diff options
Diffstat (limited to 'old/53283-h/53283-h.htm')
| -rw-r--r-- | old/53283-h/53283-h.htm | 16155 |
1 files changed, 0 insertions, 16155 deletions
diff --git a/old/53283-h/53283-h.htm b/old/53283-h/53283-h.htm deleted file mode 100644 index 46a070f..0000000 --- a/old/53283-h/53283-h.htm +++ /dev/null @@ -1,16155 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Die Große Stille, by Heinrich Lilienfein. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -h1,h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -h1 { - margin-top: 4em; -} - -.pagebreak { - page-break-before: always; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1.5em; -} - -.p1 {margin-top: 1em;} -.p6 {margin-top: 6em;} -.b6 {margin-bottom: 6em;} -.big200 {font-size: 160%;} -.halftitle {margin-top: 4em; margin-bottom: 6em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%;margin-left: 27.5%;margin-right: 27.5%;} -hr.chap {width: 15%;margin-left: 42.5%;margin-right: 42.5%;} - -ul.index { list-style-type: none; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; - border: 1px solid black; -} - - .tdl {text-align: left; padding-left: 1em;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; - text-indent: 0em; -} /* page numbers */ - -.pagenumh2 { - font-size: 50%; - font-weight: normal; -} - - -.center {text-align: center; text-indent: 0em; } - -.right {text-align: right; text-indent: 0em; margin-right: 2em;} - -.gesperrt -{ - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; -} - -em.gesperrt -{ - font-style: normal; -} - -.antiqua -{ - font-style: normal; - font-family: sans-serif; - font-size: 90%; -} - -/* Images */ -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; - font-family:sans-serif, serif; } - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die große Stille - -Author: Heinrich Lilienfein - -Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - - - -<p class="center big200 halftitle">Die große Stille</p> - - - - -<h1 class="pagebreak">Die große Stille</h1> - -<p class="center">Roman</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="center big200">Heinrich Lilienfein.</p> - -<p class="center b6">9.-11. Auflage</p> - -<div class="figcenter" style="width: 120px;"> -<img src="images/title_logo.png" width="120" height="128" alt="" /> -</div> - -<p class="center">Stuttgart und Berlin 1919<br /> -J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger -</p> - - - -<p class="pagebreak center p6">Alle Rechte,<br /> -insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten</p> - -<p class="center"><small>Für die Vereinigten Staaten von Amerika:<br /> -Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br /> -Stuttgart und Berlin</small> -</p> - - - -<p class="pagebreak center halftitle big200">Dem Andenken meiner Hanna</p> - - - - - -<h2 class="pagebreak"><a name="c1" id="c1">1</a></h2> - - -<p>Da klingelte es schon wieder.</p> - -<p>Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe -gleich gar nicht verlassen. Elli stürmte mit lachender -Neugier aus der Stube und bog sich so weit über das -Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester sie leise -schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und -man gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, -obwohl die größere von beiden, so nicht auf ihre Kosten -kam. Und der neue Ankömmling für Papas Sprechstunde -mußte doch ganz genau gemustert werden. Das -war so Brauch, so oft ein neues Semester begann und -die Hörer einer nach dem andern anrückten, um sich -den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch schreiben zu -lassen.</p> - -<p>Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben, -das ihr und Ellis Mädchenreich war. Aber auch -in ihren Fingern ruhte für einen Augenblick die feine -Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie hinaus -nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen -Stille war jedes Geräusch zu hören.</p> - -<p>Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese, -die mit Brummen an die Glastür schlürfte und öffnete. -Elli polterte in der Spannung einige Stufen hinunter. -Ein zürnendes „Bst!” von Käthe wies sie zurecht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[S. 8]</a></span></p> - -<p>Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke -suchten die Tür. Sie ließ sich von der Spannung anstecken, -als könnten die lichtlosen blauen Augen das unerbittliche -Dunkel durchdringen, das sie inmitten der sonnigen Stube -einhüllte.</p> - -<p>Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein.</p> - -<p>Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttäuschung -fuhr Elli zurück und glitt von der Treppe ins Zimmer. -„Nu mach' ich nicht mehr mit!” ließ sie sich halb traurig, -halb zornig vernehmen, während sie sich in dem roten -Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend -zurückwarf.</p> - -<p>„Wer war's denn?” forschte die Blinde.</p> - -<p>„Ach was! Nicht der Mühe wert! Einfach lächerlich!” -lautete die unklare Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.</p> - -<p>„Trabner, der alte Oberlehrer,” erklärte Käthe, die -jetzt, gleichfalls enttäuscht, zurückkam.</p> - -<p>„Ach der!” nickte Marga und nahm die auf den Knien -liegende Handarbeit wieder auf.</p> - -<p>„Der Flanellstorch!” ergänzte Elli, die ihren Unwillen -an irgendwem auslassen mußte. „Mit der Glatze und der -Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem famosen -Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube, er hört Papa seit -fünfzig Jahren, der — der —”</p> - -<p>„Ein sehr netter, vernünftiger Mensch,” meinte Käthe -strafend. „Papa schätzt ihn sehr.” Als Älteste hielt sie -es stets für ihre Pflicht, gerecht zu sein und Ellis vorlauten -Urteilen die Spitze abzubrechen.</p> - -<p>Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern -zu lassen. „Sieh mal an!” Sie bog ihren lichtblonden<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[S. 9]</a></span> -Lockenkopf zur Seite. „Du schwärmst wohl gar -für den guten Flanellstorch?”</p> - -<p>„Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht -leiden, daß man jemand in Bausch und Bogen ablehnt. -Das weißt du.” Käthe setzte sich an den kleinen Schreibtisch -am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr Tagebuch -zu schreiben.</p> - -<p>„Vergiß das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,” neckte -Elli weiter. „Unter ‚Gedankensplitter‛.”</p> - -<p>Käthe drehte sich empört nach der Spötterin um. „Das -verbitt' ich mir, hörst du?” Ihre dunklen Augen zürnten, -und sie strich sich die Haare aus der Stirn, zurück nach -den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. „Ich kann nicht -dafür, daß dein Herr Wilkens ausbleibt,” setzte sie mit -spitzem Vorwurf hinzu.</p> - -<p>„Oho!” brauste Elli auf. „Ich kümmere mich wohl -um Wilkens? Nicht so viel! Nicht so viel!” Die Röte, -die ihr in die Wangen schoß, ärgerte sie noch mehr. „Nicht -so viel!” erklärte sie zum drittenmal mit vor Erregung -zitternder Stimme.</p> - -<p>„Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,” mahnte -jetzt Margas weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete -über den Tisch weg nach Elli, als wollte sie ihren Liebling -beruhigen. „Er kann ja noch kommen,” flüsterte sie der -jüngeren Schwester zu.</p> - -<p>Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz -kämpften in ihren hübschen Zügen und preßten ihr Tränen -in die Augen. Sie war in dem seligen siebzehnjährigen -Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen wie Regen -und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar -verkannt vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[S. 10]</a></span> -„nicht so viel” kümmerte, sondern gerade weil sie auf ihn -gewartet hatte. Ihr kleines Geheimnis, über das sie mit -den Schwestern sonst ganz gern einmal tuschelte, war nach -ihrem Empfinden von Käthe furchtbar verletzt und entweiht.</p> - -<p>Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte -die Arbeit auf den Tisch und setzte sich neben Elli aufs -Sofa. Sie nahm sie in den Arm. Während Käthe mit -großen steilen Schriftzügen ein neues Blatt des Tagebuchs -füllte, redete sie in ihrer verständigen, zarten Weise -halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben -nicht nur den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern -auch dieses Herz auszuschütten begann.</p> - -<p>Das Schnarren von Käthes Feder, das Flüstern der -beiden auf dem Sofa waren die einzigen Geräusche, die -das Zimmer, ja das ganze in nachmittägliche Stille versunkene -Haus belebten. Kein Ton drang vom unteren -Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in -die Mansardenstube. Der Flanellstorch mußte längst -wieder seines Wegs gezogen sein, ohne daß sein Gehen -auch nur ein winziges Teilchen des Interesses gefunden -hätte, das seine Ankunft wachgerufen. Die kräftige, leuchtende -Maisonne kam, zu mattem Gold gedämpft, durch -die zugezogenen gelben Vorhänge an den Fenstern und -tauchte die altmodischen Möbel, die erinnerungsreichen, -behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den Wänden -in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den -dämmerigen Frieden dieser Ruhestunde stören zu wollen, -die die Schwestern wie gewöhnlich zwischen Mittag und -der Kaffeestunde da oben unter dem Dach verträumten -und verplauderten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[S. 11]</a></span> - -Der Zeiger rückte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten, -und der heisere Kuckuck mußte den Kopf dreimal -zur Tür herausstrecken und sie wieder energisch hinter sich -zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und -alle Spannung für heute zu Ende.</p> - -<p>Ein neues schrilles Klingeln an der Haustür kam dem -Kuckuck zuvor. Marga und Elli hielten in ihrem Flüstern -ein. Käthe blickte halb von ihrem Tagebuch auf.</p> - -<p>„Sicher nichts Überwältigendes,” erklärte Elli mit einer -Gleichgültigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah. -„Ich stehe schon gar nicht mehr auf.”</p> - -<p>„I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!” ermunterte -sie Marga.</p> - -<p>Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von -unten aus dem Hausflur.</p> - -<p>Elli rückte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte -nicht mehr, und doch wollte sie brennend gern. Käthe hatte -die Feder weggelegt. Auch sie überlegte. Schon stand -Elli auf und huschte nach der Tür. Käthe folgte langsam. -Mit vereinten Kräften beugten sie sich draußen über das -Geländer und spähten den heraufsteigenden Schritten entgegen. -Marga lauschte wie zuvor. Es war wieder das -alte lustige Spiel, das sie nicht lassen konnten, heute zum -zehntenmal nicht. Die kleine Zänkerei war längst vergessen. -Die Treppen, das Nußbaumgeländer knackten -unter der Last der beiden vornübergebeugten Mädchenkörper -verräterischer denn je.</p> - -<p>Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte -lange. Für Marga in ihrem Alleinsein schienen die Schwestern -eine Ewigkeit auszubleiben. Endlich klappte im ersten -Stock die Tür zum Zimmer des Geheimrats ins Schloß.<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[S. 12]</a></span> -Käthe und Elli stürmten gleichzeitig zurück ins Zimmer. -„Etwas schrecklich Interessantes!” rief Elli aufgeregt schon -von weitem.</p> - -<p>„Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehört!” berichtete -auch Käthe mit ungewohnter Lebhaftigkeit, während sie -vorsichtig die Tür nach dem Flur zuzog.</p> - -<p>„Alt? Jung? Groß? Klein? So erzählt doch nur!” -forschte Marga mit jener Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich -überkam, wenn ihr junger Sinn sich aufbäumte, -als fürchtete sie, die Schwestern möchten ihr ein Stück -Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit -nicht minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.</p> - -<p>Alle drei rückten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen. -Fast stießen sie mit den eifrig aufgestützten -Ellbogen aneinander. Käthe und Elli überstürzten und -ergänzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze ausgelassene -Lust der „Bande”, wie Papa Richthoff seine -Mädels nannte, machte sich in dieser halb spaßhaften, halb -ernsten Kritik Luft.</p> - -<p>„Sehr straffe männliche Erscheinung,” beschrieb Käthe.</p> - -<p>„Groß, schlank!” unterbrach Elli. „Schick gekleidet! -Jackettanzug — Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!”</p> - -<p>„Weißt du, Marga, ähnlich wie der eine Assistent von -Professor Lepart,” erklärte Käthe.</p> - -<p>„Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!” ereiferte -sich Elli. „Nicht die Spur, Marga. Viel natürlicher, gar -nicht geckenhaft!”</p> - -<p>„Nicht wie ein Philologe, weißt du,” nahm Käthe -den Bericht wieder auf. „Mehr weltmännisch.”</p> - -<p>„O, das will ich nicht sagen,” widersprach Elli. „Es -gibt sehr feine Philologen.” Sie verstummte plötzlich und<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[S. 13]</a></span> -wurde wieder rot. Wilkens war nämlich Philologe, derselbe -Wilkens, der vorhin an der kleinen Tränenszene -schuldig geworden war.</p> - -<p>Jetzt mußten sie alle drei über Ellis Naivität lachen, -sie selber nicht zum wenigsten.</p> - -<p>„Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?” fragte -Marga ganz unglücklich. „So erzählt doch mal ordentlich!”</p> - -<p>Käthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend -und lachend lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und -widerspruchsvoll, daß Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen -so klug vorkam wie zuvor. Was sie mit einiger -Bestimmtheit erfuhr, war nur, daß er einen braunen -Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe. -Über diese Augen, die keine der beiden Schwestern länger -als eine Sekunde in beträchtlicher Ferne gesehen, drohte -es zu neuem Streit zu kommen. Elli fand sie feurig, -Käthe schmelzend.</p> - -<p>Marga legte sich ins Mittel. „Wir müssen mal Papa -fragen, wer es war,” sagte sie einfach und entschieden.</p> - -<p>Käthe und Elli waren einen Moment sprachlos über -diesen verblüffend klaren und offenen Rat. Dann fielen -sie vereint mit ihren Bedenken über Marga her. Als ob -das so einfach wäre, Papa zu fragen! Man würde ja -verraten, daß man Posten gestanden! Papa würde Gott -weiß was denken! Und wenn er erst merkte, daß man -gern etwas von ihm wissen wollte, konnte man sicher sein, -daß er schwieg wie ein Löwe. Das mußte fein eingefädelt -werden. Da mußte ein richtiger Feldzugsplan gemacht -werden. Wieder steckten sich die drei Mädchenköpfe wie -die Häupter einer Verschwörung über dem Tisch zusammen.<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[S. 14]</a></span> -Sie fuhren erst erschrocken auseinander, als ziemlich -laut an die Tür gepocht wurde.</p> - -<p>Therese streckte den Kopf herein. „Der Kaffee steht -unten,” meldete ihre mürrische Stimme. „Er wird kalt. -Und der Herr Geheimrat hat nach dem seinen schon gerufen.”</p> - -<p>Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe -hinunter. Elli voran, denn an ihr war die Reihe, Papa -den Nachmittagskaffee zu bringen. Das war eine wöchentlich -abwechselnde Ehre.</p> - -<p>Käthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten -am Nachmittag eine Besorgung zu machen und verabredeten -den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot galt es -schon zu warten, ehe man gemütlich mit Papa plaudern -konnte. Dann mußte man — man mußte erfahren, wer -der „Neue” war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung -von dem, was seine Mädels zu seinen Häupten trieben -und planten. Wenn er nach dem Essen seinen Verdauungsgang -im Garten gemacht hatte, wobei er mit der gewissenhaften -Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume -und Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken -ablas, das allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze -aus den Wegen bohrte und nachbarwärts schleuderte -— dann bildete die Sprechstunde den Übergang von der -beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine -Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte -er seine Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald -verwickelte er sie in ein Gespräch und stellte — das war<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[S. 15]</a></span> -der Schrecken der jungen Semester, die zum erstenmal sich -bei ihm anmeldeten — ein kleines historisches Examen an, -sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und -sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann -der letzte glücklich expediert und die Tür endgültig für -weitere Besucher geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden -grauen Schlafrock, der schon bedenklich viele -Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt, und steckte -sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen -Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster -aus quer in die Stube stand und mit den mächtigen bändereichen -Regalen im Rücken ein kleines Zimmer im Zimmer -bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen, alle beschrieben -mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift, -breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein -besonderes Kunststück, das nicht immer gleich gut gelang, -den Nachmittagskaffee geräuschlos hereinzubringen und auf -dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu erspähen, wo -er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen -grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles -durcheinanderwerfe und die peinliche Ordnung seiner -Manuskripte, die für jeden andern einer peinlichen Unordnung -zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen- und verständnislos -zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß -ihren suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt -wurde. Das war aber eine Zartheit, die als geheimes -und stillschweigendes Abkommen zwischen Vater -und Tochter verborgen blieb.</p> - -<p>Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges -Murren gegeben, so daß sie den Schwestern verstört berichtete, -Papa sei grauenhaft aufgelegt und müsse wie<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[S. 16]</a></span> -ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei war der alte -Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und Vorliebe -spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden -und Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht -gab es kein besseres Mittel, um die „Bande” einigermaßen -in Zaum und Zucht zu halten. Nachdem ihm seine -um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben, ehe Elli -und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, -hatte er eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang -war es auch mit einer Hausdame versucht worden. -Aber aus alledem waren so viel Unbequemlichkeiten und -Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm notwendige Gelehrtenruhe -störten, daß er, als die beiden jüngsten leidlich -herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei -Töchtern allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen, -unterschiedliche Tanten und Basen hatten erklecklich dazu -den Kopf geschüttelt. Eine Musterwirtschaft war's ja auch -nicht gerade geworden. Aber er war zufrieden, wie es -war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich in -dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.</p> - -<p>An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder -Seminarstunde ihn abrief, saß Geheimrat Richthoff vom -Nachmittag bis zum Abend in seiner Schreibtischecke. Im -qualmenden Nebel der Zigarren, die er eine an der andern -ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An -ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen -Kaiser, mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen -umging. Aus der Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem -Fleiß Tausenden von Inschriften, spärlichen, -unverläßlichen Geschichtschreibern, all den zwar unermeßlichen, -aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[S. 17]</a></span> -formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. -Die Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle -des Alters, in einem darstellenden Werke großen Stils -zusammen. Mit eiserner Energie hatte er von Jahr zu -Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte zum -Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, -seit Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. -Mit dem Ungestüm eines Jungen begann er zu -gestalten. In der Seligkeit, das kritisch Erklügelte endlich -künstlerisch erleben zu dürfen, erfüllte sich ihm der Traum -seines Daseins. Alle Freuden und Leiden des Schaffenden -erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines -Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten -mit feurigem Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern; -er knirschte, brummte, schalt vernehmlich und drohte, wenn -sie sich spröde zeigten und ihre glatten, scharfen Cäsarenköpfe -in den Schleier der Undurchdringlichkeit hüllten. -Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen -vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden -mußte. Dann wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch -und konnte mit seinem Unmut das ganze Haus -durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine Herrlichkeit: -die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor -wie aus Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend; -dann verklärte ein heimliches Lächeln sein Gesicht, -heimlich, denn es saß tief drinnen zwischen dem -weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie -ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor. -Flüssig und leicht und selbstverständlich sprangen die -Worte, die Sätze aus der Feder, und Blatt um Blatt -bedeckte sich mit der minutiösen, schwer leserlichen Schrift.<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[S. 18]</a></span> -An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich, zu -einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. -Da hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte -ein Auge zu, ließ sich Wünsche und Bitten vortragen, gab -Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte seinen guten Tag -und die Bande mit ihm.</p> - -<p>Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter -sich, als er sich endlich entschloß, die Feder wegzulegen -und den Rest der soundsovielten Zigarre dem Aschenbecher -zu opfern. Er rieb sich befriedigt die Hände und schob -die kleine schwarze Samtkappe, die — ein würdiges Seitenstück -des betagten Schlafrocks — den dünnbehaarten, -massigen Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann -stand er auf und öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, -der Haus und Straße gleich einer erhöhten Terrasse trennte, -atmeten die in voller Blüte stehenden zwei Kastanienbäume -ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne -warf rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte -die Gartenmöbel, die um den steinernen Tisch standen. -Dort saß Marga, die Hände im Schoß, den Kopf mit dem -schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den Baumstamm -zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin -eines Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller -in die auffallend weiche, stille Luft des Maiabends. Marga -schien angespannt zu lauschen. Ein Ausdruck, von Wonne -und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten Gesicht, -das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als -es war.</p> - -<p>Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe -er sich entschloß, ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei -ihr, die sein Sorgenkind war, bekämpfte er mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[S. 19]</a></span> -Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für ihre zwanzig -Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer -schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren. -Gerade sie, der das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen -als den andern, wollte er davor behüten, ihre Kraft in -einem überschwenglichen Gefühlsleben zu verzehren. Er -vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie -auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung -ihres Daseins versöhnte.</p> - -<p>„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie -ich,” klang es jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.</p> - -<p>Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak -zusammen, als kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne -zurück, und die Augen irrten in die Höhe.</p> - -<p>„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. -Es ist alles fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurück; -sie stand auf und eilte mit geübter Sicherheit der Glastür -zu, die vom Erdgeschoß in den Vorgarten führte.</p> - -<p>„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, während -er sich vom Fenster zurückzog. Fast tat es ihm leid, -sie aus ihrem verlorenen Sinnen geweckt zu haben. Er -warf noch einen halb schmeichelnden, halb wehmütigen -Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter, -ehe er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg.</p> - -<p>Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig. -Die Mädels kamen ihm entgegen und führten ihn wie im -Ehrengeleit zu seinem bequemen Sessel. Käthe goß ihm -den Tee ein. Marga strich seine gerösteten Butterschnitten. -Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ sich -gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit -der er heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte -Käthe eine Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht -vor den väterlichen Teller.</p> - -<p>Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute -Geburtstag, was? Frische Spargel! Anfang Mai! Wie -komm' ich zu solchen Leckereien?” Er sah sich fragend im -Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.</p> - -<p>„Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei -Testers vorbei,” erklärte Käthe harmlos. „Wir sahen -zufällig, daß er im Schaufenster die ersten Schwetzinger -Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern -magst —”</p> - -<p>„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schloß -Elli mit wohlgemeinter, aber verlegener Hast.</p> - -<p>„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” -Es war jetzt für den alten Herrn ausgemacht, daß die Bande -etwas von ihm wollte. Entweder mußten sie neue Frühjahrskleider -haben oder sie wollten eine Einladung annehmen -oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut -zu sein.</p> - -<p>Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken -an. Sie gaben das Treffen schon so gut wie verloren. -Der etwas spöttische Ton verriet ihnen, daß Vater Richthoff -die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in seiner guten -Laune zu unterstützen, durchschaut habe.</p> - -<p>Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von -Natur alle Diplomatie fremd war, empfand die kritische -Situation am unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher -Solidarität hatte sie sich mit dem Plan befreundet, das -Geheimnis des „Neuen”, das zu ergründen man sich nun -einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[S. 21]</a></span> -raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, -jetzt geradezu aufs Ziel loszugehen.</p> - -<p>„Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester, -Papa?” fragte sie unbefangen. Und ohne sich durch einen -Ellbogenstoß Ellis irremachen zu lassen, fuhr sie fort: -„Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir war.”</p> - -<p>Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese -Kühnheit war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und -Papa erriet, daß sie seine Sprechstunde belauert hatten. -Im vorigen Jahr, als Wilkens sich einschreiben ließ, hatte -er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es hatte eine -erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren -abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem -Tisch auf den Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich, -was sie da mit ihrer unverbesserlichen Offenheit anrichtete.</p> - -<p>Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als -wenn man sich in seine „Amtsangelegenheiten” mischte. -Wenn er etwas davon mitzuteilen für gut fand, war das -eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken. Wäre -er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen, -eine barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben -können. Aber guter Dinge, wie er war, begnügte -er sich mit der mildesten Form, die er hatte, wenn es galt, -unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie und -blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.</p> - -<p>Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht -diesen stummen Bescheid zu verstehen.</p> - -<p>Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick: -<span class="antiqua">Lasciate ogni speranza!</span></p> - -<p>Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[S. 22]</a></span> -gesenkt. Die Finger der rechten Hand strichen langsam -das Tischtuch. Trauer und Beschämung prägten sich in -ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten Empfindungsfähigkeit -ging dieser stumme Tadel tiefer als eine entschiedene -Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor -den Schwestern gedemütigt.</p> - -<p>Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. -Er wollte heute fröhliche Gesichter um sich sehen. „Sag -mal, Marga,” begann er, nachdem er die zweite Tasse Tee -in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst, -„ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!”</p> - -<p>Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester -mit aufgerissenen Augen an.</p> - -<p>„Ich — heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte -Marga.</p> - -<p>„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, -während er sich wie ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte. -„Kennst du vielleicht einen gewissen Doktor Perthes? -Ich glaube — ja doch — Max Perthes?”</p> - -<p>„Perthes?” wiederholte Marga ungläubig und schüttelte -den Kopf.</p> - -<p>„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.”</p> - -<p>„Davon weiß ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine -leichte Röte belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte -sich des Namens nicht. Sie kannte nur <em class="gesperrt">die</em> Herren, die -als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal im Jahr zur -Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn -solche offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer -eine Qual zu sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen -Wunsch ertrug.</p> - -<p>„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[S. 23]</a></span> -nicht mehr bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist -oder —”</p> - -<p>„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine -Zigarren!”</p> - -<p>Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll -blieb sie neben ihm stehen.</p> - -<p>„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte -nun auch die besonnene Käthe sich nicht enthalten zu -fragen. Daß Marga einen Herrn kennen sollte, den sie -und Elli nicht kannten, das war etwas zu Außergewöhnliches.</p> - -<p>„Du hältst mich zum besten, Papa,” erklärte Marga -bestimmt.</p> - -<p>„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” -Der alte Herr hatte sich die lange Holländerin -angesteckt und blies den Rauch von sich. Er weidete sich -an der Neugier seiner Mädels und gefiel sich darin, sie noch -höher zu spannen. „Übrigens ein schrecklicher Modejüngling,” -setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.</p> - -<p>„Ein Modejüngling — und Marga!” rief Elli lachend. -Käthe lachte mit, und auch Marga schüttelte mit leisem -Lächeln von neuem den Kopf.</p> - -<p>„Er ist, glaube ich, Mediziner.”</p> - -<p>„Mediziner?” klang es dreifach noch ungläubiger zurück.</p> - -<p>„Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr -es Elli. „Und —” Sie verstummte jäh, über sich -selber erschrocken. In ihrer übersprudelnden Lebhaftigkeit -hatte sie alle Vorsicht vergessen.</p> - -<p>Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand -auf, Marga folgte ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen -Sessel des Geheimrats, der Gott sei Dank keine<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[S. 24]</a></span> -Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie „Pfeffer-und-Salz-Jackett” -hatte und von seinen Besuchern alles -andere eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis -behielt.</p> - -<p>„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschüttelnd. -„Woher kennst denn du ihn, Kleinchen?”</p> - -<p>„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so -wenig wie irgendwer,” versicherte Elli krampfhaft.</p> - -<p>„Also, kurz und gut,” resümierte der alte Herr, „er -behauptet, Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.”</p> - -<p>„Volontärarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. -Sie war dort einen Sommer über — es war vier, fünf -Jahre her — in einer Blindenanstalt gewesen, um sich in -ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer Erinnerung -an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte -Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer -Arzt dort, der sich gern mit ihr unterhielt und mit ihr -lernte. Jetzt kam ihr auch der Name zurück. „Ach, der!” -setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu.</p> - -<p>„Jawohl — der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe -ich nun recht, wenn ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?”</p> - -<p>„Natürlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind -ja nette Sachen, die man von dir hört, Margakind!” Sie -schlang den Arm um Margas Hals und zupfte sie neckend -am Ohr.</p> - -<p>„Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!” -sagte Käthe ganz vorwurfsvoll.</p> - -<p>„Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,” -verteidigte sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt. -Ihre Augen gingen ratlos auf die Suche. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[S. 25]</a></span> -war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten -Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. -Daß der Besuch des „Neuen”, der die Gemüter so beschäftigt -hatte und nun unerwartet, kampflos aus seinem -Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr zusammenhing, -war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches -Ereignis. „Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher -Laffe,” erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem -Nachdruck und unter allgemeiner Heiterkeit.</p> - -<p>Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem -Sessel und klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast -du ihn mir auf den Hals gehetzt, Kind. Er behauptet steif -und fest, du hättest ihn eingeladen, uns zu besuchen, wenn -er je einmal hierherkäme. Zugegeben?”</p> - -<p>„Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals -freundlich zu mir war und —”</p> - -<p>„Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und -deinetwegen. Er hatte an mich eine Empfehlung von -meinem Freunde Schlutius in Bonn, der irgendwie mit -ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf die -Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit -hat der Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten -Backenstreich. Das war ein Zeichen seiner höchsten Gunst. -Dann nahm er seine Abendzeitung vor und ging durch -Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf -der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, -unter deren Schein er lesend eine halbe Stunde auf und -ab ging, ehe er wieder zu seinen Kaisern hinaufstieg.</p> - -<p>Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein -Ende. Kaum war Vater Richthoff außer Hörweite, so -wurde Marga von Elli und Käthe mit Fragen über und<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[S. 26]</a></span> -über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie hätte -wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut -austoben mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot, -faßte Marga als Herr um die Taille. Marga mußte jetzt -unbedingt tanzen lernen. „Was soll <em class="gesperrt">dein</em> Doktor sonst -von dir denken? <em class="gesperrt">Dein</em> Doktor kann das von dir verlangen. -<em class="gesperrt">Dein</em> Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche -Schritte machst.” So ging der lose Mund atemlos immerzu, -während sie Marga unerbittlich im Kreise drehte, ob diese -wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen feierlich „Doktor -Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu -führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert, -ob sie gehört wurde oder nicht, sehr weise Reden -darüber, daß sie den „Neuen” gleich für einen Mediziner -gehalten hätte; daß Mediziner <em class="gesperrt">immer</em> so und so aussehen -und <em class="gesperrt">immer</em> solche und solche Menschen seien.</p> - -<p>Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich -ein, daß ja heute der „Akademische Gesangverein” Probe -hatte. Wollte man nicht zu spät kommen und von Professor -Külz ein Nasenrümpfen beziehen, so war es höchste -Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um sich -fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu -probende Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr, -nachdem sie Therese zum Abräumen des Tisches gerufen.</p> - -<p>Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt -von der letzten Viertelstunde. Von Papas neckender -Enthüllung und dem Umtrieb, den Elli mit ihr angestellt -hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen Strähnen -von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und -im Nacken gelöst hatten. Während Therese abzuräumen -begann, ging sie auf den kleinen Hof hinaus, der in gleicher<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[S. 27]</a></span> -Höhe mit dem ersten Stock hinter dem Hause lag, und -von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten oder, -wie er allgemein hieß, den „Weinberg” führte.</p> - -<p>Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige -Luft strich vom Weinberg herunter. Die Dämmerung, -deren dunkles Wachsen Marga um sich fühlte, tat ihr wohl. -Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken und verschränkte -die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein Ungewohntes -in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam -im Hof auf und nieder. So überdachte und verarbeitete -sie das Kleinste und das Größte, bis es in die große und -einfache Stille ihrer Seele aufgegangen war, die nichts -Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die -andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie -erschrocken, als Papa sie so gravitätisch vornahm und zur -Rede stellte. Dann hatte sie den Scherz herausgemerkt. -Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein Mann sich -ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen -Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an -ihrer Stelle ähnliches empfunden. Für sie war es nur -neuer, verwirrender, weil das Leben da draußen, das -Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich immer -nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht -um sie. Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit -der Schwestern aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen, -sich necken, mit sich tollen. Aber unvermutet stieg -ein anderes Gefühl in ihr auf, ein bitteres, schmerzliches: -hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte etwas, das sie -verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es -gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; -sie, bei der die Bekanntschaft mit einem Mann so gar<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[S. 28]</a></span> -nichts zu bedeuten hatte — das machte die Sache so besonders -spaßhaft. Es war so komisch, weil es so ganz ungefährlich -war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa -aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” — -hinter diesem Wort fand ihr Grübeln die gleiche Grenze, -jenseits deren es für sie keine Wünsche, keine Hoffnungen, -darum auch keinen Ernst geben konnte.</p> - -<p>Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während -sie so sicher und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf -und ab schritt. Sie hatten ja recht. Es war in Wirklichkeit -so. Dies Jenseits war ihr genommen, seit in ihrem -vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, -eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen -für immer gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb -begriffen, was sie verloren. Erst mit den Jahren wuchs -auch das Verständnis ihres Verlustes. Die Schwestern -und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus -ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter -wußte sie, daß das höchste Glück, das einem -Menschenkind nach irdischem Denken und Fühlen aufbehalten -war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte Kraft -genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang, -sie ruhte nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; -bis sie mit sich allein zufrieden sein und nur in sich selber -ihr Glück suchen wollte. Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr -Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu verzagen und schwach -zu werden drohte.</p> - -<p>Und dennoch — dennoch! Es war noch eine andere -Kraft in ihr, die sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit -aufbäumte. Ihre Jugend ließ und ließ sich nicht auf -einmal und für immer niederzwingen. Die fühlte sie auch<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[S. 29]</a></span> -jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie die -Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte. -War nicht dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen -gekommen? Er konnte ja die Empfehlung, von -der Papa sprach, sich haben nur darum geben lassen, weil -er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur der -Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein -oder ihr seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken — — -Aber das war ja Unsinn! Sie schwärmte ja! Sie täuschte -sich vor, ihn näher zu kennen, als sie ihn je gekannt. Das -Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum aus ein -paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert, -sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle -eines halberwachsenen Mädchens nachsichtig eingegangen. -Sie machte jetzt ihre Erinnerung mit Gewalt -ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich -gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer -von sich verlangte. Rücksichtslos klar.</p> - -<p>Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte. -Lächeln über den winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr -Gleichgewicht hatte stören wollen.</p> - -<p>Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.</p> - -<p>Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen -und Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten -Laube nahm er eine Wolke blühenden Duftes und hauchte -sie über Marga aus. Hoch und höher stieg sie; kaum daß -sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die Steige. -Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, -klomm sie empor.</p> - -<p>Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.</p> - -<p>Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[S. 30]</a></span> -herauf, aus der Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo -draußen ferne Tannensäume starrten und der Fluß zwischen -jungen Feldern sich verlor, in Margas Träumen so schön -wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie herab, -aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo -die Sterne blitzen mußten, nein blitzten — ein einziges, -ewiges, königliches Gewirk von leuchtendem Gold und -seliger Bläue. Weit, weit breitete sie die Arme aus, als -könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. Aus -der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann -schlang sie die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; -so frei fühlte sie sich, so klar, so in sich selber und in der -Nacht geborgen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c2" id="c2">2</a></h2> - - -<p>Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als -sonst zu verlassen. Professor Hammann, der Chef, war -den ganzen Tag nicht erschienen. Er war über Sonnabend -und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem -Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden -Assistenten <span class="antiqua">en passant</span> seine „Dienstreise” anzukündigen.</p> - -<p>Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen -in seiner Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und -ohne tiefere Neigung zu seiner Wissenschaft, trieb er seine -Bakteriologie bestenfalls wie einen Sport unter den andern. -Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er war -die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte -sicher sein, daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer -Regatta, einem Tennis- oder Hockeymatch galt, bei dem -er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! Die Bazillen -nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[S. 31]</a></span> -er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf -hergestellt: die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener -Selbstironie im vertrauten Kreise zu sagen -pflegte. Das Weitere besorgten die Assistenten unter seinem -Namen.</p> - -<p>Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich -nach fünf Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem -Stuhl und las seine Berliner Zeitung. Bisweilen schielte -er über das Blatt weg nach seinem Kollegen, der noch -immer mikroskopierte, und stellte psychologische Zwischenbetrachtungen -an.</p> - -<p>Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! -Markwaldt bildete sich ein, Menschenkenner von Beruf zu -sein — er beurteilte seine Fähigkeit nach der Fixigkeit -seines Urteils —, aber dieser Junge, dieser Perthes, trotzte -nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt zweiter -Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. -Drei Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß -sich in irgendeine Sache und schien darüber Himmel und -Erde zu vergessen. Der Junge war ein Streber, ein ganz -gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, bis die -drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage -war derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast -nur gastweise im Institut; er sprach von seiner Wissenschaft -in den geringschätzigsten Ausdrücken, spielte sich als -Naturmensch und Krafthuber auf, der in Wald und Feld -herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise überhaupt -vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: -der Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu -etwas bringen konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. -Bis das Wetter von neuem umschlug und der<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[S. 32]</a></span> -Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem Chamäleon -mochte ein anderer klug werden!</p> - -<p>Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß -den weißen Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit -dem schon bekannten Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. -„Gehen wir?” fragte er mit knappem Ton, schon halb in -der Tür.</p> - -<p>„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die -Zeitung in die Tasche.</p> - -<p>Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, -der aus seiner Stube im Erdgeschoß getrommelt wurde, -verließen die beiden Assistenten das Haus und schlenderten, -die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend, durch die -Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.</p> - -<p>Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, -schlank, brünett, überragte den rundlichen, weißblonden -Markwaldt um fast zwei Haupteslängen. Auch wenn er, -wie jetzt, langsam ging, war er mindestens um einen Schritt -dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten -Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht -aufgesetzt. Lässig schlenkerte er ihn in der Linken. Den -Kopf mit dem dichten, dunklen, verworrenen Haar, den -buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart neigte -er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als -hörte er dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen -Augen geradeaus ins Weite gerichtet und verrieten -das Gegenteil.</p> - -<p>Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, -das „große Tier” der Fakultät, die weitberühmte -chirurgische Exzellenz, im vorigen Sommer gegeben hatte. -„Sie müssen dort Besuch machen, Kollege! Unbedingt.<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[S. 33]</a></span> -Das einzige Haus großen Stils in unserem gottbegnadeten -Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen -Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig -höheren Töchtern tothupsen muß. Und dann — Alli! -Pardon, Alice!” Er schnalzte statt aller Charakteristik mit -der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon — Fräulein -Exzellenz, was?”</p> - -<p>Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine -Ahnung,” antwortete er zerstreut.</p> - -<p>„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker -gehen, Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb -stehen und klopfte empört mit dem Stock auf den Boden, -daß seine kuglige Figur, die so prall in dem blauen Anzug -mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung geriet. -Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf -und stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter -das andere. Er zwang so Perthes, stehenzubleiben -und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht -man doch nicht — die einzige schicke Erscheinung im -ganzen Nest! Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon -kennt?”</p> - -<p>Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt -langweilte ihn. Er wollte weiter, aber sein Partner blieb -unerbittlich stehen, wo er stand, und redete drauflos.</p> - -<p>„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! -Zu gar nichts. Und Sie wollen akademisch werden?! -Die Mädels sind ja doch die Hauptsache, sag' ich Ihnen. -Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie Gott-Vater, -in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und -was Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß -das richtige Mädel, und wuppdich — sie senkt sich, daß<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[S. 34]</a></span> -die Professorenperücken und Ihre Wissenschaft an die Decke -fliegen. So liegt die Chose!”</p> - -<p>Jetzt mußte Perthes — unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -— wohl oder übel lachen. Seine starken weißen -Zähne leuchteten aus dem dunklen Barthaar. „Das ist -doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,” meinte -er leichthin.</p> - -<p>„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? -Sie, o Sie — verzeihen Sie! — Sie unglaublicher Embryo! -Die <em class="gesperrt">ewige</em> Schule ist das!” Er mußte sich jetzt entschließen, -dem weiterschreitenden Perthes zu folgen. -„Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie -bei Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters -her. Fragen Sie den Chef!”</p> - -<p>„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe -unfreundlicher Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine -Freiheit bewirkte bei ihm alles andere eher als Nachgiebigkeit.</p> - -<p>„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, -doch immerhin so vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei -nur ahnen konnte. Ihm konnte es ja schließlich egal -sein, wie Perthes die Sache angriff. So harmlos er sonst -war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter, desto -besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. -Schon strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten -Jungen, der er war, den kurzgeschnittenen dürftigen -Schnurrbart und pfiff durch die roten Lippen. An der -Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte, verabschiedete -er sich.</p> - -<p>„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte -Markwaldt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[S. 35]</a></span> - -„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.</p> - -<p>„Na, denn — auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt -seinem Stammcafé zu, wo er die Zeit bis zum Abendessen -mit Billardspielen totschlagen wollte.</p> - -<p>Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. -Die Allee wurde dort belebter. Alte Leute saßen auf den -Bänken in der Sonne, die in ihrem sachten Niedergang -seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder häufelten Sand -und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem -Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell -dahin. Die Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen -Trikotanzügen hoben sich grell ab von dem dunkelgrünen -Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie nach dem lauten, -mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt -vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung -lief der Leiter des Klubs, ein jugendfroher -Gymnasialprofessor, mit einer mächtigen Schalltube. Er -begleitete das Boot und rief seine Kritik durch den Trichter -dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein leidenschaftlicher -Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse -nach. Dann ging er über die Straße nach seiner nahen -Wohnung und stieg lässig die Treppe hinauf.</p> - -<p>Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick -auf den Fluß und die gegenüberliegenden Waldberge war -sein Quartier. Ein kleiner Alkoven stieß daran. Eine -Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter -den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und -sauber war alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.</p> - -<p>Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch -lag eine Drucksache. Er riß sie auf und warf sie beiseite. -Ein medizinischer Katalog, weiter nichts.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[S. 36]</a></span> - -Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und -starrte hinüber nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern -in der Neustadt drüben schien er ein bestimmtes -zu fixieren. Dann drehte er sich schroff zurück ins Zimmer. -Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal neben -dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische -Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte -über Rinder- und Bubonenpest in Indien” neben -Richard Wagners Werken; einige Bände der „Medizinischen -Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola; -ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys -Krebsforschungen nachbarlich beieinander. Nichts aus der -bunten Reihe lockte ihn. Mit leeren Händen setzte er sich -in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.</p> - -<p>Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor -Markwaldt sich seinen Kollegen Max Perthes dachte, war -er wahrhaftig nicht. Er gehörte nur zu den Naturen, die -länger und mühevoller als andere nach einem Ausgleich -ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche -tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher -verschärft als mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen -Geschlecht wackerer, nüchterner Landärzte in der -Pfalz stammend, mütterlicherseits der Abkömmling einer -einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein, -hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit -einem beinahe fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften -gestürzt. Auf Chemie und Physik, auf Botanik, -Zoologie und Physiologie hatte er sich wahllos neben- -und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte sich -sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu -durchdringen. Dann trat jäh und heftig die Übersättigung<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[S. 37]</a></span> -ein. Es war, als trete sein Herz beiseite und lehne sich -auf gegen die trockene und einseitige Arbeit des Kopfes, -die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit einem herzhaften -Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung -von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen -und seinen ererbten Anlagen mehr entsprechen, als -die bloß beschreibende Erforschung der Natur. Mit fünfundzwanzig -Jahren machte er sein Examen und baute -bald darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung -war es auch schon zu Ende. Dieselbe Jagd, -in der ein unstetes Herz den Kopf von einem Gegenstand -zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie -ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde -über. Die praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, -so unfruchtbar. Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig -verfügen konnte, zehrte sich in diesem Hin und -Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den moralischen -und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. -In der unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet -festzufahren, hatte er die Assistentenstelle am Bakteriologischen -Institut übernommen. Hier wollte er aushalten -und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen um jeden -Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine -Arbeiten nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, -reichten seine Mittel aus, um sich zu einer Professur durchzuschlagen.</p> - -<p>Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen -Hände mit den Fingern ineinander und spannte sie vor -der Stirn, daß sie in den Gelenken knackten. So viel -Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr über seinen -Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[S. 38]</a></span> -Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen -pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er -sich gegen diese Erkenntnis. Wo hinaus wollte er? Wo -gab es noch eine geistige Aufgabe, die er an sich reißen -konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm wuchsen -und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, -die ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, -als eine einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh -in der Pflege und Ausbildung seiner körperlichen Kräfte -ein Gegengewicht gegen die innere Unausgeglichenheit -gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er alles übertrieb, -diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen Anfällen, -in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein -ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen -solche Radikalkuren immer weniger. Seine Entwicklung -drängte ziemlich spät, aber unfehlbar auf eine Entscheidung, -die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im wirklichen -Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf -kam es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich -befriedigende Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; -ein unterdrücktes, vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben -verlangte sein Recht gegen die nüchterne, -materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, ohne -sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem -Kampfe, der über den vollen Menschen, seinen Charakter -und sein Schicksal entschied. Es bedurfte nur eines geringen -Anlasses von außen, und er mußte zum Ausbruch kommen.</p> - -<p>Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder -nach dem Landhaus aus rotem Sandstein, jenseits des -Flusses, das er zuvor fixiert hatte. Eigentlich hatte er die -Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn Tagen<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[S. 39]</a></span> -— oder war es so lange noch nicht? — war er am Abend, -als er nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten -gegangen, um etwas Musik zu hören und Menschen zu -sehen. Es war Sonntag und sommerlich warm. Zwei-, -dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen -das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich -da im Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von -geputzten jungen Mädchen aus der Bürgerschaft und von -buntbemützten Studenten im Kreise mit- und gegeneinander. -Die Pärchen suchten und fanden sich in einem -Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit -feierlich-ernstem Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen -und flirtend begleitet.</p> - -<p>Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald -langweilte es ihn, und er setzte sich vor den Musikpavillon, -wo die Stadtkapelle, ein leidlich braves Orchester, in -Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen sich und anderen -gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und -dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen -starrte, traf sich sein Blick zufällig mit dem eines -jungen Mädchens, das im Gespräch mit einem Burschenschafter, -einem kecken, welterobernden Frankonenfuchs, -vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen -ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den -seinen. Ohne daß er sich etwas dabei dachte, wiederholte -sich dies flüchtige Blickspiel ein zweites und drittes Mal. -In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem offenen, auf -die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine, -halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, -poetischem Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm -nicht am Vormittag darauf, mit dem Marktkorb unter dem<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[S. 40]</a></span> -Arm, begegnet wäre, als er zum Institut ging. Sie trug -die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und geradeausblickend -an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden -Tages sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. -Einer scherzhaften Anwandlung nachgebend, folgte -er ihr über die Neue Brücke und entdeckte ihre Wohnung. -An einem der nächsten Abende ging er — es war dies -einer seiner regelmäßigen Spaziergänge — am jenseitigen -Ufer spazieren. Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. -Perthes liebte es, die Sonne über dem Fluß untergehen -zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer angenehmen -Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit, -als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie -heruntersah. Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb -begegnet. Sehr würdig und ernst. Kaum daß ihn -die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie verlor -zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach -sie an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte -begleitete. Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. -Einige belanglose Redensarten wurden ausgetauscht. -Sie sprach mit einer allerliebsten Mischung von -Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im -Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine -liebenswürdige Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer -Erinnerung aus und mochte sie wiedersehen. Heute, am -frühen Morgen, als er zwischen Veranda und Zimmer -unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er -sich zum erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus -zwischen den alten und neuen Giebeln jenseits des -Flusses suchte und fand. Jetzt kam er sich albern vor. -Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[S. 41]</a></span> -nun an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen -zu sehen.</p> - -<p>Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, -schien ihm der heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche -Gewohnheit zu verzichten, noch lächerlicher als die ganze -Geschichte. Das Weibliche hatte in seinem Leben stets -nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von Frauen -kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische -Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle -Empfindsamkeit so gegen eine seelische Überschätzung des -Weibes. So wollte er es wenigstens. Warum sollte er -es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen Spielerei -versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen -konnte — morgen, übermorgen so gut wie heute? War -er nicht schon schwerlebig genug? Das fehlte noch, daß -er spröde mit sich tat wie eine alte Jungfer!</p> - -<p>Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem -Rohrsessel auf, setzte den Hut auf und war wieder auf -der Straße.</p> - -<p>Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.</p> - -<p>Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der -Ebene fuhr, rollte lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende -Spaziergänger, verspätete Arbeiter, Kinderwagen, eine -auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte, -drängten an ihm vorbei.</p> - -<p>Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen -konnte, die nach der stilleren Uferstraße führte.</p> - -<p>Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen -Rasenanlagen hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs -vorbei. Es war schon geschlossen. Die Wiese zwischen -der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[S. 42]</a></span> -Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute -schon verödet. Keine Menschenseele begegnete ihm. Die -Villen zur Rechten schienen wie ausgestorben.</p> - -<p>Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen -den Bäumen durch konnte er auf Erker und Balkon des -Landhauses sehen. Sein „Ufermädchen”, wie er sie hieß, -saß nicht da, nicht dort.</p> - -<p>Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, -wo die Anlagen und die Villenstraße aufhörten und die -Obstgärten anfingen. Er bog nach der Wiese hin ab und -näherte sich dem Wasser.</p> - -<p>Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus -auf den Fluß, der seine Wellen in die Ebene wälzte. Die -Sonne stand, eine feurige Kugel, darüber, umglüht von -violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.</p> - -<p>Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. -Er fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer -vor als sonst. Kein Zweifel: es war, weil er Hilde König, -das kleine Mädel mit den losen Haaren und den lockenden -blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie läppisch -das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.</p> - -<p>Verdrießlich trat er den Rückweg an.</p> - -<p>In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. -Die Luft war voll von dem frischen Geruch des genetzten -Grases. Die Stadt, die jetzt rechts vor ihm lag, schmiegte -sich im matten, rötlichen Licht der versagenden Sonnenstrahlen -mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen -friedlich gegen die verschwimmenden Berge. Von einer -der Kirchen klang die Abendglocke herüber.</p> - -<p>Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, -blieb leer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[S. 43]</a></span> - -In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten -die Allee herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. -Er meinte in der einen von ihnen Hilde König zu erkennen. -Es war eine Täuschung. Unweit von ihm, bei -einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden -Mädchen eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen -Landhaus; das zurückbleibende setzte sich, offenbar -um zu warten, auf die Bank. Sie trug unter dem -leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse zum -dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen -englischen Strohhut mit schwarzem Band.</p> - -<p>Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem -flüchtigen Blick streifte er das Gesicht der Wartenden.</p> - -<p>Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte -ihn plötzlich, als wäre er diesen zarten und doch -festen, ausdrucksvollen Zügen schon irgendwo und irgendwann -begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das -junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen -aufs Knie und den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf -den Handrücken gestützt. Die Augen, erst zur Erde gesenkt, -sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein Schritt -innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere -Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er -erkannte jetzt das mattfarbene Gesicht mit den etwas -knochigen Wangen, die runde, ebenmäßige Stirn, über -die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit einer -aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, -es mußte Marga Richthoff sein.</p> - -<p>Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig -wandte sie den Kopf weg und zurück, in der Richtung -des Hauses, in dem ihre Begleiterin verschwunden war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[S. 44]</a></span> - -Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging -gerade auf sie zu.</p> - -<p>Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück.</p> - -<p>„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff —”</p> - -<p>„Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurückhaltend, -aber furchtlos von ihren Lippen.</p> - -<p>„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem -Herrn Vater dieser Tage meine Aufwartung gemacht. -Als alter Bekannter von Hemsbach her kann ich nicht so -grußlos an Ihnen vorübergehen.”</p> - -<p>Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. -„Das ist nett von Ihnen,” erklärte sie offen. Eine sichtliche -Freude belebte ihr Gesicht. Wie einem alten Kameraden -bot sie ihm die Hand. „Papa hat von Ihrem -Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr -Versprechen nicht vergessen hatten.”</p> - -<p>„Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes -zuzutrauen.” Perthes fühlte sich fast beschämt. Daß er -sich an die Empfehlung, die ihm sein Onkel Schlutius, -der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben, erinnert -hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs -eine Laune gewesen.</p> - -<p>„Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den -dummen, eigensinnigen Backfisch von damals aus dem -Gedächtnis verloren hätten,” meinte Marga.</p> - -<p>„Na, na — so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.”</p> - -<p>„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in -diesen Tagen daran, wie trotzig und unleidlich ich damals -war. Wissen Sie noch — der Direktor hatte mich schon -halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen sich nicht abschrecken -und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[S. 45]</a></span> -noch tasten lernte. — Ich war damals zu unglücklich, um -vernünftiger und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrücklich -hinzu.</p> - -<p>„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” -forschte Perthes.</p> - -<p>„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen -—” Marga stockte einen Moment. Es fiel ihr ein, -sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur nach gab sie -sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den -Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.</p> - -<p>„Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben -will,” meinte er munter. „Und dann halte ich eine Prüfung -ab. Vollschrift, Kurzschrift! Lesen und Schreiben!”</p> - -<p>„O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten. -Sonst blamiere ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga -mit leisem Lachen.</p> - -<p>„Wir werden ja sehen.” Er hörte Schritte jenseits der -Allee. „Ihre Freundin kommt zurück.”</p> - -<p>„Meine Schwester.”</p> - -<p>„Also — auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand -und schüttelte sie herzhaft.</p> - -<p>Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes, -freundlich den Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die -unerwartete, so ungezwungen freundschaftliche Begegnung -hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war gewichen. -Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts. -Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an -den Klinikertisch zu gehen. —</p> - -<p>Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. „Wer war -denn das?” fragte sie neugierig und vorwurfsvoll zugleich, -während sie dem Davonschreitenden erstaunt nachblickte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[S. 46]</a></span> - -„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga -freimütig. Mit anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre -innere Erregung nachklang, hängte sie sich an den Arm der -Schwester. „Er war reizend. Ganz der alte.”</p> - -<p>„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”</p> - -<p>„Natürlich! Warum auch nicht?”</p> - -<p>Sie gingen langsam die Allee hinunter.</p> - -<p>„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd -fort. „Eine Dame — auf offener Straße —”</p> - -<p>„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er -stocksteif vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. -Sie war beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis -und wollte sich nicht auf solche gesellschaftliche Haarspaltereien -einlassen, die ihr ein unverständlicher Greuel -waren.</p> - -<p>Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes -Gewissen Margas leichtere Auffassung nicht guthieß.</p> - -<p>Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu -dämmern. Die roten Wolken über dem Fluß verblaßten, -und der Ostwind blies aus den Bergen nach der Ebene. -Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten, -mußten sie ihre Schritte beschleunigen.</p> - -<p>Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit -ihren leichten, glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht -mitkommen. Sie fühlte sich unwillkürlich und unbewußt -gereizt. Ob sie wollte oder nicht: sie mußte ein wenig -Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt du,” -begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” — Lizzie -war die Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine -Minute eingeschaut hatte, um Noten zurückzubringen —<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[S. 47]</a></span> -„daß dein Doktor Perthes Abend für Abend dort herumspaziert.”</p> - -<p>„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den -Sonnenuntergängen über dem Wasser freuen,” meinte -Marga lebhaft.</p> - -<p>„Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern —”</p> - -<p>„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig.</p> - -<p>„Er macht Hilde König den Hof,” entfuhr es Käthe. -„Er soll sie öfters mal ans Haus begleitet haben. Das -spricht nicht gerade für seinen Geschmack. Denn das unschuldige -Kind läßt sich ja von jedem jüngsten Studenten -die Cour schneiden.” Es war, ohne daß sie es wollte, -ein Ton von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen.</p> - -<p>Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie -in diesem Moment angesehen hätte, hätte sie bemerkt, -daß ihre Wangen und ihre Lippen sich leise verfärbten. -Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche Pfeil traf -mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte -betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade -dieses oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein -weites Herz kannte, das sollte ...</p> - -<p>„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig -und mit möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm -in dem der Schwester gelockert, als könnte das Pochen -ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr diese Nachricht -wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der -törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast -im Laufschritt ging es jetzt über den Bahndamm weg, -die Straße am Wenzelsberg hinauf und dem väterlichen -Hause zu.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_48" id="Page_48">[S. 48]</a></span><a name="c3" id="c3">3</a></h2> - - -<p>Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt. -In diesem Sommer wollte er von einer größeren Einladung -bestimmt nichts hören. Einmal drängte es nicht, -dann war es überhaupt ganz überflüssig.</p> - -<p>Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle -des Löwen zu gehen und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, -wurde beinahe hinausgeworfen. Elli, die mitunter Andeutungen -in die Unterhaltung warf — über das unerwartet -schöne Wetter, über die wundervollen warmen -Abende, über die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo -noch nicht alle Welt einem zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen -zu erfüllen —, fand taube Ohren und bekam -schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht -junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga -dachte wohl manchmal daran, daß sie gern mit Doktor -Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es wäre zu -ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend -an den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die -Schwestern plötzlich unterstützt hätte.</p> - -<p>Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens -beim Frühstück, es sei doch merkwürdig, daß er an alles -denken müsse. Warum man denn heuer die üblichen Einladungen -nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den -sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die -Jugend mal in den Garten einzuladen. Seine Mädels -wären Schlafmützen.</p> - -<p>Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte -niemand auch nur mit einer Silbe daran zu erinnern, daß -man je selber an so was gedacht habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[S. 49]</a></span> - -Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß -von Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl -aufzufahren. Es war nicht verwunderlich, daß sie Margas -halbvolle Tasse umstieß. Käthe, praktisch wie sie war, -wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher Herablassung -nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die -Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg -brummte der alte Herr zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. -Jetzt nannte sie Erich Wilkens.</p> - -<p>„Hört in diesem Semester nicht bei mir,” erklärte ablehnend -der Geheimrat.</p> - -<p>„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” -fuhr es Elli heraus.</p> - -<p>„Hat er?” gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück -und traf Elli mit einem scharfen Blick über die Brillengläser -weg.</p> - -<p>Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr -Schuhband festknüpfen, um Verlegenheit und Enttäuschung -zu verbergen. Marga strich leise beruhigend ihren Arm.</p> - -<p>„Also nicht?” fragte Käthe mitleidig zögernd.</p> - -<p>„Meinetwegen,” lautete der erlösende Bescheid.</p> - -<p>Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig -drücken, daß diese um ein Haar aufgeschrien hätte.</p> - -<p>Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte -keine Ahnung mehr. Marga zuckte nicht mit den Wimpern, -als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt ins Gedächtnis brachte. -„Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja — wenn Marga -es nicht anders tut.”</p> - -<p>„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” -erklärte Elli kühn, um der Schwester zu Hilfe zu -kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[S. 50]</a></span> - -Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an -der Kaffeedecke zu zählen.</p> - -<p>„Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst -selber aus. Und mich laßt mit allem Drum und Dran aus -dem Spiel. Kosten darf die Sache nichts, und stören darf -sie mich auch nicht.”</p> - -<p>Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz -der gestrenge und unwirsche Herr und Gebieter, der sich -nicht länger um solche Läppereien kümmerte. Fast schien -ihm die Sache wieder leid zu tun.</p> - -<p>„Nur noch den Tag, Papa!” bat Käthe. „Wir müssen -doch wissen, wann dir's am besten paßt.”</p> - -<p>Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in -sein Zimmer hinauf. Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte -den segensvollen Titus porträtiert. Jetzt kam -er zu dem unsympathischen und grausamen Domitian. -Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.</p> - -<p>Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute -Forschungen, daß der böse Flavier unter seiner -Großmannssucht und rohen Härte die besseren Anlagen -seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz -verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat -doch auch noch den Termin für das geplante -Gartenfest ablocken konnte.</p> - -<p>Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg -zu tun! Die Einladungen mußten geschrieben werden. -Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau zu bestellen. -Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage -lang nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und -Sorgfalt bei jeder Mahlzeit neben die Serviette legte. -Am dritten Tage steckte er es in die Tasche und schickte<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[S. 51]</a></span> -es am fünften als völlig unbrauchbar zurück. Nur mit -List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge -zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute -nicht einmal von der Küche etwas verständen, ergriff -er selbst das Kochbuch und verlangte die unmöglichsten -Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen Einwendungen -zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer -für eine Abend- und Gartengesellschaft allem Herkommen -hohnsprechenden Ouvertüre. Er wollte in Italien eine -Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt ausprobiert -werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte, -von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach. -Käthe konnte nicht mehr erreichen als ein Kompromiß: -dafür, daß er die übrigen Gänge genehmigte, mußte ihm -die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.</p> - -<p>Langsam kamen die Zu- und Absagen.</p> - -<p>Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels -die Post erwarteten, um so weniger eilig hatte es der -Geheimrat mit dem Öffnen der Briefschaften. Für Elli -gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch. Sie hatte -schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme. Endlich -schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte -sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, -aber zusagende Antwort schickte er erst am Abend vorher. -Er entschuldigte seine Vergeßlichkeit, wollte aber gern -kommen. Käthe konnte es nicht unterlassen, zu bemerken, -daß Mediziner das „immer” so machten.</p> - -<p>Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren -widersprechende Gefühle, mit denen sie an Perthes -dachte. Sie verschloß das Hin und Her ihrer Empfindungen -nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Es<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[S. 52]</a></span> -lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von -sich schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele -brauchte in ihrer Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund -zu bleiben. Sie hatte ihn seit jener flüchtigen Begegnung -am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig machte -sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend -einen Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang -gegangen. Marga ließ sich dann die Sonnenuntergänge -bis ins einzelne schildern und genoß Farbe und -Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie -diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem -stillen Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in -denen sie sich dabei überraschte, ein sicheres Bild von ihm -zu gewinnen. Die Frage peinigte sie, ob er nur aus -gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich ihrer -erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für -ihr Wesen hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie -empfände. Und derselbe Mensch sollte an einem leichtmütigen -Geschöpf wie Hilde König Gefallen finden? -Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur -ernst und gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer? -Ihre Erfahrung gab ihr keine Auskunft. Und sie wollte -keine. Sobald sie sich über unnötigen Grübeleien ertappte, -dachte sie gewaltsam an anderes.</p> - -<p>Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um -so weniger fehlte es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit. -Die Toiletten mußten zwanzigmal besprochen -werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die Tischordnung -gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. -Bis endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit -wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[S. 53]</a></span> - -Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.</p> - -<p>Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und -Glyzinen auf der einen, der blumenreiche, sommergrüne -Weinberg auf der anderen Seite stimmten festlich zu den -weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte Marga ausgedacht. -Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie -gab ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich -vor sich sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall -aus. Bald war es ein Gerank von Rosen, das den silbernen -Aufsatz umschloß und in duftigen Ketten zwischen die -Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von Stiefmütterchen, -die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten -oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. -Leuchter mit winzigen bunten Lichtschirmen standen munter -dazwischen, und Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten -den Hof von einer Ecke zur anderen. Der Geheimrat, -der zufällig einmal während der Anordnung -herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte -etwas von einer „Blumentrödelbude”, klopfte aber dabei -Marga so kräftig auf den Arm, daß sie mit seiner Anerkennung -zufrieden sein konnte.</p> - -<p>Es war sechs Uhr geworden.</p> - -<p>Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, -und die Mädels flogen nach ihrem Dachstock.</p> - -<p>Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig -im Salon. Marga und Elli trugen weiße Tüllkleider. -Käthe als älteste prangte in leichter erdbeerfarbener Seide. -Das beste war der frische, unschuldige Reiz der Jugend, -der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, -wie sie so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen -blitzte der Schalk; in dem ungebärdigen Gewirr ihrer<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[S. 54]</a></span> -lichten Haare, mit ihrem schlanken, zierlichen Figürchen -sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein Gewinde -von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den -dunklen Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter: -sie fühlte sich halb und halb als Dame des -Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der bezaubernden -Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit -Käthes war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit -ihrer Bewegungen und der versonnene Ernst ihrer Züge -waren nicht dazu angetan, zu bestechen oder zu erobern. -Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben -glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren -inneren Reizes lebendiger als alle anderen -im Gedächtnis haftet.</p> - -<p>Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, -natürlich zu spät, an seine Festtoilette gemacht. Dann -war ihm mitten im Anziehen ein Gedanke gekommen, -den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren mußte. -In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in -das an sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und -setzte sich an den Schreibtisch.</p> - -<p>Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im -Salon waren in heller Bestürzung. Elli wagte es: sie -schoß die Treppe hinauf und pochte an die Tür des alten -Herrn.</p> - -<p>„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!” -rief sie eindringlich und flehend.</p> - -<p>Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.</p> - -<p>„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwörend -hinzu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[S. 55]</a></span> - -„Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich -komme ja!” dröhnte es zürnend zurück.</p> - -<p>Elli glitt wieder die Treppe hinunter.</p> - -<p>Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben -worden.</p> - -<p>Die Gäste ließen auf sich warten.</p> - -<p>Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon -trat — im flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette -auf der von Käthe zu Weihnachten und Ostern gestickten -Weste, die dünnen weißen Haare über dem Scheitel -und an den Schläfen festgestrichen —, erklärte er ganz -empört: „Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme -ich eine halbe Ewigkeit zu früh!”</p> - -<p>Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.</p> - -<p>Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder -zu schließen. Im Handumdrehen füllte sich der geräumige -Salon. Begrüßungen, Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen -schwirrten durcheinander.</p> - -<p>Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, -hinkender Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig -lächelndes, über ihren Mann verwundertes Frauchen. -Hinter ihnen drei Töchter, alle flachsgelb von Haar, fast -gleich in der Größe, gleich in den Augen und gleich in -den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die -Sage, daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.</p> - -<p>Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli -der neben ihr stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. -Er trug heute übrigens einwandfreie weiße Wäsche und -einen Rock, der ihn nach oben und unten in die Unendlichkeit -verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit -den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[S. 56]</a></span> -nicht, ob aus Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte -Papa Wilmanns sah staunend und beneidend an -ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen -jähen und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns -unwillkürlich mit offenem Mund einen Schritt näher und -streckte die Arme vor, als gelte es, einen Einsturz aufzuhalten.</p> - -<p>Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust, -blaue Mützen in der Hand, drängten sich nebeneinander -zur Tür herein. Sie gehörten der Verbindung Corvinia -an, die böse Zungen das „Betkränzchen” nannten und in -Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli -verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch -in den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen -schritten die beiden in feierlich-plumpem Gleichtritt auf -Vater Richthoff zu. Ihre forciert-couleurmäßige Haltung -stand in so köstlichem Gegensatz zu ihrem ungehobelten -Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß.</p> - -<p>Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem -Leibfuchs, einem geckenhaften und schmächtigen Bengelchen, -zufällig hinter den Corvinen ankam, zog über sein -ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es war, eine -Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier, -dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber -„alter Herr” bei einer Marburger Burschenschaft war.</p> - -<p>Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle -Geladenen zur Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte -einen Augenblick.</p> - -<p>Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte -pflichtmäßig Käthe in ein Gespräch.</p> - -<p>Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern.<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[S. 57]</a></span> -Die zwei Burschenschafter traten kühn dazu und -erzählten von ihrer nächsten Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen -Corvinen umstreberten Professor Wilmanns -und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam -in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem -Tisch lag.</p> - -<p>Schon tat sich die Tür wieder auf.</p> - -<p>Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein -paar runde, graue Augen rollten zwischen unbändigen -Büscheln gelblichweißen Haares heraus über das menschenvolle -Zimmer.</p> - -<p>„Sieh da — Borngräber!” begrüßte Richthoff mit vergnügtem -Ruf den Ankömmling.</p> - -<p>In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber, -ein alter Hausfreund, Junggeselle und Indolog, -auf den Geheimrat los.</p> - -<p>„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! -Ich denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er -mit hoher, klagender Fistelstimme, während er dem alten -Herrn die Hand schüttelte. „Ich bin ja gar nicht feierlich -angetan!” Er wies auf seinen moosgrünen, verknitterten -Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte.</p> - -<p>„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die -Sache gar nicht,” versicherte Richthoff beruhigend.</p> - -<p>„Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!”</p> - -<p>„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest.</p> - -<p>„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte -Papa Wilmanns boshaft.</p> - -<p>Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand -vor den Kopf, beteuerte seine Unschuld und widerstrebte -nicht mehr. Er kam immer so wie heute. War immer<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[S. 58]</a></span> -außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn man -ihm gut zuredete.</p> - -<p>Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.</p> - -<p>Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf -ihr entgegen. Blond und kraus wie der ihre. Ein lachendes, -verschmitztes Gesicht. Zwei strahlende, siegesgewisse -Augen, die in die ihren tauchten. Das war Wilkens.</p> - -<p>Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt, -so tuschelte Elli mit Marga.</p> - -<p>„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkündete -sie, noch aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen -zu haben.</p> - -<p>In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt -gleich hinter Wilkens in der Tür. Sein brauner, -bärtiger Kopf ragte über die anderen hinaus. Nur der -Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem suchenden -Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge. -Er hatte sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf -den Geheimrat zu und begrüßte ihn mit unbefangener -Höflichkeit.</p> - -<p>Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. -Dann besann er sich und schüttelte Perthes die Hand. -„Marga erinnert sich Ihrer. Nett, daß Sie kommen. — -Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende Elli -an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten -Wilkens durchschlüpfen konnte. „Herr Doktor Perthes — -meine Jüngste,” stellte er vor, während er ihr den Arm -um die Schulter legte. „Führ' ihn mal zu Marga!” Er -deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann -mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach, -die Witwe eines Kollegen, eine stattliche alte Dame<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[S. 59]</a></span> -mit gütigen Augen unter schneeweißen Scheiteln, auf einen -Krückstock sich stützend; weiterhin einen ehemaligen Schüler -und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf mit Namen, der -es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder, katzbuckelnder -Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen.