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- The Project Gutenberg eBook of Die Große Stille, by Heinrich Lilienfein.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die große Stille
-
-Author: Heinrich Lilienfein
-
-Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
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-
-
-
-
-
-<p class="center big200 halftitle">Die große Stille</p>
-
-
-
-
-<h1 class="pagebreak">Die große Stille</h1>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="center big200">Heinrich Lilienfein.</p>
-
-<p class="center b6">9.-11. Auflage</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 120px;">
-<img src="images/title_logo.png" width="120" height="128" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart und Berlin 1919<br />
-J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-</p>
-
-
-
-<p class="pagebreak center p6">Alle Rechte,<br />
-insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten</p>
-
-<p class="center"><small>Für die Vereinigten Staaten von Amerika:<br />
-Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br />
-Stuttgart und Berlin</small>
-</p>
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-
-<p class="pagebreak center halftitle big200">Dem Andenken meiner Hanna</p>
-
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-
-
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-<h2 class="pagebreak"><a name="c1" id="c1">1</a></h2>
-
-
-<p>Da klingelte es schon wieder.</p>
-
-<p>Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe
-gleich gar nicht verlassen. Elli stürmte mit lachender
-Neugier aus der Stube und bog sich so weit über das
-Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester sie leise
-schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und
-man gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst,
-obwohl die größere von beiden, so nicht auf ihre Kosten
-kam. Und der neue Ankömmling für Papas Sprechstunde
-mußte doch ganz genau gemustert werden. Das
-war so Brauch, so oft ein neues Semester begann und
-die Hörer einer nach dem andern anrückten, um sich
-den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch schreiben zu
-lassen.</p>
-
-<p>Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben,
-das ihr und Ellis Mädchenreich war. Aber auch
-in ihren Fingern ruhte für einen Augenblick die feine
-Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie hinaus
-nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen
-Stille war jedes Geräusch zu hören.</p>
-
-<p>Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese,
-die mit Brummen an die Glastür schlürfte und öffnete.
-Elli polterte in der Spannung einige Stufen hinunter.
-Ein zürnendes &#8222;Bst!&#8221; von Käthe wies sie zurecht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p>Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke
-suchten die Tür. Sie ließ sich von der Spannung anstecken,
-als könnten die lichtlosen blauen Augen das unerbittliche
-Dunkel durchdringen, das sie inmitten der sonnigen Stube
-einhüllte.</p>
-
-<p>Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein.</p>
-
-<p>Mit einem unverhohlenen &#8222;Oh!&#8221; der Enttäuschung
-fuhr Elli zurück und glitt von der Treppe ins Zimmer.
-&#8222;Nu mach' ich nicht mehr mit!&#8221; ließ sie sich halb traurig,
-halb zornig vernehmen, während sie sich in dem roten
-Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend
-zurückwarf.</p>
-
-<p>&#8222;Wer war's denn?&#8221; forschte die Blinde.</p>
-
-<p>&#8222;Ach was! Nicht der Mühe wert! Einfach lächerlich!&#8221;
-lautete die unklare Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.</p>
-
-<p>&#8222;Trabner, der alte Oberlehrer,&#8221; erklärte Käthe, die
-jetzt, gleichfalls enttäuscht, zurückkam.</p>
-
-<p>&#8222;Ach der!&#8221; nickte Marga und nahm die auf den Knien
-liegende Handarbeit wieder auf.</p>
-
-<p>&#8222;Der Flanellstorch!&#8221; ergänzte Elli, die ihren Unwillen
-an irgendwem auslassen mußte. &#8222;Mit der Glatze und der
-Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem famosen
-Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube, er hört Papa seit
-fünfzig Jahren, der &mdash; der &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein sehr netter, vernünftiger Mensch,&#8221; meinte Käthe
-strafend. &#8222;Papa schätzt ihn sehr.&#8221; Als Älteste hielt sie
-es stets für ihre Pflicht, gerecht zu sein und Ellis vorlauten
-Urteilen die Spitze abzubrechen.</p>
-
-<p>Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern
-zu lassen. &#8222;Sieh mal an!&#8221; Sie bog ihren lichtblonden<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[S. 9]</a></span>
-Lockenkopf zur Seite. &#8222;Du schwärmst wohl gar
-für den guten Flanellstorch?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht
-leiden, daß man jemand in Bausch und Bogen ablehnt.
-Das weißt du.&#8221; Käthe setzte sich an den kleinen Schreibtisch
-am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr Tagebuch
-zu schreiben.</p>
-
-<p>&#8222;Vergiß das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,&#8221; neckte
-Elli weiter. &#8222;Unter &#8218;Gedankensplitter&#8219;.&#8221;</p>
-
-<p>Käthe drehte sich empört nach der Spötterin um. &#8222;Das
-verbitt' ich mir, hörst du?&#8221; Ihre dunklen Augen zürnten,
-und sie strich sich die Haare aus der Stirn, zurück nach
-den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. &#8222;Ich kann nicht
-dafür, daß dein Herr Wilkens ausbleibt,&#8221; setzte sie mit
-spitzem Vorwurf hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Oho!&#8221; brauste Elli auf. &#8222;Ich kümmere mich wohl
-um Wilkens? Nicht so viel! Nicht so viel!&#8221; Die Röte,
-die ihr in die Wangen schoß, ärgerte sie noch mehr. &#8222;Nicht
-so viel!&#8221; erklärte sie zum drittenmal mit vor Erregung
-zitternder Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,&#8221; mahnte
-jetzt Margas weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete
-über den Tisch weg nach Elli, als wollte sie ihren Liebling
-beruhigen. &#8222;Er kann ja noch kommen,&#8221; flüsterte sie der
-jüngeren Schwester zu.</p>
-
-<p>Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz
-kämpften in ihren hübschen Zügen und preßten ihr Tränen
-in die Augen. Sie war in dem seligen siebzehnjährigen
-Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen wie Regen
-und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar
-verkannt vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[S. 10]</a></span>
-&#8222;nicht so viel&#8221; kümmerte, sondern gerade weil sie auf ihn
-gewartet hatte. Ihr kleines Geheimnis, über das sie mit
-den Schwestern sonst ganz gern einmal tuschelte, war nach
-ihrem Empfinden von Käthe furchtbar verletzt und entweiht.</p>
-
-<p>Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte
-die Arbeit auf den Tisch und setzte sich neben Elli aufs
-Sofa. Sie nahm sie in den Arm. Während Käthe mit
-großen steilen Schriftzügen ein neues Blatt des Tagebuchs
-füllte, redete sie in ihrer verständigen, zarten Weise
-halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben
-nicht nur den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern
-auch dieses Herz auszuschütten begann.</p>
-
-<p>Das Schnarren von Käthes Feder, das Flüstern der
-beiden auf dem Sofa waren die einzigen Geräusche, die
-das Zimmer, ja das ganze in nachmittägliche Stille versunkene
-Haus belebten. Kein Ton drang vom unteren
-Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in
-die Mansardenstube. Der Flanellstorch mußte längst
-wieder seines Wegs gezogen sein, ohne daß sein Gehen
-auch nur ein winziges Teilchen des Interesses gefunden
-hätte, das seine Ankunft wachgerufen. Die kräftige, leuchtende
-Maisonne kam, zu mattem Gold gedämpft, durch
-die zugezogenen gelben Vorhänge an den Fenstern und
-tauchte die altmodischen Möbel, die erinnerungsreichen,
-behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den Wänden
-in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den
-dämmerigen Frieden dieser Ruhestunde stören zu wollen,
-die die Schwestern wie gewöhnlich zwischen Mittag und
-der Kaffeestunde da oben unter dem Dach verträumten
-und verplauderten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[S. 11]</a></span>
-
-Der Zeiger rückte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten,
-und der heisere Kuckuck mußte den Kopf dreimal
-zur Tür herausstrecken und sie wieder energisch hinter sich
-zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und
-alle Spannung für heute zu Ende.</p>
-
-<p>Ein neues schrilles Klingeln an der Haustür kam dem
-Kuckuck zuvor. Marga und Elli hielten in ihrem Flüstern
-ein. Käthe blickte halb von ihrem Tagebuch auf.</p>
-
-<p>&#8222;Sicher nichts Überwältigendes,&#8221; erklärte Elli mit einer
-Gleichgültigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah.
-&#8222;Ich stehe schon gar nicht mehr auf.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!&#8221; ermunterte
-sie Marga.</p>
-
-<p>Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von
-unten aus dem Hausflur.</p>
-
-<p>Elli rückte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte
-nicht mehr, und doch wollte sie brennend gern. Käthe hatte
-die Feder weggelegt. Auch sie überlegte. Schon stand
-Elli auf und huschte nach der Tür. Käthe folgte langsam.
-Mit vereinten Kräften beugten sie sich draußen über das
-Geländer und spähten den heraufsteigenden Schritten entgegen.
-Marga lauschte wie zuvor. Es war wieder das
-alte lustige Spiel, das sie nicht lassen konnten, heute zum
-zehntenmal nicht. Die kleine Zänkerei war längst vergessen.
-Die Treppen, das Nußbaumgeländer knackten
-unter der Last der beiden vornübergebeugten Mädchenkörper
-verräterischer denn je.</p>
-
-<p>Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte
-lange. Für Marga in ihrem Alleinsein schienen die Schwestern
-eine Ewigkeit auszubleiben. Endlich klappte im ersten
-Stock die Tür zum Zimmer des Geheimrats ins Schloß.<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[S. 12]</a></span>
-Käthe und Elli stürmten gleichzeitig zurück ins Zimmer.
-&#8222;Etwas schrecklich Interessantes!&#8221; rief Elli aufgeregt schon
-von weitem.</p>
-
-<p>&#8222;Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehört!&#8221; berichtete
-auch Käthe mit ungewohnter Lebhaftigkeit, während sie
-vorsichtig die Tür nach dem Flur zuzog.</p>
-
-<p>&#8222;Alt? Jung? Groß? Klein? So erzählt doch nur!&#8221;
-forschte Marga mit jener Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich
-überkam, wenn ihr junger Sinn sich aufbäumte,
-als fürchtete sie, die Schwestern möchten ihr ein Stück
-Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit
-nicht minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.</p>
-
-<p>Alle drei rückten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen.
-Fast stießen sie mit den eifrig aufgestützten
-Ellbogen aneinander. Käthe und Elli überstürzten und
-ergänzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze ausgelassene
-Lust der &#8222;Bande&#8221;, wie Papa Richthoff seine
-Mädels nannte, machte sich in dieser halb spaßhaften, halb
-ernsten Kritik Luft.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr straffe männliche Erscheinung,&#8221; beschrieb Käthe.</p>
-
-<p>&#8222;Groß, schlank!&#8221; unterbrach Elli. &#8222;Schick gekleidet!
-Jackettanzug &mdash; Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weißt du, Marga, ähnlich wie der eine Assistent von
-Professor Lepart,&#8221; erklärte Käthe.</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!&#8221; ereiferte
-sich Elli. &#8222;Nicht die Spur, Marga. Viel natürlicher, gar
-nicht geckenhaft!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wie ein Philologe, weißt du,&#8221; nahm Käthe
-den Bericht wieder auf. &#8222;Mehr weltmännisch.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O, das will ich nicht sagen,&#8221; widersprach Elli. &#8222;Es
-gibt sehr feine Philologen.&#8221; Sie verstummte plötzlich und<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[S. 13]</a></span>
-wurde wieder rot. Wilkens war nämlich Philologe, derselbe
-Wilkens, der vorhin an der kleinen Tränenszene
-schuldig geworden war.</p>
-
-<p>Jetzt mußten sie alle drei über Ellis Naivität lachen,
-sie selber nicht zum wenigsten.</p>
-
-<p>&#8222;Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?&#8221; fragte
-Marga ganz unglücklich. &#8222;So erzählt doch mal ordentlich!&#8221;</p>
-
-<p>Käthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend
-und lachend lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und
-widerspruchsvoll, daß Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen
-so klug vorkam wie zuvor. Was sie mit einiger
-Bestimmtheit erfuhr, war nur, daß er einen braunen
-Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe.
-Über diese Augen, die keine der beiden Schwestern länger
-als eine Sekunde in beträchtlicher Ferne gesehen, drohte
-es zu neuem Streit zu kommen. Elli fand sie feurig,
-Käthe schmelzend.</p>
-
-<p>Marga legte sich ins Mittel. &#8222;Wir müssen mal Papa
-fragen, wer es war,&#8221; sagte sie einfach und entschieden.</p>
-
-<p>Käthe und Elli waren einen Moment sprachlos über
-diesen verblüffend klaren und offenen Rat. Dann fielen
-sie vereint mit ihren Bedenken über Marga her. Als ob
-das so einfach wäre, Papa zu fragen! Man würde ja
-verraten, daß man Posten gestanden! Papa würde Gott
-weiß was denken! Und wenn er erst merkte, daß man
-gern etwas von ihm wissen wollte, konnte man sicher sein,
-daß er schwieg wie ein Löwe. Das mußte fein eingefädelt
-werden. Da mußte ein richtiger Feldzugsplan gemacht
-werden. Wieder steckten sich die drei Mädchenköpfe wie
-die Häupter einer Verschwörung über dem Tisch zusammen.<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[S. 14]</a></span>
-Sie fuhren erst erschrocken auseinander, als ziemlich
-laut an die Tür gepocht wurde.</p>
-
-<p>Therese streckte den Kopf herein. &#8222;Der Kaffee steht
-unten,&#8221; meldete ihre mürrische Stimme. &#8222;Er wird kalt.
-Und der Herr Geheimrat hat nach dem seinen schon gerufen.&#8221;</p>
-
-<p>Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe
-hinunter. Elli voran, denn an ihr war die Reihe, Papa
-den Nachmittagskaffee zu bringen. Das war eine wöchentlich
-abwechselnde Ehre.</p>
-
-<p>Käthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten
-am Nachmittag eine Besorgung zu machen und verabredeten
-den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot galt es
-schon zu warten, ehe man gemütlich mit Papa plaudern
-konnte. Dann mußte man &mdash; man mußte erfahren, wer
-der &#8222;Neue&#8221; war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung
-von dem, was seine Mädels zu seinen Häupten trieben
-und planten. Wenn er nach dem Essen seinen Verdauungsgang
-im Garten gemacht hatte, wobei er mit der gewissenhaften
-Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume
-und Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken
-ablas, das allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze
-aus den Wegen bohrte und nachbarwärts schleuderte
-&mdash; dann bildete die Sprechstunde den Übergang von der
-beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine
-Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte
-er seine Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald
-verwickelte er sie in ein Gespräch und stellte &mdash; das war<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[S. 15]</a></span>
-der Schrecken der jungen Semester, die zum erstenmal sich
-bei ihm anmeldeten &mdash; ein kleines historisches Examen an,
-sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und
-sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann
-der letzte glücklich expediert und die Tür endgültig für
-weitere Besucher geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden
-grauen Schlafrock, der schon bedenklich viele
-Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt, und steckte
-sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen
-Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster
-aus quer in die Stube stand und mit den mächtigen bändereichen
-Regalen im Rücken ein kleines Zimmer im Zimmer
-bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen, alle beschrieben
-mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift,
-breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein
-besonderes Kunststück, das nicht immer gleich gut gelang,
-den Nachmittagskaffee geräuschlos hereinzubringen und auf
-dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu erspähen, wo
-er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen
-grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles
-durcheinanderwerfe und die peinliche Ordnung seiner
-Manuskripte, die für jeden andern einer peinlichen Unordnung
-zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen- und verständnislos
-zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß
-ihren suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt
-wurde. Das war aber eine Zartheit, die als geheimes
-und stillschweigendes Abkommen zwischen Vater
-und Tochter verborgen blieb.</p>
-
-<p>Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges
-Murren gegeben, so daß sie den Schwestern verstört berichtete,
-Papa sei grauenhaft aufgelegt und müsse wie<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[S. 16]</a></span>
-ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei war der alte
-Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und Vorliebe
-spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden
-und Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht
-gab es kein besseres Mittel, um die &#8222;Bande&#8221; einigermaßen
-in Zaum und Zucht zu halten. Nachdem ihm seine
-um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben, ehe Elli
-und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren,
-hatte er eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang
-war es auch mit einer Hausdame versucht worden.
-Aber aus alledem waren so viel Unbequemlichkeiten und
-Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm notwendige Gelehrtenruhe
-störten, daß er, als die beiden jüngsten leidlich
-herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei
-Töchtern allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen,
-unterschiedliche Tanten und Basen hatten erklecklich dazu
-den Kopf geschüttelt. Eine Musterwirtschaft war's ja auch
-nicht gerade geworden. Aber er war zufrieden, wie es
-war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich in
-dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder
-Seminarstunde ihn abrief, saß Geheimrat Richthoff vom
-Nachmittag bis zum Abend in seiner Schreibtischecke. Im
-qualmenden Nebel der Zigarren, die er eine an der andern
-ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An
-ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen
-Kaiser, mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen
-umging. Aus der Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem
-Fleiß Tausenden von Inschriften, spärlichen,
-unverläßlichen Geschichtschreibern, all den zwar unermeßlichen,
-aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[S. 17]</a></span>
-formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte.
-Die Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle
-des Alters, in einem darstellenden Werke großen Stils
-zusammen. Mit eiserner Energie hatte er von Jahr zu
-Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte zum
-Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich,
-seit Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen.
-Mit dem Ungestüm eines Jungen begann er zu
-gestalten. In der Seligkeit, das kritisch Erklügelte endlich
-künstlerisch erleben zu dürfen, erfüllte sich ihm der Traum
-seines Daseins. Alle Freuden und Leiden des Schaffenden
-erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines
-Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten
-mit feurigem Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern;
-er knirschte, brummte, schalt vernehmlich und drohte, wenn
-sie sich spröde zeigten und ihre glatten, scharfen Cäsarenköpfe
-in den Schleier der Undurchdringlichkeit hüllten.
-Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen
-vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden
-mußte. Dann wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch
-und konnte mit seinem Unmut das ganze Haus
-durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine Herrlichkeit:
-die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor
-wie aus Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend;
-dann verklärte ein heimliches Lächeln sein Gesicht,
-heimlich, denn es saß tief drinnen zwischen dem
-weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie
-ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor.
-Flüssig und leicht und selbstverständlich sprangen die
-Worte, die Sätze aus der Feder, und Blatt um Blatt
-bedeckte sich mit der minutiösen, schwer leserlichen Schrift.<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[S. 18]</a></span>
-An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich, zu
-einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit.
-Da hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte
-ein Auge zu, ließ sich Wünsche und Bitten vortragen, gab
-Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte seinen guten Tag
-und die Bande mit ihm.</p>
-
-<p>Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter
-sich, als er sich endlich entschloß, die Feder wegzulegen
-und den Rest der soundsovielten Zigarre dem Aschenbecher
-zu opfern. Er rieb sich befriedigt die Hände und schob
-die kleine schwarze Samtkappe, die &mdash; ein würdiges Seitenstück
-des betagten Schlafrocks &mdash; den dünnbehaarten,
-massigen Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann
-stand er auf und öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten,
-der Haus und Straße gleich einer erhöhten Terrasse trennte,
-atmeten die in voller Blüte stehenden zwei Kastanienbäume
-ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne
-warf rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte
-die Gartenmöbel, die um den steinernen Tisch standen.
-Dort saß Marga, die Hände im Schoß, den Kopf mit dem
-schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den Baumstamm
-zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin
-eines Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller
-in die auffallend weiche, stille Luft des Maiabends. Marga
-schien angespannt zu lauschen. Ein Ausdruck, von Wonne
-und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten Gesicht,
-das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als
-es war.</p>
-
-<p>Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe
-er sich entschloß, ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei
-ihr, die sein Sorgenkind war, bekämpfte er mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[S. 19]</a></span>
-Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für ihre zwanzig
-Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer
-schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren.
-Gerade sie, der das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen
-als den andern, wollte er davor behüten, ihre Kraft in
-einem überschwenglichen Gefühlsleben zu verzehren. Er
-vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie
-auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung
-ihres Daseins versöhnte.</p>
-
-<p>&#8222;Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie
-ich,&#8221; klang es jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.</p>
-
-<p>Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak
-zusammen, als kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne
-zurück, und die Augen irrten in die Höhe.</p>
-
-<p>&#8222;Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet.
-Es ist alles fertig,&#8221; gab sie in leichter Verwirrung zurück;
-sie stand auf und eilte mit geübter Sicherheit der Glastür
-zu, die vom Erdgeschoß in den Vorgarten führte.</p>
-
-<p>&#8222;Langsam, langsam!&#8221; mahnte der Geheimrat, während
-er sich vom Fenster zurückzog. Fast tat es ihm leid,
-sie aus ihrem verlorenen Sinnen geweckt zu haben. Er
-warf noch einen halb schmeichelnden, halb wehmütigen
-Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter,
-ehe er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg.</p>
-
-<p>Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig.
-Die Mädels kamen ihm entgegen und führten ihn wie im
-Ehrengeleit zu seinem bequemen Sessel. Käthe goß ihm
-den Tee ein. Marga strich seine gerösteten Butterschnitten.
-Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ sich
-gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit
-der er heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p>Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte
-Käthe eine Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht
-vor den väterlichen Teller.</p>
-
-<p>Der Geheimrat stutzte. &#8222;Kinder, ich habe wohl heute
-Geburtstag, was? Frische Spargel! Anfang Mai! Wie
-komm' ich zu solchen Leckereien?&#8221; Er sah sich fragend im
-Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.</p>
-
-<p>&#8222;Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei
-Testers vorbei,&#8221; erklärte Käthe harmlos. &#8222;Wir sahen
-zufällig, daß er im Schaufenster die ersten Schwetzinger
-Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern
-magst &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So wollten sie dir eben eine Freude machen,&#8221; schloß
-Elli mit wohlgemeinter, aber verlegener Hast.</p>
-
-<p>&#8222;Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.&#8221;
-Es war jetzt für den alten Herrn ausgemacht, daß die Bande
-etwas von ihm wollte. Entweder mußten sie neue Frühjahrskleider
-haben oder sie wollten eine Einladung annehmen
-oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut
-zu sein.</p>
-
-<p>Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken
-an. Sie gaben das Treffen schon so gut wie verloren.
-Der etwas spöttische Ton verriet ihnen, daß Vater Richthoff
-die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in seiner guten
-Laune zu unterstützen, durchschaut habe.</p>
-
-<p>Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von
-Natur alle Diplomatie fremd war, empfand die kritische
-Situation am unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher
-Solidarität hatte sie sich mit dem Plan befreundet, das
-Geheimnis des &#8222;Neuen&#8221;, das zu ergründen man sich nun
-einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[S. 21]</a></span>
-raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten,
-jetzt geradezu aufs Ziel loszugehen.</p>
-
-<p>&#8222;Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester,
-Papa?&#8221; fragte sie unbefangen. Und ohne sich durch einen
-Ellbogenstoß Ellis irremachen zu lassen, fuhr sie fort:
-&#8222;Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir war.&#8221;</p>
-
-<p>Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese
-Kühnheit war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und
-Papa erriet, daß sie seine Sprechstunde belauert hatten.
-Im vorigen Jahr, als Wilkens sich einschreiben ließ, hatte
-er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es hatte eine
-erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren
-abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem
-Tisch auf den Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich,
-was sie da mit ihrer unverbesserlichen Offenheit anrichtete.</p>
-
-<p>Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als
-wenn man sich in seine &#8222;Amtsangelegenheiten&#8221; mischte.
-Wenn er etwas davon mitzuteilen für gut fand, war das
-eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken. Wäre
-er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen,
-eine barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben
-können. Aber guter Dinge, wie er war, begnügte
-er sich mit der mildesten Form, die er hatte, wenn es galt,
-unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie und
-blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.</p>
-
-<p>Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht
-diesen stummen Bescheid zu verstehen.</p>
-
-<p>Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick:
-<span class="antiqua">Lasciate ogni speranza!</span></p>
-
-<p>Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[S. 22]</a></span>
-gesenkt. Die Finger der rechten Hand strichen langsam
-das Tischtuch. Trauer und Beschämung prägten sich in
-ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten Empfindungsfähigkeit
-ging dieser stumme Tadel tiefer als eine entschiedene
-Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor
-den Schwestern gedemütigt.</p>
-
-<p>Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht.
-Er wollte heute fröhliche Gesichter um sich sehen. &#8222;Sag
-mal, Marga,&#8221; begann er, nachdem er die zweite Tasse Tee
-in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst,
-&#8222;ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!&#8221;</p>
-
-<p>Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester
-mit aufgerissenen Augen an.</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; heimliche Herrenbekanntschaften?!&#8221; stammelte
-Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Na ja!&#8221; fuhr der Geheimrat im selben Ton fort,
-während er sich wie ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte.
-&#8222;Kennst du vielleicht einen gewissen Doktor Perthes?
-Ich glaube &mdash; ja doch &mdash; Max Perthes?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Perthes?&#8221; wiederholte Marga ungläubig und schüttelte
-den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Davon weiß ich nichts,&#8221; beteuerte sie ernsthaft. Eine
-leichte Röte belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte
-sich des Namens nicht. Sie kannte nur <em class="gesperrt">die</em> Herren, die
-als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal im Jahr zur
-Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn
-solche offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer
-eine Qual zu sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen
-Wunsch ertrug.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist er denn?&#8221; platzte Elli hervor, die ihre Neugier<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[S. 23]</a></span>
-nicht mehr bemeistern konnte. &#8222;Philolog oder Jurist
-oder &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine
-Zigarren!&#8221;</p>
-
-<p>Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll
-blieb sie neben ihm stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?&#8221; konnte
-nun auch die besonnene Käthe sich nicht enthalten zu
-fragen. Daß Marga einen Herrn kennen sollte, den sie
-und Elli nicht kannten, das war etwas zu Außergewöhnliches.</p>
-
-<p>&#8222;Du hältst mich zum besten, Papa,&#8221; erklärte Marga
-bestimmt.</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!&#8221;
-Der alte Herr hatte sich die lange Holländerin
-angesteckt und blies den Rauch von sich. Er weidete sich
-an der Neugier seiner Mädels und gefiel sich darin, sie noch
-höher zu spannen. &#8222;Übrigens ein schrecklicher Modejüngling,&#8221;
-setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.</p>
-
-<p>&#8222;Ein Modejüngling &mdash; und Marga!&#8221; rief Elli lachend.
-Käthe lachte mit, und auch Marga schüttelte mit leisem
-Lächeln von neuem den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Er ist, glaube ich, Mediziner.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mediziner?&#8221; klang es dreifach noch ungläubiger zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?&#8221; entfuhr
-es Elli. &#8222;Und &mdash;&#8221; Sie verstummte jäh, über sich
-selber erschrocken. In ihrer übersprudelnden Lebhaftigkeit
-hatte sie alle Vorsicht vergessen.</p>
-
-<p>Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand
-auf, Marga folgte ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen
-Sessel des Geheimrats, der Gott sei Dank keine<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[S. 24]</a></span>
-Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie &#8222;Pfeffer-und-Salz-Jackett&#8221;
-hatte und von seinen Besuchern alles
-andere eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis
-behielt.</p>
-
-<p>&#8222;Pfeffer-und-Salz-Jackett?&#8221; wiederholte er kopfschüttelnd.
-&#8222;Woher kennst denn du ihn, Kleinchen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so
-wenig wie irgendwer,&#8221; versicherte Elli krampfhaft.</p>
-
-<p>&#8222;Also, kurz und gut,&#8221; resümierte der alte Herr, &#8222;er
-behauptet, Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Volontärarzt? In Hemsbach?&#8221; Marga besann sich.
-Sie war dort einen Sommer über &mdash; es war vier, fünf
-Jahre her &mdash; in einer Blindenanstalt gewesen, um sich in
-ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer Erinnerung
-an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte
-Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer
-Arzt dort, der sich gern mit ihr unterhielt und mit ihr
-lernte. Jetzt kam ihr auch der Name zurück. &#8222;Ach, der!&#8221;
-setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Jawohl &mdash; der!&#8221; schmunzelte der Geheimrat. &#8222;Habe
-ich nun recht, wenn ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich hast du recht!&#8221; rief Elli lustig. &#8222;Das sind
-ja nette Sachen, die man von dir hört, Margakind!&#8221; Sie
-schlang den Arm um Margas Hals und zupfte sie neckend
-am Ohr.</p>
-
-<p>&#8222;Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!&#8221;
-sagte Käthe ganz vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,&#8221;
-verteidigte sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt.
-Ihre Augen gingen ratlos auf die Suche. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[S. 25]</a></span>
-war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten
-Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr.
-Daß der Besuch des &#8222;Neuen&#8221;, der die Gemüter so beschäftigt
-hatte und nun unerwartet, kampflos aus seinem
-Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr zusammenhing,
-war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches
-Ereignis. &#8222;Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher
-Laffe,&#8221; erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem
-Nachdruck und unter allgemeiner Heiterkeit.</p>
-
-<p>Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem
-Sessel und klopfte ihr auf die Schulter. &#8222;Jedenfalls hast
-du ihn mir auf den Hals gehetzt, Kind. Er behauptet steif
-und fest, du hättest ihn eingeladen, uns zu besuchen, wenn
-er je einmal hierherkäme. Zugegeben?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals
-freundlich zu mir war und &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und
-deinetwegen. Er hatte an mich eine Empfehlung von
-meinem Freunde Schlutius in Bonn, der irgendwie mit
-ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf die
-Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit
-hat der Schnack ein Ende.&#8221; Er gab Marga einen leichten
-Backenstreich. Das war ein Zeichen seiner höchsten Gunst.
-Dann nahm er seine Abendzeitung vor und ging durch
-Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf
-der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe,
-unter deren Schein er lesend eine halbe Stunde auf und
-ab ging, ehe er wieder zu seinen Kaisern hinaufstieg.</p>
-
-<p>Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein
-Ende. Kaum war Vater Richthoff außer Hörweite, so
-wurde Marga von Elli und Käthe mit Fragen über und<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[S. 26]</a></span>
-über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie hätte
-wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut
-austoben mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot,
-faßte Marga als Herr um die Taille. Marga mußte jetzt
-unbedingt tanzen lernen. &#8222;Was soll <em class="gesperrt">dein</em> Doktor sonst
-von dir denken? <em class="gesperrt">Dein</em> Doktor kann das von dir verlangen.
-<em class="gesperrt">Dein</em> Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche
-Schritte machst.&#8221; So ging der lose Mund atemlos immerzu,
-während sie Marga unerbittlich im Kreise drehte, ob diese
-wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen feierlich &#8222;Doktor
-Max Perthes&#8221; auf die Liste der Einzuladenden, die zu
-führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert,
-ob sie gehört wurde oder nicht, sehr weise Reden
-darüber, daß sie den &#8222;Neuen&#8221; gleich für einen Mediziner
-gehalten hätte; daß Mediziner <em class="gesperrt">immer</em> so und so aussehen
-und <em class="gesperrt">immer</em> solche und solche Menschen seien.</p>
-
-<p>Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich
-ein, daß ja heute der &#8222;Akademische Gesangverein&#8221; Probe
-hatte. Wollte man nicht zu spät kommen und von Professor
-Külz ein Nasenrümpfen beziehen, so war es höchste
-Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um sich
-fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu
-probende Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr,
-nachdem sie Therese zum Abräumen des Tisches gerufen.</p>
-
-<p>Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt
-von der letzten Viertelstunde. Von Papas neckender
-Enthüllung und dem Umtrieb, den Elli mit ihr angestellt
-hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen Strähnen
-von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und
-im Nacken gelöst hatten. Während Therese abzuräumen
-begann, ging sie auf den kleinen Hof hinaus, der in gleicher<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[S. 27]</a></span>
-Höhe mit dem ersten Stock hinter dem Hause lag, und
-von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten oder,
-wie er allgemein hieß, den &#8222;Weinberg&#8221; führte.</p>
-
-<p>Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige
-Luft strich vom Weinberg herunter. Die Dämmerung,
-deren dunkles Wachsen Marga um sich fühlte, tat ihr wohl.
-Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken und verschränkte
-die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein Ungewohntes
-in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam
-im Hof auf und nieder. So überdachte und verarbeitete
-sie das Kleinste und das Größte, bis es in die große und
-einfache Stille ihrer Seele aufgegangen war, die nichts
-Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die
-andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie
-erschrocken, als Papa sie so gravitätisch vornahm und zur
-Rede stellte. Dann hatte sie den Scherz herausgemerkt.
-Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein Mann sich
-ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen
-Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an
-ihrer Stelle ähnliches empfunden. Für sie war es nur
-neuer, verwirrender, weil das Leben da draußen, das
-Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich immer
-nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht
-um sie. Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit
-der Schwestern aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen,
-sich necken, mit sich tollen. Aber unvermutet stieg
-ein anderes Gefühl in ihr auf, ein bitteres, schmerzliches:
-hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte etwas, das sie
-verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es
-gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene;
-sie, bei der die Bekanntschaft mit einem Mann so gar<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[S. 28]</a></span>
-nichts zu bedeuten hatte &mdash; das machte die Sache so besonders
-spaßhaft. Es war so komisch, weil es so ganz ungefährlich
-war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa
-aufgenommen: &#8222;Damit hat der Schnack ein Ende!&#8221; &mdash;
-hinter diesem Wort fand ihr Grübeln die gleiche Grenze,
-jenseits deren es für sie keine Wünsche, keine Hoffnungen,
-darum auch keinen Ernst geben konnte.</p>
-
-<p>Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während
-sie so sicher und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf
-und ab schritt. Sie hatten ja recht. Es war in Wirklichkeit
-so. Dies Jenseits war ihr genommen, seit in ihrem
-vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter,
-eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen
-für immer gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb
-begriffen, was sie verloren. Erst mit den Jahren wuchs
-auch das Verständnis ihres Verlustes. Die Schwestern
-und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus
-ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter
-wußte sie, daß das höchste Glück, das einem
-Menschenkind nach irdischem Denken und Fühlen aufbehalten
-war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte Kraft
-genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang,
-sie ruhte nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte;
-bis sie mit sich allein zufrieden sein und nur in sich selber
-ihr Glück suchen wollte. Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr
-Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu verzagen und schwach
-zu werden drohte.</p>
-
-<p>Und dennoch &mdash; dennoch! Es war noch eine andere
-Kraft in ihr, die sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit
-aufbäumte. Ihre Jugend ließ und ließ sich nicht auf
-einmal und für immer niederzwingen. Die fühlte sie auch<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[S. 29]</a></span>
-jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie die
-Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte.
-War nicht dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen
-gekommen? Er konnte ja die Empfehlung, von
-der Papa sprach, sich haben nur darum geben lassen, weil
-er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur der
-Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein
-oder ihr seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken &mdash; &mdash;
-Aber das war ja Unsinn! Sie schwärmte ja! Sie täuschte
-sich vor, ihn näher zu kennen, als sie ihn je gekannt. Das
-Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum aus ein
-paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert,
-sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle
-eines halberwachsenen Mädchens nachsichtig eingegangen.
-Sie machte jetzt ihre Erinnerung mit Gewalt
-ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich
-gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer
-von sich verlangte. Rücksichtslos klar.</p>
-
-<p>Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte.
-Lächeln über den winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr
-Gleichgewicht hatte stören wollen.</p>
-
-<p>Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.</p>
-
-<p>Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen
-und Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten
-Laube nahm er eine Wolke blühenden Duftes und hauchte
-sie über Marga aus. Hoch und höher stieg sie; kaum daß
-sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die Steige.
-Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand,
-klomm sie empor.</p>
-
-<p>Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.</p>
-
-<p>Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[S. 30]</a></span>
-herauf, aus der Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo
-draußen ferne Tannensäume starrten und der Fluß zwischen
-jungen Feldern sich verlor, in Margas Träumen so schön
-wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie herab,
-aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo
-die Sterne blitzen mußten, nein blitzten &mdash; ein einziges,
-ewiges, königliches Gewirk von leuchtendem Gold und
-seliger Bläue. Weit, weit breitete sie die Arme aus, als
-könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. Aus
-der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann
-schlang sie die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander;
-so frei fühlte sie sich, so klar, so in sich selber und in der
-Nacht geborgen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c2" id="c2">2</a></h2>
-
-
-<p>Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als
-sonst zu verlassen. Professor Hammann, der Chef, war
-den ganzen Tag nicht erschienen. Er war über Sonnabend
-und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem
-Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden
-Assistenten <span class="antiqua">en passant</span> seine &#8222;Dienstreise&#8221; anzukündigen.</p>
-
-<p>Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen
-in seiner Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und
-ohne tiefere Neigung zu seiner Wissenschaft, trieb er seine
-Bakteriologie bestenfalls wie einen Sport unter den andern.
-Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er war
-die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte
-sicher sein, daß die &#8222;Dienstreise&#8221; einem Rennen, einer
-Regatta, einem Tennis- oder Hockeymatch galt, bei dem
-er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! Die Bazillen
-nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[S. 31]</a></span>
-er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf
-hergestellt: die &#8222;Jahrbuchunsterblichkeit&#8221;, wie er mit unverhohlener
-Selbstironie im vertrauten Kreise zu sagen
-pflegte. Das Weitere besorgten die Assistenten unter seinem
-Namen.</p>
-
-<p>Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich
-nach fünf Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem
-Stuhl und las seine Berliner Zeitung. Bisweilen schielte
-er über das Blatt weg nach seinem Kollegen, der noch
-immer mikroskopierte, und stellte psychologische Zwischenbetrachtungen
-an.</p>
-
-<p>Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche!
-Markwaldt bildete sich ein, Menschenkenner von Beruf zu
-sein &mdash; er beurteilte seine Fähigkeit nach der Fixigkeit
-seines Urteils &mdash;, aber dieser Junge, dieser Perthes, trotzte
-nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt zweiter
-Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen.
-Drei Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß
-sich in irgendeine Sache und schien darüber Himmel und
-Erde zu vergessen. Der Junge war ein Streber, ein ganz
-gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, bis die
-drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage
-war derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast
-nur gastweise im Institut; er sprach von seiner Wissenschaft
-in den geringschätzigsten Ausdrücken, spielte sich als
-Naturmensch und Krafthuber auf, der in Wald und Feld
-herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise überhaupt
-vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage:
-der Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu
-etwas bringen konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit.
-Bis das Wetter von neuem umschlug und der<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[S. 32]</a></span>
-Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem Chamäleon
-mochte ein anderer klug werden!</p>
-
-<p>Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß
-den weißen Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit
-dem schon bekannten Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht.
-&#8222;Gehen wir?&#8221; fragte er mit knappem Ton, schon halb in
-der Tür.</p>
-
-<p>&#8222;Höchste Zeit!&#8221; Markwaldt sprang auf und steckte die
-Zeitung in die Tasche.</p>
-
-<p>Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener,
-der aus seiner Stube im Erdgeschoß getrommelt wurde,
-verließen die beiden Assistenten das Haus und schlenderten,
-die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend, durch die
-Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.</p>
-
-<p>Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen,
-schlank, brünett, überragte den rundlichen, weißblonden
-Markwaldt um fast zwei Haupteslängen. Auch wenn er,
-wie jetzt, langsam ging, war er mindestens um einen Schritt
-dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten
-Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht
-aufgesetzt. Lässig schlenkerte er ihn in der Linken. Den
-Kopf mit dem dichten, dunklen, verworrenen Haar, den
-buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart neigte
-er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als
-hörte er dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen
-Augen geradeaus ins Weite gerichtet und verrieten
-das Gegenteil.</p>
-
-<p>Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld,
-das &#8222;große Tier&#8221; der Fakultät, die weitberühmte
-chirurgische Exzellenz, im vorigen Sommer gegeben hatte.
-&#8222;Sie müssen dort Besuch machen, Kollege! Unbedingt.<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[S. 33]</a></span>
-Das einzige Haus großen Stils in unserem gottbegnadeten
-Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen
-Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig
-höheren Töchtern tothupsen muß. Und dann &mdash; Alli!
-Pardon, Alice!&#8221; Er schnalzte statt aller Charakteristik mit
-der Zunge. &#8222;Na, die kennen Sie ja schon &mdash; Fräulein
-Exzellenz, was?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. &#8222;Keine
-Ahnung,&#8221; antwortete er zerstreut.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker
-gehen, Perthes. Wahrhaftig!&#8221; Markwaldt blieb
-stehen und klopfte empört mit dem Stock auf den Boden,
-daß seine kuglige Figur, die so prall in dem blauen Anzug
-mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung geriet.
-Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf
-und stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter
-das andere. Er zwang so Perthes, stehenzubleiben
-und sich zu ihm umzuwenden. &#8222;So was übersieht
-man doch nicht &mdash; die einzige schicke Erscheinung im
-ganzen Nest! Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon
-kennt?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt
-langweilte ihn. Er wollte weiter, aber sein Partner blieb
-unerbittlich stehen, wo er stand, und redete drauflos.</p>
-
-<p>&#8222;So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester!
-Zu gar nichts. Und Sie wollen akademisch werden?!
-Die Mädels sind ja doch die Hauptsache, sag' ich Ihnen.
-Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie Gott-Vater,
-in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und
-was Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß
-das richtige Mädel, und wuppdich &mdash; sie senkt sich, daß<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[S. 34]</a></span>
-die Professorenperücken und Ihre Wissenschaft an die Decke
-fliegen. So liegt die Chose!&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt mußte Perthes &mdash; unter der Wucht solcher Anschaulichkeit
-&mdash; wohl oder übel lachen. Seine starken weißen
-Zähne leuchteten aus dem dunklen Barthaar. &#8222;Das ist
-doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,&#8221; meinte
-er leichthin.</p>
-
-<p>&#8222;Alte Schule?&#8221; ereiferte sich Markwaldt. &#8222;Alte Schule?
-Sie, o Sie &mdash; verzeihen Sie! &mdash; Sie unglaublicher Embryo!
-Die <em class="gesperrt">ewige</em> Schule ist das!&#8221; Er mußte sich jetzt entschließen,
-dem weiterschreitenden Perthes zu folgen.
-&#8222;Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie
-bei Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters
-her. Fragen Sie den Chef!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich besuche, wen ich will,&#8221; gab Perthes mit beinahe
-unfreundlicher Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine
-Freiheit bewirkte bei ihm alles andere eher als Nachgiebigkeit.</p>
-
-<p>&#8222;Verdrehtes Huhn!&#8221; knirschte Markwaldt in sich hinein,
-doch immerhin so vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei
-nur ahnen konnte. Ihm konnte es ja schließlich egal
-sein, wie Perthes die Sache angriff. So harmlos er sonst
-war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter, desto
-besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange.
-Schon strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten
-Jungen, der er war, den kurzgeschnittenen dürftigen
-Schnurrbart und pfiff durch die roten Lippen. An der
-Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte, verabschiedete
-er sich.</p>
-
-<p>&#8222;Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?&#8221; fragte
-Markwaldt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[S. 35]</a></span>
-
-&#8222;Vielleicht,&#8221; lautete die ausweichende Antwort.</p>
-
-<p>&#8222;Na, denn &mdash; auf Wiedersehen!&#8221; Markwaldt schritt
-seinem Stammcafé zu, wo er die Zeit bis zum Abendessen
-mit Billardspielen totschlagen wollte.</p>
-
-<p>Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter.
-Die Allee wurde dort belebter. Alte Leute saßen auf den
-Bänken in der Sonne, die in ihrem sachten Niedergang
-seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder häufelten Sand
-und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem
-Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell
-dahin. Die Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen
-Trikotanzügen hoben sich grell ab von dem dunkelgrünen
-Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie nach dem lauten,
-mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt
-vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung
-lief der Leiter des Klubs, ein jugendfroher
-Gymnasialprofessor, mit einer mächtigen Schalltube. Er
-begleitete das Boot und rief seine Kritik durch den Trichter
-dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein leidenschaftlicher
-Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse
-nach. Dann ging er über die Straße nach seiner nahen
-Wohnung und stieg lässig die Treppe hinauf.</p>
-
-<p>Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick
-auf den Fluß und die gegenüberliegenden Waldberge war
-sein Quartier. Ein kleiner Alkoven stieß daran. Eine
-Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter
-den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und
-sauber war alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.</p>
-
-<p>Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch
-lag eine Drucksache. Er riß sie auf und warf sie beiseite.
-Ein medizinischer Katalog, weiter nichts.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[S. 36]</a></span>
-
-Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und
-starrte hinüber nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern
-in der Neustadt drüben schien er ein bestimmtes
-zu fixieren. Dann drehte er sich schroff zurück ins Zimmer.
-Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal neben
-dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische
-Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs &#8222;Reiseberichte
-über Rinder- und Bubonenpest in Indien&#8221; neben
-Richard Wagners Werken; einige Bände der &#8222;Medizinischen
-Wochenschrift&#8221; neben Schopenhauer, Haeckel, Zola;
-ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys
-Krebsforschungen nachbarlich beieinander. Nichts aus der
-bunten Reihe lockte ihn. Mit leeren Händen setzte er sich
-in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.</p>
-
-<p>Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor
-Markwaldt sich seinen Kollegen Max Perthes dachte, war
-er wahrhaftig nicht. Er gehörte nur zu den Naturen, die
-länger und mühevoller als andere nach einem Ausgleich
-ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche
-tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher
-verschärft als mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen
-Geschlecht wackerer, nüchterner Landärzte in der
-Pfalz stammend, mütterlicherseits der Abkömmling einer
-einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein,
-hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit
-einem beinahe fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften
-gestürzt. Auf Chemie und Physik, auf Botanik,
-Zoologie und Physiologie hatte er sich wahllos neben-
-und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte sich
-sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu
-durchdringen. Dann trat jäh und heftig die Übersättigung<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[S. 37]</a></span>
-ein. Es war, als trete sein Herz beiseite und lehne sich
-auf gegen die trockene und einseitige Arbeit des Kopfes,
-die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit einem herzhaften
-Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung
-von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen
-und seinen ererbten Anlagen mehr entsprechen, als
-die bloß beschreibende Erforschung der Natur. Mit fünfundzwanzig
-Jahren machte er sein Examen und baute
-bald darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung
-war es auch schon zu Ende. Dieselbe Jagd,
-in der ein unstetes Herz den Kopf von einem Gegenstand
-zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie
-ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde
-über. Die praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig,
-so unfruchtbar. Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig
-verfügen konnte, zehrte sich in diesem Hin und
-Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den moralischen
-und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten.
-In der unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet
-festzufahren, hatte er die Assistentenstelle am Bakteriologischen
-Institut übernommen. Hier wollte er aushalten
-und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen um jeden
-Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine
-Arbeiten nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren,
-reichten seine Mittel aus, um sich zu einer Professur durchzuschlagen.</p>
-
-<p>Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen
-Hände mit den Fingern ineinander und spannte sie vor
-der Stirn, daß sie in den Gelenken knackten. So viel
-Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr über seinen
-Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[S. 38]</a></span>
-Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen
-pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er
-sich gegen diese Erkenntnis. Wo hinaus wollte er? Wo
-gab es noch eine geistige Aufgabe, die er an sich reißen
-konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm wuchsen
-und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen,
-die ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen,
-als eine einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh
-in der Pflege und Ausbildung seiner körperlichen Kräfte
-ein Gegengewicht gegen die innere Unausgeglichenheit
-gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er alles übertrieb,
-diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen Anfällen,
-in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein
-ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen
-solche Radikalkuren immer weniger. Seine Entwicklung
-drängte ziemlich spät, aber unfehlbar auf eine Entscheidung,
-die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im wirklichen
-Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf
-kam es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich
-befriedigende Lösung für tausend und ein Welträtsel fand;
-ein unterdrücktes, vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben
-verlangte sein Recht gegen die nüchterne,
-materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, ohne
-sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem
-Kampfe, der über den vollen Menschen, seinen Charakter
-und sein Schicksal entschied. Es bedurfte nur eines geringen
-Anlasses von außen, und er mußte zum Ausbruch kommen.</p>
-
-<p>Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder
-nach dem Landhaus aus rotem Sandstein, jenseits des
-Flusses, das er zuvor fixiert hatte. Eigentlich hatte er die
-Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn Tagen<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[S. 39]</a></span>
-&mdash; oder war es so lange noch nicht? &mdash; war er am Abend,
-als er nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten
-gegangen, um etwas Musik zu hören und Menschen zu
-sehen. Es war Sonntag und sommerlich warm. Zwei-,
-dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen
-das &#8222;Heiratskarussell&#8221; getauft hatten. Endlos wälzte sich
-da im Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von
-geputzten jungen Mädchen aus der Bürgerschaft und von
-buntbemützten Studenten im Kreise mit- und gegeneinander.
-Die Pärchen suchten und fanden sich in einem
-Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit
-feierlich-ernstem Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen
-und flirtend begleitet.</p>
-
-<p>Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald
-langweilte es ihn, und er setzte sich vor den Musikpavillon,
-wo die Stadtkapelle, ein leidlich braves Orchester, in
-Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen sich und anderen
-gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und
-dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen
-starrte, traf sich sein Blick zufällig mit dem eines
-jungen Mädchens, das im Gespräch mit einem Burschenschafter,
-einem kecken, welterobernden Frankonenfuchs,
-vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen
-ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den
-seinen. Ohne daß er sich etwas dabei dachte, wiederholte
-sich dies flüchtige Blickspiel ein zweites und drittes Mal.
-In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem offenen, auf
-die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine,
-halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem,
-poetischem Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm
-nicht am Vormittag darauf, mit dem Marktkorb unter dem<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[S. 40]</a></span>
-Arm, begegnet wäre, als er zum Institut ging. Sie trug
-die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und geradeausblickend
-an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden
-Tages sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße.
-Einer scherzhaften Anwandlung nachgebend, folgte
-er ihr über die Neue Brücke und entdeckte ihre Wohnung.
-An einem der nächsten Abende ging er &mdash; es war dies
-einer seiner regelmäßigen Spaziergänge &mdash; am jenseitigen
-Ufer spazieren. Sie saß handarbeitend auf dem Balkon.
-Perthes liebte es, die Sonne über dem Fluß untergehen
-zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer angenehmen
-Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit,
-als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie
-heruntersah. Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb
-begegnet. Sehr würdig und ernst. Kaum daß ihn
-die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie verlor
-zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach
-sie an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte
-begleitete. Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen.
-Einige belanglose Redensarten wurden ausgetauscht.
-Sie sprach mit einer allerliebsten Mischung von
-Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im
-Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine
-liebenswürdige Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer
-Erinnerung aus und mochte sie wiedersehen. Heute, am
-frühen Morgen, als er zwischen Veranda und Zimmer
-unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er
-sich zum erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus
-zwischen den alten und neuen Giebeln jenseits des
-Flusses suchte und fand. Jetzt kam er sich albern vor.
-Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[S. 41]</a></span>
-nun an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen
-zu sehen.</p>
-
-<p>Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte,
-schien ihm der heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche
-Gewohnheit zu verzichten, noch lächerlicher als die ganze
-Geschichte. Das Weibliche hatte in seinem Leben stets
-nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von Frauen
-kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische
-Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle
-Empfindsamkeit so gegen eine seelische Überschätzung des
-Weibes. So wollte er es wenigstens. Warum sollte er
-es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen Spielerei
-versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen
-konnte &mdash; morgen, übermorgen so gut wie heute? War
-er nicht schon schwerlebig genug? Das fehlte noch, daß
-er spröde mit sich tat wie eine alte Jungfer!</p>
-
-<p>Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem
-Rohrsessel auf, setzte den Hut auf und war wieder auf
-der Straße.</p>
-
-<p>Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.</p>
-
-<p>Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der
-Ebene fuhr, rollte lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende
-Spaziergänger, verspätete Arbeiter, Kinderwagen, eine
-auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte,
-drängten an ihm vorbei.</p>
-
-<p>Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen
-konnte, die nach der stilleren Uferstraße führte.</p>
-
-<p>Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen
-Rasenanlagen hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs
-vorbei. Es war schon geschlossen. Die Wiese zwischen
-der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[S. 42]</a></span>
-Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute
-schon verödet. Keine Menschenseele begegnete ihm. Die
-Villen zur Rechten schienen wie ausgestorben.</p>
-
-<p>Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen
-den Bäumen durch konnte er auf Erker und Balkon des
-Landhauses sehen. Sein &#8222;Ufermädchen&#8221;, wie er sie hieß,
-saß nicht da, nicht dort.</p>
-
-<p>Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee,
-wo die Anlagen und die Villenstraße aufhörten und die
-Obstgärten anfingen. Er bog nach der Wiese hin ab und
-näherte sich dem Wasser.</p>
-
-<p>Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus
-auf den Fluß, der seine Wellen in die Ebene wälzte. Die
-Sonne stand, eine feurige Kugel, darüber, umglüht von
-violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.</p>
-
-<p>Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch.
-Er fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer
-vor als sonst. Kein Zweifel: es war, weil er Hilde König,
-das kleine Mädel mit den losen Haaren und den lockenden
-blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie läppisch
-das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.</p>
-
-<p>Verdrießlich trat er den Rückweg an.</p>
-
-<p>In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt.
-Die Luft war voll von dem frischen Geruch des genetzten
-Grases. Die Stadt, die jetzt rechts vor ihm lag, schmiegte
-sich im matten, rötlichen Licht der versagenden Sonnenstrahlen
-mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen
-friedlich gegen die verschwimmenden Berge. Von einer
-der Kirchen klang die Abendglocke herüber.</p>
-
-<p>Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte,
-blieb leer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[S. 43]</a></span>
-
-In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten
-die Allee herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm.
-Er meinte in der einen von ihnen Hilde König zu erkennen.
-Es war eine Täuschung. Unweit von ihm, bei
-einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden
-Mädchen eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen
-Landhaus; das zurückbleibende setzte sich, offenbar
-um zu warten, auf die Bank. Sie trug unter dem
-leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse zum
-dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen
-englischen Strohhut mit schwarzem Band.</p>
-
-<p>Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem
-flüchtigen Blick streifte er das Gesicht der Wartenden.</p>
-
-<p>Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte
-ihn plötzlich, als wäre er diesen zarten und doch
-festen, ausdrucksvollen Zügen schon irgendwo und irgendwann
-begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das
-junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen
-aufs Knie und den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf
-den Handrücken gestützt. Die Augen, erst zur Erde gesenkt,
-sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein Schritt
-innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere
-Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er
-erkannte jetzt das mattfarbene Gesicht mit den etwas
-knochigen Wangen, die runde, ebenmäßige Stirn, über
-die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit einer
-aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen,
-es mußte Marga Richthoff sein.</p>
-
-<p>Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig
-wandte sie den Kopf weg und zurück, in der Richtung
-des Hauses, in dem ihre Begleiterin verschwunden war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[S. 44]</a></span>
-
-Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging
-gerade auf sie zu.</p>
-
-<p>Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,&#8221; kam es zurückhaltend,
-aber furchtlos von ihren Lippen.</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Perthes,&#8221; sagte er einfach. &#8222;Ich habe Ihrem
-Herrn Vater dieser Tage meine Aufwartung gemacht.
-Als alter Bekannter von Hemsbach her kann ich nicht so
-grußlos an Ihnen vorübergehen.&#8221;</p>
-
-<p>Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht.
-&#8222;Das ist nett von Ihnen,&#8221; erklärte sie offen. Eine sichtliche
-Freude belebte ihr Gesicht. Wie einem alten Kameraden
-bot sie ihm die Hand. &#8222;Papa hat von Ihrem
-Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr
-Versprechen nicht vergessen hatten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes
-zuzutrauen.&#8221; Perthes fühlte sich fast beschämt. Daß er
-sich an die Empfehlung, die ihm sein Onkel Schlutius,
-der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben, erinnert
-hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs
-eine Laune gewesen.</p>
-
-<p>&#8222;Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den
-dummen, eigensinnigen Backfisch von damals aus dem
-Gedächtnis verloren hätten,&#8221; meinte Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Na, na &mdash; so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O ja!&#8221; versetzte sie ernsthaft. &#8222;Ich dachte gerade in
-diesen Tagen daran, wie trotzig und unleidlich ich damals
-war. Wissen Sie noch &mdash; der Direktor hatte mich schon
-halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen sich nicht abschrecken
-und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[S. 45]</a></span>
-noch tasten lernte. &mdash; Ich war damals zu unglücklich, um
-vernünftiger und gelehriger zu sein,&#8221; setzte sie nachdrücklich
-hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?&#8221;
-forschte Perthes.</p>
-
-<p>&#8222;Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen
-&mdash;&#8221; Marga stockte einen Moment. Es fiel ihr ein,
-sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur nach gab sie
-sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den
-Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben
-will,&#8221; meinte er munter. &#8222;Und dann halte ich eine Prüfung
-ab. Vollschrift, Kurzschrift! Lesen und Schreiben!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten.
-Sonst blamiere ich mich unbarmherzig,&#8221; erwiderte Marga
-mit leisem Lachen.</p>
-
-<p>&#8222;Wir werden ja sehen.&#8221; Er hörte Schritte jenseits der
-Allee. &#8222;Ihre Freundin kommt zurück.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Schwester.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Also &mdash; auf Wiedersehen!&#8221; Er ergriff Margas Hand
-und schüttelte sie herzhaft.</p>
-
-<p>Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes,
-freundlich den Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die
-unerwartete, so ungezwungen freundschaftliche Begegnung
-hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war gewichen.
-Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts.
-Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an
-den Klinikertisch zu gehen. &mdash;</p>
-
-<p>Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. &#8222;Wer war
-denn das?&#8221; fragte sie neugierig und vorwurfsvoll zugleich,
-während sie dem Davonschreitenden erstaunt nachblickte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[S. 46]</a></span>
-
-&#8222;Doktor Perthes hat mich begrüßt,&#8221; erklärte Marga
-freimütig. Mit anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre
-innere Erregung nachklang, hängte sie sich an den Arm der
-Schwester. &#8222;Er war reizend. Ganz der alte.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich! Warum auch nicht?&#8221;</p>
-
-<p>Sie gingen langsam die Allee hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das tut man doch nicht,&#8221; fuhr Käthe kopfschüttelnd
-fort. &#8222;Eine Dame &mdash; auf offener Straße &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er
-stocksteif vorbeigegangen wäre,&#8221; versicherte Marga überzeugt.
-Sie war beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis
-und wollte sich nicht auf solche gesellschaftliche Haarspaltereien
-einlassen, die ihr ein unverständlicher Greuel
-waren.</p>
-
-<p>Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes
-Gewissen Margas leichtere Auffassung nicht guthieß.</p>
-
-<p>Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu
-dämmern. Die roten Wolken über dem Fluß verblaßten,
-und der Ostwind blies aus den Bergen nach der Ebene.
-Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten,
-mußten sie ihre Schritte beschleunigen.</p>
-
-<p>Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit
-ihren leichten, glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht
-mitkommen. Sie fühlte sich unwillkürlich und unbewußt
-gereizt. Ob sie wollte oder nicht: sie mußte ein wenig
-Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. &#8222;Weißt du,&#8221;
-begann sie bedächtig, &#8222;Lizzie hat mir erzählt,&#8221; &mdash; Lizzie
-war die Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine
-Minute eingeschaut hatte, um Noten zurückzubringen &mdash;<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[S. 47]</a></span>
-&#8222;daß dein Doktor Perthes Abend für Abend dort herumspaziert.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den
-Sonnenuntergängen über dem Wasser freuen,&#8221; meinte
-Marga lebhaft.</p>
-
-<p>&#8222;Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sondern?&#8221; fragte Marga harmlos neugierig.</p>
-
-<p>&#8222;Er macht Hilde König den Hof,&#8221; entfuhr es Käthe.
-&#8222;Er soll sie öfters mal ans Haus begleitet haben. Das
-spricht nicht gerade für seinen Geschmack. Denn das unschuldige
-Kind läßt sich ja von jedem jüngsten Studenten
-die Cour schneiden.&#8221; Es war, ohne daß sie es wollte,
-ein Ton von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen.</p>
-
-<p>Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie
-in diesem Moment angesehen hätte, hätte sie bemerkt,
-daß ihre Wangen und ihre Lippen sich leise verfärbten.
-Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche Pfeil traf
-mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte
-betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade
-dieses oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein
-weites Herz kannte, das sollte ...</p>
-
-<p>&#8222;Das ist seine Sache,&#8221; sagte sie nach einer Weile ruhig
-und mit möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm
-in dem der Schwester gelockert, als könnte das Pochen
-ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr diese Nachricht
-wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der
-törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast
-im Laufschritt ging es jetzt über den Bahndamm weg,
-die Straße am Wenzelsberg hinauf und dem väterlichen
-Hause zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_48" id="Page_48">[S. 48]</a></span><a name="c3" id="c3">3</a></h2>
-
-
-<p>Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt.
-In diesem Sommer wollte er von einer größeren Einladung
-bestimmt nichts hören. Einmal drängte es nicht,
-dann war es überhaupt ganz überflüssig.</p>
-
-<p>Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle
-des Löwen zu gehen und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen,
-wurde beinahe hinausgeworfen. Elli, die mitunter Andeutungen
-in die Unterhaltung warf &mdash; über das unerwartet
-schöne Wetter, über die wundervollen warmen
-Abende, über die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo
-noch nicht alle Welt einem zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen
-zu erfüllen &mdash;, fand taube Ohren und bekam
-schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht
-junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga
-dachte wohl manchmal daran, daß sie gern mit Doktor
-Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es wäre zu
-ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend
-an den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die
-Schwestern plötzlich unterstützt hätte.</p>
-
-<p>Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens
-beim Frühstück, es sei doch merkwürdig, daß er an alles
-denken müsse. Warum man denn heuer die üblichen Einladungen
-nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den
-sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die
-Jugend mal in den Garten einzuladen. Seine Mädels
-wären Schlafmützen.</p>
-
-<p>Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte
-niemand auch nur mit einer Silbe daran zu erinnern, daß
-man je selber an so was gedacht habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[S. 49]</a></span>
-
-Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß
-von Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl
-aufzufahren. Es war nicht verwunderlich, daß sie Margas
-halbvolle Tasse umstieß. Käthe, praktisch wie sie war,
-wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher Herablassung
-nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die
-Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg
-brummte der alte Herr zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung.
-Jetzt nannte sie Erich Wilkens.</p>
-
-<p>&#8222;Hört in diesem Semester nicht bei mir,&#8221; erklärte ablehnend
-der Geheimrat.</p>
-
-<p>&#8222;Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!&#8221;
-fuhr es Elli heraus.</p>
-
-<p>&#8222;Hat er?&#8221; gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück
-und traf Elli mit einem scharfen Blick über die Brillengläser
-weg.</p>
-
-<p>Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr
-Schuhband festknüpfen, um Verlegenheit und Enttäuschung
-zu verbergen. Marga strich leise beruhigend ihren Arm.</p>
-
-<p>&#8222;Also nicht?&#8221; fragte Käthe mitleidig zögernd.</p>
-
-<p>&#8222;Meinetwegen,&#8221; lautete der erlösende Bescheid.</p>
-
-<p>Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig
-drücken, daß diese um ein Haar aufgeschrien hätte.</p>
-
-<p>Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte
-keine Ahnung mehr. Marga zuckte nicht mit den Wimpern,
-als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt ins Gedächtnis brachte.
-&#8222;Ach der!&#8221; meinte er gedehnt. &#8222;Na ja &mdash; wenn Marga
-es nicht anders tut.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,&#8221;
-erklärte Elli kühn, um der Schwester zu Hilfe zu
-kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[S. 50]</a></span>
-
-Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an
-der Kaffeedecke zu zählen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst
-selber aus. Und mich laßt mit allem Drum und Dran aus
-dem Spiel. Kosten darf die Sache nichts, und stören darf
-sie mich auch nicht.&#8221;</p>
-
-<p>Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz
-der gestrenge und unwirsche Herr und Gebieter, der sich
-nicht länger um solche Läppereien kümmerte. Fast schien
-ihm die Sache wieder leid zu tun.</p>
-
-<p>&#8222;Nur noch den Tag, Papa!&#8221; bat Käthe. &#8222;Wir müssen
-doch wissen, wann dir's am besten paßt.&#8221;</p>
-
-<p>Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in
-sein Zimmer hinauf. Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte
-den segensvollen Titus porträtiert. Jetzt kam
-er zu dem unsympathischen und grausamen Domitian.
-Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.</p>
-
-<p>Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute
-Forschungen, daß der böse Flavier unter seiner
-Großmannssucht und rohen Härte die besseren Anlagen
-seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz
-verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat
-doch auch noch den Termin für das geplante
-Gartenfest ablocken konnte.</p>
-
-<p>Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg
-zu tun! Die Einladungen mußten geschrieben werden.
-Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau zu bestellen.
-Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage
-lang nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und
-Sorgfalt bei jeder Mahlzeit neben die Serviette legte.
-Am dritten Tage steckte er es in die Tasche und schickte<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[S. 51]</a></span>
-es am fünften als völlig unbrauchbar zurück. Nur mit
-List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge
-zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute
-nicht einmal von der Küche etwas verständen, ergriff
-er selbst das Kochbuch und verlangte die unmöglichsten
-Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen Einwendungen
-zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer
-für eine Abend- und Gartengesellschaft allem Herkommen
-hohnsprechenden Ouvertüre. Er wollte in Italien eine
-Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt ausprobiert
-werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte,
-von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach.
-Käthe konnte nicht mehr erreichen als ein Kompromiß:
-dafür, daß er die übrigen Gänge genehmigte, mußte ihm
-die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.</p>
-
-<p>Langsam kamen die Zu- und Absagen.</p>
-
-<p>Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels
-die Post erwarteten, um so weniger eilig hatte es der
-Geheimrat mit dem Öffnen der Briefschaften. Für Elli
-gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch. Sie hatte
-schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme. Endlich
-schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte
-sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab,
-aber zusagende Antwort schickte er erst am Abend vorher.
-Er entschuldigte seine Vergeßlichkeit, wollte aber gern
-kommen. Käthe konnte es nicht unterlassen, zu bemerken,
-daß Mediziner das &#8222;immer&#8221; so machten.</p>
-
-<p>Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren
-widersprechende Gefühle, mit denen sie an Perthes
-dachte. Sie verschloß das Hin und Her ihrer Empfindungen
-nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Es<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[S. 52]</a></span>
-lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von
-sich schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele
-brauchte in ihrer Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund
-zu bleiben. Sie hatte ihn seit jener flüchtigen Begegnung
-am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig machte
-sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend
-einen Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang
-gegangen. Marga ließ sich dann die Sonnenuntergänge
-bis ins einzelne schildern und genoß Farbe und
-Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie
-diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem
-stillen Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in
-denen sie sich dabei überraschte, ein sicheres Bild von ihm
-zu gewinnen. Die Frage peinigte sie, ob er nur aus
-gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich ihrer
-erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für
-ihr Wesen hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie
-empfände. Und derselbe Mensch sollte an einem leichtmütigen
-Geschöpf wie Hilde König Gefallen finden?
-Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur
-ernst und gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer?
-Ihre Erfahrung gab ihr keine Auskunft. Und sie wollte
-keine. Sobald sie sich über unnötigen Grübeleien ertappte,
-dachte sie gewaltsam an anderes.</p>
-
-<p>Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um
-so weniger fehlte es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit.
-Die Toiletten mußten zwanzigmal besprochen
-werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die Tischordnung
-gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen.
-Bis endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit
-wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[S. 53]</a></span>
-
-Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.</p>
-
-<p>Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und
-Glyzinen auf der einen, der blumenreiche, sommergrüne
-Weinberg auf der anderen Seite stimmten festlich zu den
-weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte Marga ausgedacht.
-Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie
-gab ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich
-vor sich sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall
-aus. Bald war es ein Gerank von Rosen, das den silbernen
-Aufsatz umschloß und in duftigen Ketten zwischen die
-Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von Stiefmütterchen,
-die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten
-oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten.
-Leuchter mit winzigen bunten Lichtschirmen standen munter
-dazwischen, und Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten
-den Hof von einer Ecke zur anderen. Der Geheimrat,
-der zufällig einmal während der Anordnung
-herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte
-etwas von einer &#8222;Blumentrödelbude&#8221;, klopfte aber dabei
-Marga so kräftig auf den Arm, daß sie mit seiner Anerkennung
-zufrieden sein konnte.</p>
-
-<p>Es war sechs Uhr geworden.</p>
-
-<p>Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen,
-und die Mädels flogen nach ihrem Dachstock.</p>
-
-<p>Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig
-im Salon. Marga und Elli trugen weiße Tüllkleider.
-Käthe als älteste prangte in leichter erdbeerfarbener Seide.
-Das beste war der frische, unschuldige Reiz der Jugend,
-der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging,
-wie sie so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen
-blitzte der Schalk; in dem ungebärdigen Gewirr ihrer<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[S. 54]</a></span>
-lichten Haare, mit ihrem schlanken, zierlichen Figürchen
-sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein Gewinde
-von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den
-dunklen Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter:
-sie fühlte sich halb und halb als Dame des
-Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der bezaubernden
-Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit
-Käthes war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit
-ihrer Bewegungen und der versonnene Ernst ihrer Züge
-waren nicht dazu angetan, zu bestechen oder zu erobern.
-Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben
-glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren
-inneren Reizes lebendiger als alle anderen
-im Gedächtnis haftet.</p>
-
-<p>Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich,
-natürlich zu spät, an seine Festtoilette gemacht. Dann
-war ihm mitten im Anziehen ein Gedanke gekommen,
-den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren mußte.
-In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in
-das an sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und
-setzte sich an den Schreibtisch.</p>
-
-<p>Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im
-Salon waren in heller Bestürzung. Elli wagte es: sie
-schoß die Treppe hinauf und pochte an die Tür des alten
-Herrn.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!&#8221;
-rief sie eindringlich und flehend.</p>
-
-<p>Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.</p>
-
-<p>&#8222;Es hat schon der erste geklingelt!&#8221; setzte Elli beschwörend
-hinzu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[S. 55]</a></span>
-
-&#8222;Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich
-komme ja!&#8221; dröhnte es zürnend zurück.</p>
-
-<p>Elli glitt wieder die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben
-worden.</p>
-
-<p>Die Gäste ließen auf sich warten.</p>
-
-<p>Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon
-trat &mdash; im flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette
-auf der von Käthe zu Weihnachten und Ostern gestickten
-Weste, die dünnen weißen Haare über dem Scheitel
-und an den Schläfen festgestrichen &mdash;, erklärte er ganz
-empört: &#8222;Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme
-ich eine halbe Ewigkeit zu früh!&#8221;</p>
-
-<p>Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.</p>
-
-<p>Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder
-zu schließen. Im Handumdrehen füllte sich der geräumige
-Salon. Begrüßungen, Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen
-schwirrten durcheinander.</p>
-
-<p>Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger,
-hinkender Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig
-lächelndes, über ihren Mann verwundertes Frauchen.
-Hinter ihnen drei Töchter, alle flachsgelb von Haar, fast
-gleich in der Größe, gleich in den Augen und gleich in
-den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die
-Sage, daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.</p>
-
-<p>Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli
-der neben ihr stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete.
-Er trug heute übrigens einwandfreie weiße Wäsche und
-einen Rock, der ihn nach oben und unten in die Unendlichkeit
-verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit
-den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[S. 56]</a></span>
-nicht, ob aus Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte
-Papa Wilmanns sah staunend und beneidend an
-ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen
-jähen und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns
-unwillkürlich mit offenem Mund einen Schritt näher und
-streckte die Arme vor, als gelte es, einen Einsturz aufzuhalten.</p>
-
-<p>Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust,
-blaue Mützen in der Hand, drängten sich nebeneinander
-zur Tür herein. Sie gehörten der Verbindung Corvinia
-an, die böse Zungen das &#8222;Betkränzchen&#8221; nannten und in
-Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli
-verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch
-in den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen
-schritten die beiden in feierlich-plumpem Gleichtritt auf
-Vater Richthoff zu. Ihre forciert-couleurmäßige Haltung
-stand in so köstlichem Gegensatz zu ihrem ungehobelten
-Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß.</p>
-
-<p>Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem
-Leibfuchs, einem geckenhaften und schmächtigen Bengelchen,
-zufällig hinter den Corvinen ankam, zog über sein
-ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es war, eine
-Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier,
-dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber
-&#8222;alter Herr&#8221; bei einer Marburger Burschenschaft war.</p>
-
-<p>Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle
-Geladenen zur Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte
-einen Augenblick.</p>
-
-<p>Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte
-pflichtmäßig Käthe in ein Gespräch.</p>
-
-<p>Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern.<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[S. 57]</a></span>
-Die zwei Burschenschafter traten kühn dazu und
-erzählten von ihrer nächsten Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen
-Corvinen umstreberten Professor Wilmanns
-und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam
-in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem
-Tisch lag.</p>
-
-<p>Schon tat sich die Tür wieder auf.</p>
-
-<p>Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein
-paar runde, graue Augen rollten zwischen unbändigen
-Büscheln gelblichweißen Haares heraus über das menschenvolle
-Zimmer.</p>
-
-<p>&#8222;Sieh da &mdash; Borngräber!&#8221; begrüßte Richthoff mit vergnügtem
-Ruf den Ankömmling.</p>
-
-<p>In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber,
-ein alter Hausfreund, Junggeselle und Indolog,
-auf den Geheimrat los.</p>
-
-<p>&#8222;Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft!
-Ich denke, wir sind drei, vier Personen!&#8221; rief er
-mit hoher, klagender Fistelstimme, während er dem alten
-Herrn die Hand schüttelte. &#8222;Ich bin ja gar nicht feierlich
-angetan!&#8221; Er wies auf seinen moosgrünen, verknitterten
-Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte.</p>
-
-<p>&#8222;Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die
-Sache gar nicht,&#8221; versicherte Richthoff beruhigend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dageblieben!&#8221; Richthoff hielt lachend seine Hand fest.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben ja gar keine andere Toga,&#8221; schmunzelte
-Papa Wilmanns boshaft.</p>
-
-<p>Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand
-vor den Kopf, beteuerte seine Unschuld und widerstrebte
-nicht mehr. Er kam immer so wie heute. War immer<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[S. 58]</a></span>
-außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn man
-ihm gut zuredete.</p>
-
-<p>Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.</p>
-
-<p>Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf
-ihr entgegen. Blond und kraus wie der ihre. Ein lachendes,
-verschmitztes Gesicht. Zwei strahlende, siegesgewisse
-Augen, die in die ihren tauchten. Das war Wilkens.</p>
-
-<p>Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt,
-so tuschelte Elli mit Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!&#8221; verkündete
-sie, noch aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen
-zu haben.</p>
-
-<p>In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt
-gleich hinter Wilkens in der Tür. Sein brauner,
-bärtiger Kopf ragte über die anderen hinaus. Nur der
-Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem suchenden
-Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge.
-Er hatte sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf
-den Geheimrat zu und begrüßte ihn mit unbefangener
-Höflichkeit.</p>
-
-<p>Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an.
-Dann besann er sich und schüttelte Perthes die Hand.
-&#8222;Marga erinnert sich Ihrer. Nett, daß Sie kommen. &mdash;
-Kleinchen!&#8221; Er erwischte die eben vorbeihuschende Elli
-an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten
-Wilkens durchschlüpfen konnte. &#8222;Herr Doktor Perthes &mdash;
-meine Jüngste,&#8221; stellte er vor, während er ihr den Arm
-um die Schulter legte. &#8222;Führ' ihn mal zu Marga!&#8221; Er
-deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann
-mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach,
-die Witwe eines Kollegen, eine stattliche alte Dame<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[S. 59]</a></span>
-mit gütigen Augen unter schneeweißen Scheiteln, auf einen
-Krückstock sich stützend; weiterhin einen ehemaligen Schüler
-und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf mit Namen, der
-es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder, katzbuckelnder
-Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen.</p>
-
-<p>Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel,
-durch die einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen
-Gebärden hinter sich her winkend.</p>
-
-<p>Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie
-hatte sich dorthin zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre
-der Menschen überflüssig vorkam. Es fiel niemand
-auf, daß sie beiseite trat. Die drei Wilmannsmädchen
-lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien
-der beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben,
-verlorenen Lächeln lehnte sie im Rahmen der Tür.</p>
-
-<p>&#8222;Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!&#8221;
-rief ihr Elli schon von weitem entgegen.</p>
-
-<p>Marga richtete sich auf.</p>
-
-<p>&#8222;Guten Abend, Fräulein Marga!&#8221; begrüßte sie Perthes
-kameradschaftlich. &#8222;Wir haben uns ja furchtbar lange nicht
-gesehen. Ich dachte immer, ich würde Ihnen mal wieder
-begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind früher oft dort gegangen,&#8221; sprudelte Elli
-naseweis hervor. &#8222;Aber neuerdings &mdash; ich glaube, seit
-Marga Sie dort getroffen hat, will sie partout nicht mehr
-hin.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Elli!&#8221; wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin
-war schon lachend davongewischt, um endlich zu ihrem
-Wilkens zu kommen.</p>
-
-<p>&#8222;So, so, Fräulein Marga &mdash; Sie weichen mir also<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[S. 60]</a></span>
-aus!&#8221; neckte Perthes. &#8222;Und warum denn, wenn ich fragen
-darf?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,&#8221; erklärte
-sie ernsthaft.</p>
-
-<p>&#8222;Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft.
-Obwohl ich mir vorgenommen hatte, hier gar
-nichts mitzumachen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich
-Ihretwegen an den Fluß käme,&#8221; erwiderte Marga. Ihr
-Ton war abweisender, als sie wollte. Sie fand sich nicht
-in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz nahm nur
-schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu
-und verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an
-den Türpfosten gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige
-Stirn kräuselte sich einen Moment: ihr offenes Gesicht
-war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu verbergen.</p>
-
-<p>&#8222;Was dachten Sie jetzt eben?&#8221; forschte Perthes.
-&#8222;Sicherlich nichts Gutes über mich.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; wieso?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als &mdash;&#8221;
-Marga vollendete den Satz nicht; sie erschrak über ihre
-eigenen Worte. Sie kamen ungerufen aus ihr hervor.
-Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn
-kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von
-dem sie wußte, daß er einer anderen galt. Es waren nur
-liebenswürdige Redensarten, wenn er <em class="gesperrt">sie</em> damit in Verbindung
-brachte. Weshalb seine Spielerei? Und doch &mdash;
-als er nun schwieg &mdash; tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne
-ihn zu sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[S. 61]</a></span>
-
-Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen,
-auf die vielen schwatzenden Menschen im Salon.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?&#8221; fragte
-Marga mit veränderter, bittender Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute
-gar nicht nett zu mir sind.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bin ich das wirklich nicht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wirklich nicht!&#8221; wiederholte er überzeugt.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden
-Sie noch unzufriedener mit mir gewesen sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Also war's doch was Schlechtes.&#8221; Lachend
-wandte sich Perthes wieder zu ihr.</p>
-
-<p>Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus.
-Die erloschenen Augen mit ihrem sanften blauen Glanz
-schienen gewaltsam das Dunkel durchdringen zu wollen,
-um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch leichter
-zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen
-Offenheit. &#8222;Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße
-jemand anders suchten als mich. Das war alles,&#8221; sagte
-sie kurz und einfach.</p>
-
-<p>Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits,
-was Markwaldt und alle seine Bekannten wußten
-&mdash; daß er Hilde König nachstieg. Und er durfte ihr nicht
-einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte ihr ja ihre
-Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem
-diese Mitwisserschaft war! Gerade <em class="gesperrt">hier</em>. Er griff sich
-mit der gebräunten, sehnigen Hand heftig in den Bart.
-Die Falten auf der Stirn zuckten nervös zwischen den
-dichten Brauen.</p>
-
-<p>Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu
-Tisch, indem er Frau Wilmanns den Arm bot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[S. 62]</a></span>
-
-&#8222;Darf ich Sie zu Tisch führen?&#8221; fragte Perthes Marga
-mit einer kurzen Verbeugung.</p>
-
-<p>Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den
-seinen. Sie wußte nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie
-führte, oder nicht. Sie bereute, daß sie sich hatte verleiten
-lassen, die Wahrheit zu sagen. Warum hatte er sie
-gezwungen, und sie sich zwingen lassen?</p>
-
-<p>Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das
-Wohnzimmer und die Eßstube.</p>
-
-<p>An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor
-Borngräber und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches
-Paar: sie majestätisch und gemessen, er voll Unbeholfenheit
-immer einen Schritt voraus oder zurück. Als langjährige
-Bekannte waren sie trotzdem beide sehr zufrieden
-miteinander.</p>
-
-<p>Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er
-kam, ein junges Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man,
-um der Gemütlichkeit keine Vorschriften zu machen, von
-einer festgesetzten Tischordnung abgesehen hatte, waren
-die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon
-alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein
-Grasvogel, eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen
-Hauses, die man aus Gutmütigkeit bei keiner
-Einladung überging, für sich zu erobern. Der kleine lustige
-Mann, der außerhalb seines Lehramts stets voller Schnurrpfeifereien
-steckte, schritt mit weltschmerzlicher Biedermannsmiene
-am Arm der Cousine. In dem beweglichen
-Gesicht, das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen
-einer listigen Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen
-dem fröhlichen Backenbart saß, lag eine so vorwurfsvolle
-Anklage, daß Elli, die mit Wilkens hinter ihm kam, nur<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[S. 63]</a></span>
-mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm sich
-nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten
-Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch
-zur Linken ihr auf dem Fuße folgte. Käthe war
-schon durch die in letzter Minute erfolgte Absage Lizzies,
-ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte sie nicht noch
-durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame
-Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der
-Privatdozent hatte nämlich Käthe dem Flanellstorch vor
-der Nase weg engagiert; darüber war dieser so fassungslos,
-daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr postierte
-und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen
-Disput vom Zaun brach &mdash; über eine neue Textausgabe
-von Dio Cassius!</p>
-
-<p>Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns
-mit den Burschenschaftern und Corvinen, einige damen-
-und couleurlose Philologen im ersten und zweiten Semester
-beschlossen die Reihe.</p>
-
-<p>Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb
-die Kerzen noch nicht angebrannt.</p>
-
-<p>Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an.
-Man stürmte die Plätze.</p>
-
-<p>Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese
-als nächste Hausfreunde der Jugend nur zur Folie
-dienen sollten, hatten ihren Tisch für sich gewählt. Eine
-Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die Cousine
-Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.</p>
-
-<p>Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes
-zu sich heran, denen sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei
-Stühle verteidigte. Perthes hatte Marga auf der einen,
-Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen noch<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[S. 64]</a></span>
-der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei
-Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel
-am gleichen Tisch.</p>
-
-<p>Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen
-Versuch, den Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten
-dafür mit den Corvinen an eine Tafel.</p>
-
-<p>Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft
-ihre Plätze innehatte.</p>
-
-<p>Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand
-einer Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen
-beginnen konnte.</p>
-
-<p>Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden
-hatte, dämpfte mit ihrer grausamen Würze für
-einen Augenblick die allgemeine Fröhlichkeit. Jedermann
-würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah
-doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung.
-Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung
-zum Trotz einen Stuhl neben Käthe gezwängt
-hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters,
-flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches
-gegessen.</p>
-
-<p>&#8222;Finden Sie das auch?&#8221; fragte Elli blinzelnd ihren
-Nachbar Wilkens. &#8222;Papa hat sie befohlen!&#8221;</p>
-
-<p>Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen
-Himmel und legte die Hand auf den Magen.</p>
-
-<p>Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht
-im Zaum halten. So vernehmlich wie der Flanellstorch
-und mit einer Überzeugungskraft, die fürs erste alle
-täuschte, durchschnitt er die schweigende Beklommenheit.
-&#8222;Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau
-das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten.<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[S. 65]</a></span>
-Sie kann nur von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen
-werden!&#8221;</p>
-
-<p>Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem,
-von unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter
-anschwellenden Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand,
-selbst nicht das entsetzte Fräulein Grasvogel, entziehen
-konnte.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Rudolf!&#8221; erklang tadelnd die Stimme von Frau
-Wilmanns über den Hof zu ihrem Gatten, der sich, als
-wüßte er von nichts, in seine Vatermörder zurückgeduckt
-hatte.</p>
-
-<p>Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit
-einer gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen
-Bart, tippte hell ans Glas und verschaffte sich Gehör.</p>
-
-<p>&#8222;Verehrte Gäste und Freunde!&#8221; hub er mit grollendem
-Ton an. &#8222;Der gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns
-soeben gegen meine Suppe unternommen hat,
-zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung. Mein
-Freund Wilmanns&#8221; &mdash; er fixierte den Professor durchbohrend
-&mdash; &#8222;ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen
-und griechischen Syntax, also der grauesten, leblosesten
-Grammatik. Daraus entschuldigt sich seine völlige
-Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des feineren
-Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine
-feurige südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der
-Spartaner in einem Atem zu nennen. Seine Spartanersuppe
-ist, wie jetzt männiglich außer ihm weiß, erstens eine
-Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel- und
-Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner
-Suppe. Doch diese historische und kulinarische Zurechtweisung
-nur nebenher. Überzeugender als der Angriff<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[S. 66]</a></span>
-des Kollegen Wilmanns ist das Urteil, das ich Ihnen
-allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es bedeutet
-rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt
-auch den frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu
-Boden, die, ihres Vaters kochkünstlerische Autorität verkennend,
-die Wahl jeder und erst recht dieser Suppe verhindern
-wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen
-für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie
-mit mir an auf das Wohl meiner Gäste!&#8221;</p>
-
-<p>Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete
-dem alten Herrn von allen Tischen. Sein grollender
-Humor, seine behagliche Selbstironie hatten die gute
-Stimmung nicht nur wiederhergestellt, sondern erhöht.
-Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten, fröhlichen
-Gang.</p>
-
-<p>Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa
-Wilmanns, der sich über Richthoffs Suppenrede königlich
-gefreut hatte, waren an ihrem Tisch abwechselnd die Wortführer.
-Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer von seiner
-letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber
-waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens
-über eine Fachfrage in den Haaren und abends bei
-begeisterndem Hellenenwein in den Armen. Als Wilmanns
-gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von
-einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre,
-weil er durchaus auf der Akropolis eine Nacht zubringen
-wollte, flüsterte Elli Doktor Perthes zu: &#8222;Ich glaube,
-die ganze griechische Reise hat er nur auf der Landkarte
-gemacht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das wollen wir nicht hoffen!&#8221; meinte Perthes lächelnd.</p>
-
-<p>&#8222;O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[S. 67]</a></span>
-alle!&#8221; erklärte sie überzeugt. &#8222;Wenn ich denke, was nur
-Wilkens&#8221; &mdash; sie warf einen vielsagenden Seitenblick auf
-ihren Tischherrn &mdash;, &#8222;was der mich schon angeführt hat!
-Schon zehnmal hat er behauptet: &#8218;Diesmal steig' ich ins
-Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!&#8219;
-Und zehnmal war's Schwindel!&#8221; Ein ganz leiser Seufzer
-begleitete unwillkürlich den zehnfachen Schwindel.</p>
-
-<p>&#8222;Und das geht Ihnen so zu Herzen?&#8221; fragte Perthes.</p>
-
-<p>&#8222;Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir
-geht überhaupt nichts zu Herzen!&#8221; verteidigte sich Elli
-empört. &#8222;Von mir aus kann Herr Wilkens zehnmal durch
-sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?&#8221;</p>
-
-<p>Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd
-zu Heddy Wilmanns.</p>
-
-<p>&#8222;O, und die anderen Fakultäten,&#8221; fuhr Elli zu Perthes
-fort, &#8222;die haben andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel
-&mdash; die sind boshaft, wie Sie! Und schrecklich roh
-und materialistisch!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein
-Marga?&#8221; wandte sich Perthes nach rechts, wo Marga
-geduldig, im Verein mit Cousine Grasvogel, noch immer
-Wilmanns' griechische Reise miterlebte.</p>
-
-<p>&#8222;Wehren Sie sich nur tüchtig!&#8221; gab sie zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben
-am Ende gar Ihrer Fräulein Schwester recht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser
-kennen!&#8221; erwiderte Marga freundlich, aber bestimmt.</p>
-
-<p>&#8222;Wie mißtrauisch Sie sind!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mißtrauisch? Marga?&#8221; ereiferte sich Elli. &#8222;Na, Herr
-Doktor Perthes, da gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis!
-Die ist die Offenste von uns allen! Aber<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[S. 68]</a></span>
-sie flunkert <em class="gesperrt">auch</em>! Die schlechte Nachbarschaft &mdash;&#8221; Sie
-zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!&#8221; warf Marga
-vorwurfsvoll ein.</p>
-
-<p>&#8222;Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du
-kennst Herrn Perthes nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich
-die Menschen in- und auswendig, wenn sie noch nicht
-zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir
-Genugtuung schuldig. Ich möchte schon immer gern wissen,
-wer ich bin.&#8221; Perthes legte etwas Spöttisches in seine
-Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten konnte.</p>
-
-<p>Marga schüttelte leise den Kopf. &#8222;Nein, nein &mdash; Sie
-müssen sich selber am besten kennen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;<em class="gesperrt">Muß</em> ich das?&#8221; erwiderte er im selben Ton wie
-zuvor.</p>
-
-<p>&#8222;Dafür sind Sie doch ein Mann,&#8221; war Margas halblaute,
-entschiedene Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot.
-Ihr Mund war fest geschlossen. Nur das Zittern ihrer
-Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung. Warum
-quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte
-ihm daran liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte
-er sich hartnäckig und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden,
-um sich und sie zu ergründen? Gewiß, er dachte
-sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser spielerischen
-Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür
-zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig
-auszugeben, verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke
-in ihr Gehäus.</p>
-
-<p>Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[S. 69]</a></span>
-ernsthafter als sonst. &#8222;Dafür sind Sie doch ein Mann&#8221;
-&mdash; was hieß das? War das ein Zweifel an seiner Reife?
-Oder war es eine Anerkennung? Dieses so stille und so
-klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige, aus
-Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme
-gemischte Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil
-es ihn reizte. Der Widerspruch zwischen seiner eigenen
-Zerrissenheit und ihrer ruhigen Geschlossenheit brachte bei
-ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das Peinliche
-überwog das Anziehende. Bah &mdash; er würde sich wohl
-von einem jungen Mädchen imponieren lassen! Was war
-rätselhaft an ihr? Höchstens, was er aus seiner eigenen
-Phantasie hinzutat. Sie war wie andere Frauen: nur
-durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte
-sich physiologisch wie alles Weibliche.</p>
-
-<p>Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren
-Wilkens, der um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy
-Wilmanns den Hof machte, entrüstet zur Rede zu stellen.
-Wilkens erklärte mit seiner heiteren Unverwüstlichkeit, da
-er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal ein
-Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach
-rechts flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze
-Minute lang. Dann fand sie sich mit Wilkens in einem
-versöhnend-heftigen Händedruck unter dem Tisch. Nach
-dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu Perthes.
-&#8222;Was treiben Sie denn eigentlich hier?&#8221; fragte sie in ihrer
-übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß
-das Gespräch zwischen ihm und Marga bedenklich im
-Stocken war.</p>
-
-<p>&#8222;Wo? Wie? Hier &mdash; wie meinen Sie das?&#8221; Perthes
-richtete sich zerstreut aus seinen Gedanken auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[S. 70]</a></span>
-
-&#8222;Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie
-das Ding heißt!&#8221; erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal
-besuchen. Ich habe einen ganzen Stall Kaninchen und
-Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse und Ratten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wozu denn das?&#8221; forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger
-Neugier.</p>
-
-<p>&#8222;Ich experimentiere mit ihnen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren!
-Was hab' ich gesagt! Mediziner sind entsetzlich roh und
-gefühllos! &mdash; Was machen Sie denn mit den armen
-Tierchen?&#8221;</p>
-
-<p>Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung
-keine Frage gelegener kommen. Es war ihm eine
-Genugtuung, sich nüchterner und gefühlloser zu zeigen,
-als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu verletzen,
-gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler
-und beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden
-Tieren: wie er ihnen die verschiedenen Gifte einimpfte,
-Gegengifte erprobte, die Wirkungen von Stunde
-zu Stunde beobachtete.</p>
-
-<p>Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. &#8222;Sie
-sind ja ein gräßlicher Tierquäler! Und so was machen
-Sie mit ruhigem Blut? Was müssen Sie für ein Mensch
-sein!&#8221; Ganz erschrocken blickten ihn ihre strahlenden jungen
-Augen an.</p>
-
-<p>&#8222;Das gehört bei uns zum Handwerk!&#8221; versicherte
-Perthes mit Achselzucken. &#8222;Wir können ja leider nicht
-mit Menschen unsere Experimente machen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Leider!&#8221; Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe.
-&#8222;Leider, sagen Sie? Aber das ist ja abscheulich! Dafür<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[S. 71]</a></span>
-könnte ich Sie &mdash;&#8221; Sie machte eine drastische Bewegung
-und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre Entrüstung
-lachen. &#8222;Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten
-mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung,
-Margakind?!&#8221;</p>
-
-<p>Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit
-Absicht schlecht machte. Er übertrieb. Er wollte sein
-objektives Medizinertum hervorkehren. Er tat sich und
-anderen mit Bewußtsein wehe. Die Erkenntnis dieser
-Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte sie
-mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen.
-Mit unwiderstehlicher Macht überkam sie das
-Gefühl ihrer Einsamkeit inmitten all der fremden, geräuschvollen
-Menschen, die in einer Welt lebten, die nicht die
-ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden Mantel
-hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere
-Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl
-zurück und richtete die Augen in die Ferne.</p>
-
-<p>Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas
-Wesen wenn auch nicht ganz erfaßte, so doch kannte und
-achtete, drang nicht weiter in sie.</p>
-
-<p>Auch Perthes verstummte.</p>
-
-<p>&#8222;Ihr Wohl, Herr Kollege!&#8221; prostete der Burschenschafter
-mit tadellosem Komment und unverkennbarer
-Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte mit halbem Ohr
-die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres medizinisches
-Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung
-zu dem Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit
-ausdrücken.</p>
-
-<p>Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem
-Zug hinunter. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[S. 72]</a></span>
-war verärgert. Er haderte mit sich, weil er sich hatte fortreißen
-lassen.</p>
-
-<p>Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer
-an zwei verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.</p>
-
-<p>Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben
-sich miteinander und maßen sich mit erstaunten
-Blicken: es waren Professor Borngräber und Professor
-Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um
-die oratorische Palme rangen.</p>
-
-<p>Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen.
-Aber gerade seinen vielverleumdeten griechischen
-Reisefreund konnte er nicht ohne Verblüffung als Rivalen
-auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm überdies aus
-der Ferne einen so flehenden Blick zu.</p>
-
-<p>&#8222;Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund
-Jakobus langweilen!&#8221; murmelte er mit trockener Gutmütigkeit
-und setzte sich wieder.</p>
-
-<p>Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen
-Stimme. Er zitierte einen indischen Spruch über die
-Freuden der Häuslichkeit. Man durfte hoffen, er würde
-von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das
-Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt.
-Jakobus Borngräber war nicht der Mann der geraden
-Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen Sprichwort, das
-mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser zusammenhing,
-fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade
-dieses Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse
-geraten war. Das Unheil war da: er vergaß völlig
-seine ursprüngliche Absicht, entwickelte mit einer zähen
-Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten Verhältnis zu
-seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider Auffassungen<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[S. 73]</a></span>
-und geriet in eine Vorlesung über vergleichende
-Textkritik.</p>
-
-<p>Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort
-wurde nervös geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde
-gehört. Einzelne fingen an, sich leise, dann lauter zu
-unterhalten. Dies Beispiel fand jähe, fast allgemeine
-Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine achtungsvolle
-Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur
-noch der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische
-und die beiden Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit
-dem Redner zu. Sogar Bertelsdorf, dem Privatdozenten,
-der für die Ordinarien seiner Fakultät einen
-unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein
-eine charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte
-ungeniert mit Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch
-damit, daß er unter seinen Fingern eine Menagerie aus
-Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen ließ. Wilkens
-unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken:
-er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ
-Brotstückchen, die er über die Fingerspitzen legte, durch
-einen geschickten Schlag auf seinen Unterarm in den Mund
-schnellen.</p>
-
-<p>Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf
-den Tischen und die farbigen Lampions, die in Ketten
-über den Hof gespannt waren, waren schon seit geraumer
-Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen
-jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen,
-die helldunklen Gesichter setzten sich warm und
-farbenvoll ab gegen das wachsende Dunkel im Weinberg
-und in den benachbarten Gärten. Darüberhin taumelten
-ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[S. 74]</a></span>
-zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm
-noch ein später Schimmer der gesunkenen Sonne.</p>
-
-<p>Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom
-seiner Rede inne. Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit
-seiner Zuhörer machte ihm nun doch seine Abirrung
-mit jähem Schreck klar.</p>
-
-<p>Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame,
-hatte Gleichmut und Humor genug, um ihm beizuspringen.
-&#8222;In diesem Sinne &mdash;&#8221; soufflierte sie ihm.</p>
-
-<p>&#8222;In diesem Sinne &mdash;&#8221; stotterte Borngräber und
-schwang sich mit einem verzweifelten Überschlag seiner
-Stimme aus dem Wirrsal seiner textkritischen Betrachtungen
-auf die dargebotene, allumfassende Redewendung:
-&#8222;In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu
-rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches
-Haus, sie leben hoch!&#8221;</p>
-
-<p>Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines
-Gläserklirren verschlangen Redner und Rede. &mdash;</p>
-
-<p>Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere
-Tafelzwang nicht wiederherstellen lassen. Der Tisch der
-Alten erkannte die Situation richtig, und ehe Papa Wilmanns
-seine unterdrückte Rede auch noch loslassen konnte,
-erhoben sich die Herrschaften.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!&#8221; klang die kräftige
-Stimme des Geheimrats über den Hof hin.</p>
-
-<p>Zwanglos verteilten sich die Gruppen.</p>
-
-<p>Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg
-hinan, dessen Wege weit hinauf mit Papierlaternen beleuchtet
-waren.</p>
-
-<p>Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof
-die Tische geräumt waren. Die zwei Corvinen und der<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[S. 75]</a></span>
-Flanellstorch hielten jetzt den Zeitpunkt für gekommen,
-um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre Professoren zu
-poussieren.</p>
-
-<p>Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes
-hatte sich artig angeboten, sie zu führen. Sie dankte.
-Darauf gesellte er sich dem ausgelassenen Schwarm zu,
-den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten die drei
-Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe
-mit Bertelsdorf.</p>
-
-<p>Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das
-Obstgelände begann, war es noch heller als in den tieferen
-Partien des Weinbergs. Elli schlug ein Spiel vor. Sie
-fand laute Zustimmung. &#8222;Hasch, hasch!&#8221; wurde nach
-kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend
-in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das
-Tollen begann, und leuchtend stoben die hellen, fliegenden
-Mädchenkleider durch die Dämmerung.</p>
-
-<p>Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht,
-es würde jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten.
-Aber niemand kam. Wie es meist ging, wurde sie und
-ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen Lustigkeit vergessen.
-Im Grunde war es ihr recht.</p>
-
-<p>Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und
-schneller als andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte
-sich nach der äußeren gesehnt.</p>
-
-<p>Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern
-längs des Weges. Dann stieg sie sicher bergan.</p>
-
-<p>Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile
-Erdreich stützte. Eine Treppe aus Steinen führte an ihr
-empor. Darüber standen die Weinstöcke, die Sorgenkinder
-des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie hartnäckig nur<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[S. 76]</a></span>
-wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem
-ausgemacht, daß hier <span class="antiqua">anno Domini</span> der großartigste Wein
-in der ganzen Umgegend wachsen mußte. Ein zweites
-Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf seiner Höhe lief
-eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des Richthoffschen
-Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg;
-er lag schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden
-Abendluft.</p>
-
-<p>Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam
-auf und ab.</p>
-
-<p>Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur
-gedämpft zu ihr herauf. In vollen Zügen trank sie die
-Ruhe des späten Abends. Nichts Weichmütiges durfte in
-ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und ihre
-Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim
-war. Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer
-noch ein herber Ton vor. Konnte sie es nicht lassen, auf
-andere Menschen zu bauen, statt nur auf sich? Es war
-ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde machte, und
-ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und
-halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe
-machte, in sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie
-die Mücken tanzten sie um die Sonne, zu schwach, um
-in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie zu entbehren.
-Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein?
-Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre
-Schwingen reichten aus. Auch wenn sie nur ein Weib
-war. Sie &mdash; sie wollte und konnte in die Sonne des inneren
-Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das Unbedingte
-und das Unendliche ...</p>
-
-<p>Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[S. 77]</a></span>
-Lieblingsplatz war, und dem Philosophenweg lag ein
-Wiesenhang unter alten Kirschbäumen.</p>
-
-<p>Dort streckte sie sich aus.</p>
-
-<p>Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen
-geschlossen, überließ sie sich ihrem Schauen. Aus dem
-Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll ihr Bild auf
-Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe
-und klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in
-denen ihre reiche Seele sich auslebte und ausruhte. Da
-war ein fernes, schimmerndes Tal, über und über von
-rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein tausendfältiger
-Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern
-gaukelte darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel
-Silber gegen den tiefblauen Himmel stand. &mdash; Ein verschlafener
-See blitzte auf, inmitten dunkel wuchtender
-Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus gelben
-Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise
-die Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer
-Schwan zog sanft am Schilf entlang. &mdash; Die Berge rückten
-auseinander. Der See verschwand. Lachende, unabsehbar
-weite Blumenwiesen taten sich auf: gelbe Königskerzen
-und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn
-wirrten sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick
-reichte. Darüber, am Horizont, erhoben sich kristallene
-Sommerwolken, überirdische Berge, himmlische Paläste,
-in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. &mdash;</p>
-
-<p>Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken,
-daß sie nicht hörte, wie ein behender Schritt die Stufen
-nach dem Laubengang heraufkam. Erst als ihr Name
-gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete sich aus dem
-Gras empor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[S. 78]</a></span>
-
-&#8222;Fräulein Richthoff!&#8221; ertönte es von neuem.</p>
-
-<p>Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort.
-Noch war sie nur halb aus ihrer Traumwelt erwacht,
-und kein Fremder sollte sie stören. Sie duckte sich
-wieder tiefer ins Gras.</p>
-
-<p>Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen
-Wiese erspäht. &#8222;Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie
-haben sich ja richtig versteckt!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bei mir selber,&#8221; gab sie einsilbig zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie
-holen.&#8221; Perthes war vollends zu ihr heraufgeklettert.
-&#8222;Darf ich mich einen Augenblick neben Sie setzen?&#8221; Ohne
-ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben ihr im
-Gras aus.</p>
-
-<p>Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich,
-ihren Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.</p>
-
-<p>Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der
-matte Widerschein der Papierlaternen und gab im Verein
-mit dem sternklaren Himmel gerade Licht genug, um
-Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu lassen.
-Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen
-Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre
-ruhevolle Erscheinung hier oben im Garten seltsam.</p>
-
-<p>&#8222;Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt,
-Fräulein Marga?&#8221; fragte er nach einer Weile.</p>
-
-<p>&#8222;Was hätte ich denn sonst machen sollen?&#8221; entgegnete
-sie ohne Vorwurf.</p>
-
-<p>Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht.
-Wie konnte sie in dem abschüssigen Garten &#8222;Hasch, hasch!&#8221;
-und derlei Dummheiten spielen! Er hatte sie ja überdies
-mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst überlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[S. 79]</a></span>
-
-&#8222;Sie haben nicht viel versäumt,&#8221; fuhr er fort. &#8222;Ich
-alter Esel habe mich wie ein alberner Junge herumhetzen
-lassen.&#8221; Er trocknete sein Gesicht mit dem Taschentuch;
-er ärgerte sich wirklich, daß er sich wie der krasseste Fuchs
-in solche Kindereien gestürzt hatte. &#8222;Hier oben ist's
-schöner!&#8221; Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich
-verschattet sich dehnte.</p>
-
-<p>Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht
-und glättete ihre zerknitterten Ärmel.</p>
-
-<p>&#8222;Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,&#8221; begann
-er von neuem, &#8222;sonst würde ich's schon wieder tun,
-weil Sie ja doch von sich aus mir nichts erzählen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen
-Dinge sagten.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes besann sich. &#8222;Ach &mdash; Sie meinen über meine
-Tätigkeit? Die Geschichte mit den Tierexperimenten, und
-daß man leider nicht mit Menschen experimentieren könne?
-Aber das ist ja wahr!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach
-Ihrem Gefühl.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott!
-In der Medizin hört man auf, ein Gemütsmensch zu sein
-&mdash; woher wollen Sie wissen, daß das nicht meine volle
-Meinung ist?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns
-dummen, gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten.
-Sie hatten ein Bedürfnis, sich schlechter zu machen, als
-Sie sind.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf
-den Boden gelegt und den Kopf auf die Hände gestützt.
-Marga saß links hinter ihm. Er sah forschend zu ihr hinüber.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[S. 80]</a></span>
-&#8222;Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft, Fräulein
-Marga.&#8221; Er lachte gezwungen. &#8222;Ich glaube, Sie irren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!&#8221; erklärte
-Marga mit jener Ruhe und Geradheit, in der sie sich selbst
-wiederfand. &#8222;Dann müssen Sie sich selber sehr niedrig
-einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. &mdash; Und besonders
-uns Frauen!&#8221; setzte sie nach einer Weile gedankenvoll
-hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Warum gerade die Frauen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen
-zu imponieren.&#8221;</p>
-
-<p>Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.</p>
-
-<p>Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte,
-denen lustiges Gelächter antwortete. Papa Wilmanns
-hielt bei der Bowle seine aufgeschobene Rede auf die
-Damen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, wir müssen hinunter,&#8221; bemerkte Marga kurz.</p>
-
-<p>Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten
-Faust erst langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den
-Grasboden.</p>
-
-<p>&#8222;Was machen Sie denn?&#8221; fragte Marga aufhorchend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich ärgere mich!&#8221; gab er knurrend zurück, ohne in
-seinem Trommeln aufzuhören.</p>
-
-<p>&#8222;Worüber?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Über Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Über mich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und noch mehr über mich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und warum denn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weil &mdash; weil &mdash;&#8221; Er führte einen letzten grimmigen
-Hieb gegen den unschuldigen Boden. &#8222;Weil Sie verwünscht
-recht haben!&#8221; stieß er knirschend hervor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[S. 81]</a></span>
-
-Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete,
-heftige Bekenntnis, das sich so widerwillig von
-ihm losrang.</p>
-
-<p>Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre
-jählings etwas geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr,
-das den Strom seiner Gedanken und Gefühle aufgehalten.
-Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus ihm hervor,
-was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch
-seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter
-Empfindung, nach einer überlegenen Weltbetrachtung
-voll Gleichklang und Schönheit sich verzehrte, bald
-in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche trieb,
-wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles Unbegreifliche
-unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen,
-wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung
-hatte &mdash; dieser Widerspruch tat sich in einer
-Flut von Selbstanklagen auf, die er rückhaltlos in die dunkle,
-friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute war er weich,
-mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind;
-morgen hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der
-sich in Kraßheiten überbot. Sein unseliger Hang zum
-Extremen &mdash; war er nicht sogar jetzt lebendig, in dieser
-Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos war
-wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt
-aufführte? Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum
-Unfrieden verdammt. Wertlos war der ganze Kerl. &#8222;Sie
-irren, Fräulein Marga &mdash; Sie irren, sage ich Ihnen! Der
-bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder
-Seele oder was es derart geben könnte, der ist bei mir
-nicht vorhanden! Schale, nichts als Schale &mdash; im Rechten
-und im Schlechten!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[S. 82]</a></span>
-
-Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über
-die so wilde, alle Schranken vergessende Entladung, die
-mit Unreife und Mißklang in ihre eben noch so köstliche
-Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine Bekenntniswut
-verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem.
-Nie hatte ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein
-Innerstes gezeigt. Sollte sie stolz auf dies Vertrauen
-sein? War sie nur der zufällige Anlaß, die zufällige
-Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte
-sie auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte?
-Auf ihr Gefühl, das beinahe mütterlich in ihr aufwallte:
-Gib von deiner Klarheit seiner Unklarheit! Schenke von
-deiner Kraft! Schenke, schenke mit vollen Händen! &mdash;
-Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach?
-Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende
-dich nicht!</p>
-
-<p>Perthes war verstummt. Er warf sich herum und
-starrte, von ihr abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der
-schüchtern der Fluß im Licht des gestirnten Himmels
-aufleuchtete.</p>
-
-<p>Marga fand noch immer kein Wort.</p>
-
-<p>Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei
-Menschen beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben
-hat und der andere noch nicht weiß, was er dagegen
-geben soll. Ein Schweigen, das zum Anfang oder
-Ende des Verstehens wird.</p>
-
-<p>Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.</p>
-
-<p>Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins
-Gesicht schauen, daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder
-lassen müsse! Sie strengte alle Kräfte ihrer Seele an,
-um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. Wie durch einen<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[S. 83]</a></span>
-geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich langsam
-von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über
-seine Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern
-wich. Sie durfte nicht in seiner Schuld bleiben. Eben
-war er im Begriff aufzuspringen und sie zum Abstieg
-aufzufordern, als sie die Sprache fand. &#8222;Ich glaube doch
-an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,&#8221;
-sagte sie mit leiser Bestimmtheit.</p>
-
-<p>&#8222;Doch? Immer noch?&#8221; erwiderte er nach einer Weile
-ausdruckslos. &#8222;Da sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.&#8221;
-Der spöttische Ton, den er annehmen wollte,
-verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.</p>
-
-<p>&#8222;All das Leidenschaftliche,&#8221; fuhr sie uneingeschüchtert
-fort, &#8222;was Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und
-deshalb nur so leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen
-solchen Kern glauben möchten und es nicht immer können.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn
-auf die Faust gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte,
-klare Stimme wirkte auf ihn wie eine Kinderweise, die
-sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein Verstand sträubte
-sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das Herz
-sog sie dankbar in sich.</p>
-
-<p>&#8222;Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen
-streiten,&#8221; hub Marga nach einer gedankenvollen Pause
-noch sicherer wieder an. &#8222;Ich habe in allen Dingen nur
-die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt mir, daß es
-gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man
-sich von der Welt und dem Leben und den Menschen so
-im allgemeinen macht, sondern auf das, was man aus
-sich selbst macht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so?<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[S. 84]</a></span>
-Wenn man nach zwei Seiten gezerrt wird? Wenn man,
-um recht trivial, aber anschaulich zu reden, die bekannten
-&#8218;zwei Seelen&#8219; in der Brust hat?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dann kommt es eben darauf an, durch welche von
-beiden man glücklicher, man mehr &#8218;man selber&#8219; ist!&#8221; erwiderte
-Marga überzeugt. &#8222;Wenn man das erst weiß,
-braucht man nur zu wollen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das
-ruhig wieder dazu! Ich kann es ganz gut noch einmal
-hören!&#8221; Es war keine Bitterkeit und kein Spott mehr
-in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe
-Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam,
-suchte er Marga.</p>
-
-<p>Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen,
-der sie von innen zu erleuchten schien und ihre Blindheit
-vergessen ließ. Sie hatte sich höher aufgerichtet. Ihre
-Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare über
-ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im
-Winde, der über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen,
-in sich einigen Wesen ging eine stille, fast heitere Gewißheit
-aus, die Perthes mit Achtung erfüllte, einer
-Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob
-Sie recht haben, Fräulein Marga?&#8221; meinte Perthes zögernd.
-&#8222;Wollten Sie mir ein klein wenig dazu helfen?&#8221;</p>
-
-<p>Sie überlegte. Nur einen Augenblick. &#8222;Das wollte
-ich!&#8221; sagte sie kurz und herzlich.</p>
-
-<p>Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte
-die hohe, sehnige Gestalt. &#8222;Also auf gute Kameradschaft!&#8221;
-Es klang eine so ehrliche Wärme aus seinen Worten, wie
-er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[S. 85]</a></span>
-
-Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu
-ihm. Sie bot ihm die Hand.</p>
-
-<p>Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung
-folgend, drückte er einen Kuß darauf.</p>
-
-<p>&#8222;Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!&#8221;
-Auch sie war aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von
-innerer Seligkeit, von frohem Stolz über diesen Beweis
-der Achtung.</p>
-
-<p>Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen,
-sondern ließ sich von ihm führen.</p>
-
-<p>Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...</p>
-
-<p>Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes
-Streiten. Es waren Elli und Wilkens. Sie waren also
-nicht die einzigen, die auf sich warten ließen. Weiter unten
-stießen sie auf Heddy Wilmanns und den dicken Burschenschafter.
-Mit diesen zusammen traten sie in den Hof, wo
-Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle
-durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch
-und die zwei Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen
-Bowlenlaune eine Philippika über die Streberei hielt.
-Sie hörten ihm mit stumpfsinniger Andacht zu, ohne sich
-getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau Achenbach
-und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und
-plauderte bei seiner sechsten oder achten Zigarre über
-Sommerferienpläne.</p>
-
-<p>Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf,
-die, unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern,
-die gesamte Universität Spießruten laufen ließen.</p>
-
-<p>Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest
-mit einem fröhlichen, von Papa Wilmanns inaugurierten
-und kommandierten Rundgesang sein Ende fand.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_86" id="Page_86">[S. 86]</a></span><a name="c4" id="c4">4</a></h2>
-
-
-<p>Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.</p>
-
-<p>Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg
-war für alle Beteiligten eine liebenswürdige Erinnerung
-geworden. Nur für Marga und Doktor Perthes spann
-sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, zu
-der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener
-und vertrauensvoller Herzlichkeit.</p>
-
-<p>Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am
-Hause vorbeigekommen war, hatte er Marga unter den
-Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er war ohne Zaudern
-hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten
-wie zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl,
-sich auszusprechen; Einfälle, Stimmungen, Empfindungen
-mitzuteilen, die ihn gerade beschäftigten. Und sie verstand
-dankbar und still zuzuhören. Nur ab und zu warf sie ein
-Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte
-und dachte.</p>
-
-<p>Perthes wiederholte seinen Besuch.</p>
-
-<p>Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf
-einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an
-den Ausgängen und Besuchen der Schwestern in der Stadt
-selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend
-oder lesend.</p>
-
-<p>Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall,
-daß der Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend,
-die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein
-paar Sätze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben
-bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den
-alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[S. 87]</a></span>
-
-Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er
-bedrohliche Blicke.</p>
-
-<p>&#8222;Was wird denn da getrieben?&#8221; Richthoff stützte sich
-mit der einen Hand auf den Krückstock, mit der andern
-hatte er sich in den weißen Bart gefaßt.</p>
-
-<p>&#8222;Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr
-Geheimrat!&#8221; Perthes erhob sich grüßend; sein Auge begegnete
-ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor
-Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,&#8221;
-setzte Marga aufrichtig hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Hm!&#8221; brummte Papa Richthoff unentschieden. Er
-überlegte, daß von Rechts wegen ein junger Mann und
-ein junges Mädchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu
-geben hätten. Aber schon im nächsten Moment sagte er
-sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht
-um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose
-Zerstreuung bringen dürfe. &#8222;Sie hat wohl glücklich alles
-wieder verschwitzt, was sie konnte?&#8221; wandte er sich, dem
-Tisch näher tretend, an Perthes.</p>
-
-<p>&#8222;O &mdash; es geht noch ganz leidlich!&#8221; meinte der Doktor.</p>
-
-<p>Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen
-Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren
-Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung
-über die Schrift, über Blindenbibliotheken und
-ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte, recht
-wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.</p>
-
-<p>Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll
-am Ohr zupfte. &#8222;Das bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn
-Tagen der Prolog zum Faust fließend gelesen und<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[S. 88]</a></span>
-geschrieben werden kann, hörst du!&#8221; Mit einem jovialen
-Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im
-Haus.</p>
-
-<p>Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft
-ungestört pflegen. Elli und Käthe neckten wohl
-manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht
-ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung
-nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran,
-den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere
-Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.</p>
-
-<p>Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes.
-Über Großes und Kleines mit derselben Wichtigkeit
-der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrücken
-mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen
-Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus
-einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig
-und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern,
-durch sich selbst wußte, bekam Fülle und Zusammenhang.
-Sein vielseitiges Wissen nährte das ihre. Daß sie nichts
-Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür sorgte ihre
-durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer, gesunder
-Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte.
-Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen,
-durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe
-ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die
-ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer
-wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte,
-sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits
-fühlte die Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit
-ihrer Seele lag. Aber sein Verstand sträubte
-sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem Gefühl nachzugeben.<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[S. 89]</a></span>
-Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib,
-eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen
-sollte, konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen,
-ihn empören, seinen verbissensten Widerstand erwecken.
-Dann riß er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von
-den großen Fragen über den Wert des Daseins, und zersetzte
-alle &#8222;Schwindsüchteleien&#8221;, wie er es nannte, unter
-vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je
-lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich
-erhitzte, um so gelassener hörte sie ihm zu.</p>
-
-<p>So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer
-jungen Freundschaft, daß es nichts Vernünftiges gebe,
-als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich
-&#8222;höheren&#8221; Gedanken seien nichts als ebensoviele
-Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit
-zu täuschen. &#8222;Damit wir hübsch im Tretrad bleiben
-und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu
-albern wird!&#8221;</p>
-
-<p>Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte,
-bemerkte er ein leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie &mdash; Sie wissen das natürlich viel besser!&#8221; rief er
-empört.</p>
-
-<p>&#8222;O, gar nicht! Wissen werden <em class="gesperrt">Sie</em> es schon besser.
-Aber ich <em class="gesperrt">fühle</em> es anders.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das
-Gefühl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind
-uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für Kinder, sind Verschwommenheiten,
-Torheiten, Halbheiten, die Gedanken
-werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht
-endlich einsehen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein. Ich <em class="gesperrt">will</em> es eben nicht einsehen,&#8221; meinte<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[S. 90]</a></span>
-Marga ruhig. &#8222;Es gibt Gefühle, die weniger sind als
-Gedanken, und es gibt Gefühle, die mehr sind &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und mit welchem Recht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den
-Sinn hat, dessen Wahrheit ich fühle &mdash; ob Sie sie beweisen
-können oder nicht.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger
-Verstand war nicht überzeugt. Trotzdem beugte sich eben
-das Gefühl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen.
-Es war töricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand
-bis zum nächsten Gefecht. &mdash;</p>
-
-<p>Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten:
-Hilde König.</p>
-
-<p>Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch,
-der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte
-Menschen mehr oder minder verbindet, wußte Marga, daß
-ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne mit
-den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz
-und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger
-denn je die Uferstraße entlang pilgern, sei es allein, um
-sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen,
-wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war
-und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er
-auf. Man sah ihn nicht selten im &#8222;Heiratskarussell&#8221;, das
-ihm anfangs so lächerlich vorgekommen war, an Hilde
-Königs Seite.</p>
-
-<p>Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder
-auf diese Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter
-sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer
-wurde ihr diese Zurückhaltung. Sie kannte ihn jetzt genügend,
-um zu erraten, daß der augenfällige, liebliche<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[S. 91]</a></span>
-Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst
-und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn
-anziehen mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei.
-Vielleicht aber &mdash; und das machte ihr sein leidenschaftliches
-Wesen wahrscheinlicher &mdash; verfing er sich ernsthaft in diesem
-Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen.
-Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverständliches.
-So oft ihre Gedanken und Gefühle über
-die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie
-schroff zurück. Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen
-Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die
-zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen bleiben
-mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl,
-das in ihr keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur
-Rechenschaft ziehen konnte. &mdash;</p>
-
-<p>Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn
-und sich aufklären.</p>
-
-<p>Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder
-in der Abendstunde am Ufer spazieren führen zu lassen.
-Bis der Zufall es wollte, daß der Geheimrat eines Abends
-Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten,
-zu Professor Borngräber schickte, der in einem
-verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße
-sein Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre
-Schwester schon ein großes Stück Wegs begleitet, ehe diese
-mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte. Als sie nun
-Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren
-Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes
-übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.</p>
-
-<p>Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte
-kaum erst aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam.<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[S. 92]</a></span>
-Die Sonne lag hinter dem grauen Gewölk, und
-der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen seinen
-Ufern hin.</p>
-
-<p>Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu
-erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der
-Himmel sah nach neuen Regengüssen aus, denen sie lieber
-entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht
-zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten.
-Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.</p>
-
-<p>Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee,
-kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen
-Schirm teilte.</p>
-
-<p>Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden
-schon erkannt. &#8222;Perthes mit Hilde König!&#8221; flüsterte sie
-hastig Marga zu.</p>
-
-<p>&#8222;Wo denn?&#8221; Marga nahm sich zusammen, aber ihr
-Arm zuckte unwillkürlich in dem der Schwester.</p>
-
-<p>&#8222;Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm
-heimzubringen!&#8221; tuschelte Elli.</p>
-
-<p>Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen.
-Seine rauhe, hastige; ihre leichte, etwas gezierte und
-hüpfende. Dann verstummten beide. Sie hörte, wie die
-Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.</p>
-
-<p>&#8222;Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er
-tut, als kennte er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß
-er uns erkannte!&#8221; Elli war ganz erregt. Sie ereiferte sich,
-ohne auf Marga zu achten. So ein Drückeberger! Einfach
-beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu verleugnen
-wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er
-von ihr zu hören bekommen!</p>
-
-<p>&#8222;Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?&#8221;<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[S. 93]</a></span>
-forschte Marga nach einer Weile zögernd. Sie mußte
-alle Kraft aufbieten, um einer Erregung, die sie selbst
-bestürzt machte, Herr zu bleiben.</p>
-
-<p>&#8222;Schwören will ich darauf!&#8221; beteuerte Elli, und sie
-schilderte sein Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.</p>
-
-<p>&#8222;Ich werde ihn fragen, warum er das tat,&#8221; erklärte
-Marga gepreßt.</p>
-
-<p>Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in
-der nächsten besten Haustür Schutz suchen mußten. Elli,
-die nie zu lange beim gleichen Thema blieb, erzählte vom
-bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga hörte ihr
-krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg.
-Sie wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst
-wieder allein mit sich war ...</p>
-
-<p>Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte,
-wurde schneller als sonst Abendbrot gegessen.</p>
-
-<p>Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer
-ein Duett.</p>
-
-<p>Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock
-hinaufsteigen.</p>
-
-<p>Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange
-nicht gespielt. Sie war keine Künstlerin. Ihr Spiel war
-technisch nicht weit über das hinausgekommen, was sie,
-noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte.
-Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch
-die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.</p>
-
-<p>Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute
-nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast
-war es: sie wollte ihr übervolles Gemüt in Tönen erlösen
-und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten,
-das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[S. 94]</a></span>
-
-Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt,
-und die Hand führte zagend den Bogen. Die
-Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepreßt.
-Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der Tiefe herauf.
-Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden
-Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne
-eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus
-der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer
-niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu müssen;
-aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter
-mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief.
-Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte
-und die Entsagung überbot, um so mehr erbebte
-und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie
-gefürchtet hatte &mdash; da war es! Da brach es hervor, nicht
-mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu
-mißdeuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und
-entsetzt zugleich, wogte es über die Saiten. Einen Augenblick
-verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzücken
-wollte sich regen. Dann riß sie mit einem grellen
-Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige
-hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben.
-Sie drückte sich in die Ecke des Sofas: das
-Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte sie sich und
-zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und
-spannte sie um die Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit
-ihrer Empfindung außer sich, richtete sie mit allem
-Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf
-einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[S. 95]</a></span>
-sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren
-Max Perthes' Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus
-flüchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres
-Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute.
-Die Augen gingen ihr über vor dem offenen, klaren Ja,
-das da <em class="gesperrt">außer</em> ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und
-rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte
-das Nein <em class="gesperrt">in</em> ihr werden. Sie klammerte sich an ihren
-Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fühlte sich von einem
-Mädchen gefesselt, das in allen Stücken ihr Gegenbild war;
-für das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten
-Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen,
-nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es
-ihr erlaubt, so hätte die Vernunft es verboten. Für sie
-gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem
-Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer
-seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht
-die Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich
-machen? Wollte sie gewissenlos sein?</p>
-
-<p>Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in
-ihrem Schoß.</p>
-
-<p>Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer
-Liebe. Es war, als müßte sie es erwürgen, und weil es
-ein Lebendiges war, sträubte es sich gegen den Tod und
-klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen weh,
-über alles Sagen und Denken weh.</p>
-
-<p>Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf
-Träne aus ihren Augen.</p>
-
-<p>Dann war es mit einem Mal vorbei.</p>
-
-<p>Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und
-es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[S. 96]</a></span>
-nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm.
-Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.</p>
-
-<p>Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.</p>
-
-<p>Aber spielen, sich vollends freispielen &mdash; das konnte
-sie noch nicht. Sie schloß die Geige in den Kasten und
-stellte sie beiseite. Dann ging sie zu den Schwestern hinunter,
-die jetzt zu singen aufgehört hatten und bei der
-Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit,
-so gut es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...</p>
-
-<p>Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.</p>
-
-<p>Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht
-im Vorgarten. Als er im Haus nach ihr fragte, wies
-ihn Therese in den Salon.</p>
-
-<p>Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie
-sonst wollte er ihr die Hand schütteln, doch sie reichte sie
-ihm nicht zum Gruß. Sie war durchaus nicht steif und
-unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die Zurückhaltung
-auferlegte.</p>
-
-<p>Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin
-betrachtet. Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit
-ihres Wesens auf, die Züge und Gebärden beherrschte:
-eine natürliche, anmutige Würde, die durch einen Schatten
-von Trauer noch gehoben wurde.</p>
-
-<p>Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda
-gebeten, die dem Salon vorgebaut war.</p>
-
-<p>Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt
-eingelegter Platte lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte
-sich und ließ ihn gegenüber Platz nehmen.</p>
-
-<p>Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte
-Perthes auf der Zunge. Er brachte ihn nicht hervor.
-Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[S. 97]</a></span>
-
-&#8222;Warum erzählen Sie mir nichts?&#8221; fragte Marga,
-nachdem sie einige Zeit gearbeitet hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Ich dachte, <em class="gesperrt">Sie</em> würden mir erzählen. Mein Kopf
-ist heute schon ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte
-eine bestimmte Geschichte herausbekommen &mdash; die Struktur
-eines Muskelgewebes, in dem &mdash; doch das kann Sie nicht
-interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts
-gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich
-zu Ihnen gekommen. Was haben Sie in den letzten
-Tagen getrieben?&#8221; Er sprach hastig und zerstreut. Seine
-Finger spielten nervös auf der Tischkante.</p>
-
-<p>&#8222;Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen!
-Vorgestern sind die Schwestern und ich über
-die Berge gegangen. Das Wetter war zu schön. Man
-konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde.
-Wir waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu
-Fuß. Gestern&#8221; &mdash; sie stockte &mdash; &#8222;gestern war ein Tag
-wie alle.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen
-bis zum Abend! Gerade, wie Sie so einen Alltag verbringen,
-will ich wissen!&#8221; Es klang etwas Herrisches in
-seinen Worten, das Marga aufblicken machte. &#8222;Das möchte
-ich gern wissen,&#8221; verbesserte er sich.</p>
-
-<p>Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse.
-&#8222;Und gegen Abend &mdash;&#8221; Hier stockte sie wieder.</p>
-
-<p>&#8222;Was war gegen Abend?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das
-heißt, Papa schickte uns zu einem Kollegen, und wir kamen
-tüchtig in den Regen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wo denn?&#8221; forschte er hartnäckig.</p>
-
-<p>Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[S. 98]</a></span>
-Bestimmtheit auf. Sie antwortete nicht. Mit einem
-unwilligen Ruck stand Perthes auf. Beinahe hätte er
-den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und
-blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von
-den Bäumen tropfte. Ungestüm strich er den krausen
-schwarzen Bart und blies einen pfeifenden Laut durch
-die Lippen. Dann brach er los. &#8222;Sie wollen wissen,
-warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?&#8221; stieß
-er wütend hervor.</p>
-
-<p>Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.</p>
-
-<p>&#8222;So fragen Sie mich doch!&#8221; knirschte er gequält.</p>
-
-<p>Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu
-kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit
-beiden Händen so heftig an der Lehne, daß er in den
-Fugen knackte. &#8222;Ich weiß ganz genau, daß das so nicht
-geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie
-der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, damit
-man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine
-Freunde verleugnet, weil ...&#8221; Er vollendete den Satz
-nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. &#8222;Sie sind in vollem
-Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!&#8221;</p>
-
-<p>Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten
-sich aufgehellt. &#8222;Da Sie so ehrlich sind, braucht es das
-nicht!&#8221; sagte sie einfach.</p>
-
-<p>&#8222;Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein
-sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen
-das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin
-in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete,
-verliebt. Wußten Sie das?&#8221;</p>
-
-<p>Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch
-meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen &mdash; so<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[S. 99]</a></span>
-schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus,
-daß er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschütten würde, genau
-wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg
-beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte.
-Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen,
-wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin,
-der sein Vertrauen galt, mußte geduldig zuhören.
-Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern.
-Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und
-schien ganz damit beschäftigt, es zu lösen.</p>
-
-<p>Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts
-ahnte, begann in abgerissenen Sätzen, nur von sich und
-seinen Gefühlen erfüllt, seine Beichte. Er schilderte, wie
-das hübsche Ufermädchen ihn gefangen genommen. Allmählich,
-ohne daß er es wußte und wollte. Fester und
-immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie
-sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus
-am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie
-er sie angesprochen, sie begleitet &mdash; alles schilderte er mit
-der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es
-wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben
-zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck
-von Hilde Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte,
-frische Kindlichkeit; ihre mädchenhafte Zurückhaltung neben
-ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren
-Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine
-Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich
-in allgemeinen Behauptungen. &#8222;Sie ist nicht abgründig
-tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand
-als tausend Frauen. Oh &mdash; Schwersinnigkeit und
-Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[S. 100]</a></span>
-ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte,
-Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen
-Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und
-Last, zum schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn
-zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich
-wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem Kriechtier,
-wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein
-Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich
-bin. Sie als Freundin &mdash; Sie müssen mir raten! Sie
-kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.&#8221;</p>
-
-<p>Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch
-seine mit Bildern überladene Sprache.</p>
-
-<p>Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit
-zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß
-sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Geständnis
-seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere Falten verlängerten
-die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten
-Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das
-Blut an den Schläfen auf- und niedersteigen sah.</p>
-
-<p>Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich
-aussprach; daß er das Mädchen mit überschwenglichen
-Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende,
-leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der
-sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als sein
-weibliches Ideal in den Himmel hob &mdash; das war es nicht,
-was sie am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick
-alle Fassung rauben wollte und was über ihre Kraft ging,
-war die Gewißheit, daß er sich täuschte. Er täuschte sich
-über sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem
-Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte nicht
-eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[S. 101]</a></span>
-Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern
-eine, die sich mit ihm zusammen durchkämpfte und darüber
-emporhob. Er täuschte sich aber auch über Hilde
-König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte:
-seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen.
-Das Mädchen war nicht das unschuldige Kind, das er in
-ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische
-Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die Einfachheit,
-die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete,
-war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte
-in einem kühlen, berechnenden Herzen. Und er mußte
-seine Täuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte
-nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor
-ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es,
-was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte;
-sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen ließ,
-als er längst geendigt hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will
-wissen, wie Sie darüber denken!&#8221; drang Perthes vorwurfsvoll
-in sie. &#8222;Kennen Sie Hilde König?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, ich kenne sie nicht,&#8221; kam es leise von Margas
-Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte
-nicht anders.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß
-ein Bild von ihr machen, Fräulein Marga.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Auch das nicht!&#8221; gab sie noch leiser zurück. Sie war
-fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu
-lassen. Der Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun
-und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trüben könnte,
-bestärkte sie nur in ihrem Vorsatz.</p>
-
-<p>&#8222;Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich!<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[S. 102]</a></span>
-Sie müssen beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich
-es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie
-glauben, daß ich auf der rechten Fährte bin und mein
-Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll
-mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen
-Verstand!&#8221;</p>
-
-<p>Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich
-geantwortet hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter
-den Gedanken, und andere, die über ihnen stünden; aber
-sie wollte nicht. &#8222;Wenn Sie Ihres Gefühls so sicher sind,
-brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,&#8221; sagte sie ausweichend.</p>
-
-<p>&#8222;Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie,
-Fräulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen
-mich innerlich genau so, wie ich es gestern äußerlich tat!&#8221;
-In unwillkürlicher Erregung schlug er mit dem Absatz
-mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen
-Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die
-verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung
-mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wäre er weniger
-nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm ihre
-Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte
-er nur noch ingrimmiger: &#8222;Und das heißen Sie Freundschaft?!&#8221;</p>
-
-<p>Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte
-seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder.
-Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort:
-&#8222;Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie
-ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um
-mich steht, und Sie, die Freundin &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich, die Freundin,&#8221; unterbrach ihn Marga mit bebender<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[S. 103]</a></span>
-Stimme, &#8222;bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich
-Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht über die Freundschaft.
-Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft aufsagen
-wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen,
-kann keine Frau einem Mann erfüllen. Über
-Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich einig werden. So
-wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig
-kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus
-Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht.
-Und aus Achtung vor Ihnen nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert
-an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz
-aufgerafft, um sich von dem Unmöglichen zu befreien, mit
-dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so
-leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er sie kaum
-mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht
-mit jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn
-zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm
-es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschöpft
-in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.</p>
-
-<p>Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen:
-für einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine
-meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld.
-Ob diese Blinde mehr für dich empfindet, als du ahnst?
-Ob sie dich liebt? &mdash; Eine Sekunde nur, und die Vermutung,
-die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur
-der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn
-und dämpfte seinen Ärger. Seine Verstimmung kehrte
-sich gegen ihn selbst.</p>
-
-<p>&#8222;Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht
-der Freundschaft, wie ich alles überspanne. Ich werde<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[S. 104]</a></span>
-ein andermal anspruchsloser sein, Fräulein Marga.&#8221; Er
-hatte sich erhoben und verabschiedete sich.</p>
-
-<p>Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend
-vor. Sie hätte ihn gern wie sonst nach der Tür begleitet.
-Aber ihre Kraft reichte nicht aus.</p>
-
-<p>Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos
-und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten
-Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen
-schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgültigkeit
-und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte
-die Freundschaft zu Ende sein &mdash; was lag ihr noch daran!
-Sie hatte nicht anders gekonnt ...</p>
-
-<p>Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser
-grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen
-Wochen geschlossenen Freundschaft tatsächlich zu Ende.
-Tag um Tag verging, ohne daß Perthes sich wieder im
-Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es
-eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische
-Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermüdete
-sie so, daß sie bisweilen am hellen Tag von einem
-kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal
-wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag
-gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt
-hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab
-und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff
-gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung
-von mein und dein die Pflicht der Freundschaft
-verletzt? Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen
-sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben,
-mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie
-nicht ehrlich: Sie irren sich über das, was Sie brauchen!<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[S. 105]</a></span>
-Sie täuschen sich über sich selbst und über das Mädchen,
-das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche,
-sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas
-Gedanken stockten. Es überfiel sie wie Scham; als hätte
-sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer
-Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst
-du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst!
-Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine
-finden helfen &mdash; &mdash; Wie? Sie hätte sich angeboten?
-Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame!
-Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort
-durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie
-hatte schweigen müssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst
-hatte, war und blieb die höhere, und wenn sie daran
-verbluten sollte ...</p>
-
-<p>Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis
-durchkämpfte &mdash; die Sorge um Perthes konnte
-sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren
-Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das
-ihre Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in
-ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung
-über Hilde König mußte unaufhaltsam über ihn
-kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war
-unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen
-niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung
-alles in ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine
-Leidenschaftlichkeit trieb &mdash; wer konnte es ausdenken?
-Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie
-forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht
-über ihn zu erhaschen.</p>
-
-<p>Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[S. 106]</a></span>
-
-Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen
-des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe,
-zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden
-mußte, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspäteter
-musikalischer Tee &mdash; eine Neuerung im gesellschaftlichen
-Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute.
-Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei
-von ihren Gedanken und Empfindungen, von &#8222;ihren&#8221;
-Herren zu erfüllt waren, als daß sie auf Doktor Perthes,
-den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten. Elli wollte
-ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht
-gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen
-Mittelpunkt Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es
-war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand,
-daß er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berührte.
-Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte
-seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben.
-Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört,
-die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde König
-eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter
-Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen
-brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen,
-sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.</p>
-
-<p>Die dritte Woche war angebrochen.</p>
-
-<p>Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.</p>
-
-<p>Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf.
-Käthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner
-wären eben doch &#8222;immer&#8221; unzuverlässig. Elli, die aus ihrer
-Neigung für Wilkens heraus etwas von Margas Kummer
-witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes angesteckt,
-ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[S. 107]</a></span>
-nicht grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig
-über ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt
-Marga in die Arme, küßte sie und versicherte: &#8222;Ich,
-Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester
-Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für
-solche Bazillengucker!&#8221; Der Spaß war harmlos und ehrlich
-gemeint. Daß er dabei so herzhaft weh tat, ahnte
-Elli nicht von ferne.</p>
-
-<p>Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen
-sogar der Geheimrat vernehmen: &#8222;Was macht denn dein
-&mdash; dein &mdash; na, wie heißt er denn? Der Sparafantel aus
-Hemsbach, der dich unterrichten wollte?&#8221;</p>
-
-<p>Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte,
-fiel dem alten Herrn glücklicherweise eine Briefschuld an
-Schlutius in Bonn aufs Herz. Darüber vergaß er völlig,
-seine Frage zu erneuern. &mdash;</p>
-
-<p>Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte
-Marga eine merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag
-um Tag verstrich, ohne daß Perthes mit seinem eiligen
-Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter
-die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge
-freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung
-immer aufs neue trog, unerträglich. Sie zog es vor,
-die Zeit, in der sie sich selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube
-zuzubringen, am Ende des Blumengartens,
-dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.</p>
-
-<p>Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag,
-als sie dort, wie gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer
-Blindenbücher mitgenommen, von denen sie eine kleine
-Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag
-ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[S. 108]</a></span>
-Band &mdash; Storms &#8222;Schimmelreiter&#8221; &mdash; nahm aufgeschlagen
-beinahe die Hälfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten
-von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.</p>
-
-<p>Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das
-Sonnenlicht zu einer goldgrünen Dämmerung dämpften,
-saß es sich gut. Die schwermütige Versonnenheit der
-Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele.
-Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie
-jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt
-zurück. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck
-über dem krausen blonden Haar saß, hatte sie in den
-Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte
-sie mit dem Taschentuch.</p>
-
-<p>&#8222;Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Unausstehlich!&#8221; fuhr Elli fort, während sie sich neben
-sie auf die Bank setzte. &#8222;Du hast's gut hier im Schatten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wo warst du denn?&#8221; fragte Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch.
-Am liebsten hätt' ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber
-töricht, Kleinchen!&#8221; meinte Marga, während sie Ellis
-Wangen berührte. &#8222;Du glühst ja wie ein Backofen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit!
-Rate mal, was!&#8221;</p>
-
-<p>Marga konnte nichts erraten.</p>
-
-<p>&#8222;Es hat sich jemand verlobt,&#8221; half Elli. &#8222;Schon vor
-drei Tagen hat es in der Zeitung gestanden, und wir
-haben's übersehen. Rate, wer!&#8221;</p>
-
-<p>Marga schüttelte den Kopf. &#8222;Kenn' ich den &#8218;Jemand&#8219;
-überhaupt?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[S. 109]</a></span>
-
-&#8222;O &mdash; ich glaube wohl!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wo wohnt sie denn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch
-dahinterkommen!&#8221;</p>
-
-<p>Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte.
-&#8222;Hilde König?&#8221; fragte sie tonlos.</p>
-
-<p>&#8222;Erraten!&#8221; rief Elli. &#8222;Aber mit wem? Das errätst
-du noch viel weniger. Das &mdash;&#8221; Elli hielt in ihrem lustigen
-Bericht inne.</p>
-
-<p>Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten,
-und ihr Kopf bog sich zurück, bis er an der Wand der Laube,
-zwischen den Blättern einen Halt fand. Die Augen waren
-geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.</p>
-
-<p>Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die
-Arme um die Schultern.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst
-du denn? So sei doch verständig!&#8221;</p>
-
-<p>Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie
-erriet, welchen Namen Marga zu hören fürchtete, und
-begriff das ganze, ängstlich behütete, schwere Geheimnis
-der Schwester.</p>
-
-<p>&#8222;Aber nein! nein! nein!&#8221; rief Elli und umschlang sie
-noch fester. &#8222;Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes!
-Ganz gewiß nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du
-gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind!
-Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine
-Ahnung, daß &mdash;&#8221; Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war
-unglücklich, den Tränen nahe, empört über sich und
-ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete,<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[S. 110]</a></span>
-das ihr die Erschütterung der Schwester zu
-verstehen gab.</p>
-
-<p>Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie
-zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lächeln. &#8222;Wie
-dumm ich bin!&#8221; flüsterte sie. &#8222;So &mdash; schwach zu sein!&#8221;
-Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis Arme von ihrem
-Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und
-Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.</p>
-
-<p>Elli zog sie aus der Laube. &#8222;Komm! Komm! Im
-Hof ist's jetzt wundervoll kühl. Da gehen wir auf und
-ab!&#8221; Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die
-Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht.
-Sie drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an
-Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte
-Zärtlichkeit auszudrücken. Obwohl ihr tausend
-Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken
-für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie
-eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga,
-schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drückte
-sie ihr den Arm. &#8222;Ich versteh' dich ganz, Marga! Du
-brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen.
-Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der
-Laube sagten und fühlten, gehört nur uns beiden allein!
-Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch
-&mdash; ist es fort. Ich weiß nichts mehr davon!&#8221;</p>
-
-<p>Marga schüttelte den Kopf. &#8222;Nein, nein, Elli!&#8221; meinte
-sie ernsthaft. &#8222;Wenn ich mich schon verraten mußte, war's
-bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.&#8221;
-Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die
-Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um
-gewühlt hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[S. 111]</a></span>
-scheu und zaudernd, dann tapfer und rückhaltlos enthüllte
-sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und
-niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in sich verbergen
-und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz
-und ihre Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie
-erzählte.</p>
-
-<p>Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich
-darüber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe
-zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem größeren
-Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft
-baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden
-gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer
-nur angenommen hatte, Marga müsse ihren Weg durchs
-Leben allein gehen, so war das schließlich noch kein unumstößlicher
-Beweis, daß das Leben es doch nicht anders
-wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte,
-da ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel
-schießen: nicht nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen
-Überzeugung und in dem heißen Wunsch, auch die
-Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, könne und müsse
-lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie
-ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und
-glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig
-blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzücken an
-diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal
-kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem
-verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung
-spielte! Mehr und mehr erschloß sie sich dem Vertrauen,
-das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge,
-er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Königs
-erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[S. 112]</a></span>
-
-Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga
-selbst sich nicht zu raten wagte. &#8222;Weißt du was? Du
-mußt ihm einfach schreiben!&#8221; platzte sie siegesgewiß heraus.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das geht ja nicht!&#8221; wandte Marga zaghaft ein.</p>
-
-<p>&#8222;Das geht nicht? Warum? Ich &mdash; ich, ja weißt du,
-ich schreibe natürlich nie an Wilkens.&#8221; Elli wurde ein
-bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie doch schon geschrieben.
-&#8222;Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun
-mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen
-wir uns öfter. Und du &mdash; bei dir ist das überhaupt ein
-Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir.
-Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin!
-Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mußt
-schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!&#8221;</p>
-
-<p>Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien
-in der Tür. &#8222;Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit!
-Schnell! Schnell!&#8221;</p>
-
-<p>Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch
-hinterdrein: &#8222;Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich
-soll wohl die Damen zu Tisch bitten?&#8221;</p>
-
-<p>Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und
-zu Tisch.</p>
-
-<p>Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat
-zu überlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als
-den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht
-wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende
-Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen
-sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte
-ihr zu: &#8222;Es bleibt dabei. Du mußt! Gleich nachher!&#8221;</p>
-
-<p>Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade
-bei der Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[S. 113]</a></span>
-Domitian war, energisch brummte: &#8222;Keine Verschwörungen
-bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!&#8221;</p>
-
-<p>Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich
-Elli und Käthe über eine selbst zu schneidernde Bluse in
-die dringendste Unterredung, der eine weitläufige Anprobe
-folgen mußte.</p>
-
-<p>Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte
-Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen,
-ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die
-jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde überging,
-wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.</p>
-
-<p>Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube
-oben den großen Schritt zu wagen.</p>
-
-<p>Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen.
-Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es
-war doch immerhin furchtbar schwer und ungewöhnlich,
-daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann überwand
-ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten.
-Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls
-und der peinigenden Ungewißheit über des Freundes Zustand
-zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb,
-wie es das Herz ihr eingab:</p>
-
-<p>
-&#8222;Lieber Herr Perthes!<br />
-</p>
-
-<p>Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit
-einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge
-um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind, weil sie Ihnen
-neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit,
-ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen
-zu reden. Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein
-wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und muß.</p>
-
-<p>
-Marga Richthoff.&#8221;<br />
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[S. 114]</a></span>
-
-Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm
-es, die Adresse zu schreiben.</p>
-
-<p>Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte
-mit dem Hochgefühl, bei einer Großtat mitgeholfen zu
-haben, den Brief an der nächsten Ecke in den Kasten.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c5" id="c5">5</a></h2>
-
-
-<p>Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin,
-war an allerhand Logiergäste gewöhnt.</p>
-
-<p>In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie
-das schmale, dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des
-Flusses besaß, hatte sie es längst aufgegeben, an ihre
-Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu
-stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie
-durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie
-mußten ihre Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren
-die goldenen Grundregeln des langen, dürren Fräuleins
-mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten,
-grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen,
-mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen
-Matinee, von der man sich, so sauber sie war,
-niemals denken konnte, daß sie neu gewesen. Was über
-die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber
-ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr
-Müller bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr
-von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder
-in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief;
-wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln
-ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider
-und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute.<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[S. 115]</a></span>
-All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem
-Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war
-das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war. Nicht nur
-als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen
-ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen
-stereotypen Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde
-versäumte.</p>
-
-<p>Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz
-besondere Bewandtnis haben, wenn Fräulein Eschborn
-sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.</p>
-
-<p>Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf
-Nummer eins &mdash; so hieß die luftige Stube im dritten
-Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten
-Veranda &mdash; eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen
-nicht zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe.
-Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend
-und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen
-vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts begehrten,
-so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag
-klopfte die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander.
-Als kein &#8222;Herein!&#8221; ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche
-Scheu, klinkte, fand die Tür offen und steckte den
-Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die Stube.
-Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen
-den Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein
-Eschborn schüttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte
-sie dasselbe Manöver mit demselben Erfolg. Diesmal
-hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein Fenster
-und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr
-Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[S. 116]</a></span>
-durch, aber er ließ sie im Stich. Anno 1903 war einer
-gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war,
-ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer
-Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik
-gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb
-Tagen nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten
-ihres Mieters von Nummer eins überhaupt
-kannte, war er nicht der Regelmäßigste. Trotzdem &mdash; das
-ging über alles Dagewesene &mdash; drei Tage spurlos verschwunden!
-Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen
-an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch.
-Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien
-jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich französisch
-verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab
-und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen
-hatte. Doch &mdash; mochte es sein, wie es wollte &mdash;
-sie entschloß sich, an Aufklärung zu denken.</p>
-
-<p>Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn
-sie entsann sich, daß Perthes von dort einmal den Diener
-gesandt hatte.</p>
-
-<p>Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent,
-noch Professor Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib.
-Markwaldt hatte nur die tröstliche Auskunft: &#8222;Das
-verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt
-haben!&#8221;</p>
-
-<p>Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf
-dem Rückweg ins Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen
-pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen
-worden.</p>
-
-<p>Die Angelegenheit komplizierte sich.</p>
-
-<p>Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[S. 117]</a></span>
-Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht.
-Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse
-den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen äußersten
-Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen.
-Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter
-Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch
-hielt sie die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen
-Menschen.</p>
-
-<p>Und ihr Gleichmut behielt recht.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen
-Liter Wasser mit einem Aufguß von Kaffeebohnen und
-reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tür aufgestoßen,
-und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr
-als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß
-wie ein Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht
-starrte blaß und übernächtig aus dem wirren Bart.
-Die weißen Sportschuhe waren über und über mit einer
-Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte Tennisanzug
-hatte sich grau und braun meliert.</p>
-
-<p>Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte
-eben versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei
-und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch
-nach Kaffee verlangte.</p>
-
-<p>Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie
-ihm eine Tasse ein.</p>
-
-<p>Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine
-zweite. Mit einem barschen &#8222;Bin für nichts und niemand
-zu sprechen!&#8221; machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.</p>
-
-<p>Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen
-über die Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein
-letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, daß keine<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[S. 118]</a></span>
-Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfräuliche
-Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu
-den Akten ihrer Erfahrung.</p>
-
-<p>Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem
-er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf
-sein Bett. Völlig erschöpft fiel er in einen bleischweren
-Schlaf.</p>
-
-<p>Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender
-Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen.
-Draußen schoß der Regen in langen, glitzrigen Fäden hernieder.
-Fahle Wolken schoben sich träge über und an den
-Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend
-durchs offene Fenster herein.</p>
-
-<p>Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die
-letzten Tage zurück. Er setzte die Geschehnisse, eines ums
-andere, in seinem Gedächtnis zusammen. Wie ein wunderseltener,
-tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde
-an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen steigerte
-&mdash; so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen,
-poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden.
-Alles außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich
-übersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn
-nah und näher an das schimmernde Gebilde. Er streckte
-die Hände danach aus: da war es eine buntschillernde
-Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.</p>
-
-<p>Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga
-seine Liebe zu Hilde König anvertraut, keinen Rat erhalten
-hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war,
-hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft,
-die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte
-seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[S. 119]</a></span>
-sich in einen Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte.
-Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die
-Freundschaft, die eben erst so jämmerlich versagt hatte.</p>
-
-<p>Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst
-Abend für Abend getan. Er wich Hilde König aus, wenn
-er ihr begegnete.</p>
-
-<p>Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen,
-gab er sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts
-nach und ließ sich in den akademischen Tennisklub
-einführen. Der freie, flotte Ton, der da herrschte &mdash; so
-recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen
-Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises
-&mdash; bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld.
-Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht,
-das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder
-Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte
-die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels.
-Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt,
-bald geärgert. Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie
-mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst
-nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie
-gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...</p>
-
-<p>Dann kam plötzlich der Rückschlag.</p>
-
-<p>Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen
-am Flußufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu
-beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten
-Gang gemacht. Hilde König war nicht auf ihrem Balkon.
-Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter
-der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes
-den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung
-aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte.<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[S. 120]</a></span>
-Aller Vernunft zum Trotz wurde er von plötzlicher toller
-Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine
-Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim,
-zwischen seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten
-auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung
-herbeiführen um jeden Preis. Dies Hundeleben
-von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn anfangen.
-Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen
-Brief von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen
-Buchstaben flogen über das Papier wie ein Schwarm
-aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine Natur mit ihren
-Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken
-über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten
-im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder,
-wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef
-schreibt. Seine Gefühle faßte er volltönend zusammen:
-es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen
-konnte, was er sein wollte &mdash; Hilde König. Daß er sie
-verehrte und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß
-er ihr nicht völlig gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick
-und diesem Wort entnehmen zu dürfen. In einem kurzen
-Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand.
-Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern
-sprechen ...</p>
-
-<p>Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie
-erlöst.</p>
-
-<p>Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger
-Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens
-von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen
-zu Abend und von Abend zu Morgen.</p>
-
-<p>Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[S. 121]</a></span>
-Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K.
-auf dem Rücken.</p>
-
-<p>Er riß es ungestüm auf.</p>
-
-<p>Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier
-oder fünf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde
-kleine Ufermädchen schrieb, es sei über seinen
-Antrag außerordentlich betroffen und erschrocken; es hätte
-nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es sei, auch
-heute noch nicht ernstlich daran denken ...</p>
-
-<p>Perthes war starr vor Überraschung.</p>
-
-<p>Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als
-müßte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief
-erst noch finden. Daß er die ganze Erwiderung auf sein
-mit der Gründlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines
-gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines
-Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten
-sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er
-nicht mehr zweifeln konnte, zerriß er das Billettchen mechanisch
-in hundert Schnitzel und ließ sie aus dem Fenster
-flattern.</p>
-
-<p>Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er
-eine Woche oder mehr.</p>
-
-<p>Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner
-den städtischen Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll
-umzackte, schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde
-König und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.</p>
-
-<p>Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der
-siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, daß die
-Leute an den Nachbartischen ihn mißtrauisch anschielten,
-als hätten sie es mit einem Ausbruch plötzlicher Verrücktheit
-zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen:<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[S. 122]</a></span>
-der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors
-mit der Schalltube war geahnt worden, aber
-noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche
-Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen
-Zwecke. Und als ...</p>
-
-<p>Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht
-noch einmal der Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke
-zu werden.</p>
-
-<p>Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer,
-härter, verbissener.</p>
-
-<p>Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf
-warf er sich in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß
-entlang, nach den Spielplätzen. Noch war er nicht an
-der Brücke vorbei, als seine künstliche Haltung zusammenbrach.
-Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und
-Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen,
-ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt,
-gegen das ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu
-ersticken. Statt nach den Tennisplätzen lief er bis zum
-nächsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwärts.
-In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er.
-In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett
-leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich
-besinnungslos in den Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen
-suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumüden.
-Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal
-mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm
-ein, die schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche,
-Niedrig-Komische, das in dieser Lösung einer von ihm bis
-in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn
-vor der äußersten Torheit. Der &#8222;Laufkoller&#8221;, wie Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[S. 123]</a></span>
-Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes
-einer seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr
-zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den
-Tod erschöpft, apathisch, innerlich und äußerlich abgerissen,
-kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück ...</p>
-
-<p>Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen
-wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose
-Ernüchterung des Rausches.</p>
-
-<p>Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.</p>
-
-<p>Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der
-Fluß zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor.
-Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus
-dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf den Wellen
-und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer
-wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.</p>
-
-<p>Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider.
-Als gelte es, mit dem körperlichen Menschen auch den
-seelischen reinzuscheuern, überschwemmte er sich und die
-halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis
-zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in
-den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler
-Klarheit hielt er Kritik über sich und sein Dasein in den
-letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten
-Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat, erschien
-er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den
-Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie
-mit den Fähigkeiten seines Geistes und darum beide mißbrauchte.
-Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen,
-was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen
-war, um ihn zu prüfen &mdash; dieser Verliebtheit
-und ihrer Enttäuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt.<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[S. 124]</a></span>
-Wie ein Junge &mdash; jawohl, wie ein Junge hatte er
-in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien,
-geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung
-erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit,
-eine zerknirschte Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl
-des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehörte zu den
-Männern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet.
-Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt,
-sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu
-Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens
-und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil
-er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen
-außer sich mußte er sich klammern können, um seiner
-eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter
-suchen und würde doch nur immer irren. Sein zufassendes
-Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete
-vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die
-Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers ab. So
-allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt
-und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte
-er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm
-gab, drückte sie ihn zu Boden.</p>
-
-<p>Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne
-daß er darauf geachtet.</p>
-
-<p>Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte
-sich nicht. Er hatte ja gesagt, daß er nicht gestört sein
-wollte. Vergeblich drückte der Einlaßbegehrende die Klinke
-nieder. Die Tür war verschlossen. Ein unwilliges
-Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte
-ein Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte
-unter der Tür schob sich ein Brief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[S. 125]</a></span>
-
-Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.</p>
-
-<p>Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich
-den Kopf nach der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten
-Brief.</p>
-
-<p>Der konnte warten.</p>
-
-<p>Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.</p>
-
-<p>Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift
-hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig
-öffnete er das Kuvert. Ein Bogen mit Blindenschrift fiel
-ihm entgegen.</p>
-
-<p>Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in
-sicheren Zügen unter den Punkten.</p>
-
-<p>Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.</p>
-
-<p>Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf
-und beugte sich, den Kopf zwischen die Hände fassend,
-darüber.</p>
-
-<p>Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.</p>
-
-<p>Seltsam!</p>
-
-<p>Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In
-den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht.
-Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drängte er sie in dem
-Mißbehagen über die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite.
-Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens
-war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.</p>
-
-<p>Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach
-und gerade waren, ein eigentümlich beruhigendes, warmes
-Gefühl auf ihn über. Er verglich diese Zeilen im Geist
-mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König, das seine
-Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor
-ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[S. 126]</a></span>
-Sonne verklärte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen,
-ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton.
-Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen
-zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt
-zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem
-Stückchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben
-des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte
-ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife
-Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum
-hatte er sie nicht früher so klar erkannt wie jetzt? Warum
-hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich
-so schnell abkühlen lassen und war nicht zu ihr gegangen,
-statt sich närrisch und kindisch auszutoben? &#8222;Ihre Freundin
-ist in Sorge um Sie&#8221; &mdash; das waren die Worte, die er sich
-wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm
-helfen; sie hatte nicht wissen können, wie schwach er war,
-als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen
-hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach
-dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein.
-Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine
-leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch
-das Bewußtsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie
-noch nie in ihrem vollen Wert geschätzt zu haben, zu einer
-Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mußte ihr etwas
-Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung,
-seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war,
-mußte er es gleich tun, gleich &mdash; es duldete keinen Aufschub!
-Er hatte sie lange genug vernachlässigt!</p>
-
-<p>Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter,
-die er am Morgen erschöpft heraufgekrochen war.
-Im Hausflur hätte er um ein Haar Fräulein Eschborn<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[S. 127]</a></span>
-umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor
-mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet,
-an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel &mdash; der Mieter
-von Nummer eins gehörte einer Spezies zu, die ihr doch
-noch nicht vorgekommen war.</p>
-
-<p>Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten
-besten Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen
-haben. Rote? Nein. Rote paßten nicht. Weiße? Die
-hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so ungefähr
-einen Armvoll.</p>
-
-<p>Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb
-nicht, daß unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten,
-über sein blindes Rennen und über seinen Arm
-voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah auch Alice Hupfeld
-nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der
-Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt
-an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick
-eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nähe des
-Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.</p>
-
-<p>Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel
-er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs
-Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine
-Rosen. Eigentlich &mdash; genau genommen &mdash; das, was er
-wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr
-entgegenkam? Wenn &mdash; und wenn ... Ein Wenn ums
-andere verzögerte seinen Schritt.</p>
-
-<p>Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten,
-über der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade.
-Er ging auf die andere Seite der Straße. Da saß richtig<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[S. 128]</a></span>
-jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte
-sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte
-den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische
-Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der
-Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich
-hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlüssig
-zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?</p>
-
-<p>Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße
-hinunter.</p>
-
-<p>Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die
-Ecke der nächsten Seitenstraße, in einer duftigen weißen
-Bluse.</p>
-
-<p>Es war Elli.</p>
-
-<p>Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte:
-&#8222;Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun, Fräulein
-Richthoff?&#8221; fragte er hastig und ohne Umschweife.</p>
-
-<p>Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein
-klein wenig spöttisch an.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!&#8221; Er reichte
-ihr seinen Bund von weißen und roten Rosen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber, sie sitzt ja dort!&#8221; lachte Elli. &#8222;Bringen Sie
-ihr's doch selbst!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das geht nicht! Nein, nein &mdash;&#8221; wehrte Perthes und
-drängte ihr den Strauß in die Hände.</p>
-
-<p>&#8222;Und was soll ich bestellen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gar nichts, oder doch &mdash;&#8221; Er überlegte. &#8222;Doch,
-sagen Sie &mdash; sagen Sie, dem Freund sei geholfen! Er
-danke der Freundin!&#8221; Und als fürchte er irgendwelche
-Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich schnurstracks
-davon.</p>
-
-<p>Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen,<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[S. 129]</a></span>
-die Stufen hinaufspringen und auf Marga zueilen, war
-eins.</p>
-
-<p>&#8222;Da, Margakind, da!&#8221; Sie schob den duftenden Strauß
-der Schwester so heftig entgegen, daß diese betroffen
-zurückfuhr.</p>
-
-<p>&#8222;Aber was ist denn nur?&#8221; stammelte Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Von Doktor Perthes!&#8221; erklärte Elli außer Atem und
-triumphierend. Dann wiederholte sie getreu seine Worte:
-Dem Freund sei geholfen. Er danke der Freundin!</p>
-
-<p>Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit
-zitternden Händen. Sie vergrub ihr Gesicht tief, tief in
-die roten und weißen Rosen ...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c6" id="c6">6</a></h2>
-
-
-<p>Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis
-Semesterschluß. Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet
-und überraschend, beschlossen, zu reisen. Er brach
-seine Vorlesungen und Seminarübungen ab. Als ausgemachte
-Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach
-Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch.
-Bis spätestens Montag müsse man fahren können.</p>
-
-<p>Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus
-am Wenzelsberg von oben bis unten umkehrte. Die Mädels
-hatten, zum mindesten in der Idee, so viel zu tun, daß sie
-gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht nur tausend
-Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender
-war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den
-jähen Aufbruch des alten Herrn veranlaßten, getrauten
-sie sich nicht.</p>
-
-<p>Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[S. 130]</a></span>
-verraten haben. Sie waren ihm selbst erst zwei Tage vor
-dem Entschluß einleuchtend gemacht worden. Und zwar
-vom Arzt. Seine &#8222;Bande&#8221; brauchte von der fatalen Vorgeschichte
-nichts zu wissen.</p>
-
-<p>Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend
-gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns,
-Borngräber und einige Freunde von verschiedenen Fakultäten
-gemütlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben
-zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung
-im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch
-das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert
-und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem
-Witz. Jede Fakultät hatte dafür ihren Spezialisten.
-Den Klatsch der philosophischen bearbeitete
-Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller,
-ein Epikureer mit ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant
-zum besten. Der theologische troff süß und lieblich aus
-dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten
-Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt;
-den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte
-Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle
-Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und
-nur, da sie ihm nebensächlich erschienen waren, verschwiegen
-hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem,
-sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen,
-bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz
-seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen
-Exzellenz, die, erhaben über das kegelnde Banausentum,
-ihre eigene, nicht minder einflußreiche Sphäre
-hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben.
-Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[S. 131]</a></span>
-Richthoff und naive Kindergemüter wie Jakobus Borngräber.
-Aber man verschonte auch niemand. Auch sich
-selber nicht.</p>
-
-<p>Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten
-im Spiel von einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor
-Kreth, der liebenswürdige Direktor der Universitätsbibliothek,
-hatte gerade den klassischen Ausspruch eines
-norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken
-wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte
-Publikum nicht wäre! Die Heiterkeit war allgemein.
-Richthoff trat als nächster Spieler an. Ehe er noch die
-Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen,
-schwankte und mußte von den besorgten Freunden
-geführt und niedergesetzt werden.</p>
-
-<p>Geismar sprang sofort bei.</p>
-
-<p>Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten
-Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf.
-Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben
-sah, lächelte er. &#8222;Na, mein lieber Hegewald,&#8221;
-scherzte er dem Theologieprofessor zu, &#8222;mit der schönen
-Grabrede ist es diesmal noch nichts!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Racheakt, Kollege Richthoff!&#8221; erklärte der gleich
-wieder spaßende Wilmanns. &#8222;Ein ganz infamer Racheakt
-Ihrer römischen Kaiser, sage ich Ihnen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ohne Zweifel,&#8221; meinte Geismar ernsthafter, während
-er Richthoff forschend beobachtete, &#8222;Sie müssen in den
-letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.&#8221;</p>
-
-<p>Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert
-aus dem krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte
-tiefsinnig aus dem Arabischen: &#8222;Keine Krankheit ist
-schlimmer als Unverstand.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[S. 132]</a></span>
-
-&#8222;Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden
-mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der
-brave Nerva!&#8221; Vater Richthoff stand auf, reckte sich,
-zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe, zum Zeichen,
-daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: &#8222;An die
-Gewehre!&#8221;</p>
-
-<p>Mit voller Kraft schob er seine Kugel.</p>
-
-<p>Der Zwischenfall war erledigt.</p>
-
-<p>In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf
-Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer
-vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.</p>
-
-<p>Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf
-dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis
-vors Haus. Um sich noch auszulüften, wie er vorgab.
-&#8222;Haben Sie schon öfter mal solche kleinen Klapse gehabt,
-Kollege?&#8221; forschte er beiläufig vor dem Abschied.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht daß ich wüßte!&#8221; erwiderte der alte Herr. &#8222;Hat
-ja wohl auch nichts Großes zu bedeuten?&#8221; warf er nach
-einer Weile im Ton der Frage hin.</p>
-
-<p>&#8222;Glaube kaum,&#8221; meinte Geismar. &#8222;Aber für alle
-Fälle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen
-das Vergnügen und kommen Sie zu mir.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Womöglich gleich in die Klinik?&#8221; scherzte Richthoff
-abwehrend.</p>
-
-<p>&#8222;Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf
-Uhr. Auf einen Sprung.&#8221;</p>
-
-<p>Der alte Herr wollte nichts davon wissen.</p>
-
-<p>Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher
-Bestimmtheit zu, daß er, der vorgerückten Stunde wegen,
-versprach, die Sache in wohlwollende Erwägung zu ziehen.</p>
-
-<p>Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[S. 133]</a></span>
-daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er
-schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute
-Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei
-seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch
-vor ihm lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten.
-Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar
-ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet
-hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene
-Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff
-nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein
-bißchen Diät: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen.
-Vor allem aber und sofort eine mehrwöchige
-Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur in
-Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen
-natürlich!</p>
-
-<p>Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme
-Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade
-aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte
-es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert
-hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle
-älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte.
-Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig.
-Er fühlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedürftig,
-zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frühjahr
-sich immer noch nicht vergönnt hatte. Trotzdem wetterte
-er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen. Doch
-der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen
-des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken
-und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.</p>
-
-<p>Der Erfolg blieb nicht aus.</p>
-
-<p>Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[S. 134]</a></span>
-noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß:
-&#8222;Will am Montag mit Käthe für ein paar Wochen
-nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz. Das Erforderliche
-vorbereiten!&#8221; &mdash;</p>
-
-<p>Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil
-wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist
-allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen
-gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er
-nachdrücklichen Wert darauf, die &#8222;Weiberwirtschaft&#8221; los
-zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte
-er diesmal anders entschieden, und Käthe kam denn auch
-ihrer Aufgabe, &#8222;das Erforderliche vorzubereiten&#8221;, mit
-all dem peinlichen Eifer und der geschäftigen Wichtigkeit
-nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.</p>
-
-<p>Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte,
-war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche,
-etwas herbe Überlegenheit zu ertragen. Marga,
-glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft
-mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen
-im Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen
-Elli und Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen
-und hochroten Köpfen.</p>
-
-<p>Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die
-beiden Jüngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders
-verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen.
-Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen
-Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch
-zugestehen! Wenn Käthe eine so &#8222;erwachsene&#8221; Reise mit
-ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womöglich
-noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen.<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[S. 135]</a></span>
-Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre
-Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe
-sein, denn Haus und Garten mußten überwacht werden
-können. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie
-sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.</p>
-
-<p>Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde
-das von Marga und Elli ausgearbeitete und höchsten Orts
-vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte
-des Monats für einige Wochen in der &#8222;Sägemühle&#8221;
-Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus,
-eine Stunde flußaufwärts von der Stadt &mdash; &#8222;an
-Wald und Wasser lieblich gelegen&#8221;, wie es in den Prospekten
-hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber überlassen,
-keine Dummheiten machen durften, das wollte
-Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafür waren sie
-seine Töchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun
-und lassen mußten. Im übrigen wurden für alle Fälle
-die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft
-betraut.</p>
-
-<p>Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern
-alle Vorbereitungen getroffen.</p>
-
-<p>Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei
-Mädchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den
-Abschied und die lockenden Sommerpläne teils wehmütig,
-teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm
-durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer,
-sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken
-flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags
-&mdash; die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer
-des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche,
-die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[S. 136]</a></span>
-unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster
-Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte &mdash; nachmittags gab
-es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff
-mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt
-wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende
-Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er
-ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher
-Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten
-Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht
-hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner Fröhlichkeit
-anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr
-oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern
-mußte, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo
-des Beifalls.</p>
-
-<p>Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in
-ihrem gründlichen Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten,
-herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe,
-die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil
-sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden
-hatte, sie auszuführen.</p>
-
-<p>Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem
-ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenüber
-eine Pflicht zu erfüllen, die ihr auf dem Gewissen
-lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses.
-Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und
-für Marga noch im besonderen.</p>
-
-<p>Eine Aussprache &mdash; Käthe war eine Meisterin in
-&#8222;Aussprachen&#8221; &mdash; war unvermeidlich. Sie faßte sich indessen
-erst nach dem Abendbrot ein Herz.</p>
-
-<p>Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was
-ihm jetzt erst als Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte,<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[S. 137]</a></span>
-nahm sie Margas Arm und lud sie zu einem Gang
-auf den Weinberg ein.</p>
-
-<p>Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den
-Stachelbeerbüschen und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen
-naschend.</p>
-
-<p>Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga,
-wie sie ihrer herberen Art sonst nicht eigen war.</p>
-
-<p>Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt,
-wo die Trennung ihre Empfindungen mit einer zarten
-Melancholie begleitete, kein Platz für Argwohn oder Mißtrauen.
-Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer inneren
-Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen
-wie in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes
-vertieft und bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie
-hatte aber auch ein Mensch, geschweige ein Mann, sie so
-in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er es jetzt tat
-und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das
-gab ihr eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und
-von innen nach außen verklärte.</p>
-
-<p>Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt.
-Atemholend nach der Steigung, schritten sie langsam in
-dem Laubengang von einem Ende zum anderen. Die
-Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von
-weiter unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte,
-hörte man vorlaute Grillen zirpen und wieder verstummen.</p>
-
-<p>Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen
-vorzubringen. Die Überlegung hatte ihr feinliniges
-Gesicht etwas verschärft, die Erregung es leicht
-gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete
-dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[S. 138]</a></span>
-Hüfte, als wollte sie sich auch äußerlich einen gewissen
-feierlichen Halt geben.</p>
-
-<p>&#8222;Setzen wir uns ein wenig, Margakind.&#8221; Sie brauchte
-diesen Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie;
-heute drängte er sich ihr unwillkürlich auf die Lippen.
-&#8222;Ich möchte noch etwas mit dir reden. Etwas sehr Ernstes,
-Zartes, was außer uns niemand hören darf.&#8221; Sie führte
-Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges
-stand.</p>
-
-<p>Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas
-rechte Hand in die ihrige.</p>
-
-<p>Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten
-sollten. Sie gab sich geduldig darein und horchte mit einem
-halb neugierigen, halb verwunderten Lächeln.</p>
-
-<p>&#8222;Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?&#8221; hob
-Käthe lebhafter wieder an. &#8222;Ich meine es nur gut mit
-dir, und wenn ich mich irgendwie täusche, so nimm's
-nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber was gibt's denn nur, Käthe?&#8221; fragte Marga
-mit zunehmendem Staunen. &#8222;So sprich doch geradezu!
-Was willst du mir sagen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst,
-ist das nicht. Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals
-dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber
-schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die Ältere!
-Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir,
-ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint
-es gewiß immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest
-raten kann dir doch das Kleinchen nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes,
-enges Gefühl beschlich sie. Diese Andeutungen drückten<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[S. 139]</a></span>
-sie. Sie spürte, daß jemand die Tür zum Allerheiligsten
-ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen.
-Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen
-und steckte sie hinter ihren Rücken. &#8222;Was willst du mir
-denn raten?&#8221; fragte sie mit einem eigentümlich dunklen,
-schweren Ton.</p>
-
-<p>&#8222;Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein
-Vertrauen eindrängen will,&#8221; versicherte Käthe.</p>
-
-<p>Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der
-Zunge. Doch hielt sie die Worte zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich
-erwarte ja auch gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist.
-Das kannst du jetzt noch nicht. Später wirst du mir's
-einmal danken, das weiß ich!&#8221; Käthe hatte ganz ihre altkluge,
-mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte.
-Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine
-gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nüchternheit über.
-&#8222;Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht.
-Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über deine
-Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub'
-mir, ich hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft
-von Mann und Frau überhaupt. Du darfst mir
-schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben draußen so
-viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht,
-daß es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie
-immer nur ein Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht
-zu etwas anderem &mdash; verstehst du mich, Margakind? &mdash; der
-kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn der andere nicht
-nachfolgt. &mdash; Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!&#8221;</p>
-
-<p>Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend
-an sich ziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[S. 140]</a></span>
-
-Marga erwiderte die Umarmung nicht.</p>
-
-<p>Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren
-Kopf zurück, um sich Käthes Liebkosung zu entziehen.
-Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen
-Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper, ihrem
-Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras
-und von den Blumen. Der Wind fächelte mild von der
-Ebene nach den Bergen herüber, und die Grillen zirpten
-ringsum in der wachsenden Dämmerung.</p>
-
-<p>Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für
-ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher.
-Vielleicht, ja gewiß wußte Marga selber nicht,
-was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht täuschen
-lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer,
-und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch
-kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen
-Wort, einem Handkuß, einem Strauß Rosen, den sie in
-einer Laune ihren Freundinnen in den Schoß legten.
-Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie
-und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber
-zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein
-Gefühl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte.
-Käthe gab sich ganz nach; sie ließ sich fortreißen von jener
-liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur
-untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid,
-Hingebung, falscher Mütterlichkeit &mdash; der ganzen Weiblichkeit,
-wie sie natürlichste Natur ist &mdash; schön und häßlich in
-einem. Ihre Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig
-in den weichen Sommerabend hinausfloß, endigte in
-einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug,
-um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes,<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[S. 141]</a></span>
-die ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte
-ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. &#8222;Glaub'
-mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst,
-glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...&#8221;</p>
-
-<p>Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte
-überhaupt längst nicht mehr, was Käthe sprach. Sie
-fühlte nur, daß ein Unberufener nun doch mitleidslos
-sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens.
-Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner
-Seele! &mdash; aber dann war es schon zu spät. Diese Hände
-tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich
-grausam auf die Wunde, die sie ängstlich behütet, fürsorglich
-verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie
-auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und
-gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung.
-Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden?
-Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen?
-Ihr, die längst all das in sich beraten und durchgekämpft?
-Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und
-geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger Selbstzufriedenheit
-vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr
-geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung
-wurde übertäubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche:
-Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten! Laufen &mdash;
-weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein,
-allein mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis
-hoffnungsloser Liebe!</p>
-
-<p>Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft
-von ihr löste, war sie aufgestanden. &#8222;Ich danke dir,
-Käthe!&#8221; rang es sich fremd aus ihrem Mund. &#8222;Überlaß
-das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden.<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[S. 142]</a></span>
-Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom
-Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga,
-die Sanfte, Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen
-hören. &#8222;Aber Marga, du &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit.
-Mehr kann ich dir nicht antworten.&#8221;</p>
-
-<p>Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im
-Schatten der Dämmerung gegen den verblassenden
-Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen
-aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in
-die Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere
-und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit
-all ihrer Altklugheit &mdash; gegen die Blinde, die so sicher
-und stark auf ihren Weg hinaussah.</p>
-
-<p>Nur einen Augenblick.</p>
-
-<p>Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung
-doppelt gekränkt, verkannt und erbittert.</p>
-
-<p>Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte
-sich Marga am Geländer der Laube entlang getastet.
-Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg
-hinunter &mdash; ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher
-geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den die
-Erregung noch schärfte.</p>
-
-<p>Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war
-Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwärts
-zu gehen.</p>
-
-<p>Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf
-eigene Gefahr sich zurechtfinden!</p>
-
-<p>Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis,
-die sie sonst nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[S. 143]</a></span>
-zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte
-sie nicht vorausgewußt, daß sie keinen Dank ernten würde?
-Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten
-Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe
-nicht mehr aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über
-den Schläfen strich sie ihr Haar zurück und prüfte die
-schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und
-keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten
-sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element.
-Maß und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete,
-Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei
-Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht
-brauchte, nicht litt ...</p>
-
-<p>Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt,
-der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgültigkeit
-gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mußte,
-machte sich Käthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde
-nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.</p>
-
-<p>Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.</p>
-
-<p>Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in
-seinem Arbeitszimmer. Man hörte ihn oben deutlich ab
-und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten
-in sich auf.</p>
-
-<p>Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen
-für den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit
-der schläfrig schlurfenden Therese den üblichen Rundgang
-im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und
-Türen zu beaufsichtigen.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem
-hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[S. 144]</a></span>
-
-Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders
-aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng
-verbeten.</p>
-
-<p>In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte
-Marga und Elli barsch auf die Stirn.</p>
-
-<p>&#8222;Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!&#8221;
-Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus
-wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen
-Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine
-halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer
-war schon aufgeladen.</p>
-
-<p>Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es
-nur einen Händedruck.</p>
-
-<p>Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten
-die beiden Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater
-Richthoff salutierte. Käthe nickte noch einmal und winkte
-mit dem Taschentuch.</p>
-
-<p>Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend,
-zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte,
-um sich dann, des spielerischen Geschlängels überdrüssig,
-geradeaus und kräftig in die weite Ebene hinauszuwerfen,
-stand die &#8222;Sägemühle&#8221;. Dem Zweck, den ihr Name andeutete,
-diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren
-war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus,
-rückwärts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen
-schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der
-Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte. Da die
-Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt
-lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und
-schönen Sommernachmittagen wurde sie von Bürgern<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[S. 145]</a></span>
-und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten
-zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In
-der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen
-Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an
-Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem
-belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und städtischer
-Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei
-den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen.
-Spaziergänge gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen
-durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal
-zwischen wogendem Getreide, oder den blumenüberwachsenen
-Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und
-alten Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten
-und sich im Fluß spiegelten.</p>
-
-<p>So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen,
-in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Käthes
-Abreise übersiedeln sollten.</p>
-
-<p>Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg
-gingen vorher.</p>
-
-<p>Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit
-Käthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen
-Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend
-reingefegt. Jeden Tag wußte sie etwas Neues vorzuschlagen,
-um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar,
-nach der Mahnung des alten Herrn, keine &#8222;Dummheiten&#8221;
-machen. Aber &mdash; du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff!
-Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich
-langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tüchtig
-spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen umhergetrieben
-und die Menschen beobachtet, voran die Fremden,
-die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[S. 146]</a></span>
-von jenseits des großen Teichs reichlich zuströmten. Dann
-mußte man baden, Besuche machen und empfangen, die
-Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den
-Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner
-beim Pflücken der Stachelbeeren und Johannisbeeren
-helfen, unerlaubte Bücher lesen, im Vorgarten handarbeiten
-und die vorübergehenden Leute glossieren. Und
-Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß.
-Die Schwester einmal so recht &#8222;mitleben&#8221; zu
-lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund
-schadlos zu halten &mdash; das war Ellis &#8222;Prinzip&#8221; für
-diesen Sommer. Sie stand sonst mit den &#8222;Prinzipien&#8221;
-nicht auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht
-Dinge für alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren
-und Spießer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln
-wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen
-wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es
-gewagt werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen
-durfte, verstand sich von selbst. Er guckte öfters mal ein,
-wie Perthes auch. Man traf sich zufällig auf einem Spaziergang.
-Zweimal sogar &mdash; doch das setzte einen harten Kampf
-mit Marga &mdash; abends bei der Musik im Stadtgarten.
-Das war so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung
-nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli
-peinlich darauf, daß Marga &#8222;ihrem&#8221; Doktor genau so gerecht
-wurde wie sie &#8222;ihrem&#8221; Erich. Die möglichste Gleichheit
-beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen.
-Wenn sich Marga auch sträubte &mdash; sie war nach der Auseinandersetzung
-mit Käthe mit doppelter Vorsicht darauf
-bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit ihr eigenes
-Gefühl in strengen Grenzen zu halten &mdash;, Elli wußte<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[S. 147]</a></span>
-immer mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen
-Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken
-fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so
-sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga
-so ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es
-tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den
-Jungen sein zu dürfen.</p>
-
-<p>Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei
-eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden
-Diskussionen bot.</p>
-
-<p>Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß
-und wohin man gehen würde. Marga dagegen bewahrte
-gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester,
-Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit,
-in die sie sich durch die Gunst der Umstände und
-durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah,
-begann sie zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter
-mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft
-mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte.
-Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine
-ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen,
-seine Stimmungen, die schweren wie die
-leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fühlte instinktiv,
-wie diese schöne Vertraulichkeit, so viel sie gab,
-doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung
-für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben
-wollte, wie sie mußte, war eine längere Trennung das
-beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne daß er wußte,
-wohin, und ohne daß er den Tag ihres Aufbruchs kannte.
-Natürlich würde er sie leicht finden können. Es gab außer
-dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[S. 148]</a></span>
-machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort
-schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert
-sein. Vielleicht zürnte er über ihr Verschwinden. Doch
-ihr Gefühl ließ sie nicht anders handeln. Es war freilich
-kein so klares, einfaches Gefühl wie die, denen sie sonst
-folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei
-uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die
-Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die
-Starken schwächer, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht
-aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mußte
-er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...</p>
-
-<p>So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie
-stellte Marga vor, wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich,
-ja geradezu unanständig es sei, so zu handeln.
-Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. &mdash;</p>
-
-<p>An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel
-verdeckt, die Teppiche und Gardinen eingekampfert, alle
-Rouleaus herabgelassen waren, so daß Therese nur noch
-abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli mit
-ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts,
-zwei Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre
-über nach der Sägemühle.</p>
-
-<p>Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit
-aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit, stand schon in dem
-blanken, behaglichen Zimmerchen mit den weißen Tüllvorhängen
-und dem braungestrichenen Boden, zu dessen
-offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige
-hereinstreckte.</p>
-
-<p>Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die
-nähere Umgebung besichtigt werden, obwohl sie, längst
-bekannt, viele Überraschungen nicht bieten konnten. Elli<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[S. 149]</a></span>
-beschrieb Marga all die Herrlichkeiten haarklein &mdash; bis auf
-die Enten und Gänse, über die man stolperte.</p>
-
-<p>Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte
-königlich.</p>
-
-<p>Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten
-saßen, reckten verwundert die Hälse, so laut und
-ansteckend lustig klang das Lachen zu ihnen herüber.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der
-Sommerfrische, in seinen Einzelheiten entworfen und geleitet
-von Elli. Erst anderthalb Stunden Frühstück mit
-Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht zu spät,
-aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in
-den Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem
-luftigen Holzbau mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern
-und einem Orchestrion, wurde geschlafen. Die anstrengende
-Untätigkeit des Vormittags forderte das.</p>
-
-<p>Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen
-versteckten Platz, zwischen hohe Haselbüsche. Von dort
-ließen sich die Menschen, die von der Stadt kamen, trefflich
-mustern. Elli versah sie einzeln mit Etiketten, um sie
-Marga anschaulich zu machen.</p>
-
-<p>Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren,
-verstummte das Gespräch eine Weile.</p>
-
-<p>&#8222;Weißt du,&#8221; legte dann Elli los, &#8222;ich hatte bestimmt erwartet,
-daß Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Heute schon? Gleich am zweiten Tag?&#8221; fragte
-Marga, etwas erstaunt.</p>
-
-<p>&#8222;Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand,
-dem es schon greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen
-Jemand nicht doch, wie sich's gehörte, benachrichtigt hat!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[S. 150]</a></span>
-
-&#8222;Da irrst du dich, Kleinchen!&#8221; versicherte Marga
-ernsthaft.</p>
-
-<p>&#8222;Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für
-so eine Freundschaft bedanken. Gott, wenn ich denke&#8221; &mdash;
-Elli fädelte eine neue Farbe für ihre Stickerei ein und sah
-die Schwester dabei halb kritisch, halb schelmisch von
-unten herauf an &mdash; &#8222;du müßtest eine schrecklich biedere und
-gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!&#8221; wehrte Marga,
-leicht errötend.</p>
-
-<p>&#8222;Oh, Gedanken sind zollfrei!&#8221; fuhr Elli unbeirrt fort.
-&#8222;Freilich, wenn du immer so spröde und tugendsam mit
-deinen Verehrern bist wie in letzter Zeit mit Perthes,
-hat's damit gute Weile.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So sprich doch nicht so laut!&#8221; mahnte Marga. &#8222;Und
-nenne wenigstens keine Namen! &mdash; Ich bin doch zu ihm
-wie immer,&#8221; setzte sie nach einer Weile zögernd, fast
-fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit weniger frei
-und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran
-schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben
-war ...</p>
-
-<p>Elli erriet ihre Gedanken. &#8222;Von Käthe hätte ich mich
-nun schon gar nicht ins Bockshorn jagen lassen,&#8221; sagte sie
-überzeugt. &#8222;Abgesehen davon, daß ihr Benehmen gegen
-dich haarsträubend taktlos war, hat sie so altertümliche
-und hausbackene Ansichten, daß &mdash;&#8221; Elli stockte. Sie bog
-einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr
-sie geräuschvoll in ihrem Stuhl zurück. &#8222;Da haben wir
-die Bescherung!&#8221; rief sie mit halblautem, aufgeregtem
-Kichern.</p>
-
-<p>Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[S. 151]</a></span>
-erkundigen konnte, klang ein kräftiges &#8222;Guten Abend,
-die Damen!&#8221; zu dem versteckten Tisch.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem
-Gruß zwei Hüte.</p>
-
-<p>Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen
-im Bereich der Haselbüsche.</p>
-
-<p>Elli tat riesig überrascht. &#8222;Nein, so was! Denk' mal,
-Marga, Doktor Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln
-uns hier gleich zu zweien! &mdash; Sie kommen natürlich
-ganz zufällig?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich &mdash; ganz zufällig!&#8221; schmunzelte Wilkens,
-während man sich die Hände schüttelte.</p>
-
-<p>&#8222;Und daß wir &#8218;gleich zu zweien&#8219; kommen, Fräulein
-Elli, wie Sie liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,&#8221;
-erklärte Perthes. &#8222;Wir kommen auch in sehr verschiedener
-Sendung. Herr Doktor Wilkens &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Pardon! Immer noch Wilkens!&#8221; warf Elli mit einem
-vernichtenden Blick auf den fälschlich Promovierten dazwischen.</p>
-
-<p>&#8222;Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz
-nehmen zu dürfen!&#8221; parierte Wilkens mit fröhlichem
-Gleichmut und nahm sich, ohne die Erlaubnis abzuwarten,
-einen Stuhl. &#8222;Ich rate Ihnen dasselbe, Herr Doktor
-Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für
-Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung
-gemacht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ums Himmels willen!&#8221; unterbrach ihn Elli, sich die
-Ohren zuhaltend. &#8222;Was der Mensch redet! Und dabei
-ist man zur Erholung hier!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das
-Reden,&#8221; nahm Perthes das Wort, indem er sich Marga<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[S. 152]</a></span>
-gegenübersetzte. &#8222;Ich meine nämlich das Schweigen
-von Fräulein Marga.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen
-lassen!&#8221; verteidigte sich Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger,
-dann der Angeklagte.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?&#8221;
-fragte Elli naseweis.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen
-lassen?&#8221; meinte Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.</p>
-
-<p>&#8222;Das können <em class="gesperrt">Sie</em>! Denn Sie sind hier gewissermaßen
-eingeladen,&#8221; gab Perthes zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Eingeladen?&#8221; Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf.
-&#8222;Das muß ich mir schönstens verbitten. Herr Wilkens
-hat von mir allerdings erfahren, wohin ich gehe.
-Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich mich
-hüten!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weil er sowieso kommt,&#8221; ergänzte Wilkens, während
-er dem in der Ferne vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche
-durch Zeichensprache deutlich machte.</p>
-
-<p>&#8222;Das tut Herr Doktor Perthes auch!&#8221; entfuhr es Elli
-übermütig.</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!&#8221; protestierte
-Perthes und schlug lebhaft mit der großen Hand,
-die schon so sommersonnengebräunt war wie das räuberbärtige
-Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch.
-&#8222;Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft
-zu fordern. Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet
-wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof grüßend an mir
-vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind.
-Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[S. 153]</a></span>
-Stunde später auf der Landstraße traf. Man hat mich
-böswillig hintergangen! Man hat mir kein Sterbenswörtchen
-von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das
-freundschaftlich?&#8221;</p>
-
-<p>Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um
-auf den scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.</p>
-
-<p>&#8222;Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!&#8221;
-triumphierte Perthes. &#8222;Wenn Sie sich
-wenigstens auf einen Spaß hinausreden wollten!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Einen Spaß?&#8221; kam es jetzt ehrlich, aber leise von
-Margas Lippen. &#8222;Da müßte ich Sie geradezu anschwindeln,
-Herr Perthes!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus
-nicht unentbehrlich bin, Fräulein Marga,&#8221; sagte Perthes
-nach einer kleinen Pause, aus dem heiteren Ton der
-Philippika zu gedämpftem Ernst übergehend.</p>
-
-<p>&#8222;Vielleicht,&#8221; stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie
-eine schmerzliche Überwindung, dieses vor der Vernunft
-wahre, vor ihrem Herzen unwahre Wort hervorzubringen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem
-Freunde ebenso unentbehrlich sind,&#8221; erwiderte Perthes
-knapp und mit einem Anflug von enttäuschter Bitterkeit.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung stockte.</p>
-
-<p>Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang
-nach der &#8222;Menagerie&#8221; vorzuschlagen. Die Wirtsleute der
-Sägemühle hatten im Wirtschaftshof ein paar Kaninchen,
-einen Fuchs, allerhand Geflügel und vor allem ein
-junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß
-und Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher
-den Gedanken, die beiden, Marga und Perthes, würden
-sich allein schneller und besser &#8222;zusammenzanken&#8221;. So<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[S. 154]</a></span>
-pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens
-zu sein.</p>
-
-<p>Diesmal irrte sie sich.</p>
-
-<p>Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich
-und willkürlich verändert erscheinen mußte, nicht. In den
-letzten Wochen nach dem Bruch mit Hilde König und der
-stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte er sich
-stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle
-Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht.
-Es stärkte in ihm den Glauben an einen gewissen Wert
-seiner Persönlichkeit. Lebenslust und Frohsinn kehrten
-ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine Rechenschaft
-über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine
-Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu
-wollen und zu beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit,
-die er in seine phantastische Neigung für die
-kleine Ufernixe gelegt hatte, auf seine Freundschaft. Ein
-halber Mensch, wie er selbst sich so gern schalt, mußte er
-doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, wenn
-er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen
-über das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er
-war dann im Fordern ebenso rücksichtslos, als er im Geben
-unbedacht war.</p>
-
-<p>Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert
-hervorgestoßenen Worte auf Marga wirken mußten!
-Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!</p>
-
-<p>Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf
-ihm selbst? Ob er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr
-für sie zu empfinden, als die Freundschaft schuldig war?</p>
-
-<p>Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie
-weckten eben die Gefühle, die sie so tapfer niederhalten<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[S. 155]</a></span>
-wollte und mußte. Sie zehrten von neuem, stärker und
-gefährlicher als je, an der Kraft, die zu bewahren &mdash; freilich
-mit halben Mitteln &mdash; sie eine Trennung herbeizuführen
-gesucht hatte.</p>
-
-<p>Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.</p>
-
-<p>Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch
-auch seine zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo
-war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue
-Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen,
-was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft
-wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie
-ihm anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens.
-Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien kälter,
-gleichgültiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen
-und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig und machten
-dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst
-unerquicklich.</p>
-
-<p>Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da
-kamen Wilkens und Elli zurück und brachten den Vorschlag,
-im Garten gemütlich Abendbrot zu essen.</p>
-
-<p>Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste
-vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli
-wartete gar nicht erst eine lange Erklärung von Marga
-oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch
-weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo
-sie für vier Personen decken ließ.</p>
-
-<p>Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte
-Wilkens und den Doktor abwechselnd für ihre Dienste.
