
-
- -- bildchen, 421.
-
- -- jahr, 22.
-
- -- uhren, 62, 215, 333.
-
- Sosigenes, 213.
-
- Spektrum, 242.
-
- Spezifische Gewichte, 318.
-
- Sphären, homozentrische, 118.
-
- Sphärenmusik, 121.
-
- Spiegel, parabolische, 357.
-
- Spielart, 456.
-
- Sumerer, 15.
-
- Summierungsformel, 10.
-
- Susruta, 59, 64, 115.
-
-
- Sch.
-
- Schall, 243.
-
- Schaltjahr, 29.
-
- Schattenmessung, 67.
-
- Schießpulver, 59, 310, 361.
-
- Schnellwagen, 217.
-
- Schott, 427.
-
- Schwenter, 424, 427.
-
-
- St.
-
- Städtewesen, 342.
-
- Stein der Weisen, 275, 326, 431.
-
- Sterne, Zahl, 229.
-
- Sternwarte, 399.
-
- Stereometrie, 87.
-
- Stockholmer Papyrus, 279, 320.
-
- Strabon, 206, 259, 260.
-
-
- T.
-
- Tacitus, 221.
-
- Tafeln von Senkereh, 19.
-
- Tartaglia, 431.
-
- Telegraphen, 430.
-
- Tell el Amarna-Tafeln, 16.
-
- Thales, 64, 65, 67, 79.
-
- Theophrast, 97, 107, 230.
-
- Thermoskop, 197.
-
- Thomas von Cantimpré, 348, 365.
-
- Tiefenmesser, 382.
-
- Tiere, Anordnung, 461.
-
- --, Naturgeschichte, 459, 460.
-
- Tierfabeln, 328, 347.
-
- Tierformen, 328.
-
- -- kreis von Dendera, 27.
-
- -- kreisbilder, 25, 36.
-
- -- system, koisches, 103.
-
- -- zeichnungen, 452.
-
- Timäos, 95, 102.
-
- Töpferei, 44.
-
- Toscanelli, 380, 448.
-
- Tragbalken, 113.
-
- Transmutation, 275.
-
- Treibhäuser, 244.
-
- Trigonometrie, 4, 37, 58, 253, 305, 395.
-
- Trivium, 332.
-
- Tunnelaufgabe, 204.
-
- -- bauten, 203.
-
- Tycho, 95, 122.
-
- Tyrische Weltkarte, 262.
-
-
- U.
-
- Universitäten, 344, 376.
-
- Universum, unendliches, 416.
-
- Untergang, heliakischer, 22.
-
-
- V.
-
- Variation, 250.
-
- Varro, 222, 223, 292.
-
- Vasari, 371.
-
- Vasco da Gama, 447.
-
- Vedas, 53.
-
- Venus, 25, 35.
-
- Verbrennung, 387.
-
- Vermessung des römischen Reiches, 213.
-
- Vernier, 400.
-
- Versteinerungen, 260, 380, 443, 445.
-
- Vesal, 366, 463.
-
- Vesuvausbruch, 221.
-
- Virgil, 224.
-
- Vitello, 341.
-
- Vitruv, 95, 215, 216, 244, 261.
-
- Vögel, 314.
-
- Vulkane, 248, 260.
-
-
- W.
-
- Wagen, 39, 333, 382.
-
- Walfisch, 368.
-
- Waltiere, 99.
-
- Wasserbäder, 324.
-
- -- orgel, 196.
-
- -- uhren, 23, 257, 302.
-
- Wegmesser, 199.
-
- Weltanschauung, heliozentrische, 93.
-
- -- bild des Mittelalters, 367.
-
- -- entstehungslehre, 68, 72.
-
- -- karte, 381, 418.
-
- -- system, heliozentrisches, 402, 409 bis 413.
-
- Weyer, Jacob, 364.
-
- Wiederkehr, stete, 121.
-
- Windmesser, 387.
-
- Winkelmeßinstrumente, 255.
-
- Wirbelbewegung, 77.
-
- Wissenschaften, ihr Verfall, 285.
-
- Wohnungshygiene, 47.
-
- Wotton, 461.
-
- Wurfbewegung, 425, 430.
-
- Würfelverdoppelung, 85.
-
- Wurzeln, 57.
-
-
- Z.
-
- Zahlenmystik, 80.
-
- Zahnkaries, 46.
-
- Zahnradübertragung, 199.
-
- Zeitmessung, 23.
-
- Zellentheorie, 224.
-
- Zentralfeuer, 93.
-
- Ziffernsystem, indisches, 305.
-
- Zink, 42, 271.
-
- Zinn, 42, 271.
-
- Zitterrochen, 270.
-
- Zoologie, Anfänge, 99, 458.
-
- Zosimos, 274, 276, 277.
-
- Zucker, 322.
-
- Zweckbegriff, 73, 74.
-
-
-
-
-Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen[1015].
-
-(Aufgenommen, soweit der Raum es erlaubte.)
-
-
-Zu S. 2: In Anmerkung 2 muß es heißen »Siehe auch *A. Wiedemann* (Wi)«.
-
-Zu S. 11: Bezügl. der Dreiecksberechnung ist die Hypothese zu beachten,
-die *M. Simon* in seiner Geschichte der Mathematik im Altertum 1909 auf
-S. 46 gibt. Danach würde es sich nicht um gleichschenklige, sondern um
-rechtwinklige Dreiecke handeln (Wü).
-
-Zu S. 14: Über die ältere Geschichte der Metalle findet sich eine sehr
-ausführliche Darstellung in dem Anhang zur »Alchemie« von *Lippmanns*.
-Kupfer wurde danach in Ägypten schon in der Steinzeit zu Geräten
-verwandt (S. 539). Silber und Eisen lernte man erst später kennen (Li).
-
-Zu S. 15: Die Herkunft der Sumerer ist nicht sicher festgestellt. Sie
-sind nicht semitischen Ursprungs und hatten schon vor 3000 eine hohe
-Kulturstufe erreicht, u. a. besaßen sie eine ausgebildete Schrift, die
-Keilschrift (Li).
-
-Zu S. 19: vergleiche man *E. Hoppe*, Mathematik und Astronomie im
-klassischen Altertum S. 17 u. f. (Wü).
-
-Zu S. 19: Es verdiente schon hier erwähnt zu werden, daß die Araber
-neben dem Sexagesimalsystem auch das Dezimalsystem benutzt haben (Wi).
-
-Zu S. 31 (Dauer des synodischen Monats): Die genaue Übereinstimmung
-beruht darauf, daß eine sehr große Anzahl von Umläufen genommen wurde
-und nicht etwa darauf, daß die Beobachtungen bis auf Sekunden genau
-waren. Es wäre wohl angebracht, hierauf besonders hinzuweisen (Wi).
-
-Zu S. 38, unten: Die Übereinstimmung ist sicher Zufall. Sie rührt
-daher, daß die menschliche Elle rund 1/2 m lang ist. Die Assyriologen
-haben aber stets die Neigung zum Geheimnisvollen gehabt (Wi).
-
-Zu S. 43 Anm. 3: Man vergleiche damit die von derjenigen *Wilsers* zum
-Teil abweichende Ansicht, die *E. von Lippmann* in seiner »Alchemie«
-über die ältere Geschichte des Kupfers entwickelt. Die Meinungen der
-Forscher gehen hier, zumal was das Auftauchen von Kupfer in Nord- und
-Mitteleuropa betrifft, noch stark auseinander.
-
-Zu S. 50, Anm. 2: Nach *E. v. Lippmann* hat sich die Destillation aus
-unvollkommenen Anfängen entwickelt, so daß sich bestimmte Angaben
-über ihren Ursprung nicht machen lassen. Die ältesten Abbildungen und
-Beschreibungen von Destillierapparaten finden sich in Schriften, die
-angeblich im 1. Jahrh. n. Chr. entstanden sind (»Alchemie«, S. 46-48).
-
-Zu S. 60 (Ayur-Veda): Die Entstehung der Veden fällt in die Zeit von
-1500 bis 500 v. Chr. Das Wort Veda bedeutet das Wissen.
-
-Zu S. 67: Über seine Methode der Schattenmessung für beliebige Winkel
-vergleiche man *E. Hoppe*, Math. u. Astr. i. klass. Altertum (Wü).
-Danach hat *Thales* (nach *Plutarch*) seinen Stab bei irgendeiner
-Sonnenhöhe in den Endpunkt des Schattens gesteckt und gelehrt, daß die
-Schattenlänge des Stabes sich zur Schattenlänge der Pyramide verhalte
-wie die Länge des Stabes zur Höhe der Pyramide.
-
-Zu S. 80, unten: Näheres über die fünf regelmäßigen Körper (platonische
-Körper) siehe bei *E. v. Lippmann* (Alchemie, S. 127).
-
-Zu S. 90: Die früheren Angaben über die Schiefe der Ekliptik sind
-nach *v. Lippmanns* Mitteilung vermutlich babylonischer Herkunft. Ob
-tatsächlich chinesische Astronomen schon um 1100 v. Chr. den ziemlich
-richtigen Wert von 23° 52' für die Schiefe der Ekliptik kannten, bleibe
-dahingestellt (Li).
-
-Zu S. 113: Über die Frage der Echtheit der »mechanischen Probleme«
-siehe die Anm. auf S. 128.
-
-Auf S. 115 heißt es richtiger 2 : 1 statt 1 : 2.
-
-Zu S. 116: Das Wort Rückschritt ist hier nicht zeitlich zu nehmen,
-da *Leukipp* und *Demokrit* ihre Vorstellungen vor *Aristoteles*
-entwickelten.
-
-Zu S. 123: Das Nordlicht ist auch in unseren Zeiten, wenn auch sehr
-selten im südlichen Europa beobachtet worden.
-
-Zu S. 128, Anm. 2: Mit Recht warnt auch *E. Wiedemann* davor, solchen
-Vorahnungen und Andeutungen einen zu hohen Wert beizumessen. »Ich
-stehe«, bemerkt er, »ihnen sehr skeptisch gegenüber, denn man kann im
-Altertum alles finden, positiv und negativ«.
-
-Zu S. 156: Bezüglich des 14. und 15. Buches der »Elemente«, die nicht
-von *Euklid* herrühren, findet man das Nähere in *E. Hoppes* Mathematik
-und Astronomie im klassischen Altertum 1911, S. 314 u. f. (Wü).
-
-Zu S. 171 (*Archimedi*sches Prinzip): Hierzu sind die Dissertationen
-von Th. *Ibel*, Die Wage im Altertum und Mittelalter, Erlangen 1908
-und von *H. Bauerreiß* »Zur Geschichte des spezifischen Gewichtes im
-Altertum und Mittelalter«, Erlangen 1914 zu vergleichen (Wi).
-
-Zu S. 178, Anm. 2: Nach *Hoppe*, Math. u. Astr. i. klass. Altertum, S.
-283, beläuft sich der Wert des griechischen Stadiums auf 185,136 m und
-derjenige des kleinen pharaonischen Stadiums auf 174,5 m. Siehe auch
-Decourdemanche, Traité pr. d. poids et mesures. 1909. p. 134 (Wü).
-
-Zu S. 183, Anm. 1: Da der Hang zur Astrologie zu dem Bilde, das man
-sich im übrigen von *Hipparch* als kühlem Forscher macht, wenig
-paßt, so hat man seine Beschäftigung mit astrologischen Dingen wohl
-angezweifelt. Sie kann aber heute für ihn wie auch für Ptolemäos als
-erwiesen betrachtet werden.
-
-Zu S. 189: Ob *Hipparch* die stereographische Projektion kannte, ist
-nach *Hoppe*, Math. u. Astron. i. klass. Altertum nicht sicher (Wü).
-Siehe dort S. 325.
-
-Zu S. 200: Schreibweise ist Theodolit. Die Herkunft des Wortes ist
-unbekannt.
-
-Zu S. 215: Ausführliches über die Uhren findet sich bei *E. Wiedemann*
-und *J. Würschmidt* (Wü).
-
-Zu S. 228, Anm. 1: *Günther* und mit ihm auch *Würschmidt* und
-andere bevorzugen die Schreibweise Copernicus. Siehe indessen die
-Anm. 1 auf S. 403. Die erwünschte Einigung in solchen Dingen ist
-kaum herbeizuführen, da in der gesamten Literatur die verschiedenen
-Schreibweisen nebeneinanderlaufen.
-
-Zu S. 251, Anm. 1: Der *Heiberg*sche Text ist dem von *Halma*
-vorzuziehen (Wi).
-
-Zu S. 256: Über die Geschichte des Astrolabs berichtet ausführlich
-*Josef Frank* in den Sitzungsberichten der physikalisch-medizinischen
-Sozietät zu Erlangen (Bd. 50. 51. 1918/19). Die Abhandlung ist durch
-eine Anzahl Abbildungen erläutert.
-
-Das ursprünglich für die Aufnahme der Sterne bestimmte Instrument
-erhielt allmählich verschiedene Abänderungen, die alle als Astrolabien
-bezeichnet werden und sich in den älteren astronomischen Werken
-abgebildet finden.
-
-[Illustration: Einfachste Form eines Astrolabiums nach *Peschel*.
-
-(Gesch. d. Erdk. S. 386.)]
-
-Zu S. 261: Ob der Verfasser der Naturales quaestiones mit dem Tragöden
-*Seneca* identisch ist, steht immer noch nicht fest (Li).
-
-Zu S. 264, Anm. 2: Nach *E. Wiedemann* ist die »Optik« des *Ptolemäos*
-vor *Govi* wohl auch von anderen, z. B. *Venturi*, bemerkt worden.
-
-Zu S. 271: Über die Kenntnis und Verwendung von Zink und Zinn im
-Altertum siehe *von Lippmanns* »Alchemie« v. S. 577-600.
-
-Zu S. 274: Über die ersten Erwähnungen der Chemie und ihres Namens
-sowie über die Herkunft des Namens Chemie handelt *E. v. Lippmann* sehr
-ausführlich in seiner »Alchemie« S. 282-314. Etwas Sicheres läßt sich
-danach über die Herkunft des Namens »Chemie« nicht feststellen.
-
-Auch *v. Lippmann* gibt als älteste Quelle für das Vorkommen des Namens
-»Chemie« Zosimos an. Dieser gehört danach schon dem 3. Jahrhundert
-an. Er schrieb eine Anzahl griechischer Werke, die, wenn auch in
-entstellter Form, zum Teil noch erhalten sind und ausdrücklich die
-Chemie als Kunst des Gold- und Silbermachens erwähnen (Chem. Ztg. 1914,
-S. 685). Die Ableitung des Wortes Chemie von Chemes findet sich nach
-*v. Lippmann* bei Zosimos jedoch nicht.
-
-Zu S. 275: Ebenso unsicher wie die Ableitungen des Wortes »Chemie« sind
-alle Nachrichten über den »Stein der Philosophen« oder »der Weisen«.
-Nach *von Lippmann* kommt diese Bezeichnung zuerst in Schriften vor,
-die wahrscheinlich im 1. nachchristlichen Jahrhundert entstanden sind
-(»Alchemie« S. 51).
-
-Zu S. 277: Dunkel sind nach *v. Lippmann* auch die mystischen
-Beziehungen zwischen der Alchemie und der Astrologie, wie sie sich in
-der auf S. 277 gegebenen Zusammenstellung der Metalle mit bestimmten
-Planeten ausgesprochen finden.
-
-Z. S. 303: *Al Biruni* (973-1048 etwa) war Mathematiker, Astronom und
-Geograph. Er hat besonders wissenschaftliche Beziehungen der arabischen
-Welt zu Indien vermittelt.
-
-Meisterhaft schilderte *Al Biruni* die Dämmerungserscheinungen, unter
-denen auch das Zodiakallicht deutlich erkennbar ist.
-
-Die kupferrote Mondfarbe, die bei einer totalen Mondfinsternis infolge
-des Erdscheins auftritt, vermochten weder *Al Biruni* noch die übrigen
-arabischen Astronomen zu erklären. (Nach Meyerhofs Sammelbericht; S. S.
-314.)
-
-Zu S. 304: *Albattanis* Werk wurde von *Nallino* arabisch und
-lateinisch in trefflicher Bearbeitung herausgegeben (Wi).
-
-Z. S. 310: Zu *Marcus Graecus'* Schrift schreibt *v. Lippmann*: »Sie
-ist erst um 1250 verfaßt. *Berthelots* Angabe, *Marcus Graecus* habe
-den Salpeter gekannt, ist ganz unhaltbar. *Diels* ist ihm mit Unrecht
-gefolgt«. (Li.)
-
-Z. S. 310, unten: Man kann ein ganzes Verzeichnis der Umschreibungen
-des Namens *Alchwarizmi* zusammenstellen. *Ruska* (Zur ältesten
-arabischen Algebra und Rechenkunst, Heidelberg 1917) führt etwa ein
-Dutzend solcher Umschreibungen an.
-
-Der vollständige Name lautet Muhammed ibn Musa Alchwarizmi.
-
-Z. S. 311: Ausführlicher über *Ibn Musa* handelt die Schrift von
-*Ruska*: Zur ältesten arabischen Algebra und Rechenkunst, Heidelberg
-1917 (Sitzungsber. d. Heidelb. Akad. d. Wissensch.).
-
-Nach *Ruska* sind über die Grundlagen der arabischen Algebra viele sich
-ausschließende Ansichten geäußert worden. Eine genauere Vergleichung
-der Texte und der Übersetzungen war danach nötig. Eine Algebra im
-heutigen Sinne hat *Ibn Musa* nicht geschrieben. Sein Buch will
-weiter nichts sein, als eine auf zahlreiche Musterbeispiele gestützte
-Einführung in das angewandte Rechnen (a. a. O. S. 7). Woher *Ibn Musa*
-seinen Stoff hat, deutet er nirgends an.
-
-Die verschiedenen Übersetzungen der Ausdrücke algabr und almukabalah
-vermögen keine klare Vorstellung von ihrem mathematischen Sinn zu
-geben. *Cantor* spricht von Wiederherstellung und Gegenüberstellung,
-*Ruska* dagegen von Ergänzung und Ausgleichung. In dem Abschnitt, der
-von den sechs Formen der Gleichungen handelt, wird nämlich gesagt, daß
-jede andere Gleichung durch das erwähnte Verfahren auf eine der sechs
-Normalformen gebracht werden könne.
-
-Zu S. 314: Bezüglich der Optik der Araber kommt der neueste Standpunkt
-in *Meyerhofs* zusammenfassenden Abhandlungen zum Ausdruck (Wi):
-Siehe *M. Meyerhof*, »Die Optik der Araber« i. d. Zeitschrift f.
-ophthalmologische Optik. Berlin, Verlag v. J. Springer 1920.
-
-Z. S. 314: In Ergänzung der im vorliegenden Werk gegebenen Darstellung
-sei nach diesem Sammelbericht noch auf folgendes hingewiesen:
-
-Die Verfasser der seit dem 8. Jahrhundert in arabischer Sprache
-entstandenen Literatur waren zum allergeringsten Teile Araber, dagegen
-vorwiegend Perser, Syrer, Ägypter, Mesopotamier, und zwar nicht nur
-Mohammedaner, sondern auch Christen und Juden.
-
-Die bedeutendste optische Schrift der Araber, der Thesaurus Opticae
-des *Alhazen* (Ibn al-Haitham) ist zwar seit dem 13. Jahrhundert der
-abendländischen Welt bekannt. Die genauere Erforschung der arabischen
-Optik auf Grund der Übersetzung der Urtexte erfolgte jedoch erst in den
-letzten Jahrzehnten und zwar auf ophthalmologischem Gebiete durch *J.
-Hirschberg*, auf physikalischem durch *E. Wiedemann*. Leider ist der
-arabische Urtext der Optik *Alhazens* trotz aller Bemühungen bisher
-noch nicht gefunden worden.
-
-Die Lebensgeschichte *Alhazens* ist von *E. Wiedemann* getreulich nach
-den arabischen Gelehrtenbiographien dargestellt worden. (Archiv f. d.
-Gesch. d. Naturw. u. d. Technik 1910. 3, S. 1-53.)
-
-Die Übersetzung ins Lateinische, welche der *Risner*'schen Ausgabe
-zugrunde liegt, ist vermutlich im 13. Jahrhundert entstanden.
-
-Eine genauere Inhaltsangabe der 7 Bücher gibt *M. Meyerhof* in seinem
-Sammelbericht in der Zeitschr. f. ophthalmolog. Optik. VIII (1920) Heft
-3.
-
-Z. S. 315: Bei der Darstellung der Anatomie des Auges stützt sich
-*Alhazen* im wesentlichen auf *Galen*. Wie er unterscheidet er 3
-Feuchtigkeiten (Kammerwasser, Linse, Glaskörper) und 4 Häute. Die Linse
-verlegt auch *Alhazen* in den Mittelpunkt des Auges.
-
-Z. S. 316: Im Gegensatz zu den meisten Griechen und seinen arabischen
-Fachgenossen stellt *Alhazen* vollbewußt die Theorie auf, daß das Sehen
-durch Strahlen zustande kommt, die in gerader Linie vom Gegenstande zum
-Auge hinziehen (*Meyerhof*, a. a. O. S. 42).
-
-Z. S. 317: Daß das Licht zu seiner Fortpflanzung Zeit gebraucht, glaubt
-*Alhazen* daraus schließen zu dürfen, daß die Farben des Farbenkreisels
-(der schon *Ptolemäos* bekannt war) bei rascher Umdrehung nicht mehr
-einzeln unterschieden werden (a. a. O. S. 43).
-
-Z. S. 318: Daß die Gestirne in der Nähe des Horizontes größer
-erscheinen als im Zenit erklärt *Alhazen* als eine optische Täuschung.
-Diese entstehe dadurch, daß das Auge die Größe der Gegenstände nach
-derjenigen des Gesichtswinkels und der mutmaßlichen Entfernung
-schätzt. Letztere erscheint am Horizont wegen der dazwischen
-liegenden Gegenstände größer. Aus dem gleichen Grunde erscheine das
-Himmelsgewölbe abgeplattet (a. a. O. S. 45).
-
-Die erste Erwähnung der Dunkelkammer findet sich in der von *E.
-Wiedemann* übersetzten Schrift *Alhazens* »Über die Gestalt des
-Schattens«. Es heißt dort nämlich: »Tritt das Licht der Sonne zur Zeit
-ihrer Verfinsterung aus einem engen runden Loche heraus und gelangt zu
-einer gegenüber liegenden Wand, so hat das Bild Sichelgestalt«. Den
-Beweis gibt *Alhazen* durch eine ausführliche Abhandlung (Übersetzt v.
-*E. Wiedemann*). Sein Kommentator *Kemal al-Din*, der etwa 300 Jahre
-später lebte, entwickelt die Theorie der Camera sehr eingehend. *J.
-Würschmidt* nimmt an, daß die abendländischen Gelehrten die Erfahrungen
-der Araber über die Dunkelkammer übernahmen.
-
-Die Tatsache, daß bei einer Sonnenfinsternis hinter einer engen Öffnung
-ein sichelförmiges Bild der Sonne entsteht, war schon im Altertum
-bekannt.
-
-In seiner Schrift »Über Brennspiegel nach Kegelschnitten«
-(herausgegeben von *J. L. Heiberg* und *E. Wiedemann*, Bibl. math. III.
-Folge, Bd. 10, Heft 3) erwähnt *Alhazen* die Beobachtung der Alten,
-daß Spiegel von der Form eines Umdrehungsparaboloids alle Strahlen in
-einem Punkte vereinigen und wirksamer sind, als alle anderen Spiegel.
-Die Entdeckung soll von *Diokles* um 350 v. Chr. gemacht worden
-sein. *Alhazen* vermißt die theoretische Konstruktion, die er dann
-vollständig gibt. Indessen hatte schon *Appollonios* die richtige Lage
-des Brennpunktes bei paraboloiden Hohlspiegeln festgestellt.
-
-Z. B. 318: Einen guten Überblick über den Stand, den die Augenheilkunde
-bei den Arabern erreicht hatte, gibt eine von *C. Prüfer* und *M.
-Meyerhof* in der Zeitschrift »Der Islam« (6. Jahrg. 3. Heft 1915)
-herausgegebene ausführliche Abhandlung über diesen Gegenstand.
-
-Z. S. 319: Daraus, daß in dieser Tabelle der Alkohol fehlt, schließt
-von *Lippmann*, daß man um 1120 den Alkohol noch nicht kannte. Nach ihm
-ist dieser gar keine arabische Entdeckung, sondern eine verhältnismäßig
-späte abendländische. Bisher war man allgemein der Ansicht, daß der
-Alkohol schon seit dem 9. Jahrhundert den Arabern bekannt gewesen sei.
-
-Über die Geschichte des Aräometers siehe auch *v. Lippmanns* Abhandlung
-in der Chemiker-Zeitg. 1912, Nr. 68.
-
-Z. S. 319: »Über Wagen bei den Arabern« handelt *E. Wiedemann*
-(Sitzsber. d. Phys. Mediz. Soziet. in Erlangen Bd. 37, 1905, S. 388
-u. f.). *Wiedemann* berichtet dort von der Verwendung physikalischer
-Kenntnisse zu allerhand Betrügereien. So stellte man Wagen her, deren
-Balken hohl war und etwas Quecksilber enthielt. In einem arabischen
-Werk, das eine Reihe von Taschenspielerkunststücken schildert, heißt
-es: »Soll das Gold leicht erscheinen, so läßt man das Quecksilber nach
-der Seite der Gewichte fließen«. Auch dadurch wurde betrogen, daß der
-Bankier einen Ring trug, in dem sich ein Magnetstein befand. Diesen
-brachte er beim Wägen in geeigneter Weise an die eiserne Zunge der
-Wage. Daß derartige Betrügereien recht alt waren, geht auch daraus
-hervor, daß schon der Koran dagegen eifert.
-
-Zu S. 318 und 327: *Al Qazwini* und *Al Khazini* sind zwei verschiedene
-arabische Schriftsteller. *Al Khazini* lebte um 1130. Von ihm rühren
-die sehr genauen Bestimmungen einer Anzahl von spezifischen Gewichten
-her. *Al Qazwini*, der Verfasser des Steinbuches, lebte etwa hundert
-Jahre später. Er schrieb eine große Erdbeschreibung: »Die Wunder der
-Schöpfung und die Denkmäler der Länder«. Sein vollständiger Name
-lautet: *Zakarija ibn Muhammad ibn Mahmud al-Qazwini*.
-
-Die arabischen Steinbücher enthalten auch Vorschriften zur Gravierung
-von Planetenbildern auf die den einzelnen Planeten zugeteilten Steine.
-Bei jedem der sieben Planeten wird angegeben, bei welcher Konstellation
-das genau beschriebene Planetenbild in den dem Planeten geweihten Stein
-graviert werden soll und welche Wirkung das Amulett hat, wenn noch
-gewisse rituelle Vorschriften erfüllt werden. Dem Saturn entspricht
-ein Stein in einem Ring aus Blei, dem Mars ein Stein in einem Ring aus
-Eisen usw. Näheres bei *J. Ruska*, Griechische Planetendarstellungen
-in arabischen Steinbüchern. (Sitzgsber. d. Heidelb. Akad. d. Wiss.,
-Heidelberg 1919.)
-
-Zu S. 320, 8. Z. v. oben: Neben Spanien verdient Sizilien Erwähnung, da
-auch von hier aus die arabische Wissenschaft dem Abendlande übermittelt
-wurde (Wi).
-
-Z. S. 322: Über *Geber* berichtet ausführlicher und dem Ergebnis der
-neuesten Forschungen entsprechend *v. Lippmann* in seiner »Alchemie«.
-
-Zu S. 322: Nach *v. Lippmann* ist der Alkohol eine Erfindung des
-Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert gemacht wurde
-und zwar wahrscheinlich in Italien (Alchemie 472). Das Wort »Kohol«
-bezeichnet ursprünglich ein sehr feines Pulver. Al ist der arabische
-Artikel. Näheres siehe bei *v. Lippmann*, Chemiker-Zeitung 1913, S.
-1313, ebd. 1917, S. 865.
-
-Z. S. 325: Es sei bemerkt, daß die Gleichungen unter 2) nur zur
-Erläuterung dienen. Die Salzsäure, durch die hier die Zerlegung bewirkt
-wird, war damals noch nicht bekannt.
-
-Z. S. 326: Wunderbare Wirkungen wurden dem Stein der Weisen indessen
-auch schon von den frühesten griechischen Alchemisten beigelegt (Li).
-
-Zu S. 327, unten: Es muß jedoch anerkannt werden, daß die Araber recht
-gute botanische Kenntnisse besaßen (Wi).
-
-Z. S. 330: Über die medizinischen Kenntnisse bei den Arabern hat
-ausführlich G. Seidel in den Sitzungsber. d. phys. med. Sozietät in
-Erlangen berichtet (Bd. 47, S. 1915).
-
-Z. S. 352: Die *Albertus Magnus* zugeschriebenen, eigentlich
-alchemistischen Werke sind nach v. *Lippmann* Fälschungen.
-
-Zu S. 390: Inbezug auf die Optik *Lionardos* sei auf *Werners* in
-Erlangen erschienene Dissertation hingewiesen. *Werner* weist nach,
-daß sich in den optischen Studien *Lionardo da Vincis* zahlreiche
-Andeutungen finden, die auf seine Bekanntschaft mit den Schriften
-*Alhazens* schließen lassen.
-
-Zu S. 401: »Ortus« wird im Mittelalter häufig statt »Hortus« gebraucht.
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] *Berthold* hat diese Arbeit nicht vollendet. Sie wurde später
-*Gerland* (-1800) und *Würschmidt* (1800-1900) übertragen.
-
-[2] Die Verwandtschaft des Ägyptischen mit dem Semitischen wurde
-besonders durch *Erman* dargetan, der die ältesten Verbalformen
-verglich und zahlreiche Übereinstimmungen auffand. Daß der
-altägyptische Typus von dem der Neger stark abweicht, hat *Virchow*
-durch die Untersuchung der Königsmumien nachgewiesen (Ber. d. Berl.
-Akad. von 1888).
-
-[3] Siehe auch *Wiedemann*, Ägyptische Geschichte 1884. S. 22, sowie
-*E. Meyer*, Geschichte des Altertums 1. Bd. 1909. S. 44.
-
-[4] Näheres über den Namen und über die Geographie des alten Ägyptens
-findet man in *Paulys* Realencykl. d. klass. Altertumswiss. Bd. I. S.
-978.
-
-[5] *G. Maspero*, Gesch. d. morgenländischen Völker im Altertum.
-Leipzig 1877. S. 63.
-
-[6] So entstand z. B. aus der Eule [Symbol: Eule], die in der
-Hieroglyphenschrift _m_ bedeutet, das Zeichen [Symbol: ähnlich einer
-3] (hieratisch) und schließlich [Symbol: geschwungener, nach rechts
-geneigter Halbkreis] (demotisch). Der demotischen Schrift bediente man
-sich in der griechisch-römischen Zeit besonders im Verkehr.
-
-[7] Z. B. *Athanasius Kircher* (1601-1680), der sich auch um die
-Naturwissenschaften verdient gemacht hat (s. a. anderen Stellen dieses
-Werkes).
-
-[8] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. 1909. I. Band. S. 54. Siehe
-auch an späterer Stelle dieses Bandes.
-
-[9] Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft. 1904. S.
-386.