</p> - -<p>Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, -durch die einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen -Gebärden hinter sich her winkend.</p> - -<p>Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie -hatte sich dorthin zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre -der Menschen überflüssig vorkam. Es fiel niemand -auf, daß sie beiseite trat. Die drei Wilmannsmädchen -lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien -der beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, -verlorenen Lächeln lehnte sie im Rahmen der Tür.</p> - -<p>„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” -rief ihr Elli schon von weitem entgegen.</p> - -<p>Marga richtete sich auf.</p> - -<p>„Guten Abend, Fräulein Marga!” begrüßte sie Perthes -kameradschaftlich. „Wir haben uns ja furchtbar lange nicht -gesehen. Ich dachte immer, ich würde Ihnen mal wieder -begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo —”</p> - -<p>„Wir sind früher oft dort gegangen,” sprudelte Elli -naseweis hervor. „Aber neuerdings — ich glaube, seit -Marga Sie dort getroffen hat, will sie partout nicht mehr -hin.”</p> - -<p>„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin -war schon lachend davongewischt, um endlich zu ihrem -Wilkens zu kommen.</p> - -<p>„So, so, Fräulein Marga — Sie weichen mir also<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[S. 60]</a></span> -aus!” neckte Perthes. „Und warum denn, wenn ich fragen -darf?”</p> - -<p>„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklärte -sie ernsthaft.</p> - -<p>„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. -Obwohl ich mir vorgenommen hatte, hier gar -nichts mitzumachen.”</p> - -<p>„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich -Ihretwegen an den Fluß käme,” erwiderte Marga. Ihr -Ton war abweisender, als sie wollte. Sie fand sich nicht -in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz nahm nur -schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu -und verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an -den Türpfosten gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige -Stirn kräuselte sich einen Moment: ihr offenes Gesicht -war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu verbergen.</p> - -<p>„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. -„Sicherlich nichts Gutes über mich.”</p> - -<p>„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!”</p> - -<p>„Ich — wieso?”</p> - -<p>„Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als —” -Marga vollendete den Satz nicht; sie erschrak über ihre -eigenen Worte. Sie kamen ungerufen aus ihr hervor. -Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn -kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von -dem sie wußte, daß er einer anderen galt. Es waren nur -liebenswürdige Redensarten, wenn er <em class="gesperrt">sie</em> damit in Verbindung -brachte. Weshalb seine Spielerei? Und doch — -als er nun schwieg — tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne -ihn zu sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[S. 61]</a></span> - -Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, -auf die vielen schwatzenden Menschen im Salon.</p> - -<p>„Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?” fragte -Marga mit veränderter, bittender Stimme.</p> - -<p>„Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute -gar nicht nett zu mir sind.”</p> - -<p>„Bin ich das wirklich nicht?”</p> - -<p>„Wirklich nicht!” wiederholte er überzeugt.</p> - -<p>„Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden -Sie noch unzufriedener mit mir gewesen sein.”</p> - -<p>„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend -wandte sich Perthes wieder zu ihr.</p> - -<p>Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus. -Die erloschenen Augen mit ihrem sanften blauen Glanz -schienen gewaltsam das Dunkel durchdringen zu wollen, -um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch leichter -zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen -Offenheit. „Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße -jemand anders suchten als mich. Das war alles,” sagte -sie kurz und einfach.</p> - -<p>Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits, -was Markwaldt und alle seine Bekannten wußten -— daß er Hilde König nachstieg. Und er durfte ihr nicht -einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte ihr ja ihre -Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem -diese Mitwisserschaft war! Gerade <em class="gesperrt">hier</em>. Er griff sich -mit der gebräunten, sehnigen Hand heftig in den Bart. -Die Falten auf der Stirn zuckten nervös zwischen den -dichten Brauen.</p> - -<p>Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu -Tisch, indem er Frau Wilmanns den Arm bot.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[S. 62]</a></span> - -„Darf ich Sie zu Tisch führen?” fragte Perthes Marga -mit einer kurzen Verbeugung.</p> - -<p>Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den -seinen. Sie wußte nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie -führte, oder nicht. Sie bereute, daß sie sich hatte verleiten -lassen, die Wahrheit zu sagen. Warum hatte er sie -gezwungen, und sie sich zwingen lassen?</p> - -<p>Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das -Wohnzimmer und die Eßstube.</p> - -<p>An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor -Borngräber und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches -Paar: sie majestätisch und gemessen, er voll Unbeholfenheit -immer einen Schritt voraus oder zurück. Als langjährige -Bekannte waren sie trotzdem beide sehr zufrieden -miteinander.</p> - -<p>Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er -kam, ein junges Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man, -um der Gemütlichkeit keine Vorschriften zu machen, von -einer festgesetzten Tischordnung abgesehen hatte, waren -die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon -alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein -Grasvogel, eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen -Hauses, die man aus Gutmütigkeit bei keiner -Einladung überging, für sich zu erobern. Der kleine lustige -Mann, der außerhalb seines Lehramts stets voller Schnurrpfeifereien -steckte, schritt mit weltschmerzlicher Biedermannsmiene -am Arm der Cousine. In dem beweglichen -Gesicht, das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen -einer listigen Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen -dem fröhlichen Backenbart saß, lag eine so vorwurfsvolle -Anklage, daß Elli, die mit Wilkens hinter ihm kam, nur<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[S. 63]</a></span> -mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm sich -nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten -Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch -zur Linken ihr auf dem Fuße folgte. Käthe war -schon durch die in letzter Minute erfolgte Absage Lizzies, -ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte sie nicht noch -durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame -Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der -Privatdozent hatte nämlich Käthe dem Flanellstorch vor -der Nase weg engagiert; darüber war dieser so fassungslos, -daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr postierte -und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen -Disput vom Zaun brach — über eine neue Textausgabe -von Dio Cassius!</p> - -<p>Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns -mit den Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- -und couleurlose Philologen im ersten und zweiten Semester -beschlossen die Reihe.</p> - -<p>Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb -die Kerzen noch nicht angebrannt.</p> - -<p>Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. -Man stürmte die Plätze.</p> - -<p>Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese -als nächste Hausfreunde der Jugend nur zur Folie -dienen sollten, hatten ihren Tisch für sich gewählt. Eine -Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die Cousine -Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.</p> - -<p>Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes -zu sich heran, denen sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei -Stühle verteidigte. Perthes hatte Marga auf der einen, -Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen noch<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[S. 64]</a></span> -der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei -Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel -am gleichen Tisch.</p> - -<p>Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen -Versuch, den Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten -dafür mit den Corvinen an eine Tafel.</p> - -<p>Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft -ihre Plätze innehatte.</p> - -<p>Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand -einer Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen -beginnen konnte.</p> - -<p>Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden -hatte, dämpfte mit ihrer grausamen Würze für -einen Augenblick die allgemeine Fröhlichkeit. Jedermann -würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah -doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung. -Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung -zum Trotz einen Stuhl neben Käthe gezwängt -hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters, -flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches -gegessen.</p> - -<p>„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren -Nachbar Wilkens. „Papa hat sie befohlen!”</p> - -<p>Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen -Himmel und legte die Hand auf den Magen.</p> - -<p>Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht -im Zaum halten. So vernehmlich wie der Flanellstorch -und mit einer Überzeugungskraft, die fürs erste alle -täuschte, durchschnitt er die schweigende Beklommenheit. -„Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau -das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten.<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[S. 65]</a></span> -Sie kann nur von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen -werden!”</p> - -<p>Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem, -von unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter -anschwellenden Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, -selbst nicht das entsetzte Fräulein Grasvogel, entziehen -konnte.</p> - -<p>„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau -Wilmanns über den Hof zu ihrem Gatten, der sich, als -wüßte er von nichts, in seine Vatermörder zurückgeduckt -hatte.</p> - -<p>Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit -einer gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen -Bart, tippte hell ans Glas und verschaffte sich Gehör.</p> - -<p>„Verehrte Gäste und Freunde!” hub er mit grollendem -Ton an. „Der gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns -soeben gegen meine Suppe unternommen hat, -zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung. Mein -Freund Wilmanns” — er fixierte den Professor durchbohrend -— „ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen -und griechischen Syntax, also der grauesten, leblosesten -Grammatik. Daraus entschuldigt sich seine völlige -Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des feineren -Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine -feurige südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der -Spartaner in einem Atem zu nennen. Seine Spartanersuppe -ist, wie jetzt männiglich außer ihm weiß, erstens eine -Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel- und -Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner -Suppe. Doch diese historische und kulinarische Zurechtweisung -nur nebenher. Überzeugender als der Angriff<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[S. 66]</a></span> -des Kollegen Wilmanns ist das Urteil, das ich Ihnen -allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es bedeutet -rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt -auch den frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu -Boden, die, ihres Vaters kochkünstlerische Autorität verkennend, -die Wahl jeder und erst recht dieser Suppe verhindern -wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen -für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie -mit mir an auf das Wohl meiner Gäste!”</p> - -<p>Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete -dem alten Herrn von allen Tischen. Sein grollender -Humor, seine behagliche Selbstironie hatten die gute -Stimmung nicht nur wiederhergestellt, sondern erhöht. -Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten, fröhlichen -Gang.</p> - -<p>Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa -Wilmanns, der sich über Richthoffs Suppenrede königlich -gefreut hatte, waren an ihrem Tisch abwechselnd die Wortführer. -Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer von seiner -letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber -waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens -über eine Fachfrage in den Haaren und abends bei -begeisterndem Hellenenwein in den Armen. Als Wilmanns -gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von -einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre, -weil er durchaus auf der Akropolis eine Nacht zubringen -wollte, flüsterte Elli Doktor Perthes zu: „Ich glaube, -die ganze griechische Reise hat er nur auf der Landkarte -gemacht.”</p> - -<p>„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lächelnd.</p> - -<p>„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[S. 67]</a></span> -alle!” erklärte sie überzeugt. „Wenn ich denke, was nur -Wilkens” — sie warf einen vielsagenden Seitenblick auf -ihren Tischherrn —, „was der mich schon angeführt hat! -Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich ins -Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ -Und zehnmal war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer -begleitete unwillkürlich den zehnfachen Schwindel.</p> - -<p>„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes.</p> - -<p>„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir -geht überhaupt nichts zu Herzen!” verteidigte sich Elli -empört. „Von mir aus kann Herr Wilkens zehnmal durch -sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?”</p> - -<p>Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd -zu Heddy Wilmanns.</p> - -<p>„O, und die anderen Fakultäten,” fuhr Elli zu Perthes -fort, „die haben andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -— die sind boshaft, wie Sie! Und schrecklich roh -und materialistisch!”</p> - -<p>„Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein -Marga?” wandte sich Perthes nach rechts, wo Marga -geduldig, im Verein mit Cousine Grasvogel, noch immer -Wilmanns' griechische Reise miterlebte.</p> - -<p>„Wehren Sie sich nur tüchtig!” gab sie zurück.</p> - -<p>„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben -am Ende gar Ihrer Fräulein Schwester recht?”</p> - -<p>„Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser -kennen!” erwiderte Marga freundlich, aber bestimmt.</p> - -<p>„Wie mißtrauisch Sie sind!”</p> - -<p>„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr -Doktor Perthes, da gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! -Die ist die Offenste von uns allen! Aber<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[S. 68]</a></span> -sie flunkert <em class="gesperrt">auch</em>! Die schlechte Nachbarschaft —” Sie -zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.</p> - -<p>„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga -vorwurfsvoll ein.</p> - -<p>„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du -kennst Herrn Perthes nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich -die Menschen in- und auswendig, wenn sie noch nicht -zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”</p> - -<p>„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir -Genugtuung schuldig. Ich möchte schon immer gern wissen, -wer ich bin.” Perthes legte etwas Spöttisches in seine -Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten konnte.</p> - -<p>Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein — Sie -müssen sich selber am besten kennen.”</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Muß</em> ich das?” erwiderte er im selben Ton wie -zuvor.</p> - -<p>„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, -entschiedene Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. -Ihr Mund war fest geschlossen. Nur das Zittern ihrer -Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung. Warum -quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte -ihm daran liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte -er sich hartnäckig und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, -um sich und sie zu ergründen? Gewiß, er dachte -sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser spielerischen -Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür -zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig -auszugeben, verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke -in ihr Gehäus.</p> - -<p>Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[S. 69]</a></span> -ernsthafter als sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” -— was hieß das? War das ein Zweifel an seiner Reife? -Oder war es eine Anerkennung? Dieses so stille und so -klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige, aus -Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme -gemischte Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil -es ihn reizte. Der Widerspruch zwischen seiner eigenen -Zerrissenheit und ihrer ruhigen Geschlossenheit brachte bei -ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das Peinliche -überwog das Anziehende. Bah — er würde sich wohl -von einem jungen Mädchen imponieren lassen! Was war -rätselhaft an ihr? Höchstens, was er aus seiner eigenen -Phantasie hinzutat. Sie war wie andere Frauen: nur -durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte -sich physiologisch wie alles Weibliche.</p> - -<p>Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren -Wilkens, der um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy -Wilmanns den Hof machte, entrüstet zur Rede zu stellen. -Wilkens erklärte mit seiner heiteren Unverwüstlichkeit, da -er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal ein -Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach -rechts flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze -Minute lang. Dann fand sie sich mit Wilkens in einem -versöhnend-heftigen Händedruck unter dem Tisch. Nach -dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu Perthes. -„Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer -übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß -das Gespräch zwischen ihm und Marga bedenklich im -Stocken war.</p> - -<p>„Wo? Wie? Hier — wie meinen Sie das?” Perthes -richtete sich zerstreut aus seinen Gedanken auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[S. 70]</a></span> - -„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie -das Ding heißt!” erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage.</p> - -<p>„Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal -besuchen. Ich habe einen ganzen Stall Kaninchen und -Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse und Ratten.”</p> - -<p>„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger -Neugier.</p> - -<p>„Ich experimentiere mit ihnen.”</p> - -<p>„Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! -Was hab' ich gesagt! Mediziner sind entsetzlich roh und -gefühllos! — Was machen Sie denn mit den armen -Tierchen?”</p> - -<p>Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung -keine Frage gelegener kommen. Es war ihm eine -Genugtuung, sich nüchterner und gefühlloser zu zeigen, -als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu verletzen, -gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler -und beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden -Tieren: wie er ihnen die verschiedenen Gifte einimpfte, -Gegengifte erprobte, die Wirkungen von Stunde -zu Stunde beobachtete.</p> - -<p>Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. „Sie -sind ja ein gräßlicher Tierquäler! Und so was machen -Sie mit ruhigem Blut? Was müssen Sie für ein Mensch -sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre strahlenden jungen -Augen an.</p> - -<p>„Das gehört bei uns zum Handwerk!” versicherte -Perthes mit Achselzucken. „Wir können ja leider nicht -mit Menschen unsere Experimente machen.”</p> - -<p>„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe. -„Leider, sagen Sie? Aber das ist ja abscheulich! Dafür<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[S. 71]</a></span> -könnte ich Sie —” Sie machte eine drastische Bewegung -und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre Entrüstung -lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten -mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, -Margakind?!”</p> - -<p>Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit -Absicht schlecht machte. Er übertrieb. Er wollte sein -objektives Medizinertum hervorkehren. Er tat sich und -anderen mit Bewußtsein wehe. Die Erkenntnis dieser -Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte sie -mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. -Mit unwiderstehlicher Macht überkam sie das -Gefühl ihrer Einsamkeit inmitten all der fremden, geräuschvollen -Menschen, die in einer Welt lebten, die nicht die -ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden Mantel -hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere -Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl -zurück und richtete die Augen in die Ferne.</p> - -<p>Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas -Wesen wenn auch nicht ganz erfaßte, so doch kannte und -achtete, drang nicht weiter in sie.</p> - -<p>Auch Perthes verstummte.</p> - -<p>„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter -mit tadellosem Komment und unverkennbarer -Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte mit halbem Ohr -die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres medizinisches -Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung -zu dem Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit -ausdrücken.</p> - -<p>Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem -Zug hinunter. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[S. 72]</a></span> -war verärgert. Er haderte mit sich, weil er sich hatte fortreißen -lassen.</p> - -<p>Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer -an zwei verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.</p> - -<p>Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben -sich miteinander und maßen sich mit erstaunten -Blicken: es waren Professor Borngräber und Professor -Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um -die oratorische Palme rangen.</p> - -<p>Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. -Aber gerade seinen vielverleumdeten griechischen -Reisefreund konnte er nicht ohne Verblüffung als Rivalen -auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm überdies aus -der Ferne einen so flehenden Blick zu.</p> - -<p>„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund -Jakobus langweilen!” murmelte er mit trockener Gutmütigkeit -und setzte sich wieder.</p> - -<p>Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen -Stimme. Er zitierte einen indischen Spruch über die -Freuden der Häuslichkeit. Man durfte hoffen, er würde -von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das -Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. -Jakobus Borngräber war nicht der Mann der geraden -Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen Sprichwort, das -mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser zusammenhing, -fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade -dieses Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse -geraten war. Das Unheil war da: er vergaß völlig -seine ursprüngliche Absicht, entwickelte mit einer zähen -Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten Verhältnis zu -seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider Auffassungen<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[S. 73]</a></span> -und geriet in eine Vorlesung über vergleichende -Textkritik.</p> - -<p>Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort -wurde nervös geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde -gehört. Einzelne fingen an, sich leise, dann lauter zu -unterhalten. Dies Beispiel fand jähe, fast allgemeine -Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine achtungsvolle -Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur -noch der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische -und die beiden Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit -dem Redner zu. Sogar Bertelsdorf, dem Privatdozenten, -der für die Ordinarien seiner Fakultät einen -unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein -eine charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte -ungeniert mit Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch -damit, daß er unter seinen Fingern eine Menagerie aus -Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen ließ. Wilkens -unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken: -er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ -Brotstückchen, die er über die Fingerspitzen legte, durch -einen geschickten Schlag auf seinen Unterarm in den Mund -schnellen.</p> - -<p>Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf -den Tischen und die farbigen Lampions, die in Ketten -über den Hof gespannt waren, waren schon seit geraumer -Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen -jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen, -die helldunklen Gesichter setzten sich warm und -farbenvoll ab gegen das wachsende Dunkel im Weinberg -und in den benachbarten Gärten. Darüberhin taumelten -ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[S. 74]</a></span> -zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm -noch ein später Schimmer der gesunkenen Sonne.</p> - -<p>Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom -seiner Rede inne. Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit -seiner Zuhörer machte ihm nun doch seine Abirrung -mit jähem Schreck klar.</p> - -<p>Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame, -hatte Gleichmut und Humor genug, um ihm beizuspringen. -„In diesem Sinne —” soufflierte sie ihm.</p> - -<p>„In diesem Sinne —” stotterte Borngräber und -schwang sich mit einem verzweifelten Überschlag seiner -Stimme aus dem Wirrsal seiner textkritischen Betrachtungen -auf die dargebotene, allumfassende Redewendung: -„In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu -rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches -Haus, sie leben hoch!”</p> - -<p>Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines -Gläserklirren verschlangen Redner und Rede. —</p> - -<p>Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere -Tafelzwang nicht wiederherstellen lassen. Der Tisch der -Alten erkannte die Situation richtig, und ehe Papa Wilmanns -seine unterdrückte Rede auch noch loslassen konnte, -erhoben sich die Herrschaften.</p> - -<p>„Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!” klang die kräftige -Stimme des Geheimrats über den Hof hin.</p> - -<p>Zwanglos verteilten sich die Gruppen.</p> - -<p>Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg -hinan, dessen Wege weit hinauf mit Papierlaternen beleuchtet -waren.</p> - -<p>Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof -die Tische geräumt waren. Die zwei Corvinen und der<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[S. 75]</a></span> -Flanellstorch hielten jetzt den Zeitpunkt für gekommen, -um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre Professoren zu -poussieren.</p> - -<p>Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes -hatte sich artig angeboten, sie zu führen. Sie dankte. -Darauf gesellte er sich dem ausgelassenen Schwarm zu, -den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten die drei -Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe -mit Bertelsdorf.</p> - -<p>Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das -Obstgelände begann, war es noch heller als in den tieferen -Partien des Weinbergs. Elli schlug ein Spiel vor. Sie -fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!” wurde nach -kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend -in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das -Tollen begann, und leuchtend stoben die hellen, fliegenden -Mädchenkleider durch die Dämmerung.</p> - -<p>Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, -es würde jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. -Aber niemand kam. Wie es meist ging, wurde sie und -ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen Lustigkeit vergessen. -Im Grunde war es ihr recht.</p> - -<p>Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und -schneller als andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte -sich nach der äußeren gesehnt.</p> - -<p>Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern -längs des Weges. Dann stieg sie sicher bergan.</p> - -<p>Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile -Erdreich stützte. Eine Treppe aus Steinen führte an ihr -empor. Darüber standen die Weinstöcke, die Sorgenkinder -des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie hartnäckig nur<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[S. 76]</a></span> -wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem -ausgemacht, daß hier <span class="antiqua">anno Domini</span> der großartigste Wein -in der ganzen Umgegend wachsen mußte. Ein zweites -Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf seiner Höhe lief -eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des Richthoffschen -Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg; -er lag schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden -Abendluft.</p> - -<p>Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam -auf und ab.</p> - -<p>Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur -gedämpft zu ihr herauf. In vollen Zügen trank sie die -Ruhe des späten Abends. Nichts Weichmütiges durfte in -ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und ihre -Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim -war. Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer -noch ein herber Ton vor. Konnte sie es nicht lassen, auf -andere Menschen zu bauen, statt nur auf sich? Es war -ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde machte, und -ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und -halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe -machte, in sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie -die Mücken tanzten sie um die Sonne, zu schwach, um -in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie zu entbehren. -Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein? -Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre -Schwingen reichten aus. Auch wenn sie nur ein Weib -war. Sie — sie wollte und konnte in die Sonne des inneren -Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das Unbedingte -und das Unendliche ...</p> - -<p>Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[S. 77]</a></span> -Lieblingsplatz war, und dem Philosophenweg lag ein -Wiesenhang unter alten Kirschbäumen.</p> - -<p>Dort streckte sie sich aus.</p> - -<p>Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen -geschlossen, überließ sie sich ihrem Schauen. Aus dem -Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll ihr Bild auf -Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe -und klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in -denen ihre reiche Seele sich auslebte und ausruhte. Da -war ein fernes, schimmerndes Tal, über und über von -rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein tausendfältiger -Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern -gaukelte darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel -Silber gegen den tiefblauen Himmel stand. — Ein verschlafener -See blitzte auf, inmitten dunkel wuchtender -Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus gelben -Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise -die Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer -Schwan zog sanft am Schilf entlang. — Die Berge rückten -auseinander. Der See verschwand. Lachende, unabsehbar -weite Blumenwiesen taten sich auf: gelbe Königskerzen -und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn -wirrten sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick -reichte. Darüber, am Horizont, erhoben sich kristallene -Sommerwolken, überirdische Berge, himmlische Paläste, -in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. —</p> - -<p>Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, -daß sie nicht hörte, wie ein behender Schritt die Stufen -nach dem Laubengang heraufkam. Erst als ihr Name -gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete sich aus dem -Gras empor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[S. 78]</a></span> - -„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem.</p> - -<p>Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. -Noch war sie nur halb aus ihrer Traumwelt erwacht, -und kein Fremder sollte sie stören. Sie duckte sich -wieder tiefer ins Gras.</p> - -<p>Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen -Wiese erspäht. „Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie -haben sich ja richtig versteckt!”</p> - -<p>„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück.</p> - -<p>„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie -holen.” Perthes war vollends zu ihr heraufgeklettert. -„Darf ich mich einen Augenblick neben Sie setzen?” Ohne -ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben ihr im -Gras aus.</p> - -<p>Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, -ihren Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.</p> - -<p>Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der -matte Widerschein der Papierlaternen und gab im Verein -mit dem sternklaren Himmel gerade Licht genug, um -Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu lassen. -Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen -Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre -ruhevolle Erscheinung hier oben im Garten seltsam.</p> - -<p>„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt, -Fräulein Marga?” fragte er nach einer Weile.</p> - -<p>„Was hätte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete -sie ohne Vorwurf.</p> - -<p>Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht. -Wie konnte sie in dem abschüssigen Garten „Hasch, hasch!” -und derlei Dummheiten spielen! Er hatte sie ja überdies -mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst überlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[S. 79]</a></span> - -„Sie haben nicht viel versäumt,” fuhr er fort. „Ich -alter Esel habe mich wie ein alberner Junge herumhetzen -lassen.” Er trocknete sein Gesicht mit dem Taschentuch; -er ärgerte sich wirklich, daß er sich wie der krasseste Fuchs -in solche Kindereien gestürzt hatte. „Hier oben ist's -schöner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich -verschattet sich dehnte.</p> - -<p>Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht -und glättete ihre zerknitterten Ärmel.</p> - -<p>„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann -er von neuem, „sonst würde ich's schon wieder tun, -weil Sie ja doch von sich aus mir nichts erzählen.”</p> - -<p>„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen -Dinge sagten.”</p> - -<p>Perthes besann sich. „Ach — Sie meinen über meine -Tätigkeit? Die Geschichte mit den Tierexperimenten, und -daß man leider nicht mit Menschen experimentieren könne? -Aber das ist ja wahr!”</p> - -<p>„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach -Ihrem Gefühl.”</p> - -<p>„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! -In der Medizin hört man auf, ein Gemütsmensch zu sein -— woher wollen Sie wissen, daß das nicht meine volle -Meinung ist?”</p> - -<p>„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns -dummen, gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten. -Sie hatten ein Bedürfnis, sich schlechter zu machen, als -Sie sind.”</p> - -<p>Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf -den Boden gelegt und den Kopf auf die Hände gestützt. -Marga saß links hinter ihm. Er sah forschend zu ihr hinüber.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[S. 80]</a></span> -„Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft, Fräulein -Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.”</p> - -<p>„Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!” erklärte -Marga mit jener Ruhe und Geradheit, in der sie sich selbst -wiederfand. „Dann müssen Sie sich selber sehr niedrig -einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. — Und besonders -uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll -hinzu.</p> - -<p>„Warum gerade die Frauen?”</p> - -<p>„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen -zu imponieren.”</p> - -<p>Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.</p> - -<p>Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, -denen lustiges Gelächter antwortete. Papa Wilmanns -hielt bei der Bowle seine aufgeschobene Rede auf die -Damen.</p> - -<p>„Ich glaube, wir müssen hinunter,” bemerkte Marga kurz.</p> - -<p>Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten -Faust erst langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den -Grasboden.</p> - -<p>„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend.</p> - -<p>„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in -seinem Trommeln aufzuhören.</p> - -<p>„Worüber?”</p> - -<p>„Über Sie —”</p> - -<p>„Über mich?”</p> - -<p>„Und noch mehr über mich!”</p> - -<p>„Und warum denn?”</p> - -<p>„Weil — weil —” Er führte einen letzten grimmigen -Hieb gegen den unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht -recht haben!” stieß er knirschend hervor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[S. 81]</a></span> - -Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, -heftige Bekenntnis, das sich so widerwillig von -ihm losrang.</p> - -<p>Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre -jählings etwas geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, -das den Strom seiner Gedanken und Gefühle aufgehalten. -Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus ihm hervor, -was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch -seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter -Empfindung, nach einer überlegenen Weltbetrachtung -voll Gleichklang und Schönheit sich verzehrte, bald -in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche trieb, -wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles Unbegreifliche -unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen, -wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung -hatte — dieser Widerspruch tat sich in einer -Flut von Selbstanklagen auf, die er rückhaltlos in die dunkle, -friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute war er weich, -mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; -morgen hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der -sich in Kraßheiten überbot. Sein unseliger Hang zum -Extremen — war er nicht sogar jetzt lebendig, in dieser -Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos war -wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt -aufführte? Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum -Unfrieden verdammt. Wertlos war der ganze Kerl. „Sie -irren, Fräulein Marga — Sie irren, sage ich Ihnen! Der -bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder -Seele oder was es derart geben könnte, der ist bei mir -nicht vorhanden! Schale, nichts als Schale — im Rechten -und im Schlechten!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[S. 82]</a></span> - -Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über -die so wilde, alle Schranken vergessende Entladung, die -mit Unreife und Mißklang in ihre eben noch so köstliche -Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine Bekenntniswut -verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. -Nie hatte ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein -Innerstes gezeigt. Sollte sie stolz auf dies Vertrauen -sein? War sie nur der zufällige Anlaß, die zufällige -Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte -sie auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? -Auf ihr Gefühl, das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: -Gib von deiner Klarheit seiner Unklarheit! Schenke von -deiner Kraft! Schenke, schenke mit vollen Händen! — -Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach? -Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende -dich nicht!</p> - -<p>Perthes war verstummt. Er warf sich herum und -starrte, von ihr abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der -schüchtern der Fluß im Licht des gestirnten Himmels -aufleuchtete.</p> - -<p>Marga fand noch immer kein Wort.</p> - -<p>Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei -Menschen beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben -hat und der andere noch nicht weiß, was er dagegen -geben soll. Ein Schweigen, das zum Anfang oder -Ende des Verstehens wird.</p> - -<p>Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.</p> - -<p>Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins -Gesicht schauen, daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder -lassen müsse! Sie strengte alle Kräfte ihrer Seele an, -um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. Wie durch einen<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[S. 83]</a></span> -geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich langsam -von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über -seine Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern -wich. Sie durfte nicht in seiner Schuld bleiben. Eben -war er im Begriff aufzuspringen und sie zum Abstieg -aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch -an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” -sagte sie mit leiser Bestimmtheit.</p> - -<p>„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile -ausdruckslos. „Da sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” -Der spöttische Ton, den er annehmen wollte, -verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.</p> - -<p>„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert -fort, „was Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und -deshalb nur so leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen -solchen Kern glauben möchten und es nicht immer können.”</p> - -<p>Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn -auf die Faust gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, -klare Stimme wirkte auf ihn wie eine Kinderweise, die -sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein Verstand sträubte -sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das Herz -sog sie dankbar in sich.</p> - -<p>„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen -streiten,” hub Marga nach einer gedankenvollen Pause -noch sicherer wieder an. „Ich habe in allen Dingen nur -die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt mir, daß es -gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man -sich von der Welt und dem Leben und den Menschen so -im allgemeinen macht, sondern auf das, was man aus -sich selbst macht.”</p> - -<p>„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so?<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[S. 84]</a></span> -Wenn man nach zwei Seiten gezerrt wird? Wenn man, -um recht trivial, aber anschaulich zu reden, die bekannten -‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”</p> - -<p>„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von -beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte -Marga überzeugt. „Wenn man das erst weiß, -braucht man nur zu wollen.”</p> - -<p>„Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das -ruhig wieder dazu! Ich kann es ganz gut noch einmal -hören!” Es war keine Bitterkeit und kein Spott mehr -in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe -Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam, -suchte er Marga.</p> - -<p>Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, -der sie von innen zu erleuchten schien und ihre Blindheit -vergessen ließ. Sie hatte sich höher aufgerichtet. Ihre -Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare über -ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im -Winde, der über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, -in sich einigen Wesen ging eine stille, fast heitere Gewißheit -aus, die Perthes mit Achtung erfüllte, einer -Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.</p> - -<p>„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob -Sie recht haben, Fräulein Marga?” meinte Perthes zögernd. -„Wollten Sie mir ein klein wenig dazu helfen?”</p> - -<p>Sie überlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte -ich!” sagte sie kurz und herzlich.</p> - -<p>Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte -die hohe, sehnige Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” -Es klang eine so ehrliche Wärme aus seinen Worten, wie -er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[S. 85]</a></span> - -Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu -ihm. Sie bot ihm die Hand.</p> - -<p>Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung -folgend, drückte er einen Kuß darauf.</p> - -<p>„Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!” -Auch sie war aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von -innerer Seligkeit, von frohem Stolz über diesen Beweis -der Achtung.</p> - -<p>Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, -sondern ließ sich von ihm führen.</p> - -<p>Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...</p> - -<p>Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes -Streiten. Es waren Elli und Wilkens. Sie waren also -nicht die einzigen, die auf sich warten ließen. Weiter unten -stießen sie auf Heddy Wilmanns und den dicken Burschenschafter. -Mit diesen zusammen traten sie in den Hof, wo -Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle -durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch -und die zwei Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen -Bowlenlaune eine Philippika über die Streberei hielt. -Sie hörten ihm mit stumpfsinniger Andacht zu, ohne sich -getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau Achenbach -und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und -plauderte bei seiner sechsten oder achten Zigarre über -Sommerferienpläne.</p> - -<p>Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf, -die, unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern, -die gesamte Universität Spießruten laufen ließen.</p> - -<p>Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest -mit einem fröhlichen, von Papa Wilmanns inaugurierten -und kommandierten Rundgesang sein Ende fand.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_86" id="Page_86">[S. 86]</a></span><a name="c4" id="c4">4</a></h2> - - -<p>Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.</p> - -<p>Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg -war für alle Beteiligten eine liebenswürdige Erinnerung -geworden. Nur für Marga und Doktor Perthes spann -sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, zu -der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener -und vertrauensvoller Herzlichkeit.</p> - -<p>Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am -Hause vorbeigekommen war, hatte er Marga unter den -Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er war ohne Zaudern -hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten -wie zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, -sich auszusprechen; Einfälle, Stimmungen, Empfindungen -mitzuteilen, die ihn gerade beschäftigten. Und sie verstand -dankbar und still zuzuhören. Nur ab und zu warf sie ein -Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte -und dachte.</p> - -<p>Perthes wiederholte seinen Besuch.</p> - -<p>Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf -einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an -den Ausgängen und Besuchen der Schwestern in der Stadt -selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend -oder lesend.</p> - -<p>Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, -daß der Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, -die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein -paar Sätze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben -bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den -alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[S. 87]</a></span> - -Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er -bedrohliche Blicke.</p> - -<p>„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich -mit der einen Hand auf den Krückstock, mit der andern -hatte er sich in den weißen Bart gefaßt.</p> - -<p>„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr -Geheimrat!” Perthes erhob sich grüßend; sein Auge begegnete -ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.</p> - -<p>„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor -Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,” -setzte Marga aufrichtig hinzu.</p> - -<p>„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er -überlegte, daß von Rechts wegen ein junger Mann und -ein junges Mädchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu -geben hätten. Aber schon im nächsten Moment sagte er -sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht -um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose -Zerstreuung bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles -wieder verschwitzt, was sie konnte?” wandte er sich, dem -Tisch näher tretend, an Perthes.</p> - -<p>„O — es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.</p> - -<p>Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen -Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren -Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung -über die Schrift, über Blindenbibliotheken und -ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte, recht -wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.</p> - -<p>Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll -am Ohr zupfte. „Das bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn -Tagen der Prolog zum Faust fließend gelesen und<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[S. 88]</a></span> -geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem jovialen -Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im -Haus.</p> - -<p>Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft -ungestört pflegen. Elli und Käthe neckten wohl -manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht -ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung -nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, -den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere -Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.</p> - -<p>Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. -Über Großes und Kleines mit derselben Wichtigkeit -der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrücken -mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen -Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus -einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig -und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, -durch sich selbst wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. -Sein vielseitiges Wissen nährte das ihre. Daß sie nichts -Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür sorgte ihre -durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer, gesunder -Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. -Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, -durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe -ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die -ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer -wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte, -sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits -fühlte die Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit -ihrer Seele lag. Aber sein Verstand sträubte -sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem Gefühl nachzugeben.<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[S. 89]</a></span> -Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib, -eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen -sollte, konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, -ihn empören, seinen verbissensten Widerstand erwecken. -Dann riß er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von -den großen Fragen über den Wert des Daseins, und zersetzte -alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter -vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je -lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich -erhitzte, um so gelassener hörte sie ihm zu.</p> - -<p>So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer -jungen Freundschaft, daß es nichts Vernünftiges gebe, -als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich -„höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele -Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit -zu täuschen. „Damit wir hübsch im Tretrad bleiben -und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu -albern wird!”</p> - -<p>Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, -bemerkte er ein leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.</p> - -<p>„Sie — Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er -empört.</p> - -<p>„O, gar nicht! Wissen werden <em class="gesperrt">Sie</em> es schon besser. -Aber ich <em class="gesperrt">fühle</em> es anders.”</p> - -<p>„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das -Gefühl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind -uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für Kinder, sind Verschwommenheiten, -Torheiten, Halbheiten, die Gedanken -werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht -endlich einsehen?”</p> - -<p>„Nein. Ich <em class="gesperrt">will</em> es eben nicht einsehen,” meinte<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[S. 90]</a></span> -Marga ruhig. „Es gibt Gefühle, die weniger sind als -Gedanken, und es gibt Gefühle, die mehr sind —”</p> - -<p>„Und mit welchem Recht?”</p> - -<p>„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den -Sinn hat, dessen Wahrheit ich fühle — ob Sie sie beweisen -können oder nicht.”</p> - -<p>Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger -Verstand war nicht überzeugt. Trotzdem beugte sich eben -das Gefühl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen. -Es war töricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand -bis zum nächsten Gefecht. —</p> - -<p>Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: -Hilde König.</p> - -<p>Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, -der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte -Menschen mehr oder minder verbindet, wußte Marga, daß -ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne mit -den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz -und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger -denn je die Uferstraße entlang pilgern, sei es allein, um -sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen, -wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war -und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er -auf. Man sah ihn nicht selten im „Heiratskarussell”, das -ihm anfangs so lächerlich vorgekommen war, an Hilde -Königs Seite.</p> - -<p>Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder -auf diese Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter -sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer -wurde ihr diese Zurückhaltung. Sie kannte ihn jetzt genügend, -um zu erraten, daß der augenfällige, liebliche<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[S. 91]</a></span> -Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst -und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn -anziehen mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. -Vielleicht aber — und das machte ihr sein leidenschaftliches -Wesen wahrscheinlicher — verfing er sich ernsthaft in diesem -Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen. -Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverständliches. -So oft ihre Gedanken und Gefühle über -die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie -schroff zurück. Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen -Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die -zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen bleiben -mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, -das in ihr keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur -Rechenschaft ziehen konnte. —</p> - -<p>Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn -und sich aufklären.</p> - -<p>Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder -in der Abendstunde am Ufer spazieren führen zu lassen. -Bis der Zufall es wollte, daß der Geheimrat eines Abends -Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten, -zu Professor Borngräber schickte, der in einem -verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße -sein Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre -Schwester schon ein großes Stück Wegs begleitet, ehe diese -mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte. Als sie nun -Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren -Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes -übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.</p> - -<p>Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte -kaum erst aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam.<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[S. 92]</a></span> -Die Sonne lag hinter dem grauen Gewölk, und -der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen seinen -Ufern hin.</p> - -<p>Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu -erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der -Himmel sah nach neuen Regengüssen aus, denen sie lieber -entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht -zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten. -Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.</p> - -<p>Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, -kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen -Schirm teilte.</p> - -<p>Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden -schon erkannt. „Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie -hastig Marga zu.</p> - -<p>„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr -Arm zuckte unwillkürlich in dem der Schwester.</p> - -<p>„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm -heimzubringen!” tuschelte Elli.</p> - -<p>Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. -Seine rauhe, hastige; ihre leichte, etwas gezierte und -hüpfende. Dann verstummten beide. Sie hörte, wie die -Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.</p> - -<p>„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er -tut, als kennte er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß -er uns erkannte!” Elli war ganz erregt. Sie ereiferte sich, -ohne auf Marga zu achten. So ein Drückeberger! Einfach -beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu verleugnen -wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er -von ihr zu hören bekommen!</p> - -<p>„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?”<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[S. 93]</a></span> -forschte Marga nach einer Weile zögernd. Sie mußte -alle Kraft aufbieten, um einer Erregung, die sie selbst -bestürzt machte, Herr zu bleiben.</p> - -<p>„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie -schilderte sein Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.</p> - -<p>„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte -Marga gepreßt.</p> - -<p>Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in -der nächsten besten Haustür Schutz suchen mußten. Elli, -die nie zu lange beim gleichen Thema blieb, erzählte vom -bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga hörte ihr -krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. -Sie wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst -wieder allein mit sich war ...</p> - -<p>Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, -wurde schneller als sonst Abendbrot gegessen.</p> - -<p>Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer -ein Duett.</p> - -<p>Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock -hinaufsteigen.</p> - -<p>Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange -nicht gespielt. Sie war keine Künstlerin. Ihr Spiel war -technisch nicht weit über das hinausgekommen, was sie, -noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte. -Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch -die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.</p> - -<p>Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute -nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast -war es: sie wollte ihr übervolles Gemüt in Tönen erlösen -und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten, -das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[S. 94]</a></span> - -Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, -und die Hand führte zagend den Bogen. Die -Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepreßt. -Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der Tiefe herauf. -Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden -Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne -eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus -der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer -niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu müssen; -aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter -mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. -Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte -und die Entsagung überbot, um so mehr erbebte -und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie -gefürchtet hatte — da war es! Da brach es hervor, nicht -mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu -mißdeuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und -entsetzt zugleich, wogte es über die Saiten. Einen Augenblick -verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzücken -wollte sich regen. Dann riß sie mit einem grellen -Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige -hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. -Sie drückte sich in die Ecke des Sofas: das -Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte sie sich und -zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.</p> - -<p>Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und -spannte sie um die Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit -ihrer Empfindung außer sich, richtete sie mit allem -Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf -einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[S. 95]</a></span> -sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren -Max Perthes' Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus -flüchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres -Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute. -Die Augen gingen ihr über vor dem offenen, klaren Ja, -das da <em class="gesperrt">außer</em> ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und -rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte -das Nein <em class="gesperrt">in</em> ihr werden. Sie klammerte sich an ihren -Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fühlte sich von einem -Mädchen gefesselt, das in allen Stücken ihr Gegenbild war; -für das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten -Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen, -nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es -ihr erlaubt, so hätte die Vernunft es verboten. Für sie -gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem -Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer -seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht -die Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich -machen? Wollte sie gewissenlos sein?</p> - -<p>Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in -ihrem Schoß.</p> - -<p>Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer -Liebe. Es war, als müßte sie es erwürgen, und weil es -ein Lebendiges war, sträubte es sich gegen den Tod und -klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen weh, -über alles Sagen und Denken weh.</p> - -<p>Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf -Träne aus ihren Augen.</p> - -<p>Dann war es mit einem Mal vorbei.</p> - -<p>Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und -es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[S. 96]</a></span> -nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm. -Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.</p> - -<p>Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.</p> - -<p>Aber spielen, sich vollends freispielen — das konnte -sie noch nicht. Sie schloß die Geige in den Kasten und -stellte sie beiseite. Dann ging sie zu den Schwestern hinunter, -die jetzt zu singen aufgehört hatten und bei der -Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, -so gut es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...</p> - -<p>Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.</p> - -<p>Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht -im Vorgarten. Als er im Haus nach ihr fragte, wies -ihn Therese in den Salon.</p> - -<p>Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie -sonst wollte er ihr die Hand schütteln, doch sie reichte sie -ihm nicht zum Gruß. Sie war durchaus nicht steif und -unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die Zurückhaltung -auferlegte.</p> - -<p>Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin -betrachtet. Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit -ihres Wesens auf, die Züge und Gebärden beherrschte: -eine natürliche, anmutige Würde, die durch einen Schatten -von Trauer noch gehoben wurde.</p> - -<p>Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda -gebeten, die dem Salon vorgebaut war.</p> - -<p>Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt -eingelegter Platte lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte -sich und ließ ihn gegenüber Platz nehmen.</p> - -<p>Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte -Perthes auf der Zunge. Er brachte ihn nicht hervor. -Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[S. 97]</a></span> - -„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, -nachdem sie einige Zeit gearbeitet hatte.</p> - -<p>„Ich dachte, <em class="gesperrt">Sie</em> würden mir erzählen. Mein Kopf -ist heute schon ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte -eine bestimmte Geschichte herausbekommen — die Struktur -eines Muskelgewebes, in dem — doch das kann Sie nicht -interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts -gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich -zu Ihnen gekommen. Was haben Sie in den letzten -Tagen getrieben?” Er sprach hastig und zerstreut. Seine -Finger spielten nervös auf der Tischkante.</p> - -<p>„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! -Vorgestern sind die Schwestern und ich über -die Berge gegangen. Das Wetter war zu schön. Man -konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. -Wir waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu -Fuß. Gestern” — sie stockte — „gestern war ein Tag -wie alle.”</p> - -<p>„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen -bis zum Abend! Gerade, wie Sie so einen Alltag verbringen, -will ich wissen!” Es klang etwas Herrisches in -seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte -ich gern wissen,” verbesserte er sich.</p> - -<p>Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. -„Und gegen Abend —” Hier stockte sie wieder.</p> - -<p>„Was war gegen Abend?”</p> - -<p>„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das -heißt, Papa schickte uns zu einem Kollegen, und wir kamen -tüchtig in den Regen.”</p> - -<p>„Wo denn?” forschte er hartnäckig.</p> - -<p>Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[S. 98]</a></span> -Bestimmtheit auf. Sie antwortete nicht. Mit einem -unwilligen Ruck stand Perthes auf. Beinahe hätte er -den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und -blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von -den Bäumen tropfte. Ungestüm strich er den krausen -schwarzen Bart und blies einen pfeifenden Laut durch -die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen wissen, -warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß -er wütend hervor.</p> - -<p>Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.</p> - -<p>„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält.</p> - -<p>Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu -kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit -beiden Händen so heftig an der Lehne, daß er in den -Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht -geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie -der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, damit -man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine -Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete den Satz -nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem -Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”</p> - -<p>Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten -sich aufgehellt. „Da Sie so ehrlich sind, braucht es das -nicht!” sagte sie einfach.</p> - -<p>„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein -sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen -das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin -in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete, -verliebt. Wußten Sie das?”</p> - -<p>Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch -meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen — so<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[S. 99]</a></span> -schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus, -daß er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschütten würde, genau -wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg -beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte. -Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, -wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, -der sein Vertrauen galt, mußte geduldig zuhören. -Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern. -Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und -schien ganz damit beschäftigt, es zu lösen.</p> - -<p>Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts -ahnte, begann in abgerissenen Sätzen, nur von sich und -seinen Gefühlen erfüllt, seine Beichte. Er schilderte, wie -das hübsche Ufermädchen ihn gefangen genommen. Allmählich, -ohne daß er es wußte und wollte. Fester und -immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie -sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus -am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie -er sie angesprochen, sie begleitet — alles schilderte er mit -der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es -wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben -zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck -von Hilde Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, -frische Kindlichkeit; ihre mädchenhafte Zurückhaltung neben -ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren -Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine -Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich -in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig -tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand -als tausend Frauen. Oh — Schwersinnigkeit und -Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[S. 100]</a></span> -ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte, -Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen -Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und -Last, zum schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn -zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich -wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem Kriechtier, -wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein -Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich -bin. Sie als Freundin — Sie müssen mir raten! Sie -kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.”</p> - -<p>Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch -seine mit Bildern überladene Sprache.</p> - -<p>Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit -zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß -sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Geständnis -seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere Falten verlängerten -die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten -Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das -Blut an den Schläfen auf- und niedersteigen sah.</p> - -<p>Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich -aussprach; daß er das Mädchen mit überschwenglichen -Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende, -leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der -sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als sein -weibliches Ideal in den Himmel hob — das war es nicht, -was sie am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick -alle Fassung rauben wollte und was über ihre Kraft ging, -war die Gewißheit, daß er sich täuschte. Er täuschte sich -über sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem -Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte nicht -eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[S. 101]</a></span> -Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern -eine, die sich mit ihm zusammen durchkämpfte und darüber -emporhob. Er täuschte sich aber auch über Hilde -König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: -seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. -Das Mädchen war nicht das unschuldige Kind, das er in -ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische -Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die Einfachheit, -die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete, -war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte -in einem kühlen, berechnenden Herzen. Und er mußte -seine Täuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte -nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor -ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, -was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; -sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen ließ, -als er längst geendigt hatte.</p> - -<p>„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will -wissen, wie Sie darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll -in sie. „Kennen Sie Hilde König?”</p> - -<p>„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas -Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte -nicht anders.</p> - -<p>„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß -ein Bild von ihr machen, Fräulein Marga.”</p> - -<p>„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war -fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu -lassen. Der Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun -und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, -bestärkte sie nur in ihrem Vorsatz.</p> - -<p>„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich!<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[S. 102]</a></span> -Sie müssen beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich -es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie -glauben, daß ich auf der rechten Fährte bin und mein -Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll -mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen -Verstand!”</p> - -<p>Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich -geantwortet hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter -den Gedanken, und andere, die über ihnen stünden; aber -sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls so sicher sind, -brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie ausweichend.</p> - -<p>„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, -Fräulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen -mich innerlich genau so, wie ich es gestern äußerlich tat!” -In unwillkürlicher Erregung schlug er mit dem Absatz -mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen -Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die -verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung -mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wäre er weniger -nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm ihre -Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte -er nur noch ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”</p> - -<p>Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte -seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. -Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort: -„Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie -ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um -mich steht, und Sie, die Freundin —”</p> - -<p>„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[S. 103]</a></span> -Stimme, „bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich -Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht über die Freundschaft. -Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft aufsagen -wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, -kann keine Frau einem Mann erfüllen. Über -Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich einig werden. So -wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig -kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus -Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. -Und aus Achtung vor Ihnen nicht!”</p> - -<p>Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert -an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz -aufgerafft, um sich von dem Unmöglichen zu befreien, mit -dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so -leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er sie kaum -mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht -mit jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn -zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm -es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschöpft -in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.</p> - -<p>Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: -für einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine -meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld. -Ob diese Blinde mehr für dich empfindet, als du ahnst? -Ob sie dich liebt? — Eine Sekunde nur, und die Vermutung, -die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur -der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn -und dämpfte seinen Ärger. Seine Verstimmung kehrte -sich gegen ihn selbst.</p> - -<p>„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht -der Freundschaft, wie ich alles überspanne. Ich werde<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[S. 104]</a></span> -ein andermal anspruchsloser sein, Fräulein Marga.” Er -hatte sich erhoben und verabschiedete sich.</p> - -<p>Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend -vor. Sie hätte ihn gern wie sonst nach der Tür begleitet. -Aber ihre Kraft reichte nicht aus.</p> - -<p>Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos -und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten -Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen -schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgültigkeit -und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte -die Freundschaft zu Ende sein — was lag ihr noch daran! -Sie hatte nicht anders gekonnt ...</p> - -<p>Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser -grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen -Wochen geschlossenen Freundschaft tatsächlich zu Ende. -Tag um Tag verging, ohne daß Perthes sich wieder im -Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es -eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische -Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermüdete -sie so, daß sie bisweilen am hellen Tag von einem -kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal -wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag -gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt -hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab -und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff -gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung -von mein und dein die Pflicht der Freundschaft -verletzt? Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen -sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben, -mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie -nicht ehrlich: Sie irren sich über das, was Sie brauchen!<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[S. 105]</a></span> -Sie täuschen sich über sich selbst und über das Mädchen, -das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche, -sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas -Gedanken stockten. Es überfiel sie wie Scham; als hätte -sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer -Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst -du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst! -Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine -finden helfen — — Wie? Sie hätte sich angeboten? -Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame! -Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort -durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie -hatte schweigen müssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst -hatte, war und blieb die höhere, und wenn sie daran -verbluten sollte ...</p> - -<p>Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis -durchkämpfte — die Sorge um Perthes konnte -sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren -Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das -ihre Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in -ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung -über Hilde König mußte unaufhaltsam über ihn -kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war -unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen -niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung -alles in ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine -Leidenschaftlichkeit trieb — wer konnte es ausdenken? -Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie -forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht -über ihn zu erhaschen.</p> - -<p>Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[S. 106]</a></span> - -Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen -des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, -zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden -mußte, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspäteter -musikalischer Tee — eine Neuerung im gesellschaftlichen -Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute. -Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei -von ihren Gedanken und Empfindungen, von „ihren” -Herren zu erfüllt waren, als daß sie auf Doktor Perthes, -den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten. Elli wollte -ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht -gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen -Mittelpunkt Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es -war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand, -daß er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berührte. -Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte -seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. -Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, -die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde König -eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter -Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen -brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, -sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.</p> - -<p>Die dritte Woche war angebrochen.</p> - -<p>Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.</p> - -<p>Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. -Käthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner -wären eben doch „immer” unzuverlässig. Elli, die aus ihrer -Neigung für Wilkens heraus etwas von Margas Kummer -witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes angesteckt, -ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[S. 107]</a></span> -nicht grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig -über ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt -Marga in die Arme, küßte sie und versicherte: „Ich, -Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester -Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für -solche Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich -gemeint. Daß er dabei so herzhaft weh tat, ahnte -Elli nicht von ferne.</p> - -<p>Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen -sogar der Geheimrat vernehmen: „Was macht denn dein -— dein — na, wie heißt er denn? Der Sparafantel aus -Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”</p> - -<p>Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, -fiel dem alten Herrn glücklicherweise eine Briefschuld an -Schlutius in Bonn aufs Herz. Darüber vergaß er völlig, -seine Frage zu erneuern. —</p> - -<p>Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte -Marga eine merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag -um Tag verstrich, ohne daß Perthes mit seinem eiligen -Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter -die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge -freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung -immer aufs neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, -die Zeit, in der sie sich selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube -zuzubringen, am Ende des Blumengartens, -dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.</p> - -<p>Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, -als sie dort, wie gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer -Blindenbücher mitgenommen, von denen sie eine kleine -Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag -ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[S. 108]</a></span> -Band — Storms „Schimmelreiter” — nahm aufgeschlagen -beinahe die Hälfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten -von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.</p> - -<p>Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das -Sonnenlicht zu einer goldgrünen Dämmerung dämpften, -saß es sich gut. Die schwermütige Versonnenheit der -Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele. -Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie -jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt -zurück. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck -über dem krausen blonden Haar saß, hatte sie in den -Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte -sie mit dem Taschentuch.</p> - -<p>„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze —”</p> - -<p>Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.</p> - -<p>„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben -sie auf die Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”</p> - -<p>„Wo warst du denn?” fragte Marga.</p> - -<p>„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. -Am liebsten hätt' ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”</p> - -<p>„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber -töricht, Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis -Wangen berührte. „Du glühst ja wie ein Backofen!”</p> - -<p>„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! -Rate mal, was!”</p> - -<p>Marga konnte nichts erraten.</p> - -<p>„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor -drei Tagen hat es in der Zeitung gestanden, und wir -haben's übersehen. Rate, wer!”</p> - -<p>Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ -überhaupt?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[S. 109]</a></span> - -„O — ich glaube wohl!”</p> - -<p>„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?”</p> - -<p>„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”</p> - -<p>„Wo wohnt sie denn?”</p> - -<p>„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch -dahinterkommen!”</p> - -<p>Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. -„Hilde König?” fragte sie tonlos.</p> - -<p>„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst -du noch viel weniger. Das —” Elli hielt in ihrem lustigen -Bericht inne.</p> - -<p>Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, -und ihr Kopf bog sich zurück, bis er an der Wand der Laube, -zwischen den Blättern einen Halt fand. Die Augen waren -geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.</p> - -<p>Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die -Arme um die Schultern.</p> - -<p>„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst -du denn? So sei doch verständig!”</p> - -<p>Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie -erriet, welchen Namen Marga zu hören fürchtete, und -begriff das ganze, ängstlich behütete, schwere Geheimnis -der Schwester.</p> - -<p>„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie -noch fester. „Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! -Ganz gewiß nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du -gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind! -Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine -Ahnung, daß —” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war -unglücklich, den Tränen nahe, empört über sich und -ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete,<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[S. 110]</a></span> -das ihr die Erschütterung der Schwester zu -verstehen gab.</p> - -<p>Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie -zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie -dumm ich bin!” flüsterte sie. „So — schwach zu sein!” -Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis Arme von ihrem -Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und -Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.</p> - -<p>Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im -Hof ist's jetzt wundervoll kühl. Da gehen wir auf und -ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die -Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. -Sie drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an -Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte -Zärtlichkeit auszudrücken. Obwohl ihr tausend -Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken -für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie -eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, -schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drückte -sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz, Marga! Du -brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen. -Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der -Laube sagten und fühlten, gehört nur uns beiden allein! -Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch -— ist es fort. Ich weiß nichts mehr davon!”</p> - -<p>Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte -sie ernsthaft. „Wenn ich mich schon verraten mußte, war's -bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.” -Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die -Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um -gewühlt hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[S. 111]</a></span> -scheu und zaudernd, dann tapfer und rückhaltlos enthüllte -sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und -niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in sich verbergen -und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz -und ihre Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie -erzählte.</p> - -<p>Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich -darüber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe -zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem größeren -Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft -baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden -gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer -nur angenommen hatte, Marga müsse ihren Weg durchs -Leben allein gehen, so war das schließlich noch kein unumstößlicher -Beweis, daß das Leben es doch nicht anders -wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, -da ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel -schießen: nicht nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen -Überzeugung und in dem heißen Wunsch, auch die -Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, könne und müsse -lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie -ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und -glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig -blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzücken an -diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal -kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem -verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung -spielte! Mehr und mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, -das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge, -er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Königs -erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[S. 112]</a></span> - -Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga -selbst sich nicht zu raten wagte. „Weißt du was? Du -mußt ihm einfach schreiben!” platzte sie siegesgewiß heraus.</p> - -<p>„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.</p> - -<p>„Das geht nicht? Warum? Ich — ich, ja weißt du, -ich schreibe natürlich nie an Wilkens.” Elli wurde ein -bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie doch schon geschrieben. -„Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun -mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen -wir uns öfter. Und du — bei dir ist das überhaupt ein -Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir. -Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin! -Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mußt -schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”</p> - -<p>Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien -in der Tür. „Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! -Schnell! Schnell!”</p> - -<p>Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch -hinterdrein: „Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich -soll wohl die Damen zu Tisch bitten?”</p> - -<p>Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und -zu Tisch.