-Perthes wollte nicht zurückbleiben. Im Gegenteil, er
-überbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung
-über zu lauter Ausgelassenheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[S. 156]</a></span>
-
-Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend,
-um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet,
-was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit
-wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem Vorhergegangenen
-nichts mache.</p>
-
-<p>Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder
-zu necken.</p>
-
-<p>&#8222;Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!&#8221;
-&mdash; &#8222;Trotzdem Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine
-Gesellschaft legt!&#8221; Solche und ähnliche Wendungen ließ
-er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren
-Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie,
-deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga
-zu irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins
-Unrecht setzte und ihre Freude, daß er doch gekommen
-war, verriet. Sie sollte sich für das &#8222;Verbrechen an der
-Freundschaft&#8221;, das er ihr vorwarf, entschuldigen und
-damit seiner Eigenliebe schmeicheln.</p>
-
-<p>Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und
-traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte
-und ihr an der Seele riß, wo sie am empfindlichsten war.</p>
-
-<p>Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß.
-Er lag verträumt im dämmerigen Schatten der mächtigen
-Linden und Ahornbäume.</p>
-
-<p>Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels
-überhaucht, Welle an Welle.</p>
-
-<p>Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde
-noch geheut. Der süße Duft der Mahd flog über den Fluß.
-Die feinen Ränder der Waldberge tauchten mit tausend
-und abertausend scharfen Tannenspitzen in den letzten
-Sonnenglanz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[S. 157]</a></span>
-
-Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und
-beharrlich gegen die lärmende Lustigkeit des jugendlichen
-Tisches im Garten.</p>
-
-<p>Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute,
-hastige Stimme von Perthes hielten vergebens dagegen.
-Die ländliche Mahlzeit, bestehend aus zwei großen hochgebräunten
-Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat, Schwarzbrot
-und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt
-worden. Noch war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes
-und Wilkens kaum um neue &#8222;Metkrüge&#8221; geklappert, geläutet
-und gerufen, als schon das feierliche Schweigen
-über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller,
-wie draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch
-drinnen im Garten. Und die kleinen, sanften Geräusche
-des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe der sieghaften
-Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen:
-der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller
-einer Lerche im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns
-im Wasser, der flußabwärts glitt; ein fernes, gedämpftes
-Hundegebell aus dem nächsten Dorf.</p>
-
-<p>Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.</p>
-
-<p>Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte,
-flog ihm ein &#8222;Prosaischer Radaumacher!&#8221; an den runden,
-wollig-blonden Kopf. Er wurde ganz klein und verdrehte
-sentimental die so gar nicht melancholischen Augen.</p>
-
-<p>Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar
-Wolken von sich, blies Ringel von zartem Dunst und warf
-die Zigarre hinaus auf den Fluß.</p>
-
-<p>Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich
-aus der Stille des Abends zur eigenen zurückzufinden.</p>
-
-<p>&#8222;Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[S. 158]</a></span>
-über die Wiesen, nicht wahr, Margakind?&#8221; erklärte
-Elli plötzlich und stand auf. Marga nickte. Unbekümmert
-um Perthes und Wilkens, Arm in Arm aneinandergeschmiegt,
-traten sie aus dem Garten.</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind jetzt wohl beurlaubt?&#8221; fragte Perthes den
-mit ihm zurückbleibenden Wilkens.</p>
-
-<p>Wilkens schüttelte den Kopf. &#8222;Nee, so lass' ich mich
-nicht in den Sand setzen!&#8221; meinte er gleichmütig. &#8222;Im
-übrigen &mdash; Fräulein Marga kenne ich so genau nicht,
-aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei hinterdreinschlendern.
-Wetten, daß &mdash;?&#8221; Er blinzelte den Doktor
-mit der listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.</p>
-
-<p>&#8222;Da mache ich nicht mit!&#8221; versetzte Perthes bestimmt.</p>
-
-<p>&#8222;Meinen Sie, ich?&#8221; warf sich Wilkens in die Brust.
-&#8222;Es dauert keine fünf Minuten, und die Mädels sind zurück;
-sowie sie merken, daß wir streiken.&#8221;</p>
-
-<p>Es dauerte aber zehn Minuten und länger.</p>
-
-<p>Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein
-paarmal halb verlegen zum nächsten Tisch und wieder
-zurück. Dann sah er verstohlen über den niedrigen Lattenzaun
-des Gartens weg, den Weg hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?&#8221; fragte
-er schon bedeutend kleinlauter zu Perthes zurück, der
-sitzen geblieben war.</p>
-
-<p>Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner
-Geduld zu Ende.</p>
-
-<p>Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt
-wurde, empörte ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied
-heimgegangen. Er war zum ersten- und letztenmal auf
-der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache.
-Aber er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[S. 159]</a></span>
-der Offenheit in der Freundschaft, wenn sie auch mit
-ihrem heutigen Verhalten das Gegenteil bewies.</p>
-
-<p>Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug,
-mit Wilkens aus dem Garten in die angrenzenden
-Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte den Hut vom Kopf
-gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der Unmut,
-gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament,
-lag in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte
-ihm aus den Augen. Er fuhr sich einmal ums andere durch
-den schwarzen Haarbusch oder strich über den krausen
-Vollbart.</p>
-
-<p>Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich
-ringsum.</p>
-
-<p>Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben
-und Kuckucksblumen überwucherte den schmalen
-Weg, den &#8222;Leinpfad&#8221;, auf dem früher die Pferde an
-strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts geschleppt
-hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau
-rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten
-Abendwind, den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an
-bedeutsamer Wissenschaft übertreffen. Und drüben,
-über den Heuhocken, den silberreifen Kornäckern, dem
-Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag
-es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete
-Perthes nicht. Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen
-von Wilkens, mit dem dieser seinen zärtlichen Gefühlen
-Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung schien
-ihm der Aufmerksamkeit wert.</p>
-
-<p>Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend,
-sich bog und von ein paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen
-wurde, waren plötzlich Marga und Elli dicht<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[S. 160]</a></span>
-vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg
-zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz
-in die Nacht hinauslaufen zu lassen?&#8221; rief Elli, die so ungewohnt
-lange auf ihren Wilkens hatte warten müssen,
-den beiden zürnend entgegen.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte sehr!&#8221; entgegnete Wilkens, &#8222;die Damen sagten
-uns ja gar nicht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!&#8221; ergänzte
-Perthes mit Schärfe.</p>
-
-<p>Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens'
-Arm.</p>
-
-<p>&#8222;Na, also!&#8221; schmunzelte Wilkens und führte sie wieder
-flußaufwärts weiter.</p>
-
-<p>Marga stand vor Perthes.</p>
-
-<p>Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.</p>
-
-<p>Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie mir Ihren Arm geben?&#8221; fragte endlich
-Marga zaghaft. Ihre Stimme klang weich, bittend, wie
-er sie den ganzen Nachmittag nicht gehört hatte.</p>
-
-<p>Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen
-in der, Elli und Wilkens entgegengesetzten Richtung
-nach der Sägemühle zu. Er hatte sie mit heftigen Vorwürfen
-empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an seiner
-Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein
-und dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer
-mitteilte, ob er wollte oder nicht.</p>
-
-<p>&#8222;Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch
-einmal gesprochen zu haben,&#8221; begann er mehr traurig
-als zornig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[S. 161]</a></span>
-
-Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt,
-als sähe sie auf den Weg.</p>
-
-<p>Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen.
-Sie wollte liebenswürdiger sein. Aber es war
-schwer, so schwer! Irregemacht an ihrer Zurückhaltung,
-die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß jeder Schritt,
-den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und unglücklicher
-machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden
-Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf
-der einen, ihrer Liebe auf der anderen Seite.</p>
-
-<p>Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine
-streifte, kalt war und zitterte. Was war das? Er schaute
-sie prüfend an. Weinte sie denn? Es ging eine leise,
-schütternde Bewegung durch ihren Körper, die ihm nicht
-entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren blicklosen
-Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre
-Züge den Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden,
-ergreifenden Ausdruck verborgenen, inneren Weinens.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum
-verstehen wir uns denn heute nicht? Warum sind Sie
-so anders als sonst zu mir? Was haben Sie nur? Habe
-ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an
-mir? So reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!&#8221;
-Besorgt, dringend, beinahe verzweifelt stieß er seine
-Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger oder Bitterkeit
-mehr in seinen Worten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!&#8221; Marga
-schüttelte energisch und abwehrend den Kopf. &#8222;Nur &mdash;&#8221;
-setzte sie flüsternd hinzu, &#8222;nur &mdash;&#8221; wiederholte sie noch einmal
-kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen, kehrte sie
-ihr Gesicht von ihm ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[S. 162]</a></span>
-
-&#8222;Nur?&#8221; Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den
-Weg. Er zwang sie, zu ihm aufzusehen.</p>
-
-<p>Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei,
-hinaus in die Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt
-immer dichter heranzog, um sich in ihr zu verstecken.</p>
-
-<p>Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich
-weiterführen.</p>
-
-<p>Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und
-wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges,
-Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz
-fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die
-sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche, Hingebung
-&mdash; eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er
-sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle
-Gefühl, ihr helfen, sie schützen zu wollen, regte
-sich in ihm. Er hätte sie an seine Brust ziehen mögen.
-Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester.
-Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, länger.
-Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran,
-seiner zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben
-Augenblick ließ Marga ihn los.</p>
-
-<p>Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung,
-die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme
-hinter sich. Der Wind ließ das Haar um ihre Schläfen
-flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug
-in ihr sonst weiches Gesicht. &#8222;Ich will Ihnen sagen, was
-es ist,&#8221; preßte sie hervor. &#8222;Es gibt Zeiten, in denen ich
-einsam sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all
-meine Kraft nur für mich allein. Und bin ungesellig und
-unfreundlich wie jetzt. Vielleicht &mdash; vielleicht &mdash;&#8221; Sie
-stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung: &#8222;Vielleicht<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[S. 163]</a></span>
-wäre es besser, Sie besuchten mich &mdash; in diesen Wochen
-hier draußen &mdash; gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch
-nichts von der Sägemühle gesagt.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte
-nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Geständnis.
-Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, daß sie
-ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts von Enttäuschung,
-von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu
-hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade
-jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als
-ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit
-von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze Landschaft
-schien sie sich auszubreiten &mdash; über die dunklen
-Wiesen, den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge.
-Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander
-weiter, ohne sich zu führen, er links, sie rechts am
-Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und er sie
-führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern
-als möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es
-ihr ganzes Leben hätte sein sollen ...</p>
-
-<p>Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden
-sie von Elli und Wilkens eingeholt.</p>
-
-<p>Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit
-des Glücks: die glänzte aus Ellis Augen und
-glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf Wilkens' vollen
-Lippen.</p>
-
-<p>An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn.
-Der Schiffer, dem er gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte
-gehört, daß noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot
-nun hutrückend seine Dienste an. &#8222;Der Mond kommt!&#8221;
-setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[S. 164]</a></span>
-den Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell
-von weißem Licht.</p>
-
-<p>Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.</p>
-
-<p>Der nickte zerstreut.</p>
-
-<p>Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten.
-Dann stiegen die beiden die Böschung hinunter und in
-den Nachen.</p>
-
-<p>Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße.
-Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich flußabwärts
-in die Mitte des Flusses hinüberarbeitete. Die
-Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu ihnen
-zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem
-Schatten.</p>
-
-<p>Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts,
-flimmerte der Fluß in mattem, märchenhaftem
-Silber auf. Langsam breitete sich das Licht über das
-schlafende Tal.</p>
-
-<p>Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß
-es davon und strebte aus dem Schatten, den die nahen
-Berge warfen, ins rieselnde Silber da draußen. Elli
-winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich auf einen
-der Prellsteine, die die Landstraße säumten.</p>
-
-<p>Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute
-Perthes zum erstenmal zurück.</p>
-
-<p>Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden
-Mondes.</p>
-
-<p>Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß,
-die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht mit den
-irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem Wasser gerichtet.</p>
-
-<p>Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[S. 165]</a></span>
-Gestalt herüber in seine Seele, geheimnisergründend und
-rätsellösend, klar wie das weiß flirrende Mondlicht: sie
-liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga liebte ihn ...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c7" id="c7">7</a></h2>
-
-
-<p>&#8222;Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben!
-Finden Sie nicht auch, Herr Professor?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na ja &mdash; wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm
-sehr gewogen zu sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat
-immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld
-in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit:
-&#8218;Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen Sie
-Exzellenz Ihre Aufwartung machen.&#8219; Was gibt er zur
-Antwort? &#8218;Ich besuche, wen ich will.&#8219; Ich führe ihn in
-unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: &#8218;Sie
-müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen
-durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für
-Sie.&#8219; Perthes nickt mit dem Kopf und &mdash; bleibt weg.
-Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht?
-Drei Wochen später läßt ihn der Geheime Rat höflich
-zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir
-steht der Verstand still.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel.
-Hat auch Glück. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat
-keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch &mdash; <span class="antiqua">chi lo sa</span>? Vielleicht
-ist er Heiratspolitiker!&#8221;</p>
-
-<p>Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen
-Institut zwischen Professor Hammann, dem<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[S. 166]</a></span>
-Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt während
-der Frühstückspause geführt.</p>
-
-<p>Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem
-für ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel.
-Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der Diener mit einem
-Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte,
-waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen,
-wischte sich apathisch die kurzsichtig-blöden
-Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen,
-grauschwarzen Haar am Sesselrücken.</p>
-
-<p>Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an
-seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort
-&#8222;Heiratspolitiker&#8221; hielt er es für geraten, die Unterhaltung
-vorsichtiger zu führen. Der Chef schien da auf Fräulein
-Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn
-man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen
-Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben
-sollte. Genaues wußte niemand. War es nur eine flüchtige
-Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder
-war es, wie andere mutmaßten, bis zu einer Art Verlobung
-gekommen &mdash; etwas hatte gespielt, so viel war
-gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub
-auf dem freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte
-sich Markwaldt, während er seine Stulle mit bemerkenswertem
-Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf
-den Zahn fühlen ließ?</p>
-
-<p>&#8222;Heiratspolitiker?&#8221; wiederholte Markwaldt nach einer
-Weile nachdenklich. &#8222;Das traue ich Perthes erst recht nicht
-zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker.
-Und zweitens wüßte ich auch nicht, wem die Politik
-gelten sollte,&#8221; ergänzte er sich unschuldig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[S. 167]</a></span>
-
-&#8222;Na &mdash; Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz
-ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,&#8221; ließ sich
-Hammann gähnend vernehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Glauben? &mdash; Ich glaube gar nichts, das heißt &mdash;
-von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!&#8221; Hammann
-beschäftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen
-die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern
-wegzuschnellen.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen,
-Herr Professor!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mich beruhigen? Was heißt das?&#8221; fragte Hammann
-etwas lebhafter, während er sich im Sessel halb aufrichtete,
-den Kneifer auf die Nase drückte und nun seinerseits den
-Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.</p>
-
-<p>Markwaldt merkte, daß er &mdash; freilich nicht ganz zufällig
-&mdash; eine unvorsichtige Wendung gebraucht hatte,
-und beeilte sich, kein Mißverständnis aufkommen zu lassen.
-&#8222;Wie ich höre,&#8221; erklärte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit,
-&#8222;soll Perthes einer von den Richthoffstöchtern den Hof
-machen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Richthoff? Richthoff &mdash; wer ist das?&#8221; Hammann
-besah sich gelangweilt seine eleganten Fingernägel. Er
-kannte kaum die Professoren seiner eigenen Fakultät,
-geschweige denn die der anderen.</p>
-
-<p>&#8222;Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte
-oder einen ähnlichen Klumpatsch,&#8221; erläuterte
-Markwaldt.</p>
-
-<p>&#8222;Ach sooo ...&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die
-richtigen philosophischen Putchen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[S. 168]</a></span>
-
-&#8222;Na &mdash; denn man zu!&#8221; Hammann erhob sich. Die
-Sache interessierte ihn nicht länger. Er reckte seine schlanke,
-muskulöse Figur, die Figur des wohltrainierten Vierzigers,
-die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, praller Stutzererscheinung
-weltmännisch-elegant im Sportjackett saß.
-Er ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. &#8222;Hörten
-Sie übrigens schon etwas von den Badener Rennen?
-Wann &mdash; wie &mdash; was?&#8221; fragte er unter der Tür, den Kopf
-zurückwendend.</p>
-
-<p>&#8222;Noch nicht eine Silbe!&#8221; versicherte Markwaldt diensteifrig,
-während er vom Tisch mit plumper Grazie auf den
-Boden hüpfte.</p>
-
-<p>Professor Hammann zog die farblosen Brauen über
-den grauen Augen in die Höhe, tippte den ebenso farblosen,
-kurzen Schnurrbart mit den Fingerspitzen und verschwand.
-Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig ungestört sein
-Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit
-ruhig noch warten.</p>
-
-<p>Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig
-an sein Präparat.</p>
-
-<p>Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen
-Perthes. Es dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete
-kam und nach kurzem Gruß, als wäre nichts vorgefallen,
-an sein Mikroskop ging.</p>
-
-<p>&#8222;Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen
-Sie!&#8221; konnte sich Markwaldt nicht enthalten, ihn
-aufzumuntern.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswürdig,&#8221; erwiderte Perthes einsilbig.
-Er schien nicht die mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen
-zu haben.</p>
-
-<p>&#8222;Was hat er denn von Ihnen gewollt?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[S. 169]</a></span>
-
-&#8222;Allerhand.&#8221;</p>
-
-<p>Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von
-Perthes nicht abschrecken. Und sollte er so viele Fragen
-tun müssen, als draußen vor dem Fenster an den langweiligen
-Hornsträuchern Blätter waren. &#8222;Will er Sie
-vielleicht zu seinem Assistenten machen?&#8221; forschte er unentwegt,
-mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden
-Geheimnistuerei seines Kollegen galt.</p>
-
-<p>&#8222;Und wenn er das wollte?&#8221; gab Perthes gleichgültig
-zurück.</p>
-
-<p>Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die
-kurzen, massigen Arme in die Hüften. &#8222;Anzukohlen brauchen
-Sie mich aber nicht gerade, Perthes!&#8221; sagte er ganz entrüstet.
-Er hatte die Frage nur aus Ulk gestellt, und der Gedanke,
-daß davon auch nur ein Wort wahr sein könnte,
-verursachte ihm Kongestionen.</p>
-
-<p>&#8222;Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt.
-Hupfeld hat mir in der Tat eine Assistentenstelle
-an der Chirurgischen Klinik angeboten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja &mdash; aber &mdash; nu &mdash; nu &mdash; nu, sagen Sie mal!&#8221;
-Markwaldt kam aufgeregt zu ihm heran und fuchtelte mit
-den Händen. &#8222;Das ist ja Mumpitz! Das verbitte ich mir!
-Sie sind ja Bakteriologe! Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache
-kam &mdash; nichts ist einfacher!&#8221; erklärte Perthes, ohne von
-seinem Mikroskop aufzusehen. &#8222;Vor einigen Wochen
-hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich in einem
-Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb,
-ich hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob
-er etwas für mich wüßte. Irgendeine Assistentenstelle.
-Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[S. 170]</a></span>
-immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder
-so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld,
-sein Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten
-angefragt, hätte mich empfohlen. Ob ich Lust
-hätte. &mdash; Fertig ist die Laube, würden Sie sagen! Das ist
-alles.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte
-es was Selbstverständlicheres nicht geben!&#8221; zeterte Markwaldt.
-&#8222;Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste
-Lamm, das mir je vorgekommen ist!&#8221; Er drehte
-sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den
-Schenkel. &#8222;Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten,
-wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte
-Leute sind?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen,
-Kollege!&#8221; Perthes streifte ihn über sein Instrument
-weg mit einem spöttischen Blick.</p>
-
-<p>&#8222;Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den
-Hals gefallen? Oder haben ihr die berühmte Hand vor
-Rührung abgequetscht? Oder &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sieht mir das ähnlich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich
-sieht Ihnen, daß Sie sagten: &#8218;Sehr nett von Ihnen,
-Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!&#8219;
-Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter
-geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder
-zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n
-sprechen muß: &#8218;Ich werde mir's mal überlegen&#8219;! &mdash; Hab'
-ich recht?&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige
-und doch zugleich gutmütige Aufregung Markwaldts<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[S. 171]</a></span>
-belustigte ihn. &#8222;Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit
-mußte ich mir allerdings ausbitten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht
-bloß gebraten, sondern auch gleich hübsch tranchiert in den
-Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich&#8221; &mdash; Markwaldt stellte
-sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust &mdash;:
-&#8222;Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden Händen zugreifen,
-sind Sie &mdash; nee, die Zoologie ist dafür zu gut!
-&mdash; sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben
-&mdash; am Wasser, wissen Sie &mdash; für die psychiatrische. Aber
-nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! <span class="antiqua">Dixi!</span>&#8221;
-Damit schritt er heftig zurück an seinen Platz und präparierte
-seine Mauslungen.</p>
-
-<p>Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz
-Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er
-auch bei dem häufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere
-Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte,
-einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand als ein
-anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender
-erschienen als die jener inneren Befriedigung,
-nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete
-doch der Vorschlag des berühmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab
-zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und
-aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war weder
-der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm,
-zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es
-darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner.
-Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht
-so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein
-Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.</p>
-
-<p>Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen,<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[S. 172]</a></span>
-mondbeschienenen Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt
-hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht
-wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und
-Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und Himmeln umherwarf.
-Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte
-sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er
-fähig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte
-er einfach und nüchtern: Sie liebt dich. Liebst du
-sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war:
-unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes
-Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen
-empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende,
-himmelstürmende Liebe, wie er sie sich vorstellte
-und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines
-Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand
-denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner
-Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen.
-Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es für ihn als
-Mann von Ehre und Takt nur eine Möglichkeit: er mußte
-sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste
-Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht
-durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher
-zu machen. Er hatte schon gerade genug gesündigt. Nun,
-da er von ihrer Liebe wußte, erklärte sich ihm so vieles:
-ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde
-König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug
-nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch
-da draußen, von dem ängstlichen, abweisenden Empfang
-bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen.
-Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es sein mußte,
-wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[S. 173]</a></span>
-Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung
-endigen mußte.</p>
-
-<p>Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.</p>
-
-<p>Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid
-bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe?
-Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte?
-Er wollte sehr gründlich zu Werk gehen. War diese
-&#8222;Liebe&#8221; nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr
-verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er
-dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es
-auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte,
-die er einstweilen mit <span class="antiqua">x</span> bezeichnete. Weiter kam
-er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des öftern,
-wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte
-und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte.
-Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht
-war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine
-Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.</p>
-
-<p>Der nächste Tag &mdash; es war der gestrige &mdash; ließ ihn mit
-dem Gefühl einer großen, schmerzlichen Leere aufwachen.</p>
-
-<p>Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer
-über diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm?
-Was oder wen vermißte er? Ohne Zweifel den Umgang
-mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme
-Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren
-dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war
-er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + <span class="antiqua">x</span>.
-Besser: <span class="antiqua">x</span> + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das
-Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber <span class="antiqua">x</span>?
-War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[S. 174]</a></span>
-+ Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft
-darstellte? Perthes mißtraute dieser Gleichsetzung.
-Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht. Nicht annähernd.
-Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken
-an die Mühle und Marga fern.</p>
-
-<p>Und heute?</p>
-
-<p>Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem
-Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen
-bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode überhaupt.</p>
-
-<p>Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag
-so in seiner verhängnisvollen Natur; er wollte, was er
-nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte.
-Es genügte ihm offenbar nicht, daß er sich mit seiner
-albernen Schwärmerei für Hilde König und deren kläglichen
-Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert
-hatte! Wo hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren
-der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgültig,
-was &#8222;Liebe an sich&#8221; war. Es handelte sich um das, was er als
-Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille hatte da das
-entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer,
-mehr als er selbst empfunden als in dieser
-Freundschaft? Er mußte an ein Gespräch denken, das er
-einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen,
-daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die
-man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf
-das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten:
-&#8222;Was aber dann, wenn man bald so ist,
-bald so? Wenn man die bekannten &#8218;zwei Seelen&#8219; in der
-Brust hat?&#8221; &mdash; &#8222;Dann kommt es eben darauf an, durch
-welche von beiden man glücklicher, man mehr &#8218;man selber&#8219;<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[S. 175]</a></span>
-ist. Wenn man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!&#8221;
-Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte?
-Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines
-Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine
-Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche
-und Überschwengliche, wohl aber Schönheit,
-Harmonie, die große Stille, die er ersehnte. Wenn er ein
-Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit
-zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine
-Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit
-ist sie's! So will ich's! ...</p>
-
-<p>So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er
-am Morgen ins Institut kam.</p>
-
-<p>Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik
-zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.</p>
-
-<p>Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags
-hatte er von dort den Weg nach der Straße am Wenzelsberg
-eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga
-zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein
-völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.</p>
-
-<p>Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins
-Bakteriologische Institut zurück.</p>
-
-<p>Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.</p>
-
-<p>Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie
-getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack
-zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch,
-und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche Schweigen
-des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte,
-war dieser davongelaufen.</p>
-
-<p>Er bummelte nach der Stadt.</p>
-
-<p>Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung,<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[S. 176]</a></span>
-mit der er seine Gefühle zu zerfasern begonnen
-hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein
-Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den Hupfelds
-Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den
-Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven
-Grübeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam
-zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar
-Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen,
-für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den &#8222;Falter&#8221;,
-den er, das schwerfällige &#8222;Kriechtier&#8221;, brauchte um jeden
-Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit,
-die von allem Äußerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste
-Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine
-andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine
-Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber
-so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an.
-Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprüfung, eine
-gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung.
-Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf
-das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit,
-die es gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat
-ein und ließ sich am Schalter einen Kartenbrief geben.
-Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:</p>
-
-<p>Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen
-fünf auf die Sägemühle.</p>
-
-<p class="center">
-Herzlich Ihr</p>
-
-<p class="right">Max Perthes.
-</p>
-
-<p>Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie
-nicht rechtzeitig erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief.
-Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken.<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[S. 177]</a></span>
-Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte
-er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs
-und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen.
-Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann
-mit seinem grünen Käppi um die nächste Ecke geflitzt war.
-Es war schon viel zu viel Zeit versäumt, viel zu viel.</p>
-
-<p>Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der
-Mühle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.</p>
-
-<p>Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner
-länger auszudehnen als sonst. Die Folge war, daß er eine
-Viertelstunde eher fertig war, als gewöhnlich. Dann
-wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde
-schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so
-sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den
-Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer
-Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fuß
-nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich
-lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch
-anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem
-Vergnügungsdampfer. Und der blieb überdies mit Vorliebe
-in der starken Strömung hinter der Brücke, dem sogenannten
-&#8222;Teufelswirbel&#8221;, stecken. An einen Nachen
-war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen
-den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb &mdash; das Rad. Das
-war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich
-eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm
-ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei
-Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg.
-Natürlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da,
-und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[S. 178]</a></span>
-konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm
-er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken
-&mdash; Autodroschken ungerechnet &mdash; das geschwindeste
-gewählt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er
-in zwanzig Minuten auf der Sägemühle sein. Und er
-fuhr zu.</p>
-
-<p>Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier
-Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet
-von einer Stimme hinter sich angerufen worden
-wäre.</p>
-
-<p>&#8222;Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?&#8221;
-klang es ihm boshaft nach.</p>
-
-<p>Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt,
-daß er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust
-war.</p>
-
-<p>An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.</p>
-
-<p>Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich
-nicht um die Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt
-hätte &mdash; er wäre schlankweg weitergefahren. So machte
-er eine Volte und wartete, bis Fräulein Exzellenz in sehr
-gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick aus in dem
-leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen Mütze,
-die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife
-unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein
-paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen
-blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und
-ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange,
-saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen
-Füße in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die
-Pedale.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[S. 179]</a></span>
-
-&#8222;Ich bin immer mein eigener Stil,&#8221; gab Perthes mit
-hochtrabender Kürze zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Hübsch. Das könnte beinahe <span class="antiqua">ich</span> gesagt haben!&#8221;
-Alice war jetzt neben ihm. &#8222;Wissen Sie, das wievielte Mal
-es ist, daß Sie mich nicht grüßen, Doktor Perthes?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie
-mit einem Armvoll Rosen an mir vorbei, als hätten Sie
-mich noch nie gekannt.&#8221; Sie reichte ihm mit handkußheischender,
-ungezwungener Bewegung die Hand von
-Rad zu Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden
-Blick von Kopf zu Fuß oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit
-war, von Fuß zu Kopf musterte.</p>
-
-<p>Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck.
-Nichts kam ihm ungelegener als dies Zusammentreffen,
-und er gab sich keine Mühe, sein Mißbehagen zu verbergen.</p>
-
-<p>Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr
-noch langsamer und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo
-zu halten.</p>
-
-<p>&#8222;Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,&#8221; fuhr sie mit
-gemächlicher Harmlosigkeit fort, &#8222;gingen Sie mit einem
-blonden Herrn, der ungemein jovial und lustig aussah,
-im Geschwindschritt über die Brücke nach der Altstadt.
-Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei.
-Das war vor fünf, sechs Tagen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine
-Unterlassungssünden!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht &mdash;
-Herr Perthes?&#8221; Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf
-eine maliziöse Art ihre spitzbübischen Lippen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[S. 180]</a></span>
-
-&#8222;Gnädiges Fräulein,&#8221; wehrte sich Perthes, &#8222;ich bitte
-tausendmal um Vergebung! Ich bin völlig unschuldig!
-Denn &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; ob Sie so sehr unschuldig sind,&#8221; bemerkte Alice
-mit einem vieldeutigen Seitenblick, &#8222;ist 'ne Frage für sich!
-Wo wollen Sie denn eigentlich hin?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich fahre spazieren,&#8221; erwiderte Perthes hastig.</p>
-
-<p>&#8222;Spazieren?&#8221; wiederholte sie ungläubig-gedehnt. &#8222;Das
-trifft sich ja famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen
-jetzt ein paar Wochen draußen. So ab und zu wohnt
-sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. Sie kennen
-doch Stift Nieburg?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vom Vorbeigehen &mdash; natürlich.&#8221; Das Stift lag
-einige hundert Schritte von der Sägemühle entfernt auf
-halber Bergeshöhe; ein schloßartiges Gebäude aus dem
-achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten Kapelle,
-mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz
-Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres
-adliges Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. &#8222;Es
-muß sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich
-mir,&#8221; setzte Perthes hinzu, um das Gespräch nicht unhöflich
-stocken zu lassen.</p>
-
-<p>&#8222;Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für
-olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische
-ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor &mdash; Sie
-sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus. Die Kapelle
-ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen
-Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde
-Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n
-bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein.
-Schloßbesichtigung gratis!&#8221; Sie zwinkerte halb listig,<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[S. 181]</a></span>
-halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln
-zu können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden
-aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun
-bewahrten.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern &mdash;
-heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich muß nachher noch
-arbeiten!&#8221; Perthes war nicht für Ausrede und Verstellung
-gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er errötete
-sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er
-nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von
-etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand,
-widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung auch nicht
-gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und
-saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein
-sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je.
-Vielleicht daß sie ihn auch verwirrte. Ihre spottsüchtige
-Koketterie zwang ihn zu einer ständigen Kriegsbereitschaft,
-die ihm heute besonders beschwerlich wurde.</p>
-
-<p>Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher
-seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige
-Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je
-spröder er sich gab, nur um so stärker. Seine Gewandtheit,
-sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz
-kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte
-Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn
-fallenden, buschigen Haaren, den großen, oft unvermittelt
-aufglühenden Augen, hatte für sie etwas Exotisches, das
-sie anzog, während seine innere Unberührtheit und Ungelenkigkeit,
-die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte,
-sie lächerte und zu spöttischer Überlegenheit
-herausforderte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[S. 182]</a></span>
-
-&#8222;Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,&#8221;
-sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.</p>
-
-<p>&#8222;Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?&#8221; fragte Perthes
-zerstreut.</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen
-ein ganz ehrsamer, biederer Philister &mdash; wie?&#8221; Ihre Augen
-begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr
-Mund verzog sich, als unterdrücke sie ein boshaftes Lachen.</p>
-
-<p>&#8222;Schon möglich!&#8221; gab Perthes achselzuckend zurück.
-Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des
-mühsam zurückgehaltenen Rades. Welche Tücke hatte ihm
-gerade jetzt dieses verteufelte Mädel zuführen müssen,
-das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung
-auszunutzen, die ihn wehrlos machte?</p>
-
-<p>&#8222;Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?&#8221;
-forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei
-von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen,
-die sie dann plötzlich zu einer unvermuteten
-Schlinge zusammenzog.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld.
-Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,&#8221;
-scherzte er grimmig.</p>
-
-<p>&#8222;Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!&#8221; lachte Alice.</p>
-
-<p>Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei
-dem er nervös die Hände um die Lenkstange preßte, als
-wollte er sie zerbiegen. Wußte sie, daß er bei Richthoffs
-aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? Spottete
-sie über seinen Verkehr?</p>
-
-<p>Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift
-Nieburg führte seitwärts bergan. Die Landstraße lief
-nach der Sägemühle geradeaus weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[S. 183]</a></span>
-
-Alice sprang leichtfüßig vom Rad.</p>
-
-<p>Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.</p>
-
-<p>&#8222;Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?&#8221;
-warf sie nüchtern hin.</p>
-
-<p>&#8222;Wohl möglich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung
-nehmen, Doktor Perthes!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Scheint Ihnen das nötig?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oh &mdash; dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren,
-daß man junge Damen seiner Bekanntschaft nicht übersieht.
-Dann werd' ich Ihnen beibringen, daß man einer
-jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,&#8221; &mdash;
-sie deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor
-führte &mdash; &#8222;seine Dienste anbietet!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit
-gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!&#8221; entfuhr es
-Perthes wütend. Sein Unmut darüber, daß er aufgehalten
-und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn zu dieser groben,
-patzigen Unhöflichkeit fort.</p>
-
-<p>Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben.
-Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück.
-Eine Strähne ihres rötlichen, ungebärdigen Haares
-schlüpfte unter der Mütze hervor. Ihre Lippen spitzten
-sich und bebten leise, während die kecken, spitzbübisch-kecken
-Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und sich
-dann ohne Scheu in die seinen hefteten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wollte sagen &mdash;&#8221; verbesserte sich Perthes mit einer
-Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht nötig!&#8221; schnitt sie ihm das Wort ab. &#8222;Ich werde
-mich für Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!&#8221;
-Sie gab ihm die Hand, als wäre nichts geschehen. Und er<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[S. 184]</a></span>
-wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand
-ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.</p>
-
-<p>Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu,
-als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos
-zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das
-Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. &mdash;</p>
-
-<p>Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in
-schnellem Tempo der Mühle zu, deren Dach unweit
-zwischen den hohen Gartenbäumen durchschimmerte.
-Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel
-früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte ohne
-dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe
-Stunde eher da sein können. Warum hatte sich dieses
-tolle Mädel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine
-ernste, zielsichere Stimmung gedrängt? Er wütete innerlich
-gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre spottlüsterne,
-herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige
-Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt.
-Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht
-zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedächtnis. Es hielt
-schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz war hartnäckig,
-auch noch in seiner Vorstellung.</p>
-
-<p>Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die
-heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag.
-Ein Pfauenschrei vom Geflügelhof war der einzige Laut,
-der ihn bei der Einfahrt empfing.</p>
-
-<p>Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand,
-der für diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er
-war trotz des Schattens heiß geworden und trocknete sich
-die Stirn. Ein Blick in den Garten überzeugte ihn, daß
-da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[S. 185]</a></span>
-und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste,
-nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins
-hätten einen Ausflug gemacht. Ja, natürlich; jetzt,
-während sie sich die Augen rieb, fiel es ihr &#8222;für gewiß&#8221;
-ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst
-zum Abend zurückkommen.</p>
-
-<p>Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick
-gerechnet.</p>
-
-<p>Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer
-umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern
-aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps
-zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief
-friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht
-einmal mehr erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute,
-ausgemacht heute mußten die beiden eine Tour machen!
-Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt
-knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke
-zusammen. Wohin die Damen gegangen wären, forschte
-er kleinlaut. Das wußte die gute Wirtsfrau auch nicht.
-Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war
-in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes
-auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht
-unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis
-gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite
-schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein
-Ungestüm fiel ...</p>
-
-<p>Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten
-und setzte sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster
-mißlungener Besuch auf der Mühle angefangen hatte.</p>
-
-<p>Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.</p>
-
-<p>Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[S. 186]</a></span>
-den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung
-alle weg. Dabei war es doch nicht einmal übles Wetter.
-Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen
-kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar
-möglich, daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch
-so viele kämen, daß man nicht Hände genug hatte, sie zu
-bedienen.</p>
-
-<p>So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene
-Frau, und Perthes hörte gottergeben zu.</p>
-
-<p>Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich
-zwischen den Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig
-der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen!
-Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte,
-den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin plätscherte!
-Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit;
-drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld
-und Wald langweilig ineinander.</p>
-
-<p>Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das
-sollte womöglich stundenlang dauern? Wie gemacht für
-ihn, um sich zu vergrübeln!</p>
-
-<p>Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu
-machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle früheren
-übertraf? Oder &mdash; wie? &mdash; wenn Marga ihn nicht anhörte?
-Wenn, ja wenn &mdash; das war das Tollste, darauf war er noch
-gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar
-nicht! &mdash; wenn er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn
-liebe? Wenn sie überrascht war von dem, was er ihr
-sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrückt!</p>
-
-<p>Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten
-in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab,
-um den blödsinnig plätschernden Springbrunnen herum<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[S. 187]</a></span>
-und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig! Und
-doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie
-mit allen Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer
-Junge stand er jetzt da und starrte kleinmütig über den
-Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß. Warum sollte
-sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte
-er ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich
-machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es
-gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus
-dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade
-und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei:
-er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...</p>
-
-<p>Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen
-Wirtin als möglich prophezeiten Andrang. Der Garten
-blieb leer. Zwei, drei Einspänner, alte Herren mit Perücken,
-mit Mänteln mitten im Sommer und Stöcken
-mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich
-kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung.
-Das war alles.</p>
-
-<p>Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf.
-Die Sonne drängte sich, etwas blaß und schüchtern freilich,
-durch die weißgrauen Wolken. Und den Fluß herunter
-kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen,
-deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser
-klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen
-auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit
-am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und
-der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten
-eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen,
-unmännlichen Zweifel wichen allmählich einer tapferen,
-fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche und Unerreichbare<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[S. 188]</a></span>
-einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls nirgends,
-gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der
-rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche
-und Faßbare war vor ihm. Das wollte er als Mann
-ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten,
-mit ihr sprechen.</p>
-
-<p>Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.</p>
-
-<p>Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete
-und sich dann in der Mitte des Flusses von den
-Wellen aufnehmen ließ. Der breite Rücken des Schiffers
-hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und
-richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die
-Böschung hinunter, nach dem Steg ...</p>
-
-<p>&#8222;Du, ich glaube &mdash; wahrhaftig! &mdash; Doktor Perthes
-erwartet uns drüben!&#8221; konstatierte Elli mit halblauter
-Überraschung.</p>
-
-<p>Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um
-die frische, ziehende Kühle zu spüren, hob sie langsam
-heraus. Sie war selbst verwundert, <em class="gesperrt">wie</em> langsam. Und
-war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war.
-All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen,
-so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht
-mehr mit ihr zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner
-Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen &mdash; trotz
-des mäßigen Wetters. Weit über die Berge waren sie
-durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine über
-dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag
-so trüb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am
-Nachmittag kam plötzlich, ihr selbst unerwartet und unverständlich,
-eine Fröhlichkeit über sie, wie lange nicht. Grundlos,
-gegenstandslos &mdash; eine von jenen unbegreiflichen<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[S. 189]</a></span>
-Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und
-doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine
-glücklichere Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese
-frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrüßte und miterlebte,
-hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens
-versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen,
-der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder,
-des in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses
-nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die
-beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht
-sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem
-Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang
-von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar
-läuteten, mit zarten, dünnen, verheißungsvollen Stimmchen.
-Und wie sie an den Fluß kamen und übersetzten,
-hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine
-Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben
-stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers,
-das ihn silbern besäumte! Sein gemessen-ernster Gruß,
-der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lächelte,
-als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere
-ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem
-Fährmann seinen Groschen gab.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten,
-mich hier zu treffen!&#8221; meinte Perthes.</p>
-
-<p>Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die
-Böschung hinaufführen ließ, klangen ihr die Glockenblumen
-von drüben nach; ihre zarten, dünnen Stimmen wuchsen,
-und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie betäubte.</p>
-
-<p>Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön,
-und sie ließ seinen Arm los.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[S. 190]</a></span>
-
-&#8222;Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur
-Mühle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!&#8221;
-begann Perthes wieder. &#8222;Der Brief, mit dem ich mich
-anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der
-Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt
-auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen
-Augenblick hören wollen!&#8221; Er sah Marga forschend an.
-&#8222;Unter vier Augen,&#8221; setzte er hinzu und sah hinter sich.</p>
-
-<p>Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt.
-Sie versicherte später, sie habe stets einen &#8222;feinen
-Merks&#8221; für gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen
-sogar ...</p>
-
-<p>Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr
-war zumute, als spänne das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig
-weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit.
-Sie ließ sich von ihm an den Tisch im Haselgesträuch
-leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.</p>
-
-<p>&#8222;Vor ein paar Wochen,&#8221; hob Perthes, durch ihr
-Schweigen befangen, an, &#8222;hatte ich daran gedacht, von
-hier für immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich
-die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt
-hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag
-auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder,
-es würde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich
-Ihnen schon früher einmal erzählte, die Bakteriologie
-wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie zurückzukehren.
-Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?&#8221;</p>
-
-<p>Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand
-nur halb, was er sagte.</p>
-
-<p>&#8222;Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten,
-hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,&#8221;<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[S. 191]</a></span>
-fuhr er mutiger fort. &#8222;Ehe ich mich entscheide, möchte ich
-hören, was Sie darüber denken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber davon versteh' ich ja gar nichts!&#8221; erwiderte
-Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weißen englischen
-Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den
-Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe
-zurecht.</p>
-
-<p>&#8222;Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein
-Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wünschen,
-daß &mdash; daß ich &mdash; nun, daß ich eben hierbleibe. Das hängt
-nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,&#8221; wiederholte
-er gepreßt.</p>
-
-<p>&#8222;Von &mdash; mir?&#8221; stammelte Marga. Sie hatte bisher
-die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn
-mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und
-Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin er mit
-diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er
-sie quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...</p>
-
-<p>&#8222;Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!&#8221; beteuerte
-Perthes, der ihren Blick richtig deutete. &#8222;Ich habe
-mich die letzten Tage, während ich fernblieb, gründlich
-vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen gekommen,
-wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht
-dafür hätte zusprechen können. Ich nehme die Stellung
-nur an, wenn Sie, Fräulein Marga, mir erlauben, wie
-bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sägemühle.
-Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen
-machen: wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als
-eine Freundin! Wenn Sie &mdash;&#8221; Die Erregung nahm
-ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen, die vor
-ihm auf dem Tisch lagen. &#8222;Wenn Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[S. 192]</a></span>
-
-Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie
-warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung
-war sie plötzlich aus ihrer traumhaften Betäubung
-erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre Wangen
-und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein, nein!&#8221; stieß sie entsetzt hervor. Sie
-krampfte ihre Hände vor der Brust ineinander. Das sollte
-Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein.
-Niemals! &#8222;Nein! Nein! Nein!&#8221; wiederholte sie noch
-einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände
-gegen ihn, als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte
-von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe
-irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen.
-Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen &mdash; aber ihre Kraft
-versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die
-Augen schlossen sich, wie von einem übermenschlichen
-Schmerz zugedrückt.</p>
-
-<p>Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte
-er sie an. &#8222;Sie wollen also nicht,&#8221; sagte er dann tonlos
-und bitter.</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; ich darf nicht!&#8221; stammelte Marga mit zuckenden
-Lippen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie dürfen nicht?&#8221; fragte er dumpf. &#8222;Und warum
-nicht? Weil Sie nicht können? Weil Sie mir nicht mehr
-geben können als Freundschaft? Darum?&#8221;</p>
-
-<p>Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben,
-daß ich weiß, was ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen
-keine hohen Liebesbeteuerungen vordeklamiert! Ich will
-nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von mir
-hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen,<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[S. 193]</a></span>
-bis Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich
-meine!&#8221; Seine Worte brachen jetzt ungestüm und drängend
-aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. Er wußte, wie
-er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch,
-daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr
-mit seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in
-diesen Tagen in ihm vorgegangen war, mit rückhaltloser,
-nichts verbergender Offenheit.</p>
-
-<p>Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber
-auf den Tisch, auf ihre Arme. Und mit einem Mal
-schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer ihren Leib.</p>
-
-<p>Erschrocken hielt Perthes inne.</p>
-
-<p>&#8222;Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!&#8221;
-ging es wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen
-durch den abendlichen, einsamen Garten.</p>
-
-<p>Jetzt hatte Perthes verstanden.</p>
-
-<p>Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern.
-Es war sein Herz, das groß und übermächtig und warm
-in ihm aufpochte, als wollte es die kräftige Brust sprengen.
-Es war <em class="gesperrt">gut</em>, was er wollte! Und es war <em class="gesperrt">Schönheit</em>,
-die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid
-sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft
-oder Liebe: er mußte ihre Hände ergreifen, stark
-und zwingend. Er mußte sie an sich ziehen &mdash;</p>
-
-<p>Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr
-Kopf an seine Brust, und ihr tränenüberströmtes Gesicht
-verbarg sich dort. Um schwach zu sein, einen Augenblick
-schwach wie ein Weib, das liebt &mdash; und kostete ihre Schwäche
-sie ihre Seligkeit ...</p>
-
-<p>Als Elli mit dem &#8222;feinen Merks&#8221; eine halbe Stunde
-später vernehmlich &#8222;Pardon!&#8221; rief, ehe sie an den Tisch<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[S. 194]</a></span>
-hinter den Haselbüschen trat, fand sie die beiden Hand in
-Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war
-natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen
-hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte
-sie &#8222;immer&#8221; dazugesetzt, wie Schwester Käthe.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c8" id="c8">8</a></h2>
-
-
-<p class="right">
-Kissingen, den .. Juli 19..</p>
-<p>
-Meine liebe kleine Elli!
-</p>
-
-<p>Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure
-Übersiedlung nach der Sägemühle gemeldet. Papa ist
-schon ganz ungehalten, daß er keinen Brief bekommen hat,
-und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten Ausfälle,
-wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in
-Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach
-Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich böse.</p>
-
-<p>Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön.
-Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das großartige,
-wirklich internationale Badeleben. Wenn man den
-rechten Blick für Menschen hat, kann man hier seine
-Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das
-Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen,
-mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben
-Jahr. Die &#8222;große Welt&#8221;, die uns auf Schritt und Tritt
-umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmählich
-gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man &mdash; im Bad,
-am Brunnen, bei den Konzerten &mdash;, Du kannst Dir keine
-Vorstellung machen, Kleinchen, <em class="gesperrt">wie</em> tipp-topp! Man
-will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich:
-Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus!<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[S. 195]</a></span>
-Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen,
-die wirklich fein &mdash; ich meine, geistig und seelisch bedeutend
-sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche
-Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen
-wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe
-regelmäßig und viel in mein Tagebuch und wundre mich
-oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir
-selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn
-Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst &mdash; versteht
-sich mit Auswahl &mdash; daraus vorgelesen bekommen.</p>
-
-<p>Was treibt Ihr denn auf der Mühle?</p>
-
-<p>Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge,
-handarbeitet im Garten, liegt in der Hängematte im
-Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in
-schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja
-keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so
-viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter
-ist als Ihr, hat kürzlich ein Buch von Zola (!) gelesen,
-das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe
-ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch
-einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, gründlich
-mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein
-findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.</p>
-
-<p>Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser
-letztes Gespräch auf dem Weinberg durchgedacht und wäre
-zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht
-hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen,
-wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht
-böse, daß sie's nicht gleich konnte!</p>
-
-<p>Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über
-die &#8222;vermaledeite Briefschreiberei&#8221;. Ich will also schließen.<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[S. 196]</a></span>
-Es ist gar nicht immer so leicht mit ihm, weil er in beständigem
-Krieg mit dem Badearzt und allen Verordnungen
-lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt
-er sich meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis
-vierzehn Tagen soll's nach Tirol oder nach Bayern gehen.
-Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr euch denken!</p>
-
-<p>Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem
-Kuß für Dich, liebe Elli, bin ich</p>
-
-<p class="center">
-Deine getreue Schwester</p>
-
-<p class="right">Käthe Richthoff.
-</p>
-
-<p><span class="antiqua">P. S.</span> Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf
-hierherkommen. Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche
-Publikation haben. Der Flanellstorch hat sich auch
-bei Papa &#8222;für einen Sprung&#8221; angemeldet, wurde aber
-abgewiesen.</p>
-
-<p class="right">
-K. R.<br />
-</p>
-
-<p><span class="antiqua">P. S.</span> 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere
-sonst weiteres Kostgeld. Tatsachenbericht, keine
-Gefühlsduseleien. Gruß.</p>
-
-<p class="right">
-Papa.<br />
-</p>
-
-<p>Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen
-hatte Elli am Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester
-Käthe vorgelesen. Das war ja Käthe, wie sie leibte und
-lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für diese &#8222;infam-gütige&#8221;
-Epistel mal kräftig die Meinung geigen.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor
-lauter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!&#8221; legte
-Elli zum Schluß los. &#8222;Und das, was sie über dein Verhältnis
-zu Perthes schreibt, Margakind &mdash; die Andeutung,
-mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt &mdash;, das
-ist jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Laß gut sein, Elli!&#8221; mahnte Marga versöhnlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[S. 197]</a></span>
-
-&#8222;Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten
-Wassers auf diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir
-sind doch schließlich keine Wickelbabys mehr! Von mir
-will ich noch nicht mal reden, aber du &mdash; du bist doch jetzt
-so gut wie Braut, Marga &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sag' so was nicht, Elli!&#8221; wehrte Marga ernsthaft.
-&#8222;So weit sind Perthes und ich noch nicht! Du weißt,
-wir haben uns streng versprochen, es nur erst miteinander
-zu versuchen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;I &mdash; was! &#8218;Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft&#8219;,
-heißt's im Reklamestil!&#8221; erklärte Elli mit überzeugtem
-und überzeugendem Lachen. &#8222;So ähnlich war
-es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich zuerst,
-haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu
-sein, und nachher &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen &mdash; ich bitt' dich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht
-mehr hören! Und daß es geschrieben wird, verbitt' ich
-mir endgültig. Das werd' ich Käthe schreiben. Und &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher
-diktiere ich dir einen Brief für Käthe.&#8221;</p>
-
-<p>Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern,
-sah so wehmütig drein, als es ihre lachenden Augen tun
-wollten, und wiegte den lockigen Kopf mitleidig von einer
-Schulter zur anderen: &#8222;Marga, Marga, mit dir geht's
-bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter
-Zuckerwasser! Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den
-Garten gekommen! Da hättet ihr euch die Umarmung
-malen können! Und die ganze Verlob&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Elli!&#8221; rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester
-den Mund zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[S. 198]</a></span>
-
-&#8222;Stell' dich nur recht tugendsam!&#8221; neckte das Kleinchen
-weiter. &#8222;Ich kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max
-erzählen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und
-bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr
-weiter schmälen konnte. Dafür lachte sie um so übermütiger,
-und Marga mußte mitlachen.</p>
-
-<p>Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt.
-Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater
-Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine &#8222;Gefühlsduseleien&#8221;,
-aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles
-Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das &#8222;Zuckerwasser&#8221;
-für Käthe.</p>
-
-<p>Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen.
-Das erste sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln
-und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwärts.
-Vom nächsten Dorf trug ein launischer Frühwind den Klang
-der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...</p>
-
-<p>Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte,
-Perthes und sie wären so weit noch nicht und wollten es
-erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen
-nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der
-Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders
-empfangen, als er erwartete. &#8222;Geradezu frostig und lieblos,&#8221;
-meinte er entrüstet. Aber Margas Gewissen hatte
-sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwürfen
-und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude
-dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher
-Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies
-sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wäre, sein
-Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte,<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[S. 199]</a></span>
-kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger
-Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang
-sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur
-es so verlangte. Wußte er denn, was es hieß, mit einer
-blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung
-von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die
-ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an
-Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig
-fremd und verschlossen bleiben mußte, unter Menschen,
-die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über
-eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln
-zucken würden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer
-Liebe jede Demütigung gern auf sich nahm &mdash; ihn, den
-Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mußte
-eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfühlte,
-wundreiben und unglücklich machen mit ihren
-tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden
-Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie
-ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen
-Stunden der Nacht gesammelt hatte.</p>
-
-<p>Freilich &mdash; die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als
-wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte.
-Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte,
-um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen
-Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was
-er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und
-Gehabe anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen
-Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch
-Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen
-die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da in der Nacht
-ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[S. 200]</a></span>
-stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen,
-das sie ihm ausstellte!</p>
-
-<p>Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht
-zufrieden. Er mußte Schritt für Schritt erobern, was er
-an einem Abend im Sturm und für immer gewonnen
-zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem
-feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie
-bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und
-keinesfalls täglich. Auch wegen des Geredes der Leute
-nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und
-natürlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser
-kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen Vertraulichkeiten
-hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch
-doktrinär veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet:
-das zärtliche &#8222;Du&#8221;, das im Glück des ersten Verstehens
-eingerissen war, wurde verpönt. Sie wollten sich &#8222;Sie&#8221;
-und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter
-vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem
-etwas herzlicheren Handkuß durfte nicht die Rede sein.</p>
-
-<p>Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes
-am entschiedensten.</p>
-
-<p>Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar
-Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet
-in eine so hilflose Erregung, bat ihn so inständig, ja
-flehentlich, ihr zu folgen, daß er nachgab.</p>
-
-<p>&#8222;Das versteh' ich nicht!&#8221; eiferte er. &#8222;Für Kasteiungen
-hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all
-der schönen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch
-mißlingt und wir nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen
-nicht zu schwer wird.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[S. 201]</a></span>
-
-Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel
-ernste, beinahe schwermütige Überzeugung in ihre Worte,
-daß er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre
-pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ängstliche
-Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte,
-die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz
-sich so streng und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte
-ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische
-Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen
-Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe
-und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff
-er doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches
-Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.</p>
-
-<p>Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem
-&#8222;Gesetz zur Verhinderung der Liebe&#8221;, wie er es nannte,
-seine Sanktion erteilt.</p>
-
-<p>Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei
-Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es
-wäre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen,
-wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte, diese zimperliche
-Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit
-ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt
-bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt hätte, um
-diesem &#8222;faden Platonismus&#8221; mit Scherz und Spott auf
-den Leib zu rücken.</p>
-
-<p>Acht ganze Tage bestand das &#8222;GzVdL.&#8221;, wie es abgekürzt
-getauft wurde, leidlich voll zu Recht.</p>
-
-<p>Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um
-Stück von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der
-Theorie möglichen Zwischensystem abbröckelte. Da wurden
-zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[S. 202]</a></span>
-auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war
-es ganz selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag
-kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag
-blieb er vom Morgen bis zum späten Abend. Das nächste
-Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches
-Komplott zu Fall. Das steife &#8222;Sie&#8221; zwischen Marga und
-Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber
-alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte
-sich taub für die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte
-sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.</p>
-
-<p>Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht
-zu einem abgefeimten Trick.</p>
-
-<p>Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt
-so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle
-blieben, ließ sie ihrer Ausgelassenheit alle Zügel schießen
-und riß jeden, auch Marga, in ihre übersprudelnde Laune
-hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ die Augen
-lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten
-Kopf keck zur Seite. &#8222;Doktor Perthes, ich schlage
-vor, daß wir zwei Schmollis machen!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm
-Fräulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen
-Anerbieten überrumpelt. &#8222;Mit Vergnügen!&#8221;
-erklärte er. &#8222;Aber ich muß da höheren Orts erst anfragen.&#8221;</p>
-
-<p>Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an
-Marga. &#8222;Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da
-es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren
-will.&#8221;</p>
-
-<p>Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt
-drein. &#8222;Elli ist wohl 'n bißchen beschwipst?&#8221; meinte
-sie ausweichend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[S. 203]</a></span>
-
-&#8222;Bitte schönstens!&#8221; verteidigte sich die Verdächtigte
-entrüstet. &#8222;Das ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß,
-Fräulein Marga!&#8221; brummte Wilkens höchst unwirsch.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor
-Perthes,&#8221; &mdash; Elli betonte die Anrede mit spitzer Breite &mdash;
-&#8222;sind Sie der unhöflichste Mensch, der mir je vorgekommen
-ist! Marga hat da überhaupt gar nicht mitzureden!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um
-Erlaubnis fragen?&#8221; sagte Perthes, der nun ganz mit
-im Spiel war, zuvorkommend.</p>
-
-<p>&#8222;Nun, Herr Wilkens?&#8221; fragte Elli. &#8222;Man überschätzt
-zwar Ihre Autorität, aber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,&#8221;
-ließ sich Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Na also! Du siehst, Marga &mdash; drei gegen eine!&#8221;
-triumphierte Elli.</p>
-
-<p>Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne
-Humor. Aber der Mangel an äußerem Erleben hatte diese
-letzte und reifste Kraft nur erst spärlich in ihr entwickelt.
-Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um sich, ihre Schwere
-überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte
-zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das
-Lächeln Lügen, und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.</p>
-
-<p>Elli lenkte ein. &#8222;Gott, Margakind, ich will dich ja
-schließlich nicht benachteiligen!&#8221; erklärte sie großmütig.
-&#8222;Ich trete von meinem Schmollis zurück unter einer Bedingung:
-wenn du es Doktor Perthes anbietest statt meiner!
-Ich tue es blutenden Herzens und werde an Herrn Perthes
-nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag
-herantreten.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[S. 204]</a></span>
-
-Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren.
-Sie wollte nicht Spielverderberin sein und erhob
-bedächtig ihr Glas. Es kam ihr schwer, überschwer vor.
-Im Grunde waren ihr die Tränen näher als das Lachen.
-Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie
-drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.</p>
-
-<p>&#8222;Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!&#8221; meinte
-Perthes beruhigend.</p>
-
-<p>Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie
-noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam
-ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht für kühl
-und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe,
-und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein,
-ihr Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...</p>
-
-<p>Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten
-Augusttagen zu Ende ging.</p>
-
-<p>Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch
-auch den beliebten Spaziergang nach der Sägemühle sich
-nicht nehmen ließen, drohten allerhand Fährlichkeiten.
-Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie
-überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen &#8222;immer
-mit Herren gingen&#8221;, konnte sich auf tausenderlei Weise
-herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben
-und entstellt, zu Vater Richthoff und Käthe sich
-verirrte!</p>
-
-<p>Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga
-mahnte immer wieder zur Vorsicht.</p>
-
-<p>Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel,
-die mit irgendeinem Kränzchen von älteren jungen
-Damen mindestens einmal die Woche auf der Sägemühle
-erschien und, während sie die &#8222;lieben, lieben Mädels&#8221;<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[S. 205]</a></span>
-ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase
-rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während
-einer dieser zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten.
-Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt,
-so ging er wie der älteste Bekannte auf Fräulein Grasvogel
-zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg
-nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute
-Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme,
-als schätze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend,
-daß sie mit den beiden Fräulein Richthoff einen Ausflug
-auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von ihr umständlich
-erklären, die &#8222;lieben, lieben Mädels&#8221; seien nicht
-mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige
-Wochen, und war über die Neuigkeit aufs angenehmste
-verwundert. Elli biß sich die Lippen blutig, um ernst zu
-bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Auskünfte
-über die Verpflegung auf der Mühle und die
-Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens
-sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf,
-als die Luft rein war.</p>
-
-<p>Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach
-einmal mit dem Wagen die Landstraße entlang fuhr,
-als man, dem mäßigen Wetter vertrauend, paarweise
-dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ ein Besuch
-von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem
-Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem
-Gehöft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite.
-Elli erfand eine ganze Räubergeschichte. Aber
-ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche
-Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr
-als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[S. 206]</a></span>
-Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema,
-das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.</p>
-
-<p>Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht
-selten im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete.
-Es fiel ihm bisweilen abends ein, daß er nach
-ärztlichem Ratschluß neben seinen geistigen auch seine körperlichen
-Funktionen nicht völlig vernachlässigen sollte, und
-dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstraße ab
-bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung
-aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen
-Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das
-Bier so abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends
-bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine
-Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter seines Freundes
-Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er
-so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie.
-Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg,
-und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen
-Hälfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.</p>
-
-<p>Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater
-Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns,
-benommen. Marga und Elli hatten pflichtmäßig
-vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche
-kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald
-mal auf der Mühle &#8222;Generalrevision&#8221; halten. Er hatte zur
-Bekräftigung seine eine Hand würdevoll auf die lahme
-Hüfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die
-Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte, Augen
-und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren.
-Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne
-Folgen. Nur die drei Wilmannstöchter kamen einmal zum<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[S. 207]</a></span>
-Kaffee auf die Sägemühle, nachdem sie sich vorher artig
-durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten
-ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch
-zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald
-einem Jahrzehnt sich mühte; die bescheidene, aufopfernde
-Mama half dabei täglich ihre fünf bis sechs Stunden.
-Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß von
-dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze
-Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen
-reisen wollte.</p>
-
-<p>Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August,
-genau einen Tag vor Semesterschluß.</p>
-
-<p>Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es
-wurde Abend, ehe der Himmel sich leidlich aufhellte.
-Keine Seele aus der Stadt hatte sich auf der Mühle blicken
-lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf Uhr
-gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am
-Herdfeuer in der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte
-sich zum Essen ein, für das man, da der Boden zu feucht
-war und die Bäume tropften, in einer Laube hatte decken
-lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf Margas
-Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und
-Kellner übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches
-Lebewesen im Garten. Sie kam mit der Meldung
-zurück, in einer abgelegenen Ecke sitze, aller Nässe von unten
-und oben zum Trotz, Professor Borngräber und kritzle unheimliche
-Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar
-abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend,
-daß jedes Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte
-einem der ganze Garten allein. Guter Dinge voll, zog
-man von der Halle in die Laube und setzte sich zu Tisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[S. 208]</a></span>
-
-Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen,
-als Elli scharf und unruhig über den Fluß äugte, hinüber
-auf das Fährboot. Das füllte sich plötzlich mit einer ansehnlichen
-Gesellschaft, aus der weiße Mädchenkleider
-herüberleuchteten.</p>
-
-<p>Wilkens war auch aufmerksam geworden. &#8222;Ich zähle
-drei Wilmannstöchter, Papa, Mama und studentischen Anhang,&#8221;
-konstatierte er mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit.</p>
-
-<p>&#8222;Wahrhaftig! Ich auch!&#8221; rief Elli mit lachender Bestürzung.</p>
-
-<p>Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht
-bestätigen. &#8222;Mit sicherem Kurs auf die Sägemühle!&#8221;
-setzte er tröstlich hinzu.</p>
-
-<p>Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit
-noch größer. Jeder schlug einen Ausweg vor,
-der nichts taugte. Und dabei näherte sich das Boot mit
-zunehmender Eile.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren
-Tisch zu setzen?&#8221; ließ sich Marga bedächtig vernehmen,
-als keiner von den anderen mehr Rat wußte.</p>
-
-<p>&#8222;Sieh mal einer &mdash; das Margakind!&#8221; rief Elli begeistert.
-&#8222;Die Liebe &mdash; ich sag' es ja schon immer &mdash; geradezu genial
-macht sie die Liebe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Man könnte auch sagen, durchtrieben!&#8221; kommentierte
-Perthes, indem er Marga strafend und anerkennend auf
-die Finger klopfte.</p>
-
-<p>Es war keine Zeit zu verlieren.</p>
-
-<p>Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten.
-Man hörte sie gleich darauf, wie sie den ahnungslosen
-Jakobus Borngräber mit einer Sturmflut von liebenswürdigen<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[S. 209]</a></span>
-Worten überfiel und betäubte. Es dauerte
-noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen.