-
-[10] Nach *Nissen* und *Lockyer*. Siehe die Abhandlung *Charliers*
-i. d. Zeitschr. der morgenl. Gesellschaft. 1904. S. 386 u. f. Danach
-wiederholte sich ähnliches bei den älteren christlichen Kirchen. Ihre
-Achse wurde mitunter gegen den Punkt des Horizontes gerichtet, an
-welchem die Sonne am Gedenktage des Heiligen der betreffenden Kirche
-unterging. *Charlier* will auf diese Weise das Alter von Kirchen auf
-astronomischem Wege bestimmt haben.
-
-[11] *M. Cantor*, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Bd. I
-(1880). S. 59.
-
-[12] *G. Maspero*, Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum.
-Übersetzt von *R. Pietschmann*. Leipzig 1877. S. 54.
-
-[13] Um ihre Entzifferung hat sich zuerst *Thomas Young* und später
-*Champollion* die größten Verdienste erworben.
-
-[14] *Lepsius*, Denkmäler II. 50.
-
-[15] In Tell el-Amarna in Mittelägypten.
-
-[16] *Herodot* II. 109.
-
-[17] H. *Hankel*, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten
-Jahrhunderten. Tübingen 1869.
-
-[18] Der Papyrus Rhind des Britischen Museums in London, den der
-Schreiber *Ahmes* des Hyksoskönigs Ra-a-us verfaßte. Die Entstehung
-dieser Schrift fällt zwischen 1700 und 2000 v. Chr. Das Dokument wurde
-übersetzt und erläutert herausgegeben von *Eisenlohr*, Leipzig 1877.
-Eine eingehende Besprechung seines Inhalts findet sich in M. *Cantors*
-Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S.
-19-52.
-
-[19] J. *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 52.
-
-[20] *Eisenlohr*, Ein mathematisches Handbuch der alten Ägypter (2.
-Ausgabe). S. 46-48.
-
-[21] Schak im 38. und 40. Band der Zeitschrift für ägyptische Sprache.
-
-[22] *Cantor* im Archiv für Mathematik und Physik. 8. Bd. 1904.
-
-[23] *Cantor*, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I (1880). S. 37.
-
-[24] Näheres über das Verfahren und die erhaltenen Exemplare siehe bei
-*Cantor*, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 43-45; 109-112
-usw.
-
-[25] *Cantor*, Bd. I. S. 46.
-
-[26] *Eisenlohr*, Papyrus. S. 125.
-
-[27] *Cantor*, Bd. I. S. 58. Abb. 6 u. 7.
-
-[28] *M. Cantor*, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 59.
-
-[29] *Cantor*, a. a. O. Bd. I. S. 59. Siehe auch S. 9.
-
-[30] Er lautet Seqt. Siehe *Cantor*, Gesch. d. Mathem. Bd. I S. 52,
-sowie *Eisenlohr*, a. a. O. S. 135 (Anm. 3).
-
-[31] *Tropfke*, Gesch. d. Elementarmathematik. Bd. I. S. 74.
-
-[32] *C. Merkel*, Die Ingenieurtechnik im Altertum. Berlin. J.
-Springer. 1900. An dies größere Werk lehnen sich die »Bilder aus der
-Ingenieurtechnik« an, die *Merkel* als 60. Bändchen der Sammlung »Aus
-Natur und Geisteswelt« veröffentlichte (B. G. Teubner. Leipzig 1904).
-
-[33] Ist doch bekannt, welche Mühe es kostete, den Obelisken von
-Heliopolis auf dem Platze vor der Peterskirche in Rom mit Hilfe
-zahlreicher Göpel und Flaschenzüge aufzurichten. Dieser Obelisk ist
-eine einzige Steinmasse von über 300000 kg Gewicht. Näheres siehe bei
-*Beck* in seinen Beiträgen zur Geschichte des Maschinenbaus. Berlin
-1899. S. 192.
-
-[34] Siehe »Der alte Orient.« I., herausgegeben von der
-vorderasiatischen Gesellschaft.
-
-[35] Ort zwischen Kairo und Theben, wo eine Anzahl Keilschrifttafeln
-entdeckt wurden. Sie befinden sich zum Teil im Museum der
-vorderasiatischen Altertümer in Berlin. In einem der Briefe (um 1400 v.
-Chr.) findet sich die erste Erwähnung Jerusalems. Die Berliner Sammlung
-enthält auch zahlreiche Tafeln der ältesten babylonischen Zeit (3000 v.
-Chr.). Bei ihrer Auffindung waren die Schriftzüge durch Auflagerungen
-unkenntlich; nach Anwendung verschiedener Reinigungsverfahren traten
-sie mit voller Deutlichkeit hervor. Erwähnenswert ist auch ein
-sumerisch-babylonisches Wörterbuch.
-
-Von den Tell el-Amarna-Tafeln gelangten etwa 200 nach Berlin; die
-wertvollsten sind in London. Siehe auch *C. Niebuhr*, Die Amarna-Zeit.
-»Der Orient« I. 2. Heft. Berlin 1899.
-
-[36] Hettitische Schriftdenkmäler wurden in Nordsyrien und in
-Boghaz-Kiri (Kappadozien) gefunden. Sie bilden einen Teil der
-Berliner Sammlung vorderasiatischer Altertümer. Die Hettiter haben
-Bedeutendes auf dem Gebiete der Metallurgie geleistet. Es ist nicht
-unwahrscheinlich, daß durch sie metallurgische Kenntnisse, z. B. die
-Art der Gewinnung des Eisens, nach Ägypten und nach Babylonien gelangt
-sind (*E. Reyer*, Altorientalische Metallurgie. Zeitschrift der
-orientalischen Gesellschaft. 1884. S. 149).
-
-[37] *Merkel*, »Die Ingenieurtechnik des Altertums«, enthält darüber
-und über den Wasserbau der übrigen alten Völker (Chinesen, Griechen,
-Römer) das Nähere.
-
-[38] *F. X. Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
-Der Inhalt der astrologischen Keilschriftfunde wurde im III. Bande
-des Londoner Inschriftenwerkes veröffentlicht. Die Übersetzung der
-astronomischen Keilschrifttafeln begann 1874.
-
-[39] *Bezold*, Ninive und Babylon, Monographien zur Weltgeschichte.
-1903. Mit 102 Abbildungen.
-
-[40] *A. H. Layard*, Niniveh and its remains (1848).
-
-[41] Die Nippurtexte wurden unter der Oberleitung *Hilprechts*
-veröffentlicht: The Babylonian expedition of the university of
-Pennsylvania, Philadelphia.
-
-[42] Siehe S. 19.
-
-[43] Beispiele führt *Cantor* Bd. I. S. 71 in größerer Zahl an.
-So heißt es Samuel I. 18: Saul hat tausend geschlagen, David aber
-zehntausend. Und an anderer Stelle: Tausend mal tausend dienten ihm
-(Daniel 7. 10).
-
-[44] Auf den Tafeln sind die Zahlen selbstverständlich ohne Zeichen
-nebeneinander gestellt.
-
-Unter den neubabylonischen Tafeln der Berliner Sammlung findet sich
-der Grundriß eines größeren Gebäudes. Auf diesem Grundriß sind die
-Abmessungen durch Zahlen nach dem Sexagesimalsystem verzeichnet, z. B.
-11 · 60 + 40 (= 700).
-
-[45] Nach *E. v. Lippmann* ist es sogar sehr unwahrscheinlich.
-
-[46] Siehe auch *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I.
-S. 76.
-
-[47] *Theo Smyrnaeus* (ed. Ed. Hiller). Leipzig 1878. S. 177.
-
-[48] *Wilhelm Spiegelberg*, Orientalistische Literaturzeitung, 1902.
-S. 6. Es fand sich unter einer großen Menge Ostraka (durch Einritzen
-beschriebene Tonscherben), welche die Straßburger Bibliothek erwarb,
-und wurde von *Spiegelberg* entziffert. Der Text ist demotisch.
-
-[49] Geht ein Gestirn gleichzeitig mit der Sonne auf, so spricht
-man von seinem heliakischen oder Frühaufgang. Dabei ist der wahre
-Frühaufgang, der wohl ermittelt, aber nicht beobachtet werden kann, von
-dem sichtbaren Frühaufgang zu unterscheiden. Letzterer Zeitpunkt tritt
-ein, wenn das Gestirn schon etwas vor dem Aufgang der Sonne erscheint,
-so daß es in der Dämmerung wahrzunehmen ist. Der Zeitunterschied
-beläuft sich auf etwa 20 Tage. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim
-heliakischen Untergang.
-
-[50] Der Beginn der ersten ägyptischen Kalenderordnung wird in
-das Jahr 4241 v. Chr. verlegt. (*E. Meyer*, Ägypten zur Zeit
-der Pyramidenerbauer. Leipzig 1908. Sendschrift der deutschen
-Orientgesellschaft.)
-
-[51] Der Sirius (Sothis) galt daher als der Stern der Isis, welche
-die Überschwemmung dadurch bewirkte, daß sie, die große Naturgöttin,
-eine Träne in den Strom fallen ließ. Siehe auch die Abhandlung »Die
-Nilschwelle« von *W. Capelle* in den neuen Jahrbüchern f. d. klass.
-Altertum. 1914. S. 317.
-
-[52] Näheres über die Sothisperiode und andere im Altertum
-gebräuchliche Ären, d. h. der Einrichtung, die Jahre von einem
-allgemein anerkannten, festen Zeitpunkt ab zu rechnen, enthält *Paulys*
-Real-Encycl. d. klass. Altertumswissensch. unter »Aera« (1898. S. 606).
-
-[53] *Ideler*, Über die Sternkunde der Chaldäer. Abhandlungen der
-Berliner Akad. d. Wissensch. 1814/15. S. 214.
-
-Wie die alten Astronomen hierbei verfuhren, hat *Pappus* in seinem
-Kommentar zum V. Buche des Almagest geschildert.
-
-[54] *K. F. Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier. In
-den Beiträgen zur alten Geschichte. Bd. I (1902). S. 350.
-
-[55] Vielleicht haben die Babylonier die Wasserwägung auf den Durchgang
-der Sonne durch den Meridian bezogen und so den durch die Schiefe der
-Sphäre bedingten Fehler vermieden.
-
-[56] Siehe *K. F. Ginzel* a. a. O. S. 351.
-
-[57] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. Bd. III. 1901. S. 132.
-
-[58] Arabischer Name des astronomischen Hauptwerkes von *Ptolemäos*.
-
-[59] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. Bd. I. S. 527.
-
-[60] *C. Bezold*, Die Astrologie der Babylonier in Bolls Sternglaube
-und Sterndeutung. B. G. Teubner, Leipzig. 1918. S. 9.
-
-[61] So erscheinen die Plejaden in der Siebenzahl auf der Stele
-(Grabsäule) eines Königs des 7. vorchristlichen Jahrhunderts.
-
-[62] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. I (2). S. 369.
-
-[63] *Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
-
-[64] Eine ausführliche Abhandlung von *Rieß* über die Astrologie im
-Altertum enthält *Paulys* Reallexik. d. klass. Altert. Bd. II (1896).
-S. 1802.
-
-[65] *A. H. Sayce*, The astronomy and astrology of the Babylonians with
-translations. London 1874. Siehe auch *Cantor* I. S. 38 (3. Aufl. 1907).
-
-[66] Nach *Simplicius*, Kommentar zu Aristoteles »De coelo«.
-
-[67] *Wolf*, Geschichte der Astronomie. S. 10.
-
-[68] *H. Suter*, Die Geschichte der mathematischen Wissenschaften.
-Zürich 1873. S. 18.
-
-[69] *R. Lepsius*, Das bilingue Dekret von Kanopus. Berlin 1866. Die
-betreffende Inschrift wurde von *Lepsius* im Jahre 1866 in Unterägypten
-gefunden.
-
-[70] Die aus dem Altertum auf uns überkommenen Nachrichten über
-die Astronomie der Babylonier hat *Ideler* zusammengestellt: Über
-die Sternkunde der Chaldäer (Abhandlungen der Berliner Akademie d.
-Wissensch. v. 1814/15).
-
-Die in *Idelers* Schrift zusammengestellten und erläuterten Fragmente
-waren bis zur Entzifferung der Keilschriftfunde, also bis 1870 etwa,
-die wichtigste Quelle für die Geschichte der babylonischen Astronomie.
-
-[71] *F. Boll*, Astronomische Beobachtungen im Altertum. Neue
-Jahrbücher f. d. klass. Altert. 1917. S. 17.
-
-[72] Siehe *Ginzel*, »Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier
-und ihre kulturhistorische Bedeutung«; in den Beiträgen zur alten
-Geschichte (Klio). 1 Bd. (1901).
-
-[73] Nach *Ginzel* a. a. O. S. 191.
-
-[74] Siehe *Ginzel* a. a. O. (Klio).
-
-[75] »Was auf diesem Gebiete die Assyriologie geleistet, gehört zu den
-erstaunlichsten Ergebnissen der Altertumsforschung und bildet einen der
-größten Triumphe der Keilschriftenentzifferung« (*Bezold*, Ninive und
-Babylon 1903. S. 89). Unter den Männern, welche die Astronomie und die
-Keilschriftenkunde in einer Person vereinigen, ist besonders *F. X.
-Kugler* zu nennen.
-
-[76] Nach *Kugler*.
-
-[77] *F. X. Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
-
-[78] Nach *Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
-
-[79] *Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
-
-[80] Wie *Geminos* mitteilt. Wann *Geminos* lebte, ist nicht genau
-bekannt (100 v.-100 n. Chr.). Er stammte aus Rhodos und schrieb eine
-Einführung in die Astronomie (εἰσαγωγὴ εἰς τὰ φαινόμενα). Eine Ausgabe
-mit deutscher Übersetzung veröffentlichte *K. Manitius*. Leipzig 1898.
-
-[81] Wie die Bewegung der Gestirne, so galt auch das Verhalten
-gewisser Tiere als Omen. In Babylon hat, nach dem Inhalt mancher
-Keilschrifttexte zu urteilen, der Skorpion in dieser Hinsicht eine
-Rolle gespielt, wie sie heute beim Volke noch der Spinne zugeschrieben
-wird. Aus dem Verhalten der Skorpione suchte man z. B. das Schicksal
-der Heere oder den Verlauf öffentlicher Angelegenheiten vorherzusagen.
-(Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin und der Naturwissensch. 1906. S.
-326.)
-
-[82] Siehe *Diodors* von Sizilien historische Bibliothek, übersetzt von
-*J. F. Wurm*. Stuttgart 1827. Buch II. Kap. 30.
-
-[83] Eingehender handelt von der kulturgeschichtlichen Bedeutung der
-babylonischen und der ägyptischen Priesterschaft *E. Meyer* im 1. Bande
-(1,_{2}) seiner Geschichte des Altertums.
-
-[84] Nach *Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel.
-Assyriologische, astronomische und, astralmythologische Untersuchungen.
-I. Buch: Entwicklung der babylonischen Planetenkunde von ihren Anfängen
-bis auf Christus. Münster 1907. S. 41.
-
-[85] Siehe *Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
-
-[86] *Kugler*, Im Bannkreis Babels. S. 57.
-
-[87] *Wolff*, Geschichte der Astronomie. S. 10.
-
-[88] *Berosos* war Priester in Babylon. Er gibt selbst an, daß er unter
-Alexander, dem Sohne Philipps, gelebt habe. Näheres siehe in *Christ*,
-Geschichte der griechischen Literatur. 1889. S. 412.
-
-[89] *K. A. v. Zittel*, Geschichte der Geologie u. Paläontologie. 1899.
-S. 2.
-
-Die Aufzeichnungen des *Berosos* (*Christ*, a. a. O.) erregten bei den
-Juden und den Christen besonderes Interesse durch die mit der Bibel
-übereinstimmenden, jetzt auch durch Keilschrifttexte bestätigten Mythen
-von der Sündflut, dem Turmbau zu Babel usw.
-
-[90] Nach *Ginzel*, Das astronomische Wissen der Babylonier. (Klio.
-1901.)
-
-[91] Nach einer von *H. Winckler* aufgestellten, jedoch sehr
-fragwürdigen Ansicht. Nach *Winckler* begann das babylonische Jahr
-mit dem Frühlingsäquinoktium. Nun wandern die Äquinoktialpunkte in
-26000 Jahren durch den ganzen Tierkreis. Der Frühlingspunkt verweilt
-somit in jedem Tierkreisbild etwa 2000 Jahre. In Anbetracht des großen
-Zeitraums, über den sich die babylonischen Beobachtungen erstreckten,
-konnte die Wanderung der Äquinoktien den Babyloniern nach *Winckler*
-nicht entgehen. Als ihre Beobachtungen, soweit Urkunden darüber
-vorliegen, begannen, befand sich der Frühlingspunkt im Stier. Im 8.
-Jahrhundert v. Chr. war die Frühjahrssonne in den Widder getreten,
-während sie jetzt schon in den Fischen steht. Damit hängt vielleicht
-zusammen, daß die Aufzählung der Sternbilder in dem bekannten Verse:
-Sunt aries taurus ... mit dem Widder beginnt. Daß die Namen der
-Tierkreisbilder zum Teil mit babylonischen Benennungen zusammenfallen,
-weist darauf hin, daß sie, wenn auch auf Umwegen, von den Babyloniern
-auf uns gelangt sind. (S. auch *Bezold*, Ninive u. Babylon. 1903.)
-
-[92] *F. H. Kugler*, Im Bannkreis Babels. Münster 1910.
-
-[93] *Ginzel*, Das astronomische Wissen der Babylonier (Klio. 1901. S.
-209).
-
-[94] Dies entspricht auch einer Angabe des *Josephus* (Antiquit. I, 8).
-Siehe auch *Kugler* a. a. O. S. 117.
-
-[95] *A. Boeckh*, Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfüße
-und Maße des Altertums in ihrem Zusammenhange. Berlin 1838.
-
-[96] Siehe den Artikel »Gewichte« von *Lehmann-Haupt* in Paulys
-Reallexikon der klass. Altertumskunde. Supplement-Bd. III. (1918.) S.
-588-654.
-
-[97] *Lehmann* ist geneigt, hier eine absichtliche Verknüpfung
-anzunehmen. Beiträge zur alten Geschichte. Bd. I. (1902.) S. 355.
-
-[98] *C. F. Lehmann*, Über die Beziehungen zwischen Zeit- und
-Raummessung im babylonischen Sexagesimalsystem (Klio. Bd. I. S. 381 u.
-f.).
-
-[99] Von anderer Seite wird bestritten, daß die alten Babylonier schon
-das Gewicht aus dem Längenmaß abgeleitet hätten und auf das Bedenkliche
-derartiger Spekulationen, wie sie *Lehmann* und besonders *Winckler*
-(s. S. 36) anstellten, hingewiesen. Siehe u. a. *E. Meyer*, Geschichte
-d. Altertums. 1909. S. 518.
-
-[100] Das Medizinalgewicht, das der Verfasser des Papyrus Ebers seinen
-Rezepten als Einheit zugrunde legt, betrug nach *F. Hultsch* (Griech.
-u. röm. Metr. 1882, S. 374 u. 376) ungefähr 6 g und das kleinste
-Gewicht namens pek 0,71 g. Vgl. *R. Lepsius*, Abhandl. d. Berliner
-Akademie, 1871. S. 41-43 und *F. Chabas*, Recherches sur les poids,
-mésures et monnaies des anc. Egypt. Paris 1876. S. 21, 38.
-
-[101] Näheres über die Geschichte der Wage, der Gewichte und des Wägens
-enthält die Schrift: *Th. Ibel*, Die Wage im Altertum und Mittelalter.
-Erlangen 1908.
-
-[102] *Lepsius*, Die Metalle in den ägyptischen Inschriften. Abhandl.
-d. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. 1871. S. 111.
-
-[103] *A. Rössing*, Geschichte der Metalle. 1901.
-
-[104] *A. de Rochas*, Les origines de la science et ses premières
-applications.
-
-[105] *Rössing*, Geschichte der Metalle. S. 11.
-
-[106] Die erste schriftliche Erwähnung findet das Zink bei
-*Paracelsus*. Er nannte es »ein gar fremdes Metall, sonderlich
-seltsamer als die anderen«.
-
-[107] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in
-spätägyptischen Gräbern gefunden. Die Römer unterschieden es als
-Plumbum candidum von dem Blei, das sie als Plumbum nigrum bezeichneten.
-
-[108] *Rössing*, a. a. O. S. 3. In manchen untersuchten Bronzen
-ist das Zinn ganz oder zum Teil durch Antimon ersetzt. Entweder
-wurde dieses Metall in Form von Antimonerz bei der Verhüttung
-der Kupfererze zugesetzt oder man war im Altertum schon mit der
-Gewinnung des metallischen Antimons vertraut. Die letztere Ansicht
-vertritt *Helm*. Siehe den Jahresbericht über die Fortschritte der
-klassischen Altertumswissenschaft 1902. III. S. 26-82. (*Stadlers*
-Literaturbericht.)
-
-Einen bei den Ausgrabungen in Sakkara zutage geförderten Bronzebarren
-von der Form, wie ihn die alten Abbildungen zeigen, untersuchte
-*Berthelot* (Comptes Rendus 1905. S. 183), Quelques métaux trouvés dans
-les fouilles archéologiques en Egypte. Dieser Barren enthielt 87,5%
-Kupfer und 11,47% Zinn. Der Rest bestand aus Blei und Patina.
-
-[109] *E. Gerland* im Archiv f. d. Gesch. d. Naturw. u. d. Technik.
-1910. S. 304.
-
-[110] Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der
-Naturwissenschaften. 1909. S. 300.
-
-[111] *L. Wilser* in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und
-der Naturwissenschaften. 1907. S. 487. Nach *A. Ludwig* stammt das Wort
-aus dem Hebräischen (Zeitschr. f. d. Kunde des Morgenlandes. 1905. Bd.
-XIX. S. 239-240).
-
-[112] *Rössing*, Geschichte der Metalle. S. 14, sowie die Abhandlung
-Eisen und Stahl in Indien von Dr. *E. Schultze* im Archiv f. d. Gesch.
-d. Naturw. u. d. Technik. 1910. S. 350.
-
-[113] *A. H. Layard*, Niniveh and its remains. London 1849.
-
-[114] *A. C. Kisa*, Die Erfindung des Glasblasens. Jahrbuch für
-Altertumskunde I. S. 1.
-
-[115] *Herodot* II. 84.
-
-[116] *Kodex Hammurabis.* Siehe Mitteilungen z. Geschichte d.
-Medizin u. d. Naturwissenschaften. 1903. Heft 1. S. 90. *Hammurabi*
-(*Chammurabi*) regierte von 1958-1916. Er hat die herrschenden
-Rechtsgrundsätze zusammengestellt. Das Gesetzbuch *Hammurabis* wurde
-1901 gefunden.
-
-[117] Die Staroperation, der man bisher ein Alter von etwa 2000 Jahren
-zuschrieb, ist infolge dieser Erwähnung in der Gesetzessammlung
-*Hammurabis* um weitere 2000 Jahre zurückzudatieren. Siehe *H.
-Magnus*, Zur Kenntnis der im Gesetzbuche des *Hammurabi* erwähnten
-Augenoperationen. Deutsche med. Wochenschrift. 1903. Nr. 23.
-
-Es läßt sich mit Bestimmtheit annehmen, daß diese Gesetze schon vor
-ihrer Kodifizierung durch lange Zeiträume hindurch Geltung besaßen. Der
-118. Paragraph der Sammlung *Hammurabis* lautet:
-
-»Wenn ein Chirurg jemandem eine schwere Wunde mit dem kupfernen
-Skorpionpfriemen macht und den Menschen tötet oder den Star eines
-Menschen mit dem kupfernen Skorpionpfriemen öffnet und das Auge des
-Menschen wird zerstört, seine Hände soll man ihm abhauen.«
-
-[118] *Diodor*, I. 82, 3.
-
-[119] In einem altbabylonischen Texte wird Bilsenkraut als »die
-Pflanze, welche die Glieder lähmt« und »Fett vom Baume« (Harz)
-empfohlen. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1904. S.
-221.
-
-[120] *F. v. Oefele*, Zwei medizinische Keilschrifttexte in Urschrift,
-Umschrift und Übersetzung. (Mitteil. zur Gesch. der Med. u. d.
-Naturwissensch. 1904. S. 217 u. f.)
-
-[121] *H. A. Nielsen*, Die Straßenhygiene im Altertum. Arch. f.
-Hygiene. Bd. 43 (1902). S. 85-115.
-
-[122] Eine Liste der in Ägypten und in Palästina angebauten Pflanzen
-enthält die Abhandlung von *Warburg*, »Geschichte und Entwicklung der
-angewandten Botanik« (Berichte der Deutschen botanischen Gesellschaft.
-1901. S. 153). Für Ägypten kommen unter anderen in Betracht: drei
-Weizenarten, zwei Gerstenarten, Knoblauch, Porree, Schalotten,
-Lein, Papyrus, Ölbaum, Weinstock, Dattel, Feige, Melonen, Kürbis,
-Artischocke, Spargel, Rettich, Ackererbse, Pferdebohne, Linse, Kohl,
-Fenchel, Anis, Absynth, Schlafmohn, Rizinus, Granatapfel. Die meisten
-dieser Pflanzen wurden auch in Palästina angebaut, wo man auch schon
-das Pfropfen verstand. Als Werkzeuge sind der Pflug, die Egge, Sicheln,
-Hecheln und Dreschbretter nachgewiesen.
-
-[123] Im Papyrus Ebers finden sich einige Andeutungen, die erkennen
-lassen, daß die alten Ägypter die Heilung von Wunden durch Nähte
-förderten. Die erste Beschreibung dieses Verfahrens findet sich bei
-*Celsus*. Siehe *Gurlts* Geschichte der Chirurgie, sowie *Erhardt*,
-Die in der Chirurgie gebräuchlichen Nähte und Knoten in historischer
-Darstellung. (*Volkmanns* klin. Vorträge Nr. 580/81.)
-
-[124] Tierärztliches Zentralblatt. 1903. Nr. 18.
-
-[125] *R. Burckhardt*, Geschichte d. Zoologie. S. 12. Leipzig,
-Göschensche Buchhandlung. 1907.
-
-[126] *Eduard Meyer*, Ägypten zur Zeit der Pyramidenerbauer. Leipzig
-1908. (Sendschrift der deutschen Orientgesellschaft.)
-
-[127] *v. Hehn*, Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergange aus
-Asien. Berlin 1902. S. 520.
-
-[128] *Gerland* und *Traumüller*, Geschichte der physikalischen
-Experimentierkunst. Engelmann, Leipzig 1899. S. 9.
-
-[129] *Meyer*, Geschichte der Chemie. S. 16.
-
-[130] Ein ausführlicher Artikel über Industrie und Handel im Altertum
-findet sich im 9. Bande von Paulys Reallexikon, S. 1381-1535. Der
-Verfasser ist *Gummerus*.
-
-[131] Von den Vorstellungen der Alten über Indien handelt sehr
-ausführlich *Wecker* in Paulys Reallexik. d. klass. Altert. Bd. IX.
-(1914). S. 1264-1325. Die beste Darstellung der antiken Kenntnisse über
-Indien findet sich in der »Geographie« des *Ptolemäos* (s. a. spät.
-Stelle).
-
-[132] Nach *Arrian*.
-
-[133] *Lassen*, Indische Altertumskunde. II. 511.
-
-[134] *Cantor*, I. 509.
-
-[135] *Bürk* in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen
-Gesellschaft. Bd. 55 u. 56.
-
-[136] Kap. I. 4. in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen
-Gesellschaft. 56. Bd. (1902.) S. 328.
-
-[137] Die Konstruktion von Altären unter Verwendung rechtwinkliger
-Dreiecke, deren Seiten sich wie ganze Zahlen verhalten, geht vielleicht
-in das 8. vorchristliche Jahrhundert zurück. Mitteil. z. Geschichte d.
-Medizin u. Naturwissenschaften. 1906. S. 473.
-
-[138] Vor allem des Apastamba Sulbasutra.
-
-[139] Siehe *Zeuthens* Bemerkungen in der Biblioth. mathem. (3. Folge).
-V. 97-112.
-
-[140] *Cantor*, Über die älteste indische Mathematik. Arch. f. Math.
-und Physik. 1904.
-
-[141] Ap. Sulb. Sutra. III. 2. Zeitschr. d. morgenl. Gesellsch. Bd. 55
-u. 56. Abhandlung *Bürks*.
-
-[142] Siehe S. 19.
-
-[143] *Cantor*, Über die älteste indische Mathematik i. Arch. f. Math.
-u. Phys. 8. Bd. (1904).
-
-[144] Siehe S. 6.
-
-[145] *Cantor*, a. a. O. S. 71.
-
-[146] *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 98.
-
-[147] Siehe *Arneth*, Die Geschichte der reinen Mathematik. S. 143.
-
-[148] *Cantor*, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 540.
-
-[149] Sie findet sich bei *Aryabhatta* (geb. 476 n. Chr.), dem ältesten
-indischen Astronomen, dessen Schriften auf unsere Zeit gekommen sind.
-
-[150] Das Nirukta.
-
-[151] *Roth*, »Indische Feuerzeuge«. Zeitschrift der morgenländischen
-Gesellschaft. 1889.
-
-[152] *Aristophanes*, Wolken. v. 766 u. f. *Aristophanes* erzählt
-dort, ein Schuldner habe seinen Gläubiger dadurch geprellt, daß er die
-Wachstafel, welche die Forderung enthielt, mittelst einer der Linsen
-geschmolzen habe, die zum Erzeugen von Feuer gebraucht würden.
-
-[153] Über die »Schießpulverfrage im alten Indien«, siehe die
-Mitteilungen zur Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1905. S. 1 u. f.
-
-[154] *Hoernle*, Studies in the Medicine of ancient India. Oxford 1907.
-
-[155] *E. v. Lippmann*, Abhandlungen und Vorträge. 1906.
-
-[156] *Berendes*, Das Apothekenwesen, seine Entstehung und
-geschichtliche Entwicklung. Stuttgart 1907.
-
-[157] Ein Sanskrittext, der sich gegen den Genuß des Fleisches, der
-gegohrenen Getränke und gegen die geschlechtliche Liebe wendet, findet
-sich in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft,
-Jahrg. 1907, in der Übersetzung wiedergegeben.
-
-[158] *S. Hirschberg*, Der Starstich der Inder. Zeitschr. f. prakt.
-Augenheilk. Januarheft 1909.
-
-[159] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. I. S. 413.
-
-[160] Siehe auch *W. Förster*, Die Astronomie des Altertums und
-Mittelalters. Berlin 1876.
-
-[161] *Wolff*, Geschichte der Astronomie. S. 11.
-
-[162] Der Jesuitenorden, dem ja neben der Verteidigung auch die
-Verbreitung des katholischen Glaubens oblag, ließ sich schon im 16.
-Jahrhundert in den außereuropäischen Ländern nieder. In China gewann
-er besonderen Einfluß dadurch, daß er für die Kalenderrechnung, die
-dort sehr in Unordnung geraten war, eine Neuordnung auf astronomischer
-Grundlage schuf. Eine solche Neuordnung war deshalb sehr wichtig, weil
-man eine verworrene Zeitrechnung als ein ungünstiges Omen für die
-Verwaltung und damit die Zukunft des Staates ansah.
-
-[163] *Baden-Powell*, History of natural philosophy. London 1834. S. 11.