</p> - -<p>Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat -zu überlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als -den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht -wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende -Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen -sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte -ihr zu: „Es bleibt dabei. Du mußt! Gleich nachher!”</p> - -<p>Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade -bei der Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[S. 113]</a></span> -Domitian war, energisch brummte: „Keine Verschwörungen -bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!”</p> - -<p>Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich -Elli und Käthe über eine selbst zu schneidernde Bluse in -die dringendste Unterredung, der eine weitläufige Anprobe -folgen mußte.</p> - -<p>Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte -Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen, -ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die -jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde überging, -wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.</p> - -<p>Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube -oben den großen Schritt zu wagen.</p> - -<p>Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. -Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es -war doch immerhin furchtbar schwer und ungewöhnlich, -daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann überwand -ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. -Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls -und der peinigenden Ungewißheit über des Freundes Zustand -zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb, -wie es das Herz ihr eingab:</p> - -<p> -„Lieber Herr Perthes!<br /> -</p> - -<p>Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit -einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge -um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind, weil sie Ihnen -neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit, -ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen -zu reden. Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein -wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und muß.</p> - -<p> -Marga Richthoff.”<br /> -</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[S. 114]</a></span> - -Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm -es, die Adresse zu schreiben.</p> - -<p>Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte -mit dem Hochgefühl, bei einer Großtat mitgeholfen zu -haben, den Brief an der nächsten Ecke in den Kasten.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c5" id="c5">5</a></h2> - - -<p>Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, -war an allerhand Logiergäste gewöhnt.</p> - -<p>In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie -das schmale, dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des -Flusses besaß, hatte sie es längst aufgegeben, an ihre -Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu -stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie -durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie -mußten ihre Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren -die goldenen Grundregeln des langen, dürren Fräuleins -mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten, -grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, -mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen -Matinee, von der man sich, so sauber sie war, -niemals denken konnte, daß sie neu gewesen. Was über -die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber -ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr -Müller bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr -von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder -in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief; -wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln -ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider -und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute.<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[S. 115]</a></span> -All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem -Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war -das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war. Nicht nur -als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen -ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen -stereotypen Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde -versäumte.</p> - -<p>Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz -besondere Bewandtnis haben, wenn Fräulein Eschborn -sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.</p> - -<p>Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf -Nummer eins — so hieß die luftige Stube im dritten -Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten -Veranda — eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen -nicht zurückgekehrt.</p> - -<p>Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. -Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend -und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen -vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts begehrten, -so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag -klopfte die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. -Als kein „Herein!” ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche -Scheu, klinkte, fand die Tür offen und steckte den -Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die Stube. -Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen -den Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein -Eschborn schüttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte -sie dasselbe Manöver mit demselben Erfolg. Diesmal -hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein Fenster -und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr -Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[S. 116]</a></span> -durch, aber er ließ sie im Stich. Anno 1903 war einer -gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war, -ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer -Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik -gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb -Tagen nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten -ihres Mieters von Nummer eins überhaupt -kannte, war er nicht der Regelmäßigste. Trotzdem — das -ging über alles Dagewesene — drei Tage spurlos verschwunden! -Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen -an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. -Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien -jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich französisch -verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab -und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen -hatte. Doch — mochte es sein, wie es wollte — -sie entschloß sich, an Aufklärung zu denken.</p> - -<p>Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn -sie entsann sich, daß Perthes von dort einmal den Diener -gesandt hatte.</p> - -<p>Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, -noch Professor Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. -Markwaldt hatte nur die tröstliche Auskunft: „Das -verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt -haben!”</p> - -<p>Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf -dem Rückweg ins Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen -pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen -worden.</p> - -<p>Die Angelegenheit komplizierte sich.</p> - -<p>Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[S. 117]</a></span> -Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. -Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse -den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen äußersten -Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen. -Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter -Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch -hielt sie die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen -Menschen.</p> - -<p>Und ihr Gleichmut behielt recht.</p> - -<p>Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen -Liter Wasser mit einem Aufguß von Kaffeebohnen und -reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tür aufgestoßen, -und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr -als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß -wie ein Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht -starrte blaß und übernächtig aus dem wirren Bart. -Die weißen Sportschuhe waren über und über mit einer -Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte Tennisanzug -hatte sich grau und braun meliert.</p> - -<p>Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte -eben versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei -und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch -nach Kaffee verlangte.</p> - -<p>Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie -ihm eine Tasse ein.</p> - -<p>Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine -zweite. Mit einem barschen „Bin für nichts und niemand -zu sprechen!” machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.</p> - -<p>Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen -über die Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein -letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, daß keine<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[S. 118]</a></span> -Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfräuliche -Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu -den Akten ihrer Erfahrung.</p> - -<p>Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem -er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf -sein Bett. Völlig erschöpft fiel er in einen bleischweren -Schlaf.</p> - -<p>Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender -Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. -Draußen schoß der Regen in langen, glitzrigen Fäden hernieder. -Fahle Wolken schoben sich träge über und an den -Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend -durchs offene Fenster herein.</p> - -<p>Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die -letzten Tage zurück. Er setzte die Geschehnisse, eines ums -andere, in seinem Gedächtnis zusammen. Wie ein wunderseltener, -tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde -an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen steigerte -— so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen, -poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. -Alles außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich -übersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn -nah und näher an das schimmernde Gebilde. Er streckte -die Hände danach aus: da war es eine buntschillernde -Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.</p> - -<p>Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga -seine Liebe zu Hilde König anvertraut, keinen Rat erhalten -hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war, -hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft, -die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte -seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[S. 119]</a></span> -sich in einen Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. -Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die -Freundschaft, die eben erst so jämmerlich versagt hatte.</p> - -<p>Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst -Abend für Abend getan. Er wich Hilde König aus, wenn -er ihr begegnete.</p> - -<p>Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, -gab er sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts -nach und ließ sich in den akademischen Tennisklub -einführen. Der freie, flotte Ton, der da herrschte — so -recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen -Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises -— bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. -Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, -das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder -Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte -die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels. -Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, -bald geärgert. Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie -mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst -nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie -gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...</p> - -<p>Dann kam plötzlich der Rückschlag.</p> - -<p>Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen -am Flußufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu -beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten -Gang gemacht. Hilde König war nicht auf ihrem Balkon. -Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter -der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes -den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung -aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte.<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[S. 120]</a></span> -Aller Vernunft zum Trotz wurde er von plötzlicher toller -Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine -Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, -zwischen seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten -auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung -herbeiführen um jeden Preis. Dies Hundeleben -von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn anfangen. -Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen -Brief von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen -Buchstaben flogen über das Papier wie ein Schwarm -aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine Natur mit ihren -Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken -über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten -im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder, -wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef -schreibt. Seine Gefühle faßte er volltönend zusammen: -es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen -konnte, was er sein wollte — Hilde König. Daß er sie -verehrte und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß -er ihr nicht völlig gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick -und diesem Wort entnehmen zu dürfen. In einem kurzen -Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand. -Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern -sprechen ...</p> - -<p>Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie -erlöst.</p> - -<p>Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger -Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens -von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen -zu Abend und von Abend zu Morgen.</p> - -<p>Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[S. 121]</a></span> -Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K. -auf dem Rücken.</p> - -<p>Er riß es ungestüm auf.</p> - -<p>Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier -oder fünf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde -kleine Ufermädchen schrieb, es sei über seinen -Antrag außerordentlich betroffen und erschrocken; es hätte -nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es sei, auch -heute noch nicht ernstlich daran denken ...</p> - -<p>Perthes war starr vor Überraschung.</p> - -<p>Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als -müßte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief -erst noch finden. Daß er die ganze Erwiderung auf sein -mit der Gründlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines -gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines -Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten -sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er -nicht mehr zweifeln konnte, zerriß er das Billettchen mechanisch -in hundert Schnitzel und ließ sie aus dem Fenster -flattern.</p> - -<p>Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er -eine Woche oder mehr.</p> - -<p>Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner -den städtischen Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll -umzackte, schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde -König und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.</p> - -<p>Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der -siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, daß die -Leute an den Nachbartischen ihn mißtrauisch anschielten, -als hätten sie es mit einem Ausbruch plötzlicher Verrücktheit -zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen:<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[S. 122]</a></span> -der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors -mit der Schalltube war geahnt worden, aber -noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche -Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen -Zwecke. Und als ...</p> - -<p>Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht -noch einmal der Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke -zu werden.</p> - -<p>Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, -härter, verbissener.</p> - -<p>Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf -warf er sich in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß -entlang, nach den Spielplätzen. Noch war er nicht an -der Brücke vorbei, als seine künstliche Haltung zusammenbrach. -Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und -Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen, -ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, -gegen das ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu -ersticken. Statt nach den Tennisplätzen lief er bis zum -nächsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwärts. -In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er. -In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett -leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich -besinnungslos in den Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen -suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumüden. -Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal -mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm -ein, die schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, -Niedrig-Komische, das in dieser Lösung einer von ihm bis -in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn -vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[S. 123]</a></span> -Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes -einer seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr -zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den -Tod erschöpft, apathisch, innerlich und äußerlich abgerissen, -kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück ...</p> - -<p>Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen -wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose -Ernüchterung des Rausches.</p> - -<p>Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.</p> - -<p>Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der -Fluß zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. -Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus -dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf den Wellen -und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer -wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.</p> - -<p>Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. -Als gelte es, mit dem körperlichen Menschen auch den -seelischen reinzuscheuern, überschwemmte er sich und die -halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis -zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in -den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler -Klarheit hielt er Kritik über sich und sein Dasein in den -letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten -Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat, erschien -er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den -Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie -mit den Fähigkeiten seines Geistes und darum beide mißbrauchte. -Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen, -was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen -war, um ihn zu prüfen — dieser Verliebtheit -und ihrer Enttäuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt.<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[S. 124]</a></span> -Wie ein Junge — jawohl, wie ein Junge hatte er -in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien, -geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung -erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, -eine zerknirschte Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl -des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehörte zu den -Männern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet. -Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt, -sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu -Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens -und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil -er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen -außer sich mußte er sich klammern können, um seiner -eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter -suchen und würde doch nur immer irren. Sein zufassendes -Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete -vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die -Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers ab. So -allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt -und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte -er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm -gab, drückte sie ihn zu Boden.</p> - -<p>Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne -daß er darauf geachtet.</p> - -<p>Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte -sich nicht. Er hatte ja gesagt, daß er nicht gestört sein -wollte. Vergeblich drückte der Einlaßbegehrende die Klinke -nieder. Die Tür war verschlossen. Ein unwilliges -Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte -ein Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte -unter der Tür schob sich ein Brief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[S. 125]</a></span> - -Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.</p> - -<p>Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich -den Kopf nach der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten -Brief.</p> - -<p>Der konnte warten.</p> - -<p>Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.</p> - -<p>Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift -hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig -öffnete er das Kuvert. Ein Bogen mit Blindenschrift fiel -ihm entgegen.</p> - -<p>Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in -sicheren Zügen unter den Punkten.</p> - -<p>Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.</p> - -<p>Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf -und beugte sich, den Kopf zwischen die Hände fassend, -darüber.</p> - -<p>Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.</p> - -<p>Seltsam!</p> - -<p>Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In -den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. -Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drängte er sie in dem -Mißbehagen über die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite. -Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens -war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.</p> - -<p>Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach -und gerade waren, ein eigentümlich beruhigendes, warmes -Gefühl auf ihn über. Er verglich diese Zeilen im Geist -mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König, das seine -Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor -ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[S. 126]</a></span> -Sonne verklärte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, -ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton. -Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen -zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt -zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem -Stückchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben -des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte -ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife -Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum -hatte er sie nicht früher so klar erkannt wie jetzt? Warum -hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich -so schnell abkühlen lassen und war nicht zu ihr gegangen, -statt sich närrisch und kindisch auszutoben? „Ihre Freundin -ist in Sorge um Sie” — das waren die Worte, die er sich -wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm -helfen; sie hatte nicht wissen können, wie schwach er war, -als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen -hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach -dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein. -Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine -leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch -das Bewußtsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie -noch nie in ihrem vollen Wert geschätzt zu haben, zu einer -Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mußte ihr etwas -Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung, -seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, -mußte er es gleich tun, gleich — es duldete keinen Aufschub! -Er hatte sie lange genug vernachlässigt!</p> - -<p>Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, -die er am Morgen erschöpft heraufgekrochen war. -Im Hausflur hätte er um ein Haar Fräulein Eschborn<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[S. 127]</a></span> -umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor -mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet, -an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel — der Mieter -von Nummer eins gehörte einer Spezies zu, die ihr doch -noch nicht vorgekommen war.</p> - -<p>Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten -besten Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen -haben. Rote? Nein. Rote paßten nicht. Weiße? Die -hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so ungefähr -einen Armvoll.</p> - -<p>Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.</p> - -<p>Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb -nicht, daß unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, -über sein blindes Rennen und über seinen Arm -voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah auch Alice Hupfeld -nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der -Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt -an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick -eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nähe des -Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.</p> - -<p>Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel -er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs -Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine -Rosen. Eigentlich — genau genommen — das, was er -wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr -entgegenkam? Wenn — und wenn ... Ein Wenn ums -andere verzögerte seinen Schritt.</p> - -<p>Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, -über der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade. -Er ging auf die andere Seite der Straße. Da saß richtig<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[S. 128]</a></span> -jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte -sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte -den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische -Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der -Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich -hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlüssig -zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?</p> - -<p>Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße -hinunter.</p> - -<p>Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die -Ecke der nächsten Seitenstraße, in einer duftigen weißen -Bluse.</p> - -<p>Es war Elli.</p> - -<p>Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: -„Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun, Fräulein -Richthoff?” fragte er hastig und ohne Umschweife.</p> - -<p>Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein -klein wenig spöttisch an.</p> - -<p>„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte -ihr seinen Bund von weißen und roten Rosen.</p> - -<p>„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie -ihr's doch selbst!”</p> - -<p>„Das geht nicht! Nein, nein —” wehrte Perthes und -drängte ihr den Strauß in die Hände.</p> - -<p>„Und was soll ich bestellen?”</p> - -<p>„Gar nichts, oder doch —” Er überlegte. „Doch, -sagen Sie — sagen Sie, dem Freund sei geholfen! Er -danke der Freundin!” Und als fürchte er irgendwelche -Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich schnurstracks -davon.</p> - -<p>Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen,<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[S. 129]</a></span> -die Stufen hinaufspringen und auf Marga zueilen, war -eins.</p> - -<p>„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß -der Schwester so heftig entgegen, daß diese betroffen -zurückfuhr.</p> - -<p>„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.</p> - -<p>„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und -triumphierend. Dann wiederholte sie getreu seine Worte: -Dem Freund sei geholfen. Er danke der Freundin!</p> - -<p>Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit -zitternden Händen. Sie vergrub ihr Gesicht tief, tief in -die roten und weißen Rosen ...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c6" id="c6">6</a></h2> - - -<p>Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis -Semesterschluß. Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet -und überraschend, beschlossen, zu reisen. Er brach -seine Vorlesungen und Seminarübungen ab. Als ausgemachte -Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach -Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. -Bis spätestens Montag müsse man fahren können.</p> - -<p>Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus -am Wenzelsberg von oben bis unten umkehrte. Die Mädels -hatten, zum mindesten in der Idee, so viel zu tun, daß sie -gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht nur tausend -Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender -war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den -jähen Aufbruch des alten Herrn veranlaßten, getrauten -sie sich nicht.</p> - -<p>Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[S. 130]</a></span> -verraten haben. Sie waren ihm selbst erst zwei Tage vor -dem Entschluß einleuchtend gemacht worden. Und zwar -vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen Vorgeschichte -nichts zu wissen.</p> - -<p>Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend -gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns, -Borngräber und einige Freunde von verschiedenen Fakultäten -gemütlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben -zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung -im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch -das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert -und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem -Witz. Jede Fakultät hatte dafür ihren Spezialisten. -Den Klatsch der philosophischen bearbeitete -Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, -ein Epikureer mit ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant -zum besten. Der theologische troff süß und lieblich aus -dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten -Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt; -den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte -Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle -Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und -nur, da sie ihm nebensächlich erschienen waren, verschwiegen -hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem, -sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen, -bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz -seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen -Exzellenz, die, erhaben über das kegelnde Banausentum, -ihre eigene, nicht minder einflußreiche Sphäre -hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben. -Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[S. 131]</a></span> -Richthoff und naive Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. -Aber man verschonte auch niemand. Auch sich -selber nicht.</p> - -<p>Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten -im Spiel von einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor -Kreth, der liebenswürdige Direktor der Universitätsbibliothek, -hatte gerade den klassischen Ausspruch eines -norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken -wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte -Publikum nicht wäre! Die Heiterkeit war allgemein. -Richthoff trat als nächster Spieler an. Ehe er noch die -Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen, -schwankte und mußte von den besorgten Freunden -geführt und niedergesetzt werden.</p> - -<p>Geismar sprang sofort bei.</p> - -<p>Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten -Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf. -Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben -sah, lächelte er. „Na, mein lieber Hegewald,” -scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen -Grabrede ist es diesmal noch nichts!”</p> - -<p>„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich -wieder spaßende Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt -Ihrer römischen Kaiser, sage ich Ihnen!”</p> - -<p>„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während -er Richthoff forschend beobachtete, „Sie müssen in den -letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.”</p> - -<p>Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert -aus dem krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte -tiefsinnig aus dem Arabischen: „Keine Krankheit ist -schlimmer als Unverstand.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[S. 132]</a></span> - -„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden -mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der -brave Nerva!” Vater Richthoff stand auf, reckte sich, -zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe, zum Zeichen, -daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die -Gewehre!”</p> - -<p>Mit voller Kraft schob er seine Kugel.</p> - -<p>Der Zwischenfall war erledigt.</p> - -<p>In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf -Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer -vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.</p> - -<p>Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf -dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis -vors Haus. Um sich noch auszulüften, wie er vorgab. -„Haben Sie schon öfter mal solche kleinen Klapse gehabt, -Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.</p> - -<p>„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat -ja wohl auch nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach -einer Weile im Ton der Frage hin.</p> - -<p>„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle -Fälle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen -das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”</p> - -<p>„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff -abwehrend.</p> - -<p>„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf -Uhr. Auf einen Sprung.”</p> - -<p>Der alte Herr wollte nichts davon wissen.</p> - -<p>Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher -Bestimmtheit zu, daß er, der vorgerückten Stunde wegen, -versprach, die Sache in wohlwollende Erwägung zu ziehen.</p> - -<p>Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[S. 133]</a></span> -daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er -schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute -Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei -seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch -vor ihm lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. -Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar -ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet -hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene -Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff -nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein -bißchen Diät: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. -Vor allem aber und sofort eine mehrwöchige -Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur in -Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen -natürlich!</p> - -<p>Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme -Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade -aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte -es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert -hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle -älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. -Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. -Er fühlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, -zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frühjahr -sich immer noch nicht vergönnt hatte. Trotzdem wetterte -er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen. Doch -der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen -des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken -und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.</p> - -<p>Der Erfolg blieb nicht aus.</p> - -<p>Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[S. 134]</a></span> -noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: -„Will am Montag mit Käthe für ein paar Wochen -nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz. Das Erforderliche -vorbereiten!” —</p> - -<p>Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil -wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist -allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen -gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er -nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft” los -zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte -er diesmal anders entschieden, und Käthe kam denn auch -ihrer Aufgabe, „das Erforderliche vorzubereiten”, mit -all dem peinlichen Eifer und der geschäftigen Wichtigkeit -nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.</p> - -<p>Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, -war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche, -etwas herbe Überlegenheit zu ertragen. Marga, -glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft -mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen -im Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen -Elli und Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen -und hochroten Köpfen.</p> - -<p>Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die -beiden Jüngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders -verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen. -Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen -Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch -zugestehen! Wenn Käthe eine so „erwachsene” Reise mit -ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womöglich -noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen.<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[S. 135]</a></span> -Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre -Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe -sein, denn Haus und Garten mußten überwacht werden -können. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie -sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.</p> - -<p>Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde -das von Marga und Elli ausgearbeitete und höchsten Orts -vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte -des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle” -Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, -eine Stunde flußaufwärts von der Stadt — „an -Wald und Wasser lieblich gelegen”, wie es in den Prospekten -hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber überlassen, -keine Dummheiten machen durften, das wollte -Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafür waren sie -seine Töchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun -und lassen mußten. Im übrigen wurden für alle Fälle -die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft -betraut.</p> - -<p>Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern -alle Vorbereitungen getroffen.</p> - -<p>Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei -Mädchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den -Abschied und die lockenden Sommerpläne teils wehmütig, -teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm -durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer, -sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken -flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags -— die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer -des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche, -die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[S. 136]</a></span> -unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster -Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte — nachmittags gab -es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff -mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt -wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende -Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er -ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher -Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten -Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht -hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner Fröhlichkeit -anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr -oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern -mußte, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo -des Beifalls.</p> - -<p>Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in -ihrem gründlichen Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, -herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe, -die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil -sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden -hatte, sie auszuführen.</p> - -<p>Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem -ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenüber -eine Pflicht zu erfüllen, die ihr auf dem Gewissen -lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses. -Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und -für Marga noch im besonderen.</p> - -<p>Eine Aussprache — Käthe war eine Meisterin in -„Aussprachen” — war unvermeidlich. Sie faßte sich indessen -erst nach dem Abendbrot ein Herz.</p> - -<p>Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was -ihm jetzt erst als Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte,<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[S. 137]</a></span> -nahm sie Margas Arm und lud sie zu einem Gang -auf den Weinberg ein.</p> - -<p>Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den -Stachelbeerbüschen und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen -naschend.</p> - -<p>Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, -wie sie ihrer herberen Art sonst nicht eigen war.</p> - -<p>Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, -wo die Trennung ihre Empfindungen mit einer zarten -Melancholie begleitete, kein Platz für Argwohn oder Mißtrauen. -Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer inneren -Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen -wie in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes -vertieft und bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie -hatte aber auch ein Mensch, geschweige ein Mann, sie so -in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er es jetzt tat -und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das -gab ihr eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und -von innen nach außen verklärte.</p> - -<p>Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. -Atemholend nach der Steigung, schritten sie langsam in -dem Laubengang von einem Ende zum anderen. Die -Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von -weiter unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, -hörte man vorlaute Grillen zirpen und wieder verstummen.</p> - -<p>Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen -vorzubringen. Die Überlegung hatte ihr feinliniges -Gesicht etwas verschärft, die Erregung es leicht -gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete -dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[S. 138]</a></span> -Hüfte, als wollte sie sich auch äußerlich einen gewissen -feierlichen Halt geben.</p> - -<p>„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte -diesen Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; -heute drängte er sich ihr unwillkürlich auf die Lippen. -„Ich möchte noch etwas mit dir reden. Etwas sehr Ernstes, -Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie führte -Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges -stand.</p> - -<p>Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas -rechte Hand in die ihrige.</p> - -<p>Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten -sollten. Sie gab sich geduldig darein und horchte mit einem -halb neugierigen, halb verwunderten Lächeln.</p> - -<p>„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob -Käthe lebhafter wieder an. „Ich meine es nur gut mit -dir, und wenn ich mich irgendwie täusche, so nimm's -nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”</p> - -<p>„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga -mit zunehmendem Staunen. „So sprich doch geradezu! -Was willst du mir sagen?”</p> - -<p>„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, -ist das nicht. Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals -dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber -schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die Ältere! -Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir, -ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint -es gewiß immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest -raten kann dir doch das Kleinchen nicht!”</p> - -<p>Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, -enges Gefühl beschlich sie. Diese Andeutungen drückten<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[S. 139]</a></span> -sie. Sie spürte, daß jemand die Tür zum Allerheiligsten -ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen. -Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen -und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir -denn raten?” fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, -schweren Ton.</p> - -<p>„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein -Vertrauen eindrängen will,” versicherte Käthe.</p> - -<p>Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der -Zunge. Doch hielt sie die Worte zurück.</p> - -<p>„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich -erwarte ja auch gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. -Das kannst du jetzt noch nicht. Später wirst du mir's -einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte ganz ihre altkluge, -mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte. -Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine -gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. -„Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht. -Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über deine -Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' -mir, ich hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft -von Mann und Frau überhaupt. Du darfst mir -schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben draußen so -viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, -daß es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie -immer nur ein Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht -zu etwas anderem — verstehst du mich, Margakind? — der -kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn der andere nicht -nachfolgt. — Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!”</p> - -<p>Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend -an sich ziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[S. 140]</a></span> - -Marga erwiderte die Umarmung nicht.</p> - -<p>Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren -Kopf zurück, um sich Käthes Liebkosung zu entziehen. -Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen -Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper, ihrem -Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras -und von den Blumen. Der Wind fächelte mild von der -Ebene nach den Bergen herüber, und die Grillen zirpten -ringsum in der wachsenden Dämmerung.</p> - -<p>Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für -ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher. -Vielleicht, ja gewiß wußte Marga selber nicht, -was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht täuschen -lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer, -und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch -kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen -Wort, einem Handkuß, einem Strauß Rosen, den sie in -einer Laune ihren Freundinnen in den Schoß legten. -Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie -und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber -zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein -Gefühl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte. -Käthe gab sich ganz nach; sie ließ sich fortreißen von jener -liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur -untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid, -Hingebung, falscher Mütterlichkeit — der ganzen Weiblichkeit, -wie sie natürlichste Natur ist — schön und häßlich in -einem. Ihre Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig -in den weichen Sommerabend hinausfloß, endigte in -einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug, -um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes,<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[S. 141]</a></span> -die ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte -ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. „Glaub' -mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst, -glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...”</p> - -<p>Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte -überhaupt längst nicht mehr, was Käthe sprach. Sie -fühlte nur, daß ein Unberufener nun doch mitleidslos -sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens. -Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner -Seele! — aber dann war es schon zu spät. Diese Hände -tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich -grausam auf die Wunde, die sie ängstlich behütet, fürsorglich -verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie -auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und -gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. -Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? -Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen? -Ihr, die längst all das in sich beraten und durchgekämpft? -Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und -geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger Selbstzufriedenheit -vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr -geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung -wurde übertäubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche: -Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten! Laufen — -weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, -allein mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis -hoffnungsloser Liebe!</p> - -<p>Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft -von ihr löste, war sie aufgestanden. „Ich danke dir, -Käthe!” rang es sich fremd aus ihrem Mund. „Überlaß -das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden.<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[S. 142]</a></span> -Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom -Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!”</p> - -<p>Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, -die Sanfte, Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen -hören. „Aber Marga, du —”</p> - -<p>„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. -Mehr kann ich dir nicht antworten.”</p> - -<p>Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im -Schatten der Dämmerung gegen den verblassenden -Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen -aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in -die Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere -und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit -all ihrer Altklugheit — gegen die Blinde, die so sicher -und stark auf ihren Weg hinaussah.</p> - -<p>Nur einen Augenblick.</p> - -<p>Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung -doppelt gekränkt, verkannt und erbittert.</p> - -<p>Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte -sich Marga am Geländer der Laube entlang getastet. -Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg -hinunter — ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher -geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den die -Erregung noch schärfte.</p> - -<p>Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war -Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwärts -zu gehen.</p> - -<p>Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf -eigene Gefahr sich zurechtfinden!</p> - -<p>Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, -die sie sonst nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[S. 143]</a></span> -zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte -sie nicht vorausgewußt, daß sie keinen Dank ernten würde? -Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten -Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe -nicht mehr aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über -den Schläfen strich sie ihr Haar zurück und prüfte die -schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und -keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten -sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. -Maß und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete, -Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei -Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht -brauchte, nicht litt ...</p> - -<p>Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, -der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgültigkeit -gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mußte, -machte sich Käthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde -nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.</p> - -<p>Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.</p> - -<p>Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in -seinem Arbeitszimmer. Man hörte ihn oben deutlich ab -und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten -in sich auf.</p> - -<p>Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen -für den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit -der schläfrig schlurfenden Therese den üblichen Rundgang -im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und -Türen zu beaufsichtigen.</p> - -<p>Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem -hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[S. 144]</a></span> - -Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders -aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng -verbeten.</p> - -<p>In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte -Marga und Elli barsch auf die Stirn.</p> - -<p>„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” -Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus -wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen -Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine -halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer -war schon aufgeladen.</p> - -<p>Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es -nur einen Händedruck.</p> - -<p>Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten -die beiden Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater -Richthoff salutierte. Käthe nickte noch einmal und winkte -mit dem Taschentuch.</p> - -<p>Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. — —</p> - -<p>Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, -zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte, -um sich dann, des spielerischen Geschlängels überdrüssig, -geradeaus und kräftig in die weite Ebene hinauszuwerfen, -stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name andeutete, -diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren -war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, -rückwärts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen -schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der -Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte. Da die -Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt -lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und -schönen Sommernachmittagen wurde sie von Bürgern<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[S. 145]</a></span> -und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten -zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In -der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen -Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an -Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem -belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und städtischer -Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei -den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. -Spaziergänge gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen -durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal -zwischen wogendem Getreide, oder den blumenüberwachsenen -Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und -alten Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten -und sich im Fluß spiegelten.</p> - -<p>So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, -in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Käthes -Abreise übersiedeln sollten.</p> - -<p>Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg -gingen vorher.</p> - -<p>Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit -Käthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen -Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend -reingefegt. Jeden Tag wußte sie etwas Neues vorzuschlagen, -um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar, -nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” -machen. Aber — du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! -Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich -langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tüchtig -spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen umhergetrieben -und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, -die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[S. 146]</a></span> -von jenseits des großen Teichs reichlich zuströmten. Dann -mußte man baden, Besuche machen und empfangen, die -Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den -Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner -beim Pflücken der Stachelbeeren und Johannisbeeren -helfen, unerlaubte Bücher lesen, im Vorgarten handarbeiten -und die vorübergehenden Leute glossieren. Und -Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. -Die Schwester einmal so recht „mitleben” zu -lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund -schadlos zu halten — das war Ellis „Prinzip” für -diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” -nicht auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht -Dinge für alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren -und Spießer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln -wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen -wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es -gewagt werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen -durfte, verstand sich von selbst. Er guckte öfters mal ein, -wie Perthes auch. Man traf sich zufällig auf einem Spaziergang. -Zweimal sogar — doch das setzte einen harten Kampf -mit Marga — abends bei der Musik im Stadtgarten. -Das war so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung -nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli -peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor genau so gerecht -wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit -beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. -Wenn sich Marga auch sträubte — sie war nach der Auseinandersetzung -mit Käthe mit doppelter Vorsicht darauf -bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit ihr eigenes -Gefühl in strengen Grenzen zu halten —, Elli wußte<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[S. 147]</a></span> -immer mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen -Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken -fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so -sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga -so ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es -tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den -Jungen sein zu dürfen.</p> - -<p>Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei -eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden -Diskussionen bot.</p> - -<p>Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß -und wohin man gehen würde. Marga dagegen bewahrte -gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester, -Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit, -in die sie sich durch die Gunst der Umstände und -durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, -begann sie zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter -mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft -mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte. -Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine -ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, -seine Stimmungen, die schweren wie die -leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fühlte instinktiv, -wie diese schöne Vertraulichkeit, so viel sie gab, -doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung -für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben -wollte, wie sie mußte, war eine längere Trennung das -beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne daß er wußte, -wohin, und ohne daß er den Tag ihres Aufbruchs kannte. -Natürlich würde er sie leicht finden können. Es gab außer -dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[S. 148]</a></span> -machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort -schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert -sein. Vielleicht zürnte er über ihr Verschwinden. Doch -ihr Gefühl ließ sie nicht anders handeln. Es war freilich -kein so klares, einfaches Gefühl wie die, denen sie sonst -folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei -uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die -Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die -Starken schwächer, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht -aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mußte -er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...</p> - -<p>So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie -stellte Marga vor, wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, -ja geradezu unanständig es sei, so zu handeln. -Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. —</p> - -<p>An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel -verdeckt, die Teppiche und Gardinen eingekampfert, alle -Rouleaus herabgelassen waren, so daß Therese nur noch -abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli mit -ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, -zwei Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre -über nach der Sägemühle.</p> - -<p>Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit -aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit, stand schon in dem -blanken, behaglichen Zimmerchen mit den weißen Tüllvorhängen -und dem braungestrichenen Boden, zu dessen -offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige -hereinstreckte.</p> - -<p>Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die -nähere Umgebung besichtigt werden, obwohl sie, längst -bekannt, viele Überraschungen nicht bieten konnten. Elli<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[S. 149]</a></span> -beschrieb Marga all die Herrlichkeiten haarklein — bis auf -die Enten und Gänse, über die man stolperte.</p> - -<p>Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte -königlich.</p> - -<p>Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten -saßen, reckten verwundert die Hälse, so laut und -ansteckend lustig klang das Lachen zu ihnen herüber.</p> - -<p>Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der -Sommerfrische, in seinen Einzelheiten entworfen und geleitet -von Elli. Erst anderthalb Stunden Frühstück mit -Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht zu spät, -aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in -den Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem -luftigen Holzbau mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern -und einem Orchestrion, wurde geschlafen. Die anstrengende -Untätigkeit des Vormittags forderte das.</p> - -<p>Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen -versteckten Platz, zwischen hohe Haselbüsche. Von dort -ließen sich die Menschen, die von der Stadt kamen, trefflich -mustern. Elli versah sie einzeln mit Etiketten, um sie -Marga anschaulich zu machen.</p> - -<p>Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, -verstummte das Gespräch eine Weile.</p> - -<p>„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, -daß Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.”</p> - -<p>„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte -Marga, etwas erstaunt.</p> - -<p>„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, -dem es schon greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen -Jemand nicht doch, wie sich's gehörte, benachrichtigt hat!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[S. 150]</a></span> - -„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga -ernsthaft.</p> - -<p>„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für -so eine Freundschaft bedanken. Gott, wenn ich denke” — -Elli fädelte eine neue Farbe für ihre Stickerei ein und sah -die Schwester dabei halb kritisch, halb schelmisch von -unten herauf an — „du müßtest eine schrecklich biedere und -gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”</p> - -<p>„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, -leicht errötend.</p> - -<p>„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. -„Freilich, wenn du immer so spröde und tugendsam mit -deinen Verehrern bist wie in letzter Zeit mit Perthes, -hat's damit gute Weile.”</p> - -<p>„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und -nenne wenigstens keine Namen! — Ich bin doch zu ihm -wie immer,” setzte sie nach einer Weile zögernd, fast -fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit weniger frei -und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran -schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben -war ...</p> - -<p>Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich -nun schon gar nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie -überzeugt. „Abgesehen davon, daß ihr Benehmen gegen -dich haarsträubend taktlos war, hat sie so altertümliche -und hausbackene Ansichten, daß —” Elli stockte. Sie bog -einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr -sie geräuschvoll in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir -die Bescherung!” rief sie mit halblautem, aufgeregtem -Kichern.</p> - -<p>Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[S. 151]</a></span> -erkundigen konnte, klang ein kräftiges „Guten Abend, -die Damen!” zu dem versteckten Tisch.</p> - -<p>Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem -Gruß zwei Hüte.</p> - -<p>Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen -im Bereich der Haselbüsche.</p> - -<p>Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, -Marga, Doktor Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln -uns hier gleich zu zweien! — Sie kommen natürlich -ganz zufällig?”</p> - -<p>„Natürlich — ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, -während man sich die Hände schüttelte.</p> - -<p>„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein -Elli, wie Sie liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” -erklärte Perthes. „Wir kommen auch in sehr verschiedener -Sendung. Herr Doktor Wilkens —”</p> - -<p>„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem -vernichtenden Blick auf den fälschlich Promovierten dazwischen.</p> - -<p>„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz -nehmen zu dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem -Gleichmut und nahm sich, ohne die Erlaubnis abzuwarten, -einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe, Herr Doktor -Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für -Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung -gemacht —”</p> - -<p>„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die -Ohren zuhaltend. „Was der Mensch redet! Und dabei -ist man zur Erholung hier!”</p> - -<p>„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das -Reden,” nahm Perthes das Wort, indem er sich Marga<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[S. 152]</a></span> -gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das Schweigen -von Fräulein Marga.”</p> - -<p>„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen -lassen!” verteidigte sich Marga.</p> - -<p>„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, -dann der Angeklagte.”</p> - -<p>„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” -fragte Elli naseweis.</p> - -<p>„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen -lassen?” meinte Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.</p> - -<p>„Das können <em class="gesperrt">Sie</em>! Denn Sie sind hier gewissermaßen -eingeladen,” gab Perthes zurück.</p> - -<p>„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. -„Das muß ich mir schönstens verbitten. Herr Wilkens -hat von mir allerdings erfahren, wohin ich gehe. -Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich mich -hüten!”</p> - -<p>„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während -er dem in der Ferne vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche -durch Zeichensprache deutlich machte.</p> - -<p>„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli -übermütig.</p> - -<p>„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte -Perthes und schlug lebhaft mit der großen Hand, -die schon so sommersonnengebräunt war wie das räuberbärtige -Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch. -„Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft -zu fordern. Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet -wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof grüßend an mir -vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind. -Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[S. 153]</a></span> -Stunde später auf der Landstraße traf. Man hat mich -böswillig hintergangen! Man hat mir kein Sterbenswörtchen -von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das -freundschaftlich?”</p> - -<p>Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um -auf den scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.</p> - -<p>„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!” -triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich -wenigstens auf einen Spaß hinausreden wollten!”</p> - -<p>„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von -Margas Lippen. „Da müßte ich Sie geradezu anschwindeln, -Herr Perthes!”</p> - -<p>„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus -nicht unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes -nach einer kleinen Pause, aus dem heiteren Ton der -Philippika zu gedämpftem Ernst übergehend.</p> - -<p>„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie -eine schmerzliche Überwindung, dieses vor der Vernunft -wahre, vor ihrem Herzen unwahre Wort hervorzubringen.</p> - -<p>„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem -Freunde ebenso unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes -knapp und mit einem Anflug von enttäuschter Bitterkeit.</p> - -<p>Die Unterhaltung stockte.</p> - -<p>Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang -nach der „Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der -Sägemühle hatten im Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, -einen Fuchs, allerhand Geflügel und vor allem ein -junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß -und Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher -den Gedanken, die beiden, Marga und Perthes, würden -sich allein schneller und besser „zusammenzanken”. So<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[S. 154]</a></span> -pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens -zu sein.</p> - -<p>Diesmal irrte sie sich.</p> - -<p>Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich -und willkürlich verändert erscheinen mußte, nicht. In den -letzten Wochen nach dem Bruch mit Hilde König und der -stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte er sich -stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle -Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. -Es stärkte in ihm den Glauben an einen gewissen Wert -seiner Persönlichkeit. Lebenslust und Frohsinn kehrten -ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine Rechenschaft -über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine -Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu -wollen und zu beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, -die er in seine phantastische Neigung für die -kleine Ufernixe gelegt hatte, auf seine Freundschaft. Ein -halber Mensch, wie er selbst sich so gern schalt, mußte er -doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, wenn -er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen -über das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er -war dann im Fordern ebenso rücksichtslos, als er im Geben -unbedacht war.</p> - -<p>Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert -hervorgestoßenen Worte auf Marga wirken mußten! -Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!</p> - -<p>Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf -ihm selbst? Ob er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr -für sie zu empfinden, als die Freundschaft schuldig war?</p> - -<p>Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie -weckten eben die Gefühle, die sie so tapfer niederhalten<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[S. 155]</a></span> -wollte und mußte. Sie zehrten von neuem, stärker und -gefährlicher als je, an der Kraft, die zu bewahren — freilich -mit halben Mitteln — sie eine Trennung herbeizuführen -gesucht hatte.</p> - -<p>Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.</p> - -<p>Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch -auch seine zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo -war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue -Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen, -was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft -wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie -ihm anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. -Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien kälter, -gleichgültiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen -und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig und machten -dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst -unerquicklich.</p> - -<p>Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da -kamen Wilkens und Elli zurück und brachten den Vorschlag, -im Garten gemütlich Abendbrot zu essen.</p> - -<p>Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste -vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli -wartete gar nicht erst eine lange Erklärung von Marga -oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch -weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo -sie für vier Personen decken ließ.</p> - -<p>Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte -Wilkens und den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. -Perthes wollte nicht zurückbleiben. Im Gegenteil, er -überbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung -über zu lauter Ausgelassenheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[S. 156]</a></span> - -Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, -um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet, -was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit -wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem Vorhergegangenen -nichts mache.</p> - -<p>Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder -zu necken.</p> - -<p>„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” -— „Trotzdem Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine -Gesellschaft legt!” Solche und ähnliche Wendungen ließ -er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren -Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie, -deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga -zu irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins -Unrecht setzte und ihre Freude, daß er doch gekommen -war, verriet. Sie sollte sich für das „Verbrechen an der -Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und -damit seiner Eigenliebe schmeicheln.</p> - -<p>Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und -traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte -und ihr an der Seele riß, wo sie am empfindlichsten war.</p> - -<p>Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. -Er lag verträumt im dämmerigen Schatten der mächtigen -Linden und Ahornbäume.</p> - -<p>Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels -überhaucht, Welle an Welle.</p> - -<p>Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde -noch geheut. Der süße Duft der Mahd flog über den Fluß. -Die feinen Ränder der Waldberge tauchten mit tausend -und abertausend scharfen Tannenspitzen in den letzten -Sonnenglanz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[S. 157]</a></span> - -Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und -beharrlich gegen die lärmende Lustigkeit des jugendlichen -Tisches im Garten.</p> - -<p>Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, -hastige Stimme von Perthes hielten vergebens dagegen. -Die ländliche Mahlzeit, bestehend aus zwei großen hochgebräunten -Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat, Schwarzbrot -und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt -worden. Noch war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes -und Wilkens kaum um neue „Metkrüge” geklappert, geläutet -und gerufen, als schon das feierliche Schweigen -über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, -wie draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch -drinnen im Garten. Und die kleinen, sanften Geräusche -des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe der sieghaften -Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen: -der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller -einer Lerche im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns -im Wasser, der flußabwärts glitt; ein fernes, gedämpftes -Hundegebell aus dem nächsten Dorf.</p> - -<p>Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.</p> - -<p>Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, -flog ihm ein „Prosaischer Radaumacher!” an den runden, -wollig-blonden Kopf. Er wurde ganz klein und verdrehte -sentimental die so gar nicht melancholischen Augen.</p> - -<p>Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar -Wolken von sich, blies Ringel von zartem Dunst und warf -die Zigarre hinaus auf den Fluß.</p> - -<p>Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich -aus der Stille des Abends zur eigenen zurückzufinden.</p> - -<p>„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[S. 158]</a></span> -über die Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte -Elli plötzlich und stand auf. Marga nickte. Unbekümmert -um Perthes und Wilkens, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, -traten sie aus dem Garten.</p> - -<p>„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den -mit ihm zurückbleibenden Wilkens.</p> - -<p>Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich -nicht in den Sand setzen!” meinte er gleichmütig. „Im -übrigen — Fräulein Marga kenne ich so genau nicht, -aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei hinterdreinschlendern. -Wetten, daß —?” Er blinzelte den Doktor -mit der listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.</p> - -<p>„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.</p> - -<p>„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. -„Es dauert keine fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; -sowie sie merken, daß wir streiken.”</p> - -<p>Es dauerte aber zehn Minuten und länger.</p> - -<p>Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein -paarmal halb verlegen zum nächsten Tisch und wieder -zurück. Dann sah er verstohlen über den niedrigen Lattenzaun -des Gartens weg, den Weg hinunter.</p> - -<p>„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte -er schon bedeutend kleinlauter zu Perthes zurück, der -sitzen geblieben war.</p> - -<p>Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner -Geduld zu Ende.</p> - -<p>Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt -wurde, empörte ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied -heimgegangen. Er war zum ersten- und letztenmal auf -der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. -Aber er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[S. 159]</a></span> -der Offenheit in der Freundschaft, wenn sie auch mit -ihrem heutigen Verhalten das Gegenteil bewies.</p> - -<p>Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, -mit Wilkens aus dem Garten in die angrenzenden -Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte den Hut vom Kopf -gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der Unmut, -gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, -lag in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte -ihm aus den Augen. Er fuhr sich einmal ums andere durch -den schwarzen Haarbusch oder strich über den krausen -Vollbart.</p> - -<p>Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich -ringsum.</p> - -<p>Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben -und Kuckucksblumen überwucherte den schmalen -Weg, den „Leinpfad”, auf dem früher die Pferde an -strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts geschleppt -hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau -rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten -Abendwind, den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an -bedeutsamer Wissenschaft übertreffen. Und drüben, -über den Heuhocken, den silberreifen Kornäckern, dem -Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag -es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete -Perthes nicht. Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen -von Wilkens, mit dem dieser seinen zärtlichen Gefühlen -Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung schien -ihm der Aufmerksamkeit wert.</p> - -<p>Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, -sich bog und von ein paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen -wurde, waren plötzlich Marga und Elli dicht<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[S. 160]</a></span> -vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg -zurück.</p> - -<p>„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz -in die Nacht hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt -lange auf ihren Wilkens hatte warten müssen, -den beiden zürnend entgegen.</p> - -<p>„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten -uns ja gar nicht —”</p> - -<p>„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte -Perthes mit Schärfe.</p> - -<p>Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' -Arm.</p> - -<p>„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder -flußaufwärts weiter.</p> - -<p>Marga stand vor Perthes.</p> - -<p>Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.</p> - -<p>Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.</p> - -<p>„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich -Marga zaghaft. Ihre Stimme klang weich, bittend, wie -er sie den ganzen Nachmittag nicht gehört hatte.</p> - -<p>Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen -in der, Elli und Wilkens entgegengesetzten Richtung -nach der Sägemühle zu. Er hatte sie mit heftigen Vorwürfen -empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an seiner -Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein -und dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer -mitteilte, ob er wollte oder nicht.</p> - -<p>„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch -einmal gesprochen zu haben,” begann er mehr traurig -als zornig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[S. 161]</a></span> - -Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, -als sähe sie auf den Weg.</p> - -<p>Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. -Sie wollte liebenswürdiger sein. Aber es war -schwer, so schwer! Irregemacht an ihrer Zurückhaltung, -die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß jeder Schritt, -den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und unglücklicher -machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden -Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf -der einen, ihrer Liebe auf der anderen Seite.</p> - -<p>Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine -streifte, kalt war und zitterte. Was war das? Er schaute -sie prüfend an. Weinte sie denn? Es ging eine leise, -schütternde Bewegung durch ihren Körper, die ihm nicht -entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren blicklosen -Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre -Züge den Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, -ergreifenden Ausdruck verborgenen, inneren Weinens.</p> - -<p>„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum -verstehen wir uns denn heute nicht? Warum sind Sie -so anders als sonst zu mir? Was haben Sie nur? Habe -ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an -mir? So reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” -Besorgt, dringend, beinahe verzweifelt stieß er seine -Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger oder Bitterkeit -mehr in seinen Worten.</p> - -<p>„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga -schüttelte energisch und abwehrend den Kopf. „Nur —” -setzte sie flüsternd hinzu, „nur —” wiederholte sie noch einmal -kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen, kehrte sie -ihr Gesicht von ihm ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[S. 162]</a></span> - -„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den -Weg. Er zwang sie, zu ihm aufzusehen.</p> - -<p>Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, -hinaus in die Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt -immer dichter heranzog, um sich in ihr zu verstecken.</p> - -<p>Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich -weiterführen.</p> - -<p>Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und -wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges, -Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz -fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die -sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche, Hingebung -— eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er -sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle -Gefühl, ihr helfen, sie schützen zu wollen, regte -sich in ihm. Er hätte sie an seine Brust ziehen mögen. -Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester. -Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, länger. -Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, -seiner zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben -Augenblick ließ Marga ihn los.</p> - -<p>Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, -die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme -hinter sich. Der Wind ließ das Haar um ihre Schläfen -flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug -in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen, was -es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich -einsam sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all -meine Kraft nur für mich allein. Und bin ungesellig und -unfreundlich wie jetzt. Vielleicht — vielleicht —” Sie -stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung: „Vielleicht<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[S. 163]</a></span> -wäre es besser, Sie besuchten mich — in diesen Wochen -hier draußen — gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch -nichts von der Sägemühle gesagt.”</p> - -<p>Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte -nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. -Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, daß sie -ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts von Enttäuschung, -von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu -hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade -jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als -ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit -von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze Landschaft -schien sie sich auszubreiten — über die dunklen -Wiesen, den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. -Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander -weiter, ohne sich zu führen, er links, sie rechts am -Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und er sie -führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern -als möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es -ihr ganzes Leben hätte sein sollen ...</p> - -<p>Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden -sie von Elli und Wilkens eingeholt.</p> - -<p>Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit -des Glücks: die glänzte aus Ellis Augen und -glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf Wilkens' vollen -Lippen.</p> - -<p>An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. -Der Schiffer, dem er gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte -gehört, daß noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot -nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond kommt!” -setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[S. 164]</a></span> -den Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell -von weißem Licht.</p> - -<p>Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.</p> - -<p>Der nickte zerstreut.</p> - -<p>Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. -Dann stiegen die beiden die Böschung hinunter und in -den Nachen.</p> - -<p>Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. -Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich flußabwärts -in die Mitte des Flusses hinüberarbeitete. Die -Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu ihnen -zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem -Schatten.</p> - -<p>Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, -flimmerte der Fluß in mattem, märchenhaftem -Silber auf. Langsam breitete sich das Licht über das -schlafende Tal.</p> - -<p>Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß -es davon und strebte aus dem Schatten, den die nahen -Berge warfen, ins rieselnde Silber da draußen. Elli -winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich auf einen -der Prellsteine, die die Landstraße säumten.</p> - -<p>Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute -Perthes zum erstenmal zurück.</p> - -<p>Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden -Mondes.</p> - -<p>Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, -die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht mit den -irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem Wasser gerichtet.</p> - -<p>Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[S. 165]</a></span> -Gestalt herüber in seine Seele, geheimnisergründend und -rätsellösend, klar wie das weiß flirrende Mondlicht: sie -liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga liebte ihn ...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c7" id="c7">7</a></h2> - - -<p>„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! -Finden Sie nicht auch, Herr Professor?”</p> - -<p>„Na ja — wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm -sehr gewogen zu sein.”</p> - -<p>„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat -immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld -in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit: -‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen Sie -Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur -Antwort? ‚Ich besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in -unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: ‚Sie -müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen -durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für -Sie.‛ Perthes nickt mit dem Kopf und — bleibt weg. -Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht? -Drei Wochen später läßt ihn der Geheime Rat höflich -zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir -steht der Verstand still.”</p> - -<p>„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. -Hat auch Glück. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat -keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch — <span class="antiqua">chi lo sa</span>? Vielleicht -ist er Heiratspolitiker!”</p> - -<p>Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen -Institut zwischen Professor Hammann, dem<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[S. 166]</a></span> -Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt während -der Frühstückspause geführt.</p> - -<p>Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem -für ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel. -Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der Diener mit einem -Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte, -waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, -wischte sich apathisch die kurzsichtig-blöden -Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen, -grauschwarzen Haar am Sesselrücken.</p> - -<p>Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an -seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort -„Heiratspolitiker” hielt er es für geraten, die Unterhaltung -vorsichtiger zu führen. Der Chef schien da auf Fräulein -Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn -man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen -Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben -sollte. Genaues wußte niemand. War es nur eine flüchtige -Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder -war es, wie andere mutmaßten, bis zu einer Art Verlobung -gekommen — etwas hatte gespielt, so viel war -gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub -auf dem freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte -sich Markwaldt, während er seine Stulle mit bemerkenswertem -Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf -den Zahn fühlen ließ?