-Er erschien an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von
-einem schokoladefarbigen Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges
-Buch mit einem Notizbuch darauf wie eine Bundeslade
-vor sich hertragend. Mantel, Schirm und Bierglas
-hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen
-Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während
-sie immer weiter plapperte: sie würden sich so riesig freuen,
-wenn er sich zu ihnen setzte, und es wäre zu nett von ihm,
-daß er das täte, und sie würden an Papa eine Ansichtskarte
-schreiben, daß er sie besucht hätte. Der gute Borngräber
-nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm.
-Rund und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt
-in die Laube, so verwundert, wie sie das immer taten,
-wenn sie sich mit der Welt der Erscheinungen auseinandersetzen
-sollten. Daß da außer Marga, die er Fräulein Käthe
-nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch
-zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt
-und erfreut taten, war ihm nicht befremdlicher
-als anderes. Seine goldgelben Zähne lachten verlegen
-und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er verteilte
-Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel;
-Perthes hob es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst
-nach dem Stuhl an der Spitze des Tisches drängte und
-ein Gespräch über neue indische Funde vom Zaun brach,
-von denen er irgendwo gelesen haben wollte.</p>
-
-<p>Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die
-schützenden Flügel des sich seiner Rolle durchaus unbewußten
-Professors geflüchtet, als vor dem Garten Papa
-Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[S. 210]</a></span>
-
-&#8222;Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen.
-Geh mal vor, Heddy &mdash; daß sie nicht zu sehr erschrecken!&#8221;</p>
-
-<p>Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon
-im nächsten Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns'
-scharfe, spitzmäusige Augen hatten über den Zaun weg
-bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.</p>
-
-<p>&#8222;Kiek mal eener!&#8221; Stürmisch drang er in den Garten
-und stand im Handumdrehen am Eingang der Laube.
-&#8222;Kiek mal eener! Hat man je so was gehört oder gesehen!?
-Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler, sitzt
-hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen
-den Hof!&#8221;</p>
-
-<p>Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge
-von einigen Studenten, die Wilmanns für ihre selbstlose
-Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch eine Einladung
-entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein.
-Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung
-mit ausgiebigem Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen
-Perthes und Wilkens mit etwas erstaunten
-Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern
-fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante
-Abrechnung mit Borngräber, daß Elli und Marga sich
-eine bessere Abwehr der Neugier gar nicht wünschen
-konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue
-Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war
-nun einmal immer schwach gegen junge Leute ...</p>
-
-<p>&#8222;Meine Herrschaften!&#8221; polterte er los. &#8222;Ich habe
-Ihnen schon wiederholt von unserer griechischen Reise
-erzählt. Oder noch nicht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doch, doch!&#8221; ließen sich beschwörende Stimmen
-hören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[S. 211]</a></span>
-
-&#8222;Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit
-meinem Kollegen Borngräber <span class="antiqua">in puncto puncti</span>, das ist
-in betreff der Griechinnen, auszustehen hatte. Dieses
-harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder den Anschein
-vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wollen wir uns nicht setzen, Papa?&#8221; wagte Frau
-Wilmanns vorsichtig einzuwerfen.</p>
-
-<p>&#8222;Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird
-niemand länger täuschen!&#8221; fuhr Wilmanns unter allgemeiner
-Fröhlichkeit fort. &#8222;Ich könnte &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wilmanns, ich warne Sie!&#8221; Borngräber schüttelte
-seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas,
-das er aus unerklärlichem Grund bei der Begrüßung
-mit sich erhoben hatte. &#8222;Ich warne Sie! Ich werde von
-Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen
-im Hotel &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schweigen Sie!&#8221; rief Wilmanns empört. &#8222;Sie
-haben gar nichts zu erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher
-Stellung,&#8221; &mdash; schon fuhr die Hand gravitätisch
-in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch
-nach außen &mdash; &#8222;ich komme, um als Vizevormund
-im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern
-Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern
-&mdash; Sie!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Kalypso, Frau Professor Wilmanns,&#8221; schrillte mit
-verdoppeltem Feuer Borngräbers Fistelstimme, &#8222;Kalypso
-war ein auffallend hübsches Mädchen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Genug von Ihren Ausschweifungen!&#8221; donnerte Wilmanns,
-dem die Kalypso gefährlich zu werden schien.
-&#8222;Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen!
-Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[S. 212]</a></span>
-mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt
-sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer
-Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke,
-wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen
-Tisch an!&#8221; Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens,
-Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei
-und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der
-geräumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen,
-eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren ließen
-nicht zu lange auf sich warten, und Borngräber vereinigte
-sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand,
-um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit,
-in der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen
-hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft
-über seine gewissenlosen Töchter etwas anders
-vorgestellt haben &mdash; aber für alle Teile war die Wilmannssche
-Auffassung von einer Generalrevision die denkbar
-sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen
-man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.</p>
-
-<p>Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.</p>
-
-<p>Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit
-Rücksicht auf die älteren Herrschaften den zweiten Teil
-der Bowle in die geschützte Halle.</p>
-
-<p>Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten,
-um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch
-beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen.
-Während er nach Kissingen eine Postkarte losließ:
-&#8222;Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften
-vormundschaftlichen Inspektion durchaus
-artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem
-Indologen Borngräber, der sie zu heimlichen Banketten<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[S. 213]</a></span>
-einlädt&#8221; &mdash; während dieses der Wahrheit nicht zu nahe
-tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz.
-Die Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter
-ließen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.</p>
-
-<p>Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit
-fiel es nicht weiter auf, daß Marga und Perthes sich
-absonderten.</p>
-
-<p>Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt
-von der Bowle, der allgemeinen Fröhlichkeit und den
-lockenden Weisen der &#8222;Rosen aus dem Süden&#8221;, folgte mit
-blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in ihren
-hellen, fliegenden Sommerkleidchen.</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; wagen wir es nicht auch, Margakind?&#8221; flüsterte
-er nach einer Weile lebhaft.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, ich kann ja nicht tanzen!&#8221; gab Marga zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt.
-Und zwar recht gut! Komm &mdash; tu nicht zimperlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es geht nicht!&#8221; wiederholte sie ängstlich. &#8222;Sicher
-nicht! Du würdest dich mit mir nur lächerlich machen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern
-tanzen!&#8221;</p>
-
-<p>Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die
-Hand, die nach der ihren faßte, verriet die Erregtheit
-seines warmblütigen Temperaments.</p>
-
-<p>Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte,
-war sie in den dunklen Garten hinausgeglitten. Eine
-plötzliche, wehe Traurigkeit hatte sie befallen: er, entzündlich
-und lebensdurstig, wie er war, verlangte in die
-Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts von
-alledem, was andere ihm geben konnten &mdash; keine Leichtigkeit,
-keine tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[S. 214]</a></span>
-&mdash; so schien es ihr in diesem Augenblick &mdash; als ihre schwere
-Seele und ihre trostlose Blindheit! Und so würde es
-immer sein!</p>
-
-<p>Perthes folgte ihr schnell.</p>
-
-<p>Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene
-Schwerfälligkeit. Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit,
-so davonzulaufen.</p>
-
-<p>Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst
-am anderen Ende des Gartens holte er sie ein.</p>
-
-<p>Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm.
-Die Hände hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepreßt,
-und die Augen starrten verängstigt in die Höhe, während
-ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So &mdash;
-verzeih! &mdash; so überspannt empfindlich!&#8221; Wort und Ton
-konnten seine Verstimmung nicht verbergen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte,
-tanze doch du! Mit Elli und den anderen!&#8221; stieß sie
-flehend hervor.</p>
-
-<p>Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne
-daß er wußte, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit
-ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts für sie!
-Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal &mdash; oder
-war es nicht das erstemal? &mdash; an die Grenze seines Glücks.
-Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus
-tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf
-anderes ohne Ärger verzichten zu können. Wie unrecht
-von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen, erbärmlichen
-Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und
-das bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten!
-Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[S. 215]</a></span>
-überredete sich selber dabei. Warum sprach sie überhaupt
-immer davon, daß dies oder jenes nicht für sie sei? Wollte sie
-die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte
-sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie!
-Und er wollte ihr von da draußen alles bringen &mdash; Licht,
-Lust, Wonne, Kleines wie Großes &mdash; was sie begehrte!
-Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!</p>
-
-<p>Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel
-Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete
-seine tröstenden Worte wie einen heilenden Trank. Ungläubig
-erst, zaghaft &mdash; dann mit vollen Zügen. Und sie
-war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn
-küßte. Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht
-wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank!
-Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt!
-Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht
-zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte
-ihn wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins
-vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile
-durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen reich und groß
-und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fühlen
-&mdash; heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c9" id="c9">9</a></h2>
-
-
-<p>Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik,
-die Perthes nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte
-er vertragsmäßig zum ersten September antreten. Er
-hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fünfzehnten
-August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für
-seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[S. 216]</a></span>
-zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem
-einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von
-seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden
-von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte er, außer
-zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in
-dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.</p>
-
-<p>Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor
-Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien
-nicht verkürzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in
-schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen.
-Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend freilich, bis
-auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und
-Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut
-in die Klinik überspringen.</p>
-
-<p>Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und
-unfreier als die frühere. Das sollte auch Marga draußen
-auf ihrer Mühle bald fühlbar werden. Es gab in der
-Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um die täglichen
-Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen
-zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle
-blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus,
-daß dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung
-machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen.
-Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wäre viel
-besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und
-andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde
-geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die
-längere Trennung nur verstärkt. Jetzt, wo die Schranken
-der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine und ihre
-Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[S. 217]</a></span>
-und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre
-schwere Natur, einmal entzündet, drängte zu jener Reife,
-die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was
-es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber
-so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung
-gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte
-ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und
-verband sich dafür mit weicher Hingebung und einer
-zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und voller
-kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen
-Blick temperamentlos und apathisch vorkommen,
-so zeugte jetzt auch ihre äußere Erscheinung gegen
-ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter,
-ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener;
-der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar
-senkte sich nicht mehr so oft und so müd-ergeben; durch
-ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen
-ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe
-und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch
-immer die große Stille, die ihr Wesen trug und umfloß,
-aber ein bräutlicher Schimmer verklärte sie. Und bräutlich
-fühlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glück
-ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich in der
-sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit,
-im süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes
-kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins
-ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare,
-seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie begann
-in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.</p>
-
-<p>Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit
-Marga vollzog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[S. 218]</a></span>
-
-Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht
-erfreut hätte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes
-in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas
-Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von Scheu und
-Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft
-ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten,
-und sein Empfinden für sie schien mit jedem Sieg, den
-er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen
-Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie
-er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch
-nicht für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas
-Liebe entfaltet war und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit
-der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak
-er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen über sich
-selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete,
-seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte
-sie ihm, nicht aufdringlich freilich und maßlos, aber doch
-blutwarm und lebendig aus Margas Zärtlichkeit entgegen.
-Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb
-bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich
-erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr
-ihre Küsse verdoppelt zurück, aber zwang er sich nicht dazu?
-War in seinem Ungestüm nicht die Furcht, hinter ihr
-zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis,
-daß seine Liebe der ihren nachstand?</p>
-
-<p>Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige,
-untätige Beisammensein war doch unvernünftig gewesen
-und hatte ihn durch Übersättigung überkritisch gemacht.
-Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Tätigkeit keine
-unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe
-mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[S. 219]</a></span>
-Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer,
-dessen er fähig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden
-Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich
-auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so völlig
-wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im
-Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice
-Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen
-Radfahrt auf der Landstraße hatte er danach
-kein Verlangen. Es war möglich, daß sie verreist war.
-Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte
-er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts
-Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus
-dem Wege zu gehen ...</p>
-
-<p>Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld
-mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen.
-Fast gleichzeitig erfuhr er zufällig aus dem Gespräch
-mit einem Kollegen, daß Fräulein Exzellenz von
-einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.</p>
-
-<p>Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein
-nicht groß, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert.
-Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen,
-und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der
-Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem
-Maße zu, als das Essen auf dem Stift sich näherte. Er
-sprach auch mit Marga darüber. Es war ihm ein Bedürfnis,
-so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen mußte, seine
-Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck
-zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht
-sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen
-Kreis, dem sie zugehörte. Sie war keine von jenen kleinen
-Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[S. 220]</a></span>
-Preis &#8222;gerecht&#8221; sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine
-Härte für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach
-Nieburg zu folgen.</p>
-
-<p>Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die
-Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen
-wollte, gar nichts anderes übrig, als anzunehmen.</p>
-
-<p>An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb
-er so lange auf der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte,
-sich umzukleiden. Er mußte einen Wagen nehmen, um
-überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu
-kommen.</p>
-
-<p>Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog,
-sah Perthes sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und
-beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bäumen
-hervorlugte. Am liebsten hätte er noch jetzt die Fahrt
-dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine Torheit.
-Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis
-zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch
-wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer
-Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand
-herumzulangweilen!</p>
-
-<p>Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur
-die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen.
-Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes
-hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwöhnt
-hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat
-in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen,
-seinen üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten
-lag er still in der sengenden Augustsonne. Still
-und wie erstarrt in weißer Hitze stand auch weiter zurück
-das lange, schloßartige Gebäude mit dem efeubewachsenen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[S. 221]</a></span>
-Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die
-zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach.
-Die Bäume des Parks gaben einen Hintergrund,
-der sich mit massigem Düster gegen das grelle Licht abhob.</p>
-
-<p>Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten
-Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen,
-kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze draußen
-atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei
-der Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und
-glänzenden Messingringen wohltuende Kühle entgegen.
-Der Diener, der ihn in Empfang genommen, führte ihn
-durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites,
-an den Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes
-Treppenhaus in den ersten Stock.</p>
-
-<p>Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick
-erstaunlich tot und drückend.</p>
-
-<p>Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten
-die Wände ringsum. Zwei Bänke mit ledergepolsterten
-Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener
-Decke, die einst einen Altar geziert haben
-mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte,
-hochrückige, steife Lehnstühle &mdash; lauter in den Holzteilen
-tiefdunkle Möbelstücke &mdash; waren mehr stilvoll als einladend.
-Durch eine Tür, deren schmale Portiere zurückgerafft war,
-sah man ins anstoßende Zimmer: es war &mdash; fast schien
-es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem
-Perthes stand &mdash; in helles Licht getaucht. Man sah einen
-ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte
-auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertümliche
-Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfaß, noch
-mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grünem,<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[S. 222]</a></span>
-geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit
-dieses Arbeitszimmers.</p>
-
-<p>So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen,
-als von dort ein leises Räuspern und teppichgedämpfte
-Schritte hörbar wurden. Gleich darauf wurde
-Hupfeld in der Tür sichtbar.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen
-machen,&#8221; ließ sich seine volle, getragene Stimme vernehmen.
-Er überschritt die Schwelle nicht, sondern lud
-den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten.
-Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand &mdash; eine
-Hand, so weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte,
-sie zwischen seinen muskulösen Fingern durch einen
-heftigen Druck auf ihre Knochen zu prüfen. Und doch war
-diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begründerin
-von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene
-Gestalt überragte noch die seines Assistenten. Auf den
-breiten Schultern saß ein verhältnismäßig kleiner Kopf,
-dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Züge
-und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schönheit
-eines bejahrten Heldenvaters gaben.</p>
-
-<p>Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze
-mit der auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte,
-forderte Perthes auf, es sich in einem roten
-Saffiansessel bequem zu machen, der gegenüber dem
-Schreibtisch, neben einem von Photographien und künstlerischen
-Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein
-bücherreiches Regal im Rücken hatte.</p>
-
-<p>Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. &#8222;Und
-wie fühlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[S. 223]</a></span>
-erlauben kann, sehr wohl,&#8221; erwiderte Perthes, in den
-Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.</p>
-
-<p>Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes
-diskreten Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste
-Stimmung gleich gut verhüllt. &#8222;Wie ich Ihnen schon
-sagte, haben Sie mir durch Ihren früheren Eintritt einen
-großen Dienst geleistet,&#8221; fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste
-Wort prononcierend, fort. Während er mit
-gemessener Wärme des erkrankten Professors Kronheim
-gedachte, beharrte er regungslos in der für sein Gesicht
-so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die
-dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß
-schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen
-Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor.
-Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen
-Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz
-an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen Ausdruck
-an die von Alice.</p>
-
-<p>Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld,
-die Themen des Gesprächs unvermittelt zu wechseln.
-Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick
-auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon,
-daß er selbst eigentlich hätte Botaniker werden sollen und
-wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und
-setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines
-Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln
-durch die Finger gleiten läßt. &#8222;Ich habe mir, wie Sie sich
-vielleicht schon überzeugten, die Vorliebe für die Pflanzenwelt
-gewahrt.&#8221; Er deutete mit einer Bewegung der
-molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens.
-&#8222;Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[S. 224]</a></span>
-Gewächshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen
-erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. &mdash; Wissen Sie
-denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem
-Boden weilen?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schüttelte verneinend den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist verbürgte Tatsache,&#8221; erklärte Hupfeld, indem
-er sich noch hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl
-zur Schau setzte und die berühmte Hand mit leichten Bewegungen
-seine Worte begleiten ließ, &#8222;daß in diesen Räumen
-Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der
-Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist
-trifft sich mit meinem bescheideneren in der Liebe für die
-Pflanzen und für die Kunst des Mittelalters. Das macht
-mir den Aufenthalt hier besonders lieb und bedeutungsvoll.
-Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast gewesen.
-Wenn der gute Wille genügte, etwas von der
-Universalität jener Zeiten und jener Geister sich zu eigen
-zu machen, und wenn man Zeit hätte &mdash;&#8221; Der Geheime
-Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, sondern ließ
-ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht,
-um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes
-Kompliment einzuflechten; vielleicht auch nur, um den
-versteckten Vergleich mit Goethe in dem Zuhörer &mdash; oder
-vielmehr in dem Zuschauer &mdash; äußerlich nachwirken zu
-lassen.</p>
-
-<p>Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für
-Schmeicheleien noch für klassische Vergleiche. Es bereitete
-ihm im Gegenteil ein heimliches Vergnügen, Exzellenz
-zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel Zeit gelassen
-hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen
-Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[S. 225]</a></span>
-einem Postament in der Ecke hinter dem Schreibtisch
-stand &mdash; also nach einer sehr respektvollen Pause &mdash;, hub
-er plötzlich an, von einem klinischen Fall zu sprechen.
-&#8222;Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß
-Read &mdash; es handelte sich um <span class="antiqua">Ileus strang</span>...&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja &mdash; ja! Natürlich!&#8221; fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen
-zerstreut auf. &#8222;Die Sache ist sehr interessant!
-Sehr interessant! Wir sprechen nachher noch davon.
-Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren Damen vorenthalten.&#8221;
-Er erhob sich etwas jäh. &#8222;Bitte!&#8221; Er deutete
-wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen
-Tür. Mit der Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er
-seinen Gast voranschreiten. Sie durchschritten zuerst die
-eigentliche Bibliothek, einen sehr stimmungsvollen Raum
-mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten Regalen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen
-Bücher von den fachwissenschaftlichen getrennt und
-hier untergebracht,&#8221; erläuterte der Geheime Rat im
-Vorbeigehen.</p>
-
-<p>Von da traten sie in das Speisezimmer.</p>
-
-<p>Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den &#8222;Saal&#8221; genau
-in Augenschein zu nehmen, würde er ihm seine Anerkennung
-nicht versagt haben. Die kolossalen Brabanter
-Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter Seide
-standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen
-Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen,
-Truhen und kostbaren Behängen zeugten von Geschmack.
-So aber mußte er sich vor allen Dingen in einer der
-tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen
-lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[S. 226]</a></span>
-
-&#8222;Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,&#8221; führte
-ihn Hupfeld wohlwollend ein.</p>
-
-<p>Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame
-von rosiger Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck
-von Daseinsfreudigkeit auf den wulstigen Lippen und in
-den schwimmenden Äugelchen, reckte ihre etwas schwerfällige
-Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte dreimal
-mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. &#8222;Es ist
-schwül. Glauben Sie, daß wir ein Unwetter bekommen
-werden? Ich frage heute jedermann, ob wir heute ein Gewitter
-bekommen werden. Ich bin nämlich sehr ängstlich.
-Sehr, sehr ängstlich!&#8221; Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht
-mit einem hohen, kindlichen Lachen. &#8222;Wie meinen Sie?&#8221;
-fragte sie dann dringend, die Hand an ihr schwerhöriges
-Ohr haltend.</p>
-
-<p>Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß,
-der in seiner Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie
-möglich. &#8222;Ich glaube nicht, daß wir ein Gewitter haben
-werden,&#8221; antwortete er höflich.</p>
-
-<p>&#8222;Hörst du, Moritz,&#8221; wandte sich Frau Hupfeld triumphierend
-an den hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen
-Leutnant, &#8222;Doktor Pätel &mdash; hieß er nicht so, Papa?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Perthes,&#8221; korrigierte der Geheime Rat mit
-einer Deutlichkeit, die zugleich zuvorkommend und entschuldigend
-klang.</p>
-
-<p>&#8222;Na ja &mdash; Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter,
-Moritz!&#8221;</p>
-
-<p>Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem,
-frischem Kindergesicht, zuckte die Achseln. &#8222;Willst
-du mich, bitte, vorstellen, Papa?&#8221; bat er den Geheimen
-Rat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[S. 227]</a></span>
-
-&#8222;Natürlich &mdash; ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn,
-Leutnant Moritz Hupfeld. Und hier &mdash;&#8221; Er winkte nach
-dem Fenster, wo ein junges Mädchen ohne Teilnahme
-für das, was vorging, hinausschaute. &#8222;Komm mal her,
-Hilla! &mdash; Die Tochter meines Bruders, des Obersten
-Hupfeld in Straßburg,&#8221; erläuterte Exzellenz.</p>
-
-<p>Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert,
-näherzutreten. Sie erwiderte, sich langsam umwendend,
-Perthes' Verbeugung mit einem halben Blick und ziemlich
-schnippischem Kopfnicken. &#8222;Weißt du, Onkel, ihr müßtet
-in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne
-oder so was 'reinsetzen,&#8221; schloß sie ihre viel wichtigeren
-Fensterstudien.</p>
-
-<p>&#8222;Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind?
-Eine Fontäne?&#8221; jammerte Frau Hupfeld erschrocken.
-&#8222;Das ewige Plätschern kann einen ja schwermütig machen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sei ohne Sorge,&#8221; legte sich Hupfeld ins Mittel,
-&#8222;ich liebe keine Wasserkünste!&#8221; Er bewahrte inmitten dieser
-reichlich albernen Unterhaltung die herablassende Würde
-seiner Größe.</p>
-
-<p>&#8222;Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große
-silberne Glaskugeln, Goldfische und Terrakottazwerge,
-die unter Pilzen sitzen,&#8221; hänselte der Leutnant, während
-er mit Perthes einen Blick gegenseitigen Wohlgefallens
-wechselte.</p>
-
-<p>&#8222;Pfui, Moritz!&#8221; wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte
-dabei, sich zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve
-mit schmachtendem Tadel ihrem Vetter zuzuwenden.
-&#8222;Sind Sie der Doktor, der so gut Tennis spielt?&#8221; wandte
-sie sich dann plötzlich mit der vorlauten Selbstverständlichkeit
-eines verzogenen Backfisches an Perthes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[S. 228]</a></span>
-
-&#8222;Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?&#8221; fragte
-Perthes trocken zurück, während er auf das schmale Persönchen
-kühl heruntersah.</p>
-
-<p>&#8222;Von Alice natürlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Alice!&#8221; nahm Hupfeld das Wort. &#8222;Wo steckt denn
-Alli? Wir werden uns ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen
-Sie, mein lieber Doktor! Meine Tochter lebt in
-einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,&#8221;
-ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner
-Frau artig den Arm bot.</p>
-
-<p>&#8222;Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?&#8221;
-meinte Frau Hupfeld ängstlich.</p>
-
-<p>&#8222;I wo, Mama!&#8221; lachte der Leutnant. &#8222;Das wäre das
-erstemal. So was verdirbt nicht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem
-Zimmer aus in den Park laufen,&#8221; bemerkte Cousine Hilla.
-Sie hängte sich dabei an den Arm ihres Vetters, der sie
-höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit Zivilisten
-ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu
-Tisch.</p>
-
-<p>Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin
-zugedacht war, mußte sich seinen Platz allein
-suchen.</p>
-
-<p>Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen
-fremden Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor,
-daß er froh war, sitzen und essen zu dürfen.</p>
-
-<p>Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag
-über altes Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen
-beabsichtigte. Es genügte, verständnisvoll zu lächeln,
-was übrigens nur Perthes tat. Frau Hupfeld teilte einstweilen
-ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem harmlos-fröhlichen<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[S. 229]</a></span>
-Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter,
-das zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in
-geheimnisvollem Ton sehr dringlich einschärfte. Hilla
-machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den Hof, ohne
-der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung
-zu schenken.</p>
-
-<p>Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten
-Gang serviert und einen Flüsterwein eingegossen, als die
-Tür zum Saal aufgerissen wurde und Alice hereinstürmte.</p>
-
-<p>&#8222;Denkt euch, Kinder &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Nerven! Meine Nerven!&#8221; klagte erschrocken die
-Geheime Rätin.</p>
-
-<p>&#8222;Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen
-Iltis gefangen! Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama,
-die Junge erwartet!&#8221;</p>
-
-<p>Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen
-Berichts sehr obenhin die Hand und setzte sich zwischen
-ihn und ihren Bruder.</p>
-
-<p>&#8222;Wie schrecklich!&#8221; ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven
-vergessend, neugierig vernehmen. &#8222;Was hat er gefangen?
-einen Tiflis?&#8221; Umfassende Bildung gehörte nicht zu Mama
-Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen
-&mdash; aus Hupfelds weniger berühmter Zeit &mdash;
-und ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.</p>
-
-<p>&#8222;Einen Iltis!&#8221; kicherte Alice. &#8222;Und zwar &mdash;&#8221; wollte
-sie mit überlauter Deutlichkeit fortfahren.</p>
-
-<p>&#8222;Mein Liebling,&#8221; unterbrach sie der Geheime Rat
-mit einer Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war,
-Iltis und Tiflis zu bedecken, &#8222;ich schätze die Natürlichkeit.
-Das weißt du. Aber sie darf nicht degoutant sein.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[S. 230]</a></span>
-
-&#8222;Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!&#8221; bekräftigte
-Leutnant Moritz die väterlichen Worte.</p>
-
-<p>&#8222;Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln
-eurer Prüderie gesetzt!&#8221; Alice sah mit verschmitztem Lachen
-von einem zum anderen.</p>
-
-<p>&#8222;Wohin hat sie sich gesetzt?&#8221; fragte mit unerschüttertem
-Wissensdrang Frau Hupfeld.</p>
-
-<p>&#8222;Mich mußt du ausnehmen, Alli,&#8221; erklärte voll schwärmender
-Bewunderung Cousine Hilla. &#8222;Ich finde deine
-Natürlichkeit furchtbar schick! Ich wollte, ich wäre auch
-so vorurteilslos.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das fehlte noch!&#8221; brummte der Leutnant.</p>
-
-<p>&#8222;Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!&#8221;
-wandte sich Alice mit einer Verbeugung an ihren Nachbar.
-&#8222;Dann kann über mich richtig abgestimmt werden!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser
-Aufforderung, begegnete dem spitzbübischen Zwinkern
-ihrer Augen mit einem ruhigen Blick. &#8222;Wenn Sie darauf
-Wert legen, gnädiges Fräulein &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und ob!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders.
-Sie wird da nur leicht Manier. Und hebt sich so wieder
-selbst auf.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sehr gut!&#8221; nickte zustimmend der Geheime Rat.
-&#8222;Sehr gut, lieber Perthes!&#8221; wiederholte er noch einmal,
-nachdem er mit vorgeschobenen Kennerlippen an seinem
-Weinglase genippt hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr &mdash; wie, Allichen?&#8221;
-schmunzelte der Leutnant vergnügt.</p>
-
-<p>&#8222;Mir ist das zu hoch!&#8221; meinte mit patziger Geringschätzung
-Cousine Hilla.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[S. 231]</a></span>
-
-Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel,
-wenn sie berechnen wollte, wie sie den Ball am besten
-zurückschlüge. Es lag in dem halboffenen Blick etwas
-Lauerndes, das die Freude an gefangenem Raubzeug,
-wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick
-lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen,
-das Perthes kannte.</p>
-
-<p>Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu
-reichen. Den Schleien folgten römische Poularden. Alice
-hatte den Kopf mit dem rötlichen Haargewirr über die
-Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in dem eng
-anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht,
-als gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut
-des Halses und der Arme absprühen zu lassen. Dann bog
-sie sich blitzschnell ganz nahe an Perthes heran. &#8222;Es ist
-doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz ehrsamer
-Philister sitzt, nicht?&#8221; tuschelte sie ihm mit boshafter
-Hast zu.</p>
-
-<p>Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte
-sie sich von ihm weggewandt und drehte ihm halb den
-Rücken. Sie sprach mit Hilla und ihrem Bruder. Während
-des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als Luft. Ein
-Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst
-kalt ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht
-erhöhte. Er wünschte sich über alle Berge. Oder doch
-zum mindesten einen halben Kilometer talwärts in die
-Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die ihn umgab,
-bedrückte ihn: dieser &#8222;große Mann&#8221; mit seiner preziösen
-Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät;
-diese vielleicht gutmütige und natürliche, aber immer
-nur mit sich selbst beschäftigte, rosig-dicke Frau Exzellenz;<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[S. 232]</a></span>
-Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch die doppelte
-Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte,
-und Alice &mdash; wie ihm das alles zuwider war! Samt
-dem altertümlichen, schwerfälligen, überstilvollen Luxus!
-Samt dem tadellosen Diner auf Wedgwoodporzellan
-und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien
-mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von
-Reichtum und Geist und Geschmack; aber er hätte gern
-einmal laut fluchen oder eins der hohen Fenster aufreißen
-und einen Strom noch so heißer Sommerluft
-hereinströmen lassen mögen &mdash; um sich selber wiederzuerkennen
-und freizumachen!</p>
-
-<p>Man näherte sich dem Dessert.</p>
-
-<p>Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in
-die Unterhaltung. Er erzählte von Ballonfahrten, die er
-von Freiburg aus, wo er in Garnison stand, unternommen.
-Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie
-kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten
-und um ein Haar im Rhein gelandet wären.</p>
-
-<p>&#8222;Wo war das, Moritz?&#8221; fragte Frau Hupfeld, die die
-Hand am Ohr mit allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen
-Schilderung zu folgen versuchte.</p>
-
-<p>&#8222;In Kehl, Mama,&#8221; lautete der bereitwillige Bescheid.</p>
-
-<p>&#8222;In Kiel?&#8221; wiederholte die alte Dame mit Staunen.
-&#8222;Ich wußte gar nicht, daß Kiel so nahe bei Straßburg
-liegt. Ich dachte immer &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds
-durch keine Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar
-und laut hervor, daß der Geheime Rat sie nicht
-durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. Seine<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[S. 233]</a></span>
-kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen
-an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein
-Bonmot zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte
-sich eben jetzt der Diener in steifer Positur hinter ihrem
-Stuhl auf, offenbar um ihr eine unaufschiebbare Meldung
-zu machen.</p>
-
-<p>&#8222;Was gibt's, Karl?&#8221; fragte sie besorgt, als der Beifall,
-den sie unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!&#8221;
-meldete der Diener mit der Feierlichkeit eines spanischen
-Granden.</p>
-
-<p>&#8222;Allmächtiger!&#8221; entfuhr es dem Leutnant in komischer
-Verzweiflung.</p>
-
-<p>Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst
-von ihrem Sitz in die Höhe. &#8222;Oh &mdash; was Sie sagen,
-Karl!&#8221; stammelte sie. Sie sah wirklich bemitleidenswert
-aus.</p>
-
-<p>Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von
-neuem herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse.
-Perthes fixierte standhaft den zierlichen Rand seines
-Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast des Hauses seinen
-Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, diese
-im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene
-Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat blieb ernst. &#8222;Es wird ja so schlimm
-nicht sein!&#8221; redete er begütigend seiner Frau zu.</p>
-
-<p>Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom
-ersten Entsetzen erholt, kein Halten. &#8222;Herr Doktor Pätel
-&mdash; Sie müssen mich entschuldigen &mdash; ich kann nun mal
-nichts dafür!&#8221; erklärte sie mit hastiger Verlegenheit.
-&#8222;Nein &mdash; und ich wollte noch von der wundervollen<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[S. 234]</a></span>
-Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl!
-Und Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß
-mir die Laden schließen. Johann auch!&#8221;</p>
-
-<p>Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher
-Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen,
-um in ihrem Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren
-Dienstboten die nötigen verdunkelnden Vorbereitungen
-zu treffen.</p>
-
-<p>Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.</p>
-
-<p>Exzellenz &mdash; seine Verstimmung in eine gesteigerte,
-über die Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend
-&mdash; hielt es für angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über
-Gebühr zu verlängern.</p>
-
-<p>Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen
-der Befreiung vom Tischzwang. Die Herren begaben
-sich in die Bibliothek. Während der Leutnant den mit
-Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und Perthes
-mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt
-machte, zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen
-Mittagsruhe zurück.</p>
-
-<p>Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.</p>
-
-<p>&#8222;Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst
-du mit, Säbelmännchen?&#8221; Alice richtete ihre Aufforderung
-absichtlich nur an ihren Bruder, als existierte Perthes
-gar nicht.</p>
-
-<p>&#8222;Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,&#8221; erwiderte
-der Leutnant, den Zug seiner Zigarre prüfend.</p>
-
-<p>&#8222;Bah &mdash; es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach
-der famosen &#8218;Abfuhr&#8219; an Alli überhaupt noch dazu einladen!&#8221;
-erklärte Fräulein Hilla mit schnippischer Promptheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[S. 235]</a></span>
-
-&#8222;Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten,
-Hillchen!&#8221; gab Leutnant Moritz ritterlich zurück.</p>
-
-<p>Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem
-ihr eigenen Blick vom Fuß zum Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen.
-Unser Tierpark im Bakteriologischen Institut war so
-reichhaltig, und ich bin so froh, ihn los zu sein, daß
-ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.&#8221;
-Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit,
-ohne Alices Blick zu vermeiden. Dabei
-mußte er allerdings die zartgewickelte Zigarre beinahe
-zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn
-Alices Benehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Stolz lieb' ich den Spanier!&#8221; bemerkte sie leichthin;
-aber ihre Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch,
-und ihre Absätze klappten stärker auf den Boden, als nötig
-war. Seine Sprödigkeit machte sie kampflüstern. Sie
-wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich darauf
-ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog
-sie energisch aus der Tür.</p>
-
-<p>&#8222;Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?&#8221;
-fragte die Cousine laut genug, daß man es noch in der
-Bibliothek hören konnte.</p>
-
-<p>&#8222;Schweig! Das verstehst du nicht!&#8221; herrschte Alice
-sie an.</p>
-
-<p>Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.</p>
-
-<p>&#8222;Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!&#8221; Alice wollte
-hinzusetzen: Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber
-sie behielt diesen Nachsatz für sich und pfiff dafür auf dem
-Weg zum Park leise vor sich hin &mdash; so bedeutungsvoll,
-wie nur junge Damen pfeifen können ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[S. 236]</a></span>
-
-Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant
-Hupfeld auf eigene Faust ins Freie.</p>
-
-<p>Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der
-aufgeweckte junge Offizier, der nach den besten Eigenschaften
-seiner Mutter geraten zu sein schien, traf sich mit
-Perthes im Interesse für den Luftsport. Der Leutnant
-hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen,
-von denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher
-erzählte er von Freiburg und von winterlichen Skitouren
-im Schwarzwald. &mdash;</p>
-
-<p>Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte,
-sei es, daß Cousine Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz
-bekam &mdash; die jungen Damen kehrten auffallend schnell
-von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.</p>
-
-<p>Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige
-Eiche.</p>
-
-<p>Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und
-einer Batterie von Likören aus dem Hause.</p>
-
-<p>Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao
-eingießen lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene
-einer frommen Helene. &#8222;Wollen wir uns wieder vertragen,
-Doktor?&#8221; Sie hielt ihm den kleinen Finger hin,
-um mit ihm anzustoßen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bin mir nicht bewußt, daß &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten!
-Wollen Sie &mdash; oder wollen Sie nicht?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger,
-und sie tranken sich zu.</p>
-
-<p>Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte
-und entführte, setzte sich Alice neben Perthes auf die
-Bank unter der Eiche. Sie stemmte sich mit den Händen<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[S. 237]</a></span>
-rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße mit den
-hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen
-durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.</p>
-
-<p>&#8222;Warum sagten Sie das mit der &#8218;manierierten Natürlichkeit&#8219;,
-Doktor Perthes?&#8221; fragte sie nach einiger Zeit
-in nachdenklichem Ton, in die Betrachtung ihrer Schuhspitzen
-scheinbar versunken.</p>
-
-<p>&#8222;Weil es meine Meinung war und Sie mich darum
-fragten,&#8221; entgegnete er.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!&#8221;
-fuhr sie in derselben Weise fort.</p>
-
-<p>&#8222;Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!&#8221; Er
-lehnte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und blies
-den Rauch seiner Zigarre in nervösen Zügen über sich.
-Er vermied es, sie anzusehen.</p>
-
-<p>&#8222;Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?&#8221;
-Sie streifte ihn mit einem halben Blick. Der
-gutsitzende, elegante Gesellschaftsanzug stand in anziehendem
-Gegensatz zu der naturhaft gebräunten Farbe seines
-Gesichts und seiner Hände.</p>
-
-<p>&#8222;Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,&#8221;
-meinte er. &#8222;Aber Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich
-mit Ihnen ein bißchen kabble. Ich kabble mich immer
-mit Menschen, die mir gefallen!&#8221; Sie sah ihn jetzt mit dem
-Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten keck unter der
-weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar,
-während die Zungenspitze über die Lippen spielte.</p>
-
-<p>Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich.
-&#8222;Davon halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich.
-Ich bin nicht sonderlich geschickt dazu und gerate<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[S. 238]</a></span>
-leicht vom Hänseln ins Hauen!&#8221; Seine Hand, die er mit
-dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete
-sich instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab
-diese Bewegung seine geteilte Empfindung für Alice
-wieder, die sich durch dies Tete-a-tete steigerte: er hätte
-sie gleichzeitig leidenschaftlich an sich reißen und von sich
-stoßen mögen.</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!&#8221; lachte sie
-belustigt. &#8222;Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament,
-Doktor!&#8221; setzte sie mit herausforderndem Spott
-hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre &#8222;kabbelnde&#8221;
-Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte
-ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau
-trug, den Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit
-in Widerstreit zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung.
-Dafür war sie viel zu sehr ein Geschöpf der Laune. Es
-war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, herauszubekommen,
-ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem
-Temperament kein Feuer geben könnte.</p>
-
-<p>Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der
-Tafel aufgeschreckt hatte, war recht zögernd aufgezogen.
-Erst jetzt holten seine Wolken die Sonne ein. Ein greller,
-silberner Rand schied das Blau und das Grau des Himmels.
-Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des
-Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden
-beinahe finster. Der Donner murrte dumpf und nah.</p>
-
-<p>&#8222;Das scheint ja doch noch ernst zu werden,&#8221; lenkte
-Perthes das Gespräch ab.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle.<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[S. 239]</a></span>
-Papa würde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht
-dort gewesen wären!&#8221; Alice war aufgestanden. Sie
-schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und dehnte
-sich. &#8222;Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit
-mir allein zu langweilig ist, können wir noch Moritz und
-Hilla rufen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ihre Gesellschaft genügt mir.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.&#8221;
-Sie neigte übertrieben-höflich den Kopf und ging
-dann voraus.</p>
-
-<p>Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem
-Umweg quer durch den Park. Sie lief, und er blieb trotz
-seiner großen Schritte immer hinter ihr.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben Bergtouren gemacht?&#8221; begann er von sich
-aus die Unterhaltung wieder.</p>
-
-<p>&#8222;Ach &mdash; es war recht mäßig dieses Jahr!&#8221; gab sie
-gleichgültig zurück. &#8222;Das Wetter war zu unbeständig.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit wem waren Sie denn zusammen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit mir und mit dem Führer!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nur mit dem Führer?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warum denn nicht?&#8221; Sie drehte sich flüchtig nach ihm
-zurück. &#8222;Ich finde das viel aparter und origineller, als
-wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont
-und bemuttert!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören,
-aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen
-ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch ständiges
-Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen
-in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die
-Arme und Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank;
-aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich,<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[S. 240]</a></span>
-gab dem Körper eine reizvolle Harmonie, die nichts
-Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen schien
-sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei
-war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von
-jener kecken Freiheit, die zu dem spöttelnden Leichtsinn
-ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und dasselbe
-sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen,
-in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das
-seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch,
-ohne daß er es sich gestand, ihn nicht losließ.</p>
-
-<p>Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie
-über die Schulter warf, die Sehenswürdigkeiten des
-Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten
-Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale
-gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift
-versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime
-Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an
-Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brüchiges, efeuüberwuchertes
-Gemäuer, verfallene Stufen, die in die
-Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein
-halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz,
-allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, für den Rest
-eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklärt hatte.
-Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen
-bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei
-ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb
-auf das hohe Blätterdach der Bäume und fuhr mit
-scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen
-brach los.</p>
-
-<p>&#8222;Wer zuerst an der Kapelle ist!&#8221; rief Alice mit ausgelassenem
-Gelächter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[S. 241]</a></span>
-
-Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne
-den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.</p>
-
-<p>Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch
-den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach.
-Kurz vor der niederen Bogentür der Kapelle, die fast
-märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen auftauchte,
-überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein
-und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn.
-Die alte morsche Tür hielt der doppelten Last nicht stand,
-sondern knarrte aus dem Schloß. Eins am andern Halt
-suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den
-dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich
-verdutzt und lachend an.</p>
-
-<p>Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen
-gedeckt, so daß es beinahe finster in der Kapelle
-war. Sie war möglichst als Gotteshaus erhalten. Ein
-Hochaltar aus der Kölner Schule &mdash; die süßliche Madonna
-in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden
-Stifter &mdash;, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor,
-traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel
-der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhänge auseinander.
-Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorstühle
-an den Wänden, Bilder der Stationen Christi,
-die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen
-Empore. Das halbe Gewitterlicht von draußen
-gab eine fahle, wunderliche Stimmung.</p>
-
-<p>Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen
-und glasüberbaute Tische, die an Stelle der Bänke das
-Kapellenschiff füllten, enthielten die Sammlung des
-Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus
-dem späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[S. 242]</a></span>
-Antike, Handschriften aus dem vierzehnten und fünfzehnten
-Jahrhundert.</p>
-
-<p>Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären &mdash;
-Perthes hätte jetzt kaum zu einer näheren Besichtigung
-Lust gehabt. Er lehnte schweigend an einem der Pfeiler
-und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen Kirche
-und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen
-prasselte an die Scheiben, und der Sturm brauste draußen
-in den mächtigen Bäumen.</p>
-
-<p>Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. &#8222;Als
-Säulenheiliger sehen Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!&#8221;
-klang es von der Höhe der Orgelempore hallend zu ihm
-herunter. &#8222;Kommen Sie lieber zu mir herauf und helfen
-Sie mir!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege,
-die sie emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte
-bedenklich unter seinen Tritten.</p>
-
-<p>Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete
-an einer hohen Leiter.</p>
-
-<p>&#8222;Wobei soll ich Ihnen helfen?&#8221; fragte er mit leisem
-Argwohn.</p>
-
-<p>Sie deutete über sich.</p>
-
-<p>Man sah über die Dachsparren durch in den engen
-Turm, in dem zu oberst ein oder zwei Balken querliefen,
-die wohl früher eine Glocke getragen hatten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber das ist ja Unsinn!&#8221; entfuhr es Perthes. &#8222;Da
-kommen wir nicht hinauf. Oben an der Leiter fehlen
-Sprossen, und weiter hinauf sehe ich überhaupt keine
-Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[S. 243]</a></span>
-Ding hier!&#8221; Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht
-einladende Leiter.</p>
-
-<p>&#8222;Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was
-nicht zu haben sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie!
-Wenn ich mir den Hals breche, sind Sie schuld, der Sie
-mir nicht behilflich sein wollen!&#8221; Sie stieg entschlossen
-auf die erste Sprosse. &#8222;Ich brauche Sie gar nicht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das erlaub' ich nicht!&#8221; Perthes faßte zornig und
-besorgt ihre Hand.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff!
-Erlauben! Was haben Sie zu erlauben!?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.&#8221; Zum
-erstenmal brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.</p>
-
-<p>&#8222;Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein
-bißchen Leben besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock,
-Doktor &mdash; der &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte
-sie knirschend beiseite.</p>
-
-<p>&#8222;Sie Barbar!&#8221;</p>
-
-<p>Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem
-Lachen hinter ihm drein. Sie hatte seinen Mut
-und seine Entschlossenheit in Frage gezogen, und er war
-unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu lassen.
-Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch
-und höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne
-ein Wort befehlend Hand und Arm zu, um ihr zu helfen,
-und sie zog sich geschickt an ihm empor.</p>
-
-<p>Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt
-hatte.</p>
-
-<p>Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk
-geschlagen, die zur Not als Stufen dienen konnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[S. 244]</a></span>
-
-Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices
-Wagemut vorstellig zu werden. Er wußte, daß er sie damit
-nur um so trotziger machen würde. Ganz nur mit dem
-gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er jede Bedenklichkeit:
-er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb
-zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter
-Körper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.</p>
-
-<p>Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen
-das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie,
-gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite
-veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fußspitzen erhob,
-streifte er mit den Händen an das Glockengerüst. Er suchte
-es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug,
-um zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer.
-Die Balken, einer etwas höher als der andere, aber in
-gleicher Richtung, bildeten eine notdürftige Bank.</p>
-
-<p>Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm
-hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie
-mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich &mdash;
-fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in
-Teufels Namen seinen Willen haben muß.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen
-ganz guten Bergführer abgeben!&#8221; stieß sie aufatmend
-hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,&#8221;
-spottete er ingrimmig. &#8222;Fassen Sie die Planke da gefälligst
-fester,&#8221; kommandierte er, &#8222;sonst segeln wir in die
-Tiefe.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind ja ein netter Tyrann!&#8221; Alice sah ihn mit
-einer Mischung von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung
-an. Sie saßen eng aneinandergedrängt; die<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[S. 245]</a></span>
-Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rücken legen
-müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung
-des Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe.
-Er spürte die losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf
-seiner Wange.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich
-die Aussicht ansehen?&#8221; meinte er erregt.</p>
-
-<p>Es war in der Tat schön da oben.</p>
-
-<p>Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes
-übersah man flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen
-schwer und schwarz über den Tannenkuppen. Blitz auf
-Blitz zuckte daraus hervor und riß die verdunkelte Landschaft
-in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte
-ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln,
-auf die man heruntersah, und der Regen fuhr
-in langen, glitzrigen Strichen nieder.</p>
-
-<p>Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan,
-Perthes ruhiger zu machen. Während er mit vom
-Staube brennenden Augen hinausstarrte, fühlte er, wie
-die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine
-Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte.
-Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches,
-scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich
-und ihr aufwarf und verteidigte.</p>
-
-<p>&#8222;War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?&#8221;
-fragte sie nach einer Weile vorwurfsvoll.
-&#8222;Tun Sie nicht Abbitte, Doktor Perthes?&#8221; Sie beugte
-ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus gerichtete,
-finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare
-schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken,
-und die flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[S. 246]</a></span>
-
-&#8222;Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!&#8221; knirschte
-er. Mit der äußersten Anspannung seines Willens wich er
-ihrem Blick aus. Er wußte, daß er sie an sich reißen und
-küssen mußte, wenn sich seine Augen mit den ihrigen
-trafen &mdash; küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei beide in
-Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends
-gleichgültig ...</p>
-
-<p>&#8222;Ah &mdash; ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!&#8221;
-Ärgerlich glaubte Alice das Ziel seines starren
-Blicks entdeckt zu haben.</p>
-
-<p>Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der
-Krümmung des Flusses, zwischen windgepeitschten Baumkronen,
-noch gar nicht beachtet. Jetzt erkannte er es. Der
-Bann war gebrochen.</p>
-
-<p>Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend,
-bitter auf ihn ein und kühlte sein Blut ab.</p>
-
-<p>&#8222;Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange
-genug dauern. Halten Sie sich eine Sekunde fest. Mit
-beiden Händen. Hier und hier.&#8221; Er bedeutete ihr die
-beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ
-er sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr
-folgen.</p>
-
-<p>Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.</p>
-
-<p>Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß,
-war eine gähnende Luke. Sie konnte auf den Dachboden
-führen. Vielleicht bot sich dort ein minder halsbrecherischer
-Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören, leitete er sie
-von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er voraus
-und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken
-kam er zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie
-tappten Hand in Hand, vorsichtig und stumm durch den<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[S. 247]</a></span>
-dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus aufscheuchten
-und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der
-Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe
-führte vollends in die Tiefe. Der Abstieg war ein
-Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen Aufstieg. In einer
-engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei
-zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war,
-gelangten sie auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür
-kam man von dort hinter den Hochaltar und zurück in die
-Kapelle.</p>
-
-<p>&#8222;Der Weg wäre einfacher gewesen!&#8221; bemerkte Perthes,
-nicht ohne Vorwurf.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm
-steigen kann,&#8221; gab Alice frostig und einsilbig zurück.</p>
-
-<p>Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die
-Uhr. Es war spät geworden. Beinahe sieben. &#8222;Höchste
-Zeit, daß ich mich verabschiede!&#8221; murmelte er heftig.</p>
-
-<p>Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus.
-Der Regen hatte aufgehört. Es tropfte nur noch schwer
-und laut von den glänzenden Zweigen.</p>
-
-<p>Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. &#8222;Vielleicht
-wünschen Sie sich etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!&#8221;
-Sie musterte sein verstaubtes Äußere vom Fuß zum Kopf
-mit einem halben Lächeln, das er mit einem Blick auf ihr
-ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte.
-Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich
-mich von Ihren Eltern verabschieden kann,&#8221; rief ihr
-Perthes nach.</p>
-
-<p>&#8222;Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in
-die Stadt gerufen. Ihre Exzellenz, die gnädige Frau,<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[S. 248]</a></span>
-sind zu Bett gegangen,&#8221; meldete der hinzukommende
-Diener.</p>
-
-<p>Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben.
-&#8222;Na, denn adieu!&#8221; Sie nickte ihm zu und streckte die
-Hand lässig über das Geländer.</p>
-
-<p>Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. &#8222;Sie
-haben wohl die Güte, mich den Herrschaften dankend zu
-empfehlen. Auch Ihrem Herrn Bruder und Ihrer Fräulein
-Cousine.&#8221;</p>
-
-<p>Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...</p>
-
-<p>Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den
-Anzug reinigen.</p>
-
-<p>Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er
-atmete auf und ging mit schnellen Schritten durch den
-Garten dem Tor zu. Als es zufiel und Stift Nieburg
-hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit vergangen,
-seit er dort eingetreten war. Und doch waren
-nur wenige Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle
-aus der Droschke gestiegen. Wie um einen gefährlichen
-Spuk, der kein Anrecht auf Wirklichkeit hatte, schleunig
-loszuwerden, lief er zur Landstraße hinunter. Flußaufwärts
-über den Bergen verzog sich das Gewitter mit aschgrauen
-und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der
-Ebene zu, blaute der Himmel wieder, und die Sonne zerriß
-das dünne, schleierhafte Gewölk. Ihre Strahlen
-drangen mutig vor und erreichten die Straße. Bis hinauf
-zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und
-blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die
-Rinnsale in den Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch
-eben trostlos braun und schmutzig, sprühten blendend
-auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[S. 249]</a></span>
-der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte
-sich vom jenseitigen Ufer über das Tal und berührte mit
-seinem Scheitel diesseits den Bergwald.</p>
-
-<p>Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes
-haltgemacht. Er sah nicht zurück; aber er sah auch nichts
-von dem milden Zauber des aufgeklärten Sommerabends
-vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs nach der
-Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort &mdash; das
-wußte er. Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg
-wollte er &mdash; so hatte er versprochen &mdash; sich und
-sie entschädigen und wieder einmal über das Abendbrot
-bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun
-können.</p>
-
-<p>Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort
-zu halten.</p>
-
-<p>Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben
-Wegscheide den Wagen lieber zur Mühle als zum Stift
-fahren heißen. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstraße
-abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches
-Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem
-vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen
-und preßte die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich
-geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts
-vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und
-kein Wort, noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen.
-Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefühl von
-Unrecht, ja von Schuld auf ihm.</p>
-
-<p>Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens,
-schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in
-Arm traten zwei Mädchengestalten auf die Landstraße.
-Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[S. 250]</a></span>
-Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die
-Hand vor die Augen und spähte die Straße entlang.</p>
-
-<p>Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um
-hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein.
-Im nächsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewußt
-wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch
-seine Gemütsverfassung erschreckend klar.</p>
-
-<p>Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden,
-war das andere! War das, was er für Marga nicht empfand
-und nie empfinden würde! Die Leidenschaft, die
-zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft
-auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken,
-zurück nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm
-&mdash; Alices spitzbübisches Gesicht mit der kecken Stupsnase,
-den graugrünen, boshaft flackernden Augen, dem
-lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke
-von rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter;
-ihre biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und
-hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten,
-sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den
-ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft
-nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück
-nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten &mdash;
-war über sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!?
-Und sie rächte sich ja schon! Sie wollte nicht übersprungen
-sein. Gewiß &mdash; seine Ansicht hatte dem Willen diesen
-Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschätzte,
-erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame
-des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben,
-war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer
-hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Stoß<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[S. 251]</a></span>
-ans feste Land geworfen &mdash; und nun kam die Woge, die
-er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn
-wegspülen. Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der
-großen Stille, sondern dem Sturm &mdash;</p>
-
-<p>Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben,
-hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach
-der Stadt und nicht nach der Mühle eingeschlagen.</p>
-
-<p>Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ
-er sich schon fortspülen?</p>
-
-<p>Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank
-in der Uferböschung. Linkshin sah man nach
-dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden
-Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen unmittelbar
-aus dem Fluß aufzusteigen schien.</p>
-
-<p>Dort setzte er sich.</p>
-
-<p>Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von
-bewimpelten, schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte
-und rasselte den Fluß herunter, an ihm vorbei. Hinter
-ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter vorüber;
-ein Automobil fauchte und tutete &mdash; dann klirrte ein Fahrrad
-&mdash; er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze
-Besinnung und seine volle Stärke, um sich festzustemmen
-und der Woge zu wehren, die ihn vom Land reißen wollte.
-Sie trug menschliche Züge. Darum war es so schwer, sie
-wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen, verführerischen
-Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im
-Auge zu behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose,
-in der Dämmerung verblassende Marga! Ein wildes,
-unstetes Ringen war es, und als er sich durchgekämpft
-zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl.
-Ein bitteres &#8222;Muß&#8221; stand mit krausen, harten Falten auf<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[S. 252]</a></span>
-seiner Stirn, lag drückend auf seinem Rücken und schien
-ihm die Glieder zerbrochen zu haben.</p>
-
-<p>Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück,
-den er gekommen war. Flußaufwärts nach der Sägemühle.
-Er wiederholte sich standhaft ein und denselben
-Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe
-nicht stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun
-...</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.</p>
-
-<p>Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten.
-Sie saßen in der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus
-der Stadt, von wo sie um sechs Uhr zurückgekommen war:
-sie hatte einige Besorgungen gemacht und nach dem Haus
-am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die
-Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt
-zurückgekehrt werden.</p>
-
-<p>Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach,
-verkündete doch noch die Ankunft von Perthes.</p>
-
-<p>Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen.
-Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. &#8222;Wußt' ich's
-doch, daß du Wort halten würdest, wenn's irgend ginge!&#8221;
-rief sie heiter.</p>
-
-<p>&#8222;Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?&#8221;
-erwiderte Perthes mit der Reizbarkeit eines schlechten
-Gewissens. Er schob Margas Arme, die sich mit zärtlicher
-Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, beiseite.</p>
-
-<p>Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe
-strahlenden Augen. &#8222;Verzeih!&#8221; stammelte sie verwirrt
-und ließ die Arme sinken. &#8222;Bist du verstimmt von deinem
-Besuch?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[S. 253]</a></span>
-
-&#8222;War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich!
-Wir sind schrecklich neugierig,&#8221; bat Elli, unbekümmert
-um seine zweifelhafte Laune. &#8222;Der Grandseigneur, wie
-ihn Papa immer nennt, soll ja sehr exzellent sein. Er sieht
-auch so aus. Und Alice Hupfeld &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ob ich noch etwas zu essen bekomme?&#8221; Perthes ließ
-sich auf einen Stuhl fallen. &#8222;Verstimmt oder nicht, ich
-bin hungrig!&#8221; Er wunderte sich selbst über seinen rauhen,
-unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit
-verbarg. &#8222;Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für
-mich!&#8221; setzte er artiger hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum
-bitten!&#8221; Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger.
-&#8222;Sonst hätten Sie lange warten können. Sie scheinen
-ja hübsch geladen zu sein!&#8221; Bereitwillig ging sie in die
-Wirtsstube.</p>
-
-<p>Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt.
-Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen.
-Sie nahm ihm seine Barschheit nicht übel. Aber mit der
-feinen Witterung, mit der die Natur sie für ihre Blindheit
-entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter
-seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte
-sie noch einmal seine Hand zu erreichen.</p>
-
-<p>&#8222;Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!&#8221; drängte sie
-sanft. &#8222;War's denn gar nicht ein bißchen nett auf dem
-Stift?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt,
-ehe ich herkam. Darum wurde es so spät.&#8221; Er hatte ihr
-seine Hand einen Moment überlassen. Sie streichelte sie
-begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es
-sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen.<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[S. 254]</a></span>
-Er ärgerte sich auch, daß er log. Warum das? Das war
-abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein
-Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu
-sprechen.</p>
-
-<p>Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie
-um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie
-schlüpfte gleichsam in sich hinein und grübelte beklommen.</p>
-
-<p>Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen
-war. Eine Studentengesellschaft, die gegen
-Abend eingefallen war, hatte unter den Vorräten tüchtig
-aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was
-sie hatte.</p>
-
-<p>Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war
-nur Täuschung gewesen.</p>
-
-<p>Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune
-wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das
-Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm
-vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob
-er den Teller beiseite.</p>
-
-<p>Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und
-lief trällernd in den Garten.</p>
-
-<p>Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. &#8222;Ich
-möchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hör'
-mich mal geduldig an!&#8221;</p>
-
-<p>Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet
-sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewußt.
-Aber schon daß Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger,
-freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.</p>
-
-<p>Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst
-seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis
-zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[S. 255]</a></span>
-unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte
-ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf
-der Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte
-das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater
-Richthoff zurückkäme! Wie sollte sich da das Versteckspiel
-weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich für sie beide
-vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste,
-sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung.
-Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch
-jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur
-natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf
-das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfüllte,
-war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.</p>
-
-<p>Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er
-sagte, kam ihr überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer
-Liebe sich mehr und mehr erschweren würde, darüber hatte
-sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lösung freilich,
-die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut.
-Und doch &mdash; es war nicht der unerwartete Vorschlag,
-der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine
-Gründe, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte.
-Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie hätte
-nicht auf den Begriff bringen können, was sie befremdete.
-Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war &mdash;
-deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei
-seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien
-gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln
-kühler Überlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner,
-den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit
-vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese Gegnerschaft
-auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[S. 256]</a></span>
-
-Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern
-auf dem Tisch, als könnte er Margas Antwort nicht abwarten.
-Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln,
-als er beinahe ungehalten aufsprang.</p>
-
-<p>&#8222;Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht?
-Oder bist du anderer Ansicht?&#8221;</p>
-
-<p>Marga schüttelte leise den Kopf. &#8222;Es kommt mir nur
-unerwartet. Ich muß mich erst in das Neue hineindenken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser
-Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!&#8221; Er
-ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie
-konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er biß
-sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere
-über die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes
-Haar. Sie hörte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner
-Stimme, aus der fahrigen Härte seiner Tritte.</p>
-
-<p>&#8222;Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein
-bißchen Zeit. Wir können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach
-dem Gegenteil!&#8221; stieß er vorwurfsvoll hervor.</p>
-
-<p>Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie
-suchten nach ihm, bittend, besänftigend. &#8222;So was darfst
-du nicht sagen, du! Das hört sich ja an, als hätte ich dich
-nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankäme
-&mdash; das weißt du &mdash; dann &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa
-daran, daß ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe,
-daß wir unser Heim gründen können? Sehr großartig
-wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle
-an einer kleineren, auswärtigen Klinik vielleicht.<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[S. 257]</a></span>
-Später eine außerordentliche Professur und so weiter.
-Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre
-öffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich,
-als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer
-für dich. Oder meinst du, daß dein Vater &mdash;&#8221; Er sah zu
-Marga hinüber und hielt inne.</p>
-
-<p>Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses
-herrische, gereizte Drängen, dieser Stolz, der nur von sich
-sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie
-mußte unwillkürlich seiner ersten Werbung gedenken,
-die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung.
-Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.</p>
-
-<p>Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und
-legte die Hand auf ihre Schulter. &#8222;Lieber Gott, Kind,
-ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch
-heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht
-zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig sein!
-Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun
-einmal Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen
-real angefaßt sein! Das ist alles!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch
-jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte,
-sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte
-Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig, zu ernst, zu
-weich &mdash; vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie
-solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre
-Tapferkeit aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen.
-Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen
-hätte! Gewiß hätte sie das rechte Wort gefunden!
-Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre
-Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[S. 258]</a></span>
-war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten
-Mädchentagen.</p>
-
-<p>Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen
-als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. &#8222;Ich
-bin müde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!&#8221;
-Er nahm seinen Hut. &#8222;Überleg' dir, was ich sagte, bis zum
-nächstenmal!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du willst doch nicht schon gehen?&#8221; rang es sich von
-ihren Lippen.</p>
-
-<p>&#8222;Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der
-Klinik und muß ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu,
-Marga!&#8221; Er drückte ihr die Hand. &#8222;Wann fahrt ihr denn
-nach der Stadt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Übermorgen, denk' ich,&#8221; gab sie tonlos zur Antwort.</p>
-
-<p>Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der
-Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim
-Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die
-Tür, die von dort in den Garten führte.</p>
-
-<p>Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht?
-Warum lief sie nicht hinter ihm drein?</p>
-
-<p>Sie saß wie gebannt.</p>
-
-<p>Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute
-zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen
-hatten, ihre Verlobung zu veröffentlichen; wo zum
-erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede
-gewesen war!</p>
-
-<p>Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.</p>
-
-<p>Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut
-gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit &mdash; während
-Elli in der Stadt, er auf dem Stift war &mdash; so glücklich gefühlt,
-so bräutlich stolz. Als dann Elli zurückgekehrt war,<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[S. 259]</a></span>
-wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von
-ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem
-Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen
-zu müssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen
-war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr,
-als er doch, doch noch kam!</p>
-
-<p>Und jetzt?</p>
-
-<p>Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen;
-von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes,
-kaum faßbares Bild im Schimmer der Zukunft
-gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen!
-Gewiß &mdash; sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht.
-Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre
-Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drückende,
-quälende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fühlte
-die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und
-aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt
-und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen
-ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute;
-für den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte.
-Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine
-Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid
-war und wenn &mdash; doch das war ja nicht auszudenken,
-das war ja frevelhaft von ihr! &mdash; und wenn er auf ein
-öffentliches Verlöbnis nur drang, um &mdash; ja, um jede Brücke
-zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!</p>
-
-<p>Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem
-Schal und fand ihn nicht.</p>
-
-<p>Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher
-nahm sie das Recht zu diesem häßlichen Verdacht? Es half
-nichts, daß sie so fragte. Angst und Zweifel ließen sie darum<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[S. 260]</a></span>
-nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke
-um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet,
-war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften
-Glück, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen.
-Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfüllte, daß &mdash;
-daß ...</p>
-
-<p>Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen.