-
-[164] Siehe auch *H. Löschner*, Über Sonnenuhren. Beiträge zu ihrer
-Geschichte und Konstruktion nebst Aufstellung einer Fehlertheorie. Graz
-1905.
-
-[165] Mitteilungen zur Gesch. der Medizin und der Naturwissenschaften.
-1908. S. 351.
-
-[166] Näheres enthält die Abhandlung *R. Ehrenfelds* in den
-Mitteilungen zur Gesch. der Medizin und der Naturwissenschaften. 1908.
-S. 144 u. f.
-
-[167] Auch *H. Winckler* wendet sich in einer Abhandlung über die
-Bedeutung der Phönizier für die Kulturen des Mittelmeeres (Zeitschr.
-f. Sozialwissenschaft. 1903. Bd. IV. Nr. 6 u. 7) gegen die Auffassung,
-als ob die Phönizier die Buchstabenschrift erfunden hätten. Er ist
-der Ansicht, daß sich das Verständigungsmittel geistigen Lebens an
-dessen Mittelpunkt entwickelt haben wird und die phönizische Schrift
-im Anschluß an die Keilschriftliteratur entwickelt ist. Übrigens haben
-auch die arischen Perser die zu monumentalen Inschriften beibehaltene
-Keilschrift zu einer Buchstabenschrift umgestaltet (*L. Wilser* in den
-Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. Naturwissensch. 1905. S 32). Die ältesten
-uns erhaltenen Inschriften im griechischen Alphabet und in griechischer
-Sprache gehen kaum über den Anfang des 7. vorchristlichen Jahrhunderts
-hinaus. Siehe *Beloch*, Griechische Geschichte. Bd. I. 2. S. 2. 1913.
-
-[168] *K. Suter*, Geschichte der mathemat. Wissenschaften. Zürich 1878.
-
-[169] Im Archiv für Geschichte der Philosophie (1902. S. 311) hat
-*Peithmann* in einer Abhandlung über die Naturphilosophie vor Sokrates
-neuerdings die Anschauung zu begründen versucht, daß *Thales*
-sich nicht als Philosoph, sondern nur als Astronom und Ingenieur
-verdient gemacht habe. Nach *Peithmann* hat es den Anschein, daß erst
-Aristoteles den Thales unverdientermaßen zu einem Philosophen gemacht
-hat. Die Ansicht wird nach *v. Lippmann* jedoch nicht allgemein
-anerkannt.
-
-[170] *Cantor*, Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S. 113.
-
-[171] A. a. O. S. 114.
-
-[172] Ein Verzeichnis der von den antiken Schriftstellern erwähnten
-Finsternisse findet sich in *Paulys* Reallexikon der klass.
-Altertumswiss. im 6. Bande auf S. 2352-2364. Dort findet sich auch
-(S. 2339-2364) ein ausführlicher, von *Boll* verfaßter Beitrag
-über die Finsternisse. Die erste verbürgte Nachricht betrifft eine
-Mondfinsternis, die am 19. 3. 721 in Babylon beobachtet wurde.
-
-[173] Siehe oben S. 35.
-
-[174] *Thales* hat die am 18. Mai 603 eingetretene große
-Sonnenfinsternis wahrscheinlich in Ägypten beobachtet. Er konnte
-deshalb damit rechnen, daß etwas mehr als 18 Jahre später eine neue
-Finsternis stattfinden würde. Sie fand denn auch am 22. Mai 585 statt
-(*H. Diels*, Antike Technik. 1914. S. 3). Siehe auch *J. Zech*,
-Astronomische Untersuchungen über die wichtigsten Finsternisse, welche
-von den Schriftstellern des Altertums erwähnt werden. Leipzig 1853.
-
-[175] Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 5.
-
-[176] Nach *Plutarch*, Vol. III, pag. 174, ed. Didot, sowie nach
-*Plinius* XXXVI. 12.
-
-[177] *A. Forbiger*, Handbuch der alten Geographie. I. 44.
-
-[178] *Aristot.*, Metaphys. I, 3.
-
-[179] *Zeller*, Die Philosophie der Griechen. Bd. I. (5. Aufl.) S. 35.
-
-[180] *E. Meyer*, Alte Geschichte. Bd. IV. 1901. S. 199.
-
-[181] *Zeller*, Die Philosophie der Griechen. 5. Aufl. Bd. I. S. 769.
-
-[182] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. I (1854). S. 45.
-
-[183] *Zeller*, Über die griechischen Vorgänger Darwins. Abhandlungen
-d. kgl. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. 1878. S. 115.
-
-[184] *E. Meyer* a. a. O.
-
-[185] So heißt es bei *Plutarch*, Strom. VII. Dox. Gr. S. 581.
-
-[186] S. auch *Windelband*, Die Lehre vom Zufall. Berlin 1870.
-
-[187] *A. Brieger*, Die Urbewegung der Atome und die Weltentstehung bei
-Leukipp und Demokrit. Halle 1884.
-
-[188] *E. Meyer*, Alte Geschichte. Bd. V. 1902. S. 340.
-
-[189] Gesammelt durch *Mullach*, Berlin 1843. (Völlig veraltet; s. auch
-Diels' »Vorsokratiker«).
-
-Ist auch die Zahl der authentischen Fragmente nur klein, so sind wir
-über *Demokrits* Lehren doch besser unterrichtet als über die Ansichten
-zahlreicher anderen Philosophen. Man hat mit Recht bemerkt, daß er
-eifriger ausgeschrieben als abgeschrieben wurde (*F. A. Lange*, Gesch.
-d. Materialismus. 1873. Bd. I. S. 11). Zumal durch *Aristoteles* und
-durch *Lukrez* sind wir mit *Demokrits* Anschauungen ziemlich genau
-bekannt. Selbst in der Überlieferung erscheinen sie als »so klar und
-folgerichtig, daß sich das kleinste Bruchstück mit Leichtigkeit dem
-Ganzen einfügen läßt« (*Lange*, a. a. O.).
-
-[190] *Lucretius Carus*, De rerum natura. S. an späterer Stelle dies.
-Buches.
-
-[191] 5. Buch. 181-194.
-
-[192] 5. Buch. 419 u. f.
-
-[193] *Cardanus*, De subtilitate. lib. XI. (Cardani operum tom. III.
-Lugduni 1663. p. 549.) Auf diese Stelle machte mich *Leopold Löwenheim*
-aufmerksam. Siehe auch die von ihm herausgegebene Schrift: Die
-Wissenschaft Demokrits und ihr Einfluß auf die moderne Naturwiss. Von
-*Louis Löwenheim*. Berlin 1914.
-
-[194] Über diese Zusammenhänge siehe auch die soeben erwähnte Schrift
-*Löwenheims*.
-
-Über den Einfluß, den die demokritischen Anschauungen auf die weitere
-Entwicklung der Wissenschaften ausgeübt haben, wurden von *Louis
-Löwenheim* eingehende Untersuchungen angestellt. *Löwenheims* Arbeit
-ist bisher nur im Auszuge (s. S. 74 Anm. 2) veröffentlicht. Sie ist
-dem Verfasser nach dem Erscheinen seines Werkes durch den Sohn des
-verstorbenen Forschers im Manuskript zugestellt worden, um bei einer
-neuen Auflage berücksichtigt zu werden. Dies konnte an mehreren Stellen
-dieses Bandes geschehen.
-
-[195] *Fr. Schultze* in der Zeitschrift Kosmos. 1877. 8. u. 9. Heft.
-
-[196] Siehe auch *H. C. Liepmann*, Die Mechanik der
-Leukipp-Demokritischen Atome. Leipzig 1885.
-
-[197] *Schaubach*, Anaxagorae fragmenta. Lipsiae 1817. *Mullachius*,
-Fragm. phil. graec. Parisiis. I u. II. 1860-1867. Vor allem aber
-*Diels'* »Vorsokratiker«.
-
-[198] D. h. Vernunft, hier Weltvernunft.
-
-[199] Es besaß die Größe eines Mühlsteins und wird auch von *Plutarch*
-und *Plinius* erwähnt.
-
-[200] *Anaxagoras* nahm an, daß die Sonne mehrere Male so groß sei
-wie der Peloponnes und daß der Mond ihr an Größe etwa gleich komme.
-Letzterer sei wie die Erde ein Wohnsitz lebender Wesen.
-
-[201] *Lange*, Geschichte des Materialismus. Bd. I. S. 57.
-
-[202] Man darf den hier gerügten Mangel der Alten aber auch nicht
-übertreiben, wie es z. B. *Du Bois Reymond* (Kulturgeschichte und
-Naturwissenschaft) getan hat. Daß das Experiment auch im Altertum
-eine Rolle spielte, und zumal bei den Alexandrinern zu wichtigen
-Ergebnissen führte, darf nicht verkannt werden. Im Mittelalter
-waren insbesondere die Araber bemüht, die ihnen von den Griechen
-übermittelten Wissenschaften durch experimentelle Untersuchungen weiter
-auszubauen. Siehe auch *E. Wiedemann*, Über das Experiment im Altertum
-und Mittelalter (Unterrichtsblätter für Mathem. und Naturwissensch.
-1906. Nr. 4-6).
-
-[203] *Cantor*, Geschichte der Mathematik. 1880. Bd. I. 128 u. 158.
-
-[204] Näheres siehe bei *Diels*, Antike Technik, S. 21.
-
-[205] *H. Vogt*, Die Geometrie des Pythagoras. Siehe Bibl. math. (3.
-Folge) 9. Bd. S. 15 u. f. Danach sind neuerdings auch Zweifel erhoben,
-ob Pythagoras mit der Konstruktion der fünf regulären Körper schon
-vertraut gewesen. Auch mit dem Begriff des Irrationalen wurden die
-Griechen wahrscheinlich erst viel später bekannt.
-
-[206] Die Griechen haben schon über die Entwicklung der Mathematik
-geschrieben. Eudemos, ein Schüler des Aristoteles, verfaßte eine
-Geschichte der Astronomie und der Geometrie, die bis auf wenige, auch
-die erwähnten Angaben über Thales enthaltende Bruchstücke verloren
-gegangen ist. Ferner schrieb Theophrast von Eresos eine Geschichte der
-Mathematik. Sie ist leider ganz verloren gegangen (*Suter*, Geschichte
-der mathematischen Wissenschaften. 1873. S. 21). Die Fragmente des
-Eudemos wurden von *L. Spengel* gesammelt und herausgegeben: Eudemi
-fragmenta, quae supersunt. Berlin 1866. Zu erwähnen ist auch Menon. Er
-war gleichfalls ein Schüler des Aristoteles und schrieb eine Geschichte
-der Medizin. Die erhaltenen Bruchstücke veröffentlichte *Diels* (Suppl.
-Arist. III, 1. Berlin 1893).
-
-[207] *Tropfke*, Geschichte der Mathematik. II. S. 5.
-
-[208] *Proclos*, ed. *Friedlein*. S. 379.
-
-[209] *Tropfke*, II. 88.
-
-[210] Nach Angaben von *Platon* (Timäos) und *Vitruv* (De
-architectura). Näheres siehe *Tropfke*. II. 400.
-
-[211] H. *Vogt*, Die Entdeckungsgeschichte des Irrationalen. Biblioth.
-mathemat. 10. Bd. S 97.
-
-[212] Siehe *Paulys* Reallex. d. klass. Altert. Bd. VIII.
-
-[213] Über Hippokrates siehe *Brettschneider*, Die Geometrie und die
-Geometer vor Euklid. Leipzig 1870.
-
-[214] Antiphon um 430 v. Chr. Siehe *Cantor*, Vorlesungen zur
-Geschichte der Mathematik. I. 172. (1880.)
-
-[215] Die wichtigsten Mitteilungen über die verschiedenen Wege, wie
-die Alten das delische Problem lösten, verdanken wir dem *Eutokios*,
-welcher die Schriften des *Archimedes* kommentierte, *Archimedes*, ed.
-*Heiberg*, III., S. 104.
-
-[216] Diese Konstruktion, welche Eutokios in seinen Erläuterungen zu
-*Archimedes* bringt, wird *Platon* zugeschrieben. *Archimedes*, ed.
-*Heiberg*, III., S. 66-70.
-
-[217] Näheres bringt die von *Cantor* (Bd. I. S. 199) nach Eutokios
-gegebene Darstellung der von Menächmos gefundenen Sätze.
-
-[218] Ging man ähnlich wie bei der Ableitung der Parabel vor, stellte
-aber die Bedingung, daß von den an die Gerade anzutragenden Rechtecken
-stets ein Stück übrig bleibt, so ergab sich als geometrischer Ort
-die Ellipse (ἐλλείπειν heißt übrig bleiben). Überragten dagegen die
-Rechtecke die Gerade, so ergab sich die Hyperbel (ὑπερβάλλειν heißt
-überragen).
-
-[219] Hippias von Elis.
-
-[220] Näheres *Cantor*, I. 167.
-
-[221] *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. S. 5.
-
-[222] Beide Sätze werden Platons Schüler Eudoxos von Knidos
-zugeschrieben.
-
-[223] Diese Entdeckung wird auf *Aristaeos* (um 320 v. Chr.), der
-ebenfalls der platonischen Schule angehörte, zurückgeführt. Er soll
-auch das erste Werk über die Kegelschnitte geschrieben haben. *Cantor*
-I, 211.
-
-[224] Eine ausführliche Darstellung mit zahlreichen Literaturangaben
-enthält *Paulys* Realenzykl. f. d. klass. Altertum in Bd. II. (1896.)
-S. 1828-1862. Sie rührt von *Hultsch* her.
-
-[225] *F. Cumont*, Babylon und die griechische Astronomie. Neue
-Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 1.
-
-[226] *Aristophanes*, Wolken. 615-619.
-
-[227] Es ist wahrscheinlich, daß *Meton* sich hierzu der Tabellen
-bediente, welche die Chaldäer Jahrhunderte vorher für die Mondbewegung
-und die Finsternisse entworfen hatten.
-
-[228] Das Wichtigste über die Hilfsmittel, welche im Altertum für die
-Zeitmessung zur Verfügung standen, bringt die Realenzykl. d. klass.
-Altertumswiss. von *Pauly-Wissowa-Kroll* (8. Bd. Sp. 2416-2433) in dem
-Beitrag »Horologium« von *A. Rehm*.
-
-[229] Der Name Ekliptik (ἑκλειπτικός κύκλος) ist im Altertum erst spät
-in Gebrauch gekommen.
-
-[230] Um 560 v. Chr. Siehe auch *Darmstädter*, Handbuch der Geschichte
-der Naturwissenschaften.
-
-[231] Derartigen Versuchen, die Abstände der Planeten in eine
-mathematische Regel zu fassen, begegnet man bis ins 18. Jahrhundert
-(Titiussche Regel; 1766).
-
-[232] *August Boeckh*, Philolaos des Pythagoreers Lehren nebst den
-Bruchstücken seines Werkes. Berlin, Vossische Buchhandlung. 1819.
-
-[233] *Schiaparelli*, Die Vorläufer des Kopernikus im Altertum. 1873.
-Übersetzt von *Curtze*.
-
-[234] Dies gilt z. B. von Anaxagoras, der nach der Begründung der
-pythagoreischen Schule lebte.
-
-[235] *Schiaparelli*, a. a. O. S. 7.
-
-[236] *Platon* erklärte im »Timäos«: »Vom Ganzen, welches kugelförmig
-ist, zu behaupten, daß es einen Ort unten, den anderen oben habe, ziemt
-keinem Verständigen« (siehe »Timäos«, 62 u. 63).
-
-[237] Er lebte etwa von 390-310 und war den Pythagoreern in mancher
-Hinsicht geistesverwandt. Er verfaßte zahlreiche Schriften, von
-denen nur die Titel und Fragmente bekannt sind. Letztere den Titeln
-zuzuweisen, ist schwierig und oft nicht möglich. Über *Herakleides*
-siehe auch *Gomperz*, Griechische Denker. I, 98.
-
-[238] Siehe die spätere Darstellung und Abbildung des Tychonischen
-Systems.
-
-[239] *Vitruv*, De architectura. Von den meisten Schriftstellern wird
-der Ursprung dieser Lehre den Ägyptern zugeschrieben. *Koppernikus*
-selbst kannte sie durch *Martianus Capella* (siehe an späterer Stelle
-bei *Koppernikus*).
-
-[240] *Platons* »Timäos«. 38.
-
-[241] Siehe S. 93.
-
-[242] Ein ausführlicher, von *Boll* herrührender Beitrag über die
-Fixsterne findet sich in *Paulys* Realenzyklopädie f. d. klass. Altert.
-VI. Bd. S. 2407-2431.
-
-[243] *Platons* Phaedon. cap. 58. Leipzig, Wilhelm Engelmann. 1852.
-
-[244] *Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 5.
-
-[245] Ausg. v. *Sturz*, Vers 160-163. Seine Worte lauten: »Jetzt
-zuvörderst vernimm des Alls vierfältige Wurzeln: Feuer und Wasser und
-Erd' und des Äthers unendliche Höhe. Daraus ward, was da war, was da
-sein wird, oder was nun ist.«
-
-[246] *Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 51.
-
-[247] *Plut.* V. cap. 26.
-
-[248] *Aristoteles*, De gen. animalium. Bd. I. S. 23.
-
-[249] *Aristoteles*, De part. anim. I. S. 640a.
-
-[250] *Aristoteles*, De generatione animalium. V. 8.
-
-[251] *Diogenes Laertius* IX. 47.
-
-[252] *E. Dacqué*, Der Deszendenzgedanke u. seine Geschichte. München
-1903.
-
-[253] Die auf *Epikur* und *Demokrit* zurückzuführenden Verse des
-*Lucretius* lauten folgendermaßen:
-
-Denn wer nur immer sich jetzo erfreut der belebenden Lüfte, Den hat
-entweder List oder Stärke beschützt oder Schnelle Seit seiner frühesten
-Jugend und so sein Geschlecht stets erhalten. Viele jedoch existieren,
-die unserem Schutz es verdanken, Daß sie erhalten blieben, dem sichern
-Verderben entrissen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- Denen jedoch von alledem nichts die Natur hat
-gegeben, Daß sie aus eigener Kraft vermochten ihr Leben zu fristen,
-Diese sind selber zur Beute geworden.
-
-
-
-[254] *E. Meyer*, Geschichte d. Altert. Bd. IV. 1901. S. 205.
-
-[255] Über die den *Alkmäon* betreffenden Fragmente siehe die Angaben
-von *Meyer* in seiner Geschichte des Altertums Bd. IV. 1901. S. 207.
-
-[256] *Th. Beck*, Hippokrates' Erkenntnisse. Jena 1907.
-
-[257] *Platons* Protagoras. Kap. III.
-
-[258] *Hippokrates* aus Kos lebte um 400 v. Chr.
-
-[259] Als Corpus Hippocraticum sind der Nachwelt etwa 100 griechische
-und 30 lateinische Schriften übermittelt worden. Mit völliger
-Sicherheit lassen sich nur wenige Bücher auf *Hippokrates* selbst
-zurückführen. Man hat übrigens nie alle für echt gehalten. Näheres
-siehe in dem sehr ausführlichen Beitrag über Hippokrates in *Paulys*
-Reallexik. d. klass. Altert. Bd. VIII (1913). S. 1801-1852.
-
-[260] *Beck*, Hippokrates' Erkenntnisse. Jena 1907. Das Werk enthält
-außer einer Untersuchung über die Entstehung und die Bedeutung der
-Hippokratischen Sammlung eine Auslese der wertvollsten Stellen mit
-Bezugnahme auf die moderne Heilkunde.
-
-[261] *Haeser*, Geschichte der Medizin. Bd. I (1875). S. 141.
-
-Nach den Ansichten, die *Platon* im »Timäos« entwickelt, bewirkt das
-Herz die Verknüpfung der Adern. Es ist die Quelle des durch alle
-Glieder heftig herumgetriebenen Blutes. Zur Abkühlung des Herzens
-dienen die Lungen.
-
-[262] In der lateinischen Fassung von *Schiller* seinen »Räubern« als
-Motto vorangestellt: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat. Quae
-ferrum non sanat, ignis sanat.
-
-[263] R. *Burckhardt*, Geschichte der Zoologie. S. 18.
-
-[264] *Stahr*, Das Leben des Aristoteles, als I. Teil von *Stahrs*
-Aristotelia. Halle 1830.
-
-[265] Sein Vater *Nikomachos* war Leibarzt des Königs Amyntas von
-Mazedonien.
-
-[266] *E. Meyer*, Gesch. d. Altertums. V. Bd. 1902. S. 338.
-
-[267] *Zeller*, Die Philosophie der Griechen. Bd. II, 2. S. 172.
-
-[268] Ein Talent hatte in Reichsmünze den Wert von etwa 4700 Mark.
-
-[269] *Zeller*, Die Philosophie der Griechen. Bd. II, 2. S. 33.
-
-[270] *Heller*, Geschichte der Physik. Bd. I. S. 48.
-
-[271] Gedruckt wurden die Schriften des *Aristoteles* zuerst im Jahre
-1473 in Rom, und zwar in lateinischer Übersetzung. 1493 erschien die
-erste gedruckte griechische Ausgabe. Augenblicklich gilt als beste die
-im Auftrage der Berliner Akademie der Wissenschaften veranstaltete
-Ausgabe von *Bekker*. Eine griechisch-deutsche (unvollendete) Ausgabe
-rührt von *Prantl* her. Sie erschien in Leipzig bei Wilhelm Engelmann
-und wurde der hier gegebenen Darstellung der aristotelischen Lehren
-besonders zugrunde gelegt.
-
-[272] Diese Schrift ist indessen als nichtaristotelisch erkannt.
-
-[273] *Zeller*, Die Philosophie der Griechen.
-
-[274] Ein Beispiel dafür findet sich nach Eucken in de gener. et corr.
-(328,_{23}). *Aristoteles* meint dort, wenn ein großes Quantum mit
-einem sehr kleinen vereinigt werde, so entstehe keine Mischung, sondern
-das kleinere schlüge in das größere um. So werde ein Tropfen Wein in
-zehntausend Maß Wasser geradezu zu Wasser.
-
-[275] Eine Zusammenstellung der auf die Mathematik bezüglichen Stellen
-hat schon *Biancani* veröffentlicht: Aristoteles loca mathematica. 1615.
-
-[276] *E. Haas*, Grundfragen der antiken Dynamik (Archiv f. d.
-Geschichte d. Naturwiss. u. d. Technik. 1908. 1. Heft).
-
-[277] Mit *Haas* a. a. O. (Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u.
-Technik. 1908. S. 47.)
-
-[278] Besonders bei *Plutarch* und bei *Lukrez*.
-
-[279] *Haas* a. a. O. S. 44.
-
-[280] Daher lautet der Titel des Werkes auch »Quaestiones mechanicae«.
-
-[281] Mechanische Probleme. Ausg. von *Poselger* 1881. S. 34.
-
-[282] *Haas*, Antike Lichttheorien (Archiv für Geschichte d. Philos.
-20. Bd. 1907. 3. Heft.)
-
-[283] *Aristoteles*, Über die Sinne. Kap. II.
-
-[284] *Wilde*, Über die Optik der Griechen. Berlin 1832.
-
-[285] Die aristotelische Schrift über die Farben gilt allerdings nach
-neueren Untersuchungen als unecht.
-
-[286] *Haas*, a. a. O. S. 386.
-
-*Platon* hatte die Lehre von den Sehstrahlen und den Abbildern zu einer
-Theorie der Zusammenstrahlung (Synergie) verschmolzen.
-
-[287] *Wolff*, Geschichte der Astronomie, S. 42.
-
-[288] Nach der Ausgabe von *Prantl*.
-
-[289] Nach *Diog. Laertius* VIII, 26, der aber wenig zuverlässig ist.
-
-[290] Nach der Übersetzung von *Prantl*, *Aristoteles'* vier Bücher
-über das Himmelsgebäude. Leipzig 1857. Verlag von W. Engelmann. S.
-180-181.
-
-[291] De coelo II, 4.
-
-[292] *Schiaparelli*, Le sfere omocentriche di Eudosso, di Calippo e
-d'Aristotele. Mailand 1876; deutsch von *Horn*. Abhandl. z. Gesch. d.
-Math. 1. Heft.
-
-[293] Siehe *Wolff*, Geschichte der Astronomie. S. 195.
-
-[294] Siehe *Martin Behaim*, 1492.
-
-[295] De coelo II, 7.
-
-[296] De coelo II, 8.
-
-[297] De coelo II, 9.
-
-[298] De coelo II, 8.
-
-[299] *Kaiser*, Der Sternenhimmel. Berlin 1850.
-
-[300] Daß *Nietzsche* dieser ἀποκατάστασις genannten Lehre einen
-besonderen Wert beilegte, ist bekannt genug.
-
-[301] E. v. *Lasaulx*, Die Geologie der Griechen und Römer. München
-1851. S. 32.
-
-[302] Auch im Neuen Testament findet sich ein Anklang an diese Lehre
-(Apostelgeschichte 3. 21).
-
-[303] S. *Günther*, Die antike Apokatastasis. Sitzungsber. d. k. bayer.
-Akad. d. Wissensch. math. phys. Kl. 1916. S. 83-111.
-
-[304] Kap. 4 u. 5.
-
-[305] *Arist.*, Meteor. I, 14.
-
-[306] Ähnliche Anschauungen entwickelten auch *Strabon* und
-*Eratosthenes*. S. a. spät. Stelle. *Strabon* knüpfte seine Theorien
-an seine Kenntnis der vulkanischen Erscheinungen an, während
-*Eratosthenes* von der Beobachtung von Versteinerungen im Innern der
-Kontinente ausging.
-
-[307] Die Begründung, die *Aristoteles* hierfür gibt, sei übergangen.
-Er spricht von der Blütezeit und dem Alter der einzelnen Teile der
-Erdoberfläche.
-
-[308] *Aristoteles* führt dann des Näheren aus, weshalb die Erinnerung
-an solche Vorgänge selbst im Gedächtnis der Völker, die vor dem
-eindringenden Meere zurückwichen oder in neuentstandene Länder
-einwanderten, nicht festgehalten worden ist.
-
-[309] *Barthélemy St. Hilaire* erklärt diese Darlegungen des
-Aristoteles in der Vorrede zu seinem Werke »Météorologie d'Aristote«.
-Paris 1863, für geradezu bewunderungswürdig.
-
-[310] *Ovid* hat diesen Gedanken in seinen »Metamorphosen« in
-poetischer Form zum Ausdruck gebracht (XV, 260 u. f.). Es heißt dort:
-
-260 So auch hat gar oft sich gewendet der Gegenden Schicksal. Ich
-sah selber als Meer, was fester und trockener Boden Vormals war; ich
-sah aus Wogen gewordene Länder. Fern ab lagen vom Meer in der See
-einheimische Muscheln, 265 Und man entdeckte sogar auf Gebirgshöhen
-Anker der Vorzeit. Was erst Ebene war, das schuf der Gewässer
-Herabsturz Um zum Tal, und der Berg ward niedergeschwemmt in die
-Fläche. Vordem sumpfiges Land ist lechzend von trockenem Sande, 269
-Während von stehendem Sumpf feucht ist, was früher gedürstet.
-
-Zu 265: *Pomponius Mela* berichtet, im Innern Numidiens seien »Reste
-von Schnecken, von den Fluten abgeschliffenes und von Strandsteinen
-nicht unterscheidbares Gestein, in Felsen haftende Anker(?), sowie
-andere Zeichen dafür gefunden worden, daß einst das Meer bis in diese
-Gegend gereicht habe«.
-
-[311] Diodori bibliotheca historica I, 39. Dieser Darstellung der
-geologischen Ansichten *Demokrits* ist die oben erwähnte Schrift
-*Löwenheims* (siehe S. 75) zugrunde gelegt.
-
-[312] *Aristoteles* bemerkt an dieser Stelle, daß er es lächerlich
-finde, wenn einige annehmen, die Sonne werde durch die feuchten Dünste
-ernährt und mache deswegen ihren Umlauf, da ihr nicht immer dieselben
-Orte die Nahrung liefern könnten.
-
-[313] So sagt *Plutarch*: »Die Insel Pharos, die einst eine Tagfahrt
-von Ägypten entfernt war, ist jetzt ein Teil des Landes. Sie bewegte
-sich aber nicht an das Land heran, sondern das dazwischen liegende Meer
-wich vor dem, festes Land bildenden Flusse zurück.« Weiter bemerkt
-*Plutarch*: »Ägypten war nämlich ein Meer. Daher findet man noch jetzt
-viele Muscheln in den Schächten und auf den Bergen. Alle Quellen und
-Brunnen haben salziges und bitteres Wasser als Rest des ehemaligen
-Meeres« (*Plutarch*, »Über Isis und Osiris«, herausgegeben von Parthey,
-Berlin 1850. S. 70 u. 71).
-
-[314] Auch *Platon* entwickelte schon die Lehre von den vier Elementen,
-sowie Ansichten über die Stoffe, aus denen sich die Mineralien, die
-Pflanzen und die Tiere zusammensetzen. Alchemistische Vorstellungen
-begegnen uns bei *Platon* und bei *Aristoteles* noch nicht, dennoch
-sind ihre Lehren von der Natur der Stoffe von großem Einfluß auf
-die Entstehung der Alchemie gewesen. Näheres hierüber enthält die
-Abhandlung O. E. v. *Lippmanns*, Chemisches und Physikalisches aus
-*Platon* (Journal für praktische Chemie, Bd. 76. S. 513 u. f.). Siehe
-auch v. *Lippmanns* Abhandlungen und Vorträge zur Gesch. d. Naturwiss.
-Bd. II, Leipzig 1913.
-
-[315] Von den chemischen Kenntnissen des *Aristoteles* und seinen
-Vorstellungen handelt E. v. *Lippmann* im Archiv für die Gesch. der
-Naturwiss. u. d. Technik. 1910. Bd. 2. S. 235-300.
-
-[316] Nach der »Physik«, nach »Entstehen und Vergehen« und der
-Schrift »Über das Himmelsgebäude«. Die betreffenden Stellen hat O.
-E. v. *Lippmann* im zweiten Bande des Archivs für die Gesch. d.
-Naturwissensch. u. d. Technik zusammengestellt. Dort findet man auf S.
-235-300 eine große Zahl weiterer, die Hauptgedanken des *Aristoteles*
-wiedergebender Zitate.
-
-[317] Mechanische Probleme. S. 9 u. 32. Die in dieser Schrift
-entwickelten allgemeinen Ansichten entsprechen denjenigen der älteren
-peripatetischen Schule. Trotzdem wird die Schrift nicht für echt
-aristotelisch gehalten, weil die Probleme und Lösungen im einzelnen auf
-praktische Anwendungen hinzielen. Dies gilt nämlich als unaristotelisch
-und entspricht mehr der Richtung *Stratons*, der nach dem Tode des
-*Theophrast* die Leitung der peripatetischen Schule übernommen hatte.
-Über grundlegende kritische und erklärende Ausgaben siehe *Paulys*
-Reallex. der klass. Altertumswiss. II. Bd. (1896) S. 1012-1055
-(Aristoteles).
-
-[318] »Physik« VIII, 1 und »Metaphysik« XII, 6.
-
-Man darf solche Vorahnungen nicht zu hoch einschätzen, vor allem aber
-sie nicht den neuzeitlichen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung
-als gleichwertig zur Seite stellen. Andererseits läßt sich auch nicht
-in Abrede stellen, daß sie häufig durch die Jahrhunderte hindurch
-anregend und befruchtend gewirkt haben. Man vergleiche z. B. hierzu die
-Beziehungen des *Koppernikus* zu den alten Schriftstellern.