</p> - -<p>„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer -Weile nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht -zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. -Und zweitens wüßte ich auch nicht, wem die Politik -gelten sollte,” ergänzte er sich unschuldig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[S. 167]</a></span> - -„Na — Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz -ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich -Hammann gähnend vernehmen.</p> - -<p>„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht —”</p> - -<p>„Glauben? — Ich glaube gar nichts, das heißt — -von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!” Hammann -beschäftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen -die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern -wegzuschnellen.</p> - -<p>„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, -Herr Professor!”</p> - -<p>„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann -etwas lebhafter, während er sich im Sessel halb aufrichtete, -den Kneifer auf die Nase drückte und nun seinerseits den -Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.</p> - -<p>Markwaldt merkte, daß er — freilich nicht ganz zufällig -— eine unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, -und beeilte sich, kein Mißverständnis aufkommen zu lassen. -„Wie ich höre,” erklärte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit, -„soll Perthes einer von den Richthoffstöchtern den Hof -machen.”</p> - -<p>„Richthoff? Richthoff — wer ist das?” Hammann -besah sich gelangweilt seine eleganten Fingernägel. Er -kannte kaum die Professoren seiner eigenen Fakultät, -geschweige denn die der anderen.</p> - -<p>„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte -oder einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte -Markwaldt.</p> - -<p>„Ach sooo ...”</p> - -<p>„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die -richtigen philosophischen Putchen —”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[S. 168]</a></span> - -„Na — denn man zu!” Hammann erhob sich. Die -Sache interessierte ihn nicht länger. Er reckte seine schlanke, -muskulöse Figur, die Figur des wohltrainierten Vierzigers, -die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, praller Stutzererscheinung -weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. -Er ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten -Sie übrigens schon etwas von den Badener Rennen? -Wann — wie — was?” fragte er unter der Tür, den Kopf -zurückwendend.</p> - -<p>„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, -während er vom Tisch mit plumper Grazie auf den -Boden hüpfte.</p> - -<p>Professor Hammann zog die farblosen Brauen über -den grauen Augen in die Höhe, tippte den ebenso farblosen, -kurzen Schnurrbart mit den Fingerspitzen und verschwand. -Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig ungestört sein -Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit -ruhig noch warten.</p> - -<p>Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig -an sein Präparat.</p> - -<p>Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen -Perthes. Es dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete -kam und nach kurzem Gruß, als wäre nichts vorgefallen, -an sein Mikroskop ging.</p> - -<p>„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen -Sie!” konnte sich Markwaldt nicht enthalten, ihn -aufzumuntern.</p> - -<p>„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. -Er schien nicht die mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen -zu haben.</p> - -<p>„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[S. 169]</a></span> - -„Allerhand.”</p> - -<p>Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von -Perthes nicht abschrecken. Und sollte er so viele Fragen -tun müssen, als draußen vor dem Fenster an den langweiligen -Hornsträuchern Blätter waren. „Will er Sie -vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt, -mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden -Geheimnistuerei seines Kollegen galt.</p> - -<p>„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig -zurück.</p> - -<p>Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die -kurzen, massigen Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen -Sie mich aber nicht gerade, Perthes!” sagte er ganz entrüstet. -Er hatte die Frage nur aus Ulk gestellt, und der Gedanke, -daß davon auch nur ein Wort wahr sein könnte, -verursachte ihm Kongestionen.</p> - -<p>„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. -Hupfeld hat mir in der Tat eine Assistentenstelle -an der Chirurgischen Klinik angeboten.”</p> - -<p>„Ja — aber — nu — nu — nu, sagen Sie mal!” -Markwaldt kam aufgeregt zu ihm heran und fuchtelte mit -den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das verbitte ich mir! -Sie sind ja Bakteriologe! Sie —”</p> - -<p>„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache -kam — nichts ist einfacher!” erklärte Perthes, ohne von -seinem Mikroskop aufzusehen. „Vor einigen Wochen -hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich in einem -Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, -ich hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob -er etwas für mich wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. -Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[S. 170]</a></span> -immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder -so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, -sein Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten -angefragt, hätte mich empfohlen. Ob ich Lust -hätte. — Fertig ist die Laube, würden Sie sagen! Das ist -alles.”</p> - -<p>„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte -es was Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. -„Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste -Lamm, das mir je vorgekommen ist!” Er drehte -sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den -Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, -wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte -Leute sind?”</p> - -<p>„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, -Kollege!” Perthes streifte ihn über sein Instrument -weg mit einem spöttischen Blick.</p> - -<p>„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den -Hals gefallen? Oder haben ihr die berühmte Hand vor -Rührung abgequetscht? Oder —”</p> - -<p>„Sieht mir das ähnlich?”</p> - -<p>„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich -sieht Ihnen, daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, -Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!‛ -Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter -geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder -zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n -sprechen muß: ‚Ich werde mir's mal überlegen‛! — Hab' -ich recht?”</p> - -<p>Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige -und doch zugleich gutmütige Aufregung Markwaldts<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[S. 171]</a></span> -belustigte ihn. „Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit -mußte ich mir allerdings ausbitten.”</p> - -<p>„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht -bloß gebraten, sondern auch gleich hübsch tranchiert in den -Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich” — Markwaldt stellte -sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust —: -„Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden Händen zugreifen, -sind Sie — nee, die Zoologie ist dafür zu gut! -— sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben -— am Wasser, wissen Sie — für die psychiatrische. Aber -nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! <span class="antiqua">Dixi!</span>” -Damit schritt er heftig zurück an seinen Platz und präparierte -seine Mauslungen.</p> - -<p>Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz -Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er -auch bei dem häufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere -Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte, -einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand als ein -anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender -erschienen als die jener inneren Befriedigung, -nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete -doch der Vorschlag des berühmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab -zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und -aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war weder -der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, -zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es -darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner. -Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht -so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein -Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.</p> - -<p>Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen,<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[S. 172]</a></span> -mondbeschienenen Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt -hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht -wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und -Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und Himmeln umherwarf. -Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte -sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er -fähig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte -er einfach und nüchtern: Sie liebt dich. Liebst du -sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war: -unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes -Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen -empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, -himmelstürmende Liebe, wie er sie sich vorstellte -und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines -Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand -denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner -Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. -Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es für ihn als -Mann von Ehre und Takt nur eine Möglichkeit: er mußte -sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste -Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht -durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher -zu machen. Er hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, -da er von ihrer Liebe wußte, erklärte sich ihm so vieles: -ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde -König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug -nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch -da draußen, von dem ängstlichen, abweisenden Empfang -bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen. -Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es sein mußte, -wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[S. 173]</a></span> -Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung -endigen mußte.</p> - -<p>Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.</p> - -<p>Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid -bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? -Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte? -Er wollte sehr gründlich zu Werk gehen. War diese -„Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr -verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er -dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es -auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, -die er einstweilen mit <span class="antiqua">x</span> bezeichnete. Weiter kam -er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des öftern, -wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte -und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. -Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht -war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine -Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.</p> - -<p>Der nächste Tag — es war der gestrige — ließ ihn mit -dem Gefühl einer großen, schmerzlichen Leere aufwachen.</p> - -<p>Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer -über diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? -Was oder wen vermißte er? Ohne Zweifel den Umgang -mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme -Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren -dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war -er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + <span class="antiqua">x</span>. -Besser: <span class="antiqua">x</span> + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das -Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber <span class="antiqua">x</span>? -War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[S. 174]</a></span> -+ Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft -darstellte? Perthes mißtraute dieser Gleichsetzung. -Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht. Nicht annähernd. -Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken -an die Mühle und Marga fern.</p> - -<p>Und heute?</p> - -<p>Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem -Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen -bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode überhaupt.</p> - -<p>Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag -so in seiner verhängnisvollen Natur; er wollte, was er -nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte. -Es genügte ihm offenbar nicht, daß er sich mit seiner -albernen Schwärmerei für Hilde König und deren kläglichen -Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert -hatte! Wo hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren -der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgültig, -was „Liebe an sich” war. Es handelte sich um das, was er als -Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille hatte da das -entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer, -mehr als er selbst empfunden als in dieser -Freundschaft? Er mußte an ein Gespräch denken, das er -einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen, -daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die -man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf -das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: -„Was aber dann, wenn man bald so ist, -bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der -Brust hat?” — „Dann kommt es eben darauf an, durch -welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[S. 175]</a></span> -ist. Wenn man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” -Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte? -Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines -Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine -Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche -und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, -Harmonie, die große Stille, die er ersehnte. Wenn er ein -Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit -zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine -Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit -ist sie's! So will ich's! ...</p> - -<p>So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er -am Morgen ins Institut kam.</p> - -<p>Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik -zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.</p> - -<p>Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags -hatte er von dort den Weg nach der Straße am Wenzelsberg -eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga -zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein -völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.</p> - -<p>Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins -Bakteriologische Institut zurück.</p> - -<p>Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.</p> - -<p>Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie -getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack -zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch, -und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche Schweigen -des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, -war dieser davongelaufen.</p> - -<p>Er bummelte nach der Stadt.</p> - -<p>Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung,<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[S. 176]</a></span> -mit der er seine Gefühle zu zerfasern begonnen -hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein -Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den Hupfelds -Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den -Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven -Grübeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam -zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar -Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen, -für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, -den er, das schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden -Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, -die von allem Äußerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste -Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine -andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine -Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber -so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an. -Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprüfung, eine -gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung. -Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf -das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, -die es gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat -ein und ließ sich am Schalter einen Kartenbrief geben. -Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:</p> - -<p>Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen -fünf auf die Sägemühle.</p> - -<p class="center"> -Herzlich Ihr</p> - -<p class="right">Max Perthes. -</p> - -<p>Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie -nicht rechtzeitig erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. -Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken.<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[S. 177]</a></span> -Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte -er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs -und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. -Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann -mit seinem grünen Käppi um die nächste Ecke geflitzt war. -Es war schon viel zu viel Zeit versäumt, viel zu viel.</p> - -<p>Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der -Mühle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.</p> - -<p>Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner -länger auszudehnen als sonst. Die Folge war, daß er eine -Viertelstunde eher fertig war, als gewöhnlich. Dann -wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde -schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so -sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den -Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer -Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fuß -nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich -lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch -anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem -Vergnügungsdampfer. Und der blieb überdies mit Vorliebe -in der starken Strömung hinter der Brücke, dem sogenannten -„Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen -war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen -den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb — das Rad. Das -war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich -eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm -ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei -Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. -Natürlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, -und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[S. 178]</a></span> -konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm -er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken -— Autodroschken ungerechnet — das geschwindeste -gewählt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er -in zwanzig Minuten auf der Sägemühle sein. Und er -fuhr zu.</p> - -<p>Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier -Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet -von einer Stimme hinter sich angerufen worden -wäre.</p> - -<p>„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” -klang es ihm boshaft nach.</p> - -<p>Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, -daß er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust -war.</p> - -<p>An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.</p> - -<p>Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich -nicht um die Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt -hätte — er wäre schlankweg weitergefahren. So machte -er eine Volte und wartete, bis Fräulein Exzellenz in sehr -gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick aus in dem -leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen Mütze, -die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife -unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein -paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen -blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und -ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange, -saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen -Füße in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die -Pedale.</p> - -<p>„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[S. 179]</a></span> - -„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit -hochtrabender Kürze zurück.</p> - -<p>„Hübsch. Das könnte beinahe <span class="antiqua">ich</span> gesagt haben!” -Alice war jetzt neben ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal -es ist, daß Sie mich nicht grüßen, Doktor Perthes?”</p> - -<p>„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich —”</p> - -<p>„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie -mit einem Armvoll Rosen an mir vorbei, als hätten Sie -mich noch nie gekannt.” Sie reichte ihm mit handkußheischender, -ungezwungener Bewegung die Hand von -Rad zu Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden -Blick von Kopf zu Fuß oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit -war, von Fuß zu Kopf musterte.</p> - -<p>Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck. -Nichts kam ihm ungelegener als dies Zusammentreffen, -und er gab sich keine Mühe, sein Mißbehagen zu verbergen.</p> - -<p>Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr -noch langsamer und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo -zu halten.</p> - -<p>„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit -gemächlicher Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem -blonden Herrn, der ungemein jovial und lustig aussah, -im Geschwindschritt über die Brücke nach der Altstadt. -Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. -Das war vor fünf, sechs Tagen.”</p> - -<p>„Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine -Unterlassungssünden!”</p> - -<p>„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht — -Herr Perthes?” Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf -eine maliziöse Art ihre spitzbübischen Lippen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[S. 180]</a></span> - -„Gnädiges Fräulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte -tausendmal um Vergebung! Ich bin völlig unschuldig! -Denn —”</p> - -<p>„Na — ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice -mit einem vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage für sich! -Wo wollen Sie denn eigentlich hin?”</p> - -<p>„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig.</p> - -<p>„Spazieren?” wiederholte sie ungläubig-gedehnt. „Das -trifft sich ja famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen -jetzt ein paar Wochen draußen. So ab und zu wohnt -sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. Sie kennen -doch Stift Nieburg?”</p> - -<p>„Vom Vorbeigehen — natürlich.” Das Stift lag -einige hundert Schritte von der Sägemühle entfernt auf -halber Bergeshöhe; ein schloßartiges Gebäude aus dem -achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten Kapelle, -mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz -Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres -adliges Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es -muß sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich -mir,” setzte Perthes hinzu, um das Gespräch nicht unhöflich -stocken zu lassen.</p> - -<p>„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für -olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische -ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor — Sie -sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus. Die Kapelle -ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen -Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde -Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n -bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein. -Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb listig,<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[S. 181]</a></span> -halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln -zu können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden -aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun -bewahrten.</p> - -<p>„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern — -heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich muß nachher noch -arbeiten!” Perthes war nicht für Ausrede und Verstellung -gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er errötete -sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er -nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von -etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand, -widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung auch nicht -gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und -saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein -sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je. -Vielleicht daß sie ihn auch verwirrte. Ihre spottsüchtige -Koketterie zwang ihn zu einer ständigen Kriegsbereitschaft, -die ihm heute besonders beschwerlich wurde.</p> - -<p>Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher -seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige -Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je -spröder er sich gab, nur um so stärker. Seine Gewandtheit, -sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz -kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte -Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn -fallenden, buschigen Haaren, den großen, oft unvermittelt -aufglühenden Augen, hatte für sie etwas Exotisches, das -sie anzog, während seine innere Unberührtheit und Ungelenkigkeit, -die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, -sie lächerte und zu spöttischer Überlegenheit -herausforderte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[S. 182]</a></span> - -„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” -sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.</p> - -<p>„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes -zerstreut.</p> - -<p>„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen -ein ganz ehrsamer, biederer Philister — wie?” Ihre Augen -begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr -Mund verzog sich, als unterdrücke sie ein boshaftes Lachen.</p> - -<p>„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. -Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des -mühsam zurückgehaltenen Rades. Welche Tücke hatte ihm -gerade jetzt dieses verteufelte Mädel zuführen müssen, -das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung -auszunutzen, die ihn wehrlos machte?</p> - -<p>„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” -forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei -von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen, -die sie dann plötzlich zu einer unvermuteten -Schlinge zusammenzog.</p> - -<p>„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. -Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,” -scherzte er grimmig.</p> - -<p>„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice.</p> - -<p>Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei -dem er nervös die Hände um die Lenkstange preßte, als -wollte er sie zerbiegen. Wußte sie, daß er bei Richthoffs -aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? Spottete -sie über seinen Verkehr?</p> - -<p>Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift -Nieburg führte seitwärts bergan. Die Landstraße lief -nach der Sägemühle geradeaus weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[S. 183]</a></span> - -Alice sprang leichtfüßig vom Rad.</p> - -<p>Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.</p> - -<p>„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” -warf sie nüchtern hin.</p> - -<p>„Wohl möglich!”</p> - -<p>„Na — dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung -nehmen, Doktor Perthes!”</p> - -<p>„Scheint Ihnen das nötig?”</p> - -<p>„Oh — dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, -daß man junge Damen seiner Bekanntschaft nicht übersieht. -Dann werd' ich Ihnen beibringen, daß man einer -jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,” — -sie deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor -führte — „seine Dienste anbietet!”</p> - -<p>„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit -gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es -Perthes wütend. Sein Unmut darüber, daß er aufgehalten -und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn zu dieser groben, -patzigen Unhöflichkeit fort.</p> - -<p>Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. -Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. -Eine Strähne ihres rötlichen, ungebärdigen Haares -schlüpfte unter der Mütze hervor. Ihre Lippen spitzten -sich und bebten leise, während die kecken, spitzbübisch-kecken -Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und sich -dann ohne Scheu in die seinen hefteten.</p> - -<p>„Ich wollte sagen —” verbesserte sich Perthes mit einer -Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.</p> - -<p>„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde -mich für Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” -Sie gab ihm die Hand, als wäre nichts geschehen. Und er<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[S. 184]</a></span> -wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand -ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.</p> - -<p>Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, -als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos -zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das -Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. —</p> - -<p>Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in -schnellem Tempo der Mühle zu, deren Dach unweit -zwischen den hohen Gartenbäumen durchschimmerte. -Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel -früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte ohne -dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe -Stunde eher da sein können. Warum hatte sich dieses -tolle Mädel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine -ernste, zielsichere Stimmung gedrängt? Er wütete innerlich -gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre spottlüsterne, -herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige -Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. -Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht -zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedächtnis. Es hielt -schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz war hartnäckig, -auch noch in seiner Vorstellung.</p> - -<p>Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die -heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. -Ein Pfauenschrei vom Geflügelhof war der einzige Laut, -der ihn bei der Einfahrt empfing.</p> - -<p>Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, -der für diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er -war trotz des Schattens heiß geworden und trocknete sich -die Stirn. Ein Blick in den Garten überzeugte ihn, daß -da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[S. 185]</a></span> -und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, -nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins -hätten einen Ausflug gemacht. Ja, natürlich; jetzt, -während sie sich die Augen rieb, fiel es ihr „für gewiß” -ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst -zum Abend zurückkommen.</p> - -<p>Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick -gerechnet.</p> - -<p>Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer -umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern -aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps -zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief -friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht -einmal mehr erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, -ausgemacht heute mußten die beiden eine Tour machen! -Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt -knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke -zusammen. Wohin die Damen gegangen wären, forschte -er kleinlaut. Das wußte die gute Wirtsfrau auch nicht. -Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war -in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes -auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht -unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis -gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite -schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein -Ungestüm fiel ...</p> - -<p>Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten -und setzte sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster -mißlungener Besuch auf der Mühle angefangen hatte.</p> - -<p>Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.</p> - -<p>Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[S. 186]</a></span> -den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung -alle weg. Dabei war es doch nicht einmal übles Wetter. -Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen -kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar -möglich, daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch -so viele kämen, daß man nicht Hände genug hatte, sie zu -bedienen.</p> - -<p>So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene -Frau, und Perthes hörte gottergeben zu.</p> - -<p>Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich -zwischen den Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig -der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen! -Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte, -den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin plätscherte! -Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit; -drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld -und Wald langweilig ineinander.</p> - -<p>Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das -sollte womöglich stundenlang dauern? Wie gemacht für -ihn, um sich zu vergrübeln!</p> - -<p>Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu -machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle früheren -übertraf? Oder — wie? — wenn Marga ihn nicht anhörte? -Wenn, ja wenn — das war das Tollste, darauf war er noch -gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar -nicht! — wenn er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn -liebe? Wenn sie überrascht war von dem, was er ihr -sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrückt!</p> - -<p>Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten -in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab, -um den blödsinnig plätschernden Springbrunnen herum<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[S. 187]</a></span> -und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig! Und -doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie -mit allen Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer -Junge stand er jetzt da und starrte kleinmütig über den -Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß. Warum sollte -sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte -er ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich -machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es -gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus -dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade -und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: -er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...</p> - -<p>Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen -Wirtin als möglich prophezeiten Andrang. Der Garten -blieb leer. Zwei, drei Einspänner, alte Herren mit Perücken, -mit Mänteln mitten im Sommer und Stöcken -mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich -kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. -Das war alles.</p> - -<p>Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. -Die Sonne drängte sich, etwas blaß und schüchtern freilich, -durch die weißgrauen Wolken. Und den Fluß herunter -kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen, -deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser -klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen -auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit -am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und -der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten -eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, -unmännlichen Zweifel wichen allmählich einer tapferen, -fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche und Unerreichbare<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[S. 188]</a></span> -einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls nirgends, -gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der -rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche -und Faßbare war vor ihm. Das wollte er als Mann -ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten, -mit ihr sprechen.</p> - -<p>Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.</p> - -<p>Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete -und sich dann in der Mitte des Flusses von den -Wellen aufnehmen ließ. Der breite Rücken des Schiffers -hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und -richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die -Böschung hinunter, nach dem Steg ...</p> - -<p>„Du, ich glaube — wahrhaftig! — Doktor Perthes -erwartet uns drüben!” konstatierte Elli mit halblauter -Überraschung.</p> - -<p>Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um -die frische, ziehende Kühle zu spüren, hob sie langsam -heraus. Sie war selbst verwundert, <em class="gesperrt">wie</em> langsam. Und -war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war. -All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen, -so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht -mehr mit ihr zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner -Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen — trotz -des mäßigen Wetters. Weit über die Berge waren sie -durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine über -dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag -so trüb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am -Nachmittag kam plötzlich, ihr selbst unerwartet und unverständlich, -eine Fröhlichkeit über sie, wie lange nicht. Grundlos, -gegenstandslos — eine von jenen unbegreiflichen<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[S. 189]</a></span> -Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und -doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine -glücklichere Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese -frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrüßte und miterlebte, -hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens -versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen, -der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, -des in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses -nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die -beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht -sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem -Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang -von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar -läuteten, mit zarten, dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. -Und wie sie an den Fluß kamen und übersetzten, -hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine -Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben -stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers, -das ihn silbern besäumte! Sein gemessen-ernster Gruß, -der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lächelte, -als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere -ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem -Fährmann seinen Groschen gab.</p> - -<p>„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, -mich hier zu treffen!” meinte Perthes.</p> - -<p>Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die -Böschung hinaufführen ließ, klangen ihr die Glockenblumen -von drüben nach; ihre zarten, dünnen Stimmen wuchsen, -und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie betäubte.</p> - -<p>Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, -und sie ließ seinen Arm los.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[S. 190]</a></span> - -„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur -Mühle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” -begann Perthes wieder. „Der Brief, mit dem ich mich -anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der -Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt -auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen -Augenblick hören wollen!” Er sah Marga forschend an. -„Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah hinter sich.</p> - -<p>Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. -Sie versicherte später, sie habe stets einen „feinen -Merks” für gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen -sogar ...</p> - -<p>Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr -war zumute, als spänne das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig -weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit. -Sie ließ sich von ihm an den Tisch im Haselgesträuch -leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.</p> - -<p>„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr -Schweigen befangen, an, „hatte ich daran gedacht, von -hier für immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich -die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt -hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag -auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder, -es würde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich -Ihnen schon früher einmal erzählte, die Bakteriologie -wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie zurückzukehren. -Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?”</p> - -<p>Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand -nur halb, was er sagte.</p> - -<p>„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, -hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,”<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[S. 191]</a></span> -fuhr er mutiger fort. „Ehe ich mich entscheide, möchte ich -hören, was Sie darüber denken.”</p> - -<p>„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte -Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weißen englischen -Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den -Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe -zurecht.</p> - -<p>„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein -Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wünschen, -daß — daß ich — nun, daß ich eben hierbleibe. Das hängt -nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte -er gepreßt.</p> - -<p>„Von — mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher -die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn -mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und -Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin er mit -diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er -sie quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...</p> - -<p>„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte -Perthes, der ihren Blick richtig deutete. „Ich habe -mich die letzten Tage, während ich fernblieb, gründlich -vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen gekommen, -wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht -dafür hätte zusprechen können. Ich nehme die Stellung -nur an, wenn Sie, Fräulein Marga, mir erlauben, wie -bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sägemühle. -Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen -machen: wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als -eine Freundin! Wenn Sie —” Die Erregung nahm -ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen, die vor -ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie —”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[S. 192]</a></span> - -Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie -warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung -war sie plötzlich aus ihrer traumhaften Betäubung -erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre Wangen -und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.</p> - -<p>„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie -krampfte ihre Hände vor der Brust ineinander. Das sollte -Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein. -Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie noch -einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände -gegen ihn, als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte -von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe -irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen. -Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen — aber ihre Kraft -versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die -Augen schlossen sich, wie von einem übermenschlichen -Schmerz zugedrückt.</p> - -<p>Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte -er sie an. „Sie wollen also nicht,” sagte er dann tonlos -und bitter.</p> - -<p>„Ich — ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden -Lippen.</p> - -<p>„Sie dürfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum -nicht? Weil Sie nicht können? Weil Sie mir nicht mehr -geben können als Freundschaft? Darum?”</p> - -<p>Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf.</p> - -<p>„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben, -daß ich weiß, was ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen -keine hohen Liebesbeteuerungen vordeklamiert! Ich will -nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von mir -hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen,<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[S. 193]</a></span> -bis Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich -meine!” Seine Worte brachen jetzt ungestüm und drängend -aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. Er wußte, wie -er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch, -daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr -mit seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in -diesen Tagen in ihm vorgegangen war, mit rückhaltloser, -nichts verbergender Offenheit.</p> - -<p>Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber -auf den Tisch, auf ihre Arme. Und mit einem Mal -schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer ihren Leib.</p> - -<p>Erschrocken hielt Perthes inne.</p> - -<p>„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” -ging es wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen -durch den abendlichen, einsamen Garten.</p> - -<p>Jetzt hatte Perthes verstanden.</p> - -<p>Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern. -Es war sein Herz, das groß und übermächtig und warm -in ihm aufpochte, als wollte es die kräftige Brust sprengen. -Es war <em class="gesperrt">gut</em>, was er wollte! Und es war <em class="gesperrt">Schönheit</em>, -die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid -sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft -oder Liebe: er mußte ihre Hände ergreifen, stark -und zwingend. Er mußte sie an sich ziehen —</p> - -<p>Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr -Kopf an seine Brust, und ihr tränenüberströmtes Gesicht -verbarg sich dort. Um schwach zu sein, einen Augenblick -schwach wie ein Weib, das liebt — und kostete ihre Schwäche -sie ihre Seligkeit ...</p> - -<p>Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde -später vernehmlich „Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[S. 194]</a></span> -hinter den Haselbüschen trat, fand sie die beiden Hand in -Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war -natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen -hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte -sie „immer” dazugesetzt, wie Schwester Käthe.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c8" id="c8">8</a></h2> - - -<p class="right"> -Kissingen, den .. Juli 19..</p> -<p> -Meine liebe kleine Elli! -</p> - -<p>Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure -Übersiedlung nach der Sägemühle gemeldet. Papa ist -schon ganz ungehalten, daß er keinen Brief bekommen hat, -und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten Ausfälle, -wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in -Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach -Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich böse.</p> - -<p>Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. -Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das großartige, -wirklich internationale Badeleben. Wenn man den -rechten Blick für Menschen hat, kann man hier seine -Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das -Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, -mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben -Jahr. Die „große Welt”, die uns auf Schritt und Tritt -umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmählich -gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man — im Bad, -am Brunnen, bei den Konzerten —, Du kannst Dir keine -Vorstellung machen, Kleinchen, <em class="gesperrt">wie</em> tipp-topp! Man -will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich: -Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus!<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[S. 195]</a></span> -Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen, -die wirklich fein — ich meine, geistig und seelisch bedeutend -sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche -Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen -wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe -regelmäßig und viel in mein Tagebuch und wundre mich -oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir -selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn -Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst — versteht -sich mit Auswahl — daraus vorgelesen bekommen.</p> - -<p>Was treibt Ihr denn auf der Mühle?</p> - -<p>Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, -handarbeitet im Garten, liegt in der Hängematte im -Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in -schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja -keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so -viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter -ist als Ihr, hat kürzlich ein Buch von Zola (!) gelesen, -das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe -ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch -einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, gründlich -mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein -findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.</p> - -<p>Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser -letztes Gespräch auf dem Weinberg durchgedacht und wäre -zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht -hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen, -wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht -böse, daß sie's nicht gleich konnte!</p> - -<p>Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über -die „vermaledeite Briefschreiberei”. Ich will also schließen.<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[S. 196]</a></span> -Es ist gar nicht immer so leicht mit ihm, weil er in beständigem -Krieg mit dem Badearzt und allen Verordnungen -lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt -er sich meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis -vierzehn Tagen soll's nach Tirol oder nach Bayern gehen. -Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr euch denken!</p> - -<p>Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem -Kuß für Dich, liebe Elli, bin ich</p> - -<p class="center"> -Deine getreue Schwester</p> - -<p class="right">Käthe Richthoff. -</p> - -<p><span class="antiqua">P. S.</span> Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf -hierherkommen. Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche -Publikation haben. Der Flanellstorch hat sich auch -bei Papa „für einen Sprung” angemeldet, wurde aber -abgewiesen.</p> - -<p class="right"> -K. R.<br /> -</p> - -<p><span class="antiqua">P. S.</span> 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere -sonst weiteres Kostgeld. Tatsachenbericht, keine -Gefühlsduseleien. Gruß.</p> - -<p class="right"> -Papa.<br /> -</p> - -<p>Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen -hatte Elli am Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester -Käthe vorgelesen. Das war ja Käthe, wie sie leibte und -lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für diese „infam-gütige” -Epistel mal kräftig die Meinung geigen.</p> - -<p>„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor -lauter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte -Elli zum Schluß los. „Und das, was sie über dein Verhältnis -zu Perthes schreibt, Margakind — die Andeutung, -mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt —, das -ist jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!”</p> - -<p>„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[S. 197]</a></span> - -„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten -Wassers auf diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir -sind doch schließlich keine Wickelbabys mehr! Von mir -will ich noch nicht mal reden, aber du — du bist doch jetzt -so gut wie Braut, Marga —”</p> - -<p>„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. -„So weit sind Perthes und ich noch nicht! Du weißt, -wir haben uns streng versprochen, es nur erst miteinander -zu versuchen.”</p> - -<p>„I — was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, -heißt's im Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem -und überzeugendem Lachen. „So ähnlich war -es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich zuerst, -haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu -sein, und nachher —”</p> - -<p>„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen — ich bitt' dich!”</p> - -<p>„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht -mehr hören! Und daß es geschrieben wird, verbitt' ich -mir endgültig. Das werd' ich Käthe schreiben. Und —”</p> - -<p>„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher -diktiere ich dir einen Brief für Käthe.”</p> - -<p>Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, -sah so wehmütig drein, als es ihre lachenden Augen tun -wollten, und wiegte den lockigen Kopf mitleidig von einer -Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir geht's -bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter -Zuckerwasser! Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den -Garten gekommen! Da hättet ihr euch die Umarmung -malen können! Und die ganze Verlob—”</p> - -<p>„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester -den Mund zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[S. 198]</a></span> - -„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen -weiter. „Ich kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max -erzählen —”</p> - -<p>Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und -bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr -weiter schmälen konnte. Dafür lachte sie um so übermütiger, -und Marga mußte mitlachen.</p> - -<p>Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. -Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater -Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine „Gefühlsduseleien”, -aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles -Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das „Zuckerwasser” -für Käthe.</p> - -<p>Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. -Das erste sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln -und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwärts. -Vom nächsten Dorf trug ein launischer Frühwind den Klang -der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...</p> - -<p>Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, -Perthes und sie wären so weit noch nicht und wollten es -erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen -nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der -Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders -empfangen, als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” -meinte er entrüstet. Aber Margas Gewissen hatte -sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwürfen -und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude -dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher -Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies -sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wäre, sein -Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte,<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[S. 199]</a></span> -kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger -Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang -sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur -es so verlangte. Wußte er denn, was es hieß, mit einer -blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung -von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die -ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an -Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig -fremd und verschlossen bleiben mußte, unter Menschen, -die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über -eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln -zucken würden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer -Liebe jede Demütigung gern auf sich nahm — ihn, den -Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mußte -eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfühlte, -wundreiben und unglücklich machen mit ihren -tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden -Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie -ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen -Stunden der Nacht gesammelt hatte.</p> - -<p>Freilich — die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als -wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. -Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, -um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen -Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was -er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und -Gehabe anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen -Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch -Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen -die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da in der Nacht -ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[S. 200]</a></span> -stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, -das sie ihm ausstellte!</p> - -<p>Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht -zufrieden. Er mußte Schritt für Schritt erobern, was er -an einem Abend im Sturm und für immer gewonnen -zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem -feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie -bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und -keinesfalls täglich. Auch wegen des Geredes der Leute -nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und -natürlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser -kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen Vertraulichkeiten -hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch -doktrinär veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: -das zärtliche „Du”, das im Glück des ersten Verstehens -eingerissen war, wurde verpönt. Sie wollten sich „Sie” -und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter -vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem -etwas herzlicheren Handkuß durfte nicht die Rede sein.</p> - -<p>Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes -am entschiedensten.</p> - -<p>Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar -Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet -in eine so hilflose Erregung, bat ihn so inständig, ja -flehentlich, ihr zu folgen, daß er nachgab.</p> - -<p>„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen -hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all -der schönen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.”</p> - -<p>„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch -mißlingt und wir nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen -nicht zu schwer wird.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[S. 201]</a></span> - -Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel -ernste, beinahe schwermütige Überzeugung in ihre Worte, -daß er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre -pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ängstliche -Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte, -die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz -sich so streng und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte -ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische -Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen -Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe -und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff -er doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches -Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.</p> - -<p>Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem -„Gesetz zur Verhinderung der Liebe”, wie er es nannte, -seine Sanktion erteilt.</p> - -<p>Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei -Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es -wäre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen, -wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte, diese zimperliche -Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit -ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt -bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt hätte, um -diesem „faden Platonismus” mit Scherz und Spott auf -den Leib zu rücken.</p> - -<p>Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt -getauft wurde, leidlich voll zu Recht.</p> - -<p>Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um -Stück von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der -Theorie möglichen Zwischensystem abbröckelte. Da wurden -zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[S. 202]</a></span> -auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war -es ganz selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag -kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag -blieb er vom Morgen bis zum späten Abend. Das nächste -Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches -Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und -Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber -alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte -sich taub für die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte -sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.</p> - -<p>Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht -zu einem abgefeimten Trick.</p> - -<p>Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt -so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle -blieben, ließ sie ihrer Ausgelassenheit alle Zügel schießen -und riß jeden, auch Marga, in ihre übersprudelnde Laune -hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ die Augen -lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten -Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage -vor, daß wir zwei Schmollis machen!”</p> - -<p>Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm -Fräulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen -Anerbieten überrumpelt. „Mit Vergnügen!” -erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst anfragen.”</p> - -<p>Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an -Marga. „Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da -es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren -will.”</p> - -<p>Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt -drein. „Elli ist wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte -sie ausweichend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[S. 203]</a></span> - -„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte -entrüstet. „Das ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!”</p> - -<p>„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, -Fräulein Marga!” brummte Wilkens höchst unwirsch.</p> - -<p>„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor -Perthes,” — Elli betonte die Anrede mit spitzer Breite — -„sind Sie der unhöflichste Mensch, der mir je vorgekommen -ist! Marga hat da überhaupt gar nicht mitzureden!”</p> - -<p>„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um -Erlaubnis fragen?” sagte Perthes, der nun ganz mit -im Spiel war, zuvorkommend.</p> - -<p>„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt -zwar Ihre Autorität, aber —”</p> - -<p>„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” -ließ sich Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.</p> - -<p>„Na also! Du siehst, Marga — drei gegen eine!” -triumphierte Elli.</p> - -<p>Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne -Humor. Aber der Mangel an äußerem Erleben hatte diese -letzte und reifste Kraft nur erst spärlich in ihr entwickelt. -Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um sich, ihre Schwere -überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte -zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das -Lächeln Lügen, und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.</p> - -<p>Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja -schließlich nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. -„Ich trete von meinem Schmollis zurück unter einer Bedingung: -wenn du es Doktor Perthes anbietest statt meiner! -Ich tue es blutenden Herzens und werde an Herrn Perthes -nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag -herantreten.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[S. 204]</a></span> - -Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. -Sie wollte nicht Spielverderberin sein und erhob -bedächtig ihr Glas. Es kam ihr schwer, überschwer vor. -Im Grunde waren ihr die Tränen näher als das Lachen. -Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie -drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.</p> - -<p>„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte -Perthes beruhigend.</p> - -<p>Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie -noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam -ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht für kühl -und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe, -und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, -ihr Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...</p> - -<p>Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten -Augusttagen zu Ende ging.</p> - -<p>Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch -auch den beliebten Spaziergang nach der Sägemühle sich -nicht nehmen ließen, drohten allerhand Fährlichkeiten. -Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie -überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer -mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise -herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben -und entstellt, zu Vater Richthoff und Käthe sich -verirrte!</p> - -<p>Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga -mahnte immer wieder zur Vorsicht.</p> - -<p>Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, -die mit irgendeinem Kränzchen von älteren jungen -Damen mindestens einmal die Woche auf der Sägemühle -erschien und, während sie die „lieben, lieben Mädels”<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[S. 205]</a></span> -ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase -rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während -einer dieser zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. -Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt, -so ging er wie der älteste Bekannte auf Fräulein Grasvogel -zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg -nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute -Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, -als schätze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend, -daß sie mit den beiden Fräulein Richthoff einen Ausflug -auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von ihr umständlich -erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht -mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige -Wochen, und war über die Neuigkeit aufs angenehmste -verwundert. Elli biß sich die Lippen blutig, um ernst zu -bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Auskünfte -über die Verpflegung auf der Mühle und die -Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens -sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf, -als die Luft rein war.</p> - -<p>Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach -einmal mit dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, -als man, dem mäßigen Wetter vertrauend, paarweise -dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ ein Besuch -von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem -Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem -Gehöft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. -Elli erfand eine ganze Räubergeschichte. Aber -ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche -Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr -als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[S. 206]</a></span> -Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema, -das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.</p> - -<p>Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht -selten im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. -Es fiel ihm bisweilen abends ein, daß er nach -ärztlichem Ratschluß neben seinen geistigen auch seine körperlichen -Funktionen nicht völlig vernachlässigen sollte, und -dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstraße ab -bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung -aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen -Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das -Bier so abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends -bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine -Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter seines Freundes -Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er -so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. -Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, -und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen -Hälfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.</p> - -<p>Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater -Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, -benommen. Marga und Elli hatten pflichtmäßig -vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche -kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald -mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur -Bekräftigung seine eine Hand würdevoll auf die lahme -Hüfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die -Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte, Augen -und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren. -Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne -Folgen. Nur die drei Wilmannstöchter kamen einmal zum<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[S. 207]</a></span> -Kaffee auf die Sägemühle, nachdem sie sich vorher artig -durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten -ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch -zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald -einem Jahrzehnt sich mühte; die bescheidene, aufopfernde -Mama half dabei täglich ihre fünf bis sechs Stunden. -Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß von -dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze -Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen -reisen wollte.</p> - -<p>Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, -genau einen Tag vor Semesterschluß.</p> - -<p>Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es -wurde Abend, ehe der Himmel sich leidlich aufhellte. -Keine Seele aus der Stadt hatte sich auf der Mühle blicken -lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf Uhr -gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am -Herdfeuer in der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte -sich zum Essen ein, für das man, da der Boden zu feucht -war und die Bäume tropften, in einer Laube hatte decken -lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf Margas -Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und -Kellner übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches -Lebewesen im Garten. Sie kam mit der Meldung -zurück, in einer abgelegenen Ecke sitze, aller Nässe von unten -und oben zum Trotz, Professor Borngräber und kritzle unheimliche -Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar -abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, -daß jedes Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte -einem der ganze Garten allein. Guter Dinge voll, zog -man von der Halle in die Laube und setzte sich zu Tisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[S. 208]</a></span> - -Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, -als Elli scharf und unruhig über den Fluß äugte, hinüber -auf das Fährboot. Das füllte sich plötzlich mit einer ansehnlichen -Gesellschaft, aus der weiße Mädchenkleider -herüberleuchteten.</p> - -<p>Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle -drei Wilmannstöchter, Papa, Mama und studentischen Anhang,” -konstatierte er mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit.</p> - -<p>„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung.</p> - -<p>Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht -bestätigen. „Mit sicherem Kurs auf die Sägemühle!” -setzte er tröstlich hinzu.</p> - -<p>Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit -noch größer. Jeder schlug einen Ausweg vor, -der nichts taugte. Und dabei näherte sich das Boot mit -zunehmender Eile.</p> - -<p>„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren -Tisch zu setzen?” ließ sich Marga bedächtig vernehmen, -als keiner von den anderen mehr Rat wußte.</p> - -<p>„Sieh mal einer — das Margakind!” rief Elli begeistert. -„Die Liebe — ich sag' es ja schon immer — geradezu genial -macht sie die Liebe!”</p> - -<p>„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte -Perthes, indem er Marga strafend und anerkennend auf -die Finger klopfte.</p> - -<p>Es war keine Zeit zu verlieren.</p> - -<p>Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. -Man hörte sie gleich darauf, wie sie den ahnungslosen -Jakobus Borngräber mit einer Sturmflut von liebenswürdigen<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[S. 209]</a></span> -Worten überfiel und betäubte. Es dauerte -noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. -Er erschien an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von -einem schokoladefarbigen Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges -Buch mit einem Notizbuch darauf wie eine Bundeslade -vor sich hertragend. Mantel, Schirm und Bierglas -hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen -Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während -sie immer weiter plapperte: sie würden sich so riesig freuen, -wenn er sich zu ihnen setzte, und es wäre zu nett von ihm, -daß er das täte, und sie würden an Papa eine Ansichtskarte -schreiben, daß er sie besucht hätte. Der gute Borngräber -nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. -Rund und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt -in die Laube, so verwundert, wie sie das immer taten, -wenn sie sich mit der Welt der Erscheinungen auseinandersetzen -sollten. Daß da außer Marga, die er Fräulein Käthe -nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch -zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt -und erfreut taten, war ihm nicht befremdlicher -als anderes. Seine goldgelben Zähne lachten verlegen -und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er verteilte -Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; -Perthes hob es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst -nach dem Stuhl an der Spitze des Tisches drängte und -ein Gespräch über neue indische Funde vom Zaun brach, -von denen er irgendwo gelesen haben wollte.</p> - -<p>Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die -schützenden Flügel des sich seiner Rolle durchaus unbewußten -Professors geflüchtet, als vor dem Garten Papa -Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[S. 210]</a></span> - -„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. -Geh mal vor, Heddy — daß sie nicht zu sehr erschrecken!”</p> - -<p>Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon -im nächsten Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' -scharfe, spitzmäusige Augen hatten über den Zaun weg -bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.</p> - -<p>„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten -und stand im Handumdrehen am Eingang der Laube. -„Kiek mal eener! Hat man je so was gehört oder gesehen!? -Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler, sitzt -hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen -den Hof!”</p> - -<p>Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge -von einigen Studenten, die Wilmanns für ihre selbstlose -Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch eine Einladung -entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein. -Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung -mit ausgiebigem Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen -Perthes und Wilkens mit etwas erstaunten -Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern -fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante -Abrechnung mit Borngräber, daß Elli und Marga sich -eine bessere Abwehr der Neugier gar nicht wünschen -konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue -Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war -nun einmal immer schwach gegen junge Leute ...</p> - -<p>„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe -Ihnen schon wiederholt von unserer griechischen Reise -erzählt. Oder noch nicht?”</p> - -<p>„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen -hören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[S. 211]</a></span> - -„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit -meinem Kollegen Borngräber <span class="antiqua">in puncto puncti</span>, das ist -in betreff der Griechinnen, auszustehen hatte. Dieses -harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder den Anschein -vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt —”</p> - -<p>„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau -Wilmanns vorsichtig einzuwerfen.</p> - -<p>„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird -niemand länger täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner -Fröhlichkeit fort. „Ich könnte —”</p> - -<p>„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte -seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas, -das er aus unerklärlichem Grund bei der Begrüßung -mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von -Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen -im Hotel —”</p> - -<p>„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie -haben gar nichts zu erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher -Stellung,” — schon fuhr die Hand gravitätisch -in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch -nach außen — „ich komme, um als Vizevormund -im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern -Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern -— Sie!”</p> - -<p>„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit -verdoppeltem Feuer Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso -war ein auffallend hübsches Mädchen —”</p> - -<p>„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, -dem die Kalypso gefährlich zu werden schien. -„Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen! -Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[S. 212]</a></span> -mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt -sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer -Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke, -wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen -Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens, -Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei -und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der -geräumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, -eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren ließen -nicht zu lange auf sich warten, und Borngräber vereinigte -sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand, -um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, -in der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen -hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft -über seine gewissenlosen Töchter etwas anders -vorgestellt haben — aber für alle Teile war die Wilmannssche -Auffassung von einer Generalrevision die denkbar -sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen -man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.</p> - -<p>Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.</p> - -<p>Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit -Rücksicht auf die älteren Herrschaften den zweiten Teil -der Bowle in die geschützte Halle.</p> - -<p>Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, -um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch -beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen. -Während er nach Kissingen eine Postkarte losließ: -„Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften -vormundschaftlichen Inspektion durchaus -artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem -Indologen Borngräber, der sie zu heimlichen Banketten<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[S. 213]</a></span> -einlädt” — während dieses der Wahrheit nicht zu nahe -tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. -Die Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter -ließen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.</p> - -<p>Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit -fiel es nicht weiter auf, daß Marga und Perthes sich -absonderten.</p> - -<p>Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt -von der Bowle, der allgemeinen Fröhlichkeit und den -lockenden Weisen der „Rosen aus dem Süden”, folgte mit -blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in ihren -hellen, fliegenden Sommerkleidchen.</p> - -<p>„Na — wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte -er nach einer Weile lebhaft.</p> - -<p>„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück.</p> - -<p>„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. -Und zwar recht gut! Komm — tu nicht zimperlich!”</p> - -<p>„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher -nicht! Du würdest dich mit mir nur lächerlich machen!”</p> - -<p>„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern -tanzen!”</p> - -<p>Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die -Hand, die nach der ihren faßte, verriet die Erregtheit -seines warmblütigen Temperaments.</p> - -<p>Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, -war sie in den dunklen Garten hinausgeglitten. Eine -plötzliche, wehe Traurigkeit hatte sie befallen: er, entzündlich -und lebensdurstig, wie er war, verlangte in die -Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts von -alledem, was andere ihm geben konnten — keine Leichtigkeit, -keine tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[S. 214]</a></span> -— so schien es ihr in diesem Augenblick — als ihre schwere -Seele und ihre trostlose Blindheit! Und so würde es -immer sein!</p> - -<p>Perthes folgte ihr schnell.</p> - -<p>Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene -Schwerfälligkeit. Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, -so davonzulaufen.</p> - -<p>Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst -am anderen Ende des Gartens holte er sie ein.</p> - -<p>Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. -Die Hände hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepreßt, -und die Augen starrten verängstigt in die Höhe, während -ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.</p> - -<p>„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So — -verzeih! — so überspannt empfindlich!” Wort und Ton -konnten seine Verstimmung nicht verbergen.</p> - -<p>„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, -tanze doch du! Mit Elli und den anderen!” stieß sie -flehend hervor.</p> - -<p>Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne -daß er wußte, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit -ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts für sie! -Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal — oder -war es nicht das erstemal? — an die Grenze seines Glücks. -Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus -tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf -anderes ohne Ärger verzichten zu können. Wie unrecht -von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen, erbärmlichen -Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und -das bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! -Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[S. 215]</a></span> -überredete sich selber dabei. Warum sprach sie überhaupt -immer davon, daß dies oder jenes nicht für sie sei? Wollte sie -die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte -sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie! -Und er wollte ihr von da draußen alles bringen — Licht, -Lust, Wonne, Kleines wie Großes — was sie begehrte! -Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!</p> - -<p>Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel -Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete -seine tröstenden Worte wie einen heilenden Trank. Ungläubig -erst, zaghaft — dann mit vollen Zügen. Und sie -war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn -küßte. Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht -wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank! -Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt! -Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht -zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte -ihn wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins -vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile -durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen reich und groß -und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fühlen -— heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c9" id="c9">9</a></h2> - - -<p>Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, -die Perthes nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte -er vertragsmäßig zum ersten September antreten. Er -hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fünfzehnten -August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für -seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[S. 216]</a></span> -zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem -einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von -seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden -von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte er, außer -zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in -dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.</p> - -<p>Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor -Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.</p> - -<p>Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien -nicht verkürzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in -schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. -Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend freilich, bis -auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und -Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut -in die Klinik überspringen.</p> - -<p>Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und -unfreier als die frühere. Das sollte auch Marga draußen -auf ihrer Mühle bald fühlbar werden. Es gab in der -Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um die täglichen -Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen -zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle -blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus, -daß dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung -machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen. -Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wäre viel -besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und -andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde -geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die -längere Trennung nur verstärkt. Jetzt, wo die Schranken -der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine und ihre -Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[S. 217]</a></span> -und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre -schwere Natur, einmal entzündet, drängte zu jener Reife, -die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was -es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber -so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung -gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte -ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und -verband sich dafür mit weicher Hingebung und einer -zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und voller -kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen -Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, -so zeugte jetzt auch ihre äußere Erscheinung gegen -ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter, -ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; -der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar -senkte sich nicht mehr so oft und so müd-ergeben; durch -ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen -ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe -und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch -immer die große Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, -aber ein bräutlicher Schimmer verklärte sie. Und bräutlich -fühlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glück -ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich in der -sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, -im süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes -kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins -ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare, -seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie begann -in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.</p> - -<p>Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit -Marga vollzog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[S. 218]</a></span> - -Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht -erfreut hätte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes -in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas -Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von Scheu und -Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft -ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, -und sein Empfinden für sie schien mit jedem Sieg, den -er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen -Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie -er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch -nicht für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas -Liebe entfaltet war und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit -der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak -er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen über sich -selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete, -seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte -sie ihm, nicht aufdringlich freilich und maßlos, aber doch -blutwarm und lebendig aus Margas Zärtlichkeit entgegen. -Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb -bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich -erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr -ihre Küsse verdoppelt zurück, aber zwang er sich nicht dazu? -War in seinem Ungestüm nicht die Furcht, hinter ihr -zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis, -daß seine Liebe der ihren nachstand?</p> - -<p>Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, -untätige Beisammensein war doch unvernünftig gewesen -und hatte ihn durch Übersättigung überkritisch gemacht. -Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Tätigkeit keine -unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe -mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[S. 219]</a></span> -Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, -dessen er fähig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden -Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich -auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so völlig -wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im -Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice -Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen -Radfahrt auf der Landstraße hatte er danach -kein Verlangen. Es war möglich, daß sie verreist war. -Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte -er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts -Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus -dem Wege zu gehen ...</p> - -<p>Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld -mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. -Fast gleichzeitig erfuhr er zufällig aus dem Gespräch -mit einem Kollegen, daß Fräulein Exzellenz von -einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.</p> - -<p>Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein -nicht groß, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. -Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen, -und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der -Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem -Maße zu, als das Essen auf dem Stift sich näherte. Er -sprach auch mit Marga darüber. Es war ihm ein Bedürfnis, -so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen mußte, seine -Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck -zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht -sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen -Kreis, dem sie zugehörte. Sie war keine von jenen kleinen -Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[S. 220]</a></span> -Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine -Härte für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach -Nieburg zu folgen.