-Auf der Landstraße, auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert
-war. Einen Gruß hatte er ihr noch für Marga
-aufgetragen. Und einen Kuß.</p>
-
-<p>Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte
-ihn zehnfach.</p>
-
-<p>Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die
-zehrende Herzensangst schwand vor neuer Hoffnung. Sie
-erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie schöpfte Mut
-aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber
-schalt sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte
-sie noch mit viel schlimmeren Schimpfnamen.</p>
-
-<p>Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor,
-malten sich Vater Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen
-aus, plauderten und bauten Luftschlösser, bis
-das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches zur
-Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle
-dunkel und dunkler wurde.</p>
-
-<p>Dann führte Elli die &#8222;erklärte&#8221; Braut mit feierlichem
-Übermut nach oben.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c10" id="c10">10</a></h2>
-
-
-<p>Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise
-heimkehrten, mußte im Haus am Wenzelsberg das große
-Herbstreinmachen erledigt sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[S. 261]</a></span>
-
-Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle,
-war Therese aus ihrem Heimatdorf zurückgekommen, so
-wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das Unterste zu oberst
-gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren Geister.
-Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die
-beiden Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten.
-Elli zumal warf sich ungestüm wie ein junges Füllen ins
-Joch. Sie wollte überall dabei sein. Marga hatte ihre liebe
-Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern abzuhalten.
-Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren
-Hantierung zurückholte, zur Ordnung in Schränken und
-Kommoden und im Silberkasten, schmollte Elli über ihre
-gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein Rohrspatz.</p>
-
-<p>&#8222;Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute
-Lehren zu geben! Lernen solltest du von mir, statt mich
-von aller tüchtigen Arbeit fernzuhalten! Du wirst 'ne
-nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie der Geist Gottes
-über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes anzufassen!
-Perthes kann einem leid tun!&#8221;</p>
-
-<p>Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche
-Vorhaltungen &#8222;einschnappte&#8221;, wenn sie sich ernsthaft
-verteidigte und erklärte, es genüge gewiß, die Aufsicht
-zu führen. Da legte Elli verdoppelt los: sie würde sich
-nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber
-ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis
-sechs Dienstboten halten! Und sie, Marga, könne dann
-dasitzen, auf einem goldenen Thrönchen, die Hände im
-Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli ruhte nicht
-und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen
-Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es
-so lang und so toll, bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[S. 262]</a></span>
-
-&#8222;Du kannst ja schon recht haben,&#8221; erklärte sie schließlich
-traurig und verlegen. &#8222;Was andere können, kann ich
-natürlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug
-gesagt.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, ja,&#8221; stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich
-vor Vergnügen auf die Lippen biß.</p>
-
-<p>&#8222;Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit
-mir sein wird. Und großartig werden wir's wahrhaftig
-nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon
-im Haus nicht so wird, wie er's erwartet &mdash; unter den
-Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts
-nütze.&#8221; Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß,
-aber nicht, um &#8222;hohe Befehle&#8221; zu erteilen, sondern um verzagt
-vor sich hinzugrübeln.</p>
-
-<p>Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie
-lachte sie aus, daß beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.</p>
-
-<p>Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz
-für bare Münze zu nehmen! Im Handumdrehen
-machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft.
-Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche,
-peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein
-sollte! Marga mit ihren geschickten Händen, ihrem guten
-Geschmack, ihrem klaren Kopf würde eine bessere Hausfrau
-werden als zehn andere mit zwanzig und mehr
-Augen! Und dann wäre auch sie noch da &mdash; die Schwägerin
-Elli! Ihr würde man doch wohl nicht das Haus verbieten.
-Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten,
-wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und
-ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie &mdash;</p>
-
-<p>Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[S. 263]</a></span>
-doch lachen. Und während sie ihre Arbeit des Silberputzens
-wieder aufnahm, ließ sie sich gern überzeugen,
-daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und
-Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger
-Wunsch und Wille ...</p>
-
-<p>Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die
-Stadt Blumen geschickt. Für Marga hatte ein kurzer
-Brief beigelegen, in dem er sie für seine schlechte Stimmung
-am letzten Abend auf der Mühle um Verzeihung
-bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der
-Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar,
-daß er nicht in sie drang. Dafür kam sie selber beim
-ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf
-zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen Gedanken,
-die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt
-und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes
-Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu
-und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf der Schwerfälligkeit
-hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie
-drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück
-und kämpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung
-mißtrauischer Sorge um ihr Glück tapfer nieder.</p>
-
-<p>Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der
-Klinik enthielt er sich kritischer Überlegungen. In Erinnerung
-an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied
-er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob
-auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen
-konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links
-zu sehen: für ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr
-gegeben; der Entschluß, den er für sie beide gefaßt. Über
-eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[S. 264]</a></span>
-eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied
-über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga
-war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich
-strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung
-im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte,
-in Marga die große Stille nicht begreifen und sich
-zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein
-Aufwärts, sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit
-und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus
-eigenem Willen. Darum biß er die Zähne aufeinander.
-Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit
-der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem
-er um Marga stritt ...</p>
-
-<p>Es wurde Mitte September.</p>
-
-<p>Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und
-einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stück
-Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu
-setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle gerückt, eine aufgeschlagene
-Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel verschoben
-wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt.
-Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag
-die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.</p>
-
-<p>Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen.
-&#8222;In wenigen Tagen sind wir bei euch!&#8221; hatte es verheißungsvoll
-geklungen. &#8222;Papa depeschiert Tag und Stunde.&#8221;</p>
-
-<p>Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte
-sich unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen,
-der in Kreuth seine Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden,
-den alten Herrn noch für eine Woche zu sich zu
-locken.</p>
-
-<p>Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[S. 265]</a></span>
-auf die schwierigen Eröffnungen, die sie zu machen hatte,
-und auf Perthes' Werbebesuch mit ebensoviel Bangen
-wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die Zögerung.
-Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf
-sie sich, zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und
-fand das Leben so rosig und &#8222;wonnig&#8221; &mdash; das war ihre
-Lieblingsbezeichnung &mdash; wie je.</p>
-
-<p>Und die acht Tage vergingen auch.</p>
-
-<p>Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga
-noch einmal: sie schworen sich treue Waffenbrüderschaft
-für ihre Liebesgeheimnisse. Sie kamen gerade recht zum
-Zug.</p>
-
-<p>Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz
-darauf war sie auch schon auf dem Perron, blühend,
-gebräunt, ordentlich rundlich in dem funkelnagelneuen, hellgrauen
-Kostüm, das Papa unterwegs spendiert hatte.
-Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.</p>
-
-<p>Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich
-zeigte. Er war nämlich gerührt. Und das paßte ihm
-nicht. Deshalb wirtschaftete er eine beträchtliche Weile
-im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann, der
-es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein,
-mit einer Miene, die sehr würdig und zurückschreckend
-aussehen sollte, &mdash; den neuen Strohhut mit grünem Band
-verwegen wie Garibaldi über dem weißbärtigen Gesicht.
-Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn &#8222;auf offener
-Straße&#8221;, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu
-küssen. &#8222;Ruhig im Glied!&#8221; befahl er mit sehr rauher
-Stimme. &#8222;Seid wohl, hoff' ich? Und habt euch reputierlich
-geführt? Werden ja sehen!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[S. 266]</a></span>
-
-Im Wagen &mdash; &#8222;um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen&#8221;
-&mdash; ging es lachend und plaudernd an den
-Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst
-&mdash; auch nur &#8222;zum Abgewöhnen&#8221; natürlich. Und auch die
-drei Schwestern waren voneinander hoch befriedigt. &mdash;</p>
-
-<p>Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg
-sein gewohntes Aussehen.</p>
-
-<p>Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen
-Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig
-in sich wachsen gefühlt. Eine so lange, faule Ausspannung
-war unerhört. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung,
-daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen
-für die erste Abteilung des ersten Bandes der &#8222;Kaisergeschichte&#8221;
-brachte. Da gab es doch gleich alle Hände
-voll zu tun.</p>
-
-<p>Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem
-alten, mächtigen Qualm.</p>
-
-<p>Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu
-&#8222;Nikotinlosen&#8221; hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte
-Stroh war das! Aber die römischen Gewaltherren zeigten
-sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten
-Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken,
-aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen
-Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und
-sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott
-nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell stehen. Dafür
-wollte der alte Herr sorgen!</p>
-
-<p>Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung
-sehr nahe bevorstand.</p>
-
-<p>An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[S. 267]</a></span>
-hatte Käthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht.
-Lizzie besaß neben ihrer verzehrenden Leidenschaft für
-Musik, die sich kein Konzert und keine Opernaufführung
-entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden
-Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für
-Klatschereien jeder Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes
-Besuch an Andeutungen über Herrenbesuche auf der
-Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen
-Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff
-die Freude an der ganzen Reise nachträglich zu verderben,
-lag ihr natürlich fern. Er sollte im Gegenteil
-von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie möglich
-erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli
-etwas zu hören bekommen sollten!</p>
-
-<p>Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den
-Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben,
-und zwar noch am selben Tag.</p>
-
-<p>Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli
-war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der
-älteren Schwester beantwortete sie mit einem fröhlichen,
-höchst despektierlichen Lachen.</p>
-
-<p>&#8222;Laß nur gut sein, Gouvernantchen!&#8221; erklärte Elli
-fidel. &#8222;Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt
-mündig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht
-auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen
-auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben.
-Versuch's mal mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber
-bös blamieren! Ich weiß, was ich weiß, und ich warne
-dich! Heißa juchhei!&#8221; Elli schlug klatschend die Hände
-über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes
-Augen außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[S. 268]</a></span>
-sah aus, als hätte sie und nicht die Schwester in den bayrischen
-Alpen schuhplatteln sehen.</p>
-
-<p>Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen
-durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb
-sie in ihr Tagebuch: &#8222;Ernst sein können ist alles. Wie
-sind Menschen zu bedauern, die von diesem großen Geheimnis,
-das allein das Leben lebenswert macht, keine
-Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist
-seltsam, daß in einer und derselben Familie, unter Geschwistern
-die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich
-verteilt sein können!&#8221;</p>
-
-<p>Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene
-Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften
-sich &#8222;die Kleinen&#8221; nicht einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes
-Benehmen so hingehen ließ!</p>
-
-<p>Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli
-verständigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und
-Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein,
-daß es nun das beste wäre, nicht länger zu zaudern, sondern
-Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis abzulegen,
-ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche
-Dinge zugetragen wurden.</p>
-
-<p>Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen
-und nichts gehört. Es galt, zuerst seine Meinung
-noch einmal einzuholen. Elli beförderte ihre Zeilen,
-die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch
-die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig.
-Aber sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit
-nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war
-verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte
-Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[S. 269]</a></span>
-Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte
-ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag
-und Stunde unter ihnen festgesetzt war.</p>
-
-<p>Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich
-seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken
-gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden,
-sich über die zeitige, hohe Röte des wilden Reblaubes
-am Philosophenweg gewundert und war dann, seines
-Kaffees gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an
-seinen Schreibtisch gegangen.</p>
-
-<p>Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.</p>
-
-<p>Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift
-auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel
-auf dem in seine Nähe geschobenen Tablett lauter als
-sonst klirrten, sah er auf. Er wußte, daß in dieser Woche
-die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu
-bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch
-Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte
-selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten
-beeinträchtigen konnte.</p>
-
-<p>&#8222;Wo steckt denn das Kleinchen?&#8221; fragte er ganz nebenbei,
-sich wieder ans Schreiben machend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu
-dürfen,&#8221; erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit,
-in der ihre Erregung durchzitterte.</p>
-
-<p>&#8222;So &mdash;&#8221; sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb
-hingehört. Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre
-Geister.</p>
-
-<p>&#8222;Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?&#8221;
-ließ sich Marga nach einer Weile schüchtern von neuem
-vernehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[S. 270]</a></span>
-
-&#8222;Ach so &mdash; du bist noch hier?&#8221; Er rückte ganz erstaunt
-an seiner Brille. &#8222;Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht!
-Ich hab' unbändig zu tun, Mädel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich
-möchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,&#8221;
-fuhr sie fester und lauter fort.</p>
-
-<p>Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich
-ungnädig an. &#8222;Na denn! Aber kurz!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So kurz ich kann!&#8221;</p>
-
-<p>Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie
-in ihren Zügen und Gebärden vergeblich zu bemeistern
-suchte. &#8222;Setz' dich mal! Hierher!&#8221; Er schob ihr den
-Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. &#8222;Und nun vorwärts
-&mdash; wenn's so wichtig ist!&#8221;</p>
-
-<p>Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie
-geheißen. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl
-eingab, erzählte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen
-war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher
-und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater
-gegenüber wagte.</p>
-
-<p>Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen
-zu. Er spielte mit seinem Gänsekiel und sah ab und zu
-in seine Blättchen. Allmählich änderte sich das. Seine
-Augen vergrößerten sich hinter den Brillengläsern. Er
-schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der anderen,
-warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer
-barschen Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.</p>
-
-<p>Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels
-am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein
-in seine römische Kaisergeschichte, eine handgreifliche
-Liebesaffäre zum besten. Wäre es Elli gewesen, auch<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[S. 271]</a></span>
-Käthe &mdash; er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber
-Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte!
-Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen,
-als daß sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen
-sollte!</p>
-
-<p>Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal
-war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu
-derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt!
-Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen:
-Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast
-dich täuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der
-Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl,
-das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete,
-entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie stürmisch
-zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige
-als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er
-bemerkte jetzt, wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher
-nur als &#8222;wohl&#8221; aufgefallen war, in diesen Sommerwochen
-an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie
-die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren
-Wangen die Sonne von innen nach außen trugen. Sein
-Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestürzung
-über. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte
-Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen Kleinigkeiten,
-mit denen die &#8222;Bande&#8221; immer zur Unzeit daherkam.
-Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung,
-die nicht den grimmigen Pascha, sondern den
-Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und
-verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil
-der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte
-er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den höchsten, den er<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[S. 272]</a></span>
-seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftürmen
-sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der,
-gerade der mußte erstiegen sein!</p>
-
-<p>Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem
-Schweigen, die Hände im Schoß verschränkt und die Augen
-erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war
-so still in dem verqualmten, bücherumhegten Zimmer &mdash;
-man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen,
-altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit
-bohrte und tickte.</p>
-
-<p>&#8222;Das &mdash; das ist also &mdash; so gewissermaßen &mdash; mein
-Reisepräsent!&#8221; stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile,
-viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. &#8222;Was soll denn da
-geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?&#8221; Ratlos
-und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga
-und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört
-war, selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.</p>
-
-<p>&#8222;Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu
-werden,&#8221; meinte sie leise und überzeugt.</p>
-
-<p>&#8222;Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei
-Worten abzumachen wäre! Ich &mdash; ich, der ich diesen jungen
-Menschen da, diesen, diesen &mdash; deinen Max oder wie du
-ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich
-&mdash; bei dir &mdash; mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht
-gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch &mdash;&#8221;
-Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte
-sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten
-sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der über
-Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ ihn abbrechen.
-Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige Entrüstung<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[S. 273]</a></span>
-vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine
-Hände: &#8222;Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet!
-Mußte das denn sein? Sag doch selber, daß es ungereimtes
-Zeug ist! Und daß &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt,
-wie es dir jetzt vorkommen will! Und er &mdash; Doktor
-Perthes &mdash; möchte mit dir reden, um dir's noch besser
-zu sagen, als ich's kann!&#8221;</p>
-
-<p>Der alte Herr ließ die Hände sinken. &#8222;Mit mir reden!&#8221;
-wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte
-schon. Die Präliminarien waren alle schon überwunden.
-Womöglich mit einem richtigen, auswendig gelernten,
-feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das
-Haus stürmen.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,&#8221;
-ergänzte sich Marga bittend.</p>
-
-<p>&#8222;Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja
-das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das &mdash;&#8221;
-Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm
-wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider
-die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. &#8222;Überlegen
-werd' ich mir doch die Sache noch dürfen!&#8221; stieß er mit
-klagender Rauheit hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bitte dich drum,&#8221; gab Marga herzlich und mit
-Vertrauen zurück. &#8222;Sicherlich wirst du &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein! Nein!&#8221; wehrte sich der alte Herr. &#8222;Nichts
-werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!&#8221; Er suchte sich
-eine gebieterische Haltung zu geben. &#8222;Laß mich jetzt zufrieden!
-Ich muß arbeiten! Allein sein!&#8221;</p>
-
-<p>Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber
-ihre Arme, ihre Hände suchten nach ihm. Durch eine<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[S. 274]</a></span>
-Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung
-bitten.</p>
-
-<p>Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug,
-um einer &#8222;Gruppenbildung&#8221;, wie er das sonst so verabscheuend
-nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal
-über die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt
-wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte er
-um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.</p>
-
-<p>Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit
-trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte,
-daß seine Brillengläser sich sehr verdächtig beschlugen!
-Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und
-küssen konnte.</p>
-
-<p>Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der
-Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung,
-die ihm da plötzlich aufgebürdet wurde, irgendwie
-vertagen können &mdash; etwa wie eine inopportune
-Quellenfrage zweiten Ranges &mdash;, hatte er sich über seine
-eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen
-Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre
-des Trajan zurückzukehren, sprang er gleich
-wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten,
-das von leisen und lauten, schmerzlichen und
-zornigen Erwägungen begleitet war.</p>
-
-<p>Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen &mdash;
-&#8222;Männer daherschleppen könnten&#8221;, hieß er es bei sich &mdash;,
-hatte er mitunter im Bereich der Möglichkeit gesehen.
-Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins Reich der
-Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer
-eine stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[S. 275]</a></span>
-rührte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen,
-um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm
-träumerisch und gefühlsweich zu werden schien, hatte er
-sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung,
-sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung.
-So wie es einmal mit ihr hatte kommen müssen,
-sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenüberstehen.
-Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen.
-Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent
-noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden.
-Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.</p>
-
-<p>Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen
-Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer
-nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue
-Schrift vorgelegt hätte, die er nicht kannte und die seine
-ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde
-irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die
-Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren
-gemeint, er könne mit den drei Mädels so allein nicht zuwege
-kommen. Die bloße Paschastrenge tat es nicht.
-Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder
-von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen
-sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen,
-die Kindsmagd spielen &mdash; das lag ja so weit, so himmelweit
-ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe,
-die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar nichts,
-wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders,
-hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache
-nicht wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein
-Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben
-ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[S. 276]</a></span>
-
-Er durfte nur ja oder nein sagen.</p>
-
-<p>Nein sagen mußte er natürlich.</p>
-
-<p>So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft
-sträubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga
-war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn
-er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er
-von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche
-Liebe, sie mochte noch so groß und überschwenglich sein,
-mußte sich wund und mürb reiben an den Forderungen
-der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge Leute bestreiten,
-aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte
-jedes Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.</p>
-
-<p>Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so
-lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen
-das grausame Verdikt auf.</p>
-
-<p>Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück,
-in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung
-das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor.
-Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und
-dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste.
-Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln
-und Aufbäumen gegen das Unabänderliche,
-alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt
-und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger, innerer Reife
-über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es
-nicht genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des
-Tages ausschloß und in immerwährende Nacht bannte?
-Blind sein &mdash; hieß es für sie nicht, mit einem Teil ihres
-Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand
-geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das
-Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[S. 277]</a></span>
-nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glück,
-und das ist dein Unglück? Die Liebe &mdash; konnte sie sie nicht
-entschädigen wollen für das, was ihr an Licht und Lust
-genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer
-mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in
-ihm bekämpfte die nüchterne Besonnenheit, die er seinem
-guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann
-nicht &mdash; kaum von Angesicht &mdash; der ihr die Hand bieten
-wollte. War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er
-wollte und tat? War es wirklich so über allen Verstand,
-daß ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte,
-so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren Wert
-vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und
-Fülle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers.
-Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Für
-und Wider sich die Wage ...</p>
-
-<p>Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen
-und Sorgen die Stunden vergingen.</p>
-
-<p>Es wurde Abend.</p>
-
-<p>Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein
-huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch
-auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf
-seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher und
-Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich
-aus der Stube und ließ der Dämmerung das Feld.</p>
-
-<p>Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen
-Kommode, deren goldbraunes Holz metallene
-Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie,
-in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild
-seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als
-könnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[S. 278]</a></span>
-Ferne vieler Jahre Trost und Klärung in seine Wirrnis
-bringen.</p>
-
-<p>Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.</p>
-
-<p>Mit einem gepreßten &#8222;Ich komme ja schon!&#8221; winkte
-er Käthe, die fragend hereinschaute, aus der Tür.</p>
-
-<p>Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und
-dann saß er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum daß
-er die Speisen berührte. Nach einer Viertelstunde verschwand
-er wieder.</p>
-
-<p>Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging
-sich in besorgten Mutmaßungen über seine Gesundheit.
-Sie ließ durchblicken, daß Hofrat Geismar ihr in Kreuth
-einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe,
-wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur
-wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.</p>
-
-<p>Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand.
-Sie hatte sich alle Mühe gegeben, in Vater Richthoffs
-Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie später im
-Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr
-Optimismus das Barometer höchstens auf &#8222;Veränderlich&#8221;
-zu deuten.</p>
-
-<p>Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das
-Haus am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte
-mit ihrem Schein die spätesten Wanderer. Als
-der alte Herr sie endlich löschte, hatten die Geister der
-römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche
-Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe
-zu zerbrechen.</p>
-
-<p>Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung
-mit Marga.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[S. 279]</a></span>
-
-Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen
-von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser
-Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das
-Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz
-sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit,
-den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu
-empfangen. &#8222;Um ihm den Kopf zu waschen!&#8221; wie er
-meinte. Und er ließ sich zwar nicht von Marga küssen,
-aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die
-Stirn und brummte etwas von &#8222;Vertrauen haben&#8221; in
-den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. &mdash;</p>
-
-<p>Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem
-Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach
-Tisch ging sie aus dem Haus.</p>
-
-<p>&#8222;Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!&#8221;
-frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurückblieb.</p>
-
-<p>&#8222;Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,&#8221; meinte
-Marga nachdenklich. &#8222;Sie wird es nicht schwesterlich
-finden, daß ich sie so gar nicht vorbereitete.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach was,&#8221; beruhigte Elli, &#8222;die Überraschung ist ja
-gerade das Netteste! &mdash; Was machen wir jetzt? Es dauert
-noch anderthalb Stunden, ehe das große Ereignis beginnt.
-Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Faß
-mal an!&#8221; Sie legte die Hand der Schwester an ihre glühheiße
-Wange. &#8222;Hast du kalte Hände &mdash; puh! Dir scheint's
-ja auch tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen!
-Du hättest mal sehen sollen, wie Papa aussah
-bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal
-bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[S. 280]</a></span>
-hielte &mdash; an den künftigen Schwiegersohn natürlich!&#8221;
-Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube
-hinaus auf den Weinberg. &#8222;Wahrhaftig! Papa
-kommt schon zurück! Keine zehn Minuten war er heut'
-bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön
-auf den Kopf gestellt, Margakind! &mdash; Komm, wir gehen
-nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten
-auszuhalten sein.&#8221;</p>
-
-<p>Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun,
-da die Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam,
-wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz.
-Um nicht verzagt zu werden, mußte sie sich immer bei sich
-wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der Tür
-steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max &mdash;</p>
-
-<p>Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte
-sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und
-schwatzte &mdash; schwatzte das Blaue vom Himmel herunter.
-&#8222;Natürlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er muß
-bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller
-Bräutigam! &mdash; Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen
-&mdash; als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich
-so richtig was erzählt? &mdash; Eigentlich ist's doch zu schnurrig,
-daß du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel,
-die Wilmannsmädels &mdash; die Gesichter möcht' ich sehen!
-&mdash; Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn doch Wilkens
-endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat
-mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen.
-Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!&#8221;
-Traurig und seufzend ließ Elli die Stimme sinken.</p>
-
-<p>&#8222;Diesmal wird er bestimmt Wort halten,&#8221; tröstete
-Marga.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[S. 281]</a></span>
-
-&#8222;Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel.
-&mdash; Ach, du, Margakind, waren das Tage auf der
-Sägemühle! So schön wird's im ganzen Leben nicht
-wieder!&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.</p>
-
-<p>Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe
-Tag um Tag. Wie Perthes und Wilkens zum erstenmal
-miteinander draußen auftauchten. So unerwartet und
-doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen verbot.
-Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge
-machten. Erst in so niedergeschlagener, trüber Stimmung
-und dann auf dem Heimweg so glücksfroh &mdash; über den endlosen
-Hang von läutenden Glockenblumen, den Marga
-erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben
-am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen
-Mahlzeiten zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns,
-wo Borngräber den Sündenbock machen mußte
-und die &#8222;Generalrevision&#8221; in Bowle und Tanz sich auflöste.
-Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga,
-von ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke,
-wie ihr Herz klopfte.</p>
-
-<p>Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war
-im Fluge vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie
-schlug, und wurden beide still und ernst.</p>
-
-<p>&#8222;Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen,
-ehe er zu Papa hineingeht,&#8221; brach Marga zuerst wieder
-das Schweigen. &#8222;Ihm wenigstens die Hand drücken
-oder doch zuwinken,&#8221; meinte sie beklommen.</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer.
-Laß mich nur machen!&#8221; Schon war Elli aufgesprungen.
-Sie öffnete die Tür und schlüpfte nach dem Flur, um die<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[S. 282]</a></span>
-Wache anzutreten, so wie sie und Käthe es zu machen
-pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von
-Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. &#8222;Weißt du
-noch,&#8221; flüsterte sie, sich auf der Schwelle nach Marga
-umdrehend, &#8222;wie wir ihn zuerst sichteten? Damals &mdash;
-mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?&#8221;</p>
-
-<p>Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger
-auf ihrem Platz.</p>
-
-<p>&#8222;Bleib doch!&#8221; mahnte Elli. &#8222;Wenn es klingelt und ich
-sehe, daß er's ist, ruf' ich dich!&#8221; Sie beugte sich herunterspähend
-über das Treppengeländer, obwohl noch nichts
-zu hören und zu sehen war.</p>
-
-<p>Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig
-wurde an der Hausklingel geläutet. Lange und
-schrill tönte es durchs Haus.</p>
-
-<p>Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern
-konnte, eilte sie die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese
-schon geöffnet hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr.
-Enttäuscht blieb sie stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.&#8221;
-Therese kam ihr entgegen und schob ihr ein Kuvert
-in die Hand.</p>
-
-<p>Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch
-nicht &mdash; Perthes würde doch nicht etwa abgehalten sein,
-zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles Blut aus dem
-Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die
-Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten
-also nur von ihm sein.</p>
-
-<p>Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[S. 283]</a></span>
-
-&#8222;Was ist denn los!&#8221; raunte Elli neugierig von oben.
-So weit sie sich vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was
-vorging.</p>
-
-<p>Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre
-Fingerspitzen das Papier abtasteten, bewegten ihre
-Lippen sich lautlos. Sie las:</p>
-
-<p>
-&#8222;Liebe Marga!<br />
-</p>
-
-<p>Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben
-müßte! Du wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie
-ich mich verachte. Ich kann nicht kommen. Ich kann mein
-Wort nicht einlösen &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte
-den Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte
-die Hand gegen ihr Herz. Ein gedämpfter, kurzer, klagender
-Aufschrei, wie der Schrei eines Sterbenden, rang sich von
-ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die Treppen zu erklimmen.
-Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten
-Stock taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das
-ewige Dunkel um sie her schien ihr in eine Wolke roten
-Bluts verwandelt. Sie konnte nicht rufen. Ihre Sinne
-schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit ihnen &mdash;:
-Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...</p>
-
-<p>Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das
-Geräusch, das sie erschütterte. Zur rechten Zeit, um
-Marga in seinen Armen aufzufangen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c11" id="c11">11</a></h2>
-
-
-<p>Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die
-chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine
-mehrwöchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[S. 284]</a></span>
-erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten
-in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis
-unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil
-wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten
-und Weisungen zu erteilen.</p>
-
-<p>Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter,
-etwas pedantischer und schwerfälliger Mensch,
-dessen Haltung den ehemaligen Militärarzt verriet, folgte
-mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag,
-während einige jüngere Volontärärzte unter der
-Einfahrt stehen blieben.</p>
-
-<p>Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen
-Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines
-Stabes, vervollständigt durch den in Positur stehenden,
-die Mütze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten
-Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt
-im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze.
-Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem
-Einsteigen. &#8222;Sie haben also keine guten Nachrichten von
-Professor Kronheim?&#8221; fragte er mit seiner lauten, getragenen
-Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.</p>
-
-<p>&#8222;Leider nein, Exzellenz,&#8221; lautete die Antwort. &#8222;Ich
-fürchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um
-weitere vier bis sechs Wochen verlängern müssen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fortgeschritten nicht gerade,&#8221; berichtete Brunner
-korrekt weiter, &#8222;aber es fehlen auch die Anzeichen für eine
-Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Süden.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal.
-Höchst fatal!&#8221; Hupfeld strich sich gedankenvoll über das
-runde, volle Kinn. &#8222;Sie sagen, vier bis sechs Wochen.<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[S. 285]</a></span>
-Ich fürchte &mdash; ich fürchte, die Sache wird sich über den ganzen
-Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen
-Semesteranfang!&#8221; Er hatte den einen Fuß auf den
-Wagentritt gesetzt.</p>
-
-<p>Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor,
-um ihn zu unterstützen.</p>
-
-<p>Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung.
-&#8222;So wird die Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf
-irgendeinen Ausweg denken,&#8221; überlegte er. &#8222;Ich sage
-das nicht,&#8221; wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten,
-&#8222;um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf
-zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche.
-Ich bin außerordentlich zufrieden.&#8221; Ein anerkennender
-Blick der blaßgrauen Augen schweifte von
-Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. &#8222;Sie
-müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich
-auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes,
-gefällt mir ganz und gar nicht. Sie überarbeiten sich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!&#8221;
-versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe
-seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten
-Augen schienen ihn freilich Lügen zu strafen.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein, mein Lieber,&#8221; erwiderte mit einem huldvollen
-Hochziehen der dünnen, falben Augenbrauen der
-Geheime Rat, &#8222;ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch.
-Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen.
-Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut.
-Ich habe andere Pläne mit Ihnen!&#8221; Er nickte dem Doktor
-mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich
-in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, daß der Chauffeur
-nur den Schlag schließen und der Oberwärter nur<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[S. 286]</a></span>
-einen respektvollen Bückling anbringen konnte. &#8222;Lassen
-Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes.
-Sie, Kollege Brunner, lädt man ja doch umsonst ein.
-Der Herbst ist so schön draußen auf dem Stift!&#8221; Hupfeld
-lüftete jetzt höflich die Mütze. &#8222;Los!&#8221;</p>
-
-<p>Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr
-es unter hellem Signal leicht und glatt davon.</p>
-
-<p>&#8222;Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem
-ersten Assistenten!&#8221; tuschelte einer der Volontärärzte
-den Kollegen zu, während sie ins Haus zurücktraten.</p>
-
-<p>Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb
-bewundernde, halb neidische Bemerkung hören. Er zog
-ärgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm,
-daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach Kronheim
-war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im
-übrigen waren ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf
-waren, nicht neu. Er galt für den erklärten Günstling
-von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den
-Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde.
-Daß ihn der Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte
-er sich ebensowenig täuschen wie die anderen. Was aber
-seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice
-Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend
-der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin
-zielende Fopperei Markwaldts, seines früheren Institutsgenossen,
-auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender
-Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige
-Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe
-gemacht hatte, den wahren Charakter des mysteriösen
-Perthes &#8222;auszuwickeln&#8221;, seine Anzapfung heute zu wiederholen
-gewagt haben &mdash; er hätte bestenfalls ein Achselzucken<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[S. 287]</a></span>
-oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur
-Antwort bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal
-nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte hätte sie
-auch auf sich selbst bezogen.</p>
-
-<p>Ja, Max Perthes hatte begonnen, &#8222;umzuschalten&#8221; ...</p>
-
-<p>Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor
-dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg,
-war ein letztes, ohnmächtiges Aufflackern gewesen.
-Damals war in ihm die Täuschung, er könnte wie ein Nachtwandler,
-nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem
-festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga
-Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem
-Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine
-Kraft sich mindern gefühlt. Dafür trat ein, woran sein
-selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert
-hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, ihm die
-Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm
-aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben
-mußten. Jene Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des
-Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen
-Feingefühl ihn gewarnt, und die er für jetzt und alle Zukunft
-gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche
-Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung
-sagen? Was würde Alice für ein Gesicht ziehen?
-Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien,
-der Spott und Ärger, die Geringschätzung und Zurücksetzung,
-die kommen würden &mdash; wie winzige bösartige
-Insekten wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung,
-unterfraßen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften
-Entschluß. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn
-er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[S. 288]</a></span>
-begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem
-Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde
-um Wunde schlagen, ihn vielleicht für immer aus seiner
-Laufbahn drängen würde!</p>
-
-<p>Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für
-so gleichgültig und unempfindlich hielt, bebte schon vor
-den Gebilden zurück, mit denen seine Phantasie auf ihn
-eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenüber dieser
-kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, Schönheit
-und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner
-inneren Sehnsucht sein würde &mdash; ein Königreich gegenüber
-allem, was er an äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das
-Königreich war nicht für ihn. Er hatte sich überschätzt.
-Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn hätte
-emporheben müssen &mdash; sie war nur ersprungen, nicht erschritten
-und erlebt.</p>
-
-<p>Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach
-dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt &mdash; jetzt war er
-da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete,
-zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos,
-unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...</p>
-
-<p>Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief
-an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der
-Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an
-den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte?
-Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein öffentliches
-Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte?
-Er ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein
-Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes,
-hingebendes Gemüt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos,
-über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht!<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[S. 289]</a></span>
-Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten,
-um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen?
-Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten,
-solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu
-können?</p>
-
-<p>Und er schrieb den Absagebrief.</p>
-
-<p>Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb
-ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine
-Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frühjahr durchgemacht
-hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals
-fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer
-Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf
-die nüchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz
-folgte, war heiß und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung,
-wie sie mehr oder minder keinem Menschen
-von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber,
-die jetzt sich seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung
-war kalt und verächtlich. Damals hatte er
-mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt;
-jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er
-der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit
-näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in
-ihm war, gönnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht.
-Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel,
-der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.</p>
-
-<p>Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie
-ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm
-bisher ohne sein Hinzutun in den Schoß gefallen waren?
-War es ihm versagt, das zu werden, was sein höheres
-Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben die Leiter<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[S. 290]</a></span>
-der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem
-wie möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die
-Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg
-war vielleicht so gewissermaßen ihr Symbol gewesen.
-Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein,
-und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder,
-zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht
-und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen!
-Es lag ein dämonischer Reiz in der Abkehr von der Höhe
-zum Durchschnitt.</p>
-
-<p>Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte,
-waren viel mehr seine inneren Kämpfe als &mdash;
-wie Exzellenz Hupfeld vermutete &mdash; die klinische Überbürdung.
-Und er war töricht oder gleichgültig genug,
-die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung
-zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt
-hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat
-in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts
-und Professor Hammanns, seines früheren Chefs,
-für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit
-ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur
-irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen
-Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch,
-wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann
-mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld
-heraustrat.</p>
-
-<p>Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer
-im Kapellenturm kühl und schnippisch behandelte, wie
-seine Zurückhaltung in höfliche, später in eifrige Dienstbeflissenheit
-überging. Er konnte also doch Feuer fangen,
-dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[S. 291]</a></span>
-als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie
-ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen
-wurde in dem Grade spröder und süffisanter, als er sich
-um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen
-Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten.
-Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch
-endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie
-passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen
-Übungen war, lernte sie schnell und saß bald tadellos im
-Sattel. Sie arrangierte in der Universitätsreitbahn eine
-Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die
-schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus
-durchzumachen, Perthes und sie gaben
-die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts
-und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit
-die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.</p>
-
-<p>Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch
-ihre Spöttereien abschrecken. Mit höhnischer Verachtung
-unterdrückte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich
-gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben wollte.
-Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten
-in der Nacht &mdash; er wußte nicht wie und warum &mdash; fand er
-sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des
-scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein
-in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die
-da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag,
-den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie
-vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die
-Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens?
-Ein andermal war er, von einer jähen Regung überfallen,
-auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-öden<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[S. 292]</a></span>
-Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach
-seinen Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte
-und sprang auf und davon. Mit Geißelhieben jagte er
-sich und seine Sentimentalitäten heim. Und er überließ
-sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit
-dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte.
-Bei ihr &mdash; ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er
-suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das
-Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte &mdash; ein Irrlicht,
-das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem
-aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit
-und Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...</p>
-
-<p>Es war Mitte November geworden.</p>
-
-<p>Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische
-Fakultät wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre
-dareinsetzt, das maliziöse Wort, die Vorlesungen seien eine
-unangenehme Unterbrechung der Universitätsferien, nicht
-Lügen zu strafen.</p>
-
-<p>Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen,
-Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen.
-Der köstliche Spätherbst des Jahres war da draußen ob
-dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und tannengrünen
-Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter
-mußte das Automobil den Weg nach der Chirurgischen
-Klinik hin und zurück machen.</p>
-
-<p>Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und
-vertretende Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht
-wieder aufnehmen können. Die Nachrichten von der
-Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll.
-Brunner und Perthes mit den Volontärärzten
-versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[S. 293]</a></span>
-Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation
-nicht wieder zurückgekommen.</p>
-
-<p>Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag
-freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen
-wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin,
-Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen,
-die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden
-Händen balancierte.</p>
-
-<p>Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und
-ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst
-vor seiner Tür las er den Namen. Es stand da mit schöngeschnittenen
-Buchstaben groß und einfach: &#8222;Benno Hupfeld
-Wirklicher Geheimer Rat.&#8221;</p>
-
-<p>Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen
-Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultät
-mit herkömmlicher Bequemlichkeit höchstens ihren verheirateten
-Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten
-und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren
-Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen
-mit einer liebenswürdigen Entschuldigung entheben durfte,
-zeugte diese Karte von einer außergewöhnlichen Artigkeit.
-Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer
-aufs Geratewohl beiseite.</p>
-
-<p>Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.</p>
-
-<p>Was war er doch noch immer für ein unvollkommener
-Schüler der Strebekunst!</p>
-
-<p>Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn
-übertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl,
-auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden
-Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte
-der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[S. 294]</a></span>
-Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt,
-das erste nicht zu unterschätzende Dokument des Fortschritts,
-das seine neue Methode des bewußten Hochkletterns
-gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie auf
-ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen.
-Schade, daß er den nicht zur Hand hatte!</p>
-
-<p>Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen
-pompösen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes
-mit vollendeter Höflichkeit an den Geheimen Rat heran.
-&#8222;Exzellenz hatten die außerordentliche Liebenswürdigkeit
-&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade,
-daß ich Sie nicht antraf!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen,
-die &mdash;&#8221; Hupfeld überlegte lächelnd. &#8222;Im übrigen, ich
-möchte das nicht aufschieben. Sie können sich mit mir ins
-Auto setzen. Es läßt sich da ungestört plaudern. Wollen
-Sie?&#8221; Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebärden
-begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich
-machten.</p>
-
-<p>Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis
-von Wohlwollen. Die Volontärärzte auf der Treppe des
-Vestibüls machten lange Hälse. Doktor Brunner war
-diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht
-zurückgetreten.</p>
-
-<p>&#8222;Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange
-in Anspruch nehme,&#8221; fuhr Hupfeld, der dies Schwanken
-schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. &#8222;Ich lasse Sie
-mit meinem Wagen zurückführen.&#8221;</p>
-
-<p>Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell.<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[S. 295]</a></span>
-&#8222;Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?&#8221; Er
-deutete auf seinen Operationsmantel.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat nickte gütig.</p>
-
-<p>Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in
-der Sonne öffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen
-und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als
-er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im
-Nu kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen
-Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser
-Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat,
-meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören wie: &#8222;Exzellenz
-Schwiegerpapa!&#8221; Die Wut trieb ihm das Blut
-in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorüber,
-der unglücklich dreinsah und an seinem militärischen Schnauzbart
-zu kauen schien.</p>
-
-<p>Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem
-Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei
-einen Bückling, für den Perthes ihm ins Genick hätte
-hauen mögen.</p>
-
-<p>Doch schon fuhren sie tutend davon.</p>
-
-<p>Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten
-auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch
-innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße
-unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit
-zu erwidern, ob es sich um einen Universitätsdiener
-handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brücke,
-am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich
-in die Landstraße überging, kam er <span class="antiqua">in medias res</span>. Nachdem
-er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden
-des armen Kronheim biete &mdash; er hatte neuerdings selbst
-sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten &mdash;, sprach er<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[S. 296]</a></span>
-von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner
-Klinik einstweilen neu zu besetzen.</p>
-
-<p>&#8222;Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten
-Brunner, der eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,&#8221;
-erklärte der Geheime Rat fortfahrend. &#8222;Um es
-von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich
-brauche.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen
-Kollegen schätzen gelernt,&#8221; schob Perthes ein, wobei er
-sich selbst über die neugewonnene Fähigkeit wunderte,
-sich durch billige Komplimente für andere ins beste Licht
-zu setzen. Perfid war er also auch schon.</p>
-
-<p>&#8222;Zugegeben, lieber Perthes!&#8221; stimmte Hupfeld in das
-wohlfeile Lob ein. &#8222;Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder
-Zug ins Große. Er kann nichts selber in die Hand nehmen,
-wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt,
-der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich
-haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!&#8221;
-Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden
-Prädikate mit monumentaler Rhetorik von sich. &#8222;Und
-dann &mdash; was die Hauptsache ist &mdash;, er muß das Zeug zu
-einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute
-Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit
-nicht. Das haben &mdash; <span class="antiqua">senza complimenti</span> &mdash;
-Sie, mein lieber junger Kollege!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen
-abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit
-noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er
-mußte sie durch Gebärden ersetzen.</p>
-
-<p>&#8222;Doch, doch!&#8221; versicherte huldvoll der Geheimrat,
-der ihn auch so verstand. &#8222;Machen wir uns nichts vor.<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[S. 297]</a></span>
-In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rücksichtsloser
-Objektivität vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren
-Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten,
-hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt.
-Sie wären mein Mann! Sie werden es sein &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Exzellenz, ich bitte &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!&#8221; Hupfeld
-legte die überweiche, berühmte Hand auf Perthes' Arm.
-&#8222;Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner
-darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt diplomatisch
-zu Werke gehen.&#8221; Ein schlaues, geistreiches Lächeln
-kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte
-mit rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt.
-Er wollte es übernehmen, Brunner von seinen guten
-Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte dieser als der ältere
-durch seine Fürsprache im Ministerium &mdash; es genügte da
-ein Wink nach der Residenz &mdash; schon in den nächsten
-Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm
-Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, daß er binnen
-Jahresfrist einen Ruf als Außerordentlicher oder Leiter
-eines städtischen Krankenhauses nach auswärts erhielte.
-Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren.
-Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß
-Exzellenz sich den jüngeren Perthes für die Stellung eines
-ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und
-mußte ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses
-Postens überlassen.</p>
-
-<p>So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen
-gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo
-verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.</p>
-
-<p>Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[S. 298]</a></span>
-angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes
-nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen, mit
-Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den Kopf, als er
-die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit
-so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste
-Viertelstunde, während er neben seinem Chef in dem
-weiträumigen Saal mit den gewaltigen Schränken, den
-seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten
-Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum
-zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit
-eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei
-einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks
-stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen
-künftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes
-sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht habilitieren
-dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung
-zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung
-weder nach außerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf
-annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger
-Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt,
-blieb späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime
-Rat verschwieg, daß er bei dieser Gelegenheit einige dem
-Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse
-zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im
-Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb
-der hiesigen Universität gewährleisten wollte.</p>
-
-<p>Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen
-jede Erwartung weit übertroffen. Gleichwohl zwang er
-sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten
-Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in seiner
-Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[S. 299]</a></span>
-und seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur
-Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen,
-gleich durch ein Meisterstück zu erproben.</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen
-des Vertrauens verwirrt &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es sollte mich freuen,&#8221; versicherte Hupfeld mit großartiger
-Loyalität, &#8222;wenn es mir mit meinen Vorschlägen
-gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den meinen in Einklang
-zu bringen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz.
-Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts
-so weitausschauender Pläne einige Tage erbitte,
-um sie durchzudenken.&#8221;</p>
-
-<p>Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch
-an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich.
-&#8222;Nun ja &mdash;&#8221; meinte er gedehnt. &#8222;Ich gebe Ihnen natürlich
-Bedenkzeit. Nur &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis
-nicht mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht
-schon morgen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,&#8221; vollendete
-der Geheime Rat mit leichter Schärfe. Er hatte sich
-erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied.
-Als er allein war, schüttelte er den Kopf: &#8222;Bei alledem &mdash;
-ein merkwürdiger junger Mann!&#8221;</p>
-
-<p>Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen,
-als er ahnte. &mdash;</p>
-
-<p>Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November
-seine gewohnten brausenden, kühlenden Stürme, die im
-Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen
-rissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[S. 300]</a></span>
-
-Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust
-von Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen
-der nächsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille
-einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen Fernritt
-vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf.
-Perthes hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte
-mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid
-gut aus. Es ließ ihre biegsamen Formen zu herausfordernder
-Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut saß
-keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann
-und Cousine Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter
-bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die
-Sägemühle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte,
-den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden
-Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin
-bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles
-Gehölz, sich umblickten, war von Hammann und
-Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?&#8221; fragte
-Alice mit einem spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden
-Augen, während sie die losgerissenen Haarsträhnen
-aus den Wangen strich.</p>
-
-<p>Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die
-Sporen.</p>
-
-<p>Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie
-wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe
-einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die
-Zügel führte.</p>
-
-<p>Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten
-Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm.
-Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[S. 301]</a></span>
-Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter
-und Roß.</p>
-
-<p>Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus
-haltmachen.</p>
-
-<p>Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen
-Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grüßend
-leuchtete, Tete-a-tete zu &#8222;mahlzeiten&#8221;. Man sah durchs
-Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die regenwolkenverhangenen
-Berge. Fast wie auf der Sägemühle,
-dachte Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser,
-setzte er höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen
-Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfüllten unter
-der behaglichen Wärme die Stube mit ihrem Dunst. Es
-war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet
-hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer
-Intensität aufglänzen.</p>
-
-<p>Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war
-etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich
-schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens
-zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine,
-die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu mimen
-verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.</p>
-
-<p>Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment
-leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit
-koketter Kälte über sich ergehen ließ, vergaß er das Spiel.
-Er riß Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen.</p>
-
-<p>Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken.
-&#8222;Was fällt Ihnen ein!&#8221; stammelte sie verlegen.</p>
-
-<p>&#8222;Was mir schon längst hätte einfallen müssen!&#8221; gab
-er siegesgewiß zurück.</p>
-
-<p>Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[S. 302]</a></span>
-stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von
-ihm abgekehrt.</p>
-
-<p>Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke
-am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.</p>
-
-<p>Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten
-Spitzbubengesicht, halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie
-ihn an. &#8222;Nu &mdash; werden wir uns wohl verloben müssen.
-Wie abgeschmackt Sie sind!&#8221; meinte sie halblaut.</p>
-
-<p>Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten
-sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann küßten
-sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten
-sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...</p>
-
-<p>Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen
-Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld
-seine Zusage für die erste Assistentenstelle zu bringen,
-empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt,
-Herr Doktor! Nun darf <em class="gesperrt">ich</em> wohl um Bedenkzeit bitten?&#8221;
-lautete die strenge Einleitung.</p>
-
-<p>Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger
-Höhe halten. Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte
-bald wie ein gütiger Schöpfer über die kleinen Unarten
-und Torheiten seiner Geschöpfe.</p>
-
-<p>Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und
-Cousine Hilla. Bei der Tür stand der Diener Karl. Diesmal
-nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern
-um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade,
-daß Leutnant Moritz fehlte.</p>
-
-<p>Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.</p>
-
-<p>Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus
-am Wenzelsberg hätte werden können ...</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_303" id="Page_303">[S. 303]</a></span><a name="c12" id="c12">12</a></h2>
-
-
-<p>Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff
-seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei
-und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder häufig und
-hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und
-gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen,
-Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer
-Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten
-und dem Trikot-Stehumlegekragen, &#8222;Flanellstorch&#8221;
-genannt.</p>
-
-<p>Aber die &#8222;Bande&#8221; war nicht wie sonst auf dem Posten
-über der Treppe, um die Alten zu registrieren und die
-Neuen zu etikettieren. Höchstens daß Elli mal neugierig
-über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil Wilkens,
-der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben
-lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte
-der Himmel von was, zu &#8222;erholen&#8221;, noch eine verheiratete
-Schwester in Magdeburg besuchen müssen und war noch
-nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten
-der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.</p>
-
-<p>Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen,
-bräutlichen Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem
-und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm
-und artig und märchenhaft still war es in zwanzig Jahren
-um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch
-saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein störender
-Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen,
-ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften
-Gegenwart aufscheuchen würde. Aber trotzdem &mdash; oder
-gerade deshalb? &mdash; warteten diese oft vergeblich auf die<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[S. 304]</a></span>
-Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zürnendes
-Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten
-Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr
-als einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern
-den grauen, krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und
-lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses.
-Wenn doch mal eine Tür unversehens ins Schloß geknallt
-wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges
-Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom
-Erdgeschoß, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wäre,
-daß er empört hätte dazwischenfahren können! Wieviel
-besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste Halbband
-der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen.
-Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten
-Hochschulkollegen und früheren Schülern. Vater Richthoff
-lächelte höchstens über die guten Vorzeichen. Jetzt,
-wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer
-Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.</p>
-
-<p>Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die
-Kegelbrüder und die Fakultätsgenossen &mdash; alle waren
-bestürzt und schlugen die Hände zusammen über das müde,
-verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war
-ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich
-vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem
-frischen, verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede
-Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner
-Familie Thüringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich
-auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende
-Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst
-das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzählte
-die kühnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngräber,<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[S. 305]</a></span>
-der &#8222;Mädchenjäger&#8221;, wie ihn Papa Wilmanns
-hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen
-Augen und jammerte, daß ihm der Wind
-drei Hüte in die Ostsee geführt habe, statt, was doch sein
-Versöhnliches gehabt hätte, in ein klassisches oder orientalisches
-Meer. Richthoff hörte nur mit halbem Ohr zu
-und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln
-nicht zu nahetreten.</p>
-
-<p>Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen
-war, der das Haus am Wenzelsberg drückte und freudlos
-machte?</p>
-
-<p>Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu
-sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes
-verrät: nicht Tränen, aber ihre Spuren, nicht das harte
-Aufbäumen, aber das wehe, zitternde Zurückweichen und
-Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch
-noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende,
-auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der
-Gegenbewegung sich erhält. Wenn Marga diesen Schmerz
-gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er sich regte und
-rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber
-in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand,
-keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus
-ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille
-in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre
-Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck
-einer leeren Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit
-erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht
-zu sein aus der Ohnmacht des Körpers. Ihr Geist war
-klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen
-war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[S. 306]</a></span>
-davon. Sie hörte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit
-und Zurückhaltung in Liebe und Mitgefühl vergessend,
-weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Tränen in den
-sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Käthe
-herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber
-sie blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte,
-klang nicht zurück. Alle die reichen und tiefen
-Kräfte des Gemüts waren wie ausgelöscht. So ausgelöscht,
-daß man zuweilen hätte glauben können, sie litte
-nicht einmal. Und doch &mdash; oder gerade deshalb &mdash; strömte
-eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles
-Trösten und Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte
-und das Haus mit einer stummen Klage erfüllte.
-Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer
-sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas
-große Stille zur großen Leere geworden.</p>
-
-<p>Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der
-Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang
-darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen,
-um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich völlig gleichgültig
-und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt
-zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren
-körperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte
-sich kaum. Sie klagte über nichts. Man war übereingekommen,
-daß das Leid, das sie getroffen, unter keinen
-Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen
-und zu irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe.
-Diese Schonung, die einzige, der auch die äußeren Umstände
-ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um jeden
-Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb
-man es vorläufig doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[S. 307]</a></span>
-
-Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich
-veränderte. Nach wie vor war sie äußerlich gesund, nach
-wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.</p>
-
-<p>Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende
-Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte.
-Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Käthes
-und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwüle Sommertage,
-die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines
-Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den
-anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit
-ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mußte etwas
-geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden, der
-irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre
-brachte.</p>
-
-<p>Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.</p>
-
-<p>Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste,
-einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah
-sich noch seltener. Für Käthe, Marga und Elli spielte der
-Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und
-Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht:
-ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten
-Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine
-entfernte Ähnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau
-oder gar die Cousinen &mdash; es konnten sechs oder mehr sein,
-denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch
-Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige
-&mdash; waren völlig sagenhaft.</p>
-
-<p>Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung
-folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein
-Schreiben, so brüderlich und leserlich, als es ihm nur
-möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden an,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[S. 308]</a></span>
-ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf
-Güstow brauchen könnte. Der Geheimrat mußte keine
-acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von
-einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue. Es
-wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte
-man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr
-Geld. Auch versprächen die Jagden allerhand Gutes.
-Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine
-Frau und seine Döchtings wären schon jetzt &#8222;doll vor Vergnügen&#8221;
-über den Besuch der Richthoffschen Vettern.
-Das war ein kleines Mißverständnis: Onkel Thiele hatte
-sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder müsse
-naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels
-hatte. Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war:
-Marga und Elli wurden erwartet.</p>
-
-<p>Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles
-Brief zum Frühstück. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er
-seine Mädels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte
-er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer halbwegs
-heiteren Verschmitztheit zu begegnen. &#8222;Wißt ihr, wer
-Onkel Bernhard ist?&#8221; forschte er in der Runde.</p>
-
-<p>&#8222;Onkel Bernhard?&#8221; Elli schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Meinst du Onkel Thiele in Pommern?&#8221; fragte
-Käthe nach bedächtigem Schweigen.</p>
-
-<p>&#8222;Allerdings,&#8221; nickte Vater Richthoff, &#8222;Onkel Bernhard
-Thiele, Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in
-Pommern.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?&#8221;
-Elli war glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten
-durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick
-aufhellte. Das leidlich muntere, väterliche Gesicht<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[S. 309]</a></span>
-entzündete leise ihre alte, ausgelassene Laune. &#8222;Hat er
-wieder Familienzuwachs bekommen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das gerade nicht, Naseweis!&#8221; erwiderte der Geheimrat.
-&#8222;Aber er lädt euch ein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut?
-Wen &mdash; uns? Für wann?&#8221; Es war so verlockend für Elli,
-einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu
-können.</p>
-
-<p>&#8222;Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für
-einige Wochen auf Güstow zu besuchen!&#8221; erklärte der alte
-Herr klar und bündig.</p>
-
-<p>Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die
-braunen Augen ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund
-öffnen, als ein Blick Vater Richthoffs ihr die richtige Fährte
-gab. Sie nickte verständnisvoll. Auch Elli begriff schnell,
-daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga selbst saß
-teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und verstanden.</p>
-
-<p>&#8222;Lest mal selbst!&#8221; Richthoff reichte Onkel Thieles
-Brief Käthe über den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll
-Neugier mit darüber. Zu zweien entzifferten sie die
-massiven Zeilen.</p>
-
-<p>&#8222;Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?&#8221;
-wandte sich der Geheimrat inzwischen an Marga, seine
-Hand zärtlich auf die ihre legend.</p>
-
-<p>Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der
-sie erstarrt waren, langsam und fragend zurück. &#8222;Über die
-Einladung?&#8221; wiederholte sie. &#8222;Ach so &mdash; ihr sprecht von
-Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aufmerksamkeit schlecht!&#8221; scherzte der alte Herr.
-Er erklärte ihr nochmals ausführlich, um was es sich<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[S. 310]</a></span>
-handelte. &#8222;Ich möchte, daß ihr, du und Elli, den Thieles
-die Freude macht!&#8221; setzte er aufmunternd hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!&#8221;
-Elli lachte so laut und herzlich, wie es seit
-Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht erhört war. &#8222;Die
-halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja &mdash; den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch
-nehmen. Die Enttäuschung könnte zu groß sein,&#8221; bemerkte
-Vater Richthoff vergnügt.</p>
-
-<p>&#8222;Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls,
-Papa!&#8221; rief Elli. &#8222;Malt euch mal aus &mdash; paß auf, Margakind!
-&mdash; Die stehen auf ihrem Bahnhof, so ihre zehn Köpfe
-hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels &mdash; alle blond wie
-Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n
-rechtes Bimmelbähnchen &mdash; Blumenpflücken während der
-Fahrt verboten! &mdash;, braust heran. Sie recken ihre Hälse.
-Sie suchen die Wagen ab. Wo zum Kuckuck sind die Richthoffschen
-Jungens?! Und der Zug fährt wieder ab. Auf
-dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich!
-Und empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch,
-die Gesichter!&#8221; Elli schüttelte sich vor Wonne. Auch der
-alte Herr schmunzelte, und Käthe lächelte über Ellis
-blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht. Ellis
-Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.</p>
-
-<p>&#8222;Und wann sollten wir denn dorthin kommen?&#8221;
-fragte sie schleppend, ohne daß ihre Stimme ein näheres
-Interesse verriet.</p>
-
-<p>&#8222;Sobald ihr wollt!&#8221; erklärte Richthoff. &#8222;Die Jahreszeit
-ist ja nicht die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen
-Winter einrichten. Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich
-mal tüchtig auszulüften. Das wird dir guttun, Marga!<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[S. 311]</a></span>
-Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen Zerstreuung
-&mdash; verstehst du, Kind?&#8221; Er beugte sich zu ihr vor.
-Nur behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit
-dieser Reise für sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit
-hinzu, mit der er ihr auf den Arm klopfte.
-&#8222;Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je lieber!&#8221; Er erhob
-sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach oben.
-Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden
-und etwaige Bedenken zu zerstreuen.</p>
-
-<p>Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht
-in weite Ferne, die verblüffende Großmut des
-sonst so gestrengen und <span class="antiqua">in pecuniis</span> genauen Papa Richthoff
-unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen
-war die Freude natürlich gedämpft, die Verwunderung
-zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man
-in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen:
-ein frischer Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl
-schlüpfte herein.</p>
-
-<p>Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder.
-Was sie über Margas von ihr vorausgesagtes Unglück
-empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte
-sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafür erging
-sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen über die Wunder,
-die eine Ortsveränderung an einem beschwerten Menschenherzen
-immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für
-die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich
-gönnte.</p>
-
-<p>Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten,
-schmächtigen Sonnenschein wie ein Kätzchen, das
-sich auf gut Wetter putzt. In einem allmählichen Crescendo,
-das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[S. 312]</a></span>
-Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus
-die Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich
-jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenüber:
-sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung
-nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie
-man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter
-Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen.
-Sollte es nötig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut
-Güstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzählbaren
-Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf den
-Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten
-begann sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen
-Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam
-und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine,
-durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem Verrosten
-nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben,
-das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten
-an der nahen Küste, Überlandpartien in Kutsche
-und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen ausschmückte,
-war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor
-Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten
-nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war
-Gut Güstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen
-befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert
-werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli drei
-bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit,
-mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen.
-Das mußte auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber
-im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzückte
-Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow depeschierte
-man &mdash; Elli depeschierte in der Einbildung öfter<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[S. 313]</a></span>
-als alle europäischen Kabinette &mdash; und bat um Frist.
-Dann &mdash; oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel
-von Genüssen man sich dann stürzte! Stürzte mit der
-grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen
-Mädchengemüt Ellis einflößte &mdash; schon aus
-der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte,
-Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel,
-Unter den Linden, Friedrichstraße, Potsdam,
-Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte
-sich und prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die
-Luft.</p>
-
-<p>Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings
-einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich
-Marga vollständig gleichgültig. Wie eine blasse Wand,
-auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen
-hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher.
-Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim
-Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren
-Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit
-keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher,
-ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte. Trotzdem
-stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode
-fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war,
-das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt.
-Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch
-eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorführung von
-Berliner Genüssen Marga ein Lächeln &mdash; nicht zu entlocken,
-sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die
-Küche, wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und
-dann stürmte sie, alles Herkommen außer acht lassend,
-in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, daß<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[S. 314]</a></span>
-der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die
-Höhe fuhr.</p>
-
-<p>&#8222;Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt!
-Beinahe gelacht!&#8221; verkündete sie schallend.</p>
-
-<p>Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten
-konnte, war sie wie die Windsbraut wieder draußen.
-Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in
-keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu den
-Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten.
-Aber bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr
-sogar. Und der alte Herr lächelte hinterdrein auch.</p>
-
-<p>Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower
-Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es
-war gepackt. Die allernötigsten Besprechungen konnten
-noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mußte nach
-Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit
-einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga
-einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem
-guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein
-und provinzmäßig vorkam.</p>
-
-<p>Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen.
-Sie fühlte sich, wenn sie sich überhaupt wohl
-fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie
-überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den
-zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.</p>
-
-<p>Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die
-Sonne schien rotgolden und wehmütig aus dem halb
-klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf
-um die Straßenecken. Fest und schützend drückte sich Elli
-an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten.
-Fast flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig.<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[S. 315]</a></span>
-Eben rasselte ein Kettendampfer unter der
-Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in den Wind
-hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um
-durch den Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten
-Lastkähne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten
-in endloser Reihe hinter ihm drein.</p>
-
-<p>Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick
-stehen und warfen einen Blick über das Geländer. Auch
-Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Was gibt's denn?&#8221; fragte Marga. Fern wie sie war,
-wußte sie sich Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.</p>
-
-<p>&#8222;Bloß der Kettendampfer. Komm!&#8221; Schon ging Elli
-weiter.</p>
-
-<p>&#8222;Wo kommt er denn her?&#8221; fragte sie mit einer ungewöhnlichen
-Bewegung der sonst so eintönigen Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.&#8221;</p>
-
-<p>Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend
-geworden.</p>
-
-<p>Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie
-in ihren Zügen eine außerordentliche Erregung arbeitete.
-Der kleine, unbedeutende Vorgang &mdash; der alltäglichste fast,
-der sich denken ließ &mdash; schien ein Zittern in ihre erstorbene
-Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte in ihr. Auf
-der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus
-den Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht
-auf das Rasseln und Plätschern, und Elli
-mußte ihr die Kähne zählen.</p>
-
-<p>Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv
-lenkte sie jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von
-neuen Villen in der Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[S. 316]</a></span>
-war die Erregung in Margas Antlitz bald wieder geschwunden.</p>
-
-<p>Drüben über der Brücke &mdash; sie wollten gerade noch
-ein paar Schritte die Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern
-&mdash; liefen die Schwestern durch einen Zufall Cousine
-Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon von
-der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen
-Schwatz, einen Regen von Fragen, die Elli beantworten
-mußte. Die Grasvogels waren nämlich mit den
-Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt. Die
-Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer
-waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren
-Glanz sich Cousine Grasvogels armes Altjungfernherz vor
-der Mitwelt und sich selber sonnte. Es gab da Grüße und
-Gott weiß was zu bestellen.</p>
-
-<p>&#8222;Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische
-dürft!&#8221; meinte sie begeistert.</p>
-
-<p>Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um
-Margas willen unliebsam drohend fand. &#8222;Ja, Papa ist
-sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben noch schrecklich
-viel zu tun und zu besorgen!&#8221; Mit geschäftiger Hast
-suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.</p>
-
-<p>Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften
-Weiblichkeit schon länger zwischen Sommerfrische und
-Nachsommerfrische interessante Zwischenfälle oder Übergänge.
-Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt sie
-die Margas um so fester. &#8222;Die Sägemühle ist euch
-aber auch gut bekommen, nicht wahr, Marga?&#8221; flötete
-sie weiter.</p>
-
-<p>Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle,
-das daheim verpönt war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[S. 317]</a></span>
-hervorbrachte wie zuvor auf der Brücke der harmlose
-Kettendampfer.</p>
-
-<p>&#8222;Ausgezeichnet!&#8221; antwortete sie, lauter als nötig, an
-Margas Stelle. &#8222;Entschuldige nur, wir müssen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich, ihr habt's eilig!&#8221; versicherte Cousine Grasvogel
-durchaus verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen.