-
-[319] *Aristoteles*, Politik. I, 8.
-
-[320] *Aristoteles*, Zwei Bücher über Entstehen und Vergehen.
-Übersetzung von *Prantl.* Leipzig, W. Engelmann. 1857. S. 451.
-
-[321] A. a. O. S. 437.
-
-[322] *Aristoteles'* Tierkunde, kritisch berichtigter Text mit
-deutscher Übersetzung, sachlicher und sprachlicher Erklärung und
-vollständigem Index von H. *Aubert* und Fr. *Wimmer*. 2 Bände. Mit 7
-lithograph. Tafeln. Gr. 8. Leipzig, Verlag von Wilh. Engelmann. 1868.
-
-[323] *Aristoteles*, Teile der Tiere. III, 4.
-
-[324] Als Probe für die Art, wie *Aristoteles* die anatomischen
-Verhältnisse betrachtet, möge folgende Stelle aus seiner Schrift über
-die Teile der Tiere dienen (*Aristoteles*, Vier Bücher über die Teile
-der Tiere. Griechisch und Deutsch; herausgegeben von *Franzius*.
-Leipzig, W. Engelmann. 1853):
-
-»Da das Blut eine Flüssigkeit ist, so muß notwendig ein Gefäß da sein,
-für welchen Zweck die Natur die Adern bildete. Für diese muß notwendig
-ein einziger Anfang sein. Denn, wenn es sein kann, ist einer besser als
-viele. Das Herz aber ist der Anfang der Adern, denn sie entspringen
-offenbar aus diesem, nicht aber gehen sie durch das Herz hindurch, und
-dessen Beschaffenheit als eines verwandten Teiles ist aderartig.«
-
-
-
-[325] *Aristoteles*, 5 Bücher von der Zeugung und Entwicklung der
-Tiere, übersetzt und erklärt von H. *Aubert* und Fr. *Wimmer*. Leipzig,
-Verlag von W. Engelmann. 1860.
-
-[326] Nach einem von O. *Lenz* in seiner Zoologie der Griechen und
-Römer mitgeteilten Auszug. S. dort S. 519.
-
-[327] *Lenz*, a. a. O. S. 137.
-
-[328] Zwischen der von *Aristoteles* erwähnten harten und weichen Haut
-(dura und pia mater) befindet sich noch die sehr zarte Spinnwebenhaut
-(Arachnoïdea).
-
-[329] S. *Günther*, Geschichte der antiken Naturwissenschaft. Handbuch
-der klass. Altertumswissensch. Bd. V. 1. Abt. S. 100. Selbst den
-Elefanten, der bald darauf zu Kriegszwecken in die Mittelmeerländer
-eingeführt wurde, kannte *Aristoteles* nur vom Hörensagen (*Beloch*,
-Griech. Geschichte).
-
-[330] Er unterscheidet Knorpelfische (Haie) und Grätenfische.
-
-[331] Vgl. J. *Müller*, Über den glatten Hai des Aristoteles. Abhandl.
-der Berliner Akademie. 1840.
-
-[332] *Claus*, Lehrbuch der Zoologie. 1883. S. 677.
-
-[333] Der Name Insekten, welcher heute die sechsfüßigen Arthropoden
-bezeichnet, wurde von *Aristoteles* in viel weiterem Sinne gebraucht;
-er rechnete auch die Spinnentiere, sowie die Tausendfüßler und
-Eingeweidewürmer, kurz alle Geschöpfe mit Einschnitten rings um den
-Körper, zu den Insekten.
-
-[334] Im dritten Buch der Schrift »Über die Teile der Tiere«.
-
-[335] H. *Stadler* zieht einen Vergleich mit dieser Betrachtungsweise
-des Aristoteles und derjenigen moderner Biologen (Biologie und
-Teleologie, in den neuen Jahrbüchern für das klass. Altert. 1910.
-S. 147). Als Beispiel führt er folgende Stelle aus dem Lehrbuch der
-Zoologie von *Schmeil* an: »Schließt die Katze das Maul, so greifen
-die Zähne des Oberkiefers dicht an denen des Unterkiefers entlang.
-Da die Zähne aneinander vorbeigleiten, reiben sich ihre Kronen nicht
-ab, sie bleiben also stets scharf und schneidend, wie dies für ein
-Raubtier notwendig ist. Wenn die Katze gähnt, sieht man, daß ihr
-Maul weit gespalten ist. Sie vermag daher ihre Zähne tief in das
-Opfer einzuschlagen.« Ähnlich drückt sich auch *Goethe* in seiner
-Metamorphose der Tiere aus (siehe *Dannemann*, Aus der Werkstatt großer
-Forscher, 3. Aufl. W. Engelmann 1908. S. 4).
-
-[336] Tierkunde I, 69.
-
-[337] De anima. I, 4 u. 5.
-
-[338] Eine Sammlung dieser Fragmente aristotelischer Pflanzenkunde gab
-*Wimmer* heraus. Fr. *Wimmer*, phytologiae Aristotelicae fragmenta.
-Breslau 1838. Eine Übersetzung dieser Fragmente findet sich in E.
-*Meyer*, Geschichte der Botanik, Bd. I. S. 94 u. f.
-
-[339] Histor. animal VIII. cap. 1.
-
-[340] De anima. cap. 6.
-
-[341] De part. animal. 4, 5.
-
-[342] De animalibus II. cap. 1.
-
-[343] De part. animal. II. cap. 3.
-
-[344] Politic. VII. cap. 16.
-
-[345] *Diogenes Laert.* 5, 38, 51.
-
-*Diogenes Laertios* schrieb im 3. Jahrhundert n. Chr. »Zehn Bücher über
-das Leben, die Lehren und Aussprüche der in der Philosophie berühmten
-Männer«. Das Werk ist indessen nur oberflächlich und wenig zuverlässig.
-
-Von *Plutarch* rührt eine Schrift her, die unter dem Titel »Über
-die Meinungen der Philosophen« bekannt ist. Wahrscheinlich ist das
-Vorhandene nur ein Auszug einer Schrift des *Plutarch*.
-
-Trotz ihrer Unvollkommenheiten sind die erwähnten Schriften wichtige
-Quellen, weil sie über manches berichten, was anderweitig nicht mehr
-festgestellt werden kann.
-
-[346] *Diogenes* 39, 37.
-
-[347] *Cicero*, tuscul. disput. 3. 28.
-
-[348] *Diogenes* führt 227 Titel an.
-
-[349] *Zeller*, Philos. der Griechen. II. 2. S. 642.
-
-[350] Über die Schriften des *Theophrast* siehe auch *W. Christ*,
-Griechische Literaturgeschichte. Nördlingen 1889. S. 435 u. f.
-
-[351] *Theophrast*, Naturgeschichte der Gewächse, übersetzt und
-erläutert von *K. Sprengel*. 1822. Die Hauptausgabe seiner Werke rührt
-von *Wimmer* her. Breslau und Leipzig 1842-1862. Theophrasti Eresii
-Opera, quae supersunt, omnia. -- *Theophrast* fußt auf Schriften
-anderer, die jedoch nicht auf uns gelangt sind.
-
-[352] Eine Untersuchung über die einigermaßen sicher zu bestimmenden
-Pflanzen des *Theophrast* findet sich in *Sprengels* Geschichte der
-Botanik. I. S. 58-90.
-
-[353] *Strabon* sagt von den Nachrichten der Griechen über Indien: Was
-sie sahen, erkannten sie nur auf den Feldzügen im Vorbeigehen. Buch 15.
-Ausgabe von *Grosskurd*. Bd. III. S. 108.
-
-[354] *H. Bretzl*, Botanische Forschungen des Alexanderzuges. Mit 11
-Abb. und 4 Karten. Gedruckt mit Unterstützung der Kgl. Gesellschaft der
-Wissenschaften zu Göttingen. Leipzig, B. G. Teubner. 1903. 412 Seiten.
-
-[355] ἱστορίαι τῶν φυτῶν.
-
-[356] Hist. plant. IV. 7, 8. Siehe *Bretzl* a. a. O. S. 121.
-
-[357] Die Wirkung der Pflanzen auf den Menschen wird im 9. Buch
-geschildert, das aber gerade in diesen Teilen unecht ist (*H. Stadler*,
-Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 86).
-
-[358] Gesch. der Pflanzen. 1, 5.
-
-[359] Von den Ursachen der Pflanzen. 2, 14.
-
-[360] Gesch. d. Pflanzen. 8, 2.
-
-[361] *O. Warburg*, Berichte der Deutsch. bot. Gesellschaft XIX (1901).
-S. 153.
-
-[362] Ursache d. Pflanzen. I. 5, 5.
-
-[363] Περὶ λίθων. *Theophrasti* Eresii Opera. Griechisch und lateinisch
-von *F. Wimmer*.
-
-[364] *Beloch*, Griechische Geschichte. I, 1. S 212.
-
-[365] *Böckh*, Abhandlungen der Berliner Akademie. 1814/15. S. 104. Die
-von den Athenern aufgehäuften Schlacken enthalten noch 10% Blei und
-0,004% Silber; sie werden neuerdings wieder auf diese beiden Metalle
-verarbeitet. (Siehe *Dammer*, Handbuch der chemischen Technologie.
-1895. II. Band. S. 549.)
-
-[366] *H. Fühner*, Beiträge zur Geschichte der Edelsteinmedizin.
-Berichte der Deutschen pharmazeutischen Gesellschaft. 1901. S. 435 u.
-f. 1902. S. 86 u. f.
-
-Siehe auch *Lenz*, Mineralogie der alten Griechen und Römer. 1861.
-
-[367] Siehe das Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde von *O.
-Schrader* unter »Bergwerk«.
-
-[368] *C. v. Ernst*, Über den Bergbau im Laurion. Berg- und
-Hüttenmännisches Jahrbuch der k. k. Bergakademien zu Leoben und
-Pribram. 1902. Die Abhandlung stützt sich auf das Gutachten Cordellas,
-der Jahrzehnte lang die Wiederaufnahme und den Betrieb der Bergwerke
-des Laurions leitete.
-
-[369] Der Meister derjenigen, die Wissenschaft treiben.
-
-[370] Auch in der neuesten Phase der Biologie begegnet uns eine
-Wiederbelebung aristotelischer Gedanken. Siehe an späterer Stelle (Bd.
-IV).
-
-[371] *J. Tyndall*, Religion und Wissenschaft. Autorisierte
-Übersetzung. Hamburg 1874.
-
-[372] *Aubert* und *Wimmer*.
-
-[373] *Cantor*, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Bd. I. S.
-223. Leipzig 1880.
-
-[374] Genaueres über die alexandrinische Bibliothek und die übrigen
-Bibliotheken des Altertums findet man in *Paulys* Reallexikon d. klass.
-Altertums. Bd. III (1899). S. 405 u. f.
-
-[375] *Euklid* ist oft mit einem Zeitgenossen *Platons*, *Euklid* von
-Megara, verwechselt worden.
-
-[376] Vgl. auch *Cantor*, Euklid und sein Jahrhundert (Leipzig 1867).
-Eine neuere Ausgabe sämtlicher Werke Euklids rührt von *Heiberg* und
-*Menge* her (Leipzig 1883-1896).
-
-[377] *Heiberg*, Euklidstudien. S. 88.
-
-[378] Siehe die merkwürdige Anwendung, die später *Kepler* von den fünf
-regelmäßigen Körpern zur Begründung einer astronomischen Lehre machte.
-
-[379] *H. Hankel*, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten
-Jahrhunderten.
-
-[380] *Tropfke*, Gesch. d. Elementarmath. Bd. II. S. 3.
-
-[381] Mehrere Handschriften enthalten noch ein 14. und 15. Buch. Sie
-werden indessen nicht *Euklid*, sondern *Hypsikles* von Alexandria (um
-150-120) zugeschrieben. Wahrscheinlich rührt aber nur das erste Buch
-von ihm her. Beide handeln von den regelmäßigen Körpern. Näheres siehe
-bei *Cantor*, Gesch. d. Math. I (1907). S. 358.
-
-[382] Einen ausführlichen Beitrag über *Archimedes* bringt *Hultsch* in
-*Paulys* Realenzykl. d. klass. Altert. Bd. II (1896). S. 507.
-
-[383] *Hippokrates* stammte aus Chios. Er lebte in der zweiten Hälfte
-des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen.
-
-[384] Siehe S. 83.
-
-[385] Nach *Cantor* (Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 253) ist es
-wahrscheinlich, daß er von niederer Abkunft war.
-
-[386] *W. Schmidt*, Aus der antiken Mechanik (Jahrbuch für das
-klassische Altertum). Bd. 13 (1904). S. 329.
-
-Die Abbildung (Abb. 17 S. 159) ist der Heronausgabe von *Schmidt*
-entnommen (Op. II, 1. Fig. 62).
-
-[387] *O. Spieß*, Archimedes von Syrakus. Mitteilungen zur Geschichte
-der Mediz. u. Naturwiss. III. Bd. S. 230.
-
-Siehe auch *Cicero*, De rep. I, 14 und die Abhandlung von *F. Hultsch*,
-Über den Himmelsglobus des Archimedes, in Schlömilchs Zeitschr. H.
-XXII. A. 106-108.
-
-[388] *Polybios*, Geschichte. Übersetzt von *Haakh*. Stuttgart 1868. 8.
-Buch. Kapitel 5-9. *Plutarchos*: Marcellus 14-19.
-
-[389] *Cicero* erzählt diese Begebenheit (Tusculanae disputationes V.
-23) mit folgenden Worten: »Als ich in Sizilien Quästor war, fand ich
-das Grab des *Archimedes*, das die Syrakusaner selbst nicht kannten.
-Mir waren nämlich einige kleine Verse in der Erinnerung, die man auf
-dem Grabmal eingemeißelt hatte. Die Verse weisen darauf hin, daß sich
-an dem oberen Teile des Monumentes eine Kugel mit einem Zylinder
-befindet. Nun bemerkte ich unter den vielen Gräbern, die sich vor dem
-nach Agrigent führenden Tor befinden, eine kleine Säule, die nur wenig
-aus dem Gestrüpp hervorragte und auf der sich das Bild einer Kugel mit
-einem Zylinder befand. Sogleich sagte ich zu den Syrakusanern, von
-denen mich die vornehmsten begleiteten, dies sei das gesuchte Grabmal.
-Wir ließen den Platz mit Hacken erschließen und säubern. Darauf
-erschien auf der Vorderseite des Sockels jene Inschrift. Die vornehmste
-und einst so gelehrte Stadt Großgriechenlands besäße also keine
-Kenntnis von dem Grabe ihres größten Denkers, wenn nicht ein Fremder es
-ihren Bürgern gezeigt hätte.«
-
-[390] De republica I, 22.
-
-[391] So urteilt auch *H. Diels* in dem *Archimedes* gewidmeten
-Abschnitt seines Buches »Antike Technik«.
-
-[392] *Archimedes'* von Syrakus vorhandene Werke. Aus dem Griechischen
-übersetzt und mit erläuternden und kritischen Anmerkungen begleitet von
-*Ernst Nizze*. Stralsund 1824. Eine neuere Archimedesausgabe rührt von
-*Heiberg* her. Sie erschien im Jahre 1880: *J. L. Heiberg*, Archimedis
-opera omnia cum comentariis Eutocii. Leipzig, bei B. G. Teubner. Eine
-neue erweiterte Ausgabe erfolgte 1910.
-
-*Eutokios*, der einen Teil der Archimedischen Schriften kommentierte,
-lebte zur Zeit *Justinians* (um 550 n. Chr.).
-
-[393] Nach *Simplicius*. Siehe auch die Abhandlung von *W. Schmidt*
-über Isoperimetrie im Altertum (Bibl. math. 1901. S. 5).
-
-[394] *Hippias* von Elis lebte um 420 v. Chr. Seine unter dem Namen der
-Quadratrix bekannte Linie ließ *Hippias* durch die Verbindung einer
-drehenden mit einer fortschreitenden Bewegung entstehen. Mit Hilfe
-dieser Linie hoffte man zur Quadratur des Kreises zu gelangen. Näheres
-bei *Cantor*, Gesch. d. Math. I (1907). S. 197.
-
-[395] *Heiberg* entdeckte sie in einem in Konstantinopel aufbewahrten
-Palimpsest und veröffentlichte sie in der Zeitschrift »Hermes«. Berlin
-1907. S. 235 u. f.
-
-In der neuen Archimedesausgabe von *Heiberg* (1913) findet sich die
-»Methodenlehre« mit lateinischer Übersetzung (Bd. II. S. 427). Eine
-deutsche Übersetzung veröffentlichte *Heiberg* mit *Zeuthen* in der
-Bibl. mathem. III. Folge. VII (1907). S. 322 u. f.
-
-[396] *Heiberg*, a. a. O. S. 302.
-
-[397] Des *Apollonios* Schrift über die Kegelschnitte wurde 1861
-in deutscher Bearbeitung von *H. Balsam* herausgegeben. Die in
-der Ursprache erhaltenen Schriften gab *Heiberg* heraus (Leipzig
-1891-1893). Das Werk über die Kegelschnitte umfaßt 8 Bücher. Die
-ersten vier sind in der Ursprache, Buch 5-7 in arabischer Übersetzung
-erhalten. Das achte dagegen ist verlorengegangen. Eine gute Bearbeitung
-rührt von dem englischen Astronomen *Halley* her (1710), der das Werk
-unter Beifügung des griechischen Textes, soweit er vorhanden war, ins
-Lateinische übersetzte und verlorengegangene Teile zu rekonstruieren
-suchte.
-
-[398] Die ersten Ansätze zur Erforschung der Kegelschnitte finden sich
-schon bei dem im 4. Jahrhundert v. Chr. lebenden *Menächmos*.
-
-[399] Das 5. Buch.
-
-[400] Daß *Archimedes* bei Volum- und Flächenbestimmungen sich schon
-einer dem Verfahren *Cavalieris* entsprechenden Infinitesimalmethode
-bediente, und zwar neben den üblichen Beweisverfahren, hat die
-Entdeckung des »Ephodion« bewiesen (s. S. 164).
-
-[401] *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. I. S. 253.
-
-[402] Eine gekürzte Wiedergabe enthält *Dannemann*, Aus der Werkstatt
-großer Forscher. Verlag von Wilhelm Engelmann. Leipzig 1908. S. 10.
-
-[403] δός μοι ποῦ στῶ καὶ κινῶ τὴν γὴν (*Pappus* VIII, 11, ed.
-*Hultsch*).
-
-[404] Archimedes' Werke. Ausgabe von *Nizze*. S. 26 ff.
-
-[405] Die erwähnten hydrostatischen Grundgesetze finden sich in
-*Archimedes*' erstem Buch von den schwimmenden Körpern. Siehe die
-Archimedesausgabe von *Nizze*. S. 225-228.
-
-[406] *Vitruvius*, de architectura IX. Übersetzt von *V. Reber*.
-Stuttgart 1865.
-
-[407] *Euklids* Optik und Katoptrik wurde 1557 zu Paris griechisch und
-lateinisch herausgegeben. Eine neuere Ausgabe von *Gregory* erschien im
-Jahre 1703. Die Hauptausgabe rührt von *Heiberg* und *Menge* her. Bibl.
-Teubn. 1883.
-
-[408] 30. Theorem der Katoptrik *Euklids*.
-
-[409] *Euklids* Optik und Katoptrik findet sich im 7. Bande der
-Gesamtausgabe von *Heiberg* und *Menge*.
-
-[410] Gesamtausgabe Bd. 7. S. 343. Siehe auch die Abhandlung von
-*Würschmidt* in den Commemoration Essays, Oxford 1914.
-
-[411] *E. Wiedemann*, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter
-(Vortrag).
-
-[412] Gesamtausgabe Bd. 7.
-
-[413] 7. Erfahrungssatz der Katoptrik.
-
-[414] Eigentlich müßte man Sehstrahlen sagen, da nach der Vorstellung
-*Euklids* die Strahlen aus dem Auge kommen.
-
-[415] Von *Smith* und *Helmholtz*.
-
-[416] Nach *Stadler* handelt es sich hier nicht um eine Insel, sondern
-um Skandinavien (Jahrbücher f. d. klass. Altert. 1911. S. 86). Auch
-Island oder die Shetlandsinseln galten wohl für Thule. Siehe *Peschels*
-Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 2.
-
-[417] Genauere Angaben über die räumliche Begrenzung der griechischen
-und der römischen Erdkunde enthält der erste Abschnitt von *Peschels*
-Geschichte der Erdkunde.
-
-[418] Die von ihm erhaltenen Fragmente gab M. *Fuhr* heraus. Darmstadt
-1841.
-
-[419] *Beloch*, Griechische Geschichte. Bd. III. 1. Abt. S. 476 (1904).
-
-[420] *Plin.* lib. II. cap. 65. *Plinius* verweist an dieser Stelle
-auch auf die Angaben *Dikäarchs*.
-
-Aus der Angabe des *Aristoteles* würde sich für den Kaukasus eine Höhe
-von etwa 70000 m ergeben haben.
-
-[421] A. *Gercke* und E. *Norden*, Einleitung in die
-Altertumswissenschaft. II. Bd. S. 314. B. G. Teubner. 1912.
-
-[422] Siehe *Bernhardy*, Eratosthenica, Berlin 1822, eine Sammlung von
-Bruchstücken der Schriften des Eratosthenes. *Eratosthenes* starb um
-194 v. Chr. *Bernhardys* Schrift ist veraltet. Doch fehlt eine neuere
-zusammenhängende Darstellung aller Fragmente. Ferner H. *Berger*, Die
-geographischen Fragmente des Eratosthenes. Leipzig 1880.
-
-[423] Siehe S. 180.
-
-[424] Siehe auch *Günther*, Die Erdmessung des Eratosthenes (in der
-Deutschen Rundschau für Geographie und Statistik. III. Band).
-
-[425] 3 Am ersten Nilkatarakt, fast unter dem nördlichen Wendekreis
-gelegen (das heutige Assuan).
-
-[426] Alexandria liegt um 3° 14' westlich von Syene.
-
-[427] Das Skaphium. Siehe *Schaubach*, Geschichte der griechischen
-Astronomie. Tab. III. Fig. 2.
-
-[428] S. *Cantor*, Bd. I. S. 283.
-
-[429] Näheres siehe bei *Lepsius*, Das Stadium und die Gradmessung des
-Eratosthenes auf Grundlage der ägyptischen Maße, in der Zeitschrift
-für ägyptische Sprache u. Altertumskunde. 1877. 1. Heft. S. 3-8. Nach
-*Lepsius* kann es keinem Zweifel unterliegen, daß das Stadium des
-*Eratosthenes* eine Länge von 180 Metern besaß. A. a. O. S. 7. Dies war
-die Länge des griechischen Stadiums. Das ägyptische Stadium belief sich
-auf 179 Meter.
-
-[430] Siehe S. 93.
-
-[431] Siehe S. 95.
-
-[432] *Koppernikus*, De revolutionibus I, 10.
-
-[433] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
-
-[434] G. *Bilfinger*, Die antiken Stundenangaben. Stuttgart 1888. S. 74.
-
-[434] *Aristarchos*, Über die Größen und Entfernungen der Sonne und
-des Mondes. Übersetzt und erläutert von A. *Nokk*. Als Beilage zu dem
-Freiburger Lyzeumsprogramm von 1854.
-
-*Aristarchs* Schrift wurde durch eine 1488 erschienene lateinische
-Übersetzung bekannt. Den griechischen Text hat erst 1688 *Wallis* nach
-einem Manuskript veröffentlicht. Erneut wurde der griechische Text dann
-1856 durch E. *Nizze* herausgegeben. Eine Ausgabe des griechischen
-Textes mit deutscher Übersetzung wird von K. *Manitius* vorbereitet.
-
-[436] *Aristarch*, Über die Größen usw., Lehrsatz 15-18.
-
-[437] Des *Archimedes* Sandesrechnung (*Dannemann*, Aus der Werkstatt
-großer Forscher. S. 13).
-
-[438] Über *Hipparch* handelt ein Artikel von A. *Rehm* in der
-Realenzyklopädie des klassischen Altertums von *Pauly-Wissowa-Kroll*.
-8. Bd. Sp. 1666-1681.
-
-*Hipparchs* »Geographische Fragmente« wurden von H. *Berger* gesammelt
-und bearbeitet; eine weitere Sammlung von Fragmenten liegt bisher nicht
-vor. Daß sich wissenschaftliche Bedeutung wohl mit astrologischen
-Vorstellungen vereinigen läßt, hat *Hipparch* ähnlich wie später
-*Kepler* bewiesen. Im Original erhalten ist von *Hipparch* nur ein
-Jugendwerk von geringerer Bedeutung (Τῶν Ἀρατοῦ καὶ Εὐδόξου φαινομένων
-ἐξηγησέων βιβλία).
-
-[439] J. *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. S. 223.
-
-[440] Der neue Stern trat, wie auch aus chinesischen Berichten
-hervorgeht, im Sternbilde des Skorpions auf.
-
-[441] *F. Boll*, Die Sternkataloge des Hipparch und des Ptolemäos
-(Bibl. math. Jahrg. 1901. S. 185). Nach *Boll* umfaßte *Hipparchs*
-Katalog 850 Sterne.
-
-[442] Die Erscheinung erklärt sich daraus, daß die Erdachse innerhalb
-eines Zeitraums von etwa 26000 Jahren einen Kegelmantel beschreibt.
-Infolgedessen ändert der Himmelsäquator, der sich als eine Projektion
-des Erdäquators darstellt, gleichfalls seine Lage innerhalb derselben
-Periode. Der Vorgang wird als Präzession oder Vorrücken der
-Nachtgleichen bezeichnet, weil dabei der Frühlings- und der Herbstpunkt
-langsam ihren Ort im Sinne der täglichen Umdrehung ändern.
-
-[443] Mitteilungen zur Gesch. d. Mediz. u. d. Naturwissenschaften. Nr.
-53 (1913). S. 431.
-
-[444] Siehe auch S. 121 dieses Bandes.
-
-[445] *Hipparch* nahm die Dauer des tropischen Jahres zu 365 Tagen 5
-Stunden 55' an, während sie in Wahrheit 365 Tage 5 Stunden 48' 51''
-beträgt.
-
-[446] Die mittlere Entfernung zwischen den Mittelpunkten von Mond und
-Erde beträgt 60,27 Halbmesser des Erdäquators oder 384400 km.
-
-[447] Durch den in Jever geborenen *Hildericus*. Eine spätere Ausgabe
-besorgte 1819 *Halma* im Anschluß an seine Ptolemäosausgabe.
-
-[448] Genaueres über diese Messungen siehe in *Peschels* Geschichte der
-Erdkunde. München 1877. S. 43-45.
-
-[449] Die stereographische Projektion wurde auch von *Ptolemäos*
-empfohlen. Ob *Hipparch* sie kannte, ist nach *Hoppe* nicht sicher.
-
-[450] Die Erfindung der Feuerspritze wird dem *Ktesibios* (um 150 v.
-Chr.) zugeschrieben. Siehe *Vitruvius*, De architectura X, 7.
-
-[451] 1795 in der Nähe von Civitavecchia ausgegraben.
-
-[452] Einen sehr ausführlichen Artikel über *Heron* enthält *Paulys*
-Realenzyklopädie f. d. klass. Altert. Bd. VIII (1913). S. 992-1080.
-
-[453] Herons von Alexandria Pneumatica et Automata. Griechisch und
-deutsch herausgegeben von *Wilhelm Schmidt*. Teubner, Leipzig 1899.
-
-*Herons* »Pneumatik« wurde 1575 durch *Commandinus* aus dem
-Griechischen ins Lateinische übersetzt und im Druck herausgegeben
-(Heronis Alexandrini Spiritualium liber. A *Federico Commandino*
-Urbinate. Ex Graeco nuper in Latinum conversus. Urbini 1575). Der
-Urtext wurde zuerst 1693 von *Thévenot* veröffentlicht.
-
-[454] *W. Schmidt*, Aus der antiken Mechanik. Neue Jahrbücher für das
-klassische Altertum. Bd. 13 (1904). S. 329.
-
-[455] *W. Schmidt*, Die Geschichte des Thermoskops (Abhandl. z. Gesch.
-d. Mathem. Bd. VIII. S. 161-173).
-
-[456] Durch *Carra de Vaux*. Dieser gilt jedoch als wenig zuverlässig.
-
-[457] Heronis Alexandrini Opera quae supersunt omnia. Leipzig, B. G.
-Teubner. Bd. I: Druckwerke und Automatentheater, griechisch und deutsch
-herausgegeben von *W. Schmidt*. 1899. Bd. II: Herons Mechanik und
-Katoptrik, herausgegeben und erläutert von *L. Nix* und *W. Schmidt*.
-1901. Bd. III: Herons Vermessungslehre und Dioptra, griechisch und
-deutsch von *H. Schoene*. 1903.
-
-[458] *Baldo v. Urbino*.
-
-[459] Ausgabe von *Schmidt*. S. 24.
-
-[460] Ausgabe von *Schmidt*. S. 29.
-
-[461] Heronis Alexandrini spiritualium liber. Amstelodami 1680. Siehe
-auch *Mach*, Die Prinzipien der Wärmelehre. Leipzig 1896. S. 5.
-
-[462] Das »Klavier« der alten Römer (Mitteil. zur Geschichte d.
-Medizin u. Naturwiss. 1905. S. 342). Der Bau der Wasserorgeln hat
-sich während des Mittelalters im oströmischen Reich erhalten, so daß
-die Konstruktion nicht, wie man früher annahm, gegen den Ausgang des
-Mittelalters von neuem entdeckt werden mußte.
-
-[463] *Schmidt*, a. a. O. S. 133.
-
-[464] Heronis Alexandrini opera, ed. *Schmidt*. S. 475.
-
-[465] Ausgabe von *Schmidt*. Abb. 115.
-
-[466] Pappi Alexandrini collectionis lib. VIII, ed. *F. Hultsch*.
-Berlin 1878. Über die vor kurzem entdeckte arabische Bearbeitung der
-Mechanik *Herons* siehe die folgende Seite.
-
-[467] Ausgabe von *Schmidt*. Bd. II. S. 102.
-
-[468] *Papp*. Kap. X. Heron, Opera omnia, Ausgabe v. *Schmidt*. Bd. II.
-1. Teil. S. 259.
-
-[469] *Diels*, Ant. Technik, Abb. 28.
-
-[470] Näheres über derartige antike Automaten enthält *Diels'* Antike
-Technik im 3. Abschnitt. Leipzig, B. G. Teubner. 1914.
-
-[471] Von *Carra de Vaux* im Journal asiatique X, 1-2. Von dem
-griechischen Text sind nur einige Fragmente vorhanden. Bd. II der Opera
-omnia (Ausg. v. *Schmidt*) enthält die Übersetzung der Mechanik nach
-der arabischen Bearbeitung dieser Schrift *Herons*. Die Katoptrik wurde
-nach einem lateinischen Text übersetzt.
-
-[472] Journal asiatique IX, 2. S. 264 u. f.
-
-[473] Eine gute Übersicht über das physikalische Wissen *Herons* bietet
-die Programmabhandlung von *F. Knauff*, Sophiengymnasium, Berlin.
-Ostern 1900.