</p> - -<p>Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die -Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen -wollte, gar nichts anderes übrig, als anzunehmen.</p> - -<p>An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb -er so lange auf der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, -sich umzukleiden. Er mußte einen Wagen nehmen, um -überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu -kommen.</p> - -<p>Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, -sah Perthes sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und -beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bäumen -hervorlugte. Am liebsten hätte er noch jetzt die Fahrt -dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine Torheit. -Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis -zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch -wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer -Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand -herumzulangweilen!</p> - -<p>Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur -die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen. -Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes -hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwöhnt -hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat -in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, -seinen üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten -lag er still in der sengenden Augustsonne. Still -und wie erstarrt in weißer Hitze stand auch weiter zurück -das lange, schloßartige Gebäude mit dem efeubewachsenen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[S. 221]</a></span> -Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die -zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. -Die Bäume des Parks gaben einen Hintergrund, -der sich mit massigem Düster gegen das grelle Licht abhob.</p> - -<p>Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten -Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, -kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze draußen -atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei -der Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und -glänzenden Messingringen wohltuende Kühle entgegen. -Der Diener, der ihn in Empfang genommen, führte ihn -durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, -an den Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes -Treppenhaus in den ersten Stock.</p> - -<p>Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick -erstaunlich tot und drückend.</p> - -<p>Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten -die Wände ringsum. Zwei Bänke mit ledergepolsterten -Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener -Decke, die einst einen Altar geziert haben -mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, -hochrückige, steife Lehnstühle — lauter in den Holzteilen -tiefdunkle Möbelstücke — waren mehr stilvoll als einladend. -Durch eine Tür, deren schmale Portiere zurückgerafft war, -sah man ins anstoßende Zimmer: es war — fast schien -es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem -Perthes stand — in helles Licht getaucht. Man sah einen -ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte -auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertümliche -Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfaß, noch -mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grünem,<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[S. 222]</a></span> -geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit -dieses Arbeitszimmers.</p> - -<p>So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, -als von dort ein leises Räuspern und teppichgedämpfte -Schritte hörbar wurden. Gleich darauf wurde -Hupfeld in der Tür sichtbar.</p> - -<p>„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen -machen,” ließ sich seine volle, getragene Stimme vernehmen. -Er überschritt die Schwelle nicht, sondern lud -den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten. -Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand — eine -Hand, so weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, -sie zwischen seinen muskulösen Fingern durch einen -heftigen Druck auf ihre Knochen zu prüfen. Und doch war -diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begründerin -von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene -Gestalt überragte noch die seines Assistenten. Auf den -breiten Schultern saß ein verhältnismäßig kleiner Kopf, -dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Züge -und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schönheit -eines bejahrten Heldenvaters gaben.</p> - -<p>Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze -mit der auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, -forderte Perthes auf, es sich in einem roten -Saffiansessel bequem zu machen, der gegenüber dem -Schreibtisch, neben einem von Photographien und künstlerischen -Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein -bücherreiches Regal im Rücken hatte.</p> - -<p>Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und -wie fühlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”</p> - -<p>„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[S. 223]</a></span> -erlauben kann, sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den -Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.</p> - -<p>Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes -diskreten Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste -Stimmung gleich gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon -sagte, haben Sie mir durch Ihren früheren Eintritt einen -großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste -Wort prononcierend, fort. Während er mit -gemessener Wärme des erkrankten Professors Kronheim -gedachte, beharrte er regungslos in der für sein Gesicht -so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die -dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß -schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen -Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. -Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen -Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz -an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen Ausdruck -an die von Alice.</p> - -<p>Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, -die Themen des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. -Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick -auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon, -daß er selbst eigentlich hätte Botaniker werden sollen und -wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und -setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines -Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln -durch die Finger gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich -vielleicht schon überzeugten, die Vorliebe für die Pflanzenwelt -gewahrt.” Er deutete mit einer Bewegung der -molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. -„Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[S. 224]</a></span> -Gewächshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen -erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. — Wissen Sie -denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem -Boden weilen?”</p> - -<p>Perthes schüttelte verneinend den Kopf.</p> - -<p>„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem -er sich noch hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl -zur Schau setzte und die berühmte Hand mit leichten Bewegungen -seine Worte begleiten ließ, „daß in diesen Räumen -Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der -Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist -trifft sich mit meinem bescheideneren in der Liebe für die -Pflanzen und für die Kunst des Mittelalters. Das macht -mir den Aufenthalt hier besonders lieb und bedeutungsvoll. -Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast gewesen. -Wenn der gute Wille genügte, etwas von der -Universalität jener Zeiten und jener Geister sich zu eigen -zu machen, und wenn man Zeit hätte —” Der Geheime -Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, sondern ließ -ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht, -um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes -Kompliment einzuflechten; vielleicht auch nur, um den -versteckten Vergleich mit Goethe in dem Zuhörer — oder -vielmehr in dem Zuschauer — äußerlich nachwirken zu -lassen.</p> - -<p>Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für -Schmeicheleien noch für klassische Vergleiche. Es bereitete -ihm im Gegenteil ein heimliches Vergnügen, Exzellenz -zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel Zeit gelassen -hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen -Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[S. 225]</a></span> -einem Postament in der Ecke hinter dem Schreibtisch -stand — also nach einer sehr respektvollen Pause —, hub -er plötzlich an, von einem klinischen Fall zu sprechen. -„Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß -Read — es handelte sich um <span class="antiqua">Ileus strang</span>...”</p> - -<p>„Ja — ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen -zerstreut auf. „Die Sache ist sehr interessant! -Sehr interessant! Wir sprechen nachher noch davon. -Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren Damen vorenthalten.” -Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete -wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen -Tür. Mit der Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er -seinen Gast voranschreiten. Sie durchschritten zuerst die -eigentliche Bibliothek, einen sehr stimmungsvollen Raum -mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten Regalen.</p> - -<p>„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen -Bücher von den fachwissenschaftlichen getrennt und -hier untergebracht,” erläuterte der Geheime Rat im -Vorbeigehen.</p> - -<p>Von da traten sie in das Speisezimmer.</p> - -<p>Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau -in Augenschein zu nehmen, würde er ihm seine Anerkennung -nicht versagt haben. Die kolossalen Brabanter -Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter Seide -standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen -Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, -Truhen und kostbaren Behängen zeugten von Geschmack. -So aber mußte er sich vor allen Dingen in einer der -tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen -lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[S. 226]</a></span> - -„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte -ihn Hupfeld wohlwollend ein.</p> - -<p>Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame -von rosiger Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck -von Daseinsfreudigkeit auf den wulstigen Lippen und in -den schwimmenden Äugelchen, reckte ihre etwas schwerfällige -Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte dreimal -mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist -schwül. Glauben Sie, daß wir ein Unwetter bekommen -werden? Ich frage heute jedermann, ob wir heute ein Gewitter -bekommen werden. Ich bin nämlich sehr ängstlich. -Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht -mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” -fragte sie dann dringend, die Hand an ihr schwerhöriges -Ohr haltend.</p> - -<p>Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, -der in seiner Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie -möglich. „Ich glaube nicht, daß wir ein Gewitter haben -werden,” antwortete er höflich.</p> - -<p>„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend -an den hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen -Leutnant, „Doktor Pätel — hieß er nicht so, Papa?”</p> - -<p>„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit -einer Deutlichkeit, die zugleich zuvorkommend und entschuldigend -klang.</p> - -<p>„Na ja — Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, -Moritz!”</p> - -<p>Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, -frischem Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst -du mich, bitte, vorstellen, Papa?” bat er den Geheimen -Rat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[S. 227]</a></span> - -„Natürlich — ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, -Leutnant Moritz Hupfeld. Und hier —” Er winkte nach -dem Fenster, wo ein junges Mädchen ohne Teilnahme -für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal her, -Hilla! — Die Tochter meines Bruders, des Obersten -Hupfeld in Straßburg,” erläuterte Exzellenz.</p> - -<p>Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, -näherzutreten. Sie erwiderte, sich langsam umwendend, -Perthes' Verbeugung mit einem halben Blick und ziemlich -schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr müßtet -in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne -oder so was 'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren -Fensterstudien.</p> - -<p>„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? -Eine Fontäne?” jammerte Frau Hupfeld erschrocken. -„Das ewige Plätschern kann einen ja schwermütig machen!”</p> - -<p>„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, -„ich liebe keine Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser -reichlich albernen Unterhaltung die herablassende Würde -seiner Größe.</p> - -<p>„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große -silberne Glaskugeln, Goldfische und Terrakottazwerge, -die unter Pilzen sitzen,” hänselte der Leutnant, während -er mit Perthes einen Blick gegenseitigen Wohlgefallens -wechselte.</p> - -<p>„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte -dabei, sich zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve -mit schmachtendem Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. -„Sind Sie der Doktor, der so gut Tennis spielt?” wandte -sie sich dann plötzlich mit der vorlauten Selbstverständlichkeit -eines verzogenen Backfisches an Perthes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[S. 228]</a></span> - -„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte -Perthes trocken zurück, während er auf das schmale Persönchen -kühl heruntersah.</p> - -<p>„Von Alice natürlich!”</p> - -<p>„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn -Alli? Wir werden uns ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen -Sie, mein lieber Doktor! Meine Tochter lebt in -einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,” -ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner -Frau artig den Arm bot.</p> - -<p>„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” -meinte Frau Hupfeld ängstlich.</p> - -<p>„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das -erstemal. So was verdirbt nicht!”</p> - -<p>„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem -Zimmer aus in den Park laufen,” bemerkte Cousine Hilla. -Sie hängte sich dabei an den Arm ihres Vetters, der sie -höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit Zivilisten -ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu -Tisch.</p> - -<p>Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin -zugedacht war, mußte sich seinen Platz allein -suchen.</p> - -<p>Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen -fremden Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, -daß er froh war, sitzen und essen zu dürfen.</p> - -<p>Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag -über altes Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen -beabsichtigte. Es genügte, verständnisvoll zu lächeln, -was übrigens nur Perthes tat. Frau Hupfeld teilte einstweilen -ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem harmlos-fröhlichen<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[S. 229]</a></span> -Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, -das zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in -geheimnisvollem Ton sehr dringlich einschärfte. Hilla -machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den Hof, ohne -der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung -zu schenken.</p> - -<p>Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten -Gang serviert und einen Flüsterwein eingegossen, als die -Tür zum Saal aufgerissen wurde und Alice hereinstürmte.</p> - -<p>„Denkt euch, Kinder —”</p> - -<p>„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die -Geheime Rätin.</p> - -<p>„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen -Iltis gefangen! Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, -die Junge erwartet!”</p> - -<p>Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen -Berichts sehr obenhin die Hand und setzte sich zwischen -ihn und ihren Bruder.</p> - -<p>„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven -vergessend, neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? -einen Tiflis?” Umfassende Bildung gehörte nicht zu Mama -Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen -— aus Hupfelds weniger berühmter Zeit — -und ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.</p> - -<p>„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar —” wollte -sie mit überlauter Deutlichkeit fortfahren.</p> - -<p>„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat -mit einer Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, -Iltis und Tiflis zu bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. -Das weißt du. Aber sie darf nicht degoutant sein.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[S. 230]</a></span> - -„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte -Leutnant Moritz die väterlichen Worte.</p> - -<p>„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln -eurer Prüderie gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen -von einem zum anderen.</p> - -<p>„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem -Wissensdrang Frau Hupfeld.</p> - -<p>„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender -Bewunderung Cousine Hilla. „Ich finde deine -Natürlichkeit furchtbar schick! Ich wollte, ich wäre auch -so vorurteilslos.”</p> - -<p>„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.</p> - -<p>„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” -wandte sich Alice mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. -„Dann kann über mich richtig abgestimmt werden!”</p> - -<p>Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser -Aufforderung, begegnete dem spitzbübischen Zwinkern -ihrer Augen mit einem ruhigen Blick. „Wenn Sie darauf -Wert legen, gnädiges Fräulein —”</p> - -<p>„Und ob!”</p> - -<p>„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. -Sie wird da nur leicht Manier. Und hebt sich so wieder -selbst auf.”</p> - -<p>„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. -„Sehr gut, lieber Perthes!” wiederholte er noch einmal, -nachdem er mit vorgeschobenen Kennerlippen an seinem -Weinglase genippt hatte.</p> - -<p>„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr — wie, Allichen?” -schmunzelte der Leutnant vergnügt.</p> - -<p>„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung -Cousine Hilla.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[S. 231]</a></span> - -Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, -wenn sie berechnen wollte, wie sie den Ball am besten -zurückschlüge. Es lag in dem halboffenen Blick etwas -Lauerndes, das die Freude an gefangenem Raubzeug, -wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick -lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, -das Perthes kannte.</p> - -<p>Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu -reichen. Den Schleien folgten römische Poularden. Alice -hatte den Kopf mit dem rötlichen Haargewirr über die -Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in dem eng -anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, -als gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut -des Halses und der Arme absprühen zu lassen. Dann bog -sie sich blitzschnell ganz nahe an Perthes heran. „Es ist -doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz ehrsamer -Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter -Hast zu.</p> - -<p>Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte -sie sich von ihm weggewandt und drehte ihm halb den -Rücken. Sie sprach mit Hilla und ihrem Bruder. Während -des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als Luft. Ein -Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst -kalt ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht -erhöhte. Er wünschte sich über alle Berge. Oder doch -zum mindesten einen halben Kilometer talwärts in die -Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die ihn umgab, -bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen -Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; -diese vielleicht gutmütige und natürliche, aber immer -nur mit sich selbst beschäftigte, rosig-dicke Frau Exzellenz;<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[S. 232]</a></span> -Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch die doppelte -Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte, -und Alice — wie ihm das alles zuwider war! Samt -dem altertümlichen, schwerfälligen, überstilvollen Luxus! -Samt dem tadellosen Diner auf Wedgwoodporzellan -und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien -mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von -Reichtum und Geist und Geschmack; aber er hätte gern -einmal laut fluchen oder eins der hohen Fenster aufreißen -und einen Strom noch so heißer Sommerluft -hereinströmen lassen mögen — um sich selber wiederzuerkennen -und freizumachen!</p> - -<p>Man näherte sich dem Dessert.</p> - -<p>Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in -die Unterhaltung. Er erzählte von Ballonfahrten, die er -von Freiburg aus, wo er in Garnison stand, unternommen. -Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie -kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten -und um ein Haar im Rhein gelandet wären.</p> - -<p>„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die -Hand am Ohr mit allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen -Schilderung zu folgen versuchte.</p> - -<p>„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.</p> - -<p>„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. -„Ich wußte gar nicht, daß Kiel so nahe bei Straßburg -liegt. Ich dachte immer —”</p> - -<p>Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds -durch keine Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar -und laut hervor, daß der Geheime Rat sie nicht -durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. Seine<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[S. 233]</a></span> -kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen -an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein -Bonmot zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte -sich eben jetzt der Diener in steifer Positur hinter ihrem -Stuhl auf, offenbar um ihr eine unaufschiebbare Meldung -zu machen.</p> - -<p>„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, -den sie unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.</p> - -<p>„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” -meldete der Diener mit der Feierlichkeit eines spanischen -Granden.</p> - -<p>„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer -Verzweiflung.</p> - -<p>Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst -von ihrem Sitz in die Höhe. „Oh — was Sie sagen, -Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich bemitleidenswert -aus.</p> - -<p>Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von -neuem herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. -Perthes fixierte standhaft den zierlichen Rand seines -Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast des Hauses seinen -Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, diese -im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene -Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.</p> - -<p>Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm -nicht sein!” redete er begütigend seiner Frau zu.</p> - -<p>Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom -ersten Entsetzen erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel -— Sie müssen mich entschuldigen — ich kann nun mal -nichts dafür!” erklärte sie mit hastiger Verlegenheit. -„Nein — und ich wollte noch von der wundervollen<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[S. 234]</a></span> -Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! -Und Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß -mir die Laden schließen. Johann auch!”</p> - -<p>Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher -Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, -um in ihrem Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren -Dienstboten die nötigen verdunkelnden Vorbereitungen -zu treffen.</p> - -<p>Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.</p> - -<p>Exzellenz — seine Verstimmung in eine gesteigerte, -über die Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend -— hielt es für angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über -Gebühr zu verlängern.</p> - -<p>Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen -der Befreiung vom Tischzwang. Die Herren begaben -sich in die Bibliothek. Während der Leutnant den mit -Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und Perthes -mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt -machte, zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen -Mittagsruhe zurück.</p> - -<p>Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.</p> - -<p>„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst -du mit, Säbelmännchen?” Alice richtete ihre Aufforderung -absichtlich nur an ihren Bruder, als existierte Perthes -gar nicht.</p> - -<p>„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte -der Leutnant, den Zug seiner Zigarre prüfend.</p> - -<p>„Bah — es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach -der famosen ‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” -erklärte Fräulein Hilla mit schnippischer Promptheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[S. 235]</a></span> - -„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, -Hillchen!” gab Leutnant Moritz ritterlich zurück.</p> - -<p>Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem -ihr eigenen Blick vom Fuß zum Kopf.</p> - -<p>„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. -Unser Tierpark im Bakteriologischen Institut war so -reichhaltig, und ich bin so froh, ihn los zu sein, daß -ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.” -Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, -ohne Alices Blick zu vermeiden. Dabei -mußte er allerdings die zartgewickelte Zigarre beinahe -zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn -Alices Benehmen.</p> - -<p>„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; -aber ihre Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, -und ihre Absätze klappten stärker auf den Boden, als nötig -war. Seine Sprödigkeit machte sie kampflüstern. Sie -wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich darauf -ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog -sie energisch aus der Tür.</p> - -<p>„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” -fragte die Cousine laut genug, daß man es noch in der -Bibliothek hören konnte.</p> - -<p>„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice -sie an.</p> - -<p>Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.</p> - -<p>„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte -hinzusetzen: Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber -sie behielt diesen Nachsatz für sich und pfiff dafür auf dem -Weg zum Park leise vor sich hin — so bedeutungsvoll, -wie nur junge Damen pfeifen können ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[S. 236]</a></span> - -Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant -Hupfeld auf eigene Faust ins Freie.</p> - -<p>Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der -aufgeweckte junge Offizier, der nach den besten Eigenschaften -seiner Mutter geraten zu sein schien, traf sich mit -Perthes im Interesse für den Luftsport. Der Leutnant -hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, -von denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher -erzählte er von Freiburg und von winterlichen Skitouren -im Schwarzwald. —</p> - -<p>Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, -sei es, daß Cousine Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz -bekam — die jungen Damen kehrten auffallend schnell -von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.</p> - -<p>Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige -Eiche.</p> - -<p>Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und -einer Batterie von Likören aus dem Hause.</p> - -<p>Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao -eingießen lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene -einer frommen Helene. „Wollen wir uns wieder vertragen, -Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen Finger hin, -um mit ihm anzustoßen.</p> - -<p>„Ich bin mir nicht bewußt, daß —”</p> - -<p>„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! -Wollen Sie — oder wollen Sie nicht?”</p> - -<p>Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, -und sie tranken sich zu.</p> - -<p>Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte -und entführte, setzte sich Alice neben Perthes auf die -Bank unter der Eiche. Sie stemmte sich mit den Händen<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[S. 237]</a></span> -rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße mit den -hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen -durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.</p> - -<p>„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, -Doktor Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit -in nachdenklichem Ton, in die Betrachtung ihrer Schuhspitzen -scheinbar versunken.</p> - -<p>„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum -fragten,” entgegnete er.</p> - -<p>„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” -fuhr sie in derselben Weise fort.</p> - -<p>„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er -lehnte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und blies -den Rauch seiner Zigarre in nervösen Zügen über sich. -Er vermied es, sie anzusehen.</p> - -<p>„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” -Sie streifte ihn mit einem halben Blick. Der -gutsitzende, elegante Gesellschaftsanzug stand in anziehendem -Gegensatz zu der naturhaft gebräunten Farbe seines -Gesichts und seiner Hände.</p> - -<p>„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” -meinte er. „Aber Sie —”</p> - -<p>„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich -mit Ihnen ein bißchen kabble. Ich kabble mich immer -mit Menschen, die mir gefallen!” Sie sah ihn jetzt mit dem -Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten keck unter der -weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar, -während die Zungenspitze über die Lippen spielte.</p> - -<p>Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. -„Davon halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. -Ich bin nicht sonderlich geschickt dazu und gerate<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[S. 238]</a></span> -leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand, die er mit -dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete -sich instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab -diese Bewegung seine geteilte Empfindung für Alice -wieder, die sich durch dies Tete-a-tete steigerte: er hätte -sie gleichzeitig leidenschaftlich an sich reißen und von sich -stoßen mögen.</p> - -<p>„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie -belustigt. „Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, -Doktor!” setzte sie mit herausforderndem Spott -hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre „kabbelnde” -Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte -ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau -trug, den Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit -in Widerstreit zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. -Dafür war sie viel zu sehr ein Geschöpf der Laune. Es -war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, herauszubekommen, -ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem -Temperament kein Feuer geben könnte.</p> - -<p>Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der -Tafel aufgeschreckt hatte, war recht zögernd aufgezogen. -Erst jetzt holten seine Wolken die Sonne ein. Ein greller, -silberner Rand schied das Blau und das Grau des Himmels. -Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des -Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden -beinahe finster. Der Donner murrte dumpf und nah.</p> - -<p>„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte -Perthes das Gespräch ab.</p> - -<p>„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”</p> - -<p>„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!”</p> - -<p>„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle.<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[S. 239]</a></span> -Papa würde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht -dort gewesen wären!” Alice war aufgestanden. Sie -schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und dehnte -sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit -mir allein zu langweilig ist, können wir noch Moritz und -Hilla rufen.”</p> - -<p>„Ihre Gesellschaft genügt mir.”</p> - -<p>„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” -Sie neigte übertrieben-höflich den Kopf und ging -dann voraus.</p> - -<p>Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem -Umweg quer durch den Park. Sie lief, und er blieb trotz -seiner großen Schritte immer hinter ihr.</p> - -<p>„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich -aus die Unterhaltung wieder.</p> - -<p>„Ach — es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie -gleichgültig zurück. „Das Wetter war zu unbeständig.”</p> - -<p>„Mit wem waren Sie denn zusammen?”</p> - -<p>„Mit mir und mit dem Führer!”</p> - -<p>„Nur mit dem Führer?”</p> - -<p>„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm -zurück. „Ich finde das viel aparter und origineller, als -wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont -und bemuttert!”</p> - -<p>Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, -aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen -ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch ständiges -Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen -in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die -Arme und Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; -aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich,<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[S. 240]</a></span> -gab dem Körper eine reizvolle Harmonie, die nichts -Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen schien -sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei -war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von -jener kecken Freiheit, die zu dem spöttelnden Leichtsinn -ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und dasselbe -sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, -in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das -seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch, -ohne daß er es sich gestand, ihn nicht losließ.</p> - -<p>Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie -über die Schulter warf, die Sehenswürdigkeiten des -Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten -Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale -gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift -versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime -Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an -Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brüchiges, efeuüberwuchertes -Gemäuer, verfallene Stufen, die in die -Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein -halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, -allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, für den Rest -eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklärt hatte. -Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen -bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei -ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb -auf das hohe Blätterdach der Bäume und fuhr mit -scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen -brach los.</p> - -<p>„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem -Gelächter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[S. 241]</a></span> - -Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne -den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.</p> - -<p>Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch -den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach. -Kurz vor der niederen Bogentür der Kapelle, die fast -märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen auftauchte, -überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein -und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. -Die alte morsche Tür hielt der doppelten Last nicht stand, -sondern knarrte aus dem Schloß. Eins am andern Halt -suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den -dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich -verdutzt und lachend an.</p> - -<p>Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen -gedeckt, so daß es beinahe finster in der Kapelle -war. Sie war möglichst als Gotteshaus erhalten. Ein -Hochaltar aus der Kölner Schule — die süßliche Madonna -in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden -Stifter —, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, -traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel -der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhänge auseinander. -Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorstühle -an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, -die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen -Empore. Das halbe Gewitterlicht von draußen -gab eine fahle, wunderliche Stimmung.</p> - -<p>Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen -und glasüberbaute Tische, die an Stelle der Bänke das -Kapellenschiff füllten, enthielten die Sammlung des -Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus -dem späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[S. 242]</a></span> -Antike, Handschriften aus dem vierzehnten und fünfzehnten -Jahrhundert.</p> - -<p>Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären — -Perthes hätte jetzt kaum zu einer näheren Besichtigung -Lust gehabt. Er lehnte schweigend an einem der Pfeiler -und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen Kirche -und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen -prasselte an die Scheiben, und der Sturm brauste draußen -in den mächtigen Bäumen.</p> - -<p>Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als -Säulenheiliger sehen Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” -klang es von der Höhe der Orgelempore hallend zu ihm -herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf und helfen -Sie mir!”</p> - -<p>Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, -die sie emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte -bedenklich unter seinen Tritten.</p> - -<p>Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete -an einer hohen Leiter.</p> - -<p>„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem -Argwohn.</p> - -<p>Sie deutete über sich.</p> - -<p>Man sah über die Dachsparren durch in den engen -Turm, in dem zu oberst ein oder zwei Balken querliefen, -die wohl früher eine Glocke getragen hatten.</p> - -<p>„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”</p> - -<p>„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da -kommen wir nicht hinauf. Oben an der Leiter fehlen -Sprossen, und weiter hinauf sehe ich überhaupt keine -Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[S. 243]</a></span> -Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht -einladende Leiter.</p> - -<p>„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was -nicht zu haben sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! -Wenn ich mir den Hals breche, sind Sie schuld, der Sie -mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg entschlossen -auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”</p> - -<p>„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und -besorgt ihre Hand.</p> - -<p>„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! -Erlauben! Was haben Sie zu erlauben!?”</p> - -<p>„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum -erstenmal brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.</p> - -<p>„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein -bißchen Leben besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, -Doktor — der —”</p> - -<p>Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte -sie knirschend beiseite.</p> - -<p>„Sie Barbar!”</p> - -<p>Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem -Lachen hinter ihm drein. Sie hatte seinen Mut -und seine Entschlossenheit in Frage gezogen, und er war -unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu lassen. -Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch -und höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne -ein Wort befehlend Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, -und sie zog sich geschickt an ihm empor.</p> - -<p>Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt -hatte.</p> - -<p>Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk -geschlagen, die zur Not als Stufen dienen konnten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[S. 244]</a></span> - -Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices -Wagemut vorstellig zu werden. Er wußte, daß er sie damit -nur um so trotziger machen würde. Ganz nur mit dem -gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er jede Bedenklichkeit: -er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb -zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter -Körper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.</p> - -<p>Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen -das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, -gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite -veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fußspitzen erhob, -streifte er mit den Händen an das Glockengerüst. Er suchte -es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, -um zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. -Die Balken, einer etwas höher als der andere, aber in -gleicher Richtung, bildeten eine notdürftige Bank.</p> - -<p>Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm -hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie -mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich — -fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in -Teufels Namen seinen Willen haben muß.</p> - -<p>„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen -ganz guten Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend -hervor.</p> - -<p>„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” -spottete er ingrimmig. „Fassen Sie die Planke da gefälligst -fester,” kommandierte er, „sonst segeln wir in die -Tiefe.”</p> - -<p>„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit -einer Mischung von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung -an. Sie saßen eng aneinandergedrängt; die<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[S. 245]</a></span> -Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rücken legen -müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung -des Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. -Er spürte die losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf -seiner Wange.</p> - -<p>„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich -die Aussicht ansehen?” meinte er erregt.</p> - -<p>Es war in der Tat schön da oben.</p> - -<p>Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes -übersah man flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen -schwer und schwarz über den Tannenkuppen. Blitz auf -Blitz zuckte daraus hervor und riß die verdunkelte Landschaft -in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte -ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, -auf die man heruntersah, und der Regen fuhr -in langen, glitzrigen Strichen nieder.</p> - -<p>Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, -Perthes ruhiger zu machen. Während er mit vom -Staube brennenden Augen hinausstarrte, fühlte er, wie -die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine -Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. -Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, -scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich -und ihr aufwarf und verteidigte.</p> - -<p>„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” -fragte sie nach einer Weile vorwurfsvoll. -„Tun Sie nicht Abbitte, Doktor Perthes?” Sie beugte -ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus gerichtete, -finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare -schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, -und die flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[S. 246]</a></span> - -„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte -er. Mit der äußersten Anspannung seines Willens wich er -ihrem Blick aus. Er wußte, daß er sie an sich reißen und -küssen mußte, wenn sich seine Augen mit den ihrigen -trafen — küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei beide in -Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends -gleichgültig ...</p> - -<p>„Ah — ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” -Ärgerlich glaubte Alice das Ziel seines starren -Blicks entdeckt zu haben.</p> - -<p>Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der -Krümmung des Flusses, zwischen windgepeitschten Baumkronen, -noch gar nicht beachtet. Jetzt erkannte er es. Der -Bann war gebrochen.</p> - -<p>Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, -bitter auf ihn ein und kühlte sein Blut ab.</p> - -<p>„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange -genug dauern. Halten Sie sich eine Sekunde fest. Mit -beiden Händen. Hier und hier.” Er bedeutete ihr die -beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ -er sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr -folgen.</p> - -<p>Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.</p> - -<p>Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, -war eine gähnende Luke. Sie konnte auf den Dachboden -führen. Vielleicht bot sich dort ein minder halsbrecherischer -Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören, leitete er sie -von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er voraus -und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken -kam er zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie -tappten Hand in Hand, vorsichtig und stumm durch den<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[S. 247]</a></span> -dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus aufscheuchten -und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der -Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe -führte vollends in die Tiefe. Der Abstieg war ein -Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen Aufstieg. In einer -engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei -zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, -gelangten sie auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür -kam man von dort hinter den Hochaltar und zurück in die -Kapelle.</p> - -<p>„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, -nicht ohne Vorwurf.</p> - -<p>„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm -steigen kann,” gab Alice frostig und einsilbig zurück.</p> - -<p>Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die -Uhr. Es war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste -Zeit, daß ich mich verabschiede!” murmelte er heftig.</p> - -<p>Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. -Der Regen hatte aufgehört. Es tropfte nur noch schwer -und laut von den glänzenden Zweigen.</p> - -<p>Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht -wünschen Sie sich etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” -Sie musterte sein verstaubtes Äußere vom Fuß zum Kopf -mit einem halben Lächeln, das er mit einem Blick auf ihr -ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte. -Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.</p> - -<p>„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich -mich von Ihren Eltern verabschieden kann,” rief ihr -Perthes nach.</p> - -<p>„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in -die Stadt gerufen. Ihre Exzellenz, die gnädige Frau,<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[S. 248]</a></span> -sind zu Bett gegangen,” meldete der hinzukommende -Diener.</p> - -<p>Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. -„Na, denn adieu!” Sie nickte ihm zu und streckte die -Hand lässig über das Geländer.</p> - -<p>Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie -haben wohl die Güte, mich den Herrschaften dankend zu -empfehlen. Auch Ihrem Herrn Bruder und Ihrer Fräulein -Cousine.”</p> - -<p>Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...</p> - -<p>Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den -Anzug reinigen.</p> - -<p>Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er -atmete auf und ging mit schnellen Schritten durch den -Garten dem Tor zu. Als es zufiel und Stift Nieburg -hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit vergangen, -seit er dort eingetreten war. Und doch waren -nur wenige Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle -aus der Droschke gestiegen. Wie um einen gefährlichen -Spuk, der kein Anrecht auf Wirklichkeit hatte, schleunig -loszuwerden, lief er zur Landstraße hinunter. Flußaufwärts -über den Bergen verzog sich das Gewitter mit aschgrauen -und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der -Ebene zu, blaute der Himmel wieder, und die Sonne zerriß -das dünne, schleierhafte Gewölk. Ihre Strahlen -drangen mutig vor und erreichten die Straße. Bis hinauf -zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und -blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die -Rinnsale in den Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch -eben trostlos braun und schmutzig, sprühten blendend -auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[S. 249]</a></span> -der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte -sich vom jenseitigen Ufer über das Tal und berührte mit -seinem Scheitel diesseits den Bergwald.</p> - -<p>Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes -haltgemacht. Er sah nicht zurück; aber er sah auch nichts -von dem milden Zauber des aufgeklärten Sommerabends -vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs nach der -Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort — das -wußte er. Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg -wollte er — so hatte er versprochen — sich und -sie entschädigen und wieder einmal über das Abendbrot -bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun -können.</p> - -<p>Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort -zu halten.</p> - -<p>Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben -Wegscheide den Wagen lieber zur Mühle als zum Stift -fahren heißen. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstraße -abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches -Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem -vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen -und preßte die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich -geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts -vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und -kein Wort, noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. -Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefühl von -Unrecht, ja von Schuld auf ihm.</p> - -<p>Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, -schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in -Arm traten zwei Mädchengestalten auf die Landstraße. -Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[S. 250]</a></span> -Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die -Hand vor die Augen und spähte die Straße entlang.</p> - -<p>Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um -hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. -Im nächsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewußt -wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch -seine Gemütsverfassung erschreckend klar.</p> - -<p>Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, -war das andere! War das, was er für Marga nicht empfand -und nie empfinden würde! Die Leidenschaft, die -zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft -auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, -zurück nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -— Alices spitzbübisches Gesicht mit der kecken Stupsnase, -den graugrünen, boshaft flackernden Augen, dem -lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke -von rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; -ihre biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und -hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, -sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den -ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft -nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück -nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten — -war über sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? -Und sie rächte sich ja schon! Sie wollte nicht übersprungen -sein. Gewiß — seine Ansicht hatte dem Willen diesen -Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschätzte, -erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame -des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, -war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer -hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Stoß<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[S. 251]</a></span> -ans feste Land geworfen — und nun kam die Woge, die -er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn -wegspülen. Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der -großen Stille, sondern dem Sturm —</p> - -<p>Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, -hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach -der Stadt und nicht nach der Mühle eingeschlagen.</p> - -<p>Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ -er sich schon fortspülen?</p> - -<p>Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank -in der Uferböschung. Linkshin sah man nach -dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden -Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen unmittelbar -aus dem Fluß aufzusteigen schien.</p> - -<p>Dort setzte er sich.</p> - -<p>Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von -bewimpelten, schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte -und rasselte den Fluß herunter, an ihm vorbei. Hinter -ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter vorüber; -ein Automobil fauchte und tutete — dann klirrte ein Fahrrad -— er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze -Besinnung und seine volle Stärke, um sich festzustemmen -und der Woge zu wehren, die ihn vom Land reißen wollte. -Sie trug menschliche Züge. Darum war es so schwer, sie -wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen, verführerischen -Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im -Auge zu behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, -in der Dämmerung verblassende Marga! Ein wildes, -unstetes Ringen war es, und als er sich durchgekämpft -zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl. -Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[S. 252]</a></span> -seiner Stirn, lag drückend auf seinem Rücken und schien -ihm die Glieder zerbrochen zu haben.</p> - -<p>Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, -den er gekommen war. Flußaufwärts nach der Sägemühle. -Er wiederholte sich standhaft ein und denselben -Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe -nicht stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun -...</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.</p> - -<p>Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. -Sie saßen in der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus -der Stadt, von wo sie um sechs Uhr zurückgekommen war: -sie hatte einige Besorgungen gemacht und nach dem Haus -am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die -Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt -zurückgekehrt werden.</p> - -<p>Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, -verkündete doch noch die Ankunft von Perthes.</p> - -<p>Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. -Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's -doch, daß du Wort halten würdest, wenn's irgend ginge!” -rief sie heiter.</p> - -<p>„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” -erwiderte Perthes mit der Reizbarkeit eines schlechten -Gewissens. Er schob Margas Arme, die sich mit zärtlicher -Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, beiseite.</p> - -<p>Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe -strahlenden Augen. „Verzeih!” stammelte sie verwirrt -und ließ die Arme sinken. „Bist du verstimmt von deinem -Besuch?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[S. 253]</a></span> - -„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! -Wir sind schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert -um seine zweifelhafte Laune. „Der Grandseigneur, wie -ihn Papa immer nennt, soll ja sehr exzellent sein. Er sieht -auch so aus. Und Alice Hupfeld —”</p> - -<p>„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ -sich auf einen Stuhl fallen. „Verstimmt oder nicht, ich -bin hungrig!” Er wunderte sich selbst über seinen rauhen, -unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit -verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für -mich!” setzte er artiger hinzu.</p> - -<p>„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum -bitten!” Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger. -„Sonst hätten Sie lange warten können. Sie scheinen -ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die -Wirtsstube.</p> - -<p>Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. -Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. -Sie nahm ihm seine Barschheit nicht übel. Aber mit der -feinen Witterung, mit der die Natur sie für ihre Blindheit -entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter -seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte -sie noch einmal seine Hand zu erreichen.</p> - -<p>„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie -sanft. „War's denn gar nicht ein bißchen nett auf dem -Stift?”</p> - -<p>„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, -ehe ich herkam. Darum wurde es so spät.” Er hatte ihr -seine Hand einen Moment überlassen. Sie streichelte sie -begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es -sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen.<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[S. 254]</a></span> -Er ärgerte sich auch, daß er log. Warum das? Das war -abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein -Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu -sprechen.</p> - -<p>Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie -um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie -schlüpfte gleichsam in sich hinein und grübelte beklommen.</p> - -<p>Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen -war. Eine Studentengesellschaft, die gegen -Abend eingefallen war, hatte unter den Vorräten tüchtig -aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was -sie hatte.</p> - -<p>Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war -nur Täuschung gewesen.</p> - -<p>Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune -wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das -Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm -vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob -er den Teller beiseite.</p> - -<p>Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und -lief trällernd in den Garten.</p> - -<p>Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich -möchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hör' -mich mal geduldig an!”</p> - -<p>Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet -sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewußt. -Aber schon daß Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger, -freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.</p> - -<p>Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst -seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis -zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[S. 255]</a></span> -unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte -ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf -der Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte -das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater -Richthoff zurückkäme! Wie sollte sich da das Versteckspiel -weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich für sie beide -vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste, -sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. -Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch -jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur -natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf -das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfüllte, -war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.</p> - -<p>Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er -sagte, kam ihr überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer -Liebe sich mehr und mehr erschweren würde, darüber hatte -sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lösung freilich, -die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut. -Und doch — es war nicht der unerwartete Vorschlag, -der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine -Gründe, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. -Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie hätte -nicht auf den Begriff bringen können, was sie befremdete. -Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war — -deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei -seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien -gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln -kühler Überlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner, -den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit -vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese Gegnerschaft -auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[S. 256]</a></span> - -Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern -auf dem Tisch, als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. -Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln, -als er beinahe ungehalten aufsprang.</p> - -<p>„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? -Oder bist du anderer Ansicht?”</p> - -<p>Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur -unerwartet. Ich muß mich erst in das Neue hineindenken.”</p> - -<p>„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser -Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!” Er -ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie -konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er biß -sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere -über die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes -Haar. Sie hörte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner -Stimme, aus der fahrigen Härte seiner Tritte.</p> - -<p>„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein -bißchen Zeit. Wir können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”</p> - -<p>„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach -dem Gegenteil!” stieß er vorwurfsvoll hervor.</p> - -<p>Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie -suchten nach ihm, bittend, besänftigend. „So was darfst -du nicht sagen, du! Das hört sich ja an, als hätte ich dich -nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankäme -— das weißt du — dann —”</p> - -<p>„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa -daran, daß ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe, -daß wir unser Heim gründen können? Sehr großartig -wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle -an einer kleineren, auswärtigen Klinik vielleicht.<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[S. 257]</a></span> -Später eine außerordentliche Professur und so weiter. -Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre -öffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, -als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer -für dich. Oder meinst du, daß dein Vater —” Er sah zu -Marga hinüber und hielt inne.</p> - -<p>Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses -herrische, gereizte Drängen, dieser Stolz, der nur von sich -sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie -mußte unwillkürlich seiner ersten Werbung gedenken, -die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung. -Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.</p> - -<p>Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und -legte die Hand auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, -ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch -heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht -zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig sein! -Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun -einmal Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen -real angefaßt sein! Das ist alles!”</p> - -<p>Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch -jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, -sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte -Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig, zu ernst, zu -weich — vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie -solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre -Tapferkeit aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. -Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen -hätte! Gewiß hätte sie das rechte Wort gefunden! -Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre -Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[S. 258]</a></span> -war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten -Mädchentagen.</p> - -<p>Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen -als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich -bin müde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!” -Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich sagte, bis zum -nächstenmal!”</p> - -<p>„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von -ihren Lippen.</p> - -<p>„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der -Klinik und muß ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, -Marga!” Er drückte ihr die Hand. „Wann fahrt ihr denn -nach der Stadt?”</p> - -<p>„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.</p> - -<p>Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der -Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim -Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die -Tür, die von dort in den Garten führte.</p> - -<p>Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? -Warum lief sie nicht hinter ihm drein?</p> - -<p>Sie saß wie gebannt.</p> - -<p>Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute -zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen -hatten, ihre Verlobung zu veröffentlichen; wo zum -erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede -gewesen war!</p> - -<p>Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.</p> - -<p>Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut -gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit — während -Elli in der Stadt, er auf dem Stift war — so glücklich gefühlt, -so bräutlich stolz. Als dann Elli zurückgekehrt war,<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[S. 259]</a></span> -wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von -ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem -Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen -zu müssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen -war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr, -als er doch, doch noch kam!</p> - -<p>Und jetzt?</p> - -<p>Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; -von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, -kaum faßbares Bild im Schimmer der Zukunft -gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen! -Gewiß — sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. -Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre -Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drückende, -quälende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fühlte -die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und -aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt -und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen -ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; -für den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte. -Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine -Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid -war und wenn — doch das war ja nicht auszudenken, -das war ja frevelhaft von ihr! — und wenn er auf ein -öffentliches Verlöbnis nur drang, um — ja, um jede Brücke -zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!</p> - -<p>Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem -Schal und fand ihn nicht.</p> - -<p>Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher -nahm sie das Recht zu diesem häßlichen Verdacht? Es half -nichts, daß sie so fragte. Angst und Zweifel ließen sie darum<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[S. 260]</a></span> -nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke -um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet, -war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften -Glück, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. -Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfüllte, daß — -daß ...</p> - -<p>Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. -Auf der Landstraße, auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert -war. Einen Gruß hatte er ihr noch für Marga -aufgetragen. Und einen Kuß.</p> - -<p>Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte -ihn zehnfach.</p> - -<p>Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die -zehrende Herzensangst schwand vor neuer Hoffnung. Sie -erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie schöpfte Mut -aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber -schalt sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte -sie noch mit viel schlimmeren Schimpfnamen.</p> - -<p>Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, -malten sich Vater Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen -aus, plauderten und bauten Luftschlösser, bis -das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches zur -Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle -dunkel und dunkler wurde.</p> - -<p>Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem -Übermut nach oben.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c10" id="c10">10</a></h2> - - -<p>Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise -heimkehrten, mußte im Haus am Wenzelsberg das große -Herbstreinmachen erledigt sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[S. 261]</a></span> - -Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, -war Therese aus ihrem Heimatdorf zurückgekommen, so -wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das Unterste zu oberst -gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren Geister. -Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die -beiden Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. -Elli zumal warf sich ungestüm wie ein junges Füllen ins -Joch. Sie wollte überall dabei sein. Marga hatte ihre liebe -Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern abzuhalten. -Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren -Hantierung zurückholte, zur Ordnung in Schränken und -Kommoden und im Silberkasten, schmollte Elli über ihre -gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein Rohrspatz.</p> - -<p>„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute -Lehren zu geben! Lernen solltest du von mir, statt mich -von aller tüchtigen Arbeit fernzuhalten! Du wirst 'ne -nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie der Geist Gottes -über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes anzufassen! -Perthes kann einem leid tun!”</p> - -<p>Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche -Vorhaltungen „einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft -verteidigte und erklärte, es genüge gewiß, die Aufsicht -zu führen. Da legte Elli verdoppelt los: sie würde sich -nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber -ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis -sechs Dienstboten halten! Und sie, Marga, könne dann -dasitzen, auf einem goldenen Thrönchen, die Hände im -Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli ruhte nicht -und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen -Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es -so lang und so toll, bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[S. 262]</a></span> - -„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich -traurig und verlegen. „Was andere können, kann ich -natürlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug -gesagt.”</p> - -<p>„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich -vor Vergnügen auf die Lippen biß.</p> - -<p>„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit -mir sein wird. Und großartig werden wir's wahrhaftig -nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon -im Haus nicht so wird, wie er's erwartet — unter den -Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts -nütze.” Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, -aber nicht, um „hohe Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt -vor sich hinzugrübeln.</p> - -<p>Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie -lachte sie aus, daß beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.</p> - -<p>Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz -für bare Münze zu nehmen! Im Handumdrehen -machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft. -Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche, -peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein -sollte! Marga mit ihren geschickten Händen, ihrem guten -Geschmack, ihrem klaren Kopf würde eine bessere Hausfrau -werden als zehn andere mit zwanzig und mehr -Augen! Und dann wäre auch sie noch da — die Schwägerin -Elli! Ihr würde man doch wohl nicht das Haus verbieten. -Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten, -wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und -ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie —</p> - -<p>Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[S. 263]</a></span> -doch lachen. Und während sie ihre Arbeit des Silberputzens -wieder aufnahm, ließ sie sich gern überzeugen, -daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und -Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger -Wunsch und Wille ...</p> - -<p>Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die -Stadt Blumen geschickt. Für Marga hatte ein kurzer -Brief beigelegen, in dem er sie für seine schlechte Stimmung -am letzten Abend auf der Mühle um Verzeihung -bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der -Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, -daß er nicht in sie drang. Dafür kam sie selber beim -ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf -zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen Gedanken, -die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt -und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes -Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu -und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf der Schwerfälligkeit -hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie -drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück -und kämpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung -mißtrauischer Sorge um ihr Glück tapfer nieder.</p> - -<p>Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der -Klinik enthielt er sich kritischer Überlegungen. In Erinnerung -an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied -er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob -auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen -konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links -zu sehen: für ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr -gegeben; der Entschluß, den er für sie beide gefaßt. Über -eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[S. 264]</a></span> -eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied -über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga -war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich -strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung -im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte, -in Marga die große Stille nicht begreifen und sich -zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein -Aufwärts, sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit -und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus -eigenem Willen. Darum biß er die Zähne aufeinander. -Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit -der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem -er um Marga stritt ...</p> - -<p>Es wurde Mitte September.</p> - -<p>Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und -einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stück -Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu -setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle gerückt, eine aufgeschlagene -Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel verschoben -wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. -Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag -die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.</p> - -<p>Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. -„In wenigen Tagen sind wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll -geklungen. „Papa depeschiert Tag und Stunde.”</p> - -<p>Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte -sich unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, -der in Kreuth seine Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, -den alten Herrn noch für eine Woche zu sich zu -locken.</p> - -<p>Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[S. 265]</a></span> -auf die schwierigen Eröffnungen, die sie zu machen hatte, -und auf Perthes' Werbebesuch mit ebensoviel Bangen -wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die Zögerung. -Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf -sie sich, zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und -fand das Leben so rosig und „wonnig” — das war ihre -Lieblingsbezeichnung — wie je.</p> - -<p>Und die acht Tage vergingen auch.</p> - -<p>Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga -noch einmal: sie schworen sich treue Waffenbrüderschaft -für ihre Liebesgeheimnisse. Sie kamen gerade recht zum -Zug.</p> - -<p>Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz -darauf war sie auch schon auf dem Perron, blühend, -gebräunt, ordentlich rundlich in dem funkelnagelneuen, hellgrauen -Kostüm, das Papa unterwegs spendiert hatte. -Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.</p> - -<p>Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich -zeigte. Er war nämlich gerührt. Und das paßte ihm -nicht. Deshalb wirtschaftete er eine beträchtliche Weile -im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann, der -es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, -mit einer Miene, die sehr würdig und zurückschreckend -aussehen sollte, — den neuen Strohhut mit grünem Band -verwegen wie Garibaldi über dem weißbärtigen Gesicht. -Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf offener -Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu -küssen. „Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher -Stimme. „Seid wohl, hoff' ich? Und habt euch reputierlich -geführt? Werden ja sehen!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[S. 266]</a></span> - -Im Wagen — „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” -— ging es lachend und plaudernd an den -Wenzelsberg.</p> - -<p>Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst -— auch nur „zum Abgewöhnen” natürlich. Und auch die -drei Schwestern waren voneinander hoch befriedigt. —</p> - -<p>Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg -sein gewohntes Aussehen.</p> - -<p>Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen -Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig -in sich wachsen gefühlt. Eine so lange, faule Ausspannung -war unerhört. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung, -daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen -für die erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” -brachte. Da gab es doch gleich alle Hände -voll zu tun.</p> - -<p>Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem -alten, mächtigen Qualm.</p> - -<p>Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu -„Nikotinlosen” hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte -Stroh war das! Aber die römischen Gewaltherren zeigten -sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten -Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken, -aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen -Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und -sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott -nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell stehen. Dafür -wollte der alte Herr sorgen!</p> - -<p>Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung -sehr nahe bevorstand.</p> - -<p>An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[S. 267]</a></span> -hatte Käthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. -Lizzie besaß neben ihrer verzehrenden Leidenschaft für -Musik, die sich kein Konzert und keine Opernaufführung -entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden -Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für -Klatschereien jeder Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes -Besuch an Andeutungen über Herrenbesuche auf der -Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen -Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff -die Freude an der ganzen Reise nachträglich zu verderben, -lag ihr natürlich fern. Er sollte im Gegenteil -von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie möglich -erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli -etwas zu hören bekommen sollten!</p> - -<p>Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den -Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, -und zwar noch am selben Tag.</p> - -<p>Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli -war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der -älteren Schwester beantwortete sie mit einem fröhlichen, -höchst despektierlichen Lachen.</p> - -<p>„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli -fidel. „Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt -mündig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht -auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen -auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. -Versuch's mal mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber -bös blamieren! Ich weiß, was ich weiß, und ich warne -dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend die Hände -über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes -Augen außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[S. 268]</a></span> -sah aus, als hätte sie und nicht die Schwester in den bayrischen -Alpen schuhplatteln sehen.</p> - -<p>Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen -durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb -sie in ihr Tagebuch: „Ernst sein können ist alles. Wie -sind Menschen zu bedauern, die von diesem großen Geheimnis, -das allein das Leben lebenswert macht, keine -Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist -seltsam, daß in einer und derselben Familie, unter Geschwistern -die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich -verteilt sein können!”</p> - -<p>Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene -Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften -sich „die Kleinen” nicht einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes -Benehmen so hingehen ließ!</p> - -<p>Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli -verständigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und -Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein, -daß es nun das beste wäre, nicht länger zu zaudern, sondern -Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis abzulegen, -ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche -Dinge zugetragen wurden.</p> - -<p>Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen -und nichts gehört. Es galt, zuerst seine Meinung -noch einmal einzuholen. Elli beförderte ihre Zeilen, -die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch -die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. -Aber sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit -nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war -verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte -Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[S. 269]</a></span> -Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte -ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag -und Stunde unter ihnen festgesetzt war.</p> - -<p>Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich -seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken -gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden, -sich über die zeitige, hohe Röte des wilden Reblaubes -am Philosophenweg gewundert und war dann, seines -Kaffees gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an -seinen Schreibtisch gegangen.</p> - -<p>Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.</p> - -<p>Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift -auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel -auf dem in seine Nähe geschobenen Tablett lauter als -sonst klirrten, sah er auf. Er wußte, daß in dieser Woche -die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu -bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch -Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte -selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten -beeinträchtigen konnte.</p> - -<p>„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, -sich wieder ans Schreiben machend.</p> - -<p>„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu -dürfen,” erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, -in der ihre Erregung durchzitterte.</p> - -<p>„So —” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb -hingehört. Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre -Geister.</p> - -<p>„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” -ließ sich Marga nach einer Weile schüchtern von neuem -vernehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[S. 270]</a></span> - -„Ach so — du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt -an seiner Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! -Ich hab' unbändig zu tun, Mädel!”</p> - -<p>„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich -möchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” -fuhr sie fester und lauter fort.</p> - -<p>Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich -ungnädig an. „Na denn! Aber kurz!”</p> - -<p>„So kurz ich kann!”</p> - -<p>Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie -in ihren Zügen und Gebärden vergeblich zu bemeistern -suchte. „Setz' dich mal! Hierher!” Er schob ihr den -Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun vorwärts -— wenn's so wichtig ist!”</p> - -<p>Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie -geheißen. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl -eingab, erzählte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen -war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher -und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater -gegenüber wagte.</p> - -<p>Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen -zu. Er spielte mit seinem Gänsekiel und sah ab und zu -in seine Blättchen. Allmählich änderte sich das. Seine -Augen vergrößerten sich hinter den Brillengläsern. Er -schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der anderen, -warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer -barschen Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.</p> - -<p>Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels -am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein -in seine römische Kaisergeschichte, eine handgreifliche -Liebesaffäre zum besten. Wäre es Elli gewesen, auch<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[S. 271]</a></span> -Käthe — er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber -Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! -Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen, -als daß sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen -sollte!</p> - -<p>Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal -war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu -derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt! -Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen: -Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast -dich täuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der -Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, -das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete, -entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie stürmisch -zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige -als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er -bemerkte jetzt, wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher -nur als „wohl” aufgefallen war, in diesen Sommerwochen -an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie -die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren -Wangen die Sonne von innen nach außen trugen. Sein -Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestürzung -über. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte -Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen Kleinigkeiten, -mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. -Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, -die nicht den grimmigen Pascha, sondern den -Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und -verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil -der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte -er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den höchsten, den er<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[S. 272]</a></span> -seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftürmen -sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der, -gerade der mußte erstiegen sein!</p> - -<p>Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem -Schweigen, die Hände im Schoß verschränkt und die Augen -erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war -so still in dem verqualmten, bücherumhegten Zimmer — -man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen, -altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit -bohrte und tickte.</p> - -<p>„Das — das ist also — so gewissermaßen — mein -Reisepräsent!” stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, -viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. „Was soll denn da -geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?” Ratlos -und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga -und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört -war, selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.</p> - -<p>„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu -werden,” meinte sie leise und überzeugt.</p> - -<p>„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei -Worten abzumachen wäre! Ich — ich, der ich diesen jungen -Menschen da, diesen, diesen — deinen Max oder wie du -ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich -— bei dir — mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht -gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch —” -Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte -sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten -sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der über -Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ ihn abbrechen. -Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige Entrüstung<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[S. 273]</a></span> -vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine -Hände: „Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! -Mußte das denn sein? Sag doch selber, daß es ungereimtes -Zeug ist! Und daß —”</p> - -<p>„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, -wie es dir jetzt vorkommen will! Und er — Doktor -Perthes — möchte mit dir reden, um dir's noch besser -zu sagen, als ich's kann!”</p> - -<p>Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” -wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte -schon. Die Präliminarien waren alle schon überwunden. -Womöglich mit einem richtigen, auswendig gelernten, -feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das -Haus stürmen.</p> - -<p>„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” -ergänzte sich Marga bittend.</p> - -<p>„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja -das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das —” -Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm -wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider -die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen -werd' ich mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit -klagender Rauheit hervor.</p> - -<p>„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit -Vertrauen zurück. „Sicherlich wirst du —”</p> - -<p>„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts -werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich -eine gebieterische Haltung zu geben. „Laß mich jetzt zufrieden! -Ich muß arbeiten! Allein sein!”</p> - -<p>Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber -ihre Arme, ihre Hände suchten nach ihm. Durch eine<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[S. 274]</a></span> -Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung -bitten.</p> - -<p>Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, -um einer „Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend -nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal -über die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt -wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte er -um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.