-&#8222;Was mir gerade einfällt &mdash; ihr werdet gewiß verwundert
-&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gar nicht! Gar nicht!&#8221; rief Elli. Sie wußte nicht
-warum, aber sie ahnte, daß die gute Cousine noch mehr
-Unheil anrichten wollte, und strebte, Marga am Arm
-zerrend, entschieden davon.</p>
-
-<p>&#8222;Ach &mdash; ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich
-meine, daß der liebenswürdige, nette Doktor &mdash; wie heißt
-er doch? &mdash; Doktor Perthes &mdash; er war doch mal bei euch
-auf der Sägemühle, nicht? oder öfter &mdash; und auf dem
-reizenden Gartenfest im Juni, nicht? &mdash; daß er sich mit
-Alice Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber
-seit der Name Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer,
-unbeweglich. Und als die für beide niederschmetternde
-Neuigkeit heraus war, stand auch Elli einen Moment, wie
-vom Schlag gerührt, kreidebleich.</p>
-
-<p>Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in
-ihrem Redefluß, selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung
-ihrer Mitteilung.</p>
-
-<p>In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb
-wütenden, halb schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit
-ihr, so schnell sie konnte, heimwärts davon.</p>
-
-<p>Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall
-wollte, daß sie fast an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[S. 318]</a></span>
-über Perthes' Liebelei mit Hilde König eine erste Andeutung
-gemacht, diesen tiefen, über alles Verstehen
-schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte
-Arbeiten in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches
-Zucken übergegangen. Ihre erstorbene Seele erwachte
-aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. Das Blut stieg
-und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden
-Wellen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen
-fahren!&#8221; stieß sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Natürlich, Margakind!&#8221; Elli hatte die nächste
-Haltestelle erspäht. Sie half Marga in den Wagen und
-schmiegte sich drinnen dicht an sie. Sprechen konnte
-sie nicht.</p>
-
-<p>Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie
-schnell das Haus am Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.</p>
-
-<p>Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder
-Weinkrampf kam über Marga. Wehrlos mußte sie
-sich dem Schmerz überlassen, und ihr lautes Schluchzen
-erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte
-Herr stürzten herbei.</p>
-
-<p>Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit
-hohem Fieber zu Bett.</p>
-
-<p>In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre.
-Alice, Perthes, die Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer
-zermarterten in wirrer, grauser Jagd ihr Hirn.</p>
-
-<p>Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges
-Urteil geben, äußerte sich aber sehr besorgt.</p>
-
-<p>Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.</p>
-
-<p>Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel
-weiter. Bis an die Grenze zwischen Leben und Tod ...</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_319" id="Page_319">[S. 319]</a></span><a name="c13" id="c13">13</a></h2>
-
-
-<p>Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am
-Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung
-mit Fräulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu
-dem Überbringer, einem der Volontärärzte der Chirurgischen
-Klinik: &#8222;Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!&#8221;
-Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft.
-Noch verblüffter aber war er, als er statt einer
-gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:</p>
-
-<p class="p1">
-Lieber Markwaldt!<br />
-</p>
-
-<p>Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer
-geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich
-habe mich mit Fräulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke,
-das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.</p>
-
-<p>
-Gruß Ihr Perthes.<br />
-</p>
-
-<p class="p1">Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren,
-dachte Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit
-am Klinikerabend, auf dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen
-und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war
-er nur aggressiv gewesen, um dem &#8222;Unergründlichen&#8221; einmal
-auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum
-Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte
-nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt,
-wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden war, schien ihm
-die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte, menschenfreundlich
-wie er war: &#8222;Wenn sich der Junge nur nicht
-in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!&#8221;
-Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns,
-seines Chefs. Der hatte zuerst über Perthes das ahnungsvolle<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[S. 320]</a></span>
-Wort &#8222;Heiratspolitiker&#8221; fallen lassen. Nur so <span class="antiqua">en
-passant</span> und als Vermutung. In Markwaldts Augen war
-er durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis
-hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte
-die nächste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrücken.</p>
-
-<p>Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment
-mit mehr als oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige
-Markwaldt, der sich selber so findig
-vorkam und doch immer an der rechten Fährte vorbeilief,
-konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner Anerkennung
-nur eine gemischte Freude bereitete.</p>
-
-<p>Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug
-sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten.
-Daß er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz für
-den Sport, dann für sich und erst in letzter Linie für die
-Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte,
-lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren
-mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt.
-Bei näherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren
-mußten sie sich beide &#8222;für den Ernst der Ehe
-ungeeignet&#8221; finden. Sie lachten sich also auseinander und
-blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche
-Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich
-daran dachte, seine Unabhängigkeit dranzugeben, so
-mußte sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermögensverhältnisse
-hatten denn auch &mdash; was außer ihm
-niemand wußte &mdash; in aller Stille einen schweren Stoß
-erlitten. Das Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte
-zum größten Teil in der Bank eines für unbedingt sicher
-geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kämpfte<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[S. 321]</a></span>
-mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag
-vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr,
-seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken
-zu müssen. Kein Wunder, daß er auf einen
-Ausweg sann, der das geringere Übel bedeutete, und &mdash;
-<span class="antiqua">horribile dictu</span> &mdash; sich nach einer reichen Partie umsah.</p>
-
-<p>Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt
-zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache
-in ein modernes und ein rückständiges Lager.</p>
-
-<p>Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht.
-Rückständig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit
-wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb.
-Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem
-richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff,
-Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen,
-sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat
-Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden
-war. Daß unter allerhand Schrullen in dieser, wie es
-schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der
-beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz
-steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.</p>
-
-<p>Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe,
-die neben der ersten allmählich als neue und moderne
-akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und
-vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultäten, die
-wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen
-Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren
-Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war
-ein großzügiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten
-die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[S. 322]</a></span>
-guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemäßer,
-also kaufmännischer. Der typische Repräsentant
-der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie
-Hammann, zahlreiche Kollegen aus den übrigen Fakultäten
-stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur
-forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes
-auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit
-steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene
-Butiken wie Borngräbers efeuumranktes Landhäuschen
-paßten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war
-etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im Villenviertel,
-ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien,
-ein Automobil, Dienerschaft &mdash; kurzum, Luxus war
-mindestens ebenso schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung
-war aber auch die Exklusivität des Akademikers,
-die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, sondern aus geistigem
-Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen
-Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten.
-Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch
-naturgemäß Elementen, die man früher hatte abseits stehen
-lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die
-Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben
-freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, nicht
-im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu
-finden war.</p>
-
-<p>Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze
-nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um
-Hupfeld der Einfluß des Grafen oder besser der Gräfin
-Hüningen.</p>
-
-<p>Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer
-Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[S. 323]</a></span>
-Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen
-Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts
-eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte.
-Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und
-späterer Attaché in Konstantinopel und anderwärts waren
-jetzt seine Interessen in einer ausschließlichen Liebe für
-Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und
-dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit
-gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt
-als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch
-anhafteten. Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen
-Familie eines ostdeutschen Großindustriellen stammend,
-von mütterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer
-fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe
-jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem
-Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten,
-hatte sie sich überraschend schnell in der vorgeschrittenen
-akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung
-emporgeschwungen, die ihr allerdings die &#8222;Rückständigen&#8221;
-nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit
-Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau
-zur Repräsentation wenig geschaffen war, ließ sich die
-Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Gräfin es verstand,
-dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit,
-man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter
-Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein
-sehr hübsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige
-Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie
-diente. In sachlicher Würdigung aller Umstände widmete
-sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer
-der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[S. 324]</a></span>
-
-Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten
-sich in einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen
-konnte, mußte Perthes, der mit beiden Füßen von einem
-Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit
-des Richthoffschen Hauses in die üppige, große
-Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung
-erst gewöhnen. Doch das ging fürs erste überraschend
-gut und leicht. Dem glücklichen Bräutigam zeigte
-sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten
-Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung
-begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von
-Besuchen und Einladungen, von liebenswürdigen Familienfesten,
-Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen.
-Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen
-Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flügeltür
-der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage, die Hupfelds
-im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen
-wund zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich
-allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwährenden
-Taumels, der sie auseinanderriß und nur eben zwischen
-Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit
-kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese
-vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer
-neu, immer lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen,
-das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem &#8222;Räuberhauptmann&#8221;,
-wie sie ihn endgültig getauft hatte, in der
-rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit, mit der
-Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders
-gearteten Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller,
-als er erwartet, in die Illusion völliger Befriedigung überzugehen.
-Er konnte tagelang vergessen, mit welcher<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[S. 325]</a></span>
-dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung
-mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte
-ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die
-Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, daß
-er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflächlichen und
-Mittelmäßigen &#8222;genas&#8221;. Aber derartige Momente waren
-selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener
-zu machen.</p>
-
-<p>Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.</p>
-
-<p>Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen
-vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen
-Rückfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag.
-Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar
-Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer
-Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt
-der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt
-sich gerade mit Alice über die unmittelbar bevorstehende
-Verlobung von Professor Hammann und Edith Hüningen.
-Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden
-Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin,
-einer Studentin der Medizin, zwei Worte über einen
-schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte
-zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff. Perthes
-erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller
-klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so
-schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue
-Kreis, in dem er jetzt ausschließlich verkehrte, berührte sich
-kaum mit dem früheren, so daß ihm keine Nachrichten von
-drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv
-auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich
-beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[S. 326]</a></span>
-
-Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung
-geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung
-verändertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff
-so gut gehört wie er. Sie wußte, daß zwischen ihm und
-den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang
-bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder
-von einer Frage abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern
-ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war
-nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher auszufragen.</p>
-
-<p>Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes
-mit einer flüchtigen Entschuldigung.</p>
-
-<p>Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte
-er auf dem nächsten Weg zur Inneren Klinik.</p>
-
-<p>Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten,
-der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein
-stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch.
-Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte
-also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte sofort
-Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er
-der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das übliche
-Berufsmitgefühl zugewandt hatte, erzählte er, daß am
-Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht
-nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden.
-Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den
-Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.</p>
-
-<p>An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid
-empfand, merkte er, daß er eine Wunde besaß, die nicht
-aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wußte,
-daß die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet hätte.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.</p>
-
-<p>Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte,<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[S. 327]</a></span>
-als er auswich, auch auf die Frage zurückkommen, die sie
-bei Tisch unterdrückt hatte. Er schloß ihr den Mund mit
-Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte diesen Rückfall
-abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.</p>
-
-<p>In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig
-blieben, beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung
-und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld.
-Über die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit.
-Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger
-Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse,
-die in der Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen.
-Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet.
-Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes
-kleines Vermögen &mdash; daraus hatte er nie ein Hehl gemacht
-&mdash; war im Lauf seiner Studien und im häufigen
-Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln
-mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines
-ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es
-auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal
-für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie
-es Fräulein Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die
-stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen
-sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes, so sehr sich
-sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen.
-Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat
-nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber
-aus eigener Kraft eine Villa kaufen?</p>
-
-<p>Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart
-der ganzen Familie wurden Pläne von entzückenden
-Landhäusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen
-Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall.<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[S. 328]</a></span>
-Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung
-der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten
-und so weiter zogen die Damen sich zurück. Der Agent
-machte den Herren seine geschäftlichen Vorschläge. Die
-Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen
-bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise
-wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern
-gemacht. Perthes benahm sich gegenüber der
-Verlockung sehr kühl und widerstrebend. Exzellenz begriff
-erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den
-Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich
-offen aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des
-wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes
-für sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend
-Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem
-jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als
-Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte,
-wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von
-einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts
-hören. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem
-Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der
-in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf
-und erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit
-mußte Perthes, wenn auch ungern, sich schließlich zufrieden
-geben.</p>
-
-<p>Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern,
-war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen
-gewöhnlich für sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da
-indessen die Hochzeit vor der Tür stand und der Leutnant
-seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie er
-aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[S. 329]</a></span>
-Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen
-Der Wintersport versprach köstliche Feiertage ...</p>
-
-<p>Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern
-Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach.
-Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin Hüningen, mit
-Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem
-Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem
-Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.</p>
-
-<p>Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in
-vollem Gange. Im Hotel drängte sich eine internationale
-Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren
-nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus Berlin, ein
-siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär
-bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla
-neuerdings Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen
-hatte &mdash; um Hammann bei seinen &#8222;Pygmalionsversuchen&#8221;
-zu helfen, wie sie boshaft erklärte &mdash;, war ganz in ihrem
-Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretär
-auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich
-verstand, ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit
-Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis
-aufs Blut.</p>
-
-<p>Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde
-es weniger leicht, sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel
-wohl zu fühlen. Alice erklärte, ihr Räuberhauptmann
-sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge
-in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er müsse
-eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines
-Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte
-sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes hütete sich,
-eifersüchtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[S. 330]</a></span>
-er sie dann glücklich vor sich im Davoser Schlitten hatte,
-mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen Eismütze,
-preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich,
-die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an
-den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...</p>
-
-<p>Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller
-Festtag rauschte vorbei: rührend in der Kirche &mdash;
-denn man hielt auf religiösen Anstand &mdash;, lärmend, luxuriös
-auf dem in blühenden Sommer verwandelten Stift Nieburg.
-Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga,
-in Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater
-Richthoff und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen
-Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg
-unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und
-Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.</p>
-
-<p>In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen
-Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei.
-Trunken vom Glück einer entzügelten, unerschöpflich scheinenden
-Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften
-Licht immer neuer Reize. Sie dünkten sich andere
-Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten
-Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.</p>
-
-<p>Im Februar kamen sie zurück.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph
-in das entzückende, über Erwarten bequem und elegant
-ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer,
-dicker Kindlichkeit sie empfing.</p>
-
-<p>Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre
-Zimmer.</p>
-
-<p>Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden.
-Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[S. 331]</a></span>
-wollen &mdash; nun die Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche
-hinter ihnen lag.</p>
-
-<p>Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest,
-verkündete Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen
-Alltag gäbe, und Alli bekräftigte diese Devise mit ihrem
-hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich stärker erwiesen
-hatte als alle seine gemütvollen Torheiten aus
-längst vergangener Zeit.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c14" id="c14">14</a></h2>
-
-
-<p>Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl,
-den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen
-Reiseplan hatte in sein Haus locken können &mdash; wie flüchtig
-und trügerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die
-Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen
-ließ, um Marga &#8222;unter Freude zu setzen&#8221;, von verdoppeltem
-Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen
-werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders
-vor als väterliche Güte und schwesterlicher Feuereifer ...</p>
-
-<p>Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner
-ist ein seelisches Prinzip der Träger des Lebens. Wenn
-das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und
-Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes, seelenloses
-Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein
-Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene
-Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich,
-dem sie entsprang, eine zweite Lebensmöglichkeit. Aber
-dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden; es müßte
-ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können.
-Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund,<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[S. 332]</a></span>
-kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke
-nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu
-schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an,
-und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach
-schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers
-über die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die
-erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden
-gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen,
-lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen?
-Wird aus dem Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb
-hervorbrechen? Das weiß nur das Schicksal allein. Denn
-das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden
-bereitet ...</p>
-
-<p>Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters.
-Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte
-Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende
-Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen
-Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn
-mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens
-ihre Tapferkeit erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug
-mutig seine Fahne. Die römischen Cäsaren brauchten sich
-ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie alle guten
-Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule.
-Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe
-denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel
-erstieg, draußen in der Klinik war all ihr Denken und
-Fühlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die
-häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am
-Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und
-holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern
-den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[S. 333]</a></span>
-und gingen Käthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach
-langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon
-eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe nicht
-gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas
-aller Gefahr und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz
-einfach gestürmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestüm
-wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik
-vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam,
-wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit,
-ihre nie entmutigte Überredungskunst. Und dann,
-als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war,
-als erquickender, stärkender Schlaf Marga umfing, war
-Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür stehend,
-auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden
-Augen, vom Arzt und der Krankenschwester
-im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses,
-abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte und
-das &#8222;Häuflein Mensch&#8221;, das da so still und verfallen
-der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen
-zerdrückte.</p>
-
-<p>Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station
-nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrüßt. Zehn
-Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die Überführung
-Margas nach dem Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig
-wie ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen
-und das übliche Samtkäppchen sich schirmend, im
-Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstraße
-heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus.
-Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung
-gegen &#8222;Gruppenbildungen&#8221; unmöglich würde aufrecht<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[S. 334]</a></span>
-erhalten können. Sie mochten sich aber dann wenigstens
-nicht vor unberufenen Augen vollziehen.</p>
-
-<p>Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er
-wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin
-er sich zurückgezogen hatte, um in jedem Fall über der
-Situation zu bleiben. Therese stand schon längst unter
-der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände
-an der Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.</p>
-
-<p>Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben
-kam sie durch die Tür. Auf dem blassen Gesicht,
-in den zielverlorenen Augen glänzte ein Widerschein von
-all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese sagte
-ihr &#8222;Grüß Gott!&#8221; Marga erwiderte mit ihrer sanften,
-herzlichen Stimme.</p>
-
-<p>Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein,
-wie es gewesen wäre, wenn er die Stimme dieses seines
-blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg
-gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der
-Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz,
-und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber
-mit zwei Küssen auf Margas Wangen sehr gravierend
-beteiligt war.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht!
-Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!&#8221;
-Einmal ums andere strich er die Haare über
-Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die
-Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer
-und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli
-erklärte feierlich, es sei einfach unmöglich, daß andere
-Menschen sich so freuen könnten wie die Richthoffs. Und
-Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen schönen,<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[S. 335]</a></span>
-tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte,
-gedruckt zu werden ...</p>
-
-<p>Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt
-für Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg.
-Nun war Vater Richthoffs &#8222;Bande&#8221; wieder beisammen.
-Nun trat er seine Paschawürde wieder an.
-Während der zweite Teil der ersten Abteilung der &#8222;Kaisergeschichte&#8221;
-seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es,
-daß die Türen wieder unerlaubt ins Schloß knallten und
-Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur
-in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel
-hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf,
-schob das Käppchen von einem Ohr aufs andere und
-donnerte, Ruhe gebietend, durch den Türspalt. Die
-Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse
-beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein
-um die Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder
-getadelt zu werden.</p>
-
-<p>Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus
-und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga
-ein wenig Rot in die Wangen und kräftigte ihre schmächtig
-gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs,
-hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum.
-Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien
-wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit
-hatte ihre Erinnerung geschwächt. Weite Strecken des
-Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten ohne
-ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse
-in matterem, verändertem Licht wieder in ihr
-Bewußtsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff
-und die Geschwister hüteten sich in begreiflicher Scheu,<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[S. 336]</a></span>
-daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere &mdash;
-war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die,
-die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in
-den Tagen ihres höchsten Glücks nicht gewesen. Man
-war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder sanft
-und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte.
-Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum
-und die Reife inneren Schauens und Erlebens &mdash; all das
-regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig
-wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe
-gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden
-Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten
-können. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, daß
-man sie in die Sonne führte, mit ihr plauderte, ihr Blumen
-pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum
-erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg,
-wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen
-zu blühen anfingen und im junggrünen Schlinggewächs
-die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme
-wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurück, als
-wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte
-wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil
-empfangen: eine neue Saat für eine neue Seele ...</p>
-
-<p>Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine
-Überraschung.</p>
-
-<p>Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das
-neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene.
-Bei Käthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer
-größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit
-als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie
-und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[S. 337]</a></span>
-Richthoffs Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen
-Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte,
-eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Käthe nach den
-Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei Bertelsdorfs
-Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte
-seine Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht
-biegsamen Rücken lieb Kind zu machen. So erklärte sie
-sich auch die Häufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem
-Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame
-begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos,
-sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich
-mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich
-für allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben
-wußte; er war ein geduldiger Zuhörer für Käthes
-Lebenserfahrung und Weltweisheit &mdash; das wog bei ihr
-seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit,
-sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von
-Menschen und deren Wert gar keine nebensächliche Rolle
-spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von
-der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> und <span class="antiqua">c</span>
-entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund
-heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor
-gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war,
-seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach
-sie wenigstens, sich die Sache zu überlegen.</p>
-
-<p>Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit
-sich zu Rat &mdash; in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen
-war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr
-Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die
-Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte
-Bertelsdorf einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[S. 338]</a></span>
-einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert
-war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form
-um seine älteste Tochter an.</p>
-
-<p>Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen
-einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm
-der Gedanke, daß seine Töchter dem üblichen Los anderer
-junger Mädchen nicht für immer ausweichen könnten,
-wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun
-einmal in den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher
-Bedrängnisse eingetreten war. Bei Käthe fielen
-die Bedenken fort, die den Entschluß, als es Marga galt,
-so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler
-wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen
-hatte. Mehrere möglichst geheime Konferenzen
-mit Käthe folgten. Das Ergebnis war, daß der Privatdozent
-der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille,
-ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute,
-und der alte Herr gab seinen Segen.</p>
-
-<p>Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga
-so schonend wie möglich von diesem Ereignis unterrichtet
-werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen
-und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr fröhliches Herz,
-zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen
-der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.</p>
-
-<p>Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von
-Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga
-zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen
-und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes übrig
-blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte
-wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich
-in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[S. 339]</a></span>
-Vergangene hatte keine Gewalt mehr über ihren neuen,
-jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht
-fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden.
-Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit.
-Sie ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und
-brachte ihr mit warmen, ungekünstelten Worten ihren
-Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und der Geheimrat,
-der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind
-noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus
-bekommen hatte.</p>
-
-<p>Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung
-des jungen Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus
-am Wenzelsberg nach innen und außen so recht im gewohnten
-Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit
-aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit
-in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die
-Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rückte mit Frau
-und Töchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein
-Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser,
-genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun
-sehe man, was er den Winter über ausgeheckt habe, als
-er so unleidlich gewesen. Borngräber erschien natürlich
-auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht,
-aber als er glücklich so weit war, hatte er
-vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach
-in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man
-hätte ebensogut meinen können, er käme, um Richthoff
-zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau
-Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen
-Scheiteln und dem Krückstock; Cousine Grasvogel, ein
-bißchen kleinlaut nach ihren letzten unglücklichen Leistungen,<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[S. 340]</a></span>
-aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie aus der
-Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und
-viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr
-an der Seite des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli
-und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem
-Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewächshaus
-verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches
-zu hören. Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah,
-&#8222;einfach, weil so was existierte&#8221;, wie Frau Achenbach
-scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie
-wieder gesund zu sehen ...</p>
-
-<p>Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen
-Räume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders
-gestimmten Gästen öffnen sollten ...</p>
-
-<p>Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die
-Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine
-langersehnte, für die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige
-Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen
-Aufregungen des Winters versprach er sich von den
-paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das
-beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte
-Herr fühlte seine jugendliche, unerschöpfliche Begeisterung
-erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn er nach Jahren
-wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.</p>
-
-<p>Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten
-Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber
-vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als
-konsultierenderweise, riet ihm der ärztliche Freund kurzerhand
-von der Italienfahrt ab. Wie seine Herztätigkeit
-dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der Lebensweise
-gebotener als Veränderung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[S. 341]</a></span>
-
-Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe
-der Ärzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs
-ehrenrührigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem
-zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der
-&#8222;Quacksalberei&#8221;. Für seine Mädels, die sich über seinen
-jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine
-Geschichte in grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete
-Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den
-anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien
-etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er
-nicht. Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen
-Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als
-echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbärmlichen,
-nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anständiger
-Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in
-Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.</p>
-
-<p>Das Semester begann.</p>
-
-<p>Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten
-befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte
-Livländerin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine
-Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester
-halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt,
-der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme,
-als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg
-auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie
-den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie.
-Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern
-um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als
-Ausnahme, die die Regel bestätigt ...</p>
-
-<p>Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen
-Augen. Auch für den Sommer. Sie verehrte<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[S. 342]</a></span>
-den alten Herrn. Es mußte ihr gelingen, von der geduldeten
-zur offiziellen Hörerin vorzurücken. Zur Verblüffung
-Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen, rosablühenden
-Rosen.</p>
-
-<p>Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte &#8222;die&#8221;
-Hörerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns
-und tauschte mit ihr einen lächelnden Gruß.</p>
-
-<p>Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff
-ein, ihren Strauß wie einen Schild vor sich hertragend.</p>
-
-<p>Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den
-Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Höflich stand er auf.
-Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenüber nie
-vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln erwiderte er
-mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst
-du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr,
-um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen,
-als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte.
-Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch Halt. Die
-junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon
-mit einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.</p>
-
-<p>Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden
-nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne
-das dankende Wort hervorbringen zu können. Eine krampfhafte
-Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz.
-Das Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine
-Hand, die emporgriff, um es hinauszurücken, fiel schwer
-zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Körper sank gegen
-die Lehne.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?&#8221; stammelte das
-junge Mädchen mit zunehmendem Schreck.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[S. 343]</a></span>
-
-Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und
-ratlos an.</p>
-
-<p>Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter,
-laute, hilfeheischende Worte.</p>
-
-<p>Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden,
-verwunderten Mienen.</p>
-
-<p>&#8222;Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!&#8221;</p>
-
-<p>Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins
-Arbeitszimmer. Der Anblick raubte ihnen einen Moment
-die Sprache. Dann schrien sie auf vor Schreck.</p>
-
-<p>Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken.
-Sein kahler Kopf, von dem das Käppchen herabgeglitten
-war, ruhte mit den wenigen weißen Strähnen auf dem
-Strauß von duftenden Rosen.</p>
-
-<p>&#8222;Papa &mdash; was ist dir?&#8221; Elli hatte sich neben ihm
-auf die Knie geworfen und griff nach den schlaffen
-Händen.</p>
-
-<p>Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte
-aus dem Zimmer. Elli mit demselben Ruf besinnungslos
-hinter ihr drein. Von dem gleichen Gedanken beseelt,
-stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten
-Fernsprecher, Elli zu Geismar.</p>
-
-<p>Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter
-der Küchentür, sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne
-ihre Worte zu verstehen, und die fremde Dame, die sich
-unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen fluchtartig
-folgen ...</p>
-
-<p>Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern
-aus der Tür ihres Zimmers im Dachstock getreten, das
-Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte von nichts. Aber
-das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[S. 344]</a></span>
-einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell
-in die klarste Gewißheit verwandelte.</p>
-
-<p>Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt.
-Sie meinte seine eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre
-Stirn andringen zu fühlen.</p>
-
-<p>Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische,
-gebietende Sicherheit über sie. Mit einer langsamen
-Ruhe, über die sie sich selber wunderte, stieg sie
-die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür in das
-Arbeitszimmer ihres Vaters.</p>
-
-<p>Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück.
-Sie wußte, daß es nicht sein konnte. Sie atmete den
-Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurück vor
-der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete
-um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch.
-Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als
-alle Wirklichkeit. Sie sah das büchervolle, verqualmte
-Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mädchengestalt
-mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden Farben,
-die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht
-scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen
-Lächeln sich über den Duft und die Blüten
-neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm,
-andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie dabei und hielt
-Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den
-blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände
-tropften ...</p>
-
-<p>Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der
-Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch
-eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes
-konstatieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[S. 345]</a></span>
-
-Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser
-Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von
-der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes, düsteres
-Geleit.</p>
-
-<p>Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz.
-Nur Marga behauptete inmitten des Gedränges der kleinen,
-harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein
-konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien
-und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar
-und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm,
-sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte
-gesät. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, große
-Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen:
-die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu leiden
-und zu lieben.</p>
-
-<p>Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen
-so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das
-verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und
-offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen Universitäten,
-vom Ministerium, von der Berliner und Münchner
-Akademie, von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in
-der Aula, bei der Borngräber die knappste und ergreifendste
-Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergepränge
-des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte
-vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden
-Händen am Grab, und dann führte die letzte Kutsche
-die drei schwarzgekleideten Richthoffmädels zurück ins einsame
-väterliche Haus ...</p>
-
-<p>In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen
-hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg
-schlecht und wurmstichig und älter vor denn je. Es knackte<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[S. 346]</a></span>
-in seinen Dielen, es streckte sich im Gebälk und in den Wandfugen.
-Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentümliches
-Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer
-von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen,
-erzgemeißelten, ehrfurchtgebietenden Cäsaren &mdash; sie zogen
-aus Zetteln und Blättern, aus Winkeln und Ecken durch
-die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie
-hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c15" id="c15">15</a></h2>
-
-
-<p>Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte
-Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: &#8222;Ich kann
-mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau
-zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!&#8221;</p>
-
-<p>Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort
-gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber
-wußte.</p>
-
-<p>Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit,
-oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau
-geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos
-zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich
-durchaus natürlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen
-Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament,
-ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur,
-wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen
-Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper
-sich ausdrückte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der
-Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mädel zu
-sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices
-Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[S. 347]</a></span>
-diese herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen
-hatte, wiederholte ihr immer wieder: &#8222;Gerade
-wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich
-haben!&#8221;</p>
-
-<p>Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich
-Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren
-Annehmlichkeiten fühlbar geworden. Ein elegantes, großzügiges
-häusliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim,
-Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz beständiger
-Abwechselung: das waren lauter Dinge, die
-ihm fürs erste imponierten. Soweit es seine beschränkte
-Zeit irgend erlaubte und die Rücksicht auf die sichere
-Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zuließ,
-machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen,
-die üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern,
-kleine und große Schmausereien bei Hammanns
-und anderen Bekannten &mdash; ließ er sich nicht entgehen,
-auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und ermüdet
-fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der
-Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das
-Neueste, was die Gräfin Hüningen einzubürgern suchte,
-war Polo, und Alice war Feuer und Flamme für das
-Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein
-Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft
-werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen
-sechs und sieben &#8222;mordshungrig&#8221; von der Klinik kam,
-mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein
-Irrwisch noch &#8222;herumstrolchte&#8221;. Aber das Grundgesetz
-ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war
-die Freiheit hüben und drüben. Sie mußte geachtet
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[S. 348]</a></span>
-
-Mitte Mai &mdash; er war eben am Schluß eines solchen
-Junggesellenmahls angelangt &mdash; kam Alice aus der Stadt
-heim. Gewöhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten
-mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen Auswahl
-ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete.
-Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot
-gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung
-neben ihn.</p>
-
-<p>&#8222;Denk' mal an &mdash; ich komme durch die Hauptstraße &mdash;
-sehe an einem Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens
-angeschlagen und denke Wunder was passiert
-ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß irgend ein
-oller Professor am Herzschlag gestorben ist!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wer denn? Von hier jemand?&#8221; fragte Perthes
-ziemlich gleichgültig, während er sein Glas mit gemischtem
-Rotwein an den Mund setzte.</p>
-
-<p>&#8222;Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doch nicht Richthoff?&#8221; Perthes setzte sein Glas ab.
-Er war unwillkürlich betroffen.</p>
-
-<p>&#8222;Doch &mdash; Richthoff. Natürlich! So hieß er!&#8221; Alice,
-die die enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin
-und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte,
-erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig
-einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer
-nicht recht herausbekommen hatte. &#8222;Hast du nicht dort
-früher verkehrt, Männi?&#8221; setzte sie harmlos hinzu.</p>
-
-<p>Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie
-ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit
-gründlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese
-Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht,
-Erinnerungen herauf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[S. 349]</a></span>
-
-&#8222;Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich
-düsteres Gesicht. Was ist denn los?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste
-Sache&#8221;, meinte er zerstreut.</p>
-
-<p>&#8222;Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn
-und sann darüber, was aus seiner &#8222;Bande&#8221; werden mochte.</p>
-
-<p>&#8222;Du, das mußt du mir mal erzählen,&#8221; fuhr Alice unbekümmert
-fort. &#8222;Ich weiß nämlich genau, wie es stand.
-Von Markwaldt. Du mußt einer von den Töchtern
-mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der
-Sprache!&#8221; Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante
-Geschichte zu hören. Beglückt, nun endlich den
-rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier
-immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig
-flackernden Blick in die Augen.</p>
-
-<p>Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem
-war ihm die Art, wie sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.</p>
-
-<p>&#8222;Weißt du was?&#8221; sagte sie lebhaft. &#8222;Wir schließen
-einen richtigen Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer
-mit den Richthoffs. Ich erzähle dir dafür, wie ich mich
-um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst du?&#8221;
-Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd
-seinen dichten, schwarzen Bart.</p>
-
-<p>Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich
-aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er
-nur mit halbem Ohr gehört. Er war erfüllt, bedrückt
-von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm
-lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine
-solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[S. 350]</a></span>
-Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens
-jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam.
-Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dämonische Lust,
-mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht und
-sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er
-wollte versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns
-mit einem Ruck vollends abzuwerfen.</p>
-
-<p>So gab er nach. Mehr sich als ihr.</p>
-
-<p>In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten
-Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern.
-Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenüber
-den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose
-Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich dem
-Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß
-er seine Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine
-schwermütige Verbissenheit zerhackte seine Sätze. Das
-Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede Entweihung.
-Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit
-dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das
-er seiner Umgebung für so manches andere abgelernt
-hatte. Warum hatte er sich verführen lassen, den Schleier
-von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht
-abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht
-Einhalt gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit
-seiner Enthüllungen bestrafen, suchte er mit nervös
-hervorgeschleuderten Worten und Sätzen ein gerechtes
-Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen
-Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte.
-Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er
-hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn
-ein Blick auf Alice ernüchterte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[S. 351]</a></span>
-
-Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah
-ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie
-er, gleich einem fremden, spaßigen Tier im Speisezimmer
-auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoßend,
-dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine
-der Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.</p>
-
-<p>Er stand still und schwieg.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Maxi&#8221;, kicherte sie leise. &#8222;Daß du so ein sentimentaler
-Junge warst, noch vor nicht einem Jahr, das
-hätt' ich mir denn doch nicht träumen lassen! Geahnt hab'
-ich ja den Spießer immer 'n bißchen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wahr? Unglaublich!&#8221; stieß er hervor. Es klang
-gar nicht spießig, sondern eher wild und zornig.</p>
-
-<p>&#8222;Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten
-wie von einem Wunder! Und blind war sie auch? Einfach
-romantisch, Männi! Bürgerlich und romantisch! Gibt's
-nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin ich überzeugt,
-sie war auch nur ein biederes, sentimentales &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Lassen wir's!&#8221; schnitt er ihr das Wort ab. &#8222;Dummheiten,
-du hast recht!&#8221; Er lachte gezwungen.</p>
-
-<p>Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert.
-Sie ließ ihr Lachen, das kurze, helle, aufreizende, in das
-seine klingen.</p>
-
-<p>Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine
-Welle durch seinen Körper und flirrte vor seinen Augen.
-Er erzitterte und ballte die Faust. Dann ergriff er sie
-und riß ihre Arme auseinander, als wollte er sie zerbrechen.</p>
-
-<p>Sie stieß einen Wehruf aus.</p>
-
-<p>Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn
-zwischen seine starken, großen Hände und senkte seinen
-Blick in die schillernden, boshaft-schillernden Augen. Wer<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[S. 352]</a></span>
-war denn das, der über ihn, über sein prostituierendes
-Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er
-einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte?
-Wo war das Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war
-sie beschaffen, diese Seele oder was es war, dieses ewig
-Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in diesem
-Ungrund?</p>
-
-<p>Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick
-war ihr ungemütlich.</p>
-
-<p>&#8222;Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch
-Gemütsstudien zu machen? Auf deine Räuber- und
-Bärenmanier! Das laß mal besser sein!&#8221; schalt sie.
-&#8222;Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen
-sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um
-neun. Ich mach' mich zurecht!&#8221; Sie glitt aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt.
-Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen
-zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und
-er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem
-Bekenntnisse &mdash; &mdash; Warum nicht? Das war der echte
-Perthes! Gewiß! Und der echte Perthes ging in sein
-Ankleidekabinett, um sich für Hammanns umzukleiden ...</p>
-
-<p>Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit
-Perthes als Gegenleistung für seine Ernennung zum
-ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater
-nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklärte
-er sich denn auch damit einverstanden, daß Perthes
-sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten,
-die dem Eintritt in den Lehrkörper der <span class="antiqua">Alma mater</span> notwendig
-vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des
-Frühjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[S. 353]</a></span>
-Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem gesellschaftlichen
-Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person
-wurde ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem
-ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermüdet und
-übersättigt fühlte. Und dann machten ihm die unverhältnismäßig
-hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle
-Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und
-er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen
-Rückzug möglicherweise einzuschränken.</p>
-
-<p>Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen
-nichts mitzuteilen.</p>
-
-<p>Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen
-der Geselligkeit auszuweichen begänne &mdash;
-seine wissenschaftlichen Gründe dafür schien sie zu würdigen
-&mdash;, würde auch sie allmählich ganz naturgemäß
-nicht mehr soviel ausgehen wollen.</p>
-
-<p>Doch darin hatte er sich getäuscht.</p>
-
-<p>Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren.
-Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und
-Unterhaltungen, von all den Ansprüchen ihres verwöhnten
-Mädchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren
-zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach
-der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre
-Ungebundenheit erst recht genießen. In ihrem Elternhaus
-hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich
-zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede
-sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war,
-daß jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt
-waren. Eine Hausfrau im gewöhnlichen Sinn zu sein,
-dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Aufträge zu geben,
-ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, besonders<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[S. 354]</a></span>
-aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung
-an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft,
-an Toiletten und Kleidungsstücken jeder Art war mehr
-als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den
-unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu bestehen.</p>
-
-<p>Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog
-sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft
-jener stoßweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten,
-der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab.
-Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam
-für einige Wochen den musikalischen Koller, der kein
-Konzert vorüberließ, die Tees, die Soireen, die ganze
-Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mußte man
-plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache,
-Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten,
-zu treiben oder Literatur bei einem plötzlich zum Stern
-erster Ordnung erklärten jungen Professor zu hören.</p>
-
-<p>Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus
-Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte,
-blieb es nicht. Man schwärmte serienweise für bestimmte
-kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für Kopenhagener
-Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten und
-Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust
-wie ein Fieber erregten.</p>
-
-<p>Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind
-machte, drückte auch späterhin, solang' es irgend ging,
-seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den
-Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine
-Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit
-der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er
-redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[S. 355]</a></span>
-werde sich abschwächen und von selber eindämmen. Aber
-als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr
-um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen,
-ohne daß man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten,
-wurde er aufmerksamer und kritischer.
-Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld
-gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung,
-ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe
-ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis
-überstiegen. Es war ihm unverständlich, wie ein paar
-Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes
-Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen und
-können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es
-müßten da Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien
-mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig
-zum Opfer fiel.</p>
-
-<p>Er wagte bei der nächsten Gelegenheit &mdash; es handelte
-sich um einen für seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel
-&mdash;, Alice zu befragen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Männi &mdash; davon verstehst du nichts! Ich finde
-den Mantel billig!&#8221; erklärte sie achselzuckend. Sie hatte,
-wie sie erzählte, sich sogar einen besseren &#8222;verkniffen&#8221; und
-war ordentlich stolz auf diese Einschränkung.</p>
-
-<p>Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig
-bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben,
-daß da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er hätte
-sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt, ob
-das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu
-machen. Schließlich war er gezwungen, sich über die
-Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mußte, doch
-ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[S. 356]</a></span>
-gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden
-Resultat.</p>
-
-<p>Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner
-Frau sich aussprechen.</p>
-
-<p>Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand
-noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah für
-den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie
-ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig davon Kenntnis
-gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so
-wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen
-Trubel, daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht
-Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit
-doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung
-über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er
-nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.</p>
-
-<p>Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen
-Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.</p>
-
-<p>Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer,
-das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack
-und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld
-ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice begrüßen,
-die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb
-er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine
-wahre Ausstellung eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten,
-als da waren Knüpfteppiche, Sofakissen, Tischläufer,
-Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils
-und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle,
-den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem
-Inhalt lag auf dem Boden. Daneben saß Alice, mit
-dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets beschäftigt.
-Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen.<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[S. 357]</a></span>
-Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen.
-Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte,
-hatte sie eben wohl oder übel aufstehen wollen, um die
-Schere zu holen.</p>
-
-<p>&#8222;Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?&#8221;
-lachte sie belustigt.</p>
-
-<p>&#8222;Es sieht beinahe so aus,&#8221; erwiderte er mit einem verwunderten
-Blick auf dies Warenlager.</p>
-
-<p>&#8222;Ach gib mir mal die Schere.&#8221; Sie deutete nach ihrem
-Schreibtisch. &#8222;Alles für den Bazar im November,&#8221; erklärte
-sie, während er ihr die Schere reichte.</p>
-
-<p>&#8222;Für welchen Bazar?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; ich erzählte dir doch schon immerzu davon.
-Wir machen ein Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge
-oder Seemänner oder so was. Eine feudale Sache
-jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin ist
-Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude
-zu übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle
-kaufen, wie sie hier sind?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So ziemlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dann willst du sie selber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du &mdash; das ist ja eben der Trick! &mdash; Ich mache an jedem
-ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige
-gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt weiß, jedes
-Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's
-nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach
-&mdash; und dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen
-vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewöhnliche
-Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden uns hüten!&#8221; Und
-nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[S. 358]</a></span>
-Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der
-sie stets ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo
-ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit &#8222;so'n Dingsda!&#8221; behelfend.
-Perthes hätte ein Zeichendeuter sein müssen, wenn
-er diese Kette von &#8222;Dingsda&#8221; sich hätte auslegen können.</p>
-
-<p>Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm
-seine Geduld zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.</p>
-
-<p>&#8222;Du vergißt, Alli&#8221;, begann er dann vorsichtig, &#8222;daß
-dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt
-&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen,
-mich zu kasteien.&#8221; warf sie dazwischen.</p>
-
-<p>&#8222;Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der
-Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein.
-Und überdies: wer weiß, ob du im November schon wieder
-dabei sein kannst?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das fehlte gerade!&#8221; sie sah mißmutig zu ihm auf.
-&#8222;Weißt du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen,
-wenn &mdash;&#8221; Sie vollendete den Satz nicht.
-Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. &#8222;Das fehlte
-gerade!&#8221; setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war
-außer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung
-könnte ihr Vergnügen beeinträchtigt werden.</p>
-
-<p>Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle
-an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolität verletzte
-ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen
-zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache
-herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei und zog
-ihn in ihre Nähe.</p>
-
-<p>&#8222;Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen,
-Kind!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[S. 359]</a></span>
-
-&#8222;Noch ernster?&#8221; Es zuckte sehr wenig ernst um ihren
-Mund.</p>
-
-<p>&#8222;So leid es mir tut &mdash; sei mir nicht böse und mißversteh'
-mich nicht &mdash; ich muß dir das aber sagen: du solltest deine
-Kauflust ein klein wenig einschränken!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; meine Kauflust? Und wieso?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe
-gerechnet und &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!&#8221; stieß
-sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern
-hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Ich verlange es ja nicht von dir,&#8221; meinte er mit
-gutmütigem Lächeln. &#8222;Aber ich muß das wohl. Schulden
-machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt
-läuft, kann er nicht weiter.&#8221; Er bemühte sich nun, ihr so
-ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur
-konnte, einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen
-und Ausgaben zu geben. Ohne alle überflüssigen
-Einzelheiten. Sehr sachlich und überzeugend.</p>
-
-<p>Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster
-aus den Paketen und ließ sie durch ihre Finger gleiten.
-Als er fertig war, sagte sie außerordentlich gelassen, ohne
-auch nur aufzusehen: &#8222;Männi &mdash; weißt du &mdash; eigentlich
-brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber wen denn sonst?&#8221; gab er, sich beherrschend,
-zurück.</p>
-
-<p>&#8222;Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da.
-Der soll seinen großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen.
-<span class="antiqua">Voilà tout!</span>&#8221; Sie sagte das so kühl und sicher,
-als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.</p>
-
-<p>Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[S. 360]</a></span>
-fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu
-bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster
-drehte er sich um.</p>
-
-<p>&#8222;Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um
-jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter
-nehme ich von deinem Vater an!&#8221; Seine Worte lauteten
-sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schärfe
-durch. Um sie gut zu machen, meinte er: &#8222;Das mußt du
-übrigens selbst einsehen!&#8221;</p>
-
-<p>Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam
-beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hände
-im Schoß ineinander und blickte ihn von unten nach oben,
-mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.</p>
-
-<p>&#8222;Das versteh' ich nicht. Verzeih &mdash; aber das wäre ja
-unglaublich philiströs gedacht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Philiströs, beste Alli,&#8221; &mdash; er reckte sich nervös &mdash;
-&#8222;philiströs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame
-etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das
-philiströs zu nennen, was einem nicht in den Kram paßt!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oho, Männi!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich
-erwarte, daß du ihn würdigst. Und ich bitte dich &mdash;&#8221;
-er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt
-gab, zu mildern und steckte die Hände, die zu lebhaften
-Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die
-Taschen seines Jacketts. &#8222;Ich bitte dich, dich danach einzurichten.
-Ich verlange von dir nichts Außergewöhnliches.
-Nur ein bißchen Mäßigung und Beschränkung. Du wirst
-das mir zu lieb tun!&#8221;</p>
-
-<p>Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken
-zurück und tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[S. 361]</a></span>
-verschlang sie die Hände hinter sich und dehnte sich. Sie
-unterdrückte ein Gähnen.</p>
-
-<p>Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte,
-wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verließ. Um nicht
-loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich
-hin, während sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr.
-Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie
-hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie
-glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben:
-der Philister in ihm &mdash; den sie als Mädchen schon gewittert,
-aber nun gebannt glaubte &mdash; dieser Philister hatte hinter
-ihm hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte
-sie! Dafür würde sie sich bedanken!</p>
-
-<p>Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig
-zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick
-wegwerfend in einer nicht zu mißdeutenden Richtung
-...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c16" id="c16">16</a></h2>
-
-
-<p>Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger
-Wochen das Haus am Wenzelsberg überfallen hatte, war
-so plötzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und
-Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern mit jedem
-Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter
-wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan
-war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und
-Aufregungen über sie hingefahren und hatte sie betäubt;
-jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis müsse sie mit
-der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.</p>
-
-<p>Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[S. 362]</a></span>
-gut in seinem Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr
-eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in
-seiner gestrengen Paschawürde, für jeden und jedes fehlte.
-Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien
-Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als
-hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen
-des Alltags unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten
-durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte
-das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er abseits im
-zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und
-nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was
-hätte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf
-eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus
-seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte Marga
-sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt
-stählen zu müssen &mdash; er, der der Gütigste und Besorgteste
-war, so oft das Leben sie hart anfaßte! Und Käthe, wie
-willkommen wäre es ihr gewesen, ein plötzliches &#8222;Blaustrumpf!&#8221;
-an den Kopf zu bekommen! All das &mdash; und
-sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht
-auf der obersten Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus
-am Nachmittag, all das und tausend anderes war
-vorbei. Vorbei mit jenem &#8222;nie wieder!&#8221; dahinter, das
-so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.</p>
-
-<p>Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte,
-war die Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal
-zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit
-herangetreten. Auch Käthe, die besonnene Käthe, erholte
-sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not
-zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft
-zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[S. 363]</a></span>
-Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurütteln
-und aufzurichten.</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte
-nur zu bald ein lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.</p>
-
-<p>Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher,
-aber kein großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen
-hatte er nicht hinterlassen können. Das Haus war
-mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung
-gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.</p>
-
-<p>Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen
-Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Für
-Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl
-er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch nach
-akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu
-anständig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit
-sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.</p>
-
-<p>Aber Marga und Elli?</p>
-
-<p>Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav
-wie immer benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen.
-Den Doktor hatte er glücklich hinter sich. Aber
-auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein
-Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und
-sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch
-so bescheidene Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde,
-deren Zukunft den Freunden am trübsten und aussichtslosesten
-vor den sorgenden Augen gestanden, war von
-vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein,
-sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben
-anzugreifen und ihm ein Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen.
-An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.</p>
-
-<p>Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich,<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[S. 364]</a></span>
-etwas zu entdecken, das den beiden eine auskömmliche
-Zuflucht bot.</p>
-
-<p>Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen.
-Immer scheiterte die Möglichkeit der Ausführung
-an einem neuen Hindernis: sei es, daß die Ausbildung
-zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war,
-daß andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen
-ließen oder daß wohl die eine, aber nicht die andere Schwester
-ihre Unterkunft finden konnte.</p>
-
-<p>Eines Abends vor dem Schlafengehen &mdash; es waren
-schon Wochen vergangen, Käthes Hochzeit und die Trennung
-von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum
-Verkauf ausgeschrieben &mdash; erklärte Elli mit einem komischen
-Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte:
-&#8222;Nächstens werden wir für uns eine &#8218;Kleinkinderbewahranstalt&#8219;
-suchen müssen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warum für uns?&#8221; meinte Marga ernsthaft. &#8222;Wir
-könnten ja &mdash;&#8221; sie stockte und überlegte.</p>
-
-<p>&#8222;Was könnten wir?&#8221; forschte Elli.</p>
-
-<p>&#8222;Nun, ich dachte &mdash; aber es wird auch nicht gehen &mdash;
-wenn wir einen Kindergarten gründeten!&#8221; Sie mußte
-selber über diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie
-spannen das Unmögliche weiter, und es sah auf einmal
-gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor
-Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt.
-Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen
-anderen. Wahrscheinlich würde es im Frühlicht des nächsten
-Tages schon nichtig erscheinen. Aber für jetzt konnte man
-neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so gut
-darüber ein ...</p>
-
-<p>Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[S. 365]</a></span>
-bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von
-der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und
-Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten
-Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell,
-daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl
-einfach und häuslich erzogen oder besser durch gesunde
-Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstöchter
-nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten
-Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glück
-war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht
-nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch
-mit sozialen Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus
-Sport, wie die Gräfin Hüningen, aber aus dem Bedürfnis
-eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch
-nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus,
-sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst
-verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die
-majestätische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweißen
-Scheiteln und dem Krückstock, die besondere Freundin
-Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr gelegentlich
-ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner
-Schützlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst
-nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen
-kleinmütig. Weil man nun einmal, wie sie überzeugt
-war, ein Haus nicht von oben herunter aus der
-Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen
-mußte. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie würden
-also auch auf diesen Plan verzichten müssen, weil keine
-die nötigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung
-und Umsicht besaß, deren es bedurfte, versprach
-Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[S. 366]</a></span>
-
-Und sie hielt Wort.</p>
-
-<p>Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum
-Plan die feste Gestalt sah.</p>
-
-<p>Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe.
-Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie
-in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als
-Volontärin in einem großen Erziehungsheim, dem ein
-Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas
-Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit
-trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?</p>
-
-<p>Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft
-worden. Ein kleiner Überschuß, zusammen mit der
-mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel
-Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte für
-zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf
-hatte das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an
-eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten.
-Er zog mit seiner Frau &mdash; die stille Hochzeit wurde im
-Juni gefeiert &mdash; nach herzlichem Abschied noch im Lauf
-des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als
-Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für
-sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf
-Güstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung
-seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich jede
-Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel,
-die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis
-standen, fähig wäre. Marga nahm die Hilfe für sich an.
-Elli brachte sie nach Pommern.</p>
-
-<p>Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor
-Ellis blühender Phantasie gestanden hatte. Aber schön
-war sie doch. Unterwegs begrüßte man Wilkens, der<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[S. 367]</a></span>
-in einem sächsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden
-und angenommen hatte. Schwermütig war er
-noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz,
-sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde.
-In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel,
-wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert.
-Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen
-Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben
-und sah von der &#8222;Weltstadt&#8221; genug, um die schaudernde
-Andacht nicht nur nicht enttäuscht, sondern erhöht zu sehen.
-Und der Empfang in Güstow war einfach urgemütlich:
-die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave,
-beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten,
-jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen
-Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn,
-freuten sich &#8222;doll&#8221; und führten Elli und Marga im
-besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort, was
-in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch
-zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete,
-war es mit einem weinenden und einem lachenden
-Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren,
-sogar wenn es Marga zu verlassen galt.</p>
-
-<p>Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der
-neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen
-in dem altväterischen Herrenhaus mit ihrer unverwüstlichen
-Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit und am
-harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen
-Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder,
-der schattige Garten und der einsame Kiefernwald &mdash;
-das war eine in sich ruhende, natürliche Welt, die ihr wohltuend
-entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[S. 368]</a></span>
-und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen.
-Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten
-sich schützend und klärend zwischen sie und ihr früheres
-Leben im Haus am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen.
-Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei
-gerade im rechten Alter, daß Margas Kinderfreude an
-ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus
-schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse,
-die berufsmäßig zu lernen ihr versagt war.
-Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum
-und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie früher
-ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang
-mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die
-Kinder gaben ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen,
-das Geschaute in eine faßliche Form hinüberzuleiten,
-zu erzählen und zu fabulieren. Sie mußte ein
-Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing
-dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts,
-sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam
-und unmerklich fast. Der Humor, der sich früher,
-trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkräftigen
-Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein
-Recht verschaffen können &mdash; jetzt entwickelte er sich und
-streifte ab, was die früheren Mädchenjahre unter der
-Wirkung ihres Leidens an Überernst und zu tiefer
-Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die Überraschung,
-die die neue Seele in sich trug. Und nicht
-nur ein Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es
-wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung
-für ihr neues Leben. Waffe, Würze und Kraft, nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[S. 369]</a></span>
-wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga
-verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund,
-bald das lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen
-in sich. Es war wieder die große Stille, die in ihr
-anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber
-um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger &mdash; um
-einen hellen, leichten, lachenden Ton.</p>
-
-<p>Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen
-sich Marga und Elli in Käthes jungem Heim wieder.</p>
-
-<p>Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht
-ging's ins neue Jahr hinüber.</p>
-
-<p>Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten
-und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen
-mußten, fanden sie zu ihrer Freude, daß Frau Geheimrat
-Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in einer
-Gartenstraße &mdash; dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief,
-nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder
-Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Häuschen ermittelt,
-das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten
-mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein
-paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große
-Zimmer und die Küche, oben unterm Giebel ein luftiger
-Schlafraum &mdash; alles nicht großartig, aber zweckentsprechend
-und freundlich. Besonders wenn erst das Frühjahr Blätter
-und Blüten darumrankte.</p>
-
-<p>Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli
-zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten
-zwei Jahre die Miete; er ermöglichte auch die nötigen
-Anschaffungen für die &#8222;Schulstube&#8221;, die Frau Achenbach
-schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das Empfangs-
-und Wohnzimmer neben der &#8222;Klasse&#8221; und das Schlafzimmer<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[S. 370]</a></span>
-ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung
-des väterlichen Hauses zurückbehalten, so vollstopfen,
-&#8222;daß sie vor Gemütlichkeit platzten&#8221;, wie Elli sich
-ausdrückte.</p>
-
-<p>Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen
-Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten
-mußte man zwei dutzendmal aus- und einlaufen,
-bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das
-Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen.
-Und gab eine närrische Freude, als &mdash; auf
-einen Tag, wie es das Glück immer macht &mdash; drei kleine
-Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau
-Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei
-Jungens, fünf Mädels, und konnte anfangen.</p>
-
-<p>Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock
-angezettelt kam.</p>
-
-<p>Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein,
-mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel
-und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde
-Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama
-furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte
-Mama sie in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch
-zu brüllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger
-Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester
-ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein
-Steckenpferd bei sich behalten konnte.</p>
-
-<p>Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor
-all den großen, fragenden Augen und den offenen Mäulchen,
-die bereit waren, zu lachen und zu weinen &mdash; in ein
-und demselben Atemzug.</p>
-
-<p>Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[S. 371]</a></span>
-
-&#8222;Tante&#8221; Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele
-und Späße, daß der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß
-vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergnügen
-schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen Papier flechten,
-ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an kein
-Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren
-als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten,
-selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben
-mußte. Und &#8222;Tante&#8221; Marga, die so merkwürdige Augen
-hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde und
-man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte &mdash; die
-erzählte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen
-mußte man aufreißen, als gelte es geradewegs in den
-Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr
-zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und
-sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten,
-daß nach sechs Wochen ein junger Herr erklärte,
-es sei einfach verrückt, daß man nicht immer da sei, und
-zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen,
-in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt
-wurden.</p>
-
-<p>Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer
-Frau Achenbach, machten mächtige Propaganda. Professor
-Wilmanns war untröstlich, daß er sein Enkelbübchen
-&mdash; den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet
-hatte &mdash; nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den
-Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine
-jüngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit,
-bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil
-sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen
-um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete an einem<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[S. 372]</a></span>
-Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns
-hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder
-anknüpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule
-in Troja hätte stiften können. Der erboste
-Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte seinen lügnerischen
-Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten andichtete,
-die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau
-unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen
-Schutzbefohlenen in der Bergfelderstraße mit Zwillingen
-den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht
-wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe Jakobus
-Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff
-immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg
-von seiner ostöstlichen Wissenschaft zu einem modernen
-Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens
-mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus in
-der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um
-eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das
-gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte
-er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche
-Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufällig
-entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.</p>
-
-<p>Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die
-Sorgen und Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es
-sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte
-Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft seiner &#8222;Bande&#8221;,
-sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewünscht.
-Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf.
-Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich &#8222;vor
-Gemütlichkeit platzte&#8221;, ihren Tee brauten, konnte man
-Marga singen und Elli lachen hören. Es kam vor, daß<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[S. 373]</a></span>
-nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bären
-aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow
-in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen
-Segelfahrten, schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen,
-Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden &mdash;
-ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier aufnahm,
-bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb
-bei nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht
-dahinten. Der Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der
-zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm
-immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder
-löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens
-warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht
-verlernen, Feuerräder durch die Luft surren und leuchten
-zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu
-und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne
-zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus
-der Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang
-die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander, so frei
-fühlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c17" id="c17">17</a></h2>
-
-
-<p>Der erste &#8222;verheiratete Sommer&#8221; hatte sich für Max
-Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern
-waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder
-auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu.
-Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein
-paar Stunden hinaus.</p>
-
-<p>Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten
-sehr gut. Er fand eine eigentümliche neue Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[S. 374]</a></span>
-in einer Tätigkeit, die seine praktische in der Klinik nach
-der geistigen Seite ergänzte. Die Sehnsucht nach Stille,
-die er so ganz verbannt und überwunden zu haben glaubte,
-suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen
-Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung,
-die er sich früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person
-verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf
-den Sommerurlaub. Er verständigte sich mit seinen Schwiegereltern
-dahin, daß Alice die Hochsommerwochen unter
-ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber
-murrte anfangs über den notwendigen Verzicht auf die
-ihr so teure Bergfexerei. Zum Glück fand Perthes diesmal
-bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Unterstützung
-im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte
-von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine &#8222;wilde
-Hummel&#8221; schon im Zaum halten.</p>
-
-<p>So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges
-Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer
-seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und
-länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur selten ging er
-spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte
-er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue
-Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in
-die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er,
-außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen
-einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn
-zurück.</p>
-
-<p>Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines
-Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße
-machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar
-für einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der &#8222;Medizinischen<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[S. 375]</a></span>
-Wochenschrift&#8221; gebracht. Er wollte es dazu verwenden,
-um in aller Stille eine der großen Rechnungen
-des letzten Vierteljahrs zu begleichen.</p>
-
-<p>In dem Modeladen, dem sein Gang galt &mdash; es war
-das erste Sport- und Toilettengeschäft der Stadt &mdash; erfuhr
-er mit Befremden, daß der Betrag schon beglichen sei.
-Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer,
-ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das
-Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung
-für Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen
-bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte
-etwas von einem unverständlichen Irrtum. Kaum konnte
-er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tür
-begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.</p>
-
-<p>Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung
-zugefügt, schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er
-einst gezwungen, sich der bewußten Streberei zu unterwerfen,
-hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen
-pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte einen
-entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld
-einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten
-ein für allemal abzulehnen, und die Summe
-mitzuschicken. Nur die Rücksicht auf den Zustand seiner
-Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm
-indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle
-Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr
-mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben
-hatte er nicht so viel Selbstüberwindung lernen und üben
-müssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen.
-Die Arbeit wurde ihm für mehrere Tage verdorben,
-und es blieb auch nachher ein Stachel zurück, der<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[S. 376]</a></span>
-immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit
-ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden
-Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen
-Mädels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn für
-den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen
-eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie
-nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern
-aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem
-Frühjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner
-freiwillig-unfreiwilligen Beichte über Marga, mehr als
-einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: was wohnte
-hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter
-diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn
-unter den rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja
-Unsinn! Was suchte er denn? Das Rätsel war ja eben
-der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch immer mächtig
-über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen.
-Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr
-werden zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich:
-über den nächsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.</p>
-
-<p>Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds
-im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit
-folgten: er war Alices alter Räuberhauptmann und sie
-sein entzückender Irrwisch.</p>
-
-<p>Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem
-Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die
-Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung
-an seine Demütigung blieb. Er mußte ein Kompromiß
-schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind
-war es fortan &mdash; aber natürlich war es so &mdash; nur das
-Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mußte,<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[S. 377]</a></span>
-was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel.
-Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der
-mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und
-sie auf die natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz
-zu verstehen, mit ihm über diese wirtschaftlichen Dinge
-einer Meinung und damit häuslicher zu werden!</p>
-
-<p>Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das
-Kind ihrer Liebe ...</p>
-
-<p>Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme.
-So frisch und ungebärdig und fast so schlank wie immer.
-Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz,
-doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er
-fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht
-und Arbeitslust.</p>
-
-<p>Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche
-Treiben.</p>
-
-<p>Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf
-der Hin- und Rückfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht,
-neue Pläne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber
-wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige Zurückhaltung
-auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt,
-ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er,
-es würde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie
-bisweilen über die Stränge schlug, wenn sie aufbrauste,
-weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen &#8222;ekligen,
-ollen Philister&#8221; schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes
-verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen
-Geduld und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß
-das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen
-Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er
-übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[S. 378]</a></span>
-Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst
-sich zugetraut hätte.</p>
-
-<p>Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.</p>
-
-<p>Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen
-bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei
-gemacht. Der Ordinarius für Gynäkologie, ein Freund
-des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt
-durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn
-ihre furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht
-gemacht.</p>
-
-<p>Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger
-Perthes das Licht der Welt.</p>
-
-<p>Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater,
-schüttelten sich mit gerührter Freude die Hände. Alice
-war schwach, aber außer jeder Gefahr. Als Perthes bei
-ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene,
-betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel,
-das ihr die Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem
-Kommen.</p>
-
-<p>Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand,
-um sie zu küssen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.</p>
-
-<p>&#8222;Wie meinst du, Liebling?&#8221; Er beugte sich vor, denn
-er hatte nicht verstanden. &#8222;Hast du einen Wunsch?&#8221;</p>
-
-<p>Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören,
-und ließ sie sich zum drittenmal, noch näher ihrem
-Mund, wiederholen.</p>
-
-<p>&#8222;Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!&#8221;
-kam es klar und überzeugt hervor.</p>
-
-<p>Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück
-auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[S. 379]</a></span>
-hatte mit ihr ein dankbares Wort über den tüchtigen Burschen
-reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm
-in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und
-ging auf den Fußspitzen aus der Stube.</p>
-
-<p>Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im
-Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das
-Herbstdunkel mit den trägen Bergmassen, dem düsteren
-Fluß, dem gestirnten Himmel.</p>
-
-<p>Das war also alles, was Alice empfand!</p>
-
-<p>Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung.
-Kein Wort für das Kind, kein Wort für ihn.</p>
-
-<p>Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie
-wurde von einer Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange
-nicht gefühlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll
-und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als
-Mutter &mdash; eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von
-Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die
-Schläfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese
-tödliche Vision abzuhalten, fortzudrängen, zu vernichten.
-Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, zornige Angst
-und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder
-Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen
-suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergründen meinte.
-Er wies die Ahnung zurück. Mit dem Rest seines dämonischen
-Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder
-...</p>
-
-<p>Alice genas schnell und normal. Auch der Junge
-machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr
-unterschiedlich: bisweilen überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten;
-ein andermal vergaß sie ihn völlig. Beharrlich
-war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[S. 380]</a></span>
-fernbleiben zu müssen. Die &#8222;Handarbeitsbude&#8221; hatte sie
-wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald
-nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil
-er sie überzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache
-als zu mühselig erwies und nicht den rechten Spaß machte.
-Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon
-während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen
-mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme
-kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich
-in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde für
-Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem
-berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.</p>
-
-<p>Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr
-bei dem unnützen Basar als bei seinem Kind. Sie
-kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnäckigkeit
-einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn
-eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber
-sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices
-Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest
-war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf
-die zweite Hälfte des Januar verschoben worden. Unter
-dem Weihnachtsbaum &mdash; er hatte Alice überreich und zartsinnig
-beschenkt &mdash; erbat sich Perthes ihren Verzicht auf
-diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der
-Liebe. Sie wollte nichts davon hören, aber allmählich
-trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den
-Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte
-ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.</p>
-
-<p>Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal
-bis in die Wolken zu reichen ...</p>
-
-<p>Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[S. 381]</a></span>
-einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche
-Villa Perthes von oben bis unten mit Gästen füllte.
-Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und
-Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor
-Hammann und Frau und viele andere. &mdash;</p>
-
-<p>Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten
-fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner
-Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte.
-Er mußte sich tüchtig dranhalten, um fertig zu werden.
-Alice, die die &#8222;schreckliche Paukerei&#8221; sehr abgeschmackt fand,
-war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten
-Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit
-ihrem Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger
-denn je. Sie waren beide zärtlich und einträchtig
-miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenführte.
-Fragte er zufällig einmal, was sie triebe, so lautete die
-regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den Großeltern
-gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und
-die alten Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber
-seinen Jungen höchstens einmal zwischen Tag und Dunkel
-in den Armen halten konnte.</p>
-
-<p>An einem der letzten Januarabende, als er mit einer
-Zigarre von der Klinik die Allee am Fluß entlangschritt
-&mdash; gemütlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner
-Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden &mdash;,
-begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen
-Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut
-seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft
-zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen
-wissenschaftlichen Nebenarbeiten übergenug zu tun hatte,
-so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung war von<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[S. 382]</a></span>
-Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch
-überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht
-schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes
-für den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nußknackerei
-so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten
-sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke,
-wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich
-Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.</p>
-
-<p>&#8222;Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand
-Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar &mdash; einfach tadellos!&#8221;
-Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.</p>
-
-<p>Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand
-losgelassen, blieb erstaunt stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten
-Neuigkeiten aufschwatzen?&#8221; erklärte er ruhig
-und lachend. &#8222;Meine Frau ist ja gar nicht dort.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf!
-Wenn jemand flunkert, sind &mdash; verzeihen Sie mir &mdash; Sie
-das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle,
-um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von
-Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben
-&mdash; vermutlich aus Berlin <span class="antiqua">SO</span> &mdash; für unglaubliches
-Geld erstanden. Von der Gräfin Hüningen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Perthes war erdfahl geworden.</p>
-
-<p>Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt
-an.</p>
-
-<p>Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine
-vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen
-&#8222;Entschuldigen Sie!&#8221; verabschiedete er sich von dem fassungslosen
-Bakteriologen und saß im Wagen.</p>
-
-<p>&#8222;Nach der Festhalle!&#8221; befahl er dem Kutscher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[S. 383]</a></span>
-
-In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal.
-Wie er war, stürmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne
-Rücksicht auf das Geflüster der festlich geschmückten jungen
-Mädchen, die im Vorraum die Köpfe zusammensteckten,
-um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbüchern,
-Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen;
-ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu
-begrüßen, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der
-Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte er in den Trubel
-des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die
-lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser,
-schwarzbärtiger Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft,
-überragte die meisten Besucher.</p>
-
-<p>Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe
-der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden,
-blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt.
-Inmitten eines Schwarmes von Käufern &mdash; Offizieren,
-Studenten, Akademikern &mdash; sah er seine Frau.</p>
-
-<p>In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und
-schwatzend, verhandelte sie eben über eine bronzene Vase
-mit dem schlitzäugigen Prinzen von Siam, den er vom
-Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch
-angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...</p>
-
-<p>Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen
-schweiften, wie Halt suchend, über das Gewirr der Menschen,
-an den Buden längs der Wände hin. In einem
-Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat
-Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen.
-Es war nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er
-drehte sich gewaltsam um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit
-in ihm aufwallte. Seine Liebe für Alice war<span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[S. 384]</a></span>
-immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen
-gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die
-Wut aus ihm hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er
-hätte sie zu Boden schlagen können. Der Haß des Edeltieres
-Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen
-verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand
-seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er
-gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen
-wie ...</p>
-
-<p>Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen
-Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten.
-Sie war überzeugt, daß sein Groll bis zum Morgen verraucht
-sein würde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher
-geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr
-gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle
-zu gehen! Gott &mdash; erfahren hätte er es wohl auch
-so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas länger grollen ...</p>
-
-<p>Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik
-&#8222;verhindert&#8221; melden. Er wartete auf Alice.</p>
-
-<p>Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren
-Platz gemacht.</p>
-
-<p>Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen,
-kam sie gegen Mittag heim.</p>
-
-<p>Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb
-höchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme,
-überspönige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst
-genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belästigt.
-Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung
-der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken
-lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...</p>
-
-<p>Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit,<span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[S. 385]</a></span>
-dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen
-kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos.
-Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich
-zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich
-hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte
-und verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den
-lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen
-Gassensprüngen &mdash; die Leere! die vollendete Hohlheit!
-Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines,
-schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff,
-wie es zu seinem Leuchten kam ...</p>
-
-<p>Er schickte Alice weg.</p>
-
-<p>Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur
-eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die
-Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mußte sie heraus.
-Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlässigte
-oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!</p>
-
-<p>Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom
-Entschluß zur Tat.</p>
-
-<p>Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.</p>
-
-<p>Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen,
-von einer auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt
-hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich
-widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.</p>
-
-<p>Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt.
-Mit überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er
-den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des &#8222;lieben
-Jungen&#8221; verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm
-das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das
-&#8222;arme Kind&#8221; brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im<span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[S. 386]</a></span>
-übrigen würde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr
-zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so
-die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur
-sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man
-sie erst dazu!</p>
-
-<p>Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er
-glaubte aus den und den Gründen, daß die Sache ernsthaft
-sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, daß &#8222;Ernst&#8221;
-im Hause Hupfeld nur eine höchst relative Größe war.
-Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus:
-Der Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach
-auswärts ginge, wenn es nur für ein paar Jahre wäre.
-Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung ließe sich
-gewiß für ihn finden.</p>
-
-<p>Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie
-man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man
-zweifelt.</p>
-
-<p>&#8222;Lieber Junge,&#8221; begann er dann herablassend und
-mild, &#8222;du bist überreizt. Das sind &mdash; verzeih &mdash; das sind
-Ausgeburten eben einer überreizten Phantasie. Du hast
-dir das auch nicht ernstlich überlegt. Erstens kann ich es
-als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren.
-Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde
-damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du
-selbst einsehen mußt.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem
-Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig,
-von neuem vor. Er wollte und mußte weg von hier, um
-Alices, des Kindes und um seinetwillen.</p>
-
-<p>Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den
-blassen Augen schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die<span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[S. 387]</a></span>
-hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene
-Stimme wurde unangenehm scharf, fast bösartig.</p>
-
-<p>&#8222;Niemals!&#8221; erklärte er mit der abschneidenden Gebärde
-des großen Mannes. &#8222;Davon wünsche ich nichts mehr
-zu hören! Niemals!&#8221; Und mit einer Bonhomie, die
-verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes
-kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn
-&#8222;gemacht&#8221; hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu:
-&#8222;So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge!
-Merk dir das gefälligst! Und laß mich jetzt ausruhen!
-Ich bin halb tot! Adieu!&#8221; Er reichte Perthes die
-berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.</p>
-
-<p>Die Audienz war beendet.</p>
-
-<p>Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht,
-seine Arme zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht
-die Ketten klirren hören, die er sich selber geschmiedet?
-In denen er sich selber gefangen? Er &mdash; der Streber mit
-Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden
-Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen
-Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die
-sich doch nicht abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief
-und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts
-mehr. Die dämonische Lust half nicht mehr. Es gab kein
-Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein ganzes
-Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er
-lernte es. Jahraus, jahrein besser &mdash; und für ein ganzes
-Leben, wenn es sein sollte.</p>
-
-<p>Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte
-ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe
-Weigerung gewissermaßen ein liebenswürdiges Heilpflaster.<span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[S. 388]</a></span>
-Er erhielt den Titel außerordentlicher Professor. Schon
-anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.</p>
-
-<p>Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher
-Professor an der Universität ..., erster Assistent an der
-Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie
-hübsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c18" id="c18">18</a></h2>
-
-
-<p>Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.</p>
-
-<p>Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen.
-Im zweiten verdiente man und hätte mehr verdient, wenn
-nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten hätte.
-Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz,
-Marga und Elli Richthoff &#8222;den&#8221; Kindergarten für die Herrchen
-und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene,
-aber für sie so wichtige Werk war gelungen.</p>
-
-<p>Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue
-Rückhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg,
-der den Schwestern ihre Stellung auch äußerlich
-erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt
-im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie
-dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach.
-Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen,
-mit denen die Gesellschaft noch manchmal
-die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Füße
-stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre
-gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein
-richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr
-Leben ohne die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit
-innen und außen kaum mehr denken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[S. 389]</a></span>
-
-Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch
-die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen.
-Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit.
-Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse
-zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein
-Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle
-Bezug hatte, wollte sie darüber forteilen. Aber Marga
-knüpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen
-sie mehr als einmal darüber, und je mehr die Zeit sie
-davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht
-nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der
-sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und
-versöhnendem Licht. Sie hatte begriffen, daß jene Liebe
-&mdash; die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das
-sie ihr bereitet &mdash; für sie ein Stück notwendiger Entwicklung
-hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen.
-Mußte es für ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli
-Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine
-Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den
-ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht
-gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste,
-das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe
-Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau,
-einer der Richthoffschen so unähnlichen und entgegengesetzten
-Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen
-seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit
-ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem
-Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite
-mit ihr zu einem höheren, innerlicheren Menschentum
-emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft getäuscht,
-als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte.<span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[S. 390]</a></span>
-Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr,
-und darum auch überhaupt nicht in ihre Bahn zwingen.
-Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten
-Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach
-der entgegengesetzten Seite führte.</p>
-
-<p>Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene
-Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwärts mitnahm
-oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Höhe, zu
-seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga
-halt. Sie wollte nur das Notwendige auch für ihn als
-Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie
-nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.</p>
-
-<p>Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens
-trug ihr ab und zu ein Gespräch oder eine Bemerkung
-anderer zu. Dafür war die Stadt zu klein, die akademische
-Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander
-abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders
-sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder
-zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt
-Professor war, das waren Dinge, die sie hörte wie eine
-Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge, die
-nicht bis in ihre große Stille drangen. &mdash;</p>
-
-<p>Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach
-Jahren beweisen, daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes,
-sondern ein echtes und dauerndes war.</p>
-
-<p>Es war an einem Vormittag im späten Frühling.
-Die Kleinen waren eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen.
-Elli und Marga saßen in behaglichen Liegestühlen
-im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre
-letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und
-plauderten. Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich<span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[S. 391]</a></span>
-jetzt zur ständigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit
-ihrem Jungen.</p>
-
-<p>Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte,
-stand auf und ging nach vorn.</p>
-
-<p>Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube
-diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und
-erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, während ein
-Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen
-Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen
-Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli
-glaubte sie nicht zu kennen.</p>
-
-<p>&#8222;Frau Alice Perthes!&#8221; stellte sie sich mit leichtem
-Nicken vor. &#8222;Ich komme, um Ihnen meinen Jungen
-vorzuführen,&#8221; fuhr sie in kühlem, etwas herablassendem
-Ton fort. &#8222;Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen &mdash;
-er wird meinem Mann und mir zu wild.&#8221; Das &#8222;meinem
-Mann&#8221; erfand sie. Denn Perthes wußte nichts von
-diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer
-Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt
-zu sein.</p>
-
-<p>Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort
-dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen,
-der gestülpten Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja
-vom Sehen bekannt war. Es war für sie eine ausgemachte
-Sache, daß sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprößling
-abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen,
-besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt
-zu sein, einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices
-Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie
-wollte sich bei der Gelegenheit so <span class="antiqua">en passant</span> mal diese
-Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme<span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[S. 392]</a></span>
-gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden
-Augen ...</p>
-
-<p>&#8222;Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit,
-gnädige Frau,&#8221; erklärte Elli korrekt, aber rund heraus,
-nachdem sie ihr gegenüber Platz genommen.</p>
-
-<p>&#8222;Wieso?&#8221; fragte Alice.</p>
-
-<p>&#8222;Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele
-Kinder angenommen, daß es beim besten Willen nicht
-gehen wird.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?&#8221;
-Alice lächelte und sah Elli malitiös und ungläubig an.
-Sie hatte heraus, daß es sich um eine Ausrede handelte
-und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein.
-Sie versuchte sich noch entschiedener in der gönnerhaften
-Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den
-Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die
-Namen von Exzellenz Papa, den gräflichen Herrschaften
-von Hüningen beiläufig einfließen und wollte Elli offenbar
-klar machen, daß die beiden Fräuleins sich nur geschmeichelt
-fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie stellte
-die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.</p>
-
-<p>Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie
-wäre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier,
-die Alice sich gegen die Töchter eines Kollegen ihres Vaters
-herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie ließ
-Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut,
-den sie empfand.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das hilft ja alles nichts,&#8221; sagte sie dann vergnügt.
-&#8222;Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen
-brächten, gnädige Frau, wir haben uns mal vorgenommen,
-mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird<span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[S. 393]</a></span>
-nicht gehen!&#8221; Sie wechselte mit Frau Perthes einen
-Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die
-Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.</p>
-
-<p>Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte
-von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt
-reif für seine persönliche Einmischung. Er erklärte auf
-eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt: &#8222;Denn nicht!
-Komm, Mama! Ich will fort!&#8221;</p>
-
-<p>Das &#8222;Denn nicht&#8221; hatte er jedenfalls von seiner Mama
-gelernt. Alice selbst, die über die Entscheidung ihres
-Jungen boshaft lächelte, hätte am liebsten auch mit einem
-geringschätzigen &#8222;Denn nicht&#8221; das Feld geräumt. Aber
-ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lästig
-wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig.
-Gewandt wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie
-gab dem Kleinen einen leichten Klaps für seine Ungezogenheit
-und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe
-zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war
-gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater
-hatte wenig oder gar keine Zeit für den Jungen. Das
-Kinderfräulein würde nicht immer mit ihm fertig. Kurz:
-sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag unter
-guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung
-nehmen!&#8221; schloß sie, bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender,
-als sie begonnen.</p>
-
-<p>Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.</p>
-
-<p>Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr
-Gefühl gegen die Aufnahme gerade dieses Perthesschen
-Jungen, die überdies nur dem eigensüchtigsten Wunsch
-der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl daraus,<span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[S. 394]</a></span>
-daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne
-noch wolle. Zudem schien ihr der Junge &mdash; so aufgeweckt
-und kräftig er war, mochte er noch nicht vier
-Jahre zählen &mdash; entschieden zu jung. Sie nahmen
-grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann
-führte sie noch einen ganzen Wall von anderen Gründen
-auf, um nur unter keinen Umständen nachgeben zu
-müssen.</p>
-
-<p>Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen
-Wendung nun doch die Verhandlung abzubrechen und
-ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in der Klasse, zu
-der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.</p>
-
-<p>&#8222;Elli,&#8221; ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender
-Stimme.</p>
-
-<p>Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis
-nicht erklären konnte und sie an einen Besuch bei Wilmanns,
-den sie beide vor Tisch noch zu machen hatten,
-erinnern wollte.</p>
-
-<p>Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.</p>
-
-<p>Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen
-zu verhindern.</p>
-
-<p>Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.</p>
-
-<p>&#8222;Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so
-hartnäckig sein!&#8221; meinte sie lächelnd.</p>
-
-<p>Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte
-Elli dazwischen treten. Aber Frau Perthes hatte schon
-die angelehnte Tür geöffnet. Und da stand Marga, ihr
-gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem Geräusch
-der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel
-lauschend.</p>
-
-<p>Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten<span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[S. 395]</a></span>
-Eindringling vorbei auf die Schwester zu. Sie war bleich
-vor ohnmächtiger Wut.</p>
-
-<p>&#8222;Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich,
-so leid es uns tut, noch ein Kind annehmen können,&#8221;
-stieß sie erregt hervor. Sie hatte ihren Arm von rückwärts
-auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch den
-Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.</p>
-
-<p>Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war,
-zog sich vor den fremden, blicklosen Augen Margas mit
-der allen Kindern eigenen Scheu vor dem Ungewohnten
-hinter seine Mutter zurück.</p>
-
-<p>Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse
-und Befriedigung durch ihren bekannten Blick von unten
-nach oben gemessen, ließ sich durch nichts beirren.</p>
-
-<p>&#8222;Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen,
-wer ich bin,&#8221; bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu
-Elli. Sie war nicht bösartig. Aber in diesem Moment
-verfiel sie dem kleinen, niederträchtigen Weibsteufel, dem
-Frauen unter sich und zumal unter ähnlichen Umständen
-kaum wehren können. &#8222;Alice Perthes&#8221;, sagte sie mit
-eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen,
-schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.</p>
-
-<p>Das Geschoß war abgeschnellt.</p>
-
-<p>Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte
-es nicht hindern können. Unruhig und ängstlich wanderten
-ihre Blicke zwischen Alice und der Schwester hin und her.</p>
-
-<p>Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen
-Augen mutig neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem
-Spazierstöckchen und setzte dann eigenmächtig den breitrandigen
-Strohhut auf, den er vorher in der Hand gehalten.</p>
-
-<p>Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen<span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[S. 396]</a></span>
-hatten sich auf den Boden geheftet. Sie fühlte auf sich
-den herausfordernden Blick dieser Frau, die sie nicht
-kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte.
-Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen
-in einer heißen Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften
-es, als wollten sie ihren Mut, ihre Haltung vernichten.
-Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.</p>
-
-<p>Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen
-gedauert.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch
-aufnehmen, Elli,&#8221; sagte Marga dann gelassen und fest.
-Nur ihr bewegterer Atem ließ eine vorausgegangene Erschütterung
-erraten. &#8222;Meine Schwester hat wohl vergessen,
-daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es
-wird gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen
-anvertrauen wollen, bitte ich darum, gnädige Frau!&#8221; Sie
-sprach jetzt so klar und korrekt, als gelte es eine abgemachte,
-rein geschäftliche Sache höflich zu beendigen.</p>
-
-<p>Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe
-und sanfte Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende
-Verwirrung erwartet hatte, war so sehr der Gegensatz ihres
-eigenen zerfahrenen Wesens, daß sie eine gewisse Verlegenheit
-nicht unterdrücken konnte.</p>
-
-<p>Mit einem höflichen &#8222;Ich danke Ihnen, ich werde
-meinen Jungen morgen schicken,&#8221; verbeugte sie sich und
-nahm den Kleinen bei der Hand.</p>
-
-<p>Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.</p>
-
-<p>&#8222;Um wieviel Uhr doch gleich?&#8221; fragte sie mit einer
-halben Wendung des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen
-Ausdruck ihrer unzerstörbaren Nonchalance, der zeigte, daß
-ihre Gedanken über dies Intermezzo schon hinwegeilten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_397" id="Page_397">[S. 397]</a></span>
-
-&#8222;Im Sommer um neun Uhr,&#8221; gab Marga zurück.</p>
-
-<p>Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen,
-stürzte Elli außer sich an Margas Hals.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie
-konntest du diese abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt
-hatte, diesen verzogenen, ungebärdigen Bengel
-von einem Jungen &mdash; ich versteh' dich nicht! Ich mache
-nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?&#8221; Sie
-zitterte vor Aufregung und Empörung.</p>
-
-<p>Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch
-enger an sich.</p>
-
-<p>&#8222;Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?&#8221; fragte
-sie leis.</p>
-
-<p>Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der
-Sicherheit eines Sehenden eine weite unendliche Ferne
-faßten, mit der ihre Stille eins war.</p>
-
-<p>Und sie verstand Marga ...</p>
-
-<p>Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit
-seinem Kinderfräulein.</p>
-
-<p>Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war
-nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Zwei, drei
-Wochen konnte das vielleicht dauern. Dann saß er da
-und lauschte, sprang und sang, jubelte und spielte, ein
-harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch
-sein Name?</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c19" id="c19">19</a></h2>
-
-
-<p>Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im
-Automobil an die Bahn gebracht.</p>
-
-<p>Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz
-berufen worden. Da Hupfeld in diesen Tagen seinen<span class="pagenum"><a name="Page_398" id="Page_398">[S. 398]</a></span>
-Sommerurlaub antreten und zunächst auf Nieburg, späterhin
-irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst ungeschoren
-sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand
-zu besprechen.</p>
-
-<p>Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf
-und ab, ganz in ein berufliches Gespräch vertieft.</p>
-
-<p>Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt,
-aber immer noch sehr repräsentativ mit
-dem glatten, ebenmäßigen Gesicht, den gebietenden Gebärden,
-dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte
-Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor
-Perthes in seinem Reisehabit aus grauem Loden wirkte
-nicht so distinguiert und hatte nichts von der weltmännischen
-Liberalität der Exzellenz. Die frühere gesunde Bräune
-seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen.
-Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte
-Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer
-Ernst gab ihm auf dem ersten Blick einen abweisenden,
-fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte das
-tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit
-Beherrschung, in dunklem Feuer aufleuchten konnte.
-Wenn er mit wiederholter, hastiger Gebärde die Mütze
-lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare fuhr,
-las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten
-ebenso viel rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene
-Bitternis. Der Mund hätte die gleiche Sprache gesprochen,
-wäre er nicht in dem krausen Bart zurückgetreten,
-dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen
-hatten.</p>
-
-<p>Es wurde zum Einsteigen abgerufen.</p>
-
-<p>Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem<span class="pagenum"><a name="Page_399" id="Page_399">[S. 399]</a></span>
-Händedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Während
-der <span class="antiqua">D</span>-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat
-den Bahnsteig zurück nach seinem Automobil. Auf der
-Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des Sommersemesters
-saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß zu
-versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach
-dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschließlich
-freundliche Gedanken, die ihn beschäftigten. Diese
-Konsultationen nach auswärts, die durch den steigenden Ruf
-des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu werden.
-Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll
-glänzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte
-längst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden,
-vielleicht abzulösen berufen war. Er hatte die Fähigkeiten
-des um mehr als eine Generation jüngeren Mannes
-&#8222;entdeckt&#8221;, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn &#8222;gemacht&#8221;.
-Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen
-der Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht
-hätte er sich sogar mit den Jahren direkt überwinden
-und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben können.
-Aber die Ehe seiner Tochter &mdash; das konnte auch ihm,
-dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein &mdash; war
-nicht, was er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge
-Mann, den er &#8222;gemacht&#8221; hatte, entwickelte einen Charakter,
-dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmännischen
-Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater
-stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose
-Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn
-er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbübische,
-spottsüchtige, wechsellüsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit
-des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah<span class="pagenum"><a name="Page_400" id="Page_400">[S. 400]</a></span>
-er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit
-&mdash; besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm
-kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer
-Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und
-Festigkeit nur Pedanterie und Spießertum belächelte.
-Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der körperlich
-immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das &#8222;arme Kind&#8221;.
-Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt,
-als sein Auto vor der Universität hielt. Er versäumte
-trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit
-gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken,
-während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und
-starrender Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer,
-wo die Korona der Kollegen das große Tier
-noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit übertriebener
-Ehrerbietung empfing. &mdash;</p>
-
-<p>Perthes fuhr inzwischen in seinem <span class="antiqua">D</span>-Zug südwärts.</p>
-
-<p>Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem
-Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um
-die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war
-ja früher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen.
-Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie oft rudernd
-und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder
-herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei
-abgewöhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die
-seelischen Aufregungen abgewöhnt hatte. Nicht von heute
-auf morgen; auch nicht mühelos und leicht. Es hatte
-Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich
-nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden:
-Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter,
-zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit<span class="pagenum"><a name="Page_401" id="Page_401">[S. 401]</a></span>
-anderen, in denen er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne
-Strenge erziehen wollte. Vorübergehend meinte er die
-Quelle alles Übels in der Umgebung zu sehen, die ihn
-selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst die
-Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet.
-Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es
-kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von
-Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit.
-Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch
-sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum,
-das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt
-er gegen dies Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit,
-seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen
-Freiheit und Götzendienerei des Geldes, der Grafenkronen,
-der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis.
-Doch sie &mdash; sie dachte nicht daran, sich ihrem Element
-abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit,
-ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden
-Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ändern. Sie
-wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte.
-Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen
-seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde
-und absolute, vollendete sich. Der Räuberhauptmann war
-ihr ein gräulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grämling
-geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nüchtern und für
-immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwöhnischen
-Belauerns &mdash; und eines ging kühl und fremd
-neben dem anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur
-noch für sich und in sich selbst.</p>
-
-<p>Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich
-nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame,<span class="pagenum"><a name="Page_402" id="Page_402">[S. 402]</a></span>
-qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich
-wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer
-strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde
-zu Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den
-Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den
-Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die
-peinlich gepflegte, später natürliche und echte Liebe zur
-Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht
-durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen.
-So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem
-nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten
-wie in einer Rüstung. Freilich war sie schwer;
-sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach
-außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und
-erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit.
-Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen
-Tälern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben
-Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war
-blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt &mdash; vor
-langer, langer Zeit ...</p>
-
-<p>In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation,
-zu der man ihn gerufen.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen
-Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines
-zwanzigjährigen jungen Menschen. Mit dem gutmütigen
-Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem Bart
-vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur
-noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit
-fand, konnte er dem geängstigten Vater im
-Vestibül der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglückte
-Rettung mitteilen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_403" id="Page_403">[S. 403]</a></span>
-
-Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber
-sie klangen mit der Freude über die gelungene Operation
-doch noch in ihm nach, als er später durch die alten, ehrwürdigen
-Straßen von Konstanz schlenderte. Er mußte
-einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen
-wollte und konnte, ein paar müßige Stunden,
-sie wurden ihm hier aufgedrängt. Er hatte es seit langem
-aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhängen. Aber
-auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen,
-beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte
-ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl.
-Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit
-alle Bitterkeit von Menschen und Verhältnissen wegzuspülen
-scheint. Er überließ sich halb schmerzlichen, halb
-süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine Möglichkeit
-des Glücks, in der er und die Frau, die er nun
-einmal zur Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen
-finden konnten? Es fiel ihm ein &mdash; woran er bis jetzt
-nicht gedacht &mdash;, daß Alice nach ihren letzten Nachrichten
-vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte,
-wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin
-Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees
-ein Landhaus besaß. Er rechnete die Tage nach.
-Seine Frau, die in Straßburg bei dem Bruder ihres
-Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu
-Besuch war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben,
-jenseits des Sees, bei den Hüningens sein.</p>
-
-<p>Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.</p>
-
-<p>Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn
-sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit,
-wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen<span class="pagenum"><a name="Page_404" id="Page_404">[S. 404]</a></span>
-mehr haben, versuchten, zu einer erträglichen Einigung
-zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden, aber
-doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen.
-Für den er keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte.
-Der zwischen ihnen verkümmern und verderben mußte ...</p>
-
-<p>Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes
-eine Stunde später auf dem Verdeck eines Dampfers.
-Er wußte, daß er nicht &#8222;klug&#8221; handelte, sondern sich nur
-von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ. Vielleicht
-würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde
-seinen Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten
-beiseite schieben, gar in seinem Überfall
-eine mißtrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt
-auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf
-ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit
-in ihm wach.</p>
-
-<p>In Rorschach stieg er aus.</p>
-
-<p>Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen,
-aus der Stadt am Strand entlang.</p>
-
-<p>Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden,
-zögerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die
-dem Haus hinter dem hübschen, herrschaftlichen Garten
-ein verlassenes Aussehen gaben.</p>
-
-<p>Er zog an der Torklingel.</p>
-
-<p>Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften
-wären gestern abgereist.</p>
-
-<p>Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er
-nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau
-dagewesen sei. Die Frau des Gärtners, die dazukam, wußte
-Bescheid. Die Dame, die bei den gräflichen Herrschaften
-zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als die Herrschaften<span class="pagenum"><a name="Page_405" id="Page_405">[S. 405]</a></span>
-selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber
-richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut:
-eine Depesche wäre für die Dame heute morgen noch
-abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, hätte
-sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die Gärtnersfrau
-holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte
-und ging mechanisch zurück nach der Stadt.</p>
-
-<p>Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung
-verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder
-nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er wußte nichts Genaueres
-über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die
-ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in
-lakonischer Kürze: &#8222;Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt
-Dienstag.&#8221; Der Ort der Aufgabe hatte französischen
-Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz.
-Eine Unterschrift fehlte.</p>
-
-<p>Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte
-Perthes das Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt,
-wie er es mitgenommen und gelesen. So öffnete, las
-und schloß er es zu wiederholten Malen. Er kümmerte sich
-so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder ließ. Aber
-zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelüste regten,
-ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten.
-Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am
-Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für
-sie keine gefährlichere Verlockung als das Spiel, und da
-die Ausgaben das einzige waren, über das er wachte,
-verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste.
-Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich
-wünschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen
-Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport<span class="pagenum"><a name="Page_406" id="Page_406">[S. 406]</a></span>
-ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines
-Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen
-wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten
-war, verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran
-dachte, seinen Willen zu respektieren.</p>
-
-<p>Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem
-Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem
-Nachtschnellzug heimwärts, wieder nichts sehend und nichts
-hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit, seinen dichten,
-schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte
-diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert
-um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete,
-würde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und
-spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam,
-daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen,
-gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu
-machen. Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren
-Eltern manches bestreiten ließ: er hatte die beschämende
-Kontrolle darüber längst aufgegeben. Nur mit seinem
-Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei,
-ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch &mdash; jetzt &mdash; wo
-er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport,
-den er ihr streng versagt hatte &mdash; schaffte die törichte Nachricht
-in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum
-er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief
-einer auswärtigen medizinischen Fakultät erhalten, der
-ihn &mdash; einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren
-Aussicht auf das Ordinariat &mdash; an eine norddeutsche Universität
-berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum
-überlegt. Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er
-mußte, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit<span class="pagenum"><a name="Page_407" id="Page_407">[S. 407]</a></span>
-Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mußte
-er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr
-beliebte &mdash; brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten
-verlegen zu lassen? In dem brausenden, hämmernden
-Nachtzug, im Gedanken an diese malitiöse Depesche, erwachte
-doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige
-Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute
-nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem
-kleinstmöglichen Glück geträumt. Mit Träumen war da
-nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen
-Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus
-ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte?
-Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem
-des Jungen! Darüber brütete er ...</p>
-
-<p>Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein
-Entschluß fest. Er wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung
-seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges
-in ihm erregt worden war, benutzen. Er knüpfte Verhandlungen
-mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief.
-Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als
-sonst in seine Klinik.</p>
-
-<p>Merkwürdig &mdash; die belanglose Depesche, die er vom
-Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schließlich
-konnte es ihm gleichgültig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden
-traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg, mit ihrem
-Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger
-beschäftigte ihn die Frage.</p>
-
-<p>Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den
-Grafen Hüningen. Er sprach fast nie mit dem wappennärrischen
-Gardeüberrest, der so geschäftig und gelehrt tat.
-Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin.<span class="pagenum"><a name="Page_408" id="Page_408">[S. 408]</a></span>
-Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt.
-Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und
-hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von
-dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schämte sich
-fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte
-eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice
-hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der
-Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs
-Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.</p>
-
-<p>Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich
-mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte.
-Von ihm mochte die Depesche sein.</p>
-
-<p>Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben
-Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz
-aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte
-der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte.
-War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt
-nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich
-gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich
-vorkam, er hatte keine Ruhe.</p>
-
-<p>Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten
-Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach
-Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders
-der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit
-Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten
-Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee
-gehabt. Die Gräfin Hüningen kam zum Tee. Sie
-brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem
-famosen Aussehen.</p>
-
-<p>Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes
-nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_409" id="Page_409">[S. 409]</a></span>
-
-Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach
-Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wußte
-nicht viel von ihm. &#8222;Überarbeitet&#8221; wie er gewesen, hatte
-er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen
-und Studien abgebrochen und Touren in der französischen
-Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine
-Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd.
-Und auf der Rückreise wollte er, so viel sie wußte,
-noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen.
-&mdash; Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen
-Ereignis entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee
-gewesen und jetzt daheim &mdash; indolent und schön wie immer,
-wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.</p>
-
-<p>Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf
-Nieburg hörte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte
-Unruhe. Daß die Depesche an Alice aus der französischen
-Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß sie und
-Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden
-zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber
-für ihn jedenfalls uninteressant.</p>
-
-<p>Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von
-Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte
-Spürkraft weiter zu üben. Er spottete über sich und
-seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht
-davon ab.</p>
-
-<p>Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war
-sehr ungehalten, daß sein Papa ihm oft gar keine oder
-ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen,
-höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn
-Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er
-wütend über den Jungen und über sich. Was ging denn<span class="pagenum"><a name="Page_410" id="Page_410">[S. 410]</a></span>
-mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte
-er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen
-zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in
-sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich
-biß er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte
-ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine
-mißlungene und abscheuliche Beichte über sich und Marga
-Richthoff angeboten und später auch wirklich erzählt hatte.
-Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon
-zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende,
-Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen
-Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er
-hörte daneben deutlich das saloppe Tauschgeständnis, das
-Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten
-Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen,
-geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett
-hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken
-an Verlobung und Heirat &#8222;auseinandergelacht&#8221; hätten.
-Ob es für Alice ein größeres Vergnügen hätte geben
-können, als zu wissen, daß er sich in solchem Zusammenhang
-an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch
-noch auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei
-verlegen wollte? Das Vergnügen wollte er ihr denn
-doch nicht gönnen! &mdash;</p>
-
-<p>Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen
-und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.</p>
-
-<p>Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen
-Spintisieren gehören.</p>
-
-<p>Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen
-Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten
-der letzten Tage, legte er sich zu Bett.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_411" id="Page_411">[S. 411]</a></span>
-
-Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die
-der erschöpfte Kopf gab ...</p>
-
-<p>Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die
-Höhe. Ein Traum, ein hämischer, raffinierter Traum
-hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien, seine eingestandenen
-und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum
-mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt,
-das ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte.
-Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte
-seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie wich nicht.
-Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht.
-Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden
-war, oder ob er weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten,
-Äußerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehört,
-Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen
-Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus
-&mdash; sie standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor
-ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer
-Schmauserei mit ihrem göttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung
-geworfen und das jetzt mit beinahe physischer
-Leuchtkraft vor ihm brannte. &#8222;Edith, wie wär's, wenn
-wir uns heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du
-mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!&#8221; Hatte es
-dabei nicht boshafter und tückischer denn je in ihren
-Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber gelacht.
-Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit,
-Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so
-gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend,
-wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener
-Lautheit ...</p>
-
-<p>Perthes war aufgesprungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_412" id="Page_412">[S. 412]</a></span>
-
-Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser
-Wahnvorstellungen, halb träumend, halb wach, warf er
-sich in seine Kleider. Es dämmerte noch kaum, und er
-zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht
-bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit
-der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.</p>
-
-<p>Er stieg die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem
-Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt
-und setzte seine Kerze nieder.</p>
-
-<p>Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein.
-Wollte er eine Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig
-geworden? Wo war er? Was trieb er?</p>
-
-<p>Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit
-um jeden Preis mußte er haben!</p>
-
-<p>Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches.
-Der Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit
-seiner ganzen, in der Anspannung gewaltigen Körperkraft
-erbrach er sie. Alice hätte in diesem Moment erfahren
-können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht
-vom Philister völlig verschlungen war!</p>
-
-<p>Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen,
-Briefpapier, Einladungen.</p>
-
-<p>Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt,
-fand er Briefe mit Hammanns unpersönlicher
-Schrift. Einen, zwei, die nichts von Belang, nichts Überzeugendes
-enthielten. Dann eine Briefkarte, mit Bleistift
-geschrieben &mdash; sechs, acht Zeilen &mdash; die ihn auf den Stuhl
-vor dem Schreibtisch taumeln ließen.</p>
-
-<p>Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice
-hatte ihn mit Ludolf Hammann betrogen ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_413" id="Page_413">[S. 413]</a></span>
-
-Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen
-aus dem dämmerhaften, halbwachen Zwang, der ihn
-zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen hatte ...</p>
-
-<p>Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit,
-grausam, hämisch, konsequent, wie der Traum, der
-ihn gepeinigt &mdash; erst tobte sie in ihm mit Gefühlen der
-Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten Stolzes,
-die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor
-seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten,
-nüchternen Entschluß, mit dem er sich erhob.</p>
-
-<p>Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer
-und machte sich fertig.</p>
-
-<p>Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine
-Stimme mit ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er
-überschüttete die Dienstboten, das Kinderfräulein mit
-einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller Bestürzung
-umeinander liefen.</p>
-
-<p>Das dauerte etwa eine Stunde.</p>
-
-<p>Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht
-einen Tag länger konnte er unter diesem Dach bleiben.
-Die Lüge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen
-Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch äußerlich
-sein.</p>
-
-<p>Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel
-einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem
-zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein
-Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn. Dorthin
-schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort
-fand er &mdash; da das Semester vorbei war und die Studenten
-fehlten &mdash; ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer
-und ein Schlafkabinett für ihn, eine Stube für<span class="pagenum"><a name="Page_414" id="Page_414">[S. 414]</a></span>
-Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen sollte
-&mdash; war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger
-als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Wochen des Kriegs begannen.</p>
-
-<p>Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus
-allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben
-mußte.</p>
-
-<p>Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg
-wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer
-bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz,
-von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte. Er
-schrieb an Perthes, den Mann, den er &#8222;gemacht&#8221; hatte,
-einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem
-aufgespeicherten Groll gegen das Geschöpf seiner Gutmütigkeit
-ohne jede klassische Bezähmung freien Lauf ließ.
-Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson
-bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden
-Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat
-stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und
-den mußte er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er,
-daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine andere
-Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes
-erschüttern würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt.
-Ein bißchen bestürzt. Ein bißchen empört. Im Grund fand
-sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach
-Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für Exzellenz
-das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre
-Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete
-nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit<span class="pagenum"><a name="Page_415" id="Page_415">[S. 415]</a></span>
-Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt
-von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit, früher
-oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei
-nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde
-durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spaßhaft
-hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann
-um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie
-auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was
-sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal
-sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung
-brachte ...</p>
-
-<p>Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann
-zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte
-sein Blut diese knallende Lösung. Aber dann übermannte
-ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre schlagen?
-Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten
-Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen
-würdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn
-verdammen. &mdash; Den Eklat eines Prozesses scheute er
-nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit allen
-Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst.
-Diese war es nicht, die bei Perthes verfing.
-Aber die ruhigere Erwägung sagte ihm, daß er selbst
-durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen
-konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu
-opfern &mdash; dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im
-Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst
-dauerte das Hinüber und Herüber der feindlichen Lager.
-Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts
-die Lösung, die beide Parteien &mdash; mit Einverständnis
-der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten<span class="pagenum"><a name="Page_416" id="Page_416">[S. 416]</a></span>
-Professor Hammann und der verstörten, so gar
-nicht nachtragenden Edith &mdash; annehmen konnten und
-mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland
-endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno
-übersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz
-mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung,
-ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen
-Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und
-vor der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.</p>
-
-<p>Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max
-und Alice Perthes ihren Abschluß finden.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c20" id="c20">20</a></h2>
-
-
-<p>Es war Oktober geworden.</p>
-
-<p>Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft
-bräunten und röteten sich die Laubwälder an den Hängen
-und auf den Kämmen der Berge. Wehmütig hängte sich
-die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. Sie
-spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt
-unter ihrem liebkosenden Schein davonliefen.
-Es war wieder die große, stille Zeit des Abschiednehmens
-gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der Stimmung
-liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden
-Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel
-Musik als im Herbst: aber es ist die Musik der Heimlichen
-und Reifen; die Musik derer, die vom Sterben die Kraft
-nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik der
-großen Stille ...</p>
-
-<p>Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem
-Fluß, in dem Perthes als Junggeselle gewohnt hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_417" id="Page_417">[S. 417]</a></span>
-war frei geworden. Trotz der Gegenvorstellungen von
-Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn nicht mehr
-standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen
-aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit,
-wo alles um ihn wankte und niederbrach, empfand er das
-hartnäckige Bedürfnis, sich an diese Giebelstube von einst
-zu klammern. Er hatte dabei nicht erst seine Gefühle und
-Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht stimmungsselig
-da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser
-Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und
-akademischen Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und
-Abmachungen, die die Übersiedlung an einen neuen Ort
-der Tätigkeit, in andere Bedingungen des Lebens notwendig
-machten.</p>
-
-<p>Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine
-kurze Pause und unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte
-sich auf der Klinik verabschiedet. Der Kampf um die
-Scheidung von Alice, so aufreibend und nervenzehrend,
-war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen
-gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch
-und nichtssagend sind, Formalitäten verschiedener
-Art hielten seinen Fortzug noch um einige Tage auf.
-In der Entspannung, die jetzt unmerklich während dieser
-gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam,
-beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem
-Junggesellenzimmer, und wenn er sich über die Brüstung
-des Fensters lehnte, hörte auch er vom Fluß herauf,
-über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von
-den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen
-die heimliche, tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm
-er nur ihre ersterbende Wehmut: allein, mit leerem<span class="pagenum"><a name="Page_418" id="Page_418">[S. 418]</a></span>
-Herzen, gebrochen, ärmer als er einst eingezogen, zog er
-jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den
-Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte
-Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames
-Ringen nach der Höhe, wo Marga gestanden
-und sein schwacher, schuldvoller Absturz; seine tolle,
-trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice &mdash;
-Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt,
-was in ihm war. Aber dann hörte er heller, deutlicher.
-Hörte hinter die Töne der Wehmut: aus der traurigen
-Weise des Sterbens löste sich leise, aber fest eine andere.
-War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut?
-Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte,
-echte Liebe, die nichts mit dem haltlosen Hin und Her
-früherer Neigungen gemein hatte. Da war sein Junge,
-Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine Hoffnung,
-auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war
-er selbst, ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte
-und beherrschte, der nicht sprang, sondern schritt &mdash; vielleicht
-doch empor &mdash; nicht mehr zu der Höhe, die Marga
-gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu der
-Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas,
-auch er, von der Musik der Heimlichen und Reifen, derer,
-die vom Sterben die Kraft nahmen und die Lust zum
-Leben ...</p>
-
-<p>In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken,
-als das Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie
-hatte den Kleinen vor kaum einer halben Stunde in den
-Kindergarten gebracht. Fragend wandte sich Perthes
-nach den beiden um.</p>
-
-<p>Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres<span class="pagenum"><a name="Page_419" id="Page_419">[S. 419]</a></span>
-Gesicht und zerrte sein Fräulein am Rock, als
-wollte er sie hindern, zu reden. Das junge Mädchen sah
-verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich nicht zu
-sprechen und auch nicht zu schweigen.</p>
-
-<p>Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit
-schenken konnte als sonst, musterte ihn und das Fräulein.</p>
-
-<p>&#8222;Was gibt's?&#8221; fragte er mit knapper Stimme. &#8222;Die
-Schule ist doch noch nicht zu Ende?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, Herr Professor, aber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen
-Stuhl! &mdash; Nun, aber?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Damen sagten &mdash; Fräulein Richthoff sagte &mdash;
-er solle nicht wiederkommen!&#8221; stammelte das Mädchen
-ratlos.</p>
-
-<p>&#8222;Was heißt das?&#8221; Perthes runzelte die Stirn. &#8222;Ich
-versteh' das nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie
-doch!&#8221; Er näherte sich dem Fräulein und warf gleichzeitig
-einen besorgten Blick auf den Kleinen, der zwischen Trotz
-und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte seinerzeit
-erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen
-in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war
-ihm peinlich gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern
-können. Wenn Benno von dort erzählte, beschränkte er
-sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald ab. Auch
-das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es
-gern so schnell wie möglich abgetan.</p>
-
-<p>Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn
-und Aber heraus. Benno wäre gestern unartig gewesen;
-er hätte die Damen erzürnt; die Jüngere hätte heute
-entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.</p>
-
-<p>Perthes horchte betreten auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_420" id="Page_420">[S. 420]</a></span>
-
-Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann
-nahm er seinen Jungen vor. Eine harte Arbeit. Der
-kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen brennenden Augen
-war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete die Heftigkeit
-des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund
-spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst
-gab es ein verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein
-lautes, zorniges Geheul. Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes
-Gestammel, dem Perthes nur allmählich Sinn
-abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der
-jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli
-und Tante Marga. Der kleine Bursche wußte nicht, wie
-hart und unselig gerade diese beiden von ihm endlos
-wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters klangen.
-Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all
-dem Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er,
-offenbar in einem Anfall von Jähzorn, die eine Tante
-geschlagen hatte &mdash; Marga. &#8222;Ein ganz klein wenig nur,&#8221;
-wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. Er erwartete
-offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück
-seines Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich
-in sich zusammen und würgte noch zweimal &#8222;ein ganz
-klein wenig nur&#8221; hervor. Aber er mußte mit Staunen
-die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still
-und stumm blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus
-Perthes' Gesicht war alles Blut gewichen. Eine erschreckende
-Verzweiflung und Traurigkeit, wie sie der Missetäter im
-Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen gesehen,
-malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden
-Armen und geschlossenen Augen saß er vor
-dem Kleinen, und dem wurde dies Starren und Schweigen<span class="pagenum"><a name="Page_421" id="Page_421">[S. 421]</a></span>
-unheimlich, viel unheimlicher als das heftigste Schelten.
-Er brach von neuem in Tränen aus.</p>
-
-<p>Perthes stand auf.</p>
-
-<p>Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen,
-ohne ein Wort an ihn zu richten, in die andere Stube
-führen.</p>
-
-<p>Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch.
-Er nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und
-preßte ihn, als wollte er ihn zerdrücken ...</p>
-
-<p>Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert,
-woran er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken
-nur aus ängstlicher Ferne vorbeigestreift
-war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied &mdash; das
-hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell
-und rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand,
-die sich da im Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund
-anderes verübt, als was er, der Vater, vor einigen Jahren
-so viel brutaler, härter, grausamer getan: Marga geschlagen!
-&mdash; Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von der
-verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos
-den Notverband riß und das Blut quellen und quellen
-ließ. Die Erinnerung an Marga, Stunde um Stunde
-fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus gespenstiger
-Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild
-nahe gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit
-betäubte. Es war ihm wie gestern, daß er sie verloren,
-verlassen und preisgegeben hatte! An jener Wegscheide,
-zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im
-Tal, war er fehlgegangen. Weit und weiter in die
-Irre ...</p>
-
-<p>Doch das war ja nur der Schrei <em class="gesperrt">seiner</em> Seele, auf<span class="pagenum"><a name="Page_422" id="Page_422">[S. 422]</a></span>
-den er horchte. Ein Schwelgen in nutzloser Sehnsucht
-nach Verscherztem und Verlorenem. O &mdash; er hatte immer
-nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je
-in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine
-Schuld &mdash; ja, einen Teil davon hatte er abgetragen!
-In sich selbst! Aber vor ihr und an ihr war er so schuldig
-wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand seines
-Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das
-Wehetun vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft
-er geschlagen, davon wußte der Kleine nichts. Dafür
-trug sein Vater die Verantwortung.</p>
-
-<p>Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt
-Perthes in seinem Zimmer auf und nieder.</p>
-
-<p>Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das,
-was geschehen war zwischen ihr und ihm, gab es keine
-Genugtuung. Konnte er trotzdem nichts, gar nichts tun?</p>
-
-<p>Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung
-bitten. Er warf ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag
-legte er sie beiseite und schrieb einen Brief, der
-mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens wurde.
-Daraus machte er von neuem &mdash; jedes Pathos und jede
-Floskel verachtend &mdash; ein knappes Billet, das nichts
-besagte. So ging es nicht! Er zerriß alles, was er
-geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es etwas
-anderes sein.</p>
-
-<p>War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen,
-was einfach anständig war?</p>
-
-<p>Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen
-zu ihr führen.</p>
-
-<p>Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer
-wieder fortgeschoben und umgangen hätte?!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_423" id="Page_423">[S. 423]</a></span>
-
-Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht &mdash; doch das
-war es nicht, was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen
-Weg. Keinen sonst. Den mußte er gehen. Als Mann
-von Ehre und Gewissen. &mdash;</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.</p>
-
-<p>Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen.
-Nicht einmal &#8222;Gute Nacht&#8221; hatte er ihm gesagt. Jetzt
-teilte er ihm in kurzen Worten mit, was geschehen sollte.
-Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende war,
-zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den
-Kindern sie laut und deutlich um Verzeihung bitten.
-Jedes Sträuben war ausgeschlossen.</p>
-
-<p>Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine
-Grimasse wie seine Mutter. Aber er war zu zerknirscht.
-Er hatte zu viel geweint und fürchtete die traurig-entschlossenen
-Augen seines Vaters zu sehr, um ein
-Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde
-dagegen zu finden.</p>
-
-<p>Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die
-Stadt.</p>
-
-<p>Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem
-ging er in unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen
-war kein Verlaß. Er war ebenso stumpf und ängstlich,
-wie sein Vater erregt war.</p>
-
-<p>Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei,
-das frisch gestrichen, fremd und abweisend in der Straße
-stand.</p>
-
-<p>Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.</p>
-
-<p>Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll
-aus der Tür des Vorgartens, bevor sie das kleine Haus
-in der Bergfelderstraße erreichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_424" id="Page_424">[S. 424]</a></span>
-
-Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem
-die buntblütigen Astern in freundlichen Beeten leuchteten.</p>
-
-<p>Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den
-Nachmittag verschieben?</p>
-
-<p>Das widerstrebte ihm. Er trat ein.</p>
-
-<p>Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah
-ihn und den Kleinen verdutzt an.</p>
-
-<p>Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen
-rufen.</p>
-
-<p>Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen.
-Er atmete schwer und hielt den Jungen mit einem harten
-Griff an seiner Seite. Es hämmerte in seinen Schläfen
-und zuckte vor seinen Augen, so daß er nichts um sich sah.</p>
-
-<p>Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war
-Elli.</p>
-
-<p>Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte
-sie benachrichtigt. Perthes hatte versäumt, sich mit Namen
-zu nennen, aber sie war keinen Augenblick im Zweifel,
-daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen, nicht wissend,
-was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt. Ohne
-Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging.
-Nun stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr
-vor Jahren ein vertrauter Bekannter gewesen. Ihre
-sonst so frische, nicht leicht einzuschüchternde Art versagte
-bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie konnte
-ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu
-äußern.</p>
-
-<p>Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm
-dagestanden. Jetzt erklärte er sich mit fester Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen,
-um Ihr Fräulein Schwester um Verzeihung zu<span class="pagenum"><a name="Page_425" id="Page_425">[S. 425]</a></span>
-bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für eine große
-Unart sich der Kleine geleistet hat!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Schwester &mdash; Sie wollen meine Schwester
-selbst &mdash; sprechen?&#8221; stammelte Elli.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bitte darum,&#8221; erwiderte er mit einem leisen
-Vibrieren des Tones.</p>
-
-<p>&#8222;Ich fürchte, daß &mdash;&#8221; Elli suchte nach einer Ausrede,
-um Marga dies Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes
-hatte seinen Blick mit einer so zwingenden Bitte auf sie
-gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges, bebendes
-&#8222;Ich will nachsehen!&#8221; und sie huschte aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Es dauerte wieder eine geraume Zeit.</p>
-
-<p>Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden.
-Er ließ den Kleinen los und lehnte sich gegen das Kreuz
-des nächsten Fensters.</p>
-
-<p>Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf
-seine Sinne legte es sich wie Nebel. Die Dinge rückten
-vor seinen Augen in eine dunstige Ferne. Das Kind trat
-mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit ab
-sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt,
-nur in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an
-einem Schrank zu schaffen machte. Die erste, die stillstand,
-mußte Marga sein. Er löste sich von dem Fensterkreuz
-und trat einige Schritte vor. Seine Stimme klang
-ihm fremd wie die eines anderen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke
-Ihnen, daß Sie uns hören wollen. Eigentlich wollte ich,
-daß der Junge vor seinen Kameraden ihnen Abbitte tun
-sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!&#8221; Perthes
-stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen
-Atem. &#8222;Benno, tu wie ich dich geheißen!&#8221; Er tappte<span class="pagenum"><a name="Page_426" id="Page_426">[S. 426]</a></span>
-neben sich nach der Schulter des Kleinen und schob ihn
-vorwärts. &#8222;Geh, und bitte Fräulein Richthoff um Verzeihung!&#8221;</p>
-
-<p>Der Junge setzte sich zögernd in Gang.</p>
-
-<p>Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte
-hinter sich, am Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte
-sich auf die Brust geneigt, ihre Augen sich geschlossen.
-Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die peinliche
-Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie
-konnte nicht.</p>
-
-<p>Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt
-stehen. Trotz und Angst ließen ihn schwanken.</p>
-
-<p>&#8222;Benno!&#8221; mahnte Perthes mit Anstrengung.</p>
-
-<p>Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem
-Rücken verschlungen haltend, wich es nicht von der Stelle.</p>
-
-<p>Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit
-schleppenden Schritten, ohne den Boden unter sich zu
-fühlen, vorwärts, dorthin, wo die in Nebel verlorene
-Gestalt stand.</p>
-
-<p>&#8222;Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!&#8221; Er
-nahm alle Energie zusammen. &#8222;Der Junge ist verwildert.
-Seine Mutter &mdash; kurz er hat keine Mutter mehr. Und
-ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie,
-ihm zu verzeihen!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga
-entfernt. Er wollte sagen, daß das Kind selbstverständlich
-nicht mehr in die Richthoffsche Schule kommen dürfe;
-er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all das vorbringen,
-was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben
-ihm aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht
-weiter. Er stand so steif und unbeweglich wie sein Kind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_427" id="Page_427">[S. 427]</a></span>
-
-&#8222;Ich verzeihe ihm gern,&#8221; kam es leise von Margas
-Lippen. Die ganze, weiche Fülle ihres Wesens klang
-zitternd mit. Es war der alte, warme, stille, einfache
-Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der
-Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie
-sie ihm war. Die blauen, tastenden Augen, das erblaßte,
-schlichte Gesicht mit seinen sanften, weichen Zügen unter
-dem fahlen, gescheitelten Haar.</p>
-
-<p>Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen,
-starken Körper wie ein Sturm. Seine Hände öffneten
-und schlossen sich wie im Krampf. Er schwankte zur Seite,
-ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da standen und
-ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.</p>
-
-<p>Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd
-auf Marga zu: &#8222;Verzeihen! Verzeihen!&#8221; würgte er
-unter einer Flut von Tränen hervor, während er sich an
-sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und Hilfe
-suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging,
-und das sein Herz und sein Verstand nicht faßten.</p>
-
-<p>Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte,
-zottige Haar.</p>
-
-<p>Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv
-trug sie ihn in das anstoßende Zimmer ...</p>
-
-<p>Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen
-Stube, die die gedämpfte Herbstsonne mehr und
-mehr in ihr sattes Mittagslicht tauchte.</p>
-
-<p>Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende
-Atem des Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller
-Kraft gegen die Gefühle rang, die ihn überwältigen
-wollten. Und dann erlag er doch, dem unsagbaren und
-grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines<span class="pagenum"><a name="Page_428" id="Page_428">[S. 428]</a></span>
-Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen
-Schmerzen der letzten Monate, Bitterkeit, Reue
-und Verzweiflung befreiten sich in jenem harten, dumpfen
-Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes grausam,
-erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis
-der Natur ...</p>
-
-<p>Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der
-Wand, an der sie noch immer stand.</p>
-
-<p>Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren
-Kindern saß; von dem aus sie vor den glänzenden Augen
-der andächtigen Kleinen ihre Märchen erzählte. Dort
-setzte sie sich und faltete die Hände im Schoß. Zuerst war
-es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen sich
-befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle,
-alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit.
-Ihr inneres Gesicht verklärte sie: sie sah sich wie einst an
-einem Nachmittag, nach bangem Morgen, über einen
-Hang schreiten, über einen unabsehbaren Hang von blauen
-Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind
-und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen
-Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so
-lauter war das Geläut. Ein Jubeln, ein Jauchzen wurde
-daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und wieder war
-da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst.
-Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben
-stand, am Ufer. Daß er sie erwartete. Es mußte so
-sein. Und das Geläute mußte sie auf seinen Schwingen
-tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das
-Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ...</p>
-
-<p>Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer
-gewaltsamen Aufraffung gesammelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_429" id="Page_429">[S. 429]</a></span>
-
-&#8222;Was werden Sie von mir denken, Fräulein &mdash; Fräulein
-Marga!&#8221; Er konnte sie nicht anders nennen. &#8222;Was
-werden Sie von mir tränenseligem, erbärmlichem Weichling
-denken!&#8221; stieß er rauh hervor. &#8222;Ich wollte Ihnen nur
-sagen, daß Sie mir &mdash; mir unendlich viel mehr zu verzeihen
-haben als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das
-war es.&#8221;</p>
-
-<p>Marga schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es
-noch etwas gewesen wäre, so hätten Sie es in dieser Stunde
-für immer gutgemacht!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich
-erhoben.</p>
-
-<p>Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darüber
-mit seinem dunklen Kopf und küßte sie stumm. &mdash;</p>
-
-<p>Er rief nach seinem Jungen.</p>
-
-<p>Elli brachte ihn getröstet herbei. Sie wußte nur durch
-ihr Gefühl, was vorgegangen war.</p>
-
-<p>&#8222;Benno will am Nachmittag wieder in die Schule
-kommen,&#8221; meinte sie mit einem strahlenden, liebkosenden
-Blick auf den Kleinen.</p>
-
-<p>&#8222;Und immer wieder will ich kommen!&#8221; erklärte überzeugt
-der kleine Mann.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn die Damen es erlauben &mdash; solange du noch
-hier bist,&#8221; sagte Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann
-ließ er ihn sich von Marga verabschieden, nahm ihn bei
-der Hand und verließ mit einem ernsthaften Gruß das
-Zimmer ...</p>
-
-<p>Elli warf sich in Margas Arme. Während draußen
-die Gittertür knarrte und die Schritte des kleinen und des
-großen Perthes straßabwärts verhallten, standen sie<span class="pagenum"><a name="Page_430" id="Page_430">[S. 430]</a></span>
-schweigend beisammen. Elli wagte nicht, Marga zu stören,
-deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine
-schimmernde Ferne faßten. Es war die große Stille, die
-über Zeit und Raum dort hinüberfloß. Und es war
-wieder die Freude in ihr und das Läuten der blauen
-Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wußte sie nicht
-und nicht das Wann. Aber sie wußte, daß sie und er sich
-wiedersehen würden, um sich nicht mehr zu trennen.
-Denn sie waren wieder Gefährten eines Wegs und eines
-Willens ...</p>
-
-<p>Und beide rangen sie mit dem Leben, bis daß es sie
-segnete.</p>
-
-<div class="figcenter b6" style="width: 112px;">
-<img src="images/pg430_deco.png" width="112" height="19" alt="" />
-</div>
-
-
-
-
-
-
-<div class="pagebreak center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Bücher von Heinrich Lilienfein">
-<tr><td align="center" colspan="2"><span class="pagenum"><a name="Page_431" id="Page_431">[S. 431]</a></span>Im <em class="gesperrt">Cotta'schen Verlage</em><br />erschien von</td></tr>
-
-<tr><td align="center" colspan="2"><big>Heinrich Lilienfein:</big></td></tr>
-<tr><td align="left"></td><td align="center"><small>Gebunden</small></td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Ideale des Teufels</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Von den Frauen und einer Frau</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Die große Stille</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 9.-11. Auflage</td><td align="left">M. 8.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der versunkene Stern</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 9.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Ein Spiel im Wind</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 8.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Die feurige Wolke</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 1.-5. Auflage</td><td align="left">M. 9.50</td></tr>
-<tr><td align="center"><hr class="tb" /></td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der Herrgottswarter</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Aufzügen</td><td align="left">M. 4 &mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Die Herzogin von Palliano</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><span class="pagenum"><a name="Page_432" id="Page_432">[S. 432]</a></span><b>Der Kampf mit dem Schatten</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Drei Akte eines Vorspiels zum Leben</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der schwarze Kavalier</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein deutsches Spiel in drei Akten</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Olympias.</b> Ein griechisches Spiel in drei Akten</td></tr>
-<tr><td class="tdl">Beide Dramen in einem Band</td><td align="left">M. 5.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der Stier von Olivera</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 4.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der große Tag</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in fünf Akten</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der Tyrann</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in vier Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Hildebrand</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten und einem Vorspiel. 2. Auflage</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Das Gericht der Schatten</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl"><em class="gesperrt">Vier Einakter</em>: Die Botschaft &mdash; Das Fest der entblößten Seelen &mdash; Die mondhelle Stunde &mdash; Die Fessellosen</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-</table></div>
-<p class="center">
-<small>Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</small>
-</p>
-
-<div class="transnote pagebreak">
-<h2><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription">Anmerkungen zur Transkription</a></h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>Abwechselung -- Abwechslung</li>
-<li>anderen -- andern</li>
-<li>Billet -- Billett</li>
-<li>Büfett -- Büffet</li>
-<li>dämmerigen -- dämmrigen</li>
-<li>Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche</li>
-<li>frei gemacht -- freigemacht</li>
-<li>geradeswegs -- geradewegs</li>
-<li>jenseit -- jenseits</li>
-<li>leis -- leise</li>
-<li>malitiöse -- maliziöse</li>
-<li>mitleidlos -- mitleidslos</li>
-<li>Sammetkäppchen -- Samtkäppchen</li>
-<li>Tete-a-tete -- tete-a-tete</li>
-<li>Tipptopp -- tipp-topp</li>
-<li>wundere -- wundre</li>
-</ul>
-
-Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 17 &#8222;minuziösen&#8221; in &#8222;minutiösen&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 20 &#8222;unverantworlich&#8221; in &#8222;unverantwortlich&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 86 &#8222;g worden&#8221; (Leiche?) in &#8222;geworden&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 86 &#8222;handarbeit nd&#8221; (Leiche?) in &#8222;handarbeitend&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 86 &#8222;Fakultätsitzung&#8221; in &#8222;Fakultätssitzung&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 96 &#8222;heut am Abend&#8221; in &#8222;heute am Abend&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 139 &#8222;daß weiß ich&#8221; in &#8222;das weiß ich&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 167 &#8222;erkläre&#8221; in &#8222;erklärte&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 175 &#8222;Überschwängliche&#8221; in &#8222;Überschwengliche&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 181 &#8222;hatte für Sie&#8221; in &#8222;hatte für sie&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 184 &#8222;Sägmühle&#8221; in &#8222;Sägemühle&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 191 &#8222;Stohhut&#8221; in &#8222;Strohhut&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 213 &#8222;tanzst&#8221; in &#8222;tanzt&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 225 &#8222;Jleus&#8221; in &#8222;Ileus&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 267 &#8222;werkwürdig&#8221; in &#8222;merkwürdig&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 280 &#8222; eingefügt.</li>
-<li>S. 303 &#8222;Trabener&#8221; in &#8222;Trabner&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 346, 351 &#8222;garnicht&#8221; in &#8222;gar nicht&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 362 &#8222;Verzweifelste&#8221; in &#8222;Verzweifeltste&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 362, 363, 366 &#8222;Bertelsdorff&#8221; in &#8222;Bertelsdorf&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 397 &#8222;ungeberdigen&#8221; in &#8222;ungebärdigen&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 408 &#8222;voll gestopft&#8221; in &#8222;vollgestopft&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 424 &#8222;ihre Fräulein Schwester&#8221; in &#8222;Ihr Fräulein Schwester&#8221; geändert.</li>
-<li>S. 425 &#8222;Clli&#8221; in &#8222;Elli&#8221; geändert.</li>
-</ul>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE ***
-
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