-
-[474] Der griechische Text wurde 1858 von *Venturi* und *Vincent* mit
-französischer Übersetzung herausgegeben, und zwar in den Notices et
-extraits des manuscrits de la bibliothèque impériale XIX, 2. Paris
-1858. Dioptra heißt etwa Sehrohr oder Instrument zum Visieren durch
-zwei sich gegenüberstehende Öffnungen (siehe die Abb. 35).
-
-[475] Sie rührt von *Hermann Schöne* her und wurde im Jahrbuch des
-Kaiserl. deutschen archäolog. Institutes (Bd. XIV. 1899. Heft 3)
-veröffentlicht.
-
-[476] Siehe Abschn. 25 des *Heron*schen Werkes sowie *Cantor*,
-Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 324.
-
-[477] Siehe *Cantor*, Geschichte der Mathematik. I (1907). S. 382 u. f.
-
-[478] Heronis Alexandrini Opera, quae supersunt omnia. Ausgabe von
-*Schmidt*. Bd. I-III. Leipzig 1889, 1900, 1903. Die »Metrika« finden
-sich im III. Bande; sie wurden von *R. Schöne* 1896 entdeckt.
-
-[479] Siehe S. 200. Anm. 3.
-
-[480] *Diels*, Antike Technik. S. 9.
-
-[481] *E. Merkel*, Die Ingenieurtechnik im Altertum. 1899. S. 151.
-
-[482] *F. Zink*, Die Entwicklung der Entwässerungen mit offenen
-Gräben und Drainagen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. --
-Drainierungsanlagen mit Tonröhren wurden in Babylonien schon um 1900 v.
-Chr. hergestellt.
-
-[483] *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 98.
-
-[484] *Haas*, Antike Lichttheorien, im Archiv für Geschichte d.
-Philosophie. 20. Bd. (1907). S. 356.
-
-[485] *Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 215.
-
-[486] Einen ausführlichen Beitrag über *Erasistratos* enthält *Paulys*
-Realenzyklopädie f. d. klass. Altertum. Bd. VI (1909). S. 333. Er rührt
-von *Wellmann* her.
-
-[487] Wie *Diels* (Antike Technik, S. 24) angibt, maß *Herophilos* den
-Puls seiner Kranken mit Hilfe einer Taschenwasseruhr.
-
-[488] *Haeser*, Geschichte der Medizin. Bd. I. S. 233.
-
-[489] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. I. S. 26.
-
-[490] Nach einem Ausspruch *Cantors* (Gesch. d. Math. Bd. I. S. 45).
-
-[491] *Cicero*, Tuscul. disput. Lib. I. 2, 5.
-
-[492] Siehe *Cantor*, Röm. Agrimensoren. Leipzig 1875.
-
-[493] Die betreffende Grabschrift wurde im XIV. Bande der II. Serie der
-Abhandlungen der Turiner Akademie veröffentlicht.
-
-[494] Siehe *Cantor*, Bd. I. S. 456.
-
-[495] In der Nähe von Regensburg.
-
-[496] Näheres siehe bei *Schmidt*, Neue Jahrbücher f. d. klassische
-Altertum. Bd. 13 (1904). S. 329. Ferner Bibl. math. 3. Folge. 4. Bd.
-Die Frage, ob die römischen Feldmesser von *Heron* abhängig waren, wird
-von *Schmidt* außer Betracht gelassen.
-
-[497] Siehe S. 4 dieses Bandes.
-
-[498] *Plinius*, Hist. nat. III. 2.
-
-[499] Ihr früherer Besitzer hieß *Peutinger*. Er lebte im Anfang des
-16. Jahrhunderts in Augsburg und erhielt die Karte von *Konrad Celtes*,
-der sie 1500 aufgefunden hatte. Entworfen wurde die Karte im Jahre 375
-n. Chr. *Celtes* war einer der bedeutendsten Humanisten Deutschlands.
-Er bevorzugte die Realien des Altertums gegenüber den literarischen
-Erzeugnissen.
-
-[500] Eine neuere Ausgabe der Karte mit Erläuterungen rührt von *K.
-Miller* her. Stuttgart 1916.
-
-[501] *Plinius*, VII. 60. Siehe auch *Bilfinger*, Die antiken
-Stundenangaben. Stuttgart 1888. S. 75.
-
-[502] *H. Löschner*, Über Sonnenuhren. Beiträge zu ihrer Geschichte und
-Konstruktion. Graz 1905. Das Buch enthält zahlreiche Quellenangaben.
-
-[503] *C. Merkel*, Die Ingenieurmechanik im Altertum. Mit 261 Abbild.
-Springer, Berlin 1903.
-
-[504] *Vitruvius*, Zehn Bücher über die Architektur. Übersetzt von
-*Reber*. Stuttgart 1865.
-
-[505] Beherzigenswert sind die Worte, welche *Diels* an sie knüpft,
-wenn er sagt, es sei der Archimedische Punkt der Pädagogik, in der
-Jugend weltoffene Anschauung und praktische Fertigkeit, verbunden mit
-Wissen und wissenschaftlicher Einsicht, zu wecken (Antike Technik,
-1914. S. 32).
-
-[506] *Terquem*, La science romaine à l'époque d'Auguste. Paris 1885.
-S. 75. Fig. 9.
-
-[507] *Gerland* und *Traumüller*, Geschichte der physikalischen
-Experimentierkunst. S. 56. Leipzig 1899. W. Engelmann.
-
-[508] *C. Köhne*, Die Ausbildung der Ingenieure in der römischen
-Kaiserzeit. Mitteil. z. Gesch. d. Medizin u. d. Naturw. 1907. S. 17.
-
-[509] Epistol. III, 5.
-
-[510] Epistol. III, 5.
-
-[511] Siehe Abschnitt 7 dieses Bandes.
-
-[512] Rerum rustic. libri tres. I. 12, 2.
-
-[513] Siehe S. 100 dieses Bandes.
-
-[514] *Haeser*, Lehrbuch der Gesch. d. Medizin. Jena 1875. 1. Bd. S.
-254.
-
-[515] *Cornelius Celsus*, Über die Grundfragen der Medizin, als 3.
-Band von *Voigtländers* Quellenbüchern herausgegeben von Dr. *Th.
-Meyer-Steineg*. *Celsus* war kein Arzt, wenn er auch eins der besten
-medizinischen Werke geschrieben hat. Er wurde wahrscheinlich in Verona
-geboren und starb in Rom.
-
-[516] Siehe *Heeger*, Zur Geschichte der Blutstillung im Altertum und
-Mittelalter (Wiener klin. Wochenschrift 1910. S. 1006 u. 1079). Über
-*Parés* Verfahren der Arterienunterbindung siehe später.
-
-[517] *Pron*, Les maladies de l'estomac et du foie et leur traitement
-dans Celse. La France Médic. 1910. S. 374.
-
-[518] Seine Vaterstadt war Prusa in Bithynien.
-
-[519] *Montigny*, Quaestiones in Plinii nat. hist. de animalibus
-libros. 1844, und *Müntzer*, Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch.
-des Plinius. 1897.
-
-[520] In einem *Plinius* gewidmeten Bande der »Klassiker der
-Naturwissenschaft und Technik«, die bei Eugen Diederichs in
-Jena erscheinen, habe ich dasjenige aus der »Naturgeschichte«
-zusammengestellt, was besonders geeignet ist, von dem
-wissenschaftlichen Geist des Altertums, soweit er sich in *Plinius*
-spiegelt, und den Errungenschaften jener Zeit ein Bild zu geben.
-Die Herausgabe ist durch den Krieg verzögert worden, wird aber
-voraussichtlich im nächsten Jahre erfolgen.
-
-[521] Eine Handschrift, nach der die übrigen angefertigt wurden, findet
-sich im Vatikan. Ein von Dr. *H. Philipp* herrührender Auszug erschien
-als 11. und 31. Band von Voigtländers Quellenbüchern.
-
-[522] Als Beispiel diene der 6. Abschnitt von *Dannemann*, Aus der
-Werkstatt großer Forscher. Leipzig, W. Engelmann. 1908.
-
-[523] *Plinius*, VII. 1.
-
-[524] Einen ausführlichen Artikel über Gartenbau im allgemeinen enthält
-*Paulys* Realenzyklopädie f. d. klass. Altert. im VII. Bande auf S.
-768-841.
-
-[525] *Plinius*, Naturgeschichte. II. 65.
-
-[526] *Plinius*, Naturgeschichte. II. 75.
-
-[527] *Koppernikus* erwähnt, er habe bei *Cicero* und *Plutarch*
-gelesen, daß die heliozentrische Lehre im Altertum Anhänger gefunden
-habe. *Copernicus*, De revolutionibus (Ausg. v. *Curtze*). S. 6.
-
-[528] *Plinius*, Naturgeschichte. II. 40.
-
-[529] A. a. O. II. 99.
-
-[530] A. a. O. II. 97.
-
-[531] A. a. O. XI. 3.
-
-[532] Nach *H. Bretzl*, Die botanischen Forschungen des Alexanderzuges.
-Leipzig 1903. Siehe auch S. 142 dieses Bandes.
-
-[533] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. 4 Bände. 1854.
-
-[534] *v. Humboldt*, Kosmos. Bd. II. 1847. S. 230.
-
-[535] *Galen* fußte besonders auf *Erasistratos*, einem der
-bedeutendsten Anatomen der vorchristlichen Zeit (geb. 280 v. Chr.),
-der auch den Bau des Gehirns untersucht haben soll. Sein Zeitgenosse
-*Herophilos* lieferte eine genaue Beschreibung des Auges.
-
-[536] *A. Hirsch*, Geschichte d. Medizin. S. 10.
-
-[537] *H. Haeser*, Lehrbuch d. Gesch. d. Medizin. Jena 1853. Bd. I. S.
-154.
-
-[538] *Galen* meint, daß man den belebenden Bestandteil der Luft, den
-er als Pneuma bezeichnet, später noch entdecken werde.
-
-[539] *Galen* war ein außerordentlich fruchtbarer und vielseitiger
-Schriftsteller. Man kennt (nach *Christ*, Geschichte der griech.
-Literatur, S. 630) mehr als 350 *Galen*sche Schriften, von denen 118
-echte und 45 zweifelhafte erhalten sind. Die meisten sind medizinischen
-Inhalts. Geschätzt war vor allem eine kurz gefaßte Therapeutik
-(τέχνη ἰατρική), die im Mittelalter unter dem Namen »Mikrotechnikum«
-bekannt war. Außerdem hat *Galen* auch Schriften philosophischen und
-grammatischen Inhalts verfaßt, z. B. Kommentare zu *Platons* »Timaeos«,
-zu *Aristoteles* und zu *Theophrast*. Die Hauptausgabe der *Galen*schen
-Schriften ist die Aldina (1525; ed. *Chartrier*, Paris 1679). Eine
-ausführliche Darstellung der Bedeutung *Galens* enthält *Paulys*
-Realenzyklopädie des klass. Altert. Bd. VII. S. 578-591.
-
-[540] *Galenos.* Sieben Bücher Anatomie des Galen. ΑΝΑΤΟΜΙΚΩΝ
-ΕΓΧΕΙΡΗΣΕΩΝ ΒΙΒΛΙΟΝ Θ - ΕΙ. Zum ersten Male veröffentlicht nach den
-Handschriften einer *arabischen Übersetzung* des 9. Jahrh. n. Chr.,
-ins Deutsche übertragen und kommentiert von Dr. med. *Max Simon*. I.
-Band: *Arabischer Text*. Einleitung zum Sprachgebrauch, Glossar mit
-2 Faksimiletafeln. LXXXI u. 362 S. gr. 8^o u. 2 Tafeln. II. Band:
-*Deutscher Text*. Kommentar, Einleitung zur Anatomie des *Galen*. Sach-
-und Namenregister. -- Leipzig, J. C. Hinrichs, 1906. LXVIII u. 366 S.
-gr. 8^o.
-
-Die ersten 8 Bücher von *Galens* Anatomie und ein Stück des 9. Buches
-sind im griechischen Urtext bekannt. In ihnen werden die Gliedmaßen,
-Kopf, Hals, Rumpf, die Organe der Verdauung und die Atmungswerkzeuge
-beschrieben. Das 9.-15. Buch, die *Simon* nach der arabischen
-Handschrift herausgegeben hat, waren bisher so gut wie unbekannt.
-Das 9. Buch bringt die Beschreibung des Gehirns. Im 10. werden die
-Augen, die Zunge und die Speiseröhre, im 11. der Kehlkopf, im 12. die
-Geschlechtsorgane beschrieben. Buch 13 handelt von den Gefäßen, Buch
-14 und 15 von den Nerven. Es handelt sich in diesen sieben Büchern
-fast überall um eigene anatomische Untersuchungen am lebenden und
-toten Tiere, wobei stets auf den Menschen bezuggenommen wird. An
-manchen Stellen wird der berühmte alexandrinische Anatom *Erasistratos*
-zitiert. Ausdrücklich wird gefordert, daß jeder, der über Anatomie
-liest, es nicht versäumen solle, die einzelnen Dinge am Tierkörper mit
-eigenen Augen anzusehen.
-
-[541] Bd. II der Ausgabe von *Simon*. S. 45.
-
-[542] Bd. II der Ausgabe von *Simon*. S. 94.
-
-Der häufig anzutreffende Zusatz *Klaudios* zu *Galenos* ist nicht
-berechtigt. Der große Arzt ist nicht *Klaudios Galenos*, sondern
-nur *Galenos* zu benennen. Siehe Mitteil. zur Gesch. d. Med. u. d.
-Naturwissenschaft. 1902. S. 3.
-
-[543] *H. Haeser*, Geschichte der Medizin. Bd. I (1875). S. 364.
-
-Unter anderem hat *Galen* schon versucht, sich eine Vorstellung von
-dem Sitz der einzelnen Funktionen des Gehirns zu machen, indem er die
-Gehirnmasse schichtenweise abtrug. Siehe *Falk*, Galens Lehre vom
-Nervensystem. Leipzig 1871.
-
-[544] Näheres siehe *Gerster-Braunfels*, Abriß der Geschichte der
-Jatrohygiene vom Altertum durchs deutsche Mittelalter bis zur Neuzeit.
-
-[545] *Dioskorides* lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Die authentische
-Namensform ist *Dioskurides*; *Dioskorides* ist aber die allgemein
-übliche. Er war Grieche und besuchte als Arzt im Gefolge römischer
-Heere viele Länder. Seine Werke wurden griechisch und lateinisch
-von *Sprengel* herausgegeben. Leipzig 1829. (Diese Ausgabe ist
-völlig überholt durch die neuere von *Wellmann*.) Sie sind in vielen
-Handschriften erhalten. Berühmt ist der mit Abbildungen versehene Kodex
-der Wiener Bibliothek aus dem 6. Jahrhundert, der in Konstantinopel
-für Maximilian II. erworben wurde. (Siehe *W. Christ*, Geschichte der
-griechischen Literatur. München 1889. S. 629.) Zu beachten ist auch
-der Artikel über *Dioskorides* von *M. Wellmann* in *Pauly-Wissowas*
-Realenzyklopädie. V. 1131.
-
-[546] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. II. S. 113.
-
-[547] Bd. II. S. 94.
-
-[548] *O. Warburg*, Geschichte der angewandten Botanik (Berichte der
-Deutsch. bot. Gesellsch. XIX [1901]. S. 159).
-
-[549] *Warburg*, a. a. O. -- Das Wichtigste über den Ackerbau
-bei den alten Völkern enthält der Artikel »Ackerbau« in *Paulys*
-Realenzyklopädie der klass. Altertumswiss. 1894. S. 261 u. f.
-
-[550] *Seneca* erwähnt solche Beete als neuere Erfindung.
-
-[551] *Cato*, De re rustica. Eine treffliche Ausgabe rührt von *Keil*
-(1892) her. *Cato* starb 149 v. Chr.
-
-[552] Auch *Marcus Terentius Varro*, der zur Zeit *Ciceros* lebte,
-schrieb ein Buch über die Landwirtschaft. Näheres siehe unter den
-Quellen des *Plinius*. *Varros* »De re rustica« wurde 1884 gleichfalls
-von *Keil* herausgegeben.
-
-[553] *L. Wittmack*, Die in Pompeji gefundenen pflanzlichen
-Reste. *Englers* Botanische Jahrbücher. 33. Bd. (1903). S. 38-63.
-Identifiziert wurden unter anderem: Allium Cepa, Amygdalus communis,
-Castanea vesca, Corylus Avellana, Iuglans regia, Lens esculenta, Olea
-europaea, Panicum italicum, Panicum miliaceum, Phoenix dactylifera,
-Pinus Picea, Pisum sativum, Prunus persica, Triticum vulgare, Vicia
-Faba, Vitis vinifera.
-
-Es handelt sich bei diesen Resten um Samen und Früchte.
-
-Auf den Wandgemälden Pompejis sind etwa 50 Pflanzen dargestellt, die
-sich identifizieren ließen, während dies bei manchen nicht möglich
-war. *Comes*, Darstellung der Pflanzen in den Malereien von Pompeji.
-Stuttgart 1895.
-
-[554] *Plutarch*, Vita Demetrii.
-
-[555] *Vergil* widmete *Lukrez* die Worte: »Felix, qui potuit rerum
-cognoscere causas«, ein Ausspruch, der später auf *Newton* angewandt
-wurde. Siehe *Vergils* Georgica II, 490.
-
-[556] Lucretius. Deutsch von *Max Seydel*. München, R. Oldenbourg,
-1881. 2. Gesang, V. 258 u. f.
-
-[557] Nach *Vitruv* dagegen werden die Quellen durch das in den Boden
-sickernde Regenwasser gespeist.
-
-[558] allerdings wohl vielfach interpolierten.
-
-[559] Quaest. natur. 1, 6.
-
-[560] *Plinius*, Hist. nat. 37, 5. Diese Stelle ist jedoch unklar und
-ihre Deutung nur unsicher.
-
-[561] *Poggendorffs* Ergänzungsband 4. S. 452.
-
-[562] Nach einer Mitteilung des *Berosos*.
-
-[563] *Seneca*, Quaestiones VII. 22 u. 23.
-
-[564] *A. v. Zittel*, Geschichte der Geologie und Paläontologie. 1899.
-S. 10.
-
-[565] *Vitruv*, De architectura 8, 3.
-
-[566] Die chemischen Kenntnisse des *Plinius* in *E. v. Lippmanns*
-Abhandlungen u. Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften.
-Leipzig 1906. Im 2. Bande der Abhandlungen und Vorträge von *Lippmanns*
-(Leipzig 1913) findet sich in der zweiten Abteilung Wichtiges über die
-chemischen und physikalischen Kenntnisse der Griechen zusammengestellt.
-
-[567] *Plinius* 36, _{64}.
-
-[568] *Plinius* 36, _{66} u. _{67}.
-
-[569] Jahresbericht über die Fortschr. d. klass. Altertumswiss. 1902.
-Bd. III. S. 26-82 (*Stadlers* Bericht).
-
-[570] *E. v. Meyer*, Geschichte der Chemie. 1914. S. 17.
-
-[571] *E. v. Lippmann*, Abhandlungen u. Vorträge z. Gesch. d.
-Naturwissenschaften. Leipzig 1906. S. 56.
-
-[572] Die bekannten Erzählungen über das »Auflösen« der glühend
-gemachten Felsen mit Essig durch *Hannibal*, u. dgl., gehen jedoch
-nach *v. Lippmann* auf die rein abergläubische Vorstellung zurück, daß
-der Essig von äußerster Kälte sei und daß deshalb das Zusammentreffen
-dieses Extrems mit der Glut des Feuers auch ganz außergewöhnliche
-Wirkungen bedinge.
-
-[573] Über die alexandrinischen Bücherschätze und deren Schicksale
-siehe auch *Ritschel*, Breslau 1838, sowie *F. Schemmel*, Die
-Hochschule von Alexandrien im 4. u. 5. Jahrh. n. Chr. Neue Jahrbücher
-f. d. klass. Altertum. 1909. S. 438. Nach der dort gegebenen
-Darstellung wurde die große Bibliothek mit ihren 400000 Bänden erst 272
-n. Chr. zerstört.
-
-[574] *Johannes Frischauf*, Grundriß der theoretischen Astronomie und
-der Geschichte der Planetentheorien. 2. Auflage. Leipzig 1903. S. 104.
-Die Änderung der Geschwindigkeit der scheinbaren Sonnenbewegung erklärt
-sich daraus, daß die Erde im Winter der Sonne näher ist als im Sommer.
-
-[575] *Frischauf*, a. a. O. S. 103.
-
-[576] Durch *Kalippos*.
-
-[577] Der exzentrische, mit dem Epizykel verbundene Kreis wurde als der
-deferierende Kreis bezeichnet.
-
-[578] Aus dem arabischen Artikel und dem ersten Wort des griechischen
-Titels (ἡ μεγίστη σύνταξις) entstanden. Die Übersetzung ins Arabische
-fand spätestens um 827 statt. Seit dem 12. Jahrhundert wurde der
-Almagest wiederholt ins Lateinische übertragen. Eine ungenügende
-Ausgabe des griechischen Textes nebst einer Übersetzung ins
-Französische veranstaltete *Halma* (2 Bde., Paris 1813-1816). Eine
-griechisch-lateinische Ausgabe besorgten *Wilberg* und *Grashof*,
-Essen 1838-1845. Unter den neueren Schriftstellern, die den Almagest
-zugänglich gemacht haben, ist neben *Heiberg* besonders *Manitius*
-zu nennen (Des Claudius Ptolemaeus Handbuch der Astronomie. Aus dem
-Griechischen übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von
-*Karl Manitius*. Leipzig 1912. B. G. Teubner).
-
-[579] Die Zahl der mit bloßem Auge sichtbaren Fixsterne beläuft
-sich auf 4-5000. *Hipparch* stellte das erste wissenschaftliche
-Fixsternverzeichnis mit Angabe der Positionen und der
-Größenverhältnisse auf.
-
-[580] Es bildet das 7. Buch des Almagest und wurde 1795, übersetzt
-und erläutert, herausgegeben von *J. E. Bode*: J. E. Bode, Claudius
-Ptolemäus' Beobachtung und Beschreibung der Gestirne. Berlin 1795.
-
-[581] Die beste Ausgabe rührt von *Halley* her. Sie erschien in Oxford
-im Jahre 1758.
-
-[582] Eine lateinische Übersetzung von *Xylander* (Basel 1575)
-vermittelte zuerst die Kenntnis von *Diophants* Werken.
-
-[583] *M. Cantor*, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 402.
-
-[584] *Diophant*, lib. VI. 19. Näheres siehe *Cantor*, I. S. 407.
-
-[585] *H. Hankel*, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten
-Jahrhunderten. S. 10.
-
-[586] Die erste brauchbare Ausgabe rührt von *Halley* her. Sie erschien
-in Oxford im Jahre 1758.
-
-[587] Aus *Repsold*, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge.
-1908.
-
-[588] D. h. Sternfasser. Über noch vorhandene Astrolabien gibt der
-Bericht über die Ausstellung im South Kensington Museum (Berlin 1877.
-S. 394 u. f.) Auskunft.
-
-Nach dem Almagest (V, 1) war das von *Ptolemäos* benutzte Astrolab
-eine Art Armillarsphäre, da es aus einem System teils fester, teils
-beweglicher, mit Absehen (Dioptern) versehener Ringe bestand.
-
-[589] Im einzelnen hat dies neuerdings *Repsold* dargetan. S. S. 256.
-
-[590] *Repsold*, a. a. O. S. 6.
-
-[591] *Diels*, Antike Technik. S. 25. In dem noch erhaltenen Turm der
-Winde in Athen befand sich eine Wasseruhr, während außen eine Sonnenuhr
-und eine Wetterfahne angebracht waren. Unter dem Gesimse sind die
-acht Hauptwinde allegorisch dargestellt. Auf sie zeigt der Pfeil der
-Wetterfahne je nach der Richtung des herrschenden Windes.
-
-[592] Herausgegeben von *Nobbe*. 3 Bde., Leipzig 1843-1845. Eine
-deutsche Übersetzung findet sich im 1. Bande der »alten Geographie« von
-*Georgii* (Stuttgart 1838) auf dem Titel als Anhang angekündigt, ist
-aber nie erschienen. Eine Übersetzung der Kapitel 21-24 findet sich im
-Jahresbericht des Kgl. Gymnasiums zu Chemnitz von 1909. Sie rührt von
-*Th. Schöne* her.
-
-[593] *C. Ritter*, Geschichte der Erdkunde u. d. Entdeckungen. Berlin
-1861.
-
-[594] Siehe S. 189.
-
-[595] So hatte *Marinus* die Längenausdehnung der den Alten bekannten
-Welt (von den glückseligen Inseln bis zur Südostküste Chinas) auf 225°
-angegeben. *Ptolemäos* beschränkte diese Ausdehnung auf 180°. Ihr
-tatsächlicher Wert ist 140°.
-
-[596] Siehe die Abhandlung von *Th. Schöne* über »Die Gradnetze
-des Ptolemäos im ersten Buche seiner Geographie.« Chemnitz 1909
-(Programmbeilage des Kgl. Gymnasiums).
-
-[597] *Strabons* Erdbeschreibung, übersetzt von *Forbiger*, Stuttgart
-1856-1862. Eine neuere Ausgabe veranstaltete *Meineke*, Leipzig 1866.
-
-Siehe *A. v. Humboldt*, Examen critique de l'histoire de la géographie.
-I. 152-154. *Strabon* war griechischer Abstammung, lebte indes meist
-in Rom. Er wurde 63 v. Chr. geboren und lernte einen großen Teil des
-römischen Weltreichs durch eigene Anschauung kennen; er schrieb in
-griechischer Sprache.
-
-[598] Im 3. Abschnitt seines I. Buches.
-
-[599] *Eratosthenes* erblickte auch in den Salzseen der Landenge von
-Suez den Beweis dafür, daß diese Landenge früher vom Meere bedeckt war.
-
-[600] *Vitruvius*, De architectura VIII, 1.
-
-[601] *Seneca*, Naturales quaestiones III, 5 und 28. *Seneca*,
-römischer Dichter und Philosoph, lebte von 4 v. Chr. bis 65 n. Chr.
-Eine Übersetzung seiner Werke veranstalteten *Moser* und *Pauly*,
-Stuttgart 1828-1855. Eine neuere Ausgabe rührt von *Haase* her
-(Teubner, 1893 und 1895).
-
-[602] *L. v. Ranke*, Weltgeschichte III, 313.
-
-[603] *O. Peschel*, Geschichte der Erdkunde. S. 12.
-
-[604] *C. Ritter*, Gesch. der Erdkunde und Entdeckungen. Berlin 1861.
-
-[605] *Marinus* aus Tyrus lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. kurz vor
-*Ptolemäos*. Er bemühte sich, für jeden Ort die Länge und die Breite
-festzustellen.
-
-[606] Die in den auf uns gekommenen Handschriften »der Geographie«
-enthaltenen Karten rühren allerdings nicht von *Ptolemäos* selbst,
-sondern von einem jüngeren Zeitgenossen her, der die vorhandenen Karten
-einer Durchsicht und Verbesserung unterzog.
-
-[607] Eine Ausgabe mit lateinischer Übersetzung gab *Fr. Hultsch*
-heraus. Berlin 1875-1878. Im Jahre 1871 erschien das VII. und VIII.
-Buch mit deutscher Übersetzung von *Gerhardt*.
-
-[608] Über die eigentümlichen Schicksale der »Optik« des *Ptolemäos*
-berichtet *Wilde* in seiner Geschichte der Optik, Bd. I. S. 51 u. f.
-Danach war das Werk *Roger Bacon*, *Regiomontan* und auch noch zu
-Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt. Dann galt es lange als verloren,
-bis es vor einigen Jahrzehnten in einer lateinischen Übersetzung aus
-dem Arabischen wiederentdeckt wurde. Eine kritische Ausgabe besorgte
-*Gilberto Govi*: L'ottica di Claudio Tolemeo. Torino 1885.
-
-[609] Die Werte in Klammern sind aus dem Brechungsindex n = 1,3335
-berechnet (nach *J. Hirschberg*, Zeitschr. f. Psychologie u.
-Physiologie der Sinnesorgane. XVI. S. 331).
-
-[610] *Alhazen* im 7. Buche seiner Optik. Siehe an späterer Stelle
-dieses Bandes.
-
-[611] Sie wurde griechisch und deutsch von *R. Schöne* herausgegeben
-(Berlin 1897).
-
-[612] So heißt es bei *Aristoteles* (de anima I. 2): »Auch *Thales*
-scheint die Seele für etwas Bewegendes gehalten zu haben, da er von dem
-Magneten sagt, daß er eine Seele besitze, weil er das Eisen bewegt.«
-
-[613] *Lukrez* VI, v. 1043-1044. *Lukrez* lebte von 98 bis 55 v. Chr.
-Seine aus sechs Büchern bestehende Schrift »De rerum natura« befaßt
-sich mit den Grundlehren der Physik, der Psychologie und der Ethik. Von
-den Ausgaben sei hier diejenige *Lachmanns* erwähnt. 4. Aufl. Berlin
-1871. Eine Übersetzung rührt von *Seydel* (München 1881) her.
-
-[614] *Lukrez* VI, v. 1005-1006.
-
-[615] Eingehend berichtet über die Kenntnisse der Alten auf dem Gebiete
-der magnetischen und elektrischen Erscheinungen unter Anführung
-zahlreicher Literaturstellen *A. v. Urbanitzky* im 34. Bande der
-Elektrotechnischen Bibliothek. Wien, A. Hartlebens Verlag, 1887.
-
-[616] *Plinius*, Naturgeschichte, Buch 37, Kap. 12.
-
-[617] So erwähnt *Theophrast* in seinem Buche über die Steine einen
-Edelstein, welcher durch Reiben elektrisch werde.
-
-[618] *Plinius*, Naturgeschichte, Buch 2, Kap. 50 u. 55.
-
-[619] *Plinius*, Naturgeschichte, Buch 2, Kap. 37.
-
-[620] *R. Hennig* im Archiv f. Gesch. d. Naturw. u. Technik. Bd. II.
-Heft 1.
-
-[621] *Oppian*, de piscat. 2. 43.
-
-[622] *Plinius*, 32, 1 u. 2.
-
-[623] *Aelian*, 9, 14.
-
-[624] Galeni opera, ed. *C. S. Kühne*. Bd. XII. S. 365.
-
-[625] *Meyer*, Gesch. d. Chemie. S. 16.
-
-[626] Siehe auch *Berthelot*, Les origines de l'Alchimie. Paris 1885.
-*Berthelot* gilt als einseitig und durch neuere Forschungen, vor allem
-die *v. Lippmanns*, überholt.
-
-[627] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in
-ägyptischen Gräbern gefunden.
-
-[628] Liquor aeternus, venenum rerum omnium.
-
-[629] Der Urtext dieser Schriften nebst französischer Übersetzung wurde
-von *Berthelot* in den Jahren 1887 und 1888 unter dem Titel »Collection
-des anciens alchimistes grecs« veröffentlicht.
-
-*Berthelot* (Die Chemie im Altertum u. Mittelalter. Deutsch von
-*Kalliwoda* und *Strunz*. 1909. S. 5) hat Texte griechischer Chemiker,
-sowie diejenigen von syrischen und arabischen veröffentlicht und
-zugänglich gemacht, darunter auch Handschriften, die bis dahin in den
-Bibliotheken von Paris, London und Leyden vergraben und vergessen waren.