</p> - -<p>Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit -trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, -daß seine Brillengläser sich sehr verdächtig beschlugen! -Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und -küssen konnte.</p> - -<p>Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.</p> - -<p>Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der -Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, -die ihm da plötzlich aufgebürdet wurde, irgendwie -vertagen können — etwa wie eine inopportune -Quellenfrage zweiten Ranges —, hatte er sich über seine -eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen -Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre -des Trajan zurückzukehren, sprang er gleich -wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten, -das von leisen und lauten, schmerzlichen und -zornigen Erwägungen begleitet war.</p> - -<p>Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen — -„Männer daherschleppen könnten”, hieß er es bei sich —, -hatte er mitunter im Bereich der Möglichkeit gesehen. -Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins Reich der -Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer -eine stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[S. 275]</a></span> -rührte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, -um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm -träumerisch und gefühlsweich zu werden schien, hatte er -sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung, -sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. -So wie es einmal mit ihr hatte kommen müssen, -sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenüberstehen. -Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen. -Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent -noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden. -Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.</p> - -<p>Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen -Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer -nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue -Schrift vorgelegt hätte, die er nicht kannte und die seine -ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde -irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die -Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren -gemeint, er könne mit den drei Mädels so allein nicht zuwege -kommen. Die bloße Paschastrenge tat es nicht. -Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder -von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen -sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, -die Kindsmagd spielen — das lag ja so weit, so himmelweit -ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe, -die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar nichts, -wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders, -hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache -nicht wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein -Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben -ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[S. 276]</a></span> - -Er durfte nur ja oder nein sagen.</p> - -<p>Nein sagen mußte er natürlich.</p> - -<p>So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft -sträubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga -war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn -er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er -von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche -Liebe, sie mochte noch so groß und überschwenglich sein, -mußte sich wund und mürb reiben an den Forderungen -der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge Leute bestreiten, -aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte -jedes Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.</p> - -<p>Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so -lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen -das grausame Verdikt auf.</p> - -<p>Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, -in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung -das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor. -Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und -dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste. -Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln -und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, -alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt -und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger, innerer Reife -über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es -nicht genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des -Tages ausschloß und in immerwährende Nacht bannte? -Blind sein — hieß es für sie nicht, mit einem Teil ihres -Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand -geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das -Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[S. 277]</a></span> -nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glück, -und das ist dein Unglück? Die Liebe — konnte sie sie nicht -entschädigen wollen für das, was ihr an Licht und Lust -genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer -mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in -ihm bekämpfte die nüchterne Besonnenheit, die er seinem -guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann -nicht — kaum von Angesicht — der ihr die Hand bieten -wollte. War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er -wollte und tat? War es wirklich so über allen Verstand, -daß ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte, -so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren Wert -vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und -Fülle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. -Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Für -und Wider sich die Wage ...</p> - -<p>Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen -und Sorgen die Stunden vergingen.</p> - -<p>Es wurde Abend.</p> - -<p>Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein -huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch -auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf -seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher und -Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich -aus der Stube und ließ der Dämmerung das Feld.</p> - -<p>Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen -Kommode, deren goldbraunes Holz metallene -Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie, -in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild -seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als -könnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[S. 278]</a></span> -Ferne vieler Jahre Trost und Klärung in seine Wirrnis -bringen.</p> - -<p>Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.</p> - -<p>Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte -er Käthe, die fragend hereinschaute, aus der Tür.</p> - -<p>Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und -dann saß er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum daß -er die Speisen berührte. Nach einer Viertelstunde verschwand -er wieder.</p> - -<p>Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging -sich in besorgten Mutmaßungen über seine Gesundheit. -Sie ließ durchblicken, daß Hofrat Geismar ihr in Kreuth -einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe, -wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur -wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.</p> - -<p>Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. -Sie hatte sich alle Mühe gegeben, in Vater Richthoffs -Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie später im -Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr -Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” -zu deuten.</p> - -<p>Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das -Haus am Wenzelsberg.</p> - -<p>Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte -mit ihrem Schein die spätesten Wanderer. Als -der alte Herr sie endlich löschte, hatten die Geister der -römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche -Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe -zu zerbrechen.</p> - -<p>Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung -mit Marga.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[S. 279]</a></span> - -Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen -von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser -Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das -Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz -sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit, -den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu -empfangen. „Um ihm den Kopf zu waschen!” wie er -meinte. Und er ließ sich zwar nicht von Marga küssen, -aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die -Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in -den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. —</p> - -<p>Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem -Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach -Tisch ging sie aus dem Haus.</p> - -<p>„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” -frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurückblieb.</p> - -<p>„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte -Marga nachdenklich. „Sie wird es nicht schwesterlich -finden, daß ich sie so gar nicht vorbereitete.”</p> - -<p>„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja -gerade das Netteste! — Was machen wir jetzt? Es dauert -noch anderthalb Stunden, ehe das große Ereignis beginnt. -Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Faß -mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre glühheiße -Wange. „Hast du kalte Hände — puh! Dir scheint's -ja auch tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! -Du hättest mal sehen sollen, wie Papa aussah -bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal -bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[S. 280]</a></span> -hielte — an den künftigen Schwiegersohn natürlich!” -Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube -hinaus auf den Weinberg. „Wahrhaftig! Papa -kommt schon zurück! Keine zehn Minuten war er heut' -bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön -auf den Kopf gestellt, Margakind! — Komm, wir gehen -nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten -auszuhalten sein.”</p> - -<p>Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, -da die Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, -wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz. -Um nicht verzagt zu werden, mußte sie sich immer bei sich -wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der Tür -steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max —</p> - -<p>Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte -sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und -schwatzte — schwatzte das Blaue vom Himmel herunter. -„Natürlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er muß -bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller -Bräutigam! — Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen -— als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich -so richtig was erzählt? — Eigentlich ist's doch zu schnurrig, -daß du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, -die Wilmannsmädels — die Gesichter möcht' ich sehen! -— Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn doch Wilkens -endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat -mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. -Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” -Traurig und seufzend ließ Elli die Stimme sinken.</p> - -<p>„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete -Marga.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[S. 281]</a></span> - -„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -— Ach, du, Margakind, waren das Tage auf der -Sägemühle! So schön wird's im ganzen Leben nicht -wieder!”</p> - -<p>Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.</p> - -<p>Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe -Tag um Tag. Wie Perthes und Wilkens zum erstenmal -miteinander draußen auftauchten. So unerwartet und -doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen verbot. -Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge -machten. Erst in so niedergeschlagener, trüber Stimmung -und dann auf dem Heimweg so glücksfroh — über den endlosen -Hang von läutenden Glockenblumen, den Marga -erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben -am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen -Mahlzeiten zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, -wo Borngräber den Sündenbock machen mußte -und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz sich auflöste. -Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, -von ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, -wie ihr Herz klopfte.</p> - -<p>Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war -im Fluge vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie -schlug, und wurden beide still und ernst.</p> - -<p>„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, -ehe er zu Papa hineingeht,” brach Marga zuerst wieder -das Schweigen. „Ihm wenigstens die Hand drücken -oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.</p> - -<p>„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. -Laß mich nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. -Sie öffnete die Tür und schlüpfte nach dem Flur, um die<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[S. 282]</a></span> -Wache anzutreten, so wie sie und Käthe es zu machen -pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von -Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du -noch,” flüsterte sie, sich auf der Schwelle nach Marga -umdrehend, „wie wir ihn zuerst sichteten? Damals — -mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”</p> - -<p>Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger -auf ihrem Platz.</p> - -<p>„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich -sehe, daß er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend -über das Treppengeländer, obwohl noch nichts -zu hören und zu sehen war.</p> - -<p>Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig -wurde an der Hausklingel geläutet. Lange und -schrill tönte es durchs Haus.</p> - -<p>Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern -konnte, eilte sie die Treppe hinunter.</p> - -<p>Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese -schon geöffnet hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. -Enttäuscht blieb sie stehen.</p> - -<p>„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” -Therese kam ihr entgegen und schob ihr ein Kuvert -in die Hand.</p> - -<p>Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch -nicht — Perthes würde doch nicht etwa abgehalten sein, -zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles Blut aus dem -Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die -Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten -also nur von ihm sein.</p> - -<p>Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[S. 283]</a></span> - -„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. -So weit sie sich vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was -vorging.</p> - -<p>Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre -Fingerspitzen das Papier abtasteten, bewegten ihre -Lippen sich lautlos. Sie las:</p> - -<p> -„Liebe Marga!<br /> -</p> - -<p>Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben -müßte! Du wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie -ich mich verachte. Ich kann nicht kommen. Ich kann mein -Wort nicht einlösen — —”</p> - -<p>Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte -den Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte -die Hand gegen ihr Herz. Ein gedämpfter, kurzer, klagender -Aufschrei, wie der Schrei eines Sterbenden, rang sich von -ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die Treppen zu erklimmen. -Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten -Stock taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das -ewige Dunkel um sie her schien ihr in eine Wolke roten -Bluts verwandelt. Sie konnte nicht rufen. Ihre Sinne -schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit ihnen —: -Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...</p> - -<p>Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das -Geräusch, das sie erschütterte. Zur rechten Zeit, um -Marga in seinen Armen aufzufangen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c11" id="c11">11</a></h2> - - -<p>Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die -chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine -mehrwöchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[S. 284]</a></span> -erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten -in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis -unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil -wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten -und Weisungen zu erteilen.</p> - -<p>Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, -etwas pedantischer und schwerfälliger Mensch, -dessen Haltung den ehemaligen Militärarzt verriet, folgte -mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag, -während einige jüngere Volontärärzte unter der -Einfahrt stehen blieben.</p> - -<p>Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen -Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines -Stabes, vervollständigt durch den in Positur stehenden, -die Mütze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten -Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt -im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. -Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem -Einsteigen. „Sie haben also keine guten Nachrichten von -Professor Kronheim?” fragte er mit seiner lauten, getragenen -Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.</p> - -<p>„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich -fürchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um -weitere vier bis sechs Wochen verlängern müssen.”</p> - -<p>„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”</p> - -<p>„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner -korrekt weiter, „aber es fehlen auch die Anzeichen für eine -Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Süden.”</p> - -<p>„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. -Höchst fatal!” Hupfeld strich sich gedankenvoll über das -runde, volle Kinn. „Sie sagen, vier bis sechs Wochen.<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[S. 285]</a></span> -Ich fürchte — ich fürchte, die Sache wird sich über den ganzen -Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen -Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den -Wagentritt gesetzt.</p> - -<p>Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, -um ihn zu unterstützen.</p> - -<p>Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. -„So wird die Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf -irgendeinen Ausweg denken,” überlegte er. „Ich sage -das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten, -„um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf -zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. -Ich bin außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender -Blick der blaßgrauen Augen schweifte von -Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie -müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich -auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, -gefällt mir ganz und gar nicht. Sie überarbeiten sich!”</p> - -<p>„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!” -versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe -seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten -Augen schienen ihn freilich Lügen zu strafen.</p> - -<p>„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen -Hochziehen der dünnen, falben Augenbrauen der -Geheime Rat, „ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch. -Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen. -Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. -Ich habe andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor -mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich -in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, daß der Chauffeur -nur den Schlag schließen und der Oberwärter nur<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[S. 286]</a></span> -einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen -Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. -Sie, Kollege Brunner, lädt man ja doch umsonst ein. -Der Herbst ist so schön draußen auf dem Stift!” Hupfeld -lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”</p> - -<p>Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr -es unter hellem Signal leicht und glatt davon.</p> - -<p>„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem -ersten Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte -den Kollegen zu, während sie ins Haus zurücktraten.</p> - -<p>Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb -bewundernde, halb neidische Bemerkung hören. Er zog -ärgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm, -daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach Kronheim -war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im -übrigen waren ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf -waren, nicht neu. Er galt für den erklärten Günstling -von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den -Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. -Daß ihn der Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte -er sich ebensowenig täuschen wie die anderen. Was aber -seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice -Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend -der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin -zielende Fopperei Markwaldts, seines früheren Institutsgenossen, -auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender -Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige -Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe -gemacht hatte, den wahren Charakter des mysteriösen -Perthes „auszuwickeln”, seine Anzapfung heute zu wiederholen -gewagt haben — er hätte bestenfalls ein Achselzucken<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[S. 287]</a></span> -oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur -Antwort bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal -nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte hätte sie -auch auf sich selbst bezogen.</p> - -<p>Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...</p> - -<p>Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor -dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, -war ein letztes, ohnmächtiges Aufflackern gewesen. -Damals war in ihm die Täuschung, er könnte wie ein Nachtwandler, -nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem -festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga -Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem -Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine -Kraft sich mindern gefühlt. Dafür trat ein, woran sein -selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert -hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, ihm die -Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm -aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben -mußten. Jene Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des -Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen -Feingefühl ihn gewarnt, und die er für jetzt und alle Zukunft -gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche -Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung -sagen? Was würde Alice für ein Gesicht ziehen? -Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien, -der Spott und Ärger, die Geringschätzung und Zurücksetzung, -die kommen würden — wie winzige bösartige -Insekten wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, -unterfraßen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften -Entschluß. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn -er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[S. 288]</a></span> -begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem -Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde -um Wunde schlagen, ihn vielleicht für immer aus seiner -Laufbahn drängen würde!</p> - -<p>Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für -so gleichgültig und unempfindlich hielt, bebte schon vor -den Gebilden zurück, mit denen seine Phantasie auf ihn -eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenüber dieser -kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, Schönheit -und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner -inneren Sehnsucht sein würde — ein Königreich gegenüber -allem, was er an äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das -Königreich war nicht für ihn. Er hatte sich überschätzt. -Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn hätte -emporheben müssen — sie war nur ersprungen, nicht erschritten -und erlebt.</p> - -<p>Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach -dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt — jetzt war er -da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete, -zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos, -unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...</p> - -<p>Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief -an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der -Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an -den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte? -Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein öffentliches -Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? -Er ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein -Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, -hingebendes Gemüt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos, -über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht!<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[S. 289]</a></span> -Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten, -um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? -Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, -solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu -können?</p> - -<p>Und er schrieb den Absagebrief.</p> - -<p>Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb -ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine -Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frühjahr durchgemacht -hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals -fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer -Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf -die nüchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz -folgte, war heiß und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung, -wie sie mehr oder minder keinem Menschen -von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, -die jetzt sich seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung -war kalt und verächtlich. Damals hatte er -mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt; -jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er -der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit -näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in -ihm war, gönnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht. -Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel, -der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.</p> - -<p>Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie -ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm -bisher ohne sein Hinzutun in den Schoß gefallen waren? -War es ihm versagt, das zu werden, was sein höheres -Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben die Leiter<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[S. 290]</a></span> -der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem -wie möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die -Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg -war vielleicht so gewissermaßen ihr Symbol gewesen. -Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein, -und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, -zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht -und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen! -Es lag ein dämonischer Reiz in der Abkehr von der Höhe -zum Durchschnitt.</p> - -<p>Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, -waren viel mehr seine inneren Kämpfe als — -wie Exzellenz Hupfeld vermutete — die klinische Überbürdung. -Und er war töricht oder gleichgültig genug, -die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung -zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt -hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat -in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts -und Professor Hammanns, seines früheren Chefs, -für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit -ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur -irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen -Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch, -wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann -mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld -heraustrat.</p> - -<p>Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer -im Kapellenturm kühl und schnippisch behandelte, wie -seine Zurückhaltung in höfliche, später in eifrige Dienstbeflissenheit -überging. Er konnte also doch Feuer fangen, -dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[S. 291]</a></span> -als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie -ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen -wurde in dem Grade spröder und süffisanter, als er sich -um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen -Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten. -Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch -endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie -passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen -Übungen war, lernte sie schnell und saß bald tadellos im -Sattel. Sie arrangierte in der Universitätsreitbahn eine -Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die -schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus -durchzumachen, Perthes und sie gaben -die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts -und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit -die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.</p> - -<p>Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch -ihre Spöttereien abschrecken. Mit höhnischer Verachtung -unterdrückte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich -gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben wollte. -Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten -in der Nacht — er wußte nicht wie und warum — fand er -sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des -scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein -in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die -da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, -den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie -vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die -Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens? -Ein andermal war er, von einer jähen Regung überfallen, -auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-öden<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[S. 292]</a></span> -Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach -seinen Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte -und sprang auf und davon. Mit Geißelhieben jagte er -sich und seine Sentimentalitäten heim. Und er überließ -sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit -dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. -Bei ihr — ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er -suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das -Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte — ein Irrlicht, -das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem -aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit -und Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...</p> - -<p>Es war Mitte November geworden.</p> - -<p>Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische -Fakultät wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre -dareinsetzt, das maliziöse Wort, die Vorlesungen seien eine -unangenehme Unterbrechung der Universitätsferien, nicht -Lügen zu strafen.</p> - -<p>Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, -Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. -Der köstliche Spätherbst des Jahres war da draußen ob -dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und tannengrünen -Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter -mußte das Automobil den Weg nach der Chirurgischen -Klinik hin und zurück machen.</p> - -<p>Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und -vertretende Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht -wieder aufnehmen können. Die Nachrichten von der -Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll. -Brunner und Perthes mit den Volontärärzten -versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[S. 293]</a></span> -Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation -nicht wieder zurückgekommen.</p> - -<p>Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag -freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen -wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin, -Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen, -die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden -Händen balancierte.</p> - -<p>Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und -ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst -vor seiner Tür las er den Namen. Es stand da mit schöngeschnittenen -Buchstaben groß und einfach: „Benno Hupfeld -Wirklicher Geheimer Rat.”</p> - -<p>Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen -Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultät -mit herkömmlicher Bequemlichkeit höchstens ihren verheirateten -Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten -und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren -Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen -mit einer liebenswürdigen Entschuldigung entheben durfte, -zeugte diese Karte von einer außergewöhnlichen Artigkeit. -Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer -aufs Geratewohl beiseite.</p> - -<p>Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.</p> - -<p>Was war er doch noch immer für ein unvollkommener -Schüler der Strebekunst!</p> - -<p>Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn -übertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, -auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden -Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte -der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[S. 294]</a></span> -Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, -das erste nicht zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, -das seine neue Methode des bewußten Hochkletterns -gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie auf -ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. -Schade, daß er den nicht zur Hand hatte!</p> - -<p>Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen -pompösen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes -mit vollendeter Höflichkeit an den Geheimen Rat heran. -„Exzellenz hatten die außerordentliche Liebenswürdigkeit -—”</p> - -<p>„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, -daß ich Sie nicht antraf!”</p> - -<p>„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite —”</p> - -<p>„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, -die —” Hupfeld überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich -möchte das nicht aufschieben. Sie können sich mit mir ins -Auto setzen. Es läßt sich da ungestört plaudern. Wollen -Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebärden -begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich -machten.</p> - -<p>Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis -von Wohlwollen. Die Volontärärzte auf der Treppe des -Vestibüls machten lange Hälse. Doktor Brunner war -diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht -zurückgetreten.</p> - -<p>„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange -in Anspruch nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken -schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. „Ich lasse Sie -mit meinem Wagen zurückführen.”</p> - -<p>Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell.<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[S. 295]</a></span> -„Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er -deutete auf seinen Operationsmantel.</p> - -<p>Der Geheime Rat nickte gütig.</p> - -<p>Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in -der Sonne öffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen -und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als -er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im -Nu kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen -Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser -Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat, -meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören wie: „Exzellenz -Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut -in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorüber, -der unglücklich dreinsah und an seinem militärischen Schnauzbart -zu kauen schien.</p> - -<p>Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem -Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei -einen Bückling, für den Perthes ihm ins Genick hätte -hauen mögen.</p> - -<p>Doch schon fuhren sie tutend davon.</p> - -<p>Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten -auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch -innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße -unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit -zu erwidern, ob es sich um einen Universitätsdiener -handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brücke, -am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich -in die Landstraße überging, kam er <span class="antiqua">in medias res</span>. Nachdem -er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden -des armen Kronheim biete — er hatte neuerdings selbst -sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten —, sprach er<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[S. 296]</a></span> -von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner -Klinik einstweilen neu zu besetzen.</p> - -<p>„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten -Brunner, der eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” -erklärte der Geheime Rat fortfahrend. „Um es -von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich -brauche.”</p> - -<p>„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen -Kollegen schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er -sich selbst über die neugewonnene Fähigkeit wunderte, -sich durch billige Komplimente für andere ins beste Licht -zu setzen. Perfid war er also auch schon.</p> - -<p>„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das -wohlfeile Lob ein. „Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder -Zug ins Große. Er kann nichts selber in die Hand nehmen, -wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt, -der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich -haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” -Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden -Prädikate mit monumentaler Rhetorik von sich. „Und -dann — was die Hauptsache ist —, er muß das Zeug zu -einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute -Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit -nicht. Das haben — <span class="antiqua">senza complimenti</span> — -Sie, mein lieber junger Kollege!”</p> - -<p>Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen -abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit -noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er -mußte sie durch Gebärden ersetzen.</p> - -<p>„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, -der ihn auch so verstand. „Machen wir uns nichts vor.<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[S. 297]</a></span> -In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rücksichtsloser -Objektivität vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren -Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten, -hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt. -Sie wären mein Mann! Sie werden es sein —”</p> - -<p>„Aber, Exzellenz, ich bitte —”</p> - -<p>„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld -legte die überweiche, berühmte Hand auf Perthes' Arm. -„Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner -darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt diplomatisch -zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln -kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte -mit rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. -Er wollte es übernehmen, Brunner von seinen guten -Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte dieser als der ältere -durch seine Fürsprache im Ministerium — es genügte da -ein Wink nach der Residenz — schon in den nächsten -Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm -Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, daß er binnen -Jahresfrist einen Ruf als Außerordentlicher oder Leiter -eines städtischen Krankenhauses nach auswärts erhielte. -Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren. -Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß -Exzellenz sich den jüngeren Perthes für die Stellung eines -ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und -mußte ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses -Postens überlassen.</p> - -<p>So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen -gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo -verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.</p> - -<p>Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[S. 298]</a></span> -angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes -nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen, mit -Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den Kopf, als er -die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit -so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste -Viertelstunde, während er neben seinem Chef in dem -weiträumigen Saal mit den gewaltigen Schränken, den -seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten -Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum -zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit -eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei -einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks -stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen -künftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes -sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht habilitieren -dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung -zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung -weder nach außerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf -annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger -Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, -blieb späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime -Rat verschwieg, daß er bei dieser Gelegenheit einige dem -Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse -zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im -Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb -der hiesigen Universität gewährleisten wollte.</p> - -<p>Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen -jede Erwartung weit übertroffen. Gleichwohl zwang er -sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten -Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in seiner -Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[S. 299]</a></span> -und seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur -Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, -gleich durch ein Meisterstück zu erproben.</p> - -<p>„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen -des Vertrauens verwirrt —”</p> - -<p>„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger -Loyalität, „wenn es mir mit meinen Vorschlägen -gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den meinen in Einklang -zu bringen.”</p> - -<p>„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. -Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts -so weitausschauender Pläne einige Tage erbitte, -um sie durchzudenken.”</p> - -<p>Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch -an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. -„Nun ja —” meinte er gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich -Bedenkzeit. Nur —”</p> - -<p>„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis -nicht mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht -schon morgen —”</p> - -<p>„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete -der Geheime Rat mit leichter Schärfe. Er hatte sich -erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied. -Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei alledem — -ein merkwürdiger junger Mann!”</p> - -<p>Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, -als er ahnte. —</p> - -<p>Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November -seine gewohnten brausenden, kühlenden Stürme, die im -Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen -rissen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[S. 300]</a></span> - -Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust -von Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen -der nächsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille -einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen Fernritt -vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. -Perthes hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte -mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid -gut aus. Es ließ ihre biegsamen Formen zu herausfordernder -Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut saß -keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann -und Cousine Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter -bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die -Sägemühle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte, -den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden -Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin -bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles -Gehölz, sich umblickten, war von Hammann und -Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.</p> - -<p>„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte -Alice mit einem spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden -Augen, während sie die losgerissenen Haarsträhnen -aus den Wangen strich.</p> - -<p>Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die -Sporen.</p> - -<p>Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie -wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe -einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die -Zügel führte.</p> - -<p>Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten -Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm. -Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[S. 301]</a></span> -Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter -und Roß.</p> - -<p>Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus -haltmachen.</p> - -<p>Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen -Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grüßend -leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”. Man sah durchs -Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die regenwolkenverhangenen -Berge. Fast wie auf der Sägemühle, -dachte Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, -setzte er höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen -Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfüllten unter -der behaglichen Wärme die Stube mit ihrem Dunst. Es -war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet -hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer -Intensität aufglänzen.</p> - -<p>Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war -etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich -schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens -zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine, -die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu mimen -verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.</p> - -<p>Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment -leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit -koketter Kälte über sich ergehen ließ, vergaß er das Spiel. -Er riß Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen.</p> - -<p>Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. -„Was fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.</p> - -<p>„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab -er siegesgewiß zurück.</p> - -<p>Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[S. 302]</a></span> -stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von -ihm abgekehrt.</p> - -<p>Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke -am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.</p> - -<p>Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten -Spitzbubengesicht, halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie -ihn an. „Nu — werden wir uns wohl verloben müssen. -Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.</p> - -<p>Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten -sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann küßten -sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten -sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...</p> - -<p>Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen -Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld -seine Zusage für die erste Assistentenstelle zu bringen, -empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.</p> - -<p>„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, -Herr Doktor! Nun darf <em class="gesperrt">ich</em> wohl um Bedenkzeit bitten?” -lautete die strenge Einleitung.</p> - -<p>Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger -Höhe halten. Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte -bald wie ein gütiger Schöpfer über die kleinen Unarten -und Torheiten seiner Geschöpfe.</p> - -<p>Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und -Cousine Hilla. Bei der Tür stand der Diener Karl. Diesmal -nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern -um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, -daß Leutnant Moritz fehlte.</p> - -<p>Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.</p> - -<p>Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus -am Wenzelsberg hätte werden können ...</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_303" id="Page_303">[S. 303]</a></span><a name="c12" id="c12">12</a></h2> - - -<p>Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff -seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei -und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder häufig und -hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und -gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, -Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer -Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten -und dem Trikot-Stehumlegekragen, „Flanellstorch” -genannt.</p> - -<p>Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten -über der Treppe, um die Alten zu registrieren und die -Neuen zu etikettieren. Höchstens daß Elli mal neugierig -über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil Wilkens, -der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben -lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte -der Himmel von was, zu „erholen”, noch eine verheiratete -Schwester in Magdeburg besuchen müssen und war noch -nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten -der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.</p> - -<p>Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, -bräutlichen Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem -und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm -und artig und märchenhaft still war es in zwanzig Jahren -um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch -saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein störender -Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, -ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften -Gegenwart aufscheuchen würde. Aber trotzdem — oder -gerade deshalb? — warteten diese oft vergeblich auf die<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[S. 304]</a></span> -Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zürnendes -Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten -Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr -als einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern -den grauen, krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und -lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses. -Wenn doch mal eine Tür unversehens ins Schloß geknallt -wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges -Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom -Erdgeschoß, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wäre, -daß er empört hätte dazwischenfahren können! Wieviel -besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste Halbband -der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen. -Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten -Hochschulkollegen und früheren Schülern. Vater Richthoff -lächelte höchstens über die guten Vorzeichen. Jetzt, -wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer -Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.</p> - -<p>Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die -Kegelbrüder und die Fakultätsgenossen — alle waren -bestürzt und schlugen die Hände zusammen über das müde, -verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war -ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich -vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem -frischen, verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede -Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner -Familie Thüringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich -auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende -Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst -das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzählte -die kühnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngräber,<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[S. 305]</a></span> -der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns -hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen -Augen und jammerte, daß ihm der Wind -drei Hüte in die Ostsee geführt habe, statt, was doch sein -Versöhnliches gehabt hätte, in ein klassisches oder orientalisches -Meer. Richthoff hörte nur mit halbem Ohr zu -und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln -nicht zu nahetreten.</p> - -<p>Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen -war, der das Haus am Wenzelsberg drückte und freudlos -machte?</p> - -<p>Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu -sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes -verrät: nicht Tränen, aber ihre Spuren, nicht das harte -Aufbäumen, aber das wehe, zitternde Zurückweichen und -Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch -noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, -auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der -Gegenbewegung sich erhält. Wenn Marga diesen Schmerz -gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er sich regte und -rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber -in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, -keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus -ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille -in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre -Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck -einer leeren Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit -erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht -zu sein aus der Ohnmacht des Körpers. Ihr Geist war -klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen -war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[S. 306]</a></span> -davon. Sie hörte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit -und Zurückhaltung in Liebe und Mitgefühl vergessend, -weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Tränen in den -sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Käthe -herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber -sie blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, -klang nicht zurück. Alle die reichen und tiefen -Kräfte des Gemüts waren wie ausgelöscht. So ausgelöscht, -daß man zuweilen hätte glauben können, sie litte -nicht einmal. Und doch — oder gerade deshalb — strömte -eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles -Trösten und Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte -und das Haus mit einer stummen Klage erfüllte. -Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer -sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas -große Stille zur großen Leere geworden.</p> - -<p>Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der -Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang -darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen, -um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich völlig gleichgültig -und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt -zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren -körperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte -sich kaum. Sie klagte über nichts. Man war übereingekommen, -daß das Leid, das sie getroffen, unter keinen -Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen -und zu irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. -Diese Schonung, die einzige, der auch die äußeren Umstände -ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um jeden -Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb -man es vorläufig doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[S. 307]</a></span> - -Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich -veränderte. Nach wie vor war sie äußerlich gesund, nach -wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.</p> - -<p>Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende -Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. -Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Käthes -und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwüle Sommertage, -die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines -Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den -anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit -ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mußte etwas -geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden, der -irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre -brachte.</p> - -<p>Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.</p> - -<p>Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, -einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah -sich noch seltener. Für Käthe, Marga und Elli spielte der -Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und -Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: -ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten -Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine -entfernte Ähnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau -oder gar die Cousinen — es konnten sechs oder mehr sein, -denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch -Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige -— waren völlig sagenhaft.</p> - -<p>Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung -folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein -Schreiben, so brüderlich und leserlich, als es ihm nur -möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden an,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[S. 308]</a></span> -ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf -Güstow brauchen könnte. Der Geheimrat mußte keine -acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von -einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue. Es -wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte -man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr -Geld. Auch versprächen die Jagden allerhand Gutes. -Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine -Frau und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” -über den Besuch der Richthoffschen Vettern. -Das war ein kleines Mißverständnis: Onkel Thiele hatte -sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder müsse -naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels -hatte. Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: -Marga und Elli wurden erwartet.</p> - -<p>Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles -Brief zum Frühstück. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er -seine Mädels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte -er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer halbwegs -heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer -Onkel Bernhard ist?” forschte er in der Runde.</p> - -<p>„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte -Käthe nach bedächtigem Schweigen.</p> - -<p>„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard -Thiele, Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in -Pommern.”</p> - -<p>„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” -Elli war glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten -durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick -aufhellte. Das leidlich muntere, väterliche Gesicht<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[S. 309]</a></span> -entzündete leise ihre alte, ausgelassene Laune. „Hat er -wieder Familienzuwachs bekommen?”</p> - -<p>„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. -„Aber er lädt euch ein.”</p> - -<p>„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? -Wen — uns? Für wann?” Es war so verlockend für Elli, -einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu -können.</p> - -<p>„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für -einige Wochen auf Güstow zu besuchen!” erklärte der alte -Herr klar und bündig.</p> - -<p>Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die -braunen Augen ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund -öffnen, als ein Blick Vater Richthoffs ihr die richtige Fährte -gab. Sie nickte verständnisvoll. Auch Elli begriff schnell, -daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga selbst saß -teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und verstanden.</p> - -<p>„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles -Brief Käthe über den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll -Neugier mit darüber. Zu zweien entzifferten sie die -massiven Zeilen.</p> - -<p>„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” -wandte sich der Geheimrat inzwischen an Marga, seine -Hand zärtlich auf die ihre legend.</p> - -<p>Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der -sie erstarrt waren, langsam und fragend zurück. „Über die -Einladung?” wiederholte sie. „Ach so — ihr sprecht von -Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”</p> - -<p>„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. -Er erklärte ihr nochmals ausführlich, um was es sich<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[S. 310]</a></span> -handelte. „Ich möchte, daß ihr, du und Elli, den Thieles -die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.</p> - -<p>„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” -Elli lachte so laut und herzlich, wie es seit -Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht erhört war. „Die -halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!”</p> - -<p>„Ja — den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch -nehmen. Die Enttäuschung könnte zu groß sein,” bemerkte -Vater Richthoff vergnügt.</p> - -<p>„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, -Papa!” rief Elli. „Malt euch mal aus — paß auf, Margakind! -— Die stehen auf ihrem Bahnhof, so ihre zehn Köpfe -hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels — alle blond wie -Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n -rechtes Bimmelbähnchen — Blumenpflücken während der -Fahrt verboten! —, braust heran. Sie recken ihre Hälse. -Sie suchen die Wagen ab. Wo zum Kuckuck sind die Richthoffschen -Jungens?! Und der Zug fährt wieder ab. Auf -dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! -Und empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, -die Gesichter!” Elli schüttelte sich vor Wonne. Auch der -alte Herr schmunzelte, und Käthe lächelte über Ellis -blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht. Ellis -Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.</p> - -<p>„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” -fragte sie schleppend, ohne daß ihre Stimme ein näheres -Interesse verriet.</p> - -<p>„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit -ist ja nicht die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen -Winter einrichten. Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich -mal tüchtig auszulüften. Das wird dir guttun, Marga!<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[S. 311]</a></span> -Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen Zerstreuung -— verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. -Nur behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit -dieser Reise für sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit -hinzu, mit der er ihr auf den Arm klopfte. -„Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je lieber!” Er erhob -sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach oben. -Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden -und etwaige Bedenken zu zerstreuen.</p> - -<p>Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht -in weite Ferne, die verblüffende Großmut des -sonst so gestrengen und <span class="antiqua">in pecuniis</span> genauen Papa Richthoff -unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen -war die Freude natürlich gedämpft, die Verwunderung -zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man -in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: -ein frischer Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl -schlüpfte herein.</p> - -<p>Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. -Was sie über Margas von ihr vorausgesagtes Unglück -empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte -sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafür erging -sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen über die Wunder, -die eine Ortsveränderung an einem beschwerten Menschenherzen -immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für -die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich -gönnte.</p> - -<p>Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, -schmächtigen Sonnenschein wie ein Kätzchen, das -sich auf gut Wetter putzt. In einem allmählichen Crescendo, -das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[S. 312]</a></span> -Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus -die Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich -jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenüber: -sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung -nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie -man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter -Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. -Sollte es nötig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut -Güstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzählbaren -Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf den -Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten -begann sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen -Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam -und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine, -durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem Verrosten -nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, -das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten -an der nahen Küste, Überlandpartien in Kutsche -und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen ausschmückte, -war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor -Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten -nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war -Gut Güstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen -befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert -werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli drei -bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, -mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. -Das mußte auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber -im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzückte -Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow depeschierte -man — Elli depeschierte in der Einbildung öfter<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[S. 313]</a></span> -als alle europäischen Kabinette — und bat um Frist. -Dann — oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel -von Genüssen man sich dann stürzte! Stürzte mit der -grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen -Mädchengemüt Ellis einflößte — schon aus -der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, -Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel, -Unter den Linden, Friedrichstraße, Potsdam, -Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte -sich und prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die -Luft.</p> - -<p>Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings -einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich -Marga vollständig gleichgültig. Wie eine blasse Wand, -auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen -hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher. -Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim -Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren -Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit -keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher, -ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte. Trotzdem -stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode -fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, -das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. -Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch -eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorführung von -Berliner Genüssen Marga ein Lächeln — nicht zu entlocken, -sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die -Küche, wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und -dann stürmte sie, alles Herkommen außer acht lassend, -in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, daß<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[S. 314]</a></span> -der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die -Höhe fuhr.</p> - -<p>„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! -Beinahe gelacht!” verkündete sie schallend.</p> - -<p>Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten -konnte, war sie wie die Windsbraut wieder draußen. -Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in -keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu den -Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. -Aber bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr -sogar. Und der alte Herr lächelte hinterdrein auch.</p> - -<p>Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower -Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es -war gepackt. Die allernötigsten Besprechungen konnten -noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mußte nach -Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit -einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga -einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem -guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein -und provinzmäßig vorkam.</p> - -<p>Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. -Sie fühlte sich, wenn sie sich überhaupt wohl -fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie -überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den -zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.</p> - -<p>Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die -Sonne schien rotgolden und wehmütig aus dem halb -klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf -um die Straßenecken. Fest und schützend drückte sich Elli -an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. -Fast flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig.<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[S. 315]</a></span> -Eben rasselte ein Kettendampfer unter der -Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in den Wind -hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um -durch den Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten -Lastkähne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten -in endloser Reihe hinter ihm drein.</p> - -<p>Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick -stehen und warfen einen Blick über das Geländer. Auch -Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.</p> - -<p>„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, -wußte sie sich Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.</p> - -<p>„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli -weiter.</p> - -<p>„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen -Bewegung der sonst so eintönigen Stimme.</p> - -<p>„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”</p> - -<p>Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend -geworden.</p> - -<p>Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie -in ihren Zügen eine außerordentliche Erregung arbeitete. -Der kleine, unbedeutende Vorgang — der alltäglichste fast, -der sich denken ließ — schien ein Zittern in ihre erstorbene -Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte in ihr. Auf -der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus -den Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht -auf das Rasseln und Plätschern, und Elli -mußte ihr die Kähne zählen.</p> - -<p>Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv -lenkte sie jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von -neuen Villen in der Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[S. 316]</a></span> -war die Erregung in Margas Antlitz bald wieder geschwunden.</p> - -<p>Drüben über der Brücke — sie wollten gerade noch -ein paar Schritte die Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern -— liefen die Schwestern durch einen Zufall Cousine -Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon von -der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen -Schwatz, einen Regen von Fragen, die Elli beantworten -mußte. Die Grasvogels waren nämlich mit den -Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt. Die -Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer -waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren -Glanz sich Cousine Grasvogels armes Altjungfernherz vor -der Mitwelt und sich selber sonnte. Es gab da Grüße und -Gott weiß was zu bestellen.</p> - -<p>„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische -dürft!” meinte sie begeistert.</p> - -<p>Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um -Margas willen unliebsam drohend fand. „Ja, Papa ist -sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben noch schrecklich -viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast -suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.</p> - -<p>Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften -Weiblichkeit schon länger zwischen Sommerfrische und -Nachsommerfrische interessante Zwischenfälle oder Übergänge. -Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt sie -die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch -aber auch gut bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete -sie weiter.</p> - -<p>Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, -das daheim verpönt war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[S. 317]</a></span> -hervorbrachte wie zuvor auf der Brücke der harmlose -Kettendampfer.</p> - -<p>„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an -Margas Stelle. „Entschuldige nur, wir müssen —”</p> - -<p>„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel -durchaus verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. -„Was mir gerade einfällt — ihr werdet gewiß verwundert -—”</p> - -<p>„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht -warum, aber sie ahnte, daß die gute Cousine noch mehr -Unheil anrichten wollte, und strebte, Marga am Arm -zerrend, entschieden davon.</p> - -<p>„Ach — ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich -meine, daß der liebenswürdige, nette Doktor — wie heißt -er doch? — Doktor Perthes — er war doch mal bei euch -auf der Sägemühle, nicht? oder öfter — und auf dem -reizenden Gartenfest im Juni, nicht? — daß er sich mit -Alice Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von —”</p> - -<p>Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber -seit der Name Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, -unbeweglich. Und als die für beide niederschmetternde -Neuigkeit heraus war, stand auch Elli einen Moment, wie -vom Schlag gerührt, kreidebleich.</p> - -<p>Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in -ihrem Redefluß, selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung -ihrer Mitteilung.</p> - -<p>In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb -wütenden, halb schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit -ihr, so schnell sie konnte, heimwärts davon.</p> - -<p>Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall -wollte, daß sie fast an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[S. 318]</a></span> -über Perthes' Liebelei mit Hilde König eine erste Andeutung -gemacht, diesen tiefen, über alles Verstehen -schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte -Arbeiten in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches -Zucken übergegangen. Ihre erstorbene Seele erwachte -aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. Das Blut stieg -und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden -Wellen.</p> - -<p>„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen -fahren!” stieß sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.</p> - -<p>„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste -Haltestelle erspäht. Sie half Marga in den Wagen und -schmiegte sich drinnen dicht an sie. Sprechen konnte -sie nicht.</p> - -<p>Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie -schnell das Haus am Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.</p> - -<p>Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder -Weinkrampf kam über Marga. Wehrlos mußte sie -sich dem Schmerz überlassen, und ihr lautes Schluchzen -erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte -Herr stürzten herbei.</p> - -<p>Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit -hohem Fieber zu Bett.</p> - -<p>In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. -Alice, Perthes, die Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer -zermarterten in wirrer, grauser Jagd ihr Hirn.</p> - -<p>Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges -Urteil geben, äußerte sich aber sehr besorgt.</p> - -<p>Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.</p> - -<p>Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel -weiter. Bis an die Grenze zwischen Leben und Tod ...</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_319" id="Page_319">[S. 319]</a></span><a name="c13" id="c13">13</a></h2> - - -<p>Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am -Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung -mit Fräulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu -dem Überbringer, einem der Volontärärzte der Chirurgischen -Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!” -Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. -Noch verblüffter aber war er, als er statt einer -gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:</p> - -<p class="p1"> -Lieber Markwaldt!<br /> -</p> - -<p>Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer -geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich -habe mich mit Fräulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, -das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.</p> - -<p> -Gruß Ihr Perthes.<br /> -</p> - -<p class="p1">Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, -dachte Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit -am Klinikerabend, auf dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen -und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war -er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen” einmal -auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum -Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte -nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, -wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden war, schien ihm -die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte, menschenfreundlich -wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht -in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” -Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns, -seines Chefs. Der hatte zuerst über Perthes das ahnungsvolle<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[S. 320]</a></span> -Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen. Nur so <span class="antiqua">en -passant</span> und als Vermutung. In Markwaldts Augen war -er durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis -hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte -die nächste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrücken.</p> - -<p>Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment -mit mehr als oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige -Markwaldt, der sich selber so findig -vorkam und doch immer an der rechten Fährte vorbeilief, -konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner Anerkennung -nur eine gemischte Freude bereitete.</p> - -<p>Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug -sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten. -Daß er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz für -den Sport, dann für sich und erst in letzter Linie für die -Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte, -lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren -mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. -Bei näherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren -mußten sie sich beide „für den Ernst der Ehe -ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander und -blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche -Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich -daran dachte, seine Unabhängigkeit dranzugeben, so -mußte sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermögensverhältnisse -hatten denn auch — was außer ihm -niemand wußte — in aller Stille einen schweren Stoß -erlitten. Das Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte -zum größten Teil in der Bank eines für unbedingt sicher -geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kämpfte<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[S. 321]</a></span> -mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag -vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr, -seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken -zu müssen. Kein Wunder, daß er auf einen -Ausweg sann, der das geringere Übel bedeutete, und — -<span class="antiqua">horribile dictu</span> — sich nach einer reichen Partie umsah.</p> - -<p>Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt -zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache -in ein modernes und ein rückständiges Lager.</p> - -<p>Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. -Rückständig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit -wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb. -Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem -richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff, -Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen, -sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat -Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden -war. Daß unter allerhand Schrullen in dieser, wie es -schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der -beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz -steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.</p> - -<p>Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, -die neben der ersten allmählich als neue und moderne -akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und -vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultäten, die -wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen -Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren -Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war -ein großzügiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten -die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[S. 322]</a></span> -guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemäßer, -also kaufmännischer. Der typische Repräsentant -der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie -Hammann, zahlreiche Kollegen aus den übrigen Fakultäten -stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur -forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes -auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit -steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene -Butiken wie Borngräbers efeuumranktes Landhäuschen -paßten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war -etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im Villenviertel, -ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, -ein Automobil, Dienerschaft — kurzum, Luxus war -mindestens ebenso schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung -war aber auch die Exklusivität des Akademikers, -die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, sondern aus geistigem -Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen -Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. -Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch -naturgemäß Elementen, die man früher hatte abseits stehen -lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die -Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben -freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, nicht -im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu -finden war.</p> - -<p>Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze -nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um -Hupfeld der Einfluß des Grafen oder besser der Gräfin -Hüningen.</p> - -<p>Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer -Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[S. 323]</a></span> -Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen -Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts -eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. -Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und -späterer Attaché in Konstantinopel und anderwärts waren -jetzt seine Interessen in einer ausschließlichen Liebe für -Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und -dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit -gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt -als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch -anhafteten. Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen -Familie eines ostdeutschen Großindustriellen stammend, -von mütterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer -fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe -jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem -Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, -hatte sie sich überraschend schnell in der vorgeschrittenen -akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung -emporgeschwungen, die ihr allerdings die „Rückständigen” -nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit -Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau -zur Repräsentation wenig geschaffen war, ließ sich die -Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Gräfin es verstand, -dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit, -man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter -Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein -sehr hübsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige -Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie -diente. In sachlicher Würdigung aller Umstände widmete -sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer -der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[S. 324]</a></span> - -Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten -sich in einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen -konnte, mußte Perthes, der mit beiden Füßen von einem -Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit -des Richthoffschen Hauses in die üppige, große -Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung -erst gewöhnen. Doch das ging fürs erste überraschend -gut und leicht. Dem glücklichen Bräutigam zeigte -sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten -Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung -begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von -Besuchen und Einladungen, von liebenswürdigen Familienfesten, -Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen. -Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen -Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flügeltür -der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage, die Hupfelds -im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen -wund zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich -allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwährenden -Taumels, der sie auseinanderriß und nur eben zwischen -Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit -kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese -vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer -neu, immer lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, -das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, -wie sie ihn endgültig getauft hatte, in der -rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit, mit der -Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders -gearteten Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, -als er erwartet, in die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. -Er konnte tagelang vergessen, mit welcher<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[S. 325]</a></span> -dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung -mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte -ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die -Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, daß -er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflächlichen und -Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren -selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener -zu machen.</p> - -<p>Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.</p> - -<p>Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen -vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen -Rückfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag. -Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar -Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer -Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt -der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt -sich gerade mit Alice über die unmittelbar bevorstehende -Verlobung von Professor Hammann und Edith Hüningen. -Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden -Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, -einer Studentin der Medizin, zwei Worte über einen -schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte -zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff. Perthes -erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller -klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so -schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue -Kreis, in dem er jetzt ausschließlich verkehrte, berührte sich -kaum mit dem früheren, so daß ihm keine Nachrichten von -drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv -auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich -beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[S. 326]</a></span> - -Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung -geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung -verändertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff -so gut gehört wie er. Sie wußte, daß zwischen ihm und -den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang -bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder -von einer Frage abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern -ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war -nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher auszufragen.</p> - -<p>Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes -mit einer flüchtigen Entschuldigung.</p> - -<p>Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte -er auf dem nächsten Weg zur Inneren Klinik.</p> - -<p>Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, -der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein -stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch. -Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte -also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte sofort -Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er -der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das übliche -Berufsmitgefühl zugewandt hatte, erzählte er, daß am -Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht -nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden. -Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den -Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.</p> - -<p>An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid -empfand, merkte er, daß er eine Wunde besaß, die nicht -aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wußte, -daß die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet hätte.</p> - -<p>Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.</p> - -<p>Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte,<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[S. 327]</a></span> -als er auswich, auch auf die Frage zurückkommen, die sie -bei Tisch unterdrückt hatte. Er schloß ihr den Mund mit -Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte diesen Rückfall -abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.