-
-Etwas anders, wie auf dieser Seite angegeben, stellt sich der Beginn
-der Alchemie nach *v. Lippmann* dar. Näheres darüber siehe im Anhange
-und in *v. Lippmanns* »Alchemie«.
-
-[630] *Diels*, Antike Technik. S. 111.
-
-[631] Siehe die hiervon abweichende Meinung *v. Lippmanns* in dessen
-»Alchemie«.
-
-[632] *Berthelot* a. a. O. S. 20.
-
-[633] Einen Beitrag über *Hermes Trismegistos* enthält *Paulys*
-Realenzyklopädie d. klass. Altert. im VIII. Bande auf S. 792-822.
-
-[634] *Kopp*, Beiträge zur Geschichte der Alchemie. S. 377.
-
-[635] *Berthelot*, Collection des anciens alchemistes grecs. Paris 1888.
-
-[636] *Berthelot*, Collection des anciens alchemistes grecs. II. 272 u.
-274.
-
-[637] *Berthelot*, Collect. II. 276.
-
-[638] Eine ihm zugeschriebene Abhandlung führt den Titel: »Der
-alexandrinische Philosoph über Zosimos, Hermes und die Philosophen.«
-
-[639] In ähnlicher Weise wurden die 12 Edelsteine, die man unterschied,
-den 12 Tierkreisbildern zugeteilt. »Alle irdischen Dinge und alles
-irdische Geschehen waren in himmlischen Vorbildern vorgezeichnet«
-(*M. Berthelot*, Die Chemie im Altertum u. Mittelalter. Deutsch von
-*Kalliwoda* u. *Strunz*. 1909. XV). Nach *E. v. Lippmann* sind manche
-der von *Berthelot* herrührenden Angaben einseitig und unzuverlässig.
-Siehe *v. Lippmanns* »Alchemie«.
-
-[640] Die in syrischer Sprache übermittelten Lehren *Demokrits* sind in
-einigen in England befindlichen Manuskripten vorhanden. Näheres darüber
-siehe in *E. v. Lippmanns* Entstehung und Ausbreitung der Alchemie.
-Berlin 1919. S. 40 u. f.
-
-[641] *E. v. Lippmann*, Alchemie. S. 31.
-
-[642] Ausführlicher bei *E. v. Lippmann*, Alchemie. S. 32.
-
-[643] Stockholmer Papyrus (Ausg. v. *Lagercrantz*). S. 4.
-
-[644] Eine Drachme = 4-1/2 g.
-
-[645] Eine genaue Analyse des Inhalts beider Papyri gibt *E. v.
-Lippmann* in seiner Alchemie auf S. 1-26. Nach *Diels*, Antike Technik
-S. 21, läuft die Vermehrung der Metalle nicht etwa lediglich auf
-Betrug, sondern ursprünglich auf die Vorstellung hinaus, daß das Metall
-sich ähnlich vermehren lassen müsse wie ein in die Erde gepflanztes
-Samenkorn.
-
-[646] So sagt *H. v. Mohl* in einer 1863 gehaltenen Rede von den Alten:
-»Sie blieben in den Naturwissenschaften auf einer durchaus kindlichen
-Stufe und bieten ein Beispiel dafür, daß der höchste philosophische
-Scharfsinn unfähig ist, in den Naturwissenschaften etwas zu leisten,
-wenn er sich nicht auf die genaue Erforschung der Körper stützt.« Wie
-*Mohl*, so urteilten die meisten Naturforscher während des größten
-Teiles des 19. Jahrhunderts. Erst in den letzten Jahrzehnten, nachdem
-der Sinn für die Geschichte der Wissenschaften bei ihren Vertretern
-lebendiger wurde, ist man anderer Ansicht geworden. Und der ganze Gang
-unserer bisherigen Betrachtung hat zur Genüge gezeigt, daß ein Urteil,
-wie dasjenige *v. Mohls*, in seiner Allgemeinheit wenigstens, nicht
-zutrifft.
-
-[647] *Lindner*, Weltgeschichte. I. 34.
-
-[648] Dieser richtete sich nur gegen die Heiden, nicht aber gegen
-Christen, Juden und Parsen (Bem. von *E. Wiedemann*).
-
-[649] *Lindner*, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung. I. 96.
-
-[650] *K. Lasswitz*, Geschichte der Atomistik. Bd. I. S. 12.
-
-[651] *Tertullian*, De praescr. haeretic. cap. 7.
-
-[652] Bedeutende Fragmente dieser Schrift sind als Bestandteile der
-Werke von *Eusebius* auf uns gekommen (Ausgabe von *Dindorf*, Leipzig
-1867. Bd. II. S. 321). Eine Übersetzung dieser Fragmente enthält:
-*Georg Roch*, Die Schrift des alexandrinischen Bischofs Dionysios des
-Großen »Über die Natur«. Leipzig 1882.
-
-[653] So sagt *Lasswitz* in seiner trefflichen Darstellung der
-Atomistik im Mittelalter (*K. Lasswitz*, Gesch. d. Atomistik. Bd. I. S.
-29).
-
-[654] Nach *v. Lippmann* bestritten die Kirchenväter, daß die Sterne
-die Ereignisse bewirken. Daß letztere dagegen durch die Bewegungen der
-Gestirne angezeigt würden, hielt man wohl für möglich.
-
-[655] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. I. S. 305.
-
-[656] Erlassen auf der Kirchenversammlung zu Paris vom Jahre 1209.
-Siehe auch *v. Humboldts* Kosmos II. S. 31, sowie die bezügliche
-Anmerkung.
-
-[657] *Libri*, Histoire des sciences mathématiques en Italie. Bd. I. S.
-82.
-
-[658] Variarum (epistolarum) libri XII.
-
-[659] De artibus ac disciplinis liberalium literarum.
-
-[660] Siehe den Abschnitt über die Quellen des *Plinius*, S. 222 dies.
-Bds.
-
-[661] De consolatione philosophiae. Herausgeg. von *Peiper* 1871.
-
-[662] *Cassiodorus*, Varia I. 45.
-
-[663] *Boëthius*, Fünf Bücher über Musik. Deutsch von *Oscar Paul*,
-Leipzig 1880.
-
-[664] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
-
-[665] Ich verdanke darüber Herrn Prof. *E. Wiedemann* folgende
-Bemerkung: Es scheint, als ob ein Ereignis, das sich in Persien
-abgespielt hat, auf Ägypten übertragen wurde. *Ibn Khaldun*, ein
-arabischer Historiker, bemerkt: Wir wissen, daß die Mohammedaner bei
-der Eroberung Persiens eine Unzahl von Büchern vorfanden und daß ihr
-Feldherr *Saad Ibn Abi Waggâs* beim Kalifen *Omar* anfragte, ob diese
-Bücher mit der Beute an die Gläubigen zu verteilen seien. *Omar*
-antwortete: »Wirf sie ins Wasser. Enthalten sie etwas, was zur Wahrheit
-führt, so haben wir von Gott, was uns noch besser dahin leitet.
-Enthalten sie aber Falsches, so sind wir derselben ledig.« Infolge
-dieses Befehles vernichtete man die Bücher durch Wasser oder Feuer.
-
-[666] Genaueres über das wechselnde Schicksal der in Alexandrien
-aufbewahrten Bücherschätze siehe bei *Ritschl*, S. 188, Anm. 1.
-
-[667] *Wüstenfeld*, Die Akademien der Araber und ihre Lehrer. Göttingen
-1837.
-
-[668] S. 304.
-
-[669] Die Nestorianer waren um 450 aus dem byzantinischen Reich
-vertrieben worden. Durch sie wurden die Araber mit den syrischen
-Übersetzungen astrologischer und alchemistischer Schriften bekannt.
-Eine selbständige alchemistische Literatur als Fortsetzung der
-griechischen und syrischen schufen die Araber wohl erst während
-der Herrschaft der Abbasiden (750-1258). Man kann wohl mit *E. v.
-Lippmann* (Alchemie S. 357) annehmen, daß die Araber, sobald sie auf
-das Treiben der Goldmacher aufmerksam wurden, sich der Alchemie nicht
-aus wissenschaftlichem Interesse zuwandten, sondern weil sie durch die
-Aussicht auf Gewinn dazu verlockt wurden.
-
-[670] *M. Berthelot*, Die Chemie im Altertum und im Mittelalter.
-Herausgegeben von *E. Kalliwoda* und *F. Strunz*. Leipzig und Wien
-1909. *Berthelots* Buch ist nach *E. v. Lippmann* zum Teil wenig
-zuverlässig.
-
-[671] Siehe *v. Lippmann*, Über das Feuerbuch des *Marcus Graecus* in
-der »Alchemie«. 1919. S. 477 u. f.
-
-[672] Das Manuskript befindet sich im Britischen Museum. Näheres siehe
-in *v. Lippmanns* »Alchemie«.
-
-[673] Sie befindet sich in Cambridge. Siehe *Berthelot* a. a. O. S. 43.
-
-[674] *Nestorios* war in Syrien geboren. Er war ein Anhänger des
-*Anastasios*, dessen Lehre für Ketzerei erklärt wurde.
-
-[675] Unter diesen ist die Schule zu Nisibis zu nennen und die Akademie
-von Dschondisabur, die bereits im 6. Jahrhundert in hoher Blüte stand.
-
-[676] *Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 107.
-
-[677] *Heller*, Geschichte der Physik. 1882. Bd. I. S. 160.
-
-[678] Über die Zeiteinteilung und den Uhrenbau der Araber haben *E.
-Wiedemann* und *F. Hauser* eine sehr ausführliche Darstellung gegeben:
-Über die Uhren im Bereich der islamischen Kultur. E. Harras, Halle
-1915. 272 S. -- Nach *Wiedemann* und *Hauser* ist *Einhards* Erzählung
-nicht ganz zutreffend.
-
-[679] *S. Günther*, Studien zur Geschichte der mathematischen und
-physikalischen Geographie. 1877. S. 59.
-
-[680] *Peschel*, Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 122.
-
-[681] *E. Wiedemann*, Bestimmungen des Erdumfanges von *Al Beruni*
-(Archiv für Geschichte der Naturwiss. u. der Technik). I. Bd. (1908).
-S. 66.
-
-[682] *E. Wiedemann* a. a. O. S. 69.
-
-[683] *Abul Wafa* (940-998). Siehe *v. Braunmühl*, Vorlesungen über
-Geschichte der Trigonometrie. S. 55.
-
-[684] *Repsold*, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge.
-Leipzig 1908. S. 11.
-
-[685] *Sédillot*, Mémoire sur les instrumens astronomiques des Arabes.
-Paris 1841.
-
-[686] *C. Brockelmann*, Geschichte der arabischen Literatur. 1898/1902.
-Bd. I. S. 222.
-
-[687] *C. Brockelmann*, Bd. I. S. 220.
-
-[688] *C. Brockelmann*, Gesch. d. arabischen Literatur. Bd. I (1898).
-S. 215.
-
-[689] *Klaproth*, Sur l'invention de la Boussole. 1834.
-
-Neuere Untersuchungen verlegen die chinesischen Angaben über den Kompaß
-bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. zurück. Siehe *E. Gerland*, Der Kompaß
-bei den Arabern und im christlichen Mittelalter. Die Chinesen benutzten
-den Kompaß zuerst bei Landreisen; auf Seereisen wurde er wohl nicht vor
-dem 3. Jahrhundert n. Chr. gebraucht.
-
-[690] *Heller*, Geschichte der Physik. Bd. I. S. 210.
-
-[691] La Bible von *Guyot de Provins*.
-
-[692] Von *Alexander Neckam*. Die betreffende Stelle lautet: »Nautae
-enim mare legentes, cum beneficium claritatis solis in tempore nubilo
-non sentiunt, aut etiam cum caligine nocturnarum tenebrarum mundus
-obvolvitur, et ignorant in quem mundi cardinem prova tendat, acum
-super magnetem ponunt, quae circulariter circumvolvitur usque dum ejus
-motu cessante cuspis ipsius septentrionalem plagam respiciat.« Siehe
-*Hellmann*, Die Anfänge der magnetischen Beobachtungen. Zeitschrift
-der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Bd. 32. Berlin 1907. In
-der Übersetzung lautet die Stelle: »Wenn die Seeleute bei nebligem
-Wetter die Sonne nicht sehen oder bei Nacht nicht wissen, nach welcher
-Himmelsrichtung das Schiff sich bewegt, so bringen sie eine Nadel über
-einem Magneten an. Diese dreht sich so lange, bis ihre Spitze, nachdem
-die Nadel zur Ruhe gekommen ist, nach Norden zeigt.«
-
-[693] *A. Breusing*, Flavio Gioja und der Schiffskompaß. In der
-Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdkunde zu Berlin. Bd. IV. 1869.
-
-[694] Siehe *E. Wiedemann*, Zur Geschichte des Kompasses bei den
-Arabern. Verhandl. d. Deutschen physik. Gesellschaft zu Berlin. 1907.
-Bd. 9. S. 764-773. *Wiedemann* gibt darin unter anderem eine Stelle aus
-dem Jahre 1232 an, aus der hervorgeht, daß man dem Eisen durch Reiben
-mit dem Magnetstein die Eigenschaft gab, sich in die Nord-Südrichtung
-einzustellen.
-
-[695] Nach der Übersetzung von *E. Wiedemann*.
-
-[696] Von den Verbesserungen, welche der Kompaß in der neuesten Zeit
-erfuhr, wird an späterer Stelle die Rede sein.
-
-[697] Das Manuskript befindet sich in Paris.
-
-[698] *Marcus Graecus*, Liber ignium. *Berthelot*, Chimie au moyen âge.
-Bd. I. S. 108.
-
-[699] Näheres darüber siehe bei *Diels*, Antike Technik. S. 97 u. f.
-Die obige nach *Diels*, der wieder *Berthelot* gefolgt ist, gegebene
-Darstellung wird von *E. v. Lippmann* bestritten. (Siehe dessen
-Abhandlungen und Vorträge Bd. I.) Nach *v. Lippmann* ist *Marcus
-Graecus*' Schrift erst um 1250 verfaßt. Siehe auch die neueste Schrift
-von *Ruska* über diesen Gegenstand. Näheres siehe im Anhang des
-vorliegenden Bandes und in *v. Lippmanns* »Alchemie« S. 477 u. f.
-
-[700] So pflegte *Ibn al Haitam* (*Alhazen*) in jedem Jahre den Euklid
-und den Almagest abzuschreiben, um von dem Erlös zu leben. Siehe *E.
-Wiedemann*, Ibn al Haitam, ein arabischer Gelehrter. Leipzig 1906. S.
-152.
-
-[701] Die Übersetzung wurde 1857 in der Bibliothek zu Cambridge
-entdeckt und bildet das I. Heft der von dem Fürsten *Boncompagni*
-herausgegebenen Trattati d'aritmetica.
-
-[702] Trattati d'aritmetica I. 8.
-
-[703] *Alfarabi* verfaßte eine enzyklopädische Darstellung der
-Wissenschaften, die arabisch und in lateinischen Übersetzungen erhalten
-ist (De scientiis). Näheres enthält die Abhandlung von *E. Wiedemann*,
-Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften. XI. Erlangen 1907.
-(Sitzungsberichte der physikalisch-medizinischen Sozietät in Erlangen.
-39. Bd.)
-
-[704] Dieser erschien, ins Lateinische übersetzt, im Druck zuerst in
-Venedig im Jahre 1493.
-
-[705] *E. Renan*, Averroes et l'Averroisme. Paris 1852.
-
-[706] Reliqua librorum Friderici II. imperatoris de arte venandi
-cum avibus. Ed. *J. G. Schneider*. T. I. II. Lipsiae 1788/89. Siehe
-auch *Carus*, Geschichte der Zoologie. München 1872. S. 206, und
-*Burkhardt*, Geschichte der Zoologie. Leipzig 1907. S. 45.
-
-[707] Opticae thesaurus Alhazeni Arabis libri VII, nunc primum editi
-a *Frederico Risnero*. Basileae 1572. Vergleiche auch *Schnaase*, Die
-Optik Alhazens. Programm des Friedrichs-Gymnasiums zu Stargard. 1889.
-*Alhazens* vollständiger Name lautet Abû Alî Muhammed ben el Hasan
-ibn el Haitam el Basri. Eine arabische, mit Abbildungen versehene
-Handschrift seines Werkes wird in Leyden aufbewahrt. *Risners*
-Übersetzung ist eine gekürzte, indes getreue Wiedergabe des Originals.
-
-Über eine spätere arabische Bearbeitung von *Alhazens* Optik hat *E.
-Wiedemann* ausführlich berichtet. Siehe das Archiv f. d. Geschichte d.
-Naturwiss. u. d. Technik. 1912. S. 1-53.
-
-[708] Diese Ansicht begründet er fälschlich damit, daß die Zerstörung
-der Linse eine Vernichtung der Sehkraft zur Folge habe, während die
-Verletzungen anderer Teile des Auges seiner Meinung nach eine solche
-Wirkung nicht hervorbringen.
-
-[709] Im 3. Buche seiner Optik.
-
-[710] Siehe auch *Schnaases* »Alhazen« in den Schriften der Danziger
-Gesellschaft. N. Folge. Bd. VII. S. 140.
-
-[711] Optic. Thes. VII. 48.
-
-[712] In einem Anhange zum Optic. Thesaur.
-
-[713] *Alhazen* nahm den Erdumfang gleich 4800 (statt 5400) Meilen an.
-
-[714] Zeitschr. d. morgenl. Gesellsch. 1882. *Baarmann,* Ȇber das
-Licht« von *Ibn al Haitam*.
-
-[715] Optic. Thesaur. VII. 48. Siehe auch *Schnaase*, »Alhazen«, in den
-Schriften der Danziger Natf. Gesellschaft. N. Folge. Bd. VII. S. 140.
-
-[716] *Montucla* z. B.
-
-[717] Besonders durch *Schnaase* und *E. Wiedemann*.
-
-[718] Die Tabelle findet sich bei *Al Khazini* her, der im Jahre
-1137 ein die »Wage der Weisheit« betiteltes Buch verfaßte. Siehe
-*Wiedemanns* Annalen. Bd. 20. S. 539.
-
-[719] Näheres siehe *Gerland* und *Traumüller*, Geschichte der
-physikalischen Experimentierkunst. Leipzig, Wilh. Engelmann. 1899. S.
-71 u. f.
-
-[720] *E. Wiedemann*, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter
-(Vortrag).
-
-[721] Starb 1274.
-
-[722] Summa theologiae. Venet. 1593. T. XI. p. 407.
-
-[723] In der Bibliothek zu Lucca. Siehe *Berthelot* a. a. O. S. 28.
-
-[724] *E. v. Lippmann*, Alchemie. S. 405.
-
-[725] Eine Übersetzung erschien in den »Historischen Studien«, Jahrg.
-1893. Einen Auszug brachte *E. v. Lippmann* unter der Überschrift
-»Chemie vor tausend Jahren« in der Zeitschrift f. angewandte Chemie.
-1901. H. 26; siehe auch dessen Abhandlungen und Vorträge.
-
-[726] Näheres siehe bei *E. v. Lippmann*, Abhandlungen und Vorträge zur
-Geschichte der Naturwissenschaften. Leipzig 1906. S. 139.
-
-[727] *E. v. Lippmann* a. a. O. S. 132.
-
-[728] Nach *E. v. Lippmann* (a. a. O. S. 263) in der Zeit zwischen 300
-und 600 n. Chr. Geb.
-
-[729] Über die Ergebnisse der neuesten Untersuchungen, die *v.
-Lippmann* hierüber angestellt hat, siehe den Anhang dieses Bandes.
-
-[730] Deutsche Ausgaben erschienen 1710 in Erfurt und 1751 in Wien.
-Eine Aufzählung der Schriften *Gebers* siehe bei *Wüstenfeld*,
-Geschichte der arabischen Ärzte und Naturforscher. 1840. S. 12 u. 13.
-
-[731] Siehe auch *E. v. Lippmann* in der Zeitschrift f. angewandte
-Chemie. 1901. H. 26.
-
-[732] *Berthelot* a. a. O. S. 61.
-
-[733] Die wichtigsten sind die »Summa perfectionis magisterii«,
-die Schrift »de inventione veritatis« und die »Alchimia Geberi«.
-In der letzteren wird die Zubereitung der Salpetersäure und des
-Königswassers beschrieben. Nach *Berthelot* ist es unrichtig, wenn
-man annimmt, die genauere Kenntnis unserer Mineralsäuren und ihrer
-Salze sei auf die arabischen Autoren des 12. und 13. Jahrhunderts
-zurückzuführen. Vielmehr wurden die »komplizierten und umständlichen
-Darstellungsmethoden von damals erst im lateinischen Abendland im Laufe
-des 14. und 15. Jahrhunderts entwirrt«.
-
-Die Ergebnisse der Forschungen *Berthelots* erscheinen in neuester
-Zeit durch die von *E. v. Lippmann* in seiner »Alchemie« über *Geber*
-veröffentlichten Untersuchungen in mancher Hinsicht anfechtbar. Siehe
-den Anhang des vorliegenden Bandes.
-
-[734] Siehe auch die Abhandlung von *E. Wiedemann*, Über chemische
-Apparate bei den Arabern; erschienen in *Diergart*, Beiträge aus der
-Geschichte der Chemie.
-
-[735] *H. Kopp*, Geschichte der Chemie. Bd. I. S. 53.
-
-[736] Na_{2}CO_{3} + Ca(OH)_{2} = 2 NaOH + CaCO_{3}.
-
-[737]
-
-6 KOH + 12 S = K_{2}S_{2}O_{3} + 2 K_{2}S_{5} + 3 H_{2}O
-K_{2}S_{2}O_{3} + 2 HCl = 2 KCl + SO_{2} + S + H_{2}O K_{2}S_{5} + 2
-HCl = 2 KCl + H_{2}S + 4 S.
-
-
-
-[738] In den echten Schriften *Gebers* ist nach *Berthelot* diese
-Theorie noch nirgends erwähnt (a. a. O. S. 65).
-
-[739] Die Kenntnis des metallischen Zinks läßt sich nicht weiter als
-bis gegen den Ausgang des Mittelalters zurückverfolgen. Nach *E. v.
-Lippmann* (siehe dessen »Alchemie«) ist das metallische Zink sogar erst
-in der Neuzeit bekannt geworden. Die Legierung von Kupfer und Zink, das
-Messing, war dagegen schon zur römischen Kaiserzeit bekannt. Mitteil.
-z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1903. S. 150 u. 174.
-
-[740] Zur Erläuterung diene folgende von *Berthelot* (a. a. O. S. 66)
-wiedergegebene Stelle: »Das Kupfer wird von einem trüben und dicken
-Quecksilber und einem trüben und roten Schwefel erzeugt. -- Das Zinn
-wird von einem klaren Quecksilber, das kurze Zeit mit einem weißen und
-klaren Schwefel gekocht wird, erzeugt. Wenn die Kochung von langer
-Dauer ist, gewinnt man Silber usw. Diese Erzeugung der Metalle wird im
-Schoß der Erde allerdings in dem langen Zeitraum von hundert Jahren
-vollendet, aber die Kunst kann die Vollendung abkürzen. Sie wird also
-in einigen Stunden oder in einigen Minuten in Erfüllung gehen.«
-
-[741] *E. v. Lippmann*, Alchemie. 1919. S. 487. Ferner *Stillmann* und
-*Sudhoff*.
-
-[742] Eine unvollendet gebliebene Übersetzung wurde nach der
-*Wüstenfeld*schen Textausgabe von *H. Ethé* im Jahre 1868
-herausgegeben. Den Abschnitt, der von den Steinen handelt, hat (1895)
-*J. Ruska* übersetzt und erläutert. Er wurde hier zugrunde gelegt.
-
-[743] Siehe über den »Physiologus« an späterer Stelle.
-
-[744] Siehe *Carus*, Geschichte der Zoologie. S. 173.
-
-[745] *Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 263.
-
-[746] Ins Englische übersetzt von *S. Lee*. London 1829.
-
-Ins Französische von *Defremerie* u. *Sanguinetti*. Paris 1854. Neue
-Aufl. ebd. 1913.
-
-[747] Näheres enthält: *Berendes*, Das Apothekenwesen, seine Entstehung
-und geschichtliche Entwicklung. Stuttgart 1907. S. 61.
-
-[748] Siehe *Hirschberg*, Über das älteste arabische Lehrbuch der
-Augenheilkunde (Berichte der Berliner Akademie der Wissenschaften.
-1903).
-
-Ferner *J. Hirschberg*, Geschichte der Augenheilkunde. Zweites Buch.
-1. Abteil. Geschichte der Augenheilkunde bei den Arabern. Leipzig, W.
-Engelmann. 1905.
-
-[749] *C. Brockelmann*, Gesch. d. arab. Literatur. Bd. II (1902). S. 3.
-
-[750] *C. Brockelmann* a. a. O. Bd. II. S. 6.
-
-[751] *F. Boll* im Reallexikon der germanischen Altertumskunde von
-*Hoops* (1911-1918) unter »Astronomie«.
-
-[752] *Hoops*, Reallexikon des german. Altertums.
-
-[753] Er wurde 754 in Friesland erschlagen und in Fulda beigesetzt.
-
-[754] De Universo libri. XXII.
-
-[755] *L. Geisenheyner*, Über die Physika der heiligen Hildegard
-und die in ihr enthaltene älteste Naturgeschichte des Nahegaues.
-Berichte über die Versammlungen des Botan. und des Zoolog. Vereins f.
-Rheinland-Westfalen. 1911. Bonn. Vgl. auch die Veröffentlichungen von
-*Ch. Singer*, Oxford (siehe Mitteil. z. Gesch. d. Med. 1919. S. 338).
-
-[756] *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 13.
-
-[757] Vgl. *H. Würschmidt*, Archiv f. Gesch. d. Mathem. 1913.
-
-[758] Durch den englischen Mönch *Atelhart* um 1120.
-
-[759] Auch *Fibonacci* oder *Bonacci* genannt. Fibonacci bedeutet Sohn
-Bonaccis (filius Bonacci).
-
-[760] *Cantor*, Bd. II. S. 3.
-
-[761] Eine ausführliche Inhaltsangabe des Liber abaci gibt *Cantor* in
-seiner Geschichte der Mathematik. Bd. II. S. 7-32.
-
-[762] Am bekanntesten ist die Ausgabe von *F. Risner*. Basel 1572.
-
-[763] Ad Vitellonem Paralipomena, quibus astronomiae pars optica
-traditur. Francof. 1604.
-
-[764] So auch von *Cantor* in seiner großen Geschichte der Mathematik.
-
-[765] Die Reisen des Venezianers *Marco Polo* im 13. Jahrhundert. Zum
-ersten Male vollständig nach den besten Ausgaben deutsch mit einem
-Kommentar, von *Aug. Bürck*. Leipzig 1845.
-
-[766] Reste und Eier riesiger, ausgestorbener Vögel sind bekanntlich
-später in Madagaskar gefunden worden (Äpyornis). Ein Auszug über die
-zoologischen Angaben *Marco Polos* findet sich in *Carus*, Geschichte
-der Zoologie. München 1872. S. 197 u. f.
-
-Unter dem Titel »Chemisches bei Marco Polo« hat *E. v. Lippmann* eine
-Abhandlung in der Zeitschrift für angewandte Chemie veröffentlicht.
-1908. 34. Heft.
-
-[767] Die Gründung der Städte bedeutet eine der fruchtbarsten
-Errungenschaften des Mitteltalters. Dadurch erfolgte eine Loslösung
-der Arbeit von der Scholle. Vor der Entwicklung der Städtefreiheiten
-besaß im Mittelalter niemand Rechte und ausgiebige Lebensquellen, der
-nicht mit der Scholle verknüpft war. Siehe *Grupp* im 2. Bande seiner
-Kulturgeschichte d. Mittelalters.
-
-[768] Der älteste bekannt gewordene Geldwechsel stammt aus dem Jahre
-1207. Siehe *Grupp*, Kulturgeschichte d. Mittelalters. 1894. Bd. II. S.
-56. Im Orient waren Wechsel, Geldanweisungen und Abrechnungsanstalten
-weit älter.
-
-[769] Beide gehören der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an.
-
-[770] Diese Lehre war aber nicht allgemein angenommen. (Bemerkung von
-*Würschmidt*.)
-
-[771] *M. Maywald*, Die Lehre von der zwiefachen Wahrheit, ein Beitrag
-zur Geschichte der scholastischen Philosophie. Berlin 1861. Siehe auch
-*J. Tyndall*, Religion und Wissenschaft, sowie *Langes* Geschichte des
-Materialismus.
-
-[772] *Jourdain*, Geschichte der aristotelischen Schriften im
-Mittelalter, übersetzt von *Ad. Stahr*. Halle 1831.
-
-[773] *Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S.
-
-[774] In Lauingen. Als Geburtsjahr ist neuerdings mit großer
-Wahrscheinlichkeit das Jahr 1207 nachgewiesen (*Enders* im Histor.
-Jahrbuch der Görresgesellschaft. 1910. S. 293).
-
-[775] Siehe auch *Peters*, Der griechische Physiologus und seine
-orientalischen Übersetzungen. Berlin 1898. Das genannte Werk enthält
-auch eine Geschichte der merkwürdigen Schrift.
-
-[776] *M. Goldstaub*, Der Physiologus und seine Weiterbildung,
-besonders in der lateinischen und byzantinischen Literatur. Philologus,
-1901. Supplementband 8, 3.
-
-[777] *H. Stadler*, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 86.
-
-[778] *Carus*, Geschichte der Zoologie. S. 231.
-
-[779] Eingehender wird *Albertus Magnus* gewürdigt in *E. Meyer*,
-Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 9-84. Vgl. auch *Fellner*, Albertus
-Magnus als Botaniker. Wien 1881.
-
-Eine kritische Ausgabe der botanischen Schriften rührt von *E. Meyer*
-und *K. Jessen* her: Alberti Magni de vegetabilibus libri VII. Berlin
-1867.
-
-[780] *H. Stadler*, Albertus Magnus als selbständiger Naturforscher
-(Forschungen zur Geschichte Bayerns. Bd. 14. S. 95-114).
-
-[781] *H. Stadler* a. a. O.
-
-[782] Des *Nikolaos Damaskenos*.
-
-[783] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 40.
-
-Anzuerkennen waren jedoch die Verdienste der Araber um die Botanik.
-(Bem. von *E. Wiedemann*.)
-
-[784] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik.
-
-[785] Auch nach *Warburg* (Berichte der Deutschen botan. Gesellschaft.
-1901. S. 153) hat das Mittelalter weder für die wissenschaftliche,
-noch für die angewandte Botanik neue Bahnen erschlossen, wenn auch die
-Araber auf dem Gebiete der Heilmittellehre manche neue Tatsache fanden.
-
-[786] Nach *H. Stadler*, Albertus Magnus von Cöln als Naturforscher und
-das Kölner Autogramm seiner Tiergeschichte. Leipzig 1908.
-
-Nach der Kölner Handschrift, welche nach *Stadler* von den vorhandenen
-Handschriften die beste ist, hat der Genannte eine Ausgabe der
-Tiergeschichte des *Albertus Magnus* veranstaltet: Albertus Magnus, De
-animalibus libri XXVI. Nach der Cölner Urschrift. Erster Band, Buch
-I-XII enthaltend. Münster i. W., Aschendorff. 1916.
-
-[787] Die *Albertus Magnus* zugeschriebenen, eigentlich alchemistischen
-Werke sind nach *E. v. Lippmann* als Fälschungen zu betrachten.