</p> - -<p>In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig -blieben, beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung -und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld. -Über die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit. -Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger -Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, -die in der Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. -Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet. -Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes -kleines Vermögen — daraus hatte er nie ein Hehl gemacht -— war im Lauf seiner Studien und im häufigen -Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln -mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines -ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es -auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal -für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie -es Fräulein Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die -stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen -sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes, so sehr sich -sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen. -Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat -nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber -aus eigener Kraft eine Villa kaufen?</p> - -<p>Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart -der ganzen Familie wurden Pläne von entzückenden -Landhäusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen -Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall.<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[S. 328]</a></span> -Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung -der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten -und so weiter zogen die Damen sich zurück. Der Agent -machte den Herren seine geschäftlichen Vorschläge. Die -Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen -bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise -wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern -gemacht. Perthes benahm sich gegenüber der -Verlockung sehr kühl und widerstrebend. Exzellenz begriff -erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den -Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich -offen aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des -wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes -für sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend -Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem -jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als -Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, -wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von -einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts -hören. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem -Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der -in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf -und erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit -mußte Perthes, wenn auch ungern, sich schließlich zufrieden -geben.</p> - -<p>Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, -war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen -gewöhnlich für sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da -indessen die Hochzeit vor der Tür stand und der Leutnant -seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie er -aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[S. 329]</a></span> -Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen -Der Wintersport versprach köstliche Feiertage ...</p> - -<p>Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern -Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach. -Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin Hüningen, mit -Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem -Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem -Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.</p> - -<p>Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in -vollem Gange. Im Hotel drängte sich eine internationale -Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren -nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus Berlin, ein -siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär -bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla -neuerdings Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen -hatte — um Hammann bei seinen „Pygmalionsversuchen” -zu helfen, wie sie boshaft erklärte —, war ganz in ihrem -Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretär -auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich -verstand, ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit -Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis -aufs Blut.</p> - -<p>Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde -es weniger leicht, sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel -wohl zu fühlen. Alice erklärte, ihr Räuberhauptmann -sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge -in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er müsse -eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines -Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte -sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes hütete sich, -eifersüchtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[S. 330]</a></span> -er sie dann glücklich vor sich im Davoser Schlitten hatte, -mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen Eismütze, -preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich, -die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an -den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...</p> - -<p>Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller -Festtag rauschte vorbei: rührend in der Kirche — -denn man hielt auf religiösen Anstand —, lärmend, luxuriös -auf dem in blühenden Sommer verwandelten Stift Nieburg. -Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, -in Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater -Richthoff und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen -Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg -unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und -Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.</p> - -<p>In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen -Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. -Trunken vom Glück einer entzügelten, unerschöpflich scheinenden -Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften -Licht immer neuer Reize. Sie dünkten sich andere -Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten -Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.</p> - -<p>Im Februar kamen sie zurück.</p> - -<p>Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph -in das entzückende, über Erwarten bequem und elegant -ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer, -dicker Kindlichkeit sie empfing.</p> - -<p>Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre -Zimmer.</p> - -<p>Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. -Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[S. 331]</a></span> -wollen — nun die Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche -hinter ihnen lag.</p> - -<p>Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, -verkündete Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen -Alltag gäbe, und Alli bekräftigte diese Devise mit ihrem -hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich stärker erwiesen -hatte als alle seine gemütvollen Torheiten aus -längst vergangener Zeit.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c14" id="c14">14</a></h2> - - -<p>Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, -den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen -Reiseplan hatte in sein Haus locken können — wie flüchtig -und trügerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die -Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen -ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem -Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen -werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders -vor als väterliche Güte und schwesterlicher Feuereifer ...</p> - -<p>Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner -ist ein seelisches Prinzip der Träger des Lebens. Wenn -das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und -Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes, seelenloses -Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein -Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene -Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, -dem sie entsprang, eine zweite Lebensmöglichkeit. Aber -dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden; es müßte -ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. -Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund,<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[S. 332]</a></span> -kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke -nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu -schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an, -und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach -schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers -über die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die -erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden -gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen, -lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? -Wird aus dem Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb -hervorbrechen? Das weiß nur das Schicksal allein. Denn -das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden -bereitet ...</p> - -<p>Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. -Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte -Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende -Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen -Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn -mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens -ihre Tapferkeit erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug -mutig seine Fahne. Die römischen Cäsaren brauchten sich -ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie alle guten -Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule. -Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe -denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel -erstieg, draußen in der Klinik war all ihr Denken und -Fühlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die -häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am -Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und -holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern -den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[S. 333]</a></span> -und gingen Käthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach -langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon -eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe nicht -gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas -aller Gefahr und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz -einfach gestürmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestüm -wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik -vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam, -wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, -ihre nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, -als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war, -als erquickender, stärkender Schlaf Marga umfing, war -Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür stehend, -auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden -Augen, vom Arzt und der Krankenschwester -im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses, -abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte und -das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen -der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen -zerdrückte.</p> - -<p>Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station -nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrüßt. Zehn -Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die Überführung -Margas nach dem Wenzelsberg.</p> - -<p>Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig -wie ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen -und das übliche Samtkäppchen sich schirmend, im -Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstraße -heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus. -Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung -gegen „Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[S. 334]</a></span> -erhalten können. Sie mochten sich aber dann wenigstens -nicht vor unberufenen Augen vollziehen.</p> - -<p>Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er -wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin -er sich zurückgezogen hatte, um in jedem Fall über der -Situation zu bleiben. Therese stand schon längst unter -der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände -an der Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.</p> - -<p>Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben -kam sie durch die Tür. Auf dem blassen Gesicht, -in den zielverlorenen Augen glänzte ein Widerschein von -all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese sagte -ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, -herzlichen Stimme.</p> - -<p>Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, -wie es gewesen wäre, wenn er die Stimme dieses seines -blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg -gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der -Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, -und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber -mit zwei Küssen auf Margas Wangen sehr gravierend -beteiligt war.</p> - -<p>„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! -Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” -Einmal ums andere strich er die Haare über -Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die -Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer -und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli -erklärte feierlich, es sei einfach unmöglich, daß andere -Menschen sich so freuen könnten wie die Richthoffs. Und -Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen schönen,<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[S. 335]</a></span> -tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte, -gedruckt zu werden ...</p> - -<p>Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt -für Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. -Nun war Vater Richthoffs „Bande” wieder beisammen. -Nun trat er seine Paschawürde wieder an. -Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte” -seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, -daß die Türen wieder unerlaubt ins Schloß knallten und -Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur -in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel -hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, -schob das Käppchen von einem Ohr aufs andere und -donnerte, Ruhe gebietend, durch den Türspalt. Die -Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse -beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein -um die Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder -getadelt zu werden.</p> - -<p>Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus -und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga -ein wenig Rot in die Wangen und kräftigte ihre schmächtig -gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs, -hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. -Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien -wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit -hatte ihre Erinnerung geschwächt. Weite Strecken des -Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten ohne -ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse -in matterem, verändertem Licht wieder in ihr -Bewußtsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff -und die Geschwister hüteten sich in begreiflicher Scheu,<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[S. 336]</a></span> -daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere — -war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, -die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in -den Tagen ihres höchsten Glücks nicht gewesen. Man -war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder sanft -und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. -Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum -und die Reife inneren Schauens und Erlebens — all das -regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig -wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe -gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden -Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten -können. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, daß -man sie in die Sonne führte, mit ihr plauderte, ihr Blumen -pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum -erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, -wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen -zu blühen anfingen und im junggrünen Schlinggewächs -die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme -wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurück, als -wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte -wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil -empfangen: eine neue Saat für eine neue Seele ...</p> - -<p>Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine -Überraschung.</p> - -<p>Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das -neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene. -Bei Käthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer -größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit -als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie -und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[S. 337]</a></span> -Richthoffs Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen -Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte, -eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Käthe nach den -Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei Bertelsdorfs -Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte -seine Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht -biegsamen Rücken lieb Kind zu machen. So erklärte sie -sich auch die Häufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem -Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame -begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos, -sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich -mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich -für allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben -wußte; er war ein geduldiger Zuhörer für Käthes -Lebenserfahrung und Weltweisheit — das wog bei ihr -seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit, -sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von -Menschen und deren Wert gar keine nebensächliche Rolle -spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von -der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> und <span class="antiqua">c</span> -entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund -heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor -gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, -seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach -sie wenigstens, sich die Sache zu überlegen.</p> - -<p>Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit -sich zu Rat — in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen -war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr -Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die -Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte -Bertelsdorf einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[S. 338]</a></span> -einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert -war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form -um seine älteste Tochter an.</p> - -<p>Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen -einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm -der Gedanke, daß seine Töchter dem üblichen Los anderer -junger Mädchen nicht für immer ausweichen könnten, -wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun -einmal in den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher -Bedrängnisse eingetreten war. Bei Käthe fielen -die Bedenken fort, die den Entschluß, als es Marga galt, -so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler -wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen -hatte. Mehrere möglichst geheime Konferenzen -mit Käthe folgten. Das Ergebnis war, daß der Privatdozent -der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille, -ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, -und der alte Herr gab seinen Segen.</p> - -<p>Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga -so schonend wie möglich von diesem Ereignis unterrichtet -werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen -und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr fröhliches Herz, -zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen -der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.</p> - -<p>Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von -Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga -zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen -und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes übrig -blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte -wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich -in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[S. 339]</a></span> -Vergangene hatte keine Gewalt mehr über ihren neuen, -jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht -fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden. -Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. -Sie ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und -brachte ihr mit warmen, ungekünstelten Worten ihren -Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und der Geheimrat, -der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind -noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus -bekommen hatte.</p> - -<p>Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung -des jungen Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus -am Wenzelsberg nach innen und außen so recht im gewohnten -Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit -aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit -in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die -Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rückte mit Frau -und Töchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein -Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser, -genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun -sehe man, was er den Winter über ausgeheckt habe, als -er so unleidlich gewesen. Borngräber erschien natürlich -auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht, -aber als er glücklich so weit war, hatte er -vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach -in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man -hätte ebensogut meinen können, er käme, um Richthoff -zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau -Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen -Scheiteln und dem Krückstock; Cousine Grasvogel, ein -bißchen kleinlaut nach ihren letzten unglücklichen Leistungen,<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[S. 340]</a></span> -aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie aus der -Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und -viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr -an der Seite des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli -und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem -Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewächshaus -verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches -zu hören. Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, -„einfach, weil so was existierte”, wie Frau Achenbach -scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie -wieder gesund zu sehen ...</p> - -<p>Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen -Räume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders -gestimmten Gästen öffnen sollten ...</p> - -<p>Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die -Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine -langersehnte, für die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige -Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen -Aufregungen des Winters versprach er sich von den -paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das -beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte -Herr fühlte seine jugendliche, unerschöpfliche Begeisterung -erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn er nach Jahren -wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.</p> - -<p>Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten -Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber -vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als -konsultierenderweise, riet ihm der ärztliche Freund kurzerhand -von der Italienfahrt ab. Wie seine Herztätigkeit -dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der Lebensweise -gebotener als Veränderung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[S. 341]</a></span> - -Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe -der Ärzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs -ehrenrührigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem -zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der -„Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen -jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine -Geschichte in grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete -Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den -anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien -etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er -nicht. Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen -Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als -echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbärmlichen, -nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anständiger -Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in -Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.</p> - -<p>Das Semester begann.</p> - -<p>Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten -befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte -Livländerin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine -Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester -halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, -der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, -als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg -auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie -den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie. -Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern -um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als -Ausnahme, die die Regel bestätigt ...</p> - -<p>Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen -Augen. Auch für den Sommer. Sie verehrte<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[S. 342]</a></span> -den alten Herrn. Es mußte ihr gelingen, von der geduldeten -zur offiziellen Hörerin vorzurücken. Zur Verblüffung -Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen, rosablühenden -Rosen.</p> - -<p>Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” -Hörerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns -und tauschte mit ihr einen lächelnden Gruß.</p> - -<p>Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff -ein, ihren Strauß wie einen Schild vor sich hertragend.</p> - -<p>Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den -Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. -Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenüber nie -vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln erwiderte er -mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst -du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, -um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, -als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte. -Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch Halt. Die -junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon -mit einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.</p> - -<p>Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden -nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne -das dankende Wort hervorbringen zu können. Eine krampfhafte -Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. -Das Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine -Hand, die emporgriff, um es hinauszurücken, fiel schwer -zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Körper sank gegen -die Lehne.</p> - -<p>„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das -junge Mädchen mit zunehmendem Schreck.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[S. 343]</a></span> - -Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und -ratlos an.</p> - -<p>Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, -laute, hilfeheischende Worte.</p> - -<p>Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, -verwunderten Mienen.</p> - -<p>„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”</p> - -<p>Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins -Arbeitszimmer. Der Anblick raubte ihnen einen Moment -die Sprache. Dann schrien sie auf vor Schreck.</p> - -<p>Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. -Sein kahler Kopf, von dem das Käppchen herabgeglitten -war, ruhte mit den wenigen weißen Strähnen auf dem -Strauß von duftenden Rosen.</p> - -<p>„Papa — was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm -auf die Knie geworfen und griff nach den schlaffen -Händen.</p> - -<p>Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte -aus dem Zimmer. Elli mit demselben Ruf besinnungslos -hinter ihr drein. Von dem gleichen Gedanken beseelt, -stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten -Fernsprecher, Elli zu Geismar.</p> - -<p>Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter -der Küchentür, sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne -ihre Worte zu verstehen, und die fremde Dame, die sich -unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen fluchtartig -folgen ...</p> - -<p>Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern -aus der Tür ihres Zimmers im Dachstock getreten, das -Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte von nichts. Aber -das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[S. 344]</a></span> -einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell -in die klarste Gewißheit verwandelte.</p> - -<p>Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. -Sie meinte seine eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre -Stirn andringen zu fühlen.</p> - -<p>Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, -gebietende Sicherheit über sie. Mit einer langsamen -Ruhe, über die sie sich selber wunderte, stieg sie -die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür in das -Arbeitszimmer ihres Vaters.</p> - -<p>Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. -Sie wußte, daß es nicht sein konnte. Sie atmete den -Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurück vor -der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete -um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. -Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als -alle Wirklichkeit. Sie sah das büchervolle, verqualmte -Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mädchengestalt -mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden Farben, -die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht -scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen -Lächeln sich über den Duft und die Blüten -neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm, -andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie dabei und hielt -Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den -blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände -tropften ...</p> - -<p>Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der -Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch -eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes -konstatieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[S. 345]</a></span> - -Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser -Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von -der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes, düsteres -Geleit.</p> - -<p>Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. -Nur Marga behauptete inmitten des Gedränges der kleinen, -harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein -konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien -und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar -und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, -sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte -gesät. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, große -Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen: -die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu leiden -und zu lieben.</p> - -<p>Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen -so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das -verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und -offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen Universitäten, -vom Ministerium, von der Berliner und Münchner -Akademie, von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in -der Aula, bei der Borngräber die knappste und ergreifendste -Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergepränge -des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte -vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden -Händen am Grab, und dann führte die letzte Kutsche -die drei schwarzgekleideten Richthoffmädels zurück ins einsame -väterliche Haus ...</p> - -<p>In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen -hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg -schlecht und wurmstichig und älter vor denn je. Es knackte<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[S. 346]</a></span> -in seinen Dielen, es streckte sich im Gebälk und in den Wandfugen. -Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentümliches -Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer -von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, -erzgemeißelten, ehrfurchtgebietenden Cäsaren — sie zogen -aus Zetteln und Blättern, aus Winkeln und Ecken durch -die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie -hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c15" id="c15">15</a></h2> - - -<p>Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte -Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: „Ich kann -mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau -zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”</p> - -<p>Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort -gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber -wußte.</p> - -<p>Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, -oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau -geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos -zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich -durchaus natürlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen -Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament, -ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, -wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen -Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper -sich ausdrückte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der -Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mädel zu -sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices -Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[S. 347]</a></span> -diese herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen -hatte, wiederholte ihr immer wieder: „Gerade -wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich -haben!”</p> - -<p>Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich -Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren -Annehmlichkeiten fühlbar geworden. Ein elegantes, großzügiges -häusliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim, -Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz beständiger -Abwechselung: das waren lauter Dinge, die -ihm fürs erste imponierten. Soweit es seine beschränkte -Zeit irgend erlaubte und die Rücksicht auf die sichere -Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zuließ, -machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, -die üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, -kleine und große Schmausereien bei Hammanns -und anderen Bekannten — ließ er sich nicht entgehen, -auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und ermüdet -fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der -Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das -Neueste, was die Gräfin Hüningen einzubürgern suchte, -war Polo, und Alice war Feuer und Flamme für das -Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein -Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft -werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen -sechs und sieben „mordshungrig” von der Klinik kam, -mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein -Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz -ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war -die Freiheit hüben und drüben. Sie mußte geachtet -werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[S. 348]</a></span> - -Mitte Mai — er war eben am Schluß eines solchen -Junggesellenmahls angelangt — kam Alice aus der Stadt -heim. Gewöhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten -mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen Auswahl -ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. -Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot -gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung -neben ihn.</p> - -<p>„Denk' mal an — ich komme durch die Hauptstraße — -sehe an einem Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens -angeschlagen und denke Wunder was passiert -ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß irgend ein -oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”</p> - -<p>„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes -ziemlich gleichgültig, während er sein Glas mit gemischtem -Rotwein an den Mund setzte.</p> - -<p>„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”</p> - -<p>„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. -Er war unwillkürlich betroffen.</p> - -<p>„Doch — Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, -die die enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin -und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte, -erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig -einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer -nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort -früher verkehrt, Männi?” setzte sie harmlos hinzu.</p> - -<p>Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie -ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit -gründlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese -Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht, -Erinnerungen herauf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[S. 349]</a></span> - -„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich -düsteres Gesicht. Was ist denn los?”</p> - -<p>„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste -Sache”, meinte er zerstreut.</p> - -<p>„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”</p> - -<p>Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn -und sann darüber, was aus seiner „Bande” werden mochte.</p> - -<p>„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert -fort. „Ich weiß nämlich genau, wie es stand. -Von Markwaldt. Du mußt einer von den Töchtern -mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der -Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante -Geschichte zu hören. Beglückt, nun endlich den -rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier -immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig -flackernden Blick in die Augen.</p> - -<p>Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem -war ihm die Art, wie sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.</p> - -<p>„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen -einen richtigen Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer -mit den Richthoffs. Ich erzähle dir dafür, wie ich mich -um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst du?” -Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd -seinen dichten, schwarzen Bart.</p> - -<p>Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich -aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er -nur mit halbem Ohr gehört. Er war erfüllt, bedrückt -von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm -lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine -solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[S. 350]</a></span> -Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens -jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam. -Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dämonische Lust, -mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht und -sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er -wollte versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns -mit einem Ruck vollends abzuwerfen.</p> - -<p>So gab er nach. Mehr sich als ihr.</p> - -<p>In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten -Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern. -Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenüber -den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose -Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich dem -Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß -er seine Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine -schwermütige Verbissenheit zerhackte seine Sätze. Das -Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede Entweihung. -Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit -dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das -er seiner Umgebung für so manches andere abgelernt -hatte. Warum hatte er sich verführen lassen, den Schleier -von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht -abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht -Einhalt gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit -seiner Enthüllungen bestrafen, suchte er mit nervös -hervorgeschleuderten Worten und Sätzen ein gerechtes -Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen -Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. -Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er -hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn -ein Blick auf Alice ernüchterte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[S. 351]</a></span> - -Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah -ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie -er, gleich einem fremden, spaßigen Tier im Speisezimmer -auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoßend, -dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine -der Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.</p> - -<p>Er stand still und schwieg.</p> - -<p>„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler -Junge warst, noch vor nicht einem Jahr, das -hätt' ich mir denn doch nicht träumen lassen! Geahnt hab' -ich ja den Spießer immer 'n bißchen —”</p> - -<p>„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang -gar nicht spießig, sondern eher wild und zornig.</p> - -<p>„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten -wie von einem Wunder! Und blind war sie auch? Einfach -romantisch, Männi! Bürgerlich und romantisch! Gibt's -nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin ich überzeugt, -sie war auch nur ein biederes, sentimentales —”</p> - -<p>„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, -du hast recht!” Er lachte gezwungen.</p> - -<p>Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. -Sie ließ ihr Lachen, das kurze, helle, aufreizende, in das -seine klingen.</p> - -<p>Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine -Welle durch seinen Körper und flirrte vor seinen Augen. -Er erzitterte und ballte die Faust. Dann ergriff er sie -und riß ihre Arme auseinander, als wollte er sie zerbrechen.</p> - -<p>Sie stieß einen Wehruf aus.</p> - -<p>Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn -zwischen seine starken, großen Hände und senkte seinen -Blick in die schillernden, boshaft-schillernden Augen. Wer<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[S. 352]</a></span> -war denn das, der über ihn, über sein prostituierendes -Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er -einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? -Wo war das Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war -sie beschaffen, diese Seele oder was es war, dieses ewig -Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in diesem -Ungrund?</p> - -<p>Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick -war ihr ungemütlich.</p> - -<p>„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch -Gemütsstudien zu machen? Auf deine Räuber- und -Bärenmanier! Das laß mal besser sein!” schalt sie. -„Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen -sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um -neun. Ich mach' mich zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.</p> - -<p>Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. -Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen -zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und -er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem -Bekenntnisse — — Warum nicht? Das war der echte -Perthes! Gewiß! Und der echte Perthes ging in sein -Ankleidekabinett, um sich für Hammanns umzukleiden ...</p> - -<p>Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit -Perthes als Gegenleistung für seine Ernennung zum -ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater -nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklärte -er sich denn auch damit einverstanden, daß Perthes -sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten, -die dem Eintritt in den Lehrkörper der <span class="antiqua">Alma mater</span> notwendig -vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des -Frühjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[S. 353]</a></span> -Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem gesellschaftlichen -Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person -wurde ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem -ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermüdet und -übersättigt fühlte. Und dann machten ihm die unverhältnismäßig -hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle -Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und -er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen -Rückzug möglicherweise einzuschränken.</p> - -<p>Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen -nichts mitzuteilen.</p> - -<p>Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen -der Geselligkeit auszuweichen begänne — -seine wissenschaftlichen Gründe dafür schien sie zu würdigen -—, würde auch sie allmählich ganz naturgemäß -nicht mehr soviel ausgehen wollen.</p> - -<p>Doch darin hatte er sich getäuscht.</p> - -<p>Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. -Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und -Unterhaltungen, von all den Ansprüchen ihres verwöhnten -Mädchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren -zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach -der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre -Ungebundenheit erst recht genießen. In ihrem Elternhaus -hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich -zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede -sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, -daß jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt -waren. Eine Hausfrau im gewöhnlichen Sinn zu sein, -dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Aufträge zu geben, -ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, besonders<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[S. 354]</a></span> -aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung -an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, -an Toiletten und Kleidungsstücken jeder Art war mehr -als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den -unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu bestehen.</p> - -<p>Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog -sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft -jener stoßweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten, -der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab. -Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam -für einige Wochen den musikalischen Koller, der kein -Konzert vorüberließ, die Tees, die Soireen, die ganze -Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mußte man -plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, -Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, -zu treiben oder Literatur bei einem plötzlich zum Stern -erster Ordnung erklärten jungen Professor zu hören.</p> - -<p>Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus -Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte, -blieb es nicht. Man schwärmte serienweise für bestimmte -kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für Kopenhagener -Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten und -Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust -wie ein Fieber erregten.</p> - -<p>Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind -machte, drückte auch späterhin, solang' es irgend ging, -seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den -Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine -Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit -der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er -redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[S. 355]</a></span> -werde sich abschwächen und von selber eindämmen. Aber -als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr -um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, -ohne daß man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, -wurde er aufmerksamer und kritischer. -Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld -gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, -ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe -ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis -überstiegen. Es war ihm unverständlich, wie ein paar -Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes -Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen und -können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es -müßten da Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien -mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig -zum Opfer fiel.</p> - -<p>Er wagte bei der nächsten Gelegenheit — es handelte -sich um einen für seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel -—, Alice zu befragen.</p> - -<p>„Aber Männi — davon verstehst du nichts! Ich finde -den Mantel billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, -wie sie erzählte, sich sogar einen besseren „verkniffen” und -war ordentlich stolz auf diese Einschränkung.</p> - -<p>Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig -bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben, -daß da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er hätte -sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt, ob -das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu -machen. Schließlich war er gezwungen, sich über die -Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mußte, doch -ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[S. 356]</a></span> -gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden -Resultat.</p> - -<p>Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner -Frau sich aussprechen.</p> - -<p>Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand -noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah für -den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie -ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig davon Kenntnis -gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so -wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen -Trubel, daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht -Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit -doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung -über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er -nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.</p> - -<p>Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen -Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.</p> - -<p>Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, -das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack -und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld -ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice begrüßen, -die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb -er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine -wahre Ausstellung eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, -als da waren Knüpfteppiche, Sofakissen, Tischläufer, -Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils -und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, -den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem -Inhalt lag auf dem Boden. Daneben saß Alice, mit -dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets beschäftigt. -Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen.<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[S. 357]</a></span> -Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. -Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte, -hatte sie eben wohl oder übel aufstehen wollen, um die -Schere zu holen.</p> - -<p>„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” -lachte sie belustigt.</p> - -<p>„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten -Blick auf dies Warenlager.</p> - -<p>„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem -Schreibtisch. „Alles für den Bazar im November,” erklärte -sie, während er ihr die Schere reichte.</p> - -<p>„Für welchen Bazar?”</p> - -<p>„Na — ich erzählte dir doch schon immerzu davon. -Wir machen ein Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge -oder Seemänner oder so was. Eine feudale Sache -jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin ist -Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude -zu übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”</p> - -<p>„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle -kaufen, wie sie hier sind?”</p> - -<p>„So ziemlich!”</p> - -<p>„Und dann willst du sie selber —”</p> - -<p>„Du — das ist ja eben der Trick! — Ich mache an jedem -ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige -gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt weiß, jedes -Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's -nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach -— und dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen -vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewöhnliche -Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden uns hüten!” Und -nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[S. 358]</a></span> -Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der -sie stets ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo -ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. -Perthes hätte ein Zeichendeuter sein müssen, wenn -er diese Kette von „Dingsda” sich hätte auslegen können.</p> - -<p>Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm -seine Geduld zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.</p> - -<p>„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß -dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt -—”</p> - -<p>„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, -mich zu kasteien.” warf sie dazwischen.</p> - -<p>„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der -Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein. -Und überdies: wer weiß, ob du im November schon wieder -dabei sein kannst?”</p> - -<p>„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. -„Weißt du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, -wenn —” Sie vollendete den Satz nicht. -Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das fehlte -gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war -außer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung -könnte ihr Vergnügen beeinträchtigt werden.</p> - -<p>Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle -an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolität verletzte -ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen -zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache -herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei und zog -ihn in ihre Nähe.</p> - -<p>„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, -Kind!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[S. 359]</a></span> - -„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren -Mund.</p> - -<p>„So leid es mir tut — sei mir nicht böse und mißversteh' -mich nicht — ich muß dir das aber sagen: du solltest deine -Kauflust ein klein wenig einschränken!”</p> - -<p>„Ich — meine Kauflust? Und wieso?”</p> - -<p>„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe -gerechnet und —”</p> - -<p>„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß -sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern -hervor.</p> - -<p>„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit -gutmütigem Lächeln. „Aber ich muß das wohl. Schulden -machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt -läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun, ihr so -ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur -konnte, einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen -und Ausgaben zu geben. Ohne alle überflüssigen -Einzelheiten. Sehr sachlich und überzeugend.</p> - -<p>Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster -aus den Paketen und ließ sie durch ihre Finger gleiten. -Als er fertig war, sagte sie außerordentlich gelassen, ohne -auch nur aufzusehen: „Männi — weißt du — eigentlich -brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”</p> - -<p>„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, -zurück.</p> - -<p>„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. -Der soll seinen großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. -<span class="antiqua">Voilà tout!</span>” Sie sagte das so kühl und sicher, -als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.</p> - -<p>Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[S. 360]</a></span> -fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu -bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster -drehte er sich um.</p> - -<p>„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um -jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter -nehme ich von deinem Vater an!” Seine Worte lauteten -sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schärfe -durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du -übrigens selbst einsehen!”</p> - -<p>Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam -beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hände -im Schoß ineinander und blickte ihn von unten nach oben, -mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.</p> - -<p>„Das versteh' ich nicht. Verzeih — aber das wäre ja -unglaublich philiströs gedacht!”</p> - -<p>„Philiströs, beste Alli,” — er reckte sich nervös — -„philiströs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame -etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das -philiströs zu nennen, was einem nicht in den Kram paßt!”</p> - -<p>„Oho, Männi!”</p> - -<p>„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich -erwarte, daß du ihn würdigst. Und ich bitte dich —” -er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt -gab, zu mildern und steckte die Hände, die zu lebhaften -Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die -Taschen seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. -Ich verlange von dir nichts Außergewöhnliches. -Nur ein bißchen Mäßigung und Beschränkung. Du wirst -das mir zu lieb tun!”</p> - -<p>Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken -zurück und tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[S. 361]</a></span> -verschlang sie die Hände hinter sich und dehnte sich. Sie -unterdrückte ein Gähnen.</p> - -<p>Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, -wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verließ. Um nicht -loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.</p> - -<p>Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich -hin, während sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. -Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie -hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie -glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben: -der Philister in ihm — den sie als Mädchen schon gewittert, -aber nun gebannt glaubte — dieser Philister hatte hinter -ihm hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte -sie! Dafür würde sie sich bedanken!</p> - -<p>Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig -zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick -wegwerfend in einer nicht zu mißdeutenden Richtung -...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c16" id="c16">16</a></h2> - - -<p>Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger -Wochen das Haus am Wenzelsberg überfallen hatte, war -so plötzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und -Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern mit jedem -Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter -wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan -war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und -Aufregungen über sie hingefahren und hatte sie betäubt; -jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis müsse sie mit -der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.</p> - -<p>Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[S. 362]</a></span> -gut in seinem Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr -eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in -seiner gestrengen Paschawürde, für jeden und jedes fehlte. -Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien -Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als -hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen -des Alltags unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten -durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte -das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er abseits im -zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und -nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was -hätte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf -eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus -seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte Marga -sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt -stählen zu müssen — er, der der Gütigste und Besorgteste -war, so oft das Leben sie hart anfaßte! Und Käthe, wie -willkommen wäre es ihr gewesen, ein plötzliches „Blaustrumpf!” -an den Kopf zu bekommen! All das — und -sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht -auf der obersten Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus -am Nachmittag, all das und tausend anderes war -vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das -so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.</p> - -<p>Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, -war die Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal -zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit -herangetreten. Auch Käthe, die besonnene Käthe, erholte -sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not -zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft -zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[S. 363]</a></span> -Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurütteln -und aufzurichten.</p> - -<p>Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte -nur zu bald ein lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.</p> - -<p>Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, -aber kein großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen -hatte er nicht hinterlassen können. Das Haus war -mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung -gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.</p> - -<p>Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen -Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Für -Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl -er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch nach -akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu -anständig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit -sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.</p> - -<p>Aber Marga und Elli?</p> - -<p>Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav -wie immer benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. -Den Doktor hatte er glücklich hinter sich. Aber -auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein -Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und -sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch -so bescheidene Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, -deren Zukunft den Freunden am trübsten und aussichtslosesten -vor den sorgenden Augen gestanden, war von -vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, -sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben -anzugreifen und ihm ein Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. -An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.</p> - -<p>Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich,<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[S. 364]</a></span> -etwas zu entdecken, das den beiden eine auskömmliche -Zuflucht bot.</p> - -<p>Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. -Immer scheiterte die Möglichkeit der Ausführung -an einem neuen Hindernis: sei es, daß die Ausbildung -zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, -daß andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen -ließen oder daß wohl die eine, aber nicht die andere Schwester -ihre Unterkunft finden konnte.</p> - -<p>Eines Abends vor dem Schlafengehen — es waren -schon Wochen vergangen, Käthes Hochzeit und die Trennung -von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum -Verkauf ausgeschrieben — erklärte Elli mit einem komischen -Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: -„Nächstens werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ -suchen müssen!”</p> - -<p>„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir -könnten ja —” sie stockte und überlegte.</p> - -<p>„Was könnten wir?” forschte Elli.</p> - -<p>„Nun, ich dachte — aber es wird auch nicht gehen — -wenn wir einen Kindergarten gründeten!” Sie mußte -selber über diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie -spannen das Unmögliche weiter, und es sah auf einmal -gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor -Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. -Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen -anderen. Wahrscheinlich würde es im Frühlicht des nächsten -Tages schon nichtig erscheinen. Aber für jetzt konnte man -neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so gut -darüber ein ...</p> - -<p>Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[S. 365]</a></span> -bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von -der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und -Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten -Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell, -daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl -einfach und häuslich erzogen oder besser durch gesunde -Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstöchter -nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten -Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glück -war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht -nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch -mit sozialen Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus -Sport, wie die Gräfin Hüningen, aber aus dem Bedürfnis -eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch -nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus, -sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst -verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die -majestätische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweißen -Scheiteln und dem Krückstock, die besondere Freundin -Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr gelegentlich -ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner -Schützlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst -nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen -kleinmütig. Weil man nun einmal, wie sie überzeugt -war, ein Haus nicht von oben herunter aus der -Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen -mußte. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie würden -also auch auf diesen Plan verzichten müssen, weil keine -die nötigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung -und Umsicht besaß, deren es bedurfte, versprach -Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[S. 366]</a></span> - -Und sie hielt Wort.</p> - -<p>Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum -Plan die feste Gestalt sah.</p> - -<p>Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. -Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie -in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als -Volontärin in einem großen Erziehungsheim, dem ein -Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas -Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit -trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?</p> - -<p>Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft -worden. Ein kleiner Überschuß, zusammen mit der -mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel -Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte für -zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf -hatte das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an -eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten. -Er zog mit seiner Frau — die stille Hochzeit wurde im -Juni gefeiert — nach herzlichem Abschied noch im Lauf -des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als -Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für -sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf -Güstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung -seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich jede -Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, -die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis -standen, fähig wäre. Marga nahm die Hilfe für sich an. -Elli brachte sie nach Pommern.</p> - -<p>Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor -Ellis blühender Phantasie gestanden hatte. Aber schön -war sie doch. Unterwegs begrüßte man Wilkens, der<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[S. 367]</a></span> -in einem sächsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden -und angenommen hatte. Schwermütig war er -noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, -sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. -In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, -wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert. -Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen -Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben -und sah von der „Weltstadt” genug, um die schaudernde -Andacht nicht nur nicht enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. -Und der Empfang in Güstow war einfach urgemütlich: -die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave, -beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten, -jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen -Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, -freuten sich „doll” und führten Elli und Marga im -besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort, was -in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch -zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, -war es mit einem weinenden und einem lachenden -Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren, -sogar wenn es Marga zu verlassen galt.</p> - -<p>Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der -neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen -in dem altväterischen Herrenhaus mit ihrer unverwüstlichen -Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit und am -harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen -Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, -der schattige Garten und der einsame Kiefernwald — -das war eine in sich ruhende, natürliche Welt, die ihr wohltuend -entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[S. 368]</a></span> -und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen. -Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten -sich schützend und klärend zwischen sie und ihr früheres -Leben im Haus am Wenzelsberg.</p> - -<p>Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. -Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei -gerade im rechten Alter, daß Margas Kinderfreude an -ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus -schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, -die berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. -Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum -und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie früher -ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang -mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die -Kinder gaben ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, -das Geschaute in eine faßliche Form hinüberzuleiten, -zu erzählen und zu fabulieren. Sie mußte ein -Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing -dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, -sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam -und unmerklich fast. Der Humor, der sich früher, -trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkräftigen -Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein -Recht verschaffen können — jetzt entwickelte er sich und -streifte ab, was die früheren Mädchenjahre unter der -Wirkung ihres Leidens an Überernst und zu tiefer -Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die Überraschung, -die die neue Seele in sich trug. Und nicht -nur ein Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es -wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung -für ihr neues Leben. Waffe, Würze und Kraft, nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[S. 369]</a></span> -wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga -verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, -bald das lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen -in sich. Es war wieder die große Stille, die in ihr -anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber -um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger — um -einen hellen, leichten, lachenden Ton.</p> - -<p>Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen -sich Marga und Elli in Käthes jungem Heim wieder.</p> - -<p>Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht -ging's ins neue Jahr hinüber.</p> - -<p>Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten -und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen -mußten, fanden sie zu ihrer Freude, daß Frau Geheimrat -Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in einer -Gartenstraße — dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, -nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder -Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, -das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten -mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein -paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große -Zimmer und die Küche, oben unterm Giebel ein luftiger -Schlafraum — alles nicht großartig, aber zweckentsprechend -und freundlich. Besonders wenn erst das Frühjahr Blätter -und Blüten darumrankte.</p> - -<p>Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli -zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten -zwei Jahre die Miete; er ermöglichte auch die nötigen -Anschaffungen für die „Schulstube”, die Frau Achenbach -schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das Empfangs- -und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[S. 370]</a></span> -ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung -des väterlichen Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, -„daß sie vor Gemütlichkeit platzten”, wie Elli sich -ausdrückte.</p> - -<p>Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen -Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten -mußte man zwei dutzendmal aus- und einlaufen, -bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das -Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. -Und gab eine närrische Freude, als — auf -einen Tag, wie es das Glück immer macht — drei kleine -Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau -Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei -Jungens, fünf Mädels, und konnte anfangen.</p> - -<p>Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock -angezettelt kam.</p> - -<p>Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, -mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel -und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde -Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama -furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte -Mama sie in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch -zu brüllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger -Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester -ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein -Steckenpferd bei sich behalten konnte.</p> - -<p>Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor -all den großen, fragenden Augen und den offenen Mäulchen, -die bereit waren, zu lachen und zu weinen — in ein -und demselben Atemzug.</p> - -<p>Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[S. 371]</a></span> - -„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele -und Späße, daß der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß -vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergnügen -schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen Papier flechten, -ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an kein -Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren -als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, -selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben -mußte. Und „Tante” Marga, die so merkwürdige Augen -hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde und -man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte — die -erzählte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen -mußte man aufreißen, als gelte es geradewegs in den -Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr -zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und -sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, -daß nach sechs Wochen ein junger Herr erklärte, -es sei einfach verrückt, daß man nicht immer da sei, und -zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen, -in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt -wurden.</p> - -<p>Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer -Frau Achenbach, machten mächtige Propaganda. Professor -Wilmanns war untröstlich, daß er sein Enkelbübchen -— den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet -hatte — nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den -Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine -jüngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit, -bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil -sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen -um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete an einem<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[S. 372]</a></span> -Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns -hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder -anknüpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule -in Troja hätte stiften können. Der erboste -Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte seinen lügnerischen -Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten andichtete, -die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau -unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen -Schutzbefohlenen in der Bergfelderstraße mit Zwillingen -den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht -wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe Jakobus -Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff -immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg -von seiner ostöstlichen Wissenschaft zu einem modernen -Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens -mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus in -der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um -eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das -gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte -er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche -Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufällig -entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.</p> - -<p>Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die -Sorgen und Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es -sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte -Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft seiner „Bande”, -sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewünscht. -Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf. -Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor -Gemütlichkeit platzte”, ihren Tee brauten, konnte man -Marga singen und Elli lachen hören. Es kam vor, daß<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[S. 373]</a></span> -nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bären -aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow -in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen -Segelfahrten, schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, -Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden — -ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier aufnahm, -bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb -bei nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht -dahinten. Der Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der -zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm -immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder -löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens -warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht -verlernen, Feuerräder durch die Luft surren und leuchten -zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu -und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne -zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus -der Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang -die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander, so frei -fühlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c17" id="c17">17</a></h2> - - -<p>Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max -Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern -waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder -auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu. -Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein -paar Stunden hinaus.</p> - -<p>Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten -sehr gut. Er fand eine eigentümliche neue Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[S. 374]</a></span> -in einer Tätigkeit, die seine praktische in der Klinik nach -der geistigen Seite ergänzte. Die Sehnsucht nach Stille, -die er so ganz verbannt und überwunden zu haben glaubte, -suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen -Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, -die er sich früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person -verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf -den Sommerurlaub. Er verständigte sich mit seinen Schwiegereltern -dahin, daß Alice die Hochsommerwochen unter -ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber -murrte anfangs über den notwendigen Verzicht auf die -ihr so teure Bergfexerei. Zum Glück fand Perthes diesmal -bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Unterstützung -im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte -von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde -Hummel” schon im Zaum halten.</p> - -<p>So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges -Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer -seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und -länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur selten ging er -spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte -er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue -Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in -die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er, -außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen -einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn -zurück.</p> - -<p>Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines -Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße -machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar -für einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der „Medizinischen<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[S. 375]</a></span> -Wochenschrift” gebracht. Er wollte es dazu verwenden, -um in aller Stille eine der großen Rechnungen -des letzten Vierteljahrs zu begleichen.</p> - -<p>In dem Modeladen, dem sein Gang galt — es war -das erste Sport- und Toilettengeschäft der Stadt — erfuhr -er mit Befremden, daß der Betrag schon beglichen sei. -Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer, -ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das -Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung -für Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen -bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte -etwas von einem unverständlichen Irrtum. Kaum konnte -er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tür -begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.</p> - -<p>Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung -zugefügt, schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er -einst gezwungen, sich der bewußten Streberei zu unterwerfen, -hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen -pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte einen -entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld -einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten -ein für allemal abzulehnen, und die Summe -mitzuschicken. Nur die Rücksicht auf den Zustand seiner -Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm -indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle -Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr -mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben -hatte er nicht so viel Selbstüberwindung lernen und üben -müssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. -Die Arbeit wurde ihm für mehrere Tage verdorben, -und es blieb auch nachher ein Stachel zurück, der<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[S. 376]</a></span> -immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit -ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden -Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen -Mädels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn für -den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen -eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie -nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern -aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem -Frühjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner -freiwillig-unfreiwilligen Beichte über Marga, mehr als -einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: was wohnte -hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter -diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn -unter den rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja -Unsinn! Was suchte er denn? Das Rätsel war ja eben -der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch immer mächtig -über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen. -Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr -werden zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: -über den nächsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.</p> - -<p>Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds -im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit -folgten: er war Alices alter Räuberhauptmann und sie -sein entzückender Irrwisch.</p> - -<p>Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem -Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die -Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung -an seine Demütigung blieb. Er mußte ein Kompromiß -schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind -war es fortan — aber natürlich war es so — nur das -Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mußte,<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[S. 377]</a></span> -was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel. -Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der -mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und -sie auf die natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz -zu verstehen, mit ihm über diese wirtschaftlichen Dinge -einer Meinung und damit häuslicher zu werden!</p> - -<p>Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das -Kind ihrer Liebe ...</p> - -<p>Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. -So frisch und ungebärdig und fast so schlank wie immer. -Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz, -doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er -fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht -und Arbeitslust.</p> - -<p>Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche -Treiben.</p> - -<p>Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf -der Hin- und Rückfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht, -neue Pläne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber -wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige Zurückhaltung -auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, -ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, -es würde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie -bisweilen über die Stränge schlug, wenn sie aufbrauste, -weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen „ekligen, -ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes -verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen -Geduld und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß -das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen -Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er -übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[S. 378]</a></span> -Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst -sich zugetraut hätte.</p> - -<p>Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.</p> - -<p>Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen -bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei -gemacht. Der Ordinarius für Gynäkologie, ein Freund -des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt -durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn -ihre furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht -gemacht.</p> - -<p>Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger -Perthes das Licht der Welt.</p> - -<p>Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, -schüttelten sich mit gerührter Freude die Hände. Alice -war schwach, aber außer jeder Gefahr. Als Perthes bei -ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, -betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, -das ihr die Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem -Kommen.</p> - -<p>Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, -um sie zu küssen.</p> - -<p>Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.</p> - -<p>„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn -er hatte nicht verstanden. „Hast du einen Wunsch?”</p> - -<p>Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, -und ließ sie sich zum drittenmal, noch näher ihrem -Mund, wiederholen.</p> - -<p>„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” -kam es klar und überzeugt hervor.</p> - -<p>Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück -auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[S. 379]</a></span> -hatte mit ihr ein dankbares Wort über den tüchtigen Burschen -reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm -in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und -ging auf den Fußspitzen aus der Stube.</p> - -<p>Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im -Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das -Herbstdunkel mit den trägen Bergmassen, dem düsteren -Fluß, dem gestirnten Himmel.</p> - -<p>Das war also alles, was Alice empfand!</p> - -<p>Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. -Kein Wort für das Kind, kein Wort für ihn.</p> - -<p>Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie -wurde von einer Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange -nicht gefühlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll -und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als -Mutter — eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von -Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die -Schläfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese -tödliche Vision abzuhalten, fortzudrängen, zu vernichten. -Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, zornige Angst -und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder -Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen -suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. -Er wies die Ahnung zurück. Mit dem Rest seines dämonischen -Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder -...</p> - -<p>Alice genas schnell und normal. Auch der Junge -machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr -unterschiedlich: bisweilen überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; -ein andermal vergaß sie ihn völlig. Beharrlich -war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[S. 380]</a></span> -fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie -wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald -nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil -er sie überzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache -als zu mühselig erwies und nicht den rechten Spaß machte. -Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon -während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen -mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme -kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich -in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde für -Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem -berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.