-
-[788] *Kopp*, Beiträge z. Geschichte der Chemie. 3, 64 u. f.
-
-[789] Das Geburtsjahr steht nicht fest. Die Angaben schwanken zwischen
-1210 und 1214. Doch nimmt man wohl meist 1214 an. (Feier in Oxford
-1914. Vgl. »Die Roger Bacon-Commem.«.)
-
-[790] *Sebastian Vogl*, Die Physik Roger Bacons. Inaug.-Dissertation.
-Erlangen 1906.
-
-[791] Von *Peregrinus* ist noch eine Schrift über den Magneten
-erhalten. *Peregrinus* unterschied die Pole des Magneten und wies die
-Anziehung der ungleichnamigen Pole nach.
-
-[792] *Gerbert* war in Frankreich geboren. Er besuchte die arabischen
-Hochschulen in Sevilla und Cordova und wurde im Jahre 999 zum Papst
-gewählt; als solcher führte er den Namen *Sylvester II.*
-
-[793] *Vogl* a. a. O.
-
-[794] Epistola de secretis artis et naturae operibus atque nullitate
-magiae. 1260. Eine Ausgabe dieser Schrift erschien im Jahre 1542 in
-Paris.
-
-Ausführlich über *Bacon* handelt *Siebert*, Roger Bacon, sein Leben und
-seine Philosophie. Marburg 1861.
-
-[795] *Bacon*, Opus tert. cap. 43. Siehe auch *K. Werner*, Die
-Kosmologie und allgemeine Naturlehre des Roger Baco. Wien 1879.
-
-[796] Opus majus cap. 1.
-
-[797] Opus majus cap. 13.
-
-[798] *Vogl*, Die Physik Roger Bacons.
-
-[799] *Bacon* erklärt die Förderung des geistigen und materiellen
-Wohlseins als Zweck sämtlicher Wissenschaften. Doch gibt es nach
-*Bacon* ein noch höheres Ziel, das er in dem Wort ausspricht: »Humana
-nihil valent nisi applicentur ad divina« (Opus majus p. 108).
-
-[800] *Döring*, Die beiden Bacon (Archiv für Geschichte der
-Philosophie. 1904. S. 341).
-
-[801] *Clemens* IV.
-
-[802] Eine Neuausgabe veranstaltete *J. H. Bridges*. London 1897-1909.
-3 Bände. Das Werk enthält den lateinischen Text und eine ausführliche
-Analyse jedes Kapitels in englischer Sprache, ferner eine Einleitung
-über das Leben und die Bedeutung *Bacons*.
-
-Eine ältere unzuverlässige Ausgabe wurde von *Jebb* (London 1733)
-herausgegeben.
-
-Zur Feier des 700. Geburtstags *Bacons* erschien 1914 ein
-Erinnerungsband, der Abhandlungen über *Bacons* wissenschaftliche
-Tätigkeit und Bedeutung enthält (Oxford, Clarendon press, 1914).
-Genannt seien: *F. Picavet* (Paris), La place de Roger Bacon parmi les
-philosophes du XIII^e siècle. -- *E. Smith* (New York), The place of R.
-Bacon in the history of mathematics. -- *E. Wiedemann* (Erlangen), R.
-Bacon und seine Verdienste um die Optik. -- *Pierre Duhem* (Bordeaux),
-Roger Bacon et l'horreur du vide. -- *Pattison Muir* (Cambridge), Roger
-Bacon, his relations to alchemie and chemistry.
-
-[803] »Visio non completur in oculis, sed in nervo« heißt es bei ihm
-(Opus majus V cap. 2).
-
-[804] Die Brennkugel erwähnen schon *Aristoteles* und *Plinius*.
-
-[805] *J. Würschmidt*, Roger Bacons Art des wissenschaftlichen
-Arbeitens, dargestellt nach seiner Schrift »De speculis« (Roger Bacon
-Commemoration Essays IX).
-
-[806] Sine experientia nihil sufficienter sciri potest.
-
-[807] Opus majus IV cap. 3.
-
-[808] Ein Wort, das lebhaft an *Kants* späteren, oft zitierten
-Ausspruch erinnert.
-
-[809] De secretis operibus artis et naturae, cap. 4.
-
-[810] Als Erfinder wird ein *Salvino degli Armati* in Florenz genannt.
-Nach anderer Nachricht ist *Alexander de Spina* als Erfinder der
-Brillen zu betrachten. Beide Angaben sind unrichtig. Soviel ist jedoch
-sicher, daß die ersten Brillen in Italien gemacht wurden und daß dies
-gegen das Ende des 13. Jahrhunderts geschah (*Wilde*, Optik. Bd. I. S.
-96).
-
-Daß der geschliffene Smaragd, mittels dessen *Nero* die Zirkusspiele
-besah, ein Spiegel war, hat schon *Lessing* nachzuweisen gesucht:
-*Lessing*, Antiquarische Briefe. 45. Die Erzählung kommt bei *Plinius*
-vor (Nat. hist. XXXVII. S. 84. Sillig).
-
-[811] Sie werden neuerdings als nicht echt betrachtet (*E. v.
-Lippmann*).
-
-[812] Nach einer Untersuchung von *H. W. L. Hime* (R. B. Essays, Oxford
-1914) hat er aus Salpeter, Kohlenpulver und Schwefel eine explosible
-Mischung wohl zufällig hergestellt und die Explosion des Gemisches
-beobachtet. Die Zusammensetzung des Gemisches hat er anagrammatisch
-mitgeteilt, wohl um das Geheimnis nicht allgemein zugänglich zu machen
-und Schwierigkeiten bei der kurz zuvor gegründeten Inquisition wegen
-dieser gefährlichen Kunst zu vermeiden. (*J. Würschmidt*, Mon.-Hefte f.
-d. nat. Unterr. 1915, 264.)
-
-[813] Nach *E. v. Lippmann* ist dies jedoch nicht zutreffend.
-
-[814] Die Feuerwaffe wurde sehr wahrscheinlich in Deutschland erfunden.
-Ihr Erfinder ist nicht bekannt. Sicher ist nur, daß sich die neue
-Erfindung im 14. Jahrhundert schnell durch ganz Europa bis nach Asien
-verbreitete. *Ariost* wütet im »Orlando furioso« gegen die »verruchte,
-dumme Teufelskunst«, von der er sagt:
-
-»Durch dich ging jeder Waffenruhm verloren, Die Ritterehre ward zum
-eitlen Dunst!«
-
-
-
-[815] Das Buch war eine der Enzyklopädien des Mittelalters. Es entstand
-im Anfang des 15. Jahrhunderts. *Columbus* wurde dadurch mit der
-Ansicht des *Aristoteles* und des *Strabon* bekannt, daß die Ostküste
-Asiens durch eine Fahrt nach Westen zu erreichen sein müsse.
-
-[816] *Tschackert*, Peter von Ailly. Gotha 1877. S. 335.
-
-[817] Siehe *K. Werner*, Die Kosmologie und allgemeine Naturlehre des
-Roger Baco. Wien 1879.
-
-[818] »Seit die Inquisition ihre Ketzerverfolgungen anfing und
-seit fanatische Pfaffenwut alle selbständigen Gedanken auszurotten
-trachtete, fielen vier Jahrhunderte lang zahlreiche Schlachtopfer in
-ganz Europa.« *M. Carrierre*, Die philosophische Weltanschauung der
-Reformationszeit. Stuttg. 1847. S. 87.
-
-[819] Näheres über *Pico von Mirandola* siehe bei *M. Carrierre*, Die
-philosophische Weltanschauung der Reformationszeit. 1847.
-
-[820] Es wurde 1862 nach den Handschriften von *Fr. Pfeiffer*
-veröffentlicht. Die neueste auszugsweise Bearbeitung rührt von *H.
-Schulz* her: *Conrad von Megenberg*, Das Buch der Natur. Die erste
-Naturgeschichte in deutscher Sprache. In neuhochdeutscher Sprache
-bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von *H. Schulz*. Greifswald
-1897.
-
-[821] Es sind noch zahlreiche Handschriften vorhanden, so in Breslau,
-Wolfenbüttel, Gotha, Paris, London usw. Siehe *Carus*, Geschichte der
-Zoologie. S. 214.
-
-Über das Verhältnis *Konrads von Megenbergs* zu *Thomas* schreibt
-*H. Stadler* bei der Besprechung der ersten Auflage dieses Werkes
-in den Neuen Jahrbüchern f. d. klass. Altert. 1911. S. 86: »Es ist
-natürlich bei *Konrad von Megenberg* nicht an eine direkte Benutzung
-des *Aristoteles*, *Galen*, *Plinius* oder gar des *Theophrast*, den
-kein mittelalterlicher Autor wirklich kennt, zu denken, sondern alle
-diese Autorenzitate *Megenbergs* stammen aus *Thomas von Cantimpré*.«
-Es existieren neben den vollständigen Handschriften (in Paris und
-München) des Werkes dieses Autors gekürzte. »Eine Handschrift letzterer
-Form übersetzte *Konrad* und fügte gelegentlich eine naive Kritik, eine
-erweiterte Moralisation und auch einige wenige sachliche Bemerkungen
-hinzu.«
-
-[822] Daß es eine große Verbreitung fand, beweisen die zahlreichen
-Handschriften, die sich noch heute besonders in Süddeutschland finden.
-Auch erschien es bis 1500 sechsmal im Druck.
-
-*Megenbergs* »Buch der Natur« ist eine Übersetzung des *Thomas von
-Cantimpré* und darf nicht als selbständige Arbeit betrachtet werden
-(*H. Stadler*, *Albertus Magnus*, *Thomas von Cantimpré* und *Vinzenz
-von Beauvais*, Natur und Kultur. 1906. S. 86-90).
-
-[823] Siehe Ausgabe von *Schulz*, Vorrede. VI.
-
-[824] *J. Burkhardt*, Die Kultur der Renaissance in Italien.
-*Derselbe*, Geschichte der Renaissance in Italien.
-
-[825] *Giorgio Vasari*, Vite di più eccellente pittori, scultori ed
-architetti. Florenz 1550. Dasselbe deutsch 1832-1849. 6 Bände.
-
-[826] *W. Goetz*, Mittelalter und Renaissance. Historische Zeitschrift.
-Bd. 98 (1907). S. 30.
-
-[827] *W. Goetz* a. a. O. S. 50.
-
-[828] *G. Voigt* im Vorwort zu seinem Werke: Die Wiederbelebung des
-klassischen Altertums. Berlin 1859.
-
-[829] *Ranke*, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. I.
-S. 174 u. f.
-
-[830] Siehe auch *Libri*, Histoire des sciences mathématiques en
-Italie. Bd. II. S. 173.
-
-[831] *G. Voigt*, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums. Berlin
-1859.
-
-[832] *G. Voigt* nach *Benvenuti Insolensis* Comment. in *Dantes*
-Comoed.
-
-[833] Auch unter dem Namen *Enea Silvio* bekannt.
-
-[834] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 277.
-
-[835] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 291.
-
-[836] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 314.
-
-[837] *Lange*, Geschichte des Materialismus. Bd. I. S. 189.
-
-[838] *J. Ranke*, Die Geschichte des Zeitalters d. Reformation. Bd. IV.
-S. 4.
-
-[839] *A. Harnack*, Geschichte d. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. S.
-3.
-
-[840] *A. Harnack* a. a. O. S. 3.
-
-[841] Das »Lob der Narrheit« (Encomium moriae) fand in *Holbein* einen
-seiner Bedeutung würdigen Illustrator.
-
-[842] *Ranke* a. a. O. S. 178.
-
-[843] Das Wort, mit dem *Hutten* sein Denkschreiben an den Humanisten
-*Pirkheimer* schloß.
-
-[844] *Peschel*, Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 386.
-
-[845] Auf dem Konzil zu Basel im Jahre 1437.
-
-[846] Das Original der ersten gedruckten Karte von Deutschland befindet
-sich im Germanischen Museum in Nürnberg. Die Karte (1491) rührt
-von *Nicolaus von Cusa* her. Die erste in Holz geschnittene Karte
-(Weltkarte) stammt aus dem Jahre 1475.
-
-[847] De docta ignorantia. II. 1 u. 2.
-
-[848] Nach diesem System wurde der Erde eine dreifache Bewegung
-beigelegt, diejenige um ihre Achse, um zwei im Äquator befindliche Pole
-und die Bewegung um die Weltpole.
-
-[849] Über »*Nicolaus von Cusa* und seine Beziehungen zur
-mathematischen und physischen Geographie« äußert sich *Günther* in den
-Jahrbüchern über die Fortschritte der Mathematik (Jahrg. 1899) mit
-folgenden Worten: »Er zertrümmerte die Kristallsphären der Griechen,
-verkündete die Wesensgleichheit der Erde mit anderen Weltkörpern,
-lehrte die Bewegung der Erde und entwarf als erster unter den Neueren
-eine Landkarte in richtigem geometrischen Netz.«
-
-[850] *Max Jacobi*, Das Weltgebäude des Kardinals Nicolaus von Cusa.
-Ein Beitrag zur Geschichte der Naturphilosophie und Kosmologie in der
-Frührenaissance. Berlin 1904.
-
-[851] De staticis experimentis dialogus.
-
-[852] *Vasari*.
-
-[853] *Lindner*, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 288.
-
-[854] Er schuf den Kanal von Martesano, welcher den Tessin mit der Adda
-verbindet.
-
-[855] *Libri*, Histoire des sciences mathématiques en Italie. T.
-III. *Dühring*, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der
-Mechanik. Berlin 1873. S. 12 ff.
-
-[856] Vgl. *H. Grothe*, Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph.
-Berlin 1874.
-
-[857] *H. Wieleitner*, Das Gesetz vom freien Fall in der Scholastik,
-bei Descartes und Galilei. Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin u. d.
-Naturwiss. Nr. 58. S. 488.
-
-[858] Siehe auch *Fritz Schuster*, Zur Mechanik Leonardo da Vincis
-(Hebelgesetz, Rolle, Tragfähigkeit von Ständern und Trägern). In.-Diss.
-Erlangen 1915. 153 Seiten.
-
-[859] Siehe auch *E. v. Lippmann* in der Zeitschrift f. Naturwissensch.
-72. Bd. S. 291. Siehe auch dessen Abhandlungen u. Vorträge.
-
-[860] Eine Zusammenstellung der wichtigsten Sätze aus dem großen, von
-der französischen Akademie herausgegebenen Manuskriptenwerk *Lionardo
-da Vincis* hat *Marie Herzfeld* unter dem Titel »Leonardo da Vinci, der
-Denker, Forscher und Poet« herausgegeben. Jena 1906.
-
-Das Buch *M. Herzfelds* enthält 745 Notizen *Lionardos*, die nach
-bestimmten Gesichtspunkten geordnet sind: Über die Wissenschaft; Von
-der Natur, ihren Kräften und Gesetzen; Sonne, Mond und Erde; Menschen,
-Tiere und Pflanzen; Philosophische Gedanken; Aphorismen, Allegorien;
-Entwürfe zu Briefen; Allegorische Naturgeschichte; Fabeln; Schöne
-Schwänke; Prophezeiungen. Bei jeder Notiz ist auf die betreffende
-Manuskriptstelle hingewiesen.
-
-[861] Auch gegen die alchemistischen Bestrebungen wendet sich
-*Lionardo*.
-
-[862] Manuskript A. Fol. 22 v.
-
-[863] Siehe *F. M. Feldhaus*, Leonardo, der Techniker u. Erfinder. E.
-Diederichs, Jena 1913. Mit 9 Tafeln und 131 Abbildungen im Text. S. 118.
-
-[864] *L. Darmstädter*, Handbuch zur Geschichte der Naturwissenschaften
-u. der Technik. Berlin 1908. S. 136. Dort wird das Jahr 1667 als das
-Jahr der Erfindung angegeben.
-
-[865] Siehe *F. M. Feldhaus*, Leonardo, der Techniker und Erfinder.
-
-[866] Durch *Lenormand* im Jahre 1783.
-
-[867] *E. v. Lippmann*, da Vinci (Abhandl. u. Vortr. 1906. S. 346).
-
-[868] Eingehender handelt von der »Anatomie des Lionardo da Vinci« *M.
-Roth* im Archiv für Anatomie u. Physiologie. Jahrg. 1907. Anat. Abteil.
-Suppl.-Bd. S. 1-122.
-
-[869] Mit den biologischen Kenntnissen und Anschauungen *Lionardo
-da Vincis* befaßt sich *de Toni* in seiner Schrift »La Biologia in
-Leonardo da Vinci«. Discorso letto nell' adunanza solenne del R.
-Istituto Veneto, il 24 maggio 1903. *De Toni* erblickt den Ausgang
-der zahllosen Studien *Lionardos* in der Künstlernatur, die sich
-in die Gegenstände vertieft, um sie der Wirklichkeit entsprechend
-darzustellen. In *Lionardos* anatomischen Tafeln sind nach *de Toni*
-die Muskeln stellenweise so genau abgebildet, wie in den besten
-modernen Werken.
-
-Das gleiche Thema behandelt *M. Holl* in der Inaugurationsrede »Ein
-Biologe aus der Wende des 15. Jahrhunderts«. Graz 1905. *Holl*
-weist besonders auf die methodischen Grundsätze *Lionardos* hin und
-erwähnt als solche seine vergleichende Methode, die Anwendung des
-Experiments, die Bezugnahme auf die Funktionen des Organismus und die
-Altersveränderung der Organe usw.
-
-[870] Im »Laokoon« und in den »Briefen antiquarischen Inhalts«.
-
-[871] Les manuscrits de *Léonard de Vinci*. Paris 1881.
-
-[872] Manuskript F. Fol. 69.
-
-[873] Manuskript CA. Fol. 190v.
-
-[874] *Gerland* u. *Traumüller*, Abb. 100.
-
-[875] Manuskript CA. Fol. 345v. in der Übersetzung von *M. Herzfeld*
-auf S. 42.
-
-[876] Nach *E. Wiedemann* hat *Lionardo da Vinci* sehr viel von den
-Arabern übernommen und ist sein schriftlicher Nachlaß zum großen Teile
-eine Sammlung von Notizen.
-
-[877] Manuskript E. Fol. 55 v.
-
-[878] *Max Jacobi*, Nicolaus von Cusa und Lionardo da Vinci, zwei
-Vorläufer des Nicolaus Coppernicus. Altpr. Monatsschr. Bd. 39. Heft 3
-u. 4.
-
-[879] Einen Vorläufer besaß *Peurbach* in *Johann von Gmunden* (1380
-bis 1442), der vor *Peurbach* an der Wiener Hochschule lehrte und
-wohl als der Vater der deutschen Astronomie bezeichnet wurde. Nach
-*E. v. Lippmann* erhob die Universität Protest gegen diese erstmalige
-Einrichtung einer Professur für Mathematik. Dieser Protest wurde aber
-durch den einsichtigen Kaiser *Maximilian* I. abschlägig beschieden.
-
-[880] *Alfons X. von Kastilien* hatte um 1250 die ptolemäischen
-Planetentafeln durch neue Tafeln ersetzen lassen.
-
-[881] *Repsold*, Zur Gesch. der astronomischen Meßwerkzeuge. W.
-Engelmann, Leipzig 1907. Abt. 7. -- Vgl. hierzu *Gerbert* (*J.
-Würschmidt*, Archiv f. Gesch. d. Math. 1919), der gleichfalls sich des
-Quadratum geometr. bediente. Er hatte es zweifellos von den Arabern
-übernommen.
-
-[882] Die Anregung empfing *Peurbach* durch den großen Humanisten
-*Bessarion* (um 1500), durch dessen Vermittlung zahlreiche Werke aus
-Konstantinopel nach Italien gelangten.
-
-[883] Es handelt sich um einen kleinen Ort dieses Namens in
-Unterfranken.
-
-[884] So berichtet *Doppelmayr* in seinem Werk »Historische
-Nachrichten« von den Nürnberger Mathematicis und Künstlern. 1730. S. 22.
-
-[885] Siehe *Doppelmayr* a. a. O.
-
-[886] Ein mit Gradteilung und Dioptern versehener Ring, in dem sich
-eine drehbare, gleichfalls mit Dioptern versehene Scheibe befindet.
-Eine derartige Vorrichtung wurde schon von *Hipparch* zum Messen von
-Winkeln benutzt.
-
-[887] *Montucla*, Histoire des mathémat. Paris. An VII. Tome I. p. 307.
-
-[888] *Repsold*, Zur Gesch. der astronomischen Meßwerkzeuge. W.
-Engelmann, Leipzig 1907.
-
-Als Erfinder des Jakobsstabes gilt der Astronom *Levi ben Gerson*. Er
-hat dadurch (1325) ein bequemes Mittel für Ortsbestimmungen auf See
-geschaffen.
-
-[889] *Breusing* in der Zeitschrift für Erdkunde. Berlin 1868. Über
-*Behaims* Globus, sowie andere Globen aus dem Zeitalter der großen
-Entdeckungsreisen siehe: *Matteo Fiorini*, Erd- und Himmelsgloben, ihre
-Geschichte und Konstruktion; frei bearbeitet von *S. Günther*. Leipzig
-1895. Kapitel V. Globen fertigten auch schon die Araber an, z. B.
-*Edrisi* im 12. Jahrhundert.
-
-[890] Eine Abbildung enthält das Werk von *Ghillany*: »Geschichte des
-Seefahrers M. Behaim«. Nürnberg 1853.
-
-[891] Plastische Darstellungen der Erde fertigte man übrigens auch
-schon im Altertum an (s. *Peschels* Gesch. d. Erdk. 1877. S. 51), und
-die Araber stellten Himmelsgloben her.
-
-[892] *Pierre d'Ailly* (*Petrus de Alliaco*) lebte von 1350 bis 1420.
-Er war ein hoher kirchlicher Würdenträger. In seinem Weltbuch (Imago
-mundi) findet sich die antike, von *Roger Bacon* wiederholte Ansicht,
-Asien erstrecke sich so weit nach Osten, daß seine Küste von Spanien
-aus in wenigen Tagen zu erreichen sei (*Tschackert*, Peter von Ailly.
-Gotha 1877. S. 335).
-
-[893] *Doppelmayr*, Historische Nachrichten von den Nürnberger
-Mathematikern und Künstlern. 1730.
-
-[894] *E. F. Apelt*, Die Reformation der Sternkunde von N. v. Cusa bis
-auf Kepler. Jena 1852. S. 58. *Behaims* Verdienst um die Entwicklung
-und die Übermittelung der wissenschaftlichen Nautik wird heute geringer
-eingeschätzt. Siehe die Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d.
-Naturwiss. Nr. 60. S. 21.
-
-[895] *E. Meyer*, Geschichte d. Botanik. Bd. IV. S. 255. Zoologische
-Gärten finden sich schon bei den Arabern (*E. Wiedemann*).
-
-[896] Der Leydener Garten wurde 1577, der Heidelberger 1593
-eingerichtet.
-
-[897] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 273, ist geneigt,
-den Italiener *Luca Ghini*, der in Bologna lehrte, als den Erfinder der
-Herbarien zu betrachten.
-
-In Leyden ist noch ein Herbarium von *Rauwolf* vorhanden, der 1573 in
-den Orient reiste. (Mitteilung von *E. Wiedemann*.)
-
-[898] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 284.
-
-[899] Es ist archivalisch festgestellt, daß der Name *Koppernigk*
-lautete. Das Titelblatt des 1543 in Nürnberg gedruckten Werkes enthält
-zwar den Namen *Copernicus*. Es scheint hier aber ein Versehen des
-Herausgebers (Rheticus) vorzuliegen. Die richtige Schreibweise
-würde *Coppernicus* oder *Koppernikus* lauten. Siehe *Max Jacobi*,
-»Koppernikus oder Kopernikus«. Artikel in der »Täglichen Rundschau« v.
-14. 8. 1907.
-
-[900] *Apian* lebte von 1495-1552. Er wurde von Kaiser *Karl V.*
-hoch geschätzt und verfertigte für diesen eine Maschine, durch deren
-Bewegung man den Lauf der Planeten darstellen konnte. Auch empfahl er
-dunkle Gläser zur Beobachtung der Sonne, in der Hoffnung, auf diese
-Weise den Vorübergang von Venus und Merkur sehen zu können. Auch der
-Vorschlag, die Monddistanzen zum Bestimmen der geographischen Länge zu
-benutzen, rührt von *Apian* her (Cosmographia § 5).
-
-[901] Anspielung auf das *Horaz*ische nonumque prematur in annum.
-
-[902] »Dem Reformator«, sagt *Schiaparelli* (Die Vorläufer des
-Koppernikus im Altertum, S. 87), »der ein wesentlich neues Weltschema
-zur Geltung bringen wollte, konnte es nicht genügen, nur eine
-allgemeine Idee auseinanderzusetzen, sondern ihm fiel die Pflicht zu,
-seine Idee bis zu demselben Grade der Vollendung auszuarbeiten, bis zu
-dem *Ptolemäos* die seinige gebracht hatte.«
-
-[903] *Nicolai Copernici Torinensis*, De revolutionibus orbium
-coelestium, libri VI. Eine Übersetzung von *C. L. Menzzer* hat der
-Koppernikus-Verein zu Thorn im Jahre 1879 herausgegeben.
-
-[904] In dem Bestreben, die ungleichförmig erscheinenden Bewegungen
-der Planeten auf gleichförmige Bewegungen zurückzuführen, nahm man
-an, diese Himmelskörper beschrieben Kreise, deren Mittelpunkt sich
-gleichzeitig der Peripherie eines zweiten Kreises entlang bewege; die
-so entstandenen Linien nennt man Epizyklen.
-
-[905] Siehe S. 180 u. f. d. Bds.
-
-[906] *Schiaparelli*, Die Vorläufer des Koppernikus im Altertum,
-übersetzt von *M. Curtze*.
-
-[907] Die außerhalb des Saturn befindlichen Planeten Uranus und Neptun
-wurden erst 1781, beziehungsweise 1846 entdeckt.
-
-[908] Die hierin liegende Schwierigkeit wurde erst von *Bessel*
-gehoben, der nachwies, daß die Fixsterne in der Tat infolge der
-jährlichen Bewegung der Erde ihren Ort, wenn auch in sehr geringem
-Maße, verändern.
-
-[909] Die Schrift galt lange als verschollen. Sie wurde erst im
-19. Jahrhundert wieder entdeckt und (1878) herausgegeben. Näheres
-siehe in dem von *A. Kistner* herrührenden Bd. 39 von Voigtländers
-Quellenbüchern.
-
-[910] Die Drehung der Erde wurde durch Fallversuche, sowie den
-*Foucault*schen Pendelversuch nachgewiesen, während die Fortbewegung im
-Raume aus der Aberration und der Fixsternparallaxe geschlossen wurde.
-
-[911] Anstatt 1 : 49 : 1300000.
-
-[912] In seiner, sechs Jahre nach dem Tode des *Koppernikus*
-veröffentlichten Schrift »Initia doctrinae physicae 1549« (Die
-Anfangsgründe der Naturlehre) beschuldigt *Melanchthon* den
-*Koppernikus*, daß er lediglich zur Befriedigung seiner Eitelkeit
-Irrlehren, die schon das Altertum als bloße Gedankenspiele erkannt
-habe, verbreitete (*L. Prowe*, Nicolaus Coppernicus. Bd. I, 2. S.
-232). In den späteren Auflagen seiner »Naturlehre« hat *Melanchthon*
-diesen Vorwurf zwar abgeschwächt, den ablehnenden Standpunkt gegen die
-heliozentrische Lehre aber beibehalten. *Melanchthon* ließ sich von
-der Überzeugung leiten, daß auch in den Fragen der Naturwissenschaft
-die Bibel maßgebend sei. Siehe die Abhandlung von *E. Wohlwill*:
-»Melanchthon und Copernicus«. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturw.
-1904. S. 260 u. f.
-
-[913] Die kirchliche Behörde, der das Zensoramt oblag und die
-mißliebige Bücher auf den Index, d. h. das Verzeichnis der verbotenen
-Bücher setzte.
-
-[914] *Giordano Bruno* wurde zu Nola im Jahre 1548 geboren. Er
-durchwanderte lehrend Europa, geriet jedoch mit den herrschenden
-kirchlichen Dogmen in Widerspruch und wurde, weil er nicht widerrufen
-wollte, 1600 von der Inquisition zu Rom den Flammen übergeben. Siehe
-*Landsbeck*, Bruno, der Märtyrer der neuen Weltanschauung. Leipzig 1890.
-
-[915] De Immenso. L. III. c. 5.
-
-[916] Wie klein erscheint *Hegel* dagegen, der aus spekulativen Gründen
-annahm, daß es nicht mehr als 7 Planeten geben *könne*.
-
-[917] *Dilthey*, G. Bruno und Spinoza. Archiv der Philosophie. 1894. S.
-269 u. f.
-
-[918] Übersetzt von *Kuhlenbeck* 1893.
-
-[919] *Breusing*, Gerhard Kremer, genannt Merkator, der deutsche
-Geograph. Duisburg 1869.
-
-*H. Averdunk* und *J. Müller-Reinhard*, Gerhard Mercator und die
-Geographen unter seinen Nachkommen. J. Perthes, Gotha 1914. VIII u. 188
-S.
-
-[920] Die »Kosmographie« erschien 1544 in Basel (zuletzt 1628). Sie kam
-auch lateinisch (1550), französisch, italienisch usw. heraus.
-
-[921] Professor der Medizin und der Astronomie in Löwen; lebte von 1535
-bis 1577.
-
-[922] Siehe *Breusings* zitierte Schrift S. 35.
-
-[923] *Philipp Apian* (1531-1589), Sohn des Astronomen *Peter Apian*
-(zu deutsch *Bienewitz*).
-
-[924] 1526-1598.
-
-[925] Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium
-emendata accommodata. Duisburgi mense Augusto, 1569. Auf 8 Blättern, im
-ganzen 1,26 m hoch und 2 m breit. Die Karte wurde nach den Originalen
-in der Stadtbibliothek zu Breslau im Jahre 1891 von der Gesellschaft
-für Erdkunde in Berlin herausgegeben.
-
-[926] *Rumold Mercator.*
-
-[927] Atlas sive cosmographicae meditationes de Fabrica mundi et
-fabricati figura. Duysburgi Clivorum 1595.
-
-[928] In seiner Schrift »Über die geographische Kunst«.
-
-[929] Die Bedingung der Konformität aufgestellt zu haben, gilt
-gewöhnlich als ein Verdienst *Lamberts* (siehe a. a. St.). *Mercator*
-spricht sie aber fast mit denselben Worten aus. Die Bedingung der
-Konformität ist dann erfüllt, wenn das Verhältnis zwischen den Breiten-
-und Längengraden überall auf der Karte gewahrt bleibt.
-
-[930] *Maurolykus*, De lumine et umbra. Venedig 1575.
-
-[931] Die Erklärung des *Maurolykus* beruht gleichfalls auf der
-geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes; jeder Punkt der Öffnung wird
-dabei als die Spitze eines von der Sonne ausgehenden Strahlenkegels
-betrachtet, der auf der andern Seite der Öffnung seine Fortsetzung
-findet.
-
-[932] *J. P. Portae Neapolitani*, Magia naturalis. 1553 (nicht mehr
-vorhanden). 1560. 1589.
-
-[933] Eine Beschreibung der schon viel älteren Lochkamera findet
-sich auch bei *Lionardo da Vinci*. Sie lautet: »Wenn die Bilder von
-beleuchteten Gegenständen durch ein kleines Loch in ein sehr dunkles
-Zimmer fallen, so sieht man diese Bilder im Innern des Zimmers auf
-weißem Papier, das in einiger Entfernung von dem Loche aufgestellt ist,
-in voller Form und Farbe. Sie sind aber in der Größe verringert und
-stehen auf dem Kopfe.« Die Umkehrung des Bildes leitete *Lionardo da
-Vinci* ganz richtig von dem Gang der Lichtstrahlen ab.
-
-Von früheren abendländischen Gelehrten haben sich *Vitello*, *Peckham*
-und *Roger Bacon* mit der Abbildung der Sonne durch verschieden
-gestaltete Öffnungen beschäftigt; im 14. Jahrhundert hat sich *Levi
-ben Gerson* der Camera obscura zu Beobachtungen bei Sonnen- und
-Mondfinsternissen bedient, *Maurolykus* im 15. Jahrhundert eine
-genügend richtige Abbildung der Sonne durch eine enge Öffnung gegeben.
-
-Von den arabischen Gelehrten hat schon *Alkindi* (750-800) den
-Strahlengang für den Fall der Lochkamera untersucht, dann haben der
-große *Ihn al Haitam* und sein ebenfalls bedeutender Kommentator *Kamâl
-al Dîn* die Theorie ausführlich entwickelt. (*J. Würschmidt*, Zeitschr.
-f. math. u. naturwiss. Unters. 1915, 466.)
-
-[934] *W. Schmidt*, Heron von Alexandrien im 17. Jahrhundert. In den
-Abhandlungen z. Gesch. d. Mathem. 8. Heft (1898). S. 195.
-
-[935] *Porta*, Pneumaticorum libri tres. Neapoli 1601.
-
-[936] Seine Vorrichtung, mit Hilfe gespannter Dämpfe Wasser zu heben,
-kann noch nicht als Dampfmaschine bezeichnet werden. Außerdem ist es
-zweifelhaft, ob *de Caus* ein Franzose oder ein Deutscher war.
-
-[937] *Gilbert*, De magnete. I, 1. Von dem Deutschen *Georg Hartmann*
-(1489-1564) rührt eine noch ältere, aber ganz ungenaue Beobachtung der
-Inklination her (9 Grad anstatt etwa 70 Grad).
-
-[938] Deliciae physico-mathematicae. Nach dem Tode *Schwenters*
-erschienen. Eine Übersetzung rührt von *Harsdörffer* her.
-
-[939] A. a. O. 3. Teil XIX.
-
-[940] A. a. O. 11. Teil XVIII.
-
-[941] Dieses Holz hatten Jesuiten in Mexiko kennen gelernt; es wurde
-Nierenholz (lignum nephriticum) genannt, weil man es gegen Nieren- und
-Blasenkrankheiten anwandte.
-
-Ausführlicher hat *G. Berthold* über die Geschichte der Fluoreszenz in
-*Poggendorffs* Annalen der Physik und Chemie, Bd. 158 (1876) S. 620,
-berichtet. Danach rührt die älteste Nachricht über die Fluoreszenz
-eines Aufgusses des lignum nephriticum von *Monardes* (16. Jahrh.)
-her. Auch *Boyle*, *Grimaldi*, *Newton* und andere haben sich mit dem
-Phänomen beschäftigt. *Newton* hat zuerst den Aufguß in homogenem
-Lichte untersucht. Eingehender geschah dies durch *E. Wünsch* (Versuche
-und Beobachtungen über die Farben. Leipzig 1792). Bei *Musschenbroek*
-findet sich die Bemerkung, daß Erdöl dieselbe Erscheinung zeige wie
-der Aufguß des Nierenholzes (Introductio ad philos. nat. 1762. Bd.
-II. S. 739). *Goethe* beschrieb sie an dem Aufguß der frischen Rinde
-der Roßkastanie (Nachträge zur Farbenlehre. Nr. 10). Da indessen die
-Erklärung dieser Erscheinung nicht gelang, geriet sie in Vergessenheit,
-bis sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Gegenstande sehr
-eingehender Experimentaluntersuchungen gemacht wurde. (Siehe Bd. IV.)
-
-[942] Sie soll um 1630 erfolgt sein.
-
-[943] Siehe *Wilde*, Geschichte der Optik. Bd. I. S. 294.
-
-[944] Schon im 13. Jahrhundert versuchte der Deutsche *Jordanus
-Nemorarius*, mechanische Probleme auf dynamischem Wege zu lösen (Liber
-Jordani Nemorarii de ponderibus. Herausgegeben von *Peter Apian*,
-1533). Näheres siehe *Gerland* und *Traumüller*, Geschichte der
-physikalischen Experimentierkunst. Leipzig, W. Engelmann. 1899. S. 78
-u. f.
-
-[945] *Tartaglia*, Nuova scienza (Venedig 1537).
-
-[946] Nach *v. Lippmann*.
-
-[947] Dies geschah im Jahre 1423.
-
-[948] Übrigens betrieb Karl VII. von Frankreich, dem die Engländer den
-Thron zugunsten ihres Königs Heinrich VI. streitig machten, dieselbe
-Art von Falschmünzerei.
-
-Siehe auch *H. Schelenz*: »Hermes und seine Kunst, Alchemie in
-England«. Pharmazeutische Post. Wien 1902. Nr. 6. Danach wurde im Jahre
-1440 einer englischen Firma sogar das Privileg zur Herstellung von
-künstlichem Gold gegeben. Doch sank dadurch der Wert der englischen
-Goldmünzen um die Hälfte. Nach *v. Lippmann* handelte es sich um
-gefälschte Münzen.
-
-[949] Es lehrte, sagt *Chamberlain* treffend, schärfer beobachten,
-verdoppelte die Erfindungsgabe, flößte die kühnsten Hypothesen ein
-und schenkte endlose Ausdauer und Todesverachtung (*Chamberlain*,
-Grundlagen. S. 756).
-
-[950] Siehe in *v. Lippmanns* Werk »Die Alchemie« (1919) den Abschnitt,
-der von der Alchemie nach 1300 handelt (S. 495 u. f.).
-
-[951] Vereinzelt selbst bis ins 19. Jahrhundert. So entstand 1894 in
-Paris eine Société hermétique und bald darauf eine Société alchimique.
-Fristeten diese Regungen ihr Dasein immer wieder durch ihre Verbindung
-mit Mystik und Okkultismus, so erhielten sie neue Nahrung durch die
-Umwandlungen, die man am Radium und den radioaktiven Stoffen entdeckte.
-
-[952] Besonders die Studien *Sudhoffs*.
-
-[953] Siehe *F. Strunz*, Theophrastus Paracelsus, sein Leben und
-seine Persönlichkeit. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der deutschen
-Renaissance. Leipzig, E. Diederichs. 1903.
-
-[954] Siehe *E. Sudhoffs* Bericht über die neuesten Wertungen
-*Hohenheims* in den Mitteil. z. Gesch. d. Medizin u. Naturwiss. 1904.
-S. 475.
-
-[955] Im Druck erschien es zuerst 1493 und zuletzt in Basel in fünf
-Bänden 1523, also kurz bevor *Paracelsus* dort auftrat.
-
-[956] Voll Selbstbewußtsein sprach er einst das Wort: »Engländer,
-Franzosen, Italiener, ihr mir nach, nicht ich euch!«
-
-[957] *Strunz* a. a. O.
-
-[958] Über die Anfänge des Apothekenwesens im frühen Mittelalter siehe
-S. 294 d. Bds.
-
-[959] Es wurde im Jahre 1505 veröffentlicht. Der Titel lautet: »Ein
-wolgeordnet vñ nutzlich büchlin wie man Bergwerck sůchen und finden
-sol / von allerley Metall / mit seinen figuren / nach gelegenheyt,
-des gebijrges / artlych angezeygt / Mit anhangenden Bercknamen / den
-anfahenden Bergleuten vast dienstlich.« In dem Buch spricht »Daniel der
-Bergner stendig / zum jungen Knappjo«. Einen Abdruck dieses seltenen
-Werkes hat die »Zeitschrift für Bergrecht« in Band XXVI gebracht.
-
-Siehe die Besprechung von *O. Vogel* in den Mitteilungen z. Gesch. d.
-Medizin u. d. Naturwiss. 1909. S. 299. Ferner *W. Jacobi*, Das älteste
-Lehrbuch für den Bergbau. Der Erzbergbau. 1909. Heft 3. S. 52.
-
-[960] *Beckmann*, Geschichte der Erfindungen. Bd. III.
-
-Siehe auch *Ranke*, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation.
-Bd. V. S. 348.
-
-[961] *Agricolas* Bergwerksbuch. Übersetzt von *Bechius* 1621.
-Vgl. auch *Agricolas* mineralogische Schriften, übersetzt und
-mit Anmerkungen von *E. Lehmann*. Freiburg 1816. Der Titel des
-Originalwerkes lautet: De re metallica libri XII. 1556. Ein Jahr nach
-dem Erscheinen von *Agricolas* »De re metallica« wurde eine deutsche
-Übersetzung von *Ph. Beck* unter dem Titel »Vom Bergwerk XII Bücher«
-herausgegeben. Sie erlebte mehrere Auflagen (1580, 1621). Eine neuere
-deutsche Übersetzung gibt es nicht, wohl aber eine vorzügliche
-englische vom Jahre 1912 (*O. Vogel*, Stahl und Eisen. Jahrg. 1916. S.
-405).
-
-[962] Vom Marktscheiden, kurzer und gründlicher Unterricht durch *E.
-Reinhard*. Erfurt 1574.
-
-[963] Über die Anregungen, die der Bergbau im Laufe der
-Kulturgeschichte der Naturwissenschaft und der Technik gegeben hat,
-berichtete *E. Gerland* im Archiv für Geschichte der Naturwissensch. u.
-der Technik. Jahrg. 1910. S. 301 u. f.
-
-[964] *Lindner*, Gesch. Bd. IV. S. 431.
-
-[965] Seit 1566.
-
-[966] Seit 1574.
-
-[967] Historia natural y moral de las Indias.
-
-[968] Näheres siehe in den Mitteilungen z. Gesch. d. Med. u. d.
-Naturwiss. Nr. 59. S. 592.
-
-[969] Diejenigen Stellen der Bibel, welche der Entwicklung der Geologie
-besonders hinderlich waren, lauten nach der Ausgabe von *E. Kautzsch*,
-Die Heilige Schrift des Alten Testaments, 1896, S. 1 und S. 750:
-
-Da sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an
-einem Ort, so daß das Trockne sichtbar wird. Und so geschah es, und
-Gott nannte das Trockne Erde, die Ansammlung der Gewässer aber nannte
-er Meer. (Die Schöpfung der Welt. Text S. 1.)
-
-Ehe die Berge geboren, und die Erde und der Erdkreis >hervorgebracht
-wurden< und von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, o Gott. (Text S. 750. Ps.
-90.)
-
-[970] *Agricola*, De ortu et causis subterraneorum. Basileae 1546.
-Liber tertius, p. 36.
-
-[971] Principles of geology. 11. Aufl. Bd. I. London 1872. S. 27-28.
-
-[972] *Georgius Agricola*, De natura fossilium. Basel 1546.
-
-[973] Als Begründer dieser irrigen Ansicht ist *Avicenna* (980-1037) zu
-betrachten. Auch *Albertus Magnus* huldigte ihr. Doch meinte er, Tiere
-und Pflanzen könnten auch wohl an solchen Orten zu Stein erhärten, wo
-eine steinmachende Kraft vorhanden sei. (*Zittel*, Geschichte d. Geol.
-u. Paläont. 1899. S. 15.)
-
-[974] *Konrad Gesner*, De omni rerum fossilium genere. 1565.
-
-[975] *Zittel*, Geschichte der Geologie und Paläontologie. 1899. S. 18.
-
-[976] *Palissy*, Discours admirable de la nature des eaux et fontaines,
-des métaux, des sels et salines, des pierres, des terres, du feu et
-des émaux. Paris 1580. Nach *E. v. Lippmann* wird seine Originalität
-neuerdings stark bezweifelt.
-
-[977] *Zittel*, a. a. O. S. 22.
-
-[978] Nach *Löwenheim* stimmen *Palissy* und *Cardanus* mitunter fast
-wörtlich überein. Siehe S. 74 u. 75.
-
-[979] Den jüngsten Sohn König *Johanns des Ersten*.
-
-[980] Siehe S. 399.
-
-[981] Exoticorum libri X.
-
-[982] *Sprengel*, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 352.
-
-[983] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 290.
-
-[984] Eine ausführliche Schilderung des Lebenslaufes von *Brunfels* und
-seiner Verdienste um die Botanik enthält die Abhandlung von *F. W. E.
-Roth*: »Otto Brunfels, 1489-1534, ein deutscher Botaniker«. Botanische
-Zeitung 1901. S. 191 u. f. *Brunfels* trat als Kartäusermönch mit
-den bedeutendsten Humanisten, darunter mit *Ulrich von Hutten*, in
-Verbindung. Mit Hilfe des letzteren entfloh *Brunfels* dem Kloster,
-um offen als Lutheraner aufzutreten. Später wirkte er als Lehrer am
-Gymnasium in Straßburg. Er starb im Jahre 1534, nachdem er einige Jahre
-vorher die medizinische Doktorwürde erworben hatte.
-
-[985] *S. Killermann*, Dürers Pflanzen- und Tierzeichnungen und ihre
-Bedeutung für die Naturgeschichte. Heft 119 der Studien zur deutschen
-Kunstgeschichte. Mit 22 Tafeln. Straßburg 1910.
-
-[986] *Brunfels* lernte, wahrscheinlich im Jahre 1533, die Sammlungen
-*Bocks* kennen und veranlaßte ihn zur Herausgabe des Kräuterbuches.
-
-[987] *Hieronymus Bock* (1498-1554), New Kreuterbuch von Underscheidt,
-Würkung und Namen der Kreuter, so in teutschen Landen wachsen.
-
-[988] Einige der von *Fuchs* zum ersten Male abgebildeten deutschen
-Arten seien hier aufgezählt: Ligustrum vulgare, Salvia pratensis,
-Hordeum vulgare, Avena sativa, Convolvulus arvensis, Lysimachia
-Nummularia, Cyclamen europaeum, Lilium candidum, Paris quadrifolia,
-Daphne Merzereum, Saponaria officinalis, Euphorbia Cyparissias, Prunus
-spinosa, Clematis Vitalba, Ranunculus acris, Digitalis purpurea,
-Genista tinctoria, Orchis Morio, Equisetum arvense, Pteris aquilina usw.
-
-[989] Dodonaei stirpium historiae pemptades sex sive libri XXX.
-Antwerpiae, ex officina Christophori Plantini, 1583, in fol.
-
-[990] Von der Einführung amerikanischer Pflanzen handelt *S.
-Killermann* in der Naturwiss. Wochenschrift. 1909. S. 193. Danach
-ist der Mais in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Europa
-gekommen. Die Agave americana wurde nach *Caesalpin* 1561 eingeführt.
-Weitere Angaben finden sich über Nicotiana tabacum, Solanum tuberosum,
-Capsicum annuum usw.
-
-Mitgebracht hat den Mais übrigens schon *Columbus*, wie er (nach *E. v.
-Lippmann*) selbst bezeugt.
-
-[991] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 325.
-
-[992] *Conradi Gesneri*, Opera botanica. 2 Bde. Nürnberg 1751-1771.
-Dieser Nachlaß *Gesners* wurde also erst lange nach seinem Tode
-herausgegeben (durch *Schmiedel*).
-
-[993] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 334.
-
-[994] Siehe S. 337.
-
-[995] *A. v. Humboldt*, Kosmos. Bd. II. S. 256.
-
-[996] Pro herbis necessariis artis suae.
-
-[997] 1540 und 1547.
-
-[998] *E. Meyer*, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 270.
-
-[999] *H. Schelenz*, Über Kräutersammlungen und das älteste deutsche
-Herbarium. Verhandlungen der Versammlung deutscher Naturforscher und
-Ärzte. 1906. II. 2.
-
-[1000] L. *Ranke*, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. 5.
-Bd. 4. Aufl. S. 346.
-
-[1001] *Conradi Gesneri*, Historiae animalium libri, opus philosophis,
-medicis, grammaticis, philologis, poetis et omnibus rerum linguarumque
-variarum studiosis utilissimum simul jucundissimumque.
-
-[1002] *Ulisse Aldrovandi* wurde 1522 in Bologna geboren. Er gründete
-dort 1567 einen botanischen Garten. Sein Nachfolger in der Leitung
-dieses Gartens war der Botaniker *Caesalpin*. *Aldrovandi*, Opera
-omnia. 13 Bde.
-
-[1003] De differentiis animalium.
-
-[1004] Nach *Dantes* Inferno ruht Friedrich II. in einem feurigen Grabe.
-
-[1005] Siehe S. 313.
-
-[1006] *Eustachio* lieferte unter anderem eine genaue Untersuchung des
-Gehörorgans und entdeckte dabei den Steigbügel (um 1546). Hammer und
-Amboß waren schon früher aufgefunden (um 1480). *Haeser*, Geschichte
-der Medizin. Bd. II. S. 61.
-
-[1007] *L. v. Ranke*, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation.
-Bd. V. S. 345.
-
-[1008] Namens *Johann Stephan von Calcar*. Jedoch ist dessen
-Autorschaft nicht sichergestellt. Siehe Mitteilungen z. Geschichte d.
-Medizin u. d. Naturwiss. 1903. S. 282.
-
-[1009] *Sprengel*, Geschichte der Arzneikunde. Bd. III. § 46-78.
-
-[1010] *Wunderlich*, Geschichte der Medizin. Stuttgart 1859. S. 70.
-
-[1011] De humani corporis fabrica libri VII. Basel 1543.
-
-[1012] *Wunderlich*, Geschichte der Medizin. Stuttgart 1859.
-
-[1013] *Fabricio ab Aquapendente* (1537-1619), De formatione ovi.
-
-[1014] Zum Beispiel, daß die Herzscheidewand, durch die *Galen* das
-Blut aus dem rechten in den linken Ventrikel hindurchtreten ließ,
-undurchdringlich ist.
-
-[1015] Sie rühren zum größten Teile von *E. Wiedemann* (Wi), *E. v.
-Lippmann* (Li) und *J. Würschmidt* (Wü) her.
-
-
-
-
-Einige Auszüge aus den Besprechungen der ersten Auflage.
-
-
-Des Verfassers Grundriß einer Geschichte der Naturwissenschaften
-hat in zweiter Auflage *G. W. A. Kahlbaum* (I, 160 und III, 75)
-in anerkennendster Weise besprochen und zugleich die Gefühle
-ausgesprochen, die angesichts der Erfolge dieses Werkes jeden
-Historiker der Naturwissenschaften beseelen müssen. Aus den
-gleichen Gründen begrüßen wir es heute freudigst, daß unser
-Gesellschaftsmitglied und Mitarbeiter den zweiten Teil dieses Buches zu
-einem vierbändigen Werke ausgestalten will und davon bereits den ersten
-Band vorzulegen vermag.
-
- (H. Stadler in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und
- der Naturwissenschaften, Bd. X, 2. Heft.)
-
-
-Der soeben erschienene 2. Band dieses großen Werkes behandelt die Zeit
-von Galilei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, also jene Epoche, in
-welcher die Grundlagen der neueren Naturwissenschaften gelegt wurden.
-Auch in diesem Bande hat sich der Verfasser mit Erfolg bemüht, eine
-Darstellung zu schaffen, die nicht nur dem Historiker dient, sondern
-für jeden anregend ist, der sich überhaupt für die Naturwissenschaften
-interessiert.
-
- (Kölnische Zeitung, 20. Februar 1911.)
-
-
-Ähnlich wie *Cantors* Vorlesungen über Geschichte der Mathematik
-ein »standard work« allerersten Ranges bleiben werden, so wird
-auch *Dannemanns* Werk von bleibendem Wert sein, das für den
-Geschichtsforscher wie für den Mediziner, für den Lehrer wie für den
-Techniker großen Nutzen haben und dessen Lektüre für jeden, der sich
-für die Naturwissenschaften interessiert, eine Quelle hohen Genusses
-bilden wird.
-
- (Monatsschrift für höhere Schulen, 1911, 6. Heft.)
-
-
-Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die überraschende
-Belesenheit des Autors oder seine Gabe, selbst die schwierigsten
-Probleme wissenschaftlicher Forschung nicht nur dem Kenner, sondern
-auch dem interessierten Laien leichtfaßlich in ernst-vornehmer Form
-vorzutragen.
-
- (Pharmazeutische Zeitung, 1911, Nr. 13.)
-
-
-Besonders dankenswert erscheint, wie *Dannemann* in allen diesen
-Wissenschaften die verbindenden großen Gedanken herauszuschälen
-weiß, die im hohen Maße geeignet sind, die Vertreter der einzelnen
-naturwissenschaftlichen Disziplinen vor Einseitigkeit zu bewahren.
-
- (Ärztliche Rundschau, 1910, XX. Jahrgang, Nr. 47.)
-
-
-Dem Techniker, dem Lehrer, dem Arzte, jedem, der sich lebhafter
-für Naturwissenschaften interessiert, vor allem also auch unseren
-Studierenden, dürfte das Buch eine unerschöpfliche Quelle des Genusses
-und der Anregung sein. Einen ganz besonderen Wert besitzt das Werk
-dadurch, daß es gewissermaßen den Rahmen für *Ostwalds* Klassiker der
-exakten Wissenschaften abgibt und so die Beziehungen aufweist, durch
-welche die einzelnen Gebiete sich gegenseitig beeinflußt haben.
-
-Für die Hebung der Kultur unseres Volkes kann dieses Buch, das die
-Wissenschaft und ihre Erfolge als etwas Werdendes vorstellt, von
-größtem Nutzen sein, da es die Erfolge fortschrittlichen Denkens
-gegenüber den Schwächen dogmatischer Gesinnung aufs deutlichste
-vergegenwärtigt.
-
- (Prometheus, 26. November 1910, XXII. Jahrgang.)
-
-
-L'ouvrage me paraît excellent; il a d'ailleurs une qualité
-inappréciable; c'est de n'avoir pas d'équivalent.
-
- (Revue générale des Sciences. Paris 15. III. 1912.)
-
-
-Das Gesamtwerk, dessen Inhalt durch gute Register und
-Literaturverzeichnisse übersichtlich zusammengehalten wird, liegt nun,
-auch in äußerlich schönem Gewande, vollständig vor; es gehört fraglos
-zu den *besten, bestgeschriebenen, originellsten und nutzbringendsten
-der neueren naturwissenschaftlichen Literatur* und ist mehr als jedes
-andere geeignet, den immer unheilvoller hervortretenden Folgen der
-völligen Zersplitterung unter den Naturforschern abzuhelfen und deren
-allgemeine Fortbildung wieder zu heben. Es gereicht dem Verfasser zur
-Ehre, nicht minder aber auch der ganzen deutschen Literatur.
-
- (Prof. Dr. *E. O. von Lippmann* in der Chemiker-Zeitung 1913.)
-
-
-Seit Jahren empfehle ich meinen Hörern in der einführenden Vorlesung
-über experimentelle Chemie das *Dannemann*sche ausgezeichnete, noch
-nicht nach Gebühr verbreitete Werk »Die Naturwissenschaften in ihrer
-Entwicklung und in ihrem Zusammenhange«.
-
- (Dr. *A. Stock*, Prof. a. d. Univ. Berlin und am
- Kaiser-Wilh.-Inst. Dahlem, in d. Monatsschrift f. d. chem. u.
- biol. Unterr. 1920.)
-
-
-Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig.
-
-
-
-
-Von dem Verfasser erschienen ferner:
-
-
-=Leitfaden für die Übungen im chemischen Unterricht der oberen Klassen
-höherer Lehranstalten.= 6. Aufl. B. G. Teubner, Leipzig 1920.
-
-
-=Aus der Werkstatt großer Forscher.= 430 Seiten. 3. Aufl. Leipzig 1908.
-Wilhelm Engelmann.
-
-Gebunden M. 9.-- und 50% V.-T.-Z.
-
-»Es sei jeder, der sich bisher noch nicht mit diesem vortrefflichen
-Werke bekannt gemacht hat, darauf hingewiesen, die sehr wertvolle
-Bekanntschaft nicht länger hinauszuschieben.«
-
- (Prof. Dr. =Wilh. Ostwald=.)
-
-
-=Der naturwissenschaftliche Unterricht auf praktisch-heuristischer
-Grundlage.= Hannover 1907. Hahnsche Buchhandlung. Geh. M. 6.--, geb. M.
-6.80.
-
-
-»Das Werk entwickelt in recht überzeugender Weise die Bedeutung und die
-Grundzüge des praktisch-heuristischen Verfahrens. -- Der Arbeit kann
-das Verdienst nicht vorenthalten werden, mit Gründlichkeit und Energie
-für eine gute Sache eingetreten zu sein.«
-
- (=J. Norrenberg=, in der =Zeitschrift für lateinloses Schulwesen
- 1908=.)
-
-
-=Naturlehre für höhere Lehranstalten, auf Schülerübungen gegründet.=
-Hannover 1908. Hahnsche Buchhandlung.
-
-»Der Verfasser hat so alle Momente vereinigt, die zur Erteilung eines
-zeitgemäßen Unterrichts von Belang sind und zwar so, daß zu dem neuen
-Plane ein Übergang von dem bestehenden her möglich ist.«
-
- (=Deutsche Literaturzeitung. 1909, Nr. 5.=)
-
-
-=Handbuch für den physikalischen Unterricht.= J. Beltz, Langensalza
-1919.
-
-»Was in diesem Buche gesagt wird, faßt alle lebenskräftigen
-Reformgedanken der letzten Jahre in geschickter Weise zusammen.«
-
- (=R. Winderlich=, i. d. =Ztschr. f. d. math. u. naturw. Unterr.=)
-
-
-
-
-VERLAG VON WILHELM ENGELMANN IN LEIPZIG
-
-
-=Geschichte der physikalischen Experimentierkunst= von Prof. Dr. =E.
-Gerland= und Prof. Dr. =F. Traumüller=.
-
-Mit 425 Abbildungen zum größten Teil in Wiedergabe nach den
-Originalwerken. (XVI und 442 Seiten, gr. 8.)
-
- Geheftet M. 14.--. In Halbfranz gebunden M. 17.--.
-
-_Aus den Besprechungen_:
-
-»Das treffliche Buch darf weder in der Bibliothek einer mittleren oder
-höheren Lehranstalt, noch in der eines Experimentalphysikers fehlen.«
-
- (=Monatshefte f. Mathematik und Physik. 1900. Heft 1.=)
-
-»Eine eingehende Kenntnis der Geschichte der Physik läßt den Lehrer
-erst den wahren Wert der einzelnen Tatsachen, Begriffe und Theorien
-erkennen, liefert ihm überaus dankbare Mittel, den Unterricht kräftig
-zu beleben, und macht ihn auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die der
-menschliche Geist bei dem ersten Eindringen in die einzelnen Gebiete
-der Physik zu überwältigen hat. Das vorliegende Werk erschließt in
-trefflicher Weise ein neues und wichtiges Gebiet der Geschichte der
-Physik; es darf in der Hausbibliothek keines Lehrers fehlen, dem sein
-Unterricht und die ihm anvertraute wissensdurstige Jugend am Herzen
-liegt.«
-
- (=Hahn-Machenheimer, Zeitschr. f. d. physik. u. chem. Unterricht.
- März 1900. Heft 2.=)
-
-
-=Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge= von Purbach bis
-Reichenbach 1450-1830 von =Joh. A. Repsold=. 1. Band. Mit 171
-Abbildungen (VIII und 132 Seiten gr. 8). M. 16.--.
-
-_Aus den Besprechungen_:
-
-»Das Buch, das sich überall als eine reiche Quelle der Belehrung über
-die Zweckdienlichkeit und die sachgemäße Verwendung der Instrumente,
-sowie über die Vorteile und Nachteile der einzelnen Konstruktionen
-darbietet, wird gewiß nicht verfehlen einen dauernden, großen Nutzen
-für die Wissenschaft zu stiften.«
-
- (=Astronomische Nachrichten, Bd. 177, Nr. 6.=)
-
-»Ein höchst interessantes, lehrreiches Werk ist es, das der Verfasser,
-der wie kein anderer dazu berufen war, es zu schreiben, den Mechanikern
-und Astronomen darbietet.«
-
- (=Zeitschrift für Instrumentenkunde. XXVIII. Jahrg., Sept. 1908.=)
-
-
-Auf vorstehende Preise 50% Verleger-Teuerungszuschlag.
-
-
-
-
-Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und weitere Anmerkungen:
-
-In der Legende zu Abb. 5: in "Ste = Steinbock;" das "e" ergänzt (da
-Abkürzung so im Bild enthalten).
-
-In "Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus vorstehender
-Abbildung ersichtlich" stand "darstellten" statt "herstellten".
-
-Statt Boncompagni stand Boncampagni.
-
-In "woher das in den Pseudo-*Geber*schen Schriften enthaltene Wissen
-stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts »in
-völliger Vollendung und demnach als das Ergebnis einer längeren
-Entwicklung« entgegentritt": « hinter "entgegentritt" entfernt.
-
-In "Nur durch die Mathematik können wir zur vollen Wahrheit gelangen":
-"zur" war "zu".
-
-In "die Renaissance »als das Resultat und die feinste Blüte des
-Mittelalters« zu bezeichnen": « nach "Mittelalters" hinzugefügt.
-
-In "Von anderer Seite wird bestritten, daß die alten Babylonier schon
-das Gewicht aus dem Längenmaß abgeleitet hätten" stand "Zeit" statt
-"Seite".
-
-In "König *Attalos* von Pergamon, so erzählt uns *Plutarch*[1016],
-baute giftige Gewächse an": "an" hinzugefügt.
-
-In "Eine Ausgabe mit lateinischer Übersetzung gab *Fr. Hultsch* heraus.
-Berlin 1875-1878" stand als Enddatum 1875 statt 1878.
-
-In "Die Stellung, welche die Araber diesen Werken gegenüber einnahmen,"
-Komma hinter "Araber" entfernt.
-
-In "Man fand die Länge des Grades gleich 56 und bei einer zweiten
-Messung gleich 56-2/3 arabischen Meilen[1017] oder gleich etwa 113040
-m, woraus sich der Erdumfang zu 40700 km berechnet." stand bei der
-letzten Angabe "m" statt "km", was aber nicht zur dargestellten
-Berechnung passt.
-
-In "Die neue astronomische Ansicht, die sich ihm und den Aufgeklärten
-unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im Sinne der
-»Schönheitsherrlichkeit der Welt« verwertet" fehlte das beendende
-Anführungszeichen, ergänzt hinter "Welt".
-
-Fußnote 772: Seitenzahl im Original nicht lesbar.
-
-Anführungszeichen eingefügt vor: "Der G nächste Träger bei A ist das
-Bewegte, der andere Träger bei B ist das Bewegende.", um Zitat zu
-vervollständigen.
-
-Anführungszeichen eingefügt vor: "Man lasse durch eine kleine Öffnung
-(Abb. 58, M) das Bild eines beleuchteten Gegenstandes in ein dunkles
-Zimmer treten.", um Zitat zu vervollständigen.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Naturwissenschaften in ihrer
-Entwicklung und in ihrem Zusamme, by Friedrich Dannemann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATURWISSENSCHAFTEN IN ***
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