</p> - -<p>Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr -bei dem unnützen Basar als bei seinem Kind. Sie -kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnäckigkeit -einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn -eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber -sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices -Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest -war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf -die zweite Hälfte des Januar verschoben worden. Unter -dem Weihnachtsbaum — er hatte Alice überreich und zartsinnig -beschenkt — erbat sich Perthes ihren Verzicht auf -diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der -Liebe. Sie wollte nichts davon hören, aber allmählich -trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den -Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte -ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.</p> - -<p>Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal -bis in die Wolken zu reichen ...</p> - -<p>Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[S. 381]</a></span> -einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche -Villa Perthes von oben bis unten mit Gästen füllte. -Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und -Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor -Hammann und Frau und viele andere. —</p> - -<p>Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten -fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner -Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte. -Er mußte sich tüchtig dranhalten, um fertig zu werden. -Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr abgeschmackt fand, -war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten -Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit -ihrem Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger -denn je. Sie waren beide zärtlich und einträchtig -miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenführte. -Fragte er zufällig einmal, was sie triebe, so lautete die -regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den Großeltern -gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und -die alten Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber -seinen Jungen höchstens einmal zwischen Tag und Dunkel -in den Armen halten konnte.</p> - -<p>An einem der letzten Januarabende, als er mit einer -Zigarre von der Klinik die Allee am Fluß entlangschritt -— gemütlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner -Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden —, -begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen -Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut -seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft -zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen -wissenschaftlichen Nebenarbeiten übergenug zu tun hatte, -so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung war von<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[S. 382]</a></span> -Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch -überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht -schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes -für den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nußknackerei -so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten -sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke, -wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich -Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.</p> - -<p>„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand -Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar — einfach tadellos!” -Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.</p> - -<p>Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand -losgelassen, blieb erstaunt stehen.</p> - -<p>„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten -Neuigkeiten aufschwatzen?” erklärte er ruhig -und lachend. „Meine Frau ist ja gar nicht dort.”</p> - -<p>„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! -Wenn jemand flunkert, sind — verzeihen Sie mir — Sie -das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle, -um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von -Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben -— vermutlich aus Berlin <span class="antiqua">SO</span> — für unglaubliches -Geld erstanden. Von der Gräfin Hüningen —”</p> - -<p>Perthes war erdfahl geworden.</p> - -<p>Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt -an.</p> - -<p>Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine -vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen -„Entschuldigen Sie!” verabschiedete er sich von dem fassungslosen -Bakteriologen und saß im Wagen.</p> - -<p>„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[S. 383]</a></span> - -In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. -Wie er war, stürmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne -Rücksicht auf das Geflüster der festlich geschmückten jungen -Mädchen, die im Vorraum die Köpfe zusammensteckten, -um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbüchern, -Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; -ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu -begrüßen, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der -Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte er in den Trubel -des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die -lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, -schwarzbärtiger Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, -überragte die meisten Besucher.</p> - -<p>Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe -der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden, -blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt. -Inmitten eines Schwarmes von Käufern — Offizieren, -Studenten, Akademikern — sah er seine Frau.</p> - -<p>In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und -schwatzend, verhandelte sie eben über eine bronzene Vase -mit dem schlitzäugigen Prinzen von Siam, den er vom -Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch -angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...</p> - -<p>Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen -schweiften, wie Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, -an den Buden längs der Wände hin. In einem -Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat -Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. -Es war nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er -drehte sich gewaltsam um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit -in ihm aufwallte. Seine Liebe für Alice war<span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[S. 384]</a></span> -immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen -gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die -Wut aus ihm hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er -hätte sie zu Boden schlagen können. Der Haß des Edeltieres -Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen -verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand -seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er -gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen -wie ...</p> - -<p>Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen -Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. -Sie war überzeugt, daß sein Groll bis zum Morgen verraucht -sein würde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher -geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr -gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle -zu gehen! Gott — erfahren hätte er es wohl auch -so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas länger grollen ...</p> - -<p>Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik -„verhindert” melden. Er wartete auf Alice.</p> - -<p>Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren -Platz gemacht.</p> - -<p>Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, -kam sie gegen Mittag heim.</p> - -<p>Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb -höchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, -überspönige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst -genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belästigt. -Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung -der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken -lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...</p> - -<p>Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit,<span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[S. 385]</a></span> -dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen -kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. -Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich -zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich -hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte -und verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den -lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen -Gassensprüngen — die Leere! die vollendete Hohlheit! -Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines, -schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, -wie es zu seinem Leuchten kam ...</p> - -<p>Er schickte Alice weg.</p> - -<p>Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur -eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die -Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mußte sie heraus. -Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlässigte -oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!</p> - -<p>Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom -Entschluß zur Tat.</p> - -<p>Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.</p> - -<p>Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, -von einer auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt -hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich -widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.</p> - -<p>Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. -Mit überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er -den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des „lieben -Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm -das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das -„arme Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im<span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[S. 386]</a></span> -übrigen würde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr -zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so -die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur -sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man -sie erst dazu!</p> - -<p>Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er -glaubte aus den und den Gründen, daß die Sache ernsthaft -sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, daß „Ernst” -im Hause Hupfeld nur eine höchst relative Größe war. -Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: -Der Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach -auswärts ginge, wenn es nur für ein paar Jahre wäre. -Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung ließe sich -gewiß für ihn finden.</p> - -<p>Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie -man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man -zweifelt.</p> - -<p>„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und -mild, „du bist überreizt. Das sind — verzeih — das sind -Ausgeburten eben einer überreizten Phantasie. Du hast -dir das auch nicht ernstlich überlegt. Erstens kann ich es -als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren. -Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde -damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du -selbst einsehen mußt.”</p> - -<p>Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem -Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, -von neuem vor. Er wollte und mußte weg von hier, um -Alices, des Kindes und um seinetwillen.</p> - -<p>Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den -blassen Augen schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die<span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[S. 387]</a></span> -hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene -Stimme wurde unangenehm scharf, fast bösartig.</p> - -<p>„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde -des großen Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr -zu hören! Niemals!” Und mit einer Bonhomie, die -verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes -kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn -„gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: -„So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge! -Merk dir das gefälligst! Und laß mich jetzt ausruhen! -Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die -berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.</p> - -<p>Die Audienz war beendet.</p> - -<p>Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, -seine Arme zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht -die Ketten klirren hören, die er sich selber geschmiedet? -In denen er sich selber gefangen? Er — der Streber mit -Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden -Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen -Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die -sich doch nicht abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief -und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts -mehr. Die dämonische Lust half nicht mehr. Es gab kein -Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein ganzes -Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er -lernte es. Jahraus, jahrein besser — und für ein ganzes -Leben, wenn es sein sollte.</p> - -<p>Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte -ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe -Weigerung gewissermaßen ein liebenswürdiges Heilpflaster.<span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[S. 388]</a></span> -Er erhielt den Titel außerordentlicher Professor. Schon -anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.</p> - -<p>Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher -Professor an der Universität ..., erster Assistent an der -Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie -hübsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c18" id="c18">18</a></h2> - - -<p>Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.</p> - -<p>Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. -Im zweiten verdiente man und hätte mehr verdient, wenn -nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten hätte. -Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz, -Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für die Herrchen -und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene, -aber für sie so wichtige Werk war gelungen.</p> - -<p>Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue -Rückhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, -der den Schwestern ihre Stellung auch äußerlich -erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt -im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie -dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. -Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, -mit denen die Gesellschaft noch manchmal -die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Füße -stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre -gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein -richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr -Leben ohne die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit -innen und außen kaum mehr denken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[S. 389]</a></span> - -Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch -die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. -Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit. -Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse -zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein -Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle -Bezug hatte, wollte sie darüber forteilen. Aber Marga -knüpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen -sie mehr als einmal darüber, und je mehr die Zeit sie -davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht -nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der -sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und -versöhnendem Licht. Sie hatte begriffen, daß jene Liebe -— die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das -sie ihr bereitet — für sie ein Stück notwendiger Entwicklung -hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. -Mußte es für ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli -Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine -Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den -ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht -gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, -das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe -Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau, -einer der Richthoffschen so unähnlichen und entgegengesetzten -Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen -seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit -ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem -Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite -mit ihr zu einem höheren, innerlicheren Menschentum -emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft getäuscht, -als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte.<span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[S. 390]</a></span> -Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, -und darum auch überhaupt nicht in ihre Bahn zwingen. -Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten -Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach -der entgegengesetzten Seite führte.</p> - -<p>Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene -Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwärts mitnahm -oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Höhe, zu -seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga -halt. Sie wollte nur das Notwendige auch für ihn als -Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie -nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.</p> - -<p>Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens -trug ihr ab und zu ein Gespräch oder eine Bemerkung -anderer zu. Dafür war die Stadt zu klein, die akademische -Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander -abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders -sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder -zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt -Professor war, das waren Dinge, die sie hörte wie eine -Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge, die -nicht bis in ihre große Stille drangen. —</p> - -<p>Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach -Jahren beweisen, daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, -sondern ein echtes und dauerndes war.</p> - -<p>Es war an einem Vormittag im späten Frühling. -Die Kleinen waren eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. -Elli und Marga saßen in behaglichen Liegestühlen -im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre -letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und -plauderten. Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich<span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[S. 391]</a></span> -jetzt zur ständigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit -ihrem Jungen.</p> - -<p>Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, -stand auf und ging nach vorn.</p> - -<p>Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube -diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und -erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, während ein -Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen -Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen -Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli -glaubte sie nicht zu kennen.</p> - -<p>„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem -Nicken vor. „Ich komme, um Ihnen meinen Jungen -vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas herablassendem -Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen — -er wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem -Mann” erfand sie. Denn Perthes wußte nichts von -diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer -Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt -zu sein.</p> - -<p>Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort -dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, -der gestülpten Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja -vom Sehen bekannt war. Es war für sie eine ausgemachte -Sache, daß sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprößling -abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen, -besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt -zu sein, einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices -Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie -wollte sich bei der Gelegenheit so <span class="antiqua">en passant</span> mal diese -Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme<span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[S. 392]</a></span> -gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden -Augen ...</p> - -<p>„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, -gnädige Frau,” erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, -nachdem sie ihr gegenüber Platz genommen.</p> - -<p>„Wieso?” fragte Alice.</p> - -<p>„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele -Kinder angenommen, daß es beim besten Willen nicht -gehen wird.”</p> - -<p>„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” -Alice lächelte und sah Elli malitiös und ungläubig an. -Sie hatte heraus, daß es sich um eine Ausrede handelte -und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein. -Sie versuchte sich noch entschiedener in der gönnerhaften -Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den -Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die -Namen von Exzellenz Papa, den gräflichen Herrschaften -von Hüningen beiläufig einfließen und wollte Elli offenbar -klar machen, daß die beiden Fräuleins sich nur geschmeichelt -fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie stellte -die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.</p> - -<p>Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie -wäre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier, -die Alice sich gegen die Töchter eines Kollegen ihres Vaters -herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie ließ -Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut, -den sie empfand.</p> - -<p>„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. -„Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen -brächten, gnädige Frau, wir haben uns mal vorgenommen, -mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird<span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[S. 393]</a></span> -nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen -Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die -Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.</p> - -<p>Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte -von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt -reif für seine persönliche Einmischung. Er erklärte auf -eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt: „Denn nicht! -Komm, Mama! Ich will fort!”</p> - -<p>Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama -gelernt. Alice selbst, die über die Entscheidung ihres -Jungen boshaft lächelte, hätte am liebsten auch mit einem -geringschätzigen „Denn nicht” das Feld geräumt. Aber -ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lästig -wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. -Gewandt wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie -gab dem Kleinen einen leichten Klaps für seine Ungezogenheit -und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe -zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war -gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater -hatte wenig oder gar keine Zeit für den Jungen. Das -Kinderfräulein würde nicht immer mit ihm fertig. Kurz: -sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag unter -guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.</p> - -<p>„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung -nehmen!” schloß sie, bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, -als sie begonnen.</p> - -<p>Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.</p> - -<p>Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr -Gefühl gegen die Aufnahme gerade dieses Perthesschen -Jungen, die überdies nur dem eigensüchtigsten Wunsch -der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl daraus,<span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[S. 394]</a></span> -daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne -noch wolle. Zudem schien ihr der Junge — so aufgeweckt -und kräftig er war, mochte er noch nicht vier -Jahre zählen — entschieden zu jung. Sie nahmen -grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann -führte sie noch einen ganzen Wall von anderen Gründen -auf, um nur unter keinen Umständen nachgeben zu -müssen.</p> - -<p>Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen -Wendung nun doch die Verhandlung abzubrechen und -ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in der Klasse, zu -der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.</p> - -<p>„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender -Stimme.</p> - -<p>Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis -nicht erklären konnte und sie an einen Besuch bei Wilmanns, -den sie beide vor Tisch noch zu machen hatten, -erinnern wollte.</p> - -<p>Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.</p> - -<p>Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen -zu verhindern.</p> - -<p>Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.</p> - -<p>„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so -hartnäckig sein!” meinte sie lächelnd.</p> - -<p>Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte -Elli dazwischen treten. Aber Frau Perthes hatte schon -die angelehnte Tür geöffnet. Und da stand Marga, ihr -gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem Geräusch -der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel -lauschend.</p> - -<p>Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten<span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[S. 395]</a></span> -Eindringling vorbei auf die Schwester zu. Sie war bleich -vor ohnmächtiger Wut.</p> - -<p>„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, -so leid es uns tut, noch ein Kind annehmen können,” -stieß sie erregt hervor. Sie hatte ihren Arm von rückwärts -auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch den -Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.</p> - -<p>Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, -zog sich vor den fremden, blicklosen Augen Margas mit -der allen Kindern eigenen Scheu vor dem Ungewohnten -hinter seine Mutter zurück.</p> - -<p>Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse -und Befriedigung durch ihren bekannten Blick von unten -nach oben gemessen, ließ sich durch nichts beirren.</p> - -<p>„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, -wer ich bin,” bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu -Elli. Sie war nicht bösartig. Aber in diesem Moment -verfiel sie dem kleinen, niederträchtigen Weibsteufel, dem -Frauen unter sich und zumal unter ähnlichen Umständen -kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie mit -eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen, -schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.</p> - -<p>Das Geschoß war abgeschnellt.</p> - -<p>Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte -es nicht hindern können. Unruhig und ängstlich wanderten -ihre Blicke zwischen Alice und der Schwester hin und her.</p> - -<p>Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen -Augen mutig neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem -Spazierstöckchen und setzte dann eigenmächtig den breitrandigen -Strohhut auf, den er vorher in der Hand gehalten.</p> - -<p>Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen<span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[S. 396]</a></span> -hatten sich auf den Boden geheftet. Sie fühlte auf sich -den herausfordernden Blick dieser Frau, die sie nicht -kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte. -Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen -in einer heißen Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften -es, als wollten sie ihren Mut, ihre Haltung vernichten. -Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.</p> - -<p>Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen -gedauert.</p> - -<p>„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch -aufnehmen, Elli,” sagte Marga dann gelassen und fest. -Nur ihr bewegterer Atem ließ eine vorausgegangene Erschütterung -erraten. „Meine Schwester hat wohl vergessen, -daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es -wird gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen -anvertrauen wollen, bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie -sprach jetzt so klar und korrekt, als gelte es eine abgemachte, -rein geschäftliche Sache höflich zu beendigen.</p> - -<p>Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe -und sanfte Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende -Verwirrung erwartet hatte, war so sehr der Gegensatz ihres -eigenen zerfahrenen Wesens, daß sie eine gewisse Verlegenheit -nicht unterdrücken konnte.</p> - -<p>Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde -meinen Jungen morgen schicken,” verbeugte sie sich und -nahm den Kleinen bei der Hand.</p> - -<p>Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.</p> - -<p>„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer -halben Wendung des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen -Ausdruck ihrer unzerstörbaren Nonchalance, der zeigte, daß -ihre Gedanken über dies Intermezzo schon hinwegeilten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_397" id="Page_397">[S. 397]</a></span> - -„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück.</p> - -<p>Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, -stürzte Elli außer sich an Margas Hals.</p> - -<p>„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie -konntest du diese abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt -hatte, diesen verzogenen, ungebärdigen Bengel -von einem Jungen — ich versteh' dich nicht! Ich mache -nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie -zitterte vor Aufregung und Empörung.</p> - -<p>Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch -enger an sich.</p> - -<p>„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte -sie leis.</p> - -<p>Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der -Sicherheit eines Sehenden eine weite unendliche Ferne -faßten, mit der ihre Stille eins war.</p> - -<p>Und sie verstand Marga ...</p> - -<p>Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit -seinem Kinderfräulein.</p> - -<p>Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war -nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Zwei, drei -Wochen konnte das vielleicht dauern. Dann saß er da -und lauschte, sprang und sang, jubelte und spielte, ein -harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch -sein Name?</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c19" id="c19">19</a></h2> - - -<p>Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im -Automobil an die Bahn gebracht.</p> - -<p>Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz -berufen worden. Da Hupfeld in diesen Tagen seinen<span class="pagenum"><a name="Page_398" id="Page_398">[S. 398]</a></span> -Sommerurlaub antreten und zunächst auf Nieburg, späterhin -irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst ungeschoren -sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand -zu besprechen.</p> - -<p>Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf -und ab, ganz in ein berufliches Gespräch vertieft.</p> - -<p>Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, -aber immer noch sehr repräsentativ mit -dem glatten, ebenmäßigen Gesicht, den gebietenden Gebärden, -dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte -Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor -Perthes in seinem Reisehabit aus grauem Loden wirkte -nicht so distinguiert und hatte nichts von der weltmännischen -Liberalität der Exzellenz. Die frühere gesunde Bräune -seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen. -Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte -Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer -Ernst gab ihm auf dem ersten Blick einen abweisenden, -fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte das -tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit -Beherrschung, in dunklem Feuer aufleuchten konnte. -Wenn er mit wiederholter, hastiger Gebärde die Mütze -lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare fuhr, -las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten -ebenso viel rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene -Bitternis. Der Mund hätte die gleiche Sprache gesprochen, -wäre er nicht in dem krausen Bart zurückgetreten, -dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen -hatten.</p> - -<p>Es wurde zum Einsteigen abgerufen.</p> - -<p>Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem<span class="pagenum"><a name="Page_399" id="Page_399">[S. 399]</a></span> -Händedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Während -der <span class="antiqua">D</span>-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat -den Bahnsteig zurück nach seinem Automobil. Auf der -Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des Sommersemesters -saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß zu -versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach -dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschließlich -freundliche Gedanken, die ihn beschäftigten. Diese -Konsultationen nach auswärts, die durch den steigenden Ruf -des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu werden. -Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll -glänzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte -längst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden, -vielleicht abzulösen berufen war. Er hatte die Fähigkeiten -des um mehr als eine Generation jüngeren Mannes -„entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”. -Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen -der Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht -hätte er sich sogar mit den Jahren direkt überwinden -und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben können. -Aber die Ehe seiner Tochter — das konnte auch ihm, -dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein — war -nicht, was er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge -Mann, den er „gemacht” hatte, entwickelte einen Charakter, -dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmännischen -Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater -stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose -Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn -er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, -spottsüchtige, wechsellüsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit -des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah<span class="pagenum"><a name="Page_400" id="Page_400">[S. 400]</a></span> -er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit -— besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm -kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer -Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und -Festigkeit nur Pedanterie und Spießertum belächelte. -Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der körperlich -immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. -Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, -als sein Auto vor der Universität hielt. Er versäumte -trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit -gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken, -während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und -starrender Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, -wo die Korona der Kollegen das große Tier -noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit übertriebener -Ehrerbietung empfing. —</p> - -<p>Perthes fuhr inzwischen in seinem <span class="antiqua">D</span>-Zug südwärts.</p> - -<p>Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem -Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um -die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war -ja früher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen. -Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie oft rudernd -und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder -herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei -abgewöhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die -seelischen Aufregungen abgewöhnt hatte. Nicht von heute -auf morgen; auch nicht mühelos und leicht. Es hatte -Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich -nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden: -Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, -zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit<span class="pagenum"><a name="Page_401" id="Page_401">[S. 401]</a></span> -anderen, in denen er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne -Strenge erziehen wollte. Vorübergehend meinte er die -Quelle alles Übels in der Umgebung zu sehen, die ihn -selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst die -Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet. -Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es -kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von -Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit. -Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch -sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum, -das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt -er gegen dies Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, -seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen -Freiheit und Götzendienerei des Geldes, der Grafenkronen, -der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. -Doch sie — sie dachte nicht daran, sich ihrem Element -abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, -ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden -Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ändern. Sie -wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte. -Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen -seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde -und absolute, vollendete sich. Der Räuberhauptmann war -ihr ein gräulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grämling -geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nüchtern und für -immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwöhnischen -Belauerns — und eines ging kühl und fremd -neben dem anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur -noch für sich und in sich selbst.</p> - -<p>Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich -nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame,<span class="pagenum"><a name="Page_402" id="Page_402">[S. 402]</a></span> -qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich -wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer -strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde -zu Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den -Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den -Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die -peinlich gepflegte, später natürliche und echte Liebe zur -Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht -durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. -So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem -nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten -wie in einer Rüstung. Freilich war sie schwer; -sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach -außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und -erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. -Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen -Tälern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben -Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war -blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt — vor -langer, langer Zeit ...</p> - -<p>In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, -zu der man ihn gerufen.</p> - -<p>Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen -Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines -zwanzigjährigen jungen Menschen. Mit dem gutmütigen -Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem Bart -vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur -noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit -fand, konnte er dem geängstigten Vater im -Vestibül der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglückte -Rettung mitteilen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_403" id="Page_403">[S. 403]</a></span> - -Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber -sie klangen mit der Freude über die gelungene Operation -doch noch in ihm nach, als er später durch die alten, ehrwürdigen -Straßen von Konstanz schlenderte. Er mußte -einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen -wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, -sie wurden ihm hier aufgedrängt. Er hatte es seit langem -aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhängen. Aber -auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen, -beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte -ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. -Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit -alle Bitterkeit von Menschen und Verhältnissen wegzuspülen -scheint. Er überließ sich halb schmerzlichen, halb -süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine Möglichkeit -des Glücks, in der er und die Frau, die er nun -einmal zur Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen -finden konnten? Es fiel ihm ein — woran er bis jetzt -nicht gedacht —, daß Alice nach ihren letzten Nachrichten -vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte, -wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin -Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees -ein Landhaus besaß. Er rechnete die Tage nach. -Seine Frau, die in Straßburg bei dem Bruder ihres -Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu -Besuch war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, -jenseits des Sees, bei den Hüningens sein.</p> - -<p>Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.</p> - -<p>Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn -sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, -wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen<span class="pagenum"><a name="Page_404" id="Page_404">[S. 404]</a></span> -mehr haben, versuchten, zu einer erträglichen Einigung -zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden, aber -doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. -Für den er keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. -Der zwischen ihnen verkümmern und verderben mußte ...</p> - -<p>Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes -eine Stunde später auf dem Verdeck eines Dampfers. -Er wußte, daß er nicht „klug” handelte, sondern sich nur -von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ. Vielleicht -würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde -seinen Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten -beiseite schieben, gar in seinem Überfall -eine mißtrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt -auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf -ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit -in ihm wach.</p> - -<p>In Rorschach stieg er aus.</p> - -<p>Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, -aus der Stadt am Strand entlang.</p> - -<p>Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, -zögerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die -dem Haus hinter dem hübschen, herrschaftlichen Garten -ein verlassenes Aussehen gaben.</p> - -<p>Er zog an der Torklingel.</p> - -<p>Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften -wären gestern abgereist.</p> - -<p>Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er -nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau -dagewesen sei. Die Frau des Gärtners, die dazukam, wußte -Bescheid. Die Dame, die bei den gräflichen Herrschaften -zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als die Herrschaften<span class="pagenum"><a name="Page_405" id="Page_405">[S. 405]</a></span> -selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber -richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: -eine Depesche wäre für die Dame heute morgen noch -abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, hätte -sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die Gärtnersfrau -holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte -und ging mechanisch zurück nach der Stadt.</p> - -<p>Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung -verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder -nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er wußte nichts Genaueres -über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die -ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in -lakonischer Kürze: „Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt -Dienstag.” Der Ort der Aufgabe hatte französischen -Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz. -Eine Unterschrift fehlte.</p> - -<p>Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte -Perthes das Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, -wie er es mitgenommen und gelesen. So öffnete, las -und schloß er es zu wiederholten Malen. Er kümmerte sich -so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder ließ. Aber -zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelüste regten, -ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten. -Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am -Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für -sie keine gefährlichere Verlockung als das Spiel, und da -die Ausgaben das einzige waren, über das er wachte, -verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste. -Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich -wünschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen -Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport<span class="pagenum"><a name="Page_406" id="Page_406">[S. 406]</a></span> -ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines -Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen -wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten -war, verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran -dachte, seinen Willen zu respektieren.</p> - -<p>Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem -Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem -Nachtschnellzug heimwärts, wieder nichts sehend und nichts -hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit, seinen dichten, -schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte -diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert -um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, -würde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und -spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam, -daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen, -gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu -machen. Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren -Eltern manches bestreiten ließ: er hatte die beschämende -Kontrolle darüber längst aufgegeben. Nur mit seinem -Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei, -ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch — jetzt — wo -er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport, -den er ihr streng versagt hatte — schaffte die törichte Nachricht -in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum -er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief -einer auswärtigen medizinischen Fakultät erhalten, der -ihn — einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren -Aussicht auf das Ordinariat — an eine norddeutsche Universität -berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum -überlegt. Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er -mußte, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit<span class="pagenum"><a name="Page_407" id="Page_407">[S. 407]</a></span> -Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mußte -er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr -beliebte — brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten -verlegen zu lassen? In dem brausenden, hämmernden -Nachtzug, im Gedanken an diese malitiöse Depesche, erwachte -doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige -Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute -nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem -kleinstmöglichen Glück geträumt. Mit Träumen war da -nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen -Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus -ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? -Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem -des Jungen! Darüber brütete er ...</p> - -<p>Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein -Entschluß fest. Er wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung -seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges -in ihm erregt worden war, benutzen. Er knüpfte Verhandlungen -mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief. -Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als -sonst in seine Klinik.</p> - -<p>Merkwürdig — die belanglose Depesche, die er vom -Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schließlich -konnte es ihm gleichgültig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden -traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg, mit ihrem -Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger -beschäftigte ihn die Frage.</p> - -<p>Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den -Grafen Hüningen. Er sprach fast nie mit dem wappennärrischen -Gardeüberrest, der so geschäftig und gelehrt tat. -Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin.<span class="pagenum"><a name="Page_408" id="Page_408">[S. 408]</a></span> -Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. -Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und -hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von -dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schämte sich -fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte -eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice -hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der -Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs -Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.</p> - -<p>Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich -mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte. -Von ihm mochte die Depesche sein.</p> - -<p>Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben -Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz -aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte -der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte. -War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt -nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich -gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich -vorkam, er hatte keine Ruhe.</p> - -<p>Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten -Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach -Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders -der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit -Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten -Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee -gehabt. Die Gräfin Hüningen kam zum Tee. Sie -brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem -famosen Aussehen.</p> - -<p>Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes -nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_409" id="Page_409">[S. 409]</a></span> - -Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach -Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wußte -nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie er gewesen, hatte -er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen -und Studien abgebrochen und Touren in der französischen -Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine -Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd. -Und auf der Rückreise wollte er, so viel sie wußte, -noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen. -— Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen -Ereignis entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee -gewesen und jetzt daheim — indolent und schön wie immer, -wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.</p> - -<p>Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf -Nieburg hörte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte -Unruhe. Daß die Depesche an Alice aus der französischen -Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß sie und -Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden -zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber -für ihn jedenfalls uninteressant.</p> - -<p>Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von -Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte -Spürkraft weiter zu üben. Er spottete über sich und -seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht -davon ab.</p> - -<p>Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war -sehr ungehalten, daß sein Papa ihm oft gar keine oder -ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen, -höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn -Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er -wütend über den Jungen und über sich. Was ging denn<span class="pagenum"><a name="Page_410" id="Page_410">[S. 410]</a></span> -mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte -er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen -zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in -sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich -biß er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte -ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine -mißlungene und abscheuliche Beichte über sich und Marga -Richthoff angeboten und später auch wirklich erzählt hatte. -Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon -zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende, -Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen -Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er -hörte daneben deutlich das saloppe Tauschgeständnis, das -Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten -Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen, -geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett -hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken -an Verlobung und Heirat „auseinandergelacht” hätten. -Ob es für Alice ein größeres Vergnügen hätte geben -können, als zu wissen, daß er sich in solchem Zusammenhang -an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch -noch auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei -verlegen wollte? Das Vergnügen wollte er ihr denn -doch nicht gönnen! —</p> - -<p>Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen -und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.</p> - -<p>Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen -Spintisieren gehören.</p> - -<p>Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen -Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten -der letzten Tage, legte er sich zu Bett.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_411" id="Page_411">[S. 411]</a></span> - -Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die -der erschöpfte Kopf gab ...</p> - -<p>Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die -Höhe. Ein Traum, ein hämischer, raffinierter Traum -hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien, seine eingestandenen -und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum -mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, -das ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. -Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte -seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie wich nicht. -Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht. -Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden -war, oder ob er weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, -Äußerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehört, -Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen -Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -— sie standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor -ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer -Schmauserei mit ihrem göttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung -geworfen und das jetzt mit beinahe physischer -Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn -wir uns heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du -mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!” Hatte es -dabei nicht boshafter und tückischer denn je in ihren -Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber gelacht. -Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, -Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so -gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend, -wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener -Lautheit ...</p> - -<p>Perthes war aufgesprungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_412" id="Page_412">[S. 412]</a></span> - -Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser -Wahnvorstellungen, halb träumend, halb wach, warf er -sich in seine Kleider. Es dämmerte noch kaum, und er -zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht -bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit -der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.</p> - -<p>Er stieg die Treppe hinunter.</p> - -<p>Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem -Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt -und setzte seine Kerze nieder.</p> - -<p>Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. -Wollte er eine Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig -geworden? Wo war er? Was trieb er?</p> - -<p>Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit -um jeden Preis mußte er haben!</p> - -<p>Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. -Der Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit -seiner ganzen, in der Anspannung gewaltigen Körperkraft -erbrach er sie. Alice hätte in diesem Moment erfahren -können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht -vom Philister völlig verschlungen war!</p> - -<p>Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, -Briefpapier, Einladungen.</p> - -<p>Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, -fand er Briefe mit Hammanns unpersönlicher -Schrift. Einen, zwei, die nichts von Belang, nichts Überzeugendes -enthielten. Dann eine Briefkarte, mit Bleistift -geschrieben — sechs, acht Zeilen — die ihn auf den Stuhl -vor dem Schreibtisch taumeln ließen.</p> - -<p>Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice -hatte ihn mit Ludolf Hammann betrogen ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_413" id="Page_413">[S. 413]</a></span> - -Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen -aus dem dämmerhaften, halbwachen Zwang, der ihn -zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen hatte ...</p> - -<p>Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, -grausam, hämisch, konsequent, wie der Traum, der -ihn gepeinigt — erst tobte sie in ihm mit Gefühlen der -Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten Stolzes, -die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor -seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, -nüchternen Entschluß, mit dem er sich erhob.</p> - -<p>Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer -und machte sich fertig.</p> - -<p>Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine -Stimme mit ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er -überschüttete die Dienstboten, das Kinderfräulein mit -einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller Bestürzung -umeinander liefen.</p> - -<p>Das dauerte etwa eine Stunde.</p> - -<p>Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht -einen Tag länger konnte er unter diesem Dach bleiben. -Die Lüge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen -Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch äußerlich -sein.</p> - -<p>Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel -einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem -zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein -Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn. Dorthin -schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort -fand er — da das Semester vorbei war und die Studenten -fehlten — ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer -und ein Schlafkabinett für ihn, eine Stube für<span class="pagenum"><a name="Page_414" id="Page_414">[S. 414]</a></span> -Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen sollte -— war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger -als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Wochen des Kriegs begannen.</p> - -<p>Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus -allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben -mußte.</p> - -<p>Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg -wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer -bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz, -von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte. Er -schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, -einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem -aufgespeicherten Groll gegen das Geschöpf seiner Gutmütigkeit -ohne jede klassische Bezähmung freien Lauf ließ. -Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson -bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden -Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat -stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und -den mußte er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er, -daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine andere -Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes -erschüttern würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. -Ein bißchen bestürzt. Ein bißchen empört. Im Grund fand -sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach -Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für Exzellenz -das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre -Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete -nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit<span class="pagenum"><a name="Page_415" id="Page_415">[S. 415]</a></span> -Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt -von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit, früher -oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei -nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde -durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spaßhaft -hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann -um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie -auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was -sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal -sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung -brachte ...</p> - -<p>Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann -zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte -sein Blut diese knallende Lösung. Aber dann übermannte -ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre schlagen? -Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten -Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen -würdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn -verdammen. — Den Eklat eines Prozesses scheute er -nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit allen -Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst. -Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. -Aber die ruhigere Erwägung sagte ihm, daß er selbst -durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen -konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu -opfern — dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im -Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst -dauerte das Hinüber und Herüber der feindlichen Lager. -Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts -die Lösung, die beide Parteien — mit Einverständnis -der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten<span class="pagenum"><a name="Page_416" id="Page_416">[S. 416]</a></span> -Professor Hammann und der verstörten, so gar -nicht nachtragenden Edith — annehmen konnten und -mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland -endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno -übersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz -mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung, -ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen -Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und -vor der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.</p> - -<p>Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max -und Alice Perthes ihren Abschluß finden.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c20" id="c20">20</a></h2> - - -<p>Es war Oktober geworden.</p> - -<p>Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft -bräunten und röteten sich die Laubwälder an den Hängen -und auf den Kämmen der Berge. Wehmütig hängte sich -die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. Sie -spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt -unter ihrem liebkosenden Schein davonliefen. -Es war wieder die große, stille Zeit des Abschiednehmens -gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der Stimmung -liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden -Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel -Musik als im Herbst: aber es ist die Musik der Heimlichen -und Reifen; die Musik derer, die vom Sterben die Kraft -nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik der -großen Stille ...</p> - -<p>Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem -Fluß, in dem Perthes als Junggeselle gewohnt hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_417" id="Page_417">[S. 417]</a></span> -war frei geworden. Trotz der Gegenvorstellungen von -Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn nicht mehr -standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen -aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, -wo alles um ihn wankte und niederbrach, empfand er das -hartnäckige Bedürfnis, sich an diese Giebelstube von einst -zu klammern. Er hatte dabei nicht erst seine Gefühle und -Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht stimmungsselig -da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser -Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und -akademischen Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und -Abmachungen, die die Übersiedlung an einen neuen Ort -der Tätigkeit, in andere Bedingungen des Lebens notwendig -machten.</p> - -<p>Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine -kurze Pause und unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte -sich auf der Klinik verabschiedet. Der Kampf um die -Scheidung von Alice, so aufreibend und nervenzehrend, -war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen -gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch -und nichtssagend sind, Formalitäten verschiedener -Art hielten seinen Fortzug noch um einige Tage auf. -In der Entspannung, die jetzt unmerklich während dieser -gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam, -beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem -Junggesellenzimmer, und wenn er sich über die Brüstung -des Fensters lehnte, hörte auch er vom Fluß herauf, -über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von -den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen -die heimliche, tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm -er nur ihre ersterbende Wehmut: allein, mit leerem<span class="pagenum"><a name="Page_418" id="Page_418">[S. 418]</a></span> -Herzen, gebrochen, ärmer als er einst eingezogen, zog er -jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den -Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte -Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames -Ringen nach der Höhe, wo Marga gestanden -und sein schwacher, schuldvoller Absturz; seine tolle, -trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice — -Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, -was in ihm war. Aber dann hörte er heller, deutlicher. -Hörte hinter die Töne der Wehmut: aus der traurigen -Weise des Sterbens löste sich leise, aber fest eine andere. -War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut? -Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, -echte Liebe, die nichts mit dem haltlosen Hin und Her -früherer Neigungen gemein hatte. Da war sein Junge, -Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine Hoffnung, -auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war -er selbst, ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte -und beherrschte, der nicht sprang, sondern schritt — vielleicht -doch empor — nicht mehr zu der Höhe, die Marga -gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu der -Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, -auch er, von der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, -die vom Sterben die Kraft nahmen und die Lust zum -Leben ...</p> - -<p>In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, -als das Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie -hatte den Kleinen vor kaum einer halben Stunde in den -Kindergarten gebracht. Fragend wandte sich Perthes -nach den beiden um.</p> - -<p>Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres<span class="pagenum"><a name="Page_419" id="Page_419">[S. 419]</a></span> -Gesicht und zerrte sein Fräulein am Rock, als -wollte er sie hindern, zu reden. Das junge Mädchen sah -verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich nicht zu -sprechen und auch nicht zu schweigen.</p> - -<p>Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit -schenken konnte als sonst, musterte ihn und das Fräulein.</p> - -<p>„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die -Schule ist doch noch nicht zu Ende?”</p> - -<p>„Nein, Herr Professor, aber —”</p> - -<p>„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen -Stuhl! — Nun, aber?”</p> - -<p>„Die Damen sagten — Fräulein Richthoff sagte — -er solle nicht wiederkommen!” stammelte das Mädchen -ratlos.</p> - -<p>„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich -versteh' das nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie -doch!” Er näherte sich dem Fräulein und warf gleichzeitig -einen besorgten Blick auf den Kleinen, der zwischen Trotz -und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte seinerzeit -erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen -in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war -ihm peinlich gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern -können. Wenn Benno von dort erzählte, beschränkte er -sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald ab. Auch -das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es -gern so schnell wie möglich abgetan.</p> - -<p>Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn -und Aber heraus. Benno wäre gestern unartig gewesen; -er hätte die Damen erzürnt; die Jüngere hätte heute -entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.</p> - -<p>Perthes horchte betreten auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_420" id="Page_420">[S. 420]</a></span> - -Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann -nahm er seinen Jungen vor. Eine harte Arbeit. Der -kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen brennenden Augen -war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete die Heftigkeit -des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund -spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst -gab es ein verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein -lautes, zorniges Geheul. Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes -Gestammel, dem Perthes nur allmählich Sinn -abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der -jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli -und Tante Marga. Der kleine Bursche wußte nicht, wie -hart und unselig gerade diese beiden von ihm endlos -wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters klangen. -Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all -dem Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, -offenbar in einem Anfall von Jähzorn, die eine Tante -geschlagen hatte — Marga. „Ein ganz klein wenig nur,” -wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. Er erwartete -offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück -seines Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich -in sich zusammen und würgte noch zweimal „ein ganz -klein wenig nur” hervor. Aber er mußte mit Staunen -die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still -und stumm blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus -Perthes' Gesicht war alles Blut gewichen. Eine erschreckende -Verzweiflung und Traurigkeit, wie sie der Missetäter im -Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen gesehen, -malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden -Armen und geschlossenen Augen saß er vor -dem Kleinen, und dem wurde dies Starren und Schweigen<span class="pagenum"><a name="Page_421" id="Page_421">[S. 421]</a></span> -unheimlich, viel unheimlicher als das heftigste Schelten. -Er brach von neuem in Tränen aus.</p> - -<p>Perthes stand auf.</p> - -<p>Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, -ohne ein Wort an ihn zu richten, in die andere Stube -führen.</p> - -<p>Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. -Er nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und -preßte ihn, als wollte er ihn zerdrücken ...</p> - -<p>Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, -woran er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken -nur aus ängstlicher Ferne vorbeigestreift -war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied — das -hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell -und rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, -die sich da im Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund -anderes verübt, als was er, der Vater, vor einigen Jahren -so viel brutaler, härter, grausamer getan: Marga geschlagen! -— Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von der -verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos -den Notverband riß und das Blut quellen und quellen -ließ. Die Erinnerung an Marga, Stunde um Stunde -fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus gespenstiger -Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild -nahe gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit -betäubte. Es war ihm wie gestern, daß er sie verloren, -verlassen und preisgegeben hatte! An jener Wegscheide, -zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im -Tal, war er fehlgegangen. Weit und weiter in die -Irre ...</p> - -<p>Doch das war ja nur der Schrei <em class="gesperrt">seiner</em> Seele, auf<span class="pagenum"><a name="Page_422" id="Page_422">[S. 422]</a></span> -den er horchte. Ein Schwelgen in nutzloser Sehnsucht -nach Verscherztem und Verlorenem. O — er hatte immer -nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je -in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine -Schuld — ja, einen Teil davon hatte er abgetragen! -In sich selbst! Aber vor ihr und an ihr war er so schuldig -wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand seines -Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das -Wehetun vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft -er geschlagen, davon wußte der Kleine nichts. Dafür -trug sein Vater die Verantwortung.</p> - -<p>Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt -Perthes in seinem Zimmer auf und nieder.</p> - -<p>Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, -was geschehen war zwischen ihr und ihm, gab es keine -Genugtuung. Konnte er trotzdem nichts, gar nichts tun?</p> - -<p>Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung -bitten. Er warf ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag -legte er sie beiseite und schrieb einen Brief, der -mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens wurde. -Daraus machte er von neuem — jedes Pathos und jede -Floskel verachtend — ein knappes Billet, das nichts -besagte. So ging es nicht! Er zerriß alles, was er -geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es etwas -anderes sein.</p> - -<p>War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, -was einfach anständig war?</p> - -<p>Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen -zu ihr führen.</p> - -<p>Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer -wieder fortgeschoben und umgangen hätte?!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_423" id="Page_423">[S. 423]</a></span> - -Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht — doch das -war es nicht, was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen -Weg. Keinen sonst. Den mußte er gehen. Als Mann -von Ehre und Gewissen. —</p> - -<p>Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.</p> - -<p>Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. -Nicht einmal „Gute Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt -teilte er ihm in kurzen Worten mit, was geschehen sollte. -Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende war, -zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den -Kindern sie laut und deutlich um Verzeihung bitten. -Jedes Sträuben war ausgeschlossen.</p> - -<p>Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine -Grimasse wie seine Mutter. Aber er war zu zerknirscht. -Er hatte zu viel geweint und fürchtete die traurig-entschlossenen -Augen seines Vaters zu sehr, um ein -Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde -dagegen zu finden.</p> - -<p>Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die -Stadt.</p> - -<p>Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem -ging er in unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen -war kein Verlaß. Er war ebenso stumpf und ängstlich, -wie sein Vater erregt war.</p> - -<p>Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, -das frisch gestrichen, fremd und abweisend in der Straße -stand.</p> - -<p>Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.</p> - -<p>Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll -aus der Tür des Vorgartens, bevor sie das kleine Haus -in der Bergfelderstraße erreichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_424" id="Page_424">[S. 424]</a></span> - -Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem -die buntblütigen Astern in freundlichen Beeten leuchteten.</p> - -<p>Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den -Nachmittag verschieben?</p> - -<p>Das widerstrebte ihm. Er trat ein.</p> - -<p>Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah -ihn und den Kleinen verdutzt an.</p> - -<p>Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen -rufen.</p> - -<p>Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen. -Er atmete schwer und hielt den Jungen mit einem harten -Griff an seiner Seite. Es hämmerte in seinen Schläfen -und zuckte vor seinen Augen, so daß er nichts um sich sah.</p> - -<p>Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war -Elli.</p> - -<p>Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte -sie benachrichtigt. Perthes hatte versäumt, sich mit Namen -zu nennen, aber sie war keinen Augenblick im Zweifel, -daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen, nicht wissend, -was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt. Ohne -Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging. -Nun stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr -vor Jahren ein vertrauter Bekannter gewesen. Ihre -sonst so frische, nicht leicht einzuschüchternde Art versagte -bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie konnte -ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu -äußern.</p> - -<p>Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm -dagestanden. Jetzt erklärte er sich mit fester Stimme.</p> - -<p>„Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, -um Ihr Fräulein Schwester um Verzeihung zu<span class="pagenum"><a name="Page_425" id="Page_425">[S. 425]</a></span> -bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für eine große -Unart sich der Kleine geleistet hat!”</p> - -<p>„Meine Schwester — Sie wollen meine Schwester -selbst — sprechen?” stammelte Elli.</p> - -<p>„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen -Vibrieren des Tones.</p> - -<p>„Ich fürchte, daß —” Elli suchte nach einer Ausrede, -um Marga dies Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes -hatte seinen Blick mit einer so zwingenden Bitte auf sie -gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges, bebendes -„Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer.</p> - -<p>Es dauerte wieder eine geraume Zeit.</p> - -<p>Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. -Er ließ den Kleinen los und lehnte sich gegen das Kreuz -des nächsten Fensters.</p> - -<p>Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf -seine Sinne legte es sich wie Nebel. Die Dinge rückten -vor seinen Augen in eine dunstige Ferne. Das Kind trat -mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit ab -sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, -nur in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an -einem Schrank zu schaffen machte. Die erste, die stillstand, -mußte Marga sein. Er löste sich von dem Fensterkreuz -und trat einige Schritte vor. Seine Stimme klang -ihm fremd wie die eines anderen.</p> - -<p>„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke -Ihnen, daß Sie uns hören wollen. Eigentlich wollte ich, -daß der Junge vor seinen Kameraden ihnen Abbitte tun -sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes -stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen -Atem. „Benno, tu wie ich dich geheißen!” Er tappte<span class="pagenum"><a name="Page_426" id="Page_426">[S. 426]</a></span> -neben sich nach der Schulter des Kleinen und schob ihn -vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um Verzeihung!”</p> - -<p>Der Junge setzte sich zögernd in Gang.</p> - -<p>Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte -hinter sich, am Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte -sich auf die Brust geneigt, ihre Augen sich geschlossen. -Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die peinliche -Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie -konnte nicht.</p> - -<p>Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt -stehen. Trotz und Angst ließen ihn schwanken.</p> - -<p>„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.</p> - -<p>Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem -Rücken verschlungen haltend, wich es nicht von der Stelle.</p> - -<p>Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit -schleppenden Schritten, ohne den Boden unter sich zu -fühlen, vorwärts, dorthin, wo die in Nebel verlorene -Gestalt stand.</p> - -<p>„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er -nahm alle Energie zusammen. „Der Junge ist verwildert. -Seine Mutter — kurz er hat keine Mutter mehr. Und -ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie, -ihm zu verzeihen!”</p> - -<p>Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga -entfernt. Er wollte sagen, daß das Kind selbstverständlich -nicht mehr in die Richthoffsche Schule kommen dürfe; -er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all das vorbringen, -was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben -ihm aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht -weiter. Er stand so steif und unbeweglich wie sein Kind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_427" id="Page_427">[S. 427]</a></span> - -„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas -Lippen. Die ganze, weiche Fülle ihres Wesens klang -zitternd mit. Es war der alte, warme, stille, einfache -Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der -Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie -sie ihm war. Die blauen, tastenden Augen, das erblaßte, -schlichte Gesicht mit seinen sanften, weichen Zügen unter -dem fahlen, gescheitelten Haar.</p> - -<p>Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, -starken Körper wie ein Sturm. Seine Hände öffneten -und schlossen sich wie im Krampf. Er schwankte zur Seite, -ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da standen und -ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.</p> - -<p>Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd -auf Marga zu: „Verzeihen! Verzeihen!” würgte er -unter einer Flut von Tränen hervor, während er sich an -sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und Hilfe -suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, -und das sein Herz und sein Verstand nicht faßten.</p> - -<p>Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, -zottige Haar.</p> - -<p>Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv -trug sie ihn in das anstoßende Zimmer ...</p> - -<p>Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen -Stube, die die gedämpfte Herbstsonne mehr und -mehr in ihr sattes Mittagslicht tauchte.</p> - -<p>Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende -Atem des Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller -Kraft gegen die Gefühle rang, die ihn überwältigen -wollten. Und dann erlag er doch, dem unsagbaren und -grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines<span class="pagenum"><a name="Page_428" id="Page_428">[S. 428]</a></span> -Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen -Schmerzen der letzten Monate, Bitterkeit, Reue -und Verzweiflung befreiten sich in jenem harten, dumpfen -Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes grausam, -erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis -der Natur ...</p> - -<p>Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der -Wand, an der sie noch immer stand.</p> - -<p>Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren -Kindern saß; von dem aus sie vor den glänzenden Augen -der andächtigen Kleinen ihre Märchen erzählte. Dort -setzte sie sich und faltete die Hände im Schoß. Zuerst war -es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen sich -befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle, -alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit. -Ihr inneres Gesicht verklärte sie: sie sah sich wie einst an -einem Nachmittag, nach bangem Morgen, über einen -Hang schreiten, über einen unabsehbaren Hang von blauen -Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind -und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen -Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so -lauter war das Geläut. Ein Jubeln, ein Jauchzen wurde -daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und wieder war -da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst. -Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben -stand, am Ufer. Daß er sie erwartete. Es mußte so -sein. Und das Geläute mußte sie auf seinen Schwingen -tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das -Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ...</p> - -<p>Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer -gewaltsamen Aufraffung gesammelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_429" id="Page_429">[S. 429]</a></span> - -„Was werden Sie von mir denken, Fräulein — Fräulein -Marga!” Er konnte sie nicht anders nennen. „Was -werden Sie von mir tränenseligem, erbärmlichem Weichling -denken!” stieß er rauh hervor. „Ich wollte Ihnen nur -sagen, daß Sie mir — mir unendlich viel mehr zu verzeihen -haben als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das -war es.”</p> - -<p>Marga schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es -noch etwas gewesen wäre, so hätten Sie es in dieser Stunde -für immer gutgemacht!”</p> - -<p>Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich -erhoben.</p> - -<p>Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darüber -mit seinem dunklen Kopf und küßte sie stumm. —</p> - -<p>Er rief nach seinem Jungen.</p> - -<p>Elli brachte ihn getröstet herbei. Sie wußte nur durch -ihr Gefühl, was vorgegangen war.</p> - -<p>„Benno will am Nachmittag wieder in die Schule -kommen,” meinte sie mit einem strahlenden, liebkosenden -Blick auf den Kleinen.</p> - -<p>„Und immer wieder will ich kommen!” erklärte überzeugt -der kleine Mann.</p> - -<p>„Wenn die Damen es erlauben — solange du noch -hier bist,” sagte Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann -ließ er ihn sich von Marga verabschieden, nahm ihn bei -der Hand und verließ mit einem ernsthaften Gruß das -Zimmer ...</p> - -<p>Elli warf sich in Margas Arme. Während draußen -die Gittertür knarrte und die Schritte des kleinen und des -großen Perthes straßabwärts verhallten, standen sie<span class="pagenum"><a name="Page_430" id="Page_430">[S. 430]</a></span> -schweigend beisammen. Elli wagte nicht, Marga zu stören, -deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine -schimmernde Ferne faßten. Es war die große Stille, die -über Zeit und Raum dort hinüberfloß. Und es war -wieder die Freude in ihr und das Läuten der blauen -Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wußte sie nicht -und nicht das Wann. Aber sie wußte, daß sie und er sich -wiedersehen würden, um sich nicht mehr zu trennen. -Denn sie waren wieder Gefährten eines Wegs und eines -Willens ...</p> - -<p>Und beide rangen sie mit dem Leben, bis daß es sie -segnete.</p> - -<div class="figcenter b6" style="width: 112px;"> -<img src="images/pg430_deco.png" width="112" height="19" alt="" /> -</div> - - - - - - -<div class="pagebreak center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Bücher von Heinrich Lilienfein"> -<tr><td align="center" colspan="2"><span class="pagenum"><a name="Page_431" id="Page_431">[S. 431]</a></span>Im <em class="gesperrt">Cotta'schen Verlage</em><br />erschien von</td></tr> - -<tr><td align="center" colspan="2"><big>Heinrich Lilienfein:</big></td></tr> -<tr><td align="left"></td><td align="center"><small>Gebunden</small></td></tr> -<tr><td align="left"><b>Ideale des Teufels</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Von den Frauen und einer Frau</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Die große Stille</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 9.-11. Auflage</td><td align="left">M. 8.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der versunkene Stern</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 9.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Ein Spiel im Wind</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 8.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Die feurige Wolke</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 1.-5. Auflage</td><td align="left">M. 9.50</td></tr> -<tr><td align="center"><hr class="tb" /></td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der Herrgottswarter</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Aufzügen</td><td align="left">M. 4 —</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Die Herzogin von Palliano</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr> -<tr><td align="left"><span class="pagenum"><a name="Page_432" id="Page_432">[S. 432]</a></span><b>Der Kampf mit dem Schatten</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Drei Akte eines Vorspiels zum Leben</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der schwarze Kavalier</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein deutsches Spiel in drei Akten</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Olympias.</b> Ein griechisches Spiel in drei Akten</td></tr> -<tr><td class="tdl">Beide Dramen in einem Band</td><td align="left">M. 5.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der Stier von Olivera</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 4.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der große Tag</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in fünf Akten</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der Tyrann</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in vier Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Hildebrand</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten und einem Vorspiel. 2. Auflage</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Das Gericht der Schatten</b></td></tr> -<tr><td class="tdl"><em class="gesperrt">Vier Einakter</em>: Die Botschaft — Das Fest der entblößten Seelen — Die mondhelle Stunde — Die Fessellosen</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -</table></div> -<p class="center"> -<small>Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</small> -</p> - -<div class="transnote pagebreak"> -<h2><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription">Anmerkungen zur Transkription</a></h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>Abwechselung -- Abwechslung</li> -<li>anderen -- andern</li> -<li>Billet -- Billett</li> -<li>Büfett -- Büffet</li> -<li>dämmerigen -- dämmrigen</li> -<li>Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche</li> -<li>frei gemacht -- freigemacht</li> -<li>geradeswegs -- geradewegs</li> -<li>jenseit -- jenseits</li> -<li>leis -- leise</li> -<li>malitiöse -- maliziöse</li> -<li>mitleidlos -- mitleidslos</li> -<li>Sammetkäppchen -- Samtkäppchen</li> -<li>Tete-a-tete -- tete-a-tete</li> -<li>Tipptopp -- tipp-topp</li> -<li>wundere -- wundre</li> -</ul> - -Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: - -<ul class="index"> -<li>S. 17 „minuziösen” in „minutiösen” geändert.</li> -<li>S. 20 „unverantworlich” in „unverantwortlich” geändert.</li> -<li>S. 86 „g worden” (Leiche?) in „geworden” geändert.</li> -<li>S. 86 „handarbeit nd” (Leiche?) in „handarbeitend” geändert.</li> -<li>S. 86 „Fakultätsitzung” in „Fakultätssitzung” geändert.</li> -<li>S. 96 „heut am Abend” in „heute am Abend” geändert.</li> -<li>S. 139 „daß weiß ich” in „das weiß ich” geändert.</li> -<li>S. 167 „erkläre” in „erklärte” geändert.</li> -<li>S. 175 „Überschwängliche” in „Überschwengliche” geändert.</li> -<li>S. 181 „hatte für Sie” in „hatte für sie” geändert.</li> -<li>S. 184 „Sägmühle” in „Sägemühle” geändert.</li> -<li>S. 191 „Stohhut” in „Strohhut” geändert.</li> -<li>S. 213 „tanzst” in „tanzt” geändert.</li> -<li>S. 225 „Jleus” in „Ileus” geändert.</li> -<li>S. 267 „werkwürdig” in „merkwürdig” geändert.</li> -<li>S. 280 „ eingefügt.</li> -<li>S. 303 „Trabener” in „Trabner” geändert.</li> -<li>S. 346, 351 „garnicht” in „gar nicht” geändert.</li> -<li>S. 362 „Verzweifelste” in „Verzweifeltste” geändert.</li> -<li>S. 362, 363, 366 „Bertelsdorff” in „Bertelsdorf” geändert.</li> -<li>S. 397 „ungeberdigen” in „ungebärdigen” geändert.</li> -<li>S. 408 „voll gestopft” in „vollgestopft” geändert.</li> -<li>S. 424 „ihre Fräulein Schwester” in „Ihr Fräulein Schwester” geändert.</li> -<li>S. 425 „Clli” in „Elli” geändert.</li> -</ul> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE *** - -***** This file should be named 53283-h.htm or 53283-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/2/8/53283/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> |
